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„So ist Russland“

In Moskau oder Sankt Petersburg müssen


Studenten nicht immer nur büffeln. Für
eine gute Note reicht es auch manchmal, dem
Professor ein paar Scheine zuzustecken.

FOTO: KAI BIENERT / IMAGO

Lomonossow-Universität in Moskau: Mit Rubeln zum Erfolg

24 UniSPIEGEL 2/2013
VON CHARLOTTE HAUNHORST

Als sie das erste Mal einen Professor bestach, war Olga Andrijanow verließ seinen Posten unter lautstarkem Protest.
noch aufgeregt. Was, wenn es schiefgeht? Wie würde er Es ist schließlich unfair, dass solch kleine Unstimmigkeiten
sie behandeln? Ihre Freunde beruhigten sie. Das sei Rou- plötzlich geahndet werden, oder?
tine. So ging Olga los, verwickelte den Dozenten in ein Fragwürdige Titel gibt es in Russland sogar an der Staatsspitze:
Gespräch und ließ ganz nebenbei das Codewort fallen, 2006 wiesen amerikanische Wissenschaftler nach, dass Wla-
das ihr ein Kommilitone verraten hatte: Ob man das nicht dimir Putin bei seiner Promotion seitenweise aus einer US-
»anders regeln« könne? Danach steckte sie 1500 Rubel, Publikation abgeschrieben und sich wissenschaftlich ähnlich
etwa 40 Euro, in das Lehrbuch des Professors – fertig. fragwürdig verhalten hatte wie Karl-Theodor zu Guttenberg.
Einer, der sich intensiv mit den Tricksereien im russischen Bil-
»Ich habe bezahlt und ging direkt mit meiner Note nach Hause. dungssystem beschäftigt, ist Eduard Klein. Er promoviert der-
Es war alles ganz einfach und leicht«, erzählt die Studentin der zeit an der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen
Veterinärmedizin. Mittlerweile kauft sie nicht nur Noten. Sie zum Thema und forschte als Auslandsstudent in Sankt Peters-
geht zu manchen Prüfungen überhaupt nicht mehr hin. »So burg. Die Systematik hinter der Bestechung hat auch ihn über-
ist Russland!«, sagt sie. rascht: So liegen in einigen Veranstaltungen zu Semesterbeginn
Olga war mit ihrer ersten Bestechung ganz schön spät dran. In schamlos Noten-Preislisten aus. Ein russischer Student erzählte
ihrer Heimat ist es keine Seltenheit, dass Eltern ihren Kindern ihm sogar von einem Korruptions-Automatismus: Nach einer
schon in der Grundschule durch Gefälligkeiten an die Lehrer Prüfung werden Überweisungsscheine an die durchgefallenen
Vorteile verschaffen. Schafft es der Nachwuchs dann mittels Studenten verteilt. Wer das Geld transferiert, fällt garantiert
gekaufter guter Noten zur Hochschulreife, geht es an der Uni- nicht durch die Wiederholungsprüfung.
versität munter weiter. »Blat« nennen die Russen das Gestrüpp Materielle Geschenke unter umgerechnet 75 Euro werden in
aus persönlichen Gefallen, Geschenken und Bestechungszah- Russland nicht strafrechtlich verfolgt. Wer hingegen beim An-
lungen. nehmen von Geld ertappt wird, kann ins Gefängnis kommen
»Blat« ist allgegenwärtig: Eltern bestechen, Studenten beste- und von der Uni fliegen. So steht es zumindest im Gesetz. Fak-
chen, das ganz Bildungssystem ist korrupt. Selbst die Uni-Rek- tisch werden allerdings nur selten Fälle von Bildungskorruption
toren bilden da keine Ausnahme. öffentlich gemacht, obwohl Schätzungen zufolge jeder zweite
Im Sommer 2011 behauptete zum Beispiel der Leiter der Mos- bis dritte Student bereits bestochen hat. Dass die Professoren
kauer Pirogow-Universität, dass sich 600 Abiturienten mit ex- dabei mitmachen, ist kein großes Wunder. Deren Gehälter lie-
zellenten Noten beworben hätten – in Wahrheit gab es die gar gen zwischen 450 und 650 Euro monatlich. Damit kann in
nicht. Es gelang ihm, den fiktiven Einserschülern nahezu sämt- einer Stadt wie Moskau kaum die Miete bezahlt werden. So
liche staatlich subventionierte Medizinstudienplätze zuzuscha- werden faule und dumme Studenten zur lebensnotwendigen
chern. Nachdem freilich keiner dieser Kandidaten zum Studi- Nebeneinnahme.
um antrat, verkaufte er die nun frei gewordenen Plätze für je Dietmar Wulff, der sieben Jahre lang für den Deutschen Aka-
10 000 Euro an Schüler, die zwar schlechte Noten, aber wohl- demischen Austauschdienst an der Uni Woronesch lehrte, kennt
habende Eltern hatten. die miserable Situation des russischen Lehrpersonals. Als Dozent
Weil Bildung in Russland käuflich ist, gilt die russische Duma kritisierte er dennoch die Bildungskorruption – was die Eltern
als das gelehrteste Parlament der Welt. Von den 450 Abgeord- nicht davon abhielt, ihn schmieren zu wollen. Wulff lehnte zwar
neten haben 143 einen Doktortitel, 71 Volksvertreter dürfen ab. Aber er musste lernen, dass dies wenig nutzte.
sich Professor nennen. Allerdings weiß jeder: Die Titel beweisen »Ich ließ einen Studenten nicht zum Examen zu und vermerkte
nicht die gute Ausbildung ihrer Träger, sondern meist nur das auch. Trotzdem schrieb ihm der Lehrstuhlinhaber ein ›be-
deren Finanzkraft. standen‹ ins Transkript«, erinnert er sich. Als er sich beschwer-
Einer ernsthaften Überprüfung halten die wenigsten Pro- te, bat der Dekan um Verständnis: »Er war gar nicht persönlich
motions- oder Habilitationsschriften stand. Für Aufsehen materiell interessiert. Er sorgte sich um die Zukunft seiner Fa-
sorgte kürzlich die Revision von 25 Dissertationen einer kultät«, sagt Wulff. Denn jeder Student zahlt durchschnittlich
Moskauer Elite-Uni. 24 davon wurden als wissenschaftlich 1000 Euro Studiengebühren im Jahr. Wer scheitert, fällt als
ungenügend enttarnt, darunter auch die Arbeit von Andrej Einnahmequelle weg. Bei der abnehmenden Zahl junger Men-
Andrijanow, dem Direktor der Kaderschmiede für mathema- schen müssen die Unis um jeden Studenten kämpfen.
tisch begabte Studenten an der Universität Moskau, einem Wenn man Olga, die angehende Veterinärmedizinerin, fragt,
Vertrauten von Wladimir Putin. Andrijanow, so konnte nach- ob sie und ihre Kommilitonen nicht manchmal das Verlangen
gewiesen werden, hatte die Arbeit bei einem Doktormacher spürten, sich gegen das korrupte System aufzulehnen, sagt sie:
gekauft. Das erklärte auch, warum er als Diplomchemiker »Nein. Das würde bedeuten, dass die Hälfte des Kurses nach
einen Doktor in Geschichte besaß, ausgestellt von einer Hoch- dem ersten Semester aus der Uni fliegt, da viele nicht genug
schule für Pädagogik. im Kopf haben oder zu faul sind.«

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