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Springer-Lehrbuch

R. B. Dettmeyer
M. A. Verhoff

Rechtsmedizin
unter Mitarbeit von H. Schütz

Mit 214 Abbildungen und 111 Tabellen

123
Prof. Dr. med. Dr. jur. Reinhard B. Dettmeyer
Institut für Rechtsmedizin
Universität Gießen
Frankfurter Str. 87
35392 Gießen

Prof. Dr. med. Marcel A. Verhoff


Institut für Rechtsmedizin
Universität Gießen
Frankfurter Str. 58
35392 Gießen

ISBN 978-3-642-16650-1 Springer Medizin Verlag Heidelberg

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Projektmanagement: Axel Treiber, Heidelberg
Lektorat: Ingrid Fritz, Bad Füssing
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Satz, Zeichnungen und Reproduktion der Abbildungen:
Fotosatz-Service Köhler GmbH – Reinhold Schöberl, Würzburg

SPIN 80021242

Gedruckt auf säurefreiem Papier 15/2117 – 5 4 3 2 1 0


V

Vorwort

Rechtsmedizin ist ein interdisziplinär arbeitendes eigenständiges Fach mit einer langen Tradition
im Fächerkanon der medizinischen Disziplinen. Naturwissenschaftlich-medizinische Erkenntnisse
werden zur Verfügung gestellt, damit Behörden und Gerichte sowie alle Ärztinnen und Ärzte ihrem
Auftrag gemäß arbeiten können.
Vor diesem Hintergrund ein Lehrbuch für Studierende der Humanmedizin zu schreiben, so-
zusagen für den Erstkontakt mit einem Fach, stellt eine besondere Aufgabe dar; dies um so mehr,
als die angestrebte kompakte Zusammenstellung auch für bereits berufstätige Ärztinnen und Ärzte,
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Polizei- und Justizbehörden usw. von Interesse sein sollte.
Am Ende wird der Leser entscheiden, ob die didaktische Umsetzung des relevanten Stoffes den
gestellten Ansprüchen genügt.
Das Buch soll Neugier auf das Fach wecken, Wissen vermitteln und zum Nachdenken anregen.
Es enthält in kompakter Form alle prüfungs- und examensrelevanten Fakten mit einer Reduktion
auf die rechtsmedizinischen Kerninhalte des Faches, u.a. ärztliche Leichenschau, Thanatologie,
forensische Pathologie, Traumatologie, Intoxikationen, Alkohologie, DNA-Analytik und Spuren-
kunde, aber auch die forensische Osteologie, Radiologie und das Medizinrecht sind zu nennen –
Themen, die an keiner anderen Stelle des medizinischen Curriculums vergleichbar systematisch
vermittelt werden.
Das Lehrbuch zeichnet sich durch zahlreiche der rechtsmedizinischen Praxis entstammende
Fallbeispiele aus. Diese sind am Anfang von Kapiteln und Unterkapiteln platziert, sollen in das je-
weilige Thema einführen, Interesse wecken und dabei bewusst Fragen unbeantwortet lassen. Ant-
worten finden sich dann im nachfolgenden Text. Eine weitere Besonderheit des Buches sind die
relativ zahlreichen Tabellen: Fakten werden strukturiert und übersichtlich zum schnellen Nach-
schlagen genauso wie zum Lernen präsentiert. Rechtsmedizin als sehr stark morphologisch orien-
tiertes Fach bedarf zugleich repräsentativer Abbildungen mit charakteristischen wegweisenden
Befunden; diesem Anspruch konnte hier dank zahlreicher Farbabbildungen Rechnung getragen
werden.
Wir sind besonders glücklich darüber, dass wir Herrn Prof. Dr. rer. nat. H. Schütz für die Be-
arbeitung der Kapitel zur forensischen Alkohologie und Toxikologie gewinnen konnten. Spezieller
Dank gebührt folgenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Gießener Institut für Rechts-
medizin, die uns auf unterschiedliche Weise unterstützt haben: Manfred Benner, Christoph G.
Birngruber, Bernd Busch (†), Nicole Graf, Frank Heidorn, Jonathan Krähahn, Gabriele Laszkowski,
Manfred Riße, Michael Witte.
Wir hoffen, mit diesem neuen Lehrbuch »Rechtsmedizin« eine Vielzahl von Kommilitoninnen
und Kommilitonen, Kolleginnen und Kollegen sowie andere Interessierte zu erreichen.
Anregungen und Kritik sind jederzeit willkommen!

Gießen im Sommer 2011 Reinhard B. Dettmeyer


Marcel A. Verhoff
Rechtsmedizin
Zahlreiche farbige Abbildungen ver-
anschaulichen komplexe Sachverhalte

Einleiung:
Einstieg ins Thema

Leitsystem
führt durch die
Sektionen

Inhaltliche Struktur:
Klare Gliederung durch
alle Kapitel

Definition:
Erklärung zentraler
Begriffe zum
besseren Verständnis

Wichtig:
Das muss man wissen!

Tabellen:
Kurze Übersicht der
wichtigsten Fakten
Cave: Navigation: Kapitel und
Vorsicht! Bei falschem Vorgehen Seitenzahlen für die
schwerwiegende Folgen möglich schnelle Orientierung

Fallbeispiele:
Typische Fälle aus der
Gerichtsmedizin

Übersicht:
Wichtige Fakten
zusammengefasst
und optisch hervor-
gehoben

Ergänzende
Gesetzestexte im
Originalwortlaut
IX

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

2 Thanatologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.1 Todeseintritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.2 Vita minima, Vita reducta, Scheintod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.3 Supravitale Reaktionen – frühe Leichenveränderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.3.1 Mechanische Erregbarkeit der quergestreiften Muskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.3.2 Elektrische Erregbarkeit der quergestreiften Muskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.3.3 Pharmakologische Reizung der Irismuskulatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.4 Totenflecke (Livores) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.5 Totenstarre (Rigor mortis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
2.6 Abnahme der Körpertemperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.7 Spezielle Leichenveränderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.8 Fortgeschrittene Leichenveränderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.9 Forensische Entomologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2.10 Rechtsmedizinische Todeszeit- bzw. Leichenliegezeitschätzung . . . . . . . . . . . . 19

3 Leichenschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
3.1 Aufgaben und Sorgfaltspflichten bei der ärztlichen Leichenschau . . . . . . . . . . . 24
3.2 Rechtsfragen der Leichenschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
3.2.1 Begriff des »Leichnams« und Veranlassung der Leichenschau . . . . . . . . . . . . . . . . 24
3.2.2 Zeitpunkt der ärztlichen Leichenschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
3.2.3 Rechte und Pflichten des Leichenschauarztes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
3.2.4 Feststellung des Todes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
3.2.5 Feststellung der Todeszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
3.2.6 Durchführung der Leichenschau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3.2.7 Feststellung der Todesursache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3.2.8 Klassifikation der Todesart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
3.2.9 Exitus in tabula . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3.3 Spurensicherung am Leichenfundort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3.4 Zweite Leichenschau (Krematoriumsleichenschau) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

4 Obduktion (Sektion, Autopsie, innere Leichenschau) . . . . . . . . . . . . . . . 32


4.1 Anlässe, Obduktionsarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4.1.1 Klinische Sektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4.1.2 Verwaltungssektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4.2 Spezielle gerichtliche Leichenöffnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
4.3 Sektionstechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
4.4 Anlässe und Techniken der Exhumierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

5 Forensische Traumatologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
5.1 Rechtsgrundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
5.1.1 Tatbestand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
5.1.2 Rechtswidrigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
5.1.3 Schuld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
5.2 Traumata und Todesursachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
5.3 Vitale Reaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
5.3.1 Vitale Reaktionen – Blutungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
5.3.2 Embolien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
X Inhaltsverzeichnis

5.3.3 Befunde am Respirations- und Magen-Darm-Trakt (akutes Lungenemphysem,


Aspiration, Inhalation, Magenschleimhauterosionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
5.3.4 Weitere vitale Reaktionen (Hautreaktionen, Wundheilung, Fett- und Muskelgewebe,
biochemische vitale Reaktionen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
5.3.5 Zeichen posttraumatisch erhaltener Handlungsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
5.4 Stumpfe Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
5.4.1 Verletzung innerer Organe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
5.4.2 Frakturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
5.4.3 Schädel-Hirn-Trauma (SHT) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
5.4.4 Forensische Neurotraumatologie, insbesondere Verletzungen des Gehirns . . . . . . . . 61
5.5 Scharfe und halbscharfe Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
5.5.1 Stichverletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
5.5.2 Schnittverletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
5.5.3 Halbscharfe Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
5.6 Schussverletzungen (punktförmige Gewalt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
5.6.1 Waffenrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
5.6.2 Schusswaffentypen und Munition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
5.6.3 Einschuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.6.4 Schusskanal und Schussrichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.6.5 Ausschuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
5.6.6 Schussentfernung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
5.6.7 Spezielle Schussverletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
5.6.8 Kriminologische Aspekte von Schussverletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.7 Gewalt gegen den Hals . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
5.7.1 Erhängen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
5.7.2 Erwürgen, reflektorischer Herzstillstand (Karotissinusreflex) . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
5.7.3 Erdrosseln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
5.8 Äußeres und Inneres Ersticken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
5.8.1 Allgemeine Pathophysiologie des Erstickens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
5.8.2 Besondere Konstellationen beim Tod durch Ersticken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
5.9 Thermische Schädigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
5.9.1 Hitze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
5.9.2 Unterkühlung, Kälte, Frost . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
5.10 Strom, Blitz, Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
5.10.1 Stromtodesfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
5.10.2 Blitzschlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
5.10.3 Tod durch Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100

6 Tod im Wasser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


6.1 Ertrinken/Ertränken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
6.2 Badetod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
6.3 Suizid und Tötung im Wasser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

7 Klinische Rechtsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109


7.1 Verletzungen Lebender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
7.2 Vernehmungsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
7.3 Gewahrsamsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
7.4 Haftfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
7.5 Verhandlungsfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
XI
Inhaltsverzeichnis

8 Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren


und nichtnatürlichen Todesfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
8.1 Definition und Einteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
8.2 Todesfälle von Alkoholikern und Drogenkonsumenten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
8.3 Plötzliche, unerwartete natürliche Todesfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
8.4 Plötzlicher Kindstod (SIDS) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

9 Kindesmisshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
9.1 Verdachtsmomente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
9.2 Stumpfe Gewalt und Kindesmisshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
9.3 Thermische Verletzungen und Kindesmisshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
9.4 Schütteltrauma-Syndrom (STS) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
9.5 Besondere Formen der Kindesmisshandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134

10 Kindesmissbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

11 Kindestötung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
11.1 Neugeborenentötung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
11.2 Tödliche Misshandlung von Kindern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
11.3 Körperliche Vernachlässigung mit Todesfolge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144

12 Verkehrsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
12.1 Verkehrsunfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
12.1.1 Rekonstruktion von Verkehrsunfällen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
12.1.2 Isolierte PKW- und PKW-PKW-Unfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
12.1.3 Fußgänger-PKW-Unfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
12.1.4 Zweirad-PKW-Unfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
12.2 Fahrtüchtigkeit – Fahrtauglichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
12.2.1 Fahruntüchtigkeit infolge Übermüdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
12.2.2 Fahruntauglichkeit aufgrund von Krankheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
12.2.3 Fahruntauglichkeit aufgrund charakterlicher Mängel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156

13 Forensische Alkohologie und Toxikologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159


13.1 Forensische Alkohologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
13.1.1 Gesundheitliche und volkswirtschaftliche Bedeutung des Alkohols . . . . . . . . . . . . . 161
13.1.2 Erkennen von Alkohol (Screening) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
13.1.3 Alkohol im Atem, Urin und Speichel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
13.1.4 Toxikokinetik des Alkohols . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
13.1.5 Fragliche und tatsächliche Einflussgrößen auf die Blutalkoholkonzentration . . . . . . . 165
13.1.6 Berechnung der Blutalkoholkonzentration (BAK) aus Trinkdaten (Die Widmark-Formel)
oder durch Rückrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
13.1.7 Nachtrunk und Doppelblutentnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
13.1.8 Analytik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
13.1.9 Verdachtsgewinnung und Beweissicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
13.1.10 Toxikodynamik des Alkohols . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
13.1.11 Forensische Aspekte zur Beurteilung der Fahrtüchtigkeit (Fahrsicherheit) . . . . . . . . . 175
13.1.12 Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
13.1.13 Alkohol, Drogen und Medikamente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
13.2 Forensische Toxikologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
13.2.1 Informationen und Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
13.2.2 Wichtige pharmako- bzw. toxikokinetische Parameter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
13.2.3 Einteilung von Vergiftungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
13.2.4 Symptome und -syndrome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
XII Inhaltsverzeichnis

13.2.5 Klassifizierung der Gifte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183


13.2.6 Therapeutische Breite . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
13.2.7 Therapiestrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
13.2.8 Leichentoxikologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
13.2.9 Aussagekraft der einzelnen Asservatarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
13.2.10 Asservierungsstrategien, Asservatarten und Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
13.2.11 Analytische Nachweis- und Bestimmungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
13.2.12 Qualitätskontrolle und Plausibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
13.2.13 Toxikologie spezieller Substanzen und Stoffgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
13.2.14 Abhängigkeit und Missbrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
13.2.15 Gesetzliche Grundlagen und Rechtsvorschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
13.2.16 Wichtige Drogen und Substanzen der Anlage zu § 24a StVG . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
13.2.17 Andere Rauschdrogen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
13.2.18 Forensisch-toxikologisch sowie verkehrsmedizinisch besonders relevante Arzneimittel
und andere Substanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
13.2.19 Anorganische Substanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
13.2.20 Gase, Lösungsmittel, Industriechemikalien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
13.2.21 Organische Lösemittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
13.2.22 Lebensmittel und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
13.2.23 Dopingmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
13.2.24 Sogenannte K.-o.-Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214

14 Forensische DNA-Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216


14.1 DNA-Analytik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
14.2 Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
14.2.1 STR-Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
14.2.2 DNA-Analysedatei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
14.2.3 Identitätswahrscheinlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
14.2.4 Berechnung der Identitätswahrscheinlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
14.3 Anwendungsgebiete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
14.3.1 Täteridentifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
14.3.2 Identifizierung Verstorbener . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
14.3.3 Abstammungsbegutachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228

15 Forensische Osteologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230


15.1 Humanspezifität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
15.2 Liegezeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
15.3 Hinweise auf die Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
15.3.1 Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
15.3.2 Körperhöhe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
15.3.3 Alter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
15.3.4 Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
15.3.5 Verheilte Verletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
15.4 Verletzungsspuren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
15.4.1 Postmortale Veränderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
15.4.2 Prämortale Veränderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
15.4.3 Perimortale Verletzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238

16 Identifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
16.1 Persönliche Inaugenscheinnahme durch Angehörige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
16.2 Identifizierung anhand von persönlichen Gegenständen . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
16.3 Körpermodifikation und Folgen medizinischer Maßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . 241
16.4 Forensische Odontostomatologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
XIII
Inhaltsverzeichnis

16.5 Röntgenvergleichsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243


16.6 Schädel-Bild-Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
16.7 Fingerabdrücke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
16.8 Massenkatastrophen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
16.9 Fotoidentifikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246

17 Forensische Radiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247


17.1 Postmortale Bildgebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
17.1.1 Postmortales Röntgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
17.1.2 Postmortale Computertomographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
17.1.3 Postmortale Magnetresonanztomographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
17.2 Bildgebung in der klinischen Rechtsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
17.2.1 Röntgen in der klinischen Rechtsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
17.2.2 Computertomographie in der klinischen Rechtsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
17.3 Identifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
17.4 Forensische Altersdiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255

18 Forensische Psychopathologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258


18.1 Unterbringung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
18.2 Schuldfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
18.3 Testierfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
18.4 Handlung im Affekt (Affekttat) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262

19 Medizinrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
19.1 Bundesärzteordnung und Approbationsordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
19.2 Ärztekammern und Standesrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
19.2.1 Weiterbildungsordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
19.2.2 Berufsordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
19.2.3 Standesgerichtsbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
19.2.4 Ethikkommissionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
19.3 Die ärztliche Aufklärungspflicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
19.3.1 Zeitpunkt der ärztlichen Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
19.3.2 Art und Umfang der ärztlichen Aufklärungspflicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
19.3.3 Spezielle Fragen der ärztlichen Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
19.4 Therapieverweigerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
19.5 Dokumentationspflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
19.6 Einsichtsrechte in Krankenunterlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
19.7 Meldepflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
19.8 Behandlungsfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
19.8.1 Verhalten bei Behandlungsfehlervorwurf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
19.8.2 Behandlungsfehlerprophylaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
19.8.3 Haftung bei Behandlungsfehlern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
19.9 Medizinrechtliche und medizinethische Probleme am Beginn des Lebens . . . . . . 276
19.9.1 In-vitro-Fertilisation bzw. Insemination . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
19.9.2 Präimplantationsdiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
19.9.3 Pränataldiagnostik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
19.9.4 Schwangerschaftsabbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
19.10 Medizinrechtliche und medizinethische Probleme am Lebensende . . . . . . . . . . 279
19.10.1 Sterbehilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
19.10.2 Patientenverfügung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
19.11 Rechtsfragen in der Psychiatrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
19.11.1 Unterbringung gemäß Unterbringungsgesetz des Bundeslandes
(Psychisch-Kranken-Gesetz: PsychKG) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
XIV Inhaltsverzeichnis

19.11.2 Zivilrechtliche Unterbringung von Patienten gemäß Betreuungsrecht des BGB . . . . . 281
19.12 Spezielle Fragen des Medizinrechts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
19.12.1 Transplantation von Organen und Geweben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
19.12.2 Entnahme von Organen und Geweben von toten Spendern . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
19.12.3 Entnahme von Organen und Geweben bei lebenden Spendern . . . . . . . . . . . . . . . 283
19.12.4 Sterilisationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
19.12.5 Kastration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
19.12.6 Regelungen im Transsexuellengesetz (TSG) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
19.12.7 Versicherungsmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
19.12.8 Unfallversicherungsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
19.12.9 Krankenversicherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
19.12.10 Der Arzt als Sachverständiger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286

Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
1

Einleitung

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_1,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
2 Kapitel 1 · Einleitung

Traditionell werden der Rechtsmedizin vorwiegend Rechtsmedizin bearbeitet weiterhin alle Formen der
1 plötzliche und unerwartete Todesfälle zugewiesen. Im Gewalt gegen Menschen, darüber hinaus umfang-
Vordergrund steht die Klärung der Todesart auf der reicher gewordene verkehrsmedizinische Fragen wie
Basis der festgestellten Todesursache. Neben gewalt- die Beeinträchtigung der Fahrsicherheit durch Krank-
samen und nichtnatürlichen Todesfällen gibt es heiten, Alkohol, Drogen und Medikamente. Die Ver-
plötzliche natürliche, aber auch unklare Todesfälle. kehrsunfalltraumatologie hat in der Nachkriegszeit
Die klinische Rechtsmedizin bezieht sich auf die Unter- erhebliche Bedeutung erfahren. Die forensische DNA-
suchung von Gewaltopfern. Dazu zählen Opfer von Analyse hat die Spurensicherung revolutioniert. Inter-
verschiedenen Formen der Körperverletzung, da- national werden Rechtsmediziner bei Katastrophen
runter Sexualdelikte und Fälle von Kindesmisshand- mit zahlreichen Toten (Krieg, Bürgerkrieg, Natur-
lung sowie Verkehrsunfälle. Die Ergebnisse der Unter- katastrophen wie der Tsunami 2004) benötigt. Sie
suchungen (Obduktionsbefunde, Verletzungsmuster, stehen als Sachverständige zur Verfügung für z.B.
Ergebnisse von Spurenuntersuchungen etc.) müssen den Internationalen Gerichtshof in Den Haag oder
von Rechtsmedizinern vorwiegend mündlich in öffent- für die Inspektion staatlicher Gefängnisse zur Untersu-
lichen Strafverfahren als Sachverständige vor Gericht chung von Insassen auf Zeichen einer Misshandlung
referiert und interpretiert werden. Gegenüber allen (Folter).
Beteiligten des Verfahrens (Gericht, Verteidiger, An- Die »Deutsche Gesellschaft für Gerichtliche Medi-
geklagter, Staatsanwaltschaft, Nebenkläger, in Zivil- zin/Rechtsmedizin« (DGRM) wurde 1904 gegründet
verfahren Kläger und Beklagter) muss der rechtsme- und gehört zu den älteren medizinisch-wissenschaft-
dizinische Sachverständige Rede und Antwort stehen lichen Fachgesellschaften in Deutschland. Seit 1956 (in
und eine neutrale, auf die Sache bezogene Position der DDR) bzw. seit 1976 (in der BRD) gibt es den
vertreten. Sollte der Untersuchungsauftrag von privater »Facharzt für Rechtsmedizin« mit einer Weiterbil-
Seite kommen, z.B. von den Angehörigen eines Verstor- dungsordnung, die derzeit 3½ bis 4 Jahre Weiterbil-
benen zur Klärung der Todesursache, so erhält dung in einem Institut für Rechtsmedizin, ½ bis 1 Jahr
der private Auftraggeber das rechtsmedizinische Gut- in der Pathologie und ½ Jahr in der Psychiatrie vor-
achten. sieht. International ist die deutschsprachige Rechts-
Historisch als medizinisch-naturwissenschaftlich medizin vor allem dank der universitären Bindung
begutachtendes Fach gewachsen um letztlich den Po- führend. Bemühungen um die Einführung eines Fach-
lizei- und Justizbehörden sachverständig beratend arztes für Rechtsmedizin auf europäischer Ebene ha-
bei der Wahrheits- und Urteilsfindung zu helfen, ist ben bislang nicht zum Erfolg geführt.
die »Gerichtliche Medizin« traditionell universitär ver- Die ärztliche Begutachtung mit medizinisch-wis-
ankert. Da die Untersuchungs- und Begutachtungs- senschaftlichen Kenntnissen wird abgefragt von Be-
tätigkeit jedoch weit über die Zwecke der Strafver- hörden und Privatpersonen zur Sicherung von Rech-
folgung hinaus abgefragt wird, also einen wichtigen ten bei zivil-, sozial- und strafrechtlichen Fragestel-
Beitrag zur Rechtssicherheit bzw. einem funktionie- lungen sowie im Verwaltungsrecht. Ansprüche von
renden Rechtsstaat leistet, wird heute statt von »Ge- Patienten, von Gewaltopfern nach Straftaten und Ge-
richtlicher Medizin« von »Rechtsmedizin« gespro- schädigten nach sonstigen Verletzungen wie Arbeits-
chen. unfällen müssen im Einzelfall gutachterlich begründet
überprüft werden. Dabei arbeitet die Rechtsmedizin
Definition an der Schnittstelle von Medizin und Recht als begut-
Rechtsmedizin bedeutet die wissenschaftliche achtendes Fach vorwiegend, aber nicht nur, bei Straf-
Erforschung medizinisch-naturwissenschaftlicher verfahren, wo insbesondere auch Fragen der Rekons-
Tatsachen und Zusammenhänge sowie deren truktion eines Tatgeschehens sowie der Beeinträch-
Darlegung und Interpretation für die Rechts- tigung Beteiligter durch Alkohol und Drogen von Be-
pflege im weitesten Sinne sowie die Befassung deutung sind. Entsprechend umfangreich ist das
mit allen Rechtsfragen, die im Rahmen ärztlicher Tätigkeitsspektrum der universitären Rechtsmedizin.
Tätigkeit der Lehre, Aus-, Fort- und Weiterbildung
auftreten. Leichenfundortuntersuchung und Durchführung
von Obduktionen. Rechtsmediziner werden von den
Ermittlungsbehörden zu Leichenfundorten gerufen
Innerhalb dieser weitgefassten Definition des rechts- für eine erste orientierende Untersuchung des Leich-
medizinischen Aufgabenspektrums hat es im Laufe der nams auf Verletzungen und zur Einordnung von Lei-
Jahre erhebliche Verschiebungen gegeben. Die heutige chenschaubefunden in die Gesamtsituation (Position
1 · Einleitung
3 1
des Leichnams, Verteilung der Totenflecke, Todeszeit- Beteiligten einer Paternitätsbegutachtung (Mutter,
bestimmung, Probleme der Identifikation). Zur Klä- Kind, Putativvater) werden für Vergleichsuntersu-
rung von Todesursache und Todesart kann eine Ob- chungen sog. Speichelproben entnommen. Das an
duktion (gerichtliche Leichenöffnung) angeordnet Spurenmaterial gewonnene STR-Profil kann mit dem
werden. Bei fehlenden Anhaltspunkten für einen na- der verdächtigen Personen verglichen werden. Außer-
türlichen Tod und fehlenden Krankheitssymptomen dem kann ein Abgleich mit der DNA-Analyse-Datei
kann im Einzelfall allein der akute Todeseintritt den des Bundeskriminalamtes (BKA) erfolgen. Ständige
Verdacht auf einen nichtnatürlichen Tod begründen. Verbesserungen der Methodik erlauben die Analyse
minimaler DNA-Spuren, an früher schwierigen Spu-
Öffentliches Gesundheitswesen: Vornahme von Lei- ren wie Einzelzellen und an telogenen Haaren.
chenschauen. Neben der polizeilich veranlassten bzw.
gerichtlichen Leichenschau führen – außer in Bayern Blutalkoholbestimmungen. Quantitativ spielt der
– Amtsärzte der Gesundheitsämter, Rechtsmediziner Trinkalkohol (Ethylalkohol, Äthanol) als die psycho-
oder in speziellen Schulungen ausgebildete Ärzte die physische Fahrsicherheit beeinträchtigende Noxe die
sog. zweite amtsärztliche Leichenschau (Feuerbestat- größte Rolle. Die Beurteilung der Wirkungen des Al-
tungs- bzw. Kremationsleichenschau) durch. Dabei kohols und die Validierung von Untersuchungsverfah-
wird der Leichnam erneut untersucht und die Angaben ren auch für Begleitalkohole (sog. Fuselalkohole) sind
zu Todesursache und Todesart in der Todesbescheini- seit Jahrzehnten fester Bestandteil in der rechtsmedizi-
gung bzw. im Leichenschauschein werden auf Plausi- nischen Alkoholanalytik. Rechtsmedizinische For-
bilität kontrolliert. Dies dient der Rechtssicherheit, da schungsergebnisse haben Gesetzgebung und Recht-
im Einzelfall immer wieder nichtnatürliche und vom sprechung zu Grenzwerten und zur alkoholbedingten
ersten Leichenschauarzt fälschlicherweise als natürlich Fahrunsicherheit geprägt, sowohl im Straf- als auch im
deklarierte Todesfälle entdeckt werden. Ordnungswidrigkeitenrecht. Trinkmengenbehaup-
tungen und Getränkearten können durch die Begleit-
Chemisch-toxikologische Untersuchungen. Die uni- stoffanalyse überprüft werden.
versitären rechtsmedizinischen Institute können bei
Intoxikationsverdacht einerseits anlässlich der Obduk- Verkehrsmedizinische Fragestellungen. Bedeutsam
tion gewonnene Asservate (z.B. Herzblut, Femoral- ist in der gutachterlichen Praxis zur Beurteilung der
venenblut, Hirngewebe, Nierengewebe, Lebergewebe, Fahrsicherheit einer Person nicht nur die Beeinträch-
Galle, Liquor, Knochen, Haare, Finger- und Zehen- tigung der aktuellen Fahrtüchtigkeit durch Alkohol,
nägel usw.) analysieren, andererseits werden Proben Drogen und/oder Medikamente bzw. sonstige Toxine,
von Patienten zur Untersuchung eingesandt (klinische sondern auch die Beurteilung der längerfristigen Fahr-
Toxikologie). Für die Hirntoddiagnostik bei vorge- tauglichkeit bei einer Reihe von Erkrankungen (Herz-
sehener Organexplantation müssen zum Ausschluss Kreislauf-Erkrankungen, Hypertonus, Epilepsien,
einer zentralnervösen Beeinträchtigung ebenfalls che- Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes etc.).
misch-toxikologische Analysen vorgenommen werden. Bei Verkehrsunfallopfern ist das Verletzungsmus-
Ein Großteil der Untersuchungen sind umfangreiche ter nach (Poly-)Trauma zur Rekonstruktion des Un-
Analysen von Blut- und Urinproben auffälliger Ver- fallablaufes zu erfassen: Anprallgeschwindigkeit, An-
kehrsteilnehmer auf Drogen und Medikamente (Hero- pralllokalisationen, Rolle des Verkehrsunfallbeteiligten
in, Kokain, Amfetamine, Psychopharmaka etc.). Aber (Fußgänger, Radfahrer, Fahrer, Beifahrer), z.B. belegt
auch bei Gewaltopfern sind Blut- und Urinproben zu durch den Nachweis sog. Gurtmarken oder Über-
untersuchen, z.B. zum Nachweis sog. K.-o.-Tropfen im rollverletzungen. Nachweis oder Ausschluss von Vor-
Zusammenhang mit Sexualdelikten. erkrankungen als mögliche Unfallursache sollen eben-
falls erfolgen.
DNA-Analyse und Spurenkunde. Die DNA-Labore
rechtsmedizinischer Institute nehmen individualisie- Forensische Radiologie. Die postmortale Röntgen-
rende molekulargenetische Untersuchungen vor. Hier- diagnostik besitzt seit der Entdeckung der Röntgen-
bei hat sich die Untersuchung der Short Tandem strahlen einen wichtigen Stellenwert in der Dokumen-
Repeats (STR) durchgesetzt. Die DNA wird an den ver- tation vorwiegend von knöchernen Verletzungen und
schiedensten asservierten biologischen Spuren ge- bei der Planung der Durchführung der Obduktion,
wonnen. Neben dem kriminalistischen Einsatz ist die z.B. zum Auffinden von Projektilen. Seit Beginn des
Methode zur Vaterschaftsbestimmung (Paternitäts- neuen Jahrtausends nehmen postmortale CT- und
diagnostik) geeignet. Von Tatverdächtigen oder von MRT-Scans zu. Die so entstandenen dreidimensionalen
4 Kapitel 1 · Einleitung

Datensätze ermöglichen »virtuelle Autopsien«. Die an- eine schuldangemessene Bestrafung zu ermöglichen
1 fänglichen Vorstellungen, dass letztere die »echten« bzw. ggf. vorhandene erhebliche Beeinträchtigungen
Obduktionen ersetzen können, wurden in zahlreichen der Schuldfähigkeit schuld- und damit auch strafmin-
Untersuchungen widerlegt. Die Kombination aus virtu- dernd zu berücksichtigen. Derartige regelmäßig nur
eller und realer Leichenöffnung führt zu aussagekräf- retrospektiv mögliche »Schuldfähigkeitsgutachten«
tigen Befunden. erfordern neben dem Nachweis der beeinträchtigenden
Die Röntgenvergleichsanalyse ist eine alte und Substanz die Beurteilung des Verhaltens der Person
effektive Methode zur Identitätsfeststellung. Liegen »vor, während und nach« der Tat. Im Einzelfall kann
von vermissten Personen zu Lebzeiten angefertigte die Beauftragung eines forensisch erfahrenen psy-
Röntgenbilder vor, können an einem unbekannten chiatrischen Sachverständigen notwendig sein, z.B. bei
Leichnam Vergleichsaufnahmen der betreffenden Re- schwereren Neurosen, bei Persönlichkeitsstörungen
gion erstellt und mit diesen verglichen werden. oder für die Prognosebegutachtung vor der Haftent-
In der klinischen Rechtsmedizin sind häufig Rönt- lassung verurteilter Straftäter. Sachverständig zu beur-
genaufnahmen bei der Begutachtung frischer oder teilen sind im Einzelfall auch Fragen wie die Verneh-
verheilter Knochenbrüche mit einzubeziehen, radiolo- mungsfähigkeit, die Gewahrsamsfähigkeit, die Haft-
gische Untersuchungen dienen aber auch der Alters- fähigkeit, die Verhandlungsfähigkeit und die Testier-
schätzung von Lebenden und Verstorbenen. Zuneh- fähigkeit eines Menschen. Glaubwürdigkeitsgutachten
mend stehen für die Beurteilung von Weichteilverlet- bzw. aussagepsychologische Gutachten erfordern be-
zungen CT- oder MRT-Datensätze zur Verfügung. sondere Erfahrung.

Forensische Osteologie. Bestehen die zu untersu- Medizinrecht. Zahlreiche medizinrechtliche Frage-


chenden menschlichen Überreste infolge der postmor- stellungen ergeben sich aus der beruflichen Alltags-
talen Veränderungen (fast) nur noch aus Knochen- praxis der Rechtsmedizin, insbesondere im Zusam-
gewebe, sind spezielle Kenntnisse und Methoden ge- menhang mit der zunehmenden gutachterlichen Be-
fordert. Die erste Frage nach Knochenfunden lautet, ob arbeitung von Behandlungsfehlervorwürfen. Grund-
diese humaner Herkunft sind oder nicht. Handelt es legende Rechtsfragen des eigenen Berufes sollten daher
sich um menschliche Knochen, wird die Frage nach – wie bei zahlreichen anderen Berufen verlangt – allen
dem postmortalen Intervall (PMI) relevant: Histo- Medizinern vertraut sein. Medizinrechtliche Fragen
rische Knochen sind für die Ermittlungsbehörden werden derzeit während des Medizinstudiums nahezu
nicht von Bedeutung. Die Grenze wird im Allgemei- ausschließlich im Fach Rechtsmedizin vermittelt und
nen bei einem PMI von mehr als 50 Jahren gezogen. sind Prüfungsgegenstand: z.B. öffentlich-rechtliches
Eine weitere Eingrenzung des PMI kann erste Hinwei- Medizinrecht (Versicherungsmedizin, Infektions-
se auf die Identität geben. Zusätzliche Hinweise wer- schutzgesetz, Transplantations-, Transfusions-, Arznei-
den durch die Untersuchung der Knochen erlangt. Mit mittel- und Obduktionsrecht, Sterilisation und Kastra-
verschiedenen Methoden können in Abhängigkeit von tion, ärztliches Berufs- und Standesrecht), Aufklä-
den vorhandenen knöchernen Überresten und deren rungs- und Schweigepflicht, Dokumentationspflicht,
Zustand Schätzungen des Alters und der Körpergröße Arzthaftungsrecht, Rechtsfragen am Beginn und am
sowie eine Geschlechtsdiskriminierung vorgenommen Ende des Lebens (z.B. Präimplantations- und Pränatal-
werden. Eine weitere Aufgabe ist das Auffinden von diagnostik, Sterbehilfe), Behandlung minderjähriger
frischen oder verheilten Verletzungsspuren an den Patienten, Therapieverweigerung.
Knochen. Auf diese Weise sind ggf. weitere Aussagen
zur Identität und zur Todesursache möglich. Rechtsmedizinische Forschung. Gegenstand rechts-
medizinischer Forschung ist das gesamte Spektrum
Forensische Psychopathologie. Der Erwerb psychia- des Faches mit Grundlagenforschung, z.B. zur Leichen-
trischer Grundkenntnisse ist im Rahmen der Weiter- liegezeitbestimmung: Fall-Kontroll-Studien, epide-
bildung zum Facharzt für Rechtsmedizin obligatorisch miologische Untersuchungen, methodische Untersu-
vorgesehen. Einen Schwerpunkt bildet die Begutach- chungen von Fallserien (mikroskopische Untersu-
tung der Wirkung psychotroper Substanzen (Alkohol, chungen – Histologie, Immunhistochemie, Zytologie),
Drogen, Medikamente, sonstige Toxine) auf die Fähig- z.B. zur Todesursachenklärung, populationsgenetische
keit eines Menschen, zum Zeitpunkt der Tat das Un- Studien oder chemisch-toxikologische Untersuchun-
recht seines Handelns einzusehen oder nach dieser gen zum Nachweis bestimmter Substanzen. Rechts-
Einsicht zu handeln (Frage der Schuldfähigkeit, §§ 20, medizinische wissenschaftliche Untersuchungen und
21 StGB). Ziel ist es, dem Gericht die Entscheidung für Erkenntnisse beeinflussen nicht nur obergerichtliche
1 · Einleitung
5 1
Grundsatzentscheidungen sondern auch Vorgaben des
Gesetzgebers bzw. der öffentlichen Verwaltung.

Rechtsmedizinische Lehre. Das gesamte genannte


Themenspektrum fließt ein in die rechtsmedizinische
Lehre bzw. den studentischen Unterricht, also Fragen
sowohl der Rechtsmedizin als auch des Medizinrechts.
Jeder Arzt ist gesetzlich verpflichtet, Leichenschauen
durchzuführen, Atteste und Bescheinigungen auszu-
stellen und seine ärztlichen Berufspflichten zu kennen.
Grundkenntnisse werden ebenso verlangt zu häufigen
Ursachen und den Nachweismethoden von Vergif-
tungen, zu verkehrsmedizinischen Fragestellungen
hinsichtlich der Fahrsicherheit unter Alkohol, Drogen
und Medikamenten wie zu Beeinträchtigungen der
Schuldfähigkeit bzw. psychopathologischen Fragen.
Hinzu kommen spezielle Kenntnisse zur Todesfest-
stellung, zur Festlegung von Todesursache und Todes-
art, zur Todeszeitbestimmung und Identifikation so-
wie zu rekonstruktiven Fragen bei Patienten mit bei-
gebrachten Verletzungen und deren Interpretation im
Hinblick auf Entstehungsursachen (Verletzungsbegut-
achtung bei Lebenden). Diese und weitere Kenntnisse
werden im Medizinstudium allein in der Rechtsmedi-
zin systematisch vermittelt.
! Für die praktische Berufsausübung sind
rechtsmedizinische Kenntnisse (Rechtsmedi-
zin und Medizinrecht) für jede Ärztin bzw. je-
den Arzt unverzichtbar.
2

Thanatologie

2.1 Todeseintritt –7

2.2 Vita minima, Vita reducta, Scheintod –9

2.3 Supravitale Reaktionen – frühe Leichenveränderungen – 10


2.3.1 Mechanische Erregbarkeit der quergestreiften Muskulatur – 10
2.3.2 Elektrische Erregbarkeit der quergestreiften Muskulatur – 10
2.3.3 Pharmakologische Reizung der Irismuskulatur – 11

2.4 Totenflecke (Livores) – 11

2.5 Totenstarre (Rigor mortis) – 13

2.6 Abnahme der Körpertemperatur – 14

2.7 Spezielle Leichenveränderungen – 16

2.8 Fortgeschrittene Leichenveränderungen – 16

2.9 Forensische Entomologie – 19

2.10 Rechtsmedizinische Todeszeit-


bzw. Leichenliegezeitschätzung – 19

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_2,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
2.1 · Todeseintritt
7 2
> > Einleitung führende Untersuchungen u.a. zur Feststellung von
Leichenliegezeit, Identität, Todesursache und Todesart
In der ordnungsgemäß abgeschlossenen Wohnung ohne sind ein zentrales Arbeitsgebiet der Rechtsmedizin,
Anhaltspunkte für einen Wohnungsaufbruch, eine Bewir- zusammengefasst unter dem Begriff »Thanatologie«.
tung oder eine tätliche Auseinandersetzung wird der Leich-
nam des alleinlebenden 42-jährigen Wohnungsinhabers Definition
gefunden. Der teilbekleidete Leichnam befindet sich im Thanatologie (griech. Thanatos = Tod) ist die
Wohnzimmer in Linksseitenlage in einem Sessel in sitzen- Wissenschaft von den Ursachen und Umständen
der Position mit den Beinen auf dem Boden. Aus Mund und des Todes.
Nase ist rötlich-bräunliche Flüssigkeit ausgelaufen. Die
Endglieder des 2. und 3. Fingers der rechten Hand lassen
eine deutliche sog. Nikotinverfärbung erkennen, die Haut Pro Jahr sterben in der Bundesrepublik Deutschland
der linken Ellenbeuge zeigt eine fragliche punktförmige ca. 850.000 Menschen, davon etwa die Hälfte in Klini-
Blaulividverfärbung und diskrete streifige Vernarbungen, ken und ein Fünftel in Heimen. Zuverlässige Zahlen
die nur bei sehr hellem Licht zu erkennen sind. Die zum darüber, wie viele Menschen zu Hause oder in der
Heizkörper weisende Körperrückseite lässt eine flächen- Öffentlichkeit sterben, liegen nicht vor. Die amtliche
hafte Grünverfärbung der Haut und ein Durchschlagen Todesursachenstatistik gibt ca. 4–6% nichtnatürliche
des Venennetzes erkennen, in den Augenwinkeln finden Todesfälle an (vorwiegend vor dem 40. Lebensjahr).
sich einzelne Fliegeneier. Die tiefe Rektaltemperatur Angesichts der Fehlerquote bei der Erfassung der To-
entspricht der Raumtemperatur bei geschlossenen Türen desursache und der Todesart ist davon auszugehen,
und Fenstern. Nach Angaben der Polizei ist der Verstorbene dass die nichtnatürlichen Todesfälle in der Statistik
als Drogenkonsument bekannt. In der Wohnung finden unterrepräsentiert sind. Damit sind jedoch nicht nur
sich keine Betäubungsmittelutensilien (Spritze, Pulver etc.), Tötungsdelikte gemeint, deren sog. Dunkelziffer
jedoch zahlreiche leere Flaschen z.T. hochprozentiger schwer abzuschätzen ist.
Alkoholika. Bei der Obduktion entströmt dem Leichnam
aromatischer Geruch, die Harnblase ist prallvoll mit trübem
Urin gefüllt. Makroskopisch findet sich bei der Obduktion 2.1 Todeseintritt
keine Todesursache. Die Polizei möchte die Leichenliege-
zeit ebenso geklärt haben wie die Todesursache und die Dem Tod des Organismus geht eine Sterbephase vo-
Todesart. raus, die zum Verlust der integrierenden und koordi-
nierenden Funktionen lebenswichtiger Organe bzw.
Entgegen dem Bild in der Öffentlichkeit ist die Arbeit Organsysteme führt. Im Vordergrund steht dabei
in der Rechtsmedizin keineswegs begrenzt auf Todes- der Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems, der
fälle als Folge von Gewalteinwirkung (»Mord und Tot- Atemtätigkeit und des zentralen Nervensystems (ZNS).
schlag«). Alle Fragen im Zusammenhang mit dem Dem Prozess des Sterbens können damit unterschied-
Todeseintritt, also Vorgeschichte, Umstände des To- lich lange Agoniephasen entsprechen. Die Agoniepha-
deseintritts, Leichenschau und Obduktion, weiter- se kann Sekunden bis Stunden dauern (. Tab. 2.1).

. Tab. 2.1 Agonie – Phasen des Sterbens

Ultrakurze bzw. Kurze Agonie Lange Agonie


fehlende Agonie

Dauer Sekunden Minuten Stunden

Beispiele Sog. Krönlein-Schuss mit Nur kurz überlebbare Funk- Chronische Erkrankungen wie sich
sofortiger Exenteration des tionsstörungen wie eine aus- entwickelnde Sepsis; Tumorleiden
Gehirns; Zertrümmerung des gedehnte hypertone Massen- mit im Finalstadium absehbarem
Organismus bei Überrollen blutung, Perikardtamponade, Todeseintritt: blasse, spitze Nase,
durch ein Schienenfahrzeug, Verbluten nach Innen bei eingesunkene Augen und Wangen,
Explosionen mit Zerreißung rupturiertem Aortenaneurysma grau-blasse Haut, Kaltschweißigkeit
des Organismus (sog. Facies hippocratica)
8 Kapitel 2 · Thanatologie

Je nach Todesursache sind (noch) vitale Reaktio- befunden und autoptisch diagnostizierten Erkran-
nen des Organismus zu erwarten bzw. eine Reaktion kungen verschiedene Sterbenstypen voneinander ab-
der lebenswichtigen Organsysteme. So kommt es beim gegrenzt werden (. Tab. 2.2).
allmählichen Verbluten zu einer Zentralisation des Die Sterbenstypen verdeutlichen, dass im Rah-
2 Blutkreislaufes mit Absinken des Blutdruckes und men der Todesfeststellung die zum Versagen der Or-
Anstieg der Herzfrequenz (Hypotonie, Tachykardie, gane bzw. Organsysteme führende Krankheit in eine
Schocksymptomatik). Beim sog. asphyktischen Er- medizinisch plausible Kausalkette eingebettet sein
sticken tritt eine Dyspnoe hinzu. Zentralnervöse Re- muss. Ist dies der Fall, so ergibt sich eine begründbare
aktionen umfassen z.B. tonisch-klonische Krämpfe Todesursache. Fehlen anamnestisch Hinweise auf
(Agonie bzw. »Todeskampf« im eigentlichen Sinne). eine todesursächlich relevante Erkrankung und bie-
Beim Eintritt des Todes als Folge vorbestehender inne- ten die Umstände des Todeseintritts keine Er-
rer Erkrankungen im Rahmen einer längeren Agonie- klärung für insbesondere das akute Versterben, so ist
phase führt die sich anbahnende hypoxische Schädi- dies in der Todesbescheinigung zu vermerken. Die
gung des ZNS dazu, dass die Sterbephase nicht mehr Häufung derartiger Fälle an einem bestimmten Ort
bewusst erlebt wird. kann den Verdacht auf eine Tötungsserie begründen,
z.B. auf die unbemerkte Gabe tödlich wirkender Me-
! Am Ende der Agoniephase steht der klinische
dikamente in einem Pflegeheim oder auf der Intensiv-
Tod (Herzstillstand). Der Tod des Menschen
station.
als Person (Individualtod) wird festgestellt
durch Veränderungen, wie sie nur nach irre- ! Angaben zur festgestellten Todesursache
versiblem Herz-Kreislauf- und Atemstillstand in der Todesbescheinigung bzw. im Leichen-
möglich sind (sichere Todeszeichen: Toten- schauschein sollen pathophysiologisch
flecke, Totenstarre, Fäulnis; nicht mit dem begründet sein. Angegebene Erkrankungen
Leben vereinbare Verletzungen; Nachweis müssen zu einer todesursächlichen finalen
des Hirntodes entsprechend den Richtlinien Morbidität führen können, so dass ein Ab-
der Bundesärztekammer). leben zum gegebenen Zeitpunkt und unter
den gegebenen Umständen plausibel wird.
Sterbenstypen. Nicht immer gibt es eine singuläre
benennbare konkrete Todesursache, ausgehend von Hirntod und Hirntoddiagnostik. In der Praxis betrifft
einem Organ bzw. Organsystem. So kann die Erkran- die Feststellung des Hirntodes nur jene Patienten, bei
kung eines Organs jenseits der eigenen Funktionen denen die beiden anderen »Eintrittspforten des Todes«,
tödliche Folgewirkungen haben. Schließlich gibt es das Herz-Kreislauf-System und die Atmung, maschi-
Erkrankungen verschiedener Organe bzw. Organsy- nell ersetzt und so zunächst funktionstüchtig gehalten
steme, die erst in ihrem Zusammenwirken tödlich en- wurden, um mit Beendigung dieser intensivmedizi-
den. Möglich ist weiterhin die parallele Erkrankung nischen Maßnahmen eine Organexplantation vorneh-
von Organen bzw. Organsystemen, wobei jede Erkran- men zu können. Erforderlich ist die Feststellung des
kung schon für sich allein den Tod erklären würde. Vor Gesamthirntodes unter festgelegten Voraussetzungen,
diesem Hintergrund können unter Einbeziehung von die normativ u.a. verankert sind im Transplantations-
Anamnese, klinischer Symptomatik, Untersuchungs- gesetz von 1997 (. Tab. 2.3).

. Tab. 2.2 Sterbenstypen

Linearer Sterbenstyp Divergierender Konvergierender Komplexer Sterbenstyp


Sterbenstyp Sterbenstyp

Erkrankung und Todes- Erkrankung ist organ- Erkrankungen verschiede- Erkrankungen verschiede-
ursache finden sich spezifisch, führt jedoch zu ner Organe bzw. Organ- ner Organe bzw. Organ-
in einem Organ bzw. einer organunspezifischen systeme führen über eine systeme stellen jeweils
Organsystem Todesursache gemeinsame Endstrecke bereits für sich allein eine
zum Tod organspezifische Todes-
ursache dar
2.2 · Vita minima, Vita reducta, Scheintod
9 2

. Tab. 2.3 Hirntoddiagnostik

Voraussetzungen Klinische Symptomatik Lange Beobachtungszeit Kurze Beobachtungszeit

Massive akute primäre Bewusstlosigkeit 12–72 h, variabel in Ab- Wenn ergänzende Befunde
oder sekundäre Schädi- Apnoe hängigkeit vom Lebensalter erhoben werden:
gung des ZNS Lichtstarre Pupillen mit und von der Art der Hirn- 4 Nulllinien-EEG (bei infra-
Ausschluss von: fehlender Reaktion auf schädigung (primär, sekun- tentorieller Hirnschädigung
4 Intoxikation ein Mydriatikum där) und bei Kindern bis zum
4 Neuromuskuläre Fehlende Hirnstamm- vollendeten 2. Lebensjahr
Blockade reflexe: obligatorisch)
4 Unterkühlung 4 Kornealreflex 4 oder erloschene evozierte
4 Kreislaufschock 4 Okulozephaler Reflex Potenziale (nur bei supra-
4 Metabolische oder 4 Schmerzreaktion auf tentorieller Hirnschädigung
endokrine Komata Trigeminusreiz und bei sekundärer Hirn-
4 Pharyngealreflex schädigung)
4 oder Nachweis des zere-
bralen Zirkulationsstill-
standes

2.2 Vita minima, Vita reducta, borgen werden konnte. Nach erfolgreicher Reanima-
Scheintod tion waren keine zerebralen Schäden nachweisbar.
Deshalb sollte bei nicht ausschließbarer Vita mini-
Vor dem Ausstellen einer Todesbescheinigung bzw. ma und suffizienten Reanimationsmaßnahmen erst
eines Leichenschauscheines ist der sichere Tod eines ein 30-minütiges Nulllinien-EKG zur Beendigung der
Menschen ärztlich festzustellen. Dazu bedarf es des medizinischen Maßnahmen führen. Selbst diskrete
Nachweises sicherer Todeszeichen (Totenstarre, Toten- EKG-Befunde sind noch kein »Nulllinien-EKG« und
flecke, Fäulnis) oder mit dem Leben nicht vereinbarer können nicht mit einem Herzstillstand gleichgesetzt
grober Verletzungen. Derartige sichere Todeszeichen werden. Bei unterkühlten Patienten, solchen mit einer
fehlen in der Phase einer Vita minima bzw. Vita reducta möglichen Intoxikation und nach Beinahe-Ertrinken
(sog. Scheintod). werden längere Reanimationszeiten verlangt bis zur
Wiedererwärmung bzw. Detoxikation und/oder dem
Definition Auftreten sicherer Todeszeichen.
Vita minima bzw. Vita reducta: Zustände, bei Unsichere Todeszeichen sind:
denen die üblicherweise feststellbaren Lebens- 4 fehlende Reflexe
zeichen (Atmung, erhaltene Herz-Kreislauf-Funk- 4 fehlende Atmung
tionen) als Folge einer Dysregulation des Orga- 4 fehlende Herztätigkeit
nismus auf ein Minimum reduziert sein können, 4 weite, lichtstarre Pupillen
so dass ihre noch erhaltene Restfunktion bei 4 abgesunkene Körperkerntemperatur.
unzureichender Untersuchung nicht registriert
wird. Diese unsicheren Todeszeichen dürfen nie zur Attes-
tierung des Todes führen. Bei Unterkühlung darf die
Kältestarre der Muskulatur nicht mit der Totenstarre
Bei klinisch nicht nachweisbaren Lebensäußerungen verwechselt werden.
(Atmung, Herz-Kreislauf-System) und gleichzeitig
! Ohne sichere Todeszeichen keine Todes-
fehlenden sicheren Todeszeichen muss an das Phäno-
bescheinigung.
men des sog. Scheintodes gedacht werden. Vorrangig
ist eine EKG-Kontrolle anzustreben. Bei Unterkühlung Die Ursachen, die zu einer Vita minima bzw. Vita re-
können deutlich längere Zeiten von Herz-Kreislauf- ducta führen können, sind in der AEIOU-Regel ge-
und Atemstillstand toleriert werden. So ist der Fall nannt.
eines 6-jährigen Jungen bekannt, der im Eis einge-
brochen und erst nach 20 Minuten unter Wasser ge-
10 Kapitel 2 · Thanatologie

der Einwirkung ist bis etwa 4–5 hpm möglich. Etwa


Ursachen für eine Vita minima bzw. 8–12 hpm lässt sich noch ein schwacher idiomusku-
Vita reducta lärer Wulst auslösen. Die Auslösbarkeit eines schwä-
A = Alkohol, Anämie, Anoxämie cheren idiomuskulären Wulstes kann bis zu 24 hpm
2 E = Elektrizität, auch Blitzschlag persistieren. Diese sog. »Zsako-Reflexe« (idiomusku-
I = Injury (Schädel-Hirn-Trauma) läre Reaktionen) sind teilweise besser fühl- als sichtbar
O = Opium, Betäubungsmittel, zentral wirksame und finden sich frühpostmortal (1,2–2,5 hpm) auch an
Medikamente anderen Stellen:
U = Urämie (metabolische Komata), Unterkühlung 4 Nach klopfendem Anschlag zwischen den Schul-
terblättern kann eine Annäherung der Schulter-
blätter herbeigeführt werden.
Wird nach unzureichender Untersuchung des Patien- 4 Zwischen den Mittelhandknochen auf dem Hand-
ten fälschlicherweise eine Todesbescheinigung bzw. rücken führt ein Beklopfen der Muskeln mit dem
ein Leichenschauschein ausgestellt, so handelt es sich Reflexhammer zur Annäherung der Finger.
immer um einen Verstoß gegen anerkannte Regeln der 4 Ein Hochziehen der Kniescheibe kann ausgelöst
ärztlichen Sorgfalt bei der Todesfeststellung. werden durch Beklopfen der Muskulatur ca. 8–
12 cm oberhalb der Kniescheibe.

2.3 Supravitale Reaktionen –


frühe Leichenveränderungen 2.3.2 Elektrische Erregbarkeit
der quergestreiften Muskulatur

Definition Postmortal bleibt die Skelettmuskulatur zunächst


Supravitale Reaktionen: Postmortale stoffwech- durch elektrische Reize erregbar, d.h. über entspre-
selbasierte Prozesse, die auch nach Eintritt des chend angebrachte Elektroden kann eine Muskel-
Todes während der sog. Supravitalphase zu in der kontraktion induziert werden. Der Nachweis der elek-
Regel temperaturabhängig auslösbaren Gewebe- trischen Erregbarkeit und die Ausdehnung der Mus-
reaktionen führen können. kelkontraktion lassen noch am Leichenfundort Rück-
schlüsse auf den Zeitpunkt des Todeseintritts zu.
Deshalb ist die Prüfung der supravitalen elektrischen
Besonders bedeutsame supravitale Reaktionen für die Erregbarkeit der Skelettmuskulatur ein wichtiger Be-
Todeszeit- bzw. Leichenliegezeitbestimmung sind ne- standteil der rechtsmedizinischen Leichenliegezeitbe-
ben den Totenflecken und der Totenstarre stimmung.
4 die mechanische Reizung der quergestreiften Mus- Zum Einsatz kommen transportable Elektroreiz-
kulatur, geräte, z.T. mit stempelförmigen Oberflächenelektro-
4 die elektrische Reizung der quergestreiften Mus- den, mit denen insbesondere die Erregbarkeit der mi-
kulatur, v.a. der mimischen Muskulatur des Ge- mischen Muskulatur getestet werden kann (. Abb.
sichts und 2.1). Die elektrische Reizung kann aber auch z.B. an der
4 die pharmakologische Reizung der glatten Mus- Thenar- und Hypothenarmuskulatur erfolgen.
kulatur der Iris. Beobachtet wird die Ausbreitung der muskulären
Erregung auf elektrodenferne Areale, z.B. nach Ein-
stich in den M. orbicularis oculi (medialer Anteil des
2.3.1 Mechanische Erregbarkeit Augenoberlides) oder in den M. orbicularis oris (Ein-
der quergestreiften Muskulatur stich beidseits der Mundwinkel). Die Reaktion kann
graduiert werden:
Die mechanische Reizung der quergestreiften Mus- 4 frühpostmortale Reaktion der gesamten ipsilate-
kulatur ist durch einen kräftigen Schlag auf z.B. den ralen Gesichtshälfte
M. biceps brachii mit Ausdehnung der Reizung und 4 Beschränkung der Reaktion auf die Umgebung des
fortgeleiteter Kontraktion über den gesamten Muskel Reizortes
(sog. Zsako-Muskelphänomen) bis etwa 1,5–2,5 h 4 Reaktion nur des gesamten Augenoberlides
post mortem (hpm = hours post mortem) auslösbar. 4 Reaktion nur eines Teils des Augenoberlides
Die Entwicklung eines kräftigen, reversiblen sog. idio- 4 Reaktion nur noch unmittelbar am Einstichort der
muskulären Wulstes auf mechanischen Reiz am Ort Elektrode.
2.4 · Totenflecke (Livores)
11 2

. Abb. 2.2 Totenflecke. Schmetterlingsförmige Ausspa-


rung der blauvioletten Totenflecke an den Aufliegestellen
bei Rückenlage des Leichnams. Zusätzlich Aussparung im
Bereich des Hosenbundes. Zonal hellere Totenflecke als
Zeichen der beginnenden postmortalen Reoxygenierung
des Hämoglobins bei Lagerung in der Kühlzelle

2.4 Totenflecke (Livores)

. Abb. 2.1 Prüfung der elektrischen Erregbarkeit der Bereits während der längeren Agoniephase kann es
mimischen Muskulatur. Frühpostmortal findet sich eine als Folge zunehmender Herzinsuffizienz zu einer
Kontraktion der gesamten ipsilateralen Gesichtsmuskulatur. prognostisch ungünstigen sichtbaren lokalen Stase des
Mit zunehmender Todeszeit beschränkt sich die muskuläre Blutes kommen (sog. »Kirchhofrosen«). Eigentliche
Erregung auf den Reizort in unmittelbarer Umgebung der Totenflecke entstehen jedoch erst nach dem irreversib-
Elektrode (M. orbicularis oculi) len Kreislaufstillstand.
! Totenflecke (Livores) entstehen als Folge der
Absenkung des Blutes entsprechend dem
In gleicher Weise erfolgt die Graduierung bei Reizung
hypostatischen Druck bzw. der Schwerkraft
des M. orbicularis oris. Die Erregbarkeit der mimi-
folgend nach irreversiblem Herz-Kreislauf-
schen Muskulatur wird mit bis zu 20 hpm angegeben,
Stillstand in den sog. »abhängigen«, d.h. zu-
beim M. orbicularis oris bis ca. 11 hpm, bei der Thenar-
unterst liegenden Körperpartien und sind
und Hypothenarmuskulatur werden 10–12 hpm ange-
das früheste sichere Todeszeichen.
geben. Durch elektrische Reizung der Pupillenmusku-
latur – Elektrodeneinstich in die Bindehaut des Auges Die hypostatische Absenkung des Blutes füllt zunächst
am Rande der Hornhaut – ist eine Reaktion bis 20 hpm, die Blutgefäße im subepidermalen Corium in Form
selten länger, auslösbar. kleiner hellroter Flecken. Danach erfolgt eine Aus-
dehnung der Totenflecke durch Konfluktion und als
Folge des Verbrauchs vorhandenen Restsauerstoffs
2.3.3 Pharmakologische Reizung entsteht eine livide bzw. blauviolette Farbe der Toten-
der Irismuskulatur flecke (. Abb. 2.2).
Im Bereich der Totenflecke kann gegen den Druck
Der Einsatz von Pupillomotorika nutzt die postmortal des absinkenden Blutes durch Druck von außen, v.a.
zunächst erhaltene Reagibilität der Irismuskulatur, durch enger anliegende Kleidung, eine häufig streifige
wobei die quergestreifte Irismuskulatur länger pharma- Aussparung entstehen, etwa als Folge des Faltenwurfes
kologisch erregbar bleibt als die glatte Irismuskulatur. der Kleidung (. Abb. 2.3).
Bei der subkonjunktivalen Injektion von Nordadrena- Dort, wo die Haut der Unterlage unmittelbar auf-
lin oder auch Acetylcholin zeigt sich eine erhaltene liegt, also an den sog. Aufliegestellen, überwiegt der
Reagibilität – Nachweis einer Mydriasis bzw. Miosis – Aufliegedruck den hydrostatischen Druck und es
bis zu 20 hpm, selten bis 40 hpm. Weitere Pupillomo- kommt zu einer den Aufliegestellen entsprechenden
torika lassen eine geringere Zeitdauer bei der supra- Aussparung der Totenflecke. Typische Aufliegestellen
vitalen Reaktion erkennen. bei Rückenlage des Leichnams sind die Schulterblatt-
region (schmetterlingsförmige Aussparung der Toten-
flecke), das Gesäß und die Fersen. Weist die Aufliege-
fläche ein bestimmtes Muster auf, so kann dies zu einer
12 Kapitel 2 · Thanatologie

4 Aussparungen der Totenflecke entsprechend den


Aufliegestellen?
4 Wiedergabe von Totenfleckmustern als Folge
konturierter Aufliegestellen bzw. anderer lokaler
2 Kompression?
4 Intensität der Totenflecke: Kräftige Farbgebung
oder blasse Totenflecke?
4 Sind die Totenflecke wegdrückbar? Auf stumpfen
Druck (Daumendruck) oder nur auf scharfkan-
tigen Druck (Druck mit Pinzette oder Finger-
nagel)?
4 Sind die Totenflecke nach dem Wenden des Leich-
nams vollständig oder teilweise umlagerbar?
. Abb. 2.3 Totenflecke. Innerhalb der Totenflecke streifen-
förmige Aussparungen (Pfeile) durch Faltenwurf der Kleidung
4 Farbe der Totenflecke: Livide bzw. rotviolett?
Blass-rötlich? Hellrot? Braunrot? Grünlich? Unter
Kältebedingungen wie bei Lagerung des Leich-
nams in der Kühlkammer kommt es zur Verschie-
bung der Sauerstoffbindungskurve mit Reoxyge-
nierung des Hämoglobins und hell-rötlichen To-
tenflecken, ebenso beim Tod durch Unterkühlung
(Kältetod).

Mit den ersten Totenflecken ist ca. 20–30 min nach


dem irreversiblen Herz-Kreislauf-Stillstand zu rech-
nen, zunächst als eher hellrötliche Flecken mit nach-
folgender Konfluktion zu blauvioletten Totenflecken
und maximaler Ausdehnung nach ca. 12 h. Art, Aus-
dehnung und Intensität der Totenflecke unterliegen
jedoch erheblichen Schwankungen. So finden sich re-
gelmäßig Totenflecke von geringer Ausdehnung und
. Abb. 2.4 Totenfleckverteilung korrespondierend zur Intensität nach Blutverlust (z.B. Verbluten nach außen
Lage des angehobenen Leichnams mit streifigen Ausspa- oder innen) oder Anämie. Die Farbe der Totenflecke
rungen entsprechend dem Faltenwurf des Sofabezuges kann ebenfalls variieren (. Tab. 2.4).
Üblicherweise wird ein Leichnam im Rahmen der
entsprechenden musterartigen Aussparung der Toten- Leichenschau oder des Transportes in Rückenlage ver-
flecke führen (. Abb. 2.4). Ebenso kann es Totenfleck- bracht. Wurde der Leichnam in einer anderen Position
aussparungen in Hautfalten geben oder aufgrund einer aufgefunden, z.B. in Bauchlage, kann es passieren, dass
bestimmten Haltung der Extremitäten (z.B. rauten- die zunächst in den vorderen Körperpartien befind-
artige Aussparung der Totenflecke in der Ellenbeuge lichen Totenflecke vollständig oder teilweise verschwin-
bei angewinkeltem Arm). den und sich neue Totenflecke in den rückwärtigen
Bei plötzlichem Todeseintritt mit fortbestehend Körperpartien ausbilden.
flüssigem Leichenblut können die Totenflecke sehr in-
! Wird ein Leichnam nach dem Auffinden in
tensiv sein. Die Beurteilung der Totenflecke umfasst
eine andere Position verbracht, so kommt es
mehrere Aspekte:
etwa in den ersten 6 Stunden nach dem Tod
4 Ausdehnung der Totenflecke: Fleckförmig oder
zu einer vollständigen Umlagerung der To-
bereits konfluiert? Lediglich am Rücken oder in
tenflecke. In einem Zeitraum von ca. 6–12 h
Rückenlage beidseits bis etwa zur vorderen Axil-
post mortem sind die Totenflecke teilweise
larlinie?
umlagerbar, d.h. es bildet sich ein sog. dop-
4 Lage der Totenflecke korrespondierend zur Auf-
peltes Totenflecksystem.
findesituation? Passend zu einer Rückenlage?
Strumpf- bzw. handschuhartig an den oberen und In Abhängigkeit von der Raumtemperatur kann es
unteren Extremitäten bei aufrechter Lage des als Folge der hypostatischen Absenkung des Blutes
Leichnams (Erhängen)? nur innerhalb des Totenflecksystems zu einer allmäh-
2.5 · Totenstarre (Rigor mortis)
13 2

. Tab. 2.4 Farbe und Intensität der Totenflecke

Farbe Ursache

Hellrot 4 Frühpostmortal
4 Als Folge einer CO-Intoxikation (Bildung von Carboxyhämoglobin) als kirschrote Totenflecke, aber
erst ab CO-Hb-Werten von >30%
4 Kältetod
4 Lagerung des Leichnams in der Kälte: erneute hellrote Totenflecke durch Diffusion von Sauerstoff
durch die Haut und Reoxygenierung des Hämoglobins

Blau-livide Farbe der Totenflecke nach dem frühpostmortalen Intervall als Folge des Sauerstoffverbrauchs

Braunrot Intoxikation mit Methämoglobinbildnern, z.B. Nitrite, Nitrate

Grünlich Intoxikation mit Schwefel, Sulfhämoglobinbildung

Blass Nach Blutverlust bzw. bei Anämie

Die Beurteilung der Farbe der Totenflecke erfordert gute Lichtverhältnisse.

lichen feinfleckigen Ansammlung von Blut kommen, Position des Leichnams (sog. Suspensionslage z.B. bei
sog. Vibices (. Abb. 2.5). Erhängen).
! Finden sich bei der Leichenschau Totenflecke,
die nicht mit der Lage des Leichnams korres-
pondieren, so wurde die Position des Leich-
2.5 Totenstarre (Rigor mortis)
nams postmortal verändert, d.h. der Leich-
Neben den Totenflecken als ersten sicheren Todeszei-
nam wurde entweder gewendet oder sogar
chen tritt als zweites sicheres Todeszeichen die Toten-
transportiert und der Leichenfundort ist
starre auf, dies in Abhängigkeit vom Körpergewicht,
möglicherweise nicht der Sterbeort.
vom Ernährungszustand, von vorangegangenem Kräf-
teverzehr und der Umgebungstemperatur, unter Nor-
Innere Totenflecke. Eine ebenfalls hypostatisch be- malbedingungen etwa 3–4 h post mortem. Hinsicht-
dingte Absenkung des Blutes im Körperinneren führt lich der Reihenfolge des Eintretens der Totenstarre
dazu, dass bei der Obduktion innere Totenflecke fest- wird auf die Nysten-Regel verwiesen (. Tab. 2.5). In
stellbar sind, z.B. in der Leber besonders deutlich bei der Praxis werden jedoch häufig Abweichungen von
Rechtsseitenlage des Körpers, in den dorsalen Ab- dieser Chronologie beobachtet.
schnitten der Lungenflügel bei Rückenlage oder in den Das für die Muskelkontraktion und Lösung der
Darmschlingen des kleinen Beckens bei aufrechter Kontraktion notwendige Adenosintriphosphat (ATP)
kann postmortal zunächst über die Kreatinkinasereak-
tion und die anaerobe Glykolyse resynthetisiert werden.
Mit Abnahme des ATP-Spiegels unter ca. 85% des Aus-
gangswertes ist das nicht mehr möglich, es entstehen
endgültig irreversible Verbindungen, die sog. »Weich-
macherfunktion« des ATP erlischt. Vorrangig kann das
in Muskelgruppen geschehen, in denen es agonal bereits
zur erheblichen Abnahme der Glykogenreserven ge-
kommen war (z.B. untere Extremitäten bei Marathon-
lauf). Die Totenstarre findet sich an der quergestreiften
und der glatten Muskulatur, einbezogen sind die Pupil-
le, aber auch die Mm. arrectores pilorum, was zum Bild
einer sog. »Gänsehaut« führen kann (Cutis anserina).

. Abb. 2.5 Vibices. Zahlreiche, feinfleckige blau-livide sog. Prüfung der Totenstarre. In der Praxis werden der
Vibices (Pfeile) innerhalb des Totenflecksystems Eintritt der Totenstarre und ihre Intensität subjektiv
14 Kapitel 2 · Thanatologie

geprüft durch Testung der Beweglichkeit der Gelenke 2.6 Abnahme der Körpertemperatur
und dem dabei auftretenden Widerstand. Eine kom-
plett eingetretene Totenstarre kann meist nur mit er- Neben den Totenflecken und der Totenstarre ist die
heblichem Kraftaufwand durch einen Untersucher Abnahme der Körperkerntemperatur der wichtigste
2 manuell gebrochen werden. Um die Intensität der To- Befund für die rechtsmedizinische postmortale Lei-
tenstarre insgesamt zu prüfen und eventuelle Verände- chenliegezeitbestimmung. Postmortal kommt es im
rungen (Zunahme oder Lösung der Totenstarre) regis- Regelfall nicht zu einer sofortigen Abnahme der Kör-
trieren zu können, muss immer eine Untersuchung perkerntemperatur, vielmehr findet sich primär ein
mehrerer Gelenke erfolgen: Ellenbogen- und Kniege- postmortales Temperaturplateau von 2–3 h. Zunächst
lenke, Hüftgelenke, Kiefer- und Fingergelenke. muss sich ein radiales Temperaturgefälle vom Körper-
kern zur Körperoberfläche entwickeln, erst danach
Wiedereintritt der Totenstarre. Einerseits setzt die kann bei gleichbleibender Umgebungstemperatur eine
Totenstarre zeitlich unterschiedlich ein, je nach Mus- kontinuierliche Abnahme der Körperkerntemperatur
kelgruppe und in Abhängigkeit vom Glykogengehalt unterstellt werden. Die Abkühlkurve verläuft expo-
sowie der Umgebungstemperatur. Andererseits wer- nentiell entsprechend dem Newton’schen Abkühlge-
den nicht sofort alle Muskelfasern eines Muskelbauchs setz. Dabei flacht die Abkühlkurve am Ende vor An-
einbezogen. Deshalb kann bei Prüfung eine Totenstar- gleichung von Umgebungstemperatur und Körper-
re festgestellt werden, die sich mit Druck brechen lässt, kerntemperatur ab, so dass insgesamt ein sigmoidaler
und anschließend können andere bis zu diesem Zeit- postmortaler Temperaturverlauf resultiert.
punkt noch nicht erstarrte Muskelfasern zu einer er- Die Mechanismen für die postmortale Anglei-
neuten Totenstarre führen. chung der Körperkerntemperatur an die Umgebungs-
temperatur sind Konduktion und Konvektion, weni-
! Das Phänomen des erneuten Eintritts einer
ger gravierend Strahlung und Wasserverdunstung.
Totenstarre nach vorangegangenem Brechen
Die Abkühlcharakteristik hat zur Entwicklung eines
kann im Regelfall bis zu ca. 6–8 hpm festge-
Nomogramms (nach Henssge) geführt, mit dem nach
stellt werden.
einmaliger Messung der aktuellen tiefen Rektal-
temperatur und zeitgleicher Messung der Umge-
Lösung der Totenstarre. Ebenso wie der Eintritt der bungstemperatur bei bekanntem Körpergewicht und
Totenstarre ist auch die Lösung der Totenstarre in ho- Berücksichtigung weiterer Parameter über einen Kor-
hem Maße temperaturabhängig. Bei üblicher Zimmer- rekturfaktor eine Schätzung der Leichenliegezeit mög-
temperatur ist eine Lösung der Totenstarre nach 2–3 lich ist (. Abb. 2.6).
Tagen zu erwarten. Voraussetzung ist eine Proteolyse In das Rektaltemperatur-Todeszeit-Bezugsnomo-
mit Lösung der Aktinfilamente aus den Z-Banden, bio- gramm werden die beiden zeitgleich gemessenen Tem-
chemisch begleitet von einem Anstieg des Ammoniak- peraturen – Umgebungstemperatur, tiefe Rektaltem-
spiegels. Einen Überblick zum Verlauf der Totenstarre peratur – eingetragen und durch eine Gerade verbun-
gibt (. Tab. 2.5). den. Diese Gerade schneidet eine vorgegebene Diago-

. Tab. 2.5 Charakteristika der Totenstarre

Eintritt Meist nach 2-4 h, bei Hitze früher, bei Kälte z.T. deutlich später

Reihenfolge Kiefergelenk – Nacken – Gelenke der oberen Extremitäten – Rumpf – untere Extremitäten
(Nysten-Regel) Ausnahme: Früherer Eintritt der Totenstarre nach agonaler Glykogenverarmung

Testung Subjektiv durch Prüfung der Beweglichkeit in mehreren Gelenken

Brechen Frühpostmortal möglich

Wiedereintritt Nach frühpostmortalem Brechen der Totenstarre Wiedereintritt bis zu ca. 6–8 hpm

Lösung Sehr stark temperaturabhängig, meist nach 1–3 Tagen beginnend, vollständig nach 2–5 Tagen,
bei tiefer Umgebungstemperatur auch erst nach 2–3 Wochen

Umfang Einbeziehung auch der glatten Muskulatur, z.B. der Pupille, aber auch der Mm. arrectores pilorum
(Bild der »Gänsehaut« – Cutis anserina)
2.6 · Abnahme der Körpertemperatur
15 2

. Abb. 2.6 Rektaltemperatur-Todeszeit-Bezugsnomo- bei einem Körpergewicht von 80 kg eine mittlere Todeszeit
gramm (nach Henssge). Bei einer Rektaltemperatur von von ca. 16 h mit 95%-Toleranzgrenzen von +/-2,8 h
28 °C und einer Umgebungstemperatur von 18 °C ergibt sich

nale. Vom Schnittpunkt aus wird dann eine Gerade Für eine fachärztlich-rechtsmedizinische Schätzung
durch den Schnittpunkt der Diagonalen mit der ersten der Leichenliegezeit sind neben der Kenntnis der Um-
Gerade gelegt und so beide Temperaturskalen mit- gebungstemperatur und der tiefen Rektaltemperatur
einander verbunden. Beim Viertelkreisbogen des ent- alle Umstände von Bedeutung, die Einfluss auf die Ab-
sprechenden Körpergewichts kann die mittlere To- kühlbedingungen haben können. Dazu gehören u.a.:
deszeit abgelesen werden, im äußersten Kreisbogen 4 Ausgangstemperatur des Körpers (präexistente Tem-
die Angabe der 95% Toleranzgrenzen. Allerdings peraturerhöhung bzw. Sepsis, vorangegangener
müssen abkühlungsverzögernde und abkühlungsför- Saunabesuch oder heißes Vollbad?)
dernde Einflüsse berücksichtigt werden, was durch 4 Konstitution bzw. Körperproportionen
empirisch ermittelte Körpergewichtskorrekturfak- 4 Fettanteil des Körpers (Kachexie? Adipositas?)
toren geschieht. 4 Bekleidungszustand: trockene oder feuchte Klei-
dung (ein- , zwei- oder mehrlagig?)
! Als Faustformel gilt: Die postmortale Ab- 4 Bedeckung des Leichnams
nahme der Körperkerntemperatur beträgt 4 Körperposition bzw. -haltung
nach Ablauf eines Temperaturplateaus von 4 Luft- bzw. Windverhältnisse
ca. 2–3 h bei Zimmertemperatur und durch- 4 Lagerung in Flüssigkeit (v.a. Wasser; stehende oder
schnittlichem Bekleidungszustand sowie fließende Flüssigkeit?)
durchschnittlicher Konstitution etwa 0,5– 4 Nähe zu Wärmequellen (Heizkörper, Lichtstrahler
1,5 °C pro Stunde. etc.)
16 Kapitel 2 · Thanatologie

! Ist eine Leichenliegezeitschätzung erkennbar in geschlossenen Räumen, relativ früh durch Hunde
erforderlich, so soll möglichst rasch eine oder Katzen. Schnabelhiebe von Raubvögeln können
Messung der Umgebungstemperatur und der Stichverletzungen vortäuschen. Tierfraßdefekte am
tiefen Rektaltemperatur erfolgen. Einfluss- Leichnam sind nicht unterblutet. Konturen der Defekt-
2 faktoren auf die Abkühlbedingungen müssen ränder können Hinweise auf die Tierart (z.B. Nage-
protokolliert werden. Möglichst rasch rechts- tiere) geben.
medizinischen Sachverstand hinzuziehen!

2.8 Fortgeschrittene
2.7 Spezielle Leichenveränderungen Leichenveränderungen

Bedeutsam sind insbesondere Vertrocknungen bei Nach der Frühphase schreitet die Zersetzung des
postmortal ausbleibender Transsudation und Schweiß- Leichnams in Abhängigkeit u.a. von der Temperatur
sekretion bzw. Anfeuchtung der Haut und Schleimhäu- und der Feuchtigkeit mit unterschiedlicher Geschwin-
te. Vertrocknungen entstehen außerdem infolge der digkeit voran, es kommt zu Autolyse und Fäulnis bis
gestörten Feuchtigkeitsbarriere nach Oberhautschädi- hin zur Skelettierung.
gungen. Da die Epidermis keine Gefäßversorgung ent-
hält, lässt sich bei einem Verstorbenen nicht sagen, ob Definition
die Oberhautschädigung noch zu Lebzeiten, also vital Autolyse: Zersetzung organischer Strukturen
oder erst postmortal entstanden ist. Dem trägt der neu- durch körpereigene Enzyme bzw. Fermente.
trale Begriff »Vertrocknung« Rechnung (. Tab. 2.6). Betroffen sind zunächst enzymreiche innere
Organe wie das Pankreas, später weitere innere
! Geformte Hautvertrocknungen sollten durch
Organe in Abhängigkeit v.a. von der Temperatur.
die Position des Leichnams (Aufliegestellen,
Druckstellen etc.) oder durch ein vorange-
gangenes prä- oder postmortales Geschehen
Zu den autolytischen Prozessen gehören u.a.:
eine adäquate Erklärung finden.
4 Andauung der Magenschleimhaut bis zur Brüchig-
keit der Magenwand und Übertritt von Magenin-
Tierfraß. Neben Vertrocknungen kommen spezielle halt in die Bauchhöhle
Leichenveränderungen als Folge von Tierfraß vor, auch 4 postmortale Selbstandauung des Pankreas

. Tab. 2.6 Häufige postmortale Vertrocknungen der Haut und der freiliegenden Schleimhäute

Vertrocknung Ursache, Form, Farbe

Lippen Streifige Vertrocknung an der Grenze vom häutigen zum schleimhäutigen Anteil
von Ober- und Unterlippe

Zunge Bräunliche Vertrocknung soweit hervorstehend bzw. bei geöffnetem Mund

Nasenspitze Bräunliche Vertrocknung und Verfestigung

Skrotum Bräunliche Vertrocknung und Verfestigung

Labia majora Bräunliche Vertrockung und Verfestigung

Kornea Bei postmortal spaltförmig offenen Augen streifige Vertrocknung in Kopfquerrichtung

Fingerbeeren bzw. Akren Faltige rot-bräunliche Vertrocknung und Verfestigung

Hautabschürfungen Rot-bräunliche Vertrocknung, z.B. streckseitig in Höhe der Knie nach vorangegangenem
Sturz. Auch postmortal zugefügte Hautschürfungen, etwa beim Transport des Leichnams
vertrocknen in gleicher Weise.

Geformte Vertrocknungen Geben die Form bzw. Kontur der Einwirkung wieder, z.B. sog. Defibrillationsmarken, aber
auch Strang-, Drossel- oder Würgemale. Geformte Vertrocknungen können die Konturen
eines einwirkenden Werkzeugs darstellen.
2.8 · Fortgeschrittene Leichenveränderungen
17 2
4 zunehmende Aufhebung der Membranfunktio-
nen, verbunden mit einem extrazellulären Anstieg
der Kaliumkonzentration und einer Abnahme der
Natrium- und Chloridkonzentration
4 Abnahme des pH-Wertes und ein Anstieg der
Laktat-Konzentration.

Die autolytischen bzw. postmortal-biochemischen


Prozesse verlaufen je nach Lagerungsbedingungen
des Leichnams, Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt
der Gewebe etc. sehr unterschiedlich. Damit wird ver-
ständlich, dass eine klinisch-chemische Labordiagnos-
tik teilweise kaum noch möglich ist, und zu Lebzeiten
geltende Laborwerte als Referenzwerte teilweise nur
eingeschränkt herangezogen werden können. Kasuis-
tische Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass . Abb. 2.7 Fäulnis. Beginnende sog. Grünfäulnis der Haut
z.B. die postmortal erhobenen Werte für eine dia- im rechten und linken Unterbauch (Pfeile)
betische Stoffwechselentgleisung (Glukose, Laktat,
HbA1c) durchaus mit unmittelbar vor dem Tode ge-
messenen Konzentrationen korrelieren und diagnos-
tisch verwertbar sind.

Definition
Fäulnis: Teils aerobe, teils anaerobe primär bak-
terielle Zersetzungsprozesse, begünstigt durch
Wärme und Feuchtigkeit. Der bakteriell reduktive
Abbau endet teils mit H-Endprodukten, also v.a.
Kohlenwasserstoffen (CH4), H2S und NH3 und
teils mit O2-Endprodukten als Folge oxydativen
Abbaus an der Körperoberfläche.

Die Bakterien für den Fäulnisprozess stammen von . Abb. 2.8 Durchschlagen des Venennetzes. Leichenfäul-
nis mit Gasdunsung des Abdomens, sog. Durchschlagen des
der Hautoberfläche, aus den Luftwegen, dem Magen-
Venennetzes, und aufgeplatzten, zuvor flüssigkeitsgefüllten
Darm-Trakt (physiologische Darmflora), der Genital-
Fäulnisblasen
region und den Konjunktiven. Pathogene Keime, etwa
bei Verstorbenen mit einer Sepsis, können die Fäulnis
beschleunigen. Häufige Fäulniserreger sind Proteus 4 Protrusion der Zunge durch Fäulnisgasdruck
mirabilis, Pseudomonas aeruginosa, Bacillus subtilis, 4 Kotaustritt aus dem After
aber auch Coli-Bakterien und Clostridien, zudem kön- 4 Bei Schwangeren: Austreibung des Feten aus
nen Pilze beteiligt sein. dem Uterus (sog. Sarggeburt)
Als erstes Zeichen der Fäulnis ist eine Grünverfär- 4 Sog. Gasknistern der Gewebe des gesamten Kör-
bung der Haut feststellbar, beginnend häufig im rech- pers
ten Unterbauch als Folge einer Sulfhämoglobinbildung 4 Ausbildung flüssigkeitsgefüllter Fäulnisblasen zwi-
in Anwesenheit von Sauerstoff (. Abb. 2.7). schen Epidermis und subepidermalem Corium
Die Hämolyse in den subkutanen Venen und die 4 Zunehmende erleichterte Ausziehbarkeit und Ab-
postmortale Ausbreitung von Bakterien über das Blut- lösung der Haare und der Fuß- und Zehennägel
gefäßsystem führt zum sog. Durchschlagen des Ve- 4 Verflüssigung bzw. ölige Transformation des Fett-
nennetzes (. Abb. 2.8). gewebes im Körperinneren
Parallel dazu kommt es zu weiteren fäulnisbe- 4 Proteolyse mit Bildung von biogenen Aminen und
dingten Veränderungen des Leichnams: Alkaloiden (Ptomaine)
4 Gasdunsung des Abdomens, auch der Augenlider 4 Das Gehirngewebe wird zunehmend weich und
und des Mundes zerfließlich
18 Kapitel 2 · Thanatologie

. Abb. 2.10 Fortgeschrittene Leichenfäulnis mit ausge-


dehntem Madenbesatz

. Abb. 2.9 Ablagerung von Fliegeneiern. Zahlreiche, nam relativ gut erhalten bleibt. Dazu gehört insbeson-
weißgraue, postmortal abgelegte Fliegeneier auf den Augen- dere die Mumifikation.
lidern, in den Nasenöffnungen und um die Mundregion
Definition
4 Fäulnisblasen durchsetzen die inneren Organe, die Mumifikation: Konservierung des Leichnams
dadurch wirken wie durchsetzt von schaumigen durch raschen Wasserentzug, in der Regel durch
Blasen (sog. Schaumorgane) bzw. Waben (z.B. sog. trockenen Luftzug bei heißer oder kalter Luft
Wabenleber) (natürliche Mumifizierung). Beginn schon nach
1 Woche möglich, nach Wochen teilweise Mumi-
Aus dem Ausprägungsgrad der Fäulnis lassen sich fikation, komplett nach Monaten.
kaum zuverlässige Rückschlüsse auf die Leichenliege-
zeit ziehen. Im Grundsatz gilt die sog. Casper-Regel,
die aber mit Zurückhaltung anzuwenden ist. Bei der Mumifikation fehlt die Feuchtigkeit für ein
bakterielles Wachstum, die Haut vertrocknet leder-
! Casper-Regel: 1 Woche Luft  2 Wochen
artig-derb. An mumifizierten Leichen sind häufig noch
Wasser  8 Wochen Erdgrab.
zahlreiche Befunde nach Jahren gut erhebbar (Verlet-
Veränderungen am Leichnam können außerdem als zungen nach Gewalteinwirkung, aber auch natürliche
Folge der Ablagerung von Fliegeneiern mit Entwicklung Todesursachen wie z.B. eine Perikardtamponade nach
von Maden auftreten (. Abb. 2.9 und . Abb. 2.10). rupturiertem Myokardinfarkt). Bei inkompletter Mu-
Der Entwicklungszyklus der Fliegen bzw. Maden mifizierung bzw. für eine Mumifizierung nicht ausrei-
erlangt bei der Leichenliegezeitbestimmung über einen chendem Umgebungsmilieu findet sich nicht selten an
längeren Zeitraum Bedeutung (7 Abschn.2.9). der Hautoberfläche eine ausgedehntere Besiedlung mit
Während im Erdgrab eine weitgehende Skelettie- Schimmelpilzen (. Abb. 2.11).
rung des Leichnams – je nach Umweltbedingungen – Unter anaeroben, feuchten Bedingungen kann es
nach ca. 20–30 Jahren erwartet werden kann, können zur sog. Fettwachsbildung (Leichenlipid, Adipocire)
konservierende Umstände dazu führen, dass der Leich- kommen. Dabei werden ungesättigte Fettsäuren (Öl-
2.10 · Rechtsmedizinische Todeszeit- bzw. Leichenliegezeitschätzung
19 2

. Abb. 2.11 Mumifizierung. Zusätzlich flächenhafte weiß-


liche Schimmelpilzbesiedlung der Gesichtshaut. Leichnam
nach Exhumierung (Erdgrabliegezeit 7 Monate)

säure) in gesättigte Fettsäuren umgewandelt. Das sub- . Abb. 2.12 Autoptisch gefundene Fliegen im gesamten
kutane Fettgewebe kann bereits nach einigen Wochen oberen Respirationstrakt bis in die Hauptbronchien
betroffen sein, die Muskulatur nach ca. 3-4 Monaten.
Die komplette Umwandlung der Fette eines Leichnams
in Fettwachs erfolgt erst nach Monaten bis Jahren. Eine Augenlidern sowie bevorzugt an feuchteren Körper-
partielle Konservierung des Leichnams findet einer- regionen. Je nach Spezies und Temperatur bzw. Milieu-
seits statt unter anaeroben Bedingungen, andererseits bedingungen lässt sich der Generationsgang entomo-
bei Lagerung des Leichnams im Moor (sog. Moorlei- logisch bestimmen mit Rückschlüssen auf die Leichen-
chen) durch Einwirkung von Humin- und Gerbsäuren. liegezeit. So bedeuten leere Puppenhülsen, dass zu-
Bei Permafrostleichen kommt es zur Konservierung mindest eine Generation ausgereift ist (. Tab. 2.7).
durch Gefrieren des Gewebes.

2.10 Rechtsmedizinische Todeszeit-


2.9 Forensische Entomologie bzw. Leichenliegezeitschätzung

Die Besiedelung des Leichnams mit Insekten kann zur Die fachärztlich-rechtsmedizinische Todeszeitschät-
Leichenliegezeitbestimmung genutzt werden, wenn die zung basiert auf der Berücksichtigung zahlreicher Pa-
genaue Insektenspezies bestimmt wurde und deren Ent- rameter, nicht nur der Totenflecke, der Totenstarre und
wicklungszyklus bekannt ist, z.B. Calliphora erythroce- der postmortalen Bestimmung der Umgebungs- sowie
phala (bläuliche Schmeißfliege) oder Musca domestica tiefen Rektaltemperatur bzw. Körperkerntemperatur.
(Stubenfliege). Fliegen können u.U. im gesamten oberen Ebenso ist im Einzelfall z.B. der Füllungszustand des
Respirationstrakt angetroffen werden (. Abb. 2.12). Magens vor dem Hintergrund üblicher Verdauungs-
So legen Fliegen teilweise bereits in der Agonie- prozesse eine wichtige Information. Auch erst bei der
phase ihre Eier ab, postmortal insbesondere dort wo Obduktion erhobene Befunde können für die Leichen-
sie Hautverletzungen vorfinden, aber auch in Mund- liegezeitbestimmung von großer Bedeutung sein. Eine
und Nasenöffnungen, in den Augenwinkeln, unter den Übersicht zur Todeszeitschätzung gibt . Tab. 2.8.
20 Kapitel 2 · Thanatologie

. Tab. 2.7 Entwicklungsstadien von Fliegen

Stadium Zeitdauer
2
Eiablage 24–48 h

Maden Über 10–12 Tage: erst kleinere, dann größere Maden mit typischen siebartigen Madenfraß-
defekten der Haut, verbunden mit der Bildung von Harnstoff und proteolytischer Zersetzung

Larven Larven nach 10–12 Tagen

Puppen Verpuppung nach dem Larvenstadium für 10–14 Tage

Neue Fliegen Ca. 14 Tage nach der Verpuppung schlüpfen neue Fliegen; leere Puppenhülsen bedeuten daher
eine Mindestleichenliegezeit von 4 Wochen

Merke: Abweichungen der Berechnung ergeben sich in Abhängigkeit von der Spezies und den Umweltbedingungen
während der Liegezeit

. Tab. 2.8 Wesentliche Kriterien für die fachärztlich-rechtsmedizinische Leichenliegezeitbestimmung

Kriterium Ungefähres postmortales Zeitintervall*

Totenflecke Beginnend ca. 20–30 Min. post mortem am Hals, konfluierend innerhalb
von 30–120 min, komplett nach 6–12 hpm, wegdrückbar auf Fingerdruck
ca. 10-20 hpm

Umlagerbarkeit der Totenflecke Bis zu ca. 12–24 hpm, verbleiben aber teilweise nach ca. 6 hpm an der
ursprünglichen Stelle (sog. doppeltes Totenflecksystem)

Totenstarre Beginn im Kiefergelenk nach ca. 2–4 hpm, komplett nach 6–8 hpm,
bei Hitze schnellerer, bei Kälte langsamerer Eintritt

Wiedereintritt der Totenstarre Erneute Totenstarre nach Brechen bis ca. 6–8 hpm

Lösung der Totenstarre Sehr stark temperaturabhängig, Beginn meist nach 2–3 Tagen, voll-
ständig nach 3–5 Tagen, bei tiefer Umgebungstemperatur auch erst nach
2–3 Wochen

Elektrische Erregbarkeit 1–6 hpm komplett ipsilateral fortgeleitete Kontraktion, nur noch elektroden-
der mimischen Muskulatur nah bis ca. 8 hpm (5–22 hpm)

Mechanische Erregbarkeit Sog. Zsako-Muskelphänomen 1,5–2,5 hpm, sog. idiomuskulärer Wulst


der Muskulatur 4–12 hpm

Pharmakologische Reizung Bis ca. 20 h post mortem möglich mit Mydriatica bzw. Miotika, selten
der glatten Muskulatur der Iris bis ca. 40 hpm

Bestimmung des Kaliumgehaltes in Der Kaliumgehalt nimmt nach Todeseintritt kontinuierlich zu, was eine gute
der Glaskörperflüssigkeit des Auges Todeszeitschätzung in den ersten 2–3 Tagen post mortem erlauben soll

Füllungszustand der Harnblase Bei Todeseintritt in der Nacht: leere Harnblase = Todeszeitpunkt in der ersten
Nachthälfte, volle Harnblase = Todeszeitpunkt in der zweiten Nachthälfte

Abnahme der Körperkerntemperatur Postmortales Temperaturplateau für ca. 2–3 hpm, danach Abnahme der
Körperkerntemperatur um 0,5–1,5 °C/h

Leichenliegezeitbestimmung mittels Berechnung der ungefähren Leichenliegezeit in hpm nach zeitgleicher


Nomogramm (nach Henssge) Messung der Körperkerntemperatur, der Umgebungstemperatur und Ein-
beziehung weiterer Parameter wie z.B. des Körpergewichts, ggf. Berücksich-
tigung eines situationsangepassten Korrekturfaktors erforderlich
2.10 · Rechtsmedizinische Todeszeit- bzw. Leichenliegezeitschätzung
21 2

. Tab. 2.8 (Fortsetzung)

Kriterium Ungefähres postmortales Zeitintervall*

Magenentleerung Hilfreich, wenn der Zeitpunkt der letzten Nahrungsaufnahme bekannt ist.
Durchschnittliche Verweildauer im Magen bei leichter Mahlzeit ca. 90 Min.,
bei durchschnittlicher Mahlzeit ca. 3 h, bei schwerer Mahlzeit ca. 4 h
(Wichtig: Identifizierung spezifischer Nahrungsbestandteile!)

Grünfäulnis der Haut, häufig be- Ab ca. 48–72 hpm


ginnend im rechten Unterbauch

Durchschlagen des Venennetzes Ab ca. 48 hpm

Grünfärbung gesamte Bauchhaut, Ca. 1 Woche


Augäpfel eingesunken

Fäulnisblasen, Auftreibung des Leibes Ca. 2 Wochen

Fetzige Hautablösung, Haare + Nägel Ca. 3–4 Wochen


ausziehbar, Gesicht stark gedunsen
(Person nicht erkennbar), Fäulnis-
blasen im Weichteilgewebe (»Schnell-
ballknirschen« beim Betasten)

Entomologische Leichenliegezeitbe- Je nach Spezies, Wachstumsstadium und Umweltbedingungen ist eine


stimmung Leichenliegezeitbestimmung nach Wochen möglich; je bis zu 10 Exemplare
unterscheidbarer Fliegen, Käfer, Puppen, Maden usw. in 70%igem Alkohol
asservieren

Fettwachsbildung (Adipocire) Im Wasser und bei Wärme unter anaeroben Bedingungen schon nach
3–5 Wochen, im Erdgrab erst nach Monaten bis zu 1 Jahr

Skelettierung Im Erdgrab regelmäßig erst nach 20–30 Jahren

Mumifizierung Evtl. gering schon nach 1 Woche, teilweise nach Wochen, komplett nach
Monaten; Haltbarkeit für lange Zeit (vgl. z.B. Gletschermumien)

* Die Angaben beziehen sich auf durchschnittliche Umgebungsbedingungen in Mitteleuropa, im Einzelfall müssen
erhebliche Abweichungen berücksichtigt werden!

Zusätzliche Präzision kann die Leichenliegezeit-


bestimmung durch Erkenntnisse der Ermittlungsbe-
hörden erlangen, z.B. zu der Frage, wann eine verstor-
bene Person zuletzt lebend gesehen wurde, den Brief-
kasten leerte oder zuletzt telefonierte.
3

Leichenschau

3.1 Aufgaben und Sorgfaltspflichten bei der ärztlichen


Leichenschau – 24

3.2 Rechtsfragen der Leichenschau – 24


3.2.1 Begriff des »Leichnams« und Veranlassung der Leichenschau – 24
3.2.2 Zeitpunkt der ärztlichen Leichenschau – 24
3.2.3 Rechte und Pflichten des Leichenschauarztes – 26
3.2.4 Feststellung des Todes – 26
3.2.5 Feststellung der Todeszeit – 26
3.2.6 Durchführung der Leichenschau – 27
3.2.7 Feststellung der Todesursache – 27
3.2.8 Klassifikation der Todesart – 28
3.2.9 Exitus in tabula – 30

3.3 Spurensicherung am Leichenfundort – 30

3.4 Zweite Leichenschau (Krematoriumsleichenschau) – 30

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_3,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
3 · Leichenschau
23 3
> > Einleitung Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes re-
geln in der Bundesrepublik Deutschland die 16 Bun-
In den Morgenstunden wird am Rande einer Bundesstraße desländer das Leichenschau- und Obduktionswesen
innerhalb einer geschlossenen Ortschaft eine leblos auf mit ihren Leichen-, Friedhofs- und Bestattungsge-
dem Bürgersteig liegende ältere Frau gefunden. Der Not- setzen. Fragen mit strafrechtlicher Bedeutung werden
arzt stellt den Tod fest, muss aber danach zu einem wei- jedoch durch Bundesgesetze erfasst, insbesondere von
teren Einsatz. Die Polizei verlangt von einem niederge- der Strafprozessordnung (StPO). Außer in Bayern ist
lassenen Internisten, dessen Arztpraxis nur wenige Häuser zudem in allen Bundesländern landesrechtlich eine
entfernt liegt, dass er die Leichenschau vornimmt und eine zweite ärztliche Leichenschau obligatorisch, wenn der
Todesbescheinigung ausstellt. Der Arzt teilt mit, er kenne Leichnam eingeäschert werden soll (sog. Kremations-
die Frau nicht, könne den Leichnam in der Öffentlichkeit leichenschau). Während die Regelungen zur Leichen-
nicht entkleiden und untersuchen, es sei besser, der Haus- schau in den Landesgesetzen in wesentlichen Punkten
arzt der Verstorbenen werde ermittelt und nehme dann die mittlerweile relativ einheitlich sind, finden sich im De-
Leichenschau vor. Auf Nachfrage lehnt der Arzt eine Unter- tail abweichende Vorgaben je nach Bundesland.
suchung des Leichnams in den Räumen seiner Praxis ab, Als Leichenschauarzt ist zunächst der niederge-
dort warteten schon Patienten. Die Polizeibeamten können lassene, behandelnde Arzt prädestiniert, da ihm die
die Frau anhand eines in der Manteltasche gefundenen Anamnese, die Grunderkrankungen und die klinische
Personalausweises identifizieren. Sie schlagen dem Inter- Symptomatik, häufig auch die Umstände des Todes-
nisten vor, dass der Leichnam in die Räume eines Bestat- eintritts bekannt sind. Allerdings werden gerade bei
tungsunternehmens verbracht und dann dort untersucht Leichenschauen durch niedergelassene Ärzte nicht-
werden könne. Der Internist, an seine wartenden Patienten natürliche Todesfälle verkannt. Schätzungen gehen
denkend, bietet an, die Leichenschau am frühen Abend von ca. 11.000 Fällen pro Jahr aus, darunter bis zu
vorzunehmen, vorher habe er keine Zeit. ca. 1.200 Tötungsdelikte. Ein wichtiger Grund für die

. Tab. 3.1 Aufgaben bei der ärztlichen Leichenschau

Aufgabe Bedeutung

Feststellung des 4 Im individuellen Interesse


Todes 4 Im gesellschaftlichen Interesse an einer sicheren Todesfeststellung, verknüpft mit Rechts-
folgen (z.B. Eintritt des Erbfalles, Fristen für Versicherungen)
4 Rechtlich relevante Beurkundung des Todes im Personenstandsregister
Identität 4 Der Leichenschauarzt attestiert zugleich die Identität eines Verstorbenen
Todesursache 4 Angaben zur medizinischen Todesursache fließen ein in die Todesursachenstatistik
(Tumorerkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen etc.)
4 Epidemiologische Daten zu Todesursachen können gewonnen werden
4 Die Angaben zur Todesursache beeinflussen gesundheitspolitische Entscheidungen,
etwa zur Ressourcenverteilung im Gesundheitswesen
4 Das festgestellte medizinische Todesursachenspektrum kann der Qualitätssicherung
bei der Behandlung von Patienten dienen
Todeszeit 4 Bedeutsam für das Personenstandsregister, u.U. für erbrechtliche Fragen
Todesart 4 Natürlich
4 Nichtnatürlich oder ungeklärt mit entsprechenden Konsequenzen für das weitere
Procedere (Bestattung, Einschaltung der Polizei etc.)
Ansteckende 4 Im öffentlichen Interesse müssen übertragbare Erkrankungen erkannt, ggf. gemäß Infek-
Erkrankungen tionsschutzgesetz (IfSG) dem Gesundheitsamt gemeldet werden
Meldepflichten 4 Bei Anhaltspunkten für einen nichtnatürlichen Tod, eine ungeklärte Todesart und bei un-
geklärter Identität des Verstorbenen ist sofort die Polizei zu informieren (auch vom Notarzt,
später ggf. vom Obduzenten)
4 Selten kann auch bei einer Leichenschau der V.a. eine Berufskrankheit i.S. der Berufskrank-
heitenverordnung (BKV) aufkommen, die ebenfalls meldepflichtig ist (Cave: Verkehrsunfall
kann als Wegeunfall meldepflichtig sein!)
24 Kapitel 3 · Leichenschau

unerkannten Tötungsdelikte bzw. unerkannten nicht- Definition


natürlichen Todesfälle ist die in Deutschland mit mitt- Fehlgeburten: Tote Leibesfrüchte mit einem Ge-
lerweile nur noch ca. 1–2% sehr niedrige Obduktions- wicht von <500 g ohne Zeichen des extrauterinen
rate, während in der Nachkriegszeit wesentlich häu- Gelebthabens.
figer obduziert wurde. Totgeburten: Tote Leibesfrüchte mit einem Ge-
wicht von ≥500 g ohne Zeichen des extrauterinen
3 Gelebthabens.
3.1 Aufgaben und Sorgfaltspflichten Lebendgeburten: Leibesfrüchte mit Zeichen
bei der ärztlichen Leichenschau des extrauterinen Gelebthabens unabhängig
vom Durchtrennen der Nabelschnur, der Aus-
Die Notwendigkeit einer sorgfältigen ärztlichen Lei- stoßung der Plazenta und dem Geburtsgewicht –
chenschau ergibt sich aus Anforderungen, die nicht mit folgenden Lebenszeichen: Herzschlag,
zuletzt der jeweilige Landesgesetzgeber formuliert hat. pulsierende Nabelschnur, natürliche Lungen-
Die wesentlichen Aufgaben für den Leichenschauarzt atmung.
sind in . Tab. 3.1 genannt.

Eine Fehlgeburt ist kein Leichnam im Sinne der Lan-


3.2 Rechtsfragen der Leichenschau desgesetze und auch seit dem 01.04.1994 mit Senkung
der Gewichtsgrenze von 1000 g auf 500 g im
Auf Verlangen der zur Veranlassung verpflichteten Personenstandsgesetz (PStG) nicht anzeigepflichtig.
Personen muss eine Leichenschau von jedem appro- Für Fehlgeburten besteht keine Bestattungspflicht.
bierten Arzt »unverzüglich« durchgeführt werden. Totgeburten sind bestattungspflichtig – mit allen
Möglichst am Ort des Todeseintritts ist eine sorgfälti- (finanziellen) Konsequenzen für die Totensorgepflich-
ge Leichenschau durchzuführen mit Feststellung des tigen.
Todes, der Todeszeit, der Todesursache und der Todes- Wer zur Veranlassung der Leichenschau verpflich-
art, bevor die endgültige Todesbescheinigung bzw. der tet ist, hängt vor allem vom Sterbeort ab (. Tab. 3.2).
Leichenschauschein ausgefüllt wird. Die komplexen
! Der Sterbeort soll auch Ort der Leichenschau
Aufgaben bei der ärztlichen Leichenschau und deren
sein. Sonst ist die Leichenschau dort durch-
chronologische Durchführung sind in einem Ablauf-
zuführen, wo der Leichnam gefunden wurde.
schema dargestellt (. Abb. 3.1).
Ist dies nicht möglich, etwa an einem öffent-
lichen Ort mit Publikumsverkehr, so kann
nach Feststellung und Dokumentation des
3.2.1 Begriff des »Leichnams« und
Todes die Leichenschau an einem anderen
Veranlassung der Leichenschau
geeigneten Ort fortgesetzt werden.
Ein Leichnam ist nach den Vorgaben der Landesge-
setzgeber:
1. Der Körper eines Verstorbenen, solange der geweb- 3.2.2 Zeitpunkt der ärztlichen
liche Zusammenhang infolge Fäulnis noch nicht Leichenschau
aufgehoben ist (Skelette und Skelettteile sind kein
Leichnam!) Die ärztliche Leichenschau ist – je nach Landesrecht
2. Ein Körperteil, ohne den ein Weiterleben nicht – teils »sofort«, teils »unverzüglich«, teils innerhalb
möglich ist. eines im Gesetz genannten Zeitrahmens (8–12 h)
3. Eine Totgeburt mit einem Gewicht ≥500 g. durchzuführen. Bestehen am Eintritt des Todes keine
Zweifel, so muss der zur Leichenschau verpflichtete
Begrifflich sind unter Berücksichtigung des Körperge- Arzt wegen der anstehenden Leichenschau die Be-
wichts Fehlgeburten, Totgeburten und Neugebore- handlung eines anderen Patienten bzw. eine Operation
ne/Lebendgeborene zu unterscheiden: keinesfalls abbrechen.
3.2 · Rechtsfragen der Leichenschau
25 3

. Abb. 3.1 Ablaufschema zur Vornahme der ärztlichen Leichenschau


26 Kapitel 3 · Leichenschau

. Tab. 3.2 Sterbeort und Pflicht zur Veranlassung der Leichenschau

Sterbeort Zur Veranlassung der Leichenschau Verpflichteter

Privatwohnung bzw. Privat- 4 Angehörige (Ehepartner, Lebenspartner, Kinder, Eltern, andere Personen
grundstück der häuslichen Gemeinschaft)
3 4 Besitzer bzw. Eigentümer der Wohnung bzw. des Grundstückes
4 Zufällig anwesende Personen

Krankenhaus bzw. Klinik Krankenhaus- bzw. Klinikleitung/Chefarzt

Heime, Anstalten, Schulen etc. Leitung der Einrichtung

Schiffe, Flugzeuge Leitender Schiffs- bzw. Flugkapitän

Lebendgeborene unabhängig Bei der Geburt anwesende Hebamme, ggf. der Arzt, sonst jede andere Person,
vom Körpergewicht und Tot- die bei der Geburt anwesend war bzw. durch eigene Feststellung Kenntnis von
geborene (≥500 g) der Geburt erlangt hat

Fundleichnam Jede Person, die den Leichnam gefunden hat, gilt zwar als zur Veranlassung der
Leichenschau verpflichtet, nach primärer Information der Polizei veranlasst diese
aber die ärztliche Leichenschau

3.2.3 Rechte und Pflichten 3.2.4 Feststellung des Todes


des Leichenschauarztes
Die Feststellung des Todes setzt den Nachweis sog.
Notdienstärzte, Notärzte und Leichenschauärzte haben sicherer Todeszeichen voraus. Fehlen diese, dann sind
4 das Recht, den Sterbeort bzw. Leichenfundort zu Reanimationsmaßnahmen zu ergreifen. Die Todesfest-
betreten (= gesetzliche Durchbrechung des Grund- stellung darf nicht auf unsichere Todeszeichen gestützt
rechts der Unverletzlichkeit der Wohnung) und werden (. Tab. 3.3).
4 das Recht, von allen Personen, die Kenntnis von Eine endgültige Todesfeststellung ist erst möglich,
den Umständen des Todeseintritts haben, Aus- wenn entweder ein sicheres Todeszeichen vorliegt oder
kunft zu verlangen, auch von vorbehandelnden nach frustraner ca. 30-minütiger Reanimation mit
Ärzten (= gesetzliche Durchbrechung der ärzt- ca. 30-minütigem Nulllinien-EKG trotz suffizienter
lichen Schweigepflicht). Reanimationsmaßnahmen bei Ausschluss einer Unter-
kühlung bzw. einer Intoxikation.
Wird dem Notdienstarzt, dem Notarzt bzw. dem Lei-
chenschauarzt der Zutritt zum Ereignisort verwehrt, so
sollte der Zugang erst durch herbeigerufene Polizeibe- 3.2.5 Feststellung der Todeszeit
amte erzwungen werden. Die Auskunftspflicht gilt
nicht für Personen, denen ein Zeugnisverweigerungs- Die Landesgesetzgeber verlangen Eintragungen zum
recht gem. §§ 52 ff. StPO zusteht, insbesondere wenn Todeszeitpunkt nach Jahr, Tag und Uhrzeit. Diese An-
die Person sich selbst oder einen der in § 52 Abs. 1 gaben können unproblematisch erfolgen, wenn:
Nr. 1–3 StPO genannten Angehörigen durch die Beant- 4 der Todeseintritt unter ärztlicher Überwachung
wortung der Fragen des Notdienstarztes, des Notarztes geschah,
oder des Leichenschauarztes der Gefahr einer straf- 4 zuverlässige Zeugen den Zeitpunkt des leblosen
rechtlichen Verfolgung oder eines Verfahrens nach Zusammenbruchs angeben können,
dem Gesetz über die Ordnungswidrigkeiten (OWiG) 4 von einer ultrakurzen Agonie bei einem Unglücks-
aussetzen würde (§ 55 StPO). Auskünfte können so z.B. fall (z.B. einer Explosion) ausgegangen werden
bei möglichen Behandlungsfehlern im Zusammenhang kann und der Zeitpunkt des Unglücks dem Todes-
mit dem Todeseintritt verweigert werden. zeitpunkt entspricht.

In anderen Fällen sollte ein Todeszeitraum angegeben


werden, ggf. empfiehlt sich auch der Zusatz »Todeszeit
3.2 · Rechtsfragen der Leichenschau
27 3

. Tab. 3.3 Todesfeststellung: sichere und unsichere Todeszeichen

Sichere Todeszeichen Unsichere Todeszeichen

Totenflecke Bewusstlosigkeit bzw. Koma

Totenstarre Fehlende Spontanatmung

Fäulnis bzw. Verwesung Pulse nicht tastbar, Herztöne nicht wahrnehmbar

Mit dem Leben nicht vereinbare Zerstörung des Körpers Weite, lichtstarre Pupillen
(z.B. exenterierte innere Organe)

Unter klinischen Bedingungen bei assistierter Beatmung Fehlende Reflexe (Areflexie), Tonusverlust
festgestellter Hirntod (= Zustand der irreversibel erloschenen der Muskulatur
Gesamtfunktionen des Großhirns, des Kleinhirns und des
Hirnstamms)

nach Angaben von ……«. Todeszeitangaben durch un- Im Anschluss an die Leichenschau ist in einer amt-
geübte Leichenschauärzte sollten sich vorsichtshalber lichen Todesbescheinigung ein nichtvertraulicher und
beschränken auf eine grobe Zeitschätzung, basierend ein vertraulicher Teil auszufüllen.
auf dem Ausprägungsgrad der Totenstarre, der Toten-
flecke und der Körpertemperatur (Leichnam fühlt sich Nichtvertraulicher Teil der Todesbescheinigung. Der
noch warm an oder ist bereits erkaltet). Ist eine Todes- nichtvertrauliche Teil ist für das Standesamt bestimmt
zeitangabe von besonderer Relevanz, so ist über die und enthält Angaben zur Person des Verstorbenen, zur
Polizei eine fachärztlich-rechtsmedizinische Untersu- Art der Identifikation, zur Feststellung des Todes sowie
chung zu veranlassen. Zusatzangaben bei Totgeborenen und Hinweise zum
Infektionsschutzgesetz (IfSG).

3.2.6 Durchführung der Leichenschau Vertraulicher Teil der Todesbescheinigung. Der ver-
trauliche Teil enthält Angaben zur Art der zum Tode
Regeln zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau führenden Erkrankung. Hier soll eine plausible zum
finden sich im AWMF-Leitlinien-Register – Leitlinien Eintritt des Todes führende Kausalkette von krank-
der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin haften Veränderungen genannt werden (medizinische
(DGRM) – Nr. 054/002 (http://www.uni-duesseldorf. Feststellungen zur Todesursache). Meist hat der ver-
de/WWW/AWMF/11/054-002.htm). trauliche Teil 3 Durchschläge. Das Original ist für den
Amtsarzt, die Durchschläge sind für das statistische
! Die ärztliche Leichenschau ist am vollständig
Landes- und Bundesamt (Name geschwärzt), für die
entkleideten Leichnam unter Inspektion aller
Feuerbestattung oder die Obduktion und für den lei-
Körperöffnungen bei guten Lichtverhältnis-
chenschauenden Arzt selbst.
sen durchzuführen.
Ein Verstoß gegen die anerkannten Regeln der ärzt-
lichen Sorgfalt bei der Durchführung der Leichen- 3.2.7 Feststellung der Todesursache
schau stellt zunächst eine Ordnungswidrigkeit dar,
was mit einer Geldbuße geahndet wird. Im Einzelfall Die Strukturierung der Angaben zur Todesursache
können aber auch strafrechtliche Konsequenzen, z.B. in der Todesbescheinigung ist orientiert an dem
der Vorwurf der fahrlässigen Tötung gem. § 222 StGB, Muster der Weltgesundheitsorganisation (WHO) »In-
drohen. Nicht sorgfältig durchgeführte Leichen- ternational Form of Medical Certification of Cause
schauen können dazu führen, dass nichtnatürliche of Death«. Die entsprechenden Zeilen sind num-
Todesfälle, einschließlich Tötungsdelikte unentdeckt meriert:
bleiben. Falsch verstandene Rücksichtnahme auf die 4 Ia = Angaben zur unmittelbaren Todesursache
Angehörigen ist daher nicht angebracht. Diese sollten 4 Ib = »als Folge von«, d.h. Angabe von Erkran-
auf die gesetzliche Verpflichtung zur Durchführung kungen, die zu der unter Ia genannten unmittel-
einer sorgfältigen Leichenschau hingewiesen werden. baren Todesursache geführt haben
28 Kapitel 3 · Leichenschau

4 Ic = »als Folge von«, d.h. Angabe der ursprüng- tet werden, was zu einer differenzierteren Einteilung in
lichen Ursache bzw. des Grundleidens 3 Gruppen geführt hat:
4 II = Andere wesentliche u.U. mittodesursächliche 4 Gruppe I. Die Feststellung der unmittelbaren Todes-
Krankheiten, unabhängig vom unter Ic genannten ursache und der zugrunde liegenden Krankheit
Grundleiden kann hinsichtlich der Kausalität und des Zeitablau-
fes in hohem Maße plausibel sein, was bei sog. »har-
3 Zwischen dem anzugebenden Grundleiden und der ten« Todesursachen der Fall ist: Grunderkrankung
unmittelbaren Todesursache soll ein medizinisch- und unmittelbare Todesursache sind pathophysio-
naturwissenschaftlich anerkannter pathophysiologi- logisch eng verknüpft und treten zeitnah zueinander
scher Mechanismus anerkannt sein. Bei jeder Rubrik auf (Beispiel: ausgedehnte Subarachnoidalblutung
soll zusätzlich eine Zeitangabe erfolgen zur Dauer der bei rupturiertem Hirnbasisarterienaneurysma).
Krankheit vor Eintritt des Todes. Zur Veranschauli- 4 Gruppe II. Dagegen kann eine bekannte Grunder-
chung einige Fallbeispiele: krankung auf mehreren Wegen zum Tode führen,
wenngleich über verschiedene Pathomechanis-
Ç Fallbeispiel men, oder erst mehrere Grunderkrankungen füh-
Beispiel 1: ren über eine gemeinsame Endstrecke zur unmit-
Ia – Myokardinfarkt (Stunden) – als Folge von telbaren Todesursache, sog. »weiche« Todesursa-
Ib – Frische Koronarthrombose (Stunden) – chen (Beispiel: stenosierende Koronarsklerose und
als Folge von Unterlappenpneumonie rechts bei chronisch-lym-
Ic – Stenosierende Koronarsklerose (Jahre) phatischer Leukämie). Im Einzelfall erlaubt die
II – Hypertonus, Diabetes mellitus Krankengeschichte die Festlegung einer priori-
Beispiel 2: tären unmittelbaren Todesursache.
Ia – Rechtsherzversagen (1 Stunde) – als Folge von 4 Gruppe III. Schließlich gibt es Todesfälle, bei denen
Ib – Rezidivierte Lungenthrombembolie (2 Stunden) mangels hinreichender Angaben zur Krankheits-
– als Folge von geschichte und fehlender Kenntnis von den Um-
Ic – Tiefe Beinvenenthrombose (Tage) ständen des Todeseintritts eine unmittelbare To-
II – Linkshirnige hypertone Massenblutung desursache bzw. eine korrespondierende Grunder-
mit Hemiparese rechts (6 Monate) krankung nicht angegeben werden kann. Dann ist
Beispiel 3: bei ungeklärter Todesursache ebenfalls eine unge-
Ia – Perikardtamponade (Minuten) – als Folge von klärte Todesart anzugeben.
Ib – Dissezierendes Aortenaneurysma (Stunden) –
! Vor dem Ausfüllen der Todesbescheinigung
als Folge von
bzw. des Leichenschauscheins ist vom Lei-
Ic – Idiopathische Medianekrose oder Arteriosklero-
chenschauarzt immer zu prüfen, ob die Kran-
se der Aortenwand (Jahre)
kengeschichte und die Umstände des Todes-
II – Hypertonus, Leberzirrhose, Pyelonephritis
eintritts eine finale Morbidität plausibel
erklären, und ob außerdem die Akuität des
Todeseintritts nachvollziehbar ist. Ergibt sich
Nicht alle Zeilen müssen ausgefüllt werden. Ist die
dennoch keine plausible Todesursache, so ist
obligatorisch anzugebende unmittelbare Todesursa-
dies im Formular festzuhalten.
che nicht Folge eines Grundleidens, so bedarf es kei-
ner weiteren Angaben, z.B. Ia: Betäubungsmittelinto- Zahlreiche Untersuchungen haben bestätigt, dass die
xikation, die restlichen Angaben (Ib, Ic und II) bleiben Übereinstimmung von Todesursachen, wie in der To-
frei. desbescheinigung angegeben, mit der tatsächlichen
durch eine Obduktion geklärten Todesursache allen-
! In der Todesbescheinigung bzw. im Leichen-
falls bei 50–60% liegt.
schauschein sind wenig aussagekräftige
»Diagnosen« ebenso wie Angaben von End-
zuständen jedes Sterbeprozesses zu vermei-
3.2.8 Klassifikation der Todesart
den, so z.B. »Altersschwäche«, »Herzversa-
gen«, »Atemstillstand«, »Kreislaufversagen«,
Die Angaben zur Todesart sind zu trennen von den An-
»kein Lebensmut mehr«.
gaben zur Todesursache. Während die Todesursache
Die hinsichtlich ihrer todesursächlichen Bedeutung sich auf die medizinisch-naturwissenschaftliche Ursa-
zu wertenden Befunde können unterschiedlich gewich- che des Todes bezieht, beschreibt die Angabe der Todes-
3.2 · Rechtsfragen der Leichenschau
29 3
art die Umstände des Todeseintritts im Hinblick auf In der Praxis kommt es daher darauf an, Hinweise
deren auch kriminalistische Bedeutung: natürlich, nicht- auf einen nichtnatürlichen Tod als solche zu erkennen
natürlich oder ungeklärt. Die Klassifikation der Todes- (. Tab. 3.4).
art ist daher im Einzelfall für weitere behördliche Maß- Bei spurenarm verlaufenden Tötungsdelikten kön-
nahmen von entscheidender Bedeutung. Dabei gilt: nen Verletzungen fehlen. Schließlich können Hinweise
auf ein Fremdverschulden am Leichenfundort fehlen;
Definition beides darf nicht im Umkehrschluss zur Bejahung
Natürlicher Tod: Tod aus krankhafter innerer eines natürlichen Todes führen. Es gilt:
Ursache, der völlig unabhängig von rechtlich be-
! Es gibt kein zeitliches Intervall, welches die
deutsamen äußeren Faktoren eingetreten ist.
Kausalität zwischen der primären Einwirkung
Nichtnatürlicher Tod: Todesfall, der auf ein von
am Anfang der zum Tode führenden Kausal-
außen verursachtes, ausgelöstes oder beeinfluss-
kette und dem Todeseintritt unterbricht.
tes Ereignis zurückzuführen ist (einschließlich
selbst- und fremdverschuldeter Einwirkungen) Gerade bei zunehmendem zeitlichem Abstand zwi-
Ungeklärte Todesart: Allein aufgrund der ärzt- schen dem primären Trauma und dem Zeitpunkt des
lichen Leichenschau lässt sich mangels Nachweis Todeseintritts wird irrtümlich häufig ein natürlicher
eines natürlichen Todes die Todesart nicht ab- Tod attestiert, obwohl die Kausalität sowohl medizi-
schließend festlegen. nisch-naturwissenschaftlich belegbar als auch rechtlich
anerkannt ist. Dazu folgende Beispiele:
4 Ein Radfahrer erleidet bei einem Verkehrsunfall
Entscheidend ist die Feststellung eines natürlichen eine Unterschenkelfraktur, die medizinisch er-
Todes, also des Nachweises einer definierten inneren folgreich behandelt wird. Nach 1 Jahr kommt es in
Erkrankung, die nach dem gegebenen Zeitverlauf Höhe der Fraktur zur Unterschenkelvenenthrom-
plausibel zum Tode geführt hat bei gleichzeitig feh- bose mit nachfolgender tödlicher Lungenthromb-
lenden Anhaltspunkten für einen nichtnatürlichen embolie (= nichtnatürlicher Tod).
Tod. Dabei ist zu bedenken, dass ein Mensch mit einer 4 Eine Patientin bleibt nach einem hypoxischen
schweren und absehbar zeitnah tödlich endenden Hirnschaden als Folge eines Narkosefehlers ko-
Krankheit noch Opfer eines nichtnatürlichen Todes matös-bettlägerig und stirbt nach 6 Jahren an einer
(Vergiftung, Tötungsdelikt um den Erbfall vorzuver- Pneumonie (= nichtnatürlicher Tod).
legen) werden kann. Wichtig ist die Kenntnis aller Be- 4 Ein Patient erleidet nach einer medizinisch indi-
funde, die auf einen nichtnatürlichen Tod hinweisen zierten Arzneimittelapplikation einen akuten all-
können. Gesetzliche Definitionen des nichtnatürlichen ergischen Schock (= nichtnatürlicher Tod).
Todes geben einen Anhaltspunkt. So lautet z.B. § 6
Abs.3 S. 2 thüring. Bestattungsgesetz: Die Klassifikation der Todesart ist in keiner Weise ge-
koppelt ist mit der Frage der Schuld. Der Tod im aller-
Als nichtnatürlich ist ein Tod anzunehmen, der durch Selbst- gischen Schock erfolgte trotz ordnungsgemäßer ärzt-
tötung, einen Unfall, einen ärztlichen Behandlungsfehler oder licher Therapie, allerdings führte die unerwünschte
durch eine sonstige äußere Einwirkung, bei der ein Verhalten Arzneimittelwirkung (UAW) zu einer erheblichen
eines Dritten ursächlich gewesen sein könnte (Tod durch Vorverlegung des Todeszeitpunktes. Hier gibt es im
fremde Hand), eingetreten ist. Einzelfall Grenzfälle und nicht jede als Folge einer

. Tab. 3.4 Angaben bzw. Befunde mit Hinweischarakter auf einen nichtnatürlichen Tod

Anamnese Befunde am Leichnam

Plötzlicher Tod Stauungsblutungen

Keinerlei feststellbare Vorerkrankungen Farbe der Totenflecke

Arbeits-, Verkehrs- oder sonstiger Unfall Geruch der Lungenluft

Auffindesituation (z.B. Fixerutensilien am Fundort) Tablettenreste im Mundvorhof oder Mund

Unerwarteter Todeseintritt besonders junger Menschen (<40 Jahre) Verletzungen am Leichnam


30 Kapitel 3 · Leichenschau

ärztlichen Maßnahme herbeigeführte Vorverlegung werden, wenn Anhaltspunkte für einen nichtnatür-
des Todeszeitpunktes muss zur Angabe eines nicht- lichen Tod oder eine ungeklärte Todesart vorliegen. In
natürlichen Todes in der Todesbescheinigung führen. diesem Fall gilt:
Insoweit wird für letale unerwünschte Arzneimittel- 4 Abbruch der ärztlichen Leichenschau.
wirkungen keine Meldepflicht des Leichenschauarztes 4 Sofortige Meldung an die Polizei.
an die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzte- 4 Am Leichenfundort keine Veränderungen mehr
3 schaft gesehen. Dennoch ist die Situation besonders vornehmen.
schwierig, wenn ein Patient unmittelbar während eines 4 Vorgenommene Veränderungen protokollieren
ärztlichen Eingriffs, insbesondere auf dem OP-Tisch, (Positionsveränderungen und Teilentkleidung des
verstirbt, sog. »Exitus in tabula«. Leichnams, Aufschneiden der Kleidung, vorge-
nommene Punktionen, sonstige ärztliche Maßnah-
men am Leichnam, auffällige Befunde am Leich-
3.2.9 Exitus in tabula nam).
4 Darauf achten, dass anwesende dritte Personen
Ç Fallbeispiel keine Veränderungen am Leichenfundort vorneh-
Bei einem 56-jährigen Mann mit auffälligem Belas- men.
tungs-EKG wird eine diagnostische Koronarangio- 4 Kurzes eigenes Protokoll als Gedächtnisstütze, falls
graphie durchgeführt. 2 h nach dem Eingriff erleidet – möglicherweise erst Tage oder Wochen später –
der Patient einen Kreislaufkollaps mit Asystolie und Fragen aufkommen. Bedeutsam können sein: Ver-
kann nicht reanimiert werden. Der Mann war bei schlussverhältnisse (Türen, Fenster), anwesende
bestem Wohlbefinden zu Fuß zur Untersuchung Personen und deren Verhalten, augenscheinliche
erschienen. Schon wegen der zeitlichen Nähe des Verletzungen anwesender Personen, Hinweise auf
Todeseintritts zum ärztlichen Eingriff wurde von den Alkohol-, Drogen und/oder Medikamentenein-
Angehörigen der Verdacht geäußert, es sei zu einem nahme, Hinweise auf eine tätliche Auseinanderset-
tödlichen Behandlungsfehler gekommen. Bei der zung.
Obduktion zeigte sich eine Perikardtamponade nach
Koronarwandruptur, eine sehr seltene aber eingriffs- Sollte offensichtlich sein oder sich später herausstellen,
typische und aufklärungspflichtige Komplikation dass eine Straftat vorliegt, kann der Notdienstarzt, Not-
der Koronarangiographie. arzt und/oder der Leichenschauarzt von den Ermitt-
lungsbehörden und in der Hauptverhandlung vor Ge-
richt als sog. sachverständiger Zeuge gehört werden.
Die Frage, ob ein nichtnatürlicher Tod attestiert werden
soll, wenn sich das unvermeidbare Risiko eines ärzt-
lichen Eingriffs schicksalhaft realisiert, ist umstritten. 3.4 Zweite Leichenschau
Einige Ansichten verlangen wenigstens entfernt An- (Krematoriumsleichenschau)
haltspunkte für einen Verstoß gegen anerkannte Regeln
der ärztlichen Sorgfalt (Behandlungsfehler). Im ein- In allen Bundesländern, außer in Bayern, ist gesetzlich
gangs beschriebenen Beispiel ist aber davon auszugehen, eine zweite Leichenschau vorgeschrieben, wenn eine
dass durch die Koronarangiographie der Tod des Pa- Einäscherung oder Seebestattung vorgesehen ist. Da in
tienten womöglich um viele Jahre vorverlegt wurde. beiden Fällen der Leichnam als Beweismittel endgültig
Beim »Exitus in tabula« empfiehlt sich daher eine beseitigt wird, soll ein zweiter Leichenschauarzt noch
Qualifikation der Todesart als »ungeklärt« und die einmal den Leichnam sorgfältig untersuchen und seine
Meldung an die Ermittlungsbehörden. Um jedem Ver- Untersuchungsergebnisse mit den Angaben in der
dacht der Vertuschung vorzubeugen, sollte die Todes- Todesbescheinigung bzw. im Leichenschauschein ab-
bescheinigung bzw. der Leichenschauschein von einem gleichen. Der erste Leichenschauarzt sowie weitere,
unbeteiligten Arzt ausgestellt werden. vorbehandelnde Ärzte können um Auskünfte ersucht
werden, um mögliche Widersprüche zu klären. Beste-
hen danach immer noch Zweifel an einem natürlichen
3.3 Spurensicherung Tod, so kann der Leichnam nicht zur Einäscherung
am Leichenfundort freigegeben werden. Bei Hinweisen auf einen nichtna-
türlichen Tod informiert der zweite Leichenschauarzt
Fragen der Spurensicherung können auch für den Not- die Ermittlungsbehörden. Dann muss die Staatsan-
dienstarzt, Notarzt und Leichenschauarzt bedeutsam waltschaft entscheiden, ob eine gerichtliche Obduk-
3.4 · Zweite Leichenschau (Krematoriumsleichenschau)
31 3
tion erforderlich ist. Die Staatsanwaltschaft kann aber
– in Abhängigkeit vom Ermittlungsergebnis der Polizei
– ohne eine Obduktion den Leichnam zur Kremierung
freigeben.
Ergeben sich für den zweiten Leichenschauarzt
zwar keine Hinweise auf einen nichtnatürlichen Tod,
aber hält er die Befunde und Angaben zur Anamnese
für nicht ausreichend, um sicher von einem natür-
lichen Tod auszugehen, kann er eine Feuerbestattungs-
sektion vor der Kremierung fordern. Diese ist für die
Angehörigen kostenpflichtig und kann von ihnen ab-
gelehnt werden. In diesem Fall würde jedoch nur eine
(für die Angehörigen kostenintensivere) Erdbestattung
zugelassen werden.
Anlass für eine Obduktion im Anschluss an eine
Feuerbestattungsleichenschau haben auch zuvor über-
sehene Tötungsdelikte gegeben (vom ersten Leichen-
schauarzt übersehener kleiner Einschuss, übersehene
Drosselmarke) oder der begründete Verdacht auf einen
Behandlungs- bzw. Pflegefehler. Aber auch irrtümlich
als natürlich angesehene Todesfälle mit längerem Zeit-
raum zwischen schädigendem Ereignis (z.B. Verkehrs-
unfall, Arbeitsunfall) oder Verdacht auf eine zum Tode
führende Berufskrankheit sollen bei der zweiten Lei-
chenschau entdeckt und einer weiteren Klärung zuge-
führt werden.
4

Obduktion (Sektion, Autopsie,


innere Leichenschau)

4.1 Anlässe, Obduktionsarten – 33


4.1.1 Klinische Sektion – 33
4.1.2 Verwaltungssektion – 33

4.2 Spezielle gerichtliche Leichenöffnung – 33

4.3 Sektionstechnik – 35

4.4 Anlässe und Techniken der Exhumierung – 36

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_4,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
4.2 · Spezielle gerichtliche Leichenöffnung
33 4
> > Einleitung Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung der Klä-
rung der Todesursache durch eine Obduktion, zur Ab-
Nach dem Tode eines 48 Jahre alt gewordenen Mannes wehr von z.B. Behandlungsfehlervorwürfen sowie als
muslimischen Glaubens verweigern die Hinterbliebenen Hilfe und Trost für die Hinterbliebenen. Die verschie-
aus religiösen Gründen die Zustimmung zur klinischen denen Rechtsgrundlagen für eine Obduktion sind in
Sektion. Wegen der Angabe einer ungeklärten Todesart . Tab. 4.1 genannt.
im Leichenschauschein beantragt die Staatsanwaltschaft
beim Amtsgericht eine gerichtliche Obduktion. Der Amts-
richter kommt zu dem Ergebnis, dass das Strafverfolgungs- 4.1.1 Klinische Sektion
interesse im Falle einer Straftat im Zusammenhang mit dem
Tode des Mannes höher zu bewerten sei als das individuelle Die klinischen Sektionen finden statt in den Instituten
Interesse des Verstorbenen und seiner Angehörigen an der für Pathologie an den Kliniken und Krankenhäusern.
körperlichen Unversehrtheit des Leichnam. Das Ansinnen Die klinische Sektion ist teilweise nur zulässig, wenn
der Hinterbliebenen, eine Teilsektion nur mit Eröffnung des der Verstorbene zu Lebzeiten zugestimmt hat (enge
Bauchraumes reiche aus, wird abgelehnt mit dem Hinweis, Zustimmungslösung) oder wenn sie dem Willen des
die Strafprozessordnung sehe ausdrücklich die Eröffnung Verstorbenen nicht widerspricht und die nächsten
aller drei Körperhöhlen (Kopf-, Brust- und Bauchhöhle) vor. Angehörigen zugestimmt haben (erweiterte Zustim-
mungslösung). Die Regelung, wonach nur obduziert
Der Leichnam wird vom postmortal fortwirkenden Per- werden darf, wenn zu Lebzeiten kein Widerspruch
sönlichkeitsschutz (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs.1 geäußert wurde (enge Widerspruchslösung), gibt es in
GG) erfasst. Zu berücksichtigen sind insbesondere reli- Deutschland nicht. Teilweise ist eine klinische Sektion
giöse Vorstellungen des Verstorbenen und ggf. seiner möglich, wenn die Hinterbliebenen nach entspre-
Hinterbliebenen. Diesen steht ein Totensorgerecht zu, chender Information nicht widersprochen haben (er-
jedoch kein uneingeschränktes Verfügungsrecht über weiterte Widerspruchslösung). Ein Verstoß gegen die
den Leichnam. So gilt der Leichnam selbst zivilrechtlich rechtlichen Vorgaben kann zu dem Vorwurf der Stö-
als nicht veräußerbar und darf nicht Gegenstand von rung der Totenruhe (§ 168 Abs.1 StGB) führen.
Handelsgeschäften sein (»res extra commercium«). Le-
diglich im Strafprozessrecht gilt der Leichnam als be-
schlagnahmefähige Sache. Die Rechtsgrundlagen für 4.1.2 Verwaltungssektion
eine Obduktion finden sich teils im Landesrecht, teils
für die gerichtliche Sektion und die sog. Seuchensektion Eine Obduktion allein zur Klärung der Todesursache
im Bundesrecht, daneben im Versicherungsrecht und in auf Veranlassung einer Behörde, z.B. des Gesundheits-
Krankenhausaufnahmeverträgen. amtes oder einer anderen gesetzlich ermächtigten Ins-
titution, fällt ebenso wie Obduktionen für die Be-
rufsgenossenschaften (BG) als Träger der gesetzlichen
4.1 Anlässe, Obduktionsarten Unfallversicherung (GUV) unter den Begriff der Ver-
waltungssektion. Eine solche Rechtsgrundlage für die
Obduktionen dienen seit Jahrzehnten zahlreichen Durchführung einer Obduktion gab es in der früheren
Zwecken: DDR in Form eines Kataloges mit Indikationen, bei
4 Klärung von Grundleiden und Todesursache im deren Vorliegen eine Obduktion von Staats wegen bzw.
Einzelfall behördlich veranlasst wurde, z.B. bei allen Todesfällen
4 Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse (z.B. von Schwangeren bzw. zeitnah zur Entbindung oder
Metastasierungsverhalten von Malignomen) zeitnah zu einem ärztlichen Eingriff. Derzeit gibt es
4 Kontrolle des Ansprechens von Krankheiten auf eine vergleichbare Verwaltungssektion nur in den
eine Therapie Stadtstaaten Bremen und Hamburg.
4 Abgleich von autoptischen und diagnostischen Be-
funden
4 Aufdeckung und Klärung bis dato unerkannter fo- 4.2 Spezielle gerichtliche
rensisch-kriminalistischer und versicherungsme- Leichenöffnung
dizinischer Aspekte
4 Aus-, Fort- und Weiterbildung von Medizinstu- Auf Antrag der Staatsanwaltschaft ordnet das Amtsge-
denten, medizinischen Assistenzberufen und richt eine gerichtliche Sektion an. Es kommt sehr selten
Ärzten vor, dass ein Amtsgericht dem Antrag der Staats-
34 Kapitel 4 · Obduktion (Sektion, Autopsie, innere Leichenschau)

. Tab. 4.1 Rechtsgrundlagen für eine Obduktion in Abhängigkeit vom Sterbeort und der Fragestellung

Sterbeort bzw. Umstände Rechtsgrundlage Obduktionsart

Krankenhaus bzw. Klinik Landesgesetz und/oder Krankenhaus- Klinische Sektion bzw. klinisch-
aufnahmevertrag mit sog. »Sektions- wissenschaftliche Sektion (meist in
klausel« der Pathologie)

Nichtnatürlicher Tod bzw. un- §§ 87 ff. Strafprozessordnung (StPO) Gerichtliche Obduktion (strafpro-
4 geklärte Todesart; »zureichende zessuale Sektion)
tatsächliche Anhaltspunkte« für
eine Straftat (§ 152 Abs.2 StPO)

V.a. ansteckende Erkrankung i.S. § 26 Abs. 3 IfSG i.V.m. § 6 Abs.1 IfSG Sog. Seuchensektion auf Anordnung
des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) des Gesundheitsamtes

Tödlicher Arbeitsunfall bzw. Wege- §§ 103 ff. Sozialgesetzbuch (SGB) VII Sozialrechtliche Sektion (Berufs-
unfall i.S. der gesetzlichen Unfall- unter Umständen i.V.m. der Berufs- genossenschaftliche Sektion; sog.
versicherung (GUV) oder Verdacht krankheitenverordnung (BKV) BG-Sektion)
auf eine Berufskrankheit

Todesfall bei privater Lebens- und/ Privater Versicherungsvertrag gemäß Privatversicherungsrechtliche


oder Unfallversicherung geltenden allgemeinen Unfall- Sektion
versicherungsbedingungen (AUB)

Kremationsleichenschau: Zweifel Regelung im Landesgesetz Feuerbestattungssektion


des 2. Leichenschauers am natürli-
chen Tod, jedoch ohne Hinweise
auf einen nicht-natürlichen Tod,
auch nach Rücksprache mit dem
behandelnden Arzt und dem
1. Leichenschauarzt

Zwar natürlicher Tod, jedoch fort- Wenn klinische Sektion oder gericht- Privatsektion
bestehende Unklarheiten bei der liche Leichenöffnung nicht möglich,
genauen Todesursache können die Totensorgeberechtigten
privat eine Obduktion veranlassen

Natürlicher Tod außerhalb von Trotz öffentlichen Interesses an der Verwaltungssektion, wie es sie in der
Krankenhäusern und Kliniken Klärung der Todesursache in den früheren DDR gab; gemäß einem
meisten Bundesländern keine Rechts- Indikationskatalog konnte behörd-
grundlage – außer in Hamburg und licherseits eine Obduktion veranlasst
Bremen (Gesetzeslücke!) werden

Exhumierung Wenn eine der o.g. Rechtsgrundlagen Sektion nach Exhumierung


gegeben ist, kann die Exhumierung
erfolgen; Totensorgeberechtigte
müssen z.T. einen »rechtlichen«
Grund vorweisen

Präparation nach Körperspende Als Verfügung zu Lebzeiten: Anatomische Sektion (nach Leichen-
Schriftlich erfolgte Körperspende schau mit festgestelltem natürlichen
für wissenschaftliche Zwecke Tod oder nach Freigabe des Leich-
nams durch die Staatsanwaltschaft)
4.3 · Sektionstechnik
35 4
anwaltschaft nicht folgt. Die Staatsanwaltschaft hat bei paration teilweise zumindest eine Woche in Form-
der Antragstellung einen Ermessensspielraum. Eine aladehyd fixiert und danach gesondert präpariert.
rechtsmedizinische Obduktion muss gem. §§ 87 ff. StPO Der vordere Rumpf wird durch einen Mittelschnitt
immer von 2 Ärzten durchgeführt werden. Die Straf- vom Jugulum bis zum Mons pubis eröffnet. Dieser
prozessordnung enthält Vorgaben zum Umfang der Schnitt wird in der Pathologie üblicherweise zu einem
Obduktion (Öffnung aller drei Körperhöhlen; § 89 sog. T-Schnitt erweitert, also einem zusätzlichen Schnitt
StPO) und regelt speziell die Obduktion von Neugebo- von Acromion zu Acromion und entlang der Clavi-
renen (§ 90 StPO). culae. Vorwiegend in der Rechtsmedizin wird der Mit-
telschnitt entlang der Halsmitte bis unter das Kinn ge-
Bei Öffnung der Leiche eines neugeborenen Kindes ist die führt. Der T-Schnitt kann je nach Erfordernis seitlich
Untersuchung insbesondere auch darauf zu richten, ob es entlang beider Arme oder nach unten in Form eines
nach oder während der Geburt gelebt hat und ob es reif oder Y-Schnitts über die Leistenregionen und beide Beine
wenigstens fähig gewesen ist, das Leben außerhalb des Mut- gelegt werden.
terleibes fortzusetzen.
Paketpräparation. Die inneren Organe werden teils
Weitere Regelungen zur gerichtlichen Obduktion fin- im anatomischen Zusammenhang als »Pakete« ent-
den sich in den »Richtlinien für das Strafverfahren und nommen (z.B. Leber, Magen, Duodenum und Pankreas
das Bußgeldverfahren (RiStBV)« (dort Nr. 33–38). oder Mediastinum mit den Lungen usw.), teils als ein-
zelne Organe (Herz, Milz etc.). Besonderes präparato-
Leichenschau und Leichenöffnung sind mit größter Beschleu- risches Vorgehen kann sich aus der fallbezogenen Fra-
nigung herbeizuführen, weil die ärztlichen Feststellungen gestellung ergeben.
über die Todesursache auch durch geringe Verzögerungen an
Zuverlässigkeit verlieren können (Nr. 36 Abs.1 RiStBV). Künstliche Blutleere. Der Hals ist eine relativ häufige
Zielregion von Gewalt. Die Halsorgane bzw. anatomi-
Danach ist bei nicht ausschließbarer Straftat oder wenn schen Strukturen einschließlich der Halsmuskulatur
damit zu rechnen ist, dass Feststellungen bei der Lei- werden daher erst nach Herstellung einer sog. künst-
chenschau später angezweifelt werden, die Leichenöff- lichen Blutleere präpariert. Vorher sind Gehirn und
nung von der Staatsanwaltschaft zu veranlassen, ins- Herz zu exenterieren, das danach passiv Richtung
besondere bei Personen, die sich »in Haft oder sonst in Schädelhöhle und Herzbeutel abfließende Blut bewirkt
amtlicher Verwahrung« (z.B. in der Psychiatrie unter- eine künstliche Blutleere, so dass Verletzungen mit be-
gebrachte Patienten, Personen in Polizeigewahrsam) gleitenden Hämorrhagien bei der Präparation der Hals-
befunden haben. organe und des Halsweichteilgewebes besser erkannt
werden können (. Abb. 4.1).

4.3 Sektionstechnik Korbhenkelschnitt. Ebenfalls im Einzelfall sind spezi-


elle Präparationen erforderlich, wie z.B. der sog. Korb-
In Mitteleuropa haben sich in den Instituten für henkelschnitt bei der Hirnpräparation (. Abb. 4.2) oder
Rechtsmedizin oder Pathologie national und inter- das Abbinden des Ösophagus zur Darstellung von
national vergleichbare Techniken herausgebildet. Sog. Ösophagusvarizen.
Teilsektionen finden nur ausnahmsweise statt, wenn
die Angehörigen sonst ihre Zustimmung verweigern Rücken- und Weichteilpräparation. Zur Darstellung
würden. Ansonsten werden immer zumindest Kopf- von äußerlich nicht erkennbaren Blutungen im sub-
höhle, Brusthöhle und Bauchhöhle eröffnet. kutanen Weichteilgewebe werden Arme und Beine
Bei der Kopfhöhle wird zunächst nach einem quer speziell präpariert, ebenso die Rückenweichteile, z.B.
über die Scheitelregion verlaufenden Schnitt die Kopf- zur Darstellung von Blutungen als sog. Widerlagerver-
schwarte vom Schädeldach abpräpariert. Die knöcher- letzungen in Projektion auf die Dornfortsätze der Wir-
ne Schädelkalotte wird durch einen radiären Säge- belkörper (. Abb. 4.3) oder die Schulterblattspitzen
schnitt eröffnet. Bei den rechtsmedizinischen Leichen- (. Abb. 4.4).
öffnungen wird das Gehirn meist in frischem Zustand
durch zahlreiche Schnitte in der Frontalebene prä-
pariert. Hier geht es vornehmlich um den möglichen
Nachweis von Hämorrhagien oder Nekrosen. In den
Instituten für Pathologie wird das Gehirn vor der Prä-
36 Kapitel 4 · Obduktion (Sektion, Autopsie, innere Leichenschau)

. Abb. 4.2 Korbhenkelschnitt zur Darstellung der Falx


cerebri

. Abb. 4.1 Präparation der Halsmuskulatur in sog. künst-


licher Blutleere

4.4 Anlässe und Techniken . Abb. 4.3 Präparation der Rückenweichteile zur Dar-
der Exhumierung stellung von Blutungen in Projektion auf die Dornfortsätze
der Wirbelkörper als sog. Widerlagerverletzungen
Ç Fallbeispiel
Der Sohn einer mit 84 Jahren verstorbenen Frau ist
überzeugt, seine Mutter sei von seiner Schwägerin
vergiftet worden. Zeugen hatten berichtet, die
84-Jährige sei akut verstorben, nachdem sie ein Glas
Tee getrunken habe, der von der Schwägerin ge-
bracht worden sei. Von diesen und weiteren »Ver-
dachtsmomenten« hatte der Sohn erst Wochen nach
der Beerdigung seiner Mutter erfahren. Er erstattet
Anzeige bei der Staatsanwaltschaft und verlangt
eine Obduktion. Die Staatsanwaltschaft entnimmt
der Todesbescheinigung die Angabe eines natür-
lichen Todes bei V.a. Lungenembolie und stellt das
Verfahren ein. Als der Sohn auf eigene Kosten eine
Exhumierung veranlassen will, verweigert das Fried- . Abb. 4.4 Präparation der Rückenweichteile mit Nach-
hofsamt die Zustimmung zur Exhumierung. Zur Be- weis von frischen Einblutungen in Projektion auf die linke
gründung wird angeführt, nach der Erdgrabliegezeit Schulterblattspitze als sog. Widerlagerverletzung
von mehr als 14 Monaten sei nicht davon auszu-
gehen, dass eine Obduktion zur Klärung beitragen
6
4.4 · Anlässe und Techniken der Exhumierung
37 4
könne. Nachdem der Sohn eine rechtsmedizinische
Stellungnahme vorlegt, wonach auch bei einer län-
geren Leichenliegezeit noch Befunde zur Klärung
der Todesursache, insbesondere aber auch zum
Nachweis einer Intoxikation, möglich sind, wird die
Exhumierung gestattet. Bei der rechtsmedizinischen
Sektion des mumifizierten und relativ gut erhal-
tenen Leichnams ist ein rupturierter Myokardinfarkt
mit Perikardtamponade nachweisbar.

Die Exhumierung wird – wie die gerichtliche Sektion


– im Regelfall von einem Richter angeordnet (§ 87 . Abb. 4.5 Teilweise Mumifizierung des Gesichtsschädels
Abs.4 S.1 StPO). Exhumierungen ohne richterliche mit erleichterter Ausziehbarkeit der Kopfhaare und stel-
Anordnung müssen vom zuständigen Friedhofsamt lenweise weißlicher Schimmelpilzbesiedlung (Erdgrablie-
genehmigt werden. Relevante und häufig auch be- gezeit 7 Monate)
antwortbare Fragen sind z.B. Kausalitätsfragen im Ver-
sicherungsrecht (Unfälle, Berufskrankheiten), Klärung
von Gewalteinwirkungen, Nachweis einer behaupteten
oder auch einer ganz anderen Todesursache, Kontrolle
der Identität des Verstorbenen, Gewebeentnahme für
eine Paternitätsdiagnostik, für einen Intoxikations-
verdacht und andere Fragestellungen. Häufig stellt sich
die Frage, ob nach einer längeren Leichenliegezeit im
Erdgrab eine Exhumierung und anschließende Ob-
duktion überhaupt noch relevante Befunde zutage
bringen kann. Dies hängt im Einzelfall von den kon-
kreten Lagerungsbedingungen des Leichnams ab.
Entscheidend für die erfolgreiche Erhebung von
Befunden bei einer Exhumierung sind das Milieu, in
dem der Leichnam lagerte und die Dauer der Leichen-
liegezeit. In feuchter Umgebung sind fortgeschrittene
Fäulnisveränderungen zu erwarten, in trocken-kühler
Umgebung eine Mumifizierung mit besserem Er-
haltungszustand des Leichnams. Nicht selten sind spä-
ter Leichenveränderungen unterschiedlicher Art mit
teilweiser Mumifizierung und punktueller oder auch
flächenhafter weißlicher Schimmelpilzbesiedlung
(. Abb. 4.5).
5

Forensische Traumatologie

5.1 Rechtsgrundlagen – 40
5.1.1 Tatbestand – 40
5.1.2 Rechtswidrigkeit – 41
5.1.3 Schuld – 41

5.2 Traumata und Todesursachen – 42

5.3 Vitale Reaktionen – 42


5.3.1 Vitale Reaktionen – Blutungen – 46
5.3.2 Embolien – 47
5.3.3 Befunde am Respirations- und Magen-Darm-Trakt (akutes Lungen-
emphysem, Aspiration, Inhalation, Magenschleimhauterosionen) – 49
5.3.4 Weitere vitale Reaktionen (Hautreaktionen, Wundheilung, Fett-
und Muskelgewebe, biochemische vitale Reaktionen) – 49
5.3.5 Zeichen posttraumatisch erhaltener Handlungsfähigkeit – 50

5.4 Stumpfe Gewalt – 52


5.4.1 Verletzung innerer Organe – 55
5.4.2 Frakturen – 56
5.4.3 Schädel-Hirn-Trauma (SHT) – 57
5.4.4 Forensische Neurotraumatologie, insbesondere Verletzungen
des Gehirns – 61

5.5 Scharfe und halbscharfe Gewalt – 64


5.5.1 Stichverletzungen – 65
5.5.2 Schnittverletzungen – 66
5.5.3 Halbscharfe Gewalt – 68

5.6 Schussverletzungen (punktförmige Gewalt) – 69


5.6.1 Waffenrecht – 70
5.6.2 Schusswaffentypen und Munition – 70
5.6.3 Einschuss – 72
5.6.4 Schusskanal und Schussrichtung – 73
5.6.5 Ausschuss – 74
5.6.6 Schussentfernung – 75
5.6.7 Spezielle Schussverletzungen – 76
5.6.8 Kriminologische Aspekte von Schussverletzungen – 78

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_5,


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5.7 Gewalt gegen den Hals – 79
5.7.1 Erhängen – 80
5.7.2 Erwürgen, reflektorischer Herzstillstand (Karotissinusreflex) – 84
5.7.3 Erdrosseln – 85

5.8 Äußeres und Inneres Ersticken – 85


5.8.1 Allgemeine Pathophysiologie des Erstickens – 87
5.8.2 Besondere Konstellationen beim Tod durch Ersticken – 88

5.9 Thermische Schädigungen – 89


5.9.1 Hitze – 89
5.9.2 Unterkühlung, Kälte, Frost – 94

5.10 Strom, Blitz, Gase – 97


5.10.1 Stromtodesfälle – 97
5.10.2 Blitzschlag – 99
5.10.3 Tod durch Gase – 100
40 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

> > Einleitung lich beschriebenen Tatbestandes (Tatbestandsmäßig-


keit) ohne das Rechtfertigungsgründe vorliegen
Am Ende einer Steintreppe wird der Leichnam eines (Rechtswidrigkeit) durch einen schuldhaft handeln-
40-jährigen Mannes gefunden, dessen Kopf in einer Blut- den Täter (Schuldhaftigkeit).
lache liegt, die Beine auf den unteren Treppenstufen. Von
der regelrecht sitzenden Kleidung weist das Oberhemd
vorderseitig und rückseitig zur Körpermittellinie hin flächen- 5.1.1 Tatbestand
hafte Blutantragungen auf. Von den oberen Knopflöchern
des Hemdes zeigen zwei Knopflocheinrisse, auf der linken Die Verwirklichung eines Straftatbestandes kann
Seite sind die Nähte des Hemdes in der Achselhöhle einge- durch aktives Tun erfolgen oder durch das Unterlassen
rissen. Am Leichnam finden sich Hämatome und Haut- einer gebotenen Handlung. Zwischen dem Tun bzw.
5 schürfungen über dem rechten Stirnhöcker, der Nasenspit-
ze und der Kinnspitze, sowie eine in Körperlängsrichtung
Unterlassen und der Vollendung des Tatbestandes
muss ein kausaler Zusammenhang bestehen. Der Vor-
verlaufende Platzwunde der Schleimhaut des Mundvor- wurf, durch das Unterlassen einer gebotenen Hand-
hofes, ein Monokelhämatom links und eine Platzwunde am lung bzw. Maßnahme sei es zu einem strafrechtlichen
Hinterkopf oberhalb der sog. Hutkrempenlinie. Am rechten Tatbestand – Körperverletzung, Tötung – gekommen,
Unterarm streckseitig sieht man zwei bis 2,5 cm durchmes- ist im Arztrecht von größerer Bedeutung, da der Arzt
sende Hämatome im mittleren Drittel sowie je ein kleines gegenüber dem Patienten eine sog. Garantenstellung
Hämatom am linken Oberarm innen- und außenseitig. Tast- hat. Nicht selten wird Ärzten daher vorgeworfen, dass
bar ist eine Fraktur des Nasenbeines. Bei der Obduktion sie entgegen ärztlichem Standard erforderliche Maß-
entfaltet sich deutlicher Alkoholgeruch. Todesursache ist nahmen unterlassen haben und gerade deshalb der
eine Schädelbasisfraktur mit tiefer Blutaspiration bei einer Patient einen Schaden erlitten habe.
Blutalkoholkonzentration von 2,6 Promille.
Ç Falbbeispiel
Physische wie psychische Traumatisierungen sind Fahrlässige Tötung durch Unterlassen
nach einer Vielzahl verschiedener Arten der Gewalt- Ein 78-jähriger Patient mit Sigmadivertikulose
einwirkung möglich. Auf die wichtigsten Rechtsgrund- kommt mit subfebrilen Temperaturen in die Arzt-
lagen, dabei vorgenommene Differenzierungen und praxis und klagt über diffuse Bauchschmerzen,
Tatbestände soll daher eingegangen werden. betont im linken Unterbauch. Bei der palpatorischen
Untersuchung findet sich eine deutliche Abwehr-
spannung, im Blutbild zeigt sich eine erhöhte Leuko-
5.1 Rechtsgrundlagen zytenzahl. Auf Befragen gibt der Patient an, er habe
nach zweimaligem Erbrechen am Vortag nunmehr
Die Formen der Gewalt gegen den Menschen können flüssigen Stuhl. Der Arzt geht von einer Magen-
rechtsmedizinisch klassifiziert und bereits mit Blick Darm-Grippe aus und schickt den Patienten nach
auf die Rekonstruktion eines Tatgeschehens aus den Hause, er möge aber bei Zunahme der Beschwerden
Verletzungsbefunden festgestellt werden. Die straf- nochmals vorstellig werden. In der kommenden
rechtliche Beurteilung erfolgt anhand der Straftat- Nacht wird der Patient im Schockzustand und hoch-
bestände im Strafgesetzbuch, über Schadensersatz und fieberhaft im Krankenhaus aufgenommen. Intra-
Schmerzensgeld wird überwiegend zivilrechtlich ent- operativ findet sich ein rupturiertes Divertikel des
schieden. Die rechtliche Bewertung basiert wesentlich Colon sigmoideum und eine ausgedehnte eitrige
auf einer korrekten Befunderhebung und -interpreta- Peritonitis. Der Patient verstirbt an einem septisch-
tion durch die primär behandelnden Ärzte, die als sog. toxischen Herz-Kreislauf-Versagen. Gegen den Arzt
sachverständige Zeugen gehört werden können, und wird ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren ein-
durch den (rechtsmedizinischen) Sachverständigen. geleitet wegen fahrlässiger Tötung durch Unter-
Weist schon die zeitnahe, primäre Befunderhebung lassen der gebotenen sofortigen Krankenhausein-
Defizite auf, kann dies durch spätere Heranziehung weisung unter Verstoß gegen anerkannte Regeln
eines Rechtsmediziners häufig nicht mehr behoben der ärztlichen Sorgfalt.
werden.
Rechtswidriges Verhalten kann als Ordnungswid-
rigkeit v.a. mit einer Geldbuße sanktioniert werden Führt das Tun oder Unterlassen eines Arztes unter Ver-
oder eine Straftat im Sinne des Strafgesetzbuches dar- stoß gegen ärztliche Sorgfaltspflichten zum Tode des
stellen. Erforderlich ist die Realisierung eines gesetz- Patienten, so greift im Regelfall der Straftatbestand der
5.1 · Rechtsgrundlagen
41 5
fahrlässigen Tötung. Zusätzlich muss der eingetretene 5.1.2 Rechtswidrigkeit
Schaden ursächlich (kausal) auf dem Tun oder Unter-
lassen des Täters beruhen. Dabei finden sich unter- Die Verwirklichung eines Tatbestandes ist nicht rechts-
schiedliche Anforderungen an die Kausalität in den widrig, wenn ein anerkannter Rechtfertigungsgrund
verschiedenen Rechtsgebieten – Strafrecht, Zivilrecht, vorliegt. Dazu zählen das Erfüllen gesetzlicher Pflich-
Sozialrecht. ten (z.B. die Meldung des Verdachts auf eine Berufs-
krankheit als zulässige Durchbrechung der ärztlichen
Schweigepflicht), Notwehr und Nothilfe (§ 32 StGB)
Kausalitätstheorien im Strafrecht, Zivilrecht und der rechtfertigende Notstand (§ 34 StGB).
und Sozialrecht
! Notwehrhandlungen können ebenso wie der
Strafrecht: Nach der Äquivalenztheorie der Kau-
vorangegangene Angriff Verletzungsspuren
salität ist zunächst jeder Umstand Bedingung für
hinterlassen. Die Befunde beim Tatverdäch-
den Erfolg (Verwirklichung des Straftatbe-
tigen wie beim Opfer müssen daher abge-
standes), der nicht hinweggedacht werden kann,
glichen werden mit einem angegebenen Tat-
ohne dass der Erfolg entfiele (Conditio sine qua
geschehen. Für diese Rekonstruktion ist eine
non). Nun gibt es viele Umstände, die nicht hin-
exakte und vollständige Untersuchung der
weggedacht werden können, ohne dass die Ver-
Beteiligten erforderlich, einschließlich der
wirklichung des Straftatbestandes entfällt: Hätten
Dokumentation auch nicht behandlungsbe-
die Eltern den Täter nicht gezeugt, hätte er die Tat
dürftiger sog. Bagatellverletzungen, denen
nicht begehen können. Derartige Bedingungen
prozessentscheidende Bedeutung zukom-
weisen jedoch keinen objektiven Bezug zur kon-
men kann.
kreten Tat auf. Deshalb wird die Weite der Äquiva-
lenztheorie begrenzt durch die Lehre von der ob- Wird durch das Opfer das Ausmaß der erforderlichen
jektiven Zurechnung: Notwehr überschritten, so spricht man von einem Not-
4 Der Täter muss den Straftatbestand jedenfalls wehrexzess. Dies wäre der Fall, wenn der mit einer
mitverursacht haben. Flasche niedergeschlagene Angreifer am Boden lie-
4 Die Realisierung des Straftatbestandes muss gend z.B. mit Fußtritten traktiert worden wäre. Auch
objektiv voraussehbar und vermeidbar gewe- in diesem Fall könnten entsprechende Verletzungsbe-
sen sein. funde eine solche behauptete Tatversion bestätigen.
4 Es muss sich um einen tatbestandsadäquaten
Kausalverlauf handeln. § 34 StGB Rechtfertigender Notstand
Wer in einer gegenwärtigen, nicht anders abwendbaren Ge-
Zivilrecht: Im Zivilrecht muss die unterstellte Ur- fahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes
sache nach der allgemeinen Lebenserfahrung Rechtsgut eine Tat begeht, um die Gefahr von sich oder einem
normalerweise geeignet – adäquat – gewesen anderen abzuwenden, handelt nicht rechtswidrig, wenn bei
sein, den entstandenen Schaden kausal herbeizu- Abwägung der widerstreitenden Interessen, namentlich der
führen. Ganz ungewöhnliche bzw. nicht vorher- betroffenen Rechtsgüter oder des Grades der ihnen drohen-
sehbare Kausalverläufe begründen keine zivil- den Gefahren, das geschützte Interesse das beeinträchtigte
rechtliche Haftung. wesentlich überwiegt. Dies gilt jedoch nur, soweit die Tat ein
Sozialrecht: Nach der Kausalitätstheorie von der angemessenes Mittel ist, die Gefahr abzuwenden.
wesentlichen Bedingung unter mehreren Bedin-
gungen muss die zur Realisierung eines Tatbe- Einer Abwägung widerstreitender Interessen bedarf es
standes beitragende Bedingung die wesentliche z.B. beim Bruch der ärztlichen Schweigepflicht (§ 203
Bedingung gewesen sein. Das heißt, es müssen StGB) in Fällen von Kindesmisshandlung, zum Schutz
mehr Argumente für als gegen den Kausalzusam- des Patienten, seiner Angehörigen und/oder der Allge-
menhang sprechen. Damit muss unter mehreren meinheit, wenn andere angemessene Mittel die Gefahr
möglichen Bedingungen die wesentliche Bedin- nicht abwenden können.
gung ausgewählt werden. Allein die Möglichkeit,
dass eine Bedingung zur Realisierung beigetragen
hat, reicht nicht aus. 5.1.3 Schuld

Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass jeder


Mensch ab dem 14. Lebensjahr strafrechtlich schuldfä-
42 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

hig ist. Schuldhaft hat ein Täter gehandelt, wenn ihm 4 mechanischen Traumen einschließlich Schussver-
sein Tun oder Unterlassen persönlich vorwerfbar ist. letzungen
Unterschieden werden 2 Schuldformen: Vorsatz und 4 verschiedenen Formen des Erstickens
Fahrlässigkeit. 4 abnorme Temperatur- und Druckverhältnisse
4 Vorsatz umfasst das Wissen und Wollen der Ver- 4 elektrische Energie
wirklichung eines Tatbestandes (z.B. wissentlich 4 Intoxikationen
realisierte und gewollte Körperverletzung durch 4 Verhungern und Verdursten
Tun oder Unterlassen) und wird unterteilt in di-
rekten, indirekten und bedingten Vorsatz. Bei den Traumafolgen müssen primär traumabedingte
4 Fahrlässigkeit meint das Außerachtlassen der zu und sofort tödliche Verläufe abgegrenzt werden von
fordernden Sorgfalt durch einen grundsätzlich Sekundärfolgen eines Traumas (. Tab. 5.1).
5 rechtstreuen Täter, der bei pflichtgemäßer Anwen-
dung der zumutbaren Sorgfalt das Unrecht seines
Eine adäquate gutachterliche Beurteilung erfordert
eine exakte Beschreibung der als Folge einer Gewaltein-
Tuns oder Unterlassens hätte erkennen können. wirkung aufgetretenen Verletzungen (. Tab. 5.3).
4 Die persönliche Vorwerfbarkeit kann entfallen, Bei den Formen der Gewalt (. Tab. 5.2) gibt es
wenn eine Person nicht schuldfähig war. Übergänge und Zwischenstufen bzw. Kombinationen,
sodass eine genaue Einteilung im Einzelfall schwer
bis unmöglich sein kann. In zahlreichen Lehrbüchern
5.2 Traumata und Todesursachen wird z.B. die »halbscharfe Gewalt« nicht als eigene
Form aufgeführt.
Eine Kernaufgabe der Rechtsmedizin ist die Beurtei-
lung von Verletzungen hinsichtlich ihrer Entstehung.
Hierbei spielen Entstehungsart und Entstehungszeit 5.3 Vitale Reaktionen
eine Rolle. Oftmals geht es darum, bestimmte Behaup-
tungen zu stützen oder zu widerlegen oder Aussagen Bei allen Todesfällen ist zu prüfen, ob eine festgestellte
dahingehend zu treffen, welche von alternativ genann- Gewalteinwirkung zu Lebzeiten oder postmortal beige-
ten Geschehensabläufen die wahrscheinlichere ist, z.B. bracht wurde (z.B. »Verletzungen« beim Transport des
zur Entstehung eines Monokel- bzw. Brillenhämatoms Leichnams, durch Zerstückelung des Leichnams, durch
(. Abb. 5.1). postmortalen Tierfraß). Zugleich können aus Befun-
An erster Stelle steht die exakte Beschreibung einer den am Leichenfundort, insbesondere Blutspuren,
Verletzung mit genauer Lokalisation, Ausmaßen, Far- Rückschlüsse auf die posttraumatische Handlungsfä-
ben und welche Gewebearten wie verletzt sind. Diese higkeit des Opfers bzw. dessen Position zum Tatzeit-
Beschreibung wird schriftlich dokumentiert und oft- punkt gezogen werden. Zu derartigen Spuren zählen:
mals fotografiert (mit Maßstab). Über diese Informa- 4 Abwehrverletzungen – aktive/passive – als Beleg
tionen erfolgt eine Einteilung der Verletzungsart. Nicht für eine tätliche Auseinandersetzung bzw. erhal-
selten steht nur der Verletzungsbefund für rekonstruk- tene Handlungsfähigkeit
tive Überlegungen zur Verfügung und Angaben Be- 4 Abrinnspuren (Blut, Speichel, andere Flüssigkeiten
troffener müssen nicht zutreffend sein, insbesondere wie erbrochener Mageninhalt) am Leichnam bzw.
wenn nachteilige Rechtsfolgen drohen. Bei den For- am Leichenfundort erlauben eine Einschätzung
men der Gewalt wird unterschieden zwischen: der Position des Opfers (stehend, sitzend, liegend
in Rückenlage, Bauchlage, Links- oder Rechtssei-
tenlage, gebeugt, in kniender Position)

Neben Verletzungen als Folge einer Gewalteinwirkung


gibt es weitere sog. vitale Reaktionen, die ein Gelebtha-
ben zum Ereigniszeitpunkt belegen.

Definition
Vitale Reaktionen: Befunde, die belegen, dass
die einwirkende Gewalt (Trauma, Intoxikation
etc.) einen lebenden Organismus traf, der lokal
. Abb. 5.1 Brillenhämatom. Nicht mehr frisches Brillen- oder systemisch reagieren konnte.
hämatom als Folge von Faustschlägen
5.3 · Vitale Reaktionen
43 5

. Tab. 5.1 Unmittelbar tödliche Traumata (primäre Todesursachen) und spätere Traumafolgen (sekundäre Todes-
ursachen bzw. traumabedingte Komplikationen)

Primäre Todesursachen Sekundäre Todesursachen bzw. traumabedingte


Komplikationen

Verbluten nach innen oder außen, je nach insbesondere Protrahierter hämorrhagisch-hypovolämischer Schock
Herzvorschädigung und Geschwindigkeit des Verblu- (kalt-feuchte, blasse Haut, Durst, Übelkeit, u.U. Verwirrt-
tens bei einem Blutverlust ab ca. 1,5 l (bei Erwachsenen) heit, erhöhter Schockindex – Puls/Blutdruck)

Embolien, z.B. Fettembolie bei Weichgewebstrauma, Lungenembolien, wenn sie nicht akut sondern zeit-
Luftembolie bei Eröffnung großer herznaher Venen verzögert auftreten, z.B. fulminante Lungenthromb-
embolie nach traumabedingter Immobilität und tiefer
Beinvenenthrombose; Fettembolien posttraumatisch
durch Emulgation von Blutfetten (Verlegung von bis
aller Lungenkapillaren, zunehmende Rechtsherzbe-
lastung bis zum Überschreiten der Kompensationsfähig-
keit des Herzens)

Zerstörung lebenswichtiger innerer Organe (v.a. Herz, Infektionen, die als Wundinfektionen sekundär auftreten
Lunge, Gehirn, Leber, Rückenmark), entweder einzeln bis zum SIRS (systemic inflammatory response syndrome),
oder kombiniert nach Verkehrsunfällen, Sturz aus wenn 2 von 5 Voraussetzungen vorliegen:
großer Höhe, Überrollen oder Überfahren durch ein 4 stabkernige Granulozyten >10%
Schienenfahrzeug, Explosionen 4 Herzfrequenz >90/min
4 Atemfrequenz >20/min
4 Leukozyten >12.000/μl oder <4000/μl
4 Körpertemperatur >38 °C oder <36 °C

Ersticken, z.B. bei komprimierender Gewalt gegen den Sepsis bzw. Septikopyämie infolge Streuung von Mikro-
Hals oder Kompressionstrauma des Thorax (z.B. sog. organismen (Bakterien, Pilze) und toxischer Kreislaufdys-
Perthes-Druckstauung beim Verschütten) regulation auf z.B. bakterielle Endo- und Exotoxine

Traumata mit mechanischer Beeinträchtigung der Verbrennungskrankheit mit Ausschwemmung toxischer


Tätigkeit innerer Organe (z.B. epi-/subdurales Hämatom, Substanzen aus nekrotischem Gewebe, bei sog. Hitze-
bilateraler Pneumothorax, traumatische Perikard- inhalationstrauma mit hitzebedingter Schädigung des
tamponade) respiratorischen Epithels und sekundärer bakterieller
Tracheitis, Bronchitis und eitriger Pneumonie

Reflektorische Todesfälle, umstritten und erst nach Anaphylaktischer Schock als Immunreaktion auf Immuno-
Ausschluss anderer Todesursachen diagnostizierbar, gene (Proteine, Fremdserum, Insektenstich) oder Haptene
z.B. Bolustod, Karotissinusreflex, Reizung vagaler Fasern (Medikamente wie Analgetika, Antibiotika wie Penicillin,
bei Gewalt gegen den Hals oder den Plexus solaris Röngtenkontrastmittel) mit spezifischen oder kreuzreagie-
(Schlag gegen den Bauch) renden Antikörpern

Rhythmusstörungen des Herzens, insbesondere bei Allergietodesfälle nach Zufuhr des entsprechenden Aller-
der Contusio cordis, die bei Ausschluss anderer Todes- gens, makroskopisch Ödeme (Glottisödem), mikroskopisch
ursachen angenommen werden darf, wenn lokale Nachweis von Mastzellen, eosinophilen Granulozyten,
Hautverletzungen, subkutane Hämorrhagien und Antikörper im Serum
Mikrohämorrhagien im Myokard vorliegen

Zentrale Lähmung, d.h. durch Versagen der zentralen Primär nicht letale Traumata mit sub- oder epiduralem
Regulationsmechanismen als Folge einer direkten Hämatom und/oder Intoxikationen, die protrahiert über
traumatischen Schädigung des ZNS oder indirekt durch Stunden und Tage zu einer Steigerung des Hirndrucks
hypoxische Schädigung (Asytolie, Halskompression, führen mit Einklemmung des Hirnstammes im Foramen
Intoxikationen wie die CO-Intoxikation) magnum
44 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.2 Formen der Gewalt

Form der Unterform Mechanismus Waffe, Werkzeug, Befunde


Gewalt Gegenstand (Bsp.)

Scharfe Schnitt Schneiden mit einer Messer, Scherbe, Glas, Glatte Wundränder
Gewalt scharfen Klinge Rasierklinge, Papier

Stich Stechen mit einer Messer, Scherbe, Schere Glatte Wundränder, Wund-
spitzen Klinge winkel

Halbscharfe Hieb: Kombination Beil, Schwert, Zähne Wundränder teils glatt, teils
5 Gewalt aus scharfer und fetzig; Quetschung oder
halbscharfer Gewalt; Zerreißung der Weichteile,
Beißen ggf. Knochenbrüche

Sägen Säge Fetzig-geriffelte Hautverlet-


zung, z.T. in regelmäßigen
Abständen; typische Schar-
tenbildungen an den Knochen

Stumpfe Nicht Schlagen, Treten oder Hand, Faust, (beschuh- Hämatom, Schürfwunde,
Gewalt geformt Stoßen mit großer ter) Fuß Quetsch-Riss-Wunde, ggf.
Auftrefffläche, Sturz Knochenbrüche
auf flache Ebene

Geformt Schlag mit kantigem Hammer, Stein, Stock, Hämatom, Schürfwunde,


Gegenstand, Tritt Kantholz, Türrahmen, Quetsch-Riss-Wunde jeweils
(Schuhsohle), Sturz auf Tischkanten, beschuhter mit erkennbaren Kanten oder
einen vorstehenden Fuß Formen der Auftrefffläche;
Gegenstand ggf. Knochenbrüche; typische
Doppelkonturen bei Stock-
schlägen, Schuhprofilabdruck

Punktförmige Schuss, Spießung Schusswaffe, Bolzen- Rundliche Wunde mit zentra-


Gewalt schussgerät, Pfeil, Speer lem Defekt; ggf. zusätzlich
Schnabel adaptierbare, meist sternför-
mige Hautaufreißungen

Thermische Hitze Verbrennen, Offene Flamme, Lokal: Verbrennungen,


Gewalt Verbrühen erhitzter Gegenstand; Verbrühungen;
heiße Flüssigkeiten, Systemisch: Hyperthermie
Gase und Dämpfe;
Umgebungstemperatur

Kälte Wärmeabfluss Niedrige Umgebungs- Lokal: Erfrierungen;


temperatur; Selten Systemisch: Hypothermie
kalter Gegenstand

Elektrische Strom, Stromfluss, Elektrische Leiter Lokale Hautrötungen,


Energie Blitzschlag »Stromschlag« Strommarke, Verkochungen,
Verbrennungen
5.3 · Vitale Reaktionen
45 5

. Tab. 5.3 Beispiele nicht präziser und präziser Beschreibung von Verletzungen

Nichtpräzise Präzise Beschreibung Beurteilung


Beschreibung

Hämatome am 2–3 cm durchmessende blau-livide, gut demarkierte Hämatome im Sinne sog.


Unterarm Hämatome im mittleren Drittel der Streckseite des rechten Abwehrverletzungen
Unterarmes

Hämatom am Ca. 3 cm durchmessendes unscharf demarkiertes Hämatom Bei Ausschluss eines Treppen-
Schädel oberhalb der sog. Hutkrempenlinie und in der Körpermittel- sturzes passend zu einer
linie Schlagverletzung

Blutende Wunde 2,5 cm messende, in Körperquerrichtung gestellte, glatt- Stich-/Schnittverletzung,


der Brusthaut randige Wunde ohne Gewebebrücken in den spitzbogen- am ehesten Messer mit zwei-
artigen Wundwinkeln mit einseitig abgeschrägtem unteren schneidiger Klinge; die Ver-
Wundrand in der Brusthaut, 3 cm unterhalb der linken Brust- letzungslokalisation lässt
warze Rückschlüsse auf die Inten-
tion des Täters zu

Schussverletzung Schussverletzung mit rundovalem zentralen Defekt von Oberbauchdurchschuss mit


der Bauchhaut 0,8 cm Durchmesser, nichtadaptierbaren Wundrändern und Einschussverletzung auf der
links und rechts sog. Schürfsaum in der rechtsseitigen Bauchhaut 2 cm rechten und Ausschussver-
unterhalb des Rippenbogens in Höhe der mittleren Axillar- letzung auf der linken Seite
linie; sternförmige Schussverletzung von 1,5 cm Durch-
messer mit adaptierbaren Wundrändern in gleicher Höhe
auf der linken Seite

Hämatom der In Körperlängsrichtung verlaufendes 1,3 cm langes Häma- Hämatom im Sinne einer
Mundschleimhaut tom der Unterlippenschleimhaut 2 cm rechts der Körper- sog. Zahnabdruckkontur, am
mittellinie in Projektion auf den gelockerten Eckzahn ehesten Schlagverletzung

Rötung der Haut Flache, trockene, rot-bräunliche Hautverkrustung streck- Nicht mehr ganz frische
über den Knien seitig in Höhe des Unterrandes der Kniescheiben und an der Hautschürfungen in sturz-
und Ellenbogen Außenseite über den Ellenbogengelenken typischer Lokalisation

Bei der Interpretation von vitalen Reaktionen ist im-


mer das Spurenbild am Ereignisort zu berücksichtigen,
da u.U. Rückschlüsse auf die Handlungsfähigkeit des
Gewaltopfers (z.B. Schuh- oder Fußabdruckspuren des
Opfers in Blutlachen bei Blutantragungen an Schuh-
oder Strumpfsohlen) oder auf die Reihenfolge der
Entstehung von Verletzungen möglich sind. Arterielle
Blutspritzspuren sind abzugrenzen gegen Schlag-
Spritz-Spuren (Hineinschlagen in eine blutende Wun-
de oder eine Blutlache) oder Abschleuderspuren (Blut-
spritzer ausgehend vom Schlagwerkzeug). Häufiger
Beleg einer zu Lebzeiten erfolgten Einwirkung auf
den Organismus sind Hämorrhagien, die teilweise erst
im Rahmen einer Obduktion nachgewiesen werden

. Abb. 5.2 Hämorrhagien. Sog. Simon‘sche Blutungen in


den Zwischenwirbelscheiben als Vitalitätszeichen beim Tod
durch Erhängen
46 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

! Je höher der intrakapilläre Stauungsdruck,


können (.Reaktionen
Vitale Abb. 5.2). sind: desto kürzer die Zeit bis zum Auftreten von
4 Blutungen (Hämorrhagien) Petechien bzw. Ekchymosen.
4 Embolien
4 Akutes Lungenemphysem, Aspiration Petechien und Ekchymosen können postmortal ent-
(einschl. Ertrinken) bzw. Inhalation stehen, insbesondere bei Kopftieflage in der Gesichts-
4 Gastrointestinale Befunde: Verschlucken, haut bzw. den Schleimhäuten des Mundvorhofes.
Erosionen der Schleimhäute Als vitale Reaktion sind diese Stauungsblutungen da-
4 Lokale Reaktionen (z.B. Wundheilung) her nur in nicht hypostatischen Körperregionen zu
4 Biochemische vitale Reaktionen (z.B. agono- werten. Blutungen führen häufig zu Hämatomen, de-
chemische Stressreaktion) ren Art (Größe, Form), Lokalisation und Farbe von
5 großer gutachterlich-rekonstruktiver Bedeutung sind.
Eine Übersicht zu Blutungen als vitale Reaktionen gibt
. Tab. 5.4. Bei der forensischen Beurteilung des Alters
5.3.1 Vitale Reaktionen – Blutungen einer vitalen Reaktion (forensische Zeitschätzung)
können im frühposttraumatischen Intervall enzym-
Verletzungen von Arterien, Venen und Kapillaren füh- und immunhistochemische Färbungen hilfreich sein.
ren im Regelfall zu Rhexisblutungen am Ort der ein- Der Tod durch Verbluten tritt bei Erwachsenen
wirkenden Gewalt, z.B. unterblutete Wundränder. Bei nach einem Blutverlust ab ca. 1,5 l bzw. ab einem aku-
ausreichender Druckdifferenz kommt es jedoch auch ten Verlust von ca. 40% des Blutvolumens auf. Trotz
zu postmortalen Blutungen. Von beiden Blutungsur- sofortiger Substitution (Bluttransfusionen, Volumen-
sachen abzugrenzen sind Diapedesis-Blutungen oder substitution) kann sich ein hämorrhagisch-hypovolä-
Blutungen als Folge einer Störung der Blutgerinnung mischer Schock entwickeln. Der makroskopische wie
(z.B. bei hämorrhagisch-hypovolämischem und sep- mikroskopische Nachweis von Schockorganen sind
tischem Schock oder bei Heparin- bzw. Marcumar- dann sichere Vitalitätszeichen.
Therapie). Kapilläre Blutungen in Form von Petechien
in der Haut bzw. Ekchymosen der Schleimhaut sind Hämatome. Das Alter posttraumatisch auftretender
Folge einer intrakapillären Druckerhöhung. Für da- Hämatome kann anhand der Begrenzung und Farbge-
durch entstehende sog. Stauungsblutungen gilt: bung nur ungefähr geschätzt werden und hängt von

. Tab. 5.4 Blutungen als vitale Reaktionen

Art des Traumas Vitale Reaktion des Organismus

Verletzung größerer arterieller bzw. Blutung in umgebende Weichteilgewebe (z.B. in das Interkostalgewebe bei
venöser Blutgefäße Rippenfraktur, in die Oberschenkelmuskulatur bei Femurfraktur) oder in
präformierte Körperhöhlen (Hämatothorax, Perikardtamponade, Hämarthros)

Verletzung großer Gefäße mit erheb- Zeichen des Verblutens: Totenflecke von geringer Ausdehnung und Inten-
lichem Blutverlust (Verbluten) sität (DD: Anämie!), Hervortreten der sog. Eigenfarbe der inneren Organe,
Runzelung der Milzkapsel, streifige subendokardiale Blutung (sog. Ver-
blutungsblutungen), Anämie der Haut und der Schleimhäute

Komprimierende Gewalt mit intraka- Blutaustritt in Form von Petechien der Haut (z.B. der Hals- und Gesichtshaut
pillärem Druckanstieg (z.B. atypisches oberhalb der Kompressionsebene beim Drosseln, ober- und unterhalb der
Erhängen, Erdrosseln, Erwürgen) Gewalteinwirkung bei sog. Perthes-Druckstauung)

Traumatische Schädelbasisfraktur Blutaustritt in die Mundhöhle mit tiefer Blutaspiration (Cave: postmortal
passives Einbluten der Atemwege möglich)

Hämatome der Haut und der Schleim- Vital, wenn gut abgrenzbar, außerhalb hypostatischer Bezirke gelegen und
häute mit bereits erfolgter Änderung der Farbgebung oder Zeichen der Hämatom-
organisation (histologisch); u.U. sind enzym- und immunhistochemische
Untersuchungen zur Vitalitäts- und Wundaltersbestimmung hilfreich
5.3 · Vitale Reaktionen
47 5

. Tab. 5.5 Veränderungen bei Hämatomen

Farbe und Begrenzung Hämatomalter

Graublau: gut demarkiert, Schnittfläche schwarzrot-glänzend Frisch

Blauviolett: nicht mehr ganz frisch, etwas unscharf begrenzt Maximal wenige Tage

Grünlich: nicht frisch, unscharf begrenzt Mind. 4–5 Tage, meist 6–8 Tage

Gelblich: älter, randständig deutlich verwaschene Grenze Ca. 8 Tage

Braunrot Keine Beurteilung möglich

mehreren Faktoren ab, insbesondere von der Lokalisa- 5.3.2 Embolien


tion der Blutung, der Ausdehnung und der Blutungstie-
fe im Gewebe. Als sichere vitale Reaktion sind alle Arten von Embo-
lien anzusehen, da die embolische Verschleppung
! Bei der Untersuchung lebender Gewaltopfer
von Substanzen, Zellen, Fremdkörpern etc. immer an
ist zu bedenken, dass Hämatome oftmals erst
die Existenz eines noch funktionierenden Blutkreis-
nach 12–24 Stunden ihre intensivste Ausprä-
laufes gebunden ist. Körpereigene und körperfremde
gung zeigen können.
Stoffe können verschleppt werden (Fett, Zellen, Ge-
Kleine Hämatome werden rascher resorbiert als große webe, Luft, Öle, Projektile) (. Tab. 5.6). Der Nachweis
Hämatome. Nach anfänglich relativ scharfen Häma- einer Reihe von Emboliearten kann nur mikroskopisch
tomgrenzen von graublauer Farbe sieht man mit zu- erfolgen.
nehmendem Hämatomalter eher unscharfe Grenzen.
Auf der Schnittfläche – orthogonal zur Haut des Leich- Definition
nams – imponieren frische Hämatome schwarzrot- Paradoxe bzw. gekreuzte Embolie: Ursprungsort
glänzend, ältere Hämatome zunehmend matt-braun- des Embolus ist eine Vene des großen Blutkreis-
rötlich. Insbesondere große Hämatome können im laufs, Verschleppung durch offenes Foramen ova-
Zentrum noch »frisch« imponieren, während in den le oder arteriovenöse Anastomosen in den arteri-
Randregionen bereits eine gelblich-grünliche Verfär- ellen Kreislauf.
bung festzustellen ist.
! Bei Hämatomen ist eine Beschreibung der
Bei rechtsmedizinischen Fragestellungen dominieren
Lokalisation, der Größe, der Form, der Aus-
die Thromb- und die Fettembolien, deren Nachweis
richtung, der Abgrenzung gegenüber der Um-
die Kausalität zwischen einem erlittenen Trauma und
gebung und der Farbe mit Hilfe einer Farb-
dem Todeseintritt dokumentieren kann (. Abb. 5.3).
skala wünschenswert bei gleichzeitiger foto-
grafischer Dokumentation unter Verwendung
eines Maßstabs. Von besonderem Interesse
sind geformte Hämatome, die den Abdruck
eines Gegenstandes reflektieren können.
Die Beurteilung von Hämatomen, v.a. eine Schätzung
des Hämatomalters, sollte zurückhaltend erfolgen.
Häufig kann lediglich die Frage nach einer einzeitigen
oder zweizeitigen Entstehung von Hämatomen beant-
wortet werden. Überwiegend wird der Farbverlauf bei
Hämatomen in Relation zum Zeitablauf angenommen
wie in . Tab. 5.5 angegeben, allerdings bestehen erheb-
liche Variationen.

. Abb. 5.3 Massive pulmonale Fettembolie


48 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.6 Forensisch relevante Embolien

Art der Embolie Mögliche Ursachen, gutachterliche Relevanz, Nachweis (Beispiele)

Akute oder rezidivierte Bettlägerigkeit bei Z.n. Trauma (frischer oder älterer Verkehrsunfall), Spontan-
Lungenthrombembolie thrombose und Thrombembolie; unzureichende Antikoagulation

Fettembolie (in Arteriolen und Posttraumatisch (Décollement); Tod durch Unterkühlung; Z.n. Liposuktion;
Septumkapillaren der Lunge; Bei vorbestehender Erkrankung, z.B. nichttraumatische Fettembolie bei akuter
in den Glomerulumschlingen gelber Leberdystrophie
der Niere; intrazerebral)

Knochenmarkembolie Posttraumatisch bei Frakturen der großen Röhrenknochen (Verkehrsunfälle);


5 als Schockäquivalent; intraoperativ v.a. bei Implantation einer Hüftgelenktotal-
endoprothese (TEP); als Reanimationsfolge

Fruchtwasserembolie In der Schwangerschaft; bei der Geburt; histologisch Nachweis von Fruchtwasser-
bestandteilen in der Lunge (Keratinlamellen, Mekonium, Lanugohaare, Schleim),
z.T. mit Zeichen eines beginnenden Schocks (Mikrothromben, Thrombozyten-
aggregate)

Megakariozytenembolie Schockäquivalent: finale Schocksituation unterschiedlicher Genese

Fremdkörperembolie bei i.v. Sog. Fixerpneumopathie mit embolisch verschlepptem Fremdmaterial nach
Drogenabusus Injektion von »gestreckten« Betäubungsmitteln

Gasembolie: Luftembolie, Nach tiefer Halsschnittverletzung mit Eröffnung größerer Venen; suizidale venöse
Stickstoffembolie Injektion von Luft; Stickstoffembolie bei Caisson-Krankheit (sog. Taucherkrankheit);
histologisch rundliche Aussparungen mit umgebenden Leukozyten- und Thrombo-
zytenaggregaten (DD Fäulnisgas!); radiologischer Nachweis, Luftembolieprobe
nach Richter, Gasanalyse

Gewebeembolien Embolische Verschleppung von spezifischem Organgewebe, in seltenen Fällen


als Tumorgewebe-Embolie (sog. Parenchymembolie)

Arterielle Embolie In der Regel Thrombembolie, ausgehend von (gelegentlich infizierten) parietalen
Thromben im linken Herzen (Vorhofthrombus), der Herzklappen, des Endokards oder
nach traumatischer Schädigung der Gefäßintima; Vorhofflimmern; Endokarditis;
thrombosiertes Herzwandaneurysma

Cholesterinkristallembolie Selten; arteriell-embolisch verschleppte Cholesterinkristalle aus aufgeplatzten


Atherombeeten

Parasitenembolie Selten; Verschleppung von Parasiten/Parasitenbestandteilen

Bakterienembolie Verschleppung von Bakterien bei Sepsis; z.B. sog. Löhlein-Herdnephritis bei bakte-
rieller Endokarditis lenta; septischer bzw. infizierter (Thromb-)Embolus

Iatrogene Embolie TUR-Syndrom mit intraoperativer embolischer Verschleppung von Spülflüssigkeit


über die eröffneten Venen des Plexus venosus prostaticus; Embolien nach Punk-
tionen; Zementkalkembolie bei Totalendoprothese (TEP)

Sonstige Fremdkörper- bzw. Embolisch verschlepptes Projektil nach Schussverletzung


Fremdstoffembolie

Für eine letale Fettembolie sind ca. 20–30 g Fett zu phisch untersucht werden, um typische Fäulnisgas-
verlangen, bei der Luftembolie sollen Luftvolumina bestandteile wie Kohlendioxid, Wasserstoff, Methan
von mindestens 70 ml erforderlich sein nach Eröff- und Schwefelwasserstoff nachzuweisen bzw. auszu-
nung herznaher Venen. Bei der Obduktion kann die schließen.
Luft bzw. das Gas asserviert und gaschromatogra-
5.3 · Vitale Reaktionen
49 5
5.3.3 Befunde am Respirations-
und Magen-Darm-Trakt
(akutes Lungenemphysem,
Aspiration, Inhalation, Magen-
schleimhauterosionen)

Neben Blutungen und Embolien können zahlreiche


weitere Befunde ein Gelebthaben zum Zeitpunkt der
Gewalteinwirkung bzw. Schädigung belegen. Am Tra-
cheobronchialsystem führen die Aspiration und In-
halation von Flüssigkeiten, sonstigen Substanzen und
Gasen zu einer postmortal nachweisbaren Reaktion
des Organismus. Bei der Aspiration als Vitalitätszei-
chen ist v.a. an eine Einatmung von Blut, Ruß bzw.
Rußstaub und Mageninhalt zu denken. Bei Verschüt-
tungsopfern kann die Verschüttungssubstanz (z.B.
Sand) aspiriert werden, beim Tod durch Ertrinken die
Ertrinkungsflüssigkeit (Süß- oder Salzwasser, sonstige
Flüssigkeiten).
! Zu fordern ist der Nachweis einer tiefen Aspi-
ration bis in die peripheren Äste des Bronchial-
baumes (in die Bronchiolen), da Flüssigkeiten
passiv, z.B. beim Leichentransport, bis in die
Hauptbronchien gelangen können.
Als Beleg für ein Gelebthaben zum Zeitpunkt der Ge-
walteinwirkung finden sich je nach Situation Befunde . Abb. 5.4 Tiefe Aspiration von Rußstaub als Zeichen des
am Respirationstrakt als Folge einer traumatisch be- Gelebthabens zum Zeitpunkt des Brandausbruchs
dingten Überblähung des Lungengewebes (akutes
Lungenemphysem) und nach Aspiration bzw. Inhala-
tion (. Tab. 5.7; . Abb. 5.4). 5.3.4 Weitere vitale Reaktionen
Der Nachweis von Ertrinkungsflüssigkeit im Ma- (Hautreaktionen, Wundheilung,
gen ist zwar ein Vitalitätszeichen, belegt aber nicht Fett- und Muskelgewebe, bio-
notwendigerweise einen Tod durch Ertrinken. Ein sog. chemische vitale Reaktionen)
Schaumpilz vor den Atemöffnungen ist ein vitales Ge-
schehen, muss jedoch im Kontext weiterer Kenntnisse Ebenso wie kleinere Blutungen im Weichteilgewebe als
hinsichtlich seiner todesursächlichen Bedeutung in- Folge grober stumpfer Gewalt auch noch frühpost-
terpretiert werden. mortal beibringbar sind, müssen diskrete hyperä-
mische Randsäume bei einer (Haut-)Verletzung oder
! Ein (blutiger) Schaumpilz vor den Atemöff-
Strommarken nicht zwingend zu Lebzeiten entstan-
nungen kann Folge der Aspiration von Blut
den sein. Zu Lebzeiten erfolgte Durchtrennungen von
sein, von Ertrinkungsflüssigkeit oder Aus-
Geweben führen zu einer Retraktionsreaktion unter-
druck eines schweren (hämorrhagischen)
schiedlicher Intensität, z.B. bei Muskelgewebe, arte-
Lungenödems mit retrograd aufsteigender
riellen und venösen Gefäßstümpfen, Haut und Binde-
schaumiger Flüssigkeit bis vor die Atemöff-
gewebe. Derartige Geweberetraktionen sind keine
nungen (z.B. bei Todesfällen durch Drogen).
zuverlässige vitale Reaktion, vor allem nicht in der
Bei einem Leichnam im Wasser nach einem Ertrin- Supravitalphase, wo Gewebe noch postmortal retra-
kungstod kann ein Schaumpilz erst auftreten, wenn die hieren kann. Hämorrhagien können nach grober
Atemöffnungen oberhalb der Wasseroberfläche zu lie- stumpfer Gewalt mit Zertrümmerung des Körpers
gen kommen. außerhalb des Ortes der Gewalteinwirkung vorkom-
men, z.B. sog. Zerrungsblutungen in Höhe des An-
satzes von Muskeln, und gelten dann als noch zu Leb-
zeiten entstanden.
50 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.7 Vitale Reaktionen: Befunde am Respirations- und Magen-Darm-Trakt

Befund Ursache und Nachweis der vitalen Reaktion

Akutes Lungenemphysem Final heftige Atemexkursionen (Ersticken, Halskompression, Verlegung der Atemwege –
Ausnahme: sog. Bolustod, v.a. periphere Überblähung der Lungen mit rupturierten
Alveolarwänden [Histologie!]); Lungenflügel berühren sich in der Körpermittellinie
(z.B. beim Tod durch Ertrinken; sog. Emphysema aquosum)
Cave: Reanimation mit Beatmung, Fäulnis

Tiefe Rußstaubinhalation Bei (Schwel-)Brand Nachweis von Rußstaub in den peripheren Ästen des Bronchial-
baumes und regelmäßig zugleich toxische CO-Hb-Konzentrationen im Blut
5 Hitzeinhalationstrauma Inhalation heißer Luft: histologisch nachweisbare Hitzeschädigung des respiratorischen
Epithels mit basalständigen Vakuolen und elongierten Zellkernen, häufig verbunden
mit Rußstaubauflagerungen

Rußverschlucken Nachweis von Rußpartikeln im Magen als Folge aktiven Schluckens zu Lebzeiten bei
Brandtodesfällen

Speisebreiaspiration Relativ häufiges finales Geschehen, als vitale Reaktion nur akzeptabel bei tiefer Speise-
breiaspiration mit peripherem akuten Lungenemphysem

Blutaspiration Häufiger Befund bei SHT mit Schädelbasisfraktur, sog. »schachbrettartig« oder auch
leopardenfellähnlich angeordnete subpleurale Blutungen als Folge einer tiefen Blut-
aspiration

Aspiration von Hirngewebe Bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma und kurzzeitig noch erhaltener Atemtätigkeit

Aspiration von Flüssigkeit Aspiriertes Blut oder sonstige aspirierte Flüssigkeit vermischt sich mit der Luft in den
Atemwegen, es entsteht blutiger Schaum bzw. schaumige Flüssigkeit (u.U. Schaumpilz
vor den Atemöffnungen)

Erosionen der Magen- Im Rahmen eines Schockgeschehens (Schockäquivalent) oder als sog. Wischnewsky-
schleimhaut Flecken beim Tod durch Unterkühlung

Verschlucken sonstiger Willkürliches Schlucken bzw. peristaltischer Transport von Blut, Fremdkörpern, Zahn-
Substanzen/Flüssigkeiten fragmenten, Gebissteilen oder z.B. Ertrinkungsflüssigkeit (gilt allein nicht als Nachweis
eines Ertrinkens!)

Positive Lungenschwimm- Bei Neugeborenen zum Nachweis des Gelebthabens außerhalb des Mutterleibes
probe

Positive Schwimmprobe Bei Neugeborenen gemeinsam mit der Lungenschwimmprobe zum Nachweis des
von Magen und Darm Gelebthabens außerhalb des Mutterleibes

Gegebenenfalls stellen histologisch bzw. immun- agonochemische Stressreaktion, bei der die postmortal
histochemisch nachweisbare Reaktionen v.a. am bestimmten Konzentrationen an Katecholaminen kor-
Wundrand eine vitale Reaktion dar. Die wesentlichen relieren sollen mit der Agoniedauer.
Wundheilungsprozesse sind mit konventionell-histo-
logischen Färbetechniken darstellbar. Als Orientierung
können die in . Tab. 5.8 genannten zeitlichen Abläufe 5.3.5 Zeichen posttraumatisch
zugrunde gelegt werden, die eine ungefähre Alters- erhaltener Handlungsfähigkeit
bestimmung von Verletzungen erlauben: Abschätzung
des Zeitintervalls zwischen Verletzungsentstehung Nicht jede Gewalteinwirkung muss zu einer sofortigen
und Todeseintritt. Handlungsunfähigkeit der verletzten Person führen.
Biochemische Prozesse können im Einzelfall als Die Handlungsfähigkeit hängt von der Lokalisation
Vitalreaktion herangezogen werden, vor allem die sog. und Schwere der Verletzung ab. Neben bewussten
5.3 · Vitale Reaktionen
51 5

. Tab. 5.8 Histologische Chronologie der Wundheilung

Zeit Histologischer Befund

Akut Hämorrhagien (unterblutete Wundränder)

Minuten Blutgerinnung: in Fibrinnetze eingelagerte Erythrozyten, Mikrothromben in benachbarten


Gefäßen
Expression proinflammatorischer Zytokine (Interleukine etc.), von Adhäsionsmolekülen (ICAM-1,
VCAM-1) und Selektinen auf aktivierten Endothelzellen (Organisation der Leukozyteninvasion)

Stunden Ödematöses Gewebe (Schwellung der Wundränder), evtl. hämorrhagische Demarkierung des
Wundregion

Ab ca. 1 h, z.T. Invasion von Leukozyten (Granulozyten, Monozyten, Makrophagen, Lymphozyten, Lipophagen,
deutlich später Erythrophagen)

Ab ca. 12–24 h Auftreten von Fibroblasten, Angioblasten; deutlichere granulozytäre Reaktion

Ca. 3 Tage Erstes lockeres Granulationsgewebe, zugleich resorbierende Prozesse: Abraumreaktion mit
(evtl. 4–6 Tage) ersten Siderophagen (hämosiderinpigmentbeladene Makrophagen; positive Berliner-Blau-
Reaktion), Lipophagen

Ca. 4–6 Tage Erste neugebildete kapilläre Blutgefäße (Angiogenese), leukozytäre Abraumreaktion (Sidero-
phagen, Lipophagen); Re-Epithelisierung verletzter Oberflächen

Ab ca. 1 Woche Zunehmend dichteres kollagenes Fasergewebe, Auftreten agyrophiler Fasern

Mehrere Wochen Dichteres kollagenes Fasergewebe (Narbengewebe; Fibrozyten, Fibroblasten)

Monate Zellarmes, dichtes kompaktes Narbengewebe, wenig kapillarisiert, einzelne Siderophagen,

Merke: Die Vitalität der Wundheilung variiert, bei alten Menschen muss u.U. eine verzögerte Chronologie ange-
nommen werden.

Handlungen sind auch bei bereits Bewusstlosen ablau- Bei Stich-/Schnittverletzungen hängt die Zeit bis
fende Automatismen bzw. Reflexe und Streckkrämpfe zum Eintritt der Handlungsunfähigkeit wesentlich von
möglich. Eine möglicherweise erhalten gebliebene der Geschwindigkeit des Blutverlustes ab. Zu einer
Handlungsfähigkeit ist v.a. bei folgenden Fallkonstella- massiven raschen Blutung kommt es bei Verletzungen
tionen zu bedenken: der Herzhöhlen, der Aorta und der A. pulmonalis, li-
4 Selbst beigebrachte Verletzungen, die erst in der mitierend können jedoch eine akute Perikardtampo-
Summe zur späteren Handlungsunfähigkeit ge- nade (Todeseintritt ab ca. 250–300 ml Blut im Herz-
führt haben bzw. bei denen die zuletzt beige- beutel) oder eine massive Blutaspiration sein. Bei we-
brachten Verletzungen eine Handlungsunfähigkeit niger raschem Blutverlust bleibt die Handlungsfähig-
bewirken. keit üblicherweise bis zum Eintritt des hämorrhagischen
4 Sich widersprechende Aussagen insbesondere zur Schocks erhalten.
Chronologie des Tatgeschehens. Bei komprimierender Gewalt gegen den Hals, v.a.
4 Wenn der Fundort des Leichnams nicht dem Tat- beim Erhängen, kommt es sehr rasch zur Bewusst-
ort entspricht und eine Verbringung des Bewusst- losigkeit und Handlungsunfähigkeit, wohingegen bei
losen bzw. des Leichnams durch Dritte ausge- stumpfer Gewalt mit Schädelfrakturen und Hirnverlet-
schlossen ist. zungen je nach Intensität und Lokalisation die Hand-
lungsfähigkeit noch erhalten sein kann. Bei Verletzun-
In der Praxis kommt eine erhaltene Handlungsfähigkeit gen des Halsmarks kann es zu einer weitgehenden
bei Schussverletzungen des Schädels vor, insbesondere Bewegungsunfähigkeit kommen, die trotz vorhande-
wenn nur Frontalhirnanteile verletzt wurden (eher bei nen Bewusstseins keine Handlungen mehr erlaubt.
kleinkalibrigen Projektilen). Verletzungen des Hirn-
stamms sowie des Zwischen- und Mittelhirns führen in
der Regel zu sofortiger Handlungsunfähigkeit.
52 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

5.4 Stumpfe Gewalt

Ç Fallbeispiel
Ein 57-jähriger Patient mit einer Quetsch-Riss-
Wunde an der Stirn und mehreren Hämatomen an
Rumpf und Extremitäten wird in die Notaufnahme
gebracht. Der Patient muss sich mehrfach über-
geben und erklärt, dass er sich nicht erinnern könne.
Es wird eine Blutalkoholkonzentration (BAK) von
0,54‰ gemessen. Die Begleitperson gibt an, dass
der Verletzte in einem Lokal verprügelt worden sei.
. Abb. 5.5 Einseitig umklappbare, abgehobene Epider-
5 Der Patient wird wegen des Verdachts auf ein
Schädel-Hirn-Trauma (SHT) stationär aufgenommen.
misanteile (Hautfähnchen) bei tangentialer Gewalt gegen
die Haut (sog. Epithelmoräne)
Eine intrakranielle Blutung wird mittels CT aus-
geschlossen. Parallel wird von den behandelnden
Ärzten nach Rücksprache mit dem Patienten die Hautschürfung ist eine tangentiale Gewalt gegen die
Polizei informiert. Die Begleitperson nennt den Haut mit Ausbildung abgehobener Epidermisanteile
Beamten die Wohnanschrift des Täters und weitere (sog. Epithelmoräne; . Abb. 5.5).
Zeugen. Trifft beispielsweise die 25 × 25 cm messende
Etwa 15 Monate später kommt es zur Gerichtsver- Schlagfläche eines Holzhammers in der Mitte auf den
handlung. Der erstbehandelnde Arzt wird als sach- Hirnschädel, werden die Begrenzungen der entstehen-
verständiger Zeuge geladen. Er gibt an, dass er sich den Wunde durch die Anatomie des Schädels, also
nicht mehr erinnere. Ihm wird sein handschriftlicher durch seine Konvexität vorgegeben. Es bildet sich kei-
Befund vorgehalten: »Amnesie, Nausea, Erbrechen. ne für die Waffe charakteristische Form der Verlet-
Kopfplatzwunde, multiple Hämatome«. Der Arzt zung, man würde von einer nichtgeformten stumpfen
sagt, dass er heute keine genaueren Angaben mehr Gewalt sprechen. Trifft dieselbe Stelle des Hirnschä-
machen könne. Auf Befragen äußert er , dass keine dels im Rahmen eines Sturzgeschehens auf eine gerade
Fotodokumentation stattgefunden habe und dies Fläche wie z.B. auf einen Holzfußboden, kann ein von
auch nicht seine Aufgabe sei. dem vorgenannten nicht zu unterscheidendes Verlet-
Der Angeklagte hatte zuvor behauptet, dass der zungsbild entstehen. Es würde sich ebenfalls um eine
57-Jährige mit der Stirn auf einen Barhocker gestürzt nichtgeformte stumpfe Gewalt handeln. Erfolgt dage-
sei. Die Zeugen hatten kurz nach der Tat ausgesagt, gen mit dem erwähnten Holzhammer ein Schlag gegen
dass sie nichts mitbekommen haben. Der Mann, der die Mitte des Rückens, werden die Grenzen der Wunde
den Verletzten ins Krankenhaus gebracht hatte, war durch die Kanten der Schlagfläche des Hammers vor-
zwischenzeitlich verstorben. Der Verteidiger betont gegeben. Im Idealfall bildet sich die Fläche vollständig
in seinem Plädoyer, dass alles für einen Sturz spre- in der Verletzung der Rückenhaut ab. Es wäre damit
che und die Hämatome, wie viele es auch immer eine geformte Verletzung sichtbar. Trifft der Holzham-
gewesen seien, alle oder zumindest größtenteils vor mer nicht mit der Mitte seiner Schlagfläche sondern
dem Vorfall entstanden sein könnten. Dem folgt das mit einer der Kanten auf den Hirnschädel, kann dies
Gericht und spricht den Angeklagten frei. zumindest einseitig die Wundgrenze vorgeben und
letztlich eine geformte stumpfe Gewalteinwirkung dar-
stellen. Die Wundmorphologie ist besonders davon
Charakteristisch für die stumpfe Gewalt ist die Kolli- abhängig, ob das Schlagwerkzeug flächenhaft oder
sion des menschlichen Körpers mit einem Gegenstand kantig auftrifft (. Abb. 5.6 und . Abb. 5.7).
bzw. einer Oberfläche. Dabei kann sich ein Gegenstand
gegen den Körper bewegen, wie beim Schlag oder Stoß. ! Die Verletzungsfolgen von stumpfer Gewalt
Beim Sturz bewegt sich umgekehrt der Körper gegen sind neben dem auftreffenden Gegenstand
den Gegenstand. Bei Verkehrsunfällen kommt es häu- abhängig von Intensität, Bewegungsrichtung
fig zu einer Kombination aus beiden Bewegungen. (Kraftvektor) und dem postexpositionellen
In Abhängigkeit von der auf den Körper auftref- Intervall. Falls es zur Hautdurchtrennung ge-
fenden Fläche und der Lokalisation am Körper kann kommen ist, stellen die sog. Gewebebrücken
eine Hautschürfung, eine sog. geformte oder nicht- am Wundgrund und in den Wundwinkeln ein
geformte Verletzung entstehen. Voraussetzung für eine wichtiges diagnostisches Kriterium dar.
5.4 · Stumpfe Gewalt
53 5

. Abb. 5.6 Wundmorphologie bei flächenhaftem und . Abb. 5.8 »Doppelstriemen«. Schematische Darstellung
kantigem Auftreffen des Schlagwerkzeugs des Entstehungsmechanismus

Das Auftreffen einer Kante auf den Schädel ist häufig


mit einer schrägen Richtung der Gewalt assoziiert. Es
kann eine relativ glattrandige Wunde mit auf den
ersten Blick fehlenden Gewebebrücken entstehen.
Diese Wunden sind jedoch meist aus Richtung der auf-
getroffenen Gewalt von superfizial bis in die Tiefe rei-
chend angeschrägt und auf der anderen Seite unter-
miniert. In dieser Unterminierung sind dann Gewebe-
brücken nachweisbar. Typische Verletzungen nach
stumpfer Gewalt sind in . Tab. 5.9 angegeben.
An allen Verletzungen in der Haut und z.T. bei
knöchernen Verletzungen können sich Flächen oder
Kanten des aufgetroffenen Gegenstandes abzeichnen
(geformte Verletzungen), wodurch ein Rückschluss
auf das eingesetzte Werkzeug bzw. die Waffe möglich
ist.
Ein typisches Zeichen einer geformten stumpfen
Gewalt ist das doppelkonturierte Hämatom. Es entsteht
z.B. nach Stockschlägen durch eine Verdrängung des
Blutes zu beiden Seiten der länglichen Auftrefffläche
auf die Haut und Zerreißen von subkutanen Kapillaren
im Sinne anämischer Aufschlagspuren (. Abb. 5.8).
Derartige doppeltkonturierte Hämatome werden auch
als »Doppelstriemen« bezeichnet (. Abb. 5.9).
. Abb. 5.7 Quetsch-Riss-Wunde nach Auftreffen eines
Die Doppelkonturierungen sind beim Auftreffen
kantigen Schlagwerkzeuges auf stark konvexe Areale der Körperfläche an ihren
Enden bogenförmig verbunden, sodass sich insgesamt
eine längliche Rahmenform ergibt. Bei einem Base-
ballschläger kann es zum ovalen oder sogar fast run-
den Rahmen kommen. Trifft dagegen eine Peitsche
oder ein Gürtel auf dieselbe Stelle, imponieren zwei
54 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.9 Typische Verletzungen nach stumpfer Gewalteinwirkung

Verletzungsfolgen Besonderheiten/Voraussetzungen
nach stumpfer Gewalt

Anämische oder Fehlende Zerstörung der Lederhaut; früheste Phase; bei massiver Gewalteinwirkung
hypämische Spur und flexibler Fläche, z.B. Aufschlagen auf Wasser, auch länger bestehend (sog.
anämische Aufschlagspur)

Hautrötung (Hyperämie) Zweite Phase nach Einwirken der Gewalt; immer temporär, bei Hautzerstörung
ggf. im Randbereich sichtbar

5 Intrakutanes Hämatom Dehnung und Zerreißung von Blutgefäßen

Subkutanes Hämatom Mäßiggradige Gewalt in häufig orthogonaler Richtung zur Haut; Dehnung
und Zerreißung von Blutgefäßen; abhängig von Verletzlichkeit des Gewebes,
z.B. bei Frauen und Kindern leichter zu erzeugen

Hämatom in den tieferen Stärkere Gewalt in meist orthogonaler Richtung zur Haut; Dehnung und Zerreißung von
Geweben Blutgefäßen; abhängig von Verletzlichkeit des Gewebes; kann sich subkutan ausbreiten

Schürfwunde Tangentialer Anteil der Gewalt notwendig; möglichst raue Oberfläche und Auftreffen
direkt auf der Haut, allenfalls dünne Bekleidung; häufig als Begleitverletzung im Bereich
der Wundränder bei Kontinuitätsdurchtrennungen der Haut

Dehnungsrisse Dehnung bzw. Zerrung der Haut; bevorzugt über Knochenvorsprüngen, in deutlicher
Entfernung von der Traumalokalisation möglich; Epidermis betreffend, bis ins Corium
reichend

Quetsch-Riss-Wunde Deutliche Gewaltintensität, bevorzugt über dem Hirnschädel und Knochenvorsprüngen


des Gesichtsschädels oder der Extremitäten (Knochen fungiert als Widerlager); gleich-
zeitiges Quetschen und Verschieben der Haut bis zu deren Einreißen; Form
und Ausgestaltung werden bestimmt durch Auftrefffläche und Richtung der Gewalt

Décollement Erheblicher tangentialer Anteil der Gewalteinwirkung; Verschiebung der intakt


bleibenden Haut gegen das Unterhautfettgewebe mit Zerreißung und Höhlenbildung,
sekundär massive Einblutung (z.T. große Blutungshöhle)

Organeinriss bis hin zur Massive Gewalteinwirkung, z.B. Sturz aus großer Höhe oder Verkehrsunfälle, alternativ
Organzerreißung lokale Gewalteinwirkung wie Treten

Knochenbruch Massive stumpfe Gewalteinwirkung; Biegungs- und Berstungsbrüche

Schädel-Hirn-Trauma (SHT) Spezielle Bruchmuster des Neurokraniums durch dessen Aufbau (Vergleich Hühnerei);
bei posttraumatischen Blutungen oder Hirnödem Problem der intrakraniellen Druckstei-
gerung

parallele Streifen, da sich das Material der Hautober- (7 vgl. Fallbeispiel). Bei einem Sturzgeschehen wird
fläche anpasst. von einer sog. einzeitigen Entstehung ausgegangen.
Die Verteilung und die Anzahl der Verletzungen
Gutachterliche Fragestellungen. Eine häufige Frage müssten dann durch einen einzeitigen Ablauf rekons-
ist die Differenzierung von Schlag- und Sturzverletzun- truierbar sein.
gen sowie die Reihenfolge des Auftretens dieser Ver- Bei Kopfverletzungen kommt die sog. Hutkrem-
letzungen. Hierbei ist das Verletzungsbild zu betrach- penregel zur Anwendung: Typischerweise entstehen
ten: Anzahl der Verletzungen, Lokalisation(en), Form, Verletzungen im Rahmen eines Sturzgeschehens un-
Alter der Verletzungen. Es ist die Plausibilität verschie- terhalb einer gedachten Linie, die durch die Krempe
dener Aussagen zu überprüfen. In den meisten Fällen eines aufgesetzten Hutes markiert wird. Schlagverlet-
behauptet das Opfer geschlagen worden zu sein und zungen sind dagegen oberhalb der Hutkrempenlinie
der Tatverdächtige beschreibt ein Sturzgeschehen lokalisiert (. Abb. 5.10).
5.4 · Stumpfe Gewalt
55 5

. Abb. 5.9 »Doppelstriemen«. Streifig doppelt konturier-


tes striemenartiges Hämatom (links) nach Schlag mit einem
Gürtel und Abdruck der Gürtelschnalle (rechts); weitere Hä- . Abb. 5.10 Sog. Hutkrempelregel zur Differenzierung
matome an der Schulter und am Oberarm von sturz- und schlagbedingten Verletzungen

Die Hutkrempenregel hat Hinweischarakter, sie


gilt nicht bei Treppenstürzen. Ein Faustschlag trifft im
Regelfall unterhalb der Hutkrempenlinie auf. Neben
einem Monokel- bzw. Brillenhämatom als Folge eines
Faustschlages (bei Boxschlägen auch mit sog. »blow-
out-fracture«) können bei Faustschlägen auf die
Mundregion die Zähne als Widerlager fungieren. Es
finden sich dann Verletzungen der Schleimhaut des
Mundvorhofes im Sinne sog. Zahnabdruckkonturen
(. Abb. 5.11 und . Abb. 5.12).
Bei einem Sturz kopfüber ist für das Aufkommen
auf dem Boden ebenfalls ein Abweichen von dieser
Regel zu erwarten. Deshalb sind für die Anwendung
. Abb. 5.11 Zwei dicht nebeneinander gelegene sog.
der Hutkrempenregel Umstände und behauptete Sach-
Zahnabdruckkonturen der Schleimhaut des Mundvor-
verhalte zu berücksichtigen. hofes nach Schlag mit der Faust auf den Mund
Im Rahmen von tätlichen Auseinandersetzungen
sind neben schlag- und sturzbedingten Verletzungen
weitere Befunde zu beachten, die ebenfalls einen Rück-
schluss auf das Tatgeschehen erlauben. Dies sind v.a.
sog. Griffspuren an den Oberarmen (. Abb. 5.13),
sog. Abwehrverletzungen (Parierverletzungen) an den
Streckseiten der Unterarme und Hämatome an den
Innenseiten der Oberschenkel, v.a. bei Sexualdelikten
(. Abb. 5.14).

5.4.1 Verletzung innerer Organe

Verletzungen innerer Organe in der Brust- und Bauch-


höhle sind abzugrenzen von Verletzungen als Folge
eines Schädel-Hirn-Traumas. . Abb. 5.12 Kleine Zahnabdruckkontur nach Schlag ge-
gen die Lippe mit zentraler Abblassung, randständiger
Lungenverletzungen. Lungenkontusionen oder -rup- paralleler Unterblutung und umschriebener Aufplatzung
turen entstehen üblicherweise nach Thoraxkompres- der Haut korrespondierend zur Zahnspitze
56 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

sion und in Kombination mit Rippenserienfrakturen


(RSF). Rippenfrakturen können ihrerseits zu Anspie-
ßungsverletzungen der Lunge führen. Ein anderer Me-
chanismus ist das Dezelerationstrauma, wobei Ein-
blutungen in die oder sogar Abrisse der Lungenhili
zu beobachten sind. Lungenkontusionsverletzungen
müssen abgegrenzt werden von Blutaspirationsherden,
was zum Teil erst histologisch gelingt.

Herz(wand)rupturen oder Rupturen des Aortenbo-


gens. Derartige Verletzungen können direkt als Folge
5 einer Kompression zwischen Sternum und Brust-
wirbelsäule oder als Dezelerationsfolge entstehen. Die
Aortenruptur kann zunächst inkomplett, d. h. gedeckt
verlaufen.

Verletzungen der Bauchorgane. Bei den Verletzun-


gen der Bauchorgane kommen Leber und Milz die
größte Bedeutung zu. Die Rupturen beider Organe
können zweizeitig verlaufen, d.h. dass zunächst ein
Riss des Parenchyms bei noch intakter Kapsel besteht.
Bis zum Bersten der Kapsel durch Einblutung in das
Organ liegt ein sog. symptomfreies Intervall vor, das
von einem massiven Blutverlust abgelöst wird. Die
zweizeitige Milzruptur wird beispielsweise bei Kindern
nach Stürzen über den Fahrradlenker beobachtet. Eine
Nichtbeachtung der Möglichkeit zweizeitiger Verläufe
kann einen Behandlungsfehlervorwurf auslösen. Rup-
. Abb. 5.13 Nicht mehr ganz frische sog. Griffspur am turen des Darms werden als Folge stumpfer Gewalt
Oberarm durch kräftiges Zupacken durch den Täter bei
selten beobachtet, allenfalls nach Sturz aus großer
einem Sexualdelikt
Höhe oder bei Vorschädigungen wie chronisch ent-
zündlichen Darmerkrankungen. Einblutungen in oder
sogar Zerreißungen des Omentum majus oder des
Mesenteriums entstehen nach Tritten in den Bauch,
insbesondere wenn das Opfer schon am Boden liegt.

5.4.2 Frakturen

Je nach Intensität (Impuls = Masse × Beschleunigung)


der Gewalt und Lokalisation können sich verschiedene
Bruchformen ausbilden (. Abb. 5.15).
Das an einem Leichnam vorgefundene Bruch-
muster kann Rückschlüsse auf die Richtung und
Intensität der stumpfen Gewalt zulassen. Das be-
kannteste Beispiel ist der sog. Messerer-Bruch. Dieser
kann entstehen, wenn eine erhebliche, jedoch von der
Fläche her umschriebene stumpfe Gewalt auf einen
. Abb. 5.14 Zahlreiche frische Hämatome an der Innen- unter Spannung stehenden Langknochen trifft. Dies
seite des rechten Oberschenkels (Sexualdelikt) ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein Fußgänger
von der Stoßstange eines PKW getroffen wird. Der
Knochen verbiegt sich und es kommt zum Bersten
unter Ausbildung eines sog. Biegungskeils. Die Basis
5.4 · Stumpfe Gewalt
57 5
zungen des Gehirns ebenso beobachtet werden wie
Verletzungen des Gehirns ohne Frakturen:
4 Es gibt Verletzte mit erheblichen Schädelfrakturen,
jedoch ohne Bewusstlosigkeit. Die Patienten kön-
nen aufstehen und herumlaufen. Als Erklärung
wird angenommen, dass die Energie der aufgetrof-
fenen Gewalt vom Schädelknochen absorbiert und
somit nicht an das Gehirn weitergeleitet wird.
4 Es gibt Hirnverletzungen ohne Schädelfrakturen,
die zur Bewusstlosigkeit und zum Tode führen
können. Hierbei spielen ein Hirnödem, intrakra-
nielle Blutungen oder eine diffuse axonale Schädi-
gung (diffuse axonal injury: DAI) eine wichtige
Rolle. Liegt bei einer intrakraniellen Drucksteige-
rung ein Bruch des Neurokraniums vor, kann die-
ser als »natürliche« Druckentlastung dienen.

Als weiteres Kriterium für die Schwere eines SHT wird


differenziert zwischen einem offenen und einem ge-
schlossenen Schädel-Hirn-Trauma. Beim offenen
Schädel-Hirn-Trauma liegt das Gehirn frei, d.h. es fin-
det sich ein durchgehender lokaler Defekt von Kopf-
schwarte, Hirnschädel und harter Hirnhaut. Je nach
Schwere der Verletzungen kann es zu Hirnsubstanz-
defekten oder sogar -verlusten gekommen sein. Sekun-
där birgt das offene SHT immer die Gefahr einer le-
bensbedrohlichen Infektion.
. Abb. 5.15a–j Bruchformen Grundformen von Frakturen. Schwerste Verletzungen mit Zermalmungen des
Die Pfeile zeigen die Richtung der einwirkenden Kraft.
Hirnschädels und Destruktion des Gehirns, wie z.B.
a Messerer-Bruch. b Biegungskeil. c Trümmerbruch. d Quer-
nach Überrollen oder Überfahren durch ein Schienen-
bruch. e Torsionsfraktur. f Schrägbruch. g Kompressions-
bruch. h Zerreißung der Binnenstruktur am Langknochen-
fahrzeug, führen zum sofortigen Todeseintritt.
schaft oder Hirnschädel. i und j Trichterförmige Erweiterung
des Schädeldachs in Schussrichtung Schweregrade des Schädel-Hirn-Traumas. Klinisch
wird der Schweregrad des SHT gemäß der Glasgow-
Coma-Scale (GCS) beurteilt (. Tab. 5.10). Bei den 3
dieses Bruchkeils zeigt in Richtung der aufgetrof- Kriterien »Augen offen«, »verbale Kommunikation«
fenen Gewalt und befindet sich in Stoßstangenhöhe und »motorische Reaktion« können maximal 4, 5 oder
bzw. bei einem vorangegangenen Bremsmanöver et- 6 Punkte erreicht werden. Diese werden addiert, so-
was tiefer. dass sich eine maximale Gesamtpunktzahl von 15 er-
gibt (volles Bewusstsein). Die minimale Punktzahl von
3 geht einher mit einem tiefen Coma oder dem Tod.
5.4.3 Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
Verletzungen der Galea aponeurotica. Subkutane
Das Schädel-Hirn-Trauma entsteht infolge stumpfer Blutungen, Blutungen in die Galea aponeurotica oder
Gewalt gegen den Kopf. Anteile scharfer oder halb- Temporalmuskulatur sowie Quetsch-Riss-Wunden der
scharfer Gewalt können damit kombiniert sein. Bei Kopfhaut und Kopfschwarte entstehen üblicherweise
leichterer stumpfer Gewalt gegen den Kopf kommt es als direkte Folge am Ort der auftreffenden Gewalt. Iso-
nur an der Stelle der Gewalteinwirkung zu einer Unter- lierte Verletzungen der gut vaskularisierten Kopf-
blutung der Kopfschwarte oder einer Riss-Quetsch- schwarte können tödliche Blutungen verursachen. Sub-
Wunde. Erst bei stärkerer Gewalteinwirkung sind in aponeurotische Blutungen lagern dagegen unter der
Abhängigkeit von Lokalisation und Gewaltrichtung Galea aponeurotica und gehen fast immer von Frak-
Schädelknochen oder Gehirn betroffen. Dabei ist zu turen des Hirnschädels aus, ohne zwangsläufig mit dem
berücksichtigen, dass Schädelfrakturen ohne Verlet- Ort der direkten Gewalteinwirkung assoziiert zu sein.
58 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.10 Glasgow-Coma-Scale (GCS)

Punkte Augen öffnen Verbale Kommunikation Motorische Reaktion

6 - - Befolgt Aufforderungen

5 - Konversationsfähig, orientiert Gezielte Schmerzabwehr


4 Spontan Konversationsfähig, desorientiert Ungezielte Schmerzabwehr
3 Auf Aufforderung Unzusammenhängende Worte Auf Schmerzreiz Beugeabwehr
2 Auf Schmerzreiz Unverständliche Laute Auf Schmerzreiz Strecksynergismen
5 1 Keine Reaktion Keine Verbale Reaktion Keine Reaktion auf Schmerzreiz

Schweregrad: 14–15 Punkte leicht, 9–13 Punkte mittel, 3–8 Punkte schwer

Schädelfrakturen. Der Hirnschädel umschließt die verlaufenden (äquatorialen) Frakturlinien (spinnen-


Kopfhöhle und ist funktionell mit einer doppel- netzartiges Frakturmuster) aus (. Abb. 5.16).
wandigen Eierschale bei intaktem Ei vergleichbar. Die Als Sonderform des Biegungsbruchs kann der
Kalotte besitzt den typischen Aufbau mit Lamina Ringbruch der Schädelbasis um das Foramen magnum
externa, Lamina interna und dazwischen gelegener angesehen werden. Der Ringbruch entsteht entweder
Diploe. Diese anatomische Struktur führt dazu, dass durch Stauchung oder Zug der Schädelbasis gegen die
sich am Neurokranium spezielle Frakturformen aus- Wirbelsäule (. Abb. 5.17).
bilden, die sonst am Skelett nicht auftreten. Grundsätz- Eine geformte stumpfe Gewalt gegen die Kalotte
lich werden Biegungs- und Berstungsbrüche unter- führt ebenfalls zum Biegungsbruch. Bei Impression
schieden.
Die Biegungsbrüche entstehen durch die lokale
Deformation der Kalotte unmittelbar am Ort der Ge-
walteinwirkung. Hierbei ist die Zugspannung auf
die Lamina interna größer als an der Lamina externa.
Daher frakturiert erst die Lamina interna, danach die
Lamina externa.
Der typische Biegungsbruch an der Kalotte ist der
Globusbruch. Dieser zeichnet sich durch eine Kombi-
nation aus radiär vom Zentrum der Gewalteinwirkung
ausgehenden (meridionalen) und zirkulär peripher

. Abb. 5.16 Sog. Globusbruch nach stumpfer Gewalt . Abb. 5.17 Großer Schädelbasisringbruch nach Sturz
gegen den Schädel aus großer Höhe
5.4 · Stumpfe Gewalt
59 5
von Lamina externa und interna nach orthogonal auf-
treffender Gewalt kann ein sog. Lochbruch entstehen.
Trifft die geformte stumpfe Gewalt schräg bzw. kantig
auf, resultiert der sog. Terrassenbruch (. Abb. 5.18).
Bei beiden Brucharten kann das Bruchbild an der La-
mina externa mit Form und Größe des aufgetroffenen
Gegenstandes übereinstimmen, sodass Rückschlüsse
auf eingesetzte Werkzeuge oder Waffen möglich sind
(. Abb. 5.19).
Berstungsbrüche sind Folge einer allgemeinen
Verformung des Schädels und treten nicht nur an der
. Abb. 5.18 Loch- und Terassenbruch. Schematische Dar- Stelle der direkten Gewalteinwirkung auf. Bei Druck
stellung zur Entstehung
von beiden Seiten gegen das Neurokranium (Quer-
druck) wird der Querdurchmesser verkürzt. Der Längs-
durchmesser wird verlängert und die größte Zugspan-
nung ist im Bereich des Querdurchmessers zu messen.
So entsteht ein indirekter Bruch entlang des Querdurch-
messers. Kommt es zum Druck von frontal und okzipi-
tal gegen den Hirnschädel, führt dies nach analogem
Mechanismus zu einem längs verlaufenden Bruch.
! Für Berstungsbrüche am Schädel gilt: Quer-
druck erzeugt einen Querbruch, Längsdruck
einen Längsbruch (. Abb. 5.20).
Zu Längsbrüchen des Schädels können außerdem
massive stumpfe Gewalteinwirkungen von frontal oder
. Abb. 5.19 Lochfrakturen nach Schlag mit einem Ham- okzipital und zu Querbrüchen vergleichbare Gewalt-
mer. Die eckig geformten Frakturen passen zu der Form des einwirkungen von der Seite führen. Derartige Frak-
Schlagwerkzeuges bzw. zu den Maßen der Schlagfläche des turen werden nach Stürzen aus großer Höhe oder bei
Hammers Verkehrsunfallopfern beobachtet.

. Abb. 5.20 Druckeinwirkung auf den Schädel zur Verursachung von Schädelbasisquer- und Schädelbasislängsfrakturen
60 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.11 Typische Schädelbasisfrakturen

Schädelbasisfraktur Mechanismus Beispiel

Scharnierfraktur (Querfraktur) Massive Seit-zu-Seit-Kompression Überrollen des seitlich auf der Fahrbahn
der Schädelbasis (. Abb. 5.21) liegenden Kopfes durch einen PKW

Schädelbasislängsfraktur Massive stumpfe Gewalt von frontal Aufschlag auf Stirn oder Hinterkopf
und okzipital bei Sturz

Schädelbasisringfraktur Kompression der Schädelbasis gegen Sturz und Aufprall mit den Füßen oder
die Halswirbelsäule der Scheitelregion
5 Traktion der Schädelbasis von der Fußwärts Schleifen des Körpers bei
Halswirbelsäule weg einem Verkehrsunfall mit fixiertem Kopf

Die indirekten Frakturen können sowohl an der Orbitawände kommen (Orbitazeichen). Bei den Be-
Schädelkalotte als auch an der Schädelbasis entstehen. troffenen können Monokel- oder Brillenhämatome
Typische Schädelbasisbrüche sind in . Tab. 5.11 aufge- entstehen, ohne dass eine direkte Gewalteinwirkung
führt. gegen die Orbita vorgelegen hat.
Vorwiegend nach Stürzen auf den Hinterkopf kann Zur Rekonstruktion der Reihenfolge bei mehre-
es zu sog. knöchernen Contre-coup-Verletzungen der ren Schädelbrüchen kann die Puppe-Regel hilfreich
sein.

Definition
Puppe-Regel: Von einer Frakturzone ausgehende
Frakturlinien bzw. Frakturausläufer enden immer
an bereits vorher bestehenden Frakturlinien.

Ausnahmen von der Puppe-Regel sind möglich bei


zwei unmittelbar aufeinander bzw. fast gleichzeitig er-
folgenden Gewalteinwirkungen mit hoher Geschwin-
digkeit, z.B. beim Schädel-Hirn-Durchschuss. Bei
einem zweifachen Fraktursystem nach Schlag- und
nachfolgender Sturzverletzung kann jedoch nach der
Puppe-Regel die Reihenfolge der Verletzungen be-
stimmt werden (. Abb. 5.22).

Verletzungen des Gesichtsschädels. Stumpfe Ge-


walteinwirkungen gegen das Gesicht können zu iso-
lierten Frakturen des Nasenbeins, des Jochbogens oder
des Unterkieferknochens führen. Stumpfe Gewalt ge-
gen das Auge, insbesondere in Form von Faustschlägen
oder nach Auftreffen eines Tennisballs kann einen
Überdruck in der Augenhöhle erzeugen. Neben der
Verletzung des Augapfels können dadurch die Orbita-
wände zerbersten (sog. Blow-out-fracture). Nach mas-
siver stumpfer Gewalt entstehen häufig typische
Bruchmuster des Gesichtsschädels, die nach Le Fort
eingeteilt werden können (. Tab. 5.12).
. Abb. 5.21 Scharnierfraktur (Querfraktur) der Schädel- Neben dem Ausmaß der Schädigung des zentralen
basis Nervensystems sind bei der stumpfen Gewalteinwir-
5.4 · Stumpfe Gewalt
61 5

. Abb. 5.22 Reihenfolge bei Schlag- und Sturzverletzung nach der Puppe-Regel

. Tab. 5.12 Einteilung der Mittelgesichtsfrakturen nach Le Fort

Le Fort-Typ Befund

Le Fort I Abtrennung des harten Gaumens mit Durchsetzung der Apertura piriformis, Fossa canina, Kiefer-
höhlen, Keilbeinflügelfortsätze

Le Fort II Pyramidenartige Sprengung des Mittelgesichtes mit schrägen Frakturen durch Nasenbein, schräg
durch Orbita und Jochbein nahe der Maxilla

Le Fort III Abtrennung des Mittelgesichtsskeletts von der Schädelbasis

kung mittelbare Folgen der Verletzungen von todesur- gebremst. Die Kombination dieser Effekte kann dazu
sächlicher Bedeutung: führen, dass sich verschiedene Hirnschichten gegen-
4 Schädelbasisfrakturen mit Blutung in die Mund- einander bewegen.
höhle und nachfolgender tödlicher Blutaspiration 4 Translationstrauma: Das Hirngewebe wird infolge
bei Bewusstlosigkeit nach SHT (subpleurale Blu- der Masseträgheit zum Anstoßpunkt (Coup) hin
tungsherde!) (. Abb. 5.23) und verdichtet und am Gegenstoß (Contre-coup) von
4 Frakturen mit begleitendem erheblichen Blutver- der Dura mater unter Entstehung eines Unter-
lust und Tod infolge Verblutens (. Abb. 5.24). drucks (gewebsdestruierender Sog) abgehoben.
Das Gehirn folgt der Bewegung des Kopfes und
beendet sie nach diesem. So folgt sekundär die Ge-
5.4.4 Forensische Neurotraumatologie, webeverdichtung am Contre-coup und möglicher-
insbesondere Verletzungen weise, allerdings dann wesentlich geringer, der
des Gehirns Unterdruck in Coup-Lokalisation.
4 Rotationstrauma: Das Gehirn bleibt gegenüber
Das Gehirn lagert in der Schädelhöhle relativ beweg- der Drehbewegung des Schädels zurück, sodass
lich. Je nach Auftreffen der stumpfen Gewalt wirkt auf Scherkräfte auf das Gehirn, die Hirnhäute und die
das Gehirn eine axial, also gradlinig fortgeleitete, oder Gefäße wirken. Sekundär können durch das ver-
eine rotatorische Gewalt. Dadurch wird das Gehirn in spätete Abbremsen des Gehirns Scherkräfte in die
die jeweilige Richtung beschleunigt und wieder ab- entgegengesetzte Richtung wirken.
62 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

Die Verletzungen des Gehirns werden mit zuneh-


mender Schwere in 3 Grade unterteilt:
4 Grad 1 = Commotio cerebri (Gehirnerschütte-
rung): Diese Diagnose hat kein morphologisches
Korrelat und beruht auf klinischen Angaben. Sym-
ptome können sein: kurzzeitige Bewusstlosigkeit,
antero- und retrograde Amnesie, Übelkeit und Er-
brechen (Brechreiz). Selten wird ein posttrauma-
tischer Dämmerzustand beobachtet.
4 Grad 2 = Contusio cerebri (Hirnprellung): Wich-
tiges morphologisches Kriterium sind die sog.
5 Hirnrindenprellungsherde (Kontusionsherde).
Diese entstehen am Ort der auftreffenden Gewalt
(Coup) und oftmals noch stärker ausgebildet auf
der Gegenseite (Contre-Coup). Morphologisch
handelt es sich bei den Hirnrindenprellungsher-
den um punktförmige bis feinfleckige Einblu-
tungen, beim Coup eher in den Kuppen der Hirn-
rinde, beim Contre-coup eher in den Senken.
4 Grad 3 = Compressio cerebri (Hirnquetschung):
Durch intrakranielle Blutungen oder die Ausbil-
dung eines Hirnödems entsteht eine Drucksteige-
. Abb. 5.23 Schädelbasisfraktur mit letaler Blutaspiration rung in der Schädelhöhle mit daraus resultierender
sekundärer Hirnschädigung. Die Einklemmung
des Hirnstamms im Tentoriumschlitz und der
Medulla oblongata im Foramen magnum kann
zum Tod durch sog. zentrale Regulationsstörung
führen.

Diffuse Axonschädigung (diffuse axonaL injury; DAI).


Selbst ohne Schädelfrakturen oder andere makromor-
phologisch sichtbare Veränderungen kann mikrosko-
pisch ein diffuser Axonschaden nachgewiesen werden.
So ist z.B. ca. 3–4 Stunden posttraumatisch eine fokale
axonale Akkumulation des β-Amyloid-Vorläuferpro-
teins subkortikal unterhalb von Kontusionsherden
oder im Corpus callosum darstellbar.

Intrakranielle Blutungen. Eine Aufstellung der intra-


kraniellen Blutungen mit deren Quelle und Entste-
hungsmechanismus enthält . Tab. 5.13.
Bei epiduralen Blutungen wird häufig, seltener bei
subduralen Blutungen ein neurologisch symptom-
freies Intervall zwischen Gewalteinwirkung und ein-
setzender Hirndrucksymptomatik beobachtet.
Problematisch ist, wenn bei alkoholisierten Patien-
ten mit Hinweisen auf ein Schädel-Hirn-Trauma oder
entsprechenden äußeren Verletzungszeichen neuro-
logische Ausfälle und Symptome wie Somnolenz oder
Artikulationsstörungen nur auf den Alkohol zurück-
geführt werden. Wird dann eine engmaschige klinische
Kontrolle bzw. eine bildgebende Diagnostik versäumt
. Abb. 5.24 Frakturen und nachfolgender Blutverlust und stirbt der unkontrollierte Patient an den Folgen
5.4 · Stumpfe Gewalt
63 5

. Tab. 5.13 Formen der intrakraniellen Blutungen

Typ Lokalisation Blutungsquelle Mechanismus/Genese

Epidurale Blutung Zwischen Lamina interna Meist A. meningea Meist Biegungsbrüche des angrenzen-
(. Abb. 5.25) und Dura mater media, seltener den Schädeldaches. Zerreißen des
A. meningea ant. Gefäßes durch Zerrung im Gefäßsulkus
oder post. – ohne Schädelfraktur – möglich

ein- oder beidseitige


Sinusrupturen
Subdurale Blutung Zwischen Dura mater Kuppenständige Translationstrauma, Bereich des Contre-
(. Abb. 5.26) und weichen Hirnhäuten Hirnrindengefäße coup
Brückenvenen, Arterien Rotationstrauma (beim Erwachsenen)
an der Hirnoberfläche ohne Schädelbruch (z.B. Faustschlag)
mit Abscherung von Gefäßen
Brückenvenen Schütteltrauma beim Säugling
Subarachnoidale In den Maschen der A. basilaris, Gefäßein- Rotations- oder Translationstrauma
Blutung Arachnoidea risse unterhalb von
Knochenbrüchen
A. comm. ant. Ruptur vorbestehender Aneurysmen,
A. cerebri med. sog. Forbes-Aneurysmen
A. carotis int.
A. vertebralis
Intrazerebrale Marklager des Großhirns Rindenprellungsherde Translationstrauma
Blutung
Massives Rotationstrauma, »zentrale
Hirnruptur«

Hirnmassenblutung Spontane Ruptur der arteriosklerotisch


vorgeschädigten Arterien (häufig:
hypertone Hirnmassenblutung)

. Abb. 5.25 Posttraumatische epidurale Blutung zwi- . Abb. 5.26 Ausgedehntes subdurales Hämatom mit Mit-
schen knöchernem Schädeldach und Dura mater nach Ver- tellinienverschiebung
letzung der A. meningea media
64 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

der nicht diagnostizierten Verletzung, kann dies zum handelt es sich um Hiebverletzungen, Verletzungen
Vorwurf der fahrlässigen Tötung führen. durch z.B. Sägen und Bissverletzungen. Scharfe und
halbscharfe Gewalt führen zu einer unterschiedlichen
Akutes subdurales Hämatom. Akute subdurale Hä- Verletzungsmorphologie und können durch exakte
matome nach stumpfem SHT imponieren im CT und Betrachtung der Wundränder, des Wundgrundes und
bei der Obduktion sichelförmig. Hämatomblut kann der Wundwinkel gegenüber stumpfer Gewalt abge-
genutzt werden zur Blutalkoholbestimmung zum Zeit- grenzt werden (. Abb. 5.27).
punkt des Traumas. Ursache sind überwiegend Blu-
tungen aus Hirnrindenprellungsherden in Gegenstoß- Scharfe Gewalt. Unterschieden werden Stich- und
lokalisation (Contre-coup). Von Rindenprellungsher- Schnittverletzungen. Ein Stich durchtrennt das Ge-
den ausgehend kann es zu Hämorrhagien im Mark- webe mithilfe eines spitz zulaufenden Werkzeugs mit
5 lager kommen, die nicht mit intrazerebralen Blutungen
aus natürlicher Ursache verwechselt werden sollten.
überwiegend senkrechtem Kraftvektor zur Körper-
oberfläche. Bei einem Schnitt bewegt sich eine scharfe
Kante (Schneide) tangential zum Gewebe. Je nach
Hygrom. Das Hygrom ist eine flüssigkeitsgefüllte Ex- Werkzeug (z.B. Messer) und Bewegungsablauf sind
sudationszyste, deren Interpretation als posttrauma- Stich und Schnitt kombiniert.
tisch umstritten ist. Allgemeine morphologische Kriterien der scharfen
Gewalt:
Epidurales »Brandhämatom«. Durch längere Hitze- 4 Gewebedurchtrennungen unterschiedlicher Tiefe
einwirkung wird Blut in das Schädelinnere hineinge- 4 glatte Wundränder und glatte Durchtrennung bis
presst und lagert sich zusammen mit Fett zwischen zum Wundgrund und in den Wundwinkeln
Dura mater und Lamina interna der Schädelkalotte ab. 4 keine Quetschung, Vertrocknung, Schürfung, kei-
Brandhämatome zeigen eine ziegelrote Farbe und sind ne sog. Gewebebrücken in der Wunde
kein sog. Vitalitätszeichen.
Halbscharfe Gewalt. In Abhängigkeit von der Masse
des Werkzeugs (der Waffe) und der Geschwindigkeit
5.5 Scharfe und halbscharfe Gewalt der Bewegung beim Auftreffen auf den Körper kommt
zu der Stich/Schnittverletzung ein stumpfer Anteil der
Bei der scharfen Gewalt werden Stich- und Schnittver- Gewalt hinzu. Die Mischverletzungen aus scharfer
letzungen abgegrenzt. Bei der halbscharfen Gewalt und stumpfer Gewalt werden als halbscharfe Gewalt

. Abb. 5.27 Wundmorphologie bei scharfer


und bei stumpfer Gewalt
5.5 · Scharfe und halbscharfe Gewalt
65 5

. Abb. 5.28 Vernarbte Verletzungen der Perianalregion


durch eine abgeschlagene Bierflasche
. Abb. 5.29 Stichverletzung (tiefer als breit) mit Messer-
rückenkontur und sog. kleinen Schwalbenschanz sowie
benachbarte Schnittverletzung (breiter als tief)
bezeichnet und können, insbesondere bei unterlasse-
ner medizinischer Versorgung breitere Narben hinter-
lassen (. Abb. 5.28). als die Klingenbreite, wenn – was häufig der Fall ist –
eine Schnittbewegung beim Stechen hinzukommt
(Stich-Schnitt-Wunde).
5.5.1 Stichverletzungen
! Nach einem Messerstich kann die Breite der
Einstichwunde größer oder kleiner als die
Am häufigsten werden Stichverletzungen mit einem
Klingenbreite und der Stich tiefer oder kürzer
Messer beigebracht. Die Einstichwunden sind auf den
als die Klingenlänge sein.
ersten Blick mandelförmig oder sogar elliptisch. Die
auseinanderklaffenden Wundränder sind glattrandig. Wird ein Messer beim Einstechen oder insbesondere
Bei zweischneidigen Klingen (z.B. Stilett) sind beide beim Herausziehen entlang seiner Längsachse verdreht
Wundwinkel spitz. Eine einschneidige Klinge produ- oder bewegt sich das Opfer im Moment der Stichbei-
ziert dagegen einen spitzen und einen stumpfen Wund- bringung, kommt es zum sog. großen Schwalben-
winkel (. Abb. 5.29). Je nach Breite des Messerrückens schwanz der Stichverletzung in der Haut. Diese Schwal-
und Klaffen der Stichwunde kann der stumpfe Wund- benschwanzform kann verschiedene Ausprägungen
winkel als Kerbe mit zwei rechten Winkeln oder als haben (. Abb. 5.30).
sog. kleiner Schwalbenschwanz imponieren. Zur Atypische Klingenformen wie solche mit gezack-
besseren Beurteilung des Einstiches sind die beiden tem Rücken oder Zweischneidigkeit in der spitzen-
Wundränder zu adaptieren. nahen Hälfte mit Übergang in einen breiten Messer-
Der Verlauf des Stichkanals ist im Rahmen der Ob- rücken können zu charakteristischen Einstichverlet-
duktion möglichst exakt zu dokumentieren, um Aus- zungen führen (. Abb. 5.31). Messer mit Wellenschliff
sagen zur Stichrichtung treffen zu können. Zusammen (z.B. ein großes Brotschneidemesser) zeigen eine be-
mit der Analyse der Einstichwunde können Überle- sondere Gestaltung des durch die Schneide verursach-
gungen zur Position von Täter und Opfer bzw. zum ten Wundwinkels, z.T. eine wellenartige Riffelung der
Ablauf der Stichverletzung mit Positionierung des Wundränder.
Messers in der Hand des Täters angestellt werden. Für die Beibringung von Stichverletzungen sind
Es wäre naheliegend, darüber hinaus Klingenlänge verschiedene spitz zulaufende Gegenstände geeignet.
und -breite anhand der Stichverletzung zu bestimmen. Beispielhaft zu nennen sind: Scherben (abgeschlagene
Problematisch ist jedoch, dass die Klinge nicht voll- Flasche), Scheren, Schraubendreher, Spieße, Gabeln.
ständig eingestochen worden sein muss; dadurch er- Bei den weniger scharfrandigen Gegenständen können
reicht die Länge der Einstichwunde ggf. nicht die ma- diskrete Schürfsäume um die Hautdurchtrennung he-
ximale Klingenbreite und die Stichtiefe nicht die wahre rum entstehen. Seltener werden unterschiedliche
Klingenlänge. Andererseits kann der Stichkanal länger scharfrandige Waffen bzw. Werkzeuge eingesetzt, wie
sein als die Klingenlänge, wenn die Klinge in der ge- z.B. ein Messer und eine Schere (. Abb. 5.32).
samten Länge eingestochen wird und das Gewebe zu- Bei einem Angriff mit einem Messer können beim
sätzlich nachgibt. Die Einstichwunde kann breiter sein Opfer passive Abwehrverletzungen (Handrücken,
66 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

Streckseite der Unterarme etc.; . Abb. 5.33) und aktive


Abwehrverletzungen (z.B. Handinnenfläche, Region
zwischen Daumen und Zeigefinger; . Abb. 5.34 und
. Abb. 5.35) nachweisbar sein.

5.5.2 Schnittverletzungen

Voraussetzung für eine Schnittverletzung ist, dass ein


Gegenstand mit einer scharfen Kante – funktionell ge-
sehen einer Schneide – tangential auf die Haut und das
5 darunter liegende Gewebe einwirkt. Beim schrägen
Ansetzen (Querachse der Klinge im Verhältnis zur
Hautoberfläche) ist der eine Wundrand abgeschrägt
und der gegenüberliegende dementsprechend unter-
miniert. Gewebebrücken sind in keinem Fall vorhan-
den. Wie bei der Stichverletzung ist in der Tiefe der
. Abb. 5.30 Entstehungsmechanismus und verschiedene
Schnittverletzung zu prüfen, ob Strukturen verletzt
Formen des großen Schwalbenschwanzes: a–d = Drehen
des Messers oder Ausweichbewegungen des Tatopfers;
wurden, die zu lebensgefährlichen Verletzungen ge-
e–g = gleichzeitige gröbere Schnittbewegung; f = Wund- führt haben können. Hierbei sind vor allem größere
form mit zwei Schwalbenschwänzen, nur möglich bei zwei- Gefäße zu nennen. Aus Venen und aus Arterien ist ein
schneidigen Messerverletzungen Verbluten (nach außen oder innen) möglich. Bei eröff-

. Abb. 5.31a, b Anstichelungen der Haut und tieferreichen- . Abb. 5.32a, b Kombinierter Angriff mit einem Messer
de Stichverletzung mit einem spitzbogigem Wundwinkel (a) und einer Schere. Typische Messerstichverletzungen, einmal
und einem Wundwinkel mit eckigen Wundrändern (b) bei mit sog. kleinen Schwalbenschwanz (a) und mehr dreieck-
einschneidigem Messer mit Messerrücken förmige Verletzungen durch Zustechen mit einer Schere (b)
5.5 · Scharfe und halbscharfe Gewalt
67 5

. Abb. 5.33 Passive Abwehrverletzung auf dem Hand- . Abb. 5.34 Aktive Abwehrverletzung gegen einen Mes-
rücken nach einem Angriff mit einem Messer serangriff mit Schnittverletzungen der Handinnenfläche
bzw. der Beugeseiten der Finger

. Abb. 5.35 Aktive Abwehrverletzung zwischen Daumen . Abb. 5.36 In suizidaler Absicht beigebrachte sog.
und Zeigefinger nach einem Messerangriff Probierschnitte sowie tieferreichende Stich-/Schnittver-
letzungen in das Halsweichteilgewebe

neten größeren Venen muss zusätzlich an eine Luft- (bei Rechtshändern). Mehrere parallel verlaufende
embolie gedacht werden. Narben, meist quer verlaufend an der Beugeseite der
Handgelenke, können bei der Leichenschau auf zu-
Tödliche Stich-/Schnittverletzungen: Differenzialdi- rückliegende Suizidversuche hinweisen.
agnose Suizid/Homizid. Charakteristisch für die sui- Abzugrenzen von sog. Probierschnitten sind die
zidale Selbstbeibringung von Stich-/Schnittverlet- oberflächlichen, teils in Quer-, teils in Längsrich-
zungen sind sog. Probierschnitte oder Probierstiche, tung verlaufenden Narben bzw. Schnittverletzungen
gelegentlich in der Halshaut (. Abb. 5.36), häufiger in an den Unterarmen, die als Ausdruck einer Selbst-
Höhe der Handgelenkbeugen. beschädigung (»Ritzen«) entstanden sind. Grundlage
Bei den Probierschnitten handelt es sich um ober- sind autoaggressive Anteile im Rahmen einer psychi-
flächliche, überwiegend parallel zueinander verlaufen- schen Störung, gehäuft bei Persönlichkeitsstörungen
de Schnitte der Oberhaut, allenfalls noch der Leder- vom Borderline-Typ. Werden durch die tiefe Stich-/
haut, die sich um einzelne tiefer reichende Hautdurch- Schnittverletzung größere Halsvenen eröffnet, ins-
trennungen mit Gefäßverletzungen herum befinden. besondere die V. jugularis interna, dann ist ein rascher
Die Verletzungslokalisation ist für die Führungshand Todeseintritt noch vor einem tödlichen Verbluten als
des Suizidenten gut zugänglich, bevorzugt an der lin- Folge einer Luftembolie möglich (. Abb. 5.37 und
ken Handgelenkbeugeseite oder der linken Halsseite . Abb. 5.38).
68 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

erweiterten Sinne wären Propeller oder Schiffsschrau-


ben zu nennen.

Sägen. Wenngleich beim Sägen der stumpfe Anteil


der Gewalteinwirkung nicht nennenswert zu sein
scheint, sind dennoch nicht zwanglos die Kriterien
der scharfen Gewalt erfüllt. Die Sägezähne führen in
kurzer Folge zu Mikrotraumen, die einer stumpfen Ge-
walt zuzuordnen wären. Die Bewegung beim Sägen
entspricht wiederum einem Schneiden (»Sägeschnitt«).
Diese Überlegungen rechtfertigen die Zuordnung des
5 Sägens zur halbscharfen Gewalt.
Sägen führen zu fetzigen Zerreißungen der
. Abb. 5.37 Stich-/Schnittverletzungen am Hals mit Weichteile, die jedoch linear angeordnet sind. Charak-
Eröffnung der tiefer gelegenen V. jugularis interna teristischere Spuren hinterlassen sie an angesägten
(Tötungsdelikt, keine sog. Probierschnitte; vgl. Abb. 5.36) oder durchtrennten Knochen. Die am Knochen ent-
standenen Scharten sind geeignet, Rückschlüsse auf
die Gestaltung des Sägeblattes (grobe oder feine
Zacken, Sägen nur in Zug- oder in beiden Richtungen)
zu gestatten. Durch experimentelle Vergleiche kann es
gelingen, einer knöchernen Verletzung eine ganz be-
stimmte Säge zuzuordnen.

Bissverletzungen. Durch Menschen verursachte Biss-


verletzungen sind gelegentlich assoziiert mit Sexualde-
likten. Charakteristisch ist eine rundliche bis ovaläre
Bissspur als Abdruck der Zähne von Ober- und Unter-
kiefer (. Abb. 5.39). Dabei kann es in der Haut des
Opfers zu Impressionen, Schürfungen, Einblutungen
und sogar Perforationen kommen. Nach Hautperfo-
. Abb. 5.38 Luftembolieprobe. Füllen des Herzbeutels mit ration durch menschliche oder nicht menschliche
Aqua dest., Einstich in den rechten Herzvorhof: Luftblasen Bisse besteht immer die Gefahr einer schweren Wund-
sprudeln empor infektion.
! Im richtigen Winkel (senkrecht zur Fläche)
und mit Maßstab fotografiert, können Biss-
5.5.3 Halbscharfe Gewalt
verletzungen ggf. im Nachhinein einem Verur-
sacher zugeordnet werden. Modernere Me-
Der Ausdruck »halbscharfe Gewalt« ist nicht ganz un-
thoden arbeiten mit einem 3-D-Oberflä-
umstritten, er bezeichnet Verletzungen unter Einsatz
chenscan der Bissverletzung.
von Werkzeugen, die weder der scharfen noch der
stumpfen Gewalteinwirkung eindeutig zuzuordnen Die klassische Methode zur dreidimensionalen Doku-
sind oder eine Kombination aus beiden darstellen. mentation einer Bisswunde mit Zahnimpressionen ist
die Abformung unter Verwendung eines flexiblen
Hiebverletzungen. Hiebverletzungen sind gekenn- Polymers aus der Zahntechnik. Es ist jedoch zu beach-
zeichnet durch glattrandige Gewebedurchtrennun- ten, dass Impressionen nur in der frühen Phase nach
gen mit Quetschungen und Schürfungen der umlie- erfolgtem Biss in einem Zeitraum von wenigen Stun-
genden Haut bzw. des Gewebes. In Abhängigkeit von den nachweisbar sind. Zeitnah zur Bissverletzung
dem Eigengewicht des Werkzeugs und dem damit ver- können morphologisch und mit Rückschluss auf das
bundenen Anteil der stumpfen Gewalt sowie dem Ort Tatgeschehen der Abwehrbiss und der Saugbiss un-
der Gewalteinwirkung sind Knochenbrüche oder terschieden werden.
Mischformen aus Schnitt und Bruch der Knochen
möglich. Typische Verursacher von Hiebverletzungen
sind: Schwerter, Macheten, Säbel, Äxte oder Beile, im
5.6 · Schussverletzungen (punktförmige Gewalt)
69 5
Innerhalb des ersten Tages nach einem Biss können
Abstriche für die forensische DNA-Analyse zum Täter-
nachweis hilfreich sein. Neben dem postexpositionellen
Zeitintervall ist von Bedeutung, welche Reinigungs-
maßnahmen nach der Verletzung erfolgt sind.
Tierbisse am Menschen werden in Mitteleuropa
überwiegend von Hunden verursacht, seltener von
Katzen. Durch die Eckzähne kommt es regelmäßig zu
Hautperforationen. Die übrigen Zähne führen eher zu
Riss-Quetsch-Wunden, die das Gebiss meist gut re-
konstruierbar abbilden. Die Zuordnung zu einem be-
. Abb. 5.39 Nicht mehr frische charakteristisch geformte
stimmten Tier kann wie beim Menschenbiss morpho-
Bissverletzung
logisch oder per spezieller DNA-Analyse (z.B. canine
forensic STR system) erfolgen.
Definition
Abwehrbiss: Beim Abwehrbiss ist typischerweise
das Epithel an der Innenseite des Zahnbogens zu- 5.6 Schussverletzungen
sammengeschoben (entgegengesetzte Bewe- (punktförmige Gewalt)
gung von Gebiss und Haut beim Wegziehen).
Saugbiss: Beim Saugbiss entsteht dagegen eine Die Schussverletzung kann als Sonderform der stump-
Anschiebung des Epithels an der Außenseite das fen Gewalt angesehen werden. Alternativ kann die
Zahnbogens (Einsaugen der Hautfalte in den Bezeichnung »punktförmige Gewalt« vorgeschlagen
Mund). werden: Ein Geschoss trifft mit einer minimalen Flä-
che aber hoher Geschwindigkeit auf den Körper. Ent-

a b

. Abb. 5.40a, b Abwehr- und Saugbiss. Unterschiedliche Lokalisation der epidermalen Abschürfung beim Beißen (a) und
Saugen (b)
70 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

scheidend für die Schusswirkung sind die abgegebene Gezogener Lauf. Nur bei Flinten ist das Innere des
Energie und die Radialbschleunigung im Gewebe. Laufes glattwandig. Alle übrigen Schusswaffen werden
Darüber hinaus entstehen Gewebeschädigungen un- heutzutage mit einem sog. gezogenen Lauf hergestellt.
abhängig vom Geschoss durch die Druckwelle und Die Züge sind spiralig angeordnete, parallel zueinander
verschiedene Partikel aus der Treibladung. So ist nach- verlaufende Rinnen in der gesamten Länge des Laufs.
vollziehbar, dass Schreckschusswaffen lebensgefähr- Sie geben dem Geschoss einen Drall und stabilisieren
liche Verletzungen hervorrufen können. Zur punktför- damit seine Flugbahn. Die zwischen den Zügen vorste-
migen Gewalt (geringe Auftrefffläche, hohe Geschwin- henden Flächen werden »Felder« genannt. Forensisch
digkeit) können Verletzungen durch Pfeile (Bogen bedeutsam ist, dass das Projektil ein hochindividuelles
oder Armbrust), Speere oder Vogelschnäbel gezählt Schartenmuster erhält anhand dessen eine Zuordnung
werden. Verletzungen durch Vogelschnäbel betreffen zu einer bestimmten Waffe möglich ist.
5 am häufigsten Kopfschwarte und Kalotte von Wande-
rern oder Joggern, die sich unbeabsichtigt dem Nest Patronenaufbau. Eine moderne Patrone besteht aus:
eines Raubvogels (z.B. Bussard) nähern. Hülse, Treibmittel, Zündelement und Geschoss.

Patronenbezeichnung. Die Bezeichnung einer Pa-


5.6.1 Waffenrecht trone setzt sich zusammen aus: Kaliber in Millimeter
(mm) oder in Zoll (Inch), Hülsenlänge (in mm) und
Der Erwerb und das Mitführen von Waffen sind in evtl. Zusatzbezeichnung.
Deutschland an eine Erlaubnis gebunden. Das Waffen-
gesetz (WaffG) regelt Erwerb, Lagerung, Umgang, In- Kaliber. Das Kaliber wird nicht als Außendurchmes-
standsetzung und Handel mit Waffen. Die Erlaubnis ser des Geschosses gemessen sondern richtet sich nach
zum Besitz einer Waffe wird durch eine Waffenbesitz- dem Laufdurchmesser der dazugehörigen Waffe. Der
karte (WBK) dokumentiert, das Führen einer Waffe Innendurchmesser des Laufs wird über den Feldern
gem. § 10 Abs. 4 WaffG durch einen Waffenschein. bestimmt.
»Führen« im Sinne des Waffenrechts meint das zu-
griffsbereite Vorhalten einer Waffe, was nur in Aus- Knallkartuschen. Die oftmals als »Platzpatronen« be-
nahmefällen gestattet ist und nicht an allen Orten. Vor zeichneten Knallkartuschen sind prinzipiell wie eine
dem 25. Lebensjahr muss dem Antrag auf eine Waffen- normale Patrone aufgebaut, es fehlt jedoch das Ge-
besitzkarte ein medizinisch-psychologisches Gut- schoss. Die Hülsen werden stattdessen entweder vorn
achten beigelegt werden, Sportschützen dürfen erst ab mit einer Kunststoffeinlage abgeschlossen, die mit
21 Jahren großkalibrige Gewehre und Pistolen besit- Sollbruchstellen versehen ist, oder sie werden vorn zu-
zen. Für Jagdwaffen gelten spezielle Transportvor- gebördelt.
schriften. Gemäß Waffengesetz dürfen in Erfüllung Reine Knallkartuschen sind nur mit Treibmittel
der Anforderungen des Schusswaffenprotokolls der geladen. Darüber hinaus existieren sog. Reizstoff-
Vereinten Nationen seit 2008 z.B. Hieb- und Stoß- kartuschen, in denen außerdem ein Reizstoff in Pul-
waffen oder feststehende Messer mit einhändig fest- verform eingebracht ist. Typische Reizstoffe hierfür
stellbarer Klinge (Einhandmesser) und Messer mit sind CS (2-Chlorbenzyliden-malonsäuredinitril) oder
einer Klingenlänge von mehr als 12 cm nicht mehr ge- Capsaicin (aus der roten Chili, Wirkstoff des sog. Pfef-
führt werden. fersprays).

Geschossarten. Man unterscheidet Vollgeschosse,


5.6.2 Schusswaffentypen und Munition die vollständig aus demselben Material (z.B. Blei) be-
stehen, von Mantelgeschossen mit einem gleichmäßi-
In der rechtsmedizinischen Praxis kommen Schussver- gen Kern und einer Hülle aus einer dünnen Schicht
letzungen nach Suiziden, bei Tötungsdelikten und eines anderen Materials (z.B. Bleikern und Stahl- oder
nach Unfällen beim Umgang mit einer Schusswaffe Kupfermantel). In der Jagd werden Teilmantelge-
vor, gelegentlich auch im Rahmen von Geschädigten- schosse verwendet, die sich beim Eintritt in den Kör-
untersuchungen bei überlebter Schussverletzung. Die per zerlegen und zu besonders umfangreichen Verlet-
Art einer Schussverletzung bzw. das Spurenbild wird zungen führen. Hinsichtlich Ihres Verhaltens im Kör-
bestimmt durch die Art der verwendeten Schusswaffe. per werden Geschosse unterschieden (. Tab. 5.15).
Eine systematische Aufteilung der Schusswaffentypen Die unterschiedlichen Munitionsarten wurden
zeigt . Tab. 5.14. und werden für die verschiedensten Anforderungen
5.6 · Schussverletzungen (punktförmige Gewalt)
71 5

. Tab. 5.14 Systematik der Schusswaffen – Auswahl

Typen Untertypen Besonderheiten

Kurzwaffe Revolver Grundsätzlich Einzelfeuerwaffen: Hahn schlägt beim Durchziehen des Abzugs auf
den Zündstift und muss vor jedem Schuss gespannt werden. Single-Action-Revol-
ver: Spannen nur am Hahn selbst möglich. Am Double-Action-Revolver Spannen
des Hahns zusätzlich mittels Durchziehen des Abzugs möglich. Beim Spannen des
Hahns gleichzeitig Weiterdrehen der Trommel. Je nach Waffentyp Drehung der
Trommel nach rechts oder links, Fassvermögen 5–9 Schuss. Hülse bleibt nach dem
Schuss in der Trommel.

Pistole Heutzutage nahezu ausschließlich mehrschüssige Selbstlader: Nach Schussabgabe


durch Rückholvorgang des Verschlussstückes Hülsenauswurf und Nachladung einer
neuen Patrone. Vor dem 1. Schuss manuelles Zurückziehen des Verschlussstückes
zum Laden der 1. Patrone. Patronenvorrat in einem Magazin im Griff. Bei Pistolen
mit größeren Mündungsimpulsen verriegelbarer Verschluss vorgeschrieben. Ein-
schüssige Pistolen als Sportwaffen.

Maschinen- Automatische Waffen, verschießen Pistolenmunition. Einfacher Aufbau (zuschie-


pistole ßender unverriegelter Masseverschluss). Oft gar nicht für Einzelfeuer eingerichtet.
Bekanntestes Modell: Uzi. Schusskapazität je nach Magazin zwischen 30–50 Schuss,
sog. Trommelmagazine mit bis zu 100 Schuss

Langwaffe Büchse Zum Verschießen von einzelnen Geschossen, gezogener Lauf. Jagdgewehre sind
(Gewehr) überwiegend Einzellader.
Armeegewehre sind meist automatische Waffen – sog. Sturmgewehre – mit
Gasdruckladeprinzip. Magazine mit 20–30 Schuss. Einzelfeuer, Dauerfeuer und
oftmals auf 3 Schuss begrenzte Feuerstöße einstellbar. Weltweit bekanntestes
Sturmgewehr: AK-47 aus Russland (»Kalaschnikow«).
Maschinengewehre: auf große Schusskapazität ausgelegte Automaten. Meist
Zufuhr von gegurteter Munition mit bis 250 Schuss pro Gurt. Schwere standfeste
Lafette notwendig

Flinte Einzellader zum Verschießen von Schrot, glatter Lauf. Nahezu ausschließlich als
Jagdgewehr. Doppelflinte: Zwei Flintenläufe. Kombinationen mit Büchsenläufen
möglich. Flinten- und Büchsenlauf nebeneinander: Büchsflinte, übereinander:
Bockbüchsflinte. Dreiläufige Gewehre werden als Drillinge bezeichnet, häufige
Kombination: Zwei Flintenläufe nebeneinander und darunter ein Büchsenlauf.

Schreckschusswaffen Nachbildungen von echten Revolvern oder Pistolen mit Funktionsweise der Vor-
bilder. Sog. Laufattrappe muss fest mit Rahmen verbunden sein. Im Innern der
Laufattrappe Schikanen aus Hartmetall. Verschießen von Knallkartuschen

Zahlreiche Spezialwaffen und historische Schusswaffen, die im Einzelfall relevant werden können, sind nicht auf-
geführt.

entwickelt: Jagdmunition soll möglichst schnell töten. Spitze des vollummantelten Hohlspitzgeschosses wird
Primäres Ziel der Kriegsmunition ist das Verletzen, da durch eine Kunststoffkugel gebildet. Das Geschoss
ein verletzter Soldat ein bis zwei weitere Soldaten für pilzt früh beim Eindringen in das Gewebe auf. Die Fol-
seine Versorgung bindet und somit zusätzlich tempo- gen sind eine geringe Eindringtiefe und hohe Energie-
rär kampfunfähig werden lässt. Scharfschützenmuni- abgabe, um den Getroffenen zu stoppen, jedoch so
tion muss schnell und effektiv töten, möglichst ohne in wenig wie möglich zu verletzen.
unmittelbarer Nähe befindliche Menschen zu verlet-
zen. Die Polizei setzt in den Dienstpistolen zunehmend Schrotpatronen. Die Hülse von Schrotpatronen ist
sog. Quick-Defense-Munition (alternative Bezeich- meist aus Kunststoff. Nur der Kopf ist aus Metall, in
nung: Menstopper-Munition) ein: Die eigentliche ihm befindet sich die Zündkapsel. Die davor befind-
72 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

schwindigkeit von etwa 50 m/s notwendig. Obligate


. Tab. 5.15 Einteilung der Geschosse nach Ihrem sog. Einschusszeichen sind ein zentraler Gewebsde-
Verhalten im Körper fekt (nicht adaptierbar) und ein angrenzender Schürf-
saum. Fakultativ kann sich außerdem zwischen zen-
Geschoss- Verhalten im Körper tralem Defekt und Schürfsaum ein Abstreifring und
bezeichnung um den Schürfsaum herum ein Kontusionshof aus-
Formstabile Beibehalten der Form nach Ein-
bilden (. Abb. 5.41):
Geschosse dringen in den Körper; geringere 4 Schürfsaum: Es wird angenommen, dass durch
Energieabgabe; häufiger Durch- temporäres Einstülpen der Haut mit Schürfung in
schüsse Richtung des Einschusses der Schürfsaum entsteht.
Nach orthogonalem Auftreffen des Geschosses auf
Deformierende Beim Eindringen in den Körper
5 Geschosse Vergrößerung der Energie über-
der Haut ist der Schürfsaum rund und ca. 1–2 mm
breit.
tragenden Fläche; kein Material-
verlust 4 Abstreifring: Dem Projektil anhaftende ölige
Rückstände lagern sich am Rand des zentralen
Zerlegende Zersplitterung beim Durchdringen Einschussdefekts in Form eines schwärzlichen
Geschosse des Zielmediums; hohe Energie-
Rings ab. Die Ausprägung des Abstreifrings bzw.
abgabe; umfangreiche Gewebs-
destruktion; sog. »Dum-Dum-
ob dieser überhaupt sichtbar ist, ist dementspre-
Geschosse« chend abhängig vom Grad der Verschmutzung des
Laufs. Wird die Kleidung durchschossen, kann der
Abstreifring auf der äußersten Bekleidungsschicht
(und nicht an der Einschusswunde) sichtbar sein.
liche Treibladung wird von den Schrotkörnern durch 4 Kontusionsring: Der Kontusionsring wird als
einen Filzpfropfen getrennt, um eine Durchmischung Projektion der temporären Wundhöhle auf die
zu verhindern. In den modernen Schrotpatronen ist Haut verstanden. Der Kontusionsring grenzt an
der Filzpfropfen durch einen »Becher« aus Kunststoff den Schürfsaum, ist rötlich-livide und nach peri-
ersetzt, der die Schrotkörner enthält und dessen hoher, pher abblassend.
hohler Fuß die Distanz zur Treibladung vorgibt. Die
Schrotkörner haben in Abhängigkeit von dem zu be- Knöchernes Einschusszeichen am Schädel. Bei
schießenden Wild unterschiedliche Durchmesser. einem Einschuss im Bereich des Neurokraniums ent-
Nach Verlassen des Flintenlaufs beginnen die Schrot- steht an der Lamina externa ein rundlicher Defekt, der
körner zu »streuen«. sich trichterförmig durch die Diploe zur Lamina inter-
na hin erweitert. Beim Ausschuss findet sich eine ent-
Zündelement. Heute werden bleifreie Zündsätze ver- sprechende Erweiterung von der Lamina interna zur
wendet. Sie haben das früher gängige Sinoxid (Haupt- Lamina externa (. Abb. 5.42).
bestandteile Bleitrizinat und Bariumnitrat) weitgehend
abgelöst.

Treibmittel. Das Treibmittel liefert die Energie für


den Schuss. Der älteste bekannte Explosivstoff, der als
Treibladung verwendet wurde, ist das Schwarzpulver
(75% Kaliumnitrat, 15% Holzkohle, 10% säurefreier
Schwefel; Herstellung in Pulvermühle). Bei der moder-
nen Munition hat sich Zellulosenitrat (syn. Nitrozellu-
lose) durchgesetzt.

5.6.3 Einschuss

Trifft ein Projektil auf die Haut, wird das Gewebe in


Schussrichtung beschleunigt. Durch den Drall des Ge- . Abb. 5.41 Einschussverletzung. Einschusszeichen mit zen-
schosses findet zusätzlich eine Radialbeschleunigung tralem, nicht adaptierbarem Defekt, geringem Schürfsaum,
statt. Zur Perforation der Haut ist eine sog. Grenzge- fehlendem Abstreifring (Bekleidung!) und Kontusionshof
5.6 · Schussverletzungen (punktförmige Gewalt)
73 5
konstruktion des Schusswinkels und der Position des
Schützen. Je nach Projektilendlage und Schusskanal
bzw. weiteren Besonderheiten können verschiedene
Schusstypen beschrieben werden (. Tab. 5.16).

Temporäre Wundhöhle. Die temporäre Wundhöhle


im Schusskanal entsteht durch »Abströmen« der kine-
tischen Energie an der Kontaktfläche, wobei sich eine
radiale Beschleunigungskomponente einstellt und sich
das Medium verformt, je nach Art elastisch und/oder
plastisch. Hinter dem Geschoss entsteht ein Raum, in
. Abb. 5.42 Einschuss- und Ausschussmorphologie am dem ein Vakuum herrscht. Das Vakuum und die in
Schädelknochen dem Medium (Gewebe) gespeicherte elastische Ener-
gie führen zum Zusammenfallen der temporären
Wundhöhle. Bei hohen Geschwindigkeiten kann es
5.6.4 Schusskanal und Schussrichtung dadurch zum Zerfetzen von Organen kommen. Der
Hirnschädel kann sich nur minimal ausdehnen, ein
In der Praxis ist die Darstellung des Schusskanals mit Entweichen des Druckes kann nur über die Ein- und
Bestimmung der Schussrichtung von großer Bedeu- Ausschussöffnung stattfinden. Hierbei wird Gewebe
tung. Zusammen mit der Schussentfernung (7 Abschn. mitgeschleudert. Da der Einschuss die zuerst entste-
5.6.6) ergeben sich wichtige Anhaltspunkte für die Re- hende Öffnung darstellt, wird dieser primär zur Druck-

. Tab. 5.16 Schusstypen

Bezeichnung Charakteristika

Steckschuss Fehlendes Austreten des Projektils aus dem Körper. Gelegentlich Projektil gegenüber der
Einschusslokalisation subkutan tastbar. Mögliche Gründe: Geringe Durchschlagskraft des
Geschosses, schräges Auftreffen, Abbremsen durch Knochen

Durchschuss Projektil hat den Körper verlassen und wird außerhalb aufgefunden. Bei Pistolenmunition
üblicherweise erst ab Kaliber 7,65 mm

Winkelschuss Richtungsänderung des Geschosses im Körper: Ablenkung durch Auftreffen auf Gewebe unter-
schiedlicher Dichte, z.B. Knochen

Streifschuss Projektil streift die Haut. Rinnenförmige grobe Aufreißung der Haut, ggf. mit Unterhaut, zusätz-
lich davon ausgehend in Schussrichtung verlaufende, schräge kleinere Einrisse in der Haut, z.T.
schwer abgrenzbar von einer Platzwunde

Tangentialschuss Nahes Beieinanderliegen von Ein- und Ausschuss. Der Schusskanal durchsetzt Haut, Unter-
haut oder möglicherweise tiefere Weichteilschichten. Deutlicher ovalärer Schürfsaum des
Einschusses gegen die Schussrichtung zeigend

Kontur- oder Beim Schädelschuss: Projektil hat nur noch geringe kinetische Energie. Beim inneren Ringel-
Ringelschuss schuss Bewegung entlang der Lamina interna gegenüber dem Einschuss. Beim äußeren Ringel-
schuss zwar Durchdringen des Schädeldachs, nicht jedoch der Kopfschwarte – Bewegen des
Projektils zwischen Lamina externa und Kopfschwarte

Gellert-Schuss Ablenken des Geschosses auf seiner Flugbahn durch Streifen von Gegenständen. Dadurch
tödliche Verletzungen möglich, obwohl eigentlich in eine andere Richtung geschossen wurde
(z.B. Warnschuss). Durch veränderte Flugbewegung des Geschosses (u.a. Verlust des Dralls)
sind atypische Einschusswunden mit fehlenden Einschusszeichen und adaptierbaren Wund-
rändern möglich

Krönlein-Schuss Schädeldurchschuss mit rasantem Geschoss. Sprengung des Schädeldachs durch die temporäre
Wundhöhle mit vollständiger Exenteration des Gehirnes
74 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

5
. Abb. 5.43 »Backspatter«. Gegen die Schusshand ge- . Abb. 5.44 Krönlein-Schuss. Exenteration des kompletten
schleuderte Gewebefragmente Hirngewebes

entlastung genutzt. So entstehen die Rückschleuder- ! Die Ausschusswunde ist durch eine weit-
spuren, also Gewebeschleuderspuren entgegen der gehende Adaptierbarkeit der Wundränder
Schussrichtung (sog. Backspatter; . Abb. 5.43). gekennzeichnet, weiterhin durch eine
Bei zu hohen Geschossgeschwindigkeiten ist ein fehlende Schürfung der Wundränder und
Bersten des Hirnschädels im Extremfall mit Heraus- ein Fehlen von sonstigen Einschusszeichen.
schleudern des gesamten Hirngewebes möglich (sog.
Krönlein-Schuss) (. Abb. 5.44). Insbesondere wenn Knochensplitter in Schussrichtung
mitgerissen werden, können Gewebeteile aus dem
Knöcherner Durchschuss. Die knöchernen Defekte Ausschuss herausgerissen werden, was zu einem un-
bei einem Durchschuss können durch das Aufdehnen regelmäßigen, meist nicht zentral befindlichen Ge-
des Knochengewebes mit nachträglichem Kollabieren websdefekt führen kann.
kleiner sein als das Kaliber des Projektils (meist bei
höheren Geschwindigkeiten). Andererseits können Pseudoschürfsaum. Liegt der Haut beim Ausschuss
durch die Ausdehnung der temporären Wundhöhle Kleidung an, kann diese als Widerlager fungieren. Da-
oder Störungen der Flugbahn des Projektils Defekte durch kann eine Hautschürfung entstehen, die als Ver-
entstehen, die größer sind als der Außendurchmesser trocknung imponiert.
des Geschosses. Bei einem Berstungsbruch durch Sprengung des
Schädels bei einem Durchschuss kann es schwierig
! Selbst anhand eines sauberen runden Defek-
sein, die »echte« Ausschussverletzung von weiteren
tes an der Lamina externa bei einem Ein-
Hautaufreißungen in der Kopfschwarte und der Ge-
schuss am Neurokranium ist ein sicherer
sichtshaut abzugrenzen.
Rückschluss auf das verursachende Kaliber
nicht möglich. Das tatsächliche Kaliber kann
Knöchernes Ausschusszeichen. Beim Schädel-Hirn-
größer oder kleiner sein.
Durchschuss stellt sich der Ausschuss von der Lamina
interna zur Lamina externa hin trichterförmig erwei-
tert dar. Beim zerborstenen Hirnschädel kann dies
5.6.5 Ausschuss durch Adaptieren der Knochenfragmente rekonstru-
iert werden (. Abb. 5.45).
Beim Austreten eines Projektils wird die Haut durch die Werden lange Röhrenknochen diaphysär nahe der
temporäre Wundhöhle und das Projektil gespannt bis Längsachse durchschossen kann ein ähnliches Bild wie
sie platzt. Es würde sich also um eine echte »Platzwun- an der Schädelkalotte mit trichterförmiger Erweite-
de« handeln. Häufig ist der Ausschuss größer als der rung in Schussrichtung entstehen.
Einschuss, dies ist jedoch kein zwingendes Kriterium.
5.6 · Schussverletzungen (punktförmige Gewalt)
75 5

. Abb. 5.46 Pulverschmauchniederschläge um die


knöcherne Einschussverletzung des Schädeldaches

. Abb. 5.45 Ausschussverletzung mit trichterförmiger


zentralen Defekt des Einschusses zu asservieren (Auf-
Erweiterung nach außen – Abhebung der Lamina externa
– und angrenzenden Frakturen spannen auf Pappe oder Kork, Einzeichnen der Orien-
tierung, ggf. Einfrieren). Wurde über der Einschuss-
wunde Kleidung getragen, sind hieran Schmauch-
5.6.6 Schussentfernung spuren zu erwarten und die Kleidung ist sicherzu-
stellen. Finden sich Pulverschmauchantragungen am
Zur Bestimmung der Schussentfernung wird die Ein- Rande einer knöchernen Einschussverletzung, dann
teilung primär anhand morphologischer Kriterien in kann von einem Nahschuss ausgegangen werden
die drei Kategorien absoluter Nahschuss (aufgesetzter (. Abb. 5.46).
Schuss), relativer Nahschuss und Fernschuss vorge- Im Moment der Schussabgabe kann es zu unter-
nommen (. Tab. 5.17). schiedlich ausgeprägten Pulverschmauchablagerungen
auf der Haut der Hand kommen, mit der geschossen
Schussentfernungsbestimmung. Eine absolute Be- wurde. Dabei finden sich im Vergleich der Hände mit-
stimmung der Schussentfernung kann nur über den einander typische Zonen verstärkter Pulverschmauch-
chemischen oder spektrographischen Nachweis der antragungen (. Abb. 5.47).
Schmauchelemente und deren Dichte erfolgen. Da- Die Einschussmorphologie und begleitende Be-
für ist am Leichnam ein wenigstens ca. 10 x 10 cm funde in Abhängigkeit von der Schussentfernung sind
messendes Hautareal mit dem in der Mitte gelegenen in . Abb. 5.48 dargestellt.

. Tab. 5.17 Kategorien der Schussentfernung

Kategorie Morphologische Kriterien am Einschuss

Absoluter Schmauchhöhle mit Pulverschmaucheinlagerungen, beim Schädel auf der Lamina externa befind-
Nahschuss lich, ggf. unter dem Periost oder sogar auf der Dura. Sternförmige Aufreißung der Haut möglich.
Stanzmarke als Abdruck des Waffengesichts nach festem Aufdrücken der Mündung bei Schussab-
gabe. CO-Myoglobinbildung mit lachsrot verfärbter Muskulatur entlang des Schusskanals, besonders
in dessen Anfangsteil

Relativer Schmauchniederschläge und Pulverkörncheneinsprengungen um den zentralen Defekt herum;


Nahschuss Erkennbarkeit mit bloßem Auge etwa bis zu einem Abstand der Mündung bis zur Haut von der
doppelten Lauflänge der verwendeten Waffe

Fernschuss Fehlende Nahschusszeichen

Die genannten Kriterien treten ergänzend zu den Einschusszeichen auf (7 5.6.3).


76 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

5 a

. Abb. 5.47a, b Pulverschmauchantragungen an den


Händen bei der sog. Schusshandbestimmung

5.6.7 Spezielle Schussverletzungen

Als spezielle Schussverletzungen werden im Folgenden


diejenigen angesehen, die nicht durch ein einfaches
Projektil entstanden sind, das mit einer Lang- oder
Kurzwaffe verschossen wurde. . Abb. 5.48a–d Befunde in Höhe des Einschusses bei
unterschiedlichen Schussentfernungen. a Absoluter Nah-
Schrotschussverletzungen. Die Schrotkörner ver- schuss mit Stanzmarke. b Relativer Nahschuss aus sehr ge-
lassen den Flintenlauf zusammen mit dem Kunststoff- ringer Entfernung mit um den Einschussdefekt gelegenen
becher oder Filzpfropfen. Vor der Mündung beginnen Pulverkorneinsprenungen. c Relativer Nahschuss aus etwas
die Schrotkörner zu streuen. Je größer die Entfernung weiterer Entfernung mit größerem Radius der Pulverkorn-
zur Flintenlaufmündung ist, desto weniger dicht sind einsprengungen. d Fernschuss; keine Nahschusszeichen
die Schroteinschläge in der Haut. Bei sehr geringem
Abstand kann es zur Perforation der Haut durch den
Kunststoffbecher kommen, die noch zusammenhän- die Ausbildung einer Schmauchhöhle, ein Zerbersten
gende Schrotgarbe wirkt zunächst wie ein solides von inneren Organen oder die Sprengung des Schädels
Einzelgeschoss. Die Schrotkörner streuen dann im sein.
Körperinnern durch den sog. Billardeffekt. Beim auf- Die Einschusswunden zeigen einen überkaliber-
gesetzten Schuss mit Schrotmunition erlangen zusätz- großen zentralen Defekt mit Zähnelung des Randes.
lich die expandierenden Mündungsgase Relevanz. Die Mit zunehmendem Abstand kommt es zu separaten
Folgen können in Abhängigkeit von der Lokalisation kleinen Einschüssen von Randschroten (. Abb. 5.49).
5.6 · Schussverletzungen (punktförmige Gewalt)
77 5
Diese treibt einen Metallbolzen in den Schädel des
Tieres. Meist befinden sich neben dem Bolzenaus-
lass einander gegenüberliegend zwei Öffnungen, aus
denen der überschüssige Gasdruck und Schmauch ent-
weichen können. Somit besteht das typische äußerlich
erkennbare Verletzungsbild aus einem zentralen De-
fekt mit zwei angrenzenden Schmauchhöfen. Am Ende
des Schusskanals ist im Hirngewebe eine aus Anteilen
der Kopfschwarte und aus Knochen bestehende Aus-
stanzung anzutreffen. In der rechtsmedizinischen Pra-
xis haben Bolzenschussgeräte vor allem Bedeutung als
Suizidmittel, seltener werden sie für einen Homizid
benutzt. Betroffen sind meist Berufsgruppen mit Zu-
gang zu diesen Geräten wie Metzger oder Landwirte.

Verletzungen durch Schreckschusswaffen. Der Gas-


strahl kann in Abhängigkeit von der verwendeten
Knallkartusche eine hohe Energieflussdichte erzeugen.
. Abb. 5.49 Schrotkugelverletzungen. Zentral eine große Beim aufgesetzten Schuss oder beim relativen Nah-
und in der Umgebung in der Haut kleinere Schrotkugelver- schuss mit Abständen von wenigen Zentimetern kön-
letzungen nen eine Penetrierung der Haut und sogar Verletzun-
gen innerer Organe erreicht werden. Dünne Knochen
können brechen. Am gefährlichsten ist das Ansetzen
der Waffe am Kopf, insbesondere am Schläfenkno-
chen. Dieser kann bersten und erhebliche Hirnverlet-
zungen können die Folge sein.

Verletzungen durch Luftdruckwaffen. Bei Luft-


druckwaffen (Luftgewehr, Luftpistole) wird als Treib-
mittel mechanisch komprimierte Luft verwendet. Ver-
schossen werden üblicherweise einzeln an den Beginn
des Laufs eingebrachte sog. Diabolo-Geschosse. Ab-
hängig von dem verwendeten Geschoss, der Entfer-
nung, der Auftrefflokalisation (bekleidete oder unbe-
kleidete Haut) und dem Auftreffwinkel können Häma-
tome oder sogar Hautpenetrationen entstehen. Nach
Penetration der Orbita oder einer dünnen Schläfen-
schuppe sind potenziell tödliche Gehirnverletzun-
gen möglich. Weitere lebensgefährliche Verletzungen
. Abb. 5.50 Zahlreiche Schrotkugeln in einem Röntgen- können nach Arrosion großer Gefäße im Halsbereich
Thorax-Bild entstehen.

Explosionsverletzungen. Explosionsverletzungen
Bei Schussentfernungen ab ca. 5 m wird bei Schrot- sind typische Verletzungen bei kriegerischen Hand-
schussverletzungen üblicherweise kein zentraler De- lungen sowie bei Terroranschlägen. Bei den Explosi-
fekt mehr beobachtet, stattdessen multiple Einzelein- onsfolgen werden primäre, sekundäre, tertiäre und
schüsse. Die zahlreichen Schrotkugeln sind radiolo- quartäre Verletzungen unterschieden (. Tab. 5.18). Bei
gisch gut darstellbar (. Abb. 5.50). Explosionen kommt es einerseits zur Entstehung zahl-
reicher unterschiedlich großer Geschossfragmente
Verletzungen durch Bolzenschussgeräte. Bolzen- und andererseits zu einer erheblichen Druckwelle.
schussgeräte sind als Werkzeuge zur Tiertötung vor Charakteristisch sind multiple unterschiedlich große
dem Schlachten entwickelt. Durch den Einsatz einer und unterschiedlich geformte flächenhafte Verletzun-
Knallkartusche wird eine kräftige Treibladung erreicht. gen der Haut in Abhängigkeit von der Entfernung zum
78 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.18 Klassifizierung von Explosionsverletzungen

Typ Wirkung Verletzungsmuster

Primär Luftstoß- und Überdruckwelle: »shockwave« Trommelfellruptur, Lungenkontusion, Darmkontu-


und »overpressure wave« i.S. eines Baro- sionen, -perforationen, Einrisse des Mesenteriums,
traumas Leber- oder Milzruptur

Sekundär Projektil bzw. projektilartig: durch Explosion Weichteilverletzungen, penetrierende Verletzungen


beschleunigte Splitter aus der Bombenhülle mit Blutungen, Pneumothorax,
oder der unmittelbaren Umgebung Darmperforation

5 Tertiär Indirekte Auswirkungen der Druckwelle:


Sturz, Anpralltrauma, herabfallende oder
Verschiedenste Formen v.a. der stumpfen sowie der
scharfen bzw. halbscharfen Gewalt
umstürzende Gebäudeteile

Quartär Sonstige: Verschütten, Flammen, heiße Traumatische Amputationen, Kompartmentsyndrom,


Rauchgase, radioaktive Elemente, biologische »crush injury«, Verbrennungen, Inhalationstrauma,
oder chemische Giftstoffe Rauchgasinhalationen, Verstrahlung, biologische oder
chemische Intoxikation

Explosionsort (. Abb. 5.51). Bei der Obduktion kön- 5.6.8 Kriminologische Aspekte
nen entsprechend zum Teil zahlreiche Geschossfrag- von Schussverletzungen
mente asserviert werden, die inneren Organe weisen
multiple Zerreißungen und Zerfetzungen auf, intra- Beim suizidalen Erschießen handelt es sich um ein
pulmonal teilweise bedingt durch die Druckwelle der häufiges Phänomen. Bevorzugt betroffen sind natur-
Explosion. Amputationen von Extremitäten kommen gemäß Personen mit Zugang zu Schusswaffen, wie z.B.
ebenso vor wie die Abtrennung des Kopfes. Jäger oder Polizeibeamte. Die entscheidende Frage
bei Verstorbenen mit Schussverletzungen ist, ob eine
Pfeilschussverletzungen. Pfeile werden mit Bögen Selbst- oder Fremdbeibringung stattgefunden hat. Die
oder Armbrüsten über eine vorgespannte Sehne ver- . Tab. 5.19 enthält die wichtigsten Kriterien zur Diffe-
schossen. Entweder handelt es sich um historische Waf- renzialdiagnostik.
fen oder moderne Sportgeräte. Ergänzend sind Harpu-
nen zu nennen, die einen aufpumpbaren Pressluftzylin- Todesursachen bei Schussverletzungen. Bei den
der besitzen. Die Harpune wird gegen den Druck der möglichen Todesursachen nach Schussverletzungen ist
komprimierten Luft von der Mündung her geladen. zu denken an:
4 Sistierung des Blutkreislaufs infolge Zerstörung
der Herzens oder eines Anteils der Aorta
4 Verbluten aus verletzten großen Gefäßen
4 Verbluten oder Herzbeuteltamponade nach Ver-
letzung von Myokard oder Herzgefäßen
4 Zerstörung lebenswichtiger Hirnareale, insbeson-
dere des Stammhirns
4 sekundäre Hirnschwellung nach Kopfschuss
4 zentralnervös bedingter Schock mit Auswirkung
auf die Herzfunktion

Obduktion. Bei der Obduktion von Verstorbenen mit


Schussverletzungen müssen die Anzahl der Ein- und
Ausschüsse, die Schussrichtung und die Schussent-
. Abb. 5.51 Explosionsverletzungen. Zahlreiche unter- fernung festgestellt werden. Außerdem ist die Frage zu
schiedlich tief reichende Splitterverletzungen, Amputation beantworten, welcher der oder welche Schüsse tödlich
von Kopf und Hand waren. Vor der Eröffnung der Leiche sollten zumindest
5.7 · Gewalt gegen den Hals
79 5

. Tab. 5.19 Differenzialdiagnose zur Selbst- oder Fremdbeibringung von Schussverletzungen

Kriterien Selbstbeibringung Fremdbeibringung

Anzahl der Schussverletzungen Eine Mehr als eine möglich

Typische Einschusslokalisation Schläfe, Mund Regellos

Schussentfernung Absoluter oder kurzer relativer Nah- Alle Schussentfernungen


schuss

Schusswinkel Steile Winkel durch die kurze Schuss- Eher flacher zur Transversalebe-
entfernung möglich ne des Opfers

Backspatter an der Schusshand Fakultativ vorhanden Nicht vorhanden

Schmauchnachweis an der Schusshand Positiv Negativ

Schlittenverletzungen an der Schuss- Selten Nie


hand, typischerweise zwischen
Daumen und Zeigefinger

Auffinden der Waffe In der Nähe des Leichnams Überall möglich bzw. Waffe
nicht auffindbar

bei Verdacht auf Steckschüsse Röntgenaufnahmen der abgehend zeigt sich eine diskrete, nur bei guten
betroffenen Körperregion oder besser ein CT-Scan Lichtverhältnissen erkennbare Sekretabrinnspur.
durchgeführt werden. Dies führt zum Nachweis von In der Haut des Gesichts, insbesondere in den Lid-
Projektilen und erleichtert das präparatorische Vor- häuten, Augenbindehäuten und in der Schleimhaut
gehen mit Entnahme der Projektile erheblich. Im des Mundvorhofes sind zahlreiche petechiale Einblu-
Leichnam verbliebene Projektile sind nur mit Kunst- tungen nachweisbar. Nach Entkleidung zeigen sich
stoffpinzetten zu bergen, um ballistische Untersu- strumpf- bzw. handschuhartig verteilte Totenflecke
chungen zur Individualisierung der Waffe nicht zu an den Armen und Beinen. Der Hausarzt hatte dem
beeinträchtigen. Patienten einige Wochen zuvor ein Antidepressivum
verschrieben. Bei der Obduktion zeigt sich eine
frische Unterblutung der Knochenhaut der rechten
5.7 Gewalt gegen den Hals Clavicula in Höhe des Ansatzes des M. sternocleido-
mastoideus. Der ventrale Bandapparat der Lenden-
Ç Fallbeispiel wirbelbandscheiben weist an zwei Stellen eine Ein-
Nachdem der 58-jährige allein lebende Mann sich blutung auf (sog. »Simon-Blutungen). Anhaltspunkte
mehrere Tage nicht bei seiner Tochter gemeldet für eine strangfremde Gewalt ergeben sich nicht.
hatte und sein Briefkasten nicht geleert wurde, lässt
die Polizei die Wohnungstür öffnen. Sie findet den
Wohnungsinhaber in aufrechter Körperposition Es gibt 3 Arten von komprimierender Gewalt gegen den
frei hängend über einem offenbar umgestoßenen Hals, die durch den von außen wirkenden Druck zur
Hocker und mit einem doppelt um den Hals geführ- Kompression des Halses, d.h. zur Strangulation führt:
ten 1,2 cm dicken Seil, welches zu einer Schlinge ge- 4 Hängen bzw. Erhängen
knotet und an einem Dachbalken befestigt ist. Der 4 Würgen bzw. Erwürgen
Sitz des Knotens findet sich an der rechten Halsseite 4 Drosseln bzw. Erdrosseln
hinter dem Kiefergelenk, unter dem Strangwerkzeug
zeigen sich zwei seitlich ansteigende bräunlich-ver- Pathophysiologische Folgewirkungen der Strangula-
trocknete Strangmarken. Die Haut dazwischen ist tion können sein:
wallartig aufgeworfen und weist kleine Einblutungen 4 Kompression zervikaler Venen und Arterien
auf. Die Gesichtshaut ist gedunsen, etwas zyanotisch, 4 Stimulation von Pressorezeptoren, v.a. über den
die Zunge hervorstehend, vom linken Mundwinkel sog. Karotissinusreflex
6 4 Kompression der Atemwege
80 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

funde bei der äußeren Leichenschau und bei


der Obduktion je nach Art der Gewalteinwir-
kung und Intensität der Gegenwehr des
Opfers sowie in Abhängigkeit von der Voll-
ständigkeit und Dauer der Kompression der
Halsgefäße erheblich variieren.

Nach der Todesfeststellung sind Veränderungen am


Leichenfundort zu vermeiden, das Strangwerkzeug ist
bis zum Eintreffen der Polizei unverändert am Leich-
nam zu belassen und soll dann später möglichst nur an
5 einer Stelle durchtrennt werden mit Verbindung der
beiden Durchtrennungsenden (. Abb. 5.52).

5.7.1 Erhängen
. Abb. 5.52 Korrekte Sicherung des Strangwerkzeuges

Definition
Während es sich beim Erhängen meist um einen Suizid Erhängen: Halskompression durch ein Strang-
handelt, ist beim Erwürgen immer und beim Erdros- werkzeug, wobei das eigene Körpergewicht
seln fast immer von einem Tötungsdelikt auszugehen. die Kompression der Halsvenen und Halsarterien
Selten sind vorgetäuschte Suizide durch Erhängen oder bewirkt.
ein Selbsterdrosseln (in Engstellung fixierbares Dros-
selwerkeug!) bzw. ein akzidentelles Erdrosseln. Ein
akzidentelles Erhängen kommt bei autoerotischen Un- Beim Erhängen ist eine vollständige Umfassung des
fällen und bei Kindern, die gefährliche Erhängungs- Halses durch das Strangwerkzeug nicht erforderlich,
szenen spielen, vor. die Halskompression von vorn kann auch bei nahezu
Ebenso wie z.B. beim Ertrinken finden sich neben liegender Position des Körpers oder im Sitzen bzw. Ho-
den für die Halskompression charakteristischen Be- cken ausreichen (. Abb. 5.53).
funden in unterschiedlicher Ausprägung allgemeine Todesursächlich vorrangig relevant ist nicht etwa
Zeichen des Erstickungstodes (7 Abschn. 5.8). die Verlegung der Atemwege (Trachea, Verschiebung
des Zungengrundes), sondern der kompressionsbe-
! Bei allen 3 Formen der Halskompression dingte Blutzirkulationsstopp im Gehirn mit – bei kom-
können die postmortal nachweisbaren Be- pletter Kompression der Halsgefäße – sehr rasch ein-
6 tretender Bewusstlosigkeit bzw. Handlungsunfähig-

. Abb. 5.53 Körperpositionen beim Erhängen


5.7 · Gewalt gegen den Hals
81 5

. Abb. 5.54 Typisches (links) und atypisches (Mitte und rechts) Erhängen

keit. Unterschieden werden das typische und das aty-


pische Erhängen (. Abb. 5.54).
Das typische Erhängen ist seltener als das atypische
Erhängen (. Tab. 5.20). Differenzialdiagnostisch ist ein
mehr oder weniger symmetrisches meist seitliches
Ansteigen der Strangmarke gegenüber dem horizontalen
Verlauf beim Erdrosseln bedeutsam (. Abb. 5.55). Beim
typischen Erhängen mit sehr rascher und weitgehend
kompletter Kompression der Halsgefäße können stau-
ungsbedingte Petechien fehlen, beim sog. atypischen
Erhängen sind Petechien regelmäßig vorhanden.
! Eine horizontal verlaufende Strangmarke ist
beim Tod durch Erhängen nur in nahezu
liegender Körperposition möglich und dann
im Regelfall nicht vollständig zirkulär nach-
weisbar. Ist die Erhängungsposition in solchen
Fällen nicht belegt, ist der Verdacht auf ein Tö-
tungsdelikt – Tod durch Erdrosseln – gegeben.

. Abb. 5.55 Seitlich ansteigende Strangfurche beim Die Formen der Halskompression führen zu unter-
typischen Erhängen schiedlichen Befunden in der Halshaut, so dass strang-

. Tab. 5.20 Typisches und atypisches Erhängen

Befund Typisches Erhängen Atypisches Erhängen

Strangmarke Symmetrisch beidseits zur Nackenregion Asymmetrischer Verlauf der Strangfurche


ansteigende Lage der Strangfurche bzw. bzw. des Strangwerkzeuges
des Strangwerkzeuges
Knoten Knoten oberhalb des Nackenhaaransatzes Knotens außerhalb der Nackenmitte,
in der Körpermittellinie am höchsten Punkt z.B. seitlich über dem Kieferwinkel oder an
des Nackens der Halsvorderseite
Körperposition Frei hängender Körper Kontakt des Körpers mit dem Boden (Füße
aufsetzend, sitzend, hockend, fast liegend)
Zeichen der Hals- Bei primär kompletter Kompression der Hals- Primär inkomplette Kompression der Hals-
kompression gefäße wenig ausgeprägt bis fehlend; geringe gefäße, deshalb deutliche Zeichen der Hals-
Dunsung des Gesichtes, Petechien können kompression; intensive Dunsung des Ge-
komplett fehlen sichtes, z.T. zahlreiche Petechien
82 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

5
. Abb. 5.56 Strangfurche mit zugehörigem Strangwerk- . Abb. 5.57 Petechien in der Lidbindehaut beim sog. aty-
zeug beim Erhängen pischen Erhängen

bedingte Verletzungen durch Erhängen bzw. Erdros- pischen Erhängen – unvollständiger Gefäßverschluss,
seln und durch Würgen voneinander abgrenzt werden relativ wenig Gewicht in der Schlinge, intervallartige
können. Kompression – führt zu einem Strangulationsdruck,
der den Binnendruck der Halsvenen übersteigt. Da-
Strangfurche beim Erhängen. Beim Erhängen findet durch wird der Blutrückfluss zum Herzen behin-
sich in der Halshaut der meist bereits bräunlich ver- dert und es resultiert eine akute Stauung, Dunsung
trocknete Abdruck des Strangwerkzeuges als Halshaut- und Zyanose des Gesichtes bzw. oberhalb der Strang-
impression (»Strangfurche«), in der sich Abdruckkon- furche. Nach ca. 20 Sekunden andauernder Stran-
turen des Strangwerkzeuges erkennen lassen (z.B. ge- gulation treten petechiale Blutungen der Gesichts-
riffelte oder geflochtene Struktur eines Strickes). Diese haut auf, insbesondere der Lidhäute, der Augenbin-
Abdruckkonturen können bei frühpostmortaler Ent- dehäute und in der Schleimhaut des Mundvorhofes
fernung des Werkzeuges wieder verschwinden, anson- (. Abb. 5.57).
sten sind die Konturen ebenso wie die Breite der Beim typischen Erhängen mit frei hängendem
Strangfurche mit dem Strangwerkzeug abzugleichen Körper können die zervikalen Venen und Arterien
(. Abb. 5.56). schlagartig komplett komprimiert sein, so dass hämo-
Wurde ein sehr breites Strangwerkzeug benutzt, dynamische Folgen fehlen: Keine Dunsung, das Ge-
z.B. ein breiter, weicher Schal, dann können u.U. nur sicht ist blass, keine Petechien. Daneben kann es in
diskrete Halshautbefunde vorhanden sein. Bei auf- beiden Fällen zu neurologischen Folgen der Halskom-
rechter Körperposition verläuft die Strangfurche meist pression (vermehrter Speichelfluss, unwillkürlicher
oberhalb des Kehlkopfes, am unteren Rand können als Urin- und Stuhlabgang, spontaner Abgang von Ejaku-
Folge eines Verrutschens des Strangwerkzeuges im lat) kommen.
Moment des Hineingleitens in die Schlinge Hautschür-
fungen auftreten (Kein Vitalitätszeichen!). Eine Strang- Selbstrettungsversuch. Versucht eine Person den
furche ist kein Vitalitätszeichen, da vergleichbare Be- Tod durch Erhängen durch Griff an bzw. in die Schlin-
funde auch postmortal beigebracht werden können ge zu verhindern, so können Verletzungen der Hals-
(z.B. erst Erdrosseln, dann Erhängen zur Vortäuschung und Wangenhaut auftreten, ein oder mehrere Finger
eines Suizides). können in der Schlinge bleiben.

Zwischenkammblutungen. Bei zwei- oder mehrtou- Verlauf des Erhängens. Die komprimierende Gewalt
rig um den Hals geschlungenem Strangwerkzeug kön- gegen den Hals kann je nach Intensität der Kompressi-
nen als Folge einer Quetschung der Haut in der Kuppe on sehr rasch zur Bewusstlosigkeit und zum Tode füh-
dazwischenliegender Hautfalten kleine Einblutungen ren mit einem stadienhaften Verlauf (. Tab. 5.21).
auftreten.
Obduktionsbefunde. Den Obduktionsbefunden
Hämodynamische Folgen der Halskompression. Die kann entscheidende Bedeutung beim Nachweis des
inkomplette Kompression der Halsgefäße beim aty- Gelebthabens zum Zeitpunkt des Erhängens zukom-
5.7 · Gewalt gegen den Hals
83 5

. Tab. 5.21 Stadien des Erhängens

Zeit Pathophysiologisches Geschehen bzw. auftretende Symptome und Befunde

<5 s Eintritt der Bewusstlosigkeit und Handlungsunfähigkeit; keine eigene Rettungshandlung mehr
möglich; Stauung, Zyanose der Gesichtshaut, beginnende Dunsung

Ab ca. 20 s Auftreten petechialer Blutungen, die u.U. auch konfluieren können; danach Blutaustritt aus Nase,
Mund und Ohr möglich

Ab ca. 30 s Tiefe Inspiration, Kontraktur der Hals- und Atemhilfsmuskulatur, intervallartig auftretende
Krämpfe (Erstickungskrämpfe) alle ca. 15–30 s, u.U. als konvulsivische Krämpfe mit sog. Anschlag-
spuren an den Gliedmaßen (z.B. Handrücken); verstärkte Salivation (Speichelfluss), vermehrter
Tränenfluss und Sekretion aus der Nase

Ab ca. 1 min Evtl. unwillkürlicher Stuhl-, Urin- und Samenabgang

Ca. 1–2 min Apnoe, terminale Atembewegungen möglich (Schnappatmung)

Nach 5–10 min Irreversibler Eintritt des Todes, bis dahin Rettbarkeit gegeben, jedoch u.U. mit hypoxischer
Hirnschädigung

Bis 20–30 min Herzaktionen im EKG noch möglich

men. Dabei gibt es Befunde durch die direkte lokale 4 Allgemeine Befunde: Überblähung der Lungen,
Gewalteinwirkung sowie indirekte Befunde: subpleurale Blutungen, sonstige Befunde passend
4 Kompression und Vertrocknung des subkutanen zur Annahme eines Erstickungstodes.
Fettgewebes in Höhe der Strangfurche (sog. innere
Strangmarke). Als zuverlässige Zeichen des Gelebthabens zum
4 Zum Teil nur diskret umblutete Frakturen des Kehl- Zeitpunkt des Erhängens gelten petechiale Blutungen,
kopf- und Zungenbeingerüsts können – je nach umblutete Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein
Grad der Verknöcherung bzw. in Abhängigkeit vom sowie in der Halsmuskulatur, aber auch sog. Spei-
Lebensalter – vorhanden sein, insbesondere der chelabrinnspuren aus dem Mundwinkel. Als weitere
oberen Kehlkopfhörner und des Zungenbeins. Vitalitätszeichen gelten Zwischenkammblutungen,
4 Blutungen in die Halsmuskulatur fehlen häufig Zerrungsblutungen bzw. Periostblutungen der Cla-
beim Erhängen (im Gegensatz zum Würgen und viculae und die Simon-Blutungen.
Drosseln), aber sog. Zerrungsblutungen als Unter-
! Besonders bedeutsam bei Verdacht auf eine
blutungen des Periost der Clavicula kommen vor
Halskompression ist die bei jeder rechtsmedi-
am Ursprung des M. sternocleidomastoideus
zinischen Obduktion standardmäßig durch-
(beim atypischen Erhängen auch einseitig!).
geführte schichtweise Präparation der Hals-
4 Halsmuskelzerreißungen finden sich nur beim weichteile in sog. künstlicher Blutleere: vor-
Sturz in bzw. mit der Schlinge aus größerer Höhe. herige Exenteration von Herz und Gehirn mit
Ab Sturzhöhen von ca. 3 m schwerere Verletzungen Abfluss des Blutes nach kaudal und kranial,
bis zur Dekapitation. um artifizielle Einblutungen in die Halsweich-
4 Auftreten von Querrissen, sog. Dehnungsrissen teile zu vermeiden.
der Gefäßintima der Aa. carotides.
4 Bei kompressionsbedingter venöser Blutstauung Vorgetäuschter Suizid durch Erhängen. Bei einer
kann es zu Einblutungen in die Zungengrundmus- versuchten Vertuschung eines Suizides oder auch beim
kulatur (sog. Zungengrundapoplexien) kommen. vorgetäuschten Suizid durch Erhängen nach vorange-
4 Einblutungen in den ventralen Bandapparat, v.a. gangenem Tötungsdelikt können schon am Leichen-
der Lendenwirbelbandscheiben (sog. Simon-Blu- fundort feststellbare Befunde wichtige Hinweise geben,
tungen) wenn z.B.
4 Frakturen des Dens axis bzw. der Halswirbelkörper 4 die Verteilung der Totenflecke nicht mit der Auf-
(»Hangman‘s fracture«) mit Verletzung des Hals- findeposition korreliert (Umlagerung des Leich-
markes sind extrem selten. nams?),
84 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

4 die Strangfurche anders verläuft als die Lage des


Strangwerkzeuges (Erst Erdrosseln, dann Erhän-
gen?),
4 neben der Strangfurche weitere Verletzungsbe-
funde in der Halshaut nachweisbar sind (Erst Er-
würgen oder Erdrosseln, dann Erhängen?),
4 an den Händen des Erhängten Faserspuren vom
Strangwerkzeug fehlen (sog. Faserprobe, mikros-
kopisch-spurentechnische Untersuchung durch
die Kriminalpolizei),
4 Griffspuren an den Oberarmen als sog. Tragegriff-
5 spuren, wenn das zuvor getötete bzw. bewusstlose
Opfer erhängt wurde (Griffspuren geringerer Aus-
. Abb. 5.58 Umblutete Fraktur des linken oberen Kehl-
kopfhorns nach Erwürgen
prägung können noch frühpostmortal bei Abnah-
me des Leichnams entstehen!),
4 Hinweise auf ein vorangegangenes Schädel-Hirn- von hinten gewürgt wurde, finden sich Würgemale in
Trauma (Hämatome, Platzwunden am Kopf), der Hals- bzw. Nackenhaut. Bei schmalem Hals und
4 In das Strangwerkzeug bzw. den Knoten einge- großen Händen können Würgemale beim beidhändi-
klemmte Gegenstände, wie z.B. Anteile des Hemd- gen Würgen nahezu vollständig fehlen.
kragens, eines Kopftuches, anderer Kleidungsteile Stauungsbedingte Blutungen sind nachweisbar in
oder der Haare (Suizidenten pflegen wegen der der Gesichtshaut, in der Haut hinter den Ohren, in den
Schmerzhaftigkeit darauf zu achten, dass die Haare Lidhäuten und Lidbindehäuten, an der Innenseite der
beim Erhängen nicht eingeklemmt werden), Kopfschwarte (Galea aponeurotica), in den Weichtei-
4 sonstige Zeichen einer strangfremden Gewaltein- len des Gesichts und in der Schleimhaut des Mundes.
wirkung (z.B. Abwehrverletzungen). Häufig sind (gering) umblutete Frakturen der obe-
ren Schildknorpelhörner und der großen Hörner des
Zungenbeins nachweisbar (. Abb. 5.58).
5.7.2 Erwürgen, reflektorischer Herz- Bei Kindern und jungen Erwachsenen, v.a. Frauen,
stillstand (Karotissinusreflex) ist aufgrund der Elastizität des Bandapparates am
Kehlkopf bzw. Zungenbeingerüst sowie der noch nicht
fortgeschrittenen Verknöcherung des Zungenbeins ein
Definition Erwürgen ohne Frakturen bzw. Knorpelverletzungen
Würgen: Kompression des Halses von vorn oder möglich. Die Kehlkopfschleimhaut ist ödematös ge-
von hinten mit einer oder beiden Händen. schwollen, Blutungen finden sich korrespondierend
zur Lage der Würgemale im subkutanen Fettgewebe,
in der Halsmuskulatur, im Zungengrund, in Höhe
Beim Würgen erfolgt ein unvollständiger Verschluss des Gaumenbogens, des Pharynx und der Epiglottis.
der Halsgefäße mit fortbestehendem Blutzufluss über Hämorrhagien in verschiedener Höhe sprechen für ein
die Halsarterien bei Behinderung des Blutabflusses mehrfaches Nachfassen beim Würgevorgang.
über die Halsvenen. Gleichzeitig wird durch manuelle
Kompression des Larynx und der Trachea die Luftzu- Karotissinusreflex. Grundsätzlich ist ein reflekto-
fuhr behindert. Als Folge der Blutstauung entwickelt rischer Herzstillstand als Folge eines heftigeren Griffes
sich eine Dunsung und Zyanose der Gesichtshaut mit an den Hals möglich (Reflextod). Ein solcher Karotis-
petechialen Blutungen oberhalb der Kompressions- sinusreflex (Hering-Reflex) ist insgesamt sehr selten.
ebene. In der Halshaut finden sich in Abhängigkeit Mangels intensiverer Gegenwehr des Opfers finden
von der Intensität der Gegenwehr des Opfers und der sich eher gering ausgeprägte Verletzungen bzw. Be-
Dauer des Würgens sog. Würgemale als unterschied- funde. Ein solcher Reflextod kann bei Unterarm-
lich ausgeprägte, streifig-flächenhafte Hautrötungen würgegriffen (»Schwitzkasten«) vorkommen oder sons-
(postmortal vertrocknete Hautschürfungen), u.U. mit tigen Formen des Einklemmens des Halses, etwa in der
den Fingernägeln zuzuordnenden halbmondförmigen Ellenbeuge. Auch sog. Handkantenschläge gegen den
Hautvertrocknungen. Gelegentlich entsprechen die Hals oder andere plötzliche Dehnungen der Karotis-
streifigen Hautrötungen der Position der Finger der bifurkation können zum Reflextod führen. Dabei führt
würgenden Hand. Je nachdem, ob von vorn oder die Stimulation der Pressorezeptoren des Glomus caro-
5.8 · Äußeres und Inneres Ersticken
85 5
ticum über eine Zunahme des Vagotonus zur Abnah- 5 die Atemexkursionen des Thorax nicht ausrei-
me des Herz-Zeit-Volumens. chend möglich sind oder
5 die zuführenden Atemwege verschlossen sind,
sei es durch mechanische Kompression (z.B.
5.7.3 Erdrosseln Würgen) oder durch Obturation (z.B. Aspira-
tion von Speisebrei).
4 Inneres Ersticken: Die Sauerstoffversorgung von
Definition außen und der Sauerstofftransport in die Lungen-
Drosseln: Halskompression durch ein mittels alveolen ist intakt, aber die Bindung des Sauerstoffs
Muskelkraft oder sonstiger Hilfe zugezogenes an das Hämoglobin und/oder die Abgabe des hä-
Drosselwerkzeug. moglobingebundenen Sauerstoffs an die Organe
bzw. Gewebe wird behindert, z.B. durch Intoxika-
tionen mit Kohlenmonoxid und Zyaniden.
Beim suizidalen Erdrosseln wird der Strangulations-
druck über den Eintritt der Bewusstlosigkeit hinaus Bei der differenziert zu betrachtenden Pathophysio-
durch ein Verknoten oder Verdrillen des Drosselwerk- logie des Erstickens ist die Kenntnis einer Reihe
zeuges aufrecht erhalten. Die lokalen Befunde in der von Termini erforderlich, die in . Tab. 5.23 definiert
Halshaut werden maßgeblich bestimmt von der Art sind.
des Drosselwerkzeuges: Schmale einschnürende Werk- Beim äußeren Ersticken erfolgt am häufigsten
zeuge, die evtl. mehrtourig um den Hals geschlungen eine mechanische Gewalteinwirkung mit Verschluss
wurden, hinterlassen regelmäßig deutliche Drossel- der Atemöffnungen oder der Atemwege:
marken, weiche breite Drosselwerkzeuge (weicher 4 Verschluss der äußeren Atemöffnungen durch
Schal) müssen keine gravierenden Halshautbefunde weiche Bedeckung
hinterlassen. Die klassischen Befundkonstellationen 4 Aspiration von Flüssigkeiten (v.a. Wasser, d.h. Er-
bei den 3 Formen der komprimierenden Gewalt gegen trinken, aber auch z.B. Blutaspiration bei Schädel-
den Hals sind in . Tab. 5.22 genannt. Besonders be- basisfraktur mit Verlust von Würgereflexen nach
deutsam ist, dass die Strangulationsmarke beim Dros- Schädel-Hirn-Trauma) oder festere Materialien
seln nahezu horizontal-zirkulär verläuft, nicht jedoch mit Obturation der Lichtung der Atemwege (z.B.
ein- oder beidseitig ansteigend wie beim Erhängen. Verschütten mit Einatmen von Sand)
4 Knebelung
4 Überstülpen von z.B. einer enger anliegenden
5.8 Äußeres und Inneres Ersticken Plastiktüte (bei Kindern akzidentell möglich, oder
als autoerotischer Unfall)
Grundsätzlich bedeutet jeder Stillstand des Herzens 4 Aspiration eines atemwegsverschließenden Fremd-
bzw. des Blutkreislaufes und/oder der Atmung, dass die körpers im Sinne eines sog. Bolustodes
Sauerstoffversorgung des Organismus mit seinen ver- 4 Behinderung der Atemexkursionen des Thorax
schiedenen Organen und Geweben sistiert. Die Ursa- 4 Kombination von Verschluss der Atemöffnungen
chen können vielfältig sein, was zu einer Klassifikation mit Behinderung der Atemexkursionen (sog.
verschiedener Formen des Erstickens geführt hat. »Burking«)
4 Tod in sog. positionaler Asphyxie (»lagebedingter
Definition Erstickungstod«)
»Ersticken«: Der Begriff umfasst alle tödlichen
Formen der Störung des respiratorischen Gas- Im Vordergrund steht beim äußeren Ersticken die Un-
austausches. terbrechung der Sauerstoffzufuhr von außen, was
ohne mechanische Behinderung den Sauerstoffmangel
in kleinen Räumen, das Einatmen von Gasen und den
Zunächst wird das äußere Ersticken abgegrenzt vom sog. Höhentod umfasst. In der Mehrzahl der genann-
inneren Ersticken: ten Fälle geht das Ersticken einher mit einer Hyper-
4 Äußeres Ersticken: Es gelangt kein Sauerstoff in kapnie und subjektiv quälender Dyspnoe (Atemnot,
die Lungenalveolen, weil passagere Tachykardie, extreme Katecholaminaus-
5 die Atemluft zu wenig Sauerstoff enthält, schüttung, Erstickungsangst).
5 generell zu wenig Sauerstoff in der Atmosphäre Kann jedoch das Kohlendioxid noch abgeatmet
vorhanden ist, werden, so liegt ein sog. hypoxisches Ersticken vor mit
86 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.22 Wichtige Charakteristika beim Erhängen, Erwürgen und Erdrosseln

Erhängen Erwürgen Erdrosseln

Kriminalistischer Zumeist Suizid; vorgetäusch- Immer Tötungsdelikt; Selbst- Meist Tötungsdelikt, selten
Hintergrund te Suizide durch Erhängen erwürgen ist nicht möglich, Suizid (Knoten dann an der
nach vorangegangenem bei Bewusstlosigkeit er- Halsvorderseite; verdrilltes
Tötungsdelikt (Drosseln, schlafft die Muskulatur sofort! Drosselwerkzeug; Kehlkopf-
Würgen, Vergiften etc.) Häufig Abwehr- bzw. Begleit- skelett eher unverletzt) oder
verletzungen akzidentelles Erdrosseln

Tatwerkzeug Strangwerkzeug (Schnur, Seil, Täter benutzt seine Hände Strangwerkzeug zum Drosseln
5 Strick, selbstgefertigtes zur Halskompression mittels Muskelkraft
Strangwerkzeug)

Befunde in der Strangmarke, teils symme- Teils streifige, teils diffus- Nahezu zirkulär-horizontal
Halshaut trisch, teils asymmetrisch flächenhafte Hautrötung, verlaufende Drosselmarke,
beidseits ansteigend zur evtl. komma- bzw. sichelför- etwa gleichmäßig tief die
Nackenregion; horizontal nur mige Fingernagelabdrücke Halshaut imprimierend
beim Erhängen in fast liegen-
der Position

Lokalisation der Strangmarke bei aufrechter Häufig die deutlichsten Drosselmarke häufig nicht
Befunde Körperposition im Regelfall Befunde in Höhe des Kehl- im oberen Halsbereich
oberhalb des Kehlkopfs kopfes; Kehlkopf- u. Zungen-
beinfrakturen

Formen Typisches Erhängen: Sitz Einhändiges oder beidhändi- Bei schmalem Drosselwerk-
des Knotens oberhalb des ges Würgen zeug imprimierende Drossel-
Nackenhaaransatzes in der marke, bei weichem breitem
Körpermittellinie Drosselwerkzeug u.U. keine
Atypisches Erhängen: Sitz Halshautbefunde
des Knotens in anderen
Lokalisationen

Befundaus- Evtl. zwei- oder mehrtourig Einseitige, lokalisierte und Meist umschriebene Drossel-
dehnung angebrachtes Strangwerk- flächenhafte Befundausdeh- marke, mehrfache Drossel-
zeug mit sog. »Zwischen- nung möglich; Befundintensi- marke durch »Nachfassen«
kammblutungen« tät abhängig von der Gegen- möglich
wehr des Opfers

Befunde bei der Eher geringe Einblutungen Hämorrhagien im subkutanen Hämorrhagien im subkutanen
Obduktion in das Halsweichteilgewebe; Fettgewebe, in der Halsmus- Fettgewebe, in den Hals-
evtl. Querrisse der Gefäß- kulatur, umblutete Frakturen weichteilen, Frakturen von
intima der Aa. carotides; von Kehlkopf- und Zungen- Kehlkopf- und Zungenbein
u.U. einseitige sog. zerrungs- bein
bedingte Unterblutungen der
Knochenhaut der Claviculae

Zeichen der Dunsung und Zyanose des Gesichtes, Petechien der Gesichtshaut, der Lidhäute, der Augen-
hämodyna- bindehäute, der Schleimhaut des Mundvorhofes (beim typischen Erhängen beides häufig
mischen Wirk- fehlend); zur Position des Leichnams passende Totenflecke, evtl. sog. Speichelabrinnspur von
samkeit der Hals- einem Mundwinkel ausgehend. Blutaustritt aus Mund und Nase bei ausgeprägter venöser
kompression Stauung nach Bersten der Schleimhautgefäße, v.a. beim letalen Drosseln, beim Würgen und
beim atypischen Erhängen

Pathophysiologie Vollständige Kompression der Halsgefäße (Venen und Arterien) beim typischen Erhängen und
Drosseln möglich; beim Würgen Erwachsener und beim atypischen Erhängen meist inkomplette
Kompression der Halsgefäße, dann Stauung, Dunsung, Zyanose und Petechien infolge Abfluss-
behinderung (allgemeine Erstickungszeichen)
5.8 · Äußeres und Inneres Ersticken
87 5

. Tab. 5.23 Termini und Pathophysiologie beim


Ersticken

Terminus Definition

Dyspnoe Erschwerte Atmung, Atemnot

Apnoe Atemstillstand

Hypoxie Verminderte Sauerstoffkonzentration


im Blut, in den Organen und Geweben

Anoxie Fehlender Sauerstoff

Hyper- Anstieg des Kohlendioxidpartialdrucks


kapnie (erheblicher Atemstimulus)

Asphyxie Gleichzeitiges Auftreten von Hypoxie


und Hyperkapnie

Ischämie Fehlende Blutversorgung mit dadurch


bedingtem Sauerstoffmangel, Anstieg
z.B. des Kohlendioxid- und des Laktat-
spiegels . Abb. 5.59 »Erstickungsblutungen«. Lokalisationen meist
petechialer bis feinfleckiger Hämorrhagien

finaler Abnahme des Antriebs, einem euphorischem ten beanspruchen. Je nach konkretem Pathomecha-
Zustand und akutem Bewusstseinsverlust. nismus, z.B. zeitweise Freigabe der Atmung bei der
Halskompression, kann das Ersticken deutlich länger
dauern. Die allgemeinen Stadien des Erstickens sind in
5.8.1 Allgemeine Pathophysiologie . Tab. 5.24 genannt.
des Erstickens Als Folge des Erstickungsvorganges können sich
petechiale Hämorrhagien finden: bei der äußeren Lei-
In der gutachterlichen Praxis stellt sich regelmäßig chenschau in den Augenbindehäuten, bei der inneren
die Frage nach der Dauer eines Erstickungsvorgangs. Leichenschau unter den serösen Häuten oberhalb des
Diese wird mit ca. 3–5 Minuten angegeben und in ver- Zwerchfells (. Abb. 5.59).
schiedene Phasen unterteilt, die jeweils ca. 1–2 Minu-

. Tab. 5.24 Allgemeine Stadien des Erstickens

Stadium Pathophysiologie

Stadium der Dyspnoe Zunahme der Atemtätigkeit, inspiratorische Dyspnoe (Stridor), zunehmende Zyanose
(z.B. beim unvollständigen Verschluss der Atemöffnungen durch ein aufgepresstes Kissen)

Neurologische Folgen Tonisch-klonische Krämpfe (sog. »Erstickungskrämpfe«), Tachykardie, extreme Aus-


des Sauerstoffmangels schüttung von Katecholaminen aus dem Nebennierenmark (v.a. beim sog. asphyk-
tischen Ersticken mit Hyperkapnie), Hypertonie, Bewusstlosigkeit (»Schwarz werden
vor Augen«), evtl. unwillkürlicher Stuhl- und Urinabgang, Abgang von Ejakulat (z.B. beim
Drosseln oder Würgen bis zur Bewusstlosigkeit)

Präterminale Atempause Apnoe, Hypotonie, weiterhin Tachykardie

Terminale Apnoe »Schnappatmung« ohne effektive Bewegungen von Atemluft, endgültiger Atemstill-
stand

Der Herzschlag kann den Atemstillstand noch einige Minuten überdauern, zunehmende Bradykardie!
88 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

einem Werkzeug (z.B. Klebeband) fest fixiert, können


sich Knebelungsspuren in den Mundwinkeln und auf
der Wangenhaut zeigen (. Abb. 5.60).

Aspiration. Aspiration von Fremdmaterial, v.a. Spei-


sebrei, aber auch Blut (Schädelbasisfraktur!) mit Ver-
legung der Atemwege; vorwiegend bei Beeinträch-
tigung der Schluck- und Würgreflexe (Alkohol- und
sonstige Intoxikationen, neurologische Ausfälle nach
Schädel-Hirn-Trauma), gelegentlich bei Säuglingen.

5 Überstülpen einer Plastiktüte. Anoxisches Ersticken


nach Sauerstoffverbrauch bei kleinem Totraumvolu-
men. Die Abatmung bleibt grundsätzlich möglich.
Wird die Plastiktüte nach dem Ersticken entfernt,
können jegliche auf die Todesursache hinweisende Be-
funde fehlen.

Ersticken durch weiche Bedeckung. Töten durch


Verlegung der Atemöffnungen durch einen weichen
Gegenstand (Kleidung, Kissen o.ä.); besonders bei
körperlich überlegenem Täter und schwachem Opfer
(Säuglinge und Kleinkinder, alte kranke Menschen,
auch Bewusstlose z.B. infolge Intoxikation). Ersti-
ckungsbefunde können fehlen oder nur sehr diskret
vorhanden sein, evtl. geringe Vertrocknungen der
. Abb. 5.60 Knebelung. Zustand nach Knebelung mit Spu- Haut um Mund und Nase, feine Einrisse in den Mund-
ren des zur Fixierung des Knebels eingesetzten Klebebandes winkeln, geblähte Lungen.
in Höhe der Mundwinkel und in der Wangenhaut
Bolustod. Im Kehlkopfeingang, darüber oder in der
unmittelbar angrenzenden Lichtung der Trachea fest-
5.8.2 Besondere Konstellationen steckender Fremdkörper, meist Teil der Nahrung, z.B.
beim Tod durch Ersticken kurzes Wurstsegment, Fleischstück etc. mit der Folge
entweder eines asphyktischen Erstickens oder sofor-
Neben dem allgemeinen pathophysiologischen Ablauf tiger Reflextod (reflektorischer Herzstillstand durch
beim Tod durch Ersticken gibt es – mehr oder weniger Reizung autonomer Nervengeflechte des Kehlkopfein-
unabhängig von der Art des Erstickens – Obduktions- gangs). Betroffen sind stärker intoxikierte Personen
befunde, die an einen Erstickungstod denken lassen. oder auch Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma mit
Diese Obduktionsbefunde sind für sich genommen hirnorganischen Schäden.
nicht hinreichend charakteristisch und müssen in ein
konkretes Tatgeschehen eingeordnet werden. Zu nen- Perthes-Druckstauung. Kompression des Thorax mit
nen sind hier das Knebeln, der Tod infolge Aspiration, Fixierung meist in Expirationsposition (z.B. bei Ver-
das Überstülpen einer Plastiktüte sowie das Ersticken schütteten, Einklemmung infolge Arbeitsunfall oder im
durch weiche Bedeckung und der sog. Bolustod. Gedränge, umgestürzter Baum) mit kompressionsbe-
dingtem Druckanstieg im Blutkreislauf und multiplen
Knebelung. Positionierung eines Knebels, z.B. ein Petechien der Kopf-, Hals- und Schulterregion sowie in
Tuch, mit Verlegung des Nasen-Rachen-Raumes, ent- den Augenbindehäuten, teilweise auch unterhalb der
weder durch den Knebel oder den hochgedrückten Kompressionsebene an den unteren Extremitäten.
Zungengrund. Meist deutliche Zeichen des asphyk-
tischen Erstickens: Petechien, Hämorrhagien in der Burking. Nach dem engl. Serientäter Burke: Behinde-
Atemhilfsmuskulatur und des Zungengrundes, rung der Atemexkursionen durch Sitzen des körper-
Dunsung des Gesichtes. Wird der Knebel im Mund- lich überlegenen Täters auf dem Oberkörper des Op-
Rachen-Raum gewaltsam eingebracht und danach mit fers und gleichzeitiges Zuhalten der Atemöffnungen.
5.9 · Thermische Schädigungen
89 5
Das sog. Burking ist möglich ohne spätere Anhalts- aufweisen. Kälteschäden sind hingegen vergleichs-
punkte für eine grobe äußere Gewalteinwirkung. weise selten Folge einer Straftat, es handelt sich v.a. um
Todesfälle durch Unterkühlung, verbunden mit der
Lagebedingter Erstickungstod (positionale Asphy- Fragestellung, wie die verstorbene Person in den Zu-
xie). Betroffen sind v.a. hochgradig erregte und/oder stand der tödlichen Unterkühlung geraten konnte. Die
intoxikierte Personen, die gewaltsam in Bauchlage meisten Formen thermischer Schädigungen zeigen
fixiert werden bei gleichzeitiger vollständiger oder teil- voneinander gut unterscheidbare Befunde.
weiser Behinderung der Atemexkursionen des Thorax
durch Kompression sowie teilweisem Bedecken der
Atemöffnungen, während parallel eine maximale Aus- 5.9.1 Hitze
schüttung von Katecholaminen stattfindet. In derarti-
gen Fällen kann es zum akuten Herz- und Atemstill- Ç Fallbeispiel
stand kommen, besonders nach vorangegangenem Ein 16 Monate alter Junge wird mit Verbrühungen
Konsum von Kokain und Amphetaminen. am linken Arm, an der linken Brustkorbvorderseite,
der linksseitigen Bauchhaut sowie an der Innenseite
Höhenkrankheit/Höhentod. Die Zusammenset- des linken Oberschenkels bis zum linken Kniegelenk
zung der Luft aus 20,93% O2, 39,04% N2 (+ Edelgase) vorgestellt. In einem unbeobachteten Moment habe
+0,03 CO2 ändert sich bis zu einer Höhe von 100 m das Kind an dem Kabel eines Elektrokochtopfes
kaum. Da der inspiratorische O2-Partialdruck bei sin- gezogen, in dem das Wasser bereits gekocht habe.
kendem Luftdruck mit der Höhe allmählich abnimmt, Das kochende Wasser habe sich über das Kleinkind
kommt es parallel zu einer Abnahme der O2-Sättigung ergossen. Bei der Untersuchung finden sich teils
des Hämoglobins. Eine Kompensation mittels Hyper- spritzerartige (linker Arm), teils flächenhafte Ver-
ventilation ist in dieser Situation nur begrenzt möglich. brühungen bis III. Grades von insgesamt ca. 20%
Dabei gilt folgende Graduierung: der Körperoberfläche (KOF).
4 1.600–2.000 Meter ü.M. = leichte Hypoxämie
4 3.000 Meter ü.M. = mittelschwere Hypoxämie
4 5.000 Meter ü.M. = schwere Hypoxämie Allgemeine Hitzeschäden (Hitzschlag, Sonnenstich,
4 7.500 Meter ü.M. = 50% der nicht adaptierten Ex- Hitzeerschöpfung, Hitzekrampf) treten bei gestörter
ploranden wird in Minuten bewusstlos Thermoregulation des Organismus auf. Spezielle ther-
mische Schädigungen durch Einwirkung hoher Tem-
Die akute Bergkrankheit zeigt folgende Symptome: peraturen finden sich bei Verbrühungen und Verbren-
Kopfschmerzen, Übelkeit, Reizhusten, Tachykardie, nungen.
intrathorakale Schmerzen. Während oberhalb von
2.500 Metern selbst bei Personen ohne Herz- und/oder Definition
Lungenerkrankung ein akutes Lungenödem auftreten Verbrühung: Einwirkung feuchter Hitze: heiße
kann, kommt es im Rahmen der Adaptation an die Flüssigkeiten (v.a. Wasser) und Dämpfe.
Höhe insbesondere zu einer gesteigerten Erythropoese Verbrennung: Einwirkung trockener Hitze mit
mit einer Polyglobulie und vermehrten jungen Ery- hohen Temperaturen wie Flammen, heiße Gegen-
throzyten. Symptome wie Konzentrationsstörungen, stände (Kontaktverbrennung).
euphorische Zustände, Antriebsarmut und Mattigkeit
können auftreten. In Einzelfällen können Krämpfe
und eine Bewusstlosigkeit auftreten, selten kommt es Entscheidend für die lokale Schädigung der Haut und
zu Todesfällen. des Unterhautweichteilgewebes sind zwei Faktoren:
die Höhe der einwirkenden Temperatur und die Dauer
der Einwirkung (. Abb. 5.61).
5.9 Thermische Schädigungen Verbrühungen treten ab einer Temperatur von
44 °C bei einer Einwirkungsdauer von 6 h auf. Die In-
Einwirkungen von Hitze und Kälte (thermische Schä- tensität der Schädigung wird zudem bestimmt von
digungen) finden sich unfallbedingt in Form von Ver- der in der Tiefe des Gewebes erreichten Temperatur,
brühungen und Verbrennungen, aber auch als gezielte also von der Wärmekapazität und der Wärmeleitfähig-
Beibringung zur Tötung oder zur Verdeckung eines keit der Gewebeschichten, die zur Tiefe hin radiär
Tötungsdeliktes. Circa 10–20% aller misshandelten exponentiell abnimmt. Die Wärmeleitfähigkeit heißer
Kinder sollen hitzebedingte thermische Verletzungen Dämpfe und Gase ist im Vergleich zu Festkörpern
90 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Abb. 5.61 Verlauf der Temperatur-Zeit-


Kurven im Bereich der Schädigungsschwelle
bei einwirkenden Temperaturen zwischen
44 und 70°C (Verbrühung). Blaue Kurve =
Schwelle zur reversiblen Hitzeschädigung; rote
Kurve = Schwelle zur irreversiblen Hitzeschädi-
gung

gleicher Temperatur höher. Heiße Dämpfe von mehr Nach oben schlagende Flammen führen zur An-
als 100 °C führen bei Einatmung zur Erhöhung der sengung der Haare (sog. Hitzekräuselung mit gelblich-
Temperatur in der Mundhöhle, im Larynx und in der grauen Haarspitzen). Heiße Flüssigkeiten hingegen
Trachea (sog. Inhalationstrauma). Dabei kann es zu durchtränken die Kleidung, die Hitze staut sich in eng
einer schwerwiegenden hitzebedingten Schädigung der anliegenden Kleidungsstücken und wirkt gerade dort
Schleimhäute der Atemwege kommen. Flammen bei länger (Oberkörper, Gürtelregion).
offenem Feuer schädigen am intensivsten nicht beklei-
! Die kindliche Haut ist bis zum ca. 5. Lebens-
dete Stellen des Körpers (Kopf, Hände, Beine), ebenso
jahr dünner als Erwachsenenhaut, so dass es
Stichflammen z.B. beim Grillunfall (. Abb. 5.62).
im Säuglings- und Kleinkindalter schon bei
niedrigeren Temperaturen und kürzeren Ein-
wirkungszeiten zu Verletzungen kommt.
Neben dem Grad der lokalen Hitzeschädigung ist für
die Prognose quoad vitam die Ausdehnung der ther-
mischen Verletzung entscheidend, die nach der sog.
Neuner-Regel berechnet wird mit Modifikationen
bei Neugeborenen, Kleinkindern und Kindern (. Abb.
5.63). Die Prognose thermischer Hautverletzungen ist
abhängig vom:
4 Grad der Verbrennung/Verbrühung (Tiefe des
thermischen Schadens)
4 prozentual betroffenen Anteil der Körperober-
fläche (KOF), d.h. der Fläche des thermischen
Schadens
4 Lebensalter (Prognose ungünstiger bei Neugebo-
renen, Säuglingen und Kleinkindern sowie ab dem
40. Lebensjahr)

! Verbrennungsindex: Addieren sich die Aus-


dehnung der II.- und III.-gradigen Schädi-
gung (in % der KOF) und das Lebensalter zu
100, liegt die Überlebenschance bei opti-
. Abb. 5.62 Verbrennungen durch sog. Stichflamme - maler Therapie bei maximal 50% (Verbren-
Aussparung der bekleideten Körperpartien (Grillunfall) nungsindex).
5.9 · Thermische Schädigungen
91 5

. Abb. 5.63 Schätzung der Ausdehnung der Verbrennung nach der sog. Neuner-Regel bzw. nach der Methode von Lund
und Browler

Ein Verbrennungsindex von <80 bedeutet eine geringe Bei Hitzetodesfällen sind vitale Zeichen und Reak-
Lebensgefahr, bei 80–120 besteht akute Lebensgefahr tionen abzugrenzen von postmortal entstandenen ther-
und bei >120 ist ein Überleben unwahrscheinlich. mischen Schäden (. Tab. 5.26). Begrifflich ist der Beweis
Abweichend von der prognostischen Bedeutung des der Lebendverbrennung abzugrenzen von der Verbren-
Verbrennungsindex sind jedoch Besonderheiten wie nung eines Leichnams: Brandmord und Mordbrand.
ein Inhalationstrauma zu berücksichtigen, so dass die Bei weitgehender Verbrennung des Körpers ver-
Prognose im Einzelfall ungünstiger sein kann, als es bleibt ein verkohlter Brandtorso mit fehlenden Extre-
der Verbrennungsindex, der sich auf die Schädigung
der Körperoberfläche bezieht, vermuten lässt (siehe
Verbrennungskrankheit).
Die Einteilung und die Leitsymptome bei Verbren-
nungen sind in Tabelle . Tab. 5.25 genannt. Unfallbe-
dingt wie im Rahmen von thermischen Verletzungen
bei Kindesmisshandlung kommen unterschiedliche
Verbrennungsgrade vor (. Abb. 5.64 und . Abb. 5.65).
Beim sog. Inhalationstrauma kommt es in Abhän-
gigkeit von der Temperatur der inhalierten Dämpfe
bzw. Gase zu einer Hitzeschädigung der Atemwege:
fetzig-membranös desquamierte Koagulationsnekrose
der Schleimhaut des Nasenrachenraumes, des Larynx
und der Trachea, reaktive submuköse Hyperämie, re-
spiratorisches Flimmerepithel – soweit erhalten – mit
lumenwärts ausgerichteter Zell- und Kernelongation, . Abb. 5.64 Verbrühung Grad I der Haut unter rautenför-
eventuell aufgelagerte feine Rußpartikel, die u.U. bis in miger Aussparung der Ellenbeuge nach starker Beugung
die Bronchioli verfolgbar sind. des Ellenbogengelenks
92 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.25 Graduierung der Verbrennungen/Verbrühungen und klinische Befunde

Grad Schädigungstiefe Farbe/Aussehen Lokaler Befund Schmerzen Abheilung

I Superfizial, Rot Intakte Epidermis, + 5–10 Tage


Epidermis reaktive Hyperther-
mie mit Erythem

IIa und a) Superfizial a) und b) Rot, a) Ödematös a) + a) 10–20 Tage,


IIb (Epidermis, Corium) Blasenbildung b) Verdickung b) +/- geringe narbige
b) Superfizial (Blasenflüssigkeit Abheilung
(Epidermis, Dermis enthält als Vitalitäts- b) 25–60 Tage,
5 bis zum subkutanen zeichen Leukozyten) narbige Ab-
Fettgewebe) heilung

III Epidermis, Dermis, Weiß bis braun Lederartig mit Ko- - Keine Spontan-
subkutanes Fett- agulationsnekrose heilung
gewebe der Epidermis,
Dermis einschl. der
Hautanhangsgebilde

IV Epidermis, Dermis, Schwärzliche Ver- Zerstörte Epidermis, - Keine Spontan-


subkutanes Weich- kohlung Verkohlung von heilung
teilgewebe subkutanem Weich-
teilgewebe einschl.
Muskulatur und
Knochen

mitäten, häufig jedoch nach Verdampfung des Gewe-


bewassers hitzebedingte Fixation der inneren Organe,
so dass aussagekräftige Obduktionsbefunde möglich
sind.
Bei zu Lebzeiten erfolgter Verbrennung bzw.
Rauchgasinhalation erfolgt die Bestimmung der
COHb-Konzentration im Blut, wobei erhöhte (>15%
COHb) bis letale Werte (ab ca. 40% COHb) gefunden
werden. CO hat eine etwa 300-fach höhere Affinität
zum Hämoglobin als O2-Moleküle, die somit aus der
Hb-Bindung verdrängt werden (sog. anoxisches Er-

. Abb. 5.65 Verbrühung Grad III bei einem Kleinkind . Abb. 5.66 Flaches sog. Brandhämatom (kein Vitalitäts-
zeichen!)
5.9 · Thermische Schädigungen
93 5

. Tab. 5.26 Vitale Zeichen und Reaktionen sowie postmortal entstandene thermische Schäden

Vitale Zeichen/Reaktionen Postmortale Hitzeschäden

Tiefe Rußstaubaspiration (Unzuverlässig: Rußstaub- Hitzebedingte Sprengung der Haut und des Unterhaut-
antragungen nur an und in den Atemöffnungen!) weichteilgewebes (Hitzerisse)

Rußverschlucken mit Rußpartikeln im Magen und/oder Sog. Fechterstellung der Extremitäten (hitzebedingte
im oberen Dünndarm Beugekontraktur mit Schrumpfung von Muskeln und
Sehnen)

Direkte thermische Atemwegsschädigung (Hitzeinhala- Hitzebedingte Frakturen, z.B. Schädelfrakturen und Spren-
tionstrauma) gung der Schädelnähte

Inhalation von Rauchgas: Nachweis mit chemisch- Sog. Brandhämatom: intrakraniale epidurale Ansammlung
toxikologischer Bestimmung der COHb-Konzentration von ziegelrot-bröcklig-trockenem Blut (. Abb. 5.66 und
im Leichenblut, u.U. Bestimmung von Zyaniden . Abb. 5.67) nach hitzebedingter Schrumpfung und Ab-
lösung der Dura mater von der Schädelinnenseite

Sog. »Krähenfüße«: streifenartige Aussparung der Hitze- Hitzebedingte Protrusion der Zunge, Rußstaubantragun-
schädigung in den Augenwinkeln ohne Rußantragungen gen an den äußeren Atemöffnungen
durch Zusammenkneifen der Augen

Brandblasen; bei serösem bis gelatinösem Inhalt mit Postmortale Brandblasen enthalten hämolytische Flüssig-
Leukozyten und Fibrin sind diese zu Lebzeiten entstanden keit ohne Leukozyten und ohne Fibrin

Fettembolie in den Lungen gilt als Zeichen des Ge- Hitzeschrumpfung der Galea aponeurotica
lebthabens bei Brandbeginn (DD: andere Ursachen der
Fettembolie)

sticken). Bereits geringe CO-Konzentrationen in digung insbesondere der Schleimhaut des oberen Re-
der Raumluft können zu einer letalen Intoxikation spirationstraktes.
führen. Soweit stickstoffhaltige Polymere verbrannt sind,
Charakteristische Leichenschau- bzw. Obduk- ist auch an Stickoxide bei O2-Mangel oder an die Inha-
tionsbefunde bei letaler CO-Intoxikation sind: hell- lation von Zyanwasserstoff zu denken. Neben den so-
rote Totenflecke (inkl. Nagelbetten), lachsfarbene fortigen Todesfällen durch Rauchgasintoxikation bzw.
Muskulatur, kirschrotes Leichenblut, erhöhte COHb- lokale Hitzeschäden II.–III. Grades von >50% der KOF
Konzentration (meist 40% COHb und mehr), eventuell kommt es zu Spättodesfällen im Rahmen der Ver-
Rußstaubinhalation und Rußverschlucken, Hitzeschä- brennungskrankheit.

Definition
Verbrennungskrankheit: Sie entsteht durch ein
Zusammenwirken des Verbrennungsschocks, der
wie eine Intoxikation wirkenden Einschwemmung
von Pyrotoxinen aus dem hitzegeschädigten Ge-
webe, der Eiweißverluste über das Wundsekret
sowie der Sekundärinfektionen, v.a. des nekro-
tischen Gewebes.

Ursachen und Befunde von Spättodesfällen bei Ver-


brennungskrankheit:
4 Hyperkaliämie nach ausgedehnter Einwirkung
. Abb. 5.67 Hitzeeinwirkung auf den Kopf mit Ausbil- hoher Temperaturen
dung eines sog. Brandhämatoms zwischen knöchernem 4 Schockfolgen: toxische Organschäden durch Pro-
Schädeldach und Dura mater teinzerfall (Pyrotoxine)
94 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

4 Pneumonie und Lungenödem 5.9.2 Unterkühlung, Kälte, Frost


4 Sepsis
4 akutes Nierenversagen Ç Fallbeispiel
4 Thrombose und Embolien An einem Januarabend wird bei Außentemperatu-
4 Magen- und Duodenalulzera mit Blutung (»Stress- ren zwischen -4 °C (tagsüber) und -11 °C (nachts)
ulkus«) der teilentkleidete gefrorene Leichnam einer Frau
gefunden. In der näheren Umgebung sind diffus
In der rechtsmedizinischen Praxis sind Hitzeschäden in verteilt einige Kleidungsstücke (Jacke, Rock, Slip,
unterschiedlichen Zusammenhängen von Relevanz: 1 Schuh, 1 Strumpf ) sowie leere Bier- und Wodka-
4 Tötungsdelikte (Brandmord; eher selten, häufiger Flaschen. Wegen der teilweisen Entkleidung wird
Mordbrand) an ein Sexualdelikt gedacht. Papiere mit einem Hin-
5 4 suizidale Selbstverbrennung: Selbstübergießen mit weis auf die Identität der Verstorbenen liegen nicht
einem Brandbeschleuniger (Achtung: auf sog. vor. Bei der Leichenschau fallen streckseitig in Höhe
brandbedingte Fließspuren achten!), eventuell als beider Kniegelenke grobfleckige Hautrötungen auf,
vorgetäuschter Kfz-Brand die rötlichen Totenflecke sind relativ hell. Verlet-
4 Unfallgeschehen mit Tod im Brandherd: z.B. Ein- zungen, die an eine tätliche Auseinandersetzung
schlafen bei brennender Kerze, Zigarette, Zigarre, denken lassen müssten, sind nicht vorhanden.
Teelicht, mit Feuer spielende Kinder Nach dem Auftauen des Leichnams zeigen sich
4 misshandlungsbedingte Hitzeschäden: Kontakt- bei der Obduktion fein- und grobfleckige Erosionen
verbrennungen mit glühender Zigarettenspitze, der Magenschleimhaut, daneben fällt ein vom Leich-
zwangsweises Drücken der Hand in kochendes nam ausgehender aromatischer Geruch auf. Die Blut-
Wasser etc. alkoholbestimmung ergibt einen Wert von 1,78 Pro-
4 Verbrühungen durch Setzen pflegebedürftiger mille. Das Spektrum an Begleitstoffen (sog. Fusel-
Personen in ein zu heißes Wannenbad alkoholen) im Leichenblut passt zu den gefundenen
Alkoholika.
Zu Störungen des Wärmehaushaltes kann es bei
heiß-schwülem Wetter kommen, insbesondere wenn
die Relation zwischen Wärmeproduktion (fiebrige Im Normalfall kann der Organismus bei Warmblütern
Erkrankung, körperliche Arbeit) und Wärmeabgabe (homöotherme Lebewesen) die eigene Körperkern-
(dicht schließende Kleidung) außer Kontrolle gerät. temperatur zunächst stabil halten, wenn die Umge-
Pathophysiologisch kommt es zu Interaktionen mit bungstemperatur deutlich niedriger ist. Die Wärmeab-
einer Störung des Elektrolythaushaltes (Salzverlust), gabe des Organismus wird reduziert (periphere Vaso-
dem Anstieg der Körperkerntemperatur, der Wärme- konstriktion und Piloarrektion) und die körpereigene
einstrahlung auf den unbedeckten bzw. ungeschützten Wärmebildung gesteigert (Kältezittern, biochemische
Schädel (Hyperthermie des Gehirns) und u.U. un- Thermogenese). Dekompensiert die Kälteregulation
zureichender Flüssigkeitszufuhr (Exsikkose). Die auf- des Körpers, sinkt die Körperkerntemperatur, es
tretenden Symptome werden mit den Begriffen Hitze- kommt zur Hypothermie (Unterkühlung): Absinken
erschöpfung, Hitzestarre, Sonnenstich, Hitzschlag und der Körperkerntemperatur <35 °C mit einer Hypo-
Hitzekrämpfe charakterisiert: thermie unterschiedlichen Grades.
4 Hitzeerschöpfung (Hitzekollaps): Zusammen-
! Je größer die Temperaturaustauschfläche,
bruch der Kreislaufregulation bei zunächst erhal-
je höher die Temperaturdifferenz zwischen
tener Temperaturregelung
Umgebungs- und Körperkerntemperatur und
4 Hitzestarre: Beeinträchtigung der Atemexkursio-
je geringer die körpereigenen Kompensa-
nen durch schlagartig entstehende Hitzestarre des
tionsmöglichkeiten sind, desto rascher
Brustkorbes
kommt es zum Tod durch Unterkühlung.
4 Sonnenstich: Sonneneinstrahlung auf den ent-
Kinder kühlen schneller aus als Erwachsene,
blößten Schädel mit lokaler Wirkung auf das ZNS
da das Oberflächen-Volumen-Verhältnis mit
4 Hitzschlag: Zusammenbruch der Temperaturre-
sinkender Körpergröße zunimmt.
gulation infolge Zunahme der Körperkerntempe-
ratur, insbesondere der Hirntemperatur Vor allem in der kalten Jahreszeit kommen Todesfälle
4 Hitzekrämpfe: Treten vor allem bei strahlender durch Unterkühlung vor, grundsätzlich ist ein Tod
Hitze und gleichzeitig schwerer körperlicher Ar- durch Unterkühlung jedoch auch bei Raumtemperatur
beit mit Elektrolytverlusten infolge Schwitzen auf. möglich, z.B. bei mangelhaft beheizter oder unbe-
5.9 · Thermische Schädigungen
95 5
heizter Wohnung bei Temperaturen zwischen 15 und 4 Bodentemperatur (besonders bei größerer Kon-
20 °C bei Auskühlung bewusstloser Personen nach taktfläche zwischen Leichnam und Boden, kalter
Apoplex sowie im Koma oder bei langdauernden Nar- Fußboden)
kosen während der Operation. Unterschieden werden 4 weitere Kältequellen (offenes Fenster, offene Tür,
4 Trockenunterkühlungen und Luftzug)
4 Unterkühlungen im Wasser (»Immersionshypo- 4 Hinweise auf eine präexistente Hyperthermie
thermie«). (fiebrige Erkrankung ante mortem)
4 sog. Perniones (Frostbeulen) am Leichnam
Von der allgemeinen Kältewirkung auf den Organis-
mus mit der Folge einer Hypothermie (Unterkühlung) Die Hypothermie wird klinisch je nach Schweregrad
abzugrenzen ist die lokale Kälteeinwirkung in Form in 4 Stadien eingeteilt, die sich teilweise überschnei-
des Erfrierens von peripheren Körperanteilen. den können (. Tab. 5.27).
Unterkühlungen betreffen häufiger sozial schlech- Es muss keine strenge Korrelation geben zwischen
ter gestellte Personen und/oder solche mit Sucht- der gemessenen Körperkerntemperatur und der klini-
erkrankungen (mangelnde Schutzkleidung, unzurei- schen Symptomatik.
chende Ernährung, Obdachlose, Alkoholkranke, Dro- Der Tod durch Unterkühlung kann nach einer
genabhängige). Gefährdet sind auch mangelhaft be- unterschiedlichen Expositionsdauer eintreten, ge-
aufsichtigte Demenz-Patienten (z.B. Verlaufen im nannt werden 1,5–12 h, die Abnahme der Körperkern-
Winter) und bewegungsunfähige traumatisierte Pa- temperatur beginnt erst nach einer Plateauphase, in
tienten mit u.U. vorbestehender Hypothermie, aber der es dem Organismus noch möglich ist, die Tem-
auch Erschöpfungszustände können den Kältetod be- peratur konstant zu halten. Entscheidend sind der
günstigen. Häufiger sind ältere Menschen betroffen. Gesundheitszustand, der Bekleidungszustand und die
Bei jedem Kältetod muss die zur Unterkühlung füh- Umgebungstemperatur. Je niedriger die Temperatur,
rende Ursache geklärt werden: Alkohol? Drogen? Me- desto kürzer die Expositionszeit bis zum Todeseintritt.
dikamente? Demenz? Kachexie? Organische Erkran- Bei trockener Unterkühlung und einer Temperatur
kungen? Unterernährung? Körperlich begründete Be- von -10 °C werden Expositionszeiten zwischen 3
wegungsbehinderung? und 6 h angenommen. Die Agoniedauer ist aufgrund
der höheren Wärmeleitfähigkeit von Wasser bei der
Kälteidiotie. Der Begriff meint ein im Zustand der Un- Immersionshypothermie deutlich kürzer als bei tro-
terkühlung stattfindendes, rational nicht nachvollzieh- ckener Unterkühlung.
bares Verhalten, das unter der Annahme einer para- Neben der Auffindesituation sind in der Mehrzahl
doxen Wärmeempfindung zur vollständigen oder teil- der Fälle beim Tod durch Unterkühlung anlässlich der
weisen Selbstentkleidung führt (häufig Entkleidung des Leichenschau und der Obduktion morphologisch cha-
Unterkörpers, urindurchtränkte Kleidung). Die Auffin- rakteristische Befunde nachweisbar:
desituation kann zu der Fehlannahme eines Sexualde- 4 hellrötliche Totenflecke: häufig anzutreffen, aber
liktes führen. Gelegentlich tritt ein sog. terminales Höh- nicht beweisend für eine Unterkühlung, da auch
lenverhalten hinzu, d.h. der Leichnam wird an einem nachweisbar bei Verbringung des Leichnams in
schwerer zugänglichen Ort gefunden (in einer ge- kalte Umgebungstemperatur oder bei CO-Intoxi-
schützten Ecke, unter einem Tisch, in einem Schrank), kation
was ebenfalls zu Fehlinterpretationen Anlass geben 4 Kälteerytheme: blau-livide bis rötlich-fleckige
kann. Hautareale, typischerweise an der Außenseite der
Zu den am Leichenfundort bedeutsamen Feststel- Oberschenkel, den Streckseiten der Kniegelenke,
lungen gehören beim Tod durch Unterkühlung fol- über den Handgelenken, an den Akren
gende Einflussfaktoren und Befunde: 4 hämorrhagische Erosionen der Magenschleim-
4 Bekleidungszustand des Leichnams (ein-, zwei- haut (sog. Wischnewsky-Flecken): histologisch
oder dreilagige Kleidung) handelt es sich um keilförmige, infarktähnliche
4 Zustand der Bekleidung (insbesondere trocken Erosionen der Magenschleimhaut, die durch hä-
oder nass) matinisiertes Blut eine schwärzliche Farbe haben
4 Raumtemperatur (gemessen in Höhe des Leich- (. Abb. 5.68)
nams) 4 histologisch nachweisbare Fettvakuolen als homo-
4 Körperkerntemperatur (gemessen als tiefe Rektal- gene Verfettung v.a. der Tubulusepithelien der Nie-
temperatur mit einem geeichten Spezialthermo- ren (. Abb. 5.69), dort etwa so häufig nachweisbar
meter) wie Kälteerytheme und Wischnewsky-Flecken,
96 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.27 Klinische Stadien der Hyperthermie

Stadium 1 Stadium 2 Stadium 3 Stadium 4


Erregungsstadium Erschöpfungsstadium Lähmungsstadium Vita reducta
(Exzitationsstadium) (Adynamiestadium) (Paralysestadium) (Scheintod)

Körper- 36–33°C 33–30 °C 30–27 °C <27 °C


temperatur

Muskulatur Muskelzittern, Abnahme des aktiven Zunahme der passiven Cave: Verwechse-
kompensierende Muskeltonus Muskelrigidität lung »Kältestarre«
Kälteregulation des der Muskulatur mit
5 Organismus der »Totenstarre«

Herz-Kreis- Tachykardie Sinusbradykardie: Bradyarrythmie, weitere Dämpfung der


lauf-System periphere Vasokon- periphere Widerstand- Vitalfunktionen,
striktion mit Wider- serhöhung durch Zu- Herz-Kreislauf-
standserhöhung nahme der Viskosität Stillstand durch
des Blutes Kammerflimmern

Atmung Stimulation bis zur Zunehmende zentrale Bradypnoe, Apnoe mit Atemstillstand
evtl. Hyperventilation Atemdepression Pausen

Bewusstsein, Vigilanz gesteigert, Desorientierung Bewusstlosigkeit, ab- Bewusstlosigkeit,


Schmerz- schmerzhafte Akren, bis zur Apathie; ab- nehmende Compliance, fehlende Reflexe
empfinden Verwirrtheit klingende Schmerzen Verlust von Reflexen

teilweise Verfettung des Zytoplasma der Kardio- Lokale Kältewirkung. Lokale Erfrierungen sind
myozyten rechtsmedizinisch von geringerer Relevanz und finden
4 histologisch darstellbar sind beim Tod durch Un- sich v.a. bei Wintersportlern, unzureichend ausge-
terkühlung im Rahmen einer angenommenen rüsteten Touristen (z.B. in den Alpen) und bei Berg-
Viskositätszunahme des Blutes Mikrothromben in steigern. Betroffen sind: Finger, Zehen, Hände, Füße,
peripheren Gefäßen mit hämorrhagischer Infar- Nase, Ohren. Die Erfrierungen werden in verschiedene
zierung des zugeordneten Versorgungsgebietes Stadien unterteilt:
4 Dermatitis congelationis erythematosa: Infolge
Selten sind beim Tod durch Unterkühlung Hämorrha- Gefäßkonstriktion weißliche Haut, gefühllos oder
gien im Pankreas nachweisbar, beschrieben wurden in schmerzhaft, im Verlauf dann Rötung und Schwel-
Einzelfällen Hämorrhagien im M. iliopsoas. lung, häufig stark juckend.

. Abb. 5.68 Schwärzliche hämorrhagische Erosionen der . Abb. 5.69 Tropfige Verfettung der Tubulusepithelien
Magenschleimhaut, sog. Wischnewsky-Flecken beim Tod der Nieren beim Tod durch Unterkühlung (Sudan-III-Fär-
durch Unterkühlung bung; Vergr. 200-fach)
5.10 · Strom, Blitz, Gase
97 5
4 Dermatitis congelationis bullosa: Ausbildung sub- wortlichen führen. Der Nachweis von letalen Strom-
epidermaler seröser oder hämorrhagischer Blasen unfällen ist zudem von versicherungsrechtlicher Be-
nach Wiedererwärmung der länger oder tiefer deutung.
kälteexponierten Hautregion.
4 Dermatitis congelationis gangraenosa (escharo-
tica): Blau-schwarz verfärbte Extremität (sog. tro- 5.10.1 Stromtodesfälle
ckene Gangrän), die Extremität wirkt wie mumi-
fiziert. Demarkierung des geschädigten Bezirkes, Beim Kontakt mit stromführenden Leitern kann es zu
bakterielle Infektion führt zur sog. feuchten Gang- unterschiedlichen Stromwirkungen auf den Körper
rän. kommen:
4 elektrospezifische Schädigung durch elektrische
Reizung (Muskulatur, Nervensystem, Herz mit
5.10 Strom, Blitz, Gase kardialem Reizleitungsystem)
4 elektrothermische Schädigung durch lokale strom-
Ç Fallbeispiel induzierte Hitzeschädigung
Vom ambulanten Pflegedienst wird im Winter in 4 mittelbare Schäden wie z.B. Sturzverletzungen
einer Altbauwohnung der regelrecht bekleidete leb- nach Stromeinwirkung
lose Körper einer dort allein lebenden 78-jährigen
Frau im Bad auf dem Boden liegend gefunden. In In der Praxis können beim elektrischen Strom 4 Span-
die Badewanne ist Wasser eingelassen, neben der nungsbereiche (Schwachstrom, Niederspannung,
Wanne liegt ein intakter Föhn mit Stromanschluss, Hochspannung, Höchstspannung) unterschieden wer-
am Rande steht ein älterer Heizölofen. Der Notarzt den. Entscheidend für die strombedingte Schädigung
stellt den Tod fest (hellrote Totenflecke, kräftige sind jedoch die Stromflussdauer (Kontaktzeit) und
Totenstarre), tastet subkutan unterhalb der linken die Stromstärke im Körper. Die Stromstärke (I) wird
Clavicula einen Herzschrittmacher und findet im Bad bestimmt durch die Spannung (U) und den Körper-
mehrere teils leere, teils angebrochene Tabletten- widerstand (R) entsprechend dem Ohm-Gesetz
packungen: Diazepam, ein β-Blocker, ein Antidepres- (U = R × I). Der Hautwiderstand an den Stromein-
sivum, ferner Thrombosestützstrümpfe. Auch die tritts- und Stromaustrittsstellen kann variieren, je nach
Nagelbetten sind eher hellrötlich, eine über dem Hornhautdicke, Feuchtigkeit der Haut (herabgesetzter
Sternum in Körperlängsrichtung verlaufende alte Widerstand durch Schwitzen!) oder getragener Schutz-
reizlose Narbe lässt ihn an eine vorangegangene kleidung: Gummistiefel schützen, barfuß auf feuchtem
Bypass-OP am Herzen denken. Da weitere Not- Boden ist besonders gefährlich. Die Wirkung von
arzteinsätze nicht anstehen, füllt der Notarzt nach Stromstärke und Stromspannung auf das Herz ist in
Beendigung der Leichenschau alle Formulare aus . Tab. 5.28 angegeben.
und gibt eine ungeklärte Todesart an. Die daraufhin Der Hautwiderstand bestimmt die Stromstärke im
eingeleiteten polizeilichen Ermittlungen ergeben Körper, wobei für Wechselstrom verschiedene Be-
nach Veranlassung einer rechtsmedizinischen reiche unterschieden werden können (. Tab. 5.29).
Obduktion als Todesursache eine CO-Intoxikation Gefährlich sind Wechselstromfrequenzen von 40–
(COHb = 32%), ein technischer Sachverständiger 150 Hertz. Todesursache bei Stromunfällen ist in der
stellt später fest, dass der Heizölofen defekt war. Regel das Herzkammerflimmern. Das Risiko eines
tödlichen Verlaufs erhöht sich, wenn der Stromweg
zwischen den Kontaktstellen über das Herz führt (Arm
Elektrotodesfälle sind überwiegend Unglücksfälle, Ar- – Arm oder Arm – Fuß). Beim Stromfluss an anderen
beitsunfälle, gelegentlich Tötungsdelikte (auch fehl- Stellen, z.B. zwischen zwei Fingern, entstehen meist
interpretiert als vermeintlicher Unfall oder Suizid). Bei nur lokale thermische Schäden.
Suiziden (Föhn in der Badewanne!) und Unglücks- Bei Stromunfällen muss die teilweise sehr diskrete
fällen im Rahmen autoerotischer Betätigung werden sog. Strommarke, d.h. die Kontaktstelle mit dem strom-
stromführende Leiter (Kabel) entsprechend installiert, führenden Leiter, am Leichnam gesucht werden.
z.B. in der Genital- und Analregion oder an den Extre- Die Kontaktstelle kann winzig sein, uncharakte-
mitäten. Falsch installierte Elektrogeräte bzw. Elektro- ristisch aussehen oder sogar komplett fehlen. Vor allem
leitungen oder schlecht gewartete Geräte können zu an breiten und feuchten Kontaktflächen entwickelt
tödlichen Elektrounfällen mit dem nachfolgenden sich oft keine Strommarke. Wenn eine Strommarke
Vorwurf der fahrlässigen Tötung gegen die Verant- vorhanden ist, präsentiert sich die lokale elektrother-
98 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

. Tab. 5.28 Wirkung von Stromstärke und Stromspannung auf das Herz

Stromstärke Stromspannung Wirkung auf das Herz

<25 mA Bis 65 V Sog. »Schwachstrom«; ungefährlich

<25 mA 100–130 V Niederspannung: elektrospezifische Wirkung; kurzer Muskelkrampf,


keine Schäden

25–80 mA 110–380 V Niederspannung: elektrospezifische Wirkung; kurze Asystolie mit Arrythmie


(haushaltsüblicher oder (reversiblem) Kammerflimmern, potentiell lebensbedrohlich
Wechselstrom)
5 80 mA–8 A 110–380 V Niederspannung: elektrospezifische Wirkung; Kammerflimmern (reversibel),
potentiell lebensbedrohlich

>8 A 2000–3000 V Hochspannung: elektrothermische Verbrennungen und akute Asystolie


(bis 100.000 V)

>8 A >100.000 V Höchstspannung: schwerste elektrothermische Verbrennungen (Temperatur


bis 4000 °C), Verkohlung, akute Asystolie; Stromübertritt auch ohne Kontakt
mit dem Stromleiter möglich (sog. »Lichtbogen«)

. Tab. 5.29 Wirkung von Wechselstrom

Ampere Wirkung

<0,5 mA Allenfalls mit der Zunge spürbar

Ab 0,5 mA Spürbares »Kribbeln«

Ab ca. 5 mA Erregung der Muskulatur

Ab ca. 15 mA Muskelkrämpfe, Beugekontrakturen, selbständiges Loslassen der Kontaktstelle nicht mehr möglich

25–50 mA Herzrhythmusstörungen, evtl. bei längerer Kontaktzeit Bewusstlosigkeit

Ca. 50–80 mA Risiko des akuten Kammerflimmern

Ab 80 mA Kurze Kontaktzeit reicht für Kammerflimmern; Atemstillstand infolge Lähmung der Atemmuskulatur
möglich

Ab ca. 3 A Elektrothermische Wirkung mit Verkohlung des Gewebes an der Kontaktstelle

Merke: Bei Gleichstrom können etwa vierfach höhere Grenzwerte angesetzt werden

mische Schädigung in der Regel mit folgenden Be- 4 Je nach Intensität der lokalen Stromwirkung sind
funden: schwärzlich-verkohlte Stromkontaktstellen der
4 kraterartige Aufwerfung der Haut mit zentraler Ein- Haut nachweisbar (. Abb. 5.72).
dellung (eingesunkenes Zentrum) (. Abb. 5.70)
4 blasser, »porzellanartiger« Randwall, z.T. blasen- Beim Stromtod in der Badewanne kann gelegentlich in
artig Höhe der Wasserspiegelmarke eine feine streifige
4 »eingebrannte« metallische Materialrückstände Hautrötung festgestellt werden. Auch ohne jeden Be-
vom Stromleiter (sog. »Metallisation«) fund ist bei einem Tod in der Badewanne immer der
4 histologisch Blasenbildungen in dem aufgewor- Verdacht auf einen Stromtod gegeben. Da Strommar-
fenen Randwall (wabenartiges Muster) ken postmortal beigebracht werden können, sind sie
4 fischzugartige Ausziehung der basalen Zellen der keine Vitalitätszeichen. Die Diagnose »Stromtod« ist
Epidermis mit Kernelongation vor allem deshalb nicht selten eine sog. Ausschluss-
5.10 · Strom, Blitz, Gase
99 5
diagnose. In allen Zweifelsfällen muss ein technischer
Sachverständiger herangezogen werden. Ein wichtiges
Ziel ist die Verhinderung weiterer Stromtodesfälle.
Akute Asystolien können bis wenige Minuten nach
dem Stromkontakt auftreten.
Wird der Stromschlag zunächst überlebt, kann es
infolge elektrothermischer Schädigung der Skelett- wie
der Herzmuskulatur (infarktähnliches Schädigungs-
muster) zu Spättodesfällen im Rahmen eines Multi-
organversagens (MOV) einschließlich eines Nieren-
versagens (Crush-Niere) kommen.

. Abb. 5.70 Strommarke. Muldenartig mehrfach einge-


sunkene Strommarke der Handinnenfläche 5.10.2 Blitzschlag

Unfälle infolge Blitzschlags kommen gelegentlich vor,


verbunden mit einer Mortalität bis 40% bei extremer
Stromstärke innerhalb von weniger als einer Millions-
tel Sekunde. Bei der schädigenden Wirkung des Blitz-
schlages wird unterschieden:
4 direkter Blitzschlag (»direct stroke«)
4 stufenweise Entladung: Blitz trifft erst den Boden
oder z.B. einen Baum (»step voltage«)
4 Blitzschlag durch Entladung: Blitz »springt« von
Objekt zu Objekt (»flash discharge«)
4 Blitzschlag durch Kontakt: Opfer berührt ein vom
Blitz getroffenes Objekt (»contact strike«)
4 stumpfe Verletzungen: sekundär, z.B. durch Sturz
des Opfers (»blunt trauma«)

Zum Schädigungsmuster gehört das sog. »Farnkraut-


phänomen« (farnkrautartige Erytheme) der Haut,
angesengte Haare entlang des Stromweges, Verkoh-
lungen und Zerreißungen der Kleidung, Metallteile
. Abb. 5.71 Histologischer Befund einer Strommarke.
mit Schmelzspuren, zerrissenes Schuhwerk.
Ausziehung der Basalzellen, Elongation und palisaden- bis
fischzugartige Stellung der Zellkerne
Definition
Schritteffekt meint einen Teilstromdurchfluss bei
Blitzschlag durch den Körper (von Bein zu Bein)
auch noch bei Personen oder auch Tieren in
einiger Entfernung vom Ort des Blitzeinschlags in
den Boden.

Nach Blitzschlag kann eine sofortige Reanimation er-


folgreich verlaufen, aber auch danach bestimmt das
Ausmaß der Verbrennungen und der Schädigung in-
nerer Organe den weiteren Verlauf. Bei überlebten
Blitzschlagverletzungen dominieren neurologische
Ausfallerscheinungen unterschiedlicher Intensität und
Dauer.
. Abb. 5.72 Schwärzlich-verkohlte Stromkontaktstelle an
der Haut des Fingers
100 Kapitel 5 · Forensische Traumatologie

5.10.3 Tod durch Gase

Todesfälle durch Gase sind Erstickungstodesfälle. Am


häufigsten kommen Unfälle mit CO-Intoxikationen
vor (siehe oben), zu erwähnen sind aber auch Fäulnis-
gase und die Caisson-Krankheit.

Fäulnisgase. Neben der CO-Intoxikation können sich


z.B. in Silos, Klärgruben, Faultürmen abgesunkene
Gase ansammeln, die schwerer sind als Sauerstoff.
Ohne subjektiv wahrnehmbare Symptome kommt es
5 zum anoxischen Ersticken infolge Sauerstoffmangels
mit plötzlichem Eintritt der Bewusstlosigkeit. Gele-
gentlich ersticken auf gleiche Weise Personen, die un-
geschützt Hilfe leisten wollten.

Caisson-Krankheit. Ab ca. 13 m Tauchtiefe kann phy-


sikalisch im Blut gelöster Stickstoff und Sauerstoff frei
werden, es bilden sich Gasblasen, die embolisch wir-
ken (Barotrauma als Tauchunfall).
6

Tod im Wasser

6.1 Ertrinken/Ertränken – 102

6.2 Badetod – 106

6.3 Suizid und Tötung im Wasser – 107

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_6,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
102 Kapitel 6 · Tod im Wasser

> > Einleitung Ob der Badetod als natürlicher Tod einzuordnen


ist, kann diskutiert werden. Das Eintauchen in das
Ein gesunder 28-jähriger Mann verabredet sich am Bagger- Wasser ist als äußeres Ereignis eine unabdingbare Vor-
see zum Grillen mit 3 Männern und 4 Frauen. Er trinkt zum aussetzung. Trotzdem sind innere Voraussetzungen
Essen eine Flasche Bier. Nach einem ausgiebigen Sonnen- notwendig, damit dieser reflektorische Tod eintreten
bad einigen sich die Männer gegen 14:30 Uhr auf ein Wett- kann: Neben akuten Faktoren wie Überhitzung, voller
schwimmen zu der etwa 350 Meter entfernten Badeinsel. Magen, Alkoholisierung und plötzliche Abkühlung
Nach einem Sprint von etwa 30 Metern zum Ufer machen muss wohl eine gewisse Prädisposition bestehen, um
alle 4 Männer einen Kopfsprung ins Wasser und schwim- diesen reflektorischen Tod zu verursachen. Es ist davon
men los. Nachdem 3 Männer das Ziel erreicht haben, hören auszugehen, dass die »Baderegeln« jährlich tausend-
sie die Frauen vom Ufer rufen und schwimmen schnell fach missachtet werden, Badetode aber ein eher seltenes
zurück. Circa 20 Meter vom Ufer entfernt treibt der leblose Phänomen darstellen.
Körper ihres Freundes unter der Wasseroberfläche. Die
Männer bringen ihn zum Ufer und beginnen sofort mit der Atypisches Ertrinken. Dieser Begriff wird für ein Er-
6 Reanimation, die von dem sofort alarmierten Notarzt er- trinken nach wasserunabhängigen Dysregulationen
folglos fortgeführt wird. verwendet. Diese Dysregulationen können auf natür-
Bei der gerichtlich angeordneten Leichenöffnung lässt lichen oder nichtnatürlichen Ereignissen basieren, wie
sich makroskopisch kein krankhafter Befund feststellen, z.B. die Bewusstlosigkeit nach Myokardinfarkt, zere-
Verletzungen können durch Reanimationsmaßnahmen er- bralem Insult aber auch nach Intoxikation, Schädel-
klärt werden. Sog. Ertrinkungszeichen finden sich nicht. Hirn-Trauma oder Stromschlag. Deshalb lässt sich
Sicherheitshalber werden Proben für eine Diatomeen-Un- dieser Begriff nicht ohne Weiteres in die Systematik von
tersuchung asserviert. Auffällig ist ein prall gefüllter Ma- . Tab. 6.1 einpassen. Insbesondere das Ertrinken in der
gen mit Resten von Fleisch und Wurst. Die histologischen Badewanne oder in einer »Pfütze« wird üblicherweise
Untersuchungen erbringen keinen krankhaften Organbe- als atypisches Ertrinken einzuordnen sein.
fund, insbesondere keinen Hinweis auf eine Infektion wie
z.B. eine Myokarditis. Die Blutalkoholbestimmung aus dem
Oberschenkelvenenblut ergibt einen Wert von 0,28‰. Mit 6.1 Ertrinken/Ertränken
Hilfe der forensisch-toxikologischen Analysen von Herz-
blut, Mageninhalt und Urin sind lediglich geringe Mengen Ç Fallbeispiel
des Wirkstoffs Paracetamol nachzuweisen, darüber hinaus Im August wird am Ufer eines langsam strömenden
keine weiteren Fremdstoffe. Die Diatomeen-Untersuchung Flusses im Geäst ein in Bauchlage hängender bis
verläuft durchweg negativ. auf eine Badehose unbekleideter Leichnam eines
In der rechtsmedizinischen Beurteilung wird das Feh- Mannes bemerkt. Nach der Bergung sieht man
len von krankhaften Organveränderungen, Verletzungs- etwas Schaumpilz um die Atemöffnungen, es zeigen
zeichen, Ertrinkungszeichen und Vergiftungsnachweis im sich Hautschürfungen an der Stirn, an den Hand-
Sinne einer Ausschlussdiagnose gewertet. Als Erklärung rücken, streckseitig über den Kniegelenken und auf
verbleibt ein reflektorischer Tod, der dem sog. Badetod den Fußrücken. Die Haut ist teilweise fetzig abge-
zuzuordnen ist. Das fremdanamnestisch beschriebene löst, das Abdomen gedunsen. Die Kopfhaare sind
Hineinspringen in das Wasser ohne vorheriges Abkühlen erleichtert ausziehbar, Finger- und Fußnägel noch
nach längerem Sonnenbad, der volle Magen und die zu- fest sitzend. Bei der Obduktion findet sich wässrige
sätzliche leichte Alkoholisierung stützen die Diagnose Flüssigkeit in den Keilbeinhöhlen und im Magen. Die
eines Badetodes. geblähten Lungenflügel berühren einander hinter
dem Brustbein in der Körpermittellinie. Wegen des
Wird ein Leichnam im Wasser gefunden, bedarf es aromatischen Geruches erfolgt eine Bestimmung
immer einer differenzierten Befunderhebung und In- der Blutalkoholkonzentration im Oberschenkel-
terpretation. Die Unterscheidung eines natürlichen von venenblut (3,46‰). Zusätzlich sieht man seiten-
einem nichtnatürlichen Tod kann schwierig sein. Bei symmetrisch Hämatome an den Oberarmen außen-
den nichtnatürlichen Todesfällen müssen die akziden- und innnenseitig. Die Identität des Mannes kann
tellen von den Fällen mit Fremdverschulden abgegrenzt mithilfe des Zahnstatus geklärt werden. Die Polizei
werden. Einen wichtigen Hinweis auf ein mögliches Tö- ermittelt, der Mann sei einige Tage zuvor von zwei
tungsdelikt kann die Beantwortung der Frage geben, ob anderen Männern regelrecht mit Alkohol »abgefüllt«
der Tod im Wasser eingetreten ist oder außerhalb. Ver- worden. Einer der beiden Männer habe »Kratz-
schiedene mögliche Konstellationen zeigt . Tab. 6.1. 6
6.1 · Ertrinken/Ertränken
103 6

. Tab. 6.1 Mögliche Konstellationen der Todesursache beim Auffinden eines Leichnams im Wasser

Natürlicher Tod Unfall Suizid Fremdverschulden

Tod im 4 Reflektorischer Tod 4 Ertrinken, z.B. als 4 Ertrinken durch 4 Ertränken


Wasser (»Badetod«) – Badender mit »Untertauchen«, 4 Ertrinken oder
grundsätzlich auch Muskelkrampf oder »ins Wasser gehen« Hypothermie nach
möglich im Zu- als ins Wasser 4 z.B. Erschießen Hineinwerfen ins
sammenhang mit gefallener Passagier oder Aufschneiden Wasser
Unfall, Suizid und 4 Hypothermie der Pulsadern, ggf. 4 Tötung durch jede
Fremdverschulden (Kammerflimmern) als zusätzliche Form der Gewalt,
4 Plötzlicher Tod aus nach Sturz ins Absicherung ggf. Einsatz wasser-
innerer Ursache, Wasser/Schiffbruch 4 Selbstvergiftung, typischer Waffen,
z.B. Myokardin- 4 Sturz aus großer Gifteinnahme wie z.B. eine Har-
farkt, zerebraler Höhe ins Wasser am ehesten noch pune
Insult, Myokarditis 4 Verletzung beim außerhalb des 4 Vorsätzliche Tö-
oder epileptischer Baden durch Wassers tung eines Baden-
Anfall Sprung ins Wasser 4 Sprung aus großer den mittels eines
(z.B. Kopfsprung) Höhe ins Wasser Wasserfahrzeugs
4 Verletzung als (»Brückensprung«)
Badender durch 4 Absichtliches
ein Wasserfahrzeug Herbeiführen einer
4 Verkehrsunfälle mit Situation aus der
Wasserfahrzeugen Kathegorie »Unfall«
4 Verletzung durch
im Wasser lebende
Tiere, z.B. Haie,
Piranhas oder
Wasserschlangen

Tod außer- 4 Plötzlicher Tod aus 4 Jede Form von 4 Tötung durch jede
halb des innerer Ursache, Suizid in Ufernähe Form der Gewalt
Wassers z.B. Myokardinfarkt mit postmortalem oder Vergiften
oder zerebraler Hineingeraten in und postmortales
Insult in Ufernähe das Wasser Verbringen ins
oder beim Lehnen 4 Dekompositionsbe- Wasser zum Vor-
über ein Brücken- dingter Wasserkon- täuschen eines
geländer takt z.B. Verbrin- Todes im Wasser
gung von Leichen- (typischerweise
teilen durch Tiere Ertrinken)
oder Abfallen des 4 Nach defensiver
Leichnams eines Leichenzerstücke-
Erhängten von lung Verbringung
einer Brücke von (ggf. einzel-
nen) Leichenteilen
ins Wasser

spuren« im Gesicht und am Hals. Nach Angaben der nicht falsch, erfasst ihn jedoch nicht vollständig. Nach
Männer habe der Verstorbene von sich aus unbe- dem Überraschungseinatmen (»respiration de sur-
dingt im Fluss baden wollen. prise«) beim Hineingelangen ins Wasser können 4 Sta-
dien des Ertrinkens abgebgrenzt werden (. Tab. 6.2).

Das klassische (typische, unmittelbare) Ertrinken ist Postmortales Intervall. Das postmortale Intervall
Folge eines Verschlusses der Atemöffnungen oder der vom Ertrinken bis zum Auffinden des Leichnams kann
inneren Atemwege durch Flüssigkeiten. Den Vorgang unterschiedlich lang sein und der Erhaltungszustand
als Erstickungstod im Wasser zu bezeichnen ist sicher des Leichnams folglich stark differieren. Zunächst wird
104 Kapitel 6 · Tod im Wasser

. Tab. 6.2 Stadien des Ertrinkens

Stadium 1 Bewusstes Atemanhalten


Dauer: 30 s bis 1 min, bei Trainierten
bis max. 2 min

Stadium 2 Dyspnoe: Die Atmung kann durch


den Atemreiz über das Atemzentrum
infolge des angestiegenen CO2 nicht . Abb. 6.1 Lokalisation von sog. Treibverletzungen mit
mehr willkürlich unterdrückt werden. typischer Treibhaltung im fließenden Gewässer
Es kommt zu Inspirationen, denen
hustenartige Exspirationen folgen. Bei
zunehmender Tiefe der Bewusstlosig-
keit sinkt der Hustenreiz, die Atem-
bewegungen sind von wechselnder
6 Intensität. Dauer: 1–3 min

Stadium 3 Krämpfe: Tonisch-klonische Krämpfe;


weiterhin mit Atemtätigkeit. Dauer:
bis 90 s

Stadium 4 Unbewusstes Atemanhalten und


terminale Schnappatmung: Zunächst
präterminale Apnoe, der Kreislauf ist
noch erhalten, danach folgt das letzte
Ertrinkungsstadium, das durch Herz-
stillstand beendet wird
. Abb. 6.2 Deutliche Waschhautbildung an den Händen
bei einer Leichenliegezeit im Wasser von ca. 15 Tagen (Was-
der Leichnam zum Boden des Gewässers sinken, sein sertemperatur 5–7 °C)
(Wieder-)Auftauchen wird im Wesentlichen durch
Gasblähung im Rahmen von Fäulnisprozessen be-
wirkt. Die Fäulnisprozesse verlaufen vergleichbar wie
bei Leichen außerhalb des Wassers, jedoch unter-
schiedlich schnell. Da diese Prozesse stark tempera-
turabhängig sind, dauert es bei im Herbst/Winter Er-
trunkenen meist deutlich länger bis zum Auffinden des
Leichnams als nach einem Ertrinken im Frühling/
Sommer. Hingewiesen sei nochmals auf die Casper-
Regel: Der Fäulnisgrad nach einer Woche an der Luft
entspricht dem nach 2 Wochen im Wasser und dem
nach 8 Wochen im Erdgrab.
Der frisch ins Wasser gelangte Leichnam eines
Ertrunkenen richtet sich meist in Bauchlage aus. In . Abb. 6.3 Deutliche Waschhautbildung an den Fußsohlen
bewegten Gewässern resultieren charakteristische bei einer Wasserliegezeit von ca. 15 Tagen (Wassertempera-
Schleifspuren an Stirn, Handrücken, Knien und Zehen tur 5–7 °C)
(. Abb. 6.1).
In Abhängigkeit von der Leichenliegezeit im
Wasser finden sich unterschiedlich fortgeschrittene lung mit Algen (. Abb. 6.4), Ablösung der Oberhaut,
Leichenveränderungen. Nach wenigen Tagen hat sich Gasdunsung des Abdomens, erleichterte Ausziehbar-
die sog. Waschhaut an Händen und Füßen ausgebildet, keit von Haaren, zunehmende Blutleere der Herzhöh-
die bis zum handschuhartigen Ablösen der Haut füh- len, Fäulnisflüssigkeit in den Körperhöhlen.
ren kann (. Abb. 6.2 und . Abb. 6.3). Weiterhin finden sich Fraßdefekte durch Wasser-
Je nach Art des Wassers (stiller See, modernder tiere, aber auch z.B. postmortale Schiffsschraubenver-
Tümpel, fließender Strom) kommt es zu weiteren Ver- letzungen, die im Einzelfall von zu Lebzeiten beige-
änderungen, z.B. Antragungen von Erdreich, Besied- brachten Verletzungen abzugrenzen sind.
6.1 · Ertrinken/Ertränken
105 6

. Abb. 6.4 Wasserleiche mit flächenhafter Ablösung . Abb. 6.5 Ausgeprägte Überblähung der Lungen im
der Oberhaut, ausgedehnten Antragungen von Algen und Sinne eines sog. Emphysema aquosum beim Tod durch Er-
Erdreich trinken

Osmolarität des Ertrinkungsmediums. Im Verhält-


nis zur Osmolarität des menschlichen Organismus
verhält sich Süßwasser hypoton und Salzwasser hy-
perton. Aber nicht nur Meerwasser ist hyperton, es gibt
z.B. Gewässer, meist kleine Bäche, die Wasser von stark
überdüngten Feldern aufnehmen und dadurch Teil-
chenkonzentrationen wie im Salzwasser erreichen.
Das Ertrinken in Süß- und Salzwasser weist erhebliche
Unterschiede auf:
4 Süßwasserertrinken: Im Süßwasser kommt es zur
hypotonen Hyperhydratation und schnellen Hämo-
lyse. Final wird das Wasser durch den osmotischen
Druck aus der zuvor stark überdehnten Lunge he-
rausgezogen, so das makroskopisch eine trockene
überblähte Lunge resultiert, sog. Emphysema
aquosum (. Abb. 6.5) Im Obduktionssitus berüh-
ren sich die Lungen in der Körpermittellinie hinter
dem Sternum oder überlappen sogar. Histologisch
sind neben Aufweitungen der Alveolarräume auch
Zerreißungen der Alveolarsepten und ödematöse
Regionen zu sehen.
4 Salzwasserertrinken: Das Ertrinken im Salzwas-
ser dauert länger als im Süßwasser. Das Einatmen
von Salzwasser führt zu einem Einstrom von NaCl
aus der Lunge in das Blut und dem Transport von
Proteinen und Flüssigkeit in umgekehrter Rich-
tung. Die Folge ist eine hypertone Hyperhydrata-
tion. In die Lunge sammelt sich somit zusätzlich
zu dem eingeatmeten Wasser Flüssigkeit aus dem . Abb. 6.6 Schaumpilz vor den Atemöffnungen beim Tod
umgebenden Gewebe, was das Bild eines Oedema durch Ertrinken bei offenbar früherem Suizidversuch mit
aquosum ergibt: Die Lungen sind makroskpisch sog. Probierschnittnarbe in der Beugeseite des linken
Handgelenkes
massiv erweitert, schwer und flüssigkeitsgefüllt.

Diagnose des Ertrinkungstodes. Als äußerliche Be-


funde werden nach kurzem postmortalem Intervall
106 Kapitel 6 · Tod im Wasser

. Tab. 6.3 Ertrinkungszeichen

Ertrinkungszeichen Morphologie Genese

Schaumpilz (. Abb. 6.6) Feinblasiger Schaum (wie Rasierschaum) vor Ausbildung zeitnah zur Bergung des
Mund und Nase, ggf. mit hämorrhagischer Leichnams wegen dann eintretender
Komponente Verringerung des Lungenvolumens
DD: Grobblasiger Schaumpilz bei kardialem durch Vermischung von Luft, Wasser,
Lungenödem, bei Drogentoten Ödemflüssigkeit und Bronchialschleim

Emphysema aquosum Stark überblähte Lungen, makroskopisch Süßwasserertrinken, Diffusion des


trocken, sich in der Körpermittellinie berüh- eingeatmeten Wassers in die Umge-
rend oder sogar überlappend, nach Betasten bung
bleibt eine Delle stehen

6 Ödema aquosum Stark aufgequollene Lungen, makroskopisch Salzwasserertrinken, zusätzliche Diffu-


feucht und schwer, sich in der Körpermittel- sion von Gewebeflüssigkeit in die
linie berührend oder sogar überlappend Lungen

Paltauf-Flecken Subpleural, besonders in den Zwischen- Subpleurale Rhexisblutungen nach


lappenspalten, blass-rötlich bis -bräunlich, Zerstörung der Kapillaren durch die
bis fingernagelgroß, verwaschen massive Überdehnung, zusätzlich Hä-
molysen, v.a. beim Süßwasserertrinken

Flüssigkeitsnachweis in der Sichtbar nach Entfernen der Siebbeinplatte Eindringen von Wasser in die Neben-
Stirn- oder Keilbeinhöhle oder Punktion mit einer Spritze: wässrig- höhlen
(Svechnikov-Zeichen) klare Flüssigkeit

Wydler-Zeichen Dreischichtung des Mageninhaltes nach Verschlucken von Ertrinkungsflüssig-


Abstehen in einem Glas: zuoberst Schaum, keit (Schaum) und Wasser (mittlere
in der Mitte wässrig-klare Flüssigkeit und Schicht), zuunterst lagert der originäre
am Gefäßboden festere Bestandteile Mageninhalt

Nachweis von Kieselalgen Enzymatische Verdauung des zu unter- Einatmung und bei intaktem Kreislauf
(Diatomeen) suchenden Gewebes (Lunge, Niere, Leber, Transport durch die Gefäße bis in die
Knochen), im Anschluss mikroskopischer inneren Organe
Diatomeen-Nachweis

gelegentlich Zyanosen des Gesichtes, Halses und der nen Ertrinkungszeichen verändert bzw. zerstört wer-
Schultern beobachtet. Diese sind jedoch ebenso unspe- den können.
zifisch wie Gänsehaut, Schrumpfung von Penis oder
Brustwarzen, Kotabgang oder Zungenbiss. Als ent-
scheidende diagnostische Kriterien sind die sog. Er- 6.2 Badetod
trinkungszeichen (. Tab. 6.3) zu fordern. Die einzel-
nen Ertrinkungszeichen werden in unterschiedlicher Unter dem Badetod werden verschiedene Formen des
Häufigkeit nach einem Ertrinkungstod beobachtet. reflektorischen Todes im Wasser zusammengefasst.
Prinzipiell handelt es sich um eine Ausschlussdiag-
! Zur Diagnose des Ertrinkungstodes ist bei
nose, die erst gestellt werden kann, wenn bei einem im
entsprechender Vorgeschichte nach Mög-
Wasser aufgefundenen Leichnam weder Ertrinkungs-
lichkeit wenigstens ein überzeugendes Er-
zeichen noch Verletzungen, krankhafte Veränderun-
trinkungszeichen zu fordern.
gen oder Hinweise auf tödliche Vergiftungen gefunden
Da gerade nach dem Ertrinken ein erhebliches post- werden, die den Todeseintritt erklären können. Insbe-
mortales Intervall bis zum Auffinden des Leichnams sondere das Fehlen von Zeichen der Wassereinatmung
vergehen kann, ist zu beachten, dass insbesondere hat zu der Bezeichnung »dry drowning« geführt.
durch Fäulnisprozesse mit resultierender Gasbildung Für den Todeseintritt werden verschiedene mög-
einzelne oder im Extremfall alle zunächst vorhande- liche vagale Reflexe diskutiert:
6.3 · Suizid und Tötung im Wasser
107 6
4 Ebbecke-Reflex: Gesichtshaut als Reflexzone zeugenberichte liefern. Diese sind jedoch oft für im
(2. Trigeminusast), Schluckreflex nach dem Ein- Wasser gefundene Leichen nicht verfügbar. Eine Ob-
tauchen in kaltes Wasser, Bradykardie, Atemstill- duktion ist für die Unterscheidung von Tötung und
stand (»Eintauchreflex«). Selbsttötung im Wasser daher unverzichtbar.
4 Aschner-Bulbusdruck-Reflex: Bradykardie nach
Druck auf den Bulbus (okulokardialer Reflex). Suizid im Wasser. Bei einem Suizid fehlen üblicher-
4 Hering-Nasenschleimhaut-Reflex: Bradykardie weise vitale Verletzungszeichen, die als sogenannte
durch chemische oder thermische Reizung der Abwehrverletzungen eingeordnet werden können.
Nasenschleimhaut. Möglicherweise bedeutsam bei Anders kann sich das Bild darstellen, wenn sich eine
Tötungsdelikten in der Badewanne nach plötz- Person in suizidaler Absicht ins Wasser begibt, dort
lichem Zug an den Beinen und Untergehen des jedoch in Panik gerät und strampelt. Dann kann es zu
Kopfes. vitalen Anstoßverletzungen kommen. Als Hinweise
auf zurückliegende Suizidversuche können beispiels-
Es wird davon ausgegangen, dass durch vorangegan- weise entsprechende Narben an den Handgelenken
gene erhebliche Nahrungsaufnahme das Blut in den gewertet werden. Nach der Identifizierung des Leich-
Gastrointestinaltrakt und/oder durch Überhitzung in nams können polizeiliche Ermittlungen z.B. durch
die Peripherie umverteilt wird. Bei zusätzlicher Kreis- Aussagen von Bezugspersonen oder Auffinden eines
laufbelastung durch vagale Reizungen fehlt dann Blut. Abschiedsbriefes die Hypothese eines Suizids weiter
Alkohol bewirkt eine zusätzliche periphere Vasodilata- stützen. Beim kombiniertem Suizid wird eine zweite
tion, möglicherweise auch todesursächlich relevante Suizidmethode gewählt, z.B. Aufschneiden der Pulsa-
Veränderungen der Erregungsleitung des Herzens. dern im Wasser oder vorherige Einnahme von Tablet-
Darüber hinaus werden weitere Reaktionen im ten, jeweils mit dem Ziel, nach blutungs- bzw. medika-
Sinne von akuten »Schockzuständen« mit dem plötz- mentenbedingter Bewusstlosigkeit zu ertrinken.
lichen Tod nach Hineingeraten ins Wasser in Zusam-
menhang gebracht: Alkoholbestimmung und Toxikologie. Vor dem Sui-
4 Kälteschock: massive Blutumverteilung durch die zid wird sich oftmals »Mut angetrunken«, so dass der
periphere Vasokonstriktion Nachweis einer mäßiggradigen Alkoholisierung im
4 Schmerzschock: starke Reizung z.B. des Plexus Femoralvenenblut des Leichnams die Folge wäre. Die
solaris beim »Bauchplatscher«, Versacken des Abgrenzung zu einer erheblichen Alkoholisierung, die
Blutes in die reflektorisch erschlafften Eingeweide- eher an ein akzidentelles Hineingeraten in das Wasser
gefäße denken lässt, ist auch abhängig von der individuellen
4 Kehlkopfschock: Stimmritzenkrampf durch an Alkoholtoleranz.
den Kehlkopf gelangtes Wasser Durch forensisch-toxikologische Analysen fest-
4 Schock nach akuter Trommelfellperforation: stellbare Fremdstoffe, die über eine mögliche ärztli-
Auslösen von Drehschwindel und Orientierungs- cherseits verordnete Medikation hinaus gehen, ggf. in
losigkeit durch in das Mittelohr eindringendes Kombination mit Alkohol, können auf eine »Absiche-
Wasser rung« des Suizids bzw. einen kombinierten Suizid hin-
deuten.
Der Badetod bleibt ein bislang allenfalls teilweise er-
fasstes Phänomen, möglicherweise multifaktorieller Tötung im Wasser. Der Nachweis einer Tötung im
Genese. Es ist zudem davon auszugehen, dass neben Wasser ist möglich über den Nachweis vitaler Verlet-
akuten Kreislaufbelastungen vorbestehende Erkran- zungen. Anhand dieser vitalen Verletzungen kann u.U.
kungen des Herz-Kreislauf-Systems eine begünstigen- der Verletzungsmechanismus bzw. ein Tatgeschehen
de Rolle spielen. besser beurteilt werden, auch zur Abgrenzung eines
Tötungsdelikts gegenüber einem Unfallgeschehen. Bei
spurenarmen Tötungen oder fortgeschrittener De-
6.3 Suizid und Tötung im Wasser komposition des Leichnams kann der Verletzungs-
nachweis unmöglich sein.
Für die Annahme eines Todeseintritts im Wasser
müssen entweder Ertrinkungszeichen vorliegen oder Tötung in der Badewanne. Eine offenbar häufig er-
zumindest fehlen Hinweise auf eine postmortale Ver- folgreich angewandte Tötungshandlung besteht in dem
bringung ins Wasser. Wichtige Hinweise zur Differen- gleichzeitigen Ziehen an beiden Unterschenkeln, so
zierung von Tötung und Selbsttötung können Augen- dass die Atemöffnungen unter Wasser gelangen. Als
108 Kapitel 6 · Tod im Wasser

Todesursache scheint der Hering-Nasenschleimhaut-


Reflex (s.o.) eine wichtige Rolle zu spielen. Ein anderer,
möglicherweise noch deutlich häufiger eingesetzter
Tötungsmechanismus ist der Stromschlag in der Bade-
wanne, z.B. durch Hineinwerfen eines Föns (der nicht
eingeschaltet sein muss). Die heutzutage vorgeschrie-
benen FI-Schutzschalter verhindern jedoch regelmä-
ßig den Erfolg eines derartigen Vorgehens. Im Einzel-
fall kann jedoch ein eingeschalteter Föhn im Wasser
weiter funktionieren und das Wasser derart aufheizen,
dass der Leichnam »gekocht« wird.

6
7

Klinische Rechtsmedizin

7.1 Verletzungen Lebender – 110

7.2 Vernehmungsfähigkeit – 114

7.3 Gewahrstauglichkeit – 114

7.4 Haftfähigkeit – 114

7.5 Verhandlungsfähigkeit – 115

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_7,


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110 Kapitel 7 · Klinische Rechtsmedizin

> > Einleitung gutachtung für Zivilverfahren zur Erlangung von


Schadensersatzanspruch und Schmerzensgeld, wie
Eine 13-Jährige wird zur Untersuchung gebracht, 7 Stun- z.B. beim HWS-Trauma)
den zuvor habe der alkoholisierte Freund ihrer Freundin 4 Begutachtung der Fahreignung (generelle Fahr-
versucht, sie zu vergewaltigen. Sie sei nur mit einem Hand- tauglichkeit) und der Fahrtüchtigkeit (aktuelle Be-
tuch bekleidet aus der Dusche gekommen, habe sich nach einträchtigung)
Kräften gewehrt, sei jedoch körperlich unterlegen gewe- 4 Fälle von Selbstbeschädigung bei V.a. auf Versiche-
sen. Der Mann habe mit seiner linken Hand gegen ihren rungsbetrug
Hals gedrückt, mit der rechten Hand seine Hose geöffnet 4 Befunderhebung bei Opfern von Folter
und sich zwischen ihre Beine gedrängt. Nachdem sie auf 4 forensisch-psychiatrische Erhebung von Befunden
den Boden gedrückt worden sei, habe sie laut geschrien. und deren Interpretation (7 Kap. 18)
Daraufhin habe der Mann ihr mit seiner rechten Hand den 4 Beurteilung der Belehrungsfähigkeit, Verneh-
Mund zugehalten. In diesem Moment sei ihre Freundin mungsfähigkeit, Gewahrsamsfähigkeit, Verhand-
nach Hause gekommen und der Mann habe abrupt von ihr lungsfähigkeit, Haftfähigkeit, Reise- bzw. Abschie-
gelassen. Das sehr schlanke Mädchen zeigt seitlich am Hals befähigkeit
fleckförmige Rötungen der Haut, linksseitig auch eine
kleine sichelförmige Oberhautanritzung. In den Lidbinde-
7 häuten finden sich einzelne Petechien. An der Innenseite 7.1 Verletzungen Lebender
des rechten Oberschenkels sieht man im mittleren Drittel
zwei kleine Hämatome, ebenso am Rücken über den Dorn- Verletzungsmuster können sehr vielfältig sein und
fortsätzen zweier Wirbelkörper der unteren Brustwirbel- sollen dennoch mit einem behaupteten Tatgeschehen
säule jeweils ein kleines Hämatom. Die Hämatome sind abgeglichen werden. Gelegentlich lassen Abdruck-
blau-livide und gut demarkiert. konturen den Rückschluss auf eine bestimmte Form
der Gewalteinwirkung zu, z.B. wenn sich nach einem
Definition Schlag mit der flachen Hand Konturen der Finger zei-
Klinische Rechtsmedizin bezeichnet die Anwen- gen (. Abb. 7.1).
dung medizinischen Wissens zur Beurteilung von
Verletzungen lebender Personen im Dienste der
Rechtspflege.

Die rechtsmedizinische Untersuchung Lebender er-


langt zunehmende Bedeutung. Betroffene »Proban-
den« (lat. zu Untersuchender, zu Begutachtender) wer-
den häufig – aber nicht nur – im Auftrag einer Behörde
zur Erhebung und Interpretation eines Befundes zu
einer bestimmten Fragestellung untersucht:
4 Untersuchung von Opfern und Tatverdächtigen
(Geschädigten- und Beschuldigtenuntersuchun-
gen) bei Körperverletzungsdelikten und versuch-
ten Tötungsdelikten (z.B. überlebtes Würgen)
4 Misshandlung, sexueller Missbrauch und Ver-
nachlässigung von Kindern
4 Opfer von Gewalt im eigenen Wohnumfeld (»häus-
liche Gewalt«)
4 Gewalt gegen alte Menschen (»forensische Geron-
tologie«) und pflegebedürftige Personen
4 Geschädigte (Opfer) und Tatverdächtige/Beschul-
digte im Rahmen von Sexualdelikten
4 Untersuchungen im Rahmen der forensischen
Altersdiagnostik
4 Verkehrsunfallbeteiligte, sei es als Fußgänger, . Abb. 7.1 Abdruckkonturen von Fingern nach Schlag
Fahrzeugführer, Beifahrer etc. (einschl. der Be- mit der flachen Hand
7.1 · Verletzungen Lebender
111 7

. Tab. 7.1 Interpretation von Verletzungen in Abhängigkeit von der Lokalisation

Verletzungslokalisation (Auswahl) Interpretation*

Kopf oberhalb der sog. Hutkrempenlinie Eher Schlag (außer bei Treppensturz)

Kopf unterhalb der sog. Hutkrempenlinie Eher sturztypische Lokalisationen: Stirnhöcker, Augenbrau-
en, Nasenspitze, Kinnspitze (außer Faustschlag ins Gesicht)

Monokelhämatom Meist Schlag (selten: abgesacktes Blut nach Sturz auf die
Augenbraue; frakturiertes Augenhöhlendach mit Monokel-
hämatom nach Sturz auf den Hinterkopf )

Hämatom am Oberarm (innen- und außenseitig), evtl. Griffspur


beidseits seitensymmetrisch

Hämatome Streckseite Unterarme Abwehrverletzung

Handrücken Passive Abwehrverletzung

Handinnenfläche Abstützverletzung bei Sturz; aktive Abwehrverletzung


gegen scharfe Gewalt

Hämatom über den Hüftknochen Meist Anstoßverletzung

Ellenbogenaußenseite Eher Sturztypisch

Streckseite der Knie Eher Sturztypisch

Rücken, Gesäß Eher Züchtigung

Schleimhaut des Mundvorhofes Eher Schlag, aber Sturz möglich

Über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper Widerlagerverletzung bei Druck von vorn (mit dem Rücken
auf dem harten Boden liegendes Opfer)

Orbitafraktur Schlag (Blow-out-fracture)

Horizontale Strangmarke Drosseln

Ansteigende Strangmarke Hängen

Doppelstriemen Schlagverletzung

Flächenhafte Halshautrötungen mit kleinen Ober- Würgen (ein- oder beidhändig)


hautanritzungen

Einzelne feinfleckige Halshautrötungen Würgen (DD Knutschflecken)

Schnittverletzungen Beugeseite der Handgelenke Selbstbeibringung: Versuchter/vollendeter Suizid

Hämatome Innenseite Oberschenkel Abwehrverletzung bei (versuchter) Vergewaltigung


(. Abb. 5.14)

Häufig zahlreiche, parallel verlaufende Narben an der Selbstbeibringung (Borderline-Syndrom?)


Streckseite der Unterarme

* Achtung: Die Interpretation umfasst immer das gesamte Verletzungsmuster, im Einzelfall kann es alternative Er-
klärungen bzw. ungewöhnliche Geschehensabläufe geben.

Dabei ist eine Abgrenzung verschiedener Formen Nicht selten stützt sich die rechtsmedizinische Be-
der Gewalteinwirkung erforderlich. Eine wichtige Fra- fundung zunächst allein auf ein erhobenes Verlet-
ge ist die Differenzierung von Sturz- und Schlagverlet- zungsmuster. Am Ende fließen jedoch In die rechts-
zungen. Häufig erlaubt bereits die Lokalisation einer medizinisch-gutachterliche Beurteilung alle erhält-
Verletzung eine Interpretation (. Tab. 7.1). lichen Informationen ein: mitgeteilte Vorgeschichte,
112 Kapitel 7 · Klinische Rechtsmedizin

. Abb. 7.2 Überlebtes Würgen mit flächenhaften Unter- . Abb. 7.3 Selbstverletzendes Verhalten mit Beibringung
blutungen der Lidbindehäute sog. Probierschnitte beugeseitig in Höhe des Handgelenkes

Verletzungsmuster bei der Untersuchung, Labor- Relativ häufig sieht man in Höhe der Handgelenk-
befunde, evtl. radiologische Befunde. Entscheidend für beugen teils quer, teils längs verlaufende Narben, gele-
7 die rechtsmedizinische Begutachtung ist ein Optimum gentlich auch frische Schnittverletzungen im Rahmen
an Informationen für die Beurteilung von Verletzun- eines Suizid(versuches) (. Abb. 7.3).
gen und die Kenntnis weiterer Befunde in der Gesamt- Während die sog. Probierschnitte der Handge-
schau. Petechiale Hämorrhagien der Lidhäute, der lenksbeuge sich im Regelfall einem Suizid(versuch)
Lidbindehäute und in der Schleimhaut des Mund- zuordnen lassen, gibt es gelegentlich Verletzungs-
vorhofes oder z.B. flächenhafte Unterblutungen der muster, die nicht mit einem behaupteten Tatablauf
Lidbindehäute (. Abb. 7.2) sprechen für eine kompri- in Übereinstimmung zu bringen sind und bei denen
mierende Gewalt gegen den Hals (Drosseln, Würgen, differenzialdiagnostisch fremd- und selbstbeigebrachte
atypisches Erhängen mit evtl. gerissenem Strangwerk- Verletzungen abgegrenzt werden müssen (. Tab. 7.2;
zeug). . Abb. 7.4).

. Abb. 7.4 Betroffene Körperregionen bei typischen Ver- . Abb. 7.5 Selbstverletzendes Verhalten mit parallelen
letzungen nach Selbstbeibringung (nach König 1987) oberflächlichen Hautanritzungen
7.1 · Verletzungen Lebender
113 7

. Tab. 7.2 Charakteristika selbst- und fremdbeigebrachter Stich-Schnittverletzungen (nach König und Pollak 1987)

Merkmal Tatsächlicher Überfall Fingierter Überfall

Art der scharfen Meist Stiche, einige Schnitte, Ganz überwiegend Schnitte, auch Kratzer und Über-
Verletzung vereinzelt Abkappungen gangsformen

Anordnung Regellos über den Körper verteilt Gruppenbildung, scharenweise parallel, vereinzelte
Reihungen, symmetrische Anordnung

Lokalisation Alle Körperregionen, empfindliche Brust, Schambereich und unbekleidete Körperregionen


Stellen nicht ausgespart sind bevorzugt betroffen (Arme, Brust, Bauchhaut);
empfindliche Stellen (z.B. Brustwarzen, Lippen) und
Funktionsbereiche (Augen, Ohren) sind ausgespart;
Rücken und schwer erreichbare Regionen sind nicht
betroffen; Betonung der Seite, die der Arbeitshand
gegenüberliegt

Form der Einzel- Meist kurze Verläufe, auch unstetige, Oft lange, stetige, nur schwach gekrümmte, konstante
verletzung stark gekrümmte Formen Formen

Intensität der Stark variierend; oft tiefreichend Nahezu konstant; immer oberflächlich; gleichmäßige
Einzelverletzung Verletzungstiefe auch an gewölbten Körperpartien

Anzahl der Einzel- Große Anzahl seltener Auffallend häufig große Anzahl; evtl. Zeichen vorange-
verletzungen gangener Selbstverletzungen

Gesamtver- Meist (sehr) schwer Durchweg sehr leicht


letzungsschwere

Begleit- Meist zahlreiche Begleitverletzungen Vereinzelt Begleitverletzungen anderer Art (selbst


verletzungen anderer Art beigebracht)

Einbeziehung In die Verletzung einbezogen; Träger Meist nicht einbezogen; vereinzelt Kampfspuren (selbst
der Kleidung zahlreicher Kampfspuren erzeugt)

Abwehr- Oft typische, tiefe Schnitte an Finger- Keine Abwehrverletzungen; untypische, durchweg
verletzungen beugeseite, Hohlhand, Handrücken oberflächliche Schnitte auch an Fingern, Hand und
und Unterarm Unterarm

Nicht selten wird bei selbst beigebrachten Verlet- rungssumme ausgezahlt zu bekommen. Derartige
zungen eine etwas »abenteuerlich« anmutende Ge- Fälle sind etwa inszenierte bzw. vom angeblichen Un-
schichte erzählt. Auffallend sind oberflächliche, meist fallopfer selbst vorgenommene Abtrennungen von
parallel verlaufende Schnittverletzungen bzw. Haut- Gliedmaßen (Daumen, Finger) bei einem behaupteten
anritzungen in den eigenen Händen zugänglichen
Körperregionen (. Abb. 7.5 und . Abb. 7.6).
Insbesondere im Rahmen eines Strafverfahrens
gibt es unterschiedliche Situationen, die im Einzelfall
eine (rechts-)medizinische Beurteilung des Zustan-
des von Zeugen (Opfern) und Beschuldigten (Tatver-
dächtigen) erfordern: von der Festnahme mit Be-
lehrung und Vernehmung (Belehrungsfähigkeit,
Vernehmungsfähigkeit) über die Ingewahrsamnahme
und Verhandlungsfähigkeit bis hin zur Haftfähigkeit.
Die klinische Rechtsmedizin umfasst auch Begut-
achtungen zu Verletzungsgeschehen, bei denen der
Verdacht auf eine Selbstbeibringung bzw. Selbstver- . Abb. 7.6 Selbst beigebrachte Oberhautanritzungen
stümmelung aufgekommen ist, um z.B. eine Versiche- bzw. oberflächliche Schnittverletzungen
114 Kapitel 7 · Klinische Rechtsmedizin

Unfall im Rahmen landwirtschaftlich-handwerklicher Entscheidend ist hier die zunächst zeitlich befristete
Tätigkeiten. Verbringung einer Person in dafür von der Polizei be-
stimmte Räume bzw. Zellen. Einschränkungen der
Gewahrstauglichkeit können sich ergeben bei:
7.2 Vernehmungsfähigkeit 4 akut therapie- oder operationspflichtigen und/
oder psychophysischen Erkrankungen
Möglichst zeitnah zu einem Tatgeschehen sollen Zeu- 4 internistischen Erkrankungen wie z.B. Diabetes
gen einschließlich der Gewaltopfer und der Beschul- mellitus, hypertone Krise, epileptischer Anfall,
digte vernommen werden. Da – nach Belehrung – die Herz-Kreislauf-Erkrankungen etc.
Angaben bzw. Schilderungen des Beschuldigten in 4 Intoxikationen mit Alkohol, Drogen, Medikamen-
einem späteren Gerichtsverfahren verwendet werden ten etc.
sollen, muss der Beschuldigte vernehmungsfähig sein. 4 psychiatrischen Erkrankungen wie akute Psycho-
sen (Klaustrophobie etc.), wobei in derartigen Fäl-
Definition len evtl. eine zwangsweise Unterbringung gemäß
Vernehmungsfähigkeit meint die Fähigkeit, bei Unterbringungsgesetz des jeweiligen Bundes-
der Anhörung (Vernehmung) durch die Ermitt- landes zu prüfen ist.
lungsbehörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) und
7 das Gericht den Sinn von Fragen verstehen und
sinnvoll darauf antworten zu können. Es reicht die 7.4 Haftfähigkeit
Fähigkeit zu inhaltlich geordneter Kommunikation.
Soll eine Person in Haft genommen werden (Untersu-
chungshaft, Strafhaft), so ist zu prüfen, ob eine solche
Bei der Vernehmung darf die Freiheit der Willens- längerfristige Unterbringung in Untersuchungshaft
bildung nicht durch Erkrankungen, Intoxikationen etc. bzw. in einer Haftanstalt medizinisch vertretbar ist
beeinträchtigt sein. Eine Beeinträchtigung des Be- (syn. Vollzugstauglichkeit). Entsprechende Einschrän-
schuldigten durch verbotene Vernehmungsmethoden kungen der Haftfähigkeit können sein:
(§ 136a StPO), z.B. Androhung von Gewalt (Folter), ist 4 akut lebensbedrohliche Erkrankungen
unzulässig. Vernehmungsunfähigkeit ist z.B. anzu- 4 schwerwiegende psychiatrische Erkrankungen
nehmen bei schwerwiegenden Beeinträchtigungen 4 auszehrende chronische Erkrankungen wie Anä-
des Bewusstseins, des Denkens, der Fähigkeit zur Wil- mien, fortgeschrittene Tumorerkrankungen
lensbildung oder des Gedächtnisses. Akute schwerere 4 Zustände nach Hungerstreik
Alkohol-, Drogen und/oder Medikamentenintoxika-
tionen führen zur Vernehmungsunfähigkeit, aber auch Ebenso wie bei anderen Begriffen, gibt es auch für
z.B. eine ausgeprägte Entzugssymptomatik und schwe- die Haftfähigkeit keine Legaldefinition. Für die Fest-
re Ermüdungszustände. So kommt es vor, dass die stellung der Haftfähigkeit können Ärzte der Justizvoll-
prozessuale Verwertbarkeit von Aussagen eines Beschul- zugsanstalten herangezogen werden, ggf. kann eine
digten im Alkohol- oder Drogenrausch später geprüft Untersuchung in einem Justizvollzugskrankenhaus er-
werden muss. folgen.
! Haftunfähigkeit setzt eine nahe krankheits-
bedingte Lebensgefahr, einen schweren geis-
7.3 Gewahrstauglichkeit tigen Verfall oder eine schwere meist chro-
nische Beeinträchtigung des Gesundheitszu-
Gewahrstauglichkeit und Haftfähigkeit sind zu tren-
standes voraus.
nen. Eine Ingewahrsamnahme kann bis zur Vorfüh-
rung beim Haftrichter erfolgen, aber auch z.B. zum Eine in U-Haft befindliche Person wird erst nach
Zwecke der Ausnüchterung. In allen Zweifelsfällen rechtskräftiger Verurteilung am Ende einer Hauptver-
muss die Gewahrstauglichkeit ärztlich kontrolliert handlung in eine reguläre Justizvollzugsanstalt über-
bzw. festgestellt werden. führt. Die Teilnahme an der Hauptverhandlung vor
Gericht setzt voraus, dass der Inhaftierte zur Gerichts-
! Gewahrstauglichkeit betrifft die medizinische verhandlung reisen und den Termin wahrnehmen
Vertretbarkeit einer zeitlich befristeten kann (Reise- und Terminfähigkeit). Die Reise- und
Ingewahrsamnahme einer Person durch die Terminfähigkeit ist im Regelfall ebenfalls nur bei
Polizei. schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchti-
7.5 · Verhandlungsfähigkeit
115 7
gungen nicht gegeben, was ärztlich festgestellt werden
muss. Häufiger wird infrage gestellt, ob ein Angeklag-
ter verhandlungsfähig ist.

7.5 Verhandlungsfähigkeit

Gelegentlich ist aus medizinischer Sicht zu prüfen,


ob eine Person in der Lage ist, an einer Verhandlung
vor Gericht teilzunehmen und sich zu verteidigen
(Prozessfähigkeit, Verteidigungsfähigkeit). Der medi-
zinische Gutachter hat, meist auf Veranlassung des
Gerichts, zur Frage der Verhandlungsfähigkeit Aus-
kunft zu geben. In der Praxis muss bedacht werden,
dass Angeklagte gelegentlich ihre eigene Verhand-
lungsunfähigkeit gezielt herbeiführen durch miss-
bräuchliche Einnahme von Alkohol, Drogen und Me-
dikamenten, die bewusst unterlassene Inanspruchnah-
me von Behandlungsmöglichkeiten, ein bewusstes sich
Hineinsteigern in einen psychischen Ausnahmezu-
stand, einen Suizidversuch oder andere Formen der
Selbstbeschädigung, selten durch einen Hungerstreik.
8

Spezielle Fallkonstellationen
bei natürlichen, unklaren
und nichtnatürlichen Todesfällen

8.1 Definition und Einteilungen – 117

8.2 Todesfälle von Alkoholikern und Drogenkonsumenten – 119

8.3 Plötzliche, unerwartete natürliche Todesfälle – 121

8.4 Plötzlicher Kindstod (SIDS) – 124

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_8,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
8.1 · Definition und Einteilungen
117 8
> > Einleitung 4 Todesfälle im staatlichen Gewahrsam (z.B. Polizei-
gewahrsam, Haftanstalten, Psychiatrische Klini-
Eine 32-jährige alleinlebende Frau war am Montag nicht ken)
zur Arbeit erschienen. Die besorgte Arbeitskollegin infor- 4 Todesfälle in Privatwohnungen
mierte die Eltern, die über einen Wohnungsschlüssel ver- 4 Tod im Badezimmer (Badewanne/Dusche)
fügten. Bei der Nachschau – gemeinsam mit der Polizei – 4 Tod in besonderen Situationen, z.B. beim Sport,
wurde der Leichnam der Tochter in Rückenlage auf dem während sexueller Betätigung, auf der Toilette
Flurboden liegend gefunden, im Wohnzimmer war ein 4 tödliche Arbeitsunfälle
Stuhl umgekippt, auf dem Tisch gab es Zeichen einer vor- 4 autoerotische Handlungen mit Todesfolge
angegangenen Bewirtung. Allerdings waren Essensreste 4 Auffinden mehrerer Leichen
auf einem Teller bereits leicht angeschimmelt. Die Ver-
schlussverhältnisse (Fenster, Türen) waren intakt. Weitere Weitere Unterteilungen führen zu Todesfallkollektiven
Ermittlungen ergaben, dass die 32-Jährige am Samstag mit plötzlichem Todeseintritt, z.B. am Steuer, in der
zum Frühstück einen Freund empfangen hatte. Dieser er- Sauna, im Rotlichtmilieu, bei Schwangeren.
zählte, die Frau habe über Kopfschmerzen, Übelkeit und Betroffen sind auch in staatlichem Gewahrsam be-
Erbrechen geklagt, dies jedoch auf eine Magen-Darm-Grip- findliche Personen und andererseits werden Menschen
pe geschoben. Bevor er die Wohnung verließ, habe die Frau plötzlich und unerwartet tot in der eigenen Wohnung
noch gesagt, sie werde bei ausbleibender Besserung zum gefunden, zunächst ohne Anhaltspunkte für straf-
Arzt gehen. Die polizeiliche und die rechtsmedizinische rechtlich relevante Umstände des Todeseintritts.
Untersuchung des Leichnams ergaben keinerlei Verlet-
zungen. Bei der Obduktion fand sich eine ausgedehnte Tod im Polizeigewahrsam. Jede von der Polizei in Ge-
Subarachnoidalblutung, ausgehend von einem rupturier- wahrsam genommene Person muss gewahrsamstaug-
ten Hirnbasisarterienaneurysma. lich sein, was in Zweifelsfällen medizinisch zu klären
ist. Insbesondere bei stark alkoholisierten Menschen
kann ein Schädel-Hirn-Trauma verkannt und der
8.1 Definition und Einteilungen Zustand fälschlicherweise allein einem Rausch zu-
geschrieben werden. Die Gewahrsamsordnungen der
In der rechtsmedizinischen Praxis werden neben To- Bundesländer sehen keine regelmäßige medizinische
desfällen nach Gewalteinwirkung (Mord, Totschlag, Kontrolle von Personen in Gewahrsamszellen vor. To-
fahrlässige Tötung, Körperverletzung mit Todesfolge, desfälle – meist Männer zwischen dem 30. und 40. Le-
Suizide, Unfälle) unerwartete und ungeklärte Todes- bensjahr – betreffen Herz-Kreislauf-Krankheiten, al-
fälle bearbeitet. Noch vor der rechtsmedizinischen koholbedingte Erkrankungen, Lungenerkrankungen,
Untersuchung sind regelmäßig v.a. Notärzte, Not- verkannte Schädel-Hirn-Traumen. Bei Intoxikationen
dienstärzte und niedergelassene Ärzte gerufen worden, (Alkohol, Drogen) besteht die Gefahr der Aspiration.
haben den Tod festgestellt, den Leichnam bewegt und Suizide im Polizeigewahrsam kommen vor, meist Er-
aufgrund eigener Einschätzung die Information der hängen, gelegentlich Aufschneiden der Pulsadern.
Polizei veranlasst. Bei jedem akuten unerwarteten To-
deseintritt stellt sich jedoch die Frage eines gewalt- Tod in der stationären Psychiatrie. Patienten in der
samen Todes. Psychiatrie, vor allem zwischen 20. und 40. Lebensjahr,
haben bei den gegebenen Grunderkrankungen (De-
Definition pression, Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen etc.)
Der plötzliche, unerwartete Tod bei Erwachsenen eine erhöhte Suizidquote. Selbst unter stationärer Kon-
ist nach der International Classification of Diseases trolle ist Suizidalität nicht immer zuverlässig erkennbar.
(ICD-10) der World Health Organization (WHO) ein Am häufigsten kommt es zum Erhängen, gefolgt von
Tod innerhalb von 24 h nach dem Beginn einer Intoxikationen, Sprung aus der Höhe, selten Selbst-
Symptomatik. In-Brand-Setzen. Intoxikierte Patienten haben nicht
selten zuvor ärztlich verordnete Medikamente heimlich
gesammelt.
Zu unklaren Todesfällen kann es in unterschiedlichen
Situationen und Umständen hinsichtlich des Ortes, Tod in der JVA. In den Justizvollzugsanstalten kom-
auslösender todesursächlich relevanter Faktoren und men Todesfälle v.a. im Rahmen von Suiziden vor (Er-
zugrunde liegender Erkrankungen kommen. Bedeut- hängen, Eröffnen der Pulsadern, Intoxikationen). Zum
sam sind u.a.: Erhängen werden Gürtel, Bettzeug und Elektrokabel
118 Kapitel 8 · Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren und nichtnatürlichen Todesfällen

benutzt. Betroffen sind v.a. junge Männer zwischen dem Boden einer stenosierenden Koronarsklerose,
20 und 30 Jahren, die bei erstmaliger Inhaftierung zu Myokarditis, Kardiomyopathien, Herzklappenfehler,
Haftbeginn in einer Einzelzelle untergebracht werden. Herzmuskelhypertrophie (Hypertonus). Bei Todesfäl-
Tödliche Intoxikationen in der JVA belegen, dass dort len im Fitness-Studio ist eine Anabolika-Einnahme
Drogen kursieren, außerdem bekommen suchtkranke (Doping) in Betracht zu ziehen. Im Rahmen sexueller
Straftäter weiterhin im Rahmen einer Substitutions- Betätigung sind vorwiegend Männer ab dem 50. Le-
therapie Methadon. bensjahr betroffen, v.a. bei koronarer Herzkrankheit.
Die Todesfälle ereignen sich eher außerhalb der Ehe
Todesfälle in Privatwohnungen. Sogenannte Woh- (Freundin, Rotlichtmilieu) mit unterschiedlichen Auf-
nungsleichen werden zufällig gefunden, z.T. nach län- findeorten (Hotel, Bordell, PKW, im Freien). Unfall-
gerer Leichenliegezeit mit meist fortgeschrittenen bedingte Todesfälle können bei sadomasochistischen
Leichenveränderungen. Auffällig waren z.B. Fäulnis- Praktiken auftreten, aber auch als autoerotischer Un-
geruch, ein nicht geleerter Briefkasten oder fehlendes fall (Fesselung, hypoxieinduzierende Praktiken).
Erscheinen zu verabredeten Terminen. Betroffen sind
eher sozial isoliert lebende Menschen (alte Menschen, Schwangerschaftsassoziierte Todesfälle. Schwan-
Alkoholismus), die Wohnung ist nicht selten verwahr- gerschaftsassoziierte Todesfälle sind selten. Während
lost (dreckiger Zustand, reichlich leere Alkoholika, zur der Schwangerschaft ist an fulminante Lungenthrom-
Kompression sturzbedingter Platzwunden verwendete bembolien zu denken oder an eine Intoxikation (dro-
blutige Tücher). Der Zustand des Leichnams erlaubt gensüchtige Mütter!), unter der Geburt an eine Frucht-
8 häufig keine zweifelsfreie Identifizierung. Anamne- wasserembolie oder eine Uterusruptur. Postpartal wirft
stische Angaben zu Vorerkrankungen sind häufig nicht eine nicht erkannte atonische Nachblutung die Frage
zu bekommen. nach einem Behandlungsfehler auf.

Tod im Bad. Bei Todesfällen im Badezimmer handelt Tödliche Arbeitsunfälle. An Arbeitsplätzen gibt es viel-
es sich mehrheitlich um Unfälle oder Suizide, Tötungs- fältige Gefahren, vor denen z.B. Unfallverhütungsvor-
delikte haben einen Anteil von ca. 5%, natürliche To- schriften der Berufsgenossenschaften schützen sollen.
desfälle von bis zu 30%. Es kommen CO-Intoxika- Als Unfallquellen ist z.B. an Strom zu denken, an Fehl-
tionen sowie Intoxikationen mit Medikamenten vor steuerungen technischer Systeme und Maschinen,
und auch Todesfälle durch Strom. an herabstürzende Gegenstände oder toxische Sub-
stanzen. Für die Anerkennung als Arbeitsunfall muss
! Bei Anhaltspunkten für eine CO-Intoxikation
ein Zusammenhang mit der versicherten Tätigkeit be-
ist immer ein technischer Sachverständiger
stehen. Sogenannte Wegeunfälle, d.h. Unfälle auf dem
heranzuziehen, ebenso bei Todesfällen durch
direkten Weg zur Arbeit und zurück, gelten als Arbeits-
Strom.
unfälle. Bei jedem Arbeitsunfall sind die Polizei und die
Bei mit Wasser gefüllter Badewanne ist auf die Wasser- Berufsgenossenschaft als Träger der gesetzlichen Unfall-
temperatur zu achten, den Wasserstand und ob sich versicherung zu informieren. Aus der Landwirtschaft
die Atemöffnungen ober- oder unterhalb der Wasser- sind Unfälle in Silos bekannt (Fäulnisgase, auch in sog.
oberfläche befunden haben. Lag ein Schaumpilz vor Faultürmen), in der Chemieindustrie gibt es apoplekti-
den Atemöffnungen? Gegenstände in der Badewanne form verlaufende Intoxikationen. Schließlich kann die
(Föhn)? Beim Tod durch Strom in der Badewanne arbeitsbedingte körperliche Belastung Auslöser eines
können Strommarken fehlen! Gelegentlich begeben plötzlichen Todes sein, z.B. bei vorbestehender Herz-
sich Suizidenten ganz oder teilweise bekleidet in die Kreislauf-Erkrankung, was spezielle versicherungsme-
(gefüllte) Badewanne. Werden Personen teilentkleidet dizinische Begutachtungsprobleme aufwirft.
in teilweise noch sitzender Position auf der Toilette
angetroffen, liegt in der Regel ein natürlicher Tod vor Auffinden mehrerer Leichen. Beim plötzlichen Tod
(Lungenthrombembolie, Myokardinfarkt, rupturiertes mehrerer Menschen an einem Ort (Wohnung, Arbeits-
Aortenaneurysma). platz, in der Öffentlichkeit) ist im Regelfall ein nicht-
natürlicher Tod gegeben: Unfälle mit zwei oder mehr
Tod beim Sport und während sexueller Betätigung Leichen, Tötungsdelikte, Kombination von Tötungsde-
(Mors in actu). Unter körperlicher Belastung auftre- likt mit (versuchtem) Suizid (evtl. ein Überlebender),
tende Todesfälle beim Sport sind im Regelfall natür- erweiterter Suizid (. Tab. 8.1).
liche Todesfälle. Als Todesursache dominieren Herz- Fast immer ist bei zwei Leichen der Fundort auch
Kreislauf-Erkrankungen: koronare Herzkrankheit auf der Sterbeort.
8.2 · Todesfälle von Alkoholikern und Drogenkonsumenten
119 8

. Tab. 8.1 Umstände und Termini bei Suiziden und deren rechtsmedizinisch-kriminalistische Relevanz

Umstände Beurteilung

Mitwirkung am Suizid Aktive, über bloße Beihilfe hinausgehende Mitwirkung am Suizid Dritter mit
eigener Kontrolle des Tatgeschehens (= strafbare Tötung auf Verlangen)

Erweiterter Suizid Der Selbsttötung geht die Tötung meist nahestehender Personen (Partner
und/oder Kinder) voraus

Tötung und danach Selbsttötung Zwei Tatgeschehen: ein Tötungsdelikt und nachfolgender Suizid des Täters
bzw. der Täterin

Doppelsuizid Im engeren Sinne gleichzeitiger Suizid, meist von Paaren, jedoch behält
jeder die Tatherrschaft über die ihn betreffende Suizidmethode

Kollektiver Suizid (Massensuizid) In der Neuzeit und außerhalb von kriegsbedingten Situationen bei Sekten-
anhängern

Mehr- bzw. Vielfachtötung (Amok- Dem Suizid vorausgehende Tötung mehrerer bis zahlreicher Personen, die
lauf ) und danach Selbsttötung dem Täter näher bekannt sein können aber nicht müssen

Leichenbeseitigung, Leichenverstümmelung, Lei- Beile und Messer verwandt, die entsprechende Spuren
chenzerstückelung. Die früher gebräuchliche Unter- hinterlassen können (Sägespuren, Anritzungen, Ker-
scheidung zwischen defensiver und offensiver Leichen- ben, Rillenverlauf passend zum Werkzeug). Kanniba-
zerstückelung ist aufgegeben worden zugunsten einer lismus kann im Rahmen von Leichenzerstückelungen
Unterteilung, die den motivationalen Zusammenhang – in der Regel beim Typ III – vorkommen.
und die Befunde berücksichtigt (. Tab. 8.2).
Bei der defensiven Leichenzerstückelung müssen
die gefundenen Leichenteile anatomisch zugeordnet 8.2 Todesfälle von Alkoholikern
werden, in unklaren Fällen (mehrere zerstückelte Lei- und Drogenkonsumenten
chen) sind individualisierende molekulargenetische
Untersuchungen erforderlich. Zum Zerlegen des Leich- Stark alkoholisierte Personen und Drogenkonsumenten
nams erfolgt meist eine Durchtrennung und Abtren- können teils direkt, teils indirekt intoxikationsbedingt
nung in den Gelenken, selten ein Durchsägen z.B. der sterben. Die Mehrzahl der Alkoholtoten hat eine entspre-
langen Röhrenknochen. Als Werkzeuge werden Sägen, chende Anamnese, ein todesursächlich relevanter paral-

. Tab. 8.2 Typen von Leichenzerstückelung

Typ Begriff Befund

I Defensive Mutilation Zerstückelung zum Transport und um die Identifikation des Leichnams zu er-
schweren; häufig Abtrennung des Kopfes, Durchtrennung der großen Gelenke –
nicht selten erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand zum Todeseintritt

II Aggressive Mutilation Tatbedingter Exzess mit ungerichteter Zerstückelung und Verstümmelung des
Leichnams

IIIa Offensive Mutilation Motivation zur Tötung mit der Absicht sexueller Handlungen am Leichnam oder
an Teilen des Leichnams nach Zerstückelung

IIIb Offensive Mutilation Sexuelle Handlungen mit Verletzungen bis zum Tode und darüber hinaus aus
sexuell-sadistischer Veranlagung

IV Necromanic Mutilation Vom Leichnam werden Körperteile als Fetisch, Trophäe oder Symbol abgetrennt
120 Kapitel 8 · Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren und nichtnatürlichen Todesfällen

leler Konsum anderer Drogen ist eher selten. Drogentote


sind im Durchschnitt zwischen 30 und 35 Jahre alt, Al-
koholtote haben meist ein höheres Lebensalter.

Letale Alkoholintoxikationen. Im Allgemeinen be-


darf es einer Blutalkoholkonzentration von ca. 3,5‰
und mehr für einen tödlichen Verlauf, bei alkoholun-
gewohnten Menschen können niedrigere Konzentra-
tionen ausreichen. Höhere Konzentrationen bis deut-
lich über 5‰ können überlebt werden. Bei Kampf- bzw.
Wetttrinken oder »Komasaufen« soll eine schnelle Al-
koholanflutung den Todeseintritt begünstigen. Todes-
ursache ist eine akute Kreislauf- und Atemdepression. . Abb. 8.1 Drogentod. Akute Stauungshyperämie und aus-
Wegen des intoxikationsbedingten Ausfalls der Reflexe geprägtes Lungenödem mit blass-eosiner Flüssigkeit in den
kommt auch ein Ersticken nach Aspiration von erbro- Lungenalveolen (HE, 125×)
chenem Mageninhalt in Betracht. Bei größeren Speise-
breipartikeln bzw. während des Essens kann es zum
sog. Bolustod kommen, z.B. durch Verschluss des Kehl-
kopfeingangs mittels eines Bratwurststückchens. Alko-
8 holisierte Personen können aus größerer Höhe stür-
zen, in ein Gewässer fallen und ertrinken oder in eine
tödliche Unterkühlung geraten. Bei der Obduktion
finden sich häufig zum langjährigen Alkoholkonsum
passende Befunde. Ergibt sich keine plausible Todesur-
sache und erklärt die Blutalkoholkonzentration allein
den Todeseintritt nicht, so muss bei Alkoholkranken an
die Aufnahme von Ethylenglykol gedacht werden, aber
auch an eine alkoholische Ketoazidose.

Drogentodesfälle. Drogensüchtige Patienten können


in Abhängigkeit von der Dauer der Drogensucht bei . Abb. 8.2 Ausgeprägte »Fixer-Pneumopathie« mit multi-
der Leichenschau wegweisende Befunde zeigen: plen perivasal gelegenen Granulomen, die fremdkörperreak-
tive Riesenzellen enthalten (HE, 100×)
4 Punktionsmale bzw. eine Nadeleinstichstraße (sog.
Schussstraße) – meist beugeseitig an den Unter-
armen bzw. in der Ellenbeuge Nach der meist intravenösen Injektion von Betäu-
4 bei vernarbten subkutanen Venen kommen selte- bungsmitteln kommt es häufig zu einer längeren Phase
nere Injektionsorte vor: zwischen den Zehen oder der Bewusstlosigkeit (beim Heroin: Miosis, Koma,
Fingern, im Zungengrund, am Penisrücken letale Atemdepression). Dann anwesende Mitkon-
4 Schaumpilz vor Mund und Nase als Folge des to- sumenten müssen mit einem Verfahren wegen unter-
xischen Lungenödems lassener Hilfeleistung (§ 323c StGB) rechnen. Der le-
4 frühpostmortal sind noch eher enge Pupillen an- bensbedrohliche Zustand kann im Einzelfall verkannt
zutreffen (bei Opiatbeteiligung) worden sein. Aus Angst vor Entdeckung wird häufig
4 insgesamt fällt ein relativ schlechter Allgemein-, keine ärztliche Hilfe veranlasst. Es kommt vor, dass der
Pflege- und Ernährungszustand auf Leichnam von Mitkonsumenten zu einem anderen Ort
transportiert wird (»Dumping«).
Definition Bei der Obduktion fallen häufig ein sehr ausge-
Drogentod: Der Begriff Drogentod umfasst alle prägtes Hirn- und Lungenödem auf (. Abb. 8.1), z.T.
Todesfälle mit einem kausalen Zusammenhang schaumiger Inhalt in den Atemwegen, vereinzelt
zum missbräuchlichen Konsum von Betäubungs- Schaumpilz vor den Atemöffnungen. Mikroskopisch
mitteln oder als Substitutionsmittel verwendeter sieht man bei i.v. Drogenkonsumenten häufig eine
Substanzen (Methadon) einschließlich Suizide akute oder chronische Hepatitis, aber auch Fälle von
und Unglücksfälle. unterschiedlich ausgeprägter pulmonaler Granuloma-
tose (sog. »Fixer-Pneumopathie«; . Abb. 8.2).
8.3 · Plötzliche, unerwartete natürliche Todesfälle
121 8
8.3 Plötzliche, unerwartete
natürliche Todesfälle

Etwa 10–15% aller Todesfälle ereignen sich plötzlich


und unerwartet. Während bei vielen Todesfällen aus
der Vorgeschichte eine den Todeseintritt plausibel er-
klärende Erkrankung bekannt ist, mangelt es gerade
bei plötzlichen und unerwarteten Todesfällen an einer
eindeutigen zur Todesursache weisenden Anamnese.
Entsprechend der Akuität des Todeseintritts handelt
es sich v.a. um letale Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ca.
50%) oder chronisch-progrediente Erkrankungen die
bis zum Todeszeitpunkt nicht oder nur gering klinisch
. Abb. 8.3 Immunhistochemisch darstellbarer frischer
symptomatisch geworden waren. Erkrankungen des
Myokardinfarkt mit dem frühen Nekrosemarker C5b-9(m)
Respirationstraktes können einen Teil der plötzlichen (200×)
Todesfälle erklären (ca. 15%), ebenso wie gastrointes-
tinale Erkrankungen (ca. 10%) und Erkrankungen des
zentralen Nervensystems (ca. 10%), neben akut letalen Koronaranomalien. Neben koronaren Muskelbrü-
Infektionskrankheiten. cken, seltenen primären Arteriitiden (Koronariitis) und
Dissektionen der Koronararterien (z.B. auch postinter-
Koronarsklerose und Myokardinfarkt. Morphologi- ventionell nach Koronarangiographien) können ins-
sches Korrelat einer Koronaren Herzkrankheit (KHK) besondere angeborene Anomalien der Anlage der Ko-
ist die stenosierende Koronarsklerose, die trotz unter- ronarien zu plötzlichen Todesfällen führen, so z.B. der
schiedlichen Schweregrades je nach Lokalisation, Kol- Abgang einer Koronararterie aus der A. pulmonalis
lateralkreisläufen und der körperlichen Belastung akut (Bland-White-Garland-Syndrom). Koronaranomalien
zum rhythmogenen Herztod führen kann. Da jedoch mit Abgang der A. coronaria sinistra aus dem rechten
selbst hochgradige Koronarsklerosen im Einzelfall Koronarsinus können erst bei Jugendlichen symptoma-
lange ohne Todeseintritt bestehen können, kommt tisch werden. Plötzliche Todesfälle treten auch auf bei
die Annahme einer letalen akuten Koronarinsuffizienz intertrunkalem Verlauf einer Koronararterie mit kom-
nur als Ausschlussdiagnose in Betracht. Erforderlich pressionsbedingtem Verschluss des Ostiums.
ist die sorgfältige Präparation der Koronararterien
zum Nachweis morphologischer Veränderungen eines Herzklappenerkrankungen, Endokarditiden. Postin-
akuten Geschehens: unterblutete oder ödematös ver- flammatorische Stenosen der Herzklappen, insbeson-
quollene atheromatöse Plaques, obturierende Koron- dere Zustände nach abgelaufener Endokarditis der
arthrombose, frische Plaqueaufbrüche. Myokardin- Aortenklappe können zu tödlichen Herzrhythmusstö-
farkte werden durch einen hämorrhagischen Rand- rungen führen, ebenso ein Mitralklappenprolaps. Eine
saum sichtbar, nach einer Überlebenszeit von ca. 6–8 h Endocarditis ulceropolyposa wird dagegen als Todes-
erkennt man eine lehmgelbe Infarktnekrose. Histolo- ursache selten gesehen. Kongenitale Defekte wie ein
gisch und immunhistochemisch sind frischere Myo- Atrium- oder Ventrikelseptumdefekt (ASD, VSD) wer-
kardnekrosen darstellbar (. Abb. 8.3) den hingegen entweder meist klinisch manifest und
Ältere Myokardinfarkte sind an weißgrauen In- frühzeitig diagnostiziert oder sind von geringerer hä-
farktnarben erkennbar. Disseminierte myokardiale modynamischer Relevanz, so dass sie als Todesursache
Fibrosen, sog. Koronarinsuffizienzschwielen, bele- im rechtsmedizinischen Obduktionsgut keine Rolle
gen ebenfalls eine Myokardschädigung, ebenso wie spielen.
eine Myokardhypertrophie mit Überschreiten des
sog. kritischen Herzgewichts von 500 g. Infarktbe- Myokarditis. Es dominieren virale Myokarditiden,
dingte Myokardrupturen führen zum tödlichen häufig ohne richtungsweisende klinische Symptoma-
Hämatoperikard nach Einblutung von akut ca. 200– tik, die jedoch akut zu Todesfällen führen können. Die
300 ml in den Herzbeutel (klin. Perikardtampona- betroffenen Personen waren scheinbar gesund oder
de). Nach überlebtem Myokardinfarkt entstandene hatten in den Wochen vor dem Tode eine grippeähn-
Herzwandaneurysmen können thrombosieren (mit liche Symptomatik. Übermäßige körperliche Belastung
erhöhten Embolierisiko) und zur Herzinsuffizienz während einer Myokarditis scheint das Risiko plötz-
führen. licher Todesfälle zu erhöhen. Histologisch findet sich
122 Kapitel 8 · Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren und nichtnatürlichen Todesfällen

nicht selten eine allenfalls moderat erhöhte leukozy-


täre Infiltration des Myokards, im Einzelfall kann ein
molekulargenetischer Virusnachweis in Myokardpro-
ben geführt werden (Enteroviren, Epstein-Barr-Virus,
Adenoviren etc.).

Kardiomyopathien. Den Kardiomyopathien können


sehr unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen. Ne-
ben der inflammatorischen Kardiomyopathie neuerer
Klassifikation (makroskopisch häufig dilatative Kar-
diomyopathie), die einer chronischen Myokarditis ent- . Abb. 8.4 Rupturiertes Hirnbasisarterienaneurysma
spricht, gibt es verschiedene Formen der genetisch
bedingten Kardiomyopathie: die hypertrophe Kardio-
myopathie mit häufig asymmetrischer linksventriku- dachlose, Alkoholiker) können eine akute Pneumo-
lärer Hypertrophie und als subvalvuläre Aortensteno- nie entwickeln, teils als akute eitrige Bronchopneumo-
se, die arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyo- nie, teils als Lobärpneumonie, aber auch tuberkulöse
pathie (ARVC), die erst in jüngerer Zeit beschriebene Pneumonien kommen vor. Die Tuberkulose kann über
linksventrikuläre Non-compaction-Kardiomyopathie eine inflammatorische Arrosion von Blutgefäßwänden
(LVNC) und weitere Formen. zur akuten Hämoptoe mit massiver Aspiration von Blut
8 führen. Bei immobilisationsbedingten Pneumonien ist
Hypertonus und Cor pulmonale. Ein langjähriger, die Ursache der Immobilisation (meist Bettlägerigkeit)
nicht selten unerkannter und unbehandelter Hyper- zu klären: posttraumatisch (z.B. Schenkelhalsfrakturen
tonus kann – meist einhergehend mit einer Myokard- mit hypostatischer Pneumonie in hilfloser Lage), orga-
hypertrophie (sog. Hypertonikerherz) – zu akuten le- nische Erkrankung (z.B. sog. Retentionspneumonie
talen Herzrhythmusstörungen führen. Plötzliche To- bei obturierendem Bronchialkarzinom), gravierende
desfälle gibt es beim akuten Cor pulmonale (Lun- Intoxikation (intoxikationsbedingte Aspirationspneu-
genembolie) wie beim chronischen Cor pulmonale (z. monie?). Andere Ursachen einer akuten Hämoptoe als
B. Silikose, Asbestose, ausgeprägte sog. Fixer-Pneumo- Todesursache können v.a. metastasierte Tumorerkran-
pathie, weitere Lungenerkrankungen). kungen mit Arrosion von Lungengefäßwänden sein. Ein
akuter Asthmaanfall kann ebenfalls Ursache eines
Vaskuläre Ursachen akuter Todesfälle. Relativ häufig plötzlichen Todes sein. Bei den Lungenembolien domi-
sind akut rupturierte arteriosklerotische (Bauch-)Aor- nieren die Lungenthrombembolien, teils als akute, teils
tenaneurysmen. Gelegentlich kommen disseziierende als chronisch-rezidivierte partiell wandadhärente ob-
Aneurysmen bei definierten Grunderkrankungen turierende Thrombembolien. Emboliequellen sind vor-
(Marfan-Syndrom, idiopathische zystische Mediane- wiegend die tiefen Bein- und Beckenvenen. Bei Ver-
krose Erdheim-Gsell) vor, bei Einbeziehung der Aorta schluss von mehr als 50% der pulmonalen Strombahn
ascendens mit Ausdehnung der Dissektion bis an das resultiert ein akutes tödliches Cor pulmonale.
Perikard und letaler Perikardtamponade. Selten ist
eine dissektionsbedingte Kompression und Stenose Ç Fallbeispiel
der Lichtung einer A. coronaria mit akuter letaler Ein 57-jähriger Radfahrer erleidet im April bei einem
Myokardischämie ohne massive Blutung (sog. »blood- Verkehrsunfall eine offene linksseitige Unterschen-
less aortic dissection«). Aneurysmen in anderen Loka- kelfraktur. Nach mehrmonatiger stationärer Behand-
lisationen, insbesondere Hirnbasisarterienaneurys- lung ist die Mobilität des Radfahrers wieder ge-
men (. Abb. 8.4) sowie Aneurysmen der Koronarar- geben. Nach erneuter Radtour im Mai des Folge-
terien, können ebenfalls zu plötzlichen Todesfällen jahres wird der Mann vermisst. Bei der Nachschau
führen, deren Ursache erst durch eine Obduktion auf- findet man den Leichnam neben dem unbeschädig-
geklärt werden kann. Aneurysmen der Hirnbasisarte- ten Fahrrad am Straßenrand liegend. Dem Leichen-
rien (ca. 1–2% der Bevölkerung sind betroffen), führen schauarzt fallen keine äußeren Verletzungen auf,
zu Subarachnoidalblutungen. Sehr selten sind letale jedoch eine leichte Umfangszunahme des linken
unentdeckte Arteriitiden (Aortitis, Koronariitis). Unter- und Oberschenkels im Vergleich zum rechten
Bein. Bei der Obduktion findet sich eine frische
Respirationsstrakt und Lungenembolien. Insbeson- fulminante Lungenthrombembolie bei tiefer Bein-
dere abwehrgeschwächte Personen (Alte, Kranke, Ob- 6
8.3 · Plötzliche, unerwartete natürliche Todesfälle
123 8
venenthrombose ausschließlich im linken Bein, dort
bis in die Wadenvenen in Höhe der früheren Unter-
schenkelfraktur reichend. Die Ehefrau des Radfahrers
und seine Kinder beanspruchen eine Witwen- bzw.
Halbwaisenrente.

Erkrankungen des Zentralen Nervensystems. Ur-


sache eines plötzlichen Todes sind einerseits intrazere-
brale Massenblutungen, am häufigsten als hypertone
Massenblutung, und andererseits ein akuter Schlagan-
fall. Beide Erkrankungen können zu agonalen Sturz-
verletzungen führen. Gutachterlich ist gelegentlich zu
klären, ob ein Schlaganfall Ursache eines Sturzes war
(natürlicher Tod) oder ob es erst als Folge eines Sturzes . Abb. 8.5 Ausgedehnte eitrige Meningokokkenmenin-
gitis (HE, 40×)
zur intrazerebralen Blutung kam (nichtnatürlicher
Tod). Weitere Todesursachen sind, neben Hirntumo-
ren, foudroyant verlaufende Meningitiden (. Abb.
8.5), meist als eitrige Leptomeningitis. Diese können
akut zum Tode führen. Bei akut verstorbenen jüngeren
Menschen ist an eine Meningokokkensepsis mit bila-
teralen Nebennierenhämorrhagien zu denken (Water-
house-Friderichsen-Syndrom). Plötzliche Todesfälle
bei Epilepsie sind bekannt, Hinweis bei der Obduktion
kann eine Zungenbissverletzung sein. Weitere krampf-
bedingte Verletzungen sind nicht zwingend vorhan-
den. Von »Sudden Unexpected Death of Epileptics«
(SUDEP) spricht man erst nach Ausschluss aller ande-
ren Todesursachen.

Gastrointestinaltrakt. Als Ursache eines plötzlichen . Abb. 8.6 Großes Ulcus pepticum ventrikuli
Todes ist zunächst an Blutungen des oberen Gastroin-
testinaltraktes, v.a. Ösophagusvarizenblutungen bei
portaler Leberzirrhose oder Ulkusarrosionsblutungen laterale Nebennierenhämorrhagien, Zeichen der dis-
(Ulcus pepticum ventriculi, Ulcus duodeni) zu denken seminierten intravasalen Gerinnung, Petechien der
(. Abb. 8.6). Blutantragungen in Umgebung des Leich- Haut, der Schleimhäute und der serösen Häute). Der
nams müssen dann nicht auf Verletzungen nach tät- Erregernachweis erfordert eine entsprechende mikro-
licher Auseinandersetzung hindeuten, kaffeesatzartige biologische und virale Diagnostik, sollte jedoch ge-
Antragungen lassen an eine Ulkusblutung denken. Bei führt werden. Gegebenenfalls sind Meldepflichten
Alkoholikern können zahlreiche Hämatome in sturz- nach dem Infektionsschutzgesetz zu beachten.
wie anstoßtypischer Lokalisation vorhanden sein, v.a.
auf dem Boden einer gestörten Blutgerinnung infolge Erkrankungen endokriner Organe. Bedeutsam ist
alkohologener portaler Leberzirrhose. die nicht erkannte diabetische Stoffwechselentglei-
Selten ist eine akute hämorrhagisch-nekrotisieren- sung mit Tod im Coma diabeticum. Bei der Obduk-
de Pankreatitis Ursache eines plötzlichen Todes, meist tion sind makroskopisch unspezifische Befunde gege-
wird aufgrund der Schmerzhaftigkeit des Prozesses ben (Hirnödem, evtl. beginnende hypostatische Pneu-
ebenso wie bei Peritonitiden (perforierte Appendizitis, monie), bei einer Glomerulosklerose Kimmelstiel-
perforiertes Ulkus, perforierte Divertikulitis) rasch die Wilson finden sich rote, feste, fein granulierte Nieren.
Klinik aufgesucht, allerdings kann eine eitrige Perito- Entscheidend sind postmortal biochemische Untersu-
nitis innerhalb von Stunden zum Tode führen. chungen zur Konzentration von Glukose und HbA1c,
hilfreich sind histologische Befunde (. Tab. 8.3). Plötz-
Infektionen. Schwere Infektionen können zu einer liche unerwartete Todesfälle kommen vor bei unent-
foudroyant verlaufenden tödlichen Sepsis führen (bi- deckten Phäochromozytomen – Katecholamine (Adre-
124 Kapitel 8 · Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren und nichtnatürlichen Todesfällen

. Tab. 8.3 Diagnostik bei Verdacht auf ein letales Coma diabeticum

Untersuchung Befund bei langjährigem Diabetes mellitus und diabetischem Coma

Schädelkalotte, Xanthochromie
subkutanes Fettgewebe

Lunge Evtl. beginnende hämorrhagische Pneumonie

Urin Urinzuckerdiagnostik orientierend am Obduktionstisch

Niere (histologisch) Glomerulosklerose Kimmelstiel-Wilson; Armanni-Epstein-Zellen (lichtoptisch leere Tubulus-


epithelien an der Mark-Rinden-Grenze)

Pankreas (histologisch) Unspezifisch; bei akutem Coma junger Menschen evtl. Pankreatitis; Insulitis

Liquor Summenwert aus Glukose und Laktat beim diabetischen Coma: 500–600 mg/dl; erhöhte
HbA1c-Werte (>12,1%)

Glaskörperflüssigkeit Erhöhter Summenwert aus Glukose und Laktat

Leber Häufig feintropfige Leberzellverfettung

8
nalin/Noradrenalin) produzierende Tumore – des Ne- denz liegt in Deutschland derzeit bei 0,5‰ (vor 30 Jahren
bennierenmarks, gelegentlich bei unerkanntem Mor- lag die Inzidenz noch bei 1,2–1,8‰). Das Häufigkeits-
bus Addison. Seltene Ursache eines plötzlichen Todes maximum liegt zwischen dem 2. und 4. Lebensmonat.
können bestimmte Stoffwechselerkrankungen sein, wie
z.B. eine ausgeprägte Amyloidose vom kardiovasku- Definition
lären Typ (. Abb. 8.7). Plötzlicher Kindstod: Plötzlicher Tod jedes Säug-
lings oder Kleinkindes, der unerwartet eintritt und
bei dem sich durch eine sorgfältige postmortale
Untersuchung keine adäquate Todesursache
nachweisen lässt (Beckwith 1970).
Die Stavanger-Definition von 1994 präzisiert:
Plötzlicher Tod im Säuglingsalter, der nach Über-
prüfung der Vorgeschichte, Untersuchung der
Todesumstände und den Ergebnissen der Obduk-
tion ungeklärt bleibt.

Der plötzliche Kindstod ist keine Diagnose und keine


Todesursache, er ist ein Phänomen, dem ungeklärte
Todesfälle zugeordnet werden.
! Erst nach Ausschöpfung aller diagnostischen
. Abb. 8.7 Amyloidose vom kardiovaskulären Typ. Massive Möglichkeiten – Obduktion und nachfolgen-
Amyloidablagerungen in intrapulmonalen Gefäßwänden bei de morphologische, toxikologische, mole-
einer akut kollabierten 82-jährigen Frau (Kongorot, 200×) kularpathologische und postmortal-bioche-
mische Untersuchungen – kann ein Todesfall
dem sog. plötzlichen Kindstod zugeordnet
werden, wenn keine plausible Todesursache
8.4 Plötzlicher Kindstod (SIDS) nachweisbar ist.
Als häufigste Todesursache im 1. Lebensjahr ist der sog.
plötzliche Kindstod (SIDS: Sudden Infant Death Syn- Auffindesituation. Am häufigsten wird der Säugling
drome) zu nennen. Die Ätiologie ist ungeklärt, die Inzi- nach einer längeren Schlafphase morgens in Bauchlage
8.4 · Plötzlicher Kindstod (SIDS)
125 8
4 zuweilen eine uni- oder bilaterale mukopurulente
Otitis media
4 keinerlei Fehlbildungen innerer Organe
4 keine Anhaltspunkte für eine unmittelbar vor dem
Tode erfolgte grobe äußere Gewalteinwirkung
! Bei jedem SIDS-Todesfall soll, wenn möglich,
eine Abgrenzung gegenüber einem spuren-
armen oder spurenfreien Tötungsdelikt erfol-
gen, insbesondere gegenüber dem Ersticken
durch weiche Bedeckung mit Verschluss der
Atemöffnungen.
. Abb. 8.8 Plötzlicher Kindstod. Zahlreiche Petechien Es gibt wiederholte Fälle von angenommenem SIDS in
unter der Thymuskapsel in einem Fall von mutmaßlichem derselben Familie, die tatsächlich Tötungen von Säug-
plötzlichem Säuglingstod lingen waren. Insbesondere im Zusammenhang mit
dem Münchhausen-Syndrom-by-proxy (MSbP) soll es
zu Tötungsdelikten mittels Ersticken durch weiche Be-
(ca. 60–70%) im Bett oder Kinderwagen leblos gefun- deckung gekommen sein, die fälschlicherweise als
den, in Nordeuropa vermehrt während der kalten Jah- SIDS-Todesfälle angesehen wurden.
reszeit. Nicht selten findet sich Erbrochenes. Manche Die International Society for the Prevention of
Säuglinge sind verschwitzt (feucht-klamme Kleidung), Sudden Infant Death (ISPID) hat die dem plötzlichen
bei zeitnah zum Todeseintritt erfolgter Messung der Kindstod bzw. Säuglingstod zugeordneten Todesfälle
Körperkerntemperatur sollen teilweise deutlich erhöh- weitergehend differenziert (. Tab. 8.4).
te Temperaturen festgestellt worden sein. Männliche Studien aus den letzten Jahrzehnten konnten Risi-
Säuglinge sind häufiger betroffen als weibliche Säug- kofaktoren für den plötzlichen Kindstod identifizie-
linge (ca. 60:40). ren, deren Vermeidung zu einer teilweise erheblichen
Reduktion der SIDS-Fälle geführt hat. Als besonders
Obduktionsbefunde. Die makroskopischen Obduk- gefährdet gelten frühgeborene Säuglinge mit einem
tionsbefunde können den Todeseintritt nicht erklären, Geburtsgewicht <2000 g sowie Säuglinge mit einem
anzutreffende Befunde sind: Atemnotsyndrom oder bronchopulmonaler Dys-
4 Totenfleckverteilung entsprechend einer Bauchlage plasie, die postnatal Störungen der Atemregulation
4 Lippen- und Fingerzyanose wie obstruktive und zentrale Apnoen zeigen, sowie In-
4 partiell hämorrhagisches Lungenödem fekte. Betroffen sind häufiger besonders junge Mütter
4 schaumiger Inhalt im oberen Respirationstrakt (<19 Jahre), Spätgebärende (>40 Jahre), Vielgebärende,
und in den Atemöffnungen drogenabhängige Mütter und Raucherinnen. Als wei-
4 oft zahlreiche subseröse Petechien, insbesondere tere Risikofaktoren sind das unterlassene Stillen zu
unter der Thymuskapsel (. Abb. 8.8), aber auch nennen, die Bauchlage als Schlafposition sowie eine
innerhalb des Thymusgewebes, subpleural und Wärmebelastung des Säuglings (zu warm zugedeckt,
subepikardial zu hohe Raumtemperatur, Schlafen im Elternbett).

. Tab. 8.4 SIDS-Klassifizierung der ISPID

Gruppe Charakteristika

SIDS im engeren Sinne Obduktion und klinische Befunde lassen keine Todesursache erkennen

Borderline-SIDS Vorbestehende angeborene Krankheiten oder klinische Symptome und/oder pathologische


Befunde bei der Obduktion ergeben keine hinreichende Erklärung für die Todesursache

Non-SIDS Todesursache ist durch klinische Informationen und durch das Ergebnis der Obduktion
hinreichend geklärt

Verdacht auf SIDS Fälle, bei denen keine Obduktion durchgeführt wurde
126 Kapitel 8 · Spezielle Fallkonstellationen bei natürlichen, unklaren und nichtnatürlichen Todesfällen

. Abb. 8.9 Durch das Zytomegalievirus induzierte Sialo-


adenitis der Glandula parotis bei gleichzeitiger fokaler
viraler Myokarditis (HE, 400×)

Dem Phänomen des plötzlichen Kindstodes liegen


sicherlich vielfältige Ursachen zugrunde. Spezielle
8 Präparationsmethoden weisen häufig Infektionen des
Nasen-Rachen-Raumes nach. Immunhistochemische
und molekularpathologische Untersuchungen am
Myokard erlauben den Rückschluss, dass in einem Teil
der Fälle konventionell-histologisch nicht fassbare
Myokarditiden als plausible Todesursache in Betracht
kommen. Ebenso gibt es Hinweise auf interstitielle
lymphomonozytäre virale pneumonische Infekte bzw.
Pneumonien. Gelegentlich kann eine virale Sialoade-
nitis (. Abb. 8.9) nachgewiesen werden.
9

Kindesmisshandlung

9.1 Verdachtsmomente – 128

9.2 Stumpfe Gewalt und Kindesmisshandlung – 131

9.3 Thermische Verletzungen und Kindesmisshandlung – 132

9.4 Schütteltrauma-Syndrom (STS) – 133

9.5 Besondere Formen der Kindesmisshandlung – 134

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_9,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
128 Kapitel 9 · Kindesmisshandlung

> > Einleitung den in Deutschland jährlich mehrere tausend Fälle von
Kindesmisshandlung in der polizeilichen Kriminalsta-
Eine 22-jährige kommt mit ihrem neuen Freund und ihrem tistik erfasst, die Dunkelziffer wird jedoch auf bis zu
3-jährigen Sohn in die Ambulanz. Sie berichtet, ihr Sohn sei 100.000 Fälle/Jahr geschätzt.
am Tag zuvor vom Klettergerüst gestürzt, gegen die Kante
des Sandkastens geprallt und mit dem Kopf aufgeschlagen.
Zu Hause habe sich der Sohn übergeben müssen. Jetzt sind 9.1 Verdachtsmomente
größere blaue Flecken zu sehen. Das weinerliche Kind zeigt
auf der linken Wange streifige Hautrötungen, am Rücken Besonders gefährdet sind Kleinkinder vom 2. bis 4.
zwei parallel verlaufende rötliche Striemen in einem Ab- Lebensjahr, außerdem unerwünschte, entwicklungs-
stand von ca. 1 cm. Auf Nachfrage meint die Mutter, ihr gestörte, behinderte und vernachlässigte Kinder.
Sohn sei wohl mit dem Rücken auf die Sandkastenkante Die »aktiv« misshandelnden Täter stammen überwie-
geprallt und dann mit der Wange auf den Boden. Sie sei gend aus dem Kreis jüngerer Erwachsener, Frauen
aber nicht dabei gewesen, ihr Freund habe aufgepasst. Der misshandeln eher »passiv«. Hinweise auf eine Kindes-
Freund, 27 Jahre, meint ,er habe gerade weggesehen, als es misshandlung können sich aus den Gesamtumstän-
passiert sei. Der hinzugerufene Rechtsmediziner ordnet den in Kombination mit medizinischen Befunden
die Verletzungen als Schlag auf den Rücken mit z.B. einem ergeben:
Gürtel ein, die streifigen Rötungen der Wangenhaut als 4 Anamnese bzw. behaupteter Geschehensablauf
Folge eines Schlages mit der flachen Hand und das Erbre- und der Verletzungsbefund passen nicht zueinan-
chen als Folge einer schlagbedingten Gehirnerschütterung. der.
Der behandelnde Arzt teilt der allein sorgeberechtigten 4 Über den primären Vorstellungsgrund hinaus
Mutter mit, dass der Verdacht auf eine Kindesmisshandlung werden zusätzliche Verletzungen gefunden.
9 bestehe. Die Mutter will empört die Ambulanz mit ihrem 4 Die Angaben zum vorangegangenen Geschehen
Sohn verlassen. Der Arzt besteht auf weitere stationäre Ab- wechseln und/oder bleiben vage.
klärung, insbesondere zum Ausschluss intrakranieller Blu- 4 Anamnestische Angaben von verschiedenen Be-
tungen. treuungspersonen sind sehr unterschiedlich.
4 Ein behaupteter Unfallmechanismus passt nicht
Fälle von Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch zum Alter des Kindes.
und Kindestötung einschließlich der Neugeborenen- 4 Der Arztbesuch erfolgt zeitlich deutlich verzögert.
tötung werfen spezielle Fragen auf. Neben den unter- 4 Es werden mehrere Ärzte bzw. Kliniken aufge-
schiedlichen Gewaltformen, die zu differenzieren sind, sucht.
stellt sich die Frage nach einer adäquaten Reaktion bei 4 Es wird behauptet, das Kind habe sich selbst ver-
begründetem Verdacht auf eine Kindesmisshandlung. letzt oder ein Geschwisterkind habe die Verlet-
zungen verursacht.
Definition 4 In der Vergangenheit gab es bereits stationäre Auf-
Kindesmisshandlung: Die nicht zufällige, be- enthalte wegen Verletzungen oder unspezifischer
wusste oder unbewusste gewaltsame körperliche Störungen (z.B. Gedeihstörung, Nahrungsverwei-
und/oder seelische Schädigung eines Kindes in gerung).
Familien oder Institutionen, die zu Verletzungen 4 Auffällige Häufung von »Unfällen«
und/oder Entwicklungshemmungen und im Ein- 4 Vorbestehende Kontakte zum Jugendamt (auffäl-
zelfall bis zum Tode führt. lige Sozial- bzw. Familienanamnese, häusliche Ge-
walt und Misshandlungen in der Vorgeschichte
auch der Betreuungspersonen, Alkohol- und Dro-
Häufig wird für die physische Kindesmisshandlung genmissbrauch).
der Begriff »Battered Child« gewählt, die jüngere Lite-
ratur spricht von nichtakzidenteller Verletzung (»Non Handelt es sich um ein echtes Unfallgeschehen, dann
Accidental Injury«: NAI) oder Misshandlungsverlet- wird nahezu immer sehr zeitnah der Arzt aufgesucht
zung (»Abusive Injury«; »Inflicted Injury«). Das Spek- und das Unfallgeschehen kann als plausible Erklärung
trum an Gewalt gegen Kinder umfasst vor allem die für die Verletzungen angesehen werden.
stumpfe Gewalt und thermische Verletzungen (Ver- Verletzungen an typischen Lokalisationen für eine
brennungen, Verbrühungen) neben Sonderformen wie nichtakzidentelle Beibringung begründen den Ver-
dem Schütteltrauma-Syndrom sowie die Folgen von dacht auf eine Kindesmisshandlung. Solche Lokalisa-
psychischer Gewalt und Vernachlässigung. Zwar wer- tionen sind u.a.:
9.1 · Verdachtsmomente
129 9
4 Innenseiten der Lippen, Frenulum der Lippen und
der Zunge
4 Verletzungen der Schleimhaut des Gaumens und
der Wangen
4 Verletzungen retroaurikulär, in der behaarten
Kopfhaut und des Gesäßes.

Die Lokalisationen von Verletzungen nach einer Miss-


handlung im Vergleich zu sturzbedingten Verletzungen
sind in . Abb. 9.1 dargestellt.
Neben der Lokalisation kann die Art der Verlet-
zung den Verdacht auf eine Kindesmisshandlung be-
gründen (z.B. sog. »Doppelstriemen«). Die Anforde-
rungen an die klinische Untersuchung bei Verdacht auf
körperliche Kindesmisshandlung enthält . Tab. 9.1.
Je nach Befunden kommen apparative Untersu-
chungen bzw. bildgebende Verfahren in Betracht: Das
Röntgen-Skelettscreening ist einsetzbar bei allen Kin-
dern <2-3 Jahre mit begründetem V.a. körperliche
Misshandlung, ggf. Wiederholung nach 14 Tagen.
Grundsätzlich einsetzbare Untersuchungsmethoden,
jedoch mit Einschränkungen: Schädelsonographie,
konventionelles Röntgen, Skelettszintigraphie, zerebra-
le Computertomographie (CCT), Kernspintomogra-
phie (MRT), Augenhintergrunduntersuchung, labor-
diagnostische Untersuchungen. Die Aussagekraft von
Verletzungen im Hinblick auf eine mögliche Kindes-
misshandlung ist unterschiedlich (. Tab. 9.2).
Ebenso wie bei sonstigen Verletzungen ist auch
bei Frakturen immer die Einordnung in das gesamte
Bild erforderlich, bevor die Frage nach dem Verdacht
auf eine Kindesmisshandlung kommentiert wird
(. Tab. 9.3).

. Abb. 9.1 Lokalisation von Verletzungen bzw. Häma-


tomen bei Unfällen (blau) und Misshandlungen (rot)

. Tab. 9.1 Klinische Untersuchung bei Verdacht auf körperliche Kindesmisshandlung (nach Herrmann et al. 2010)

Befund/Parameter Maßnahme

Wachstumsparameter Körperlänge, Körpergewicht, Kopfumfang, Perzentilenverlauf

Ganzkörper- Erhebung des vollständigen Status: körperlich einschl. Anogenitalregion nach voll-
untersuchung ständiger Entkleidung, neurologisch, Berücksichtigung von Prädilektionsstellen

Befundbeschreibung Lokalisation, Art, Farbe, Größe, Form bzw. Formung, Gruppierung, Zeichen der Wund-
und Dokumentation heilung. Ausmessen aller Verletzungen, immer Skizze mit Messungen dokumentieren,
zusätzlich mit Maßstab fotografieren. Übersichts- und Detailaufnahmen

Frische Bissspuren Für forensischen DNA-Nachweis steriler Abstrich, an der Luft trocknen lassen

Verhalten/Aussagen Keine Suggestivfragen! Aussagen wörtlich dokumentieren!

Geschwister Gegebenenfalls Geschwisterkinder wegen erhöhtem Misshandlungsrisiko auch untersuchen


130 Kapitel 9 · Kindesmisshandlung

. Tab. 9.2 Spezifität von Verletzungen zum Nachweis einer nichtakzidentellen Genese (ohne Frakturen) (modifiziert
nach Herrmann 2002)

Hohe Aussagekraft

ZNS Subdurale Hämatome mit retinalen Blutungen und Gehirnschädigung, retinale Blutung,
Retinoschisis, Glaskörperblutung

Haut Bissverletzungen, geformte Hämatomabdrucke (Hände, Griffspuren, Fingerabdrücke,


Striemen, Gürtelmarken, Riemenabdrucke, Schlaufenkonfigurationen, schlingenförmige
Abdrucke, Stockschläge)
Geformte Verbrennungen (Zigarettenabdruck, Herdplatte, Bügeleisen, Heizrost etc.),
Immersionsverbrühungen (sog. »Handschuh- oder Strumpfmuster«)

Abdomen Intramurale Duodenalhämatome, Hohlorganperforationen

Mittlere Aussagekraft

ZNS Subdurale Hämatome (v.a. über der Konvexität, interhemisphärisch, subarachnoidal)

Haut Multiple Hämatome (ungewöhnliche Lokalisation), Hämatome im Säuglingsalter, retro-


aurikuläre Hämatome, Einrisse des labialen oder lingualen Frenulums, Verbrennungen/
Verbrühungen an Händen, Füßen, Anogenitalregion

HNO Hypopharynxperforationen
9 Abdomen Verletzungen des linken Leberlappens, der Nieren, des Pankreas, Pankreaspseudozysten

Sonstige Rezidivierende Apnoen (ALTE = Apparent Life Threatening Event)

Niedrige Aussagekraft

ZNS Epidurale Hämatome

Abdomen Milzverletzungen

Haut Multiple Hämatome im Lauflernalter an »führenden« Körperpartien, verschiedenfarbige


Hämatome, Verbrennungen/Verbrühungen mit inhomogenem »Spritz- und Tropfmuster«

Im Einzelfall ist immer zu prüfen, ob ein plausibles Unfallgeschehen oder eine andere Erkrankung vorliegt!

. Tab. 9.3 Radiologische Spezifität von Frakturen im Hinblick auf eine Kindesmisshandlung (nach Herrmann et al.
2010)

Spezifität Befunde

Hohe Spezifität Klassische metaphysäre Fraktur, Rippenfrakturen, v.a. dorsal, Frakturen von Skapula, Processus
spinosus und Sternum; Frakturen im 1. Lebenshalbjahr und bei prämobilen Säuglingen

Mittlere Spezifität Multiple, v.a. bilaterale Frakturen, Frakturen verschiedenen Alters, Epiphysiolysen, Wirbelkörper-
frakturen oder Subluxationen, Frakturen an Fingern, Händen und Füßen, komplexe Schädelfrak-
turen, Mandibulafrakturen, periostale Reaktionen, Frakturen im Säuglingsalter

Niedrige Spezifität Klavikulafrakturen, Schaftfrakturen langer Röhrenknochen, einfach-lineare Schädelfraktur,


diaphysäre Frakturen

Im Einzelfall ist immer zu prüfen, ob ein plausibles Unfallgeschehen oder eine andere Erkrankung vorliegt!
9.2 · Stumpfe Gewalt und Kindesmisshandlung
131 9

. Tab. 9.4 Kindesmisshandlung durch stumpfe Gewalt

Stumpfe Gewalt Verletzungen bzw. Verletzungsmuster

Schläge (Stock, Seil, Stange) Sog. Doppelstriemenmuster als anämische Aufschlagspur mit zentraler Abblassung
und feinstreifigen parallelen Hämatomen

Schläge mit den Finger- Rundliche, nebeneinander liegende Hämatome


knöcheln

Schläge mit der flachen Hand Geformte Hämatome mit streifigen Fingerabdruckkonturen sind insbesondere
an den Wangen möglich, retroaurikuläre Hämatome, HNO-Konsil: Trommelfell-
ruptur?

Schläge mit der Faust Monokel- oder Brillenhämatom, Augenverletzungen, Hämatome der Mund-
schleimhaut inkl. Zahnabdruckkonturen (Zähne als Widerlager!), Organzerreißungen
im Bauchraum (Leber, Milz, Gastrointestinaltrakt)

Schläge mit sonstigen Flächenhafte Hämatome, evtl. geformt mit Konturen passend zum Schlagwerkzeug;
Gegenständen typische Lokalisationen: Rücken, Gesäß, evtl. finden sich Abwehr- bzw. Parierverlet-
zungen in Höhe der Streckseiten der Unterarme

Schläge auf den Kopf Platzwunden, Hämatome, Narben

Fußtritte Profilabdruck bei beschuhtem Fuß möglich. Cave: Tritte und Faustschläge gegen
die Bauchdecke müssen nicht zu äußerlich sichtbaren Verletzungen führen,
können aber massive innere Blutungen verursachen!

Griffspuren Charakteristisch und nicht selten symmetrisch lokalisierte Hämatome an den


Oberarmen, evtl. als gruppierte Hämatome von 0,5–2,5 cm Durchmesser, Daumen-
abdruck an gegenüberliegender Stelle (oft Oberarminnenseite); Griffspuren evtl.
auch am Thorax (z.B. beim Schütteltrauma-Syndrom)

Kneifen Uncharakteristische Hämatome, Hautschürfungen durch Fingernägel sind möglich

Ziehen am Ohr Einblutungen in die Ohrhaut, Einrisse am Ohransatz

Ziehen an den Haaren Umschriebene kahle Haarausrisse (»Epilation«)

Beißen Bisstypische Konfiguration von Hämatomen mit Zahnabdrücken, ovalär-halbmond-


förmig angeordnet

Fesseln Sog. Fesselungsspuren in Form von mehr oder weniger zirkulären Hautrötungen,
Hautabschürfungen und Hämatomen, v.a. in Höhe der Hand- und Fußgelenke

Fallenlassen oder Werfen Meist flächenhafte Hämatome, auch Frakturen möglich, insbesondere der Schädel-
des Kindes gegen einen Ge- knochen
genstand

9.2 Stumpfe Gewalt 150 cm erklärt werden, auch wenn differenzialdiagnos-


und Kindesmisshandlung tisch immer an ein Unfallgeschehen gedacht werden
muss. Je nach Art der einwirkenden stumpfen Gewalt
In der rechtsmedizinischen Praxis überwiegen bei der ergeben sich unterschiedliche Verletzungen (. Tab. 9.4).
Kindesmisshandlung Fälle von stumpfer Gewalt, insbe- Bei grober stumpfer Gewalt, Frakturverdacht und
sondere durch Schläge. Frakturen betreffen v.a. Kinder begründetem Verdacht auf eine wiederholte Kindes-
<3 Jahren, wo sich häufiger subperiostale Hämatome misshandlung sind radiologische Untersuchungen in-
bilden können, da das Periost noch leichter abhebbar ist. diziert, deren Befunde ggf. der Beurteilung bedürfen
Schädelfrakturen bei Säuglingen und Kleinkindern kön- (. Tab. 9.3). Bei stumpfer Gewalt gegen den Oberbauch
nen im Regelfall nicht durch eine Sturzhöhe von bis zu (Faustschlag in die sog. Magengrube) kann es zu intra-
132 Kapitel 9 · Kindesmisshandlung

9.3 Thermische Verletzungen


und Kindesmisshandlung

Während Verletzungen infolge scharfer oder halb-


scharfer Gewalt bei Kindesmisshandlungen eine eher
geringe Bedeutung haben, finden sich misshandlungs-
bedingte Verbrühungen und Verbrennungen relativ
häufig. Verletzungen durch Kälte (z.B. Einsperren in
kalte Räume, Stellen in kaltes Wasser) kommen selten
vor, am ehesten noch im Rahmen von Vernachlässigun-
gen. Auch bei thermischen Verletzungen ist differen-
zialdiagnostisch ein Unfallgeschehen abzugrenzen
(. Tab. 9.5).

. Abb. 9.2 Schematische Darstellung häufiger abdomi-


neller Verletzungen durch Misshandlung (nach Herrmann
et al. 2010)

9 abdominellen Verletzungen kommen: Einriss des lin-


ken Leberlappens, des Pankreaskopfes und Umblutung
des Duodenums (. Abb. 9.2).
Bis zu 95% der schwereren Kopfverletzungen im
1. Lebensjahr sollen Folge einer Misshandlung sein.
Als Sonderform der groben stumpfen Gewalteinwir-
kung ist das sog. Schütteltrauma-Syndrom (STS) zu
nennen, bei dem Anschlagverletzungen des Kopfes . Abb. 9.3 Misshandlungsbedingte Verbrühung mit
ebenfalls Schädelfrakturen erklären können. Beteiligung des linken Auges

. Tab. 9.5 Differenzialdiagnose unfallbedingte vs. misshandlungsbedingte thermische Verletzungen

Unfallbedingte Verbrühungen/Verbrennungen Misshandlungsbedingte Verbrühungen (Immersion)


bzw. Verbrennungen

Unregelmäßig-spritzerartige Verteilung der Verletzungsmuster häufig mit sog. Wasserspiegelmarke


Verletzungen, evtl. sog. Fließspuren

Unscharfe Begrenzung zur gesunden Haut Scharfer Rand zur gesunden Haut

Bei Verbrühungen am Thorax pfeilartige Fehlen sog. Abrinnspuren bei zwangsweisem Eintauchen
Konfigurationen des Gesichts

An den Extremitäten spritzerartige Verteilung Handschuh- bzw. sockenartige Verbrühungen nach Ein-
der Verbrühungen tauchen der Hand, des Fußes

Unvollständige Abbildung heißer Kontaktflächen Meist vollständige und klare Kontur des aufgedrückten
heißen Gegenstandes (Zigarette, Bügeleisen, Herdplatte,
Föhnöffnung etc.)

Geringere und wechselnde Verletzungstiefe, da bei Relativ gleichmäßige Verletzungstiefe durch Anpressen
Unfällen der Körper oder der Gegenstand meist nicht und Fixierung des Gegenstandes bzw. des Körpers des
fixiert sind Kindes
9.4 · Schütteltrauma-Syndrom (STS)
133 9
Misshandlungsbedingte Verbrühungen bei Kindern, 4 evtl. Anschlagverletzungen am Kopf
die eine Hand, einen Fuß oder das Gesäß betreffen, zei- 4 sog. subperiostale Zerrungsblutungen in Höhe des
gen eine auffällige wasserspiegelartige Begrenzung. Im Ansatzes der Halsmuskulatur an den Claviculae
Einzelfall können im Rahmen des Tatgeschehens Sprit-
zer heißen Wassers in ein Auge gelangen (. Abb. 9.3).

9.4 Schütteltrauma-Syndrom (STS)

Das Schütteltrauma-Syndrom (»shaken-baby-syn-


drome«: SBS) betrifft vorwiegend Säuglinge, gelegent-
lich Kinder bis zum 2. Lebensjahr. Prädisponierend ist
das physiologische »Hauptschreialter« (2.–5. Lebens-
monat) der Säuglinge. Dabei wird der Säugling an
. Abb. 9.4 Griffhaltung am Thorax beim Schütteltrauma
den Oberarmen oder am Thorax (. Abb. 9.4) gefasst,
mit Rippenserienfrakturen durch festes Zugreifen
manchmal auch an den Schultern oder den Extremi-
täten gehalten. Bei festem Griff am Thorax kommen
paravertebrale Rippenfrakturen vor. Der Kopf wird
»peitschenschnurartig« vor- und zurückgeschleudert.
! Ein Schütteltrauma-Syndrom ist von derarti-
ger Schwere, dass auch medizinisch nicht
gebildeten Personen das Schädigende und
potenziell Lebensbedrohliche des heftigen
Schüttelns offensichtlich sein muss.
Als Folge des heftigen Schüttelns finden sich klinische
Symptome und Verletzungen, in der Regel gibt es kein
oder nur ein sehr kurzes neurologisch symptomfreies
Intervall. Im Rahmen des Schütteltrauma-Syndroms
können klinische Hinweise auf nichtakzidentelle Kopf-
verletzungen auffallen: reduzierter Allgemeinzustand,
Trinkschwäche, Trinkunlust, Nahrungsverweigerung,
Irritabilität, Schläfrigkeit, Erbrechen (Hirndruck!),
Muskelhypotonie, zerebrale Krampfanfälle, Apnoe,
Temperaturregulationsstörungen, Bradykardie, Som-
nolenz, Apathie, Koma und Tod.
Die klinischen Symptome sind variabel, trotz
. Abb. 9.5 Akutes subdurales Hämatom (Doppelpfeil) im
schwerer neurologischer Symptome finden sich häufig
MRT bei Schütteltrauma-Syndrom; keine relevante intrakra-
keine äußerlich sichtbaren Verletzungen. Zu den inneren nielle Raumforderung (nach Herrmann et al. 2010)
Verletzungen gehören in unterschiedlicher Ausprägung:
4 subdurales und subarachnoidales Hämatom (. Abb.
! Bei Verdacht auf ein Schütteltrauma muss
9.5), häufig ohne Raumforderungscharakter
eine augenärztliche Untersuchung durch-
4 uni- oder bilaterale retinale Hämorrhagien (. Abb.
geführt werden, insbesondere bei Kindern
9.6)
<4 Jahren. Zerebrale Krampfanfälle, Husten-
4 Ablösung der Retina
attacken und Reanimationen führen nicht zu
4 Hämorrhagien in Höhe des Abganges des N. op-
retinalen Blutungen.
ticus (. Abb. 9.7)
4 Glaskörperhämorrhagien Das Schütteltrauma-Syndrom hat eine Mortalität von
4 Griffspuren (Oberarme, Thorax) 12–27%. Von den Überlebenden leiden 2/3 unter neu-
4 Frakturen, auch dorsale Rippenserienfrakturen rologischen Folgeschäden unterschiedlicher Ausprä-
4 diffuses axonales Trauma (»diffuse axonal injury«: gung (u.a. Hirnatrophien, subdurale Hygrome, multi-
DAI) mit erheblichem diffusem Hirnparenchym- zystische Enzephalopathien, zerebrale Anfallsleiden,
schaden mentale Retardierung, Atrophie der Sehnerven).
134 Kapitel 9 · Kindesmisshandlung

Tin-ear-Syndrom. Der Kopf des Kindes wird durch


eine heftige Ohrfeige in rotierende Akzeleration ver-
setzt. Klinisch findet sich ein isoliertes Hämatom des
Ohres, ein ipsilaterales subdurales Hämatom, retinale
Blutungen und ein Hirnödem bzw. eine diffuse axonale
Schädigung.

Caffey-Syndrom. Auftreten von chronischen subdu-


ralen Hämatomen in Kombination mit meist multiplen
Frakturen der langen Röhrenknochen.

Shaken-Impact-Syndrom. Heftiges Schütteln des


Säuglings mit Anprall des Kopfes und dadurch be-
. Abb. 9.6 Mikroskopisch nachweisbare retinale Hämor-
rhagien beim Schütteltrauma-Syndrom (HE, 200×)
dingter Potenzierung der Akzelerations- und Dezelera-
tionskräfte sowie schwerwiegenderen Folgeschäden.

Münchhausen-Syndrom-by-Proxy (MSbP). Das sog.


Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem das
Kind betreffende Krankheitssymptome meist durch
die Mutter behauptet und/oder durch Manipulation
hervorgerufen werden. Auch können vorhandene Er-
krankungen verstärkt werden. Ziel dieses Vorgehens
9 sind wiederholte ärztliche Untersuchungen des Kin-
des, es geht aber um Erlangung von Aufmerksamkeit
und Zuwendung für die Mutter. Dabei wirkt die Mutter
eher überfürsorglich, sucht Kontakt zum Pflegeper-
sonal und den Ärzten, bemüht sich um medizinisches
Wissen. Zahlreiche Manipulationen kommen in Be-
tracht, wie z.B. das Beibringen von Medikamenten (v.a.
. Abb. 9.7 Schütteltrauma-Syndrom (STS) mit Hämorrha-
Schlaf- und Beruhigungsmittel). Dabei kommt sogar
gien um den Abgang des N. opticus (HE, 40×)
das Herbeiführen lebensbedrohlicher Situationen vor
(z.B. sog. »Anersticken«). Fehldiagnosen mit fälsch-
licher Zuordnung zum sog. plötzlichen Kindstod sind
9.5 Besondere Formen bekannt.
der Kindesmisshandlung Zu achten ist auf Diskrepanzen zwischen den
Schilderungen der Mutter und den klinischen Befun-
Ç Fallbeispiel den. Die Symptome klingen meist ab, wenn der Säug-
Eine Mutter berichtet von ständigen Durchfällen ling stationär aufgenommen wurde. Auch klinische
ihres Säuglings und begibt sich nach Konsultation Befunde und diagnostische Ergebnisse, die sich keiner
des Hausarztes und des Kinderarztes in die Klinik. bekannten Krankheit zuordnen lassen oder die ver-
Die dortige stationäre Abklärung ergibt keinerlei meintliche Entdeckung neuer oder seltener Krank-
pathologischen Befund, das Kind zeigt stationär heitsbilder muss an ein MSbP denken lassen. Das
auch keine Diarrhöen mehr. Als die Mutter einige MSbP wird bisher als eine Sonderform der Kindes-
Wochen später berichtet, die Beschwerden seien misshandlung gesehen, nicht als eigentliche psychia-
erneut aufgetreten, wird eine Urinprobe vom Säug- trische Diagnose der Mutter, wenngleich eine Persön-
ling chemisch-toxikologisch untersucht. Diese führt lichkeitsstörung teilweise angenommen wird.
zu dem Nachweis, dass dem Kind Abführmittel ge-
geben wurden.

Spezielle Formen der Kindesmisshandlung sind be-


schrieben, teils bei einer bestimmten Verletzungskons-
tellation, teils aufgrund des besonderen Tatgeschehens.
10

Kindesmissbrauch

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_10,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
136 Kapitel 10 · Kindesmissbrauch

> > Einleitung


schem Material, um Exhibitionismus und die Be-
An einem Sonntag erscheinen gegen 13:00 Uhr eine stimmung zu sexualbezogenem Verhalten (sog.
13-Jährige in Begleitung ihrer Mutter in der Ambulanz. Die »Hands-off-Taten«). Täter sind in der Regel we-
Mutter berichtet, ihre Tochter habe anlässlich einer Ge- sentlich ältere jugendliche oder erwachsene Per-
burtstagsfeier am Samstag bei der Freundin ihrer älteren sonen, die bestehende Abhängigkeitsverhältnisse
Schwester übernachtet. Nach dem Bericht der Tochter habe ausnutzen.
sie dort vor dem Fernseher nur Mineralwasser getrunken,
könne sich aber nur an die Zeit bis gegen 01:00 Uhr er-
innern. Am Sonntag sei sie gegen 10:00 Uhr mit Kopf- Auch wenn der Gesetzgeber exakte Altersgrenzen
schmerzen auf einer Couch aufgewacht, wisse aber nicht, nennt, so muss im Einzelfall bei gleichrangigen Bezie-
wie sie dort hingekommen sei. Sie habe bemerkt, dass ihre hungen unter Pubertierenden/Jugendlichen (sie 13 J.,
Kleidung einschließlich Unterwäsche nicht richtig saß und er 15 J.) kein sexueller Missbrauch vorliegen, insbeson-
dass sie Schmerzen zwischen den Beinen hatte. Die 13-Jäh- dere wenn der Altersunterschied zwischen den Ge-
rige bestätigt die Angaben der Mutter. Bei der gynäko- schlechtern nicht sehr groß ist und die Gesamtumstän-
logischen Untersuchung zeigt sich eine einzelne kleine de für eine Liebesbeziehung bzw. einen einvernehm-
gering umblutete Einkerbung des Hymenalsaumes, auch lichen Sexualkontakt sprechen.
fallen diskrete Sekretantragungen auf. Neben Abstrichen Die Prävalenz von sexuellem Missbrauch während
von vaginal und anal wird eine Blutprobe entnommen, der Kindheit und Jugend mit Körperkontakt wird mit
einerseits zum Nachweis von GHB (K.-o-Tropfen), anderer- 10–15% bei Mädchen und 5–10% bei Jungen geschätzt.
seits zum Ausschluss einer vorbestehenden sexuell über- Bis zu 20% der Täter sind Jugendliche, 80–90% männ-
tragbaren Erkrankung. Die Schamhaare werden ausge- lich, bei männlichen Opfern bis zu 25% weibliche
kämmt, dabei bleibt ein Haar im Kamm hängen. Die weitere Täter.
körperliche Untersuchung lässt lediglich an einem Ober-
! Ein den sexuellen Missbrauch beweisendes
10 arm im mittleren Drittel außenseitig ein ca. 1,5 cm durch-
Missbrauchssyndrom gibt es weder für den
messendes blau-livides Hämatom erkennen. Zusätzlich
aktuellen Missbrauch noch für die Langzeit-
werden Teile der Kleidung für die Spurensicherung asser-
folgen eines Kindesmissbrauchs.
viert. Die untersuchende Ärztin rät Mutter und Tochter, die
Polizei zu informieren. Die Quote an Befunden, mit denen sich ein sexueller
Missbrauch belegen lässt, ist niedriger als allgemein
Bei Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch muss angenommen.
ebenso wie bei anderen Formen der Kindesmisshand-
! Normalbefunde der Anogenitalregion schlie-
lung eine Ganzkörperuntersuchung erfolgen, wegen der
ßen einen aktuellen penetrierenden sexuellen
erforderlichen Sicherung von Spuren möglichst zeitnah
Kindesmissbrauch nicht aus.
zum Tatgeschehen. Hinsichtlich der Beweissicherung
und Dokumentation gelten die gleichen Vorgaben wie Bei der anogenitalen Untersuchung können für Mäd-
bei Sexualdelikten mit erwachsenen Opfern. chen unterschiedliche Untersuchungspositionen ge-
wählt werden (sog. »Froschhaltung«, Knie-Brust-Lage,
Definition Seitenlage). Auch kommt die Untersuchung des Kin-
Sexueller Missbrauch von Kindern wird definiert des auf dem Schoß der Mutter in Betracht.
als die Einbeziehung und Nötigung von Kindern Ziel einer sorgfältigen Untersuchung muss sein,
(bis 14. Lebensjahr) oder Jugendlichen (14.–18. auch diskretere Verletzungen der Anogenitalregion zu
Lebensjahr) zu sexuellen Aktivitäten, die sie auf- erfassen einschließlich solcher des Hymens. Es gibt
grund entwicklungsbedingter Unreife nicht voll- allerdings unfallbedingte anale und/oder genitale bzw.
ständig erfassen können, bei denen sie außer- vaginale Penetrationsverletzungen (als sog. Pfählungs-
stande sind, bewusst einzuwilligen und bei dem verletzungen). Bei sog. Spreizungsverletzungen finden
soziale Tabus der Familie bzw. der Gesellschaft sich zwar seitenbetonte Hämatome, jedoch im Regel-
verletzt werden. Es handelt sich um sexuelle fall keine Verletzungen des Hymens. Bei der Untersu-
Handlungen mit Körperkontakt (v.a. Brust- und chung des Kindes beim Verdacht auf sexuellen Kindes-
Genitalregion; sog. »Hands-on-Taten«) sowie das missbrauch sind allgemeine Grundsätze, ein spezifi-
Herstellen und Präsentieren von pornographi- scher Untersuchungsablauf, Untersuchungspositionen
6 und -techniken ebenso zu beachten wie Fragen der Be-
weissicherung:
10 · Kindesmissbrauch
137 10
Allgemeine Grundsätze bei der Untersuchung:
4 Niemals Zwang, keinen verbalen Druck ausüben!
4 Untersuchungszeitpunkt variabel nach forensi-
scher Dringlichkeit wählen.
4 Potenzielle Ängste antizipieren.
4 Grenzen respektieren, Zeit lassen.
4 Altersgerechte Sprache verwenden.
4 Geschlecht des Untersuchers variabel halten,
a
Wahlmöglichkeiten und möglichst viel Kontrolle
durch das Kind ermöglichen.
4 Verhalten und Ängste registrieren.
4 Sprachlich positive Aspekte betonen.
4 Kind für das Gelingen der Untersuchung loben.
4 Eine Sedierung ist in der Regel nicht indiziert,
allenfalls bei schwereren akut blutenden anogeni-
talen Verletzungen.

Für den Untersuchungsablauf gilt, dass verschiede-


b ne Untersuchungspositionen in Betracht kommen.
Die Rückenlage, die Knie-Brust-Lage, ggf. die Links-
seitenlage oder eine Position auf dem Schoß der Mut-
ter (. Abb. 10.1). Eine Ganzkörperuntersuchung ist
obligatorisch, präpubertär werden keine Spekula be-
nutzt, pubertär ist dies möglich, aber selten hilfreich.
Keine vaginale/anale Palpation, Handschuhe müssen
getragen werden. Neben einer Fotodokumentation ist
an die übrige Dokumentation (Aussagen zum Gesche-
c hen etc.) zu denken, auch an beweissichernde und
sonstige Abstriche. Die wichtigsten bei der Untersu-
chung der Anogenitalregion zu erhebenden Befunde
. Abb. 10.1a–c Untersuchungspositionen. a Froschhal- sind in . Tab. 10.1 genannt.
tung. b Knie-Brust-Lage. c Seitenlage

. Tab. 10.1 Beim sexuellem Missbrauch zu erhebende Befunde der Anogenitalregion

Kriterium Möglicher Befund

Form des Hymens Anulär – semilunar – fimbrienartig – seltener: septiert, kribriform, mikro-
perforiertes Hymen – Sonderform

Lage der Hymenalöffnung Anterior, zentral oder posterior

Beschaffenheit des Hymens Zart-durchscheinend = Ruhephase; fleischig = Östrogeneinfluss

Breite des Hymenalsaumes Gleichmäßig – unregelmäßig

Aussehen des freien Hymenalsaumes Glatt – gewellt – Kerben – Tiefe der Kerben – Lücken

Durchmesser Angabe des transhymenalen Durchmessers

Dehnungsfähigkeit der Soweit beurteilbar; Cave: Fremdkörper hinter dem Hymen sind ver-
Hymenalöffnung dächtig auf eine Fremdbeibringung, v.a. bei kleineren Mädchen mit
noch leicht verletzlichem und schmerzempfindlichem Hymen

Lokalisation von Verletzungen Einrisse, Unterblutungen, Fibrinbeläge

Inspektion der Dammregion Einrisse, Hämatome


138 Kapitel 10 · Kindesmissbrauch

. Tab. 10.1 (Fortsetzung)

Kriterium Möglicher Befund

Sekret- und sonstige Antragungen Beschaffenheit des Sekretes; Abstrich

Analregion: akuter Missbrauch Perianale Schwellung, marginale Hämatome, radiäre (blutende?) Fissuren,
klaffender Anus, lineare Hautabschürfungen

Analregion: chronischer Missbrauch Verdickung der Analhaut, Verlust des Faltenreliefs, verminderter Sphinkter-
tonus, anale Dilatation, venöse Stauung, chronische Fissuren, keilförmige
Vernarbungen und Hautanhängsel (»tags« – nicht in der Körpermittellinie),
Warzen; an sexuell übertragbare Erkrankungen denken

Extragenitale und extraanale Befunde Zum Beispiel: Misshandlungsbefunde wie Griffspuren, Abwehrverletzungen,
beachten Schlagverletzungen etc.

. Tab. 10.2 Beweiswert sexuell übertragbarer Erkrankungen für einen Kindesmissbrauch

Erreger Inkubationszeit/ Nachweis Beweiswert

HIV 6 Wochen bis 18 Monate (Serum) +++

Syphilis 10–90 Tage (Serum) +++

10 Gonorrhö 2–7 Tage (kulturell) +++


Trichomoniasis 4–20 Tage (mikroskopisch/kulturell) +++
Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HHSV-2) 2–24 Tage (z.B. Abstrich von Bläschen) ++
HPV-Typen 6,11,16,18; 1–9 Monate (20 Monate?); bioptisch; In-situ-Hybridi- ++
z.B. Condylomata acuminata sierung
Chlamydien Variabel (kulturell) ++
Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HHSV-1) 2–14 Tage (z.B. Abstrich aus Bläschen) +
Mykoplasmen, Ureaplasma 2–3 Wochen? (kulturell) +
Bakterielle Vaginose 7–14 Tage +
Candida albicans ? (mikroskopisch, kulturell) unwahrscheinlich

Verdacht auf sexuellen Missbrauch stark (+++), erheblich (++), gering (+).
Im Einzelfall ist bei allen Erregern eine intrauterine bzw. perinatale Infektion möglich, bei Mykoplasmen, Ureaplasma,
bakterieller Vaginose und Candida albicans jedoch fraglich bzw. nicht bekannt.

! Der Nachweis einer sexuell übertragbaren Spermien. Wird von oralen Hautkontakten (Lecken,
Krankheit (STD: sexual transmitted disease) Küssen, Beißen etc.) berichtet, sollten die entsprechen-
bei einem Kind bedarf immer der Abklärung den Hautareale mit einem feuchten Wattestieltupfer
des Infektionsweges. vorsichtig abgerollt werden, auch wenn dort mit
bloßem Auge keine Antragungen zu erkennen sind.
Allerdings ist der Beweiswert für einen sexuellen Kin- Alle Abstriche müssen ebenso wie sonstige Asservate
desmissbrauch bei sexuell übertragbaren Erkrankun- mit den persönlichen Daten beschriftet werden sowie
gen unterschiedlich, auch hier bedarf es einer Betrach- Angaben zum Ort, der Uhrzeit und des Datums der
tung der Gesamtsituation (. Tab. 10.2). Entnahme.
Spurenkundliche Untersuchungen verlangen Ab- Die anogenitalen Untersuchungsbefunde sollen
striche von anal, vaginal und oral zum Nachweis von durch Klassifizierung in Bezug gesetzt werden zu einem
10 · Kindesmissbrauch
139 10

. Tab. 10.3 Dreistufige Adams-Klassifikation bei


Kindesmissbrauch

Klasse Befund

Adams I Normalbefunde und medizinisch


anderweitig erklärbare Befunde

Adams II Befunde mit unklarer Signifikanz,


verdächtig auf ursächlichen sexuellen
Missbrauch

Adams III Verletzungsbefunde, die die Diagnose


eines sexuellen Missbrauchs erlauben

möglichen sexuellen Missbrauch als Ursache. Die Klas-


sifikationen wurden jedoch häufiger revidiert, aktuell
wird Bezug genommen auf die dreistufige Adams-Klas-
sifikation (. Tab. 10.3).
Die psychopathologischen Langzeitfolgen der
(wiederholten) Kindesmisshandlung wie auch des se-
xuellen Kindesmissbrauchs können zu den in der Kin-
der- und Jugendpsychiatrie bekannten Folgeerkran-
kungen bzw. posttraumatischen Belastungsstörungen
führen (siehe ICD-10 F43.1 bzw. DSM-IV 309.81). An
psychopathologischen Symptomen werden genannt:
4 Auffälligkeiten in der Interaktion wie z.B. ein sog.
»gefrorenes Lächeln« bzw. eine sog. »gefrorene
Wachsamkeit« (»frozen watchfulness«).
4 Angstzustände können in Situationen auftreten,
die an den Misshandlungs- bzw. Missbrauchskon-
text erinnern (z.B. Baden oder Duschen).
4 Störungen der Nähe-Distanz-Relation
4 Altersinadäquate Ängste bei körperlicher Unter-
suchung
4 Sexualisiertes Verhalten, altersunangemessenes
Sexualwissen, sexualisierte Sprache, sexuelle Hand-
lungen an Gleichaltrigen, sexuelle Distanzlosigkeit
gegenüber Erwachsenen
4 Stark vernachlässigte Kinder mit Deprivationssyn-
drom können schwere Störungen im Bereich des
Schlafes, der Versorgung und/oder der Ernährung
zeigen, auch Polydipsie.

! Die psychopathologischen Langzeitfolgen


von Kindesmisshandlung und Kindesmiss-
brauch werden erheblich unterschätzt.
11

Kindestötung

11.1 Neugeborenentötung – 141

11.2 Tödliche Misshandlung von Kindern – 142

11.3 Körperliche Vernachlässigung mit Todesfolge – 144

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_11,


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11.1 · Neugeborenentötung
141 11
> > Einleitung Die Umstände der Neugeborenentötung zeigen bei
den Säuglingsmüttern und den Umständen der Schwan-
Die Polizei erhält von einer älteren Frau den Hinweis, in gerschaft häufig Besonderheiten. So sollen die Kindes-
ihrem Ort habe eine 32-Jährige, immer schon etwas adi- mütter
pöse Frau erst stark zugenommen und sei jetzt seit 2 Tagen 4 mehrheitlich nicht älter als 25 Jahre sein (16–
plötzlich auffällig schlank. Die Hinweisgeberin habe die 38 Jahre),
Frau einmal beim Bäcker angesprochen, ob sie schwanger 4 häufig allein oder noch im Elternhaus leben,
sei. Dies habe die Frau aber verneint. Die Polizei sucht die 4 zu mehr als 80% nicht verheiratet sein,
Wohnung der 32-Jährigen auf. Der Freund ist für 2 Wochen 4 die Schwangerschaft verdrängt oder geleugnet
wieder auf Montage. Nach anfänglichem Bestreiten ge- haben,
steht die Frau unter Tränen, sie habe allein in ihrem Bade- 4 selbst gegenüber dem Kindsvater und nahen An-
zimmer entbunden, das Neugeborene sei aber schon tot gehörigen die Schwangerschaft verschwiegen
zur Welt gekommen. Der Säugling wird in einer Plastiktüte haben,
eingerollt in einem blutigen Handtuch in der Mülltonne 4 von den einsetzenden Wehen unvorbereitet getrof-
gefunden. Die rechtsmedizinische Untersuchung ergibt, fen worden sein,
dass es sich um ein reifes Neugeborenes gehandelt haben 4 selten bereits Kinder haben,
muss (Körpergewicht 3150 g, Körperlänge 48 cm). Die Lun- 4 tendenziell eher infantil, passiv und gefühlskalt
gen- und die Magen-Darm-Schwimmprobe verlaufen posi- sein.
tiv. Die Nabelschnur ist scharfrandig durchtrennt, die Pla-
zenta bleibt unauffindbar. Eine Todesursache ist zunächst Wird ein Neugeborenes tot gefunden und gibt es eine
mit bloßem Auge nicht erkennbar, es wird der Verdacht auf Tatverdächtige, so konzentrieren sich die rechtsmedi-
ein Ersticken durch weiche Bedeckung geäußert. Mit dem zinischen Untersuchungen auf die in . Tab. 11.1 ge-
Ergebnis der Obduktion konfrontiert, gibt die beschuldigte nannten Punkte.
Frau an, das Neugeborene habe so geschrien, da habe sie Zu den bei der Obduktion festzustellenden Reife-
es beruhigen wollen und deshalb länger fest an sich ge- zeichen eines Neugeborenen gehören:
drückt. Irgendwann habe es dann nicht mehr geschrien. 4 Körperlänge (Scheitel-Fersen- und Scheitel-Steiß-
Länge)?
Bei der Tötung von Kindern sind verschiedene Fall- 4 Körpergewicht?
konstellationen zu unterscheiden: 4 Hoden deszendiert? Bedecken die Labia majora
4 Tötung durch Gewalteinwirkung (stumpfe Gewalt, die Labia minora?
Schütteltraumasyndrom, Ersticken, tödliche ther- 4 Überragen die Fingernägel und Zehennägel die
mische Schädigung, Vergiftung, Ertränken) Finger- bzw. Zehenkuppen? (. Abb. 11.3)
4 Neugeborenentötung (unter und unmittelbar nach 4 Antragungen von sog. Käseschmiere (Vernix
der Geburt bis zum maximal 8. Lebenstag) caseosa)?
4 Tötung im Rahmen eines sog. erweiterten Suizids 4 Nachweis des sog. Béclard-Knochenkerns (distale
4 Verdeckungstötung nach sexuellem Missbrauch Femurepiphyse)?
4 Tötung durch Vernachlässigung
Bei begründetem Tatverdacht kann eine Frau als Be-
schuldigte einer ärztlichen Untersuchung zugeführt
11.1 Neugeborenentötung werden, auch zur Abklärung der Frage nach einer
kürzlich stattgehabten Schwangerschaft (Rechtsgrund-
Die Tötung von Neugeborenen wird u.a. nach ver- lage: § 81a StPO). Bei der gynäkologischen Untersu-
drängter/verheimlichter Schwangerschaft beobachtet. chung sind folgende Punkte zu klären:
Häufig versichern auch die Kindsväter, die Schwanger- 4 Größe und Konsistenz des Uterus
schaft nicht bemerkt zu haben. Das Töten eines Neu- 4 Fundusstand
geborenen kann z.B. erfolgen durch Unterlassen gebo- 4 Lage des Uterus
tener Hilfs- und Schutzmaßnahmen: inneres Ersticken 4 Weite von Portio und Cervix uteri
durch Liegenlassen nach Mekonium- oder Blutaspi- 4 Abgang von Lochialsekret
ration, Ertrinkenlassen z.B. im Toilettenbecken, sehr 4 Zustand der Mammae einschließlich der Mamillen
selten Verblutenlassen, Unterkühlenlassen oder die 4 Eingrenzung des Geburtszeitpunktes
unterlassene Versorgung mit Flüssigkeit. Aber auch 4 gegebenenfalls Probenentnahme für eine DNA-
aktive Tötungshandlungen kommen vor, insbesondere Analyse zur Klärung der Mutterschaft (Rechts-
das Ersticken durch weiche Bedeckung. grundlage: § 81e StPO)
142 Kapitel 11 · Kindestötung

. Tab. 11.1 Fragestellungen bei einem tot gefundenen Neugeborenen und der Kindesmutter

Neugeborenes Tatverdächtige Kindesmutter

Schwangerschaftsdauer bzw. Reife/Alter Identifikation der Kindesmutter

Nachweis der Lebensfähigkeit des Neugeborenen Diagnose der kurz zuvor erfolgten Geburt

Lebensdauer nach der Geburt (positive Lungen- Zeitliche Eingrenzung des Zeitpunktes der Geburt
schwimmprobe (. Abb. 11.1) und/oder positive Magen-
Darm-Schwimmprobe (. Abb. 11.2)

Zeichen des Neugeborenseins und Art der Abnabelung Korrelation von Geburtszeitpunkt und Liegezeit des Neu-
geborenen

Klärung der Todesursache Aussage zur Geburt und zum Tathergang

Rekonstruktive Aussagen zum Tatgeschehen anhand Klärung des Verbleibs von Plazenta und Nabelschnur
der Befunde bei Leichenschau und Obduktion

11

. Abb. 11.1 Lungenschwimmprobe. Positive Lungen- . Abb. 11.2 Magen-Darm-Schwimmprobe. Positive Magen-
schwimmprobe als Zeichen des Gelebthabens nach der Darm-Schwimmprobe als Zeichen des Gelebthabens nach der
Geburt Geburt

Kommt eine größere Gruppe oder eine Vielzahl von


Frauen als Kindesmutter in Betracht, so ist auf der
Grundlage des § 81h StPO ein sog. Massengentest
möglich.

11.2 Tödliche Misshandlung


von Kindern

Todesfälle von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern


als Folge stumpfer Gewalteinwirkung oder thermischer
Verletzungen zeigen zwar überwiegend, aber keines-
wegs regelmäßig äußerlich sichtbare Verletzungen.
. Abb. 11.3 Reifezeichen. Fingernägel überragen die Fin-
Circa 10% der tödlichen Kindesmisshandlungen sollen
gerkuppen; tot gefundenes reifes Neugeborenes (Körper-
keine Verletzungen erkennen lassen. gewicht 3050 g, Körperlänge 51 cm)
11.2 · Tödliche Misshandlung von Kindern
143 11
! Gerade bei Säuglingen, Kleinkindern und Differenzialdiagnostisch ist bei spurenarmen Todes-
Kindern gibt es spurenarme Tötungsdelikte. fällen im Säuglingsalter ein Tötungsdelikt – auch im
Todesursache können bei der Leichenschau Rahmen eines Münchhausen-Syndrom-by-Proxy in
nicht erkennbare innere Blutungen sein Form des Erstickens – abzugrenzen vom sog. plötz-
(Schlag in den Bauch), Intoxikationen oder lichen Säuglingstod (. Tab. 11.2).
das Ersticken durch weiche Bedeckung.

. Tab. 11.2 Vergleichende Daten zur Abgrenzung von sog. plötzlichem Säuglingstod, Tötungsdelikt (Infantizid) und
Münchhausen-Syndrom-by-Proxy (MSbP) in Form des Erstickens (modifiziert nach und orientiert an Noeker u. Keller
2002 sowie Häßler 2007)

Plötzlicher Säuglingstod (SIDS) Infantizid MSbP

1.–12. Lebensmonat Grundsätzlich jedes Alter Säuglinge und Kleinkinder; letale Verläufe
in ca. 10–15%

Auffinden nach längerer Schlaf- Akutes Geschehen, selten Kaum nach längerer Schlafphase
phase, d.h. Intervall zwischen nach längerer Schlafphase
letztem Kontakt und Tod >2 h

Todeseintritt unbeobachtet Tötung zumindest in Täter(in) war allein mit dem Kind
im Schlaf Anwesenheit des Täters

Säugling meist ohne klinische Säugling/Kleinkind Täter(in) berichtet häufig von akuter, lebensbe-
Krankheitssymptome ohne relevante Krankheits- drohlich imponierender Symptomatik (Schreien,
symptome Augen verdrehen, blau anlaufen etc.)

Obduktion und Folge- Obduktion und Folgeunter- Obduktion und Folgeuntersuchungen z.T. wie
untersuchungen decken keine suchungen führen in der beim plötzlichen Kindstod, gelegentlich diskre-
Todesursache auf Regel zum Nachweis der te suspekte Petechien in der Gesichtshaut und/
Todesursache oder in den Lidbindehäuten beim Ersticken
durch weiche Bedeckung; bei lebenden Opfern:
Symptome finden keine Erklärung

Kein Täter; natürlicher Tod Täter mehrheitlich männlich Täter(in) mehrheitlich weiblich

Auffindesituation häufig morgens Unterschiedliche Auffinde- Geschehen häufiger am späten Nachmittag


in Bauchlage zeiten und am Abend

In der Regel kein Wieder- In der Regel keine Wieder- Nicht selten mehrere Kinder betroffen
holungsfall in der Familie holungstat

Eltern psychisch unauffällig Tatspezifische psychische Täter(in) häufig psychisch auffällig, jedoch
Besonderheiten möglich ohne eindeutige psychiatrische Diagnose

Keine vorherige stationäre Be- Besondere Umstände im Auffällig häufig mehrfache ambulante und/
handlung des Säuglings Einzelfall oder stationäre ärztliche Konsultation; Rück-
bildung der Symptome, wenn das Kind von
dem/der Täter(in) getrennt wird

Mütter verheiratet oder eher in Besondere Umstände im Eher distanzierte Partnerschaft; vordergründig
fester Beziehung lebend Einzelfall überbesorgte Mutter, Beziehungssuche zum
Klinikpersonal

Vorangegangene Apnoen oder sog. Gelegentlich »unklare Verlet- Häufiger zuvor Einweisungen zur Behandlung,
ALTE werden kaum berichtet zungen« in der Vorgeschichte z.T. mit sog. ALTE-Symptomatik

SIDS = Sudden Infant Death Syndrome (plötzlicher Säuglingstod); MSbP = Münchhausen-Syndrom-by-Proxy;


ALTE = »apparent life threatening event«
144 Kapitel 11 · Kindestötung

11.3 Körperliche Vernachlässigung


mit Todesfolge

Als Risikokonstellation für eine tödliche Vernachläs-


sigung gilt die Geburt eines unerwünschten Kindes
durch eine überforderte und/oder kranke Mutter (psy-
chische Erkrankung, Suchtkrankheit). Bei der Ver-
nachlässigung ist zu unterscheiden:

Definition
Emotionale Vernachlässigung (Deprivation)
meint ein nicht hinreichendes oder ständig wech-
selndes und nicht ausreichendes emotionales Be-
ziehungsangebot.
Körperliche Vernachlässigung meint eine nicht
ausreichende Versorgung und Gesundheitsfür-
sorge, die zu schweren Gedeih- und Entwick-
lungsstörungen führen kann, bis zum psychoso-
zialen Minderwuchs.

Bei tödlich verlaufenden Fällen von körperlicher Ver-


nachlässigung kommt es final zum Verhungern und/
oder Verdursten. Unmittelbare Todesursache ist bei
der Obduktion nicht selten ein Infekt, insbesondere . Abb. 11.4 Tödliches Verhungernlassen, hochgradige
eine Pneumonie oder eine aszendierte eitrige Harn- Exsikkose mit deutlich stehenden Hautfalten (14 Monate
wegsinfektion mit Sepsis. Fälle von letaler Unter- alt gewordenes Mädchen)
11 kühlung im Rahmen von Vernachlässigung kommen
vor.
Der körperlichen Vernachlässigung mit Todesfolge
(Verdursten, Verhungern) geht eine erhebliche Unter-
ernährung voraus. Bei der ärztlichen Leichenschau
finden sich Symptome der Vernachlässigung:
4 hochgradige Abmagerung bis zur »Skelettierung«
4 vertrocknete Haut mit stehenden Hautfalten (Ex-
sikkose) (. Abb. 11.4)
4 Verschmutzungen und Verkrustungen in den
Hautfalten
4 nicht selten eine schwere sog. Windeldermatitis
(. Abb. 11.5)
4 sog. »Greisengesicht« mit eingesunkenen Augen
4 fehlendes Unterhautfettgewebe
4 selten: (selbst) ausgerissene Haare
4 Ulzera an Aufliegestellen: Steiß, Hüfte, Ferse, . Abb. 11.5 Tödliches Verhungernlassen mit schwerster
Hinterkopf, Rücken, Kniekehlen sog. Windeldermatitis (14 Monate alt gewordenes Mädchen)
4 verfilzte Haare (Läuse?)
4 extreme Anämie
4 sog. »Urinekzem« sowie urindurchtränkte und 4 radiologisch ein zurückgebliebenes Skelettalter
kotbeschmierte Kleidung mit deutlicher Entkalkung (u.a. schmale Kompak-
4 eventuell Tod durch Unterkühlung ta der langen, gebogenen Röhrenknochen)
4 Zeichen einer Rachitis: bei unzureichender Ver-
sorgung mit Vitamin D und fehlender UV-Licht- Bei der Obduktion kann das subkutane Fettgewebe
exposition (Unterbringung in dunklen Räumen) nahezu komplett fehlen, ebenso der Wangenfettpfropf
11.3 · Körperliche Vernachlässigung mit Todesfolge
145 11
(Bichat-Fettpfropf), ubiquitäre Ödeme sind Ausdruck
eines hochgradigen Proteinmangelsyndroms (Hunger-
ödeme). Die Organgewichte sind reduziert, bezogen
auf das Alter des Kindes. Im Dickdarm finden sich ge-
legentlich steinharte Kotballen. Das Längenwachstum
ist reduziert (Abgleich der individuellen Perzentile mit
früheren Messwerten). Die unzureichende Versorgung
mit Flüssigkeit und Nahrung kann postmortal durch
biochemische Befunde nachgewiesen werden: erhöhter
Harnstoffgehalt in der Glaskörperflüssigkeit, entspre-
chend dem sog. Dehydratationsmuster. Die Unterer-
nährung kann graduiert werden, z.B. nach der häufig
verwendeten Waterlow-Klassifikation (Graduierung
der Proteinenergiemalnutrition). Neben finalen In-
fekten wie einer Pneumonie kommt gelegentlich eine
Aspiration von Mageninhalt vor, histologisch finden
sich Knochenumbauzonen mit vermehrten mehrker-
nigen Osteoklasten sowie Resorptionslakunen im
Sinne einer Rachitis.
12

Verkehrsmedizin

12.1 Verkehrsunfall – 147


12.1.1 Rekonstruktion von Verkehrsunfällen – 148
12.1.2 Isolierte PKW- und PKW-PKW-Unfälle – 148
12.1.3 Fußgänger-PKW-Unfall – 151
12.1.4 Zweirad-PKW-Unfall – 154

12.2 Fahrtüchtigkeit – Fahrtauglichkeit – 155


12.2.1 Fahruntüchtigkeit infolge Übermüdung – 156
12.2.2 Fahruntauglichkeit aufgrund von Krankheiten – 156
12.2.3 Fahruntauglichkeit aufgrund charakterlicher Mängel – 156

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_12,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
12.1 · Verkehrsunfall
147 12
> > Einleitung Einsatz medizinisch-naturwissenschaftlicher Kennt-
nisse zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. Bei der Ver-
Ein 19-Jähriger ruft um 5:05 Uhr bei der Polizei an und sagt, kehrsunfallanalyse werden u.a. die Verletzungen von
er habe einen Unfall als Beifahrer in einem PKW gehabt, der Verkehrsteilnehmern aufgenommen, um Erkenntnisse
Fahrer sei schwer verletzt. Vor Ort ergibt sich folgendes Bild: für die passive Sicherheit von Unfallbeteiligten zu ge-
Ein PKW ist in einer Rechtskurve nach rechts von der Fahr- winnen.
bahn abgekommen, hat mit der Beifahrertür einen Baum
gestreift, sich zweimal überschlagen und ist mit den Rä-
dern aufgekommen. Der 19-Jährige kniet vor dem leblosen 12.1 Verkehrsunfall
Körper eines jungen Mannes, der nach dem Spurenbild im
Gras von der Fahrertür aus etwa 10 Meter in Richtung Die Anzahl der Verkehrsunfälle nahm in Deutschland
Straße geschleift wurde. Der Notarzt stellt den Tod fest. Es nach dem Zweiten Weltkrieg ständig zu, was mit einer
ist der 18-jährige Sohn der Fahrzeughalterin. Der 19-Jähri- sich kontinuierlich erhöhenden Verkehrsdichte zu er-
ge, äußerlich kaum verletzt, wird in das Krankenhaus ge- klären ist. Seit den 1990er Jahren nimmt die jährliche
bracht. Vom Leichnam wird eine Blutprobe zur Alkohol- Zahl der Verkehrstoten stetig ab, was vor allen den ak-
bestimmung entnommen. Diese ergibt einen Wert von tiven und passiven Sicherheitskonzepten beim Auto-
0,69‰, außerdem werden mittels Gaschromatographie/ mobilbau zugeschrieben werden kann.
Massenspektroskopie THC mit 1,2 μg/l, das aktive Stoff-
wechselprodukt 11-OH-THC mit 2,2 μg/l sowie THC-COOH Definition
mit 72,8 μg/l gemessen. Der Verkehrsunfall ist ein meist durch stumpfe
Der Leichnam des 18-Jährigen wird obduziert, als To- Gewalteinwirkung verletzendes oder tödliches Er-
desursache wird ein HWS-Überstrecktrauma mit Halsmark- eignis, das bei der Teilnahme am Straßen-, Schie-
schädigung diagnostiziert. Bei Präparation des Fettge- nen, Schiffs-, Flug- oder Luftverkehr eintritt.
webes vorderseitig fällt eine angedeutet bandförmige, bis
20 cm breite Blutung von der rechten Beckenschaufel zur
linken und etwas schwächer von der linken Beckenschaufel Unfallursachen. Es werden externe von internen
zur rechten Schulter auf, die als sog. Gurtmarke interpre- Ursachen unterschieden. Zu den externen Ursachen
tiert wird. Eine klinisch-rechtsmedizinische Untersuchung zählen die Verkehrsführung, die Straßen- und Witte-
des 19-Jährigen findet 2 Tage nach dem Unfall statt. Bei rungsverhältnisse und der Fahrzeugzustand. Die Be-
Inspektion der Körperoberfläche sind grobfleckige, jedoch urteilung der äußeren Unfallursachen gehört zum
insgesamt bandförmige blaue bis lilafarbene Hämatome Aufgabengebiet des technischen Sachverständigen
horizontal am Unterbauch und schräg von der linken Schul- (Kfz-Sachverständiger). Interne oder sog. subjektive
ter bis zur rechten Flanke reichend zu sehen, die als Gurt- Unfallursachen können ein psychophysisches Leis-
marke eingeordnet werden. tungsdefizit durch Übermüdung, Fremdstoffbeein-
Der 19-Jährige berichtet nunmehr, dass man sich trächtigung u.a. sein.
am Samstag zu einer Diskothek begeben habe, wobei der
18-Jährige das Fahrzeug seiner Mutter gefahren habe. In Krafteinwirkung. Grundlage für die stumpfe Gewalt-
der Diskothek habe man Alkohol getrunken und Haschisch einwirkung auf einen Unfallbeteiligten ist eine Kolli-
geraucht, der Jüngere habe deutlich mehr Alkohol ge- sion, die einen Kraftstoß verursacht. Dadurch entsteht
trunken. Danach habe der 18-Jährige ihn gefragt, ob er eine Geschwindigkeitsänderung (Δv) als Beschleuni-
nicht fahren könne. Da er selbst sich nüchtern gefühlt habe, gung oder Verzögerung; durch den unelastischen Stoß
sei er darauf eingegangen. In einer Kurve habe er sich ver- kommt es zur Deformation und bei Überschreitung
schätzt und so den Unfall verursacht. Nach dem Unfall habe der Elastizitätsgrenze von Material oder Gewebe zu
er den leblosen Beifahrer aus dem Auto gerettet, doch Zerstörungen und Läsionen.
seien bei dem anderen weder Atmung noch Puls festzustel-
len gewesen. Jetzt sei ihm klar geworden, dass er »echte Geschwindigkeitsänderung. Da Δv für die Impuls-
Probleme« bekommen könne, und er habe den Entschluss übertragung den entscheidenden Parameter darstellt,
gefasst, seinen Kumpel als Fahrer anzugeben. hat die Ermittlung der Kollisionsgeschwindigkeit eine
hohe Priorität.
Die Verkehrsmedizin ist ein interdisziplinäres Gebiet,
das Medizin, Psychologie, Unfallforschung und Fahr- Todesursachen. Der Tod nach einem Verkehrsunfall
zeugkonstruktion vereint und traditionell Bestandteil tritt meist als unmittelbare Folge der Gewalteinwir-
der Rechtsmedizin ist. Ziel der Verkehrsmedizin ist der kungen/des Polytraumas ein: mehrere gleichzeitig ent-
148 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

Aufgaben des Arztes. Jeder mit einem Unfallopfer in


Berührung kommende Arzt sollte die rekonstruktiv
wichtigen Befunde kennen und dokumentieren kön-
nen. Bei der unfallchirurgischen Versorgung wird die
ausreichende Dokumentation von Befunden häufig
mit dem Argument der prioritären lebensrettenden
Maßnahmen versäumt. Oftmals müssen die behan-
delnden Ärzte als sachverständige Zeugen in Gerichts-
verfahren Stellung dazu nehmen, ob das Verletzungs-
bild mit einem bestimmten Unfallablauf zu vereinba-
ren ist. Nicht selten sind derartige Aussagen anhand
der vorliegenden Dokumentation nicht möglich. In
. Abb. 12.1 Fettembolie im Gehirn (ca. 9 h überlebter
den meisten dieser Fälle wären wenige digitale Foto-
Verkehrsunfall mit Polytrauma) grafien des Ausgangsbefundes im Nachhinein ausrei-
chend gewesen, strittige Fragen zu klären.

Rechtsmedizinische Aufgaben. Die Obduktion eines


Unfallopfers beginnt mit einer detaillierten äußeren
Besichtigung, bei der jede Hautveränderung genau
beschrieben sowie in sich und ihrem Abstand zur Fuß-
sohle vermessen wird. Die Präparation wird Schicht
für Schicht durchgeführt und beginnt im Fettgewebe.
Falls notwendig, wird die Haut der gesamten Körper-
oberfläche präpariert. Zuletzt werden alle Knochen-
brüche dargestellt. Bei der obligaten Eröffnung der 3
Körperhöhlen werden intrakranielle Blutungen, Ver-
letzungen des Gehirns sowie der Brust- und Bauch-
organe diagnostiziert. Die Dokumentation (Echtzeit-
Diktat), wird ergänzt durch Fotografien der einzelnen
. Abb. 12.2 Fettembolie in den Glomerulumschlingen Präparationsschritte oder durch Zeichnungen. Vor der
12 beider Nieren (ca. 9 h überlebter Verkehrsunfall mit Poly- Obduktion angefertigte postmortale Röntgenaufnah-
trauma) men oder ein postmortales Ganzkörper-CT können
zur Planung der Sektion beitragen und eine Dokumen-
standene Verletzungen verschiedener Körperregionen, tation v.a. knöcherner Verletzungen liefern.
wobei mindestens eine oder die Kombination mehre-
rer Verletzungen lebensbedrohlich ist. Rechtsmedizi-
nisch bedeutsam sind auch Spättodesfälle, bei denen 12.1.2 Isolierte PKW-
der Unfall die Funktion einer mittelbaren Todesursache und PKW-PKW-Unfälle
erhält. In den ersten Stunden nach Knochenbrüchen
oder Fettgewebezerstörungen kann es zu Fettembolien Bei PKW-PKW-Unfällen und Kollisionen von PKW
kommen, z.B. in den Lungen, im Gehirn und in den mit anderen beweglichen oder unbeweglichen Gegen-
Nieren (. Abb. 12.1 und . Abb. 12.2). ständen können Kollisionsarten unterschieden wer-
den, die Häufigkeitsangaben sind orientierend: Fron-
talaufprall: 60% (davon etwa 15% mit vollständiger
12.1.1 Rekonstruktion Überdeckung, 15% mit rechtsseitiger Überdeckung,
von Verkehrsunfällen 30–50% mit linksseitiger Überdeckung), Seitenauf-
prall: 20%, Heckaufprall: 10%, Überschlagen und
Technische und medizinische Rekonstruktion eines frontale Unterfahrung. Das entstehende Verletzungs-
Verkehrsunfalls sollten Hand in Hand verlaufen. Aus muster ist außer von der Kollisionsart abhängig von
dem Schädigungsmuster von Mensch und Maschine verschiedenen Faktoren wie gefahrene Geschwin-
werden Rückschlüsse auf die Dynamik und die Kinetik digkeit, Verhalten der Fahrgastzelle, Gurt, Airbag,
des Unfalls gezogen und letztlich der Ablauf rekons- Beschaffenheit des Materials, an das der Körper an-
truiert. stößt.
12.1 · Verkehrsunfall
149 12

. Abb. 12.3 PKW-Frontalaufprall. Fahrerdynamik bei Frontalaufprall ohne Gurt (obere Reihe) und mit Gurt (untere Reihe)

. Abb. 12.5 Knieverletzung. Anprall des Knies an das


Armaturenbrett mit Dislokation des Unterschenkels gegen-
über dem Femur

fahrer anzeigen kann (. Abb. 12.4), aber auch Anprall-


verletzungen wie z.B. Knieverletzungen als Folge des
Anpralls an das Armaturenbrett (. Abb. 12.5).
. Abb. 12.4 Gurtmarke. Bei Präparation des subkutanen
! Bei modernen PKW ist der Gurt mit Rückhal-
Fettgewebes erkennbare streifig von links oben nach rechts
tesystem und Airbags ein zentrales Element
unten sowie quer verlaufende sog. Gurtmarke als Blutung im
subkutanen Fettgewebe, passend zur Fahrerposition des passiven Sicherheitskonzepts. Ein ange-
legter Sicherheitsgurt kann bei Kolli-
sionsgeschwindigkeiten bis etwa 45 km/h,
Frontalaufprall. Die Fahrzeuginsassen werden nach
in Einzelfällen bis 100 km/h, tödliche Verlet-
vorn beschleunigt (. Abb. 12.3). Sind sie nicht ange-
zungen verhindern. Das Nichtanlegen des
schnallt, kommt es zur Kollision mit Fahrzeugein-
Sicherheitsgurtes kann bei niedrigen Kollisi-
bauten im Sinne einer geformten stumpfen Gewalt.
onsgeschwindigkeiten zu erheblichen Ver-
letzungen durch die Airbags führen.
Verletzungen des Fahrers. Typische Verletzungen
des PKW-Fahrers nach Frontalaufprall enthält . Tab.
12.1. Dazu zählen z.B. die Ausbildung einer sog. Gurt- Verletzungen der weiteren Fahrzeuginsassen. Be-
marke, deren Verlauf die Position als Fahrer oder Bei- sonders der nichtangeschnallte Beifahrer wird regel-
150 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

. Tab. 12.1 Typische Verletzungen von PKW-Fahrern nach Frontalkollision

Verletzungen Ursache

Hämatome, Schürfwunden und Quetsch-Riss-Wunden Anschlag des Knies am Armaturenbrett


am Knie, Patellafraktur, kniegelenknahe Femur-
und Tibiafrakturen

Hüftgelenkluxationen, Beckenbrüche Stauchung des Oberschenkels

Sprunggelenk- und Mittelfußfrakturen Reflektorisches Stemmen der Füße gegen die Pedale
bzw. Fußplatte

Ober- und Unterarmfrakturen Abstützen am Lenkrad

Sternum- und Rippenbrüche Aufschlagen am Lenkrad; Öffnen des Airbags

Herz- und Lungenkontusionen, Lungenrupturen, Kompression von Thorax und Abdomen; direkte und
Leber- und Milzrisse indirekte Kräfte (Massenträgheit der Organe)

Lungenhilus- und Mesenterialblutungen Intrathorakale und -abdominale Schleuderbewegungen

Quetsch-Riss-Wunden an Unterkiefer und Kinn Kontakt mit dem Lenkrad

Feine Schnitt- und Schürfverletzungen im Gesicht Kontakt des Gesichts mit der Windschutzscheibe und
Bruch derselben

Luxationen und Brüche der Halswirbelsäule, Fehlen oder falsches Einstellen der Kopfstütze: Rückschleu-
v.a. HWK 6 und 7 derung des Körpers und Peitscheneffekt an Kopf und Hals

Bandartige Vertrocknungen oder Hämatome horizontal »Gurtmarke«: Stumpfe Gewalt durch den Druck des Gurtes
am Unterbauch und meist vom rechten Unterbauch zur und zusätzliche tangentiale Bewegung auf der Haut
linken Schulter

12 mäßig eine Kollision des Kopfes mit der Windschutz- hendes Fahrzeug an Ampeln, am Straßenrand oder am
scheibe erleiden. Die übrigen Verletzungen sind ge- Ende eines Staus. Typische Folge ist das sog. HWS-
prägt durch die Fahrzeugeinbauten und ggf. Airbags. Schleudertrauma.
Die Verletzungen sind meist bei allen Fahrzeuginsas- HWS-Schleudertrauma. Klinisch werden von den
sen in vergleichbarer Intensität ausgebildet. Die Verlet- Betroffenen Kopf-, Nacken-, Schulter-, Arm-, Rücken-
zungen der Fondpassagiere sind zudem abhängig von schmerzen, Schluckbeschwerden, Schwindel, Schlaf-
der Beladung des PKW; gehäuft treten Schädel- und und Konzentrationsstörungen angegeben. Ursächlich
Brustkorbverletzungen sowie Frakturen der unteren ist offenbar nicht die Hyperextension sondern die Trans-
Extremitäten auf. lations- und Rotationsbeschleunigung beim Stoß von
hinten und sekundäres Kippen des Kopfes nach vorn
Seitenaufprall. PKW bieten an der Seite wenig defor- (. Abb. 12.6). So wirken Zug, Druck und Scherkräfte.
mierbares Material. Kommt es zur seitlichen Kollision Manche Autoren gehen von einer notwendigen mini-
mit einem frontal auftreffenden PKW, dringt dieser malen Δv von 10 km/h aus; andere lehnen diesen starren
meist tief in die Fahrgastzelle ein und die Dezelera- Wert ab und sehen vielmehr die fehlende Erwartungs-
tionsstrecke des Oberkörpers ist kurz. Innere Organ- haltung mit dem reduzierten Muskeltonus als wichtigste
verletzungen sind häufig die Folge. Die abrupte Seit- Voraussetzung an. In den Zivilverfahren werden zuneh-
wärtsbewegung des Kopfes bedingt Verletzungen der mend morphologische Korrelate zur Untermauerung
Halswirbelsäule. Die Ausstattung der PKW mit Air- der Diagnose gefordert. Diese können fast nur mit bild-
bagsystemen hat erhebliche Vorteile für Fahrzeug- gebenden Verfahren gesichert werden:
insassen beim Seitenaufprall gebracht. 4 mechanische Beeinträchtigungen der zervikalen
Nervenwurzeln
Heckaufprall. Ein leichter Heckaufprall ist ein häufi- 4 Schädigungen der Nervenendigungen der Hals-
ges Ereignis, vorwiegend beim Auffahren auf ein ste- muskulatur
12.1 · Verkehrsunfall
151 12
Haut der rechten Sprunggelenkregion und Mittelfuß-
luxationen.

12.1.3 Fußgänger-PKW-Unfall

Bei der Kollision eines Fußgängers mit einem PKW


handelt es sich physikalisch um einen nicht elastischen
. Abb. 12.6 HWS-Schleudertrauma. Translations- und Stoß mit sehr ungleichen Massenverteilungen. Über-
Rotationsbeschleunigung des Kopfes und des Halses beim wiegend wird der Fußgänger mit der Fahrzeugfront
sog. HWS-Trauma getroffen. Es gibt jedoch Fälle, bei denen ein PKW, ein
LKW oder ein Bus beim Rückwärtsfahren den Fuß-
gänger angefahren hat. Aus rechtsmedizinischer Sicht
4 Zerrungen oder Rupturen der gelben Bänder, des sind durch die Untersuchung des verletzten oder ge-
vorderen Längsbandes oder der Kapselbänder der töteten Fußgängers folgende Fragen zu beantworten:
Facettengelenke 4 Anstoßrichtung (von vorn, hinten oder der Seite)
4 Verletzungen der Flügelbänder 4 Position zum Zeitpunkt des Anstoßes (stehend,
4 Hämatome (nicht durch direkte Traumafolge ver- liegend, sitzend, kniend)
ursachte!) 4 Anzahl der mit dem Fußgänger kollidierten Fahr-
zeuge
Schwere Heckkollision. Die schwere Heckkollision 4 Reihenfolge der einzelnen Verletzungen und ggf.
führt zur Weiterleitung der Kraft über die Sitzlehne an der Beteiligung mehrerer Unfallfahrzeuge
den Rumpf. Der Kopf erfährt primär eine Scherbe- 4 Geeignetheit eines bestimmten Fahrzeuges zur
wegung nach hinten mit forcierter Reklination und Verursachung aller oder eines Teils der festgestell-
sekundär eine Flexion (Peitschenschlagphänomen). ten Verletzungen
Verletzungsfolgen sind Beckenringfrakturen, Wirbel- 4 akute Beeinträchtigung des Fußgängers zum Un-
säulenverletzungen, Aortenrisse. Auch bei Heckkol- fall-/Todeszeitpunkt durch Fremdstoffe (foren-
lisionen können Airbagsysteme die Verletzungen re- sisch-toxikologische Analysen und Blutalkohol-
duzieren, nämlich die in der sekundären Phase des bestimmung) oder z.B. eine Herz-Kreislauf-Er-
Unfallablaufes entstehenden. krankung mit akut zerebralem Insult oder Myo-
kardinfarkt
Kombinierte Kollisionsarten. Die wenigsten Unfälle
werden streng und ausschließlich nach den aufge- Beim im Gehen oder Stehen angefahrenen Fußgänger
führten Kollisionsarten einzuordnen sein. Neben kann der Unfall in 3 Phasen aufgeteilt werden: An-
Überschneidungen der Kollisionsarten können leicht stoß-, Auflade und Abwurfphase. Je nach Bauart des
abweichende Kollisionsrichtungen zu Abweichungen Kraftfahrzeuges (z.B. LKW mit gerader hoher Front)
der Kraftvektoren von den 4 Richtungen führen. Des- oder Körpergröße (z.B. Kinder) und Position (z.B. Ho-
halb werden häufig Kombinationen der Kollisions- cken) kann das Aufladen unterbleiben und der Fuß-
arten und der daraus resultierenden Verletzungen be- gänger direkt niedergeworfen werden. In liegender
obachtet. Unfallgeschehen mit mehreren Kollisionen Position, nach einem Abwurf nach vorn, kann der
erschweren die Zuordnung zu den Kollisionsarten Fußgänger zusätzlich von dem PKW überrollt oder
ebenfalls. überfahren werden (. Abb. 12.7). Weitere Überroll-
oder Überfahrvorgänge können von nachfolgenden
Rekonstruktion der Sitzpositionen. Eine regelmä- Kraftfahrzeugen ausgehen.
ßige Aufgabe für Rechtsmedizin und technische Sach-
verständige nach einem PKW-Unfall mit verletzten Anstoßphase. Der erste Anstoßpunkt befindet sich
oder getöteten Insassen ist die Rekonstruktion von üblicherweise in Stoßstangenhöhe. Bei einem PKW
deren Sitzposition. Folgende Verletzungen sprechen wäre das in Höhe des Unterschenkels des Fußgängers.
für die Fahrereigenschaft in einem verunfallten PKW: Es kann jedoch zu Abweichungen von der am ruhen-
Gurtmarke, bei den meisten PKW mit Verlauf von der den PKW gemessenen Stoßstangenhöhe kommen: Bei
linken Schulter zur rechten Flanke (siehe Fallbeispiel), einem Abbremsvorgang führt der PKW eine »Nick-
Lenkradverletzungen am Gesicht, Abstützfrakturen an bewegung« aus, wodurch die Stoßstange tiefer positio-
Händen und Unterarmen, Pedalverletzungen in der niert wird. Befindet sich der PKW zum Kollisionszeit-
152 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

b
. Abb. 12.7a, b Fußgänger-Kollision mit einem PKW (a) und einem LKW (b)
12
punkt in einer Beschleunigungsphase wird seine Front seiner Sicht von rechts (langer Weg über die Fahrbahn
angehoben mit Verlagerung des Anstoßpunktes nach mit besserer Möglichkeit des Wahrnehmens durch den
oben. Der Anstoßpunkt beim LKW-Fußgänger-Unfall PKW-Fahrer) oder links (möglicherweise spontanes
liegt höher, oftmals im Bereich der Oberschenkel. Bei Hervortreten zwischen geparkten Autos) angefahren
einer sehr plan gestalteten LKW-Front kann eine diffe- wurde. Gänzlich andere Umstände können sich erge-
renzierbare primäre Anstoßstelle fehlen. ben, wenn der Fußgänger von vorn oder hinten ange-
fahren wurde.
Befunde am Verletzten/Verstorbenen. An der Klei-
dung (Hosenbein) können Kunststoffabriebe oder Be- Begutachtung der Schuhsohlen. Schleifspuren an
schädigungen des Stoffs zu sehen sein. Dazu korre- den Schuhsohlen belegen, dass sich der Fußgänger
spondierend finden sich am Unterschenkel Schür- zum Kollisionszeitpunkt in aufrechter Position befand.
fungen oder Vertrocknungen und Einblutungen in das Die Position der Schleifspuren lässt Rückschlüsse auf
Unterhautfettgewebe und die darunter gelegene Mus- die Anstoßrichtung zu. Ist nur die Schuhsohle einer
kulatur. Reicht die einwirkende Gewalt des Anstoßes der beiden Schuhe mit einer Schleifspur beschädigt,
aus, entsteht die typische knöcherne Anstoßverletzung weist dies auf das Standbein und somit auf einen dyna-
– der sog. Messerer-Keil (. Abb. 12.8 und . Abb. 12.9). mischen Prozess (Gehen) hin.
Dieser ist gekennzeichnet durch einen Bruchkeil, des-
sen Spitze in die gleiche Richtung wie die einwirkende Aufladephase. Die Aufladephase ist gekennzeichnet
Gewalt zeigt. Damit ist es möglich, die exakte Position durch das Aufladen des Fußgängers auf die Motorhau-
des Fußgängers zum Anstoßzeitpunkt zu rekonstruie- be, Rotation des Körpers sowie Aufschlagen auf und
ren. Für die juristische Würdigung ist es z.B. wichtig, Gleiten über Motorhaube, Frontscheibe und Front-
ob der Fußgänger beim Überqueren der Straße aus scheibeneinfassung. Betroffen sind zunächst Becken
12.1 · Verkehrsunfall
153 12
beobachtet mit entsprechender Schädigung des Hals-
marks. In extremen Fällen mit sehr hohen Kollisionsge-
schwindigkeiten kann es dazu kommen, dass der Fuß-
gänger nach dem primären Anstoß den PKW »überflie-
gt«, also eine Aufladephase ausbleibt.

Abwurfphase. Durch den Bremsvorgang des PKW


kommt es nach dem Aufladen zum Abwurf des Fuß-
gängers vor das Fahrzeug, also in Fahrtrichtung. In
Abhängigkeit von der Dynamik des Fußgängers, der
Fahrzeuggeschwindigkeit und des Auftreffpunkts am
Fahrzeug kann ein leicht seitlicher Versatz des Abwurfs
nach vorn bis hin zu einem seitlichen Abweisen ohne
. Abb. 12.8 Sog. Messerer-Keil bei PKW-Fußgänger- Bewegung des Fußgängers in Fahrtrichtung des Fahr-
Kollision zeugs jedoch mit Rotation und ggf. Aufprall an seit-
lichen Fahrzeugteilen (A- oder B-Säule) resultieren.
Die Abwurfphase endet mit dem Aufkommen am
Boden und einem sich anschließenden Rutschvor-
gang. Die Folgen sind großflächige Hautschürfungen
und -ablederungen, zusätzliche Verletzungen des
Gesichts, Rippenserienfrakturen, Knie- oder Hand-
rückenverletzungen.

Überrollen und Überfahren. Der primär liegende oder


nach der Abwurfphase zum Liegen gekommene Fuß-
gänger kann überrollt (mit einem oder mehreren Rei-
fen) oder überfahren (ohne Überrollen durch Reifen)
werden. Beim Abschleudern nach vorn kann das pri-
mär mit dem Fußgänger kollidierende Fahrzeug diesen
zusätzlich überrollen oder überfahren. Darüber hinaus
besteht die Gefahr des Überfahren- oder Überrolltwer-
. Abb. 12.9 Präparierter sog. Messerer-Keil bei PKW-Fuß- dens durch nachfolgende Fahrzeuge. Nach dem Über-
gänger-Kollision rollen zeigen sich typischerweise Abdruckmuster der
Reifen an Kleidung oder Haut (. Abb. 12.10). Weiterhin
finden sich Dehnungsrisse in der Haut und bei der Prä-
und Rumpf. Je nach Auftreffrichtung und Intensität paration sog. Décollements – große Wundhöhlen
entstehen Textilabriebe, Schürfungen, stumpfe Thorax- durch Abscherung der Haut vom Unterhautfettgewebe
verletzungen (Rippenfrakturen, ggf. durchspießend bzw. Abscherungen innerhalb des Unterhautfettge-
mit Pneumothorax, Lungen- oder Herzkontusion), webes. Die Décollements befinden sich meist an der
stumpfe Bauchtraumen (Organkontusionen oder Seite an Rumpf oder Extremitäten, von der aus das Rad
-rupturen), Frakturen der Brust- oder Lendenwirbel- den Körper erfasst hat. Am Rumpf können Rippen-
säule. Je nach Geschwindigkeit kann der Kopf am serienfrakturen und Brüche von Becken und Wirbel-
unteren oder oberen Ende der Windschutzscheibe oder säule entstehen, an den Extremitäten weitere Brüche.
deren oberer Einfassung auftreffen mit dadurch verur- Der Kopf wird üblicherweise in Richtung des gerings-
sachten Quetsch-Riss-Wunden und Brüchen des Ge- ten Durchmessers überrollt, also in Querrichtung. Die
sichts- oder Hirnschädels sowie Hirnkontusionen. biparietale Kompression verursacht Querbrüche in
Wird die Frontscheibe dabei beschädigt, sind zusätzlich Schädelbasis und Kalotte. Äußerlich sind oftmals Deh-
Glassplitterverletzungen die Folge. Bei hohen Ge- nungsrisse hinter den Ohren zu erkennen.
schwindigkeiten berührt der Kopf nicht die Fahrzeug- Zum Überfahren ohne Überrollen ist eine Lage
front. In derartigen Fällen wird durch das »Hängenblei- des Opfers längs oder leicht schräg zur Längsachse des
ben« des Rumpfes an der oberen Windschutzscheiben- Fahrzeugs, eine geringe Körpergröße (Kinder!) oder
einfassung ein Überstreck- oder Dezelerationstrauma ein sehr breites Fahrzeug (LKW, Bus) notwendig. Die
der Halswirbelsäule und an den Hals-Kopf-Gelenken entstehenden Verletzungen sind abhängig von der Un-
154 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

lich variieren. Selten sind Frontalkollisionen mit Zwei-


rad und PKW. Häufiger erfasst der PKW mit seiner
Front das Zweirad von dessen Seite oder das Zweirad
fährt in die Seite des PKW.

Seitliche Kollision des Zweirads mit der PKW-Front.


Nach dem Anstoß erfährt der Zweiradfahrer eine seit-
liche Beschleunigung, die sich zusammen mit der be-
stehenden Geschwindigkeit in frontaler Richtung zu
einer Rotationsbewegung addiert. Dabei wird er auf die
Motorhaube und ggf. auf die Windschutzscheibe aufge-
laden. Erster Anstoßpunkt ist meist die Beckenregion
an der Windschutzscheibeneinfassung. Daraus resul-
tieren Becken-, Hüftgelenks-, Oberschenkelhals- und
. Abb. 12.10 Reifenprofilabdruck in der Haut nach Über-
-schaftfrakturen. Beim Aufladevorgang können Brust-
rollen durch einen LKW
und Bauchorgane verletzt werden, außerdem Becken-
und Wirbelsäulenfrakturen entstehen. Falls der Kopf
terbodenhöhe und am Unterboden befindlichen Bau- aufschlägt und in Abhängigkeit davon, ob ein Helm ge-
teilen. Ein weiteres Phänomen ist das Mitschleifen des tragen wird, ist mit schweren Schädel-Hirn-Traumen
(teilweise) überrollten oder überfahrenen Opfers. Vor- zu rechnen. Der nach dem Aufladen folgende Abwurf
aussetzungen sind eine ausreichende Unterbodenhöhe geht mit typischen Verletzungen einher, wie sie auch bei
und ggf. ein Hängenbleiben an Bauteilen des Fahr- Fußgängern beobachtet werden (. Abb. 12.11).
zeugbodens. Als Folgen werden massive flächenhafte
Hautschürfungen und thermische Hautschädigungen Frontale Kollision des Zweirads mit der Seite des
beobachtet. Bei Kindern können nach Überfahren PKW. Trifft das Zweirad seitlich auf die Fahrgastzelle,
oder Überrollen mit einem PKW weder äußerliche ist die Primärkollision mit Kopf oder Oberkörper am
Verletzungen sichtbar noch Knochenbrüche vorhan- Dachrahmen lokalisiert. Zusätzlich stoßen meist die
den sein. In derartigen Fällen ist aber mit schweren Knie an die Türen oder Seitenfenster. Es ergeben sich
inneren Verletzungen in der Brust- und Bauchhöhle die typischen Folgen einer stumpfen Gewalteinwir-
12 zu rechnen. kung an den genannten Stellen. Gelegentlich werden
Mittelhandfrakturen durch Abstützungsversuche am
Lenker beobachtet. Sekundär entstehen Sturzverlet-
12.1.4 Zweirad-PKW-Unfall zungen nach Passieren des PKW und Aufkommen
gegenüber der Anstoßstelle.
Die Mechanismen bei Kollisionen von motorisierten Komplexer und variationsreicher ist das mögliche
und nicht motorisierten Zweiradfahrern sind ähnlich, Geschehen bei einem seitlichen Anprall in Höhe der
die Kollisionsgeschwindigkeiten können aber erheb- Motorhaube. Abhängig von den Größenverhältnissen

a b

. Abb. 12.11 a, b Seitliche Kollision des Zweirads mit der PKW-Front


12.2 · Fahrtüchtigkeit – Fahrtauglichkeit
155 12

a b

c d

. Abb. 12.12a–d Frontale Kollision des Zweirads mit der Seite des PKW. a und b Obere Reihe: Anprall in Höhe der Fahr-
gastzelle. c und d Untere Reihe: Anprall in Höhe der Motorhaube

beider Fahrzeuge, der genauen Auftreffstelle und den 12.2 Fahrtüchtigkeit –


Geschwindigkeiten kann es sein, dass der Zweiradfah- Fahrtauglichkeit
rer den PKW gar nicht oder nur mit den Unterschen-
keln berührt und im Wesentlichen Sturzverletzungen Die Fahrsicherheit kann beeinträchtigt werden durch:
durch das Aufkommen auf dem Boden nach Passieren Alkoholisierung, Einnahme von Drogen oder Medi-
der Motorhaube davonträgt. Begünstigt durch eine hö- kamenten, Übermüdung, psychische Erkrankungen,
here Geschwindigkeit des PKW und einer näher zur physische Erkrankungen.
Fahrgastzelle gelegenen Kollisionsstelle kann die Seite
des Zweiradfahrers mit der Frontscheibe und deren Definition
Einfassung kollidieren. Der Kopf kann je nach Positio- Fahrtauglichkeit (syn. Fahreignung) meint die
nierung direkte und indirekte Verletzungen erleiden zeitlich stabile, von aktuellen Situationsparame-
(. Abb. 12.12) tern unabhängige Fähigkeit zum sicheren Führen
eines Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr.
Tragen eines Helms als gutachterliche Frage. Eine Fahrtüchtigkeit (syn. Fahrsicherheit) meint die
häufige Frage nach Unfällen von Motorradfahrern ist, konkrete, situations- und zeitbezogene Fähigkeit
ob ein Helm getragen wurde und ggf. ob dieser korrekt zum sicheren Führen eines Kraftfahrzeuges.
aufgesetzt war. Zunächst würde das Fehlen eines Schä- Fahruntauglichkeit bzw. Fahruntüchtigkeit
del-Hirn-Traumas grundsätzlich für das Tragen eines bedeutet die fehlende Fähigkeit zum sicheren
Helms sprechen. Weitere Hinweise auf einen getrage- Führen eines Kraftfahrzeuges.
nen und korrekt verschlossenen Helm können Haut-
schürfungen und Hämatome am vorderen und seit-
lichen Hals und Mundboden sein, die vom Kinnriemen Der Begriff »Fahrunsicherheit« meint einen Kraft-
herrühren. Aus technischer Sicht wird als Beweis für fahrzeugführer, dessen Gesamtleistungsfähigkeit ent-
das Tragen eines Helms die entsprechende Kompres- weder infolge Enthemmung oder geistig-seelischer
sion seiner Stoßpolsterung angesehen. und körperlicher (psycho-physischer) Leistungsaus-
156 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

. Tab. 12.2 Früh- und Spätsymptome der Übermüdung

Frühsymptome Spätsymptome

Lidschwere Gefühl, zu schnell zu fahren

Konvergenzschwäche Phantasiebilder

Sehen von Doppelbildern Wunsch zu schlafen

Fremdkörperreiz im Auge Plötzlicher Tonusverlust der Nackenmuskulatur

Mundtrockenheit Plötzliches Erschrecken mit Schweißausbruch bei Änderung der Fahrsituation

Häufiges Gähnen Plötzliches Erschrecken mit Herzklopfen bei Änderung der Fahrsituation

Frösteln oder Wärmegefühl Plötzliche, kurze Absenzen

Missempfindungen beim Schalten Plötzliche, kurze Absenzen bei offenen Augen mit folgendem Erschrecken
und Kuppeln

fälle so weit herabgesetzt ist, dass er nicht mehr fähig 12.2.3 Fahruntauglichkeit aufgrund
ist, sein Fahrzeug im Straßenverkehr eine längere charakterlicher Mängel
Strecke, und zwar auch bei plötzlichem Auftreten
schwieriger Verkehrslagen, sicher zu steuern. Liegt ein schweres Fehlverhalten im Straßenverkehr
vor, z.B. Überholvorgang innerhalb einer geschlosse-
nen Ortschaft mit 100 km/h, wird man zunächst an
12.2.1 Fahruntüchtigkeit infolge eine Enthemmung und erhöhte Risikobereitschaft
Übermüdung durch Alkohol oder andere Fremdstoffe denken. Wird
dann in einer kurz danach entnommenen Blutprobe
12 Die Übermüdung stellt die häufigste nicht fremdstoff- weder Ethanol noch eine andere Substanz nachge-
bedingte Ursache der Fahruntüchtigkeit dar und kann wiesen, ist eine Krankheit in Betracht zu ziehen. Kann
außerdem eine Fremdstoffbeeinträchtigung zusätzlich auch eine Krankheit ausgeschlossen werden, ist davon
verstärken. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, auszugehen, dass charakterliche Mängel vorliegen, die
dass die Übermüdung für den Kraftfahrer frühzeitig den Betroffenen zum Führen von Kraftfahrzeugen
erkennbar ist. Man unterscheidet zwischen frühen und ungeeignet erscheinen lassen. Erhärtet wird dieser
späten Symptomen (. Tab. 12.2). Verdacht bei Wiederholung solcher Vorfälle.

12.2.2 Fahruntauglichkeit aufgrund


von Krankheiten

In die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung


des gemeinsamen Beirats für Verkehrsmedizin beim
Bundesverkehrsministerium wurden körperliche und
geistige Mängel einbezogen, die häufig auf längere Zeit
die Leistungsfähigkeit eines Kraftfahrers erheblich be-
einträchtigen oder sogar aufheben. Die wichtigsten Er-
krankungen sind in . Tab. 12.3 zusammengefasst.
12.2 · Fahrtüchtigkeit – Fahrtauglichkeit
157 12

. Tab. 12.3 Erkrankungen und Erkrankungsgruppen mit Einfluss auf die Fahrtauglichkeit

Gruppe Erkrankung Auswirkung/Anmerkungen

Optik Sehstörungen Wenn nicht durch Sehhilfen kompensierbar

Akustik/Innenohr Schwerhörigkeit Nur bei weiteren Einschränkungen von Sinnesorganen


oder intellektuellen Defiziten

Motorische Verschiedene Motorische Grundfertigkeiten zum Führen des Fahrzeugs


Behinderungen nicht vorhanden/durch entsprechende Hilfsmittel (z.B.
Lenkhilfen, manueller Pedalersatz) nicht ausgleichbare
Defizite

Herz- und Gefäß- Kardiale Arrhythmien Gefahr der plötzlichen Bewusstlosigkeit


erkrankungen
Hypertonie Gefahr des plötzlichen Herzversagens oder zerebralen
Insults, Netzhautblutungen mit Sehschäden, Nierenschäden

Hypotonie Schnelle Ermüdung, Gefahr von anfallsartiger Bewusst-


losigkeit

KHK Herzinfarktrisiko, Arrhythmien, Angina pectoris,


plötzlicher Herztod

Herzinsuffizienz Kollapsgefahr

Periphere AVK Kontroll- und Kraftverlust an Beinen oder Armen

Kreislaufabhängige Störungen Transitorisch-ischämische Attacken (TIA), Leistungs-


der Hirntätigkeit einbußen bei Mikroangiopathien; Rezidivgefahr bei
Z.n. Apoplexien

Stoffwechsel- Diabetes mellitus Gefahr labiler Stoffwechsellagen, vermehrte Erschöpfbar-


erkrankungen keit, Verlangsamung, Vigilanzstörungen; Spätkomplikatio-
nen: Netzhautschäden, diabetische Neuropathie, Nieren-
schäden

Chronische Nieren- Verschiedene Insbesondere bei Dialysepflicht: verminderte Leistungs-


erkrankungen und Reaktionsfähigkeit, labile Stoffwechselsituation,
Gefahr von Elektrolytentgleisungen, Herzversagen,
Vigilanz- und Sehstörungen

Z.n. Organtrans- Verschiedene Arzneiwirkungen, Funktionsstörungen, psychoreaktive


plantation Beeinträchtigungen

Atmung und Lunge Schwere COPD Auswirkungen auf den Kreislauf mit plötzlichen Synkopen

Schlafapnoe-Syndrom Tagesmüdigkeit, »Sekundenschlaf«

Nervensystem Z.n. Rückenmarkverletzung Abhängig von der Schwere der motorischen und sensiblen
Defizite

Neuromuskuläre Peripherie Plötzlich einsetzende Aktionsunfähigkeit bei periodischen


Lähmungen; Einschränkung der Leistungsfähigkeit bei
Myatrophien

Morbus Parkinson, pyramidale Verlangsamung, Desintegration der Motorik, organische


und zerebellare Störungen Psychosyndrome

Z. n. Hirnverletzungen oder Gefahr von hirnorganischem Psychosyndrom, Krampf-


-operationen, angeborene anfällen, Wesensänderungen
oder frühkindlich erworbene
Hirnschäden

6 Epilepsie Plötzliche Vigilanzänderungen


158 Kapitel 12 · Verkehrsmedizin

. Tab. 12.3 (Fortsetzung)

Gruppe Erkrankung Auswirkung/Anmerkungen

Psychische Störun- Hirnorganische Störungen Plötzliche Bewusstseinsstörungen, Verkennung der Realität


gen/psychiatrische
Erkrankungen Demenz Verlangsamung, Gedächtnis- und andere kognitive
Störungen

Affektive Störungen Depression, Verlangsamung, Antriebsminderung, Manie,


Beeinträchtigung der Anpassungsfähigkeit

Psychosen Gestörter Realitätssinn, allgemein verminderte Konzentra-


tions- und Leistungsfähigkeit

Alkohol Missbrauch Verminderung der Reaktionsfähigkeit, Veränderung


der Stimmungslage

Abhängigkeit Zusätzlich psychomotorische Beeinträchtigung

Betäubungsmittel Abhängigkeit (Sucht) und akute Schwere körperliche und geistige Schäden mit Selbst-
und Arzneimittel Intoxikationen überschätzung, Gleichgültigkeit, Reizbarkeit sowie Ent-
differenzierung und Deprivation der Persönlichkeit

Dauertherapie mit Arzneimitteln Gefahr von Verlangsamung und Konzentrationsstörungen,


kardialen Arrhythmien, Blutungen, Schwindel, Kollaps-
zuständen

12
13

Forensische Alkohologie
und Toxikologie

13.1 Forensische Alkohologie – 161


13.1.1 Gesundheitliche und volkswirtschaftliche Bedeutung des Alkohols – 161
13.1.2 Erkennen von Alkohol (Screening) – 161
13.1.3 Alkohol im Atem, Urin und Speichel – 162
13.1.4 Toxikokinetik des Alkohols – 163
13.1.5 Fragliche und tatsächliche Einflussgrößen
auf die Blutalkoholkonzentration – 165
13.1.6 Berechnung der Blutalkoholkonzentration (BAK) aus Trinkdaten
(Widmark-Formel) oder durch Rückrechnung – 167
13.1.7 Nachtrunk und Doppelblutentnahme – 171
13.1.8 Analytik – 172
13.1.9 Verdachtsgewinnung und Beweissicherung – 174
13.1.10 Toxikodynamik des Alkohols – 175
13.1.11 Forensische Aspekte zur Beurteilung der Fahrtüchtigkeit
(Fahrsicherheit) – 175
13.1.12 Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit – 177
13.1.13 Alkohol, Drogen und Medikamente – 178

13.2 Forensische Toxikologie – 178


13.2.1 Informationen und Grundlagen – 178
13.2.2 Wichtige pharmako- bzw. toxikokinetische Parameter – 179
13.2.3 Einteilung von Vergiftungen – 180
13.2.4 Symptome und -syndrome – 180
13.2.5 Klassifizierung der Gifte – 183
13.2.6 Therapeutische Breite – 184
13.2.7 Therapiestrategien – 184
13.2.8 Leichentoxikologie – 185
13.2.9 Aussagekraft der einzelnen Asservatarten – 186
13.2.10 Asservierungsstrategien, Asservatarten und Mengen – 188
13.2.11 Analytische Nachweis- und Bestimmungsmethoden – 190
13.2.12 Qualitätskontrolle und Plausibilität – 191
13.2.13 Toxikologie spezieller Substanzen und Stoffgruppen – 191
13.2.14 Abhängigkeit und Missbrauch – 192
13.2.15 Gesetzliche Grundlagen und Rechtsvorschriften – 193
13.2.16 Wichtige Drogen und Substanzen der Anlage zu § 24a StVG – 194

R. B. Dettmeyer, M. A. Verhoff, Rechtsmedizin, DOI 10.1007/978-3-642-16651-8_13,


© Springer Medizin Verlag Heidelberg 2011
13.2.17 Andere Rauschdrogen – 204
13.2.18 Forensisch-toxikologisch sowie verkehrsmedizinisch besonders relevante
Arzneimittel und andere Substanzen – 205
13.2.19 Anorganische Substanzen – 209
13.2.20 Gase, Lösungsmittel, Industriechemikalien – 211
13.2.21 Organische Lösemittel – 212
13.2.22 Lebensmittel und Umwelt – 213
13.2.23 Dopingmittel – 213
13.2.24 Sogenannte K.-o.-Mittel – 214
13.1 · Forensische Alkohologie
161 13
Einleitung 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. In der Gesell-
schaft herrscht eine weit verbreitete unkritisch positive
Die Fahrerin eines Geländewagens verursacht einen Unfall, Einstellung zum Alkohol vor. Durchschnittlich werden
in dessen Verlauf sie zahlreiche parkende Pkw streift und pro Kopf der Bevölkerung jährlich etwa 10 Liter reinen
erheblich beschädigt. Sie kann flüchten und wird ca. 2 Stun- Alkohols konsumiert. Gegenüber den Vorjahren ist
den später von der Polizei zu Hause angetroffen. Zum Alko- allerdings eine leicht rückläufige Tendenz des Alkohol-
holkonsum befragt gibt sie an, dass sie vor dem Unfall konsums zu registrieren. Dennoch liegt Deutschland
keine alkoholischen Getränke, danach aber aus Angst vor im internationalen Vergleich unverändert im oberen
dem Ehemann als Besitzer des nagelneuen und teuren Zehntel (Daten aus dem Jahresbericht 2009 der Dro-
Fahrzeugs Obstler getrunken habe. Das Ergebnis einer Be- genbeauftragten der Bundesregierung).
gleitstoffanalyse stützt den kurzfristig vor der Blutentnah- Diese Zahlen belegen eindrucksvoll, dass große
me erfolgten Konsum dieses begleitstoffreichen Getränks. Teile der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutsch-
Eine vom Gericht nachträglich angeordnete toxikologische land ein Alkoholproblem haben. Darunter befinden
Analyse der Restblutprobe führte jedoch zum Nachweis sich naturgemäß viele Verkehrsteilnehmer, bei denen
hoher Konzentrationen des Benzodiazepins Lorazepam, es sich dann häufig um keine »trinkenden Fahrer«,
das vor dem Unfall eingenommen wurde und unfallursäch- sondern eher um »fahrende Trinker« handelt.
lich war.

Die dominierende Rolle des Alkohols im Vergleich zu 13.1.2 Erkennen von Alkohol
dem Konsum bzw. Missbrauch von Drogen und Medi- (Screening)
kamenten führt dazu, dass die Forensische Alkoho-
logie neben der Forensischen Toxikologie gesondert Häufig wird versucht, aufgrund des äußeren Erschei-
betrachtet wird, auch wenn Alkohol als solcher selbst- nungsbildes einer Person Rückschlüsse auf den Alko-
verständlich eine toxische Substanz ist. holisierungsgrad oder die Blutalkoholkonzentration
(BAK) zu ziehen. Hierzu zwei wichtige Hinweise:
4 Das Fehlen einer sog. »Alkoholfahne« spricht vor
13.1 Forensische Alkohologie allem bei bewusstlosen Patienten keinesfalls gegen
eine schwere Alkoholintoxikation. Ursachen für
Nicht Haschisch oder Heroin sind die häufigsten das Fehlen einer Alkoholfahne können beispiels-
Rauschdrogen, sondern Ethanol (Ethylalkohol, weise sein:
C2H5OH, ältere Schreibweise Äthanol, manchmal als 5 geringer Eigengeruch bestimmter Getränke
»Trink«- oder »Speisealkohol« bezeichnet) kommt (Wodka u.a.)
diese Rolle zu. Wenn im Folgenden von Alkohol die 5 kaum erkennbare »flache« Atmung des Patien-
Rede ist, so ist damit stets Ethanol gemeint. Bei der sog. ten
Begleitstoffanalyse (7 Kap. 13.1.8) spielen neben Etha- 5 Beeinträchtigung des Riechvermögens des Be-
nol jedoch auch andere Alkohole eine Rolle. obachters durch Erkältungskrankheiten oder
andere Einschränkungen.
4 Andererseits kann bereits durch den Genuss ge-
13.1.1 Gesundheitliche und ringer Alkoholmengen (z.B. eines Schluckes Bier)
volkswirtschaftliche Bedeutung unter Umständen eine starke Alkoholfahne her-
des Alkohols vorgerufen werden.

Die »Alltagsdroge« Alkohol verursacht bei einer gro- Es ist sehr schwierig und problematisch, eine bestimm-
ßen Zahl von Menschen schwerwiegende gesundheit- te Symptomatik einer konkreten Blutalkoholkonzen-
liche Probleme. 9,5 Mio. Menschen in Deutschland tration zuzuordnen. Zuordnungstabellen (. Tab. 13.1)
konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter sind zur Orientierung hinsichtlich des Zusammen-
Form und etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkohol- hanges zwischen einer bestimmten Blutalkoholkon-
abhängig. Jedes Jahr sterben in Deutschland nach zentration und den häufig zu erwartenden Ausfaller-
neuen Berechnungen mindestens 73.000 Menschen scheinungen (Leistungseinbußen) geeignet. Es werden
direkt (durch Alkoholmissbrauch) oder indirekt (z.B. jedoch ständig Ausnahmen von diesen mehr oder we-
durch alkoholbedingte Unfälle) an den Folgen ihres niger groben Zuordnungsregeln beobachtet.
Alkoholkonsums. Die volkswirtschaftlichen Kosten Die Ausprägung der klinischen Symptome wird
alkoholbezogener Krankheiten werden auf mehr als von zahlreichen individuellen, physischen und psychi-
162 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

. Tab. 13.1 Häufig beobachtete Stadien der Alkoholwirkung (modifiziert nach Schwerd)

BAK [‰] Stadium Symptome


der Alkoholisierung

0–0,3 Meist klinisch keine auffälligen Veränderungen (außer bei Intoleranz)

0,3–0,5 Bereits feststellbare Leistungseinbußen

0,5–1,5 Leichte Trunkenheit Euphorie, Kritikschwäche, Nachlassen der Aufmerksamkeit und Konzentra-
tionsfähigkeit, Antriebsvermehrung, Rededrang, leichte Gleichgewichtsstö-
rung, Pupillenreaktion verlangsamt, Nystagmus, Spinalreflex abgeschwächt

1,5–2,5 Mittlere Trunkenheit Symptome des vorigen Stadiums verstärkt, dazu Sehstörungen, Geh-
störungen, Distanzlosigkeit, Uneinsichtigkeit

2,5–3,5 Schwere Trunkenheit Starke Geh- und Sprechstörungen (Torkeln, Lallen), zunehmende psychische
Verwirrtheit, Orientierungsstörungen, Erinnerungslosigkeit

Über 3,5 Schwerste Trunkenheit Unmittelbare Lebensgefahr, Bewusstsein meist stark getrübt bis aufge-
hoben, »alkoholische Narkose«, Reflexlosigkeit, Gefahr der Aspiration
von Erbrochenem und des Erstickens in hilfloser Lage, häufig Tod durch
Unterkühlung oder Atemlähmung

schen Faktoren beeinflusst, wie z.B. Alter, Geschlecht, kungsbreiten Rückschlüsse auf die vorliegende Blut-
Konstitution, Ermüdung, Alkoholgewöhnung (insbe- alkoholkonzentration (BAK) gestattet.
sondere genetisch bedingte Ethanolüberempfindlich-
keit) sowie Anflutungs- oder Eliminationsphase. Ähn- Aussagewert der Atemalkoholkonzentration (AAK).
liche Symptome können auch durch andere, nicht al- Als Screeningverfahren für Alkohol eignen sich elek-
koholbedingte Ursachen, wie z.B. Medikamenten- und tronische Geräte (z.B. Alcomat®, Alcometer® und
Drogeneinwirkung, Stoffwechselentgleisungen oder Alcotest® 7010/7310/7410), seit einigen Jahren insbe-
Schädel-Hirn-Traumata (SHT) hervorgerufen werden. sondere der Alkotest 7110 Evidential MK III®, der
Klinisch-chemisch können eine metabolische Azidose, auch eine relativ genaue Messung der Atemalkohol-
13 Hyperlaktatämie, Erhöhung der Serum-Osmolalität, konzentration gestattet. Problematisch ist jedoch die
Hyperurikämie sowie erhöhte Aktivitäten der Serum- Umrechnung von der Atemalkoholkonzentration
enzyme GGT und CK und eine Hypoglykämie zu- (AAK) auf die BAK, da kein konstanter Faktor exis-
sätzliche laborchemisch fassbare Auswirkungen der tiert. Der durchschnittliche Wert beträgt 1:2100, es
schweren Ethanolintoxikation sein. wurden aber auch Extremwerte zwischen 1:700 und
1: >3000 beobachtet. Jedem AAK-Wert kann somit
aufgrund der zahlreichen Einflussfaktoren eine »ge-
13.1.3 Alkohol im Atem, Urin wisse Bandbreite von BAK-Werten« entsprechen. In
und Speichel der Resorptionsphase ist die AAK z.B. häufig größer,
in der späteren Eliminationsphase dagegen kleiner als
Die Atemalkoholanalyse wurde 1998 in Deutschland die venöse BAK.
als Beweismittel im Bußgeldverfahren zugelassen. Weil es keine konstante Relation zwischen Blut-
Prinzip: In den Lungenbläschen (Alveolen) geht der und Atemalkoholkonzentration gibt, die durch Ver-
Alkohol aus dem arteriellen Blut in die eingeatmete wendung eines einheitlichen Faktors eine direkte
Frischluft über. Beim Ausatmen wird deshalb Alkohol Umrechnung von AAK in BAK ermöglichen würde,
abgegeben, was u.a. am Geruch (»Fahne«) feststellbar hat der Gesetzgeber in § 24a Straßenverkehrsgesetz
ist. Im Hinblick auf den invasiven Charakter einer Blut- (StVG) alternativ zu dem BAK-Grenzwert von 0,5‰
entnahme und die nicht unerheblichen Kosten der einen eigenständigen AAK-Grenzwert von 0,25 mg/l
Messung der Blutalkoholkonzentration kann es daher definiert, dessen Überschreitung die gleichen Rechts-
zweckmäßig sein, zunächst den Alkoholgehalt der folgen hat, wie der dort genannte BAK-Wert (Ord-
Atemluft zu messen, der innerhalb gewisser Schwan- nungswidrigkeit).
13.1 · Forensische Alkohologie
163 13
! Die Atemalkoholkontrolle (AAK) ist als aktive Resorptionsphase (Absorption)
Handlung im Gegensatz zur Blutentnahme Alkohol wird dem Organismus fast ausschließlich
nicht erzwingbar. Beim Fehlen einer Blut- durch Getränke zugeführt. Nach oraler Aufnahme
probe ist jedoch eine spätere Untersuchung werden aber im Mund nur geringe Mengen und im
auf andere Fremdstoffe (Drogen, Medikamen- Magen maximal 15% des Alkohols resorbiert. Haupt-
te, Begleitalkohole u.a.) nicht mehr möglich, resorptionsorte des Alkohols sind der Zwölffinger-
ebenso wenig eine Überprüfung der Identität darm und vor allem der obere Dünndarm, wobei die
bei Verwechslungsbehauptungen. Resorptionsgeschwindigkeit vom Konzentrations-
gefälle zwischen Darm und Blutbahn abhängig ist. Die
Aussagewert der Alkoholkonzentration im Urin Resorption hängt von zahlreichen Faktoren ab. Als
(UAK). Urin kann ebenfalls als Untersuchungsmate- Einflussgrößen gelten insbesondere die allgemeine
rial dienen. Zwischen Urinalkohol und Blutalkohol körperliche Verfassung und Konstitution, die Art des
besteht statistisch eine direkte Beziehung, die im Ein- Getränkes (Konzentration, Begleitstoffe), die Nah-
zelfall jedoch so stark streuen kann, dass eine zuver- rungsbestandteile im Magen-Darm-Trakt (Fettanteil,
lässige Umrechnung des Ethanolgehaltes des Urins auf Konsistenz, Gewürze, pH-Wert), der Grad der Magen-
den des Blutes nicht möglich ist. füllung, die Temperatur der Getränke, eine Verabrei-
Grundsätzlich gilt der Erfahrungssatz, dass die chung bestimmter Medikamente, evtl. Magenopera-
Urinethanolkonzentration nach Abschluss der Re- tionen und Krankheiten, gleichzeitige Nikotinaufnah-
sorption der Blutethanolkonzentration »nachhinkt«. me, Veränderungen der Peristaltik, der allgemeinen
Dies bedeutet, dass man im Urin noch Ethanol fest- Motilität und der Durchblutung sowie psychische Fak-
stellen kann, wenn der Abbau im Blut bereits abge- toren. Dies alles führt dazu, dass die Resorption kei-
schlossen ist. Die Ethanolbestimmung im Morgenurin nesfalls mathematisch exakt zu erfassen ist.
von Patienten während der Entzugsbehandlung er- Die Resorption ist in der Regel nach 60–90 Minu-
laubt somit die diskrete Überwachung hinsichtlich ten abgeschlossen, oft wesentlich früher, z.B. wenn
eines Alkoholkonsums am Vorabend, den der Patient hochprozentige Getränke »auf nüchternen Magen« ge-
möglicherweise außerhalb einer Anstalt verbrachte. trunken wurden. Bei starker Magenfüllung (z.B. nach
einer üppigen Mahlzeit) kann eine längere Resorpti-
Aussagewert der Alkoholkonzentration im Speichel onsdauer resultieren, ebenso wenn sich der Magenaus-
(SAK). Speichel ist grundsätzlich als Untersuchungs- gang (Pförtner) verschließt und der Magen somit als
material geeignet. Es ergibt sich eine recht hohe Korre- länger wirkendes Speicherorgan fungiert. Ein solcher
lation der Blutalkoholkonzentration (BAK) und der Krampf des Pförtners (Pylorus-Spasmus) kann bei-
Speichelalkoholkonzentration (SAK), unabhängig von spielsweise durch hochprozentige Spirituosen ausge-
der Art der Alkoholzufuhr (Trinkversuche, Infusion) löst werden. Umgekehrt kann nach Magenresektionen
und auch kurze Zeit nach dem Trink-Ende, falls der die Speicherfunktion des Magens wegfallen und daher
Mund vorher gründlich gespült wurde. eine besonders rasche Resorption erfolgen. Beim lang-
zeitigen mäßigen Genuss geringer Alkoholmengen
können Resorptionsende und Trinkende sogar zusam-
13.1.4 Toxikokinetik des Alkohols menfallen.
Daraus ergibt sich, dass Resorptionsgeschwindig-
Auch ohne eine externe Zufuhr befinden sich bereits keit und Resorptionsdauer den für einen lebenden Or-
geringe Mengen von Alkohol aus dem intermediären ganismus typischen großen Schwankungsbreiten un-
Stoffwechsel im Organismus. Dieser endogene (kör- terliegen und normalerweise nur schätzbar sind. Aller-
pereigene) Alkohol verursacht jedoch lediglich Blut- dings existiert aus vielen Trinkversuchen ein umfang-
spiegel von maximal 0,015‰. reiches experimentelles Erfahrungsmaterial, und die in
Durch Inhalation von extrem stark alkoholhaltigen der Rechtsprechung (BGH St. 25, 246) veranschlagte
Dämpfen lassen sich allenfalls maximale BAK-Werte maximale Resorptionsdauer von 120 Minuten ist sicher
von 0,2‰ erklären. Die Aufnahme über die intakte ein Wert, der praktisch jede Benachteiligung aus-
Haut (transdermale Resorption) führt zu keinen foren- schließt.
sisch relevanten Konzentrationen. Allerdings werden Wird vor oder während der Alkoholaufnahme ge-
tödliche Vergiftungen bei Kindern nach großflächigen gessen, erscheint ein Teil des genossenen Alkohols
Umschlägen mit Alkohol beschrieben. nicht im Blut, d.h. die Resorptionsquote liegt unter
100%. Die Differenz, das sog. Resorptions- oder Alko-
holdefizit, bei dem offensichtlich auch ein sofortiger
164 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Abbau bei der ersten Leberpassage (First-Pass-Effekt) ! Beim Menschen findet die Biotransformation
sowie durch magenwandständige ADH eine Rolle in erster Linie (90–95%) in der Leber statt:
spielen, kann 10–20%, unter Umständen aber auch Ethanol wird vom Enzym Alkoholdehydroge-
30% oder sogar mehr betragen. Die Ursache ist noch nase (ADH) zu Acetaldehyd oxidiert.
nicht vollständig geklärt.
Nur unbedeutende Anteile des resorbierten Ethanols
werden über die Lunge (2–5%), die Nieren (1–2%)
Resorptionsdefizit
oder die Haut (1–2%) unverändert ausgeschieden. Es
Das durchschnittliche Resorptionsdefizit nach Auf-
verlassen höchstens etwa 10% des im Blut erscheinen-
nahme »normaler« Getränkemengen beträgt bei:
den Ethanols den Organismus, ohne eine intensive
4 Spirituosen im Konzentrationsbereich von
Biotransformation (»Verstoffwechselung«) erfahren
etwa 40 Vol.-%: ca. 10%
zu haben.
4 Wein und Sekt im Konzentrationsbereich von
Die sich anschließende Verstoffwechselung über
etwa 10 Vol.-%: ca. 20%
das Enzym AlDH (Aldehyddehydrogenase) führt zu
4 Bier im Konzentrationsbereich von etwa 5
Essigsäure, die im Zitronensäurezyklus zu Kohlen-
Vol.-%: ca. 30%
dioxid und Wasser abgebaut wird.
Ist die AlDH-Aktivität eingeschränkt, so kann
In der Resorptionsphase kommt es zur Anflutung von Acetaldehyd im Organismus kumulieren und zum
Alkohol im Gehirn, die in der Regel mit stärkeren psy- Flush-Syndrom führen, das z.B. durch Hautrötungen,
chophysischen Ausfällen verbunden ist als bei ver- Übelkeit, Blutdruckabfall und andere Symptome ge-
gleichbaren Konzentrationen in der sog. postresorp- kennzeichnet ist, die unter dem Begriff Alkoholun-
tiven Phase. Mit besonders starken Alkoholwirkungen verträglichkeitsreaktion zusammengefasst werden.
ist nach einem Sturztrunk zu rechnen. Darunter ver- Die Ursachen können genetisch (bei vielen Asiaten be-
steht man die Aufnahme großer Alkoholmengen in obachtet) oder fremdstoffbedingt (Gabe des »Entwöh-
kürzester Zeit (z.B. 1–1,5‰/h). nungsmittels« Antabus oder Aufnahme des Dünge-
mittels Kalkstickstoff) sein.
Verteilungsphase (Distribution) Eine weitere Möglichkeit der Biotransformation
Der Alkohol verteilt sich keinesfalls nur im Blut, son- stellt das MEOS (Microsomal-Ethanol-Oxidizing-
dern im gesamten Körperwasser. Dessen Anteil liegt System) dar. Dieses ist nicht abhängig von der Menge
beim normal konstituierten Mann zwischen 60 und des zur weiteren Oxidation zu Essigsäure erforder-
70% des Körpergewichts (Körpermasse). Abweichun- lichen Nicotinamidadenindinucleotids (NAD+) und
gen beobachtet man bei Pyknikern (50–60%) und kann durch chronischen Alkoholgebrauch angeregt
13 schlanken Personen (70–80%). Bei Frauen ist der Was- (induziert) werden. Bei Alkoholgewöhnten resultieren
sergehalt wegen des konstitutionsbedingten höheren dann erhöhte stündliche Abbauwerte (bis 0,20‰), die
Fettanteils meist um etwa 10% niedriger. bei schweren Alkoholikern 0,29‰ (Durchschnitt) bis
Abgeleitet vom unterschiedlichen Wassergehalt ist 0,35‰ (sehr seltene Ausnahmefälle) betragen können.
der Widmark-Faktor »r« (auch als Reduktions- oder Neuerdings spielt Ethylglucuronid, ein weiteres
Konstitutionsfaktor bezeichnet), der bei Berechnungen Stoffwechselprodukt des Alkohols, eine wichtige Rolle
von Trinkmengen und Blutalkoholkonzentrationen beispielsweise bei der Abstinenzkontrolle (s. Alkohol-
mit Hilfe der Widmark-Formel (7 Abschn. 13.1.6) be- marker).
nutzt wird. Durchschnittliche Werte sind bei Männern Die Kinetik des Ethanols zeigt eine Besonderheit,
mit r = 0,7 und bei Frauen mit r = 0,6 anzusetzen. die für die forensische Praxis von außerordentlicher
Das mit dem Widmark-Faktor r multiplizierte Bedeutung ist: Sie besteht darin, dass weitestgehend
Körpergewicht wird als »reduziertes Körpergewicht« unabhängig von der Blutalkoholkonzentration pro
bezeichnet und entspricht in etwa dem Alkoholvertei- Zeiteinheit praktisch immer nur die gleiche Menge
lungsvolumen (Körperwasser). abgebaut wird und zwar sinkt die Blutalkoholkonzent-
ration bis zum nahezu völligen Verschwinden des Al-
Elimination und Biotransformation kohols um 0,1 bis 0,2 ‰, d.h. durchschnittlich etwa
Die Elimination beginnt bereits kurz nach Trink- 0,15‰ in der Stunde. Man spricht auch von einer linea-
beginn. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass ren Abbaucharakteristik, weil die graphische Darstel-
bereits wenige Minuten nach der Verabreichung von lung der Blutalkoholkonzentration gegen die Zeit eine
14C-radioaktiv markiertem Alkohol radioaktives 14CO Gerade ergibt. Dies ist für Biotransformationsvorgänge
2
(Kohlendioxid) abgeatmet wird. ungewöhnlich, denn bei zahlreichen anderen Fremd-
13.1 · Forensische Alkohologie
165 13
stoffen (z.B. Medikamenten) richtet sich die in der der Blutalkoholkonzentration (P3). Die Elimination
Zeiteinheit umgesetzte Menge nach der Konzentration setzt aber bereits lange vorher ein (praktisch mit dem
der abzubauenden Substanz. Der Grund für die lineare Eintreffen der ersten Ethanol-Moleküle in der Leber,
Eliminationscharakteristik des Ethanols ist in der be- wenige Minuten nach der Einnahme alkoholischer Ge-
grenzten NAD+-Menge zu sehen. tränke). Es wäre daher nicht ganz korrekt, den aufstei-
genden Teil der Blutalkoholkurve als reine Resorp-
! Unterhalb einer BAK von 0,15‰ verläuft die
tionsphase und den fallenden Kurvenzug als reine
Elimination nicht mehr gleichförmig linear,
Eliminationsphase zu bezeichnen. Man kann lediglich
sondern mehr oder weniger asymptotisch.
sagen, dass im steigenden Teil der Kurve die Resorp-
Daher dürfen Werte unter 0,15‰ nicht mehr
tion und im fallenden Teil die Elimination überwiegt.
als Ausgangspunkt für Rückrechnungen her-
Als reine Eliminationsphase wäre der Kurvenabschnitt
angezogen werden.
anzusehen, der nahezu geradlinig abfällt, da hier offen-
bar die Resorption abgeschlossen ist (postresorptive
Blutalkoholkurve Phase). Im Bereich des Maximums kann die Bilanz
Der in . Abb. 13.1 blau wiedergegebene Kurvenverlauf zwischen Zunahme und Abnahme der Blutalkohol-
(Bateman-Funktion) eignet sich gut zur Erläuterung konzentration ausgeglichen sein, was einen mehr oder
des antagonistischen Charakters von Invasion (Re- weniger horizontalen Verlauf der Blutalkoholkurve
sorption) und Elimination. Er gilt für die meisten verursacht (sog. Gréhant’sches Plateau).
Medikamente, deren Elimination nichtlinear ist, trifft Als weiterer Effekt ist der »Diffusionssturz« be-
aber auf die praktisch lineare Elimination des Alkohols kannt, der folgende Ursache hat: Bei sehr rascher Re-
nicht zu. sorption nach Aufnahme konzentrierter alkoholischer
Unter der Blutalkoholkurve versteht man die Dar- Getränke kommt es zunächst zur weitgehenden Anrei-
stellung des zeitlichen Verlaufs der Blutalkoholkon- cherung des Ethanols im Blut; die Diffusion in die Ge-
zentration. Die Resorptionsgeschwindigkeit des Etha- webe erfolgt nicht mit gleicher Geschwindigkeit. Nach
nols hängt von der Konzentration und damit von der dem Erreichen des Maximums der Blutalkoholkurve
Menge ab, während der Abbau im weiten Umfang diffundiert der Alkohol aus dem Blut ins Gewebe, was
linear erfolgt. Durch die Überlagerung beider Phäno- zunächst zu einem stärkerem Abfall der Blutalkohol-
mene entsteht die in . Abb. 13.1 grün wiedergegebene kurve (»Diffusionssturz«) führt. Erst dann kann sich
Blutalkoholkurve. Nach einer »Resorptionsphase« die gleichmäßige Elimination anschließen. Bei lang-
(P1), in deren Verlauf bereits eliminiert wird, beginnt samem Trinken (z.B. einiger Schnäpse während einer
die »Verteilungsphase« (P2), die erst nach dem Maxi- länger dauernden Mahlzeit) kann die Blutalkoholkur-
mum der Kurve abgeschlossen ist. In dieser Phase ver- ve auch ohne deutlich ausgeprägtes Maximum in den
teilt sich der aufgenommene Alkohol vom Hauptort abfallenden »postresorptiven Teil« übergehen.
der Resorption, dem oberen Dünndarm, gleichmäßig
auf das Blut. Allerdings kann es auch nach dem Maxi-
mum noch zu Nachresorptionen (z.B. von Alkohol- 13.1.5 Fragliche und tatsächliche
Einschlüssen im Nahrungsbrei) kommen. Einflussgrößen
Es folgt der Abschnitt, der hauptsächlich von der auf die Blutalkoholkonzentration
Elimination geprägt ist. Typisch ist der lineare Abfall
Die folgenden Themen spielen insbesondere im Rah-
men von sog. Schutzbehauptungen bei Gerichtsverfah-
ren häufig eine Rolle, spiegeln aber auch verbreitete
laienhafte Ansichten wider.

Ernüchterungsmittel bzw. »Promille-Killer«. Hierbei


ist zu unterscheiden zwischen Präparaten, die eine
Senkung der Blutalkoholkonzentration bewirken sol-
len, und solchen, die bei unveränderter Blutalkohol-
konzentration angeblich die Wirkung des Alkohols
vermindern. Es handelt sich um Kapseln, Pulver oder
Limonaden, die häufig als so genannte Nahrungser-
. Abb. 13.1 Blutalkoholkurve (grüner Kurvenzug) und gänzungsmittel lebensmittelrechtlich zugelassen sind
Bateman-Funktion (blauer Kurvenverlauf) und beispielsweise im Internet angeboten werden. Eine
166 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

forensisch relevante Wirkung ist bisher jedoch bei Blutalkoholkonzentration von 0,055‰ gemessen wer-
keinem dieser Produkte wissenschaftlich nachgewie- den. Nur bei extrem hohen Konzentrationen mit star-
sen worden. ker Reizwirkung auf Augen und Atmung lassen sich
BAK-Werte bis zu 0,2‰ erklären.
Alcopops. Weit verbreitet ist die Meinung, dass sog.
Alcopops keinen oder kaum Alkohol enthalten, da Schlaf und Restalkohol. Es besteht kein relevanter
man diesen häufig nicht schmeckt. Tatsächlich beträgt Unterschied zwischen der Abbaugeschwindigkeit des
der Alkoholgehalt üblicherweise 5–6 Vol.-% (in Aus- Alkohols im Schlaf- und Wachzustand.
nahmefällen mehr). Es wird lediglich der Eigenge- Ein häufig bei Gericht zu begutachtendes Phäno-
schmack des Alkohols durch Zusätze von beispiels- men ist der sog. Restalkohol. Geht man nach einem
weise Fruchtaromen (Limonaden) überdeckt. größeren Alkoholgenuss, der zu einer BAK von 2,5‰
führte, etwa um 01:00 Uhr zu Bett, so ist damit zu rech-
Entstehung von Alkohol durch Gärung im Körper. Die nen, dass morgens um 07:00 Uhr (beispielsweise bei
Entstehung nennenswerter Mengen von Alkohol durch der Fahrt zur Arbeitsstätte) immer noch eine wahr-
Gärung (z.B. von Erdbeeren im Magen oder Darm), scheinliche Blutalkoholkonzentration von 1,6‰ vor-
die zu einer messbaren Blutalkoholkonzentration füh- liegt (2,5‰ abzüglich 6 h × 0,15‰). Selbst bei einem
ren würde, ist auszuschließen. sehr hohen Abbau von 0,2‰ pro Stunde wäre immer
noch mit einer Mindestblutalkoholkonzentration um
Alkoholfreies Bier und Diätbier. Nach dem Lebens- 1,3‰ zu rechnen (2,5‰ abzüglich 6 h × 0,2‰).
mittelgesetz ist es erlaubt, Getränke bis zu einem Alko- Besonders verhängnisvoll kann es sich auswirken,
holgehalt von 0,5 Vol.-% als »alkoholfrei« zu bezeich- wenn ein erneuter Alkoholkonsum (z.B. Frühschop-
nen. Dieser Alkoholgehalt ist verkehrsmedizinisch pen) auf einen Restalkohol »aufgesetzt« wird, da dann
gesehen ebenfalls kaum relevant. So müsste etwa eine häufig hohe Blutalkoholkonzentrationen resultieren,
erwachsene männliche Person mit einem Körperge- die – subjektiv betrachtet – oftmals nicht als solche
wicht von 75 kg und normaler Konstitution mindes- erkennbar sind.
tens 26 g Ethanol trinken, um theoretisch (!) auf 0,5‰
zu kommen, und diese Menge wäre erst in etwa 6½ Li- Arbeit, Sport, Sauna, Dusche. Zahlreiche Untersu-
ter eines solchen Bieres enthalten. Zu warnen ist aller- chungen ergaben keine Anhaltspunkte dafür, dass für
dings vor der weit verbreiteten Auffassung, dass die Arbeit, Sport, Ruhe oder Schlaf, Schwitzen oder Kälte-
sog. Diätbiere keinen oder weniger Alkohol enthielten. behandlung verschiedene Rückrechnungswerte ange-
Geringer ist lediglich der Gehalt an Kohlenhydraten. wendet werden müssen.
Der Ethanolgehalt kann sogar über dem normaler Bie-
13 re liegen. Kaffee, Tee, Koffein. Kaffee, Tee und das darin ent-
haltene Koffein haben keinesfalls die »ernüchternden«
Klosterfrau Melissengeist. Dieses Destillat enthält Eigenschaften, die ihnen die Volksmeinung häufig zu-
79 Vol.-% Alkohol und ist in Flaschen im Handel, die schreibt. Zwar gelingt es oft, die durch Alkohol ver-
47, 95, 155, 235, 330, 475 oder 950 ml enthalten (Rote ursachte längere Reaktionszeit zu verkürzen, in vielen
Liste 2011). Der Konsum des Inhaltes einer 47-ml- Fällen verschlechtert sich jedoch die »Reaktionsquali-
Flasche könnte bei einer männlichen Person mit einem tät«, d.h. Versuchspersonen reagieren nach Koffein-
Körpergewicht von 80 kg und normaler Konstitution gabe zwar schneller als bei alleiniger Alkoholverabrei-
zu einer maximalen Blutalkoholkonzentration von chung, sie machen jedoch mehr Fehler.
etwa 0,6‰, der einer 330-ml-Flasche entsprechend zu
einem theoretischen maximalen Wert von etwa 3,7‰ Besonderheiten bei Zuckerkrankheit. Bei Diabe-
führen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass auch tikern mit schwersten Krankheitsbildern können im
bei Unkenntnis des Alkoholgehaltes die berauschende Präkoma oder Koma zwar hohe Acetonkonzentra-
Wirkung beim Genuss größerer Mengen subjektiv er- tionen im Blut auftreten, die spezifischen Methoden
kannt wird. zur Messung der Blutalkoholkonzentration (ADH und
insbesondere die Gaschromatographie) zeigen jedoch
Einatmen oder Einreiben von Ethanol bzw. anderen den wahren Wert der Blutalkoholkonzentration an. Bei
Mitteln. Selbst beim Einatmen von Ethanol-Dämp- schwereren Krankheitszuständen muss stets diskutiert
fen, deren Konzentration das 20- bis 50-fache der zu- werden, ob nicht bereits das Leiden allein eine Leis-
gelassenen MAK-Werte (Maximale Arbeitsplatz-Kon- tungsminderung bewirkt, die eine Teilnahme am Stra-
zentration) betrug, konnte lediglich eine maximale ßenverkehr verbietet.
13.1 · Forensische Alkohologie
167 13
Forensisch relevante Einflüsse auf den Verlauf der
Blutalkoholkurve. Wie die zahlreichen Beispiele ver-
deutlichen, gibt es keine Patentrezepte oder spezielle
Mittel zur Erniedrigung der Blutalkoholkonzentration.
Der Verlauf der Blutalkoholkurve wird praktisch nur
durch die Höhe der aufgenommenen Alkoholmenge,
das Körpergewicht, den Verteilungsfaktor (r), die
Trinkzeit und die Resorptionsverhältnisse gesteuert.
In beschränktem Umfang kann man die Resorption
jedoch beeinflussen, so dass u.U. forensisch relevante
Blutalkoholkonzentrationen nicht erreicht werden.
Die . Abb. 13.2 zeigt den Verlauf der Blutalkoholkurve
bei derselben Person nach Aufnahme gleich großer
Alkoholmengen in Abhängigkeit von Trinkzeit, Kon-
zentration und zusätzlicher Nahrungsaufnahme. Der
kurzzeitige Genuss der gesamten Alkoholmenge (obe-
res Diagramm) führt bei praktisch leerem Magen nach
einem raschen Anstieg der Blutalkoholkurve zu einem
Maximalwert, der sehr viel höher liegt als bei Aufnah-
me der gleichen Alkoholmenge im Rahmen einer um-
fangreichen Mahlzeit (mittleres Diagramm). Auf diese
Weise könnte die oft als Hausrezept kolportierte Dose
Ölsardinen tatsächlich im Einzelfall Einfluss auf den
Verlauf der Blutalkoholkurve haben. Aber auch andere
Nahrungsmittel können zum gleichen Effekt führen.
Verteilt man die Alkoholmenge innerhalb mehre-
rer Stunden auf Einzelportionen (unteres Diagramm),
so liegt die höchste erreichte Blutalkoholkonzentration
in jedem Falle sehr viel niedriger. Steht ausreichend
Zeit zur Verfügung, entspricht der Maximalwert sogar
dem einer Einzelportion.

13.1.6 Berechnung der Blutalkohol-


konzentration (BAK) . Abb. 13.2 Der Einfluss von Trinkgewohnheiten auf den
aus Trinkdaten Verlauf der Blutalkoholkurve
(Widmark-Formel)
oder durch Rückrechnung
möglich ist, da diesbezügliche Aussagen (etwa von
Es besteht grundsätzlich die Möglichkeit, eine Blut- Zeugen) oft sehr lückenhaft und divergent sind.
alkoholkonzentration rein rechnerisch abzuschätzen Grundlage für die Berechnung ist die Widmark-
anhand bekannter Alkoholkonzentrationen in dem Formel:
aufgenommenen Getränk (. Tab. 13.2). Dies ist bei-
spielsweise dann erforderlich, wenn keine Blutprobe A=c×p×r
entnommen werden konnte oder der zeitliche Abstand
zwischen Vorfall und Blutentnahme so groß ist, dass wobei A die im Organismus befindliche Alkoholmen-
die Alkoholbestimmung der Blutprobe kein verwert- ge in Gramm (mit Ausnahme der evtl. noch nicht
bares Ergebnis mehr lieferte. resorbierten Menge), c die Blutalkoholkonzentration
(in Gramm Ethanol pro kg Blut = Promille [‰]), p
Die näherungsweise BAK-Berechnung aus Trinkda- das Körpergewicht in kg und r den Reduktionsfaktor
ten. Man ist bei derartigen Berechnungen darauf an- oder Verteilungsfaktor bedeuten. r hängt hauptsäch-
gewiesen, den Trinkablauf möglichst genau zu rekons- lich von der körperlichen Konstitution ab. Personen
truieren, was in vielen Fällen nachträglich kaum mehr mit relativ hohem Fettgewebsanteil (Pykniker, kons-
168 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

titutionsmäßig auch die meisten Frauen) haben einen


relativ niedrigen r-Wert (etwa 0,6) und damit bei . Tab. 13.2 Alkoholgehalt von Getränken (Auswahl)
sonst gleichen Parametern in der Widmark-Formel
eine höhere Blutalkoholkonzentration, während ha- Getränkeart Vol.-% Alkohol-
gere Personen (Leptosome) u.U. einen r-Wert von 0,8 menge* (g/l)
oder sogar höher aufweisen können. Für eine männ-
»Alkoholfreies Bier« 0,5 4
liche Person »normaler Konstitution« bringt eine
Rechnung mit r = 0,7 meist experimentell gut zu be- Export- oder Pilsbier 5 40
stätigende Werte.
Die Widmark-Formel in der obigen Form kann Doppelbock 8 64
(näherungsweise) zur Berechnung der resorbierten Weißwein 9–13 72–104
Alkoholmenge dienen, wenn c, p und r bekannt sind.
Zum Alkoholgehalt wichtiger Getränke (Auswahl) Rotwein 10–14 80–112
siehe . Tab. 13.2
Nach Umformung zu Sekt 8–12 64–96

Likörweine 14–20 112–160


A
c=
p×r Korn 32 256

Kräuterliköre 35 280
kann man umgekehrt die Blutalkoholkonzentration
(BAK) berechnen, wenn A, p und r bekannt sind. Doppelkorn 38 304

Ç Fallbeispiel Weinbrand 36 288


Anwendung der Widmark-Formel
Wodka/Whisky 40 320
Trinkt ein Kind (10 kg Körpergewicht) 2 große
Esslöffel (Trinkvolumen 30 ml) einer ethanolhal- Obstbrände 40–60 320–480
tigen Tinktur mit 62 Vol.-% (entsprechend
62 Vol.-% × 8 = ca. 500 g Ethanol pro Liter), so lässt Inländerrum (Strohrum) 40–80 320–640
sich nach der Widmark-Formel folgende maximale
* Die Werte sind gemittelt, zahlreiche Ausnahmen
Blutethanolkonzentration errechnen (zum Um- sind möglich.
rechnungsfaktor 8 s.u.):

13 15 g Ethanol
= 2,1‰ (g Ethanol pro kg Blut)
10 kg KG × 0,7 Der Alkoholgehalt in Vol.-% ist auf dem Etikett der
Flasche deklariert. Umrechnung:
Bei einer erwachsenen männlichen Person mit 4 Vol.-% × 8 = Gramm Alkohol pro Liter
einem Körpergewicht von 70 kg würden dagegen 4 Beispiel: 40 Vol.-% × 8 = 320 g Alkohol pro Liter
nur etwa 0,3‰ (g Ethanol pro kg Blut) erreicht. Das
Beispiel zeigt deutlich, dass auch kleinere Ethanol- Der Alkoholgehalt ausgewählter Getränke in Vol.-%
mengen für Kinder gefährlich sein können. und in g/l kann . Tab. 13.2 entnommen werden.

Die Rückrechnung vom Entnahmewert auf die Tat-


Um einigermaßen realitätsbezogene Werte zu erhal- zeitkonzentration. Die in der Blutprobe gemessene
ten, müssen weitere wichtige Größen (unterschiedliche Alkoholkonzentration bezieht sich auf den Zeitpunkt
Resorptionsdefizite und Abbauwerte) berücksichtigt der Blutentnahme. Liegt zwischen der zu einem spä-
werden. Die Zusammenhänge lassen sich anhand von teren Zeitpunkt erfolgten Blutentnahme und einer zu
praktischen Rechenbeispielen besonders anschaulich beurteilenden Situation (z.B. Unfall) ein zeitliches In-
darlegen. tervall, so muss zu der in der Blutprobe festgestellten
Ethanolkonzentration ein Wert hinzugerechnet wer-
! Die Rückrechnung auf der Basis einer analy- den, der der Elimination des Ethanols in dieser Zeit
tisch exakt ermittelten Blutalkoholkonzentra- entspricht. Voraussetzung ist allerdings, dass der Zeit-
tion liefert in der Regel zuverlässigere Werte als punkt, auf den zurückgerechnet wird, nicht in der Re-
die Berechnung aus Angaben zum Trinkverlauf. sorptionsphase lag.
13.1 · Forensische Alkohologie
169 13
! Der gesicherte Mindestrückrechnungswert scher Überlegungen in Verbindung mit zahlreichen
beträgt pro Stunde 0,1‰, der mögliche Trinkversuchen (Auswertung von 1486 Blutalkohol-
Höchstwert 0,2–0,3‰. Der wahrscheinliche kurven), dass die maximale Blutalkoholkonzentration,
Wert ist mit etwa 0,15‰ anzusetzen; er liegt berechnet nach der Formel
beim Alkoholiker jedoch meist etwas darüber.
BAKmax = BAK(Blutprobe) + t × 0,20‰ + 0,20‰
Bei der Rückrechnung von Mindestwerten kann ein
besonderes Problem auftreten, das in . Abb. 13.3 ver- in mehr als 99% der Fälle eine Benachteiligung (im
deutlicht wird. Während die Rückrechnung vom Wert Sinne fälschlich zugrunde gelegter zu niedriger
der Blutentnahme (BE) auf den Vorfallszeitpunkt 2 Maximalkonzentration) ausschließt, wobei t die Zeit
(VF2) statthaft und ohne weitere Schwierigkeiten auch in Stunden zwischen Vorfall und Blutentnahme
möglich ist, da dieser Zeitpunkt bereits im geradli- bedeutet.
nigen Teil der Blutalkoholkurve liegt (die Resorption In . Abb. 13.4 sind die einzelnen Möglichkeiten
also bereits weitestgehend abgeschlossen ist), würde der Rückrechnung graphisch dargestellt: Ausgehend
die lineare Rückrechnung auf einen in der Resorpti- vom Wert der Blutentnahme (BE) führt die Rückrech-
onsphase liegenden Vorfallszeitpunkt 1 (VF1) einen zu nung auf den Vorfallszeitpunkt (VF) mit einem extrem
hohen Wert ergeben und den einer Verkehrsstraftat niedrigen Wert von 0,1‰/h zum Mindestwert (»min«),
Verdächtigen benachteiligen. Voraussetzung für eine der in der Regel für die Beurteilung der Verkehrs-
korrekte Rückrechnung ist daher, dass die Resorpti- tüchtigkeit am günstigsten ist. Bei Rückrechnung mit
onsphase zum Zeitpunkt des Vorfalls abgeschlossen 0,2‰/h ergibt sich ein Maximalwert (»max 2«), der
war. Somit kann für die Berechnung einer Blut- nach dem Verfahren von Zink und Reinhardt noch um
alkoholkonzentration der Rekonstruktion des Trink- den Zuschlag 0,2‰ zu erhöhen wäre (»max 1«) und
Endes (z.B. im Rahmen einer Hauptverhandlung vor der Beurteilung der Schuldfähigkeit zum Vorfallzeit-
Gericht) größere Bedeutung zukommen als der Er- punkt (VF) zugrunde gelegt werden kann. Der wahr-
mittlung des tatsächlichen Vorfallszeitpunkts, da nach scheinlichste Wert (»wahrsch.«) ist dagegen im Mittel-
BGH St 25, 246 lediglich auf den Zeitpunkt des siche- feld zu suchen.
ren Resorptionsendes (maximal 120 min nach Trink- Die Differenz zwischen Mindest- und Maximal-
Ende) zurückgerechnet werden darf. wert wird mit zunehmendem zeitlichem Abstand der
Während der Minimalwert 0,1‰/h weitgehend Blutentnahme vom Vorfallzeitpunkt größer, was häu-
unumstritten ist, werden hinsichtlich des maximalen fig zu wenig realitätsbezogenen Werten führt.
Rückrechnungswertes, der bei der Beurteilung der Schließlich erhebt sich die Frage, ab welcher Alko-
Schuldfähigkeit (strafrechtlichen Verantwortlichkeit) holkonzentration der Blutprobe (Entnahmewert) eine
zugrunde zu legen ist, unterschiedliche Auffassungen Rückrechnung überhaupt zulässig ist. Im Allgemei-
vertreten. Häufig wird ein Wert von 0,2‰/h ange- nen wird die Rückrechnung von einem Blutentnahme-
wandt. Zink und Reinhardt fanden aufgrund statisti- wert von 0,15‰ mit einem Rückrechnungswert von

. Abb. 13.3 Die unterschiedlichen Resorptionsverhält- . Abb. 13.4 Die unterschiedlichen Rückrechnungsmög-
nisse lichkeiten
170 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

0,1‰/h für unbedenklich gehalten, wenn der Aus- A 104 g


c= = = 2,29‰ – 0,75‰ = 1,54‰
gangswert mit einem alkoholspezifischen Verfahren p×r 65 kg × 0,7
(7 Abschn. 13.1.8) bestimmt wurde.
Berechnung des Mindestwertes: Hier ist es für den
Ç Fallbeispiel Angeklagten günstig, wenn möglichst wenig Alko-
Berechnung der Blutalkoholkonzentration hol resorbiert wurde. Unter der Annahme eines
Ein Angeklagter mit einem Körpergewicht von 65 kg hohen Resorptionsdefizits von 30% (d.h. nur 70%
(r = 0,7) gibt an, von 16:00–20:00 Uhr 6 Gläser Bier der Gesamtmenge von 116 g Alkohol, also etwa
(5 Vol-% × 8 = 40 g/l) zu je 0,4 l und 4 Gläser Korn 81 g, wären resorbiert worden) ergibt sich zunächst
(32 Vol.-% × 8 = 256 g/l) zu je 2 cl (entsprechend eine Blutalkoholkonzentration von etwa 1,78‰.
0,02 l) getrunken zu haben. Welche Blutalkoholkon- Weiterhin ist es für die Berechnung eines Mindest-
zentration kann zum Unfallzeitpunkt 23:30 Uhr als wertes und damit meist auch für die Beurteilung der
Maximalwert, Mindestwert und als wahrscheinlicher Verkehrstüchtigkeit günstig, wenn man davon aus-
Wert vorgelegen haben? geht, dass von Trinkbeginn an möglichst viel Alkohol
abgebaut wurde. Nimmt man im vorliegenden Fall
Rechnung an, dass in der gesamten Zeit zwischen Trinkbeginn
Zunächst kann man berechnen, welche theoretische (16:00 Uhr) und Vorfall (23:30 Uhr) pro Stunde 0,2‰
maximale Blutalkoholkonzentration durch den in abgebaut wurden, so wäre vom Wert 1,78‰ für
den angegebenen Getränken enthaltenen Alkohol 7,5 h Abbau eine Konzentration von 7,5 × 0,2‰ =
verursacht werden kann. 6 Gläser Bier zu je 0,4 l 1,50‰ in Abzug zu bringen, so dass sich für den Vor-
enthalten etwa 96 g Alkohol (2,4 Liter x 40 g/l) und fallszeitpunkt 23:30 Uhr ein (allerdings wenig realis-
4 Gläser Korn zu je 2 cl enthalten etwa 20 g Alkohol tischer) Mindestwert von 1,78‰ minus 1,50‰ =
(4 × 0,02 Liter = 0,08 Liter × 256 g/l = etwa 20 g). Es 0,28‰ errechnen lässt.
ergibt sich demnach eine Gesamtalkoholmenge von
116 g. Diese kann bei einer Person mit dem Reduk- A 81 g
c= = = 1,78‰ – 1,5‰ = 0,28‰
tionsfaktor r = 0,7 und 65 kg Körpergewicht eine p×r 65 kg × 0,7
theoretische maximale Blutalkoholkonzentration
von
Berechnung des wahrscheinlichen Wertes: Bei
A 116 g dieser Berechnungsart sollen so weit wie möglich
c= = = 2,55‰
p×r 65 kg × 0,7 die tatsächlichen physiologischen Bedingungen in
die Rechnung eingebracht werden, so etwa ein
13 verursachen. Resorptionsdefizit von 20% und ein stündlicher
Berechnung des Maximalwertes: Zunächst ist unter Rückrechnungswert von 0,15‰. Die Rechnung
der Annahme, dass sich ein möglichst hoher Wert sieht dann folgendermaßen aus: 80% des Gesamt-
günstig (z.B. auf die Beurteilung der strafrechtlichen alkohols sind 0,8 × 116 g = etwa 93 g. Diese Menge
Verantwortlichkeit) auswirkt, davon auszugehen, kann eine BAK von etwa 2,04‰ verursachen. Von
dass fast sämtlicher Alkohol resorbiert wurde, das diesem Wert ist noch der wahrscheinliche Abbau
von der BGH-Rechtsprechung geforderte Mindest- von 7,5 × 0,15‰ = 1,13‰ abzuziehen, so dass
Resorptionsdefizit also lediglich 10% betrug. Dies sich eine wahrscheinliche Blutalkoholkonzentra-
entspricht einer Alkoholmenge von 116 g × 0,9 = tion von 2,04‰ minus 1,13‰ = 0,91‰, errechnen
etwa 104 g. Weiterhin ist es günstig, von Trinkbeginn lässt.
an einen möglichst niedrigen stündlichen Rück-
rechnungswert von 0,1‰ zugrunde zu legen. Trink- A 93 g
c= = = 2,04‰ – 1,13‰ = 0,91‰
beginn soll um 16:00 Uhr gewesen sein, der Vorfall p×r 65 kg × 0,7
um 23:30 Uhr. In dieser Zeit (7,5 h) sind mindestens
7,5 × 0,1‰ = 0,75‰ abgebaut worden, die vom Es ergeben sich somit für das Fallbeispiel folgende
Maximalwert abzuziehen sind. Für den Vorfallszeit- aus Falldaten theoretisch berechenbare BAK-Werte
punkt 23:30Uhr ergibt sich somit ein nicht mit als Tatzeitkonzentrationen:
Sicherheit ausschließbarer Maximalwert der Blut- 4 maximal: 1,54‰
alkoholkonzentration von 2,29‰ minus 0,75‰ = 4 minimal: 0,28‰
etwa 1,54‰. 4 wahrscheinlich: 0,91‰.
6
13.1 · Forensische Alkohologie
171 13
Das Beispiel zeigt, wie bei einer Berechnung vorzugehen
wäre, wenn man nach dem Grundsatz »in dubio pro
reo« (Im Zweifel für den Angeklagten) die für einen Be-
schuldigten günstigsten Möglichkeiten (niedriger Wert
bei der Beurteilung der Verkehrstüchtigkeit, möglichst
hoher Wert bei der Begutachtung der strafrechtlichen
Verantwortlichkeit) unterstellt und die bei der Berech-
nung zu beachtenden Variablen so wählt, dass sich je-
weils der gewünschte Extremwert ergibt. Tatsächlich
dürften aber bei einem Trinkversuch mit einer größeren
Anzahl von Versuchspersonen, die den im Beispiel ge-
schilderten Fall nachvollziehen, nur wenige Testperso-
nen oder gar keine die errechneten Extremwerte zeigen.
Der weitaus größte Teil der Versuchsteilnehmer hätte
eine Blutalkoholkonzentration im Bereich des wahr-
scheinlichen Wertes (um 0,9‰), wobei die Verteilung
große Ähnlichkeit mit einer Gauß-Glockenkurve hätte: . Abb. 13.5 Verlauf der Blutalkoholkurve bei Nachtrunk
Je weiter man sich vom wahrscheinlichen Wert entfernt,
umso geringer wäre die Wahrscheinlichkeit einer
solchen Blutalkoholkonzentration. Die Extremwerte Berücksichtigung des Nachtrunkes in jedem Fall zu
haben also eher hypothetischen Charakter, sind aber in einer höheren Blutalkoholkonzentration (Tatzeitkon-
foro mit letzter Sicherheit nicht auszuschließen. zentration) führt als sie tatsächlich vorhanden war. Bei
linearer Rückrechnung würden sich die Rückrech-
nungskonzentrationen R1, R2 und R3 + 4 ergeben.
13.1.7 Nachtrunk und Von diesen zu hohen Werten, die für die Beurteilung
Doppelblutentnahme beispielsweise der Verkehrstüchtigkeit ungünstig sind,
ist also ein Anteil abzuziehen, der den Nachtrunk be-
Ein Nachtrunk, d.h. der Genuss alkoholischer Ge- rücksichtigt. Um einen für die Beurteilung der Ver-
tränke nach einem rechtserheblichen Ereignis (bei- kehrstüchtigkeit in der Regel günstigsten Mindestwert
spielsweise einem Verkehrsunfall mit anschließender zu ermitteln, zieht man vom ohne Nachtrunk ermit-
Flucht) spielt in der forensischen Gutachterpraxis eine telten Mindestwert den mit Hilfe der Widmark-Formel
große Rolle. Nach einem feuchtfröhlichen Abend (Vor- berechneten Maximalwert des Nachtrunkes ab.
trunk) kommt es zu einem Unfall. Der Fahrer kann An dieser Stelle soll kurz auf die sog. Doppelblut-
flüchten und präsentiert der erst später eintreffenden entnahme eingegangen werden: Würde man im vor-
Polizei eine kurz vorher entleerte Flasche mit der Be- liegenden Fall (. Abb. 13.5) kurz nach dem Nachtrunk
merkung, er habe diese erst nach der Rückkehr in seiner innerhalb der Resorptionsphase zwei Blutproben (1.
Wohnung ausgetrunken (Nachtrunk). und 2. BE) in einem zeitlichen Abstand von beispiels-
Die . Abb. 13.5 soll die wichtigsten Zusammen- weise 20 min entnehmen und analysieren, so wäre da-
hänge verdeutlichen: Vor einem Unfall (VF) habe Al- mit zu rechnen, dass die Alkoholkonzentration der
koholkonsum stattgefunden, die Resorption war zum ersten Blutprobe (1. BE) kleiner ist als die der zweiten
Vorfallszeitpunkt praktisch abgeschlossen, was sich in (2. BE). Dies könnte man als deutlichen Hinweis auf
weitgehend linearem Verlauf der Blutalkoholkurve einen Nachtrunk interpretieren, ebenso wie den Fall,
(postresorptive Phase) ausdrückt. Einige Zeit nach dass beide Blutentnahmen etwa gleiche Werte
dem Vorfall (VF) sei ein Nachtrunk (NT) erfolgt, der aufweisen. Letzteres würde dafür sprechen, dass die
anschließend zu einem erneuten Anstieg der Blutalko- Doppelblutentnahme im Bereich des Maximums der
holkonzentration führte. Auf den Eliminations-Ast der (Nachtrunks-)Blutalkoholkurve erfolgt ist. Bei Ent-
ersten Blutalkoholkurve wurde somit quasi eine neue nahme der beiden Blutproben längere Zeit nach dem
Blutalkoholkurve »aufgepfropft«. Zu verschiedenen Nachtrunk in der sog. postresorptiven Phase ergibt
Zeiten nach dem Nachtrunk wurden Blutentnahmen sich für die Blutalkoholkurve mit oder ohne Nach-
(1. bis 4. BE) durchgeführt, deren Aussagefähigkeit trunk ein weitgehend identischer Verlauf, dadurch
nachfolgend diskutiert werden soll: charakterisiert, dass die zeitlich früher entnommene
Zunächst ist festzuhalten, dass eine Rückrechnung Blutprobe (3. BE) eine höhere Konzentration aufweist
auf den Vorfallszeitpunkt VF (7 Abschn. 13.1.6) ohne als die später (4. BE) gewonnene. Der letztere Befund
172 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

ist somit nicht geeignet, einen Nachtrunk auszuschlie- liche Anforderungen hinsichtlich der Genauigkeit der
ßen, er stützt ihn allerdings auch nicht. Auch im Be- Messergebnisse bestehen. Für die klinische Einschät-
reich des Kurvenmaximums spricht ein gemessener zung des Grades einer Alkoholvergiftung bedarf es
Abfall der Blutalkoholkurve keinesfalls gegen einen keiner Blutalkoholbestimmung, die zwei Stellen hinter
Nachtrunk: Ein Diffusionssturz könnte den »fallenden dem Komma berücksichtigt, wie dies bei der Messung
Charakter« verursacht haben. Eine Doppelblutentnah- für forensische Zwecke gefordert wird. Grundsätzlich
me ist nur dann aussagekräftig, wenn zwischen dem ist aber auch in der Klinik damit zu rechnen, dass
Ende des Nachtrunks und der 1. Blutentnahme ein Messergebnisse forensisch relevant werden können,
Zeitintervall <1 Stunde liegt und sie sollte als flankie- d.h. in Gerichtsverfahren verwertet werden. Dies be-
rendes Beweismittel im Rahmen einer Gesamtbewer- trifft beispielsweise Arbeitsunfälle. In diesem Zu-
tung des Falles unter Einbeziehung anderer Kriterien sammenhang ist häufig die Frage nach der Validität
(z.B. Ausfallerscheinungen anlässlich der Sistierung einer Blutalkoholbestimmung zu beantworten, der
und Blutentnahme, Veränderung des Zustandsbildes lediglich ein Messwert mit einem enzymatischen Ver-
im zeitlichen Verlauf) herangezogen werden. fahren zugrunde liegt. Da in vielen klinisch-che-
Wegen der eingeschränkten Aussagefähigkeit der mischen Untersuchungsstellen keine Möglichkeit zur
Doppelblutentnahme stellt die Begleitstoffanalyse Blutalkoholbestimmung für forensische Zwecke, d.h.
(7 Abschn. 13.1.8) inzwischen eine meist validere nach den strengen Richtlinien des früheren Bundes-
Grundlage für die Begutachtung von Nachtrunkanga- gesundheitsamtes (jetzt Bundesinstitut für Arznei-
ben dar. mittel und Medizinprodukte) besteht, sollte eine ge-
sonderte Blutprobe mit einer hierzu geeigneten Venüle
entnommen und fest verschlossen im Kühlschrank
13.1.8 Analytik bei etwa +4 °C (keinesfalls aber tiefgefroren) gelagert
werden.
Blutentnahme und Bestimmung
der Blutalkoholkonzentration (BAK) ! Nach den Vorschriften des früheren Bundes-
gesundheitsamtes muss die Bestimmung der
Die sich an die Blutentnahme anschließende Bestim-
Blutalkoholkonzentration (BAK) nach zwei
mung der Blutalkoholkonzentration (BAK) muss ins-
unabhängigen Methoden bzw. zugelassenen
besondere im forensischen Bereich mit den tiefgrei-
Varianten erfolgen. Es ist ein Mittelwert aus
fenden strafrechtlichen Konsequenzen (. Tab. 13.4)
4 Einzelwerten (pro Methode 2 Werte) zu
höchsten Anforderungen an die Genauigkeit und Spe-
bilden, die eine bestimmte Variationsbreite
zifität genügen, die auch vom Gesetzgeber und der
nicht überschreiten dürfen.
Gesellschaft für Toxikologische und Forensische Che-
13 mie (GTFCh) gefordert werden. Folgende Verfahren sind zugelassen:
4 Methode nach Widmark: Dieses Verfahren be-
Blutentnahme. Die Blutentnahme muss durch einen nutzt das Reduktionsvermögen des Ethanols ge-
Arzt nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgen. genüber gelbem Chromat (Cr6+) in Schwefelsäure,
Rechtsgrundlage ist der § 81a StPO. Sie ist vom Pro- das zu grünem Cr3+ reagiert. Messtechnische
banden zu dulden und kann (im Gegensatz zur Atem- Grundlage ist eine isotherme Mikrodestillation
alkoholprobe) erforderlichenfalls von der Polizei mit mit anschließender fotometrischer oder titrimet-
körperlicher Gewalt durchgesetzt werden. Beim Le- rischer Bestimmung. Das bereits 1922 von Wid-
benden sollte die Entnahme aus der Kubitalvene (El- mark entwickelte Verfahren ist künftig nicht mehr
lenbeuge), bei der Leiche dagegen aus der Femoralvene vorgesehen und zugelassen.
(Oberschenkel) erfolgen. Dieser magenferne Entnah- 4 ADH-Verfahren: Die enzymatische Ethanolbe-
meort stellt sicher, dass während einer längeren Liege- stimmung verläuft analog der Biotransformation
zeit der Leiche kein Alkohol aus dem Magen zum Ent- des Alkohols in der Leber. Alkoholdehydrogenase
nahmeort der Blutprobe diffundieren und hier den katalysiert die Oxidation von Ethanol zu Acetal-
Alkoholgehalt verändern kann, was beispielsweise bei dehyd bei gleichzeitiger Reduktion von Nico-
Herzblut beobachtet wurde. tinamidadenindinucleotid (NAD+) zu NADH, das
anhand seines Wellenlängenmaximums bei
Analysenverfahren zur BAK-Bestimmung. Grund- 340 nm fotometrisch gemessen wird.
sätzlich muss zwischen der Alkoholbestimmung für 4 Die gaschromatographische Methode in der
klinische und der für forensische Zwecke differenziert Head-Space-Variante: Bei diesem Verfahren wird
werden, da je nach Fragestellung höchst unterschied- nicht die Blutprobe selbst, sondern der Dampf-
13.1 · Forensische Alkohologie
173 13
raum darüber untersucht und im Gaschromato- alkoholischen Getränken. Die toxikokinetische Basis
graphen in die Einzelkomponenten (Alkohole und für Methanol als Alkoholismusmarker ist die Beobach-
andere flüchtige Substanzen) aufgetrennt. Die zeit- tung, dass die Methanolkonzentration im Blut im We-
liche Abfolge der Signale im Gaschromatogramm sentlichen erst bei Blutethanolkonzentrationen unter-
ist charakteristisch für die Art der Substanz, wäh- halb von etwa 0,2‰ abzusinken beginnt. Dies bedeutet
rend die Höhe des Signals der Menge bzw. Kon- wiederum, dass bei Personen, die über längere Zeiträu-
zentration entspricht. me Blutalkoholkonzentrationen oberhalb dieses Be-
reichs aufweisen, mit einer Kumulation von Methanol
Spezifität der Verfahren. Die gaschromatographische zu rechnen ist. Inzwischen wird eine Entscheidungs-
Blutalkoholbestimmung ist die spezifischste aller er- grenze von 10 mg Methanol pro Liter Blut vorgeschla-
wähnten Methoden. Während das Widmark-Verfah- gen. Werte darüber deuten auf chronischen Alkohol-
ren auf alle flüchtigen und leicht oxidierbaren Subs- konsum hin, falls keine methanolreichen Getränke
tanzen anspricht, und auch die ADH-Methode noch (z.B. einige Obstbranntweine) konsumiert wurden.
durch andere Alkohole (z.B. Isopropylalkohol aus Kos- Derartige Rückschlüsse sollen jedoch nicht isoliert er-
metika) gestört werden kann, wird bei einwandfrei folgen. Vielmehr müssen weitere Beurteilungskriterien
durchgeführter gaschromatographischer Alkoholbe- herangezogen werden, z.B. der ärztliche Untersu-
stimmung selbst bei faulen Blutproben mit Sicherheit chungsbericht anlässlich der Blutentnahme (unauf-
nur Ethanol erfasst. fälliges Verhalten trotz hoher Blutalkoholkonzentra-
tion).
Begleitstoffanalyse
Die Messung der Ethanolkonzentration im Blut lässt γ-GT und MCV. Als weitere sog. Alkoholismusmarker
lediglich Rückschlüsse auf die Menge des konsumier- dienen die γ-GT (Gamma-GT = Gamma-Glutamyl-
ten Alkohols zu. Viele alkoholische Getränke enthalten transferase) und das MCV (mittleres korpuläres Ery-
jedoch außer Ethanol noch andere flüchtige Substan- throzytenvolumen). Häufig werden das Auftreten von
zen (z.B. Methanol, 1-Propanol, iso-Butanol, 1-Buta- Aceton und iso-Propanol als Indikator für alkohol-
nol und 2-Butanol), die im Rahmen der Begleitstoff- induzierte Stoffwechselstörungen angesehen, die al-
analyse gaschromatographisch ebenfalls nachgewiesen lerdings auch andere Entstehungsursachen haben
und quantifiziert werden können. Da die Begleitstoff- können.
profile der meisten Getränkesorten bekannt sind oder In diesem Zusammenhang spielt außerdem das
mit Vergleichsproben ermittelt werden können, ist es CDT (Carbohydrate Deficient Transferrin) eine wich-
möglich, Aussagen über die Art und Menge der aufge- tige Rolle. CDT ist eine Variante des Transferrins. Bei
nommenen Getränke zu machen. Die Begleitstoffana- längerem Alkoholkonsum (meist täglichen Mengen
lyse hat sich inzwischen als Methode zur Überprüfung über 60 Gramm Ethanol über mehrere Wochen hin-
von Nachtrunkbehauptungen etabliert und die weg) treten Strukturänderungen der Transferrinmole-
Doppelblutentnahme in den Hintergrund gedrängt. küle auf, die in Form des CDT messbar sind. Die dia-
gnostische Spezifität und Sensitivität von CDT werden
Alkoholkonsummarker als relativ hoch bezeichnet.
Alkohol wird relativ rasch aus dem Organismus elimi-
niert und auch ein Mensch mit Alkoholproblemen ist Bedeutung von Ethylglucuronid (EtG) und Fettsäure-
häufig noch in der Lage, beispielsweise zu einer Unter- ethylestern (FSEE ). Ethylglucuronid und Fettsäure-
suchung nüchtern zu erscheinen. Von Interesse sind ethylester sind ausschließlich aus Ethanol gebildete
daher Indikatoren, die im Nüchternzustand Aussagen nicht flüchtige Stoffwechselprodukte, die daher auch
über die Alkoholgewöhnung und andere evtl. damit in in die Haare eingelagert werden und somit eine länger-
Zusammenhang stehende Probleme ermöglichen. fristige Abstinenzkontrolle gestatten. Ein Nachweis
Solche Fragen stellen sich beispielsweise in Verbin- von EtG bzw. FSEE im Blut und Harn beweist eine
dung mit der Überwachung einer Therapie oder Beur- Alkoholaufnahme selbst dann, wenn kein Alkohol
teilung der Fahreignung durch die Zulassungsbehörde mehr in diesen Körperflüssigkeiten feststellbar ist. Das
im Rahmen der Medizinisch-Psychologischen-Unter- diagnostische Zeitfenster hängt von der konsumierten
suchung (MPU). Alkoholmenge ab und wird mit bis zu 18 h im Serum
und 36 h im Harn angegeben.
Methanol. Erhöhte Methanolkonzentrationen im Zur Orientierung hinsichtlich der Aussagekraft
Blut werden als Hinweis auf chronischen Alkoholkon- der einzelnen Indikatoren kann eine von Iffland und
sum angesehen. Methanol befindet sich in fast allen Grassnack publizierte Übersicht dienen (. Tab. 13.3).
174 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

anzeiger, grundloses Betätigen von Fernlicht


. Tab. 13.3 Alkoholismusmarker (modifiziert nach und Hupsignalen)
Iffland und Grassnack) 5 Fahrzeugmängel und Fahrzeugzustand (z.B.
auffälliges Design)
Indikator (Marker) Hinweis 5 Verhalten der Insassen während der Fahrt (z.B.
Werfen von Drogen oder Drogenutensilien aus
Blutalkohol- Akuter Alkoholkonsum
konzentration (BAK)
dem Fahrzeug)
5 Beobachtungen beim Anhalten (Reagieren auf
CDT Mehrwöchiger massiver optische und akustische Zeichen)
Alkoholkonsum 4 Phase 2: Kontakt mit dem Fahrer:
γ–GT Langfristiger (chronischer)
5 insbesondere die Reaktion des Fahrers auf die
Alkoholkonsum Anhalteaufforderung
5 Auffälligkeiten beim Fahrer und den In-
Methanol Alkoholkonsum ohne sassen
Nüchternphase 5 Verhalten des Fahrers und der Insassen
Aceton u. iso-Propanol Alkoholinduzierte Stoff- 5 Aussteigen aus dem Fahrzeug, Gang
wechselstörungen 5 verdächtige Utensilien
4 Phase 3: Sistierung, Tests, ärztliche Untersu-
Ethylglucuronid (EtG) Länger zurückliegender chung, Probennahme: Im »Protokoll und An-
Alkoholkonsum*
trag zur Feststellung von Alkohol im Blut bzw.
Fettsäureethylester Länger zurückliegender von Drogen/Medikamenten im Blut und Harn«
(FSEE) Alkoholkonsum* (Teil B. »Ärztlicher Untersuchungsbericht«) wer-
den wichtige Beobachtungen und Befunde pro-
* z.B. außerhalb des diagnostischen Fensters der
tokolliert, die sich allerdings auf den Zeitpunkt
Blut- und Urinalkoholbestimmung (insbesondere
der Blutentnahme(n) beziehen und nicht un-
zur effektiveren Abstinenzkontrolle)
bedingt das Zustandsbild des Probanden zum
Vorfallszeitpunkt wiedergeben (Cave! – Nach-
trunk).
13.1.9 Verdachtsgewinnung 5 Nach einer Befragung zu Narkose, Blutverlust,
und Beweissicherung Schock und Erbrechen werden insbesondere
Angaben zur Fremdstoffeinnahme (Medika-
Substanzbezogene Vortests (Alkohol, Drogenvortests) mente/Drogen) sowie zu Krankheiten und Ver-
13 werden meist erst aufgrund eines konkreten Verdachts letzungen protokolliert. Es folgt der eigentliche
durchgeführt und dienen der Beweissicherung. Als Untersuchungsbefund mit zahlreichen Proben,
besonders effektiv hat sich ein Schulungsprogramm Beobachtungen und Tests, z.B.:
»Drogenerkennung im Straßenverkehr« der Bundes- – Schriftprobe
anstalt für Straßenwesen (BAST) erwiesen. Darin wer- – Gangproben (inkl. plötzlicher Kehrtwen-
den folgende Erkennungsstrategien für Alkohol- und dung nach vorherigem Gehen)
Drogenbeeinflussung beschrieben, die sich auf fol- – Pupillengröße und -reaktion,
gende Situationen bzw. Merkmale beziehen: – Drehnystagmus (in 10 Sekunden 5-mal mit
4 Phase 1: Fahrzeug im fließenden Verkehr: offenen Augen um die Körperlängsachse
5 Fahrweise (z.B. Schlangenlinien, Missachtung Drehen, danach Fixieren des in ca. 30 cm
von Verkehrsampeln, Orientierung an der Fahr- vorgehaltenen Zeigefingers: Werte über ca.
bahnmitte, Befahren der Mittellinie, unan- 6 Sekunden sind auffällig)
gepasste Geschwindigkeit, Missachtung der – Romberg-Test (Prüfung des Schwankens
Vorfahrt von anderen Verkehrsteilnehmern, of- beim Stehen mit geschlossenen Augen, ge-
fensichtliches Benutzen von Umwegen und ge- schlossen stehenden Füßen und vorgehal-
sperrten Straßen, zu dichtes Auffahren, grund- tenen Armen)
loses Anhalten, abruptes Bremsen und Beschleu- – Finger-Finger- und Nasen-Finger-Probe
nigen), insbesondere aber Unfälle aufgrund – Beurteilt werden weiterhin Sprache, Bewusst-
obiger Fahrweise bzw. Fahrfehler sein, Denkablauf, Verhalten, Stimmung,
5 Fahrzeugbedienung (Fahren ohne Licht, keine Vortäuschung von Trunkenheitssymptomen
oder fehlerhafte Betätigung der Fahrtrichtungs- sowie der Gesamteindruck
13.1 · Forensische Alkohologie
175 13
Seit einigen Jahren werden diese Beobachtungen durch 5 eingeschränkte Hell-Dunkel-Adaption (opti-
einen polizeilichen »Bericht zu auffälligen Merkma- sche Blackouts)
len insbesondere z.B. Alkohol und Drogen« ergänzt. 5 Erhöhte Blendempfindlichkeit (insbesondere
Dieser ist zeitlich meist näher am Vorfallzeitpunkt, da bei nasser Fahrbahn und im Dunkeln)
er in der Regel bereits die Beobachtungen der Polizei 5 Beeinträchtigungen der Sehschärfe (z.B. bereits
anlässlich der Sistierung enthält. bei 0,4–0,7‰ um etwa 15% und zwischen 0,8
Auffälligkeiten hinsichtlich der genannten Beob- und 1,1‰ um 25–30% verminderte Sehschärfe
achtungsphasen sind geeignet, einen Verdacht auf in die Ferne)
Drogen- und/oder Medikamentenbeeinflussung zu 5 Beeinträchtigungen des Tiefensehens (z.B. zwi-
begründen. Dabei sind allerdings zahlreiche Ausfälle schen 0,6 und 1,2‰ richtige Endeinstellung,
abzugrenzen, die nicht auf Alkohol- und Drogenwir- aber doppelte Zeit und zwischen 0,8 und 1,1‰
kungen zurückgehen, sondern aufgrund von Krank- um knapp die Hälfte der Nüchternleistung ver-
heiten, Schlafmangel und anderen fremdstoffun- mindert)
abhängigen Einschränkungen ausgelöst sein können. 5 Eingeschränkte Wahrnehmung für rotes Licht
Hierzu gehören beispielsweise Leistungseinbußen bei (z.B. von Verkehrsampeln und Bremsleuchten)
Gang (Behinderungen) und Sprache (Sprachfehler, 5 Orientierungsverlust (z.B. beim Kurvenfahren).
Stottern). Treten diese auch im nüchternen Zustand
! In der Resorptionsphase treten alkoholbe-
auf (z.B. bei einer erneuten polizeilichen Vernehmung
dingte Fahrfehler häufiger und stärker auf
oder anlässlich der Hauptverhandlung bei Gericht),
als bei vergleichbaren Werten in der post-
können sie nicht mehr als Beweisanzeichen für eine
resorptiven Phase (Eliminationsphase).
Fremdstoffbeeinflussung dienen.
Die Alkoholwirkung (psychophysische Leistungsfä-
higkeit) kann nicht nur interindividuell, hauptsächlich
13.1.10 Toxikodynamik des Alkohols durch die erworbene Alkoholgewöhnung (Toleranz)
bedingt, sondern auch intraindividuell z.B. durch Er-
Hierbei ist vor allem zwischen verkehrsmedizinisch müdung, Stress, Erkrankungen, Medikamente, Hang-
und klinisch-toxikologisch bedeutsamen Wirkungen over (»Kater«) unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
zu unterscheiden.
Klinisch-toxikologische Relevanz
Verkehrsmedizinische Relevanz Wegen seiner großen Verbreitung und leichten Verfüg-
Zahlreiche verkehrsmedizinisch bedeutsame Ausfälle barkeit spielt der Alkohol in der klinisch-toxikolo-
und Leistungseinbußen sind bereits beschrieben und gischen Praxis eine große Rolle. Im Rahmen letaler
in . Tab. 13.1 dargestellt. Untersuchungen zeigen, dass Monointoxikationen werden häufig Werte über 3,5‰
das Verkehrsunfallrisiko bei 0,6‰ bereits verdoppelt festgestellt. Allerdings werden wesentlich höhere Kon-
und bei 1,5‰ sogar 25-mal höher als beim Nüchternen zentrationen überlebt. Eine große Rolle spielen bei-
ist. spielsweise die allgemeine körperliche Verfassung und
Nach Alkohol- und Drogenkonsum treten vor (Vor-)Erkrankungen, daneben aber auch äußere Fak-
allem folgende Störungen auf, die auch häufige Ur- toren wie etwa die Umgebungstemperatur. Der Tod
sachen für Fahrfehler sind: tritt häufig erst nach Stunden durch Atemlähmung
5 alkoholbedingte Enthemmung und gesteigerte bzw. zunehmende Hirnschwellung (Ödem) ein.
Risikobereitschaft (dadurch häufig überhöhte Zur häufigen Interaktionen zwischen Alkohol und
Geschwindigkeit, Imponiergehabe und rück- anderen Fremdstoffen siehe 7 Abschn. 13.2).
sichtsloses Verhalten)
5 Störung der distributiven Aufmerksamkeit
(mehrere Aufgaben können nicht gleichzeitig 13.1.11 Forensische Aspekte
bewältigt werden, z.B. Bedienen des Radios zur Beurteilung
oder Aufheben einer heruntergefallenen Ziga- der Fahrtüchtigkeit
rette während des Fahrens) (Fahrsicherheit)
5 Verlängerung der Reaktionszeit (z.B. Auffahr-
unfälle oder zu spätes Erkennen von Gefahren- Vom Führer eines Kraftfahrzeugs wird grundsätzlich
situationen) die Fahreignung (Fahrtauglichkeit) gefordert, die bei-
5 Einschränkung des Gesichtsfelds (»Tunnel- spielsweise bei bestimmten körperlichen, geistigen
blick«) oder charakterlichen Mängeln nicht gegeben sein
176 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

. Tab. 13.4 Grenzwerte für Kraftfahrer (Zusammenstellung: B.A.D.S. Stand 2011)

BAK Erläuterungen

0,0‰ Fahrern oder Fahrerinnen, die sich noch in der Probezeit gem. § 2 a Abs. 1 StVG befinden, oder das 21. Le-
bensjahr noch nicht vollendet haben, ist es untersagt, als Führer eines Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr
alkoholische Getränke zu sich zu nehmen oder die Fahrt anzutreten, obwohl sie noch unter der Wirkung
eines solchen Getränks stehen. Werte bis 0,2‰ werden jedoch toleriert (s. Anmerkung zu § 24c StVG)

≥ 0,3‰ Werden bei einem/einer Kraftfahrzeugführer/in während der Fahrt Ausfallerscheinungen bemerkt oder
und verursacht er/sie eine gefährliche Verkehrssituation oder gar einen Unfall und wird zum Vorfallszeit-
< 1,1‰ punkt eine BAK von 0,3‰ oder mehr festgestellt, dann ist nach ständiger Rechtsprechung die Möglich-
keit in Betracht zu ziehen, dass der Alkohol (eine) der Ursachen für diese relative Fahruntüchtigkeit
gewesen ist. Kann dies nachgewiesen werden, dann kommt, je nachdem, ob der Vorfall folgenlos ge-
blieben ist oder zu einer konkreten Gefahr oder gar zu einem Unfall geführt hat, eine Verurteilung
wegen Trunkenheit im Verkehr (§ 316 StGB) oder wegen Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c Abs. 1
Nr. 1a StGB) in Betracht.

≥ 0,5‰ Wer als Kraftfahrer/-in mit einer BAK von 0,5‰ oder mehr oder mit einer Atemalkoholkonzentration von
und 0,25 mg/l oder mehr angetroffen wird, wird wegen einer Ordnungswidrigkeit nach § 24a Abs. 1 StVG
< 1,1‰ verfolgt, selbst wenn es zu keinerlei alkoholbedingten Ausfallerscheinungen gekommen ist. Die so
genannten Gefahrengrenzwerte von 0,5‰ BAK bzw. 0,25 mg/l AAK sind seit dem 01.04.2001 an die
Stelle der früheren »0,8‰-Grenze« getreten.

≥ 1,1‰ Ab einem BAK-Wert von 1,1‰ beginnt nach ständiger Rechtsprechung der Bereich der absoluten Fahr-
untüchtigkeit. Wer als Kraftfahrer/-in so viel oder mehr Alkohol im Blut hat, gilt allein deswegen und
ohne dass der Beweis des Gegenteils möglich wäre, als unfähig, am motorisierten Straßenverkehr teilzu-
nehmen und macht sich wegen Trunkenheit im Verkehr (§ 316 StGB) oder – wenn ein Unfall passiert oder
beinahe passiert wäre – wegen Gefährdung des Straßenverkehrs (§ 315c Abs. 1 Nr. 1a StGB) strafbar.

≥ 1,6‰ Ab einem BAK-Wert von 1,6‰ liegt bei Radfahrern absolute Fahruntüchtigkeit vor.

kann. Die einer fehlenden Fahreignung zugrunde lie- tion von »nur« 0,3‰ strafbar machen, falls es des-
13 genden Einschränkungen beziehen sich in der Regel wegen zu einem Unfall kommt. Andererseits ist aber
auf einen längeren Zeitabschnitt. bei deutlich höheren BAK-Werten zwischen 0,5 und
Bezogen auf eine konkrete Verkehrssituation ist 1,09‰ lediglich ein Bußgeldtatbestand erfüllt, falls
generell zwischen der Fahrfähigkeit (Fahrfertigkeit) sonst keine Ausfallerscheinungen vorliegen.
und der Fahrtüchtigkeit (Fahrsicherheit) zu unter- Zum Nachweis der absoluten Fahruntüchtigkeit
scheiden. Fahrfähig ist schlechthin auch ein erheblich genügt eine BAK von 1,1‰ oder darüber, bzw. eine
alkoholisierter Kraftfahrer, der sein Fahrzeug noch be- Alkoholmenge im Körper, die auch später zu einer
wegen kann. Fahrtüchtig ist er aber nur dann, wenn er BAK von mindestens 1,1‰ führte.
situations- und zeitbezogen in der Lage ist, psycho- Für den Nachweis der relativen Fahruntüchtigkeit
physisch den hohen Anforderungen des modernen werden dagegen zusätzliche Beweisanzeichen gefor-
Straßenverkehrs zu genügen. dert, wie etwa alkoholtypische Fahrfehler (z.B. Schlan-
In der Bundesrepublik Deutschland existieren für genlinien, Auffahrunfall, Abkommen von der Fahr-
Kraftfahrer die in . Tab. 13.4 genannten Grenzwerte. bahn im Kurvenbereich), alkoholtypische Ausfaller-
Weiterhin: Ab einem BAK-Wert von 1,6‰ oder scheinungen (z.B. lallende Sprache und schwankender
einer AAK von 0,8 mg/l oder mehr ist zur Wieder- Gang) oder Fahren unter erschwerten Bedingungen
erlangung der Fahrerlaubnis eine erfolgreiche medizi- (z.B. mangelnde Alkoholgewöhnung, Müdigkeit, Re-
nisch-psychologische Untersuchung (MPU) erforder- sorptionsphase, Dunkelheit, Krankheit).
lich (§ 13 Nr. 3c FeV).
Die umfangreichen Vorschriften wirken auf den ! Grundsätzlich gilt: Je höher die verlangte
Laien oft verwirrend. Auf der einen Seite kann er sich Leistung zur Tatzeit ist, umso eher tritt unter
beispielsweise bereits ab einer Blutalkoholkonzentra- 6
13.1 · Forensische Alkohologie
177 13
Alkoholeinfluss Versagen auf. Außerdem sind Während Ordnungswidrigkeiten üblicherweise mit
zum Nachweis der relativen Fahruntüchtig- einer Geldbuße und/oder einem befristeten Fahrver-
keit die Anforderungen an die Qualität der bot geahndet werden, sind bei Straftaten nach dem
Beweisanzeichen umso höher, je niedriger Strafgesetzbuch (StGB) schärfere Sanktionen vorgese-
die festgestellte BAK im Bereich zwischen hen. So regelt § 316 StGB den Straftatbestand der
0,3 und 1,09‰ ist. Trunkenheit im Verkehr.

Grenzwerte für absolute Fahruntüchtigkeit nach dem § 316 StGB [Trunkenheit im Verkehr]
Konsum von Drogen und anderen berauschenden (1) Wer im Verkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge des
Mitteln (z.B. Medikamenten) existieren derzeit nicht. Genusses alkoholischer Getränke oder anderer berauschender
Diese Problematik wird im Abschnitt Forensische To- Mittel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen, wird
xikologie (7 Abschn. 13.2) bei der Behandlung der mit Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr oder mit Geldstrafe bestraft ….
Drogen und Medikamente eingehender erörtert.
Wichtig sind folgende Rechtsvorschriften: § 24a Kommt es bei der Trunkenheitsfahrt zu einer Gefähr-
Straßenverkehrsgesetz (StVG), wonach das Führen dung des Straßenverkehrs, so ist der Straftatbestand
eines Kraftfahrzeuges im Straßenverkehr unter dem des § 315c StGB zu prüfen.
Einfluss von Alkohol und andern berauschenden Mit-
teln eine Ordnungswidrigkeit ist: § 315c StGB [Gefährdung des Straßenverkehrs]
(1) Wer im Straßenverkehr
§ 24a StVG [Ordnungswidrigkeiten wegen Genusses 1. ein Fahrzeug führt, obwohl er
von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln] (a) infolge des Genusses alkoholischer Getränke oder anderer
(1) Ordnungswidrig handelt, wer im Straßenverkehr ein Kraft- berauschender Mittel oder
fahrzeug führt, obwohl er 0,25 mg/l oder mehr Alkohol in der (b) infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der
Atemluft oder 0,5 Promille oder mehr Alkohol im Blut oder Lage ist, das Fahrzeug
eine Alkoholmenge im Körper hat, die zu einer solchen Atem- sicher zu führen
oder Blutalkoholkonzentration führt. ... und dadurch Leib oder Leben eines anderen oder fremde
(2) Ordnungswidrig handelt, wer unter der Wirkung eines in der Sachen von bedeutendem Wert gefährdet, wird mit Freiheits-
Anlage zu dieser Vorschrift genannten berauschenden Mittels strafe bis zu 5 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft…
im Straßenverkehr ein Kraftfahrzeug führt. Eine solche Wirkung
liegt vor, wenn eine in dieser Anlage* genannte Substanz im ! Unter »anderen berauschenden Mitteln« ver-
Blut nachgewiesen wird. Satz 1 gilt nicht, wenn die Substanz steht man außer Drogen auch Arzneistoffe
aus der bestimmungsgemäßen Einnahme eines für einen kon- oder andere Substanzen mit psychotroper
kreten Krankheitsfall verschriebenen Arzneimittels herrührt … Wirkung, die mit Alkohol vergleichbar ist.
(* Auf diese Anlage wird im 7 Abschn. 13.2 eingegangen)

§ 24c StVG regelt das Alkoholverbot für Fahranfänge- 13.1.12 Beurteilung der strafrecht-
rinnen und Fahranfänger. lichen Verantwortlichkeit

§ 24c StVG [Alkoholverbot für Fahranfänger Bei Delikten unter Alkohol und Drogen spielt neben
und Fahranfängerinnen] der Verkehrstüchtigkeit häufig auch die Schuldfähig-
(1) Ordnungswidrig handelt, wer in der Probezeit nach keit eine wichtige Rolle (z.B. bei Unfallflucht und Wi-
§ 2a Abs. 1 StVG oder vor Vollendung des 21. Lebensjahres als derstandshandlungen; 7 Kap. 18).
Führer eines Kraftfahrzeugs im Straßenverkehr alkoholische Während bei Verkehrsdelikten durch den Gesetz-
Getränke zu sich nimmt oder die Fahrt antritt, obwohl er unter geber eindeutige Grenzwerte (0,3, 0,5 bzw. 1,1‰) de-
der Wirkung eines solchen Getränks steht … finiert werden konnten, ist dies bei der Beurteilung der
strafrechtlichen Verantwortlichkeit in dieser Klarheit
! Das Verbot des § 24c StVG bezieht sich nur nicht möglich. Hauptursache dafür ist die unterschied-
auf alkoholische Getränke und nicht auf liche Gewöhnung an Alkohol (Toleranz). So können
Lebensmittel und Medikamente, die Alkohol Alkoholungewöhnte bereits bei BAK-Werten deutlich
enthalten. Aus analytischen Gründen (z.B. unter 2‰ schwerste Ausfallerscheinungen zeigen,
Messunsicherheit, Spuren von Alkohol in während bei chronischem Missbrauch großer Alkohol-
Lebensmitteln) wird allerdings erst ab 0,2‰ mengen selbst BAK-Werte über 3‰ ohne größere Auf-
von einer Alkoholaufnahme ausgegangen. fälligkeiten toleriert werden.
178 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Hauptgrundlage der Begutachtung sollte daher das tungen (Intoxikationen). Sie ist ein interdisziplinäres
konkrete psychophysische Erscheinungs- und Leis- Fachgebiet, das meist der Pharmakologie angegliedert
tungsbild vor, während und nach der Tat sein. ist. Die Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT)
legt ihren Schwerpunkt auf klinische Aspekte. Eine
wichtige Rolle spielen dabei die Giftinformations-
13.1.13 Alkohol, Drogen zentren (GIZ). Innerhalb der Gesellschaft für Toxiko-
und Medikamente logische und Forensische Chemie (GTFCh) beschäftigt
sich insbesondere der Arbeitskreis Klinische Toxiko-
Mit der zunehmenden Verbreitung von Drogen und logie mit der Analytik und Bewertung von Intoxika-
Medikamenten ist häufig auch ihre Wechselwirkung tionen.
(Interaktion) mit Alkohol zu beurteilen. Die Forensische Toxikologie ist die Lehre von den
Giftstoffen (Drogen, Medikamenten und anderen
Toxikokinetische Interaktion Fremdstoffen) sowie deren Nachweis und Wirkung im
Unter einer toxikokinetischen Interaktion würde man menschlichen Körper im Zusammenhang mit einem
den Einfluss eines Fremdstoffes (z.B. eines Medika- rechtserheblichen Hintergrund. Daher ist sie ein zen-
mentes) auf die Kinetik des Alkohols, also den Verlauf trales Arbeitsfeld der Rechtsmedizin. Einsatzgebiete
der Blutalkoholkurve, verstehen. In Internetforen wird sind vor allem die Untersuchung von Vergiftungen bei
beispielsweise kolportiert, dass die H2-Rezeptorblo- Lebenden, Todesfällen (Leichentoxikologie) sowie
cker Cimetidin und Ranitidin einen starken Anstieg Drogen- und Medikamentenmissbrauch.
der BAK verursachen könnten. Untersuchungen erga- Weitere Teilgebiete der Toxikologie sind die Nah-
ben jedoch, dass keine forensisch relevante Beeinflus- rungsmitteltoxikologie, Gewerbetoxikologie, Umwelt-
sung vorliegt. Lediglich bei BAK-Werten unter 0,5‰ toxikologie und Strahlentoxikologie.
kann eine Erhöhung um maximal 0,02‰ auftreten.
! Abgesehen von alkoholhaltigen Zubereitun-
13.2.1 Informationen
gen (z.B. Melissengeist) ist kein Medikament
und Grundlagen
bekannt, das nach therapeutischer Dosie-
rung Alkohol im Organismus erzeugt, vor-
Bei der Frage nach der Giftigkeit (Toxizität) eines Stof-
täuscht, maskiert oder die zur BAK-Bestim-
fes sind in der Regel dessen Menge bzw. Konzentration
mung herangezogenen Analysenverfahren in
von Bedeutung. Manche Substanzen wirken in thera-
ihrer Richtigkeit, Präzision oder Zuverlässig-
peutischen Dosen günstig auf den Organismus, sind
keit beeinträchtigt.
aber in höheren Konzentrationen toxisch. Grundsätz-
13 lich gilt nach Paracelsus (1493–1541):
Toxikodynamische Interaktion
Alkohol ist ein häufiger Interaktionspartner bei Misch- »All Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift;
intoxikationen, meist unter Beteiligung anderer zen- allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist.«
tral wirksamer Fremdstoffe (z.B. Medikamenten und
Drogen). Dabei kann die Wechselwirkung additiv (Ge- Die Vergiftung (Intoxikation) ist ein pathophysiolo-
samtwirkung entspricht der Summe der Einzelwir- gischer Zustand, der als Folge der Aufnahme von toxi-
kungen) oder überadditiv bzw. potenziert (Gesamtwir- schen Substanzen (Giften) in den Körper auftritt und
kung ist größer als die Summe der Einzelwirkungen) akut oder chronisch bedingt sein kann. Das Krank-
ausgeprägt sein. Im Rahmen einer Interaktion kann es heitsbild wird Toxikose (griechisch τοξίκωση) genannt.
neben einer Verstärkung auch zu einer Veränderung Vergiftungen mit mehreren Stoffen bezeichnet man als
des Wirkprofils (u.a. sogar paradoxen Reaktionen) Misch- oder Polyintoxikationen.
kommen. Eine Beurteilung muss im jeweiligen Einzel-
fall erfolgen. Häufigkeit von Vergiftungen und Art der Gifte. Man
schätzt, dass in der Bundesrepublik Deutschland
(BRD) jährlich etwa 150.000–200.000 Vergiftungsfälle,
13.2 Forensische Toxikologie meist als Notfälle, in die Krankenhäuser eingeliefert
werden. Die Patienten müssen häufig auf bloßen Ver-
Die Allgemeine Toxikologie (altgriechisch τοξικολογία, dacht hin mit teilweise invasiven Methoden sympto-
toxikologia – die Giftkunde) befasst sich im weitesten matisch behandelt werden, da in den meisten Fällen
Umfang mit den Giftstoffen (Toxinen) und Vergif- keine Möglichkeit zur raschen Durchführung toxiko-
13.2 · Forensische Toxikologie
179 13

. Tab. 13.5 Verteilung der wichtigsten Intoxikationen im Kindes- und Erwachsenenalter

Vergiftungen im Kindesalter Vergiftungen im Erwachsenenalter

27,1% humane Arzneimittel 59,8% humane Arzneimittel

17,7% Pflanzen 8,5% Reinigungs-, Putz- und Pflegemittel

13,4% Reinigungs-, Putz- und Pflegemittel 3,1% Pflanzen

8,2% Kosmetika 1,5% Kosmetika

logischer Analysen besteht. Diese sind jedoch unver- zeit. Darunter versteht man das Zeitintervall, in dem
zichtbar, da bei etwa einem Viertel aller Vergiftungen eine Konzentration im Blut oder Plasma auf die Hälfte
nicht das zunächst vermutete, sondern ein ganz anderes des Ausgangswertes abgesunken ist. Dieses kann sehr
und oft auch zusätzliches Gift aufgenommen wurde. unterschiedlich sein und z.B. bei GHB (Liquid Ecstasy)
Aus einem aktuellen Bericht des Giftinforma- wenige Minuten, bei Stoffwechselprodukten des Diaze-
tionszentrums (GIZ) der Länder Rheinland-Pfalz und pam dagegen fast 300 Stunden betragen. Nikotin wird
Hessen geht hervor, dass Erwachsene und Kinder bei einer Eliminationshalbwertszeit von 30–90 Minu-
bei einer Letalitätsrate von etwa 0,2% (aufgrund ten ebenfalls relativ rasch ausgeschieden, ansonsten
anderer Statistiken etwa 1,5%) praktisch gleich betei- wäre Kettenrauchen tödlich. Die Halbwertszeiten der
ligt sind. Als Vergiftungsumstände werden versehent- Elimination sind darüber hinaus auch stark abhängig
liche (65%), suizidale (22%), durch Suchtverhalten be- von anderen Parametern (z.B. dem Lebensalter sowie
dingte (5,2%), gewerbliche (2,5%) und unerwünschte Vorschädigungen der Eliminationsorgane Leber und
Arzneimittel(neben)wirkungen (1,8%) genannt. Inter- Nieren) und können dann die genannten Werte deut-
essant ist jedoch die unterschiedliche Verteilung lich überschreiten. Es besteht dann auch bei bestim-
der Vergiftungsursachen auf Kinder und Erwachsene mungsgemäßer Einnahme die Gefahr der Kumulation.
(. Tab. 13.5). Andererseits kann aber durch Enzyminduktion, bei-
spielsweise nach langfristigem Gebrauch von Medika-
! In Deutschland liegt die Zahl der Vergif-
menten (Barbituraten u.a.), die Biotransformation be-
tungen in der Größenordnung der Herz-
schleunigt werden.
infarkte. Häufig wird bei Vergiftungen auf
eine toxikologische Analyse verzichtet und ! Wesentliche Vergiftungserscheinungen sind
lediglich symptomatisch behandelt. Dies in der Regel nach 2–3 Eliminationshalbwerts-
wäre vergleichbar der Behandlung eines zeiten abgeklungen. Eine Ausnahme bilden
Herzinfarktes ohne klinisch-chemische Diag- allerdings Fremdstoffe mit irreversiblem Wir-
nostik oder einer Knochenfraktur ohne Rönt- kungsmechanismus.
genaufnahme.
Einen wesentlichen Einfluss auf die Toxizität eines
Stoffes hat weiterhin die Biotransformation (Metabo-
lisierung). Deren Hauptziel ist die Verbesserung der
13.2.2 Wichtige pharmako- bzw. Ausscheidung aus dem Körper. Man unterscheidet
toxikokinetische Parameter dabei Phase-I-Reaktionen (Funktionalisierung) und
Phase-II-Reaktionen (Hydrophilisierung). Die Reak-
Der Verlauf und die Schwere einer Vergiftung werden tionsprodukte dieser Reaktionen bezeichnet man als
im Wesentlichen durch pharmako- bzw. toxikokineti- Metaboliten eines Arzneistoffes. Dabei muss aber nicht
sche Parameter bestimmt. Dazu zählen neben der Auf- immer eine Entgiftung erfolgen (. Tab. 13.6).
nahmedosis (Giftmenge) hauptsächlich die Bioverfüg- Wenn ein Blutspiegel nur langsam abklingt ist stets
barkeit (u.a. abhängig von der galenischen Zuberei- ein enterohepatischer Kreislauf in Betracht zu ziehen,
tung), die Verteilung (Leber, Nieren und Gehirn sind bei dem sich im Blut vorhandene Fremdstoffe (z.B.
beispielsweise besser durchblutet als Fettgewebe), das Morphin) beim Passieren der Leber in der Galle anrei-
Verteilungsvolumen, die Clearance und die Elimina- chern, die in den Darm abgesondert wird. Von dort
tion. Besonders relevant ist die Eliminationshalbwerts- können Substanzen wieder in den Blutkreislauf rückre-
180 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Die Punkte werden für jede Rubrik einzeln vergeben


. Tab. 13.6 Beispiele zur Bedeutung der Biotransfor- und anschließend addiert. Die maximale Punktzahl
mation ist 15 (volles Bewusstsein), die minimale 3 Punkte (Tod
oder tiefes Koma). Bei 8 oder weniger Punkten ist von
Muttersubstanz Stoffwechselprodukt einer sehr schweren Funktionsstörung des Gehirns
(Metabolit) auszugehen und es besteht die Gefahr von lebensbe-
Diazepam (wirksam) Oxazepam (ebenfalls
drohlichen Atmungsstörungen, so dass bei einem GCS
wirksam) kleiner oder gleich 8 eine Sicherung der Atemwege
durch endotracheale Intubation erwogen werden muss.
Procain (wirksam) p-Aminobenzoesäure Die Glasgow Coma Scale ist auch Bestandteil anderer
(unwirksam) Scoring-Systeme, zum Beispiel des Mainz Emergency
Parathion (unwirksam) Paraoxon (wirksam) Evaluation Score oder des APACHE II Scores.

13.2.4 Symptome und -syndrome


sorbiert werden und so unter Umständen mehrfach
und damit recht lange zirkulieren. Vergiftungen sind oft durch mehr oder weniger charak-
Bei Vergiftungen helfen somit Kenntnisse der To- teristische Symptome gekennzeichnet. Diese können
xikokinetik des Giftstoffes, die Folgen der Vergiftung jedoch bei Giftstoffen mit fehlender Initialsymptoma-
sowie die Notwendigkeit und den Sinn einer Therapie tik (z.B. Paracetamol u.a.) im Anfangsstadium völlig
abzuschätzen. fehlen, während sie bei anderen Giftstoffen bereits un-
mittelbar nach der Verabreichung auftreten (z.B. Koh-
lenmonoxid u.a.). Beispiele für Symptome bei Intoxi-
13.2.3 Einteilung von Vergiftungen kationen nennt . Tab. 13.8.
Zahlreiche weitere Symptome beziehen sich auf
Die Schweregradeinteilung von Vergiftungen erfolgt den Gastrointestinaltrakt, die Nieren und Harnwege,
nach dem Poisoning Severity Score (PSS; . Tab. 13.7). die Haut und Schleimhäute, den Stoffwechsel sowie
Die ebenfalls verbreitete Glasgow Coma Scale den Elektrolyt- und Wärmeaushalt. Ausführliche Be-
(GCS) stellt eine einfache Skala zur Abschätzung einer schreibung und Zusammenfassung siehe in: Peters FT,
Bewusstseinsstörung dar (. Tab. 5.10). Sie wird häufig Mall G (2009) Klinische Symptomatik bei Vergiftungs-
in der Intensivmedizin zur Beurteilung einer Schädel- verdacht. Rechtsmedizin 4: 247-256.
Hirn-Verletzung eingesetzt, es lassen sich damit jedoch Vergiftungen sind häufig durch mehrere simultan in
13 auch allgemeine Bewusstseinsstörungen quantifizieren. Erscheinung tretende Symptome, d.h. einen Symptome-
Dieses inzwischen weit verbreitete Bewertungsschema nkomplex gekennzeichnet, der auch Toxidrom genannt
zur Beschreibung der Bewusstseinslage benutzt 3 Kate- wird. Können mehrere Symptome einem Toxidrom zu-
gorien, denen jeweils Punkte zugeteilt werden: geordnet werden, dann erhöht sich die Sicherheit einer
4 Augenöffnung Verdachtsdiagnose beträchtlich (. Tab. 13.9).
4 Verbale Kommunikation Weiterhin lassen sich aus einigen klinisch-chemi-
4 Motorische (Bewegungs-)Reaktion schen Parametern Hinweise auf bestimmte Gifte bzw.

. Tab. 13.7 Einteilung der Schweregrade von Vergiftungen nach dem Poisoning Severity Score (PSS)

Score Einstufung Symptomatik

PSS 0 Keine Asymptomatischer Verlauf, keine Symptome

PSS 1 Leicht Leichte, passagere und spontan sistierende Symptomatik

PSS 2 Mittelschwer Deutliche oder protrahierte Symptomatik

PSS 3 Schwer Schwere oder lebensbedrohliche Symptomatik

PSS 4 Fatal Tödlicher Verlauf bzw. tödlicher Ausgang der Vergiftung


13.2 · Forensische Toxikologie
181 13

. Tab. 13.8 Beispiele für Symptome bei Intoxikationen (Auswahl aus: Peters FT, Mall G (2009) Klinische Symptomatik
bei Vergiftungsverdacht. Rechtsmedizin 19: 247-256)

Symptome Mögliche Ursachen (Auswahl)

Zentrales Nervensystem (ZNS)

Somnolenz bis Koma Alkohol, Barbiturate, Benzodiazepine, β-Rezeptorenblocker, Butyrophenone, Kalzium-


kanalblocker, Chloralhydrat, Kohlenmonoxid, GHB, Opiate, Opioide, Organophosphate,
Phenothiazine, trizyklische Antidepressiva, Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon

Agitation, Unruhe Amphetamine, Atropin, Scopolamin, Kokain, Lithium, Phenothiazine, Salicylate, selektiv
Desorientiertheit wirkende Serotonin-Reuptake-Inhibitoren, trizyklische Antidepressiva, Theophyllin

Euphorie Alkohol, Amphetamine, Cannabinoide, Kokain, Opiate, Opioide

Halluzinationen Amphetamine, Atropin, Scopolamin, LSD, Psilocin, trizyklische Antidepressiva

Motorisches System

Krampfanfälle Amphetamine, β-Rezeptorenblocker, Butyrophenone, Kalziumkanalblocker, Kohlen-


monoxid, Kokain, Zyanid, Ethylenglykol, nichtsteroidale Antirheumatika, Organophosphate,
Phenothiazine, selektiv wirkende Serotonin-Reuptake-Inhibitoren, trizyklische Antidepres-
siva, Theophyllin

Ataxie, Dysarthrie Alkohol, Barbiturate, Benzodiazepine, Phenothiazine, Zaleplon, Zolpidem und Zopiclon

Muskelzucken Lithium, Organophosphate, selektiv wirkende Serotonin-Reuptake- Inhibitoren, trizyklische


Antidepressiva

Tremor Amphetamine, Butyrophenone, Kokain, Insulin/Glinide/Sulfonyl-Harnstoffe, Lithium,


Organophosphate, Phenothiazine, selektiv wirkende Serotonin-Reuptake-Inhibitoren

Respiratorisches System

Zentrale Atem- Alkohol, Barbiturate, Opiate, Opioide, Phenothiazine, trizyklische Antidepressiva


depression

Erhöhte Bronchial- Organophosphate


sekretion

Dyspnoe, Atemnot Kohlenmonoxid, Zyanid

Hyperventilation, Kokain, Ethylenglykol, Methanol, Salicylate


Hyperpnoe, Tachypnoe

Lungenödem Barbiturate, Kohlenmonoxid, Paraquat, Salicylate, Reizgase

Kardiovaskuläres System

Sinusbradykardie Amiodaron, β-Rezeptorenblocker, Clonidin, Kalziumkanalblocker, Digitalis, Opiate, Opioide,


Organophosphate

Sinustachykardie Trizyklische Antidepressiva, Amphetamine, Atropin, Scopolamin, Butyrophenone, Kalzium-


kanalblocker, Kokain, H1-Antihistaminika, L-Thyroxin, nichtsteroidale Antirheumatika, Organo-
phosphate, Phenothiazine, selektiv wirkende Serotonin-Reuptake-Inhibitoren, Theophyllin

Vorhoftachykardie, Digitalis, Klasse-I-Antiarrhythmika, L-Thyroxin, trizyklische Antidepressiva


-flattern u. -flimmern

Kammertachykardie, Kokain, Zyanid, Digitalis, H1-Antihistaminika, Klasse-I-Antiarrhythmika, Phenothiazine,


-flattern u. -flimmern, trizyklische Antidepressiva
Extrasystolen
6
182 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

. Tab. 13.8 (Fortsetzung)

Symptome Mögliche Ursachen (Auswahl)

Pectanginöse Kohlenmonoxid, Kokain, Zyanid


Beschwerden

Hypertension Amphetamine, Kokain, Organophosphate

Hypotension, Kreis- Alkohol, Amiodaron, Amphetamin, ACE-Hemmer, Barbiturate, Benzodiazepine, β-Rezep-


laufschock torenblocker, Butyrophenone, Kalziumkanalblocker, H1-Antihistaminika, Klasse-I-Anti-
arrhythmika, nichtsteroidale Antirheumatika, Opiate, Opioide, Phenothiazine, trizyklische
Antidepressiva, Theophyllin

. Tab. 13.9 Wichtige Toxidrome (Auswahl aus: Peters FT, Mall G (2009) Klinische Symptomatik bei Vergiftungsver-
dacht. Rechtsmedizin 19: 247-256)

Toxidrom Symptome Auswahl verursachender Substanzen

Opiatsyndrom oder Somnolenz bis Koma, Miosis, Zyanose, Opiate und Opioide (z.B. Morphin, Heroin,
Narkotisches Syndrom Atemdepression Oxycodon, Methadon, Fentanyl)

Anticholinerges Somnolenz bis Koma, Halluzinationen, Anticholinerg wirksame Substanzen


Syndrom Mydriasis, Sehstörungen, Tachykardie, (z.B. Atropin, Scopolamin, Dihenhydramin,
trockene Haut und Schleimhäute, Doxylamin, trizyklische Antidepressiva,
Hyperthermie, Harnverhalt, reduzierte atropin-/scopolaminhaltige Pflanzen
Magen-Darm-Motilität, Durst, Schluck- und (z.B. Engelstrompete, Tollkirsche, Stechapfel,
Atembeschwerden Bilsenkraut)

M-cholinerges Miosis, Bradykardie, Stuhl- und Harn- Acetylcholinesterasehemmer (z.B. Organo-


Syndrom abgang, Erbrechen, erhöhter Tränen- phosphate), Muscarin (z.B. aus Risspilzen)
und Speichelfluss

13 N-cholinerges Tachykardie, Hypertonie, fibrilläre Acetylcholinesterasehemmer (z.B. Organo-


Syndrom Zuckungen, Paralyse phosphate)

(Nor)adrenerges oder Erregung, Euphorie, Angst, Verwirrtheit, Sympathomimetika (z.B. Amphetamin,


sympatho-mime- Tremor, Krampfanfälle, Hypertonie, Tachy- Kokain)
tisches Syndrom kardie, Hyperthermie, Schwitzen

Serotonin-Syndrom Agitiertheit, Verwirrtheit, Hyperthermie, Serotonerg wirksame Substanzen (beson-


Myoklonien, Tremor, Hyperreflexie ders in Kombination), z.B. selektiv wirkende
Serotonin-Reuptake-Inhibitoren, Mono-
aminooxidasehemmer, MDMA (Ecstasy)

Wirkstoffgruppen gewinnen. Eine Azidose wird häufig Neben diesen primär fachspezifischen Symptomen
nach Vergiftungen mit Ethylenglykol, Methanol, Salicy- und Syndromen gibt es auffällige Situationen bzw.
laten und Zyaniden beobachtet, während eine Hypo- Warnsignale, die auch für den Laien erkennbar sind
glykämie einen Verdacht auf Insulin, orale Antidiabe- und sachdienliche Hinweise geben können.
tika sowie Ethanol lenken kann. Veränderungen des Die Möglichkeit einer Vergiftung sollte stets in Be-
Hämoglobins sind bei Vergiftungen mit Kohlenmono- tracht gezogen werden bei:
xid, Zyaniden und Methämoglobinämiebildnern (z.B. 4 unerwarteten Todesfällen junger, bis dahin gesun-
Nitrit, Nitrat, Anilinderivaten und insbesondere Phen- der Menschen
acetinmetaboliten) augenfällig. 4 allen bewusstlosen Patienten
13.2 · Forensische Toxikologie
183 13
4 plötzlichen Erkrankungen von Kindern ohne be- licher sowie ablenkender oder unterbrechender Fra-
kannte Vorerkrankungen gen, werden in einem Schulungsprogramm »Dro-
4 gleichzeitiger Erkrankung mehrerer Personen (z.B. generkennung im Straßenverkehr« der Bundesanstalt
bei Kohlenmonoxidaustritt) für Straßenwesen vorgestellt.
4 Rauschgiftabhängigen (auch als »clean« angesehe-
! Folgende Warnsignale können auf Drogen-
nen)
probleme hinweisen und sind daher für Eltern
4 Personen mit erleichtertem Zugang zu Giften
und Erzieher wichtig:
(Chemikalien, Pestiziden, Pharmaka)
4 plötzliches Absinken der Schulleistungen
4 speziellen Konstellationen (z.B. streitigen Erbfäl-
auf allen Gebieten (nicht nur in einem
len, Bedrohungen, Feindschaften u.a.)
Fach!)
4 Rauchgaseinwirkung oder Bränden
4 Aufgabe oder ständiger Wechsel des
4 allen Krankheitsformen, deren Symptome Ähn-
Freundeskreises
lichkeiten mit denen einer bestimmten Vergiftung
4 Rückzug in eine totale Isolation
zeigen (z.B. ähnelt das klinische Bild einer Arsen-
4 Aufgabe bisheriger Interessen bis zur
vergiftung dem einer Cholera)
Teilnahmslosigkeit
4 unerklärlicher Geldmangel und Schulden
Ein wichtiges Erkennungszeichen insbesondere für
Drogeneinfluss ist die Pupillengröße. Weite Pupillen
(Mydriasis) treten z.B. auf nach dem Konsum von Am-
phetaminen, Cannabis (aber nicht immer), Designer- 13.2.5 Klassifizierung der Gifte
drogen (Ecstasy), Halluzinogenen (LSD), Kokain und
vielen Schnüffelstoffen. Viele Gifte lassen sich hinsichtlich der Wirkung be-
Enge Pupillen (Miosis) werden hauptsächlich bei stimmten Klassen zuordnen. Beispiele für schnell wir-
der Einwirkung von Opiaten (z.B. Heroin) und Para- kende Gifte sind:
thion (E 605) beobachtet. 4 Zyanid (»Sekundentod« aber nur bei aziden Ver-
hältnissen im Magen und dadurch bedingter ra-
! Bei Mischintoxikationen (z.B. Heroin und Ko-
scher Freisetzung von Blausäure, bei vollem Magen
kain) ist die Pupillengröße häufig unauffällig,
dagegen häufig nur Hydrolyse zu Kalilauge aus Ka-
da sich die Effekte weitgehend kompensieren
liumzyanid und qualvoller Tod durch Verätzung)
können.
4 Kohlenmonoxid (z.B. in Auspuffgasen enthalten,
Weiterhin liefert die Pupillen-Lichtreaktion deutliche aber auch bei jeder anderen unvollständigen Ver-
Hinweise auf Fremdstoffe. Sie ist bei zahlreichen Subs- brennung organischer Materialien gebildet)
tanzen (z.B. Amphetaminen, Cannabis, Designerdro- 4 Kohlendioxid (z.B. aus Bergwerken, Gärkellern,
gen, Hypnotika, Kokain und Tranquilizern) deutlich Futtersilos)
verlangsamt. Der Drehnystagmus wird hauptsächlich 4 Chloroform und Ether (häufige K.o.-Mittel zum
bei der Prüfung der Alkoholbeeinflussung eingesetzt. Betäuben von Opfern bei Straftaten)
Alle genannten Tests können jedoch auch durch 4 Parathion (E 605) (Pestizid, das allerdings auch
Krankheiten, Müdigkeit und andere Effekte beeinflusst erst nach lang andauernden heftigen Krämpfen
werden. tödlich wirken kann; Antidot: Atropin)
Besonders wichtig im verkehrsmedizinischen Be- 4 Alkohol (z.B. bei unsinnigen Trinkwetten)
reich sind Beobachtungen zur »geteilten Aufmerksam-
keit«, die gerade bei Drogen und Medikamenten häufig Beispiele für Gifte mit fehlender Initialsymptomatik,
erheblich beeinträchtigt und somit ein relativ zuverläs- deren Wirkung erst nach Stunden oder Tagen einsetzt,
siges Erkennungszeichen sein kann. Darunter versteht sind:
man das Zusammenspiel mehrerer einzelner Hand- 4 Paracetamol (nicht verschreibungspflichtiges An-
lungen, das vom nüchternen, gesunden und ausgeruh- algetikum): Letale Dosis etwa 8 Gramm beim Er-
ten Verkehrsteilnehmer mühelos beherrscht wird (z.B. wachsenen, bei Kindern tödliche Vergiftungen be-
koordiniertes Gasgeben, Bremsen, Lenken Kuppeln reits nach 2 Gramm beschrieben. Tod durch fulmi-
und Schalten). Ein Drogenbeeinflusster dagegen fährt nantes Leberversagen. Antidot: N-Acetylcystein.
häufig wie ein Anfänger. Zahlreiche Aufmerksamkeits- 4 Paraquat (Totalherbizid): Nach der Latenzzeit von
test, wie beispielsweise das simultane Fragen nach zwei mehreren Tagen tödliche Lungenparenchymschä-
Dokumenten (z.B. Führerschein und Fahrzeugzulas- den (Lungenfibrose). Inzwischen in Deutschland
sungspapieren), das Stellen einfacher, aber ungewöhn- selten.
184 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

4 Ethylenglykol (Frostschutzmittel, Verwendung im 4 Theophyllin (Bronchospasmolytikum): Bei Über-


»Weinpansch-Skandal«): Nach der Latenzzeit Ge- dosierung Tremor, Tachykardie, Arrhythmien,
fahr schwerer Nierenschäden. Therapie bzw. Anti- Krämpfe
dot: kontrollierte Ethanol-Zufuhr bis ca. 1‰, da- 4 Alkohol (Ethanol): Eine Blutalkoholkonzentration
durch Substratkonkurrenz und Blockierung des (BAK) von 2‰ wird (von einem möglichen »Ka-
Abbaus zur hochtoxischen Glyoxylsäure und Oxal- ter« oder evtl. polizeilichen Ermittlungen abgese-
säure (Nierenschädigungen bis zur Anurie). hen) in der Regel mehr oder weniger komplika-
4 Methanol (vergällter Alkohol, schlecht gebrannte tionslos und ohne Spätfolgen vertragen, 4‰ liegen
Schnäpse, Reinigungsmittel): Ab 10 ml Erblin- dagegen bereits im letalen Bereich.
dungsgefahr. Latenzzeit einige Stunden, Beein-
trächtigung des Sehvermögens ab dem 3. Tag; The- Beispiele für Wirkstoffe mit großer therapeutischer
rapie bzw. Antidot: kontrollierte Ethanol-Zufuhr Breite sind:
bis ca. 1‰, dadurch Substratkonkurrenz und Blo- 4 Benzodiazepine (z.B. Diazepam und andere klas-
ckierung des Abbaus zum hochtoxischen For- sische Benzodiazepine; Ausnahme: Flunitrazepam
maldehyd und zur Ameisensäure (Schädigung des und Triazolam)
Sehnervs). 4 Glukokortikoide (Cortisol)
4 Thallium (Pestizid/Rodentizid): Neurotoxische 4 Penicillin (Antibiotikum)
Symptomatik häufig erst nach 2–3 Tagen voll aus-
geprägt, Haarausfall meist nach 2–3 Wochen, Schließlich können Gifte auch hinsichtlich ihrer
Mees-Nagelbänder nach 4–8 Wochen. Antidot: Spätfolgen beim Überleben eingeteilt werden. Ohne
Kalium-Eisen(III)-hexacyanoferrat(II). Inzwi- größere Komplikationen verlaufen bei adäquater The-
schen in der BRD nicht mehr häufig. rapie in der Regel Monointoxikationen mit Benzodia-
4 Pilzgifte (z.B. Knollenblätterpilz): Nach einer La- zepinen und selbst nach der überlebten Blausäure-
tenzzeit von meist 12 Stunden Bauchkrämpfe und oder Kohlenmonoxidvergiftung ist nicht unbedingt
z.T. blutige Brechdurchfälle, nach 4–7 Tagen akute mit gravierenden Spätschäden zu rechnen. Anderer-
Leberdystrophie mit meist letalem Verlauf. seits sind aber beispielsweise Paracetamol oder Para-
quat wegen der häufig langfristigen Folgeschäden ge-
fürchtet.
13.2.6 Therapeutische Breite Besonders schwierige Fallumstände liegen vor,
wenn beispielsweise bei hilflosen Patienten Medika-
Eine weitere wichtige Kenngröße für Fremdstoffe (z.B. mente (z.B. Herzglykoside oder Insulin) durch Ange-
Medikamente) ist die therapeutische Breite. Ein Arz- hörige überdosiert werden oder eine lebensnotwen-
13 neimittel ist umso gefährlicher, je kleiner die therapeu- dige Medikation durch Angehörige oder Patienten
tische Breite ist. abgesetzt wird.
Bei Medikamenten mit geringer therapeutischer
Breite muss im Rahmen des therapeutischen Drug
Monitoring (TDM) durch regelmäßige Kontrollen 13.2.7 Therapiestrategien
des Blutspiegels sichergestellt werden, dass der thera-
peutische Bereich nicht überschritten wird. Im Hin- Bei jeder Vergiftung ist grundsätzlich ärztliche Hilfe
blick auf eine optimale therapeutische Wirksamkeit notwendig. Über den Giftnotruf können sich sowohl
darf er allerdings auch nicht unterschritten werden. Betroffene als auch das Fachpersonal zunächst rasch
Beispiele für Gifte mit geringer therapeutischer und rund um die Uhr hinsichtlich einer Einschätzung
Breite sind: der Gefährdungslage und Behandlungsmöglichkeiten
4 Antikoagulanzien vom Cumarintyp: Bei Über- informieren. Primärziel der Ersten Hilfe bei Vergif-
dosierung Blutungs- bzw. Verblutungsgefahr, An- tungen ist die Aufrechterhaltung der Vitalfunktion.
tidot: Vitamin K Eine unspezifische Giftentfernung kann über Spü-
4 herzwirksame Glykoside (Herzglykoside): kardio- lungen mit Wasser (Auge, Haut) bzw. über eine Ver-
toxische Wirkungen bei Überdosierung dünnung oral aufgenommener Substanzen mit an-
4 Lithium (Psychopharmakon): bei Überdosierung schließendem Erbrechen durch Emetika (Brechmittel)
Unruhe und Verwirrtheit sowie grobschlägiger vorgenommen werden. Kontraindiziert ist das Erbre-
Tremor, Schwindel und Herzrhythmusstörungen chen jedoch bei Bewusstlosigkeit und bestimmten Ver-
4 Paracetamol (s. unter »Gifte mit fehlender Initial- giftungen, z.B. mit Säuren, Laugen oder Lösungsmit-
symptomatik«) teln (Gefahr von Rupturen). Für manche Vergiftungen
13.2 · Forensische Toxikologie
185 13
stehen mehr oder weniger spezifische Gegengifte (An- 13.2.8 Leichentoxikologie
tidote) zur Verfügung.
Nach erfolgter Resorption von Giftstoffen besteht Intoxikationen geben sich beim Lebenden meist durch
grundsätzlich noch die Möglichkeit der sekundären die im 7 Abschn. 13.2.4 beschriebenen Symptome bzw.
Giftentfernung mittels Hämodialyse, Hämoperfusion, Syndrome zu erkennen. Bei der Leichenschau fehlen
Plasmapherese, Peritonealdialyse, forcierter Diurese, derartige Hinweise naturgemäß häufig oder sie wur-
Unterbrechung des enterohepatischen Kreislaufs oder den durch Therapiemaßnahmen (z.B. Antidote) ver-
Austauschtransfusion. Beim sinnvollen Einsatz dieser deckt. Wichtig ist vor allem, dass die Möglichkeit einer
größtenteils invasiven Maßnahmen sind möglichst ge- Vergiftung überhaupt in Betracht gezogen wird.
naue Kenntnisse der toxikokinetischen Eigenschaften
! Bei jedem unklaren Todesfall sollte grund-
der zu eliminierenden Substanz unverzichtbar.
sätzlich an eine Vergiftung gedacht werden.
Ohne klinisch-toxikologische bzw. forensisch-to-
xikologische Analytik ist eine sichere Diagnose und Obwohl typische Beweisanzeichen für letale Vergif-
Therapie bei Vergiftungsverdacht nicht möglich. Aber tungen meist fehlen, können anlässlich der Leichen-
auch der Ausschluss einer Vergiftung kann wichtig schau oder Obduktion dennoch Befunde erhoben wer-
sein, wenn dadurch z.B. im forensischen Bereich ein den, die einen Verdacht auf bestimmte Gifte oder Gift-
belastender Verdacht entkräftet oder bei der klinischen stoffgruppen lenken (. Tab. 13.10).
Behandlung auf die Anwendung risikoreicher oder in- Beispielsweise werden zahlreiche handelsübliche
vasiver Therapiemaßnahmen verzichtet werden kann. Präparate des Pflanzenschutzmittels Parathion (E 605)
mit einem Warnfarbstoff intensiv blau gefärbt und
! Der sichere Ausschluss einer Vergiftung, so- sind dann beispielsweise am Mund oder im Magen des
fern er mit den jeweils benutzten Nachweis- Opfers zu erkennen. Auch Verätzungsspuren (z.B.
methoden überhaupt möglich ist, kann durch Säuren oder Laugen) und auffällige Gerüche
beim Vorliegen anderer schwerer und zu- (z.B. Bittermandelgeruch) deuten unmittelbar auf eine
nächst übersehener Erkrankungen (z.B. Hirn- Vergiftung hin. Leere Tablettenpackungen, Injektions-
blutung) häufig sogar lebensrettend sein. spritzen oder andere Utensilien am Leichenfundort

. Tab. 13.10 Beispiele für auffällige Befunde bei der Leichenschau (Auswahl)

Auffälligkeit Mögliche Ursache (Beispiele)

Dunkler Zahnfleischsaum Blei oder Quecksilber (chronisch)

Haarausfall Thallium

Hirnödem Unspezifischer Hinweis auf Hirndrucksymptomatik bei verzögertem Eintritt


des Todes

Ikterus Lebergifte

Injektionsstelle bzw. Punktionsmal BTM (i.v.), Insulin (s.c.)

Lungenödem Hämorrhagisch, z.B. bei Opiaten durch zentrales Atemversagen

Miosis* Barbiturate, Opiate, Nikotin, Opioide, Phosphorsäureester

Mydriasis* Alkohol, Amatoxine, Atropin, Cannabinoide, Colchicin, Kokain, Methanol,


Scopolamin, Zyanide

Schaumpilz Parathion (E 605), Opiate

Totenfleckfarbe Kohlenmonoxid (hellrot), Methanol (grau), Methämoglobinbildner, z.B. Nitrit,


Phenacetin (bräunlich)

Mees-Nagelbänder Arsen oder Thallium (chronisch!)

* Nur sehr früh postmortal verwertbar, da durch Totenstarre beeinflusst.


186 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

können wertvolle und zeitsparende Hinweise auf die an. Kurz nach der Einnahme können sogar noch Tablet-
Art eines Giftes liefern und einen Primärverdacht be- tenreste vorhanden sein, die häufig anhand äußerer
gründen, der sich allerdings nicht bestätigen muss. Es Merkmale (z.B. Form, Farbe, Beschriftung bzw. Prä-
kommt immer wieder vor, dass Dritte (darunter sog. gung) einem bestimmten Präparat (Spezialität) zuge-
»Sterbehelfer«) oder sogar das Opfer selbst derartiges ordnet werden können und so einen ersten gezielten
Material beseitigen (häufige Motive: Angst vor Kom- Verdacht begründen. Die quantitative Bestimmung
plikationen mit der Lebensversicherung, Fragen der der noch nicht resorbierten Menge eines Giftstoffes
»Familienehre«, Vermeidung einer Obduktion). Ge- kann weiterhin Konsequenzen für Art und Umfang
zielte Hinweise auf eine Vergiftung und das Motiv weiterer Entgiftungsmaßnahmen haben.
kann weiterhin ein Abschiedsbrief geben.
Bei der Auswertung quantitativer toxikologischer Urin. Für Suchanalysen (sog. Screeninganalysen) bei
Befunde (insbesondere von Blutspiegeln) ist zu berück- keinem konkreten Verdacht auf einen Fremdstoff wird
sichtigen, dass es in der Agonie und auch danach zu in der Regel Harn benötigt. Vorteile dieses Untersu-
starken Veränderungen der Konzentrationen von chungsmaterials:
Fremdstoffen kommen kann. Ursache für dieses Phä- 4 Fremdstoffe sind im Harn meist in höheren Kon-
nomen, das auch mit »post-mortem release« bezeichnet zentrationen vorhanden als im Blut.
wird, ist hauptsächlich der Zusammenbruch von Fließ- 4 Fremdstoffe können im Harn meist länger nach-
gleichgewichten, die nur im lebenden Organismus ge- gewiesen werden als im Blut.
währleistet sind. Durch diesen Vorgang der postmorta- 4 Der Nachweis der im Harn besonders zahlreich
len Redistribution kann die Interpretation toxikolo- enthaltenen Stoffwechselprodukte (Metaboliten)
gischer Befunde erheblich erschwert werden. Sehr kann eine wertvolle zusätzliche Interpretationshil-
große Unterschiede zwischen den Konzentrationen im fe sein.
Femoral- und Herzblut findet man z.B. bei Digoxin, 4 Harn kann ohne invasive Entnahmetechniken ge-
Propoxyphen und trizyklischen Antidepressiva, gerin- wonnen werden.
gere dagegen bei Kokain, Paracetamol und Salicylaten.
Häufig wird ein Vergiftungsverdacht erst nach Diesen Vorteilen von Harn als Untersuchungsmaterial
dem Tod erhoben. Bei Erdbestattungen können foren- für Screeninganalysen stehen kaum Nachteile gegen-
sisch-toxikologische Untersuchungen aber auch noch über. Lediglich kurze Zeit nach der Einnahme eines
nach einer Exhumierung erfolgen. Um sicher zu stel- Fremdstoffes kann der Fall eintreten, dass trotz bereits
len, ob und ggf. in welchem Ausmaß Fremdstoffe von deutlich messbarer Konzentrationen im Blut ein Nach-
der Leiche aufgenommen (z.B. Schwermetalle aus der weis im Harn noch nicht möglich ist (»lag-times«).
benachbarten Friedhofserde) oder abgegeben wurden Viel häufiger ist jedoch der umgekehrte Fall zu beo-
13 (z.B. durch postmortale Ausscheidungen), sollen außer bachten, dass beispielsweise Drogen (Amphetamine,
Leichenteilen zusätzlich Proben asserviert werden Kokain oder Opiate) oder andere Fremdstoffe im Blut
(z.B. Erdproben aus verschiedenen Bereichen, Sarg- bzw. Serum nach wenigen Stunden überhaupt nicht
beigaben, Kissen, Holzwolle, Sägespäne sowie ver- mehr, im Harn dagegen noch einige Tage oder sogar
schiedene Sargteile). Wochen (z.B. Cannabinoide) nachweisbar sind. Viel-
Nach einer Feuerbestattung, in deren Verlauf alles fach kann dann zwar der ursprünglich eingenommene
organische Material (darunter auch die meisten Gift- Wirkstoff nicht mehr nachgewiesen werden, wohl aber
stoffe) zerstört wird, wäre allenfalls noch die Untersu- mehr oder weniger charakteristische Stoffwechselpro-
chung auf anorganische Gifte (z.B. Thallium und an- dukte (Metaboliten).
dere Metalle) möglich.
Blut. Die Vorteile von Blut als Untersuchungsmaterial
sind in der Aktualität der Aussage zu sehen, falls Blut
13.2.9 Aussagekraft der einzelnen in zeitlicher Nähe zum Vorfall (z.B. Straftat oder Ver-
Asservatarten giftung) entnommen wurde. Der exakt festgestellte
oder zurückgerechnete Blutspiegel eines Fremdstoffes
Die Auswahl eines bestimmten Asservates wird haupt- reflektiert die Wirkung bzw. toxische Situation etwa
sächlich durch die toxikologische und analytische Fra- zum Tatzeitpunkt wesentlich besser als dies eine Harn-
gestellung bestimmt. konzentration je könnte.
Bei der Leichentoxikologie ist zu beachten, dass die
Mageninhalt und Magenspülflüssigkeit. Diese Un- quantitative Untersuchung von Femoralvenenblut in
tersuchungsmaterialien fallen bei akuten Vergiftungen der Regel validere Hinweise auf die Konzentration zum
13.2 · Forensische Toxikologie
187 13
Todeszeitpunkt liefert als beispielsweise Herzblut, bei Als weitere Untersuchungsmaterialien kommen
dem grundsätzlich eine erhöhte Gefahr des »post- grundsätzlich in Betracht:
mortem release« und der Einwanderung von Fremd- 4 Beim Vergifteten aufgefundenes Material (z.B. Ta-
stoffen (z.B. Alkohol) beispielsweise aus dem Magen bletten, Flüssigkeiten, leere Packungen (Abfall-
besteht (Redistribution). eimer und Hausapotheke durchsuchen!). Der
Fundort ist genau zu inspizieren. Von Interesse
Kopfhaare. Fremdstoffe unterschiedlichster Art (Me- sind auch die Medikation der Angehörigen und
dikamente, Drogen, Metallgifte und sogar Alkohol in das berufliche Umfeld bzw. die Beschaffungsmög-
Form seines festen Stoffwechselproduktes Ethylglu- lichkeiten des Opfers.
curonid) werden über die Haarfollikel und Haarwurzel 4 Speichel und Schweiß sind z.B. bei Drogenverdacht
in das Haar eingelagert, das mit einer Geschwindigkeit auf nichtinvasive Art zu erhalten und dienen
von etwa 1 cm pro Monat wächst. Die Haaranalyse hauptsächlich der Suchanalyse (Screening).
gestattet somit die längerfristige Rekonstruktion einer 4 Leber und Nieren (Klärung der Gesamtverteilung
Fremdstoffaufnahme (z.B. »Drogenkarriere«) und und Abschätzung der Giftmenge)
über eine segmentale Analyse sogar Einblick in kon- 4 Muskelgewebe (wichtiges Asservat bei Fäulnis und
krete Zeitabschnitte, z.B. bei einer chronischen Vergif- Verbrennung)
tung. Sie versagt jedoch meist bei einmaliger Aufnah- 4 Galle (Hinweise auf enterohepatischen Kreislauf
me vor der Tat (z.B. bei K.-o.-Mitteln). Allerdings und späte Detektionsmöglichkeit für Opiate)
werden neuerdings Verfahren beschrieben, die auch 4 Gehirn (Nachweis von lipophilen flüchtigen Gif-
einen Nachweis, z.B. von Liquid Ecstasy (s. Abschnitt ten, Abschätzung der Überlebenszeit)
13.2.24), in diesen Fällen ermöglichen sollen. Es ge- 4 Lunge (Nachweis flüchtiger Fremdstoffe wie z.B.
nügen keinesfalls wenige Einzelhaare. Spezielle Asser- Brandbeschleuniger)
vierungstechniken müssen beachtet und ggf. bei foren- 4 Darminhalt (Nachweismöglichkeit für pflanzliche
sisch-toxikologischen Laboratorien erfragt werden. Gifte [Pilze] sowie rektale Beibringung)
4 Finger- und Fußnägel (z.B. Nachweis von Metall-
Ç Fallbeispiel giften)
Forensisch-toxikologischer Nachweis 4 Knochen (chronische Metallvergiftung)
einer Kindstötung 4 Injektionsorte (Nachweis von Insulin und anderen
Das Kind war im August 1988 geboren worden; be- injizierten Substanzen)
kannt sind 4 Krankenhausaufenthalte im Abstand 4 Pflaster oder Verbände (z.B. Fentanylpflaster)
von mehreren Wochen aufgrund von Hyperthermie 4 »exotische« Asservate (abhängig von der jeweili-
und Blutbildveränderungen; die Verdachtsdiagnose gen Fragestellung), z.B. Tampon (s. Fallbericht)
lautete: seltener Stoffwechseldefekt. Das Kind ver-
starb im April 1990. Auf dem Leichenschauschein Ç Fallbeispiel
war eine »natürliche Todesursache« vermerkt. Bei Eine junge Frau wird von ihrem Ehemann nach des-
der klinischen Sektion wird ebenfalls ein seltenes sen Rückkehr von einer längeren Geschäftsreise mit
Stoffwechselleiden vermutet. Anschließend erfolgt lückenlosem Alibi tot in der Wohnung aufgefunden.
die Beerdigung. Nach über einem Jahr kommt ein Ergebnis der Obduktion und chemisch-toxikolo-
erster Verdacht auf, da die Geschwisterkinder ähn- gischen Untersuchung: Zyanidvergiftung.
liche »Vergiftungs«-Symptome aufweisen. Konse- Fall trotzdem unklar, da im Magen kein Zyanid nach-
quenz: Exhumierung der Leiche. In der Haaranalyse weisbar war sondern lediglich im Blut letale Kon-
wird das hochtoxische Psychopharmakon Clozapin zentrationen vorlagen.
(Neuroleptikum) nachgewiesen. Es erfolgt die An- Klärung: Zyanid wurde vom Ehemann vor Antritt der
klage auf Mord. Das Urteil lautet: schwere Körperver- Reise in einen Tampon gebracht und von dort über
letzung mit Todesfolge. die Vaginalschleimhaut resorbiert.
Der Nachweis in den Haaren war möglich, weil die
Mutter den Wirkstoff Clozapin vor dem Tod des
Kindes mehrmals verabreichte, um die Wirkung ! Bei unklarem Vergiftungsverdacht ist hin-
einer ansteigenden Dosis zu testen (daher auch sichtlich der Art und Menge des Untersu-
die 4 Krankenhausaufenthalte). Bei einmaliger Ver- chungsmaterials besonders sorgfältig und
abreichung wäre ein Nachweis in den Haaren aller- umfangreich zu asservieren.
dings kaum zu erwarten gewesen.
188 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Aufbewahrung und Transport von Untersuchungs- 4 Es wird versucht, die eigene Harnprobe durch den
material. Transportgefäße dürfen dem Asservat nichts Zusatz oder die Einnahme bestimmter Mittel so zu
hinzufügen (Cave leere Arzneimittelflaschen) aber verändern, dass ein falsch-negative Screeninger-
auch nichts daraus entfernen (Cave Einwanderung lipo- gebnis resultiert.
philer Substanzen in Kunststoffgefäße). Bis zum Errei- 4 Mit Hilfe spezieller über das Internet angebotener
chen des Labors genügt meist Kühlung. Der früher Mittel (z.B. dem Whizzinator, einem künstlichen
empfohlene Zusatz von Säuren oder Konservierungs- Penis) wird versucht, einen drogenfreien Fremd-
mitteln ist nicht erforderlich, er könnte sogar schaden. harn unterzuschieben.
Im Labor erfolgt abhängig von der Art des Fremdstof-
! Man sollte Harnproben nur unter Aufsicht
fes und Asservates eine besondere Behandlung (z.B.
asservieren. Außerdem sollten sich in dem
Phasenseparation, Tiefkühlung, Zusatz von Natrium-
Asservierungsraum kein Wasser und keine
fluorid u.a.).
Toilettenreiniger, Handwaschmittel, Desin-
fektionslösungen oder ähnliches befinden,
da solche Dinge häufig zur Verfälschung be-
13.2.10 Asservierungsstrategien,
nutzt werden.
Asservatarten und Mengen
Grundsätzlich sollten beim Lebenden asserviert wer-
Wegen der meist beträchtlichen Konsequenzen eines den:
Drogennachweises für die Betroffenen kommt es ge- 4 Harn (nach Möglichkeit 50–100 ml): Fragestel-
legentlich zu Manipulationsversuchen. lung: Was wurde eingenommen?
4 Blut (nach Möglichkeit 5–10 ml): Fragestellung:
Manipulation und Verfälschung Wie viel wurde eingenommen?
von Proben 4 Mageninhalt bzw. Erbrochenes (bei Vergiftungen):
Meist geht es darum, Drogenfreiheit nachzuweisen, Fragestellung: Wie lange liegt die Aufnahme zu-
um wieder in den Besitz der Fahrerlaubnis zu gelan- rück und welcher Anteil ist evtl. noch nicht resor-
gen. Es sind aber andererseits Fälle bekannt geworden, biert?
wo beispielsweise durch Auflösen von Tabletten in 4 Kopfhaare zur evtl. Abklärung von Fragen bei Ver-
Urinproben versucht wurde, eine massive »Drogen- dacht auf längerfristige Applikation (z.B. zur Ab-
beeinflussung« mit Konsequenzen für die Beurteilung schätzung der Gewöhnung und Compliance, wei-
der strafrechtlichen Verantwortlichkeit (Schuldfähig- terhin zur Abstinenzkontrolle im Zusammenhang
keit) vorzutäuschen. Die Gefahr von Manipulationen mit der Wiedererlangung der Fahrerlaubnis). Da-
besteht hauptsächlich dann, wenn sich Probanden auf bei sind die Asservierungsvorschriften einzuhal-
13 einen bestimmten Untersuchungstermin einstellen ten (etwa bleistiftdicken Haarstrang nach Fixieren
können. Daher werden in vielen Untersuchungsstellen mit einem Faden vom Hinterhauptshöcker ab-
Kontrolltermine nach dem Zufallsprinzip festgelegt schneiden, ein Verschieben der Haare in Längs-
und erst dann telefonisch mitgeteilt, wenn die geplante richtung würde die zeitliche Zuordnung der
Probenahme noch innerhalb des diagnostischen Fens- Fremdstoffaufnahme beeinträchtigen).
ters liegt, die meisten Fremdstoffe also selbst dann
noch nachweisbar sind, falls sie nach Kenntnis des Un- Nachweisbarkeitsdauer
tersuchungstermins rasch abgesetzt wurden. Im Bei der Auswahl der Asservate und Interpretation der
rechtsmedizinischen Bereich ist die Gefahr von Mani- Ergebnisse spielt die Frage der Nachweisbarkeitsdauer
pulationen wesentlich geringer, da die Probengewin- eine wesentliche Rolle. Diese auch als »diagnostisches
nung nicht vorhersehbar ist, beispielsweise anlässlich Fenster« bezeichnete Größe ist hauptsächlich von der
einer Verkehrskontrolle oder nach einem Verkehrsun- Art des Fremdstoffes, der Menge (Dosis) und Applika-
fall. Grundsätzlich muss zwischen 3 Manipulations- tionsfrequenz, daneben von zahlreichen anderen phar-
möglichkeiten unterschieden werden: mako- bzw. toxikokinetischen Parametern abhängig.
4 Die eigene Harnprobe wird mit Wasser, Tee, drogen- Eine allgemeine asservatspezifische Übersicht enthält
freiem Urin oder anderen geeignet erscheinenden . Tab. 13.11. Angaben zu substanzspezifischen »lag-
Flüssigkeiten verdünnt, um die Nachweisgrenze times« finden sich auch bei der späteren Beschreibung
zu unterschreiten. Hier kann eine Manipulation wichtiger Einzelsubstanzen.
durch Messung des Kreatinin-Wertes, der Tempe-
ratur und des pH-Wertes häufig bereits unmittel-
bar nach der Probennahme aufgedeckt werden.
13.2 · Forensische Toxikologie
189 13

. Tab. 13.11 Nachweisbarkeitsdauer (diagnostisches Fenster) zahlreicher Fremdstoffe in wichtigen Untersuchungs-


materialien beim Lebenden

Asservat Nachweisbarkeit

Mageninhalt Beginn unmittelbar nach der oralen Aufnahme. Ende bei Abschluss der Resorption Cave: Rückre-
sorptionen vor allem basischer Substanzen aus dem Blut (i.v. Injektion) in den sauren Mageninhalt ist
möglich, dadurch Gefahr der Fehlinterpretation (fälschliche Annahme einer oralen Applikation).

Blut Beginn nach i.v. Injektion und Inhalation sofort, nach oraler Aufnahme abhängig von den auch vom
Alkohol her bekannten Resorptionsparametern nach mehreren Minuten bis zu etwa einer Stunde.
Ende abhängig von den pharmako- bzw. toxikokinetischen Parametern (insbesondere der Elimina-
tionshalbwertszeit).

Harn Beginn abhängig von den vom Alkohol bekannten Resorptionsparametern nach mehreren Minuten
bis zu etwa einer Stunde. Cave: Selbst nach der Aufnahme höherer Dosen können Nachweislücken
(»lag times«) bis zu maximal 1–2 h auftreten. Daher bei Vergiftungsfällen grundsätzlich Harn und Blut
untersuchen. Ende abhängig von den pharmako- bzw. toxikokinetischen Parametern (insbesondere
der Eliminationshalbwertszeit). Es besteht auch eine starke Abhängigkeit vom pH-Wert des Harnes
(basische Substanzen werden bei saurem pH-Wert rasch und bei alkalischem pH-Wert langsam
ausgeschieden; bei sauren Fremdstoffen (Barbiturate u.a.) umgekehrte Verhältnisse. Weiterhin spielt
die Lipophilie des Fremdstoffes eine wichtige Rolle (THC wird nach Aufnahme in fettreiche Komparti-
mente zeitverzögert freigegeben und metabolisiert, dadurch bei Dauerkonsum bis zu mehreren
Wochen nachweisbar; Einzelfälle bis 3 Monate).

Speichel Ähnlich Blut (Werte korrelieren oft gut mit den Blutspiegeln)

Schweiß Ähnlich Blut. Cave: »lag-times« möglich, da der Übergang auf die Hautoberfläche u.U. erst mit erheb-
licher zeitlicher Verzögerung erfolgt. Außerdem können bei mangelnder Hygiene eingetrocknete
Drogenspuren noch nach längerer Zeit einen positiven Testausfall verursachen, obwohl sich im Blut
und Harn keine Drogen mehr befinden.

Haare Beginn: Wenige Tage nach der meist wiederholten Aufnahme, Einzelapplikation nur schwer erfassbar
(Ausnahmen sind aber insbesondere nach Intoxikationen beschrieben). Ende: Monate bis u.U. Jahre,
im Wesentlichen durch die Haarlänge und -behandlung bestimmt.

Wichtige Asservate bei Obduktionen sind: 4 Haare


4 Herzblut (ca. 100 ml) 4 Liquor
4 Femoralvenenblut (ca. 10 ml, z.B. für die Blutalko-
holbestimmung) Mit dem Eintritt des Todes sistiert der vitale Abbau von
4 Urin (ca. 100 ml, zur Bilanzierung, vorher Gesamt- Fremdstoffen. Die Nachweisbarkeitsdauer wird im
volumen feststellen) Wesentlichen durch die Lagerungsbedingungen der
4 Mageninhalt (ca. 100 ml, auch hier Gesamtmenge Leiche bestimmt (z.B. Liegezeit, Temperatur, Feuchtig-
messen) keit, pH-Wert). Orientierungswerte für die Nachweis-
4 Leber-, Nieren- und Lungengewebe (jeweils ca. barkeit von Giften in der Leiche sind:
100 g); Lungengewebe insbesondere bei flüchtigen 4 anorganische Gifte (z.B. Arsen, Blei, Thallium):
Gasen (Asservierung in Headspace-Röhrchen!) Jahrhunderte
4 Gallenflüssigkeit (Nachweis von Substanzen im 4 organische Gifte (z.B. Morphin, Strychnin): Jahr-
enterohepatischen Kreislauf) zehnte
4 Gehirn und Fettgewebe (Nachweis lipophiler und Selbst Kohlenmonoxid kann als CO-Hb-Komplex oft
flüchtiger Fremdstoffe) noch nach Wochen bzw. Monaten nachgewiesen
4 Haut, Nägel, Knochen (bei Verdacht auf Metallver- werden.
giftungen)
4 Kot (bei Verdacht auf Vergiftungen mit Pflanzen ! Es besteht grundsätzlich die Gefahr der Ein-
(z.B. Pilzen) wanderung von Fremdstoffen aus der Umge-
4 Glaskörperflüssigkeit bung in den Leichnam.
190 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Bei bestimmten Obduktionen ist eine vorherige Rück- wird nach einem negativen Screeningbefund keine
sprache mit einem forensischen Toxikologen zu emp- weitere Untersuchung mehr durchgeführt. Fällt ein
fehlen, da besondere Fallumstände spezielle Asservate Screeningbefund dagegen positiv aus, so sind bestäti-
(z.B. Glaskörperflüssigkeit oder Liquor) bzw. Asser- gende und differenzierende Untersuchungen erforder-
vierungsstrategien (z.B. bei leicht flüchtigen oder exo- lich, die mit Analysenverfahren durchgeführt werden
tischen Giftstoffen) erforderlich machen können. sollen, denen ein anderes physikalisch-chemisches
Prinzip zugrunde liegt. Hierbei handelt es sich meist
um chromatographische Verfahren (Gaschromatogra-
13.2.11 Analytische Nachweis- phie [GC] und Hochdruckflüssigkeitschromatographie
und Bestimmungsmethoden (high pressure liquid chromatography) [HPLC]) in
Kombination mit spektroskopischen Methoden (meist
Gerichtete und ungerichtete Analysen Massenspektrometrie [MS]). Diese Bestätigungsanaly-
Je nach Fragestellung des Auftraggebers und Fallsitua- sen sind aus folgenden Gründen unverzichtbar:
tion können für die Planung einer Analyse unterschied- 4 Immunoassays können »falsch-positive« Tester-
liche Vorgehensweisen notwendig werden. gebnisse liefern (nach der Einnahme des Husten-
Liegen aufgrund bestimmter Symptome, Syndro- mittels Ambroxol verlaufen z.B. zahlreiche Tests
me oder beispielsweise aufgefundener Substanzen auf LSD positiv obwohl LSD niemals aufgenom-
konkrete Hinweise auf die Art eines Fremdstoffes vor, men wurde).
so wird sich die Analysenstrategie in der Regel zu- 4 Die meisten immunchemischen Screeningver-
nächst auf diesen Primärverdacht konzentrieren. Man fahren erfassen lediglich Wirkstoffgruppen (z.B.
spricht dann von gerichteten Analysen. Beispiel: Wer- Opiate), differenzieren aber nicht zwischen ein-
den bei einem Drogenabhängigen typische Utensilien zelnen Substanzen innerhalb der Gruppe, z.B. zwi-
(Heroinbesteck) entdeckt und liegen stecknadelgroßen schen dem »legalen« Opiat Codein, das in zahl-
Pupillen (Miosis) vor, so ist zunächst an eine Opiat- reichen verschreibungsfähigen Hustensäften ent-
vergiftung zu denken. Allerdings darf auch in diesen halten ist, und dem nicht verkehrsfähigen und
Fällen auf zusätzliche Screening-Untersuchungen daher »illegalen« Opiat Heroin. Eine sichere Ab-
nicht verzichtet werden. grenzung beider Stoffe ist aber von erheblicher
Häufig fehlen jedoch jegliche Hinweise auf Fremd- forensischer Relevanz und beispielsweise mit der
stoffe. Weiterhin kann Unklarheit darüber bestehen, ob Massenspektrometrie leicht möglich.
es sich nur um eine Monointoxikation handelt oder ob
noch andere Substanzen an einer Vergiftung beteiligt Bestätigungsverfahren
sind. In diesen Fällen muss im Rahmen einer unge- (confirming methods)
13 richteten Analysenstrategie (sog. General-unknown- Mit Hilfe der Massenspektrometrie kann eine Substanz
Analytik) mit speziellen chromatographischen und beweissicher identifiziert werden. Zwischen den Signa-
spektroskopischen Suchprogrammen im weitesten Um- len des praktischen Falles und der Referenzsubstanz
fang auf Fremdstoffe geprüft werden. Man nennt diese besteht in der Regel völlige Übereinstimmung.
Art der Untersuchung, die häufig mehrere 1000 Fremd- Der klinische Aussagewert einer toxikologischen
stoffe umfassen kann, auch systematische toxiko- Analyse soll am Beispiel der Vergiftung mit dem
logische Analyse (STA). Solche Analysen können sehr Schmerzmittel Paracetamol erläutert werden, das we-
geräte- und zeitaufwändig sein und werden auch als gen seiner fehlenden Initialsymptomatik besonders
Screeningtests (engl. screen: etwa Sieb, Raster, Filter) gefährlich ist und an der Spitze der Statistiken von Gif-
bezeichnet. Führen sie zu keinem Nachweis, so kann tinformationszentren bei sowohl absichtlichen als auch
eine Vergiftung mit einer extrem seltenen oder auch unabsichtlichen Vergiftungen steht. Dem Nomogramm
neuartigen Substanz trotzdem nicht sicher ausgeschlos- (. Abb. 13.6) liegt ein umfangreiches Datenmaterial aus
sen werden. Vergiftungsfällen zugrunde. Abhängig von der Para-
cetamolkonzentration im Blut und der Zeit nach der
Immunchemische Screeningverfahren Ingestion ist die Hepatotoxizität unterschiedlich einzu-
(Immunoassays) stufen, was auch unmittelbare Konsequenzen für den
Insbesondere im Bereich der Drogenanalytik setzt Einsatz intensivtherapeutischer Maßnahmen bis zur
man zunächst als Screeningverfahren sog. Immuno- Antidotgabe (N-Acetylcystein) hat.
assays ein, die es gestatten, auch hohe Probenzahlen
in kurzer Zeit und ohne aufwändige Vorbereitung in
»negative« und »positive« Fälle zu unterteilen. Häufig
13.2 · Forensische Toxikologie
191 13
organisation nach den Richtlinien der GLP (Good
Laboratory Practice) einschließt. Dabei geht es nicht
nur um die eigentliche Messtechnik, sondern auch
um häufig als eher peripher empfundene Fragen, wie
etwa die ausführliche Beschreibung der Analysenvor-
schriften (wobei Abweichungen von der Standardme-
thode zu vermerken sind), die Archivierung von Mess-
werten sowie die lückenlose Dokumentation des Weges
einer Probe zum und im Labor (sog. Gewahrsamkeits-
kette oder »chain of custody«). Die Validität der Er-
gebnisse ist inzwischen in den meisten forensischen
Untersuchungsstellen durch die Akkreditierung nach
DIN EN 17025 sichergestellt.

Plausibilität. Jedes Analysenresultat muss stets auf


seine Plausibilität hin überprüft werden. In diesem
Zusammenhang sind vor allem folgende Fragen zu
stellen:
4 Ist das Resultat mit dem Zustandsbild zu ver-
einbaren? Dies wäre beispielsweise nicht der Fall,
wenn ein Patient trotz einer angeblich festge-
stellten Blutalkoholkonzentration von 4‰ ohne
nennenswerte Ausfallerscheinungen ist. In diesem
. Abb. 13.6 Nomogramm zur Einschätzung der Hepato- Fall wäre neben einem Analysenfehler auch eine
toxizität von Paracetamol (Aus: Ito et al. (2006) Atlas of Vertauschung von Untersuchungsmaterial zu dis-
Pediatrics, Vol. IA, Springer) kutieren.
4 Lässt sich ein Trend vernünftig erklären? Im Rah-
men der Trendkontrolle stellt sich die Frage, um
13.2.12 Qualitätskontrolle welchen Wert sich ein Parameter in einer bestimm-
und Plausibilität ten Zeit ändern kann, um vernünftig erklärbar zu
bleiben. Nicht plausibel wäre es, wenn eine Blutal-
Die häufig weit reichenden Konsequenzen eines Dro- koholkonzentration von 3‰ spätestens nach
gennachweises machen eine bestmögliche Absiche- 30 Stunden immer noch nicht in den Bereich phy-
rung der Analysenergebnisse im Rahmen der Quali- siologischer Werte abgefallen ist, da der mensch-
tätskontrolle erforderlich. Dies betrifft insbesondere liche Organismus pro Stunde mindestens 0,1‰
positive Resultate. Andererseits sind falsch-negative abbaut und eliminiert (7 Abschn. 13.1.4). In einem
Ergebnisse nicht ohne Risiko, wenn dadurch beispiels- solchen Fall muss eine erneute Alkoholaufnahme
weise eine Vergiftung übersehen und auf lebensretten- stattgefunden haben.
de Therapien (etwa mit Antidoten) verzichtet oder ein 4 Ist ein Ergebnis analytisch plausibel? Beispiel: In
drogenabhängiger Schulbusfahrer nicht als solcher einer Harnprobe wurden große Mengen Kokain
erkannt und unverzüglich aus dem Verkehr gezogen nachgewiesen, der Hauptmetabolit Benzoylecgo-
würde. nin dagegen nicht. Der Patient zeigte auch keine
auffälligen Intoxikationserscheinungen. Dieser aus
Interne und externe Qualitätskontrollen (Ringversu- toxikologischer Sicht nicht plausible Befund ließ
che). Diese werden für Blutalkohol und zahlreiche sich in der Weise aufklären, dass die Harnprobe »in
Drogen bzw. Medikamente beispielsweise von der Ge- vitro« nachträglich mit Kokain versetzt wurde.
sellschaft für Toxikologische und Forensische Chemie
(GTFCh) und der Deutschen Gesellschaft für Klini-
sche Chemie (DGKC) unter qualitativen und quantita- 13.2.13 Toxikologie spezieller
tiven Aspekten angeboten. Daneben ist die interne Substanzen und Stoffgruppen
Qualitätskontrolle fester Bestandteil eines modernen
Qualitätsmanagements, das Positiv- und Negativpro- Auf die Toxikokinetik und Toxikodynamik des Alko-
ben in jeder Analysenserie fordert und eine Labor- hols wird im 7 Abschn. 13.1.4 ausführlich eingegangen.
192 Kapitel 13 · Forensische Alkohologie und Toxikologie

Zu klinisch-toxikologischen Aspekten (Alkoholvergif-


tung) siehe 7 Abschn. 13.1.10. lichen und psychosozialen Schäden führen. Eine
Abhängigkeit liegt in der Regel jedoch (noch)
Forensisch relevante Fremdstoffe. Das Verteilungs- nicht vor.
spektrum der Giftstoffe und insbesondere der Drogen Psychische Abhängigkeit: Es besteht ein unstill-
ist einem ständigen Wandel unterworfen. An erster bares Verlangen nach dem Suchtstoff und der Be-
Stelle stehen meist die Verfügbarkeit und der Bekannt- troffene fühlt sich nur noch nach der Einnahme
heitsgrad einer Substanz. Wird beispielsweise ein bis- einer bestimmten Substanz wohl. Bei häufigem
her frei erhältlicher Wirkstoff der ärztlichen Verord- Kontrollverlust ist das gesamte Denken und Han-
nungspflicht (»Rezeptpflicht«) unterstellt, so löst ihn deln auf die Beschaffung von Medikamenten oder
häufig eine nicht »rezeptpflichtige« Substanz ab. Ande- Drogen fokussiert. Man will die psychischen Wir-
rerseits sind Medienberichte über Vergiftungen oft kungen der Substanz auch erfahren, um so bei-
prominenter Opfer oder Diskussionen in gewissen In- spielsweise Problemen zu begegnen.
ternetforen häufig ausschlaggebend für die Auswahl Körperliche Abhängigkeit: Der Körper reagiert
eines Giftes oder einer bestimmten Suizidstrategie. mit Gegenregulationsmechanismen (z.B. schnel-
Nach wie vor stehen Medikamente an der Spitze lerem Abbau der Fremdstoffe durch Enzyme) auf
der im Zusammenhang mit Vergiftungen nachgewie- die Intoxikationsgefahr. Damit verbunden ist
senen Fremdstoffe. Es folgen Haushalts- und sog. Ge- eine Toleranzsteigerung und Dosiserhöhung. Der
nussmittel sowie Giftpflanzen. Dabei besteht eine un- Rausch wird immer mehr zum Normalzustand.
terschiedliche Verteilung auf Erwachsene und Kinder. Beim Absetzen des Suchtstoffes treten Entzugs-
symptome (z.B. Krämpfe, Unruhe, Schlafstörun-
»Exotische« Stoffe. Abhängig von der Verfügbarkeit gen, Kopfschmerzen, Angstzustände und
bei spontanen Suizidabsichten, dem beruflichen Um- Schweißausbrüche) auf.
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