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Saaf auf Goffnung.

Zeitſchrift
für die Miſſion der Kirche an Israel,
in vierteljährlichen Heften herausgegeben

bon

Profeſſor Delißſch und Paſtor Becker.

Zweiter Jahrgang, erstes Heft.


( Johannis 1864.)

Drgan der evangeliſch - lutheriſchen Miſſionsvereine für Bsrael


in Sachſen und Bayern .

In Commiſſion von Juſt u 8 Nauman n '& Buchhandlung


in Leipzig und Dresden .
Druď von E. Th. Jacob in Erlangen.
Jin Jude.

Ein Jude! Wunderbares Wort !


Ein Grundton für prophetiſche Weiſen ;
Ein Schrei der Wuth , gefolgt von Mord ;
Eiu: Name, den die Gläub'gen preiſen ;
Ein Knecht, der ſeinen Herrn nicht kennt;
Ein irrer Stern am Firmameut.

Die Wurzel alles Heils der Welt,


Vom Heil bis heut noch ausgeſchloſſen ;
Ein Cedernſtamm , von Gott zerſchellt ;
Ein Feigenbaum voll grüner Sproſſen ;
Ein Beugniß für die Gegenwart;
Ein Räthſel, das der Bukunft harrt.

Julius Sturm .
An Herrn J. B . Levy in Bodenheim .
Ein offner Brief.
Von Zeit zu Zeit bieten Sie, mein Herr, ſchlüpfrige Bücher
aus und ſuchen ſich auf alle Weiſe durch den Verkauf ſolcher Artikel
zu bereichern .
Und ebendieſelben Zeitungen , welche die durch deutſche Kraft
bedingte Sache deutſcher Freiheit und Größe vertreten , ſchämen
ſich nicht , jene Ankündigungen ſchlüpfriger Bücher und Bilder
aufzunehmen und ſo das Jhrige zur Entnervung der Nation durch
Augen - und Fleiſchesluſt beizutragen .
Haben Sie auch ſchon bedacht, welche ernſte Warnung vor
Bereicherung durch ſolches Sündengeld Ihr Name Levy enthält ?
Dieſer Name verpflichtet Sie zum Dienſte des Heiligen , gebenedeit
ſei Er, deſſen reine Augen das Böſe nicht erſehen können (Hab. 1,
13 ) und vor dem nur derjenige beſteht, der ſeine Augen verſchließt,
um nichts Böſes ſehen zu müſſen ( Jeſ. 33 , 15 ).
Sein heiliges Geſeß 5 .Moj. 23, 17 duldet keine Proſtitution
in Israel, alſo auch nicht Verbreitung von Büchern und Bildern ,
welche die Wolluſt kigeln und die Unzucht fördern . Vielleicht haben
Sie das noch nicht bedacht und vielleichtwar noch Niemand ſo offen ,
es Ihnen zu ſagen . So laſſen Sie ſich von jetzt ab warnen , damit
der Segen , den Moſe auf Levi gelegt hat , ſich nicht an Ihnen in
Fluch verkehre und an Ihrem Geſchäfte ſich die Weiſſagung Micha 's
1 , 7 erfülle , daß was von Unzuchtlohn geſammelt iſt , ebenſo
ſchmuzig auch wieder zerrinnen ſoll.
Ir . Delikſch.
3. E . Weffely's Pastor Bonus.
Moſes Mendelsſohn (geſt. 1786 ), David Fried
länder (geſt. 1834 ) und Hartwig Weſſely (geſt. 1805), das
ſind drei der berühmteſten Namen aus jener Zeit, in welcher das
deutſche Judenthum die Kerkerthüren des mittelalterlichen Rabbinis
mus ſprengte , ſich deutſcher Bildung erſchloß und von deutſchem
Geiſte durchdrungen zu werden begann.
Es iſt bekannt, wie Moſes Mendelsſohn , dieſer große
edle Menſch , den von Lavater 1769 ihm zugeworfenen Fehde
handſchuh aufzunehmen ablehnte. Lavater hatte ihn aufgefordert,
" Bonnets Beweiſe für die Wahrheit des Chriſtenthums entweder zu
widerlegen oder der Wahrheit die Ehre zu geben . Der zartfühlende
jüdiſche Philoſoph mochte das Chriſtenthum nicht bekämpfen , und
der weiſe mehr myſtiſch als dialektiſch gerichtete Jünger Chriſti
bereute das Ungeſtüm ſeiner Herausforderung. Aber Moſes Men
delsſohns Nachkommmen ſind Chriſten geworden . Mendelsſohn
Bartholdy , der berühmte Componiſt des Paulus und Elias ,
der entzückende Meiſter muſikaliſcher Romantik, iſt ſein Enkel.
Daß ihm das Chriſtenthum Herzensſache war , las man in ſeinen
Augen , bewies ſein Leben , beurkunden ſeine jüngſt erſchienenen
„ Briefe“. Das Chriſtenthum war die innerſte Triebkraft ſeines
muſikaliſchen Schaffens und goß über ſeine muſikaliſchen Schöpfun
gen , auch die nicht unmittelbar religiöſen , eine charakteriſtiſche Weihe.
David Friedländer iſt Verfaſſer jenes „ Sendſchreibens
einiger jüdiſcher Hausväter an den Probſt Teller" (1799), welches
ſeiner Zeit ſo großes Aufſehen erregte. Probſt Teller war Ratio
naliſt und hatte ſich ſeit dem Wöllner’ſchen Religionsedikt vom
Predigtamte zurückgezogen . An dieſen richtete ſich Friedländer mit
der Frage , ob und wie es gewiſſenhaften Jsraeliten möglich ge
macht werden könne, ohne ein heuchleriſches Bekenntniß abzulegen ,
in die chriſtliche Gemeinſchaft einzutreten : er machte ſich alſo zum
Stimmführer einer bis dahin unerhörten Capitulation der Syna
David Friedländer und Şartwig Weſſely.

goge mit der Kirche. Das Unternehmen verunglückte , Friedländer


ſelbſt blieb Mitglied der Synagoge und der Vertrauensmann der
Berliner Gemeinde. Aber faſt alle ſeine Nachkommen wurden
Chriſten . Einer ſeiner Söhne iſt vor einigen Jahren als Profeſſor
an dem Jagdteufel'ſchen Stift in Stettin geſtorben . Er war ein
Muſter herzinniger Frömmigkeit und pädagogiſcher Treue. Sein
Segen waltet über ſeinen Kindern .
Hartwig Weffely hat ſich das unſterbliche Verdienſt er
worben , die Judenſchaft Deſterrreiche , eingeſchloſſen das öſter
reichiſche Italien , mit Kaiſer Joſephs Toleranzedikt ausgeſühnt zu
haben , in welchem Argwohn , Bigotterie und Beſchränktheit ein
mit aller Macht abzuweiſendes Danaër- Geſchenk erblickten . Noch
heute iſt mir meine Ueberraſchung erinnerlich , als mich in Leipzig
vor etwa 25 Jahren ein Sohn des erwähnten jüdiſchen Schrift
auslegers und Dichters beſudste. Er war Chriſt. Aber ich erinnere
mich auch des tiefen Wehes, welches mich ergriff, ſo oft ich in
ſein von Gram durchfurchtes Antlig blickte , und unvergeßlich iſt
mir das Jammerbild bittrer Armuth , als ich zum erſten Male
das faſt alles Hausraths mangelnde Wohnzimmer des verheirathe
ten , glücklicherweiſe aber kinderloſen Mannes betrat , in deſſen einer
Ede ein Haufen Kartoffeln aufgeſchichtet war. Er war Chriſt und
ich vernahm nie aus ſeinem Munde ein Wort der Neue wegen
ſeines Uebertritts zum Chriſtenthum , aber um ſo häufigere Worte
herber Plage über die Chriſten . Hungrig und ſchier verzweifelnd -
erzählte ermir unter Anderem – trat ich einmal in das Vorzimmer
des Prälaten *), um ihn um Erbarmen anzuflehen . Barſch wurde
ich von einem Diener in Livree empfangen . Ich bat, mich bei Sr.
Hochwürden anzumelden , weil meine Sache wichtig ſei und keinen
Verzug Leide. Der Diener kam aber noch barſcher zurück und
herrſchte mir entgegen : „Hochwürden können jekt Niemand anneh
men ; Sie ſind eben beim zweiten Frühſtück ." Der ſpiße, ſchrille Ton ,

* ) Ich erinnere mich noch wohl des Namens deß nun Verſtorbenen ,
wil ihn aber lieber verſchweigen .
Ein chriſtlicher Weſſely .

mit welchem er das unter zuckendem Mienenſpiel erzählte, gellt mir


noch immer in den Ohren . Er gehörte unter die Armen , denen
ſchwer zu helfen iſt, aber die Liebe nach dem Vorbilde Chriſti
darf nicht ermüden und zumal die Prediger des unausſprechlichen
Erbarmens ſollten die Armuth nie in ſo ärgerniſerregender Weiſe
über ihre Schwelle jagen . .
Alle dieſe Erinnerungen wurden in mir wachgerufen , als ich
neulich innerhalb der chriſtlichen Literatur dem Namen Weſſely
. begegnete , denn unter dem Titel Pastor Bonus ſind in der Nähe
der Paſſionszeit dieſes Jahres ſieben Faſtenbetrachtungen über den
23. Pſalm erſchienen , deren Verfaſſer , J . E . Weſſely , ſich auf
dem Titel als „ Prieſter des ritterlichen Ordens der Kreuzherrn
mit dem rothem Stern , durch des heil. Stuhles Gnade apoſtoliſcher
Miſſionär und Cooperator an der k. k. landesfürſtlichen Pfarre des
heil. Carl Borromäus in Wien " bezeichnet. Der Verf. iſt alſo
römiſch -katholiſcher Chriſt, ſtammt er aber vielleicht aus der auch in
Deſterreich verbreiteten jüdiſchen Familie Weſſely ? Die bilderreiche
feurige Beredſamkeit ſeiner Reden erinnert ſtark an Veit, dieſen
Chryſoſtomus der römiſchen Kirche, einen der edelſten Proſelyten
aus dem Judenthum , deren die römiſche Kirche ſich rühmen kann .
Eine Probe des Pastor Bonus wird dies beſtätigen . Die 7 . Be
trachtung handelt von den Gütern des guten Hirten , und der erſte
Theil derſelben von dem Tiſche des Herrn und deſſen Genüſſen .
„ Der h. Auguſtin - fo beginnt der Redner — ſagt irgendwo:
Kein Volk war ſo wild, daß es nicht denjenigen ein Opfer gebracht
hätte , die es für ſeine Götter gehalten , oder die es als ſoldie ſich
erdichtet hat. Wir finden in der That bei allen Nationen der
Erde das Opfer vor , denn die Menſchen bewahrten aus dem alls
gemeinen Schiffsbruche wenigſtens die Eine ererbte Wahrheit , daß
es höhere Weſen gebe , die ſie beherrſchen und denen man den
möglichſt vollkommenſten Dienſt erweiſen müſſe." ,
„ Ein Opfer iſt eine freiwillige Hingabe einer uns angenehmen ,
Gott wohlgefälligen Sache an Gott , um deſſen Majeſtät anzuer
kennen , ihm die ſchuldige Dankbarkeit zu zeigen und dabei der eigenen
I. E . Weſſely
Schwäche und Abhängigkeit eingedenk zu ſein . Das Opfer wurde
zu einem Theile der religiöſen Andacht des Gottesdienſtes , indem
es unter beſtimmten Ceremonien vollbracht ward , und zwar durch
einen dazu beſtimmten Prieſter , der den geopferten Gegenſtand ver
änderte oder vernichtete , um damit die unbeſchränkte Macht Gottes
anzuerkennen . Dieſe Merkmale des Opfers kommen überall mehr
oder weniger deutlich vor , wobei freilich die heidniſchen Opfer dem
rohen Begriffe von Gott entſprachen und ſich endlich in der tiefſten
Verirrung ſogar zu Menſchenopfern ſteigerten . Indeſſen liegt auch •
dieſer Grauſamkeit ein Funke der Wahrheit zu Grunde, jener Wahr
heit , die vom Tode eines Menſchen die Rettung Aller abhängig
macht. Im prophetiſchen Judenthum , über welches Gott ſelbſt die
Zügel der Regierung führte , mußte das Opfer einen vernünftigen
Inhalt und eine geregeltere Form erhalten . Gott , der am beſten
den Menſchen offenbaren kann , welches Opfer ihm wohlgefällig
iſt , beſtimmte ſelbſt den Inhalt und die Form des Opfers ; er that
es durch Moſes , als das erwählte Volk um den Berg Sinai ſeine
Zelte aufgeſchlagen hatte. Die Vernünftigkeit ſeines Inhaltes aber
beſteht darin : Der Tod iſt eine Folge der Sünde und das Opfer
als Sühne für die Sünde wurde in der Zerſtörung des Opferge
genſtandes , im Tode des Opferthieres dargeſtellt. Damit aber iſt
der ganze Inhalt des altteſtamentlichen Opfers nicht erſchöpft. —
Denn der Tod eines Thieres , eines vernunftloſen -Weſens, iſt kein
Erſak , kein Gegengewicht für die Sünde des Menſchen , eines
vernünftigen Weſens, das ſeinen freien Willen mißbraucht. Die
ganze Wahrheit im Inhalte des 'iſraelitiſchen Opfers liegt darum
in ſeiner prophetiſchen Natur , es iſt ein ſchwacher Abglanz jenes
heiligen , wahren , einzigen Opfers, auf welches Gott durch den
Propheten (Malach. 1 , 10. 11 ) hinwies : „ Vom Aufgange der
Sonne bis zum Untergange wird mein Name groß werden unter
den Völkern , und an allen Orten wird meinem Namen geopfert
und ein reines Opfer dargebracht werden ; denn groß wird mein
Name unter den Völkern." .
„ Ein Opfer ſeßt einen Prieſter voraus ; den Prieſter, der
über das Opfer aller Opfer.

dieſes reine Opfer darbringen ſollte , wir kennen ihn Alle , es iſt
der gute Hirte – ein hoher Prieſter in Ewigkeit. Was iſt nun
der Gegenſtand dieſes Opfers ? Hier liegt ein Wunder göttlicher
Weisheit und Liebe. Der gute Hirte gibt ſein Leben für ſeine
Schafe."
„ Die Menſchheit hat durch die Sünde das Leben verwirkt:
fie ſollte zu Grunde gehen ; ein neuer Menſch nach der Gnade,
ohne Sünde , weil mit der Gottheit vereint, will das Löſegeld für
die verurtheilten Brüder zahlen , für ſie ſein Leben opfern. So iſt
Jeſus, der Gottmenſch , der Prieſter und das Opfer zugleich . Sein
Tod am Kreuze iſt das Opfer aller Opfer , iſt der Mittelpunkt,
zu welchem die heidniſchen Opfer wie matte Bilder , das Opfer
Jsraels wie prophetiſche Anklänge ſich verhalten . Beim Anblicke
dieſes Opfers erbebte der Himmel und die Erde, zitterten die Engel
und die Menſchen vor Schmerz und Freude. Es verſöhnte uns
mit der beleidigten Majeſtät Gottes , es gab uns den Frieden
wieder.“
„ Wie kann aber der Prophet von einem ewigen Opfer reden ,
das unter; allen Nationen dargebracht werden ſoll, da das Opfer,
welches Jeſus vollendete, nur einmal am Kreuze vollbracht wurde ?
„ Der Altar — ſagtOrigenes — war in Jeruſalem , das Blut des Opfers
aber beſprengte die ganze Welt.“ Von dem Punkte, wo die Oberfläche
des Waſſers mit einem Steine geſchlagen wird , laufen unzählige
Wellenkreiſe aus, von der Sonne ergießen ſich unzählige Strahlen
nach allen Seiten, und auf den Wellen der Luft wird das geſprochene
Wort von den Lippen in die Ferne getragen . So ging auch aus
dem Centrum der göttlichen Almacht und Liebe das Opfer Jeſu
aus , der das Wort, welches Fleiſch geworden iſt:, genannt wird ,
und ergießt ſich ſein Blut über alle Völker. Aber die Wellenkreiſe
erlahmen , die Strahlen erſterben , die Worte ſchwächen ſich ab in
der Ferne; das Opfer Jeſu , des Gottmenſchen , jedoch vervielfacht
ſich ins Unendliche, ohne ſich zu theilen oder ſich in ſeinen Wir
kungen zu ſchwächen.“
„ Von welchem Wunder , von welchem Geheimniſſe rede ich
10 I. E . Weſſely über bas Kreuzopfer.

hier ? Von jenem erhabenen Opfer , das Jeſus in Jeruſalem in


einem glänzend verzierten Saale einſepte. In einem ärmlichen
Stalle wird er geboren , am Schmachholze des Kreuzes will er
ſterben – aber für die Einſeịzung ſeines Opfers wird ein glänzen
der Hochzeitsſaal erwählt. Wie Jeſus als Gottesſohn ewig iſt,
ſo iſt auch ſein Prieſterthum und ſein Opfer ein ewiges. Durch
alle Jahrhunderte iſt und bleibt Jeſus unſer Prieſter, unſer Opfer
Als Prieſter läßt er ſich vertreten durch den geweihten Diener des
Altars, als blutiges Opfer wird er durch unblutige Gaben des
Brotes und des Weines erſetzt, deren irdiſche Weſenheit er in die
verklärte ſeines Leibes und Blutes durch ſein allmächtiges Wort
verwandelt. Damit meine Sinne das Opfer ſehen , an demſelben
Antheil nehmen können , wurden die Opfergaben des Brotes und
Weines gewählt. Welch eine wunderbare, aber auch beſeligende
Wahrheit haſt du, königlicher Prophet, bezeichnet, da du die Worte
in meinen Mund legſt: Du haſt, o Herr , einen Tiſch bereitet vor
meinem Angeſichte ! So ſteht vor mir derſelbe Prieſter , den
ich in frommer Betradytung am Kreuze anbete, und dasſelbe Opfer,
der Leib und das Blut, das am Kreuze geopfert wurde – ein
lebendiger Leib , ein lebendiges Blut!"
„ Und in dieſer ewigen Fortſeķung des hochheiligen Opfers
Jeſu Chriſti liegt unſer Heil, unſere Hoffnung, unſere Stärke ;
in dieſer unendlichen Wiederholung wird das Opfer des neuen
Bundes für uns zu einem Tiſche wider Jene, die uns quälen ." -
Man ſieht: dieſer Redner iſt ein correkter Ratholik. Auch
wir bekennen die reale Gegenwart des Leibes und Blutes Chriſti
im heil. Abendmahl, er aber bekennt ſich zur Wandlung ( Trans
ſubſtantiation ); auch wir bekennen, daß das Altarſacrament die Art
eines Opfermahles hat, inwiefern es uns Antheil an dem ein für alle
mal auf Golgatha vollbrachten Opfer gibt, er aber bekennt ſich zum
Meſopfer als Fortſetzung und Wiederholung des Selbſtopfers Chriſti.
Dennoch haben dieſe confeſſionellen Differenzen uns die Freude
an jenem hymniſchen Lobpreis Jeſu des guten Hirten aus juden
chriſtlichem Munde nicht verfümmert. Denn die Hauptſache iſt und
Renan und der Talmud. 11

bleibt , daß der Jsraelit das Wort des Herrn : „ Ich bin der
gute Hirte“ mit freudigem Ja und Amen beantworte und zu den
Füßen des Erzhirten den Kranz ungeheuchelter Anbetung nieder
lege. In dieſem Kranze mögen rechte Blumen mit unrechten ge
miſcht ſein – genug, daß dieſe von jenen überduftet werden , ſo
freuen wir uns deſſen und wollen uns freuen , zumal in einer Zeit,
in welcher die chriſtgläubige Chriſtenheit gegenüber den aus ihrer
Mitte erſtandenen Antichriſten ſich des ihr gemeinſamen apoſtoli
ſchen altkatholiſchen Fundamentes immer bewußter werden wird *).
J. D .

Kenan und der Talmud.


Eine der beſten Schriften gegen Renan iſt die in Berlin bei.
Schlawit 1864 erſchienene von Hermann Gerlach , dem Bruder
Ernſt Gerlache , des Verfaſſers einer trefflichen Schrift über
die Weiſſagungen des Alten Teſtaments bei Flavius Joſephus
( 1863) – ein entſchiedenes , ernſtes , überwältigendes Zeugniß
gegen jenes Leben Jeſu , welches einem mit Blumen umkränzten
Giftkelche gleicht und ein Vorläufer des Leidenskelches iſt , den die
Kirche Chriſti noch zu leeren haben wird. Wie dieſes Buch
ganz und gar darauf angelegt iſt, durch unwiſſenſchaftliche Effekt
haſcherei zu blenden und durch profanirende Frechheit, durch ſcham

* ) Das Dbige war bereits geſchrieben und geſeßt, als mir der treffliche
Profeſſor Weſſely in Prag brieflich mittheilte , daß , wie er höre , der
Verf. deß Pastor Bonus ein geborner Prager ſei und von katholiſchen Eltern
ftamme: der NameWessely (was im Czechiſchen „ wohlgemuth “ bedeutet) iſt
ein in Böhmen und Mähren häufiger und Chriſten und Juden gemeinſchaftli
cher. Unſere aus innern Gründen gezogene Folgerung iſt dadurch ſchwan
kend , obwohl noch nicht hinfällig geworden ; vielleicht wenn dieſe Blätter
dem Verf. des Pastor Bonus ſelbſt in die Hände fallen , gefällt es ihm , uns
unmittelbare Auskunft zu ertheilen .
12 Ø . Gerlach über Renan ’s Talmudcitate.

loſen Kitel der böſen Luſt zu feſſeln , iſt in dieſer Gegenſchrift


unwiderleglich bewieſen . Wir empfehlen ſie unſern Leſern , indem
wir eine auf Renans Talmudcitate bezügliche Stelle daraus mit
theilen .
Paläſtina, das er mit eigenen Augen geſehen , nennt Kenan
ſein fünftes Evangelium (j'eus devant les yeux un cinquième
évangile, laceré mais lisible encore) ; „der Talmud — ſagt Ger
lach — iſt ſein ſecyſtes Evangelium ; bei der geringfügigſten An
gabe häuft er Citate aus dem Talmud, deren Autorität in den
einzelnen Fragen verſchieden iſt, die aber das große Leſerpublikum
-- das dem Verfaſſer auf dieſem Gebiete gar nicht folgen kann -
unter dem Schein der Gründlichkeit blenden und gefangen nehmen
ſollen. Renan gebehrdet ſich gerade ſo , als ſei er der erſte , der
auf dieſem Gebiete etwas leiſte. Daß Männer , wie die beiden
Burtorfe , lightfoot, Meuſchen , Schöttgen , die ange
ſtrengte Arbeit eines ganzen Lebens daran gewendet , den Talmud
und die geſammte jüdiſche Literatur zur Erklärung des neuen Te
ſtamentes heranzuziehen : das berückſichtigt der eitle Franzoſe gar
nicht! Daher auch die vielen Mißgriffe auf dieſem Gebiete , mit
dem er vor ſeinen Leſern ſo prahlt. Mit Hülfe eines gelehrten
Juden ſich einzelne Stellen aus dem Talmud ausſchreiben und dieſe
zum Theil noch falſch anwenden – wenn Kenan meint, damit die
Reſultate der hiſtoriſchen und eregetiſchen Theologie umzuſtoßen ,
ſo iſt das ein Unternehmen , dem wir ruhig zuſehen können . Es
iſt die rabbiniſche Gelehrſamkeit freilich ein Gebiet, auf dem jeßt
wenig gearbeitet wird, denn die Theologie hat eben dringendere
und wichtigere Aufgaben – aber es iſt gut, daß wir durch Renans
Negation einmal auf die reichen Schäße hingewieſen werden , die
wir gerade auf dieſem Gebiete beſiken und die wir nur ein wenig
auszubeuten brauchen , um ſolche Luftſtreiche aus dem Lande der
Phraſe unſchädlich zu machen .“
Wir unterſchreiben hier jedes Wort bis auf das Eine, daß
die Theologie jetzt dringendere und wichtigere Aufgaben habe, als
ſich mit der rabbiniſchen Literatur zu beſchäftigen . Es gibt eine
Jüdiſche Urtheile über Renan’8 Leben Jeſu. 13
Beſchäftigung mit dieſer, welche mit dem heiligen Beruf der Kirche
im nächſten Zuſammenhange ſteht. Aber darin ſtimmen wir bei,
daß der Talmud eine noch unausgebeutete Fundgrube von Beweis
mitteln für die Geſchichtlichkeit der Evangelien und beſonders auch,
wie wir bereits mannigfach in unſeren „ Talmudiſchen Studien “
innerhalb der Lutheriſchen Zeitſchrift gezeigt haben , für die Geſchicht
lichkeit des Johannes - Evangelium iſt. J. D .

Jüdiſche Urtheile über Renau's Leben Jeſu.


. Von . D.
Man mag die Perſönlichkeit Jeſu noch ſo ſehr entſtellen und
man mag das Chriſtenthum , wie es in dem Ganzen der neuteſta
mentlichen Schrift vorliegt, noch ſo ſehr entwerthen – ſelbſt in
dieſen Zerrbildern bleibt noch ſo viel wahrhaft Humanes und Gött
liches unverwiſchbar übrig , daß die Entſtellung ſich von ſelbſt
wieder zurechtſtellt und das urſprüngliche Gemälde durch die ab
bröckelnden Farben der Uebermalung wieder hindurchbricht. .
So iſt es auch mit Nenans Leben Jeſu .' Das Chriſtenthum ,
wie er es darſtellt, iſt nur eine Parodie des wahren . Aber auch
dieſes Chriſtenthum gilt ihm noch als die abſolute , die unver
. gängliche und weltüberwindende Religion , durch welche das Juden
thum auf immer gerichtet iſt, denn „ Jeſus iſt nicht der Fortſeßer
des Judenthums, ſondern ſtellt den Bruch mit dem jüdiſchen Geiſte
dar, und die Vervollkommnung des Chriſtenthums wird in der
Rückkehr zu Jeſus, nicht aber zum Judenthume beſtehen .“ .
Und Renans Jeſus , dieſes widerſpruchsvolle Doppelweſen ,
welches wie der Mond zur Hälfte licht und zur Hälfte finſter iſt,
dieſes Gemiſch eines Weiſen und Idioten , eines Dulders und
Brauſekopfs , eines Wahrheitslehrers und Charlatans , dieſe Ver
knäuelung des Unerträglichſten , dieſes Durcheinander von Diſſonan
zen , dieſes Chaos von Räthſeln – ſelbſt dieſer Jeſus, dem Renan
Vier jüdiſche Urtheile über Renan .

den Scharlachmantel eines Revolutionärs umgehängt und den er,


um den Beifall der Maſſen buhlend, zu einem noch nicht dageweſe
nen Ecce homo gemacht hat, ſelbſt er iſt noch nicht ſo entſtellt,
daß nicht jeden , der ihm forſchend in's Auge fieht, tenter Strahl
träfe , welcher Petrum bitterlich weinen machte, und der Zuruf :
„ Saul, warum verfolgſt du mich" , kraft deffen die Saitent des
innerſten Gemüths entweder heimwehartig beben oder ſchrillend
zerreißen .
Darum wird das Kenan'ſche Buch eine zwiefache Wirkung
haben : es wird die Irreligiöſen verſtocken , indem ſich dieſe an die
mit ſpißen ſchonungsloſen Worten erlogenen Schattenſeiten Jeſu
Halten und ihren Unglauben beſiegelt ſehen werden , die Religiöſen
dagegen werden an den Lichtſeiten des Unvergleichlichen haften , in
dem , wie Renan ſagt, alles Gute und Erhabene menſchlicher Natur
fics verdichtet hat, und dieſes Licht wird ihnen die Schatten ver
ſcheuchen . Wir hegen dieſe Hoffnung audy bon Beſſergeſinnten
unter den Juden . Eine Gegenſchrift gegen Renan von dem öſter
reichiſchen Katholiken Pia (Wien 1864) enthält einen Beleg dafür.
„ Wahrlich - ſchrieb ein Jsraelit nach Leſung des Renan'ſchen
Buches an einen gelehrten Freund des Paters Felir - wenn Jeſus
nichts als ein Menſch war und doch gethan hat was Kenan von ihm
ſagt , dann finde ich ihn noch weit wunderbarer als wäre er Gott
geweſen .“ Und ein jüdiſcher Arzt hat, wie Herm . Gerlachy in ſeiner
Gegenſdrift (Berlin 1864 ) berichtet , die parodore Aeußerung ge
than , Renans Leben Jeſu ſei , „wie kein anderes Buch geeignet,
unter den Juden Proſelyten für das Chriſtenthum zu gewinnen ."
Auch zwei jüdiſche Zeitungen haben ſich ausgeſprochen . In
der Allgemeinen Zeitung des Judenthums äußert ein Hamburger
Mitarbeiter , daß die Juden fick über die Frivolität , mit der ihr
„ großer Landsmann Jeſus“ von Renan ſo überaus verkleinert
werde, keineswegs freuen könnten ; das Buch ſei , als belehrendes
Werk betrachtet, ſehr ſchwach und mit den deutſchen Werken eines
Strauß u . A . nicht im mindeſten zu vergleichen . Wer auf dieſem
Boden Epoche machen wolle , müſſe mit ganz anderen Waffen
Paulus Caffel gegen Renan . 15

kämpfen als Renan : das Buch ſei unerquidlich durch ſeinte unauf
hörlichen innern Widerſprüche. Und in einer andern jüdiſchen Zeit:
ſchrift , „ Ben -Chananja“ betitelt, ſagt ein Recenſent: . „ Renan
profanirt ſchonungslos Alles , was gläubigen Chri
ſten heilig iſt. Als wollte er dieſelben entſchädigen , gibt er ſich
zugleich alle erdenkliche Mühe, das Judenthum nicht nur doctrinell,
fondern ſo zu ſagen auch geographiſch und hiſtoriſch herabzuſehen .
Seine Entgegenſezung des Südens gegen den Norden beruht
überall auf offenbaren Unrichtigkeiten und tendentiöſen Willkürlich
keiten ."
Dieſe jüdiſchen Urtheile ſind beachtenswerth . Das Stilet,
welches Kenan gegen das Chriſtenthum zückt, trifft zugleich das
Judenthum . Denn das Chriſtenthum ruht auf jüdiſchem Grunde.
Der, den wir als Gottes - und Menſchenſohn verehren , iſt auch
der edelſte Sohn des Judenthums , die Wahrheit Israels.

Paulus Caſſel gegen Kenan .


Weber Menang Leben Jeſu. Ein Bericht. Berlin , Fahtiſch 1864.
41/2 Bogen .
In den beiden erſten Theilen dieſer Schrift zeigt der Verf.
in meiſterhafter Weiſe, daß das Werk Renans nicht ſowohl eine
theologiſche Arbeit, als vielmehr ein ſociales Pamphlet iſt, welches ,
indem es Jefum gegenüber der phariſäiſchen Partei der officiel
len Ordnung zum Revolutionär ſtempelt, der Revolution alle
Schrecken nimnt und mit theatraliſcher Effekthaſcherei und ſirenen
artiger Kunſt der Phraſe die großen Maſſen , von denen unver
hohlen geſagt wird , daß ſie betrogen fein wollen , für die Re
volution gegen die Kirche zu gewinnen ſucht. „ Renan ſchreibt
ein theologiſches Buch , aber vom Volke will er verſtanden werden .
Er gibt keine wirklichen Studien , aber er malt ſie als Couliſſen
hintergrund hinter ſeine Machtſprüche, denn er will ja nicht forſchen ,
ſondern wirken . Es kommt ihm nicht auf trockene Wahrheit , ſon
dern auf Eindruck an ; während ein paar Theologen ſich gegen
16 Paulus Caſſel gegen Renan .

ihn waffnen , gewinnt er die Maſſen . Er ſagt ſelbſt , daß dazu


ſogar bei Guten weniger reine Wege erforderlich ſeien .“ „ Aber –
ſo beginnt der dritte Theil – das iſt das traurige Geſchick aller
Theaterherrlichkeit , daß die Lampen ausgehen und der Rauſch ver
fliegt. Und auch ſchon mitten in ihrem Glanz, wenn der Muthige
näher tritt, findet er Puppen , Feßen und Farben . Aller Nimbus
ſchwindet ſchon , wenn man die Phraſenkleider auszieht und die
gepußten und blißenden Beiwörter durch die Loupe anſieht."
„ Die Bücher , aus denen Renan geſchöpft hat, gehören meiſt der
deutſchen Gelehrſamkeit an ; namentlich deutſche Arbeit findet er
geeignet, ſich zu annectiren und in franzöſiſche Bijouterie zu ver
wandeln .“ Wie wahr das iſt, zeigt unter Anderem auch (was
dem Verf. dieſer Gegenſchrift entgangen iſt) ſeine ſtillſchweigende
Aneignung der Geiger'ſchen Forſchungen über Sadducäer (Baithu
ſäer ) und Phariſäer. Der eitle Citatenprunk hätte in vielen Fällen
vermieden werden können , wenn er auf ſeine nächſten Quellen :
Ritter , Robinſon und beſonders Lightfoot verwieſen hätte. Indeß
beruft er ſich auf dieſen und andere ältere Talmudkenner in der
Einleitung und hat es dort kein Hehl , daß er ſich , inſoweit er
Talmudiſhes in ſeinen Bereich gezogen , die Hülfe Neubauers be
dient hat. Dadurch werden manche Bemerkungen Caſſels hinfällig,
ſowie auch manche Gegenbehauptungen nicht ſtichhaltig ſind. So
muß z. B . dies , daß der Asmodãos des B . Tobia ein perſiſcher
Dämonenname ſei , zugegeben werden (1. Windiſchmann , Zoro
aſtriſche Studien S . 138 — 146 ). Daß Nazareth weder im Alten
Teſtament, noch bei Joſephus, noch im Talmud erwähnt wird"
(wörtlich ſo Raumer , Paläſtina S . 34), iſt in Betreff des A . T .
Renan gleichfalls zuzugeben , obwohl er hätte wiſſen können , daß
es im Talmud höchſt wahrſcheinlich unter dem Namen der „weißen
Stadt am Berge " vorkommt, denn auch im Arabiſchen führt es
den alten Namen medinat abjadh d. i. Weißſtadt , weil es kleine
weiße Häuſer hat und von kahlen weißen Kreidehügeln umgeben
iſt. Caſſel bewährt auch hier ſeine außerordentliche Beleſenheit,
indem ihm nicht entgangen iſt , daß der liturgiſche Dichter Ela
Mandelſtamme. Bibliſche Studien . 17

zar Kalir Nazareth unter dieſem ihrem Namen als Prieſterſtadt


erwähnt. Daß Renan Galiläa nicht allein als eine ungebildete,
ſondern auch wenig bevölkerte Landſchaft darſtelle, finde ich nicht
beſtätigt: er ſagt am Ende des 5 . Kapitels das Gegentheil ; auch
ſchreibt er mit Recht peraklit , denn das iſt die judaiſirte Form
des griechiſchen paraklitos, falſch aber Kenaïm (Zeloten ) für
Kannaïm . Doch iſt hier nicht der Ort , auf ſolche Einzelheiten
einzugehen . Daß Caſſel den Grundfehler des Renan 'ſchen Buches
durchſchaut hat, zeigt der Schluß ſeiner Gegenſchrift. „ Renan
ſagt: Der Glaube kann mit der aufrichtigen Geſchichte nicht be
ſtehen . Wir ſagen , er kann mit der lügenhaften Geſchichte ſich
nicht vereinigen . Denn Niemand iſt wahr, als der ſeine Sünden
bekennt. Aber das Wort Sünde kommt in Renans Leben Jeſu
kaum vor.“ Das iſt der Grundſchade des Buchs. Kenan behauptet,
er ſei früher ein Gläubiger geweſen - ermag hiſtoriſchen Glauben
beſeſſen haben , aber nicht lebendigen , denn lebendiger Glaube erwächſt
aus Erkenntniß der Sünde. Von dem Weſen der Sünde hat er
keine Ahnung. Er beſtreut ihren Abgrund mit Blumen vom be
rauſchendſten Dufte. Aber die mit ihm über dieſe Blumen hin
wandeln , werden einbrechen , und wenn Renans „ revolutionä
rer“ Jeſus ausgeſpukt hat, werden Tauſende , die eine Zeit lang
wankend wurden , ſich mit um ſo inbrünſtigerem Kyrieeleiſon an
die Füße des Sünderheilandes anſchmiegen . Denn ſo oft ſich in
der Welt die Kreuzigung Jeſu wiederholt, wiederholt ſich auch ſeine
Auferſtehung.

Odioſus - Mandelſtamm .
Bibliſche Studien . BD 1.: Geſchichte ; Bd. 2 : Kritit der Quellen . .
Berlin , Adolph 1863.
Der Verf. dieſes Werkes in zwei Bänden mit vielverſprechen
dem Titel und anſprechender Vorrede iſt ein jüdiſcher Privatmann,
der ſeine Muße zu gelehrten Studien und ſeine Mittel zur Ver
öffentlichung ihrer Ergebniſſe in umfänglichen Schriften benußt.
18 Proben aus Mandel Studien . '
ſtamms
Sein Name iſt Mandelſtamm und wir glauben uns nicht zu
irren , wenn wir ihn auch für den „ Odioſus" halten , der neulich
das B . Hiob mit Anmerkungen herauszugeben begonnen hat. Sein
Streben , von rein wiſſenſchaftlichem Standpunkt betrachtet , iſt löb
lich, ſein Styl gewandt, ſeine Beleſenheit umfänglich ; er zieht ſogar
Arabiſches , Perſiſches u . ſ. w . in ſeinen Bereich , obwohl nur mit
Hülfe der Lerica. Aber während ſich in den allgemeinen Räſonne
ments mancherlei Vernünftiges findet, überbieten die einzelnen Auf
ſtellungen alles Abenteuerliche , was bis jeßt auf dem Büchermarkte
ausgeboten worden iſt. Wir greifen , wie es der Zufall gibt, einige
Beiſpiele heraus : Adam bedeutet den Geiſtigen vom perſiſchen
dam Athem , Geiſt; Cherub iſt eine Perſoniftcation des Samums
und kommt vom arab. caraba ängſtigen ; elef (wovon der Buch
ſtabe Aleph ) bedeutet eigentlich einen Berg (Alpe) und dann den
Stier , der das auf der Wieſe iſt , was der Berg in der Ebene
ringsum . Solchen Unſinns , wie ihn nur Halbwiſſerei im Verein
mit Selbſtüberſchäßung ausbrüten kann , iſt dieſes zweibändige
Buch voll. Wo der Verf. ſich im Allgemeinen ergeht, ſpannt er
die Erwartung und wo er im Einzelnen neue Aufſchlüſſe geben
will, liefert er Stoff zu linguiſtiſchen und anderen Vergleichen
Anekdoten . Von ebendemſelben Verf. ſind auch Horae Thalmudicae
erſchienen . Sie ſind als Manuſcript gedruckt, aber doch auf Buch
händlerwege in unſre Hände gekommen . Er ereifert ſich da , daß
die Chriſten Jeſu als dem Sohne Gottes göttliches Weſen zueignen ,
und behauptet, daß Jeſus mit Recht wegen offenen Geſebesbruches
hingerichtet worden ſei. „ Hätte Chriſtus ſich nur damit begnügt,
laut ſeine Ueberzeugungen und Lehren zu predigen , ohne ſofort
auf ihrer thatſächlichen Ausübung zu beſtehen , dies geduldig Gott
und der Zeit anheimſtellend , er hätte nimmermehr u . ſ. w . hinge
richtet werden können .“ Das Talmudiſche dieſer Horae beſteht
darin , daß der Verf. in den Talmud Polemit gegen das Chriſten
thum hineininterpretirt, wo noch kein Menſch ſolche gefunden hat.
So ſagt z . B . Abba Saul, eine der talmudiſchen Autoritäten : „ Ich
war damit beſchäftigt, Todte zu begraben , plößlich gab die Erde
Die alten Balliſchen Miſſionare und die Fuden . 19

unter meinen Füßen nach und ich verſant bis an die Naſe in die
Augenhöhle eines Leichnams. Als ich mich wieder herausgearbeitet,
ſagte man mir , es wäre die Leiche Abſaloms geweſen ." Das heißt
nach unſeres Anonymus allegoriſcher Auslegung: Abba Saul war
einmal bei der Unterſuchung heidniſcher Philoſophen - Syſteme ſo
gefährlich verſtrickt worden , daß ihm faſt der Athem (der reine
Glaube) verging, und als er ſich endlich losgewunden hatte, erfuhr
.er, daß es Abſaloms Geiſt geweſen . Abſalom aber , ſet der
Anonymus hinzu , iſt kein Anderer als der Meſſias der Nazarener.
Etwa deshalb , weil Abfalom durchſtochen worden iſt und auf unſeren
Chriſtus das Wort Jehova 's bei Sacharja Anwendung findet: mich
den ſie durch ſtochen haben ? Denn allerdings beſteht zwiſchen
Abſalom und Jeſus mancherlei Aehnlichkeit : beide ſind Davididen ;
der eine iſt durchbohrt worden an der Terebinthe, der andere iſt
durchbohrt worden am Holze des Kreuzes , und was Abſaloms
Name bedeutet: Vater des Friedens , das iſt unſer Herr und Hei
land in Wirklichkeit : „ Ewig - Vater , Friedefürſt“ Jej. 9, 5. Soll
ten Herrn M . dieſe Zeilen vor Augen kommen , ſo bitten wir ihn ,
einmal Jeſ. 9, 5 (el - gibbôr) mit Jeſ. 10 , 21 zu vergleichen und
zu bedenken , ob die ebenſo göttliche als menſchliche Natur des
Meſſias erſt von uns Abſalomiten und nicht ſchon von Jeſaia be
hauptet wird. Del.

Die alten Halliſchen Miſſionare und die Juden.


Von W . Germann .
Wie die indiſchen Thomaschriſten , ſo ſind auch die ſchwarzen
Juden in Coch in an der Südweſtſpiße Vorderindiens und die Bene
Jisrael bei Bombay noch ungelöſte Räthſel. Jene an Zahl etwa
noch 1500 , äußerlich und innerlich verkommen , hält man jebt ge
wöhnlich für die übergetretenen Sklaven von ſchon im 2. Jahrh.
n . Chriſto eingewanderten jüdiſchen Flüchtlingen . Die Bene Jisrael
bei Bombay , etwa 4000 jeßt, haben vielleicht noch früher den
2 *
20 Die alten Saliſchen Miſſionare und die Juden .

Boden Indiens betreten. Sie mußten erſt von den Juden aus
Cochin und Arabien in den Bräuchen ihrer Religion unterrichtet
werden und wieſen ſelbſt den jüdiſchen Namen mit Verachtung von
ſich. Wir ſtellen hier zuſammen was die alten Berichte der Halli
ſchen Miſſionare für nähere Renntniß beider darbieten .
Miſſionar Sartorius in Madras hörte 1732 von einem viel
gereiſten griechiſchen Kaufmann : „Als Muhammeds Secte überhand
nahm , flüchteten viele Heiden , welche Feueranbeter , waren , nach .
Bombay); desgleichen viele Syriſche Chriſten und Juden nach der
Gegend von Cochin , alwo die Letztern unter der Regierung der
Portugieſen ſich Landwärts aufhalten mußten , und nun noch in
ziemlicher Anzahl ſich da herum befinden .“ (III. 1031). Im
Jahre 1738 hatte er ſich mit den in Madras der Handlung wegen
anfäßigen , theils in Deutſchland, theils in England gebornen Juden
in Verbindung geſeßt, welche durch Juden aus Cochin ſelbſt unter
richtet waren , und ſchon Genaueres erkundet : „ Unter den Juden ,
die zu Hunderten in und bei der Stadt Cochin auf der Malabari
ſchen Küſte wohnen , wohnen nur wenige Europäiſche oder Aſiatiſche
Fuden , die ſich mit den inländiſchen nicht verheirathen , ſondern ſie
als Schwarze gering achten und ihre Weiber aus Arabia herholen .
Die inländiſchen Juden zu Cochin aber ſind vermuthlich zur Zeit
der großen Verfolgung, die Muhammed erreget, aus den Gegenden
Babylons, Chaldää , Arabiens u . 1. f. in dieſe Gegend geflohen ,
und da ſie etwa Indianiſche Weiber geheirathet , ſo mag es nach
und nach geſchehen ſein , daß ihre Farbe von der Indianer ſchwarz
braunen Farbe wenig unterſchieden iſt. Sonſten wiſſen ſie vom
Talmud, und ihre Gebräuche und Ceremonien kommen mit denen ,
fo unter den andern Juden in Klein - Aſia , Egypten und Europa
gewöhnlich ſind , überein .“ Auch über die Bene Jisrael iſt er ſchon
unterrichtet: „Man hat lange nach den Nachkommen der von
Salmanaſſar entführten zehn Stämme Jsraels gefragt und geſucht.
Wie nun die gen Weſten und Norden an Indien ſtoßenden Länder
vermuthlich diejenigen ſind , in welche ſie zerſtreuet worden : alſo
ſcheinet nunmehro , daß man endlich auch noch etliche derſelben in
Die indiſchen Juden bei Bombay und in Codin .

Indien finde. In den Gegenden von Surate und Kâſapûr (nord


lich von Bombay ) wohnen Israeliten , die ſich nicht Juden ,welchen
Namen ſte gar nicht verſtehen , ſondern Benê Jisrael nennen .
Die Bücher Altes Teſtaments ſollen ſie nicht haben noch Hebräiſch
verſtehen , ſondern Indoſtaniſch , die Sprache des Landes, worin
ſie wohnen . Was ſie von der Religion wiſſen und können , weiß
man noch nicht, außer daß ſie die Worte Moſis : Höre (Schema),
Jsrael , der Herr unſer Gott u. 1. w . auf Hebräiſch herſagen und
als eine Gebets - oder Lehr - Formel ihrer Secte oder Religion
gebrauchen , nach Art der Muhammedaner und vieler heidniſchen
Secten in Indien , die jede ihre beſondere Formul als ein Sym
bolum ihrer Secte haben . Der Handthierung nach ſind ſie theils
Weber , theils führen ſie Boote und ſchaffen für die Schiffe allerlei
Nothwendigkeiten an . Andere dienen als Reuter und Soldaten
oder treiben Handwerke. Die Beſchneidung haben und halten ſie
als ein Stück ihrer Religion. Ihre Kleidung iſt ein Turbant,
ein langes Kleid bis auf die Füße und ein paar lange Hoſen , in
allen ſo, wie die Muhammedaner tragen . Sie vermiſchen ſich nicht
durch Heirathen mit den übrigen Indianern , ſondern halten ſich
in ihrem eigenen Geſchlecht zuſammen .“ (IV . XLVI. Cont. Vorr.
S. 10). Die Miſſionare in Trankebar blieben im eifrigen Forſchen
nicht zurück. Die Verbindung mit den Holländern in Negapatnam
wenige Meilen ſüdlich von Trankebar, welche auch Herren der
Weſtküſte geworden waren , ſetzte ſie auch mit Cochin in Berührung.
Es gelang ihnen an einem Deutſchen in Coulan 24 Meilen ſüd
wärts von Cochin einen ſtändigen Correſpondenten zu gewinnen ,
mit dem nun ein eifriger Verkehr gepflogen wurde. Im December
1741 ſdrieb er ihnen : „ Die Juden wohnen eine halbe Meile von
Cochim ab, an einem Orte, der Cochim de ſima (Ober-Cotſchien )
genannt wird . Dhngefähr 25 von ihnen ſind Blanke. Der Vor
nehmſte von ſolchen heißt Ezechiel, deſſen Vater von Aleppo dahin
gekommen iſt; auch iſt einer da aus Frankfurt, der die meiſten
Europäiſchen Sprachen verſteht und als ein Europäer gekleidet
geht. Sie haben eine ſteinerneSynagoge und eine auf Pergament
22 Die alten Halliſchen Miſſionare und die Juden .

geſchriebene Rolle des Geſekes , kriegen oft Hebräiſche Bücher aus


Amſterdam . Von ſchwarzen Juden ſind zu Ober-Cochim über 150,
Landwärts aber noch viel mehrere. Sie haben bei Cochim zwei
und weiter Landwärts noch 4 oder 5 Synagogen , und gehen ſchlech
ter gekleidet als die blanken . Dieſe ſchwarze ſollen herſtammen
von den Sclaven der alten blanken Juden , die zu Salomons Zeit
ſich da geſeßt haben .“ Wir ſchenken dem Correſpondenten ſeine
Salomoniſche Hypotheſe und freuen uns vielmehr, daß er ſeinem
Briefe eine in Portugieſiſcher Sprache aufgeſepte Relation Ezechiels
beilegen konnte , welche beſagt: Zweihundert Jahr nach der Zer
ſtörung des andern Tempels kamen bei 10000 Juden zu Fuß in
dieſe Länder. Ein Theil von ſolchen ließen ſich nieder im Lande
der Marattier (alſo die Bene Jisrael bei Bombay), wo ſie
ſich annoch befinden , aber ſehr wenig vom Geſetz wiſſen . Neulich
ſind einige vom Cochim dahin gereiſet, ſie zu unterrrichten . Die
jenigen , die ſich von ihnen in der Gegend Cranganor nie
derließen , lebten bei 1000 Jahre in guter Ruhe, und brachten
ihre ſchwarzen Sclaven zu ihrer Religion. Aber dieſe empör
ten ſich nachmals wider ihre blanken Herren und ſchlugen viele
von ihnen todt. Die übrig gebliebenen Blanken kamen im J.5272
( 1512), nunmehr vor 227 Jahren , nach Cochim und hatten daſelbſt
bei 200 Häuſer. Da aber die Portugieſen kamen und ihnen viele
Drangſale anthaten , zerſtreuten ſich die meiſten , und einige wenige
blieben unter dem Schuß des Königs des Landes . Zu ſelbiger
Zeit kamen 4 vornehme und reiche Juden aus Spanien , und ließen
ſich bei den vorigen nieder ; ſie konnten doch aber nicht aufkommen ,
ſo lange die Portugieſen die Oberherrſchaft hatten . Als aber die
Holländer Cochim eingenommen , gaben ſie den Juden Freiheit ba
zu wohnen, wie vorhin , und ſeitdem ſind ſie etwas in 's Aufnehmen
gekommen , beſtehen aber nur aus 20 Familien , was die Blanken
betrifft. Die ſchwarzen haben zu Cochim 3 , und im Lande 6 Sy
nagogen und ſind bei 2000 Perſonen . Wenn den blanken Juden
Männer oder Weiber fehlen , ſo ſuchen ſie ſelbige in Baſſora oder
Jemen und vermiſchen ſich nicht mit den ſchwarzen , haben auch
Rabbi Ezechiel in Cochin . 23

ihre Synagogen beſonders ( V . 1047 ff.) So weit Rabbi Ezechiel.


Ich kann mich nicht enthalten, die wenigen noch vorhandenen Notizen
über dieſen merkwürdigen Mann hier zuſammenzuſtellen . Auf einen
Brief der Miſſionare vom Febr. 1742, in welchem ſie aus dem
Traktat, „ licht am Abend“ genannt, einige altſynagogale Zeug
niſſe dafür, daß der Meſſias für die Sünden der Menſchen Leiden
würde , angeführt hatten , macht er Ende Auguſt ſeine Einwendun
gen , wünſcht aber doch ein Exemplar davon und verlangt die Cor
reſpondenz fortzuſezen . Er iſt ein Liebhaber von Büchern , beſigt
die Bibel in 7 Sprachen (vermuthlich die Walton 'ſche Polyglotte),
kann auch Talmuliſch und Warugiſch ( Telugu ) ſprechen , aber nicht
leſen oder ſchreiben und ſoll die in Trankebar gedruckte Tamuliſche
Bibel in ſeinem Hauſe haben . Im September wird ihm das „ licht
am Abend“ und der Brief an die Hebräer in hebräiſcher Ueberſeßung
zugeſandt. Er fragte an , ob er nicht in Hebräiſcher Sprache
ſchreiben dürfe, weil ſein Portugieſiſcher Schreiber ſeine Meinung
nicht recht faſſen könne oder auch dieſelbe niederzuſchreiben ſich
Scrupel mache. Ungeachtet ſeiner Einwendungen bezeugte er im
Mai 1743, daß „ die Epiſtel an die Hebräer in Hebräiſcher Sprache
ihm ſonderlich lieb wäre, weshalb man im September ihm noch
die erſte Hälfte des Hebräiſchen Evangeliums Lucä nachfandte. Nur
noch einmal finden wir ihn dann erwähnt. Im Oct. 1754 kam
Iſaac Suriano von Cochin , ein aus Spanien ſtammender Jude,
nach Trankebar, dem man einen Brief an „ Rabbi Ezechiel, welcher
auf Cochin wohnet," mitgab.
Auch der Miſſionar Kiernander, welcher 1765 nach Calcutta
überſiedelte, vergaß dort über den Heiben die Juden nicht. Sogar
die Juden in China zogen die Miſſionare in ihren Geſchichtskreis ,
aufmerkſam gemacht durch die Berichte der Jeſuiten . Und mit
welcher Freude ſie die Hand Gottes in den Führungen Einzelner
von Jsrael erkannten , zeige folgendes Beiſpiel.
Im J. 1737 ſchreibt Walther, mit Preſjier zuſammen nach
Ziegenbalgs und Gründlers Tode Leiter der von dieſen begründeten
Miſſion : „ Holland hat zwar vor Deutſchland das voraus , daß die
24 Die alten Halliſchen Miſſionare und die Juden .

bortigen Juden gemeiniglich nicht ſo arm ſind als die hieſigen ,


folglich man ihnen nach ihrer Bekehrung auch eher einen Dienſt
anvertrauen kann. Indeſſen könnte doch auch wohl in Deutſchland
darin mehr geſchehen , als bisher geſchehen iſt. Die Liebe wird
nicht müde, unerachtet ſie auch bisweilen hintergangen wird . Hin
gegen iſt die liebloſe Verachtung getaufter Juden ein rechter Schand
fleck des chriſtlichen Namens“ (IV . 1306 ). Daran knüpft er dann
die Bekehrungsgeſchichte zweier Holländiſcher Juden Iſaac Dias
da Fonſeca, eines Rathsherrn in Negapatnam , der ihn bei einer
Reiſe dorthin aufgeſucht hatte , und ſeines älteren Bruders Aaron
Dias da Fonſeca , ordentlichen Lehrers an der portugieſiſchen
Gemeinde zu Batavia ,welche am 25. Auguſt 1712 von dem Predi
ger an der Weſterkerk zu Amſterdam , Hero Sibersma, der eine
ausnehmende Liebe zum jüdiſchen Volke hatte, getauft worden
waren. Iſaac Fonſeca hatte Walther 2 Actenſtücke über den Vor
gang übergeben , welche auszugsweiſe mitgetheilt werden : eine Pre
digt Sibersma’s bei ihrer Taufe über Joh . 2 , 37 – 42 : Het oude
Geloof en regte Belydenisse , om Israel jaloers te maken
u .ſ.w . (1714) und ein dieſer beigefügtes Bekenntniß 7770 7199
dat is , De opgaande Morgenstond van Israels Bekeeringe
u . f. w . (IV . 1153). Wir beide - erzählt Aaron Dias da
Fonſeca - ſind Brüder, geboren von Portugieſiſchen Eltern, der
Phariſäiſchen Secte zugethan , darin wir auferzogen und zu den
Füßen der vornehmſten Rabbinen unterwieſen worden ſind. Nach
dem wir durch die Gnade Gottes zu fleißiger Unterſuchung des
Gefeßes Moſis und der Propheten gekommen ſind, haben wir be
funden , baß unſere Rabbinen die Feſt- Tage verändert haben und
daß alſo ihr mündliches Geſetz nicht von Gott ſein könne. Wir
trachteten , auch einige unſerer guten Freunde zu dem Licht der
heil. Schrift zu bringen . Anfangs wurden ſie gegen uns ſehr
verbittert und ſagten , daß wir ſchon lebendig in der Hölle brenne
ten , weil wir ihnen zeigen wollten , daß die Rabbinen mit der
heil. Schrift nicht überein kämen , und daß die heil. Schrift mehr
fei als der Talmud , welches ihnen ſehr fremd vorfam . Denn
Die Gebrüder Fonſeca . -

der Talmud im Traktat Berachoth ſtellt die Worte der Schrift


gelehrten (Sofrim ) hoch über die Worte des Geſebes (Thora ).
Hernach wird erzählt, daß ſie alle Abend nebſt noch ihrer zehn
zuſammen gekommen und ſich einige Fragen an ihre Rabbinen zu
thun aufgeſchrieben , die ihnen aber ſelbige nicht beantworten können .
Dadurch iſt eine Regung unter mehr als dreihundert von
der Nation entſtanden , deren einige , wie Nicodemus , ſich des
Nachts mit ihnen beſonders beſprachen , welches bis an die drei Jahr
geheim geblieben . Schließlich aber wurde die Sache dem oberſten
Rabbi bekannt, dem ein Brief mit der Unterſchrift Lusitano zu
geſtellet wurde. In Folge deſſen wurden ſie in des Rabbi Salomo
Eljons Haus entboten , welcher ihnen folgendes vorhielt : 1) daß
fie die Tephillim oder Gebets - Riemen auf die Hand bänden und
zwiſchen die Augen legten , während ſie ſonſt auf die Arme gebun
den und auf das Vorderhaupt gelegt werden ; 2) daß ſie nur
7 Tage ungeſäuert Brod äßen und den erſten und legten Tag das
Feſt hielten ; 3 ) daß ſie kein mündlich Geſet glaubten und 4 ) daß
ſie ſich in allem Ceremoniellen an den Buchſtaben der Thora und
nicht an die Tradition hielten . Um ſolcher Urſachen willen verur
theilte er ſie als widerſpenſtige und gottloſe Reßer. Sie beſchwer
ten ſich deswegen bei den Alter- Männern oder Vorſtehern , aber
auch die gaben ihnen die Weiſung, ſich bis auf nähere Ordre der
„ Kirche" (d. i. des Beſuchs der Synagoge ) zu enthalten . Des
andern Tages ( 26 . Febr. 1712) übergaben ihnen ihre Schweſtern
einen Brief, worin ihr Vater ihnen befiehlt , ſogleich aus ſeinem
Hauſe zu ziehen . Sie zogen zu einem Bürger in eine Kammer.
Am 28. Febr. wurden ſie in den Bann gethan und ein jeder „ vier
mal verfluchet und verdammet ausgerufen ," ſo daß außer ihrem
Vater und Schweſtern Niemand mit ihnen ſprechen ſolle. Einige
Juden bezeichneten ſie den Chriſten als Atheiſten , Libertiner u .dgl.,
andere ſagten , daß ſie eine neue Secte aufbringen wollten . An
den berühmten Lehrer der Reformirten Gemeinde, Herrn Hero
Sibersma, gewieſen , baten ſie dieſen , daß er ſie eraminiren möchte,
ob das eine neue Secte ſei, ſich allein an Moſe und die Propheten
26 Die alten Halliſchen Miſſionare und die Juden .

zu halten . Er hat geantwortet, daß ſolches die alte Wahrheit ſei,


und hat ſie für aufrichtige Juden erklärt, ſie auch freundlich
erſuchet, öfters in ſein Haus zu kommen und ihnen ſeine Para
dysse Gods Geleerdheit verehret, welches Büchlein ihnen viel
Licht gegeben ; und indem ſie Judenthum und Chriſtenthum an der
heil. Schrift gegen einander prüften , überzeugten ſie ſich, Jeſus
von Nazareth ſei der wahre Meſſias. Nachdem ſie ihn erſt im
Verborgenen erkannt hatten , hielten ſie es weiterhin für ihre Schul
digkeit, ihn auch öffentlich zu bekennen . Alſo find ſie den
17 . Auguſt vor dem Ehrw . Kirchen - Nath erſchienen , und den
23. Auguſt haben ſie in Gegenwart des Herrn Jan Marcus als
Alter-Manns und der beiden Herren Balde, des Agenten und des
Conſuls der Königin von Dänemark , als Taufzeugen dem Herrn
Sibersma Rede und Antwort gegeben , warum fie JEfum von
Nazareth für ihren Meſſiam und Erlöſer und Seligmacher erkenne
ten . Darauf ſind ſie in die Gemeinde JEfu Chriſti aufgenommen
und am 25 . Auguſt derſelben durch die Heil. Taufe einverleibt
worden . In ihrem „ Bekenntniß “ wird die Lehre von dem Sab
bath , der Beſchneidung, dem Oſterfeſt und der Trinität abgehandelt.
Sie ſuchen hier durch den ausführlichen Beweis , daß das münd
liche Geſetz mit Moſe und den Propheten nicht übereinkomme,
ihre jüdiſchen Brüder dahin zu bringen , aufrichtige Karaïm (Schrift
gläubige) zu werden , die ſich an Gottes Wort allein halten , ohne
(mit den Rabbaniten) auf Menſchengebot zu achten . Dieſes Bea
kenntniß blieb nicht ohne Wirkung , es überzeugte Manche, deren
Einer ſogar ſpäter Prediger in Holland geworden iſt.
Ueber ſein Geſpräch mit Fonſeca erzählt Walther unter An
derem : In allen Geſprächen , die wir portugieſiſch mit ihm pflogen ,
bewies er ſich als einen guten Schriftgelehrten zum Himmelreich,
der aus dem guten Grunde ſeines Herzens Altes und Neues her
vorbringen konnte , wie er denn im Alten und Neuen Teſtament
ſehr wohl beleſen war , auch Buße, Wiedergeburt und Erneuerung
wahrhaftig erfahren zu haben ſchien . Als man ſagte, daß ſolches
eine ſelige Erkenntniß Gottes ſei , den Vater und ſeinen Sohn,
Ein Jude aus Jeruſalem in Trankebar. 27

den er in die Welt geſandt hat , JEſum Chriſtum , erkennen , be


kräftigte er es und bezeugte auch von ſeiner neulichſt verſtorbenen
Frau , wie ſie mit großer Gewißheit ihrer Seligkeit verſchieden ,
auch den Spruch Pauli 2 . Tim . 1 , 12 zu ihrem Wahlſpruch ge
habt: Ich weiß , an welchen ich glaube ( IV . 1153. 54).
Dieſer Bericht iſt zum größten Theil einem Briefe Walthers
an den Prof. Callenberg in Halle , der dort 1728 das jüdiſche
Inſtitut gegründet hatte , entnommen . In der Nähe dieſer geſeg
neten Anſtalt wuchſen unſere Heidenmiſſionare auf, es kann uns
daher auch nicht Wunder nehmen , daß ſie ſchon auf ihren Reiſen
in Europa mit Juden chriſtliche Glaubensſachen zu beſprechen
ſtrebten , wenn ſie etwa nach Copenhagen zur Ordination oder
über Holland nach England reiſten . Auf einer Schiffahrt nach
Rotterdam wieſen z. B . Fabricius und Zeglin mitreiſende Juden und
Jüdinnen ſehr ernſt und eingehend belehrend zurecht, weil ſie be
ſtändig lärmten , Kartenſpiel und leichtfertiges Geſchwätz trieben
(IV . 1419 ff.) „ Nachhero - heißt es am Schluſſe dieſer Erzäh
lung - führten ſie ſich alleſammt ganz ſtille und beſcheiden auf,
und ein vorher beſonders widerſpenſtiger Jude wurde nun ſehr
ehrerbietig und höflich , gab uns zum Abſchied die Hand und bat
um Verzeihung deſſen , womit er uns etwa beleidiget, verſprach
auch die geredeten Worte in Erwägung nehmen zu wollen ." Ueber
bie allererſten Miſſionare freilich und ihre Stellung fehlen uns die
Nachrichten , aber ſeit 1709 lag auf ihrem Altar die Hebräiſche
Bibel, die ihnen A. H . Frank mit einer herrlichen Zuſchrift über
ſchickt hatte (I. 257). Und ſpäter wird uns oft berichtet, daß fie
mit Juden diſputirt und an ſie Traktate vertheilt haben . Im Mai
1734 beſuchte ſie in Trankebar ein Jude aus Jeruſalem . Als er
hörte , daß ihre Kirche Jeruſalem -Kirche hieße , rief er erfreut: Ei
ſo habt ihr auch in Indien ein Jeruſalem ! Hineinzugehen aber
weigerte er ſich, obgleich er doch vorher die Anſtalten angeſehen
hatte. Als man aber nachgehends die Urſache merkte und ihn ver
ſicherte , daß keine Bilder darin wären , denen er , wie er ſich ein :
gebildet , eine Ehrerbietung beweiſen müßte , ging er hinein , befah
die Hebräiſche Bibel und las geläufig darinnen , und ließ ſich in
28 Die alten Şaliſchen Miſſionare und die Juden .

ein weitläufiges Religionsgeſpräch ein , das er mit der Leußerung


beſchloß : Wenn die Zeit gekommen ſein wird , daß schem echad
(Ein Name d. i. Eine Religion Sach. 14 , 9) und roëh echad
(Ein Hirte Ez. 34 , 23) in der Welt ſein wird , ſo will ich auch .
changiren.“ Einige Theile der hebräiſchen Bibel nahm er mit
Vergnügen an , und bat, daß man ihm etwas zum Andenken hinein =
ſchreiben möchte. Sie ſchrieben Jeſ. 53, 9 : „ Wir gingen alle
in der Jrre" hinein und darunter : Trankenbar in Ophir im
Jahr der Gnade des Herrn 1734 (IV . 339 ff.)
Beſonders eifrig und weiſe benahm ſich der reichbegabte Mif
ſionar Fabricius, der lezte Bearbeiter der trefflichen tamuliſchen Bibel
und ſinnige Ueberſeper vieler Kirchenlieder, in einem von 1746
an lange unterhaltenen Verkehr mit deutſchen Juden in Madras.
Kaum hatte er 1750 nach mehrjähriger Abweſenheit in Folge des
engliſch - franzöſiſchen Krieges die Stadt wieder betreten , ſo begann
auch ſein geiſtlicher Verkehr mit den Juden von neuem , ohne zu
ermüden , obwohl die Saat meiſt auf ſteinigen Boden fiel. Doch
auch im Tamulenlande ging hin und wieder ein Körnlein auf und
brachte viele Frucht. So durfte der berühmte Miſſionar Schwarz,
der Königsprieſter, deſſen ehrfurchterweckendes Angeſicht uns jüngſt
das Leipziger Miſſionsblatt abgebildet hat, im Jahre 1764 einen
Juden taufen . „ In Tritſchinopolly angekommen – erzählt er —
ſeßte ich meine ordentliche Arbeit fort und bekam zugleich auch eine
außerordentliche. Denn da ich im Lager vor Madurei war , wurde
ich mit einem Menſchen unter der Miliz bekannt, der mir entdeckte,
daß er ein Jude ſei. Er erzählte mir , daß er aus Walbe im
Zweibrückiſchen gebürtig und eines Fleiſchhauers Sohn ſei. In
ſeinem neunten Jahre habe ihn ein Franzöſiſcher Officier , dem
er Fleiſch zum Verkaufe zu bringen hatte , entführt. Dieſem habe
er gedient und mit ihm die Campagne im Hannoveriſchen gehalten .
Da ſei er von des General Luckners Huſaren gefangen genommen ,
und ſo nach England geſchickt worden . Hier habe er erſt wieder
die berühmten Synagogen der Juden beſucht, ſei aber endlich in
Engliſche Dienſte getreten und ſodann hier nach Indien gekommen .
My Wollen Sie ſich die Mühe geben , mich zu unterrichten , ſo will
Liebe zu Israel im Samulenlande . 29

ich gern ein Chriſt werden ." " So lange ich im Lager war, kam er
zum öftern zum Unterricht. Als nun im November das Lager wie
der zurück nach Tritſchinopoly kam , ſo konnte ich den Unterricht
ordentlicher fortſeßen . Er hatte eine Begierde zu lernen und bewies
ſich während der Zeit des Unterrichts ſo , daß ich mich entſchloß ,
am zweiten Sonntage des Advents ihm die heil. Taufe zu ertheilen .
Der HErr mache ihn zu einem rechten Israeliten , in dem kein
Falſch iſt , und zähle ihn alſo zu dem Jsrael Gottes, über
welchem ſein Friede ruhet" ( IX . 591).
Daß auch in Zeiten , wo es mit der Miſſion ſchon bergab
ging , doch dieſer Sinn noch nicht erloſchen war, beweiſt eine kurze
Notiz des Miſſ. Gericke in Madras 1796 : ,, Den 12. Juli war ich
am Mount ( Thomas ?). Es verſammelten ſich viele Deutſche von
den beiden Batallions Artillerie, mit denen ich ſang und þetete.
Nach dem Vortrag , den ich ihnen hielt, taufte ich den Juden , der
hier ſeit mehr als 6 Monaten unterrichtet worden iſt. Die Deut
ſchen und die Engelländer geben ihm ein gutes Zeugniſ “ (St.49— 60
S . 439). Und daß dieſer Sinn auch heute noch unter unſern
tamuliſchen Chriſten lebendig iſt , zeigen die jüngſt mitgetheilten
ſchönen Züge aus dem Leben des Meiſterſängers Vedanaichen .
Bilder vom heil. Lande zu ſehen , von Jeruſalem zu hören iſt der
tamuliſchen Chriſten höchſte Freude. Auch die erſte tamuliſche An
ſprache des D . Graul, als er vom heil. Lande. in 's Tamulen
land kam , mußte von den heil. Stätten handeln . Möge es denn
nie unter den dortigen Gemeinden und Miſſionaren an Liebe zu
Jsrael mangeln . „ Segne die Ausbreitung deines Reiches
unter Heiden und Juden !" lautet eine Stelle im fonntäglichen
allgemeinen Kirchengebet meiner Heimathlichen Kirche. „ Unter
Heiden und Fuden " - dieſe Nebeneinanderſtellung hat ſich von
Jugend auf tief meinem Herzen eingeprägt, und dieſer Eindruck
wird mich - ich hoffe zu Gott – bis nach Indien begleiten und
an den Gräbern der Gottesmänner, deren Herz in Liebe zu Heiden
und Juden brannte, ſich vertiefen und verſtärken .
Die Juden in Ungarn.
Von A. Dianiška.
I .
Am 30 . Dec. vorigen Jahres ſtand als Angeklagter vor den
Sdranken des k. k. Landesgerichtshofes in Wien D . Leopold
Kompert, der ausgezeichnete jüdiſche Novelliſt , beſchuldigt wegen
„,Religionsſtörung und Beleidigung einer geſetzlich anerkannten
Religionsgenoſſenſchaft.“ In der durch ihn redigirten Zeitſchrift
„ Jahrbuch für Israeliten " erſchien ein von D . Grät , Prof. an
dem jüdiſch-theologiſchen Seminar in Breslau , geſchriebener Artikel,
betitelt „die Verjüngung des Judenthums," in welchem der Ver
faſſer Jeſ. 53 dahin interpretirt hat, daß bei dem dort verheißenen
Heiland an keine eigentliche Perſon zu denken , ſondern das jüdiſche
Volk ſelbſt, als welches ſich allein helfen ſoll , zu verſtehen ſei -
der Glaube an einen perſönlichen Meſſias verliere ſich auch immer
mehr aus dem jüdiſchen Volke. Die Anklage der Staatsanwalt
ſchaft, zufolge welcher die Verurtheilung zu 40 fl. Geldſtrafe erfolgte,
laſſen wir hier 'nach der Angabe der Wiener „ Preſſe" Nr. 358,
Jahrg. 1863 ihrem Wortlaute nach folgen .
„ Die Lehre des Chriſtenthums — To beginnt der Staatsan
walt Herr lienbacher – iſt aus dem Judenthum hervorgegangen
und wurzelt tief in demſelben . Beiden Culten iſt der Glaube an
die h . Schrift gemeinſam , beide glauben an die Ankunft eines
Meſſias als des Abgeſendeten Gottes , deſſen Aufgabe es ſein ſoll,
das Erlöſungswerk zu vollbringen . Ich citire zu dieſem Behuf den
12. jüdiſchen Glaubensartikel, welcher lautet: „ Ich glaube feſt und
wahrhaft an die Ankunft des Meſſias, und wenn er auch noch ſo
lange weilt , ſo hoffe ich , daß er dennoch kommen wird, jeglichen
Tag.“ Es gibt allerdings unter den Jsraeliten ſchon mehrere,
welche gegen dieſen Glauben aufgetreten ſind und gegen die Lehre,
als ob noch ein Meſſias zu erwarten wäre, und einer von ihnen
iſt D . Gräß in Breslau , der Verfaſſer des heute verfolgten , in
Dr. Komperts „ Jahrbuch für Jsraeliten " erſchienenen Artikels .
Leopold Rompert als Ungeklagter.
D . Grăş ſucht aus dem Propheten Jeſaias darzuthun , daß das
jüdiſche Volk ſelbſt der Meſſias ſei, daß es berufen ſei, ſich durch
die eigene Verjüngung ſelber zu erlöſen und daß es nicht die An
kunft einer einzelnen Perſon als Erlöſer zu erwarten habe. Das
mit tritt der Verfaſſer der Meſſiaslehre der in Deſterreich aner
kannten jüdiſchen Kirche entgegen . Der Verfaſſer kämpft in dieſem
Auffaße nicht bloß mit Gründen der Vernunft , er tritt auch mit
Schmähungen gegen die von ihm bekämpfte Meſſiaslehre der ortho
doren Juden auf, indem er ſagt: (der Staatsanwalt citirt hier
die incriminirte Stelle des Artikels , welche die „ Preſſe“ mit Nück
ſicht auf die erfolgte Confiscation nicht zu wiederholen wagt. Das
Blaspheme deutet ſie aber doch dahin an , daß der Glaube an die
Einzelperſönlichkeit des Meſſias in dem Artikel als Carricatur hin
geſtellt und eine romantiſche Schwärmerei genannt wird ). Herr
leop. Rompert, als Herausgeber des Jahrbuchs, hat ſomit durch
die Aufnahme des Artikels die orthodore jüdiſche Kirche verſpottet
und geſchmäht und damit ſich des Vergehens S. 303 des Straf
geſeßbuchs ſchuldig gemacht. Aber nicht genug damit. Es wurde
in demſelben Artikel und zwar durch dieſelbe Stelle auch die Lehre
des Chriſtenthums, das auf jener Carricatur beruht , angegriffen .
Es liegt objectiv der Thatbeſtand des Verbrechens der Religions
ſtörung vor, wenn auch die ſubjective Zunehmung ausgeſchloſſen
und nur die Außerachtlaſſung der pflichtgemäßen Obſorge als vor
handen angenommen wird, weil der Artikel doch nur zunächſt gegen
die jüdiſche Lehre geſchrieben und indirekt nur gegen die chriſtliche
Kirche gerichtet iſt.“
Der von D . Grätz vorgetragene Unglaube *) hat ſich bei

*) Auf Veranlaſſung der in dem Rompert'ſchen Proceſſe vorgekommenen


Beugenausſagen des Inhaltes , daß es feine orthodoxe Judenlehre gebe , iſt
neuerdings folgendes von dem Rabbiner Hildesheim in Eiſenſtadt in Bera
thung mit mehreren Amtsgenoſſen entworfene Rundſchreiben ergangen : „ Bu
folge der von dem hohen f. t. Gerichtshofe am 30 . 3. M . bei Gelegenheit
eines Preßproceſſes vorgekommenen Aeußerungen , die unter allen gläubigen
32 Die Juden in Ungarn . -

einem beträchtlichen Theile der ungariſchen Judenſchaft geltend


gemacht und da mit magyariſchen Nationalitäts - JUuſionen ver
quickt. Ein noch größerer Theil hat ſich in dem unaufhörlichen
Treiben und laufen nach Geſchäften und Erwerb jeglichen In
tereſſes an Glauben und Volksthum entleert und ſammelt ſich
Schäße auf Erden , während den himmliſchen höchſtens noch das
vornehme Lächeln eines kraſſen Materialismus zu Theil wird ;
nur ein ganz kleines Häuflein meiſtens alter Juden trägt geduldig
das Joch des Geſetzes und hält noch feſt an dem ererbten Glauben
der Väter. Wie hätte es ſonſt ſo weit kommen können , daß man
Verbrüderungsfeſte feiert, wie das am 19 . Dec. 1860 , beiwelchem
der Superintendent Török präſidirte und die Verbrüderung bis
auf Abraham zurückleitete, während Volksredner die Verbrüderung
zwiſchen Chriſten und Juden als durch die Bluttaufe der Revolution
von 1848 beſiegelt darſtellten und proteſtantiſche Profeſſoren der
Theologie , wie Ballagi, dazu ſchweigen konnten ? Wie hätte es
ſonſt dazu kommen können , daß einer ſolchen Verbrüderung im
israelitiſchen Tempel die Weihe gegeben ward, indem der Oberrabbiner ,

Israeliten große Betrübniß und eine tiefe Bewegung hervorrrufen mußten ,


ſehen fich die Gefertigten (Unterzeichneten ) verpflichtet, Folgendes zu erklären :
Das Judenthum beſteht aus den in der ſchriftlichen und mündlichen Lehre
von Gott uns mitgetheilten Gefeßen und Glaubenswahrheiten ; wer irgend
eine dieſer Pflichten und Glaubenswahrheiten negirt (läugnet) , ſteht dem
jenigen gleich , der die ganze Sinaitiſche Offenbarung läugnet. Bu den er
wähnten durch die Offenbarung tradirten (überlieferten ) Glaubenswahrheiten
gehört die unerſchütterliche Zuverſicht auf die einſtige Ankunft eines perſon
lichen Meſſias aus dem Stamme Davids, weshalb die Abrogation (Ub
ſchaffung) jenes Glaubens als Läugnung der an Israel ergangenen göttlichen
Dffenbarung betrachtet werden muß. Wer nach den talmudiſchen Schriften
in denen der Geſammtinhalt der mündlichen Lehre enthalten iſt, und nach
den auf denſelben beruhenden religionsgeſeßlichen Werken lebt, iſt orthodox
und fann nur in einem ſolchen Gemeindeleben ſeine Beruhigung finden , in
welchem die Möglichkeit der genauen Beobachtung des jüdiſchen Religions
gefeßes verbürgt iſt.“
Selbſtmagyariftrung der Juden .

indem D . Meißel Juden und Chriſten darüber predigt , und


ungariſch -nationale Freiheitshymnen dieſen modernen Gottesdienſt
ſchloſſen ? -
· Indeß iſt das alles doch nichts anderes , als die conſequente
Durchführung jenes Princips, welchem noch in den vierziger Jahren
der höchſte Würdenträger der evangeliſchen Kirche Augsburger Con
feſſion in Ungarn, Generalinſpector Graf Carl Zay , in dem viel
beſprochenen Saße Ausdruck verlieh: „ Seien wir weder Lutheraner
noch Calviner , weder Orthodore noch Römiſch - katholiſche, weder
Chriſten noch Juden , aber ſeien wir Magyaren.“ Auf Grund
ſolcher Marimen iſt dem magyariſchen Neformjudenthum ſeither
mit Bereitwilligkeit Vorſchub geleiſtet worden *). In der lebten
Zeit beginnt es ſich um ſo mächtiger zu regen , als das neueſtens
gegründete Organ deſſelben , die von dem Rabbiner Löv in Sze=
gedin redigirte Zeitſchrift „ Magyar Izraelita“ , nicht nur im ganzen
Lande viel geleſen wird , ſondern auch praktiſche Folgen nach ſich
zieht, wie z. B . daß mehrere jüdiſche Gemeinden in Nieder
ungarn die Liturgie und den ganzen Gottesdienſt nunmehr in
magyariſcher Sprache verrichten. So kommt es auch , daß Juden
ihre deutſchen Namen – und die findet man bei ihnen in Ungarn
durchwegs - abzulegen pflegen und ſich auch hierin zu Volblut

*) In einer im September vorigen Jahres erſchienenen flovakiſch - tirch


lichen Zeitſchrift leſen wir Folgendes: „ Der Senior des Neutraer Kirchenbezirkes
und Pfarrer Teßák hat in Szenicz mit einer ſehr langen Rede eine jüdiſche
Schule eingeweiht.“ Der fatholiſche Pfarrer , Herr Belica, welcher zu
ſammen mit Herrn Teßát zu dieſer Feierlichkeit erſchienen war, entfernte fich,
als er ſeinen proteſtantiſchen Collegen auf die jüdiſche Kanzel hinaufſchreiten
ſah. ' In der Gegenerklärung, welche zufolge dieſer Notiz kurz hierauf in
einem andern fich evangeliſch nennenden Blatte als Abwehr erſchien und
von dem Conſenior desſelben Neutraer Seniorates verfaßt war, wird dieſes
Thun des Gerrn Tebát „ im Sinne der wahren chriſtlichen Liebe und Brüder
lichkeit“ als etwas ſehr Schönes , der proteſtantiſchen Kirche zur Ehre Ges
reichendes hingeſtellt und die blasphemiſche Hinweiſung auf unſern Beiland
Jefum Chriſtum hinzugefügt , der doch auch den Juden gepredigt hätte !
34 Die Juden in lingarn .

magyaren ſtempeln wollen ; aus einem Noſenberg wird ein Ró


zsahegyi, aus Hoffmann ein Reményi, aus Stern ein Csillagi,
aus Neuhäuſer ein Ujházyi u . 1. f. Ob damit den Intereſſen
des Judenthums ſelbſt gedient ſei, das laſſen wir dahin geſtellt.
Wir müſſen hier einen Mann näher ins Auge faſſen , der 19
eben als thätiger Theilnehmer an den Verbrüderungsfeſten bezeich:
net wurde und deſſen Einfluß ſowohl auf das moderne Judenthum
Ungarns, als auf die proteſtantiſche Kirche dieſes Landes ſelbſt ein
tief eingreifender iſt. Wir meinen den D . Mori} Ballagi (früher
Bloch genannt) , Profeſſor an der centralen evang. theol. Lehran
ſtalt in Peſth , ein Mann von hervorragender geiſtiger Begabung
und in ſchriftſtelleriſcher Hinſicht von ſo umfaſſendem und frucht
barem Fleiße, daß er ſeine Kräfte nicht ohne Erfolg in den vor
züglichſten Gebieten menſchlichen Wiſſens verſucht hat. Der Vater,
ein armer ſtrenggläubiger Jude, der in einem Dorfe Ungarns Inhaber
der Schenkwirthſchaft war, hatte ſich die Erziehung ſeines Sohnes,
obwohl es ihm ſchwer ward, doch ſehr angelegen ſein laſſen . Der
jüdiſche Jüngling muß ſich auf dem Gymnaſium brav aufgeführt
und ausgezeichnet haben , denn ſonſt hätte er kaum , da ſeines Vaters
Mittel nicht ausreichten , ſeine philoſophiſchen und überhaupt aka
demiſchen Studien zu Ende führen können . Die nähern Details
ſeines Lebens ſind uns nicht bekannt , nur das wiſſen wir, daß er
noch in ſeiner Jugend zur evang. luth . Kirche übergetreten iſt,
hierauf aber als Lehrer an dem evang. Gymnaſium zu Szarvas
angeſtellt wurde. Als Chriſt fuhr er fort, ſich beſonders mit
linguiſtiſchen Studien zu beſchäftigen , verfaßte ſehr gediegene Wör
terbücher der ungariſchen und deutſchen Sprache, ſchrieb eine treff
liche Grammatik, die bis zur letzten Zeit als die dem Geiſte der
Sprache entſprechendſte ſich einer großen Verbreitung erfreute , und
war auch im Gebiete der Journaliſtik ſehr fruchtbar. In der Kirche
aber gelangte er dadurch zu großer Bedeutung, daß er in den vier
ziger Jahren die Redaction des Organs jener Ideen geworden iſt,
welche beſonders in den legten drei Jahrzehnden die evangeliſche
Kirche Ungarns ſo mächtig þewegten. Es iſt das Proteſtan
D . Moriß Ballagi. 35

tiſche Kirchen - und Schulblatt Protestans egyházi és iskolai lap" ,


eine der Krauſeſchen „ Proteſtantiſchen Kirchenzeitung" in Beziehung
auf Farbe und Richtung, Mittel und Zweck ſehr nahe verwandte
Zeitſchrift , oft ſogar einen noch breitern Standpunkt einnehmend;
ihr Einfluß iſt lange ſo groß geweſen , daß die Zahl derjenigen ,
welche ſich ihrer Stimme nicht beugten , eine ſehr geringe war.
Ballagi war vom Judenthum zur lutheriſchen und iſt dann
zur reformirten Kirche übergetreten : die theologiſche Lehranſtalt
zu Peſth , welche 1855 zu Stande kam und deren k. k. Stiftungs
decret nur auf die Reformirten lautet, verdankt ihm ſowohl theil
weiſe die Gründung als auch ihren von vornherein unioniſtiſchen
Charakter. Dieſe Lehranſtalt ſollte den Beſuch der deutſchen Uni
verſitäten erſeßen , dabei aber , wie Profeſſor Ballagi immer wieder
holte, vor Allem magyariſch ſein ; die Studienzeit dauert vier Jahre.
Wie weit Ballagi’s Einfluß reicht, bezeugt auch der Toaſt, welchen
der Superintendent Török bei einem Feſtmahle auf ihn ausbrachte.
Er nannte ihn ſcherzweiſe „ Primas“ , doch ſei mit dieſem Titel,
den er ihm gebe, nicht die hierarchiſche Würde gemeint, er ſei viel
mehr der Terminologie des Muſikantenlebens entlehnt und unter
„ primás“ verſtehe er den Vorgeiger , der ſeiner Kapelle Tact und
Melodie angibt : ſo entwickele auch Ballagi die Anſichten , welche
dann aus den proteſtantiſchen Conventen wiederhallen .
Ballagi beſchäftigt ſich ſeit einer Reihe von Jahren mit der
Ueberſeßung der heil. Schrift in die magyariſche Sprache ; die jest
im kirchlichen Gebrauch befindliche iſt ſehr mangelhaft. Wenn nur
der neue Ueberſeker neben ſeiner linguiſtiſchen Befähigung zu dieſer
Arbeit auch reformatoriſchen Geiſt und Glauben mitbrächte ! Aber
im vorigen Jahre veröffentlichte er eine Flugſchrift, in welcher die
thatſächliche leibliche Auferſtehung unſeres Herrn beſtritten wird.
In beſonders trefflicher und geeigneter Weiſe vertheidigte gegen ihn
dieſe centrale Heilsthatſache der reformirte Pfarrer in Körös, Filó,
Als aber Ballagi hierauf ſpöttiſch entgegnete, ſtieg das Uergerniß
in den gläubigen Kreiſen der reformirten Kirche Ungarns ſo hoch,
daß Convente ganzer Kirchendiſtricte die Ercommunication Ballagi's
3 *
36 Die Juden in Ungarn .

beantragten . Indeß hat er ſich dadurch nicht beirren laſſen , in


gleicher Richtung fortzuwirken . Auf jenes Vorgehen der Kirchen
convente erklärte er , daß er ſich eine Kirche wünſche , in der auch
Colenſo ' 8 genug Boden und freien Raum hätten .
Bei ſolcher Geſinnung iſt es ſelbſtverſtändlich , daß Ballagi
für die Miſſion der Kirche an ſeine Brüder nach dem Fleiſche
nichts thun kann und will, denn ſeine Richtung bereitet im Gegen
theil ſolchen Unternehmungen ſchwer zu überwindende Hinderniſſe.
Um wie viel glücklicher iſt die römiſchkatholiſche Kirche Un
garns mit ihren Proſelyten geweſen ! Nicht nur daß ſie aus dem
Judenthum eine beträchtliche Anzahl von weltlichen und Ordens
Geiſtlichen erhielt — Jsrael hat ihr auch treffliche, der Kirche ganz
hingegebene Kirchenfürſten gegeben . Es ſei genug, wenn wir für
jeßt den würdigen Erzbiſchof von Kalocsa , Namens Kunſt , er
wähnen . Kunſt hat mit Wort und That Vieles zur Förderung
chriſtlichen Lebens gethan und ſeiner Kirche ſchon Tauſende zur
Verfügung geſtellt.
Möchten doch die Evangeliſchen Ungarns den Ruf, der aus
den Bemühungen der lieben deutſchen Glaubensbrüder auch auf
dem Felde der Judenmiſſion nach Deſterreich herüberſchallt , ſich
zu Herzen gehen laſſen ; möchten namentlich ihre geiſtlichen
Führer das Wort der göttlichen Verheißung und Weiſjagung in
ihren Seelen bewegen , in den Gemeinden chriſtlichen Sinn auch in
dieſer Hinſicht verbreiten und im Bewußtſein ihrer ſchweren Schuld,
die ſie in Vernachläſſigung Jsraels gehäuft , mit deſto größerem
Glaubenseifer an die Erfüllung der heiligen Aufgabe gehen ! Der
Herr ſegne hiezu die obige Darſtellung unſrer Lage! Habe ich ge
irrt, ſo bitte ich um Zureditweiſung ; habe ich verwundet , ſo bitte
ich es nicht aus böſem Willen herzuleiten , ſondern aus der ſitt
lichen Forderung, die ich an mich ſtellte, freimüthig die Wahrheit
zu ſagen und dadurch Dem zu dienen , dem wir Rechenſchaft zu
geben haben am Tage der Leßten Entſcheidung.
Bunz über die hebräiſchen Bandſchriften Italiens.

Unbemeſſene Worte gegen die Bibliothet-Verwaltungen


Italiens.
D . 3 unz, Die hebräiſchen Şandſchriften in Italien, ein Mahnruf der Rechts
und der Wiſſenſchaft. Berlin (Udolf ) 1864. 11/4 Bogen .

Daß die jüdiſche Literatur von den neueren chriſtlichen Ge


lehrten meiſtentheils gleichgültig ignorirt oder nur oberflächlich ge
kannt wird und daß die reichen Schäße jüdiſcher Handſchriften ,
welche die Bibliotheken Italiens bergen , uns zur Zeit nur aus
ungenügenden Catalogen bekannt ſind und endlich einmal gehoben
zu werden verdienten , darin ſtimmen wir dem Verf. bei, aber ſein
Eifer reißt ihn zu maßloſen Behauptungen fort. Denn wenn
er ſagt , daß wir alles was in neuerer Zeit geleiſtet worden iſt,
ſelbſt die bibliographiſchen Hülfsmittel, lediglich nicht angeſtell
ten Juden zu danken haben : ſo erinnern wir ihn dagegen an den
von ihm ſelbſt oft citirten und mit werthvollen Zuſäßen bereicherten
Catalog der jüdiſchen Handſchriften der Leipziger Stadtbibliothek,
der von einem Chriſten verfaßt iſt. Daß in Rom fremde Beſucher
aus der Bibliothek getrieben werden , iſt eine Uebertreibung; die
Erlaubniß zur Benußung der Bibliothek iſt vom Cardinal Anto
nelli unſchwer zu erlangen und ſeit dem Tode Mai’s ſind auch die
Handſchriften , über denen dieſer ſo eiferſüchtig wachte , wie weiland
Quatremère über den orientaliſchen Schäßen der Pariſer K . Biblio
thek , nicht mehr der Benußung entzogen . Der Aufruf an das
Volk von Italien , die hebräiſchen Handſchriften in Rom von dem
hütenden Drachen zu befreien , erſcheint uns deshalb als eral
tirt , zumal da ſich erſt zeigen müßte , ob eine königlich italieniſche
Adminiſtration wirklich humaner iſt als die päpſtliche; die öſtrei
chiſche wenigſtens , deren ſich die Marcus - Bibliothek und die Am
broſiana erfreuen , möchte von ihr ſchwerlich an Humanität über
troffen werden . In Beurtheilung des größten chriſtlichen Hebrai
ſten der neueren Zeit, Bernardo de Koffi's in Parma, iſt der
Verf. weder gerecht noch billig ; der Catalogo und das Dizionario
r
38 Geiger über Pharifäer und Sadducäe

De Roſſi'e, ſo wie die Bibliotheca Wolfs, ſind Werke, ohne welche


die jüdiſche Literaturgeſchichte nicht ihren gegenwärtigen Stand er
reicht haben würde und welche für ſie nicht zu verdrängende Quel
lenwerke erſten Ranges bleiben werden . Daß de Roſſi's Hand
ſchriften - Sammlung ihre Entſtehung dem von Orford angeregten
Verlangen , die Urſchrift des alten Teſtaments noch in alten
Manuſcripten zu entdecken , ihre Entſtehung verdankt , iſt min
deſtens ſchief ausgedrückt: nicht die Auffindung der Urſchrift,
ſondern die Herſtellung des Urtertes war das Ziel des
Suchens. Fehlgegriffen iſt auch der Ausdruck , wenn Baptiſt
Jona ein Täufling genannt wird: ſo heißt nicht einer der
getauft iſt, ſondern der getauft wird. Man fühlt aber leicht,
warum dieſer Ausdruck dem Verfaſſer zuſagte. Seine. Ungunſt
gegen Chriſtliches grenzt an Haß und auch ſeine Polemik gegen
Römiſches überſtürzt ſich . Die Mönche nennt er „Hüter der
ewigen Finſterniſ “ . Aber die klaſſiſche Philologie kennt ſie
von einer beſſeren Seite. Sie weiß was ſie z. B . dem Kloſter
Bobbio verdankt. Die jüdiſche Literatur hat von Seiten der Mönche
allerdings mehr Böſes als Gutes erfahren , aber über Sinem darf
man nicht alles Andere geringſchäßig vergeſſen .

Neue Auffaſſung der alten jüdiſchen Secten.


D . Abraham Geiger , Sadducæer und Phariſäer. Breßlau (Schletter )
1863. 3 Bogen .
Der Verf. (ießt Nabbiner in Frankfurt a /M ., früher in
Breslau ) ſucht in dieſer Monographie eine bereits in ſeinem Werke
„ Urſchrift und Ueberſeßungen der Bibel“ 1857 vorgetragene Hypo
theſe weiter zu begründen , daß nämlich die Sadducäer ihren Namen
von der Prieſterfamilie Zadok haben und das conſervative. Hoch
firchenthum des Tempeladels repräſentiren , während die. Pharifäer
die demokratiſche Fortſchrittspartei geweſen ſeien und dem junker
Geiger über Pharijäer und Sadducãer. 39

haften Hochmuthe jenes Prieſter - Patriciats gegenüber den prieſter


lichen Charakter , die religiöſe Gleichberechtigung des Geſammtvolkes
vertreten hätten . Als Fortſegung des Sadducäismus in ſeiner ge
gen hiſtoriſche Fortentwickelung ſich ſtemmenden Stabilität betrachtet
er den Samaritanismus und als ſpätere Verjüngung deſſelben
den Raraismus. Die im Talmud erwähnte Baithuſäer (er
nennt ſie „Boëthuſen“ ) gelten ihm als Ein und dieſelbe Partei
mit den bei Matthäus und beſonders beiMarcus erwähnten Hero
dianern : es ſind die Angehörigen und Parteigänger der Prieſter
familie Boëthos , welche Herodes der Große neben dem Prieſteradel
der Familie Zadok zu einer gleichen hohen Adelsſtellung erhob,
indem er die Tochter des Simon Sohn des Boëthos zur Frau
nahm und dieſen zum Hohenprieſter machte.
. Wir verkennen nicht den an dieſe Combinationen verwandten
Scharfſinn , aber die mancherlei Hülfsannahmen , womit ſie ſich
ſtüßen (wir haben eine Probe davon in Heft 1 S . 33-- 35 des
vorigen Jahrgangs gegeben ), gereichen ihnen nicht zur Empfehlung
und Alles was uns bei Jeſephus, im Neuen Teſtament und auch
in den Talmuden (abgeſehen von den rein ceremonialgeſeßlichen
Differenzpunkten ) über die beiden Parteien überliefert iſt , wider
ſtrebt der Anſchauung , welche Geiger der bisher herrſchenden ſub
ſtituirt, die Sadducäer für die Ultraconſervativen und die Phariſäer
für die Reformer zu halten .
Als Geiger obige Monographie herausgab , konnte er ſich
nur der Zuſtimmung eines Berichterſtatters in der proteſtantiſchen
Kirchenzeitung getröſten , der in „ heiterer" Darſtellungsweiſe ſich
die neue Auffaſſung der zwei Secten - Gegenſäße angeeignet hatte.
Jekt kann er ſich instar millium auf Renan berufen ', der in
feinem Leben Jeſu die Sadducäer als Mitglieder einer ungläubigen
Prieſterariſtokratie und die Phariſäer als ihre volksthümlichen rigo
röſen Gegner abmalt, indem er , ſtatt einfach Geiger zu citiren ,
einen Wuſt talmudiſcher Citate unter den Tert ſtellt und Geiger
nur im Eingange ganz im Allgemeinen namhaft macht.
af. D .
40 Die Tragödie Bar- Rochba von Möbius.

Bar -Kochba als Held einer neuen Tragödie.


Bar- kochba . Trauerſpiel in fünf Aufzügen von Paul Möbiu 8. Leipzig
( Weber) 1863.

Es iſt ein wahrhaft tragiſcher Stoff, den ſich der Dichter


dieſes Drama's erkoren und den er aus der Tiefe der Jdee heraus,
welche darin zu warnungsvoller Erſcheinung gekommen iſt, in fein
durchdachter wahrhaft tragiſcher Weiſe reproducirt hat. Seine
Liebe zu dem jüdiſchen Volk und der jüdiſchen Literatur hat er be
reits 1854 durch eine geſchmackvolle Ueberſeßung des Midraſch
Êle ezkerah bekundet; dieſer Midraſch , welcher ein Jahr früher
( 1853 ) von Jellinek in der hebräiſchen Urſchrift herausgegeben
worden war , erzählt die großartige Geſchichte der in der Hadriani
fchen Verfolgungszeit gefallenen zehn Märtyrer. Daraus daß Mið
bius zehn Jahre ſpäter mit dieſem um 133/34 in Hadrian 's Zeit
ſpielenden Drama hervorgetreten iſt, erſieht man , wie unabläſſig
ihn die Erinnerung an jene verhängnißvolle Zeit, in welcher die
leßte, vaterländiſche Hoffnung Israels erloſch , begleitet hat ; auch
zeigen die dem Drama beigegebenen literariſchen Belege , daß er
Alles aufgeboten , um ſich der hiſtoriſch Ueberlieferten zu bemeiſtern .
Schon die erſte Zeile im Perſonenverzeichniß : „ Simeon genannt
Bar-Rochba“ beweiſt dies; der falſche Meſſias , dem man ſpäter
ſtatt des Beinamens Bar -Kochba (Sternen - Sohn) den Beinamen
Bar-Rozîba ( Lügen -Sohn ) gab, hieß wirklich Simeon , wie die
während ſeiner kurzen Herrſchaft (133 — 135) geprägten und um
geprägten Münzen zeigen , die man früher irrthümlich für macca
bäiſche hielt und auf den Prieſter - Fürſten Simeon bezog . Wir
empfehlen dieſen „ Bar -Kochba“ , in welchem Wahrheit und Dich
tung, Geſchichte und poetiſche Verkörperung ihrer Idee ſo ſchön und
ſinnig verſchmolzen ſind, jüdiſchen wie chriſtlichen Leſern , und geben
als Probe die ſchwergewichtigen Worte , welche der Dichter dem
Rabbi Akiba in den Mund legt:
Die Freude der Baffuto't über einen jüdiſchen Beſuch. 41
Wer eine Königstochter nimmt zum Weib ,
Ob er ihr giebt war nur ſein Bauß dermag,
Nie wird er doch ganz ihr Verlangen ſtillen !
So iſts auch mit der Seele. Welches Glück
Der Menſch ihr reicht, er ſtellt fie nie zufrieden ;
Denn auß des ģimmels Königreich geſchieden
Strebt nach dem Himmel ewig fie zurück.

Die Freude der Baffuto'& in Südafrica über den Anblid


des erſten Juden .
Journal des Missions Évangeliques. Janvier 1863. p. 95 s.
Gegen Ende des Monats Juli – ſchreibt im Auguſt 1862
Miſſionar Coillard von der ſüdafricaniſchen Station Léribé aus —
war ich unter Anderem damit beſchäftigt, Brennholz zu ſchneiden , wel
ches wir nicht ohne Mühe aus der Tiefe eines Abgrunds zu holen
hatten . Als ich mich eines Tages nach dem Walde begeben hatte,
das heißt: nach einer maleriſchen Schlucht, wo nur Zwergbäume
und Sträucher wachſen , nahm meine Frau die Gelegenheit wahr,
ein Picknick für die Schulkinder zu veranſtalten . Gegen Abend
kamen zwei kleine Mädchen uns entgegengelaufen und ſchrieen von
weitem , ſo bald ſie unſerer anſichtig wurden : „ Ein Paſtor iſt an
gekommen !“ – Ein Paſtor ! Wie heißt er ? Von wo kommt er ?
Iſt er allein , iſt er alt oder jung ? — auf alle dieſe unſere Fragen
antworteten die Kinder : „ Das wiſſen wir nicht“. Um ſo mehr
beeilten wir unſere Schritte, indem wir uns in Vermuthungen ver
Loren . Wie groß war, als wir nach Hauſe kamen , unſer Erſtau
nen , Herrn Cachet dort zu finden , einen Jsraeliten von Abkunft,
ben wir auf dem Cap kennen gelernt hatten , früher Miſſionar unter
den Muhammedanern und gegenwärtig Paſtor der holländiſchen Kirche
in Lady Smith in Port Natal. Nie erregte ein Beſuch größere
Senſation unter den Baſſuto's , als dieſer . In großen Haufen kam
man nach dem Pfarrhaus gelaufen , um ihn zu ſehen . Alles war
42 Dae ftille Jädel aus dem Prager Ghetto. :

ganz entzückt beim Anblick dieſes Nachkommen Abrahams. „ Heute


- ſagte einer derſelben , Molapo, indem er ihn feſt ins Auge
faßte -- heute iſts als ob ich einen großen König ſehe. Seit un
fere Miſſionare von den Juden ſprechen , hat mein Herz immer
gewünſcht, einen zu ſehen . Ich fragte mich immer , ob es wirk
lich welche gäbe und ob ſie anderen Menſchen glichen ; heute nun
bin ich befriedigt." Dann ſuchte er ſich den Unterſchied klar zu
machen , den er zwiſchen Herrn Cachet und den anderen Miſſionaren
finde, und ſchloß damit, daß er in ſinniger und angemeſſener Weiſe
St. Paulus citirte. Den andern Tag drängte ſich eine Maſſe von
Heiden zu unſerer Kapelle, ohne Zweifel um dieſen „ Nachkommen
derer die den Herrn gekreuzigt“ zu ſehen und zu hören . Es war
ein Ereigniß , welches Epoche machen wird in der Geſchichte dieſer
armen Leute. In ihren Erinnerungen , ihrer Chronologie und ihren
amtlichen Reden wird es von jetzt an immer heißen : „ Als der
jüdiſche Paſtor angekommen iſt.“
Herr Cachet war Tag und Nacht geritten , um uns zu be
ſuchen und mich einzuladen, an der Einweihung des in Bethlehem ,
einer neuen Ortſchaft des Freiſtaats , errichteten Gotteshauſes Theil
zu nehmen , und obgleich ich erſt kurz vorher einige Tage abweſend
geweſen war, konnte ich doch nicht umhin , dieſer Einladung unſeres
Freundes zu willfahren .

Das ftille Züdel aus dem Prager Judenviertel.


Ein Beitrag zur Beſtimmung deſſen , was „ ſtellvertretende Genugthuung“ ifi.
Unter der Aufſchrift „ Ein Schneiderlein , das weder leſen
noch ſchreiben kann “ hat. I. S . Tauber in ſeinen zwei Bänden
verſchollener. Ghetto -Mährchen , „ Die lezten Juden “ (1859) be
titelt, mit novelliſtiſcher Meiſterſchaft eine Geſchichte erzählt, welche
nicht ohne hiſtoriſchen Grund iſt und früher ſchon von M . Klapp
in der zweiten Sammlung ( 1853 ) der von Wolf Paſcheles heraus
gegebenen Sippurim (Volksſagen , Erzählungen u . 1. w .) mit
Einleitung der Selbſtopferung8 - Geſchichte. 43

einer noch anſchaulidyer in das Leben der alten Prager Jubenſchaft


verſeßenden Scenerie vergegenwärtigt worden war. Da die Mät
theilung aus Romperts Ghetto - Geſchichten in Heft 1 des vori
gen Jahrgangs (S . 39 -41) Intereſſe erregt hat , ſo wird viel
teicht auch dieſe', die erſte der von Klapp erzählten „ Verſcholenen
Geſchichten“ , den Beſern nicht unlieb ſein . Wir überlaſſen es dieſen
ſelbſt , ihre Betrachtungen darüber anzuſtellen ; Einen Geſichts
punkt haben wir oben in der Aufſchrift angedeutet. Der Erzähler
aber , dem wir ſie entlehnen , wird nicht zürnen , ſie hier in eine Zeit
ſchrift aufgenommen zu ſehen , welche ganz und gar dem Lamme
Gottes , das der Welt Sünde trägt, gewidmet iſt. Auch dieſes
Gotteslamm iſt aus Israel und hat ſich für Jsrael und die ganze
Menſchheit geopfert, obgleich ysrael Dem die Anerkennung ver
weigert , der ſeines Volkes größte Ehre und wahres Heil iſt. -- -
Jnde diesmal ſoll nicht von der Juden größtem , dem gekom
menen Meffias , ſondern von dem „ ſtillen Jüdel" die Rede ſein ,
deffen Selbſtdahingabe für ſein Volk dieſem nicht innerlich , ſondern
nur äußerlich , und nicht allenthalben , ſondern nur in Prag , und
nicht auf ewig , ſondern nur momentan zu gute. kam .

1. Man zählte das Jahr 1286 . Brennend beiß ſtand ſchon


die Sonne am Himmel, und doch war es erſt Morgens; aber die
Hundstagshiße ſtellte ſich dem Kalender zu trotz ſchon im Juni ein
und ſo kam es , daß eine unerträgliche Schwüle über der Moldau
ſtadt lag. Still war es noch auf den meiſten Pläßen der Altſtadt,
und das Idylliſche eines ſolchen Morgens ward nur hie und da
durch das Geſchnatter der zu Markt eilenden Grünhändlerinnen
geſtört. Man kennt die Stentorſtimmen dieſer „ Damen der Halle" ,
in Hauptſtädten ſind ſie die Morgenglocken , welche die ſchlafbefangenen
Bürgerfrauen und die geſammte Köchinnen - und Küchenmädchen
zunft aus den Federn rütteln und an das Mittagmahl mahnen .
Anders freilich war es in der Judenſtadt. Da war ſchon längſt
alles auf den Beinen , und die Meſchorſim (Gemeindediener) öffneten
die eiſernen Thore: War das ein Treiben und ein Drängen in
44 Das fhille Jüdel aus dem Prage Ghetto .
r
den engen Straßen , als ob alles aus den Häuſern gelaufen wäre,
um den angekommenen „Meſchiach “ auf einem Efel reitend zu ſehen ;
der war nicht gekommen , aber es war ja „ Erew Schewuoth"
(Rüſttag des Pfingſtfeſtes ) und man wußte, der Jom Tow (Feier
tag ) komme in 's Land , und den hatte man ſo gern wie den Me
ſchiach ſelber , denn erlöſte er auch nicht für immer , ſo doch auf
zwei Tage die Leute von einer drückenden Knechtſchaft. Und nun gar
der Schewuoth , den man den „ ſchönſten Jom Tow " nannte ! Das
iſt ein rechtes Feſt des Herrn ! Wehmuthsvll blickte man da zurück
auf die ſchöne Zeit , wo am ſechſten des Monats Siwan der Herr
vom Sinai herab den Vätern das heilige Geſetz gab. Freudig be
grüßte man den Tag der offenbarung , und die unzähligen Vor
bereitungen galten nur dem Schewuoth. Da glich die „Brat- Gaff
einem zierlichen Garten ; von der Altſchul bis zur Goldgaffe boten
die Weiber die Kinder Flora 's zum Kaufe aus ; es war als ob
keine Blume draußen geblieben wäre, als ob die Fluren ihre ſchön
ſten Bewohner , die Natur ihren ganzen Schmuck hergeſchickt hätte
der Gottheit zu Ehren ! Dort ſtand ein Nudel Jünglich (junges
Volk) und produzirte ſich im „ Blätterdurchblaſen “, und das lerchen
artige Zwitſchern und Pfeifen gab dem jugendlichen Orcheſter einen
eigenthümlichen Anſtrich . Auf den einzelnen Ecken der Breitgaſſ und
Altſchul, die beide ſo zu ſagen das Forum der Judenſtadt bilden ,
wo ſich bei öffentlichen Aufzügen alles verſammelt, waren die „ Fläd
lachhändlerinnen “ poſtirt. Was ſie darboten , war eine Spezialität
unſrer heutigen Fladenfamilie, und bei dem Anſehen , in welchem
die Produkte ihrer Werkſtätten ſtanden , war es nicht zu verwun
bern , was für ein „ Gereiß “ um ſie war. Ueberall wo man hin
kam , hörte man vom Jom Tow reden . Da erzählte die „ Balboſte"
(Hausfrau) der andern , was für „lad " (Leid) ſie hat mit dem
Fom - Tow -Eſſen , ihre „ Röhr" wolle nicht „ bachen “ und eine eigen
thümliche Furcht über das „ Nichtgeratheni“ der „ Lemplech “ machte
ſich in den verſchiedenſten Verwünſchungen der Nichtsnußigkeit der
Oefen und Töpfer Luft. Dort wieder gab man Referate ab über
die „ Jom -Tow -Klader “ ( Feiertagskleider ) oder man erkundigte ſich ,
· König Wenzel Eommt! 45

wann man , in Schul gebe" . So concentrirte ſich alles Denken


und Fühlen, Kaufen und Waſchen , in Hinblicken auf den kommen
den Freudentag. Da ward mit einemmal das wirrvolle Gemurmel
und das geſchreierfüllte Hin - und Hermäſken unterbrochen ; das
muß. etwas Seltenes , Wichtiges geweſen ſein , das im Stande war,
die Aufmerkſamkeit der tobenden Menge vom Jom Tow weg auf
ſich zu richten . Wir wollen ſehen . Von der „ Rows-Gaſſ " herauf
kam ein ganzer Knäuel Gaſſenjungen angerückt, denen man genau
anſah , daß ſie ſich eben ihre Lorbeeren auf dem „ Badhofe“ im
„ Babele-Rade-Spiel“ gepflückt hatten . In ihrer Mitte ſchritt ein
Mann einher , der etwas von einem Ahnenſtolze auf der Stirne
trug. Er war robuſt, groß gewachſen und hielt in der ſtemmigen
Rechten einen Knotenſtock. Raum ward man ſeiner anſichtig, als
aus allen Kehlen der Name „ Neb Leſer“ kam . Ja es war Neb
Leſer, der „ Ausrufer“ der jüdiſchen Gemeinde, der gleichſam den
Herold der Vorſteher ausmachte und das Liktorenamt verſah.
Immer , wenn der Mann von der Schaar Gaſſenjünglich umgeben
kam ,wußte man, daß etwas Wichtiges in der „ Khile“ (Gemeinde)
vorgehe. In jeder Gaſſe hielt er ſtill, und verkündigte, was
„ Kohl" (der Gemeindevorſtand) von der „ Khile" will. Mäuschen
ſtill war alles heute in der Breitgaff”, nachdem man in Erfahrung
gebracht , daß Reb Leſer komme, und als er gar das gewöhnliche
Erordium mit der hergebrachten Formel : „ Hört! liebe Reboſe
(Herrn ) !“ begann , da malte ſich die Neugierde deutlich auf den
Blicken aller Umſtehenden . „ Der Kaiſer kummt!" ſo erſcholl es
jubelnd aus allen Kehlen , als Reb Leſer geendet und ſeine Kunſt
reiſe durch die Straßen des Ghetto's fortſeşte. Es war wirklich
wahr. Unvermuthet war eine Eſtaffete vom Hradſchin in der Ju
denſtadt mit der Anzeige eingetroffen , daß Se. Majeſtät König
Wenzel der zweite von Böhmen im Laufe des Tages die
Judenſtadt und ihre Merkwürdigkeiten zu beſichtigen kommen
werde.
Das plößliche Eintreffen dieſer Nachricht hatte ungemeine
Senſation erregt. Bei dem damaligen allgemeinen Abgeſondertſein
46 Das ftille Jüdel auß dem Prager Ghetto .

der Juden war dies nicht zu verwundern . Man fümmerte ſich nicht
über die neun Thore der Judenſtadt hinaus ; war auch hie und da
etwas von dem Treiben der Welt und den großen , erſchütternden
Ereigniſſen der letten Jahre , beſonders was Böhmen anging, zu
den Ohren der Juden gekommen , ſo war dies nur von momen
taner, nichtsſagender Wirkung begleitet. Die Abgeſtumpftheit und
das Sichnichtfümmern um alles , was nicht die „ Khile“ unmittel
bar anging, hatte damals den Höhepunkt erreicht und war durch
die vorausgegangenen langjährigen Leiden der böhmiſchen Juden
zu entſchuldigen . Nimmt man dazu den , möcht ich ſagen , anges
borenen Reſpekt der Juden vor allem Höhergebornen , beſonders
vor allem „Kaiſerlichen “ oder „ Königlichen “ , ſo wird man den
Enthuſiasmus, der ſich nun im Ghetto Luft zu machen anfing,
leicht begreifen . Alle Gedanken waren auf die Ankunft Wenzels
des Zweiten , Königs von Böhmen , gerichtet. Man dachte zwar
noch immer auf den Schewuoth , man machte alles , was zu thun
übrig blieb ; aber die Köchin , woran dachte ſie beim „ Lemplechy
machen “ ? An ,Malchus“ (Königs Majeſtät), das heute noch
kommen wird , und da half alleg Schreien und Schimpfen der
„ Balboſte“ nichts , die da ſagte , daß keine „ Broche" (Segen ) in 's
Eſſen komme, weil die „Mad" keine Gedanken drauf habe. Wir
werden im Verlaufe unſerer Erzählung ſehen , daß wirklich im .
Schewuoth -Eſſen der Judenſtadt keine „ Broche" war, werden aber
auch hören , wer dran Schuld geweſen .

2. Es mochte etwa nach ein Uhr geweſen ſein , alſo zwei


Stunden vor der angeſagten Stunde der Ankunft der königlichen
Familie. Die „ Balbatim “ (Hausväter ) kamen aus den Synagogen ;
man hatte dem Könige zu lieb heute in allen „ Schulen “ das
Minchagebet ſchon am Mittag verrichtet. „ Somtowlich" war alles
angekleidet, ſpiegelblank herausgepußt. Die „ Mikwes " (Reinigungs
bäder ) waren am Tage überfüllt, alles wollte ſich rein waſchen ,
dem König und dem Jomtow zu Gefallen . Da wurden Kleider
aus den Schränken genommen , die , obwohl einige Luftra alt, deris
Der Jubel vor dem Unglüd. 47
noch wie nagelneu ausſchauten ; denn der Reſpekt und die Pietät,
die man vor einem Jomtomkleide hatte , war über alle Maßen .
Vor dem Rathhauſe ſtand der „ Roſch - ha - fobol" (erſte Gemeinde
vorſtand) , umgeben von den Peers der Rehila. Es war ein ſtatt
lich ausſehender ältlicher Mann, dem man übrigens an dem Schmeer
þauche anſehen konnte, daß ihm die „ Rehila “ nicht ſehr zu Herzen
gehe. Ein ſchwarzer langer Rock bis an die Sohle herunter rei:
chend und aufgeknöpft offenbarte ſeine übrige Garderobe, die aus ein
Paar ſammtnen Hoſen und einer weit herab gehenden Atlasweſte
mit großen Knöpfen beſtand. Ein umfangreiches Barett ſaß auf
dem grauhaarigen Haupte , und ein Paar Stiefel mit Schnallen
von echtem Silber machten die Fußbedeckung aus. „ Reb Feiwel
Roſch -ha-kohol", ſo nannte man ihn gewöhnlich , war ſo recht
der Mann , der es verſtand , einem Malchus die Honneurs 34
machen ; wie man ſagte , hatte er als ehemaliger Hausjude in den
Herrſchaftshäuſern ſeine Studien gemacht, und ſo freute ſich denn
heute alles auf die wunderbare Repräſentation von Seiten des
„ Roſch - ha- kohol" , der ein „ Maul wie Meſſer und Schwert“ ge
habt haben ſoll. Weiterab vom Rathhauſe ſtand der hohe Rabbi
Jonathan , Oberrabbiner Böhmens , mit dem ſeidenen Talar und
der polniſchen Pelzmüße, wieder von der Erême der Talmudiſten
umringt. Das waren lauter Leute , von denen man ſagte, daß
ſie „ am Blatte derham (daheim ) ſeien .“ Dort waren die Haupt
punkte, wo ſich alles conzentrirte , was den König ſehen wollte,
Die übrigen Straßen , durch welche die Fahrt des Königs gehen
ſollte , waren dicht überfüllt mit Männern , Weibern und Kindern .
Wer mochte da zu Hauſe bleiben ? Selbſt die alte „ Ziperl“ ,
die neunzigjährige „ Schameſte (Küſtersfrau) der Altſchul“ ſtand
por ihrem Hauſe , um über'n Malchus „ Broche (Segensſpruch )
zu machen " , und deßwegen hat ſie ihre „ Chaſſenehaub (Hochzeits ;
haube)" , die etwa ſiebzig Jahre von einem Kaſten in den andern
gewandert war , wieder angezogen . Unter fortwährender Freuden
qußerung perging die Zeit und man war überraſcht , alß man die
Glocken der Theinkirche die königliche Ankunft anzeigen hörte.
48 Das ftille Jüdel aus dem Prager Ghetto .

Das war jeßt ein Räuſpern und Gradlegen aller Falten an den
Kleidern ; da erſcholl vom Ring her das laute Vivatgeſchrei der
Menge, und der König war am „Altſchulthor“ angelangt. Den
Jubel zu beſchreiben , der nun die Luft erfüllte , hieße die Sterne
aus dem Himmel holen . Ein Gefühl war es , das die Herzen
Aller beſtürmte, das der treueſten , innigſten Anhänglichkeit , das
der kindlichen liebe gegen das königliche Haus. Das Vivat ſchou
aus allen Kehlen , und wer es zufällig vergeſſen zu rufen , der
war über das Anſtaunen der königlichen Pracht und Majeſtät nicht
zu Worte gekommen . König Wenzel mit ſeiner jungen Gemahlin
Jutta , der deutſchen Kaiſertochter , war der Gegenſtand aller
Blicke. „ E werklich Malchus - ponim ( königliches Ausſehen ) " oder
„ Eiſen und Stohl“ , „Gotts große Werk" ! das waren ſo die Rede
weiſen , in die ſich die Bewunderung kleidete ; wo aber Ziperl die
Schameſte ſtand , da ' ſagte ſie immer „ unbeſchriee" darauf, und
machte die „ Broche.“ Von der jauchzenden Menge wie getragen
gelangten die Majeſtäten an 's Rathhaus und die Altneuſchul , wo
der hohe Rabbi Jonathan und der Reb Feiwel Roſch - ha- kohol
die Reverenzen machten . Nachdem das junge Königspaar die Merk
würdigkeiten der „ Altneuſchul“ in Beſichtigung genommen hatte,
wurde der Rückweg angetreten , Wer aber malt das Entſeßen der
eben jubelerfüllten Menge , als von einem Hauſe der Belelesgaſſe
ein großer Ziegelſtein hart vor der königlichen Majeſtät
niederfält! – Wie mit Blindheit war auf einmal die Menge
geſchlagen , es war, als ob die Augen eines jeden von ſelbſt zu
fielen , um nicht zu erblicken , was dem heiligen Haupte des gott
geſalbten Königs widerfahren ſollte. Beſtürzt zerſtob die Menge,
verſtummt war Aler Mund, der früher lautes Freudengeſchrei
ertönen ließ ; es war , als ob das Wort ſich gefürchtet über die
Lippen zu treten. Der König lebte - aber ſehr ergrimmt über
die Unthat fuhr er ſchnurſtracks davon. Entſeßen und Furcht über
das zu Erwartende, ſchreckliche Ungewißheit über die Folgen in der
Znkunft kehrte ein in das Haus eines jeden Juden , wo man vor
Das Unglüc . 49
einer Stunde noch freudig dem Jomtow entgegenſah, die alte
„ Schameſte Ziper!" aber meinte, der König ſei „ beſchrien “ worden .
War das ein „ Schewuoth" in der Prager Judengemeinde !
Die älteſten „ Balbatim " behaupteten , ſolch ein Unglück ſei unerhört
und noch nicht vorgekommen . Schmerz und Furcht erfüllte alles,
es war kein Auge , das thränenleer geblieben wäre. Wenn Vater
und Mutter im Hauſe weinten , dann frugen die Kleinen , ob es
denn nicht Jomtow ſei, und weinten mit, als ob ſie verſtanden
hätten ,was ihren Eltern , was allen Juden drohe. Aber das alles
wurde noch ärger; denn es war am erſten Jomtow - Abend, die
Altneuſchule war zum Erdrücken voll , das vorgeſchriebene Jom =
towgebet war beendet, da kam der „ Bes - din - ſchames (Nabbinats
diener)“ hineingerannt und brachte Rabbi Jonathan dem Ober
rabbiner ein amtliches Schreiben .
Staunen über den ungewöhnlichen Eifer des Bes-din -Schames ,
der in „Schul“ an geheiligte Stätte mit einer Ordre kam , tauchte
in allen Herzen auf, man ahnte das Unglück , das vor der Thüre
iſtand. Da eilte mit einemmale der Nabbi hinauf die Treppen, die
zur Lade Gottes führten , riß legtere auf und ſchrie mit erſchüt
ternden Worten den Anfang des Gebetes : Herr ! Herr! allbarm
herziger langmüthiger Gott !“ Und die ganze Verſammlung fiel
ein , und es war ein Schreien und Jammern , das über die Thore
der Judenſtadt weit hinaus drang und in manchem Chriſtenherzen
Mitleid erregte. Mit thränenerſtickter Stimme hatte der Rabbi
der Gemeinde zu erkennen gegeben , welch furchtbares Gewitter
ſich über die Juden in Prag entladen werde: er habe ſo eben vom
König den ſtrengſten Befehl erhalten , der Gemeinde anzuzeigen ,
binnen acht Tagen den Elenden auszuliefern , der von dem ver
fluchten Hauſe der Belelesgaſſe den Ziegel auf das geheiligte Haupt
des Monarchen geſchleudert. Wenn binnen dieſer Zeit der ruch loſe
Thäter nicht der ſtrafenden Obrigkeit übergeben ſei, ſo werde am
neunten Tage die Prager Judenſtadt einer ſchrecklichen Plünderung
und Verheerung preisgegeben . So lautete das ſtrenge Wort des
erzärnten Monarchen , und furchtbar grub es ſich in die Gemüther
80 Das ſtille Júdel aus dem Prager Ghetto.

ber Anweſenden ein . Man ſtürzte aus dem Bethauſe , unt zit
Hauſe. im Schooße der Seinigen Troſt und Beruhigung zu fuchen ,
aber nicht zu finden . In ſolch troſtloſer Beſtürzung brachte man
die beiden Tage Jomtow zu ; mehr zu thun als zu beten ward
vom Nabbi nachdrücklich unterſagt, damit man nicht die Verſündi
gung dadurch vergrößere , daß man den Jomtow durch Faſten oder
anderweitige Buße entweihe. Man gab ſich anßerdem der Hoffnung
hin , durch irgend eine Fürſprache das ſchreckliche Unheil abzuwen
den . Der Roſch - ha - kohol Keb Feiwel katte am zweiten Tage
Schewuoth ſich eine Audienz beim Staatsrathe verſchaffen wollen ,
um mit ſeinen „ ſcharfſchneidenden " Worten das Herz Zawiſch's
von Roſenberg - denn fo hieß der damalige Staatsrath des
Königs Wenzel - zu erweichen und ſo , wie vielmal ſchon , auch
heute der Retter ſeiner Gemeinde zu werden. Aber ſchnöde wurde
er abgewieſen und ſpottend bedeutete man ihnt, daß der Mörder
in fünf Tagen im Königsſchloſſe ſein könne. So war denn die
einzige Quelle der Vermittlung auch verſtopft und man war im
Ghetto der Verzweiflung nahe. Nachforſchungen , die man ange
ſtellt, blieben fruchtlos ; in dem Hauſe , aus welchem der Ziegel
gefallen war , war niemand nach der That angetroffen worden ;
die Inwohner waren auf den Straßen unter den Zuſchauern zer
ſtreut geweſen . Man hob das äußere, morſche Anſehen des flucha
beladenen Hauſes hervor , und erklärte aus der baufälligen Con
ſtruktion des oberſten Geſimſes das greuliche Ereigniß ; aber wo
das verderblichſte Vorurtheil niſtet, da kann die reinſte Wahrheit
felbſt nicht zur Geltung gelangen . Und fo war es auch hier ; man
wollte tauſend Seelen verderben für eine ruchloſe, die vielleicht
gar nicht vorhanden war, gewiß wenigſtens unter Jsrael nicht;
man wollte, wie man ſchon ſo oft gethan , eine ganze Gemeinde
für die Schuld eines Einzelnen zum Sündenbock machen . Und ſo
fichlich nun das Unglück in der Geſtalt eines jeden Juden durch
die Straßen dahin ; vier Tage hindurch waren die eiſernen Riegel
der Ghettothore nicht aufgeſchoben worden ; man fürchtete einestheils
den Zorn und die blinde Wuth des Pöbels , der bei ſolchen An
Die Ausfichtsloñigkeit. 51

gelegenheiten ſo gerne bereit war, ſeinen Patriotismus und Feinte


Königsliebe mit dem Blute der Juden an die Pfoſten der könig
lichen Burg zu ſchreiben ; anderntheils hatte der arme Jude nichts
da draußen zu thun im „Mokim (dem chriſtlichen Stadttheile );
in den Sack , mit dem er ſonſt feinen Nahrungszweig bezeichnete
und betrieb , hatte er jegt ſein Haupt gehüllt , das er mit Aſche
beſtreute. Auf dem Bes - chajim (Gottesacker), das wir iegt das
alte nennen , . lagen die Unglücklichen umher und ſchrieen , als
wollten ſie die Geiſter ihrer Ahnen zur Nettung heraufbeſchwören
aus den Gräbern ; es war nur Ein Wehgeſchrei, das gen Himmel
ſtieg. Durch drei Tage nach dem Schewuoth - Feſte hatte die ganze
Gemeinde ihren Leib kaſteiet, ſo war der Befehl des Rabbi, jo
war der Wille eines jeden Tag und Nacht hindurch ſaßen die
von Kummer und Leid abgehärmten Männergeſtalten auf dem Fuß
boden der Altneuſynagoge und rangen betend die Hände. Draußen
vor den Thüren ſaßen ihre Weiber und ſtimmten ein in die herz
zerreißenden Männerklagen . Und die Kinder und Säuglinge , die
ſchienen zu ſagen : Was habt ihr uns gezeuget zu folchem Un
glücke , geboren um uns wieder dem Tode zu weihen ?
Das war damals die Lage der Prager Juden ; ſtill war es
im Ghetto — wie am Bette eines Sterbenden .
Und die alte ,,Schameſte“ Ziperk lag auch vor der Áltneu
ſchul draußen und ſprach das uralte Klagewort vor ſich hin :
„ Die Väter haben ſaure Trauben gegeſſen und den Kindernt werden
die Zähne ſtumpf!" -

3. Man zählte den 13 . des Monats Siwan , den legten


der unglücksvollen acht Tage für das Prager Ghetto .
Troß des trüben , regneriſchen Himmels war ganz Prag auf
den Füßen ; es gab ein Schauſpiel zu ſehen , erſchütternd und den
noch erhebend , wenigſtens für ein fühlendes Judenherz. Ich muß
Dich, lieber Leſer ! zuerſt mit den verhängniſvollen Ereigniffen der
beiden vorhergegangenen Tage bekannt machen , ehe ich Dir das
beſagte Schauſpiel vor Augen führe. Vom unermeßlichen Leid
er to
52 Das ſtille Jüdel aus dem Prag Ghet .

ſollte die Gemeinde durch eine Heldenmüthige Judenſeele befreit


werden. In einem der ärmlichen Häuſer der obern Judenſtadt
lebte zur Zeit unſerer Geſchichte ein armer Schneider , Namens
Reb Schime Scheftels . Man nannte ihn gewöhnlich das „ ſtill
Jüdel“ , weil er ſich um nichts als um ſein Handwerk und höch
ſtens zu Zeiten um ein „Blatt Miſchnajes" fümmerte. Arm
wie er war , brachte er das kärglich erworbene ſeiner Frau und
drei Kindern , die ihn auf's Zärtlichſte liebten . Im „ ſtillen Jüdel"
hatte die Geſchichte der lezten Tage nicht verfehlt, eine tiefe Auf
regung hervorzubringen . Lange dachte er nach, wie er ſeinen Volks
genoſſen thätlich beiſtehen könnte , da reiſte endlich in ihm der Ent
ſchluß , ſich als den Verbrecher auszuliefern. Am
Abende des letzten Faſttages füßte er zum letzten Male ſein
Weib und ſeine Kinder , und das „ ſtill Jüder“ war verſchwun
den . Eiligſt ging er auf das Schloß und gab ſich als den Kuch
loſen aus , der den Königsmord verſucht hatte. Sein Leben war
von dem Augenblick an verwirkt - auf dem Altare der Bruder
liebe wollte er es hinopfern .
Der Vormittag des obenerwähnten Tages verſammelte eine
Maſſe Neugieriger vor den Thoren der Judenſtadt. Drinnen war
noch alles ſtill wie früher ; in der volgedrückten Altneuſynagoge
ſtand wieder wie vor acht Tagen der hohe Rabbi vor der Bundes
lade, aber heute hatte er der Gemeine die von Gott beſchloſſene
Rettung zu verkündigen . Freude und Jubel war auf dem Antlit
Aller ausgedrückt , und dennoch war ihr Herz þetrübt, daß einer
ihrer Genoſſen das Heil der Ihrigen mit dem Leben bezahlen ſollte.
Daß aber das „ ſtill Jüdel“ ein ſo großmüthiges heldenmüthiges
Herz beſeſſen, konnten ſie nicht begreifen ; aber die alteSchameſte
Ziperl hatte längſt geſagt: „ ſtille Waſſer ſen tief“, und als ſie
vor der Altneuſchul ſikend hörte, ihr „ Reb Sch imele“ – denn
das „ſtill Jüdel“ war ihr Enkel – habe die ganze Jüdengaſi?
gerettet, da blieb ſie vor Freude ſißen , und todt trug man
ſie weg .
Im ſelbigen Augenblicke auch öffneten ſich die Thore des
Der Stellvertreter . 53
Ghetto’s und herein ſtrömte die zahlloſe Menge. Es war ja heute

dazu kam ’s nicht ; aber vom Altſchulthor her brachte man Neb
Schime, das „ ſtill Jüdel" , von reitenden Landsknechten geleitet, in
Ketten . Neben ihm ging der Rabbi und verhieß ihm den reich
lichſten Segen für den heldenvollen Martyrtod, den er leiden wolle.
Vor dem Hauſe der Belelesgaſſe , aus welchem alles Unglück vor
acht Tagen kam , hielt der Zug, und der Richtplaß für das „ ſtill
Jüdel“ war erreicht. Da war kein Judenauge trocken , als man
den Keb Schimele , den Schneider, ſchaute , das kleine Jüdel mit
der großen Seele ; wäre es möglich geweſen , jedes Judenkind hätte
ihn zum Abſchiede geküßt. Noch einmal umarmte Reb Schime ſein
Weib und ſeine Kinder – unten vor dem fluchbeladenen Hauſe
waren die Spieße der Reiſigen aufgepflanzt , oben vom Dache
ſchaute Reb Schime noch einmal gegen „ Miſrach (Oſten ) ", und
„ der Herr hat's gegeben , der Herr hat’s genommen “ ausrufend,
ſtürzte er ſich in den mit ſcharfgeſchliffenen Spiken emporſtarren
den Lanzenwald.
Drei Tage trauerte ganz Jsrael in Prag um den Märtyrer,
zehn Tage hindurch ward in der Altneuſynagoge ſein Seelenlicht
gebrannt.
* *
Zwei Jahre waren ſeit dem Tode Reb Schime's verfloſſen ,
in jedem Juden lebte noch ſein Andenken friſch fort, da ſtarb auf
dem Schaffote 3 aw iſch von Roſenberg , der Staatsrath des
Rönigs Wenzel, des Verbrechens des Hochverraths ſchuldig erklärt.
Noch eine viertel Stunde vor ſeinem Tode ließ er ſich den hohen
Rabbi Jonathan aus Prag holen , und geſtand ihm reuig, er habe
vor zwei Jahren einen ſeiner Diener angeſtiftet , den Ziegel in der
Judengaſſe auf das Haupt des Königs zu ſchleudern , wiſſend, daß die
Schuld nur in die Schuhe der Juden werde geſchoben werden . Der
Rabbi mußte ihm verzeihen und das feierlichſte Verſprechen abgeben ,
für die Hinterlaſſenen des „ ſtillen Jüdels“ eifrigſt zu ſorgen .
Marie Sophie Herwig , die Miſſions-Sängerin.
Wir können uns nicht enthalten , unſerer „ Saat auf Hoff
nung“ das Lebensbild dieſer früh beimgegangenen Sängerin für
Fsrael einzuverleiben , welches der uns ſehr liebe Miſſionsprediger
Arenfeld in Vormbaums Quartalſchrift für Judenmiſſionsſtunden
(1864 Par. 2 ) entworfen hat, zumal da wir unſere erſte Anregung
für die Sache Jsraels eben jenem unvergeßlichen Miſſionar Gold
berg (geſt. am 14 . Jan . 1848 in Straßburg ) verdanken , der audy
auf unſere Miſſions - Sängerin einen tiefen nie verklungenen Ein
druck gemacht hat.
Marie Sophie Herwig war die Tochter des Pfarrers
und Decans Herwig zu Eßlingen in Württemberg , geb . den
22. Oct. 1810 . Schon früh zeigte ſie bei einem weichen , tiefen
Gemüth einen feſten Charakter und große Klarheit des Geiſtes .
Der Herr ließ ſie früh in der Leidensſchule reifen : ſie verlor ihre
Mutter im 2 . Jahre , 10 Jahre ſpäter zeigte ſich bei ihr eine Ver
krümmung des Rückgrats , alle Heilverſuche blieben ohne Erfolg,
in ihrem 14 . Jahre war Sophie ganz krumm und verwachſen .
Die Kraft des Glaubens , die ihr junges Herz erfüllte , hielt ſie
jedoch aufrecht und gab ihr Freudigkeit, Alles mit gottergebenem
Sinn zu tragen . War auf dieſe Weiſe das äußere Lebensglück
des übrigens lieblichen anmuthigen Mädchens ſchmerzlich geſtört,
ſo begann nun ihr inneres Leben fich deſto reicher zu entfalten ;
der traurige Anblick ihres ſo ſehr verwachſenen Körpers wurde ge
mildert , wenn man ihr in die großen tiefklaren, blauen Augen ſah,
auß welchen fromme Liebe und lebensfriſcheHeiterkeit hervorſtrahlte ,
oder wenn man ſie mit überraſchend klarer , ſtarker Stimme zur
Guittarre ein geiſtliches Lied von Albertini ſingen hörte , mit wel
chem ſie gern Andere erquickte. Bald ging ſie dazu über , ſelbſt zu
dichten , und ihrer Liebe zum Herrn entquoll mitten im Dunkel der
Anfechtung ein reicher liederſtrom . Was ihre Seele vornehmlich
erfüllte , war das glühende Verlangen , die armen Heiden und vor
Sophie Serwig .

Allem das ihr ganz beſonders theure Voll jsrael zum


Herrn bekehrt zu ſehen. Dafür hat ſte aus treuem Herzen
viel gebetet und manch köftlich Miſſionslied gedichtet. Ihre große
Liebe zu Israel erklärt ſich aus einer gar herrlichen Erfahrung
ihres gottſeligen Vaters. Derſelbe taufte nämlich in der Eßlinger
Hauptkirche am Trinitatisfeſte 1820 einen aufrichtig bekehrten jüdi
idhen Rabbiner Joh. Peter Goldberg aus Neuwied mit ſeiner
Frau und 4 Kindern, der nachher einer der tüchtigſten und eifrigſten
Juden -Miſſionare geworden iſt. Dieſe Taufe gehörte zu den tiefen ,
unauslöfchlichen Jugendeindrücken Sophiens, und außerdem erwedte
der häufige Verkehr mit einer gläubigen Proſelyten - Familie in ihrem
Herzen jene Theilnahme für das alte Volk Gottes und jenen Eifer
für das Werk der Bekehrung deſſelben , welcher durch alle ihre
Lieder als Grunbakkord fich durchzieht. Knapp hat ſie in feinein
Liederſchat und in der Chriſtoterpe veröffentlicht.
• Mit den Jahren mehrten ſich ihre körperlichen Befchwerden
und Leiden , und was ſie an innern Kämpfen auszuhalten hatte, hat
fie in einem Tagebuch verzeichnet. 1835 ſchlug eine Bruſtentzün=
dung dazu , von der ſie zwar bald wieder genas , doch nur um in
ein tödtliches Fieber zu verfallen , dem ſie am 6. Januar 1836 end
lich erlag. Mit freudiger Hoffnung ſprach ſie von ihrem nahen
Heimgang, ermahnte ihre verheiratheten Geſchwiſter noch einmal
Herzlich , „ ihre Kinder doch fein gewiß dem Heiland zu erziehen “
und ging unter Loben und Danken mit dem Ausruf: Welch ein
Chor ! hinüber in die Arme ihres Heilandes , in die Reifen der
Seligen , wohin ihr Geiſt ſchon vorangeeilt war. Nun war ihr
Heimweh nach dem Jeruſalem droben geſtillt, wie ſie es in einem
ſchönen Liede ausſpricht :
Şole bald mich , theure Liebe,
Hinauf zu Dir , hier iſt es trübe ,
Mich tödtet dieſe Erdenluft ! .
Eil mit mir zum leßten Schritte ,
Volende mich ! Der ſchwachen Hütte
Haſt Du geweiht die Sterbegruft:
Sophie Herwig.

Dann flieg ' ich ſchnell empor , '. '


Geh ' ein durch's Perlenthor
Deines Tempels ;
Dich ſchau ' ich dann ,
D Gottes Lamm ,
Das für mich hing am Kreuzesítamm !
Das war – ſegt der Verfaſſer dieſes holdſeligen Lebens
bildes hinzu — die Sängerin der Liebe zu Israel.
Welch ein Chor! war ihr lektes Wort. Die Klänge der
himmliſchen Harfen und der Geſang der himmliſchen Myriaden
fiel in ihr ſich für das Dieſſeits ſchließendes Ohr. Welch eine
ſchöne Aufgabe wäre es, folche letzte Worte gläubig Sterbender zu
ſammeln ! Eins der lekten Worte der Gattin unſres Freundes B .
in G . war „ Grüne Blätter !" Du meinſt wohl, fragte man
ſie , den Epheuſtock dort am Fenſter ? Ach nein , war die. Ant
wort, und dann rief ſie wieder aus : Schön ! - Die Geſundheit
verleihenden Blätter der Lebensbäume am kryſtallenen Strome fielen
in ihre ſterbenden und ſchon halb verklärten Augen ! Del.

Miſſionsfrühling in Rußland.
. Es gereicht uns zu großer Freude , berichten zu können , daß
die Theilnahme der. evangeliſchen Kirche Fußlands für die Juden
miſſion ſich in vielverheißender Weiſe lenzlich zu regen begonnen
hat. Die Miſſions- und Collecten - Reiſe des Paſtor Becker hat
nicht wenig dazu beigetragen , dieſe Theilnahme zu wecken und zu
befeſtigen , während die zu gleichem Zwecke, namentlich für die in
Berlin zu erbauende „ Chriſtuskirche“ , unternommene Reiſe der
beiden Vertreter der Londoner Society for promoting etc., des
Dr. Klee und Dr. Schulze, Conflikte hervorgerufen hat, die wir
beklagen .
Am 3. und 4.September 1863 wurde in der Neu -Subbathi
ſchen Gemeinde in Kurland ein Miſſionsfeſt gefeiert. Der Paſtor
Miſſionsfrühling in Nußland. . 57
Müller aus Saucken wies die Gemeinde mit Beziehung auf
Römer 11 darauf hin , daß nicht bloß die Heiden , ſondern auch die
Fuden unſere chriſtliche Theilnahme und Hilfe fordern . Denn ſie
ſeien die durch die ganze Welt zerſtreuten Kinder des Volkes ,
welches wohl ſein Herz verhärtet habe gegen den Herrn Jeſum ,
den einigen Heiland , aber welches doch der Herr ſelbſt noch nicht
gänzlich verworfen habe, da er ihm die Verheißung gegeben , daß es
ſich dereinſt noch zum Herrn bekehren werde: darum folle der Chriſten
Liebe auch für die Juden ſorgen . Im vorigen Jahrhundert ſei
eine ſolche Miſſionsthätigkeit für die Juden ausgegangen von Halle,
wo Callenberg eine eigene Anſtalt zur Bildung von Judenmiſſio
naren gegründet hatte. Unter dieſen war der hervorragendſte
Stephan Schulz, der zu Fuß die meiſten Länder der Erde
durchſtreift und wo er nur mit Juden zuſammengekommen , ſie für
Chriſtum zu gewinnen geſucht habe. Seine Arbeit ſei nicht ohne
Erfolg und Segen geblieben .
Ausgang Auguſt und Anfang September wurde die Eſtlän
diſcheProvinzial-Synode gehalten , wetche auch die Miſſionsſache in
den Kreis ihrer Beſprechung zog. Die Miſſion unter den Heiden
vertrat der anweſende Director unſrer Heidenmiſſionsgeſellſchaft Har
deland, die Miſſion unter den Juden der General-Superintendent
Schulß . Er vertheilte unter die Synodalen den vom Miſſionar
Becker ihm übergebenen „ Aufruf zur Miſſion unter den Juden ;"
die Synode beſchloß dann, am 10 .Sonntag p . Trin . beſonders auch
der Judenmiſſion im Kirchengebete zu gedenken , ſowie eine Collecte
für dieſen Zweck am genannten Sontage alljährlich zu veranſtalten .
Am 11 – 17. September 1863 folgte die Livländiſche Provin
zial- Synode. Im Bericht heißt es : „ Paſtor Hanſen von Paiſtel
behandelte die Judenmiſſion , indem er ihre Geſchichte , die Art
ſie zu betreiben und ihre Hinderniſſe darſtellte. Prof. Dr. v . Det
tingen aus Dorpat vertheilte die „ Geſpräche Becker 8mit Kindern
Jsraels ." ,
Wir entnehmen dieſe erfreulichen Thatſachen dem neueſten Heft
der Dorpater Zeitſchrift für Theologie und Kirche ( 1864, 1) , deren
58 Aus Beckers ruſſiſchem Reiſebericht.

Redaction uns durch Aufnahme unſeres „ Aufrufs “ zu herzlichem


Dank verpflichtet hat, fo wie uns auch die freundliche Aufmerkſam
keit nicht entgangen iſt , welche die Redaction des Petersburger
Sonntagsblattes unſerer „Saat auf Hoffnung“ zugewendet hat.
Vor allem aber haben wir den energiſchen Beiſtand zu rüh
men, welcher uns von dem in Dorpat entſtandenen Judenmiſſions:
verein entgegenkommt. Möchte die Liebe, welche die Sache Israels
dort beſonders in Frauenherzen gefunden hat, nie erkalten und das
beredte Wort des Profeſſors Volck , welcher dieſes heilige Feuer
durch Vorträge über die altteſtamentlichen Weiſjagungen zu unter :
halten ſucht , nie verſtummen ! Denn es iſt nicht genug, daß wir
das prophetiſche Wort verſtehen , wir müſſen auch der göttlichen
Macht und Gnade , die es erfüllen wird , uns zu glaubensthätigen
Werkzeugen begeben.

Aus meiner Wirkſamkeit unter den Zuden in Rußland.


Von Paſtor C . Becker.
(Fortſeßung.)
17 . Juli. In Dünaborg mußte ich über Nacht bleiben .
Es wohnen dort ſehr viele Juden , und ich ſprad , auch am andern
Morgen mit vielen . Einer verkaufte an einem Scharren Brod.
Ich hielt ihm Mich. 5 , 1 vor, und erklärte es ihn . Aus Bethlehem ,
dem Brodhauſe , ſei das rechte Lebensbrod hervorgegangen .
Fünf ſtanden am Markt und ſprachen vom Handel. Ich
trat unter fie mit den Worten : Hackaul hebel habolim (es
iſt alles eitel). Sie ſtaunten , einer aber ſprach : das iſt wahr.
Ich : Wenn das wahr iſt, warum ſucht dann Israel blos die
Dinge dieſer Welt ? Und von dem rechten Handel verſteht es
nichts . Sie wollten von dem hören , ich erklärte ihnen Jeſ. 55, 1 ,
ſekte auseinander, daß alle Gnade nur durch den Meſſias zu erlan
gen ſei, und wies aus Dan . 9, 24 – 27 nach , daß er längſt gekom
Geſpräche in Dünaborg. 59

men und für uns geſtorben ſet. O , möchte Jørael audj ſo glücklich
durch Ihn werden wie ich ! Sie hörten mir lange und aufmerkſam
zu . Als ich ging, ſprach einer : Wir danken Ihnen für die guten
Worte, die Sie uns geſagt haben .
In Dünaborg gibt es kein Pflaſter , der Schmuß war ſehr
groß , da es ſtark geregnet hatte. Einem Juden , der mir begegnete,
ſagte ich : Im Winter muß hier ja kaum forts und durchzu
kommen ſein . Er: Es iſt greulich. Sich : Und doch fißen Sie in
noch tieferem Schmuß ſo ruhig und gedankenlos ? Er fah mich
verwundert an. Ich fuhr fort : ich meine den Schmutz der Sünde,
und am Ende auch die ſogenannten guten Werke. Das iſt ein
unſicherer , ſchlüpfriger Boden , man muß aber bei dem Werke der
Seligkeit einen feſten Grund unter den Füßen haben . Ich erklärte
ihm nun Jef. 28, 16 von dem bewährten , köſtlichen Edelſtein .
Auf dem Bahnhof traf ich viele Juden . Einer hatte mich
in Leipzig geſehen , und theilte das anderen mit. Ich wünſche.
ſagte ich ihnen , da uns jeßt Feuerkraft von hier weiter bringen
ſollte – daß wir Alle auf dem rechten Wege nach dem Jeruscha
lajim milmaaloh (dem oberen Jeruſalem ) ſein möchten , um mit
Elias einſt gleichſam auch im Feuer gen Himmel zu fahren . Aber
man fönne auch hinab fahren in 's ewige Feuer (Pl. 49, 20 ).
Dann zeigte ich ihnen , daß man nur durch den Meſſias ſelig heims
fahren könne, von dem geſchrieben ſtehet: Es wird ein Durch
brecher vor ihnen herauffahren , ſie werden durchbrechen und zum
Thor aus - und einziehen (Micha 2 , 13 ). Dieſer Meſſias fei
aber nach Micha 5 , 1 längſt gekommen, um uns Alle von Sünden
zu erlöſen , zum zweiten Mal aber werde er kommen mit Feuer
flammen vom Himmel, um Gericht zu halten Dan . 7, 13. 2. Theff:
1, 7. 8 . Und als Sohn Davids müſſe er ja auch längſt da
fein . Einer : David lebt noch . Ich : Der iſt in Jeruſalem
geſtorben , und ſein Grab war bekannt Apg. 2 , 29. Ein junger
Jude : Mein Vater iſt jetzt auf einer Wallfahrt nach Jeruſalem ,
und es iſt auch möglich , daß er dort ſtirbt. Ich : Und wenn er
hinkommt, ſo wird ihm nichts übrig bleiben , als ſich hinzuſetzen
Aus Beckers ruſſiſchem Reiſebericht.

und zu weinen mit den andern Juden an den paar Steinen , die
vom Tempel noch übrig geblieben ſind. Ich erklärte ihnen darauf
Dan . 9, 24 — 27. Hoſ. 3 , 4 - 5 , und ſprach über die Aufhebung
des Ceremonialgeſepzes. Am Abend kam ich nad Riga.
18. Juli. Sabbath. Ich beſuchte unter andern Herrn
Paſtor Poelchau jun., einen lieben Freund unſerer Miſſion , und
ging mit ihm unter die Juden und hatte mit ihnen mancherlei Ge
{präche, welche zum Theil nicht ohne ſichtlichen Eindruck blieben .
19 . Juli. Ich hörte Herrn Paſtor Jenßich ſehr erbaulich
predigen , und hielt ſelbſt am Abend um 6 Uhr einen Vortrag über /
Ezech. 34 , 16 vor zahlreichen Zuhörern . Mein Thema war :
Jeſus der gute Hirt. Dabei ſetzte ich unſere Miſſionsſache
weitläufig auseinander -und forderte dringend zur Theilnahme auf.
20. Juli. Auch heute ſprach ich mit vielen Juden und fuhr
am Nachmittage mit den Paſtoren Dr. Berkholz und Günther
nach dem Seebade Dubbeln . Die Fahrt ging die Düna hinunter,
an der ſchön gelegenen Feſtung Dünamünde vorüber , in den
Fluß Aa hinein , und ſo nach dem Orte unſerer Beſtimmung, wo
ich 4 Tage lang ſehr viele Arbeit hatte, mich aber auch , namentlich
an der friſchen Seeluft am Strande der Oſtſee, ſehr erquickte.
21 . Juli. Es begegneten mir Vormittag drei Juden , mit
denen ich über die Ankunft des Meſſias ſprach , und namentlich
über die Grundloſigkeit des rabbiniſchen Ausſpruchs: Kullo chajob
kullo sacko (entweder müſſen erſt Alle ganz fromm oder ganz
gottlos ſein ), dann wird der Meſſias kommen . Andere ſtützten
ſich namentlich darauf: Es werde noch ein Bajith schelischi (ein
dritter Tempel) kommen. Ich widerlegte ſie aus Hagg. 2 , 7 - 10
und nahm dazu 1. Moſ. 49 , 10 . Einer : Juda wird immerdar
ein Stamm bleiben ; denn das Wort Scheibet heißt Stamm . jich :
Wo iſt denn jeßt der Stamm Juda ? Er: Das braucht nur Gott
zu wiſſen . Ich : Wenn aber der Meſſias kommen ſoll , ſo muß
er ſein Jichus (Geſchlechtsregiſter ) nachweiſen können , daß er von
David abſtammt. Jeßt aber , wo Stamm , Familie , Geſchlecht
verſchmolzen und nicht mehr unterſcheidbar ſind, iſt das unmöglich .
Geſpräche am Oſtſeeſtrande.

Aus Micha 5 , 1. wies ich ihnen ferner nach , daß der Meſſias in
Bethlehem Juda, alſo ſo lange Juda noch ein Stamm war , geboren
werden mußte. Das ſei an Chriſto erfüllt worden, er ſei der Mef
ſias und kein anderer mehr zu erwarten . Der Diſputant war
lehrer und hatte ſeine Kinder bei ſich, die ſehr aufmerkſam zu
hörten . .
Darauf ſprach ich mit zwei jungen Handelsjuden , von denen
der eine immer ſagte : Wahrhaftiger Gott ! Ich : Meinen Sie
das Geſet gehalten zu haben , und durch dasſelbe felig zu werden ?
Er : O , ja ! Ich : Wie heißt das 2 . Gebot ? Das wußte er nicht
einmal. Ich hielt es ihm vor, und hob beſonders die Worte her
vor : Der HErr wird den nicht ungeſtraft laſſen , der zc. Dann
machte ich ihm bemerklich , er liege ja nach dieſem Gottesworte
und nach 5 . Moj. 27 , 26 unter dem Fluche , wie er von dem
ſelben befreit zu werden hoffe ? - Joh zeigte ihm den Weg
des Heils .
Sie gingen , ſpäter kam aber der Schwörer wieder zu mir ,
brachte einen andern , ſogenannten gelehrten Juden mit , und ſagte
nun zuerſt : Sie haben mich auf eine Sünde aufmerkſam gemacht,
ich werde ſie fortan nicht mehr thun. Ich wies ihn nach Sach. 13, 5
auf die Quelle , aus der er Kraft dazu ſchöpfen müſſe. Es ent
ſpann ſich nun noch ein langes Geſpräch , indem Beide Israel
wegen ſeiner Heiligkeit und Gebetskraft rühmten : Ein Mann ſei
krank geweſen , da ſei der Rabbiner mit ihnen zuſammen gekommen ,
hätte mit ihnen gebetet, und -- der Mann wäre geſund geworden .
Ein anderer ſtüßte ſich auf den 12 . der ſogenannten Glau
bensartikel der Juden , welcher lautet : „ Ich glaube von ganzem
Herzen an die Ankunft eines Meſſias, und ungeachtet ſeines langen
Ausbleibens harre ich dennoch täglich ſeiner Ankunft.“ Ich ſagte
ihm , daß dies nur die Lehre des Maimonides ſei, von dem jene
Säße herrührten ; die Schrift aber lehre ganz anders , und man
müſſe doch auch die Geſchichte mit beachten . Alles ſei an Jeſu
von Nazareth erfüllt, und Er allein der rechte Meſſias, das einige
Opfer für unſere Sünde.
62 Auf Bedere ruſſiſchem Reiſebericht.

22. Juli. Heute früh hatte ich ein ziemlich langes Geſpräch
mit einer jüdiſchen Handelsfrau , welche kaum davon abzubrin
'gen war, daß wir Chriſten drei Götter anbeten , die Juden aber
nur den einigen wahren Gott. Sie wurde aber empfänglich
für die Wahrheit. — Später ging ich etwas an den Strand, uin
in der Stille zu ſein , da ich Nachmittag einen Vortrag halten
follte. Da begegnete mir aber ein junger Jude, mit dem ich ein
langes Geſpräch über das wallende Meer der Liebe Gottes an
knüpfte , die ſich namentlich in der Sendung des Meſſias verherr
licht habe. Auf dem ſichtbaren Meere dort ſei ſchon mancher aus
der Höhe in die Tiefe gefahren , er möge ſich daher in Acht nehmen ,
daß er einſt nach Pf.49 nicht in die unſichtbare Tiefe fahre. Ohne
den Meſſias führen wir hinab; mit ihm könne man hinauf
fahren . Er war ſehr empfänglich und ſtil . -
Am Nachmittag hielt ich meinen Vortrag über Pf. 23.
Thema: Was iſt Chriſtus als guter Hirt ſeinen Scha
fen ? 1) fm Leben. 2 ) Im Tode . 3 ) Jn der Ewigkeit. Es .
waren auch Juden anweſend und außerdem zahlreichy ver
ſammelt vor den Thüren . Es ward in vielen Exemplaren der
„ Aufruf“ des ſächſiſch -bayeriſchen Vereins für Juden -Miffion ver
theilt. Ich hatte auch ſpäter noch ein ziemlich langes Geſpräch
mit einem Juden , der auf einem Bretterwege ging, was mir Ver
anlaſſung zu der Frage gab : Ob er auch auf dem rechten Wege
fei ? Er war ſehr aufmerkſam , als ich ihm nach Jeſ.59, 8 den
ſchmalen Weg zeigte, und ihn zum Wandel auf demſelben ermahnte.
Er füßte mir die Hand.
23. Juli. Ein junger kränklicher Schneider kam heute früh
zu mir und bat mich , ihm eine Frage zu erlauben . Da ihm das
gerne zugegeben wurde, ſprach er : „ Ich wollte Sie nur fragen ,
Herr Paſtor , wie Sie zu der Liebe zu Jørael kommen ?“ Ich
antwortete: Aus Liebe zu dem Einen , großen Juden , der Ihr
und mein Meſſias und König iſt und ſich um unſerer Sünden
willen am Kreuzé geopfert hat. Er fuhr nun fort: „ Es hat Sie
geſtern Abend auch ein jüdiſches Fräulein gehört , das Schriftchen
Geſpräch mit einem Elferer um das Gefeß .

empfangen und es uns in einem ganzen Kreiſe von Juden am


Abend vorgeleſen . Wir wiſſen nicht , was wir ſagen ſollen , da
man uns bisher nur mit Verachtung behandelt hat." Ich ſprach
nun lange mit ihm über die Wahrheit und predigte ihm das Evan
gelium . Er war ſehr ruhig und ſchien ſehr empfänglich zu ſein .
· Später ſchickte mir der Collegien - Rath E . einen jüdiſchen
Graveur zu . Das war ein ſehr Heftiger Mann , welcher um das
Geſetz eiferte und in der Schrift ziemlich bewandert war. Ich
wies ihn zuerſt auf Jerem . 31, 33 : Ich will mein Geſetz in ihr
Herz geben, und in ihren Sinn ſchreibert. Das gefchähe im neuen
Bunde durch die Hand des Heil. Geiſtes . Er : Das Geſetz Moſts
foll bleiben . Jch : Aber in ſeinem ceremoniellen Theile nur bis
auf die Zeit des Mefſtas. Denn wenn Gott von einem Neuen
Tpricht, ſo hebt Er doch ſelbſt das Alte auf. In dieſem trat ja
das Prophetiſche und Vorbildliche beſonders hervor. Die zehn Gebote ,
als Grundgeſetz im Reiche Gottes , bleiben bis an den jüngſten
Tag, und der eigentliche Bund , den der Herr mit den Vätern
machte, in deren Samen alle Völker geſegnet werden ſolten , bleibt
matürlich audy, aber die Bundesartikel ſind geändert. Er:
Dann ſind wohl die fünf Bücher Moſis zu verbrennen ? Ich :
Nein . Der Meſſias ſagt, er fer nicht gekommen , um aufzuheben
oder aufzulöſen , fonderrt zu erfüllen. Und das iſt durch
Ihn geſchehen . Der neue Bund iſt mit ihm angebrochen , und der
alte hat ſeine Vollendung in Ihm erlangt. Er iſt das rechte Opfer.
Er: Einen neuen Bund gibt es nicht. Ich : Laſſen Sie uns
Jerem . 31, 31 - 33 leſen . Das iſt doch wohl deutlich genug. Er:
Nur den Israeliten iſt das Geſetz gegeben , nicht den Völkern , und
es heißt: Bamokaum ascher jibhchar (an dem Orte, den er
erwählen wird ). Ich : Das iſt ganz recht. Bis auf eine gewiſſe
Zeit follte Alles dauern , und zwar ſollten die Opfer an einem
beſtimmten Orte gebracht werden . Aber warum iſt denn das Alles
aufgehoben , der Tempel zerſtört, und warum kann denn jeßt
Israel kein Opfer mehr bringen ? Er: Das iſt auch gar nicht
mehr nöthig . Die Poro adummeh (rothe Kuh) und alles Andere
Auß Beder8 ruſſiſchem Reiſebericht.
iſt nur äußerlich geweſen . Jeßt haben wir eine beſſere Ueberzeu
gung und Anſicht. Wir beten zu Gott. Ich : Allerdings heiligte
die Aſche von rother Ruh geſprengt die Unreinen nur zu der
leiblichen Reinigkeit , aber eben darum war ſie auch nur ein
Vorbild auf den Meſſias, der durch ſein rothes Blut unſer Ge
wiſſen reiniget von den todten Werken , zu dienen dem lebendigen
Gott. Bloßes Gebet macht es noch nicht aus. Man muß fich
dabei ſtüßen auf das rechte Opfer. Denn die Väter mußten auch
beten und doch zugleich opfern . Durch das vollgültige Opfer des
Meſſias ſind die andern erſt aufgehoben . Er: Der Meſſias iſt
noch nicht gekommen . Ich übergehe hier das lange und heiße
Streitgeſpräch , was ſich hieran knüpfte. Schließlich ſagte er :
Wir glauben auch nicht, daß man durch das Halten des Geſekes
ſelig werde. Wir halten uns bloß an Gottes Güte. Und Sie
ſehen , wir ſind ein hartnäckiges Volk. Ich : Das hat Moſes ſchon
von Israel geſagt (5. Moſ. 9, 6 ). Aber was die „ Güte“ Gottes
betrifft, ſo iſt ſie perſönlich in dem Meſſias erſchienen , und zu ihr
ſoll ſich jetzt Israel in den leßten Tagen bekehren , wie es heißt
bei Hoſ. 3, 5 : Die Kinder Israel ſollen den Herrn und ſeine Güte
ehren in der legten Zeit. Ach, nehmen Sie zum gekommenen Mef
ſias Ihre Zuflucht, ſonſt gehen Sie verloren . Er ging und ich
rief ihm Pſ. 2 , 12 noch einmal hebräiſch nach .
Gegen Abend fuhr ich auf dem Dampfboote nach Riga zurück.

Eingegangen
bei Prof. Delißich für die Miſſion unter Israel : 10 fl. von dem Bibel
kränzchen in Würzburg durch Arn . Stadtvicar Ortloph. - 1 fl. von
Hrn . Pfarrer Dianista. -- 1 fl. 30 fr. aus der Miſſionsbüchſe der in
Erlangen ſtudirenden Slovaken. - 5 fl. 24 fr. von ørn . Prof. von
şofmann.
Rechnungsablage pro 1861/63
des bayeriſchen evangeliſch - lutheriſchen Vereins zur
Verbreitung des Chriſtenthums unter den Juden .
Einnahme.
fl. kr. fl. kr.
I. Kaſiabeſtand von voriger Rechnung 385 4
II. An Beiträgen von Nürnberg:
Von Fräulein E . B . mit dem Motto Apoſtelg . 13,
46 . Joh . 4 , 22. Nöm . 9 , 1 - 5 durch Herrn

coa
Pfarrer Geiger . . . . .
Von Frau Greiſer, Afſeſſors-Wittwe pro 1861 2
Vierteljährige Beiträge von Regel geſammelt
pro 1860/61 . . . . . 3

co
Von Fräulein Nupprecht pro 1861 . . - 30
Von Fräulein Winterſchmidt durch Hrn. Pfr. apa?
Steger . . . . . . . 2 -
Von Hrn . Dekan Sirt pro 1861/62 . . . 2 - 15 42
Legat von G — r pro 1863 . . . . . - 150 -
III. An Beiträgen von auswärts :
Von Hrn . Eppelein in Augsburg durch Herrn
Enkelmann i . . . . . -
Von Hrn. Stud . theol. Kolbe durch Hrn Prof.
Delißſch . . . . .
Von Hrn . Stud. theol. Ulf durch Hrn . Miſſionar
Deutſch - i
Von I. W . in M . pro 1863 . . . . 2
Von auswärtigen Mitgliedern und Wohlthätern
des Vereins :
Aus Altdorf durch den Central-Miſſions - Verein
pro 1862 . . . . . . . 7 57
Aus Amorbads von der Fürſt Deiningen’ſchen Hof
prädicatur pro 1862 5 fl. 1863 4 ff. durch
denſelben . . . . . . . 9
Aus Ansbach pro 1863 durch denſelben . . 4
Latus 20 57 554 46
66

fl. fr. fl. fr.


Transport 554 46
Transport 20 57
Aus Artelshofen von Hrn . Pfr. Fiſcher pro 1861 2 42
Aus Augsburg pro 1862 10 fl. pro 1863 10 fl.
durch den Central- Miſſions - Verein . . 20 –
Aus Beyerberg bei Waſſertrüdingen aus der Mif
ſionsbüchſe des Hrn . D . Carl Seifert durch
Hrn . Prof. Delikich . . 2
Aus Baiersdorf von Hrn. Dekan Dietlen pro 1862 2 -
Aus Culmbach durch den Central-Miſſions -Verein
pro 1862 . . . . . .
Aus Erlangen durch denſelben pro 1863 . 2 224%
Aus Feucht durch Hrn. Pfr. Steger übergeben
pro 1862 . . . . . . . 3 —
Aus Fürth von der Geſellſchaft für innere Miſſion
im Sinne der lutheriſchen Kirche durch Hrn.
Pfarrer Geiger übergeben proʻ 1862 . . 19 303/4
Ebendaher durch Hrn. Kaufmann Mar Löhe
pro 1863 . . . . . . . 6 154/2
Aus Gleiſenau von Hrn. Pfr. Blendinger
pro 1862 3 fl., pro 1863 4 fl. 9 kr. . . 7 9
Aus Gunzenhauſen pro 1862 2 fl. 22 fr., pro 1863
18 kr. durch den Central-Miſſions-Verein . . 2
Aus Heroldsberg durch denſelben pro 1863 . 2 –
Aus Hersbruck von Freunden Jsraels durch Hrn.
J. C. Schmidt 5 fl. 30 kr und 25 fl. 30 kr. 31 –
Ebendaher durch den Central-Miſſions - Verein
pro 1863 . . . . . . .
Aus Hohenbirkach durch denſelben pro 1863 . 4
Aus Langenau durch denſelben pro 1863 .
Aus Ludwigſtadt durch denſelben pro 1862 4 fl.
31 kr., pro 1863 2 fl. 30 kr. . . . 7
Aus Michelricth von Hrn . Pfarrer Schatten
mann pro 1862 . . . . . 2 –
Aus Muggendorf pro 1862 2 fl. 15 kr., pro 1863
3 fl. durch den Central- Miſſions - Verein . 5 15
Latus 170 40 /2 554 46
67
fl. fr. fl. fr.
Transport 554 46
Transport 170 401/2
Aus Münchberg pro 1862 durch denſelben . 6 161/2
Aus Neuendettelsau von der Geſellſchaft für innere
Miſſion im Sinne der lutheriſchen Kirche, be
ſonders für die Förderung der Miſſion unter
Israel auf literariſchem Wege pro 1863
durch Hrn . Prof. Delißſch in Erlangen über
geben . . . . . . . . 160 -
Aus Nördlingen durch den Central-Miſſions-Verein
pro 1863 . . . . - 30
Aus Pommersfelden pro 1862 4 fl., pro 1863 4fl. 8
Aus Poſſenheim pro 1862 durch denſelben . 3
Aus Pudenhof von Hrn. Inſpector Kleinknecht
pro 1862 2 fl., pro 1863 30 kr. durch Hrn,
Pfarrer Diesel . . 2 30
Aus Rügheim durch den Central-Miſſions-Verein
pro 1863 . . . 2 –
Aus Streitberg pro 1863 durch denſelben . 1 45
Aus Uettingen Collecte durch Hrn . Pfarrer und
Senior Schmidt pro 1862 . . . 1 52
Aus Uttenreuth von Hrn . Pfr.Brunner pro 1862 6 –
Aus Waizenbach vom k. Decanat pro 1862 . 4 38
Ebendaher durch den Central- Miſſions - Verein
pro 1863 . . . . . . . 3 381/2
Aus Weiden pro 1862 durch denſelben . . 1
Aus Windsbach pro 1863 durch denſelben i 3 12
Aus Windsheim pro 1862 1 fl. 6 kr., 1863 1 fl.
30 kr. durch denſelben . . . . . 2 36
Aus Wüſtenſtein pro 1862 durch denſelben . 1
378 544/2
Nachträglich an Beiträgen von Nürnberg pro 1863
durch den Central- Miſſions - Verein . . 34 48
desgleichen pro 1862 von einem Ungenannten . 3 —
37 48
An Stückzinſen pro 1863 8
Summa der Einnahmen 979 281/2
Ausgabe
I. für Druckkoſten des 5 . Jahresberichts pro 1856/61 - .
II. für. Buchbinderlohn
III. Unterſtützung des D . P . B . in Berlin zur Reiſe nach
London in Miſſionsangelegenheiten , auf Empfehlung des
Hrn. Prof. Delitzſch . . . 17 30
IV . desgleichen dem Buchdrucker - Gehilfen Heinr. San
trowitzſch aus Stettin zu ſeiner Weiterreiſe nach Berlin
auf Empfehlung des? Al
Hrn . Parr
Pfarrer Steger
er Ste ger . . 3 30
V . desgleichen dem Hilfslehrer D . auf Empfehlung des
Hrn . Prof. Delitzſch . . . 17 30
VI. Zahlung an die Naw 'ſche Budyhandlung für ange
ſchaffte Miſſionsſchriften pro 1857 bis 1862 von Hrn .
Pfarrer Steger . . . . . . ..
VII. für Porti - Auslagen . 2 48
. Summa der Ausgaben 76 18

Abſchluß.
Einnahme . 979 fl. 281/2 kr.
Ausgabe . . . 76 fl. 18 kr.
bleibt Caſſabeſtand . 903 fl. 101/2 kr.
Nämlich : baar 503 fl. 101/2 kr.
1 Bankſchein 3 % 400 fl.
(wovonnach Comite-Beſchluß vom 13.Mai 1864 700 fl. (= 400 Thlr .)
an den Hauptverein in Dresden abgeliefert wurden . Zuſatz vom
14. Mai 1864.)
Für den Jusſchuß des Vereins zur Verbreitung des
Chriſtenthums unter den Juden ..
Prof. D . Delikſch.
Pfr. Diekel, Secretär.
Fleiſchmann , Caſſier.
I n halt
des erſten Hefts des zweiten Jahrgangs.
Seite
Gedicht von Jul. Sturm : Ein Jude . . . . . . . . . . 3
Dffner Brief an Herrn Levy in Bockenheim . . . . . . . .

. . . . . . .
I . E . Weſſely ’ 8 Pastor Bonus . . . . . . . . . . . .

. .
Renan und der Talmud . . . . . . . .

· · · ·
Jüdiſche Urtheile über Renang Leben Jeſu . . .
Paulus Caſſel gegen Renan . . . . . . . . ..
Ddioſu8 - Mandelſtamm . . . . . . . . . . . . . . . ..
Die alten Halliſchen Miſſionare und die Juden . . . . . . . .
Die Juden in Ungarn . Zweiter Artikel . . . . . . . . . .

·
Unbemeſſene Worte gegen die Bibliothek- Verwaltungen Italiens .
Neue Auffaſſung der alten jüdiſchen Secten . . . . . . . . . . .
Bar-Rochba als Held einer neuen Tragödie . . . . . . . .
Freude der Baſſuto's über den Anblic des erſten Juden . . . .
Daš ſtille Jüdel aus dem Prager Judenviertel . . . . . . . . .
Marie Sophie Herwig , die Miſſions - Sängerin . . . . . . .
i .

Miſſionsfrühling in Nußland . . . . . . . . . . . . .
Auß Beders Wirkſamkeit unter den Juden in Rußland . . . . . 58
Rechnungsablage des bayeriſchen Vereins pro 1861/63 . . . . . .
Saat auf Hoffnung.

Zeitſchrift
für die Miſſion der Kirche an Israel,
in vierteljährlichen Heften herausgegeben

pon

Profeſſor Delißſch und Paſtor Becker.

Zweiter Jahrgang, zweites Heft.


(Miðhaelis 1864.)

Drgan der evangeliſch - lutheriſchen Miſſionsvereine für Israel


in Sachſen und Bayern .

In Commiſſion von Juſtus Naumann's Buchhandlung


in Leipzig und Dresden .
Druck von E . Th. Jacob in Erlangen .
Das Heil kommt von den Juden .
Von einem Freunde Jsraels auf Anlaß eines Vortrags des Pfarrers
Bernoulli in Baſel gedichtet (Baſeler „ Freund Fsrael8 " X , 5, 137.)
mm
Weiſe: Allein Gott in der Höh ſet Chr.
Vom wem nächft enerm HErrn und Gott
kommt euch das Heil, ihr Chriſten ?
Laßt nicht der Menge Hohn und Spott
Cuch blenden , überliſten !
Verſtocket eure Herzen nicht,
Hört, was die Wahrheit ſelber ſpricht :
„ Das Heil kommt von den Juden !“
Wer ftellt uns dar ſo hehr und ſchlicht
Den Anfang aller Dinge ?
Der Patriarchen Glaubenslicht ?
Gleich diamantnem Ringe
Des HErrn und ſeines Volkes Bund ? -
Moſe , der Gottesmann , thuf's kund -
„ Das Heil kommt von den Inden !“
Wie gnädig und erbarmungsreich
Der HErr ſein Volk geleitet ,
Im heilgen Born ihm doch zugleich
Nur Segen zubereitet :
Das klingt uns an von Joſua
Bis Esra und Nehemia --
„ Das Heil kommt von den Juden !“
Wer tröſtet uns im herbften Leid,
Die girrenden gleich Tauben ?
Wer macht das Herz zum Dank bereit
Und ſtärket uns den Glauben ?
Hiob ift's, David , Salomon ,
Die Sänger auf dem Königsthron -
„ Das Heil kommt von den Juden !"
Wer dräut dem Sünder das Gericht ?
Wer ſchmettert frevler nieder ?
Wer weist Reuvolle hin zum Licht
Der ew 'gen Liebe wieder ?
Nicht der Propheten mächt'ges Wort ?
Nicht der Verheißung Felſenhort ?
„ Das Heil kommt von den Juden !“
Das Kindlein arm zu Bethlehem ,
Im Aug den Gottesſtempel;
Der Knabe zu Jeruſalem ,
Der Wunderſohn im Tempel;
Der Bimmermann von Nazareth ,
Gilt er daheim wohl als Prophet -
„ Das Heil kommt von den Juden !"
Wer predigt ſo gewaltiglich ,
Der Schriftgelehrten Meiſter ?
Wem neigt Moſes, Elias fich ,
Die längſt verklärten Geifter ?
Wer heilt das Volk , wehrt aller Noth ,
Ruft in das Leben aus dem Tod ? -
„ Das Heil kommt von den Juden !"
Wer ringt dort in Gethſemane ?
Wer ſtürzt den Feind zu Boden ?
Erliegt auf Golgotha dem Weh ?
Erſtehet von den Todten ?
Es ift der Löw ' aus Juda's Stamm ,
Der Friedefürft , das Gotteslamm !
„ Das Heil kommt von den Juden !"

Wer iſt die mächtge Beugenſchaar ?


Sie zieht in alle Lande ,
Ruft aus das große Gnadenjahr ,
Löst ſelbſt die ftärkſten Bande.
Es wirkt in ihr des Heilands Geiſt,
Der ſich durch Wort und That beweist.
„ Das Beil kommt von den Inden .“
So liebt nächſt euerm HErrn und Gott
Die Juden doch , ihr Chriſten !
Laßt nicht der Menge Hohn und Spott
Euch blenden , überliſten .
Beigt, was die wahre Lieb euch heißt,
Den Juden eures Heilands Geiſt ! -
„ Das Heil kommt von den Juden .“

S. $. .
Die Profel y ten - Familie.
Eine rüdwärts erzählte Geſchichte von 1 . D .

Man braucht nur Univerſitätslehrer zu ſein , um von einem


Halbjahr zum andern immer mehr in der Ueberzeugung befeſtigt
zu werden , daß die Kirche Jeſu Chriſti , wie ſie aus dem jüdiſchen
Volke heraus entſtanden iſt, ſo auch fort und fort aus dieſem heraus
einen ſegensreichen Zuwachs gewinnt. Wie viel Söhne jüdiſcher
Väter , welche in Jeſu den Meſſias Israels und den Heiland der
Menſchheit erkannt haben , ſind ſchon vor mir vorübergezogen ,
unter ihnen auch ſolche, welche in der Synagoge berühmt gewor
dene Namen tragen . Sie ſind theilweiſe ſchon im Amte und pre
digen der Gemeinde Den , den ihre Seele liebt, einer in meiner
nächſten Nähe, aus deſſen Munde ich ſo gern das Wort des Lebens
höre , und nie ohne daß mein Herzblut zu hüpfen beginnt, indem
ich mit dem Apoſtel frohlocke : „ Gott hat ſein Volk nicht verſtoßen ,
welches er zuvor verſehen hat.“ Wie groß war deshalb meine
Freude , als ich dich, lieber Theodor, dich , den Herzensfreund eines
mir befreundeten jungen Theologen und den Sohn eines mir ſchon
durch ſeine Schriften bekannt und lieb gewordenen Zeugen Chriſti von
israelitiſcher Abkunft, hier in Erlangen empfangen ſollte ! Schon
aus der Ferne wechſelten wir freundſchaftliche Grüße, und der
Duft der in deinem Elternhauſe Heimiſchen Erkenntniß Chriſti er
quicte mich ſchon aus der Ferne. Es war eine ſchwere Zeit für
dich , in der wir einander bekannt wurden . Nur erſt vor einigen
Wochen war dir und deinen lieben Geſchwiſtern der beſte Freund
entriſſen . Ihr hattet den heißgeliebten Vater begraben , der deine
Beziehung unſerer Univerſität ſchon in voraus gutgeheißen , aber dir
gern beim Abgang die ſegnenden Vaterhände aufgelegt hätte. Und
nicht lange erſt hatte ſich dieſes Grab eurer findlichen Hoffnungen
Widmung an Theodor .

geſchloſſen , ſo ſaht ihr in eurer lieben Mutter eine langſame, aber


unaufhaltſam hinſtechende ſchwergeprüfte Dulderin . So lange fie
mit euch den franken Vater zu pflegen hatte , bewies ſie ſich zum
Erſtaunen Aller , die ihre leibliche Schwachheit kannten , wie eine
Heldin ; nun lag ſie ſelber erſchöpft danieder und ſchloß immer
mehr mit dem Dieſſeits ab und ſchmachtete unter Seelen - und
Leibesſchmerzen nach dem himmliſchen Sabbat. In der erſten
Zeit dieſer ihrer Leidensſchmelze warſt du mit ihr allein . Wenn
du nicht daheim warſt , laß ſie einſam und doch auch nicht einſam ,
ſondern mit ihrem Heiland verkehrend und dich und deine Ge
ſchwiſter ihm ans Herz legend im Winkel des Sophas eures Stüb
chens ; und wenn du wieder nach Hauſe kommſt, mit wie lieblichem
Lächeln , mit wie freudeſtrahlenden Blicken empfing ſie sich als
einen ihr immer wieder aufs neue von Gott Geſchenkten ! Und wie
ſehr haſt du Gott zu danken , daß du den Gang durch's Gymnaſium ,
den du zur Freude der Eltern, und deinen dich anfangs hohnnecken
den Schulkameraden zur Beſchämung Stufe um Stufe mit Ehren
zurücklegteſt, zur Freude der verwittweten Mutter in einer dich tief
beſchämenden ehrenvollen Weiſe beſchließen konnteſt ! Schon hie
nieden konnte ſie die Frucht ihrer Mutterſorge ernten und die Er
füllung ihrer Gebete vor Augen ſehen . Mit deinem Abgang vom
Gymnaſium trat ihr auch der ſchwere Abſchied , wenn ſie dich nun
zu uns nach Erlangen entlaſſen ſollte , näher und näher vor die
Seele. Selbſtverläugnend fügte ſie ſich in Gottes erkannten Willen
- der Herr aber , der ihre Seele immer mehr für das Jeruſalem
droben beſchwingte, erſparte ihr dieſes ſchwere Scheiden . Wenn ich
daran denke , daß ſie in ihrer Krankheit öfter auch meinen Namen
genannt und im Geiſte dich meiner Fürſorge anempfohlen hat, und
dagegen erwäge, wie weit ich hinter dem Wunſche der Heimgegan =
genen zurückgeblieben bin , ſo muß ich mich ſchämen . Um ſo wohl
thuender iſt es meinem Herzen , mich jeßt, wo du von Erlangen
ſcheideſt, noch einmal in das Leben und Sterben deiner lieben Eltern
verſenken und nicht allein mich, ſondern auch andere daraus erbauen
zu können . Mit dir an dieſen Gräbern mich aufs Neue verbin
Die Proſelyten - Familie.

dend , hoffe ich vielleicht in Zukunft nachholen zu können , was


ich bisher verſäumte oder nicht zu leiſten vermochte. Ich danke dir
für dieſe vor mir liegenden , dir heiligen Familien -Urkunden , die
du mir anvertraut haſt. Zwar legt der entſchiedene Wille deines
ſeligen Vaters, daß ſeine Lebensgeſchichte nie mit Nennung ſeines
Namens erzählt werde, mir beengende Feſſeln an ; meine Erzählung
wird dadurch etwas farblos, aber dieſer ihr Anfang , der dich, den
Sohn, zum Zeugen des über Vater und Mutter Berichteten nimmt,
verbürgt allen Leſern die buchſtäbliche Wahrheit. Ehe ich aber von
deinem Vater erzähle , trete ich noch einmal an das Siech - und
Siegesbett deiner lieben ſeligen Mutter.
2. Als du von einer vierwöchentlichen Erholungsreiſe zurück
kehrteſt, welche die liebe Mutter dir zur Pflicht gemacht hatte,
fandeſt du ſie um vieles ſchwächer. Etwas ſpäter eilte deine Schwe
ſter herbei, um den Beruf einer Erzieherin , den ſie in einem vom
Frieden Gottes durchwalteten ländlichen Pfarrhauſe verſah, mit
dem Berufe einer Diakoniſſin am Krankenbett der eigenen Mutter
zu vertauſchen . Die unausgeſeßt nothwendige Pflege verſtattete
euch auch des Nachts nur wenig Ruhe , aber das himmliſche Bild
unüberwindlicher Geduld , das ihr von Tag zu Tag zu ſchauen
gewürdiget wurdet, belohnte euch reichlich . Nie kamen Klagen über
die Lippen der Dulderin und wenn ſich ihr zuweilen ein Seufzer
entrang , ſo war es doch nur ein unwillkürlicher Schmerzenslaut,
dem immer wieder die ſich ſelbſt beſchwichtigende Willensäußerung
folgte : „ Ich will tragen ſoviel der Herr auflegt; er weiß daß es
nöthig iſt zu meiner Vollendung. Statt getröſtet werden zu
müſſen , tröſtete ſie euch, wenn ihr mitleidig ſie fragtet. Sie wäre
gern noch länger bei euch geblieben , aber ich hatte es — ſagte
fie — ſo zuverſichtlich gehofft, meine Bitte war zu ungeſtüm , nun
lehrt der Herr mich Geduld und Ergebung.“ Ja ſie war froh ,
daß ihr Ende nahe ſei, damit ihr dieſen Jammer nicht allzulange
mit anſehen müßtet. Obwohl ihr die lekte Kindespflicht willig
übtet, war ſie doch mehr um euch beſorgt als um ſich ſelber. Und
doch machte ſie euch die Pflege ſo leicht und war in erfinderiſcher
Das Ende der Gattin des Profelyten .

Dankbarkeit, obwohl an das Schmerzenslager gebannt, immer noch


darauf bedacht, euch kleine Freuden zu machen . Und welche ſelige
Ruhe lag auf ihrem Antliß , das beſonders in der lezten Zeit oft
ſchon wie verklärt war! Welche Fülle heiliger Liebe leuchtete aus
ihren hellen klaren Augen , mit denen ſie euch oft in ſo bedeutungs
voller Weiſe bis in die Tiefen eurer Seelen hinein anſchaute !
Aber vierzehn Tage lang führte ſie der Herr in ein dunkles Thal.
Das Gefühl der Nähe ihres Heilandes entſchwand ihr. Von ſchwe
ren Zweifeln wegen ihres Gnadenſtandes angefochten , klagte ſie
Tag und Nacht nicht über Schmerzen ihres Leibes , ſondern über
Troſtloſigkeit ihrer Seele. Euer Zuſpruch aus Gottes Wort haftete
nur augenblicklich. Die Furcht, daß ihre Sünden zu groß ſeien ,
als daß der Herr Wohlgefallen an ihr haben könne, preßte ihr
tiefes Stöhnen aus und quälte ſie in nächtlichen Fieberphantaſien .
Da ward auf ihr eignes Verlangen der Freund eures ſeligen Vaters
aus jenem gottgeſegneten Pfarrhaus herbeigerufen und ihm gelang
es , das blöde erſchrockene Gewiſſen , nachdem es ſich beichtend ent
laſtet hatte , durch das Gotteswort der Abſolution emporzuraffen .
Die nächſte Folge war ſtiller Friede, und nach vierzehn Tagen
vom Beginne der Anfechtung an hatte dieſer ſtille Friede wie lindes
Feuer dermaßen ihr Inneres durchdrungen , daß er in Triumphes
wonne ausbrach . Nun focht ſie nichts mehr an , ſie nahm an
Allem wieder heiteren Antheil und achtete die von Tag zu Tag ſich
ſteigernden Schmerzen weniger denn zuvor. Das Wort: „ mir ſind
alle meine Sünden vergeben “ durchklang alle ihre Reden und auch
ihre Phantaſien . Noch am vorlegten Tage vor ihrem Sterben mußte
Theodor es ihr mit großer Schrift und am leßten Tage vor
ihrem Sterben mit noch größerer Schrift aufſchreiben und ihr
gegenüber an der Wand neben den Bildern ihrer vorangegange
nen Lieben befeſtigen. Die leßten zwanzig Stunden waren
furchtbar . Sie litt unbeſchreiblich. Die Qualen der Waſſerſucht
traten zu ihren andern Uebeln hinzu . Sie ſchmachtete nach linde
rung , aber als kein Mittel half, ſagte ſie , auch das ſei gut. Sie
wußte, ohne ſich zu täuſchen , daß ſie den lekten Kampf kämpfe.
10 Die Proſelyten - Familie.

Als ihre Leiden den höchſten Grad erreichten , hörte man ſie flehen :
„Ach du lieber Vater , du kannſt wohl gar nicht anders , du mußt
mich wohl ſo hart ſchlagen !" Dann kamen die heftigſten Phan
taſien . Die faſt ſchon gelähmte Zunge ſtammelte immer und immer
wieder : „mir ſind meine Sünden vergeben .“ Als ihr Lallen nicht
mehr zu verſtehn war, merkte man doch deutlich, daß fie mit dieſen
Worten ſich tröſte und bete. Sie konnte die Shrigen nur noch
mit halbgebrochenen Augen anblicken , denen man 's aber anſah, daß
fie freundlich blicken wolten . Die Bruſt ging immer höher, immer
entſeßlicher wurde der Kampf; endlich endete er in ein leiſes Röcheln
und dieſes wurde zu ſanftem Athmen , ſie legte in ganz eigenthüm
licher Weiſe das Haupt zurück , das Athmen wurde immer leiſer,
die Pauſen immer größer , noch ein leiſer Hauch und nach einiger
Zeit noch ein leiſerer und -- ſie hatte ausgerungen . Es war eine
hochheilige Stunde. Alle die zugegen waren fühlten wie nie in ihrem
Leben zuvor die Nähe des heiligen und barmherzigen Gottes . Die
Dulderin lag nun als Siegerin da. Kein Zug des Schmerzes in
ihrem Antliß , nur tiefer Friede. Ein ſanfter Schlummer nach
pollendeter Arbeit ſchien ſie zu erquicken , die Bruſt ſchien noch ſich
zu heben und zu ſenken , aber es war nur Schein . Die nach ihrer
Heimath entflogene Seele hatte nur einen Widerſchein ihrer Him
melsſeligkeit auf der verlaſſenen irdiſchen Hülle zurückgelaſſen . In
den Thränenſtrömen der nun doppelt verwaiſten Kinder floſſen
Thränen des Schmerzes über den großen Verluſt mit Thränen
der Freude über den miterlebten herrlichen Sieg ineinander. Eleo
nore kehrte nach erfüllter Kindespflicht in das wie ein zweites Va
terhaus liebgewordene Pfarrhaus zurück und Theodor wurde von
einer edlen Freundin der Mutter aufgenommen , welche ſich beeiferte,
ihm die Mutter ſo viel als möglich zu erſeßen . Das nahe Oſter
feſt aber ergoß ſeinen reichen Troſt in die Herzen der Waiſen , und
die Sonne des Feſtes ſtrahlte auf die nahe bei einander gelegenen
Gräber ihrer Lieben Grüße des Auferſtandenen hernieder.
3 . Drei Gräber waren es , denn zwiſchen dem Tode des
Vaters und der Mutter war auch ihr jüngſter Sohn ins Grab
Das Ende ſeines jüngſten Kindes . 11

gebettet worden . Nur drei Kinder hinterließ die ſterbende Wittwe;


der älteſte Sohn befand ſich bereits als Gymnaſiallehrer fern von
der Familie und ging leider , durch Berufszwang abgehalten , des
unmittelbaren Eindrucks ihrer Sterbefälle verluſtig; die beiden fol
genden Geſchwiſter blieben einander nahe genug, um ſich einander
zu erquicken , ihr jüngſter Bruder aber war der Mutter vor dritthalb
Jahren in das jenſeitige Leben vorausgegangen . Er war 141/2 Jahr
alt, als er einem ſchweren elfmonatlichen Leiden erlag – ein über
aus begabtes Kind , welches den behandelnden Arzt oft bis zum
Staunen überraſchte, denn er antwortete ſo als ob ſein eigenes
Leibesinnere ihm durchſichtig wäre. Seine Krankheit machte ihn
ſehr reizbar ; zuletzt aber wurde er ein ſanftes Lamm . Sein in
wendiges geiſtliches Leben war bis dahin wie eine geſchloſſene Knoſpe,
jeßt aber in der Hitze des lezten langen Leidenskampfes entfaltete
ſie ſich zuſehends zur ſchönſten Blüthe. Er wünſchte ſehnlichſt,
daß er noch confirmirt werden möchte , um das heil. Abendmahl
genießen zu können , aber die zunehmende Schwäche machte es un
möglich. Sich ſelbſt mit Schriftworten und Liedern tröſtend, erbaute
er Mutter und Geſchwiſter , welche durch ſorgſamſte Pflege ſein
dahingeſchiedenes Leben , wo möglich , zu erhalten ſuchten . Die
ſchwere und mit tiefen Gemüthserſchütterungen verbundene Pflege
warf die Mutter ſelber auf das Krankenlager. Eine in ihren An
fängen nicht beachtete Lungenentzündung brachte ſie dem Tode nahe,
und obwohl ſie von dieſem Krankenlager wieder erſtand, ſo erholte
ſie ſich dennoch nie von den Folgen , welchen ſie auch nach langem
Siechthum erlag. Krank zum Tode lagen Mutter und Sohn in
verſchiedenen Zimmern und zu ihren körperlichen Leiden kam der
Seelenſchmerz, mit dem ſie wechſelſeitig einander vermißten . Indeß
ordnete die Mutter Alles dem Einen höchſten Wunſche unter , daß
ihr Kind ſelig werde. Und die Erfüllung dieſes Wunſches wurde
ihr in ihrer Abgeſchiedenheit eigenthümlich beſiegelt , indem der
Kranke , kurz vor ſeinem Tode wunderſam von oben geſtärkt , die
Schweſter beauftragte: „ Sage dem lieben Mütterchen : ich habe
Gnade gefunden , ich habe Vergebung der Sünden im Blute Jeſu ,
yten ie
12 Die Profel - Famil .

ich ſterbe gerne." In der Todesnacht aber betete er in den Armen


Eleonorens mit feſter Stimme:
Mach End, o Herr , mach Ende
An aller unſrer Noth ,
Stärk unſere Füß und Hände,
Und laß bis in den Tod
Uns allzeit deiner Pflege
Und Treu empfohlen ſein ,
So gehen unſere Wege
Gewiß im Himmel ein .
So hinterließ er , von hinnen ſcheidend , den Seinigen himmliſchen
Troſt. Fünf Monate früher war ihm der Vater vorausgegangen .
Die Proſelyten - Familie , die wir ſchildern, war nun halb im Him
mel und halb auf Erden . Der Sohn , der am Sterbebette des
Vaters ſterben gelernt hatte , wandelte mit ihm droben unter den
Engeln Gottes , die verwittwete Mutter mit ihren drei verwaiſten
Kindern wandelte noch hienieden im Thale der Thränen .
4 . Sie war chriſtlicher und er jüdiſcher Eltern Kind , aber
in der Liebe ihres Heilandes lebten und webten ſie beide. In dem
feſten Glauben , daß das Selbſtopfer Chriſti die Sühne unſerer
Sünden iſt, ſind ſie beide von hinnen geſchieden . Und wie lieblich
war ſchon dieſſeits ſein Loos gefallen , indem ſeine Wahl auf eine ſolche
Gattin gefallen war , welche in aufopfernder Liebe nach dem Vor
bilde Deſſen , der ſich ſelbſt für uns dahingegeben , mit ihm wett
eiferte ! Sie trugen ſichy, richteten ſich auf, beflügelten gegenſeitig
ihre Schritte nach dem himmliſchen Jeruſalem und arbeiteten ge
meinſam an der Hineinbildung der ihnen durch Gottes Geiſt be
ſiegelten Wahrheit in die Herzen ihrer vier lieben Kinder. Und
als er auf ſein legtes Krankenlager hingeſtreckt dalag , welch eine
Tröſterin ſtand ihm zur Seite , welch eine nicht blos natürliche,
ſondern übernatürliche Liebe neigte über ihm ihr Antlig ! Er ſtarb
am 13 .Mai 1859. Vor uns liegen zwei Briefe der Gattin ,welche
uns den beſten Einblick in das Verhältniß der beiden Gatten ge
währen . Der eine iſt im März 1859, als ihr Mann ausſichtslos
darniederlag , an ihre Geſchwiſter in l . gerichtet.
Die Gattin des Profelyten an ſeinem Sterbelager .

„ Gottes Gnade und Barmherzigkeit – ſo lautet erwörtlich -


begleite euch , Geliebte , auch in den kommenden Tagen . Er ſei
euch ſtets nahe mit ſeiner Hülfe und gebe euch ſeinen allein beſe
ligenden Frieden , Amen . O meine Theuren , haben wir ſeinen
Frieden , ſo haben wir Ihn ſelber und haben mit ihm Alles , was
das Herz in bangen Stunden bedarf. Dann können wir auch unter
dem Kreuze lobſingen , voll Dankes , daß uns das kündlich große
Geheimniß geoffenbart iſt. Bis hieher hat der Herr auch uns ge
holfen . Bald ſinds zwanzig Wochen , daß mein lieber Mann von
dieſer Krankheit befallen wurde. Der treue Heiland hat ihm Kraft,
Troſt und Geduld geſchenkt. Ach meine Lieben , könnte ich euch
doch einige Hoffnung geben ! Aber ich würde euch, ich würde mich
täuſchen . Vor Menſchenaugen iſt nichts, was auch nur den Schein
von Beſſerung gäbe . . . Ihr könnt wohl denken , was ich Arme
leide. Aber der Herr tröſtet mich , ja Ihm zum Ruhme bekenne
ich : er gibt bisweilen auch rechte Fröhlichkeit, das heißt, daß meine
Seele fich freuen kann in Ihm , dem Gott meines Heils. Er vers
lieh mir bisher die Gnade, nicht in die Zukunft zu blicken , und
das Kreuz , das mir die Gegenwart bringt, dadurch noch zu ver
größern. Dagegen beſchaue ich lieber die Vergangenheit und ge
denke was der Herr mir Gutes gethan hat. Dich kann nicht
genugſam danken , loben und Preiſen für Alles , was ſeine Barm
herzigkeit mir durch meinen Mann geſchenkt hat. Was verdanke
ich ihm in der Pflege meines Geiſtes , wie betet er mir jeßt ſo oft
Liebe und Glauben in 's Herz , daß alles Trauern ſchwindet. D
meine Geliebten , ich war nicht als Brautnur ſeine glückliche Doris ,
wie er mich ſo gerne nannte , o nein : ich bin es noch glücklich
auch in den Tagen der Trübfale. Denn der Herr iſt bei uns
drinnen . Ihm habe ich meinen theuren Mann übergeben und hoffe
freudig : Er wirds wohl machen . Meine theuren Geſchwiſter , wie
glücklich iſt der Menſch , der einen Heiland hat! Ja wir wollen
bei Ihm bleiben . Er helfe uns allen dazu , daß wir beharren bis
ans Ende. Amen."
Der zweite Brief , vom Juni 1859, iſt die Antwort der
14 Die Proſelyten - Familie.

Wittwe auf den Troſtbrief einer Freundin . Er vervollſtändigt das


Bild dieſer Ehe , welche Freundſchaft zu ihrer Seele und Liebe
Chriſti zu ihrem Geiſte hatte. Solche Ehen ſcheidet auch der Tod
nicht : er bricht ihre zeitliche Geſtalt und entbindet ihr ewiges Weſen .
„ lob, Preis und Dank – ſo lautet dieſer Brief – ſei dem Lamme,
das für uns erwürget iſt , nun und in alle Ewigkeit, Amen .
Theures Fräulein ! Herzlichen Dank für Ihre liebe Zuſchrift , die
ein Triumph- und Freudenruf iſt. Gelobt ſei der Herr , daß ich
durch ſeine Gnade fröhlich Ihnen beiſtimmen kann. Ja, der Herr
hat Großes an uns gethan ; wir wiſſen : wir ſind Gotte verſöhnt
durch das Blut ſeines lieben Sohnes , wir ſind Gottes liebe Kinder,
unſer Gott iſt die Liebe , er will unſer Heil und darum können wir
getroft ſein . Ja der Herr hat Großes an mir gethan in der langen
Leidenszeit meines lieben B . Er hat dies Kreuz mit rechtem Segen
gekrönt. In alle Ewigkeit kann ich dem Herrn nicht genug dan=
ken. O welch reicher Segen iſt mir durch die Verbindung mit
meinem lieben Manne zu Theil geworden ! Er war ein Glaubens
mann , ſein Leben athmete nur Liebe. Wie treu ſorgte er für meine
geſchwächte Geſundheit – ich mußte ſeit einer Reihe von Jahren
ſtets Krankenpflege haben - und auf ſein Glaubensgebet gab der
Herr uns was noth war ! Wie lag ihm mein und unſerer Kinder
Seelenheil am Herzen , und wie getroſt übergab er uns den Händen
ſeines Gottes ! – D was iſt es doch um die Gemeinſchaft des
Geiſtes , wie verſteht man ſich da ! Wir alle freuten uns über die
Seligkeit des nun Vollendeten und lobten und dankten dem Herrn .
Meine Seele frohlodt, wenn ich bedenke : er hat überwunden in
des lammes Blut. Ich war an dem Sterbetage meines lieben
Mannes allein mit den beiden jüngſten Söhnen ; ich fühlte die
heilige Leutſelige Gegenwart meines Heilandes und ſah mit Sehn
ſucht dem Augenblick entgegen , daß die Seele meines lieben Man
nes heimgetragen würde in die Hütten des Friedens. Als ich am
Morgen des Sterbetages an ſein Bett trat , fragte er mich , ob es
Abend ſei. Ich ſagte ihm : Siehe, mein lieber B ., ein ſchöner
Frühlingsmorgen iſt angebrochen , die Sonne ſcheint ſo helle , aber
Die Sterbensbereitſchaft des Proſelyten . 15

die Sonne der Gerechtigkeit, unſere Gnadenſonne ſcheint doch viel


heller. Dann begann ich ihm vorzuſagen : Jeſu Gnadenſonne,
Jeſu meine Wonne, und mit feierlicher Stimme jagte er den ganzen
Vers bis zu Ende. Um 10 Uhr fragte ich ihn , ob er die Nähe
des lieben Herrn fühle; er bejahte es. Dann , ob der Geiſt ihm
Worte des Troftes zurufe; er antwortete : ja das thut er. Meine
Seele lobte den Herrn und dankte ſeiner Gnade. Inniges Vers
langen nach dem Herrn war der Grundton ſeiner Seele. Er wußte
ſich in ſeines Heilands Hände und war ſo ficher darin . Sanft
und ohne Rampf verſchied er bald nach 12 Uhr." — :
Ja, der am Kreuze hängt, ein Fluch ſeines armen verblende
ten Volkes , war dieſem Sohne Israels der beſte Freund, war
ſeine Liebe, war ſein Ein und alles geworden . Daß nur ja keins
ſeiner Kinder ſich von dieſem Centrum ſeines Lebens verirren möchte,
war ſeine einzige Sorge, und daß er einſt Alle, die ihn Gott ges
geben , dieſem als Unverlorene darſtellen könne, war die Hoffnung,
die er ſterbend noch ausſprach . Denn er wußte , daß es viele
Wege, aber nur einen Heilsweg gibt. Eins der legten Worte,
welche er an jenen nahe befreundeten Seelſorger richtete, der ſpäter,
wie wir erzählt haben , das Wort' der Abſolution zum Felfengrunde
der ſterbenden Gattin und Mutter machte , war das Bekenntniß :
„ Ich weiß , daß ich ein großer Sünder bin , meine Sünden ſind
greulich und mehr denn der Haare auf meinem Haupte , aber ich
glaube , daß Jeſus mich erworben , gewonnen und erlöſet hat von
allen Sünden , vom Tod und von der Gewalt des Teufels mit
ſeinem eignen theuren Blute." Seiner Seele Seele war das pau
liniſche sola fide (allein durch den Glauben ). Seiner Hoffnung
Grund war die Gnade und nur die Gnade. Seine Selbſterkennt
niß und deßhalb auch Sündenerkenntniß reichte tief hinab. Darum
hing er auch nicht an dieſem irdiſchen Leben . Gott hatte ihm ein
glückliches Familienleben beſchieden und ließ ihn auch manche Freude
in ſeinem Lehrerberufe erleben , aber er ſehnte ſich nichts deſto
weniger nach Befreiung von den Banden der Sünde und dem Leibe
des Todes , nach Aufnahme in die Gemeinde der vollendeten Ge
16 Die Proſelyten - Familie .

rechten. Denn der Leib , der ſeine edle Seele gefangen hielt, war
ſchwach und viele Jahre hindurch krank und ſiech – eine Hütte
ſo morſch , daß ihr Zuſammenbrechen nur wie durch ein Wunder
aufgehalten erſchien . Und obwohl die Schmack Chriſti, die er
reichlich zu tragen hatte , ihn die höchſte Ehre dünkte , ſo that es
ſeinem liebebedürftigen und alle Menſchen mit Liebe umfaſſenden
Herzen doch wehe, daß er von Vielen verkannt und von Manchen
lieblos zurückgeſtoßen, ward – er ſehnte ſich nach jenem Reiche,
wo die Herzen der Seligen einander bis auf den Grund offenbar
ſind , und wo die Liebe, allein die Liebe das Scepter führt. Er
gehörte zu den Trauernden Zions . Darum war ſeine Auflöſung
ſeine Erlöſung. Engel Gottes haben ſeine heimwehkranke Seele
aus dem Lazarusleibe heraus in Abrahams Schooß getragen . Die
dunkle Erde liegt ſeitdem tief unter ihm und die große Trübſal
wie ein Traum hinter ihm . „ Er iſt nun angekommen , wir ziehen
noch dahin ; er iſt nun angenommen , der Tod war ihm Gewinn.“
5 . In der jüdiſchen Mincha - Gebetszeit wurde der Mann
beſtattet, der die Erfüllung deſſen was er als Knabe in dieſer
Stunde oft gebetet : „laß doch den Sprößling Davids deines Knechtes
eilends aufſproßen !" mit ſeligem Entzücken erkannt und erlebt hatte.
Es war der 18. Mai , an welchem ein langer Trauerzug ihn der
richtig vor ſich gewandelt nach ſeiner Ruhekammer geleitete – ein
lieblicher , reinlicher Frühlingstag , an dem nichts die Aufmerkſam = .
keit von der Feierlichkeit ſelbſt abzog , auf welche die Sonne ohne
Trübung ihr Himmelslicht herabſpendete. Außer den nächſten Leid
tragenden , der ſtädtiſchen Lehrerſchaft und vielen Freunden umſtan
den das offne Grab und den nun bald hinabfahrenden Sarg die
zahlreichen theils noch in der Schule befindlichen , theils ihrem ehe
maligen Lehrer die legte Ehre erweiſenden Schüler des Verſtorbenen .
Der Geiſtliche aber , welcher unter Lebensworten troſtvoller Ver
heißung die Einſenkung dieſes Waizenkorns in Gottes Aker zu voll
ziehen hatte, wer anders könnte das geweſen ſein , als jener wahr
haft geiſtliche Pfarrer in G ., deſſen Pfarrhaus ſeit beinahe zwei
Jahrzehnten das liebſteWanderziel, die trauteſte Zufluchtsſtätte, der
Der Prediger am Grabe des Proſelyten. 17
geſegnete Segensquellort der Familie geweſen war. Es war ihm
leicht, aber auch ſdywer an dieſem Grabe zu ſprechen ; leicht , denn
ſo reichlich als die Thränen floſſen ihm aud die Troſtgedanken zu ,
aber zugleich ſdwer , denn er hatte nicht allein den Gatten und
Vater der Hinterlaſſenen , ſondern auch den Freund ſeines Herzens
zu beſtatten . „ Seit bald zwanzig Jahren – jo dilderte er das
nun ſeiner zeitlichen Geſtalt nadı zerriſſene Liebesverhältniß — ſtan
den wir in beſonderer Freundſdjaft zueinander , nicht einer Freund
ſchaft, wie die der Kinder dieſer Welt — wir fannten uns nicht nach
dem Fleiſche, unter Jeſu Kreuze fanden wir uns zuſammen: Jeſus
hüben und Jeſus drüben , der gemeinſameZug zu dem gekreuzigten
Heilande zog uns auch zu einander hin , ſowie demgemäß auch der
gleiche Haß gegen die Sünde, der gleidje Ekel an der Welt und
allem natürlidien Weſen. Auf Jeſu Marter haben wir uns ver
bunden , in Ihm lebten wir uns feſter ineinander. Ich weiß faſt
Keinen , der ſo gar meines Sinnes ſelbſt bis ins Nebenſächliche hinein
geweſen wäre , Keinen , der in ſo mannigfacher Weiſe mir ſeine
werthe, treue, brüderliche Liebe bewieſen hätte, als meinen theuern ,
lieben Vruder B . Wir haben miteinander getheilt Freud und Leid,
Ehre und Sdymad ), Arbeiten und Feiern ; haben miteinander geforſcht
im lieben Gotteswort – er war in der Sdyriſt mächtig, wie ſelten
Einer ſeines Standes und Berufes - Haben miteinander getragen
und ausgeſtreut den edlen Samen dieſes Worts , miteinander auch
manche Garbe mit Freuden eingeheimſet, und o wie mandjes Mal
haben wir zuſammen auf unſern Knieen gelegen vor dein Herrn
um eigne und fremde Noth , klagend den idweren Schaden Joſephs
und flehend um die Salbe Gileads . Wie oft, wie oft iſt er mir
geweſen wie ein Engel Gottes in heißen Trübſalen , in ſchweren
Seelennöthen ; wie oft hat er mein mißgläubiges Herz wieder hin
gerichtet zu Dem , der für uns zur Sünde gemacht wurde, damit
wir in Ihm würden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Meiſter
lich verſtand mein theurer B . das Tröſten , als der ſelbſt in allerlei
Trübfal und Troſt der Schrift erfahren war. Zwar muß es das
bei verbleiben : Der beſte Freund iſt in dem Himmel , auf Erden
18 Die Proſelyten -Familie.
ſind nicht Freunde viel, denn bei dem falſchen Weltgetümmel ſteht
Redlichkeit oft auf dem Spiel. Drum iſt es heut auch ſo gemeint:
Mein Jeſus iſt der beſte Freund. Doch hat der Herr dieſem und
jenem wohl einen Mann zum Freunde geſchenkt hier auf Erden ,
und ſein Herz rechtſchaffen gegen ihn gemacht – ſo ein Großes
hat der Herr an mir gethan durch den theuren Entſchlafenen . Ich
habe ihn nun nicht mehr — darf ich darüber nicht trauern ? Ja
ich will mitklagen , will ſagen und nicht lügen : Es iſt mir leið
um dich, mein Bruder Jonathan ; ich habe große Freude
und Wonne an dir gehabt, deine liebe iſt mir ſonder
licher geweſen , denn Frauenliebe iſt.“ So klagte der
Freund um den ihm für das Diebſeits Entriſſenen. Jahre lang hatte
er , noch Candidat, mit ihm in Einem Geiſte zuſammengeſtanden
und an ihm , dem Aelteren und Erfahrungsreiferen, ſich erbauet. In
der Stadt, wo ſie wohnten , kam das Wort der Predigt den Heils
verlänglichen nicht eben befriedigend entgegen . Um ſo willkom
mener waren die Bibelſtunden , welche ſie hielten , ohne ſich durch
officielle Verdächtigungen und gemeinen Spott beirren zu laſſen .
In dem freudigen Bewußtſein , ohne Geſetzwidrigkeit das Werk des
Herrn zu treiben , trugen ſie willig die Schmach Chriſti. Dieſe
Bibelſtunden wurden Vielen zum Segen und als der beredte Zeu
genmund ſich nun für immer geſchloſſen hatte, da erſchien das raſt
loſe Wirken des als pietiſtiſch geſchmäheten Zeugen auch bisher
Mißgünſtigen plößlich in anderem Lichte und faſt die ganze Stadt
wetteiferte, ihm noch im Tode ihre Dankbarkeit zu bezeugen . Man
drängte ſich herzu , den Entſchlafenen noch einmal zu ſehen und zum
Abſchied zu grüßen , und das Todtenzimmer der beſcheidenen Woh
nung konnte kaum die Menge der Blumenkränze faſſen , in denen
ſich alte und theilweiſe erſt ießt erblühte Liebe ausſprach . Und
dieſer theure Gottesmann – bedenke es wohl, lieber Leſer — war
eins der verlorenen und wiedergefundenen Schafe vom Hauſe Israel !
Da lag er nun , ganz und gar in Blumen gebettet, und ſein audi
im Tode beredter Mund ſchien vor ſich hin zu lispeln : Mein
Freund iſt mein und ich bin ſein , der unter Lilien weidet.
Des Profelyten Auslegung der Feſtepiſteln . 19
6 . Wie gehaltvoll, wie wurzelhaft ergreifend jene Bibelſtunden
waren , läßt ſich aus nicht wenigen gedruckten Arbeiten des Ver
ſtorbenen erſehen . Das letzte Werk , an das er alle ſeine Kraft
ſeßte, war die populäre Auslegung der Sonn - und Feſttags -Epiſteln
und zwar der ſpäter als die Epiſteln der Trinitatiszeit bearbeiteten
Epiſteln der Feſtzeit. Shrem allgemeinen Zwecke nach betitelte er
dieſe populären Auslegungen als ,,Beiträge zu einem tieferen Schrift
verſtändniß " und ihrem beſonderen praktiſchen Zwede nach als „ ein
Hülfsbuch zunächſt für Lehrer und Hausväter zum Halten heil
ſamer Bibelſtunden .“ Als er die Epiſteln der drei Pfingſttage
und des Trinitatis feſtes, die vier lezten der Feſthälfte des Kirchen
jahres , bearbeitete , war ſeine Kraft bereits gebrochen . In der
Vorrede, welche in der Oſterwodhe 1859, alſo kurz vor ſeinem
Hinſcheiden geſchrieben iſt , nimmt er für dieſe vier legten Epiſteln
„ ganz beſondere Nadſicht" in Anſpruch , weil er ſie , wenn ſeine
Krankheit ihn nicht verhindert hätte, nochmals durchgearbeitet haben
würde. Aber gerade dieſe vier Auslegungen lauten , obwohl unter
ſchwerer Kreuzesbürde geſchrieben , wie lobpreiſende Feſtgeſänge,
denn „ es gibt für die Seele — ſagt der Verfaſſer S . 522 – nichts
Süßeres , als den Namen des Allerhöchſten zu loben und ſeinen
herrlichen Ruhm zu verfündigen , ganz beſonders, wenn es die Er
rettung aus jenem Tode gilt , der nimmer endet." In der Aus
legung der Trinitatis - Epiſtel Röm . 11, 33 – 36 preiſt er die Herr
lichkeit des Dreieinigen , welche in den verſchlungenen und verbor
genen und doch in ein herrliches Ziel zuſaminenlaufenden Wegen
der göttlichen Geſchichtsgeſtaltung offenbar wird. Alumfaſſende
Gnade iſt das Ziel, an welchem die Völkergeſchichte, indem göttliche
Weisheit ihr Steuer führt , zuletzt anlandet. Der Apoſtel iſt aus
gegangen von dem Sündenchaos des Verderbens, in welches die
ganze Menſchheit gerathen iſt durch den Ungehorſam Adams des
Einen , und hat von da aus die Geſchichte der Heiden und ſeines
eigenen Volkes bis zu der endzeitigen Offenbarung des göttlichen
Erbarmens verfolgt, welches das allgemeine Verderben in allge
meinen Segen verwandeln wird kraft des Gehorſams Jeſu Chriſti
2 *
20 Die Proſelyten - Familie.

des Einen . An dieſem Ziele mit ſeiner Betrachtung angelangt,


wird er von entzücktem Staunen ergriffen und eben derſelbe, welcher
in Cap. 1 mit ſchwarzen Farben begonnen und dann in Cap. 9
mit heißen Thränen fortgefahren hat , der kann nun ſchließen mit
dem wonnigen Hymnus: 0 welch eine Tiefe des Reid thums
beides der Weisheit und Erkenntniß Gottes ! Wie gar
unbegreiflich ſind ſeine Gerichte und unerforſchlich
ſeine Wege! Dieſen apoſtoliſchen Gedankenſtrom , der zuletzt
in das Meer univerſaler Gnade mündet, verfolgt unſer Ausleger
mit innerſter Herzensbetheiligung und, ohne den Leſer ſeine eigne
iſraelitiſche Abkunft merken zu laſſen , labt er ſich an der verheiße
nen gnadenreichen Zukunft ſeines Volkes. „ Mögen im Lauf der
Fahrtauſende – ſagt er auf einer der letzten mit ſchon ſterbens
matter Hand geſchriebenen Seiten — noch ſo Viele aus Israel ver
loren gehen , alſo daß die Einzelnen , die ſich zum Herrn bekehren ,
faſt verſchwinden , ſo kommt doch eine Zeit, wo Israel als Volt
den erkennen wird , weldien jene zerſtochen haben , wo es ſeinen
Unglauben bereuen , ſich zu dem Meſſias wenden und von nun
an in ſeinem Lichte wandeln wird. Nur in dieſem Ausgange ,
den das vom Geiſte Gottes erleuchtete Auge des Apoſtels ſchaute,
konnte derjenige Troſt finden , dem ſein Gewiſſen Zeugniß in dem
heiligen Geiſt gab , daß er um ſeiner Brüder willen nach dem
Fleiſd große Traurigkeit und Schmerzen Oline Unterlaß in ſeinem
Herzen hatte , alſo daß er , wenn er ſie retten könnte , um ihret
willen von Chriſto verbannt zu ſein wünſchte.“ Es freut uns,
ſagen zu dürfen , daß der ſelige B . auch hierin ein echter geiſtlicher
Sohn des Paulus war , daß er , weit entfernt, zugleich mit dem
rabbiniſchen Judenthum die Liebe zu ſeinem Volke ausgezogen zu
haben , vielmehr von da an ſein Volk erſt recht zu lieben begann
und dieſe neue Herzinnige, heilige Liebe, wenn ihm auch ſonſt
wenig Gelegenheit ihrer Bethätigung gegeben war, doch durch
ſtete Fürbitte bethätigte ; brünſtige Fürbitte aber in ringendem Gebet
reicht bis in das Herz Gottes , greift beſchleunigend und lenkend
in die Näder der Geſchichte und iſt die allerwirtſamſte That des
Des Proſelyten Auslegung der Feſtepiſteln . 21

innerſten Menſchen . Wenn unſer Ausleger die Hoffnung ausſpricht,


daß „ die allen Kirchen ſo nöthige Neubelebung dereinſt von den
gläubig gewordenen Juden ausgehen werde," ſo werden ihn Manche
ſogar ſtolzer Ueberſchätzung ſeines Volkes zeihen , und doch war der
demüthige Mann , deſſen Lebenselement die purlautere Gnade war,
von nichts freier als von jüdiſchem Dünkel ; nein , ihm am wenig
ſten wäre dergleidyen zu hoffen beigekommen , wenn nicht das
apoſtoliſche Gotteswort , dem er ohne Deuteln ſich beugte, ihm
dieſe Hoffnung zur Glaubenspflicht gemacht hätte. Der Apoſtel
ſagt es ja Nöm . 11, 12 ausdrücklich : Wenn Israels Heilsver
werfung der Welt Neidythum und Jsraels Heilsverluſt der Heiden
Reichthum geworden iſt , indem infolge deſſen der Heilsbeſitz von
Jsrael auf die Heidenwelt übergegangen iſt , um wie noch viel
ſegensreichere Folgen werden für die Heidenwelt aus Jsraels voller
Wiederherſtellung hervorgehen ! Und 11, 15 ſagt er abermals aus
drücklich : Wenn ihre Verwerfung ſich als der WeltVerſöhnung dar
ſtellt , indem infolge jener das Wort von der Verſöhnung ſich zu
den Heiden gewendet und dieſe der Verſöhnung theilhaft gemacht
hat, was anderes wird ihre Wiederbegnadigung ſein als Leben aus
den Todten ? Weggeworfen , hat Jsrael der Welt das Gut der
Verſöhnung gebradyt und aus langem Tode erſtanden , wird es
ihr Leben bringen . So lange ſie im Unglauben waren , ſagen
wir mit unſerem ſel. B ., mußten ſie als Todte betrachtet werden ;
nun aber , nachdem ſie wieder angenommen ſind , werden Lebens
kräfte von ihnen ausgehen als von Auferſtandenen . Dieſen pauli
niſchen Winken folgt er auch in der mit beſonderer Vorliebe bear
beiteten Epiphaniasepiſtel Jeſ. 60, 1 - 6 , welche er „ Jsraels der
einſtige Herrlichkeit und die Heimkehr der Völker in das unter
Jsrael wieder aufgerichtete Reich Gottes “ überſdhrieben hat. Auch
hier kommt er überall auf Paulus zurück , als welcher in der Art
und Weiſe , wie er Nöm . 11, 26 die prophetiſche Verheißung
Jeſ. 59, 20 verwendet, den redyten Schlüſſel zum Verſtändniß von
Jej. Cap. 60 barreicht. Die Weiſjagung der Epiſtel – ſagt B .
mit Recht — iſt noch nicht ganz erfüllt. Als nach Apoſtelg. 21, 20
22 Die Proſelyte - Familie.
n
viele Tauſende aus Jsrael gläubig geworden , iſt über große
Mengen die Herrlichkeit des Herrn aufgegangen . Und dieſe Herr
lichkeit geht noch immer fort über Ale aus Israel auf, welche
gläubig an den Meſſiaswerden . Allein dies ſind doch nur ſchwache
Anfänge. Das Meiſte und zwar das Wichtigſte ſoll erſt in Zukunft
geſchehen . Jsrael, das Volk der Wahl, ſoll ſich einſt aus dem
Staube erheben und Licht ausſtrahlen , um den Völkern wieder zu
leuchten , und zwar weit herrlicher als vormals. Denn Israel -
heißt es weiterhin – iſt und bleibt nach jeremianiſch - pauliniſchem
Bilde (Jer. 11 , 16 . Röm . 11, 24 ) der edle Delbaum . Kein Baum
eignet ſich ſo, Bild Israels zu ſein, wie dieſer. In dem Delbaum
wohnt eine faſt unverwüſtliche Lebenskraft. Mag ihn der Sturm
zerklüften , ſiehe er lebt und grünt in getrennten Theilen fort ; der
Bliß des Himmels kann ihn treffen und zerſplittern , das Feuer
ihn verzehren bis zur Wurzel - er treibt doch immer wieder neue
Sproſſen .
7. Die Charfreitagsepiſtel, nämlich das 53. Capitel des
Propheten Jeſaia , hat der ſelige B . in zwölf Paſſionsbetrachtun
gen ( 1858 ) noch beſonders und vollſtändig ausgelegt. Dieſes Cas
pitel, welches (was man gewöhnlich nicht beachtet) das reumüthige
gläubige Bekenntniß des Israels der Endzeit enthält und ſchon
bis jetzt durch alle Jahrhunderte hindurch das Confiteor und Credo
vieler tauſend Bekehrter aus Jsrael geworden iſt, bildet die Mitte
des Troſtbudjs Jeſ. Cap. 40 — 66 und das Herz der ganzen alt
teſtamentlichen Prophetie: wir hören hier , wie der Knecht Jehova's
durch willige Selbſtdahingabe in marter - und ſchmachvollen Tod
den Erlöſungsrathſchluß des Herrn vollführte und durch den Tod
hindurch zur Herrlichkeit aufſtieg und nun auf Grund ſeines Selbſt
opfers der prieſterliche Mittler rechtfertigender und Heiligender Gnade
für Israel und die ganze Menſchheit iſt — mitten im Alten Teſta
mente ein wunderſames Echo des neuteſtamentlichen Evangeliums.
Man kann dreiſt behaupten , daß dieſes Capitel nicht blos in der
heil. Schrift Alten Teſtaments , ſondern auch in der heil. Schrift
Neuen Teſtaments nicht ſeines Gleichen hat, denn evangeliſche Ge
Des Proſelyten Auslegung von Jeſ. Cap. 53.

ſchichte und apoſtoliſdje Reflexion ſtrahlen hier in verzwiefachter


Lichtfülle in einander. Gegenüber einem ſolchen Abſchnitt iſt die
Aufgabe des Auslegers eine nicht blos herzerhebende, ſondern auch
entmuthigend große; darum wünſcht unſer B ., daß man ſeine
Arbeit nur für einen Verſuch halte , und entſchuldigt daß er ſich
nicht hat abſchrecken laſſen damit , daß „ er eine ganz beſondere
Vorliebe für des Herrn Paſſion habe.“ Wir können dieſes naive
Geſtändniß dahin ſteigern , daß das Leiden und zwar das ſtellver
tretende Leiden Jeſu Chriſti das Allerheiligſte ſeines Herzens , die
liebſte Heimath ſeiner Gedanken , die eigentliche Are ſeines Lebens
rades war. Schon in einem uns vorliegenden Briefe vom 15 . Dec.
1829 berührt er dies , indem er ſeinen Streit mit einigen Theolo
gen erzählt, welche ihm von der Liebe Gottes vorpredigten und ihm
anriethen , fein Herz ſprechen zu laſſen , 8. h . die bibliſche Verſöh
nungslehre mit der in Bremen und anderwärts verbreiteten Menken =
ſchen zu vertauſchen . „ Ob ein wegen ſeiner Sünden tief betrübter
Menſch – ſchreibt er einem lieben Freunde — zu Gott aufzublicken
wagen wird , wenn er fühlt , daß er ewige Strafen verdient hat
(und wer'muß das nicht fühlen , wenn er ſeine Sünden erkennt? ? ?)
und wenn ihm zum Troſt geſagt wird, daß der Sohn Gottes durd
ſein Leiden und Sterben die menſchliche Natur entfündiget hat,
muß ich ſehr bezweifeln ; wohl aber wird Troſt und Friede in ſein
geängſtetes und zerſchlagenes Herz einziehen , wenn er vernimmt,
daß das Lamm Gottes die Strafen , welche wir verdient haben ,
freiwillig auf ſich genommen und durch Leiðen und Tod uns von
der Strafe des ewigen Todes befreit hat.“ In dieſer auf eigene
innere Erfahrung begründeten Verwerfung einer falſchen Verſöh
nungslehre , welche nur von einer Selbſtausſöhnung des liebreichen
Gottes mit der fündigen Menſdhyeit, nichts von verwirktem Zorn
und unendlicher Schuld und deren Tilgung durch freiwilliges und
ebendeshalb ſühnkräftiges ſtellvertretendes Leiden wiſſen will , iſt
unſer B . unerſchütterlich feſt geblieben , und wenn es ſich wirklich
ſo verhält, wie der Rabbiner Einhorn in ſeinem Buche über das
Princip des Moſaismus ( 1854) S . 195 ſagt , daß die Herrſchende
24 Die Proſelyten - Familie.
Richtung des rabbiniſdjen Judenthums ſich zur Satisfactionstheorie
bekennt, welche das Opferthier für den Sünder die Todesſtrafe
übernehmen läßt," ſo dürfen wir annehmen , daß die ſtellvertretende
Genugthuung (satisfactio vicaria ) einer der Hauptgeſichtspunkte
iſt , unter denen einem jüdiſchen Proſelyten das Erlöſungswerk Jeſu
Chriſti als Gegenbild des moſaiſchen Opfers und Erfüllung der
altteſtamentlichen Weiſjagung erſcheint. Sann in einer baumloſen
Gegend von einem Garten die Nede ſein , in deſſen Sdjatten man
Schutz gegen die verſengenden Strahlen der Sonne und Erquickung
findet , ſo kann man auch ſagen , diejenigen haben Chriſtenthum ,
welche die Lehre von Chriſti Stellvertreten verwerfen .“ Mit dieſen
Worten ſagt unſer B ., daß , wenn man dieſe Eine Lehre hinweg
nimmt, die Wüſte dieſes Lebens keine Oaſe mehr hat, denn „würde
die Strafe unſerer Sünden auf uns gelegt, ſo würden wir darunter
zuſammenbrechen , wie ein zartes Kind unter einer Centnerlaſt.
Sollten wir nicht alle verloren gehen , ſo mußte Einer kommen ,
der die Laſt auf ſich nehmen konnte, ohne von ihr erdrückt zu
werden . Es verſteht ſid ), daß dieſer Eine für ſeine Perſon keine
Schuld zu entrichten haben durfte, was ſagen will: er durfte kein
Sünder ſein . Ein ſolcher Menſd iſt Jeſus Chriſtus. Er war
ohne Sünde, ſomit hatte er keine Schuld zu bezahlen. Was alle
zuſammen nicht tragen können, das konnte er allein tragen . Zwar
brachte ihm das Tragen unſerer Laſt den Tod . Allein da der Tod
ihn nicht zu halten vermochte , ging er nidt unter. Denn der
eigentliche Untergang iſt der Tod der Seele, der ewige Tod , dieſer
aber konnte den Fürſten des Lebens nicht treffen . Da er nun ver
mochte was alle zuſammen nicht vermögen , wiegt er Alle auf.
Alles was dieſe dulden ſollten , das duldete er. Er trägt nicht
alles als Mitleidender , ſondern er trägt inſofern allein , weil er
der iſt, der Alle aufwiegt. Er trägt für ſie , leidet an ihrer
Stelle.“ Aus dieſer Glaubenserfenntniß ſind alle zwölf Paſſions
betrachtungen erwadyſent , und von ihr aus hat der Verfaſſer man
chen tiefen Blick in das Innerſte der unvergleid lichen Weiſſagung
gethan . Wir rechnen dahin beſonders ſeine Auslegung der Worte:
Des Proſelyten Auslegung von Jeſ. Cap. 53.

Er hatte keine Geſtalt noch Schöne. „ Es ſollte uns in


der That nidyt befremden - ſagt er da unter Anderem - daß im
Aeußern des Meſſias nichts lag, was im Entfernteſten die Sinn
lichkeit beſtechen konnte. Wir ſollten es vielmehr ganz nothwen
dig finden . Dem Menſchen iſt nur innerlich zu helfen . Sein
Helfer kann ihm daher nur aus ſeinem eignen Innern Hülfe ange
deihen laſſen . An ſeinem Helfer darf der ſo ganz ſinnliche und
äußerliche Menſch nichts finden , was ſeiner Sinnlichkeit und Aeuſer
lichkeit zuſagt, weil er ſonſt bei deſſen Neußerem , das keine Hülfe
zu gewähren vermag, ſtehen bleiben würde. Wer die Wege unſeres
Gottes beobachtet , der weiß , daß er bei denen , die einſt ſein An
geſicht ſchauen werden , nicht ruht und raſtet , bis er ſie innerlich
ſo zu idanden gemacht, daß ſie in ſich nichts finden , was nur im
Entfernteſten einem Haltpunkt älnlich fähe , alſo daß ſie an ſich
ganz verzagen und verzweifeln . Wollen ſie nicht verloren gehen ,
ſo müſſen ſie ſich an den anflammern , den er ihnen zum Heiland
gemacht. So kommt er mit ihnen zum Ziele. Und um mit ſeinem
Knechte , dem Meſſias, zum Ziele zu kommen , mußte dieſer äußer
lich ſo gar nicyts ſein , wie wir innerlich nichts ſind." In ſo wur
zelhafter Erkenntniß wurzeln alle zwölf Paſſionsbetradytungen. Am
Schluſſe jeder wird die gewonnene Erkenntniß in Gebet verwandelt.
„ Herr Jeſu , unſer Helfer und Erretter — beginnt das Gebet am
Schluſſe der zweiten – erbarme sid ) über uns, daß wir uns an
dir nid )t ſtoßen . Gib , daß wir ſo, wie dein Wort dich hier dar
ſtellt , all unſer Wohlgefallen an dir haben . Laß uns dich nur
als unſern Heiland erfayren , dann mögen ſich noch ſo viele an dir
ärgern , uns biſt du doch der Schönſte unter den Menſdenkindern .
Erfahren wir , Herr Jeſu , die Kraft deines Leidens, ſo freuen wir
uns dein von ganzem Herzen . So laß uns , lieber Herr , inne
werden , daß wir Alles, was uns zur Errettung unſerer Seele
noth iſt , von dir nehmen müſſen , der du vor deinem himmliſchen
Vater wie ein Reis , wie eine Wurzel aus dürrein Erdreid ) aufge
ſchoſſen . Inne laß uns werden , daß du , der du keine Geſtalt noch
Schöne hatteſt – daß du es biſt, der uns Geſtalt und Schöne
26 Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit.

verleiht, alſo daß wir durch dich vor deinem himmliſchen Vater
erſcheinen können , wie es ihm wohlgefällig iſt." Dieſe Paſſions
gebete unſeres bis in den Tod bewährten judenchriſtlichen Bruders
gehören zu den ſchönſten , die wir kennen . Der anderwärts hie
und da etwas rauhe Styl ſchwebt hier auf der Höhe der Verklä
rung. Die Sprache bewegt ſich rhythmiſch wie vom Herzen ent
ſendete Blutwellen . Der Inhalt trieft von himmliſcher Salbung.
(Wird fortgeſept.)

Die Pfalmen Davids aus der ſauliſchen Ver


folgungszeit.
Von F. D.
Der Pfalter enthält acht Pſalmen Davids , welche durch hiſto
riſdeUeberſchriften ausdrüclich der ſauliſchen Verfolgungszeit zuge
wieſen werden , nämlich in ungefährer Zeitfolge zuſammengeſtellt:
Pf. 7. 59. 56. 34 . 52. 57. 142. 54. Auch PT. 63 hat eine Hiſto
riſche Ueberſdrift , welche ihn aus dieſer Zeit zu datiren ſcheinen
könnte. Näher beſehen aber erweiſt er ſich als ein Pſalm der
abſalomiſchen Verfolgungszeit , nicht der ſauliſchen .
Dieſe Hiſtoriſchen Ueberſchriften ſtammen aller Wahrſcheinlich
keit nach aus einem Geſdjichtswerke, in welchem ſich die betreffenden
Pſalmen in den geſchichtlichen Zuſammenhängen vorfanden , aufwel
che dieſe ihre Ueberſchriften hindeuten . Wir ſind nicht geſonnen ,
hier auf die Frage einzugehen , ob ſich dieſe acht Pſalmen als echt
davidiſche ausweiſen . Die neuere Kritik iſt ſchnell fertig. Sie ge
fält ſich in abſprecheriſchen Redensarten faſt vor allerUnterſuchung.
Als David nach Sauls Tode in Hebron zum Könige über
Juda geſalbt ward, war er dreißig Jahr alt 2 Sam . 5 , 4 . Unter
acht Söhnen Iſai’s war er der jüngſte, und als er von Samuel
die erſte Salbung empfängt, iſt er noch ein Jüngling blonden , ſchö
nen , jugendlichen Ausſehens 1 Sam . 16 , 2. Zwiſchen dieſer erſten
Salbung und dem Siege über Goliath kann nur ein kleiner Zeit:
Die zwei Gruppen dieſer Pſalmen. , 27
raum liegen , denn David iſt auch da noch ein „ Jüngling " 1 Sam .
17, 42 , den die älteren Brüder Bevormunden und meiſtern , jedoch
ſchon ſo erwachſen , daß er die Waffenrüſtung Sauls anzulegen
verſuchen kann, daß er bald nachher Hauptmann über Tauſend wird
und ſich mit einer Tochter des Königs vermählt. Nehmen wir nun
an, daß David damals achtzehnjährig war , ſo währte die ſauliſche
Verfolgung , zu welcher ſein Sieg über Goliath den Anſtoß gab,
ungefähr ein Jahrzehnt, welches von den ſechzehn Monaten des
zweiten philiſtäiſchen Aufenthalts geſchloſſen wird, und wir können
vorausſetzen , daß unter den 73 „von David " überſchriebenen Pſal
men ſich außer jenen 8 hiſtoriſch bezeichneten auch noch andere finden
werden , welche in dieſer langen Drangſalszeit gedichtet ſind. Es
ſind folgende Pſalmen Davids, welche ſich mit großer Wahrſchein
lichkeit als Erzeugniſſe ebendieſer Zeit erweiſen : Pf. 11. 13. 17 .
22. 25. 31. 35. 40. 61. 64. 69. 109.
Auch den Beweis für die davidiſche Abkunft dieſer zwölf Pſal
men und zwar aus der ſauliſchen Verfolgungszeit zu führen , ſind
wir hier nicht geſonnen , obgleich wir mit allen dazu erforderlichen
Mitteln uns ausgerüſtet wiſſen . Es iſt die pſychologiſche und beſon
ders chriſtologiſche Seite dieſer Pſalmen Davids aus der ſauliſchen
Verfolgungszeit, vorzüglich der letzteren Pſalmengruppe, welche wir
näher ins Auge faſſen wollen.
Der erſte Pſalm jener zwölf möchte wohl Pf. 11 ſein , gleich
zeitig mit Pf. 7 und 59 der erſten Gruppe, noch vor der Flucht
in Gibea Sauls gedichtet; die legten der Zeit nach : Pf. 61 , wo
Davids Nuf zu Jehova aus weiteſter Ferne (aus Philiſtäa bei ſei
nem zweiten Aufenthalte daſelbſt) ergeht, Pf. 31 , wo er in feſter
Stadt (in Ziklag) die erfahrne Wundergnade Jehova's preiſt und
auf kummervolle Jahre zurückblickt, und Pf. 40, wo er zwar eine
lange Reihe von Gnadenerfahrungen hinter ſich hat, aber der ent
ſcheidenden Erlöſung doch noch ſehnſüchtig entgegenringt. In dieſen
Pſalmen , welche der Zeit nach über die Reihe der hiſtoriſch über
ſchriebenen hinausgehen , ſieht David ſeinen Kleinglauben beſchämt
31, 23. , er fühlt ſich dem Königthume näher 61, 7., er ſpricht in
28 Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit.

Erwägung ſeines hohen Berufes : ſiehe da komm ' ich 40, 8 ., und
der Lobpreis ob des Erlebten überwiegt das Flehen um das noch
Rückſtändige. Zwiſchen dieſen beiden Endpunkten , die wir mit kurz
Gibea und Ziklag bezeichnen können , entbrennt ſein Zorn über ſeine
Verfolger immer heftiger, er greift immer weiter um ſich und lodert
immer höher. Nur wenige dieſer Pſalmen (13. 25. 22.) halten
ſich innerhalb der Grenzen ſanfter Trauer, ruhiger Bitte, tiefer
Klage. In allen andern (d leudert er gegen ſeine Verfolger furcht
bare Anatheme. Aber audj hier iſt ein Stufengang. In einigen
Pſalmen beider Gruppen ſpricht er das Fluchgeſchick ſeiner Feinde
mit prophetiſcher Gewißheit als zuverſichtliche Erwartung aus :
Gott wetzt ſein Schwert und wenn ſie nicht umkehren , erliegen ſie
dem ſelbſtverwirkten Verderben (Pl. 7 und 64 ) , es trifft ſie das
Schickſal Sodoms (Pſ. 11) und der Notte Sorah (PF. 63) , ſie
werden ein Strafbeiſpiel für Alle und ein Triumph für die Gerech
ten , entwurzelt aus dem Lande der Lebendigen (Pſ. 52). Dieſe
objektiv gehaltene Strafverkündigung , welche von der allgemeinen
Wahrheit ausgelyt, daß Strafe die Ausgeburt der Sünde ſelbſt iſt,
bat noch nichts Befremdendes . In andern Pſalmen aber beider Grup
pen geſtaltet ſich die Strafverkündigung zum Gebet ; David weiſjagt
nicht blos was Gottes Strafgerechtigkeit thun wird , ſondern fleht
den Fluch auf ſeine Feinde herab und beſtimmt näher die Art und
Wciſe , wie er ſie treffen ſoll: wirf dich ihm entgegen , fälle ihn,
befreie mich vom Böſewichte mit deinem Schwerte ( 17 , 13 ); in
deiner Wahrheit vertilge ſie, ſtürze ſie nieder (54, 7, 56 , 8 ) ; tödte
ſie nicht, daſ mein Volk es nicht vergcije, madje ſie umherirren in
Elend und ſtürze ſie nieder, vernichte in Zorngluth , vernichte daß
ſie nicht mehr ſeien und man bekenne, daß Elohim Herrſdier iſt in
Jakob (59, 12 ff.) Man fühlt die Fiebergluth der Empfindung
nocy, in welcher ſich das Gemüth des Hjalmiſten hier befindet ; das
objektive Wort der Strafverkündigung iſt hier vom innerſten ſub
jectivſten Affect verſchlungen und in das erregteſte Gebet verwan
delt. Dieſe Zornerregtheit des Subjekts tritt da nod) ſdroffer her
vor, wo das Gebet um die göttlichen Strafgerichte geradezu in An
Die Unglüđ3-Anwünſchungen dieſer Pſalmen .

wünſchung derſelben übergeht. Die Pſalmen 35 . 69. 109 bilden


hierin eine furchtbare Stufenleiter. Die Zahl der Anatheme und
die Furchtbarkeit ihres Inhalts iſt hier im Steigen ; in Pf. 109
zählen die Alten ihrer 30 und Selneccer bemerkt, nachdem er ihre
Erklärung zu Ende gebracht: „ Von dieſen Worten können wir ein
Melreres nicht reden , ſie ſind uns zu ſdrecklich und greulid), Gott
behüte uns dafür." In der That gehen dieſe Flüdje bis an die
äußerſte Grenze, über welche hinaus eine Steigerung rein undenk
bar und unmöglich iſt. Der Gedanke , daß hier nach Aehnlichkeit
des kirchlichen Bannes zeitliche Strafzüchtigung zu dem Zwecke der
Rettung von der ewigen Verdammniß angewünſcht werde, iſt bloße
Täuſchung, ſdon deshalb , weil die altteſtamentliche Vorzeit nichts
weiß von einem Unterſchiede zwiſdhen Dieſſeits und Jenſeits , Zeit
lich und Ewig . Aber wenn ſie auch davon wüßte (und ſie weiß
von einer ins Unbegrenzte verſchwimmenden Zeit 378 ) , ſo würde
man nicht ſagen können , daß David ſeinen Feinden zeitliches Elend
mit Ausſchluß des ewigen wünſcht. Häufe Verſchuldung auf ihre,
Verſduldung, ſagt er 69, 28 f., und nicht mögen ſie eingehn in
deine Gerechtigkeit, mögen ausgelöſdit werden aus dem Buche
des Lebens und mit den Gerechten nicht eingezeidynet. Und 109,
19.: der Fluch werde; ihm wie ein Kleid , das er umhüllt , und
zum Gurte , den er immerfort umſdnürt. Wie erklären wir uns
ſoldie Worte, die alles an Furchtbarkeit überbieten , was je wunſch:
weiſe über eines Menſchen Lippen gekommen , im Munde und
Herzen Davids ? Sind es etwa Ausbrüche der Nadyſucht des ge
kränkten Individuums ? Aber die Pflidt der Feindesliebe kennt
auch die altteſtamentliche Moral Lev. 19, 18,. Spr. 24 , 17 . 25,
21 F. Job 31, 29; und daß David mit dieſer Pflicht vertraut iſt
und ſie zu üben verſteht, das ſehen wir aus Pf. 7 ., wo er Gottes
Nadie auf ſein eignes Haupt herabfleht, wenn er ſich der Nachſucht
gegen ſeinen Feind ſchuldig gemacht, und wir ſehen es aus der
Thatſache , daß er Saul, als er ſich ſeiner entledigen konnte , nicht
ein Haar krümmt, ſondern mit Entrüſtung die Aufforderung ſeiner
Umgebung zurückweiſt. Jene Flüche ſind nur die Entfaltung jenes ;
30 Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit.

„ Jehova ſei Richter und entſcheide zwiſchen mir und dir," welches
David dort dem Saul zuruft. David ſieht in ſich ſelbſt gegenüber
dem gottentfremdeten Könige den Erben des Reichs : die Feind
ſchaft gegen ihn geht gegen Gottes Berufung und Salbung, ſeine
Nettung und ſein Sieg iſt Rettung und Sieg der Gemeinde Gottes .
Solche Erwägungen geiſtlicher Selbſtſchau, ſind der Brennpunkt, an
welchem ſich das heilige Feuer ſeines Zorneifers entzündet. Aber
dieſes Feuer iſt doch nur heilig nach Maßgabe der altteſtament
lichen Stufe. Man verweiſe nicht auf das Anathem , welches
Paulus über die Jrrlehrer und über Alexander den Schmidt aus
ſpricht Gal. 1 , 9. 5 , 12. 2 Tim . 4 , 14., denn ein abſoluter Gegen
ſaß kann ſo gewiß als der Gott der Offenbarung ein einiger iſt,
nie zwiſchen dem Geiſte beider Teſtamente ſtattfinden , aber ein
relativ anderer iſt doch der Geiſt des Neuen Teſtaments als der
des Alten . David ruft über die , welche in ihm den Geſalbten
Gottes verfolgen , Feuer des Zorns, wie es Sodom verzehrte,
herab , Jeſus aber ſagt ſeinen Jüngern , als ſie aus Eifer für den
erhabenſten ſchließlichen Geſalbten Gottes Feuer vom Himmel über
Samaria herabrufen wollen : „ Wiſſet ihr nicht , welches Geiſtes
Kinder ihr ſeid ?" Luc. 9, 55. Die Leutſeligkeit Gottes war im
4 . T . noch nicht erſchienen , der Abgrund des göttlichen Erbarmens
war noch zugedeckt, die göttliche Liebesthat der Erlöſung war noch
nicht vollzogen , aus deren offenem Brunnquell ſich Triebe einer die
Welt umfaſſenden und überwindenden Liebe aus Glauben ergießen ,
und vor der Ewigkeit, vor Himmel und Hölle , liegt noch ein
Vorhang , ſo daß Verwünſchungen wie Pf. 69, 29 von den Aus
ſprechenden ſelber in ihrer unendlichen Tiefe nicht verſtanden wur
den . Nachdem dieſer Vorhang aufgerollt iſt , daudert der neu
teſtamentlidhje Glaube vor Anwünſchung endloſen Verderbens zurück
und die Liebe, die in unſere Herzen ausgegoſſen iſt, ſucht, ſo lange
nur immer ein Schein von Möglichkeit vorhanden iſt, alles was
Menſch Heißt loszuringen von jenem unausſprechlichen unausdenk
baren Verderben eines unſeligen Jenſeits . David wünſcht denen
den Fluch, die den Geſalbten Gottes verfolgen , und ſein Wunſch
Das Verhältniß dieſer Pſalmen zur evangeliſchen Geſdichte. 31

geht wirklich durch alle Zeiten hindurch an denen in Erfüllung,


die ohne ſich zu beſinnen wider Gottes Geſalbten wüthen . Aber
der leztę wahre Chriſtus Gottes , die erſchienene perſönliche Liebe,
betet am Kreuze : Vater vergieb ihnen , denn ſie wiſſen
nicht was ſie thun. Die Pſalmengruppe, die wir unterſuchen ,
iſt voll von Bildern ſeiner heiligen Paſſion , aber dieſes Wort,
nur dieſes hat in ihr nicht ſeines Gleichen.
Nirgends im A . T . iſt das Leiden Chriſti ſo genau und in
ſo ſprechender Aehnlichkeit mit der Erfüllungsgeſchichte vorausdar
geſtellt , wie in dieſen Pſalmen aus der ſauliſchen Zeit , namentlich
der zweiten Gruppe. Darum wird auch kein Theil altteſtament
licher Schrift in der neuteſtamentlichen ſo häufig citirt , auf keinen
ſo häufig zurückgedeutet, wie auf dieſe zwölf Pſalmen . Erfüllt
fieht die neuteſtamentliche Sdrift in dem heiligen Zorn , in dem
Jeſus den Tempel ſäuberte, das Pſalmwort: der Eifer um dein Haus
hat mich verzehrt (69, 10a. Joh. 2 , 17) ; in der Feindſchaft, die
er trotz ſeiner wunderbaren Liebeswerke von Seiten ſeines eigenen
Volkes erfährt, das Píalmwort: ſie haſſen mich ohn Urſach
(25 , 19. 69, 5 . Joh. 15 , 25 ) ; in der ſelbſtverläugnenden duld
ſamen Liebe , womit er ſich dem Heile der Menſchen widmete, das
Pſalmwort : die Schmach derer die dich ſchmähen iſt auf mich
gefallen (69, 10b. Röm . 15 , 3) ; in dem heiligungskräftigen
Selbſtopfer , wodurch er die Thieropfer des alten Bundes abthat,
das Pſalmwort : ſiehe ich komme, in der Buchrolle iſt von mir
geſchrieben 2c. (40 , 8 f. Hebr. 10 , 5 — 10). In der Erzählung
des Hohns, den der Gekreuzigte erfuhr, hat Matthäus 27, 39– 43
offenbar Pſ. 22 vor Augen ; aber daß er die Leidensgeſchichte nicht
nach dieſem Pſalm geſtaltet , ſondern daß ſie ſelbſt ſich wie in
präſtabilirter Harmonie nach den Worten dieſes und der verwandten
Leidenspſalmen geſtaltet hat, das geht daraus hervor, daß auch
ſolche Züge derſelben , in welchen eine Abhängigkeit der Erzählung
von dieſen Pſalmen ſelbſt einem Strauß nicht in den Sinn koms
men kann , auffällig mit Pſalmworten zuſammentreffen : vergl. 35,
11 : es treten falſche Zeugen auf mit dem Auftreten der falſchen
Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit.

Zeugen wider Jeſum im Hauſe des Kaiphas Matth. 26, 59 — 63 ;


Pf.69, 13: es hedeln mich die im Thore ſitzen mit der Verhöh
nung der Kriegsknechte im Prätorium Matth. 27, 27 — 30 ; Pf. 22,
17 : ſie haben meine Hände und meine Füße durchgraben (LXX .
úovčav) mit den Nägelmalen in Händen und Füßen des Gekreu
zigten Joh. 20, 25. Lc. 24, 39 ; Pſ. 69 , 22: ſie gaben mir zu
meiner Speiſe Galle und in meinem Durſte tränkten ſie mich mit
Ejjig mit der Darreichung von Eſſig uit Galle , welchen Jeſus
ausſchlägt , vor der Kreuzigung Matth. 27, 34 . Die Evangeliſten
hätten auf dieſe Pſalmen weit häufiger zurückweiſen können , als ſie
es thun . Das vierte von den ſieben Worten des ſterbenden Er
löſers : mein Gott , mein Gott, warum haſt du mich verlaſſen iſt
aus Pf. 22, 2 und das letzte derſelben : Vater in deine Hände be
fehle ich meinen Geiſt iſt aus Pſ. 31, 6 , ohne daß es von
den Evangeliſten bemerkt wird (Matth . 27, 46 . Lc. 23, 46 ); nur
bei dem fünften Worte: mich dürſtet , bemerkt das vierte Evange
lium , daß Jeſus wiſſend, daß nun alles vollendet ſei, es ausſprach ,
damit die Schrift erfüllet würde Joh. 19, 28. Frei und bewußt,
meint der Evangeliſt, ſchickt ſich der Herr zum Sterben nach der
Macht, die er hat ſein Leben zu laſſen ; nur noch einen Labetrunk
verlangt er, damit nach Gottes Fügung die Schrift zur vollen
Verwirklichung komme (nämlich die Pſalmworte 22, 16 : meine
Zunge klebt an meinem Gaumen und 69, 22 : in meinem Durſt
tränkten ſie mich mit Eſſig) , dann neigt er ſein Haupt und haucht
ſein Leben aus. Nur noch bei einem Zuge der Leidensgeſchichte,
nämlich bei Vertheilung der Oberkleider und Verloſung des Unter
kleides Jeſu durch die Kriegsknedite, citirt der vierte Evangeliſt 19,
23 F. (vgl.Matth . 27, 35) das Píalmwort 22, 19 mit dem Bemer
ken : auf daß die Schrift erfüllet würde. Die Erfüllungsgeſchichte
verhält ſich zu dieſer Pſalmſtelle, wie der Einzug in Jeruſalem auf
einem Eſelfüllen , neben dem das Mutterthier herläuft, zu Sach. 9, 9
vgl. Mattl). 21. Jn beiden Fällen treten Dinge , die im altteſta
mentlichen Terte vermöge des ſynonymen Parallelismus zuſammen
zufallen ſcheinen , in eine wirkliche Zweiheit auseinander. In der
Weitere neuteſtamentliche Nüđbeziehungen . 33
Stelle Sacharja’s bezeichnen allem Anſchein nach „ Efel“ und „ Eſel
füllen “ das Eine Reitthier , aber in der Erfülung ſind es nach
Matth. 21 wirklich zwei Thiere, ein Füllen mit ſeiner Mutter. In
der Pſalmſtelle wird Niemand , der ſie für ſich allein betrachtet,
zwiſchen „ Kleidern“ und „ Rock“ einen ſachlichen Unterſchied machen ,
aber in der Erfüllung ſtellt ſich's ſo, daß die eineHälfte des Verſes :
ſie theilen unter fich 9732 durch die Vertheilung der oberen Klei
dungsſtücke Jeſu , die zweite Hälfte des Verſes : und über 072 )
werfen ſie das Loos durch Verloſung ſeines aus Einein Stück
gewirkten Leibrocks in Erfüllung geht. Verſteht man ſich hier nicht
zu der unverantwortlichen Verdächtigung, daß die kirchliche Sage
oder dort der erſte, hier der vierte Evangeliſt die evangeliſche Ge
ſchichte nach altteſtamentlichen noch dazu mißverſtandenen Schrift
ſtellen umgedichtet haben : ſo muß man beidemal , da von Zufall
nicht die Rede ſein kann , annehmen , daß die Wirkung des Geiſtes
auf den Pſalmiſten und Propheten ſich bis auf Geſtaltung der
Form ihrer weiſſagenden Worte erſtreckte. Wir haben die neu
teſtamentliche Anführung dieſer Pſalmengruppe nun noch nicht
erſchöpft; auch auf die Flüche, welche ſie enthält, wird als auf
erfüllte Weiſſagungen zurückgedeutet. In dein Fluchgeſchicke Judas
Sicharioths ſieht Petrus Apoſt. 1 . 20 die Verwünſchungen Pf.69,
26a und 109 8b erfüllt. Die derzeitige Verſtockung eines Theils
von Israel iſt nach Paulus Röm . 11, 7 - 10 in den Verwünſch
ungen Pf. 69 , 23 f. geweifſagt; der Apoſtel führt aber , was
wohl zu merken iſt , die Pſalmworte nicht als Worte Chriſti ſel
ber , ſondern als Worte Davids an . In ihrer ſubjektiven Wunſch
form eigneten ſie ſich nicht als unmittelbare Worte Chriſti betrach
tet zu werden , ſie gelten dem Apoſtel als Worte der Weiſſagung
vermöge des Triebes des Geiſtes , deſſen Werk die Schrift iſt und
deſſen Werkzeug David war. Anders verhält es ſich mit der drit
ten Wendung des 22. Pſalms V . 23 – 32. Während der Bitte
hat ſich in der Seele des Leidenden die Zuverſicht der Hoffnung
entzündet, und dieſe erzeugt nun das Gelübde des Dankes nach der
Rettung und verliert ſich in dem freudigen Bilde ihrer weltumfaſ
34 Die Pſalme Davids aus der ſauliſchen Zeit.

ſenden ewigen Folgen . Dieſer ganze Pfalm unterſcheidet ſich über:


haupt dadurch weſentlich von Pf. 69. und 109., daß in ihm nicht
ein laut von Bitte um Gericht über die Feinde oder von An
wünſchung deſſelben laut wird, obgleich die Leiden , über die er
klagt , die denkbar höchſte Höhe erreicht haben und weit über die
Leidensſchilderungen der andern Pſalmen hinausgehen . Dieſer Pſalm
ausgehend von troſtloſem Angſtgeſchrei, fortſchreitend zu vertrauens
vollem Hülfruf, endigend in dem Gelübde des Dankes und im An
ſchauen der weithinreichenden Folgen der Erlöſung, konnte ganz in
allen ſeinen drei Wendungen als Rede Chriſti des Gefreuzigten
und Auferſtandnen gefaßt werden . So der Verf. des Hebräerbrie
fes , wenn er 2, 11 f. das Wort Pf. 22, 23 : ich will erzählen dei
nen Namen meinen Brüdern , inmitten der Gemeinde dich preiſen
als Beweis dafür anführt, daß der durdy Leiden vollendete Heiland,
der uns heiligt, und wir , die wir geheiligt werden , Einen Vater
haben , da er ſich nicht ſchämt, uns ſeine Brüder zu nennen . So
reich an Zurückweiſungen in dieſe Pſalmengruppe iſt das Neue
Teſtament. Der Herr ſelbſt in ſeiner Todesſtunde betet in Wor
ten dieſer Pſalmen und drückt ihnen ſo als Weiſſagungen das
unmittelbarſte Siegel der Erfüllung auf. Die evangeliſche Geſchichts
ſchreibung, indem ſie ſeine Leiden ſchildert, geräth bald unwillkür
lich in Worte dieſer Pſalmen hinein , bald bezeichnet ſie ſolche aus
drücklich als erfüllt nach Gottes Veranſtaltung in dem oder jenem
Vorgange. "Vald werden Worte dieſer Pſalmen , welche die neuteſt.
Geſchichte zur Erfüllung gebracht, als Worte Davids, bald unmit
telbar als Worte Chriſti citirt. Die Pſalmen Davids aus der fau
liſchen Zeit haben alſo einen eigenthümlich meſſianiſchen Charakter,
und es fragt ſich nur, ob einige oder alle. : Es fragt ſich ferner,
ob David in dieſen Pſalmen Leiden und Herrlichkeit des zukünfti
gen Chriſtus gegenſtändlich vor ſich hat und weiſſagt, oder ob der
weiſſagende Charakter derſelben darin aufgeht, daß Davide Perſon
und Erlebniſſe der weiſſagenden Geſchichte angehören , oder ob jenes
prophetiſch -meſſianiſche, dieſes typiſch-meſſianiſche Element ineinander
greifen. Endlich fragt es ſich, ob das typiſche Element darin be
Der meſſianiſche Charakter Davids.
ſteht, daß alles in Gott willige Leiden in der Schrift Weiſſagung
auf das Leiden Jeſu iſt, oder darin daß David der Gottgeſalbte
gleich ſeinem Gegenbilde durch Leiden hindurch zum Throne der
Herrlichkeit gelangte , mit anderen Worten : ob der Pfalmiſt als
leidender Gerechter oder als leidender König der Verheißung Chriſtum
vorausdarſtellt.
Wir können in Beurtheilung dieſer Pſalmen einen doppelten
Standpunkt einnehmen , den zeitgeſchichtlichen und den erfüllungs
geſchichtlichen ; jeder von beiden hat ſeine Berechtigung, wir ſtellen
uns zunächſt auf den erſteren . Saul iſt König auf Anlaß des
fleiſchlichen Verlangens des Volkes und bleibt weit hinter den geiſt
lichen Erwartungen zurück, welche ſich für die Gläubigen in Jsrael
mit dem zu erwartenden , von Gott verheißenen König verbanden .
Er wird verworfen , weil er in ſeiner Eigenwilligkeit und Unbot
mäßigkeit unter das Wort Jehova's zu der Idee des Königthums,
eine menſchliche und ſichtbare Darſtellung der Gottherrſchaft in
Israel zu ſein , in Widerſpruch tritt. David wird ſtatt ſeiner zum
König geſalbt. Von da an giebt es in Israel zwei Geſalbte ge
hova's. Der eine iſt im Aufhören , der andere im Werden begrif
fen ; der eine ſteigt von der Höhe, auf welche Gott ihn geſtellt,
immer tiefer herab, der andere ſteigt zu der Höhe, zu welcher Gott
ihn beſtimmt hat, immer höher hinauf. Nachdem das erſte König
thum , an deſſen Aufrichtung der fleiſchliche Volkswille betheiligt
war, ſich als eine Fehlbildung ausgewieſen hatte, mußte alle Heils
erwartung , mit welcher das gläubige Israel auf ſeine Zukunftges
ſchichte ausſchaute , ſich auf das im Werden begriffene neue König
thum heften . David ſelbſt , den wir ja als ein Glied des damali
gen gläubigen Israel anzuſehen haben , mußte ſich in einem ganz
neuen Lichte erſcheinen , wenn er auf dieſes Königthum ſah , mit dem
er als einer freien Gabe göttlicher Gnade betraut war. Bisher in
die Menge derer ſich verlierend, welche einer herrlicheren Zukunft
Jsraels gläubig entgegenharrten , war er nun vermöge des Amtes,
das er empfangen hatte, die Perſon geworden , welcher jenes Harren
ſich zuwendete und von der jene Zukunft abhing. Die aufgehende
3 *
36 Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit .

Sonne des Königthums Davids war vor den Augen des ganzen
gläubigen Jsrael die aufgehende Sonne der neuen Zeit, auf welche
die Verheißung zielte und welche die Hoffnung ſich ausmalte. Daß
David der rechte König nach Gottes Herzen ſein werde, das konn
ten die Zeitgenoſſen freilich nicht wiſſen , da die Möglichkeit der
Verwerfung bei ihm ſo gut wie bei Saul vorhanden war, aber ſie
mußten es hoffen und alle Heilserwartung, die nur immer auf
eine menſchliche Vermittlung gerichtet war , mußte ſich auf ihn
concentriren . Er ſelbſt aber mußte ſich , ohne daß damit die min
deſte Selbſtbeſpiegelung verbunden zu ſein brauchte, im Hinblick auf
ſein königliches Amt in um ſo größerer heilsgeſchichtlicher Bedeut
ſamkeit erſcheinen , je freudiger er ſich der völligſten Hingabe an die
Idee dieſes Amtes bewußt war, je gänzlicher er mit ſeinem ganzen
Ich und ſeiner ganzen Individualiiät in dem Streben nach ihrer
Verwirklichung aufging. Aus dieſer ſchon oben angedeuteten meſ
ſianiſchen Selbſtanſchaunng Davids erklären ſich alle Elemente der
fraglichen Leidenspſalmen . Seine Verfolger müſſen ihm als Feinde
Jehova's erſcheinen , denn er hat nichts geraubt, was er herzugeben
hätte (69,5 ), ſondern was er iſt und hat, das iſt und hat er durch
Jehova ; die Unbill , die er erfährt, muß in ſeiner Anſchauung zu
dem grellſten Bilde des ſchwärzeſten Verbrechens werden und noch
über das Maß des äußerlichen Thatbeſtandes ſich vergrößern, denn
er ſieht der Feindſchaft , welche Pläne der Vertilgung gegen ihn
ſchmiedet, ins Herz und mißt ihr finſteres Beginnen an dem gött
lichen Lichte, in das er ſich geſtellt weiß ; ſein Schmerz muß in die
ſchneidendſte Klage und in das angſtvollſte Ningen ausbrechen , denn
die Gefahr, die ſeinem Leben drohte , drohte der Hoffnung Iſraels ,
denn mit ſeiner Leuchte würde zugleich die Leuchte der Zukunft Is
raels erlöſchen ; dagegen muß ſich der Ausblick auf ſeine Errettung
in die glorreichſte Fernſicht verlieren , denn in ſeinem Geſchick ent
ſcheidet ſich das Geſchick des Volkes Gottes , ſein Sieg und ſein
Triumph iſt der Sieg und der Triumph des ganzen wahren Jsrael,
das Gelübdeopfer ſeines Dankes wird ein Freudenfeſtmahl für die
ganze nun fröhlich aufathmende Gemeinde Gottes , ſein Eingang
Der typiſche Charakter Davids. . . 37
durch Leiden zur Herrlichkeit wird der Stoff verherrlichender Pre
digt Jehova's unter allen Völkern . Von dieſem echtgeſchichtlichen
und pſychologiſch naturgemäßen Ideenzuſammenhange aus erſcheinen
uns alle dieſe Pſalmen als eigenſte Worte Davids von weſentlich
völlig gleichem Charakter. David redet darin , keine andere Perſon ,
am wenigſten , wie Hengſtenberg bei den meiſten der Leidenspſal
men annimmt , der ideale Gerechte. Ueberhaupt iſt der Grundge
danke, welcher die Fuge des Inhalts dieſer Pſalmen bildet, nicht
der, daß jedes fromme, gläubige Leiden die Endzwecke Gottes , die
Menſchen durd ) Verbreitung der wahren Religion zu beglücken , för
dere (Stähelin ) oder, wie Hävernick es treffender ausdrückt, daß
die Gemeinde aus dem Leidenskampfe ihrer Glieder in neuer ver
klärter Geſtalt hervorgehe und daß auch über ſie hinaus ſich der
Segen deſſelben ſtrecke, vermöge der Herzen gewinnenden , an Je
hova feſſelnden Macht, welche die göttliche Aufhebung menſchlichen
Leidens ausübt. Dieſe Gedanken ſind an ſich wahr, wie auch der
verwandte von Hofmann ausgeſprochene, daß alles in Gott wil
lige Leiden in der Schrift Weiſſagung iſt auf das Leiden Jeſu ,
und ebenſo alles in Gott freudige Sterben . Auch giebt es in der
ſpäteren Geſchichte der heiligen Literatur wirklich eine Zeit, in wel
cher das Leiden des unterdrückten echten Israels , dieſer Knechte
Jehova's , die in ihrer Erkenntniß und Furcht Jehova’s das fort
währende perſönliche Concretum der Idee Jsraels ſind, auf welchem
die Verheißung bleibt (Lug), zu einer Weiſſagung wird auf
das Leiden des einzigartigen Knechtes Jehova's , des vollendeten
Gerechten , indem da , wie von Luß und Stähelin richtig ange
merktwird, die Idee des Segens, welche das Leiden der Gerechten dem
Volke Gottes bringt , durch die hinzutretende Idee des Expiatori
ſchen (Sühnhaften ) eine engere cauſale Vermittelung gewinnt. Aber
im Bereiche unſerer Pſalmen iſt nicht David als leidender Gerech
ter, ſondern David als der durch Leiden hindurchgehende König
Járaels das redende Subject. An dem Leidensausgange eines ein
zelnen Gerechten hängt nicht Jsraels Zukunft, wohl aber an dem
Leidensausgange des Gerechten , der zum Könige über Jsrael ge
38 Die Pſalmen Davids aus der ſauliſchen Zeit.

ſalbt iſt und ſich in dieſem Sinne Jehova's Knecht 31 , 17. 69,
18 . 109, 28. 35, 27. und 61, 7. geradezu König nennt. In dem
Geſchicke dieſes Einen Gerechten war die ganze Zukunft Israels
beſchloſſen , denn von einem andern Meſſias wußte das Israel der
damaligen Zeit, David ſelbſt eingeſchloſſen , nicht, als nur von die
ſem Einen . Alle Gläubigen ſchauten damals in David den Chriſtus
Gottes und David ſchaute ihn in ſich ſelber , obwohl er noch nicht,
wie ſich ſpäter zeigte, der wahrhaftige Chriſtus war, ſondern nur
der Geiſt Chriſti in ihm wohnte und das Blut in ihm floß , aus
dem das Heil der Welt Menſch geboren werden ſollte.
Der Geiſt Chriſti war in ihm , vorausbezeugend die leiden ,
die Chriſtum treffen ſollten , und die Herrlichkeitsfülle danach
1 Petr. 1, 11. Dieſe Eine Thatſache genügt, um , wenn wir uns
auf den erfüllungsgeſchichtlichen Standpunkt ſtellen , die wunder
ſame Uebereinſtimmung dieſer Leidenspſalmen mit der Leidensgeſchichte
des Herrn zu erklären . Gott der Vater Jeſu Chriſti hat die alt
teſtamentliche Geſchichte zu einer Vorgeſchichte Chriſti geſtaltet und
der Geiſt des Vaters und dieſes ſeines Sohnes , der in die Welt
kommen ſollte , hat das altteſtamentliche Wort zu einer Weiſſagung
auf Chriſtum geſtaltet, theils einer direkten , indem es von der
Geſtalt der Gegenwart aus die Zukunft vorausverkündigt, theils
zu einer indirekten , indem es jene weiſſagende Vorgeſchichte ſpiegelt.
David iſt eine in dieſer Vorgeſchichte hervorragende Perſon , ſchon
darum ſind ſeine Pſalmen , in welche er ſeine Schmerzen und Hoff
nungen unter dem Drucke der ſauliſchen Verfolgung ausgeſchüttet
hat , meſſianiſch . Eine vorbildliche Perſon iſt er aber nicht
fchon deshalb , weil er der Ahn Jeſu Chriſti iſt und den Thron
inne hat , der in Jeſu Chriſto zu einem Thron weltumfaſſender
ewiger Herrſchaft werden ſoll , denn dann müßten auch Ahas und
Manaſſe Typen Chriſti ſein , ſondern deshalb , weil Gott es ſo
gefügt hat , daß der in Bethlehem Geborne, zum Könige Geſalbte,
im Kampf mit Goliath Bewährte von dem derzeitigen Könige ſeines
Volkes mit neidiſcher Mordſucht verfolgt wird , gerade wie Jeſus
aus Bethlehem , nachdem er die Taufe des Himmelreichs empfangen
Der typiſch = prophetiſche Charakter dieſer Pſalmen . 39

und den Verſucher überwunden , von Herodes und überhaupt der


Obrigkeit ſeines Volkes bis zum Tode am Kreuze verfolgt wird .
Und nicht allein das : Gott hat auch im Einzelnen dem Verfolgungs
leiden Davids eine Fülle weiſſagender Momente auf ſein erhabenes
Gegenbild eingeſtaltet. Der Anfang des Königthums der Verheißung
iſt ſelbſt in ſcheinbar zufälligen und kleinlichen Umſtänden die Pro
gnoſe ſeines vollendenden Endes geworden . Aber auch damit kommen
wir noch nicht aus , uns dieſe Pſalmen in ihrem wunderſamen Ein
klang mit der Paſſion Chriſti erklärlich zu machen. Wir müſſen
zu der Wirkung Gottes , der die Geſchichte geſtaltet, die Wirkung
des Geiſtes hinzunehmen, der das Wort geſtaltet , in welchem dieſe
Geſchichte ſich ausſpricht. Daß David ſeine Leidenvolle typiſche
Gegenwart , ſeine herrliche typiſche Zukunft , das typiſche Fluch
geſchick ſeiner Feinde gerade in ſolchen Worten ausſpricht, wie 22,
19. 22, 27. 109, 8., das iſt nur aus der ſeinem freieſten eigenſten
Gefühlserguß innewirkenden Macht des Geiſtes zu erklären . Dieſe
Geiſteswirkung iſt aber nicht ſo zu faſſen , daß David über die
Schilderung ſeines eigenen Leidens hinaus zur Schilderung des
Leidens ſeines Gegenbildes erhoben wird; es müßte das ihm ſelbſt
unbewußt geſchehen ſein , denn er redet überall nur als über ſich
ſelber , ohne daß irgendwo das leidende Subject ſich ſpaltet oder
wandelt, aber eben deshalb iſt eine ſo gewaltſame Hinausverſeßung
über die Schranken der eigenen Erlebniſſe nicht zu begründen .
Meint man in dieſem Sinne, daß David über die Schranken ſeiner
Individualität und Gegenwart weit hinausgreife , ſo iſt es falſch ;
ein ſolches Ueberſchwanken aus der Sphäre der eigenen Perſönlich
keit in die Sphäre einer andern findet Hengſtenberg mit Recht
pſychologiſch undenkbar. Alles was in dieſen Pſalmen , mit der
Wirklichkeit der Geſchichte Davids verglichen , als maßlos und über
ſchwenglich erſcheint, erklärt ſich vielmehr hinlänglich daraus, daß
Davids eigene Geſchichte für ihn ſelbſt , indem er ſich als den Ge
ſalbten Gottes anſchaut, eine ideale Verklärung und Potenzirung erfährt,
und alles mit der Geſchichte Jeſu Chriſti auffällig Uebereinſtimmige
erklärt ſich daraus, daß der Geiſt, vermöge deſſen David , ſeit er die
40 Nuşanwendung für das Jsrael der Gegenwart .

Salbung empfangen hat, ſich unter der Idee des Gottgeſalbten


anſchaut, der Geiſt Chriſti iſt. Ebenderſelbe Geiſt , deſſen unaus
ſprechliche Seufzer ſich in die Gebete aller Gläubigen miſchen , wob
in Davids Pſalmen die ſpezielſten Züge der im Schooße der Ge
genwart keimenden Zukunft. - -
Es ſind das nur einige Skizzenſtriche , um das Myſteriöſe in
der Uebereinſtimmung dieſer altteſtamentlichen Pſalmen mit der neu
teſtamentlichen Geſchichte zu erklären . Wenn ihr doch , jüdiſche
Brüder , beide mit einander prüfend verglichet ! Weshalb anders
heißt der Meſſias bei den Propheten David, als weil er der
andere David iſt und die Geſchichte des erſten David in der ſeinigen
ihr Gegenbild findet ? Und nun urtheilt: hat ſie ſich nicht in Jeſu ,
dem Sohne Davids , wirklich wiederholt ? Sind jene davidiſchen
Pſalmen nicht wie Vorentwürfe ſeines künftigen Leidens ? Iſt es
nicht wie der Gekreuzigte ſelbſt, der in Pf. 22 ſo bitterlich klagt
und von ſeiner eigenen Errettung aus dieſem Leidensabgrunde das
Heil der Menſchheit erhofft ? Vergleicht aber auch mit dem Zornes
feuer, welches in dieſen Pſalmen Davids lodert, die ſanfte, nicht
fluchende , ſondern fürbittende Liebe des anderen David ! Das
altteſtamentliche Geſetz mit ſeiner Zorn - und Fluchgeſtalt war nur
eine Vorſtufe , Er hat ſie überſchritten und überwunden . Er , den
der Geſekeseifer ſeines Volkes an das Kreuz gebracht hat, iſt durch
das Geſetz dem Geſetze geſtorben , und dieſes ſein Todesleiden iſt
der Durchbruch der Religion der Liebe geworden , welche zwar nicht
der Gegenſatz der altteſtamentlichen , aber ihr entbundener Geiſt
iſt. Warum beſteht ihr denn alſo auf der ſinaitiſchen Thora,
welche der Geiſt der durch den Gekreuzigten Heraufgeführten neuen
Zeit nur als eine der Vergangenheit verfallene anſehen kann ?
Und warum ſtimmt ihr Anhänger der Reform in dieſes von der
Geſchichte ſelbſt vollzogeneUrtheil ein , ohne euch der ſionitiſchen
Thora deſſen zu beugen , der auf Golgatha draußen vor Jeruſalem
ein beſſeres Opfer gebracht hat, als die Thieropfer auf Moria ?
Für euch hat er gelebt, für euch hat er ſich verzehrt, für euch hat
er ſich verblutet und noch verblutend für euch gebetet. Dieſe ſeine
Die gegenwärtige Hauptaufgabe der Freunde Jsraels. 41

Fürbitte iſt mitten in den Folgen dieſes größten aller Juſtizmorde


euer Leben und der Grund eures künftigen Heils. Denn wenn
ihr ihm auch in Maſſe den Glauben verſagt – scheâr jaschûb ein
Reſt von euch wird ſich dereinſt bekehren und das Bußbekenntniß able
gen , welches der Griffel der Prophetie in Jeſ.53, 2 jj. für dieſes an
Ihn , das Gotteslamm , gläubig gewordene Israel ſchon jetzt fixirt hat.

Die gegenwärtige Hauptaufgabe aller Freunde Zsraels.


Fliegendes Blatt vor Paulus Caſſel.
• Die nachfolgenden Zeilen ſollen zu zeigen verſuchen , in wie
weit die veränderte Cultur und Staatsſtellung der Juden einen
Einfluß auf die Geſichtspunkte haben kann , von welchen aus die
Freunde der Miſſion ſich leiten laſſen ſollen , wenn ſie um die Ver
fündigung des Evangeliums unter Jsrael Sorge tragen .
Denn daß die Juden das Evangelium vernehmen , daß ſie
die Kraft Chriſti wirklich verkündet hören , darauf muß es uns
vor allen Dingen ankommen . Es ſoll auch für ſie das Licht nicht
unter einen Scheffel geſtellt ſein. Es ſoll ihnen die Lehre, daß
Jeſus der Chriſt geweſen , nicht verborgen bleiben können.
Das Evangelium ſoll auf einen Leuchter geſtellt werden , daß ſein
Schein auch von Allen , die im Hauſe ſind, geſehen werden muß.
. Jn wie weit die Verkündigung des Evangeliums ſichtbaren
Segen trägt, iſt nicht Aufgabe ſeiner Verkünder äußerlich zu berech
nen – ſondern ſeit der Apoſtelzeit lag es ihnen ob, von denen , die
das Evangelium nicht kannten und denen es meiſt nur darum ein
Aergerniß war , jedenfalls gehört zu werden . Den Segen ſtellten
fie Gott anheim , der kein Wort, das im Glauben geſprochen ward ,
vergeblich ſein läßt.
Namentlich ſeit der Reformation iſt troß der Trennung der
Kirchen die Bedeutung der Miſſion an Israel lebhaft erkannt wor
den. Grade der Ernſt, mit dem man ſich zu dieſer Evangeliſations.
arbeit verpflichtet fühlte, trieb dazu an , das rechteMittel zu finden ,
durch welches man den Juden ſo verkündige, daß ſie wirklich hören .
Die jeßige Hauptaufgabe der Freunde Jéraels.

Die Abgeſchloſſenheit und politiſche Abhängigkeit , in welcher


vormals die Juden gehalten wurden , ſchienen dies leichter , wenn
auch gewaltſamer zur Erfüllung bringen zu können. Man erin
nerte ſich in der römiſchen Kirche mehrfach , daß bereits die Weſt
gothen eine Beſtimmung hatten , wonach die Juden jeden Sabbat
eine Predigt hören mußten. Auf dem Mai- Coneil 1565 , wel
ches Carl Borromäus leitete, wurden die Biſchöfe ernſtlich ermahnt,
die Juden ihres Sprengels zu verſammeln und ihnen zu predigen ,
wobei die Kinder nicht bei ihren Eltern ſtehen ſollten , damit ſie
unbefangen zu hörten . In Rom beſtand namentlich nach Befehl
Gregor XIII. die Einrichtung einer beſtimmten Judenpredigt. Eine
Kirche war dazu beſtimmt, welche nicht weit vom Ghetto ganz ohne
Bild, Crucifir und kirchlichen Schmuck war . Dazu waren alle Ju
den zu kommen verpflichtet. Sie waren ſo ſehr veranlaßt hören
zu müſſen, daß ihre Ohren unterſucht wurden , ob ſie ſich dieſel
ben nicht mit Wachs verſtopft hätten .
Die Proteſtanten nahmen Anſtoß an der toðten Weiſe,
mit welcher dieſe Miſſion getrieben wurde. Aber die Einrichtung
ſelbſt mißfiel ihnen nicht. Man ſollte nur Perſonen nehmen , meint
Conſiſtorialrath Hosmann 1701, daß ſie ihnen predigten, die man
in der hebräiſchen Sprache und andern jüdiſchen Wiſſenſchaften
hätte gründlich ſtudiren laſſen und die Gottes Ehre und der armen
blinden Juden ewiges Heil ſich rechtſchaffen zu Herzen gehen ließen .“
In der That hatte die Landgräfin Amalia Eliſabeth als Vor
mundsregentin von Heſſen 1649 die Anordnung getroffen , daß die
Juden ihres Landes das Evangelium von dem gekommenen Meſſias
hören mußten , indem ſie dieſelben zwang , zu verordneter Zeit
nicht in eine Kirche, „weil man die Juden dahin nicht bringen
konnte, ſondern in den Nath hausſaal jeden Ortes zu kommen
und dort eine Predigt zu hören .
Es wird Niemand in unſern Tagen dieſe Einrichtung für
nachahmungswerth oder ausführbar halten , aber bei der Voraus
feßung damaliger Zuſtände iſt doch die klare Vorſtellung davon zu
beachten , daß man die Juden vor allem zum Hören zu veranlaſſen
Die gefallenen Scheidewände. 43

ſtreben müſſe ; auch die Conceſſionen ſind für jene Zeiten von Be
deutung, die zu dieſem Zwecke troß allen Gewaltgefühls gemacht
wurden , nämlich die Wahl einer bildloſen Kirche in Rom und
die eines Rath hausſaales in Heſſen zum Orte der Predigtver
kündung.
. Die ſtaatlichen und ſocialen Ordnungen des 17. Jahrhunderts
bilden zu denen in unſerer Gegenwart, namentlich auch in Bezug
auf die Juden , einen contraſtirenden Gegenſaß. Dazwiſchen liegt
die rationaliſtiſche Bewegung in der Chriſtenheit, welche der Juden
miſſion abhold war , und die weltgeſchichtliche Umwälzung , welche
zulett auch die Ghetti der Juden öffnete und ihre Abgeſchloſſenheit
und Abſonderung aufhob. Als mit den großen Kämpfen und Sie
gen im Anfang dieſes Jahrhunderts in Deutſchland eine neue Er
weckung chriſtlichen Lebens die Herzen ergriff und ſtärkte, war es
natürlich, daß auch die Liebespflicht, unter Israel das Wort Chriſti
hören zu laſſen , in den Erweckten auflebte und die Anregung,
welche von England kam , herzlich aufgenommen ward. Die ver
änderten Zuſtände aber , unter denen es geſchah , ſind ſchon daran
erſichtlich , daß , nachdem in Berlin Freunde des Evangeliums zu
ſammengetreten waren , um einen „ Verein zur Beförderung des
Chriſtenthums unter den Juden “ zu begründen , der dort in vielen
Kreiſen angeſehene Israelit David Friedländer dagegen ſeine
Stimme erhob, und in einer in Leipzig erſchienenen Schrift an die
Verehrer , Freunde und Schüler Jeruſalem 's , Spalding's , Teller's ,
Herder’s und Löffler’s appellirte; Profeſſor Krug, der dieſe Schrift
herausgab , machte die Vorbemerkung, daß ihm die heutige Pro
ſelytenmacherei der Chriſten gegen die Juden nicht minder mißfalle,
als die der Katholiken gegen die Proteſtanten .“ Aber auch ſonſt
fühlten jene Freunde, daß ihre Miſſionsbeſtrebungen nicht mehr in
der öffentlichen Meinung einen vollen Nückhalt hatten ; die Theil
nahme war ſelbſt unter den Theologen in enge Kreiſe gezogen .
Das Jahrhundert hatte weder Neigung noch Luſt, ſich ſo tiefe
Forſchungen jüdiſchen Lebens und Alterthums aufzulegen , als die
Gelehrten des 16 . und 17 . Jahrhunderts , Lightfoot , Burtorf, Wa
44 Die jebige Hauptaufgabe der Freunde Jsraels.

genſeil, Wolf, Eiſenmenger und viele Andere gethan Hatten . Nichts


deſtominder iſt das Jahrzehnt, in welchem die Berliner Miſſions
geſellſchaft zuſammentrat , reicher als irgend ein anderes an Ueber
gängen von Perſonen und Familien aus dem Judenthum in den
Schooß Chriſtlicher Gemeinſchaft. Nur hatten ſie mit den Beſtre
bungen dieſer Geſellſchaft wenigen Zuſammenhang und gingen kaum
als Erfolge aus ihr hervor. Sie waren durch die ſtaatlichen An
ordnungen vorbereitet, durch welche ſeit dem Jahre 1812 die Juden
zu Bürgern des preußiſchen Staates erhoben und ihnen Rechte
und Freiheiten aller Preußen bis auf gewiſſe Beſchränkungen ver
liehen worden . Dieſes Geſetz öffnete allen Juden den freien Zu
gang bürgerlicher Entwickelung und Bildung. Der enge Bann, in
welchem altjüdiſches Leben und Weſen auch über das religiöſe Bea
dürfniß hinaus die Synagoge umgab, wurde gebrochen , ſowie die
Thore der Judengaſſe geöffnet wurden . Jede Theilnahme, welche
die Juden hierauf an Schulen und Univerſitäten , Wiſſenſchaft und
Kunſt nahmen , wurde damals eine Annäherung an das Chriſten
thum . Denn es beſtand im Ganzen noch der ungemiſchte Ge
genſaz zwiſchen einem Judenthum innerhalb der Synagoge und
des Talmuds und dem chriſtlichen Leben , in welchem alle moderne
Bildung eingeſchloſſen war. Es wurden ſomit ſelbſt die Richtun
gen der Wiſſenſchaft, welche nicht gradezu das poſitive Evangelium
bekannte , dennoch zu Straßen , auf welchen viele Juden von der
Macht und Wahrheit des Chriſtenthums hörten . Es ſoll hier
unerörtert bleiben , in wie weit der Hegelianismus auf das
Chriſtenthum ſelbſt wirkte , aber ein Mittel , die Juden unbefangen
vom Chriſtenthum hören zu laſſen und viele im Gefolge ſeiner
Eindrücke in die chriſtliche Gemeinſchaft einzuführen , war er gewiß.
Die Bildung, welche noch chriſtlich geſtaltet war , wurde für
Eltern und Kinder ein ſeltſamer aber wirkſamer Miſſionar. Nicht
für alle — aber in denen , welche widerſtanden , bildete ſich auch
die Oppoſition wiſſenſchaftlich aus. An dem Gegenſaze kann man
den Eindruck erkennen. Es wurde dieſes Jahrzehend der Beginn
einer neujüdiſchen Literatur, mit welcher ſich hauptſächlich ein
Der Einfluß der Emancipation. 45

Theil des gegenwärtigen Jsraels nährt. Was Miſſionspredigten


nicht volbringen konnten , welche in ihrer Vereinzelung wenig ge
hört wurden - geſchah durch die Ganzheit des Lebens und der
Bildung, welche den Juden gegenüber noch chriſtlich war.
Viele gewannen durch ſie die Vermittlung , welche nothwendig vor
ausgehen mußte , bevor ſie die Kirche betraten . Man kann ſagen ,
daß der Hörſal der Schulen für die Juden „ jener heſſiſche Rath
hausſaal“ ward, in welchem ſie durch ihren eigenen Durſt nach
moderner Bildung gleichſam gezwungen hörten und vielfach dem
Hören , wenn auch in mannigfacher Fügung, folgten .
Die gegenwärtige Stellung der Juden hat ſich nach Verlauf
von 30 Jahren abermals und ungemein verändert. Nicht bloß in
der Hauptſtadt , auch in den Provinzen , ſogar in ſolchen , wie
Poſen . Durch bekannte Ereigniſſe in unſerm Vaterlande ſind alle
politiſchen Schranken , welche die Synagogengemeinde umgab , ge
fallen . Die Trennung der Juden von ihren chriſtlichen Nachbaren
iſt immer geringer geworden . Das Vorurtheil muß ſehr geſchwun
den ſein , wenn das chriſtliche Volk ſie zu Wahlmännern , Stadt
verordneten und Parlamentsmitgliedern , Corporationen ſie an Uni
verſitäten und Akademien berufen. Sie nehmen mit der ihnen
eigenen Kraft und Elaſticität an allen Thätigkeiten der Geſellſchaft
Theil. Ihr Intereſſe an aller geiſtigen Bewegung der Zeit iſt
ungemein . Ueberal ſtehen ſie auf der Höhe der ſogenannten Zeit
fragen. Auch die „ orthodoxen “ Jsraeliten , wie ſich ein in alter
Weiſe dem Landesherrn treuer Bruchtheil noch ſelbſt nennt, danken
dem Könige in einer Geburtstagsadreſſe vom 22. März d . I ., „daß
ihre legten Feſſeln faſt ganz zerſprengt ſind“ und „ ſomit ſie am
beſten den befreiten Schleswig - Holſteinern nachfühlen können ."
Der nationale. Gegenſatz wird kaum noch in den unterſten Schich
ten anerkannt. Es würde ihnen dies zum größten Segen gereichen ,
wenn die bürgerliche Gemeinde tiefer vom Chriſtenthum durchzogen
wäre , als ſie iſt; wenn die Kreiſe, wo Juden ſich mit Chriſten
berühren , kirchlichen Charakter hätten ; wenn Lehranſtalten und
Schulen , wenn Bücher und Preſie, an denen ſie ſich nähren , überall
Die jeßige Hauptaufgabe der Freunde Fsraels.

das Evangelium bekenneten , ja wenn auch nurwie früher der chriſt=


liche Schein auf vielen Wegen läge , auf welchen ſie ſich täglich
mit ihren Nachbarn begegnen .
Wäre dies der Fall , ſo würden ſie überall, da ſie überall
ſich finden , den Namen Jeſu hören , und das chriſtliche Leben würde
die natürliche und edle Brücke ſein , auf welcher die Juden von
nationalen Vorſtellungen , widriger Parteiauffaſſung und häßlichem
Mißverſtändniß los bis an die Tiefen des Evangeliums gelangen
könnten .
Es iſt leider nicht der Fall. Es umgiebt und verwirrt ſie
eine Wolke von falſcher Wiſſenſchaft, materialiſtiſchem Aberglauben
und tropigem Unglauben à la Renan in den Kreiſen der nicht
jüdiſchen Welt. Die chriſtliche Liebe muß erſt dieſe zerſtreuen ,
um Jsrael im Ganzen das Wort des Evangeliums wieder hören
zu laſſen . · Hätten wir poſitiv chriſtliche Männer , welche auf Uni
verſitäten Philoſophie , Geſchichte, Literatur, Naturwiſſenſchaft ſehr
ten , Schulmänner , aus deren klaſſiſchen und hiſtoriſchen Un
terrichtsſtunden das Evangelium leuchtete , lauter Lehrbücher , Er
zählungen , Zeitungen , die, welcher politiſchen Färbung auch immer,
den Gott der ewigen Verſöhnung nicht verleugneten , ſo wäre dort
die wahre Miſſion , von der Israel hören würde, was ihm
noth thut.
Aber wir haben dieſe Güter vielfach nicht. So muß es denn
der Freunde Israels Sorge ſein , dahin zu dringen , wo dieſes ge
wiſſermaßen gezwungen wird , von ſeinem Heiland zu hören . Wir
treiben die Perſonen nicht mit Gewalt wie einſt „ in den Rathhaus
ſaal“ , um ihnen zu predigen . Aber jeder Kampf gegen den U n
glauben iſt ein Segen für Ssrael ; jedes Zeugniß von Chriſto
in Bildung und Wiſſenſchaft wird von den Juden gehört;
jede öffentliche Lehre von chriſtlicher Geſchichte und Literatur bleibt
ihnen nicht verborgen . In der modernen Weltbildung hat man
das Ohr der Juden — ob ſie wollen oder nicht wollen - man
muß die Arbeit nicht ſcheuen , dieſe mit dem Bekenntniß Jeſu zu
durchdringen und anzufüllen . Mit jedem Gößen des allgemeinen
Die Miſſionsmacht des apologetiſchen Zeugniſſes. 47
Unglaubens , den man umhaut, fällt auch ein Bollwerk des Wider
ſtandes der Juden gegen ihren Heiland.
Vielleicht wird man über eine Arbeit der Miſſion erſtaunen , '
welche doch nicht Miſſion heißen kann . Aber auf den Namen
kommt es nicht an, wenn ſie es nur iſt. Nicht ein opus operatum ,
ſondern ein Wert der Liebe liegt uns vor .
Aber auch ſelbſt, wenn ſie Miſſion hieße, würde ſie den Ju
ten gegenüber den Mißgeſchmack verlieren , welchen dieſer Name ihnen
einflößt. Denn nicht ſie ſind die einzigen Angegriffenen . Es iſt
keine Judenpredigt, ſondern eine Darlegung von Chriſti Kraft und
Wahrheit. Es iſt kein Vortrag , den man gut genug hält, auf ſie
zu münzen , ſondern ein Bekenntniß , welches man den Muth hat,
auch den ſogenannten Führern und Vertretern der modernen Bil
dung entgegenzuhalten .
Wenn es alſo auch nicht Miſſion heißt, ſo iſt es doch die
unumgängliche Pflicht der Freunde der Miſſion , ihre Kräfte zu
dieſem Kampfe gegen den Unglauben der modernen Weltanſchauung
anzuſtrengen und dieſes goldene Kalb , um welches auch Jsrael
tanzt, zu zertrümmern . Wie einſt die gläubigen Lehrer des 17 .
Jahrhunderts große Gelehrſamkeit in talmudiſchen und rabbiniſchen
Dingen oft mit Aufopferung eines ganzen Lebens erwarben , um
ſie direkt und indirekt gegen die Juden und ihren Unglauben zu
gebrauchen, ſo wende nun, wer Jørael liebt, Bildung und Wiſ
ſen an, um ſie von der Höhe des Lebens, mitten in der Welt, durch
Wort und Buch , die Wahrheit Chriſti nicht blos in erbaulicher
Sprache, zu der ſie noch nicht vorgebildet ſind, ſondern in gedank
licher und geſchichtlicher Darlegung hören zu laſſen. Wenn der
Schreiber dieſer Zeilen für ſeine ganze Lebensthätigkeit – ſowohl
politiſch und ſocial, als wiſſenſchaftlich und hiſtoriſch — redend und
ſchreibend das Ideal eines chriſtlichen Lehrzeugniſſes vor
Augen hat: ſo glaubt er rechte Miſſion zu treiben , auch wenn er
nicht einmal das Wort Miſſion zu nennen in der Lage iſt. Es
wäre auch dann Miſſion geweſen , ſelbſt wenn ſeine eigene Abſtam
mung von Israel unbekannt wäre.
Stamms Religion der That.

Die Berliner Freunde freuten ſich vor 32 Jahren ſehr, als


ſie die Erlaubniß bekamen , in einer der ſtädtiſchen Kirchen Miſſions
predigten halten zu dürfen . Die Freude war gerecht. Aber es iſt
ihnen bekannt, daß ſolche Gottesdienſte eigentlich nicht blos beſtimmt
ſein können , von Juden beſucht zu werden . Denn Juden wird man
noch weniger in einem Miſſionsgottesdienſt finden , als ungläubige
Chriſten in dem Sontagsgottesdienſte. Aber die Miſſionspredigt
iſt ein heilſames Mittel , die chriſtliche Gemeinde zum Gebet und
zur Theilnahme für Israel zu erwecken , rechte Liebe um Jeſu und
ſeiner Verheißungen willen zu erbitten und ſegensreiche Berichte
von einzelnen Geretteten mitzutheilen . Während ſie als bloße Kir
chenpredigt nur jeder andern gliche, die zur Erbauung des chriſt
liden Volkes gehalten wird , ſteht ſie in ſolcher Art allein und er :
weďt dadurch Intereſſe und erbauliche Spannung.
Wann die Erfüllung der köſtlichen Verheißung in Römer 11
eintreten werde, wer weiß es ? Aber mir ſcheint die Zeit nicht fern
zu ſein , in welcher mit dem Unglauben der gegenwärtigen Chriſten
heit auch der von Jørael fallen wird, und die Abtrünnigen hier und
dort, müde und durſtig vom Staube der Eitelkeit und Selbſtgerech
tigkeit, ſich zuwenden werden dem großen Führer der Lebendigen ,
welcher Juden und Heiden im Schalle der Poſaune vom Kreuze
Chriſti hindurchführt durch das rothe Meer der Verſöhnung.

. Dr. . Th. Stamms Religion der That.


(Auflage 2. Leipzig, Rollmann 1860).
Von C . Beder.
Wie berechtigt die obige Faſſung der Aufgabe iſt, welche gegen
wärtig der Kirche Jsrael gegenüber hauptſächlich obliegt, möge
beiſpielsweiſe dieſe Schrift eines jüdiſchen Arztes beweiſen , in welcher
uns der bodenloſe Unglaube des modernen Judenthums wahrhaft
grauenerregend entgegentritt.
Stamms Religion der That.

Im Vorworte ſagt der Verfaſſer : „ Wann endlich wirſt du ,


mein Deutſchland, eins , frei und ſtark deine Beſtimmung erfüllend
unter die Völker treten mit dem Loſungswort: Wiſſen und edle
That, die einzige Religion des Menſchen , Wiſſen und edle That
erretten uns - alle , ſchaffen den Völkerfrieden , die Menſchheitsbe
glückung."
„ Wann endlich wirſt auch du , ſchnöde geknechtetes Volk, du
Judenvolk , dein Wirken zuſammenſchlingen mit Deutſchland und,
deinem hohen Berufe ganz nachlebend, dich ſelber und mit dir
ſelber erlöſen helfen die Menſchheit ?"
Die Giftſchlange des Menſchenglücks - heißt es S . 2
ſie ſchwelgt von den Menſchenausbeutern und Heuchlern . Unwür
dige Tractätchenfabrikanten – deklamirt der Verfaſſer wei
ter S . 3 – ihr habt vergeſſen , für die andern Theile ähnliche
menſchenverdummende Geſchichten herauszudüfteln ! Und S . 4 :
Rom , die Stadt der pfäffiſchen Laſter, lernte ich kennen und ſah,
wie in dem Staate des Papſtes , in den reichſten Gegenden , das
von den Prieſtern ausgeſogene Volk in bitterer Armuth lebt. Faſt
wo ich Hinblickte fand ich ein Unglücksdenkmal der Prieſterſünden .
S . 7 : „ Und beim Aufſpüren der Quellen des Menſchenelends fand
ich eine molodhshäuptige Dreiheit: den Fanatismus , den Deſpo
tismus, die Habgier . Dieſen dreien folgt der Fluch ." Trotz dieſes
von der modernen Weltanſchauung entlehnten Feldgeſchrei’s , welches
ſelber Fanatismus athmet, ſteht der Verfaſſer doch anders zu Jeſu
als ein mittelalterlicher Jude. Er nennt ihn S . 19 den „heilkun

beging auch dieſer edle Jude einen Irrthum , durch welchen ſeine
Religion nicht Weltreligion werden konnte. Er pries eifrig –
den blinden Glauben.“ Wäre die Bibel — fährt er S . 21
fort – Gottes Wort, ſo könnten Widerſprüche nicht darin ſein .
Die Sdhriften des Alten und Neuen Teſtaments gelten ihm als
unächte Quellen : die vielgöttiſche Prieſterpartei habe auf
der Synode zu Laodicea durch Abſtimmung geſiegt. – S . 27 :
Wir ſollen nicht blind glauben , daß ein Gott ſei ; wir ſollen
50 Stamms Religion der That.

wiſſen , daß ein Weltleben , ein Weltgeiſt die Welt durchdringt. —


S . 59 : Luthers Geiſt zeigte ſich in Bezug auf die Glaubensſätze
ſehr beſchränkt und befangen . – Ein Jude ſchüttelte zuerſt die
Feſſeln ab, von denen Luther nicht losgekommen war. Spinoza,
eine reine, verklärte Natur , nie von dem Makel wiſſenſchaftlicher
Verkäuflichkeit befleckt, ſchuf ſeine ſo tiefgreifende pantheiſtiſche Lehre,
ſeine Lehre von des Weltaus und des Weltallsgeiſtes Einheit. -
S . 66: Deutſchland iſt beſtimmt, im Verein mit den philoſophiſdi
gewordenen Juden allen blinden Glauben durch die Macht
der Ueberzeugung und durchs Wiſſen zu zerſtören . – S . 88 :
„ Und ihr Menſchen alle – höret auf, träge zum Himmel zu ſtöh
nen , wo ilr euch ſelber helfen ſollt. Hilf dir ſelber ! Gott hilft
dem , der ſich ſelber hilft. Halleluja dem heiligen Hilf dir! –
S . 68 : Auf zur Religion der That ! Des Lebens Zweck iſt,
glücklicher zu werden durch edle That. – S . 84 : Das Streben
nach Fortſchritt - ohne Prieſter, ohne Kirche – kann
allein Weltreligion ſein. Wann endlich werden Alle ihre
eigenen Prieſter ſein , wann endlich ſich die Kirchen in Volks
paläſte verwandeln ? Wann endlich werden die Nationen der
Erde aufhören , zahlloſe Millionen und nie endende Arbeit lügen
den Pfaffen und Bedrückern zuzuwerfen ?
Doch genug des hochtönenden Wahnwijzes ! Was den zulegt
ausgedrückten Wunſch des fiebernden Declamators betrifft, ſo kann
man ihm zurufen : Schon dageweſen ! Gab es denn nicht zur
Zeit des Ausbruchs der erſten franzöſiſchen Revolution auch ſchon
eine ſogenannte „Philoſophiſche Richtung" , auf Grund wel
cher man in Paris 1792 begeiſterungsvoll ſchrie : Gebt uns die
Röpfe des Herrn und der Madame Veto (d . i. des Königs und
der Königin) ? ! Und ſchon damals ſagte man : „ Es wird die
glückſelige Zeit erſt anbrechen , wenn man mit den Gebärmen
des legten Prieſters dem leşten Könige die Kehle zu
geſchnürt hat!" Das ſind die Früchte dieſes „ Fortſchritts “, der
Leugnung eines perſönlichen Gottes und der Losreißung von
der geoffenbarten Wahrheit , wobei man , wenn es denn doch einen
Stamms Religion der That. 51

Gott geben ſoll, zuletzt dahin kommen kann , eine Hure als Re
präſentantin der Gottheit auf den Altar zu heben .
So fratzenhafte Reflere der modernen Weltanſchauung ſtellt
uns die jüdiſche Literatur nicht wenige dar. Der Unterſchied der
Geſtalt , in welcher ſie bei Juden und Chriſten auftritt, iſt aber
immer der, daß der Jude dabei an dem unverwüſtlichen hohen Selbſt
gefühl des Weltberufes ſeiner Nation feſthält. Es giebt nichts
Widerlicheres , als dieſes Selbſtgefühl in Verbindung mit jenem
Unglauben , welcher alle Vorausſetzungen desſelben mit Füßen tritt.
Denn das Israel, welches dem Glauben an einen perſönlichen
Gott und an den Meſſias entſagt, deſſen Ausgangsſtätte zu werden
es beſtimmt war, iſt ſeinem Berufe entfallen , und ſteht auf gleicher
Linie mit den Weltvölkern. Das Heil der Welt kommt von einem
andern Jsrael, welches bei Jeſaia Cap.40— 66 der Knecht Jehova 's
heißt, und die volle Wahrheit und Wirklichkeit dieſes Jsrael iſt der
Eine Knecht Jehova's , welcher nicht „ blinden Glauben " fordert, ſon
dern jene freie Anerkennung, welche ſeine Jünger auf die Frage, ob
ſie ihn verlaſſen wollten , wie die andern , die an ihm irre wurden ,
in dem Bekenntniß ausſprachen : Wir haben erkannt und den
Glauben gewonnen , daß du biſt Chriſtus, der Sohn des Leben
digen Gottes !

Ein ſolcher Jünger Jeſu Chriſti, der aus freier Ueberzeugung ihn
bekannte und in ſeinen Fußſtapfen wandelte, war derjenige Jsraelit,
auf deſſen Grab wir hier einen Ehrenkranz niederlegen – berühmt
durch ſeine epochemachenden Leiſtungen im Gebiete der altrömiſchen
Verfaſſungsgeſchichte, allen die ihn perſönlich kannten unvergeßlich
und auch uns , die wir ihn nicht von Angeſicht geſehen haben , als
congenialer Freund unſeres unvergeßlichen Nägelsbach lieb und
theuer .
POS

Joſeph Carl Friedrich Rubino.


Nachruf von A . F. C . Vilmar * ).
Am 10. April d. I. früh 6 Uhr ſtarb in Marburg der Pro
feſſor der Philologie und älteren Geſchichte , D . Jofeph Seart
Friedrich Nubino , plötzlich in Folge eines Schlaganfalls. Ge
boren war er zur Fritzlar von iſraelitiſchen Eltern am 15 . Aug .
1799. Mit bedeutenden Anlagen ausgeſtattet und eiſernen Fleißes
zeichnete er ſich ſchon auf dem Gymnaſium , mehr noch auf der
Univerſität vor allen ſeinen Altersgenoſſen aus , ſo daß ihm von
lekteren auf der hieſigen Hochſchule einmüthig der erſte Rang in
philologiſchen und hiſtoriſchen Kenntniſſen zugeſtanden wurde. Er
beſuchte übrigens auch die Univerſitäten Heidelberg und Göttingen .
Nach ſeinen Univerſitätsſtudien privatiſirte er längere Zeit (1820
- 1831) in Kaſſel, und ſtand hier in nädyſter Berührung init den
engeren , aber durch chriſtlichen Ernſt wie durch ein ungemein leb
haftes Streben in Literatur und Kunſt ausgezeichneten Kreiſen ,
welche ſich theils um den franzöſiſchen Geſandten de Cabre , theils
um den bayeriſchen Geſandten von Overcamp und andere ſammelten ,
und zu denen früher und ſpäter die nachherigen Generallieutenants
v . Radowitz und v . Haynau , der nachherige Qbermedicinalrath
D . Balthaſar Bauer , Clement, Wachs und noch manche Gleidi
geſinnte gehörten , die aber nunmehr, zum Theil längſt , mit ganz
geringen Ausnahmen , ſämmtlich dahingegangen ſind. Auch mit den
Brüdern Grimm ſtand er in Verkehr. Unter ſeinen Religionsge
noſſen hatte er nur Einen , der ihm naye ſtand: den langjährigen
Redakteur der Naſjel'ſchen Zeitung, D . Pinhas. Am Schluſſe des
J. 1831 wurde er zum Profeſſor zu Marburg ernannt, und wenn
er auch , ſeiner Religion wegen , nicht in die philoſophiſche Facultät
*) Durdy Herrn Pfarrer Coch in Bodenheim uns aus der Heſſenzeitung
1864 Nr. 31 mitgetheilt.
Profeſſor Joſeph Rubino. 53

eintreten konnte , ſo fehlte es ihm doch vom erſten Semeſter ſeines


Auftretens an nicht an einer zehlreichen und dankbaren Zuhörer
ſchaft. Gründlichkeit und Gemeſſenheit in der Forſchung, ein ſchar
fer und tiefer hiſtoriſcher und philologiſcher Blick und ein klarer
gediegener Vortrag zeichnete ihn aus, ſo daß er eine der Zierden
der Univerſität bald wurde und bis an ſein Ende geblieben iſt.
Im I. 1842 wurde er zum ordentlichen Profeſſor ernannt, und
hat ſeitdem die verſchiedenen Univerſitätsämter, zweimal auch das
Prorectorat, verwaltet. Die hervorſtechendſten Züge ſeines Charak
ters waren ſtrenge , faſt ängſtliche Gerechtigkeit und eine große,
meiſt ungemein wohlthuende Milde, die man freilich hin und wieder
faſt optimiſtiſch hätte nennen können . War er aber in ſeiner Ueber
zeugung feſt geworden , ſo vertrat er dieſelbe völlig rückſichtslos
und furdytlos. Frühzeitig von dweren körperlichen Leiden heim
geſucit , verheirathete er ſich erſt in ſeinen ſpäteren Lebensjahren
mit Fräulein Mathilde Hartmann , die ihm eine treue Lebensge
fährtin geworden iſt.
Schon während ſeiner Univerſitätsſtudien trat ilm der chriſt
liche Glaube nahe, unter andern durch die enge Freundſchaft, welche
ihn mit Thomas Merle, dem nachherigen Superintendenten , ſeinem
Hausgenoſſen verband , ſodann durch die bekannte Frau Henriette
Herz, D . Joelberg (Golberg ) u . A .; mehr nod ; war dies der Fall
während ſeines Aufenthalts in Kaſſel. Gleichwohl zögerte er mit
der Empfangnahme der heil. Taufe , um nicht ſeine Mutter durch
ſeinen Uebertritt zum Chriſtenthum tödtlich , wie er wußte , zu
kränken . Erſt nach deren Tode empfing er , am Sonntage Cantate
am 24 . April 1842, in der Johanniskirche zu Hanau die heil. Taufe
von dem als emeritirter Pfarrer an dieſer Kirche noch jetzt lebenden
Conſiſtorialrath Emmel; ſeine Patljen waren der damalige Pro
feſſor der Theologie , Kling, welcher an ſeine Befelrung die lezte
Hand gelegt hatte , und Frau Caroline Zimmern , Wittwe des
gleichfalls aus dem alten Bunde in den neuen übergegangenen Ober
appellationsraths und Profeſſors Zimmern zu Jena. Kling wurde
54 Profeſſor Joſeph Rubino.
jedoc vertreten durch den damaligen dritten Pfarrer an jener Kirche
Joh . Karl.
Der Verfaſſer dieſes Nachrufs , welcher eine große Menge
getaufter Juden und unter ihnen eine nicht geringe Anzahl wahr
haft befehrter Chriſten näher kennen gelernt hat, muß dem ver
ewigten Rubino das Zeugniß in das Grab nachſenden , daß er nur
wenige unter der eben erwähnten Anzahl gekannt hat , welche ihm
an Wahrheit, Feſtigkeit und Ungeſchminktheit des chriſtlichen Glau
bens , ſowie an Klarheit der chriſtlichen Erleuchtung und an Ernſt
der Heiligung gleich geſtanden haben , außer dem verewigten Stahl
keinen , der ihn übertroffen hätte. Und in dieſen Eigenſchaften
übertreffen wahrhaft bekehrte Juden gar nicht ſelten uns , die wir
von Heiden herkommen . Heimgegangen iſt er mit dem Worte des
heiligen Paulus : „ Einen anderen Grund kann Niemand legen ,
außer dem , der gelegt iſt, Jeſus Chriſtus“ 1. Cor. 3, 11 ; er hat
dieſes Capitel den Seinigen am Abend vor ſeinem nicht geahnten
Tode ausgelegt, wie er das insbeſondere an den Vorabenden der
Sonntage zu thun pflegte. Deshalb bleibt dem Verfaſſer dieſes
Nachrufs nichts übrig , als für ſich und ſeine Leſer den Wunſch
auszuſprechen , welcher 4 . B . Moſes 23 , 10 geſchrieben ſteht:
„Meine Seele müſſe ſterben des Todes der Gerechten
und mein Ende werde wie dieſer Ende" *).

* ) Eine neulich erſchienene apologetiſche Schrift „Semiten uud Indo


germanen in ihrer Beziehung zur Religion und Wiſſenſchaft“ vom Herrn Licen
tiaten Grau in Marburg überraſchte uns in erfreulicher Weiſe nicht allein
durch ihr zeitgemäß gewähltes völkerpſychologiſches Thema und deſſen friſche
und mit Ausnahme einiger Einzelheiten treffende Durchführung , ſondern auch
dadurch , daß der Verfaſſer ſie dem theuren Andenken zweier Entſchlafener,
ſeines Vaters und ſeines väterlichen Freundes Joſeph Rubino, ge
weiht hat.
55

Ein Spiegel für Theologie -Studirende.


Von C. Becker.
„ Gehe hin , und thue deßgleichen !“ ſprach der HErr zu
jenem Schriftgelehrten , dem er zur Anfeuerung wahrer Liebe das
Gleichniß vom barmherzigen Samariter vorgehalten hatte.
Sind nicht auch jetzt noch Samariterdienſte zu thun , Del
und Wein in die Wunden derer zu gießen , die unter Mördershand
gefallen ſind ? Iſt dieſer Liebesdienſt nicht namentlich auch an
Israel zu üben , das ebenfalls hinabgezogen iſt von Jeruſalem
nach Jericho , der Mondſtadt ? Jeder Chriſt ſollte Barmherzigkeit
an ihm üben und mit dem Wein des Geſeßes zur Reinigung und
dem Del des Evangeliums zur Linderung der Wunden zu ihm
treten . Namentlich ſollten das aber ältere und jüngere Theologen
thun , die letzteren wohl auch in beſonderer Berufsthätigkeit. Es
fehlt faſt ganz an jungen , tüchtigen Kräften in dieſem wichtigen
Theile des Weinbergs unſeres Gottes. Möge folgendes Beiſpiel
zur Ermunterung dienen .
In dem Hauſe des bekannten Paſtors M . Stephan Schult
in Halle, der 20 Jahre lang unter Jsrael den Samen der Wahr
heit mit Kraft und unter Segen ausgeſtreut hatte, lebte ein junger
Studioſus der Theologie , Namens J. G . Burgmann. Er ſah,
was für die Juden geſchah, ſein Herz ward in Liebe zu dem armen
Volke entzündet , und er legte eines Tages dem M . Schultz dieſe
Zeilen vor :
P. P.
Sie verlangen einen Miſſionar bei dem Instituto Judaico
und Sie haben dieſes öffentlich bekannt gemacht. Hier bin ich.
Ich widme mich ganz zu Ihrem Dienſte. Wundern Sie ſich nicht
deswegen , ſondern belieben Sie mich weiter anzuhören .
Die wunderbare Führung Gottes in meinem Schickſale , der
mich nach Halle gebracht hat, da dieſes nicht mein Sinn war , ia
noch mehr, der mich zu Ihnen führte , zu einem Manne, den ich
früher nicht kannte – dieſe wunderbare Führung Gottes iſt un
Ein Student wie wir ſie wünſchen .

möglich ohne weitere Abſidit jeweſen . Dieſes habe ich beſtändig


geglaubt, und es braudyt wenig Ueberlegung, ſolches zu erkennen .
Aber nod mehr: ein brennender und innerlicher Trieb , meine
Dienſte in dem Instituto aufzuopfern , iſt der andere Grund,
warum ich mich Ihnen zu erkennen gebe. Es iſt wahrlich keine
jugendliche Hitze , denn ich habe es mehr als einmal durchgedacht;
ich habe mich auch vor Gott geprüft, dieſes kann ich mit Wahrheit
ſagen . Es iſt auch keine fleiſchliche Abſicht dabei , denn ich habe
von Anfang gewußt, daß man bei dieſen Neiſen kein reicher Mann
werden kann , und dieſes will ich auch nicht ſein ; und wenn nichts
weiter dazu erfordert würde, als dieſe Ueberwindung, ſo wäre ich
fertig. Aber ich kenne meine Schwäche von allen Seiten . Ich
habe genug mit mir ſelbſt gefämpft und mir ſelbſt alle Einwürfe
gemacht, die mir möglicher Weiſe gemacht werden können . Hier
ſind ſie: 1) Du biſt noch viel zu jung an Jahren . Antw . Es iſt
wahr, ich bin nur erſt 18 Jalre alt, aber deſto beſſer iſt es . Ich
kann alſo meine beſten Jahre Gott widmen . Timotheus war
auch noch jung , aber er war doch ein Mann in Chriſto. Ich bin
freilich kein Timotheus , aber ich werde mich doch bemühen , ihm
ähnlich zu werden . 2 ) Du biſt noch ſehr jung auf der Univerſität.
Antw . Ja, idi bin auf der Academie nur 2 Jahre alt. Ich habe
die Dogmatik zweimal gehört und einmal für mic ), außer der or
dentlichen Repetition , durchgeleſen. Die nöthigen Philosophica
habe ich auch getrieben , und Hebraica und Graeca habe ich auch
gehört. Ich habe allerdings noch nicht alles abſolvirt. Allein ich
bleibe bei meinen jetzigen Umſtänden höchſtens noch ein Jahr auf
der Univerſität, vielleichtwürde ich alsdann ein Jnformator werden .
Beim Instituto habe ich allemal Gelegenheit, genug zu ſtudiren ;
und im Winter kann ich audy Collegia hören , und mich in allen
Wiſſenſchaften feſtſetzen .
4 ) Der Hauptpunct: Du verſtehſt kein Hebräiſch. Das iſt
walr, allein ich antworte zweifach : a) Id werde mich von nun In

an mit allem Ernſte darauf legen ; und Gott wird ſchon Gnade
dazu geben , daß ich gegen den Herbſt ziemlich darin werde fortge
Ein Beſuch bei Paſtor Saul. 57

kommen ſein , beſonders da ich auch nicyt ganz unwiſſend darin bin .
Da mein Vorſatz ſo ernſtlich als rechtmäßig iſt, ſo wird auch Gott
gewiß ſeinen Segen dazu geben . b ) Zum Anführer bin ich freilich
nicht geſchickt, und dieſes werden Sie auch von mir nicht verlangen .
Bin ich alſo im Anfange gleichſam nur ein bloßer Zuhörer, ſo kann
ich bei einer mittelmäßigen Erkenntniß durch die Gnade Gottes und
die Unterweiſung meines Gehilfen , der freilich geſchickter ſein muß
als ich , zur größeren Vollkommenheit darin gelangen . Und die
Uebung thut ſehr vieles . . ."
Der Studioſus Burgmann ward angenommen , und wirkte lange
als ein ſehr tüchtiger Arbeiter unter Jsrael. Er naljm ſpäter, 1765 ,
eine Predigerſtelle in Eſſen und darauf an der Savoy - Kirche in
London an. Gebürtig war er aus Güſtrow im Mecklenburgiſchen .

Ein Beſuch in Balhorn in Niederheſſen .


Von E . Aler.
Ohne mich durch Manches , was mir auf der Reiſe zu Ohren
fam , und durch die unbequeme Lage Balhorns – es liegt fünf
gute Stunden von Caſſel ab — bon meinem Reiſeziel ablenken zu
laſſen , führte ich meinen Vorſatz aus und fand mich dafür reichlich
belohnt.
Welche lieblidie Tage habe ich in dieſem Pfarrhauſe und in
dieſer Gemeinde verlebt ! Die ganze Familie , die treffliche Pfarr
frau und ihre zwei Töchter, gehen mit dem Pfarrer ihrer Gemeinde
leuchtend voran im Eifer für das Reich des HErrn , man ſpürt
den heiligen Geiſt in allen Gliedern dieſes Hauſes bis hinab auf
Kinecite und Mägde und bei alledem herrſcht die größte Einfachieit
und man bekommt den Eindruck , als könnte es nicht anders ſein .
Der Pfarrer Saul ſelbſt, ein großer kräftiger Mann , iſt
bieder und innig , dabei ungemein beſcheiden und liebevoll. Er
ſpricht mit großer Wärme, ſeine Predigt war kurz und kräftig , ja
zum Theil idjarf und tiefeinſchneidend, und doch auch wieder bittend
Ein Beſuch bei Paſtor Saul.

und lockend; man fühlte es , daß ſein Herz in Liebe zu Jeſu glühte.
Und wie auf der Kanzel , ſo war er im Hauſe. Ich habe lange
mit ihm geſprochen , habe verſchiedene Urtheile über ihn gehört,
aber das ſteht mir feſt : er iſt ein treuer eifriger Diener des HErrn ,
voll aufrichtiger Liebe zu unſerer Kirche , obwohl ſeine Gemeinde
reformirt heißt und auch die äußere Einrichtung der Kirche dem
entſpricht. Es iſt eine Pflicht aller lutheriſdien Judenmiſſionsvereine,
ſein Werk zu unterſtützen , oder beſſer das Werk ſeiner Gemeinde.
Denn das iſt ſo vortrefflich , daß er nur als Rathgeber und Leiter
im Hintergrunde ſteht, und ſeine Gemeinde zur Selbſtthätigkeit
erzieht. Es giebt dort einen Miſſionsrath und ein Miſſionspres
byterium von Bauern , treuen biedern , unſerer Kirche zugethanen
Chriſten ; ich habe die Meiſten von ilynen kennen gelernt. Dieſe
berathen unter des Pfarrers Vorſitz und beſd;ließen . Eiſenberg,
der jetzt in Marburg ſtudirt, ſoll vollen Beruf und Gaben für ſein
Amt haben ; Bernhard, der Miſſionszögling, ſtudirt eifrig und
übt ſich ſchon vielfach praktiſch in der Judenmiſſion : er ſoll anfangs
als Gehilfe den Eiſenberg begleiten. Die Gemeinde, welche zum
großen Theil aus lebendigen Chriſten beſteht , iſt auf die Juden
miſſion durch leicht erkennbare ſichtliche Führung des HErrn hin :
gewieſen worden . Der Erfolg iſt ſchon jeßt dieſer, daß die Schacher
juden , weldie die armen heſſiſchen Bauern ausſaugen , nicht mehr
nach Balhorn kommen, aber dafür kommen einzelne Heilsverlangende
Seelen aus Israel und das Wort des Lebens findet bei ihnen
freundliche Aufnahme.
Daß Paſtor Saul neben der Judenmiſſion auch Heidenmiſſion
treibt und immer mehr treiben will , ſo daß in eine zu erbauende
Anſtalt aucy Heidenmiſſionszöglinge aufgenommen werden können ,
iſt befannt; die von ihm redigirten „ Blätter für evangeliſche Miſſion
in Niederheſſen " ſind beiden Seiten des der Kirche befohlenen Evan
geliſationswerkes gewidmet, und ſchwerlich kann ihnen dies im Ver
hältniß zu den Miſſionsblättern aus Hermannsburg zum Tadel
gereichen .
Eine von Miſſionar Shwarß vollzogeue Taufe in
Amſterdam .
Am 22. Mai 6. I. wurde in Amſterdam durch Miſſionar
Schwarz (der freien ſchottiſchen Kirche zugehörig ) ein jüdiſcher
Mann von inittleren Jahren in die Kirche Chriſti aufgenommen.
Einem Briefe aus Amſterdam über dieſen feierlichen Act entnehmen
wir Folgendes. Der Prediger klagte über den Indifferentismus
der Chriſten , während er den Juden ein Jagen nach der Gerechtig
keit zuerkannte und als Beleg dafür auf ihre Gebetsverrichtungen
in der Synagoge und daheim Hinwies — alle dieſe, ſagte er, tragen
den Charakter des Eifers um Gott , freilich einen Gott , der ſein
Antlitz von ihnen gewandt hat, weil ſie ſeine letzte vernehmlichſte
Gnadenbotſchaft und Ihn ſelbſt, den Mittler der Gnade, in Eigen
rechtfertigung verkennen und verwerfen .
Es konnte ſonderbar erſcheinen , ſagt unſer Berichterſtatter,
bei der Aufnahme eines Juden in die chriſtliche Gemeinde eine ſolche
relative Anerkennung des Judenthums zu vernehmen . Aber ſie
ſtand einem Manne wohl an , der nicht allein in ſeinem Werke de
persoon en het werk van den Messias ſeine Liebe zu ſeinen
Brüdern nach dem Fleiſch bekundet hat, ſondern auch die Beweiſe
dafür in den Narben ſeines Körpers vorlegen kann , denn vor
einigen Jahren wurde er von einem Judenknaben auf der Kanzel
meuchelmörderiſch angefallen und mit mehreren Stichen an Bruſt
und Armen verwundet.
Ueberhaupt — ſagt unſer Berichterſtatter und wir ſtimmen
ihm bei -- iſt es leichter , die Juden zu haſſen und zu ſchmähen ,
als die innerſten Faſern dieſer in brennender Leidenſchaft zuckenden
Herzen mit geſalbten Händen anzurühren , ſie, die den Chriſten ein
Dorn im Fleiſch ſein werden , ſo lange dieſe die unbezahlbare
Schuld der ihnen widerfahrenen Barmherzigkeit jenen dürren Zwei
gen des guten Delbaums, in den ſie eingepfropft ſind, nicht durch
Liebeswerke rechtſchaffenen Glaubens vergüten .
60 Lerche und Nachtigall.

„ An eben demſelben Taufſonntag -- fährt er fort — hörte ich


Nachmittags in einer andern Kirche einen effekthaſdyeriſchen citatenrei
chen Prediger die Worte : Handel und Wandel dem Juden zum Hohne
mit einer Betonung ausſprechen , wie man ſie auf der Schaubühne
von einem Shylof erwartete. Wie tief müſſen wir Chriſten aus den
Juden uns verwundet fühlen durch ſolche Anzüglichkeiten , welche
an die zweideutige Dichterregel erinnern : Ein Comödiant könnt
einen Pfarrer lehren " !
Das ganze berichterſtattende Schreiben mitzutheilen ſind wir
außer Stande , aber wir freuen uns , ſagen zu können , daß wir
dem werthen Freunde nachfühlen und ſeine aufrichtige Verehrung
für Miſſionar Schwartz zu würdigen wiſſen .

Lerde und Nachtigall.


Von W . R . Fremantle.
(Jewish intelligence 1864 June).
Bei der letzten (der 56ſten ) Jahresfeier der Londoner Juden
miſſionsgeſellſchaft ſchloß einer der Nediier , Rev. W . R . Fre
mantle , mit folgenden inhaltsſdweren und ſchönen Worten :
Laßt uns nicht vergeſſen , daß wir auch durch die kleinſten
Opfer , die wir der Sache Chriſti bringen , und durch die gering
fügigſten Vethätigungen der Bruderliebe in jenes große Triebwerk
eingreifen , welches das Weltall bewegt, und daß wir , wenn nur
mit einem kleinen Theile unſerer Anſtrengungen die große Sache
Jsraels fördernd , einen Hebel in Anwendung bringen , welcher
ſchließlich die ganze Heidenwelt bewegen wird , denn durch Vermitt
lung der Juden will Gott die Erde dereinſt bis an ihre äußerſten
Enden mit der Herrlichkeit ſeines großen Namens erfüllen . Ich
erging mich neulid meditirend an einem ſchönen Frühlingsmorgen ,
als ich eine Lerdie von ihrer irdiſchen Lagerſtätte unter ſüßem Sang
einporſteigen jah , bis ich das lieblidie Geſchöpf aus dem Geſichte
verlor und nur noch ihr vom Himmel herniederklingendes Jubel
Lerche und Nachtigal .

getön vernahm – ich dachte wie viel Segen und Glück mit der
Rührigkeit jenes kleinen Vogels verknüpft ſei. Als ich dann im
Finſtern heimkehrte und alles ſtill und ſchweigſam war und die
Arbeitsleute heimgegangen waren und ruhten , ward ich durch die
Melodien der Nachtigall in einem Baum abſeits vom Wege über
raſcht. Ich mußte ſtill ſtehen , um dem Geſange des unſichtbaren
Vogels zu lauſchen . Da ſagte ich : heute Morgens hörte ich lob
preiſende Triller auf allen Seiten und jeßt, wo ich Nachts heim
kehre, hat Gott ſich wieder ein anderes geringes Werkzeug erſehen ,
ſein Lob zu erzählen . Und ich erinnerte mich der Worte des
Dichters :
Der Vogel , der zur Höchſten Höh ' ſich ſchwingt,
Der baut ſein niedrig Neft auf tiefſter Flur,
Und der ſo ſüße wie kein andrer ſingt ,
Der ſingt, wenn alles ruht, im Schatten nur –
An Lerch und Nachtigall erſeht,
Wie hoch im Werth die Demuth ſieht!
Möchten wir , theure chriſtliche Freunde dieſe Lehre zu Herzen
nehmen und indem wir unſere Hand an dieſes gute Werk der
Miſſion legen , ſei es in Morgenſonnenſchein , oder im Abend
ſchatten , allzeit das Lob der Liebe und Gnade Deſjen verkündigen ,
der uns berufen hat von der Finſterniſ zu ſeinem wunderbaren
Licht.

Zuden , Hebräer , Israeliten .


. Sind ſie ein Jehudi? fragte Miſſionar Ginsburg in Lambeſja
in Algerien einen Mann , der ſeinem Anſehen nach auch ein Mos
lem ſein konnte. „ Ich bin ein Jsraelite“ , antwortete er. „ Was
iſt für ein Unterſchied zwiſchen Jehudi und Jsraelite ?" Er: Ein
Jude bedeutet einen ſchlechten Menſchen , Jøraelit aber heißt einer
der dem Hebräiſchen Glauben treu iſt.
62 Juden , Hebräer , Jøraeliten .

Ein Münchner Localblatt , die „ Stadtfraubas“ , welches zu


den beſſeren gehört , brachte neulich (1864 Nr. 35) folgendes Epi
gramm mit der Ueberſchrift : Wann heißen die Chriſten unſere Leut
Juden , Hebräer und wann Jsraeliten ?
Wenn ſie wollen neben den Chriſten machen Läden und Buden ,
Dann ſagt man : „ Gott! kommen doch überall hin die Juden .“
Wenn ſie kommen mahnen wie die Manichäer ,
Dann ſagt man : „ Das ſind Blutegel dieſe Hebräer.“
Wenn man aber von ihnen eine Anleih' will ſich erbitten ,
Dann ſagt man : „Unſre reichen Bürger die Israeliten .“
Der wechſelnde Sprachgebrauch hat altherkömmlichen guten
Grund. Hebräer nennen ſich die Mitglieder des alten Bundes
volkes Heiden gegenüber, es iſt der indifferente profane ethnogra
phiſche Name. Der Name Juden wurde erſt nach dem babylo
niſchen Exile üblich , als nur ein Theil des Volkes , welcher meiſt
dem Stamme Juda angehörte , zurückgekehrt war, und es verbindet
ſich mit dieſem Namen leicht die Vorſtellung des Gegenſages , in
welchen das nadjeriliſche Volt zum Chriſtenthum trat. Jsrael
dagegen iſt der eigentlich religiöſe heilsgeſchichtlidye Ehrenname, hin
weiſend auf den ſieghaften Gebetskampf, durch welchen Jakob ſich
und dem von ihm ſtammenden Volke den Segen errang. Das
Gegenbild dieſes Gebetskampfes am Jabbok iſt der Gebetskampf in
Gethſemane.

Ein Millionsbeſuch in B . und Sch. * ).


Von C . Becker.
Tags zuvor angekommen , ging ich am Sabbath dem 7.Mai
früh nach der Synagoge. Es waren noch wenige Juden da , nach
und nach verſammelten ſich ungefähr 40. Mein Erſcheinen machte
unter ihnen Aufſehen , welches ſich ſichtlich mehrte , da ich Sedro

* ) Die Namen werden abſichtlich verſchmiegen .


Ein Beſuch in zwei jüdiſchen Gemeinden . 63

(den Abſchnitt aus dem Gefeße) und die Haphtore (den aus den
Propheten ) mitlas. Erſterer war die Stelle 3 . Moſ. 19. 20., leza
tere Amos 9, 7 — 15 . Ich blieb bis zum Ende des Gottesdienſtes .
Nun aber drängte ſich auf dem Synagogenhofe Alles , alt und jung,
um mich her.
Einer fragte mich , wer und was ich ſei ? Ich antwortete :
Zunächſt ein oheb Jisroel ( Freund Jsraels ), ſodann der und der .
Sie waren Alle geſpannt, was ich nun ferner ſagen würde, und ich
fuhr ſo fort: „Lieben Freunde ! Es iſt mir zunächſt die Stelle aus
dem heutigen Geſekes -Abſchnitte auf die Seele gefallen : Ihr ſollt
heilig ſein , denn Ich bin heilig , der HErr euer Gott 3 Mof. 19, 20 .
Beſißen wir nicht eine fleckenloſe Heiligkeit , ſo ſind wir nacky Pi.
5 , 5 . Jeſ. 59, 2 . vor Gott verloren , denn Er iſt ein Licht, und in
Ihm iſt keine Finſterniß . Ich führte alle die Stellen hebräiſch an, und
beſonders der Lehrer , der , wie ich ſpäter von Herrn Superinten
denten P . erfuhr, dem Himmelreich nicht fern iſt, ſtimmte mir bei.
Ich fuhr fort : Aber wer iſt nun ſo heilig , daß er vor Gott be
ſtehen könnte ? Reiner ! Hier wurden 1. Moj. 6 , 5 . Pſ. 14 , 2 . 3 .
Pred . 7 , 21 in Betracht gezogen . Und nun ging ich über zu der
Hapytara aus Amos Cap. 9 . Da ſagt ja Gott im erſten Verſe
(Amos 9 , 7 ) : „ Seid ihr Kinder Jsrael mir nicht gleich wie dieMoh
ren ?" Anderwärts ſagt Er aber : „ Kann auch ein Mohr ſeine Haut
wandeln ?" Jer. 13 ,23. Zu dieſen Worten von der Menſchen Verderb
niß nahm ich Amos 9 , 11 hinzu : „ Zu derſelben Zeit will ich die zerfal
lene Hütte Davids wieder aufbauen ." Da mir keiner eine Erklärung
zu geben vermochte , erklärte ich das Wort. Die Familie Davids
war heruntergekommen ; aber aus ihr ſollte auch eben der Meſſias
„ wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich" Hervorgehen , Jeſ. 53, 2 .
11, 1 . Das ſei geſchehen, Jeſus Chriſtus ſtamme als der Meſſias
von David ab. Aus der Familie Davids mußte aber auch der
Meſſias geboren werden und zwar in Bethlehem , Jerem . 23 , 5 . 6 .
Micha 5 , 1. Alles das ſei erfüllt, Er ſei der Meſſias, der Alles
hinausgeführt habe, und jetzt könne kein Meſſias mehr kommen .
Nun ging ich zu den Opfern als Vorbildern über , erklärte
64 Ein Beſuch in zwei jüdiſchen Gemeinden .

Sach . 9, 9 : „ Dein König kommt zu Dir ein Gerechter und ein


Helfer“ , und namentlich V . 11: „Du läſjeſt durch das Blut dei
nes Bundes aus deine Gefangenen aus der Grube, da kein Waſſer
innen iſt.“ Ich ermahnte ſie hierauf zur Annahme dieſes Meſſias
und zum Glauben an Ihn. Doch hier erhob ſich der Widerſpruch .
Einer ſagte : „ Wie kann Jeſus den Menſchen erlöſen ſollen , er
konnte ſich ſelbſt nicht erlöſen !“ Ich ſprach nun länger über die
in Chriſto perſönlich geeinigte Gott - und Menſchheit, und legte
namentlich einen großen Nachdruck darauf, daß Ihn Gott ſelbſt
Jer. 23, 5 . 6 . „ gerechtes Gewächs “ und „ Jehovah , der unſere Ge
rechtigkeit iſt" nennt. Die Meiſten ſchwiegen . Einer ward ſehr un
ruhig, doch ein alter ehrwürdiger Jsraelit, vielleicht der Angeſehenſte
unter ihnen , verwies ihm das, und ſagte, er folle das Geſpräch nicht
ſtören . Jener ging deshalb weg. Ein Anderer : „ Iſt Jeſus frei
willig geſtorben ? Er hat ja am Kreuze geſchrieen : Eli, Eli“ 20.
Ich erklärte ihnen nun , daß der Meſjias vom Vater , der ſeinen
Troſt von Ihm zurückzog, verlaſſen worden ſei, und erfahren habe,
was unſer Aller Theil in Ewigkeit hätte ſein müſſen , da Er ,,von Gottes
Gnaden für alle den Tod (den Tod in ſeiner ganzen Tiefe ) ſdmeckte."
Ein Anderer : Gott hat ſeine Liebe ſelbſt geſchwädyt, indem er einen
Unſchuldigen leiden läßt! Jd : Lieber Freund, Sie verſtehen nid)t
den Liebesrath Gottes von unſerer Seligkeit. Ich erklärte nun
Jeſ. 53, 11., Joh. 3 , 16 . Wieder ein anderer : Wenn uns aber
ein falſcher Prophet zu Elohim acherim ( fremden Göttern ) verführen
will, ſo u . f. w . 5.Moj. 13 , 1 – 3 . Ich : das paßt gar nicht auf
Jeſum Chriſtum , denn er hat uns erſt recht beten gelehrt: Abinu
sche-baschamajim (Unſer Vater, der du biſt im Himmel). Durch
den Sohn allein kommen wir zum Vater , und ſollen auch den
Sohn ehren wie den Vater (Pſ. 2, 12 ., Joh. 5, 23). Einer : Gott
hat keinen Sohn , denn Er hat keine Frau. Jdy: Damit geben Sie
zu erkennen , daß Sie die Sadje eben ſo fleiſdlich auffaſſen wie
der Koran, der in Sure 6 , betitelt das Vieh , jagt: „ Der
Schöpfer des Himmels und der Erde, wie ſollte er einen Sohn
haben , da er ja keine Frau Kat!" Ich betonte nun beſonders die
Ein Beſuch in zwei jüdiſchen Gemeinden . 65
Einheit Gottes , ſeinem Weſen nach , hob aber auch die Drei
heit der Perſonen hervor, worin kein Widerſpruch liege; denn an
dem einem göttlichen Weſen könnten drei Perſonen Theil nehmen .
Die Meiſten gingen , nachdem ich viele Traktatevertheilt
hatte , hinweg , ungefähr 10 blieben und begleiteten mich . Ein jun
ger ſtattlicher Mann : Kann Gott einen rechtſchaffenen Juden als
Juden nicht auch ſelig machen , oder muß er ihn verdammen ? Ich
antwortete nach Marc. 16 , 16 . Am Nachmittag hatte ich noch
mit verſchiedenen Juden Geſpräche. Einer meinte : Renan habe
ihm erſt den rechten Aufſchluß gegeben . Ich wies ihm nach , daß
er aus einem neuen „ löcherichten Brunnen" ſchöpfe. Renan ver
ſpotte auch die Schriften Moſe's und darum hätten auch ſchon
einige Rabbiner gegen ihn geſchrieben .
Mein Erſcheinen hatte unter den Juden großes Aufſehen ge
macht, doch hatten ſie ſich gegen Chriſten ſehr belobend geäußert.
Für den Lehrer ließ ich bei dem Superintendenten P . ein hebräi
ſches neues Teſtament und andere Schriften zurück.
Am 9 . Mai kam ich nach Sch ., hatte auf der Straße beim
Bau eines neuen Hauſes ein langes und intereſſantes Geſpräch
über den von Salomo gebauten und ſpäter zweimal zerſtörten Tem =
pel nach Dan. 9, 24 – 27 , und ging dann zum Lehrer. Er unter
richtete Knaben , und ich ließ ſie Manches leſen . Nachdem ſie weg
gegangen waren , knüpfte ich ein langes Geſpräch mit ihm an , denn
ich war über eine Stunde dort. Wir kamen auf den Auszug
Jsraels aus Egypten und den Bundesengel , der das Volk führte,
und die Wolken - und Feuer - Säule. Ich erklärte dieſe Herablaſ
ſung Gottes als Vorſpiel ſeiner Menſchwerdung. Der hier in En
gelsgeſtalt erſcheine und ſich in dunkles und feuriges Gewölk hülle,
habe ſpäter bleibend ſein Zelt unter den Menſchen in ſeiner heili
gen Menſchheit aufgeſchlagen , Joh. 1 , 14 , um uns nicht blos aus
Aegypten , ſondern von Sünde und Tod zu erlöſen und zum ewigen
Leben zu führen. Es wurden 1 Moſ. 3, 15 . , Jef. 7 , 14 ., 9 , 6 . 7 .
weitläufig beſprodjen . Die Wolken - und Feuer-Säule ſammt dem
Engel wollte er bildlich faſſen . Allein dieſe, ſonderbare Meinung
66 Ein Beſuch in zwei jüdiſchen Gemeinden .
ſcheiterte an dem Wort : „ Er wird euer Uebertreten nicht ver
geben “ 2. Moj. 23 , 21. Darauf ward Hoſ. 3 , 4 . 5 . weitläufig
beſprochen , aus welcher Stelle ich die Zeit, Perſon und Gnade
des Meſſias entwickelte, und ihm die „ Bekehrung der Kinder
Israel zu ihrem Könige David" einſchärfte. Er blieb ſehr freund
lich und ſo ſchieden wir auch . Seine Frau bewirthete uns und ich
empfand lebhaft, daß , wo zwei oder drei ſich über Gottes Wort
beſprechen , die Schechina (Gottes Gnadengegenwart) unter ihnen iſt.

Berichtigungen .
1. Odiojus, der pſeudonyme Verf. einer Ueberſegung und Erläuterung
bes B . Hiob , und Mandelſtamm ſind verſchiedne Perſonen. 2. Der ſel.
Profeſſor Friedländer, Vorſteher des Jageteuffelſchen (sic) Alumnats in Stettin ,
war kein Nachkomme des Stadtraths David Friedländer in Berlin . Die
zwei chriſtlichen Nachkommen des legteren ſind der Geh . Oberjuſtizrath und der
Geh . Archivrath Friedländer in Berlin . Ein Bruder des Profeſſors Friedländer
iſt Lector im Berliner Polizeipräſidium und ſelber noch nicht zum Chriſtenthum
übergetreten . Aber übrigens zählen beide Friedländerſchen Familien viele chriſt
lich gewordene ſehr ehrenwerthe Männer und Frauen . 3 . D . Ballagi hat ſich
im Großherzogthum Baden in die Kirche aufnehmen laſſen , wonach alſo das
in Heft 1 1864 S . 12 v . u. Geſagte ungenau iſt. Auch wird uns von andrer
Seite berichtet, daß er freundlich zu unſerem Miſſionswerke ſteht und dies
namentlich dem Miſſionar Hefter gegenüber bewährt hat.

Eingegangen
bei der Redaktion für die Miſſion unter Iſrael : 5 fl. von Prof. D . Köhler
vor ſeiner Ueberſiedelung nach Jena. (Die im vorigen Heft S . 67 quittirten
160 fl. ſind nicht von der dort genannten Geſellſchaft für inncre Miſion , ſon
dern rein vom Diakoniſſenhauſe in Neudettelsau ).
J n h a It
des zweiten Hefts des zweiten Jahrgange .
Seite
Das Heil kommt von den Juden , Gedicht von E. H . . . . . . .
Die Proſelyten -Familie , eine rückwärts erzählte Geſchichte . . . . . 6
Die davidiſchen Pſalmen aus der ſauliſchen Verfolgungszeit . . . . 26
Die gegenwärtige Hauptaufgabe der Freunde Jsraels, ein fliegend Blatt
D . Stamms „ Religion der That“ . . . . . . . . . . . .
Joſeph Karl Friedrich Rubino , ein Nachruf . . . . . . . .
Ein Spiegel für Theologie - Studirende . . . . . . . . . .

Eine von Miſſionar Schwarß vollzogene Taufe in Amſterdam . . .


Lerche und Nachtigal . . . . . . . . . . . . . . . .
Juden , Hebräer, Jsraeliten . . . . . . . . . . . . .
Ein Miſſionsbeſuch in B . und Sch. . . . . . . . . . . .
Berichtigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Saat auf Hoffuung.
ooooo

Zeitſchrift
für die Miſſion der Kirche an Israel,

in vierteljährlichen Heften herausgegeben

von

Profeſſor Delißſch und Paſtor Becker.

Zweiter Jahrgang, drittes Heft.


(Weihnachten 1864.)

Organ der evangeliſch - lutheriſchen Miſſionsvereine für Israel


in Sachſen und Bayern .

In Commiſſion von Fuſtus Nauman n '8 Buchhandlung


in Leipzig und Dresden .
Druď von E . Th. Jacob in Erlangen .
Den noch
mar

„ Verflucht ſei ewig der Verräther ,


„ Der dich verläßt, Herr Bebaoth ,
„ Und nicht das Erbe frommer Väter
„ Mit Treue wahrt bis in den Tod .
„ In meines Volkes heilgem Glauben
„ Wuchs ich empor, und keine Macht
„ Soll mir das theure Kleinod rauben ,
„ Das mir erhellt die Kummernacht.“ -
War Simeon wohl ein Verräther ,
Weil er zu Chriſto fich bekannt ?
Hat ſich vom Glauben ihrer Väter
Die fromme Hanna abgewandt? -
Den Heiland, den ich dir verkünde,
Hat ja ſchon längſt dein Volk erharrt,
Den Heiligen , der ohne Sünde
In Davids Stadt geboren ward .
Er iſt der Held , der heiß erflehte ,
Der ſtarke Leu aus Juda's Stamm ;
Dein ewger König und Prophete ;
Dein Prieſter und dein Opferlamm .
O nahe gläubig ſeinem Throne,
Daß ſeine Gnade dich beſeelt !
Denn deinem Glauben fehlt die Krone,
So lang ihm der Erlöſer fehlt.
Yul. Sturm .
Die Wiederaufrichtung des Neiches Jøraele .
Weihnachtsgedanken von Pfarrer A . Decker in Leeßen .

Die Lobgeſänge der Weihnacht ſind kaum verklungen . Noch


weilt das Gemüth bei der großen Freude, welche die abermals ver
kündigte Botſchaft: „ Euch iſt heute der Heiland geboren , welcher
iſt Chriſtus der Herr ," in der gläubigen Chriſtenheit erweckt hat.
Zugleich aber durchzieht eine tiefe Wehmuth das Herz , wenn wir
eben dieſe Chriſtenheit anſehen und uns fragen ,wer denn dies feiernde,
in dem Herrn , in Chriſto ſich freuende Volk ſei ? Die Kirche Chriſti
umfaßt nur einen verſchwindenden Bruchtheil desjenigen Volkes ,
welchem zunächſt das Engelwort der Chriſtnacht gilt , Jsrael iſt
dieſes Volk. Es beſteht noch , wenn auch in alle Welt zerſtreut.
Aber es fehlt bei der Weihnachtsfeier , es hat keine Freude darüber,
daß ihm der Heiland, welcher iſt Chriſtus der Herr , geboren iſt.
So unmöglich aber Gott ſeine Wahl und Berufung gereuen
können , eben ſo wenig kann das Wort des Engels an Joſeph und
Maria Wind und Lüge ſein. Zu Joſeph geſchah das Wort: Den
Sohn Maria's ſollſt du Jeſus nennen , denn er wird ſein Volk
ſelig machen von ſeinen Sünden . UndMaria vernahm : Der Sohn ,
den du gebären und Jeſus heißen ſollſt, wird groß ſein und Sohn
des Höchſten wird er genannt werden , und Gott der Herr wird ihm
geben den Thron Davids ſeines Vaters und er wird regieren über
das Haus Jakobs in alle Ewigkeit und ſeines Königreichs wird
kein Ende ſein .
Maria glaubte und ſprach : mir geſchehe, wie du geſagt haſt.
Das ganze Wort des Herrn nach allem ſeinem Inhalt und Umfang
nimmt ſie damit an. Und Eliſabeth pries Maria um ihres Glaubens
willen ſelig ; denn „ es wird Volendung ſein dem von dem Herrn
ihr Geredeten .“ Und ſo muß es ſein , wenn anders die Engelsbot
Die Verheißungen bei der Geburt des Meffias.
ſchaft, welcher Maria glaubte, ein Gotteswort iſt. Dann muß alles
Vollendung finden , was in der Empfängniß dieſes Wunderkindes
keimartig angelegt war.
Er ſoll nicht blos ein Sünderheiland ſein , der alle Welt ſelig
macht und die ſich wollen ſelig machen laſſen in ſein Reich auf
nimmt und aus ihnen ein Volk bildet, dem er König ſei, ſondern
Israels Heiland, der dies ſein Volk ſelig macht von ſeinen
Sünden , Herr und König Jsraels , dem er ſelbſt entſtammt und
geſchlechtlich zugehört, und zwar ein König, deſſen Thron in Jakob
alle Ewigkeit ſteht, und deſſen Königreich über Jsrael kein Ende
nehmen wird. Niemand ſollte, dünkt mich, daran zweifeln, daß in
allen dieſen Gottesworten Ausſagen enthalten ſind , die noch keine
Erfüllung gefunden haben , denen alſo die Vollendung noch vorbe
halten iſt. Chriſtus, der Herr, hat eine bei ſeiner Geburt verheißene
Zukunft, die wir gläubig erharren müſſen , und Jørael, ſein Volk, hat
eine Zukunft durch ihn und mit ihm , auf die wir felſenfeſt hoffen dürfen .
Was Gott dem Abraham von Königen geredet hat, die aus
ſeinem Samen kommen ſollen , verengt ſich , aber verdichtet ſich
zugleich in die dem David gegebene Zuſage eines Sohnes, der auf
ſeinem Stuhle ewiglich ſitzen und deſſen Reichsſcepter ein ewiges
Scepter ſein ſoll (2. Sam . c. 7). Und dieſe ſpeciell dem David
geſchenkte Verheißung eines Sohnes , den er ſeinen Herrn nennen
darf ( Pſ. 110 ), hat ein die ganze Menſchheit umfaſſendes Ziel,
indem Davids Sohn und Herr der von Israel aus die Welt beherr
ſchende König iſt (PF. 2 ), dem kein König gleichet. In ihm erreicht
Israel erſt ſeine wahre und volle göttliche Beſtimmung, die Vollendung
ſeines von Gott angelegten Weſens und ſeines heilsgeſchichtlichen
Lebens. Das wozu Gott Israel erwählt und was er in dasſelbe
gelegt hat, das muß es eben durch dieſen König vollkommen er
langen , ſoll es nicht gleich den Amoritern , nachdem es das Maß
ſeiner Sünden voll gemacht hat , ausgerottet werden . Und das iſt
unmöglich nach Gottes Wahl und Berufung wie nach allen Wegen ,
die er Jsrael geführt und allen Worten , die er ihm geredet und
ihm anvertraut hat.
Die Wiederaufrichtung des Reiches Jsraels .

Kyrios, Herr, wird Chriftus den Hirten genannt, als er in


Davids Stadt geboren iſt , ſeines Volkes Heiland. Kyrios, Herr ,
heißt aber bis dahin im alten Teſtament der Bundesgott Jsraels.
Reinen andern als Jahve * ) kennen die Hirten unter dieſem Namen :
Jahve iſt Jsraels A , ſein Anfang, er hat es erzeugt; Jahve iſt
Jøraels D , er hat Israel groß gezogen und will in ſein Eigenthum
kommen , um unter ſeinem Volke zu wohnen und zu wandeln . Der
da iſt und der da war und der da kommt iſt Jøraels Bundesgott,
und Chriſtus iſt nach der durchgängigen Anſchauung beider Deſta
mente Jahve, der Herr, der da kommt.
Er kam in ſein Eigenthum , als die Vollendung der Zeit kam . Es
wird weder geſagt : als die von Gott beſtimmte Zeit da war , noch : als
alle Vorbereitungen beendigt und der rechte Zeitpunkt gekommen
war, ſondern vielmehr: als die Vollendung der Zeit kam . Vollen
dung der Zeit iſt nicht der Vorſtellungsweiſe, aber wohl dem
Denkinhalte nach gleichbedeutend mit dem Begriffe der lekten
Zeit, des Endes der Zeiten . Die Zeit vollendet ſich , wenn Gott
das Höchſte und Abſchließende thut, um ſein Wort auszuführen :
Du ſollſt ein Segen ſein und durch dich und deinen Samen ſollen
alle Geſchlechter auf Erden geſegnet werden . „ Dein Same“, ſagt
derſelbe Apoſtel, iſt Chriſtus, und die Fülle der Zeit beſchreibt er
als die angenehme Zeit , die Zeit des Heiles , welche erſchien , als
Gott ſeinen Sohn , geboren von einem Weibe und unter das Geſetz
gethan, entſandte, damit er die unter dem Gefeße loskaufte, auf daß
wir die Kindſchaft empfingen (Gal. 4 , 4 f.). Eben durch die Kind
ſchaft wird Abrahams Samezum Segen , und indem er die Kindſchaft,
die er durch den Sohn und ſeinen Geiſt empfangen hat, zum Ge
meingut aller Völker macht, werden durch Israel, Abrahams Samen ,
alle Geſchlechter der Menſchen geſegnet.

*) Der Verf. umſchreibt ſo den vierbuchſtäbigen Heiligen Gottesnamen ,


den wir Jehova auszuſprechen pflegen . Wir haben dieſe Ausſprache Jahve
( Jahave) unverändert gelaſſen , weil ſie alteUeberlieferungszeugniſſe für ſich hat.
Anm . der Red.
Das große Hinderniß ihrer Erfüllung.

Indeß trat ein Hinderniß ein , welches bewirkte , daß die


Vollendung der Zeit, die mit der Erſcheinung Jahve’s in ſeinem
Volke, mit der Geburt Chriſti des Herrn, begann , nicht ſofort ſich
auswirkte und entwickelte, ſondern erſt ſehr allmählig geſchichtlichen
Beſtand und Wirklichkeit innerhalb der zeitlichen und räumlichen
Verhältniſſe des Menſchenlebens auf Erden gewann. Dieſes auf
haltende Hinderniß war Jsraels Unglaube. Zwar aufheben oder
gar vernichten konnte derſelbe Gottes Rathſchluß nicht, aber wohl
die Ausführung deſſelben ändern und die Vollendung der Zeit,
welche ſchon begonnen hatte , in einen langen Zeitlauf ver
theilen . Während Chriſtus, der Herr, Israels Sohnſchaft vollen
den und dann mit ſeinem Volke den verheißenen Segen allen Ge
ſchlechtern bringen wollte, trieb Israels Unglaube ihn nebſt den
7000, dem geringen Ueberreſt, aus dem Lager Israels hinaus, ließ
dieſe zum Segen zwar nicht der Geſchlechter , aber doch einer großen
Sammlung aus den Heiden werden , damit dann von dieſem Nicht
volk, das doch die Kindſchaft empfangen hat , wenn noch einmal
Himmel und Erde beweget werden ſoll , die Vollendung der Zeit
komme, da Chriſtus , der Herr, in , mit und unter ſeinem Volke
Førael allen Geſchlechtern derMenſchen den verheißenen Segen bringt.
Chriſtus, der Herr, kam in ſein Eigenthum , aber die Seinen
nahmen ihn nicht auf. Nur eine kleine Heerde folgte dem Hirten
und Biſchof ihrer Seelen . An's Kreuz gehängt von ſeinem Volk
und eben ſo nach Gottes Rathſchluß (Jeſ. 53) zum Herrn und
Chriſt erhöhet , iſt Chriſtus in Bezug zu Israel vorerſt ein Herr
ohne Volk, ein König ohne Land. Er iſt der König der Parabel
geworden , welcher auf eine Zeit lang wegzieht in ein fernes Land,
bis die Stunde ſeiner Wiederkunft erſcheint. Er muß den Himmel
einnehmen bis auf die Zeiten , da zurecht gebrachtwerde Alles, was
Gott geredet hat durch den Mund ſeiner heiligen Propheten von
der Welt an . Während dieſer Zeit läßt er aller Welt, Jsrael und
den Heiden, das Evangelium predigen und aus den geſammelten
Gemeinden derer , welche gläubig das Wort annehmen und ſich taufen
laſſen auf Jeſum den Chriſt, in den Vater, Sohn und Geiſt, entſteht
Die Wiederaufrichtung des Reiches Jsraels .

die Eine, allgemeine, heilige Kirche. Doch bleibt es feſt: Chriſtus,


der Herr, iſt J 8rael geboren und in Israel ſoll dereinſt ſein
Thron ſtehen in alle Ewigkeit.
Wie die erſte apoſtoliſche Verkündigung dieſes Anrecht Israels
entſchieden und erwartungsvoll ausſpricht (man leſe Petri Predigten
Apoſtelgeſchichte c. 2 u. 3), ſo hat Jeſus ſelbſt ſeiner Jünger Hoff
nung auf endliche Aufrichtung ſeines Reiches in Israel nie zu
Nichte gemacht. Sehr entſcheidend iſt hiefür, was nach der Aufer
ſtehung des Herrn geſchah und zwiſchen ihm und den Jüngern über
die Frage nach ſeinem Reiche in Jsrael verhandelt ward.
Zu den Jüngern , die nach Emmaus wandern , geſellt ſich der
Auferſtandene. Ihre Augen ſind gehalten , ſchmerzumflort. Aber
nicht ſowohl um den Meiſter, der von ihnen genommen iſt, um den
Freund, den ſie verloren haben , trauert ihre Seele, wie Maria dort
am Grabe im Garten Joſephs . Nein , es iſt die Hoffnung Israels ,
die mit ihm verloren ſcheint, es iſt der Thron Davids , der nun
dennoch darniederliegen bleibt, es iſt der Zweifel und die Sorge,
ob ſie nun eines Andern zu warten haben . Wir hofften , ſprachen
ſie, er ſollte Israel erlöſen .
Der Fremdling verſteht ihre Trauer, ihren Schmerz, ihr Ver
zagen , aber er ſchilt ſie Thoren und trägen Herzens zu glauben
alle dem , das Gott geredet hat. Er weiß wohl, was ihre Worte
ſagen wollen . Wenn ſie von ihm die Erlöſung Israels erwarteten ,
aber, wie es ſcheint, vergeblich , ſo erwarteten ſie von ihm die Wieder
herſtellung der Herrlichkeit ihres Volks durch Selbſtſtändigkeit und
Freiheit von aller Dienſtbarkeit der Heiden , nach ſeinen von Fahve
verliehenen heiligen Ordnungen und Nechten , eine verklärte Ver
jüngung der Sieges - und Friedenszeit eines David und Salomo.
Des Fremdlings Antwort macht ihnen das Herz brennen .
Er legt ihnen von Moſe an und allen Propheten aus, was in allen
Schriften von ihm geſagt war. Daß Chriſtus Solches leiden mußte
und zu ſeiner Herrlichkeit eingehen , beweist er ihnen aus der Schrift
alſo , daß eben der Jeſus von Nazareth , um den ſie trauern , weil
er als der zum Tode Verdammte und Gekreuzigte nicht Chriſtus
Die Beſtätigung der fünftigen Erfüllung.

ſein könne, gerade um dieſes ſeines Leidens willen der verheißene


Chriſtus , das Gegenbild Davids und der Inhaber des Thrones
Davids, ſei. Er beſtätigt ihre Hoffnung auf Erlöſung Jøraels , er
bekämpft und vernichtet ſie nicht. Er erklärt ihnen nur, daß die
Herrlichkeit aus der -Selbſterniedrigung und das Leben aus dem
Tode komme.
Vierzig Tage hat er ſich ſo ſeinen Jüngern in mancherlei
Erweiſungen lebendig dargeſtellt nach ſeinem Leiden. Er hat mit
ihnen gewandelt, gegeſſen , getrunken , ſie bewirthet, iſt bei ver
ſchloſſenen Thüren mitten unter ſie getreten , hat ſie ſeine Hände,
Füße, Seite berühren laſſen , ihnen reichen Fiſchzug geſchenkt und
vieles Andere noch . Vor allen Dingen aber hat er in den vierzig
Tagen mit ihnen geredet von dem Reiche Gottes.
Zulebt hat er ſie auf dem Delberge verſammelt. Er erneuert
ihnen da die Verheißung des Vaters , auf die ſie warten ſollen zu
Jeruſalem . Er redet ihnen von der Taufe des Heiligen Geiſtes
nicht lange nach dieſen Tagen . Sie aber können nicht umhin , an
die Aufrichtung des Reiches Gottes zu denken , an Israel und die
ihm gegebene Verheißung, an die Offenbarung Chriſti als des ver
heißenen Königs Israels . Und ſo fragen ſie denn ihren Meiſter :
Herr, wirſt du zu dieſer Zeit das Reich dem Jsrael aufrichten ? -
Es iſt das Reich gemeint, von dem die Propheten geredet und David
geſungen , das Reich , welches jebt von Jsrael genommen iſt um
ſeiner Sünde willen , das aber herrlicher undmächtiger wiederkommen
ſoll durch die Barmherzigkeit des Herrn , wenn Jahve ſelbſt ſich
aufmachen wird, es aufzurichten ; das Reich, von welchem Jeſus ſelbſt
in den 40 Tagen nach ſeiner Auferſtehung mit ihnen geredet hat.
Oder meinen die Jünger das Jsrael, nach deſſen Neiche ſie fragen ,
etwa geiſtlich ? Nein , dieſer geiſtliche Sinn lag außerhalb ihres
Bewußtſeins. Das von ihnen ſo beſtimmt bezeichnete Israel iſt
kein anderes als das in ſeinen Vätern erwählte und jetzt um ſeiner
Sünden willen , in denen es ſich ſelbſt ungläubig verſtodt, der
Weltmacht preisgegebene. Wäre aber eine Wiederherſtellung (Apoka
taſtaſe) des Reiches dieſes Israel nicht wirklich weiſſagungsgemäßer
ung
richt
erauf es ls
Jsrae .
10 Die Wied des Reich

Gegenſtand der Hoffnung, ſo hätte Jeſus ihre Gedanken berichtigen ,


To hätte ſeine Antwort ſie von dem leibhaftigen auf das geiſtliche
Jsrael, von dem ſichtbaren auf das unſichtbare Reich und König
thum , welches ihm , dem Auffahrenden, verliehen ſei, hinweiſen müſſen .
Seine Antwort thut das Gegentheil. Nicht die leiſeſte An
deutung eines Zweifels, ob das, was ſie fragen , geſchehen müſſe,
ob er das thun werde, was ſie erwarten . Nur auf die Zeitfrage
erfolgt eine limitirende Antwort. Keine Bejahung, keine Verneinung:
„ Euch gebühret nicht Zeiten oder Stunden zu wiſſen , welche der
Vater ſeiner Macht vorbehalten hat.“ Offenbar will er, dem Willen
ſeines Vaters gemäß, das mit Recht Erhoffte nicht an irgend welche
Zeitbeſtimmung geknüpft haben , ſondern von andern Umſtänden und
Verhältniſſen abhängig machen , nämlich von dem Zeugenamt der
Jünger und der Aufnahme, welche daſſelbe in Israel und weiter
finden wird . Nimmt Jsrael, das ſeinen Chriſtus ausgeſtoßen , ver
worfen , getödtet hat, das mit Beweiſung des Geiſtes und der Kraft
geſchehende Zeugniß von ihm dem Gekreuzigten und Auferſtandenen
gläubig an und bekehrt es ſich in wahrer Buße zu ihm : dann kommt
die Zeit bald , nach welcher die Apoſtel fragen , gegentheils kann ſie
noch in weiter, weiter Ferne liegen . Wie oft aber auch und ob
viel tauſendmal die Frage und Silage ſich wiederholen muß : Ach
wie ſo lange, ach wie ſo lange ! ? - dennoch wird die Zeit kommen ,
wo Er, Chriſtus der Herr, das Reich dem Israel aufrichten wird ;
ſie wird kommen , wenn nicht blos Einzelne in Jsrael, ſondern der
Jsrael das Zeugniß von ihm gläubig angenommen hat. "
Raum aber hat der Herr ausgeredet , da wird er aufgehoben
zuſehens und eine Wolke nimmt ihn vor ihren Augen weg. Sie
ſehen ihm nach nicht blos , ſo lange er noch nicht vor ihren Augen
verhüllt iſt, ſondern auch dann bleiben ſie noch ſtehen und ſchauen
unverwandt gen Himmel. Staunen über dieſe Auffahrt, Schmerz
über den Weggang ihres Herrn, Ungewißheit und Sorge,'was jeßt
werden ſoll, mögen in dem Moment dieſer wunderſamen Entrückung
ihre Herzen ſtreitend durchziehen . Da ſtehen plöglich bei ihnen
zween Männer 'in weißen Kleidern , deren Nahen ſie in ihrer der
Die endliche herrliche Erfüllung. 11

maligen Seelenſtimmung, nur auf eins geſpannt: die Himmelfahrt


ihres Herrn, nicht wahrgenommen haben . Aber ſie erkennen ſogleich
die himmliſche Erſcheinung und horchen mit vollſter Aufmerkſamkeit
der Gottesbotſchaft, welche die Boten Gottes ihnen bringen . Ihr
Männer von Galiläa – ſagten ſie - was ſtehet ihr und lehet
gen Himmel ? Dieſer Jeſus, welcher von euch iſt aufgenommen in
den Himmel, wird eben ſo kommen , wie ihr ihn geſchauet habt gen
Himmel fahren ! Ihr braucht nicht in ſtaunendes Trauern euch zu
verſenken , dieſer Jeſus , der todt war und iſt wieder lebendig ge
worden und hat mit euch gewandelt nach ſeiner Auferſtehung, iſt
von euch aufgehoben , erhöhet worden in den Himmel. Sorgt und
zweifelt nicht : es wird alles vollendet werden , was von ihm ge
ſchrieben iſt, auch das noch, daß Er, euer Herr und Meiſter, der
Gekreuzigte und Auferſtandene als König Meſſias dem Jsrael das
Reich wiederherſtellen wird . Denn er wird ſo gewiß , als ihr ihn
habt fortgehen ſehen in den Himmel, von da wieder erſcheinen . Auf
die Wiederkunft dieſes Jeſu richtet deßhalb hoffend eure Gedanken .
Dieſe Hoffnung ſei der feſte Halt eurer Seelen .
Der Sinn iſt nicht blos der : wie er in einer Wolfe aufge
fahren iſt, ſo wird er auf Wolken des Himmels wiederkommen mit
großer Kraft und Herrlichkeit. Aller Nachdruck liegt vielmehr auf
der Perſon. Eben dieſer Jeſus, der als Chriſtus der Herr ge
boren iſt, der am Kreuz geſtorben und auferſtanden iſt, wird vom
Himmel auf die Erde wiederkehren . Wie er geſchieden iſt, ſo
kommt er , des Menſchen Sohn , Davids Sohn und Herr, doch
ohne Sünde, denn der Sünde iſt er geſtorben auf einmal, indem
er ſie ſterbend einmal für immer geſühnt hat. Rommt er ſo, dann
iſt auch an den Tag ſeiner Wiederkunft das Ereigniß ge
knüpft, welches die Apoſtel ſehnſuchtsvoll erfragten : wirſt du in der
Zeit dem Jsrael das Reich aufrichten ?
Aber dieſes Kommen des Herrn , wann wird es geſchehen ?
Harre noch ein wenig, harre noch ! - Worauf denn ? - Auf die
Stunde, wo Israel ſiehet, in welchen es geſtochen , und in der
Geſammtheit aller ſeiner Volksklaſſen bitterlich zu weinen und zu
12 Der Gewinn der Judenmiſſion für die Chriſten ſelbſt .

klagen beginnt (Sach . 12 , 10 - 14 ), und ein beſſeres Hoſianna , als


das erſte, anſtimmt, indem es ausruft (Matth. 23, 39): Gelobet
ſei, der da kommt in dem Namen des Herrn !
Bis dahin ſoll das vergoſſene Blut der Gerechten über dies
Geſchlecht, über Jørael, kommen ; bis dahin Jeruſalem zertreten
ſein ; bis dahin dem Volke, das Gott erwählet hat, ſein Haus wüſte
gelaſſen werden . Dann aber wird ſich noch einmal die Barmherzig
keit rühmen wider das Gericht. Dann iſt noch einmal die Zeit
gekommen , daß Jahve das Gefängniß ſeines Volks wende und ſich
aufmache zum Erbarmen . Hat Israel geſehen des Menſchen Sohn
ſißen zur Rechten der Kraft, wie Stephanus, wie alle, die an ſeinen
Namen glauben , dann wird es ihn auch kommen ſehen in den
Wolken des Himmels. Sichtlich , leibhaftig wird er zur Erde
kommen , die er auf eine Zeit lang verlaſſen hat. Dann kommt er
in das Seine, und die Seinen nehmen ihn freudig auf. Dann iſt
die Vollendung der Zeit, welche mit der Geburt des Sohnes Gottes
begann, an ihrem Ziele. Der dem Volke Jsrael zur Weihnachts
zeit in Davids Stadt geboren iſt, wird unter ſeinem Volke wohnen
und wandeln und dem Israel das Reich aufrichten . Abrahams und
ſeines Samens Segen kommt dann über alle Geſchlechter auf Erden .

Der Gewinn der Theilnahme an der Judenmiſſion für


die Chriſten ſelber * ).
Von Pfarrer W . Preſſel in Wankheim .
1.
Der erſte und nächſte Gewinn unſrer Theilnahmean der Juden
miſſion iſt die Ehre, daß wir damit in dieſen ſeinen gering
ſten Brüdern dem Herrn dienen und an ſeinem und
ſeiner Apoſtel allererſten Werke auf Erden ein wenig
theilnehmen dürfen .
* ) Der folgende Aufſaß iſt ein in der Generalconferenz des Rheiniſch
Weſtphäliſchen Vereins am 18. Mai d . I. gehaltener und als beſondere Flug
ſdrift erſchienener , hier aber vom Verf. ſelbſt für unſre Zeitſchrift in fürzere
Form gebrachter Vortrag.
Die Juden ſind die Brüder unſeres Herrn . 13
Wenn ich die Juden die geringſten Brüder unſres Herrn
nenne, ſo wiſſen wir Alle recht wohl, daß ſie keineswegs die Ein
zigen ſind, welche der Herr mit ſeinem bekannten Ausſpruche be
zeichnet. Er verſteht darunter vielmehr Alle, deren ein Chriſt ſich
erbarmen kann , und wo wir das thun , da dienen wir dem Herrn .
Allein ſo perſönlich tritt Er uns doch wohl nirgends entgegen , als
in dem Volke , welchem er ſeiner menſchlichen Abkunft und Lebens
weiſe nach zunächſt angehörte , in dem Volke, welches er vor allen
andern Völkern das ſeinige genannt und unter welchem er ſein
Werk begonnen hat. Und je genauer wir den Eigenthümlichkeiten
dieſes Volkes nachgehen , dem jüdiſchen Profile , der hebräiſchen
Sprache , dem moſaiſchen Geſetze , dem Morgenländiſchen in Sitten
und Gebräuchen : deſto lebendiger tritt uns das Bild eines Jacobus
und Johannes , eines Petrus und Paulus, das Bild des Herrn
ſelbſt vor die Seele. Sie waren keine Deutſchen, keine Franzoſen ,
keine Engländer, ſie waren Juden . Solche Betrachtung mag Die
ſem und Jenem in der Chriſtenheit ärgerlich erſcheinen , ſie iſt nichts
deſto weniger unumſtößlich . Als der Judenmiſſionar Joſeph
Wolf in ſeiner Jugend anonym in ein katholiſches Noviziat in
Solothurn aufgenommen worden war, fühlte er ſich nach einem
Vierteljahre gedrungen , ſeinem Stubengenoſſen zu entdecken , wer
er ſei. „ Was meinſt Du," ſagte er, „ daß ich eigentlich bin ?" Der
Stubengenoſſe verſezte : iId habe Dich immer für einen Berner
gehalten ,“ verſprach ihm indeſſen für alle Fälle ſein Freund zu
bleiben . Als nun aber Wolf ihm bekannte, daß er der Sohn jüdis
ſcher Eltern ſei, da ſprang der Stubengenoſſe mit einem lauten
Schrei aus dem Bette und rief, als die Hausleute herbeiliefen und
fragten , ob denn der Teufel bei ihnen los ſei : „ Nein , aber etwas
, viel Schlimmeres , - Wolf iſt ein Jude!“ Wie viele Chriſten ,
auch in unſerer evangeliſchen Kirche, denken nicht viel beſſer von
den Juden , machen vielleicht nicht das Kreuz vor ihnen , aber tra
gen doch eine unwiderſtehliche Abneigung gegen ſie im Herzen !
Und doch bleibt es dabei: der Herr und ſeine Apoſtel waren keine
Deutſchen , keine Franzoſen , keine Engländer - ſie waren Juden .
14 Der Gewinn der Judenmiſſion für die Chriſten ſelbſt.

Das Außerordentliche in dem Weſen des Herrn , ſelbſt in ſeinem


menſchlichen Weſen , das Verklärte in dem Weſen ſeiner Apoſtel,
leidet dadurch keinen Abbruch, und die Schattenſeiten unſerer Juden
werden dadurch noch nicht zu Lichtſeiten : - es iſt uns , als wenn
wir zwei ungleichartige Brüder miteinander vergleichen und bei aller
Verſchiedenheit des Geiſtes und des Charakters denn doch die Ver
wandtſchaft Beider noch gar wohl erkennen . Es gibt kein Volk
auf Erden , welches in gleicher Weiſe die größten Gegenſäße in ſich
vereinigt, wie das jüdiſche: - eine Judas - Phyſiognomie und
eine Meſſias -Phyſiognomie; den platteſten Verſtand und die tiefſin
nigſte Speculation ; große Untugenden und große ſittliche Vor
züge; den ſchwerſten Fluch und den größten Segen . Die Chri
ſtenheit iſt leider zumeiſt an der ſchlechten Hälfte dieſer Gegenfäße
hangen geblieben , insbeſondere daran , daß die Juden die Nacha
kommen Derer ſeien , welche den Herren gekreuzigt und gerufen
haben : „ Sein Blut komme über uns und unſere Kinder !" Ich
kann es nicht; ich habe vor 17 Jahren bei der erſten öffentlichen
Gelegenheit der jüdiſchen Gemeinde meines Dorfes erklärt , daß ich
ſie achten und lieben werde, nicht nur als meine Nebenmenſchen
und Mitbürger , ſondern auch ganz beſonders als das Volk,
aus welchem mein Herr und ſeine Apoſtel herſtammen , und ich
kann bis auf dieſe Stunde nicht anders. Wohl kenne ich auch die
Ausſprüche des Alten und des Neuen Teſtamentes , welche gegen
ſie zeugen ; wohl kenne ich auch die Schattenſeiten unſerer heutigen
Suden aus hinreichender Erfahrung; aber wenn die Barmherzigkeit
ſich rühmet wider das Gericht und wo die Sünde mächtig gewors
den , die Gnade deſto mächtiger : wie können wir , eben wenn wir
wahre Chriſten ſein wollen , anders , denn dieſer geringſten Brü
der unſres Herrn mit aller Liebe uns annehmen , und es nicht nur
predigen , ſondern ihnen zu fühlen geben , daß die Liebe iſt des Ge='
ſeßes Erfüllung, und daß von Jeſu dieſe Liebe iſt ausgegangen in
die Herzen ſeiner Jünger !
Sie waren einſt nicht die Geringſten , ſie waren das vor
nehmſte Volk auf Erden ; aber als der Herr ſelbſt unter dem Volke
Die Judenmiſſion ſeßt des Herrn und der Apoſtel Wert fort. 15
wandelte und ſein Wert auf Erden an dieſem Volke begann , -
o wie tief war es bereits von ſeiner einſtigen Höhe herabgeſunken ,
wie verlaſſen und verſchmachtet gleich den Schaafen , die keinen Hir
ten haben , traf der Erzhirte und Biſchof aller Seelen ſein Volk,
und mit welcher Herablaſſung iſt Er ihm nachgegangen ! Alſo die
ſem Volke nachgehen und bald da , bald dort , wo wir mit Juden
zuſammentreffen , ſie mit aller Liebe einladen zu ihrem und unſrem
Heiland, die Erfüllung des Alten Bundes in dem Neuen ihnen zu
erkennen geben und aus unſrer eigenen Erfahrung heraus ihnen
bezeugen , welch eine Kraft Gottes , uns ſelig zu machen , das Evan
gelium in ſich trägt, das heißt Judenmiſſion treiben , und wo wir in
dieſer Weiſe mit ihnen umgehen , da thun wir,wie der Herr und ſeine
Apoſtel an ihrem Volke zu allererſt gethan ; da tritt uns auch ſein
und feiner Apoſtel allererſtes Wert auf Erden , oft beſonders lebo
haft, vor die Seele. Daß unſre Arbeit auch auf dieſem Felde eine
Stümperarbeit iſt , ach ! wer wollte es nicht bekennen ? Aber das
gilt ja von aller unſrer Arbeit im Reiche Gottes ! „ Ja," ſagte einſt
einer der ausgezeichnetſten Prediger und Seelſorger in Würtemberg,
der ſelige Chriſtian Adam Dann , zu einem Fremden , welcher
ihm ſeine Bewunderung ausdrückte, ja , ich habe meinem Heiland
viel Waſſer unter ſeinen Wein geſchüttet." Aber ſo ſchwach unſre
Arbeit ſein mag, wenn ſie nur eine redliche Arbeit iſt , dürfen
wir uns freuen , daß uns der Herr an ſeinem und ſeiner Apoſtel
allererſten Werke auf Erden ein wenig theilnehmen laſſet. Wenn
wir mit Juden die Straße ziehen und mit ihnen reden auf dem
Wege von dem Einen , was Noth iſt: mahnt es uns nicht daran,
wie der Herr einſt die Straße zog mit ſeinen Volksgenoſſen , ſei es
hinauf auf die Feſte zu Jeruſalem oder an den Ufern des galiläis
îchen Meeres ? Wenn wir mit Juden zu Tiſche ſißen und der
gegenſeitigen Gaſtfreundſchaft genießen : mahnt es uns nicht an die
Tiſchreden des Herrn , ſei es in der Phariſäer oder der Zöllner
Hauſe ? Wenn wir Juden - und- Chriſtenkinder ſo friedlich und
aufmerkſam um uns verſammelt ſehen : mahnt es uns nicht an den
großen Kinderfreund , wie er die Kleinen ſeines Volkes ſegnete ?
16 Der Gewinn der Judenmiſſion für die Chriſten ſelbſt.

Wenn wir an ein jüdiſches Krankenlager treten , mahnt es uns nicht


an den himmliſchen Arzt , wie er die Mühſeligen und Beladenen
ſeines Volkes zu ſich einlud und heilte ? Und müſſen wir denn
darüber klagen , daß wir vergeblich wirken ? Es wird noch Vieles
an das Licht kommen , das im Verborgenen geſchehen , und darauf
der Herr ſeinen Segen gelegt hat. Aber es iſt auch Vieles offen
bar, das uns bezeugt, daß der Herr ſein Werk an Jsrael nicht hat
ſtehen gelaſſen : die Kirchengeſchichte nennt gefeierte Namen aus
Israel , und gibt es nicht auch jest noch auf Ranzeln und Rathe
dern und anderwärts lebendige Zeugniſſe, daß der Herr die Hand
nicht abgezogen hat von dieſem Gnadenwerke ?
Die Judenmiſſion entbehrt mancher Reize, welche die Heiden
miſſion in ſich trägt. Bei der letzteren übt die Ferne der Länder ,
in welchen unſre Miſſionare arbeiten , einen gewinnenden Einfluß
ſchon auf unſre Phantaſie ; ja ſie verbindet mit dem chriſtlichen In
tereſſe vielfach ein wiſſenſchaftliches , das der Sprachen - , Länder
und Völkerkunde ; dieſe Ferne erſpart uns ferner manche Reibung
mit den betreffenden Völkern und manche Enttäuſchung über ihre
Bereitſchaft zum Chriſtenthum . Das iſt bei der Judenmiſſion Alles
ganz anders : da liegt das Volk, welchem wir die Erkenntniß
des Heils in Jeſu Chriſto gönnen möchten , in ſeiner ganzen Wirk
lichkeit vor uns — dieſe Leidensgeſtalt, welche ſeit 18 Jahrhunderten
durch unſere Völker hinwandelt, dieſe Mumie des einſtigen Trägers
der göttlichen Offenbarung : da iſt keine Geſtalt noch Schöne,
daran das Auge ein Gefallen hätte ! Darum hat es ſo lange ge
braucht , bis die Chriſtenheit das allererſte Werk des Herrn und
ſeiner Apoſtel wieder aufgenommen ; darum bricht es heute noch ſo
ſchwer ſich die Bahn . Eine Stunde von meinem Dorfe liegt das
Kloſter Bebenhauſen , einſt die Stätte eines evangeliſchen Seminars .
Dort geſchah es vor etwa 150 Jahren , daß der ehrwürdige Vor
geſetzte dieſes Seminars, der alte Prälat Hochſtetter, gegen einen
Gaſt äußerte: „ Drei Dinge habe ich immer meinem Gott im Gebet
vorgetragen : 1) daß er eine neue Ausgießung Seines Geiſtes über
unfre deutſche Chriſtenheit möchte kommen laſſen ; 2 ) daß er wie
An ihr können wir uns unmittelbar betheiligen. 17
der Arbeiter ausſenden möchte in das weite Feld der Heidenvölker';
und 3 ) daß auch wieder erbarmende Herzen an den Weinberg Sei
nes Volkes Israel gedenken möchten . Die beiden erſten Wünſche
hat mein Gott in Gnaden erhört; ach, daß auch mein dritter möchte
in Erfüllung gehen !“ Dieſen dritten noch unerfüllten nahm der
Gaſt mit in ſeine Heimath , theilte ihn ſeinen Studirenden mit -
denn der Gaſt war Niemand Änderes als der große Aug. Herm .
Franke, - und die Frucht davon war die erſte Judenmiſſions
Anſtalt, das Sallenbergiſche Inſtitut in Halle a . S . (1728 ).
2.
Ein zweiter Gewinn unſrer Theilnahme an der Judenmiſſion
iſt die Aufforderung, welche für uns darin liegt zur
Miſſion an uns und unſerer chriſtlichen Umgebung.
Als Vincenz von Paula ſeinen Verein für Krankenpflege
geſtiftet hatte, bemerkte er gar bald, daß die Mitglieder desſelben
nicht mehr ſelbſt an die Krankenbetten traten , ſondern nur durch
ihre Dienſtboten die Leidenden erquicken ließen , und nun erſt gab
er ſeinem Vereine die Ordensregeln der barmherzigen Schweſtern.
Die perſönliche Hülfleiſtung lag ihm ſowohl um der Barmherzigen
als um der Kranken willen beſonders am Herzen . Eine ſolche
perſönliche Hülfleiſtung iſt uns, die wir zu Hauſe unſern Beruf
angewieſen haben , in der Heidenmiſſion nicht möglich ; ſelbſt die
Renntniß derſelben verdanken wir nur Dritten , den einzelnen Send
boten des Evangelium 's , welche den Verkehr zwiſchen uns und den
armen Heiden vermitteln . Anders iſt es mit der Judenmiſſion,
wenn wir wollen : hier ſtehen die Nebenmenſchen , welchen wir die
Erkenntniß des Heils gönnen möchten , uns ſo nahe, daß wir ihre
Bedürfniſſe mit eigenen Augen wahrnehmen , das Heil mit eigenem
Munde ihnen bezeugen können . Und von dieſer perſönlichen Mif
ſion muß wie von einer perſönlichen Krankenpflege ein fonderlicher
Gewinn auf die Barmherzigen ſelbſt zurück fallen . Ein Gang durch
ein Krankenhaus - 0 ! wie lebhaft regt en in uns das glückliche
Bewußtſein der eigenen Geſundheit an, wie lebhaft fühlen wir uns
aufgefordert zum Danke gegen Gott ! Ein Gleiches erfahren wir
Der Gewinn der Judenmiſſion für die Chriſten ſelbſt.

bei unſrer Judenmiſſion . Nicht, als ob nur das jüdiſche Voll uns
den Eindruck der kranken Menſchheit gäbe, - ach, wir kennen die
Schäden unſrer chriſtlichen Völker nur allzuwohl: aber während
hier doch tauſendfach das Wirken des großen Arztes der ſündigen
Menſchheit, das Wirken des Heilandes zu erkennen iſt, fehlt es
dort ; die Synagoge gibt uns den Eindruck eines Krankenhaufes ,
wo der Fieberkranke umſonſt nach dem erquickenden Tranke ausſchaut,
der Lahme umſonſt nach der Stärkung ſeines ſchwachen Leibes ver
langt, der Blinde und Taube kaum ahnt, wie vieles ihm mangelt,
und die Krankenwärter mit den Pflegbefohlenen vergeblich ſich ab
mühen , während der menſchenfreundlichſte und vortrefflichſte Arzt
vor der Thüre ſteht und umſonſt ſein Heil anbietet. Wir wiſſen
wohl, daß auch in der Chriſtenheit man dieſem Arzte der kranken
Menſchheit vielfach den Rücken kehrt, in eigner Weisheit und Ge
rechtigkeit ſein Heil ſucht und nicht ahnt, wie blind und taub, wie
lahm und ſieci der Menſch iſt ohne einen Heiland, ohne Sein Wort
voller Gnade und Wahrheit , ohne Sein Opfer für unſre Sünden ,
ohne Seinen Geiſt von oben ; aber wo man in der Chriſtenheit
ihm den Rücken kehrt, iſt es doch nur vereinzelt: hier aber in
Israel begegnen wir einer ganzen Bevölkerung, welche noch ohne
ihren Heiland dahinlebt; hier bekommt man daher beſonders lebhaft
den Eindruck :
Lief präg' es meinem Herzen ein :
Welch Glück es ſei, ein Chriſt zu ſein !
Ein Glück, ein unverdientes Glück und Geſchenk Gottes , daß
mir in der Chriſtenheit geboren ſind und damit Theil haben an dem
ganzen Segen eines chriſtlichen Volkes , einer chriſtlichen Gemeinde,
einer chriſtlichen Familie. Denn das Evangelium ſagt nicht nur
wie das Geſetz : Du ſollſt! ſondern es verleiht uns auch eine Kraft
und Freudigkeit, den Willen Gottes zu thun , wie nichts in der
Welt ; das Evangelium ſchlägt den Sünder nicht nur nieder wie
das Geſeß , ſondern es erhebt ihn wieder zur Gemeinſchaft Gottes
und wandelt ihn um , es gibt ihm das verheißene „ neue Herz und
den neuen Geiſt," es ſchafft einen neuen Menſchen , wie die Früh
Das Glüd, Chriſten zu ſein , ſollte uns dringen . 19
lingsſonne der Welt ihr Licht und Leben bringt, daß fie blühen
und Früchte tragen kann. Wie trocken und dürre dagegen erſcheint
die Religionslehre der Synagoge , wie kühl und leer läßt ihr Got
tesdienſt, wie arm an Frieden und Freudigkeit in Leben und Ster
ben bleibt das Herz ! Dieſer Eindruck bemächtigt ſich zuweilen
ſogar mancher Israeliten , welche in chriſtlicher Umgebung leben und
damit Gelegenheit finden , das Beſeelende und Belebende des wah
ren Chriſtenthums kennen zu lernen . Als kürzlich für die Heiz
einrichtung der Stiftskirche zu Stuttgart collectirt wurde , fand ſich
unter der Collecte auch eine Gabe von 2 Kronenthalern mit der
Zuſchrift : „ Von einem Israeliten , welchen es in der Synagoge
friert.“ Fürwahr, dieſer Israelite hat den Nagel auf den Kopf ge
troffen ; denn wo das Leben ſich zurückgezogen , da friert der Menſch ,
und wenn Israel das Leben wieder gewinnen fou , muß es dem
Gekreuzigten und Auferſtandenen von Nazareth ſich zuwenden . Er
iſt das Leben der Welt, Er iſt unſer Aler Heiland. — Zwei Mäd
chen ſpielten kurz vor Weihnachten auf der Straße, indeſſen der
Vater des einen vom Fenſter aus unbemerkt ihnen zuhörte . Ich
will nur ſehen , was ich zum Chriſtkindle bekomme," ſagte das eine
Kind, ein jüdiſches Mädchen . „ Þa , Du bekommſt Nichts,“ erwie
derte die chriſtliche Kamerädin , „ Du haſt ja keinen Heiland!“ „ Ei,“
ſagte das jüdiſche Mädchen , „ ich bekomme doch etwas zum Chriſt
tag, und wenn ich groß bin , will ich ſchon auch einen Heiland be
kommen ! "

Wir haben einen Heiland, wir und unſre Kinder ; — darum ,


nochmals : wie nahe legen ſolche Erfahrungen uns den Eindruck :
Tief prägʻ es meinem Herzen ein ,
Welch Glück es ſei, ein Chriſt zu ſein !
Wir machen dabei aber auch ſehr demüthigende Erfahrungen ;
wir bekommen , wenn wir genauer mit Juden umgehen , oft beſon
ders lebhaft den Eindruck : Ady, welche Hinderniſſe , zum Glauben
an Jeſum Chriſtum zu kommen , legt doch unſrer jüdiſchen Bevöl
kerung die Chriſtenheit ſelbſt in den Weg , und wie müſſen wir
Fleiß thun , das Gegentheil zu üben , das Beiſpiel eines wahren
2 *
20 Der Gewinn der Judenmiſſion für die Chriſten ſelbſt.

Chriſtenthums mit Wort und That unfren Juden zu geben ! „ Um


Euretwillen ," ruft der Apoſtel Paulus ſeinem Volke zu, „ um Euret
willen wird der Name Gottes geläſtert unter den Heiden !“ „ Um
Euretwillen , müſſen wir der Chriſtenheit zurufen , „ wird der Name
des Herrn Jeſu geläſtert oder doch noch nicht erkannt unter den
Juden !" Und hier haben wir Prediger und Lehrer in chriſtlichen
Gemeinden , in deren Umgebung Juden wohnen , eine ganz beſon
dere Verpflichtung , zu bitten und zu warnen , daß die uns Anver
trauten Fleiß thun, ihren jüdiſchen Mitbürgern das Erempel eines
wahren Chriſterthums zu geben , ſtatt daß ſo vielfältig die Chriſten
mit den Juden wetteifern in allerlei Unredlichkeit im Handel und
Wandel , in allerlei Leichtſinn gegen das ſechſte Gebot, in plap
pernden Gebeten und anderem todten Gottesdienſt; ſo vielfältig ſich
beſchämen laſſen durch Juden in Pietät gegen die Eltern , in Mäßig
keit im Eſſen und Trinken , im Heilighalten des Namens Gottes
und ſo vielfältig die Juden zurückſtoßen , zurückſtoßen nicht nur von
uns, ſondern damit auch von unſrem Heilande durch Liebloſigkeit oder
Unglauben. Ich predige es meiner Gemeinde , ich vermahne unſre
Kinder in Schule und Haus , ſo oft ich Gelegenheit finde , denn
wir können nicht für unſre Juden Wegweiſer zum Heil in Jeſu
Chriſto ſein , ohne vor Alem an uns und den Unſrigen Miſſion
zu treiben .

Ein dritter Gewinu unſrer Theilnahme an der


Fudenmiſſion iſt der, daß uns ein weit reicheres und
lebendigeres Verſtändniß der heiligen Schrift aufgeht.
Es kann nicht anders ſein . Als Friedrich der Große von einem
ſeiner Geiſtlichen einen recht kurzen , bündigen Beweis für die Wahr
heit der heiligen Schrift begehrte, erhielt er die Antwort : „ Maje
ſtät, die Juden !“ Ja, die Juden ſind ein tauſendfacher Beweis für
die Wahrheit der heiligen Schrift, und je genauer wir ſie kennen
lernen , ein deſto reicherer Commentar für das Verſtändniß dieſer
Wahrheit, ein Commentar, anſchaulich und lebendig, wie ihn keiner
unſrer Gelehrten zu ſchreiben vermag. Der Freund des claſſiſchen
Die Juden ſind das alterthümlichſte Volk. 21

Alterthums erfährt ein Gleiches , wenn er die Nachkommen der claf


fiſchen Völker, die heutigen Römer und Griechen , aus perſönlichem
Umgange kennen lernt, wenn er unter den ſcharfen , gebieteriſchen
Phyſiognomieen der Homagna wandelt oder in die heiteren , ſchönen
Züge des helleniſchen Volkes ſchaut, wenn er ſieht, mit welchem
Anſtande der ärmſte Römer den Mantel um ſich ſchlägt, mit,wel
cher Grazie der Neapolitaner ſeine Tarantella tanzt, wie der Hirte
in den arkadiſchen Bergen noch die Flöte des Pan bläſt, der Wein
bauer von Chios und Tenedos noch die Sagen von Troja liest im
Schatten ſeiner Rebengelände. Und doch , was für ein Halbblut
ſind dieſe heutigen Griechen und Römer gegen unſere Juden , gegen
dieſes Volk , welches die größte Geſchmeidigkeit beſigt, ſich in alle
fremden Verhältniſſe zu finden und doch als das ſtereotypſte unter
allen Völkern ſich erweiſt !
Aber ſo nahe wir dieſes Volk vor uns haben , man muß ihm
nachgehen , wenn man es recht kennen lernen will, nachgehen in
herzlicher Liebe, wenn es ſein Herz vor uns aufſchließen , ſein in
nerſtes und eigenſtes Weſen uns zu erkennen geben ſoll. Die Chri
ſtenheit ſtreift zumeiſt nur an ihm vorüber, ſchaut ihm verächtlich
in 's Geſicht, gibt ihm wohl auch einen Stoß in die Seite, - wie
ſollte man dabei in ſein Inneres ſchauen ? Aber wer mit liebe
ihm nachgeht, der findet auch mehr, als er iemals
geahnt.
Die Geſchichten , welche wir von Kindheit auf lieb gewonnen ,
ſchmücken hier die Wände der Zimmer, in welche wir eintreten , und
ſind der Stolz der Verachteten ; das Geſetz , welches wir nur als
Buchſtaben kennen , regelt hier nach allen Seiten das Leben ; die Ver
heißungen , welche wir erfüllt wiſſen , ſind hier noch Gegenſtand der
nationalen Sehnſucht und Träume. Wohl gibt es auch unter ihnen ein
entartetes Geſchlecht,welchem Schillers Gedichte lieber ſind denn Da
vids Pſalmen , welches auf die Wiederkehr eines Barbaroſſa verlan
gender wartet , denn auf den Meſſias – eine Zwitterbevölkerung,
welche keines von Beiden iſt, weder Jude noch Chriſt: von dieſem
Geſchlechte rede ich hier nicht ; der eigentliche Jude lebt in ſeinen
ſion
22 Der Gewinn der Judenmiſ für die Chriſten ſelbſt.

altteſtamentlichen Erinnerungen , und wer ihm nachgeht, vor deſſen


Augen belebt ſich der Buchſtabe des Alten Teſtamentes .
Wir wiſſen nicht, was es um den Sabbath iſt , bis wir
ſeine Feier erlebt haben unter Juden ; ich meine damit nicht das
Kleinliche daran , wie es die Aufſätze ihrer Aelteſten angeordnet
haben , ſondern die Grundzüge derſelben nach dem Geſeße Moſe's .
Wenn wir ſehen , wie der Geſchäftsmann bei ſinkender Sonne ſich
ſputet nach Hauſe zu kommen ; wie am Freitag Abend die Lampen
flimmern in den Häuſern und Groß und Klein ſich darum ſammeln ;
wie es da ſtille wird nach dem Lärm der Woche , wie es da licht
wird um den Abend , - o ! da geht ein tiefes Gefühl von dem
zeitlichen und dem ewigen Sabbath durch unſre Seele.
Wir wiſſen nicht, was es heißt, ſeine Kleider zerreißen und
in Sack und Afdhe Buße thun, bis wir es erfahren bei Juden ,
wenn wir etwa auf die Nachricht von dem Tode eines lieben Kin
des bei der jüdiſchen Familie eintreten , die Eltern ſigen ſehen auf
dem ärmlichen Sack neben dem Todtenlämpchen und mit zerriſſenem
Gewand und Erde auf dem Haupt ihr Herz ausſchütten in Thrä
nen und Gebeten .
Wir bekommen ſogar von der Einſeßung des h. Abenda
mahls eine recht lebendige Vorſtellung erſt, wenn wir Zeuge wer
den einer jüdiſchen Oſterfeier, von dem Ausfegen des alten geſäuer
ten Brodes, von dem Brechen der Mazzen , dem Kreiſen des Be
chers mit Wein und dergleichen ; wie ehrwürdig erſcheint uns da
die altteſtamentariſche Feier, welch ein reiches Verſtändniß geht uns
auf über das Mahl des neuen Bundes; wie augenſcheinlich erfüllt
ſich da vor uns das Wort : Noyum testamentum latet in vetere,
vetus patet in noyo !
Wenn wir am Neujahrsfeſt oder am Verſöhnungstag die Män
ner- und Frauengeſtalten in den weißen Sterbekleidern durch unſere
Straßen wandeln ſehen , – ſteht nicht Lazarus vor uns , wie
er auf den Ruf ſeines Meiſters aus dem Grabe trat ? gemahnt es
uns nicht an jene große Stunde , da die Gräber ſich aufthaten
Das jüdiſche Leben ein Commentar zur h. Schrift. 23

und ſtanden auf viele Leiber der Heiligen und kamen in die heilige
Stadt und erſchienen Vielen ?
Und nicht nur, was Sache der Anſchauung iſt, bringt uns
dem Verſtändniſſe der Schrift näher , ſondern beinahe noch mehr,
was wir in dem Innern der Herzen wahrnehmen . Ich kann auch
hiervon nur ein paar Erempel namhaft machen und wähle fol
gende zwei.
Als Jeſus auftrat , begann er mit dem Zuruf: „ Xendert
Euren Sinn , denn das Himmelreich iſt nahe herbeigekommen !"
Warum dieſes gerade das erſte Wort des Herrn war, das wird .
uns erſt durch den genaueren Umgang mit Juden recht begreiflich :
denn hier iſt , auch bei den frömmſten und rechtſchaffenſten Men
ſchen, Alles noch irdiſch , die Geſinnung wie der Gottesdienſt ; es
war im Alten Teſtamente nicht anders : auch das Herrlichſte des
ſelben war noch irdiſch , ein irdiſches Canaan , ein irdiſches Jeru
ſalem , ein irdiſcher Tempel und Gottesdienſt , wogegen im Neuen
Bunde Alles , auch das Geringſte, eine himmliſche Richtung gewon
nen hat. Es gibt leider viele , viele Chriſten , deren Gottesdienſt
nichts Himmliſches in ſich trägt, bloße Namenchriſten ; und es gibt
manchen Jsraeliten , von welchem wir den Eindruck bekommen : „ Du
biſt nicht ferne vom Reich Gottes !" Dennoch bleibt es dabei: In
dem alten Bunde iſt Alles , auch das Herrlichſte , noch irdiſc , in
dem Neuen Bunde hat auch das Geringſte eine himmliſche Richtung
gewonnen . Denn der Himmel wird, auch wenn die liebſten Men
ſchen uns im Tode vorangegangen , erſt dann uns zur Heimath ,
wenn wir einen Heiland im Himmel haben , welcher uns nach ſich
zieht, und ſo lange der Himmel uns nicht zur Heimath geworden :
wie kann da eine Sehnſucht nach dem Himmel das Herz erfüllen ?
Wohl iſt das Neue Teſtament aus dem Alten hervorgegangen ,
aber unter dem Lichte und Leben des Sohnes Gottes , welcher von
oben kam und nach oben führt; auch das Veilchen und der Apfel
ſind aus der Erde hervorgegangen , aber unter dem Lichte und Les
ben von oben : darum haben ſie den Erdengeſchmack verloren . Auch
das Alte Teſtament und ſein Volk verlieren den Erdengeſchmack
on
24 Der Gewinn der Judenmiſſi für die Chriſten ſelbſt.
nicht eher , als bis ſie das Licht und Leben von oben aufnehmen ,
das himmliſche Weſen des Sohnes Gottes.
Gleicherweiſe wird uns erſt durch den genaueren Umgang mit
Juden recht begreiflich , was Alles in dem Eingange des Vater
unſers enthalten iſt. Wir wiſſen wohl Alle von Jugend auf von
dem Unterſchied der Gottesnamen im Alten und Neuen Bunde :
dort der Herr gegenüber den Knechten , hier der Vater gegenüber
den Kindern ; aber ſo deutlich , ſo lebendig tritt uns dieſer Unter
ſchied doch ohne den perſönlichen Umgang mit dem Volke des Al
ten Bundes nicht entgegen . Es gibt auch einzelne Juden , welche
Gottes Vaternamen gebrauchen , es könnte ſogar das Vaterunſer in
einer Synagoge gebraucht werden ; aber das Kindesbewußtſein , das
Kindſchaftsrecht , die Freiheit und Freudigkeit dieſer Stellung gegen
Gott fehlt denn doch , denn es fehlt der Mittler, welcher den Bann
vom Herzen genommen und zum Vater führt, - es fehlt der Sohn
Gottes .
Diejenige Schrift des Neuen Teſtamentes , welche den Unter
ſchied desſelben vom Alten am Gefliſſentlichſten aufweist, iſt be
kanntlich der Brief an die Hebräer. Warum hat die Erklärung
und das Verſtändniß desſelben ſo ungewöhnliche Schwierigkeiten ?
Darum , weil den meiſten Chriſten die äußerė und die innere An
ſchauung des hebräiſchen Volkes abgeht. Dagegen , je genauer wir
mit Juden umgehen , wie viel Licht geht uns auf über dieſem apo
ſtoliſchen Briefe wie über der ganzen heiligen Schrift !
4.
Ein vierter Gewinn iſt nach meiner Erfahrung
die freundliche Geſtaltung des Verhältniſſes zwiſchen
uns Chriſten und unſern jüdiſchen Mitbürgern .
Man möchte vielleicht eher das Gegentheil erwarten , nämlich
Religionsſtreitigkeiten , und wo die Chriſten in fanatiſcher Weiſe
auf die Bekehrung der Juden hinarbeiten , wie dieſes oft ſo ſchreck
lich geſchehen iſt , oder wo ein Judenmiſſionar wenigſtens unbe
ſcheiden oder taktlos zu Werke geht, da dient es auch wirklich mehr
zum Streite als zum Frieden . Wo aber nicht der blinde Eifer
Die Liebe emancipirt beſſer als das Gefeß . 25

eines chriſtlichen Phariſäismus den Juden entgegentritt, ſondern


wo ſie ſpüren dürfen , daß ein Chriſt in herzlicher Liebe mit ihnen
umgeht, da wird man ſie in den meiſten Fällen weit zugänglicher
finden , als Angehörige einer andern chriſtlichen Confeſſion ; da er
fährt der Chriſt je länger je mehr Zutrauen und Dankbarkeit und
verſchwinden auf unſrer Seite ſo manche Regungen des alten Vor
urtheils und Widerwillens gegen ſie , und es bildet ſich das fried
lichſte und freundlichſte Zuſammenwohnen . Man kommt damit viel,
viel weiter als mit der bloßen bürgerlichen Emancipation ; ich bin
für dieſe , und mein Wahlſpruch iſt: „ Reine Judenmiſſion ohne
Emancipation , und keine Emancipation ohne Miſſion !" aber ich
ſage aus vielfacher Erfahrung heraus : Man kommt mit der
Emancipation der liebe viel weiter als mit der Emancia
pation des Gefeßes , und wiederum : Nur wo die Liebe waltet,
trägt auch die Miſſion ein Recht und eine Kraft in ſich , welche
zum Herzen bringen .
In meinem Dorfe ſpuckt kein Jude mehr aus bei dem Namen
Jeſu , und ruft kein Chriſt mehr ſein Hepp, hepp einem Juden nach ;
die Erwachſenen handeln und wandeln miteinander als mit Ihres
gleichen , und die Kinder theilen dieſelben Spielpläße vor der Syna
goge wie vor der Kirche und eine und dieſelbe Dorfſchule; die
Juden nehmen Theil an unfren Hochzeiten und Leichenbegängniſſen
und wir an den ihrigen ; wir beſuchen bei einzelnen Gelegenheiten
ihre Synagoge, und ſie unſre Kirche; auch Gottesdienſte, wie das
jährliche Miſſionsfeſt für die Bekehrung der Heiden und für den
Guſtav -Adolph- Verein ; die Kinder leſen das Neue Teſtament mit
den unſrigen , lernen und ſingen beim gemeinſchaftlichen Spielen mit
ihren chriſtlichen Cameraden die Lieder unſres Geſangbuchs; die
Geſunden wenden ſich vertrauensvoll an das Pfarrhaus, und den
Kranken iſt es willkommen , wenn ich ſie beſuche ; ebenſo habe ich
in ſchweren Krankheiten von meinen Juden dieſelbe herzliche Theil
nahme erfahren , wie von meinen Chriſten , und der Rabbiner, welcher
von Zeit zu Zeit die Gemeinde viſitirt , iſt mir ſeit Jahren ein
lieber, freundlicher College.
Der Gewinn der Zudenmiſſion für die Chriſten ſelbſt.
5.
Der fünfte Gewinn , welchen die Judenmiſſion uns
bringt, iſt die damit verbundene Verbreitung des gött:
lichen Wortes in Kreiſen der Chriſtenheit , welche dem
ſelben noch ferne ſtehen.
Die Judenmiſſion hat dieſen Gewinn gebracht ſogar in einer
Zeit und Geſtalt, da wir ihr eigentlich noch nicht dieſen Namen
geben können , in der Zeit des Mittelalters und unter der Geſtalt
der Religionsgeſpräche und Synodal-Verhandlungen , welche zur
Bekehrung der Juden dienen ſollten ; denn dieſe Geſpräche und Ver
handlungen veranlaßten ein Studium der heiligen Schrift, wie es
ohne dieſen äußern Anſtoß nicht betrieben worden wäre. Wohl
war es zumeiſt nur die lateiniſche Ueberſeßung der Vulgata , deren
man ſich bediente ; doch ſah man ſich auch genöthigt, auf das hebräiſche
und griechiſche Original zu recurriren und hierfür Studien dieſer
Sprachen zu machen , und trug ſchon der Gebrauch der Vulgata
bei dieſer vielſeitigen Erörterung der Beweisſtellen går viel zu
genauerer Bekanntſchaft mit dem Worte Gottes bei. Es iſt hier
nicht der Ort, darauf weiter einzugehen ; denn wir haben es hier
doch nur mit der eigentlichen Judenmiſſion zu thun , wie ſie im
Jahre 1728 zu Halle ihren Anfang nahm und , als das Callen
bergiſche Inſtitut im Jahre 1792 eingegangen war, im Jahre 1809
mit der Stiftung der großen Londoner Geſellſchaft aufs Neue und
nun in immer größeren Verhältniſſen in das Leben trat. Die münd
liche wie die ſchriftliche Wirkſamkeit der Judenmiſſion richtet ſich
nun zwar zunächſt nicht an die Chriſtenheit; wenn wir aber be
denken , wie zerſtreut unter allerlei Völkern der Erde und in jedem
einzelnen Volke wiederum unter allen ſeinen Ständen und Schichten
der Bevölkerung die Juden anzutreffen ſind, unter der vornehmen
Welt und dem gemeinen Volke in Stadt und Land, unter der evan
geliſchen , der römiſch-katholiſchen , der griechiſch -katholiſchen , der arme
niſchen , der ſyriſchen und der koptiſchen Chriſtenheit, unter den muha
medaniſchen Völkern und einzelnen Theilen der Heidenwelt, und daß
in dieſer ihrer Zerſtreuung auf Erden von den 14 Judenmiſſions:
Die Judenmiſſion baut und einigt die Kirche.

Geſellſchaften in Europa und Amerika wohl über 200 Miſſionare


zu ihnen ausgeſandt ſind und auf den öffentlichen Straßen und Pläßen
wie im Stillen der Häuſer das Heil in Jeſu Chriſto ihnen bezeugen
und in zahlloſen Exemplaren die heilige Schrift des Alten und
Neuen Teſtaments und kleine Tractate über die feligmachende Wahr
heit verbreiten : - können wir da zweifeln , daß auch ihre nicht
jüdiſche Umgebung keineswegs leer ausgehen werde ? Reine andere
Miſſion dürfte wohl ſo direkt den Mittelpunkt der ſeligmachenden
Wahrheit zum Gegenſtande haben , den rechtfertigenden Glauben an
die Gnade Gottes in Jeſu Chriſto , keine ſo direkt von der äußer
lichen Schale hinweg auf den Kern der wahren Frömmigkeit das
Herz richten , keine mit ſo ſcharfer Eregeſe und Dialektik die Wahr
heit vor Augen führen und wider Unglauben und Aberglauben die
ſelberechtfertigen , wie die Sudenmiſſion. Keine anderen Zeugen des
Evangeliums dürften einen ſo freien Zugang haben in die Mitte
der römiſch-katholiſchen und der griechiſch-katholiſchen Völker ſowie
in das Innere der muhammedaniſchen Welt wie unſere Judenmiſſionare,
Nehmen wir nun noch als ſechſten Gewinn der Juden
miſſion den hinzu , daß ſie die Gemeinſchaft derer fördert,
welche die Sache des Evangeliums auf den Herzen
tragen – denn was die wahren Unionen und Allianzen in der
evangeliſchen Kirche ſtiftet, ſind nicht Symbole und Statuten, ſon
dern gemeinſchaftliche oder doch wetteifernde Unternehmungen zur
Ausbreitung und Befeſtigung des Evangeliums — ſo legt ſich uns
die Theilnahme an dieſem Werke als heilige Pflicht auf Herz und
Gewiſſen , und die Theilnahmsloſigkeit, welche ſich mit der Einrede,
daß die Früchte der Judenmiſſion in keinem Verhältniſſe zu den
Opfern der Geſellſchaften an Mitteln und Kräften ſtehen , ent
ſchuldigt, erſcheint alſo als Mißachtung eines wenigſtens fechefachen
Segens.
Die Macht des 53. Capitels Jeſaia .
Nach dem engliſchen The dying Jew von C . Becker.

wwww

Die folgende Geſchichte ſtammt aus dem Munde eines eng


liſchen Schiffscapitäns, welcher ſie dem Erzähler in der Cajüte nahe
dem Raume mittheilte, wo ein junger Jsraelit im Glauben und in
der Hoffnung des Evangeliums geſtorben war, welches er einſt ver
worfen hatte. Der fromme Seemann zeigte mir, ehe er zu erzählen
begann, einen Ring an ſeinem Finger , welchen der Sterbende ihm
als ein Zeichen herzlicher Dankbarkeit für die Hinweiſung auf den
einſt verachteten Nazarener gegeben hatte , mit dem Wunſche , daß
er ihn als Memento (Erinnerungszeichen ) tragen möge, bis „ ſie
ſich einſt im Himmel wiederfinden würden."
Der Verſtorbene, Namens M . R ., war der Sohn einer in
London wohnhaften jüdiſchen Familie, äußerlich unbeſcholten , aber
ohne inneres religiöſes Leben . Es ſtand bei ihm , wie heutzutage
bei den Meiſten ſeines Volkes in England und auf dem Continente.
Er hatte jene freigeiſteriſchen Grundfäße einer Vernunftreligion ein
geſogen , welche , indem ſie ſelbſt die Perſönlichkeit Gottes und die
- Der todtfranfe Jüngling. 29

Ewigkeit der Menſchenſeele läugnet, alle Religion aufhebt und alle


Religioſität vernichtet. Daher kam es, daß M . N ., obwohl er die
äußerlichen Ceremonien der Synagoge beobachtete, doch auf die
Wahrheiten der göttlichen Offenbarung als überwundene Vorſtellungen
herabjah und ſich um das prophetiſche Wort und ſeine Erfüllung
nicht fümmerte. Dem Judenthum war er innerlich entfremdet und
das Chriſtenthum haßte er als Freidenker und zugleich Jude mit
doppeltem Haſſe.
M . R . war nicht arm , ſondern eher bemittelt, hatte eine vor
nehmeErziehung genoſſen und ſichdem Studium der Medicin gewidmet.
Allein die Symptome der Lungenſchwindſucht kennzeichneten ihn als
ein Opfer dieſer ſo häufigen und tödtlichen Krankheit. Alle Mittel
wurden angewandt, aber vergebens. Man rieth ihm endlich eine
Seereiſe und einen längeren Aufenthalt in dem wärmeren Klima
Italiens. Es geſchah. Der jugendliche Leidende nahm jedoch den
immer weiter ſich entwickelnden Todeskeim mit ſich , und da er fand,
daß er hoffnungslos dem Grabe entgegeneile und ſeine Kräfte immer
mehr dahinjänken , entſchloß er ſich, die erſte Gelegenheit zu benußen ,
um zu ſeiner Familie und ſeinen Freunden nach London zurückzureiſen .
Gerade zu dieſer Zeit, als M . N . ſich nach einer Schiffsge:
legenheit nach London erkundigte, warf Capitän E . auf ſeiner Rück
reiſe nach England Anker in der Bucht von Neapel. Der junge
Jsraelit ſicherte ſich einen Plaß zur Heimfahrt. Der chriſtlich
fromme Seemann aber betrachtete ſeine bleiche und hinwelkende Gea
ſtalt mit Gefühlen des tiefſten Mitleids . Es war ihm ſofort mehr
als wahrſcheinlich, daß der ſchwache, abgemagerte Jüngling die An
ſtrengungen der Seereiſe nicht überdauern werde. Er ſuchte ihm
deßhalb die Reiſe auszureden, der Entſchluß des Kranken ſtand aber
feſt und ſeine Bitten waren unwiderſtehlich .
Nur wenige Tage war der Kranke nach der Abfahrt im
Stande, auf das Verdeck hinaufzuſteigen , um mit träumeriſcher Hoff
nung die kühlende und ſtärkende Seeluft einzuathmen . Bald jedoch
ſah er ſich in den engen untern Raum des Rauffahrteiſchiffs ge
bannt. Der fromme Capitän fühlte thm gegenüber ſeine Verant
30 Die Macht des 53. Capitels Jeſaia.

wortlichkeitundwar entſchloſſen, ſich unter allen Umſtänden ſeiner geiſt


lich wie leiblich anzunehmen . Aber ſein religiöſer Zuſpruch wurde mit
hochmüthiger Verachtung zurückgewieſen . Der ſterbende Jüngling
war mit allen Vorurtheilen ſeiner Abſtammung angefüllt, und der
Hochmuth ſeines Verſtandes und ſeines Wiſſensdünkels ſtachelte ihn
zu Unwillen und Zorn auf. Ja, es kam dahin , daß er, wenn der
Capitän es wagte, ſeinen Blick auf den Heiland der Sünder zu
lenken , bei jedesmaliger Nennung des geheiligten Namens dem
„ Nazarener “ fluchte ! Und ſo lag er denn da , „ hatte keine Hoff
nung, und war ohne Gott in der Welt,“ mehr ein Heide als Jude,
aber das Chriſtenthum nichts deſto weniger haſſend und den Troſt
des Evangeliums verſchmähend .
Capitän E . aber war deſſen gewiß , daß ihn nicht Zufall, ſon
dern Gottes Gnadenabſicht mit dieſem verlornen Schafe aus dem
Hauſe Israel zuſammengeführt habe. In dieſer Ueberzeugung ſegte
er allen Einreden des Kranken immer gleiche Sanftmuth und Ge
duld entgegen , knieete an ſeinem Lager nieder und ſchüttete ſein Herz
vor Gott aus in heißem Gebete. Das Gebet des Glaubens blieb
nicht unerhört. Der Jüngling hörte ſtiller zu , wenn mit ihm über
das Heil ſeiner Seele geſprochen wurde, bis er endlich dem Capitän
es geſtattete, ihm eine und die andere Stelle aus der heil. Schrift,
aber Alten Teſtaments, vorzuleſen . So las ihm denn der Capitän
aus dem 53. Rapitel des Propheten Jejaia die Worte vor : ,,Er iſt
um unſerer Miſſethat willen verwundet , und um unſerer Sünde
willen zerſchlagen . Die Strafe liegt auf ihm , auf daß wir Frieden
hätten , und durch ſeine Wunden ſind wir geheilet." Ferner : „da
er geſtraft und gemartert ward, that er ſeinen Mund nicht auf,
wie ein Lamm , das zur Schlachtbank geführet wird, und wie ein
Schaf, das verſtummet vor ſeinem Scheerer , und ſeinen Mund nicht
aufthut." Er las bis zu Ende, wo es Vers 11 und 12 heißt:
,,darum , daß ſeine Seele gearbeitet hat, wird er ſeine Luſt ſehen
und die Fülle haben. Und durch ſein Erkenntniß wird er, mein
Knecht, der Gerechte , Viele gerecht machen ; denn Er trägt ihre
Sünden . Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben ,
Des Jünglings emiges Geneſen . 31

und er ſoll die Starken zum Raube haben ; darum , daß er ſein
Leben in den Tod gegeben hat, und den Uebelthätern gleich gerechnet
iſt, und Er Vieler Sünde getragen hat, und für die Uebelthäter
gebeten ." ,
Und ſiehe da, dieſes goldene Paſſional warf ſeine Strahlen
in die troſtloſe Seele des Sterbenskranken ; dieſes dem Jsrael der
Zukunft in den Mund gelegte Bußbekenntniß zu dem größten aller
Dulder weckte im innerſten Gemüth des israelitiſchen Jünglings
verwandte Töne; dieſe wie unter dem Kreuze auf Golgatha nieder
geſchriebene Weiſſagung des altteſtamentlichen Evangeliſten ſchmolz
das harte Herz, um welches göttliche und menſchliche Liebe warben .
Er weinte wie ein Kind, als der zum Miffionar gewordeneSeemann
ihm auseinanderſetzte, daß dieſe Worte Jeſaia’s erfüllt ſeien an Jeſu
von Nazareth . Und nun trat eine Scene ein in jener kleinen und
engen Rajüte, weit draußen auf dem einſamen Meere, über welche
die Engel des Himmels ſich freuten, und bei deren Erzählung die
Augen des ſonſt ſo feſten Seemanns jeßt noch von Thränen über:
ſtrömten .
Der Jüngling war wach geworden aus dem tiefen Schlafe
ſeiner Sicherheit und Sünde. Er ließ es nun gern zu , daß ihm
auch aus dem Neuen Teſtamente vorgeleſen werde. Ja, er konnte
ießt nicht genug hören von der Liebe des einſt von ihm ſo verach
teten Jeſus. Dieſer Name war ihm nun wonnige Muſik und wohls
thuender Balſam ſeinem zerbrochenen Herzen . „ Kommen Sie —
rief er nun öfter kommen Sie, theurer Capitän, und leſen Sie
mir das ſüße Rapitel noch Ein Mal." Ja , er mochte es faſt nicht
Leiden, daß ſein chriſtlicher Freund einen Augenblick länger von ihm
entfernt ſei, als die dringendſten Pflichten des Schiffes dieſes ſchlecha
terdings erheiſchten . Tage und Wochen gingen noch dahin , und
nach und nach näherte er ſich dem Hafen der ewigen Ruhez, aber
die Kraft ſeines Glaubens und die Freude ſeines Herzens waren
jeßt eben ſo ſtark und groß , wie früher ſein Unglaube und ſeine
Verzweiflung. Das Licht vom Himmel leuchtete ſo klar in ſeine
Seele hinein , daß er wie ein zweiter Saul von Tarſus vor ſeinen
32 Die Macht des 53. Capitels Jeſaia.

früheren Sünden zurückſchauderte, ſie aufrichtig bekannte und die


freie Gnade Gottes feierte, in deren blutrothes Meer er ſie nun
verſenkt wußte.
Bald brach nun die Stunde an , wo er das neue Leben , das
er in Chriſto gewonnen hatte, ſterbend bewähren ſollte. Der Ca
pitän ſaß an ſeiner Seite als nun ſein Puls immer ſchwächer und
langſamer zu ſchlagen begann. Eine tödtliche Bläſſe hatte ſich über
ſein Angeſicht ergoſſen ; aber ſeine Seele war voll lobes und Dankes
und erhob ſich mitten im Rampfe bis zur Triumphesfreude. Nachdem
er mit ruhiger Gewißheit und Zuverſicht geſprochen hatte : „ Ich
kann jeßt alle meine Hoffnung auf meinen theuern
Heiland ſeßen ,“ wollte ihm die Stimme ihre Kraft verſagen .
In den Augenblicken aber als der „ ſilberne Strick" ( Pred. 12, 6)
gelöſt ward, welcher Leib und Geiſt zuſammenkettete, ſprach der Capitän
zu ihm : „ Wenn Ihnen Jeſus noch koſtbar und theuer iſt, ſo
heben Sie Ihre Hand in die Höhe. Ein ſanftes Lächeln verkün
digte den ihn erfüllenden Frieden : er hob ſeine Hand in die Höhe,
und indem nun noch Ein ſanfter Seufzer folgte, waren alle ſeine
irdiſchen Leiden geendigt.
Nachdem die nöthigen Vorbereitungen ſeiner Beſtattung been
digt waren ,wurde Anker geworfen . Die ſterblichen Ueberreſte wur:
den feierlich auf das Verdeck des Schiffes gebracht, die Schiffsflagge
vertrat das Tuch, mit dem man ſonſt die Todtenbahre zu bedecken
pflegt, und nachdem der Capitän in Gegenwart der ganzen Mann
ſchaft die für ein leichenbegängniß zur See vorgeſchriebenen Gebete
und Schriftabſchnitte verleſen hatte, wurde der Leichnam hinabge
ſenkt in die Tiefe, auf den herrlichen Anbruch des großen Morgen
hin , wo auch das Meer ſeine Todten wieder geben ſoll, und dies
Verwesliche anziehen wird das Unverwesliche, und dies Sterbliche
die Unſterblichkeit. Gott aber ſei Dank, der dieſes verlorene Lamm
vom Hauſe Israel aus dem Verderben herumgeholt hat, und gebe
uns herzinnige Liebe zu allen Erlösten und doch von ihrem Erlöſer
noch Fernen , daß wir ihnen nach dem Vorbilde jenes wadern See
manns mit nicht zu ermüdender Geduld nachgehen und ihnen mit
Rüdbliď auf das Leben des Miſſionars Deutſch. 33
heiligem Glaubensmuth Den verfündigen , welcher für uns geſtorben
iſt, daß wir durch ihn und mit ihm ewig leben ſollen . Ihm , dem
guten Hirten , ſei Lob und Ehre in Ewigkeit !

Siegmund Herrmann Deutſch.


Durch den am 1. October d. I. erfolgten Hingang unſres
geliebten Deutſch hat die Miſſion unter Jsrael einen ihrer bewähr
teſten Miſſionare verloren . Er ſtand im Dienſte der Londoner Ge
ſellſchaft, zugleich aber in Neih und Glied mit unſerm bayeriſchen
Verein , welcher ihm nicht ohne Ueberwindung mancher von Seite
des Staates entgegengetretener Schwierigkeiten und Hemmniſje da
durch freie Bahn der Wirkſamkeit in Bayern erwirkt hatte, daß er
ihn in ſein Comité aufnahm und ſich zu ihm als ſeinem eigenen
Miſſionar bekannte. Es war nicht blos ein Scheinverhältniß . Er
berichtete uns alljährlich über ſeine Wirkſamkeit , nahm an allen
unſren Berathungen Theil und gehörte uns auch ſeinem kirchlichen
Bekenntniſſe nachy an , dem er unbeſchadet ſeiner Verbindung mit der
ſtaatskirchlich engliſchen Geſellſchaft bis zu Ende treu geblieben iſt.
Ein Rückblick auf den Lebensgang des Dahingeſchiedenen wird Allen ,
die ihn perſönlich kannten , willkommen ſein . Wir aber erfüllen
eine Pflicht der Dankbarkeit und folgen dem Drange unſres Herzens,
indem wir ſein Andenken durch dieſen Nachruf feiern .
Siegmund Herrmann Deutſch wurde im Jahre 1791
zu Peiskretſcham in Oberſchleſien von jüdiſchen Eltern geboren ,
jüdiſch fromm erzogen und frühe ſchon in allem nationalen Wiſſen
unterrichtet. Bis in ſein Jünglingsalter ſtudirte er mit großem
Eifer den Talmud. Später beſuchte er das Gymnaſium in Große
Glogau und bezog, 21 Jahre alt, die Univerſität Breslau , um dort
Mathematik und Aſtronomie zu ſtudiren. Nach dreijährigem Stu
dium trat er im Jahre 1815 bei dem Wiederausbruch des Krieges
als Freiwilliger in das preußiſche Heer ein. Nach dem Friedens
Rüdblick auf das Leben des Miſſionars Deutſch.

ſchluß beſuchte er die allgemeine Kriegsſchule in Berlin und wurde


1817 Lieutenant, ſpäter zugleich Lehrer an der Diviſionsſchule zu
Trier. In Folge einer Herausforderung zum Duell wurde er im
I. 1821 zu 3 Jahr Feſtung verurtheilt , aber im folgenden Jahre
begnadigt. Hierauf begab er ſich nach Griechenland, um an dem
dortigen Befreiungskampfe Theil zu nehmen . Jedoch fand ſich ſein
Enthuſiasmus getäuſcht und er verließ den Dienſt in der helleniſchen
Artillerie ſchon wieder im I . 1824. Nachdem er ſich einige Zeit in
München aufgehalten , ging er nach Berlin . Hier erſt kam er zur
vollen Erkenntniß der chriſtlichen Wahrheit.
Er hatte zwar ſchon früher die Ueberzeugung erlangt, daß
die Chriſten den Juden gegenüber im Redste ſeien und war von
tiefer Verehrung gegen die Perſon Jeſu erfüllt; auch hatte er, um
mit Recht für einen Chriſten , wofür er gewöhnlich angeſehen wurde,
zu gelten , ſich während ſeines Aufenthalts auf der Feſtung Weſel
taufen laſſen . Der Unterricht, den er dabei empfing , war jedoch
wenig geeignet, iln tiefer in das Weſen des chriſtlichen Glaubens
einzuführen . Nun in Berlin waren 's die Predigten Goßners,
beſonders aber der Einfluß ſeines Freundes , des Taubſtummenlehrers
Prof. Lachs, der ihn zum wirklichen Glauben an das Wort Gottes
und an Chriſtum als ſeinen Erlöſer führte. In Berlin erwarb
er auch die erſten theologiſchen Kenntniſſe, indem er beſonders bei
Neander kirchengeſchichtliche Vorleſungen hörte. Doch war es ſeine
Abſicht noch nicht, Diener des Evangeliums zu werden ; er machte
das Oberlehrer-Eramen für Mathematik und Naturwiſſenſchaften ,
und es ſchien ſich ihm auch mehrmals die Ausſicht auf annehmbare
Stellungen zu eröffnen , aber immer zerſchlug ſie ſich wieder. So
war er eben im Begriff, wieder in die Armee einzutreten , als er
durch Dr. M ' Caul die Aufforderung erhielt, fich der Judenmiſſion
zu widmen .
Im J. 1828 folgte er dieſem Nufe und erhielt zunächſt die
Aufſicht über die Proſelyten -Beſchäftigungsanſtalt in Warſchau, um
nach einiger Zeit in den eigentlichen Miſſionsdienſt einzutreten .
Die Miſſion in Polen ſtand zu jener Zeit unter der Leitung
Rückblick auf das Leben des Miſſionar: Deutſch. . 35

M 'Cauls und er hat immer mit Dank und liebe der Förderung
gedacht, welche er für ſein Amt von dieſem unvergeßlichen ausge
zeichneten Manne empfangen hat, mit dem ihn auch ſpäter herzliche
Freundſchaft verband. Im J . 1830 wurde ihm Breslau als Sta
tion angewieſen ; hier blieb er bis 1833. Er benußte dieſen
Aufenthalt zugleich zu einem ernſteren Studium der Theologie durch
Hören von Vorleſungen und Verkehr mit den Profeſſoren der Uni
verſität, beſonders mit Scheibel, dem er ſehr nahe trat, wie er über
haupt der damals noch unter ſchwerem Drucke befindlichen lutheri
ſchen Kirche, welche mit der unirten Landeskirche gebrochen hatte,
ſich anſchloß. In jener Zeit lernte er auch die verw . Frau Virginie
Ernſt geb. label kennen , die im J . 1835 ſeine Gattin wurde
und bis an ihren Tod im I. 1860 durch reges Intereſſe und eigne
Betheiligung an der Miſſionsarbeit mittelſt Aufnahme von Proſe
lyten , Unterrichts jüdiſcher Mädchen u . dgl. ihm auch in ſeinem Amt
eine treue Gehülfin geweſen iſt, wozu ihr heller Verſtand, ihr ſtarker
Wille und ihre geiſtige Durchbildung ſie in hohein Grade befähigten .
Im J. 1833 kehrte er nach Warſchau zurück und blieb von
da an 20 Jahre hindurch , mit Ausnahıne einiger Urlaubsreiſen , be
ſtändig in Polen als Miſſionar thätig. Das dortige Arbeitsfeld
war wegen der rohen Zuſtände des Landes ein ziemlich beſchwer
liches und, wenigſtens in Litthauen , wo die Juden am Eifrigſten
an ihrem alten Glauben hingen , ſelbſt nicht ohne manche ernſte
Gefahr. Auch erforderte beſonders in den früheren Jahren , in
denen die Miſſion den polniſchen Juden etwas Neues war und ſie
allenthalben in die höchſte Aufregung verſetzte, das Disputiren mit
denſelben ein ungewöhnliches Maß förperlicher und geiſtiger An
ſtrengung. Schwerer als dieſes Alles war ilm die geiſtige Sjoliruug
in jenem Lande. Das Erlangen von Büchern und Zeitſchriften
war aufs Neußerſte erſchwert und mit großen Koſten verbunden ;
perſönlicher geiſtig anregender Verkehr auch nur in geringem Maße
vorhanden . Dies hat er während der ganzen Zeit ſeines Aufent
haltes in Polen ſchwer empfunden , dennoch wies er den Gedanken ,
nach Deutſchland zurückzukehren , ſtets von der Hand, weil er wohl
3 *
36 Rüdblick auf das Leben des Miſſionars Deutſch .

wußte, ein wie viel fruchtbareres Arbeitsfeld Polen bot. Erſt im


F . 1853, nicht lange vor der gänzlichen Aufhebung der polniſchen
Miſſion durch die ruſſiſche Regierung, wurde er von ſeiner Geſell
ſchaft nach Deutſchland verſeßt.
Während ſeiner polniſchen Wirkſamkeit war er von 1833 – 37
in Warſchau , von 1837 – 39 in Kutno, von da biß 1847 in Kaliſch,
dann bis 1850 in der kleinen , größtentheils deutſchen Stadt Zgiecz,
von da bis 1853 wieder in Warſchau ſtationirt. Seine Haupt
thätigkeit übrigens war nicht an den Stationsorten ſelbſt, ſondern
auf den Reiſen , auf denen er im Laufe der Zeit faſt alle polniſchen
Städte, in denen Juden wohnten , beſucht hat.
Von ſeinen Collegen ſtand er amtlich und perſönlich am Meiſten
in freundſchaftlichem Verkehr mit dem in Hamburg verſtorbenen
Pred . Becker , der nach M 'Caul's Abgang Superintendent der
Miſſion wurde, und mit den noch lebenden Miſſionaren Lange
und Waſchitſcheck. Auch mit mehreren Paſtoren evangeliſcher
Gemeinden in Polen , mit Ehlers (damals in Goſtynin ), Benin
(t in Tomaſzow ), Bando, Herrmann u. 4., ſtand er in naher
Beziehung und fand oft auf ſeinen Reiſen bei ihnen Anregung und
geiſtige Erfriſchung.
Nach Deutſchland und zwar nach Nürnberg übergeſiedelt trat
er in innige organiſche Verbindung mit unſrem bayeriſchen Miſſions
Verein . Ungeachtet ſeines hohen Alters bereiſte er in Begleitung
ſeiner Tochter das Land, ſo oft er konnte. Aber er fand keinen ſo
empfänglichen Boden , wie in Polen , wohin er ſich ſtets zurückſehnte
und wohin er auch mit Bewilligung der engliſchen Geſellſchaft noch
einmal eine Miſſionsreiſe unternalım . Der unter den deutſchen
Juden herrſchende Indifferentismuß machte ihm tiefen Kummer .
Nur an einigen Orten fand er eine offene Thür. Seine letzten
Jahre verfloſjen in wehmüthiger Stimmung, in welcher er von der
betrübenden Gegenwart Israels ſich in das prophetiſdie Wort und
die erhebendere Anſchauung der ſeinem Volke verheißenen Zukunft
flüchtete. Denn bis in ſeine letzten Tage forſdte er in der Schrift.
Er ging nicht in der Praxis auf, ſondern ſuchte ſich auch durch
Rüdbli« auf das Leben des Miſſionars Deutſch. 37
unermüdliche bibliſche Studien dazu immer mehr zu befähigen. Ge
wöhnlich traf man ihm über dem Studium eines bibliſchen Buches ,
in das er, umgeben von außerleſenen Commentaren , Schritt für
Schritt tiefer einzubringen ſuchte.
So ſtudirte er auch noch am Abend vor ſeinem Tode ein
neuteſtamentliches Buch . Vor ihm lag das griechiſch - deutſche Teſta
ment und daneben Meyers Commentar. Altersſchwach und obendrein
noch matt von einer vor kurzem beſtandenen Krankheit ſchlief er
carüber ein . Aufgeweckt ſchickte er ſich zur Abendandacht mit der
Familie an , welche bei der Abweſenheit des Sohnes, der vor kurzem
vom Berliner Dome an ein dortiges Gymnaſium berufen war, nur
aus der geliebten treuen Tochter und dem Dienſtmädchen beſtand.
Er las noch einmal den Schluß der Apokalypſe vor , obwohl er
mit der Vorleſung des Neuen Teſtaments bereits zu Ende gekommen
war, und nachdem er mit „ Ja, komm , Herr Jeſu !" geſchloſſen , betete
er und ſprad dann ſeine Freude aus, wieder einmal mit dem Neuen
Teſtamente zu Ende gekommen zu ſein. Dann ging er in ſein Schlaf
zimmer und bewunderte den geſtirnten Himmel, der ſeine Strahlen
hineinwarf, rief ſeine Tochter und nannte ihr mehrere der leuch
tendſten Sterne mit Namen. Sie entfernte ſich dann , blieb nocy
länger auf, horchte, ehe ſie ſich niederlegte, noch an der Thür, ob
der liebe Vater auch ruhig ſchlafe – es war Alles ſtill und ſo
legte auch ſie getroſt ſich nieder. Am andern Morgen früh blieb
er länger als gewöhnlich aus und das Licht im Schlafzimmer brannte,
was aber nicht befremdete, da er oft, von Beklemmungen und Schlaf
loſigkeit geplagt, des Nachts aufzuſtehen und das Licht anzuzünden
pflegte. Als aber die Tochter nach langem Warten hineinging und
ſeine Hand erfaßte , war dieſe todtenkalt – ein vom Arzte ſchon
lange befürchteter Nervenſchlag hatte ſeinem Leben ein Ende gemacht.
Das Licht war heruntergebrannt und mit ihm zugleich das Licht
ſeines Lebens erloſchen , um jenſeits wieder aufzugehen . Das heitere
Antliş zeigte, daß Gott ſeine Seele ſchmerzlos zu ſich genommen ,
nach einem jüdiſchen Bilde : „wie durch einen Kuß, das heißt , wie
wenn man ein Haar herauszieht aus Milch ."
Nieformbewegung in Aleppo.

Das geſchah in der Nacht vom 30. Sept. auf den 1. Oct.
Am 3. Oct. geleiteten wir die irdiſche Hülle des Seligen nach dem
Friedhofe St. Rodius in der Nürnberger Vorſtadt Goſtenhof. Pfarrer
Port ſprach am Grabe herzergreifende Worte. Wir ſchieden mit dem
Wunſche, auch einmal den Tod dieſes Gerechten zu ſterben , und
mit tiefer Trauer, einen ſolchen Freund von Nathanaels Art ver
loren haben .
Eine ausführlichere Lebensſkizze haben wir von ſeinem Sohne,
Hrn. Gimnaſiallehrer Samuel Deutſch , zu erwarten , zugleich mit
einer Sdrift über Israels Bekehrung und Wiederherſtellung, woran
der Heingegangene in den lezten Jahren ſeines Lebens mit hin
gebender Liebe gearbeitet hat.
Der Herr erfülle die patriarchaliſchen Segnungen des greiſen
Vaters in reichem Maße an dieſem Sohne und ſeiner Schweſter !
Er erfülle die raſtloſe Fürbitte dieſes voll Liebe zu ſeinem Volke
erfüllten chriſtgläubigen Jsraeliten an ſeinen Volksgenoſſen in Polen
und Deutſchland und an allen Orten ihrer Zerſtreuung !

Eine bemerkenswerthe Bewegung unter den Juden


von Aleppo.
Wann werde ich die Freude haben - ſchreibt Mifj. Brown
in United Presbyterian Record (1. Dec. 1862) - Ihnen melden
zu können , daß der Geiſt des neuen Lebens in Chriſto ſichtbarlich
unter den Tauſenden Jsraels ſich wirkſam erweiſt ! Ich weiß , daß
bas auch Jhr ſehnliches Verlangen und das Gebet aller Jünger
des Herrn iſt. Sie werden ſich aber freuen , zu hören , daß wenigſtens
ein leiſes Rauſden unter den Todtengebeinen zu ſpüren iſt ; man
beginnt zu erwachen aus der ſtarren Empfindungsloſigkeit von Fahr
hunderten , und der Geiſt, der ſo lange in den Feſſeln unbedingter
Unterwerfung unter menſchliche Autorität gefangen gelegen , beginnt
ſich hie und da freier zu regen .
Bisher hatte ich vergeblich nach einein ähnlichen geiſtigen
Aufſchwung ausgeſchaut, wie er neuerdings unter den europäiſchen
Reformbewegung in Aleppo. 39

Juden ſtattgefunden ; die aleppiniſche Judenſchaft ſchien der Herr


ſchaft „der väterlichen Ueberlieferung" in unheilbarer Blindheit
unterworfen und der lebendigen Auktorität ihrer Hacham 's (Weiſen )
oder Nabbi's und deren Vorſchriften mit dumpfer Willenloſigkeit
zu gehorchen .
Sie können ſich alſo meine Freude und Ueberraſchung denken ,
als ich vor einigen Tagen hörte , zweihundert Juden ſeien zu der
Ueberzeugung gelangt, der Talmud rühre nicht von Gott her, und
die Laſt ſeiner zahlloſen Vorſchriften in Geboten und Verboten ſei
chier unerträglich. Sie ſollen bereit ſein , ihre Ueberzeugung zu
bekennen und eine eigene Gemeinde zu begründen , ſobald ſie ſich
vor Verfolgung von Seiten des Ober-Rabbi geſichert halten können .
Wir begrüßen dieſe Erſcheinung mit Freude und Hoffnung, denn
der Talmud iſt ja die ſichtbare Verförperung jener Decke, die über
Herz und Sinn des Juden gebreitet iſt, wenn ſie Moſen und die
Propheten leſen . Uebrigens ſehen wir ja oft, daß Gott intellektuelle
Aufklärung und die Entwicklung geiſtiger Fähigkeiten überhaupt als
ein Mittel zu religiöſer Erleuchtung gebraucht, wie z. B . auch die
Entdeckung der Buchdruckerkunſt weſentlich dazu beitragen mußte,
ber Reformation den Weg zu bahnen . Und ein Jude, der das
Alte Tuſtament lieſt, mit dem einfachen Bemühen und dem guten
Willen es zu verſtehen , iſt ja unendlich fähiger und näher daran ,
das Zeugniſ von Jeſu Chriſto , welches doch der Geiſt der Weiſſagung
iſt, zu vernehmen , als Einer, der ſeinem Geiſte keine andere Nahrung
gönnt, als die Lehren und Vorſchriften alter Nabbinen und lebender
Hacham ’s zu ſtudiren und ängſtlich zu befolgen.
Der gegenwärtige Leiter der Bewegung iſt nicht in jeder
Hinſicht ein Mann , wie wir ihn gerade gewählt haben würden .
Hacham Raphael, ein mittlerer Fünfziger, hatte den wich
tigen und ehrenvollen Poſten eines Ober-Nabbi, d . h . Oberbeamten
der Juden in Bagdad unter der Ottomaniſchen Regierung. Nach
dem er zweimal durch Intriguen um ſeine Stelle gekommen war,
ging er nach Europa und hielt ſich ein Jahr in London auf. Jeder,
der nur eine halbe Stunde mit ihm ſich zu beſprechen Gelegenheit
40 Reformbewegung in Aleppo.

hatte, mußte ſeinen bedeutenden , klaren und logiſchen Verſtand


durchfühlen . Aber große Gaben ſind oft mit viel Narrheit gepaart,
wie das Sprüchwort ſagt :
Great parts to madness are allied .
Er bekam die fire Idee, er ſei der Meſſias , und war drei und
ein halbes Jahr nicht aus ſeiner elenden Behauſung herauszubringen.
Es freut mich aber, gleich hinzufügen zu können , daß er in beiden
Punkten , wie es ſcheint, wieder zur Vernunft gekommen iſt. An
ſtändig gekleidet und bei vollem Verſtande, ja mit vieler Würde in
ſeinem Benehmen , hat er mir einmal die Ehre angethan , bei mir
zu Mittag zu ſpeiſen und aß dabei Fleiſch in aller Unbefangenheit,
ohne zu fragen , ob es auch durch einen Juden geſchlachtet und
nicht etwa mit Butter zubereitet ſei , welches leştere zu überſehen
ein talmudiſtiſcher Jude für ein ſchrecklicheres Verbrechen halten
würde, als irgend welches ſittliche Vergehen .
Der Ober-Rabbi in Aleppo beſchloß auf die Nachricht von
der oben erwähnten Bewegung, dieſelbe mit Gewalt zu unterdrücken .
Er ging zu Hacham Naphael, verſeşte dem friedlichen alten Manne
einen ſchweren Schlag auf den Kopf, ſo daß das Blut herab auf
ſeine Schulter rann , und legte ſeine Füße in Ketten . Da der
britiſche Conſul Skene abweſend war , ſo ging ſein Neffe H . v . Hei
denſtamm zum Gouverneur der Stadt. Dieſer verſicherte uns, er
ſei entſchloſſen , die Grundſätze der Religionsfreiheit, zu welchen ſich
die Sultane bekannt hätten , in Kraft treten zu laſſen . Unverzüglich
ſandte er nach dem armen Hacham Raphael und forderte ihn förmlich
auf, gegen den Ober-Nabbi mit einer Klage aufzutreten . Nachdem
dieſer ſich dazu hatte bewegen laſſen , forderte der Paſcha den Schul
digen vor ſich und gab ihm ungeachtet ſeiner hohen Stellung und
der Auszeichnung, die ihm erſt vor kurzem vom Sultan durch Ver
leihung eines Ordens zu Theil geworden war, einen ſcharfen Verweis .
Ich hoffe, Sie werden fleißig beten , daß dieſe zweihundert
Anti-Talmudiſten vor dem Skepticismus bewahrt bleiben mögen ,
welcher leider viele der europäiſchen Neformjuden ergriffen hat,
und daß ſie vielmehr zu dem einzig richtigen Verſtändniſſe des Ge
Verhältniß des ſel. Graul zur Jubenmiſſion. 41

ießes gebracht werden , welches aus dem wahren Glauben an den


Herrn Jeſus kommt. –
So geſchah im Herbſt des I. 1862. Wir hoffen , in einem
ſpäteren Hefte berichten zu können , was aus den Zweihundert ge
worden iſt.

D . Marl Graul.
An obigen Aufſatz über die aleppiniſche Judenſchaft ſchließen
wir einige Worte der Erinnerung an unſeren heimgegangenen Freund,
denn er iſt es , der uns auf dieſe intereſſante Mittheilung im United
Presbyterian Record aufmerkſam gemacht hat.
Zwar iſt es die Heidenmiſſion , in deren Dienſte zwei Jahr
zehnte ſeiner beſten Manneskraft aufgingen , und vorzugsweiſe die
Heidenmiſſion war es , welche er gemäß ſeinem Programm „Ueber
Stellung und Bedeutung der chriſtlichen Miſſion im Ganzen der
Uuiverſitätswiſſenſchaften“ (Habilitationsrede vom 1. Juni 6 . J .)
durch akademiſche Vorleſungen dem Organismus der praktiſchen
Theologie einzuverleiben gedachte, als ihn am 10 . Nov. Nachmittags
gegen 2 Uhr im 50. I . ſeines Alters der Herr nach ſchweren, aber
ſiegreich überſtandenen Prüfungen von hinnen nahm .
Aber auch die Judenmiſſion lag nicht außerhalb ſeines Ge
ſichtskreiſes . Sein Herz war nicht fühllos für „das Volk der Juden ,
dieſes durch alle Zeiten und über alle Länder hin wandelnde Monu
ment der göttlichen Güte, des göttlichen Ernſtes und der göttlichen
Langmuth .“ Und obgleich er in dem 1 . Theil ſeiner oſtindiſchen
Reiſe ( 1854), welcher Paläſtina behandelt, kein ſehr günſtiges Ur
theil über das Miſſionswerk und die Miſſionserfolge in Jeruſalem
fällt, ſo geſchah dies doch auf zufällige Anläſſe ; die Miſſion unter
Israel an ſich taſtet er ſo wenig an, daß er vielmehr auf Damascus
ſtatt Jeruſalem als eine paſſendere Hauptſtation für den vorderen
Orient hinweiſt. Meine Leſer – ſagt er dort S . 212 f. – werden
Verhältniß des jel. Graul zur Judenmiſſion .

ſich des fabelhaften Nieſen erinnern , dem jede Berührung mit ſeiner
Muttererde neue Kraft im Kampfe mit dem griechiſchen Helden lieh ,
ſo daß dieſer jenes Ungeheuer nur dadurch , daß er es in die Luft
emporhielt, zu bewältigen im Stande war. Gerade ſo geht es mit
den Juden . In den Ländern , wo ſie heimathlos gleichſam in der
Luft ſchweben , ſind ſie den Waffen des Evangeliums am zugäng
lichſten ; dort in dem Lande aber , das ſie ihre Mutter nennen ,
macht ſie die Ueberfülle patriotiſcher Erinnerungen faſt unüberwind
lich. In dieſem Patriotisntus noch vielmehr, als in der rabbiniſchen
Rechtgläubigkeit der paläſtiniſchen Juden ſehe ich die hauptſächlichſte
innere Schwierigkeit, die an dem dortigen Miſſionsfelde haftet.
Es iſt ein langes Capitel, welches unſer ſel. Freund in dem
paläſtiniſchen Theil ſeiner oſtindiſchen Reiſe den Juden und der
Judenmiſſion widmet. Seine erſte Miſſionsliebe war ja nicht der
Heiden - ſondern der Judenmiſſion zugewandt, und eine Zeit lang
hatte er ſich mit dem Gedanken befreundet, ſelber im Dienſte der
engliſchen Geſellſchaft in Jeruſalem wirken zu können . Denn als
er ſich ſeit dem Winter 1838 als Hauslehrer einer engliſchen Fa =
milie in Italien befand und längere Zeit in Piſa aufhielt, ſuchte
ihn der in dem nahen Livorno anweſende berühmte Miſſionar Ewald
nicht ohne Erfolg für die vacant gewordene Stelle eines Miſſionars
in Jeruſalem zu gewinnen . Das ſorgfältige italieniſche Tagebuch
unſeres Graul liegt vor mir. Hier heißt es unter dem 8. Jan .
1840: „ Nach Livorno. Einleitendes Geſpräch beim Capitän Stuart,
nachher beim Judenmiſſionar Ewald aus Tunis . Er verehrte mir
einen Briefwechſel, den er mit einem Muhammedaner in Tunis ge
führtund den er auch an Tholuck geſchickt. Jeruſalemiſches Anerbieten .
Große Bewegung.“ Er war auf das Anerbieten eingegangen und
erklärte dies nach Deſſau ſeiner Braut, während Miſſionar Ewald
ihn in London für die vacante Stelle präſentirte. „ Ich denke und
denke - leſen wir bald darauf – über Jeruſalem , Deſſau und
London , das iſt Alles.“ Unterm 25. Febr.: „ Id harrte ſehnſüchtig
auf eine Antwort von Ewald,“ und Tags darauf: „Heute erhielt
ich ſie und damit die Nachricht, daß man von London aus günſtig
Verhältniß des ſel. Graul zur Jubenmiſſion. 43

geantwortet. Den Abend ſchrieb ich an Madame, um es ihr vor


läufig mitzutheilen . Ewald wird in kurzem einen gelehrten Rabbi
in Livorno taufen , der auch nach Jeruſalem gehen wird , um da an
der Miſſion zu helfen .“ Von jetzt an eilte er, ſo oft er konnte,
nach Livorno. „Heute gings mit Lieutenant Niß — ſchreibt er am
27 . Febr. – nach Livorno. Ewald traf ich erſt um 2 Uhr. Die
mir vorzulegenden Fragen waren noch nicht angekommen von London .
Ewald antwortete auf alle meine Zweifel durchaus befriedigend.
In dem Munde ſeiner Frau erklang mir das Engliſche ganz anders
und ihr ganzes Weſen erinnerte mich wieder an die deutſchen Pre
digerfrauen .“ Am 28 . Febr.: „ Noch einmal zu Ewald von 10 - 1
Uhr. Ich traf da auch den Rabbiner, einen armen unglücklichen ,
aber aufrichtigen Mann. Ewald theilte mir Vieles aus dem Miſ
ſionsleben mit, auch von den eigenthümlichen Schwierigkeiten , auf
die ſie anfangs geſtoßen , daß die Rabbiner nämlich alle die Bibeln ,
die ſie an Juden verkauft hatten , verbrennen ließen und das wegen
der Kreuze und der Varianten. Nicolayſon in Jeruſalem predigt
in arabiſcher, hebräiſcher, italieniſcher und engliſcher Sprache für
die Chriſten . Daneben iſt denn noch die eigentliche Miſſionsarbeit.
Ewald entließ mich mit einer Menge Bücher und Datteln aus
Tunis.“ Weiterhin leſen wir , wie er ſich mit ſeinen Gedanken in
Paläſtina heimiſch macht und mit heißer Sehnſucht die Entſcheidung
erwartet. Am 24. April hat er von ſeiner Braut zuſagende Ant
wort erhalten und reiſt überglücklich ſofort nach Livorno, wo er des
andern Morgens mit Ewald die Synagoge beſucht, die „ſchönſte in
Europa.“ Er löſte ſein Verhältniß zu der engliſchen Familie und
ſchon am 28. April finden wir ihn reiſefertig . „ Nach der Wehmuth
der Trennung - - ſchreibt er — ſtiegen gar freudige Bilder in
meiner Seele auf. Es blitzte Alles rings um mich her vor Freude."
Er eilte ſo ſchnell als möglich über Florenz, Innsbruck, München,
Nürnberg nach ſeiner Heimath zurück , um mit ſeiner Braut das
Antlitz gen Jeruſalem zu richten -- - aber Gott hatte es anders be
ſchloſſen . Er kam dorthin erſt im J. 1849 und zwar als Direktor einer
Heibenmiſſions - Geſellſchaft auf einer Inſpektionsreiſe nach Oſtindien .
Ein Zeugniß aus Lund in Schweden .

Aber der Anfang ſeiner Miſſionsliebe galt Jsrael , und daß


er bis in ſeine leßten Stunden über den Heiden Jsraels nicht gar
vergeſſen , beweiſt die Liebesgabe, die er unſrer Miſſion noch nach
lebtwilliger Anordnung ſpendete (1. die Quittung am Schluſſe des
Hefts ).
Nun iſt er unter die himmliſchen Schaaren entrückt, welche
für ihre Perſon ewig überwunden haben , aber auch noch mit uns
das Ende des Werkes Gottes herbeiflehen . Dieſes Ende iſt das
Heil Jsraels und der Heiden , die Alleinherrſchaft der Liebe, die
am Kreuze geblutet hat, der Triumph der die ganze Menſchheit
umfaſſenden ewigen Barmherzigkeit.

Ein Zeugniß aus Schweden .


Mitgetheilt von 6 . Plitt.
Hinweiſend auf die herrliche Zukunft Israels , die herbeige
führt werden ſollte durch die Weihnacht in Bethlehem , weiſſagt der
Evangeliſt des alten Bundes : „ So ſpricht der Herr Herr : ſiehe,
ich will meine Hand zu den Heiden aufheben und zu den Völkern
mein Panier aufwerfen , ſo werden ſie deine Söhne in den Armen
herzubringen und deine Töchter auf den Achſeln hertragen “ ( Jeſ. 49, 22) .
Zwar hat Jsrael den Knecht Jehova's nicht gehört, als er im
Fleiſche erſchien , um die Stämme Jakobs aufzurichten und das
Verwahrloſete in Israel wieder zu bringen . Aber die Verheißung
iſt ſtehen geblieben und hat den Anfang ihrer Erfüllung darin ge
funden , daß der Knecht Jehova's zum Lichte der Heiden gemacht
und das Heil des Herrn geworden iſt bis an der Welt Ende. Je
mehr die aus den Heiden geſammelte Kirche deſſen eingedenk iſt,
um ſo eher wird auch die ganze Verheißung, die Israel gegeben
ward , in Erfüllung gehen. Darum freuen ſich alle , die der Zu
kunft Jeſu , des Königs Meſſias, hoffend entgegen ſchauen , wenn
ſie hören , daß wieder ein Theil der Heidenkirche ſeiner Pflichten
gegen Jsrael gedenkt und das Werk Pauli, des Heidenapoſtels ,
aufnimmt. Eine ſolche Kunde ertönte jüngſt aus dem Norden ,
Erfreuliches aus Norwegen . 45

aus der Schweſterkirche Schwedens. Am 14. - 16 . September 1864


ward zu lund, dem Siße des Erzbiſchofs , eine Paſtoralconferenz
gehalten, und von den dort zur öffentlichen Beſprechung aufgeſtellten
Säßen über Religion , Chriſtenthum und Kirche lautet der lekte:
„ Reine lebendige Kirche ohne Miſſionsthätigkeit unter Heiden und
Juden.“ Es iſt ein ſelbſtverſtändlicher Saß , aber eben daß er
an ſolchem Drte ſo ausgeſprochen werden mußte, bezeugt, wie ſehr
dies Selbſtverſtändliche in Vergeſſenheit gerathen war. Mit Recht
enthält deßhalb auch die den Säßen beigegebene Erläuterung ein
Bekenntniß dieſerSchuld : „ Ein Mangel in der Miſſionswirkſamkeit
der lutheriſchen und insbeſondere der ſchwediſchen Kirche iſt das
Verſäumniß der Verkündigung des Evangeliums an das Volk der
Juden . Dies Volk hat ja die größten Verheißungen , noch größer
als die Heiden . Wohl hat die Predigt des Evangeliums unter den
Juden noch nicht viel Früchte gebracht. Aber hier gilt das Wort
unſeres Herrn vor ſeiner Auffahrt : „ Es kommt uns nicht zu ,
Zeit und Stunde zu wiſſen , die der Vater ſeiner Macht vorbe
halten hat.“
Wir haben nicht erfahren , was weiter von den ſchwediſchen
Brüdern über dieſen Saß geredet und vielleicht auf Veranlaſſung
ſeiner beſchloſſen iſt. Aber ſchon , daß er aufgeſtellt ward, iſt ein
gutes Zeichen , das Hoffnung erregen darf, und in dieſer Hoffnung
werden alle Freunde Jsraels einſtimmen in das Gebet des Ver
faſſers jener Säze: „ Möchte der Herr bei uns den rechten Eifer
für die Miſſion erwecken und den beſten Rath geben, auf daß auch
in dieſem Stücke unſere Kirche beweiſe , daß ſie lebe im Glauben
an den Sohn Gottes !"

Erfreuliches aus Norwegen .


In Chriſtiania erſcheint jeßt auch eine Zeitſchrift für die
Miſſion unter Israel. Prof. Caſpari, der neben ſeinen akade
miſchen Vorleſungen nun ſchon einige Winter hindurch zahlreich
beſuchte bibliſche Vorträge erſt über Daniel, dann über die Geſchichte
46 Erfreuli aus Norwege .
ches n
. Abrahams und nun über die Geſchichte Joſephs hält und auf wiſſen
ſchaftlichem Gebiete vorzugsweiſe mit großartig gründlichen Forſch
ungen über das Taufſymbol beſchäftigt iſt, welche durch den in der
ſcandinaviſchen Kirche, beſonders Dänemarks und Norwegens, immer
weiter um ſich greifenden Grundtvigianismus veranlaßt ſind findet
daneben doch noch Zeit genug, durch Herausgabe jener Zeitſchrift
chriſtliche thätige Liebe zu dem Volke, welchem durch Geburt anzu
gehören ihm als Ehre gilt, auch im Norden zu fördern . So weit
uns die Zeitſchrift vorliegt, ſchöpft ſie meiſt aus unſerer „ Saat auf
Hoffnung“ ; weit entfernt, ſcheel dazu zu ſehen , freuen wir uns,
daß der Segen unſerer dadurch thatſächlich anerkannten geringen
Arbeit auf dieſem Wege weiter getragen wird. Indeß enthält die
norwegiſche Schweſter- Zeitſchrift auch manche Originalaufſätze, z . B .
Caſpari's Auslegung von Sacharja c. 9 - 12 (nach der norwegiſchen
Ueberſeķung). Wie brüderlich die nordiſchen Freunde Jsraels ſich
uns verbunden wiſſen, zeigt der durch die Hand Caſpari's uns zu
gegangene anſehnliche Beitrag, deſſen Empfang wir am Schluſſe
dieſes Heftes beſcheinigen . „ Dieſe Summe — ſchreibt der Abſender -
iſt durch eine Menge kleiner Beiträge aus unſerem Lande zuſanuen
gekommen und mag Euch ein Beweis ſein , wie lebendig das In
tereſſe für das Heil Israels unter unſerem geſegneten Volke iſt.
Vom neuen Jahre wird unſer ſchon in nahezu 2000 Exemplaren
verbreitetes Miſſionsblatt monatlich in je einem Bogen erſcheinen
und einen eignen Nedacteur bekommen .“ Der Herr erhalte unſerem
Miſſionswerk im Norden dieſen fröhlichen Fortgang und erwecke
dem Volke , dem wir die Kunde vom erſchienenen Meſſias bringen ,
immer mehr liebende Herzen doll thatkräftigen Eifers von Chriſtiania
aus bis zum Nordcap, wo die Mitternachtſonne die arktiſche Felſen
und Waſſerwelt beleuchtet und den endlichen Sieg des Lichts über
die Finſterniß verkündigt.
Eine jüdiſch -maroccaniſche Märtyrerin .

Eine jüdiſche Märtyrerin im Neidhe Marocco .


Am 4.Mai d. I. ſtarb zu London Joſeph Jsrael Benjamin ,
gebürtig aus Foltitſcheny in der Moldau , ungefähr 40 Jahr alt,
ein kühner jüdiſcher Reiſender , welcher zwei Jahrzehnte ſeines Lebens
darauf verwendet hat, Europa, Amerika, Aſien und Nordafrika zu
durchwandern , um die Diaſpora ſeines Volkes und, wo möglich , die
zehn Stämme aufzufinden . Als Nachfolger eines älteren Benjamin ,
des Herühmten jüdiſchen Reiſenden im 12. Jahrh., Namens Ben
jamin von Tudela , nannte er ſich ſelbſt Benjamin den Zweiten .
Zwei im Druck erſchienene Werke erſtatten Bericht über ſeine große
artigen Wanderungen : „ Acht Jahre in Aſien und Afrika von 1846
bis 1855“ (Aufl. 2. 1858 ) und „ Drei Jahre in Amerika 1859 - 1862"
(2 Theile 1862). In London wollte er ſich zu einer neuen Reiſe
nach Aſien , beſonders
ſchen
Südarabien
iegt
, rüſten
ine, als ihnm der Tod ereilte.
i
nem jüddieſer m ., Dorlwelches h " eine von in
, entung
Das erſtere Werke, in einem von ihm ſelbſt
empfangenen Eremplar vorliegt, enthält eine rührende Geſchichte
von einem jüdiſchen Mädchen , welche den Tod irdiſchem Wohlleben
vorzog, den ſie mit dem Abfall zum Jslam erkaufen ſollte. Wir
würden dieſe Geſchichte mitzutheilen Bedenken tragen , wenn ſie nicht
urkundlich verbürgt wäre. Prof. Fleiſcher hat in der Zeitſchrift
der Deutſchen Morgenländiſchen Geſellſchaft Bd. 18 (1864) S . 329 ff.
das magrebiniſch-arabiſche Gedicht mitgetheilt, in welchem ſie unter
der marroccaniſchen Judenſchaft fich fortpflanzt.
In Tanſa , einer Stadt in Marocco - erzählt Benjamin
in ſeinem Reiſewerke — lebte ein Jude, Salomon Chatwil, glücklich
und zufrieden in dem Beſiße einer wackern Gattin , die ihm mehrere
blühende Töchter geboren . Der Liebling und Stolz nicht nur der
Eltern , ſondern Aller, die ſie kannten , war Zuleika , die im Jahre
5591 ( 1831), der Zeit unſerer Erzählung, den Lenz zum zwölften
Male wiederkehren ſah . Die Natur wollte ihr Meiſterſtück machen ,
als ſie Zuleika erſchuf. Eine vollendetere, reizendere Schönheit hatte
die glühende Sonne Afrika’s nicht beſchienen ; mit dieſer Schönheit
vereinigte Zuleika einen hellen , klaren Verſtand und das ſanfteſte,
48 Eine jüdiſch -maroccaniſdie Märtyrerin .

anmuthigſte Venehmen . Alle dieſe Vorzüge reizten den Neid der


umwohnenden Muſelmänner. Es iſt Sünde , ſagten ſie, daß eine
ſolche Perle Eigenthum der Juden iſt und Verbrechen , dieſes Kleinod
ihnen zu laſſen .
Unter dem , von falſchen moslemiſchen Zeugen beſtätigten
Vorgeben , Zuleika ſei Willens zum Jslam überzutreten , drangen
ſie in die friedliche Wohnung ihres Vaters, bemächtigten ſich des
ſchönen Mädchens und ſchleppten es nach Fez , wo ſie ihre Beute ,
eine willkommene koſtbare Gabe , dem Prinzen -Thronfolger, Sohn
des maroccaniſchen Kaiſers, zur Verfügung ſtellten .
Eine ſolche Schönheit hatte auch ſein verwöhntes Auge bis
jeßt noch nicht geſehen ; wie geblendet blieb er vor ihr ſtehen . Hand
und Herz, alle Würden einer Kaiſerin bot er für ihren Beſiß , nur
die Bedingung daran knüpfend , daß ſie ſeinen Glauben annehme.
Ruhig und entſchieden wies ſie dieſes Anerbieten zurück ; vergebens
waren alle Ueberredungskünſte und Verſprechen der Großen des
Hofes . Ihre Antwort lautete : Die ganze Welt mit allen ihren
Reizen und Gütern iſt Nichts gegen Gott und ſein heiliges Geſetz.
Er iſt Herr des Himmels und der Erde, Schöpfer und Meiſter
aller Weſen ; ſeiner Macht unterthan iſt jeder Menſch vor ſeiner
Geburt ſchon , nach ſeinem Tode noch . Er, der unſere Ahnen aus
Aegypten erlöſte, hat uns zum Träger ſeines großen Geſekes ge
macht. Dieſem Geſeze beuge ich mich , ich bin bereit, es mit meinem
Tode zu beſiegeln und wenn der Herr es erfordert, mich willig ihm
zum Opfer zu bringen . Wenn ihr mir auch alle Schäße der Welt
zu Füßen legt, weiche ich doch um keine Spanne Weite von dieſen
meinen Worten ; verfahrt mit mir nach eurem Belieben ! –
Der Prinz, der ſeinen Antrag zurückgewieſen ſah , verſuchte
nun mit Strenge zu erreichen , was der Ueberredung nidyt gelingen
konnte. Er ließ Zuleika in den Kerker bringen . Als man glaubte,
daß Leid und Entbehrung ihre junge Kraft genugſam mürbe ge
macht hätten , wurden zum Jslam übergetretene Judenfrauen zu ihr
in 's Gefängniß geſandt, die durch Verſprechen aller Art und durch
das Beiſpiel ihres eignen Lebens Zuleika zur Nachgiebigkeit veran
Eine jüdiſch -maroccaniſche Märtyrerin . 49

laſſen ſollten . Dieſe Frauen entledigten ſich ihres Auftrages im


vollſten Maße. Alle Herrlichkeiten , die das ſinnliche jüdliche Herz
reizen könnten , alle Vorſtellungen , die nur der Verſtand zu er
flügeln vermochte, alle Schreckniſſe , die auch den tapferſten Mann
zu erſchüttern im Stande wären , wurden aufgeboten . Aber ver
geblich : an dem feſten , gottergebnen Sinn des Mädchens prallten
alle Angriffe, die einen wie die anderen , ſpurlos ab. Sie ant
wortete in ihrer frommen , ruhigen Weiſe: Ihr wollt mich über
reden ? Das Erdenſein iſt ja nur ein vorüberziehender Schatten ,
wie ein flüchtiger Augenblick in dem ewigen Leben ; lieber eine
kurze Stunde in Unglück und Schmerzen und ewige Seligkeit, als
ein Leben in Freude und Wolluſt, dem die unendliche Zeit der
Reue im Jenſeits folgt. Jeder Menſch muß ſterben , ſelbſt der
Höchſte und Mächtigſte fällt den Würmern zur Beute ; nur der
Herr der Heerſchaaren iſt ewig, ſeinem Walten unterwerfe ich mich
willig. Jhr ſagt, der leiſeſte Wunſd meines Herzens ſolle ver
wirklicht werden ; nun wohl, ich flehe zu Gott, daß er mir Kraft
und Stärke in ſeinem Dienſte verleihe, daß ich würdig ſei, Tochter
des jüdiſchen Volkes zu heißen ; laßt mich nur ſchnell enden ! –
Einen letzten Verſuch wollte der Prinz anſtellen. Er ließ .
die Chachamim der Stadt rufen und erklärte ihnen , das Leben
ſämmtlicher jüdiſcher Einwohner ſei in Gefahr, gelinge es ihnen
nicht, Zuleika ſeinem Begehr willig zu machen . Zitternd für ihr
eignes Leben und das Leben ihrer Brüder , verfügten ſich die Cha
chamim in den Kerker. Sie wieſen das gepeinigte Mädchen auf
das Beiſpiel Eſthers hin , durch deren Einfluß ſo großes Heil ihrem
Volke erwachſen , Zuleika wies aber auch ſie mit der Antwort zurück :
Eſther hatte nicht nöthig , dem väterlichen Heiligthume zu entſagen ,
ich ſoll ihm untreu werden . Haltet ihr das für erlaubt, wohlan ,
ſo gebet Eure Töchter dem Fürſten hin ; ich erfülle das Geſel ,
wenn es Gottes Wille iſt, mit meinem Tode! -
Ein ſolcher unerhörter Widerſtand, dem Fürſten geleiſtet,
konnte nur mit dem Tode geſühnt werden . Der Befehl zur Ent
hauptung war alsbald gegeben . Die ſchönſte der Jungfrauen in
che ärtyrerin
50 Eine jüdiſch -maroccaniſ M .

dem Schmude der Tugend, in der Blüthe der Jahre wurde zum
Richtplaße geführt.
Auch der Henker ſollte noch zuvor das Mittel der Ueberredung
zum lekten Male gebrauchen , in einer Weiſe, die nur der Henker
kennt und die nur er vollbringen kann . Auf dem Schaffote vers
ſeşte er feinem Schlachtopfer mehre Stiche mit dem Schwerte in
den Nacken und forderte ſie zum Gehorſam auf. Kâfir ben -Kâfir
(Ungläubiger Sohn eines Ungläubigen ), rief das muthige Mädchen ,
ſpare deine Mühe ! und mit dem Ausrufe : Höre Gsrael, der Herr ,
unſer Gott, iſt ein einiger Gott! fiel das Haupt unter dem wuch
tigen Hiebe des Schergen .
Mit dem zum Himmel aufſprißenden Blutſtrahle entwich die
Wuth des Fürſten ; er fühlte Neue und hätte gerne das Leben
zurüdgerufen zu der ſchönen entſeelt daliegenden Hülle. Ohnmäch
tige Macht der Mächtigen ! zu zerſtören vermögen ſie das Saiten
ſpiel, aber auch nicht eine Saite neu aufzuſpannen .
Der Leichnam wurde dem Nâſi der Gemeinde , Raphael
Zarfati, zur Beſtattung übergeben . Auf Zuleika’s Grabe errichtete
man ein Monument und wird dasſelbe noch heutigen Tags von
Juden und. Muſelmännern als eine heilige Stätte verehrt. Als
heiliger Eid gilt noch jetzt der Schwur bei Zuleika's Angedenken .
Der Prinz ſeşte den Eltern feines Opfers einen Fahrgehalt
aus. Zwei der Schweſtern verfielen in Irrſinn über das Schickſal
Zuleika's . Ich habe im Jahre 1854 die Bekanntſchaft ihrer Fa
milie gemacht und Augenzeugen ihrer Hinrichtung geſprochen . Von
verſchiedenen afrikaniſchen Chachamim iſt Zuleika’s Heldenmuth und
Gottesfurcht in Gedichten behandelt worden ; von einigen , die mir
zu Geſichte kamen , habe ich Abſchriften genommen .
Tretet heran , Mütter und Töchter meines Volkes , an das
Grab Zuleika's ; Lernet die Größe kennen , die hier gelebt. Seht,
das that ein unwiſſendes , ungebildetes , würdet ihr ſagen , afrika
niſches Mädchen , das von allem Flitter und Tand der europäiſchen
Cultur Nichts wußte, das vielleicht nicht einmal ſchreiben konnte.
Db ihr eure Töchter ſo erzieht und kräftigt in dem göttlichen Geſeße,
Aus der Ausbadier Obronit. 51

daß ſie würdig , ſeien , Zuleika's Schweſtern zu heißen, ob im gebil


deten Europa viele Zuleika’ exiſtiren ? - ich weiß es nicht; *
fragt und antwortet euch ſelber .
So erzählt unſer Benjamin . „ Die Fromme - fo fchließt
das mauriſche Gedicht - ſprach das Schemá-Gebet und erhob ihre
Augen zu Gott dem Anbetungswürdigen . Der Todtſchläger , der
Ungläubige, Unſelige hieb auf ſie E
ein t
, 16und ihr Geiſt ſtieg empor
zu Füßen des Thrones der Herrlichkeit."

Aus der Ansbacher Chronik.*)


1597 am 3. und 9 . Juli wurde durch zwei Ansbacher Uus
ſchreiben den Juden wegen ihres täglichen Verkehrs mit den Chriſten
anbefohlen , auch mit ihnen in die chriſtlichen Kirchen zu gehen
und darin Gott um rechte Erkenntniß ſeines Weſens und Willens
anzurufen und ihn zu bitten , daß er ſie durch Erleuchtung des
hl. Geiſtes zu wahrer Buße und Bekehrung aus dem finſtern Juden
thume in das rechte Licht des Chriſtenthums bringen wolle. Eine
tiefere Erkenntniß der chriſtlichen Miſſionspflicht hatte die damalige
Zeit noch nicht. Man zwang die Juden in die Kirchen, aber dieſer
Zwang hatte weder äußere noch innere Erfolge. Wo der Geiſt des
Herrn iſt, da iſt Freiheit. Die Kirche, welche deſſen nicht eingedent
iſt, entehrt ſich ſelbſt und entfremdet ſich die Menſchen ſtatt ſie zu
gewinnen .
1643 finden ſich die erſten Spuren von anſäſſigen Juden in
Ansbach , worüber ſich Bürgermeiſter und Rath vergebens beſchweren .
Vergebens, denn der markgräfliche Hof bedurfte der Juden und die
Juden ließen ſich durch die Ausſichten auf Gewinn und Wohlleben
in die Reſidenz loden , gegen die in den Schriften ihrer Weiſen ent
haltenen Warnungen vor Verflechtungmit den Machthabern (reschấth)
und zu ihrem inneren , theilweiſe aud äußeren Verderben .
*) Quelle : K . H . Ritters von Lang Geſchichte des vorlegten Markgrafent
1848 neben Dertels Kleiner Chronik der Stadt Ansbach 1837.
Aus der Ansbacher Chronit.

1712 am 2 . Nov. wurde der Schwabacher Rabbiner Hirſch


Frånkel „wegen zauberiſcher und läſterlicher Bücher an einem
Pfahl auf dem Markt in Ansbach vom Henkersknecht mit neun
Ruthenſtreichen geſtäupt, dann ſammt dem Pfahl auf den Schinder
karren geworfen ,“ und lebenslänglich erſt auf die Veſte Wilzburg ,
dann am 19. April 1713 in das Gefängniß von Schwabach ge
bracht. Er war ein Rabbaliſt und die Geheimlehre , durch deren
gründliche Renntniß Chriſtian Knorr von Roſenroth (+ 1689), Ver
faſſer des ſchönen Liedes „ Morgenglanz der Ewigkeit“ , und neuer
dingø Jof. Franz Molitor († 1860) fich berühmt gemacht haben ,
überlieferten ihn durch nichtswürdige Denuncianten und fanatiſche
Kleriker der Nacht und den Qualen lebenslänglichen Kerkers.
Auch ſein Bruder Elkana Fränkel wurde nach Wilzburg ,
dieſer Ansbacher Baſtille, gebracht. Bei ſeiner Fahrt durch Weiſſen
burg blies der Thürmer das Bußlied : „ Ach Gott und Herr , Wie
groß und ſchwer Sind meine vielen Sünden !“ Das einfältige Volk
hielt damals den Juden ſchon als ſolchen für einen Verbrecher und
der beſchränkte Unterthanenverſtand ſchloß von ſchwerer Strafe ohne
weiteres auf ſchwere Verſchuldung. Im J . 1720 ſtarb dieſer Fränkel
in Wilzburg .
1737 erſchien für das Volk des Geſeßes von Sinai, wonach
für den Israeliten und Fremdling Ein Gefeß beſteht, eine beſon
dere Judenordnung: „ Ordnung und Privilegien einer geſammten
Schußjudenſchaft im Markgrafthum Onolzbach .“
1740 im Sept. wurden wegen angeblichen Betrugs mit Ju
welen und unterſchlagenen Schatullgeldern der Markgräfliche Reſi
dent Iſaak Nathan aus ſeinem Hauſe zu Ansbach in die Frohn
feſte geſchleppt und ſein Haus und Grundbeſitz eingezogen , und der
mit ihm verwickelte Jude Sicherlein auf die Veſte Wilzburg gebracht
und dortdem Scharfrichter zur Hinrichtung übergeben . Sjaak Nathan
aus Weißenbronn hatte ſich beim Markgrafen ſo in Gunſt zu ſeßen
gewußt, daß er wie ſeine rechte Hand war und alle Beamten an
Macht und Anſehen überbot. Aber ſchon im J. 1739 ſuchte ihn
der jüdiſche Landſchreiber Abraham Wolf in Gunzenhauſen aus
Hinrichtung Iſcherleins. 53
dieſer Stellung zu verdrängen , indem er dem Markgrafen allerlei
ſeinen Günſtling ſchwer gravirende Thatſachen entdeckte , jedoch mit
ſo wenig Erfolg, daß noch bald darauf, als der „ Reſident“ einen
Sohn verheirathete, die Trauung nach jüdiſchem Ritus und zugleich
mit fürſtlichem Gepränge im markgräflichen Schloſſe gefeiert ward .
Um dieſelbe Zeit aber hatte der aus Amſterdam nach Gunzenhauſen
gezogene Iſcherlein vom Markgrafen den Auftrag erhalten , den
für den König von England beſtimmten rothen Adlerorden mit
Brillanten beſeßen zu laſſen . Selbſt Beſißer koſtbarer Juwelen ,
gegen deren Verpfändung die Ansbacher Landſchaftskaſſe früher
35,000 fl. ausgezahlt hatte, die ſie ſich zu 6 Procent verzinſen ließ .
vollzog er den Auftrag bald und berechnete dafür 40,000 fl., die
er auch empfing. Aber aus London kam kein Wort des Dankes
für die koſtbare Dekoration , und der Markgraf erhielt endlich die
Nachricht , daß der König ihn nicht habe beſchämen wollen , aber
auch nicht wohl habe danken können , da die angeblichen Brillanten
lauter böhmiſche Steine geweſen . Der Markgraf Karl Friedrich
Wilhelm , als „ Hißkolerer“ bekannt, gerieth vor Wuth außer ſich .
Rab Iſcherlein hatte ſich in das tiefſte Verſteck geflüchtet, wurde aber
bald hervorgezogen , nach Wilzburg geſchleppt und dort nach kurzem
Verhör in den großen Saal gebracht, um da enthauptet zu werden .
Der Scharfrichter band ihn an einen Stuhl feſt. Als er aber eben
das Schwert ſchwingen wollte, raffte der Delinquent ſich fammt dem
angebundenen Stuhl empor, lief wie ein gehektes Wild, vom Scharf
richter verfolgt, um die lange Tafel herum und ſchrie, ihm um Gottes
willen nur eine Minute Gehör beim Markgrafen zu gewähren .
Vielleicht war er unſchuldig , vielleicht hatte der „ Reſident“ die in
Rußland ſo übliche Verwechſelung vorgenommen , vielleicht auch -
Doch es half nichts , der Scharfrichter vollbrachte dieſen Juſtizmord
endlich, indem er , mit dem Schwert über die Tafel hinüberhauend,
dem unter Hülfgeſchrei Fliehenden den Todesſtreich beibrachte. Nach
dem dieſes Opfer gefallen , zogen ſich auch über Jjaať Nathan
Wolken ſchwerſten Verdachts zuſammen und der im Markgrafthum
allmächtige Mann endete in der Frohnveſte und bereicherte mit ſeinen
54 Uus der Ansbacher Chronif.

aufgeſpeicherten Schäßen die Säle des markgräflichen Schlofjes -


ernſt warnende Beiſpiele des Ausganges, den Habgier und Ehrſucht
und Buhlen um fürſtliche Gunſt zu nehmen pflegen . Armuth -
ſagt der Talmud – ziemt Jsrael wie eine rothe Roſe einem
weißen Pferde.“
1744 beſchuldigte ein jüdiſcher Convertit, Alexander Neu
mann , ſeine Volksgenoſſen ärgerlicher Gebete mit beſonderem Hin
weis auf das Fluchgebet Alênu. Die Folge war , daß den Juden
eine Menge Bücher weggenommen wurden ; das war aber noch die
geringſte Strafe : ſie wurden außer den Inquiſitionskoſten zu einer
Geldbuße von 10 ,000 Reichsthalern und zu einem jährlichen ver
föhnenden Neujahrsgeſchenk von 1000 Reichsthalern verurtheilt -
dieſe reelle Begütigung brachte ihnen aber auch in demſelben I . 1744
die Erlaubniß zur Herſtellung einer neuen geräumigen Synagoge.
Auch ſtellte ſich bald wieder ein neuer jüdiſcher Günſtling beim
Markgrafen ein , der Kammer-Faktor und Hofpferde-LieferantMoſes
uhlmann. Der Miniſter des Markgrafen berichtete feinen Freun
den in einem vertraulichen Schreiben , daß beſagter Uhlmann „bei
Serenissimo fich in großer Gelittenheit und beſtändig um Dero
Perſon befinde und daher die ſchönſte Gelegenheit habe , allerlei
Insinuationes an den Mann zu bringen , von welchen doch hie
und da etwas hängen bleibe. Man möchte alſo den nicht unbedeu
tenden Mann verſtändiger Weiſe menagiren und ihm bei vorkom =
menden Fällen zu Gefallen ſtehen ." Der Miniſter bedeutete ſeine
Freunde namentlich , daß man bei dem ausgebrochenen Concurs eines
Cavaliers die Forderung des Juden jure separationis durchgehen
laſſen möge u . dgl. In welchen Abgrund von Gemeinheit blicken
wir da hinein ! Der Miniſter fürchtet den jüdiſchen Emporkömmling
und råth zu ſchmeichleriſcher Liebedienerei und rechtswidriger Partei
lichkeit. Der Markgraf iſt hier zum zweiten Male in den Händen
eines Juden , dem der chriſtliche Fürſt mehr Vertrauen ſchenkt als
ſeinen berufenen chriſtlichen Räthen . Und nachdem er die Juden
hat brandſchagen laſſen , wird er tolerant gegen fie : die reichen
Geldſpenden ſtimmen ihn um , den Anſtoß aber zur Brandſchakung
Kabe's Miſchna. Lied aus Turkeſtan . M 'Cauls Lieblingsvers. 55

hat ein Convertit gegeben , nicht ohne Grund, denn das (in unſerem
Jahrhundert immer mehr außer Brauch kommende) Alênu - Gebet
athmet wirklich Chriſtenhaß und Chriſtushaß, aber dieſer Haß wird
durch grauſame Strenge nur geſchürt — nur Liebe, welche Fluch mit
Segen erwiedert, vermag ihn zu dämpfen .
Daß im Verhältniſſe der Chriſten und Juden zu einander eine
beſſere Zeit im Anzuge ſei, davon war die im J . 1760 — 63 er
ſchienene Miſchna-Ueberſeßung des Ansbacher Stadtpfarrers Rabe
ein Vorzeichen . Seine begonnene Ueberſeßung der Gemara liegt
handſchriftlich in Berlin . Ein ebenſo großer Talmudkenner war
der 1714 als Diaconus in Fürth geſtorbene Adam Andr. Cnollen.
Die „ Unſchuldigen Nachrichten “ enthalten von ihm wunderſame
Proben rabbiniſch-talmudiſcher Gelehrſamkeit. Die Auffindung ſeiner
hinterlaſſenen Handſchriften z. B . de geometria talmudica und
de algebra Hebraeorum wäre ein Gewinn für die Wiſſenſchaft.

Ein jüdiſches Lied aus der Sandfteppe Turkeſtaus,


vom Miſſionar Wolf in Serekys vernommen .
Der König Meſſias wird kommen ,
Der Größeſten Größter iſt Er!
Der König Meſſias wird kommen ,
Der Süßeſten Süßeſter iſt Er !
Der König Meſſias wird kommen ,
Voll Huld und voll Gnade iſt Erl

Der Lieblings - Troftvers


des ſel. D . Alexander M ' Caul.
(+ 13. Nov . 1813.)
Du ew 'ger Fels , in dich verberg ich mich !
Mein armes Thun vor dir nicht rühmet ſich .
Wollt gleich mein Eifer nimmer Ruhe finden ,
Und meine Thräne ohne Ende rinnen –
Sie löſchen nicht der Sünden ſchwere Pein :
Du, Herr, mußt retten und nur du allein !
56

Zur Geſchichte unſerer Vereinsthätigkeit.


In der leßten Octoberwoche d . I. hat unſere Vereinsthätig
keit eine neue wichtige Wendung genommen . Der von uns allen
hochgeſchätzte Paſtor Saul aus Balyorn bei Naumburg in Kur
heſſen war auf den Wunſch der Dresdner Freunde nach Dresden
gekommen , und das Comité des ſächſiſchen Haupt-Miſſionsvereins,
Abtheilung für Judenmiſſion , faßte in einer Sitzung am 25. October
in Gegenwart des Paſtors Saul den Beſchluß , in ein enges blei
bendes Verhältniß zu dieſem zu treten.
Worin und wie dieſe Verbindung ſich bethätigen wird, werden
wir ſpäter eingehender mittleilen, aber ſchon jetzt wird es den Leſern
des im vorigen Hefte enthaltenen Aufſatzes „ Ein Beſuch in Balhorn
in Niederheſſen “ lieb ſein , zu vernehmen , daß der stud. theol. Eiſen
berg in Marburg , welcher ſich dem Dienſte unſerer Miſſion widmen
will, als künftiger Miſſionar, nicht allein dem Miſſionsverein in
Balhorn , ſondern zugleich dem ſächſiſchen und auch dem bayeriſchen
angehören wird .
Denn unſer bayeriſcher Verein wird zwar einerſeits die Ver
bindung mit Herrn Paſtor Becker inſofern aufredythalten , als er
ſich die Unterſtüßung deſſelben zu gewiſſen Miſſionsunternehmungen
vorbehält, deren Plan ihm vorgelegt worden iſt und ftine Billigung
erhalten hat, andererſeits aber iſt er in einer Sitzung am 9. Nov.
dem Dresdener Beſchluß beigetreten , ſo daß hinfort Dresden , Bal
horn und Nürnberg-Erlangen die drei eng verbundenen Leitungs
Orte eines gemeinſamen Werkes ſind , nämlich der deutſchen evan
geliſch -lutheriſchen Miſſion unter den Juden .
Ein in Breslau dem Rande des Verderbens entriſſener junger
Israelit hat in Balhorn Aufnahme gefunden . Seit kurzer Zeit
iſt auch eine Jsraelitin in Unterricht. Die Miſſionsdruckerei iſt
ihrem vollen Betriebe nahe. Miſſionszögling Bernhard wird
zunächſt als Colporteur wirken -- ein widytiger Zweig der Miſſions
wirkſamkeit, auf den wir in Bayern in Folge abſchlägigen Beſcheides
auf unſere an das Staatsminiſterium gerichteten Geſuche noch immer
· Zur Geſchichte unſerer Vereinsthätigkeit. 57

verzichten müſſen . Stud. theol. Eiſenberg wird in Marburg


ſeine theologiſchen Studien abſolviren und nach beſtandenem theo
logiſchen Candidaten -Eramen die Univerſität Erlangen beziehen , um
unter Leitung des Prof. Delißſch durch national - jüdiſche Studien
die letzte Ausbildung für ſeinen Beruf zu erhalten .
Zu den Vereinen in Norwegen und unter unferen deutſchen
Glaubensgenoſſen in Nußland verſehen wir uns bei dieſer neuen
Wendung unſerer Vereinsſache fortgeſeßter thätiger Theilnahme und
Handreichung. Möchte doch die Ausſicht unſerer Kirche, auch aus
der Mitte der jungen Dorpater Theologen einen Miſſionar zu ge
winnen , ſich verwirklichen ! Möchte unter Gottes fernerem Segen
auf dieſes vielverheißende Knospen eine fruchtreiche Erntezeit folgen !
Das Judenviertel (Ghetto) in kom .
Nach langer Zeit - ſchreibt ein in Rom lebender Deutſcher
beſuchte ich wieder das Ghetto : es bleibt eines der merkwürdigſten
Stücke Erde der ewigen Koma. Ueber fünfthalbtauſend Juden
Leben da auf einer Oberfläche, arm , verachtet, unterdrückt; in jeder
andern Stadtwohnt kaum ein Sechstel dieſer Bevölkerung auf einem
jo kleinen Raume zuſammengedrängt. Tritt man in eine Ghetto
ſtraße, zumal in die Fiumara, die der Tiber alljährlich bis zum
erſten Stockwerk der Häuſer unter Waſſer jeßt, fo finden wir Jsrael
vor ſeinen dunklen Hütten im Schweiße des Angeſichts in Mühſal
vergraben . Die Hauptbeſchäftigung iſt, zwiſchen Lappen und Lumpen
zu wühlen , ein paſſendes Stück zu irgendwelcher Flickerei zu ent
decken , denn ganz Nom läßt im Ghetto flicken was ein chriſtlicher
Schneider als zu gering von der Hand weiſt. Die Töchter Zions
arbeiten mit dem ago d 'oro (der goldenen Nadel), ſie ſind uner
reichbar im Nähen , Stopfen , Flicken , ſind wahre Arachnen , aber
der Lohn alles dieſes Fleißes iſt das tiefſte äußere und fittliche Elend.
Wenn dieſes Miniaturbild des römiſchen Ghetto dem lieben
Freunde zu Händen kommt, der dort ſo freundlich empfangen ward
und dem eine Greiſin ſagte, der Name Schaddai ſtehe ihm auf der
Stirn geſchrieben : ſo möge er ſich dadurch gemahnt fühlen , ſein uns
von Rom aus gegebenes Verſprechen bald zu erfüllen und den
Leſern unſerer „ Saat auf Hoffnung“ ſeine Ghetto-Beſuche zu er :
zählen .
Eine neue hebräiſche Ueberſeßung des Neuen Teftaments .
Aufruf von F. Delitſch *)
Schon im J. 1838 habe ich in einer „ Wiſſenſchaft, Kunſt,
Judentbum “ betitelten Schrift, deren leßter Aufſaß einen Ueberblick
über die Anfänge einer chriſtlichen Literatur in hebräiſcher Sprache gibt,
mich dahin ausgeſprochen, daß die von der Londoner Miſſionsgeſell
Ichaft veranſtalteteHebräiſche Ueberſegung des Neuen Teſtaments dem
Miſſionszwecke,dem ſie dienen ſoll,nurunvollkommen entſpreche. Schon
ihr Geſammttitel, noch mehr die Titel der einzelnen Bücher trugen ,
wie ſie mir damals in den Ausgaben von 1817 und 1835 vorlagen ,
Incorrektheiten zur Schau . Auf Schritt und Tritt begegnete män
in ihr argen Verſtößen gegen Grammatik und Sprachgebrauch.
Selbſt in den Evangelien , welche im Vergleich mit den Briefen
leichter zu überſeben ſind, blieb ſie weit hinter der Aufgabe zurück,
die ſich der Ueberſeker des Neuen Teſtaments zu ſtellen hat, der
Aufgabe nämlich, Treue, Sprachrichtigkeit und Geſchmack zu ver
binden , um das Neue Teſtament für den Israeliten zu einer nicht
nur verſtändlichen , ſondern auch einladenden Rectüre zu machen .
Deshalb ging ich ſchon damals mit dem Plane um , ſelbſt Hand
an 's Werk zu legen, um wo möglich etwas Gediegeneres zu leiſten .
In der Ueberſegung des apoſtoliſchen Hymnus auf die Liebe
1. Kor. 13 legte ich eine Probe vor. „ Ich habe — ſage ich dort
S . 309 – dieſen Auffäßen die Probe einer neuen nicht blos dem
Namen , ſondern dem Geiſte nach Hebräiſchen Ueberſeßung beigefügt.

*) Die der Miſſion unter Jørael und verwandten Zwecken gewidmeten Blätter
werden um gefällige Aufnahme dieſes Aufrufs gebeten ,
60 Aufruf, betr. eine neue hebr. Ueberſ. des N . Teſtaments.

Möchten Freunde Fsraels hülfreiche Hände zur Vollendung der


ſelben bieten !"
Es ſind nun nahezu drei Jahrzehnte verfloſſen , und während
dieſer langen Zeit hat die Londoner Miſſionsgeſellſchaft kein Opfer
geſcheut, um ihre hebräiſche Ueberſeßung des Neuen Teſtaments zu
vervollkommnen . Es ſind nicht allein Orientaliſten von Fach, welche
aber , obgleich der altteſtamentlichen Sprache kundig , doch nichts
weniger als hebräiſche Styliſten waren , mit der Neviſion betraut
worden , ſondern es hat auch der im Miſſionsdienſte an Erfahrung
reidhje Prediger Reichardt Alles aufgeboten , um mit Hinzuziehung
gelehrter Proſelyten , unter denen D . Bieſenthal ſich durch mehrere
ſelbſtſtändige Schriften als ausgezeichneten hebräiſchen Styliſten
bewährt hat, die nun einmal recipirte Ueberſeßung der Volkommen
heit näher zu führen . Die Reichardts Namen tragende neue Aus
gabe iſt auch wirklich vielfach gelungener als die urſprüngliche, aber
die verfehlte Grundlage des Werkes blickt doch noch allenthalben
durch und alle dieſe Anſtrengungen verſtärken nur den an uns, die
Freunde Israels dieſſeit und jenſeit des Kanals , ergehenden Ruf,
ein Neues zu pflügen und nicht unter die Heden zu fäen.
Das Bewußtſein dieſer Miſſionspflicht wurde in mir leben
diger als je, als in dieſem Jahre die revidirte und hie und da von
neuem umgewandelte Ueberſeßung, zunächſt des Matthäus , mit
Accenten verſehen ausging. Wir laſſen hier unerörtert, ob dieſe
Accentuirung des neuteſtamentlichen Textes ein Unternehmen iſt,
welches irgend welchen Nußen verſpricht; auch verzichten wir darauf,
die Ausführung nach Maßgabe unſerer eigenen accentuologiſchen
Kenntniſſe der Kritik zu unterziehen – aber man accentuirt doch
nur einen ſolchen Tert, der fortan als ſchlechthin unwandelbar
zu gelten hat, wogegen dieſer immer noch an einer Menge ſtyliſti
ſcher Fehler leidende und ſogar hie und da fehlerhaft vocaliſirte
Tert ſo wenig Anſpruch auf Unwandelbarkeit hat, daß das Bedürfniß
einer radical neuen Ueberſeßung nicht dringender 'wach gerufen
werden konnte , als gerade durch dieſe Accentuirung, welche der
Ueberſeßung in ihrer nun ſchließlich verbeſſerten , aber immer noch
Aufruf, betr. eine neue Hebr. Ueberf. des N . Teſtaments . 61

ſo gebrechlichen Geſtalt den Stempel einer urkundlichen Unantaſt


barkeit aufdrüdt.
. Wir ſind weit entfernt, den großen Segen zu verkennen , den
die von der engliſchen Miſſions - und Bibelgeſellſchaft in edler Ge
meinſamkeit verbreitete Ueberſeßung geſtiftet hat, welche immer die
Ehre, Bahn gebrochen zu haben , und ihren hohen miſſionsgeſchicht
lichen Werth behaupten wird ; weit entfernt, die gewiſſenhafte Arbeit
, und die unermüdliche Opferwilligkeit, die an ihre mehrmalige Re
viſion gewendet worden ſind, zu mißachten ; weit entfernt auch , von
vornherein für das , was wir zu leiſten gedenken , größere Gediegen
heit als ausgemachte Thatſache in Anſpruch nehmen zu wollen .
Aber der Verſuch muß gemacht werden und drei verehrte Mit
glieder der Londoner Geſellſchaft, die Herren Prediger Reichardt
und Bellſon und Capitain Layard , mit denen ich mündlich zu
conferiren Gelegenheit hatte , haben in Anerkennung der heiligen
Sache, vor welcher alle perſönlichen Rückſichten zurücktreten müſſen ,
eventuell die Befürwortung des neuen Unternehmens , falls es ſich
rechtfertige , bei ihrem Comité verheißen .
Zunächſt ſollen die vier eigentlich judenchriſtlichen Bücher
des Neuen Teſtaments : das Matthäusevangelium , der Brief
Jacobi, der Brief an die Hebräer und die Apokalypſe in
Angriff genommen werden , wobei nicht wie bei der engliſchen Ueber
ſeßung der erasmiſche, in den Ausgaben von Stephanus nur wenig
gebeſſerte herkömmliche Text , ſondern der jeßt durch die älteſten
Zeugen , zu denen der Coder vom Sinai hinzugekommen , beglau
bigte authentiſche Tert der griechiſchen Urſchrift zu Grunde gelegt
werden wird. Das Werk iſt bereits im Gange und unſer bayeriſcher
Verein hat die erſte Gabe zu deſſen Unterſtüßung geſpendet. Wir
empfehlen es der Theilnahme der mit uns zur Evangeliſirung
Jsraels durch Wort und Schrift verbrüderten Vereine allerorten
und erbitten uns namentlich die Ermöglichung der Ausführung
durch zahlreiche Subſcriptionen auf das hebräiſche Mat
thäusevangelium und die hebräiſche Apokalypſe , die
wir ſchon im Herbſte 1865 erſcheinen zu laſſen gedenken ,
62 Aufruf, betr. eine neue hebr. Ueberſ. dem N . Teſtamento :

Es verſteht ſich von ſelbſt , daß ich als Leiter des Werkes,
und Mitüberſeßer keinerlei Entgelt in Anſpruch nehine, aber den
anderen Mitarbeitern muß durch würdige Honorirung die zur
Arbeit nöthige Muße geſchafft werden und der Subſcriptionen be:
darf es , damit das drudfertige Manuſcript in einer ſtarken Auflage
gedruckt ausgehen könne.
Damit, daß Matthäus ſein Evangelium für Hebräer hebräiſch
ſchrieb, hat nach alter Ueberlieferung das neuteſtamentliche Schrift
thum begonnen . Schon im Mittelalter und in der Reformationszeit
ſuchte man es durch Ueberſeßungsverſuche in dieſen ſeinen Anfang
zurückzuführen . Die durch den Miſſionseifer engliſcher Chriſten zu
Stande gekommene Ueberſeßung der geſammten neuteſtamentlichen
Schrift hat durch die großen Dienſte, welche ſie dem Miſſionswerke
geleiſtet hat, den thatſächlichen Beweis für die Wichtigkeit der Sache
geliefert. Suchen wir denn einen Schritt weiter in Löſung der
hohen Aufgabe zu thun, das Evangelium zu dem israelitiſchen Volke
in der heiligen Sprache ſeiner Väter reden zu laſſen !
Die Gnade des Herrn walte über unſerer Arbeit ! Ohne Ihn
können wir nichts thun . Das Gelingen iſt durch ſeinen Segen
bedingt. Fleht dieſen , ihr lieben Brüder nah und fern, in brünſtigem
Gebet darauf hernieder !
Eingegangen
bei der Redaction für die Miſſion unter Jsrael: 4 fl. 38 kr. aus Oſtheim
als Ertrag der Collekte einer Miſſionsſtunde durch Hrn. Pfarrvicar Johannes
Wucherer. 3 ff. von Frau Gäble in Berg bei Memmingen durch Fel.
Luiſe von Unold. 8 fl. 45 (nach Portoabzug 24 ) kr. von Hrn. Diakonus
D . Blodmann in Falkenſtein aus der dortigen Gemeinde-Miſſionscaſſe.
19 fl. 15 kr. von Hrn . D . Graul in Erlangen . 1000 Mc. Bo. in einem
Wechſel der Norske Creditbank von den norwegiſchen Miſſionsfreunden durch
Profeſſor Caſpari in Chriſtiania (unterm 7 . Dec. an die Dresdener Mif
ſionscaſſe abgeſchickt).
In ha lt
des dritten Hefts des zweiten Jahrgangs.
Seite
Dennoch . Gedicht von Jul. Sturm . . . . . . . . . . . . 3
Die Wiederaufrichtung des Reiches Israel. Von A . Deđer . . . 4
Der Gewinn der Theilnahme an der Judenmiſſion für die Chriſten ſelber.
" Von W . Preſfel . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Macht des 53. Capitels Jeſaia. Von C . Beder . . . . . . .
Siegmund Herrmann Deutſch, ein Nachruf. Von Sam . Deutſch und F. D. 33
Reformbewegung unter den Juden Aleppo's. Von Fr. v. Tippelskirch .
D . Karl Graul, ein Nachruf. Von F. D . . . . . . . . . . .
Ein Zeugniß aus Schweden . Von G . Plitt . . . . . . . .
Erfreuliches aus Norwegen . . . . . . . . .
Eine jüdiſche Märtyrerin im Reiche Marocco . . . . .
Aus der Ansbacher Chronik. Von F. D . . . . . . . . .
Ein jüdiſches Lied aus Turkeſtan · · · · · · · · · · · · ·
D . Aler. M 'Cauls Lieblingsvers . . . . . . . . . . . .
Zur Geſchichte unſerer Vereinsthätigkeit . . . . . . . . . .
Das Ghetto in Rom . . . . . . . . . . . . . . . .
Eine neue hebräiſche Ueberſeßung des Neuen Teſtaments. Von F. D . .
Quittung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Saat auf Hoffnung.

Zeitſchrift
für die Miſſion der Kirche an Israel,
in vierteljährlichen Heften herausgegeben

von

Profeſſor Delißſch und Paſtor Becker.


Zweiter Jahrgang, biertes Heft.
(Oſtern 1865. )

Organ der evangeliſch - lutheriſchen Miſſionsvereine für Bsrael


in Sachſen und Bayern.

In Commiſſion von Juſtus Naumann 's Buchhandlung


in Leipzig und Dresden .
Druď der Univerſitäts-Buchdrucerei von E Th. Jacob in Erlangen .
Deſaianiſche Hoffnung.
Yes. 35 .

Ein Tag wird kommen , wo zur luft'gen An


Die Wüſte wird durch meiner Gnade Thau ,
Wo auf den Fluren iippig ſproßt das Grün , i
Die Palmen ranſchen und die Lilien blühn ,
Auf Inft'gen Höh’n ſich wiegt der goldne Strahl
Und Quellen plätſchern durch das kühle Thal.
Dann ſollen blinde Augen wieder ſeh 'n
Und taube Ohren wieder offen ftehn ;
Mit meiner Hülfe will ich Jacob nah'n
Und will ihm zeigen eine heilge Bahn ,
Die zum erſehnten Biel ihn führen wird
So ſider, daß ſich nie ſein Fuß verirrt.
Kein Löwe droht verſteckt im dichten Rohr
Und keine Schlange ziſcht am Weg empor;
Still nach dem kreuz blickt die erlöfte Schaar
Und Auer Augen leuchten ſonnig klar:
In Bion wandern ſie mit Iauchzen cin
Und ew 'ge Freude ſoll ihr Erbe ſein .
Julius Sturm .
Sabbathai Zebi und Jeſus ,
ein falſcher und der wahre Meſſias.
Von F. D .
Das rabbiniſche Judenthum iſt ſeiner herrſchenden Richtung
nach phariſäiſch . In allen Fragen , welche zwiſchen Sadducäern
und Phariſäern ſtreitig waren , ſteht der Talmud auf Seiten der
Leßteren , und obgleich er auch Carrikaturen des Phariſäismus ers
wähnt, wie z. B . „ den blutlaſſenden Phariſäer“ , welcher um feinen
verbotenen Blick zu thun , die Augen zukneift und mit dem Ropfe
wider die Wand rennt* ) : ſo iſt doch Parûsch , was einen Abges
ſonderten , nicht dem gemeinen Volt ſich Gleichſtellenden bedeutet,
ein Ehrenname; die Miſchna enthält in Form einer Geſeßbeſtim
mung den Saß , daß die Kleider eines Menſchen aus dem gemeinen
Volfe für Phariſäer ſo unrein ſind, wie etwas , worauf ein mit
Gonorrhöe Behafteter getreten iſt * * ), und wenn Job als ein
Frommer der zweiten Staffel bezeichnet werden ſoll , welcher die
Furcht vor Gott zum Beweggrund hatte , und Abraham als ein
Frommer der erſten Staffel , der ſich in Allem von Liebe zu Gott
Leiten ließ, ſo heißt jener ein Perûsch Jir'ah Phariſäer aus Furcht
und dieſer ein Perûsch Ababa Pharifäer aus Liebe ** * ). Das
Weſen des Phariſäismus aber beſteht in ſtrenger Beobachtung des
geoffenbarten Gefeßes mit Einſchluß des traditionellen, welches als
authentiſche Auslegung gleiches Anſehn mit jenem in Anſpruch
nimmt. Der Talmud iſt der Coder dieſes traditionellen Geſeßes.
Es iſt nun allerdings wahr, daß das geoffenbarte Geſeß viele
Fragen offen ließ , welche, wenn es in Praxis umgeſeßt werden
ſollte , eine gemeingültige Erledigung heiſchten , aber die jüdiſche

*) jer. Berachoth 13b und anderwärts , vergl. Lightfoots Horae zu


Matth. 3 , 7.
**) Chagiga II, 7.
***) 1. tei Lightfoot a . l D .
Das phariſäiſche Judenthum .
Schriftgelehrſamkeit gefällt ſich darin , dieſe Fragen mit dem haar
ſpaltendſten Scharfſinn ins Unendliche zu vermehren und den Ge
fekesbuchſtaben durch wahrhaft taſchenſpieleriſche Handhabung ge
wiſſer Auslegungsregeln in eine fabelhafte Menge von Kleinlich
keiten aufzulöſen . So wurde z. B . das Verbot des Arbeitens am
Sabbat ſo weit ausgedehnt, daß von den größten Schriftgelehrten
durch fünf Generationen hindurch bis etwa 50 Jahre v . Chr . da
rüber geſtritten wurde, ob der, welcher an einem Feſttage ein Opfer
bringt, an dieſem Feſttage die Handauflegung vollziehen dürfe , in
dem dieſe (die ſog. Semîchah) als ſymboliſche Aneignung des
Opfers in einem Aufſtemmen der Hände beſteht, ſomit einige An
ſtrengung erfordert und alſo unter den Geſichtspunkt der Arbeit
zu fallen ſcheint. * ). Eine Durchbrechung der Sabbatgeſeße galt als
geſtattet nur in dem erwieſenen Nothfall drohender Lebensgefahr, ſo
daß man alſo dem Abbrennen eines Hauſes , ja einer ganzen Stadt
ruhig zuſehen muß, wenn kein Menſchenleben dabei in Gefahr iſt ** ).
Aus demſelben Grunde iſt dem Blutenden die Hemmung ſeines
eigenen Blutes verboten , es ſei denn, daß er Verblutung zu fürchten
habe. Auch das Arzneinehmen des Kranken ſoll am Sabbat feiern ,
und es wurde ſogar die Frage aufgeworfen , ob einer der am Sab
bat Zahnſchmerzen hat, ſich zur Linderung derſelben den Mund
ausſpülen dürfe. Man bejahte dieſe Frage, aber mit der beigefüg:
ten ekelhaften Bedingung , daß er das Waſſer , womit er ſich aus
ſpült, hinunterſchlucken müſſe ** *). Und warum das ? Deshalb
weil er , wenn das Ausſpülen ſchlechthin erlaubt wäre , dadurch
verleitet werden könnte, ſich auch irgend welches andereMittel gegen
den Zahnſchmerz zuzubereiten und ſo gröblich den Sabbat zu
brechen . Ein anderes Beiſpiel : das ſinaitiſche Geſetz enthält
Er. 23 , 19 das zartſinnige Verbot, das Böglein nicht in der Milch
ſeiner Mutter zu kochen . Der Talmud dehnt dieſes Verbot wider

.) Chagiga II, 2.
* ) Maimoni, Hilchoth Schabbath XII, 3,
* ) ebenb. XXI. 24.
Sabbathai Zebi und Jeſus.

den Wortlaut bis dahin aus, daß überhaupt kein Fleiſch (ausges
nommen das von Fiſchen und Heuſchrecken ) in Milch gekocht und
überhaupt Milch und Fleiſch nicht zuſammengenoſſen werden ſoll ,
und von da aus war es ungefähr 50 v . Chr. eine brennende Frage,
ob man Geflügel und Käſe auf einen und denſelben Tiſch ſtellen
dürfe. Die Einen entſchieden : man darf beides zugleich auftragen ,
aber nicht zuſammen eſſen ; die Anderen verboten auch jenes , um
dieſes zu verhüten * ).
In ſolchen unfruchtbaren Discuſſionen war die jüdiſche Schrift
gelehrſamkeit aufgegangen , als das Chriſtenthum in die Welt ein
trat und die tauſendfache Verpalliſadirung des göttlichen Geſetzes
mit theilweiſe berechtigten , großentheils aber walınwißigen Menſchen
ſaßungen niederriß , nicht um den Geſetzesbuchſtaben zur Geltung
zu bringen , ſondern um dieſen auf ſeinen Geiſt zurückzuführen und
ſo das ſchon von dem altteſtamentlichen Prophetenthum begonnene
Werk zu vollenden . Jeſus erfüllte das göttliche Geſetz , aber ohne
„die Auffäße der Aelteſten “ zu reſpectiren , über welche Er und ſeine
Jünger ſich gefliſſentlich hinwegſeşten (Marc. 7 , 2 . 3 u. ö.). Nir
gends befaßt er ſich mit ſpitzfindigen Geſetzesfragen , nirgends wagen
fich ſolche an ihn heran , alle ſeine Gedanken und Worte bewegen
ſich um die großen Grundfragen , welche das Heil des Menſchen
in Gegenwart und Zukunft betreffen . Sdion deshalb war er eine
abſolut neue Erſcheinung , welche die Phariſäer abſtoßen mußte,
weil dieſe das als Nebenſache behandelten , was er zur Hauptſache
macht. Und er that dies in der Machtvollkommenheit des Meſſias
Gottes . Hätte das damalige Judenthum nur einen Bruchtheil des
Forſchungstriebes , den es an die nichtswürdigſte Kleinigkeits
krämerei einer ſcrupulöſen Werkheiligkeit vergeudete, dem propheti
ſchen Worte zugewendet: ſo würde es Ihm , der ſich aus dieſem
Worte legitimirte , urtheilsfähiger , freier, empfänglicher gegenüber
geſtanden haben . Aber die ganze damalige Theologie , wenn über
haupt die damalige Schriftgelehrſamkeit dieſen Namen verdient,
*) Chullin , VIII. 1. Edujoth V, 2.
Die phariſäiſche Meſſias- Hoffnung.

beſtand faſt nur in einer Anatomie der todten Werke , und wenn
die Meſſiashoffnung dabei nicht ganz und gar zu Grabe ging, ſo
war dies nicht die Folge beilsverlänglichen Schriftſtudiums (aus
genommen die um Jejum ſich ſchaarende kleine Heerde) , ſondern
die Folge des auch dieſen Kleinigkeitshaſchern und Sylbenſtechern
fühlbaren Druckes des eiſernen römiſchen Arms und der Launen
haften Vafallenherrſchaft der Herodier. Ein Meſſias , der dieſe
edomitiſchen Sklavenketten zerbrochen hätte , wäre der Zeit gefu
genehm geweſen , aber einem Meſſias, wie Er, der auf Grund des
entſchränkten Geiſtes des Gefeßes ein neues geiſtliches Reich der
Gottesgemeinſchaft, der Freiheit und der Liebe gründen wollte --
einem ſolchen ſtand kein anderer Weg bevor , als der von
Jeſaia c. 53 verzeichnete Leidens- und Todesweg des Knechtes
Jehova's.
Nachdem das jüdiſche Volk ſeinen wahren Meffias, der Welt
Heiland, verworfen , iſt es nicht allein unter der Knechtſchaft des
Weltreichs verblieben , ſondern auch in eine immer dumpfere Kinecht
ſchaft des Phariſäismus gerathen , ſo daß der Einzelne ſeine Selig
feit dadurch bedingt, daß er z . B . einen Bettler am Sabbat fein
Stück Brot auf die Straße hinauslangt, weil dies eine der Sabbat
ruhe widerſtreitende Bewegung wäre , und kein Fleiſch mit Butter
ißt, weil dies angeblich gegen das Verbot iſt, das Bödlein in der
Milch ſeiner Mutter zu kochen . Im 2 . Jahrh . erſtand dann ein
Meſſias, welcher die Römerherrſchaft zu brechen verhieß , ohne die
Phariſäerherrſchaft anzutaſten. Es iſt jener Simeon, mit dem
Beinamen Bar- Coch ba , welchem die Weltgeſchichte pas lob eines
fühnen Helten nicht verſagen kann , während die Heilsgeſchichte ihn
als einen unſelig Verblendeten anſehen muß , welcher den Fludi
der Verwerfung des wahren Meſſias , der auf ſeinem Volke laſtete,
init dem Schwerte des Aufruhrs durch hauen wollte. Selbſt Rabbi
Akiba , der berühmte Gefeßeslehrer , deſſen Scharfſinn die ſchwie
rigſten Gefeßesfragen entſchied , war ſo kurzſichtig , für dieſen Bars
Cochba zu ſchwärmen und Land und Meer zu durchreiſen , um für
dieſen Meſſias zu werben , der nichts als ſeinen Römerhaß und
Sabbathai Zebi und Jeſus.
ſeine ſtarke Fauſt zum Ausweis ſeiner meſſianiſchen Sendung hatte.
Der Fall Béthars im Jahre 135 , dieſes ſchauerliche Nachſpiel des
Falles Jeruſalems, machte die von vornherein nichtige meſſianiſche
Hoffnung nur zu bald zunichte , und an das Blutbad von Béthar,
von welchem der Talmud hyperboliſch ſagt, daß die Pferde bis an
die Naſe im Blut gewatet hätten , ſchloß ſich jene hadrianiſche Ver
folgung, welche jede Ausübung jüdiſcher Religionspflichten mit dem
Tode bedrohte ; viele retteten ihr Leben durch Schlauheit und Ver
läugnung , die Edleren aber brachten es willig zum Opfer , unter
ihnen der greiſe Rabbi Akiba, dem die Haut mit eiſernen Kämmen
vom Leibe geſchunden ward. Welche Kluft Chriſtenthum und Ju
denthum trennt, zeigt ſich z. B . daran, daß dieſer Akiba , den die
Synagoge wie einen zweiten Moſe verehrt, ſich im Gefängniſſe
das dargereichte Trinkwaſſer verſagte, um das Gebot der Hände
waſchung zu erfüllen , während Jeſus mit ſeinen Jüngern dieſem
Gebot in Wort und That die Verbindlichkeit abſprach. In dieſer
Zeit der Hadrianiſchen Verfolgung lebte auch Simeon Bar - Jo
chai, welcher ſich 13 Jahre lang in einer Höhle verborgen gehal
ten haben ſoll. Die Sage macht ihn zum Wunderthäter und zum
Vater der in dem Buche Sohar in der Form eines Commentars
zum Pentateuch codificirten Kabbala oder überlieferungsmäßigen
Geheimlehre. Er iſt keinesfalls Verfaſſer dieſes erſt im Mittel
alter aufgetauchten Buches und auch nicht der erſte Repräſentant
dieſer jüdiſchen Gnoſis , welche ſchon in den apoſtoliſchen Briefen
als eine neben dem phariſäiſch - geſeblichen Judenthum nebenher
gehende, in falſchen Tiefen und Höhen ſich bewegende Geiſtesrich
tung erſcheint. Ihr gehören die endloſen Geſchlechtsregiſter (yevea
loyiar inégavtot) an , vor welchen Paulus 1. Tim . 1, 4 warnt:
es iſt die genealogiſche Deduktion der göttlichen Sephiroth (Offen
barungsgeſtalten ) und der aus Gott ſtammenden , nach unten zu
immer mehr ſich verringernden Welten gemeint; eine ſolche tabel
lariſche Ueberſicht, die ich in Händen hatte, beſtand in einer Hand
ſchrift, welche, wenn man ſie entrolte , eine Länge von 22 bayeri
Das kabbaliſtiſche Judenthum .

ſchen Ellen hatte *). Der Geiſt des Chriſtenthums iſt dieſer ges
heimthueriſchen Gnoſis ebenſo fremd wie dem geſekesſtolzen Rabbi
nismus, und wir können die Bewunderung nicht theilen , welche in
älterer Zeit Johannes Picus von Mirandula und Chriſtian Knorr
von Roſenroth , in neuerer Zeit Joſeph Franz Molitor und Julius
Hamberger der jüdiſchen Kabbala wie einer Fundgrube der tief
ſinnigſten Erkenntniſſe geſpendet haben . Aber das iſt wahr, daß
ihre Denkarbeit ſich neben der der Geſebesgelehrſamkeit wie der
Flug eines Adlers nach der Sonne neben dem Wühlen eines Maul
wurf& im Schmuze der Erde ausnimmt. Hier iſt das Geſeß ſo
wenig mehr Selbſtzweck, daß die Miſchna einmal das Grab Moſe's
genannt wird , als ob damit geſagt ſein ſollte , daß ſie nur die
Leiche des Geſeßgebers in ſich beſchließt, während ſein Geiſt him
melweit darüber erhaben iſt. Hier findet ſich wirklich ein Streben
nach Löſung der großen Fragen , welche das ewig unabweisbare
Thema eines dem Menſchen angebornen Forſchungstriebes ſind; hier
ein berechtigtes Hinausſchreiten über den ſtarr monotheiſtiſchen
Gottesbegriff, welcher ſonſt die gemeinſame Löſung des Judenthums
und des Jslams iſt; hier ein vielfach reſpekteinflößendes Ringen
nach Mortification des Fleiſches , nach Verkehr mit Gott, nach einem
Leben und Weben im Ueberſinnlichen , welches wir ſonſt an jenem
Judenthum , dem ſchon die Scharfſinnsübung des Geſeßſtudiums
als gottesdienſtliche Leiſtung gilt , vermiſſen . Hiernach läßt ſich
leicht begreifen , weshalb die Kabbala mancherlei Berührungen mit
dem Chriſtenthum darbietet, und dieſe Berührungen ſind höher an
zuſchlagen , als manches chriſtlich Klingende in der indiſchen Ves
danta oder gar im Buddhismus, weil ſie überall , wenn auch nicht
mittelſt geſunder Auslegung , ſich aus der heil. Schrift begründen
und, was die Hauptſache , weil auch der Meſſias in der kabbaliſti
ichen Gedankenwelt eine wichtige integrirende Stellung einnimmt:
er erſcheint da nicht blos als Freiheitsheld , ſondern auch als Hei

*) Sie war vom J. 1575 datirt und gehörte der Bed'ſchen Buchhand
lung in Nördlingen .
10 Sabbathai Zebi und Jeſus.
land d . i. Erlöſer von Sünde, nicht blos als Menſch , ſondern
zugleich als Incarnation einer göttlichen Hypoſtaſe, nicht blos als
herrlicher König , ſondern auch als zum Beſten ſeines Volkes und
der Menſchheit büßender Dulder. Es läßt ſich ferner begreifen ,
daß Viele , welche in den Diſteln und Dornen der geſeßlichen Dias
lektik keine befriedigende Nahrung ihrer Seele fanden , ſich auf das
geiſtigere vielverheißende Studium der Kabbala warfen . Viele blie:
ben an der Schwelle ſtehen , gelangten nicht über verworrene Vor:
ſtellungen hinaus und gefielen ſich im Herſtammeln unverſtandener
Formeln . Andere aber beſaßen ausreichende Stärke des Geiſtes,
um ſich des Syſtems zu bemächtigen , und immer weiter gehend
und an der dem Menſchen dieſſeits gezogenen Schranke rüttelnd,
ſchritten ſie von der Theorie zur Praxis : ſie beſchworen Geiſter,
ſie verkehrten mit den Engeln und mit den Todten , ſie thaten
Wunder und fertigten wunderthätige Ramêen oder Amulete , d. h .
ſie verfielen dämoniſchem Truge. War nun in ſolchen von übers
ſchwenglichen Täuſchungen fortgeriſſenen Jüngern der Geheimlehre
die Sehnſucht nad Erlöſung Jsraels lebendig , welche das rabbi
niſche Judenthum als Gebetswunſch auszuſprechen ſich begnügt, ohne
ſich weiter damit zu befaſſen : ſo lag es ihnen nahe, alle kabbaliſti
ſchen Erkenntniß - und Wundermittel aufzubieten , um die Erlöſung
Jsraels herbeizuzwingen , und eß ſind nicht wenige dieſer Richtung,
welche zuleşzt bei dem Wahne angelangten , ſich ſelbſt für die be
rufenen Werkzeuge dieſer Erlöſung zu halten . Die Geſchidste dieſer
Verirrungen iſt grauenhaft. Es gibt kein Volk der Erde, bei wela
chem Alles , das Gute und das Böſe , ſo außerordentliche Erſchei
nungen aufweiſt, wie das Volk der Juden ; kein Volk, welches
wie dieſes , ſo weit es nicht unter der mäßigenden Zucht der Gnade
ſtand , jede Geiſtesrichtung , der es ſich einmal hingab , mit einer
vor nichts zurückſchreckenden Conſequenz bis ins Grenzenloſe ver
folgt hat. Die Dialektik des Nabbinismus ſpaltet Alles , was ihr
unter die Hände kommt, dergeſtalt in Átome, daß nur der geborne
Jude ihr gewachſen iſt , ſofern man ihn von Haus aus für dieſe
Art und Weiſe des Denkens erzogen hat. Es gibt chriſtliche Ge
Die kabbaliſtiſche Meſſias - Hoffnung.

lehrte, welche die Veda's, wie geborne Hindu 's, und die Zendbücher,
wie geborne Parſen verſtehen , aber es hat noch nie einen chriſtlichen
Gelehrten gegeben , welcher den Talmu dohne jüdiſche Beihülfe ſelbſt=
ſtändig zu leſen verſtanden hätte. Und ebenſo iſt es mit den kolof
ſalen Werken der Kabbala , wo die Intuition an die Stelle der
Dialektik getreten iſt und Genealogien des Göttlichen und Ross
miſchen umſpannt, welche, wie beiſpielsweiſe jene ſchon erwähnte
Handſchrift zeigt, 22 Ellen lang ſind. Wenn nun zu dieſer Inten
ſität des Denkens eine gleiche Intenſität der Empfindung und -
was bei dem jüdiſchen Naturcharakter nahe genug liegt - des per
ſönlichen Selbſtbewußtſeins hinzutritt: ſo kann man ſich nicht wun
dern , wenn in einem ſolchen Kabbaliſten ſich zuletzt der Wahn
entpuppt, daß er der Meſſias ſei, durch den Gott ſein Volk erlöſen
wolle - ein furchtbares Blendwerk des Satans, welcher hier dem
Volke , welches den Einen wahren Meſſias verworfen , einen falſchen
unterſchiebt, der ihm willig auf Wege folgt, auf die er vergeblich
den Einen wahren Meſſias Gottes zu verlocken verſucht hat.
Ein ſolcher falſcher Meſſias trat im 17. Jahrhundert auf
und brachte unter der Judenſchaft Aſiens und Europa's, zum Theil
auch Afrika’s , eine ungeheuere Bewegung hervor * ). Seine Geſchichte
iſt ein lehrreiches Seitenſtück zur Geſchichte Jeſu , indem wir daran
den ſchroffen Contraſt des menſchlich Gemachten und des von Gott
rathſchlußmäßig Gewirkten , den himmelweiten Abſtand eines Schein
heiligen , den der Ausgang entlarvte , und des Heiligen Gottes ,
deſſen opferwilliges Erliegen ſein glorreiches Siegen wurde , erken
nen , zugleich auch beiſpielsweiſe erſehen , um wie viel williger die
Menſchen ſind, der pomphaft auftretenden Lüge als der ihre Ueber
zeugungskraft in ſich ſelbſt tragenden prunkloſen keuſchen Wahrheit
zu glauben .
*) Wir entnehmen die folgende Skizze der Biographie des Rabbi Jo
nathan Eibenſchüt in der 4 . Sammlung der Sippurim (Erzählungen ) von
Paſcheles ( 1856), theilweiſe der Geſch. des Judenthums und ſeiner Secten von
Joſt. Abth . 3 ( 1859), indem es uns überall nur um ein umrißliches Bild
des unzweifelhaft Thatſächlichen zu thun iſt.
Sabbathai Zebi und Jeſus.
Im Jahre 1625 wurde dem aus Morea gebürtigen , zu Smyrna
anfangs als Federvieh -Krämer , nachher als Waarenmäkler bei den
Raufleuten der Levante lebenden Mordechai Zebî ein Sohn,
Namens Sabbathai, geboren. Die Natur hatte den Knaben
mit hohen körperlichen wie geiſtigen Vorzügen reichlich ausgeſtattet.
Als funfzehnjähriger Jüngling hatte Sabbathai bereits die rabbi
niſche Literatur durchgearbeitet ; dann gab er ſich ganz der Rabbala
hin und brachte es in kurzer Zeit darin ſo weit, daß die gelehr
teſten Männer Smyrna's darüber ſtaunten und ihm , dem erſt Acht
zehnjährigen , den Titel Chacham ertheilten. Er konnte nun als
Lehrer der Kabbala auftreten ; eine große Schüleranzahl, beſtehend
aus jungen und älteren Männern , fand ſich bei ihm ein , um gehüllt
in den Talith ( Gebetmantel) und bekleidet mit den Tephillin (heiligen
Denkriemen ), ſich unter ſeiner Leitung in die Geheimlehre zu vertiefen
Zwei- oder dreimal wöchentlich führte Sabbathai ſeine Schü
ler vor die Stadt an das Meeresufer, um dort zu baden , worauf
ſie den ganzen Tag faſteten . · Er ſelbſt nahm vom Ausgange eines
Sabbats bis zum Eingange des nächſten weder Speiſe noch Trank
zu ſich und ging oft um die Mitternachtsſtunde hinaus, um in den
Meereswellen ein kaltes Tauchbad zu nehmen . Troß all dieſer
Raſteiungen , denen er ſich unterzog , glänzte ſein Antliß wie das
eines Engels , ſo daß man ihn kaum anzublicken vermochte.
Im Jahre 1648 eröffnete Sabbathai - damals im 24.Lebens
jahre - ſeinen Schülern , daß er der verheißene Meſſias
fei und die Erlöſung Israels herbeiführen werde. Er
glaubte mittelſt der Rabbala eine Macht über alle Geiſter erlangt
zu haben und dieſe Macht nun zur Erlöſung Israels in Bewegung
ſeßen zu können. Fortan nannte er ſich ohne Recht einen Sohn
Davids , und nahm ſich heraus, den vierbuchſtäbigen Gottesnamen ,
ſo wie er geſchrieben , auszuſprechen . Das Rabbinatskollegium zu
Smyrna verwarnte ihn deshalb ; er aber erwiederte, daß er der
Meſſias ſei und ſich die Ausſprechung des Heiligen Namens erlau
ben dürfe. Die Rabbiner antworteten darauf mit dem Banne und
er mußte fliehen .
Des falſchen Meſſias pomphafter Anfang. 13
Wir treffen ihn in Jeruſalem wieder, wo er einzig und allein
ſeinen Studien lebte , ſo daß ſein Name auch in ganz Paläſtina
berühmt wurde. Nach mehrjährigem Aufenthalt aber fing er an,
ſich auch hier als Meſſias anzufündigen , indem er ſeine heilige
Miſſion durdy allerlei kabbaliſtiſche Beweisgründe zu erweiſen ſuchte ;
zugleich wollte er auch die wegen der Tempelzerſtörung eingeſeßten
Feſttage des 17. Thammus und 9. Ab abſchaffen . Ein anderer Kabba
liſt, Namens Nathan Benjamin , der ſich von Gaza aus zu ihm
geſellt hatte, übernahm die Rolle des Elias. Er ſtellte ſich als ob
er ihn bisher noch nicht geſehen , aber kraft göttlicher Inſpiration in
ihm den verheißenen Meſſias Sohn Davids erkenne. „ Sabbathai
Zebi — ſagte er in einer ſeiner Proclamationen – wird dem Sul
tan die Krone von ſeinem Haupte nehmen , um ſie ſich ſelbſt aufzu
jeßen , und dieſer wird ihn wie ein Sklave ſeinem Herrn folgen.“
Wir übergehen Sabbathai's Verheirathung mit einer dritten
gleich ihm überſpannten Gattin , nachdem er ſich von zwei andern
geſchieden hatte. Er war damals icon 13 Jahre lang in Jeruſalem .
Seine meſſianiſchen Kundgebungen waren nur noch temporär und ver
hältnißmäßig ſchüchtern . Fünf Jahre ſpäter aber erklärte er frank
und frei, er ſei berufen Israel zu erlöſen . Vier und zwanzig Rab
biner ſchleuderten gegen ihn den Bannſtrahl und er mußte fliehen .
In Smyrna aber empfing man ihn mit königlichen Ehren . Das
Volk huldigte ihm . Der Jubel , daß der Meſſias erſchienen ſei,
erſcholl bis herüber nach Europa.
Die jüdiſche Gemeinde in Amſterdam erkundigte ſich bei Hans
delsfreunden in der Levante und erhielt die Antwort: 778 4578707
Er und kein anderer. Ein Börſenſenſal, der dieſe Antwort mit
Kopfſchütteln aufnahm , ward daheim vom Schlag getroffen . In
vielen Städten des osmaniſchen Reiches traten Propheten und Pro
phetinnen auf, ſelbſt Kinder geriethen in Verzücung und weiſſagten
die nahe Erlöſung durch Sabbathai Zebi, den verheißenen Meſſias
aus dem Hauſe Davids. Das Jahr 1666 galt, wie ſchon ältere
Kabbaliſten in Ausſicht geſtellt hatten , als das Jahr der Erlöſung.
Man gab Briefen das Datum : Im erſten Jahre der Negierung
Sabbathai Zebi und Jeſus.

unſeres Erlöſers. Sabbathai lebte in Smyrna in königlicher Pracht.


Er führte einen Scepter und durchzogNacht fürNacht unter Pſalmen :
geſang die Straßen Smyrna’s mit einem großen Gefolge. Sein Ange
ſicht - dies wird immer und immer wieder berichtet - ſtrahlte ſo, daß
jeder, der ihn anſehen wollte , ſich geblendet fühlte. Man kniete vor
ihm nieder und küßte ſeine Füße. Der Chorführer der Pſalmenfänger
ſchwenkte vor ihm her eine Fahne mit der Inſchrift: „ Die Rechte Jeho
va's iſt erhaben .“ Sein Bild ward überall mit Kronen geſchmückt. In
Smyrna und anderweit ſangman in den Synagogen täglich dreimal ihm
zu Ehren den 21. Pſalm . Deputationen aus den anſehnlichſten Juden
gemeinden Aſiens und Europas trafen ein, den Erlöſer aus dem Hauſe
Davids zu begrüßen . Nicht blos Benjamin Muſafia in Amſter
dam , der bekannte Herausgeber des Lerikons Aruch, ſelbſt Spinoza
blieb von dieſer Bewegung nicht unberührt. Der Schluß des 3. Cap.
ſeines Tractatus theologico - politicus iſt unter dem Eindrucke
dieſer Meſſias - Epidemie geſchrieben.
Da die Bewegung, welcher ein tief religiöſer Charakter nicht
abzuſprechen war, dieſen dadurch bewährte , daß ſie nirgends in
revolutionäre Selbſthülfe ausartete , jo dauerte es lange, bis die
türkiſche Regierung eingreifen zu müſſen meinte. Die Anhänger
Sabbathai’s drangen in ihn , dieſem Einſdyreiten zuvor zu kommen
und in Conſtantinopel vor den Augen des Sultans und alſo auf
einem Höhepunkt der Welt ſich als Meſſias zu erweiſen . Er trat
mit einem glänzenden Gefolge die Neije an , auf den Zauber ſeiner
Perſönlichkeit vertrauend, vielleicht wirklich mit der Zuverſicht, daß
Gott ſich zu ihm bekennen werde.
Der Sultan Muhammed IV. war damals in Adrianopel.
Auf den Bericht des Großveziers befahl er die Feſtnehmung Sab
bathai's. Die Janitjdjaren , die ihn ergreifen ſollten , kehrten zwei
mal unverrichteter Sadie zurück. Sabbathai begab ſich dann ſelbſt
zum Großvezier und der Eindruck, den er machte,muß wirklich ein
bezaubernder geweſen ſein , denn er wurde zwar in eines der Dar
banellenſchlöſſer zur Haft gebracht, aber in eine prädytige Wohnung
bei guter Pflege und freiem Verkehr mit Alen , die ihn ſpredjen
Des falſchen Meſſias ſchmähliches Ende. 15
wollten . Dies ſteigerte ſein Anſehen auf die Höchſte Höhe. Seine
Macht der Erde, ſagte man , kann dem Geſalbten Gottes etwas
anhaben . Sabbathai ſelbſt ſcheint ſeines Berufes gewiſſer geworden
zu ſein. Er erließ ein Sendſchreiben an die Judenſchaft der gans
zen Erde, ermahnte zur Buße als Vorbedingung der Erlöſung und
decretirte , daß die bisherigen Faſttage hinfort als Freudentage zu
begehen ſeien , beſonders der 9. Ab , der Tag der Zerſtörung des
Tempels , ſein Geburtstag. Aber ein Abgeſandter der polniſchen
Judenſchaft, Nehemia Cohen, zerriß das Truggewebe. Er nannte
Sabbathai offen einen Betrogenen und einen Betrüger. In Gefahr ,
von ihm und ſeinen Anhängern zu Boden geſchlagen zu werden ,
entſprang er und ſtellte ſich mit dem Kufe : „ Es iſt nur Ein Gott
und Muhammed iſt ſein Prophet“ unter den Schuß der draußen
ſtehenden türkiſchen Wache. Der Sultan ließ nun Sabbathai vor
ſich nach Adrianopel bringen . Und ſonderbarer Weiſe war er mit
ſeinem Urtheil über ihn nicht im Voraus fertig — faſt ſcheint er
gemeint zu haben , daß er doch vielleicht ein außerordentlicher Gott
geſandter ſei. Er ließ ihn an einen Pfahl binden und ſagte , daß
er drei vergiftete Pfeile nachihm abſchießen wolle. Wenn er unverlegt
bleibe, wolle er ſelber ihm als Gottgeſalbten die gebührende Ehre
erweiſen . Sabbathai ſprach weder türkiſch noch arabiſch . Der zwi
ſchen ihm und dem Sultan als Dolmetſcher fungirende Hakim Effendi
( erſte Leibarzt) gab ihm den Rath , einem neben ihn ſtehenden Trabanten
den Turban abzunehmen und ſich damit zu bedecken d. i. ſeinen Ent:
ſchluß zum Jslam überzutreten zu erkennen zu geben . Sabbathai
that es wirklich, und der vollkommen befriedigte Sultan beehrte ihn
mit dem Titel Effendi und ernannte ihn zu dem anſehnlichen Amte
eines RapidſchiBaſchi (Aufſeher über die Thorhüter ). So ſchmußig
endete dieſe hochtrabende, aber von Anfang an durchlogene Geſchichte.
Sabbathai wurde ein Moslem und ſein Verräther Nehemia wurde
ein Moslem .
Seit Bar -Cochba – ſagt ein jüdiſcher Biograph dieſes Sab :
bathai Zebi - war Niemand mit ſolchem Enthuſiasmus gefeiert
worden , und doch wie kleinlich und unbedeutend erſcheint er in Ver
16 Sabbathai Zebi und Jeſus.
gleich mit jenem , der auf das Feld der Ehre hinaustrat, um helden
müthig mit ſeinem Herzblut die Befreiung Israels zu erkämpfen !
Und wie kleinlich und unbedeutend – fügen wir hinzu – erſchei:
nen beide gegen Jeſus Chriſtus, welcher , als er auftrat, vor allem
(um menſchlich zu reden ) nicht rabbiniſcheSpißfindigkeiten und kabba
liſtiſche Phantasmagorien , ſondern gemeinverſtändliche neue und
neuſchöpferiſche Ideen in Umlauf ſeşte und ſeinem Berufe zu liebe
aller Bequemlichkeit und Freude des irdiſchen Lebens entſagte , und
vor Pontius Pilatus ein gutes Bekenntniß ablegte ; und dieſes
Bekenntniß nicht ſiegestrunken auf dem Schlachtfelde , ſondern ſter:
benswillig auf der Schlachtbank der Kreuzes beſiegelte ! Er war
Davidide , während Bar: Cochba davidiſchen Adel nur für ſich in
Anſpruch nahm und Sabbathai ihn ſich und Andern nur vorſpiegelte ;
es iſt gegen Jeſu davidiſche Abkunft bei ſeinen Lebzeiten nie ein
Widerſpruch laut geworden , aber obwohl Davidide , griff er nicht
nach der Königskrone, er ging königlichen Ehren gefliſſentlich aus
dem Wege und begnügte ſich mit der Knechtsgeſtalt eines Propheten
aus Galiläa. Und während die Sabbathianer ihrem Meſſias gött
liche Attribute beilegen und, auch nachdem er als Moslem jämmer:
lich geendet hat, ſeine Wiederkunft hoffen und ſo unwillkürlich
bezeugen , daß der wahre Meſſias ein Menſch mit götllichem Hinter
grunde ſein müſſe und nicht ſterben könne, ohne wieder zu erſtehen ,
iſt unſer Jeſus ſeinem Selbſtzeugniſſe nach, deſſen Wahrheit durch die
Wahrhaftigkeit ſeiner Perſon im Einklange mit der alteſtamentlichen
Prophetie verbürgt wird , ebenſo göttlichen als menſchlichen Weſens,
und die Auferſtehung des Gekreuzigten iſt nicht blos ein ſüßer
Traum der Seinen , ſondern eine durch geſchichtliche Zeugniſſe, die
ſich durch Machtſprüche des Unglaubens nicht entwerthen laſſen ,
vielſtimmig und mannigfaltig verbürgte Thatſache. Wer dieſer aller
realſten gottmenſchlichen Geſchichte, durdj welche die Weltgeſchichte
halbirt wird , den Glauben verſagt, der verfällt dem Aberglauben
an ſeines eignen Herzens Gebilde, und wer dieſes große der Menſcha
heit aufgegangene Licht nicht anbetend begrüßt, der iſt verurtheilt,
Irrlichtern nachzujagen und, wenn er ſich nicht bei Zeiten eines
Fürbitte für Jsrael und die Heiben . 17

Beſſeren beſinnt, in tiefem Schlamme zu verſinken . Ach daß das


jüdiſche Volk aller trügeriſchen Hoffnung bald entſagte und bald
das Bußbekenntniß ob ſeiner Verwerfung des Knechtes Jehova's
anſtimmte , welches ihnen Jeſaia c. 53 weiſſagend in den Mund
legt! O du Gott aller Gnade, der du lieber ſegneſt als richteſt,
thue hinweg von deinem armen verblendeten Volke den Bann der
Verſtockung, unter dem die Maſſe desſelben nun ſchon faſt zwei
Jahrtauſende lang dahingeht; thue hinweg die Decke Moſe's , welche
über dem Alten Teſtamente liegt, wenn ſie es leſen ; thue hinweg
alle die Hinderniſſe , welche die Chriſtenheit ſelbſt ſeiner Bekehrung
in den Weg legt ! Entſchleiere dich ihnen , Herr Jeſu, der du unſer
Immanuel , der du Wunderbar , Kath , ſtarker Gott, Ewig- Vater,
Friedefürſt , der du Jehova unſerer Gerechtigkeit heißeſt und biſt,
und gieb dich ihnen zu erkennen , wie Joſeph ſeinen Brüdern ! Und
du, o heiliger Geiſt, du Geiſt der Wahrheit und der Liebe und des
Friedens , ſtürze in aller Welt die Gößen , welche der Geiſt der
Lüge an dieStelle des lebendigen Gottes geſeßt hat, und verſchaffe
unſeren Boten eine offene Thür unter den Heiden ! Ja du dreimal
heiliger Gott, laß es bald offenbar werden, daß du Alles beſchloſſen
haſt unter den Unglauben , auf daß du dich aller erbarmeſt ! Laß
bald die verheißene Zeit kommen , wo die Fülle der Heiden in dein
Reich eingeht und ganz Israel ihr nachfolgt! laß die Geſchichte
der Menſchheit bald anlanden an dem ſeligen Ziele , an welchem
die Geretteten aus allen Völkern und Zungen den Lobgeſang des
Apoſtels anſtimmen : 0 welch eine Tiefe des Reichthums beider
der Weisheit und Erkenntniß Gottes ! Wie gar unbegreiflich ſind
ſeine Gerichte und unerforſchlich deine Wege!
Eutweder – Oder
gegenüber der Perſon Jeſu .
Von . D.
Die neuteſtamentliche Geſchichte iſt ganz und gar Selbſtdar
ſtellung , Selbſtausſage , Selbſtbethätigung Jeſu Chriſti: Glaube
an Ihn und gläubige Anerkennung der Wahrheit der neuteſtament
lichen Geſchichte bedingen ſich alſo. In dem Maße als ein Menſch
Pertrauen gewinnt zur Perſon Jeſu Chriſti, beweiſt ſich ihm die
Wahrheit der neuteſtamentlichen Geſchichte .
Deshalb hat die Apologie der neuteftamentlichen Geſchichte zu
ihrem Schwerpunkt die Perſon Chriſti und ſeine Ausſagen über ſich
ſelbſt. Aber gerade hier ziehen uns die Gegner faſt allen feſten Boden ,
auf dem ſich verhandeln ließe, unter den Füßen weg. „ Die wahren
Worte Jeſu – bekennt zwar Renan - enthüllen fich , ſo zu ſagen ,
von ſelbſt : ſo bald man in dem Traditions - Chaos von ungleicher
Authenticität auf ſie ſtößt, fühltman ſie erklingen ." Aber es kommt
dabei auf die Stimmgabel an , welche man mitbringt : das Rechte
iſt unſern Gegnern überall nur das Menſchenmögliche in einzigar
tiger oder nicht einmal einzigartiger Potenzirung. Das vierte Evan
gelium wird deshalb von vorneherein bei Seite geſchoben . Renan
läßt wenigſtens den hiſtoriſchen Rahmen deſſelben einigermaßen
gelten , aber die Reden – darin iſt er mit den auch den Rah
men verwerfenden , conſequenteren Kritikern einig ſind nichts
als das Spiegelbild der metaphyſiſchen Ueberſchwenglichkeiten ſeines
Verfaſſers. „ Ein Menſch -- ſagt Strauß - er mag geweſen
ſein , wer er will, kann die Neden über ſich ſelbſt, wie ſie Jeſu im
vierten Evangelium , auch abgeſehen von den in ein vorzeitlides
Jenſeits hinüberragenden Spißen , in den Mund gelegt ſind , bei
geſundem Kopf und Herzen nicht geführt haben .“ Wir ſind alſo
unſeren Gegnern gegenüber aufdie ſynoptiſchen Evangelien beſchränkt.
Der Ton , den die ſynoptiſchen Reden Jeſu nach Strauß' Stimm
gabel geben , iſt eine „Heitere , mit Gott einige, alle Menſchen als
Brüder umfaſſende Gemüthsſtimmung.“ Alles Supranaturale iſt
Kenan, Pécaut, Colani. 19

hier gründlich ausgemerzt. Kenan aber, der doch nicht umhin kann,
auch in dieſen ſynoptiſchen Reden etwas Supranaturales erklingen
zu hören , entledigt ſich dieſes Eindrucks mit der Behauptung : „ Der
transſcendentale Idealismus Jeſu geſtattete ihm niemals , einen gang
klaren Begriff von ſeiner eigenen Perſönlichkeit zu haben .“ Þécaut
dagegen beſchwichtigt ſich damit, daß das Selbſtzeugniß Jeſu ein unend:
lich ſchwieriges Rapitel ſei von wegen der Dunkelheit und Lücken
haftigkeit unſrer Dokumente ; indeß will er nicht geradezu läugnen,
daß Jeſus vielleicht ſich in ein außerordentliches Verhältniß zu Gott
geſtellt habe, aber unter Einfluß des theoſophiſchen Myſticismus
Alexandriens , der Eſſäer und der Kabbala. Und während Renan
zugiebt , daß Jeſus fich Menſchenſohn nannte, aber hinzuſeßt , daß
er das Wort „ Sohn Gottes" nie von ſich gebraucht zu haben
ſcheine: giebt Colani, nun Profeſſor der chriſtlichen Dogmatik in
Straßburg, beides zu, aber ohne dadurch genirt zu ſein : Menſchen
john nennt er ſich comme un pauvre enfant d ’Adam et comme
l'objet de la prédilection divine und Gottesſohn au sens
mystique et chrétien. Wo aber einer ſeiner Ausſprüche über dies
ſen Horizont hinausgeht, hat Colani die Phraſe : wenn er authen
tiſch iſt oder die keckere : er iſt nicht authentiſch in Bereitſchaft.
Summa Summarum : dieſe ganze moderne Evangelien - Literatur
voll windiger und ſich gegenſeitig aufhebender Hypotheſen iſt nichts
als eine Uebung des Scharfſinns und ein Spiel des Wißes , wodurch
dem fertigen Vorurtheil, das ſie mitbringt , der Schein eines feſten
Reſultates zu erzwingen geſucht wird. Nur in Einem iſt ſie einig ,
darin nämlich, daß der Gottmenſch ein irrationales Unding iſt und
alſo kein geſchichtliches Weſen ſein kann . Und auch darin ſind ihre
Mitarbeiter einig , daß ſie auf die Antwort Jeſu , der , beim leben
digen Gott beſchworen , ob er Chriſtus der Sohn Gottes ſei, erwie
derte : „ Du haſt's geſagt , ich aber ſage eucy: Von nun an wird
es geſchehen , daß ihr ſehen werdet des Menſchen Sohn ſißen zur
Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels " — daß
ſie auf dieſe Antwort nicht wie die Hohenprieſter ihre Kleider, ſondern
die Evangelien zerreißen und die verſchiedenſten Winkelzüge machen ,
2*
Entweder – Oder jeſu gegenüber.
um in dem verwünſcht ſchwierigen Capitel zu dem gewünſchten
Reſultate zu kommen .
Unter ſolchen Umſtänden ſchrumpft der Boden , auf dem wir
unſern Gegnern beizukommen hoffen können , auf den engſten Raum
zuſammen . Aber auch was ſie ſtehen laſſen beurkundet noch beweis:
träftig genug das Ineinander göttlichen und menſchlichen Weſens
in der Perſon Jeju . Die Bergpredigt nennt Strauß den Kern
der ſynoptiſchen Chriſtusreden und Reim , den er citirt, nennt ſie
das Aedyteſte des Aechten . Wie ſollte ſie es auch nicht ſein , da ſie
nach K . Planck die Perſon Jeſu nirgends als Mittelpunkt hervorhebt!
Aber iſt das wahr ? Er in Perſon bezeichnet ſich als Erfüller des
Geſeßes und der Prophetie , Er ſpricht diejenigen ſelig , die um
ſeiner Perſon willen verfolgt werden , Er ſtellt ſein „ Ich aber ſage
euch}" nicht blos rabbiniſchen Saßungen , ſondern ſinaitiſchen Gottes
worten entgegen und am Schluſſe lüftet er die Hülle ſeiner welt
richterlichen Herrlichkeit : Er iſt der Nichter aller Menſchen an
jenem Tage, an welchem er denjenigen , welche kraft ſeines Namens
geweifſagt und Dämonen ausgetrieben und viele Wunderthaten volle
bracht haben , ohne daß ſie Ihm innerlich wahrhaft angehörten, das
entſcheidende Wort zuruft : „ Ich habe Euch noch nie erkannt;
weichet von mir , ihr Uebelthäter !" Die Behauptung Plancks iſt
ſchon deshalb falſch , weil das eigentlich Neue in der Bergpredigt
gerade Jeſu Perſon iſt als wirkliche Darſtellung und gemeinſchaft
bildender Mittelpunkt des Lebens vollendeter Gerechtigkeit, das
er fordert , aber noch mehr als das : im Eingang giebt er ſich als
Ziel des Geſekes und der Weiſſagung und am Schluſſe als den
Herrn , der am Ende der dieſſeitigen Geſchichte das ewige Geſchick
der Menſchen entſcheidet. Nun denn , kann ſo ein Menſch von ſich
reden , der nicht zugleich übermenſchlichen Weſens iſt und ſich als
Mittler und Centrum des Willens Gottes an die Menſchheit weiſt ?
Indeß unſere Gegner wiſſen ſich zu helfen . Er hält ſich für den
Weltrichter , ſagt Pécaut, weil der Meſſias der herkömmlichen
Vorſtellung zufolge Weltrichter ſein ſollte. Aber woher weiß das
Pécaut? Nirgends , ſagt Colani, bin ich dem Citate einer jüdi
Das Ueberſchwengliche im Selbſtzeugniß Jeſu .

îchen Schrift begegnet , wonach der Meſſias Weltrichter ſein ſoll.


Aber wie hilft ſich nun Colani? Es iſt eben nur Matthäus, ſagt er,
der den Meſſias zum Weltrichter macht d . h . es iſt nur Matthäus,
bei dem es nicht gelingen will, die betreffenden Ausſagen hinweg zu
interpretiren , und dieſer Matthäus hat hier eine ſpätere chriſtliche
Vorſtellung in den Mund Jeſu zurückgedichtet. Welcher Wirrwarr
von Meinungen ! - Gott hat den Menſchen gerade geſchaffen , ſie
aber ſuchen viel Rünſte.
In der größten Verlegenheit befinden ſich unſere Gegner
gegenüber dem Ausſpruchy Jeſu Mt. 11, 27 und Luc. 10 , 22 :
„ Alles iſt mir übergeben von meinem Vater, und Niemand kennet
den Sohn denn nur der Vater , und Niemand kennet den
Vater denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offen
baren .“ Das ganze Johannesevangelium , ſagt Reuß , iſt gleich:
ſam eine Umſchreibung dieſes Ausſpruchs. War denn aber, fragt
Strauß , der Sohn d. 5 . er ſelbſt , Jeſus, ein ſo geheimnißvolles
Weſen , das nur von Gott erkannt werden konnte ? O nein , nein ,
das iſt nicht denkbar: der ſynoptiſche Ausſpruch iſt nur ein Anſat,
die Vorſtellung von Jeſu noch weiter als ſonſt bei den Synoptikern
geſchieht über das natürlich Menſchliche hinaus zu erhöhen , denn
ein Jeſus, der ſo etwas von ſich ſagen könnte, wäre für die hiſtoriſche
Betrachtung ganz und gar nicht vorhanden . Colani dagegen ſucht
mit der so johanneiſch lautenden ſynoptiſchen Ausſage ſo gut es geht
fertig zu werden , jedoch mit der Clauſel: si elle est authentique.
Und doch hat gerade dieſes Selbſtzeugniß Jeſu auch mannigfache
außerevangeliſche Bezeugung. Die alte Kirche kannte es aus münd
licher Ueberlieferung mit einigen merkwürdigen Varianten , welche
über das Alter der uns erhaltenen Handſchriften hinausgehen . Haf
ten wir aber nicht an der Form , po iſt Math. 11 , 27 ganz und
gar nicht das einzige Johanneiſche in den ſynoptiſchen Evangelien .
Jeſus ſagt nicht allein im vierten Evangelium Joh . 10 , 30 : „ Ich
und der Vater ſind eins“ , er ſagt auch beiMath. 10 , 37 und ander
wärts weſentlich daſſelbe, indem er alle Pflicht der Liebe der ihm
und zwar ſeiner Perſon ſchuldigen Liebe unterordnet und dieſe
22 i Enweder - Oder Jeſu gegenüber.

Liebe alſo mit der Liebe zu Gott auf gleiche Linie ftellt. Und nicht
allein Joh. 14, 18 giebt er den Seinen die Verheißung : „ Ich will
euch nichtWaiſen laſſen , ich komme zu euch" , ſondern auch Math . 28,
18 - 20 : „ Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."
Man vergleiche ſolche Worte Jeſu mit dem , was andere Reli
gionsſtifter von ſich ausſagen und was von ihnen ausgeſagt wird .
Sie ſind überſchwenglicher als das alles. Denn Confucius gab ſich
nur als Wiederherſteller des alten Glaubens , machte ſeine Perſon
nicht im Geringſten zum Mittelpunkt ſeiner Religion und genießt
nach ſeinem Tode nur vor andern Seelen tugendhafter Menſchen
die Verehrung ſeines Volkes . Ebenſo wenig maßte ſich Zoroaſter
irgend welche mittleriſche oder eschatologiſche Bedeutung, geſchweige
übermenſchliche göttlicheHoheit an . Und Buddha (Çakyamuni) bean
ſpruchte oder erhielt doch göttliche Verehrung, aber aufGrund eines
pantheiſtiſchen Nihilismus , der nichts Höheres kennt als das imma
terielle þewegungsloſe Nichts , und der ſpätere Buddhismus lehrte,
daß dem hiſtoriſchen Buddha viele von gleicher Hoheit vorausge
gangen ſeien und folgen werden , indem nach jeder Weltumwälzung
wieder ein Buddha erſcheine. Jeſus aber giebt ſich als den Einzigen ,
der vor ſich nicht ſeines Gleichen gehabt hat und nach ſich ſeines
Gleichen nicht haben wird , und macht ſeine Perſon zur Bedingung
und zum Quell aller Heilserkenntniß und alles Heilsbeſißes bis
an das Ende der Aeonen .
.Und in welchem Contraſt ſtehen dieſe Selbſtzeugniſſe mit denen
der Weiſeſten der Menſchheit! Man vergleiche den Sokrates Xeno
phons und Platons mit dem Jeſus der Synoptiker und des Johan
nes, den Sotrates , den Niem in einer vergeſſenen Schrift noch über
Jeſus feßte und dem Eberhard eine Apologie gewidmet hat , die
nahezu eine Apotheoſe iſt. Das Höchſte, was er von fich ſagte, war
dies , daß die Stimme eines Geiſtes oder Genius (Dämon ) ſeine
Entſchließungen beſtimme, und übrigens leiſtete er auf vollkomme
nes Wiſſen Berzicht und hielt für ſich ſelbſt und Andere die Erkennt
niß des eignen Nichtwiſſens für die Bedingung aller Wahrheitser
kenntniß. Oder man nehme Platon , nach welchem die italieniſchen
Das Unvergleichliche im Selbſtzeugniß Jeſu . 23

Neuplatoniker fich lieber Brüder in Plato als Brüder in Chriſto


zu nennen pflegten - wie erſcheint er in allen ſeinen Werken über
all mehr als ein Wahrheit Suchender , denn als ein Wahrheit
Beſißender ! Wie zweifelnd ſpricht er über das Jenſeits und wie
liebenswürdig iſt er gerade in ſeiner Sehnſucht nach dem , was nur
göttliche Offenbarung gewähren kann ! Oder nehmen wir Epime
nides, den Baulus im Briefe an Titus einen Propheten nennt, den
das Alterthum als Gottes Liebling und gewaltigen Gottesgelehrten
(Deivos tà gela) rühmte , wie bekannte er ſeine Unwiſſenheit,
als die Athener ihn geholt hatten , die durch Seuchen und andere
Unglücksfälle verheerte Stadt zu fühnen ! Er trieb ſchwarze und
weiße Schafe auf den Areopag, ließ ſie von hier frei gehen , wohin
ſie wollten , und wo jedes ſich niederlegte mußten nachgeſchickte
Männer es opfern und zwar tớ rrpoońHOVTi Jem der ihm ſelber
unbekannten Gottheit , welche den Athenern zürnte. Oder man
nehme Empedokles , der ſich als einen Geiſt von oben anſah , aber
als einen aus dem Himmel gebannten , weil er, dem Principe der Eris
(des Streites ) folgend, einen Mord begangen . Nirgends tritt uns
unter den Religionsſtiftern und Weiſen der Menſchheit , auch nicht
im Bereiche des hinteraſiatiſchen , pantheiſtiſch -myſtiſchen Heidenthums,
eine ſolche überſchwengliche maßloſe Hoheit des Selbſtbewußtſeins,
wie in Jeſu , entgegen .
Es iſt hier nur zweierlei möglich ein Dilemma, welches nur
denkunfähige Stumpfheit oder eine noch nicht bis zum Haſſe fort=
geſchrittene Inconſequenz ſich nicht klar macht. Man kann dieſen
Jeſus, der von ſich redet, wie kein Menſch als ſolcher von ſich reden
darf, für einen Verblendeten halten . Denn ein Verblendeter müßte
er ſein , nicht blos ein Enthuſiaſt, weil er ſich nicht blos ein untrüg
liches Wiſſen zuſchreibt, ſondern einen unendlichen Werth auf ſeine
Perſon legt. Dieſe Anſicht überlaſſen wir einem Edelmannn ,
nach deſſen Schriften Jeſus ein ſchlauer Kronprätendent war , am
Kreuze den Heiligen und nach ſeinem Scheintode das Geſpenſt
ſpielte ; einen L .. . r (ich verſchweige den Namen aus Schonung),
der ſich rühmt, das jüdiſche Volk von dem Vorwurfe befreit zu
- 24 · Entweder -- Oder Jeſu gegenüber .

haben , daß es den Meſſias gemordet; einem Bruno Bauer, wel


cher den evangeliſchen Chriſtus eine Erſcheinung nennt, vor welcher
der Menſchheit grauen müſſe ; einem Guß kow , der in ſeiner
Wally Jeſum in den Schmuß herabzieht, um ſich deſto freier an der
Nacktheit des Fleiſches weiden zu können ; einen Renan , welcher
einerſeits behauptet , daß in Jeſus ſich alles Gute und Erhabene
menſchlicher Natur verdichtet habe, andererſeits aber in der Zeichnung
ſeiner Perſönlichkeit die Züge beſchränkter Unwiſſenheit, launiſcher
Leidenſchaftlichkeit , fieberhaften Enthuſiasmus', wunderthueriſcher
Charlatanerie und ſchlauer Ausbeutung desmundus vult decipi durch:
einander miſcht und ſo ſein wahres evangeliſches Bild in einen jeden
ſittlich ſtrengen Menſchen anwiderndes widerſpruchsvolles Zerrbild
verwandelt, welches , je nachdem man der Lichtſeite oder der Schatten
ſeite den Vorzug giebt, Bewunderung oder Widerwillen erregen muß.
Wo ſolche Anſichten über den Neinſten und Edelſten aller Menſchen
propagandiſtiſch auftreten , geſchieht es überall nicht ohne daß dieje
nigen die es wagen hinter ihrer Bravour das Brandmal ihres Ge
wiſſens verbergen . Denn das abſtrakt Mögliche iſt hier das ſitt
lich unmögliche. Selbſtverblendung oder abſichtliche Täuſchung iſt
unmöglich bei einem Menſchen , deſſen ganzes Leben ſo ſehr der
reine Spiegel göttlicher Heiligkeit iſt , wie das Jeſu Chriſti. Er
iſt nicht allein Lehrer der reinſten Sittlichkeit , ſondern er iſt mit
allen ſeinen Handlungen und Bewegungen die abſolute Moral ſelbſt
in Perſon . Sein Leben war ſittlich unantaſtbar ſelbſt ſeinen Fein
den - die klarſte Tiefe und die demüthigſte Höhe, alles Uebermenſch
liche ruht aufdem menſchlichſten Grunde, alles Selbſtgefühl auf der
aufopferndſten Selbſtverläugnung und Selbſthingabe; er trägt die
Heiligkeit nicht zur Schau , ſondern ſie durchbricht nur wo es ſein
muß ſeine Knechtsgeſtalt. Der Wunderbaum eines ſolchen Lebens,
welches den Erdkreis mit ſeinen Früchten erfüllt hat, kann nicht
ein getäuſchtes Selbſtbewußtſein zur Wurzel Haben . Wo fände ſich
denn auch in dieſem Leben eine Spur der widerwärtigen Symptome,
welche mit ſchwärmeriſcher Selbſtüberſchägung und geiſtlichem Hoch
in pflegen ? Nein , wenn dieſer Jeſus ſich über ſich
Die Wahrheit des Selbſtzeugniſſes Jeſu . 25

ſelbſt getäuſcht hätte, ſo gäbe es überall keine Wahrheit der Selbſt


erkenntniß und keine Wahrheit ſittlichen Eindrucks in derMenſchheit,
ſondern nur eine Miſchung von Wahrheit und Täuſchung.
Wir ſagen : es gäbe keine Wahrheit ſittlichen Eindrucs. Denn
was wiegt der Eindruck, den der Chriſtus der Evangelien auf einige
voreingenommene und verbitterte Seelen gemacht hat, gegen ſeinen
Eindruck auf die vielen Tauſende , welche , nadidem ſie ihn einmal
gefunden und erkannt haben , in Noth und Tod an Ihn als ihren
Herrn und der Freunde Beſten ſich anklammernd getroſt und frieb
lich von hinnen geſchieden ſind ? Und was wiegt der Bücherkorb
mit dem Leben Jeſu von Renan und Strauß und vielen andern
dieſen Chriſtus der Evangelien benagenden Pamphlets gegen die
ganze Kirche aller Denominationen mit ihren vielſtimmigen Be
kenntniſſen zu eben dieſem Chriſtus, deſſen Schöpfung ſie iſt ? Es
kann uns zwar nach den Ausſagen Jeſu ſelbſt und ſeiner Apoſtel
nicht im Geringſten befremden , wennEr den Juden ein Uergerniß
und den Griechen eine Thorheit und gerade manchen hohen Geiſtern
ein Dorn im Auge iſt, aber wir könnten dieſen hohen Geiſtern , welche
das Bild Jeſu als Zerrbild wiederſpiegeln , auch ein langes Regiſter
andrer hoher Geiſter entgegenhalten , welche, ohne zu der Wolke
kirchlicher Zeugen zu gehören , von dem Bilde Chriſti einen ganz
anderen einheitlichen Eindruck empfingen . Es trat einmal – ſagt
Jean Paul – ein Einzelweſen auf die Erde, das blos mit ſitt
licher Macht fremde Zeiten bezwang und eine eigne Ewigkeit grün
dete ; das ſanft blühend und folgſam wie eine Sonnenblume, bren
nend und ziehend wie eine Sonne ſelber, dennoch mit ſeiner milden
Geſtalt ſich und Völker und Jahrhunderte nach der Urſonne zog
und richtete: es iſt der „ ſtille Geiſt, den wir Jeſus Chriſtus nennen .
War er , ſo iſt eine Vorſehung, oder er wäre ſie." Und Lord
Byron : „Wenn Gott je Menſch oder ein Menſch Gott geweſen ,
ſo iſt Chriſtus beides zugleich.“ Von dem großen Napoleon
aber wird erzählt , daß er auf St. Helena ſich wie öfter über das
Chriſtenthum ausſprach und mit den Worten ſchloß : „ Ich ſterbe
vor der Zeit und auch mein Leib wird der Erde wiedergegeben
Entweder - Oder Jeſu gegenüber.

werden , um in ihr die Nahrung der Würmer zu werden . Welch


mächtiger Abgrund zwiſchen meinem tiefen Elend und dem ewigen
Reiche Chriſti, welches gepredigt , geliebt, angebetet wird und über
die ganze Welt ſich ausdehnt! – Heißt das ſterben ? Heißt das
nicht vielmehr leben ? Der Tod Chriſti, es iſt der Tod Gottes !"
Als General Bertrand ſchwieg und die Richtigkeit des Geſagten zu
bezweifeln ſchien , fügte Napoleon hinzu : „ Begreifen Sie nicht,
daß Jeſus Chriſtus Gott iſt, ſo habe ich Unrecht gehabt, Sie zum
General zu machen .“
Wir ſind weit entfernt, Beweiſe für den Gottmenſchen bei
ſolchen Autoritäten zu borgen , aber wir ſeben Eindruck gegen Ein
druck, um uns durch Beweiſe ad hominem jenes falſchen Chriſtus
zu erwehren , den uns die modernen Biographen aus beliebig zurecht
geſchnittenen Stücken der Evangelien zuſammenſeßen. Hätte der
Charakter Chriſti nicht wirklich eriſtirt, ſagen wir mit Rouſſeau,
ſo wäre es ein Wunder, wenn er von galiläiſchen Fiſchern hätte
erſonnen werden können . Wir behaupten das auch vom Johannes
evangelium , dieſer Geiſtesíchöpfung ohne Gleichen in den literaturen
der Völker , deren Anfangsworte der Heide Amelios ebenſo ſehr
bewunderte , wie der Heide Longinos das „ Gott ſprach : Es werde
Licht und es ward Licht" im Eingang der Thora. Wir ſtellen
nicht in Abrede, daß Alles im vierten Evangelium durch die Sub
jektivität ſeines Verfaſſers hindurchgegangen und von ihr tingirt iſt,
aber eben ſo feſt ſteht es uns, daß dieſes pneumatiſche Evangelium
im Unterſchiede von den ſynoptiſchen nicht möglich geweſen wäre,
wenn die Perſönlichkeit Jeſu nicht außerordentlich vielſeitig und
keine menſchliche Individualität vollkommen befähigt war, die unend
liche Fülle ſeiner Erſcheinung vollſtändig in ſich aufzunehmen und
widerzugeben .
Sit nun aber das eine Glied des Dilemma's , vor welchem
unſere Gegner nicht zurückſchrecken , unannehmbar, ſo müſſen wir
uns für das andere entſcheiden , daß Er, nämlich der Chriſtus der

aber nicht über ſich ſelbſt getäuſcht, ſo erweiſt auch ſein Selbſtzeug
Der Gottmenſch. 27 .
niß was wir daraus erweiſen wolten , daß die Geſchichte des wer
benden Chriſtenthums Selbſtvollzug der göttlichen Dreieinigkeit iſt:
es iſt die ewige Geburt des Sohnes Gottes , welche ſich in der zeit
lichen Geburt Jeſu Chriſti wiederholt , ſo daß dieſer nicht nur in
innergöttlicher , ſondern auch in innergeſchichtlicher Weiſe Sohn Got
tes und zugleich als der aus Maria Geborne wahrer Menſch iſt.
Bei dieſer Anſchauung der Perſönliche it des Gottmenſchen und ſeines
zeitlichen Lebensanfangs fällt das Bedenken weg, welches Schleier
macher in ſeinen jüngſt erſchienenen Vorleſungen über das Leben
Jeſu erhebt, indem er davon ausgeht, daß Jeſus ſein Verhältniß
zu Gott ſo beſchreibe , daß er ſagt, der Vater ſei in ihm . „ Neh
men wir dieſes genau - fährt dort Schleiermacher fort - ſo müs
ſen wir ſagen , daß er inſofern als der Vater in ihm iſt ſich den
Sohn nennt, aber nicht ſofern ihm als Menſchen noch ein Göttliches ,
welches Sohn heißt, innewohne; ſonſt hätte er ſeine Vorſtellung
nicht durch dieſen Ausdruck erſchöpft, ſondern ſie verfälſcht , denn
ſonſt hätte er ſagen müſſen : Der Sohn iſt in mir , und dann
wäre das Verhältniſ zwiſchen dieſem Sohn in ihm und dem Vater
nicht ſo auszudrüden geweſen , in Uebereinſtimmung der kirchlichen
Lehre : denn der Vater und Sohn ſind nach den Symbolen nicht
ineinander , ſonſt wäre die Triplicität nichts." Aber die kirchliche
Trinitätslehre bekennt wirklich mit dem Fürſichſein zugleich die Peri
choréfis d . i. das wechſelſeitige Ineinanderſein der drei Perſonen der
Einen Gottheit, wie ja auch der Menſchgewordene dieſem ewigen
Verhältniß gemäß ſagt: Du Vater in mir und ich in dir (Joh .
17 , 21 ) , und die Triplicität beſteht ja eben darin , daß die Drei
ineinander ſind, ohne daß doch eins das andere iſt. Sodann iſt es
falſch , daraus, daß Jeſus nirgends ſagt : Der Sohn iſt in mir, ſon
dern vielmehr: Der Vater iſt in mir zu ſchließen , daß die göttlicheSeite
ſeines Weſens lediglich in dieſem Sein des Vaters in ihm beſtan
den habe. Wie könnte er ſagen : Der Sohn iſt in mir ! Der Sohn
iſt nicht in ihm , ſondern er iſt der Sohn , deffen Sohnſchaft ihren
Beweis daran hat, daß der Vater in ihm iſt. Er iſt der Sohn
vermöge zwar nicht identiſcher, aber ſich deckender ewiger und zeitlicher
28 Emanuel Tremellius .

Zeugung, und ſein Selbſtbewußtſein iſt kein doppeltes, ſondern ein


einheitliches durchaus menſchliches , aber auf durchwirkendem gött
lichem Grunde: es iſt das Selbſtbewußtſein eines ewigen Subjekts ,
aber ein ſolches, welches nicht blos ſcheinbar, ſondern wirklich in die
Schranke der Zeit und Creatürlichkeit eingegangen und zum Selbſtbes
wußtſein dieſes Menſchen Jeſus geworden iſt. Wir ſtehen hier freilich
vor einem Myſterium , aber welches gewißermaßen der Mittelpunkt
des umfaſſenderen Myſteriums iſt, daß aus Gott eine zeitliche Welt
hat hervorgehen können , welcher er immanent iſt - eine Thatſache,
welche beweiſt , daß zwiſchen Ewigem und Zeitlichem , Unendlichem
und Endlichem eine Hin - und Wiederbewegung möglich iſt. Irratio
nal aber iſt das Myſterium nicht, ſofern wir uns hüten , keinen fal
ſchen Dualismus in die Perſon des Erlöſers zu bringen , welcher
ihre perſönliche Einheit und die volle Wahrheit derMenſchwerdung
aufhebt. Denn daß den Beſtrebungen der Gegenwart, ſeine Menſch:
lichkeit in ihr Recht einzuſeßen und uns möglichſt nahe zu bringen ,
eine gewiſſe Berechtigung zukommt, iſt unläugbar und kirchlicher
Seits längſt anerkannt. Ja unſer Herr und Heiland iſt wahrer
Menſch : er iſt der zum geſchichtlichen Gottesſohne gewordene vor:
weltliche Gottesſohn, er iſt der nicht aus fündigem Samen gezeugte,
ſondern vom Vater kraft des heiligen Geiſtes ins Daſein geſepte
Menſchenſohn , er iſt der ebenſo himmliſche als irdiſche Menſch, ſein
menſchliches Weſen ruht auf ebenſo weſentlichem göttlichem Grunde. —

Emanuel Tremellius.
Six Proſelyten - Seben des 16 . Jahrhunderts.
Nach der Schrift:
Emanuel Tremellius, erſter Rector des Zweibrüder Gymnaſiums.
Eine Lebensſkizze von J. Butters, k. k. Gymnaſialprofeſſor. Zweibrüđen 1859.
Von Stadtvicar Şeman.
Ein wechſelvolles Lebensbild wird in obgenannter Biographie
vor uns entrollt: ein Wanderleben , deſſen Anfänge im Ghetto Fer
rara's verborgen ſind, deſſen Verlauf von einer Stätte reformatori
Von Ferrara bis Straßburg.

ſchen Geiſteslebens zur andern durch ganz Weſteuropa führt, um


nach ſiebenzigjähriger Wallfahrt am Fuß der Ardennen zur leßten
Ruhe zu kommen . Und inmitten ſolchen Wechſels der Orte , der
Stellungen , der Umgebungen ein Wirken ohne Unterlaß, ohne Er
müden , eine Glaubenstreue ohne Wanken . Jm Evangelium hat
des Wanderers Seele den Grund gefunden , der ihren Anker ewig
hält, und in gelehrter Arbeit für das Verſtändniß des Evangeliums
ein Tagewerk, das ihm eine Heimath und Werkſtatt überall begrüßen
läßt , wo Gottes Wort und evangeliſche Wiſſenſchaft Feuer und
Heerd haben . „ Ich bin beides Dein Pilgrim und Dein Bürger."
Zu dem allgemeinen kirchengeſchichtlichen Intereſſe, das dieſer
fein und ſorgfältig gezeichneten Lebensſkizze eignet, kommt noch ein
beſonderes miſſionsgeſchichtliches für die Leſer dieſer Zeitſchrift. Tres
melli iſt von jüdiſcher Abkunft. Seine Bekehrung, ſein Chriſtenlauf,
ſein ſeliges Sterben ſind ein Zeugniß wie für die Gotteskraft des
Evangeliums., ſo für des Apoſtels : „ Das ſei ferne!" gegenüber
der Frage : „ Hat denn Gott ſein Volk verſtoßen ?" Und weiter :
Tremelli hat als Chriſt ſeiner Brüder nach dem Fleiſche nie vergeſſen ;
lebenslang hat er ihren Haß mit Liebe vergolten ; ſeine Arbeiten
waren von der Abſicht beſeelt, ſie zur Erkenntniß des Heils zu brin
gen ; ſeine Sdriften waren Saat auf Hoffnung.
An den Ufern des Po, in dem durch jeglichen Schmuck der
Kunſt und Bildung derherrlichten Ferara iſt Tremelli 1510 gea
boren , nicht viel ſpäter als Calvin und Herzogin Renata, Hercules II.
von Eſte’s fromme Gemahlin , welche die Wohlthat Chriſti ſuchte und
fand. Der Hof, an welchem Bojardo und Arioſt geſungen , Dofio
Doſſi gemalt, wird des Pſalmenfängers Marot Aſyl, bald auch Cal
vins. Evangeliſche Lehrer erziehen Renata 's Kinder und deren Ge
ſpielin Olympia Morata . In die ganze Stadt ſcheint das neue
Licht geſtrahlt zu haben , wohl auch in das Judenquartier , wo Tre
melli über den Schriften des alten Bundes und über dem Talmud
ſinnend ſißt. Es geht der helle Morgenſtern auf in ſeinem Herzen .
„ Emanuel" iſt ſein Taufname. Shm , welcher „ Gott mit uns“ iſt,
zu dienen in Arbeit und Leid iſt fortan ſein Loos und ſeines Lebens
30 Emanuel Tremellius . .

Kuhm . Zum Dienen und Leiden ,mehr als zu kräftigem ſelbſtſtändigem


Handeln war ſein Naturell angelegt, zum Pflegen und Begießen , nicht
zum Aufbrechen, Pflanzen und Beſchüßen des A & erfeldes Gottes . Er
bedarf eines Freundes, an den er ſich lehne, dem er all ſeine Gaben und
Kenntniſſe leihe zur Förderung des Evangeliums – eine melanch
thoniſche Seele.
Er findet ſolchen Freund zunächſt an Peter Martyr Vermi
lius, hilft ihm in Lucca ein italieniſches Wittenberg gründen , trägt
durch ſeine Schriftkenntniß und Gelehrſamkeit im Hebräiſchen mäch
tig bei zum Flor der ſchnell aufblühenden Anſtalt. So trifft denn
auch ihn ſammt Martyr und dem Veroneſer Laciſius Haß und
Bann der Inquiſition . Doch weder dieſe Verfolgung durch katho
liſche Chriſten , noch die Verſchiedenheit calviniſtiſcher und lutheriſcher
Lehre, welche er erſt aufder Flucht inne wird , erſchüttern ſein Chri
ſtenthum . Er kann die Tiefe lutheriſchen Glaubens nicht faſſen ,
aber für das Wort von der Gnadengerechtigkeit zu leben und zu
leiden bleibt er entſchloſſen .
Die Flüchtlinge durchwandern Genf; Zwingli’s Nachfolger in
Zürich beherbergen ſie brüderlich, nicht minder freundlich Muyconius
in Baſel ; dann thut ihnen Straßburg ſein gaſtliches Thor auf,
heißt ſie als Lehrer an Joh. Sturms berühmter Schule willkommen :
ein ſchöner , geſegneter Wirkungskreis , wo Tremelli's ſeltenes Wiſſen
beſonders werth gilt. An Bucer , deſſen Abkunft der ſeinigen ver
wandt, ſcheint er fich zumeiſt angeſchloſſen zu haben , edirte auch
ſpäter deſſen Vorleſungen über den Epheſerbrief ( 1562 ). Auf ſeinen
Nath heirathete Tremelli eine Nonne aus Meß , ohne daß über ihren
Namen , über das häusliche Leben der Beiden Näheres kund wird .
Jedenfalls dauert die Freude, eine bleibende Statt gefunden zu haben ,
nicht lange: das Interim zwingt 1548 zu neuer Flucht.
Erzbiſchof Cramner ruft die Verbannten über'8 Meer, die eng=
liſche Reformation vollenden zu helfen . Mit ihrem Rath und Bei
ſtand werden die Glaubensartikel, dann die Liturgie feſtgeſtellt und
eingeführt. Dann darf Tremelli wieder dem Unterricht der ſtudie
renden Jugend ſich widmen, die heil. Schrift als Profeſſor in Cam :
Von Zweibrüden nach Heidelberg. 31

bridge auslegen . Bald ſchließt ſich daran noch eine beſondere, ſchöne
Aufgabe. Prinzeſſin Eliſabeth , offnen Sinns für des Lebens Luſt
aber auch für den Ernſt der Wiſſenſchaft, lernt durch ihren Erzieher
Matthäus Parker, Tremelli's Freund bis in den Tod , den hebräi
ſchen Profeſſor kennen . Der Verkehr mit ihm wird der königlichen ,
wißbegierigen Schülerin werth . Tremelli preiſt in ſeiner Vorrede zur
ſyriſchen Ueberſegung des N . T. 8.das Glück, das ihm vergönntwar,
auf ſo wirkſame Art einem Lande ſeine Kräfte zu widmen , das eine
Burg des evangeliſchen Glaubens zu ſein beſtimmt ſei. Dem Freunde
iſt ſeine bei Henricus Stephanus ſpäter ( 1568) erſchienene hebräiſche
und ſyriſche Grammatik gewidmet. Doch auch da ſind die Tage
erfreulichen Wirkens bald gezählt: 1555 beſteigt die blutigeMaria
den Thron. Jn das neue Elend geleitet ihn , als ein lichter Strahl
des Troſtes , Eliſabeths edle Theilname; ſelbſt bedrängt, ſendet ſie
dem fliehenden Lehrer ihre Leute nach , daß ſie ihm - ihre Theilnahme
bezeugen , ihn tröſten, auf des allmädytigen Gottes Hilfe hinweiſen .
. Die läßt ihn glücklich das Feſtland erreichen . Wieder ſtund
Straßburg ihm und Martyr offen ; aber es gilt die Augsburger
Confeſſion zu unterſchreiben. Martyr thuts mit dem Zuſatz : „WO
fern ſie richtig erklärt würde.“ Tremelli zieht es vor, die unmüns
digen Kinder Herzogs Wolfgang von Zweibrücken vier Jahre lang
zu erziehen (1554 - 58) , bis dem gelehrten Univerſitätsprofeſſor
als Rector des neuerrichteten Gymnaſiums zu Hornbach und Affeffor
des Conſiſtoriums eine entſprechendere, freilich ſehr mühevolle Stel
lung zu Theil wird. „ Danken wir es ihm “ , ruft fein Biograph
aus , daß er die junge Anſtalt mit zwei Weihen eröffnete : ders
„ jenigen , welche eine gründliche Wiſſenſchaft und derjenigen , welche
„ ein der chriſtlichen Ueberzeugung alles Andere hintanſeßender Cha
„ rakter verleiht; durch. Beides leuchtet Tremellius an der Spiße der
„ Rectoren unſers Gymnaſiums allen ſpätern Lehrern und Schü
„ lern vor."
Und doch,wirft Herzog Wolfgang den Lehrer ſeiner Prinzen ,
den willfährigen Ueberſeßer ſeiner Kirchenordnung 1561 in den
Kerker. Der Sieg des Calvinismus in Heidelberg, von Melancha
el remellius
32 Emanu T .

thon gefördert , machte ſeine Anhänger in lutheriſchen Landen vers


dächtig, gefährlich. Zur rechten Zeit kommt an den Schwergeprüf
ten ein Ruf von Heidelberg . Er beſucht zuvor die Heimath ſeiner
Frau, wird gebeten, einer Geſandtſchaft an den Reichsverweſer Anton
von Navarra und an die zu Orléans verſammelten Stände ſein
Wort zu leihen für Cultusfreiheit und Entlaſſung der gefangenen
Evangeliſchen . Er weiß , wie Gefangenſchaft thut; er willigt ein ;
ſein Anſehen , Eifer , Geſchick erwirkt Duldung und Strafloſigteit
der Glaubensgenoſſen in Meß , - ein glücklicher Anfang des neuen
Lebensabſchnitts.
In den Kreis der Verfaſſer des heidelberger Katechismus, eines
Caspar Olevianus, Zacharias Urſinus, Wilhelm Xylander , Victorin
Strigel und die Theilnahme an ihren Beſtrebungen ; „ durch gemeinſame
Arbeit und einträchtiges Gebet das pfälziſche Zion und Jeruſalem
zu bauen " , trat nun Tremelli ein . Sein Geiſt gewinnt neue
Schwungkraft. Seine bedeutendſten Arbeiten gedeihen in den fünf
zehn Jahren , die er da ungeſtört verleben darf : die Herausgabe
der Bucer'ſchen Vorleſungen , ſeine Ueberſeßung und (mit krit. Aus
legung geſchichte verſehene) Erklärung des Propheten Hoſea , ſeine
Jonathanis filii Uzzia Chaldaïca paraphrasis in XII prophe
tas minores (Heidelberg 1567), und ſeine fyr. Ueberſeßung
des N . T.* ). „ Beide Sprachen “ , ſagt die Vorrede dieſes bedeuten
den Werkes, „ unterſcheiden ſich nicht durch das Weſen ſondern nur
„durch die Formen der Wörter, ſo daß ich ſicher hoffen würde,
„ meine Arbeit dürfte den Juden , die Chriſtum noch läſtern , eine
„nicht geringe Förderung ſein , ſich aus dem Schlingen des Teufels
„ zum rechten Verſtändniß zu erheben , wenn ſie ſich nur bewegen
„ ließen , dieſelbe mit derjenigen Geſinnung aufzunehmen und zu
„ ihrem Heil zu benüşen , mit welcher ich ſte ihnen zugedacht habe.“
Ueber ſein Verfahren bei dieſer dreijährigen Arbeit ſagt der beſcheis
dene Mann : „ Meine erſte Sorge betraf den Tert. Ich habe die
*) Interpretatio Syriaca Novi Testamenti hebraeïs typis de
scripta, plerisque etiam locis emendata , eadem latino sermone reddita .
Lyon 1569.
Wirkſamkeit in Heidelberg und Beſuch in England. 33

„ Abweichungen ſorgfältig angemerkt , und diejenige Lesart gewählt,


„die nach meinem Urtheil den Vorzug verdient, wobei ich jedoch
„mein Urtheil keineswegs für maaßgebend halte. Den fyr. Tert
„habe ich mit Hebr. Buchſtaben drucken laſſen und mit Vocalzeichen
„ derſehen . Gewiß eine mühſelige Arbeit; allein ich wünſchte ,
„ daß meine Nachtwachen auch denen zu Gute kommen möchten ,
„ welche den hebr. Tert einigermaßen verſtehen , den ſyriſchen aber viel
„ leicht nicht. So werden ſie wie mit einem Korkgürtel ſchwimmen
„ können . . . . Außerdem habe ich den fyr. Tert in's Lateiniſche
„überſeßt. Der ſyr. Text iſt in ſeiner Art vortrefflich ; mein La
„ tein vielleicht nicht das beſte, doch wohl erträglich und treu . Denn
„Siebei möcht ich lieber als ein ängſtlich beſorgter Knecht erſcheinen ,
yder keinen Zou breit aus dem Geleiſe ſeines Herrn ſich zu ent
„.fernen wagt, als durch freie Bewegung nach dem Lobe eines ge
„ ſchickten Ueberſepers ausgehn , wofern mir überhaupt zukommt, ein
„ ſolches zu beanſpruchen . Endlich lege ich auch in guter Abſicht
„ meine ſeit langer Zeit über die meiſten dunkeln Stellen angeſtellten
„ Forſchungen der Kirche vor , und wo eine Dunkelheit obwaltet in
„ Folge der Unkenntniß der Chriſten über jüdiſche Gebräuche , da
„ ſtand ich nicht an , jenes Meer talmudiſcher Angaben zu beſchiffen
y und alles aufzufiſchen , was einiges Licht zu verbreiten ſchien ."
Als des Urſinus naher Freund war er auch an der Abfaſſung
des Heidelberger Katechismus nicht unbetheiligt, ſo zum dritten Male ,
dazu berufen , mit ſeinem Rath und Gebet Kirchenbücher zu fördern ,
die für ganze Landesgemeinden beſtimmt waren .
Ein ähnliches Werk hatte er ſchon früher , ſchon 1551 für
das Volk , dem er entſtammte , verfaßt, einen „ Religionsunterricht
in Geſprächen zwiſchen Lehrer und Schüler, Catechismus Hebraï
cus.“ Eine neue Ausgabe deſſelben erſchien 1561 (Catechismus
Hebraïcus et Graecus, Paris 1561). Noch heute bedient ſich die
engliſche Miſſion unter Israel dieſes Büchleins dankbar undwirkſam .
Ein weiteres , für die damalige Theologie hochwichtiges Werk,
- es iſt ſein leptes - unternahm der Dreiundſechzigjährige in
Gemeinſchaft mit dem achtundzwanzigjährigen Franz Junius , eine
34 Tremellius Ende in Sedan .

neue latein . Ueberſeßung des Alten Teſtaments nach dem


hebr.Urtert* ) . Habet suos nervos haec versio , bemerkt ein Ren
ner derſelben, und giebt ihr unter allen vorhandenen den höchſten
Rang. Auch Scriver noch nach hundert Jahren gedenkt ihrer gern.
Mit Maleachi, dem letzten Propheten , endetauch Tremelli's Schriftſtel
Verarbeit. Die Apokryphen überſekt Junius allein . „ Mein Tremellius
ſteht mir nicht mehr zur Seite und iſt Niemand, der ihn erſebe.
Auf dieſem herrlichen , mir innig befreundeten Mann fußte mein
Vertrauen . Seines Wiſſens Proben kennt die Kirche. Sein Um
gang war meine Freude , die Gemeinſamkeit unſrer Studien mein
Genuß.“
Eine ſehr erquicende Unterbrechung der arbeitsvollen Zeit
in Heidelberg brachte ein Beſuch in England. Dort fand er Parker
wieder als Erzbiſchof von Canterbury , aber nicht minder als den
alten , treuen Freund; er mußte in ſeiner nächſten Nähe im erz
biſchöflichen Pallaſte wohnen als ſeines Kindes Pathe. Und Eliſa
beth , die einſt nicht wagen durfte, von dem Freunde perſönlich Ab
ſchied zu nehmen, nun ſeit 7 Jahren Englands gefürchtete und ge
ehrte Beherrſcherin , empfing ihren alten Profeſſor mit größter Güte
und Huld, hätte ihn gern in England behalten , ehrte ihn durch
reiche Geſchenke.
Doch eine andere, ſchmerzliche Unterbrechung folgte dieſer
freud ereichen . Noch einmal ergeht über den friedlichen Schriftfors
ſcher Verfolgung, noch einmal muß er zum Wanderſtab greifen . Nach
Friedrichs III. Tod eifert ſein Sohn Ludwig , wie der Vater für
calviniſche, ſo nun für lutheriſche Lehre. Tremelli muß Deutſch
land zum dritten Mal. verlaſſen . Ein Hugenottenführer , Heinrich
de la Tour d'Auvergne, Vicomte de Turenne, hatte in Sedan eine
Akademie für den Hugennottiſchen Adel gegründet. Dahin zieht der
heimatbloſe Greis . Da lauſchten ſeiner Lehre wie einſt die italie
niſche, die engliſche, die deutſche Jugend, nun die jungen Söhne

* ) Das Werk erſchien in 5 Abtheilungen in Frankf. a. M . bei Andr.


Wechel in Folio von 1575 an , brevibus scholiis illustr.
Xus Balhorn.

Frankreichs : für ſie ein zweifelsohne ehrwürdiger Anblick, dieſer


ſiebenzigjährige Alte , der mit ſeiner Bibel vom Po bis zum Duſe
fluß gepilgert iſt, überall Gottes Wort auslegend für Chriſten und
Juden , am Hofe, in den Hörſälen , in Tagen des Glücks und här:
teſten Mißgeſchicks ; die Malzeichen aller confeſſionellen Rämpfe
des ſtürmiſchen Jahrhunderts an ſich tragend, aber auch das Zeug
niß , an vielen Orten werthe Bauſteine dem Bau der evangeliſchen
Kirche eingefügt zu haben ; ihren bedeutendſten Führern ein hilf
reicher Freund, Vielen ein Lehrer der Gerechtigkeit, Allen , die heils
und wißbegierig ihm nahen , ein demüthiger, treuer Diener bis an’8
Ende.
Tremelli ſtarb in Sedan den 9 . October 1580. Sein Teſta
ment datirt vom 31 . Juli. „ In demſelben “ , ſo ſchließt die Lebens
ſkizze unſers Gewährsmanns , „ ſpricht er noch einmal ſeinen Dank
,aus gegen Gott, daß Er ſich ihm in Chriſto geoffenbart habe, und
„ dieſe Dankſagung, zu der ihn ſein Herz am Rand des Grabes
„ drängte , wurde zugleich eine Stärkung ſeiner Freunde, die
„ mit ihm den Kampf des Glaubens gekämpft hatten , und eine
„Widerlegung ſeiner Feinde, die nach ſeinem Tode die Verläumdung
„ ausſtreuten , er ſei zum Judenthum zurückgefallen . Wir unſrerſeits
„werden dieſe Behauptung dahin verſtehen , daß Abrahams Sohn in
„ den Schooß Abrahams Heimgegangen ſei.“

Âu & Balborn .
In dem Kirchſpiele Balhorn in Kurheſſen hat die Sache der
Miſſion an Jsrael geſegneten Fortgang. Jahre lang ſtanden
Paſtor Saul und ſeine Gemeinden mit ihren Miſſionsbemühungen
allein . Selbſt glaubensverbundene Freunde hielten ſich fern . Jeßt
bilden Dresden und Nürnberg - Erlangen mit Balhorn drei Glieder
Einer Kette. Das Miſſionswerk in Balhorn erfreut ſich nun auch
in den Kreiſen der nächſten Umgebung regerer Theilnahme und
vielleicht gelingt es , der Judenmiſſion dort in Balhorn eine ſolche
kirchliche Stätte zu ſchaffen , wie die Heidenmiſſion ſie in Hermanns:
36 Aus Balhorn.

burg beſikt, und ihr eine gemeindemäßige, chriſtlich -volksthümliche


Geſtaltung zu geben .
Zwei neuerdings dort vollzogene Taufen mit ihren Wirkungen
auf Chriſten und Juden ſind günſtige Vorzeichen . Am 1. Weih
nachtsfeiertag empfing ein jüdiſches Mädchen , anderthalb Jahr alt,
zu Altenſtädt, der Filialgemeinde von Balhorn , die heilige Taufe.
Es geſchah auf den Wunſch der Mutter welche ſeit dem Herbſte
1864 für den Zweck des Uebertritts von Paſtor Saul unterrichtet
wird . Das Kind war nicht lange vorher ſehr krank geweſen --
nun da es wieder geneſen, brachte dieMutter es um ſo eiliger und
freudiger dem Herrn dar,welcher geſagt hat : „ Laſſet die Kindlein
zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ſolcher iſt das Reich
Gottes.“ Drei Frauen aus Altenſtädt waren die Taufzeugen
(Godeln ). Eliſe devi (ſo hieß das Kind bisher) empfing zu ihrem
Familiennamen Levi die Taufnamen AnnaMaria Magdalena
Eliſabeth. Alle die bei der heiligen Handlung zugegen waren ,
bezeugen , daß das liebliche Verhalten des geiſtig ſehr geweckten und
lebhaften Kindes den erbaulichen Eindruck der Feier nicht wenig
erhöhete.
Wie in Balhorn Alles ſenfkornartig angeht — wird uns
von dort geſchrieben – ſo mußte auch die Reihe unſrer Täuflinge
aus Israel ein kleines verachtetes Kindlein eröffnen , und noch dazu
am Weihnachtsfeſte, wo die ganze Chriſtenheit verſammelt ſteht um
das holde Kind in Bethlehems Krippe, deß Name Pele (Wunder
bar) heißt. Das mußte uns ja den Glauben mächtig ſtärken. Die
Altenſtädter Miſſionsfreunde haben ſich bei dieſer Gelegenheit als
recht lebendige Glieder am Leibe des Herrn bewieſen , als ſolche ,
deren Glaube in der Liebe thätig iſt. Ein armer Taglöhner , wel
cher den Herrn Jeſus und in Ihm Israel innig liebt, hat mit
ſeiner Frau und noch zwei andern chriſtlichen Frauen die Pathen
pflichten und die ganze Erziehung des lieben Kindleins übernom =
men und freut ſich darüber mehr, als wenn ihm ganz Altenſtädt
geſchenkt wäre. Dieſe lieben Leute und namentlich eineAnzahl from
mer Frauen nehmen ſich nun auch der in tiefes Elend gerathenen
Taufe eines israelitiſchen Mädchens. 37

Mutter des Kindes in ſelbſtverläugnender Liebe an , indem ſie die


ſelbe in Handarbeiten, Spinnen und dgl. unterweiſen , mit ihr Got
tes Wort leſen und mit ihr fleißig beten . Das Alles bleibt nicht
ohne guten Eindruck auf dieſe Tochter Israels , zumal nach der
ergreifenden Wirkung, welche von der Taufe des Kindes auf ſie
ausgegangen iſt. Möchte der Gott des Heils das in dieſer Seele
begonnene gute Werk vollenden !
. . „ Unter den Juden , zum Theil auch unter Chriſten — ſchreibt
ein Berichterſtatter in dem von Paſtor Heiner in Fürſtenberg
(Walde ) herausgegebenen Sonntagsboten 1865 Nr. 6 - hat dieſe
Taufe, welche als die erſte Frucht der im KirchſpielBalhorn geüb
ten Miſſionsthätigkeit unter Israel anzuſehen iſt, nicht geringe
Aufregung verurſacht, zumal es ſeitens der Juden mit allen nur
möglichen Mitteln , aber vergeblich , verſucht worden war, die Auf
nahme des Kindes in den Schooß der chriſtlichen Kirche zu hinter
treiben . Nun , nachdem das heilige Taufſacrament an dem unmün
digen Sprößling aus Abraham 's Geſchlecht vollzogen worden iſt,
ſchauen einheimiſche und auswärtige, Altenſtädt durchziehende Juden
mit bedeutungsvollen Mienen , meiſt kopfſchüttelnd und mit ſtummem
Ernſte, im Vorübergehen das Haus an , in welchem die kleine
Anna unter der liebevollen und zärtlichen Pflege eines Paars
chriſtlicher Eheleute , denen vom Miſſionsrathe in Altenſtädt das
Kind mit Bewilligung der Mutter zur Fürſorge übergeben worden
iſt, an Leib und Seele zuſehends gedeiht , den Miſſionsfreunden ,
die ſie beſuchen , laut zujauchzt; ihre Händchen nach ihnen ausſtreckt
und ſich an ſie anſchmiegt , gleich als wolte ſie ſich den Chriſten
leuten als neugebornes Schweſterlein in Chriſto zu erkennen geben
und anzeigen , wie glücklich ſie ſich fühle.
„ So oft ich das Mägdlein , ehemals und von Haus aus To
arm , ſo verachtet und verkümmert, und jeßt ſo reich in Gott , be
ſucht habe (und das thue ich ſchon um mein mit Miſſionsſorgen
und Miſſionsſchmerzen nicht ſelten beſchwertes Herz ein wenig zu
erleichtern , jedes Mal, wenn mich mein Beruf nach Altenſtädt
führt) , erfahre ich die Wahrheit des Spruches Pf. 8 , 3: „ Aus dem
38 Aus Balhorn .

Munde der jungen Kinder und Säuglinge haſt Du eine Macht


zugerichtet um Deiner Feinde willen , daß Du vertilgeſt den Feind
und den Nachgierigen .“ Ja, wirklich eine Macht hat ſich der HErr,
der dreieinigeGott, durch die heil. Taufe aus dem jubelnden Munde
dieſes Kindes zugerichtet. Den Juden , die gleich bei der Hand
ſind, jedem erwachſenen Proſelyten alle möglichen übeln Anſichten
ſeines Uebertritts anzudichten , ſtopft es den Mund : ſie dürfen es
nicht verleumden , denn es iſt ja eben ein Kind! und ein Kind iſt
zum Empfange der heiligen chriſtlichen Taufe am fähigſten , da es
am wenigſten gegen die ihm ſich nahende Gnade fich wehret, ſondern
ihr gegenüber ſtill hält, wie „der Acker der regnenden Wolke ruhig
gegenüber liegt." Die Weltchriſten , wenn ſie des getauften
jüdiſchen Mädleins anſichtig werden , ſie ſtußen , und mancher von
ihnen ſchämt ſich im Stillen ſeines Unglaubens und beſinnt ſich
mit Wehmuth anf die auch ihm einſt geſchenkte Taufgnade und auf
die in Gott vergnügten Tage ſeiner Kindheit , wo er dem HErrn
noch näher ſtand , von dem er ſich nachher immer weiter und tiefer
in die Stricke der Augenluſt, der Fleiſchesluſt und der Hoffart ent
fernte. Die gläubigen Chriſten aber , ſie werden deß auf's
Neue inne und gewiß, was für Thaten der HErr, der Gott Abra
ham 's, Iſaaks und Jakob’s, der Vater unſeres HErrn Jeſu Chriſti
in der Taufe an uns Allen gethan hat, und holen aus dieſem
Gnadenbrünnlein immer friſche Kräfte zum Siege über Teufel,
Welt und ihr eignes Fleiſch hervor."
Dieſer Taufe folgte ſchon am 5 . Februar, dem 5. Sonntag nach
Epiphanias, eine zweite: ein wohlerzogener und begabter israelitiſcher
Jüngling, deſſen bisherige Ruheloſigkeit (auf welche in Heft 3 die
ſes Jahrgangs mit zu ſtarken , leichtmißverſtändlichen Worten hinge
deutet worden iſt) endlich im Chriſtenthum einen feſten Halt gefunden ,
empfing in Gegenwart einer zahlreich verſammelten Chriſtenmenge die
Beſchneidung ohne Hände, das Wiedergeburtsbad des Neuen Bundes .
Warum ſollten wir ſeinen Namen verſchweigen ? Es iſt Hugo Fried
länder aus Breslau. Er erhielt zu dem Namen Hugo noch die
Taufnamen Chriſtian Gottfried Adalbert. Sollte dieſes Heft
Ein getaufter israelitiſdher Jüngling. 39

der ,,Saat aufHoffnung" ſeinen Eltern in Breslau vor Augen kom


men, ſo mögen ſie, welche ihr Kind ſchon ſeit lange aus ihrem Her
zen geſchloſſen zu haben ſcheinen , ſich geſagt ſein laſſen , daß das
Gebiet der Religion ein Gebiet der Freiheit iſt; daß der Synagoge
Verfolgung ihrer zur Erkenntniß Jeſu als des Meſſias gekommenen
Glieder ſo wenig zur Ehre gereicht , als der Kirche Mortara
Geſchichten , und daß ſie noch einmal , wie wir zu Gott hoffen , ein
Wiederſehen mit ihrem Sohne feiern werden , welches alle Eindrücke
der Vergangenheit in einen Strom von Freudenthränen dankbarer
Liebe verſenken wird .
Vielleicht gelingt es , Hugo Friedländer ſeine bereits begon
nenen Gymnaſialſtudien vollenden zu laſſen , um dann zur Univer
ſität überzugehen und in die Fußſtapfen des bereits auf dieſem
Wege begriffenen Stud. Eiſenberg zu treten . An dieſem hoffen
wir einen tüchtigen Miſſionar zu gewinnen . Seinen bisher in Ges
meinſchaft mit Bernhardt unternommenen Beſuchen unter den
Juden iſt ſichtlicher Segen gefolgt. Beide unternahmen in den
zwei legten Tagen des Jahres 1864 einen ſolchen Ausflug. „ Wir
haben — ſchreibt Eiſenberg - die Juden in drei benachbarten Dör
fern beſucht und bei den meiſten ungeheuchelte liebevolle Aufnahme,
nur bei einigen heftigen Widerſpruch, aber nirgends boshafte Feind
(dhaft gefunden , und meine Freudigkeit zu dem zwar ſchwierigen ,
aber köſtlichen Beruf iſt dadurch bedeutend vermehrt worden, ſo daß
mir die Jahre, die ich noch ſtudiren muß , vorkommen wie einzelne
Tage. Dieſe Freudigkeit trägt mich über alle Schwierigkeiten hin .
Der Herr ſei dafür hochgelobt!"
Die Miſſionsdruckerei in Balhorn iſt ſchon vollſtändig einge
richtet, doch hat der zum Factor derſelben erſehene Drucker, unſer I.
Sinemus, ein geborner Waldecker , bis jeßt die Conceſſion nicht
zu erlangen vermocht; hoffentlich läßt ſeine Aufnahme in den kur
heſſiſchen Unterthanënverband nicht lange mehr auf ſich warten .
Das Hauptanliegen des Paſtors Saul iſt die Gründung
einer Miſſionsanſtalt und die Gewinnung eines Lehrers für die
ſelbe. „ Trügen nicht alle Zeichen - ſchreibt uns der verehrte
Aus Balhorn .

Freund und Mitarbeiter -- ſo iſt der Zeitpunkt gekommen , hier


etwa im Laufe dieſes Jahres eine förmlich organiſirte Anſtalt für
die Miſſion unter Jørael einzurichten und mir einen Gehülfen bei
zugeben , welcher die Angelegenheiten derſelben unter meiner Leitung
beſorgen möchte, da ich ſonſt unter der Laſt von Geſchäften erliegen
würde. Wenn es der Herr in Erbarmung über ſein elendes Volk
gelingen ließe, ſo könnte ſich aus der gegenwärtigen ſenfkornartigen
Formation des Judenmiſſionsbetriebs ein pyramidaliſcher Bau des
ſelben erheben : unten die breite Baſis würden die Gemeinden bil
den , umſchirmt von der Kirche und geleitet von dem geiſtlichen
Amte ; hieran würden ſich die bekenntnißgleichen Paſtoren und die
Miſſionare ſchließen , als die Arme, durch welche die Miſſionsthätig
keit zur Gemeinde hinausreichen würde, und die Spiße würden die
Männer der Wiſſenſchaft bilden , die mit den Waffen ihrer Gelehr
ſamkeit das Werk nach Innen befruchten , vertiefen , nach Außen
ſchirmen dürften . So würde Anregung zur Sache für alle Stände,
für den gemeinen Mann , die Geiſtlichen und die ſonſt Gebildeten
gegeben ſein . Unſere Miſſionsunternehmungen für Járael würden
auf die angedeutete Weiſe einen geſchloſſenen Charakter gewinnen
und wir würden die atomiſtiſche, ſporadiſche Methode anderer Vereine
vermeiden und des Erfolgs um ſo ſicherer ſein . Vor allen Dingen
aber würde ein Convent von Delegirten unſerer verbundenen Vereine
zur Berathung der dahin einſchlägigen Fragen und zur Einigung
über dieſelben erforderlich ſein. Möchten Sie hierzu nicht die
Initiative ergreifen $ — Der Herr ſtrecke ſeine durchgrabenen Hände
über unſere ineinander gelegten Hände und ſegne dieſe Verflechtung
zum Baue Zions!"
In gleichem Sinne und zu gleichem Zwecke ſagt Paſtor
Saul in einem Schreiben an das Dresdener Comité : „ Vor allen
Dingen iſt es dringendes Bedürfniß , daß die hier embryoniſch vor
handene Miſſionsanſtalt für Israel enger und vollſtändiger orga
niſirt und daß die zerſtreut dafür wirkenden Kräfte auf Einen Punkt
concentrirt und regulirt werden . Hiezu iſt jetzt der Zeitpunkt ge
kommen . Wird dieſer verſäumt und laſſen wir die gegenwärtig
A . F . Pétavel.

allenthalben friſche Begeiſterung unbenußt verfliegen : ſo kehrt ſie


vielleicht nie wieder und die angehenden Regungen der Liebe für
Jsrael werden wieder verſchwinden gleich den jungen Spißen und
Reimen im Frühling, die vom Nachtfroſte befallen verderben ."
Der Präſes des ſächſiſchen Haupt - Miſſionsvereins, Kammer
herr von Erdmannsdorff, beeilte ſich in Begeiſterung für unſere
Sache und gemäß ſeiner Liebe zu raſchem thatkräftigem Handeln ,
die vom Paſtor Saul dem Comité unterbreiteten Vorſchläge ſofort
mündlich mit dem Vorſtande des bayeriſchen Vereins zu beſprechen.
Möchte aus dieſen am 11. März in Erlangen gepflogenen Bera
thungen und aus den in Dresden gefaßten Beſchlüſſen dem im
Frühling ſtehenden Werke erfolgreiche Förderung erwachſen !

D . Abram François Pétavel,


als Vermittler zwiſchen der evangeliſchen und israelitiſchen Allianz.
Von F. D .
Im Jahre 1851, als die Evangeliſche Allianz in London
tagte, erging von ihr aus ein Schreiben an den Baronet Sir Culs
ling Eardly Smith, Präſidenten der Evang. Allianz Britiſcher
Organiſation, worin der Gedanke ausgeſprochen ward, eine Gemein
ſchaft der Evangeliſchen Allianz mit den Jsraeliten auf der Baſis
des zwiſchen Judenthum und Chriſtenthum Gemeinſamen anzu
bahnen . Sir Eardly , der eifrige Verfechter des Princips der Frei
heit auf religiöſem Gebiete , ſtammte ſelbſt in dritter oder vierter
Generation von jüdiſchen Eltern ab . Der angeregte Gedanke zün
dete in ihm und bald brachte die jüdiſche Zeitſchrift Jewish Chro
nicle eine von ihm und andern Mitgliedern der Evang. Allianz
unterzeichnete Aufforderung an die Jsraeliten aller Länder , eine
ähnliche Vereinigung zu gründen und ſich zu der bereits beſtehen
den chriſtlichen in Beziehung zu ſeßen . Dieſe Aufforderung blieb
nicht wirkungslos. Während der großen internationalen Ausſtel
lung in Paris 1855 kam es zur That. Einige hochgeſtellte Israe
liten , die Herrn Leon Werth , Präſident des israelitiſchen Con
42 A . F. Pétavel.

fiſtoriums des Depart. Haut- Rhin , Levy Bing, Banquier in


Nancy , und Trénel von Luneville , nahmen Theil an den Con
ferenzen der Evang. Allianz, welche das Volk Israel zum Gegen
ſtand hatten . Der Geiſt der Liebe zu Israel, welchen Alles ath
mete, was da geſprochen wurde , überraſchte und rührte ſie. Ein
ſalbungsvolles brünſtiges Gebet für Israel, vom Prof. Bonifas -
Guizot aus Montauban geſprochen (wenige Tage vor ſeinem bald
darauf erfolgten Hinſcheiden ), ſchloß dieſe Conferenzen . Der Ein
druck war ein ſolcher, daß jüdiſche Zeitſchriften davon berichteten .
In dem Hauſe der würdigen Frau André Rivet fand noch eine
freie Conferenz zwiſchen Chriſten und Israeliten ſtatt , an welcher
ſich jüdiſcherſeits die Herren Ad. Franck vom Institut de France,
Verfaſſer des von Jellinek ins Deutſche überſeßten Werkes über
die Kabbala, und S .Bloch , Redacteur des Univers israélite, chriſt= .
licherſeits die Herren Culling Eardly , Capadoſe aus dem Haag,
Krummacher aus Potsdam und Þétavel, Vater und Sohn,
betheiligten . Die ſodann erfolgte Gründung der Alliance israélite
universelle war eine Frucht dieſes wechſelſeitigen Entgegenkommens,
welches ſich nun auf die beiden Allianzen fortpflanzte. Einer der
eifrigſten Förderer des auf der Baſis des Princips religiöſer Frei
heit eingeleiteten Meinungsaustauſches war und iſt der Prediger
D . Abram François Pétavel in Neuchâtel, welcher Freunden
Israels und israelitiſcher Literatur als Verf. eines Gedichtes mit
ausführlichen Erläuterungen , La Fille de Sion ou le Rétablis
sement d ' Israel betitelt (1844), und einer Dissertation sur la
Kabbale ou la Philosophie spéculative des Hébreux (1848 )
bekannt iſt. Der Grundzug dieſer und aller ſeiner Schriften iſt
Sehnſucht nach Aufhebung des Bruches zwiſchen Synagoge und
Kirche und nach Ueberbrückung der ſie trennenden Kluft – eine
Sehnſucht, welche nichtwehmüthiges Gefühlbleibt, ſondern zu frieden =
ſtiftender That ſchreitet. Jenes Gedicht iſt „ den Nachkommen des
alten Gottesvolkes von einem ihrer Brüder im Glauben an den
Meſſias gewidmet.“ „ Israeliten ! – ſo lautet das Widmungs
ſchreiben - in dieſem Augenblicke, wo ich vor euch mit meiner Gabe
Pétavels „ Tochter Zions."

hintrete, auf welche ich die Huld des Gottes Israels herabflehe,
fühle ich das Bedürfniſ , Gnade vor euch zu finden , denn euer Ant
liß iſt für mich als fähe ich Gottes Antlig ( 1 M . 33, 10 ). Ein
Tag wird anbrechen , wo ihr überſchwenglich verherrlichen werdet die
Heiligkeit des Vaters . . . Ein Abgrund ſcheint uns in unſerem
beiderſeitigen Glauben zu trennen , aber laßt uns dem Worte des
Propheten glauben : Er wird das Herz der Väter bekehren zu den
Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern · . ehe der Tag
des Ewigen kommt, der große und ſchreckliche (Mal. 3, 24 ). —
Jsraeliten ! Ihr ſeid unſere Väter und wir ſind eure Kinder.“ In
ſo andringender Sprache ſucht ſich der Verf. Eingang zu verſchaffen
bei dem Volke , das er liebt und ohne welches er ſich die Zukunft
der Kirche nicht denken kann. Er ſeßt das Herz Israels gleichſam
mit allen Ueberzeugungsmitteln der Wahrheit und allen Bocmitteln
der Liebe in Belagerungszuſtand. Er bekennt die blutigen Sünden
der Kirche, durch die ſie ſich gegen die Juden verſchuldet hat, er
bekennt aber auch das blutige Selbſtopfer des Knechtes Jehova's ,
welcher von Israel hinausgeſtoßen und von den Heiden aufgenom
men worden iſt , dereinſt aber auch unter Thränenſtrömen der Neue
von ſeinen Brüdern erkannt werden wird . „ Jsraeliten ! — ruft er
ihnen zu — die ihr euch ſchon an ſo manches Joch gewöhnt habt:
weder eure Saßungen , deren Zeit vorüber iſt, noch die Künſte und
Wiſſenſchaften des gebildeten Europa, mit denen ihr wetteifert,
können euch den Frieden geben , deſſen ihr bedürfet; werdet ihr denn
nach ſo vielen unfruchtbaren Verſuchen und nußloſen Anſtrengungen
nicht endlich einmal verſuchen , die Belehrungen deſſen zu hören ,
welcher ſpricht : Nehmet auf euch mein joch und lernet von mir,
denn ich bin ſanftmüthig und von Herzen demüthig , ſo werdet ihr
Ruhe finden für eure Seelen ?"
So einerſeits ſeinen Glauben nicht verläugnend und anderer :
ſeits den jüdiſchen Brüdern ſo weit als es nur immer ohne Ver
leugnung des Glaubens möglich iſt entgegenkommend, hat Pétavel
ſchon manche Frucht ſeiner eigenthümlichen Handlungsweiſe erlebt,
ſo daß er in einer Schrift, welche L ' Époque de rapprochement
44 N . F. Pétav .
el
ou Entente fraternelle entre l' Alliance Évangelique et l' Al
liance israélite universelle (1863) betitelt, am Schluſſe der Vor
rede die freudige Wahrnehmung ausſpricht, es bereite ſich jest zwi
ſchen den Vätern und den Kindern , zwiſchen den Jüngern des Alten
und des Neuen Bundes eine Annäherung und eine Gemeinſchaft
vor , wie ſie ſeit dem Urſprunge des Chriſtenthums nicht erlebt
worden iſt. Die Thatſachen , welche er dabei im Auge hat und in
dieſer Schrift berichtet , ſind folgende.
Angeregt durch die evangeliſche Allianz entſchloß ſich das
Comité der israelitiſchen Alianz im März 1863 ſofort, auch an
ſeinem Theil zur Befreiung der verfolgten ſpaniſchen Proteſtanten
mitzuwirken . Die an den Juſtizminiſter Ihrer Maj. der Königin
von Spanien erlaſſene Adreſſe iſt allerdings ein Actenſtück, welches
bis dahin in der Geſchichte nicht ſeines Gleichen hatte. Der Grund
und Boden Spaniens iſt Jahrhunderte lang von dem Blute und
Fette jüdiſcher Schlachtopfer getränkt worden ; jeßt erging an das
katholiſche Spanien , bis vor 70 Jahren die Heimath der Inqui
ſition und der Autodafé's , eine dringliche Fürbitte israelitiſcher Män
ner für ihre gefährdeten chriſtlichen Brüder. „Möge Spanien die
Bitten der Israeliten erhören , die einſt gleich jenen verurtheilt
wurden , möge es die öffentliche Meinung zufrieden ſtellen , welche
von dem Spanien des Mittelalters an das aufgeklärte und freie
Spanien unſerer Tage appellirt!"
War es doch ein Israelit von Abkunft geweſen , nämlich unſer
glaubensvoller liebeglühender Capadoſe, welcher vor andern die
Aufmerkſamkeit auf die evangeliſch geſinnten und hart bedrängten
ſpaniſchen Brüder gelenkt hatte. Er war es , der wie früher den
in Florenz gefangen gehaltenen Madiai's , ſo jeßt dem in einem
dumpfen Kerker Barcellona’s ſchmachtenden Don Manuel Mata
moros den Balſam ermuthigenden ſympathiſchen Zuſpruchs ins
Herz träufelte und mit ihm einen zweijährigen Briefwechſel anknüpfte ,
welcher beweiſt, daß die Jeſusliebe der Märtyrerkirche der erſten
Jahrhunderte auch im 19. noch fortlebt *). Er war es, der in Verein
*) ſ. Capadoſe's aus dem Holländiſchen überſeßte Schrift: Die Kraft
Die Sache der ſpaniſchen Bekenner. 45

mit Baronet Eardly) den Plan einer Deputation nach Spanien,


beſtehend aus Chriſten aller Länder, entwarf und als Mitglied die
ſer Deputation „ zur Vertretung der in Spanien um des Glaubens
willen verfolgten evangeliſchen Chriſten “ am 26. März 1863 von
Amſterdam abreiſte , begleitet von zwei andern holländiſchen Nota
beln , deren einer eine Adreſſe mit 45000 Frauenunterſchriften und
eine andere von einigen hochgeſtellten Katholiken zu überbringen hatte.
Doch wir kehren zu unſerem greiſen Pétavel zurück , ohne
uns verſagen zu können , hier die Schilderung ſeines Hauſes einzu
flechten , welche wir in Capadoſe's „ Erinnerungen an Spanien "
(deutſch von van Rhyn 1865 ) leſen . Einen lieblichen Ruheplaß
- erzählt Capadoſe - fanden wir unter dem gaſtfreien Dache
unſrer Freunde Pétavel , auf dem Rocher de St. Jean , wo der
Vater , die Mutter , die drei Söhne , die wie ſo viele Maccabäer
den alten Vater ſtüßen , und die lieben Töchter uns um die Wette
die wenigen Tage unſres Verweilens auf Seel und Leib erquickende
Weiſe zu verſchönern wußten . Die anziehendſten Geſpräche , die
herzlichſten Genüſſe , die glücklichſten Ueberraſchungen der immer
erfinderiſchen chriſtlichen Liebe, denen ſich jene Offenheit , jene Hei
terkeit, jenes Wohlbehagen zugeſellte, die nur da ſich finden , wo man
im Herrn verbunden iſt, Alles , auch die ſchöne Witterung, vereinigte
ſich, uns in jenen wenigen Tagen neue Kräfte und friſchen Muth .
zu ſchaffen für die nachfolgende Reiſe.
Unterm 9 . Mai 1863 antwortete Pétavel Herrn Louis J .
Königs warter, dem dermaligen Präſidenten des Comité's der
israelitiſchen Allianz, durch den er die Nachricht von dem Beſchluſſe dies
fes Comité's in Betreff der verfolgten Evangeliſchen Spaniens erhalten
hatte, in einem ausführlichen Schreiben , worin er ſich über das Verhält
niß von Judenthum und Chriſtenthum zu einander ausſpricht. Dieſes
Schreiben vermeidet alles Abſtoßende, redet die Sprache der nach
Frieden jagenden Liebe und fußt vor allem mit Verurtheilung alles
Gewiſſenszwangs , aller Religionsverfolgung und des römiſchen
des Glaubens oder beſondere Ereigniſſe aus dem Leben und Leiden des . .
Don M . Matamoros . Aus ſeinen Briefen geſammelt. Elberfeld 1863.
46 A . F. Þétavel .

Kinderraubes * ) auf dem Boden der religiöſen Freiheit. Aber


dieſe ſelbſtwird auf das Chriſtenthum zurückgeführt. „ Ach die Israeli
ten leſen dieſe Evangelien nicht , in welche wie eine unbezwingliche
Burg ſich die chriſtliche Freiheit flüchtet. Rämen ſie von ihrer Ent
fremdung zurück und wollten ſiemit einiger Aufmerkſainkeit dieſe geiſt
liche Emancipations-Urkunde leſen, welche ihre und unſere Feindever
urtheilt und deshalb von dieſen verſteckt gehalten wird : ſie würden
ſehen , mit den ſpaniſchen Märtyrern und dem erleuchtetſten Theile
der chriſtlichen Kirche , wie ſchändlich die Chriſtenheit , indem ſie
unduldſam und verfolgungsſüchtig wurde, ihre Vollmachten über
ſchritten und wie weit ſie ſich von den Vorſchriften deſſen verirrt hat,
nach deſſen Namen ſie genannt iſt.“ Und im Rückblick auf das
vor kurzem begangene Oſterfeſt ruft er aus : „ Jsraeliten und Chri
ſten , ältere und jüngere Kinder einer geiſtlichen Familie , ihr habt
beide Oſtern gefeiert zum Gedächtniß einer großen Erlöſung , einer
Macht - und Gnadenthat des AUmächtigen . Ihr Járaeliten habt ihm
gedankt für die Befreiung eurer Väter aus der pharaoniſchen Knecht
ſchaft ; ihr Chriſten habt den Sieg eures göttlichen Hauptes über
Sünde und Tod geprieſen . Iſt ein Widerſpruch zwiſchen den zwei
Erlöſungen und Siegen ? Nein , ſie laufen in Einen Zielpunkt
göttlichen Erbarmens zuſammen und ſind Thatbeweiſe der alleinigen
Macht des Ewigen , die Menſchen von dem Joche, das ſie äußerlich
und innerlich niederdrückt , zu entlaſten ."
Dieſe Zuſchrift fand freundliche Erwiederung. Dr. Pétavel
wurde offiziell von der Vertagung der auf den 21. Mai anberaum
ten Generalverſammlung der israelitiſchen Allianz benachrichtigt,
und der Präſident beantwortete die Zuſchrift in einem privaten
eingehenden Schreiben , welches den eigentlichen Differenzpunkt zwi
ſchen Synagoge und Kirche formulirt. Es iſt das abſolute Prinzip
des Monotheismus, von welchem die Jsraeliten der ganzen Welt
weder heute noch in tauſend Jahren ablaſſen werden , nachdem ihre
* ) Der Mortara - Fall hat ſich am 12 . Dec. 1864 in Rom wiederholt,
indem da wieder ein achtjähriges Judenkind ſeinen Eltern entriſſen worden iſt.
In der Sache Edgard Mortara's waren alle Bemühungen Sir Eardly's fruchtlos.
Verhandlungen mit der Alliance israélite. 47

Väter mit unerſchütterlicher Standhaftigkeit dafür gekämpft und


geduldet.“ „ Im Grunde beſteht heutzutage zwiſchen dem reformirten
(evangeliſchen ) Chriſtenthum und dem Judenthum nur ein einziger ge
wichtiger Streitpunkt, nämlich die Gottheit Jeſu Chriſti oder beſſer :
die Auffaſſungsweiſe der göttlichen Miſſion dieſes großen Reforma
tors und der orientaliſchen Benennung deſſelben als Sohn Gottes ."
Mit ſeinem Sohne Emmanuel in Paris angekommen , fand
Dr. Pétavel bei Herrn Königswarter die wohlwollendſte Aufnahme,
aber das Religionsgeſpräch ſchloß damit , daß dieſer ſagte: „Was
die Perſon Chriſti betrifft, ſo kann man in ihm den Propheten ,
den großen Reformator erkennen , aber ſelbſt wenn man ihn über
Moſes ſtellt, iſt er deshalb doch noch nicht Gott ſelbſt - - das wer
den die Jsraeliten nie zugeſtehen können .“
Pétavel erwidert darauf in ſeiner Schrift , daß der Gott, wel
cher im alten Teſtamente im Stiftszelt und Tempel wohnte , auch
einen Menſchen zur Stätte ſeiner Gegenwart für die Menſchheit
machen konnte, und daß eben dieſer Jeſus es iſt , durch welchen die
Heiden , wie zu Tage liegt, zur Erkenntniß Jehova's gekommen
ſind. Die chriſtliche Gottesidee hebt den Monotheismus nicht auf,
ſie iſt nur minder ſtarr , ſie faßt die Einheit nicht unlebendig, ſon
dern ſekt Unterſchiede in der Einheit, wie ja auch ſchon das alte
Teſtament Jehova und ſeinen Engel und ſeinen heiligen Geiſt unter :
ſcheidet und dem künftigen Meſſias göttliche Namen , wie El-Gib :
bôr (Gott der Starke) und Adonaj Zidkênu ( Jehova unſre Ge
rechtigkeit) giebt, weil Gott ihm wie bisher keinem Menſchen innewohnt
und in ihm wie bisher in keinem ſich geſchichtlich manifeſtirt hat.
Am 31. Mai hauchte Sir Eardlı ſein edles Leben aus, welches
eingeimpftem Pockengift erlag. An eben dieſem Tage gelangte nach
Paris die freudige Nachricht , daß die Galeerenſtrafe der ſpaniſchen
Bekenner in Verbannung umgewandelt worden ſei: der alte Inqui
ſitionspalaſt war der Verſammlungsplaß der Deputation geweſen ,
deren Erſcheinen ſchon dieſe gewaltige und erwünſchte Wirkung
hervorbrachte. Die Generalverſammlung der israelitiſchen Alianz
fand bald darauf am 18. Juni ſtatt. Pétavel mit ſeinen Söhnen
48 Ein Geſpräch im Poſtwagen .
wurde eingeladen , aber war ſie zu beſuchen verhindert. Er ent
ſchuldigte ſich in einem Schreiben , in welchem er bekennt, Alles
was ſeine Freude und Zuverſicht für Zeit und Ewigkeit iſt nächſt
Gott, dem Urheber alles Guten, Israel zu verdanken , und daß das
felbe zulegt im Bekenntniß des Einen Sohnes Gottes, des Menſchen
ohne Sünde, des Anfängers einer neuen wiedergebornen Menſchheit
beſtehe. „ Er iſt Sohn Gottes und Sohn der Jungfrau durch
Wirkung des Geiſtes Gottes, ohne den der erſte Menſch eine todte
Maſſe geblieben wäre, und ohne den das Geſeß von Sinai ein
todter Buchſtabe bleibt. D Geiſt, wehe von den vier Windgegenden
her (Ez. 37 , 9) über die zerſtreuten Glieder der israelitiſchen Fas
milie und über die ganze zerriſſene und unglückliche Menſchheit hin !“
Jésus vint, votre Dieu vous parla par sa bouche:
Vous demandiez un homme, un homme est avec vous;
Dieu ne parla jamais un langage plus doux,
Et maintenant, d 'ou vient qu'avec un ton farouche
Vous dites au Seigneur, quand votre main le touche:
Retire - toi de nous? –

Ein Geſpräch im Poftwagen .


Von C . becker.

Am 24. October fuhr ich , nachdem ich eine Taufe in der Nähe
von F. vollzogen hatte , mit der Poſt nach K . zurück , konnte aber
erſt eine Viertel Meile von F. einſteigen . Im Poſtwagen ſaßen
bereits zwei Paſſagiere .
Der eine redete mich alsbald an : Sind Sie nicht Herr Paſtor
Becker ? Ich : Ja . Woher kennen Sie mich denn ? Er : Sollte man
Sie nicht kennen ! Ich : Und wie iſt Ihr werther Name? Er:
Ich bin der Rathsherr Abraham aus * , bin Jude und Chriſt
zugleich in einer Perſon . Ich : Das iſt nicht möglich, denn Dop
pelgänger gelten nicht im Reiche Gottes . Er: Nun , ich ſagte nur
ſo . Aber hier ſigt ein ganzer Jude. Mit den Worten wies er auf
den dritten Reiſegefährten , einen jungen , angenehmen Mann von
24 – 26 Jahren . Dieſen redete ich nun an: Ein wahrer Sohn
Zeugniß von Jeſu als Ziel der Verheißung. 49

Abrahams iſt nur der , welcher den Glauben Abrahams hat. Von
dieſem aber ſteht geſchrieben ; Abraham glaubte dem Herrn, und das
rechnete er ihm zur Gerechtigkeit, 1.Moj. 15, 6 . Und was glaubte
denn Abraham dem Herrn ? Daß Er Seine Verheißung wahr
machen werde: „ In dir und deinem Samen ſollen geſegnet werden
alle Geſchlechter auf Erden “ , 1. Moj. 12, 3. Dieſes Wort aber
findet ſeinen Mittelpunkt und ſeine Erfüllung im Meſſias. Der
als . Weibesſame im Paradieſe nach dem Fall verheißen war, ſollte
als Same Abrahams das Werk der Errettung der Menſchen aus
der Gewalt der hölliſchen Schlange zum Siege hinausführen , und
das hat Er gethan, Sein Name iſt: Jeſus Chriſtus. Abraham
ſah ſeinen Tag und freute ſich, und wer ein wahrer Sohn Abras
hams ſein will , muß ſich auch freuen lernen in dieſem Meſſias.
Ich erklärte dann eingehend 1.Moj. 3 , 15 . 22, 18 . Jej.53, 11.
Gal. 3, 16. Er: Meſſias wird erſt fommen . Ich : Das iſt gegen
Schrift und Geſchichte. Ich führte ihm 1. Moj. 49, 10 hebräiſch
an, und folgerte daraus : da das Scepter 1800 Jahre von Jsrael
weggenommen iſt , und es nicht eher entwendet werden ſoute , bis
der „ König Meſjias“ kommt, wie die Targumim überſeßen , ſo muß
er längſt gekommen ſein . Er : Das Scepter iſt noch bei den
10 Stämmen vorhanden . Ich : Wo ſind die ? Vielleicht hinter dem
Sambation , nach den Träumen der Rabbinen ? Werfen Sie doch
ſolche Träumereien weg, denn Gott ſpricht: Siehe, ich will an die,
ſo falſche Träume weiſjagen . Salmanajjar hat die 10 Stämme
nach Aſſyrien geführt. Dort haben ſie ſich mit den Seiden ver
miſcht , und die heutigen Neſtorianer in den armeniſchen Hochgebir
gen , welche Chriſten ſind , ſtammen von ihnen ab. Das hat der
Amerikaner Grant deutlich nachgewieſen . Er: Jene Stelle muß
überſezt werden : Es wird das Scepter von Juda nicht weichen
ewiglich , denn es fommt Mejjias. Ich : Das iſt gegen die
Grammatik und die Accente. Allerdings fann ad auch Ewigkeit
bedeuten , z . B . Pj. 9, 19: die Hoffnung der Elenden wird nicht
verloren ſein la'ad d . h . ewiglid). Allein wenn es mit ki vera
bunden iſt , heißt es bis, ſo z. B . 1. Doj. 26, 13: Jjaaf ging
n
50 Ein Geſpräch im Poftwage .

und nahm zu , ad ki bis daß er groß ward. So auch Dan . 9,25 :


Von der Zeit an , daß Jeruſalem ſoll wieder gebaut werden , - ad
d. h. bis auf Chriſtum den Fürſten ſind 2c. Jeſus Chriſtus iſt
der rechte, einige Schilo oder Friedefürſt; wer ihm anhangt, der
wird ſelig , wer Ihn verachtet und verwirft, wird verdammt, denn
er hat kein Opfer für feine Sünde.
. Der junge Jsraelit ward eine Weile ſtill und nachdenkend.
Darauf fing er wieder an : Soll nicht der Meſſias allein von
David und keinem fremden Volk abſtammen ? Ich : Allerdings.
Gott hat ja dem David die beſtimmte Verheißung gegeben, Jer . 23 ,
5 - 6 ; und darum heißt auch der Meſſias „ Sohn Davids ." Er:
Chriſtus aber ſtammtmit von Moab ab , denn unter ſeinem Ge
chlecht wird die Moabitin Ruth mit aufgeführt. Von Moab gebies
tet aber Gott : Sie ſollen ewig nicht in die Gemeine Gottes kom =
men . Ich : Darauf iſt zunächſt zu antworten : Aus Moab ſollte
Reiner zu einem öffentlichen Ehrenamt in Jsrael gelangen , weil
fie dem Volke Gottes alle Liebe bei ſeinem Auszuge aus Egypten
verſagten ; aber aufgenommen konnten ſie werden unter das Volt
Gottes , um Theil zu nehmen an ſeinen Segnungen . So geſchah
es bei der Ruth ; denn ſie ſpracy zu der Naemi: Dein Volk iſt
mein Volk , und Dein Gott iſt mein Gott, Ruth. 1 , 16 .
Darum aber, daß ſie von Gott gewürdigt wurde, unter die Ahnen
Chriſti zu zählen , hat ſich angedeutet , daß auch die Heiden durch
den Meſſias zu Gnaden ſollten angenommen werden , wenn ſie
gläubig würden . Gott ſpricht ja zu dem Meſſias: „ Es iſt ein Ge
ringes, daß du mein Knecht biſt, die Stämme Jacobs aufzurichten,
und das Verwahrloſete in Israel wieder zu bringen , ſondern Ide
habe dich auch zum licht der Heiden gemacht, daß du
fey eſt mein Heil bis an der Welt Ende." Jef. 49, 6. Ich
redete dem jungen Manne nun ſehr freundlich und lange zu Herzen :
Lieber junger Freund , es gibt auch für Sie nur Heil und Selig
Keit, wenn Sie Ihre Sündenſchuld erkennen und ſchreien lernen :
Jeſu , du Sohn Davids , erbarme dich meiner ! Ich erklärte ihm
namentlich geſ. 53 , 4 – 6 . Er hörte ſehr aufmerkſam zu. Doch
Freundliche Verabſchiedung. 51

der chriſtliche Rathsherr verdarb mir faſt den Eindruck. Er


meinte: Wir ſtammen Aưe von den Juden ab, wie auch die Japa
neſen und Chineſen , und am Ende —en werden wir Aue alle ſfelig ne
elig ,! mIch
a t n i c h t
8 h Behauptungen n g d o c h s i e
a ,, doch die blieb er ſchuldig .
forderte Beweis für ſolche
Er fuhr fort: Chriſtus hat nicht ſelbſt geſchrieben , und die Apoſtel
können ſich und uns getäuſcht haben . Wäre Er Gott, ſo hätte Er
Seinen Willen und Gefeß doch ſelbſt niederſchreiben müſſen . Sch :
Gott hat ſich nach Seiner Weisheit zum Schreiben des Moſes , der
Propheten und Apoſtel bedient, ihr Wort aber iſt Sein Wort.
Doch für Sie hat Gott mit Seinem eigenen Finger etwas geſchrie
ben , das ſind Seine heiligen 10 Gebote , wenn Sie die nicht hal
ten und Chriſtum verwerfen , der das Geſetz auch für Sie erfüllt
hat, ſo gehen Sie verloren. Er ward nun ruhiger .
Der junge Jude hatte zwei lange eiſerne Maßſtäbe und
Winkelinaße bei ſich. Ich fragte ihn , ob er ein Baumeiſter ſei,
hörte nun aber von ihm , daß er ein Kaufmann wäre, an der Oder
ausſteigen würde, weil er Holzflöße aus Polen erwarte, die er von
einem chriſtlichen Holzhändler gekauft habe, und die ihm nun richtig
zugemeſſen werden müßten . Er ſei bei dem berühmten Wallfahrts
orte der Katholiken Czenſtochau in Polen zu Hauſe.
Ich ſprach nun noch Manches mit ihm über das Verwerfliche
des Marien - und Bilderdienſtes. Er möchte ſich dadurch nicht irre
machen laſſen , ſondern anfangen fleißig in dem neuen Teſtamente
zu forſchen . Gott werde ihm dann Gnade geben , daß er zur rech
ten Erkenntniß käme. Als er ausſtieg, hielt ich ihm noch Pl. 2, 12
hebräiſch vor und legte ihm die wichtigen Worte an 's Herz. Er
ſchied ſehr freundlich von mir. Ich aber hatte von neuem die Ueber
zeugung gewonnen , daß mit einem polniſchen Juden , wie ich ſolche
zahlreich in Leipzig geſprochen habe, viel beſſer ein ernſtes Geſpräch
anzuknüpfen iſt , als mit manchen Deutſchen . HErr , ſegne den
ausgeſtreuten Samen !
Ueber die Reſultate der Weltgeſchichte.
Seche Vorleſungen von Dr. Ludwig Philippſon in Magdeburg. Leipzig,
Baumgärtner , 1860 .

Es wäre immerhin intereſſant, einen gebildeten Juden die


Summa der Weltgeſchichte ausrechnen zu ſehen . Doch bei dem Ver
faſſer , mit dem wir es hier zu thun haben , und dem wir weder
Bildung noch Gelehrſamkeit abſprechen wollen , tritt das Gepräge
des ächten Judenthums wenig hervor. Wir finden die Idee rund
ausgeſprochen , daß „die Juden die dauernden Träger der religiöſen
Idee“ ſeien , und das Chriſtenthum (worunter er nichts als ein Dogmen
ſyſtem verſteht) nur als ein durch heidniſche Elemente getrübter
Ausfluß des Judenthums zu gelten habe. Man möchte über ſolche
Verblendung lächeln , wenn nicht eine aufſteigende Thräne der Weh
muth das hinderte. Der Verf. ſteht auf dem Boden einer allge
meinen Neligioſität , auf dem ſich alle freiſinnigen und liberalen
Leute , getaufte und beſchnittene, mit mehr oder weniger Behagen
neben einander bewegen . Da aber Chriſtus der Schlüſſel der Welt
geſchichte iſt, und die Herren dieſer Richtung von dieſem noch weni
ger wiſſen wollen , als die orthodoren Juden (denn ſie leugnen ja
die Erſcheinung eines perſönlichen Meſſias ), ſo wird Dr. Phi
Tippſon mit ihnen vor mancher verſchloſſenen Thür ſtehen . Er fin
det Reſultate , aber nicht das Reſultat der Weltgeſchichte , welche
ihm nichts weiter iſt , als das Product der Arbeit des „ Menſchen
geiſtes " , ohne daß dem Gott der Heilsgeſchichte die Ehre gegeben wird.
In den drei erſten Vorleſungen wandelt Dr. Philippſon nur
in den Vorhallen des Geſchichtstempels und redet von der Tendenz
unſerer Zeit, von Civiliſation , Geſammtverbindung des Menſchen
geſchlechts , Handel, Induſtrie, politiſcher Verbindung der Staaten
und Verfaſſungsleben , und wir können da ſchon in ſeiner Geſell
ſchaft etwas wandern , ja er vermag es ſogar , einigen Genuß zu
gewähren . Sobald er aber auf die ſittliche und ſociale Entwickelung,
Kunſt und Wiſſenſchaft, Geſchichte, Philoſophie und Religion über
geht (3 . – 6 . Vorleſung) , da müſſen wir ihn verlaſſen , denn wir
Philippſons Reſultate der Weltgeſchichte. 53

haben in dieſen Fragen ein anderes beſſeres licht empfangen ,


welches von dem ausgeht, welcher die Wahrheit und das Leben "
iſt, und ſtehen auf einem andern Boden .
Nur iſt uns aufgefallen , daß S . 110 die Gefeßesſtelle
2. Moj. 12 ,49: „ Es ſoll einerlei Recht unter euch ſein , dem Fremd
ling, wie dem Einheimiſchen ; denn Ich bin der HErr, euer Gott“ ,
gerade da angeführt wird , wo die Gleichberechtigung Aler im
Staate und was damit zuſammenhängt als ein Fortſchritt in
der Entwicklung des ſittlichen und ſocialen Lebens dargeſtellt wird .
Denn dieſe Geſetzesſtelle verlangt geradezu , daß die Fremdlinge im
gelobten lande, wenn ſie an den Wohlthaten des israelitiſchen
Staats - und Volkslebens Theil nehmen wollen , ſich beſchneiden
Laſſen und Juden werden ſollen . Es heißt ja Vers 48 ausdrücklich :
„So aber ein Fremdling bei dir wohnet , und dem HErrn das
Paſſah halten will , der beſchneide alles was männlich iſt ; alsa
dann mache er ſich herzu , daß er ſolches thue, und ſei wie ein
Einheimiſcher des Landes; denn kein Unbeſchnittener ſoll davon
eſſen .“ Was würde Dr. Philippſon dazu ſagen , wenn die Chriſten
den Juden (geſtüßt auf dieſe Stelle) völlige Gleichſtellung nur um
den Preis der Taufe offeriren wollten ? Und folgt daraus nicht,
daß das moſaiſche Geſeß durch und durch volksthümlich iſt und daß
diejenige Religioſität, welche keine Scheidewand des Volksthums
kennt, unmöglich aus dem moſaiſchen Geſeße deducirt werden kann ?
Der Humanismus , welchen das moderne Judenthum ſich ſelber zu
verdanken meint, iſt eine Segnung des Chriſtenthums. „ Haben wir
nicht Alle Einen Vater ? " ſagt Mal. 2 , 10 das jüdiſche Volk von
ſich allein . Derjenige aber , welcher dies Wort der Menſchheit in
den Mund gelegt hat , iſt kein Anderer als Jeſus Chriſtus.
Becker.

6 a pado ſe' 3 uſ a m me u kuuft


mit den ſpaniſchen Bekennern.
In dem Aufſaße über Abram -François Pétavel haben wir
Capadoſe’s und ſeiner ,,Erinnerungen aus Spanien " gedacht. Capa
Capadoſe und die ſpaniſchen Bekenner.

doſe uud ſein nun heimgegangener Freund da Coſta ſind aus


dem Judenthum hervorgegangene Chriſten und vor andern thatſäch
liche Bürgen der Hoffnung Jsraels, deren Verwirklichung das Ziel
unſrer Sehnſucht iſt. Die Befehrung Capadoſe’s hat Pétavel 1837
in einer Schrift Conversion de Mr. le Dr. Capadose, Israélite
portugais beſchrieben . Als Pfarrer Blumhardt bei der Baſeler
Jabresfeier der Freunde Jsraels 1862 ſeinen Vortrag mit einem herz
inbrünſtigen Gebete für Israel geſchloſſen hatte, ward auch Péta
vel vom Geiſte des Gebets ergriffen und flehte laut: „ Gott unſer
Herr , verherrliche dich an deinem noch immer verblendeten Volke
Fôrael ! Jeſu Cliriſte, unſer Heiland, verleihe uns die Gnade und
gieb uns neue Capadoſe und neue da Coſta . . !! -
Capadoſe iſt es geweſen , welcher in Wort und That die Theil
naljme des chriſtlichen Europa für die eingekerferten Evangeliſchen
in Spanien geweckt und durch geiſtlichen Zuſpruch aus der Ferne
den Glauben dieſer leidenden Glieder am Leibe Chriſti geſtärkt hat.
Wir laſſen ihn hier erzählen , wie er von Malaga nach Granada
reiſte, um dort zum erſten Male die von Angeſicht zu ſehen , welche
ſeit Jahren der Gegenſtand ſeines Ningens vor Gott und ſeines
auf ihre Befreiung gerichteten Sinnens und Handelns geweſen waren .
Kaum waren wir in Malaga in den Poſtwagen geſtiegen -
erzählt er in ſeinen ,,Erinnerungen “ – ſo wurden die neun vorge
ſpannten Pferde gleich in vollen Galopp gejagt ; eilig verließen
wir die Stadt und alsbald befanden wir uns am Fuß eines ziem
lich ſteil aufgehenden Berges ; - jeßt wurde die lange Peitſche
auf die Pferde gelegt ; neben den Thieren lief mit unbegreiflicher
Geſchwindigkeit ein Mann , der mit anhaltender Anſtrengung, unter
ohrbetäubendem Schreien und fortwährenden Schlägen die Gäule
forttrieb. So galoppirten wir unausgeſetzt den Berg hinan , der
ſehr hoch und ſchwer zu erſteigen war. Glücklicherweiſe ging der
Weg im Zickzack , aber dieß verurſachte denn auch , daß wir öfters
das Vordergeſpann ſchon um die Ecke herum und wie über uns
ſahen , während wir mit dem volgeladenen Wagen auf dem nicht
ſehr breiten Wege die Schwenkung noch machen mußten , einen tie
Ankunft in Granada . 55

fen Abgrund entlang, aus dem die hohen Maſtbäume ihre Spigen
emporhoben. Die Natur rings um uns war wild und wüſt, aber
unausſprechlich ſchön , die Vegetation prächtig . Nie vergeſſe ich
jene erſten Morgenſtrahlen in dieſer reichen undgroßartigen Schöpfung,
wo jeder Baum ſein Genüge hat um frei und ungehindert ſeine
kräftigen Aeſte auszubreiten , als ob ſie ſo viele um Hülfe flehende
und aus unabſehbaren Tiefen ſich emporhebende Arme wären , wäh
rend die ſtocfinſtere Nacht noch in der Niederung herrſchte , wo
nicht ein Strahl von Licht Troſt und Freude brachte. Alles was
mich umgab war Poeſie ; ich athmete Poeſie, jene himmliſche, heilige
Poeſie, die uns mit dem Urheber aller Dinge in Gemeinſchaft hält.
Endlich, nachdem wir immer geſtiegen , denn der Weg von Malaga
nach Granada iſt ſtets aufgehend über hohe Berge, gings ein wenig
hinunter, und gegen acht Uhr früh langten wir, lobend und dankend,
an der nicht ſchönen Vorſtadt Granada's an. Beim Klingeln der
Glocken der Pferde und dem Aushauch mächtigen Dampfes aus den
blutigen Nüſtern der erhißten Thiere, näherten wir uns der Stadt.
Wir fuhren nun langſam hinein ; endlich erblickten wir die Funda
Meduſa, wo die Diligence hielt. „ Da iſt ſie, da iſt ſie !" rief
ich mit lebhafter Empfindung aus; und ja , ſie war es auch :
Dolores Garcia , des Matamoros zärtlidye Mutter laß da
auf einer Bank beim Stall , ſehnſuchtsvoll ausſehend nach der her
ankommenden Diligence, mit der, wie ſie wußte, wir kommen ſollten .
Wir waren alle tief gerührt, und ob der Worte, die wir wechſelten ,
wenige waren , o die Sprache des Herzens redet, auch bei ſchweigen
den Lippen , laut und viel. Ein Jüngling, der franzöſiſch ſpracy,
begleitete ſie, was uns damals namentlich von großem Nußen war.
Der Anblick dieſer ſo erſchütterten Mutter ergriff uns ſehr; nie
vergeſſe ich dieſe trauernde Geſtalt , die Wehmuth ihrer Züge bei
dem milden Blick des Auges als Ausdruck des Glaubens und des
Vertrauens, wodurch ſie nur auf Augenblicke das Wundſein des
Herzens neben den Tröſtungen Gottes zu empfinden ſchien . Nach
dem wir einige Augenblicke in unſrem Hotel Almeda geweſen , um
uns ein wenig zu erfriſchen und zu reſtauriren , was hoch nöthig
56 Capabuſe und die ſpaniſchen Bekenner .

war, gingen wir , von unausſprechlicher Ungeduld getrieben , nach


ber Audiencia , jenem finſteren Gebäude, das ſo viel Theures ent
hielt und woraus ſeit anderthalb Jahren ſo viele mich ergreifende
Briefe des Märtyrers Matamorosan mich abgeſendet waren .
Die Mutter und der ſie begleitende jungeMann führten uns gleich
in 's Gefängniß . Da ſie der Schildwache beim Eingang keine Fremde
war , machte ſie auch uns den Zugang leicht. Wir folgten ihr
ohne das geringſte Hinderniß. O wie jagte mir das Blut durch
die Adern ! Wir fanden uns erſt mitten unter vielen Gefangenen ,
die meiſtens einige Handarbeit verriditeten : als mir dann den
Aufenthaltsplaß des Matamoros betraten , war Sehen und Um
armen das Werk des einen und ſelben Augenblicks ; nie zuvor durfte
ich in ſo hohem Grade das Bewußtſein der Einheit, die da wirklich
in der Gemeinſchaft der Heiligen beſteht, empfinden . Wir hatten
Keine Thränen , denn wir waren wie verſunken in ſtiller Anbetung
ter Liebe Gottes. Es giebt Umſtände im Leben , die uns gleichſam
in einen Zuſtand halber Bewußtloſigkeit verſetzen, in dem wir nicht
wiſſen ob wir wirklich wach ſind oder träumen . Was ich auf mei
ner Studirſtube , da ich Briefe nach Granada ſchrieb , kaum hätte
gewagt zu hoffen , das geſchah jeßt! Ich ſah, ich ſprach Mata
moros, ich drückte ihn an mein Herz und zwar innerhalb der
Mauern der Audiencia ! D , ja , Gott iſt unausſprechlich reich an
Macht und Hüte !
Matamoros war damals 27 Jahre alt; von ſchlanker , hober
Statur, hat er in allen ſeinen Bewegungen , die meiſt behend ſind,
etwas ſehr Graziöſes ; er war entſetzlich mager und litt von Zeit
zu Zeit an Bruſtkrämpfen und Schmerzen in der Seite. Sein An
geſicht iſt hager ; wie aber ſein glänzend ſchwarzes Auge eine große
Lebendigkeit andeutet, ſo liegt derſelbe Ausdruck auf ſeinem ganzen
Weſen ; Alles teutet Entſchiedenheit an . Ernſt und große Freudig
keit zugleich zeichneten ſich darauf ab und gaben Zeugniß von dem
Frieden ſeiner Seele. Er ſpricht ſehr raſch und dennoch ſehr ver
ſtändlich ; allein ſeine Stimme trägt allerdings die Spuren großen
Leidens. Er iſt vollkommen Spanier und hat auch im Gefängniß
Beſuch in der Audiencia . 57

den Anſtand nicht vergeſſen . Die dort zu ihm kamen , wurden bei
ihrem Fortgehen bis an die eiſerne Thür von ihm begleitet , wo er
mit einer Verbeugung Abſchied nahm . Seine Hände ſind wie Haut
und Knochen und als ich das Vorrecht hatte bei ihm zu ſein , ruheten
ſie ſtets in den meinigen und ich war glücklich , ſie hiedurch ein we
nig erwärmen zu können , denn ſie waren immer eiskalt.
Sein Kerker war ein großes , viereckiges Loch mit ſteinernem
Boden und Fenſtern mit ſchweren eiſernen Gittern , ſo hoch, daß
er, ohne hinanzuklettern , nicht hindurchſehen konnte. Ich ſagte da
Fenſter, nenne ſie jedoch richtiger Deffnungen in der gewaltig dicken
Mauer ; denn ein Nahmen war nicht darin ; die friſche Luft, mit
unter ſehr rauh und kalt, ſtrömte frei herein , ſo daß die ſtete Kälte
des Locals bei rauher Witterung und beſonders auch während der
Nacht unſren lieben Bruder viel hat ausſtehen laſſen . Die Wände
waren weiß und kahl ; nur hingen da über einem kleinen Schreib
tiſch , neben ſeiner ſogenannten Bettſtelle, die in Leiſten eingerahm
ten Photographien etlicher ſeiner Freunde. Ich ſah mich ſelbſt auch
darunter. Siehe da ſein ganzes Ameublement. Auf dem ſteinernen
Fußboden iſt eine kreisförmige Deffnung (wie in manchen Häuſern
Spaniens), worein man bei rauher Witterung ein kupfernes Gefäß
mit Holzkohlen zur Erwärmung ſtellt. Der theure Mann hatte
dieſe Kohlen für uns anzünden laſſen , da er fürchtete, wir würden
auf dieſer ſteinernen Flur kalte Füße bekommen . So iſt der Ort,
wo er damals bereits vierunddreißig Monate ſaß und ſeufzte -
nein , das darf ich nicht ſagen , wo er dankte; denn in Wahrheit,
ſein Leben war dort ein Dank, und zwar ein freudiger Dank ſeinem
treuen Gott, und hatte er mir vorher ſo oft in ſeinen Briefen ge
ſchrieben yo soy felix (ich bin glücklich ), ſein ganzer Ausdruck gab
mir dieſes auf's kräftigſte und nachdrücklichſte zu erkennen . Ich
ſtarrte ihn bisweilen ſinnend an , und dachte dann an die Worte
des Johannes : „ Das da von Anfang war , das wir gehöret haben ,
das wir geſehen haben mit unſren Augen , das unſere Hände betaſtet .
haben , vom Wort des Lebens“ u. ſ. w . Ja , mitunter verſchwand
gleichſam der Bruder aus dem Auge und ich ſah anderes nichts als
n
58 Capadoſe und die ſpaniſche Bekenner .

den treuen Jeſus , den ich in der Stille anbetete, denn die Moſes
und Elias ſollen von den Wolken verhüllt werden , damit Er allein
bleibe.
Neben Matamoros faß die zarte Mutter ; ihr Angeſicht zeigt,
das Herz ſei verwundet, und dennoch iſt ſie ruhig und klar, Bei
der erſten Begegnung ſowohl als bei den folgenden beteten wir zu
ſammen und laſen Gottes Wort. Doch ich will dieſe Gruppe im
Gefängniß näher beſchreiben . Neben dem Matamoros und ſeiner
Mutter ſaß der überaus musculöſe, breitſchulterige Alhama, mit
ſeinem furchtbaren Bart und ſcharfen Zügen , der nichts von jener
Feinheit im Geſicht hatte , die dem Matamoros ſo beſonders eigen ;
allein eine große Sanftmuth leuchtete aus ſeinen hellen Augen , die,
man konnte es ihnen anſehen , gewohnt ſind Thränen zu vergießen ,
und vielmehr den Ausdruck hatten von tiefem Gefühl als von Kraft.
Er iſt eins der geſegnetſten Mittel geweſen , um Viele zur Erkennt
niß der Wahrheit zu bringen . Neben ihm ſaß Trigo, ein anſtän
diger Mann , wohlerzogen , ſehr ernſt und freundlich , auch wie's
ſchien ſanften und liebreichen Gemüths, der immer mit ſeinem lieben
Töchterlein von acht Jahren in unſrer Mitte war; ſowohl er als
Alhama , der nicht wie Matamoros in einem beſonders ges
mietheten Local, ſondern mitten unter den größeſten Miſſethätern
und Buben alle dieſe Zeit zugebracht, hatten immer zum Troſt Tag
und Nacht eins ihrer Kindlein bei ſich, mit denen ſie ſpielten , die ſie
liebkoſeten und deren kindliche Liebe ihnen von Zeit zu Zeit Troft
und Erheiterung war unter allem Traurigen und Scheußlichen , das
fie ſtets unter ihren Mitgefangenen hörten und fahen . Weiter ſaßen
da noch , während unſrer Zuſammenfünfte bei Matamoros, die
Frau des Trigo, die Frau eines anderen Bruders , der uns in
Malaga ſo viel Dienſt erwieſen hatte , ſodann der Stiefvater des
Matamoros , ein braver, dienſtfertiger Mann, und ein Jüngling,
der franzöſiſch ſprach . Dann und wann kamen auch noch die lieben
Kinder des Alhama hereingeſtürmt voller Frohſinn und kindlicher
Lebhaftigkeit. Die harmloſe Unſchuld , welche Drt und Umgebung
ganz vergeſſen ließ , machte die Scene im Gefängniß tief ergreifend.
Das Ende unvergeßlicher Tage.

Dort in jenem Kreiſe und an dieſer Stelle , habe ich mit


meiner theuren Frau täglich vom 16 . bis zum 21. April mehr als
zwei Stunden zugebracht und doppelt gelebt. Matamoros und
ich waren fortwährend im Geſpräch : Fragen , Wiederfragen und
Antworten. Das erſte , was wir thaten , als wir zuſammenkamen,
war das gemeinſchaftliche Gebet und das Leſen von Röm . 8 , an
welches Kapitel ſich für Matamoros unvergeßliche Erinnerungen
knüpften. Und ſo wurde in gegenſeitiger Liebe und Glaubensges
meinſchaft , als ich eine Thräne in den Augen der Mutter hervor
quellen ſah, der eine oder der andere troſtreiche Text aus der Bibel
geleſen ; mitunter ſprach ich , wiewohl ſtammelnd, dennoch verſtänd
liche Worte zur Ermunterung, zumal für die betrübten Frauen ;
dann wieder ſuchte ich die lieben Brüder zur Beharrlichkeit zu be
wegen , indem ich ſie an die unverwelkliche und unverderbliche Krone
erinnerte, die ihrer harrete. Auf dieſe Weiſe haben wir, unter ge
meinſamen Verkehr mit den theuren Gefangenen und ihren Frauen ,
unvergeßliche Tage verlebt. - -
Capadoſe beſdhreibt dann weiter, wie er über ſeiner eigentlichen
Miſſion in Spanien nicht Zeit und Ruhe fand, die Alhambra
und die Ueberreſte des prächtigen Kloſters Cartucha zu bewun
dern - er verweilte lieber und eswar ihm wohler in den Wohnungen
der Mutter des Alhama und Matamoros. Nachdem ſie in dem
Gefängniß das h. Abendmahl mit einander gefeiert hatten , verab
ſchiedete er ſich von den gefangenen Bekennern . Wir traten aus
der Thür des Gefängnißhauſes – erzählt er – und ſiehe, nicht
hinter , ſondern buchſtäblich zwiſchen den Gittern in jenen hohen
Deffnungen ſeines Zimmers ſteht Matamoros in ſeiner Länge,
dia Hände zu uns ausſtreckend und mit ſeinem Gruß und Segen
uns folgend . Tief in der Seele ergriffen , fühlte ich da, daß wie
Gott unſere Stärke, Er auch allein unſer Ziel ſein ſollte. Nimmt
es Wunder , daß mich damals (und es war für's erſte Mal ſeit
unſrer Abreiſe) der Krampfhuſten ergriff , der nicht eher aufhörte,
als bis ich einen Thränenſtrom ergießen konnte , aber es war nicht
nur vor Schmerz : eine gewiſſe himmliſche Empfindung der Freude
60 Miscellen .

ſchoß fortwährend Lichtſtrahlen in jene dunkeln Augenblicke ; die


unverwelkliche Rrone, die mächtige Wahrheit des Chriſtenthums, die
ewige Treue eines wahrhaften Gottes , der Allen , die Ihn lieben,
alle Dinge zum Beſten dienen zu laſſen verheißen hat -- alle jene
herrlichen Sachen traten mir lebendig vor die Seele und tröſteten
mich ſehr an jenem unvergeßlichen Morgen . Ich hätte alle jene
Unglückſeligen , die auch bei uns das Evangelium anfeinden, damals
im Gefängniß ſehen mögen . Reine Argumente der menſchlichen Ver
nunft können Stich halten , wo auf ſo nachdrückliche Weiſe die
Wirklichkeit der Wahrheit des Evangeliums offenbar wird. Die
Steine in jenen weißen Mauern ſprachen laut und ſchienen ſo viele
Poſaunen , welche die Jericho -Mauern des Unglaubens und der
Lüge hätten umſtürzen können .

Miscellen.
1. Schriften -Verein für Jørael. Um 18. Mai 1864
conſtituirte ſich in Deuß ein Verein dieſes Namens. Die Ehren
Präſidentſchaft übernahm Graf von Egloffſtein , das Secretariat
Pfarrer Arenfeld in Köln , die Caſſa - Geſchäfte Rentner Mar:
tin in Düſſeldorf, und den Vorſtand bilden Pfr. Köllner in
Elberfeld , Pfr. Lic. Cremer in Oſtönnen , Ober - Conſ.- Rath
Dr. Sack in Bonn , Pfr. Ralth of in Ruhrort; der gleichfalls
in den Vorſtand gewählte Miſſionar Deutſch iſt unterdeß verſtor
ben. Der Verein – ſagt S. 4 der Statuten -- verbreitet eines
theils gute, ſchon vorhandene Schriften und Traktate ,
die er als förderlich für Jsrael erachtet und wird dieſelben in einer
Zuſammenſtellung genau characteriſiren und den Freunden der Sache
Jsraels bezeichnen . Sein Hauptbeſtreben iſt aber darauf gerichtet,
neue Schriften zur Erreichung jenes Zweckes hervorzurufen . Die
ſelben müſſen vom Standpunkt des entſchiedenen Glaubens aus
gehen , ernſt, gründlich , körnig , in edler Sprache, Herzgewinnend
und vor Allem im Geiſte der Liebe Jeſu Chriſti geſchrieben ſein .
Doktrinäre Abſtraktionen ſollen bei der praktiſchen Tendenz des
Miscellen .

Unternehmens ausgeſchloſſen ſein ; dennoch wird es ein dringendes


Erforderniß bleiben , daß die vom Verein herausgegebenen Schriften
ſich auf der Höhe der bibliſchen , der talmudiſchen und der modernen
Bildung halten . Im Bewußtſein der Neuheit und der großen
Schwierigkeit der Aufgabe und von dem Wunſche beſeelt , durch
Erregung des litterariſchen Wetteifers tüchtige Talente in Bewegung
zu ſeßen , wird der Vorſtand regelmäßig eine Preisbewerbung aus
ſchreiben , ein Thema als Preisfrage ſtellen und aus dem Kreiſe
befähigter Freunde Israel's zwei Preisrichter ernennen, welche über
die eingelieferten Schriften in Uebereinſtimmung mit dem Vorſtande
zu erkennen haben werden (ſiehe Vormbaums Quartalſchrift für Juden
Miſſionsſtunden 1864, 3 S . 105 ff.). Gott ſegne dieſes Unterneh
men und gebe zu allen ſeines Volkes Heil betreffenden Entſchließun
gen wetteifernde Thaten !
2 . Aus Dorpat. Prof. Volk fährt fort in den allmonat
lichen Verſammlungen des von ihm gegründeten Vereines Vorträge
über die altteſtamentliche Weiſjagung, iegt über Daniel, zu halten .
Die leßte Synode in Felin hat den Beſchluß gefaßt, auf die Er
richtung einer Miſſionsſtation in Niga hinzuarbeiten und die ein
gehenden Gelder für dieſen Zweck einſtweilen zu capitaliſiren . Neuer
ding8 wurde der Vorſchlag gemacht, nicht eine Miſſionsſtation zu
errichten , ſondern lieber denjenigen Paſtoren , welche zahlreiche jo
raeliten in ihren Sprengeln zählen , Adjunkte beizuordnen , denen
neben der Unterſtüßung des Paſtors in ſeinen Amtsgeſchäften die
Miſſionsarbeit zufiele. Dieſer Vorſchlag hat viel Anſprechendes.
3 . Unſer Programm einer hebräiſchen Ueberſesung
des Neuen Teſtaments iſt von mehreren Redactionen aufge
nommen , von der des „ Freundes Jsraels " wenigſtens auszüglids
mitgetheilt worden . Wir ſagen ihnen allen dafür Dank. Das Werk
hat guten Fortgang. Segen und Gelingen aber kommen von oben .
Darum ziemt es uns nicht, das erſt Werdende in Gegenſatz zu dem
Vorhandenen anzupreiſen . An der Controverſe, in welche die Neue
Evangeliſche Kirchenzeitung nach der Seite der Londoner Geſellſchaft,
und der Friedensbote für Israel nach der Seite der Neuen Er.
len
62 Miscel .

Kirchenzeitung hin eingegangen ſind, haben wir keinen perſönlichen


Antheil. Wir werden das Beſte erſtreben , aber in der Stille und
mit dem ſteten Wunſche friedlichen Zufammenwirkens mit allen
Freunden unſrer Miſſionsſache.
4. Vor einiger Zeit kam uns ein Schreiben zu , welches von
den „jeßt zwar noch einſam und von der Welt verſchmähten , aber
mit der herrlichſten Gnadenverheißung beglückten Bekennern der
Confeſſion Neu - Zion - Jeruſalems“ ausgeht und „ 12 . März
1865 , Waldmichelbach im Odenwald , Johannes Heydt“ gezeichnet
iſt. Die Grundfäße der neuen Confeſſion lagen bei. Sie richtet
das Sabbatgebot und die ſinaitiſche Speiſeordnung wieder auf, und
weifſagt auf 1867 die Wiedergewinnung des 5 . Landes , auf 1870
das Ende der Dinge. Wir beklagen dieſe Verirrung. Die ſinai
tiſchen Speiſegeſekelaſſen ſich ſchon deshalb nichtwiederaufrichten , weil
das Verzeichniß der Thiere , die dort erlaubt und verboten werden ,
uns theilweiſe ſchlechthin unverſtändlich iſt. Der ſtrenge Jude hält
fich nicht ſowohl an den bibliſchen Tert, als an die rabbiniſchen
Saßungen und ihre großentheils ſehr precäre Auslegung. Die
neue Gemeinde hat alſo etwas Undurchführbares beſchloſſen . Ihr
ganzes Programm iſt ſchon deshalb ſich ſelbſt verurtheilender Ab
fall vom Weſen des Chriſtenthums. Jeſus der Meſſias war das
Ziel und iſt das Ende des Geſebes.

E ingeg a r g e a
bei der Redaktion für die Miſſion unter Jørael: 21. Dec. 1864: 1 fl. von
Herrn Pfarrer Müller in Hagenbuchbach bei Emskirchen . — 3 . Jan. 1865 :
1 fl. 45 kr. von Herrn Licentiat plitt. - 22. Febr.: 3 fl. 30 fr. von
Herrn Pfarrer Sprenger in Löbſchüß bei Camburg a /S .
63

O n halt
des vierten Hefts des zweiten Jahrgang8.
Seite
Jeſaianiſche Hoffnung. Von J. Sturm . . . . . . . . . . . 3
Sabbathai Zebi und Jeſus, ein falſcher und der wahre Meſſias. Von F. D . 4
Entweder – Oder gegenüber der Perſon Jeſu . Von F . D . . . . ..
Emanuel Tremellius. Ein Proſelyten -Leben des 16 . Jahrhunderts . Nady
Butters von Heman . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . .
Aus Balhorn . Von F. D . . . . . . . . . . . . . . . .
A . F. Pétavel und die beiden Alianzen . Von F. D . . . .
Ein Geſpräch im Poſtwagen . Von C . B . . . . . . . .
Philippſon 's „ Reſultate der Weltgeſchichte.“ Von C . B . . .
Capadoſe's Zuſammenfunft mit den ſpaniſchen Bekennern . . .
Miscelen · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·
Quittung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .