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IN

ALLEM
MUSS
ER
DER
ERSTE
SEIN
Die biblische Lehre über Jesus Christus
Eine Christologie

Pfr. Manfred Macher


Der Autor
2
Biographie: Manfred Julius Macher wurde am 18. August 1954 in St.Gal-
len geboren. Er absolvierte nach seiner Schulzeit eine Lehre als Hochbau-
zeichner. Nach drei Jahren Studium in Winterthur erhielt er 1978 das Di-
plom als Architekt HTL. 1984 schloss er das Studium an der Freien Evan-
gelisch-Theologischen Akademie Basel ab. In den folgenden sechs Jahren
betreute er die Freie Evangelische Gemeinde Gümligen. Von Oktober 1990
bis August 1999 betreute Pfr. Macher als Gemeindeleiter die Evangelischen
Gemeinde Ländli in Zürich. Im September gleichen Jahres gründete er die
neue Gemeinde „Züri-Chile“ (www.zueri-chile.ch), die er heute leitet und
betreut.
Vorlesungen und weitere Tätigkeiten: Vorlesungen am Institut für Ge-
meindebau und Weltmission in Zürich IGW (Christologie & Exegese). Im
Jahr 2002 gründet der Autor die e-learning-Firma e-next mit Sitz in Zürich
in der er zu 50% mitarbeitet.
Verantwortliche Mitarbeit: Im Frühjahr 1997 gründete Manfred Macher
das Christian Research Institute Switzerland CRIS, um die Erforschung des
Reiches Gottes in der Schweiz zu fördern. Dazu wurde auch ein Internet-
Server realisiert, der die Datenbank über die Gemeinden der Schweiz der
Öffentlichkeit anbietet (http://www.cris.ch).
Weitere Publikationen:
Im Laufe seiner Vorlesungstätigkeit verfasste der Autor verschiedene Kom-
mentare: Zum Matthäus-Evangelium („Das Evangelium vom Königreich“),
zum 1.Timotheusbrief („Damit du weisst, wie man sich im Hause Gottes
verhalten muss“), zum Kolosserbrief („Christus genügt“) und zum Römer-
brief („Gerechtigkeit macht ein Volk gross“).

Eigenverlag von Pfarrer Manfred Macher


Ceresstr.17, 8008 Zürich macher@igw.edu
© 2003 Zürich http://www.e-next.ch
3
Inhaltsverzeichnis
Der Autor 2
Inhaltsverzeichnis 3
Vorwort 6
Die Christologie in der Dogmatik 7
Der Aufbau der Christologie 7
Christologie par Henri Blocher 7
Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus Christus 8
Zeugnisse antiker heidnischer Autoren über Jesus 8
Josephus und Jesus 9
Der slawische Josephus 9
Jesus in der rabbinischen Überlieferung 9
Die Christologie in der Kirchengeschichte 9
Die Gnosis, Marcion und der Doketismus 9
Der arianische Streit 10
Das Konzil zu Nizäa 15
Athanasius 15
Die dritte Phase (361-381) 16
Die dogmatischen Kämpfe der östlichen Reichshälfte 16
Der christologische Streit 17
Die christologischen Bekenntnisse 20
Christologien unserer Zeit 22
Edward Schillebeeckx 22
Versuch einer Chronologie vom irdischen Leben Jesu 23
Eckpunkte der Datierung 23
Überblick und Grobeinteilung 23
1. JESUS CHRISTUS: GOTT VON EWIGKEIT ZU EWIGKEIT 24
1.1. Die Gottheit Christi 24
1.1.1. Die direkten Hinweise auf Jesu Gottheit 26
1.1.2. Die indirekten Hinweise auf Jesu Gottheit 27
1.1.3. Jesu Selbstverständnis 28
1.1.4. Die göttlichen Eigenschaften (Attribute) Jesu Christi 28
1.1.5. Der Hoheitstitel "Christus" 29
1.1.6. Die praktischen Konsequenzen aus der Gottheit Jesu 30
1.2. Der präexistente Christus 31
1.2.1. Seine Präexistenz vor der Weltschöpfung 31
1.2.2. Jesus – Schöpfer, Schöpfungsmittler und Schöpfungsziel 32
1.2.3. Jesu Präexistenz im Alten Testament 35
1.2.4. Das Werk Jesu in der Präexistenz 39
1.2.5. Christus und der göttliche Heilsratschluss 39
1.2.6. Die praktischen Konsequenzen der Präexistenz 40
1.3. Die Trinität 40
1.3.1. Die Dreieinigkeitslehre nach der Bibel 40
1.3.2. Der Schriftbeweis für die Dreieinigkeitslehre 41
1.3.3. Die Konsequenzen aus der Dreieinigkeitslehre 43
1.4. Die Überlegenheit Christi im Hebräerbrief 43
1.4.1. Besser als die Propheten 43
1.4.2. Besser als die Engel 43
1.4.3. Besser als Moses 43
1.4.4. Besser als Josua 43
1.4.5. Besser als Aaron 43
1.4.6. Der bessere neue Bund 44
1.5. Die Einzigartigkeit von Jesus Christus 44
1.5.1. Vorbemerkung: Was wird mit der Kennzeichnung evangelikal umschrieben? 44
1.5.2. Grundlagen des Bekenntnisses zur Einzigartigkeit Jesu Christ im evangelikalen
Bereich. 45
1.5.3. Problematisierung des Untertitels: 'Eine evangelikale Position'. 46
4
1.5.4. Dogmatische Grundlagen und Grundfragen im Zusammenhang mit der Rede von der
'Einzigartigkeit Jesus Christi' 47
2. MENSCHWERDUNG, ERNIEDRIGUNG UND SEIN MESSIANISCHER
AUFTRAG 51
2.1. Vorbereitungen, Menschwerdung und Erniedrigung 51
2.1.1. Messianische Prophetie des AT und in der Vorgeschichte des NT 51
2.1.2. Typologische Hinweise des AT 86
2.1.3. Die Menschwerdung (Subjekt, Anlass, Notwendigkeit) 95
2.1.4. Der Beginn der Erniedrigung 97
2.2. Die Jungfrauengeburt 98
2.2.1. Von Jes.7,14 bis Mt.1,23 98
2.2.2. Die Tatsache der Jungfrauengeburt 98
2.2.3. Biblische Streiflichter zur Frage der Jungfrauengeburt Jesu 102
2.2.4. Folgen aus der Jungfrauengeburt 110
2.2.5. Diverse Artikel und Aufsätze zum Thema 111
2.3. Jesu Kindheit und Jugend 118
2.3.1. Luk.2,52 118
2.3.2. Jesus im Tempel 118
2.4. Wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich 119
2.4.1. Jesus von Nazareth ist wahrer Mensch 119
2.4.2. Trotz seines Menschseins bleibt Jesus absolut sündlos 120
2.4.3. Der irdische Jesus bleibt wahrer Gott 122
2.4.4. Die Einheit der beiden Naturen Christi 122
2.4.5. Die Notwendigkeit der beiden Naturen Christi 124
2.4.6. Vom doppelten Stand Jesu Christi 125
2.5. Jesu Selbstverständnis 134
2.6. Kennzeichen seiner Messianität 135
2.7. Jesus, der König der 'basileia' 137
2.7.1. Die Basileia 137
2.7.2. Das Königtum im Alten Testament 141
2.7.3. Jesus ist König von Ewigkeit zu Ewigkeit 143
2.7.4. Palmsonntag und der Einzug des Königs in Jerusalem 144
2.7.5. Der Segen des Königsamtes Christi für uns 149
2.8. Jesus, der grosse Hohepriester 152
2.8.1 Die Berufung Jesu zum Hohepriesterdienst 152
2.8.2 Die Ordnung des messianischen Hohepriester-Amtes 153
2.8.3 Das Heiligtum des Hohenpriesters 155
2.8.4 Der Dienst des ewigen Hohenpriesters 157
2.9. Jesu Prophetenamt 157
2.9.1. Das Prophetenamt im Alten Testament 157
2.9.2. Jesus der Prophet 168
2.10. Weitere Ämter und Aufgaben Jesu 170
2.10.1. Jesu Lehramt 170
2.10.2. Jesus der Knecht und Diener 184
2.10.3. Jesus der Apostel 189
2.10.4. Jesus wird selber Typus 189
2.10.5. Jesus unser Vorbild – Imitatio Christi 190
2.11. Typisch Jesus – Szenen aus seinem Leben 191
2.11.1. Jesus und Tiere 191
2.11.2. Jesus und das nur allzu Menschliche 192
2.11.3. Pflanzen, Steine, Berge – Jesus und die Natur 192
3. DER GEHORSAM JESU BIS ZUM TOD AM KREUZ 193
3.1 Die göttliche Liebe als Triebfeder des Gehorsams 193
3.2 Jesus respektiert den Willen des Vaters 193
3.3 Jesu persönliche Bereitschaft und Zubereitung zum Opfertod 195
3.3.1 Jesu persönliche Bereitschaft zum Opfertod 195
3.3.2 Jesu Zubereitung zum Opfertod 195
3.4 Jesu Tod am Kreuz 195
3.4.1. Allgemeines zum Tod am Kreuz 195
3.4.2. Stellvertretung 196
3.4.3. Versöhnung 199
3.4.4. Erlösung 208
5
3.4.5. Sündenvergebung 210
3.4.6. Rechtfertigung 210
3.4.7. Literatur zum "Kreuz" 214
3.5. Heilsgeschichtliche Konsequenzen des Kreuzestodes 215
3.6. Wichtige Ereignisse beim Kreuzesleiden und der Kreuzestod 215
3.6.1. Äussere Begleiterscheinungen von heilsgeschichtlicher Bedeutung 215
3.6.2. Die sieben Kreuzesworte 216
3.6.3. Die bes. Bedeutung des Todes Jesu am Kreuz 218
3.6.4. Die Tatsächlichkeit seines Todes 218
3.7 Jesu Grablegung 218
3.7.1. Die Prophezeiung in Jes.53,9 218
3.7.2. Theologische Konsequenzen 220
3.7.3. Die Lehren, die wir aus Jesu Begräbnis ziehen können 220
3.8 "Hinabgestiegen ins Totenreich" 221
4. JESU CHRISTI ERHÖHUNG 222
4.1 Die leibliche Auferstehung und ihre heilsgesch. Bedeutung 222
4.1.1 Einleitende Vorbemerkungen 222
4.1.2 Der Herr ist wahrhaftig auferstanden (Lk.24,34) 222
4.1.3 Die Auferstehung in Heilsgeschichtlicher Sicht 225
4.2. Die Himmelfahrt Jesu und ihre heilsgeschichtlichen Konsequenzen 230
4.2.1. Das historische Ereignis der Himmelfahrt Jesu 230
4.2.2. Die Bedeutung der Himmelfahrt Jesu 231
4.2.3. Die heilsgeschichtlichen Konsequenzen der Himmelfahrt 232
4.3 Jesus, zur Rechten des Vaters erhöht 233
4.4 Jesus, der wiederkommende Weltherrscher 236
5. JESU NAMEN, PRÄDIKATE UND HOHEITSTITEL 238
5.1. Vorbemerkungen 238
5.2. Bereits besprochene Namen, Prädikate und Titel 238
5.3. Jesus: der Sohn Gottes 238
Der Gott «Pan» und ein neuer Messias 238
5.4. Jesus: der "eingeborene" Sohn des Vaters 241
5.5. Jesus: der Menschensohn 241
5.6. Der Name Jesus 242
5.7. Jesus: der Heiland, der Retter 242
5.8. Jesus: der Herr 242
5.9. Übrige Namen, Prädikate und Titel Jesu 242
5.9.1. Der Logos 242
5.9.2. Davids Sohn 243
5.9.3. Knecht Jahwes 243
5.9.4. Immanuel ("Gott mit uns") 243
5.9.5. Der Bräutigam 244
5.9.6. Der Löwe aus dem Geschlecht Juda 244
5.9.7. Das Lamm Gottes 244
6. KERNSTELLEN ZUR CHRISTOLOGIE 245
6.1. Im Alten Testament 245
6.1.1. Das sog. Protevangelium in Gen.3,15 245
6.1.2. Christologische Psalmen 245
6.1.3. Der Knecht Jahwes bei Jesaja 245
6.2. Im Neuen Testament 245
6.2.1. Die Schwerpunkte der vier Evangelien 245
6.2.2. Die „ich bin“-Stellen im Wort Gottes 245
6.2.3. Die Kenosis von Phil.2 252
6.2.4. Christus genügt - Jesus im Kolosserbrief 253
6.2.5. Der wiederkommende Christus in den Thessalonicherbriefen 259
6.2.6. Das Geheimnis der Gottseligkeit in 1.Tim.3,16 259
6.2.7. Jesus im Vergleich (Hebräerbrief) 260
6.2.8. Der verherrlichte Jesus in der Offenbarung 263
ANHÄNGE 264
Literaturverzeichnis 264
6
Literatur zur Christologie 264
Literatur aus der allgemeinen Dogmatik 267
Buchexzerpte 268
Exzerpt „Jesus der Lehrer“ von Meskemper 268
Exzerpt „Einführung in die Christologie“ von Dembowski 273
Monographien und Zeitschriftenartikel 297
Artikel „Die Christologie Moltmanns“ von J.Beck 297
Index der Begriffe 325

Vorwort

Sich mit Christus beschäftigen heisst, sich mit Gott beschäftigen. Jesus sag-
te: "Wer mich sieht, der sieht den Vater". Und dies wiederum verändert uns
Menschen mehr als alles andere! Darum wollten die Heiligen aller Zeiten
Gott schauen, da sie wussten, dass nichts in der Welt uns mehr befriedigt,
erfüllt und verändert als eine Gottesschau.
Die zweite Tatsache, die mich immer wieder beflügelt, mich mit der Chri-
stologie auseinander zu setzen, ist die Nähe Gottes, die uns in Christus er-
fahrbar wird. Er wurde Mensch, damit wir Gott kennenlernen können und
damit Er sich besser in unsere Situation hinein versetzen kann! "Daher muss-
te er in allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig und ein treuer
Hoherpriester vor Gott werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin
er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht
werden"1.
Und nicht zuletzt habe ich die Überschrift dieses Buches und der Vorlesung
bewusst aus Kol.1,18 gewählt: „Und er ist das Haupt des Leibes, der Ge-
meinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in
allem der Erste sei (den Vorrang habe)“. Wir sollen uns vornehmlich mit
Jesus Christus beschäftigen, weil ER in allem die Priorität haben muss!

Manfred Macher, Zürich 2003

1
Hebr.2,17.18.
Die Christologie in der Dogmatik
7
In den wenigsten Dogmatiken steht die Christologie als isolierter Teil da.
Einige Ansätze verbinden die Christologie mit einem oder mehreren ver-
wandten Gebieten der systematischen Theologie.
So finden wir bei Böhl die enge Verbindung zur Soteriologie, wesswegen er
seine Christologie auch Soterologie nennt. Dieselbe unterteilt er klassisch in
die Lehre von der Person und vom Werk des Erlösers.
Bei Calvin ist die Christologie fast ganz in der Theologie eingebettet. Im er-
sten Buch der Institutio (Von der Erkenntnis Gottes als des Schöpfers) be-
handelt er die Trinität (Inst.I.13) und damit die Gottheit Christi. Im zwei-
ten Buch (Von der Erkenntnis Gottes als des Erlösers in Christo) bespricht
er die Harmatologie, einzelne Aspekte der Anthropologie und die Lehre
vom Gesetz. Dann aber behandelt er deutlich aus der Christologie die
Menschwerdung und die Zwei-Naturen-Lehre (Inst.II.12-14), das dreifache
Amt (Inst.II.15) und die eigentliche Lehre von der Erlösung (Inst.II.16-
17). Das dritte Buch (Auf welche Weise wir der Gnade Christi teilhaftig
werden ...) behandelt die Soteriologie und das vierte (Von den äusseren
Mitteln oder Beihilfen, mit denen uns Gott zu der Gemeinschaft mit Chris-
tus einlädt und in ihr erhält) die Ekklesiologie.
Bei Berkhof folgt nach der Theologie und der Anthropologie als dritter Teil
„The Doctrine of the Person and Work of Christ“. Dieser enthält die drei
Abschnitte (a) The Person of Christ, (b) The States of Christ und (c) The
Offices of Christ.

Der Aufbau der Christologie

Die meisten Christologien sind historisch gegliedert - sie beginnen mit dem
Präexistenten Christus und enden mit dem kommenden, ewigen. Da sich
diese Gliederung geradezu aufdrängt, habe ich sie übernommen.

Christologie par Henri Blocher


Einleitung
I Der Ort / II Die Methode / III Die Disposition
Kap.1 - Das Erscheinen (le discernement) von Jesus Christus in der
Geschichte. Die fortschreitende Offenbarung durch das Wort Gottes
A. Die Erwartungen Israels / I. Die Ausrichtung der Stiftshütte auf Christus / II. Indices repérables / III.
Die grundsätzlichen Formen der Verheissung
B. Das apostolische Zeugnis / I. L'énigmatique Jeschua von Nazareth / II. Der Herr, gerechtfertigt durch
den Geist / III. Der ewige fleischgewordene Sohn
Kap.2 - Das Erscheinen (le discernement) von Jesus Christus in der
Geschichte. Die fortschreitende Assimilation in der Sprache des Glau-
bens
A. Das Bekenntnis der Gemeinde / I. Les premiers Tâtonnements et discernements / II. Les luttes décisi-
ves / III. Die Bewahrung des Dogmas
B. Der Aktent der Reformation / I. Die Wiederaufnahme des Dogmas / II. Der Wechsel in der Perspekti-
ve / III. Die Unterschiede zwischen den Reformatoren
C. Die Interpretationen der Moderne / I. Die Entleerung des Dogmas / II. L'édulcoration du dogme / III.
L'éxaltation - ambiguë - du dogme
Kap.3 - Die Konstitution der Person: Die zwei Naturen des einen Soh-
8 nes
A. Die Göttlichkeit von Jesus Christus / I. Biblischer Beweis / II. Dogmatische Präzisierung
B. Das Menschsein von Jesus Christus / I. Biblischer Beweis / II. Dogmatische Präzisierung
C. Die Einheit der beiden Naturen / I. Einheit ohne Vermischung / II. Doctrines déviantes et erhellende
Überlegungen
Kap.4 - Die Person an der Arbeit: Die Zustände und die Dienste
A. Die zwei Zustände des Mittlers / I. Die Erniedrigung / II. Die Erhöhung
B. Die drei Dienste Christi / I. Der prophetische Dienst / II. Der Priesterdienst / III. Der Dienst als König
/ IV. Überlegungen: Die drei Dienste vereint

Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus Christus

Von den Akten des Pontius Pilatus ist leider nichts mehr vorhanden, ausser
von den gefälschten aus dem 4. Jahrundert. Aber aus den Schriften von Ju-
stin des Märtyrers wird ersichtlich, dass man sie zu seiner Zeit hätte einse-
hen können und dass sie v.a. die Kreuzigung bezeugt hätten.

Zeugnisse antiker heidnischer Autoren über Jesus


(a) Der röm. Schriftsteller Sueton schreibt über den Kaiser Claudius: „Die
Juden vertrieb er aus Rom, weil sie, von Chrestos aufgehetzt, fortwährend
Unruhe stifteten“.
(b) Der Historiker Tacitus erklärt in seinen „Römischen Analen“ (ca. 116)
den Ursprung der Christen (die von Nero der Brandstiftung von Rom be-
schuldigt worden waren) folgendermassen: „Dieser Name stammt von Chri-
stus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden
war. Dieser verderbliche Aberglaube war für den Augenblick unterdrückt
worden, trat aber später wieder hervor und verbreitete sich nicht nur in Ju-
däa, wo er aufgekommen war, sondern auch in Rom, wo alle Greuel und
Abscheulichkeiten der ganzen Welt zusammenströmen und geübt werden“.
(c) Ein Schriftsteller namens Thallus verfasste um das Jahr 52 n. Chr. eine
Geschichte der östlichen Mittelmeerländer, die leider verloren gegangen ist.
Aber der Christ Julius Africanus, der Anfangs des dritten Jahrhunderts lebte,
bezieht sich in seinem Werk auf Thallus und widerlegt seine Ansicht, dass
die übernatürliche Finsternis, die die Kreuzigung Christi begleitete, eine
Sonnenfinsternis gewesen sei mit dem Hinweis darauf, dass Jesus ja bei
Vollmond gekreuzigt worden sei.
(d) Mara bar Serapion, ein Syrer, schrieb in einem Brief nach 72 n. Chr.:
„Welchen Vorteil hatten die Athener davon, Sokrates zu töten? Hungers-
not und Seuchen kamen über sie als Strafe für ihr Verbrechen. Welchen
Vorteil hatten die Leute von Samos davon, Pythagoras zu verbrennen? In
einem Augenblick wurde ihr Land vom Sand bedeckt. Welchen Vorteil hat-
ten die Juden davon, ihren weisen König hinzurichten? Bald darauf hatte ihr
Königreich ein Ende. Gott verschaffte diesen drei weisen Männern gerechte
Rache: die Athener starben Hungers, die Samier wurden vom Meer über-
wältigt, die Juden – ruiniert und aus ihrem Land vertrieben – leben in völli-
ger Zerstreuung. Sokrates aber starb nicht für immer; er lebte weiter in der
Lehre Platos. Pythagoras starb nicht für immer; er lebte weiter in der Statue
der Hera. Ebensowenig starb der weise König für immer; er lebte weiter in
der Lehre, die er gegeben hatte.“ 9
Josephus und Jesus
Vgl. hierzu F. F. Bruce, „Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus und das frü-
he Christentum“, S.26ff.

Der slawische Josephus


Vgl. hierzu F. F. Bruce, „Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus und das frü-
he Christentum“, S.32ff.

Jesus in der rabbinischen Überlieferung


Vgl. hierzu F. F. Bruce, „Ausserbiblische Zeugnisse über Jesus und das frü-
he Christentum“, S.44ff.

Die Christologie in der Kirchengeschichte

Die Gnosis, Marcion und der Doketismus


Diese Irrlehren leugnen die Tatsache, dass Jesus wahrer Mensch war.
Zu Marcion schreibt H. Dermot McDonald2:
„Marcion wurde als Sohn des Bischofs von Sinope am Schwarzen Meer geboren. Um 140 kam er nach
Rom, wo er von dem Gnostiker Cerdo beeinflusst wurde. Dieser glaubte, dass der Gott des Alten Testa-
ments von dem Gott und Vater Jesu Christi zu unterscheiden sei. Der Gott des Alten Testaments sei uner-
kennbar, der letztere habe sich offenbart. Der erstere sei unbarmherzig gerecht, der Gott des Neuen Tes-
taments dagegen voll Liebe und Gnade. Marcion wurde der Hauptvertreter dieser Lehre, in die er zudem
seine eigenen Gedanken einfügte. Seine entstellte christliche Lehre wurde bald von der römischen Kirche
abgelehnt und Marcion selbst 144 exkommuniziert. Justin der Märtyrer behauptete, Marcion werde vom
Teufel geleitet, um zu lästern und zu bestreiten, dass Gott der Schöpfer des Universums sei. Tertullian
schrieb um 207 das Buch Gegen Marcion. Er sah in Marcion einen schädlichen Gegner wahrer christli-
cher Lehre.
Marcions Gottesanschauung
Marcion entwickelte Cerdos Unterscheidung eines Gottes des Alten und des
Neuen Testaments weiter. Er hielt den alttestamentlichen Gott für grund-
sätzlich rachsüchtig und für den Schöpfer alles Bösen. Er kümmerte sich al-
lein um das jüdische Volk, das er zur Vernichtung aller anderen ausrüstete.
Im Gegensatz hierzu sei der neutestamentliche Gott ein Gott der Gnade und
Liebe gegenüber jedermann, der sich in seinem Sohn Jesus Christus offen-
bart. Marcion behauptete, Jesus sei nicht von einer Frau geboren worden,
sondern im Jahre 29 plötzlich in der Synagoge von Kapernaum als erwach-
sener Mann erschienen.
Denn er sei ja, von seinem Äusseren abgesehen, kein Mensch gewesen, sondern ein neuartiges Lebewesen
auf Erden. Diese Anschauung war der der Doketisten ähnlich. Obwohl Marcion Christi Leben und Kreu-
zigung für notwendig hielt, waren Erfahrungen und Leiden Christi dennoch nicht wirklich. Weil die
Schöpfung keine Tat des guten Gottes war, mussten die Christen die Welt verwerfen. Der Körper musste
verleugnet und aufgegeben werden, weil allein Seele und Geist erlöst werden. Daher verwarf Marcion die
Vorstellung einer Auferstehung des Leibes.

2
In „Die Geschichte des Christentums“, Brunnenverlag, Basel 1979, S.102f.
Weil er glaubte, dass der Gott des Alten Testaments nur die Juden bevorzugte, verwarf er das Alte Testa-
10 ment und solche neutestamentlichen Schriften, die seiner Meinung nach für jüdische Leser geschrieben
waren - z.B. Matthäus-, Markusevangelium, Apostelgeschichte, Hebräerbrief. Aus den übrigen Schriften
schied er alles aus, was seiner Meinung zuwider lief, so dass er schliesslich ein von jüdischen Zusätzen
»gereinigtes« Neues Testament übrigbehielt, ein gekürztes Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe, da
Paulus der seiner Meinung nach einzige Apostel war, der die Botschaft Jesu nicht verfälscht hatte. Nach
dem Vorbild der Kirche gründeten die Marcioniten eigene Gemeinden, mit eigenem Klerus und Liturgie.
Beim Abendmahl benutzten sie als Konsequenz ihrer asketischen Lehre keinen Wein. Einige marcioniti-
schen Ideen drangen in gnostische Gruppen ein, wie auch umgekehrt die Marcioniten von Gnostikern
beeinflusst wurden. Ihr Einfluss erreichte Italien, Arabien, Armenien und Ägypten, und besonders im
Osten ist er jahrzehntelang nachweisbar. In der Nähe von Damaskus existierte bis ins 4. Jahrhundert hin-
ein eine Reihe marcionitischer Dörfer. Im Westen nahm der Einflu8 der Marcioniten als Folge ihrer An-
näherung an die Manichäer ab.“

Der arianische Streit


„In Alexandrien lebt zu Beginn des vierten Jahrhunderts ein Presbyter na-
mens Arius, ein Mann von strenger Zucht und ernster Wesensart. Eines Ta-
ges, ungefähr im Jahre 18 tritt er mit einer eigenen Lehre hervor. "Wir ha-
ben", so sagt er, "nicht zahllose Götter wie die Heiden, sondern einen einzi-
gen Gott. Wäre Christus nun völlig gottgleich, so hätten wir aber zwei Göt-
ter, und das widerspricht unserem Bekenntnis. Also ist Christus nicht Gott,
sondern er ist ein Mensch, freilich der oberste und vornehmste aller Men-
schen, unvergleichlich hoch über allen anderen, aber eben doch Mensch von
Fleisch und Blut."
Diese Lehre, die er mit grosser Überzeugungskraft vorträgt, leuchtet vielen
ein. Es fehlt nicht viel und sie würde in ganz Alexandrien angenormnen. Da
steht jedoch ein Kleriker gegen Arius auf: Athanasius. Er ist nicht minder
gelehrt, und er erfreut sich dazu noch der höchsten Wertschätzung seines
Bischofs. Dieser Athanasius weist nun mit aller Deutlichkeit nach, dass die
Lehre des Arius im Widerspruch zur Heiligen Schrift, insbesondere zu Pau-
lus steht und erwirkt beim Bischof eine Synode, auf der die ganze Angele-
genheit erörtert wird. Arius wird darauf der Irrlehre bezichtigt und exkom-
muniziert. Er muss das Land verlassen und geht zu Bischof Eusebius von
Nikomedien. Dort ist man seiner Lehre zugetan, nicht zuletzt, weil hier die
alte Tradition von Origenes her noch nachwirkt.
Arius tut alles, um seine Theologie möglichst populär zu machen, und er
wählt dazu einen höchst wunderlichen Weg: Er dichtet allerlei Wander-
lieder, Schiffersongs und Volksgesänge, in denen er seine Lehre ziemlich
primitiv und gleichsam "mit dem Holzhammer" verteidigt. Ob diese Lieder
viel gesungen werden, entzieht sich unserer Kenntnis, zweifellos tragen sie
aber zur "Publicity" des Arius bei. Der Streit ist also durch die Synode nicht
beigelegt, sondern weitet sich im Gegenteil immer mehr aus. Die Gegensät-
ze verschärfen sich, die Fronten versteifen sich. Bis weit nach Westen hin-
über schlagen die Wogen der Erregung. Die Kirche ist wieder einmal in Ge-
fahr, gespalten zu werden. Diesmal wegen der zentralen Frage nach der
Gottheit Christi.
Zu allem Überfluss bildet sich zwischen den Arianern und den Anhängem
des Athanasius, die man bald als "Orthodoxe" bezeichnet, noch eine dritte
Partei. Sie steht etwa in der Mitte, jedoch etwas näher bei Arius und fusst
im wesentIichen auf den Ansichten des Origenes. Ihr Führer ist der bereits
erwähnte Eusebius, und diese Partei ist schon binnen kurzer Zeit bei weitem
in der Mehrheit.
Dem Kaiser bleiben diese Dinge nicht verborgen, und sie sind ihm äusserst
unangenehm. Er kann keine gespaltene, in sich uneinige Kirche gebrauchen. 11
Um seine Ziele zu erreichen, bedarf er der einigen, starken Kirche, die ihn
unterstützt. So hält er die Zeit für gekommen, selbst einzugreifen. Er beruft
eine Synode ein. Es ist die erste der sogenannten Kaisersynoden, wie sie in
den ersten achthundert Jahren für die Geschichte der Kirche bestimmend
bleiben sollen. Als Ort wählt Konstantin seinen eigenen Palast in Nicäa in
Bithynien. Man schreibt das Jahr 325.
Der erstaunten Welt bietet sich ein erhebendes Schauspiel: Über 250 Bi-
schöfe reisen an, und zwar auf Staatskosten. Sie nehmen Quartier in Nicäa
und versammeln sich im kaiserlichen Palast. Und dann geschieht das Er-
staunlichste: Der Kaiser selbst, im prunkvollen Ornat, in all dem Glanz und
der Herrlichkeit seines Regimentes, übernimmt den Vorsitz. Wem ange-
sichts dieses strahIenden Auftrittes noch die geringsten Zweifel am Ausgang
der Synode bleiben sollten, der wäre zu bedauern: Diese Synode wird so
entscheiden, wie der Kaiser es wünscht. Und sie entscheidet so.
Übrigens trägt Konstantin bewundernswürdige Geduld und Langmut zur
Schau, denn was sich hinter den Kulissen dieser Synode abspielt, ist alles
andere als schön. Die geistlichen Herren scheuen sich nicht, dem Kaiser hin-
tenherum "allerlei Zettelchen und Brieflein zuzustecken, in denen sie ihre
Gegner nach Kräften verleumden. Aber Konstantin erweist sich als grosser
Monarch: Er lässt die Schmähschriften verbrennen, ohne nur ein Wort dar-
über zu verIieren.
Da die Anhänger des Eusebius, also die schon erwähnte "Mittelpartei", in
der Überzahl sind, neigt sich im Verlaufe der Synode das Zünglein an der
Waage bedenklich dem Arius zu. Das aber passt dem Kaiser aus irgendwel-
chen Gründen nicht, und so fällt er schliesslich seinen Machtspruch: Atha-
nasius hat recht! Und dabei bleibt es.
Dabei haben wir heute nicht den geringsten Anlass, diese Entscheidung in
Zweifel zu ziehen. Sie ist schriftgemäss, und sie ist bis heute Glaubenssatz
aller christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Die Art und Weise aber, wie
sie zustande kam, mutet uns heute fast an wie ein Witz: Staatliche Autorität
entscheidet über eine theologische Streitfrage. Und so müssen wir wohl sa-
gen: Wenn Konstantin richtig entschied, dann kam's nicht von ihm.
Die Formulierung dieser Entscheidung ist das berühmte Nicänische Glau-
bensbekenntnis: "Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater,
Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, und an einen Herrn Jesus
Christus, den Sohn Gottes, der geboren ist aus dem Vater als der Eingebo-
rene, das heisst aus dem Wesen des Vaters erzeugt, Gott aus Gott, Licht aus
Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht geschaffen,
wesenseins mit dem Vater ..." Es sind dieselben Worte, wie sie noch heute
in der Kirche gesprochen werden. Alle Bischöfe unterschreiben. Bis auf
zwei: Theonas und Secundus. Beide werden prompt abgesetzt. Arius selbst
wird nach lllyrien verbannt. Für den Kaiser ist der Fall erledigt.
Er lädt zum guten Schluss alle Bischöfe zu einem opulenten Essen ein, gibt
jedem noch ein vermutlich nicht eben wertloses Geschenk mit auf den Weg
und errnahnt zum Abschied alle, in Zukunft hübsch einträchtig beieinander
zu bleiben.
Aber ganz so einfach, wie sich Konstantin die Lösung kirchlicher Streitfra-
12 gen gedacht hat, ist die Sache nun doch wieder nicht. Mit der Verbannung
des Arius ist die Auseinandersetzung durchaus nicht zu Ende. Im Gegenteil,
von seinen Anhängern wird der Streit um so erbitterplomatischen Künste an
und stecken sich hinter die schwerkranke Schwester des Kaisers, Konstantia.
Tatsächlich erreichen sie eine Wiederaufnahme des Verfahrens und die Ein-
berufung einer neuen Synode, diesmal nach Tyrus. Und jetzt zeigt sich die
ganze Fragwürdigkeit dieser Kaisersynoden: Diesmal entscheidet Konstan-
tin in genau entgegengesetzter Weise, dasselbe Schauspiel wie in Nicäa rollt
ab, nur diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen. Diesrnal wird Athanasius
verbannt und Arius mit allen Ehren wieder in sein Amt eingesetzt. Freilich
soll Arius die unerwartete Gunst des Kaisers nicht mehr geniessen. Er wird
zwar einmal an den Hof gladen und aufs gnädigste empfangen, doch kaum
ist er wieder auf der Strasse, als er mit allen Anzeichen einer Vergiftung zu-
sammenbricht und auf schmachvolle Weise in einer öffentlichen Bedürf-
nisanstalt stirbt. Genaues über die Hintergründe dieses plötzlichen Todes
wissen wir nicht. Vielleicht hat einer der kaiserIichen Beamten geglaubt, auf
solche Weise kirchliche Lehrfragen am raschesten zu lösen?
Kurzum, die Vorgänge um diese beiden Synoden sind ein beschärnendes
Beispiel für die Methoden, rnit denen man nun ernsthafte theologische Fra-
gen angeht. Während beider Konzilien arbeitet man mit den verabscheu-
ungswürdigsten Mitteln: Verleumdung, falschem Zeugnis, ungerechter An-
klage, Intrige, Absetzung, Verbannung, Mord. All dies wird zum Kampf-
mittel in der Hand christlicher Bischöfe, die um die Gunst ihres kaiserlichen
Herrn buhlen. Arius bringt einen grossen Teil seiner Amtszeit in der Ver-
bannung zu, und auch Athanasius wird irn ganzen fünfmal aus seiner Hei-
mat vertrieben.
Diese Vorgänge sind umso betrüblicher, als es bei dem arianischen Streit
tatsächlich um ein Kernstück christlicher Lehre und christlichen Bekenntnis-
ses geht. Man gewinnt den Eindruck, als hätte man hier Fragen, die man in
aller Stille und in geistiger Konzentration im Hören auf das Zeugnis der
Bibel hätte lösen müssen, mit höfischem Intrigenspiel und brutaler Gewalt
zu Ende bringen wollen. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts hat es den An-
schein, als sollte der Arianismus endgültig die Bekenntnisform der katholi-
schen Kirche werden. Erst im Jahre 381 fällt die letzte Entscheidung, dies-
mal unter Kaiser Theodosius in Konstantinopel und diesmal unabänderlich
zugunsten des Athanasius und damit des Nicänischen Glaubensbekenntnis-
ses. Was in der Zwischenzeit an Ränken gesponnen, an Verleumdungen
verbreitet und auch an nackter Gewalt eingesetzt wird, ist so unbeschreib-
lich, dass man auf Einzelheiten gern verzichtet. Erwähnenswert ist lediglich,
dass der Arianismus sich auch nach der Synode von Konstantinopel noch
lange Zeit hält, vor allem unter den Ostgermanen.
Im Jahre 330 weiht Kaiser Konstantin feierlich eine Stadt ein. Sie trägt sei-
nen Namen und ist zur Residenz bestirnmt: Konstantinopel, das frühere
Byzanz. Hierhin zieht er sich zurück, weil ihm Rom von Grund auf verhasst
ist, und hier hält er Hof in Glanz und Pracht. Nach wie vor setzt er seine
halb politisch, halb religiös begründeten Reformen durch mit dem einen
grossen Ziel: die Schaffung einer einheitlichen starken Kirche im Dienste
des Staates. Als Konstantin im Jahre 337 stirbt, kann er von sich sagen, dass
er sein Ziel im wesentlichen erreicht hat. Kurz vor seinem Tode lässt er sich
taufen, und zwar von Bischof Eusebius von Nikomedien, dem Haupt der 13
Origenisten. Zweifellos hat kein Kaiser vor oder nach ihm so tief in die Be-
lange der Kirche eingegriffen wie er, und hätte er nichts anderes im Auge
gehabt, als eine wirkliche Religionsfreiheit, so trüge er den Namen, "der
Grosse" wahrlich mit Recht. Aber ihm ging es nicht um die Freiheit des
Glaubens, sondern um die Botmässigkeit der Kirche. Er befreite die Kirche
von dem Druck der staatlichen Verfolgungen, aber er schenkte ihr nicht die
Freiheit. Aus den brutalen Ketten sind feingliedrige goldene Fesseln gewor-
den. Und Fesseln bleiben nun einmal Fesseln. Nach Konstantins Tod fällt
das Erbe seinen drei Söhnen zu, die sich das Reich zunächst teilen. Es
kommt jedoch bald zu Auseinandersetzungen und auswärtigen Kriegen,
und als alleiniger Herrscher bleibt schliesslich Konstantius übrig. Die Reli-
gionspolitik des neuen Kaisers trägt eine noch schärfere Note als die seines
Vaters. Er fährt zwar fort, die Kirche zu begünstigen, und er ist auch be-
müht, sie unter seinem Einfluss zu halten, aber er weiss nichts mehr von
Langmut und Duldsamkeit, wie sie sein wesentlich klügerer Vater immer
wieder an den Tag legte. Unter Konstantius werden Gesetze erlassen, die
rundheraus haarsträubend klingen“.3
Textauszug: "Die Blasphemien des Arius"
Griech.: bei Athanasius, De decretis Nicaeni synodi 15,3 in Opik H.-G., Athanasius' Werke
111,9,242.243; PG 25, 1884, 4l6-476. Dt.: Bei A. Grillmeier, aaO. 372.373.
„1 Der Gott selbst (au>to\j ... o< ceo\j), wie er ist, west unaussprechlich
(a]rrhtoj) für alle. 2 Er allein hat weder seinesgleichen noch einen (ihm)
ähnlichen, noch einen von gleicher Herrlichkeit. 3 Wir nennen ihn den Un-
gewordenen (a>ge/nnhton) wegen des wesenhaft Gewordenen (th\n fu/sin
gennhto/n); 4 diesem jauchzen wir zu als dem Ursprunglosen (a]narxon)
dessentwegen, der einen Ursprung hat (dia\ to\n a>rxh\n e]xonta), 5 wir ver-
ehren ihn als den Ewigen dessentwegen, der in der Zeit geworden ist. 6 Der
Ursprunglose (a]narxoj) setzte den Sohn als Anfang (a>rxh/n) der Gewor-
denen 7 und bestimmte sich zum Sohn den, den er als Kind gemacht hatte;
8 dieser hat nichts Gotteigenes in dem, was ihm der Hypostase nach eigen
ist, 9 denn er ist (ihm) nicht gleich und ihm auch nicht wesenseins
(o<moo/sioj). 10 Der Gott aber ist weise, weil er selbst der Lehrer der Weis-
heit ist. 11 Genügend (sicher) ist der Nachweis, dass der Gott allen unsicht-
bar (a>o/ratoj) ist; 12 er selbst ist unsichtbar allen, die durch den Sohn sind,
und dem Sohn selber. 13 Ausdrücklich werde ich aber sagen, wie dem Sohn
der Unsichtbare sichtbar ist: 14 entsprechend der Kraft und dem eigenen
Mass, mit dem der Logos schaut, 15 kann der Sohn den Vater sehen, wie es
Rechtens ist. 16 Es gibt also eine Trias, nicht aber von gleichen Ehren, denn
ihre Hypostasen sind einander nicht vermischt; 17 denn die eine hat gegen-
über der anderen unendlich mehr an Ehre. 18 Dem Wesen nach ist der Va-
ter dem Sohn gegenüber fremd (qe/noj kat / ou>si/an), da Er ursprunglos
ist. 19 Wisse, dass die Monas war, die Dyas aber nicht war, bevor sie ins
Dasein trat. 20 Solange der Sohn nicht ist, ist der Gott nicht Vater. 21 Zu-
vor war der Sohn nicht (trat aber ins Dasein durch den väterlichen Willen);
22 er ist der einziggewordene Gott (monogenh\j ceo/j e>sti), und jeder der

3
Wegener, S.66-71.
beiden ist dem anderen fremd. 23 Die Weisheit wurde Weisheit durch den
14 Willen des weisen Gottes. 24 Sie wird durch unzählige Benennungen
(e>pinoi/aij) erkannt, wie Geist, Macht, Weisheit, 25 Glanz Gottes, Wahr-
heit und Bild und Logos ist er. 26 Wisse, dass er auch Abglanz und Licht
zubenannt wird. 27 Der Stärkere (o< krei/ttwn) kann wohl einen Gleichen
neben dem Sohn hervorbringen, 28 einen Erhabeneren aber oder Stärkeren
oder Grösseren jedoch nicht. 29 Durch Gottes Willen hat der Sohn dieses
Alter und diese Grösse; 30 seine Existenz aus Gott ist bestimmt durch ein
"seit wann (e>q o[te) und ein "von wem" (a>f / ou{) und ein "von da ab" (a>po\
to/te); 3I obwohl ein starker Gott, kann er den Stärkeren nur unvollständig
preisen. 32 Um zusammenzufassen: der Gott west für den Sohn als Unaus-
sprechlicher (a]rrhtoj), 33 Er ist nämlich für sich, was er ist, das heisst un-
sagbar (a]lektoj), 34 so dass der Sohn nichts von dem Gesagten adäquat
auszusagen versteht. 35 Ihm ist es nämlich nicht möglich, den Vater aufzu-
spüren (e>qixnia/sai), der für sich selber ist. 36 Auch der Sohn selbst hat
seine Wesenheit nicht gesehen, 37 da er als Sohn in Wirklichkeit nur durch
den Willen des Vaters besteht. 38 Wem ist es also gestattet, zu sagen, dass
der, der aus dem Vater ist, 39 den, der ihn hervorgebracht hat, erkennen
und begreifen kann? 40 Es ist doch klar, dass der, der einen Anfang hat, den
Anfanglosen, so wie er ist, 41 nicht umgreifen und nicht erfahren kann“.4
Textauszug: "Der gescheiterte Brückenschlag"
Nicht immer war Gott Vater, sondern es war (einmal), da Gott allein war
und noch nicht Vater war; später aber kam der Vater dazu. Nicht immer
war der Sohn; denn als alles aus dem Nichtseienden entstand, und alle ge-
schöpflichen und gemachten Wesen wurden, da ist auch das Wort Gottes
aus Nichtseiendem geworden, und es war einmal, da es nicht war, und war
nicht, bevor es wurde, sondern es hatte selbst auch einen Anfang der Schöp-
fung. Denn es war, sagte er, Gott allein, und noch nicht war das Wort und
die Weisheit. Als er dann uns erschaffen wollte, da machte er irgendeinen
und nannte ihn Wort und Weisheit und Sohn, um durch ihn uns zu schaf-
fen. Zwei Weisheiten nun, sagt er, gebe es: eine, welche die eigentliche ist
und mit Gott existierte, und in dieser Weisheit sei der Sohn entstanden und
wegen der Teilnahme an ihr Weisheit und Wort bloss genannt worden.
Denn die Weisheit, sagt er, wurde durch die Weisheit nach dem Willen des
weisen Gottes. So, sagt er, gebe es auch ein zweites Wort in Gott neben
dem Sohn, und nur wegen der Teilnahme an ihm sei hinwiederum der Sohn
selbst aus Gnade Wort und Sohn genannt worden . . .
Und von Natur ist auch das Wort wie alle Wesen veränderlich, aber durch
seinen eigenen freien Willen bleibt es gut, solange es will. Wenn es aber will,
kann es sich auch verändern wie wir, da es veränderlicher Natur ist. Denn
deshalb, sagt er, hat auch Gott, da er voraussah, dass es gut sein werde, zum
voraus ihm diese Herrlichkeit gegeben, die es als Mensch hernach auch
durch seine Tugend erlangte, so dass es Gott wegen seiner Werke, die er
vorhersah, schon in solchem Zustand entstanden sein liess ...
Denn auch der Sohn, sagt er, kenne nicht nur den Vater nicht genau - denn
es fehle ihm das Vermögen, ihn zu erfassen -, sondern es erkenne der Sohn
nicht einmal sein eigenes Wesen, weil die Wesenheiten des Vaters, des Soh-

4
Ohlig Karl-Heinz, „Christologie I“, S.131-133.
nes und des Hl. Geistes der Natur nach geteilt, gesondert, getrennt, gegen-
seitig sich fremd seien und in keiner Gemeinschaft miteinander stehen, und, 15
wie er selbst sagte, dem Wesen wie der Herrlichkeit nach von einander
durchaus unendlich verschieden seien. Das Wort nun, sagt er, stehe in Be-
zug auf die Ähnlichkeit der Herrlichkeit und des Wesens beiden, dem Vater
wie dem Hl. Geiste, ganz ferne.

Das Konzil zu Nizäa


Das erste allgemeine Konzil der katholischen Kirchen wurde durch Kon-
stantin einberufen und trat in Nizäa in Bithynien zusammen (325). Das
Hauptthema dort war die Lehre des Arius, eines Presbyters aus Alexandrien,
der Sohn Gottes sei ein erschaffenes Wesen, zwar das erste und vornehmste,
immerhin aber nicht mit dem Vater wesenseins. Über 300 Bischöfe mit
zahlreichem Gefolge aus allen Teilen des Reiches waren anwesend, um diese
Frage zu untersuchen, und das Konzil wurde von Konstantin mit grossem
Gepränge eröffnet. Eine Anzahl der erschienenen Bischöfe trugen an ihren
Leibern Male der Folterungen, die sie während der Verfolgungszeit erlitten
hatten. Mit Ausnahme von zwei Andersdenkenden erklärte das Konzil die
Lehre des Arius für falsch; sie entspreche nicht der ursprünglichen Lehre der
Kirche. Das Nizäische Glaubensbekenntnis wurde formuliert, das die Wahr-
heit von der unbedingt göttlichen Natur des Sohnes und seiner Gleichheit
mit dem Vater ausdrückte.
Obwohl diese Entscheidung richtig war, bestätigte doch der Weg, auf dem
sie erreicht wurde - durch die vereinten Bemühungen von Kaiser und Bi-
schöfen -, und die Art, wie man sie durchsetzte - durch die staatliche Gewalt
-, das Abweichen der katholischen Kirche von der Schrift. Zwei Jahre nach
dem Konzil zu Nizäa rief Konstantin, der seine Ansichten geändert hatte,
Arius aus dem Exil zurück, und unter der Regierung seines Sohnes Kon-
stantius wurden alle Bischofssitze mit arianischen Bischöfen besetzt. Die
Kirchenleitung, nun arianisch geworden, verfolgte die Katholiken, wie diese
zuvor die Arianer verfolgt hatten.5

Athanasius
„Einer von den Hochgestellten, der sich weder durch Volksmeinung noch
durch Drohungen oder Schmeicheleien der Regierenden bestimmen liess,
war Athanasius. Als junger Mann hatte er am Konzil zu Nizäa teilgenom-
men, später wurde er Bischof von Alexandrien. Nahezu fünfzig Jahre lang
hielt er, obwohl häufig verbannt, tapfer das Zeugnis von der wahren göttli-
chen Natur des Heilands aufrecht. Er wurde verleumdet, vor Gericht ge-
schleppt, suchte Zuflucht in der Wüste, kehrte in die Stadt zurück - aber
nichts brachte ihn von der Verteidigung der Wahrheit ab, die er glaubte.
Der Arianismus hielt sich fast drei Jahrhunderte lang als Staatsreligion in
einer Anzahl Länder, besonders in den später entstandenen Königreichen im
Norden. Als letzte gaben die Lombarden in Italien ihn auf“.6

5
Broadbent, S.20f.
6
Broadbent, S.21.
Die dritte Phase (361-381)
16
„Mit dem Tode des Konstantinus trat eine völlige Wendung der kaiserlichen
Religionspolitik ein. Die von Julian verkündete Relieionsfreiheit kam allen
Parteien zugute; die Gebannten kehrten zurück. Nur unter dem Arianer Va-
lens wurden die Anhänger desNicänums noch einmal hart bedrückt; dann
aber erlangte die Orthodoxie über die arianisierenden Richtungen das Ü-
bergewicht. Den Fortgang der dogmatischen Erörterung bestimmte die
Entstehung einer "Neu-Orthodoxie", die Verbindung der orthodoxen
Grundanschauung mit der griechischen Wissenschaft durch die "drei grossen
Kappadozier", Basilius von Cäsarea, Gregor von Nazianz und Gregor von
Nyssa.
Der schliessliche Sieg der Orthodoxie beruhte ebenso auf ihrer religiösen
Überlegenheit wie auf dem Eintreten günstiger politischer Umstände. Vor
allem schlug Theodosius, der 379 zum Herrscher des Ostens erhoben wur-
de, sofort eine antiarianische Kirchenpolitik ein, zunächst in Anlehnung an
die Alt-Nicäner des Abendlandes (380 Edikt von Thessalonich: das von
Damasus von Rom und Petrus von Alexandria vertretene Bekenntnis allein-
berechtigt); alsbald aber verband er sich mit der morgenländischen Neu-
Orthodoxie und verjagte die Arianer aus ihren Kirchen.
Die Synode von Konstantinopel 381 bestätigte darauf das Nicänum und
verdammte die Eunomianer (Anhomöer), die Arianer (Eudoxianer), Semia-
rianer (Pneumatomachen), Sabellianer, Marcellianer, Photinianer und Apol-
linaristen. Mit dieser Synode und der in dem vorangehenden Jahre einset-
zenden Gesetzgebung gegen das Heidentum war die orthodoxe katholische
Staatskirche errichtet“.7

Die dogmatischen Kämpfe der östlichen Reichshälfte


1. Gegensatz der Patriarchate. Im Osten hatte das Übergewicht bis 450
der Patriarch von Alexandria (Theophilus, Cyrillus, Dioskurus). Sein
Hauptgegner war der Metropolit von Konstantinopel, sein Bundesgenosse
zunächst der Bischof von Rom, der seinem Rivalen in Konstantinopel durch
Begünstigung des Alexandriners Abbruch zu tun suchte. (v.a. Theophilus
von Alexandria gegen Johannes Chrysostomus von Konstantinopel)
2. Gegensatz der Schulen. Die grossen Schulen von Alexandria und von
Antiochia standen in der christlogischen Frage, in dem Problem des Ver-
hältnisses des Göttlichen zum Menschlichen in Christus, einander feindlich
gegenüber. Neue Kämpfe waren unvermeindlich. Die antiochenische Schule
(Diodor, Theodor von Mopsuestia) verfocht in ihrer Christologie die Tren-
nung der beiden Naturen (diairesis ton physeon) und gestand nur eine sy-
napheia (enge Verbindung), keine krasis (Vermischung) derselben zu (Be-
tonung der menschl Natur Christi). Die alexandrinische Schule (Isidor von
Peliusium, Cyrill von Alexandria) verteidigte dagegen die völlige Einheit
und Gottheit der Person Christi (Betonung der göttlichen Natur Christi).
Neben diesen beiden stand als selbständiger Typus die abendländische
Christologie. Für Tertullian sind in der einen Person zwei Substanzen (deus
und homo) eng verbunden, nicht vermischt.

7
Heussi, S.98f.
3. Nestorianischer und eutychianischer Streit. Der nestorianische Streit
(428-433) zwischen Cyrill von Alexandria (theotokos) und Nestorius von 17
Konstantinopel (christotokos) drehte sich um die Bezeichnung theotokos
für Maria. Im Konzil von Ephesus (431) gewannen nach höfischen Intrigen
die Alexandriner, in der Union von 433 zwang der Kaiser die Parteien zu
einem Kompromiss (vorsichtige, dehnbare Formulierung der antiocheni-
schen Lehre). Unter dem skrupellosen Dioskur von Alexandria gelangen
verschiedene Erfolge gegen Eutyches von Antiochia, der die mia physis, die
Vergottung des Körpers Christi vertrat. Nach dem Höhepunkt der ale-
xandrinischen Macht (450) führte der Regierungswechsel zum Sturz des
Alexandriners. In Chalcedon, der 4. allgemeinen Synode (die grösste über-
haupt) wurde Dioskur abgesetzt und unter kaiserlichem Druck das dogma-
tisch vermittelnde Chalcedonense angenommen. Das Chalcedonense be-
kennt den einen Christus, vollkommen Gott und vollkommen Mensch, in
zwei Naturen, die weder miteinander vermischt (asynchytos, atreptos, gegen
Eutyches), noch voneinander scharf getrennt sind (adiairetos, achoristos,
gegen Nestorius), steht also in der Mitte zwischen Eutyches und Nestorius.8

Der christologische Streit


Nach der Schlacht an der milvischen Brücke (312; in hoc signo vinces)
herrscht Konstantin über den Westen und begünstigt die christl Kiche über-
all. Ein Bund zwischen Philosophie und Theologie wird geschlossen. Defini-
tiv wird dies erst nach dem mailänder Religionsedikt (313) und dem Sieg
von Konstantin über Licinius (Osten, 324). 'Man darf nicht vergessen, dass
sich damals schon die Kirche der würdelosigkeit schuldig machte und sich
nur allzu bereit von Konstantin regieren liess. Damit war der Anfang jenes
Byzantinismus gegeben, der die Dauergefahr alles Staatskirchentums wur-
de'. Gleichzeitig entstand in der ägyptischen Wüste das Eremitentum.
In zwei Fragen hilft der Kaiser zu vermitteln. (a) Donatismus - Die Synode
von Arles (314) beschliesst (antidonatistisch), dass auch ein "Verleugner"
Bischof werden kann. (b) Im Konzil von Nicäa (325) wird die Einheit der
Kirche bewahrt, indem die Lehrfragen an zweiter Stelle rangieren. Die
christologische Frage suchte nach einer Antwort.
Durch die Logoslehre war die Gnostik abgewehrt worden. 'Ist Christus der
ewige Logos vom Vater, dann ist mit seiner Menschwerdung die Erlösung
begründet" (so Irenäus / Tertullian). Aber bereits Origines begnügte sich
nicht mehr mir dieser Lösung. "Für sie war der Logos ein kosmisches Welt-
prinzip, in das nachträglich die christologischen Gedanken eingegliedert
wurden". Die Frage lautete nun: Wie verhält sich der Mensch Jesus zu dem
ewigen Logos. Der Bischof von Antiocheine (Paul von Samosata, um 260)
lehrte, "erst allmählich, durch die Unabänderlichkeit seiner Gesinnung, sei
Jesus in den Besitz der Wesenseinheit mit Gott gekommen" (homousios =
wesenseins). Lucian (der Lehrer von Arian) lehrte später (eine Synthese zw.
Paul und Origenes), dass man einen zweifachen Logos unterscheiden müsse,
einen, der nur Gott eigentümlich ist und einen, den Jesus als göttliche Kraft
empfing. "Ist Gott 'der Ewige, der allein Unsterblichkeit hat', dann muss

8
Heussi, S.133f.
nach der Lehre des Arius Christus vom Vater in einer bewussten Distanz
18 gesehen werden; er kann nicht ewig, sondern nur geschaffen sein, wenn
auch vor aller übriger Schöpfung. (...) Der Logos, den Jesus in sich trug,
kann darum auch nicht als wahrhaftiger Gott bezeichnet werden". So die
Mehrheit des Konzils und Eusebius. Bischof Alexander und Athanasius wa-
ren dagegen und für eine Synthese zwischen dem Westen und Osten (For-
mel von Nicäa). Jesus Christus ist als Gott selber zu uns gekommen und
wurde nicht erst nachträglich dazu. Hier tauchte eine neue Gefahr auf:
"Glitt der Arianismus zur Moral herunter und sah man in Christus schliess-
lich nur noch den ringenden Menschen, dem wir als Vorbild nacheifern
müssen, so lag in der Zurückstellung des historischen Jesus in Alexandria die
grosse Gefahr, nur noch das Heilswunder anzubeten und damit der ge-
schichtslosen Magik zu verfallen".9

Hier ein Kapitel aus der Dogmatik von Wilfried Joest (Band 1,
S.205ff):
"Die verschiedenen Etappen und Positionen des Ringens um diese Lösung
bis hin zu Chalkedon (451) sind hier nicht im Detail zu verfolgen. Aber die
für das Verständnis der Problematik wesentlichsten Elemente der Problem-
geschichte sind in Erinnerung zu rufen. Früh, schon im 2.Clemensbrief,
kann die Aufgabe so formuliert werden: "Brüder, so müssen wir über Jesus
Christus denken wie über Gott. " Der im Johannesprolog vorgegebene Beg-
riff des Logos Gottes, der in Jesus Fleisch wurde, wird dann zur Denkhilfe,
um das wesenhafte Zusammengehören Christi mit Gott so zu verstehen,
dass darin zugleich seine Unterschiedenheit von dem Vater gedacht wird.
Aber bedeutet diese Unterschiedenheit Unterordnung, gar Verschiedenheit
in dem Sinn, dass der Logos Gottes, der in Jesus menschliche Gestalt an-
nahm, nur als ein erstes, alle andern Geschöpfe freilich überragendes ge-
schöpfliches Wesen zu denken ist? So die Arianer. In Nicäa 325 wird über
diese Frage entschieden: Der Logos ist vom Vater zwar zu unterscheiden,
aber mit ihm "eines Wesens", homoousios to patri. Also wirklich Gott der
Sohn. (Das Konzil von Kontantinopel 381 wird hinzufügen: Gott der Hei-
lige Geist Gott in Vater, Sohn und Geist der Dreieinige).
Die christologische Aufgabe aber stellt sich nun erst recht und von neuem.
Denn es ist ja der Mensch Jesus von Nazareth, von dem nun gesagt wird: in
ihm wohnt, eines Wesens mit dem Vater, Gott der Sohn. Wie kann das ge-
dacht werden: in der konkreten Person Jesus Christus Gottsein und
Menschsein vereint? So, dass in Jesus anstelle dessen, was sonst einen Teil
menschlichen Wesens ausmacht, etwa anstelle des menschlichen Geistes, der
göttliche Logos tritt? So Apollinaris (gest. um 390) aber wäre ein Mensch
mit menschlichem Leib und Seele, jedoch ohne menschlichen Geist noch
wirklicher Mensch? Oder ist dieses Zusammensein des Göttlichen und
Menschlichen so zu denken, dass der gottheitliche Logos, Gott der Sohn,
einen vollmenschlichen Jesus so begleitet, dass dieser in seinem Willen stän-
dig mit ihm geeint bleibt? So etwa die antiochenische Theologie, der daran
lag, die menschliche Geschichte des irdischen Jesus im Blick zu behalten.

9
Theodor Brandt, "Die Kirche im Wandel der Zeit", Wuppertal 1963, 4.Aufl., S.71ff.
Aber das kann so aussehen, als werde die Einheit der Person gespalten in
einen göttlichen Christus und einen mit ihm nicht identischen, sondern ihm 19
gewissermassen nur "gleichgeschalteten" Menschen. Oder so, dass der gott-
heitliche Logos mit diesem Menschen wirklich identisch wird, indem er in
seine Natur eingeht, sie durchdringt und vergöttlicht nicht blosse Einigung
des Willens, sondern Einheit der Natur? So die alexandrinische Theologie,
der daran gelegen war, in Christus das menschliche Wesen aus der Vergäng-
lichkeit befreit und von göttlichem Leben durchdrungen zu sehen. Aber
wiederum: Ist ein Christus, dessen menschliche von vornherein ineins mit
göttlicher Natur gedacht wird, noch als wirklicher Mensch zu verstehen? Ist
er mit uns noch eines Wesens, homoousios auch hemin?
Das Konzil von Chalkedon 451 hat über diese Fragen eine Entscheidung
getroffen, die von da ab als christologisches Dogma galt und auch von den
Bekenntnissen der Reformation übernommen wurde. Das zweifache Anlie-
gen dieses Dogmas ist die Behauptung der Einheit der Person Jesus Chris-
tus, zugleich aber seiner Wesensgleichheit sowohl als Gott-Sohn mit dem
Vater wie als Mensch mit uns Menschen. Man muss die Motivation dieses
Anliegens soteriologisch verstehen - es geht nicht um abstrakte Theorie um
der Theorie willen, sondern um das in Jesus Christus beschlossene Heil. In
ihm ist ganz Gott selbst ganz zum Menschen gekommen, erlösend mit uns
geworden, so könnte man den soteriologischen Skopus des christologischen
Dogmas formulieren. In der Begriffssprache dieses Dogmas ist das so aus-
gedrückt: Göttliche Natur ist in Jesus Christus mit menschlicher Natur eine
Person geworden. Da diese Einung nur von Gott ausgehend verstanden
werden kann, wurde das Menschwerden Gottes in Jesus dann so formuliert:
Gott der Sohn hat in Jesus unter Wahrung seiner göttlichen Natur mensch-
liche Natur in die Einheit mit sich selbst aufgenommen ('Assumptions'-
Christologie). Im Sinn des Grundanliegens muss dann ebenso die unscheid-
bare Verbindung der Naturen zu der Einheit der gottmenschlichen Person
behauptet werden (sonst wäre in Christus Gott nicht ganz beim Menschen,
der göttliche Logos bliebe als himmlischer "Doppelgänger" im Abstand über
dem Menschsein, das Jesus mit uns teilt), wie andererseits die unverwischte
Integrität jeder der beiden Naturen in je ihrem Wesen, der göttlichenin ihrer
Wesensgleichheit mit Gott, der menschlichen in ihrer Wesensgleichheit mit
uns, festzuhalten ist (sonst wäre in Christus nicht der wirkliche Gott ganz
beim wirklichen Menschen, wir hätten in ihm ein blosses Zwitterwesen zwi-
schen Gott und Mensch). Dieses Doppelanliegen drückt sich aus in den be-
rühmten vier "alpha privativa", mit denen in der Formel von Chalkedon das
Verhältnis der beiden Naturen in Christus umschrieben wurde:
achoristos, adihairetos = ungesondert (Einheit der Person);
asynchytos, atreptos = unvermischt (Integrität der Naturen).
Mit diesen Abgrenzungen ist freilich nur gesagt, wie das Verhältnis von
Gottsein und Menschsein in Jesus nicht gedacht werden soll, nicht, wie es
gedacht werden kann denn was Chalkedon positiv aussagt, ist eine Parado-
xie. Eine Einheit aus zwei "Naturen", die weder als blosse Kombination
zweier je für sich bleibender Grössen noch als deren Verschmelzung zu einer
einzigen Grösse gedacht werden soll, ist jenseits logischer Denkbarkeit. An-
ders gesagt: Wir werden angewiesen, die Einheit der Person und die Integri-
tät der Naturen zusammenzudenken, ohne dass gesagt wird, wie man das
denken kann. Das muss an sich kein Einwand gegen das christologische
20 Dogma sein unter der Voraussetzung seiner Formulierung als Zwei-Natu-
renlehre musste es zu den Abgrenzungen der "alpha privativa" kommen,
wenn das soteriologische Anliegen, auf das wir hingewiesen haben, gewahrt
bleiben sollte. Und die Paradoxie des Ergebnisses kann als Verweis auf das
Einmalige, das Geheimnis der Person Jesus Christus verstanden werden.
Fragen, die wir an diese Zwei-Naturen-Christologie zu stellen haben wer-
den, haben ihren Anlass an anderer Stelle.
Der Fortgang der christologischen Reflexion zeitigte dann freilich Versuche,
die paradoxe Formel von Chalkedon so zu interpretieren, dass gedankliche
Hilfen zu ihrem Verständnis entwickelt wurden, und zwar vor allem zum
Verständnis der Personeinheit trotz der Verschiedenheit der Naturen. Dahin
gehört die im 6. Jh. aufgenommene Lehre von der Anhypostasie der
menschlichen Natur in Christus, ebenso die etwas später entwickelte Lehre
einer communicatio idiomatum, d. h. einer kraft der Einheit der Person
stattfindenden Teilhabe Jesu als Mensch an dem, was er als Gott ist und tut,
und umgekehrt. Man kann dies als Folgelehren des christologischen Dog-
mas bezeichnen; sie hängen eng mit seiner begrifflichen Fassung als Zwei-
Naturen-Lehre zusammen".

Die christologischen Bekenntnisse


Das Romanum
Ich glaube an Gott Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde.
Und an Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der emp-
fangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten
unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren ins
Totenreich, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren
gen Himmel, sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von
dannen er wiederkommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige allgemeine christliche Kirche,
die da ist eine Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferste-
hung des Leibes und ein ewiges Leben. Amen.
Das Bekenntnis von Nicäa (Nicaenum 325)
Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer alles Sicht-
baren und Unsichtbaren;
und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener
aus dem Vater gezeugt ist, d. h. aus dem Wesen (usia) des Vaters, Gott aus
Gott, Licht aus Licht, wirklicher Gott aus wirklichem Gott, gezeugt, nicht
geschaffen, wesenseins (homousion) mit dem Vater, durch den alles gewor-
den ist, was im Himmel und was auf Erden ist, der wegen uns Menschen und
wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch ge-
worden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgestiegen ist
zum Himmel, kommen wird, um Lebende und Tote zu richten; und an den
Heiligen Geist.
Diejenigen aber, die sagen: »es gab eine Zeit, da er nicht war« und: »er war
nicht, bevor er gezeugt wurde« und er sei aus Nichtseiendem geworden, oder
die sagen der Sohn Gottes stamme aus einer anderen Hypostase oder Wesen-
heit, oder er sei geschaffen oder wandelbar oder veränderlich, die verdammt
die katholische Kirche. (Bekenntnisse der Kirche, Wuppertal, S.21)
Das erweiterte nicänische Bekenntnis (Nicaeno-
Constantinopolitanum 381)
Wir glauben an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Him-
mels und der Erde und alles Sichtbaren und Unsichtbaren; und an einen
Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, den Einziggeborenen, der aus dem
Vater vor allen Äonen gezeugt wurde, Licht aus Licht, wirklicher Gott aus
wirklichem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich (homousion) mit
dem Vater, durch den alles geworden ist, der wegen uns Menschen und we-
gen unseres Heils vom Himmel herabgestiegen und aus dem Heiligen Geist
21
und der Jungfrau Maria Fleisch geworden ist und Mensch geworden und für
uns gekreuzigt worden ist unter Pontius Pilatus und gelitten hat und be-
graben worden ist und am dritten Tage auferstanden ist nach den Schriften
und aufgestiegen ist zum Himmel und sitzt zur Rechten des Vaters und wie-
der kommen wird in Herrlichkeit, um Lebendige und Tote zu richten, dessen
Herrschaft kein Ende haben wird; und an den Heiligen Geist, den Herrn und
Lebensspender, der vom Vater ausgeht, der mit dem Vater und dem Sohn
zusammen angebetet und gepriesen wird, der durch die Propheten gespro-
chen hat; an eine heilige, katholische und apostolische Kirche. Wir bekennen
eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der
Toten und das Leben des kommenden Äons. Amen.
(Bekenntnisse der Kirche, Wuppertal, S.24f)
Das christologische Bekenntnis von Chalcedon (Chalcedonense
451)
Wir folgen also den heiligen Vätern und lehren alle einmütig, einen und den-
selben Sohn zu bekennen, unseren Herrn Jesus Christus. Derselbe ist voll-
kommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, der-
selbe wirklich Gott und wirklich Mensch aus einer vernünftigen Seele und ei-
nem Körper. Er ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe
uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ausge-
nommen die Sünde. Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater der Gottheit nach
gezeugt, in den letzten Tagen aber wurde derselbe um unsert- und unseres
Heiles willen aus der Jungfrau und Gottesgebärerin (theotokos) Maria der
Menschheit nach geboren. Wir bekennen einen und denselben Christus, den
Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen, unvermischt,
ungewandelt, ungetrennt, ungesondert geoffenbart ist.
Keineswegs wird der Unterschied der Naturen durch die Einigung aufgeho-
ben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur gerade bewahrt, und beide verei-
nigen sich zu einer Person (prosopon) und einer Hypostase. Wir bekennen
nicht einen in zwei Personen gespaltenen (merizomenon) oder getrennten
(dihairumenon), sondern einen und denselben einziggeborenen Sohn, den
göttlichen Logos (= Wort), den Herr Jesus Christus, wie vorzeiten die Pro-
pheten über ihn und darin Jesus Christus selbst uns unterwiesen haben und
wie es das Glaubensbekenntnis der Väter uns überliefert hat.
(Bekenntnisse der Kirche, Wuppertal, S.27f)
Das sogenannte "Athanasianum"
Wer da selig werden will, der muss vor allem den katholischen Glauben fest-
alten. Jeder, der diesen nicht unversehrt und unverletzt bewahrt, wird ohne
Zweifel ewig verlorengehen.
Dies aber ist der katholische Glaube: Wir verehren den einen Gott in der
Dreifaltigkeit (trinitas) und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermi-
schung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit (substantia). Denn
eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere
die des Heiligen Geistes. Aber der Vater und der Sohn und der Heilige Geist
haben nur eine Gottheit, die gleiche Herrlichkeit, gleichewige Majestät.
Wie der Vater ist, so ist der Sohn und so der Heilige Geist: Ungeschaffen der
Vater ungeschaffen der Sohn, ungeschaffen der Heilige Geist. Unermesslich
der Vater, unermesslich der Sohn, unermesslich der Heilige Geist. Ewig der
Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch sind es nicht drei
Ewige, sondem ein Ewiger, wie es auch nicht drei Ungeschaffene oder drei
Unermessliche sind, sondem ein Ungeschaffener und ein Unermesslicher.
Ebenso ist allmachtig der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige
Geist. Und doch sind es nicht drei Allmächtige, sondem ein Allmächtiger. So
ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott. Und doch sind es
nicht drei Götter, sondern ein Gott. So ist der Vater Herr, der Sohn Herr,
der Heilige Geist Herr. Und doch sind es nicht drei Herren, sondern ein
Herr. Denn wie uns die christliche Wahrheit zwingt, jede Person einzeln für
sich als Gott und als Herrn zu bekennen, so verbietet uns der katholische
Glaube (religio), von drei Göttern oder Herren zu sprechen.
Der Vater ist von niemandem gemacht noch geschaffen noch gezeugt. Der
Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht noch geschaffen, aber gezeugt. Der
Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht noch geschaffen
noch gezeugt, sondern hervorgehend (procedens). Es ist also ein Vater, nicht
22 drei Väter, ein Sohn, nicht drei Söhne, ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige
Geister. Und in dieser Dreifaltigkeit ist nichts früher oder später, nichts grös-
ser oder kleiner, sondern alle drei Personen sind einander gleichewig und
gleichrangig, so dass in allem, wie bereits oben gesagt worden ist, die Dreifal-
tigkeit in der Einheit und die Einheit in der Dreifaltigkeit zu verehren ist.
Wer also selig werden will, soll diese Auffassung von der Dreifaltigkeit haben.
Aber zum ewigen Heil ist es fernerl nötig, auch an die Fleischwerdung (in-
carnatio) unseres Herrn Jesus Christus aufrichtig zu glauben. Der richtige
Glaube ist nun dieser: Wir glauben und bekennen, dass unser Herr Jesus
Christus, der Sohn Gottes, zugleich Gott und Mensch ist. Gott ist er aus der
Wesenheit (substantia) des Vaters, vor den Zeiten gezeugt, und Mensch ist er
aus der Wesenheit (substantia) der Mutter, in der Zeit geboren. Vollkomme-
ner Gott, vollkommener Mensch, bestehend aus einer vernünftigen Seele und
menschlichem Fleisch. Dem Vater gleich der Gottheit nach, geringer als der
Vater der Menschheit nach. Doch obwohl er Gott und Mensch ist, sind es
nicht zwei, sondern ein Christus. Einer aber nicht dadurch, dass die Gottheit
in Fleisch verwandelt worden wäre, sondern dadurch dass Gott die Mensch-
heit angenommen hat. Er ist ganz und gar einer nicht durch eine Vermi-
schung der Wesenheit, sondern durch die Einheit der Person. Denn wie ver-
nünftige Seele und Fleisch einen Menschern ergeben, so ergeben Gott und
Mensch einen Christus, der gelitten hat um unseres Heils willen, herabgestie-
gen ist zur Unterwelt, auferstanden ist von den Toten, aufgestiegen ist zum
Himmel sich gesetzt hat zur Rechten des Vaters, von wo er kornmen wird,
um Lebende und Tote zu richten. Bei seiner Ankunft werden alle Menschen
mit ihren Leibem auferstehen und über ihre Taten Rechenschaft ablegen.
Und die Gutes getan haben, werden ins ewige Leben eingehen, die Böses ge-
tan haben, in das ewige Feuer.
Dies ist der katholische Glaube. Jeder, der ihn nicht aufrichtig und fest
glaubt, kann nicht selig werden.
(Bekenntnisse der Kirche, Wuppertal, S.28-30)

Christologien unserer Zeit

Edward Schillebeeckx
Ich werde zuerst die Christologie des katholischen Konzilstheologen Ed-
ward Schillebeeckx behandeln. Sein Werke „Jesus – Die Geschichte von ei-
nem Lebenden“ bringt die Ergebnisse der modernen (katholischen) Jesus-
forschung auf den Punkt.
Bereits der Aufbau des Buches zeigt die, vom evangelikalen Standpunkt völ-
lig unterschiedlichen Fragen und Interessen.
1. Fragen nach Methode, Hermeneutik und Kriterien
2. Evangelium Jesu Christi
3. Christliche Interpretation des auferstandenen Gekreuzigten
4. Für wen halten wir ihn?
Versuch einer Chronologie vom irdischen Leben Jesu
23
Eckpunkte der Datierung

Datierung der Geburt Jesu

Datierung der Kreuzigung

Überblick und Grobeinteilung

Ein Überblick von Irving Jensen


24 1. JESUS CHRISTUS:
GOTT VON EWIGKEIT
ZU EWIGKEIT

1.1. Die Gottheit Christi

Wie kaum ein Teil der Christologie wird diese Lehre angegriffen und hin-
terfragt. Die Kirchengeschichte ist ein beredtes Zeugnis dafür und auch die
Auseinandersetzungen mit dem Islam und der Sekte der Zeugen Jehovas
beweisen dies eindrücklich.
Gibt man bereits ein wenig nach, ertönt kein Widerspruch mehr. Darum
muss sauber zwischen „Gottheit“ (deitas) und „göttlich“ (divinitas) unter-
schieden werden. Jesus ist beides! Und auch der häufig verwendete Titel Je-
su im NT, „der Sohn Gottes“ genügt nicht, um die Gottheit Jesu zu bele-
gen.
(a) Jesus ist mJHLA und CJVM
Hebr.1,8.9: "von dem Sohn aber (spricht er): 'Dein Thron, o Gott ( O < cro/noj
sou, o< ceo/j / mâLWo Y mJiH ó LäA
; k ª A
;a O *i ) ist in alle Ewigkeit, und das Zepter der
: K
Aufrichtigkeit ist Zepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetz-
losigkeit gehasst; darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt (dia\ tou~to e]xrise/n
se o< ceo/j, o< ceo/j sou / k ª JäH
ó LäA ; mJiH ó LäA
; k ª C
;a V
â M * -LaY) mit Freudenöl vor
: neK
deinen Gefährten". (zitiert aus Ps.45,7.8).
Hier tragen zwei Personen den Namen Elohim!
(b) Jesus ist Gottheld und Ewigvater
Jes.9,5: "Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herr-
schaft ruht auf seinen Schultern; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer,
Berater, starker Gott (RoWB*= G<í LeA), Vater der Ewigkeit (DaYJiBa;A), Friedefürst".
Hier wird der Sohn Gottes mit zwei göttlichen Attributen versehen. Der
Vers zeugt auch von seiner ewigen Existenz. Vergl. Joh.10,30; 2.Kor.5,19;
(Jes.10,20 als Ergänzung zu 9,5).
(c) Jesus ist HWHJ
Röm.15,11: "Lobet den HERRN, alle Nationen (m^Jí Wo G< -LâK a| ),
* HàWH:J-TäA W< L:LH
und alle Völker so sollen ihn preisen" zitiert aus Ps.117,1 / Jes.45,23f zitiert in
10

Phil.2,10f; Röm.14,9.11 / Jes.40,3 zitiert in Lk.3,4-6 par. Zu diesen ein-


deutigen Stellen kommt die Tatsache, dass die LXX ca.6000x HàWH:J mit
ku/rioj übersetzt und im NT die 719 Stellen mit ku/rioj meist von Jesus
sprechen.
(vgl. zu diesem Punkt die ausgezeichneten Ausführungen von Geza Vermes "Jesus, der Herr" in seiner
Schrift "Jesus der Jude - Ein Historiker liest die Evangelien", Seite 89-114, Neukirchen 1993 Aufl.1)

10
V.8: „Denn ich sage, das Christus ein Diener der Beschneidung geworden ist um der Wahrheit Gottes
willen, um die Verheissungen der Väter zu bestätigen...“
(d) Die Gottheit Jesu ist im NT voll belegt
Joh.20,28: "Mein Herr und mein Gott" (Thomas zu Jesus) / Röm.9,5: ".. 25
Christus, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit' 1.Tim.3,16; 1,16.17 /
Tit.2,13 / 2.Petr.1,1.2 / Phil.2,6 / 1.Joh.5,20:"...in seinem Sohn Jesus Chris-
tus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben".
Indirekte Hinweise: Joh.1,1-14 / Kol.2,9 / Hebr.1,3
(e) Hinweise aus dem AT
Berkhof11 führt folgende Stellen an:
Ps.2,6-12 (Hebr.1,5): 'Habe doch ich meinen König geweiht auf Zion, meinem
heiligen Berg!' Lasst mich die Anordnung des HERRN bekanntgeben! Er hat zu
mir gesprochen: 'Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt. Fordere von
mir, und ich will dir die Nationen zum Erbteil geben, zu deinem Besitz die En-
den der Erde. Mit eisernem Stab magst du sie zerschmettern, wie Töpfergeschirr
sie zerschmeissen.' Und nun, ihr Könige, handelt verständig; lasst euch zurecht-
weisen, ihr Richter der Erde! Dienet dem HERRN mit Furcht, und jauchzt mit
Zittern! Küsst den Sohn, dass er nicht zürne und ihr umkommt auf dem Weg;
denn leicht entbrennt sein Zorn. Glücklich alle, die sich bei ihm bergen!
Ps.45,6.7 (Hebr.1,8.9): Deine geschärften Pfeile - Völker fallen unter dir - ins
Herz der Feinde des Königs! Dein Thron, o Gott, ist immer und ewig, ein Zepter
der Geradheit ist das Zepter deiner Herrschaft.
Ps.110,1 (Hebr.1,13): Von David. Ein Psalm. Spruch des HERRN für meinen
Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde gemacht habe zum
Schemel deiner Füsse!
Jes.9,6: Gross ist die Herrschaft, und der Friede wird kein Ende haben auf dem
Thron Davids und über seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch
Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der
Heerscharen wird dies tun.
Jer.23,6: In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit
wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: Der
HERR, unsere Gerechtigkeit.
Dan.7,13: Ich schaute in Gesichten der Nacht: und siehe, mit den Wolken des
Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Alten an
Tagen, und man brachte ihn vor ihn.
Mich.5,2: Darum wird er sie dahingeben bis zur Zeit, da eine Gebärende gebo-
ren hat und der Rest seiner Brüder zu den Söhnen Israel zurückkehrt.
Sach.13,7: Wach auf, Schwert, gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der
mein Gefährte ist! spricht der HERR der Heerscharen. Schlage den Hirten, dass
die Schafe sich zerstreuen! Und ich werde meine Hand den Kleinen zuwenden.
Mal.3,1: Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite.
Und plötzlich kommt zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel
des Bundes, den ihr herbeiwünscht, siehe, er kommt, spricht der HERR der Heer-
scharen.
„Hier ist die Rede von dem Herrn, der zu seinem Tempel kommen werde, und zwar steht dieser Name
‚Herr‘ daselbst im Sinne von Gott. Zugleich aber heisst dieser Herr: der Engel des Bundes, d.h. er soll
dem Volke den Bund Gottes vermitteln. Also die Benennungen Engel und Herr laufen hier zusammen
und vereinigen sich zur Darstellung der Person Christi“ (Böhl, S.126).

11
Systematic Theology, S.316f.
1.1.1. Die direkten Hinweise auf Jesu Gottheit
26
Folgende sieben Stellen sind in ihrer Deutlichkeit kaum zu übertreffen:
Joh.1,1: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort
war Gott. (... kai\ ceo\j h}n o< lo/goj) / Joh.20,28: Thomas antwortete und
sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! ( <O ku/rio/j mou kai\ o< ceo/j
mou) / Röm.9,5: ...deren die Väter sind und aus denen dem Fleisch nach der
Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen. (o< w&n e>pi\
pa/ntwn ceo\j eu>loghto\j ...) / Tit.2,13: ... indem wir die glückselige Hoff-
nung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes
Jesus Christus erwarten. (... tou~ mega/lou ceou~ kai\ swth~roj h<mw~n >Ihsou~
Xristou~) / Hebr.1,8: ... von dem Sohn aber: ‘Dein Thron, o Gott, ist in alle
Ewigkeit, und das Zepter der Aufrichtigkeit ist Zepter deines Reiches’. ( O <
cro/noj sou, o< ceo/j, ei>j to\n ai>w~na tou~ ai>w~noj) / 1.Joh.5,20: Wir wis-
sen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat,
damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in
seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Le-
ben. (... >Ihsou~ Xristw~|. ou{to/j e>stin o< a>lhcino\j ceo\j) / 2.Petr.1,1: Si-
mon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die einen gleich kostbaren
Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und
Heilandes Jesus Christus: (e>n dikaiosu/nh| tou~ ceou~ h<mw~n kai\ swth~roj
>Ihsou~ Xristou)
Cullmann und Wainwright haben diese Stellen zusammengetragen12 und
noch folgende dazu, die mir persönlich nicht so eindeutig scheinen:
Joh.1,18: Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des
Vaters Schoss ist, der hat ihn kundgemacht. / Joh.17,3: Dies aber ist das ewige
Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus
Christus, erkennen. / Apg.20,28: Habt acht auf euch selbst und auf die ganze
Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Gemeinde
Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes. /
1.Kor.8,6: ... so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind
und wir auf ihn hin, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind
und wir durch ihn. / Kol.1,15: Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erst-
geborene aller Schöpfung. / Kol.2,2: ... damit ihre Herzen getröstet werden, ver-
einigt in Liebe und zu allem Reichtum an Gewissheit des Verständnisses zur Er-
kenntnis des Geheimnisses Gottes, das ist Christus ... / 2.Thess.1,12: ... damit
der Name unseres Herrn Jesus in euch verherrlicht werde und ihr in ihm nach
der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus. / Jak.1,1: Jakobus,
Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, den zwölf Stämmen, die in der Zer-
streuung sind, seinen Gruss! / 2.Petr.1,11: Denn so wird euch reichlich gewährt
werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus
Christus.

12
Vgl. Ram, S.40 (Zusätzlich führen sie noch Off.12,19 auf, aber dieser Vers existiert gar nicht).
1.1.2. Die indirekten Hinweise auf Jesu Gottheit
27
Die Autorität und Vollmacht von Jesus
Die beiden zentralen Stellen seine zuerst aufgeführt: Mt.7,28.29: „Und es
geschah, als Jesus diese Worte vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr
über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie
ihre Schriftgelehrten“. Hebr.1,1.2: „Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei
Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende die-
ser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat,
durch den er auch die Welten gemacht hat“.
Jesu Lehrautorität ist aber auch höher als diejenige der atl. Propheten. Sie
sprachen im Namen Gottes: 'So spricht der Herr...' Jesus dagegen sprach in
unmittelbarer, nicht abgeleiteter Autorität.
Der Sabbath
In einigen Begebenheiten brach Jesus mit den gegenwärtigen Sabbath-Inter-
pretationen wegen humanen Gründen, in anderen wegen theologischen. Es
sind diese die wichtig sind. Denn Jesus gab eine autoritative Interpretation
des Sabbaths, welche in den Zehn Geboten begründet war, die derselben
Autorität wie derjenigen des Gesetzgebers entsprach (vgl. Mk.2,28; Lk.6,5).
Die eindrücklichste Stelle ist Joh.5,18, wo Jesus beschuldigt wird, sich Gott
gleich zu machen: „Darum nun suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten,
weil er nicht allein den Sabbat aufhob, sondern auch Gott seinen eigenen Vater
nannte und sich so selbst Gott gleich machte“. Da Jesus sich nicht verteidigte
oder entschuldigte, sagt er damit, dass die Juden recht hatten. Er ist Gott
gleich.
Jesus weist Anbetung nicht zurück
Wenn die Menschen im Neuen Testament Christus anbeteten und er sie
nicht zurückwies, dann ist dies ein indirekter Hinweis auf seine Gottheit.
Wäre er nicht Gott, wäre dies verdammenswürdiger Götzendienst (vgl.
Röm.1,23; Apg.14,8-18). „Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa, an den
Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. Und als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm
nieder; einige aber zweifelten.“ (Mt.28,16.17; vgl. dazu auch die oben bereits
erwähnte Stelle in Joh.20,28, wo Thomas Jesus mit „mein Herr und mein
Gott“ anspricht). In Hebr.1,6 lesen wir: „Wenn er aber den Erstgeborenen
wieder in den Erdkreis einführt, spricht er: ‚Und alle Engel Gottes sollen ihn an-
beten‘!“
Die Aufforderung, an ihn zu glauben
Israel durfte nur seinem Gott vertrauen und nur an ihn glauben. In Joh.14,1
macht Jesus den Glauben an seine Person und an Gott identisch: „Euer Herz
werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich“. In gleicher
Weise wie Gott im AT wird Jesus im NT zum Objekt des Glaubens gesetzt
(vgl. 1.Kor.15,3-7; 12,3; Apg.16,31; Röm.10,9.10).
Jesus und seine Wunder
Die Propheten und die Jünger konnten kein Wunder aus sich selbet heraus
tun. Jesus wird uns im NT vorgestellt als einer, der freizügig, persönlich und
souverän Wunder tun konnte.
Jesu Wunder und Vollmacht als Beweis seiner Gottheit aufzuführen, ist heute sehr umstritten. Charles
Kraft schreibt dazu: „Es wird meines Erachtens zu Recht davon ausgegangen, dass Jesus und seine Nach-
folger all ihre Macht durch den Heiligen Geist empfangen haben (Luk.3,21-22; 24,49; Apg.1,8; 10,38).
Jesus tat nichts Übernatürliches, bevor »Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft;
28 der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren,
denn Gott war mit ihm«(Apg.10,38). Ich möchte dazu den bekannten Bibellehrer des frühen 20. Jahr-
hunderts, R. A. Torrey, zitieren, der aus einer nichtcharismatischen Perspektive heraus schreibt: »Jesus
Christus erhielt die Macht für seine göttlichen Werke nicht aus der ihm innewohnenden Göttlichkeit, son-
dern durch seine Salbung mit dem Heiligen Geist. Er hatte im Hinblick auf geistliche Vollmacht dieselben
Voraussetzungen wie alle anderen Menschen auch.« Wir können nichts von dem tun, was Jesus uns ver-
heissen hat, sofern wir nicht durch den Geist Gottes dazu ermächtigt sind (Joh.14,12). Jesus tut die Werke
Gottes nur dann, wenn er zuvor sieht, was Gott tut (Joh.5,19). Das bedeutet aber auch für uns, dass wir
nur das tun können, was wir als das erkennen, was Gott im Moment tut. Wie Jesus sollen wir eine enge
Beziehung zu Gott haben. Wir sollen zuhören, beobachten und tun, was uns der Vater zu tun lehrt. Wie
Jesus selbst sollen wir nichts aufgrund eigener Autorität tun. Wir sollen nur das sagen, was der Vater uns
eingibt und »allezeit (das tun), was ihm gefällt« (vgl. Joh.8,28-29). Von daher ist es unerlässlich, dass wir
lernen, Gottes Stimme zu hören. Wenn schon Jesus viel Zeit im Gebet verbringen musste, um dazu in der
Lage zu sein, dann müssen wir das eben auch lernen. Der Vater und der Sohn waren sozusagen beständig
in enger Verbindung, hatten Kontakt miteinander - und sprachen miteinander. Das Gebetsleben Jesu war
ein integraler Bestandteil dieser Beziehung (vgl. Luk.5,16)“ (Charles H. Kraft, „Abschied vom aufgeklär-
ten Christentum“, Lörrach 1991, S.150f). In dieser Sichtweise sind Jesu Wunder ein Hinweis auf seine
ständige und intensive Abhängigkeit vom Vater und seiner Macht, die er durch seinen Geist den Men-
schen zuteil werden lässt.
Es gibt auch für diese Frage die Möglichkeit, beide Sichweisen zu harmoni-
sieren. Denn die Kenosis Jesu bedeutete ja, dass er zuweilen bewusst auf
seine göttlichen Atribute oder Fähigkeiten verzichtete. Er hätte die Wunder
als Gott einfach so vollbringen können, verzichtete aber darauf und tat sie
als Mensch aus der Abhängigkeit zum Vater durch die Kraft des Hl.Geistes
heraus. So wird er auch darin Vorbild für seine Jünger.

1.1.3. Jesu Selbstverständnis


Berkhof13 schreibt zu Recht, dass für Menschen, die das Zeugnis der Evan-
gelien und der Schrift als Gottes Wort akzeptieren, kein Zweifel besteht,
dass sich Jesus seiner Messianität und seiner Gottessohnschaft bewusst war.
(Vgl. Mt.11,27; 21,37f; 22,41-46; 24,36; 28,19 und P.). Besonders im Jo-
hannesevangelium wird Jesu Selbstbewusstsein als Gottessohn deutlich (3,
13; 5,17-27; 6,37-40.57; 8,34-36; 10,17.18.30.35.36).

1.1.4. Die göttlichen Eigenschaften (Attribute) Jesu Christi


Licht, Liebe, Ewigkeit, Allmacht, Allgegenwart, Allwissen, Geduld, Gerech-
tigkeit, Heiligkeit, Allweisheit, Treue, Langmut etc. Hier werden nur dieje-
nigen aufgeführt, die in der Bibel expressis verbis erwähnt werden.
(a) Jesus ist ewig
Jes.9,5(s.oben); Mi.5,2 (s.oben); Hebr.1,8.11 (s.oben); Hebr.13,8: „Jesus
Christus derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“. Off.4,9; 5,13.
(b) Jesus ist heilig und wahrhaftig
1.Petr.1,15; Off.3,7: „Dies sagt der Heilige, der Wahrhaftige ...“
(c) Jesus ist allmächtig
Mt.28,18: „Und Jesus trat zu ihnen und redete mit ihnen und sprach: Mir ist
alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“.
(d) Jesus ist unveränderlich
Hebr.1,11; 13,8 (vgl.auch a)

13
Systematic Theology, S.317f.
Auf die in f-h aufgeführten Eigenschaften verzichtete Jesus in seiner Erniedrigung teilweise. Vgl. auch den
Streit in der Orthodoxie des Luthertums. / Heussi, §95f: Die Tübinger Theologen behaupteten, Christus
habe im Stande der Erniedrigung den Gebrauch bestimmter göttlicher Eigenschaften verhüllt (kru/yij),
29
die Giessener er habe auf den Gebrauch verzichtet (ke/nwsij).
(e) Jesus ist allgegenwärtig
Mt.28,20: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeital-
ters“. Eph.4,10; Ps.139: „Herr, du hast mich erforscht und kennst mich ...“
Mt.18,20: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelst sind, da bin ich
mitten unter ihnen“.
(f) Jesus ist allwissend
Off.2 und 3: Ich weiss...; Joh.1,47 (Jesus und Nathanael); 2,24: "Jesus
selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte."; Joh.12,6(Jesus
kennt Judas); Joh.16,30: „Jetzt wissen wir dass du alles weisst und nicht nötig
hast, dass dich jemand frage“; Joh.21,17
(g) Jesus ist allmächtig
Mt.8,26p (Jesus bedroht Wind und Wellen); Joh.2,1ff (Kanaa); Mk.11,12
(der verfluchte Feigenbaum) und allgemein seine Vollmacht über Dämo-
nen, Krankheiten etc.
(h) Jesus ist Liebe
Folgende Stellen reden davon nur indirekt. 1.Joh.4,17.19; Joh.15,9. Zudem
gehört die Liebe zu den mitteilbaren Eigenschaften.
(i) Jesus ist das Licht
Joh.1,9;8,12: „Ich bin das Licht der Welt“.

1.1.5. Der Hoheitstitel "Christus"


„Dies ist die neutestamentliche Form des alttestamentlichen Titels »Messias«
Sowohl »Messias« als »Christus« bedeuten: »Der Gesalbte« Im Alten Testa-
ment wurden Propheten (1.Kö.19,16), Priester (2.Mo.29,7) und Könige
(1.Sam.10,1) mit Öl gesalbt; das Öl war ein Sinnbild für den Heiligen
Geist. Durch diese Salbung wurden sie in ihr Amt eingesetzt und dafür aus-
gerüstet. Christus wurde „mit dem Heiligen Geist gesalbt, damit er das drei-
fache Amt des Propheten, des Priesters und des Königs ausüben konnte.
Geschichtlich fand diese Salbung statt, als er durch den Heiligen Geist emp-
fangen wurde, sowie bei seiner Taufe"14.
Xristo/j ist die griechische15 Form von Ca JiVMâ (der Gesalbte). Im AT werden
v. a. Könige 30x) und andere Amtsträger so bezeichnet und fast immer
16

mit HWHJ verbunden. Dieser Gebrauch von "salben", um einen speziellen


Dienst anzuzeigen, wurde später in mehr technischem Sinn auf den einen
angewendet, der par excellence Gottes erlesenes Instrument sein würde, um
sein Volk zu befreien.17 In der zwischentestamentalen Zeit wird die Bedeu-

14
Berkhof, "Grundriss", aaO, S.44.
15
Nur in biblischen Zusammenhängen wird xri/w auf Personen angewandt, ausserhalb nie!
16
Hohepriester / Priester / Prophet / Erzväter (nur Ps.105,15;).
17
Guthrie, D. “NT-Theology”, aaO, S.237.
tung des Gesalbten als davidischer18 König zentral, der in einzigartigem
30 Verhältnis zu Gott stehen wird.19
Jesus brauchte den Titel nie selber, aber sein Handeln wies ihn deutlich als
Messias aus (Vgl. v.a. Mt.11,3ff). Er modifizierte das alttestamentliche Kon-
zept des politischen Befreiers durch den Aspekt des leidenden Messias, zeig-
te aber gleichzeitig deutlich, dass er erfüllte, was das AT prophezeite.
Paulus verwendet "Christus" als Eigenname20 und betont im Gegensatz zu
den Evangelien nicht den leidenden Christus, sondern als Folge der Aufer-
stehung den triumphierenden, lebenden und erhöhten Christus.21
Von den 25 Stellen im Kolosserbrief nimmt 3,24 eine besondere Stellung
ein durch die Verbindung 'kyrios Christos'. Hier stellt Paulus Jesus als
Herrn der Arbeiter und Diener22 dar. Christus ist das Haupt der Gemeinde
(Eph.5,23), der, dem wir dienen, unser Herr im Himmel (3,1;4,1). Der
ganze Brief betont die Grösse des Christus als Objekt unseres Glaubens
(1,4; 2,5) als innewohnender Herr (1,27) durch unsere Aufnahme 2,6), un-
ser Mitsterben (2,20) und unser Mitauferwecktwein (3,1). Durch den gan-
zen Brief zeigt Paulus, dass mit dem Namen Christus ein Geheimnis ver-
bunden ist (1,27;2,2;4,3), das uns geoffenbart ist: "Christus in euch, die
Hoffnung der Herrlichkeit" Kol.1,27).

1.1.6. Die praktischen Konsequenzen aus der Gottheit Jesu


Weil Jesus Christus selber Gott ist, können fast alle Aussagen über Gott Va-
ter auch auf ihn angewandt werden. Ausgenommen sind diejenigen, die spe-
ziell die Funktion des Vaters und des Hl. Geistes in der Trinität beschrei-
ben.
(a) Wir dürfen und sollen Jesus anbeten.
(b) Seine Allmacht: Als Gott ist Jesus in der Lage, seine Verheissungen
einzulösen und uns zu helfen.
(c) Seine Allgegenwart bedeutet: Als Gott kann Jesus jederzeit und ü-
berall gleichzeitig sein.
(d) Alle unmitteilbaren und mitteilbaren Attribute Gottes beschreiben
auch den Sohn Gottes. Louis Berkhof23 zählt folgende auf: 1) Nicht mit-
teilbare Attribute: (a) Selbst-Existenz Gottes (b) Unveränderlichkeit (c)
Unendlichkeit (d) Die Einheit Gottes. 2) Die mitteilbaren Attribute: (a)
Gottes Geistwesen (b) Intellektuelle Attribute (Kenntnis / Weisheit / Wahr-
haftigkeit) (c) Moralische Attribute (Güte, Liebe, Gnade, Erbarmen, Ge-
duld / Heiligkeit / Gerechtigkeit (d) Attribute der Souveränität (Wille /
Kraft, Macht).

18
Der aaronitische Messias der Qumransekte ist aus ihrer Sicht zu verstehen und nicht relevant.
19
Die Targume erwarteten ein messianisches Reich vor Auferstehung und Endgericht, in dem der Messias
König, Prophet und Gesetzeslehrer sein wird.
20
Röm.9,5; (nach Guthrie, NT-Theology, 248) einzige Ausnahme.
21
So ist auch 2.Kor.5,16; (nach Guthrie) zu verstehen.
22
Kol.1,7: dia/konoj tou~ Xristou / Kol.4.12: dou~loj Xristou Kol.1,1: a>po/stoloj Xristou~ >Ihsou.
23
Systematic Theology, S.57ff.
(e) Keiner kennt Gott wie er und er kann ihn uns deshalb auch voll-
kommen offenbaren und darstellen. Wer Gott kennenlernen will, muss 31
sich mit Jesus beschäftigen.
(f) Wir sollen an ihn wie an den Vater glauben und ihm vertrauen.
(g) Irrlehren, die diese Tatsache leugnen, müssen apologetisch be-
kämpft werden. Dazu zählen wir v.a. die Religion des Islam und die Sekte
der Zeugen Jehovas.

1.2. Der präexistente Christus

„Unter der Präexistenz Jesu Christi verstehen wir seine personenhafte E-


xistenz vor der Fleischwerdung (Geburt)24. Wir beginnen hier unser Stu-
dium der biblischen Aussagen über Christus, da diese Lehre heilsentschei-
dende Wichtigkeit besitzt. Gibt es keine Präexistenz Jesu Christi, so gibt es
keine Trinität. Dann wäre Jesus nicht Gott, sondern ein Lügner. Das ge-
samte Heilsgeschehen am Kreuz und Ostermorgen, unsere Errettung,
beruht auf der Tatsache der ewigen Existenz Jesu Christi“25.

1.2.1. Seine Präexistenz vor der Weltschöpfung


(a) Seine Gottheit impliziert seine Präexistenz
Mi.5,1: „Und du, Bethlehem-Ephrata,...aus dir wird mir hervorkommen, der
Herrscher über Israel sein soll; und seine Ausgänge sind von der Urzeit, von den
Tagen der Ewigkeit her (m|L â Wo Y JeMJiM mäDQ
*ä M
i WJâTA â Wo M<W)".
o Z
Joh.1,1: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort
war Gott“. / Off.1,17.18: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füssen wie tot.
Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der
Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin le-
bendig in alle Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades“.
Vgl. Hebr.1,8.10.11
(b) Der Präexistente war gottgleich und wohnte in gottgleicher Herr-
lichkeit (Ùdo/qh)
Joh.3,31: „Der von oben kommt, ist über allen; der von der Erde ist, ist von der
Erde und redet von der Erde her. Der vom Himmel kommt, ist über allen“. /
Joh.6,38: „... denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht dass ich meinen
Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“.
Joh.17,5.24: „Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit der Herr-
lichkeit, die ich bei dir hatte. ehe die Welt war. / ... damit sie meine Herrlichkeit
schauen, die du mir gegeben hast...“.
Phil.2,6: „(Jesus Christus), der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen
Raub achtete, Gott gleich zu sein (to\ ei}nai i]sa cew~|)“.

24
Also seine Existenz vor und in der Schöpfung und sein Existenz und Wirksamkeit im Alten Testament.
25
Weber, S.8.
1.2.2. Jesus – Schöpfer, Schöpfungsmittler und Schöpfungsziel
32
1.2.2.1. Kol.1,15-17 - Jesu Vorrang in der Schöpfung
Textgliederung
1. Jesu Vorrang in der Schöpfung (Vv. 15-17)
1.1. Jesus als Erstgeborner (V.15)
1.2. Jesus als Schöpfungsmittler und Schöpfungsziel (V.16)
1.3. Jesus als Vorläufer und Erhalter der Schöpfung (V.17)
Übersetzung
V.15: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene jeder
Schöpfung.
V.16: Denn durch ihn wurde alles geschaffen im Himmel und auf der Er-
de, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herr-
schaften oder Gewalten oder Mächte; alles ist durch ihn und für ihn
geschaffen worden,
V.17: und er ist vor allem und alles besteht durch ihn.“

Exegese
Den ersten Abschnitt über Jesu Vorrang in der Schöpfung zeigt uns Chri-
stus als Erstgeborenen (V.15), als Schöpfungsmittler und Schöpfungsziel
(V.16) und als Vorläufer und Erhalter der Schöpfung (V.17).
V.15: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor
jedem Geschöpf.“
Wir werden unwillkürlich an Gen.1,27 erinnert. „Und Gott schuf den Men-
schen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau
schuf er sie“. Hendriksen zeigt den Zusammenhang der menschlichen und
der christologischen Gottesbildlichkeit anhand der messianischen Interpreta-
tion von Psalm 8 in Hebr.2,5-9 auf (S.71). Trotzdem müssen wir an dem
wichtigen Unterschied festhalten, dass Christus Gott selber ist, nicht 'nur'
gottesbildlich. "Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig".
(Kol. 2,9). "...Christus, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen."
(Röm. 9,5).
Als das Bild des unsichtbaren Gottes ist Jesus Christus zugleich der deus re-
velatus. Bereits in 2.Kor.4,4 nennt Paulus Christus "Gottes Bild" und in
Phil.2,6 bezeugt er ihm, dass er "in Gestalt Gottes war". Die deutlichste Pa-
rallele zu diesem Vers findet sich in Hebr.1,3: "Er, der Ausstrahlung seiner
Herrlichkeit und Abdruck seines Wesens ist und alle Dinge durch das Wort seiner
Macht trägt ...". Hendriksen schreibt daher: "It is in the Son that the invisi-
ble God has become visible, so that man sees him who is invisible (cf.
1.Tim.1,17; 6,16)."26. Die logische Anwendung dieser Wahrheit besteht
darin, dass wir Gott kennenlernen können in seinem Sohn und Bild, dass
wir den Unsichtbaren im Geoffenbarten sehen können. Daher sagt Jesus zu
Philippus: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." (Joh.14,9).
Aus der Gottesbildlichkeit lässt sich logisch auf die Ewigkeit des Sohnes
schliessen, was durch die zweite Vershälfte bestätigt wird. "...the firstborn of

26
S.72.
every creature, that is, the One to whom belongs the right and dignity of
the Firstborn in relation to every creature." (Hendriksen, a.a.O. S.72). 33
pa/shj kti/sewj muss wohl wegen dem fehlenden Artikel mit "vor jedem
Geschöpf" übersetzt werden und nicht "vor aller Schöfung". Als der Erstge-
borene27. ist er der Erbe und Herrscher über alles.
V.16: „Denn durch ihn wurde alles geschaffen im Himmel und auf der
Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herr-
schaften oder Gewalten oder Mächte; alles ist durch ihn und für ihn
geschaffen worden.“
Dass prwto/tokoj nicht im Sinne von "Zuerstgeschaffener" zu verstehen ist
wird nun verdeutlicht, indem Paulus Christus als Agent oder Mittler und
Ziel aller Schöpfung beschreibt. e>n au>tw~| bedeutet hier im instrumentalen
Sinn "durch ihn".28
"Alle Dinge" wird näher beschrieben mit "im Himmel" und "auf der Erde",
welchen "die Unsichtbaren" und "die Sichtbaren" entsprechen (Beachte die
'chiastische' Formulierung, d.h. übers Kreuz formuliert). Die ganze mate-
rielle und geistige Welt wurde durch und für Christus geschaffen.
Das hier Tätigkeiten und Eigenschaften Christus zugeschrieben werden, die
anderswo vom Vater oder dem dreieinen Gott ausgesagt werden (vgl.
Röm.11,36; 1.Kor.10,31; Eph.4,6), hat seinen Grund darin, dass Paulus
hier den Irrlehrern begegnet und ihnen darlegt, dass Christus ganze Gött-
lichkeit besitzt29. "Hence, there is absolutely no justification for trusting in,
seeking help from, or worshiping any mere creature, even though that crea-
ture be an angel"30.
Die unsichtbare Schöpfung, die geistige Welt wird nun mit vier Ausdrücken
näher beschrieben. Da sich die Irrlehrer ständig auf Engelwesen berufen,
liegt es auf der Hand, dass Paulus hier vier Kategorien nennt, die aber nicht
notwendigerweise abgeschlossene, streng definierbare Klassen darstellen o-
der sogar hierarchisch geordnet aufgeführt werden. Paulus verneint keines-
wegs ihre Existenz oder ihren Einfluss zum Bösen oder Guten hin. Die zent-
rale Aussage lautet: Engelwesen haben keine Macht losgelöst von Christus
und können nichts zur Erlösung oder Heiligung der Kolosser beitragen!31
Die praktische Anwendung dieser Erkenntnis sollte sich in unserer Behand-
lung von okkulten Phänomenen niederschlagen. Die Ursache und Schuld
für die Vollmachtslosigkeit unserer Zeit und unserer Seelsorger liegt nicht
beim Herrn, sondern im mangelnden Glauben und unvollständiger Hinga-
be!

27
Dass gerade an dieser Stelle kein Hinweis darauf zu finden ist, dass Jesus auch ein Geschöpf ist, zeigt
deutlich Vers 16. prwto/tokoj muss als einheitlicher Begriff übersetzt werden.
28
Vgl. BDR, §219: Instrumentales e>n: "Der Gebrauch von e>n ist namentlich durch die Nachbildung der
hebr. Konstruktion mit B :* ausgedehnt und steht vielfach statt des Dat. instrumentalis. Ferner kann e>n die
persönliche Tätigkeit bezeichnen."
29
"Such concepts as the 'no-snatching' of Philippians 2, the 'image' and the 'fullness' of Colossians 1, and
the divine radiance of Hebrews 1, make it impossible to view Jesus as no more than a man." (D.Guthrie,
"New Testament Theology", S.365).
30
Hendriksen, a.a.O. S.73.
31
"Throne" und "Herrschaften" werden manchmal als "Throngeister" bezeichnet, d.h. Geistwesen, die in
der unmittelbaren Gegenwart des Thrones Gottes dienen (vgl. die Cherubinen in Off.4,6). "Gewalten" und
"Mächte" werden meist zusammen genannt (Kol.1,16; 2,10.15; Eph.1, 21; 3,10; 1.Kor.15,24) und könn-
ten Geistwesen niedrigeren Ranges bezeichnen.
"These angelic beings of which false teachers are making so much, call them
34 by whatever names you wish (Eph.1,21; Phil.2,9.10), are mere creatures,
and having been created through and for Christ, are subject to him. The in-
ference, of course, is this, also for salvation you should expect everything
from him, from him alone, not from him and the angels!" (Hendriksen,
a.a.O. S.74).
Zum Schluss wird Christus nochmals als Schöpfungsmittler bezeichnet32.
Wie ist aber ei>j au>to\n, "zu ihm hin" gemeint? Christus wird damit als Ziel
und Grund der ganzen Schöpfung bezeichnet. „All creatures, without any
exception whatever, must contribute glory to him and serve his purpose“33.
V.17: „und er ist vor allem und alles besteht durch ihn.“
Die Aussage, dass Christus "vor allem" existierte, ist eine logische Folge der
Aussagen in Vers 16, dass alles durch ihn geschaffen worden ist. "In fact,
there never was a time when he was not." (Hendriksen, a.a.O., S.74).34
Dieser zeitliche Vorrang gegenüber aller Schöpfung verschafft Christus eine
Überlegenheit und Majestät in Bezug auf jede Kreatur.
Dies wird noch verstärkt durch die Aussage über seine Stellung als Erhalter
der ganzen Schöpfung. "Alles besteht durch ihn" bedeutet, dass er die gan-
ze Welt zusammenhält.35
Wir können uns das wohl bildlich so vorstellen, dass die ganze Materie von
Christus als dem Schöpfer in ihren Bestandteilen zusammengehalten oder
erhalten wird. Würde er sich zurückziehen, würde alles in sich zusammenfal-
len. Die Folge dieser Lehre besteht darin, dass demgemäss eine Einheit und
eine Absicht in der ganzen Natur (und auch Geschichte) zu finden sein
muss. Wer genauer forscht, kann in allen Dingen und Ereignissen einen
grundlegenden Plan feststellen, so dass in Natur und Geschichte wunderbare
Zusammenhänge, Übereinstimmungen und System entdeckt werden kön-
nen. Gott sei alle Ehre, von dem es heisst: "Du hast ihn kurze Zeit unter die
Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt; du hast alles
unter seine Füsse gelegt. Denn indem er ihm alles unterwarf, liess er nichts übrig,
das ihm nicht unterworfen wäre; jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles un-
terworfen." (Hebr.2,7.8).
"The believer knows that while the rule of Christ has not been established in
every human heart, the overrule is an actual fact even now (Röm.8,28;
Phil.1,12)"36.

32
Diesmal mit der eindeutigen Formulierung di / au>tou~, "durch ihn".
33
Hendriksen, a.a.O., S.73.
34
Folgende Stellen lehren deutlich Christi Präexistenz: Joh.1,1; 8,58; 17,5; 2.Kor.8,9; Phil.2,6; Off.22,
13; u.a.
35
Bauer, Sp.1565: suni/sthmi (II. intr.) 1. zusammenstehen mit, stehen bei. 2. sich zusammensetzen, be-
stehen. 3. seinen Bestand haben, existieren.
36
Hendriksen, a.a.O.,S.76.
1.2.3. Jesu Präexistenz im Alten Testament
35
1.2.3.1. Erscheinungen von Jesus im Alten Testament
An dieser Stelle muss ich zuerst darauf hinweisen, dass den Menschen der
damaligen Zeit selbstverständlich nicht bewusst war, dass Jesus Christus ih-
nen begegnet. Ja auch die näherliegende Vermutung, dass die Juden den
kommen Messias in den Erscheinungen sahen, entbehrt jeder Grundlage.
Für sie war (und ist) die Lehre der Trinität unvorstellbar und Vielgötterei.
Louis Berkhof meint dazu: „Thus the Old Testament contains a clear anticipation of the fuller revelation
of the Trinity in the New Testament“ (S.86).
Die Interpretation der Theophanien des AT’s als Erscheinungen von Jesus
Christus ist nur vom NT her möglich; hier aber zwingend. Die Spannung
zwischen dem Wunsch Gottes, mit den Menschen zusammen zu sein und
der sie trennenden Heiligkeit ist bereits im alten Bund sichtbar. Die Auflö-
sung dieser Spannung in der Person von Jesus ist nur von der neutestament-
lichen Christologie her gegeben!
Wilhelm Vischer schreibt dazu: „Das Alte Testament sagt, was der Christus ist, das Neue wer er ist, und
zwar so, dass deutlich wird: nur der kennt Jesus, der ihn als den Christus erkennt, und nur der weiss, was
der Christus ist, der weiss, dass er Jesus ist“ (Das Christuszeugnis des Alten Testaments I, S.7).
Die Frage, warum denn der Mensch bei der Begegnung mit Jesus nicht ster-
ben musste, ist damit trotzdem nicht beantwortet.
(a) Die Theophanien im Alten Testament
Besuch der drei Männer bei Abraham (Gen.18). Von den drei Männern
bleibt Jahwe bei Abraham.
Gen.18,1-3: „Und der HERR erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre, als er bei der Hitze des Ta-
ges am Eingang des Zeltes sass. Und er hob seine Augen auf und sah: und siehe, drei Männer standen vor
ihm; sobald er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und verneigte sich zur Erde und
sagte: Herr, wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so geh doch nicht an deinem Knecht
vorüber!“ Gen.18,22.23: „Und die Männer wandten sich von dort und gingen nach Sodom; Abraham
aber blieb noch vor dem HERRN stehen. Und Abraham trat hinzu und sagte: Willst du wirklich den
Gerechten mit dem Ungerechten wegraffen?“ Gen.18,33: „Und der HERR ging weg, als er mit Abraham
ausgeredet hatte; und Abraham kehrte zurück an seinen Ort“.
Der Kampf Gottes mit Jakob bei Pniel (Gen.32,2.3.25-31).
36 Gen.32,2.3: „Und Jakob zog seiner Wege. Da begegneten ihm Engel Gottes. Und Jakob sagte, als er sie
sah: Das ist das Heerlager Gottes. Und er gab dieser Stätte den Namen Mahanajim“. Gen.32,25-31 „Und
Jakob blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte heraufkam. Und als er sah, dass
er ihn nicht überwältigen konnte, berührte er sein Hüftgelenk; und das Hüftgelenk Jakobs wurde verrenkt,
während er mit ihm rang. Da sagte er: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgegangen! Er aber sagte:
Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du hast mich vorher gesegnet. Da sprach er zu ihm: Was ist dein Na-
me? Er sagte: Jakob. Da sprach er: Nicht mehr Jakob soll dein Name heissen, sondern Israel; denn du hast
mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast überwältigt. Und Jakob fragte und sagte: Teile mir doch
deinen Namen mit! Er aber sagte: Warum fragst du denn nach meinem Namen? Und er segnete ihn dort.
Und Jakob gab der Stätte den Namen Pnuel: denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen,
und meine Seele ist gerettet worden!“

(b) Der Engel des Herrn


Gott begegnet Hagar als Engel des Herrn in der Wüste: Du bist ein Gott,
der mich sieht! (Gen.16,6-14)
Gen.16,6-14: Und Abram sagte zu Sarai: Siehe, deine Magd ist in deiner Hand. Mache mit ihr, was gut
ist in deinen Augen! Als Sarai sie aber demütigte, da floh sie vor ihr. Und der Engel des HERRN fand sie
an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur. Und er sprach: Hagar, Magd
Sarais, woher kommst du, und wohin gehst du? Und sie sagte: Vor Sarai, meiner Herrin, bin ich auf der
Flucht. Da sprach der Engel des HERRN zu ihr: Kehre zu deiner Herrin zurück, und demütige dich un-
ter ihre Hände! Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so sehr mehren,
dass man sie nicht zählen kann vor Menge. Und der Engel des HERRN sprach weiter zu ihr: Siehe, du
bist schwanger und wirst einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Ismael geben, denn der HERR
hat auf dein Elend gehört. Und er, er wird ein Mensch wie ein Wildesel sein; seine Hand gegen alle und
die Hand aller gegen ihn, und allen seinen Brüdern setzt er sich vors Gesicht. Da nannte sie den Namen
des HERRN, der zu ihr geredet hatte: Du bist ein Gott, der mich sieht! Denn sie sagte: Habe ich nicht
auch hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat? Darum nennt man den Brunnen: Beer-Lachai-
Roi; siehe, er ist zwischen Kadesch und Bered“.
Gott greift als Engel des Herrn in die Opferung des Isaaks durch Abraham
auf Moriah ein (Gen.22,11-18)
Gen.22,11-18: „Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abra-
ham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Jungen, und tu
ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir
nicht vorenthalten hast. (...) Und Abraham gab diesem Ort den Namen `der HERR wird ersehen', von
dem man heute noch sagt: Auf dem Berg des HERRN wird ersehen. Und der Engel des HERRN rief
Abraham ein zweites Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR,
deshalb, weil du das getan und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, darum werde
ich dich reichlich segnen und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne des Himmels
und wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist; und deine Nachkommenschaft wird das Tor ihrer Feinde in
Besitz nehmen. Und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde dafür, dass du meiner
Stimme gehorcht hast“.
Gott erscheint Moses als Engel des Herrn im brennenden Dornbusch (Ex.
3,2-6)
Ex.3,2-6: „Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch.
Und er sah hin, und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt.
Und Mose sagte sich: Ich will doch hinzutreten und dieses grosse Gesicht sehen, warum der Dornbusch
nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er herzutrat, um zu sehen, da rief ihm Gott mitten aus dem
Dornbusch zu und sprach: Mose! Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Tritt nicht näher
heran! Zieh deine Sandalen von deinen Füssen, denn die Stätte, auf der du stehst, ist heiliger Boden! Dann
sprach er: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da
verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“.
Gott tritt als Engel des Herrn dem Esel Bileams in den Weg (Num.22,21-
35)
Num.22,21-35: „Und Bileam machte sich am Morgen auf und sattelte seine Eselin und ging mit den O-
bersten von Moab. Da entbrannte der Zorn Gottes, dass er ging. Und der Engel des HERRN stellte sich
in den Weg, um ihm entgegenzutreten. Er aber ritt auf seiner Eselin, und seine beiden Diener waren bei
ihm. Und die Eselin sah den Engel des HERRN mit seinem gezückten Schwert in seiner Hand auf dem
Weg stehen, und die Eselin wich vom Weg ab und ging auf dem Feld weiter; und Bileam schlug die Ese-
lin, um sie wieder auf den Weg zu lenken. Da trat der Engel des HERRN in einen Hohlweg zwischen den
Weinbergen; eine Mauer war auf der einen und eine Mauer auf der andern Seite. Und die Eselin sah den
Engel des HERRN und drückte sich an die Wand und drückte den Fuss Bileams an die Wand; und er
schlug sie noch einmal. Da ging der Engel des HERRN noch einmal weiter und trat an eine enge Stelle,
wo kein Weg war, um auszuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken. Und als die Eselin den Engel
des HERRN sah, legte sie sich hin unter Bileam. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Ese-
37
lin mit dem Stock. Da öffnete der HERR den Mund der Eselin, und sie sagte zu Bileam: ... Da enthüllte
der HERR die Augen Bileams, und er sah den Engel des HERRN mit seinem gezückten Schwert in sei-
ner Hand auf dem Weg stehen; und er neigte sich und fiel nieder auf sein Angesicht. Und der Engel des
HERRN sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun schon dreimal geschlagen? Siehe, ich selbst bin
ausgegangen, um dir entgegenzutreten, denn der Weg stürzt dich ins Verderben vor mir. Und die Eselin
sah mich und wich vor mir aus, nun schon dreimal. Wenn sie nicht vor mir ausgewichen wäre, dann hätte
ich dich jetzt auch erschlagen, sie aber am Leben gelassen. Und Bileam sagte zu dem Engel des HERRN:
Ich habe gesündigt, denn ich habe nicht erkannt, dass du mir auf dem Weg entgegentratest; und nun,
wenn es böse ist in deinen Augen, dann will ich umkehren. Und der Engel des HERRN sprach zu Bileam:
Geh mit den Männern! Aber nur das, was ich dir sagen werde, sollst du reden! Und Bileam zog mit den
Obersten des Balak".
Der Fürst über das Heer Jahwes ermutigt Josua vor Jericho (Jos.5,13-15)
Jos.5,13-15: „Und es geschah, als Josua bei Jericho war, da erhob er seine Augen und sah: und siehe, ein
Mann stand ihm gegenüber, und sein Schwert war gezückt in seiner Hand. Josua ging auf ihn zu und
sagte zu ihm: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Da erwiderte er: Nein, sondern ich bin der
Oberste des Heeres des HERRN; gerade jetzt bin ich gekommen. Da fiel Josua auf sein Gesicht zur Erde
und huldigte ihm und sagte zu ihm: Was redet mein Herr zu seinem Knecht? Da sprach der Oberste des
Heeres des HERRN zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füssen; denn der Ort, auf dem du stehst, ist
heilig! Und Josua tat es“.
Als Engel des Herrn beruft Gott den Gideon (Ri.6,11-23)
Ri.6,11-23: „Und der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Terebinthe, die bei Ofra war, die
Joasch, dem Abiesriter gehörte. Und sein Sohn Gideon schlug gerade Weizen aus in der Kelter, um ihn
vor Midian in Sicherheit zu bringen. Da erschien ihm der Engel des HERRN und sprach zu ihm: Der
HERR ist mit dir, du tapferer Held! Gideon aber sagte zu ihm: Bitte, mein Herr, wenn der HERR mit
uns ist, warum hat uns denn das alles getroffen? Und wo sind all seine Wunder, von denen uns unsere
Väter erzählt haben, wenn sie sagten: Hat der HERR uns nicht aus Ägypten heraufkommen lassen? Jetzt
aber hat uns der HERR verworfen und uns in die Hand Midians gegeben. Da wandte sich der HERR
ihm zu und sprach: Geh hin in dieser deiner Kraft und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich
nicht gesandt? Er aber sagte zu ihm: Bitte, mein Herr, womit soll ich Israel retten? Siehe, meine Tausend-
schaft ist die geringste in Manasse, und ich bin der Jüngste im Haus meines Vaters. Da sprach der HERR
zu ihm: Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie einen einzelnen Mann. Da sagte er zu
ihm: Wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so gib mir ein Zeichen, dass du es bist, der
mit mir redet. Weiche doch nicht von hier, bis ich zu dir zurückkomme und meine Gabe herausbringe und
dir vorsetze! Er sprach: Ich will bleiben, bis du wiederkommst. Da ging Gideon hinein und bereitete ein
Ziegenböckchen zu und ungesäuerte Brote aus einem Efa Mehl. Das Fleisch tat er in einen Korb, und die
Brühe tat er in einen Topf. Und er brachte es zu ihm hinaus unter die Terebinthe und legte es vor. Und
der Engel Gottes sprach zu ihm: Nimm das Fleisch und die ungesäuerten Brote und lege es hin auf diesen
Felsen da! Die Brühe aber giesse aus! Und er machte es so. Da streckte der Engel des HERRN das Ende
des Stabes aus, der in seiner Hand war, und berührte das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Da stieg
Feuer aus dem Felsen auf und verzehrte das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Und der Engel des
HERRN entschwand seinen Augen. Da sah Gideon, dass es der Engel des HERRN gewesen war, und
Gideon sagte: Wehe, Herr, HERR! Wahrhaftig, habe ich doch den Engel des HERRN von Angesicht zu
Angesicht gesehen! Da sprach der HERR zu ihm: Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht
sterben“.
Der Engel des Herrn erscheint den Eltern Simsons (Ri.13,2-21)
Ri.13,2-21: „Da war nun ein Mann aus Zora, von einer Sippe der Daniter, sein Name war Manoach. Sei-
ne Frau aber war unfruchtbar und gebar nicht. Und der Engel des HERRN erschien der Frau und sprach
zu ihr: Sieh doch, du bist unfruchtbar und gebierst nicht; aber du wirst schwanger werden und einen Sohn
gebären. Und nun ... Und die Frau kam und sprach zu ihrem Mann und sagte: Ein Mann Gottes ist zu
mir gekommen, und sein Aussehen war wie das Aussehen des Engels Gottes, sehr furchtbar. Ich habe ihn
aber nicht gefragt, woher er sei, und seinen Namen hat er mir nicht genannt. Und er sagte zu mir: Siehe,
... Da betete Manoach zu dem HERRN und sagte: Bitte, Herr, der Mann Gottes, den du gesandt hast,
möge doch noch einmal zu uns kommen und uns lehren, was wir tun sollen mit dem Jungen, der geboren
werden soll. Und Gott hörte auf die Stimme Manoachs. Und der Engel Gottes kam noch einmal zu der
Frau, als sie gerade auf dem Feld sass und Manoach, ihr Mann, nicht bei ihr war. Da beeilte sich die Frau,
lief, berichtete es ihrem Mann und sagte zu ihm: Siehe, der Mann ist mir erschienen, der an jenem Tag zu
mir gekommen ist! Da machte sich Manoach auf und folgte seiner Frau. Und er kam zu dem Mann und
sagte zu ihm: Bist du der Mann, der zu der Frau geredet hat? Er sagte: Ich bin es. Und Manoach sagte:
Nun, wenn dein Wort eintrifft, was soll die Lebensweise des Jungen und sein Tun sein? Da sprach der
Engel des HERRN zu Manoach: Vor allem, was ich der Frau gesagt habe, soll sie sich hüten. (...) Und
Manoach sagte zu dem Engel des HERRN: Wir hätten dich gern zurückgehalten und dir ein Ziegenböck-
chen zubereitet. Doch der Engel des HERRN sprach zu Manoach: Wenn du mich auch aufhieltest, ich
würde nicht von deinem Brot essen. Willst du aber ein Brandopfer zubereiten, opfere es dem HERRN!
Manoach hatte nämlich nicht erkannt, dass es der Engel des HERRN war. Da sagte Manoach zum Engel
des HERRN: Wie ist dein Name? Wenn dein Wort eintrifft, möchten wir dich ehren. Doch der Engel des
HERRN sprach zu ihm: Warum fragst du denn nach meinem Namen? Er ist zu wunderbar! Da nahm
Manoach das Ziegenböckchen und das Speisopfer und opferte es dem HERRN auf dem Felsen. Er aber
38 vollbrachte Wunderbares, und Manoach und seine Frau sahen zu. Es geschah nämlich, als die Flamme
vom Altar zum Himmel emporstieg, da fuhr der Engel des HERRN in der Flamme des Altars hinauf.
Manoach aber und seine Frau sahen zu und fielen auf ihr Gesicht zur Erde. Der Engel des HERRN aber
erschien Manoach und seiner Frau danach nicht mehr. Da erst erkannte Manoach, dass es der Engel des
HERRN war“.
Gott stellt sich gleich einem Göttersohn zu Daniel im Feuerofen (Dan.3,24-
28)
Dan.3,24-28: „Da erschrak der König Nebukadnezar und erhob sich schnell. Er begann und sagte zu sei-
nen Staatsräten: Haben wir nicht drei Männer gebunden ins Feuer geworfen? Sie antworteten und sagten
zum König: Gewiss, o König! Er antwortete und sprach: Siehe, ich sehe vier Männer frei umhergehen
mitten im Feuer, und keine Verletzung ist an ihnen; und das Aussehen des vierten gleicht dem eines Göt-
tersohnes. Da trat Nebukadnezar an die Öffnung des brennenden Feuerofens, begann und sagte:
Schadrach, Meschach und Abed-Nego, ihr Knechte des höchsten Gottes, geht heraus und kommt her! Da
gingen Schadrach, Meschach und Abed-Nego aus dem Feuer heraus. Und es versammelten sich die Satra-
pen, die Statthalter, die Verwalter und die Staatsräte des Königs; sie betrachteten diese Männer, über de-
ren Leib das Feuer keine Macht gehabt hatte: das Haar ihres Hauptes war nicht versengt, und ihre Mäntel
waren nicht verändert, nicht einmal Brandgeruch war an sie gekommen. Nebukadnezar begann und sagte:
Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos, der seinen Engel gesandt und seine
Knechte errettet hat, die sich auf ihn verliessen und das Wort des Königs übertraten und ihren Leib da-
hingaben, damit sie keinem Gott dienen oder ihn anbeten müssten als nur ihren Gott!
Weitere interessante Stellen:
Mal.3,1: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite. Und plötzlich kommt zu
seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, den ihr herbeiwünscht, siehe, er
kommt, spricht der HERR der Heerscharen“.

1.2.3.2. Hinweise aus dem Neuen Testament


(a) Jesus war schon vor Abraham da
Joh.8,44.56-58; V.58: "... ehe Abraham war, bin ich." (Ewigkeitsdimensio-
nen finden sich oft im Präsens im NT)
2.Kor.6,2: "Jetzt ist der Tag des Heils", d.h. Tag des H. bedeutet Zeitalter
des Messias. Abraham sehnte sich danach und sah!
(b) Jesus ist Begleitperson auf der Wüstenwanderung
1.Kor.10,2-4: "... denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie be-
gleitete. Der Fels aber war der Christus." (Ex.17,5f)
(c) Jesus gibt vor seiner Himmelfahrt aufschlussreiche Hinweise, die
ihn als den Präexistenten erkennen lassen
Joh.3,13: "Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel, als nur, der aus
dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen."
Joh.6,62: "Wenn ihr nun des Menschen Sohn auffahren seht, wo er zuvor
war?"
(d) Seine Erniedrigung setzt die Präexistenz voraus
Phil.2,5-11: „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, der in
Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein. Aber
er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Men-
schen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch erfunden, ernied-
rigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.
Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen verliehen, der über
jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmli-
schen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus
Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
1.2.4. Das Werk Jesu in der Präexistenz
39
(a) Christus ist der Mittelpunkt des ewigen Ratschlusses Gottes
Eph.1,4: „... wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt, dass
wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe“.
(b) Der Präexistente wird uns als Schöpfer aller Dinge vorgestellt
Kol.1,15f: "Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöp-
fung, Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden
(e>n au>tw~| e>kti/sch ta\ pa/nta), das Sichtbare und das Unsichtbare es seien
Throne oder Herrschaften oder Fürstentumer oder Gewalten: alles ist durch ihn
und für ihn geschaffen (ta\ pa/nta di' au>tou~ kai\ ei>j au>to\n e]ktistai)".
„In diesen Versen lesen wir, dass alles durch Ihn geschaffen ist. Also kann
Er selbst nicht erschaffen sein. Er ist ewig - ohne Anfang und Ende
(Hebr.7,3). Diese wunderbare Tatsache wurde im AT verkündigt, im NT
bestätigt und von unserem Herrn Jesus bezeugt“37.
Joh.1,1-3; 1.Kor.8,6; Hebr.1,2; Spr.8,22-36 (vgl.Komm. Keil / Delitzsch);
Ps.102,26 (mit Hebr.1,10);
(c) Der Präexistente ist auch der Erhalter der Welt
Hebr.1,3: "...da er...alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt..."
Kol.1,17: "Und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn...".
(d) Die alles verändernde Gottesbegegnung
Dort wo Gott (im präexistenten Jesus) den Menschen begegnet, werden sie
mutig, kräftig und entschlossen, den Auftrag Gottes auszuführen. Jesu Werk
in der alttestamentarischen Zeit war vor allem motivierender Art!
Gleichzeitig finden wir bereits dort wichtige Hinweise auf das Wesen Got-
tes, d.h. diese Begegnungen sind wichtige Selbstoffenbarungen Gottes. Im-
mer wieder zeigt sich (a) Gottes Heiligkeit (vgl. z.B. den hl. Boden bei Mo-
se und Josua), (b) seine Liebe und Fürsorge (Josua, Elia) und v.a. immer
wieder (c) die Hinweise auf die Priorität der Transzendenz.
In der Geschichte von Josua und seiner Begegnung mit dem Engel des Herrn (Jos.5) wird im Prinzip
Kol.3,1-4 antizipiert. In der damaligen, antiken Welt war dieses Bewusstsein Allgemeingut. Die Menschen
wussten um das Übernatürliche. Durch die Offenbarung wurde den Menschen zusätzlich verdeutlicht, dass
die ‚positive‘ unsichtbare Welt, d.h. Gott und sein Reich, an Gemeinschaft interessiert ist und sich kämpfe-
risch für den Menschen engagiert.
(e) Gott dient durch Christus dem Menschen
Einen interessanten Hinweis in Bezug auf den Dienst des präexsistenten Je-
sus an den atl. Propheten finden wir in 1.Petr.1,11: „Sie forschten, auf welche
oder auf was für eine Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er
die Leiden, die auf Christus kommen sollten, und die Herrlichkeiten danach vor-
her bezeugte.“ Natürlich ist hier zuerst ausgesagt, dass derselbe Geist, der in
Christus wirkte, auch in den gesalbten atl. Propheten gewirkt hat. Aber er
wird hier eben „Geist Christi“ (to\ e>n au>toi~j pneu~ma Xristou~) genannt.

1.2.5. Christus und der göttliche Heilsratschluss


Ausgangspunkt der Soteriologie: Unser Heil liegt in Jesus vor dem Sünden-
fall in der Ewigkeit begründet.

37
Weber, S.9.
Eph.1,4.9.11: „...wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung der Welt,
40 dass...Er hat uns ja das Geheimnis seines Willens kundgetan...das er sich vorge-
setzt hat in sich selbst ... und in ihm haben wir auch ein Erbteil erlangt, die wir
vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen, der alles nach dem Rat seines
Willens wirkt, ..."
1.Petr.1,18-20: „Er ist zwar im voraus vor Grundlegung der Welt erkannt
(Perf.Part.Pass.), aber am Ende der Zeiten geoffenbart worden um euretwillen".
2.Tim.1,9.10a; Rö.8,28.30; Tit.1,2.
Kein Mensch wäre dazu fähig. Ps.49,8.9: „Niemals kann ein Mann seinen
Bruder loskaufen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben, denn zu kostbar ist das
Kaufgeld für eine Seele, und er muss davon abstehen auf ewig, ..."

1.2.6. Die praktischen Konsequenzen der Präexistenz


(a) Nur der Ewige kann Ewigkeit vermitteln (b) Der Schöpfer kennt
seine Geschöpfe am Besten (c) Die treue Begleitung des Volkes im AT
antizipiert die ntl. Gegenwart Jesu (d) Die Theophanien belegen die
Nahbarkeit Gottes in Jesus Christus (e) Wir gehören ihm, weil er uns
geschaffen hat (f) Jesus Christus ist auch der Schöpfer und Erhalter
meines geistlichen Lebens.

1.3. Die Trinität

1.3.1. Die Dreieinigkeitslehre nach der Bibel


Die Bibel lehrt, dass es einen einzigen Gott gibt, der sich in drei Personen
offenbart, die Vater, Sohn und Heiliger Geist genannt werden. Es handelt
sich nicht um drei Personen im üblichen Sinn des Wortes; es sind keine drei
Individuen, sondern drei Existenzmodi oder Existenzweisen Gottes. Gleich-
zeitig sind sie jedoch in der Lage, persönliche Beziehungen einzugehen. Der
Vater kann mit dem Sohn reden und umgekehrt, und beide können den
Geist aussenden. Das wirkliche Geheimnis der Dreieinigkeit besteht darin,
dass jede der drei Personen das ganze göttliche Wesen besitzt, und dass die-
ses Wesen ausserhalb der drei Personen und getrennt von ihnen nicht exis-
tiert. Von ihrem Wesen her muss sich keine der drei Personen den anderen
unterordnen; dennoch darf gesagt werden, dass in ihrer Existenzfolge der
Vater an erster, der Sohn an zweiter und der Heilige Geist an dritter Stelle
steht. Diese Reihenfolge spiegelt sich in dem Werk der drei Personen wi-
der.38

38
Dieses Kapitel enthält Auszüge aus dem Buch von Louis Berkhof, "Grundriss der biblischen Lehre",
Francke, Marburg an der Lahn 19901, Seite 22f.
1.3.2. Der Schriftbeweis für die Dreieinigkeitslehre
41
Schon im Alten Testament finden wir Hinweise darauf, dass es in Gott
39

mehr als eine Person gibt. Gott spricht in der Mehrzahl, wenn er von sich
redet (1.Mo.1,2ff; 11,7);40 der Engel Jahwes wird uns als göttliche Person
vor Augen geführt (1.Mo.16,7-13; 18,1-21; 19,1-22; Mal.3,1);41 und vom
Heiligen Geist wird als von einer Person gesprochen (Jes.48,16; 63,10). In
einigen Abschnitten spricht der Messias und erwähnt dabei zwei weitere
Personen (Jes.48,16; 61,1; 63,9.10). "Thus the Old Testament contains a
clear anticipation of the fuller revelation of the Trinity in the New Testa-
ment"42.
Aufgrund der fortschreitenden Offenbarung enthält das Neue Testament
noch deutlichere Beweise. Der schlüssigste Beweis von allen ist aus den Tat-
sachen des Heilsgeschehens abzuleiten. Der Vater schickt den Sohn in die
Welt, und der Sohn sendet den Heiligen Geist. Darüber hinaus gibt es meh-
rere Passagen, in denen die drei Personen ausdrücklich erwähnt werden, wie
z. B. im Missionsbefehl Jesu (Mt.28,19) und im apostolischen Segen (2.
Kor.13,14).43
Zur Zeit der Reformation wurde die Dreieinigkeitslehre von den Sozinia-
nern verworfen. In heutiger Zeit wird sie von den Unitariern, von einigen
pfingstlichen Sekten (»Jesus only«) und von vielen Vertretern der modernen
Theologie abgelehnt. Wenn Modernisten überhaupt von der Dreieinigkeit
reden, stellen sie sie so dar, als würde sie aus dem Vater, dem Menschen Je-
sus und einem göttlichen Einfluss, den wir den Geist Gottes nennen, beste-
hen.
Der Vater
Der Name »Vater« wird in der Schrift häufig dem dreieinigen Gott als dem
Schöpfer aller Dinge (1.Kor.8,6; Hebr.12,9; Jak.1,17), als dem Vater Isra-
els (5.Mo.32,6; Jes.63,16) und als dem Vater der Gläubigen (Mt.5,45;
6,6.9.14; Röm.8,15) beigelegt. In einem tieferen Sinn bezieht sich dieser
Name jedoch auf die erste Person der Dreieinigkeit und drückt seine Bezie-
hung zur zweiten Person, dem Sohn, aus (Joh.1,14.18; 8,54; 14,12+13).
Gott ist das Urbild aller Vaterschaft; jede irdische Vaterschaft ist nur ein un-
deutliches Spiegelbild seines Vaterseins. Es ist das besondere Merkmal des
Vaters, dass er von aller Ewigkeit her den Sohn zeugt. Folgende Werke
werden ihm insbesondere zugeschrieben: die Planung der Heilsgeschichte,
die Erschaffung des Alls, die Vorsehung.

39
Da die biblische Offenbarung eine fortschreitende ist, finden wir im AT nicht eine vollständige Lehre
von der Trinität (wie es einige der Kirchenväter lehrten). Dagegen lehren die Socinianer und Arminianer,
dass das AT überhaupt nicht von der Trinität spricht.
40
In der Systematic Theology schreibt Berkhof aber: "It is far more plausible that the passages in which
God speaks of Himself in the plural, Gen.1,26; 11,7, contain an indication of personal distinctions in God,
though even these do not point to a trinity but only to a plurality of persons" (S.86).
41
Auch "das Wort des Herrn" und "die Weisheit Gottes" wird im AT personifiziert (Ps.33,4.6; Spr.8,12-
31) und zuweilen wird mehr als eine Person erwähnt (Ps.33,6; 45,6.7, vgl. Hebr.1,8.9).
42
Berkhof, Systematic Theology, S.86.
43
Vgl. aber auch Lk.3,21.22; 1,35; 1.Kor.12,4-6; 1.Pet.1,2.
Der Sohn
42 Die zweite Person der Dreieinigkeit wird »der Sohn« oder »der Sohn Got-
tes« genannt. Er trägt diesen Namen jedoch nicht nur, weil er der eingebor-
ne oder einziggezeugte Sohn des Vaters ist (Joh.1,14.18; 3,16.18; Gal.4,4),
sondern auch als der von Gott erwählte Messias (Mt.8,29; 26,63; Joh.1,49;
11,27) und kraft der besonderen Umstände seiner vom Heiligen Geist be-
wirkten Geburt (Lk.1,32.35). Es ist das besondere Merkmal der zweiten
Person der Dreieinigkeit, dass sie von Ewigkeit her vom Vater gezeugt wird
(Ps.2,7; Apg.13,33; Heb.1,5). Mittels dieser ewigen Zeugung ist der Vater
die Ursache der persönlichen Existenz des Sohnes innerhalb des göttlichen
Wesens. Dem Sohn wird insbesondere der Mittlerdienst als Werk zuge-
schrieben. Er war der Mittler des Schöpfungswerks (Joh.1,3.10; Heb.1,
2.3) und ist ebenfalls der Mittler des Erlösungswerks (Eph.1,3-14).
Der Heilige Geist
Obwohl Sozinianer, Unitarier und moderne Theologen den Heiligen Geist
lediglich für eine Kraftwirkung oder einen Einfluss Gottes halten, geht aus
der Bibel deutlich hervor, dass er eine Person ist (Joh.14,16.17.26; 15,26;
16,7-15; Röm.8,26). Ihm werden Intelligenz (Joh.14,26), Gefühl (Jes.63,
10; Eph.4,30) und ein Wille (Apg.16,7; 1.Kor.12,11) zugeschrieben. Nach
der Schrift spricht, forscht, bezeugt und offenbart er. Er erteilt Befehle,
streitet und verwendet sich in der Fürbitte. Ausserdem wird er von seiner ei-
genen Kraft klar unterschieden (Lk.1,35; 4,14; Apg.10,38; 1.Kor.2,4). Es
ist das besondere Merkmal des Geistes, dass er aus dem Vater und dem
Sohn hervorgeht (Joh.15,26; 16,7; Röm.8,9; Gal.4,6). Zusammenfassend
kann gesagt werden, dass seine Aufgabe darin besteht, die Werke der Schö-
pfung und der Erlösung zur Vollendung zu bringen (1.Mo.1,3; Hi.26,13;
Lk.1,35; Joh.3,34; 1.Kor.12,4-11; Eph.2,22).
Bibelstellen zum Auswendiglernen
a) Zur Dreieinigkeitslehre:
Jes.61,1: „Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich
gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freilas-
sung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen“. / Mt.28,19: „Darum gehet
hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes". / 2.Kor.13,14: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!«
b) Zur ewigen Zeugung des Sohnes durch den Vater:
Psalm 2,7: „Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN. Er hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn,
heute habe ich dich gezeugt“. / Joh.1,14: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir
sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und
Wahrheit“.
c) Zum Hervorgehen des Heiligen Geistes aus Gott:
Joh.15,26: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der
Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir".
Zum weiteren Nachdenken
1. Inwiefern können wir von einer allgemeinen Vaterschaft Gottes spre-
chen? - 1.Kor.8,6; Eph.3,14+15; Heb.12,9; Jak.1,17. Vgl. dazu
4.Mo.16,22.
2. Beweisen Sie aus der Schrift, dass der fleischgewordene Sohn Gott ist. -
Joh.1,1; 20,28; Phil.2,6; Tit.2,13; Jer.23,5+6; Jes.9,5; Joh.1,3; Offb.1,8;
Kol.1,17; Joh.14,1; 2.Kor.13,14.
3. Inwiefern beweisen folgende Bibelverse, dass der Heilige Geist eine Per-
son ist? - 1.Mo.1,2; 6,3; Lk.12,12; Joh.14,26; 15,26; 16,8; Apg.8,29; 13, 43
2; Röm.8,11; 1.Kor.2,10+11.
4. Welche Werke werden in Ps.33,6; 104,30; 2.Mo.28,3; 2.Pet.1,21;
1.Kor. 3,16; 12,4ff. dem Heiligen Geist zugeschrieben?

1.3.3. Die Konsequenzen aus der Dreieinigkeitslehre


(1) Selbstverständlich ist die Gottheit Jesu eine direkte Folge der Trinitäts-
lehre und daher gelten alle Segnungen und Auswirkungen, die bereits dort
genannt wurden auch hier.
(2) Betrachtet man die Mittleraufgabe Jesu als seine Besonderheit innerhalb
der Trinität, dann gelten alle Auswirkungen seines vermittelnden Dienstes
auch hier.

1.4. Die Überlegenheit Christi im Hebräerbrief

1.4.1. Besser als die Propheten


Er ist grösser als die Propheten (1,1-3)

1.4.2. Besser als die Engel


Er ist höher als die Engel in seiner Person (1,4-9)
Er ist höher als die Engel in seinem Werk (1,10-14)
Er ist grösser als die Engel in seiner Autorität (2,5-9)
Er ist grösser als die Engel in seiner Vollkommenheit als Mensch (2,10-13)
Er ist grösser als die Engel in seiner Überwindung von Sünde und Tod
(2,14-18)

1.4.3. Besser als Moses


Er ist grösser als Mose (3,1-6)

1.4.4. Besser als Josua


Er ist grösser als Josua in der Ruhe, die er gibt (4,1-8)
Er ist grösser als Josua in der Erlösung, die er gebracht hat (4,9-13)

1.4.5. Besser als Aaron


Sein Priestertum höher als das Aarons (4,14-5,10)
Melchisedeks Priestertum dem Aarons überlegen (7,4-22)
Die überlegene Wirksamkeit und Beständigkeit seines Priestertums (7,23-
28)
1.4.6. Der bessere neue Bund
44
Das bessere Amt seines Bundes (8,6-13)
Das bessere Heiligtum seines Bundes (9,23.24)
Das bessere Opfer seines Bundes (9,25-10,4)
Sein Bund besser wegen seiner gegenwärtigen Stellung (10,11-14)
Sein Bund wegen der Endgültigkeit seines Opfers überlegen (10,15-18)

1.5. Die Einzigartigkeit von Jesus Christus

Vergleiche hierzu den Artikel von Eberhard Hahn „Die Einzigartigkeit Jesu
Christi“ in „European Journal of Theology“, 3:2; S.137-144.

1.5.1. Vorbemerkung: Was wird mit der Kennzeichnung evange-


likal umschrieben?
'Schon seit 1750' gibt es im englisch sprechenden Teil der Welt den Begriff
"evangelical". Er bezeichnet diejenigen Strömungen, die dem biblischrefor-
matorischen Erbe sowie der Weltmission verpflichtet sind, auf eine persönli-
che, meist erweckliche Frömmigkeit Wert legen und in Gegensatz treten zu
hochkirchlichen, katholisierenden oder theologisch-liberalen Strömungen.
Diese Anliegen traten zwischen den beiden Weltkriegen wegen der damali-
gen theologisch-biblischen Neubesinnung in der ökumenischen Bewegung
zurück. jedoch mit zunehmender Betonung der sozialpohtischen Aufgabe
des Christentums und wegen des damit verbundenen Zurücktretens der
missionarischen Aktivitat in vielen Kirchen der Welt und damit such im
ÖRK gewann der alte Gegensatz nach 1945 wieder an Gewicht. ...
Das weltweite Ringen um das rechte Verständnis von "Heil heute" und da-
mit um den vorrangigen Auftrag der Christenheit hat sich in Deutschland
seit der "Frankfurter Erklärung zur Grundlagenkrise der Mission" 1970 zur
(rasch eingebürgerten, aber selten recht verstandenen) Verwendung des
Begriffs "evangelikal" geführt.
In der jüngeren Vergangenheit wurden Zielsetzung und Wirkungsbereich
der evangelikalen Bewegung besonders in den Internationalen Kongressen
für Weltevangelisation 1974 in Lausanne und 1989 in Manila deutlich.
Neben der Betonung von Mission und Evangelisation tritt als grundsätzli-
ches Charakteristikum die Bezogenheit von Glauben, Leben und Denken
auf die Heilige Schrift hervor, wie dies der Äusserung des Briten John Stott,
einem weltweit führenden Vertreter der Evangelikalen, zu der Frage nach
der Bedeutung der Evangelikalen heute zu entnehmen ist: 'It is not only
important to be an evangelical, it is essential also to maintain a faithful e-
vangelical testemony. For the evangelical faith is not some eccentric devia-
tion from historic Christianity. On the contrary, in our conviction it is
Christianity in its purest and most primitive form. . . . Our primary concern
as evangelicals is to be biblical. If therefore it can be shown to us from
Scripture that any of our beliefs is wrong, we are ready to modify it or drop
it immediately. In fact, the hallmark of the authentic evangelical is a deter-
mination to submit to Scripture in mind and life, together with an a priori
commitment to submit to anything which in future Scripture may be found
to teach' . 45
1.5.2. Grundlagen des Bekenntnisses zur Einzigartigkeit Jesu
Christ im evangelikalen Bereich.
A. Die Struktur der Lausanner Verpflichtung (1974) und des Manifes-
tes von Manila (1989)
Zunächst gilt es zu beachten, dass es sich bei beiden Kongressen um Evan-
gelisationskongresse handelte. Daher rührte die Notwendigkeit, eine der e-
vangelikalen Bewegung gemeinsame Basis zu formulieren, von der aus das
missionarische Engagement getragen wird.
Neben den aus dem Wort der Heiligen Schrift erhobenen Grundlagen wer-
den deshalb insbesondere die inneren und äusseren Widerstände in den
Blick genommen, die der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Chris-
tus entgegenstehen.
Der Vergleich der beiden Abschnitte zeigt folgende Struktur:
B. Erläuterung dieser Schwerpunkte in den Darlegungen von U. Par-
zany
1. Jesus Christus ist zugleich Retter und Richter.
Die Selbstbezeichnung 'Menschensohn' drückt vor dem Hintergrund von
Dan.7,13f. aus, dass Jesus Richter und Herr der Welt ist. 'Die Einzigartig-
keit Jesus Christi besteht darin, dass er zugleich das Werk des Menschen-
sohnes (Dan.7) und das Werk des Gottesknechtes (Jes.53) tut'. Nur deshalb
ist sein Kreuzestod Sühnetod, der durch die auferweckung als Urteil Gottes
bestätigt wird.
2. Die objective Wirklichkeit der Offenbarung Jesu Christi.
Das Grundbekenntnis der Christen Kyrios Jesus ist nicht nur subjective Glau-
bensaussage ('Jesus ist mein Herr!'), sondern Bekenntnis zu der objektiven
Wirklichkeit der Offenbarung (‘Jesus ist der Herr!'), die sich an Ostern als
solche manifestiert hat. Wird diese im Gefolge Lessings auf einen Wahr-
heitsaspekt unter vielen anderen reduziert, so ist damit das Wesen der göttli-
chen Offenbarung preisgegeben. 'Wenn und weil Menschen nicht in der La-
ge sind, von sich aus den wahren Gott zu erkennen, sind sie auch nicht fä-
hig, Bedingungen für zutreffendes Denken über Gott aufzustellen, es sei
denn, Gott offenbart sich selbst und macht sich unter menschlichen Bedin-
gungen bekannt. Wenn wir die Offenbarung Gottes in Jesus Christus über-
sehen, enden wir unweigerlich in Projektionen und Bildern von Gott, die
wir unseren Wünschen und Ängsten entsprechend produzieren'.
3. Die empirische Notwendigkeit einheitlichen Handelns angesichts der
globalen Menschheitsprobleme.
Unter dem Druck umfassender Probleme wird im Interesse einer Hand-
lungseinheit die Ausschliesslichkeit des Evangeliums von Jesus Christus ab-
gewiesen. Löst das Wort Jesus Annahme und Ablehnung, Nachfolge und
Hass aus, so scheint es für die anstehende Problembewältigung untauglich
zu sein. Der objective Anspruch des christlichen Glaubens ist daher auf sub-
jective Glaubenshaltungen bzw. Erfahrungen zurückzunehmen.
Damit wird die Einheit von Religionen auf der Basis eines allgemeinen Got-
46 tesbegriffs unter Ausschaltung de Heilsmittlerschaft Jesu Christi angestrebt.
Dies führt in einem weiteren Schritt zur Reduktion auf 'die gemeinsame
menschliche Suche nach Heil als einigendem Rahmen für die Menschheit ...,
ohne weiter über Gott zu reden. Heil bedeutet dann Überwindung von
Krieg, Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung'.
Ohne Frage muss die Verkündigung des Evangeliums mit dem diakonische-
sozialen Einsatz verknüpft werden. Dieser gründet jedoch in der Überwin-
dung des Todes durch Jesus und ist auf die Vollendung der Heilsgeschichte
durch den wiederkommenden Heern ausgerichtet: 'Wir sind uns dessen be-
wusst, dass Jesus selbst sein Werk vollenden wird. Er, nicht wir, wird die
neue Welt des vollkommenen Friedens und der vollkommenen Gerechtig-
keit schaffen. Indem wir also die Einzigartigkeit Jesu Christi verkünden, sa-
gen wir allen selbstgemachten utopischen Konzepten der Selbsterlösung ab'.
Ausgeschlossen ist jeder gewaltsame Versuch der Evangelisation. Die Ein-
zigartigkeit der Liebe Jesu schliesst wesentlich das Eintreten und das Gebet
für die Feinde ein. Daher muss ein offener Dialog geführt werden; dies gilt
auch gegenüber demjenigen, der die Botschaft von Jesus Christus ablehnt.
4. Synkretismus ist Ablehnung Jesu Christi.
Die Integration Jesu in eine Reihe religiöser Gestalten hat in Ost und West
unterschiedliche Formen. Immer dann, wenn Jesus und seine Botschaft den
jeweils herrschenden Bedürfnissen angepasst wird, erfolgt eine Immunisie-
rung durch diese 'synkretistische Integration'.
5. 'Wir wollen dem einzigartigen Herrn Jesus Christus gehören'.
Der Verdunkelung und Verfälschung des Evangeliums muss gewehrt wer-
den, da es in der Umdeutung zu Menschenwort seine Kraft zur Rettung
verliert. Daneben ist von grosser Bedeutung, dass das Leben und auch das
Sterben des Botschafters mit dem von ihm ausgerichteten Zeugnis in Ein-
klang stehen.

1.5.3. Problematisierung des Untertitels: 'Eine evangelikale Posi-


tion'.
Das in der Einführung angedeutete Selbstverständnis der evangelikalen Be-
wegung ist entscheidend vom Kriterium sola scriptura als letztgültiger
Norm für Lehre und Leben bestimmt. Dies bedeutet, dass die evangelikale
Position zur Frage der Einzigartigkeit Jesu Christi zugleich die evangelische,
d.h. die dem Evangelium gemässe zu sein hat, wenn sie sich denn 'evangeli-
kal' zu nennen wagt. Als solche aber ist sie nichts anderes als im eigentlichen
Sinne des Wortes 'katholisches' Bekenntnis, d.h. die weltweite Gemeinde
Jesus Christi umspannendes und einendes Glaubensbekenntnis.
Wenn und insofern der Anspruch der Evangelikalen, ihre Kriterien durch
das Schriftprinzip bestimmen zu lassen, von ihnen selbst und von anderen
ernstgenommen wird, kann es sich bei den Aussagen zur Einzigartigkeit Je-
sus Christi nicht um eine Position handeln, die im vielstimmigen Chor in-
ner- und ausserchristlicher Wertungen der Bedeutung Jesus Christi auch ei-
nen Platz eingeräumt erhält. Vielmehr stellt jede inner- und ausserchristliche
Aussage zu Person und Werk Jesu Christi vor die theologische Aufgabe, das
Gesagte auf seine Übereinstimmung mit Schrift und Bekenntnis der christli-
chen Kirche hin zu überprüfen. Allein in der Kontinuität und Identität des
Bekenntnisses zu Jesus Christus ist auch die Grundlage der Kirche und die 47
Basis für ihre Arbeit, einschliesslich des Dialogs und der Mission, gegeben.
Das wird in Teil ' IV anhand einiger Fragenkomplexe zu explizieren sein.

1.5.4. Dogmatische Grundlagen und Grundfragen im Zusam-


menhang mit der Rede von der 'Einzigartigkeit Jesus Christi'
Vorbemerkung:
Angesichts häufig begegnender Aversionen gegen 'das Dogmatische' im
weitesten Sinne des Wortes ist daran zu erinnern, dass damit der Bereich der
Grundlagen angesprochen ist, die einen Menschen in seinem Denken, Han-
deln und Zusammenleben bestimmen. Christliches Dogma im Sinne einer
definitio fidei meint daher die Grenzziehung, die inmitten einer Fülle mögi-
cher und tatsächlicher Glaubensinhalte und -weisen aufgrund des Glaubens
an Jesus Christus bereits vorgenommen ist und stets neu vorgenommen
werden muss. Darin ist die Gemeinschaft im Glauben und die Einheit der
Gemeinde Jesu Christi im Wandel der Zeiten gegeben. Kriterium des Dog-
mas ist das Wort Gottes der Heiligen Schrift.
A. Jesus Christus, der eine Herr und Erlöser.
„Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf
Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir doch nur einen
Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind, und wir zu ihm; und einen Herrn,
Jesus Christ, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn“ (1.Kor.8,5.6).
„Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis kam, so
auch durch eine Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“.
(Röm.5,18).
Die christliche Kirche bezeugt in ihrem Bekenntnis (...) 'Jesum Christum,
filium eius unicum, Dominum nostrum' (Apostolicum) als den Erlöser. In
dem Menschen Jesus von Nazareth handelt Gott selbst zum Heil an den
Menschen. Trotz mancher Ähnlichkeit mit der Tätigkeit eines Propheten,
Rabbis, Weisheitslehrers, Wunderheilers unterscheidet sich die Sendung Je-
su fundamental von all diesen Kategorien: Er tritt in ausserordentlicher
Vollmacht auf, stellt die Angeredeten im Jetzt in die Entscheidung, handelt
durch sein wirksames Wort und bedarf keiner anderen Macht. Obwohl er
stets von sich weg auf Gott weist, 'war er doch in einzigartiger und unmit-
telbarer Vollmacht selbst der Redende und Handelnde. Dabei steht das
Werk des Sohnes nicht in Konkurrenz zu dem des Vaters, sondem beider
Werk ist ein Werk. Die Erscheinungen des Auferstandenen enthüllen die
Einheit Jesu mit Gott, indem sie von der Anbetung des erschienenen Jesus
Zeugnis geben. Damit ist die Erkenntnis verbunden, 'dass in Jesu Geburt
Gottes ewiger Sohn Mensch geworden und in der Taufe von Gott als sein
Sohn proklamiert worden ist, der er von seinem ewigen Ursprung her be-
reits war.'
B. Die Erkenntnis Jesu Christi.
Die Erkenntnis von Person und Werk Jesu Christi ist gebunden an die Er-
leuchtung des menschlichen Verstandes, der durch die Sünde verblendet ist
(2.Kor.4,4). Das Werk der Erleuchtung zur Erkenntnis des Glaubens ist
Gottes eigenes Werk, das in Analogie zur Erschaffung des Lichts am Anfang
48 der Welt steht. Dabei entsteht die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in
dem Angesicht Jesu Christi, d.h. in dem Gekreuzigten (2.Kor.4,6). Diese
Erkenntnis ist - empirisch betrachtet - nichts anderes als Torheit und
Schwachheit (1.Kor.1,18ff.); gerade darin erweist sie sich jedoch als die
dem Handeln Gottes eigene Weisheit und Stärke, die nicht an menschlicher
Qualitat orientiert ist, sondern daran, dass Gott das erwählt, 'was nichts ist,
damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott
rühme' (1.Kor.1,28f). Die Erkenntnis Jesu Christi als Erleuchtung durch
Jesus Christus, das wahre Licht (Joh.1,9), beschränkt sich nicht auf die noe-
tische Ebene, sondern umschliesst den Menschen ganz, ist sie doch Neu-
schöpfung durch den Heiligen Geist.
C. Das Bekenntnis zu Jesus,Christus als Kriterium für die Scheidung
zwischen wahrer und falscher Kirche.
Ist die Erkenntnis, dass der Gekreuzigte der uns aus dem Verderben retten-
de Gottessohn ist, Werk des heiligen Geistes, so wird das Bekenntnis zu ihm
zum Kriterium zwischen Glauben und Unglauben, zwischen wahrer und
falscher Kirche. Exemplarisch tritt dieser Zusammenhang in 1.Kor.12,2f. in
den Blick: Das Bekenntnis zu dem Nazarener als dem ku/rioj, d.h. als dem
einen Gott, der sich im Alten Bund als der alleinige Herr offenbart hat, steht
in einer doppelten Frontstellung: Es grenzt ab sowohl gegen die machtvolle
Attraktion, die von den gleichwohl stummen Götzen der Heiden ausgeübt
wird, als auch gegen die Verfluchung des Gekreuzigten als offenbar erwie-
senem Gotteslästerer im jüdischen Bereich. Nur der durch den Heiligen
Geist geschaffene Glaube ist fähig zu bekennen: Jesus ist der Herr.
Damit ist zugleich Kirche Jesu Christi bestimmt als der Ort, an dem dieser
Herr in seinem Wort kraft des Heiligen Geistes gegenwärtig ist. Hier hat sie
ihr Zentrum. Damit aber ist zugleich ihre Grenze bestimmt. Diese ist dort,
wo dieses Wort nicht mehr verkündigt, gehört, geglaubt und bekannt wird.
D. Der Gottesdienst als Ort der durch die Gegenwart des einen Herrn
gestifteten Gemeinschaft.
Im Gottesdienst ist die Gemeinde Jesu Christi insofern sichtbar, als ihr dort
ihr Herr in seinem Wort begegnet und sie zur Antwort in Gebet und Lob-
preis bewegt. Sie ist je neu darauf angewiesen, dass sie durch das Wort Got-
tes zum Leben im Geist geschaffen und stets zu diesem zurückgerufen wird:
„Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und
hat sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch
das Wasserbad im Wort, damit er sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich
sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die hei-
lig und untadelig sei“ (Eph.5,25-27; vgl. Kol.1,22). Daher entstehen Spal-
tungen dort, wo die Gegenwart des Herrn der Gemeinde ergänzt oder er-
setzt wird durch Menschenworte oder andere Herren.
E. Hinweise zur Beurteilung gegenwärtiger Tendenzen in Theologie
und Mission aufgrund des Bekenntnisses zu dem einen Herrn Jesus
Christus.
1. Zur Auflösung von Offenbarung in Erfahrung.
Ist nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift Gott selbst der Offenbarer, der in
seinem Sohn Jesus Christus das wahre Licht erstrahlen lässt und durch den
Heiligen Geist die menschliche Blindheit durchbricht und neues Leben
schafft, so darf der christliche Glaube nicht auf subjektive Glaubenserfah- 49
rung reduziert werden. Das Wesen des christlichen Glaubens ist sein Bezug
auf den Auferstandenen, den man nicht sieht (vgl. Hebr.11,1). Aus dem
Glauben erwächst zwar zweifelsohne auch Erfahrung (des Heils, der Freude,
der Gemeinschaft etc.); gewichtiger ist demgegenüber jedoch die Tatsache,
dass die Erfahrung auch zur Anfechtung, die Empire zum Peirasmos wird.
Sofern das Leben des Christen und der Gemeinde durch den Glauben, nicht
aber das Schauen (2.Kor 5,7) gekennzeichnet ist, bleibt die tentatio durch
den Erlebnisbereich steter Begleiter der Glaubenden.
Wird die pneumatische Realität der Gegenwart des Herrn in seinem Wort
als Mitte der Gemeinde ersetzt durch Kriterien, die aus der Empirie gewon-
nen werden, so ist damit die Kirche Jesus Christi verlassen und zur Vereini-
gung der Gleichgesinnten geworden.
2. Zu Dialog und Synkretismus.
In demselben Masse, in dem die Botschaft von dem gekreuzigten Retter
und Herrn der Welt Einladung und Bitte ist (vgl. 2.Kor.5,20), jeden Zwang
in der Vermittlung also prinzipiell ausschliesst, ist sie zugleich Botschaft von
diesem einen Hern, neben dem alle sonstigen Herren und Götter zu ledig-
lich 'sogenannten' verblassen. In diesem Sinn ist und bewirkt die Offenba-
rung von Jesus Christus nicht Anknüpfung, sondern Konfrontation; nicht
Anpassung, sondern Scheidung; nicht Eingliederung, sondern neuschaffen-
de Verwandlung.
Auch die phänomenologisch durchaus konstatierbaren Analogien zwischen
Christentum und anderen Religionen dürfen nicht vergessen lassen, dass die
Offenbarung des dreieinigen Gottes durch die Verwechselbarkeit seines Er-
scheinens inmitten einer imponierenden religiösen Vielfalt geradezu ge-
kennzeichnet ist. Davon wird jedoch die Einzigartigkeit der Offenbarung
dieses Gottes keineswegs berührt.
3. Zum Bemühen um religiose Einheit angesichts bedrängender Welt-
probleme.
Das Bekenntnis zu dem einen Herrn, Retter und Richter Jesus Christus be-
dingt eine Sicht der Welt, die persönliches Engagement und gelassene Er-
wartung miteinander verknüpft. Dabei sind folgende drei Aspekte untrenn-
bar aufeinander bezogen:
- Himmel und Erde sind ursprünglich gute Schöpfung Gottes, die dieser
auch über den Sündenfall hinaus Tag um Tag erhült.
- Himmel und Erde stehen unter dem Gericht Gottes, das ihnen ein Ende
setzt.
- Die neue Welt Gottes eröffnet sich im Kommen Jesus Christi, wird dem-
jenigen angesagt, der glaubt, bestimmt den Inhalt der christlichen Hoffnung
und wird sichbar von Gott offenbart werden.
Wo diese eschatologische Perspektive aufgegeben wird, wo die Kriterien des
Handeln anhand von aus der Empirie gewonnenen Erfordernissen für den
Erhalt des Lebens festgelegt und das Christentum (und mit ihm die anderen
Religionen) zu Funktionen dieser conservatio mundi im Sinne eines actus
humanae providentiae degradiert werden, dort ist der Raum der Kirche Je-
sus Christi verlassen. Dort liegt die Last für die Erhaltung der Welt auf den
Schultern des Menschen und muss ihn am Ende erdrücken. Wird die Welt
50 hingegen aus dem Blickwinkel des Glaubens an den einen Herrn dieser Welt
erkannt, so kann die Gemeinde Jesus Christi inmitten aller Anfechtung nicht
im letzten von dem betört werden, was im Bereich des Sichtbaren liegt. Wo
sie diese Perspektive festhält, wird sie selbst gehalten und richtet ihren Auf-
trag als Licht und Salz aus.
Dieser Beitrag geht auf ein Referat zurück, das im Rahmen eines Blockseminars für Theologiestudierende
1992 in Neuendettelsau gehalten wurde. Thema des Seminars war 'Die Theologie der Religionen'. Dazu
wurden Texte von Troeltsch, Pannenberg, Küng, Rahner, Knitter, sowie von Vaticanum II bearbeitet. Auf
die Darstellung der 'pluralistischen Religionstheologie' unter dem Titel 'Wahrheit und Toleranz im Dialog
der Religionen' folgte die hier vorliegende 'evangelikale Position', in der zunächst die Bedeutung des Ad-
jektivs ‘evangelikal' zu skizzieren war.

Literatur zum Thema


Hille Rolf / Troeger Eberhard, Die Einzigartigkeit Jesu Christi,
Brockhaus, Wuppertal 19931
2. MENSCHWERDUNG, 51
ERNIEDRIGUNG UND SEIN
MESSIANISCHER AUFTRAG

2.1. Vorbereitungen, Menschwerdung und Erniedrigung

2.1.1. Messianische Prophetie des AT und


in der Vorgeschichte des NT
Vergleiche hierzu auch das Kapitel oben „Jesu Präexistenz im Alten Testa-
ment“ auf Seite 35. Dort werden die Theophanien und die „Engel des
Herrn“-Stellen behandelt.

2.1.1.1. Das sog. Protevangelium von Gen.3,15


Im folgenden zitiere ich die ganze Exegese dieses Verses von meinem Pro-
fessor Dr. theol. Samuel R. Külling in Fundamentum 1/1988, S.16ff.
Gen.3,15: Prot(o)evangelium?
Der nächste Vers (V.15) wird seit dem 17. Jahrhundert (zunächst in der
lutherischen Theologie) Prot(o)evangelium, erste Frohbotschaft, genannt.’44
Diese Bezeichnung geht von der Annahme aus, dass in Gen.3,15 schon von
einem Sieg Christi (= Same [Nachkomme] der Frau) oder Marias als Mut-
ter des Erlösers über die Schlange gesprochen werde.45 In antithetisch-
typologischem Sinn46 spricht man (wie in Röm.5,14 von Christus, dem
«zweiten Adam») von Maria, der «zweiten Eva» (bei den Kirchenvätern seit
dem 2. Jahrhundert).47 Die «mariologische» Erklärung dieses Verses ist aber
bei sehr vielen Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte unbekannt48. F. L.
Drewniak49 hat diese Deutung bei Basilius, Gregor von Nazianz und Chry-
sostomus bei den Griechen, und bei Ambrosius, Augustin, Hieronymus und
Gregor dem Grossen bei den Lateinern nicht gefunden50.

44
Vgl. J. Michl, Protoevangelium, in Lutherische Theologie und Kirche Vlll 1963, S. 832, angeführt von
O. Loretz, Schöpfung und Mythos, in H. Haag/ R. Kilian/ W. Pesch (Hrsg.): Stuttgarter Bibelstudien 32,
Stuttgart: Verlag Katholisches Bibelwerk 1968, S. 133.
45
Ebd.
46
= in gegensätzlich-bildlichem Sinn.
47
Vgl. J. de Fraine, Genesis, in: A. van der Born / W. Grossouw / J. van der Ploeg (Hrsg.): De Boeken
van het Oude Testament, Roermond en Maaseik: J. J. Romen & Zonen 1963, S. 57.
48
Vgl. ebd.
49
F. L. Drewniak, Die mariologische Deutung von Gen 3, 15, Breslau 1934, angegeben in J. de Fraine,
a.a.O., S. 57.
50
J. de Fraine, ebd.
Diese Stelle, Gen.3,15, hat in der katholischen Theologie einen bedeutsa-
52 men Platz (besonders in bezug auf die «Mariologie»: unbefleckte Empfäng-
nis, leibliche Aufnahme in den Himmel).
Papst Pius IX. hat am 8. Dezember 1854 in der dogmatischen Bulle «Inef-
fabilis Deus»51 die «Unbefleckte Empfängnis der seligsten Jungfrau Maria»
zum Glaubenssatz erhoben und mit Bezugnahme auf Gen.3,.15 gesagt, dass
«in Genesis diesem göttlichen Ausspruch klar und offen der barmherzige
Erlöser des Menschengeschlechtes, der Eingeborene Gottessohn Christus
Jesus, vorausgesagt und seine seligste Mutter, die Jungfrau Maria, bezeich-
net und zugleich auch die Feindschaft beider gegen den Teufel ausgedrückt
sei.»52 Unser Text wird mit folgenden Worten angeführt: «So hat die allerse-
ligste Jungfrau, durch das engste und unauflöslichste Band mit ihm (Chris-
tus) verbunden, zusammen mit ihm und durch ihn die immerwährende
Feindschaft gegen die giftige Schlange pflegend und über sie einen völligen
Triumph feiernd (wörtlich: aufs völligste triumphierend), ihr Haupt mit ih-
rem unbefleckten Fuss zertreten.»53
Papst Pius XII. hat am 1. November 1950 in der «Constitutio Apostolica»
der Bulle «Munificentissimus Deus»54 das Dogma der leiblichen Aufnahme
der «Gottesmutter» in den Himmel proklamiert. Auch hier kommt die Be-
zugnahme auf Gen.3,15. Wir lesen: «Wir müssen uns vor allem daran erin-
nern, dass, seit dem 2. Jh., die Jungfrau Maria durch die Väter dem neuen
Adam verbunden wurde als die neue Eva, auf einer unteren Ebene, aber in
einer engen Verbindung mit ihm, im Kampf gegen den höllischen Feind.
Dieser Kampf nun, wie er zum voraus angekündigt ist im Protevangelium
(Gen.3,15), musste zu einem völligen Sieg über die Sünde und den Tod
führen, die immer verbunden sind in den Schriften des Lehrers (Docteur)
der Nationen. Deshalb, ebenso wie die glorreiche Auferstehung (anastasis)
Christi das Hauptteil und die letzte Trophäe dieses Sieges war, sollte der
Kampf der Jungfrau und ihres Sohnes sich vollenden durch die Verherrli-
chung ihres jungfräulichen Leibes. Tatsächlich, wie es der Apostel sagt,
wenn das Sterbliche die Unsterblichkeit angezogen haben wird, dann wird
erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen
worden in den Sieg (1.Kor.15, 54)».55
Die mariologische Deutung von Gen.3,15 hat in die Dogmatische Konsti-
tution über die Kirche des Vatikanum II Eingang gefunden. Im Abschnitt
über «Die Aufgabe der seligen Jungfrau in der Heilsökonomie» heisst es:

51
Die lateinisch verfassten päpstlichen Bullen werden immer nach ihren Anfangsworten bezeichnet.
52
Vgl. P. Morant, Die Anfänge der Menschheit, Luzern: Räber 8 Cie 1960, S. 183; Zitat aus: I. D. Man-
si, Sacrorum conciliorum nova et amplissima collectio, 47 (Parisiis 1913) 121 D/122A, vgl. P. Morant
ebd., und S. 214 Anm. 56.
53
«Sic sanctissima virgo, artissimo et indissolubili vinculo cum eo (Christo) conjuncta, una cum illo et per
illum, sempiternas contra venenosum serpentem inimicitias exercens ac de ipso plenissime triumphans,
illius caput immaculato pede contrivit», vgl. Breviaire Romain, 14 dec. a matines, 2/e/ noct., Vl/e/ leqon,
zitiert von A. Clamer, La Genese in: L. Pirot/ A. Clamer (Hrsg.): La Sainte Bible, Paris: Letouzey et Ane
1953, S. 141; vgl. ebenda weitere Literaturangaben: Artikel Immaculee Conception, D. B. S., IV, 233-
254; Repetti, La tipologia mariana nel Protevangelio (Gen., III, 15) fondamento della dottrina dell’ Im-
macolata, in Divus Thomas (Plaisance), 1937, S. 287-297. Vgl. schon E. Preuss, Die römische Lehre von
der unbefleckten Empfängnis, Berlin 1865, S. 230-234. Zitate, wenn nicht anders angegeben, von der
Red. übersetzt.
54
Die lateinisch verfassten päpstlichen Bullen werden immer nach ihren Anfangsworten bezeichnet.
55
A. Clamer, a.a.Q., S. 141.
«Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes und die vereh-
rungswürdige Überlieferung zeigen die Aufgabe der Mutter des Erlösers in 53
der Heilsökonomie immer klarer und legen sie anschaulich vor. Die Bücher
des Alten Testamentes beschreiben die Heilsgeschichte, durch die die An-
kunft Christi in der Welt in langsamem Voranschreiten vorbereitet wird.
Diese ersten Dokumente, so wie sie in der Kirche gelesen und im Licht der
weiteren und vollen Offenbarung verstanden werden, bieten Schritt für
Schritt deutlicher die Gestalt der Frau dar, der Mutter des Erlösers. Sie ist in
diesem Licht schon prophetisch in der Verheissung vom Sieg über die
Schlange, die den in die Sünde gefallenen Stammeltern gegeben wurde (vgl.
Gen.3,15), schattenhaft angedeutet.»56
Die Exegese soll nun zeigen, ob wir zu Recht von Prot(o)evangelium reden
können und ob die christologische und mariologische Erklärung dieses Ver-
ses durch den Wortlaut des Textes gerechtfertigt, erlaubt oder abzulehnen
ist.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Übersetzung des Verbums pWV sáuàp,ã das
sonst nur noch in Ps.139,11 und Hi.9,17 belegt ist und hier zweimal vor-
kommt. Köhler-Baumgartner57 will zwei verschiedene Bedeutungen von ei-
nem Stamm pWV sáuàpã I (qal) = zermalmen, bzw. pWV sáuàpã II (qal mit acc.) =
schnappen nach, ableiten, natürlich aus der richtigen Einsicht, dass die Be-
deutung «zermalmen» nicht für die Beschreibung dessen passt, was die
Schlange an der Ferse des Menschen macht.
Die Septuaginta58 hat dasselbe Wort für die Angabe der Handlung der bei-
den Kämpfer gebraucht: thrh/sei teãreãsei, thrh/seij teãreãseis (thre/w teãreoã
trachten nach, lauern auf, bewachen), während Hieronymus (Vulgata59) das
erste durch conterere (= zermalmen), das zweite durch insidiari (= feindselig
trachten oder trachten nach, oder zu erfassen suchen; Luther: «in die Ferse
stechen») übersetzt hat.60
Westermann (in Nachfolge alter Kommentare wie Umbreit, Gesenius, Kno-
bel, Ewald, Dillmann u. a.) versteht pWV sáuàpã in Hi.9,17 und in bezug auf
die Schlange in Gen.3,15 als Nebenform von pAV sáaã…apã lechzen, schnap-
pen, trachten, während er in bezug auf den Menschen ein Verb pWV sáuàp,ã
zermalmen, mit Füssen treten, annimmt.61 Der Wechsel zwischen beiden
Verbformen ist an sich möglich62, aber die Annahme, es handle sich im
zweiten Fall um ein anderes Verb (pAV sáaã…apã) als im ersten (pWV sáuàpã), ist
nicht bewiesen und hat, wie schon erwähnt, seinen Grund darin, dass «zer-

56
O. Loretz, a.a.O., S. 133; Zitat aus; Das Zweite Vatikanische Konzil (Lutherische Theologie und Kii-
che, Ergänzungsband I, Freiburg 1966, S. 329-331), ebd. Vgl. auch Materialdienst des Konfessionskund-
lichen Instituts Bensheim, Bensheim 1976 Nr. 2, S. 30.
57
L. Koehler – W. Baumgartner, Lexicon in veteris testamenti libros, 2. Auflage mit Supplementum,
Leiden: Brill 1958, sub verbo, zitiert in W. H. Gispen, Genesis, in: W. H. Gispen/ N. H. Ridderbos
(Hrsg.), Commentaar op het Oude Testament, Kampen: J. H. Kok 1974, S. 146. Qal ist eine hebräische
Stammform.
58
Eine alte griechische Übersetzung des Alten Testaments (3.-2. Jh. vor Chr.).
59
Lateinische Übersetzung der Bibel durch Hieronymus.
60
Vgl. A. Clamer, a.a.O., S. 140 und W. H. Gispen, a.a.O., S. 145.
61
C. Westermann, Genesis, in: S. Herrmann/H. W. Wolff (Hrsg.), Biblischer Kommentar Altes Testa-
ment, Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag 1974, S. 354.
62
Zum Wechsel zwischen Verba mediae A und mediae Y siehe W. Gesenius: Thesaurus linguae he braicae
1829-58, S. 3. 393.
malmen» (pWV sáuàp)ã für das Tun der Schlange nicht passt. Die Übersetzung
54 «schnappen nach» ist zudem für das feindliche Tun der Schlange zu milde
ausgedrückt. Ist aber «zermalmen» die richtige Wiedergabe des Sinnes von
pWV sáuàp?ã Gibt es eine Grundbedeutung dieses Verbs, das für alle vier Vor-
kommen (in Gen.3,15 zweimal, ferner in Hi.9,17 und Ps.139,11) passt?
Vriezen meint, dies sei «überwältigend»63. P. P. Saydon nennt «attack» und
«try to attack»64 («angreifen» und «versuchen anzugreifen»). Beide haben et-
was Richtiges: Es geht bei pWV sáuàpã um ein «feindliches Angehen».
Die Grundbedeutung von pWV sáuàp,ã die für alle vier Vorkommen zutrifft,
kann man folgendermassen zusammenfassend ausdrücken: «Über (an) je-
mand (angreifend, feindlich) kommen».
Gen.3,15: er wird über deinen Kopf (feindlich, angreifend) kommen, und du wirst an seine Ferse (feind-
lich, angreifend) kommen. Hi.9,17:... der im Wettersturm über mich kommt... Ps.139,11:... und spräche
ich: Finsternis möge über mich kommen (oder: mich bedecken).
Von daher kann man dann auch übersetzen, wie O. Loretz vorschlägt: «um-
geben, bedrohen, gefährlich nahe sein»65, was unserer Deutung nahekommt.
So können wir das Verb pWV sáuàpã beidemal gleich übersetzen. Der Sinn des-
selben ist eben an keiner der vier Stellen: zermalmen, zertreten (d. h. ver-
nichten). Dass die Schlange dies nicht tun kann, haben wir mehrfach gesagt.
Deshalb suchte man ja auch eine andere Bedeutung an der zweiten Stelle
oder nahm ein anderes Verb (pAV sáaã…apã) an. Aber es ist reichlich geküns-
telt, wenn etwa Fohrer Hi.9,17 übersetzt: «im Sturme schnappte er nach
mir»66 auf Gott bezogen! Und Ps.139,11 übergeht Westermann dann ein-
fach, weil es im Text unsicher sei67. Aber die Konjektur68 JíN*eK<WS:J yƒsuôkkeãniô
(= er (es) wird mich bedecken) ist völlig unnötig, wenn man obige Grund-
bedeutung annimmt. Unpassend wäre natürlich sowohl «zermalmen» wie
«schnappen nach». Ist dies wohl der Grund der Konjektur Ewalds69 in
Ps.139,11?
Dass in Gen.3,15 nicht «zermalmen», «zerschmettern» gemeint ist, zeigen
ausser der Stelle selbst (ein zermalmter Schlangenkopf reagiert nicht mehr,
und hier kommt die Aktion des Menschen zuerst) auch die beiden anderen.
Würde Hi.9,17a Vernichtung bedeuten, dann wäre 17b sinnlos. Auch
«Finsternis» vernichtet nicht (Ps.139,11), wenn sie über jemand kommt!
Also spricht diese Stelle, das können wir schon vorwegnehmen, nicht von
einem Sieg, sondern nur von Feindschaft und Kampf. Wir übersetzen jetzt
den Vers und schauen den Text etwas genauer an.

63
Th. C. Vriezen, zitiert in C. Westermann, a.a.Q., S. 354.
64
P. P. Saydon, The Conative Imperfect in Hebrew, Vetus Testamentum 12, 1962, S. 124-126, zitiert in
C. Westermann, a.a.Q., S. 354.
65
O. Loretz, a.a.O., S. 136, Anm. 13.
66
G. Fohrer, Kommentar zur Stelle, zitiert und übernommen in C. Westermann, a.a.O., S. 354.
67
C. Westermann, ebd.
68
Nach der griechischen Übersetzung des Symmachus und nach Hieronymus.
69
Ewald, zitiert in W. Gesenius, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testa-
ment, bearbeitet von F. Buhl, Berlin/Göttingen/Heidelberg: Springer-Verlag 1954,17, S. 815.
V.15: Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau und zwi-
schen deinem Samen und (zwischen) ihrem Samen; er (der Weibessa- 55
men) wird dir (nicht: deinem Samen) über den Kopf (feindlich, angrei-
fend) kommen, und du wirst ihm an die Ferse (feindlich, angreifend)
kommen (oderer wird dir den Kopf bedrohen, und du wirst ihm die
Ferse bedrohen).
HâBJeAW: wƒ…eôbîaô(h) «und Feindschaft»; das Objekt steht voran, weil es betont
ist. H=â>VA â| nJeBW< uôbîeôn haã…isâsâaô(h) (= und zwischen der Frau): Zuerst wird die
i H
Feindschaft zwischen der Schlange und der Frau erwähnt. Nach V.13 sagt
die Frau in ihrer Antwort, dass die Schlange sie betrogen hatte. Die Ge-
meinschaft mit der Schlange geschah also zu ihrem Nachteil. Deshalb setzt
Gott nun Feindschaft (TJiV sâiôt,î qal, bedeutet70 «setzen», «stellen», «anbrin-
gen», «zustandebringen»). Diese ist zu des Menschen Vorteil. Van Selms
braucht das Wort «Gnade»71. Die Feindschaft zwischen der Schlange und
der Frau wird besonders betont, weil aus dem Eingehen auf die Diskussion
mit ihr der Ungehorsam erfolgte (so auch Calvin72).
YaRXä zerac, Same, bedeutet hier Nachkommen. Die Suffixe «dir», «deinem»
in diesem Vers beziehen sich auf die Schlange (vgl. V.14).
Die Feindschaft soll sich also nicht bloss auf die erste Verführerin und die
erste Verführte beziehen, sondern auf ihre beiderseitige Nachkommenschaft
fortsetzen.
Wer zertritt den Kopf der Schlange?
Das folgende A<WH hu ,> er, bezieht sich auf, YaRXä zerac Same. Die Vulgata73
gibt A<WH hu ,> er, wieder durch «ipsa» (sie selbst): «ipsa conteret caput tuum, et
tu insidiaberis calcaneo eius»74 (= sie selbst wird dein Haupt zermalmen, und
du wirst nach ihrer Ferse trachten). Danach wäre also die Frau diejenige, die
über den Schlangenkopf kommt. Aber diese Lesung würde auch eine Ver-
änderung bei den Verbformen bedingen.75
Die hebräische Lesart wird auch durch die griechische Übersetzung der Sep-
tuaginta gesichert (und zwar durch vorchristliche Zeugnisse wie Philo), die
au>to/j autos (er) liest, das dem Sinn nach sich auf das neutrische to\ spe/rma

70
In der Stammform qal.
71
A. van Selms, Genesis I, in: A, van Selms/A. S. van der Woude/C. van Leeuwen, De Prediking van het
Oude Testament, Nijkerk: G. F. Callenbach 1973, S. 72.
72
Calvin, zitiert in «open Brief», S. 12 («open Brief» ist eine öffentliche Entgegnung von Ältesten der
Geref. Kerk gegen Dr. Geelkerken, der 1926 auf der Synode zu Assen wegen seiner bibelkritischen Hal-
tung ausgeschlossen wurde).
73
Möglicherweise nicht schon Hieronymus, sondern ein Abschreiber, vgl. z, B. F. Stummer in ZAW 45,
1927, S. 147.149.150 (vgl. W. H. Gispen, a.a.O., S. 146f.); vgl. auch die Fussnote zur Stelle in Biblia
sacra, übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von A. Arndt, S. J., Regensburg und Rom:
Fr. Pustet 1914 . Dagegen aber P. Morant, a.a.O., S. 179: sicher Hieronymus nach der kritischen Ausgabe
der Übersetzung der Benediktiner von der Abtei San Gerolamo; vgl. auch ebd., Anm. 54, S. 213. A. Cla-
mer, a.a.O., S. 139, schreibt, es sei gegen Grammatik und Sprache, das hebräische A<WH hu‘ durch ipsa
wiederzugeben.
74
Vgl. W. H. Gispen, a.a.O., S. 145.
75
Vgl. W. H. Gispen, a.a.O., S. 146.
to sperma (Same) bezieht76. Die altlateinische Übersetzung las ebenfalls
56 «ipse» (er selbst), wie noch Hieronymus bezeugt77.
Doch ist YaRXä zerac (Same) hier kollektiv gemeint; «der Text meint die Reihe
der Nachkommen der Frau wie auch der Schlange»78. Es geht also nicht,
A<WH hu’ (er) als AWiH hiô’ (sie) zu vokalisieren (archaistische Schreibweise, wie
195mal im Pentateuch79) und nach der Vulgata ein «ipsa» (sie selbst), bezo-
gen auf die Frau, zu verstehen und zu übersetzen (dann wären im Hebräi-
schen andere Verbformen), aber auch nicht, «die Frau» auf eine spätere
Frau zu beziehen. Richtig sagt van Selms: «... ’Saat’ ist hier kollektiv: Die
Menschheit, und die Frau ist, wie gerade aus dem Wort ’Saat’ erkenntlich,
die erste Frau und keine spätere»80. Es geht also nicht, hier an Maria zu den-
ken «... die Schlange hatte direkt nur mit Eva zu tun»81.
Wenn zudem Maria die «zweite Eva» genannt wird, so wie Christus der
«zweite Adam», dann klappt auch diese antithetisch-typologische Auslegung
nicht, da die «erste» Eva nach Adam kam, die «zweite» vor dem «zweiten
Adam».
Die mariologische Interpretation (Deutung auf Maria)
Clamer kommt auf die mariologische Interpretation zu sprechen und sagt,
die Mehrzahl der Kirchenväter, die sie vorschlagen, würden es wegen der
Worte «semen ejus mulieris» (ihr Same, d. h. der Frau), wo sie das Geheim-
nis der jungfräulichen Mutterschaft sähen, tun; nur zwei würden die Strafe
der Feindschaft auf den Kampf Marias mit der Schlange anwenden, Pruden-
ce sei der erste, der die Jungfrau in dem aipsa conteret caput tuum» (= diese
wird deinen Kopf zermalmen) erkenne82. Das «ipsa» sei also nicht (wegen
seines Alters) ein Beweis der gleichsam universellen mariologischen Inter-
pretation unter den Kirchenvätern; die Lesart «ipsa» findet man erst in der
zweiten Hälfte des 4. Jh. bei Ambrosius83. Morant nennt folgende Vertreter
der mariologischen Deutung: «Mit voller Klarheit deutet Irenäus gegen En-
de des 2. Jahrhunderts in seinem grossen Werk gegen die Irrlehren die Ge-
nesisworte im messianisch-mariologischen Sinn»84. «Man begegnet ihm
(dem messianisch-mariologischen Verständnis, S.R.K.) wieder beim Nord-
afrikaner Cyprian im 3. Jahrhundert, bei Epiphanius und Ephrem am Ende
des folgenden Jahrhunderts, bei Leo dem Grossen im 5. Jahrhundert»85.
Über das christologisch-marianische Verständnis von Gen.3,15 gab es aber

76
P. Morant, a.a.O., S. 179. Nach A. Clamer, a.a.O., S. 139, ist mit dem autos der Septuaginta ein ein-
zelner männlicher Nachkomme gemeint, weil sie sonst das sächliche Fürwort auto, das mit dem sächlichen
Substantiv to sperma übereinstimmt, gebraucht hätte.
77
P. Morant, ebd., mit Bezugnahme auf Hieronymus, Questiones hebraicae in Gn ad 3, 15 (ML 23.991).
Vgl. A. Clamer, a.a.O., S. 139, der das ipse zudem als Auffassung von Hieronymus versteht.
78
C. Westermann, a.a.O., S. 354.
79
Vgl. P. Morant, a.a.O., S. 179.
80
A. v. Selms, a.a.O., S. 71 (Hervorh. S.R.K.).
81
A. v. Selms, ebd.
82
A. Clamer, a.a.O., S. 141.
83
Ebd.
84
P. Morant, a.a.O., S. 184.
85
Ebd.
keine übereinstimmende Väterlehre86. Man sei lange der Auffassung von
Prudence nicht gefolgt, bis auf Fulbert de Chartres, 11. Jahrhundert87. Man 57
müsse bis ins Mittelalter (Morant nennt Bernardus [= Bernhard von Clair-
vaux = 1153], Bonaventura [= 1274] und Albertus Magnus [1193-1280)88
und in die Zeit der Reformation warten, bis die mariologische Exegese
wirklich Oberhand bekomme89. Clamer zitiert abschliessend Coppens, der
wohl zugibt, dass der Sieger und seine Mutter, im wörtlichen, historisch-
kritischen Sinn nicht deutlich definiert seien, vor Gott seien sie aber von An-
fang an völlig bestimmt: «Der Besieger Satans war, vor Gott, Christus; die
Frau, die mit ihm verbunden war im Kampf und Sieg, Maria, seine gesegne-
te Mutter»90.
Auf die Frage, ob unser Text auf den Sieg Christi zu beziehen sei, werden
wir noch eingehen. Aber wo steht geschrieben, für seinen im Neuen Testa-
ment beschriebenen Kampf und Sieg sei ihm seine gesegnete Mutter beige-
standen? (Diesen Sinn vertreten A. Vaccari, A. Bea, C. Hauret, P. Gaechter,
F.-M. Braun und J. Coppens)91. Brauchte er überhaupt solchen Beistand?
Gispen sagt, ihre nahe Beziehung zu Christus verlange, nach römisch-
katholischer Auffassung, dass sie in Feindschaft stehe zum Teufel, dass sie
ihm nie auf irgendeine Weise angehörte92. So schreibt Morant: «Die Feind-
schaft Mariens gegen Satan aber wäre nicht vollkommen, wenn sie je ein-
mal, auch nur für einen Augenblick, unter seiner Herrschaft gestanden wäre.
Ihre innige Verbindung mit Christus, dem Schlangenbesieger, verlangt also,
dass sie schon im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von jeder (sic!) Makel
der Sünde frei war»93. Sie musste frei bleiben, nicht nur von jeder persönli-
chen Sünde, sondern auch von jeder Beschmutzung durch Erbsünde: «Und
auf diese Weise hängt das katholische Dogma der ’Unbefleckten Empfäng-
nis von Maria’ mit Gen.3,15 zusammen»94.

86
B. Rigaux, OFM, La femme et son lignage dans Genese III. 14-15 (Revue Bibliaue 51, 1954, S.
321348), in P. Morant, a.a.O., S. 184 und Anm. 61.
87
A. Clamer, a.a.O., S. 141.
88
P. Morant, a.a.O., S. 184.
89
Revue Biblique, 1935, S. 633, zitiert in A. Clamer, a.a.O., S. 141. Vgl. weitere Literatur; «Tib. Gallus,
JS, Interpretatio mariologica Protoevangelii (Gn 3, 15) tempore postpatristico usque ad Concilium Tri-
dentinum» (Die mariologische Deutung des Protoevangeliums [Gn 3, 15] von der Zeit nach den Kirchen-
vätern bis zum tridentinischen Konzil) «(Roma 1949, XVI-216) hat aus dieser Zeit 101 verschiedene
kirchliche Schriftsteller untersucht und darunter 75 für die mariologische Auffassung feststellen können.
Unterdessen hat er die Untersuchung bis 1854 weitergeführt» (P. Morant, a.a.O., S. 214, Anm. 62). J. F.
Bonnefoy, Le mystere de Marie selon le Protevangile et I’Apocalypse, Paris 1949; A. Michel, Ami du cler-
ge, 1950, S. 97-100; A. G. da Fonseca, in Biblica, 1950, S. 95-111; A. M. Dubarle, Les fondements
bibliques du titre marial de Nouvelle Eve, in Melanges J. Lebreton, S. 49-64; J. Michl, Der Weibessame
(Gn 3, 15) in spätjüdischer und frühchristlicher Auffassung, in Biblica, 1952, S. 371-401 476-505 (in: A.
Clamer, a.a.O., S. 141, vgl. P. Morant, a.a.O., S. 214). J. C. de Moor, Ozn., De Rooms Katholieke Mari-
ologie en de uitleg van Genesis III 15 bij Ephraem Syrus (Gereformeerd Theologisch Tijdschrift 59, 1959,
S. 97-117) (in: W. H. Gispen, a.a.O., S. 147).
90
J. Coppens, Les Harmonies des deux Testaments, Tournai-Paris 1949, S. 38, zitiert in A. Clamer,
a.a.Q., S. 141: «Le vainqueur de Satan, c’etait, devant Dieu, le Christ; la femme a lui associee dans la lutte
et la victoire, Marie, sa mere benie ».
91
P. Morant, a.a.O., S. 214, Anm. 68.
92
Vgl. A. van den Oudenrijn O. Pr., De Zonde in den Tuin. Een exegetische studie van Genesis II, 4b-lll,
24, Roermond-Maaseik 1939, angeführt in W. H. Gispen, a.a.O., S. 147.
93
P. Morant, a.a.O., S.188.
94
A. van den Oudenrijn, a.a.Q., S. 114, zitiert in W, H. Gispen, a.a.O., S. 147.
(Wenn also in Gen 3, 15 der Kampf Christi mit dem Teufel beschrieben
58 wird, dann ist es nach römischer Auffassung auch der Kampf Marias, die
mit ihm auch nichts zu tun haben kann. Aber sagt unser Text etwas davon?)
Zu dieser römisch-katholischen mariologischen Deutung gibt es heute auch
wieder kritische Stimmen aus dem eigenen Lager, z. B. die von Loretz, der
abschliessend schreibt: «Wenn die Theologie somit wirklich der Anschuldi-
gung entgehen will, im Fall von Gen.3,15 den Wortlaut des Textes in sein
Gegenteil umzudeuten und fremde Gedanken in ihn hineinzutragen, dann
wird sie gezwungen sein, die allegorisch-typologische Auslegung der Gene-
sisstelle fallen zu lassen und dieser zeitbedingten patristisch-mittelalterlichen
Tradition keine absolute theologische Bedeutung zuzumessen. Es dürfte
auch ratsam sein, den Begriff Protoevangelium im Zusammenhang mit
Gen.3,15 nicht mehr zu gebrauchen.»95
Wir kommen damit zu der Frage der messianisch-christologischen Deutung.
Die messianisch-christologische Deutung
Über die messianische Auffassung dieses Verses in den Targumen96 kann
man sich bei Strack-Billerbeck97 informieren. Die messianische Interpretati-
on der «Frauensaat» findet man in Targum Pseudo-Jonathan und Targum
Jeruschalmi II, wo der Vers auf die jüdische Gemeinde und ihren Sieg über
das Böse (den Teufel) «in den Tagen von König Messiah» bezogen ist98.
Aber hier müssen wir bei der christologischen Deutung der «Frauensaat»
fragen, ob an dieser Stelle von einem Sieg die Rede ist.
Wir haben dies bereits verneinen müssen. Feindschaft und Kampf ist nicht
Sieg. Das Verb pWV sáuàpã wird an keiner der vier im Alten Testament vor-
kommenden Stellen im Sinn von «vernichten», «erledigen», gebraucht, wie
dies bei einem Sieg der Fall wäre. Im Gegenteil, dieser Sinn wird durch pWV
sáuàpã direkt ausgeschlossen.
Im Alten und Neuen Testament wird diese Stelle darum auch nirgends mes-
sianisch-christologisch gedeutet, auch nicht Röm.16,20 oder 1.Joh.3,8. In
Röm.16,20 ist Gott Subjekt, und in 1.Joh.3,8b ist als Ziel des Sohnes Got-
tes die Zerstörung nicht des Teufels, sondern seiner Werke angegeben.
Off.20,10 ist das Ende Satans, aber auch hier nicht dessen Vernichtung be-
richtet.
Angesichts dieser Stelle fragt man sich, ob Röm.16,20 nicht einfach den
Endsieg über Satan meint und nicht dessen Vernichtung, nachdem er am
Kreuz schon besiegt, aber noch nicht wirkungs- und einflusslos gemacht
worden war. In jedem Fall geht es in diesen Stellen nicht um eine messia-
nisch-christologische Deutung von Gen.3,15, sondern um das Wissen, dass
der Satan und seine Werke ein Ende haben.
Es ist auch gar nicht anders möglich, als dass hier an unserer Stelle (Gen.3,
15) der Ausgang des Kampfes offen gelassen werden muss, wenn die Stelle

95
O. Loretz, a.a.O., Exkurs zur Frage des Protoevangeliums (S. 133-137), S.137.
96
Targume sind Übertragungen und Erklärungen des Alten Testaments in aramäischer Sprache.
97
H. L. Strack/ P. Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, Bd. I, Mün-
chen: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1922, S. 958 Anm. 1.
98
Vgl. J. Skinner, A Critical and Exegetical Commentary on Genesis, in S. R. Driver/ A. Plummer/ C. A.
Briggs (Hrsg.), The International Critical Commentary, Edinburgh: T&T. Clark 1956,2, S. 80f.
sich nicht nur auf die Schlange, sondern auch auf Satan beziehen soll (und
letzteres tut sie). Eine Schlange kann der Mensch zertreten (zermalmen), 59
Satan nicht. Das ist Gott (Röm.16,20) und seinem Sohn vorbehalten.
Aber davon spricht unser Text noch nicht. Man kann dies auch nicht damit
entkräften, dass man sagt, der Kopf sei wichtiger als der Fuss. Wenn der
Mensch der Schlange den Kopf zertreten, d. h. sie töten könne (wie gesagt,
dies ist hypothetisch, da pWV sáuàpã dies nicht bedeutet), könne diese ihm nur
die Ferse beschädigen. (Dass im Text Ferse steht, heisst natürlich nicht, dass
die Schlange nur die Ferse angreifen kann; es soll vielmehr die Hinterhältig-
keit des Angriffs charakterisiert werden.) Damit sei indirekt doch der
schliessliche Sieg über die Schlange ausgesprochen. Darauf sagt aber Dill-
mann mit Recht, dass erstens auch ein Schlangenbiss in die Ferse für den
Menschen durch sein Gift so tödlich wäre (oder sein könnte, S.R.K.) wie
das Kopfzertreten des Menschen für die Schlange und dass zweitens, V.15a,
dessen Erklärung V.15b ist, nur von HâBJeA ’eôbîaô(h), «Feindschaft», zwischen
beiden, nicht von Sieg des einen über den anderen, die Rede ist. Es gehe
hier nur um die verschiedene Kampfesweise, entsprechend der verschiede-
nen Körperbeschaffenheit, aber auch entsprechend der bösen Macht, die
hinterlistig lauert (4,7) und hinterhältig den Menschen anfällt (49,17)99.
Schliesslicher Sieg?
Wenn also der Erfolg des Kampfes hier noch nicht beschrieben werden soll
und wird, so ist doch ein schliesslicher Sieg über die «Schlange» von hier
aus nicht ausgeschlossen, indirekt vielmehr zu schliessen, aus folgenden
Gründen:
a. Es ist eine von Gott verordnete Feindschaft und ein von ihm bestimmter
Kampf. Das würde an sich noch nichts über den Ausgang sagen, wenn
nicht
b. der Satz als Fluch gegen die Schlange ausgesprochen worden wäre. Sie
kann also nicht als Siegerin hervorgehen. Man könnte einwenden, der
Kampf könnte auch unentschieden ausgehen, aber dagegen ist zu beto-
nen,
c. dass der Plan Gottes mit dem Menschen als seinem Bild dagegen spricht,
ihm ein Tier vorzuziehen. Und Er steht schliesslich über und hinter dem
Kampf.
Wenn durch das Neue Testament, wie auf die Schlange V.1ff., so auch auf
diesen Kampf gegen die Schlange ein neues Licht geworfen wird, so heisst
dies nicht, dass es den Schreiber schon erleuchtet hat.
Vom Neuen Testament her schreibt R. Payne Smith: «Hier haben wir die
Zusammenfassung der ganzen Angelegenheit, und der Rest der Bibel erklärt
nur die Natur dieses Kampfes, welche Personen ihn führen, sowie die Art
des Sieges und seine Konsequenzen»;100 auch folgende Aussage: «Wenn wir
diese Worte auslassen würden, dann würde die ganze folgende inspirierte

99
Vgl. A. Dillmann, Die Genesis, in A. Dillmann: Kurzgefasstes exegetisches Handbuch zum Alten Tes-
tament, 11. Lieferung, Leipzig: Verlag von S. Hirzel 18824, S. 76.
100
R. Payne Smith, Genesis, in C. J. Elliot (Hrsg.), A Bible Commentary for Bible Students, Bd.l, Lon-
don and Edinburgh: Marshall Brothers (ohne Jahrgang), S. 25: «We have here the sum of the whole mat-
ter, and the rest of the Bible does but explain the nature of this struggle, the oersons who wage it, and the
manner and consequences of the victory».
Belehrung ein Fluss sein, der immer breiter wird, aber keine Quelle hät-
60 te»101, ist vom Neuen Testament her bestimmt.
Beachtenswerte Einzelheiten
Dieser Wertung der Stelle vom Neuen Testament her widerspricht diese na-
türlich nicht. Es ist im Gegenteil interessant, einige Einzelheiten zu beach-
ten. Es steht wohl da, dass der «Weibessame» den Kopf der Schlange be-
droht, aber nicht umgekehrt, dass die «Schlangensaat» die Ferse des Men-
schen bedroht, sondern dass es die «Schlange» ist (2. Sing. Mask.). Es geht
um Feindschaft und Kampf gegen «die Schlange». Wir können wohl fragen,
wer die «Schlangensaat» ist, aber wichtiger ist, zu wissen, wer «die Schlan-
ge» ist. Young hebt hervor, dass «die Schlange» lautlos den Fluch über sich
anhören muss102. Sie ist Gott untergeordnet, nur ein Geschöpf, nicht all-
mächtig, nicht allgegenwärtig.103 Hier schweigen jetzt ihre sonst so belieb-
ten Ausdrücke wie «neu», «vorurteilsfrei», «uneigennützige Suche nach
Wahrheit», «Freiheit von intellektuellen Bindungen» usw.104 Young fragt,
ob, wenn die Schlange selbst, nicht ihre Nachkommenschaft, die Nach-
kommenschaft der Frau bedroht, dies heisst, dass diese bestimmte Schlange
weiterlebt.105 Diese Frage zu stellen, sagt er, heisst, sie so zu beantworten,
dass mehr als das Tier Schlange gemeint ist. Die Schlange, die Eva versuch-
te, starb zweifellos im gewöhnlichen Lauf der Ereignisse. Aber die Sprache
selbst ist Beweis, dass Gott zu jemandem spricht, der mächtiger ist als die
Schlange; zu dem, der die Schlange brauchte für seine bösen Ziele. Feind-
schaft setzen zwischen der Schlange und der Frau heisst etwas mehr als eine
Schlange im Auge haben; denn wie kann eine blosse Schlange in Feind-
schaft sein mit einem menschlichen Wesen?106
Noch kurz etwas zu der Frage, wer mit «Schlangensaat» gemeint ist. Young
sagt mit Recht, dass, obwohl alle Menschen, die dem Teufel dienen und
Gott hassen, in einem gewissen Sinn zur «Schlangensaat» gehören (siehe z.
B. die Bezeichnung der Pharisäer als Schlangenbrut durch Jesus), es doch
nicht der Sinn des Verses ist, dass wir einen Teil der «Frauensaat» gleichzei-
tig zur «Schlangensaat» rechnen sollen.107 Besser sei es, und ich stimme ihm
hier zu, an «böse Geisten» zu denken, also an eine geistige Nachkommen-
schaft108.
Wer ist denn die «Frauensaat»?
Wir haben bereits gesagt, dass die «Frauensaat» alle ihre Nachkommen, also
die ganze Menschheit meint. Young unterstreicht diesen Gesichtspunkt.
Nicht bloss die Geretteten sind gemeint.109 Ist bei kollektivem Verständnis

101
Ebd.: «Leave out these words, and all the inspired teaching which follows would be an ever-widening
river without a fountain-head.»
102
Vgl. E. J. Young, Genesis 3, London: The Banner of Truth Trust 1966, S. 103.
103
Vgl. ebd., S. 104.
104
Vgl. ebd., S. 103.
105
Vgl. ebd., S. 118.
106
E. J. Young, ebd.
107
Vgl. ebd., S. 115.
108
Vgl. ebd., S. 116. So auch «open Brief», a.a.O., S. 13.
109
Vgl. ebd., S. 119.
ein individuelles ausgeschlossen? Wenn YaRXä zerac, Same, meist auch kollek-
tiv verwendet wird (Gen.9,9; 12,7), kommt doch die individuelle Anwen- 61
dung auch vor (Gen.4,25; 21,13). Morant sagt, an unserer Stelle müsse mit
beiden Möglichkeiten gerechnet werden110. Spricht nicht der Singular A<WH
hu ,> er, auch davon? Mehr möchte ich hier nicht sagen. Ich würde nicht so
weit gehen wie Young, doch noch von einer «Weissagung von Christus»
und daher von «Protevangelium» zu sprechen111.
Darüber spottet B. Jacob: «Aber die protestantischen Theologen haben kein
Recht, den katholischen Verfechtern des Dogmas von der immaculata con-
ceptio Marias, wie Bellarmin und Passaglia ’Gewissenlosigkeit’ (Delitzsch)
in der Verteidigung der Lesart ipsa112 vorzuwerfen, wenn man sieht, mit
welchen Schlangenwindungen sie schliesslich selber wieder beim Protevan-
gelium anlangen»113.
Darf man überhaupt nicht von «Protevangelium» sprechen? Meines Erach-
tens nach jedenfalls nicht in dem Sinn, dass man sagt, der Text spreche (ver-
borgen) vom schliesslichen «Sieg» Christi über den Teufel. Denn vom
«Sieg» steht hier nichts, wenn auch, wie wir gesehen haben, er indirekt zu
erwarten ist.
Aber ist nicht die hier von Gott gesetzte immerwährende Feindschaft mit
«der Schlange» Evangelium? V. Selms schreibt: «Nimmt man die Schlange
als Bild der Macht des Bösen, (neutestamentlich: von der Macht vom Bö-
sen), dann kann man tatsächlich diesen Text als ein Protevangelium, vgl. bei
V.9, beschreiben, doch nicht im direkten Sinn, als sei mit der Frauensaat
hier Christus gemeint, doch vielmehr so, dass durch eine besondere Gna-
dentat von Gott der Mensch, wie sehr auch Sünder, doch nie innerlich ganz
vertraut werden soll mit der Sünde. Es bleibt durch Gottes Gnade bei dem
Menschen das Gefühl, dass das Böse sein Feind ist. Obwohl wir Sünder
sind, ist die Sünde doch nicht ganz unser Lebenselement»114.
Auch Young führt das Positive dieser von Gott gesetzten Feindschaft aus115.
Durch diese Feindschaft, die kein Befehl ist116, gibt Gott dem Menschen die
Möglichkeit, in Gottes Gemeinschaft zurückzukommen, so dass er unser
Freund wird.
Schaeffer sieht das Christologische in diesem Vers u. a. darin angedeutet,
dass man sonst die Nachkommenschaft als die des Mannes bezeichnet. Ist
das ein Hinweis auf die Jungfrauengeburt, wo es keinen männlichen Samen
gibt?117 Auf jeden Fall ist auch von hier aus die christologische Deutung –
vom Neuen Testament her - nicht ausgeschlossen, wenn auch im Alten Tes-

110
P. Morant, a.a.O., S. 181.
111
Vgl. E. J. Young, a.a.O., S. 120.
112
= sie selbst.
113
B. Jacob, Das erste Buch der Tora Genesis, Berlin: Schocken Verlag 1934, S. 115.
114
A, van Selms, a.a.O., S. 72.
115
E. J. Young, a.a.O., S. 107-112.
116
Ebd., S. 111f.
117
F. A. Schaeffer, Genesis in Raum und Zeit, Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, Genf/Zürich/Basel:
Haus der Bibel 1976, S. 79: «Die Nachkommenschaft wird bei Menschen wie bei Tieren vom Vater her-
geleitet: Warum wird in diesem Vers der normale Sprachgebrauch durchbrochen? Ist es möglich, da8 die
hier gewählte Ausdrucksweise schon einen Hinweis auf die Jungfrauengeburt enthält?»
tament noch nicht vom Sieg über die Schlange die Rede ist wie im Neuen
62 Testament. Schaeffer führt die neutestamentliche Stelle Hebr.2,14 an, die
davon spricht, dass der Messias «durch den Tod die Macht nehme dem, der
des Todes Gewalt hat, das ist dem Teufel».
Ist das nicht in Gen.3,15 angedeutet? Wohl steht dort nur von gegenseitiger
Bedrohung. Doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass einer aus
der «Frauensaat» in Zukunft einmal zu Tode gebissen wird, während er
gleichzeitig auf den Kopf der Schlange tritt. Jesus hat dies getan. Und ein-
mal - beim zweiten Kommen Jesu - wird Gott selbst den Satan auch unter
die Füsse der Gläubigen zertreten (Röm.16,20).
Ende der Auslegung von Prof. Külling zu Gen.3,15

2.1.1.2. Die Prophezeiungen über das erste Kommen Jesu Christi


Diese Lektion118 behandelt eines der wesentlichen Themen des Alten Tes-
taments: die Ankündigung und Schilderung der Persönlichkeit und des
Heilswerks Jesu Christi. Die zahlreichen prophetischen Offenbarungen über
den Erlöser (Retter) ergeben zusammen ein „Portrait“, das im Neuen Tes-
tament Wirklichkeit geworden ist.
Prophezeiungen Erfüllung
1. Herkunft
aus menschlichem Geschlecht 1. Mo 3,15 Lk 2,6-7.16; 3,38;
vgl. Gal 4,4; Phil. 2,7
Nachkomme Abrahams 1. Mo 12,7; 13,15; Mt 1,1; Lk 3,34
vgl. Gal 3,16
aus dem Stamm Juda 1. Mo 49,10 Mt 1,3; vgl. Heb. 7,14;
Offb 5,5
aus der Familie Isais Jes 11,1 Mt 1,6
aus dem Hause Davids 2.Sam 7,12-13 Lk 1,69; 2,4

2. Geburt
ein Wunder („von einer Jungfrau geboren“) Jes 7,14 Mt 1,18; Lk 1,30-35
in Bethlehem Mi 5,1 Lk 2,4-7, vgl. Mt 2,3-6

3. Aufenthaltsorte
Aegypten Hos 11,1 Mt 2,14-15
Galiläa Jes 8,23-9,1 Mt 4,12-16
Jerusalem Sach 9,9a Mt 21,4-5.10

4. Charakter
vom Geist erfüllt Jes 11,2; 42,1-4; Mt 3,16-17
61,1-2
ohne Sünde Jes 53,9b 1.Petr 2,21-24
zurückhaltend Jes 42,1-4 Mt 12,16-21
demütig Sach 9,9b Mt 21,1-7; Joh 13,3-5;
vgl. Phil 2, 7-8
5. Dienst bis zum Kreuz
durch einen Boten vorbereitet Mal 3,1; Jes 40,3 Mt 3,1-3; Lk 1,76
durch Befreiung gekennzeichnet Jes 61,1-2 Lk 4,16-21
der Verkündigung geweiht Ps 40,8-10; Jes 2, 2-3 Joh 18,20; Lk 24,46-47

118
Es handelt sich hier um eine Lektion aus dem Lehrmaterial CREDO, S.133f.
6. Leiden 63
abgelehnt Jes. 53,1-3 Joh 1,11; Mt 12,14; Lk 19,47
verraten Ps 41,10 Joh 13,18-19;
Mt 26,16.20-23.47-50
verkauft Sach 11,12-13 Mt 26,15; 27,3-10
von den Seinen verlassen Sach 13,7 Mt 26,31.56
stumm wie ein Schaf Jes 53,7 Mt 27,13-14
von den Behörden verurteilt Ps 2,1-2 Mt 27,1-2.26; Apg 4,25-26
geschlagen, verspottet, beschimpft Jes 50,6;53,5a; Mt 27,27-31.39-44
Ps 22,8-9
unter die Uebeltäter gerechnet Jes 53,12 Mk 15,27-28
sein Gewand wird verlost Ps 22,19 Joh 19,23-24
Hände und Füsse durchbohrt Ps 22,17; Sach 13,6 Joh 20,25.27
mit Essig getränkt Ps 69,22 Joh 19,28-30
von seinem Vater verlassen Ps 22,2 Mt 27,45-46
die Seite durchstochen Sach 12,10b Joh 19,34.37
keine Knochen zerbrochen Ps 34,21 Joh 19,33-36
im Grab eines Reichen beigesetzt Jes 53,9 Mt 27,57-60

7. Heilswerk
er gibt sich freiwillig hin Ps 40,7-9 Joh 10,17-18
er trägt unsere Sünden Jes 53,6.12 1. Petr 2,24; 2.Kor 5,21
er nimmt unsere Strafe auf sich Jes 53,5 1. Petr. 3,18
er rechtfertigt uns Jes 53,11 Röm.3,24
er verleiht uns Frieden Jes 53.5 Röm.5,1
er triumphiert über den Tod Hos 13,14 1,Kor 15,54-55
er besiegt Satan 1.Mo 3,15; Ps 110,1-2 Heb 2,8; 1.Kor 15,24-26
er aufersteht Ps 16,10-11; Lk 24,36-44; Apg 2,24-32
Jes.53,10
er wird zu Gott erhöht Ps 68,19; 24,7-10 Eph 1,20; 4-8-10; Apg 1,9.11

8. Gaben von Jesus Christus


er sendet seinen Geist Ez 36,27; Joel 3,1 Apg 2,4.17
er verleiht seinen Segen 1. Mo 12,3; 18,18; Apg 3,25-26; Gal 3,8
22,18

Diese Liste ist keineswegs erschöpfend.119

2.1.1.3. Die Prophetie als Wiege der Menschwerdung Jesu


Die Prophetie als Wiege, d.h. als menschliche Einbettung der Menschwer-
dung Jesu. Wir finden immer präzisere Angaben, je näher Weihnachten war.
Gen.22,18: „...und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde
(oder: gesegnet werden), ...“
Gal.3,16 dagegen spricht nur noch von einem ‚Samen' durch den alle Men-
schen gesegnet werden (Gal.3,14).
Gen.17,19-21 Isaak und nicht Ismael
Gen.28,10-14 Jakob und nicht Esau
Gen.49,10 Juda: „Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscher-
stab zwischen seinen Füssen hinweg, bis Schilo kommt, und ihm werden die Völker

119
Vergleiche hierzu auch den Beitrag von J.Közle „Messianische Weissagungen des Alten Testaments“ in
„Bibel und Gemeinde“ 1/97, S.19ff.
gehorchen." (..., Gesenius-Buhl zu Hes.21,32: "Der Mann, dem das Recht
64 gehört".) Hebr.7,14: „Denn es ist offenbar, dass unser Herr aus Juda entspros-
sen ist, von welchem Stamm Mose nichts in bezug auf Priester geredet hat“.
1.Chr.5,2; 28,4 (David aus dem Hause Juda)
2.Sam.7,12-14 vom Samen Davids!; Ps.89,4.5; Lk.1,32f; Hebr.1,5b zitiert
2.Sam.7,14: „Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein...“ (...) Hier
sind Salomo und Jesus gemeint' (Sog; eingepackte Prophetie) Der Messias
ist Thronfolger Davids.
Mi.5,1 (Bethlehem); Jes.7,14 (Jungfrauengeburt); Jes.9,5 (s.oben) Mensch-
werdung; Jes.22,22 (Schlüsselgewalt des Messias); Jes.53 der leidende Got-
tesknecht; V.1Ob: Auferstehung ; Ps.22; 16,10 (zit. in Ag.2,27ff;13,30-
37): „Denn meine Seele wirst du dem Totenreich nicht lassen, wirst nicht
zugeben, dass dein Frommer die Grube sehe“. Ps.110,1.4 ewiges Priesteramt
und Erhöhung. Nach Wenham ("Christ and the Bible") ist Ps.110 die meist
zitierte AT-Stelle.
Lk.1,67-79, die Vorgeschichte des NT enthält viele Hinweise auf Jesus und
die Heilsgeschichte.

2.1.1.4. Messianische Christologie


Eine Studie der hebräischen Prophetie über das erste Kommen des Messias
von Dr. Arnold G. Fruchtenbaum

Einleitung
Diese Studie beschäftigt sich mit dem, was theologisch «messianische
Christologie» genannt wird. Einfacher gesagt handelt es sich um einen Ü-
berblick über alle messianischen Prophetien der hebräischen Schriften, die
sich beim ersten Kommen des Messias erfüllt haben. Die orthodoxe jüdische
Interpretation erwartet dabei aber natürlich nicht, dass der Messias zweimal
kommen sollte, sondern rechnet stattdessen mit zwei Messiassen, von denen
jeder einmal kommt. Diese Studie erfolgt aus einer judenchristlichen Per-
spektive, und es wird gezeigt werden, dass diese hebräischen Prophetien er-
füllt worden sind im Leben von Jeschua (Jesus) und auf keine andere Art
und Weise erfüllt werden können. Als erstes wollen wir aber als Einführung
einen Blick auf das Neue Testament werfen und sehen, wie Jesus und seine
Jünger dieses Thema behandelt haben.

Der neutestamentliche Gebrauch


Die Evangelien stellen ganz klar fest, dass der Tod Jesu auch für die Apostel
eine Überraschung war. Ihre Verwirrung rührte vor allem von da her, dass
sie nicht das ganze messianische Programm kannten. Sie hatten vollständig
erwartet, dass Jesus ihre Feinde überwinden und sein Königreich auf der
Erde aufrichten würde. Sie waren sehr gut vertraut mit denjenigen Prophe-
zeiungen, die sich auf diesen Aspekt des messianischen Programms bezogen.
Was sie aber verfehlt hatten zu verstehen, war, dass der Messias zweimal zu
kommen hatte: Beim ersten Mal, um zu leiden, und dann, später, um zu sie-
gen. Der Grund für sein erstes Kommen war also ein ganz anderer als der
für sein zweites Kommen. Um den Grund seines ersten Kommens zu bele-
gen, fordert Jesus die Jünger nicht auf, einfach nur zu glauben, sondern
verweist sie zurück auf die Autorität ihrer eigenen hebräischen Schriften,
nämlich auf das, was Heidenchristen heute das Alte Testament nennen. 65
„Und er sprach zu ihnen: O ihr Unverständigen und im Herzen zu träge, an alles zu glauben, was die
Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit hineingehen?
Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.
(...) Er sprach aber zu ihnen: Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war,
dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Mose und in den Propheten
und Psalmen. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verständen, und sprach zu
ihnen: So steht geschrieben, und so musste der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen aus den
Toten und in seinem Namen Busse zur Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen, anfan-
gend von Jerusalem. Ihr seid Zeugen hiervon. Luk.24,25-27; 44-48.
Hier auf der Strasse nach Emmaus, bei einer seiner Erscheinungen nach der
Auferstehung, tadelt Jesus seine Jünger dafür, dass sie nicht alles wussten,
was die Propheten gesagt hatten. Dazu gehörten nämlich auch die Prophe-
zeiungen über sein Leiden und Sterben. Sie hatten keine Schwierigkeiten
damit, an diejenigen Prophezeiungen zu glauben, die den Messias als einen
regierenden König beschrieben, der Israel seine frühere Ehre zurückbringen
würde. Sie hatten aber grosse Schwierigkeiten damit, diejenigen Prophetien
zu akzeptieren, die das Leiden und Sterben des Messias vorhersagten. Die
Tatsache, dass die Jünger so aufgeregt waren darüber, dass Jesus gefangen
und exekutiert wurde, zeigt, dass sie sich in gewissem Sinne noch im Un-
glauben befunden haben. Es wird uns berichtet, dass Jesus mit dem Gesetz
des Mose begonnen hat, fortfuhr mit den Propheten, und die gesamten heb-
räischen Schriften durchgegangen ist, um seinen Jüngern alles zu zeigen,
was sich auf den Messias bezog. Dadurch konnte er beweisen, dass sein Tod
und seine Auferstehung in völliger Übereinstirnmung mit der Schrift und
sogar für sein Werk notwendig waren. Sie waren wesentlich, weil sie seine
Messianität bewiesen haben. Von den allerfrühesten Quellen bis zu den mo-
dernen Rabbinern haben jüdische Lehrer die Schriften immer in drei Abtei-
lungen gegliedert: Das Gesetz, die Propheten und die Schriften. Wir sehen
hier (und teilweise auch in Vers 44), dass Jesus dasselbe tut. Die ”Schriften»
werden manchmal auch die «Psalmen» genannt, weil die Psalmen das erste
Buch dieser Gruppe sind. Jesus bezieht systematisch die gesamten Schriften
ein, um seinen Jüngern alles über sich selbst zu erklären. «Alles» schliesst
dabei sowohl die Prophetien über sein zweites Kommen (die immer noch
auf ihre Erfüllung warten) mit ein als auch diejenigen über sein erstes
Kommen (die sich gerade erfüllten, als Jesus sprach). Indem er Prophetien
aus allen drei Teilen der jüdischen Schriften zusammennahm, konnte Jesus
beweisen, dass es für ihn notwendig war, umgebracht und beerdigt zu wer-
den und am dritten Tag wieder aufzuerstehen. Die Nachfolger Jesu haben
ihre Lektion gut gelernt. Später im Neuen Testament, nach Jesu Himmel-
fahrt, sehen wir, dass die Jünger immer wieder Jesu Messianität aus den
hebräischen Schriften heraus gerechtfertigt und begründet haben - und das
sowohl gegenüber Heiden als auch bei Juden.
„Ein Engel des Herrn aber redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf den Weg, der
von Jerusalem nach Gaza hinabführt! Der ist öde. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Äthio-
pier, ein Kämmerer, ein Gewaltiger der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihren ganzen Schatz
gesetzt war, war gekommen, um zu Jerusalem anzubeten; und er war auf der Rückkehr und sass auf sei-
nem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Tritt hinzu und schliesse
dich diesem Wagen an! Philippus aber lief hinzu und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen und sprach:
Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet?
Und er bat den Philippus, dass er aufsteige und sich zu ihm setze. Die Stelle der Schrift aber, die er las,
war diese: «Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm stumm ist vor seinem
Scherer, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Gericht weggenommen. Wer
aber wird sein Geschlecht beschreiben? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.» Der Käm-
merer aber antwortete dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich
66 selbst oder von einem anderen? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und
verkündigte ihm das Evangelium von Jesus. Als sie aber auf dem Weg fortzogen, kamen sie an ein Wasser.
Und der Kämmerer spricht: Siehe, da ist Wasser! Was hindert mich, getauft zu werden? Und er befahl,
den Wagen anzuhalten. Und sie stiegen beide in das Wasser hinab, sowohl Philippus als auch der Kämme-
rer; und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Phi-
lippus; und der Kämmerer sah ihn nicht mehr, denn er zog seinen Weg mit Freuden“. Apg.8,26-39
Das ist die berühmte Geschichte des äthiopischen Eunuchen, der die Pro-
phetie von Jesaja in Kapitel 53 liest. Philippus wird zu ihm geschickt, um
ihm die Bedeutung dieser Prophetie zu erklären. Wir lesen in Vers 35, dass
«beginnend von dieser Schrift» Philippus ihm Jesus gepredigt hat. Begin-
nend mit Jesaja 53, einer Passage, die in dieser Studie später untersucht
wird, ist es Philippus möglich, die Messianität Jesu zu zeigen. Der äthiopi-
sche Eunuch ist so beeindruckt von der Art und Weise, in der Jesu Leiden
und Sterben auf Jesajas Beschreibung des Messias passt, dass es ihn über-
zeugt und er sofort Christ wird.
„Nachdem sie aber durch Amphipolis und Apollonia gereist waren, kamen sie nach Thessalonich, wo eine
Synagoge der Juden war. Nach seiner Gewohnheit aber ging Paulus zu ihnen hinein und unterredete sich
an drei Sabbaten mit ihnen aus den Schriften, indem er eröffnete und darlegte, dass der Christus leiden
und aus den Toten auferstehen musste und dass dieser der Christus ist: der Jesus, den ich euch verkündige.
Und einige von ihnen liessen sich überzeugen und gesellten sich zu Paulus und Silas und eine grosse Men-
ge von den anbetenden Griechen und nicht wenige der vornehmsten Frauen“. Apg.17,1-4
Hier sehen wir, wie Paulus in der Synagoge vorging. Er hat zuerst die
Schriften des Alten Testaments ausgelegt, und zwar besonders die messiani-
schen Prophetien, die wir später studieren werden. Nachdem er dann erklärt
hatte, was die Schriften vom Messias forderten, konnte er anschliessend zei-
gen, wie perfekt Jesus der Gestalt des Messias entsprach, wie sie im Alten
Testament gefordert wurde.
„Denn kräftig widerlegte er die Juden öffentlich, indem er durch die Schriften bewies, dass Jesus der
Christus ist“. Apg.18,28
Hier sehen wir noch einmal Paulus’ Methode beim Diskutieren mit den jü-
dischen Führern. Er ging zurück zu den Schriften und hat bewiesen, dass
Jesus die Anforderungen der hebräischen Prophetie erfüllt hat. Ein letztes
Beispiel hierfür finden wir in Apostelgeschichte 28.
„Als sie ihm aber einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge, denen er das Reich
Gottes auslegte und bezeugte. Und er suchte sie zu überzeugen von Jesus, sowohl aus dem Gesetz Moses
als auch den Propheten, von frühmorgens bis zum Abend“. Apg.28, 23
Hier sehen wir Paulus in der Debatte mit den jüdischen Führern in Rom.
Wiederum nimmt Paulus sein Beweismaterial nicht aus Matthäus, Markus,
Lukas oder Johannes - die Evangelien werden nicht erwähnt, weil sie noch
nicht geschrieben worden waren – sondern stattdessen aus den Schriften des
Alten Testaments. In dieser besonderen Situation beruft Paulus sich aus-
schliesslich auf das Gesetz und die Propheten. Wahrscheinlich spart er die
«Schriften» wegen bestimmter jüdischer Anschauungen über die Inspiration
der Heiligen Schrift aus. Der Judaismus lehrt nämlich, dass zwar alle Schrift
von Gott inspiriert ist, dass es dabei aber drei unterschiedliche Ebenen von
Inspiration gibt. Dem Gesetz wird dabei die grösste Autorität zugeschrie-
ben, weil es aus den eigenen Worten Gottes selbst besteht, die dieser direkt
menschlichen Schreibern diktiert hat. Die Propheten seien von geringerer
Autorität, weil sie zwar Gottes Botschaften haben, diese aber nur durch den
Mund von Menschen ausgesprochen. Die Schriften werden schliesslich als
die geringste Autorität angesehen, weil man annimmt, dass sie nur aus den
Worten von Menschen bestehen, wenn auch deren Denken von Gott gelei-
tet war. Der Judaismus hat also eine sehr hohe Anschauung vom Gesetz und
den Propheten, aber keinen besonders grossen Respekt vor den Schriften.
Darum beschränkt sich Paulus hier darauf, nur diejenigen Worte Gottes zu 67
benutzen, die im Gesetz und den Propheten gegeben sind. Jesus hat alle drei
Teile des Alten Testaments benutzt, denn was ihn und die Apostel anging,
waren alle hebräischen Schriften von gleicher Gültigkeit. Traurigerweise gibt
es heutzutage nur sehr wenige Leute, die tun können, was die Apostel da-
mals taten, nämlich das ganze messianische Programm ausschliesslich aus
dem Alten Testament heraus entfalten. Die Fähigkeit, das zu tun, ist aus
verschiedenen Gründen wichtig, kommt aber vor allem beim Dienst unter
Juden zum Tragen. Es ist notwendig, aus dem Alten Testament entfalten zu
können, was für einen Messias es fordert, bevor man sich ins Neue Testa-
ment begibt und dort zeigt, dass Jesus alle diese biblischen Anforderungen
perfekt erfüllt.

Die vier Typen messianischer Prophetie


Wenn wir uns mit messianischer Prophetie beschäftigen, ist es sehr wichtig,
zu wissen, dass es vier verschiedene Arten davon gibt. Es ist unbedingt er-
forderlich, sie auseinanderzuhalten. Die vier Kategorien lauten:
1. Nur erstes Kommen 2. Nur zweites Kommen 3. Sowohl erstes als auch
zweites Kommen 4. Der ganze Erlösungsweg
Manche Prophetien sind sehr deutlich darin, dass sie sich entweder mit dem
ersten Kommen (Kategorie 1) oder mit dem zweiten Kommen (Kategorie
2) beschäftigen. Andere Prophetien sind komplizierter aufgebaut.
Die dritte Kategorie von Prophezeiungen beinhaltet Verse, die das erste und
zweite Kommen so zusammenblenden, dass die Zeitspanne, die dazwischen-
liegt, versteckt wird. Um sie doch zu erkennen, ist es notwendig, die Paral-
lelstellen zu lesen. Sacharja 9, 9.10 ist ein gutes Beispiel dafür. Vers 9 geht
auf das erste Kommen ein, Vers 10 auf das zweite. Diese Verse für sich al-
lein genommen treffen keine Unterscheidung, aber dass es eine gibt, wird
von anderen Schriftstellen klargelegt. Die vierte Kategorie bezieht sich auf
Abschnitte, die das ganze messianische Programm einschliessen, also erstes
Kommen, Zeitintervall, zweites Kommen und messianisches Königreich. In
dieser Studie werden wir uns mit allen Stellen der ersten Kategorie ausei-
nandersetzen. Die zweite Kategorie wird ignoriert, denn sie stellt ein gan-
zes, eigenständiges Thema dar (und wird vollständig im «Handbuch der
biblischen Prophetie» behandelt). Die Prophetien der dritten und vierten
Kategorie werden nur insofern berührt, als sie sich auf das erste Kommen
des Messias beziehen.
Wichtig: Eine Studie dieser Art hat drei Hauptvorteile:
Unzulässige Vereinfachungen vermeiden
Die Beziehung zwischen dem Alten und Neuen Testament und die Natur
des alttestamentlichen Glaubens werden oftmals übermässig vereinfacht.
Zum Beispiel hört man oft das Klischee, dass «die Heiligen des Alten Tes-
taments auf den Tod Jesu vorausschauten, während die Heiligen des Neuen
Testaments auf ihn zurückschauen». Wenn das wahr wäre, warum waren
dann die Jünger so erstaunt bei Jesu Tod? Wir haben die Tendenz, ins Alte
Testament ein neutestamentliches Verständnis hineinzulesen, das in jenen
Tagen noch nicht existierte. Wenn wir die fortschreitende Offenbarung in
der Heiligen Schrift verfolgen, werden wir uns der Beschränkungen bewuss-
68 ter, die es auf verschiedenen Stufen von Israels Geschichte gab, was das Ver-
stehen anging. Insbesondere gibt es keinen Weg, aus den fünf Büchern des
Gesetzes allein zu erkennen, dass der Messias sterben muss. Das wurde erst
etwa im 8. Jahrhundert v. Chr. offenbart, nämlich durch den Propheten Je-
saja. Das Gesetz stellt den Messias hauptsächlich in Gestalt eines Königs und
Erlösers dar, aber nicht als einen sterbenden Retter. Es ist nicht wahr, dass
die alttestamentlichen Heiligen auf den Tod des Messias vorausgeschaut hät-
ten: Für den grössten Teil der alttestamentlichen Geschichte wussten sie gar
nicht, dass dies zu geschehen hatte. Wir sollten vorsichtig sein, den Glau-
bensinhalt der alttestamentlichen Gläubigen nicht zu sehr zu vereinfachen.
Auslegen der Prophetien über das zweite Kommen
Die Prophetien über das erste Kommen und ihre Erfüllungen zu verstehen,
hilft uns, auch diejenigen über das zweite Kommen richtig zu begreifen und
korrekt auszulegen. Weil alle Prophetien über das erste Kommen sich auf
wörtliche Art und Weise erfüllt haben und nicht «allegorisch» oder «geist-
lich», sollten wir von denen über das zweite Kommen erwarten, dass sie sich
in derselben Art und Weise erfüllen.
Evangelisation unter Juden
Wie bereits zu sehen war, haben die alttestamentlichen Prophetien der heb-
räischen Schriften die Basis zum Evangelisieren im Neuen Testament gebil-
det. Zuerst Jesus mit seinen Jüngern und danach die Jünger selbst haben das
Alte Testament benutzt, um Jesu Anspruch, der Messias zu sein, zu bestäti-
gen. Wenn die messianischen Erwartungen der hebräischen Prophetie ver-
standen werden, dann wird klar, dass Jesus und nur Jesus diese Anforderun-
gen erfüllen kann. Das sind also die Schriften, die wir jetzt studieren wollen,
wobei wir uns mit ihnen in denselben Kategorien beschäftigen, wie es Jesus
und die Apostel getan haben: Im Gesetz, in den Propheten und in den
Schriften.

1. Teil: Das Gesetz


Gen.3,15 - Der Same der Frau
„Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen;
der wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen“.
Messianische Prophetie beginnt schon im dritten Kapitel des Buches Gene-
sis. Es ist kein Wunder, dass die allererste messianische Prophetie im Kon-
text des Sündenfalls auftaucht. Wenn die Sünde nicht in die Welt einge-
drungen wäre, hätte es niemals die Notwendigkeit für einen erlösenden
Messias gegeben. Gott verflucht die Schlange nach dem Fall, den sie verur-
sacht hat und erklärt Feindschaft zwischen der Schlange und der Frau. Diese
Feindschaft soll sich bis auf den Samen der Frau und der Schlange erstre-
cken. Der «Same der Frau» bezieht sich auf Christus, den Messias, und der
Same der Schlange wird der Antichrist sein. (Eine Untersuchung des Anti-
christen würde den Rahmen dieser Studie sprengen, vgl. «Handbuch der
biblischen Prophetie» für weitere Details.)
Anderer Ansicht in Bezug auf diese Stelle ist Prof. Samuel Külling. Vgl. hierzu seine ausführliche Exegese
des sog Protevangeliums oben auf Seite 51ff.
Die Prophezeiung
Diese, die erste messianische Prophezeiung, erklärt, dass die Herkunft oder
Abstammung des Messias nach einer Frau benannt werden wird und nicht 69
nach einem Mann. Das widerspricht sofort der biblischen Norm. Es gibt
viele Genealogien in der Schrift, und angefangen von den frühesten in den
Kapiteln Genesis 5 und 11 bis zu den ersten 9 Kapiteln des 1. Buches der
Chronik, bis Matthäus 1 und Lukas 3 sind (unter vielen anderen) fast alle
davon Listen von Männernamen. Die legale Abstammung, die Identität
nach Nation und Stamm, wurden immer vom Vater und niemals von der
Mutter genommen (die einzige Ausnahme hierzu findet sich in Esra 2, 61
und noch in Nehemia 7, 63). Es geschah nur sehr selten, dass der Name ei-
ner Frau überhaupt aufgenommen wurde in die Liste; das geschah nur,
wenn sie eine wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte gespielt hatte, und
selbst dann brachte ihr das nur die Erwähnung in einer Nebenbemerkung
ein. Mose gibt hier keine Erklärung, sondern zeichnet einfach die Tatsache
auf, dass beim Messias etwas in besonderer Weise ganz anders sein wird,
was dazu führt, dass er seine Abstammung über die Mutter und nicht den
Vater angibt. Es wird für einige Jahrhunderte auch keine Erklärung gege-
ben, bis zur Zeit des Propheten Jesaja. Er wird prophezeien (in Kapitel 7),
dass der Messias von einer Jungfrau geboren werden und keinen menschli-
chen Vater haben wird. Genesis 3, 15 stellt fest, dass der Messias der
Schlange, das ist Satan, den Kopf zerschmettern wird.120 Dabei wird Satan
es zwar zuwege bringen, die Ferse des Messias zu verwunden, wird aber un-
fähig sein, seine eigene Zerstörung zu verhindern. Das Verwunden der Fer-
se des Messias fand bei Jesu Kreuzigung statt – schmerzhaft, aber, bezogen
auf die Ewigkeit, nicht tödlich. Das Zerschmettern des Kopfes der Schlange
begann mit Jesu Tod und Auferstehung, wie in Hebräer 2, 14-18 festgestellt
wird. Römer 16, 20 sieht das Zerschlagen von Satans Kopf als immer noch
zukünftig an. So wird seine endgültige Zerstörung nicht kommen, bevor er
in den Feuersee geworfen wird, wie es Offenbarung 20, 10 beschreibt.
Genauso wie er einen Hinweis auf die Jungfrauengeburt gibt, zeigt dieser
Vers auch an, dass der Messias ein Mensch sein wird. Der Messias, der Erlö-
ser, wird kein Engel oder einfach göttlich, sondern wird ein Gott-Mensch
sein.
Diese Gedanken werden in den folgenden Prophetien weiter entwickelt.
Gen.4, 5 und 6 - Frühe Echos der Verheissung
Das ist unsere Interpretation aus unserer eigenen historischen Perspektive,
aber wie wurde dieser Vers von denen verstanden, die ihn als erste gehört
haben’? Es gibt drei Abschnitte in den folgenden Kapiteln, die einige Hin-
weise darüber geben, was die drei Personen, die Gen 3, 15 als erste gehört
hatten, darüber dachten. Eine Studie dieser Passagen zeigt, dass, obwohl die
Jungfrauengeburt bis Jesaja nicht verstanden wurde, doch begriffen worden
war, dass man einen Gott-Menschen als Erlöser zu erwarten hatte.
Genesis 4,1

120
Im Hebräischen steht aber das männliche Fürwort Rl 7 i hu’ (er). Dieses als R’liI hi’ (sie) zu vokali-
sieren und nach der Vulgata «ipsa» (sie selbst), bezogen auf die Frau zu verstehen und zu übersetzen
(dann wären im Hebräischen andere Verformen), entspricht nicht dem hebräischen Text. Man darf auch
nicht die Frau auf eine spätere Frau beziehen. Vgl. FUNDAMENTUM 1/1988, S. 20f. Red.
„Und der Mensch erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger und gebar
70 Kain; und sie sagte: Ich habe einen Mann hervorgebracht mit dem HERRN“.
Eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Textes würde lauten: Und der
Mann erkannte Eva, seine Frau, sie empfing und gebar Kain und sagte: «Ich
habe einen Mann bekommen: Jahwe.»
Das ist exakt dieselbe Satzkonstruktion wie im nächsten Vers: Und wieder-
um gebar sie seinen Bruder: Abel. Nur wenige Bibelübersetzer verstehen,
was Eva hier sagt. Deshalb lauten auch die englischen Übersetzungen nicht
so, wie es oben angegeben ist. Eva hat von Gottes Worten in Gen 3, 15 her
klar verstanden, dass die Schlange von einem Gott-Menschen besiegt wer-
den wird. Offensichtlich denkt sie, dass Kain Jahwe ist. Ihre Theologie ist
grundsätzlich korrekt: Der Messias würde beides sein, Mensch und Gott.
Ihr Fehler liegt in ihrer Anwendung dieser Theologie. Sie hat angenommen,
dass Kain, ihr erstes Kind, der versprochene Gott-Mensch wäre. Dass sie
ihren Fehler schnell erkannt hat, zeigt sich bei der Geburt von Kains Bruder
– sie nennt ihn Abel, was «Nichtigkeit» bedeutet. Es ist interessant zu sehen,
wie unterschiedliche Gelehrte zu verschiedenen Zeiten mit diesem Vers um-
gegangen sind. Die meisten englischen Übersetzungen lesen: «Ich habe ei-
nen Mann bekommen mit der Hilfe von Jahwe.» Die Worte «mit der Hilfe
von» wurden dabei von den Übersetzern eingefügt, um eine Lesart zu ver-
meiden, die für sie unakzeptabel war.121 Aber im Hebräischen steht wört-
lich: «Ich habe einen Mann bekommen: Jahwe.» Das ist tatsächlich die glei-
che Konstruktion wie im Hebräischen für die sofort folgenden Worte: «und
sie gebar: Kain.» Die geläufige englische Übersetzung basiert nicht auf dem
hebräischen Text, sondern auf der griechischen Septuaginta. Dort heisst es
«durch Gott.» Dem folgte auch die lateinische Vulgata, die ebenfalls «durch
Gott» liest. Der Jerusalemer Targum, eine aramäische Übersetzung, liest:
«Ich habe einen Mann bekommen, den Engel von Jahwe». Die Rabbiner
gaben eine Lesart an, die dem originalen hebräischen Text viel näher kam.
Der Targum Pseudo Jonathan liest: «Ich habe als einen Mann den Engel
Jahwes bekommen». Eine andere aramäische Übersetzung ist der Targum
Onkelos, der «von vor dem Herrn» bietet. Diese aramäischen Übersetzun-
gen und Umschreibungen sehen, was das Hebräische sagt und was das für
übernatürliche Folgen beinhaltet. In der christlichen Theologie sieht man
den Engel Jahwes als die zweite Person des dreieinigen Gottes (etwas, was
später unter «Andere Linien der Beweisführung» diskutiert wird), aber das
war natürlich nicht die Sichtweise der jüdischen Übersetzer der Targume.
Der Midrasch Rabbah, der rabbinische Kommentar zur Genesis, bietet in
22, 2 für Genesis 4, 1 «mit der Hilfe des Herrn». «Rabbi Ishmael fragte
Rabbi Akiba ’Da du Nahum von Ginzo 22 Jahre lang gedient hast und er
gelehrt hat, dass jedes ach und rach eine Begrenzung, aber jedes et und gam
eine Erweiterung ist, sage mir, was der Sinn des et hier ist.’ Er antwortete
’Wenn gesagt wird ’Ich habe einen Mann bekommen: Den Herrn’, wäre es
schwierig auszulegen, darum ist et ’mit der Hilfe des Herrn’ erforderlich.’»
Somit hatten die Rabbiner also klar die Aussagen dieser Konstruktion ver-
standen und mussten darum die nötigen Anpassungen in ihrer Übersetzung

121
Das Hebräische M ’eg kann als Akkusativzeichen «den» oder als Präposition «mit» verstanden werden:
Übersetzung somit entweder: den Jhwh oder mit Jhwh. Vgl. FUNDAMENTUM 3/1989, S. 14f. Red.
machen. Die Peshitta bietet «Ich habe einen Mann bekommen zu dem
Herrn». Ein führender Rabbi, bekannt als Saadia Gaon, las es als «von mit 71
dem Herrn». Rashi übersetzt es als «mit dem Herrn» und Nachmanides ü-
bersetzt es als «für den Herrn zum Dienst für den Herrn». Auch hier wer-
den wieder Versuche gemacht, das Offensichtliche zu umgehen.
Genesis 5, 28.29
„Und Henoch lebte 65 Jahre und zeugte Metuscheiach. 22 Und Henoch wandelte mit Gott, nachdem er
Metuschelach gezeugt hatte, 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. 23 Und alle Tage Henochs betru-
gen 365 Jahre. Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg. -
Und Metuschelach lebte 187 Jahre und zeugte Lamech. Und Metuschelach lebte, nachdem er Lamech
gezeugt hatte, 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Und alle Tage Metuschelachs betrugen 969 Jah-
re, dann starb er. - Und Lamech lebte 18Z Jahre und zeugte einen Sohn. Und er gab ihm den Namen
Noah, indem er sagte: Dieser wird uns trösten über unserer Arbeit und über der Mühsal unserer Hände
von dem Erdboden, den der HERR verflucht hat“. Gen.5,21-29
In Gen.5,21-24 lesen wir von dem gerechten Henoch, der «nicht war, denn
Gott nahm ihn». Das Neue Testament, in Jud.14-15, sagt uns, dass Henoch
ein Prediger der Gerechtigkeit und ein Prophet war. Der Name, den er sei-
nem Sohn gab, war tatsächlich reich an prophetischer Bedeutsamkeit. Me-
thuselach ist ein hebräischer Name, der wörtlich bedeutet «Wenn er stirbt,
wird es kommen». Da es im Hebräischen kein Neutrum gibt, heisst es also
tatsächlich «Wenn er stirbt, wird er kommen». Diese Prophezeiung bezieht
sich auf das Kommen der Flut. Eine einfache Berechnung mit den in Gene-
sis gegebenen Zahlen zeigt, dass die Flut im Jahre 1656 a.H.122 kam - das-
selbe Jahr, in dem Methuselach auch starb (siehe Diagramm). Lamech hat
verstanden, dass der Name seines Vaters prophetisch war, hat ihn aber
fälschlicherweise auf die Geburt seines Sohnes Noah bezogen. Noah wird
tatsächlich ein Mann von enormer Bedeutung für die Menschheitsgeschichte
sein, aber nicht so, wie Lamech sich das gedacht hatte. Es ist klar, dass La-
mech gehofft hat, Noah (was «Trost» bedeutet) würde der sehnlich erwarte-
te Messias sein. Es ist von den Altersund Jahresangaben in Gen 5 her klar,
dass Lamech 56 Jahre alt war, als Adam starb. Lamech wird darum einen
Bericht aus erster Hand bekommen haben über alles, was im Garten Eden
geschehen war und von allen Worten, die Gott gesprochen hatte. Darum ist
es sehr interessant, in Vers 5, 29 zu sehen, wie Lamech seine eigene messia-
nische Hoffnung ausdrückt: Er sieht den Messias als den Erlöser, der den
Fluch von Adams Fall aufheben wird, und auch all dessen Folgen. Wie bei
Eva ist seine Theologie grundsätzlich richtig, aber er hat sie falsch ange-
wandt. Lamech hat Recht - solch ein Mann wird eines Tages kommen, in
Erfüllung der Verheissung in Gen.3,15 - aber Noah sollte nicht dieser Mann
sein.
Genesis 6, 1-4
Die menschlichen Geschöpfe waren nicht die einzigen, die den Sinn und die
Bedeutsamkeit von Gottes Worten in Genesis 3, 15 verstanden. Satan, an
den sich jene Worte richteten, hat sie auch verstanden. In Genesis 6, 1 – 4
sehen wir Satans ersten Versuch, Gottes messianisches Programm zu durch-
kreuzen. Da der Messias Nachfahre einer Frau zu sein hat, musste es Satans
Ziel sein, diese Nachkommenschaftslinie zu korrumpieren.
„Und es geschah, als die Menschen begannen, sich zu vermehren auf der Fläche des Erdbodens, und ihnen
Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, wie schön sie waren, und
sie nahmen sich von ihnen allen zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll

122
a.H. = anno Homini, im Jahre des Menschen, d.h. nach der Erschaffung des Menschen.
nicht ewig im Menschen bleiben, da er ja auch Fleisch ist. Seine Tage sollen 120 Jahre betragen. In jenen
72 Tagen waren die Riesen auf der Erde, und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Men-
schen eingingen und sie ihnen (Kinder] gebaren. Das sind die Helden, die in der Vorzeit waren, die be-
rühmten Männer“. Gen.6,1-4
Auf Satans Befehl hin sind gefallene böse Engel («die Söhne Gottes»)
Mischehen rnit menschlichen Frauen eingegangen (eine Vorschattung auf
die übernatürliche Empfängnis des Antichristen, auf die ebenfalls in
Gen.3,15 hingewiesen wird). Die Ergebnisse dieser Ehen waren groteske
Kreaturen - die Nephilim. Es war das Auftreten dieser diabolischen Kreatu-
ren, die das Gericht der Flut über die Erde brachte. Durch das Mittel der
Flut hat Gott sämtliche Nephilim zerstört und eine Linie erhalten, durch die
der Messias geboren werden würde.
Gen.22,18 - Der Same Abrahams
„Und in deinem Samen werden sich segnen alle Nationen der Erde dafür, dass du
meiner Stimme gehorcht hast“.
Genesis 22 beschäftigt sich, zusammen mit vielen anderen Passagen, mit
dem abrahamitischen Bund, einem der acht Bundesschlüsse in der Heiligen
Schrift. Der Ausdruck «Same» im hebräischen Text wird zwar immer im
Singular verwendet, kann aber auf zwei verschiedene Arten gebraucht wer-
den. Er kann als absoluter Singular benutzt werden, wobei er dann eine in-
dividuelle Person meint, oder kann auch als kollektiver Singular auf eine
Gruppe bezogen werden. Im Kontext des abrahamitischen Bundes bezieht
sich der «Same», wenn er im kollektiven Sinn gebraucht wird, immer auf die
Nation Israel (z.B. ’dein Same soll sein wie die Sterne und der Sand’). Wenn
er als absoluter Singular benutzt wird, gilt er einem bestimmten Individuum
- dem Messias. Das wird im Neuen Testament vom Apostel Paulus betont:
Dem Abraham aber wurden die Verheissungen zugesagt und seinem Nach-
kommen. Er spricht nicht: «und seinen Nachkommen» wie bei vielen, son-
dern wie bei einem: «und deinem Nachkommen», [und] der ist Christus.
Galater 3, 16
Hier in Gal.3,16 zitiert Paulus Gen.22,18, indem er die Bedeutung von
«Same» als absolutem Singular betont und ihn auf Jesus bezieht. In
Gen.3,15 haben wir erfahren, dass der Messias der «Same der Frau» sein
würde. Der Messias würde also menschlich sein. Im abrahamitischen Bund
wird dies eingeschränkt darauf, dass der Messias ein Nachkomme aus einem
bestimmten Zweig der Menschheit sein muss, nämlich ein Nachfahre Abra-
hams.
Eine zweite Aussage, die in dieser Prophezeiung getroffen wird, ist, dass die
Heiden - die Nationen - in Zukunft gesegnet werden durch den Samen Ab-
rahams. Das wird hier nicht erklärt, wird aber in späteren Prophezeiungen
genauer beschrieben (Jes.42,1-4 und 49,6). Insgesamt sind es sechs ver-
schiedene Passagen, die zum abrahamitischen Bund gehören. Das sind:
Gen.12,1-3, 12,7, 13,14-17, 15,1-21, 17,1-21 und Gen.22,15-18. Eine
Studie dieser Abschnitte zeigt, dass es insgesamt 13 spezifische Zusagen in-
nerhalb dieses Bundes gibt. Darauf kann hier nicht näher eingegangen wer-
den, aber wenn man den Bund auf seine grundsätzlichsten Aussagen redu-
ziert, dann könnte man sagen, dass er drei Hauptaspekte hat. Das sind das
Land, der Same und der Segen. Der Landaspekt wird in der Schrift im pa-
lästinischen Bund weiterentwickelt. Der Segensaspekt wird im Neuen Tes-
tament weiter ausgeführt. Der Aspekt des Samens wird durch den davidi-
schen Bund noch mehr detailliert, und da der Same für unsere jetzige Studie
wichtig ist, wird auf den davidischen Bund später bei 1. Chronik 17, 10b – 73
14 eingegangen. (Das ist in dem Teil über die Schriften, aber es wäre sinn-
voll, diese Schriftstelle schon vor dem Teil über die Propheten zu studieren.
Einige der Passagen in den Propheten entwickeln tatsächlich Aspekte des
davidischen Bundes weiter.)
Genesis 49, 10 – Der Same Judas
„Nicht weicht das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füs-
sen weg, bis er kommt, dem es gehört, und ihm werden die Völker gehorchen“.
Genesis Kapitel 49 beschreibt die Prophetien, die Jakob über seine Söhne
ausgesprochen hat. In Vers 10 macht er eine prophetische Aussage über Ju-
da. Grundsätzlich bedeutet sie, dass Juda seine Stammesidentität oder sein
Recht, über die anderen Stämme zu herrschen, nicht verlieren wird, bevor
jemand kommt. Der genaue Wortlaut der Aussage variiert zwischen den
Übersetzungen. Die meisten Versionen verdunkeln die wirkliche Bedeu-
tung, indem sie das Wort «Schiloh» so gebrauchen, als ob es’ein spezieller
Name für den Messias wäre. Das Wort sollte tatsächlich aber als ein Posses-
sivpronomen verstanden werden. Die beste Übersetzung ist wahrscheinlich
die der New International Version: «bis er kommt, dem es gehört». Eine
wörtlichere Übersetzung des Verses würde lauten: «Das Zepter wird nicht
weichen von Juda, noch der Herrscherstab von zwischen seinen Füssen, bis
er kommt, dessen Recht es ist, und für ihn soll der Gehorsam der Völker
sein.» Judas Identität und Recht zu herrschen können nicht verloren gehen,
bis er kommt, der das volle Anrecht auf das Zepter hat, den vollen An-
spruch auf das Recht zu herrschen. So übersetzt die Septuaginta den Vers,
und so tut es auch die syrische Übersetzung. Diese Lesart des Verses wird
weiter gestützt durch Vergleich mit einer Passage in Hesekiel. 25 Du sollst
einen Weg machen, damit das Schwert komme nach Rabba der Söhne
Ammon und nach Juda, das [nur noch] in Jerusalem befestigt ist. 26 Denn
der König von Babel bleibt am Kreuzweg stehen, am Anfang der beiden
Wege, um das Losorakel zu befragen; er schüttelt die Pfeile, befragt die Te-
raphim, beschaut die Leber. 27 In seiner Rechten ist das Losorakel «Jerusa-
lem», dass er Sturmböcke aufstelle, den Mund öffne mit Geschrei, die
Stimme erhebe mit Kriegsgeschrei, Sturmböcke gegen die Tore aufstelle,
Belagerungswälle aufschütte und Belagerungstürme baue.
Hesekiel 21, 25 – 27
Hes.21,25-27 beschäftigt sich vor allem mit dem zweiten Kommen des
Messias. Vers 25 bezieht sich auf den Antichristen, den letzten Heiden, der
über Israel herrscht. In Vers 26 ist mit dem Turban oder der Mitra diejenige
des Priesters gemeint (Exodus 28, 4.37.39; 29, 6; 39, 28.31; Leviticus 8, 9;
16, 4) und die Krone ist die Königskrone. Genauso wie Genesis 49, 10 das
königliche Zepter benutzt, um die Autorität, das Recht zu herrschen, darzu-
stellen, benutzte Hesekiel die Königskrone, um dasselbe darzustellen. Und
es wird genau derselbe Satz verwendet: «bis er kommt, dessen Recht es ist».
Dabei sollte man anmerken, dass Hesekiels Bezugnahme auf die priesterli-
che Mitra anzeigt, dass der Messias sowohl Priester als auch König sein
wird. Darauf wird in Psalm 110 näher eingegangen. Sowohl Priestertum als
auch Königsherrschaft werden von Israel weggenommen werden, bis der
Messias (zum zweiten Mal) kommt, wenn ihm sowohl Priestertum als auch
Königswürde übergeben werden. Wenn wir zu Genesis 49, 10 und dem ers-
74 ten Kommen des Messias zurückkehren, können wir sehen, dass dieser Vers
drei Aussagen trifft. Vom Messias ist vorher schon erklärt worden, dass er
ein Mensch sein wird, der Nachfahre Abrahams. Jetzt wird seine Abstam-
mung dahingehend eingeschränkt, dass er ein Sohn von Juda sein muss. Ein
zweiter Punkt ist, dass der Messias ein König sein wird. Das Zepter und der
Herrscherstab zeigen Königswürde und Autorität an. Drittens sollte man
sehen, dass der Messias kommen muss, bevor der Stamm Juda seine Identi-
tät verliert. Das legt klar eine bestimmte Zeitspanne für diese Prophezeiung
fest. Die Aufzeichnungen, durch die die stammesmässigen Zugehörigkeiten
festgehalten wurden, bewahrte man im jüdischen Tempel auf. Alle diese
Aufzeichnungen sind mit der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. verloren
gegangen. In nur wenigen Generationen hatten alle Stämme Israels, mit
Ausnahme Levis, ihre Identität verloren. Sofort nach 70 n. Chr. haben die
Rabbiner Gesetze erlassen, die die Identität des priesterlichen Stammes Levi
erhalten würden, aber Juden von anderen Stämmen haben ihre Identität
schnell verloren. Da der Stamm Juda seine hervorragende Bedeutung und
Identität im Jahre 70 n. Chr. verloren hat, ist klar zu sehen, dass der Messias
einige Zeit vor 70 n. Chr. gekommen sein musste. Es war für den Messias
nicht möglich, erst nach 70 n. Chr. zu komrnen.
Dieser Vers ist von den Rabbinern einmütig als messianischer Vers angese-
hen worden. Zum Beispiel übersetzt ihn der Targum Onkelos (eine aramäi-
sche Übersetzung) als: «das Übertragen der Herrschaft soll nicht weichen
vom Haus Juda, noch der Herrscherstab von seinen Kindeskindern für im-
mer, bis der Messias kommt, dem das Königreich gehört und dem die Nati-
onen gehorchen sollen.» Onkelos hat diesen Vers klar als messianisch gese-
hen.
Die Rabbiner haben diesen Vers auch als Quelle für einen der rabbinischen
Namen des Messias interpretiert: Schilo. Eine Passage lautet: «Der Messias
soll Schilo genannt werden, um anzuzeigen, dass er von einer Frau geboren
wurde und darum kein göttliches Wesen sein konnte.» Die Plazenta, in der
der Fötus gebildet wird im Mutterleib, wird auf Hebräisch shilyah genannt.
Das ist ähnlich wie schiloh, dem hebräischen Wort für Schilo. Das ist eines
der rabbinischen Argumente gegen die Göttlichkeit des Messias. Dass er
Schilo genannt wurde, hat man sich als einen Hinweis darauf vorgestellt,
dass er aus einer shilyah geboren wurde und darum – nach ihrem Denken –
einfach nur Mensch war.
Rashi sagte: «Bis König Messias kommen wird, dem das Königreich zu-
kommt [gemeint ist der Messias], sollen die Nationen suchen.»
Die Midrasch Rabbah zu dieser Passage, 97, lautet wie folgt:
«Weiterhin wird der königliche Messias vom Stamm Juda abstammen, wie
es heisst [zitiert Jesaja 11, 10]. Somit wird vom Stamm Juda, aus dem Sa-
lomo stammte, der den ersten Tempel baute, und Serubbabel, der den zwei-
ten Tempel baute, auch der königliche Messias abstammen, der den Tempel
wieder aufbauen wird. Nun ist über den Messias geschrieben [zitiert Psalm
89, 37] ...»
«... Juda ist ein Löwenjunges. Rabbi Hummah ben Rabbi Hannina sagte:
’Das spielt auf den Messias, den Sohn Davids an, der von zwei Stämmen
abstammte, sein Vater von Juda und seine Mutter von Dan, in Verbindung
mit dem vom ’Löwen’ geschrieben ist’ [zitiert Deuteronomium 33, 22] ...»
«... Das Zepter spielt auf den Messias, den Sohn Davids an, der die Natio- 75
nen züchtigen wird mit einem Stab, wie es geschrieben ist [zitiert Psalm 2,
9] ...»
«... ’bis Schiloh kommt’, das zeigt an, dass alle Nationen dem Messias, dem
Sohn Davids, ein Geschenk bringen werden, wie es heisst [zitiert Jesaja 18,
7] ...»
Die Midrasch Rabbah 98 lautet wie folgt: «Dies spielt auf den königlichen
Messias an. ’Gehorsam der Völker,’ der Messias wird kommen und wird die
Nationen der Welt unruhig machen.»
Die Midrasch Rabbah 98 sagt zu Vers 49, 10 «dem das Königtum gehört»
und nimmt damit wiederum «Schiloh» als Possessivpronomen. Es ist daher
völlig klar, dass die übereinstimmende rabbinische Ansicht von Genesis 49,
10 lautete, dass sich diese Stelle auf den Messias bezieht.
Numeri 23+24 - Die Vorhersagen Bileams
Die Kapitel 22-24 im Buch Numeri berichten uns die Geschichte von Bi-
leam. Bileam war ein heidnischer Astrologe, ein Seher, der aus einer Region
Babylons kam. Er hatte sich quer durch die ganze antike Welt einen beacht-
lichen Ruf aufgebaut. Es war weithin anerkannt, dass «der, den Bileam ver-
flucht hatte, verflucht war, und der, den Bileam gesegnet hatte, gesegnet
war» (22,1-6, dabei besonders Vers 6 und 22, 12).
Bis zu diesem Punkt des Auszugs aus Ägypten war Israel an der Grenze von
Moab angekommen und war gerade dabei, das verheissene Land zu betre-
ten. Der König von Moab, einer der frühesten Antisemiten der Geschichte,
war allerdings gegen die Aussicht, neue Nachbarn zu bekommen, und ent-
schied sich, aktiv zu werden. Er sandte nach Bileam und beauftragte ihn mit
einem ansehnlichen Geldbetrag, zu kommen und die Juden zu verfluchen.
Bileam strengt sich sehr an, seinen Auftrag auszuführen, aber jedesmal,
wenn er seinen Mund öffnet, um Flüche auszusprechen, ergreift Gott die
Kontrolle über seine Zunge, und er findet sich plötzlich dabei wieder, dass
er stattdessen die Juden segnet. Die vier Vorhersagen, die er ausspricht, die
ihm von Gott in den Mund gelegt werden, gehen zum grössten Teil auf das
zweite Kommen des Messias und auf sein Königreich ein. Es gibt aber
trotzdem ein paar Aussagen, die für unsere jetzige Studie von Interesse sind.
Die erste Vorhersage – Numeri 23, 7 – 10
„Da begann er seinen Spruch und sprach: Aus Aram hat Balak mich hergeführt, von den Bergen des Os-
tens der König von Moab: Komm, verfluche mir Jakob! Ja, komm und verwünsche Israel! Wie soll ich
verfluchen, wen Gott nicht verflucht, und wie verwünschen, wen der HERR nicht verwünscht hat? Denn
vom Gipfel der Felsen sehe ich es, und von den Höhen herab schaue ich es; siehe, ein Volk, das abgeson-
dert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet. Wer könnte zählen den Staub Jakobs und der Zahl
nach den vierten Teil Israels? Meine Seele sterbe den Tod der Aufrichtigen, und mein Ende sei gleich dem
ihren!“ Num.23,7-10
Es gibt ein paar Punkte in diesem ersten Orakel, die wert sind, beachtet zu
werden. Bileam betont in Vers 8, dass er unfähig ist, zu verfluchen, wen
Gott nicht verflucht hat. Es wird manchmal gesagt, dass es von Israels Ge-
horsam abhängt, ob es sich des göttlichen Segens erfreuen kann. An diesem
speziellen Punkt seiner Geschichte befindet sich Israel zwar im Ungehorsam,
aber trotzdem wacht Gott über es. Unabhängig von seinem Gehorsam oder
Ungehorsam wird Israel immer Gottes erwähltes Bundesvolk bleiben. Gott
wird niemals Heiden erlauben, Flüche auf es zu legen, die ewige Auswir-
kungen hätten (wie es nämlich bei Bileam der Fall gewesen wäre). Gott hat
76 daher in dieser Situation eingegriffen und die Absichten der Menschen zu-
nichte gemacht.
Ein zweiter Punkt ist in Vers 9 zur Kenntnis zu nehmen. Die jüdische Nati-
on wird nicht als eine Nation als solche zu erkennen sein. Für einen grossen
Teil ihrer Geschichte war es den Juden nicht möglich, in einem eigenen
Land zu leben. Während das Land von Kanaan oder Palästina oder besser
das Land von Israel den Juden durch göttliches Recht bereits gehört, war
ihre Fähigkeit, das Land auch wirklich einzunehmen, weitgehend von ihrem
Gehorsam gegenüber Gott abhängig. Was Menschen angeht, kann ein Volk
ohne Land keine Nation sein, weshalb es in Vers 9 auch heisst: «Sie wohnen
alleine ... nicht anerkannt unter den Nationen». Vom göttlichen Gesichts-
punkt aus aber wird das Volk von Israel immer eine klar abgegrenzte Nati-
on sein. Es macht dabei keinen Unterschied, ob Israel sich im Land befindet
oder im Ausland zerstreut ist. Gott sieht Israel nicht als das Volk einer be-
stimmten Gegend, sondern als die Nation an, die von Abraham abstammt.
Jude zu sein wird nicht vom Geburtsort oder von religiösen Glaubensan-
sichten bestimmt, sondern ausschliesslich durch die Abstamm ung.
Es ist irrelevant, was ein einzelner Jude glauben oder nicht glauben mag,
seine jüdische Identität wird von seiner Abstammung bestimmt. Der Juda-
ismus als eine Religion wird natürlich vom Glauben bestimmt, aber Atheis-
ten und Agnostiker werden sich selbst immer noch Juden nennen aufgrund
ihrer Linie von Vorfahren. In der Zerstreuung sind die Juden jahrhunderte-
lang «nicht anerkannt worden unter den Nationen» – das heisst, sie haben
keinen separaten nationalen Status erhalten. Sie sind amerikanische, polni-
sche oder russische Juden genannt worden und so weiter, was auch gar
nicht ganz falsch ist – ein amerikanischer Jude ist ein Jude, der in Amerika
lebt. Aber biblisch gesprochen kann das niemals stimmen – ein Jude kann
nie Amerikaner, Pole oder Russe sein – sondern immer nur ein Jude, wenn
auch mit einer recht deutlichen nationalen Identität. Das mag von den Hei-
den nicht anerkannt werden, aber in Gottes Augen wird Israel immer etwas
Besonderes ganz für sich und einzigartig unter den Nationen der Welt sein.
Als Bileam prophetisch in die Zukunft dieser Nation blickt, sieht er, dass
Gottes Endziel für sie eines von überragendem Segen ist, und in Vers 10b
drückt er seinen Wunsch aus, diesen Segen zu teilen.
Die zweite Vorhersage - Numeri 23,18-24
„Da begann er seinen Spruch und sprach: Stehe auf, Balak, und höre! Horche auf mich, Sohn des Zippor!
Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch der Sohn eines Menschen, dass er bereue. Sollte fer] gespro-
chen haben und es nicht tun und geredet haben und es nicht aufrechthalten? Siehe, zu segnen habe ich
empfangen; er hat gesegnet, und ich kann’s nicht wenden. Er erblickt kein Unrecht in Jakob und sieht kein
Verderben in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjubel ist in ihm. Gott ist es, der es
geführt. Es hat (Kraft] wie die Hörner des Büffels. Denn es gibt keine Zauberei gegen Jakob und keine
Wahrsagerei gegen Israel. Jetzt wird zu Jakob und zu Israel gesagt: Was hat Gott gewirkt! Siehe, ein Volk:
wie eine Löwin steht es auf, und wie ein Löwe erhebt es sich. Es legt sich nicht nieder, bis es die Beute
verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat!“ Num.23,18-24
Es werden hier zwei Hauptaussagen gemacht, die sich vor allem in Vers 21
finden. Bileam sieht eine Zeit in der Zukunft, zu der Israel als Nation als
sündlos zu sehen sein wird. Zweitens sagt Bileam, dass während dieser Zeit
der Sündlosigkeit Gott selbst bei Israel gegenwärtig sein wird als sein Kö-
nig. Diese Prophetien beziehen sich auf das zweite Kommen des Messias,
aber es sollte immer noch bemerkt werden, dass Israel eines Tages Gott
selbst in der Mitte des Volkes anwesend haben wird, der als König herrscht.
Die dritte Vorhersage - Numeri 24, 3-9
„Und er begann seinen Spruch und sprach: Es spricht Bileam, der Sohn Beors, und es spricht der Mann 77
mit geöffnetem Auge. Es spricht, der die Worte Gottes hört, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht, der
niederfällt mit enthüllten Augen: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Wie Täler
breiten sie sich aus, wie Gärten am Strom, wie Aloebäume, die der HERR gepflanzt hat, wie Zedern an
den Wassern. Wasser rinnt aus seinen Eimern, und seine Saat steht in reichlichen Wassern; und sein König
wird höher werden als Agag, und sein Königreich wird erhaben sein. Gott hat ihn aus Ägypten herausge-
führt. Er hat (Kraft] wie die Hörner des Büffels. Er wird die Nationen, seine Gegner, fressen und ihre
Gebeine zermalmen, mit seinen Pfeilen sie durchbohren. Er duckt sich, er legt sich nieder wie ein Löwe
und wie eine Löwin. Wer will ihn aufstören? Die dich segnen, sind gesegnet, und die dich verfluchen, sind
verflucht!“ Num.24,3-9
Wiederum sind es zwei Punkte, die hier betont werden. Der erste ist eine
Beschreibung des zukünftigen Zustandes von Israel - nämlich eines von ü-
berragendem Segen. Der zweite Höhepunkt ist die Beschreibung von Israels
zukünftigem König (Vers 7b).
Nachdem er die Einzigartigkeit der Nation Israel im ersten Ausspruch vor-
gestellt hat, fahren der zweite und dritte Ausspruch damit fort, die Einzigar-
tigkeit des Königs zu betonen, der eines Tages über diese Nation herrschen
wird.
Die vierte Vorhersage – Numeri 24, 15-24
„Und er begann seinen Spruch und sprach: Es spricht Bileam, der Sohn Beors, und es spricht der Mann
mit geöffnetem Auge. Es spricht, der die Worte Gottes hört, der die Erkenntnis des Höchsten besitzt, der
ein Gesicht des Allmächtigen sieht, der da liegt mit enthüllten Augen: Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich
schaue ihn, aber nicht nahe. Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel und
zerschlägt die Schläfen Moabs und zerschmettert alle Söhne Sets. Und Edom wird sein Besitz, und Seir
wird sein Besitz, seine Feinde; und Israel wird Mächtiges tun. Und einer aus Jakob wird herrschen, und er
wird den Überrest aus der Stadt verloren gehen lassen. Und er sah Amalek und begann seinen Spruch und
sprach: Die erste der Nationen war Amalek, aber sein Ende (führtJ zum Untergang. Und er sah die Keni-
ter und begann seinen Spruch und sprach: Fest ist dein Wohnsitz, und auf den Felsen gesetzt ist dein
Nest; jedoch ist Kain der Verwüstung verfallen. Wie lange noch! Dann führt Assur dich gefangen weg.
Und er begann seinen Spruch und sprach: Wehe! Wer wird am Leben bleiben, wenn Gott das eintreten
lässt? Und Schiffe (kommenJ von der Küste von Kittim und demütigen Assur und demütigen Eber, aber
auch das (führt] zum Untergang. - Und Bileam machte sich auf, ging weg und kehrte an seinen Ort zu-
rück; und auch Balak ging seines Weges“. Num.24,15-24
Es ist das vierte der Orakel, das von grösstem Interesse ist, da wir die Pro-
phetien über das erste Kommen studieren. Die Schlüsselprophezeiungen
werden in Vers 17a gegeben. Sie bauen auf der Vorhersage auf, die bereits
in Genesis 49, 10 gegeben wurde. Ein Stern soll hervorgehen aus Jakob, das
ist Israel, und verbunden mit diesem Stern ist ein Zepter, das wie in Genesis
49, 10 für das Königtum steht (wer das Zepter hat, besitzt auch das Recht
zu herrschen). Die Botschaft lautet darum, dass der Messias, wenn er
kommt, ein König sein wird. Wie wir noch sehen werden, hat der Messias
drei Ämter, wovon eines das des Königs ist. Die Bedeutung der Schlusswor-
te von Kapitel 24 darf nicht übergangen werden. Nachdem er sein Werk
vollendet hat, kehrt Bileam, der babylonische Astrologe, zu «meinem Volk»
(Vers 14) zurück und zu «meinem Ort» (Vers 25). Mit sich nimmt er die
Prophezeiung eines Sterns, der die Geburt eines einzigartigen und mächti-
gen Königs anzeigen wird, der über Israel herrschen wird. Wie wir später in
dieser Studie noch sehen werden (in Anhang 6), haben spätere Generatio-
nen von Astrologen diese Worte aufgezeichnet und haben Ausschau gehal-
ten nach diesem Stern. Bei seinem Erscheinen sind sie hingegangen und ha-
ben den neugeborenen König gefunden und ihn angebetet.
Deuteronomium 18,15-19 - Ein Prophet wie Mose
„Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, erste-
hen lassen. Auf ihn sollt ihr hören nach allem, was du vom HERRN, deinem Gott, am Horeb erbeten hast
am Tag der Versammlung, indem du sagtest: Ich möchte die Stimme des HERRN, meines Gottes, nicht
länger hören, und dieses grosse Feuer möchte ich nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe! Da sprach der
HERR zu mir: Sie haben recht getan (mit demJ, was sie geredet haben. Einen Propheten wie dich will ich
78 ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird
zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde. Und es wird geschehen, der Mann, der nicht auf meine
Worte hört, die er in meinem Namen reden wird, von dem werde ich Rechenschaft fordern“. Deut.18,15-
19
Deut.18,18 enthält eine Verheissung, die Gott Mose gegeben hat. Gott ver-
spricht Mose, dass er einen Propheten aufstehen lassen wird «wie dich».
Warum legt Gott genau fest, dass es ein Prophet wie Mose sein wird? Der
einzigartige Status von Mose unter den anderen Propheten wird in Numeri
12, 5-8 erklärt.
„Und der HERR kam in einer Wolkensäule herab und stand im Eingang des Zeltes; und er rief Aaron
und Mirjam, und die beiden traten hinaus. Und er sprach: Hört doch meine Worte! Wenn ein Prophet des
HERRN unter euch ist, dem will ich mich in einem Gesicht zu erkennen geben, im Traum will ich mit
ihm reden. So steht [es] nicht [mit] meinem Knecht Mose. Er ist treu in meinem ganzen Haus; mit ihm
rede ich von Mund zu Mund, im Sehen und nicht in Rätselworten, und die Gestalt des HERRN schaut er.
Warum habt ihr euch nicht gefürchtet, gegen meinen Knecht, gegen Mose, zu reden?“ Num.12,5-8
In dieser Passage lästern Aaron und Miriam gegen ihren Bruder Mose, weil
sie nicht mit der Frau einverstanden sind, die er geheiratet hat. Gott selbst
tritt daraufhin für Mose ein und erklärt Moses einzigartige Position vor ihm.
Sogar bei grossen Männern wie Elia und Jesaja hat Gott sich nicht direkt
offenbart, sondern Träume, Visionen und andere Methoden benutzt. Mose
ist der einzige Mensch, der direkte Offenbarung von Gott empfangen hat.
Es ist auf dieser Basis geschehen, dass der Judaismus seine Anschauung von
der dreifachen Inspiration der Heiligen Schrift entwickelt hat (s. Einlei-
tung). Vorher ist uns gesagt worden, dass der Messias ein König sein wird.
Jetzt aber wird uns erklärt, dass er auch ein Prophet sein wird, und nicht ein
gewöhnlicher Prophet, sondern einer, der «Mund zu Mund» mit Gott spre-
chen wird und der die tatsächliche Gestalt von Jahwe sehen wird. Viele Au-
toren haben versucht, Listen mit Ähnlichkeiten zwischen Mose und Jesus
aufzustellen, dem «Prophet wie Mose». Viele dieser Parailelen sind ziemlich
erfunden und etwas phantastisch. Wir können aber auf jeden Fall auf vier
klare Ähnlichkeiten zwischen dem Dienst von Mose und dem des Messias
hinweisen:
1. Ein Prophet (Numeri 12, 6-4) Wie oben erklärt.
2. Ein Erlöser (Exodus 3, 10) In Exodus 3, 1 – 1 0 sieht Gott das Leiden
des Volkes Israel und erklärt seine Absicht, sie aus dem Land Ägypten zu
retten. Mose ist der Mann, den Gott erwählt hat, das Volk aus seiner Ge-
fangenschaft herauszuführen. (Man beachte, dass der Engel Jahwes, der in
Vers 2 erwähnt wird, im vierten Teil dieser Studie eingehender behandelt
wird.) Wie bereits zu sehen war, wird der Messias ebenfalls ein Erlöser sein.
3. Ein Vermittler (Exodus 20, 18 – 21) Gott sprach direkt zum Volk Israel
(Exodus 19, 16 – 25). Der Klang seiner Stimme war so überwältigend, dass
das Volk Mose bat, für sie zu vermitteln, so dass sie Gottes Stimme nicht
mehr hören würden, sondern nur Gottes Worte, die ihnen von Mose wie-
derholt wurden.
4. Ein Fürbitter (Exodus 32, 7-35) Während des langen Auszugs aus Ägyp-
ten geschah es oft wegen Moses Fürbitte ihretwegen, dass Israel dem Ge-
richt Gottes entkam und überlebte. Das wird besonders klar in Exodus 32,
30 – 32. Der Messias wird der Gestalt des Mose in jedem dieser vier Gebiete
entsprechen: Er wird ein Prophet sein, ein Erlöser, ein Vermittler und Für-
bitter.
Zusammenfassung des Gesetzes
Die messianischen Prophetien im Gesetz, die sich auf das erste Kommen des
Messias beziehen, können in 6 Schlüsselaussagen zusammengefasst werden. 79
Der Same bzw. dem Thema des Samens sind wir dreimal begegnet:
1. Der Same der Frau Der Messias würde ein Mensch sein, also weder ein
Engel noch einfach Gott als Gott.
2. Der Same Abrahams Der Messias würde aus einem bestimmten Teil der
Menschheit kommen; er würde ein Jude sein, kein Heide.
3. Der Same Judas
Obwohl es zwölf jüdische Stämme gab, würde der Messias aus einem be-
stimmten dieser Stämme kommen, dem Stamm Juda. Das erfordert, dass
der Messias vor der Zerstörung der jüdischen genealogischen Aufzeichnun-
gen im Jahre 70 n. Chr. kommen musste.
Sowohl Gott als auch Mensch Obwohl Eva fälschlicherweise Kain als den
Messias identifiziert hatte, hat sie doch klar verstanden, dass der Messias ein
Gott-Mensch zu sein hatte.
Ein König Mehr als einmal wurde das Symbol des Zepters benutzt, um an-
zuzeigen, dass der Messias ein König sein würde.
Ein Prophet wie Mose - Der Messias würde ein Prophet sein, und zwar
ganz speziell ein Prophet wie Mose.
Entfernen des Fluches - Obwohl Lamech fälschlicherweise seinen Sohn No-
ah als Messias angesehen hatte, hat er doch klar verstanden, dass der Messi-
as, sobald er käme, den Fluch entfernen würde, der durch Adams Sünde ü-
ber die Erde gebracht worden war.
Ein Fingerzeig auf die Jungfrauengeburt Obwohl es nicht so klar festgestellt
wird wie die obigen fünf Punkte, gibt es in Genesis 3, 15 doch einen Hin-
weis, dass der Messias von einer Jungfrau geboren werden würde. Der Mes-
sias würde als der Same einer Frau benannt werden und nicht als der eines
Mannes.123

2.1.1.5. Die Messiasprophetie (Erich Sauer)


„DIE VÄTER HABEN SEIN GEHARRT."
Christus ist durch das Alte Testament im Kommen begriffen124. Das Evan-
gelium ist im Alten Bunde am Werden. „Das Alte Testament ist Morgen-

123
Der Autor: Dr. Arnold G. Fruchtenbaum, einer der führenden Experten über die Nation Israel, ist
messianischer Jude und Leiter der Ariel Ministries, einer in Kalifornien ansässigen Organisation von Ju-
den. Dr. Fruchtenbaum wurde 1943 in Russland geboren, nachdem seine Eltern aus einem kommunisti-
schen Qefängnis freikamen. Mit Hilfe israelischer Untergrundorganisationen konnte die Familie Fruch-
tenbaum die Länder hinter dem Eisernen Vorhang verlassen. Während sie zwischen 1947 und 1951 in
Deutschland lebten, erhielt Arnold einen orthodoxen jüdischen Unterricht von seinem Vater; dieser war
selbst mit dem Ziel erzogen worden, die chassidische (ultra-orthodoxe jüdische) Leitung in Polen zu ü-
bernehmen, verlor aber wenig später den grössten Teil seiner Familie und seinen Glauben im Holocaust.
Die Fruchtenbaums emigrierten nach New York, wo Arnoid fünf Jahre später, im Alter von 13 Jahren,
zum rettenden Glauben kam. Bevor er seinen Doktortitel an der New York University erhielt, verdiente
sich Dr. Fruchtenbaum den Master of Theology am Dallas Theological Seminary. Seine Abschlussarbeit
beinhaltet auch Studien am Jewish Theological Seminary in New York City und der Hebrew University
von Jerusalem. Nachdem er drei Jahre in Israel gelebt hat, haben seine intensiven Studien über die Rolle
der Nation Israel in Gottes Plan zur Erlösung der Welt ihn zu einem beliebten und gefragten Redner bei
Bibel-Konferenzen und Schulen rund um die Welt gemacht.
124
Genau dieselbe Wortform "Christos" gebraucht schon im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt die Bibel
der ägyptischen Auslandsjuden, die "Septuaginta", die von Juden angefertigte, griechische Übersetzung des
Alten Testaments. Man lese dort Stellen wie Ps. 2,2;1. Sam. 2,10; Dan.9,25.
dämmerung und Morgenrot. Das Morgenrot gehört zur Sonne. So gehört
80 das Alte Testament zu Jesus Christus" (E. Brunner). „Das Alte Testament
sagt, was der Christus ist, das Neue sagt, wer er ist, und zwar so, dass offen-
bar wird: nur der kennt ‘Jesus’, der ihn als den ‘Christus’ erkennt, und nur
der weiss, wer der ‘Christus ist’, der da wiss, dass er ‘Jesus’ ist. So entspre-
chen die beiden Testamente den beiden Hauptnamen des Erlösers, das Alte
seinem Berufsnamen Christus, das Neue seinem Eigennamen Jesus; aber
beide sind von einem Geiste durchhaucht und deuten einander."125
Allumfassend ist darum auch das Messiasbild der alttestamentlichen Prophe-
tie.126 Sie schildert:
l. Die Person des Messias.
Seine Menschheit nach Familie, Ort, Zeit.
Seine Gottheit (diese in verhüllter Form).127
ll. Das Werk des Messias.
Sein Kommen in Niedrigkeit.
Sein Kommen in Herrlichkeit.

l. Die Person des Messias


Christus ist schon vor seiner Menschwerdung das Zentrum der Heilsge-
schichte. Seine alttestamentliche Vorausdarstellung ist zugleich Selbstdarstel-
lung; denn der „Geist Christi“ war in den Propheten (1. Petr.1,11). Schon
die vorchristliche Offenbarungsgeschichte ist „Geschichte Christi".
1. Seine Menschheit. Zielbewusst im Lauf der Jahrhunderte voranschrei-
tend, schildert die alttestamentliche Weissagung die Menschheit des Erlösers
in immer enger werdenden, konzentrischen Lichtkreisen, einer sich nach
oben hin verjüngenden Pyramide gleich. Zunächst
a) Die Familie. Der Welterlöser stammt aus der Menschheit, ist „Weibes-
same" (1.Mose 3,15) - so heisst es zur Zeit Adams und Evas (um 4300);
von allen Rassen der Menschheit aus Sems Geschlecht (1. Mose 9,26) - so
prophezeit Noah (um 2300); von allen Semiten aus Abrahams Samen
(1.Mose 12,1-3) - so sagt ihm Gott selbst um 1900; von Nationen, die von
Abraham stammen, aus Israel - so beweisen es die Bundesübertragungen an
Isaak und Jakob (um 1850 vgl. 1.Mose 26,3; 4; 28.13; 14); von allen Israe-
liten aus dem Königsstamm Juda (vgl. 1.Chron.5,2; Hebr.7,14) - so heisst
es um 1800 (1.Mose 49,10).128
Dann steht die Spezialisierung der Verheissung einige Jahrhunderte hin-
durch still. Wohl schreibt Mose um 1500 sein fünfteiliges Werk, weissagt
auch von dem Kommen eines Propheten wie er (5.Mose 18,15 vgl.
Apg.3,22; 7,37), und vor allem sind Stiftshütten umd Opfereinrichtungen
Vorbilder auf Christum als den Priester (bes. 2.Mose 25-31; 3.Mose 1-7;16;

125
Vgl. W. Vischer, Das Chistuszeugnis des Alten Testaments, 1935, S. 7.
126
Vgl. Franz Delitzsch, Messianische Weissagungen in geschichtlicer Folge. Berlin 1899.
127
Vgl. S. 20, Anm. 10.
128
Eigentlich hatte Ruben daas Erstgeburtsrecht. Dennoch ist der Messias nicht "Löwe aus dem Stamm
Ruben". Denn Ruben war, wegen senier Sünde von 1. Mose 35,22, seines Erstgeburttsrechtes und Mess-
sisrechtes entkleidet worden (1. Chron. 5,1; 1. Mose 49,3; 4). Die dann folgenden Brüder Simeon und
Levi waren aber auch ausgeschaltet (1.Mose 49,5-7), und zwar wegen ihrer Bluttat in Sichem (1. Mose
34,25).
Joh.5,46); aber, weiterrführen tut er die Zugipfelung der Verheissung nicht.
Ebenso bleibt Bileam, der heidnische Seher, sein Zeitgenosse, mit seiner 81
Weissagung von dem kommenden König durchaus innerhalb des Rahmens
des allgemeinen Israels stehen: „Ich sehe ihn, doch nicht schon jetzt; ich schaue
ihn, doch nicht in der Nähe: es geht ein Stern aus Jakob auf, und ein Herrscher-
stab erhebt sich aus Israel“ (Num.24,17).
Daher wurde Rubens Erstgeburtsrecht folgendermassen geteilt: a) Den doppelten Anteil am äusseren
Erbbesitz (5. Mose 21, 15-17) bekam Joseph (in Ephraim und Manasse: 1. Chron. 5,1;2; b) die Priester-
würde (vgl. 2. Mose 13,2;15) bekam, im Hinblick auf 2. Mose 32,26-28, Levi: 4. Mose 3,12; 45; 8,17;
18, und c) die Herrschaftswürde (vgl. 1. Mose 43,33; 48,14; 18; 19) bekam Juda, der vierte Sohn Jakobs
(1. Chron. 5,2). Daher ist der Messias "Löwe aus dem Stamm Juda" (Off. 5,5; 1. Mose 49,9; 10).
Erst mit Nathan, dem Propheten der Davidszeit (um 1050), also 700 Jahre
später, hebt die Spezialisierung der Prophetie von neuem an. Inzwischen
war aber das israelitische Königtum entstanden (mit Saul, 1100); und dies
war, vom Gesichtspunkt der Königsherrschaft Gottes aus (2.Mose 19,5; 6;
5.Mose 33,5), ein Rückschritt (1.Sam.8,7), ein Zugeständnis an die „Her-
zenshärtigkeit“ der Menschen (vgl. Matth.19,8). Aber der Plan Gottes kann
nicht durch menschliche Querwirkungen vereitelt werden.
Aus Israel sollte der gott-menschliche Messiaskönig kommen. Irgendein Is-
raelit musste darum sein Ahnherr sein. Dass dies aber gerade ein Messias
war eine irdisch Königsdynastie durchaus nicht erforderlich, ja, nach dem
Plan Gottes sogar nicht einmal erwünscht. Jede beliebige Privatperson aus
dem Stamm Juda konnte zum Vorfahrer des Messias erwählt werden.
Nachdem aber nun einmal das Königtum da war und - wenn auch zunächst
nicht von Gottes gewolt, so doch tatsächlich von ihm selbst eingesetz -, be-
stand die Oberregierung Gottes über das Zukurzkommen der Menschen da-
rin, dass Gott nun ncht eine Privatperson, sondern gerade einen gläubigen
Träger der Krone zum Ahnherrn der Messias erwählte.
Dies ist die Bedeutung des Sedung Nathans im Heilsplan (1.Chron.17,3-14,
2.Sam.7,4-16). Durch Nathans Weissagung an David wurden die messiani-
schen Verheissungen, innerhalb des Königsstammes Juda, auf ihn, den ge-
krönten Sohn Isais, übertragen (vgl. Jes.11,1). Von nun an ist der Messias
„Sohn Davids“ (vgl. Off. 5,5).6)129.
Die weitere Speziallisierung der Verheissung ging dann durch das Davidi-
sche Königsgeschlecht hindurch. Von den zahlreichen Söhnen Davids
(2.Sam.5,13; 14) wurden namentlich zwei die Träger des messianischen Se-
gens: Salomo und Nathan, beides Söne der Bathseba (1.Chron.3,5). Von
Salomo stammt Joseph ab, der rechtliche „Vater“ des HErrn Jesu
(Matth.1,6;16), von Nathan die Jungfrau Maria, seine eigentliche Mutter130
(Luk.3,23;31). Genau genommen stammt Christus also nicht von der kö-
niglichen Salomo-Hauptlinie ab, sondern von der nicht-regierenden Na-
than-Nebenlinie. Das eine ist das Juristische, das andere das Organische; a-
ber das Orgenische ist bedeutsammer als das Juristische.

129
Der Name "David" kommt im Alten Tetament 986mal, im Neuen Testament 59mal, zusammen also
1045mal vor (der Name "Jesus" 996mal).
130
Matthäus gibt den Stammbaum des Joseph, Lukas den der Maria oder, genauer, den ihres Vater Eli
(Luk. 3,23), des Schwieger"vaters" des Joseph (daher Vers 23, vgl. Neh.7,63). Auch der Talmud nennt
Maria eine Tochter Elis. - Ebenso erklären Luther, Bengel, Lange, Delitzche, v. Oosterzee, Ebrard, Rig-
genbach, v. Viebahn, Dächsel, Modersohn u.a.
So war die Prophetie in stufenweisem Aufgang des Lichts vom Allgemeinen
82 zum Besonderen vorangeschritten, vom Amt zum Amtstäger, vom Sachli-
chen zum Persönlichen, gleichsam von „Christus“ zu „Jesus“. Das Alte Tes-
tament war ein „Ziehen des Vaters zum Sohne“ gewesen, gleichwie das
Neue Testament ein „Ziehen des zum Vater hin“ ist (1.Kor.15,28).
Das irdische Königtum ging später zugrunde. Mit Zedekia verlor das Davi-
dische Geschlecht seine Krone (2.Chron.36,11-20). Aber das Reich und die
Macht und die Herrlichkeit blieben dennoch mit David verbunden
(Jes.55,3); und in der Endzeit wird Christus, gerade als „David“, sein Volk
und die Völkerwelt weiden (Hes.37,24; 25; Hos.3,5; Jes.11,1-10;
Jer.23,5). „Mein Knecht David soll ihr Fürst sein für immer!“ (Hes.37,25 vgl.
Off.22,16.) So hatte der Mensch, was er gewollt hatte, bekommen (das irdi-
sche Königtum); aber zuletzt hatte Gott dennoch sein Recht behalten (das
himmliche Königtum).
b) Der Ort. Mit der Nathans-Weissagung an David war die Frage nach der
Familie des Messias abschliessend beantwortet worden (um 1050). Aber
noch war die Frage nach dem Ort und der Zeit nicht geklärt. Darum wur-
den noch zwei weitere Hauptweissagungen hinzugefügt, und zwar Michas
Weissagung vom Ort, nach 300 Jahren (um 725),131 und Daniels Weissan-
gung von der Zeit, nach 500 Jahren (um 536).132
Obwohl von einem Nachkommen des heldenhaften Kaleb gegründet
(1.Chron. 2,50; 51 und in der Richterzeit sieben Jahre lang Wohnsitz des
Richters Ibzan (Richt.12,8-10), tritt Bethlehem-Ephrata („Brothausen, das
Fruchtbare“) in den Jahrhunderten vor David in der Geschichte Israels doch
nur sehr unrühmlich hervor, und zwar in Verbindung mit Tod und Toten-
klage (1.Mose 35,19; 20) Götzendienst (Richt.17,7ff.), Unsittlichkeit, Bru-
derkrieg (Richt.19, 1ff.)133 und Hungersnot (Ruth.1,1). Aber gerade aus
dieser Stadt erwählte sich Gott, der sich stetes zu dem Gerringen herabneigt,
den Ahnherrn des Messias; und so wurde Bethlehem-Ephrata, als „Stadt
Davids“, der Ort, in dem „Christus der HErr“ geboren werden sollte (Mi-
cha 5,1; Luk.2,11).
Aber noch genauer wurde die Prohetie. Fast zweihundert Jahre, nachdem
Micha den Ort geweissagt hatte (um 725), verkündete Daniel um 536
c) Die Zeit. Dies geschah in der Weissagung von den „siebenzig Jahrwo-
chen“, genauer gesagt, den 69 Jahrwochen vor dem Anbruch der 70. Damit
aber erreicht die Zugipfelung der Prohetie ihren Höhepunkt und zugleich
ihren Abschluss.
„So wisse nun und merke: Von der Zeit an, da ausgeht der Befehl, dass Je-
rusalem soll wiederum gebaut werden, bis auf den Gesalbten, den Für-
sten,134 sind sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen, so werden die
Gassen und Mauern wiedern gebaut werden, wiewohl in kümmerlicher

131
Micha 5,1 vgl. 1,1.
132
Dan. 9,24-27 vgl. 1.
133
Wenn auch nur indirekt. Jonathan, der Levit, der Hauspriester des Götzendiesers Micha, war aus
Bethlehem zu Micha gekommen (Richt. 17,7-10, 1-5, 18,30).
134
Dass mit diesem "Gesalbten" Christus gemeint ist (und nicht etwa Cyrus oder der nach 2. Makk. 4,34
im Jahre 172 v. Chr. ermordete Hoheprister Onias lll.), lehrt auch die altkirchkiche Auslegung, unter den
Neueren Schrifterklärer wie Hengstenberg, Hävernick, Auberlen, Kliefoth, Keil, B. Keller, G. Stokmann.
Zeit; und nach den zweiundsechzig Wochen wird der Gesalbte ausgerottet
werden und nichts mehr sein“ (Dan.9,25; 26). 83
Die 70 Wochen („Siebenheiten“) sind je sieben Jahre. Dies begriff ein Israe-
lit wie Daniel sehr leicht; galt doch, nach dem mosaischen Gesetz, jedes sie-
bente Jahr als ein „Sabbatjahr“ (3.Mose 25,4). Also umspannen die
7+62=69 Jahrwochen „bis auf den Gesalbten (den Messias) den Fürsten“
483 Jahre.
Ihr Anfang ist der Ausgang des Befehls, die Stadt Jerusalem wiederr zu bau-
en (Vers 25). Hiermit kann nicht der Erlass des Kores gemeint sein (536);
denn dieser bezog sich vornehmlich auf den Wideraufbau des Tempels
(2.Chron. 36,23; Ersa 1,1-4; 5,13-15, 6,3-5), eine Aufgabe, die durch den
Fürsten Serrubabel, den Hohenprister Josua und die Propheten Haggai und
Sacharja bis zum Jahre 516 ausgeführt wurde (Esra 5,1; 6,14;135. Den ei-
gentlich Wiederaufbau der Stadt vollführten erst, einige Jahrzehnte später,
der Priester Esra, der Statthalter Nehemia und der Prophet Maleachi.
Ihre Tätigkeit setzte ein mit dem auch die politische Neuorganisierung Palä-
stinas betreffenden Erlass des persischen Königs Artaxerxes l. Longimanus
(Arthasastha) im siebenten Jahre seiner Regierung (465-424), also im Jahre
457 (Esra 7,25; 7). Der Beginn der Tätigkeit Esras ist also der Anfang der
siebenzig Jahrwochen. Wenn Nehemia erst einige Jahre später (445) mit
dem Mauerbau beginnen konnte, so lag dies daran, dass sich dem grundle-
genden Anfang zunächst besondere Schwierigkeiten in den Weg gestellt hat-
ten. Aber Anfang und „Ausgang“ blieb jener erstere Erlass trotzdem.136
Rechnen wir nun zu diesem Jahre 457 die geweissagten 69 Jahrewochen,
d.h. 483 Jahre hinzu, so kommen wir in das Jahr 26/27 nach Christi Ge-
burt, also genau in das Jahr, in dem Christus, nach Luk. 3,1; 2, kurz hinter
Johannes dem Täufer, mit der Himmelreichsbotschaft begann! Denn als des
HErr auftrat, war er ungefähr 30 Jahre alt (Luk.3,23), und da Herodes der
Grosse seine Geburt noch miterlebt hat (Matth.2), selber aber schon im Jah-
re 749 der Stadt Rom, also „4 vor Chr. Geb.“, gestroben ist, muss der HErr
schon vier oder fünf Jahre vor dem Beginn der chrstlichen Zeitrechnung ge-
boren worden sein, war also buchstäblich beim Beginn seiner öffentlichen
Tätigkeit, im Jahre 26/27, „etwa dreissig Jahre alt“.137
So hat auch hier die Erfüllung in überraschendster Weise die Wiessagung
bestätigt; und indem die alttestamentliche Messiasprophetie die Menschheit
des Erlösers nach Familie, Ort und Zeit genau bestimmt hatte, hat sie sich
gleichzeitig als ein vollkommenes, göttliches Gemälde erwiesen.
2. Die prophetische Vorausahnung der Gottheit des Messias. Aber auch
die Gottheit des Messias ist im Alten Testament - wenn auch nur verhüllt

135
Hos.3,5; 2,17-19; Jes. 11,9; Zeph. 3,13.
136
Ebenso erklären Auberlen, Stockmann, Dächsels Bibelwerk, B. Keller, auch Isaak Newton (der be-
kannte Physiker). Vgl. G. Stokmann, Die Erlebnisse und Gesichte des Propheten Daniel, Gütersloh 1922,
S. 147ff.
137
Bekannt ist, dass sich Victorin v. Aquitanien (gest. 465) und der römische Abt Dionysus Exiguus
(gest. um 556) bei der Festsetzung der christlichen Zeitrechnung um 4-6 Jahre geirrt haben. Das Jahr "1"
der christlichen Zeitrechnung sollte nicht gleich "753" der Stadt Rom sein, sondern zum mindesten 749,
wenn nicht noch 1 oder 2 Jahre früher. Das Jahr 26 ist auch das "15. Jahr des Tiberius" (Luk. 3,1). Denn
dorft rechnet Lukas die Regierungsjahre nicht von der Alleinherrschaft des Tiberius ab (d.h. vom Tode
des Augustus am 19. August 14), sondern von seiner Erhebung in die Mitregentschaft (kurz vor dem 16.
Januar 12).- Vgl. v. Zahn Lukaskommentar, Leipzig 1920, S. 183-188; 205 f.
und in Bilder und Rätselworten - angedeutet. Zuerst am verhältnismässig
84 deutlichsten in der Nathansweisagung: „Ich will sein Vater sein, und er soll
mein Sohn sein“ (1.Chron.17,13). Sich darauf gründend, nennt David in
Psalm 110 seinen Sohn senen „HErrn“ (Ps.110,1; Matt.22,44; 45), und der
vorbildliche David legt, gleichsam vom Throne herabgestigen, seine Krone
zu den Füssen dessen nieder, der, sitzend zur Rechten des HErrn, der ei-
gentliche, wahre "David" ist (Hos. 3,5; Hes.37,24;25). Weiterhin sagt der-
selbe (Apg. 4,25) Psalmist: "Küsset den Sohn, dass er nicht zürne" und:
"Der HErr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich
gezeugt" (Ps.2,12; 7), ein Wort, weches das Neue Testament auf die Aufer-
stehung Jesu bezieht (Apg. 13,33 vgl. Röm. 1,4), die ja sein vErsetzwerrden
aus dem Leben in Knechtschaft in das Leben der Erhöhung war und also
seine "Zeugung" in sein königliches Dasein.
Auf die Gottheit des Messias weist ferner bildhaft auch Jesaja hin, indem er
den "Wurzelzweig Isais" (Jes. 11,1) als "Zemach (Spross) des HErrn unsere
Gerechtigkeit" (Jer. 23,5; 6) und für Maleachi "der HErr, den ihr sucht" und
"der Engel des Bundes, des ihr begehrt" (Mal, 3,1).138

ll. Das Werk des Messias


Wie die Person des Messias von den Propheten unter einem harmonischen
Gegensatz geschaut worden war, so auch sein Werk. Dort war es der Ge-
gensatz zwischen Gottheit und Menschheit, hier zwischen Niedrigkeit und
Hoheit. Die "Leiden, die auf Christum kommen sollten" und "die Herrlich-
keiten danach" - das ist der zweifache Grundinhalt aller ihrer Weissagung (1.
Petr. 1,11).
1. C h r i s t i K o m m e n N i e d r i g k e i t. In einem geradezu gross-
artigen Kleingemälde schikdert sie sein erstes Kommen, diesen dunklen Un-
tergrund seiner strahlenden Königsherrlichkeit.
Sein Geborenwerden in Bethlehem: Micha 5,1; Matth. 2,1;
Sein Auftreten und Galiläa: Jes. 8,23-9,6; Matth. 4,14-16,
Seine Sanftmut und Zartheit: Jes. 42,2; 3, Matth.12,17-21;
Seine verzehrenden Feuereifer: Ps. 69,10; Joh. 2,17; Matth. 21,12;
Seine Wunder und Krankenheilungen: Jes.53,4; Matth. 8,16;17;
Seinen Einzug in Jerusalem: Sach. 9,9; Matth.21,4;5;
Die Wut seiner Feinde: Ps. 2,1-4; Apg. 4,25-28;
Sein Verlassenwerden durch seine Freunde: Sach. 13,7; Matth.26,31;
Sein Verratenwerden um 30 Silberlinge: Sach. 11,12; Matth. 26,15;
Sein Durchbohrtsein am Kreuz: Ps. 22,17;18; Joh. 20,25-27;
Sein Getränktwerden mit Essig: Ps. 69,22; Matth. 27,34;
Seinen Schmerzensruf in der Not: Ps. 22,2; Matth. 27,46;
Seinen Siegesruf: "Es ist vollbracht!" Ps. 22,32; Joh. 19.30;
Das Nichtzerbrechen seiner Gebeine: 2. Mose 12,46; Ps. 34,21;
Den Speerstich der Legionäre: Sach. 12,10; Joh. 19,27:

138
Hierher gehört auch das Selbstzeugnis der ewigen "Weisheit" in Spr.8,22-31. Vgl. Joh. 1,1-3. - Auch
die obige Reihenfolge ist geschichtlich geordnet: Nathan und David um 1050, Jesaja und Micha um 720,
Jeremia um 586, Maleachi um 430.
Das Loswerfen um sein Gewand. Ps. 22,19; Matth. 27,35;
Seine Auferstheung am dritten Tage: Ps. 16,10; Apg.2,25-31; 85
Seine Auffahrt in den Himmel: Ps. 110,1; Apg. 2.34,35
Durch dies alles ist er der leidende und triumphierende "Gottensknecht",
der, als der Stellvertreter der Sünder, die Erlösung vollbringt und also Jesaja
53, diese wunderbarste Weissagung des Alten Testaments, erfüllt (Apg.
8,32-35).
2. Christi Kommen in Herrlichkeit. Aber auch das z w e i t e Kommen
des HErrn wird in lebendigster Farbenpracht geschildert. Hierbei schauen
die Propfeten, nach dem Gesetz der "prophetischen Perspektive", das erste
umd zweite Kommen Christi oft in e i n e m Bilde zusammen (Jes. 61,1;2;
Luk. 4,18-20).
Gekrönt mit der gold-silbernen Doppelkrone (Sach. 6,11-13) des melchi-
sedekschen Königs-und Priestertums (Ps. 110,4), herrscht der Messias in
Gerechtigkeit und siebenfacher Geisterfülle über sein Reich (Jes. 11,2-4).
Bekehrung159 und Vereinigung Israels (Hes.37,15-22),
Erneuerung der Nationen (Zeph.3,9),
Segenungen der Natur (Jes. 11,6-8;Hos.2,23;24).
erhöhter Glanz von Sonne und Mond (Jes.30,26)-
Das sind einige der Herrlichkeiten dieses goldenen Zeitalters.
So gleicht das Alte Testamment einem gestrinten Nachthimmel gleichwie
das Neue einem sonnenhellen Tag, "und ist kein Wort im Neuen Testament,
das nicht hinter sich sehe in das Alte, darinnen es zuvor vorkundigt ist;...
denn das Neue Testament ist nicht mehr denn eine Offenbarung des Alten,
gleich als wenn jemand zum ersten ein beschlossen Brief hätte und danach
aufbräche" (Luther)139. An die letzte Messiasprophetie des Alten Bundes
(Mal.3,1) knüpft dann die erste Geburtsankünkigung des Neuen Bundes an
(Gabriel an Zacharieas: Luk. 1,5-17). Denn Christus ist das Omega des Al-
ten und das Alpha des Neuen Testaments.

lll. D a s S c h w e i g e n G o t t e s
Die Propheten hatten geradet. Fast 4000 Jahre lang hatte Gott sich geof-
fenbart, zuerst in der Menschheit, dann besonders in Israel. Namentlich seit
Mose hatte es eine ununterbrochene Kette prophetischer Botschaften gege-
ben.
Dann plötzlich mit Maleachi verstummt die Prophetie. Gott zieht sich in
seine Himmelshöhe zurück und - schweigt -, schweigt 400 Jahre! -,
schweigt und harrt.-
Und die Menschheit hier untern im Tränental muss noch weiter fast ein
hlbes Jahrtausend auf den verheissenen Erlöser warten! Und doch ist schon
alles gesagt, was vor dem Erscheinen des Weltheilands zu sagen war! Die
alttestamentliche Gottesoffenbarung ist schon vierhundert Jahre vor Christi
Geburt abgeschlossen und fertig!

139
Kirchenpostille von 1522 (WA., Bd. X, 1. Abt., 1. Hälfte, S. 181 f.)
Wozu da noch diese Schule der Sehnsucht für die Gläubigen in Israel, diese
86 so lange Zwischenzeit zwischen Maleachi und Johannes dem Täufer? Wa-
rum kam Christus nicht schon zur Zeit Maleachis?
Die Antwort lingt darin, dass das Evangelium nicht nur offenbarungsge-
schchtlich, sondern auch welt-und kulturgeschichtlich vorbereitet werden
musste. Und gerade dies geschah in der Zwischenzeit zwischen dem Alten
und dem Neuen Testament, besonders durch Alexander den Grossen, den
Hellenisums und das Römerreich. Damit aber treten die Weltreiche unter
den GEsichtspunkt der Heilsvorbereitung, und der offenbarungsgeschichte
schweigende Gott ist zugleich der weltgeschichtlich handelnde Gott.
Hier ist es besonders das Buch Daniel, welches die Nacht dieses halgen Jahr-
tausend erleuchtet.
Zwei lange, offenbarungslose Zeiten kennt die Heilsgeschichte der Bibel:
die Zeit zwischen Maleachi und Johannes dem Täufer und die Zeit zwischen
kChristus und dem kommenden Gottesreich. Die erste währte 400 Jahre;
die zweite währt jetzt schon fast 2000 Jahre. Beides sind "Zeiten der Natio-
nen" (Luk.21,24).
Die Leuchte der ersten ist der Völkerprophet Daniel, der Leistern der letzte-
ren ist die Offenbarung Johannes. Das Buch Daniel wurde den Heiligen des
Alten bundes gegeben beim Eintritt in die Nacht zwischen der ersten Zer-
störung Jerusalems (586 v. Chr.) und dem ersten Erscheinen des HErrn.
Die O f f e n b a r u n g
J o h a n n e s wurde den Heiligen des Neuen bundes gegeben beim Eintritt
in die Nacht zwischen der zweiten Zerstörung Jerusalems (70 nach Chr.)
und dem zweiten Erscheinen des HErrn.140 So gehären sie denn beiden zu-
sammen: das eine ist das Genstück des andern, und das zweite ist die
Vollendung des ersten.

2.1.2. Typologische Hinweise des AT


Einige Vorbemerkungen zur Typologie allgemein. Das Wort Typus er-
scheint nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Philosophie, Medi-
zin und anderen Wissenschaften. In all diesen Fachgebieten ist die grundle-
gende Idee dieselbe, nur die Anwendung ist verschieden. Eine Ähnlichkeit
irgendwelcher Art, real oder nur angenommen, liegt immer zu Grunde. In
der Wissenschaft der Theologie bedeutet es „die vorherbestimmte repräsen-
tative Beziehung, welche gewisse Personen, Ereignisse und Institutionen des
Alten Testaments besitzen und sie mit Peronen, Ereignissen und Institutio-
nen des Neuen Testaments verbinden“141. Dementsprechend ist der Typus
immer etwas reales, nicht fiktives oder ein ideelles Symbol. Und zudem ist
es keine gewöhnliche Tatsache oder ein Vorfall in der Geschichte, sondern
einer von erhobener Würde und Wert - ein göttlich eingesetztes vom allwis-
senden Herrscher um etwas voraus zu schatten. Drei Dinge sind wichtig,
dass etwas als Typus gilt.

140
Vgl. Auberlen bei P. Althaus, Die letzten Dinge, LGütersloh 1933, S. 253.
141
„In the science of theology it properly signifies the preordained representative relation which certain
persons, events and institutions of the Old Testament bear to corresponding persons, events and institu-
tions in the New“ (M. Terry, „Biblical Hermeneutics“, Grand Rapids 1986,14),
1. Es existiert eine beachtliche Ähnlichkeit oder Analogie zwischen den
Zweien. Sie können in gewisser Hinsicht sehr verschieden sein. Ja es ist ge- 87
nauso wichtig, dass sich die beiden in anderen Dingen deutlich unterschei-
den.
Adam z.B. ist ein Typus auf Christus hin, aber nur als Erstling seiner Rasse, als der erste Repräsentant der
Menschheit; und in Röm.5,14-20 und 1.Kor.15,45-49 beschreibt der Apostel mehr Unterschiede als Ähn-
lichkeiten.
2. Es muss Anzeichen und Beweise geben, dass der Typus von Gott dazu
bestimmt und eingesetzt war, das Vorzuschattende zu repräsentieren. Aller-
dings meint dies nicht, wie einige extreme Ausleger meinen, dass nur dieje-
nigen Typen als solche gelten, die im Neuen Testament als solche deklariert
werden.
3. Der Typus muss etwas in der Zukunft vorstellen. Er muss in der göttli-
chen Ökonomie als Schatten auf zukünftige Dinge hinweisen (Vgl. Kol.2,
17; Hebr. 10,1). Daher ist diese heilige Typologie eine spezifische Form
von prophetischer Offenbarung.
Es existieren fünf grundsätzliche Klassen von Typen im Alten Testament:
(1) Typologische Personen (2) Typologische Institutionen (3) Typologische
Dienste und Ämter (4) Typologische Ereignisse und (5) Typologische
Handlungen.

2.1.2.1. Messianische Vorläufer


(1) Adam: 1.Kor.15,45: "Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer leben-
digen Seele, der letzte Adam zu einem lebendig machenden Geist" (Zit.
Gen.2,7) / Rö.5,12-21 (Durch Adam den Tod, durch Christus das Leben.)
(2) Abraham, als Urheber und erster Vertreter des Gottesvolkes Hebr.11,8-
10; Gal.3,14 "...damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Natio-
nen komme..." (Jesus als Segensvollstrecker.) (Weiterer Hinweis: ...)
(3) Melchisedek: Hebr.7,3: "Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechts-
register, hat er weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens, er gleicht
dem Sohn Gottes und bleibt Priester auf immerdar " Gen.14,18; Ps.110;
Hebr.7
(4) Joseph: Vom Vater geliebt (Gen.37,3 / Mt.3,17), ausgezeichnet
(Gen.37,3f; Ps.45,3-8; Hebr.1,8f), sucht seine Brüder (Gen.37,16;
Hebr.2,11), gehasst (Gen.37,4; Joh.1,11; 15,18), verkauft (Gen.37,28;
Sach.11,12; Mt.26,l5), durch Leiden zur Erhöhung (Gen.39-41; Phil.2,5-
11; Hebr.2,10), begnadigt seine Brüder (Gen.45;50, 15ff; Eph.1,6), erhält
und schenkt seinen Brüdern Leben (Gen.50,20; Joh.3,16; 1.Joh.5,20).
(5) Moses: Von Gott beauftragter Erlöser (Ex.3; Hebr.11,23-29), wobei
Jesu Auftrag universal ist, d.h. Erlöser der ganzen Welt (Mt.1,21; Lk.19,10;
1.Joh.2,2). Mittler des alten Bundes (Ex.24,7f; Hebr.9,19-22), Jesus als
Mittler des neuen Bundes (1.Tim.2,5; Hebr.9,14-17). Er war treu im gan-
zen Haus (Hebr.3,2.5 / vergl. Prof.E.Hoffmann in Fundamentum 3/1981,
S.27f), wobei Jesus "grösserer Herrlichkeit gewürdigt worden" ist
(Hebr.3,2.3.6). Er war Prophet (Dtr.18,15.19) wie Jesus auch (Ag.3,22;
7,37).
(6) David bezügl. messianischem Königreich und Stammvater (Hes.34,23-
25: "...ich werde einen Hirten über sie erwecken ... meinen Knecht David ...
wird Fürst sein in ihrer Mitte..."; Lk.1,32: "...der Herr, Gott, wird ihm den
88 Thron seines Vaters David geben...")
(7) Josua: Hebr.4,8-10; gleicher Name (..., d.h. "Jahwe ist Heil")
(8) Jona: Mt.12,39-41, das Zeichen Jonas, des Propheten
(9ff evtl. Isaak, Daniel, Johannes der Täufer etc.)

2.1.2.2. Typologische Ereignisse im Alten Testament


(1) Opferung Isaaks (Gen.22) als Typologie für das Kreuz Jesu (vgl. Hebr.
11,17; Rö.8,32; Joh.3,16).
Wesentliche Inhalte: Der Erstgeborene; das stellvertretende Opfer.
(2) Die erhöhte Schlange (Nu.21; Joh.3,14f).
Wesentliche Inhalte: Das tödliche Gift der Sünde; Glauben als Blick zu Gottes Heilspfahl.
(3) Das Passahlamm (Ex.12; Joh.1,29.36). 1.Kor.5,7f: "Denn auch unser
Passah, Christus, ist geschlachtet. ..."; 1.Petr.1,18f.
Wesentliche Inhalte: Stellvertretung durch das Lamm; Bedeutung des Blutes; Abwenden des Gerichtes
Gottes. / Interessantes Detail: Mit Auszug und mit Christus begann eine neue Zeitrechnung. Vergl.
1.Kö.6,1.
(4) Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen (Ex.16,15; Joh.6;
Ex.17,6; Joh.4; 1.Kor.10,3f).
Wesentliche Inhalte: Nahrung für den Menschen; Notwendigkeit des täglichen Gehorsams.

2.1.2.3. Typologische Einrichtungen im Alten Testament


(1) Der Opferdienst im alten Testament (Hebr.10,1ff)
(2) Die Stiftshütte (vgl. unten Pkt. 2.2.4.)

2.1.2.4. Jesus in der Stiftshütte


2.1.2.4.1. In der Stiftshütte selber
1. Die Eingangs-Türe
Jesus ist die Türe, weil er der einzige Zugang zum Vater, d.h. in die Ge-
genwart Gottes darstellt.
Ex.27,16: „Das Tor des Vorhofs aber soll einen Vorhang von zwanzig Ellen ha-
ben, aus violettem und rotem Purpur, Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in
Buntwirkerarbeit, ihre vier Säulen und ihre vier Füsse“. Joh.10,7.9: „Jesus
sprach nun wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür
der Schafe. * Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er erret-
tet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden“.
Mt.7,13f: Geht ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben
führt, und viele sind, die auf ihm hineingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Le-
ben führt, und wenige sind, die ihn finden.; Lk.13,24-27: Ringt danach, durch die enge Pforte einzuge-
hen; denn viele, sage ich euch, werden einzugehen suchen und werden es nicht vermögen. Sobald der
Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und ihr anfangen werdet, draussen zu stehen und
an der Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf! wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne
euch nicht und weiss nicht, woher ihr seid. Dann werdet ihr anfangen, zu sagen: Wir haben vor dir geges-
sen und getrunken, und auf unseren Strassen hast du gelehrt. Und er wird sagen: Ich sage euch, ich kenne
euch nicht und weiss nicht, woher ihr seid. Weicht von mir, alle ihr Übeltäter!
Was die Materialien betrifft, so sind drei Tatsachen bemerkenswert. (a) Der Umhang war von weissem,
gezwirnten Leinen. Ein Bild für die unbefleckte Reinheit und Heiligkeit unseres Heilandes (vgl. Jes.64,6;
Joh.8,46). (b) Die vier Säulen ruhten auf ehernen Füssen. Sie sind ein Symbol der Kraft und Gerech-
tigkeit Jesu und Gottes. „Die Gerechtigkeit der Heiligen, die köstliche Leinwand, kann nicht aus sich sel-
ber stehen, sie muss von der unzerbrechlichen Gerechtigkeit Gottes, durch die Säulen mit ehernen Füssen
gehalten werden“. (c) Die Querstäbe und Haken waren aus Silber. Das Silber, das jeder Israelit als
Sühnopfer für die Versöhnung seiner Seele dem Herrn geben musste (Ex. 30,12), war nur ein Teil des
Lösegeldes. Wenn die Juden um sich blickten in der SH, konnten sie überall das Silber, das Sinnbild der
Versöhnung sehen. 89
2. Der Brandopferaltar inkl. stellvertretendes Blutvergiessen und
Sühne für die Sünden
Der eherne Altar ist ein dreifaches Gleichnisbild von Jesus als unserem Ver-
söhner. Jesus ist der Altar, das Opfer und der Priester zugleich. Der Altar
spricht vom Leben, das Opfer von seinem Tode und der Priester von seinem
Auferstehungsleben.
Ex.27,1-8: „Den Altar sollst du aus Akazienholz machen, fünf Ellen lang und fünf Ellen breit - viereckig
soll der Altar sein - und drei Ellen hoch. Seine Hörner mache an seinen vier Ecken - seine Hörner sollen
aus einem Stück mit ihm sein - und überziehe ihn mit Bronze! Fertige auch seine Töpfe an, die man
braucht, um ihn von der Fettasche zu reinigen, und seine Schaufeln, seine Sprengschalen, seine Fleischga-
beln und seine Feuerbecken! Für all seine Geräte sollst du Bronze verwenden. Und mache für ihn ein
bronzenes Gitter wie ein Netz, befestige an dem Netzgitter vier bronzene Ringe an seinen vier Ecken und
setze es unter die Einfassung des Altars, von unten her, dass das Netz bis zur halben Höhe des Altars
reicht! Mache auch Stangen für den Altar, Stangen aus Akazienholz, und überzieh sie mit Bronze! Diese
seine Stangen sollen in die Ringe gesteckt werden, so dass die Stangen an beiden Seiten des Altars sind,
wenn man ihn trägt. Aus Brettern sollst du ihn anfertigen - innen hohl. Wie es dir auf dem Berg gezeigt
worden ist, so soll man ihn machen.;
Lev.17,11: Denn die Seele des Fleisches ist im Blut, und ich selbst habe es
euch auf den Altar gegeben, Sühnung für eure Seelen zu erwirken. Denn das
Blut ist es, das Sühnung tut durch die Seele in ihm. Hebr.9,22: ... und fast
alle Dinge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutver-
giessen gibt es keine Vergebung. Hebr.7,27: ... der nicht Tag für Tag nötig
hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer
darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies hat er ein für allemal ge-
tan, als er sich selbst dargebracht hat.
Das Material: Akazienholz, ein Bild der menschlichen Natur des Erlösers. Mit Erz überzogen, ein Sym-
bol der göttlichen Kraft.
3. Das Waschbecken für die Heiligung im Sinne der täglichen
Reinigung
Ex.30,17-21: Und der HERR redete zu Mose und sprach: Stelle ein bronzenes Becken und sein bronzenes
Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein,
und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füsse darin waschen! Wenn sie in das Zelt der
Begegnung hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, damit sie nicht sterben. Oder wenn sie an
den Altar herantreten zum Dienst, um für den HERRN ein Feueropfer als Rauch aufsteigen zu lassen,
dann sollen sie ihre Hände und ihre Füsse waschen, damit sie nicht sterben. Und das soll für sie eine ewige
Ordnung sein, für ihn und seine Nachkommen, für all ihre Generationen.
Eph.5,25b.26: ... wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich
selbst für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, sie reinigend durch das
Wasserbad im Wort. 1.Joh.3,3: Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat,
reinigt sich selbst, wie er rein ist. 2.Kor.7,1: Da wir nun diese Verheissung
haben, Geliebte, so wollen wir uns reinigen von jeder Befleckung des Flei-
sches und des Geistes und die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.
4. Das Material der Stiftshütte und der Umzäunung

5. Der Leuchter und das Licht der Welt


Ex.25,31-40: „Und du sollst einen Leuchter aus reinem Gold machen. In getriebener Arbeit soll der
Leuchter gemacht werden, sein Fussgestell und seine Schaftröhre. Seine Kelche, Knäufe und Blüten sollen
aus einem Stück mit ihm sein. Sechs Arme sollen von seinen beiden Seiten ausgehen: drei Arme des
Leuchters aus seiner einen Seite und drei Arme des Leuchters aus seiner andern Seite. Drei Kelche in der
Form von Mandelblüten seien an dem einen Arm, aus Knauf und Blüte bestehend, und drei Kelche in der
Form von Mandelblüten am nächsten Arm, aus Knauf und Blüte bestehend; so sei es an den sechs Armen,
die vom Leuchter ausgehen. Am Leuchter aber sollen vier Kelche sein in der Form von Mandelblüten, aus
seinen Knäufen und Blüten bestehend; und zwar ein Knauf unter den ersten zwei von ihm ausgehenden
Armen, ein Knauf unter den nächsten zwei von ihm ausgehenden Armen und wieder ein Knauf unter den
dritten zwei von ihm ausgehenden Armen; so sei es an den sechs Armen, die vom Leuchter ausgehen. Ihre
Knäufe und Arme sollen aus einem Stück mit ihm sein. Der ganze Leuchter sei eine getriebene Arbeit, aus
90 reinem Gold. Und fertige seine sieben Lampen an, und man soll seine Lampen daraufsetzen, so dass jede
auf die ihm gegenüberliegende Seite leuchtet. Auch ihre Dochtscheren und Feuerbecken sollst du aus rei-
nem Gold herstellen. Aus einem Talent reinen Goldes soll man ihn machen mit all diesen Geräten. Und
sieh zu, dass du alles nach ihrem Urbild machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist!
Joh.1,9: Das war das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden
Menschen erleuchtet. Joh.8,12: Jesus redete nun wieder zu ihnen und
sprach: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der
Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. Joh.9,5: So-
lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Mt.5,14 (Gläubigen); Off.1,12ff (Ältesten / Gemeinden)
6. Der Schaubrottisch
Ex.25,23.24.30: Und du sollst einen Tisch aus Akazienholz machen: zwei Ellen sei seine Länge, eine Elle
seine Breite und anderthalb Ellen seine Höhe. Den überzieh mit reinem Gold und bringe an ihm ringsum
eine goldene Kante an! Mache an ihm ringsum eine Leiste von einer Handbreit und bringe an seiner Leis-
te ringsum eine goldene Kante an! Auf den Tisch aber sollst du beständig vor mein Angesicht
Schaubrote legen.
Joh.6,47-51: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, hat ewiges Le-
ben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben das Manna in der Wüs-
te gegessen und sind gestorben. Dies aber ist das Brot, das aus dem Himmel
herabkommt, damit man davon esse und nicht sterbe. Ich bin das lebendige
Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem
Brot isst, wird er leben in Ewigkeit. Das Brot aber, das ich geben werde, ist
mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt. Mt.26,26p:
"...dies ist mein Leib!"; 1.Kor.10,16.17: Der Kelch der Segnung, den wir
segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das
wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus? Denn ein
Brot, ein Leib sind wir, die vielen, denn wir alle nehmen teil an dem einen
Brot.
7. Der Räucheraltar
Ex.30,1-10: Ferner sollst du einen Altar anfertigen zum Räuchern des Räucherwerks, aus Akazienholz
sollst du ihn machen: eine Elle seine Länge und eine Elle seine Breite - viereckig soll er sein - und zwei
Ellen seine Höhe; seine Hörner sollen aus einem Stück mit ihm sein. Und überzieh ihn mit reinem Gold,
seine Platte und seine Wände ringsum sowie seine Hörner, und bringe an ihm ringsum eine goldene Kan-
te an! Und bringe an ihm unter seiner Kante zwei goldene Ringe an! An seine beiden Seiten sollst du sie
anbringen, an seine beiden Wände. Die sollen als Behälter für die Stangen dienen, damit man ihn daran
tragen kann. Und stelle die Stangen aus Akazienholz her und überzieh sie mit Gold! Und stelle ihn vor
dem Vorhang auf, der an der Lade des Zeugnisses ist, vor der Deckplatte, die über dem Zeugnis liegt, wo
ich dir begegnen werde. Und Aaron soll wohlriechendes Räucherwerk als Rauch aufsteigen lassen. Mor-
gen für Morgen, wenn er die Lampen zurichtet, soll er es als Rauch aufsteigen lassen. Auch wenn Aaron
die Lampen zwischen den zwei Abenden aufsetzt, soll er es als Rauch aufsteigen lassen. Dies sei ein regel-
mässiges Räucheropfer vor dem HERRN für all eure Generationen. Ihr dürft kein fremdes Räucherwerk
auf ihm darbringen, auch kein Brandopfer oder Speisopfer; auch Trankopfer dürft ihr nicht auf ihm aus-
giessen. Und Aaron soll einmal im Jahr an seinen Hörnern Sühnung vollziehen mit dem Blut des Sündop-
fers der Versöhnung; einmal im Jahr soll er Sühnung an ihm vollziehen, für all eure Generationen: Hoch-
heilig ist er dem HERRN.
Die Gebete der Heiligen: Ps.141,2: Lass als Rauchopfer vor dir stehen
mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend.
Off.8,3.4: Und ein anderer Engel kam und stellte sich an den Altar, und er
hatte ein goldenes Räucherfass; und es wurde ihm viel Räucherwerk gege-
ben, damit er es für die Gebete aller Heiligen auf den goldenen Altar gebe,
der vor dem Thron ist. Und der Rauch des Räucherwerks stieg mit den Ge-
beten der Heiligen auf aus der Hand des Engels vor Gott. / Wohlgeruch
des Opfers: Eph.5,2: Und wandelt in Liebe, wie auch der Christus euch ge-
liebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Gabe und Schlachtopfer,
Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.
Ein Hinweis auf Jesus ist dieser Räucheraltar in dem Sinne, dass er der Ort
ist (oder die Person), wo wir Gott unsere Dankbarkeit und Anbetung 91
darbringen können.
„Die Masse des Räucheraltars und des Schaubrottisches stehen in merkwürdiger Beziehung zueinander.
Der Schaubrottisch hat eine Länge von zwei Ellen und eine Breite von einer Elle. Der goldene Altar hat
eine Höhe von zwei Ellen, seine Länge und Breite betrug je eine Elle. (...) Die Höhe des goldenen Altars
weist auf seine ausschliesslich nach oben gerichtete Tätigkeit hin. Sie bezieht sich auf seinen heiligen
Dienst, den er für uns vor unserem Gott und Vater ausübt. Der Herr Jesus Christus steht hier in der be-
sonderen Würde des Hohenpriesters vor uns“ (Kiene, S.115).
8. Der Vorhang
Ex.26,31; Mt.27,51p (Riss); Hebr.10,19f: "...durch das Blut Jesu Freimü-
tigkeit zum Eintritt...durch den Vorhang - das ist durch sein Fleisch - ..."
9. Die Bundeslade
Ex.25,10-22 (7xGnadenthron, (...) in den Versen 17-22 mit weiter Bedeu-
tung), auch Inhalt wichtig'/ (Hebr.4,14-16; Rö.3,25: "Ihn hat Gott darge-
stellt zu einem Gnadenstuhl (...) durch den Glauben an sein Blut...")

Die Stiftshütte nach Paul F. Keine, „Das Heiligtum Gottes in der Wüste Sinai“, S.156
2.1.2.4.2. Jesus im Priesterdienst der Stiftshütte allgemein
Vergleiche hierzu folgende Literatur:
- Schultz Samuel J., „Die Welt des Alten Testaments“ (Kap.4.5. Die Opfer,
S.81-85); ICI, Asslar 1988.
„Die Gesetze und Anweisungen für das Opfer, die am Berg Sinai gegeben
wurden, weisen nicht darauf hin, dass es vor dieser Zeit keine Opfer gab.
Ob die verschiedenen Arten von Opfern klar unterschieden wurden und den
Israeliten bekannt waren, ist umstritten, aber der Brauch, Opfer darzubrin-
gen, war ihnen zweifellos aus den Berichten über Kain, Abel, Noah und die
Patriarchen bekannt. Als Mose die Freilassung Israels vom Pharao verlangte,
erwartete er, dass Opfer dargebracht werden würden, und führte dies nach
dem Auszug aus Ägypten ein (2. Mose 5,1-3; 18,12 und 24,5).
Nun, wo Israel eine freie Nation war und einen Bund mit Gott geschlossen
92 hatte, wurden spezielle Anweisungen hinsichtlich verschiedener Arten von
Opfern gegeben. Durch das vorschriftsgemässe Darbringen dieser Opfer
hatten die Israeliten die Gelegenheit, Gott auf ihm angenehme Weise zu
dienen (3. Mose 1-7).
Es gab vier Arten von Opfern, die das Vergiessen von Blut verlangten - das
Brandopfer, das Dankopfer, das Sündopfer und das Schuldopfer. Zum Op-
fer geeignete Tiere waren reine zahme Tiere, deren Fleisch gegessen werden
konnte, wie Schafe, Ziegen oder Rinder, männlich oder weiblich, alt oder
jung. Irn Falle extremer Armut waren Tauben als Ersatz zugelassen.
Allgemeine Regeln für das Darbringen des Opfers waren:
1. Vorführung des Tieres am Altar.
2. Die Hand des Opfernden wird auf das Opfer gelegt.
3. Das Tier wird getötet.
4. Das Blut wird auf den Altar gesprengt.
5. Das Opfer wird verbrannt.
Wenn ein Opfer für das Volk dargebracht wurde, tat es der Priester. Wenn
ein Israelit für sich selbst opferte, brachte er das Tier, legte seine Hand da-
rauf und tötete es. Der Priester versprengte dann das Blut und verbrannte
das Opfer. Derjenige, der das Opfer darbrachte, konnte nicht davon essen,
ausgenommen beim Dankopfer. Wenn mehrere Opfer zur gleichen Zeit
dargebracht wurden, ging das Sündopfer dem Brand- und dem Dankopfer
voraus.
1. Das Brandopfer
Das charakteristische Merkmal des Brandopfers war die Tatsache, dass das
gesamte Opfer auf dem Altar verzehrt wurde (3. Mose 1,5-17; 6,8-13). Die
Sühne war nicht ausgeschlossen, da die Versöhnung ein Teil jedes Blutop-
fers war. Die völlige Hingabe des Opfernden an Gott wurde durch das Ve-
nehren des ganzen Opfers ausgedrückt. Vielleicht verwies Paulus auf dieses
Opfer in seinem Aufruf zur völligen Hingabe (Röm.12,1). Israel wurde be-
fohlen, durch ein Feuer auf dem ehernen Altar bei Tag und bei Nacht ein
ständiges Brandopfer zu unterhalten. Jeden Morgen und jeden Abend wur-
de ein Lamm geopfert und sollte dadurch Israel an seine Hingabe an Gott
erinnern (2. Mose 29,38-42; 4. Mose 28,3-8).
2. Das Dankopfer
Das Dankopfer (wörtlich: Friedensopfer) war völlig freiwillig. Obwohl
Stellvertretung und Sühne auch Teil dieses Opfers waren, war das haupt-
sächliche Merkmal das Opfermahl (3.Mose 3,1-17; 7,11-34; 19,5-8; 22,21-
25). Dieses stellte die lebendige Gemeinschaft und Verbundenheit zwischen
dem Menschen und Gott dar. Der Familie und den Freunden des Opfern-
den war es erlaubt, an dem Opfermahl teilzunehmen (5. Mose 12, 6-7.17-
18). Da dies ein freiwilliges Opfer war, konnte jedes Tier, mit der Ausnah-
me von Vögeln, ohne Berücksichtigung des Alters oder Geschlechts darge-
bracht werden. Nachdem das Opfer getötet und sein Blut zur Sühnung der
Sünden versprengt worden war, wurde das Fett des Tieres auf dem Altar
verbrannt. Die Hände des Opfernden schwangen die Keule und die Brust,
und der Priester weihte durch dieses Ritual Gott diesen Teil des Tieres. Der
Rest des Opfers stand für den Opfernden und seine eingeladenen Gäste zum
Festmahl zur Verfügung. Diese freudige Gemeinschaft stellte die Freund-
schaft zwischen Gott und dem Menschen dar. 93
Es gab drei Arten von Dankopfern. Sie unterschieden sich je nach Beweg-
grund des Opfernden. Wurde das Opfer als Dank für unverdiente und uner-
wartete Segnungen dargebracht, nannte man es Lobopfer. Die zweite Mög-
lichkeit war, dass das Opfer zur Einlösung eines Gelübdes dargebracht wur-
de. Brachte man das Opfer dar, um seine Liebe zu Gott auszudrücken, wur-
de es als freiwilliges Opfer bezeichnet. Jedes dieser Opfer wurde von einem
vorgeschriebenen Speisopfer begleitet. Das Lobopfer dauerte einen Tag
lang, während die zwei anderen Opfer auf zwei Tage ausgedehnt wurden
und die Verordnung bestand, dass alle Reste am dritten Tage verbrannt
werden sollten. Der Israelit hatte hier das Vorrecht, sich der Verbindung
mit Gott, die durch den Bund bestand, auf praktische Art zu erfreuen.
3. Das Sündopfer
Sünden, die versehentlich begangen wurden, erforderten ein Sündopfer
(3.Mose 4,1-35; 6,17-23). Die Übertretung von bestimmten Verboten, die
mit dem Tod bestraft werden sollte, konnte durch ein vorgeschriebenes Op-
fer berichtigt werden. Obwohl Gott nur einen moralischen Massstab hat,
unterschied sich das Opfer je nach der Verantwortlichkeit des einzelnen.
Kein religiöser oder bürgerlicher Führer war so bedeutend, dass seine Sünde
entschuldigt werden konnte, und kein Mann war so unbedeutend, dass seine
Sünde übersehen wurde. Die vorgeschriebenen Opfer waren abgestuft: ein
junger Stier für den Hohenpriester oder das Volk Israel, ein Ziegenbock für
Stammesfürsten, eine junge Ziege für den Privatmann. Die Riten unter-
schieden sich ebenfalls. Für den Priester oder das Volk Israel wurde das Blut
siebenmal vor dem Eingang zum Allerheiligsten versprengt. Für Stammes-
fürsten oder einfache Bürger wurde das Blut auf die Hörner des Altars ge-
strichen. Da es ein Opfer zur Sühnung war, durfte der Schuldige nicht von
dem Tier essen. Daher wurde dieses Opfer entweder auf dem Altar verzehrt
oder vor dem Lager verbrannt. Es bestand jedoch eine Ausnahme -- der
Priester erhielt einen Teil, wenn er für einen Stammesfürsten oder einen
Bürger opferte.
Das Sündopfer wurde auch bei speziellen Sünden verlangt, zum Beispiel
wenn jemand sich weigerte, Zeugnis abzulegen, sich verunreinigte, oder ver-
sehentlich fluchte (3.Mose 5,1-13). Obwohl diese Sünden als beabsichtigt
betrachtet werden können, stellen sie keine vorsätzliche Schmähung Gottes
dar, deren Strafe der Tod ist (4.Mose 15,27-31). Jeder Sünder, der seine Tat
bereute, konnte ohne Berücksichtigung seines Standes Tilgung für seine
Sünde erlangen. Wenn ihm die Mittel für ein Schaf oder eine Ziege nicht
zur Verfügung standen, konnte er eine Turteltaube oder eine andere Taube
zum Opfer bringen. Im Falle extremer Armut sollte selbst eine Portion
feinstes Mehl, die einer Tagesration entsprach, dem Schuldigen die Sicher-
heit geben, dass er von Gott angenommen worden war. (Siehe 3.Mose
12,6-8; 14,19-31; 15,25-30 und 4.Mose 6,10-14 für weitere Anlässe, die
ein Sündopfer verlangten.)
4. Das Schuldopfer
Die Rechte und das Eigentum Gottes und der Mitmenschen wurden deut-
lich in den Anordnungen über das Schuldopfer dargelegt (3.Mose 5,14-26;
7,1-7). Unterliess ein Mensch, Gott die Erstgeburt, den Zehnten oder ande-
re verlangte Opfer zu bringen, verlangte dies nicht nur eine Entschädigung,
94 sondern auch ein Opfer. Der Sünder musste zusätzlich zu sechs Fünfteln der
verlangten Abgaben einen Widder opfern, um Vergebung seiner Sünden zu
erlangen. Dieses teure Opfer machte ihm den Preis der Sünde deutlich. Ver-
sündigte sich ein Mensch gegen seinen Nächsten, wurde das zusätzliche
Fünftel ebenfalls zur Entschädigung verlangt. Wenn die Wiedergutmachung
nicht an den Geschädigten oder einen nahen Verwandten entrichtet werden
konnte, musste diese Entschädigung dem Priester übergeben werden
(4.Mose 5,5-10). Die Verletzung der Rechte eines anderen Menschen stellte
ebenso ein Vergehen gegen Gott dar. Daher war ein Opfer für diese Tat er-
forderlich.
5. Das Speisopfer
Dies ist das einzige Opfer, das nicht das Leben eines Tieres verlangte, son-
dern hauptsächlich aus Feldfrüchten bestand, die den Ertrag der Arbeit des
Menschen darstellten (3.Mose 2,1-16; 6,7-16). Dieses Opfer konnte auf
verschiedene Arten dargebracht werden, immer mit Öl, Weihrauch und Salz
vermengt, aber ohne Sauerteig und Honig. Bestand ein Opfer aus Erstlings-
früchten, sollten die Ahren des neuen Getreides am Feuer geröstet werden.
Nachdem das Getreide gemahlen worden war, konnte es dem Priester als
feines Mehl oder in gebackenem Zustand (aus dem Ofen oder aus der Pfan-
ne) übergeben werden. Anscheinend war ein zweitrangiger Bestandteil die-
ses Opfers eine angemessene Menge Wein zum Trankopfer (2.Mose 39,40;
3.Mose 23,13; 4.Mose 15,5,10). Es scheint eine vertretbare Schlussfolge-
rung zu sein, dass das Speisopfer nie allein dargebracht wurde. Es war
hauptsächlich eine Zugabe zum Brand- und Dankopfer. Für diese beiden
Opfer schien es die notwendige und angemessene Ergänzung gewesen zu
sein (4.Mose 15,1-13). Dies traf auch auf das tägliche Brandopfer zu
(3.Mose 6,7-16; 4.Mose 4,16). Wenn der Priester es für das Volk darbrach-
te, wurde das gesamte Opfer verzehrt. Wenn ein Bürger opferte, brachte der
amtierende Priester nur eine Handvoll am Altar als Brandopfer dar und be-
hielt den Rest für das Heiligtum zurück. Weder das Opfer noch das Ritual
weist in irgendeiner Weise darauf hin, dass es Sühne oder Busse für Sünden
darstellte. Durch dieses Opfer bot der Israelit die Früchte seiner Arbeit an
und machte deutlich, dass sie Gott geweiht waren.
Jesus und die Opfer
Hebr.9,11-10,17
Das einmalige und vollkommene Opfer Jesu.
„Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter und ist durch das grössere und
vollkommenere Zelt - das nicht mit Händen gemacht, das heisst nicht von dieser Schöpfung ist - 12 und
nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut ein für allemal in das Heiligtum
hineingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. 13 Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren
und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, zur Reinheit des Fleisches heiligt, 14 wieviel
mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer ohne Fehler Gott dar-
gebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient! 15 Und
darum ist er Mittler eines neuen Bundes, damit, da der Tod geschehen ist zur Erlösung von den Übertre-
tungen unter dem ersten Bund, die Berufenen die Verheissung des ewigen Erbes empfangen. 16 - Denn
wo ein Testament ist, da muss notwendig der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. 17
Denn ein Testament ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt,
der das Testament gemacht hat. - 18 Daher ist auch der erste Bund nicht ohne Blut eingeweiht worden.
19 Denn als jedes Gebot nach dem Gesetz von Mose dem ganzen Volk mitgeteilt war, nahm er das Blut
der Kälber und Böcke mit Wasser und Purpurwolle und Ysop und besprengte sowohl das Buch selbst als
auch das ganze Volk 20 und sprach: ‘Dies ist das Blut des Bundes, den Gott für euch geboten hat’. 21
Aber auch das Zelt und alle Gefässe des Dienstes besprengte er ebenso mit dem Blut; 22 und fast alle Din-
ge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergiessen gibt es keine Vergebung. 23 Es
ist nun nötig, dass die Abbilder der himmlischen Dinge hierdurch gereinigt werden, die himmlischen
Dinge selbst aber durch bessere Schlachtopfer als diese. 24 Denn der Christus ist nicht hineingegangen in
ein mit Händen gemachtes Heiligtum, ein Gegenbild des wahren Heiligtums, sondern in den Himmel
95
selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen, 25 auch nicht, um sich selbst oftmals zu
opfern, wie der Hohepriester alljährlich mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht 26 - sonst hätte er
oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an -; jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeit-
alter offenbar geworden, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben. 27 Und wie es den Menschen ge-
setzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, 28 so wird auch der Christus, nachdem er einmal
geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Male ohne Beziehung zur Sünde denen
zum Heil erscheinen, die ihn erwarten.
1 Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann
es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer
vollkommen machen. 2 Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottes-
dienst Übenden einmal gereinigt, kein Sündenbewusstsein mehr gehabt hätten? 3 Doch in jenen Opfern
ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; 4 denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden
hinwegnehmen. 5 Darum spricht er, als er in die Welt kommt: ‘Schlachtopfer und Gaben hast du nicht
gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; 6 an Brandopfern und Sündopfern hast du kein Wohlgefal-
len gefunden. 7 Da sprach ich: Siehe, ich komme - in der Buchrolle steht von mir geschrieben -, um dei-
nen Willen, o Gott, zu tun’. 8 Vorher sagt er: ‘Schlachtopfer und Gaben und Brandopfer und Sündopfer
hast du nicht gewollt, noch Wohlgefallen daran gefunden’ - die doch nach dem Gesetz dargebracht werden
-, 9 dann sprach er: ‘Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun’ - er nimmt das Erste weg, um das Zwei-
te aufzurichten -. 10 In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für allemal geschehene Opfer des
Leibes Jesu Christi. 11 Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben
Schlachtopfer dar, die niemals Sünden hinwegnehmen können. 12 Dieser aber hat ein Schlachtopfer für
Sünden dargebracht und sich für immer gesetzt zur Rechten Gottes. 13 Fortan wartet er, bis seine Feinde
hingelegt sind als Schemel seiner Füsse. 14 Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für
immer vollkommen gemacht. 15 Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist; denn nachdem er gesagt
hat: 16 ‘Dies ist der Bund, den ich ihnen nach jenen Tagen errichten werde, spricht der Herr, ich werde
meine Gesetze in ihre Herzen geben und sie auch in ihre Sinne schreiben;’ 17 und: ‘Ihrer Sünden und
ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nicht mehr gedenken’. 18 Wo aber dafür eine Vergebung ist, gibt es kein
Opfer für die Sünde mehr.
2.1.2.4.3. Jesus im Hohepriester-Dienst der Stiftshütte
1. Das Hohepriester-Amt
Ex.28,1ff; Hebr.7,1-28.
2. Der Dienst am Jom Kippur, am Versöhnungstag
Lev.16; Hebr.9,11ff.

Literatur zum Thema


Brinke Georg,"Symbolik des Stiftshütte",
Aehrenleseverlag, Bern 19561
Dolmann D. H., „Jesus in der Stiftshütte“,
Bethel Verlag, Hamburg 19766
Kiene Paul F., "Das Heiligtum Gottes in der Wüste Sinai",
Hermann Schulte, Wetzlar 19773

2.1.3. Die Menschwerdung (Subjekt, Anlass, Notwendigkeit)


(a) Das Subjekt der Inkarnation
„Es war nicht der dreieine Gott, sondern die zweite Person der Trinität, die
menschliche Natur annahm. Aus diesem Grund sollte man besser sagen ‘das
Wort wurde Fleisch’, als ‘Gott wurde Mensch’. Gleichzeitig sollten wir be-
denken, dass jede der göttlichen Personen aktiv war in der Fleischwerdung
(Mt.1,20; Lk.1,35; Joh.1,14; Apg.2,30; Röm.8,3; Gal.4,4; Phil.2,7). (...)
Es ist nicht möglich, von der Fleischwerdung von jemandem zu sprechen,
der vorher nicht existierte. Diese Prä-Existenz wird deutlich gelehrt in der
Schrift (Joh.1,1; 6,38; 2.Kor.8,9; Phil.2,6.7; Gal.4,4). Der präexistente
Sohn Gottes nimmt menschliche Natur an und nimmt für sich selber
menschliches Fleisch und Blut, ein Wunder, das unser beschränktes Ver-
96 ständnis übersteigt. Aber es zeigt deutlich, dass der Unendliche in endliche
Beziehungen eintreten kann und tut und dass der Übernatürliche in einer
gewissen Weise in das geschichtliche Leben der Welt eintreten kann.142
(b) War Sünde der Anlass zur Inkarnation?
Seit der Scholastik wird die Frage debattiert, ob der Sohn Gottes Fleisch ge-
worden wäre, auch wenn der Mensch nicht gesündigt hätte. Oder anders
formuliert: Ist die Inkarnation ‘nur’ ein Teil des Erlösungskonzeptes oder
bereits in der Schöpfungsidee enthalten?
Diese zweite, weiter gefasste Sicht vertrat als erster Rupert von Deutz und nach ihm Alexander von Hales,
Duns Scotus und später Osiander, Rothe, Dorner, Lange, Van Oosterzee, Martensen, Ebrard und
Westcott. Thomas von Aquin dagegen vertrat die Position, dass der Grund für die Inkarnation im Eintre-
ten der Sünde in die Welt zu finden ist. Ihm folgten die Reformatoren und ihre Kirchen.
Als Argumente für die weitere, zweite Ansicht wird folgendes angeführt:
Eine solch gewaltige Tatsache wie die Menschwerdung kann nicht unvor-
hergesehen oder zufällig sein und kann seine Verursachung nicht in der
Sünde haben als einem zufälligen, willkürlichen Akt von Menschen. Sie
muss im ursprünglichen Plan Gottes enthalten gewesen sein. (...) Zudem
darf Christi Werk nicht beschränkt werden auf die Versöhnung und sein
Rettungswerk.
Trotzdem muss beachtet werden, dass die Schrift die Inkarnation gleichblei-
bend als von menschlicher Sünde verursacht darstellt. Die Stärke solcher
Stellen wie Lk.19,10; Joh.3,16; Gal.4,4; 1.Joh.3,8 und Phil.2,5-11 kann
man nicht leicht durchbrechen.143
Mein persönlicher Lösungsvorschlag beruht auch hier wieder auf der Unterscheidung zwischen Vorherbe-
stimmung und Vorherwissen. Weil Gott wusste, dass der Mensch seine Freiheit missbrauchen würde, ist
die Inkarnation gewissermassen im Schöpfungsplan Gottes mit eingeschlossen. Die Frage, was gewesen
wäre, wenn Adam nicht gesündigt hätte, ist unsinnig und zeitverschwendend!
(Ryrie diskutiert diese Frage ausführlich in seiner Dogmatik „Die Bibel verstehen“ auf den Seiten 356ff.
Darin lehnt er blosses Vorherwissen Gottes mit der Begründung ab, dass Vorherwissen kein neutraler
Begriff sei, sondern eine Beziehung voraussetze. Eine für mich schwer verständliche Argumentation!)
(c) Die Notwendigkeit der Inkarnation
Zuerst einige einleitende Gedanken anhand von Hebr.2,14-18: „Weil nun
die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise dar-
an Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des
Todes hat, das ist den Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht
das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren. Denn er nimmt
sich doch wohl nicht der Engel an, sondern der Nachkommenschaft Abrahams
nimmt er sich an. Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er
barmherzig und ein treuer Hoherpriester vor Gott werde, um die Sünden des Vol-
kes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann
er denen helfen, die versucht werden.“.
Hier wird eindrücklich und prägnant beantwortet, weshalb Jesus Mensch
wurde. (a) Nur so konnte er die Menschen erlösen, befreien und versöhnen.
(b) Nur auf diese Weise konnte er lernen, sie noch besser144 zu verstehen
und barmherzig zu werden. (c) Nur so wurde er befähigt, den Menschen in
ihren Versuchungen und Problemen wirklich helfen zu können.

142
Louis Berkhof, „Systematic Theology“, S.333.
143
Vgl. Louis Berkhof, „Systematic Theology“, S.333f.
144
Auch ohne Inkarnation versteht Gott die Menschen besser als sie sich selber, da er ihr Schöpfer ist.
2.1.4. Der Beginn der Erniedrigung
97
(a) Der Zeitpunkt: "Als die Zeit erfüllet war" (Gal.4,4)
Gal.4,4: (to\ plh/rwma tou~ xro/nou) Die Fülle der Zeit spricht davon, dass
Gott einen Zeitplan hat, nichts ist Zufall. Auch Eph.1,9f zeigt, dass Gott
einen Zeitpunkt kennt ("...für die Haushaltung (ei>j oi>konomi/an tou~
plhrw/matoj tw~n kairw~n) bei der Erfüllung der Zeiten...").145 1.Kor.10,11
spricht vom Zielpunkt der Aeonen; Hebr.1,2: "...am Ende der Tage..."
(Vgl.E.Hoffmann in Fundamentum Erstausgabe, S.25f) Die Stunde ist ge-
kommen und doch noch nicht (gekommen: Joh.17,1; noch nicht:
2,4;7,30;8,20).
(b) Grundsätzliche Hinweise zur Erniedrigung Jesu
Phil.2,6-8: „...der in der Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub achtete,
Gott gleich zu sein. Aber er machte sich selbst zu nichts (e<auto\n e>ke/nwsen) und
nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist (e>n
o<moiw/mati a>ncrw/pwn) und der Gestalt nach (\sxh/mati) wie ein Mensch er-
funden, erniedrigte er sich selbst (e>tapei/nwsen e<auto\n) und wurde gehorsam
bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz.“
2.Kor.8,9: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da
er reich war, um euretwillen arm wurde (o[ti di' u<ma~j e>ptw/xeusen), damit
ihr durch seine Armut reich werdet.“
Thesen:
(1) Er verliess freiwillig die Herrlichkeit des Himmels (Joh.17,5), die er
beim Vater hatte (Joh.13,31f), behielt eine verborgene Herrlichkeit (Joh.1,
14), die je und dann aufleuchtete (Joh.2,11).
(2) Phil.2,6.7 Er hielt die morfh~| ceou~ nicht fest, legte sie ab (Off.1), aber
die Verklärung zeigt (Mt.17,2p), dass sie nahe blieb!
(3) 2.Kor.8,9 Freiwillig arm zu sein bestand darin146, dass er sa/rq annahm
mit den menschlichen Begrenzungen, Schwachheiten, Versuchlichkeit.
(4) Seine Menschwerdung führte Jesus weiter hinab als den 1. Adam (Adam
wurde als Erwachsener geschaffen), als Kind (Gal.4,4) geboren.
(5) Eph.4,9 Hinuntergestiegen auch als geographische Erniedrigung (1.
Petr.3,19.20 evtl. Paralelle) z.B. tiefste Taufstelle ca. 324 Meter unter Meer.
(6) Phil.2,8 Gehorsam (gegen Gottes Plan) Lk.2,51 auch in der Familie als
echtes Kind / Hebr.5,8 Musste es auch lernen! / Joh.17,4 vollendet.
(7) Kenosis (vgl. Thiessen, S.216): Er gab keine Gotteseigenschaft auf, aber
verzichtete willentlich auf einzelne. So finden wir zuweilen beides nebenei-
nander, Stellen mit begrenztem Wissen und seine Allwissenheit! (Mt.24,36p
Begr. / Joh.1,47 Allwiss. 2,24 u.a.) / (a) einerseits totale Abhängigkeit vom
Vater Joh.5,19; lehrte Joh.7,16; 8,28; 12,49; Wunder und Zeichen Joh.
5,36; 10,32 / (b) andererseits Mt.9,28 eigene Autorität; Joh.6,63 meine

145
Vgl. Einleitung in das NT 1.6.4.: „In erster Linie handelt es sich bei der ‘Fülle der Zeit’ um wichtigste
heils- und offenbarungsgeschichtliche Aspekte. Darüber hinaus aber lohnt es sich, die Umwelt- und Zeit-
geschichte dieses heilsgeschichtlichen Höhepunktes etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Das AT
schliesst mit der Perserherrschaft ab. Nach den 450 ‘stillen Jahren’ begegnen wir in der Weihnachtsge-
schichte dem römischen Kaiser Augustus (Lk.2,1), d.h. dass zwischen dem AT und NT gewaltige politi-
sche Ereignisse stattgefunden haben“.
146
Thiessen, "Lectures in Syst. Theol. zu 2.Kor.8,9.
Worte; Joh.10,17f pers. Wille; Joh.6,36; 10,25.37f; 14,11; 15,24 / Joh.
98 14,28 Vater ist grösser; 10,30 eins; 14,19 mich - Vater.
Jede vermeindliche Präzisierung über dieses Geheimnis geht entweder
auf Kosten seiner Göttlichkeit oder Menschlichkeit!
Zusammenfassung: Dies letzte Geheimnis lässt sich hier auf Erden nicht lö-
sen oder lüften! Tatsache bleibt, dass die Menschwerdung als Gnade, als un-
verdientes Geschenk an uns Menschen beschrieben wird (vgl. Joh.1,16; 2.
Kor.8,9 u.a.). Gerade diese Verse zeigen uns die praktischen Konsequen-
zen aus der Menschwerdung auf:
1. Die Menschwerdung Gottes und damit die Geburt Jesu und Weihnachten
müssen als Gnadengeschenk angenommen werden. Besonders aber die darin
implizit enthaltenen Segnungen wie (a) die Gegenwart Gottes (b) die Sün-
denvergebung und (c) das neue Leben allgemein.
2. Weil wir Beschenkte sind, können wir andere beschenken!

2.2. Die Jungfrauengeburt

2.2.1. Von Jes.7,14 bis Mt.1,23


Jes.7,14: "Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jung-
frau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen
Immanuel nennen".
Kontext dieser interessanten Prophezeiung ist die Ankündigung der assyri-
schen Invasion. Ahas, der König will Gott nicht versuchen und kein Zei-
chen fordern:
„Und der HERR fuhr fort, zu Ahas zu reden, und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem
Gott! In der Tiefe fordere es oder oben in der Höhe! Ahas aber sagte: Ich will nicht fordern und will den
HERRN nicht prüfen. Da sprach er: Hört doch, Haus David! Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermü-
den, dass ihr auch meinen Gott ermüdet? (Jes.7,10-13)
Daraufhin verspricht Gott selber ein Zeichen: Eine Jungfrau wird schwan-
ger und der Name Immanuel (Mt.1,23) / wahrscheinlich zwei Erfüllungen!
(Kaum Hiskia, zeitlich / wahrscheinlich 2.Sohn Jesajas). HâML: Y â GB594:
a H
Mannbares Mädchen (nicht spez. Jungfrau), aber unbestimmt, ob verheira-
tet.
Wenn wir schon die zeitgemässe Auslegung wählen, dann müssen wir die
HâML a auch richtig auslegen im Sinne von Jesajas Frau! Der griechische
: Y
Ausdruck parce/noj ist bereits eine Verengung des Begriffes.
Weber weist darauf hin, dass bereits im Protevangelium ein Hinweis auf die Jungfrauengeburt zu finden
ist: „Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem
Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen“ (Gen.3,15). Ich
sehe diesen Zusammenhang jedoch nicht. Zu dieser Frage vgl. auch die Auslegung von Gen.3,15 oben
durch Prof. S. Külling auf Seite 51ff.

2.2.2. Die Tatsache der Jungfrauengeburt


E.Schweizer z.B. behauptet (NTDII), Jesus sei einer unter vielen mit Jung-
frauengeburt! Dies ist eine unhaltbare Behauptung! (Antwort darauf von
R.Riesner, ThBtr.4,81, S.83ff) / 1.Tim.3,16 / Joh.1,13 qui als 'welcher' Kir-
chenväter eindeutig für Jungfrauengeburt. Kerinth lehnte die Jungfrauenge-
burt ab. 99
Sicher geht es hier nicht um eine Randfrage! (Hi.14,4; 15,14; 25,4;
Ps.51,7 zeigen, ist entscheidend für Sündenvergebung). Röm.5,12 auch für
Jesus?
Hier die entscheidenden Stellen:
Mt.1,16-25: "Jakob aber zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher Jesus geboren wurde, der
Christus genannt wird. So sind nun alle Geschlechter von Abraham bis auf David vierzehn Geschlechter
und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Geschlechter und von der Wegführung nach
Babylon bis auf den Christus vierzehn Geschlechter. Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich aber so:
Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Joseph verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren,
schwanger erfunden von dem Heiligen Geist. Joseph aber, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht
öffentlich blossstellen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen. Während er dies aber bei sich überlegte,
siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Joseph, Sohn Davids, fürchte dich
nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geist. Und sie
wird einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von
seinen Sünden. Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den
Propheten, der spricht: ‚Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden
seinen Namen Emmanuel nennen', was übersetzt ist: Gott mit uns. Joseph aber, vom Schlaf erwacht, tat,
wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich; und er erkannte sie nicht, bis
sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte; und er nannte seinen Namen Jesus".
Lk.1,26-38: "Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt von Galiläa, mit
Namen Nazareth, gesandt, zu einer Jungfrau, die einem Mann namens Joseph, aus dem Haus Davids,
verlobt war, und der Name der Jungfrau war Maria. Und er kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüsst,
Begnadigte! Der Herr ist mit dir. Sie aber wurde bestürzt über das Wort und überlegte, was für ein Gruss
dies sei. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.
Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus
nennen. Dieser wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird ihm
den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit, und sei-
nes Königtums wird kein Ende sein. Maria aber sprach zu dem Engel: Wie wird dies zugehen, da ich von
keinem Mann weiss? Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich
kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren
werden wird, Sohn Gottes genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, auch sie erwartet
einen Sohn in ihrem Alter, und dies ist der sechste Monat bei ihr, die unfruchtbar genannt war. Denn kein
Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein. Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es
geschehe mir nach deinem Wort. Und der Engel schied von ihr".
„Neben diesen klaren Aussagen finden wir auch ein Selbstzeugnis unseres
Herrn. 12-jährig war Er im Tempel zurückgeblieben und entgegnete nun
dem Vorwurf Seiner ‘Eltern’: „Und er sprach zu ihnen: Was ist es, dass ihr
mich gesucht habt? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Va-
ters ist?“ (Lk.2,49). Nie finden wir, dass Jesus Christus Joseph als Seinen
Vater anspricht. Immer, wenn Er von Seinem Vater spricht, ist die Rede
vom göttlichen Vater im Himmel“147.
Das Geheimnis der Jungfrauengeburt
E.Schweizer schreibt (S.15), dass es sich dabei um eine moderne Frage han-
delt. Früher war dies kein Problem. Beschrieben wird sie nirgens. Matth.
und Lukas erwähnen nur Ankündigung. Ein Schleier liegt über den Details.
Mt.1,18.20.22.23.25 klare Beschreibung. Lk.1,31ff.34f.37 (Gn.18,14!);
3,23 w<j e>nomi/zeto, ‘wie man meinte’.
Die Jungfrauengeburt Jesu - eine Auseinandersetzung mit der kri-
tischen Theologie
Ein Kernstück unseres christlichen Glaubens ist und bleibt: „Das Mysterium
der Jungfrauengeburt Jesu“.148

147
Weber, S.19.
148
Christopher Engelhardt, Lübeck, BuG 4/80, S.406-408.
Vor etlichen Jahren kam es im Verlauf einer von mir geleiteten Bibelstunde
100 zur Auseinandersetzung zwischen einem jungen Theologen und mir über
die Jungfrauengeburt Jesu. Während seines Universitätsstudiums hatte er
unter anderem gelernt, dass diese nicht auf historischem Geschehen beruhe,
sondern nur ein christianisiertes Stück griechischer Göttermythologie dar-
stelle. Nun brachte er diese Anschauungen zum Ausdruck und versuchte,
ihnen mit Hilfe griechischer und hebräischer Vokabeln besonderen Nach-
druck zu verleihen. Da sich die Versammlung daraufhin in eine nutzlose
Diskussion verwickelte, musste ich ihn zum Schweigen auffordern. Die
Schrift sage es anders, stellte ich fest, folglich sei er im Unrecht. Eine öffent-
lich vorgebrachte Irrlehre könne man nicht dulden. Nach dieser zwangswei-
sen Unterbrechung verlief die weitere Bibelbetrachtung zwar ruhig, doch
erfuhr ich später, dass der junge Mann den dortigen Kreis noch bei anderen
Gelegenheiten irritiert und mit seinen Gedanken infiziert hatte. Mein ent-
schiedenes Beharren auf dem »Es steht geschrieben!« hatte wohl an jenem
Abend zu einem guten Ende geführt, aber um die Ausbreitung dieser Ideen
zu verhindern, hätte man den Zuhörern noch mehr biblische Argumente
und theologische Zusammenhänge einsichtig machen sollen und aufzeigen
müssen, wohin der falsche Weg führt, wenn er erst einmal eingeschlagen
worden ist. Will man dem Feind wirksam entgegentreten, muss die Kennt-
nis seiner Aufmarschpläne möglichst umfassend sein. So müssen auch wir
die Argumente des Glaubensgegners kennen, um sie widerlegen und zerstö-
ren zu können. Darum will ich im folgenden kurz das Denkschema der kri-
tizistischen Theologie skizzieren, die die Jungfrauengeburt Jesu ablehnt. Es
lässt sich auf zwei Grundgedanken reduzieren:
1. Das erste Argument entstammt der Traditionsgeschichte und stützt sich
auf die Grundthese, die Tradition der Jungfrauengeburt sei sehr dürftig und
trete zudem zeitlich spät auf. Der Gedankengang leitet sich von der Vermu-
tung ab, dass die ersten Zeugen im Neuen Testament von der Jungfrauen-
geburt nichts gewusst hätten. Die frühesten Schriften — die Briefe des Pau-
lus — machten keine Aussagen zur Jungfrauengeburt; vielmehr zeigten
Ausdrücke »geboren von einem Weibe« (Gal. 4, 4) u. a., dass von der Ge-
burt Jesu wie von jeder normalen Geburt gesprochen werde. Markus, den
man für den ältesten Evangelisten hält und der ums Jahr 70 geschrieben ha-
be, kenne ebenfalls keine Jungfrauengeburt. Auch die Anführung der
Stammbäume Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium widerlegten eine
Jungfrauengeburt, indem sie eine normale Abstammung voraussetzten.
Schliesslich habe auch Johannes sie nicht erwähnt, zumal sie sich rein lo-
gisch nicht mit dem johanneischen Konzept der Präexistenz vertrage. Denn
wie kann Jesus erst in Maria gezeugt werden, wenn er schon zuvor existier-
te? Diese Gedankengänge haben die kritischen Theologen unserer Zeit dazu
veranlasst, die Geburtsberichte der Evangelisten Matthäus und Lukas als
allmählich entstandene, späte Traditionen einzustufen. Bereits das Zurück-
treten von Josefs Charakter in den Evangelien weise auf die Tendenz hin,
Jesus und seine Mutter stärker zu betonen und sei der erste Schritt auf dem
Wege, der zur Vorstellung von der Jungfrauengeburt geführt habe. Die im
Neuen Testament vorliegenden Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu
werden somit als sehr spät in die Evangelien eingearbeitetes »Kolorit« ge-
wertet, das keinen Anspruch auf Historizität erhebe.
2. Das zweite Argument ist ein theologisches. Es geht von der Beobachtung
aus, dass die Jungfrauengeburt Jesu in der urchristlichen Verkündigung, wie 101
sie im Neuen Testament vorliegt, keine Rolle spielt. In den Reden der A-
postelgeschichte wird sie nicht erwähnt. Auch die Paulusbriefe, denen wir
fast unser gesamtes Wissen von der urchristlichen Verkündigung verdanken,
sprechen nicht davon. In allen wesentlichen Lehrstücken der Gemeinde, die
Glaube und Werke, Rechtfertigung und Verdammnis, christlichen Wandel
und endzeitliche Hoffnung, eben das gesamte Erlösungswerk Jesu Christi
betreffen und die Paulus in einzigartiger Weise entfaltet, wird die Jungfrau-
engeburt nicht einmal erwähnt. Demzufolge, so schliesst die kritische Theo-
logie, sei sie keine für den christlichen Glauben notwendige Lehre. Diese
Schlussfolgerung entspricht dann auch dem bereits »traditionsgeschichtlich
gesicherten« Befund. Die Jungfrauengeburt Jesu sei also ein urchristliches
theologisches Interpretament im Sinne einer Doxologie (d. h. zum Lobe
Gottes), aber kein »mechanischer« Erklärungsversuch. Sie stehe lediglich als
ein Zeichen dafür, dass Gott in Christus gehandelt habe. Das Zeichen sei
aber nicht die Sache selbst und dürfe daher für den Glauben nicht konstitu-
tiv gemacht werden.
Was sollen wir nun hierzu sagen? Das traditionsgeschichtliche Argument ist
leicht zu durchschauen. Es leitet sich von der Voraussetzung ab, dass die
Bibel reines Menschenwort sei. Man nimmt an, dass die urchristliche Ge-
meinde einige weniger zuverlässige Berichte über die Wirksamkeit Jesu auf
Erden weiter durchdacht und entfaltet habe. Die kreative Bildung neuer Je-
susgeschichten, wie z. B. auch der Jungfrauengeburt, sei nur Ausdruck eines
solchen Denkprozesses. Dieses Argument lässt sich innerhalb einer kritizisti-
schen Denkweise nicht widerlegen; denn der Lukasprolog, wonach Lukas
seine Informationen aus zuverlässiger Quelle erhalten hat, fällt dabei kaum
ins Gewicht. Wir können dem Kritikgeist nur damit entgegentreten, dass
wir uns zur Bibel als Gottes Wort bekennen. Ihre Schreiber waren vom Hei-
ligen Geist gedrungen, die Berichte wahrheitsgetreu niederzuschreiben. Ge-
ben wir dieses Fundament auf, dann verlassen wir den sicheren Felsengrund,
um uns statt dessen auf das ungewisse Schaukelspiel einer subjektiven Theo-
sophie einzulassen. Dass wir neben der ganzen und vollständigen Bibel noch
ein spezielles »Urkerygma«, gewissermassen als »Kanon im Kanon« heraus-
arbeiten könnten, diese Möglichkeit hat schon G. Maier 1974 in »Das Ende
der historisch-kritischen Methode« überzeugend ausgeschlossen. Gegenüber
dem zweiten, theologischen Argument müssen wir festhalten, dass die
Schrift keine Trennung kennt zwischen dem raum-zeitlichen Heilshandeln
Gottes und dem dieses Handeln erklärenden Wort. Es gibt kein »Kerygma«,
das nicht durch tatsächliches Geschehen abgedeckt wäre. Was sollen wir als
geschehen verkündigen, wenn nichts geschehen ist? Wie sollen wir ein wun-
dersames Ereignis recht verstehen können, wenn uns Gott nicht die autori-
tative Deutung dazu gibt? Es bliebe dem irrelevanten Bereich abnormer
Phänomene verhaftet. Ereignis und Erklärung sind in der Schrift untrenn-
bar. Gott handelt wirklich, und Er macht sein Handeln durch Sein Wort
verstehbar und transparent. In jedem Fall ist es eine sehr heikle Angelegen-
heit, etwas deuten zu wollen aufgrund der Feststellung, dass nichts davon
erwähnt wird. Und auf diese Art und Weise soll auch die Jungfrauengeburt
Jesu abgetan werden — einfach deswegen, weil viele Teile des Neuen Tes-
tamentes nichts darüber aussagen. Aber dieses »argumentum e silentio« ist
nicht stichhaltig. Ist es wahr, dass die Jungfrauengeburt Jesu nur eine
102 schmale und späte Tradition im Neuen Testament darstellt? Lesen Sie dazu
den nachfolgenden Artikel von A. T. Schofield; sie werden überrascht sein,
an wie vielen Stellen das Neue Testament die Tatsache der Jungfrauengeburt
bezeugt.“

2.2.3. Biblische Streiflichter zur Frage der Jungfrauengeburt Jesu


von A. T. Schofield.149
Ich beabsichtige nicht, die Frage der Jungfrauengeburt von einem biologi-
schen oder medizinischen Standpunkt aus zu erörtern, wie faszinierend eine
solche Studie auch sein würde. Die Zeit ist zu ernst, um mit einem solchen
Gegenstand, der, wie ich glaube, einer der wesentlichen Grundlagen des
biblischen Glaubens ist, leichtfertig umzugehen. Aus diesem Grunde suche
ich als christlicher Arzt, als demütiger Nachfolger des Lukas, gewisse Punkte
in gebührender Reihenfolge darzulegen, um so die Gewissheit der Dinge, in
denen wir unterrichtet worden sind, nachzuweisen. Ich beabsichtige nicht,
irgendein vorgefasstes Argument ins Spiel zu bringen, weil eine Jungfrauen-
geburt — wenn wir einen Welterlöser haben sollen — wünschenswert oder
tatsächlich notwendig wäre. Ich beabsichtige, diejenigen Schriftstellen anzu-
führen, die lediglich mehr ein Streiflicht als ein direktes Licht auf die Jung-
frauengeburt werfen. Zuallererst möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ge-
rade der Arzt Lukas besonders geeignet war, der Geschichtsschreiber dieses
Ereignisses zu sein. Wir erhalten diesen Bericht nicht aus der Feder einer
Frau, obwohl niemand daran zweifeln kann, dass es sich bei dem Bericht im
Lukasevangelium um einen solchen handelt, den die Jungfrau selber abge-
geben hat. Wir erhalten ihn auch nicht aus der Feder irgendeines gewöhnli-
chen Menschen bzw. irgendeines Evangelisten, noch, und das ist erwäh-
nenswert, aus der Feder eines Juden, der einige Vorurteile für oder gegen
diese Angelegenheit hätte haben können. Sondern wir bekommen ihn von
einem Heiden, einem liebenswerten Arzt. Die besondere Richtigkeit dieser
Wahl ist nicht schwer zu verstehen. Wir sind somit überrascht von der wun-
derbaren Schönheit, Zurückhaltung und gleichzeitig noch genauen Be-
schreibung, in der uns jedes kleine Detail, das wir kennen müssen, berichtet
wird, in der jedoch nichts gesagt wird, was für uns nicht von Interesse wäre.
Dadurch unterscheidet sich dieser Bericht so klar von allen Pseudo-
Evangelien.
Die Evangelien
Tatsächlich werden uns die Einzelheiten der Jungfrauengeburt nur in Mat-
thäus und Lukas berichtet, nicht jedoch in Markus und Johannes. Der
Grund dafür ist offensichtlich. Wie viele von Ihnen wissen, haben wir im
Neuen Testament grundsätzlich keine vier Evangelien, sondern vielmehr ein
Evangelium von Jesus Christus unter vier Aspekten. Betrachtet man den
Aspekt des Matthäus, so sieht man den König, und zwar schon bei seiner
Geburt und in seiner Genealogie. Betrachtet man den Aspekt des Lukas, so
sieht man einen Mann im Rahmen seiner Familie und seines Geschlechtes.
Betrachtet man den Aspekt des Markus, so sieht man einen Diener, aber wer

149
A.T.Schofield, Lübeck, BuG 4/80, S.409-417.
will schon viel von der Geburt oder Abstammung eines Dieners hören? Da-
her schweigt Markus hierüber. Unter dem vierten Aspekt - in dem Bericht 103
des Johannes - sehen wir den Sohn Gottes, dessen Existenz in der Existenz
Gottes durch alle Ewigkeit gleich ist. Daher gibt es hier ebenfalls keine Ein-
zelheiten über Geburt und Abstammung. So bleibt es Matthäus und Lukas,
den Geschichtsschreibern des Königs und des Mannes als solchen überlas-
sen, uns in dem einen Evangelium die königliche Abstammung und in dem
anderen die Verbindung zu Adam aufzuzeigen. Die Darstellung der Genea-
logie in Matthäus kann als der gemeinverständliche oder für Aussenstehende
bestimmte Bericht bezeichnet werden. Es ist die Geschichte von Josef. Seine
Abstammung entspricht der Sicht dieses Evangeliums. Die Darstellung des
Lukas kann als die geheime oder für Eingeweihte bestimmte Geschichte von
Maria selber bezeichnet werden. Die Abstammung, die dieser entspricht, ist
die der Maria und nicht die des Josef und zwar in Übereinstimmung mit der
Eigenart des Lukasevangeliums. Es mag verwundern, dass ich von »Streif-
lichtern« im Blick auf die Jungfrauengeburt spreche. Der Grund dafür ist
der, dass infolge der Verderbtheit unseres Verstandes Streiflichter einen be-
sonderen Reiz haben. Wenn jemand eine direkte Aussage macht, kann man
sie glauben oder auch nicht. Aber wenn jemand unbeabsichtigt auf einen
Vorfall hinweist, merkt man, dass hinter dem Gesagten nicht die Absicht
steht, einen anderen etwas Bestimmtes glauben zu lassen, sondern ein aktu-
eller Einblick in das, was er (der Sprecher) in Wirklichkeit für das Tatsächli-
che hält. Hierfür gibt es einen interessanten metaphysischen Grund, und
zwar in Zusammenhang mit dem Wert eines indirekten Beweises oder,
wenn Sie so wollen, einer unbeabsichtigten Bestätigung. Wir kennen das
Sprichwort »in vino veritas«, welches besagt, dass ein Mensch oft die Wahr-
heit ausspricht, wenn er durch Alkoholgenuss teilweise seiner Sinne nicht
mehr mächtig ist. Solange er im vollen Besitz seiner Sinne ist, kann er die
Wahrheit verbergen. Aber wir handeln unabsichtlich, wenn wir unsere Sin-
ne nicht beieinander haben. Viele Menschen sagen dann die Wahrheit mehr
unbewusst als bewusst. Darum hat das Sprichwort »in vino veritas« einen
gewissen Wahrheitsgehalt. Aber es gilt auch allgemein: Wenn jemand eine
Aussage macht und diese unbeabsichtigt nachweist, halten wir die Aussage
wahrscheinlich für wahr. Dies sind menschliche Argumente, aber sie sind
nützlich. Die Aussage eines Menschen, die eine bestimmte Angelegenheit
indirekt bestätigt, hat oft einen grösseren Wert als die direkte Erklärung,
dass es so ist.
Genealogie
Wir wollen nun als erstes die beiden Stammbäume betrachten. Den einen
finden wir in Matthäus, den anderen in Lukas. Der Stammbaum bei Mat-
thäus beginnt bei Abraham, um die Königslinie der Juden zurückzuverfol-
gen, und führt dann über die Könige bis zu Josef. Was den Stammbaum bei
Lukas anbetrifft, so müssen wir verstehen, dass es bei den Juden nicht er-
laubt war, einen Stammbaum mit einer Frau zu beenden. So etwas wie ei-
nen weiblichen Stammbaum gab es nicht. Endete die Linie mit einer Toch-
ter, wurde immer der Name ihres Ehegatten an der Stelle ihres eigenen
Namens eingesetzt. Der Ehemann wurde somit beschrieben als Sohn ihres
Vaters. Hierfür gibt es zwei Beispiele in dem Stammbaum bei Lukas, auf
die ich Ihre Aufmerksamkeit richten möchte. Das erste Beispiel finden Sie,
wenn Sie Lukas 3:27 mit Matthäus 1:12 vergleichen. Die Stelle lautet: »Der
104 war ein Sohn Johanans, der war ein Sohn Reses, der war ein Sohn Seruba-
bels, der war ein Sohn Neris.« Und in Matthäus: »Jojachin zeugte Sealthiel,
Sealthiel zeugte Serubabel; Serubabel zeugte Abiud.« Schematisch darge-
stellt sieht das so aus:

(n. b. bei Lukas bildet die »Gegenwart« den Ausgangspunkt seiner Aufzäh-
lung — im Gegensatz zu Matthäus)
In Matthäus ist Sealthiel der Sohn des Jojachin; in Lukas ist er der Sohn des
Neri. Sealthiel hat sowohl in dem Bericht des Matthäus als in dem des Lu-
kas denselben Sohn, Serubabel. Serubabel hat mehrere Söhne; Abiud ist
derjenige, der die Linie von Josef fortsetzt, und ein anderer Sohn, Resa, die
Linie von Maria; so haben wir zwei Linien, die bei Serubabel zusammen-
treffen und sich in seinen Söhnen wieder teilen. Aber in welchem Sinne
konnte Sealthiel der Sohn des Neri und des Jojachin sein? Es ist bemer-
kenswert, dass das Wort »gezeugt« nur in dem Evangelium des Matthäus
verwendet wird, nicht in dem von Lukas. Ohne Zweifel zeugte Jojachin tat-
sächlich Sealthiel, und Sealthiel war der Sohn des Jojachin; dennoch wird er
in Lukas als Sohn des Neri bezeichnet, und in beiden Fällen ist Serubabel
sein Sohn. Ich behaupte, dass dies ein deutliches Beispiel dafür ist, dass ein
Schwiegersohn als Sohn bezeichnet wird. Sealthiel war nicht der Sohn, son-
dern der Schwiegersohn des Neri, aber in Lukas wird er, da die Erbfolge
nicht an eine Frau gehen kann, als Sohn des Neri bezeichnet. Das zweite
Beispiel ist der Fall von Josef selber. Wir lesen (Luk. 3:23) von Jesus, dass
er »gehalten wurde für einen Sohn Josefs, welcher war ein Sohn Elis«. Aber
es ist so gemeint, dass Josef der Schwiegersohn des Eli war, ebenso wie
Sealthiel, der, obwohl er als Sohn bezeichnet wurde, ein Schwiegersohn des
Neri war. Diese zwei Fälle bilden eine Parallele, und beide erscheinen in
dem Stammbaum der Maria. Es gibt wirklich keinen ernstzunehmenden
Zweifel daran, dass dies der Stammbaum Marias ist. Nun war Christus nur
Erbe durch Maria, und darum mussten ihre Ahnen in der Schrift aufgeführt
werden, wenn Er nicht der Sohn Josefs war; andernfalls wäre Er überhaupt
nicht der Erbe des Thrones Davids. Es gibt viele, die sagen, dass Jesus den 105
Thron nur durch Josef erbte. Das ist nicht der Fall. Wenn Maria überhaupt
nicht geheiratet hätte, wäre Christus durch Seine Mutter Maria der Erbe des
Thrones von David, wie ich später zeigen werde. Dies ist der erste Punkt in
Verbindung mit den jeweiligen Ahnenreihen. Mein zweiter Punkt bezieht
sich auf Mt.1,16: »Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria«. Es wird nie-
mals gesagt, dass Eli Josef zeugte. Das Wort »zeugte« wird in der Ahnenrei-
he der Maria überhaupt nicht verwendet, nur in der des Josef. Jakob zeugte
Josef, und es geht nicht so weiter, dass Josef Christus zeugte, sondern hier
folgt der bemerkenswerte Satz, der meiner Meinung nach absolut nicht ge-
schrieben worden wäre, wenn es keine Jungfrauengeburt gegeben hätte:
»der Mann der Maria, von welcher ist geboren Jesus, der da heisst Christus«.
Solch eine umständliche Art der Beschreibung der Geburt Christi ist völlig
ohne Bedeutung und Sinn, es sei denn, Christus wurde von einer Jungfrau
geboren.
Die Prophezeiungen
Wenn die Jungfrauengeburt verglichen wird mit 1. Mose 3:15, kann man
eine wunderbare Erfüllung jener einzigartigen Schriftstelle feststellen. Es ist
ein wenig überraschend, dass in dem ersten Buch des Wortes Gottes die
Jungfrauengeburt vorausgesagt wurde: »Ich will Feindschaft setzen zwi-
schen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem
Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse
stechen.« Ihr Nachkomme! Solch ein Gedanke als ein Nachkomme einer
Frau, wie hier dargelegt, ist sonst nirgendwo zu finden. Über einhundert
Mal, vielleicht zweihundert Mal, wenn wir von Nachkomme und Nach-
kommen lesen, von Abrahams Nachkommen usw., handelt es sich immer
um die Nachkommen eines Mannes. Aber der Nachkomme der Frau ist ein
einmaliges Konzept und kann nur interpretiert werden als Vorahnung der
Jungfrauengeburt, und es ist sehr bemerkenswert, dass man es an dieser
Stelle antrifft. Ich behaupte, dass, wenn Jesus nicht von einer Jungfrau ge-
boren worden wäre, Adam angesprochen worden wäre, und dass auf seinen
Nachkommen verwiesen worden wäre.
Mein nächster Beweis findet sich in Mt.1,23: »Siehe, eine Jungfrau wird
schwanger sein und einen Sohn gebären.« Aber wenn in Lukas von der Ge-
burt des Täufers berichtet wird, heisst es dort: »Dein Weib Elisabeth wird
dir einen Sohn gebären« (Lk.1,13). Das Wort »dir« wird in Matthäus aus-
gelassen, denn Maria gebar nicht Josef den Sohn, während Elisabeth Zacha-
rias einen Sohn gebar. Das eine Wort »dir«, das im einen Fall ausgelassen
und im anderen eingefügt wird, verdient unsere Aufmerksamkeit. Als nächs-
tes finden wir in Mt.1,23: »Siehe, eine Jungfrau wird... « Nun, es ist sehr
wahr und sehr interessant, dass das hebräische Wort »almah« im Alten Tes-
tament nicht notwendigerweise eine Jungfrau bezeichnet, aber die Schreiber
der Septuaginta verwendeten es, um eine Jungfrau zu kennzeichnen; denn
sie übersetzten »parthenos«, was »Jungfrau« bedeutet. Auf die Tatsache,
dass das Wort »almah« nicht zwangsläufig »Jungfrau« bedeutet, stützt sich
die entschiedene Behauptung von Harnack und anderen Gelehrten, dass für
den Messias niemals eine Jungfrauengeburt prophezeit worden ist, und dass
die Juden niemals geglaubt haben, dass der Messias von einer Jungfrau ge-
boren werde. Deshalb könne es kein Glaube sein, der durch jüdische Leicht-
106 gläubigkeit begünstigt wurde. Gleichzeitig jedoch bedeutet »almah« im ge-
wöhnlichen Sinne Jungfrau. Luther bot einhundert Taler für einen einzigen
Beweis der Verwendung des Wortes für eine verheiratete Frau, »obwohl«,
wie er hinzufügte, »nur Gott weiss, woher ich das Geld nehmen soll«. Wenn
der Gedanke einer Jungfrauengeburt nicht unter den Juden entstanden ist,
entstand er noch viel weniger unter den Heiden. Weber sagt, dass er nicht
Teil der geläufigen Messiaserwartung war. Es ist darum um so bemerkens-
werter, dass die damalige Heilige Schrift von Matthäus zitiert wurde, als sei
sie in der Geburt unseres Herrn vollkommen erfüllt.
Frauen und Erbschaft
Ich komme jetzt zu einem Beweis, der — wie ich annehme — viele überra-
schen wird. In Mt.2,2 lesen wir: »Wo ist der neugeborene König der Ju-
den?« Nun, keine Frau konnte erben. Der Thron Davids hätte Maria zufal-
len können, aber Maria konnte ihn nach der üblichen Gesetzesauffassung
nicht ererben. Er würde demgemäss dem nächsten männlichen Verwandten
zufallen. Daher scheint es auf jeden Fall so zu sein, dass Jesus nicht der Erbe
des Thrones von David sein konnte, weder durch Josef, denn Er war kein
Nachkomme des Josef, noch durch Maria, denn eine Frau konnte ihn nicht
erben. Somit würde es Ihm ein bemerkenswerter Umstand besonders un-
möglich machen, der König der Juden zu sein. Eigentlich ist die Jungfrau-
engeburt selber ein Grund, Ihn vom Thron auszuschliessen. Bei den Auto-
ren der Bibel, den Verfassern dieser Buchreihe von sechsundsechzig Bü-
chern, haben wir ohnehin ungefähr fünfzig Einzelpersonen vor uns. Den-
noch kann man immer den führenden Geist hinter ihnen, den »Dirigenten«
von ihnen allen, aufspüren, der sie alle in Harmonie zusammenwirken und
somit das Oratorium des Wortes Gottes erkennen lässt. Um eine Lösung
dafür zu finden, dass Jesus auf dem Thron Davids sitzen kann, müssen wir
zurückgehen zu 4.Mose 27,1-8. Hier steht die einzige Lösung dieses Prob-
lems. Mose hatte, wie Sie wissen, tausende von Wortgefechten unter der
streitsüchtigsten Nation der Welt, den Israeliten, zu beschwichtigen (wäh-
rend der Strafzeit von vierzig Jahren, die er mit ihnen in der Wüste ver-
brachte). Aber von all den rechtlichen Fragen und Spitzfindigkeiten, die vor
Mose gebracht wurden, unterweist uns nur eine in unserer speziellen Ange-
legenheit. Diese finden wir im 4. Buch Mose. Es ist eine bemerkenswerte
Tatsache, dass hier fünf Frauen vor Mose kommen, deren Namen sogar an-
gegeben werden — Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza. Diese fünf Frau-
en — ihr Vater Zelophhad, ein sehr reicher Mann, war gestorben — frag-
ten, warum sein Name, wie es Brauch war, untergehen sollte, weil er keine
Söhne hatte. Denn bis zu dieser Zeit konnten Frauen nicht erben. In nor-
malen Fällen konnte Mose die Fragen, die an ihn gerichtet wurden, beant-
worten. Aber in diesem Fall spürte er, dass diese Sache so ausserordentlich
wichtig war, dass er es nicht konnte. Darum brachte er sie vor Gott. Gott
antwortete ihm wie folgt (V. 8): „Und sage den Kindern Israel: ‚Wenn je-
mand stirbt und keinen Sohn hat — (wie z.B. auch im Fall des Eli, des Vaters
der Maria) — so sollt ihr sein Erbe seiner Tochter zuwenden“ (Num.27,8). Die-
ses Gesetz wurde dort (von Gott) zum ersten Mal erlassen, und wäre es
nicht geschehen, hätte Maria nicht erben können. Darum beruht die Stel-
lung Christi, Seine Erbfolge auf den Thron Davids, auf einer uralten
rechtlichen Entscheidung im Pentateuch (5 Bücher Mose). Aber das ist
nicht alles, wie wir feststellen, wenn wir uns noch 4.Mose 36,1-13 zuwen- 107
den. Diese »unbezähmbaren« Töchter erscheinen ein zweites Mal zu unserer
Unterweisung. Diesmal lautet die Frage: »Die Entscheidung ist gut, solange
wir alleine bleiben; was aber geschieht, wenn wir heiraten? « Es würde alle
Stämme Israels verwirren, wenn Frauen ihr Erbe einem Mann aus einem
anderen Stamm mitbringen könnten. Die Antwort Moses war (V. 6): »Dies
ist's, was der Herr gebietet über die Töchter Zelophhads: Lass sie heiraten,
wie es ihnen gefällt. Nur sollen sie in ein Geschlecht aus dem Stamm ihres
Vaters hineinheiraten.« Darum war Maria gezwungen, Josef aus dem
Stamme Juda zu heiraten. Ich behaupte, dass die Hinweise, die ich zu 1.
Mose 3 und 4. Mose 27 in Zusammenhang mit der Geburt unseres Herrn
gegeben habe, jeden ehrfürchtigen Menschen mit heiliger Scheu erfüllen
müssen, wenn ihm bewusst wird, sich in der Gegenwart Gottes als dem
wahren Autor des inspirierten Wortes zu befinden.
Die Evangelien des Lukas und des Johannes
Mein nächster Punkt ist Lk.1,14: »Und du wirst Freude und Wonne haben
und viele werden sich seiner Geburt freuen.« Dies wurde einem orientalischen
Vater gesagt, und die, die den Orient kennen, wissen, was das bedeutet.
Dieses Versprechen wurde Zacharias gegeben, Josef jedoch nicht. Wir müs-
sen nur nach dem Grund fragen, und wieder stossen wir auf die Jungfrau-
engeburt. Vergleichen Sie noch einmal die Verse 18 und 27 dieses Kapitels
miteinander, und zwar Vers 18: »Und Zacharias sprach zu dem Engel:
Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt, und mein Weib ist betagt.«
Dann Vers 24: »Zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Manne mit Na-
men Josef... Und der Engel kam zu ihr herein und sagte: Gegrüsset seist
du.« Beide Geburten waren somit übernatürlich: Die der Elisabeth, weil sie
zu spät war, und die der Maria, weil sie zu früh war. Nochmals: Beide Ge-
burten waren übernatürlich. Deswegen unterscheidet sich auch die Jung-
frauengeburt erheblich von all den verderbten Geschichten der heidnischen
Mythologie und all den Berichten von orientalischen und ägyptischen Köni-
gen, in denen es keine Parallele zur Jungfrauengeburt gibt. Jene alle sind im
Wesen Perversionen; die Jungfrauengeburt Jesu ist übernatürlich. Es ist also
keine Besonderheit, dass sie genauestens geprüft werden sollte. Ich bin der
Meinung, dass die Kritik sogar ganz recht daran tut, die Nachweise der
Jungfrauengeburt sorgfältig und genau zu untersuchen, da die Letztere ein-
malig ist.
Mein nächster Punkt ist Lk.1,31: »Siehe, du wirst schwanger werden« —
Wörtlich: »Du wirst gerade jetzt schwanger« — »und einen Sohn gebären.«
Es ist das historische Präsens, und der Nachweis hierfür steht in Vers 36:
»Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch (!) schwanger« — was zeigt,
dass in Maria das Wort bereits (während der Aussage des Engels) begonnen
hatte, »Fleisch zu werden«. Es heisst »du wirst gerade jetzt« — nicht »du
sollst werden« zu irgendeinem zukünftigen Zeitpunkt (nach der Hochzeit).
Dann in Vers 35: »Darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren wird,
Gottes Sohn genannt werden.« Es gibt viele, die heilig sind, nachdem sie ge-
boren sind. Christus allein war zuvor heilig. Aber hierin ist das ganze Ge-
heimnis der Jungfrauengeburt, des »Gottmenschen«, eingeschlossen. »Das
Heilige, das aus dir geboren wird.«
Der nächste Punkt ist besonders interessant und für meine Begriffe sehr be-
108 zeichnend. In Lk.1,38 heisst es: »Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn
Magd.« Das Wort »doule« bedeutet wörtlich »der weibliche Sklave des
Herrn «. Wenn wir uns Ps.86,16 zuwenden — einem jener messianischen
Psalmen, wo der Geist Christi spricht — lesen wir diese bemerkenswerten
Worte: »Wende dich zu mir und sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit dei-
ner Kraft und hilf dem Sohn deiner Magd.« Es gibt ausser hier und in
Ps.116,16 keinen weiteren Ausdruck dieser Art in der Schrift, der auf ir-
gendeinen Mann als »Sohn deiner Magd« hinweist.150 So sehen wir, wie die
Jungfrauengeburt von einem wunderbaren Streiflicht berührt wird. In
Ps.116,16, einem anderen messianischen Psalm (in beiden Psalmen kommt
derselbe Vers vor) lesen wir: »Ach Herr, ich bin dein Knecht, ich bin dein
Knecht, der Sohn deiner Magd.« Wer war die Magd des Herrn? Nur Maria!
Es ist völlig richtig, dass bei der Septuaginta dieses Wort »Magd« in den
Psalmen »paidiskee« lautet, während es in Lukas »doule« heisst. Beide Wor-
te jedoch bedeuten absolut das gleiche, nämlich »der weibliche Sklave«, so
dass praktisch der Ausdruck ebenfalls das gleiche bedeutet: »der Sohn deines
weiblichen Sklaven«. Bei denen, die ihren Herrn lieben und wissen, in wel-
che Tiefen Er um unseretwillen hinabstieg, werden Worte wie diese einen
besonderen Klang in ihrem Herzen hervorrufen. »Der Sohn deines weibli-
chen Sklaven.«
Das nächste Beispiel, das ich nennen will, ist Lk.1,46 ff, verglichen mit Vers
68ff. In den erstgenannten Versen erhalten wir das sog. »Magnificat«, in
den letzteren den »Benedictus«. Warum? Sind wird jemals auf den Gedan-
ken gekommen zu fragen, warum wir hier in diesem Kapitel zwei Lieder
haben, das eine »Magnificat« und das andere »Benedictus« genannt, das letz-
tere von Zacharias und das erstere ausgerechnet von Maria? Wenn wir ein
Lied von Zacharias und eines von Josef hätten, könnten wir das verstehen,
denn wir wissen, wie im Orient die Väter vor Freude singen, wenn ein
männliches Kind zur Welt gekommen ist. Aber es ist dort immer der Vater,
der singt, niemals die Mutter. Nun singt zwar Zacharias sein Lied zur Ge-
burt des Täufers, jedoch Maria ihr Lied zur Geburt Christi. Josef ist hier
völlig stumm; er singt nicht einen Ton. Der Vater ist im Heiligen Lande
sonst niemals stumm, denn Kinder werden dort willkommen geheissen. Er
ist vielleicht manchmal bei uns stumm, wo Kinder nicht immer erwünscht
sind; aber im Orient ist das anders, besonders unter Gottes auserwähltem
Volk. Diese Tatsache — nicht ein direkter Beleg, sondern ein sog. Streiflicht
— ist in sich selbst ein hinreichender Grund, die Jungfrauengeburt zu be-
gründen. Andernfalls ist das Lied der Maria völlig unverständlich. Es gibt
keine Möglichkeit, es zu erklären, ausser, dass Josef nicht der Vater unseres
Herrn ist, während Zacharias der (leibliche) Vater des Täufers war. Meiner
Meinung nach ist dieses das stärkste Beispiel indirekter Art, das ich zu
erbringen habe. Benötigen wir noch ein weiteres Zeugnis?
Jetzt kommen wir aber zu Vers 39: »Maria aber stand auf in den Tagen und
ging eilends auf das Gebirge.« Dieser Satz ist ebenfalls schwierig zu erklären,
wenn nicht die Jungfrau Mutter würde. Man erwartete von keiner Frau, al-

150
Es gibt noch eine weitere Stelle im Zusammenhang mit dem Sabbath-Gebot in Ex.23,12: „Sechs Tage
sollst du deine Arbeiten verrichten. Aber am siebten Tag sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel
ausruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremde Atem schöpfen“.
lein eine lange Reise von ungefähr achtzig Meilen zu machen. Darüber hin-
aus war dieses einer verlobten Frau unter keinen Umständen erlaubt. Das 109
Verlöbnis wurde als ebenso heilig angesehen wie die Ehe selbst. Und wa-
rum die »Eile«? Weil Josef von ihren Freunden über ihren Zustand in
Kenntnis gesetzt worden war. Sie konnte keinen anderen Trost für ihr bre-
chendes Herz finden, als auf das Gebirge von Judäa zu ihrer einzigen Ver-
wandten zu gehen, die sie trösten würde: Daher ging sie eilends zu Elisa-
beth. Die Jungfrauengeburt erklärt sowohl die Reise wie auch die Eile. In
Vers 43 fällt uns nebenbei auf, dass Elisabeth Maria »die Mutter meines
Herrn« nennt. Maria wird heute immer als »unsere liebe Frau« oder als
»Mutter Gottes« bezeichnet. Es wird auch zu ihr gebetet, um bei ihrem
Sohn Fürsprache einzulegen. Sehr bemerkenswert ist, dass diese Ausdrücke
nicht in der Bibel zu finden sind. In diesem Abschnitt bei Lukas heisst es
lediglich »die Mutter meines Herrn«, nicht die »Mutter Gottes«.
Mein nächster Punkt bezieht sich auf Lk.2,5, wo uns berichtet wird, dass
Josef hinabging, um sich mit Maria, seinem vertrauten Weibe, schätzen zu
lassen. Es bestand nicht die geringste Notwendigkeit für Maria, mit Josef
nach Bethlehem zu gehen, es sei denn, sie war eine Erbin. Es war nur der
Rechtsgrund ihrer Erbfolge auf den Thron Davids, der es für sie erforderlich
machte, zu gehen und sich schätzen zu lassen, wie uns berichtet wird.
Als nächstes kommen wir zu Lk.2,33: »Und sein Vater und seine Mutter
wunderten sich.« Diese Lesart ist falsch. Es heisst »Josef und Seine Mutter«.
Wir sind alle damit einverstanden, und ich muss diesen Punkt nicht weiter
ausführen.
In Vers 48 und 49 desselben Kapitels: »Und seine Mutter sprach zu ihm:
Sohn... dein Vater und ich« Er antwortet: »Wisset ihr nicht, dass ich sein
muss in dem, das meines Vaters ist? « Er akzeptiert nicht, dass gesagt wird
»dein Vater und ich«. Er ändert es in »mein Vater« und meint Gott. Und
wir alle wissen, dass »das, was meines Vaters ist«, im Alter von zwölf Jahren
begann, als ihn der Eifer für die Sache Gottes bereits verzehrte, und vollen-
det wurde mit dem Wort »Tetelestai «, »es ist vollbracht«. Die Sühne war
geschaffen, »das, was seines Vaters war«, war vollbracht worden.
In Lk.3,38, in dieser Ahnenreihe Marias, ist in einmaliger Weise die Ab-
stammung der beiden einzigen Söhne Gottes zu sehen. Es gab grundsätzlich
nur zwei Söhne Gottes, und beide wurden Adam genannt. Diese waren der
erste und der letzte Adam. Der wunderbare Stammbaum beginnt und endet
mit dem Sohn Gottes; der eine in der Schöpfung, der andere in der Erlö-
sung.
Ich bitte noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit, und zwar für Hebr.1,5:
»Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt« — dies begann in Bethle-
hem, die Verkündigung dessen geschah mit Macht in der Auferstehung.
Ausserdem erbitte ich die Aufmerksamkeit für Psalm 69: »Ich bin fremd ge-
worden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter« (V. 9).
Warum nicht »den Kindern meines Vaters«? »Denn auch seine Brüder
glaubten nicht an ihn« (Joh.7,5). Es gibt keine andere Stelle in der Schrift,
wo von den Kindern der Mutter gesprochen wird, ausser in dem Fall von
Jakob, als der Vater selbst sprach. Im übrigen ist dies ein einzigartiger Aus-
druck im Wort Gottes und, wie ich glaube, ein weiterer indirekter Hinweis
auf die Jungfrauengeburt.
Ich schliesse mit folgender Erklärung: Als das Ergebnis der Untersuchung
110 der vorliegenden Stellen ist die einzige Lösung für das Problem der Jung-
frauengeburt — abgesehen von allen a priori Argumenten — für jeden lo-
gisch denkenden und aufrichtigen Menschen vollständig klar, nämlich, dass
die Jungfrauengeburt wirklich geschehen ist.“
Aus Bible League Quarterly, Nr. 316, 1979 Aus dem Englischen übersetzt von H. Volkert. Leicht überar-
beitet.

2.2.4. Folgen aus der Jungfrauengeburt


1. Dass Jesus gleichzeitig ganz Mensch und ganz Gott war, wird nur ver-
ständlich durch die Jungfrauengeburt. Weil Jesus keinen menschlichen Vater
hatte, ist Gott selber sein Vater, gezeugt vom Heiligen Geist. D.h. all die
Segnungen aus dem vollständigen Menschsein und gleichzeitigem Gottsein
können nur durch die Jungfrauengeburt zu uns gelangen.
2. Eine negative Folge, wenn wir nicht an sie glauben beschreibt De Haan:
„Die Wegnahme der Jungfrauengeburt reduziert Jesus zu einem gewöhn-
lichen Menschen, gibt ihm den Stempel eines unehelichen Kindes, dem ein
unglückliches, lediges Mädchen das Leben schenkte. Durch die Wegerklä-
rung der Jungfrauengeburt wurde Maria zur Dirne, Joseph wäre dann ein
Ehebrecher und Jesus selbst ein Bastard. [...] Sagen Sie mir, was dieser oder
jener glaubt hinsichtlich der Geburt Christi und was seine Haltung ist zu der
Lehre der Heiligen Schrift von der Jungfrauengeburt, und ich kann Ihnen
genau sagen, was die Person glaubt bezüglich der Gottheit Christi, seines
Erlösertodes, seiner leiblichen Auferstehung und seines persönlichen Wiede-
rerscheines“151.
Luther schreibt: „Es geht keiner Vernunft ein, dass, der Himmel und Erde geschaffen hat und den die
Engel anbeten, sei von einer Jungfrau geboren. Das glaubt niemand, ausser, wer auch den Glauben kennt,
dies Kindlein sei der Herr und Heiland. Den sollen wir erkennen und annehmen.“
3. Eine meiner Meinung nach wichtige Schlussfolgerung aus der Lehre von
der Jungfrauengeburt betrifft die Anthropologie und die Harmatologie.
Wenn wir die katholische Verherrlichung der Maria ablehnen und zugleich
die Sündlosigkeit (auch und besonders von der Erbsünde) Jesu betonen
wollen, dann bleibt nur die Erklärung, dass die Vererbung der Erbsünde
über den Mann, den Vater läuft. Und daraus folgt dann die wichtigste Kon-
sequenz der Jungfrauengeburt:
4. Weber (S.21) schreibt zur Notwendigkeit der Jungfrauengeburt: „Mit
der Jungfrauengeburt steht und fällt unsere Erlösung. Sie zu leugnen, be-
deutet Gott einen Lügner zu nennen oder an Seiner Allmacht zu zweifeln.
Aber warum ist die Geburt Jesu von einer Jungfrau so heilsentscheidend?
Hätte Jesus nur menschliche Eltern, so wäre Er ein bedeutender Mensch -
aber eben nur ein Mensch! Niemals wäre Er frei von der Erbsünde und der
sündigen Natur, die einem jeden Menschen eigen ist. Selbst wenn dies noch
möglich wäre, so würde doch der schuldlose Tod eines Menschen nur stell-
vertretend für einen anderen wirksam sein. Fazit: die Menschheit bliebe ver-
loren! Wäre Christus nur göttlicher Natur, so könnte Er nicht sterben. Nur
der Tod Jesu Christi ist aber das Opfer, das vor Gott gültig ist. Sein sündlo-
ses Leben wäre nicht Vorbild und die Erfüllung des Gesetzes (somit auch

151
De Haan, Bibel & Gemeinde 2/76, S.187.189 (cit. bei Weber, S.20).
Bedingung für einen stellvertretenden Tod) - sondern Selbstverständlichkeit,
denn Gott kann nicht zum Bösen versucht werden (Jak.1,13). Wieder ergibt 111
sich das Fazit: wäre Christus nur Gott, so bliebe die Menschheit verloren.
Die Jungfrauengeburt ist im Heilsplan Gottes unabdingbar. So kommt Je-
sus Christus als vollkommener Gott und vollkommener Mensch zur Welt -
ein Wunder der Liebe Gottes, das unser Heil ermöglicht.“
Persönliche Nachgedanken zur Jungfrauengeburt
Durch die übertriebene Reaktion der katholischen Kirche auf dieses Dogma sind wir versucht, möglichst
alles spekulative aus dieser Debatte rauszuhalten. Dadurch verliert dieses Sachgebiet viel an Reiz und
Schönheit. Ich möchte dies verdeutlichen, indem ich einen Gedanken konsequent weiterdenke.
Könnte es nicht sein, dass die besondere Geburt Jesu gewissermassen typologisch schon auf die besondere
Wiedergeburt seiner Nachfolger hinweist? Gott selber in seinem Geist bewirkt in einem Menschen, der
sich ihm im Glauben öffnet etwas völlig neues, einen neuen inneren Menschen. Die besondere Geburt Jesu
wäre dann wie seine Auferstehung als Erstlingsereignis in einer ganzen Folge zu verstehen. Vergleichen Sie
hierzu die Ausführungen auf Seite 189.
Aber auch die Vererbungslehre empfängt durch die Jungfrauengeburt interessante Impulse. Wie wir sa-
hen, wird die Erbsünde anscheinend vom Vater auf die Nachkommen übertragen. Konsequenterweise
aber auch das Gute! Von unserem himmlischen Vater wird in unserer Wiedergeburt all das Gute an uns
vererbt, das uns ermöglicht, als neue Menschen zu leben. Die Heiligung lebt also Tag für Tag aus diesem
Wunder der besonderen Geburt.

2.2.5. Diverse Artikel und Aufsätze zum Thema

Eine Jungfrauengeburt?
(Dieser Artikel wurde vom Autor Wolfgang Schneider im Internet veröffentlicht und zudem im Verlag
Der Weg, Bonn 1997)
Eines der zentralen Dogmen einer der grossen christlichen Kirchen ist die
Lehre von der sogenannten „Jungfrauengeburt", die besagt, dass Maria vor,
in und auch nach der Geburt Jesu Jungfrau war. Allerdings wurde die Rich-
tigkeit dieses Dogmas seit langem auch in Frage gestellt. In dieser Studie
wird anhand der Berichte in der Bibel erneut deutlich, wie absolut verläss-
lich und genau das Wort Gottes in allen seinen Aussagen ist und wie eine
sorgfältige Studie der Schrift eine klare und eindeutige Antwort bietet.
Eine der am weitesten verbreiteten und von vielen Christen geglaubten
Lehrsätze der grossen christlichen Amtskirchen ist das Dogma von der jung-
fräulichen Geburt Jesu. Maria, die Mutter Jesu, wurde dadurch zur „heiligen
Jungfrau", und sie erhielt nicht zuletzt aufgrund solcher Lehren schliesslich
auch den Status einer „Mutter Gottes". Diese Lehren werden als göttliche
Lehre aus der Bibel hingestellt, und sie müssen daher – nach Meinung der
sie vertretenden Amtskirchen – auch geglaubt werden, wenn sie nicht unbe-
dingt logischen Überlegungen oder vernunftmässigen Kriterien zu genügen
scheinen. Die Lehre von der jungfräulichen Geburt Jesu wird andererseits
von vielen Menschen, die sich mit den natürlichen Gegebenheiten und der
Physiologie des Menschen beschäftigen, aus sicherlich einleuchtenden
Gründen als völlig unmöglich abgelehnt. Es ist verständlich, dass dann ge-
rade solche Lehrsätze zum Ansatzpunkt heftigster Kritik an der Glaubwür-
digkeit der Bibel werden.
Wir wollen uns sorgfältig betrachten, was über dieses Thema in der Bibel
berichtet wird. Wenn der Bibel schon solche scheinbar unmöglichen Dinge
zugesprochen werden, sollte man sich diese Dinge auch in der Bibel selbst
ansehen. Es könnte immerhin sein, dass einige Punkte, die später zu Lehr-
sätzen wurden, in der Bibel gar nicht auftauchen, bzw. dass sich manche
Behauptungen im Vergleich mit dem genauen Wortlaut der Bibel als ab-
112 sichtlich gefälscht erweisen. Normalerweise ist das Wort Gottes absolut lo-
gisch und in Übereinstimmung mit anderen ebenfalls von Gott, dem Schöp-
fer, aufgestellten Naturgesetzen und anderen Ordnungen, die in der Schöp-
fung gelten.
Was versteht man unter „Jungfrauengeburt"?
Was versteht man eigentlich unter „Jungfrauengeburt"? Bevor wir den bibli-
schen Bericht untersuchen, sei kurz erwähnt, was der Artikel in Band 11 der
Brockhaus Enzyklopädie152 enthält.
Jungfrauengeburt, Parthenogenese, die in vielen Kulturen anzutreffende Vorstellung, dass Götter oder
ausserordentl. Menschen (Heroen, Könige, Heilige) auf übernatürl. Weise, ohne vorhergehende
geschlechtl. Zeugung, geboren werden. Oft ist damit eine Idealisierung der Jungfräulichkeit verbunden,
und die Unversehrtheit der Gebärenden auch während und nach der Geburt wird betont. Nach einer Ü-
berlieferung ging Buddha in Gestalt eines weissen Elefanten in den Leib der Maya ein, aus ihrer Seite wie-
der aus; nach ägypt. Vorstellung wurden die Pharaonen durch Vereinigung des Gottes Amun-Re mit der
Königin gezeugt; Alexander d.Gr. galt als durch einen Blitzstrahl empfangen. Die Vorstellung einer so-
wohl vater- als auch mutterlosen Zeugung findet sich in der griech. Religion für Dionysos, Pallas Athene
und Aphrodite.- Im Christentum erhielt die Vorstellung einer J. in der Person der Mutter Jesu, Maria,
eine besondere Bedeutung. Das Prädikat der Jungfräulichkeit bezeichnet nach den Glaubensbekenntnissen
der Frühkirche die Zeit vor, in und nach der Geburt und bezieht sich auf die Kindheitsgeschichten Jesu.
Die neuere Theologie versteht die Aussagen über Jungfräulichkeit nicht mehr als eine organisch-physische
Zustandsbeschreibung, sondern primär heilsgeschichtlich-christologisch als Legitimierung der Gottessohn-
schaft Jesu.
Dieser Artikel erwähnt einige Punkte, die wir bei unserer Studie im Auge
behalten sollten: (1) Das Konzept der Jungfrauengeburt war offenbar be-
reits lange vor der Geburt Jesu Christi bei Völkern im Alten Orient Teil ih-
rer Religion; es hat also auf keinen Fall seinen Ursprung in dem Bericht ü-
ber die Geburt Jesu. (2) Hinsichtlich der Bedeutung im Christentum ist ein
interessanter Meinungswechsel unter den Theologen zu verzeichnen, denn
die neuere Theologie will angesichts der vernünftigen und für viele Men-
schen verständlichen Argumente hinsichtlich des organisch-physischen Zu-
stands einer Frau insbesondere in und nach der Geburt eines Kindes nicht
als dumm dastehen, und sie hat sich nun darauf verlegt, der Sache einen an-
deren, wenn auch leicht nebulösen, Anstrich zu geben. Es scheint aber auch
weiterhin nicht möglich zu sein, ein solches Kirchendogma grundsätzlich zu
überdenken und im Lichte von Gottes Wort neu zu beurteilen.
Biblische Grundlagen
Nun gilt es, sich mit den biblischen Berichten über die Geburt bzw. Emp-
fängnis Jesu Christi zu beschäftigen, um zu sehen, wie die Bibel zu dieser
Frage steht.
Mt.1,18-25 (...) - Dieser Abschnitt aus Matthäus 1 berichtet über die Emp-
fängnis und Geburt Jesu, und genau diese Verse werden von den Vertretern
der Lehre der Jungfrauengeburt als positiver Beweis angeführt. Ist aber in
diesen Versen denn von einer Jungfrauengeburt die Rede?
Dieser Abschnitt der Schrift berichtet eigentlich leicht verständlich einige
klare Punkte: (1) Eindeutig klar ist, dass diese Verse die göttliche Empfäng-
nis lehren, denn Jesus wurde in Maria nicht von Josef empfangen, sondern
von Gott empfangen – „von dem heiligen Geist". (2) Eindeutig klar ist
auch, dass Maria zum Zeitpunkt der Empfängnis eine Jungfrau war. (3)
Eindeutig klar ist ebenfalls, dass Maria Josefs Frau und Josef Marias Mann

152
Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 11. Mannheim: F.A. Brockhaus, 1990.
war, und dass Josef seine Frau „zu sich nahm", sie aber „nicht berührte, bis
sie einen Sohn gebar". 113
Man kann nun sicherlich nicht einfach einige dieser Wahrheiten beiseite
schieben, um aus denen, die übrigbleiben, ein Dogma aufzubauen, das dann
Gottes Wahrheit sein soll. Eine korrekte Beurteilung des gesamten Themas
ist nur möglich, wenn man die im Wort Gottes erwähnten Einzelheiten ge-
nau beachtet und sich unter Berücksichtigung der Bräuche zu jener Zeit in
den biblischen Landen und durch Vergleichen mit anderen Teilen der
Schrift um ein biblisches Verständnis bemüht.
Die Empfängnis Jesu Christi
Bevor wir diesen Abschnitt in Matthäus 1 näher untersuchen, wollen wir
zunächst einige Informationen aus dem Evangelium nach Lukas über die
Empfängnis Jesu Christi in unsere Überlegungen einbeziehen.
Lk.1,26.27 (...) Der „sechste Monat" nimmt Bezug auf die im Abschnitt
davor berichtete Schwangerschaft der Elisabeth. Im sechsten Monat von Eli-
sabeths Schwangerschaft wurde der Engel Gabriel, der in Gottes Wort im-
mer wieder als Gottes Bote in besonderen und wichtigen Situationen er-
wähnt wird, von Gott zu einer „Jungfrau" nach Nazareth gesandt. Diese
Jungfrau Maria war zu dem Zeitpunkt einem Manne namens Josef „ver-
traut".
Begriffe wie „Jungfrau" und „vertraut sein", wie auch andere in den bibli-
schen Berichten im Zusammenhang mit der Empfängnis Jesu geschilderte
Begebenheiten, sind immer wieder mit möglicherweise ähnlichen Bräuchen
unserer verschiedenen abendländischen Kulturen gleichgesetzt worden, was
aber dem wahren biblischen Verständnis grossen Schaden zugefügt hat. Die
Bibel ist ein Buch, das nicht unserem abendländischen Kulturkreis ent-
stammt und das nicht auf Gegebenheiten unserer Zeit Bezug nimmt; wenn
Ereignisse geschildert werden, müssen diese unbedingt im Licht von Land
und Zeit der Bibel verstanden werden, wenn man Gottes Wort recht austei-
len und am Ende seiner Bemühungen eine wahre Auslegung haben will.
„Jungfrau" bedeutet zunächst einfach „junge Frau", wobei es in biblischen
Zeiten jedoch selbstverständlich war, dass eine junge unverheiratete bzw.
einem Mann vertraute Frau auch „Jungfrau" im heute allgemein bekannten
Sinne war, denn die Unberührtheit der jungen Frau vor der Ehe spielte eine
besondere Rolle im Volk Israel. Das Wort „Jungfrau" wird biblisch zunächst
aber im Sinne von „junge Frau" benutzt, und an verschiedenen Stellen auch
für eine junge Frau, die offensichtlich bereits sexuellen Verkehr mit einem
Mann hatte.153
„Einem Manne vertraut sein" bedeutete weit mehr, als man heutzutage in
unserer Gesellschaft etwa unter einer Verlobung versteht. Wenn eine Frau
einem Manne vertraut war, so war das fast gleichbedeutend mit unserer heu-
tigen Eheschliessung. Die Eltern beider Partner hatten bereits alles arran-
giert, auch der Brautpreis war vereinbart und die Ehe von all diesen Ge-
sichtspunkten her bereits geschlossen. Oft wurde ein „vertrautes" Paar be-
reits als „Mann und Frau" bezeichnet. Es fehlte lediglich die eigentliche
Hochzeitsfeier und das anschliessende Vollziehen der ehelichen Gemein-

153
Vgl. dazu 1. Mose 24,16; 34,1-4; 5. Mose 22,19; Ester 2,17.19; Joel 1,8.
schaft, wenn beide an einem vorbestimmten Tag nach der Hochzeitsfeier
114 zum ersten Geschlechtsverkehr „zusammenkamen".154
Maria war dem Josef vertraut, aber die eigentliche Hochzeitsfeier mit dem
anschliessenden Zusammenkommen hatte noch nicht stattgefunden. Sie hat-
ten daher zu diesem Zeitpunkt noch keine sexuellen Beziehungen zueinan-
der aufgenommen. Marias Entgegnung auf des Engels Worte bestätigen dies
ebenfalls.
Lk.1,28-35 (...) Der Bericht über das Gespräch zwischen Gabriel und Maria
gibt uns ausserdem weitere bedeutsame Informationen, um genauer zu
bestimmen, was sich zutrug. Gabriel verkündete Maria, dass sie schwanger
werden und einen Sohn gebären würde; er teilte ihr weiterhin einige andere
Informationen über ihren Sohn mit, wobei für unsere Studie wichtig ist,
dass es um Jesus ging, und dass dieser „der Sohn des Höchsten" genannt
würde.
Die Bezeichnung „Sohn des Höchsten" weist darauf hin, dass diese Schwan-
gerschaft nicht durch einen Mann, sondern von Gott selbst herbeigeführt
würde. In dieser Sache würde von menschlicher Seite lediglich Maria betei-
ligt sein. Das war rein menschlich kaum oder nicht zu verstehen – norma-
lerweise sind ein Mann und eine Frau zur Zeugung eines Nachkommens
erforderlich. Maria war sich dessen sofort bewusst, wie ihre Frage an Gab-
riel aufzeigte: „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiss?"
Maria redete nicht davon, dass sie keine Männer kannte oder nichts über
Männer wusste; der Zusammenhang dieser Stelle weist darauf hin, dass
„von einem Manne wissen" etwas mit einer sexuellen Beziehung zu einem
Mann zu tun haben muss. Dieser Gebrauch des Wortes „wissen" ist zunächst
eine in den semitischen Sprachen typische Ausdrucksweise, die sich später
auch in der griechischen Sprache einbürgerte. „Wissen" bzw. „erkennen" be-
zeichnet unter Einbeziehung der Redefigur Euphemismus „Geschlechtsver-
kehr mit daraus resultierender Schwangerschaft". Diese Ausdrücke kommen
z.B. im Alten Testament an einigen Stellen vor, aus denen sich die hier ge-
gebene Bedeutung leicht ableiten lässt.
Marias Entgegnung auf die Ankündigung Gabriels ist noch in anderer Weise
bemerkenswert. Maria stellte die an sie gerichteten Worte des Engels nicht
in Frage, sie bezeichnete dessen Botschaft auch nicht als unmöglich; sie er-
kundigte sich nur weiter, wie denn das Gesagte in ihrer Situation geschehen
könnte und sollte.155 Gabriel wiederholte in leicht abgewandelter Form seine
Botschaft, und er erklärte Maria, dass der heilige Geist, dass also Gott selbst,
dafür sorgen würde, dass dies geschehen könne. Sie würde durch die Kraft
des Höchsten schwanger werden, weshalb ihr Sohn auch „Gottes Sohn" ge-
nannt würde.
Dann verwies der Engel noch auf eine Maria bekannte Situation, die ihr zei-
gen sollte, dass Gott auch in scheinbar unmöglichen Dingen wirken kann.
Lk.1,36-38 (...) Um Maria zu verdeutlichen, dass auch „menschlich unmög-
lich" erscheinende Dinge durch Gottes Eingreifen durchaus geschehen kön-
nen, erinnerte er sie daran, was mit Elisabeth, einer von Marias Verwand-

154
Viele Einzelheiten zu diesen Aspekten werden behandelt in: Wierwille, Victor Paul: Jesus Christ Our
Promised Seed. New Knoxville, Ohio: American Christian Press, 1982.
155
Vgl. dazu die Worte von Zacharias (Lukas 1,18), aus denen Zweifel an Gottes Verheissung spricht.
ten, geschehen war. Eine Unfruchtbare war schwanger – das war in etwa so
unmöglich wie die Schwangerschaft einer Frau ohne Zutun eines Mannes. 115
Und doch stand zweifelsfrei fest, dass Elisabeth schwanger war, und das im
sechsten Monat! Daraus wurde deutlich, dass Gott Seine Verheissungen
zustandebringen kann.
Vers 37 wird oft aus dem Zusammenhang gerissen, um dann zu behaupten,
Gott könne und würde einfach willkürlich alles tun, weil Ihm nichts unmög-
lich sei. „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich" ist wörtlich aus dem grie-
chischen Text: „Denn nicht kraftlos wird sein von Gott jedes Wort [kein
Wort von Gott wird kraftlos sein]."156 Es geht also bei „kein Ding" um das,
was Gott zugesagt bzw. was Er verheissen hat.
Nach dieser weiteren Zusicherung Gabriels erklärte sich Maria einverstan-
den mit dieser Sache.157 Was wohl in ihrem Herzen vor sich ging? Eine sol-
che Sache auf sich zu nehmen, war für Maria direkt mit gewaltigen Schwie-
rigkeiten verbunden, ganz zu schweigen von den Gedanken, die bereits ein
wenig weiter über das zu jener Zeit vor ihr liegende Geschehen blickten.
Josef und Maria - Jesu Geburt
Einige der Schwierigkeiten, die auf Maria zukamen, werden aus dem Bericht
in Matthäus deutlich, den wir nun genauer untersuchen wollen.
Mt.1,18 (...) Vers 18 schildert uns, wie die „Geburt Jesu Christi" geschah.
Die alles entscheidende Aussage steht am Ende des Verses: Maria war
schwanger „von dem heiligen Geist". Bereits hier wird kategorisch festge-
stellt, dass Jesus Christus durch den heiligen Geist, durch Gott gezeugt
wurde. Maria war nicht schwanger von Josef, sie war schwanger „von dem
heiligen Geist".
In diesem Vers könnte auch eine Parenthese vorliegen, wodurch dieser
Punkt noch stärker betont würde, denn dann würde der Vers lauten: Aber
die Geburt Jesu Christi geschah (als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut
war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war) von dem
heiligen Geist.
Der Hauptsatz würde die grossartige Wahrheit ausdrücken, dass die Geburt
Jesu Christi von dem heiligen Geist war. Durch diesen parenthetischen Ein-
schub würde hervorgehoben, dass dies geschah, bevor Josef mit seiner Frau
Maria eheliche Beziehungen aufgenommen hatte.
Das Wort „Geburt" wird übersetzt aus dem griechischen Text von dem
Wort genesis, was in diesem Falle besser mit „Zeugung" bzw. „Empfängnis"
übersetzt werden sollte. Es ist klar, dass diese Stelle hier von der Zeugung
handelt, nicht von der Geburt. In den Versen davor wird ein mit dem Wort
genesis verwandtes griechisches Wort jedesmal mit „zeugte" übersetzt.
Dass Jesus nicht durch einen Menschen gezeugt wurde, wird noch weiter
durch den Gebrauch des Wortes „aber" betont, wodurch Vers 18 in Gegen-
satz zu den vorangehenden Versen gestellt wird. Der Gegensatz besteht dar-
in, dass alle in dem in den Versen davor aufgeführten Stammbaum enthal-

156
Vgl. dazu Das Neue Testament, Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch / übers. von E. Dietzfel-
binger. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1986.
157
Auch dies ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass der wahre Gott nie den freien Willen eines
Menschen übertritt und einen Menschen besessen hält.
tenen Männer durch einen irdischen Vater „gezeugt" wurden, Jesus Christus
116 dagegen durch den heiligen Geist gezeugt wurde.
Zu diesen kategorischen Aussagen kommen weitere Angaben, die uns ver-
deutlichen, dass Josef nichts mit Marias Schwangerschaft zu tun hatte. Ein
wichtiger Punkt wird deutlich aus der Aussage, dass Maria schwanger war,
„ehe er [Josef] sie heimholte". Dieses Heimholen bezieht sich auf den Zeit-
punkt des ersten sexuellen Verkehrs zwischen den beiden Ehegatten zu dem
zuvor festgesetzten Termin kurz nach der eigentlichen Hochzeitsfeier. Die-
ser Zeitpunkt wird meist von den Priestern und Eltern bestimmt, wobei ver-
schiedene Dinge berücksichtigt werden, um einen möglichst günstigen
Zeitpunkt für eine Schwangerschaft zu erhalten. Maria und Josef hatten
mittlerweile ihre Hochzeitsfeier hinter sich, aber sie waren noch nicht in e-
helicher Beziehung zusammengekommen, als Maria bereits mit Jesus
schwanger war.
Die nachfolgenden Verse machen das ebenfalls deutlich. Mt.1,19 (...) Die
Situation war nicht nur für Maria schwierig. Josef befand sich ebenfalls in
einem Dilemma, denn diese Situation war nicht ganz einfach zu handhaben.
Das Gesetz kannte bestimmte Vorschriften für den Fall, dass eine junge
Frau vor der Ehe schwanger wurde, und es wurde darin auch geregelt, wel-
che Möglichkeiten dem Mann in diesem Fall blieben. Wenn es hier heisst,
Josef „gedachte aber, sie heimlich zu verlassen", so ist damit nicht gemeint,
dass er sie stillschweigend einfach zurücklassen wollte. Dieser Ausdruck
nimmt Bezug auf eine Regelung aus dem Gesetz.
Deut.24,1: „Wenn jemand eine Frau zur Ehe nimmt und sie nicht Gnade fin-
det vor seinen Augen, weil er etwas Schändliches an ihr gefunden hat, und er ei-
nen Scheidebrief schreibt und ihr in die Hand gibt und sie aus seinem Hause ent-
lässt“. Dieser Vers umschreibt in etwa die Situation Josefs. Er war dabei, die
hier erwähnte Sache zu erwägen. Während er noch schweren Herzens über
seine Möglichkeiten nachdachte, erschien ihm der Engel des Herrn mit einer
Botschaft.
Mt.1,20-23 (...) Welch eine Offenbarung dies für Josef gewesen sein muss!
Der Engel verkündete Josef die beruhigende Nachricht, dass Maria nicht
von einem anderen Mann schwanger war, sondern dass sich nun vielmehr
das ereignete, was Jahrhunderte zuvor in einer Weissagung des Propheten
Jesaja vorausgesagt worden war. Die Zeit für die Ankunft des Messias war
gekommen! Josef wurde auch von dem Engel in die Ereignisse mit einbezo-
gen. Er sollte dem Jungen den Namen „Jesus" geben, wodurch Josefs grosse
Aufgabe angedeutet wird, denn durch die Namengebung würde Josef ent-
sprechende Verantwortung gemäss dem Gesetz für die Erziehung des Kna-
ben übernehmen.
Nun folgen zwei erstaunliche und für unsere Studie äusserst bedeutsame
Verse. (...) In jener Nacht, als der Engel dem Josef erschien, „nahm Josef
seine Frau zu sich", genau wie der Engel befohlen hatte. Das bedeutet, dass
Josef und Maria zu jenem Zeitpunkt sexuelle Beziehungen aufnahmen. Der
Zusammenhang lässt keine anderen Schlüsse zu, die wirklich einen Sinn er-
gäben.
Maria war zu dem Zeitpunkt etwa 3 Monate schwanger. Dies lässt sich er-
rechnen, wenn man den Bericht in Lukas zur Hand nimmt, wo dargelegt
wurde, dass der Engel Gabriel im 6. Monat der Schwangerschaft Elisabeths
zu Maria kam, um ihr die Geburt Jesu anzukündigen. Danach verbrachte
Maria etwa 3 Monate bei Elisabeth, bevor sie wieder nach Hause zurück- 117
kehrte. Kurz nach ihrer Rückkehr muss ihre Hochzeit mit Josef stattgefun-
den haben, und die hier berichtete Begebenheit dürfte nicht lange danach
anzusetzen sein. Dies stellt auch sicher fest, dass Maria auf keinen Fall mehr
durch Josef schwanger geworden sein kann158.
Dieser Punkt wird zudem noch durch die Aussage in Vers 25 bestätigt, wo
es heisst: „… er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar …". Die Worte
„er berührte sie nicht" sind im griechischen Text wörtlich „er erkannte sie
nicht". Wenn in einem solchen Zusammenhang ein Mann „eine Frau er-
kennt" bzw. eine Frau „von einem Mann weiss", bedeutet dies soviel wie
„Geschlechtsverkehr haben, aus dem eine Schwangerschaft resultiert". Dies
wurde zuvor bereits kurz erwähnt und soll hier ausführlicher dargelegt wer-
den. Diese Bedeutung ist leicht ersichtlich, wenn man einige der Stellen aus
dem Alten Testament berücksichtigt, wo diese Ausdrücke vorkommen.
Gen.4,1: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain. Gen.4,17:
Und Kain erkannte sein Weib; die ward schwanger und gebar den Henoch. Gen.4,25: Adam erkannte
abermals sein Weib, und sie gebar einen Sohn. Gen.19,8.14: Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen
noch von keinem Manne; die will ich herausgeben unter euch. Da ging Lot hinaus und redete mit den
Männern, die seine Töchter heiraten sollten [wörtlich: „…und er redete zu seinen Schwiegersöhnen"]
Gen.24,16: Und das Mädchen war sehr schön von Angesicht, eine Jungfrau, die noch von keinem Manne
wusste. 1.Sam.1,19.20: Und am andern Morgen machten sie sich früh auf. Und als sie angebetet hatten
vor dem Herrn, kehrten sie wieder um und kamen heim nach Rama. Und Elkana erkannte Hanna, seine
Frau, und der Herr gedachte an sie. Und Hanna ward schwanger; und als die Tage um waren, gebar sie
einen Sohn.
Diese Verse erläutern eindeutig, worum es geht. Es kann nicht nur von se-
xuellen Beziehungen die Rede sein, sondern es handelt es sich jeweils um
Geschlechtsverkehr mit daraus resultierender Schwangerschaft. Besondes das
Beispiel Hannas und Elkanas bezeugt dies, denn beide unterhielten selbst-
verständlich auch zuvor eheliche Beziehungen; aber erst als Elkana seine
Frau „erkannte", wurde Hanna schwanger.
Biblische Ergebnisse
Eine sorgfältige Studie dieser zwei Berichte über die Empfängnis und die
Zeit bis zur Geburt Jesu Christi aus Lukas und Matthäus zeigt, dass von ei-
ner „Jungfrauengeburt" absolut nicht die Rede sein kann. Maria war zur
Zeit der Empfängnis Jesu durch den heiligen Geist eine Jungfrau; sie hatte
aber nach ihrer etwa drei Monate späteren Hochzeit mit Josef selbstver-
ständlich ehelichen Verkehr mit ihrem Mann. Allerdings wurde sie nicht
von ihm schwanger bis nach der Geburt Jesu Christi.
Matthäus 1,25 weist darauf hin, dass Jesus Marias erstgeborener Sohn war.
Der letzte Teil dieses Verses lautet wörtlich: „… bis sie einen Sohn, ihren
Erstgeborenen, gebar." Hieraus geht hervor, dass Josef und Maria nach der
Geburt Jesu auch gemeinsame Kinder hatten. Nur so ist es zu verstehen,
dass so betont dargelegt wird, dass Josef seine Frau nicht erkannte, bis nach
der Geburt Jesu.
Eine Stelle in Matthäus 13 gibt uns weitere Auskunft über diese Sache.
Mt.13,55.56: Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns? Heisst nicht seine Mutter Maria? und seine Brüder
Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt
ihm denn das alles?

158
In seltenen Fällen soll es medizinisch möglich und auch vorgekommen sein, dass eine Frau während
der ganz frühen Phase einer Schwangerschaft nochmals mit einem zweiten Kind schwanger werden kann.
Aus den Äusserungen dieser Kritiker in Nazareth geht hervor, dass Jesus
118 nicht als Einzelkind im Hause Josefs und Marias in Nazareth aufwuchs. Jo-
sef und Maria hatten vier weitere Söhne, die hier sogar namentlich genannt
werden, dazu höchstwahrscheinlich mehr als zwei Töchter, da hier nicht nur
von „beiden", sondern von „allen" Schwestern die Rede ist. Diese Tatsache
bestätigt ebenfalls, dass Maria keineswegs immer Jungfrau war und blieb.
Diese Schriftstellen vermitteln uns ein wahres und mit allen Gesetzen der
verschiedenen Wissenschaften übereinstimmendes Bild über die Empfängnis
Jesu und die Situation mit seiner Mutter Maria. Keine merkwürdigen oder
unerklärlichen Dinge verunsichern den, der sich mit wachsamem Auge die
wunderbare Offenbarung Gottes hinsichtlich dieses Themas ansieht. Die
hier geschilderten Wahrheiten genügen völlig, um ein umfassendes Bild ü-
ber Maria und die Geschehnisse bei der Empfängnis und Geburt Jesu zu er-
langen.
Die von manchen verbreiteten Lehren über Maria und ihre andauernde
Jungfräulichkeit als notwendiger Beweis dafür, dass Jesus Gottes Sohn war,
sind biblisch gar nicht erforderlich, um Jesu Anspruch auf seine Gottessohn-
schaft zu beweisen. Einzig notwendig für diesen Anspruch ist, dass Jesus
von dem heiligen Geist empfangen wurde und dass Maria zu der Zeit Jung-
frau war – beides ist klar und deutlich aus dem biblischen Bericht ersichtlich.
Alles andere zu diesem Thema „Jungfrauengeburt" ist eigentlich absolut irre-
levant und biblisch absolut nicht nachzuvollziehen.
Möge das Licht der Wahrheit nicht nur in dieser Sache wiederum heller er-
strahlen! Eine ganze Reihe ähnlicher Irrtümer und „sonderbarer Geschich-
ten" im Zusammenhang mit Christi Geburt könnten auf die gleiche Art und
Weise aus dem Wort Gottes erläutert und in einfacher Form für einen jeden
einleuchtend dargelegt werden, dessen Herz darauf gerichtet ist, die Wahr-
heit des Wortes Gottes zu erforschen und zu erkennen.

2.3. Jesu Kindheit und Jugend

2.3.1. Luk.2,52
„Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gunst bei Gott und Men-
schen“.

2.3.2. Jesus im Tempel


119

Albrecht Dürer; Der zwölfjährige Jesus unter den Schriftgelehrten


Holz; 650 x 800 cm; 1506; Lugano, Sammlung Thyssen-Bornemisza

2.4. Wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich

2.4.1. Jesus von Nazareth ist wahrer Mensch


(a) Jesus wird Mensch, um durch seinen Tod Mittler des neuen
Bundes zu werden.
1.Tim.2,3-6: "Dies ist gut und angenehm vor unserem Heiland-Gott, welcher
will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kom-
men. Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der
Mensch Christus Jesus (a]ncrwpoj Xristo\j >Ihsou~j), der sich selbst als Löse-
geld für alle gab, als das Zeugnis zur rechten Zeit". Nur Jesus als wahrer
Mensch konnte vermitteln (1.Petr.1,18f). Jes.42 - Auch Jesajas Gottes-
knecht setzt Menschsein voraus (vgl. auch Psalm 2; Hebr.2,14159; 9,11-28;
Phil.2,7f.

159
"Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil
gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, ..."
(b) Jesus wird Fleisch (sarx), um in seiner menschlichen Existenz
120 mit der Sünde abzurechnen.
Joh.1,14: "Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben
seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Va-
ter, voller Gnade und Wahrheit". / Joh.6,51: "Ich bin das lebendige Brot, das
aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem Brot isst, wird er
leben in Ewigkeit. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich
geben werde für das Leben der Welt". / Röm.1,3 / Röm.8,3: "Denn das dem
Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er sei-
nen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde (e>n o<moiw/mati
sarko\j a<marti/aj) und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verur-
teilte, ..." / Hebr.2,14; 5,7 / 1.Joh.4,2 Bekenntnis gegen den Doketismus
(Scheinleib; Kerinth).
Jesu echte Menschwerdung betont auch 1.Joh.4,2.3: "Hieran erkennt ihr den
Geist Gottes: Jeder Geist, der Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennt, ist
aus Gott; und jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist
der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er komme, und jetzt ist er
schon in der Welt.". Seine rassische Herkunft betont Röm.1,3; 5,9 (vgl. auch
die zwei Stammbäume). Seine Versuchlichkeit betont Mt.4,1-11 (könnte,
aber hat nicht). Hinweise auf die Möglichkeit zu sterben. Besagt, dass sich
der Erlöser ganz auf die Stufe der Menschen herabliess (Hebr.2,11; 4,14),
aber ohne Sünde.160
(c) Die Geschlechtsregister (Genealogien) bestätigen sein wahres
Menschsein
Mt.1,16 (Stammbaum Josephs): "Jakob aber zeugte (e>ge/nnhsen) Joseph, den
Mann Marias, von welcher Jesus geboren wurde (e>q h{j e>gennh/ch), der Chris-
tus genannt wird".
Lk.3,23 (Stammbaum Marias): "Und er selbst, Jesus, war ungefähr dreissig
Jahre alt, als er auftrat, und war, wie man meinte (w<j e>nomi/zeto), ein Sohn
des Joseph, des Eli, ..."
(d) Die natürlichen menschlichen Regungen im Leben des irdi-
schen Jesus
Hunger (Mt.4,2), Durst (Joh.4,7; Ps.22; Joh.19,28), seufzen (Mt.7,34),
schlafen (Mt.8,24), weinen (Joh.11,35; Lk.19,41), versucht (Mt.4,1ffp),
betrübt (Mt.26,38), stirbt (Lk.23,46), beten (Mt.14,23p).

2.4.2. Trotz seines Menschseins bleibt Jesus absolut sündlos


Diese Tatsache ist v.a. für seinen Opferdienst am Kreuz wichtig!
Hebr.7,26.27: "Denn ein solcher Hoherpriester geziemte sich auch für uns: hei-
lig, sündlos, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel
geworden, der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die
eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies
hat er ein für allemal getan, als er sich selbst dargebracht hat". / Joh.8,46;
Röm.8,3 / 2.Kor.5,21: "Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sün-

160
Eµoi_µÓti Röm.8,3 - vgl. Schneider, ThWB IV, S.195f (zu Röm.8,3; Phil.2,7). Gleichheit in der
Erscheinung, aber Unterschied im Wesen.
de gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm". / Hebr.4,15b;
1.Petr.1,18f; 1.Joh.3,5. 121
Gen.6,12 / Gen.8,21b: "Das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von sei-
ner Jugend an; und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen, wie ich
getan habe". / Jos.24,19: "Da sagte Josua zum Volk: Ihr könnt dem HERRN
nicht dienen. Denn er ist ein heiliger Gott, er ist ein eifersüchtiger Gott. Er wird
euer Vergehen und eure Sünden nicht vergeben". vgl. auch Röm.7.
Wie steht es aber damit mit Jesus? Seit Adam sind alle Nachkommen Sün-
der! (1.Joh.1,10; Röm.5,12) Jesus ist die einzige Ausnahme. Röm.8,3:
Die Lösung dieses Problems: Jesus wurde anders gezeugt! (Mt.1,18;
Lk.1,35) Durch den Heiligen Geist. (Vgl. dazu die Ausführungen unten
zum Thema „Jungfrauengeburt“ auf Seite 98).
Die Geburt Jesu unterliegt nicht der Gesetzmässigkeit der Sünde und
des Todes! (Röm.8,2b; 7,22b; Gal.3,13).
Der biblische Beleg zur Menschlichkeit Christi:
Matth.26,38: "Dann spricht er zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod. Bleibt hier und wacht
mit mir!" / Lk.24,39: "Seht meine Hände und meine Füsse, dass ich es selbst bin; betastet mich und seht,
denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr seht, dass ich habe".
Johannes der Täufer prophezeit: Joh.1,30: "Dieser ist es, von dem ich sagte: Nach mir kommt ein
Mann, der vor mir ist, denn er war eher als ich".
Jesus selbst bezeugt: Joh.8,40: "jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu
euch geredet hat, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan".
Die Feinde nennen ihn "Mensch": Joh.7,46; 9,11; 10,33; 11,47.50: "Die Diener antworteten: Niemals
hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch." / "Er antwortete: Der Mensch, der Jesus heisst, bereitete
einen Teig und salbte meine Augen damit und sprach zu mir: Geh hin nach Siloah und wasche dich. Als
ich aber hinging und mich wusch, wurde ich sehend." / "Die Juden antworteten ihm: Wegen eines guten
Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen Lästerung, und weil du, der du ein Mensch bist, dich
selbst zu Gott machst". / "Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und spra-
chen: Was tun wir? Denn dieser Mensch tut viele Zeichen". / "...und überlegt auch nicht, dass es euch
nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme".
Die Apostel: Apg.2,22: "Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, der von
Gott euch gegenüber erwiesen worden ist durch Machttaten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn
in eurer Mitte tat...". / Apg.17,31: "weil er einen Tag gesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in
Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen dadurch den Beweis gegeben,
dass er ihn auferweckt hat aus den Toten". / Phil.2,7: "Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm
Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich geworden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch er-
funden," / 1.Tim.2,5: "Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der
Mensch Christus Jesus...".
Die Anwendung von Ps.2 auf Christus durch Hebr.2: Hebr.2,7.9.14f: "Du hast ihn kurze Zeit unter
die Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt; / Wir sehen aber Jesus, der kurze
Zeit unter die Engel erniedrigt war, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er
durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte. / Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig
sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der
die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganze
Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren".
Vgl. auch unter Pkt.6.9. die Stellen zu "Menschensohn".
Praktische Folgen für die Gläubigen
Hebr.2,14.15: "Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher
Weise daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes
hat, das ist den Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganze Leben hin-
durch der Knechtschaft unterworfen waren".
1) Tod und Teufel sind grundsätzlich überwunden für die Kinder Gottes.
2) Durch Jesu Menschsein befreite er uns aus der Knechtschaft.
Hebr.2,17.18: "Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig und ein
treuer Hoherpriester vor Gott werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst
gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden".
1) Jesus wurde selber noch barmherziger durch sein Menschsein.
2) Treue Hohepriestertätigkeit ist nur dank Menschsein möglich.
3) Sühne war nur möglich durch sein vollständiges Menschsein.
122 4) Er kann den Menschen in der Versuchung helfen.
Hebr.4,15.16: "Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit
unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch
ohne Sünde. Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barm-
herzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe".
1) Jesus kann mit uns wirklich "mitleiden".
2) Er weiss, was Versuchung bedeutet.
3) Jesu Menschsein fördert unsere Freimütigkeit zum Gebet.
Hebr.5,7-10: "Der hat in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als Flehen mit starkem Geschrei
und Tränen dem dargebracht, der ihn aus dem Tod erretten kann, und ist um seiner Gottesfurcht
willen erhört worden 8 und lernte, obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam; 9 und
vollendet, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, 10 von Gott be-
grüsst als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks".
1) Jesu Vorbild im ganzheitlichen Gebet (mit starkem Geschrei und Trä-
nen)
2) Jesu Vorbild im lernen des Gehorsams durch/im Leiden.
3) Jesu Vorbild im Gehorsam zum Heil.

2.4.3. Der irdische Jesus bleibt wahrer Gott


Vergleiche hierzu auch die obigen Ausführungen zur Gottheit Jesu in Kapitel 1.
Joh.1,1-14.18; 20,28 / Röm.9,5: "... deren die Väter sind und aus denen
dem Fleisch nach der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in
Ewigkeit. Amen". / Kol.1,15ff; Tit.3,4; 1.Joh.5,20.
Oft wird Jesus angebetet oder angerufen. Mt.2,2.8.11; 8,2; 9,18; 14,33;
15,25; Mk.5,6; Joh.9,38; Hebr.1,6.

2.4.4. Die Einheit der beiden Naturen Christi


Literatur: Buswell II, S.54ff; Strong, S.683ff; Berkhof, S.321ff; Böhl, S.326ff; Calvin, Inst. II.14,1-4. Zur
theologischen Entwicklung vgl. die Theologiegeschichte und die Dogmengeschichte.
Erst nach dem trinitarischen Streit (381) kam diese Frage auf und folgte der
christologische Streit (428-451 / Nestorius, Cyrill, Eutychus, Leo der Gros-
se).
Augustin durchdachte die Problematik am gründlichsten. Ephesus und
Chalcedon: unvermischt, unverwandelt, ungesondert, ungetrennt.
Im Neuen Testament finden wir keine systematische Zwei-Naturen-Lehre,
aber:
(1) Der Heilsplan Gottes bedingt die zwei Naturen in Christus (vgl. Berk-
hof, S.319).
(2) Die Heilige Schrift bezeugt sowohl die Gottheit, als auch die Mensch-
heit von Jesus Christus. Christus war eine unzertrennbare Persönlichkeit
(Jantzen). Wir finden keinen Bruch, keine Widersprüchlichkeit in seiner
Persönlichkeit. Die Vereinigung ist so vollkommen, dass keines auf Kos-
ten des anderen litt (theantropisch / unipersonality).
(Berkhof, S.321ff / Calvin, II.14.1-4) Röm.1,3f; 9,5; Kol.1,15-23; 2,9;
Hebr.7,27; 9,14. Beide Seiten!
Exkurs zu den zwei Naturen Christi (L.Berkhof)
In der Bibel wird Christus als eine Person dargestellt, die zwei Naturen hat, 123
nämlich eine göttliche und eine menschliche. Dies ist das grosse Geheimnis
der Gottseligkeit: Gott ist im Fleisch offenbart (1.Tim.3,16: "Und aner-
kannt gross ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Der geoffenbart worden ist im
Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Na-
tionen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit".).
a) Die zwei Naturen
"Da viele Menschen heute die Göttlichkeit Christi bestreiten, müssen wir die
biblischen Belege hervorheben. Einige alttestamentliche Passagen weisen
eindeutig darauf hin, so z.B. Jes.9,5; Jer.23,6; Mi.5,1; Mal.3,1. Im Neuen
Testament gibt es eine Fülle weiterer Belege: Matt.11,27; 16,1ff; 26,63.64;
Joh.1,1.18; Röm.9,5; 1.Kor.2,8; 2.Kor.5,10; Phil.2,6; Kol.2,9; Heb.1,1-3;
Offb.19,16. Dass Jesus Mensch war, wird heute nicht mehr in Frage ge-
stellt. In der Tat, viele schreiben ihm nur insofern Göttlichkeit zu, als er
vollkommener Mensch war. Es gibt eine Fülle von Belegen dafür, dass Jesus
wahrer Mensch war. Er bezeichnet sich selbst als ein Mensch (Joh.8,40) und
wird auch von anderen so bezeichnet (Apg.2,22; Röm.5,15; 1.Kor.15,21).
Er besass die wesentlichen Bestandteile der menschlichen Natur, nämlich
einen Leib und eine Seele (Matt.26,26.38; Lk.24,39; Heb.2,14). Er war
ausserdem den normalen Gesetzen menschlicher Entwicklung
(Luk.2,40.52) sowie menschlichen Bedürfnissen und menschlichen Leiden
unterworfen (Matt.4,2; 8,24; Luk.22,44; Joh.4,6; 11,35; 12,27;
Heb.2,10.18; 5,7+8). Und dennoch: obwohl er wirklich ein Mensch war,
blieb er zeitlebens sündlos; er beging keinerlei sünde und konnte unmöglich
sündigen (Joh.8,46; 2.Kor.5,21; Heb.4,15; 9,14; 1.Pet.2,22; 1.Joh.3,5).
Es war notwendig, dass Christus sowohl Gott als auch Mensch sein sollte.
Nur als Mensch konnte er unser Stellvertreter sein, leiden und sterben; nur
als ein sündloser Mensch konnte er für die Sünden anderer Menschen Sühne
leisten. Und nur als Gott konnte er seinem Sühnopfer einen unendlichen
Wert geben und den Zorn Gottes auf sich nehmen, um andere davor zu be-
wahren (Ps.40,8-11; 130,3)"161.
b) Die zwei Naturen vereint in einer einzigen Person
"Christus hat eine menschliche Natur, aber er ist nicht lediglich ein Mensch.
Der Mittler ist der unwandelbare Sohn Gottes. Bei der Menschwerdung ver-
wandelte er sich nicht in einen Menschen, noch adoptierte er eine menschli-
che Person. Er nahm vielmehr zusätzlich zu seiner göttlichen Natur eine
menschliche Natur an, die sich nicht zu einer getrennten Persönlichkeit ent-
wickelte, sondern in der Person des Sohnes Gottes persönlich wurde. Nach-
dem er diese menschliche Natur annahm, war der Mittler nicht nur Gott,
sondern Gott und Mensch zugleich; er ist der Gott-Mensch, der alle wesent-
lichen Eigenschaften der göttlichen wie auch der menschlichen Natur be-
sitzt. Er hat sowohl ein göttliches als auch ein menschliches Bewusstsein, so-
wohl einen göttlichen als auch einen menschlichen Willen. Dies ist ein un-
fassbares Geheimnis. Die Heilige Schrift weist sehr deutlich auf die Einheit
der Person Christi hin. Es spricht immer dieselbe Person, gleich, ob es der

161
Berkhof, "Grundriss", aaO, S.44.
menschliche oder der göttliche Verstand ist, der sich äussert: s. Joh.10,30;
124 17,5; vgl. Matt.27,46; Joh.19,28. Manchmal werden der mit einem göttli-
chen Titel versehenen Person menschliche Eigenschaften und Handlungs-
weisen zugeschrieben: Apg.20,28; 1.Kor.2,8; Kol.1,13.14. Und manchmal
werden der mit einem menschlichen Titel versehenen Person göttliche Ei-
genschaften und Handlungsweisen zugeschrieben: Joh.3,13; 6,62;
Röm.9,5"162.

2.4.5. Die Notwendigkeit der beiden Naturen Christi


Viele Theologen heute sehen die Notwendigkeit der Zwei-Natuern-Lehre
nicht mehr. Für sie ist Jesus nur ein Mensch. Die Notwendigkeit der zwei
Naturen Christi folgt aus dem, was notwendig ist für die biblische Lehre
von der Versöhnung.
a) Die Notwendigkeit seines Menschseins
Weil die Menschen sündigten, war es notwendig, dass die Strafe von Men-
schen getragen wurde. Zudem beinhaltet die Bezahlung der Strafe sowohl
Leiden des Körpers als auch der Seele, so dass nur ein Mensch fähig war, sie
zu bezahlen. Joh.12,27; Apg.3,18; Hebr.2,14; 9,22. Es war nötig, dass
Christus von einer menschlichen Natur ausgehen konnte nicht nur mit all
ihren wesentlichen Eigenschaften, sondern auch mit ihren Schwächen, zu
denen sie seit dem Sündenfall neigt. Und so sollte er hinabsteigen zur Tiefe
der Degradierung, in die der Mensch gefallen war Hebr.2,17.18. Gleichzei-
tig musste er ein sündloser Mensch sein, denn ein Mensch, der selber Sün-
der war und sein Leben verwirkt hatte, konnte sicher nicht für andere wie-
dergutmachen Hebr.7,26. Nur ein solcher wirklich menschlicher Mittler,
der selbst experimentelle Kenntnis des Leids der Menschheit hatte und alle
Versuchungen überstanden hatte, konnte echtes Mitleiden empfinden in all
den Erfahrungen, den Problemen und den Versuchungen der Menschen
Hebr.2,17.18; 4,15-5,2 und ein vollkommenes menschliches Beispiel für
seine Nachfolger sein Mt.11,29; Mk.10,39; Joh.13,13-15; Phil.2,5-8;
Hebr. 12,2-4; 1.Petr.2,21.
b) Die Notwendigkeit seiner Göttlichkeit
Für den göttlichen Rettungsplan war es absolute Voraussetzung, dass der
Mittler auch ganz Gott sein musste. Dies war notwendig, damit (1) er ein
Opfer von unendlichem Wert bringen konnte und dem Gesetz Gottes ge-
genüber absolut gehorsam sein konnte; (2) damit er den Zorn Gottes ver-
söhnend auf sich nehmen konnte oder anders formuliert, dass er andere vom
Fluch des Gesetzes befreien konnte und (3) damit er die Früchte seiner ge-
tanen Arbeit denen zurechnen konnte, die ihn durch Glauben angenommen
hatten. Der Mensch mit seinem bankroten Leben kann weder die Strafe für
die Sünde bezahlen, noch Gott absoluten Gehorsam entgegen bringen. Er
muss den Zorn Gottes tragen, es sei denn die versöhnende Gnade Gotte
würde es ewig auf sich nehmen, aber dies kann er nicht tun, indem er einen
anderen Ausweg öffnet (Ps.49,7-10; 130,3).163

162
Berkhof, "Grundriss", aaO, S.45.
163
Berkhof, "Systematic Theology", aaO, S.319.
c) Richard Rohr: Der nackte Gott
Richard Rohr schreibt in seinem Buch „Der Nackte Gott – Plädoyers für ein 125
Christentum aus Fleisch und Blut“ im ersten Kapitel, „Die Inkarnation“:
„Wegen der Inkarnation, der Menschwerdung Jesu, ergibt das Christentum
losgelöst von der Kirche für mich keinen Sinn. Bis Gottes Wort in
wirklichen Menschen und konkreten zwischenmenschlichen Beziehungen
vor Ort Fleisch und Gestalt annimmt, bleibt das Christentum trocken und
abstrakt. Die eigentliche Pointe der Fleischwerdung Jesu besteht darin, daß
der Vater in Jesus Gott und Mensch zusammengefügt hat. Ich habe jedoch
den Verdacht, daß sich viele Christen so schwer damit tun, das Menschliche
und das Göttliche miteinander zu versöhnen, daß sie Gott und ihre konkrete
Gemeindekirche um die Ecke nur schwer zusammenbringen. Dieser
Widerwille, die Inkarnation derartig konkret und praktisch zu verstehen,
trägt für mich zur Erklärung bei, weshalb die Kirche so wenig Ausstrahlung
hat und an ihrem Auftrag scheitert, der Welt das Evangelium zu
verkündigen. Zu oft haben wir ein fleischloses und blutarmes Evangelium
verkündigt, das den Eindruck erweckt hat, es sei irgendwie nicht ganz o. k.,
Mensch zu sein. Im Namen Jesu haben wir die Wirklichkeit andauernd in
natürlich und übernatürlich, weltlich und geistlich aufgeteilt. Was Gott
zusammengefügt hat, das haben wir geschieden. Der vielfach zerrissene und
gespaltene Leib Christi steht als bitteres Zeichen vor aller Augen, daß wir
von Jesus nichts begriffen haben. Jesus kennen, das bedeutet: sich dem
stellen, was Gott in Jesus getan hat – und daran Anteil haben. In seinem
Sohn hat Gott Ja gesagt zum Menschsein; er hat das Menschliche und das
Göttliche – auf den ersten Blick jedenfalls – un-unterscheidbar und
verwechselbar gemacht; Gott hat sich schwach gemacht – und er hat das
Menschsein zu jenem Ort gemacht, wo seine Begegnung mit uns
stattfindet“. (Seite13)

2.4.6. Vom doppelten Stand Jesu Christi


Dies ist ein Auszug der Dogmatik (§ 59) von Eduard Böhl, S.290-300:
„In dem Willen Christi liegt nach Phil.2,5ff der Grund für sein menschliches
Sichhervortun bei aller ihm eigenen Gottförmigkeit. Er wollte nicht mehr
sein als wir; er hat es sich nicht leicht machen wollen; er hat im Glauben, im
Gebet und Flehen seinen Weg auf Erden vollenden wollen. Er wandelte an
des Geistes Hand, nicht aber im Schauen. Er hat unsere Errettung im Elend
beschafft, im Gehorsam unter des Vaters Willen hat er ein grosses Heil er-
worben. Sonst wären wir mächtiger und mehr vermögend als er, die wir im
Elend, und gehalten allein durch den Glauben, hiernieden wallen. In diesem
Willen liegt es nun auch begründet, dass von einer Zweiteilung der Stände
oder Zustände Jesu Christi in der Dogmatik die Rede sein kann. Der eine
ist der der Erniedrigung, der zweite der der Erhöhung; beide nennt Paulus
in Phil.2,7-9. Auf diese zwei Stände lässt sich die ganze Reihe von Tatsa-
chen verteilen, auf denen unsere Errettung beruht und welche der 2. Artikel
des Apostolicums in der Kürze angibt.
Die Ständelehre tritt nun aber in der Reformationszeit noch zu sehr zurück.
In der lutherischen Kirche wird sie zwar gelehrt, aber als das Subjekt der
Erniedrigung wird der schon im Schoss der Jungfrau empfangene, gott-
126 menschliche Erlöser statuiert. Um der heiligen Schrift tunlichst gerecht zu
werden, half man sich lutherischerseits mit einer Erniedrigung der eigentlich
im Akt der Konzeption aufs höchste erhöhten menschlichen Natur des Erlö-
sers, damit nur die göttlichen Prädikate die menschlichen zur Ruhe kom-
men liessen. Die letzteren sollten Zeit gewinnen sich menschlich zu äussern,
nicht aber in die göttlichen untergehen.164 Man hatte seine liebe Not, um
die menschlichen Qualitäten aus der Umarmung der göttlichen zu befreien,
was auch noch wunderlich genug bei dem neusten Vertreter, Philippi
(Glaubenslehre IV, l.439 Note) zu Tage tritt. S. 444 heisst es: ”Er war wah-
rer und wirklicher Mensch, aber als der Gottmensch und der durchgottete
Mensch hätte er auch als Mensch gottähnlich erscheinen können, zog es in-
des vor – menschenähnlich aufzutreten. Da er dabei aber in göttlicher Ges-
talt blieb, so bestand die Annahme der Knechtsgestalt in dem Zurückziehen
der Strahlen der Gottesherrlichkeit, welche seinem Fleische fortdauernd
einwohnte, und die er nun mit dem Vorhang des Fleisches verhing und
dämpfte.” Als Subjekt der Erhöhung wird dann immer der Mensch Jesus
vorgeschoben, der doch aber abgesehen vom Logos gar nicht subsistierte.
Das Problem ist bei Philippi nur in seiner ganzen Schroffheit reproduziert.
In der reformierten Kirche liess man die Erniedrigung durch die Annahme
der Knechtsgestalt sich vollziehen, gründete sie also auf Phil. 2,7 statt auf
Röm. 8,3.
In beiden Kirchen aber drohte immer wieder der feste Boden für einen Sta-
tus exinanitionis165 verloren zu gehen. Man suchte vergeblich nach einem,
Christus mit uns verbindenden Gliede; die Anknüpfung an unsere Natur
wurde vergebens versucht, wo die Fleischwerdung des Logos nicht gründ-
lich festgehalten und in ihren Folgen durchdacht wurde. Das, was die In-
karnation zur Exinanition macht, fällt weg, sowie wir den Eintritt des Lo-
gos in das Lebensgebiet der gefallenen Menschheit leugnen. Erst die
Fleischwerdung des Logos fällt unter den Gesichtspunkt des Erduldens von
etwas, das seiner unwürdig war, und worin das tiefste Geheimnis seiner
Liebe sich kündlich gross offenbart. Nun erst haben wir jenen erwünschten
Anknüpfungspunkt seiner Natur mit der unsrigen. Er nimmt den Fluch auf
sich, um ihn aber zu brechen. Hier in der Fleischwerdung des Logos haben
wir tiefste Erniedrigung und dabei zugleich weisheitsvolle Liebe, die den
Kelch nicht von sich weist, den der Vater ihr gibt; hier haben wir den
Durchgang durch das Todestal zum Leben – aber nicht so, dass alles ein
Schein und nicht Wesen wäre, was der Erlöser getan und gelitten. Auf ihm
ruhte wirklich von wegen der Annahme unsrer gegenwärtigen menschlichen
Natur Gottes Bann und Fluch (vgl. Thomasius, Christi Person und Werk
III,1,92f.). Und das hat er tragen wollen – er hat den Zorn, der wider diese
Natur gerichtet war – ertragen wollen und dieses Band, das ihn mit uns ver-
knüpfte, nie wieder zerrissen, auch da nicht, als es ihn zum Tode, ja zum
Tode am Kreuz führte.

164
S. Schneckenburger, Zur kirchlicben Christologie, Seiten 24.29.
165
exinanio = ausleeren, ausladen, ausplündern. Die Vulgata übersetzt Phil.2,7 e>ke/nwsen mit exinanivit
(„... er entäusserte sich selbst“) / Anmerkung von M.Macher.
Wirklich behauptet nun aber Heppe (Dogmatik S. 351): die Erniedrigung
bestehe nicht in der Menschwerdung als solcher – Christus erniedrigte sich 127
dadurch, dass er die Knechtsgestalt annahm etc. Er irrt und kann sich dafür
nicht auf die älteren reformierten Dogmatiker berufen, welche vielmehr die
Erniedrigung für zusammenfallend mit der Inkarnation hielten (s. mein
Buch: Von der Incarnation des göttlichen Wortes S.19). Immerhin verlor
man aber doch allmählich auf reformierter Seite das Interesse an der Stän-
delehre, und etliche, wie W.v.Brakel, Heydanus und andere, leugneten allen
Ernstes, dass die Menschwerdung an sich schon eine Erniedrigung in sich
schliesse und zogen damit eigentlich nur die Konsequenz aus dem Lehrbeg-
riff der älteren Theologen. Wenn man die Bedeutung der Fleischwerdung
des Logos verkennt, so kommt man nie zu einem wahren Stande der Er-
niedrigung. Wir wiederholen es: Nicht dies, dass etwa Gott zum Menschen
gemacht worden, begründet die Erniedrigung – sondern allein dies: dass
nach Joh. 1,14 der Logos Fleisch wurde ( $ 55). Mensch zu werden, ist an
sich nichts Erniedrigendes - dagegen Fleisch zu werden, ist für den Logos
eine Sache der äussersten Erniedrigung.166 Denn hier ging seine Natur mit
einer anderen in eins zusammen, die unter göttlicher Schuldhaft, d.h. unter
dem von Adam herrührenden; kata/krima (im Zustand der Verdammung)
sich befand.
Von dem Augenblick an, da der Logos Fleisch geworden und der Sohn
Gottes eben damit Knechtsgestalt annahm, begann der Zustand der Ernied-
rigung und mit ihm zugleich das Werk der Erlösung. Wie sehr schon gleich
dieser Akt der Fleischwerdung im Willen des Sohnes Gottes beruhe, zeigt
uns Hebr. 10,5-10. Hier ist vom Zweck der Ankunft Christi in die Welt die
Rede: Gott habe Opfer und Darbringung nicht gewollt, sondern einen Leib
Christo zubereitet. Und V.6-7 heisst es dann weiter, dass Christus gesagt
durch Davids Mund, was in Ps. 40,7ff weiter geschrieben steht. In diesen
Worten, durch die Christus sich bereit erklärt, in die Welt zu kommen, of-
fenbart sich Christi Wille, durch seine Selbstaufopferung Gottes ganzen Rat-
schluss zu erfüllen, die Feindschaft zwischen uns und Gott aufzuheben und
die Gerechtigkeit wiederzubringen: weshalb es auch V.10 heisst: ”Ich will
predigen die Gerechtigkeit in der grossen Gemeinde.” Auch bei der Taufe
spricht Jesus seinen Willen aus, der dahin geht, dass es sich zieme, alle Ge-
rechtigkeit zu erfüllen. Mt 3,15. Johannes des Täufers Wille ist, dass Chris-
tus lieber ihn taufe; das wäre jedoch eine Erlösung ohne Genugtuung gewe-
sen. Christus aber will erst Genugtuung leisten, will sich selber erst hinein-
werfen in den Tod des Wasserbades, will Gottes gerechter Anforderung, die
in dieser Taufe an alles Fleisch erging, genügen, auf dass er Gottes Wohlge-
fallen sich im Namen der an ihn Glaubenden erwerbe und Gott also zur
Rehabilitation herausfordere, die dann auch erfolgte nach Mt 3,17.
Die darauffolgende, durch das Festhalten an Gottes Wort siegreich bestan-
dene Versuchung durch Satan (Mt. 4; Lk. 4) war eine Bewährung an unsrer
Statt; in der selbsterwählten, und konsequent von ihm durchgeführten Er-
niedrigung hat Christus unsere Erlösung beschafft.
Auch der Wille seiner Jünger. besonders Petrus, demzufolge Jesus dem Lei-
den zu Jerusalem aus dem Wege gehen sollte, wird von Jesus abgewiesen.

166
Vgl. mein Werk: Von der lncarnation des göttlichcn Wortes, Seiten 19.110.
Mt. 16,22.23 (ska/ndalo/n mou ei>). Jesus behauptet seinen auf unsere Er-
128 rettung abzielenden Willen. Ganz so handelt er in Gethsemane Mt. 26,39
und bei der Gefangennahme 26,53.54; Joh. 18,8. Auch am Kreuz stirbt Je-
sus freiwillig; er neigt zuvor das Haupt und stirbt sodann, Joh. 19,30. Da
erfüllte sich sein Wort: ”Niemand nimmt das Leben von mir; – er selber ist
es, der seinen Geist in die Hände des Vaters übergibt, Joh. 10,17.18. Den
gesamten Zustand der Erniedrigung fasst der Hebräerbrief auf Grund von
Ps. 8,5-7 in das Wort zusammen, dass Jesus geringer gemacht sei, als die
Engel, auf dass er den Tod schmecke für alles (ihm Gegebene) Hebr. 2,9. In
dieser Weise hat er von seinem Lebensanfang bis zum Ende desselben am
Kreuze seinen Willen gehorsam dem Willen des Vaters untergeordnet, Phil.
2,8. Worauf nun dieser Wille des Vaters im letzten Grunde abzielte – daran
wollen wir hier mit den Worten Jesajas nur erinnern Kap.53,10: ”Wenn sei-
ne Seele ein Schuldopfer wird gebracht haben, so wird er Samen sehen und
der Rat des Herrn wird Fortgang haben durch ihn.” Vgl. Bernhard, In a-
scensione Domini Sermo III,2: Singularis illa maiestas voluit mori, ut vivere-
mus, servire ut regnaremus, exsulare ut repatriemur et usque ad servilissima ope-
ra inclinari, ut constitueret nos super ornnia opera sua.
Bernhard hat die Weise, wie die göttliche Natur an der Erniedrigung teilge-
nommen, treffend angedeutet, nach dem Vorgang von Cyrill (§ 58) und
Hilarius in der alten Kirche. Der Erlöser hat alle göttlichen Eigenschaften an
sich,
aber wie Bernhard treffend bemerkt, er übt sie im Werke der Erlösung mit
Anstrengung, was von dem Werke der Schöpfung nicht zu sagen ist.167 In
der Tat: was kann hier auch die maiestas ausrichten, wo nur die humilitas
das Feld behauptet. Die Beweise für das Wirken der göttlichen Natur, sie
liegen in der Krippe; sie begegnen uns dort, wo der Erlöser leidet und be-
zahlen muss, was er nicht geraubt hat (Ps 69,5); wo er sich durch Geisseln
den Rücken aufreissen, beleidigen und ans Kreuz nageln lässt; wo er ruft:
”Mich dürstet!”; wo er stirbt und drei Tage im Schoss der Erde liegt! Wir
sagen, in diesen Werken hat der Erlöser stärker seine Gottheit bewiesen, als
es durch lange Beweisreden über dieselbe je hätte geschehen können. Er tut
hier in der Tat nur dasjenige, was er als Schöpfer und Erhalter der Welt je
und je getan, wie solches Bernhard in sehr zutreffender Weise hervorhebt in
s. Canticum canticorum, sermo VI,3: ”Dum in carne et per carnem facit opera
non carnis sed Dei, naturae utique imperans superansque fortunam, stultam fa-
ciens sapientiam hominum daemonumque debellans tyrannidem, manifeste ipsum
se esse indicat, per quem eadem et ante fiebant, quando fiebant. In carne, in-
quam, et per carnem potenter et patenter operatus mira, locutus salubria, passus
indigna, evidenter ostendit, quia ipse sit, qui potenter sed invisibiliter secula con-
didisset, sapienter regeret, benigne protegeret. Denique dum evangelizat ingratis,
signa praebet infidelibus, pro suis crucifixoribus orat, nonne liquido ipsum se esse

167
Bernhard, Sermo XX,2: Multum quippr laboravit in co salvator, ncc in amni mundi fabrica tantum
fatigationis auctor assumsit. IDa dcniquc dixit, ct facta sunt, mandavis et creata sunt (Ps 33,9). At vrio hic
rt in dictir suis sussinuit cont- radictorcs e t in factis obscrvatorcs ct in tormcn6s illusons rt iu morte
cxprobmton.s. Ecce quomodo dikxit. Ferner vgl. sermo in Ferin IV. Hebdomadae sanctae $ 13. Vidc
rrgo quam magnificaverit faccre t e cum ilLt maicstas. Dc omnibus, quar in roek ct sub roslo sunt, dixit, et
facta sunt (Ps 148,5). Et qaid facilius dictu.’ S ~ d nunquid solo v e rbo factum cst, mm tc qunn fic e rat
refccit.’ Triginta et tribm annis supra tcrram visus, rt cum hominibus conversatus, etiam habuit m factis
calumniatorts, in dictis iinsultatons ctc. Quarr hoc. ~ Quia vcrbum a sua subtilitate descenckrar ct gros-
sius accepc rat indummsum. Nam vcrbum caro factum crat, ct icko grossiori rt morosiori opcrc utebatur.
declarat, qui cum patre suo quotidie oriri facit solem super bonos et malos, pluit
super iustos et iniustos?” Zu dieser Stelle bemerkt Ritschl (Studien und Kriti- 129
ken 1879, S. 324) unter anderem Folgendes. Passus indigna: ”Die Erdul-
dung von Gegenwirkungen die seiner unwürdig sind, kann Christus unter
dem Gesichtspunkt beigelegt werden, dass dieselbe das Mittel ist, durch
welches er die Weltordnung auf das Heil der Menschen hinweist und gütig
leitet. Die Allmacht steht, nach Bernhard, nicht dem Leiden oder der Ge-
duld Christi entgegen.” Es ist dies eine wahre und fruchtbare Durchführung
der communicatio idiomatum, fügen wir hinzu. Wir werden nun sagen, dass
auch die Fleischwerdung des Logos unter dem Gesichtspunkte des Erdul-
dens von etwas seiner Unwürdigem aufgefasst werden darf, ein Erdulden,
dem sich der Logos aus grosser Liebe zu dem gefallenen Menschen unter-
zogen hat und wobei er der Allmacht nicht, wie die Vertreter der Kenosis
wollen, entraten konnte, sondern ihrer erst recht bedurfte. Und wir sind
gewiss nicht genugsam in dem göttlichen Wesen zu Hause, um in Abrede
zu stellen, dass dieses Zusammenwohnen des Starken mit dem Schwachen
möglich gewesen sei. Insofern aber die Liebe den Logos zur Fleischwer-
dung bewog, so kann er selbst seinen Kreuzestod unter den Gesichtspunkt
der Erhöhung und Verherrlichung stellen Joh. 17, 1; vgl. 12,23). Der Akt
der höchsten Demut und Selbstverleugnung war zugleich der Akt der Ver-
herrlichung des Sohnes Gottes. Bernhards Aussagen greifen also in die Tie-
fen des Geheimnisses der Gottseligkeit, und die Reformatoren, bes. Luther,
haben Ähnliches gesagt (Ritschl III.S. 365f.) Ebenso tiefsinnig sind schon
die merkwürdigen Stellen über dieses Geheimnis bei Hilarius, z.B. in De
trinitate IX,14.: Deo proprium fuit, esse aliud, quam manebat, nec tamen non
esse quod manserat: nasci in hominem Deum nec tamen Deum esse desinere,
contrahere seusque ad conceptum et cunas et infantiam, nec tamen Dei potestate
decedere. Hoc non sibi sed nobis est sacramentum, neque assumtio nostra Deo pro-
fectus est, sed contumeliae suae voluntas nostra perfectio est, dum nec amittit ille,
quod Deus est et homini acquirit, ut Deus sit. Mit diesen Worten will Hilarius
das wunderbare Geheimnis, von dem wir im § reden, nach Möglichkeit uns
nahe bringen. Menschliche Natur geht vom Niederen zum Höheren, nicht
so die göttliche. ”Gott (so übersetzen wir Obiges) war es eigentümlich, ein
anderes zu sein, als was er verblieb, und doch nicht nicht zu sein, was er
verblieben war (e>n morfh~ ceou~): als Mensch geboren zu werden, und doch
nicht aufzuhören, Gott zu sein; sich zusammenzuziehen bis zu Empfängnis
und Wiege und Kindesweise, und doch der Gottesmacht nicht zu entsagen.
Das ist ein Geheimnis nicht für ihn, sondern uns zu gut. Auch ist das An-
nehmen unserer Natur für Gott kein Fortschritt: aber dass er sich solche
Schmach antun wollte, geschieht zu unserer Vollendung, da er nicht verliert,
was er als Gott ist, und dem Menschen erwirbt, dass er Gott werde. Man
vgl. über Hilarius G. Thomasius, Christi Person und Werk II, S. 172-189.
Wegen seines Gehorsams bis zum Tode hat nun Gott auch Jesus erhöht,
und zwar, um so höher erhoben, je tiefer seine Erniedrigung zuvor gewesen.
Phil. 2,9.168 Die Erhöhung oder der status exaltationis beginnt mit der Auf-
erstehung. Durch diese Auferstehung wird der Erlöser nach Röm. 1,4 öf-
fentlich erwiesen als der Sohn Gottes, der er war. Er hat sich den Sohnes-

168
Die lutherische Dogmarik muss stattdessen sagen: „der Logos hat sich selbst erhöht.“
namen verdient durch seine Werke, verdient hat er ihn sich für uns, Hebr.
130 1,4, und bestätigt wird ihm dieses sein Verdienst durch die Auferstehung.
Dasselbe empfängt durch die Auferstehung eine für alle ersichtliche Aner-
kennung. Weiter offenbart Jesus bei der Auferstehung seine siegende Macht
über den Tod, Apg. 2,24; Röm. 6,9; 1.Kor 15,55.57; er zeigt dadurch öf-
fentlich, dass sein Werk vollbracht und unsere Frei- und Gerechtsprechung
vor Gottes Gericht vollzogen sei, indem das Haupt freigesprochen ist. Röm.
4,25; 1.Kor 15,17.
Endlich begründet Christus durch seine Auferstehung die Hoffnung der
Seinen auf eine gleichfalls herrliche Auferweckung ihres Leibes: 1.Kor
15,2022.45-49. Und zwar ist diese Auferstehung eine leibliche gewesen, die
sich den zweifelnden Jüngern unwiderstehlich aufdrängte. Der Evangelist
Markus (16,11-14) hebt die Zweifel der Jünger ganz besonders hervor.
Desgleichen stehen Petrus und Paulus mit ihrer ganzen Autorität für die
leibliche Auferstehung des Herrn ein; dieselbe ist ein Grundbestandteil der
apostolischen Verkündigung. Apg. 2,31; 1.Kor 15,4-8. Und wahrlich,
nachdem die Auferstehung Christi lange zuvor verheissen worden durch
David und die Propheten, z.B. Ps 16,10.11; Jes. 53,8.10.12; 55,3 vgl. Apg.
2,31; 13,34.35 – so ist es nur billig, dass sie endlich auch eintrete. Auf der
Tatsache der leiblichen Auferstehung Christi ruht unser ganzes Heil (vgl.
1.Petr 1,3) und besonders unseres Leibes Auferstehung nach 1.Kor
15,19.22.23.
Die mit der Auferstehung beginnende Erhöhung vollendet sich in der
Himmelfahrt und dem Sitzen zur rechten Hand Gottes. Röm. 8,34; 1.Petr
3,22. Mt 26,64. Lk. 24,51. Apg. 1,9.11; 3,21.
Was da zu unserem ewigen Heil auf Erden begonnen – das vollendet sich in
den Regionen des Himmels. Die sichtbare und tastbare Gegenwart des
Herrn ward zunächst 40 Tage hindurch den Jüngern wiederholt gewährt.
Da sahen sie, dass er lebte und gesiegt hatte, und somit keine Verdammnis
mehr vorhanden sei für sie. Röm. 8,34. Und als er nun sichtbar vor ihren
Augen gen Himmel fuhr – da befestigte sich die Überzeugung: dass der mit
der Auferstehung gefeierte Triumph ein ewiger sei. Sie lernten dadurch
(Heid. Kat. 49): dass ihr Fleisch und Blut im Himmel sei als ein sicheres
Pfand, dass er, als das Haupt, uns seine Glieder auch zu sich werde nehmen,
Joh. 14,3. Sie lernten, dass ihr Bruder und Herr als Fürsprecher bei dem
Vater die einmal erworbene Erlösung fort und fort geltend machen werde.
Es stand seitdem bei ihnen fest: dass, wie Joh. 14,18 verheissen, Christus
auch von dort aus seine Kirche regieren, ihr seinen Geist senden, und end-
lich von dort her zum Gericht wiederkommen und seine Kirche einsammeln
werde in das Reich der ewigen Herrlichkeit. Joh. 14,16-18; 16,13.14; Apg.
1,11; Röm. 4,25; Hebr. 7,25.26; 9,24; Kol. 3,4; 1. Thess. 4,14-17.
Beides, die Auferstehung und die Himmelfahrt, wird gern im Neuen Tes-
tament als ein Stück der Erhöhung zusammengefasst: Phil. 2,9; Eph. 4,8-
10; Kol. 2,15; 1.Tim 3,16; Hebr. 1,3. Beides wird auch als ein Lohn für die
Arbeit der Seele Christi angeschaut: Phil. 2,9; Hebr. 2,9; vgl. Jes. 53,10. Es
erteilt ihm der Vater, als dem Mittler Gottes und der Menschen, einen
Lohn, der bereits in dem ewigen Ratschluss festgesetzt worden: Jes. 53,10.
Christus trägt die Erhöhung als einen Kampfpreis davon, und zwar als der
Mittler und unser Stellvertreter. An allen Orten der heiligen Schrift, wo von
Christus ein Erben und eine Besitznahme ausgesagt wird, oder wo es heisst,
dass ihm etwas geschenkt worden, ja dass er gekrönt und als etwas deklariert 131
worden ist, dass ihm alles unter die Füsse gelegt worden, gilt solches von
dem Mittler Gottes und der Menschen, dem Menschen Christus Jesus und
zugleich wahrhaftigem Gott. Mt 28,18 (potestas offici nach Olevian) Röm.
1,4; Hebr. 1,2-4; 2,8.9; 5,5.6; 1.Kor 15,25.27 – vgl. Ps 8,7; Phil. 2,9;
Eph. 1,20-23. Auf unsere Seite wollte der Sohn Gottes ganz und gar hin-
übertreten, und als des Menschen Sohn sich alles erwerben und mitteilen
lassen, was uns fehlte, auf dass er es fortan als die reife Frucht seines prophe-
tischen, hohenpriesterlichen und königlichen Amtes durch Vermittlung des
heiligen Geistes seiner Gemeinde zufliessen lasse. In solchem Willen Christi
hat das selige Geheimnis seiner Erniedrigung und Erhöhung seinen Grund.
Die Weise also, in der die menschliche Natur Christi an der Erhöhung und
Verherrlichung des Erlösers, teilnimmt, ist durchaus nicht durch eine der
Konsequenz des Systems entstammende Formel zu bestimmen, wie in der
Lutherischen Kirche bei Aufstellung des tertium genus der Communicatio
idiomatum geschah (des g. maiestaticum). Mit Recht wiesen die reformier-
ten Theologen (z.B. Zanchius, Opp. tom. VIII,170ff und Maresius, Syste-
ma loc. IX,35-37) es ab, dass solche Mitteilung der göttlichen Eigenschaften
an die menschliche Natur Christi, sei es von dem Moment der Fleischwer-
dung an, sei es von der Erhöhung an stattgehabt habe (beides wird vertreten
unter den Lutheranern). Eine derartige Mitteilung göttlicher Eigenschaften
zerstört den festen Grund unsres Glaubens, indem sie die wahre menschliche
Natur verflüchtigt und auf Eutychianismus hinauszulaufen droht.
Bei dem genus majestaticum der Lutherischen Kirche verliert der Glaube
sein Objekt, die natura humana geht auf in die divina und die Früchte des
hohenpriesterlichen Amtes Christi werden verflüchtigt.
Die natura humana wird die natura divina. In der Vergangenheit läge, was
Christus getan, sein allgegenwärtig gewordener Leib zeigte keine Wunden-
male mehr – und was an dem Herrn das teuerste ist für die Gemeinde, seine
Niedrigkeit auch in der Erhöhung, wonach er bittet für uns, Hebr. 7,25,
und abwartet, bis Gott ihm alle seine Feinde zu Füssen legt, wäre nur noch
in der Erinnerung konserviert. Vor unseren Augen stände die zufolge der
Transfusion der essentiell göttlichen Eigenschaften in die menschliche Natur
nun erst vollständig gewordene persona ceancrw/pou: ein ganz erschreckli-
ches Wesen, vor dem wir zittern müssten, wenn wir seiner gedenken. Non
enim finitum ab infinito potest adaequate inhabitari, quidquid kontra perten-
dant Ubiquitarii, sagt sehr richtig Maresius (Systema, loc. IX,30). Und wir
fügen, im Hinblick auf Olevians Ausführungen betreffs dieses Problems,
hinzu: Wer uns den nexus, welchen die göttliche und menschliche Natur des
Erlösers hier auf Erden gehabt, auflösen wollte, löst für uns das Erlösungs-
werk auf, das ewig an der wahren menschlichen Natur haftet, und leugnet,
dass wir ihn so wiederkehren sehen werden, wie ihn die Apostel von hinnen
haben gehen sehen (Apg. 1,11; vgl. Hebr. 9,28). Dies war ja gerade die
Sünde Adams, dass er Gott gleich sein wollte; Christus kam, diesen Schaden
zu heilen (contrario remedio wie Olevian, De substantia foederis gratuiti
I,6,31 sagt). Wie sollte der Erlöser nun die geschaffene menschliche Natur
gleichwohl vergotten lassen und die Grenzen zwischen beiden Seinsweisen
überschreiten? Wir sagen vielmehr mit Olevian (1 c. g 31): Ut dixi: summa
gloria est humilitas palam manifestata: quod nimirum in coelesti luce humiliatio
132 in terra exhibita aeternam vim exserit coram Patre, et in animo Sacerdotis, qui
utcunque patiendo non amplius se humiliet, humiliationis tamen in terra exhi-
bitae dignitate palam manifestata fulget; eiusque fons, quod mitis sit Pontifex et
humilis corde haudquaquam exaruit. Quin potius e luce et throno coelesti in coe-
lum et terram scaturit intercedendo pro nobis, non seorsim a Lo/gw; (neque enim
est individuum per se subsistens humana natura) sed Lo/gw in aeternum unita.
Diese Worte Olevians, die entnommen sind aus dem gewichtigen 6. Ab-
schnitt seines Werkes vom Wesen des Gnadenbundes, lauten: ”Wie ich ge-
sagt habe: die höchste Herrlichkeit (des erhöhten Mittlers) ist die vor der
Welt geoffenbarte Demut, wonach also die auf Erden bewährte Demut dro-
ben im himmlischen Lichte ihre ewige Kraft vor dem Vater beweist und
(zugleich) im Gemüte des Hohenpriesters (Christi), der, obschon selbst
nicht mehr durch Leiden sich erniedrigend, gleichwohl durch die Würdig-
keit seiner hier auf Erden bewiesenen Demut, die nunmehr vor aller Augen
offengelegt wird, sich in seinem wahren Glanze zeigt. Und das geschieht so,
dass die Quelle, wonach er ein sanfter und von Herzen demütiger Ho-
herpriester ist, keineswegs versiegt ist, sondern vielmehr reichlich fliesst aus
dem himmlischen Lichte und vom Thron herab, sich über Himmel und Er-
de verbreitend, dadurch dass er für uns bittet. Und dies tut die menschliche
Natur nicht abgesondert von dem Logos (denn sie ist nichts für sich beste-
hendes) sondern als mit dem Logos ewiglich vereint.” Die Einheit der Per-
son des Logos wird überhaupt nicht durch menschliche Mittel der theologi-
schen Spekulation gefördert; – wenn wir sie nicht im Glauben besitzen und
antizipieren, so werden wir sie durch kein Netz der theologischen Spekula-
tion zusammenhalten können. – Wenn also Christus Joh. 17,5 bittet: Und
nun, Vater, verherrliche mich mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, vor
dem dass die Welt war – so fordert er nicht für seine menschliche Natur eine
Fülle der Herrlichkeit, welche er in der Ewigkeit besessen (diese hatte er ja
nie abgelegt), sondern diese Herrlichkeit ist die im ewigen Friedensrate nun
auch für die Seinen bestimmte. Und diese kam dem Erlöser wirklich zu in
den grossen Akten der Auferstehung, Himmelfahrt und dem Sitzen zur
Rechten Gottes, kurz in der ganzen vom Erlöser wiederholt (auch beim
letzten Passamahl, Lk 22,16) in Aussicht genommenen Zukunft, die auf
sein Dulderleben folgen sollte. (Vgl. das Erben des Sohnesnamens, den er
bereits besass, Hebr. 1,4.)
Was nun besonders die Art des Leibes Christi seit der Erhöhung betrifft, so
ist dieselbe von dem festen Grunde der Auferstehung aus zu bestimmen.
Christus behielt seinen beschränkten menschlichen Körper; aber so, dass
derselbe frei sich bewegt als ganz gefügiges Organ des in ihm wohnenden
Geistes. Bald erscheint Christus hier, bald dort den Jüngern, selbst bei ver-
schlossenen Türen tritt er ein Joh. 20,26. Was aber vom Leibe der Auferste-
hung gilt, gilt auch von dem Leibe, den der Erlöser bei der Himmelfahrt
mit sich nahm. Wie ihn die Jünger auf Erden gesehen, so wird er wieder-
kommen, Apg. 1,1 1; so sahen ihn später Stephanus Apg. 7,55 und Paulus
Apg. 22,14; 1.Kor 15, 8. Auch der Leib Christi nimmt also nur in dem
Masse teil an der Erhöhung und dem Mitbesitz göttlicher Majestät, als es
ihm durch die ihm eigene lokale Beschränktheit und Begrenztheit möglich
ist. Endlich darf dieser Leib Christi nie seine Ähnlichkeit mit dem unsrigen
verlieren, weil er das Urbild unsres verklärten Leibes sein soll (Phil 3,21;
1.Kor 15,49). Es muss daher dem Christenherzen billig weh tun, dass über 133
diese Ubiquitätslehre so viel Streit stattgefunden, und dadurch Bande gelöst
wurden, die unzerreiRbar hätten sein sollen.
Diesen doppelten Stand der Erniedrigung und Erhöhung charakterisiert e-
benfalls die verschiedene Stellung, die der Geist Gottes einmal zum Fleisch
gewordenen, sodann aber zum erhöhten Erlöser einnimmt. Der Logos wur-
de ja, was er nicht war; er wurde Fleisch. Und da war er nun als Fleischge-
wordener in dem Falle, mit dem heiligen Geist noch erst erAillt zu werden,
damit er in allem uns gleich wäre: Jes. 11,2; 42,1; 61,1; Lk 4,18.169 Der
Geist Gottes kam bereits bei der Empfängnis im mütterlichen Schoss über
den Erlöser und ist seitdem bei ihm geblieben. Die Stellung unseres Herrn,
als des Mittlers und Bürgen der Seinen, als des unter die Engel Erniedrigten,
Hebr. 2,9, als des zweiten Adam: – diese Stellung brachte es mit sich, daR
er in Abhängigkeit vom Geiste Gottes dastand, dass er an der Hand des
Geistes und von ihm gehalten wandelte, Mt 4,1; Lk 4,1. Seine Stellung als
der zweite Adam brachte es mit sich, dass er vom heiligen Geiste sich die
Gaben mitteilen lassen wollte, die er zu seinem Werke jeweilig nötig hatte.
Welche die Gaben waren, mit denen der heilige Geist Christus ausgerüstet,
das ist klar – es sind Amtsgaben, und nicht etwa göttliche Eigenschaften, die
die göttliche Natur der menschlichen in Christus mitgeteilt hätte. Wir lernen
sie kennen aus Jes. 11,1-5; 42,1.2; 61,1.2. Es sind Gaben, deren der Messias
als Prophet, Hoheryriester und König bedarf. Unter diesen Gaben ragt die
humilitas, die Demut,170 hervor, von der Jes. 52,13.14 als des einen Linea-
ments Christi prophezeit. Zugleich ersehen wir hieraus, dass der Tätigkeit
des heiligen Geistes Spielraum genug geboten war; denn bei der Leitung
des Messias durch den heiligen Geist war es nicht etwa genügend, dass die
göttliche Natur in die menschliche ihre Gaben übergoss, sondern der
fleischgewordene Logos erhielt besondere Amtsgaben, die von den wesen-
haften Eigenschaften Gottes (dona essentialia) wohl zu unterscheiden sind.
Unser Herr im Stande seiner Erniedrigung tat nichts ohne den heiligen
Geist; alles vielmehr tat er, durch denselben getrieben; er wandelte nicht im
Schauen, sondern im Glauben. Der Geist macht sich Jesus zum gefügigen
Organ seines Wirkens. Mt 4,1; 12,18.28; Lk 4,14.18; Joh. 3,34; Apgl,2;
Jes. 11,2ff.; 42,1; 61,1.2. Auch seine Aufopferung ist in der Kraft dieses
Geistes geschehen Hebr. 9,14, und die Auferstehung ist nach Massgabe des
Geistes der Heiligung vor sich gegangen, d.h. unter der GutheiRung dessel-
ben: Röm.1,4; 1.Petr 3,18. Der Geist Gottes ist es, der den Fleisch gewor-
denen Logos überschattet, ihn mit Kraft ausrüstet (Apg. 10,38) – Gott war
mit ihm – ihn aufrecht erhält, ja wieder aufrichtet, indem er einmal selbst
sichtbar in Gestalt einer Taube auf Jesus herabkommt Lk 3,22.

169
Unsere alten reformierten Dogmariker Fassen diese Mitteilung von Gaben (grariae habiruales) als eine
Konsequenr. der unio naturarum auf, aber nach den oben angeFührten Schriftstellen kommen diese Ga-
ben durch die Mittei- lung des heiligen Geistes auf Christus herab, eine Mitteilung, die auch den Prophe-
ren zureil wurde. Der Unter- schied liep lediglich in dem ov’ yap ex pr’rpou goh 3,3 4 ) d.h: ei non – ur
ceteris – admetitur (=zumessen’ l Deus Spiritum; Chrisrus empFängt gemäR der Wichtigkeic seines Be-
rufs Gaben in Fülle. Un 5 re AIren widersetzen sich gerade zu dieser Stelle rapfer der Lurherischen An-
nahme einer Mirreilung der metaphysischen göttlichen Caben ohne MaR (Maresius IX,32).
170
Vgl, Olevian, De subst, foed. gr. 1,6 § 30.
Von der Erhöhung an dagegen verfügt unser Herr über diesen Geist Gottes
134 als seinen, des Fleisch gewordenen Geist;
er verfügt über den Geist Gottes, dessen Einwohnen in unseren sterblichen
Leibesorganen er erworben, der daher auch der Geist des Sohnes heisst. Gal
4,6; Röm.8,10.11; Phil 1,19. Ja, der erhöhte Christus selber wird ihn sen-
den Joh. 15,26; er giesst ihn aus Apg 2,33. Mit dem Hingang Christi zum
Vater hängt namentlich die ausserordentliche Geistesausgiessung am
Pfingstfeste in Apg 2 zusammen nach Joh. 14,12.16-18; Apg 2,33: denn er
hat den Geist erworben; ferner hat er, das gehorsame Kind Gottes, den
Geist der Kindschaft uns erworben, kraft dessen wir nunmehr Gott mit dem
Vaternamen nennen laut Röm.8,15; Gal 4,4.5. Was wir fortan sind, wissen,
wollen und können durch Wirkung des heiligen Geistes – das ist alles sein
Erwerb, eine Frucht der Arbeit seiner Seele; das hat er alles dargestellt, s.
1.Petr 1,2ff.; 2.Thess 2,13f.
Wir kommen nunmehr auf den Wert der Erniedrigung und Erhöhung unse-
res Herrn für uns zu reden. Diesen Wert aber können wir nicht anders als
nach dem in den zwei Ständen vollführten Werke beurteilen und somit
kommen wir zu dem Lehrstück von dem Werke Christi.“
Zum Schluss dieser Ausführungen möchte ich noch Donald Guthrie zitie-
ren: „Die grösste Bedeutung der Auferstehung besteht in ihrem Beitrag zu
unserem Verständnis der Person und des Werkes Christi. Denn, dass der
präexistente Christus Mensch wurde können wir uns nur vorstellen, wenn
die Auferstehung ein reales Ereignis war. Anderenfalls müsste man eine Un-
terscheidung machen zwischen einer göttlichen Person, die nie wirklich
Mensch wurde und nie gestorben ist (die doketische Ansicht) und einer
menschlichen Person, die nicht göttlich war und starb, aber nie von den To-
ten auferstand. In beiden Fällen müssten Teile der neutestamentlichen Be-
weislage wegerklärt werden. Nur der Glaube in das Ereignis der Auferste-
hung kann die Kontinuität gewährleisten, die notwendig ist, wenn die Auf-
fassung von Jesus als Gott und Mensch aufrecht erhalten werden soll. Keine
andere Sicht von ihm ist möglich, wenn die Beweislage des NT ernst ge-
nommen wird“171.

2.5. Jesu Selbstverständnis

Grundsätzliches
(Phil.2,7 kenosis teilweise freiwilliger Verzicht)
Wusste Jesus von seiner Gottheit? Die kritische Theologie lehnt seine Messi-
anität ab / Jesus war ein blosser Mensch! (vgl. Bultmann, S.26-28 in der
NT-Theologie über die Messiasstellen: sie sind historisch nicht relevant;
sind nicht Selbstzeugnis, sondern von Evangelisten zurückprojizierte Oster-
geschichte) Für Bultmann ist es eine Wunschprojektion!
Wenham schreibt in "Christ and the Bible", S.43ff: Jesus wusste nicht alles
(vgl. Lk.2,52, Mk.6,38; 5,9.30; 9,21; 11,13; Mt.24,36; Mk.13,32), aber
alles was er lehrte ist absolute Wahrheit. Vergleiche hierzu den Wachstums-

171
Guthrie Donald, „New Testament Theology“, S.390.
prozess bei Jesus parallel zu seinem physischen Wachstum in Lk.2,52.40;
(3,23 - Auftreten mit 30 Jahren). Rätselursache für Familie (sündlos - es 135
zog ihn zu Gottes Wort, Lk.2,46ff).
Er empfing jedoch den Heiligen Geist nicht erst bei der Taufe (= Doketis-
mus / Joh.1,29-34 belegt Zeichencharakter, Bestätigung für Johannes und
die Zuhörer). Keine Bewusstseinsenthüllung. / In Joh.12,28ff finden wir
nochmals die Stimme als Zeichen (vgl. Berkhof, S.317) / Jesus, wahr in sei-
nen Worten: Mt.24,35p; 7,24-26; Lk.6,46-49; Mk.8,38p; Lk.9,26).
(a) Jesus nennt Gott seinen Vater als Selbstzeugnis - Mt.11,27; Lk.23,46
u.ö.
(b) Jesus als Sohn Joh.5,19-27 (10x hyios) 8,36; 10,36 u.ö.
(c) Jesus weiss, dass er der Messias ist oder bestätigt Aussagen über ihn
und weist sie nicht zurück.
Mt.16,13ff: 13 Als aber Jesus in die Gegenden von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger
und sprach: Was sagen die Menschen, wer der Sohn des Menschen ist? 14 Sie aber sagten: Einige: Johan-
nes der Täufer; andere aber: Elia; und andere wieder: Jeremia oder einer der Propheten. 15 Er spricht zu
ihnen: Ihr aber, was sagt ihr, wer ich bin? 16 Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. 17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist
du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in
den Himmeln ist. 18 Aber auch ich sage dir, dass du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine
Gemeinde bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen. 19 Und ich werde dir die Schlüs-
sel des Reiches der Himmel geben; und was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln
gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein. 20 Dann
gab er seinen Jüngern strenge Weisung, dass sie niemand sagten, dass er der Christus sei. (Mk.8,27ff;
Lk.9,18ff)
Mt.22,42: "... und sagte: Was haltet ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie sagen zu ihm: Davids".
(Mk.12,35; Lk.20,41)
Mt.23,10: "Lasst euch auch nicht Meister nennen; denn einer ist euer Meister, der Christus".
Mt.26,63f: "Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sagte zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendi-
gen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes! 64 Jesus spricht zu ihm: Du hast es
gesagt. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der
Macht und kommen auf den Wolken des Himmels". (sy eipas übersetzt Cullmann: "Meinst du?", s. unten /
Mk.14,62 'ego eimi' (p Lk.22,70)
Mk.9,41: "Denn wer euch einen Becher Wasser zu trinken geben wird in meinem Namen, weil ihr Chris-
tus angehört, wahrlich, ich sage euch: er wird seinen Lohn nicht verlieren".
Lk.2,26; 4,41 - andere wissen es genau! / Lk.24,26 / Die Apostel zitieren
Jesus - Apg.3,18; 17,3; 26,23; Joh.4,25f; 7,26-41; 10,24-26; 11,27; 17,3;
20,31 usw.
(d) Die 'ego eimi'-Worte im Johannes-Evangelium Joh.6,35.48; 8,12;
10,7.9.11; 11,25; 15,1; 14,6; 18,36 (vgl. auch Synoptiker)
(e) Jesus bezeichnet sich als Menschensohn
Vgl. unten unter Namen Jesu 6.5
Zusammenfassung: Jesu Selbstverständnis ist in Übereinstimmung mit
dem übrigen NT

2.6. Kennzeichen seiner Messianität

Grundsätzliches:
Deutliche Zeichen weisen auf seine Messianität (Ehrenrettung ist nicht nö-
tig). Jesus ist zentral, der Grösste, Einmalig!
Off.20,11 - Jesus wird einst richten (Phil.2,10f; Off.16,7) - ist wichtigstes
Hauptmerkmal im Neuen Testament. (a) Jesus will das jüdische Missver-
ständnis beseitigen (b) Jesus ist der Messias
(a) Jesus ist der im Alten Testament verheissene Messias
136 (Vgl. auch oben unter 1.2) Mindestens in zwei Stellen finden wir eine deut-
liche Verbindung zum Alten Testament. Jes.61,1f + Lk.4,18ff / Jes.42,1-4
+ Mt.11,1-6
(b) In Jesus ist das ganze Alte Testament erfüllt
Wenham, S.107f / Hebr.10,1.7 / Das ganze AT weist forwärts auf Jesus
Christus
(c) Jesu vollmächtige Predigt
Mt.7,28f - die Menschen sind entsetzt! Sechs Mal hören sie "Ich aber sage
euch...", welches eine grosse Autorität ausstrahlt. Die Quelle der Vollmacht
liegt: 1. In der Berufung auf die Autorität der Heiligen Schrift des AT's "es
steht geschrieben..." Mt.4,4.7.10 / 2. Alles kommt vom Vater (Jes.50,4-6)
Joh.7,16-18: "Da antwortete ihnen Jesus und sprach: Meine Lehre ist nicht
mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand seinen Willen tun
will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich aus mir selbst
rede. 18 Wer aus sich selbst redet, sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre des-
sen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und Ungerechtigkeit ist nicht
in ihm". Joh.7,46; 8,26-28.38; 12,49f. / 3. Jesus ist Gott - Mt.24,35p; seine
Worte sind ewig Joh.6,63 - Geist und Leben Joh.12,48 - Richter
(d) Jesu Vollmacht, Sünden zu vergeben
Mk.2,5-10p Gichtbrüchige; Lk.7,48(36-50) Sünderin (Kreuz immer im
Blick!) Joh.8,1-11 - keine Bagatellisierung der Sünde / Jes.53,5 steht immer
dahinter.
(e) Jesu Vollmacht über die Krankheit
Jes.53,4f Krankheit als Folge des Sündenfalls wird vom Messias überwun-
den
Mt.8,14-1: "Und als Jesus in das Haus des Petrus gekommen war, sah er dessen Schwiegermutter fieber-
krank daniederliegen. 15 Und er rührte ihre Hand an, und das Fieber verliess sie; und sie stand auf und
diente ihm. 16 Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die
Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden, 17 damit erfüllt würde, was durch den Prophe-
ten Jesaja geredet ist, der spricht: `Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten".
(f) Jesu Vollmacht, Tote aufzuerwecken
Wichtige Unterscheidung: Jesus, der Erstling (Kol.1,18), blieb lebendig mit
seinem neuen Leib.
Jairus Mt.9,18ffp; Jüngling zu Nain Lk.7,11-17; Lazarus Joh.11 / (Joh.5,21 Vollmacht / Joh.5,28f Aufer-
stehung zum Gericht auch dabei)
(g) Jesu Vollmacht über die Dämonen
Mt.8,16; Jes.43,4; Mt.12,22ff (entscheidender Punkt für die Pharisäer! -
Lästerung) V.28p (Exorzismus war Praxis und nicht abnormal - vgl.
Apg.19). In Jesus ist die Basileia gekommen, er ist der Messias!
(Mk.3,22ffp; Lk.11,14-26) Die Dämonen zittern (Mk.3,11f) und kennen
Jesu Vollmacht (Mt.5,1ffp Gadarener). Mt.8,28ff; 2.Petr.2,4; Jud.6 - Die
Dämonen kennen ihr Ende.
(h) Jesu Vollmacht über die Naturgewalten
Mt.8,23-27p Sturmstillung Mt.14,22ff Speisung der 4000 und 5000
Mt.14,13p; 15,32 / Wunder allgemein Joh.2,1-11 / Sieben Mal finden wir
'saemeia' im Johannesevangelium.
Jesu Vollmacht, seine Jünger zu bevollmächtigen
Mt.28,18b weil er alle Vollmacht hat, darum ... / Mt.10,1ff er gab ihnen 137
Vollmacht / Apg.3,3-8 Vollmacht zur Heilung des Lahmen / Apg.16,18
Geist / Apg.19,13ff; 2,37; 6,15; 7,54f Zeichen der Vollmacht / 1.Thess.2,
13.
Zusammenfassung
Die Kennzeichen sind überzeugend. Wenn sie nicht ausreichen, so ha-
ben wir trotzdem keine Entschuldigung (Joh.14,11; 15,24).

2.7. Jesus, der König der 'basileia'

Zur Literatur: Vgl. H.Ridderbos, "The comming of the Kingdom"

2.7.1. Die Basileia

1) Hinweise aus dem AT und dem Judentum

(a) Die Basileia im AT ('malkuth' = Königsherrschaft, Herr-


schaftsbereich).
Reich Gottes ist zunächst Gottes unbeschränkte Herrschaft über den ganzen
Kosmos172, sowie die willige Unterordnung des Menschen unter Gottes
Macht. Dieses Reich ist gegenwärtig und zukünftig, irdisch und überirdisch,
es ist ein werdendes und wachsendes. Im AT steht die Verheissung und Er-
wartung des Reiches im Vordergrund. Gott erwählte das Volk Israel
(Neh.9,7), um seine Herrschaft auf Erden zu manifestieren und den ande-
ren Völkern zu demonstrieren173. Gott sprach dabei durch die Propheten
(Jer.7,25). Aber Israel widersetzte sich der Herrschaft Gottes (Neh.9,16-
18). Immer wieder wurde es deswegen von Gott gestraft, um sie seinem
Plan gefügig zu machen. Es wird ein Reich verheissen, in dem: - sich die
Gotteserkenntnis von Jerusalem aus über die ganze Welt verbreitet (Jes.2,3;
Mi.4,2); - die Schwerter zu Pflugscharen werden (Jes.2,4; Mi.4,3) und
Frieden auf Erden herrscht; - Gott der eigentliche König ist (Mi.4,7;
Dan.2,44); - Israel ein Segen auf der Erde ist (Jes.19,24); - ein Nachkomme
Davids auf den Thron sitzt (Jer.33,15; Jes.11,1f); - es keinen Verfall gibt, es
ewig ist (Dan.2,44; 7,13); - die ganze Erde beherrscht wird (Dan.2,44;
7,13); - Gottes Gesetz ins Herz geschrieben ist und von den Menschen
gehalten wird (Hes.36,25-27; Jer.31,33f); - der Geist Gottes ausgegossen
wird (Jes.32,15; Hes.37,14; Joel 2,28-32). Amos beschreibt das Reich Got-
tes mit der Betonung des diesseitigen (9,13-15), Jesaja (nebst dem diesseiti-
gen, z.B. 11,15, Kap.60) mit der Betonung des jenseitigen Aspekts
(65,17)174.

172
Bibellexikon, Sp.1132. Vgl. auch 1.Chr.29,11.
173
Ridderbos, "The Coming of the Kingdom", S.8. Vgl. auch 2.Mo.19,5f.
174
Ladd, "A Theology of the New Testament", S.45.
138 (b) Hinweise aus dem Judentum
(Vgl. hierzu W.Barclay, "Offenbarung des Johannes 1", S.14-18.) Die Juden
erwarteten das "Königreich der Himmel" als unmittelbares Eingreifen Got-
tes zur Befreiung des Landes von der römischen Besatzung. Dies sollte im
Kommen des Messias seinen Anfang nehmen175. Der Messias ist der Träger
des Königtums. Die Akzente waren bei dieser Reich-Gottes-Erwartung mal
nationalistischer mal kosmisch apokalyptisch. Die Ankunft des Messias wur-
de als der grosse Wendepunkt der Geschichte erwartet. Heiden und Gottlo-
se werden zerschmettert, die Gerechten erlangen die Weltherrschaft, auf Er-
den herrscht Friede. Die Gerechten werden völlig sündlos sein. "Königreich
der Himmel bedeutet manchmal aber auch nur die moralische Überle-
genheit Gottes über sein Geschöpf Mensch"176.

2) Die Basileia im Griechentum, AT und Judentum


Häufiger Begriff / Antike: Herrschaftsbereich, Vergöttlichung des Königs /
AT und LXX ca. 500x Basileia (maelaech und malkia etc. 7Ü) normalerwei-
se profan vom Herrscher, Völker, Länder etc. / Könige Israels / Basileia
Jahweh im AT (Jahwe als König Ex.15,18; Ps.29,10; 93,1; 97,1 u.ö.; e-
schatol. Sach.4,9)
1.Chr.29,10-12: "Und David pries den HERRN vor den Augen der ganzen Versammlung, und David
sprach: Gepriesen seist du, HERR, Gott unseres Vaters Israel, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Dein, HERR,
ist die Grösse und die Stärke und die Herrlichkeit und der Glanz und die Majestät; denn alles im Himmel
und auf Erden ist dein. Dein, HERR, ist das Königtum (ha-mamlachah), und du bist über alles erhaben
als Haupt. Und Reichtum und Ehre kommen von dir, und du bist Herrscher über alles. Und in deiner
Hand sind Macht und Stärke, und in deiner Hand liegt es, einen jeden gross und stark zu machen".
Dan.2,44; 3,28-33; 6,27b Darius /,13f (Menschensohn) (Off.19,16); Ex.19,5f: "Und nun, wenn ihr willig
auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, dann sollt ihr aus allen Völkern mein Eigentum
sein; denn mir gehört die ganze Erde. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige
Nation sein. Das sind die Worte, die du zu den Söhnen Israel reden sollst". Ex.32
Immer wieder erlag das Volk der Versuchung, einen sichtbaren König an-
statt Gott einzusetzen - 1.Sam.8,4-9; 12,12. Im Judentum auch bestätigt
(jüdische Apokalyptik) - rein politische Sicht - vgl. Barclay zu Off.

3) Johannes der Täufer und die Basileia


(a) Sein Hauptthema war die Nähe der Basileia / Mt.3,2 h]ggiken / Souve-
räner Herrschaftsanspruch Gottes auf die Welt und Israel als Zentrum
(Bussruf)
(b) Nicht Belohnung, sondern radikale Metanoia erwartet er (Mt.3,2 - 3,6
bekennen und bereuen).
(c) Unbussfertige schliessen sich selber aus - Gericht folgt (Mt.3)
(d) aengiken ist Hinweis auf die Menscherdung (Lk.1,67 Bestätigung von
Zacharias)
(e) Äusseres Zeichen der Busse ist die Wassertaufe (Mt.3,6) / Hinweis auf
Stärkeren folgt (Mt.3,11) Taufe mit dem Heiligen Geist vorausgesehen.
(f) Jes.40,3ff Wegbereiter des Messias Mk.1,2f; Lk.3,4-6; Joh.1,23 / Zu-
gang ist verschüttet - Bahn bereiten, gerade machen.

175
Vgl. New Bible Dictionary, S.693.
176
Ridderbos, "The Coming of the Kingdom", S.9.
(g) Jes.40,3ff und NT-Parallelen - nicht Millenium-Hinweis, sondern auf
erstes Kommen des Messias (Mt.11,1-6). 139
(h) Taufe im Jordan von Jesus - göttliches Siegel auf den Dienst des Johan-
nes - Ziel der Menschwerdung Jesu (Stellvertretung).
(i) Dadurch wird der göttliche Heilsplan wieder aufgenommen (nach 450
Jahre der Stille) - Juden und Heiden erhalten den göttlichen Ratschluss.
(j) Sein Ruf bedeutet nicht Aufrichtung des alten Bundes, sondern neuen
Bund. Jer.31; Hes.36.
(k) Beurteilung Jesu über Johannes den Täufer in Mt.11,10-14; 17,10-13.
(Zur Proklamation der Basileia durch Johannes den Täufer vgl. den Artikel von Hans Mayr in Historia
Revelationis NT; Vorlesungsmitschrift und Seminararbeiten.)

4) Die Proklamation der Basileia durch Jesus Christus


Jesus begann seine Predigt wie Johannes der Täufer mit dem Hinweis auf
die Nähe des Reiches Gottes und dem Aufruf zur Busse (Mt.4,17). Jesus
verkündigte, dass das Reich Gottes vor der Türe stehe (Mt.4,17; 10,7), dass
es in ihm bereits angebrochen sei (Mt. 12,28), und andererseits, dass man
um sein Kommen bitten solle (Mt.6,10). In Gleichnissen spricht Jesus vom
wachsen des Reiches Gottes (Mt.13). Dieses Wachstum ist für den Men-
schen unerklärlich (Mt.4,27). Gott regiert im Himmel und diese Herrschaft
wird nun auf Erden verwirklicht, inmitten des Herrschaftsbereiches Satans
(Lk.11,14-22). Auch bei Jesus hat das Reich Gottes den Aspekt der Krisis
und des Gerichts (Mt.13,47-50), aber im Vordergrund steht der Aspekt des
Heils. Jesus gab sich als der König des Reiches Gottes zu erkennen: - beim
Einzug in Jerusalem (Mt.21,1-11); - bei der Tempelreinigung (Mt.21,12-
16); vor dem Hohen Rat (Mt.26,63f); vor Pilatus (Joh.18,37); beim Mis-
sionsbefehl (Mt.28, 19). Jesus bezeichnete sich als die Erfüllung der alttes-
tamentlichen Verheissungen (Mt.5,17; Lk.4,18-21). Er sagte, er sei in die
Welt gekommen, um das Reich Gottes zu verkündigen (Mk.1,38). Die Got-
tesherrschaft ist theozentrisch (Lk.22, 29) und gleichzeitig messianisch.
Das Reich Gottes hat geistlichen und nicht weltlich politischen Charakter
und kann auch nicht durch Waffengewalt aufgerichtet werden (Joh.18,36).
Nur wer zu Jesus gehört, gehört zum Reich Gottes (Mt.7,21-23) und wer
seinen Geboten folgt (Mt.25,31-45). Nur wer wiedergeboren ist aus dem
Heiligen Geist kann in das Reich Gottes kommen (Joh.3,3.5-8). Das Reich
Gottes steht aber allen Menschen offen, nicht etwa nur Israel (Mt.8,11). Die
Bergpredigt enthält geistliche Grundsätze des Reiches Gottes. Jesus liess of-
fen, wann die Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden geschehen werde
(Apg. 1,6.7), die volle Aufrichtung wird erst im und für das Millenium
stattfinden. Das Reich Gottes besitzt aber Dynamis, auch wenn dies vor den
Augen der Welt verborgen ist (Mk.9,1). Jesus verglich das Reich Gottes mit
der Einladung zu einer Hochzeitsfeier, und nicht etwa mit einer Gerichts-
verhandlung. Es überwiegt also das positive Element (Mt.22,2). Wie neu
und anders das Gottesreich aber sein wird, zeigt sich u.a. am Aufhören der
Geschlechtlichkeit (Mt.22,30). Das Reich Gottes soll von den Gläubigen
erbeten (Mt.6,10) und verkündigt werden (Lk.9,2) und es rechtfertigt
140 grösste Opfer (Mk.9,47)177.

5) Der sichtbare Erweis des in Jesus angebrochenen RG


Da Jesus der Mittelpunkt des RG ist, ist sein Kommen der beste Beweis für
den Anbruch des RG. Alle Erweise des bereits angebrochenen Gottesreiches
liegen in der Person und den Taten Jesu. Jesus übt göttliche Vollmacht aus
und befreit von der Versklavung des Bösen.
Einzelne Erweise des in Jesus angebrochenen RG:
- alle Heilungs- und Auferstehungswunder (Mt.11,2-6; Lk.7,18-23).
- Austreiben von Dämonen (Lk.11,20; Mt.12,28)
- Jesu Überwindung des Bösen (Mt.12,29)
- die von Jesus auf die Jünger übertragene Vollmacht (Lk.10,17-19)
- die Verkündigung der Heilsbotschoft (Mt.11,5; Lk.7,22)
- die bereits gegenwärtige Vergebung der Sünden (Mk.2,5-10)
- alttestamentliche Verheissungen auf das RG hin sind in Jesus erfüllt
(Lk. 4,18-21).

6) Der vorläufige Charakter des manifestierten Reiches Gottes


In der Verkündigung Jesu vom Reiche Gottes lässt sich eine ungeheure
Spannung feststellen. Mit seinem Kommen hat das Heilswirken Gottes auf
der Erde begonnen (vgl.Lk.4,18-21). Gleich zu Beginn seiner Wirksamkeit
sagt Jesus, dass das Reich Gottes gekommen ist (Mt.4,17; Mk.1,15). Die
Basileia wird sichtbar, indem Jesus Dämonen austreibt und viele Wunder
tut (Mt.12,28; Lk.11,20; 4,18). Aus vielen anderen Stellen ist jedoch er-
sichtlich, dass das Reich Gottes in der Zukunft zu erwarten ist. Die Jünger
sollen um das Kommen dieses Reiches beten (Mt.6,10). In Mt.13 spricht
Jesus "vom Wachstum dieses Reiches, einem Prozess, der zur Vollendung
gebracht wird durch einen machtvollen Eingriff Gottes"178 (vgl. Mt.24;
Mk.13; Lk.21). Das Reich Gottes ist also in Jesus Christus angebrochen
und doch noch etwas Zukünftiges.

7) Die heilsgeschichtliche Dimension der Basileia


Zur Grundlage der Basileia in Lehre, Bund, Erlösung und Imperativ vgl.
ebenfalls das Skript von "Historia Revelationis NT.Vergleiche hierzu die
Soteriologie (v.a. die angewandte Sot.) und die Pneumatologie (die Zuge-
hörigkeit durch den Heiligen Geist). In der Ekklesiologie ist zu prüfen, wie-
weit eine Übereinstimmung besteht zwischen der Basileia und der Ekklesia.
Diese heilsgeschichtliche Dimension der Basileia findet sich auch in der E-
schatologie; hier steht aber das ‘noch nicht’ im Vordergrund. Zur Grundla-
ge der Basileia in Lehre, Bund, Erlösung und Imperativ vgl. ebenfalls das
Skript von "Historia Revelationis NT.

177
Zu den sichtbaren Beweisen (Erweisen) des in Jesus gekommenene, angebrochenen Gottesreiches vgl.
"Historia Revelationis NT", S.4.
178
Bibellexikon, Sp.1133. Weitere Stellen, die vom Kommen er Gottesherrschaft reden, sind Mt.25,1-
13.14-30.31-46; 26,29; Mk.11,10; Lk.11,2; 19,11; 21,31.
8) Das Verhältnis von Gemeinde und Basileia. 141
Man kann es mit zwei konzentrischen Kreisen vergleichen, von denen der
kleinere die Gemeinde darstellt. 'Basileia' ist übergeordnet und umfassender.
Sie bedeutet die Vollendung und das Ziel der ganzen Geschichte, bringt
Gnade und Gericht, hat kosmische Dimensionen und füllt Zeit und Ewig-
keit. 'Basileia' offenbart sich in der Gemeinde, in der Erlösung und in allen
Gaben, die in und durch Jesus Christus und durch seinen Heiligen Geist ge-
währt sind. Sie richtet unseren Blick zu Gott und seiner Kraft, mit der er das
Reich baut. Die 'Basileia' ist aber undenkbar ohne die 'Ekklesia', Menschen,
die durch das Evangelium zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen
wurden. 'Ekklesia' ist die Frucht der Offenbarung der 'Basileia'. Das Reich
Gottes schafft die Gemeinde, während die Gemeinde vom Reich Gottes
zeugt und es verwaltet (Apg.8,12; 19,8; 20,25; 28,23). Die Gemeinde ist
also das Werkzeug, mit dem Gott sein Reich baut. Sie ist gewissermassen
das Schaufenster der 'Basileia'.

9) Die Zukunft und Vollendung des Gottesreiches.


In den synoptischen Evangelien lehrt Jesus seine Jünger, auf die Zeichen der
Zeit zu achten, damit sie bereit sind, wenn das Reich Gottes vollendet wird
(Mt.24; Lk.21; Mk.13). Kosmische Erschütterungen werden vorausgehen,
und das Evangelium ist allen Völkern verkündigt worden. Mit der Wieder-
kunft des Herrn wird die Aufrichtung des Reiches in Kraft und Herrlichkeit
folgen"179. Mit dem Tausendjährigen Reich (Off.20,1ff) werden viele Pro-
phezeiungen in Erfüllung gehen (Jes.2,2-4; 11,6-9; Sach.8,13ff). Beim
Weltgericht wird Jesus Christus entscheiden, wer das ewige Leben errerbt
(Mt.25,31-46). Das Reich wird seine letzte Vollendung gefunden haben,
wenn auch der Tod als letzter Feind Gottes überwunden ist (1.Kor.15,24-
26). "Wenn Gott in der Herrlichkeit mitten unter der verwandelten
Menschheit zelten wird (Off.21,1ff), dann kan man - genau genommen -
nicht mehr vom 'Reich' sprechen"180.

2.7.2. Das Königtum im Alten Testament


Die Monarchie ist nur ein Zugeständnis an die Unfähigkeit des atl. Volkes
Gottes, mit Gott selber, als ihrem unsichtbaren König vorlieb zu nehmen.
Bereits in der Thora finden wir im sog. Königsgesetz Anweisungen von
Gott, wie er sich einen menschlichen König vorstellt:
"Wenn du in das Land kommst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und es in Besitz genommen hast und
darin wohnst und sagst: `Ich will einen König über mich setzen, wie alle Nationen, die rings um mich her
sind!', dann sollst du nur den König über dich setzen, den der HERR, dein Gott, erwählen wird. Aus der
Mitte deiner Brüder sollst du einen König über dich setzen. Du sollst nicht einen Ausländer über dich
setzen, der nicht dein Bruder ist. Nur soll er sich nicht viele Pferde anschaffen, und er soll das Volk nicht
nach Ägypten zurückführen, um sich noch mehr Pferde anzuschaffen, denn der HERR hat euch gesagt:
Ihr sollt nie wieder auf diesem Weg zurückkehren. Und er soll sich nicht viele Frauen anschaffen, damit
sein Herz sich nicht von Gott abwendet. Auch Silber und Gold soll er sich nicht übermässig anschaffen.
Und es soll geschehen, wenn er auf dem Thron seines Königreiches sitzt, dann soll er sich eine Abschrift
dieses Gesetzes in ein Buch schreiben, aus dem Buch, das den Priestern, den Leviten, vorliegt. Und sie soll
bei ihm sein, und er soll alle Tage seines Lebens darin lesen, damit er den HERRN, seinen Gott, fürchten

179
Bibellexikon, Sp.1133f.
180
Bibellexikon, Sp.1134.
lernt, um alle Worte dieses Gesetzes und diese Ordnungen zu bewahren, sie zu tun, damit sein Herz sich
142 nicht über seine Brüder erhebt und er von dem Gebot weder zur Rechten noch zur Linken abweicht, da-
mit er die Tage in seiner Königsherrschaft verlängert, er und seine Söhne, in der Mitte Israels".
(Deut.17,14-20).
Die Anforderungen sind eindeutig: (1) Er muss von Gott erwählt sein. (2)
Aus dem Volk Israel muss er stammen. (3) Er soll nicht viele Pferde an-
sammeln und (4) das Volk nicht zurück nach Ägypten führen. (5) Er darf
nicht viele Frauen haben und (6) nicht zuviel Reichtum. (7) Er soll Gottes
Gesetz kennen, lesen und verfügbar halten.
Erst in 1.Sam.8 fordert das Volk dann von Samuel einen König. Dieser
setzt ihnen diesen auf Gottes Verheiss ein, gepaart mit deutlicher Warnung
vor den Konsequenzen:
"Und es geschah, als Samuel alt geworden war, da setzte er seine Söhne als Richter über Israel ein. Der
Name seines erstgeborenen Sohnes war Joel und der Name seines zweiten Abija; sie waren Richter in
Beerscheba. Aber seine Söhne wandelten nicht in seinen Wegen und sie suchten ihren Vorteil und nahmen
Bestechungsgeschenke und beugten das Recht. Da versammelten sich alle Ältesten von Israel und kamen
zu Samuel nach Rama. Und sie sagten zu ihm: Siehe, du bist alt geworden, und deine Söhne wandeln
nicht in deinen Wegen. Nun setze doch einen König über uns, damit er über uns Richter sei, wie es bei
allen Nationen ist! Und das Wort war übel in den Augen Samuels, dass sie sagten: Gib uns einen König,
damit er Richter über uns sei! Und Samuel betete zum HERRN. Der HERR aber sprach zu Samuel:
Höre auf die Stimme des Volkes in allem, was sie dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern
mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll. Entsprechend all den Taten, die sie im-
mer getan haben von dem Tage an, da ich sie aus Ägypten geführt habe bis zum heutigen Tag, dass sie
mich verlassen und andern Göttern gedient haben, so machen sie es auch mit dir. Und nun höre auf ihre
Stimme! Doch warne sie mit allem Ernst und mach ihnen das Recht des Königs bekannt, der über sie
herrschen wird! Und Samuel sagte dem Volk, das einen König von ihm begehrte, alle Worte des
HERRN. Und er sagte: Dies wird das Recht des Königs sein, der über euch regieren wird: Eure Söhne
wird er nehmen, um sie für seinen Wagen und seine Gespanne einzusetzen, damit sie vor seinem Wagen
herlaufen, und um sie sich zu Obersten über Tausend und zu Obersten über Fünfzig zu bestellen, damit
sie seine Äcker pflügen und seine Ernte einbringen und damit sie seine Kriegsgeräte und seine Wagengerä-
te anfertigen. Und eure Töchter wird er zum Salbenmischen, zum Kochen und Backen nehmen. Und eure
besten Felder, Weinberge und Olivengärten, die wird er nehmen und sie seinen Knechten geben. Und von
euren Kornfeldern und euren Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und ihn seinen Kämmerern und
Beamten geben. Und eure Knechte und eure Mägde und eure besten jungen Männer und eure Esel wird er
nehmen und sie in seinen Dienst stellen. Von euren Schafen wird er den Zehnten nehmen, und ihr, ihr
müsst seine Knechte sein. Wenn ihr an jenem Tage wegen eures Königs um Hilfe schreien werdet, den ihr
euch erwählt habt, dann wird euch der HERR an jenem Tag nicht antworten. Aber das Volk weigerte
sich, auf die Stimme Samuels zu hören. Und sie sagten: Nein, sondern ein König soll über uns sein, damit
auch wir sind wie alle Nationen, und dass unser König uns richtet und vor uns her auszieht und unsere
Kriege führt. Und Samuel hörte all die Worte des Volkes und sagte sie vor den Ohren des HERRN. Und
der HERR sprach zu Samuel: Höre auf ihre Stimme und setze einen König über sie ein! Da sagte Samuel
zu den Männern von Israel: Geht hin, jeder in seine Stadt!" (1.Sam.8,1-22)
Als dritte zentrale Stelle aus dem AT sei hier noch 1.Kö.3,3-13 zitiert:
"Und Salomo liebte den HERRN, so dass er in den Ordnungen seines Vaters David lebte. Jedoch brachte
er auf den Höhen Schlachtopfer und Rauchopfer dar. Und der König ging nach Gibeon, um dort
Schlachtopfer darzubringen, denn das war `die grosse Höhe'; tausend Brandopfer opferte Salomo auf
jenem Altar. In Gibeon erschien der HERR dem Salomo in einem Traum bei Nacht. Und Gott sprach:
Bitte, was ich dir geben soll! Und Salomo sagte: Du selbst hast ja an deinem Knecht David, meinem Va-
ter, grosse Gnade erwiesen, weil er vor dir gelebt hat in Treue, in Gerechtigkeit und in Aufrichtigkeit des
Herzens gegen dich; und du hast ihm diese grosse Gnade bewahrt und ihm einen Sohn gegeben, der auf
seinem Thron sitzt, wie es am heutigen Tag ist. Und nun, HERR, mein Gott, du selbst hast deinen
Knecht zum König gemacht anstelle meines Vaters David. Ich aber bin ein kleiner Knabe, ich weiss nicht
aus- noch einzugehen. Und dein Knecht ist inmitten deines Volkes, das du erwählt hast, eines grossen
Volkes, das wegen seiner Menge nicht gezählt noch berechnet werden kann. So gib denn deinem Knecht
ein gehorsames Herz, dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Denn wer
vermag dieses dein gewaltiges Volk zu richten? Und das Wort war gut in den Augen des HERRN,
dass Salomo um diese Sache gebeten hatte. Und Gott sprach zu ihm: Weil du um diese Sache gebeten hast
und hast dir nicht viele Tage erbeten und hast dir nicht Reichtum erbeten und hast nicht um das Leben
deiner Feinde gebeten, sondern hast dir Verständnis erbeten, um dem Recht zu gehorchen, siehe, so tue
ich nach deinen Worten. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, so dass es vor dir keinen
wie dich gegeben hat und nach dir keiner wie du aufstehen wird. Und auch das, was du nicht erbeten
hast, gebe ich dir, sowohl Reichtum als auch Ehre, so dass es unter den Königen keinen wie dich
geben wird alle deine Tage. Und wenn du auf meinen Wegen gehst, indem du meine Ordnungen
und meine Gebote bewahrst, so, wie dein Vater David auf ihnen gegangen ist, dann werde ich auch
deine Tage verlängern". (1.Kö.3,3-14)
2.7.3. Jesus ist König von Ewigkeit zu Ewigkeit
143
In der Dogmatik spricht man von einer doppelten Art von Herrschaft:
„regnum potentiae“ und „regnum gratiae“ Literatur: Berkhof, S.406-411 /
Calvin, Inst. II,15,3-5 / Böhl, S.417ff / Wir kennen 3 Phasen dieses König-
tums:
1) Regnum Potentiae
Sog. „regnum potentiae“ (vgl.1.1.1 und 1.1.2 zu „ewiger Gott“ Jesus als
ewiger König; Ps.45,7 (Heb.1,8): „Dein Thron, o Gott, ist immer und ewig,
ein Zepter der Geradheit ist das Zepter deiner Herrschaft“. Alle Stellen, die
Jahwe als „ewigen König“ bezeichnen, gelten auch für Jesus. Z.B. Ex.15,18:
„Jahwe wird König sein immer und ewiglich“ / Ps.5,3: „Horche auf die Stimme
meines Schreiens, mein König und mein Gott; denn zu dir bete ich.“ (vgl.
44,5; 68,25; 84,4) 10,16: „Der HERR ist König immer und ewig...“. Die-
ser Satz, „Jahwe ist König immer und ewig“ (D^Y ä Wà mâLWo Y k
º L ä HàWH:J), findet
ä M
sich 40x im AT (Ps.10,16; 29,10; 93,1; 96,10; 97,1; 99,1; 146,10;
Jes,33,22; 43,15; Jer. 1O,1O; Mi.4,7 etc.) Jerusalem ist des grossen Königs
Stadt (Mt.5,35).
2) Jesus ist König in der Erniedrigung
Jesus ist Messias und König (vgl. mess. Psalm 45). Der Messias soll den
Thron Davids aufrichten. 2.Sam.7,12-14: „Wenn deine Tage voll sein werden,
und du bei deinen Vätern liegen wirst, so werde ich deinen Samen nach dir er-
wecken, der aus deinem Leibe kommen soll, und werde sein Königtum befestigen.
Der wird meinem Namen ein Haus bauen; und ich werde den Thron seines Kö-
nigtums befestigen auf ewig. Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein...“.
Jes.9,5-7; 60,1. Mk.15,32 zeigt deutlich, dass die Juden im Messias einen
König erwarteten: „Der Christus, der König Israels, steige jetzt herab vom
Kreuz, damit wir sehen und glauben“ (vgl.Mt.26,63f; 27,42). Nathanael sagt
zu Jesus in Joh.1,49: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Isra-
els.“ Auch der Engel bei Maria bestätigt die Königsherrschaft Jesu: „Dieser
wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und der Herr, Gott, wird
ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakob
herrschen ewiglich, und seines Königtums wird kein Ende sein.“ (Lk.1,32f). Die
Frage der Weisen nach der Herkunft des Königs der Juden wurde von den
Schriftgelehrten mit Mi.5,1 beantwortet: „Und du, Bethlehem-Ephrata, zu
klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkom-
men, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ausgänge sind von der Urzeit,
von den Tagen der Ewigkeit her.“ Jesu Königsherrschaft war aber anders als
erwartet. Er verzichtete auf Herrlichkeit und königliche Gewaltanwendung
(Lk. 9,54ff). Er weigerte sich, sich zum König machen zu lassen (Joh.6,15),
lässt sich jedoch gefallen, als König bezeichnet zu werden (Lk.19,38p;
Mt.21,5 cit.Sach.9,9). Am häufigsten wird er in der Leidensgeschichte so
genannt (Mt.27,11.29.37). Er selbst bestätigt mit Einschränkung, dass er
König ist. Joh.18,36f: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich
von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden
nicht überliefert würde; jetzt aber ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pila-
tus zu ihm: Also bist du ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, dass ich ein Kö-
nig bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die
Wahrheit Zeugnis gebe.“ Die Fähigkeit zur Königsherrschaft war da, aber
Jesus verzichtete freiwillig darauf. Sein Ziel war zu dienen und sein Leben
144 zu geben (vgl. Mk.10,45; Joh.13,1). Dies ändert nichts an Jesu Königsamt
schon hier auf Erden (vgl.Ps.11O). In Hebr.5,6-10; 6,20; 7,15ff.24-27
wird Jesus mit Melchisedek (König der Gerechtigkeit) verglichen. Auch in
Hebr.2 finden sich zwei Hinweise auf die Königsherrschaft. In V.10 wird
Jesus to\n a>rxhgo\n th~j swthri/aj au>tw~n (Fürst oder Urheber ihres Heils)
genannt und V.9 spricht von seiner Krönung („wegen seines Todesleiden
mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“).
Zusammenfassung: Jesu Königsamt war ein verborgenes und geistliches,
also ein regnum gratiae.
3) Jesus ist der erhöhte und verherrlichte König
Er ist das Haupt der Gemeinde (Kol.1,18) und versieht nun sein Amt als
König im Himmel und wird auch als König wiederkommen. Er wurde nach
seinen Leiden erhöht (Ps.2,6.7.12 / vgl.Kröker/Brandenburg in Auslegung
d. Psalmen). 2.Sam.7,14a; Lk.1,32; Hebr.1,5; 5,5; Ag.13,30.34, alle diese
Stellen zeigen, dass Ps.2 von der Erhöhung Jesu spricht. Phil.2,9-11;
Eph.4,9f; Kol. 1,17-19 zeigen, dass die Vorrangstellung eine Verbindung
von Schöpfer und Auferstandenem darstellt. Ps.110,1.2; Hebr.4,16;
Rö.3,25; Mt.22,44; Ag. 2,34f; 1.Kor.15,25; Hebr.1,13; 10,12f. Jesus
kommt wieder als König. Wie Off.19,16 zeigt zur Endschlacht. (vgl. Joel
4,12; Sach.14,9).
Sach.6,13 spricht davon, dass Jesus in der Ewigkeit König und Priester
gleichzeitig sein wird: „Ja, er wird den Tempel des HERRN bauen, und er
wird Hoheit tragen und wird auf seinem Thron sitzen und herrschen. Auch wird
ein Priester auf seinem Thron sein; und der Rat des Friedens wird zwischen ihnen
beiden sein“.
Zusammenfassung: Jesus ist und bleibt König, ewig, erniedrigt und in
Ewigkeit!

2.7.4. Palmsonntag und der Einzug des Königs in Jerusalem

2.7.4.1. Die atl. Prophezeiung wird erfüllt


Mt.21,4.5: „Dies alles aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den
Propheten geredet ist, der spricht: ‘Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König
kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Foh-
len, des Lasttiers Jungen’.“ ist ein Zitat von Sach.9,9: „Juble laut, Tochter Zi-
on, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und
siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen,
einem Jungen der Eselin“.
Die Wuppertaler Studienbibel schreibt zu Mt,21,1-5:
„Mit unserer Geschichte betritt Jesus den geheiligten Bezirk der Stadt, in der sich sein Leidens- und Sie-
gesweg erfüllen soll. Er wird diese Stadt nur wieder verlassen als ein Ausgestoßener mit dem Kreuz auf
seiner Schulter. Als ein Ausgestoßener, der nicht innerhalb des heiligen Bezirkes sein Ende finden darf,
wird er hinausgetan werden. Innerhalb dieser Klammer "Einzug und Hinausstoßung" steht alles folgende
Geschehen, zwischen dem Einzug als der, der im Namen des Herrn Jehovah kommt, und dem Hinausge-
triebenwerden dessen, der im Namen eben dieses Herrn Jehovah zum Tode verurteilt ist. Damit ist der
Charakter dessen, was unsere Geschichte berichtet, bereits genannt. Der Einzug Jesu bringt den ersten,
deutlich sichtbaren Anspruch Jesu, um dessentwillen er dann vor das Gericht gestellt wird.
Schon der Ort macht es deutlich, was hier geschieht. Vom Ölberg her wollte der Messias kommen (Sach
14,4), und in jeder Einzelheit ist der Einzug so, wie ihn der Prophet verheißen hat. (Jes 62,11 und Sach
9,9.) Gott selbst sorgt dafür, daß alles so ist, wie er es verheißen hat. Darum macht er den ungenannten
Besitzer des Esels willig, diesen herzugeben, darum mußte der Esel gerade dort zur rechten Zeit angebun-
den stehen. Das alles erscheint als ein Zusammentreffen von Zufällen, aber hinter den Zufällen steht Gott,
145
der sie ordnet, und Jesus weiß um dieses Ordnen Gottes, darum sendet er in solchem Wissen seine Jünger.
"Christus steht also hier vor uns als der, der das Geschehen lenkt, Er erleidet nicht den Tod, dem er nicht
ausweichen kann und auch nicht ausweichen will, sondern er fordert den Tod und zwingt ihn, sich ihm zu
stellen. Er weiß, was die Jünger tun werden, denn die Schrift muß erfüllt werden (Mt 26,54;Jo 13,8).
Und Jesus erfüllt die Schrift. 282
Und doch - wie kümmerlich ist, irdisch und menschlich gesehen, diese Improvisation! Was da vor sich
geht, ist dem Zuge eines Narrenkönigs ähnlicher als einem wirklich königlichen Geschehen. Ein König auf
einem Esel, der ihm noch nicht einmal selbst gehört, und den er nach Gebrauch wieder abgeben muß!
(Nach Mk 11,3 läßt er dies dem Besitzer ausdrücklich zusichern.) Ein König ohne Krone, ohne Zepter,
ohne Schwert, ohne Gefolge! Seine Bahn nicht bedeckt mit kostbaren Teppichen, sondern mit den
schmutzigen, schweißgetränkten Gewändern der Pilger, geschmückt nicht mit kunstvollen Girlanden,
sondern mit schnell abgeschlagenen Zweigen und ausgerissenen Krautbüscheln! Um ihn her eine schrei-
ende Menge, in der Wahres (V. 9) und Falsches (V. 10 vgl. Kap. 16,14) bunt durcheinandergeht, eine
Menge, die ihm zujubelt, solange sie in ihm ihren Messiasgötzen meint sehen zu können, und ihn ver-
dammen wird, wenn sie ihn erkennt als einen, der ihr nicht nach ihrem Willen ist. Ob Jesus unter diesem
Jubel nicht mehr gelitten hat, als er Befriedigung darüber empfand? Ob nicht dieser Einzug bereits das
erste Stück der via dolorosa, d. h. des Leidensweges gewesen ist?
Es mußte wohl das Wunder des Heiligen Geistes geschehen, wenn einer, wie der Evangelist, in den Hul-
digungsrufen das von Gott selbst durch die Heilige Schrift vorgebildete, dem Messias dargebrachte Lob
Gottes hören wollte. Nur, wer schon vom Kreuz weiß wie der Herr selbst, der kann sehen, wie Jesu Ein-
zug nicht nur den Wortlaut, sondern auch den Sinn der Sacharjaweissagung mit geschichtlicher Wirklich-
keit erfüllt." Vgl. "Zwischen den Zeiten" 1947 und 1948.
Und dennoch, was vom Einzug berichtet wird, ist Akt der Huldigung. Die Kleider der Jünger dienen dem
einziehenden König als Reitdecke. Die Menge breitet ihre Kleider aus, wie es von der Proklamierungsfei-
erlichkeit bei der Krönung Jehus (2 Kö 9,13) berichtet wird. Aber dann geht es noch über die Huldigung,
wie man sie einem König darbringt, hinaus. Die Zweige gehören zu dem Laubhüttenfest und weisen auf
die Gegenwart Gottes hin, gegenüber dessen Ewigkeit sein Volk nur in vergänglichen Hütten wohnt.
Das Hosianna ist ursprünglich ein Hilferuf (2 Sam 14,4: "Hilf mir, König"), sein Charakter hat sich dann
aber schon in der Liturgie der Synagoge verwandelt. Es wurde zum Heilruf, da die Bitte um Hilfe mit der
Gewißheit des Empfanges der Hilfe verbunden war. Ähnlich wurde später in der Kirche das "Kyrie elei-
son" aus dem Bittruf zum Heilruf. Das "Hallel", bei dem der 118. Psalm gesungen wurde, hatte seinen
bevorzugten Platz im Laubhüttenfest, wo die Menge bei bestimmten Versen die Zweige in ihren Händen
schüttelte. Der "Kommende" ist Messiastitel. Schon Mt 3,11 und dann in der Anfrage des Täufers Mt
11,3;23,39 hat Jesus dieses Wort selbst im gleichen Sinne gebraucht.
Es muß nach alledem verwundern, daß dieser Einzug, der so eindeutig eine Proklamierung Jesu zum Mes-
sias war, ohne direkte Folgen blieb. Die Römer machten sonst mit Messiasprätendenten (das waren sol-
che, die den Anspruch auf den politischen Befreier [Messias] erhoben), an denen zur Zeit Jesu es nicht
mangelte (Apg. 5,36), kurzen Prozeß. Johannes berichtet (12,16), daß selbst die Jünger nicht eigentlich
verstanden, was dies alles bedeutete. Es wird aber wohl so sein, daß das Licht, unter dem wir die Ge-
schichte lesen, das Licht von Ostern ist, da er verklärt wurde, d. h. da es klar wurde, wer er in Wahrheit
ist. Im Augenblick des Geschehens selbst bleibt noch der Schleier darüber gebreitet, wie Jesus zur Zeit
seines irdischen Lebens der 283 "verborgene" Messias blieb. Dies Messiasgeheimnis bleibt noch über ihm,
weil er der König ist, der auf dem Wege zum Kreuz sich befindet. So ist bereits der Beginn dieses Weges
vom Kreuz überschattet.
Und dennoch, weit über das Kreuz hinaus wird in dem geschichtlichen Einzug Jesu in Jerusalem das
Kommen des Erhöhten in die Welt vorgebildet. Christus kommt wieder in großer Macht und Herrlich-
keit.
Die beiden Prophetenworte weisen auch auf den König, der da wiederkommt in großer Macht und Herr-
lichkeit. Jes 62,11 spricht von dem Heil (und das ist das eschatologische Heil) und von dem Gericht (und
das ist das Jüngste Gericht). Und Sach 9,9 deutet im Umbruch der Geschichte auf den, der als der König
zu seiner Gemeinde kommt. Der König dieser Gemeinde ist der Sieger. Ihm ist Heil widerfahren. Noch
kommt er in der Verhüllung seiner Niedrigkeit; aber er bleibt auch in seiner Erhöhung derselbe, der sich
zu den Armen und Elenden bekennt.
Wenn er dann kommt, wird die ewige Erlösung da sein, von der die Rabbinen auch bei dem Jubel des
118. Psalms sprachen. Und an dem Jubel der Menschen nehmen die Engel im Himmel teil. Und es wer-
den sich beugen die Knie aller, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und schließlich
wird der Kommende gepriesen als der König aller Könige und Herr aller Herren.
Die Menschen, die miteinander über den Kommenden reden, müssen zuletzt noch mit Frage und Antwort
bezeugen, daß in ihm die Gottesverheißung erfüllt wird. Gegenwart und Zukunft fallen zusammen.
(Man soll aus der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem nicht so schnell eine Rede über den Einzug
Jesu in unser Herz machen. Eine solche Verinnerlichung entspricht nicht der ungeheuren eschatologischen
Spannung der Geschichte.) (Vgl. "Zwischen den Zeiten".)“
146 2.7.4.2. Der Lobpreis des Volkes - Exegese von Mt.21,9-10
V.9: „Die Volksmengen aber, die vor ihm hergingen und nachfolgten,
riefen und sprachen: Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei, der da
kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!"
Die Menschen, die mit Jesus nach Jerusalem hinaufziehen beginnen nun,
ihn willkommen zu heissen. In der Parallelstelle im Lukasevangelium
(Lk.19,39) werden sie näher gekennzeichnet als seine eigenen Jünger oder
vielleicht allgemein als Nachfolger von Jesus. Drei exemplarische Ausrufe
werden hier genannt:
1. Hosanna dem Sohn Davids! ( <Wsanna\ tw~| ui<w~| Daui/d) Lohse
schreibt: „Der Ruf AâN< HâYJiVWo H, der Ps 118,25 an Jahwe gerichtet wird,
drückt die Bitte aus, Gott möchte Hilfe und Gelingen gewähren“181. Über-
haupt ist dieser Psalm hier sehr zentral: „Ach, HERR, hilf doch! Ach, HERR,
gib doch Gelingen! Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN. Vom Haus
des HERRN aus haben wir euch gesegnet“ (Ps.118,25f)182. Hosanna wird an
zwei Stellen noch als Hilferuf an den König verwendet.183 Erst im nachbib-
lischen Judentum wurde dann dieser Ruf als fester liturgischer Bestandteil
der hohen Festtage von Passa und Laubhütten verwendet.
„An den sieben Tagen des Laubhüttenfestes zogen nach dem Musaphopfer die Priester (vgl. bSukka 43b),
Weidenzweige in den Händen haltend, in feierlicher Prozession um den Brandopferaltar u riefen dabei
wiederholt: (...) ‘Ach, Herr, hilf doch! Ach, so hilf doch!’ Sukka 4,5. Dieser Umzug wurde am siebten
Tage des Festes siebenmal wiederholt; der monoton erklingende Gebetsruf sollte der flehentlichen Bitte
um Regen Ausdruck verleihen. Die Gebete, die am Laubhüttenfest während des Umzuges gesprochen
wurden erhielten in der Synagoge den Namen (...) , u den siebten Tag des Festes nannte man (...) Lv r
37, 2 zu 27, 27. Da der Hosiannaruf vom Schütteln des Feststrausses begleitet wurde Sukka 3, 8, erhielt
dieser gelegentlich auch die Bezeichnung (...) bSukka 37b8. Diese mehrfach Verwendung des Wortes (...)
zeigt an, dass es zur liturgischen Formel geworden ist. Dabei wurde aus dem Gebet um Hilfe ein Aus-
druck des Lobpreises. Diese Bdtg muss dem Ruf schon im vorchr Judt beigelegt worden sein, da bereits in
der Prozsssion, die zZt des Tempelbestandes, also vor 70 nChr, um den Brandopferaltar herumführte, das
Hosianna als feststehende Formel immer wieder gerufen wurde. An dem Wandel des Laubhüttenfestes
vom Bitt- zum Freudenfest nahm auch das Hosianna teil und wurde aus einem Hilfe- zu einem Jubelruf“
(Lohse, TWNT IX, S.682).
„In dem Ruf ‘Hosanna’ werden daher zwei Elemente kombiniert: Flehen
und Anbeten, oder wenn man es vorzieht: Gebet und Lobpreis. Es ist klar,
dass die Quelle von 21,9 Ps.118 ist, welcher von Anfang bis Ende voll Ge-
bet und Lobpreis ist“184.
„Der 118.Psalm ist verschiedentlich messianisch gedeutet worden (...), so
dass wahrscheinlich in dem Hosiannaruf, wie ihn die jüdische Gemeinde in
vorchristlicher Zeit anstimmte, auch der Klang messianischer Hoffnung
mitschwang“185. Dies wird durch die Verbindung mit dem „Sohne Davids“
noch deutlicher. Die Bevölkerung erwartet den Messias, den König186 aus
dem Hause Davids. Und auch das Reiten auf dem Esel bestärkt diesen Ein-

181
TWNT IX, S.682.
182
Vgl. im ähnlichen Sinne Ps.12,2; 20,10; 28,9; 60,7; 108,7.
183
2.Sam.14,4: „Und die Frau aus Tekoa kam zum König. Und sie fiel auf ihr Gesicht zur Erde und warf
sich nieder und sagte: Hilf, o König!“; 2.Kö.6,26: „Und es geschah, als der König von Israel auf der Mau-
er einherging, da schrie eine Frau ihm zu: Hilf, mein Herr und König!“.
184
Hendriksen, S.766. Psalm 118 gehört zu den 6 am meisten zitierten Psalmen im Neuen Testament
(neben 2; 22; 69; 89; 110).
185
TWNT IX, S.682f (Lohse).
186
Darum beschreibt Lukas den Ruf der Volksmenge: „Gepriesen sei der König, der da kommt im Na-
men des Herrn!“ (Lk.19,38).
druck. Denselben Ausdruck verwenden die Kinder später nocheinmal, als
Jesus im Tempel lehrt und heilt: „Als aber die Hohenpriester und die Schriftge- 147
lehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und
sagten: Hosanna dem Sohn Davids! wurden sie unwillig“ (Mt.21,15).
Dale Bruner weist darauf hin, dass dies Hosianna einmal mehr die zwei Naturen Christi beschreibt: „Ho-
sanna bedeutet wörtlich ‘bitte rette!’ (vgl. Str.B.) und ist etymologisch verwandt mit Jesu Namen als ‘Ret-
ter’ (Mt.1,21). Es kann einerseits verstanden werden als Gebet zu Gott um Rettung, wie es in den Psalmen
verwendet wird. Oder als Ausruf wie etwa ‘Gott segne die Königin’. Dies war ursprünglich ein Segen,
welchen die Priester den Pilgern beim Eintritt in den Tempel gaben. Ich ziehe das Verständnis vor, wel-
ches als Absicht des Matthäus mehr im Gebet, als im Ausruf sieht und aber auch als Gebet für Jesus“
(Bd.II, S.750f).
2. Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! (Eu>loghme/noj o<
e>rxo/menoj e>n o>no/mati kuri/ou) Die Volksmenge ehrt Jesus mit diesem
Glückwunsch. eu>loge/w bedeutet zunächst „gut reden von, loben, rühmen,
preisen“, aber auch „segnen (indem man Gottes gnadenreiche Kraft herab-
wünscht)“187. Man wünscht jmdm Glück oder grüsst ihn (2.Kö.4,29;
1.Chr.16,43; Lk.2,34). Dieser Ruf passt also genau in das Bild der Erwar-
tung dieser Volksmenge. Sie heissen ihren König willkommen, wünschen
ihm Glück und Gottes Segen. „Im Namen des Herrn“ beschreibt die Legi-
timation dieses Königs als Gesandter und Bevollmächtigter Gottes. Der
Messias ist für das atl. Volk der Gesalbte und von Gott bevollmächtigte Kö-
nig und Retter. „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Menge hier von ei-
nem messianischen Ideal inspiriert war, das sich alleine auf die irdische Be-
freiung ausrichtete (vgl. Joh.6,15) und nicht die leiseste Ahnung davon hat-
te, was Jesus seinen Jüngern darüber gesagt hatte, wie der Menschensohn
durch Leiden und Sterben in die ewige Herrlichkeit engehen werde“188.
Diese Begrüssung durch das Volk hat eine stark prophetische Seite, denn
die Preisung des Messias wird erst wieder bei seinem zweiten Kommen in
Herrlichkeit von den Lippen seines Volkes erklingen. So sagt Jesus später
(Mt.23, 37-39): „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt,
die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie
eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!
Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von
jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‘Gepriesen sei, der da kommt im Namen des
Herrn!’ “ Bei seiner Wiederkunft wird ihn die Bevölkerung Jerusalems er-
neut mit diesem Ruf begrüssen und dann auch wirklich willkommen heis-
sen.
Ich kann die Meinung vieler kritischer Kommentatoren nicht teilen, die diese Passage als Ausdruck des
Glaubens der Urkirche verstehen. Wir halten daran fest, dass dies eine tatsächliche Begebenheit beschreibt
und nicht nur eine nachträgliche Interpretation. So schreibt Bonn (cit. in Bruner, S.751): „The priceless
citations from Isa 62:11; Zech 9:9; and (now) Ps 118:25f remind us that this story is anything but objec-
tive reporting; it is entirely the faith of primitive Christianity in its gentle and suffring king that expresses
itself here“.
3. Hosanna in der Höhe!
( <Wsanna\ e>n toi~j u<yi/stoij).
„Durch w<sanna\ e>n toi~j
u<yi/stoij wird das Hosianna noch
einmal wiederholt und dazu aufge-
rufen, auch in den himmlischen

187
Bauer, sub loco, Sp.637.
188
Ridderbos, S.384.
Höhen den Lobpreis anzustimmen“189. Diese Aussage entspricht Ps.148,1.
148 2: „Halleluja! Lobt den HERRN von den Himmeln her! Lobt ihn in den Hö-
hen! (mJ|M
i Wo R:>MB a| ) Lobt ihn, alle seine Engel! Lobt ihn, alle seine Heer-
*a W< H<WL:LH
scharen! “ Indem sie ‘Hosanna in der Höhe!’ riefen, forderten sie die Engel
im Himmel auf, Gott zu preisen für die Befreiung, die er gebracht hatte.190
V.10: „Und als er in Jerusalem einzog, kam die ganze Stadt in Bewe-
gung und sprach: Wer ist dieser?“
Nun beschreibt uns Matthäus die Konsequenz des Einzuges Jesu in Jeru-
salem: „Die ganze Stadt kam in Bewegung“ (e>sei/sch pa~sa h< po/lij).
sei/w bedeutet „schütteln, erschüttern“ und übertragen „in Bewegung set-
zen“, pass. „in Bewegung geraten“.191 Es wird im eigentlichen Sinne für
Erdbeben verwendet, wenn die Erde wankt (vgl. Heb.12,26192) und auch
von einem Baum, der durch den Wind geschüttelt wird (vgl. Off.6,13). Jesu
Erscheinung wirkte wie ein Erdbeben. Die Menschen der grossen Haupt-
stadt wurden zutiefst erschüttert.
Interessant ist an dieser Stelle, dass Bornkamm im TWNT VII, S.196 zum atl. Äquivalent von sei/w
schreibt: „Umso häufiger finden sich Erdbebenschilderungen im Rahmen einer Theophanie. So bei der
Gotteserscheinung am Sinai Ex.19,18 u am Horeb 1.Kön.19,11f: Berge zerreissender und Felsen zerbre-
chender Sturm, Erdbeben, Feuer, leiser Wind“ (vgl. Ps.114,3-8; Jes.64,1f; 2.Sam.22,8; Ps.18,8; 69,9;
77,19; 99,1; 104,32 uö..
Dieser Hinweis aus dem AT zeigt uns, dass die Erschütterung der Stadt ein
deutliches Zeichen dafür war, dass die Menschen ahnten, dass ihnen hier
Gott selber begegnet. Auch die Parallellstelle in Mt.28,4 verdeulicht dies:
„Aber aus Furcht vor ihm (Engel des Herrn) bebten die Wächter und wurden
wie Tote“. „Ähnlich bezeichnet auch das Kompositum a>nasei/w (transitiv
gebraucht) die Erregung einer Volksmenge (Mk.15,11; Lk.23,5)“.193
Zudem bewegte die Menschen die wesentliche Frage: „Wer ist dieser?“
(Ti/j e>stin ou{toj;). Es war die Diskrepanz zwischen dem demütigen un-
scheinbaren Auftreten auf der einen Seite und der enormen Wirkung und
Folgen andererseits. Diese Frage begleitete Jesus zeitlebens, weil die Men-
schen immer mehr hinter dieser unscheinbaren Gestalt erahnten.
Vgl. hierzu auch die Monographien von Michael Green „Jesus – Wer ist das?“, Brockhaus, Wuppertal
1992 / Josh McDowell, „Wer ist dieser Mensch?“, Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1992, 4.Aufl.

2.7.4.3. Die Bedeutung von Palmsonntag


(a) Jesu Königsamt wird bestätigt und bereits vom Volk antizipatorisch ge-
feiert.
(b) Der Zusammenhang mit der Menschwerdung steht in dieser Geschichte
im Vorderund. „Siehe dein König kommt zu dir“ ist der Ruf Gottes an je-
den Menschen, seinen Sohn als König im Leben an- bzw. aufzunehmen.
Damit wird aber auch der Zusammenhang mit der individuellen Soterio-
logie deutlich. Glauben bedeutet nebst Vertrauen in Gottes Wort und Tat

189
TWNT IX, S.683 (Lohse).
190
Ridderbos, S.384.
191
Bauer, sub loco, Sp.1479.
192
„Dessen Stimme erschütterte damals die Erde; jetzt aber hat er verheissen und gesagt: ‚Noch einmal
werde ich nicht nur die Erde bewegen, sondern auch den Himmel‘.“
193
Bornkamm in TWNT VII, S.197.
auch eine willentliche Entscheidung für Jesus als König und Herrn, also ge-
wissermassen einen Herrschaftswechsel im Leben des Menschen. 149
2.7.5. Der Segen des Königsamtes Christi für uns
Ich sagte oben: wir können die Kraft und den Segen des Königsamts Christi
nur dann erfassen, wenn wir bedenken, dass es geistlich ist. Das wird uns ja
schon dadurch deutlich, dass wir unser Leben lang unter dem Kreuze zu
ringen haben und unser Dasein jämmerlich und hart ist! Was sollte es uns
helfen, dass wir unter der Herrschaft des himmlischen Königs vereint sind -
wenn deren Früchte uns nicht ausserhalb dieses Lebens zukämen? Deshalb
wollen wir nie vergessen, dass jene Seligkeit, die uns in Christus verheissen
wird, nicht etwa in irdischen Annehmlichkeiten besteht: es geht nicht dar-
um, dass wir ein fröhliches und kampfloses Leben führen, reichen Besitz ha-
ben, von aller Not, allem Schaden unberührt bleiben und alle Vergnüglich-
keit im Überfluss haben, an der das Fleisch Gefallen hat. Nein, es geht dar-
um, dass uns das himmlische Leben zuteil wird! Und wie in diesem Leben
der Wohlstand und das Wohlergehen eines Volkes davon abhängt, dass es
einerseits ausreichenden Besitz und Frieden im Innern, andererseits sicheren
Schutz nach aussen hat, so dass es gegen alle äussere Gewalt gefeit ist, so
rüstet auch Christus die Seinen reichlich mit allem aus, was zum ewigen
Heil der Seele nötig ist, festigt sie auch mit seiner Kraft, dass sie unbe-
sieglich dastehen gegen alle Anläufe geistlicher Feinde! So geschieht Christi
Herrschen eher unsert- als seinetwegen, und zwar nach innen und aussen.
Denn wir sollen die Gaben des Geistes, die uns ja von Natur gänzlich abge-
hen, soweit es Gott für nützlich hält, in vollem Reichtum erhalten - und an
diesen Erstlingen sollen wir erkennen, dass wir mit Gott in Gemeinschaft
sind bis zur vollen Seligkeit! Dann aber sollen wir uns auf diese Kraft des
Geistes kühnlich verlassen und nun nicht zweifeln, dass wir gegen Teufel
und Welt und alles, was uns Schaden tun will, immerfort Sieger sein wer-
den! Darauf zielt auch das Wort, das Jesus den Pharisäern entgegenhielt: das
Reich Gottes sei innwendig in uns und komme deshalb nicht mit äusseren
Gebärden! (Lk.17,20.21). Wahrscheinlich hatten die Pharisäer den Herrn,
der sich für den König erklärte, von dem Gottes höchste Segnungen erwar-
tet werden sollten, spöttisch aufgefordert, er solle doch seine Königszeichen
vorweisen. Er aber will ihnen zeigen, dass sie nicht töricht bei äusserem
Prunk stehenbleiben sollen - sie hingen ja ohnehin schon allzusehr am Irdi-
schen! -, und deshalb weist er sie in ihr eigenes Gewissen hinein - denn das
Reich Gottes ist ja ‘Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen
Geiste!’ (Röm.14,17). Da hören wir nun in aller Kürze, was uns in Christi
Königreich zuteil wird; denn es ist ja nicht irdisch und nicht fleischlich, dem
allgemeinen Verderben unterworfen, sondern es ist geistlich und führt uns
zum ewigen Leben: so sollen wir denn in unserem Leben unter Elend und
Mangel, unter Kälte und Verachtung, unter Schmach und aller anderen Not
fröhlich durchhalten und mit dem einen zufrieden sein, dass uns unser Kö-
nig nie verlassen wird, dass er uns nie seine Hilfe in unserer Not versagt, bis
wir unseren Kampf durchkämpft haben und zum Triumph gerufen werden;
denn das ist die Art seiner Herrschaft, dass er uns alles das wiederschenkt,
was er selbst vom Vater empfangen hat. Weil er uns aber mit seiner Macht
rüstet, mit Ehre und Ruhm krönt, mit allem Gut reichlich versorgt, darum
haben wir mehr als genug Grund zum Rühmen, darum kann es uns nie an
150 fröhlichem Vertrauen fehlen, so dass wir unerschrocken den Kampf mit
dem Teufel, Sünde und Tod führen können! So sollen wir, mit seiner Ge-
rechtigkeit umkleidet, alles Schmähen der Welt tapfer überwinden. Und wie
er uns selber mit allen seinen Gaben reichlich überschüttet, so sollen auch
wir ihm wiederum Frucht tragen zu seiner Ehre!194
Das Gebet des schwarzen Predigers Dr. Lockeridge
Mein König,
selbst ganz allein ist er in der Überzahl
Die Bibel sagt mein König ist ein siebenfacher König:
Er ist der König der Juden - König einer Rasse.
Er ist der König von Israel - König einer Nation.
Er ist der König der Gerechtigkeit.
Er ist der König der Zeiten.
Er ist der König des Himmels.
Er ist der König der Herrlichkeit.
Er ist der König der Könige und der Herr der Herren.
David sagte: Die Himmel erklären die Herrlichkeit Gottes und das Firma-
ment zeigt seiner Hände Werk. Mein König ist ein souveräner König - kein
Mass kann je seine unbegrente Liebe ermessen. Kein noch so starkes Tele-
skop kann die Ufer seiner endlosen Möglichkeiten einfangen. Keine Barriere
kann ihn davon abhalten, seinen Segen auszuschütten.
Er ist ausdauernd stark.
Er ist vollständig ernsthaft.
Man kann ewig mit ihm rechnen.
Seine Gnade ist unsterblich.
Seine Macht ist unbeschränkt.
Seine Barmherzigkeit ist unparteiisch.
...Kennst Du Ihn?
Er is das grösste Phänomen der Welt.
Er ist Gottes Sohn.
Er ist der Erretter der Sünder.
Er ist das Herzstück der Zivilisation.
Selbst ganz allein ist er in der Überzahl.
Er ist klassisch und einzigartig gleichzeitig.
Es gibt nichts Vergleichbares, und
Er hat keine Vorläufer.
Er ist die höchste Vorstellung der Literatur.
Die höchste Persönlichkeit der Philosophie.
Er ist das höchste Problem der höherern Kritik.
Er ist die fundamentale Lehre wahrer Theologie.
Er ist notwendiger Kern echter Spiritualität.
Er ist das Wunder der Zeiten.
Ja genau, das ist er.
Er ist der Superlativ von allem Guten, was Du ihn nennen willst.

194
Calvin, Institutio II,15,4.
194 195
Über das Pries prosagoreu/w prosagoreuo - begrüssen, bezeichnen, anreden als jemandem den
Titel.
Er ist der einzige, der als allgenügsamer Erretter qualifiziert.
... Mich wundert´s, kennst Du Ihn? 151
Er gibt den Kraftlosen Kraft.
Er steht den Versuchten und Bewährten zur Verfügung.
Er hat Sympathie.
Er rettet.
Er wacht. Er führt.
Er heilt die Kranken.
Er reinigt die Aussätzigen.
Er vergibt den Sündern.
Er erlässt den Verschuldeten ihre Schuld.
Er befreit die Gefangenen.
Er verteidigt die Schwachen.
Er segnet die Jungen.
Er dient den Glücklosen.
Er ehrt die Alten.
Er belohnt die Tüchtigen.
Er macht die Bescheidenen schön.
... Mich wundert´s, kennst Du Ihn?
Nun, das ist mein König.
Er ist der König.
Er ist der Schlüssel der Weisheit.
Er ist die Quelle der Erkenntnis.
Er ist der Ausweg zur Befreiung.
Er ist Weg des Friedens.
Er ist der Pfad der Gerechtigkeit.
Er ist der Platz der Heiligkeit.
Er ist die Tür zur Herrlichkeit.
... Kennst Du Ihn?
Sein Dienst ist vielfältig.
Seine Verheissungen hält er.
Sein Leben ist unvergleichlich.
Seine Güte ist unbegrenzt.
Seine Barmherzigkeit ist ohne Ende.
Seine Liebe verändert sich nie.
Sein Wort ist genug.
Seine Gnade reicht.
Seine Herrschaft ist gerecht.
Sein Joch ist sanft und
Seine Last ist leicht.
Ich würde Ihn Dir ja gerne ein wenig beschreiben.
Aber er ist unbeschreiblich.
Er übersteigt alles Verständnis.
Er ist unbesiegbar.
Er ist unwiderstehlich.
Nun, Du kriegst ihn einfach nicht aus dem Kopf.
Du wirst Ihn nie los.
Du kannst ihn nicht überleben und
Du kannst ohne ihn einfach nicht leben.
Die Pharisäer konnten Ihn nicht ausstehen,
152 aber auch nicht aufhalten.
Pilatus fand nichts Falsches an Ihm.
Die Zeugen der Anklage widersprachen sich.
Herodes konnte ihn nicht töten.
Der Tod konnte nichts mit ihm anfangen.
Das Grab konnte ihn nicht halten.
Das ist mein König. Ja genau, das ist mein König!“ (Freitagsfax 1/97)

2.8. Jesus, der grosse Hohepriester

Stellen-Verzeichnis:
Ps.110,4; Hebr.2,17; 3,1; 4,14.15; 5,5.6.10; 6,19.20; 7,14-28; 8,1.2.3;
9,11; 10, 21. Vgl. auch Sach.6,13.
Feststellung in bezug auf das Stellen-Verzeichnis
Es gibt im Alten Testament einen einzigen prophetischen Hinweis auf Jesu
ewiges Priestertum (Ps.110,4); daneben finden wir sämtliche Stellen über
Jesu Hohepriestertum im Hebräer-Brief und dort mit solchem Nachdruck
als Hauptsache (kefa/laion kephalaion, Kap.8,1) bezeichnet, dass man den
Eindruck einer besonders wichtigen biblischen Wahrheit nicht los wird.
Übersicht der Entfaltung des Themas
1.1 Die Berufung Jesu zum Hohepriesterdienst
1.2 Die Ordnung des messianischen Hohepriesteramtes
1.3 Das Heiligtum des Hohenpriesters
1.4 Der Dienst des ewigen Hohenpriesters

2.8.1 Die Berufung Jesu zum Hohepriesterdienst


Jesus hat sich nicht in eigener Vollmacht ins Hohepriesteramt eingesetzt,
obgleich er viel grösser ist als Aaron und seine Söhne, die im Alten Bund
von Gott berufen worden waren (Ex.28,1; 1.Chr.23,13). Über Jesu göttli-
che Bestimmung zum Hohepriesterdienst lesen wir in Hebr.5,4-10: „Und
niemand nimmt sich die Ehre selbst, sondern er wird von Gott berufen wie auch
Aaron. So hat auch Christus (= der Messias) sich nicht selbst verherrlicht, um
Hohepriester zu werden, sondern der tat es, der zu ihm gesagt hat: ,Du bist mein
Sohn, heute habe ich dich gezeugt’ (Ps.2,7); wie er auch an einer andern Stelle
spricht: ,Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks’
(Ps.110,4). Der hat in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als Flehen mit
starkem Geschrei und Tränen dem dargebracht, der ihn aus dem Tode retten
konnte, und ist um seiner Gottesfurcht willen erhört worden und lernte, obwohl er
Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam; und vollendet, ist er allen, die ihm
gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden, von Gott begrüsst195 als Ho-
hepriester nach der Ordnung Melchisedeks“.
2.8.2 Die Ordnung des messianischen Hohepriester-Amtes
153
Der Hebräerbrief-Schreiber zeigt in Hebr.7,1-24, dass sowohl das aaroniti-
sche Priestertum des Alten Testaments als auch das ewige Hohepriestertum
Jesu auf göttlichen Ordnungen beruht.
(1) In Hebr.7,1-10 finden wir eine Gegenüberstellung von Abraham, dem
Stammvater Levis, und Melchisedek:
Melchisedek196 von Salem ist König des Friedens und der Gerechtigkeit, ‘hat
weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleicht er dem Sohn Gottes und
bleibt Priester in Ewigkeit’ (V.3). Er ging Abraham entgegen, als dieser von
der Könige Schlacht zurückkehrte und segnete ihn (7,1-3); Melchisedek
steht über Abraham (V.7); vgl. Gen.14,18ff.
Abraham gibt Melchisedek den Zehnten ‘von der eroberten Beute’ (V.4).
Auch wenn das levitische Priestertum das verbürgte Recht hatte, den Zehn-
ten vom Volk Israel zu nehmen, so ist doch Levi schon vor seiner Geburt
durch seinen Stammvater, dem grösseren Melchisedek ‘verzehntet’ (7,4-10).
Abraham empfing den Segen Melchisedeks (V.6b); ‘ohne jeden Widerspruch
aber wird das Geringere von dem Besseren gesegnet’ (V.7).
(2) Gegenüberstellung des levitischen Priestertums ‘nach der Ordnung Aa-
rons’ und des Priestertums ‘nach der Ordnung Melchisedeks’ in Hebr.7,
11ff; 8,1ff.
Priestertum nach der Ordnung Aarons: Unter ihm hat das alttestamentli-
che Bundesvolk das Gesetz am Sinai erhalten, folglich muss das Gesetz ge-
ändert werden, wenn ein anderes Priestertum eingesetzt wird (7,11b. 12).
Das Priestertum nach der Ordnung Aarons stammt nach göttlicher Verord-
nung aus dem Stamm Levi. Wenn ein anderes Priestertum eingesetzt wird,
kann es nicht dem Stamm Levi entspringen (V.13-16). Das aaronitische
Priestertum zählt viele Priester, ‘weil sie der Tod nicht bleiben liess’ (V.23).
Die Hohenpriester nach der Ordnung Aarons mussten immer zuerst für ei-
gene Sünden Opfer darbringen, weil sie - trotz der gesetzlich geregelten
Ordnung - schwache und sündige Menschen waren (V.27.28). Das leviti-
sche Priestertum war ausserstande, Vollkommenheit zu vermitteln (V.11a.
18.19). ‘Sie dienen nur dem Abbilde und Schatten des Himmlischem’ (8,5a).
Ihr Priestertum ist irdisch (8,4) und war nicht in der Lage, das Volk Gottes
vor Bundesbruch zu bewahren (8,9).
Demgegenüber finden wir in bezug auf das Priestertum nach der Ord-
nung Melchisedeks: Die Einführung eines ‘neuen Bundes.’ (8,13), dessen
Bürge und Mittler der Sohn Gottes selber ist (7,22; 8,6), erlaubt und be-
dingt die Einführung eines neuen Hohepriestertums, ‘denn es ist offenbar,
dass unser Herr aus Juda entsprossen ist, von welchem Stamm Mose nichts in be-
zug auf Priester geredet hat’ (7,14).

196
Gute Literatur über Melchisedek im Vergleich mit Jesus Christus: zu 1. Mose 14,18ff. und Hebr 7,
1ff.: Jakob Kroeker, Abraham, Isaak, Jakob, 1. Mose 12-50, Brunnen-Verlag, 19764, S. 67-70 F. Lau-
bach, Der Brief an die Hebräer, W. St. B., R. Brockhaus, Wuppertal, 1967, S. 135-146 E. Riggenbach,
Der Brief an die Hebräer, Leipzig, 1913, Zahn-Kommentar-Reihe. XIV S. 176-192 Lexikon zur Bibel,
hg. von R. Rienecker, 1960, Stichwort: Melchisedek, Sp. 908t909 Unger/Külling, Bibel Aktuell, Band 6,
Schulte-Verlag, Wetzlar, 1971, S. 32-34 E. Böhl, Dogmatik, Amsterdam, 1887, S. 372-377 J. O. Buswell,
A Systematic Theology, Zondervan, Michigan, 197711, Bd. I, S. 109 L. Berkhof, Systematic Theology,
Banner of Truth, Michigan, repr. 1976, S. 361ff. The New Bible DictionarK Inter Varsity Press, reprinted
1978, S. 806/807
Die Ordnung Melchisedeks baut sich nicht auf ‘nach dem Gesetz der leibli-
154 chen Herkunft, sondern nach der Kraft des unendlichen Lebens’ (7,16).- „Denn
es wird bezeugt (Ps.110,4): ,Du bist ein Priester ewiglich nach der Ordnung
Melchisedeks!’ Damit wird das vorige Gebot aufgehoben - darum, dass es zu
schwach und nichts nütze war; denn das Gesetz konnte nichts zur Vollendung
bringen -, und eingeführt wird eine bessere Hoffnung, durch welche wir zu Gott
nahen“ (Hebr.7,17-19).
Da Jesus Christus als Hohepriester nicht dem Tod unterworfen ist, hat er
ein ‘unvergängliches Priestertum’ (7,24). - ‘Daher kann er auch auf ewig selig
machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt immerdar und bittet für
sie’ (7,25). Er braucht, da er sündlos ist (4,15c), nicht zuerst für eigene
Sünden zu opfern, ‘danach für des Volkes Sünden, denn das hat er getan ein für
allemal, da er sich selbst opferte’ (7,27b).
Die Nachkommen Aarons werden ohne Eid in ihrem Amt bestätigt
(7,20b), „dieser aber mit dem Eid, durch den, der zu ihm selbst spricht (Ps 110,
4): ,Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Pries-
ter in Ewigkeit’,“ (7,21). Jesu Hohepriestertum ist nicht irdisch; denn ‘wenn
er nun auf Erden wäre, so wäre er nicht Priester, weil da schon Priester sind, die
nach dem Gesetz die Gaben opfern’ (8,4). Das Hohepriesteramt nach der Ord-
nung Melchisedeks ist ein himmlisches Hohepriestertum (8,1.2) und wird
durch den grossen Hohepriester ausgeübt, ‘der da sitzt zur Rechten des Thro-
nes der Majestät im Himmel’ (8,1b).
Wir fassen die kurze „Gegenüberstellung“, Pkt. 1.2.2 zusammen mit einem
treffenden Zitat aus „BIBEL AKTUELL“, Band 6, (vgl. Fussnote 3), S.
33/34:
„Dem levitischen Priestertum fehlte ,Vollkommenheit’ im Sinne von
,Endgültigkeit der Funktion’ und ,Vollständigkeit von Werk und Wir-
kung’. Es konnte weder der ,Welt Sünde’ hinwegnehmen, noch konnte es
,vor Gott gerecht machen’ oder Gnade und die richtige Stellung vor Gott
gewähren, 11a. Dieser Mangel an Vollkommenheit ist erkenntlich:
1) An der Notwendigkeit, dass ,ein anderer Priester’, d. h. ein Priester ei-
ner anderen Ordnung, nämlich der Ordnung Melchisedeks, 11b, kommen
musste;
2) in der Notwendigkeit einer Änderung des Gesetzes, womit das aaroni-
tische Priestertum untrennbar verbunden war; und
3) an der Notwendigkeit einer Änderung der exklusiven Bestimmungen
des Gesetzes. wonach nur Angehörige des Stammes Levi als Priester wir-
ken durften, was Christus auf der menschlichen Ebene vom Priesterdienst
ausschloss, da er aus dem Stamm Juda kam. Das mosaische Gesetz gab
dem Stamm Juda kein Recht. am Priesterdienst Anteil zu nehmen, 14b.
Das Hohepriestertum Melchisedeks ist endgültig, 1-22
Das Hohepriestertum Jesu Christi ist, nach der Ordnung Melchisedeks,
endgültig und vollkommen. Es ist:
1) dem aaronitischen Priestertum seinem Wesen nach überlegen, 15 (vgl.
4-11);
2) in seiner Eigenschaft als ,nach der Kraft unauflöslichen Lebens’ nicht
nach dem Gesetz eines physischen Gebots geworden, 16;
3) durch seine Einsetzung aufgrund der Autorität des Wortes Gottes, 17;
4) durch sein Führen in ,eine bessere Hoffnung’, durch unmittelbaren
Zugang zu Gott, 19; 155
5) sein endgültiger Abschluss mit einem göttlichen Eid, der Christi ewiges
Hohepriestertum begründet und anordnet, 21;
6) Christus ist der Garant eines neuen und besseren Bundes, dessen besse-
re Gültigkeit auf dem von Gott geleisteten Eid beruht, 22 (Jer.31,31-33;
Mt.26,28; 1.Kor.11,25)“.

2.8.3 Das Heiligtum des Hohenpriesters


Davon war schon unter Pkt. 1.2 notwendigerweise die Rede, deshalb kön-
nen wir hier kurz zusammenfassen:

2.8.3.1 Das Heiligtum des aaronitischen Hohepriestertums


ist auf der Erde und ist Abbild und Schatten des Himmlischen (Hebr.8,4.5)
und kennt folgende Phasen:
a) Die Stiftshütte (Ex.25ff.): eingeweiht zirka 1446 v. Chr. am Sinai. Über
die Bedeutungen der Einrichtungen der Stiftshütte mit ihrem typologischen
Hinweis auf das Erlösungswerk Christi war schon früher die Rede.
Zur Geschichte der Stiftshütte lesen wir im Lexikon zur Bibel, hrsg. von F.
Rienecker, Sp. 1342:
„Während der Wüstenwanderung stand die S. mitten im’Lager Israels, um sie herum lagerten im engeren
Kreis Leviten und Priester (4. Mo 3, 23. 29. 3’. 38), im weiteren Kreis die Stämme, je 3 an einer Seite (4.
Mo 2). Über der S. Iagerte sich die Wolken- und Feuersäule, die sich zum Zeichen des Aufbruches erhob
(4. Mo 9,1’23). Unterwegs wurde das Heiligtum von den Leviten in der Mitte des Zuges getragen (4. Mo
10,11-28). In Kanaan blieb die S. zunächst im Lager in Gilgal und kam dann nach Silo (Jos 18,1). Viel-
leicht wurden hier schon feste Gebäude, Priesterwohnungen und Vorratsräume hinzugefügt. Die Zerstö-
rung Silos durch die Philister (Jer 7,12-14) nach dem Verlust der Bundeslade (1. Sam 4,11; Ps 78, 60.
61) ist durch die Ausgrabung bestätigt worden. Die S. selber muss aber gerettet worden sein, sie stand mit
dem Altar z. Zt. Davids in Gibeon (1. Chron 16, 39: 21, 29; 2. Chron 1, 3). Inzwischen hatte David in
Jerusalem ein anderes Zelt für die Bundeslade errichtet (2. Sam 6,17). Nach dem Bau des salomonischen
Tempels wurden S. und Geräte dorthin überführt (1. Kö 8, 4).“
b) Der salomonische Tempel (1.Kön.6ff ): von 967-586 v. Chr.197 Der
Tempel Salomos stand in Jerusalem auf dem Berg Morija (vgl. Gen.22;
2.Chr.3,1) und ist mit Skizzen und Erklärungen treffend dargestellt im Le-
xikon zur Bibel, Sp. 1374-1376.
Steven’s Rekonstruktion des Salomonischen Tempels (IBD III, S.1527)
c) Der Tempel Serubabels (der nachexilische Tempel): ab 515 v. Chr.
Nach der babylonischen Gefangenschaft (Rückkehrerlaubnis unter Kores
538 v. Chr.) sollte nach Auftras des Kores auch das Haus Gottes neu errich-
tet werden (Esra 1,2-4). Nach der Errichtung des Brandopferaltars blieb
aber der Weiterbau stecken (vgl. Esra 3 und 4) wegen der vielen Anfein-
dungen und Schwierigkeiten.
Erst aufgrund der ernsten Mahnungen durch den Propheten Haggai (vgl.
Hagg.1+2) und Sacharja (Esra 5,1ff.) wurde im Jahre 520 v. Chr. die Wei-
terarbeit in die Hand genommen (Esra 6,6ff.). Die Einweihung fand 515
v.Chr. statt (Esra 6, 16ff.).

197
Zerstörung des Tempels anlässlich der 3. Deportation und Zerstörung Jerusalems unter Nebukadne-
zar, dem König von Babylon im Jahre 586 v. Chr.; vgl. 2. Kön 25, 8. 9.
d) Der Tempel ‘Herodes des Grossen‘: bis 70 n. Chr. (vgl. Rekonstruk-
156 tion unten).
Nach Joh.2,20 haben die Umbauarbeiten am Tempel zu diesem Zeitpunkt
schon 46 Jahre gedauert198. Herodes der Grosse, der im Grunde genommen
die Juden hasste, wollte sich ihre Gunst gewinnen durch den Umbau bzw.
Neubau des nachexilischen Tempels. - Nur wenige Jahre nach Abschluss der
Bauarbeiten wurde unter Feldherr Titus, 70 n. Chr., im jüdischen Krieg, der
Tempel eingeäschert und geschleift.

Dr.C.Schick’s Rekonstruktion des Tempels von Herodes (IBD II,S.1526)

2.8.3.2 Das Heiligtum des melchisedekischen Hohepriestertums


In Hebr.8,4-6 lesen wir: „Wenn er (gem. Jesus/EM) nun auf Erden wäre, so
wäre er nicht einmal Priester, weil die da sind, die nach dem Gesetz die Gaben
darbringen, die dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen, wie
Mose eine göttliche Weisung empfing, als er im Begriff war, das Zelt aufzurich-
ten; denn ,siehe’, spricht er, dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf
dem Berge gezeigt worden ist (2.Mo.25,40). Jetzt aber hat er einen vortreffliche-
ren Dienst erlangt, wie er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund
besserer Verheissungen gestiftet worden ist.“
Das Heiligtum des melchisedekischen Hohenpriesters Jesu ist demzufolge
nicht auf der Erde zu suchen; es ist das himmlische Heiligtum, das Mose als
Vorbild diente; deshalb wird das irdische Heiligtum als ‘Abbild’ oder als
‘Schatten’ des himmlischen bezeichnet (Hebr.8,5; 9,23; 10,1; Kol 2,17).
Es ist interessant zu sehen, dass dieses nicht mit Händen gemachte, himmli-
sche Heiligtum (vgl. Hebr.9,24) gelegentlich im Buch der Offenbarung er-
wähnt wird (vgl. z. B. Off.15,5ff.; vom Altar ist schon in Off.6,9 die Rede,
ferner in Off.16,7; die Bundeslade ist in Off.11,19 erwähnt).

198
Nach Millard, New Bible Dictionary, S. 1522f’., besann Herodes d. Gr. um 19 v. Chr. mit dem Bau;
der GroBteil war 9. n Chr. abseschlossen; doch dauerte die endgültige Fertigstellung bis 64 n. Chr.
In der Vollendung, im Neuen Jerusalem, sieht Johannes keinen Tempel:
„Und ich sah keinen Tempel darin; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr 157
Tempel und das Lamm“ (Off.21,22).

2.8.4 Der Dienst des ewigen Hohenpriesters


Hebr.8,3: „Jeder Hohepriester wird eingesetzt zu opfern Gaben und Opfer. Dar-
um muss auch dieser (gem. Jesus/EM) etwas haben, was er opfere“. Vgl.
Hebr.5,1-3.
Die Priester nach der Ordnung Aarons mussten ganz genau die alttesta-
mentlichen Opfervorschriften kennen und einhalten (3.Mo.1ff.); aber trotz-
dem - so haben wir oben gesehen - war das aaronitische Priestertum nicht in
der Lage, zur Vollkommenheit zu führen (Hebr.7,11; vgl. 9,9.12).
Der himmlische, ewige Hohepriester aber opferte sich selber (7,27b; 9,14.
26) und brachte sein eigenes Blut ins himmlische Heiligtum (Hebr.9,11.24)
und zwar ein für allemal, im Gegensatz zum alljährlich wiederkehrenden
‘jom kippur’ (= Versöhnungstag) des Alten Testaments; vgl. 3.Mo.16;
Hebr.9,24-26: „Denn Christus ist nicht hineingegangen in ein mit Händen ge-
machtes Heiligtum, ein Gegenbild des wahren Heiligtums, sondern in den Him-
mel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen, auch nicht,
um sich selbst oftmals zu opfern, wie der Hohepriester alljährlich mit fremdem
Blut in das Heiligtum hineingeht, sonst hätte er oftmals leiden müssen von der
Grundlegung der Welt an; jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeit-
alter offenbar geworden, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.“

2.9. Jesu Prophetenamt

2.9.1. Das Prophetenamt im Alten Testament


Das Gotteszeugnis der Prophetie (Erich Sauer)199

2.9.1.1. Die Propheten Gottes


Vier Namen sind die Hauptbezeichnungen der alttestamentlichen Prophe-
ten. Sie zeigen uns zugleich, wie die Menschen beschaffen sein müssen, die
Gott als seine Zeugen gebrauchen will.
1. Propheten sind "Sprecher" (hebr. Nabi; vgl. arabisch nabaa = spre-
chen). Sie sind Dolmetscher (Interpres Dei), Ausleger (Hermeneus theou,
Philo), "Hervorsager" (griech. Prophetes, nicht unbedingt = 'Vorher'sager),
"Mund" (Jer.15,19200) Gottes. Sie stehen zum Herrn in einem ähnlichen
Verhältnis wie Aaron zu Mose.
Ex.7,1.2: "Und der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich habe dich für den Pharao zum Gott eingesetzt, und
dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein. Du sollst alles reden, was ich dir befehlen werde, und dein
Bruder Aaron soll zum Pharao reden, dass er die Söhne Israel aus seinem Land ziehen lassen soll".
Ex.4,15.16: "Dann sollst du zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen, und ich will mit deinem

199
Sauer Erich, "Das Morgenrot der Welterlösung", S.159ff.
200
Jer.15,19: "Darum, so spricht der HERR: Wenn du umkehrst, will ich dich umkehren lassen, dass du
vor mir stehst. Und wenn du Edles vorbringst und nicht Gemeines absonderst, sollst du wie mein Mund
sein. Sie sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen umkehren".
Mund und mit seinem Mund sein und will euch unterweisen, was ihr tun sollt. Er aber soll für dich zum
158 Volk reden. Und es wird geschehen, er wird für dich zum Mund sein, und du wirst für ihn zum Gott
sein."
Der Geist des Herrn "treibt" die Propheten (2.Petr.1,21), legt seine Worte
in ihren Mund (Deut.18,18; Jer.1,9), redet durch sie (2.Sam.23,2). Ihre
Zunge ist "der Griffel eines fertigen Schreibers" (Ps.45,2) und ihre Botschaften
"Aussprüche Gottes" (1.Petr.4,11). Darum heisst es auch 3808mal (nach Dr.
Evans) im Alten Testament, dieser Bibel des Herrn Jesu und seiner Apostel:
"So spricht der Herr!"
2. Propheten sind "Seher" (hebr. Roeh; 1.Sam.9,9.18; 1.Chron.9,22;
Jes.30,10). Sie müssen erst ihre Botschaft "geschaut" haben, ehe sie sie wei-
tergeben können (1.Chron.29,29; Jes.30,10). Darum heisst diese - auch
wenn sie ganz ohne "Visionen" ist - dennoch ganz allgemein und schlechthin
"Gesicht" (so bei Jes.1,1). Verschieden sind hierbei die Formen der prophe-
tischen Schau.
(a) Die Wahrnehmung durch den äusseren Sinn. Der Prophet bleibt "im
Leibe" (vgl. 2.Kor.12,2.3); er ist nicht "im Geist (vgl. Off.1,10 wörtl.). Er
hört und sieht mit seinen körperlichen Sinnen (Num.12,8):
Mose sieht und hört am feurigen Busch (Ex.3); Samuel hört, aber sieht nicht (1.Sam.3); Daniel sieht, aber
hört nicht (Dan.5,25); Abraham sieht und hört (Gen.18).
(b) Die Wahrnehmung durch den inneren Sinn. Der Prophet ist "im Geist"
(Off.1,10), in der Verzückung (Ekstase). Nach aussen hin ist er "verschlos-
sen", nach innen hin "geöffneten" Auges(Num.24,3.15). Im Innern "schaut"
oder "hört" er. Durch inneres "Schauen" empfängt er die Bildoffenbarung
(Vision), zu der er jedoch oft einer Erklärung bedarf (Amos 7,7; Sach.1,9;
4,4; Dan.8,15); durch inneres "Hören" gelangt er zur Wortoffenbarung, die
ihm die Erkenntnis mehr direkt vermittel.
(c) Die Wahrnehmung durch die Träume, die zu Vermittlern göttlicher
Botschaften (z.B. bei Pharao, Nebukadnezar, Joseph) werden, oder die Ein-
gebung von besonderen Lobgesängen wie der der Hanna (1.Sam.2), der
Maria (Lk.1), des Zacharias (Lk.1).
So hat Gott "vielfältig und auf vielerlei Weise" zu den Propheten geredet
(Hebr.1,1); aber das Grundthema war immer das gleiche: die liebende
Heiligkeit des Herrn und ihre sieghafte Verklärung in dieser Welt
durch Gericht und Gnade bis hin zur Vollendung.
Von besonderer Bedeutung ist hierbei das "Gesetz der prophetischen Per-
spektive". Für die Himmelswelt besteht nicht die Schranke der Zeit. "Vor
den Augen des Ewigen ist alles Gegenwart". Bei seinem Austritt aus der
Sphäre des Zeitlichen in die Sphäre des Göttlichen tritt darum der Prophet
zugleich ein in die Sphäre des Überzeitlichen und steht nun als "Sprecher"
des Ewigen königlich über allem Zeitbegriff. So kann er zwar die Zukunft
als zukünftig ansehen (z.B. Jes.9,6), aber im selben (!) Satz zugleich auch als
gegenwärtig (V.5b), ja sogar als vergangen (V.5a; bes. Jes.53).
"Die Weissagung rückt gar oft zeitlich Entlegenes ganz nahe aneinander und fliegt - bei aller Festhaltung
an ihrer geschichtlichen Verankerung - nicht selten über die ganze, zwischen dem Jetzt und dem Dereinst
dazwischen liegende, vielleicht mehr als Jahrtausende lang währende Zeitkluft hinweg" (Franz Delitzsch,
"Messianische Weissagungen", Berlin 1899, S.48).
So entsteht die prophetische ”Perspektive”, Sie ist des Propheten Vollkom-
menheit und Unvollkommenheit zugleich. Ereignisse der näheren und fer-
neren Zukunft rücken zusammen wie die Gipfel der Berge für den Wande-
rer im Hochland. Judas Rückkehr aus Babel und Israels Sammlung in der
Endzeit (Jes.49,8-12; 43,5-7; 27,12.13), Christi Kommen in Niedrigkeit
und sein Erscheinen in Herrlichkeit (Jes.16,1-3) werden in einem Bilde 159
zusammengeschaut; denn das erste ist das Vorbild des anderen, und das
zweite ist die Vollendung des ersten. (Ein besonders deutliches Beispiel
hierfür ist Jesajas Weissagung vom kommenden Hall- und Jubeljahr
(Jes.63,1-3), bei deren Verlesung der HErr in der Synapoge in Nazareth
mitten im Satz abbrach, weil die Prophetie unvermittelt im selben Satz vom
ersten zum zweiten Kommen des Messias übergegangen war und der HErr
nur von seinem ersten Kommen reden wollte (Luk.4,18.19). Ein anderes
Beispiel ist Mal.3,1-4. Dass aber mindestens zwei Jahrtausende dazwischen-
liegen, wird nirgends gesagt, ja, als die Propheten über die ”Zeiten und
Zeitpunkte nachforschten”, wurde ihnen sogar durch eine besondere ”Of-
fenbarung” ihr Nichtverstehen dahin ”verständlich” gemacht, dass sie dies
gar nicht zu wissen brauchten; denn sie täten ihren Dienst nicht für sich
selbst”, sondern für die Geschlechter eines kommenden Zeitalters
(1.Petr.1,10-12).
So sehen die Propheten die "Gipfel" - oft drei oder vier hintereinander -, sie
erkennen auch deutlich, dass ”Täler” dazwischenliegen; aber wie ”breit” die-
se sind und ws sie im einzelnen in sich bergen, erkennen sie nicht. Sie ver-
stehen dass die "Leiden" des Messias den "Herrlichkeiten" vorangehen müs-
sen (1.Petr.1,11; Lk.24,25.26), dass also eine ”Zwischenzeit” beide vonein-
ander trennt - drum weissagen sie auch in dieser Reihenfolge (Leiden -
Herrlichkeit: Ps.2,1-3 - Ps.2,4-12; Ps.8,5.6a - Ps.8,6b.7 (Hebr.2,5-9);
Ps.22,1-22 - Ps.22,22-32; Jes.52,13-53,9 - Jes.53,10-12) -; aber wie 1ange
diese Zwischenzeit währt, ob ganz kurz oder lang, und was sie des genaue-
ren bedeuten - den Bau der Gemeinde -, das bleibt ihnen ein ”Geheimnis”
(Eph.3,2-10; Kol.1,26; Röm.16,25; Matth,13,17). Sie weissagen von der
Endzeit, vom Reich des Messias, vom neuen Himmel und der neuen Erde
(Jes.65,17; 66,22); aber dass das messianische Reich aus zwei Abschnitten
besteht, aus tausend Jahren auf der alten (Off,20,2; 4-7) und aus Ewigkei-
ten auf der neuen Erde (Off.21,1; 22,5) und dass Weltgericht, Weltunter-
gang und Verklärung dazwischenliegen (Off.20,9-15) - das sehen sie nicht.
Darum schildern sie die neue Erde mit den Farben des Herrlichkeitsreiches
der alten (Jes.65,17-25; bes. V.20 "Tod"), und das Bild des Tausendjährigen
Reiches fliessen mit dem Bild der Vollendung in eins zusammen.
So sagt denn der HErr Jesus zu seinen Jüngern: "Glückselig aber eure Augen,
dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören; denn wahrlich, ich sage euch: Viele
Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut, und haben es
nicht gesehen; und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört."
(Mt.13,16.17).
3. Propheten sind Wächter (hebr. zophim). "Auf meinen Posten will ich tre-
ten und auf den Wall mich stellen und will spähen, um zu sehen, was er mit mir
reden wird und was für eine Antwort ich auf meine Klage erhalte" (Hab.2,1;
Jes.21,8).
Von hober Warte aus haben sie ein Auge für die Gegenwart. "Und ich habe
Wächter über euch bestellt, die rufen: Achtet auf den Schall des Horns!"
(Jer.6,17). Als Menschen der Geschichte reden sie in geschichtlich bedingter
Form zu Menschen der Geschichte. Als Glieder ihrer Gegenwart wenden sie
sich von ihrer Zeitlage ausgehend, an ihre Zeitgenossen. Darum sind sie
zugleich auch die Warner des Volkes, die Mahner der Nation (Hes.3,17),
160 die ”Kontrollbeamten” der Statthalterkönige, das ”Gewissen” der Gesamt-
heit und, als solche seine Hüter und "Hirten" (Sach.10,2.3; 11,3.16.17;
Hes.54, 2).
Als ”Wächter” aber spähen sie auch aus in die Zukunft und schauen Gericht
(Jes.2,5-12) und Vollendung. "Horch! Deine Wächter erheben die Stimme, sie
jubeln allesamt. Denn Auge in Auge sehen sie, wie der HERR nach Zion zu-
rückkehrt." (Jes.52,8; 62,6.7). Als das Ganze aber sind sie des Volkes Bera-
ter, Gewissen, Auge, Ohr und Kontrolle.
4. Propheten sind "Menschen Gottes" (1.Tim.6,11; 1.Kön.13,1). Sie sind
gottgeweihte Persönlichkeiten, ”Heilige Männer” (2.Petr.1,21; Luth.;
Mt.13,17). Ungeheiligte Propheten (wie Bileam (4.Mose 22-24) und Saul
(1,Sam.19,23). Vgl. Kaiaphas (Joh.11,51), auch Phil.1,15.18.) sind Aus-
nahmen und nie Gottes ständige Diener. Denn Gott will das Herz und nicht
nur den Mund, den Arbeiter und nicht nur seine Arbeit. "Bei denen, die mir
nahen, will ich geheiligt, und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden."
(3.Mose 10,3; Jes.52,11).
Als ”Menschen Gottes” sind sie aber auch selbsteigene Persönlichkeiten;
denn Gott will nicht Beiseitesetzung”, sorndern Verklärung, nicht Ausschal-
tung, sondern In-Dienst-Stellung des menschlichen Wesens, nicht Sklaven,
sondern Freunde (Joh.15,15; Am.3,7), nicht Medien, sondern eben ”Men-
schen”.
So haben wir die ländliche Bildersprache des Hirten Amos (Am.7,14; 2,13;
5,4-6), die Völkerprophetien des Ministers Daniel (Kap.2,4.7.8.11), Die
Aufforderung zum Tempelbau durch den Priester Sacharja, die Schilderung
des zukünftigen Priesterdienstes ebenfalls durch einen Priester, den Prophe-
ten Hesekiel (Hes,l,3 vgl. Kap.40-48). Und was das Charaktermässige be-
trifft, so haben wir den Donnerstil der Choleriker Amos und Jesaja, den
Klageton des melancholischen Hosea oder Jeremia, den Psalmstil des poeti-
schen. Habakuk (Kap.3), Zuweilen sind sogar die Personenname der Pro-
pheten gleichsam Überschrift und Motto ihrer Botschaft: Jesaja, der ”Evan-
gelist” des Alten Bundes, heisst ”Der HErr gibt Heil”, Hesekiel, der Mose
des Wiederaufbaus, ”Der HErr stärkt” und Daniel, der Prophet der Weltge-
schichte und des Weltgerichts, ”Richter ist Gott”.
Auch ihre Gottesbotschaft ist oft zeitgenössisch bedingt. Die alttestamentli-
che Prophetie ist keine reine Luftlinie. Vielmehr werden an vielen Punkten
Ereignisse und Personen der Gegenwart oder der nächsten Zuknft mitbe-
rührt. Aus einer bestimmten Lage heraus reden die Propheten zu Menschen
in einer bestimmten Lage. Ihrer Umwelt entnehmen sie oft Formen und
Farben der Darbringung ihrer Botschaft. Alles ist geschichtlich bedingt und
doch zugleich ewigkeitsdurchdrungen. Alles ist menschlich und göttlich,
zeitlich und überzeitlich zugleich.
Sie reden von der assyrischen Not und weissagen zugleich den grossen Im-
manuel (Jes.7-12; Matth.1,23); sie reden von dem Auszug aus Aegypten
und der Wehklage zu Rama bei der Wegführung nach Babel und weissagen
zugleich die Jugendgeschichte des Messias (Hos.11,1 vgl. Matth.2,15;
Jer.31,15 vgl. Matth.2,17.18). Sie reden von der Rückkehr aus Babel und
verheissen darin gleichzeitig Israels Sammlung beim Anbruch des Friedens-
reiches (Jes.11,11-16). Sie reden von kommenden Gottesreich der Endzeit
und malen darin gleichzeitig die Herrlichkeit der neuen Erde und der
Vollendung (Jes.65,17; 66,22; 54,11.12 vgl. Off.21,1; 18-21). 161
So weissagen die Weissagungen voraus. Mit Worten verheissen sie Tatpro-
phetien. Sie weissagen Ereignisse, die selber in sich wieder Weissagungen
sind und die, wenn sie „erfüllt“ worden sind, als Schattenbilder und Unter-
pfand der Erlösung erst selber wieder „voll“ erfüllt werden müssen. Dies al-
les gehört mit zur geschichtlichen Verankerung ihrer Ewigkeitsbotschaft.
Man unterscheide also direkte Prophetien (z.B. Micha 5,1; Jes.9,1.2) und
indirekte Prophetien. Eine indirekte Prophetie hat eine doppelte Erfüllung
(z.B. Hos.11,1 vgl. Matth.2,15).
In diesem Sinne ist die israelitische Reichsprophetie vielfach zugleich auch
eine Weissagung auf die Heilszeit der Gemeinde. Erst diese Tatsache gibt
uns den Schlüssel in die Hand, warum das neue Testament gewisse alttes-
tamentliche Weissagungen, die sich im Sinne der Alttestamentlichen Pro-
pheten fraglos auf Israel und die endgeschichtliche Zukunft bezogen, ver-
geistigend auf das gegenwärtige Zeitalter der Gemeinde anwendet (z.B.
Röm.15,12 vgl. Jes.11, 10 – 1.Petr.2,10; Röm.9,25,26 vgl. Hosea 1,10 –
Apg.2,16-21 vgl. Joel 3,1.2 – 1.Petr.2,9 vgl. 2.Mose 19,6), natürlich ohne
ihre buchstäbliche, noch zukünftige Beziehung leugnen zu wollen
(Röm.11,29; Apg.1.6.7). Von Gottes Seite aus war eben mit diesen Weis-
sagungen mehr gemeint, als dem alttestamentlichen Propheten selber be-
wusst war (1.Petr.1,11.12). Das blosse Vergeistigen ist darum zwar falsch –
denn es nimmt Israel seine ihm von Gott zugesagten Verheissungen - ; aber
die blosse, buchstäbliche Zukunftsdeutung ist ebenso einseitig; denn sie
wird der Art der neutestamentlichen Anführungen nicht gerecht. Das „Ver-
geistigen“ ist geradezu zum grossen Teil die Methode des Neuen Testa-
ments. Man sollte das eine tun und das andere nicht lassen.
Ferner ist die alttestamentliche Weissagung, wenn sie von dem einst kom-
menden, sichtbaren Herrlichkeitsreich Gottes auf der alten Erde spricht, gar
oft auch zugleich eine vorbildliche Weissagung auf die Endvollendung auf
der neuen Erde. Denn wenn sie das nicht wäre ständen wir ja vor der
schlechterdings unbegreiflichen Tatsache, dass sich die ganze alttestamentli-
che Reichsverheissung lediglich auf einen doch nur sehr kurzen Zeitraum
von eintausend Jahren bezöge und von dem eigentlichen Endziel der Heils-
geschichte überhaupt nicht rede! Nein, sie ist zugleich „vorbildliche“ Weis-
sagung auf die Ewigkeit, und bei aller Buchstäblichkeit und Direktheit ihrer
Beziehungen auf ihre Umwelt und das einst kommende Tausendjährige
Reich muss gesagt werden: Ihr eigentlicher, wesentlicher Kern ist nicht das
irdische Gottesreich der alten Erde (dieser erste Teil des kommenden Rei-
ches Gottes), sondern die Ewigkeit, auf die jenes nur Einleitung und Vor-
stufe gewesen sein wird (dieser zweite und eigentliche Hauptteil des kom-
menden Reiches Gottes, die Nationen auf der neuen Erde und das dortige,
neue Jerusalem, vgl.Jes.65,17-25; 66,22; siehe E.Sauer, Der Triumph des
Gekreuzigten, S.18lf.; 168).
So ist denn die alttestamentliche Prophetie heilsgeschichtlich vierfach
auszuglegen:
1. geschichtlich-zeitgenössisch – auf die alttestamentliche Umwelt der
Propheten selbst;
2. geistlich- vorbildlich – auf die Zeit der Gemeinde;
162 3. buchstäblich-endgeschichtlich – auf Israel und die Weltvölker im
kommenden Gottesreich der alten Erde;
4. ewigkeitlich – auf den neuen Himmel und die neue Erde.
Bis hin zur Vollendung ist eben alles erst Vorhalle. Das Alte Testament ist
die Vorhalle zur Gemeindezeit; die Gemeindezeit ist die Vorhalle zum
sichtbaren, irdischen Gottesreich. Aber auch das sichtbare, irdische Gottes-
reich ist nicht Endziel, sondern ebenfalls nur Vorhalle. Erst in der Ewigkeit,
im neuen Himmel und auf der neuen Erde, ist der Königspalast der Vollen-
dung geöffnet.
Der heilige Schreiber gleicht eben in der göttlichen Inspiration weniger ei-
nem Rohr oder einem Kanal, aus welchem sich der hineingeflossene Strom
wieder nach aussen ergiesst, ohne etwas von der Eigenart seiner Zuleitung
in sich aufgenommen zu haben; sondern er gleicht einem Blasinstrument,
dass, je nach seiner Art – Flöte, Horn oder Trompete -, derselben Melodie
desselben Spielers eine bestimmte, ihm eigen-tümliche Klangfarbe mitteilt;
oder er gleicht einer Schreibfeder, die der Schrift genau desselben Schreibers
und desselben Textes, je nach ihrer eigenen Dicke oder Dünne, ein oft gar
sehr verschiedenes Aussehen gibt.
So trägt jeder Prophet „dem Stempel seiner Zeit als Mensch, gleichwie er
den Stempel seines Gottes als Prophet trägt..... Jeder ist in seiner Art ein
„Mund“ des Herrn; aber die Töne, die aus diesen Kehlen kommen, sind
bald höher (so Jes.40-45), bald tiefer (so Jes.13-23).
Verschieden sind die Stimmfarbe und die Stimmkraft der einzelnen; aber ihr
Chor bildet eine wunderbare Harmonie; denn der Komponist ist nur einer“
(Limbach).
Die Geschichte der Phrophetie durchläuft sieben Perioden:
1. Vorgeschichte: Adam – Mose,
2. Mose – Samuel,
3. Samuel – Schriftpropheten (Apg.3,24),
4. Schriftpropheten: Joel – Maleachi (um 800-400),
5. Das Schweigen Gottes: Maleachi – Neues Testament,
6. Das Prophetentum Christ: Hebr. 1,1.2,
7. Die Gemeinde als der Prophet Gottes (1.Petr.2,9).
Dann kommt die grosse Zeit der Erfüllung im messianischen Reich und
folglich das Aufhören aller besonderen Prophetie: Hebr.8,11, vgl.
Sach.13,3-6 – Vgl. Limbach, Die Propheten Gottes, Basel 1906, S.24f.

2.9.1.2. Die prophetische Botschaft


Erkenntnis- und Kraftquelle aller Prophetie ist der „Geist Christi“ (1.Petr.
1,11; 2.Petr.1,21). Christus ist nicht nur Inhalt und Ziel, sondern auch Ur-
heber und tragendes Element aller Weissagung. In den Propheten redet
Christus als „Logos“ (Joh.1,10 vgl.1) über sich selbst. (Logos = „Wort“
(Joh.1,1.14). Der Logos spricht von der Person und dem Werk des Messias.
Die Propheten redeten und handelten „im Namen des zukünftigen Chris-
tus“ (Luther).
In drei Hauptkreisen vollzieht sich im einzelnen die Ausübung ihres
Berufs: 163
1. Beleuchtung der Vergangenheit, besonders als Geschichtsschrei-
bung,
2. Beurteilung der Gegenwart, besonders als Mahnung und Bussruf,
3. Vorhersagung der Zukunft, besonders als Warnung und Trost und
zwar:
a) Gericht über Israel
b) Gericht über die Weltvölker
c) Bekehrung Israels
d) Bekehrung der Weltvölker
e) Der Messias und sein Reich.
Beleuchtung der Vergangenheit
Als „Sprecher“ und „Mund“Gottes schlechthin sind die Propheten nicht nur
„Vorher“sager der Zukunft, sondern zugleich auch „Hervor“sager des gött-
lichen Urteils über Vergangenheit und Gegenwart. Geschichtsschreibung im
Lichte Gottes ist darum eine ihrer wesentlichen Hauptaufgaben. So schrie-
ben Samuel, Nathan und Gad eine Chronik des Lebens David
(1.Chorn.29,29). Die Fortsetzung schrieben Ahia von Silo und Jeddi der
Seher (2.Chron.9,29). Semaja war Chronist bei Rehabeam (2.Chron.12,15)
und Jehu bei Josaphat (2.Chron. 20,34) So stehen auch die Geschichtsbü-
cher des Alten Testaments in der hebräischen Bibel nicht als Gruppe für sich
da, sondern mit Recht unter den „Propheten“.
Aber die israelitische Geschichtsschreibung ist besonderer Art. Sie ist weni-
ger theoretische Geschichtsdarstellung als praktische Geschichtslehre. Die
Bilder der Vergangenheit sollen Spiegelbilder für die Gegenwart werden.
„Das Wort von damals spricht heute“ (A.Köberle). Die prophetischen
Schreiber sind frei von jeder nationalistischen Geschichtsfärbung. Rück-
sichtslos werden auch bei den grössten Nationalheiden die Fehler und Sün-
den genannt. (So sagt auch Luther ein echter Geschichtsschreiber müsse
sein ein „trefflicher Mann, der ein Löwen Herz habe, unerschrocken die
Wahrheit zu schreiben“.) Sie bringen weder verhimmelnde Heiligenlegen-
den noch vergötternde Helden-verehrung. Auch der „Held“ ist für sie nur
ein Werkzeug in der Hand Gottes (z.B Kores; Jes.45,1) und die „Heilande“
und Heilbringer der Nation sind „Erweckte“ des Herrn. (Richt.3,9;
2.Kön.13,5; Neh.9,27). Sie sind freimütig genug, bei den Schlechten das
Gute zu nennen (z.B. Ahabs Busse, 1.Kön.21,27.28), und ehrlich genug,
bei den Guten das Schlechte nicht zu verschweigen (z.B. Abraham Halblü-
ge, Moses Ungeduld, Davids Ehebruch, Salomos Götzendienst, Elias‘ Ver-
zagtheit). So sollen die Nach-kommen aus der Geschichte der Vorfahren
lernen, und der Bericht über das Gestern soll ein Appell an das Heute sein
(z.B. 2.Kön.17,7-23). Geschichte ist in der Bibel eben lebendige Geschich-
te, nicht nur ein Geschehen, das abgeschlossen in der Vergangenheit „liegt“,
sondern ein göttliches Tun, das fortwährend in der Gegenwart zu uns
„kommt“; und der prophetische Bericht ist „weniger eine Erzählung als eine
Anrede, nicht ein Es, sondern ein Du, nicht Einst, sondern ein Jetzt“. Es ist
wirkendes Wort, das nicht nur gekannt, sondern auch anerkannt werden
will. Nur, „wo dies geschieht, da geschieht Gottes Wort, da geschieht echte
164 Geschichte“ (O.Weber).
Beurteilung der Gegenwart
Weit davon entfernt, ein Produkt des jüdischen Geistes zu sein, kämpft das
Alte(!) Testament gerade gegen die jüdische Art! Schonungslos geisseln die
Propheten die Sünden des Volkes (Jes.58,1): Habsucht und Raffgier
(Jes.5,8; Amos 6,4-6; Micha 2,2) Uebervorteilung und Wuchergeist
(Hes.22,12,13), Ausbeutung der Armen (Micha 3,2-3; Jes.1,17; Amos 2,7;
4,1; 5,11; 8,4-6). Unterdrückung der Witwen und Waisen (Jes.10,2;
Jer.5,28), Bestechung vor Gericht (Jes.1,23; 59,4), Geschäftsbetrügereien
mit falschen Gewichten (Micha 6,11; Hes.45,10-12; Jer.3,23), Hochmut
und Modestolz (Jes.2,12-17; 3.16-24), Abgötterei und Ausländerei
(Hes.8,9,10; Hos,7.11; 5,13; 12,2; Jes.2,6), Scheinheilig-keit (Jes.58,2-5;
Jer.7,4; Hos.7,14; Micha 3,11) Selbstgerechtigkeit (Mal.1,6; 2,17; 3,13),
totes Formwesen (Jes.1,11-17; Mal.1,10; Amos 5,21-23; Hos.6,6; Micha
6,6-7).
Das Volk nennen sie „abtrünnig“ (Jer.3,8,11) sein Rauchwerk ein „Greuel“
(Jes.1,13) seine Schlachtopfer „Menschenmord“ (Jes.66,3), seine Speise-
opfer „Schweineblut“ (Jes.66,3). Sein Herz nennen sie „steinern“
(Hes.36,26), seine Hände „voll Blut“ (Jes.1,15) seine Zunge voll „Ottern-
gift“ (Ps.140,4).

Jerusalem ist eine „Hure“ (Jes.1,21); Hes.16; 23; Hos.1-3); das Volk ist
Gomorra (Jes. 1,10 ; Hes,16,46) seine Führer „Verführer“ (Jes.9,15).
Seine Fürsten sind „Aufrührer und Diebsgenossen“ (Jes.1,23) „Mörder“
(Jes.1,21; Hes.22,6) und „Sodomsfürsten“ (Jes.1,10).
„Der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Rechtschaffenste
schlimmer als eine Dornhecke“, sagt Micha (7,4 vgl. 2. Mose 3,2), und Jesa-
ja verkündigt den jüdischen Volk seiner Zeit: „wehe dem sündigen Ge-
schlecht, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von Missetätern den entarte-
ten Kindern!“ (Jes.1,4) Zuletzt aber, nach jahrhundertelanger Geduld, sagte
Jahwe, der Gott des Alten (!) Testaments, über Jerusalem: „Zu meinem
Zorn und zu meinem Grimm ist mir diese Stadt gewesen von dem Tage an,
da man sie gebaut hat, bis auf diesem Tag“ (Jer.32,31)
So stehen die Propheten wie „eiserne Säulen“ da, wie „eherne Mauern“
(Jer.1,18), wie Menschen mit Stirnen aus „Diamant, härter als Kieselstein“
(Hes.3,8-9). Sie nähen keine „Schlummerkissen“ (Hes.13,18); sie über-
tünchen keine Mauerrisse (Hes.13,10); sie rufen nicht: „Friede! Friede!“
wenn doch kein Friede ist (Jer.6,14; Hes.13,10).
Und doch lieben sie brennend ihr Volk und waren in Wahrheit die besten
Patrioten (vgl.Röm.9,1-3). Aber gerade darum schwiegen sie nicht zu sei-
nen Sünden, auch wenn es ihnen selber das Herze zerriss (Jer.4,19)! Sie wa-
ren keine Lügenpropheten und weissagten nicht „um Geld“ (Micha 3,11;
Dan.5,17; Hes.13,19). Ein innerer „Zwang“ lag auf ihnen; sie waren „Ue-
berredete“ des Herrn (Jer.20,7). Nicht Beruf, sondern Berufung, nicht
„freiwillig“, sondern „unfreiwillig“ war ihr Dienst. Sie hatten nicht die Bot-
Schaft, sondern die Botschaft hatte sie! „Wehe mir, wenn ich nicht verkün-
dige“ (1.Kor.9,16).
Sie waren keine „Staats“propheten, sondern „Reichs“propheten, keine Mas-
senpropheten, sondern einsame Berggipfel des Geistes. Und obwohl sie die 165
wahren, eigentlichen Patrioten waren, galten sie der Masse als volksfremd,
nicht völkerisch, nicht jüdisch genug, als Schwarzseher und Finsterlinge
(1.Kön.18,17M), als Vaterlandsfeinde (1.Kön.21,20) und Verräter
(Jer.37,13-14).
Sie wurden gehasst und verachtet (2.Chron.36,16), in den Kerker gesperrt
(Jer.38,28), in die Löwengrube geworfen (Daniel). Sie wurden gesteinigt,
zersägt oder sonstwie getötet. Sie irrten in Wüsten und Klüften umher und
in den Höhlen der Erde, und doch waren sie Menschen, die zu tragen der
Erdboden nicht wert war (Hebr.11,37-38)!
Das sind die israelitischen Propheten. Der Talmud ist das Produkt des jüdi-
schen Geistes. Das Alte Testament ist das Erzeugnis des Heiligen Geistes
(1.Petr.1,11; 2.Petr.1,21; Hebr.3,7)! Zwischen diesen beiden aber besteht
eine Kluft wie die zwischen Jesus und den Pharisäern. Jüdisch-talmudische
Pharisäermoral und Altes Testament sind nicht ein und dasselbe! Vielleicht
aber hat sich Gott u.a. deshalb dieses Volk auserwählt, weil er so auf dem
Hintergrund seiner Halsstarrigkeit und Gottfeindlichkeit (Apg.7,51;
Luk.4,25-27; Matth.8,10; 11,21.23;12,42 Röm.2,24) den Ernst seiner zer-
brechenden Gerichte und die Tiefe seiner verge-benden Gnade nun erst
recht veranschaulichen konnte.
Denn Anschauungsunterricht ist Israels Werdegang, gegeben auf der offe-
nen Bühne der Weltgeschichte, ein Warnungsbeispiel für alle Nationen, ein
Spiegel für jeden einzelnen (1.Kor.10,11). „Seien wir doch keine Pharisäer!
Hurer und Ehebrecher, Feiglinge und Lügner, Meineidige und Mörder hat
es nicht nur im jüdischen Volk gegeben. Es gab sie zu allen Zeiten in allen
Völkern, und es wird sie auch in Zukunft noch geben. Das Alte Testament
aber will weder das Buch nur der jüdischen Geschichte noch eine Sammlung
frommer und moralischer Erzählung sein, sondern das Zeugnis des Heiligen
Geistes von der Sünde der Menschen – aller Menschen! – und von der Gna-
de Gottes, der dem buss- fertigen, gläubigen Sünder vergibt. Es will uns zu
unserm eigenen Heil und Segen sagen, wie Feiglinge und Lügner, Meinei-
dige und Mörder und Sünder allzumal auf den Anruf Gottes hin zum Stille-
stehen kamen und ein neues Leben in den Wegen Gottes anfingen“ (Heit-
müller).
Das ist gerade der Sinn auch der „anstössigen“ Geschichten im Alten Tes-
tament; und gerade die prophetische Rücksichtslosigkeit seiner Berichte
zeigt die Unbestechlichkeit und Wahrhaftigkeit, weil sie das „Bild“ der
Menschheit ist; und dieses Bild der Menschheit ist -weil nach der Wirklich-
keit gezeichnet- allerdings sehr „anstössig“ (Ps.14,2-3)! Darum also bleibt
bei aller Verschiedenartigkeit und Ungleichheit vor dem Richterstuhl Gottes
das von keiner Selbstvergötterung umzustossende Urteil bestehen: „Es ist
hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder“ (Röm.3,23; 9). „Wo bleibt
nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen!“ (Röm.3,27).
(Was die an der alttestamentlichen Geschichte vielfach beanstandete Blutra-
che, Vielweiberei, Slakverei betrifft, so ist in der Tat zu bemerken, dass das
Alte Testament, als erzieherische Vorstufe des Neuen, noch nicht das volle
Licht neutestamentlicher Sittenlehre offenbart und darum, nach dem Zeug-
nis des Herrn selbst, noch Zugeständnisse „um der Herzenshärtigkeit der
166 Menschen willen“ enthält (Matth.19,8).
Wenn ferner die Kanaaniter durch die Israeliten ausgerottet werden sollten,
so darf nicht übersehen werden, dass es sich hier bei den Kanaaniter um ge-
richtsreife Völker gehandelt hat, die erst dann vertilgt wurden, als das Mass
ihrer Sünden voll war. Darum wird auch die vier Jahrhunderte hindurch
währende Wartezeit zwischen der Landesverheissung an Abraham (1.Mose
15,18-21; Gal.3.17) und der Landeseroberung durch Mose und Josua dem
Patriarchen gegenüber geradezu damit begründet, dass das Alte Testament
sagt: „Denn (!) das Mass der Sündenschuld der Amoriter ist bis jetzt noch
nicht voll“ (1.Mose 15,16). „Gott kann eben nicht gnädig sein gegen seine
Freunde, ohne zugleich gerecht zu sein gegen seine Feinde. Darum muss er
oft mit der Erfüllung seiner Verheissung warten“ (Dächsel). Israels Erwer-
bung von Kanaan aber ist bedingt durch das Gericht über die Kanaaniter,
und das Gericht über die Kanaaniter ist bedingt durch die göttliche Gerech-
tigkeit, die die Sünde sich erst ausreifen lässt).
Vorhersagung der Zukunft
1. Gericht über Israel. Ohne Busse kein Heil! Ohne Zusammenbruch des
einzelnen kein Aufbruch der Nation! „Wehe dem sündigen Geschlecht, dem
schuldbeladenen Volk, der Brut von Missetätern, den entarteten Kindern!“
(Jes.1,4) „Stosst in das Signalhorn zu Gibea, in die Trompete zum Rama:
Der Feind hinter dir her, Benjamin !“ (Hos.5,8) „Israel hat das Gute ver-
worfen! Der Feind verfolge es!“ (Hos.8,3)
„Vernichtung“ (Jes.1,28; Hos.4,6) „Zertretung“ (Jes.5,5) „Verwüstung“
(Hes.6,4) „Zerschmetterung“ durch die Weltvölker (Jes.30,14 vgl. 5,25;
Hes.23,22.23). Veheerung durch Naturkatastrophen (Joel 1,2-12; Amos
4,9.10), „Wegwerfung“ von Gottes Angesicht (Jer.6,30; 7,15; 32,31) – das
ist da unselige Los der abtrünnigen Juden. So sagen es die Propheten des
Alten (!) Testaments! Verhundertfachen liessen sich die Beweise. Untergang
des Staates (Jer.25; Hes.4), Schande über den einzelnen (Jer.29,18), Ver-
achtung und Hass seitens der Nationen (Jer.24,9; 25,18; 26,6), Zorn Got-
tes wie loderndes Feuer (Jer.4,8M), sein Grimm wie eine Wasserflut
(Hos.5,10), sein Anblick – ein Schrecken (Jes.2,21), er selber – wie ein Lö-
we (Hos.5,14), - und das alles doch erst das Vorspiel des eigentlichen „Ta-
ges des Herrn“! (Joel 2)
2. Gericht über die Weltvölker. Aber auch die Völkerwelt steht unter dem
Zorn. Gewalttat (Hab.1,9) und Beutegier (Nah. 2,12.13; Hab.2,8), Blut-
vergiessen (Nah.3,1) und Raubtiernatur (Dan.7,3-7; Jes.27,1), Selbst- ü-
berhebung und Vergottung der eigenen Kraft (Jes.10,12-15; 14,13;
Jer.50,31.32; Nah.3,8; Hes.27,3; 28,2-5; 31,1-14; Hab.1,11; Hes.28,9),
Hass gegen Israel und Verachtung des Herrn (Am.1,11; Ob,11; Jes.10,5-7;
47,6; Jer.48,27; 50,7; Hes.25,3.6) – das alles macht die Völkerwelt reif
zum Gericht. Irrwahn sind ihre Religionen (Jes.44,9-20; Jer.50,38), Nich-
tigkeiten ihre Götzen (Ps.96,5 wörtl.), von Sünde durchsetzt all ihr Tun
(Ps.14,2.3.). Und dennoch behaupten sie kühn, ihr Glaube sei besser als die
Verehrung des Herrn (Jes.36,18-20; 10,10; Dan.5,3.4.). So empören sie
sich rebellisch gegen den Herrscher des Sternenalls (Jes.40,26) und sind da-
bei selber – alle zusammen! – doch nur ein „Tropfen am Eimer“, ein „Stäub-
chen auf der Waagschale“! (Jes.40,15)
Darum lautet der Ausspruch des Herrn: „Bei der Stadt, die nach meinem
Namen genannt ist, fange ich mit dem Strafgericht an; und ihr solltet leer 167
ausgehen? Nein, das Schwert biete ich auf wider alle Bewohner der Erde“
(Jer.25,29).
„Wehe über Assur!“ (Jes.10,5), diesen „feurigen Drachen“! (Jes.14,29;
27,1). Das Schert über Aegypten (Hes.29,8), dieses Ungeheuer im Nil!
(Jes.27,1; Hes.29,3). Grube und Strick über Moab (Jer.48,43), diesem eit-
len Prahler! (Jes.16,6). „Nimm diesen Becher voll Zornweins aus meiner
Hand und lass alle Völker daraus trinken, zu denen ich dich sende“
(Jer.25,15.16). Ammon soll zur „Kameltrift“ (Hes.25,5) und Tyrus zum
„nackten Felsen“ werden (Hes.26,4). Elam soll sterben (Hes.32,23.24) und
Edom eine „Totenstille“ („Duma“) sein (Jes.21,11; 63,1-6). Und Babel vor
allem, dieser „Hammer des Herrn“ (Jer.51,20-23), soll auf ewig „wie So-
dom und Gomorra“ werden (Jes.13,19.20; Jer.50,40). So sind die Prophe-
ten zugleich Völkerpropheten (Jer.1,10), und das Alte Testament ist ein
Warnungssignal an die Welt, (Darum haben die grössten Propheten lange,
zusammenhängende „Völkerreden“: Jes.13-23; Jer.46-51; Hes.25-32;
Dan.2;4;7;8;11; Amos 1;2).
3. Bekehrung Israels. „Doch nicht bleibt Finsternis dem Lande, welches
Bedrängnis hat“ (Jes.9,1). Durch Gericht voll Zion erlöst werden (Jes.1,27).
Der „Ueberrest“ wird „umkehren“ (Jes.10,21, Jer.24,7; Hos.3,5) und,
durch die Erscheinung des Messias, ein erneuertes Volk werden (Jes.11,9;
4,3; 6,13; Hes.37,26-28).
In überwältigender Fülle und lebendigster Farbenpracht schildern die Pro-
pheten dies kommende Heil. An Hunderten von Stellen reden sie davon.
Aber stets bezieht sich ihre Heilsweissagung auf das umgewandelte und er-
neuerte „Israel“; dem unbekehrten, noch im Lande weilenden oder wegen
seiner Sünde unter die Völker zerstreu- ten, ausbeuterischen Fersenhalter
„Jakob“ gibt das Alte Testament nicht eine einzige Zusage von Herrschaft
und Segen.
Dann aber, wenn der Messias erscheint, wird Israel in Palästina (Jer.16,15)
seine grosse, nationale Busse (Sach.12,10-14; Off.1,7) und geistliche Wie-
dergeburt erleben – nicht aus den Kräften seines eigenen Volkstums heraus,
sondern von Jesus von Nazareth her!
Und dann wird das jüdische Wunder geschehen; und das jetzt noch unreine
und unheilige Volk wird so heilig, so rein, so umgewandelt sein, dass alles,
selbst das Kleinste, dem Herrn geweiht ist. „An jenem Tage wird auf den
Schellen der Rosse stehen: „Heilig dem Herrn“, und jeder Kochtopf in Je-
rusalem und in Juda wird dem Herrn der Heer- scharen heilig sein
(Sach.14,20.21). So verbindet sich dann mit der geistlichnationalen „Aufer-
stehung“ Israels aus den Toten (Hes.37,1-14) seine kommende Heiligkeit,
mit der Heiligkeit Segen (Jes.60,18; 61,10) und mit dem Segen Gottes
Herrlichkeit (Jes.40,5; 46,13), „Solche wird tun der Eifer des Herrn Zeba-
oth!“ (Jes.9,6)
4. Bekehrung der Weltvölker. Aber auch die Völker sollen gesegnet wer-
den. Denn Gott ist nicht nur der Juden Gott, sondern auch der Gott der
Nationen (vgl. Röm.3,29). Die israelitische Prophetie sieht in der Völker-
welt eine Familie, und alle Nationen sind Mitteilhaber des messianischen
Heils. Darum wird der Herr einst „den Schleier vernichten, der alle Völker
verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist „ (Jes.25,7).
168 Dann werden die Völker als Völker sich bekehren (Jer.3,17; Sach.8,20-22;
Jes.2,3; Micha 4,2; Jes.42,4), und zum ersten Male in der Geschichte wird
es christliche Nationen im Sinne der Heiligen Schrift geben. (Das gegen-
wärtige Zeitalter (von Pfingsten bis zur Wiederkunft Christi) hat nicht die
Christianisierung der Völker zum Ziel, sondern die Herausrufung einzelner
„aus allen Völker“ und dadurch die Bildung der Gemeinde aus Juden und
Heiden (Apg.15,14). „An jenem Tag wird für den Herrn ein Altar mitten
im Lande Aegypten stehen und eine Denksäule nahe an seiner Grenze für
den Herrn; und die Aegypter werden dem Herrn in Verein mit den Assy-
rern dienen. Und der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen „Geseg-
net bist du Aegyten, mein Volk, und du Assur, meine Hände Werk, und du
Israel, mein Erbteil!“ (Jes.19,19.23.25)
In der Tat, hier bietet die israelitische Prophetie ihr Aeusserstes; denn es ist
nicht Einverleihung der sich bekehrenden Heiden in das erneuerte israeliti-
sche Gottesvolk, was hier erhofft wird, sondern „ein Bruderbund Israels und
der Völker auf der Grundlage der Gleichberechtigung“ (Franz Delitzsch
Messianische Weissaugungen, Berlin 1899,S.126).
Und in Maleachi spricht Gott: „Vom Aufgang der Sonne bis zum Nieder-
gang soll mein Name herrlich werden unter den Heiden; und an allen Orten
soll meinem Namen geräuchert und reines Speisopfer geopfert werden;
denn mein Name soll herrlich werden unter den Heiden“ (Mal.1,11). Damit
aber weissagt der alttestamentliche Prophet – nur mit alttestamentlichen
Farben – die neutestamentliche Wahrheit, die Jesus der Samariterin sagt:
dass der Vater nicht nur an dieser oder jener Stätte, sondern an allen Orten
der Welt Anbetung empfangen soll in Geist und Wahrheit (Joh.4,21-24).
So werden denn Israel in seinem Lande (Sach.10,10) und die Völker in ih-
ren Ländern eine geistliche, göttliche Wiedergeburt erleben (Ps.87,4-6),
und der Herr wird als Gottkönig über die ganze Erde herrschen,
(Sach.14,9) und Gerechtigkeit und Friede wird die Gesamtmenschheit re-
gieren.
5. Der Messias und sein Reich. Die Bekehrung Israels und der Weltvölker
wird aber bewirkt durch das Erscheinen des Messias. Er ist die Krone und
der Glanzstern aller Prophetie. „Die Propheten sind die Sterne und der
Mond; aber Christus ist die Sonne“ (Luther). Von ihm „zeugen alle Pro-
pheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihm glauben, Vergebung der
Sünden empfangen sollen“ (Apg.10,43). Christus ist das Thema des Alten
Testaments. So hat er es selber gesagt (Joh.5,39; Luk.24,25-27.46). So be-
zeugt es sein grösster Apostel (1.Kor.15,3.4; Apg.26,22.23). Erst von dem
König der Schrift aus, kann das Zeugnis seiner vorausgesandten Herolde
verstanden werden. Erst von dem Neuen Testament aus löst sich die Frage
nach dem Alten Testament.

2.9.2. Jesus der Prophet

2.9.2.1. Jesus ist der verheissene Prophet


In Deut.18,15-22 wird ein Prophet angekündigt, wie Mose einer war.
„Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, aus
deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören nach allem, was du vom 169
HERRN, deinem Gott, am Horeb erbeten hast am Tag der Versammlung, in-
dem du sagtest: Ich möchte die Stimme des HERRN, meines Gottes, nicht länger
hören, und dieses grosse Feuer möchte ich nicht mehr sehen, damit ich nicht ster-
be! Da sprach der HERR zu mir: Sie haben recht getan mit dem, was sie geredet
haben. Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erste-
hen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen
alles reden, was ich ihm befehlen werde. Und es wird geschehen, der Mann, der
nicht auf meine Worte hört, die er in meinem Namen reden wird, von dem werde
ich Rechenschaft fordern. - Doch der Prophet, der sich vermessen sollte, in meinem
Namen ein Wort zu reden, das ich ihm nicht befohlen habe zu reden, oder der im
Namen anderer Götter reden wird: dieser Prophet muss sterben. Und wenn du in
deinem Herzen sagst: 'Wie sollen wir das Wort erkennen, das nicht der HERR
geredet hat?', wenn der Prophet im Namen des HERRN redet, und das Wort
geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist das das Wort, das nicht der HERR ge-
redet hat. In Vermessenheit hat der Prophet es geredet; du brauchst dich nicht vor
ihm zu fürchten.“
Dies ist eine deutliche Prophetie auf Jesu Prophetenamt. Wir proklamieren
Jesus aber nicht nur als Prophet, weil dies Amt zu denen gehörte, die einer
Salbung bedurften und somit in Christus ihre Erfüllung und Vollendung
finden. Nebst den Stellen, die Jesus in Ausübung dieses Amtes zeigen ist
wohl Hebr.1,1.2 die deutlichste Stelle mit dieser Aussage: „Nachdem Gott
vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Pro-
pheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben
aller Dinge eingesetzt hat, durch den er auch die Welten gemacht hat“.
Besonders folgender Vers aus Deut.18 ist im Dienst von Jesus deutlich in
Erfüllung gegangen: „Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird
zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde“. Immer wieder erhebt Jesus
den Anspruch, das und nur das zu reden, was der Vater ihm gesagt hat.
Vgl. Joh.8,28.38: "Wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich. * Ich rede, was ich von meinem Vater
gesehen habe; und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt". / Joh.14,10: "Glaubst du nicht, dass ich
im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus".
/ Joh.15,15: "Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiss nicht, was sein Herr tut.
Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe
ich euch kundgetan".

2.9.2.2. Wie sieht nun Jesu prophetischer Dienst konkret aus?


Jes.50,4a: „Der Herr, HERR, hat mir die Zunge eines Jüngers gegeben, damit
ich erkenne, den Müden durch ein Wort aufzurichten.“ / 51,16a: „Und ich ha-
be meine Worte in deinen Mund gelegt...“.
Interessant ist die Aussage eines von Jesus Geheilten in Joh.9,17: "Sie sagen
nun wieder zu dem Blinden: Was sagst du von ihm, weil er deine Augen geöffnet
hat? Er aber sprach: Er ist ein Prophet".
Jesus ist wie die atl. Propheten Sprecher, Seher, Wächter und Mensch Got-
tes zugleich.
Seine Botschaft umfasst die drei Dimensionen der Zeit. So erklärt er seinen
Zuhörern, wie die atl. Propheten, warum alles so gekommen ist - also ihre
Vergangenheit (z.B. der Samariterin am Brunnen Joh.4). Auch die Zusam-
menhänge der Gegenwart konnte er aufdecken bis hin zur Analyse der Le-
ben der Einzelnen201. Und selbstverständlich konnte Jesus viel Zukünftiges
170 kommen sehen und wieder nicht nur im Weltgeschehen (vgl. hierzu die
Endzeitreden von Jesus), sondern auch im Leben des einzelnen Menschen
und Jüngers (z.B. sagt Jesus dem Petrus deutlich den Verrat voraus oder
dem Johannes, dass er im Alter nicht mehr entscheiden können wird, wohin
er gehen wird).

2.9.2.3. Die Konsequenzen aus dem Prophetendienst Jesu


Und nun sind wir, seine Jünger aufgefordert, auf ihn zu hören. Auf dem
Berg der Verklärung bezieht sich Gott u.a. auf die Stelle in Deut.18, wenn
er zu den dabeistehenden Jüngern sagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an
dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Ihn hört“ (Mt.17,5b). Zuhören, ver-
stehen und gehorchen kennzeichnen den klugen Zuhörer (vgl. Mt.7,24ff)
nicht nur des Redens von Jesus, sondern auch dasjenige seiner Propheten.
Zudem ist Jesus in seinem Prophetendienst (wie bei den anderen beiden
christologischen Ämtern) zugleich Vorbild für die Propheten in seinem
Reich. Der Einsatz der Gabe der Prophetie202 hat sich an Jesu Vorbild zu
orientieren.
Zuerst bedeutet prophetisches Reden daher, an Gottes Herzen zu liegen, zu
hören, was er sagt und dies dann weiterzugeben. (a) Primär, zuerst und vor
allem gilt dies für Gottes Reden in seinem und durch sein Wort. (b) Dann
aber auch durch sein direktes Reden zum Propheten durch Sprache und Bil-
der, Träume und Visionen. Wobei dieses Reden immer am Wort Gottes
gemessen werden kann und muss.

2.10. Weitere Ämter und Aufgaben Jesu

2.10.1. Jesu Lehramt

2.10.1.1. Das biblische Verständnis vom Lehren (didaskalia)


Ausserhalb des NT bedeutet 'didaskein' "lehren, belehren im weitesten Sin-
ne, einerlei, ob es sich dabei um Mitteilung von Tatbeständen, von Wissen
und Kentnissen oder um die Aneignung von Fertigkeiten handelt. Dabei
kennzeichnet den Wortinhalt zwei Momente: das eine ist die Wendung an
die Einsicht dessen, der belehrt werden soll, das andere, dass beim Lehren-
den Sachkenntnis vorausgesetzt wird. Mit dem zweiten Moment ist es so,
dass, vor allem da, wo es sich um das Erlernen praktischer Fähigkeiten und
Künste handelt, das Vorbild des Lehrenden geradezu die Brücke zum eige-
nen Können und Wissen für den Schüler bildet"203.

201
Wie genau durchschaute doch Jesus den Verräter Judas. Vgl. auch Joh.2,24.25: "Jesus selbst aber ver-
traute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte und nicht nötig hatte, dass jemand Zeugnis gebe von dem
Menschen; denn er selbst wusste, was in dem Menschen war".
202
Vgl. hierzu die Ekklesiologie und die Pneumatologie.
203
Rengstorf in TWNT II, S.138.
In der LXX ändert sich die Vorstellung von lehren, weil dort 'didaskein' vor
allem als Objekt den Willen Gottes in seinen Äusserungen und Zielsetzun- 171
gen hat.
Überall dort, wo das Wort
erscheint, hat es sein bes.
Kennzeichen darin, dass es
sich nicht nur an die Ein-
sicht, sondern auch und
vor allem an den Willen
wendet. Der wichtigste Un-
terschied zum profanen grie-
chischen besteht darin, dass
das Ziel der Lehre darin
besteht, den ganzen Men-
schen zu erfassen und seine
Bildung im tiefsten Sinn.
"Die Form, in der Jesus
'lehrte', ist die Form des
jüdischen Lehrers der Zeit. (...) Nach der Verlesung des Schriftabschnittes
(Jes.61,1f) im Stehen setzt sich Jesus, wie es die damaligen Schriftausleger
zu tun pflegten und spricht im Sitzen im Anschluss an den verlesenen Text
(Lk.4,21ff)"204.

Im Folgenden zitiere ich drei vollständige Kapitel aus der ausgezeichneten


Monographie von Gottfried Meskemper „Jesus der Lehrer, sein Vorbild für
die Vorbilder der Gegenwart“.205
Im Anhang auf Seite 268 findet sich eine Zusammenfassung des ganzen Buches von Meskemper.

2.10.1.2. Jesus Christus, der Lehrer


Jesus Christus vereinigt in sich mehr als nur Eigenschaften, die man von ei-
nem guten Lehrer erwartet. Aber er repräsentiert die Lehrereigenschaft in so
vollkommener Weise, dass nicht nur keine Wünsche offenbleiben, sondern
dass der göttliche Auftrag sich in ihm in so vollkommener Weise darstellt,
dass alle, die ihm begegnen, überrascht sind und unbegrenzt von ihm lernen
können.
Der Zollbeamte Matthäus hat die klare Struktur der Lehrreden Jesu erfasst.
Er hat nicht nur etwas aufgeschrieben, was ihm gerade noch in Erinnerung
war, sondern er erkannte, dass Jesus die Botschaft vom Reich Gottes u.a. in
fünf grossen Reden vermittelte, so wie Mose die Botschaft an das Volk Got-
tes, Israel, in fünf Rollen, dem Pentateuch niederlegte:
1. Bergpredigt (Mt.5-7)
2. Aussendung der Jünger (Mt.10)
3. Sieben Gleichnisse vom Reich Gottes (Mt.13)

204
Rengstorf in TWNT II, S.142.
205
Meskemper Gottfried, “Jesus der Lehrer, sein Vorbild für die Vorbilder der Gegenwart“, Hänssler
Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1988 Aufl.1.
4. Lehrreden für die Gemeinde (Mt.18)
172 5. Wiederkunftsreden (Mt.24 u. 25)
Die Lehre Jesu hatte Format: Jesus sprach so, dass die Zuhörer hinterher
wussten, was sie gehört hatten, auch wenn ihnen für das Gehörte zunächst
das Verständnis fehlte. Der Geist Gottes musste später Nachhilfeunterricht
geben, damit die Jünger das Gehörte rekapitulieren konnten. In Lukas 24
bekommen die Emmausjünger die erste Lektion. Weitere Lektionen sind
den Jüngern in Johannes 16 angekündigt: „Wenn aber jener, der Geist der
Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten“ (V.13). Mit
seiner Hilfe konnten sich die Jünger des Gehörten erinnern: „Der heilige
Geist... wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch ge-
sagt habe“ (Joh.14,26).
Jesus überforderte seine Jünger nicht, als er ihnen die Lehre vom Reich
Gottes vorlegte. Sie mussten nicht auf Anhieb verstehen. Mit nicht endender
Geduld lehrte er sie, wohl wissend, dass sie es zu seinen Lebzeiten nicht
mehr begreifen würden. Er erklärte und demonstrierte seinen Schülem auf
immer neue Weise, was es um das Reich Gottes ist, ohne damit alles zu ent-
hüllen. Er führte sie auf immer neue Weise an das Problem des Reiches
Gottes und das Geheimnis seiner Person heran, so dass sie fragen mussten:
„Wer ist dieser?“ (Lk 8,25). Jesus stellt sich nicht vor seine Jünger hin mit
der Aufforderung: „Alle mal herhören, hier spricht der Messias!“ Er legte
ihnen aber alle Puzzlestücke vor, die zur messianischen Botschaft vom Reich
Gottes gehören. Die Schlussfolgerung mussten sie selber ziehen. Jedes
Gleichnis, jede Auseinandersetzung mit Pharisäern und Sadduzäern, jedes
Wunder und jede Korrektur ihrer falschen Wünsche machte die Jünger neu-
gieriger. Jesus hatte einen langen Atem; er wusste sicher, dass wenigstens elf
Männer eines Tages durch den Heiligen Geist verstehen würden, was sie
gesehen und gehört hatten (1. Joh. 1,1).
Sie benötigten drei Jahre Lehrzeit, an deren Ende sie scheinbar-um nichts
klüger waren als am Anfang. Jesus konnte aber darauf vertrauen, dassseine
scheinbare Niederlage am Kreuz und die daraus folgende Niederge-
schlagenheit seiner Schüler aufgehoben werden würde durch seine Aufer-
stehung und die Sendung des Heiligen Geistes. Während seines ganzen Er-
denweges durfte er das eigentliche Schlüsselerlebnis seiner Jünger, deren
Bekehrung, nicht miterleben (Lk 22,32). Die Früchte seines Wirkens reiften
erst nach seinem Weggang.
Welcher Lehrer hält sonst eine solche „Erfolglosigkeit“ so lange aus? Aber
Jesus konnte sicher sein. dass nach seiner Himmelfahrt die von ihm prophe-
zeiten Folgen eintreten würden, weil er sich in vollkommener Übereinstim-
mung mit dem Vater befand (Joh.5,19). Dies ist eins seiner Geheimnisse,
wenn nicht das entscheidende Geheimnis seiner Wirksamkeit. Welcher Er-
zieher, Lehrer oder auch welcher Vater und welche Mutter befinden sich so
in innerer Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, dass sie an ihrer Erzie-
hung und Belehrung unverrückbar festhalten dürften? Jesus Christus hat in
dem Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk.15,11ff.) mit grosser Souveränität
deutlich gemacht, was einen guten Erzieher kennzeichnet: nämlich das Wis-
sen darum, dass die momentane Erfolglosigkeit nicht das letzte Wort ist,
und die Fähigkeit, loslassen zu können eine unabdingbare Notwendigkeit
für jeden Erzieher. Ein Kind nur „ordentlich“ erzogen zu haben ist vor Gott
noch kein gutes Ergebnis, wenn es zugleich selbstgerecht und unbarmherzig
geworden ist, wie der zweite Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der 173
daheim blieb.
Jesus baut mit seiner Lehre und seinem ganzen Leben Brücken zur Ver-
söhnung mit Gott beschreiten muss der Mensch sie selber. Ein besonderer
Schwierigkeitsgrad bei der Ausbildung von Hirtenhunden besteht in der
Aufgabe, Schafe über eine Brücke zu treiben; Schafe gehen ungern über
Brücken. Entsprechend geht es Menschen auch: Sie benutzen ungern die
Brücken, die Jesus ihnen baut. Häufig genug treibt sie erst eine innere oder
äussere Not hinüber.
Jesus verhält sich andererseits als Lehrer atypisch. Er hat gewusst, dass seine
Lehre bei seinen Zuhörern Ärger hervorrufen würde, und doch hat er den
Zusammenstoss mit ihnen nicht vermieden. Bereits bei seinem ersten öf-
fentlichen Auftreten in der Synagoge von Nazareth folgte auf die Bewunde-
rung nach der Lesung von Jesaja 61,1 f. sehr bald der Zorn über Jesu An-
spruch, in seiner Person seien diese Worte erfüllt. Auch bei der Bergpredigt
waren die Menschen trotz der Seligpreisungen keineswegs erfreut, sondern
sie „entsetzten sich“ (Mt 7,28). Das war nach herkömmlichen pädagogi-
schen Massstäben sicher kein erstrebenswertes Ergebnis, weil die Zuhörer
geschockt waren. Hätte er sein Anliegen nicht besser etwas sanfter vertreten
sollen? Musste er sein Publikum so erschüttern? „Er lehrte sie mit Vollmacht
und nicht wie ihre Schriftgelehrten (Mt 7,29). Die Schriftgelehrten spra-
chen lehrhaft, auf Sicherung einer gefährdeten Auffassung bedacht. Jesus
sprach ungesichert, auf die Gefährdung falscher Auffassung bedacht. Eins
wird daran deutlich; Ein richtiger Lehrer kann sich nicht nur im abgesteck-
ten, gesellschaftlich akzeptierten Rahmen bewegen, er muss zum Risiko be-
reit sein. Wieder wird hieran die Identifikation des Lehrers mit seiner Lehre
deutlich. Der deutsche Stubengelehrte, das Ergebnis der Humboldtschen
Universitätsreform, der ohnehin zur Karikatur geworden ist, kann keines-
falls als Prototyp des Lehrers gelten, ein Mensch, der anscheinend ganz Sa-
che geworden ist. Aber der kumpelhafte, progressive Typ als Gegenspieler
zum Stubengelehrten kann auch nicht als Vorbild gelten, weil er keine Iden-
tität hat, sondern sucht.
Jesus verbindet auf meisterliche Weise Altes und Neues, indem er die Aussa-
gen des Alten Testaments ernst nimmt und mit ihnen Ernst macht. Dies ist
keine Kasuistik im Sinn seiner rabbinischen Gegner, die sich mit Ausle-
gungstricks am Anspruch des Wortes Gottes vorbeimQgeln. Da ist nichts
Bekanntes aus dem Alten Testament, das nicht aus Jesu Munde zugleich
ganz neu klänge, so als hätte man es noch nie gehört. Jesus legt alttesta-
mentlicke Gebote vollmächtig aus, vertieft ihren Sinn, und in ihm sind sie
wahrhaft erfüllt. Ja, seine Lehre klingt bis heute bei jeder neuen Betrachtung
wie neu gehört, weil sie einem je nach persönlicher Situation und Intuition
neue Seiten zeigt. Welcher Lehrer vermöchte so zu lehren, dass die Schüler
in Jahrtausenden immer neu motiviert werden, die Lehre ernstzunehmen
und immer neu davon eingenommen zu sein!?
Jesus Christus macht sich uns verständlich und zugleich entzieht er sich und
seine Lehre sofort wieder der Handhabbarkeit. Er spricht wie wir, in unse-
ren Vorstellungen und Kategorien, artikuliert unsere Wünsche und Sehn-
süchte und widerspricht doch zugleich unseren falschen Erwartungen. Das
ist für seine Gegner das Ärgerliche, dass hier keine ausschliesslich religiöse
174 Rede dargeboten wird, die man widerstandslos über sich ergehen lassen
muss, oder die so aus einer anderen Welt zu sein scheint, dass sie ihren Hö-
rer psychologisch mundtot macht. Die Botschaft Jesu erhebt den Anspruch,
den Menschen in seiner Alltagssituation anzusprechen, in den Bahnen und
Vorstellungen, in denen der Mensch auch üblicherweise zu denken undre-
den gewohnt ist. Sie tritt in Konkurrenz zu säkularen Weltund Lebensmo-
dellen, sie lässt sich nicht in den religiösen Bereich abdrängen.
Der Vater ist der Handelnde; Jesus verweist die Menschen auf den Vater
und nicht auf sich selbst (Joh. 5,19). Die Gottesverwirklichung tritt in Kon-
kurrenz zur Selbstverwirklichung. Jesus hat um die Autonomiebestrebungen
der Menschen gewusst: „Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren;
wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden“
(Mt.16,25), wie er überhaupt „wusste, was im Menschen war“ (Joh. 2,25).
Jesu Botschaft, das Evangelium, ist daher weder rational, noch psycho-
logisch, noch religiös sie zielt auf die Änderung des Menschen in seiner Per-
sonmitte, im Herzen.
Es muss für Jesus Christus eine permanente Belastung bedeutet haben, dass
seine Hörer so unwillig zum Hören und Handeln waren. Seine Botschaft
war oft anhand von verständlichen Bildern des Alltags vorgetragen worden;
sie knüpfte an allgemein Bekanntes an und wurde durch vollmächtige Taten
(„mitfolgende Zeichen“) verdeutlicht, und doch weigerten sich seine Hörer,
Jesu Ruf zur Umkehr zum Vater Folge zu leisten . Er widerstand der Versu-
chung, als „Superman“ aufzutreten und sie damit zu beeindrucken, indem er
die drei klassischen Diktatorambitionen zurückwies: Er widerstand der
Sehnsucht nach dem Mirakulösen, der Versuchung durch die Macht, und er
liess sich nicht zum „Brotkönig“ machen und als „Wohltäter der Mensch-
heit“ feiern (Lk.4,1ff).
Jesus war bescheiden, ohne devot zu sein. Er war den Versuchungen gegen-
über nicht unempfindlich, aber er widerstand ihnen und kämpfte sie nieder
(Hebr. 4,15). Er setzte die Machtmittel, die ihm zweifellos zur Verfügung
standen, nicht ein (Mt 26,53). Können wir auf Machtmittel verzichten, um
es Gott anheimzustellen, was aus uns wird? Jesus ging scheinbar unter, um
in Herrlichkeit aufzuerstehen, anstatt gross aufzutreten und dabei das Reich
zu verlieren.
Er hielt dem Druck der Erwartungen stand, dem er von verschiedenen Sei-
ten ausgesetzt war. Die einen erwarteten von ihm glänzende Rhetorik, die
anderen politische Machtdemonstration, wiederum andere die Befriedigung
von Alltagsbedürfnissen. All diesen falschen Anforderungen musste er sich
versagen, wollte er seinen Auftrag nicht verraten, ohne gleichzeitig in sei-
nem Bemühen nachzulassen, die Botschaft vom Reich zu verwirklichen. Je-
sus verzichtete auf unangemessene Mittel, er liess weder „Feuer vom Him-
mel fallen“ (Lk.9,54) noch Herodes ein Wunder sehen (Lk.23,8). Er reizte
die Leute nicht mit einem Nervenkitzel, aber er hielt auch nicht auf seriöse
Distanz.
Seine Botschaft war lebendig und anziehend, auch fordernd, ernst und auf-
rüttelnd, aber nicht im bloss emotionalen Sinne begeisternd. Er lehrte nicht
etwa im Bild ausgedrückt das Bergsteigen mit Zeichnungen an der Wand-
tafel, sondern er kletterte selber.
Erliegen wir nicht sehr schnell der Versuchung, der Erwartung der anderen
nachzugeben, oder nutzen wir nicht ihre Schwächen aus, um zum Ziel zu 175
kommen, etwa mit begeisternden oder einfühlsamen Reden? Jesus Christus
umging Schwierigkeiten nicht; er lenkte nicht ab, sondern blieb auf dem
geraden Weg, ohne rechthaberisch zu sein. Sein Verhalten war von einem
frohmachenden Ernst bestimmt. Das kann bei uns nur den Wunsch wecken,
ihm in dieser Hinsicht ähnlich zu werden. Er wird aber zugleich in uns die
Einsicht wecken, nur durch ihn so sein zu können, nicht aus uns selbst, au-
tonom, aus „freiem Triebe“. Ich bedarf der Leitung meines Verstandes
durch seinen Geist. Im bewussten Gegensatz dazu steht die Anmassung der
Aufklärung, sich des Verstandes ohne fremde Leitung zu bedienen. „Nicht,
dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns sel-
ber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott“ (2.Kor.3,5). Wir kennen
alle das geflügelte Wort: „Gott weiss alles, die Lehrer wissen alles besser.“
Hier schlägt ein falsches Berufsbild durch. Jesus Christus trat nicht mit dem
Anspruch: „Ich als Messias“ auf, sondern er tat nur das, was der Vater ihm
zeigte.
Das mag angesichts der Hochstilisierung des Pädagogenberufs bei gleichzei-
tiger Enttäuschung in der Praxis auf den ersten Blick nicht sehr ermunternd
sein. Bei näherem Hinsehen bemerkt man, dass das Vorbild Jesu uns von
falschen Anforderungen an uns selber, an Schüler und Eltern befreit. Man
muss nicht sein, der man nicht sein kann. Man braucht nicht an dem Vorur-
teil festzuhalten, es genüge die richtige pädagogische Theorie, ein Metho-
denvorrat und das feste Vertrauen auf die Wissenschaft, um richtig lehren
zu können. All diese Vorstellungen verblassen sehr schnell angesichts der
Alltagswirklichkeit.
Eine integre Lehrerpersönlichkeit schafft nur das Vorbild Jesu und die Be-
reitschaft, auf die Einbildung zu verzichten, man werde es mit Hilfe der Di-
daktik schon richtig machen. In dem Masse, wie wir Ihn in uns wirken las-
sen, gibt ER uns Freiheit zum Handeln. Andernfalls werden die Klagen ü-
ber Lehrerängste nicht abnehmen. „Furcht ist nicht in der Liebe“ (1.Joh
4,18) dies Wort hat in unseren Tagen besondere Bedeutung, da die Psycho-
logisierung unseres Daseins viele das Fürchten gelehrt hat. Die Menschen
haben wieder eine „Heidenangst“; Angst ist in Mode gekommen. Auch im
evangelikalen Raum wird Angst von einigen Experten hoch gehandelt. Seit
C. G. Jung von der undefinierbaren „Existenzangst“ gesprochen hat, hat
sich eine allgemeine Psychologisierung des Themas „Angst“ bemächtigt. Die
Angst, so verstanden, unterscheidet sich freilich fundamental von dem, was
Jesus in Johannes 16,33 sagt: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost,
ich habe die Welt überwunden.“ „Angst“ meint hier die zu diesem Äon ge-
hörende endzeitliche Bedrängnis der Christen, die Paulus mit dem Wort
„Trübsal“ aufnimmt. Die Überwindung dieser „Angst“ ist mit Jesu Kreuz
und Auferstehung bereits angebrochen; sie ist somit eine „Angst“, die mit
der gewissen Hoffnung und Zuversicht auf das endgültige In-KraftTreten
des Reiches, der Herrschaft Gottes verbunden ist. Ohne diesen biblischen
Bezug kommt es zu falschen Solidarisierungen mit den „Ängstlichen“.
Angst wird dann schnell zum Komplement der Selbstverwirklichung.
Jesus Christus hat dem hohen Erwartungsdruck, der von allen Seiten auf
ihm lastete, standgehalten. Seine Anwesenheit bündelte alle menschlichen
Sünden. Er sah jedem auf den Grund, er wusste, ob sein Gegenüber das sag-
176 te, was er wirklich meinte oder ob er eine ernsthaft erscheinende Frage nur
vortäuschte. Er entlarvte falsche Begeisterung und Bewunderung, sah durch
gespielte oder echte Ablehnung hindurch bis in das Herz des Menschen. Ihn
„jammerte des Volks“, denn er wusste zugleich, dass unter der Oberfläche
innerer und äusserer Not der gleiche der Sünde verhaftete Mensch wohnt
wie im Gewande des scheinbar anständigen und wohlhabenden Bürgers.
Wo gibt es sonst einen Lehrer, der solchen Durchblick hat?
Wie mancher Lehrer wüsste gern genau, was im Schüler vor sich geht? Er
weiss es bisher nicht; er ist auf Mutmassungen angewiesen, auf Erfahrungs-
werte. Aber darf er sicher sein, dass die Erfahrung von gestern ihn heute
richtig leitet?
Es ist sicher gut, dass wir nur unvollkommen und oberflächlich wissen, was
im Menschen neben uns vor sich geht. Wüssten wir es genau, könnte nie-
mand mehr sicher sein vor den Nachstellungen seiner Mitmenschen. Bei Je-
sus Christus bedeutet das Offenbarwerden zugleich Geborgenheit, weil er
retten und nicht zerstören will.
Fassen wir zusammen. Jesus Christus zeigt als Lehrer alle Eigenschaften, die
einen Pädagogen ausmachen, obgleich sich daraus eine Pädagogik, die ein-
fach methodisch nachzuahmen wäre, nicht ableiten lässt:
a) Jesus hat eine eindeutige Botschaft;
b) Jesu Lehre ist auf Langzeitwirkung angelegt;
c) Jesus kreist das Problem ein;
d) er hat nur ein Lernziel: das Reich Gottes;
e) er lässt sich durch Ablehnung nicht abschrecken;
f) er ist zum Risiko bereit;
g) Jesus spricht zupackend und neu;
h) er biedert sich den Zuhörern nicht an;
i) er folgt nicht der Zeitströmung;
j) er psychologisiert die Situation nicht;
k) Jesus lebt, was er lehrt;
l) er theoretisiert nicht;
m) er macht keine wohlklingenden Gefälligkeitsaussagen;
n) Jesu Lehre ist ernst, fordernd, zur Umkehr zu Gott einladend.
Es ist dringend notwendig, von dem mit wissenschaftlicher Attitüde sich ge-
benden Pädagogenflair Abschied zu nehmen und zur bescheidenen Alltags-
wahrheit zurückzukehren. In der wissenschaftlichen Pädagogik sind nicht
zuerst Persönlichkeit und Wahrhaftigkeit gefragt (oder doch nur in einer
irrealen ideologisierten Form). Sie werden ersetzt durch Funktionalität. Mit
einem falschen Anspruch und falscher Sicherheit ausgerüstet, versucht ein
solcher Pädagoge seinen Klienten zu „behandeln“ Jesus führt uns zur
menschlichen Begegnung zurück. Nur wer liebt, darf lehren.

2.10.1.3. Die Art und Weise des Lehrens Jesu


Jesus lehrte unausgesetzt. Er lehrte in der Synagoge, im Privathaus, auf dem
Markt, vom Boot aus, auf dem Berge, im Tempel, am Strassenrand. Er lehr-
te in Einzelgesprächen. vor Menschen massen, im kleinen Kreis; er lehrte
die Landbevölkerung, die religiösen Gelehrten, römische Offiziere, Zeloten 177
(die Terroristen der damaligen Zeit), Zöllner (die Kollaborateure), Kinder,
Arbeiter und reiche Leute. Für dieses ganze Spektrum menschlicher Auffas-
sungsfähigkeit ünd Verständnisfähigkeit hatte er eine Lehre, die jeden an-
ging.
Nikodemus, die theologische Autorität in Israel, äussert die allgemeine An-
erkennung, die Jesus zu Anfang seines Wirkens genoss: »Meister, wir wis-
sen, dass du bist ein Lehrer, von Gott gekommen« (Joh. 3,2). Petrus, der
ungelehrte Mann vom See Genezareth (Apg 4,13), ist gleicherweise beein-
druckt vom Wort Jesu: »Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des
ewigen Lebens« (Joh. 6,68). Die grosse Menschenmenge auf dem Berge
»entsetzte sich über seine Lehre: denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht
wie ihre Schriftgelehrten« (Mt 7,28b f.). Ein Knecht des Hohenpriesters
sagt von Jesus: »Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser« (Joh. 7,46). Je-
sus traf immer das richtige Wort und den richtigen Ton, indem er dem Zu-
hörer die Wirklichkeit Gottes gegenüberstellte.
Er verfügte über ein breites Repertoire der Ansprache. Einmal konnte seine
Rede sehr direkt die Sache beim Namen nennen: »Nun sucht ihr mich zu
töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit gesagt hat, wie ich sie von
Gott gehört habe« (Joh. 8,40). Ein anderes Mal war er unendlich behutsam,
fast rätselhaft: »Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu
dir sagt: Gib mir zu trinken!...«, wie bei der Frau am Jakobsbrunnen (Joh.
4,10) . Man würde erwarten, dass das tiefsinnige Gespräch mit der Samari-
terin von Jesus statt mit ihr mit Nikodemus geführt worden wäre. Nikode-
mus war doch hochgebildet und hätte nach unserer Vermutung den ver-
schlungenen Pfaden des komplizierten Lehrgesprächs viel eher folgen kön-
nen als die wahrscheinlich einfache Frau aus Samaria.
Nikodemus bekommt auf seine vornehme und den Takt wahrende Anrede
die wenig einladende Antwort: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei
denn, dass jemand von neuem geboren werde,so kann er das Reich Gottes
nicht sehen« (Joh. 3 ,3) . Einer der obersten Theologen Israels stellt die Fra-
ge: »Wie kann ein Mensch (noch einmal) geboren werden, wenn er alt ist?«
Von ihm würde jedermann erwarten, dass er den geistlichen Gehalt der
Antwort Jesu sofort erkannt hätte. Statt dessen fragt er: »Wie mag solches
zugehen?« (Joh. 3,9). Die Antwort Jesu: »Du bist Lehrer in Isreal und
weisst das nicht?« (Joh. 3,10),Nikodemus war offenbar Leiter einer Thora-
schule.
Aufgrund von Hesekiel 36,26 f., Jeremia 31,33 oder Joel 3,1 hätte Niko-
demus Jesus verstehen können. Doch hierin versagte er. Dann erklärt Jesus
ihm seine Bedeutung unter Bezug auf Mose, der in der »Wüste die Schlange
erhöhte« (Joh. 3,14). Schliesslich ist Nikodemus doch aus der Phalanx der
offiziellen Theologie ausgebrochen. In Johannes 7,50 sowie 19,39 finden
wir ihn auf der Seite Jesu. Man darf daraus schliessen, dass er von dem Wort
Jesu getroffen wurde. »Wer an ihn (den Sohn Gottes) glaubt, der wird nicht
gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet. . .« (Joh. 3,18). A-
ber wie oft kommt das schon vor, dass ein Theologe sich vom Wort Jesu
treffen lässt!?
Die Samariterin am Jakobsbrunnen
178 benimmt sich auch nicht klüger als
Nikodemus. Sie missversteht die
Rede Jesu ebenso wie er. Ihr gesteht
man allerdings das Missverstehen
zu, anders als bei Nikodemus Sie
möchte nur nicht ständig zum
Brunnen laufen müssen. So ein »Se-
sam-öffne-dich«, das ihr überall
frisches Quellwasser bescheren wür-
de, wäre ihr gerade recht gewesen.
Man hat den Eindruck, es in beiden
Fällen und nicht nur hier mit
zunächst hoffnungslosen Materiali-
sten zu tun zu haben. Materialist ist
heute je nach ideologischem Stand-
ort ein Ehrenname oder ein
Schmipfwort. In Wahrheit ist es ein
Codewort für »Sünder«. Um der
Frau eine weitere Flucht in Missverständnisse zu ersparen, kommt Jesus
zum eigentlichen Thema: »Rufe deinen Mann!« (Joh. 4,16). Jesus de-
monstriert unnachahmlich, wie er entweder sehr direkt oder in immer enger
werdenden Kreisen zum Ziel seines Gesprächs kommt.
Die Gespräche treiben nicht dahin, sie landen nicht zufällig beim entschei-
denden Punkt, sondern er führt sie dahin. Er ist Herr des Gesprächs und
lässt sich die Gesprächsführung nicht aus der Hand nehmen. Das kann er
nur, weil er die Gesprächsabsicht nicht nur unbeirrbar verfolgt, sondern da-
bei auch seinen Gesprächspartner ständig im Auge hat. Wie oft vergessen
Gesprächspartner einfach ihr Gegenüber und schlagen blind mit Argumen-
ten aufeinander los, obwohl sie längst wissen müssten, dass der andere sich
verschlossen hat!? Jesus liebt den Nächsten.
Man kann sich fast vorstellen, wie Johannes mit der Samariterin über den
Gesprächsinhalt beriet. Sie mag gesagt haben: „Ja“, und dann meinte er:
„Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist ...“. Ich wusste zu-
nächst gar nicht, was er damit sagen wollte. Ich wusste wohl, dass es um
religiöse Probleme ging. Ich habe dann von dem gesprochen, was man bei
uns erzählt, dass man nämlich auf dem Garizim anbeten soll und nicht in
Jerusalem wie ihr. Aber plötzlich kommt er auf meine Männer zu sprechen.
Da war mir schlagartig alles klar“.
Ob nun Nikodemus oder die Samariterin, ob hoch oder gering: der für alle
gemeinsame Treffpunkt ist die Sünde. Jesus entdeckt sie zielgerade und
bringt jedes Gespräch auf diesen Punkt, auch wenn die Anmarschwege sehr
unterschiedlich sind. Welcher Lehrer verfügt sonst über eine solche Variati-
onsbreite der Gesprächsführung!? Jesus verbreitet nicht Lehre an sich, keine
Ethik, sondern seine Lehre hat immer unmittelbar mit Gott zu tun und be-
trifft zugleich das Leben der Zuhörer unmittelbar. Welchem Lehrer gelingt
es sonst, eine solch permanente Betroffenheit herzustellen!?
Eins wird in alledem deutlich: Jesus benutzt keine todsichere Methode, die
im Zuhörer das Verständnis erzwingt. Nach heutiger Auffassung würde
man ihm vorhalten, dass die Lernschwelle zu hoch gewesen sei. Man meint,
das der Technik abgeschaute Ursache-Wirkungs_Schema auch in der Päda- 179
gogik anwenden zu können. Jesus verzichtet darauf. Er macht vor unserem
inneren geistigen »Schlagbaum« halt. Er durchbricht nicht die geistige Sper-
re, die wir aus Abneigung, Lustverlangen, Gleichgültigkeit und falscher Prä-
gung aufgebaut haben. Aber er bemüht sich werbend um die Verlorenen,
um die in Sünden Verstrickten, ob es nun offensichtliche oder heimliche
Sünden sind.
Man kann sich aber gegen Jesu Angebot wehren. Die Sünde bindet Jesu
Lehre, damit sie nicht zu unserem Herzen dringt. Niemand braucht also als
Pädagoge zu verzweifeln, wenn trotz seiner Ausstrahlung und Bemühung
bei manchem Schüler ein bestimmtes Lernziel nicht erreicht wird. Vielleicht
hat der Impuls ausgereicht, um später zum Ziel zugelangen, zu einem Zeit-
punkt, da der Schüler längst den Blicken seines Lehrers entschwunden ist.
Jesus ist in seinem Lehren souverän. Das Gespräch mit seinen Jüngern glei-
tet nicht ab in Geschwätz oder Diskussion. Oft sind seine Jünger gehalten
und wagen ihn nichts zu fragen (Mk 9,32). Es gibt eine respektvolle Di-
stanz; kumpaneihafte Nähe fehlt. Aus der Umklammerung heraus, die eine
falsche Verbrüderung mit sich bringt, hätte er seinen Jüngern wohl schwer-
lich Wegweisung geben können. Das konnte er nur als der andere, ganz aus-
serhalb ihrer Gruppe Stehende.
Es sage niemand, diese Mechanismen seien ihm gut bekannt. Ohne die per-
sönliche Begegnung mit dem Gekreuzigten weiss niemand, wie dieses An-
derssein aussieht. Er wird immer vermuten, es sei entweder eine aristokrati-
sche Distanz oder ein Abstand aus psychologisch-therapeutischen Gründen.
Nein, es ist der Abstand Gottes, der Jesus von den Menschen trennt. Gleich-
zeitig ist er ganz nah: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und bela-
den seid« (Mt 11,28).
Das ist die Heilandsliebe, die ungezählten Menschen das Herz abgewonnen
hat, die in vielen eine so herzliche Zuneigung zum Heiland der Sünder ge-
weckt hat. Andere haben sie als »KleineLeute-Mentalität« abgetan, aber sie
ist das Geheimnis des inneren Lebens mit Jesus. Das zeigt zugleich, dass ei-
nem Menschen ohne die Jesusliebe der Zugang zu den Wahrheiten der Bibel
verschlossen bleiben wird.
Niemand wird die Grösse Jesu als Lehrer ohne eine liebende Beziehung zu
ihm erfassen. Er wird ohne das Licht göttlicher Erleuchtung nur grau sehen,
wo in Wahrheit Farben leuchten. Mit dem trüben Licht des philosophischen
Räsonierens wird man kaum Konturen wahrnehmen können, geschweige
denn die Farbenpracht göttlicher Weisheit in der Person Jesu.
Ein Lehrer wird ohne innere, liebende Beziehung zu seinen Schülern die
Wahrheiten nicht vermitteln können, die er lehren soll.

2.10.1.4. Form und Inhalt der Lehre Jesu


Jesus lehrt bildhaft, praktisch und den Menschen existentiell treffend. Be-
fassen wir uns zunächst mit der bildhaften Seite.
Es hat zu allen Zeiten erstaunt, dass Menschen aller Bildungsgrade, Her-
kunft und Abstammung gleichermassen vom Wort Jesu angerührt waren,
die ungelehrten Fischer vom See Genezareth ebenso wie die Angehörigen
des grossen Synhedriums (Hoher Rat), Nikodemus und Josef von Arima-
180 thia, die Schriftgelehrten, Zöllner oder römischen Hauptleute. Auch in spä-
teren Jahrhunderten und Jahrtausenden bis heute waren Angehörige des rö-
mischen Kaiserhauses (Phil. 4,22), Leute aus der Sklavengesellschaft, Kauf-
leute und Arbeiter von seiner Rede angetan. Unter dem Kreuz trafen sich
ein Graf Zinzendorf und böhmische Zimmerleute in Herrnhut, der Jugend-
gefährte Kaiser Friedrich III., Friedrich von Bodelschwingh und die Behin-
derten in Bethel, die verfolgten Christen in der Sowjetunion, Vietnam, Mo-
cambique und die von der Kirche häufig genug verachtete Gemeinde in der
Bundesrepublik.
Worin liegt das Geheimnis? Gewiss in der Gnade Gottes und im Opfertod
Jesu am Kreuz. Dass Menschen aller Schattierungen sich aber zunächst ein-
mal ansprechen liessen, liegt auch an der Art und Weise des Lehrens Jesu.
Er vermochte und vermag ganz unterschiedliche Menschen durch sein bild-
haftes Lehren anzusprechen. Das Bild erlaubt jedem Betrachter seinen eige-
nen Bezug; er kann je nach Vorprägung und Situation unterschiedlich weit
eindringen oder eine andere Stelle betrachten. Nehmen wir als Vorlage das
wohl am besten bekannte »Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer« (Lk
18,10). In den beiden Typen sollen ja auch die Heiden und Israel in ihrem
Verhältnis zu Gott dargestellt werden.
Die Nähe des Pharisäers zu den Kultgegenständen und sein gekonntes Ge-
bet bedeuten noch keine Nähe zu Gott. Die äussere Distanz des Zöllners
zum Tempel, die jeder aufgrund seines Verhaltens im Volk als angemessen
empfindet, ist aufgehoben durch sein Schuldbekenntnis. Die wenigen Verse
von Lukas 18, 9-14 öffnen den ganzen Fragenkreis von Gottesferne und
Gottesnähe.
Man braucht kein religiöser Mensch zu sein, um die Inhaltsschwere dieses
Gleichnisses mit einem Blick zu erfassen. Gerade der Atheist wird sagen:
»Wenn Glauben an Gott einen Sinn haben soll, dann stelle ich mir das so
vor.« Da geht es sofort auch um den Mitmenschen. Zöllner heisst soviel wie
Ausbeuter, Kollaborateur, niedriger Beweggrund, Dieb, Verräter, Gottloser.
Pharisäer bedeutet scheinheilig, überflüssige religiöse Selbstbeschäftigung,
Selbstbetrug, Betrug der Mitmenschen durch Vorspiegelung einer Fröm-
migkeit, die egoistisch und inhaltsleer ist.
Beim Vergleich beider Typen setzt sofort der Selbstverteidigungsmechanis-
mus beim Zöllner ein. Niemand möchte so verlogen sein wie der Pharisäer.
Zugleich gefällt man sich in seinem Atheismus. Da möchte man schon lie-
ber ein Zöllner sein, denn jeder ist sich doch selbst der Nächste. Bei nähe-
rem Hinsehen wird man aber auch der Identifikation mit dem Zöllner nicht
recht froh. Wer will schon der „Aussätzige“ einer Gesellschaft sein? Ein
Zöllner ist ja auch einer, der mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitet.
All diese Zusammenhänge braucht Jesus nicht zu erläutern; sie liegen bei
der Erzählung des Gleichnisses so nahe, dass jede Erklärung überflüssig
wirkt.
Angesichts des Gleichnisses schwindet jede Möglichkeit, dass Pharisäer und
Zöllner gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Bei aller Halsstar-
rigkeit der Juden gegenüber Jesus Christus wird jedem »Heidenchristen« die
Möglichkeit genommen, selbstgerecht von den Juden als den eigentlichen
»Gottesmördern« zu sprechen. Ebenso kann kein Jude die Gojim (Heiden-
völker) mehr verachten. 181
Das Gleichnis hat eine geschichtliche Dimension; es offenbart etwas von
den Äonen, in denen der Heilsplan abläuft. Zugleich ist es so schlicht, wie
schon beschrieben, dass es das innerste Wesen des Menschen blosslegt. Hier
sind Zeit und Ewigkeit, Mensch und Gott in wenigen Zeilen verdichtet.
Welcher Lehrer vermag so konzentriert seine Lehre zu vermitteln, um jahr-
tausendelang immer neu Menschen lebenslän-glich mit der Ausdeutung
auch nur eines Gleichnisses zu beschäftigen? Leben ist farbig und vielfältig,
wie vermag da eine lehrhafte Theorie das ganze Leben zu beschreiben? Jedes
Bild ist besser geeignet, die Bezüge zu verdeutlichen . Jeder Versuch, das
Leben auf eine logische Theorie zu verkürzen, muss den Lehrer »blass« und
»hohlwangig« erscheinen lassen.
Ich entsinne mich der Bemühungen meines Gewerbelehrers, der sich vor
uns Jungen damals als Atheist gab und unseren Beifall leicht errang, als er
von einem Streitgespräch mit einem Pfarrer berichtete. Er habe ihn gefragt,
welches Buch er wählen würde, wenn er auf eine einsame Insel verschlagen
würde und nur ein Buch mitnehmen dürfe. Naturlich habe der Pfarrer ge-
antwortet: »Die Bibel.« Unser Lehrer gab unter unserem Beifall zum besten,
er habe dem Pfarrer vorgeschlagen, doch eine Logarithmentafel mitzuneh-
men, die böte unglaublich vielfältige Möglichkeiten der Beschäftigung. So
stellt sich der gegen die Bibel erzogene »kleine Fritz« das Leben vor. Dieser
würde immer neue Thesen gegen Gott erfinden, die nirgendwo mit Leben
gefüllt werden könnten. Jesus dagegen demonstriert mit seinen Bildreden
das Leben in einer unvergleichlichen Weise. Darin kommen wir mit unseren
Sorgen und Nöten, mit unseren Fehlern und Schwächen vor; darin erken-
nen wir uns wie in einem Spiegel.
Gerade in Deutschland jagt man einem mit Elementen des Griechentums
angereicherten Phantasiebild des Lehrers nach. Das Urbild dieser Art von
Pädagogen ist der Dozent, der mathematisch folgerichtige Gedankengänge
vorträgt. Ein Bild zum Zentrum des »Beweises« zu machen, muss ihn völlig
disqualifizieren, das ist Realschulniveau.
Jesus wurde von seinen Jüngern gedrängt, doch im »Klartext« zu sprechen
und nicht in Bildern: »Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?« (Mt
13,10). Nicht jeder Hörer hat einen Anspruch auf eine einleuchtende Erklä-
rung. Das Bild serviert ihm ein »offenes Geheimnis«, zu dem seine eigene
Bereitschaft den Schlüssel liefert. Nun ist eine Ewigkeitslehre sicher etwas
anderes als die Vermittlung von Geometrie oder höherer Mathematik, aber
eins haben beide gemeinsam: Der Schüler muss Bereitschaft zeigen, die
Wahrheit annehmen zu wollen. Wie mancher Schüler hat nicht lernen wol-
len, weil ihm der Vermittler nicht passte! Er verlangt oft unausgesprochen
einen seinen Wünschen angepassten Lehrer.
Jeder Lehrer muss nicht auf jeden Schüler gleich gut wirken. Das Lehrer-
Schüler-Verhältnis ist ein labiles Gleichgewicht, kein statischer Gleichge-
wichtszustand. Was heute gut funktioniert hat, kann morgen erheblich ge-
stört sein. Was negativ begonnen hat, kann positiv enden. Der betende Blick
des Lehrers zum himmlischen Vater kann eine verloren erscheinende Be-
ziehung wenden. Einen selbstsicheren, über gute Fähigkeiten der Menschen-
führung verfügenden Pädagogen kann Gott auflaufen lassen. Der heimliche
Wunsch jedes christlichen Pädagogen, der Schüler möchte aus der Bindung
182 an den Lehrer heraus lernen, hat als Voraussetzung, dass auch der Lehrer in
einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus an seinen Herrn und Hei-
land lebt. Er kann ohne diese Bindung kein guter Lehrer sein, wie geschickt
und anerkannt auch immer er seinen Unterricht gestalten mag: »... damit sie
eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkom-
men eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie
liebst...« (Joh. 17,22 f.). Durch die personale Abhängigkeit wird das schöp-
fungsgemässe Bild wiederhergestellt. Jedes andere Bild vom Lehrer ist eine
Irreführung.
Inhaltlich geht es Jesus nur um ein Thema: Das Reich Gottes. Das Reich
Gottes kommt. Es ist aber zugleich immer schon da gewesen, bei Gott:
»Mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Joh. 18,36). »Niemand ist gen
Himmel aufgefahren ausser dem, der vom Himmel herabgekommen ist,
nämlich der Menschensohn« (Joh. 3,13). Das Reich Gottes ist gegenwärtig
in der Person Jesu: »Das Reich Gottes ist mitten unter euch« (Lk 17,21).
Das Reich Gottes kommt: »... bis sie des Menschen Sohn kommen sehen in
seinem Reich« (Mt 16,28).
Das Reich Gottes ist zunächst keine Staatsmacht, sondern eine Herzens-
macht: »Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen«
(Mt 5,8). »Selig sind, die da geistlich arm sind« und »die um der Gerechtig-
keit willen verfolgt werden: denn ihrer ist das Himmelreich« (Mt 5,6.10).
Das Reich Gottes ist zugleich ein Ort der Macht und Herrlichkeit Gottes:
»Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst« (Lk 23,42). Es
ist zugleich nah und fern, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, hier auf
der Erde und dort im Himmel, real gegenwärtig und noch unerfüllte Zu-
kunft. Wer vermöchte sonst eine solche überzeitliche Wahrheit weiter-
zugeben, die Menschen damit zu fesseln und ihnen doch die Freiheit zu las-
sen!? Diese, alles irdische Fassungsvermögen übersteigende Wahrheit ver-
mittelt Jesus mit Gleichnissen, die einem intelligenten wie einem weniger
intelligenten Menschen gleich zugänglich wie versperrt sind.
Das bildhafte Lehren lässt sich leicht für die viel einfachere Alltagssituation
der Schule aus diesen Beispielen als Grundvoraussetzung ableiten wohlge-
merkt, nicht nur das Lehren mit Hilfe von Bildern, sondern mit angemes-
senen, das Vorstellungsvermögen anregenden Vergleichen. Dazu bedarf es
des Hörens.

2.10.1.5. Weitere Elemente von Jesu Lehramt


(a) Jesu Vollmacht in der Lehre
Dies unterschied ihn von den zeitgenössischen Lehrern. „Und sie entsetzten
sich alle, so daß sie sich untereinander befragten und sagten: Was ist dies? Eine
neue Lehre mit Vollmacht? Und den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehor-
chen ihm“ (Mk.1,27p). Vielleicht wurde er gerade deshalb oft von seinen
Jüngern und anderen als Rabbi, als Lehrer angesprochen. Interessant ist die
in Mt.23,6-8 beschriebene Begebenheit, in der Jesus die Lehrer seiner Zeit
angreift:
„Sie (die Pharisäer und Schriftgelehrten) lieben aber den ersten Platz bei den Gastmählern und die ersten
Sitze in den Synagogen und die Begrüßungen auf den Märkten und von den Menschen Rabbi genannt zu
werden. Ihr aber, lasst ihr euch nicht Rabbi nennen! Denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder“.
Jesus rügt hier nicht den Gebrauch dieses Titels, sondern die Ehrsucht der
zeitgenössischen Lehrer. Aber er bezeichnet sich selber hier als den einen 183
Lehrer, der über allen steht. Dies kann aber wiederum auch nicht meinen,
dass keiner seiner Jünger ein Lehrer sein darf. Auch die Begegnung mit Ni-
kodemus ist bezeichnend (Joh.3,1.2):
„Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Dieser kam
zu ihm bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen,
denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“.
Kennzeichen des Lehramtes Jesu ist (a) seine Sendung von Gott und (b)
seine Vollmacht. Wobei hier beachtenswert ist, dass sein vollmächtiges
Handeln für die Mitmenschen ein Beweis seines Lehramtes war, also sein
Reden bestätigte.
Es ist daher unverständlich, dass sich die moderne evangelikale Bewegung so stark gegen die Grundan-
liegen des „Power Evangelism“ eines John Wimber gewehrt hat. Oder vielleicht aber nur zu verständlich,
wenn man ihre (streckenweise) eigene Vollmachtslosigkeit beobachtet.
Weiter ist Jesu Lehramt gekennzeichnet von einer Vollmacht, die in sich
selber beruht und nicht auf einem anderen Lehrer oder Rabbi. Ein jüdischer
Lehrer berief sich immer und gerne auf Vorgänger und versuchte zu bele-
gen, dass seine Lehre letztendlich auf derjenigen von Moses und daher auf
Gottes Gesetzt beruht. Jesus dagegen beruft sich ebenfalls immer wieder auf
das Wort Gottes, aber stellt seine Lehre zuweilen bewusst den jüdischen
Traditionen entgegen mit seiner Aussage: „Ich aber sage euch …“.206
(b) Das Auditorium, die Zuhörer bzw. Schüler von Jesus
„Im Gegensatz zur Praxis der Essener, nur Eingeweihte zur religiösen In-
struktion zuzulassen, ahmte Jesus Johannes den Täufer nach und richtete
seine Predigten in Galiläa an alle, die Ohren hatten zu hören – richtiger: an
alle Juden, die bereit waren zu hören, denn eine systematische Missionie-
rung der Nichtjuden hat er nie ins Auge gefasst“.207 Im Gegensatz zu Ver-
mes sehe ich hier keine Nachahmung, sondern eine neue Art von Lehren,
die eben an alle gerichtet ist. Seine Einschränkung trifft dagegen wieder
vollständig zu: „Und innerhalb des Hauses Israel wiederum bevorzugte er
die Ungebildeten, die Armen, die Sünder und gesellschaftlich Geächteten“.
Zudem können wir wohl sagen, dass Jesus seine Zuhörer in dem Masse
lehrte, wie diese bereit waren, sich auf die Nachfolge einzulassen. Je mehr
sich Menschen ihm öffneten (und heute öffnen), desto mehr offenbarte er
ihnen von dem, was er selber vom Vater im Himmel empfangen hatte.
(c) Jesus – der Lehrertyp schlechthin
Paulus beschreibt dieses Prinzip in 2.Tim.2,2 sehr deutlich: „Was du von mir
in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Menschen an, die
tüchtig sein werden, auch andere zu lehren“. Jeder, der Lehre von Christus
empfängt, ist verpflichtet, diese weiterzugeben und so selber zum Lehrer zu
werden.208 Das Neue Testament bezeichnet dies als Jüngerschaft.

206
Vergleiche hierzu die ausgezeichneten Ausführungen von John Wenham in seinem Buch „Jesus und
die Bibel – Autorität, Kanon und Text des Alten und Neuen Testaments“; Kapitel 2: „Jesu Autorität als
Lehrer“.
207
Vermes, Geza; „Jesus der Jude - Ein Historiker liest die Evangelien“, Neukirchen-Vluyn 1993, S.13.
208
Theodor Zahn (Das Evangelium des Matthäus, S. 651) nennt hier z.B. Mt.13,52: „Er aber sprach zu
ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Reichs der Himmel geworden ist, gleich einem
Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt“.
2.10.2. Jesus der Knecht und Diener
184
Mt.20,28: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden, son-
dern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“
Lk.22,26.27: „Der Grösste unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Gebieter
wie der Diener. Denn wer ist grösser: wer zu Tische sitzt, oder der Diener? Ist es
nicht der, welcher zu Tische sitzt? Ich aber bin mitten unter euch wie der Die-
ner“.
So umschreibt Jesus selber seine Aufgabe und Funktion. Natürlich ist es
nicht seine einzige, wohl aber vielleicht die wichtigste! Denn wie es der erste
Vers sagt, ist Jesus dazu Mensch geworden.

2.10.2.1. Worin besteht der Dienst von Jesus?


(a) Der soteriologische Dienst Jesu für die Menschen. Jesus wurde
Mensch, um uns durch sein stellvertretendes Sterben mit Gott zu versöhnen
und um uns die Sünden vergeben zu können.
(b) Jesu ganzheitlicher Dienst an seinen Jüngern. Jesu Dienst an den sei-
nen besteht im heilen, trösten, ermutigen etc.

2.10.2.2. Der Dienst Jesu als Vorbild für unsere Diakonie


Die Stelle in Lk.22 zeigt deutlich, dass der Dienst Jesu an seinen Jüngern
starken Vorbildcharakter hatte. Paulus greift diesen Gedanken in der Einlei-
tung zu den Kenosis-Versen auf:
Phil.2,2-5: „So erfüllt meine Freude, dass ihr dieselbe Gesinnung und dieselbe Liebe habt, einmütig, eines
Sinnes seid, nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht tut, sondern dass in der Demut einer den anderen
höher achtet als sich selbst; ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen.
Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“.
Daher ist es wahrscheinlich, dass Jesus auch unseren Dienst in der Gemein-
de als Konsequenz und Auswirkung seines Dienstes an uns versteht. Beson-
ders erwähnenswert scheint mir Joh.12,26 zu sein: „Wenn mir jemand dient,
so folge er mir nach; und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein. Wenn mir
jemand dient, so wird der Vater ihn ehren“. Weil hier so erstaunliche Zusam-
menhänge zwischen Jesu Dienst an uns und unserem Dienst für ihn aufge-
zeigt werden, drucke ich hier eine ganze Predigt (gehalten am 8. Jan. 1995)
von mir zu diesem Vers ab.

Jesus stellt einen direkten Zusammenhang her zwischen Dienst und geehrt
werden. Dienende Jünger Jesu werden von Gott geehrt! Das von Jesus ge-
brauchte Bild hier ist: Das Verteilen von Tapferkeitsmedallien an Kriegsve-
teranen oder eine Nobelpreisverleihung. Ich versteh das so: Gott möchte
uns ehren, auszeichnen und erklärt uns gleich von Beginn an, welche Men-
schen er auszeichnen wird. Aber zuerst wollen wir das geniale Wunder be-
denken:
I GOTT EHRT MENSCHEN Ist kaum fassbar! Das umgekehrte kennen
wir - Menschen, Gottes Geschöpfe ehren den Schöpfer, indem sie ihn prei-
sen, sein Wesen und seine Taten! Aber umgekehrt ? - erstaunlich. Ich möch-
te, dass Sie heute wieder Gott direkt zu sich sprechen lassen, d.h. Gott
möchte Sie eigentlich ehren, das ist seine Absicht. Er möchte Sie vor allen
auf ein Podest stellen und auszeichnen! Denken Sie nicht: Ich bin zu gering,
unwichtig, ein Versager und zu kraftlos. Diese Tugenden sind hier wertlos -
es geht um etwas anderes. Halten wir zuerst einfach fest. Gott will und wird 185
Menschen unter uns ehren und auszeichnen. Wie ist das zu verstehen?
1.1. Gott beehrt durch seine Gegenwart! V.26b besagt: Diener Jesu dür-
fen immer bei ihm sein (und umgekehrt). / Leon Morris schreibt dazu: „Es
gibt keine endgültige Trennung mehr vom Vater und vom Sohn und den einen
zu kennen bedeutet auch den anderen zu kennen. Vom einen geehrt zu werden,
bedeutet auch, vom anderen geehrt zu werden: Und die Essenz von allem ist Ge-
meinschaft. Welch wunderbare Aussicht breitet sich da vor dem Diener Christi
aus!“ Ich erinnere mich gerne an eine Einladung von einem Parlamentarier
in die Bundeshaus-Wandelhalle - Fühlte mich geehrt, nicht weil ich etwas
besonderes getan hatte, sondern weil all die berühmten Personen da waren.
Ihre Gegenwart ehrte mich. Aber wieviel mehr werden wir geehrt und aus-
gezeichnet, wenn Jesus uns begleitet. Darin liegt Trost, Kraft und Mut! Ich
erinnere an den Missionsbefehl: Machet zu Jüngern - und ich bin bei euch
alle Tage! Dies ist ein besonderes Dasein von Jesus. Natürlich ist er bei allen
Jüngern, aber eben besonders kräftig, wirksam und ausrüstend bei den Die-
nern.
1.2. Gott beehrt durch Fürsorge und Vollmacht! In den Briefen finden
wir eine andere Stelle, die vom Ehren von Menschen spricht: 1.Tim.5,17:
„Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelt geehrt werden, besonders die in
Wort und Lehre arbeiten“. Paulus schreibt danach, wie er das meint: Älteste
und VS-Mitglieder kann man ehren durch (a) Gehorsam, (b) Finanzielle
Unterstützung und (c) Vertrauensvorsprung bei Kritik! Und genauso will
der Vater im Himmel die treuen Diener ehren! Tönt zuerst ungewohnt in
unseren Ohren - Gott wird doch nicht uns Menschen gehorchen! Doch! In
einem gewissen Sinne - was anderes tut er, wenn er Gebete erhört. Gott ehrt
dienende Jünger durch spezielle Unterstützung, ja durch Vollmacht. Gott
hört auf diese Menschen, er unterstützt sie mit Kraft, Ausdauer, Mut und
Vollmacht! Und genau das möchte er Ihnen sein und tun! Gleichgültig ob
wir schwach oder stark, müde oder wach, jung im Glauben oder bewährt.
Gott will ehren - aber trotzdem nicht alle, sondern:
II EHRE, WEM EHRE GEBÜHRT In V.26c finden wir eine klare Be-
dingung. Gott will und wird ehren, wer Jesus dient. Diese Vollmacht, diese
Kraft, diese besondere Gegenwart Gottes empfangen dienende Menschen.
Wen meint Jesus? Diakonissen? Gerichtsdiener? Vielleicht zuerst einige
Klarstellungen: Jesus meint nicht Workoholics, Menschen, die sich abra-
ckern, die sich und Andere nicht schonen und dabei Jesus vergessen. Er
meint auch nicht die sozial gesinnten Menschen, die nur an andere denken,
aber meistens Jesus vergessen. Wieder hilft uns der Abschnitt, in dem der
Vers steht.
2.1. Diener sind Nachfolger, so sagt es V.26a. Sie folgen hinter Jesus her,
sie hören auf ihn, lassen sich leiten und sind eben dort, wo Jesus ist. Sahen
oben, dass Gott Menschen ehrt, indem er bei ihnen ist und nun hören wir
umgekehrt, dass wir Jesus dienen können, indem wir dort sind, wo er ist.
Calvin übersetzt den mittleren Versteil: „Wo ich bin, da sollte auch mein Die-
ner sein!“ Verstehen wir jetzt, warum uns der Vater oft nicht ehren kann? Er
möchte uns unterstützen, Vollmacht geben und allgemein ausrüsten - aber
wir sind so selten in Jesu Gegenwart anzutreffen! Dies sollte bei uns anders
186 werden und er will uns dabei helfen.
2.2. Diener sind hingegebene Menschen, die wirklich für Jesus leben!
Die beiden Verse vor dem Predigttext reden davon; Joh.12,24.25: „Wahr-
lich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und
stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben
liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewi-
gen Leben bewahren.“ Diese Verse reden von Selbstverleugnung, dem eige-
nen Ich absterben und davon, wie fruchtlos und arm selbstsüchtige Men-
schen sind. Jesus meint also, dass der Vater diejenigen Christen ehren, un-
terstützen und bevollmächtigen wird, die nicht mehr sich selbst, ihre Ehre
und Befriedigung, sond. Jesus und sein Reich im Zentrum ihrer Aufmerk-
samkeit und Leben haben! Oder wieder einmal mit den Worten des Märty-
rers Jim Eliott ausgedrückt: „Der ist kein Narr, der aufgibt, was er nicht behal-
ten kann, damit er das gewinne, was er nicht verlieren kann!“ Ich möchte
schliessen mit einem Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Gebet,
Dienst, Evangelisation und Ehre.
ZUSAMMENFASSUNG Eine Form der Hingabe an Jesus und sein
Reich ist das Gebet. Wir sollten es immer wieder fördern und damit fortfah-
ren. Eine Form von Ehre, die Gott uns geben will, ist die Vollmacht für un-
seren Dienst und besonders darin, andere Menschen für IHN zu gewinnen.
So gesehen lautet der Vers dann für uns: Wenn mir jemand dient, indem er
mich regelmässig und treu aufsucht im Gebet, den wird der Vater ehren, in-
dem wirklich Menschen zum Glauben finden und Jünger werden! AMEN

2.10.2.3. Lexikon zur Bibel zum Thema „Diener“


Ein D. (griech. diakonos) ist im griech. Sprachgebrauch jemand, der andere (bei Tisch) bedient. Im NT
wird das Wort verschieden gebraucht:
I) IN ALLGEMEINER BEDEUTUNG
Timotheus wird als D. Christi Jesu (1Tim 4,6) bezeichnet, Epaphras als D. Christi (Kol 1,7) und Tychi-
kus als D. des Herrn (Kol 4,7).
Ohne Rücksicht auf ihre innere Haltung spricht Paulus im Hinblick auf ihre Aufgabe von Gott her auch
der heidnischen Obrigkeit und ihren Vertretern zu, D. Gottes zu sein (Röm.13,4. 6).
II) IN ÜBERTRAGENER BEDEUTUNG
Das NT spricht vom Dienst (griech. diakonia) des Wortes (Apg 6,4), von uns als Dienern des Geistes und
des neuen Bundes (2Kor 3,6), von Christus als D. der Juden (Röm.15,8). Christus ist kein D. der Sünde
(Gal 2,17); die D. Satans verstellen sich als D. der Gerechtigkeit (2Kor 11,14f).
III) DER FREIWILLIGE DIENST
(griech. diakonia) meint einen freiwilligen spontanen Dienst am Nächsten, anders als eine Einsetzung in
eine dauerhafter ausgeübte Funktion. Das Haus des Stephanas hat sich freiwillig zum Dienst »für die Hei-
ligen« bereitgestellt (1Kor 16,15). Phöbe ist Diakonin der Gemeinde in Kenchreä (Röm.16,1; in V. 2
wird sie als prostatis, Beschützerin, Vorsteherin, Patronin bezeichnet). Man hat hier auch an die Frau eines
Dieners gedacht (1Tim 3,11), aber was Paulus 1Tim 5,9f über die Voraussetzungen zum vollzeitlichen
Gemeindedienst der Frau sagt, stützt diese Vermutung nicht.
IV) IN DER BEDEUTUNG ALS AMT
Das → Amt der D. (Diakone) wird deutlich von den anderen Ämtern unterschieden (Phil 1,1; 1Tim 3,1–
13). D. werden durch Gemeindewahl berufen (Apg 6,3; siehe dazu → Amt II B) und durch Handaufle-
gung der Apostel in ihren Aufgabenbereich eingeführt (Apg 6,6). Allerdings werden die Sieben in der
Apg nicht als Diakone bezeichnet, es handelt sich wohl um ein Leitungsamt besonders in Fragen der äus-
seren Organisation, schloss aber auch die Funktion des Evangelisten in sich (Apg 6,8–7,53; 8,5ff).
D. sollen »voll heiligen Geistes und Weisheit« sein und ein gutes Zeugnis haben (Apg 6,3), ehrbar sein,
nicht doppelzüngig, keine Säufer, nicht gewinnsüchtig, sie sollen das Geheimnis des Glaubens mit reinem
Gewissen bewahren (1Tim 3,8f). »Ihre Frauen sollen ebenfalls ehrbar sein, nicht verleumderisch, nüchtern
und treu in allen Dingen« (V. 11). D. sollen ihrem eigenen Hause gut vorstehen (V. 12), und erst nach
Prüfung werden sie zum Dienst zugelassen (V. 10). In der alten Kirche hatte jede Gemeinde mehrere D.
Sie sind aber (wie auch die anderen Dienste in der Gemeinde) nicht in erster LinieBedienstete der Ge-
meinde, sondern Gottes, was ein Hören aufeinander einschliesst. Vgl. auch → Amt. 187
2.10.2.4. Lexikon zur Bibel zum Thema „Dienen, Dienst“
I) TERMINOLOGIE
Im AT und NT gibt es dafür eine Reihe Worte, die in ihrer Grundbedeutung alle ähnlich sind, aber Die-
nen und Dienst unter verschiedenen Aspekten beschreiben.
1) Im AT: Die im AT meist gebrauchten Worte sind scheret und abad. Beide können im profanen und
rel. Sinn gebraucht werden. Scheret bezeichnet einen ehrenvollen Dienst, zu dem jemand berufen wird,
den er vielleicht sogar freiwillig übernimmt. So setzt Potifar den Josef zum Hausverwalter ein und lässt
sich von ihm persönlich bedienen (1Mo 39,4). Josua dient dem Mose (2Mo 24,13; 33,11; 4Mo 11,29;
das Partizip im Hebr. wird mit »Diener« übersetzt). Scheret wird immer dort benutzt, wo der Dienst der
Priester beschrieben wird (2Mo 28,35. 43; 1Kön 8,11;Hes 44,17). Die Leviten dienen dem Hohenpries-
ter Aaron (4Mo 3,6), den Priestern (4Mo 18,2), dem Heiligtum und der Gemeinde (4Mo 16,9). Elisa
veranstaltet ein Festmahl für sein Haus und folgt dann dem Propheten Elia, um ihm zu dienen (1Kön
19,21). Immer ist diese Weise zu dienen Folge einer Berufung oder Einsetzung, Dienen ist Vorrecht und
Ehre.
Abad heisst arbeiten, ein Werk ausführen, als Knecht dienen. Es kann ebenso für Gottes Wirken (Jes
28,21) wie für die Arbeit der Menschen gebraucht werden (2Mo 20,9 par.). Jakob dient dem Laban um
Rahel zweimal sieben Jahre (1Mo 29,18ff). Ein Sklave kann auf die Freilassung verzichten und aus Liebe
zu seinem Herrn ihm lebenslänglich dienen (2Mo 21,5f). Israel dient verschiedenen Herrschern in der
Zeit der Richter (Ri 9,28), dient heidnischen Gottheiten (2Kön 10,18) und fremdenKönigen (Jer 25,11).
Fast immer bedeutet abad einen Dienst, der befohlen ist, der unfrei macht, in dem der Mensch nicht über
sich selbst verfügt. Der Diener ist meist der Sklave. Das Substantiv äbäd, Knecht, Diener, wird in Jes 53
inspezieller Bedeutung für den leidenden Gottesknecht gebraucht.
Selten wird für den Dienst gegenüber heidnischen Gottheiten dasWort zamad gebraucht (4Mo 25,3. 5; Ps
106,28). Dienen kann auch mit dem Begriff »vor jem. stehen« ausgedrückt werden (1Mo 41,46; 5Mo
1,38 u.a.).
2) Im NT: Hier sind es sechs Begriffe und die ihnen verwandten Wortgruppen, die in unterschiedlicher
Häufigkeit, aber mit gleichem theologischem Gewicht das Leben der Christen als »Dienst für Gott« um-
schreiben:
Douleuein steht insgesamt 25mal, in ähnlicher Bedeutung douloun achtmal; gemeint ist der Dienst des
Sklaven, der von ihm getan werden muss, ob er will oder nicht, weil der dem Willen seines Herrn unter-
steht (Mt 6,24; Lk 15,29; Apg 20,19; Kol 3,24).
Das Wort diakonein hat ursprünglich den Sinn von »zu Tisch dienen, den Lebensunterhalt besorgen« (Lk
10,40; 12,37; Joh 12,2; Apg 6,2). Während es im Griechentum eine Tätigkeit beschrieb, die als minder-
wertig und eines freien Mannes unwürdig galt, wird diakonein im NT für die Sendung Jesu (Mk 10,45
par.) gebraucht, für den Dienst des Apostels (2Kor 3,3 vgl. 6,3) und erhält so eine zentrale Bedeutung für
den Dienst des Christen (1Petr 4,10). Dienst erhält durch Jesus eine ganz neue Würdigung. diakonein
(vgl. Mt 4,11) erscheint im NT 37mal, der Begriff »Dienst« 34mal (Lk 10,40; Apg 1,25; 6,4; 2Kor 4,1
u.a.), das Wort »Diener« 29mal (Mt 20,26; 23,11; Joh 12,26; Phil 1,1 u.a.). In der LÜ ist diakonein
meist mit → Amt wiedergegeben, was die Bedeutung allerdings kaum trifft.
Latreuein (vgl. Apg 24,14) wird normalerweise nur im kultischen Umfeld verwendet. Dafür benutzt das
NT auffallenderweise mehr profane Begriffe. Latreuein wird gebraucht, um das ganze Leben des Christen
als einen Dienst im umfassenden Sinn zu beschreiben (wie 5Mo 10,12 LXX). Damit wird ausgedrückt,
dass Gott nicht nur ein Teil des Lebens, nicht nur ein abgegrenztes Stück Zeit (der Gottesdienst) gehört,
sondern das ganze Leben (Röm.12,1f!). Das Wort erscheint im NT 21 mal, das Substantiv latreia(vgl. Joh
16,2) insgesamt fünfmal.
Ihm inhaltlich verwandt ist leitourgein, durch das der Gedanke des priesterlichen Diensts in das NT
kommt. Wir finden es nur Apg 13,2; Röm.15,27 und Hebr 10,11. Das Substantiv (vgl. Lk 1,23) er-
scheint sechsmal, das Wort »Diener«, leitourgos fünfmal. In diesem Wort schwingen die Gedanken von
Berufung und Beauftragung zum D. mit. In Röm.15,27 wird das Wort improfanen Sinn von materieller
Hilfeleistung gebraucht.
Hierourgein, ursprünglich »als Priester dienen«, steht nur in Röm.15,16. Paulus versteht hier seinen
Dienst der Verkündigung als priesterlichen Dienst Der Textabschnitt zeigt deutlich, wie nahe verwandt die
verschiedenen Worte für dienen in Röm.15,16. 25. 27 -hierourgein, diakonein und leitourgein-in ihrer
Bedeutung sind.
Das Wort hypäretein steht nur in Apg 13,36; 20,34;24,23, wogegen das Substantiv »Diener« (vgl. Mt
5,25) 20mal gebraucht wird. Im klass. Griech. ist der hypäretäs der Rudersklave, der möglicherweise an
seinen Platz gekettet ist und im gleichen Takt mit anderen das Ruder schlagen muss. Es ist denkbar, dass
hypäretäs im NT auch ein Spezialausdruck ist für Leute, die die Überlieferung von Jesus (auswendig)
kannten und den Neubekehrten vermittelten. Im Lukasprolog werden hypäretai (»Diener des Worts«) in
diesem Zusammenhang erwähnt. Als hypäretäs des Paulus und Barnabas wird auch Markus bezeichnet
(Apg 13,5), der ja auch der erste war, der die Jesusüberlieferung umfassend schriftlich niedergelegt hat (→
Evangelien). Wenn er diese Funktion – Weitergabe der Jesusüberlieferung – ausgeübt hat, wird auch ver-
ständlich, warum die Trennung des Markus von ihnen ihren Dienst so empfindlich beeinträchtigte (siehe
dazu: A. Pohl, Das Evangelium des Markus, Wuppertaler Studienbibel, S. 23f).
II) SKLAVEN-, FRON- UND BEAMTENDIENST
188 Hierbei handelt es sich um das Verhältnis der Sklaven zu ihrem Herrn (2Mo 21,2; Mt 20,26f; Lk 17,8)
wie das des unterworfenen Volkes zum fremden Eroberer (Ri 3,8) oder Unterdrücker (1Mo 15,13; 2Mo
1,11). Der Sklave kann dabei eine verantwortliche Vertrauensstellung innehaben (1Mo 39,14); dasselbe
Wort bezeichnet auch Hofbeamte und Kämmerer, ja Verwandte des Königs (1Kön 10,15; 2Chr 22,8; Est
1,10). Vgl. weiter → Knecht.
Im NT wird der Sklavendienst als Bild für die Knechtschaft unter der Sünde erwähnt (Joh 8,34 u.a.). In
der Befreiung von diesem Sündendienst liegt das Wesen des neuen Bundes, die Erlösung durch Jesus
Christus (Hes 36,26f; Joh 8,36; Röm.6,6. 19; 8,21).
Weiter nennt das NT den Diener in der Synagoge, der u.a. dem Vorlesenden die Schriftrollen zureicht
und wieder abnimmt (Lk 4,20). Die Knechte der Hohenpriester (Joh 18,3; Apg 5,22) sind die Leviten
der Tempelwache.
III) GOTTES DIENST AN UNS
Er ist die Voraussetzung alles Dienstes für Gott. Jesus »ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, son-
dern dass er diene und gebe sein Leben ...« (Mt 20,28). Gott sandte seinen Sohn zum Dienst an den Men-
schen, und er sendet seine Boten und Engel zum Dienst an denen, die auf Erden wohnen und das Heil
ererben sollen (Hebr 1,14).
IV) UNSER GOTTESDIENST
Im AT waren die Leviten zum → Gottesdienst ausgesondert (5Mo 18,5). Der Ernst des Versöhnungsop-
fers Christi war im blutigen Tieropfer vorgeschattet (Jos 22,27). Man musste sich zwischen Gottesdienst
und Götzendienst entscheiden (Jos 24,14f. 18. 31). Die Veräusserlichung, die Zerstreuung, den vielerlei
anderen Göttern zu dienen wurde untersagt (2Mo 20,5; 23,24. 33). Wer sich nicht in dem einen Gott
sammelte, der diente damit notwendig den Nichtigkeiten, den Vergänglichkeiten, den Götzen. Schon der
Weg über die Grenze des verheissenen Landes hinaus, aus dem Herrschaftsbereich des Herrn in den der
Götzen, wird als Dienst an anderen Göttern bezeichnet (1Sam 26,19).
Im NT steht dem Gottesdienst auch ein Götzendienst gegenüber. Es geht um die Erlösung von den »toten
Werken«, von dem »Mammondienst«, d.h. von der Verherrlichung der Materie, des Irdischen und des
Menschengeistes; der Dienst soll allein dem »lebendigen und wahren Gott« gelten (1Thess 1,9; Hebr
9,14). Nur in der Konzentration auf den lebendigen Gott, im Blick auf Jesus Christus, verlieren die Göt-
zen ihre Anziehungskraft (Phil 4,13). Dagegen verliert der Mensch in der Ablehnung der Herrschaft des
lebendigen Gottes (Ps 2,3; Lk 19,14) sowohl persönlich, als auch in Wissenschaft, Kultur und Politik
seine Mitte und seinen Halt; er wird dann von seinen Götzen beherrscht. »Niemand kann zwei Herren
dienen« (Mt 6,24), »schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen« (Ps 97,7).
Der Gottesdienst ist ein Teilnehmen an der Wirklichkeit des lebendigen Gottes. Es handelt sich nicht um
ein vielgeschäftiges Gott-Dienen (Lk 10,40), sondern um das Hören auf ihn und das Erleben seiner Ge-
genwart. Der Gottesdienst ist ein Teilhaben am Dienst der Engel vor Gott (Dan 7,10; Hebr 1,14). Im
Gemeindegottesdienst geht es nicht nur um die Belehrung der Menschen, sondern auch um die Anbetung
und Verherrlichung Gottes. Unser »vernünftiger Gottesdienst« geschieht nach den Worten des Apostels
Paulus, indem wir nicht nur unsere Worte und Gedanken Gott weihen, sondern auch unsere Leiber als ein
lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer hingeben (Röm.12,1; vgl. oben unter I zu latreuein).
Paulus und Petrus betrachten sich als Knechte (Sklaven) und Diener Jesu Christi (Röm.1,1; 1Kor 3,5;
4,1; Eph 3,7; Phil 1,1; Tit 1,1; 2Petr 1,1). Als »Diener Gottes« wird auch ganz Israel bezeichnet (Lk
1,54), auch die Propheten (Hes 38,17), die Priester (Joel 1,9) und der König David (Jes 37,35), ja selbst
gelegentlich Heiden (Jer 43,10).
V) DIENER DER MITMENSCHEN
Jeder Dienst am Nächsten, ja überhaupt jeglicher Dienst soll dem Herrn getan werden, soll Gottesdienst
sein (Eph 6,6f; Kol 3,22f). Es geht auch im Nächstendienst um das Stehen vor Gott ohne Seitenblick auf
das Publikum und ohne Berücksichtigung des eigenen Ansehens und des Wohlgefallens der Menschen
(Gal 1,10).
1) Im AT kommt das Wort Diener ausser für persönliches Dienstverhältnis (1Mo 39,4; 2Mo 24,13) auch
als Redewendung der Höflichkeit oder Untertänigkeit vor (1Mo 42,11; 44,16). Daneben für die unter II
erwähnten Diener.
2) Im NT ist allem Dienst in Jesus ein Vorbild gegeben: »ich bin unter euch wie ein Diener« (Lk 22,27).
»Der Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben
gebe als Lösegeld für viele« (Mk 10,45). Das D. ist durch Christi ganzes Leben geadelt, d.h. vor Gottes
Augen zu einer besonderen Ehrenstellung erhoben worden; der Mensch darf das Gleiche tun, was Jesu
Lebensinhalt war. Christus hat uns ein »Beispiel« gegeben, dass wir ebenso tun (Joh 13,15–17). Er ver-
heisst Lohn für jeden in seiner Gnade getanen Nächstendienst, als hätte man ihn ihm selber geleistet (Mt
25,40. 45). So kann alles, was man Jesus Gutes tun will, an dem Nächsten praktiziert werden. Im Reiche
Gottes ist gross, wer dient: »wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der
Erste sein will, der sei euer Knecht« (Mt 20,26f), »der Vornehmste wie ein Diener« (Lk 22,26). Das aus-
geübte Diener- und Knechtsein für den Nächsten ist demnach der Massstab für die geistliche Bildung,
nicht das Predigen und der Reichtum an Gaben, Erkenntnis oder Wissen. Es ist der Dienst, dessen Wert
nur Gott sieht und der vielleicht sonst keine Anerkennung findet (Röm.8,36; 2Kor 6,3–10). Durch die
Liebe soll man einander dienen (Gal 5,13) mit den empfangenen Gaben (1Petr 4,10).
2.10.3. Jesus der Apostel
189
Hebr.3,1.2: „Daher, heilige Brüder, Teilhaber der himmlischen Berufung,
betrachtet den Apostel und Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Je-
sus, der treu ist dem, der ihn dazu gemacht hat, wie auch Mose in seinem
ganzen Hause!“ Eph.2,20: „Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apos-
tel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist.“

2.10.3.1. Jesus, vom Vater gesandt


Mt.21,37: „Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie
werden sich vor meinem Sohn scheuen!“ Röm.8,3: „Denn das dem Gesetz
Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er sei-
nen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sün-
de sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte.“ Gal.4,4: „Als aber die Zeit
erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, von einem Weibe geboren und unter
das Gesetz getan.“

2.10.3.2. Aus Seiner Sendung folgt unsere Sendung


Joh.20,21: „Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Friede euch! Wie der Vater
mich ausgesandt hat, sende ich auch euch.“ 1.Kor.12,28.29: „Und die einen
hat Gott in der Gemeinde eingesetzt erstens als Apostel, zweitens andere als
Propheten, drittens als Lehrer, sodann Wunder-Kräfte, sodann Gnaden-
gaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen, Arten von Sprachen. Sind
etwa alle Apostel? Alle Propheten? Alle Lehrer? Haben alle Wunder-
Kräfte?“ Eph.4,11-13: „Und er hat die einen als Apostel gegeben und ande-
re als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, zur
Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des
Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der
Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmass des
Wuchses der Fülle Christi.“

2.10.4. Jesus wird selber Typus


Wie oben angegeben, zeigen verschiedene Typologien des Alten Testamen-
tes hin auf Jesus Christus. Was aber in der klassischen Christologie wenig
ausgeführt wird, ist die Funktion von Christus selber und seinem Werk als
Typus. Weil sie expressis verbis erwähnt wird, liest man von der Auferste-
hung Jesu in diesem Zusammenhang oft, aber da gibt es mehr – sehen Sie
selber.

2.10.4.1. Die typologische Geburt Jesu weist zur Wiedergeburt


Jesu übernatürliche Empfängnis und Geburt, die Vaterschaft Gottes und die
Folgen davon weisen deutlich hin auf die Wiedergeburt seiner Jünger. Sie
ist genauso übernatürlich, von Gott bewirkt und hat fast dieselben Folgen.
Vergleichen Sie selber folgende Gegenüberstellung:

Jesu Geburt Wiedergeburt der Jünger


Gottes Werk durch den Geist: „Der Heilige Gottes Werk durch den Geist: „Wenn jemand nicht aus
Geist wird über dich kommen“ (Lk.1,35) Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das
190
Reich Gottes kommen.“ (Joh.3,5)
„Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der
(Lk.1,35) auf euch herabkommen wird (Apg.1,8)
Er heisst „Sohn Gottes“ (Lk.1,35) Sie heissen „Kinder Gottes“ (1.Joh.3,1)
Er ist „das Heilige“ (Lk.1,35) Sie sind „die Heiligen“

2.10.4.2. Die typologische Beerdigung Jesu weist auf das Mitge-


storbensein
Vergleiche hierzu die Ausführungen auf Seite 220.

2.10.4.3. Die typologische Auferstehung Jesu weist auf unsere zu-


künftige Auferstehung
Vergleiche hierzu die Ausführungen auf Seite 225.

2.10.5. Jesus unser Vorbild – Imitatio Christi


Paulus fordert in Eph.5,1: „Seid nun Nachahmer Gottes (gr. mimhtai\ tou~
ceou~ / lat. imitatores Dei) als geliebte Kinder!“ Bereits im Judentum finden
wir eine weit verbreitete Diskussion um die Imitatio Die – die Nachfolge
von Gott. Sie wurde abgeleitet von Deut.28,9,209 wo Gott von seinem Volk
verlangt, dass es in seinen Wegen wandeln soll.
Die weiteste Verbreitung erhielt dieses Thema durch das Buch des Mysti-
kers Thomas a Kempis (gest. 1471) „De imitatione Christi“. Hier ein Aus-
zug im lateinischen Urtext und in der deutschen Übersetzung:

Cap. 2. De submissione, Prælati regimine. Kap.2.2. Demut unterwirft sich gern


1. Non magni pendas qui pro te vel contra te fit, 1. Lass dir nur das nicht so sehr zu Herzen gehen,
sed hoc age, et cura, ut Deus tecum sit in omni re ob ein Mensch (sei er wer er wolle) für dich oder
quam facis. Habeas conscientiam bonam, et Deus wider dich sei; sondern darauf sei dein Tun und
bene te defensabit. Quem enim adjuvare voluerit, dein Sorgen gerichtet, dass Gott auf deiner Seite
nullius perversitas nocere poterit. Si tu sci tacere sei, in allem, was du tust. Bewahre du nur immer
et pati, videbis proculdubio auxilium Domini. Ip- ein gutes Gewissen, so wird Gott schon dein Ver-
se novit tempus, et modum liberandi te, et idea teidiger sein. Denn wem Gott helfen will, dem
debes te illi resignare. Dei est adjuvare, et ab omni kann auch die verkehrteste Verkehrtheit nichts
confusione liberare. sæpe valde prodest ad majo- schaden. Wenn du schweigen und leiden kannst, so
rem humilitatem conservandam, quod defectus wird dir die Hilfe des Herrn nicht ausbleiben. Du
nostros alii sciunt, et redarguunt. wirst’s sehen, er weiss am besten Zeit und Weise,
wann und wie dir zu helfen sei. Darum überlass du
dich nur ihm. Denn helfen und aus aller Not be-
freien, das ist Gottes Sache.
2. Quando pro defectibus suis se humiliat, tunc 2. Um in der Demut befördert zu werden, ist es
faciliter alios placat, et leviter satisfacit sibi irascen- sehr nützlich und heilsam, dass unsere Gebrechen
tibus. Humilem Deus protegit, et liberat. Humi- anderen bekannt und von ihnen gestraft werden.
lem diligit, et consolatur. Humili homini se incli- Wenn der Mensch seiner Fehler wegen sich demü-
nat. Humili largitur gratiam plenam et magnam. tigt, besänftigt er andere leicht und leistet auf beste
Et post suam depressionem levat ad gloriam. Weise Genugtuung denen, die über ihn zürnen.
Humili sua secreta revelat, et ad se dulciter trahit, Den Demütigen schützt und rettet Gott; den De-
et invitat. Humilis accepta contumelia et confu- mütigen liebt und tröstet er; zu dem Demütigen
sione satis bene est in pace, quia stat in Deo, et neigt er sich hin; dem Demütigen schenkt er grosse
non in mundo. Non reputes te aliquid profecisse, Gnade, und nach der Unterdrückung erhebt er ihn
nisi omnibus te inferiorem esse sentias. zu grosser Herrlichkeit. Dem Demütigen offenbart
er seine Geheimnisse und ladet und ziehet ihn

209
Deut.29,9: „Der HERR wird dich zu einem heiligen Volk für sich erheben, wie er dir geschworen
hat, wenn du die Gebote des HERRN, deines Gottes, hältst und auf seinen Wegen gehst“.
191
freundlich zu sich. Der Demütige kann auch bei
Schmach und Verachtung den Frieden wohl be-
wahren; denn Gott ist sein Grund, auf dem er
steht, nicht die Welt. Glaube doch nicht, dass du
im Guten Fortschritte gemacht habest, wenn du
dich nicht als den Geringsten aller Geringen fühlst.

Ich füge diesen Abschnitt über die Imitatio hier ein,


weil ich glaube, dass es gerade diese Ämter von Jesus
sind, die nach einer Nachahmung rufen. Wir sollen pro-
phezeien, herrschen, priesterlich dienen wie er.

2.11. Typisch Jesus – Szenen aus seinem Le-


ben

2.11.1. Jesus und Tiere


In Mk.1,13 finden wir eine interessante Aussage: „Und er war in der Wüste
vierzig Tage und wurde vom Satan versucht; und er war bei den Tieren,
und die Engel dienten ihm“. Die Wuppertaler Studienbibel schreibt dazu:
„Man hat die Tiere aber auch den bösen schadenwollenden Mächten der Wüste zugerechnet, mit denen
der Zustand des Preisgegebenseins und Ausgeliefertseins an dunkle untermenschliche Gewalten noch be-
sonders gekennzeichnet wird.
Aber eine bessere Annahme ist wohl die, daß die Tiere auf die Seite des Gottessohnes rücken. Wenn der
Teufel aus dem Felde geschlagen ist, dann kommt auch das Tier aus Wildheit und Gier und Unstetigkeit
in die Geborgenheit zurück. Der furchtbare Riß, der durch die Schöpfung geht, muß sich wieder schlie-
ßen, so daß Mensch und Tier und Engel wieder miteinander daheim sind im Frieden des Paradieses“
(WStB CD-Version).
Noch besser aber sind die Ausführungen von William Barclay zur Stelle:
„Leoparden, Bären, Wildschweine und Schakale durchstreiften die Wüste. Gewöhnlich wird dieser Satz als
lebendige Veranschaulichung der Schrecken der Wüste verstanden. Möglicherweise aber trifft dies nicht
zu; vielmehr könnte er auch besagen, dass die wilden Tiere Jesu Freunde waren. Zum Traum ’der Juden
vom messianischen Zeitalter gehörte auch, dass die Feindschaft zwischen Menschen und wilden Tieren
dann aufgehoben sein werde. ”Und ich will zur selben Zeit für sie einen Bund schliessen mit den Tieren
auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens” (Hos.2,20).
”Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern... Und ein Säug-
ling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der
Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge” (Jes.11,6-9). (...)
Vielleicht haben wir hier einen Vorgeschmack auf die Zeit, in der Menscben und Tiere in Frieden mitei-
nander auskommen werden. Vielleicht haben wir hier das Bild vor uns, dem zufolge die Tiere ihren
Freund und König noch vor den Menschen erkannten“.
Immer wieder verwendet Jesus die Tiere in seinen Gleichnissen und Bildern.
Da lesen wir von Schlangen, Vögeln, wie Sperlingen und Tauben, Fischen,
Löwen usw. Ja, Jesus wurde bei Ochs und Esel geboren, wuchs auf dem
Lande bei Tieren auf und hatte daher ein ganz natürliches Verhältnis zu ih-
nen. Er konnte mindestens auf einem Esel reiten, wie sein Einzug in Jeru-
salem zeigt.
Erwähnenswert ist auch, dass Jesus Namen von Tieren trägt (der Löwe Ju-
da) und mit Tieren verglichen wird (Lamm Gottes).
Dabei verwischt er aber nie die schöpfungsmässige Ordnung, die den Men-
schen als Herrn über die Schöpfung und darum auch das Tier stellt. Auch
dass er den Dämonen bei Gadarra erlaubt, in die Schweine zu fahren, ver-
deutlicht dies. Jesus war sicher auch kein Vegetarier, weil dies sonst gewiss
erwähnt worden wäre. Denn er hätte beim Pessachmahl oder bei der Hoch-
192 zeitsfeier immer abseits stehen müssen.

2.11.2. Jesus und das nur allzu Menschliche

(a) Jesus und der Schlaf

(b) Essen und Trinken im Leben von Christus

(c) Jesus und das Geld

(d) Geschlecht und Sexualität bei Jesus

(e) Jesus und der Lebenszyklus von jung bis alt

2.11.3. Pflanzen, Steine, Berge – Jesus und die Natur


3. DER GEHORSAM 193
JESU BIS ZUM
TOD AM KREUZ

3.1 Die göttliche Liebe als Triebfeder des Gehorsams

Folgende Stellen sind hier bedeutsam:


Joh.3,16: Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an
ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. / 1.Joh.3,16: Hieran haben wir die Liebe
erkannt, dass er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hin-
zugeben. / 1.Joh.4,9-14: Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, dass Gott seinen eingebo-
renen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten. Hierin ist die Liebe: nicht dass
wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für
unsere Sünden. Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, sind auch wir schuldig, einander zu lieben. Nie-
mand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns
vollendet. Hieran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gege-
ben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt.
/ Röm.5,8: Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für
uns gestorben ist.
Gott liebt den Menschen, obwohl es nichts Liebenswertes am Menschen
gibt, nichts Begehrenswertes. Diese Liebe Gottes ist (a) bedingungslos, (b)
universell und nicht auf einzelne Menschen beschränkt, und (c) sie ist vom
Wesen her eine schenkende Liebe.

3.2 Jesus respektiert den Willen des Vaters

Der Vater zwang den Sohn nicht oder verurteilte ihn ungefragt. Jesus hat
sich freiwillig hingegeben und lebte darin einen totalen Gehorsam. Es exis-
tiert kein Widerspruch zwischen dieser Freiwilligkeit und dem Gehorsam!
Joh.6,38: „... denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht dass ich meinen
Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“. Dabei ist zu be-
achten, dass Jesus nicht experimentierte oder gewissermassen einen Versuch
startete - er wusste genau, wozu er sich willentlich entschloss.
Vergleiche auch Joh.4,34: Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist, dass ich den
Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe. / Joh.5,30:
Ich kann nichts von mir selbst tun; so wie ich höre, richte ich, und mein Gericht
ist gerecht, denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der
mich gesandt hat. / Joh.6,40: Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder,
der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auf-
erwecken am letzten Tag.
Eph.1,3-11: Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er hat uns gesegnet mit jeder
geistlichen Segnung in der Himmelswelt in Christus, wie er uns in ihm auserwählt hat vor Grundlegung
der Welt, dass wir heilig und tadellos vor ihm seien in Liebe und uns vorherbestimmt hat zur Sohnschaft
durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit
seiner Gnade, mit der er uns begnadigt hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein
Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er auf uns hat überströmen
lassen in aller Weisheit und Einsicht. Er hat uns ja das Geheimnis seines Willens kundgetan nach seinem
Wohlgefallen, das er sich vorgenommen hat in sich selbst für die Verwaltung bei der Erfüllung der Zeiten:
194 alles zusammenzufassen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist - in ihm.
Und in ihm haben wir auch ein Erbteil erlangt, die wir vorherbestimmt waren nach dem Vorsatz dessen,
der alles nach dem Rat seines Willens wirkt. / Kol.1,12f: Er hat euch fähig gemacht zum Anteil am Erbe
der Heiligen im Licht und uns errettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes
seiner Liebe. (Vgl. auch Mt.26,39; Mk.14,36).
Hebr.5,7-9: „Der hat in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als Flehen mit
starkem Geschrei und Tränen dem dargebracht, der ihn aus dem Tod erretten
kann, und ist um seiner Gottesfurcht willen erhört worden und lernte, obwohl er
Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam; und vollendet, ist er allen, die ihm
gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden“.
Hebr.10,5-10: Darum spricht er, als er in die Welt kommt: „Schlachtopfer und
Gaben hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brandop-
fern und Sündopfern hast du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe,
ich komme - in der Buchrolle steht von mir geschrieben -, um deinen Willen, o
Gott, zu tun“. Vorher sagt er: „Schlachtopfer und Gaben und Brandopfer und
Sündopfer hast du nicht gewollt, noch Wohlgefallen daran gefunden“ - die doch
nach dem Gesetz dargebracht werden -, dann sprach er: „Siehe, ich komme, um
deinen Willen zu tun“ - er nimmt das Erste weg, um das Zweite aufzurichten -.
In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für allemal geschehene Opfer
des Leibes Jesu Christi.

Zusammenfassung: Jesu völliger Gehorsam wurde uns zum Zugang


zur Erlösung!
3.3 Jesu persönliche Bereitschaft und Zubereitung
zum Opfertod
195

3.3.1 Jesu persönliche Bereitschaft zum Opfertod


Mt.20,28p: „... gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um
bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lö-
segeld für viele“. (Vgl. Joh.10,11.15.17f; 17,19; Hebr.2,11-18.) Keine
Macht hätte Jesus dazu zwingen können.
Vgl. auch Jes.53,7 (cit. in Apg.8,32f); Joh.18,6.36; 19,10; Joh.12,24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel
Frucht“.

3.3.2 Jesu Zubereitung zum Opfertod


(a) Auf dem Berg der Verklärung
Lk.9,30f: „Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, es waren Mose und
Elia. Diese erschienen in Herrlichkeit und besprachen seinen Ausgang, den
er in Jerusalem erfüllen sollte“. Jesus hat seine Pssion mit den beiden gröss-
ten Propheten des Alten Testaments besprochen (nach der 1.Leidensankün-
digung).
(b) Die Weissagung des Hohenpriesters
Joh.11,50f:
(c) Die Salbung in Bethanien
Joh.12,1-8:
(d) Der Engel stärkt Jesus
Lk.22,43f:

3.4 Jesu Tod am Kreuz

3.4.1. Allgemeines zum Tod am Kreuz


Biblisches Verständnis
Der Tod Jesu Christi ist gemeinsam mit der Auferstehung die Heilstatsache,
auf der unser Glaube ruht. Er steht im Mittelpunkt des Heilsplanes Gottes.
Dieser zentrale Stellenwert wird in mancherlei Hinsicht deutlich:
(1) Der Tod Jesu Christi ist im AT vorgezeichnet. Wie ein roter Faden
zieht er sich durch die gesamte Offenbarung des AT.
Gen.3,15: „Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und
ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen.“
Das Passa (Ex.12), alle Opfer und viele Prophetien sprechen vom Tod Jesu
Christi.
Luk.24,25-27: „Und er sprach zu ihnen: O ihr Unverständigen und trägen Herzens, zu glauben an alles,
was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit einge-
hen? Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn
betraf.“
(2) Der Tod Jesu Christi ist das Hauptthema des NT. Er ist Höhepunkt
196 der Evangelienberichte und nimmt in ihnen auch den grössten Raum ein
(ca. 20%). Die Apostelgeschichte und die Briefe nehmen häufig Bezug auf
das Kreuz Christi. Mehr als 175x ist der Tod Jesu Christi im NT erwähnt
(3) Der Tod Jesu Christi ist der Hauptzweck Seiner Fleischwerdung.
Hebr.9,26: „...sonst hätte er oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an -; jetzt aber ist er einmal
in der Vollendung der Zeitalter offenbar geworden, um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben.“ /
Hebr.2,14-15: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise
daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes hat, das ist den
Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft
unterworfen waren.“ / Mk.10,45: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu
werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“
(4) Der Tod Jesu Christi ist die Grundlage des Evangeliums. Die „Frohe
Botschaft“ lautet: Jesus Christus starb für mich, damit ich leben kann.
1.Kor.15,1+3b: „Ich tue euch aber, Brüder, das Evangelium kund, das ich euch verkündigt habe, das ihr
auch angenommen habt, in dem ihr auch steht. (...) Denn ich habe euch vor allem überliefert, was ich
auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften ...“
(5) Der Tod Jesu Christi ist notwendig für unsere Erlösung.
Joh.3,14-15: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht
werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe.“ / Joh.12,24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage
euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt
es viel Frucht.“
Es gibt keine Erlösten - keine Frucht - ohne den Tod Jesu Christi! Verge-
bung für den Sünder ist nur möglich, weil Christus durch Seinen Tod die
Schuld bezahlte (Röm.3,25-26).
(6) Der Tod Jesu Christi ist Gegenstand des Interesses im Himmel.
Jetzt: Lk.9,30-31: „Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, es waren Mose und Elia. Diese erschienen in
Herrlichkeit und besprachen seinen Ausgang, den er in Jerusalem erfüllen sollte.“ / Einst: Offb.5,8-9:
„Und als es das Buch nahm, fielen die vier lebendigen Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor
dem Lamm, und sie hatten ein jeder eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk; das sind die Gebe-
te der Heiligen. Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine
Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut für Gott erkauft aus jedem
Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation...“
Anregung: Der Tod Jesu Christi ist die wesentliche Grundlage des Chris-
tentums. Andere Religionen basieren auf dem Leben ihrer Gründer, das
Christentum auf dem Tod des Sohnes Gottes. In der moderneren Theologie
verlagert sich die Betonung vom Tod auf das Leben Jesu (Leben wie Er!
Glauben wie Er!).210

Fünf Begriffe aus der Soteriologie, die direkt mit dem Kreuz zu tun haben,
sollen im folgenden behandelt werden: (a) Stellvertretung, (b) Versöhnung,
(c) Erlösung, (d) Sündenvergebung und (e) Rechtfertigung.

3.4.2. Stellvertretung
3.4.2.1. Stellvertretung ist keine Selbstverständlichkeit!
Mt.1,21; 20,28; 26,26-28p
A) Straak-Billerbeck I, 67-74; 838f; 991: Stellvertretung wird völlig wegge-
lassen. Das Judentum will keine Stellvertretung kennen! (Jes.6,9f evtl. Ver-
stockung / Matth.13,13ff)

210
Vgl. Weber, S.46-48.
B) Liberalismus: Stellvertretung und Opfer und Blutgedanken sind unnötig
(vgl. Wernle:"Jesus", 1916.2, S.347f) 197
C) Bultmann (zu Mark.10,45 / "Jesus", 1965.2, S.144-146): Jesus spricht
nicht vom Tod und Auferstehung, sondern hier findet sich der Auferste-
hungsglaube der hellenistischen Gemeinde.
D) E.Schweizer ("Jesus Christus", S.93-96): Kaum Jesus selbst! (in
1.Kor.15 / Röm. 4,25) / Leiden eines Unschuldigen für andere war weit
verbreitete Vorstellung.
Schlussfolgerung: Die Bibel ist unser einziges vertrauenswürdige Zeugnis
(vgl. "Jesus und das Leiden" in John White's "Der Preis der Nachfolge",
Marburg an der Lahn 1980, S.14-29)
3.4.2.2. Die Offenbarung der Notwendigkeit und Möglichkeit zur
Zeit des AT's
Rö.2,1 u.a. spricht davon, dass die Juden unentschuldbar sind.
A) Schon im AT ist das "warum und wie" klar dargelegt
(1) Jeder Mensch ist in Sünden geboren
Ps.51,7; 14,2f; 53,2-4; Hiob 4,17 (Röm.3,10-12; 5,12ff)
(2) Der Sünder steht unter dem Fluch Gottes
Dtr.27,26 (p Gal.3,10) Jos.24,19 (unmöglich!) Ps.90,7-9 (Zorn Gottes (p
Röm.1,18)
(3) Jegliche Selbsthilfe im Sinne eines Selbsterlösungsversuches bleibt aus-
geschlossen - Erkenntnis der Schuldhaftigkeit vor Gott
Ps.143,2; 107,17ff; Hi.23,3ff - 42,5f
(4) Es bleibt auch ausgeschlossen, dass ein Mensch einen anderen vertritt
und das Sühnegeld bezahlt.
Ps.49,8f
(5) Gottes Heiligkeit verlangt eine gerechte Strafe
Gen.6,5ff; 18,16ff; Hes.3,18p Lk.13,1-5; Röm.6,23 (Tod)
(6) Weil der Mensch ausser Stande ist, selber ‘satisfactio’ zu leisten (Genüge,
Genugtuung) offenbart Gott das Prinzip der Versöhnung und Genugtuung
(Institutio II, 16.1ff) auf Grund des stellvertretenden Opfertodes mit Blut-
vergiessen (Hebr.3,29; Lev.17,11)
Gen.4,4; Hebr.11,4 (Abel); Ex.12,13 (Auszug)
(7) Das Blut gilt als Zeichen; vgl. am Sinai das Sündopfer und Schuldopfer
Lev.4,27-31; 5; Ps.32,1f
Exkurs ins NT
(8) Das einmalige Opfer Jesu fasst den ganzen atl. Opferdienst zusammen
Lev.17,11; Hebr.1,22-28
(9) Im AT war das Opfer immer wieder nötig (erhielten nie vollkommene
Heilsgewissheit); im NT wird dies anders
Kol.1,12-14; Röm.6 u. 8; 2.Kor.5,17 u.v.a.m.
(10) Darauf folgt die Innewohnung Jesu und des Heiligen Geistes
Kol.1,27; Röm.8,10 (36x e>n Xristw~) Der Gläubige kann, aber muss nicht
mehr sündigen.
B) Der ‘Ebed Jaweh’ als leidender Gottesknecht
Jes.42ff fasst die Heilsordnung des Sinaibundes zusammen in einer Person.
198 Höhepunkt dabei ist Jes.53,4-6 (Oft perf. prophet.); Ps.22; 1.Petr.2,24f;
Röm.4,25; 2.Kor.5,21.
3.4.2.3. Das stellvertretende Leiden und Sterben Jesu Christi wird
von diesem selbst angekündigt, bestätigt und ausgeführt
Vgl. zuerst die echten Jesusworte in Mt.20,28: „...gleichwie der Sohn des
Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und
sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“; Mk.10,45: „Denn auch der Sohn des
Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und
sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“; Joh.10,11: „Ich bin der gute Hirte;
der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“; Mt.26,28: „Denn dies ist mein
Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“. (ipsis-
sima vox Jesu!) (Mk.14,24; Lk.22,20p) Diese letzte Selbstankündigung und
die Ausführung finden am selben Tag statt.
3.4.2.4. Jesu pers. Bereitschaft und Zubereitung zum Opfertod
Indirekte und direkte Hinweise zur Stellvertretung:
Apg.8,32-35: „Die Stelle der Schrift aber, die er las, war diese: ‘Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung
geführt, und wie ein Lamm stumm ist vor seinem Scherer, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Er-
niedrigung wurde sein Gericht weggenommen. Wer aber wird sein Geschlecht beschreiben? Denn sein
Leben wird von der Erde weggenommen. Der Kämmerer aber antwortete dem Philippus und sprach: Ich
bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich selbst oder von einem anderen? Philippus aber tat
seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus“;
Apg.10,34-43: „Petrus aber tat den Mund auf und sprach: In Wahrheit begreife ich, dass Gott die Person
nicht ansieht, sondern in jeder Nation ist, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit wirkt, ihm angenehm. Das
Wort, das er den Söhnen Israels gesandt hat, indem er Frieden verkündigte durch Jesus Christus - dieser
ist aller Herr -, kennt ihr: die Sache, die, angefangen von Galiläa, durch ganz Judäa hin geschehen ist, nach
der Taufe, die Johannes predigte: Jesus von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft
gesalbt hat, der umherging und wohltat und alle heilte, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott
war mit ihm. Und wir sind Zeugen alles dessen, was er sowohl im Lande der Juden als auch in Jerusalem
getan hat; den haben sie auch umgebracht, indem sie ihn an ein Holz hängten. Diesen hat Gott am dritten
Tag auferweckt und ihn sichtbar werden lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern den von Gott zuvor er-
wählten Zeugen, uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er aus den Toten aufer-
standen war. Und er hat uns befohlen, dem Volk zu predigen und ernstlich zu bezeugen, dass er der von
Gott verordnete Richter der Lebenden und der Toten ist. Diesem geben alle Propheten Zeugnis, dass
jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen“; Apg.13,28f: „Und ob-
schon sie keine todeswürdige Schuld fanden, baten sie den Pilatus, dass er umgebracht werde. Und nach-
dem sie alles vollendet hatten, was über ihn geschrieben ist, nahmen sie ihn vom Holz herab und legten
ihn in eine Gruft“.
In allen Stellen steht das Kreuz im Mittelpunkt. Genauso besagen alle Stel-
len, die Jesu Unschuld bezeugen das gleiche. (Vgl. Mt.27,18.19.24;
Joh.18,38b; Mt.27,15-22p).
Direkte Hinweise: Röm.4,25; Röm.5,6.8; 1.Kor.5,7: „Fegt den alten Sauer-
teig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, wie ihr ja bereits ungesäuert seid. Denn
auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet“. (vgl. Ex.12; Joh.1,29);
1.Kor.15,3; 2.Kor.5,21; Gal.1,4; Eph.5,2; Hebr.9,22-28; 1.Petr.2,24;
3,18; 1.Joh.2,1f.
Zusammenfassung: Die Stellvertretung ist die zentrale Heilsbotschaft
und wird dreifach bezeugt - im AT die Notwendigkeit und Möglichkeit,
von Jesus selbst und an verschiedenen Stellen in direkten und indirekten
Hinweisen.
3.4.2.5. Sündlosigkeit als Voraussetzung
In verschiedenen Zusammenhängen haben wir bereits die Sündlosigkeit Jesu
Christi erwähnt. Sie ist für unser Heil notwendig. Hätte Christus gesündigt,
so hätte Sein Tod keinerlei Bedeutung für uns.
Unter Seiner Sündlosigkeit verstehen wir die Tatsache, dass Christus nie-
mals etwas tat, was gegen die Heiligkeit Gottes verstossen hätte. Dies um- 199
fasst natürlich auch das genaue Einhalten des mosaischen Gesetzes, unter
welchem er lebte. Im Studium der menschlichen Natur Jesu Christi sahen
wir bereits, dass er auch den Einschränkungen des Menschen, wie etwa
Hunger und Müdigkeit, Durst und Schmerzen unterworfen war. Doch war
Er vor Gott gerecht - durch die Erfüllung des Gesetzes.
Nachdem Er schon vor Seiner Geburt als "heilig" angekündigt worden war
(Lk.1,35), lebte Er heilig. Niemand konnte Ihm eine Sünde nachweisen.
Joh.8,29.46: "Und der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich allezeit das
ihm Wohlgefällige tue. (...) Wer von euch überführt mich einer Sünde? Wenn ich die Wahrheit sage, wa-
rum glaubt ihr mir nicht? / Joh.15,10: Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe blei-
ben, wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. / Mt.26,59.60a: Die Ho-
henpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu brin-
gen; und sie fanden keins, obwohl viele falsche Zeugen herzutraten".
Unmittelbar vor Seinem Tod wird Seine Schuldlosigkeit 11x bestätigt (von
Judas, mehrmals von Pilatus, seiner Frau, Herodes, dem römischen Haupt-
mann und dem Verbrecher am Kreuz). Auch haben wir keinen Bericht, dass
Jesus Christus auch nur einmal ein Sündopfer dargebracht hat, obwohl wir
häufig lesen, dass Er im Tempel war. Er brauchte nicht zu opfern, denn Er
war ohne Schuld vor Gott.
Auch in den Briefen der inspirierten Schreiber des NT finden wir klare Aus-
sagen über Christi Sündlosigkeit:
2.Kor.5,21: Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtig-
keit würden in ihm. / 1.Petr.2,22: ... der keine Sünde getan hat, noch ist Trug in seinem Mund gefunden
worden. / 1.Joh.3,5: Und ihr wisst, dass er geoffenbart worden ist, damit er die Sünden wegnehme; und
Sünde ist nicht in ihm. / Hebr.4,15: Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben
könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist,
doch ohne Sünde. / Hebr.7,26.27: Denn ein solcher Hoherpriester geziemte sich auch für uns: heilig,
sündlos, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden, der nicht Tag für
Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für
die des Volkes; denn dies hat er ein für allemal getan, als er sich selbst dargebracht hat.
Jesus Christus ist in allem versucht worden, was auch uns heute begegnet.
Sicherlich stand Er nicht vor der Versuchung, z.B. das Fernsehgerät zu
missbrauchen - doch waren die Grundmuster der Versuchung die gleichen.
Die Formen der einzelnen Versuchungen waren sicherlich verschieden, doch
war ihr Prinzip gleich.
Hebr.4,16: Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit
empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.
Doch ist es nicht nur das Vorbild und der Trost, den wir im sündlosen Le-
ben Jesu Christi finden. Nur ein unbeflecktes Opfer konnte zu unserem
Schuldopfer werden:
1.Petr.1,19: "...sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken".

3.4.3. Versöhnung
Der Vollzug der Versöhnung
Vorbemerkung: Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass mit dem
Stichwort "Versöhnung" etwas vom Wichtigsten der gesamten Dogmatik
zur Entfaltung gelangt, wobei die Versöhnung ohne das stellvertretende
Leiden und Sterben Jesu, ohne seine leibliche Auferstehung und Himmel-
fahrt gänzlich undenkbar ist. Im Vollzug der Versöhnung wird Jesu Erlö-
sungswerk zum krönenden Abschluss gebracht. Da es nicht möglich ist, das
gestellte Thema erschöpfend zu behandeln, stelle ich die wichtigsten Litera-
200 turhinweise gleich an den Anfang:

Einige Literaturangaben zum Thema "Versöhnung"


Calvin, Institutio, 11,17,1ff., "Christus hat uns Gottes Gnade und das Heil
durch sein Verdienst erworben", S. 330ff.
Berkhof, a. a. 0., "The Cause and Necessity of the Atonement", S. 367ff.
Buswell, a. a. 0., "The Application of the Atonement", Bd.Il, S. 133ff.
Strong, Systematic Theology, Valley Forge P.A. 197932, "Christ's Sacrifi-
cial Work, or the Doctrine of Atonement", S. 713ff.
Böhl, a. a. 0., "Die Genugthuung Christi des Hohenpriesters", S. 377ff.
Büchsel, Th WB, I, (a>la/ssw) alasso + Derivate, S. 252ff.
Link/Vorländer, "Versöhnung", Th BL NT, S. 1302-1309.

Übersicht der Entfaltung des Themas


1 Sprachliche Vorbemerkungen
2 Die Notwendigkeit der Versöhnung mit Gott
3 Die Urheberschaft der Versöhnung
4 Das Mittel zur Versöhnung
5 Der Zeitpunkt der Versöhnung
6 Das Angebot und der Dienst der Versöhnung
7 Das Ziel des Versöhnungsdienstes Christi

1 Sprachliche Vorbemerkungen
Im Neuen Testament werden, um über Versöhnung zu reden, zwei ver-
schiedene Wortfamilien verwendet, die trotz der grossen substantiellen Ver-
wandtschaft nicht als Synonyma bezeichnet werden können. Sie beleuchten
das Versöhnungswerk des himmlischen Hohepriesters von mindestens zwei
Seiten und ermöglichen dadurch ein umfassenderes Verständnis des Erlö-
sungswerkes Jesu.
1.1. Zum ersten handelt es sich um das Verb (i<la/skomai) hilaskomai
(Luk.18,13; Hebr.2,17) und um das Substantiv (i<lasmo/j) hilasmos
(1.Joh.2, 2; 4,10). Erwähnenswert ist dazu noch (i<lasth/rion) hilasterion
(Röm.3,25; Hebr.9,5). Alle drei Begriffe sind tief im alttestamentlichen
Opferdienst verwurzelt und können nur von dort her richtig verstanden
werden. Das entsprechende hebräische Zeitwort im Piel: kipper (vgl.
Hatch-Redpath, Bd. I, S. 684) ·(hat die Grund bedeutung zudecken" Lexi-
kon zur Bibel, Sp. 1462211.
Begangene Schuld wird durch das stellvertretende Blutvergiessen und Ster-
ben des Opfertieres gesühnt (vgl. z. B. 3.Mo.4,28ff), und der Schuldige er-
langt Vergebung seiner Sünden (vgl. 3.Mo.4,35b). Weil im Neuen Testa-
ment Jesus das Opferlamm Gottes ist, lesen wir in Hebr.2,17: "Deshalb
musste er in jeder Beziehung seinen Brüdern gleich werden, damit er barm-

211
„Auf den Begriff der Sünde angewendet, kann dieses Piel eine doppelte Bedeutung haben, entweder:
vergeben - ... - oder auch: versühnen“. F.Godet, Römer, Hannover, 1982, S.188.
herzig würde und ein treuer Hohepriester vor Gott, um zu sühnen (eis hi-
laskesthai) die Sünden des Volks. 201
Das zweimalige Vorkommen von hilasmos im Neuen Testament (1.Joh.2,2;
4,10) wird erhellt durch die entsprechenden Stellen im Alten Testament
(vgl. LXX: 3.Mo.25,9: für Versöhnungstag; 4.Mo.5,8: für Versöhnung;
1.Chr.28,20: für den Tempel als ‘Haus der Versöhnung’, vgl. Hatch-
Redpath, I, S. 684).
In 1.Joh.2,2 und 4,10 finden wir denselben Wortlaut: "Sühne für unsere
Sünden", d. h. im Kontext: Das Tun (...), bzw. die Sendung Jesu (4,9.10)
wird mit seinem Tod (1,7b: Blut) zusammengefasst und insgesamt als Süh-
ne für unsere Sünden verstanden", H.-G. Link, Th BL NT, S. 1306.
Zum Begriff i<lasth/rion hilasterion Hebr.9,5; Röm.3,25) ist zu sagen,
dass uns der Hebräerbriefschreiber in seiner detaillierten Aufzählung der
Geräte im Tempel u. a. in Kp. 9,5 mit der in der LXX gebräuchlichen Über-
setzung des hebräischen kaporet den Sühnedeckel (Luther: "Stätte der Ver-
söhnung", oder in 2.Mo.25,17ff.: 7 x "Gnadenthron") erwähnt. Paulus sagt
in Röm.3,25: "Welchen (gemeint Jesus Christus) Gott sich dargestellt hat
zu einem Gnadenstuhl/Sühnemittel . . ."
Mit W. Bauer, WB, können wir festhalten:
"Die LXX gebraucht i<lasth/rion hilasterion, von dem auf der Bundeslade
liegenden Gerät, das am Versöhnungstag mit dem Blut des Sühnopfers be-
spritzt wurde." In erster Linie aber übersetzt W.Bauer i<lasth/rion hilaste-
rion, mit "das Versöhnende, das Sühnende, konkret das Sühnemittel, die
Sühnegabe, das Sühnegeschenk". W. Bauer, Sp. 742.
1.2 Zur zweiten für Versöhnung bzw. versöhnen verwendeten Wortfamilie
im Neuen Testament, lesen wir im Lexikon zur Bibel treffend zusammenge-
fasst: „Häufiger verwendet das NT (apo)katallasso mit dem Hauptwort ka-
tallagae (Röm.5,10.11; 11,15; 1.Kor.7,11; 2.Kor.5,1-20; Eph.2,16;
Kol.1,20. 22), ausser dem dialassomai (Mt.5,24). Diese Wörter bedeuten
urspr. ,eine Änderung vollziehen, umtauschen, miteinander vertauschen'
und ,Tausch, Verwechslung', dann auch schon im Profangriech.
,Versöhnung'. Hier drückt schon das Wort selber gut den fröhlichen Wech-
sel' (Luther) aus, der darin liegt, dass Christus ,für uns zur Sünde gemacht'
worden ist, damit ,wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes würden'
(2.Kor.5,21).“ Lexikon zur Bibel, Sp. 1463.
Zur Wortbedeutung von katallagh/ katallage, vgl. ferner
- Th BL NT, H. Vorländer, S. 1308 und
- Th WB, Bd. I, Büchsel, S. 252ff.
2 Die Notwendigkeit der Versöhnung mit Gott
Die Sünde, bzw. der natürliche Zustand des Menschen in der Sünden-
sklaverei hat - seit Adams Fall, 1.Mo.3 - das Verhältnis zu Gott zerstört.
2.1 Sünde trennt von Gott: 1.Mo.3,23 (Ausweisung von Adam und Eva aus
dem Paradies); und Jes.59,2.
2.2 Sünde ist Feindschaft gegen Gott: Kol.1,21; Röm.5,10; Jak.4,4.
2.3 Sünde, und damit der Sünder, stehen unter dem Zorn Gottes: Röm.
1,18.
2.4 Der heilige Gott verlangt Genugtuung für begangene Sünden: (Es ist
202 aber unmöglich, dass der Sünder Genugtuung leisten kann - er kann höch-
stens die Konsequenzen tragen - deshalb die Einrichtung des atl. Opferdien-
stes, schattenhaft auf Jesu stellvertretendes Opfer hinweisend.) (4.Mo.
35,33; vgl. das Beispiel Achans in Jos.7; Hes.18,4par und Mt.18,25).
2.5 Der Sünder steht unter dem Fluch Gottes: 5.Mo.27,26; Gal.3,10.
2.6 Der Lohn der Sünde ist der (ewige) Tod: Röm.6,23; (vgl. oben
Hes.18,4 par).
(zu o>yw/nia opsonia = Sold, sagt E. Gaugler: "Der Sold, mit dem die Heer-
führerin Sünde ihren Soldaten bezahlt, ist - der Tod. Sie ist eine gerechte
Entlöhnerin. Sie gibt nach Verdienst, nicht mehr und nicht weniger." (E.
Gaugler, Römer, 1. Teil, Zwingli-Verlag Zürich, 1945, Seiten 327/328).
Zusammenfassend:
Diese Punkte mögen genügen, um die dringende Notwendigkeit der Ver-
söhnung des von Natur sündigen Menschen mit Gott aufzuzeigen. Wenn es
keine Versöhnung des sündigen Menschen mit Gott gibt, ist und bleibt der
Mensch unter Gottes Zorngericht und ist ewig verloren.
3 Die Urheberschaft der Versöhnung
Bibelstellen wie Mt.5,23.24 machen deutlich, dass derjenige, der das Ver-
hältnis zu Gott gestört und zerstört hat, die Versöhnung an die Hand neh-
men sollte. Der Verletzte muss versöhnt werden, nicht der Verletzende (vgl.
im zwischenmenschlichen Bereich: Mt.5,23.24). Somit muss Gott versöhnt
werden; ER hat sich ja uns gegenüber in keiner Weise vergangen, vielmehr
hat der Mensch Gottes Ehre und Heiligkeit geschändet (vgl. Dan.9,5-8).
Theoretisch sollte die Versöhnung vom schuldigen Menschen ausgehen; a-
ber dieser ist so tief gefallen und vor Gott so schwer verschuldet, dass er
nicht in der Lage ist, aus eigener moralischer Kraft Gott zu versöhnen, d. h.
Sühne zu leisten für begangene Übertretungen: Vgl. Röm.3,23; Eph.2,1-3;
Tit.3,3; u.a.m.
Weil Gott schon vor Grundlegung der Welt um diese Situation wusste, hat
er in seiner letztlich unfassbaren Liebe den Plan und das Werk der Versöh-
nung selber in die Hand genommen (vgl. Eph.1,4ff. und Röm.5,10). Die
Initiative zur Versöhnung liegt also ganz eindeutig bei Gott und nicht beim
Menschen (sowohl was den vorläufigen, unvollkommenen AT-Opferdienst
anbelangt, als auch was das einmalige und vollkommene Versöhnungswerk
Jesu anbelangt!)
Büchsel sagt u. a.: "Die Versöhnung geht nach Kol 1, 22 auch deshalb un-
verkennbar von Gott aus, weil in V. 20 Gott Subjekt zu a>pokatalla/ssein
(apokatallassein = versöhnen) war. Bei den Menschen geht dem a>po-
katalla/ssein (apokatallassein = versöhnen) Entfremdung und Feind-
schaft voraus, Kol.1,22 (sic. wohl 1,21)“ Th WB, Bd. I, S. 259. Die oben
angeführten ‘Versöhnungsstellen’ (vgl. die wichtigsten: Röm.5,10;
2.Kor.5,18-20; Kol.1,21. 22; Eph.2,16) zeigen eindeutig, dass Gott (in
Christus) der Versöhnende und zugleich der Versöhnte ist, wobei der sün-
dige Mensch mit IHM versöhnt wird.
Röm. 5,10: "Denn, wenn wir, als wir noch Feinde waren, mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod
seines Sohnes, wieviel mehr werden wir als Versöhnte gerettet werden durch sein Leben." 2.Kor.5,18.19:
„Das alles aber von Gott, der uns durch Christus mit sich selbst versöhnt und uns den Dienst der Versöh-
nung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er
ihnen die Sünden nicht zurechnete und das Wort der Versohnung in uns legte.“ Kol.1,21.22a: "Und euch,
die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt waret in den bösen Werken, hat er aber nun versöhnt in dem
Leibe seines Fleisches durch den Tod . . ." Eph. 2,16: " . . um die beiden in einem Leibe durch das Kreuz
203
mit Gott zu versöhnen, nachdem er durch dasselbe die Feindschaft getötet hatte."
Zu den beiden letztgenannten Stellen sagt H. Vorländer: "Als sein Subjekt
kann ausser Gott auch Christus genannt werden (Kol.1,22; Eph.2,16);
doch ist auch hier die Versöhnung letztlich als von Gott ausgehend verstan-
den (Kol.1,20). Dass es sich bei dieser Herstellung des Friedens zwischen
Gott und den Menschen nicht um ein wechselseitiges Versöhnen gleichge-
stellter Partner handelt, ist hier durch die Wendung a>pokatalla/qai ... ei>j
au>to/n apokatallaxai ... eis auton (wörtlich: zu sich selbst hin zu versöhnen)
zum Ausdruck gebracht.“ (ThBL NT, S.1309).
4 Das Mittel zur Versöhnung
Das Mittel der Versöhnung ist das stellvertretend vergossene Blut Jesu
Christi.
- In den verschiedenen oben angeführten "Versöhnungsstellen" wird auf den
stellvertretenden Opfertod Jesu am Kreuz hingewiesen, oft nur mit dem
Hinweis durch Jesus Christus", womit bestätigt wird, dass der himmlische,
ewige Hohepriester Genüge bzw. völlige Genugtuung geleistet hat:
Röm.5,10: Wir sind "Gott versöhnt worden durch den Tod seines Sohnes."
Röm.5,11: Durch Jesus Christus haben wir die Versöhnung empfangen.
2.Kor.5,18: Gott hat uns mit sich selber versöhnt durch Christus.
2.Kor.5,21: "Den, der Sünde nicht kannte, hat er (Gott) für uns zur Sünde
gemacht . . ." Eph.2,16: "Gott hat Juden und Heiden versöhnt "in einem
Leibe durch das Kreuz". Kol.1,22: Jesus hat die Versöhnung erwirkt "in
dem Leibe seines Fleisches durch den Tod".
(Soweit die katallagh/ katallage-Stellen.)
Hebr.2,17: Jesus wurde "ein treuer Hohepriester vor Gott, um zu sühnen
(ei>j i<la/skescai eis hilaskesthai) die Sünden des Volks." 1.Joh.2,2: Jesus
ist Sühne (i<lasmo/j hilasmos) für unsere Sünden 1.Joh 4,10: Sowohl beim
Verb wie vor allem beim Substantiv ist der alttestamentliche Kontext das
Bedecken, Vergeben und Sühnen der Schuld aufgrund des stellvertretend
vergossenen Opferblutes. wohei vor allem an Sünd- und Schuldopfer
(3.Mo.4 und 5) sowie an dem "jom kippur" (3.Mo.16 u.a.) gedacht wird.
Röm.3,25: Jesus ist uns von Gott zum i<lasth/rion hilasterion = Sühneop-
fer / Gnadenthron verordnet.
(Soweit die i<lasmo/j hilasmos-Stellen)
Eine einzigartige Zusammenfassung unseres Unterthemas "Das Mittel zur
Versöhnung," finden wir in Hebr.9,11ff "AIs aber Christus kam als ein Ho-
herpriester der zukünftigen Güter, ist er durch das grössere und vollkom-
menere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, d. h. nicht von dieser Schöp-
fung ist, (V.12:) auch nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, son-
dern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen
und hat eine ewige Erlösung (lu/trwsij Iytrosis=Lösung, Auslösung, Erlö-
sung, Lösegeld für die Sünden) erfunden ."
5 Der Zeitpunkt der Versöhnung
Wir unterscheiden zwischen dem heilsgeschichtlichen und dem heils-
ordnungsmässigen Zeitpunkt der Versöhnung:
5.1 Der heilsgeschichtliche Zeitpunkt der Versöhnung
Hier müssen wir gleich zwei historische Daten in einem Atemzug erwäh-
204 nen, nämlich Karfreitag und Himmelfahrt.
Am Karfreitag hat Jesus das Sühneopfer dargebracht, d. h. er hat seinen ei-
genen Leib in den Tod gegeben und sein Blut zur Versöhnung für die Sün-
den der Menschheit vergossen (Jes.53,5; 1.Petr.1,18.19; Hebr.9,14.25.26;
10,12). Am Himmelfahrtstag ist er offiziell als ewiger himmlischer Hohe-
priester - nach der Weise Melchisedeks (vgl. oben) -, als er „die Himmel
durchschritt“, zum Gnadenthron ins Allerheiligste gegangen (Hebr.4,14ff.)
und zwar mit dem Blut der Versöhnung (Hebr.9,22-26), um die ganze
Menschheit (1.Joh.2,2) grundsätzlich und ein für allemal mit Gott zu ver-
söhnen (Hebr.9,11-14.24; 10, 9-14 u. a. m.).
NB. Von Gott ist die Versöhnung ausgegangen, durch Jesus wurde sie voll-
zogen und vom Vater angenommen (vgl. 2.Kor.5,18-21).
5.2 Der heilsordnungsmässige Zeitpunkt der Versöhnung
Der heilsordnungsmässige Zeitpunkt fällt zusammen mit der persönlichen
Annahme des göttlichen Versöhnungs-Angebotes bei der Bekehrung des
Menschen.
In 2.Kor.5,20b ergeht die Einladung zur Annahme der Versöhnung: „Las-
set euch versöhnen mit Gott.“ In Kol.1,21.22.23 haben wir ein Beispiel, wie
Menschen die Versöhnung angenommen haben.
6 Das Angebot und der Dienst der Versöhnung
Wenn wir in 1.Joh.2,2 lesen: „Und derselbe (gem. Jesus) ist die Versöh-
nung für unsere Sünden, nicht aber allein für die unsrigen, sondern für die
der ganzen Welt)“, heisst das nicht, dass jetzt die ganze Welt (=die ganze
Menschheit) automatisch versöhnt ist mit Gott. Die Voraussetzungen für
die Versöhnung mit Gott sind allerdings durch das einmalige Opfer des
himmlischen Hohepriesters für die ganze Welt bereitgestellt; aber das An-
gebot Gottes kann angenommen oder ausgeschlagen werden. Von Gottes
Seite her ist Versöhnung verwirklicht und offeriert; die Entscheidung wird
jedem Menschen überlassen; deshalb ist die Proklamation der Versöh-
nungsbotschaft ein Aufruf zur Entscheidung. Pauius schreibt in 2.Kor.5,20:
„Wir bitten an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott.“
Der Kontext dieser Stelle zeigt die grosse Dringlichkeit, womit das Angebot
der Versöhnung weitergegeben werden soll, denn es ist Gott nicht gleich-
gültig, wie sich der Mensch entscheidet (1.Tim.2,4).
Der Dienst (Luther: Amt) der Versöhnung ist den Jüngern Jesu übertragen,
wie wir in 2.Kor.5,18bff, lesen können: „Er hat uns den Dienst der Versöh-
nung gegeben, (V.19:) Weil Gott nämlich in Christus war und die Welt mit
sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht zurechnete und das
Wort der Versöhnung in uns legte, (V.20:) So sind wir nun Botschafter an
Christi Statt, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir
nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott."
7 Das Ziel des Versöhnungs-Dienstes Christi
Mit grosser Ehrfurcht und Anbetung können wir nur staunend danken für
die Erniedrigung Jesu, für sein stellvertretendes Opfer am Kreuz von Golga-
tha, für sein Versöhnungsblut, das er selber als erhöhter Herr in der Funkti-
on des ewigen Hohenpriesters ins himmlische Heiligtum brachte, um die
Menschheit mit Gott zu versöhnen.
Die Zielsetzung dieses Versöhnungs-Dienstes Jesu ist vielfach beschrieben
und dargestellt: 205
Wiederherstellung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott, das durch
den Sündenfall zerstört worden war: Röm.5,12-21; Eph.2,1ff.; u.a.m.
Befreiung von Gottes Zorngericht und Fluch: Röm.8,1; Gal.3,13; u.a.m.
Rechtfertigung und Begnadigung vor Gott: Röm.4,25; 5,9; Eph.1,6;
2,8.9; u.a.m.
Aufhebung der durch die Sünde verursachten Entfremdung und Feindschaft
Gott gegenüber: Kol.1,21.22; Röm.5,1; Eph.2,13-17; u.a.m.
Vergebung und Reinigung von Sünde: 2.Kor.5,19; Eph.1,7; 1.Joh.1,7b.9;
2,1.2; Hebr.9,14.22; 10,17.18; u.a.m.
Heiligung durch das Opfer Jesu: Hebr.10,1b.14; 1.Kor.6,11; u.a.m.
Neuschöpfung des bussfertigen Sünders: 2.Kor.5,17; u.a.m. (vgl. dazu
auch: Röm.6,6; Kol.3,9.10; Eph.4,22-24).
Befreiung vom Zwang der Sünde: Röm.6,7.11ff; u.a.m.
Darstellung vor Gott als ‘heilig, unsträflich und ohne Tadel’: Kol.1,22;
Eph.5, 25b-27.
Annahme an Sohnes Statt und Geschenk der Gotteskindschaft: Eph.1,5;
Gal.4, 4-6; Röm.8,14-17; u.a.m.

Lexikon zur Bibel, Sp.1462-1465


Versöhnen, Versöhnung
I) Der sprachliche Befund
1) Das hebr. Zeitwort kippär = versöhnen hat die Grundbedeutung "zude-
cken", viell. daneben auch »abwischen«, das Hauptwort kopär heisst Löse-
geld. Bei Berücksichtigung beider Wortbedeutungen handelt es sich also
darum, dass die aus einer Schuld erwachsene Verpflichtung beseitigt, durch
eine Ersatzgabe aufgehoben wird.
Kippär bedeutet im Zushg. des Gottesdienstes »Schuld vor Gott durch Op-
fer sühnen und auf diese Weise Vergebung erlangen« (vor allem in 3 u. 4
Mo), findet sich daneben aber auch in der allgemeinen Bedeutung »dem, an
dem man schuldig geworden ist, für diese Schuld Sühne leisten«.
2) Im Griech. heisst hilaskomai »gnädig machen«, Götter sowohl wie Men-
schen, bis hin zu »bestechen«. In der LXX ist dies Wort die gewöhnliche
Übersetzung für hebr. kippär, im NT kommt es nur in Lk 18,13 (sei mir
gnädig) und Hebr.2,17 vor; in 1.Joh.2,2; 4,10 steht das entsprechende
Hauptwort hilasmos.
Häufiger verwendet das NT (apo)katallasso mit dem Hauptwort katallagae
(Röm.5,10; 11,15; 1 Kor 7,11, 2.Kor.5,18-20; Eph.2,16; Kol.1,20.22),
ausserdem dialassomai (Mt.5,24). Diese Wörter bedeuten urspr. »eine Än-
derung vollziehen, umtauschen, miteinander vertauschen« und »Tausch,
Verwechslung«, dann auch schon im Profangriech. »Versöhnung«. Hier
drückt schon das Wort selber gut den »fröhlichen Wechsel« (Luther) aus,
der darin liegt, dass Christus »für uns zur Sünde gemacht« worden ist, da-
mit »wir in ihm die Gerechtigkeit Gottes würden« (2.Kor.5,21).
II) Versöhnung unter Menschen
Versöhnung bezeichnet zunächst die verständigung, Aussöhnung zwischen
206 Menschen. So versucht Jakob bei seiner Rückkehr seinen Bruder Esau, der
ihm wahrscheinlich noch wegen des alten Betruges zürnt, durch vorausge-
sandte Geschenke zu versöhnen (1.Mo.32,21). Ein Weiser kann als Ratge-
ber seinen ergrimmten König versöhnen (Spr.16,14; vgl. 25,15)- ein Mann,
dessen Frau durch einen andern verführt worden ist, lässt sich jedoch auf
keine Weise zur Versöhnung herbei (Spr.6,34f). Jesus gebietet die Versöh-
nung mit dem Bruder vor der Darbringung der eigenen Opfergabe
(Mt.5,24). In 1.Kor. 7,11 heisst »sich versöhnen« eine geschiedene Ehe
wiederherstellen. In allen Fällen ist das Neuwerden einer durch Schuld oder
vermeintliche Schuld zerstörten menschlichen Gemeinschaft gemeint.
III) Versöhnung mit Gott
1) Durch jede Sünde, d. h. jedes Handeln gegen Gottes Willen ist die Ge-
meinschaft zwischen Gott und dem einzelnen Menschen bzw. dem Volk
Gottes gestört, der Herr steht ihnen nun in seinem Zorn entgegen und lässt
die ganze Volksgemeinde die Folgen (z.B. Niederlage oder Hungersnot)
solange tragen, bis sie den Frevel in ihrer Mitte gesühnt, die Schuldigen für
ihr Vergehen gegen Gottes Gebot gerichtet und damit die Versöhnung her-
beigeführt hat. Darum wird Achan mit seiner ganzen Familie getötet
(Jos.7), und für die Blutschuld Sauls liefert David seiner Nachkommen den
Gibeoniten zur Hinrichtung aus (2.Sam.21). Nur das Blut des Sünders
sühnt die Verfehlung und bewirkt die Versöhnung des Volkes bzw. Landes
mit Gott (vgl 4.Mo.35,33). Das gilt jedenfalls für alle Sünden »aus Frevel«
(4.Mo.15,30 LÜ) oder »mit erhobener Hand« (EÜ) und für schwere Sün-
den wie die der Priester des Hauses Eli (1. Sam.3,14).
2) Daneben bestand jedoch in Israel eine von Gott gesetzte Ordnung, nach
der bestimmte Schuldverfehlungen - genannt werden verschiedene Eigen-
tumsvergehen und falsche Eide in Verbindung damit (3.Mo.5,20; 6,1ff) -
und vor allem unbewusste, versehentlich begangene Übertretungen
(3.Mo.4,2; 5,17) durch stellvertretendes Opferblut gesühnt werden konnten
und sollten (vgl. bes. 3 Mo). Auf diese Weise Israel zu versöhnen, also die
Gemeinde als Ganze von den Auswirkungen einer in ihrem Bereich began-
genen Sünde zu befreien (vgl. 5.Mo.21,1--9), ist das Amt Aarons und seiner
Söhne (1.Chron 6,34.49), ja die Aufgabe des Tempeldienstes überhaupt
(Neh.10,34; vgl. 2.Chron.29,24). Das Mittel solcher Versöhnung ist in je-
dem Fall (tierisches) Blut. »Denn das Blut ist die Versöhnung, weil das Le-
ben in ihm ist« (3.Mo.17,11). Indem der Priester, d.h. der Mensch, so nach
Gottes Anweisungen handelt, bewirkt er in den angegebenen Fällen, also
vor allem bei den nicht willentlichen Übertretungen (4. Mo.15,22-29), die
Versöhnung, so dass Gott dem Volk bzw. dem betreffenden Menschen ver-
gibt.
3) Aber der atl. Opferdienst ist nicht nur in seiner »Zuständigkeit« begrenzt,
er kann auch wesensmässig keine völlige und dauernde Versöhnung herbei-
führen. »Kann doch einen Bruder niemand erlösen noch ihn Gott versöh-
nen, denn es kostet zu viel, ihre Seele zu erlösen; man muss es lassen anste-
hen ewiglich« (Ps.49,8.9). Auf die Frage: »Womit soll ich den Herrn ver-
söhnen?« (Mi.6,6.7) antwortet Micha: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut
ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe
üben und demütig sein vor deinem Gott« (V.8). Aber gerade dieses Ziel,
dass der Mensch vor Gott nicht mehr zu vergehen braucht (vgl. Jes.6,3f),
vermag der atl. Opferdienst nieht zu erreichen. So weist er auf die Not- 207
wendigkeit einer neuen, allumfassenden Versöhnung hin, die Gott selber
schaffen muss und die gerade bei Jesaja (V.7) schon angedeutet ist.
4) Auf diesem Hintergrund des AT verkündigt nun das NT das Leben und
Sterben Jesu von Nazareth als die endgültige und völlige Versöhnung der
Menschheit mit Gott, in der allen das Heil und dit Rettung geschenkt wird.
Denn wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist, und
durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hingelangt ist,
weil sie alle gesündigt haben, so ist auch durch eines (Menschen) Gerechtig-
keit die Gerechtmachung zum Leben über alle Menschen gekommen
(Röm.5, 12.18). Als der andere, treue Hohepriester (Hebr.2,17), der ganz
für und bei uns Menschen, aber zugleich auch ganz Gott zugehörig ist, hat
Jesus Christus durch das Opfer seines Blutes und Lebens die todeswürdige
Verschuldung des Menschen gesühnt (1.Petr.1,18.19) und so die notwen-
dige Versöhnung erwirkt (Röm.5,10). »Gott war in Christus und versöhnte
die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu«
(2.Kor.5,19; vgl. 1.Joh.2,2) Gott selber hat also diese Versöhnung aus sei-
ner Liebe heraus (1.Joh.4,10) vollbracht, den todverfallenen Sündern aus
lauter Gnade und Barmherzigkeit Vergebung ihrer Sünden und Rechtferti-
gung geschenkt und ihnen von neuem die Gemeinschaft mit ihm angebo-
ten. Sein Ziel ist, in Christus »alles«, den ganzen Kosmos mit sich zu ver-
söhnen (Kol.1,20).
Damit diese Versöhnung, die Gott für alle Menschen gewirkt hat, nun auch
zu allen gelangt und sie sein Angebot annehmen können, muss jeder die
Botschaft davon hören und Gottes versöhnendes Handeln an sich persönlich
geschehen lassen. Darum hat der Herr seiner Gemeinde den »Dienst der
Versöhnung« (2.Kor.5,18-21) übertragen, indem sie an Christi Statt bittet:
»Lasst euch versöhnen mit Gott« (V.20). Wer dieses Evangelium annimmt,
ist unter dem einen Haupt zur einen neuen Menschheit gekommen, der Be-
hausung Gottes im Geist (Eph.2,11-22).
Versöhnungstag (hebr. jom hakkippurim, neuhebr. jom kippur).
I) Der 10. Tag des 7. Monats (Tischri = September/ Oktober) war nach
dem Gesetz ein Tag der Festversammlung, des Fastens (d.h. der Busse) und
der Arbeitsruhe (3.Mo.16,29.31; 23,27-32; 4.Mo.29,7), an dem der Hohe-
priester für seine eigenen Sünden, die der Priester und die des gesamten
Volkes vom Herrn völlige Versöhnung erwirkte (3.Mo.16,17.30.33.34;
23,28). Dies war der einzige im Gesetz vorgeschriebene Fasttag und der
einzige Tag im Jahr, an dem der Hohepriester das Allerheiligste der Stifts-
hütte und des Tempels betreten durfte (3.Mo.16,2.3; Hebr.9,7). Zu den
Einzelheiten des besonderen »Sündopfers der Versöhnung« (4.Mo.29,11,
3.Mo.16) vgl. Opfer III und Asasel; ausserdem wurden am V. noch weitere
Opfer dargebracht (4.Mo.29, 7-11).
Eine bes. Bedeutung hatte der V. in jedem 50.Jahr, wenn er nach 7 Sabbat-
jahren das Halljahr einleitete.
II,1) Der V. wurde eingesetzt, nachdem die beiden Söhne Aarons umge-
kommen waren (3.Mo.16,1.2) als sie ein vom Herrn nicht angeordnetes
Räucheropfer darbrachten (3.Mo.10,1.2). Abgesehen von den genannten
Vorschriften im Gesetz wird er im AT nirgends mehr erwähnt. Im NT
nennt ihn Apg.27,9 als »das Fasten«, und der Hebräerbrief nimmt verschie-
208 dentlich darauf Bezug (vgl. unten III). Der Talmud enthält eingehende An-
gaben, wie sich der Hohepriester auf den V. vorzubereiten und die ver-
schiedenen Opferhandlungen durchzuführen hatte. Über die Wirkung des
V. sagten die Rabbinen: Er sühnt die Sünden gegen Gott, die gegen den
Nächsten aber nur, wenn man sich vorher mit dem ausgesöhnt hat, dem
man Unrecht tat.
2) Das Schweigen des AT über das weitere Feiern des V. nach seiner Einset-
zung hat man so deuten wollen, dass der Tag erst nach der babyl. Gefangen-
schaft eingeführt worden und die entsprechenden Abschnitte des Gesetzes
erst in dieser Zeit entstanden seien (vgl. Mosebücher). Damit bleibt aber
völlig unerklärlich, wieso die Opfer des V. als die einzigen unmittelbar mit
der Bundeslade verknüpft sind, die nach der Gefangenschaft nicht mehr
vorhanden war.
III) Der V. als das Zentrum und der Höhepunkt des atl. Opferdienstes ist
erfüllt und aufgehoben im Opfertod Jesu am Kreuz. Aus dem stets wieder-
holten »einmal im Jahr« (Hebr.9,7.25) des selber der Vergebung bedürfti-
gen atl. Hohenpriesters (Hebr.7,27) ist nun das »ein für alle Mal«
(Hebr.9,12.26.28) des sündlosen, heiligen und ewigen Hohenpriesters Jesus
Christus geworden (Hebr.7,26.28), der eine ewig gültige Versöhnung er-
wirkt hat (Hebr.9,12.28; 10,12.14.18), indem er mit seinem eigenen Blut
(Hebr.9,11.12.14) in den Himmel einging, um vor dem Angesicht Gottes
für uns zu erscheinen (Hebr. 9,24; vgl. 7,25).

3.4.4. Erlösung
Erlösung ist die Befreiung durch Los- und Ankauf. Erlösung hat folglich
zwei Seiten: Den „Loskauf“ und den „Ankauf“, die Befreiung von etwas
und die Befreiung zu etwas.
Tit.2,14: „Der hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich
selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.“ / 1.Thess.1,9: „Denn sie selbst erzählen
von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt,
dem lebendigen und wahren Gott zu dienen...“
Dieser Herrschaftswechsel wurde erkauft. Das Lösegeld war das Blut unse-
res Herrn.
1.Petr.1,18-19: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst
worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut
Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken.“ / Offb.5,9: „Und sie singen ein neues Lied und
sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden
und hast durch dein Blut für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder
Nation...“ / Mk.10,45: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden,
sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ / Eph.1,7: „In ihm haben wir die
Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade...“
Die Erlösung in Jesus Christus ist vollkommen. Sie umfasst alle Gebiete un-
seres Lebens, auch das des Leibes.
Röm.8.23: „Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben,
auch wir selbst seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes.“
Die vollkommene Erlösung wird erst in der Zukunft offenbar werden. Sie
ist da, aber solange wir im Fleisch leben, noch nicht sichtbar. Als Pfand ha-
ben wir den Heiligen Geist:
Eph.1,14: „Der ist das Unterpfand unseres Erbes, auf die Erlösung seines Eigentums zum Preise seiner
Herrlichkeit.“
Durch das Blut Jesu Christi sind wir erlöst
¾ vom Fluch des Gesetzes
Gal.3,13: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden 209
ist - denn es steht geschrieben: `Verflucht ist jeder, der am Holz hängt! -, ...“
¾ von den Forderungen des Gesetzes
Gal.4,5: „damit er die loskaufte, die unter Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen.“
¾ von der Macht der Sünde
1.Kor.15,56: „Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber das Gesetz.“ /
Röm.6,14: „Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern
unter Gnade.“ / Röm.7,14: „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich, unter
die Sünde verkauft.“
¾ von der Macht Satans
Hebr.2,14.15: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise
daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes hat, das ist den
Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft
unterworfen waren.“ / Kol.1,13: „...und uns errettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das
Reich des Sohnes seiner Liebe.“
Durch die Erlösung sind wir befreit von allen Bindungen! Zusammenfas-
send können wir sagen, dass wir erlöst sind
¾ von der Schuld der Sünde (durch das Gesetz entstanden)
¾ von der Macht der Sünde
aber noch nicht von der Gegenwart der Sünde.
Satan ist besiegt - aber noch am Werk.
Anregungen:
Mehr als 450 Stellen sprechen vom Blut Jesu Christi - also ein wichtiges
Thema der Heiligen Schrift (vgl. 1.Petr.1,19).
¾ Zeugnis Gottes auf Erden
1.Joh.5,7+8
¾ Blut des neuen Bundes
Mt.26,28 / Hebr.13,20
¾ Grundlage der Erlösung
Eph.1,7 / Hebr.9.12
¾ Mittel zur Sündenvergebung
Hebr.9,14.22 / 1.Joh.1,7
¾ Rechtfertigung
Röm.5,9
¾ Gott nahe gebracht
Eph.2,13 / Hebr.10,19
¾ Grundlage des Friedens
Kol.1,20
¾ erkauft zum Eigentum Gottes
Apg.20,28 / Offb.5,9b
¾ Grundlage der Gemeinschaft mit Gott und Gläubigen
Joh.6,56 / 1.Kor.10,16
¾ wir sind geheiligt
Hebr.13.12
¾ bringt Sieg über Satan
Offb.12,11
¾ ewiges Thema der Anbetung der Erlösten im Himmel
Offb.5,9.10
(Vergleiche Weber, S.53-56)
3.4.5. Sündenvergebung
210

3.4.6. Rechtfertigung

Rechtfertigung im AT
Rechtfertigung ist im AT ausschliesslich ein forensischer Begriff: d.h. im
Hintergrund steht die Situation einer Gerichtsverhandlung, in der der An-
geklagte als gerecht hingestellt wird. Rechtfertigung heisst demnach: durch
ein Urteil herstellen, was recht ist; jemanden als gerecht hinstellen; ihm
durch ein richterliches Verfahren zum Recht verhelfen; ihm sein Recht oder
überhaupt Recht zuerkennen.
In dieser Bedeutung wird Rechtfertigung sowohl im profanen (1.Mo.
44,16; Spr.17,15), wie im religiösen Raum gebraucht: Gott rechtfertigt den
Menschen (Jes.50,8; 2.Mo.23,7) – oder auch: der Mensch rechtfertigt Gott
(Ps.51,6 u.ö.). Es überwiegt die Verwendung des Begriffes im religiösen
Bereich. Drei Vorstellungskreise bestimmen hier die Anschauungen über
Rechtfertigung noch genauer:
1) Die Rechtfertigung vor Menschen
Es geschah in Israel immer wieder, dass der Geringe und Arme im Gericht
nicht sein Recht fand, weil Ansehen der Person oder Bestechung das Urteil
der Richter beeinflussten (2.Mo.23,1ff; Am.2,6f). Da stand dann vor den
Menschen jemand im Unrecht, der sich selber doch im Recht wusste, aber
nicht zum Recht kam. In solchem Fall wandte sich der Gerechte an Gott,
»der die Person nicht ansieht und kein Geschenk nimmt und schafft Recht
den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb« (5.Mo.10,17f), um
von ihm Hilfe zu erbitten. »Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache
wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leu-
ten« (Ps.43,1; vgl. Ps.54,3 u.ö.), oder um sich an der Rechtfertigung Gottes
genügen zu lassen: »Doch ich wollte gerne zu dem Allmächtigen reden und
wollte rechten mit Gott.« (Hiob 13,3)
Als Rahel unter ihrer Kinderlosigkeit wie unter einem Gottesgericht litt, bat
sie Gott um Rechtfertigung vor den Menschen, und Gott gab ihr durch Bil-
ha einen Sohn. »Da sprach Rahel: Gott hat mir Recht verschafft und mich
erhört und mir einen Sohn gegeben. Darum nannte sie ihn Dan (d.h. [Gott
ist] einer, der rechtfertigt)« (1.Mo.30,6). David stellt seine Rachegelüste im
Blick auf Saul unter die Zucht Gottes und legt das Geschick Sauls dem ge-
rechten Richtspruch Gottes hin: »Der Herr wird Richter sein zwischen mir
und dir und mich an dir rächen, aber meine Hand soll dich nicht anrühren
... (er) sehe darein und führe meine Sache, dass er mir Recht schaffe wider
dich!« (1.Sam.24,13ff).
Diese Rechtfertigung Gottes hilft dem Menschen zum Frieden. In der Ge-
walt des über ihn hereinbrechenden Unrechts findet er in der Rechtferti-
gung vor Gott seinen Bergungsort; denn Gott »liebt Gerechtigkeit und
Recht« (Ps.33,5). Darum wird er das Recht der Seinen offenbaren (vgl.
Ps.72,4; 103,6 u.ö.).
2) Die Rechtfertigung vor Gott
Viel wichtiger als die Rechtfertigung vor Menschen ist dem Glaubenden je- 211
doch seine Rechtfertigung vor Gott: d.h. von Gott im Blick auf die Sünde
als gerecht beurteilt zu werden. Zwei Wege zu diesem Ziel lassen sich er-
kennen.
a) Die Gerechtigkeit des Menschen vor Gott als Grundlage seiner Rechtfertigung.
Als Gott mit Israel seinen Bund schloss und ihm verhiess, sein Gott zu sein,
der es in Treue führen wolle, wenn auch Israel seinerseits den Bund hielte
und im Gehorsam gegen Gottes Willen leben würde – da war für Gott wie
für Israel die Norm ihres zukünftigen gegenseitigen Verhaltens gegeben.
Gott hatte sich mit diesem Bund verpflichtet, zu seinen Verheissungen in
Treue zu stehen – während Israel sich verpflichtete, der Bundessatzung
(dem → Gesetz) Gottes zu gehorchen und in Treue zu folgen. »Gerechtig-
keit« wurde nun das Leitmotiv alles göttlichen Handelns mit Israel und soll-
te auch umgekehrt Motiv alles Handelns Israels vor Gott sein. Gerechtigkeit
– d.h. Handeln in Treue und Unverbrüchlichkeit zum Bundesgenossen und
zur Bundessatzung (vgl. → Gerechtigkeit I A). Indem Israel Gott Gerech-
tigkeit zuspricht – und das hat es zu allen Zeiten getan und tun müssen –
erkennt es vorbehaltlos an, dass Gott seinen Verpflichtungen Israel gegen-
über gerecht geworden ist.
Wo der einzelne nun seinerseits in Gerechtigkeit vor Gott wandelte, im Ge-
horsam vor dem Willen Gottes und im Blick auf die Bundesverpflichtung,
da bekundete er seine Gerechtigkeit, deren er sich auch im Urteil Gottes
bewusst sein konnte. »Schaffe mir Recht, Herr, nach meiner Gerechtigkeit
und Unschuld« (Ps.7,9). Und Freude an der Rechtfertigung Gottes auf-
grund der eigenen Treue konnte solchen Menschen durchströmen
(Ps.18,20ff).
b) Die Gerechtigkeit Gottes als Grundlage der Rechtfertigung
Neben Aussagen, in denen der Fromme seine Gerechtigkeit vor Gott prei-
sen kann und zuversichtlich den Richtspruch Gottes über sich erwartet, ste-
hen Aussagen solcher, denen die eigene Schuldverfallenheit und die Schuld-
verfallenheit jedes Menschen vor Gott so überwältigend klar geworden ist,
dass sie die Möglichkeit eigener Gerechtigkeit überhaupt abstreiten: »da ist
keiner, der Gutes tut ... sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da
ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer« (Ps. 14,1ff). Ihnen bleibt nur die
eine Bitte: »Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein
Lebendiger gerecht« (Ps.143,2). Gottes Gerechtigkeit allein kann hier in
Gnade und Barmherzigkeit das verdiente Gericht abwenden und wird zum
einzigen Grund für die Rechtfertigung eines Sünders vor dem Richtstuhl
Gottes, der → Glaube an solche Rechtfertigung die einzig mögliche Hal-
tung des Sünders.
3) Die endzeitliche Seite der Rechtfertigung
Als Israel dem Gericht Gottes verfiel und in die Verbannung geführt wurde,
musste zwangsläufig der Glaube an den in der Heilsgegenwart erfolgenden
richterlichen Freispruch des Menschen durch Gott dem Endgericht zuge-
wiesen werden. »An jenem Tage« wird nun das Stichwort für den endzeitli-
chen Tag, an dem Gott aus freiem Erbarmen die Sünde seines Volkes ver-
gibt und sich ihm aufs neue verlobt »in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade
und Barmherzigkeit.« (Hos.2,21; vgl. 14,4ff). Da wird der Herr einen neu-
212 en Bund mit Israel machen, nicht einen Bund wie den alten, »sondern das
soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schliessen will nach dieser
Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren
Sinn schreiben; und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein«
(Jer.31,31ff). Recht und Gerechtigkeit wird im Lande geübt werden
(Jer.33,15), weil Gott selber seinen Geist in die Herzen gelegt hat, der sie
dazu treibt.
Diese Gerechtigkeit des erneuerten Israel wird aber nicht mehr in Verbin-
dung gebracht mit seiner eigenen Gerechtigkeit vor Gott. Die Erfahrung,
allein durch die Gnade Gottes gerettet worden zu sein, wird so mächtig
sein, dass jegliche Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein der Güte Got-
tes zugeschrieben wird: »Der Herr, unsere Gerechtigkeit« wird zum Namen
des neuen Jerusalem (Jer.33,16). An dieser Stelle erreicht die atl. Rechtferti-
gungsauffassung ihren höchsten Punkt. Sie bleibt aber prophetische Schau
und gebunden an die Endzeit. Das nachexilische Judentum fällt in das Stre-
ben nach eigener Gerechtigkeit aufgrund seiner Gesetzestreue zurück und
erwartet von hier seine Rechtfertigung vor Gott.

Rechtfertigung im NT
1) Rechtfertigung ist im NT zunächst ebenso wie im AT ein forensi-
scher Begriff mit der Bedeutung: ein Rechtsurteil zugunsten jemandes
fällen. Das NT gebraucht Rechtfertigung nur noch in der Beziehung des
Menschen zu Gott, und zwar in der Bedeutung:
a) Gott recht geben (Mt.11,19; Lk.7,29.35; Röm.3,4; 1.Tim.3,16);
b) sich vor Gott als gerecht hinstellen (Lk.10,29; 16,15);
c) von Gott als gerechtfertigt erklärt werden (Lk.18,14).
Dabei spricht Lk.18,14 von einer in der Gegenwart geschenkten Rechtferti-
gung, ohne dass ausdrücklich auf die Heilstat am Kreuz Bezug genommen
wird. Mt.12,37 dagegen setzt die Situation des Endgerichtes voraus.
2) Rechtfertigung bei Paulus.
a) Das Kreuz Jesu Christi als Grundlage der Rechtfertigung. Wenn Paulus von
der Gerechtigkeit des Menschen vor Gott spricht, dann denkt er nie mehr an
das bundestreue Verhalten eines Frommen. Dazu wurzelt er zu tief in der
Erkenntnis von Ps.4,1ff. Paulus versteht unter Rechtfertigung des Men-
schen: Gottes Gerechtsprechung des Gottlosen, der glaubt – und zwar auf
dem Hintergrund des rechtfertigenden Handelns Gottes im Kreuz Christi
(Röm.3,21–26). Im Kreuz Christi vollzog Gott das Gericht über die Sünde
der Welt, und jeder Bezug auf das Kreuz und seine Heilswirkung ist darum
nicht eigentlich Gnadenakt, sondern Gericht – stellvertretendes Gericht Got-
tes über den Menschen, das dann allerdings als Gnadengeschenk dem zugute
gehalten wird, der diesem wunderbaren Handeln Gottes Glauben schenkt.
Darum richtet sich nun der Blick des Paulus so sehr vom Menschen weg auf
den gekreuzigten Christus, löst sich sein Denken so grundsätzlich von den
fragwürdigen Vorstellungen menschlicher Gerechtigkeit und Treue, dass er
– ohne Rücksicht auf die Grösse der Treulosigkeit eines Menschen – jedem,
auch dem schwersten Sünder, die Rechtfertigung vor Gott zusprechen kann,
wenn dieser nur der Wirkung des Kreuzes vertraut (= glaubt), wo Christus
eben für die Sünde der Welt das Gericht erlitten hat. Gerechtigkeit des
Glaubenden vor Gott ist darum nicht mehr eine Gerechtigkeit im juristi- 213
schen Sinne, sondern eine Gerechtigkeit aufgrund des Urteils Gottes vor der
Tatsache des Kreuzes Christi. Der Sünder wird »als gerecht hingestellt«,
weil Christus für ihn gestorben und auferstanden ist, und weil er sich glau-
bend in diesem Heil birgt (Röm. 1,17). Mit dieser Rechtfertigung durch
das Kreuz verbindet sich der persönliche Glaube des Sünders und ergreift
subjektiv, was dort objektiv geschehen ist. Darum gehören Rechtfertigung
und Glaube unlöslich zusammen. Wie das Kreuz um des Sünders willen ist
und nur so verstanden werden kann, so ist die Rechtfertigung um des Glau-
bens willen und darf nur in dieser Verbundenheit verstanden werden. In der
Formel »Rechtfertigung durch den Glauben« ist dieser Tatbestand erfasst:
die Rechtfertigung als das Urteil Gottes, das ausserhalb menschlicher Ver-
fügbarkeit steht – der Glaube, der dieses Urteil Gottes anerkennt und für
sich gewinnt.
b) Rechtfertigung als Sündenvergebung (Röm.4,6-8). Paulus vergleicht hier
die Seligpreisung Davids von einem Menschen, „dem Gott Gerechtigkeit ohne
Werke anrechnet“ mit „Glückselig die, deren Gesetzlosigkeiten vergeben und de-
ren Sünden bedeckt sind! Glückselig der Mann, dem der Herr Sünde nicht zu-
rechnet!“ (Ps.32,1.2). Wobei zu beachten ist, dass diese zwei Begriffe der
Soteriologie eine eindeutige zeitliche und logische Reihenfolge beinhalten.
Gott spricht den Menschen gerecht, weil und indem dessen Sünden verge-
ben sind. Zuerst Sündenvergebung, danach Rechtfertigung, keinesfalls aber
umgekehrt.
c) Es ist Paulus schon zu seiner Zeit der Vorwurf gemacht worden, dass seine Leh-
re von der Rechtfertigung aufgrund des Glaubens an die Erlösung den sittlichen
Antrieb vermissen lasse, weil zur Treue im Wandel vor und unter Gott kein An-
sporn mehr vorliege (Röm.3,8). Diesen Vorwurf hat Paulus abgelehnt mit
dem Hinweis auf den in uns wohnenden Christus: Wie sollten wir, die wir
(mit Christus) der Sünde gestorben sind, noch in derselben leben wollen?
Das ist unmöglich! (Röm.6,2ff). So wie Christus der Sünde abgestorben ist
und nur für Gott lebt (V 10), so ist unser alter Mensch mitgekreuzigt, da-
mit der Sündenleib vernichtet wird, so dass wir nun nicht mehr der Sünde
zu dienen brauchen.
d) Heilsgegenwart und Rechtfertigung im Endgericht
Indem der Sünder durch den Glauben an das Erlösungswerk Christi die Er-
lösung als eine Heilsgegenwart erleben kann, die ihn nicht nur unter das Ur-
teil Gottes, ein Gerechter zu sein, stellt, sondern ihm auch die Kräfte zu ei-
nem neuen Wandel im Gehorsam vor Gott verleiht, tritt die Frage nach der
Erlösung im Endgericht zurück. Die Rechtfertigung ist eine im Glauben
stets neu zu erfahrende Begnadigung, die den Glaubenden schon hier und
jetzt umschliesst, mit Kraft ausrüstet und froh macht. Er steht im Heil, von
Tag zu Tag, und Kreuz und Glaube tragen ihn durch alle Zeiten und Wel-
ten.
Wenn der Glaubende so auch nicht mehr in das Endgericht im Sinn der
Entscheidung über Leben oder Tod kommt (Joh 5,24), so gibt es doch
auch für ihn noch ein Gericht, in dem die Treue des Christen in seinem
Wandel beurteilt oder verurteilt wird. Darum weist Paulus mit allem Nach-
druck auf den notwendigen Ernst und die Zucht des Christenlebens hin und
warnt vor der beschämenden Möglichkeit, in diesem Gericht Gottes dazu-
214 stehen als einer, dessen Werke im verzehrenden Gerichtsfeuer verbrannten,
weil sie nicht aus Gott gewirkt waren (1Kor 3,12ff). Aber den trotz seiner
Sünde, oder sogar wegen seiner Sünde Glaubenden kann dieses Gericht
nicht verdammen. Über aller beschämenden Erniedrigung an jenem Tage
steht das alles Dunkel wieder aufhellende Wort von der Rechtfertigung
durch Christus, aus dessen Gnaden- und Liebeshand nichts – aber auch gar
nichts – herauszureissen vermag (Röm.8,31ff). Nur da, wo Ungehorsam
und Auflehnung gegen Gott den Glauben wieder verleugnen und zum Un-
glauben zurückführen, trifft Gottes Gericht als vernichtende Strafe ein
(1Kor 10,1ff). Wo der Glaube aufhört, da hört auch die Rechtfertigung
Gottes auf.
3) Rechtfertigung bei Jakobus
Wo der Jakobusbrief von Rechtfertigung spricht, sieht er sich einer Ge-
meinde gegenüber, in der die Treue des geistlichen Wandels in Gefahr steht.
Lebenslust, Leidensscheu und weltliche Begehren haben eine Laxheit der
Haltung vor Gott hervorgerufen, der Jakobus mit scharfen Mahnungen zu
begegnen sucht. Ein Wandel ohne (Glaubens-) Werke, der die Kraft Gottes
vermissen lässt oder gar verleugnet, wird nicht zur Rechtfertigung Gottes
gelangen.
Damit nicht jemand durch falsches Vertrauen auf das Gericht über die Wer-
ke, durch das der Glaube hindurchhelfen kann, in das Gericht gerät, das aus
Mangel an Glauben zur unvermeidlichen Vernichtung wird, hebt Jakobus
den mahnenden Finger: »Glaube ohne Werke ist tot« (Jak 2,17), ist hohler,
geheuchelter Glaube, weil er den Schein der Gottseligkeit vorspiegelt, aber
deren Kraft verleugnet. Solcher Glaube führt nicht zur Rechtfertigung (V
24). Aber da, wo die Werke den echten Glauben offenbaren und bestätigen,
da ist Rechtfertigung Gottes.
Die Mahnung des Jakobus muss jedes Gewissen erschüttern, das sich in
falsch verstandener paulinischer Rechtfertigungslehre zur Ruhe niederlassen
wollte.

3.4.7. Literatur zum "Kreuz"


Die Einteilung bei John Stott: Das Zentrum des Kreuzes / Das Problem
der Vergebung / Sühne für die Sünde / Die Stellvertretung durch Gott sel-
ber / Die Gewinne aus dem Kreuz / Die Erlösung des Sünders / Die Of-
fenbarung Gottes / Der Sieg über das Böse
Literatur zum Thema:
Lloyd-Jones Martyn, The Cross, 215
Crossway Books, Westchester 19861
McGrath Alister, Die Sache mit dem Kreuz
Brunnen, Basel/Giessen 19841
Stott John R.W., The Cross of Christ,
IVP, Downers Grove 19861

3.5. Heilsgeschichtliche Konsequenzen des Kreuzestodes

Das „Mitgestorbensein“ seiner Jünger


Röm.6,8: „Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir
auch mit ihm leben werden“. / 2.Kor.5,14: „Denn die Liebe Christi drängt
uns, da wir zu diesem Urteil gekommen sind, dass einer für alle gestorben
ist und somit alle gestorben sind“. / Gal.2,19: „Nun bin ich aber durchs Ge-
setz dem Gesetz gestorben, um Gott zu leben, ich bin mit Christus gekreu-
zigt“. / Kol.3,3: „denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit
Christus in Gott“. / 2.Tim.2,11: „Glaubwürdig ist das Wort: Sind wir mit-
gestorben, so werden wir auch mitleben“. / 1.Petr.2,24: „Er hat unsere
Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der
Sünde gestorben, der Gerechtigkeit leben möchten; ‚durch seine Wunden
seid ihr heil geworden‘.“
Vgl. auch Röm.6,2.5-11: „Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr
leben? Denn wenn wir mit ihm verwachsen sind zur Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir es auch zu
der seiner Auferstehung sein, wissen wir doch, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit
der Leib der Sünde ausser Wirksamkeit gesetzt sei, so dass wir der Sünde nicht mehr dienen; denn wer
gestorben ist, der ist von der Sünde losgesprochen. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir,
dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, von den Toten erweckt, nicht mehr
stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn; denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben, ein
für allemal; was er aber lebt, das lebt er für Gott. Also auch ihr: Haltet euch selbst dafür, dass ihr für die
Sünde tot seid, aber für Gott lebet in Christus Jesus, unsrem Herrn!“ Röm.7,6: „Nun aber sind wir vom
Gesetz frei geworden, da wir dem gestorben sind, worin wir festgehalten wurden, so dass wir dienen im
neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens“.
Jesu Herrschaft
Röm.14,9: „Denn hierzu ist Christus gestorben und wieder lebendig ge-
worden, dass er herrsche sowohl über Tote als über Lebende.“
Ein Leben der Hingabe
2.Kor.5,15: „Und für alle ist er gestorben, damit die, welche leben, nicht
mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt
worden ist.“

3.6. Wichtige Ereignisse beim Kreuzesleiden und der


Kreuzestod

3.6.1. Äussere Begleiterscheinungen von heilsgeschichtlicher


Bedeutung
(a) Jesu Verurteilung fand in Jerusalem statt!
(Joh.11/Lk. div. Versuche schon vorher) Mt.16,21, Lk.13,33f / Dtr.12,5
216 wichtige Stadt im AT / Mt.5,35 Stadt des grossen Königs / Off.11,8: 2 Pro-
pheten sterben in Jerusalem. Sach.12,10;14.1 / Hebr.12,22; Off.3.12;21,2
(b) Ausserhalb der Stadtmauern
Hebr.12,11-13
(c) Die Schädelstätte Golgatha, zwischen zwei Verbrechern
Jes.53,12 (Mk.15,28; Lk.22,37) Joh.19,17-19
(d) Jesus stirbt am Passahtag als Passahlamm
14.Nisan Ex.12 (AM/Verrat/Kreuz/Tod/Begraben an einem Tag!)
Mt.27,46,50,57; Mk.15.42
(e) Die Sonnenfinsternis
6 bis 19 Stunden. 12. - 15. / 3-fache Deutung:
- Sichtbare Demonstration der Sünde: Jes.9,19; 60,2
- Gerichtsankündigung über unbussfertiges Israel: Joel 3,4
- Hinweis auf Zeichen des Zornes Gottes: Mt.24,29; Off.6,12
- evtl. Zeichen der Abwendung des Vaters vom Sohn
(f) Das gewaltige Erdbeben / Oeffnen der Gräber
Joh.19,30 Siegesschrei --- Ostern miteinbezogen Mt.27,52f nach seiner
Auferstehung! Nur Oeffnung / Kreuz / Erscheinungen als Bestätigung – Je-
sus = Erstling (1.K.15,20-23) 1.Th.4,17; 1.K.15,50; 2.Kor.5,1 Auferste-
hung mit bes. Leib! / vgl. Henoch + Elia (Verklärungsauferstehung)
(g) Der Vorhang ist zerrissen
(Ex.26,31-34; 3.Mos.16) Mt.27,50f (Hebr.8,5; 2.Mos.25,9,40 Abbild
Hebr.9,11,24 Jesus ins himmlische Heiligtum eingegangen Rö.5,10;
Hebr.9,12,14) Hebr.10,20.

3.6.2. Die sieben Kreuzesworte

1. Lk.23,34: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie
tun!“
Jesu Fürbitte-Gebet für alle Henker und die ganze Menschheit. Im Urtext
lautet die Aussage: Pa/ter, a]fej au>toi~j, ou> ga\r oi]dasin ti/ poiou~sin

2. Lk.23,43: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im


Paradies sein“
Dies bezeichnet die erste Frucht seines Sterbens! Der Urtext lautet: >Amh/n
soi le/gw, sh/meron met' e>mou~ e]sh| e>n tw~| paradei/sw|.

3. Joh.19,26.27: „Frau, siehe, dein Sohn!“ (...) „Siehe, deine Mut-


ter!“
Die ausführliche Passage lautet: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine
Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Kleopas Frau und Maria
Magdalena. Als nun Jesus die Mutter sah und den Jünger, den er liebte, dabei-
stehen, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann spricht er zu
dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie
zu sich“ (Joh.19,25-27). Jesus bezieht sich darin auf die Sohnespflicht nach 217
Ex.20,12: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage lange
währen in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt.“ und Ex.21,17:
„Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, muss getötet werden“. Wer
dies vernachlässigte, musste mit dem Tod rechnen (Rabbinen!).
Gu/nai, i]de o< ui<o/j sou~| (...) ]Ide h< mh/thr sou.

4. Mt.27,46: „Eli, Eli, lema sabachthani?“


Der Vers im Zusammenhang lautet: „... um die neunte Stunde aber schrie
Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lema sabachthani? (Hli hli
lema sabaxcani;) Das heisst: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen? (Cee/ mou cee/ mou, i<nati/ me e>gkate/lipej;) Als aber einige von
den Umstehenden es hörten, sagten sie: Der ruft den Elia“ (Mt.27,46.47).
Mk.15,34.35: „... und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lema sabachthani?
was verdolmetscht ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und als einige der Dabei-
stehenden es hörten, sagten sie: Siehe, er ruft Elia“; Ps.22,2: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?“ (JíN^â>T:BáXa;Y HâMâL JiLeA JiLeA)
Damit spricht Jesus das eigentliche der Versöhnungstat an. Gott bestraft
Sünde mit Tod und dies im übertragenen Sinne, dass der Mensch von Gott
getrennt wird. Genau dies nahm Jesus am Kreuz stellvertretend auf sich! Er
erleidet Höllenqualen, ja wirklich die Hölle für die ganze Menschheit!

5. Joh.19,28: „Mich dürstet!“


Diyw~. In Ps.22,16 steht: “Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, und
meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und in den Staub des Todes legst du
mich“. Es kann hier aber auch von innerem Durst die Rede sein (Mt.9,36:
„Als er aber die Volksmenge sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie er-
schöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Oder
Joh.4,34-38: „Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen
tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe. Sagt ihr nicht: Es sind noch
vier Monate, und die Ernte kommt? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf
und schaut die Felder an, denn sie sind schon weiss zur Ernte. Der da erntet,
empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit beide, der da sät
und der da erntet, sich zugleich freuen. Denn hierin ist der Spruch wahr: Ein
anderer ist es, der da sät, und ein anderer, der da erntet. Ich habe euch gesandt
zu ernten, woran ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr seid
in ihre Arbeit eingetreten“. Hier spricht er vom Verlangen, Menschen zu ret-
ten.

6. Joh.19,30: „Es ist vollbracht!“


Tete/lestai*Der Siegesjubel des Erretters!

7. Lk.23,46: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!“


Im Urtext lautet die Stelle: Pa/ter, ei>j xei~ra/j sou parati/cemai to\
pneu~ma/ mou In Ps.31,6 steht: „In deine Hand befehle ich meinen Geist. Du
hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue!“ (JiC<WR DJiQ:PaA ªk:DàJ:*B).
3.6.3. Die bes. Bedeutung des Todes Jesu am Kreuz
218
Vgl. oben Pkt. 4.4.2. Stellvertretung; 4.4.3. Versöhnung; 4.4.4. Erlösung.
Dieses Kapitel wird noch ausgearbeitet.

3.6.4. Die Tatsächlichkeit seines Todes


Vergleiche hierzu die Ausführungen von Josh McDowell in „Die Bibel im
Test“, S.345: Die Ohnmachtstheorie (dort in Bezug auf die Auferstehung).

3.7 Jesu Grablegung

Rembrandt; Und legten ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war
Holztafel, 32,2 x 40,5 cm; um 1645; The University of Glasgow, Hunterian Museum

3.7.1. Die Prophezeiung in Jes.53,9


Die erstaunlichste und präziseste Prophetie zu Jesu Grablegung findet sich
in Jes.53,9: "Man bestimmte bei Gottlosen sein Grab, bei Reichen in seinem Tod,
obwohl er kein Unrecht beging und kein Trug in seinem Mund war." Im fol-
genden ein Auszug aus meiner Exegese von Jes.53,9:
"Nachdem sein Leben, Leiden und Tod mit Schande verbunden war, wird
in unserem Vers auch noch seine Bestattung damit verbunden. Der Knecht
erhielt sein Grab bei Gottlosen ('et-reschaim') und Verbrechern212, weil er
ja von seinen Mitmenschen so eingestuft wurde (V.4 und unten V.12). 219
Mit Delitzsch meine ich, dass der zweite Satzteil ohne Kommentar der ntl.
Erfüllungsgeschichte schlechthin nicht zu verstehen ist213. Zeitgeschichtlich
ergibt das "Grab bei Reichen" keinen Sinn, jedoch in Mt.27,57214, wird
ausdrücklich erwähnt, dass Joseph von Arimathia ein reicher Mann war.
Von da her ist eine Textveränderung von 'bemotaw' unnötig. Es kann als
intensiver Plural mit "in seinem Tod" übersetzt werden.
Dass die Grablegung auch zum Bekenntnis zugerechnet wurde, ist wohl
Folge von 1.Kor.15,3f: "Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich
auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der
Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am drit-
ten Tage nach der Schrift;" Henri Blocher schreibt dazu: "La mise au tom-
beau, dans toutes les cultures, est la sanction solennelle et publique de la
mort. Le Catéchisme de Heidelberg215 voit dans celle de Jésus la preuve de
sa mort. A.Kuyper, cependant, trouve la réponse insuffisante: il y voit une
supplémentaire humilitation; on peut y ajouter encore la sanctification de
toutes nos tombes. La sobriété des Evangiles n'en dit pas autant: l'intervalle
du séjour "dans le sein de la terre" (Mt.12,40) marque l'état de mort, et
comme une latence avant que lève la moisson du grain de blé."216
Die theologische Relevanz der Grablegung liegt darin, dass der Gläubige
nach Kol.2,12217 mitbegraben wurde.
Was nennt uns die Bibel für Auswirkungen des "mit begraben-Seins"? Ar-
min Mauerhofer nennt zwei Folgen:
- "Wir sind dem "Leib des Fleisches" gegenüber gestorben, als wir mit Chris-
tus starben und begraben wurden. Wir dürfen uns den "Lüsten des Flei-
sches" gegenüber für gestorben halten."218
- "Der "Leib des Fleisches" hat seine herrschende Stellung in meinem Leben
verloren, als ich mit Christus starb." (a.a.O.,S.77).
Berkhof (S.340) erwähnt einen Gedanken, der hier in besonderer Weise
berücksichtigt werden muss: "Man's returning to the dust from which he is
taken, is represented in Scripture as a part of the punishment of sin,
Gen.3,19." Als Christus für uns begraben wurde und wir mit ihm, da nahm
er die Folge der Sünde, das "zu-Staub-werden" auf sich. Die Frage bleibt

212
North, aaO.S.241.
213
aaO.S.549.
214
Mt.27,57-60: "Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hiess Josef und war auch ein
Jünger Jesu. 58 Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn ge-
ben. 59 Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch 60 und legte ihn in sein eige-
nes neues Grab, welches er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen grossen Stein vor die Tür
des Grabes und ging davon".
215
"Frage 41: Warum ist er begraben worden? Damit wird bezeugt, dass er wirklich gestorben ist.
(1.Mose 3,19: Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest,
davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.)"
216
Blocher Henri, "christologie" (fac étude / deuxièmme fascicule), Vaux-sur-Seine 1986, S.256.
217
Kol.2,12"Mit ihm wurdet ihr begraben in der Taufe und in ihm auch mitauferweckt durch den Glau-
ben an die Wirksamkeit Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat."
218
Ich bin mir nicht so sicher, ob wir die theologische Bedeutung des "mit-begraben-Seins" einfach dem
"mit-gestorben" gleichsetzen dürfen. Sicher sind aber alle Konsequenzen des Mitgestorben-Seins auch hier
in diesem Bild mit angesprochen.
aber, weshalb die Gläubigen dieses Ereignis immer noch erleben müssen,
220 wenn wir doch mit ihm begraben worden sind. Wir können dies nur erklä-
ren, wenn wir auch das Begrabenwerden als Teil der Erniedrigung Christi
sehen (Vgl. Ps.16,10; Ag.2,27.31; 13,34.35). "Consequently also the burial
of Jesus forms a part of His humilitation. His burial, moreover, did not me-
rely serve to prove that Jesus was really dead, bat also to remove the terrors
of the grave for the redeemed and to sanctify the grave for them."219
Zum Schluss dieses Abschnittes wird nun noch die absolute Sündlosigkeit des Knechtes festgehalten. Er
wurde verachtet und getötet, obwohl ('al' leitet hier einen Konzessivsatz ein (GK§160c).) er gerecht war
(V.11). Beides wird ausgesagt, sowohl dass er in seinem Tun gerecht war (d.h. dass er nicht gewalttätig
handelte und niemand bedrückte ('lo chamas asa'), als auch in seinen Worten. "Dieser hat nichts Ungezie-
mendes getan" stellt der Schächer fest (Lk.23,41) und auch die Sündlosigkeit im Reden Jesu wird im NT
bestätigt (vgl.Joh.8,46).
Mk.15,14: Pilatus aber sprach zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Aber sie schrien noch viel mehr:
Kreuzige ihn! / Joh.18,38f: Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er
wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 39 Es besteht aber die
Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König
der Juden losgebe? Joh.19,4-6: Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn
heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Und Jesus kam heraus und trug
die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch! 6 Als ihn
die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige! kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen:
Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.

3.7.2. Theologische Konsequenzen


1) Verschiedene Schriftstellen werden dadurch erfüllt; u.a. Jes.53,9;
Mt.12,40 (das Gleichnis von Jona im Bauch des Fisches) u.a.
2) Die Wahrhaftigkeit seines Todes soll deutlich gemacht werden. Er ist
tatsächlich gestorben.
3) Es ist ein weiterer Schritt in Jesu Erniedrigung.
4) Er nimmt unserem Grab den Schrecken, indem er das Grab zum
Durchgangsort zur Auferstehung macht.
5) Wir sind mit ihm begraben worden!
Kol.2,11.12: "In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung,
die nicht mit Händen geschehen ist, sondern im Ausziehen des fleischlichen Leibes,
in der Beschneidung des Christus, mit ihm begraben in der Taufe, in ihm auch
mitauferweckt durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den
Toten auferweckt hat".
Röm.6,4: "So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe in
den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die
Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln".
6) Damit bekam der Gläubige ein anderes Verhältnis zur Welt, zur Sün-
de und zum eigenen EGO. Der alte Mensch starb und damit der Zwang
zur Sünde ("non posse non peccare").

3.7.3. Die Lehren, die wir aus Jesu Begräbnis ziehen können
Sie sind ebenfalls zahlreich:220

219
Berkhof L., "Systematic Theology", Grand Rapids 1941, S.340.
220
Vgl. hierzu die Ausführungen von David Dickson, "Matthew", S.403f.
1) Wenn Schande und Leiden zu Ende sind, dann beginnt zu einem gewis-
sen Grad die Herrlichkeit, wie Gott hier durch die ehrbare Grablegung ver- 221
deutlicht.
2) Die Gnade macht keine Unterscheidung zwischen arm und reich, son-
dern heiligt Reichtum und Armut zum eigenen Nutzen.
3) Die Liebe zu Jesus fürchtet keine Benachteiligung, noch schämt sie sich
eines geringen Dienstes für den Herrn.
4) Im Leben und Sterben hält sich Jesus an das Gesetz. Und auch als er vom
Kreuz genommen wird, geschieht dies auf offizielle Anordnung des Pilatus
hin.
5) Gott sorgt so für Jesu Begräbnis, dass eindeutig feststeht, dass er von den
Toten auferstanden ist.
6) Je eifriger Menschen für Gott sind, desto mehr beachtet er diese, wie das
Beispiel der Frauen zeigt.
7) Echte Liebe wird sich nie von Christus distanzieren, in welchem Zustand
er auch immer ist oder sich uns darstellt.

Das Begräbnis Christi (Berkhof, S.46)


Auf den ersten Blick sche