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1.

Mentalismus und
die Internalismus/Externalismus-Debatte
1.1. Die Lokalisierung und Faktorisierung intentionaler Inhalte
Ein zentrales Charakteristikum mentaler Reprsentationen ist zwar
mehrfach angesprochen, bislang aber nicht eingehender thematisiert
worden: Mentale Reprsentationen sind nach der Standardauffassung
wesentlich interne, und das heißt intra-mentale Reprsentationen. Der
Kognitivismus, wie er anhand von Fodors Theorie mentaler Reprsenta-
tion vorgestellt wurde, ist eine paradigmatische Version des Internalismus.
Wenn der Kognitivismus in Form einer globalen internalistischen Kon-
zeption des Geistes auftritt, ist von Mentalismus zu sprechen.1 Ein Grund
fr die jahrzehntelang anhaltende philosophische Attraktion des Menta-
lismus ist, dass er das traditionelle erkenntnistheoretische Grundproblem
der Beziehung zwischen Geist und Welt naturalistisch reformuliert. Die
skeptische Frage nach der Mçglichkeit von mentaler Reprsentation an-
gesichts der mçglichen (systematischen) Inexistenz reprsentierter Objekte
interpretiert der Mentalismus grundstzlich naturalistisch, nmlich als
Frage nach den natrlichen Bedingungen erfolgreicher Reprsentation.
Unter Absehung des metaphysischen Problems der Existenz einer Au-
ßenwelt ist eine Reprsentation genau dann als erfolgreich zu bezeichnen,
wenn sie einen Inhalt hat und dieser Inhalt fr das Reprsentationssystem
eine empirisch zu bestimmende und/oder verhaltensrelevante kognitive
Funktion erfllt. Der Mentalismus ist eine Form des Internalismus, sofern
er behauptet, dass die internen (intra-mentalen) Strukturen und Vor-
kommnisse eines Reprsentationssystems die notwendigen und hinrei-
chenden Bedingungen der (erfolgreichen) Reprsentation extra-mentaler
Gegebenheiten festlegen.
In einer ersten Annherung lsst sich das Gegensatzpaar ,intern/extern‘
als die konzeptuelle Grunddichotomie charakterisieren, die einem Bndel
von erkenntnis- und bedeutungstheoretischen Positionen zu einer um-

1 Zum positiv konnotierten Begriff des Mentalismus (in Abgrenzung zum Beha-
viorismus) beim frhen Fodor siehe Fodor 1968, 55 ff. Vgl. auch G. McCullochs
Unterscheidung zwischen Mentalismus und Kognitivismus (McCulloch 2003,
93).

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256 III. Internalismus und Externalismus

fassenden naturalistischen Theorie mentaler Reprsentation zugrunde liegt


und seit den 1970er-Jahren bis heute die analytische Philosophie des
Geistes entscheidend prgt.2 So meinen manche auch, dass man allein
mittels dieser Dichotomie die zahlreichen Varianten zeitgençssischer
Theorien der Intentionalitt im Wesentlichen getreu kategorisieren kçn-
ne.3 Ihre erkenntnistheoretische Schlagkraft gewinnt die Internalismus/
Externalismus-Debatte jedenfalls als eine Diskussion darber, welche
Faktoren als jene Grnde interpretiert werden kçnnen, die berzeugungen
ber die Welt rechtfertigen, welche Grnde welche berzeugungen
rechtfertigen und nach welchen Kriterien die Individuation von ber-
zeugungen beschrieben werden soll. Der Aspekt der Individuation ge-
rechtfertigter berzeugungen verweist auf die Frage, welche gegebenenfalls
miteinander konkurrierenden berzeugungen einer Person bzw. welche
berzeugungen welcher Individuen gerechtfertigt sind. Die Frage betrifft
einerseits die Relation einzelner berzeugungen (evtl. verschiedener In-
dividuen) untereinander, andererseits ihren Bezug auf mçgliche Grnde
fr das Haben bzw. Fr-wahr-Halten einer berzeugung.
Erkenntnistheoretisch gesehen, ist also die Internalismus/Externalis-
mus-Debatte eine Auseinandersetzung darber, wo die Faktoren der Be-
zugnahme auf mçgliche Grnde fr die Wahrheit einer berzeugung zu
lokalisieren sind: Sind sie innerhalb des epistemischen Prozesses der
Rechtfertigung, in der kausalen Geschichte des kognitiven Kontexts eines
Individuums oder in der Umwelt, auf die sich berzeugungen beziehen,
also außerhalb dieses kognitiven Kontextes eingebettet? Internalisten und
Externalisten streiten um die richtige Interpretation der Semantik von
berzeugungen ber die Welt, indem sie entweder zu bestimmen versu-
chen, welche Faktoren die Wahrheitsbedingungen bzw. den Wahrheitswert
von berzeugungen oder welche Faktoren den tatschlichen Bezug zwi-
schen berzeugungen und der Welt festlegen.4 Je nachdem, auf welchen
Aspekt der Schwerpunkt in der Diskussion gelegt wird, muss man un-
terscheiden zwischen der Frage nach den Faktoren fr die epistemische
Rechtfertigung von berzeugungen und jener nach den Faktoren, die fr die
semantische Bezugsbestimmung verantwortlich sind. Mit Rcksicht auf diese

2 Fr eine philosophiehistorische Kontextualisierung siehe u. a. Schantz 2004 und


Fellmann 2004, 143 – 145.
3 Vgl. etwa Nelkin 1988, 275.
4 Fr einen Beitrag, der diese beiden Fragestellungen verknpft, siehe Horgan/
Tienson/Graham 2004.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 257

Unterscheidung kann man von epistemologischem oder semantischem


Internalismus bzw. Externalismus sprechen.5
Der epistemologische Internalist geht zunchst davon aus, dass die
berzeugungen einer Person genau dann gerechtfertigt sind, wenn diese
Person tatschlich ber direkte Evidenzen fr die Wahrheit ihrer ber-
zeugungen verfgt oder zumindest potenziellen Zugang zu den epistemi-
schen Kriterien hat, die eine berzeugung wahr machen. Die Kriterien der
Rechtfertigung einer berzeugung mssen der Person, die diese ber-
zeugungen hat, entweder intern verfgbar oder zumindest prinzipiell ko-
gnitiv zugnglich sein.6 Die Kriterien der Rechtfertigung sind nach in-
ternalistischer Ansicht – und das macht diese Position berhaupt zu einem
Internalismus – wesentlich solche epistemischen Kriterien, die dem ko-
gnitiven Prozess der Rechtfertigung intern sind. Epistemologische Exter-
nalisten argumentieren dagegen, dass die kognitive Struktur der Recht-
fertigung von berzeugungen bzw. ihre epistemische Zugnglichkeit keine
Rolle bei der Bestimmung der Wahrheit oder Falschheit einer berzeu-
gung spielt. Was eine berzeugung wahr macht, ist eine Frage dessen,
welche Relation zwischen einem mentalen Zustand und einem Zustand der
Welt besteht.

5 Die Internalismus/Externalismus-Diskussion ist freilich wesentlich komplexer, als


es die Unterscheidung zwischen semantischen und erkenntnistheoretischen Posi-
tionen erfasst. Neben den im Folgenden zu behandelnden ist eine wichtige Dif-
ferenzierung etwa C. McGinns Unterscheidung zwischen schwachen und starken
Versionen des (semantischen) Externalismus, wonach nmlich der schwache Ex-
ternalismus lediglich die These impliziert, dass die Existenz und die Individua-
tionsbedingungen eines gegebenen mentalen Zustands von der Existenz irgend-
eines nicht- bzw. extra-mentalen Vorkommnisses abhngen (eine These, die fr
McGinn trivialerweise wahr ist), whrend der starke Externalismus die spezifi-
schere These ist, dass die Existenz und die Individuationsbedingungen eines ge-
gebenen mentalen Zustands (kausal) abhngig sind von einem nicht-mentalen
Vorkommnis in der relevanten Umgebung des Trgers des betreffenden mentalen
Zustands (siehe McGinn 1989, 7). Verschiedene weitere hilfreiche Typologisie-
rungen finden sich u. a. bei Bruns/Soldati 1994; Schantz 2004; Farkas 2003a,
2008b; Brown 2008; Goldberg 2008 und A. D. Smith 2008a. Eine sehr gute, auch
philosophiehistorisch informierte, allgemeine Darstellung findet sich bei Row-
lands 2003a. Aus der Kombination zwischen der semantischen und epistemolo-
gischen Problematik resultiert ferner das Internalismus/Externalismus-Problem in
Bezug auf Selbstwissen bzw. Selbstkenntnis. In diesem Zusammenhang sind die
Bezeichnungen ,Individualismus‘ bzw. ,Anti-Individualismus‘ gelufiger (vgl. etwa
Burge 1979; 1986; 1988); siehe dazu ausfhrlich unten, Kap. III. 3.1.
6 Dementsprechend kann man auch starke und schwache Positionen innerhalb des
epistemologischen Internalismus unterscheiden, siehe dazu Schantz 2004, 6.

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258 III. Internalismus und Externalismus

Der Fokus der semantischen Internalismus/Externalismus-Debatte liegt


auf der Bestimmung des Inhalts propositionaler Einstellungen bzw.
mentaler Zustnde. Man spricht deshalb auch gelegentlich von ,content-
internalism/externalism‘.7 Die Diskussion geht auf H. Putnams mittler-
weile klassischen Aufsatz The Meaning of „Meaning“ (Putnam 1975) zu-
rck. Was in der semantischen Diskussion in Frage steht, ist primr nicht,
was berzeugungen rechtfertigt, sondern vielmehr, was ihren semanti-
schen Gehalt bzw. ihren Bezug bestimmt. Die Frage ist also, was es so-
zusagen macht, dass eine berzeugung eine berzeugung ber einen be-
stimmten Sachverhalt ist, und wie diese Korrelation spezifiziert werden
kann. Die semantische Debatte ist eine Auseinandersetzung darber, was
die propositionalen Einstellungen eines Individuums qua berzeugungen
ber etwas Bestimmtes bzw. gegenber anderen Personen, die auch pro-
positionale Einstellungen haben kçnnen, die unter Umstnden sich auf
denselben Sachverhalt beziehen, individuiert. Diese Frage ist wiederum
identisch mit der Frage, was den semantischen Inhalt mentaler Zustnde
determiniert. Semantische Internalisten und Externalisten teilen typi-
scherweise die metatheoretische Annahme, dass es diese Problemformu-
lierung ist, die auch eine naturalistisch plausible Theorie der Intentionalitt
zu lçsen htte.
Wenn man nun auch nur ein wenig mit den sprachphilosophischen
und linguistischen Grundeinsichten seit Beginn des 20. Jahrhunderts
vertraut ist, mag einer der zentralen Streitpunkte in der Auseinanderset-
zung zwischen Internalisten und Externalisten rund um die Frage, wo denn
die semantisch relevanten Inhalte reprsentationaler Zustnde zu lokali-
sieren seien, grundstzlich verkehrt erscheinen. So hat bereits G. Ryle, einer
der frhesten Protagonisten der modernen Philosophie des Geistes und
Begrnder der sogenannten ordinary language philosophy, vor den philo-
sophischen Tcken gewarnt, die der gewçhnliche Gebrauch der meta-
phorischen Wendung vom ,Im-Kopf/Geist-Sein‘ mit sich bringt:
Wenn Leute die Wendung „im Geiste“ gebrauchen, so drcken sie gewçhnlich
auf eine besonders vornehme Art genau dasselbe aus, was wir allgemein mit der
wenig irrefhrenden Metapher „im Kopf“ ausdrcken. Der Ausdruck „im
Geiste“ kann und sollte immer vermieden werden. Seine Verwendung ge-
wçhnt seine Benutzer an die Ansicht, der Geist sei ein merkwrdiger „Ort“,
dessen Einwohner Gebilde ganz besonderen Ranges sind. […] die Bettigung
geistiger Fhigkeiten [findet] nur durch Zufall „im Kopf“ (im gewçhnlichen
Sinn dieses Ausdrucks) statt, […] und die, die dort stattfinden, [haben] keinen
besonderen Vorzug vor jenen, die anderswo vor sich gehen. (Ryle 1949, 47)

7 Vgl. u. a. Rowlands 2003a, 97 ff.; Schantz 2004, 13 ff.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 259

Dessen ungeachtet erwecken bis heute zahlreiche Aufsatztitel und Kapi-


telberschriften in der betreffenden Diskussion (wie etwa „Sind Bedeu-
tungen im Kopf ?“ (Searle 1983, Kap. 8) oder „Locating Meaning in the
Mind (Where it Belongs)“ (Jackendoff 2006)) den Anschein, als wrde es
sich dabei lediglich um die treffende Lokalisierung von symbolischen Be-
deutungstrgern im Netz kognitiver Bezugnahme – und nicht um die
richtige Interpretation ihrer Semantik – handeln.8 In der Tat ist eines der
Hauptprobleme der Diskussion, dass oft nicht klar ist, ob es um die Frage
nach der Lokalisierung der reprsentationalen Eigenschaften von mentalen
Zustnden – d. i. ihrer bedeutungstragenden Komponenten – oder viel-
mehr um die Frage geht, wo wir sozusagen nach den Faktoren suchen
sollen, die den semantischen Inhalt dieser Zustnde – also ihre Bedeutung –
determinieren.9
In diesem Zusammenhang hat M. Rowlands eine hilfreiche Unter-
scheidung vorgeschlagen, nmlich jene zwischen der Location Claim und
der Possession Claim (vgl. Rowlands 2003, 14 – 18).10 Die erste Behauptung
bezieht sich auf die Lokalisierung mentaler Einzelvorkommnisse in Rela-
tion zum (Kçrper des) Subjekt(s), dem sie zukommen bzw. in dem sie
realisiert sind. Ist man Internalist, so bejaht man, ist man Externalist, so
verneint man die These, wonach nmlich mentale Einzelvorkommnisse
identisch sind mit Einzelvorkommnissen, die innerhalb (des Kçrpers) eines
Subjekts vorkommen, oder wonach jene durch diese konstituiert bzw.
individuiert werden. (Rowlands weist brigens auch darauf hin, dass die
These, dass mentale Vorkommnisse berhaupt eine rumliche Stelle ein-
nehmen (possession of spatial location), sehr wohl kompatibel ist mit der
post-cartesianisch motivierten Zurckweisung der (cartesianischen) An-
nahme einer Art grundstzlichen rumlichen Lcke, die der Geist in der
Ontologie der Welt einnehme (lack of spatial occupation); vgl. Rowlands
2003a, 14.) Die zweite Behauptung, die Possession Claim, lsst die Frage
nach der Lokalisierung mentaler Einzelgegenstnde außen vor. Sie betrifft
vielmehr die Frage nach den Bedingungen der Mçglichkeit des ,Besitzens‘
mentaler/semantischer Inhalte und Eigenschaften durch ein Subjekt.11 Die

8 G. Abel geht sogar so weit, den semantischen Internalismus als die „Kopf-These“, im
Gegensatz zur externalistischen „Welt-These“, zu etikettieren (Abel 2004, 62).
9 Vgl. Schwarz 2007, 146. Siehe dazu auch Farkas 2003a.
10 Siehe auch Rowlands 2003a, 135. Zur Lokalisierungs-These vgl. auch die Dar-
stellung bei McGinn 1989 (insbes. Kap. 1).
11 Siehe dazu auch K. Farkas’ These, wonach „the point of externalism is not really
about the individuating facts being inside or outside the skin.“ (Farkas 2003a, 188).
Fr Farkas ist daher das entscheidende Kriterium, ob jemand Internalist oder

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260 III. Internalismus und Externalismus

These bejaht oder verneint (je nachdem, ob man Internalist oder Exter-
nalist ist), dass der Besitz mentaler Inhalte und Eigenschaften eines Sub-
jekts von Bedingungen bzw. Faktoren abhngt, die dem betreffenden
Subjekt extrinsisch sind. ,Extrinsisch‘ heißt hier, dass die Faktoren in keiner
Weise von Entitten (Eigenschaften, Zustnden, Ereignissen etc.) abhn-
gen, die dem Subjekt intern sind. Zu beachten ist, dass diese Abhngigkeit
keine kausale Dependenz ist, sondern vielmehr die Relation zwischen
mentalen Instanzen und deren Individuationskriterien betrifft. Die Ab-
hngigkeit, die zwischen mentalen Instanzen eines Subjekts und den
Faktoren innerhalb oder außerhalb (des Kçrpers) dieses Subjekts besteht,
legt also die Individuationsbedingungen der betreffenden mentalen Ein-
zelvorkommnisse (und nicht deren kausale Konstitutionsbedingungen) fest
(vgl. Rowlands 2003a, 17).
Neuerdings hat man diesbezglich auch von der factorizing-strategy
gesprochen (Williamson 2006, 291). Die Faktorisierungsstrategie beruht
auf der Annahme, dass es mçglich sei, die semantischen Determinanten
mentaler Zustnde in interne und/oder externe Faktoren aufzuspalten. Die
Demarkationslinie zwischen semantischen Internalisten und Externalisten
bildet dementsprechend die Liste jener Faktoren, welche die jeweiligen
Theorien fr die Determination der reprsentationalen Inhalte mentaler
Zustnde angeben.
Semantische Internalisten vertreten also die These, dass alle relevanten
Faktoren, die den Inhalt von mentalen Reprsentationen festlegen – also
das, was sie von anderen mentalen Reprsentationen, aber auch von an-
deren nicht-mentalen Formen von Reprsentationsbeziehungen unter-
scheidet –, einem Reprsentationssystem immanent sind. Der immanente
Inhalt mentaler Reprsentationen, um dessen semantische Interpretation es
in der Diskussion geht, wird blicherweise als enger Inhalt (narrow content)
bezeichnet. Eine internalistische Auffassung des Mentalen geht davon aus,
dass eine adquate Beschreibung des engen Inhalts mentaler Zustnde
weder von der faktischen Beschaffenheit der Welt noch vom physikalischen
oder sozialen Setting, in das diese Zustnde eingebettet sind, noch auch
vom Vorhandensein irgendwelcher Objekte der Bezugnahme abhngt.

Externalist ist, die subjektive Ununterscheidbarkeit (subjective indistinguishability)


der betreffenden (kognitiven) Situation von Individuen. Ein Internalist behauptet
demnach, dass subjektiv ununterscheidbare mentale Zustnde keinerlei (kognitiv/
epistemisch, semantisch etc.) relevanten Unterschied in der Geist/Welt-Relation
machen, whrend der Externalist dies leugnet; vgl. Farkas 2003a, 196 f. und
2003b, 156.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 261

Man formuliert diesen Sachverhalt auch oft als Supervenienzthese, wonach


der enge Inhalt mentaler Zustnde (allein) auf Faktoren superveniert, die
dem mentalen Zustand und/oder dem Subjekt, das den jeweiligen men-
talen Zustand instanziiert, intrinsisch sind. Der Inhalt eines mentalen
Zustandes qua enger Inhalt steht demnach in keinerlei metaphysischem
Dependenzverhltnis zu irgendwelchen Faktoren, die dem mentalen Zu-
stand extrinsisch sind.12 Was genau ist nun dieser Inhalt?
Die semantische Struktur des engen Inhalts eines mentalen Zustandes
wird blicherweise anhand der semantischen Analogie mit der Intension
eines Ausdrucks oder Satzes analysiert. Mit Intensionen bezeichnet man
seit Frege bekanntlich den ,Sinngehalt‘ eines Ausdrucks bzw. eines Satzes
im Unterschied zu seinem Sachbezug, d. i. seinem Referenzobjekt bzw.
dem Sachverhalt, auf den sich ein Satz bezieht. Nach der fr die
Internalismus/Externalismus-Debatte relevanten Standarddefinition von
R. Carnap13 ist die Extension eines singulren Ausdrucks das jeweilige
konkrete Individuum, auf das sich der Ausdruck bezieht, und die Extension
eines Satzes (wie auch bei Frege) sein Wahrheitswert. Demgegenber ist die
Intension eines singulren Terminus eine Funktion, die die Relation
zwischen dem jeweiligen Verwendungskontext eines sogenannten „indi-
viduellen Konzepts“ und dessen Referenten regelt, und die Intension eines
Satzes eine (modallogische) Funktion, die die Wahrheitsbedingungen einer
Proposition in jeder mçglichen Welt festlegt (wobei Propositionen bei
Carnap objektive, nicht-mentale und außersprachliche Entitten sind)
(vgl. Carnap 1947, insbes. 25 ff., 39).14
Die betreffende Analogie zwischen der Intension und dem engen Inhalt
intentionaler Zustnde bezieht sich auf den Aspekt der Interpretation des
jeweiligen Bezugs. Der enge Inhalt stellt den Bezug einer mentalen Re-
prsentation dar und wird von Internalisten analog zu dem intensionalen
Kontext gedeutet, auf den sich eine propositionale Einstellung bezieht.
Intensionale Kontexte sind Kontexte, in denen die Substitution koexten-
sionaler Prdikate oder Propositionen salva veritate – quasi ohne episte-

12 Eine hilfreiche Diskussion der metaphysischen Supervenienzformulierung der


Internalismus/Externalismus-Debatte (und eine Kritik der Unterscheidung zwi-
schen internalistischer und externalistischer Bestimmung von Bezugnahme entlang
kausaler Depedenzverhltnisse) findet sich bei Wilson 2004, 77 ff. Zur Superve-
nienzformulierung siehe auch Braddon-Mitchell/Jackson 2007, 237 ff.
13 Es ist nmlich Carnaps Intensions- und nicht Freges Sinn-Konzept, das im dis-
kursbegrndenden Aufsatz Putnam 1975 das Hauptaugenmerk der Kritik bildet.
Zu Carnaps entsprechender Abgrenzung von Frege siehe Carnap 1947, 124 ff.
14 Siehe dazu auch Putnam 1975, 85 ff.

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262 III. Internalismus und Externalismus

mische Abschlge – nicht mçglich ist.15 Der intensionale Kontext einer


Aussage legt die Wahrheitsbedingungen einer propositionalen Einstellung
fest. Wenn der Wahrheitswert eines Satzes nicht von den Extensionen der
semantisch relevanten Teile/Teilausdrcke festgelegt wird, spricht man
auch von intensionalen Stzen. Analog zu intensionalen Kontexten und
Stzen legt dem Internalisten zufolge der enge Inhalt eines mentalen Zu-
standes seine aktuelle Referenz fest – ohne Rcksicht auf das faktische
Vorliegen intentionaler Objekte bzw. das Bestehen von Sachverhalten. So
hat beispielsweise meine berzeugung, dass ich mich in Reykjavk befinde,
und meine berzeugung, dass ich mich in der Hauptstadt Islands befinde,
einen unterschiedlichen (engen) Inhalt, je nachdem, was ich ber den Ort,
an dem ich mich befinde, weiß bzw. welche berzeugung ich mit der
jeweiligen Aussage auszudrcken beabsichtige. Die Intension meiner
berzeugung ist relativ zum okkasionellen und epistemischen Kontext, in
den diese berzeugung eingebettet ist. Die intensionalen Kontexte, auf die
sich die beiden Propositionen jeweils beziehen, haben nicht notwendig
denselben (epistemischen) Umfang. Die Extension der beiden Proposi-
tionen ist freilich auch nach Ansicht der Internalisten identisch. Die (ex-
tensionale) Menge aller mçglichen – zutreffenden – Bezge ist das, was der
,weite Inhalt‘ (broad content) einer berzeugung genannt wird. Der weite
Inhalt ist durch die endliche Menge der Gegenstnde, Eigenschaften und
Ereignisse festgelegt, die bestehen, wenn meine berzeugung wahr ist, also
durch ihren extensionalen Kontext.
Es ist hierbei wichtig zu beachten, dass der Internalist nicht notwendig
(und typischerweise auch tatschlich nicht) behauptet, dass der enge Inhalt
eines mentalen Zustandes die Wahrheitsbedingungen einer Proposition
selbst festlegt bzw. seinen Wahrheitswert eindeutig bestimmt, sondern
lediglich, dass er den aktuellen Bezug einer propositionalen Einstellung aus
der Menge aller mçglichen Gegenstnde und Sachverhalte, auf die ein
Term referiert oder eine Proposition zutrifft, herausgreift. Der enge Inhalt
eines mentalen Zustandes korrespondiert hierbei dem Einstellungsmodus
einer propositionalen Einstellung. Er bildet den Inhalt einer propositio-
nalen Einstellung als eine bestimmte Einstellung zu einer Proposition.
Der Standard-Internalismus, der die Existenz von weitem extensio-
nalem bzw. wahrheitsfhigem Gehalt mentaler Zustnde nicht leugnet,
basiert auf der Unterscheidung zweier verschiedener Inhalte intentionaler
Zustnde. Jeder intentionale Zustand hat dieser Auffassung zufolge zwei
Inhaltskomponenten (nmlich eine enge bzw. eine weite Komponente), die

15 Siehe dazu mehr unten, Kap. III. 2.4.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 263

in jeder Realisierung eines intentionalen Zustandes koinstanziiert sind. Bei


dieser Konstruktion stellt sich freilich die Frage, welche der beiden In-
stanzen nun fr die Bedeutungsfestlegung relevant ist. Wie kann ein in-
tentionaler Zustand zwei unterschiedliche, semantisch relevante Instanzen
besitzen? Der Lçsungsvorschlag des Internalisten besteht darin, relativ zum
Zwecke der Erklrung und entsprechend den beiden Inhaltskomponenten
zwei Typen von intentionalen Zustnden zu konstruieren. Der epistemische
Umfang intentionaler Zustnde ist also sozusagen keine fixe Grçße, das
heißt, intentionale Zustnde sind nicht von sich aus weit oder eng. Dieser
Umfang ist vielmehr eine Eigenschaft, die diesen Zustnden relativ zur
Heuristik der Analyse solcher Zustnde, zugeschrieben wird. Jener Typ von
Zustand, der nach internalistischer Auffassung fr die Individuation der
engen Inhalte relevant ist, wird als ,enger‘, whrend jener Typ, der festlegt,
worauf sich dieser Inhalt bezieht, als ,weiter Zustand‘ konstruiert.
Die Individuationsbedingungen enger bzw. weiter Zustnde und enger
bzw. weiter Inhalte hngen jeweils wesentlich zusammen. Fr die Indivi-
duation enger mentaler Zustnde sind allein die engen, fr jene der weiten
Zustnde allein die weiten Inhalte bestimmend. Umgekehrt sind die engen
bzw. weiten Inhalte zweier mentaler Zustnde genau dann identisch, wenn
sie Inhalte zweier gleicher enger bzw. weiter Zustnde sind. Zwei enge
intentionale Zustnde sind also genau dann gleich (wiewohl nicht not-
wendig token-identisch), wenn ihr enger Gehalt identisch ist und das heißt,
wenn sie von zwei identischen oder funktional vçllig gleichen Subjekten
instanziiert werden und der Inhalt sich auf dasselbe Objekt in derselben
Weise bezieht, wobei das Bezugsobjekt nicht existieren muss. Und zwei
Zustnde haben dann denselben weiten Inhalt, wenn dieser Inhalt auf
dasselbe real-existierende den jeweiligen Subjekten extrinsische Objekt
referiert, wobei die zwei Zustnde weder Zustnde desselben Subjekts noch
zweier funktional vçllig gleicher Subjekte sein mssen (wiewohl sie dies
freilich sein kçnnen).
Nach dem internalistischen Modell von Bezugnahme beziehen sich
also zwei Personen (oder eine Person zu verschiedenen Zeitpunkten) genau
dann auf dasselbe, wenn sie sich im gleichen Typ von engem mentalen
Zustand mit demselben engen Inhalt befinden. Das heißt: Wenn Peter und
Paul zwei (funktional) identische Typen von mentalen Zustnden in-
stanziieren und sich auf dasselbe in derselben Weise beziehen, sind ihre
engen mentalen Zustnde gleich und haben entsprechend denselben
(engen) Inhalt. Ob nun das Referenzobjekt, auf das sie sich beziehen,
identisch oder verschieden ist, spielt fr die internalistische Bestimmung
des engen Inhalts keinerlei Rolle.

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264 III. Internalismus und Externalismus

Intentionalitt ist nach dem internalistischen Modell von Bezugnahme


also eine (eng konstruierte) Relation zwischen mentalen Zustnden und
ihren Inhalten. Diese inner-mentale Relation ist nun genau das, was man
blicherweise als mentale Reprsentation bezeichnet. Eine mentale Re-
prsentation ist demnach eine eng konstruierte intentionale Relation. Und
umgekehrt: Intentionalitt ist eine intrinsische Eigenschaft mentaler Re-
prsentationen. (Zu beachten ist, dass das nicht gleichbedeutend ist mit der
These, dass Intentionalitt eine intrinsische Eigenschaft von Bewusst-
seinszustnden ist.) Dass Intentionalitt eine intrinsische Eigenschaft
mentaler Reprsentationen ist, heißt semantisch gesehen, dass deren re-
ferenzielle Kraft dem intensionalen Kontext der propositionalen Einstel-
lung eines Individuums intern ist. Entsprechend ist Bedeutung (Intension)
nach dieser Auffassung eine Funktion im Netz der mentalen Reprsenta-
tionen eines Individuums. Diese Funktion legt – unabhngig von der
Funktion der Wahrheitswerte einer Proposition und der Kenntnis ihrer
Wahrheitsbedingungen – auch die Referenz einer propositionalen Ein-
stellung fest. Semantisch gesprochen: Intension ist eine Funktion, die die
Extension bestimmt. Analog ist der enge Inhalt mentaler Zustnde eine
Funktion, welche die Referenz einer mentalen Reprsentation bestimmt.
Internalistisch ist diese Auffassung insofern, als das Netz mentaler Re-
prsentationen dem jeweiligen Reprsentationssystem selbst intern ist. Der
Zustand der Welt, auf den sich eine berzeugung bezieht, und die
berzeugung qua mentaler Zustand selbst sind demzufolge nur zwei re-
lationale Pole mentaler Reprsentationsprozesse, die in einem, in sich
geschlossenen intentionalen System intern abgebildet werden. Der aktuelle
Globalzustand eines Reprsentationssystems – d. i. die interne (kompu-
tationale/funktionale) Anordnung seiner mentalen Reprsentationen – ist
der enge Zustand des Systems. Internalisten behaupten nun, dass man fr
intentional-psychologische Erklrungen einzig diese engen psychischen
Zustnde untersuchen muss, denn sie sind es allein, die den engen Inhalt
mentaler Zustnde individuieren, und dieser Inhalt wiederum legt die
jeweilige Referenz der Zustnde fest.
Man spricht in diesem Zusammenhang zuweilen auch davon, dass
propositionale Einstellungen opak sind. Dass propositionale Einstellungen
opak sind, heißt, dass der in ihnen jeweils reprsentierte semantische
Gehalt bzw. die Proposition, auf die Bezug genommen wird, allein mit
Rekurs auf den intensionalen Kontext von Sprechern korrekt interpre-
tierbar ist. Das Charakteristikum der Opakheit propositionaler Einstel-
lungen weist auch auf einen wichtigen Unterschied zwischen mentalen und
nicht-mentalen Reprsentationen hin. Whrend man bei nicht-mentalen

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 265

Reprsentationen die relevante (konventionelle) Regel kennen muss,


welche die Beziehung zwischen Reprsentant (etwa einer Fahne) und dem
Reprsentandum/Referenten (etwa einem Staat) herstellt, reicht es bei
mentalen Reprsentationen zu wissen, welche mentale Reprsentation
gerade instanziiert ist. Wenn man weiß, welche mentale Reprsentation
instanziiert ist, wenn ein Subjekt eine propositionale Einstellung hat, weiß
man, auf welche bestimmte Propositionen und auf welchen ihrer Aspekte
sich die Einstellung bezieht. Nachdem nun ein Subjekt, das etwas mental
reprsentiert, die mentale Reprsentation quasi jederzeit intern zur Ver-
fgung hat, besitzt es automatisch die Erfllungsbedingungen seiner
propositionalen Einstellung. Der Internalist folgert daraus, dass es hin-
reichend ist, sich in einem mentalen Zustand zu befinden oder den engen
Zustand eines Individuums zu kennen, um die Referenz einer intentio-
nalen Bezugnahme zu erfassen.
So hat etwa J. Searle, selbst Vertreter des Internalismus16, diesen als die
These charakterisiert, dass „es sich Geisteszustnden im Kopf eines Spre-
chers und Hçrers – dem Geisteszustand des Erfassens einer abstrakten
Entitt bzw. schlicht des Habens eines gewissen intentionalen Gehalts –
verdankt, daß der Sprecher und Hçrer verstehen, worauf sich die
sprachlichen Ausdrcke beziehen“ (Searle 1983, 248). Den Internalismus,
den Searle propagiert, kçnnte man entsprechend seiner Version des Na-
turalismus auch ,biologischen Internalismus‘ nennen. Dieser versucht das
Problem aufzulçsen, dass wir einerseits Intentionalitt natrlichen Re-
prsentationssystemen (wie organischen Gehirnen) intrinsisch zuschreiben
mssen, damit die Systeme Reprsentationen als Bedeutungen interpre-
tieren kçnnen, andererseits diese intrinsischen Zustnde des Gehirns ir-
gendwie einen Bezug zur Außenwelt herstellen mssen kçnnen, sollen die
Reprsentationen berhaupt eine Referenz haben. Oder mit den Worten
Putnams – gegen den sich ja Searles Internalismus in erster Linie wendet:
„Wie kann das Denken nach außen greifen und das ußere erfassen?“
(Putnam 1981, 16). Putnam weist in seiner eingehenden Kritik am Ko-
gnitivismus neben Fodors internalistischer auch Searles Theorie der Be-
deutungskonstitution und mentaler Reprsentation zurck, nmlich als
„ein[e] seltsam[e] metaphysisch[e] Darstellung […], die davon handelt,

16 Internalistische Philosophen des Geistes sind gegenber externalistischen heute


brigens deutlich in der Unterzahl – die wichtigsten neueren systematisch inter-
nalistischen Beitrge sind Segal 2000, Farkas 2008b und Mendola 2008. Gem-
ßigtere Verteidigungen des Internalismus finden sich etwa auch in Crane 2001,
117 ff. und Braddon-Mitchell/Jackson 2007, 237 ff.

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266 III. Internalismus und Externalismus

wie sich die Sprache an der Welt festhakt“ (Putnam 1988, 65).17 Bei Searle
liest sich das so:
Fr […] Intentionalitt sind kausale und andere natrliche Formen der Be-
ziehung zur wirklichen Welt nur insofern von Belang, als sie eine Einwirkung
auf das Hirn […] haben, und nur diejenigen Einwirkungen sind von Belang,
die Intentionalitt […] hervorrufen. Irgendeine Form des Internalismus muß
stimmen […]. Außer dem Hirn haben wir nichts, womit wir uns selbst die
Welt reprsentieren kçnnten, und alles, was wir benutzen kçnnen, muß sich
im Hirn befinden. Jede berzeugung, die wir haben, muß auch ein Lebewesen
haben kçnnen, das ein Hirn im Topf ist – denn genau das sind wir ja alle: ein
Hirn im Topf. Der Topf ist ein Schdel, und die hereinkommenden „Bot-
schaften“ kommen durch Einwirkungen auf das Nervensystem herein. (Searle
1983, 286)
Dem searleschen Bild zufolge sind sowohl die Konstitutionsbedingungen
geistiger Zustnde als auch die Determinanten ihrer Inhalte (der Bedeu-
tungen) und das spezifische Medium, in dem die Zustnde realisiert
werden, in den Aktivitten des biologischen Gehirns lokalisiert. Demnach
werden geistige Zustnde kausal verursacht, nmlich durch die selektiven
Aktivitten des Nervensystems bzw. des Gehirns, wobei die geistigen
Zustnde in der (biochemischen) Struktur von Gehirnaktivitten realisiert
sind. Searle versucht durch seinen biologischen Internalismus in erster
Linie das klassisch-dualistische Dilemma zu lçsen, wonach geistige Zu-
stnde und Ereignisse entweder keine kausal-relevante Funktion haben und
also naturalistisch gesehen quasi ,ontologisch verpuffen‘, oder aber nicht
nach dem herkçmmlichen naturgesetzlich-physikalischen Schema der
Verursachung beschrieben werden kçnnen – in welchem Fall sie, wiederum
aus der Sicht naturalistischer Beschreibung, zu irgendwelchen mysteriçsen
Entitten degradiert werden mssen (vgl. Searle 1983, 328). Doch durch
biologische Lokalisierung allein ist weder das Rtsel einer nicht-kausalen
Kraft intentionaler Bezugnahme aus der Welt geschafft (noch auch der
identittstheoretische Physikalismus widerlegt.) Das vermeintliche Rtsel
der „magischen Verbindung“ zwischen einer intrinsischen, quasi intern
„eingebauten“ Kraft intentionaler Bezugnahme (Putnam 1981, 20) und
dem, worauf diese sich richtet, ihrem Bezugspunkt, bleibt freilich auch in
dieser internalistischen Fassung des Problems weiterhin bestehen. Mehr
noch, Searles biologischer Internalismus ist genau jene Art der Konzep-

17 Vgl. dazu auch Putnam 1988, 190, Anm. 2.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 267

tualisierung des Verhltnisses von Geist und Welt, welche internalistischen


Intentionalittstheorien erst ihre magische und rtselhafte Aura verleiht.18

1.2. Bedeutungen im Kopf (I):


Methodologische Solipsisten und modale Zwillinge

Die konzeptuelle Unterscheidung zwischen engen und weiten mentalen


Zustnden hat ursprnglich Putnam in seinem bahnbrechenden Aufsatz
The Meaning of „Meaning“ (Putnam 1975) in Umlauf gebracht. Putnam
fhrt die Unterscheidung mit einem kritischen Impetus ein. Er zielt darauf
ab zu zeigen, dass die internalistische Konstruktion von engen mentalen
Zustnden auf einer grundstzlich irrigen Annahme bezglich der Epis-
temologie psychischer Zustnde basiert, die er bekanntlich „methodolo-
gischen Solipsismus“ nennt. Putnam zufolge nimmt der methodologische
Solipsist an, dass man fr die Analyse psychischer Zustnde keine Indi-
viduen voraussetzen muss außer genau demjenigen Individuum, dessen
psychischer Zustand Gegenstand der psychologischen Analyse ist. In einer
streng cartesianischen Fassung dieser Version des Solipsismus msste es
sogar logisch mçglich sein, von jeglichen Setzungen abzusehen, die im-
plizieren, dass psychische Zustnde im Kçrper/Gehirn einzelner Indivi-
duen realisiert sein mssen. In Putnams Wortlaut:
[…] der methodologische Solipsismus [geht] davon aus, daß kein psychischer
Zustand im eigentlichen Sinne die Existenz irgendeines Individuums vor-
aussetzt außer dem Subjekt, dem dieser Zustand zugeschrieben wird. (Tat-
schlich lautet die Annahme sogar, daß ein psychischer Zustand nicht einmal
die Existenz des Kçrpers des Subjektes voraussetzen drfte […].) (Putnam
1975, 28)
Sofern der semantische Internalist psychische Zustnde eng konstruiert,
folgt nach Putnam eo ipso die Annahme des methodologischen Solipsis-

18 Siehe dazu auch die treffende Kritik an Searles biologistisch-internalistischer In-


tentionalittstheorie bei Mohanty 1989b, 101 ff. Mohanty bemerkt ganz zu Recht
eine gewisse Spannung zwischen Searles Naturalismus und seinem Intentionalis-
mus: „[There is a] tension in Searle’s theory of intentionality. On the one hand,
intentionality is taken by him to be naturalistically caused, while at the same time
the very idea of causation is being intentionalized. Naturalizing intentionality and
intentionalizing causality go together in his thinking. But the result is neither
naturalism nor intentionalism.“ (Mohanty 1989b, 103) Vgl. auch die Searle-Kritik
bei Bilgrami 1989 und Houghton 1997. Zu Putnams Gehirn-im-Tank-Argument,
auf das Searle hier reagiert, siehe genauer unten, Kap. IV. 5.

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268 III. Internalismus und Externalismus

mus. Fr den Internalisten qua methodologischer Solipsist ist die Kenntnis
einzelner, eng individuierter psychischer Zustnde hinreichend fr die
Angabe dessen, wovon diese Zustnde handeln. Das heißt: Die Identitt
der mit einem Begriff assoziierten mentalen Reprsentation legt die
Identitt des Bezugs des jeweiligen Begriffes fest.19 Der internalistischen
Konzeption von Bezugnahme zufolge ist es also hinreichend, die Indivi-
duationsbedingungen der einzelnen mentalen Reprsentation zu bestim-
men, die mit einem Wort, Begriff etc. verknpft sind, um den Bezug des
jeweiligen Wortes, Begriffes etc. zu eruieren. Die Individuationsbedin-
gungen selbst werden durch die syntaktisch oder operational evaluierbare
Anordnung der mentalen Reprsentationen untereinander (innerhalb eines
Systems) festgelegt.20
Fodor hat nun Putnams Charakterisierung des methodologischen
Solipsismus positiv aufgegriffen und als eine sinnvolle Heuristik fr den
Kognitivismus als psychologisches Forschungsprogramm vorgeschlagen
(Fodor 1980). Fodor geht es nicht darum zu zeigen, dass der Solipsismus
der einzig richtige Rahmen fr eine Beschreibung intentionaler Bezug-
nahme ist oder dass der Solipsismus tout court eine wahre Theorie des
Geistes ist (vgl. Fodor 1980, 303).21 Worauf Fodor vielmehr hinauswill, ist,
dass wir bei der Etablierung einer wissenschaftlichen Psychologie inten-

19 Zu beachten ist, dass dieser Auffassung zufolge die Identitt der mentalen Re-
prsentationen einzelner Subjekte, Sprecher oder Reprsentationssysteme nicht
nur die jeweilige Bedeutungsgleichheit im Sinne einer lokalen Intension festlegt;
sie impliziert auch die strkere These, wonach aus der Identitt einzelner mentaler
Reprsentationen eine globale Bedeutungsgleichheit gleichsam ber die episte-
mischen Grenzen einzelner Sprecher/Systeme bzw. ber alle modalen Kontexte la
Carnap – d. i. ber intensionale Kontexte in jeder mçglichen Welt – hinweg folgt.
Siehe dazu Putnam 1988, 54: „Sicher sttzen sich die kalklmßigen Modelle des
Geists/Gehirns weitgehend auf die Vorstellung der Verarbeitung von Reprsen-
tationen, doch zu bedenken ist, daß [sie] sich […] nicht mit der Behauptung
bescheide[n], daß wir mit Hilfe von mentalen Reprsentationen denken.“ Nach
Putnam sind zwei weiter reichende Thesen kennzeichnend fr den semantischen
Internalismus: 1.) „Es ist fr diese Theorie wesentlich, daß es beim Thema Be-
deutungsgleichheit um Identitt und Verschiedenheit dieser Reprsentationen geht,
und daß wir mit der Aussage, zwei Wçrter htten die gleiche Bedeutung bzw.
verschiedene Bedeutungen, im Grunde behaupten, daß sie mit der gleichen
mentalen Reprsentation verknpft sind“, und 2.) „daß es Identitt und Ver-
schiedenheit der assoziierten mentalen Reprsentationen sind, die bestimmen, ob
sich zwei Wçrter auf dieselben Dinge beziehen oder nicht.“ (Putnam 1988, 84)
20 Siehe dazu oben, Kap. II. 1.
21 Vgl. Haaparanta 1994, 212: „The point of [Fodor’s methodological solipsism] is
not to affirm solipsism but to proceed as if it were true.“

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 269

tionaler Zustnde eine naturalistische cum externalistische Bestimmung der


Relation zwischen Begriffen und (externen) Objekten außen vor lassen
sollten. Auch wenn die Relation zwischen einem intentionalen Zustand
und einem Referenzobjekt eine nicht rein interne Relation zwischen
mentalen Zustnden und engen Inhalten sein mag und es eine rein na-
turalistische, externalistische Bestimmung von Referenzverhltnissen
prinzipiell geben mag – zum Zwecke einer naturalistischen Psychologie
kçnnen, ja sollten wir auf eine naturalistische Definition solcher seman-
tischen Begriffe wie Referenz und Wahrheit einfach verzichten. Metho-
dologisch ist diese Version des Solipsismus insofern, als sie zum einen von
der tatschlichen Implementierung intentionaler Zustnde und zum an-
deren von deren Bezug zur faktischen Welt referenzieller Gegenstnde
absieht.
Putnam hat auf diesen Vorschlag, den methodologischen Solipsismus
fr eine wissenschaftlich-psychologische Beschreibung mentaler Repr-
sentationen unter Absehung ihrer referenziellen Determinanten zu reser-
vieren, in seinem Buch Reprsentation und Realitt (Putnam 1988) wie-
derum kritisch reagiert. Er gesteht Fodor zwar zu, dass es hinsichtlich einer
naturalistisch-psychologischen Erklrung heuristisch gesehen sinnvoll sein
mag, sich mit der Analyse der Inhalte enger psychischer Zustnde zu be-
scheiden und diese Analyse getrennt von der Analyse des weiten Inhalts zu
verfolgen. Wenn Fodors komputationalistische Theorie mentaler Repr-
sentationen zutreffen sollte, wrde uns eine solche Analyse einen interes-
santen Beitrag zum „Verstndnis der Funktionsweise des Gehirns“ liefern.
Doch selbst wenn sich seine Theorie empirisch verifizieren ließe, was
Putnam allerdings bezweifelt, wrde sie nichts zu einer Bedeutungstheorie
im eigentlichen Sinne beitragen. Nach Putnam verwechselt Fodor einfach
das Thema, wenn er meint, dass seine „empirische Theorie ber die
Funktionsweise des menschlichen Geistes“ eine „Begriffsanalyse des Be-
griffs der Bedeutung“ liefere (Putnam 1988, 89).22
Fodor wiederum sieht sich keiner Themenverwechslung schuldig: Er
meint, dass es zwar durchaus kein Zufall ist, dass das semantische Problem,
wie Intensionen sich zu Extensionen verhalten, strukturell analog zu dem
psychologischen Problem ist, wie sich der weite Inhalt zu den engen
psychischen Zustnden (die er als komputational implementierte Zustnde
fasst) verhlt. Er gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass – trotz dieser
strukturellen Analogie – ein fundamentaler Unterschied im Erklrungs-
anspruch zwischen der bedeutungstheoretischen Frage nach der (exten-

22 Vgl. auch Putnam 1988, 70 f.

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270 III. Internalismus und Externalismus

sionalen) Bezugsbestimmung in allen mçglichen Welten und einer ver-


nnftigen und praktikablen Bestimmung der relevanten psychologischen
Gesetze und der ihnen zugrunde liegenden empirisch verifizierbaren
Mechanismen vorliegt (vgl. Fodor 1994, 23 ff.). Wenn wir es also auf eine
brauchbare und verlssliche kognitive Psychologie absehen, sollten wir uns
lediglich auf eine nomologische Beschreibung dessen konzentrieren, was
innerhalb faktischer psychischer Systeme vor sich geht, wenn sie in einer
intentionalen Relation zu ihrer Umwelt stehen.
Der semantische Externalismus, wie ihn Putnam in The Meaning of
„Meaning“ (Putnam 1975) vertritt, ist zunchst eine kritische Reaktion auf
die Annahme des methodologischen Solipsismus. Die zentrale These des
semantischen Externalismus lsst sich zunchst in zwei Behauptungen
gliedern: 1.) Mentale Reprsentationen sind nicht mit Bedeutungen
gleichzusetzen und 2.) sie legen nicht den Bezug (die Extension) eines
Terms fest. Putnam geht bei seiner Kritik von zwei traditionellen An-
nahmen aus, die seiner Ansicht nach der internalistischen Auffassung von
Bedeutungsfestlegung zugrunde liegen, nmlich:
(I) Um einen Ausdruck zu verstehen, muß man sich einfach in einem bestimmten
psychischen Zustand befinden […].
(II) Die Bedeutung eines Ausdrucks (im Sinne von ,Intensionen‘) bestimmt seine
Extension (d. h. aus Intensionsgleichheit folgt Extensionsgleichheit). (Putnam
1975, 27)
Putnams Ziel ist zu zeigen, dass diese beiden Annahmen nicht zugleich wahr
sein kçnnen. Wren beide Annahmen jeweils wahr und miteinander
kompatibel, wrde die internalistische These folgen, wonach die Kenntnis
des psychischen Zustands fr die Kenntnis der Extension ausreichte bzw.
(interne) psychische Zustnde den (externen) Bezug festlegten.23 ,Festle-
gen‘ meint hier das Angeben der notwendigen und hinreichenden Be-
dingungen fr das Vorliegen eines Referenzobjektes.24 Nach Putnam sind
diese beiden Annahmen jedoch nicht kompatibel und mithin das Vorliegen
eines psychischen Zustandes zwar eine notwendige Bedingung fr die
Instanziierung von Bedeutung, doch weder das Sich-Befinden in einem
psychischen Zustand noch die Kenntnis seiner internen Konstituenten sind
hinreichende Bedingungen fr die Angabe von Referenz. Der semantische
Externalist behauptet damit weder, dass (II) falsch, noch, dass es die psy-

23 Zu beachten ist, dass ein Internalist (qua methodologischer Solipsist la Fodor)


nicht zwangslufig diese These vertreten muss.
24 Vgl. Stegmller 1987, 357.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 271

chischen Zustnde, von denen in (I) die Rede ist, nicht gebe.25 These (II)
bleibt auch bei Putnam aufrecht – in einem gewissen Sinn von ,Bedeutung‘
bestimmt auch nach Ansicht des semantischen Externalisten die Bedeutung
den Bezug26 –, doch wird das Konzept der Bedeutung selbst als etwas
gefasst, das nicht durch den psychischen Zustand eines individuellen
Sprechers (oder durch intensionale Funktionen, wie etwa bei Carnap)
bestimmt ist.
Im Lichte der Ausfhrungen zum methodologischen Solipsismus las-
sen sich die zwei Grundannahmen, die Putnam aufs Korn nimmt, fol-
gendermaßen genauer explizieren:
(1) Ein Subjekt/System S bezieht sich auf x genau dann, wenn S sich in
einem Zustand des Typs Z befindet und Z einen Inhalt y hat, der in der
Relation R zu x steht.
(2) R ist eine funktionale Relation zwischen einem Zustand Z von S und x
(mit dem semantischen Inhalt y).
Diese zwei Annahmen bilden den Kern jener Version des Internalismus, die
paradigmatisch ein methodologischer Solipsist la Fodor vertritt. Nach
dieser Version ist die Relation R zwischen S und x eine Funktion einer
mentalen Reprsentation (MR) innerhalb von S und die Bedeutung (y), im
Sinne des engen Inhalts mentaler Zustnde, eine funktionale Relation
(etwa ein komputational spezifizierter Algorithmus bzw. ein symbolver-
arbeitender Prozess) zwischen einem physikalischen Vorkommnis von MR
und x, und zwar wiederum eine Relation innerhalb von S. Daraus ergibt
sich ferner:
(3) Immer wenn sich S im Zustand des Typs Z (mit der Bedeutung y)
befindet, gibt es eine MR, die die Funktion hat, x anzuzeigen (wobei
jeder MR ein physikalisches Einzelvorkommnis oder eine physikalisch
spezifizierbare Funktion innerhalb von S entspricht bzw. MR auf einem
physikalischen Zustand superveniert).27
Nach Putnam liegen einer solchen (reduktionistischen und/oder funk-
tionalistischen) Version des Internalismus wiederum die folgenden An-

25 Putnam bestreitet brigens ebenso wenig, dass es so etwas wie mentale Repr-
sentation berhaupt gibt, vgl. Putnam 1988, 54.
26 Siehe Putnam 1975, 63 und 95.
27 Je nachdem, ob man das (Supervenienz-)Verhltnis als eine Entsprechung zwischen
Typen von MR und physikalisch spezifizierbaren Funktionen oder aber als Ent-
sprechung zwischen Einzelvorkommnissen von MR und physikalischen Einzel-
vorkommnissen fasst, ist zwischen den sogenannten Typen- und Token-Theorien zu
differenzieren.

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272 III. Internalismus und Externalismus

nahmen zum Zusammenhang zwischen Bedeutungserfassung und Be-


zugsfestlegung zugrunde:
(4) Der Bezug einer mentalen Reprsentation ist das, was ein Subjekt
erfasst, wenn es eine mentale Reprsentation hat.
(5a) Was ein Subjekt derart erfasst, korrespondiert eindeutig mit seinem
psychischen Zustand (im engen Sinn).
(5b) Wenn zwei Subjekte sich in dem gleichen (engen) psychischen Zu-
stand befinden, beziehen sie sich auf dasselbe.
Nun folgt aus den Annahmen (4)–(5b) die Konklusion:
(K) Der psychische Zustand eines Subjekts im engen Sinn legt die Referenz
seiner mentalen Reprsentation fest.
Diese (bedeutungstheoretische) These lsst sich epistemologisch auch so
formulieren:
(K*) Wenn man weiß, in welchem psychischen Zustand sich jemand be-
findet – d. i. wenn man aufgrund der (internen) Individuationskri-
terien weiß, wie der psychische Zustand individuiert bzw. welcher
jeweilige Zustand gerade instanziiert ist –, dann weiß man, worauf
sich seine mentale Reprsentation bezieht.
Das maßgebliche Argument, mit dem Putnam die Prmissen (4) und (5) zu
entkrften versucht und damit einhergehend sowohl das funktionalistisch-
reduktionistische Schema, das sich in (1) – (3) ausdrckt, als auch die in-
ternalistischen Kernthesen (K 1) und (K 2) zurckweist, bildet sein be-
rhmtes Zwillingserde-Gedankenexperiment. Das modaltheoretische
Szenario soll zeigen, dass es mçglich ist, dass zwei Sprecher mit a.) iden-
tischem physikalischem Design (d. h. bei denen smtliche physikalische
Einzelvorkommnisse und deren (funktionale) Relationen identisch sind),
b.) jeweils identischen engen psychischen Globalzustnden und c.) mit den
gleichen Typen mentaler Reprsentationen auf unterschiedliche Gegen-
stnde Bezug nehmen. Ist das der Fall, kann weder der (enge) psychische
Zustand die Referenz (den weiten Inhalt), noch kçnnen die physikalischen
Vorkommnisse und deren Relationen innerhalb (des Gehirns) eines In-
dividuums die (kognitiv relevanten) Inhalte seiner psychischen Zustnde
bestimmen. Wenn das Argument also stichhaltig ist, dann ist sowohl die
internalistische Auffassung der Referenzfestlegung als auch der Interna-
lismus in Bezug auf die Konstitution intentionaler Inhalte widerlegt (und
die sogenannte lokale Supervenienzthese in Bezug auf mentale Zustnde

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 273

zumindest als falsch oder zumindest als unzureichend fr die Erklrung der
Individuation mentaler Zustnde und deren Inhalte erwiesen28).
Putnam geht bei der Beschreibung des Szenarios von zwei quasi
identischen (mçglichen) Welten aus, in denen es fr alle Sprecher in jeder
operational relevanten (kognitiven, physikalischen etc.) Hinsicht ein
identisches Duplikat und zudem zwei identische Sprachen mit denselben
grammatikalischen, syntaktischen etc. Regeln gibt. Der einzige winzige
Unterschied zwischen den zwei Welten W1 und W2 ist, dass in W1 Wasser
aus H2O besteht, whrend in W2 Wasser zwar in jeder phnomenalen
(Oberflchen-)Eigenschaft, die fr einen Sprecher kognitiv und verhal-
tensmßig relevant und erkennbar ist, identisch ist (wie Durchsichtigkeit,
Geschmack, olfaktorische Qualitt, flssiger Aggregatzustand etc.), jedoch
nicht die chemische Zusammensetzung H2O, sondern XYZ hat. Die Frage
ist nun, was es heißt, dass ein Sprecher mit dem Term ,Wasser‘ auf genau
denjenigen Gegenstand Bezug nimmt, dessen natrliche (chemische) Be-
standteile in unserer faktischen Welt (hier: W1) H2O sind, wenn er etwa
den Satz ußert: ,In diesem Glas ist Wasser‘. Die Frage ist also, wann eine
Referenz-Relation zwischen einem sogenannten natrlichen Prdikat
(„natural-kind term“, vgl. Putnam 1975, 34) wie ,Wasser‘ und der soge-
nannten natrlichen Art, der dieser Term in jeder mçglichen Welt ent-
spricht, besteht bzw. ob sich beide Sprecher tatschlich auf die natrliche
Art Wasser beziehen oder nicht. Putnam meint mit dem Gedankenexpe-
riment zeigen zu kçnnen, dass, wenn ein Sprecher in W1 und sein iden-
tisches Duplikat in W2 den Satz ußern ,In diesem Glas ist Wasser‘, sie sich
zwar in demselben psychischen Zustand befinden – weil beide auf etwas
Bezug nehmen, das aus der Perspektive der Sprecher gesehen identisch ist –, sie
aber de facto nicht auf denselben Gegenstand Bezug nehmen. Kurz, nur der
Sprecher in W1 referiert erfolgreich auf Wasser.
Dass der Term ,Wasser‘ nur dann erfolgreich bzw. tatschlich auf
Wasser referiert, wenn er auf H2O referiert, heißt nach Putnam nicht, dass
die Terme ,Wasser‘ und ,H2O‘ notwendig synonym sind oder immer
synonym verwendet werden mssen. ,Wasser‘ und ,H2O‘ sind zwei
mçgliche Beschreibungen ein und derselben extensionalen Menge von
Gegenstnden in der Welt, aber nicht notwendig Beschreibungen mit

28 Die lokale Supervenienzthese besagt grob, dass mentale Zustnde (inkl. ihrer
Inhalte) auf der physikalischen (Mikro-)Struktur des Trgers dieser Zustnde (bzw.
seines Gehirns) supervenieren. Siehe dazu auch Segal 2000, 8 f. Zu Putnams – auf
dem semantischen Externalismus basierender – Kritik der Supervenienztheorie
siehe Putnam 1999, 102 ff.

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274 III. Internalismus und Externalismus

derselben (intensionalen) Bedeutung (in derselben Welt). So kann man mit


,Wasser‘ (qua H2O) etwa auf Regentropfen am Bordstein oder auf die
Luftfeuchtigkeit referieren. Beide Bezugsgegenstnde setzen sich ja etwa in
der gegebenen faktischen Welt aus H2O zusammen, die beiden Beschrei-
bungen sind also (extensional) quivalent, sofern sie beide korrekt sind, sie
sind jedoch nicht synonym. Der semantische Externalist bestreitet also
keineswegs, dass es mehrere unterschiedliche, jeweils korrekte Beschrei-
bungen eines Gegenstandes gibt. Was er jedoch bestreitet, ist, dass die
Extension selbst aus der Menge aller (korrekten) Beschreibungen (oder der
Beschreibung, die ein Sprecher jeweils mit einem Term verbindet) bestehen
wrde.29 Vielmehr legt umgekehrt die extensionale Menge der Bezugsge-
genstnde die Menge der korrekten Weisen der Bezugnahmen/Beschrei-
bungen fest (vgl. Putnam 1975, 53 ff., 95).
Es herrscht ein breiter Konsens darber, dass Putnam mit seinem
Zwillingserde-Gedankenexperiment auf eine wichtige Schwche interna-
listischer Konzeptionen von Bedeutung aufmerksam gemacht hat:30 Wenn
die Bedeutung unserer mentalen Zustnde vollstndig durch die Be-
schreibung ihres jeweiligen intensionalen Kontextes festgelegt bzw. se-
mantisch relevante mentale Inhalte allein durch intra-mentale Faktoren
bestimmt werden wrden, so msste man jederzeit mit der Mçglichkeit
einer von der Außenwelt gleichsam referenziell abgekoppelten Welt
mentaler Inhalte rechnen. Mit anderen Worten: Die internalistische
Theorie der Bedeutungsbestimmung ist jederzeit mit der Mçglichkeit
kompatibel, dass jemand mentale Zustnde hat, denen systematisch und
buchstblich nichts in der (Außen-)Welt entspricht, wobei diese Zustnde
(qua Glaubens- oder Einstellungszustnde) selbst dann einen semantischen
Inhalt htten. Auch wenn dieses cartesianische Szenario durchaus denkbar
ist – und, wie wir sehen werden, vom semantischen Externalismus la
Putnam im eigentlichen Sinn nicht widerlegt werden kann31 –, so scheint
der Internalismus angesichts dieses Szenarios zumindest als Erklrung
dessen, wie Glaubenszustnde sich auf etwas (anderes als auf sich selbst)

29 In diesem Sinne ist der semantische Externalismus der sog. Beschreibungstheorie


der Referenz ( la Russell und Frege) entgegengesetzt. Siehe dazu auch Wilson
2004, 82 f.
30 Freilich mangelt es nicht an Kritikern; einer der prominentesten semantischen
Anti-Externalisten ist Searle. Zu Searles eingehender, kritischer Diskussion des
Zwillingserde-Arguments siehe Searle 1983, 250 ff. Eine gute Sammlung wichtiger
Kritiken findet sich in Pessin/Goldberg 1996. Siehe auch die ausfhrliche Kritik
bei Segal 2000, 24 f. und 126 ff.
31 Siehe dazu unten, Kap. IV. 5.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 275

referenziell erfolgreich beziehen und, vor allem, wann sie sich korrekt be-
ziehen, vçllig ungeeignet zu sein. Was externalistische Zwillingserde-Sze-
narien demgegenber zeigen, ist, dass, selbst wenn der mentale Zustand, in
dem sich ein Individuum und sein Doppelgnger befinden, hinsichtlich
aller kognitiv und verhaltensmßig relevanten Faktoren identisch ist, die
Zustnde der beiden Individuen qua Wissenszustnde sich (unter Um-
stnden) sehr wohl unterscheiden kçnnen. Sie unterscheiden sich nmlich
je nachdem, ob und wie die betreffenden Zustnde durch faktisch vor-
liegende Objekte bzw. zutreffende Sachverhalte gerechtfertigt sind oder
nicht. In einem spteren Text hat Putnam diese epistemologische Konse-
quenz pointiert formuliert:
Das Wissen hat zwar eine (reine) geistige Zustandskomponente, aber es gibt
auch eine Komponente, die in keinem Sinn geistig ist, nmlich die, die der
Bedingung entspricht, daß das, was ein Mensch glaubt, nur dann Wissen ist,
wenn seine berzeugung wahr ist. Ich befinde mich nicht im „Zustand“ des
Wissens, daß Schnee weiß ist, sofern ich mich nicht im geeigneten reinen
Geisteszustand befinde, doch das Befinden im geeigneten reinen Geisteszu-
stand ist nie und nimmer hinreichend fr ein Wissen, daß Schnee weiß ist – die
Welt muss ebenfalls mitmachen. (Putnam 1981, 66)
Der weite Inhalt mentaler Zustnde qua Wissenszustnde ist nach exter-
nalistischer Auffassung wahrheitsabhngig. Wissenszustnde in diesem
Sinne sind weite Zustnde und sie sind es nach Putnam auch, auf die es
ankommt, wenn man wissen will, worauf sich ein Term tatschlich bezieht
oder wovon eine berzeugung handelt, wenn sie gerechtfertigt ist.32 Das
heißt: Die Erfllungsbedingungen einer referenziellen Bezugnahme und
die Wahrheitsbedingungen einer berzeugung werden nicht allein durch
den intensionalen Kontext oder den engen Inhalt psychischer Zustnde
bestimmt.
Der semantische Externalist behauptet also, dass eine erfolgreiche
Bestimmung der Extension eines bestimmten Terms nicht vçllig unab-
hngig von den Eigenschaften sein kann, welche der Bezugsgegenstand, auf
den ein Term referiert, tatschlich aufweist. Worauf der Term ,Wasser‘
referiert, ist nicht durch das festgelegt, was sich innerhalb von Referenz-
systemen oder innerhalb einzelner Sprecher abspielt, sondern ob eine bzw.
welche Relation zwischen einem Sprecher/Referenzsystem und der fakti-

32 Im Hintergrund dieser berlegung steht folgende grundlegende Voraussetzung


Putnams: „Extension [ist] unauflçslich mit Wahrheit verknpft; x gehçrt genau
dann zur Extension eines Prdikates F, wenn ,x ist ein F‘ wahr ist.“ (Putnam 1975,
49)

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276 III. Internalismus und Externalismus

schen Welt besteht. Terme referieren nicht je nachdem, ob die Verknp-


fung einer mentalen Reprsentation mit der Intension, die ein Sprecher
ausdrcken will, die adquate ist oder nicht, und auch nicht dadurch, dass
jemand einfach bestimmte Intentionen hat (mit denen etwas Bestimmtes
ausgedrckt werden soll). Terme referieren nach Putnam vielmehr je
nachdem, ob die jeweils angewandten Prdikate mit den Aspekten der
(natrlichen) Beschaffenheit der faktischen Welt in der geeigneten (kau-
salen) Relation stehen oder nicht. – So weit, so gut. Doch zeigen kon-
trafaktische Flle missglckter Bezugnahme auf sogenannte natrliche
Arten, wie sie in Zwillingserde-Szenarien vorliegen, dass der Internalismus
als eine psychologische Erklrung intentionaler Zustnde falsch ist bzw. dass
der Internalismus als methodologischer Solipsismus versagt?
Fr Fodor stellen Zwillingserde-Szenarien keine ernsthafte Bedrohung
fr den methodologischen Solipsismus als eine Heuristik fr eine psy-
chologische Theorie mentaler Zustnde dar. Das Zwillingserde-Modell
zeigt, dass zwei Vorkommnisse intentionaler Zustnde einem identischen
Typ physikalischer Implementierung korrespondieren kçnnen. Wenn
solche Szenarien plausibel sind, so zeigen sie, dass die physikalische
Identitt der zugrunde liegenden Mechanismen intentionaler Zustnde
und der darin realisierten engen Inhalte fr die Identitt der Referenz dieser
Zustnde nicht hinreichend ist. Wenn man – wie Putnam – Bedeutung als
Teil der Referenz fasst, so zeigt die Mçglichkeit von Zwillingserde-
Szenarien, dass zwei intentionale Zustnde mit derselben internen Im-
plementierung sich auf verschiedene externe Gegenstnde beziehen kçn-
nen und folglich die interne Implementierung fr die Festlegung von
Bedeutung nicht hinreichend ist. Zwillingserde-Szenarien zeigen also, dass
der semantische Internalismus hinsichtlich der Referenzfestlegung nicht
stimmen kann – nicht jedoch, dass eine internalistische Konzeption des
Mentalen fr eine psychologisch informative Beschreibung intentionaler
Bezugnahme insgesamt unbrauchbar sei.
Nun finden sich bei Putnam selbst Hinweise darauf, dass mindestens
zwei Interpretationen seines Arguments mçglich sind: Das Gedankenex-
periment zeigt entweder, dass natrliche Prdikate wie ,Wasser‘ – struk-
turell analog zu indexikalischen Ausdrcken wie ,ich‘, ,hier‘ etc. – in un-
terschiedlichen modalen oder intensionalen Kontexten (mçglicherweise)
verschiedene Extensionen, aber die gleiche Bedeutung haben.33 Damit

33 Putnam unterscheidet zwar die Extension von natrlichen Prdikaten und Aus-
drcken im Allgemeinen von der sog. „Extensionsfunktion“ von indexikalischen
Ausdrcken, wie ,ich‘ etc. Eine Extensionsfunktion ist „eine Funktion, die in jedem

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 277

wrde man die These aufgeben, wonach Bedeutung Extension bestimmt


oder mit dieser gleichzusetzen wre. Oder aber man konstruiert den Zu-
sammenhang zwischen Unterschieden in der Bedeutung und Unter-
schieden in der Extension als einen wesentlichen (oder ,starren‘). Dieser
Konstruktion zufolge wrde jeder Extensionsunterschied ipso facto einen
Bedeutungsunterschied nach sich ziehen. Man kçnnte dann trivialerweise
auch umgekehrt verschiedenen Bedeutungen verschiedene Extensionen
zuordnen und diese Zuordnung so interpretieren, dass die Bedeutung eines
Terms seine Extension bestimmt. Doch msste man nach Putnam je-
denfalls die mentalistische Vorstellung aufgeben, dass Bedeutungsunter-
schieden auch ein Unterschied in den psychischen Zustnden entsprche
oder dass eine solche weitere Zuordnung zu unterschiedlichen psychischen
Zustnden den Bedeutungsunterschied erklren wrde. Oder anders: Man
msste die Annahme aufgeben, dass eine Interpretation von individuellen
Meinungszustnden von sich aus Aufschluss ber die Zuordnung ver-
schiedener Extensionen zu verschiedenen Termen geben wrde. Die In-
tentionen eines einzelnen Sprechers legen nicht von sich aus die Extension
eines Terms fest.
Beide Interpretationen sttzen jedenfalls die semantische Kernthese des
Externalismus, wonach sich (extensionale) Bedeutung nicht im Erfassen
der intensionalen Funktion einer Bezugnahme oder in der Kenntnis des
jeweiligen intensionalen Kontextes erschçpft. Doch es ist wesentlich
festzuhalten, dass nur nach der zweiten Interpretation die weiter reichende,
fr die anti-mentalistische Bedeutungsauffassung Putnams zentrale These
folgt, derzufolge Bedeutungen berhaupt irgendwelche geistigen Entitten
(oder mentale Reprsentationen) mit einer Art intrinsischer referenzieller
Kraft wren (vgl. Putnam 1975, 47, 62 f.). Diese Unterscheidung wird in
der Literatur oft vernachlssigt, erscheint mir fr das Verstndnis des Ar-
guments jedoch zentral. Sie macht nmlich deutlich, inwiefern aus der
semantischen Kernthese des Externalisten – wonach Bedeutung (qua Ex-
tension eines Terms) nicht durch das festgelegt ist, was sich im Kopf eines
Sprechers befindet – berhaupt a.) die weiter reichende anti-mentalistische
These folgt, wonach Bedeutungen (qua Gehalt mentaler Zustnde) keine
Instanzen von mentalen Reprsentationen im Kopf eines Sprechers sind,
und b.) die anti-individualistische These, wonach die Bedingungen fr das

Kontext der Verwendung eine Extension bestimmt“. Fr die vorliegende Inter-
pretation ist diese Unterscheidung jedoch weiter nicht von Belang; siehe dazu
Putnam 1981, 45 f.

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278 III. Internalismus und Externalismus

Erfassen einer Bedeutung durch die engen psychologischen Zustnde eines


Individuums nicht hinreichend bestimmt sind.34
Die Stoßrichtung der putnamschen Kritik am semantischen Interna-
lismus, wie sie mit dem Zwillingserde-Argument vorliegt, geht also ber
eine rein bedeutungstheoretische Problematik hinaus. Sie betrifft zwei
weitere Aspekte des Internalismus, nmlich eine individualistische Kon-
zeption psychischer Zustnde und eine mentalistische Konzeption von
Bezugnahme.35 Putnam argumentiert zum einen, dass Bedeutungen nicht
durch eine (komputationale/funktionale) Beschreibung des Prozesses
mentaler Reprsentation bzw. ihrer internen Komponenten hinreichend
bestimmt werden kçnnen. Dies luft auf die These hinaus, dass die Be-
dingungen fr die Individuation von mentalen Reprsentationen nicht
identisch sind mit den Bedingungen fr die Individuation von referenzi-
eller Bezugnahme. Oder anders formuliert: Die Bedingungen intentionaler
Bezugnahme legen nicht die Bedingungen erfolgreicher Bezugnahme – also
die tatschliche Bedeutung eines Terms – fest. Nach Putnam ist der me-
thodologische Solipsismus eine falsche Theorie, wenn es um die Inter-
pretation des referenziellen Gehalts psychischer Zustnde bzw. um die
Rekonstruktion psychischer Zustnde als intentionale Zustnde (mit ge-
nuin referenziellem Gehalt) geht. Das ist der Kerngedanke des semanti-
schen Externalismus qua Anti-Individualismus. Zum anderen will Putnam
darauf aufmerksam machen, dass man in einen explanatorischen Zirkel
geriete, wenn man durch eine Bestimmung der intrinsischen Bestandteile
referenzieller mentaler Akte oder durch den Rckgriff auf mentale Re-
prsentationen die Fhigkeit der Bezugnahme selbst erklren wollte. Das
heißt: Weder erklrt die Analyse mentaler Reprsentationen, was Bedeu-
tung ist, noch erklrt das Haben von mentalen Reprsentationen (oder
Intentionen), was Bezugnahme ist. Denn zum einen sind Bedeutungen
nichts Mentales, und zum anderen „[setzt] das Haben von Intentionen […]
die Fhigkeit der Bezugnahme voraus“ (Putnam 1981, 66). Das wiederum

34 Vgl. dazu die interessante kritische Interpretation von W. Barz (Barz 2004, 221 ff.),
der meint, dass die Triftigkeit des semantischen Externalismus in Bezug auf
Prdikate fr natrliche Arten keineswegs die Falschheit des Internalismus in Bezug
auf den Gehalt mentaler Zustnde impliziert.
35 Der kritische Impetus des semantischen Externalismus Putnams ist freilich nicht
auf diese zwei Aspekte beschrnkt, sondern muss im Kontext seiner umfassenderen
Kritik am metaphysischen und wissenschaftlichen Realismus einerseits und an
einem Bedeutungsrelativismus bzw. anti-realistischen Wahrheitstheorien ande-
rerseits gesehen werden. Vgl. dazu Yemina Ben-Menahem 2005, 8 f. Siehe dazu
mehr unten, Kap. IV. 3.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 279

ist der Aspekt der putnamschen Kritik an einer mentalistischen Konzeption


von Intentionalitt. Die mentalistische Bedeutungsauffassung hat Putnam
in einem spteren Text folgendermaßen beschrieben: „Es gibt etwas im
Geist, was die in der Umwelt befindlichen Gegenstnde […] herausgreift.
Wenn ein solches Etwas (nennen wir es ,Begriff‘) mit einem Zeichen
verknpft wird, dann wird es zur Bedeutung des Zeichens.“ Mentalistisch
ist diese Konstruktion, sofern die Begriffe, von denen hier die Rede ist,
selbst als „Reprsentationen im Geist“ gefasst werden (Putnam 1988, 52 f.).
Die Pointe von Putnams Argumentation ist also, dass Bedeutungen
keine intrinsischen Komponenten mentaler Reprsentationen sind, weil
mentale Reprsentationen selbst keine intrinsische referenzielle Kraft ha-
ben. Zwar ist auch nach Putnam „Bezug ein integraler Bestandteil von
Intentionen“ (Putnam 1981, 68), doch sind Intentionen weder intrinsische
Komponenten mentaler Reprsentationen (die sich wiederum im Kopf/
Gehirn eines Individuums befinden), noch erklrt der Rckgriff auf
mentale Reprsentation irgendetwas ber die Funktion von Intentionen.
Wichtig fr das Verstndnis des putnamschen Gesamtprojekts ist die
Annahme, dass das Problem, wie man erfolgreiche Bezugnahme erklrt,
getrennt behandelt werden muss vom Problem, welche internen Be-
standteile mentale Reprsentationen haben mssen, um sich berhaupt auf
etwas zu beziehen. Putnam will einerseits die Konzepte Bedeutung und
mentale Reprsentation auseinanderdividieren (vgl. Putnam 1988, 61 f.),
andererseits aber auch zeigen, dass die Konzepte Bedeutung und Referenz
nicht unabhngig voneinander erklrt werden kçnnen – und zwar deshalb
nicht, weil Bedeutung nicht unabhngig von Referenz bestimmt werden
kann. Der Punkt, auf den es hier ankommt, ist der Zusammenhang zwi-
schen der Frage nach der Referenzbestimmung und jener nach der Be-
stimmung des semantischen Inhalts intentionaler Zustnde. Putnams
These ist nicht, dass die Referenz den Inhalt semantisch evaluierbarer
Zustnde determiniert, sondern vielmehr, dass dieser Inhalt relativ zu den
Determinanten von Referenz ist und dass Referenz wiederum von Faktoren
abhngt, die den intentionalen Zustnden extrinsisch sind.36

36 Eine der klarsten Formulierungen dieser These – und eine der wenigen Stellen, an
denen Putnam explizit von semantischem Externalismus spricht – findet sich in
einer seiner spteren Rekapitulationen: „My own view (,semantic externalism‘)
[…] is that the content of sentences (and, derivatively, the content of beliefs and
other language-dependent psychological conditions) is at least partly dependent on
the determination of reference in the particular context (in technical jargon, on the
,extension‘) of the terms used in the sentence or in the expression of belief, and that

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280 III. Internalismus und Externalismus

Es ist wichtig zu sehen, was Putnam eigentlich erklren will: Seine


Frage ist nicht, was das Wesen von Referenz ist, also eine Definition des
Konzepts, sondern wie man feststellen kann, ob eine referenzielle Bezie-
hung berhaupt vorliegt bzw. wie man eine erfolgreiche Bezugnahme
bestimmen kann. Das Konzept der Bezugnahme selbst wird bei Putnam
dabei immer vorausgesetzt (vgl. Putnam 1981, 78 f.).37 Bezugnahme ist fr
Putnam immer eine Relation zwischen einem Reprsentanten (einem
Symbol, Wort, Begriff, Zeichen etc.) und „etwas, das tatschlich existiert
(d. h. nicht etwas, das bloß ,Gegenstand des Denkens‘ ist)“ (Putnam 1981,
15). Folglich liegt eine referenzielle Bezugnahme nur dann vor bzw. ist
Bezugnahme nur dann erfolgreich, wenn es eine Relation zwischen einem
Akt der Bezugnahme und einer Entitt X, die diesem Akt extern ist, gibt
und es genau diese Entitt X ist, die in einem Akt der Bezugnahme erfasst
wird. Putnam macht klar, dass es auf eine Petitio Principii hinausliefe,
wrde man den „Begriff des ,Erfassens‘ eines dem Geist ußerlichen X
voraussetzen“ (Putnam 1981, 48) und durch Rckgriff auf diesen die
Fhigkeit der Bezugnahme selbst erklren wollen. Stattdessen sollten wir
uns daher mit der Beantwortung der Frage zufriedengeben, welche Be-
dingungen erfllt sein mssen, damit berhaupt eine Bezugsrelation
vorliegt.
Putnams bedeutungstheoretisches Projekt ist bescheiden und ambi-
tioniert zugleich: Bescheiden ist es, insofern es ihm lediglich um eine
brauchbare Theorie der Referenzbestimmung und nicht um eine Definition
von Referenz geht. Ambitioniert ist es, insofern nach Putnam eine solche
brauchbare Theorie der Referenzbestimmung zugleich zeigen sollte, dass
wir keine Aussicht auf eine wissenschaftliche Definition der semantischen
Grundbegriffe Bedeutung und Referenz haben, wie sie naturalistische
Theorien der Intentionalitt verlangen (vgl. Putnam 1988, 61 f.).
Wie wrde nun eine naturalistische Theorie des Bezugs berhaupt
aussehen mssen? Putnam nimmt an, dass einer naturalistischen Theorie
der Referenz folgende Hypothese zugrunde gelegt werden msste: „x be-
zieht sich auf y genau dann, wenn x in einer Relation R zu y steht“ (Putnam
1981, 70). Um des Arguments willen nimmt Putnam ferner an, dass diese
hypothetische Definition von Bezugnahme wahr ist und dass „die Inter-
pretation von ,x steht in R zu y‘ die Interpretation von ,x bezieht sich auf y‘
festlegen [wird]“ (Putnam 1981, 71). Demnach wrde eine vollstndige

reference depends on factors that are external to the speaker’s body and brain.“
(Putnam 1999, 119)
37 Vgl. dazu Stegmller 1987, 458.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 281

empirische Bestimmung der Relation R – etwa eine physikalische Be-


schreibung aller kausal mçglichen Beziehungen, die zwischen der physi-
kalischen Realisierung eines Terms und einem Gegenstand qua physika-
lisches Objekt bestehen – eine naturalistische Definition von Referenz
ergeben. Doch selbst wenn eine solche naturalistische Definition in dem
Sinne wahr wre, dass sie sich empirisch verifizieren ließe, bliebe das
Problem bestehen, dass nicht klar ist, was eine solche Definition des Bezugs
ber die Funktion des Sich-Beziehens erklren wrde. Zudem bliebe es
nach Putnam ein Rtsel, was bei einer erfolgreichen Bezugnahme denn die
jeweilig relevante Relation R zwischen x und y aus der Menge aller kausal
mçglichen Entsprechungen zwischen x und y aussonderte (vgl. Putnam
1981, 72 f.).38
Hierin haben wir einen weiteren kritischen Aspekt des semantischen
Externalismus von Putnam, nmlich den Anti-Reduktionismus in Bezug
auf intentionale Zustnde und deren Inhalte: Wenn die anti-individua-
listischen und anti-mentalistischen Thesen, die aus dem Zwillingserde-
Argument folgen, stichhaltig sind, so mssten wir nicht nur die interna-
listische Auffassung aufgeben, dass Bedeutungen durch die inneren Zu-
stnde eines Individuums determiniert sind. Vielmehr mssten wir uns von
der Vorstellung verabschieden, dass wir von einer naturalistischen Be-
schreibung der internen (Gehirn-)Zustnde eines Individuums oder auch
einer rein kausalen Theorie der Referenz jemals zu einer adquaten Theorie
von Intentionalitt, Bedeutung oder Referenz gelangen kçnnten.39

38 Siehe dazu mehr auch unten, Kap. IV. 5.


39 Umstritten ist jedoch, ob das Gedankenexperiment bzw. die Falschheit des se-
mantischen Internalismus die Gltigkeit der psychophysischen Identittstheorie
als solcher tangiert. So stimmt etwa D. Davidson zwar Putnams These zu, dass der
Gehalt psychischer Zustnde „von mehr abhngt“ als davon, was sich innerhalb
dieser Zustnde abspielt (Davidson 1987, 656). Doch meint Davidson, dass „allein
die Tatsache, daß gewçhnliche mentale Zustnde durch Beziehung zur Außenwelt
individuiert werden, nicht die Tendenz hat, psychophysische Identittstheorien als
solche zu diskreditieren“ (Davidson 1987, 674, vgl. auch 672). Putnams Zwil-
lingserde-Argument tangiert Davidson zufolge ebenso wenig und aus denselben
Grnden die Supervenienztheorie, denn: „[…] subjektive Zustnde [stehen nicht]
in einem Supervenienzverhltnis zum Zustand des Gehirns oder des Nervensys-
tems: Es kann vorkommen, daß sich zwei Personen physikalisch gesehen im
gleichen Zustand und psychologisch gesehen dennoch in verschiedenen Zustnden
befinden. Das heißt natrlich nicht, daß geistige Zustnde in gar keinem Super-
venienzverhltnis zu physischen Zustnden stehen, denn sofern die psychischen
Zustnde verschieden sind, muß es irgendwo auch einen physischen Unterschied
geben. Dieser physische Unterschied befindet sich aber vielleicht nicht in der
betreffenden Person; ebenso wie der Unterschied zwischen Wasser und Zwasser

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282 III. Internalismus und Externalismus

Wie sieht nun Putnams positiver Vorschlag zur Bestimmung von


Referenz aus? Putnam macht im Wesentlichen zwei Faktoren der Be-
zugsbestimmung stark: einerseits die Rolle der physikalischen Umwelt bzw.
der faktischen Beschaffenheit der Welt der Bezugsgegenstnde und ande-
rerseits die Rolle des sozialen Kommunikationskontextes. Referenz wird
demnach nicht durch Bedeutung konstituiert, sondern durch die Stellung
eines Sprechers in der physikalischen und sozialen Wirklichkeit. Der
Grundgedanke Putnams, dass der Beitrag der physikalischen und sozialen
Umwelt, in die ein Sprecher eingebettet ist – unabhngig von der Intension
eines Ausdrucks, der Intention einer Aussage und der individuellen
Sprachkompetenz eines Sprechers –, fr die Bestimmung von Referenz und
die Konstitution von Bedeutung wesentlich ist, gehçrt mittlerweile zum
klassischen Repertoire des semantischen Externalismus. Eine frhe For-
mulierung dieses Gedankens findet sich in The Meaning of „Meaning“:
[…] die Extension eines Ausdrucks [ist] nicht durch einen Begriff festgelegt,
den der einzelne Sprecher im Kopf hat, und zwar aus zwei Grnden: Zum
einen ist die Extension im allgemeinen sozial bestimmt, sprachliche Arbeits-
teilung wird ebenso geteilt wie handfeste Arbeit; und zum anderen ist die
Extension, partiell wenigstens, indexikalisch bestimmt. Die Extension unserer
Ausdrcke hngt von der wirklichen Natur derjenigen Dinge ab, die als Pa-
radigmen dienen […]. Traditionelle Semantik vernachlssigt bloß zwei Mit-
bestimmer der Extension – die Gesellschaft und die wirkliche Welt! (Putnam
1975, 62)
Die Indexikalitt natrlicher Prdikate hngt nach Putnam wesentlich mit
der Faktizitt der natrlichen Welt und der faktischen Stellung des Spre-
chers in dieser Welt (seiner Umwelt) zusammen.40 Der Bezug natrlicher
Prdikate (wie ,Wasser‘) ist genau durch jene wesentlichen Eigenschaften
der jeweiligen natrlichen Dinge, die in unserer faktischen Welt bestehen,
bestimmt.41 Die indexikalische Komponente der Bezugsbestimmung be-
trifft die „Tatsache, daß unsere Ausdrcke auf Dinge zutreffen, die in
bestimmten Hinsichten diesen Dingen da, dem Zeug, das wir hier Wasser
nennen […], hnlich sind“ (Putnam 1975, 88). Es ist dieser Faktor – der

[auf der Zwillingserde; T. Sz.] kann er (wie wir annehmen) auch an anderer Stelle
liegen.“ (Davidson, 1989, 117) hnlich argumentiert auch Barz 2004, 227 ff.
40 Putnam spricht spter diesbezglich auch von der „Indikatorenabhngigkeit der
Kriterien“ der Bezugsbestimmung, vgl. Putnam 1988, 76 ff.
41 Vgl. auch Putnam 1981, 67: „[…] daß sich das hier verwendete Wort ,Wasser‘
tatschlich auf Wasser bezieht, […] hngt von der wirklichen Beschaffenheit be-
stimmter ,Paradigmen‘ ab sowie von unseren direkten und indirekten kausalen
Beziehungen zu diesen Paradigmen.“

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 283

Beitrag der faktischen Welt –, den Putnam gegenber relativistischen


Konzeptionen von Bezugnahme bzw. operationalistischen Definitionen
von Extension in Anschlag bringt (vgl. Putnam 1981, 50 ff.). Die Exten-
sion eines Ausdrucks wird nicht allein durch die kausale Interaktion eines
Sprechers mit seiner sozialen Umwelt, sondern durch die kausalen Be-
ziehungen mit der gegenstndlichen Welt bzw. der materiellen Beschaf-
fenheit der Bezugsgegenstnde selbst, ihrer „Substanz“ oder ihrem „Stoff“,
wie Putnam an anderer Stelle formuliert (Putnam 1988, 74, 77), ko-de-
terminiert: „Was in den Kçpfen der Leute vorgeht, ist fr den Bezug ihrer
Termini nicht bestimmend. […] es ist ,die Substanz selbst‘, die die Aufgabe
erfllt, die Extension des Terminus zu bestimmen.“ (Putnam 1981, 45)
Putnams alternative kausale Theorie des Bezugs gebietet so einem
globalen Bedeutungsrelativismus Einhalt42, verbrgt die Mçglichkeit einer
(extensionalen) Bedeutungsgleichheit ber historisch, kulturell oder sonst
wie kontingente Begriffsschemata hinweg und sichert schließlich einen
„Theorien bergeordneten Referenzbegriff“ (Putnam 1975, 49). Dass
Referenz durch die faktische Beschaffenheit der Referenzobjekte deter-
miniert ist, heißt jedoch nicht, dass Bedeutungen auf die (physikalische)
Substanz der jeweiligen Referenzobjekte reduzibel sind. Bedeutungen in-
hrieren ebenso wenig den physikalischen Dingen wie mentalen Repr-
sentationen oder individuellen psychischen Zustnden, sondern werden
vielmehr durch den indexikalischen Kontext ihrer Verwendung berhaupt
erst konstituiert. Der indexikalische Kontext ist durch die direkten oder
indirekten (kausalen) Relationen festgelegt, die ein Sprecher einerseits zu
seiner Umwelt, andererseits zu der Sprachgemeinschaft hat, welche wie-
derum die korrekte Verwendungsweise eines Ausdrucks bestimmt.
Hier ist zwei mçglichen Missverstndnissen vorzubeugen: Zum einen
argumentiert Putnam, dass kausale Verbindungen zwischen Zeichen,
Ausdrcken etc. und den Dingen, die sie bezeichnen, weder notwendig
noch hinreichend fr die Erklrung von Bezugsbestimmung sind (vgl.
Putnam 1981, 78 f.). Kausale Verbindungen bestehen nicht zwischen
Zeichen bzw. mentalen Reprsentationen und Bedeutungen oder zwischen
Bedeutungen und Dingen – wie gemß klassischen kausalen Theorien der
Referenz –, sondern zwischen Sprechern und ihren physikalischem und
sozialem Kontext. Das ist ein nicht zu vernachlssigender Unterschied,
welcher erklrt, warum Putnams Version der kausalen Theorie der Referenz
in Opposition zur naturalistischen Standardtheorie steht, wonach die

42 Ebenso argumentiert Putnam gegen den ,globalen Anti-Realismus‘ M. Dummetts


(vgl. Putnam 1999, 49 – 64); siehe dazu auch hier, Kap. IV. 2 und 3.

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284 III. Internalismus und Externalismus

Konstitution von Bedeutung auf die kausale Rolle reduzierbar ist, die
externe Objekte fr das Mentale oder mentale Reprsentationen innerhalb
des Kopfes eines Sprechers spielen. Zum anderen ist zu betonen, dass das
Charakteristikum der Indexikalitt bei Putnam sich nicht auf genuin in-
dexikalische Ausdrcke, Ausdrcke der ersten Person Singular oder De-
monstrativa (wie ,dieses‘ etc.) beschrnkt, wie es der Terminus in der
blichen Verwendungsweise nahelegte. Indexikalitt ist fr Putnam keine
individualistische Angelegenheit und kein Spezifikum der Ersten-Person-
Perspektive. Es ist vielmehr der soziale Kontext des Zeichenbenutzers, der
den indexikalischen Kontext der Zeichenverwendung – d. i. das korrekte
Begriffsschema – bestimmt und mithin die Relation des Sprechers zur Welt
der Bezugsgegenstnde ko-determiniert.
Die Fhigkeit der Bezugnahme ist nach Putnam also auch wesentlich
ein „soziales Phnomen“ (Putnam 1988, 58) und entsprechend wird der
jeweilige Bezug eines Ausdrucks in der „kooperativen Ttigkeit“ der
sprachlichen Arbeitsteilung (Putnam 1988, 63) zwischen jeweiligen Ex-
perten und Normalverbrauchern eines bestimmten Kommunikations-
kontextes implizit oder explizit ausgehandelt. So bestimmen Experten,
welche wesentlichen Eigenschaften ein Vorkommnis (z. B. eine Gold-
mnze) haben muss, damit es als Teil der jeweiligen extensionalen Menge
einer bestimmten Klasse von Gegenstnden (z. B. Gold) fungieren kann.
Die Experten bestimmter Gegenstandsbereiche (z. B. Chemiker) bestim-
men, welche Eigenschaften fr welche Vorkommnisse als „paradigmatische
Elemente“ (Putnam 1975, 69) dienen. Der sprachliche Normalverbrau-
cher braucht sich um diese paradigmatische Beschaffenheit der jeweiligen
natrlichen Art (natural kind) nicht weiter zu kmmern, fr ihn reichen
sogenannte „Stereotypen“, d. i. eine im Wesentlichen konventionelle Be-
stimmung dessen, was einem natrlichen Gegenstand zukommt (wobei
Putnam nahezulegen scheint, dass zumindest mittelbar die durch den
Experten bestimmten paradigmatischen bzw. wesentlichen Eigenschaften
selbst die Stereotypen einer natrlichen Art (mit-)bestimmen.) Auch ist fr
gelungene Kommunikation unerheblich, wie weit die alltglich verwen-
deten stereotypen Eigenschaften tatschlich den wesentlichen Eigen-
schaften der Paradigmen entsprechen (so etwa ,gelb‘ fr chemisch reines, de
facto fast weißes Gold). Der chemische Laie, der das Wort ,Gold‘ ver-
wendet, braucht freilich auch nicht die Methode zu kennen oder gar zu
beherrschen, mittels deren man verifizieren kann, ob etwas in seiner
chemischen Zusammensetzung tatschlich Gold ist. Um das Wort korrekt
auf Vorkommnisse von Gold anzuwenden, ist es fr den Durchschnitts-

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 285

sprecher hinreichend, wenn er die stereotypen Eigenschaften (gelb etc.) der


jeweiligen natrlichen Art (z. B. Gold) korrekt anzuwenden gelernt hat.43

1.3. Semantischer und radikaler Externalismus


Putnams semantischer Externalismus lsst sich als der Versuch charakte-
risieren, eine realistische/anti-relativistische (kausale) Bedeutungstheorie
mit einer indexikalischen Theorie der Referenz und einer Gebrauchs-
theorie der Bedeutung la Wittgenstein44 in Einklang zu bringen. Dieses
Projekt scheint nach einer weitverbreiteten Ansicht zumindest der richtige
Weg zu einer adquaten Theorie der Bedeutung zu sein und insbesondere
fr eine Erklrung von erfolgreicher referenzieller Bezugnahme und
sprachlicher Kommunikation im Allgemeinen vielversprechend. Der se-
mantische Externalist bietet plausible Kriterien fr die Bestimmung der
extensionalen Funktion von Termen und sttzt eine allgemein geteilte
Auffassung, wonach der Bezug von Termen eine zentrale Funktion bei der
Bestimmung ihrer Bedeutung spielt. Jenseits aller umstrittenen techni-
schen Subtilitten zum Zusammenhang von Intensionen und Extensionen
bei der Bestimmung des Konzepts von Bedeutung ist der Externalismus
jedenfalls kompatibel mit unseren Intuitionen bezglich dessen, worauf
wir in einer Kommunikationssituation normalerweise zu achten haben,
wenn wir herausfinden wollen, worauf sich die ußerungen von jemandem
beziehen bzw. was gegeben sein muss, damit wir eruieren kçnnen, ob eine
ußerung auf etwas zutrifft oder nicht. Es gibt wohl kaum jemanden, sei es
ein Philosoph oder ein Nicht-Philosoph, der Putnam nicht zustimmen
wrde, wenn er meint: „Schaut man auf der Suche nach dem Bezug unserer
Wçrter im Inneren des Gehirns nach, dann sucht man […] schlicht am
falschen Platz.“ (Putnam 1988, 63)
Doch sucht man nicht ebenso am falschen Platz, wenn man auf der
Suche nach dem Mentalen oder nach dem Medium mentaler Reprsen-
tation im Kopf nachsieht? Anders gefragt: Ist das Mentale berhaupt etwas

43 Siehe dazu: Putnam 1975, 39, 64 – 69, 1981, 37 und 1988 71 ff.
44 Vgl. dazu etwa die Stelle: „Begriffe sind Zeichen, die auf bestimmte Weise ver-
wendet werden; die Zeichen kçnnen çffentlich oder privat, geistige oder physische
Wesenheiten sein, doch selbst wenn die Zeichen ,geistig‘ oder ,privat‘ sind, ist ein
von seinem Gebrauch losgelçstes Zeichen kein Begriff. Und von sich aus nehmen
die Zeichen nicht Bezug auf etwas. […] die Bestimmung des Bezugs [ist] gesell-
schaftlich und nicht individuell bedingt.“ (Putnam 1981, 36 f.) Zu Wittgenstein
siehe auch Putnam 1999, 46 ff.

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286 III. Internalismus und Externalismus

(eine Entitt, Eigenschaft etc.), das in irgendeinem Teil eines Subjekts


(seinem Kopf, Gehirn, Kçrper) lokalisierbar ist? Putnam hat immer wieder
– und durchaus zu Recht – betont, dass weder Bedeutungen noch allgemein
Reprsentationen irgendwelche Entitten sind, die innerhalb oder außer-
halb von Subjekten zu lokalisieren sind. Gleichwohl basiert Putnams
Kritik, was die Faktoren der Bezugsbestimmung und die (psychologische)
Evaluierung der Inhalte mentaler Zustnde betrifft, selbst noch auf der
intern/extern-Unterscheidung und der entsprechenden Unterscheidung
zwischen engen und weiten mentalen Zustnden.
Nun mag die intern/extern-Unterscheidung sinnvoll sein, wenn man
die Determinanten von Referenz zu bestimmen versucht, sie ist jedoch
nicht der adquate konzeptuelle Rahmen, wenn man nach dem intentio-
nalen Charakter des Mentalen fragt. Das Mentale und seine wesentliche
Eigenschaft, intentionale Bezugnahme, so kçnnte man sagen, lsst sich
eben nicht faktorisieren. Putnams semantischer Externalismus mag also die
richtige Bedeutungstheorie sein, sie ist jedoch – auch nach Meinung einiger
gewichtiger kritischer Stimmen aus dem externalistischen Lager selbst –
nicht radikal genug, wenn es um die Interpretation des Konzepts des
Mentalen bzw. um die Intentionalitt des Geistes geht.
So ist etwa D. Davidson skeptisch, ob die Unterscheidung zwischen
intern bestimmten, eng individuierten mentalen Zustnden auf der einen
und den sogenannten weiten Zustnden, also jenen, die fr die Bezugs-
festlegung verantwortlich sind, auf der anderen Seite der spezifischen
Epistemologie mentaler Zustnde berhaupt gerecht wird.45 Fr Davidson
macht die Unterscheidung nur Sinn, wenn man annimmt, dass es eine
besondere epistemische Differenz zwischen der (Selbst-)Kenntnis von in-
ternen psychischen Zustnden und der Kenntnis vom Gehalt proposi-
tionaler Einstellungen gibt – also zwischen den von Putnam sogenannten
rein subjektiven Geistzustnden und den Wissenszustnden – und dass es
dieser Unterschied ist, welcher die Legitimitt einer intentionalen – im
Gegensatz zu einer wissenschaftlich-naturalistischen – Psychologie ga-
rantiert. Dass eine solche epistemische Differenz besteht, heißt fr Da-
vidson jedoch nicht, dass der Gehalt der beiden Zustnde tatschlich
verschieden wre, die Zustnde unterliegen nur verschiedenen Interpre-
tationen, nmlich einer semantischen und einer psychologischen. Aus der
Gltigkeit der semantischen These des Externalismus folgt fr Davidson
weder, dass die (semantisch evaluierbaren) psychologischen Zustnde, d. i.
propositionale Einstellungen, nicht innerhalb von Individuen (physika-

45 Vgl. dazu Stber 1994, 630 f.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 287

lisch instanziiert) wren, noch dass man den Inhalt der eigenen proposi-
tionalen Einstellungen nicht erfassen wrde, wenn man keine Verbindung
zu den externen Faktoren der Bezugsbestimmung htte (wie im Zwil-
lingserde-Szenario) oder diese Faktoren nicht kannte.46 Wie Davidson an
einer Stelle treffend formuliert, hngt die Interpretation mentaler Zu-
stnde, ihre Identifizierung und Individuierung oder auch die epistemische
Evaluierung ihrer Inhalte „nicht unmittelbar mit dem Ort dieser Zustnde
und Ereignisse zusammen“ (Davidson 1988b, 100). Folglich besteht fr
Davidson auch kein Gegensatz zwischen den scheinbar gegenlufigen in-
ternalistischen bzw. externalistischen Forderungen, dass der Inhalt unserer
Gedanken zum Teil oder vollstndig objektiv/extern bestimmt ist und
gleichwohl „subjektiv sichergestellt“, das heißt direkt intern verfgbar und
immun gegen Fehlidentifizierung ist (Davidson 1987, 679).47 Beide
Forderungen kçnnen getrost beibehalten werden, ohne dass dies gravie-
rende epistemologische Schwierigkeiten bereiten wrde. Wir mssen uns
nur von einer – sowohl von Internalisten als auch von Externalisten ver-
tretenen – Konzeption des Inhalts von Gedanken verabschieden, wonach
dieser Inhalt etwas Objekthaftes wre, zu dem der Geist in irgendeine
psychische oder referenzielle Relation trete. Das Konstruieren eines
scheinbaren Gegensatzes zwischen den beiden Forderungen beruht also auf
einer Fehlannahme bezglich der Lokalisierbarkeit des Inhalts mentaler
Zustnde nach der Art einer gegenstndlich-objekthaften Verortung.
Genauer, sie beruht auf dem „Dogma, daß einen Gedanken zu haben
bedeutet, ein Objekt vor dem Geist zu haben“ (Davidson 1987, 678).
Davidsons Verabschiedung dieses Dogmas luft darauf hinaus, eine Reihe
von erkenntnistheoretischen Problemen, die sich darum drehen, wie
mentale Zustnde „privat“, ihr Inhalt gleichwohl çffentlich zugnglich sein
kann, einfach aufzulçsen.48 Davidson vertritt selbst eine Art minimalen
Individualismus in Bezug auf mentale Zustnde in Kombination mit einer
anti-mentalistischen, anti-subjektivistischen und anti-solipsistischen Auf-
fassung des Gehalts dieser Zustnde. Bewusstseinszustnde sind demnach

46 Allerdings sehe ich nicht, dass Putnam selbst, wie ihm Davidson zumindest im-
plizit vorwirft, eine solche Folgerung ziehen wrde. Putnam meint ja nicht, wie klar
geworden sein drfte, dass es gar keinen subjektiven Aspekt von mentalen Zu-
stnden gibt oder dass Subjekte nicht sehr wohl ihre Gedanken(inhalte) direkt und
gegen Fehlidentifizierung immun erfassen wrden, sondern lediglich, dass der
(extensionale) Bezug solcher Gedanken nicht durch das derart Erfasste festgelegt
wird.
47 Siehe auch Davidson 1989, 115 ff.
48 Siehe dazu auch Heil 1988, 247 ff.

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288 III. Internalismus und Externalismus

trivialerweise subjektiv und privat, „und zwar in dem offenkundigen, aber


wichtigen Sinn, in dem Eigentum privat sein, nmlich einer einzigen
Person angehçren kann“ (Davidson 1988b, 101). Der Privatheit mentaler
Zustnde in diesem Sinne korrespondiert eine Asymmetrie zwischen der
Art, wie das Subjekt dieser Zustnde und alle anderen Subjekte zum Wissen
gelangen, ob und welche mentalen Zustnde in einer Person gerade in-
stanziiert sind.49 Doch diese epistemische Asymmetrie gefhrdet in keiner
Weise die çffentliche Zugnglichkeit und Interpretierbarkeit der Inhalte
mentaler Zustnde und verpflichtet auch nicht auf die Position des me-
thodologischen Solipsismus.
Gibt man das Dogma propositionaler oder psychologischer Gegen-
stnde, die Bewusstseinszustnden intern oder extern sind, also dem Geist
vorschweben oder im Geist selbst vorfindlich wren, auf, so ist fr Da-
vidson auch die notorische Putnam/Fodor-Querele bezglich des metho-
dologischen Solipsismus und letztlich auch die ganze Auseinandersetzung
um die Mçglichkeit einer wissenschaftlichen Psychologie im Grunde ge-
genstandslos.50 Ob wir einen methodologischen Solipsismus oder einen
Anti-Solipsismus vertreten, ist eben eine heuristische Entscheidung und
hngt einfach davon ab, ob wir am semantischen oder am psychologischen
Aspekt von propositionalen Einstellungen interessiert sind. Die Analyse
des semantischen Aspekts bedarf der Bestimmung von Bezugsobjekten und
diese Bestimmung muss Rcksicht auf Faktoren nehmen, die dem Subjekt
propositionaler Einstellungen extern sind. Demgegenber brauchen Be-
schreibungen des psychologischen Aspekts von Einstellungen auf gar keine
Objekte zu rekurrieren, weil Subjekte in keinerlei Objekt-Relation zu ihren
eigenen Zustnden und den sich darin realisierenden Inhalten stehen. Die
Beschreibung von Bewusstseinszustnden „setzt nicht die Existenz ge-
spensterhafter Wesenheiten voraus, die der Geist irgendwie betrachtet“
(Davidson 1988b, 101), weil es berhaupt keine „Art geistiger Transaktion
zwischen uns und diesen Entitten“ gibt (Davidson 1989, 103). In Ab-
setzung zu einer rein externalistischen Beschreibung des semantischen
Gehalts propositionaler Einstellungen schlgt Davidson folgende Strategie
zur Interpretation mentaler Zustnde vor:
Was ich vorschlage, ist, daß die Objekte, mit denen wir Personen in Beziehung
setzen, wenn wir ihre Einstellungen beschreiben, keine in irgendeinem Sinne
psychologischen Objekte zu sein brauchen, keine Objekte, die von der Person,
deren Einstellungen beschrieben werden, gefaßt, gewußt oder aufgenommen

49 Siehe dazu ausfhrlich unten, Kap. III. 3.


50 Vgl. Davidson 1987, 662 f., Davidson 1988b, 97 f., Davidson 1989, 117 f.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 289

werden. […] Stze ber Einstellungen sind relational; aus semantischen


Grnden muß es deshalb Objekte geben, mit denen diejenigen in Beziehung
zu setzen sind, die Einstellungen haben. Aber eine Einstellung zu haben be-
deutet nicht, eine Entitt vor dem Geist zu haben; aus zwingenden psycho-
logischen und epistemologischen Grnden sollten wir verneinen, daß es Objekte
des Geistes in diesem Sinne gibt. (Davidson 1987, 74 f.)51
Auch J. McDowell hat sich – Davidsons Attacke gegen die Postulierung
geistiger Gegenstnde durchaus nicht unhnlich – gegen die Tendenz einer
„Interiorisierung“ geistiger Entitten („,interiorizing‘ tendency“; McDowell
1998, ix) gewandt und ist noch einen Schritt weiter in Richtung einer
radikal-externalistischen Konzeption des Geistes gegangen.52 Radikal ist
McDowells Externalismus insofern, als er nicht nur die Vorstellung zu-
rckweist, dass Referenz intern festgelegt wird und dass Bedeutungen
berhaupt irgendwelche internen Entitten sind, sondern vielmehr zeigt,
dass der gesamte konzeptuelle Rahmen der Unterscheidung zwischen in-
ternen und externen Determinanten und Entitten fehl am Platz ist, wenn
es um die intentionale Beziehung zwischen Geist und Welt geht. Der ra-
dikale Externalismus la McDowell ist keine These gegen die interne
Lokalisierung von Bedeutungen oder mentalen Zustnden, sondern eine
These gegen die Lokalisierbarkeit des Mentalen als solchen. Der radikale
Externalismus geht mithin ber die Fragestellung der Internalismus/Ex-
ternalismus-Debatte hinaus und zielt darauf ab, die Vorstellung einer
Lokalisierbarkeit jener Entitten insgesamt aufzugeben, die fr (bedeu-
tungsmßige) Bezugnahme verantwortlich sind. McDowell nimmt den
relationalen Charakter intentionaler Zustnde ernst – eine Faktorisierung
in interne und externe Determinanten stellt fr den radikalen Externalisten
la McDowell insgesamt ein sinnloses theoretisches Unterfangen dar.
Intentionale Zustnde sind genuin intentional, sofern sie nicht darin
aufgehen, Zustnde oder Vorkommnisse im Geist von Individuen zu sein.
Nicht nur sind die Inhalte intentionaler Zustnde nicht intern determi-

51 Siehe auch Davidson 1989, 112.


52 Der Terminus ,radikaler Externalismus‘ taucht, soweit ich weiß, zum ersten Mal bei
Rowlands 2003a auf (siehe Rowlands 2003a, 137), wurde aber erst durch den
Artikel von Honderich 2006 als explizite Doktrin geadelt. Honderich hat aller-
dings bereits zuvor in einem erstaunlicherweise und zu Unrecht wenig beachteten
Buch (Honderich 2004) die bis dato konsequenteste und systematische radikal-
externalistische Theorie des Bewusstseins entwickelt, deren zentrale These in der
Behauptung zusammengefasst werden kann, dass (okkurrentes) Bewusstsein in
nichts anderem besteht als in der Existenz der Welt; vgl. insbes. Honderich 2004,
130 f.

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290 III. Internalismus und Externalismus

niert, intentionale Zustnde sind selbst keine Entitten, die (intern oder
extern) lokalisiert werden kçnnten.
In einem einflussreichen Aufsatz hat McDowell (1992) auch Putnams
Argumentation fr eine externalistische Bedeutungskonzeption kritisch
untersucht und insbesondere Bedenken hinsichtlich seiner Konzeption von
mentaler Reprsentation geußert. McDowell anerkennt grundstzlich die
Richtigkeit einer (minimalen) Version des semantischen Externalismus la
Putnam, wonach „at least some meanings are at least in part environ-
mentally constituted“ (McDowell 1992, 276). Diese zentrale externalis-
tische These wird von McDowell weder untermauert noch widerlegt. Er
versucht vielmehr zu zeigen, dass die Argumentation Putnams implizit auf
einer bestimmten Auffassung mentaler Zustnde beruht – nmlich auf
einer, die in gewisser Weise selbst internalistisch bzw. mentalistisch ist.
McDowell zufolge liegt Putnams semantischem Externalismus eine soge-
nannte ,Duplex-Konzeption‘ des Mentalen zugrunde („,duplex‘ concep-
tion“, McDowell 1992, 278).53 Demnach werden durch die Unterschei-
dung von engen und weiten mentalen Zustnden und deren Inhalten
mentale Reprsentationen in zwei separate Bereiche aufgespalten: Wh-
rend die Konstituenten fr das Erfassen von Bedeutung und die relevanten
kognitiven Fhigkeiten fr die richtige Verwendung von Ausdrcken im
Kopf verortet werden, werden die Erfllungsbedingungen reprsentatio-
naler Inhalte außerhalb des kognitiven Zugriffs von Individuen lokali-
siert.54 Diese Aufspaltung der Sphre des Mentalen leistet, wie McDowell
zutreffend bemerkt, einer naturalistischen Konzeption des Geistes Vor-
schub. Denn durch die Konstruktion enger Zustnde wird der Bereich des
Psychologischen einer Interpretation zugnglich gemacht, die sich der
naturwissenschaftlichen Mittel zur Erforschung der internen (letztlich
Gehirn-physiologischen) Mechanismen kognitiver Prozesse bedient. So ist
die Anziehungskraft der Duplex-Konzeption einem residualen Einfluss des
wissenschaftlichen Realismus geschuldet, dem auch Putnam – trotz all
seiner Kritik an psychologischen Reduktionismen und der Heuristik des
methodologischen Solipsismus – zum Teil unterliege (vgl. McDowell
1992, 279, 290).

53 Die Bezeichnung geht ursprnglich auf C. McGinn (McGinn 1982) zurck.


54 hnlich kritisiert auch McDowell in einem spteren Aufsatz (McDowell 1995), der
sich mit dem epistemologischen Internalismus auseinandersetzt, die sog. „hybrid
conception of knowledge“, der zufolge die externen Kriterien der Wahrheit von den
internen, kognitiven Konstituenten fr den Erwerb von berzeugungen zu
trennen seien.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 291

McDowell zufolge bleibt Putnam der Duplex-Konzeption des Geistes,


welche der Dichotomisierung von intern/extern zugrunde liegt, deshalb
verhaftet, weil er mit einem bestimmten, irrefhrenden Konzept von
Reprsentation arbeitet. Putnam hat, so McDowell, aus seinen treffenden,
anti-mentalistischen Einsichten zur Bedeutungstheorie einfach nicht die
richtigen Konsequenzen fr seine Theorie mentaler Reprsentation gezo-
gen. Bei aller Kritik an traditionellen Abbildtheorien orientiert sich sein
Konzept mentaler Reprsentation wesentlich am Modell symbolischer bzw.
konventioneller Reprsentationen. Dabei bernimmt der reprsentatio-
nale Gehalt mentaler Zustnde die Rolle eines bedeutungstragenden Ve-
hikels, das die Aufgabe hat, zwischen Geist und Welt gleichsam zu ver-
mitteln (vgl. McDowell 1992, 286 ff.). Wenn man von einem Konzept
mentaler Reprsentation ausgeht, wonach Reprsentationen eine Art
Medium zwischen Geist und Welt darstellen und selbst ohne referenzielle
Kraft sind, dann stellt sich automatisch die Frage, wie es mçglich ist, dass
der reprsentationale Gehalt sich quasi an der Welt festhaken kann bzw.
Gedanken und ußerungen von genau den Gegenstnden handeln kçn-
nen, auf die ein Subjekt Bezug nimmt. Mit anderen Worten: Das Problem
der referenziellen Kraft des Geistes entsteht erst, wenn man von einem
internalistisch konzipierten Schema kognitiver Symbolmanipulation aus-
geht und auf dieser Basis fragt, wie mentale Symbole auf Gegenstnde in
Welt bzw. Sachverhalte (zu)treffen kçnnen. Wenn man dagegen die Vor-
stellung aufgibt, dass der reprsentationale Gehalt eine Art Vehikel wre,
vermittels dessen mentale Zustnde mit der Welt verbunden sind, gibt es
keinen weiteren Erklrungsbedarf hinsichtlich des Intentionalen und die
Postulierung irgendwelcher mysteriçser Krfte, die gleichsam einen Link
zwischen den Zustnden von Subjekten und den Zustnden der Welt erst
herstellen mssen, wird obsolet. McDowell weist dabei den mçglichen
Vorwurf zurck, dass er jene „magische Theorie der Bezugnahme“ (Put-
nam 1981, 17 ff.) vertreten wrde, die Putnam – zu Recht – als unver-
stndlich zurckweist und der zufolge es so etwas wie einen magischen
Zusammenhang zwischen geistigen Bildern oder gedachten Wçrtern und
dem, wovon sie handeln, gebe. Wenn man die Vorstellung von geistigen
Reprsentanten oder Symbolen aufgibt, deren inner-mentale Anordnung
unabhngig davon ist, wie die Welt, in die ein Subjekt eingebettet ist,
beschaffen ist, dann bedarf es auch keiner Theorie von Bezugnahme, die
Reprsentationen eine „intrinsische, eingebaute, magische Verbindung mit,
was [sie] darstell[en]“ (Putnam 1981, 20) unterstellt.

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292 III. Internalismus und Externalismus

If we start from a conception of thinking as in itself without referential bear-


ing on the world, we shall seem to be confronted with a genuine and urgent
task, that of reinstating into our picture the way thinking is directed at the
world. But if we do not accept that what thinking is, considered in itself, is a
mental manipulation of representations in Putnam’s sense, no such task con-
fronts us. The need to construct a theoretical „hook“ to link thinking to the
world does not arise, because if it is thinking that we have in view at all […]
then what we have in view is already hooked on to the world; it is already in
view as possessing referential directedness at reality. (McDowell 1992, 288)
McDowell argumentiert fr einen direkten intentionalen Realismus.55
Demnach sind mentale Zustnde, sofern sie Zustnde von Subjekten sind,
die als solche in unmittelbarer kognitiver und praktischer Beziehung zu
ihrer Umwelt stehen, direkt auf die Welt gerichtet und mit dieser intrin-
sisch verbunden (vgl. McDowell 1992, 289). Anders formuliert: Das
Mentale steht zur Welt in einem Verhltnis eines „direct engagement“ und
die Inhalte mentaler Zustnde sind nichts anderes als Bekundungen oder
Manifestationen bestimmter Aspekte der objektiven Welt selbst (McDo-
well 1995, 413).56
Whrend der berhmte Slogan des putnamschen Externalismus lautet:
„Meanings just ain’t in the head“ (Putnam 1975, 37), lautet der Slogan des
radikalen Externalismus la McDowell: „the mind is not in the head“
(McDowell 1992, 281).57 McDowell betont, dass der Sinn dieses Slogans
sich nicht darin erschçpft, die Vorstellung einer spezifischen internalisti-
schen Lokalisierung des Geistes (im Kopf, Hirn, Kçrper etc.) zurckzu-

55 Zum direkten Realismus siehe mehr unten, Kap. III. 2.5.


56 Siehe dazu mehr unten, Kap. III. 2.1 und 2.5.
57 A. Clark und D. Chalmers haben eine hnliche Abwandlung des putnamschen
Slogans vorgeschlagen: „Cognitive processes ain’t (all) in the head!“ (Clark/
Chalmers 1998, 8), wobei sie das Konzept der Kognition selbst externalistisch
deuten. Sie propagieren – in Absetzung zum sog. ,Zwillingserde-Externalismus‘
von Putnam, Burge & Co. – einen sog. Active Externalism, im Rahmen dessen den
Umweltfaktoren, die einen Beitrag zur Bestimmung des Gehalts mentaler Zu-
stnde leisten, die Rolle aktiver Inputs fr das kognitive und psychologische
Verhalten eines Organismus zugeschrieben wird. hnliche Versionen eines solchen
aktiven Externalismus unter den Titeln Vehicle Externalism (in Absetzung zum sog.
Content Externalism) bzw. Wide Computationalism vertreten u. a. auch Hurley
1998 (insbes. 17 ff., 328 f.); Rowlands 2003a (insbes. Kap. 9) und Wilson 2004
(insbes. 162 ff.). Fr eine einflussreiche Kritik an dieser zurzeit vieldiskutierten
Form des radikalen Externalismus siehe Adams/Aizawa 2001. Mehr zu dieser auch
als Enactive Approach bzw. als Embedded und Extended Mind-These bekannten
Radikalisierung des Externalismus, siehe unten im Abschnitt Schlussbemerkung und
Ausblick.

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1. Mentalismus und die Internalismus/Externalismus-Debatte 293

weisen. Es reicht nicht – wie es Putnam in Anstzen tut –, die Vorstellung


zurckzuweisen, dass das Mentale irgendwo in einem Innenraum zu ver-
orten ist. McDowell zufolge mssen wir uns insgesamt von der quasi-
cartesianischen Vorstellung verabschieden, dass der Geist so etwas wie ein
materielles oder immaterielles Organ wre, das irgendjemandem gehçren
wrde und dessen Funktionsweise unabhngig von der Stellung eines
denkenden Subjekts in der Welt sei. Mit McDowell kçnnte man sagen, dass
es keinen Besitzer vom Geist gibt, weil der Geist seinen Sitz nicht in je-
mandem hat, wie Organe in einem Kçrper oder das Gehirn im Kopf: „the
point of the thesis [that the mind is not in the head] is not just to reject a
more specific spatial localization for someone’s mind than it is where its
possessor is. It is to reject the whole idea that the mind can appropriately be
conceived as an organ“ (McDowell 1992, 281).
McDowell forciert eine „radical non-solipsistic conception of the
mental“ (McDowell 1992, 283), welche den verbleibenden Rest einer
isolationistischen Auffassung des Geistes („,isolationist‘ conception of the
mind“, McDowell 1992, 291), als eine Art in sich geschlossenes Repr-
sentationsorgan, ausrumt. Der radikale Anti-Solipsismus McDowells
stellt weniger eine Opposition zum methodologischen Solipsismus als
solchem dar, sondern ist vielmehr gegen die Problemformulierung ge-
richtet, im Rahmen dessen der methodologische Solipsismus berhaupt
erst eine attraktive Option darstellt. Nach McDowell stellt die wesentliche
Annahme des methodologischen Solipsisten, nmlich dass die engen
psychologischen Zustnde eines Individuums fr die Bedeutungserfassung
konstitutiv sind, an sich noch kein Problem fr den semantischen Exter-
nalismus dar. Denn diese Annahme des methodologischen Solipsisten steht
zur Kernthese des semantischen Externalismus, wonach Bedeutungen (qua
Extensionen) nicht durch das festgelegt werden, was im Geist vorgeht, in
keinem Widerspruch (vgl. McDowell 1992, 281). Wir kçnnen, pace
Putnam, die Annahme, dass Bedeutungen in einem gewissen Sinn ,im
Geist‘ sind, beibehalten, sofern wir uns nur von der verbleibenden solip-
sistischen Vorstellung befreien, dass der Geist etwas im Kopf/Kçrper eines
Subjekts ist – und nicht vielmehr immer schon bei den Gegenstnden, auf
die er gerichtet ist. Wie Davidson sympathisiert auch McDowell mit einer
Auffassung, wonach in einem gewissen eingeschrnkten Sinn die Konsti-
tution von Bedeutungen sehr wohl eine mentale Angelegenheit ist, nmlich
insofern die Kenntnis oder das Erfassen einer Bedeutung irgendwelche
psychologischen Zustnde voraussetzt, in denen Bedeutungen realisiert
sind (vgl. McDowell 1992, 279). Doch der springende Punkt in McDo-
wells Argumentation ist, dass diese mentalen Zustnde selbst weder durch

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294 III. Internalismus und Externalismus

irgendwelche internen Faktoren konstituiert noch berhaupt irgendwo


intern (im Geist/Gehirn/Kopf etc.) lokalisiert sind.
Talk of minds is talk of subjects of mental life, in so far as they are subjects of
mental life; and, on the interpretation [of the thesis that the mind is not in
the head] I mean, it is only a prejudice, which we should discard, that mental
life must be conceived as taking place in an organ, so that its states and oc-
currences are intrinsically independent of relations of what is outside the or-
ganism. […] Mental life is an aspect of our lives, and the idea that it takes
place in the mind can, and should, be detached from the idea that there is
a part of us […] in which it takes place. Where mental life takes place
need not be pinpointed any more precisely than by saying that it takes
place where our lives take place. And then its states and occurrences can
be no less intrinsically related to our environment than our lives are. (McDo-
well 1992, 281)
Statt vom Mentalen als einer lokalisierbaren Entitt spricht McDowell also
konsequenterweise vom mentalen Leben von Subjekten und macht dabei die
intrinsische und ursprngliche Gerichtetheit des Geistes auf die Welt stark.
Intentionalitt ist demnach zwar eine intrinsische Eigenschaft des Men-
talen – doch das Mentale ist selbst keine Eigenschaft oder Funktion ir-
gendwelcher intern lokalisierbarer Zustnde, sondern eine Eigenschaft von
Subjekten, die als Subjekte immer schon in ihre Umwelt eingebettet und
auf die Welt gerichtet sind.

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