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Sidonie CHAUDRON

Das Vorgehen von Bundeskanzler Kohl und die Wiedervereinigung

Im sehr schnellen Prozess der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 spielte der
westdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sowohl im innerdeutschen Prozess der
Eingliederung der DDR in die BRD als auch international eine Schlüsselrolle bei der Sicherung
der Zustimmung der vier ehemaligen Verbündeten des Zweiten Weltkriegs und bei der
Beruhigung der Sorgen der Nachbarländer.
Die Bonner Regierung aeusserte zunaechst Bedenken gegen die Moeglichkeit einer baldigen
Wiedervereinigung. Ebenso wie die öffentliche Meinung überschätzte sie die Stärke der DDR.
Sie war überzeugt, dass die Sowjetunion sich dem Sturz des kommunistischen Regimes
widersetzen und ihm gleichzeitig Reformen aufzwingen würde. Dann könnten sich die
Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten intensivieren. Dann ändert sich die
Situation schnell. Bei seinem ersten offiziellen Besuch in der BRD unterzeichnet Gorbatschow
am 13. Juni 1989 eine Erklärung mit Kohl, in der er ihre Beziehungen und ihren Wunsch
bekräftigt, "zur Überwindung der Teilung Europas beizutragen", und dem Kanzler versichert,
dass er jegliche Intervention sowjetischer Truppen in der DDR ausschließt. Gerade das
Ausmaß der Demonstrationen in Ostdeutschland, der Sturz Honeckers und die Flucht der
Ostdeutschen in den Westen zeigen, dass eine Wiedervereinigung möglich und sogar
notwendig wird. Für die BRD galt es, den Flüchtlingsstrom, der unüberwindbare
Aufnahmeprobleme aufwarf, zu stoppen, indem Ostdeutschland die wirtschaftliche und
finanzielle Hilfe zur Verfügung gestellt wurde, die notwendig war, um die Arbeitskräfte im
Land zu halten.
Bundeskanzler Kohl ist jedoch zurueckhaltend. Ohne die westdeutsche politische Klasse oder
die Alliierten konsultiert zu haben, schlug er am 28. November einen Zehn-Punkte-Plan für
die Wiederherstellung der deutschen Einheit vor. Wenn "die staatliche Einheit Deutschlands
das Ziel der Bundesregierung bleibt", wird dies nur schrittweise erreicht werden. Als Antwort
auf einen Vorschlag von Hans Modrow für eine "Vertragsgemeinschaft" zwischen den beiden
deutschen Staaten ist Kohl der Ansicht, dass die innerdeutschen Beziehungen zunächst
entwickelt werden müssen. Die BRD würde der DDR in allen Bereichen Hilfe leisten, sofern
sie sich in Richtung pluralistische Demokratie und Befreiung der Wirtschaftsstrukturen
bewegt. Der erste Schritt wäre daher die Verwirklichung einer konföderalen Union.
Aber die Ereignisse nehmen an Fahrt auf, und Kohl versteht, dass die Schritte gehetzt
werden müssen. Er schlug der DDR eine Währungsunion vor und trug damit dazu bei, dass
die Christdemokraten und ihre Verbündeten, die eine rasche Wiedervereinigung forderten,
die Wahlen in Ostdeutschland am 18. März gewannen. Am 18. Mai unterzeichnen Helmut
Kohl und Lothar de Maizière den Interdeutschen Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts-
und Sozialunion, der am 1. Juli in Kraft tritt. Die starke Deutsche Mark wird in der DDR
eingeführt und ersetzt die schwache DDR-Mark. Trotz des Widerstandes der Bundesbank,
die es für unrealistisch und inflationär hält, wird die Währung zur Parität gewechselt. Kohl
hat sie verhaengt, weil er glaubt, dass sie die einzige Moeglichkeit ist, die Ostdeutschen zum
Bleiben zu bewegen. Darüber hinaus ist die Wirtschafts- und Währungsunion der Auftakt zur
politischen Einheit.
Die Wiedervereinigung wurde daher sehr schnell durch die einfache Ausdehnung der BRD
auf das Gebiet der ehemaligen DDR erreicht, gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes, der den
Beitritt neuer Länder vorsah und bereits 1957 zur Anbindung des Saarlandes genutzt wurde.
Dieses Verfahren vermeidet die Schwierigkeiten bei der Schaffung eines neuen deutschen
Staates mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung. Der Einigungsvertrag wurde am 31.
August 1990 in Berlin unterzeichnet. Das politische und administrative Regime der BRD wird
auf die fünf Bundesländer der DDR (Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt,
Thüringen) ausgedehnt - Berlin wird Hauptstadt. Der Vertrag tritt am 3. Oktober in Kraft. Die
neuen Bundesländer wählen ihre Versammlungen am 14. Oktober. Am 2. Dezember finden
Bundestagswahlen für ganz Deutschland statt. Die regierende christdemokratisch-liberale
Koalition ist erfolgreich und ratifiziert damit die Wiedervereinigung.