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ZEITSCHRIFT FÜR GESCHICHTSWISSENSCHAFT

55. Jahrgang 2007 Heft2

INHALT

Der Algerienkrieg in Europa (1954- 1962)

Beiträge zur Geschichte eines transnationalen Phänomens


Herausgegeben von Jürgen Danyel und Patrice G. Poutrus

Jü R GEN DAN Y E L · PA T R 1c E G. Po u T Ru s : Einleitung ................................. 101

PHIL 1 PP Z Es s 1N: Frankreichs Kolonialherrschaft über Algerien


Geschichte und historiografische Perspektiven ........................... ..... ... .. ............................ „ . . „ . ..... . 105

LA u RE P 1TT1: Der Algerienkrieg bei Renault-Billancourt (1954-1962)


Eine „Arbeiterfestung" aufdem Prüfstand ........ „ ..... „ „ ... „ „ ........ „ .•.... .•„ ... „ ..... „ •.„ „. „„„..„„„.„„„...„. 124

CHRISTOPH KALTER: Das Eigene im Fremden


Der Algerienkrieg und die Anfänge der Neuen Linken der Bundesrepublik ...„ .„ ..„ .„. 142

PA T R 1 c E G. Po u T Ru s : An den Grenzen des


proletarischen Internationalismus
Algerische Flüchtlinge in der DDR ...........„ .....„ ...... .... „ ....„„.. „„„„„„.„„„.„.. „ .. „ ..„„„ ..„„„.„„„.„„„.„„„ .... „ ... „„„„„„ .. 162

REZENSIONEN
Allgemeines
Lu c 1 AN H ö L s c HER: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit
in Deutschland. München 2005
(Alexander Schunka) ........... „ ...... „ ..... „ ..... „ „ .... „ ..„.„„... „ .. „ . „ . ... „ ... „ ....„ .. „ ... 179
PATRICE G. Po u TRus

An den Grenzen des proletarischen Internationalismus

Algerische Flüchtlinge in der DDR

Als sich in der zweiten Hälfte der i95oer-Jahre der Prozess der Dekolonisation deutlich
beschleunigte, sah die SED-Führung eine Chance, die mit der Hallstein-Doktrin ent-
standene außenpolitische Isolation der DDR außerhalb des Ostblocks zu durchbrechen.'
Mit diesem Ziel unterstützte sie die nationale Unabhängigkeitsbewegung während des
Algerienkrieges 2 und ermöglichte die Aufnahme von algerischen Flüchtlingen in die
DDR. Ende i958 befanden sich insgesamt 87 algerische Flüchtlinge in der DDR.
Von ihnen waren 35 Personen im Aufnahmelager Fürstenwalde untergebracht, während
52 weitere Algerier zu dieser Zeit bereits ein Studium absolvierten, vorwiegend an der
Karl-Marx-Universität (KMU) in Leipzig. 3 Diese Studienaufenthalte waren im Wesent-
lichen ein Ergebnis der mindestens bis in das Jahr 1954 zurückreichenden Kontakte der
SED zur Kommunistischen Partei Algeriens (PCA). Mit dem Bildungsangebot sollte der
Unabhängigkeitskampf der algerischen Nation unterstützt werden. 4 Wie das Beispiel der
Ende i958 hinzugekommenen algerischen Flüchtlinge zeigt, war die Grenze zwischen
internationalistischer Solidarität und humanitärer Hilfe auf der einen Seite und den au-
ßenpolitischen Interessen der SED fließend. 5 Insgesamt lassen sich hinsichtlich der Auf-
nahme von Flüchtlingen in die DDR zwei wesentliche Tendenzen feststellen: 6

Vgl. Joachim Scholtyseck, Die Außenpolitik der DDR, München 2003, bes. S. 24.
2 Zum Algerienkrieg allgemein vgl. Anthony Clayton, The Wars of French Decolonization, London
1994.
3 Abt. für Kaderfragen, Aktennotiz vom 31. 12. 1958; Betr.: Algerier, die in die DDR kommen und um
Asylrecht ersuchen, SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2'20, Nr. 355, o. BI.
4 Vgl. Manfred Kittel, Wider „Die Kolonialmacht der französischen Großkapitalisten und die Rüstungs-
millionäre des Nordatlantikpakts". Die SED und Algerienkrieg 1954-1962, in: Revue d'Allemagne et
des Pays de langue allemande 31 (1999), S. 405-419.
5 Weiterführend zur Entwicklungshilfepolitik der DDR und bisher am ausführlichsten zu diesem The-
ma: Hans-Joachim Döring, Es geht um unsere Existenz. Die Politik der DDR gegenüber der Dritten
Welt am Beispiel von Mosambik und Äthiopien, Berlin 1999.
6 Vgl. dazu auch Patrice G. Poutrus, Zuflucht im Ausreiseland. Zur Geschichte des politischen Asyls in
der DDR, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2004, S. 355-378.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 163

Erstens kann die Unterstützung kommunistischer „Bruderparteien" aus so genannten


nichtsozialistischen Staaten durchaus als eine spezifische Form des proletarischen Inter-
nationalismus der SED angesehen werden. Die Ziele und der Umfang dieser Hilfe waren
von Anfang an durch die Konfliktkonstellationen des Kalten Krieges bestimmt und von
den außenpolitischen Prämissen der Hegemonialmacht Sowjetunion abhängig. 7
Zweitens folgte die Aufnahme von Emigranten aus Algerien als einem so genannten
jungen Nationalstaat deutlich den nationalen Interessen der DDR, die sich um außen-
politische Anerkennung bemühte. 8
Diese beiden politischen Ziele standen durchaus in einem Spannungsverhältnis
zueinander. So konnte es paradoxerweise dazu kommen, dass die von einer kommu-
nistischen „Bruderpartei" der SED in die DDR entsandten ausländischen Studenten
den Status „politischer Emigranten" erhielten. Im Falle der Algerier wurde dieser Sta-
tus zuerst den zu diesem Zeitpunkt noch in Fürstenwalde untergebrachten Flüchtligen
zuerkannt. Sie waren im Verlauf des Dezember 1958 aus Frankreich über die Bundes-
republik in die DDR gekommen und hatten hier um Asyl nachgesucht. 9 Demgegen-
über neigte die Bundesregierung aus Rücksichtnahme gegenüber ihrem Verbündeten
Frankreich dazu, 10 algerische Flüchtlinge während des Algerienkrieges eher wieder
nach Frankreich abzuschieben, als ihnen Schutz vor der Verfolgung durch die franzö-
sische Kolonialmacht zu gewähren. Um diesem Schicksal zu entgehen, zogen es dann
einige der algerischen Flüchtlinge vor, in der DDR um Asyl nachzusuchen.
Schon die erste Verfassung der DDR von 1949 bot formalrechtlich die Möglichkeit
für die Aufnahme politischer Flüchtlinge. Nach Artikel 10 sollte denjenigen Ausländern
Asyl gewährt werden, die „wegen ihres Kampfes für die in dieser Verfassung niederge-
legten Grundsätze im Ausland verfolgt werden".11 In der „sozialistischen Verfassung"
von i968 wandelte sich das im Artikel 23 enthaltene Asylrecht zu einer reinen Kann-
Bestimmung: „Die Deutsche Demokratische Republik kann Bürgern anderer Staaten
oder Staatenlosen Asyl gewähren, wenn sie wegen politischer, wissenschaftlicher oder
kultureller Tätigkeit zur Verteidigung des Friedens, der Demokratie, der Interessen des

7 Vgl. Michael Lemke, Die Außenbeziehungen der DDR (1949- 1966). Prinzipien, Grundlagen, Zäsuren
und Handlungsspielräume, in: Ulrich Pfeil (Hrsg.), Die DDR und der Westen. Transnationale Bezie-
hungen 1949-1980, Berlin 2001, S. 63-80.
8 Siehe dazu: Fritz Teubert, Ideologie oder Macchiavellismus? Die Algerienpolitik der DDR, in: Chris-
tiane Kohser Sporn/ Frank Renken (Hrsg.), Trauma Algereinkrieg. Zur Geschichte und Aufarbeitung
eines tabuisierten Konflikts, Frankfurt a. M./New York 2006, S. 245- 26i.
9 Abt. für Kaderfragen, Aktennotiz vom 3i. 12. 1958; Betr.: Algerier, die in die DDR kommen und um
Asylrecht ersuchen, SAPMO -BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
10 Vgl. erstmals dazu: Klaus-Jürgen Müller, Die Bundesrepublik Deutschland und der Algerienkrieg,
in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 38 (1990), S. 609-64i. Vgl. dazu auch: Jean-Paul Cahn/ Klaus-
Jürgen Müller, La Republique federale d'Allemagne et Ja guerre d'Algerie (1954-1962); perception, im -
plication et retombees diplomatiques, Paris 2003.
11 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Art. 10, Abs. 2, Berlin (Ost) 1949, S. 5.
164 PATRICE G. POUTRUS

werktätigen Volkes oder wegen ihrer Teilnahme am sozialen und nationalen Befrei-
ungskampf verfolgt wurden."12
Wie sich am Beispiel der algerischen Emigranten zeigen lässt, folgte dieser veränder-
te Verfassungsartikel der bereits in den Jahren zuvor eingeübten Asylpraxis der DDR.
Wie auch im allgemeinen Ausländerrecht der DDR existierte in solchen Fällen keine
Rechtswegegarantie für die Asylsuchenden.13 Über die Gewährung von Asyl wurde
letztlich in den obersten Führungsgremien der SED im Politbüro bzw. im Sekretariat
des ZK der SED entschieden. Von hier ergingen entsprechende Anweisungen an das für
die Durchführung des Ausländerrechts verantwortliche Ministerium des Innern und
die anderen staatlichen bzw. nichtstaatlichen Institutionen, die sich in der Hauptsache
mit der sozialen Einbindung der so genannten politischen Emigranten zu beschäfti-
gen hatten. 14 Die politische Kontrolle über diese Vorgänge übte die ZK-Abteilung Inter-
nationale Verbindungen aus. In dieser Abteilung war ein eigener Sektor mit drei Mit-
arbeitern ausschließlich für die Betreuung der politischen Emigranten zuständig. 15
Im Allgemeinen galt die Regel, dass vor allem Funktionäre bzw. als zuverlässig
geltende Mitglieder der jeweiligen kommunistischen Parteien bzw. der so genannten
Bündnisorganisationen aufgenommen wurden. Für diesen Personenkreis war es prin-
zipiell möglich, gemeinsam mit der eigenen Familie in die Emigration zu gehen. Politi-
sche Spitzenkräfte emigrierten jedoch in erster Linie in die Sowjetunion. 16
In jedem Fall erwartete der ostdeutsche Staat, dass sich die „politischen Emigran-
ten" nach der Aufnahme weitestgehend an die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR
anpassten. Zugleich offenbart der intern verwendete Zusatz „politisch" für asylsuchen-
de Emigranten eine durch politische Interessen motivierte Einschränkung der Auf-
nahmebereitschaft der SED. Auf dieser Grundlage entwickelte sich eine Asylpraxis, die
stark den wechselnden außenpolitischen Interessen der SED unterworfen war. 17

12 Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin (Ost) 1976, S. 25. Vgl. Siegfried Mampel,
Die Sozialistische Verfassung der DDR. Text und Kommentar, Frankfurt a. M. 1972, S. 493 f. Die dritte
Auflage erschien mit Ergänzungen über die Rechtsentwicklung bis zur Wende im Herbst 1989 und das
Ende der sozialistischen Verfassung, Goldbach 1997, S. 597 f.
13 Vgl. Heidemarie Beyer, Entwicklung des Ausländerrechts in der DDR, in: Manfred Heßler (Hrsg.),
Zwischen Nationalstaat und multikultureller Gesellschaft. Einwanderung und Fremdenfeindlichkeit
in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1993, S. 211-227.
14 Patrice G. Poutrus, Mit strengem Blick. Die sogenannten Polit. Emigranten in den Berichten des MfS,
in: Jan C. Behrends/Thomas Lindenberger/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Fremde und Fremd-Sei n in der
DDR, Berlin 2003, S. 205-224
15 Ingrid Muth, Die DDR-Außenpolitik 1949-1972. Inhalte, Struktur, Mechanismen, Berlin 2000, S. 64.
16 Dieser instrumentelle Gebrauch des Asylrechts entsprach deutlich der Aufnahmepraxis der Sowjet-
union in den 193oer-Jahren. Vgl. dazu Reiner Tosstroff, Spanische Bürgerkriegsflüchtlinge nach i939,
in: Claus-Dieter Krohn (Hrsg.), Exil im 20. Jahrhundert, München 2000, S. 88-m.
17 Vgl. dazu das Themenheft: Fluchtpunkt Realsozialismus - politische Emigranten in Warschauer Pakt-
Staaten, in: Totalitarismus und Demokratie 2 (2005) H. 3.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 165

Die Aufnahme der algerischen Flüchtlinge stellte die SED vor zwei grundlegende
Probleme: Zum einen war die DDR-Gesellschaft nicht im Geringsten auf die Ankunft
dieser außereuropäischen Emigranten vorbereitet. Die Einreise von ausländischen Besu-
chern allgemein und besonders die Aufnahme von Asylsuchenden waren sowohl für die
Führung der Staatspartei als auch für die ostdeutsche Bevölkerung eher die Ausnahme.
Die DDR war eher eine immobile Gesellschaft, eine nennenswerte Einwanderungsbe-
wegung hat es in der vierzigjährigen Existenz der DDR kaum gegeben. Im krassen
Gegensatz dazu war die Flucht aus der DDR- trotz erheblicher Schwankungen - bis
i961 ein Massenphänomen. 18 Zum anderen wurde das Gastland DDR unfreiwillig zum
Schauplatz jener inneralgerischen Konflikte, die während des Kampfes um die nationale
Unabhängigkeit aufgebrochen waren und bereits in Frankreich zu Tage getreten waren. 19
Die Ankunft der algerischen Flüchtlinge wurde so zu einem weiteren Indikator für die
aus der SED-Herrschaft resultierenden inneren Widersprüche der DDR-Gesellschaft.

Ankunft im „sozialistischen Alltag"

Nach einer ersten Sicherheitsüberprüfung der Asylsuchenden durch das Ministerium


des Innern (MdI) und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurden sechs algeri-
sche Flüchtlinge sofort wieder in die Bundesrepublik abgeschoben. Für die anderen war
geplant, sie möglichst so auf das Gebiet der DDR zu verteilen, dass sie in ihren Berufen
arbeiten konnten. Hier kam es zu einer bemerkenswerten Meinungsverschiedenheit
zwischen dem Innenministerium und der Staatssicherheit. Während das für Pass- und
Meldeangelegenheiten zuständige Md! ein ordentliches Prüfungsverfahren der Asyl-
anträge durchführen wollte, war man in der Führung des MfS aus wohl nicht unbe-
rechtigter Angst vor Anschlägen durch Angehörige der algerischen Front de Liberation
Nationale (FLN) geneigt, alle über die Bundesrepublik eingereisten Asylsuchenden
umgehend und ungeprüft wieder zurückzuschicken. Immerhin galten diese Algerier
schon deshalb als problematisch, da keiner von ihnen Mitglied der Kommunistischen
Partei war. 20 Allerdings kam es aus Gründen politischer Opportunität zu keinen weite-
ren Abschiebungen. Auch die befürchteten Anschläge blieben aus.

18 Siegfried Grundmann/ Irene Müller-Hartmann/Ines Schmidt, Migration in, aus und nach Ost-
deutschland, in: Soziologen-Tag Leipzig 1991. Soziologie in Deutschland und die Transformation gro-
ßer gesellschaftlicher Systeme, hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Soziologie (Ostdeutschland) von
Hansgünter Meyer, Berlin 1992, S. 1577- 1609.
19 Zu diesen Konflikten und ihrer gewaltsamen Austragung in der französischen Hauptstadt vgl. Mar-
cel Streng, Abrechnungen unter Nordafrikanern? Algerische Migranten im Alltag der französischen
Gesellschaft während des Algerienkriegs (1954-1962), in: WerkstattGeschichte 12 (2003), S. 57-80.
20 Abt. für Kaderfragen, Aktennotiz vom 3i. 12. 1958; Betr.: Algerier, die in die DDR kommen und um
Asylrecht ersuchen, SAPMO-BArch , DY 30 IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
166 PATRICE G. POUTR US

Weit weniger reibungslos verlief die Eingliederung der algerischen Emigranten in


die Arbeitswelt der DDR. Beispielhaft lässt sich dies an der Entwicklung im Zwickauer
VEB Sachsenring zeigen. Dort waren 1960 neun algerische und zwei marokkanische
Arbeiter beschäftigt. Die Betriebsleitung des VEB Sachsenring bemühte sich aus ihrer
Sicht redlich um eine reibungslose Integration der Ankömmlinge in den sozialistischen
Arbeitsalltag. So erhielten die Emigranten neue Arbeits- und Alltagsbekleidung, und
nach der Arbeit wurden für sie sogar Deutschkurse angeboten. Das in ihren Augen we-
nig bescheidene und äußerst selbstbewusste Auftreten der ihnen zugeteilten Ausländer
löste jedoch bei den verantwortlichen Kadern beträchtliche Irritationen aus. Besonders
die Unterbringung der algerischen Flüchtlinge erwies sich angesichts des Wohnungs-
mangels in der DDR als ein ernstes Problem und führte zu Meinungsverschieden-
heiten. Die Algerier wurden in Privatquartieren in der Stadt Zwickau untergebracht:
„Nicht alle Quartiere sind zufrieden stellend. Der Kollege L. T. ein bescheidener Kolle-
ge, wohnt in einem Zimmer ohne Heizung. A. Ch. beklagt sich auch, dass sein Zimmer
ohne Ofen sei, kein Schrank im Zimmer und vor allem kein Bett. Er müsse auf einer
kurzen Couch schlafen, wobei ihm die Beine herunterhängen. Bei einigen anderen gibt
es ähnliche Beschwerden." 21
Diese Unzulänglichkeiten bei der Unterbringung der nordafrikanischen Arbeiter
waren für die Verantwortlichen in Zwickau allerdings nur am Rande erwähnenswert.
Die örtlichen SED-Funktionäre gingen davon aus, dass die Algerier dies hinnehmen
würden, da sie in ihrer Heimat und in Frankreich bescheidene Verhältnisse gewohnt
seien und auch nichts anderes beanspruchen könnten. Ein weit größeres Problem für
die lokalen Entscheidungsträger brachte die dezentrale Unterbringung der nordafrika-
nischen Flüchtlinge mit sich. Der unkontrollierte Kontakt der fremdländischen Män-
ner mit der einheimischen weiblichen Bevölkerung wurde offenbar als eine so große
Gefahr für die örtliche Moral angesehen, dass beinahe jeder Bericht an die Abteilung
Internationale Verbindungen des ZK der SED daraufBezug nahm: „Auf sexuellem Ge-
biet sind die Schwierigkeiten noch größer. Es ist keine Seltenheit, dass im Zeitraum von
14 Tagen drei verschiedene Frauen bei einem algerischen Kollegen nächtigen. Aus die-
sem Grunde kamen wiederholte Beschwerden von den Wohnungsinhabern zu uns." 22
Allerdings blieb dabei gänzlich unerwähnt, auf welchen Wegen diese Informationen
eingeholt wurden. Sie galten aber offenkundig als ebenso brisant wie die sich abzeich-
nenden Anpassungsprobleme der algerischen Arbeiter im DDR-Betriebsalltag. Nach
Aussagen der Betriebsleitung hatten alle Algerier einen Arbeitsplatz erhalten, der ihrer
beruflichen Qualifikation entsprach. Dennoch kam es im Werk zu ständigen Ausein-

21 Feststellungen zum Aufenthalt von Algeriern in Zwickau und Magdeburg, S. 5, SAPMO-BArch,


DY 30 IV A 2 /20, Nr. 355, o. BI.
22 VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, Schreiben vom 1. 2. 1960 an das ZK der Sozialistischen Ein-
heitspartei Deutschlands, Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindung; Betr.: Eure Schrei-
ben vom 6. November 1959 und 10. Dezember 1959, SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 167

andersetzungen um die Arbeitsleistung, die Qualifikation und die entsprechende Be-


zahlung der algerischen Kollegen. Hier trafen höchst unterschiedliche Erwartungen
aufeinander. Während das betriebliche Leitungspersonal, bis hin zu den unmittelbar
vorgesetzten Meistern, von den algerischen Arbeitern eine uneingeschränkte Verfüg-
barkeit in der Produktion erwartete, versuchten diese, den Aufenthalt in der DDR zu
nutzen, um sich zu qualifizieren oder ihre Einkommenssituation zu verbessern. Diese
unterschiedlichen Erwartungen führten unausweichlich zu Konflikten mit gegensei-
tigen scharfen Vorwürfen. Während der mangelnde Einsatz der algerischen Arbeiter
für das Betriebsergebnis auf der deutschen Seite als schlechte Arbeitsmoral gedeutet
wurde, sahen sich einige Algerier ungerecht behandelt: Bei ihrer Ankunft in der DDR
hatte man ihnen offenbar vielfältige Versprechungen gemacht, die in ihren Augen nun
nicht eingehalten wurden. Auch häuften sich auf algerischer Seite Beschwerden über
das Betriebsessen, das mit seinem hohen Anteil an Schweinefleisch für Menschen aus
einer muslimisch geprägten Kultur inakzeptabel war. 23
Im Zuge dieser innerbetrieblichen Auseinandersetzungen begannen die algeri-
schen Arbeiter immer häufiger, Vergleiche mit den von ihnen gemachten Erfahrungen
in Frankreich und der Bundesrepublik anzustellen. Die DDR schnitt dabei in ihren
Augen nicht besonders gut ab. Um ihrer Position Nachdruck zu verleihen, drohten
einige der Betroffenen, wieder in den Westen zurückzukehren. Für die verantwort-
lichen SED-Funktionäre konnte es wohl kaum eine größere Provokation geben. Sie
reagierten mit reinem Unverständnis. Die Situation spitzte sich derart zu, dass es auf
der Seite der algerischen Arbeiter wiederholt zu Arbeitsverweigerungen kam, was der
deutschen Belegschaft natürlich nicht verborgen blieb. Allerdings konnten die auslän-
dischen Kollegen hier kaum mit der Solidarität der deutschen Arbeiter rechnen, viel-
mehr stieß ihr Verhalten auf deutliche Ablehnung, die im Falle des VEB Sachsenring
sogar so weit ging, dass es zu einer Schlägerei im Speisesaal des Betriebes kam. Anlass
für die Auseinandersetzung war die Behauptung einiger deutscher Arbeiter, die alge-
rischen Kollegen hätten sich unrechtmäßig auf für sie nicht bestimmte Plätze gesetzt.
Einzige Konsequenz dieser tätlichen Auseinandersetzung war eine Aussprache mit den
deutschen Arbeitern des Betriebes. 24 Für die Wahrnehmung der Ausländer durch die
ostdeutsche Bevölkerung war letztlich eine Perspektive maßgebend, die die DDR-Pfar-
rerin Dagmar Henke rückblickend wie folgt beschrieben hat: „Ins Land gekommen
sind Ausländer grundsätzlich nur auf Einladung von Organisationen, Parteien, der
Gewerkschaft oder staatlichen Institutionen. Klar war, wer einlädt, wer das bezahlt,
der Zweck des Aufenthalts und wann derjenige wieder geht."25 Angesichts einer offe-

23 Feststellungen zum Aufenthalt von Algeriern in Zwickau und Magdeburg, SAPMO-BArch, DY 30


IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
24 Ebenda.
25 Dagmar Henke, Fremde Nähe - nahe Fremde: Ein Beitrag zur Ausländerarbeit der Kirchen in der
ehemaligen DDR, in: Theologische Zeitschrift 9 (1992), S. 119-132.
168 PATRICE G. POUTRUS

nen Grenze nach West-Berlin riskierte die SED in diesen Fragen jedoch keinen offenen
Konflikt mit der eigenen Arbeiterschaft.
Während im letztgenannten Fall noch versucht wurde, den Konflikt in Gesprä-
chen zu entschärfen, wurde in einem anderen Fall ein algerischer Arbeiter nach einer
gewalttätigen Auseinandersetzung mit einem Hausbewohner sofort aus der DDR ab-
geschoben. Anlass des Konflikts war „wiederholter Damenbesuch" bei diesem Mann.
Bemerkenswerterweise fanden die deutschen Partnerinnen des algerischen Flüchtlings
in dem parteiinternen Bericht über den Vorfall überhaupt keine Erwähnung. Die Be-
richterstatter übernahmen einfach unreflektiert die Position der am Streit beteiligten
deutschen Hausbewohner. Die festgestellten „lockeren" Beziehungen allein reichten
schon aus, um das moralische Versagen des Emigranten zu belegen und die Abschie-
bung als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Die „pädagogische Wirkung" dieses ri-
gorosen Vorgehens der DDR-Behörden unter den nordafrikanischen Emigranten war
entsprechend. Die Betriebsleitung konnte nun auch feststellen, dass sich das Verhältnis
zu den Algeriern verbessert hatte. 26 Der beschriebene Vorfall spiegelt noch einmal sehr
deutlich die in Deutschland traditionell weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Afrika-
nern, die nicht zuletzt sexuell konnotiert waren. 27
Mit der Abschiebung des algerischen Flüchtlings wurde das in der Genfer Flücht-
lingskonvention niedergelegte, von der DDR jedoch nie anerkannte universelle Ab-
schiebeverbot des Asyls schlichtweg aufgegeben. Dort heißt es in Artikel 33, Abs. i un-
ter dem Stichwort „Verbot der Ausweisung": „Keine der vertragschließenden Staaten
wird einen Flüchtling auf irgendeine Weise über die Grenzen von Gebieten ausweisen
oder zurückweisen, in denen sein Leben oder seine Freiheit wegen seiner Rasse, Staats-
angehörigkeit, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen
seiner politischen Überzeugung bedroht sein würde." 28
Die völkerrechtliche Anerkennung dieser Grundsätze wäre für die SED-Führung
vor allem deshalb problematisch gewesen, weil sie damit auch indirekt den eigenen

26 Feststellungen zum Aufenthalt von Algeriern in Zwickau und Magdeburg, SAPMO-BArch, DY 30


IV A 2/20, Nr. 355, o. Bl.
27 Vgl. dazu May Opitz, Rassismus, Sexismus und vorkoloniales Afrikabild in Deutschland, in: Katha-
rina Oguntoye/May Opitz/Dagmar Schultz, Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren
ihrer Geschichte, Frankfurt a. M. 1992, S. 17- 84. Vgl. dazu auch einen der wenigen Beiträge der deut-
schen Historiografie: Reiner Pommerin, The Fate of Mixed Blood Children in Germany, in: German
Studies Review V (1982), S. 315-323.
28 Diese Konvention wurde 1951 von der Konferenz der Vereinten Nationen über die Rechtsstellung der
Flüchtlinge und Staatenlosen verabschiedet, die vom 2. bis 25. Juli 1951 in Genf stattfand. Sie wurde am
28. Juli 1951 zur Unterzeichnung vorgelegt und trat am 22. April i954 in Kraft. Das Abkommen legt die
Pflichten und Rechte von Flüchtlingen und die Verpflichtungen der Staaten gegenüber Flüchtlingen fest.
Bis zum 31. Dezember 1999 hatten 131 Staaten sowohl das Abkommen von 1951 als auch das ergänzende
Protokoll von 1967 unterschrieben. Vgl. Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. 50 Jahre Humanitärer
Einsatz, hrsg. vom Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, Bonn 2000, S. 25.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 169

Staatsbürgern einen Anspruch auf Flucht eingeräumt und ein solches Ausweisungs-
verbot die Kontrolle über den Zutritt zum Staatsgebiet der DDR zumindest theoretisch
eingeschränkt hätte. Dass Flüchtlinge vor weiterer Verfolgung zu schützen seien, fiel
angesichts der Abwehrhaltung gegenüber dem „Eindringen der bürgerlichen Ideologie"
für die SED ohnehin nicht ins Gewicht. 29 Eine Vorgehensweise, die Probleme durch die
Abschiebung der Betroffenen löste, lag ganz auf der Linie des ZK-Apparates in Berlin.
Dort war man schon sehr früh der Meinung, dass Schwierigkeiten mit den arabischen
Emigranten durch deren Abschiebung geregelt werden sollten: „Bei den wenigsten von
ihnen handelt es sich doch um Kommunisten. [... ] Selbstverständlich müssen wir in-
ternationale Solidarität üben. Das bedeutet aber nicht, daß wir das Abenteuertum [sie)
oder die Reiselust einzelner Kollegen unterstützen können. Es muß eine beharrliche
Erziehungsarbeit geleistet und ihre Existenz gesichert werden. Wenn es ihnen dann
trotzdem bei uns nicht gefällt, dann werden wir keine Hindernisse in den Weg legen
beim Verlassen unserer Republik." 30
Offenbar sahen die verantwortlichen Funktionäre der SED die Aufnahme von Alge-
riern in die DDR nicht mehr in jedem Fall als eine internationalistische Verpflichtung
an. Sie war vielmehr zu einer innenpolitischen Belastung geworden, zumal die SED da-
rin kaum noch einen unmittelbaren Nutzen für sich erkennen konnte. Insofern deckte
sich die Sichtweise der verantwortlichen Leitungskader durchaus mit der ablehnenden
Haltung jener gewalttätigen Arbeiter aus Zwickau: Wären die Fremden nicht da, würde
es auch keine Probleme gegeben. Dieses Argumentationsmuster sollte sich in den i97oer-
Jahren wiederholen, als es erneut zu Konflikten mit algerischen Emigranten in DDR-Be-
trieben kam. 31 Darüber hinaus sollte sich zeigen, dass auch eine kommunistische Welt-
anschauung keine Garantie für ein Aufenthaltsrecht in der DDR bedeutete.

Inneralgerische Konflikte in der DDR

Die zunehmend kritische Sicht der verantwortlichen SED-Funktionäre auf die algeri-
schen Emigranten wurde auch in anderer Hinsicht bestätigt. Durch die Unterstützung
der algerischen Kommunistischen Partei und die gleichzeitige Aufnahme von Vertre-
tern der algerischen Befreiungsfront in die DDR geriet die SED plötzlich zwischen die

29 Vgl. Patrice G. Poutrus, Teure Genossen. Die „polit. Emigranten" als „Fremde" im Alltag der DDR-
Gesellschaft, in: Christian Th. Müller/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Ankunft - Alltag - Ausreise. Mig-
ration und interkulturelle Begegnungen in der DDR-Gesellschaft, Köln/Weimar 2005, S. 221-266.
30 Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindungen, Schreiben vom 28. 2. 1960; Betr.: Algerier
und Marokkaner an BPO des VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau, SAPMO-BArch, DY 30
IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
31 Vgl. dazu Almut Riede(, Erfahrungen algerischer Arbeitsmigranten in der DDR. „„. hatten ooch
Chancen, ehrlich", Opladen 1994.
170 PATRICE G. POUTRUS

innenpolitischen Fronten des Algerienkrieges. Der SED war es gelungen, in der ent-
scheidenden Phase dieses Konfliktes die Beziehungen zur künftigen FLN-Regierung
auszubauen, allerdings mit dem Ergebnis, dass sich nun die algerischen Kommunisten
davon bedroht fühlten. Schon zuvor hatten Vertreter der PCA in einer Aussprache im
ZK der SED den Eindruck gewonnen und mitgeteilt, dass ihr Anteil am Befreiungs-
kampf des algerischen Volkes von den „Bruderparteien" des Ostblocks nicht aus-
reichend gewürdigt werde.32 Den Auslöser für solche Befürchtungen in den Reihen
der „algerischen Genossen" bildete eine Regierungsvereinbarung zwischen der DDR
und der provisorischen FLN-Regierung in Tunis, mit der der FLN die alleinige Zustän-
digkeit für alle Fragen der Entsendung von algerischen Bürgern in die DDR eingeräumt
wurde. 33 De facto stellte diese Übereinkunft mit der FLN die Sonderbeziehungen
zwischen der algerischen KP und der SED in Frage und gefährdete in den Augen der
algerischen Kommunisten auch die persönliche Sicherheit ihrer bereits in der DDR le-
benden Parteimitglieder:
„Genosse B. schilderte mir dann einen Fall, wo ein gewisser L., Student in Berlin,
angibt, im Auftrage der FLN zu arbeiten. Er gibt sich als illegaler Mitarbeiter aus und
soll unsere kommunistischen Genossen bei der algerischen Regierung denunzieren. So
hat er einen gewissen B. H., Student der Philosophie, denunziert, daß er aus der DDR
weggehen soll, sich nach Tunis begeben sollte und daß man ihn dann nicht zurück-
kommen läßt.
Genosse B. bittet, da diese Angelegenheit für die Partei sehr wichtig ist, ihm schnells-
tens Antwort zukommen zu lassen; denn wenn diese Dinge zutreffen sollten, wäre eine
politische Arbeit unter den Studenten und Arbeitern in der DDR nicht möglich ."34
Nach den Informationen, die im ZK der SED bekannt waren, resultierte das Miss-
trauen der algerischen Kommunisten aus dem Verlauf des Algerienkrieges, in dem die
FLN teilweise mit Gewalt versuchte, die nationale Unabhängigkeitsbewegung zu mo-
nopolisieren. Die algerische KP hatte sich als einzige Partei zum Beginn des Algerien-
krieges 1954 nicht aufgelöst bzw. war nicht in der FLN aufgegangen und wurde deshalb
von der algerischen Befreiungsfront bekämpft: „Nach der ,Schlacht bei Algier' [sie] in
der die Befreiungsarmee sehr schwere Verluste erlitt, wurde die Verbindung abgeris-
sen und die FLN will bis zum heutigen Tage nichts mehr davon wissen. In der Armee
wurden seit 1957 die Kommunisten verfolgt bzw. auf den gefährlichsten Punkten einge-
setzt, wo der Tod sicher war. Selbst Sympathisierende wagen es deshalb nicht, sich offen
für die KP zu bekennen." 35

32 Notizen über die Aussprache mit den Vertretern der KP Algeriens am 31. 10. i957, SAPMO-BArch,
DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, o. BI.
33 Vgl. Teubert, Ideologie oder Macchiavellismus?, S. 252.
34 Aktennotiz vom 7. 7.1960, SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, o. BI.
35 Information über eine Aussprache mit führenden Genossen der KP Algeriens, o. D., SAPMO-BArcb,
DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, BI. 23-33.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 171

Tatsächlich tat die algerische Exilregierung genau das, was die algerischen Kom-
munisten befürchtet hatten. Schon nach kurzer Zeit wurden einige Studenten aus der
DDR in das tunesische Exil zurückgerufen. Unter ihnen waren auch drei Studenten, für
deren Verbleib in der DDR sich die algerische „Bruderpartei" einsetzte, da die PCA-
Funktionäre um deren Sicherheit fürchteten. Schließlich willigte die SED-Führung
ein und gewährte diesen drei algerischen Studenten Asyl. Allerdings mussten sie ihr
Direktstudium abbrechen und in einem volkseigenen Betrieb arbeiten. Ihre Ausbil-
dung konnten sie per Fernstudium fortsetzen. Auf keinen Fall sollten sie weiterhin als
ausländische Studenten mit dem Status von Asylsuchenden an der KMU in Leipzig
bleiben, um möglichen Konflikten mit den FLN-Vertretern aus dem Weg zu gehen und
die DDR vor außenpolitischen Unannehmlichkeiten zu bewahren. 36
Damit waren aber die Probleme mit der „importierten Algerienfrage " für die
SED noch nicht beendet, wie ein weiterer Fall zeigt. Der auf Einladung des FDGB
in Ost-Berlin lebende Funktionär der FLN-Einheitsgewerkschaft Union Generale des
Travailleurs Algeriens (UGTA) Achmed K. agierte sowohl im Auftrag der ostdeut-
schen Partnerorganisation als auch als Vertreter der algerischen Exilregierung. Nach
den Vorstellungen seiner Gastgeber sollte er sich hauptsächlich um die Belange seiner
in der DDR-Volkswirtschaft tätigen Landsleute kümmern. 37 Er mischte sich jedoch
als selbsternannter Vertreter der FLN auch in die Angelegenheiten der algerischen
Studenten in der DDR ein. Offenkundig zielten seine Aktivitäten darauf, den Ein-
fluss der algerischen Kommunisten in diesem Bereich zu reduzieren, worüber sich
Letztere sogleich bei der SED beschwerten: „Wir haben in Erfahrung gebracht, daß
der genannte K., der sich mit seiner Frau und seinen Kindern auf Kosten des FDGB
in Berlin aufhält, der offizielle Vertreter der UGTA in der DDR ist.[ ... ] Nach unserer
Ansicht ist es das viel begehrte Ziel des FLN, vor allem den sowohl in Studenten- als
auch in Arbeiterkreisen spürbar werdenden Einfluß der KPA zu verhindern. Deshalb
versucht der FLN um jeden Preis, einen Mann an Ort und Stelle zu haben, um dieses
Ziel zu verwirklichen." 38
Für die SED entstand dadurch eine schwierige Situation: Auf der einen Seite
waren die Beziehungen zur FLN gefährdet, falls die DDR dem Verlangen auf Rück-
führung der algerischen Studenten nicht nachgegeben würde. 39 Auf der anderen
Seite wollte man unbedingt verhindern, dass in der DDR algerische Untergrund-
strukturen entstanden, die sich gänzlich der Kontrolle der SED entzogen. Hinzu
kam, dass die Vertreter der FLN kaum geneigt waren, die DDR bedingungslos als

36 Notiz vom 19. 10. 1960; Betr.: Algerische Studenten, SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, o. Bl.
37 Siehe dazu auch Teubert, Ideologie oder Macchiavellismus?, S. 255.
38 Kommunistische Partei Algerien -Auslandsdelegation, Schreiben vom 1. 11.1960 an das Zentralkomitee
der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, o. BI.
39 Aktenvermerk vom 12. n. 1960; Betr.: Algerische Studenten, SAPMO -BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 355,
o.Bl.
172 PATRICE G. POUTRUS

besseren deutschen Staat zu betrachten: „Uns scheint es aber, als ob diese Studenten
nur aus der DDR abgezogen werden sollen, um in Westberlin oder in der Bundes-
republik zu studieren. Man will vermeiden, dass sie bei uns im sozialistischen Sinne
erzogen werden."40
Als die SED-Führung über das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten
der DDR in Erfahrung brachte, dass die Rückberufung der Studenten in erster Linie
der Verstärkung der algerischen Befreiungsarmee dienen sollte, ergab sich erneut
ein ernstes Problem, denn man wollte durchaus den Unabhängigkeitskampf des
algerischen Volkes unterstützen,41 allerdings ohne zugleich die Mitglieder der PCA
den Repressalien durch die FLN auszuliefern. An der Gewerkschaftshochschule des
FDGB in Bernau betraf die Aufforderung zur Rückkehr seitens der FLN gerade
jene Studenten, die in den Augen der SED-Funktionäre als politisch zuverlässig
galten oder sich als Kommunisten zu erkennen gegeben hatten: ,,Inzwischen hat der
Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes Mitteilung von der
UGTA erhalten, daß einige von ihnen nach Marokko bzw. nach Tunis zurückkeh-
ren sollen. Einige der Kollegen äußern, daß ihr Leben nach ihrer Rückkehr bedroht
sei. Nach unserer Kenntnis besteht die Mehrzahl der 8 zurückberufenen aus den
positiven Kollegen.[ .. .] Es handelt sich dabei insbesondere um den Kollegen A. A.,
der sich als Mitglied der Kommunistischen Partei Algeriens ausgibt, sowie die Kol-
legen A. B. und B. 0."42
Die Lösung für dieses Problem wurde in einem merkwürdigen Formelkompromiss
zwischen den algerischen Kommunisten und der SED gefunden. In dem entsprechen-
den Dokument des SED-Politbüros wird zunächst der Kampf der PCA gewürdigt
und mit Bedauern festgestellt, dass die algerischen Kommunisten keinen Einfluss
auf die Führung der FLN hätten. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass die Hegemonie
der FLN die Existenz der algerischen KP gefährde und dass man dabei nicht einfach
zusehen sollte: „In der DDR befinden sich die meisten algerischen Studenten und
Arbeiter von allen sozialistischen Ländern. Die Tätigkeit der nationalistischen Orga-
nisationen unter ihnen ruft Besorgnis hervor. Sie ist bisher nicht genügend beachtet
worden. [... ] Die Tätigkeit des UGTA-Vertreters [... ] unter den algerischen Bürgern
wirkt sich negativ aus. K. veranlasste, dass algerische Bürger nach Westdeutschland,
Tunis und Marokko gingen. Er versucht, alle Algerier in der DDR unter die absolute
Kontrolle der FLN zu bringen. [... ]In diesem Zusammenhang wurde Übereinstim-
mung erzielt, daß von Seiten der DDR die Beziehungen zwischen den verschiedenen

40 Notiz vom 15. 1i. 1960; Betr.: Algerische Studenten und Koll. K.,A., SAPMO-BArch,DY 30IV A zho,
Nr. 353, o. BI.
41 Aktenvermerk vom 19. 11. i960; Betr.: Studienabbruch algerischer Studenten, SAPMO-BArch, DY
30 IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
42 Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Algeriens, Schreiben vom 12. 1. 1961 an Abteilung
Außenpolitik und Internationale Verbindungen, SAPMO -BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 355, o. BI.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 173

Organisationen weiterentwickelt werden. Gleichzeitig muss aber stets zu Machen-


schaften negativer Elemente eine feste und klare Position bezogen werden."'13
Wieder einmal wurde das Problem dadurch gelöst, dass man den vermeintlichen
Verursacher des Landes verwies. Der betreffende FLN-Vertreter musste die DDR ver-
lassen, ohne dass seine Forderung nach einer Rückkehr der algerischen Studenten nach
Nordafrika eindeutig zurückgewiesen wurde. So blieben die Beziehungen zwischen der
DDR und der FLN intakt, und die SED behielt formell die alleinige Kontrolle über die
in der DDR befindlichen Algerier. Dies geschah, obwohl die SED-Führung die damit
verbundene Gefährdung der algerischen Kommunisten durchaus erkannt hatte.
Betrachtet man die offiziellen ostdeutschen Bilanzen, so wurden die Beziehungen
zwischen der DDR und Algerien eindeutig von der FLN dominiert. Zwar rangierten
die Beziehungen zwischen der PCA, ihrer Auslandssektion und der SED darin immer
noch an erster Stelle, gleichwohl wurden alle weiteren wichtigen Positionen ausschließ-
lich von der FLN und ihren Unter- und Vorfeldorganisationen eingenommen.44

Ideologie versus Pragmatismus?

Diese Veränderungen in der Haltung der SED gegenüber der algerischen KP wurden
zu keinem Zeitpunkt politisch begründet, sondern allgemein mit dem Verweis auf eine
globale revolutionäre Umwälzung erklärt.45 Für die SED-Führung war die Unterstüt-
zung des Prozesses der Dekolonisierung kein Selbstzweck. Vielmehr waren die diplo-
matische Anerkennung des SED-Staates und der Gewinn neuer außenpolitischer Part-
ner das eigentliche Ziel dieser Politik. Auf diesem Feld sah man die Chance, gegenüber
der Bundesrepublik in die Offensive zu kommen, 46 da diese sich durch ihr Bündnis
mit den westlichen Kolonialmächten Großbritannien und vor allem Frankreich schein-
bar in der Defensive befand: „Die Deutsche Demokratische Republik verwirklicht eine
Politik des engsten Kampfbündnisses mit den Völkern Asiens, Afrikas und Latein-
amerikas. [... ] Der Bonner Staat der imperialistischen Monopole und Militaristen
ist der Verbündete der imperialistischen Kolonialmächte. [.. .] Der Kampf gegen den
westdeutschen Neokolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist für die Deut-
sche Demokratische Republik nationale und internationale Pflicht und gebieterische

43 Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindungen, Vorlage an das Politbüro vom 14. 4. 1961,
SAPMO-BArch, DY 30 IV A 2/20, Nr. 353, o. BI.
44 Verbindungen DDR-Algerien (o. D., vermutlich Ende 1960), SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 354,
Bl.1-2.
45 Information über den Stand der Entwicklung der marxistischen Kräfte in Afrika südlich der Sahara,
SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 15, o. BI.
46 Vgl. DetelfNakath, Außenpolitik, in: Andreas Herbst/Gerd-Rüdiger Stepan/Jürgen Winkler (H rsg.),
Die SED. Geschichte - Organisation - Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997, S. 263-276.
174 PAT R I CE G. POUTR US

Notwendigkeit. Ohne diesen Kampf kann es keine wirkungsvolle Unterstützung für


die um nationale Unabhängigkeit kämpfenden Völker geben. Durch ihn helfen wir den
ehemaligen Kolonialvölkern und der nationalen Befreiungsbewegung, die Gefahr des
westdeutschen Neokolonialismus zu erkennen und sich vor ihr zu schützen."47
Die von den ostdeutschen Kommunisten praktizierte Einteilung der Welt in reak-
tionäre Imperialisten auf der einen und progressive Antiimperialisten auf der anderen
Seite war jedoch kaum geeignet, die weltpolitischen Realitäten des Dekolonisie-
rungsprozesses auch nur ann ähernd adäquat abzubilden. Selbst aus der Perspektive
des Marxismus-Leninismus war die Situation außerhalb Europas und Nordamerikas
uneinheitlich bis unübersichtlich. Insbesondere die Hoffnung auf eine sich rasch entwi-
ckelnde Arbeiterklasse in den Ländern der „Dritten Welt" erfüllte sich nicht.48 Hierin
könnte eine Erklärung für die politische Herabstufung der algerischen KP gegenüber
der FLN liegen.
Für die DDR-Führung rangierte die eigene internationale Anerkennung vor der
Durchsetzung sozialistischer Verhältnisse in anderen Teilen der Welt. Dabei war die
Bundesrepublik mit ihrem Alleinvertretungsanspruch in der internationalen Staa-
tenwelt ihr natürlicher Konkurrent. Die „jungen Nationalstaaten" wurden deshalb zu
einer wichtigen Zielgruppe für das ostdeutsche Werben um diplomatische Anerken-
nung. Mit der Neubewertung der so genannten blockfreien Staaten durch die Führung
der KPdSU, deren „positive Neutralität" nun als integraler Bestandteil des revo-
lutionären Weltprozesses gedeutet wurde, erhielt dieses Vorgehen in den 195oer- und
196oer-Jahren eine ideologische Rechtfertigung. De facto wurde damit das Prinzip des
proletarischen Internationalismus in der kommunistischen Weltbewegung einem un-
kritischen Bilateralismus mit den „jungen Nationalstaaten" untergeordnet. Die Suche
dieser Länder nach einem eigenständigen Platz in der internationalen Staatenwelt, ihre
innenpolitischen und ökonomischen Probleme und die latent antiwestliche Haltung
von antikolonialen Bewegungen wie der FLN begünstigte ihre Annäherung an kom-
munistische Staaten wie die DDR. 49
Die in der Literatur zu findende Gegenüberstellung einer ideologisch ausgerich-
teten und einer eher pragmatischen Außenpolitik der DDR scheint am Problem vor-
beizugehen. 50 Nach Niklas Luhmann sind Ideologien als entscheidende Mittel zur
Reduktion von Komplexität zu verstehen. Durch sie „werden die Möglichkeiten des

47 Abteilung Internationale Verbindungen, Entwurf, Richtlinien für die Tätigkeit der Arbeitsgruppe
„Kampf gegen den Kolonialismus" vom 8. 10. 1960, SAPMO -BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 14, o. BI.
48 Bericht über eine wissenschaftlich e Konferenz der Zeitschrift „Probleme des Friedens und des Sozia-
lismus" vom 4.-7. September 1961 in Prag zu dem T hema: „Wege der ökonomischen Entwicklung der
vom Kolonialjoch befreiten Länder", SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 37, o. BI.
49 Alexander Troche, Ulbricht und die Dritte Welt. Ost-Berlins Kampf gegen die Bonner „Alleinvertre-
tungsanmaßung", Erlangen/Jena 1996.
50 So Manfred Kittel und Fritz Teubert in ihren Beiträgen.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 175

Wirkens eingeengt, übersehbar, entscheidbar". 51 Der Übergang von der internationa-


listischen Unterstützung der einzelnen kommunistischen Parteien hin zu einer weit-
reichenden Zusammenarbeit mit antikolonialen Befreiungsbewegungen bzw. den aus
ihnen hervorgehenden antiwestlichen Regierungen kann in diesem Zusammenhang
als ein Indiz für den Abschied der SED von weltrevolutionären Zukunftshoffnungen
und eine Hinwendung zu einer von nationalstaatlichen Interessen geleiteten Außen-
politik angesehen werden. Die Begründungen für dieses Handeln der SED blieben
wohl immer ideologisch, folgten aber in erster Linie den Opportunitäten der Macht-
sicherung in der DDR.
Die politischen Emigranten bewegten sich durch die Überschreitung der Demar-
kationslinie zwischen Ost und West in der Zeit der europäischen Blockkonfrontation
in einem Feld politischer Mehrdeutigkeiten. Aus ihrer zumeist kommunistischen Ge-
sinnung resultierte eine grundsätzliche politische Loyalität gegenüber der DDR. Diese
vertrug sich jedoch schlecht mit der letztlich doch vorherrschenden nationalen Orien-
tierung, den emotionalen Bindungen an die Heimat und den Erfahrungen mit dem ein-
gegrenzten Lebenshorizont der DDR-Gesellschaft. Trotz der allgegenwärtigen Lehre
vom „proletarischen Internationalismus"52 waren die „politischen Emigranten" keine
gleichberechtigten Mitglieder einer transnational gedachten sozialistischen, sondern
geduldete Gäste einer national definierten deutschen Gemeinschaft. Es zeichnete sie
- sowohl in ihrer Selbstdefinition als auch in der Wahrnehmung durch den SED-Staat
und die DDR-Bevölkerung - eine „Mehrfachcodierung von personaler Identität" 53 aus,
die sie zu einer Randgruppe in der nationalen Gemeinschaft der Ostdeutschen machte.
Die notwendige Folge waren Konflikte, in denen sich die Ausländer - auch und gerade
die „politischen Emigranten" - in einer institutionell abhängigen und somit schwa-
chen und letztlich gefährdeten Position befanden. Nicht selten unterlief die Asyl- und
Aufnahmepraxis der DDR jenes allgemeine Schutzgebot, das dem säkularen Asylrecht
zugrunde liegt. Damit nahm der ostdeutsche Staat eine eigentümlich ambivalente Posi-
tion zwischen Flüchtlingsabwehr und generöser Asylgewährung ein. Der Grund dafür

51 Niklas Luhmann, Wahrheit und Ideologie. Vorschläge zur Wiederaufnahme der Diskussion, in:
Der Staat 1 (1962), S. 431-448; vgl. auch ders., Soziologische Aufklärung, Opladen 1970, S. 54- 65, hier
S. 63.
52 Die Verwirklichung des proletarischen Internationalismus setze die Herstellung „des vollen Vertrau-
ens zwischen den Werktätigen unterschiedlicher Nationen und Länder voraus"; aus ihr ergebe sich
eine Forderung nach „Solidarität", „gegenseitiger Hilfe und Unterstützung im Kampf'. Insoweit gilt
der PI. als ein „moralisches Prinzip" und als mit „sozialistischem Patriotismus und dem Nationalbe-
wußtsein untrennbar verbunden". Zitiert nach: Kleines Politisches Wörterbuch, Berlin (Ost), 4. Aufl.,
1983, S. 724.
53 Elisabeth Bronfen/Benjamin Marius, Hybride Kulturen. Einleitung zur anglo-amerikanischen
Multikulturalismusdebatte, in: dies. (Hrsg.), Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen
Multikulturalismusdebatte, Tübingen 1997, S. 1-29, hier S. 7.
176 PATRICE G . POUTRUS

lag unter anderem auch in der rein instrumentellen Gewährung dieses Verfassungs-
rechtes durch den SED-Staat. 54
Der von der SED für sich selbst reklamierte Anspruch auf „gesellschaftlichen Fort-
schritt" durch den „Kampf gegen den Imperialismus", d. h. gegen den kapitalistischen
Westen, war allerdings nicht nur reine ideologische Etikette. Vielmehr war er eines
der Prinzipien, mit denen die SED ihre Herrschaft in der DDR über die gesamte Dau-
er ihrer Existenz hinweg rechtfertigte. 55 Seine fundamentale Bedeutung steigerte aber
zugleich den Unwillen des SED-Regimes, sich im Grundsatz wie im Einzelfall mit den
Schwierigkeiten im Zusammenleben von Einheimischen und Fremden auseinander-
zusetzen. Entscheidend für den Umgang mit Fremden im Staatssozialismus war die
mit dem totalen Herrschaftsanspruch des Marxismus-Leninismus verbundene Vor-
stellung einer homogenen Gesellschaft, von der sich aber keineswegs nur die professio-
nellen Exegeten der SED-Ideologie leiten ließen. So war nicht das Postulat des univer-
salen Menschheitsfortschritts, sondern die dahinter liegende dichotomische Struktur
des Klassenkampfes für den Umgang mit Fremden im „Arbeiter-und-Bauern-Staat"
grundlegend. Für die ostdeutschen Kommunisten wie auch für die übrige DDR-Bevöl-
kerung war es unter Berufung auf den „proletarischen Internationalismus" durchaus
möglich, im Alltag bedenkenlos fremdenfeindliche Vorurteile bzw. nationalistische
Stereotypen zu benutzen, ohne dadurch in Konflikt mit der „sozialistischen Staats-
macht" zu geraten. 56 Den in der DDR studierenden Mitgliedern und Sympathisanten
der algerischen KP blieb unter diesen Bedingungen nichts weiter übrig, als sich damit
abzufinden, in der DDR geduldet zu werden und in der Anonymität ihres Alltags un-
terzutauchen oder doch in den Westen auszureisen. Ab i962 verliert sich schließlich die
Spur der algerischen Emigranten in der SED-Überlieferung.

Ausblick

Allerdings ließ die von der SED gewünschte diplomatische Anerkennung der DDR
durch die i962 von Frankreich unabhängig gewordene Republik Algerien wie durch
andere arabische Staaten noch einige Jahre auf sich warten. Schon in der Zeit vor
der Unabhängigkeit hatten Vertreter der FLN deutlich erkennen lassen, dass ihnen

54 Patrice G. Poutrus, Asyl im Kalten Krieg. Eine Parallelgeschichte aus dem geteilten Nachkriegs-
deutschland, in : Totalitarismus und Demokratie 2 (2005), H. 3, Themenheft: Fluchtpunkt Realsozia-
lismus - politische Emigranten in Warschauer Pakt-Staaten, S. 273-288.
55 Vgl. Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Revolution und Stabilität
in der DDR 1945-1989, Frankfurt a. M. i992.
56 Patrice G. Poutrus, Die DDR, ein anderer deutscher Weg? Zum Umgang mit Ausländern im SED-
Staat, in: Rosmarie Beier-de Haan (Hrsg.), Zuwanderungsland Deutschland. Migrationen i500-2005,
Wolfratshausen 2005, S. 118-131.
An den Grenzen des proletarischen Internationalismus 177

die prekäre Lage der DDR in der Konkurrenz mit der Bundesrepublik durchaus be-
wusst war. Sie waren gerade deshalb aber nicht gewillt, den daraus für sie entstehenden
Verhandlungsvorteil zugunsten einer frühzeitigen diplomatischen Annerkennung der
DDR aus der Hand zu geben. 57 So blieb der DDR-Außenpolitik nichts weiter übrig, als
das Interesse der algerischen Seite an einem Ausbau der Beziehungen durch gewisse
materielle Vorleistungen zu stabilisieren. Zwar unterstützte die SED in der Zeit unmit-
telbar nach der Unabhängigkeit auch noch die PCA mit der Lieferung von Druckma-
schinen. 58 Als die algerische KP am 29. November i962 von der FLN-Regierung wieder
verboten wurde, reagierte man im ZK der SED hilflos und hoffte, dass sich die Partei
„auch nach dem Verbot nicht auf eine sektiererische Linie drängen" lässt und auch „in
Zukunft ihre Zusammenarbeit mit den Massenorganisationen der algerischen Werk-
tätigen, der Jugend und der Frauen verstärken wird". 59
Auf diese Weise wurden die „algerischen Genossen" nicht nur zur Mäßigung auf-
gefordert, sondern genau jenes Programm der Außenbeziehungen formuliert, mit dem
sich die DDR unter veränderten Umständen weiter um den Ausbau der Beziehungen
mit der FLN-Regierung bemühte. 60 Zur Anbahnung und Vertiefung der Kontakte
nutzten die DDR-Vertreter alle zur Verfügung stehenden Ebenen der staatlichen und
nichtstaatlichen Kommunikation, vom Austausch zwischen Jugend-, Gewerkschafts-,
Sport- und Medienverbänden über Städtepartnerschaften und die Kommunalpolitik
bis hin zur staatlichen Kultur- und Handelspolitik. Als Ergebnis dieser Bemühungen
wurden bis Mitte der i96oer-Jahre zahlreiche „krypto-diplomatische" Vertretun-
gen u. a. botschaftsähnliche DDR-Handelsmissionen eingerichtet und staatliche Han-
delsabkommen abgeschlossen. Im Falle Algeriens geschah dies im April i963 m it der
Errichtung einer Handelsvertretung der DDR. 61
Über ihre Beziehungen mit Algerien und den anderen „jungen Nationalstaaten" bis
i965 erlangte die SED jedoch keine herausragende und dauerhafte Aufwertung der DDR,
welche die bundesdeutsche Ballstein-Doktrin hätte ernsthaft gefährden können. 62 Erst
mit dem Besuch von Partei- und Staatschef Walter Ulbrichts in der ägyptischen Haupt-
stadt Kairo im Jahr i965 schien etwas Bewegung in die „Dritte-Welt"-Politik des SED-
Staates zu kommen. Zwar führte dies nicht zu dem von der SED -Führung erhofften
57 Information Algerien der Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindungen vom 17· n. 1960,
SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 354, BI. 76-81.
58 Hausmitteilung der ZK-Abteilung Finanzwirtschaft und Parteibetriebe vom 2. 7. 1962, SAPMO-
BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 353, BI. 165-166.
59 Information über das Verbot der Kommunistischen Partei Algeriens, o. D. (vermutlich Dezember
1962), SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 353, BI. 171-173.
60 Aktenvermerk über eine Unterredung mit dem Generalsekretär des Au ßenministeriums der Volks-
republik Algerien, Benhabiles, am 29. April i963, SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/20, Nr. 354, S. 60-62
61 Siehe Muth, Die DDR-Außenpolitik, S. 284.
62 Werner Kilian, Die Hallstein-Doktrin. Der diplomatische Krieg zwischen der BRD und der DDR
1955-1973. Aus den Akten der beiden deutschen Außenministerien, Berlin 2001, bes. S. 359.
178 PATRICE G. POUTRUS l
diplomatischen Erfolg, doch erstmals respektierte ein größerer nichtpaktgebundener
Staat des arabisch-nordafrikanischen Raums die faktische Existenz der DDR durch das
protokollarische Zeremoniell beim Empfang von Ulbricht. Dieser „Kairo-Coup" leitete
für die SED-Führung eine neue Phase der Anerkennungskampagnen in Afrika, Asien,
vor allem aber in den arabischen Staaten ein. Es folgte eine diplomatische Offensive der
DDR, die sich nicht nur in einer steigenden Kreditvergabe niederschlug, sondern auch
in zahlreichen Delegationen und propagandistisch verwertbaren Auslandskontakten.
Allerdings waren diese Initiativen durch die Möglichkeiten der DDR-Planwirtschaft
begrenzt und konnten keine ernsthafte Alternative zu den Beziehungen zur Bundes-
republik darstellen.63
Mit der Parteinahme für die nach innen antikommunistischen Regime im Nahen
Osten wollte der SED-Staat in den arabischen Staaten als zuverlässiger Partner und
Helfer erscheinen, was zu dieser Zeit eine virulente Feindschaft zum Staat Israel mit
einschloss. Der Nahostkrieg von i967 wurde dabei zu heftigen Anfeindungen gegen
die Bundesrepublik genutzt. Die DDR-Propaganda warf der Bundesregierung die Kol-
laboration mit Israel gegen die arabischen Staaten vor. 64 Doch gelang der lang ersehnte
diplomatische Durchbruch wie im Fall Algerien erst in den Jahren i969 und i970. Der
Grund dafür lag in der allmählichen Entspannung der Blockkonfrontation in Europa,
die letztlich auch eine Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten ermöglich-
te. Hinzu kam ein Bündel von Ursachen, das die „jungen Nationalstaaten" dazu ver-
anlasst hatte, ein festeres Bündnis mit der Sowjetunion und somit auch mit der DDR
zu suchen. 65 Diese Abhängigkeit von der Politik der sowjetischen Hegemonialmacht
und der andauernden Konkurrenz zur Bundesrepublik zwang die SED-Führung, den
Prozess der Dekolonisierung in erster Linie als einen weiteren Teil jener Systemausei-
nandersetzung zu betrachten, in der die DDR ohnehin schon verortet war. Auf Grund
dieser quasi eurozentristischen Sichtweise konnte man dann zwar die Vorzugsstellung
der FLN gegenüber der PCA rechtfertigen, aber letztlich blieb diese Politik in der Pra-
xis rein reaktiv. Die SED-Führung konnte den so genannten jungen Nationalstaaten
keinen eigenen Platz im internationalen Geschehen einräumen, ohne dabei ihre eigene
Position in Frage zu stellen. Demgegenüber waren dann letztlich die Belange der alge-
rischen „Genossen" nachrangig.

63 Scholtyseck, Die Außenpolitik der DDR, S. 25 f.


64 Angelika Timm. Hammer. Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und
Staat Israel, Bonn i 997.
65 Vgl. Troche, Ulbricht und die Dritte Welt, S. 45-5i.