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Sozialgeschichte der Erwachsenenbildung

Dr. paed. habil. Dieter Grottker

LEKTION 5
JEAN-JACQUES ROUSSEAU – EIN PÄDAGOGISCHER ROMAN
Wiederholung zur lektion vom 16.11.2020
MATERIALE BILDUNG WIRD STETS AN EINEM MATERIAL (EINEM INHALT)
ERWORBEN UND BLEIBT AN DIESE MATERIE GEBUNDEN.
MATERIAL MATERIALE BILDUNG (ZUM BEISPIEL: KENNTNIS ÜBER ETWAS)

FORMALE BILDUNG: WIRD ZWAR AN EINEM BESTIMMTEN MATERIAL


ERWORBEN, KANN ABER AUF (ALLE ÄHNLICHEN !!) INHALTE
ÜBERTRAGEN WERDEN.
MATERIAL (1) MATERIALE BILDUNG (1):
MATERIAL (2) MATERIALE BILDUNG (2): MATERIAL (1,2,3) FORMALE BILDUNG
MATERIAL (3) MATERIALE BILDUNG (3): (BAUSTEINE) GEBÄUDE (WISSEN)
Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)
ROUSSEAU IST BEKANNT ALS PHILOSOPH, PÄDAGOGE UND HISTORIKER
 DIE PÄDAGOGIK RESULTIERT AUS DEM ZEITGEIST IN FRANKREICH UM 1750
- 1712 IN GENF GEBOREN, DER VATER IST UHRMACHER UND CALVINIST
- 1725 WIRD ROUSSEAU LEHRLING BEI EINEM GRAVIER-MEISTER
- 1728 ÜBERTRITT ZUR KATHOLISCHEN KIRCHE
- 1732 MUSIKLEHRER UND 1740 HAUSLEHRER IN LYON
- 1740 PLAN EINES BUCHPROJEKTS ÜBER ERZIEHUNG
- 1742 DISSERTATION ÜBER MODERNE MUSIK
- 1754 WIEDER MITGLIED DER KALVINISTISCHEN KIRCHE
Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)
Rousseau - Der kritiker der Gesellschaft
ROUSSEAU IST KRITIKER RUNDUM. WEGEN SEINES CHARAKTERS IST ER UNBELIEBT.
1) KRITIK DER KIRCHE: MAN KÖNNTE SAGEN: GOTT … JA – KIRCHE NEIN!
2) KRITIK DES ADELS UND DER REGIERUNG ( GESELLSCHATFSVERTRAG)
3) SCHULKRITIK: MAN KÖNNTE SAGEN: BILDUNG … JA – SCHULE NEIN!
1762 DAS BUCH „ÉMILE“ WIRD IN PARIS VERDAMMT UND VERBRANNT
ROUSSEAU SOLL VERHAFTET WERDEN UND FLIEHT IN DIE SCHWEIZ
1765 ROUSSEAU MUSS AUCH DIE SCHWEIZ VERLASSEN
1770 UNTER FALSCHEM NAMEN LEBT ER WIEDER IN PARIS
1778 SCHLAGANFALL UND TOD; 1789 BEGINN DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
Jean-Jacques Rousseau – „Émile“ (1762)

IM UNTERSCHIED ZUR PÄDAGOGIK VON COMENIUS ENTWIRFT


ROUSSEAU EINE BILDUNGSBIOGRAPHIE IN FORM EINER
 H O F M E I S T E R - ERZIEHUNG.
 EIN LEHRER HAT NUR EINEN EINZIGEN LERNENDEN.
 UND DIESER LERNENDE HAT NUR EINEN EINZIGEN LEHRER.
-WAS ALSO KÖNNTEN DIE VORTEILE EINES SOLCHEN MODELLS SEIN?
-WAS ABER SIND DIE UNÜBERSEHBAREN NACHTEILE?
Jean-Jacques Rousseau – Der Aufklärer

DAS LEBEN VON ROUSSEAU IST SCHICKSALSHAFT: DER ROMAN „ÉMILE“:


1) ZUM TEIL EINE AUFARBEITUNG DER EIGENEN KINDHEIT
2) ZUM TEIL EINE PÄDAGOGISCHE UTOPIE – EIN TRAUM EINER ERZIEHUNG
3) DIE PÄDAGOGIK ENTHÄLT FERNER AUCH DAS ERWACHSENENALTER
4) ES GIBT EINE FEINSINNIGE DEUTUNG VON ARBEIT UND BERUF
5) DAS BILD DER FRAU – TEIL DER AUFKLÄRUNG
6) DAS ENDE DER KINDHEIT
Rousseau – Radikalität der Kirchenkritik

„UNSERE KATHOLIKEN MACHEN EIN GROßES AUFHEBEN VON


DER AUTORITÄT DER KIRCHE … DIE KIRCHE ENTSCHEIDET,
DASS DIE KIRCHE DAS RECHT HAT, ZU ENTSCHEIDEN.“
(ROUSSEAU 1989: 322)
 UNFEHLBARKEITSDOGMA DES PAPSTES: ER IRRE SICH NIE (…)
BEZIEHUNGSWEISE:
„L`ÉGLISE DÉCIDE QUE L`ÉGLISE A DROIT DE DECIDER.” (ROUSSEAU 1964: 374)
Rousseau – kritik der Regierung

„DER MENSCH IST FREI GEBOREN


UND DOCH ÜBERALL IN KETTEN“

ROUSSEAU: DER GESELLSCHAFTSCHAFTSVERTRAG (1762)


Rousseau – „Émile“ (1762)

WAS SIND GEWISSE VORTEILE DER INDIVIDUAL-ERZIEHUNG:


1) ES GIBT KEINE VERSCHIEDENEN FACHLEHRER, ALLE FÄCHER
WERDEN VON EINEM UND DEMSELBEN LEHRER UNTERRICHTET.
DADURCH SIND INNERE ORGANISCHE VERBINDUNGEN
ZWISCHEN DEN FÄCHERN LEICHT HERZUSTELLEN.
2) BEZÜGLICH VON ÉMILE KENNT DER LEHRER DESSEN STÄRKEN
UND ALLE SCHWÄCHEN UND KANN INDIVIDUELL DARAUF
EINGEHEN.
3) ÉMILE KANN SICH NICHT HINTER EINEM ANDERN VERSTECKEN.
„ER IST IMMER DRAN“ – MÜNDLICH, SCHRIFTLICH, ERZIEHERISCH.
Rousseau – „Émile“ (1762)

NACHTEILE DER INDIVIDUAL-ERZIEHUNG:


1) ENTSCHEIDEND FÜR DAS NIVEAU IST EIN EINZIGER LEHRER, DER
STETS AUCH GEWISSE PÄDAGOGISCHE SCHWÄCHEN HAT.
2) FÜR ÉMILE GIBT ES KEINE MÖGLICHKEIT VON GLEICHALTERIGEN
ODER VON ÄLTEREN KINDERN ZU LERNEN.
3) DIE GEWOHNHEIT, STÄNDIG MIT EINEM ERZIEHER IN ENGEM
KONTAKT ZU STEHEN, KANN SICH SPÄTER IM ERWACHSENENALTER
NEGATIV AUSWIRKEN. ( MANGEL AN SELBSTSTÄNDIGKEIT)
Rousseau – „Émile“ als Kind (1762)

KINDHEIT: ROUSSEAU BESCHREIBT IM DETAIL


DEN VERLAUF DER  FRÜHEN KINDHEIT
= WIEDERENTDECKUNG DER FRÜHKINDLICHEN PÄDAGOGIK

„DIE ERZIEHUNG DES MENSCHEN BEGINNT MIT DER GEBURT. EHE ER


SPRICHT, EHE ER HÖRT, LERNT ER SCHON. DIE ERFAHRUNG EILT DER
BELEHRUNG VORAUS.“ (ROUSSEAU 1989: 38)
Comenius und Rousseau

DER MENSCH HAT DREI LEHRER


1) DIE NATUR
2) DIE MENSCHEN
3) DIE BÜCHER

ROUSSEAU: RADIKALE SCHULKRITIK: DIE ERZIEHUNG IN SCHULEN IST


SCHLECHT
 DAS BESTE WÄRE ES, ALLE SCHULEN ABZUSCHAFFEN.
Rousseau

RICHTIGES – FALSCH FORMULIERT:


„WENIGER KENNTNISSE  MEHR URTEILSFÄHIGKEIT“
1) RICHTIG IST, DASS ZUVIELE UNNÜTZE KENNTNISSE VERMITTELT WERDEN
2) NÜTZLICHE KENNTNISSE SIND UNABDINGBAR
3) KENNTNISSE WISSEN  IST GRUNDLAGE FÜR RICHTIGE URTEILE
4) ALLEIN MIT WISSEN NOCH KEIN URTEILSVERMÖGEN
5) SYLLOGISMUS ÜBEN UND KRITISCH ANWENDEN (PRÄMISSEN, KONKLUSION)
Rousseau: Schulkritik = Kirchenkritik

Wenn ich die Dummheit symbolisch darzustellen


hätte, die unsere Galle erregen kann, so würde
ich einen Pedanten malen, der die Kinder aus
dem Katechismus unterrichtet.
(Rousseau 1989: 267)
Rousseau – Gewissen und Moral

1) MORAL EXISTIERT ALS NORM AUßERHALB – EIN MAßSTAB DER GESELLSCHAFT


2) GEWISSEN IST EINE INNERE INSTANZ (SIGMUND FREUD)
 DER BESTE ANWALT IST DAS GEWISSEN (ROUSSEAU 1989, 300)
 DAS GEWISSEN IST DER INNERE GERICHTSHOF EINES MENSCHEN (KANT)
 ERZIEHUNG IST DANN ERFOLGREICH, WENN AUS DER ÄUßEREN
MORAL EIN INNERES GEWISSEN ENTSTEHT. DIESES WIRKT AUCH DANN, WENN
ES KEINE ÄUßERE MORALISCHE PFLICHT GIBT. DAS GEWISSEN IST STÄRKER.
Rousseau – Verbieten oder Vorbeugen ?

PÄDAGOGIK = IST OFT DIE ENTSCHEIDUNG ZWISCHEN ALTERNATIVEN:

„ … DER EINE WILL, DASS DIE STRENGSTE REGIERUNG DIE BESTE IST,
DER ANDERE HÄLT DIE MILDESTE DAFÜR; DIESER MÖCHTE, DASS
DIE VERBRECHEN BESTRAFT WERDEN, JENER DASS IHNEN
VORGEBEUGT WERDE.“ (ROUSSEAU 1988: 91)
 DER EINE WILL, DASS KINDER STRENG UND UNBEUGSAM ERZOGEN WERDEN.
 DER ANDERE GLAUBT, DASS LIEBE UND GÜTE BESSERE INSTRUMENTE SEIEN.
Rousseau – Das Menschenbild

„Der Mensch soll arbeiten wie ein Bauer


und denken wie ein Philosoph …

Il faut qu`il travaille en paysan et qu`il


pense en philosophe.
(Rousseau 1964:236 )
Rousseau – Ethos des eigenen Standes

Ein feinsinniger Gedanke


- Ein hang zum Niederen

„Beuge Dich zum Stand des Handwerkers herab,


um über dem Deinen zu stehen.“

(Rousseau 1989: 194)


Émile wird Lehrling bei einem Tischler

„WIR SIND JA NICHT ALLEIN TISCHLERLEHRLINGE, SONDERN AUCH


LEHRLINGE FÜR DAS GANZE MENSCHLICHE LEBEN, UND GERADE
DIE LEHRLINGSSCHAFT FÜR DIESEN LETZTEREN BERUF IST
SCHWIERIGER UND ZEITRAUBENDER ALS DIE ERSTERE.“
(ROUSSEAU 2010: 363)
Erfahrung in der Arbeit, um Vorurteile besiegen

„ES HANDELT SICH WENIGER DARUM, EIN HANDWERK ZU ERLERNEN, ALS


DARUM, DIE VORURTEILE ZU BESIEGEN, DIE ES MISSACHTEN … BEUGE
DICH ZUM STAND DES HANDWERKERS HERAB, UM ÜBER DEM DEINEN ZU
STEHEN.“ (ROUSSEAU 1989: 194)
 ERZIEHUNG ZUR ARBEIT HAT NICHT NUR EINE WIRTSCHAFTLICHE,
SONDERN IMMER AUCH EINE SITTLICHE BEDEUTUNG (SIEHE GEGENWART)
Rousseau über Wissenschaftliche Bildung

„ES HANDELT SICH NICHT DARUM, IHM DIE WISSENSCHAFTEN


BEIZUBRINGEN, SONDERN DARUM, DASS ER GEFALLEN AN IHNEN FINDE, UM
SIE ZU LIEBEN, UND UM DIE METHODEN ZU VERMITTELN, UM SIE LERNEN
ZU KÖNNEN, WENN DIESE VORLIEBE BESSER ENTWICKELT IST. DAS IST
BESTIMMT EIN ERZGRUNDSATZ EINER JEDEN GUTEN ERZIEHUNG“ –
 „EIN PRINCIPE FOUNDAMENTALE“ (ROUSSEAU 1989: 164; 1964: 192)
Rousseau - Suche nach einer Wissenschaft

„VERNUNFT UND URTEILSKRAFT ENTWICKELN SICH LANGSAM. VORURTEILE STRÖMEN


HERBEI … FASST IHR ABER DIE WISSENSCHAFT AN SICH INS AUGE, SO BEGEBT IHR EUCH
AUF EIN UNERGRÜNDLICHES, UFERLOSES MEER VOLLER KLIPPEN, AUS DEM IHR NIE
HERAUSFINDET. WENN ICH EINEN MENSCHEN SEHE, DER VON LIEBE ZUR WISSENSCHAFT
ENTFLAMMT UND DURCH IHRE REIZE VERFÜHRT, RASTLOS VON DER EINEN ZUR
ANDEREN EILT, SO GLAUBE ICH EIN KIND ZU SEHEN, DAS AM UFER MUSCHELN SAMMELT.
ES BEPACKT SICH MIT DER LAST, SIEHT ANDERE, DIE ES REIZEN UND WIRFT EINIGE FORT,
UM DIESE AUFZULESEN, BIS ES VON IHRER MENGE ERDRÜCKT WIRD. ZULETZT WEIß ES
NICHT MEHR, WELCHE ES WÄHLEN SOLL, WIRFT ALLE FORT UND GEHT MIT LEEREN
HÄNDEN NACH HAUSE.“ (ROUSSEAU 1989: 164)
Rousseau - Eine Umbewertung aller Werte ?

„UNSERE LEIDENSCHAFTEN SIND DIE WICHTIGSTEN WERKZEUGE ZU


UNSERER ERHALTUNG: ES WÄRE EBENSO VERGEBLICH WIE LÄCHERLICH, SIE
ZERSTÖREN ZU WOLLEN.“ (ROUSSEAU 1989: 211)
 ALSO SIND JENE „PASSIONS“ NICHT NUR SCHLECHTHIN VON NATUR AUS
VORHANDEN, SONDERN FÜR DIE GESELLSCHAFT SOGAR NOTWENDIG
(ROUSSEAU 1964: 247).

 SPÄTER GANZ ÄHNLICH: FRIEDRICH NIETZSCHE UND SCHLIEßLICH


SIGMUND FREUD  DIE TRIEBE DES „ES“ = ENERGIE DER PSYCHE
Beschreibung von Sophie & epilog

IM ALTER VON 18 JAHREN LERNT ÉMILE DAS MÄDCHEN SOPHIE KENNEN.


SIE IST HÜBSCH, KLUG, BESCHEIDEN, GEBILDET – VIELLEICHT AUCH
LEIDENSCHAFTLICH (…) ROUSSEAU ZEICHNET DAS BILD SEINER TRÄUME
SIE VERLIEBEN SICH, SIE HEIRATEN, SIE HABEN EINEN SOHN.
 ÉMILE NUN IST ERWACHSEN. WENN MAN EINEN SOHN HAT, ENDET DIE
KINDHEIT. ZUM LETZTEN MAL BESUCHT ER SEINEN ALTERN LEHRER: ICH
BRAUCHE EURE ERZIEHUNG NICHT MEHR. DANKE FÜR ALLES. UND IHR
BLEIBT DER LEHRER DER JUNGEN LEHRER.