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Buchbesprechungen 175

ner Form, dergestalt dass sich aus einer Gesamt- nehmlich in einer Abwehrbewegung, dem herme-
bewegung des Denkens die Ideen der Platonischen neutischen Zugriff Schleiermachers noch immer
Philosophie ‚erzeugen‘ und in ‚organischer‘ Weise verpflichtet. Doch scheint es so zu sein, dass im
die ihr allein angemessen Form entwickeln: den Schatten von schleiermacherianischer Orthodoxie
Dialog. Das geniale Moment dieses hermeneuti- und teilweise wüster Polemik, wie Szlezák hervor-
schen Zugriffs besteht darin, dass vor den Augen hebt, die „Zahl der Arbeiten, die den von Schleier-
des Lesers sowohl das geschichtliche Individuum macher gesetzten Rahmen explizit oder implizit
‚Platon‘ in seiner Zeit als auch ‚die Philosophie Pla- verlassen, […] von Jahr zu Jahr [wächst]“ (431).
tons‘ als ein Gesamtentwurf gerechtfertigt wird. Wer mehr erfahren möchte, dem sei die Lektüre
Die Schleiermachersche Synthesis bannt für Zeiten dieses bedeutenden philosophie- und wissen-
die textkritische und die philosophische Analyse, schaftsgeschichtlichen Bandes nachdrücklich
in deren Durchführung das geschlossene Bild auf- empfohlen und ein wenig Geduld bis zum Erschei-
brechen muss. nen des zweiten Bandes angeraten.
Am zweiten Umschlagpunkt lässt sich feststel- Gerald Hartung (Wuppertal)
len, dass die Platon-Forschung, wenn auch vor- hartung@uni-wuppertal.de

Claudia Carbonell, Movimiento y forma en Aristóteles, Pamplona: Eunsa 2007, 267 S., ISBN:
978-84-313-2440-7.

Eine überraschende Behauptung der aristote- Wie ist die Bestimmung eines solches Begriffs
lischen Philosophie ist, dass der primäre Sinn von für den Stagiriten möglich? Durch die Beobach-
Sein das Sein als Tätigkeit sei, d. h. das Sein sei kei- tung der Bewegung, die in einem gewissen wirk-
ne feste Wirklichkeit, sondern etwas Aktives (und lichen dualen Unterschied vorkommt: Die Bewe-
auch Vielfältiges, da es verschiedene Arten von Tä- gung kommt als Akt und Vermögen vor. Die
tigkeiten gibt). Damit würde sich Aristoteles mit Präzisierung dieser Bestimmung und die Erklärung
den früheren Philosophen auseinandersetzen, nach davon, wie der Aktbegriff es erlaubt, die Philoso-
denen die notwendigen Eigenschaften des Seins phie des Aristoteles als eine Philosophie der Bewe-
die Stabilität, die Vollendung, die Unveränderlich- gung, oder sogar des Lebens, zu verstehen, ist der
keit, u. a. sind. zentrale Punkt des Buches Movimiento y Forma en
Auffällig ist auch, dass dieser Begriff – das Sein Aristóteles [Bewegung und Form bei Aristoteles]
als Tätigkeit oder als Akt – in der Physik, der Meta- von C. Carbonell.
physik, und den biologischen Schriften des Aristo- Zunächst wird die Struktur des Texts hier kurz
teles zu finden ist. Nicht weil das Sein etwas Ge- skizziert. Danach wird der Vorschlag der Autorin
meinsames ist, im Gegenteil: Der Aktbegriff ist bezüglich des Aktbegriffs und der Grenze der Spra-
anwesend in den verschiedenen Forschungen des che ausführlicher vorgestellt. Schließlich werden
Aristoteles, da es in diesen Bereich verschiedene Tä- drei Probleme angesprochen, die durch das, was
tigkeiten gibt, in denen das Sein sich zeigt – und das im Buch gesagt wird, offen bleiben würden.
Sein ist nicht mehr als die Tätigkeiten selbst. Folg-
lich scheint es, dass Aristoteles im Aktbegriff den Buchstruktur
Weg gefunden hat, um die verschiedenen Ebenen Das Buch besteht aus sechs Kapitel, in welchen
der Wirklichkeit berechtigt zu thematisieren. Carbonell versucht, den Weg zu zeigen, auf dem
Das Sein im strengen Sinne nach Philosophen Aristoteles die Bewegung begriffen hat: von der
wie Parmenides oder Platon ist das, was als ewig Physik und den Kategorien über die Metaphysik
verstanden werden darf, weil die Veränderung, die bis zu den biologischen Schriften. Dabei wird nicht
die Bewegung impliziert, nach der Logik unmög- nur eine begriffliche Entwicklung vorgestellt. Dank
lich ist: Wenn etwas ist, schließt das sein Gegenteil des Buches Carbonells kann man nachverfolgen,
ganz aus. wie das Denken Aristoteles jedes Mal mit präzise-
Aber das, was nach der Logik unmöglich ist, wird ren Begriffen versucht, ein wirkliches Phänomen
von Aristoteles durch den Aktbegriff ermöglicht: zu erfassen, das den Möglichkeiten der Sprache
Der Akt ist sowohl einem sterblichen Lebewesen, entgleitet: Das Problem des Stagiriten ist, dass die
das sich bewegt, als auch dem unbewegten Beweger Begriffe Teile der Sprache sind, und die Sprache hat
eigen, der keine Bewegung hat – nicht einmal der eine Festigkeit, die für die Bewegung ganz fremd
Formbegriff hat solchen theoretischen Spielraum. ist. Am Ende dieser Suche wird der Aktbegriff als

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solcher bestimmt, der der Wirklichkeit der Bewe- der Bewegung eingeschlossen wird, auch unbe-
gung am nächsten kommt. wegliche Realitäten durch Analogie andeutet, ist
Im Kapitel ‚Movimiento y diferencia categorial‘ dieser Begriff Carbonell zufolge so etwas wie eine
[Bewegung und kategorische Unterscheidung] wird Brücke zwischen der Physik, der Metaphysik und
das erste Buch der Physik analysiert. Dort spricht den biologischen Schriften.
Aristoteles gegen die Argumentationen von Par- Im dritten Kapitel ‚La Definición de movimiento‘
menides und Melisos, die anhand der Sprache oder [Die Bewegungsdefinition] erklärt Carbonell, wie
der Logik der Sprache die Bewegung abgelehnt ha- die Begriffe Akt und Vermögen mit der Bewegung
ben. Dafür verwendet der Stagirit auch ein sprach- verbunden sind. Die Bewegung soll durch den Akt
liches Mittel: die kategorische Unterscheidung, die und das Vermögen verstanden werden. Also ist die
von den Eleaten ignoriert wird. So findet Aristote- Bewegungsdefinition „der Akt von dem, was po-
les in der Aussage die erste Weise der Thematisie- tentiell ist, insofern als potentiell“ (Phys. III 1, 201a
rung der Bewegung: Sowohl das Subjekt, das ge- 10–11). Was Aristoteles hier meint, ist umstritten.
wisse Permanenz hat, als auch die Prädikate, die Nach Carbonell darf man entelécheia nicht nur als
immer anders sind, sind – aber in einem jeweils Akt übersetzen, sondern auch als Wirklichkeit. Al-
verschiedenen Sinn. Der erste Schritt der Themati- so lautet die Definition: „[die Bewegung ist] die
sierung der Bewegung liegt in der Beziehung zwi- Wirklichkeit von dem, was potentiell ist, insofern
schen dem Subjekt und den Prädikaten, die ihm als potentiell“ (vgl. 112). Der Unterschied ist größer
zukommen: Das Subjekt, das bleibt, ermöglicht, als es scheint: Die Bewegung ist kein Schritt vom
dass verschiedene Prädikate von ihm selbst aus- Vermögen zum Akt, sondern etwas, das das Ver-
gesagt werden. Diese Prädikate bleiben nicht. Das mögen benötigt. Das, was potentiell ist, existiert in
Bleiben des Subjekts bezüglich der Änderung der der Bewegung sozusagen ständig. Sogar mit ‚inso-
Prädikate ist genau die kategorische Unterschei- fern‘ zeigt Aristoteles die Permanenz von dem, was
dung. Trotzdem ist das nur der erste Schritt, da es in der Bewegung potentiell ist: Jede bewegliche
scheint, dass Aristoteles in Phys. I bloß zu zeigen Realität hat einen formalen Aspekt, der immer der-
versucht, dass es gültig sei, über die Bewegung selbe ist, aber auch notwendigerweise einen ver-
nachzudenken bzw. zu reden. 1 änderlichen Aspekt, der immer anders ist, und die-
Die Verbindung zwischen der sprachlichen Cha- ser Aspekt ist jener, der in der Bewegungsdefinition
rakterisierung der Bewegung und ihrem metaphy- berücksichtigt wird. 2 Später wird diese wider-
sischen Charakter (d. h. außerhalb der Sprache) sprüchliche Struktur der Bewegung hier noch be-
sind die Kategorien, die nicht nur Arten von Aus- trachtet werden.
sagen sind, sondern auch verschiedene Sinne des Im vierten Kapitel ‚Movimiento e hilemorfismo.
Seins: Sein hat mehrere Bedeutungen, und eine Una primera aproximación‘ [Bewegung und Hyle-
von den Weisen, in welchen diese Bedeutungen morphismus. Eine erste Näherung] wird aufgezeigt,
unterschieden werden, sind die Kategorien, die wie die Einheit der durch die Veränderungen be-
auch eine ähnliche Unterscheidung in der Bewe- wegten Sache nicht durch die Materie als Subjekt
gung ermöglichen, da es nicht nur eine Art von garantiert wird, sondern durch die Form. Obwohl
Bewegung gibt, sondern mehrere, und jede Art die Materie in Phys. I als Subjekt gilt, kann man
kommt nach einer bestimmten Kategorie vor. Phys. I als eine sprachliche Analyse der Substanz
Trotzdem gibt es eine andere Unterscheidung von betrachten: Die Materie ist das Aussagesubjekt,
Sinnen des Seins, die fundamentaler als die Kate- und die Form und die Beraubung sind die verschie-
gorien ist: jene zwischen dem Akt und dem Ver- denen Bestimmungen dieses Subjekts. Trotzdem
mögen. Und auch danach kommt die Bewegung wird die Thematisierung der Materie und der Form
vor. Diese zwei Begriffe sind transkategorisch, weil nicht auf Phys. I beschränkt. In Phys. II und nach
es möglich ist, jede von den Kategorien in Akt und verschiedenen Textteilen der Metaphysik kann
Vermögen zu analysieren (vgl. 82). Angesichts des man nicht die Materie, sondern die Form als besten
Vorrangs dieses Sinns von Sein wird die Definition Kandidaten für das Subjekt der Bewegung verste-
der Bewegung nicht auf die Kategorien beschränkt: hen. In diesen Textteilen wird die Form nicht als
In ihr werden auch die Begriffe Akt und Vermögen etwas Sprachliches betrachtet, sondern als internes
berücksichtigt. Die Bewegung ist irgendwie Akt Prinzip der Bewegung. Das wird von Aristoteles
und Vermögen. Also ist die Bewegung auch trans- aufgezeigt, wenn er gegen die Argumentation ge-
kategorisch (vgl. 84). Das wird in ‚Equivocidad y wisser Vorsokratiker in Bezug auf das Subjekt der
Analogía en el Movimiento‘ [Vieldeutigkeit und Bewegung spricht: Falls die Materie das Subjekt
Analogie in der Bewegung], dem zweiten Kapitel, der Bewegung ist, ist die Bewegung nur ein Akzi-
vorgestellt. Da der Aktbegriff, der in die Definition denz jener Materie, die im Grunde genommen im-

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mer dieselbe bleibt. Und nach Aristoteles ist die Rückgriff auf das Thema des dritten Kapitels er-
Bewegung nicht etwas Akzidenzielles, sondern laubt. Was durch das Denken unterschieden wird,
das Sein der natürlichen Substanz (148–149). Es darf man nicht genau auf diese Weise in der Wirk-
scheint, dass ein besserer Kandidat für das Subjekt lichkeit extrapolieren: Die logischen Unterschei-
der natürlichen Substanz die Form ist. Die Natur ist dungen sind viel fester und klarer als die wirklichen
nach Aristoteles Prinzip der Bewegung, und die Unterscheidungen – während man normalerweise
Form ist die Natur jedes Dinges. Die Form als Prin- etwa zwischen dem, was lebendig ist, und dem,
zip der Bewegung ist identisch, d. h. bleibt als Sub- was tot ist, einfach eine Grenze zieht, ist diese Gren-
jekt der Bewegung, aber gleichzeitig irgendwie im- ze in der Wirklichkeit schwer zu finden. Die Ele-
mer anders, da seine Identität niemals vollendet mente, die wir als leblos betrachten, sind notwendi-
wird. Also ist die Form sowohl das Subjekt der Be- gerweise Teil dieses Prozesses, den wir Leben
wegung als auch ihr Prinzip. Aber wenn das, was in nennen: Wo beginnt das Leben? In den Elementen?
der natürlichen Substanz identisch ist, und das, Wo sonst?
was sich ändert, die Form selbst ist, wie soll man Gegen diese Extrapolation scheint sich die Phi-
dann die Materie betrachten? Als etwas Relatives losophie der Bewegung von Aristoteles zu richten.
zur Form, zumindest weil die Form Ziel ist und die Dieser Versuch des Aristoteles wird deutlich im
Materie für die Form ist (vgl. 159–161). Buch Carbonells dargestellt. Andere Philosophen
In ‚La sustancia como forma‘ [Die Substanz als hatten die Wirklichkeit auf einen gewissen absolu-
Form], dem fünften Kapitel, wird die Form als pri- ten Sinn von Sein begrenzt, der letztendlich nur ein
märe Substanz thematisiert. Die Autorin führt eine logischer Sinn ist: Das Sein, das immer dasselbe ist.
Analyse des Buchs Z der Metaphysik durch, wo die Aristoteles merkt, dass das die Thematisierung der
Form sogar in Bezug auf das Zusammengesetzte natürlichen Welt ausschließt, weil diese Welt ei-
Vorrang hat. Das wird in der Interpretation Fredes gentlich immer anders ist. Also hat der Stagirit die
und Patzigs begründet: Die Formen sind die primä- Sinne von Sein festgelegt, die näher zur Bewegung
ren substantiellen Realitäten (vgl. 164–165). Die- sind, um die Physik als philosophische Forschung
sen Autoren zufolge ist die Form als Substanz nicht zu ermöglichen.
Subjekt in irgendeinem allgemeinen Sinne: Die Das Problem ist, dass diese Sinne in der Sprache
Form ist Subjekt der Akzidenzien, weil sie das kon- unterschieden werden, und Sprache und Wirklich-
krete Objekt ist (vgl. 180). Falls man über die Form keit sind zwei verschiedene Gebiete. Alle Worte ha-
allgemein spricht, wird das bloß in Analogie getan, ben gewisse Stabilität, weil sonst das Sprechen
weil es keine universelle Form gibt (vgl. 188). selbst nicht möglich ist: Wenn Aristoteles die Be-
Mit der Bestimmung der Form als primäre Sub- wegung thematisieren will, die immer anders ist,
stanz, die nur in den Einzelnen vorkommt, zeigen muss er mit den Grenzen der Sprache spielen. Ich
sich die primären Substanzen als passende Ana- erlaube mir hier die Übersetzung eines Textteils
lysestelle der Beziehung zwischen Bewegung und vom Buch Carbonells: „[Ihre] offensichtliche Un-
Form. Das ist das Thema des sechsten und letzten bestimmtheit ist es, was es schwer macht, die Be-
Kapitels ‚Movimiento y Psuche‘ [Bewegung und wegung zu definieren, weil jede Definition wie
Psuche]. Das Lebewesen dauert wegen eines gewis- jedes Logos begrenzt ist oder péras (Limit) hat. Wie
sen Bezugs zur Form fort. Aber dieser Bezug be- kann man eine unvollständige Realität definieren?
steht nicht zwischen zwei verschiedenen Realitäten Im engeren Sinne ist das nicht möglich. Das, was
– z. B. dem Zusammengesetzten und der Form, die hier gemacht werden kann, ist die Sprache in ihre
ihm gehört: Das Lebewesen bleibt als Einheit in der Grenze hineinzuführen, um mit der Sprache in
Zeit bezüglich der Tätigkeit, die es selbst ist, d. h. analoger Weise die Wirklichkeit der Bewegung zu
bezüglich der Form. Eigentlich darf man, da die erfassen. Es ist fast unbegreiflich, da es wider-
Bewegung das Sein des Lebewesens ist (etwas Na- sprüchlich scheint, was Aristoteles am Ende sagt:
türliches ist lebendig nur, wenn es sich bewegt), Die Bewegung ist eine entelécheia atelés.“ (121)
und die Form das Prinzip der Bewegung ist, die Die Wirklichkeit der Bewegung ist ein Akt, der
Form als Leben begreifen: Die Form ist die Persis- noch nicht Akt ist.
tenz des Lebens, sowohl im Fall der Einzelnen, als Das also, was für uns der Logik nach unmöglich
auch im Fall der Spezies, weil die Form auch Ursa- ist – dass etwas, das A ist, gleichzeitig ein werden-
che der Fortpflanzung ist (vgl. 238). des A ist –, ist die Bewegung in der Wirklichkeit:
Ein Akt, der niemals ein (vollkommener) Akt ist,
Bewegung und wirkliche Widersprüche d. h. ein Akt, der gleichzeitig identisch und nicht
Um einen kurzen Kommentar zum zentralen Thema identisch mit sich selbst ist. Aber wie gesagt, wir
des Buches zu geben, sei an dieser Stelle ein kurzer stoßen hier an die Grenze der Sprache, die uns von

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Aristoteles und auch von Carbonell aufgezeigt Zweitens: Als Erklärung, weshalb die Bewegung
wird. und die Form in gewissem Sinne identisch sind,
wird gegeben, dass Aristoteles unter dúnamis eine
Drei Probleme gewisse formelle Bestimmung versteht (vgl. 117).
Erstens: Man kann in Movimiento y forma en Aris- Das würde den Sinn der Form als Ursache der Be-
tóteles erkennen, dass die natürlichen Substanzen wegung unverständlich machen, denn wenn die
als Tätigkeit verstanden werden können, da in der Bewegung als Akt gelte und die Form irgendwie
Wirklichkeit etwas, das bloße Passivität ist, nicht ihr Vermögen sei, wieso hätte Aristoteles die Form
einmal in der Betrachtung Aristoteles berücksich- als Ursache der Bewegung betrachtet?
tigt wird. Mit anderen Worten: Das, was lebendig Zum Schluss kann man sagen, dass ein Aspekt
ist, ist Akt, der zu sich selbst wächst, d. h. ein Akt, des Themas offen bleibt: Wenn die natürlichen
der gleichzeitig immer anders ist, obwohl er immer Substanzen vor allem Akt sind und die Materie et-
derselbe Akt ist. was von der Form ist, was verursacht dann das Ver-
Trotzdem scheint es, dass die Materie in diesem gehen der Dinge? Oder besser gesagt: Wie kommt
Ausschluss der Passivität unerklärlich bleibt. Es es zum Vergehen der Form?
gibt ja eine Analyse des Begriffs sowohl in Bezug
auf Phys. I als auch in Met. Z, aber obwohl das Anmerkungen
Verständnis der Materie als analytischer Begriff in 1
Die Materie wird in Phys. I als Subjekt verstanden.
berühmten Interpretationen begründet wird – z. B. In ihr kommen die verschiedenen formellen Bestim-
im Kommentar zu Metaphysik Z von Frede und mungen vor. Trotzdem bedeutet das nicht, dass die
Patzig oder in der Interpretation Wielands –, darf Materie als ein wirkliches Subjekt begriffen werden
man eigentlich kontraintuitiv behaupten, dass die soll. Eher scheint es, dass die Materie hier als ein
Materie eher etwas Logisches als Physikalisches ist bloß logisches Prinzip gilt – nach der Autorin ver-
(vgl. 58)? (Das wird besonders problematisch, wenn tritt W. Wieland auch diese These (vgl. 58).
man merkt, dass die Materie auch in einem be- 2
Man kann merken, dass diese beiden Aspekte nur
stimmten Sinne Natur ist). 3 logisch unterschieden werden, da sie eine wirkliche
Jedenfalls ist es klar, dass die Form die Wirklich- Einheit sind (vgl. 115).
keit der Bewegung ist, oder noch deutlicher gesagt: 3
Vgl. M. Frede/G. Patzig (1988), Aristoteles’ Me-
Die Form ist das, was im engeren Sinne physika- taphysik Z’. Text, Übersetzung und Kommentar,
lisch ist. Dabei fehlt nur eine gewisse Erklärung München, 323.
dafür, wieso wir die Wirklichkeit normalerweise Indalecio García (Bogotá)
als etwas eher Materielles denn als etwas Formelles igarciad@unal.edu.co
betrachten würden.

Katja Maria Vogt, Law, Reason, and the Cosmic City. Political Philosophy in the Early Stoa, Oxford:
Oxford University Press 2008, 256 S., ISBN-13: 978-0-195-32009-1.

Wird ein guter Stoiker seine Mitmenschen ver- einer ernsthaften Behandlung im Rahmen der
speisen und seine Kinder ehelichen? Dass die Stoa stoischen Philosophie ausgeschlossen wurden. Da-
sich nicht um den common sense schert und statt- gegen spricht freilich, wie Vogt pointiert heraus-
dessen eine im höchsten Grade revisionistische stellt, dass nur einige dieser Thesen aus einem frü-
Ethik vertritt, wurde schon in der Antike als para- hen Werk Zenons stammen, wohingegen viele aus
doxa stoicorum thematisiert. Diese paradoxa nimmt späteren Texten und manche sogar aus Chrysipp
Vogt zum Ausgangspunkt ihrer Untersuchung, die entnommen sind. Dass diese beunruhigenden The-
sich der politischen Philosophie der Stoa in ihren sen (disturbing theses, 20 ff.) bisher keinen Ort im
unterschiedlichen Facetten widmet. In keinem an- stoischen System gefunden haben, ist auch unter
deren Teil ihrer Philosophie vertreten die Stoiker so einer anderen Perspektive irritierend, da die politi-
skandalöse Positionen wie in ihrer politischen Phi- sche Philosophie der Stoa zu den direkten Vorfah-
losophie, was nicht erst unter ihren neuzeitlichen ren der neuzeitlichen Theorie des natürlichen
Exegeten großes Befremden ausgelöst hat. Das hat Rechts gezählt wird. Auf sie geht nämlich die Theo-
dazu geführt, dass entsprechende Textstellen und rie eines Gesetzes zurück, welches zugleich univer-
Bücher aus einer kynischen oder vorstoischen Pha- sal und von allen einzelnen, positiven Gesetzen
se im Denken Zenons hergeleitet und deshalb von fundamental unterschieden ist. Darin finden also

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