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2.

Phnomenologie und die


Internalismus/Externalismus-Debatte
2.1. Phnomenologischer Cartesianismus
oder phnomenologischer Externalismus?

Internalismus und Externalismus stellen zwei entgegengesetzte Konzep-


tualisierungen des intentionalen Verhltnisses von Geist und Welt dar. Was
ihnen jedoch gemeinsam ist, bildet die Annahme, dass es sich dabei um eine
Relation handelt, deren Konstitutionsbedingungen durch Rekurs auf eines
der beiden Relata erklrt werden kann. Dementsprechend ist eine weitere
Annahme, die Internalisten mit Externalisten teilen, dass die Individua-
tionsbedingungen des kognitiven Gehalts intentionaler Zustnde ber die
Rolle zu bestimmen und zu evaluieren ist, die die jeweiligen Relata bei der
intentionalen Relation zwischen intra-mentalen Eigenschaften und den
externen Tatsachen und Ereignissen der empirischen Welt spielen. Inter-
nalisten schreiben die Individuationsbedingungen des kognitiven Gehalts
der Rolle der intra-mentalen, Externalisten der Rolle der externen Faktoren
zu. Demgegenber positioniert sich, wie wir gesehen haben, der radikale
Externalismus. Der radikale Externalismus ist insofern als radikal zu
charakterisieren, als er bei der Erklrung von Intentionalitt weder fr die
eine noch fr die andere Seite der intentionalen Relation optiert, sondern
den konzeptuellen Rahmen verabschiedet, innerhalb dessen die (exklusive)
Faktorisierung der Relata intentionaler Erfahrung in bewusstseinsinterne
und bewusstseinsexterne Eigenschaften berhaupt Sinn macht. Der radi-
kale Externalismus verabschiedet die Auffassung, dass die Konstitutions-
bedingungen von Intentionalitt bzw. die Individuationsbedingungen
intentionaler Inhalte entweder durch bloß intrinsische oder durch bloß
extrinsische Merkmale des Mentalen adquat erklrt werden kçnnte.
G. McCulloch hat diese Version einer radikal-externalistischen Kon-
zeption von Intentionalitt phenomenological externalism genannt.
McCulloch sieht im phnomenologischen Externalismus eine Radikali-
sierung bzw. Ausweitung einer „minimal position dubbed content exter-
nalism“ (McCulloch 20003, 11), die er Putnam zuschreibt. Wenn man
demnach die putnamsche These, dass Bedeutungen nicht im Kopf sind,
mit der These ergnzt, wonach Bedeutungen im Geist sind, ergibt sich die

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296 III. Internalismus und Externalismus

These des phnomenologischen Externalismus, die McCulloch mit dem


Slogan J. McDowells „the mind just ain’t in the head“ zusammenfasst. Zu
beachten ist dabei, dass die Wendung ,im Geist‘, wie schon bei McDowell,
nicht internalistisch im Sinne einer rumlichen Lokalisierung zu verstehen
ist. Die These, dass Bedeutungen im Geist (und nicht im Kopf ) sind, ist
eine epistemologische These, die besagt, dass Bedeutungserfassung we-
sentlich ein mentales, oder genauer: ein intentionales Bewusstseinsphno-
men, ist. Der phnomenologische Externalismus ist in dieser Darstellung
eine Position, die sich durch die Kombination des putnamschen seman-
tischen Externalismus mit einer bestimmten phnomenologischen Kon-
zeption von Bewusstsein ergibt. Unter einer phnomenologischen Kon-
zeption des Bewusstseins ist hier die Auffassung zu verstehen, wonach
Intentionalitt ein intrinsisches Merkmal von Bewusstseinszustnden ist,
das gleichwohl in einer wesentlichen (Kor-)Relation zur Bewusstseins-
externen (empirischen) Realitt steht. Die Intentionalitt des Geistes ist
also fr den phnomenologischen Externalisten zwar ein genuin mentales
Phnomen, sie lsst sich aber nur von ihrem Welt-einschließenden Cha-
rakter (world-involvingness) her erklren. Entsprechend lsst sich der Gehalt
intentionaler Zustnde nur mit Bezug auf gesetzmßige und kausale Ab-
hngigkeiten zwischen intentionalen Agenten und Aspekten ihrer Umwelt
adquat evaluieren (vgl. McCulloch 2003, 11 f.). Dem phnomenologi-
schen Externalisten zufolge impliziert die (Welt-)Gerichtetheit der In-
tentionalitt eo ipso die Einbettung des Geistes in seine faktische Umwelt.
Der phnomenologische Externalismus ist nicht nur eine anti-inter-
nalistische, sondern im Unterschied zu vielen der heute gelufigen Ver-
sionen des Externalismus auch eine anti-materialistische Konzeption des
Geistes: Der phnomenologische Externalismus wendet sich gegen den
sogenannten „materialistic Cartesianism“ (McCulloch 2003, 5), der zu-
folge der Geist mit einem materiellen Organ/dem Gehirn identisch ist,
dessen interne Funktionsweise vollkommen unabhngig von seiner Um-
welt erklrt werden kann. Ein wesentlicher Punkt des phnomenologischen
Externalismus nach McCulloch ist, dass es zwischen der mentalen und der
empirischen Realitt des Phnomens der Intentionalitt keine ontologische
Spannung gibt, ebenso wenig wie zwischen Geist und Welt eine ontolo-
gische Kluft besteht. Die Unterscheidung zwischen den beiden Aspekten
des Phnomens ist zwar in einem gewissen Sinn eine ,reale‘, betrifft aber
nicht die Ontologie, sondern die Epistemologie der Intentionalitt.
McCulloch spricht im Gegensatz zur cartesianischen Unterscheidung von
Kçrper und Geist als zwei real geschiedenen, ontologischen Substanzen
und der post-cartesianischen Unterscheidung von mentalen und physi-

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 297

kalischen Ereignissen, Instanzen oder Eigenschaften von einer „episte-


mological Real Distinction“ (vgl. McCulloch 2003, 13 f., 73 ff.). Die
epistemologische Frage der Intentionalitt betrifft die Mçglichkeiten der
Zuschreibung intentionaler Zustnde zu Personen und die mçglichen
Zugangsweisen zum epistemischen Gehalt dieser Zustnde. Dem phno-
menologischen Externalisten zufolge haben intentionale Zustnde, sofern
sie wesentlich Bewusstseinszustnde sind, sowohl einen genuin subjekti-
ven, erst-personalen als auch eine objektiven, dritt-personalen Aspekt. Eine
adquate Beschreibung der Intentionalitt des Geistes muss beide Aspekte
gleichermaßen bercksichtigen. Die Auflçsung der ontologischen Span-
nung zwischen mentalem Gehalt und den nicht-mentalen Faktoren, die
jenen festlegen, geht demnach mit der Transformierung der traditionell
epistemologischen Dichotomie zwischen subjektiven und objektiven As-
pekten der Erfahrung einher:
[…] content is both phenomenological and externalistic […]. Phenomenol-
ogy is to do with the subjective, and externalism does invoke the objective:
but it does not follow, and it is not true, that the subjective excludes the ob-
jective. Rather, the objective has to be invoked in the course of laying out the
structure of the subjective: to know your mind, I need to apprehend your
world (in your way). (McCulloch 2003, 12).
Dass der Gehalt mentaler Zustnde phnomenal gegeben und zugleich
extern bestimmt ist, heißt, dass mentale Zustnde eine wesentliche epis-
temische Dimension aufweisen, die fr das Erlebnissubjekt selbst jederzeit
phnomenologisch gegeben ist, dass dieser phnomenal erlebte Bewusst-
seinsgehalt jedoch nur mit Bezug auf die Umwelt des Erlebnissubjekts
kognitiv interpretiert bzw. epistemologisch evaluiert werden kann. Ich
kann die Gedanken und Intentionen von anderen nur verstehen, erklren
und interpretieren, wenn ich mich auf ihre Erfahrungswelt beziehe.
(McCulloch spricht in diesem Zusammenhang von „intended environment“
(McCulloch 2003, 5, 12)). Umgekehrt bilden intentionale Inhalte von
Zustnden anderer, sofern sie Teil meiner bzw. einer gemeinsamen Er-
fahrungswelt sind, zugleich einen wesentlichen Teil meiner phnomenalen
Erlebniswelt (vgl. McCulloch 2003, 10).
Inwiefern ist nun der phnomenologische Externalismus phnomeno-
logisch und inwiefern ist er externalistisch? Er ist nach McCullochs Dar-
stellung phnomenologisch, insofern die Beschreibung der Intentionalitt
der phnomenalen Tatsache Rechnung tragen muss, dass intentionale
Zustnde subjektive Bewusstseinszustnde sind und als solche nicht nur
von bestimmten Gegenstnden handeln, sondern in einer je bestimmten
Weise je bestimmte Aspekte der Welt reprsentieren – nmlich je nachdem,

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298 III. Internalismus und Externalismus

wie die Welt fr ein Subjekt erscheint; und er ist externalistisch, sofern der
kognitive Gehalt dieser Zustnde nur externalistisch, d. i. mit Rekurs auf
die außerhalb der (Kçpfe der) Subjekte, auf die in der subjektiven Umwelt
faktisch vorliegenden Gegenstnde beschrieben und interpretiert werden
kann. Das heißt: Die Welt, wie sie fr ein Subjekt erscheint, und die
objektiven Aspekte der Welt ,selbst‘ sind aus der Perspektive des phno-
menologischen Externalismus Teile ein und desselben Interpretationszu-
sammenhanges.58
If we really are to accommodate intentionality, we must take on board both
morals of cognitive externalism and the fact that content is a phenomenolog-
ical notion, so that any thinking about any aspects of the world has to be
conceived as the presentation of the world itself to the mind. This is phenom-
enological externalism […]. (McCulloch 2003, 121)
Doch ist die transzendentale Phnomenologie eine Version des phno-
menologischen Externalismus? Anders gefragt: Ist die transzendental-
phnomenologische Theorie der Intentionalitt des Bewusstseins mit jener
des phnomenologischen Externalismus kompatibel? Oder ist die tran-
szendentale Phnomenologie im Gegenteil auf jene cartesianische Kon-
zeption des Geistes festgelegt, die der phnomenologische Externalist
(mitsamt deren materialistischen und/oder kognitivistischen Erben) ein fr
alle mal von der philosophischen Landkarte zu verbannen versucht?
Es gehçrt mittlerweile zu den Gemeinpltzen einer bestimmten Tra-
dition phnomenologischer Forschung, dass eine adquate Konzeption des
Geistes den streng dichotom konstruierten Gegensatz zwischen einem
subjektiven ,Innen‘ und einem weltlich-objektiven ,Außen‘ aufzulçsen
htte.59 Entsprechend ist die Zahl der Interpreten, die meinen, dass eine

58 Einen ganz hnlichen Gedankengang verfolgt auch, wie wir gesehen haben, J.
McDowell, auf den sich McCulloch immer wieder bezieht. Vgl. etwa McDowell
1995, 411: „[…] if we refuse to make sense of the idea of direct openness to the
manifest world, we undermine the idea […] of being in a position to have things
appear to one in a certain way. There is no making sense of perceptual appearances
– the testimony of one’s senses – without making sense of the possibility that the
objective world can be immediately present to the senses.“ Siehe auch McDowell
1986, insbes. 241 ff.
59 Es finden sich auch entsprechende explizite Textstellen bei Husserl, wie etwa diese:
„Nur durch [die transzendentale Reduktion] kann verstndlich werden und wird es
verstndlich, dass im transzendentalen Innen sich die Welt der ußerlichkeit
konstituiert, dass im allgemeinen Wesen der transzendentalen Intentionalitt
schon liegt, dass das Innen und Außen sich nicht ausschließen, sondern fordern.
[…] Jede intentionale Modifikation konstituiert ein Außen und ein Innen.“ (Hua
XV, 554)

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 299

recht verstandene phnomenologische Intentionalittstheorie die tradi-


tionelle erkenntnistheoretische Subjekt/Objekt-Spaltung unterluft, Le-
gion. Gleichwohl herrschte die letzten zwei Jahrzehnte sowohl im deutsch-
und franzçsischsprachigen als auch im angelschsischen Raum die Auf-
fassung vor, dass der husserlsche Typ der transzendentalen Phnomeno-
logie eine Art modernes Folgeprojekt des cartesianischen Mentalismus
darstellt.60 Demgegenber, so die Standardauffassung, habe Heidegger mit
seiner radikal anti-cartesianischen Transformation der einseitig bewusst-
seinstheoretischen Problemstellung der husserlschen Phnomenologie und
insbesondere durch seine existenzial-ontologische Analyse der Erfahrung
eines ursprnglich ,verweltlichten‘ Daseins (qua In-der-Welt-Sein) Hus-
serls internalistische Fokussierung auf intentionale Erlebnisse und deren
Inhalte endgltig verabschiedet.61 Neuerdings wird zuweilen die Interna-
lismus/Externalismus-Diskussion gar als Kontrastfolie verwendet, um die
betreffenden Unterschiede zwischen Husserls und Heideggers phno-
menologischen Projekten herauszustellen.62

60 Eine exemplarische Belegstelle aus der analytischen Tradition findet sich bei
T. Burge, einem der profiliertesten Externalisten in der angelschsischen Philo-
sophie des Geistes, der die Phnomenologie in einem Atemzug mit den kogniti-
vistischen bzw. materialistischen Erben Descartes’ nennt: „[Individualism] owes its
prominence to Descartes. It was embraced by Locke, Leibniz, and Hume. And it
has recently found home in the phenomenological tradition and in the doctrines of
twentieth century behaviorists, functionalists, and mind-brain-identity theorists.“
(Burge 1986a, 4) Ganz hnlich auch G. Ryle: „With his master Brentano, and
indeed with Locke, Berkeley, Hume and Mill, Husserl was, in his first and his last
stages, an unquestioning Cartesian. The gulf between the mental and the physical
was just what was needed to secure for psychology, and later, for phenomenology
their unchallangeable priorities over the mere physical and biological sciences.
Minds are absolutely accessible to themselves; the external world (if any) is
transcendent, i. e., beyond the gulf.“ (Ryle 1971, 4)
61 Reprsentativ fr diese Interpretationslinie sind insbesondere die Arbeiten von
H. L. Dreyfus, vgl. etwa Dreyfus 1988. Das markanteste neuere Beispiel dafr ist
wohl die Monographie von Keller 1999.
62 So meint etwa T. Carman in einer jngeren Studie zu Heidegger: „In contrast to
Husserl’s Platonism, mentalism, and methodological solipsism, then, Heidegger is
best understood as a kind of pragmatic externalist.“ (Carman 2003, 56) Zu seiner
subjektivistisch-internalistischen Deutung Husserls siehe Carman 2003, 82 ff.
Gegenber P. Keller und T. Carman argumentiert O’Murchadha 2008 berzeu-
gend, dass die Internalismus/Externalismus-Debatte hinsichtlich der Analyse der
Beziehung zwischen Husserl und Heidegger systematisch irrefhrend ist. Jngst hat
Alweiss 2009 zu Recht darauf hingewiesen, dass die Frage, ob Husserl ein me-
thodologischer Solipsist sei (eine Interpretation, die Alweiss auf differenzierte Art

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300 III. Internalismus und Externalismus

Prima facie sprechen mehrere Grnde fr die Standardinterpretation


der transzendentalen Phnomenologie als eine Version des Cartesianischen
Internalismus. So wird nicht nur Husserls allgemein bewusstseinstheore-
tisch-intentionalistische Konzeption von Subjektivitt, sondern speziell der
durch die phnomenologische Reduktion bedingte methodologische So-
lipsismus als Beleg fr eine grundstzlich internalistische Ausrichtung der
Phnomenologie angefhrt. Die Reduktion wird dabei verstanden als eine
Art Heuristik zur Erklrung des abstrakten Sinngehalts der (eng kon-
struierten) psychologischen Zustnde transzendentaler Egos unter Ein-
klammerung jeglicher berzeugungen bezglich der Außenwelt.63 Dieser
Interpretationslinie zufolge geht der Vollzug der phnomenologischen
Epoch mit einer subjektivistischen Isolierung des Forschungsfeldes ein-
her: Der Transzendental-Phnomenologe begnge sich mit der Evaluie-
rung des rein privaten, erst-personalen Erlebnisgehaltes intentionaler Akte
bzw. intensionaler Kontexte und sehe von ihrer çffentlichen Interpretier-
barkeit oder (extensionalen) Wahrheitsfhigkeit ab. Zudem, so lautet –
durchaus zu Recht – ein wiederholtes Argument, stehe Husserls anti-
kausale, intentionalistische Referenz-Theorie zu einer kausalen Theorie der
Bezugnahme bzw. zu einer realistischen Konzeption von Referenz, die den
meisten externalistischen Intentionalittstheorien zugrunde liegt, in Wi-
derspruch.64 In diesem Zusammenhang ließe sich auch geltend machen,
dass das Grundparadigma der husserlschen Intentionalittstheorie, nm-
lich die intrinsische Intentionalitt des Bewusstseins, mit einer interna-
listischen, wohl kaum jedoch mit einer externalistischen Konzeption von
Bezugnahme vereinbar ist. Und wre nicht schließlich Husserls phno-
menologischer Idealismus und insbesondere seine berhmt-berchtigte
Weltvernichtungsthese65 mit den Grundintuitionen des Externalismus
unvertrglich? Kurz, es scheint einiges dafr zu sprechen, dass gewichtige
methodologische und metatheoretische Vorentscheidungen die transzen-
dentale Phnomenologie auf die eine oder andere (cartesianisch-indivi-

und Weise zurckweist), getrennt von der Frage zu behandeln ist, ob Husserl ein
Internalist sei.
63 Vgl. u. a. Dreyfus 1982 und 1988; McIntyre 1986; Baldwin 1988; Keller 1999,
8 f., 39 ff.; D. Bell und G. Soldati wiederum sehen gerade in der deskriptiven
Phnomenologie der Logischen Untersuchungen, also einige Jahre bevor Husserl das
Konzept der Epoch eingefhrt hatte, eine Version des methodologischen Solip-
sismus, siehe Bell 1990, 142, 153 ff. und Soldati 1994, 16.
64 Vgl. dazu Gler 2006 und die Kritik daran bei Staub 2009, 123 ff.
65 Vgl. Hua III/1, 103 ff. Siehe dazu ausfhrlich unten, Kap. IV. 6.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 301

dualistische, methodologisch-solipsistische, mentalistische, semantische


etc.) Version des Internalismus verpflichteten.
Die internalistische Interpretationslinie der husserlschen Phnome-
nologie steht freilich keineswegs unangefochten da. In jngster Zeit werden
vermehrt jene Stimmen lauter, die meinen, dass die transzendentale Ph-
nomenologie genuin anti-internalistisch ausgerichtet sei und Husserl
durchaus mit den zentralen Thesen oder zumindest mit bestimmten
Versionen des Externalismus d’accord gehe.66 Doch gerade die Interpreten
aus diesem Lager geben immer wieder zu bedenken, dass die Internalismus/
Externalismus-Diskussion – nicht zuletzt auf Grund des allzu großen In-
terpretationsspielraums der betreffenden Positionen – sich im Grunde als
ungeeignet erweisen kçnnte, wenn es darum geht, die wesentlichen Pro-
bleme und Erkenntnisse der transzendentalen Phnomenologie schrfer zu
fassen. So bemerkt etwa A. D. Smith zu Recht, dass die externalistischen
Standardversionen sich auf einer methodologischen Ebene abspielen, die
bei Husserl unter dem Titel der deskriptiven Psychologie firmiert, und
mitnichten das transzendentale Bewusstsein betreffen (vgl. A. D. Smith
2008a, 332). S. Crowell wiederum weist auf die Vermengung des tran-
szendental-phnomenologischen Konzepts der Immanenz mit dem
„Cartesian-psychological forum internum of standard internalism“ (Cro-
well 2008, 336) hin67 und pldiert fr eine normativ-pragmatistische
Rekonfiguration dieses Konzepts jenseits einer einseitig bewusstseins-
theoretischen Problemstellung.
Nun wre die Diskussion rund um die Frage, ob Husserl ein Internalist
oder Externalist ist, freilich mßig und wrde allenfalls von rezeptions-
geschichtlicher Relevanz sein, stnden dabei nicht die phnomenologi-
schen Kernbegriffe Intentionalitt und Bewusstsein, ja der Status der
Transzendentalitt der Phnomenologie insgesamt zur Disposition. An-
gesichts dessen gehe ich davon aus, dass es, trotz der tatschlich notorischen
Flexibilitt der Standardkonstruktionen von Internalismus und Externa-
lismus und der damit einhergehenden Schwierigkeit einer angemessenen
Verortung der husserlschen Phnomenologie innerhalb der Debatte, wie sie
blicherweise gefhrt wird, diese durchaus hilfreich ist, um einige gra-
vierende terminologische, aber auch allgemeine konzeptuelle quivoka-
tionen aus dem Weg zu rumen. Der Fokus der folgenden Ausfhrungen
wird dabei insbesondere auf dem phnomenologischen Konzept des In-

66 Vgl. Beyer 2000 (Kap. 5); Zahavi 2004b und 2008; Poellner 2007; Crowell 2008;
A. D. Smith 2008a; Alweiss 2009 und Staub 2009.
67 Ganz hnlich ußert sich auch O’Murchadha 2008.

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302 III. Internalismus und Externalismus

halts mentaler Zustnde, dem sogenannten noematischen Inhalt inten-


tionaler Akte, und der damit zusammenhngenden Konzeptionen der
Intentionalitt des Bewusstseins liegen.

2.2. Das Noema und die analytisch-fregeanische


Interpretation der Phnomenologie

Wie wir gesehen haben, geht es bei der Internalismus/Externalismus-De-


batte in der Philosophie des Geistes um die Interpretation des Inhalts
mentaler Zustnde. Die Auseinandersetzung zwischen Internalisten und
Externalisten in Bezug auf mentale Inhalte dreht sich speziell um die Be-
schreibung der Individuationsbedingungen jener Klasse mentaler Zu-
stnde, die einen intentionalen Inhalt aufweisen. Husserls Terminus
technicus fr den intentionalen Inhalt mentaler Zustnde ist das Noema.
Die Kontextualisierung der Phnomenologie innerhalb der Internalismus/
Externalismus-Debatte muss ihren Ausgang also von der Klrung des
Konzepts des Noema und der weitlufigen Debatte um die Interpretation
seiner Funktion hinsichtlich der Intentionalitt mentaler Akte bzw. seines
ontologischen Status nehmen.
Das Noema ist ganz allgemein betrachtet das intentionale Korrelat von
Bewusstseinserlebnissen. Ein wesentlicher Punkt, der in der ausufernden
Literatur erstaunlicherweise oft unbercksichtigt bleibt, ist dabei, dass das
Noema ein Korrelat in doppelter Hinsicht ist: Zum einen ist das Noema das
intentionale Gegenstck zu den sogenannten „eigentlichen Komponenten“
von Bewusstseinserlebnissen und -akten. Unter diesem Aspekt ist es das
intentional-immanente Korrelat der reellen Inhalte von Bewusstseinser-
lebnissen bzw. der Sinngehalt von jedem Erlebnis, das auf etwas (gegen-
stndlich) gerichtet ist. Ein Bewusstseinserlebnis ist demnach als ein in-
tentionaler Akt zu charakterisieren, sofern es einen solchen immanenten,
noematischen Gehalt aufweist (vgl. Hua III/1, 202 f.). Zum anderen ist es
das Gegenstck zur Noesis, also zum sinnverleihenden Aspekt intentio-
naler Akte.68 Husserl drckt diesen zweiten Aspekt noematischer Korre-
lation pointiert mit der allgemeinsprachlichen Formulierung aus, wonach

68 E. Strçker weist interessanterweise darauf hin, dass „dem Wortsinn nach das
Noema Produkt von Noesen [ist]“ (Strçker 1987, 109, Anm. 49). Noemata sind
allerdings nur reflexiv und nach Vollzug der transzendentalen Reduktion als
,Produkt‘ zu charakterisieren, insofern sie ,Ergebnis‘ der noetisch-noematischen
Konstitutionsanalyse sind. Siehe dazu mehr unten.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 303

man ,einen Gedanken hat‘ oder ,an etwas denkt‘, wenn man ,etwas im Sinn
hat‘.
Jedes intentionale Erlebnis [hat] – eben das macht das Grundstck der In-
tentionalitt aus – sein „intentionales Objekt“, d.i. seinen gegenstndlichen
Sinn. Nur in anderen Worten: Sinn zu haben, bzw. etwas „im Sinne zu haben“,
ist der Grundcharakter alles Bewußtseins, das darum nicht nur berhaupt
Erlebnis, sondern sinnhabendes, „noetisches“ ist. (Hua III/1, 206)
Wenn Husserl ferner davon spricht, dass jedem intentionalen Erlebnis ein
noematischer Sinn „,einwohnt‘“ (Hua III/1, 210), so heißt das: Sofern ein
Bewusstseinserlebnis einen gegenstndlichen Bezug aufweist, ist es ein
intentionales Erlebnis und hat als solches einen intentionalen Gegenstand.
Jeder Akt hat also, sofern er ein intentionaler Akt ist, einen ihm „ein-
wohnenden“ noematischen Sinn. Daraus folgt aber in keiner Weise, dass
ein Bewusstseinsakt seine intentionale Gerichtetheit dem Noema selbst
verdankt – was eine der grundlegenden Thesen der fregeanisch-analyti-
schen Interpretation darstellt. Daraus, dass jedem intentionalem Akt ein
Noema einwohnt, bzw. daraus, dass ein intentionaler Akt nur insofern als
intentionaler zu charakterisieren ist, als er ein Noema hat, folgt nicht, dass
ein intentionaler Akt dadurch erst intentional wird, dass es ein Noema gibt,
das ihm einwohnt. Oder noch einmal anders formuliert: Dass der noe-
matische Sinn sinngebenden Akten intrinsisch ist, heißt nicht, dass er ihre
sinngebende Funktion konstituiert. Es heißt aber auch nicht, dass er ihre
Gerichtetheit determiniert. Entgegen der fregeanischen Interpretation ist
vielmehr der intentionale Gegenstand qua Gegenstand der Bezugnahme
mit dem gegenstndlichen Sinn des bezugnehmenden (noetischen) Aktes
identisch. Dieser gegenstndliche Sinn eines noetischen Aktes ist nun nichts
anderes als der Sinngehalt des Noema.
Das Noema als Sinn ist zunchst als das inhaltliche Korrelat des noe-
tischen Aspekts von Akten zu charakterisieren. Es ist der Inhalt von Akten
der „Sinngebung“ (Hua III/1, 206), jenen Akten also, die in der I. Logischen
Untersuchung auch „Akte des Bedeutens“, „Bedeutungsintentionen“ bzw.
„bedeutungverleihende Akte“ heißen.69 Wie wir bereits gesehen haben,70
verwendet Husserl in den Logischen Untersuchungen nicht nur die Begriffe
,Sinn‘ und ,Bedeutung‘ synonym,71 sondern macht auch deutlich, dass er
mit seinem Begriff von Bedeutung tatschlich Freges ,Sinn‘ meint (wobei
Husserl Freges terminologische Differenzierung fr irrefhrend erachtet).

69 Vgl. insbes. Hua XIX/1, §§ 9ff.


70 Siehe oben, Kap. II. 2.3. Siehe dazu auch Vandevelde 2008.
71 Vgl. Hua XIX/1, 58: „Bedeutung gilt uns ferner als gleichbedeutend mit Sinn.“

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304 III. Internalismus und Externalismus

Und es ist genau dieser Begriff von Bedeutung in den Logischen Untersu-
chungen, der in den Ideen I mit Sinn bezeichnet wird. So kennzeichnet
Husserl denn auch den noematischen Gehalt intentionaler Akte in den
Ideen I als „,Sinn‘ (in sehr erweiterter Bedeutung)“ (Hua III/1, 203). Ferner
kennzeichnet er in dem Paragraphen 124 der Ideen I, auf den in der fre-
geanischen Lektre immer wieder rekurriert wird,72 die bedeutungsmßige
oder ,logische‘ Schicht des Noema als diejenige, die sprachlich artikuliert
oder mit einem linguistischen Zeichen verknpft werden kann, und spricht
von der Bedeutung auch als „,ausdrckende‘ Bedeutung“.73 In expliziter
Abhebung dazu charakterisiert er wiederum den noematischen Sinn als
eine Schicht, die nicht nur auf die „sprachliche Sphre, auf die des Aus-
drckens“ „Anwendung findet“, sondern in einer „umfassenderen Weite“
verwendet werden soll und auf die ganze noetisch-noematische Sphre der
Bewusstseinserlebnisse zu „erweitern“ sei (Hua III/1, 285).74
Nun trgt dies zwar nicht gerade zur Vermeidung jener quivokatio-
nen bei, die Husserl gerade auch bei Frege ortet, ndert jedoch grund-
stzlich nichts daran, dass das husserlsche Konzept des (noematischen)
Sinnes mehr bzw. anderes als eine bloße Verallgemeinerung des fregeschen
(intensionalen) Sinnes ist. Es sind also die quivokationen rund um den
Begriff des noematischen Sinns bei Husserl selbst, die der fregeschen In-
terpretation Vorschub leisten, doch ist es bei Husserl deutlich genug, dass
die „noematische Sphre“ (Hua III/1, 243) weder identisch ist mit der
Sphre propositionaler (Urteils-)Akte oder Einstellungen noch aus dieser
durch Verallgemeinerung gewonnen oder umgekehrt auf diese reduziert
werden kann.
In diesem Zusammenhang ist eine weitere quivokation im Zusam-
menhang mit einer propositionalen Deutung des noematischen Sinnes bzw.
noematischer Akte im Allgemeinen aufzuklren. Husserl fhrt im § 113

72 Vgl. etwa Smith/McIntyre 1982b, 183 ff. und Dummett 1988, 98. Siehe dazu
mehr unten.
73 Husserl verwendet auch die Bezeichnung „,logische‘ Akte“ als austauschbar mit den
intentionalen Akten des Bedeutens (Hua III/1, 289), also jenen Akten, die, wie
gesagt, in den Logischen Untersuchungen „Bedeutungsintentionen“ oder „bedeu-
tungverleihende Akte“ genannt werden.
74 Vgl. auch Hua III/1, 286: „Logische Bedeutung ist ein Ausdruck. ,Ausdruck‘ ist
eine merkwrdige Form, die sich allem ,Sinne‘ (dem noematischen ,Kern‘) an-
passen lßt und ihn in das Reich des ,Logos‘, des ,Begrifflichen‘ und damit des
,Allgemeinen‘ hebt.“ Zu einer eingehenden Diskussion des Begriffs der Bedeutung
als „ideale Einheit“ und zugleich ein jeweils „Spezifisches“, das sich in Akten des
Bedeutens „vereinzelt“, bzw. zum Zusammenhang der Bedeutungsfunktion und
der referenziellen Funktion der Akte des Bedeutens siehe auch: Hua XXVI, §§ 8ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 305

der Ideen I den problematischen, konzeptuell kaum motivierten Begriff des


noematischen Satzes ein.75 Der Begriff ,Satz‘ entspricht hier der Sub-
stantivierung der thetischen, also setzenden Aktcharaktere bzw. den
sogenannten ,Setzungscharakteren‘. Der Terminus ,noematischer Satz‘
kennzeichnet genauer jene ein- und mehrgliedrigen (polythetischen) in-
tentionalen Akteinheiten, die sich aus der Synthese des intentionalen
Sinnes mit dem jeweiligen thetischen/setzenden Aktcharakter bzw. deren
Modalisierungen (wie Fr-wahr-/wahrscheinlich-Halten, Bezweifeln etc.)
ergeben.76 Noematische Stze – wie Befehlsstze, Wunschstze, Glau-
bensstze, Wertungen etc., aber auch sogenannte „Anschauungsstze“
(Hua III/1, 306) – entsprechen also, wie auch Husserl an dieser Stelle
bemerkt, in etwa dem, was in den Logischen Untersuchungen als die Einheit
von (Akt-)Qualitt und (Akt-)Materie bezeichnet wurde und welches, wie
wir gesehen haben, dort als das sogenannte bedeutungsmßige, und allge-
meiner, das intentionale Wesen eines Aktes charakterisiert wurde.77 Nun
warnt Husserl explizit davor – und deshalb erscheint mir diese irrefhrende
terminologische Entscheidung an dieser Stelle recht unmotiviert –, die
Begriffe ,Sinn‘ und ,Satz‘ in Zusammenhang mit dem Begriff des Noema
mit begrifflicher oder ausdrcklicher Bedeutung zu identifizieren. Proposi-
tional und/oder begrifflich ausgedrckte Bedeutungen und Stze sind
demnach nicht nur nicht identisch mit noematischen Stzen, sie sind
vielmehr umgekehrt Entitten, die unter die formal-ontologische Kate-
gorie Noema bzw. noematischer Satz (im oben przisierten Sinn) fallen
(vgl. Hua III/1, 305). Festzuhalten ist also einmal mehr: Noematische Stze
sind – entgegen der Tendenz der fregeanischen Interpretation –, ebenso
wenig wie intentionale Erlebnisse im Allgemeinen78, nicht notwendig
propositional strukturiert oder haben eine solche Struktur zu ihrer

75 Husserl ist sich der diesbezglichen quivokationen vollauf bewusst und bemht
sich auch in Erfahrung und Urteil um entsprechende Klrung, siehe EU, 345.
76 Unklar ist an dieser Stelle, ob Husserl die eigentlichen qualitativen Aktmodalitten
als Momente des noematischen Satzes oder nicht vielmehr zum noetischen Bestand
des Bewusstseins rechnet und wie diese sich zu deren Setzungscharakteren genau
verhalten. Siehe dazu etwa die ambivalent bleibende Anmerkung in Hua III/1,
297 f., wo Husserl meint, dass „jede eigenartige Thesis ihre Qualitt [im Sinn der
Logischen Untersuchungen; Anm. T. Sz.] hat, aber [sie] ist nicht selbst als Qualitt zu
bezeichnen“, bzw. dass „der noematische Kern [welcher der ,Materie‘ der Logischen
Untersuchungen entspricht; Anm. T. Sz.] von den Akt-Qualitten ihre Setzungs-
charakteristik [erfhrt]“.
77 Siehe dazu genauer oben, Kap. II. 3.1.
78 Siehe dazu genauer oben, Kap. II. 3.

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306 III. Internalismus und Externalismus

Grundlage, und sie lassen sich auch entsprechend nicht (immer) ohne
Sinnverlust in propositionale Urteile transformieren.79
Jedes Noema weist nun eine interne Binnenstruktur auf. Noemata sind
in sich komplex strukturiert. Husserl spricht nicht nur von den „wesentlich
verschiedenen noematischen Schichten“ (Hua III/1, 210), sondern auch
vom „Bau des Noema“ (Hua III/1, 296). Das Noema weist demnach neben
dem noematischen Sinn auch ein „innerstes Moment“ bzw. einen „zen-
tralen ,Kern‘“ auf (Hua III/1, 210). Die Begriffe noematischer „Sinn“ und
noematischer „Kern“ sind in den Ideen I notorisch ambivalent. Zu den
quivokationen rund um den Begriff des noematischen Sinnes kommt also
die Bedeutungsschwankung zwischen noematischem Kern und Sinn hin-
zu.80 Husserl verwendet diese beiden Begriffe an manchen Stellen synonym
(vgl. Hua III/1, 210, 286, 304), an anderen differenziert er zwischen einem
„innersten Kern“, dem „noematischen Sinn“ und dem „vollen noemati-
schen Kern“. Sachlich gesehen scheint es jedenfalls am zutreffendsten, den
innersten Kern als das (abstrakte) Substrat des noematischen Sinnes zu
fassen.81 Dementsprechend stellt das „zentrale noematische Moment“ ein
„pures Gegenstandsetwas als Einheitspunkt“, einen leeren, d. i. „in Ab-
straktion von allen Prdikationen“ noch unkonkretisierten „Sinnestrger“
bzw. das gegenstndlich „bestimmbare X“ dar (Hua III/1, 302 f.). Husserl
nennt diesen auch verwirrenderweise den „Zentralpunkt des Kerns“ (Hua
III/1, 299) (nmlich in Abgrenzung vom vollen noematischen Kern).
Demgegenber besteht das volle Noema aus den synthetisierten noema-
tischen Kernen (bzw. den verschiedenen noematischen Sinnen evtl. meh-

79 Husserl spricht an anderer Stelle auch von der „Sphre doxischer Syntaxen“ bzw.
der „logischen Formenlehre der Stze“ (Hua III/1, § 121), doch ist auch hier zu
beachten, dass die propositionale Sphre (das sog. „Urteilsgebiet“) fr Husserl nur
einen Teil der umfassenderen noematischen Sphre bildet. Die Tendenz der fre-
geanisch-analytischen Interpretation, das (volle) Noema mit dem Urteilsinhalt
bzw. dem „Geurteilten als solchem“ einer Proposition bzw. eines (propositionalen)
Satzes zu identifizieren, ist von daher strikt abzulehnen. (Vgl. dazu auch Hua III/1,
§ 94.) Zur Identifizierung des vollen Noema – in Abhebung zum noematischen
Sinn – mit einem (propositionalen) Satz siehe etwa McIntyre 1987, 533. Vgl. dazu
kritisch Hart 2003, 266 und Mohanty 2008, 383.
80 Bernet/Kern/Marbach – die wiederum zwischen drei verschiedenen Verwen-
dungsweisen des „schillernden Terminus ,noematischer Sinn‘“ differenzieren –
betonen zu Recht, dass es genau dieser konzeptuellen Verworrenheit geschuldet ist,
dass der Begriff des Noema in den aktuellen Debatten „zu einem bevorzugten
Anknpfungspunkt der Auseinandersetzung mit der Husserlschen Phnomeno-
logie geworden [ist]“ (Bernet/Kern/Marbach 1996, 96).
81 Vgl. auch Mohanty 2008, 381 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 307

rerer Akte), welche diesem „zum Sinn gehçrigen Sinnestrger“ als „Pr-
dikatnoemen“ zukommen kçnnen. Als „vollen Kern“ fasst Husserl den
„noematischen Sinn im Modus seiner Flle“. Der noematische Kern ist also
ein abstraktes Moment des (vollen) Noema und Sinnerfllung ist folglich
„noematische Konkretion“ (Hua III/1, 304).82
Neben den Differenzierungen hinsichtlich der verschiedenen noema-
tischen Schichten (bedeutungs-, erlebnismßige etc.) bzw. der Komponenten
des Noema (innerster Kern, noematischer Kern und volles Noema bzw.
Kern im Modus der Flle) findet sich die gegenstandsbezogene Unter-
scheidung zwischen „noematischem Gegenstand schlechthin“ und dem
„Gegenstand im Wie seiner Bestimmtheiten“:83
Es scheidet sich als zentrales noematisches Moment aus: der „Gegenstand“, das
„Objekt“, das „Identische“, das „bestimmbare Subjekt seiner mçglichen Pr-
dikate“ – das pure X in Abstraktion von allen Prdikaten – und es scheidet sich
ab von diesen Prdikaten, oder genauer von den Prdikatnoemen. […]
Mehrere Aktnoemata haben […] verschiedene Kerne, jedoch so, daß sie sich
trotzdem zur Identittseinheit zusammenschließen, zu einer Einheit, in der das
„Etwas“, das Bestimmbare, das in jedem Kerne liegt, als identisches bewußt ist.
[…] So liegt in jedem Noema solch pures Gegenstandsetwas als Einheits-
punkt, und zugleich sehen wir, wie in noematischer Hinsicht zweierlei Ge-
genstandsbegriffe zu unterscheiden sind: dieser pure Einheitspunkt, dieser
noematische „Gegenstand schlechthin“ und der „Gegenstand im Wie seiner Be-
stimmtheiten“ […]. Der „Sinn“, von dem wir wiederholt sprachen, ist dieser
noematische „Gegenstand im Wie“ […]. (Hua III/1, 302 f.)84

82 Wenn Husserl also etwa schreibt, dass „der Sinn […] nicht ein konkretes Wesen im
Gesamtbestande des Noema [ist], sondern eine Art ihm einwohnender abstrakter
Form“ (Hua III/1, 304), dann meint er hier mit ,Sinn‘ den zentralen oder innersten
und nicht den vollen bzw. erfllten noematischen Kern.
83 Diese Unterscheidung entspricht jener der Logischen Untersuchungen zwischen
Gegenstand, welcher intendiert ist und dem Gegenstand, so wie er intendiert ist (Hua
XIX/1, 414) bzw., wie Husserl mit Akzent auf den semantischen Aspekt formuliert,
der Unterscheidung zwischen dem „Gegenstand schlechthin, der da bedeutet ist“
und dem „Gegenstand, wie er bedeutet ist“ (Hua XXVI, 35). (Siehe auch hier, Kap.
II. 3.2.) In einem spteren Text von 1920 charakterisiert Husserl die Analyse der
noematischen Aktinhalte, die sog. „Noematik“, ganz allgemein als die Beschrei-
bung der „Gegenstnde im Wie der Erscheinungsweisen“ (Hua XI, 333). Siehe
dazu auch die konzise Darstellung der Noema-Lehre der Ideen I im Verhltnis zur
deskriptiven Bedeutungslehre der Logischen Untersuchungen bei Mohanty 2008,
384 ff.
84 An einer Stelle differenziert Husserl noch weiter und unterscheidet einen „zweiten
Begriff vom ,Gegenstand im Wie‘“ nmlich den Gegenstand „im Wie seiner Gege-
benheitsweisen“ (Hua III/1, 304): Dieser entspricht dem vollen Kern in seiner
ganzen konkreten (attentionalen, positionalen, erfllungsmßigen etc.) Gege-

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308 III. Internalismus und Externalismus

Die zentrale Unterscheidung zwischen dem ,noematischen Gegenstand


schlechthin‘ und dem Noema als dem jeweils gegebenen bzw. jeweils be-
stimmten Gegenstand entspricht wiederum dem Unterschied zwischen
Gegenstand und Inhalt des Noema. Inhalt und Gegenstand des Noema
bilden die wesentlichen referenziellen Aspekte des Noema. Der Inhalt des
Noema ist der Gegenstand im Wie seiner Bestimmtheiten, also der Ge-
genstand, so wie er jeweils intendiert ist, whrend der ,eigentliche‘ (Refe-
renz-)Gegenstand des Noema, der Gegenstand ,schlechthin‘, das be-
stimmbare X ist, das in den verschiedenen Bezugnahmen als der identische
Bezugspunkt (bzw. als „Einheits-“ oder „Verknpfungspunkt“ (Hua III/1,
301)) fungiert. Zu beachten ist hierbei, dass die noematische Bestimmtheit
eines intentionalen Bezugsgegenstandes mit der Bestimmtheit eines indi-
viduellen, d. i. identifizierbaren Gegenstandes (bzw. eines Einzeldinges)
zwar nicht immer zusammenfllt, mit dieser jedoch wesentlich korreliert
ist. Die Bestimmtheit eines noematischen Gegenstandes ist ontologisch
und epistemologisch abhngig von der Mçglichkeit der Identifizierung
eines Gegenstandes X, der in verschiedenen intentionalen Bezugnahmen
als Bezugsgegenstand fungiert. Das heißt, die Bestimmtheit des (jeweiligen)
intentionalen Gegenstandes und die Identitt eines Bezugsgegenstandes
(gegebenenfalls mehrerer) intentionaler Akte sind fr Husserl wesentlich
korrelative Aspekte noematischer Bezugsbestimmung.85 Zu betonen ist
ferner, dass der Unterschied zwischen noematischem Inhalt und noema-
tischem Gegenstand fr Husserl ein struktureller Unterschied innerhalb des
(vollen) Noema ist: „[…] in der Tat [ist] nicht nur fr das Bewußtsein,
sondern auch fr das Noema in sich genommen der Unterschied zwischen
,Inhalt‘ und ,Gegenstand‘ zu machen.“ (Hua III/1, 299)
Inhalt und Gegenstand sind demnach wesentlich korrelative Aspekte
des Noema. Insofern haben wir es bei Husserl mit keiner Trennung zwi-
schen intentionalem bzw. noematischem Gegenstand und dem Noema qua
Sinn zu tun. Die Unterscheidung ist keine real-ontologische, sondern eine

benheit im jeweiligen Bewusstseinserlebnis, also dem besagten „Sinn im Modus der


Flle“.
85 Husserl hat diesen Aspekt der Gegenstandskonstitution bereits vor der Einfhrung
der spezifisch noematischen Referenz-Theorie betont, wie etwa in seiner Vorlesung
Ding und Raum von 1907: „Zum Wesen von Dinglichkeit berhaupt gehçrt es,
identische intentionale Einheit zu sein, die sich in einer gewissen wirklichen oder
mçglichen Erscheinungsmannigfaltigkeit ,konstituiert‘ sich in ihrem Sein und
jeweiligen Sosein nach im geregelten und jeweils motivierten Erscheinungszu-
sammenhang ausweist.“ (Hua XVI, 285) Siehe dazu auch die subtilen Analysen bei
A. D. Smith 2008a, 321 und 325 f.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 309

phnomenologische, oder genauer, eine eidetisch-analytische Unterschei-


dung innerhalb der (noematischen) Sphre der Erlebnisse. Zwar ordnet
Husserl das Noema als solches einer eigenen „Seinsregion“ zu, welche in
Abhebung zu jener der reellen Komponenten der Bewusstseinserlebnisse
eine „eigenartige Gegenstndlichkeit“ darstellt (Hua III/1, 295), doch
besteht die Ausgezeichnetheit dieser Entitt eben darin, keine ,eigentliche‘,
reale Entitt (im Bewusstsein) zu sein und auch keine Realitt quasi on-
tologisch zu ,vertreten‘.86 Die noematische Seinsregion ist eine ideale
Sphre des Sinnes und das Noema ist wesentlich eine Sinnentitt.
Der noematische Sinn ist also einerseits Inhalt jedes intentionalen
Erlebnisses, andererseits Inhalt des (vollen) Noema selbst. Dem Sinn einer
gegenstndlichen Beziehung entspricht auf Seiten des intentionalen Aktes
der Inhalt des Noema. Dieser Sinn ist nichts anderes als der intentionale
Inhalt eines Bewusstseinserlebnisses und es ist dieser Sinngehalt des
Noema, der die „gegenstndliche Beziehung“ des Bewusstseinserlebnisses
konstituiert. Das Noema selbst bezieht sich, wie Husserl sagt, „durch“
diesen noematischen Inhalt bzw. „mittels“ des noematischen Sinnes auf
„,seinen‘ Gegenstand“ (Hua III/1, 297, 299). Die als Beleg fr die fre-
geanischen Interpretation des Noema wohl am hufigsten zitierten Stelle
der Ideen I lautet denn auch:
Als Inhalt fassen wir den „Sinn“, von dem wir sagen, daß sich in ihm oder
durch ihn das Bewußtsein auf ein Gegenstndliches als das „seine“ bezieht.
Sozusagen als Titel und Ziel unserer Erçrterung nehmen wir den Satz: Jedes
Noema hat einen „Inhalt“, nmlich seinen „Sinn“, und bezieht sich durch ihn
auf seinen Gegenstand. (Hua III/1, 297)
Die Auseinandersetzung um Husserls noematische Theorie der Intentio-
nalitt zwischen den fregeanischen, hufig auch sogenannten West-Coast-
Interpreten und ihren Opponenten aus dem East-Coast-Lager87 dreht sich

86 E. Strçker ortet bei Husserl diesbezglich ein Selbstmissverstndnis, das nicht nur
den Unklarheiten rund um den Begriff des Noema bzw. des noematischen Sinnes,
sondern „seiner eigenen Fehldeutung der Reduktion“ geschuldet ist. Strçker weist
darauf hin, dass die Abstraktion von den gegenstndlichen Seinsmodi zur Ge-
winnung des noematischen Wesens von Erlebnissen nicht mit der transzendentalen
Reduktion verwechselt werden darf, als handelte es sich bei der noematischen
Abstraktion/Reflexion um eine „Reduktion des wirklichen Gegenstandes auf sein
transzendentales Noema, das jenes im Bewußtsein ,vertrete‘“ Strçker 1987, 112).
87 Diese eigenwilligen Etikettierungen gehen auf den Umstand zurck, dass die
meisten Vertreter der fregeanischen Interpretation (wie D. W. Smith, R. McIntyre,
I. Miller und H. Hall) Schler von D. Føllesdal und H. L. Dreyfus an der Uni-
versity of California (Berkeley) waren und viele von ihnen, wie auch Dreyfus selbst,

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310 III. Internalismus und Externalismus

im Kern um die Frage, wie man die Prposition ,durch‘, welche das Ver-
hltnis zwischen Noema und dem (intentionalen) Gegenstand kenn-
zeichnet, zu verstehen habe. Whrend die West-Coast-Interpreten sie im
Wesentlichen instrumentalistisch als ein Determinationsverhltnis zwischen
Noema bzw. dem noematischen Sinn und der gegenstndlichen Referenz
und/oder als ein fundierendes Bedingungsverhltnis zwischen dem Vor-
liegen eines noematischen Sinnes und der Intentionalitt eines Bewusst-
seinsaktes verstehen, interpretieren die East-Coast-Vertreter dieses ,durch‘
weder als eine referenzielle Vermittlungsfunktion noch als ein fundierendes
Element, sondern vielmehr im Sinne eines ,Enthllens‘ der konstitutiven
(bzw. sinn- und objekt-konstituierenden) Dimension intentionaler Be-
wusstseinsakte.88
Im Folgenden soll diese Kontroverse in ihren Hauptzgen kritisch
nachgezeichnet werden. Ich werde mich dabei, nicht zuletzt angesichts der
mittlerweile schier unberblickbaren Literatur,89 auf einige ausgewhlte,
idealtypische Positionen beschrnken: nmlich die fregeanisch-analytische
Lektre von D. Føllesdals diskursbegrndendem Aufsatz „Husserl’s Notion
of Noema“ (Føllesdal 1969) ber ihre wichtigste, systematische Weiter-
entwicklung durch die Autoren D. W. Smith und R. McIntyre bis hin zu
M. Dummett bzw. R. Sokolowskis und J. Drummonds einflussreicher
Kritik an dieser Interpretationslinie.90

auch heute dort lehren. Zuweilen findet sich daher auch die Bezeichnung „Cali-
fornia School“ fr diese Gruppe von Autoren. Ihre Opponenten, wie R. Soko-
lowski, R. Cobb-Stevens, J. G. Hart oder J. Drummond sind an verschiedenen
amerikanischen Universitten der Ost-Kste ttig. Wie sehr sich diese Bezeichnung
und – erstaunlicherweise – auch der Gegenstand der Auseinandersetzung einge-
brgert haben, davon zeugt nicht zuletzt, dass die Debatte sogar in einem Buch wie
Rowlands 2010 eigens besprochen wird – wenn auch mit geradezu kapitalen
Missverstndnissen (in einem ansonsten vorzglichen und insges. die phnome-
nologische Intentionalittstheorie kongenial wiederaufgreifendem Buch).
88 Vgl. Hart 2003, 265.
89 Aktuell kann man von mehreren Hunderten von Aufstzen und Bchern zur
Noema-Diskussion, die allein der Aufsatz von D. Føllesdal (Føllesdal 1969) lan-
ciert hatte, ausgehen. So bemerkt Fisette 1994 – selbst in einer monographischen
analytischen Lektre, in der sich auch ein brauchbarer historischer berblick
findet –, dass bereits 1983 in einer kommentierten Bibliographie ein gutes
Hundert an Diskussionsbeitrgen gezhlt wurde, und geht dabei zum Zeitpunkt
seiner eigenen Publikation (1994!) von einer Verdreifachung dieser Zahl aus (vgl.
Fisette 1994, 10 f.).
90 Trotz der zahlreichen Kritiken ist Føllesdal brigens bis heute, immerhin mehr als
40 Jahre nach der Ertspublikation seines Aufsatzes, von seiner Noema-Interpre-
tation nicht abgerckt; siehe seine jngste Verteidigung in Føllesdal 2010, 152 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 311

Føllesdal stellt in seinem kurzen Aufsatz zwçlf Thesen zur Interpre-


tation des Konzepts des Noema auf.91 Seine zentrale These nimmt er gleich
zu Beginn vorweg, sie lautet: „The noema is an intensional entity, a ge-
neralization of the notion of meaning (Sinn, Bedeutung).“ (Føllesdal 1969,
74) Føllesdals Grundgedanke ist, dass Noemata – genau insofern sie in-
tensionale Entitten bzw. fregesche ,Sinne‘ sind – abstrakte Entitten sind,
die nicht durch sinnliche Wahrnehmung oder allgemein durch empirische
Erfahrung, sondern nur durch eine spezielle, nmlich die phnomenolo-
gische Reflexion erschlossen werden kçnnen. Das Attribut ,abstrakt‘ meint
hier ,nicht-perzeptuell‘ bzw. ,nicht-wahrnehmbar‘ (not perceived through
our senses bzw. nonperceivable ; vgl. Føllesdals 1969, 77 f.).92 Dieser Punkt
ist wichtig: Føllesdal weist explizit darauf hin, dass aus der Intensionalitt
des Noema bzw. aus dessen Analogisierung mit linguistischer Bedeutung
sein ontologischer Status als abstrakte Entitt folgt.
Den wesentlichen Unterschied zwischen Frege und Husserl sieht
Føllesdal in ihrer jeweiligen These zur Referenz propositionaler Einstel-
lungen: Whrend sich fr Frege in propositionalen/intensionalen Kon-
texten ein Ausdruck nicht auf seinen ,gewçhnlichen‘ Referenten bezieht,
sondern auf seinen Sinn (im Gegensatz zur Bedeutung),93 bezieht sich ein

91 Es ist brigens bemerkenswert, dass die vieldiskutierte Analogie zwischen dem


Noema und dem fregeschen Sinn-Konzept in keiner dieser Thesen selbst explizit
formuliert, sondern nur recht beilufig erwhnt wird, wiewohl deutlich ist, dass
diese Analogisierung den ganzen Hintergrund der Interpretation Føllesdals bildet.
92 Diese These richtet sich in erster Linie gegen die berhmte Interpretation des
Noema von A. Gurwitsch als „perceptual sense“ bzw. als Perzept, siehe Gurwitsch
1940, insbes. 132 f. Siehe dazu die Kritik bei Dreyfus 1982b und Føllesdal 1982b.
Auf diese Diskussion kann hier nicht nher eingegangen werden, mir scheint je-
doch allgemein, dass Føllesdal und Dreyfus Gurwitsch sehr tendenziçs lesen.
Gurwitsch ist m. E. nmlich nicht auf die Perzept-Interpretation des Noema
festgelegt: Wenn er vom Noema als perzeptuellem Sinn redet, meint er das so-
genannte „Wahrnehmungsnoema“ (vgl. Hua III/1, §§ 88 ff.) und kennzeichnet
damit, so scheint mir, keineswegs jede Form von noematischem Sinngehalt. Siehe
zu dieser Auseinandersetzung auch Mohanty 1982, 70 ff., Cunningham 1985 und
Haaparanta 1994, 213 ff.
93 Dass fr Frege die referenzielle Beziehung in intensionalen Kontexten eine Relation
zwischen einem Bewusstseinsakt und dem „Sinn eines Zeichens“, der durch jenen
„aufgefasst“ wird, ist – und nicht eine Relation zwischen einer mit einem Zeichen
verknpften „Vorstellung“ (Freges Begriff fr einen Bewusstseinsakt) und dem
gewçhnlichen Gegenstand selbst –, ist allerdings nicht so misszuverstehen, als wre
fr Frege der Sinn das genuine (Referenz-)Objekt eines Bewusstseinsaktes. Refe-
renz ist fr Frege vielmehr eine (triadische) Relation zwischen einer Vorstellung, die

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312 III. Internalismus und Externalismus

intentionaler Akt fr Husserl niemals auf seinen noematischen oder ge-
genstndlichen Sinn, sondern auf den (gewçhnlichen) Gegenstand selbst.94
Trotz dieser – wie wir noch sehen werden durchaus nicht unwichtigen –
Differenz, htten sowohl Frege als auch Husserl mit ihrer jeweiligen
Theorie des Sinns im Großen und Ganzen dasselbe Ziel verfolgt, nmlich
den referenziellen Aspekt propositionaler bzw. intentionaler Akte zu kl-
ren, wobei Føllesdal Husserl den Vorzug gibt, wenn es um die Klrung der
Relation zwischen Bewusstsein und bewusstseinstranszendenten Objekten
geht (vgl. Føllesdal 1969, 79).
Die wichtigste und insbesondere fr die Interpretation des transzen-
dentalen Idealismus wohl folgenreichste Konsequenz, die aus Føllesdals
Charakterisierung des Noema als abstrakte intensionale Entitt blicher-
weise gezogen wird, ist nun, dass Noemata nicht nur von den (noetischen)
Akten, sondern auch von den intentionalen Objekten ontologisch unter-
schieden werden mssen.95 Nun macht aber Husserl wie bereits erwhnt
demgegenber deutlich, dass der noematische Sinn eines intentionalen
Aktes ontologisch gesehen identisch ist mit dem intentionalen Objekt:
„jedes intentionale Erlebnis – eben das macht das Grundstck der Inten-
tionalitt aus – [hat] sein ,intentionales Objekt‘, d.i. seinen gegenstnd-
lichen Sinn“ (Hua III/1, 206). Die Unterscheidung ist, wie die thematische
Gegebenheit des Noema selbst, Ergebnis einer „eigenartigen Reflexion“,
nmlich der sogenannten „noematischen Reflexion“ (Hua III/1, 206, 342),
wie ja auch Føllesdal bemerkt. Was bei Husserl tatschlich ambivalent ist,
ist die Bestimmung der Eigenart dieser noematischen Reflexion und die
daraus resultierende Bestimmung der Eigenstndigkeit des Noema in
Abhebung zu den noetischen (und hyletischen) Komponenten intentio-
naler Bewusstseinserlebnisse.96 Husserl legt einerseits nahe, dass der noe-
matische Bestand von Bewusstseinserlebnissen ein reflexives Resultat der
phnomenologischen bzw. der noematischen Analyse ist; andererseits
betont er explizit, dass das Noema kein bloßes Reflexionsprodukt ist. So

sich vermittels eines Sinnes auf ein Objekt richtet bzw. es erfasst. Vgl. Frege 1892,
25 ff. Siehe dazu auch Aquila 1982, 210 f.
94 Zu Freges Begriff des „gewçhnlichen Sinns“ als der indirekten bzw. „ungeraden
Bedeutung“ eines Ausdrucks siehe Frege 1892, 26 f. und 33 f.
95 Das entspricht eben Freges Charakterisierung des Sinnes: „Die Bedeutung eines
Eigennamens ist der Gegenstand selbst, den wir damit bezeichnen; die Vorstellung,
welche wir dabei haben, ist ganz subjektiv; dazwischen liegt der Sinn, der zwar
nicht mehr subjektiv wie die Vorstellung, aber doch auch nicht der Gegenstand
selbst ist.“ (Frege 1892, 27)
96 Vgl. dazu auch Bernet/Kern/Marbach 1996, 93 f.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 313

widmet er einen ganzen Paragraphen der Ideen I (§ 108) dem Nachweis,


dass die „noematischen Charaktere“ nicht als „bloße Reflexionsbestimmt-
heiten aufzufassen sind“ (Hua III/1, 246), und macht auch an anderer Stelle
deutlich, dass das Noema als Sinnbestand der Erlebnisse „nichts in sich
schließen“ darf, das durch „,indirekte Kenntnis‘“ (Hua III/1, 206) ge-
wonnen wird.
R. Sokolowski hat in diesem Zusammenhang eine interessante, aber im
Grunde wenig hilfreiche Differenzierung verschiedener mçglicher Refle-
xionsformen eingefhrt und darauf hingewiesen, dass die fregeanische
Engfhrung vom Noema und einem abstrakten, intensionalen Sinn auf die
Vermengung der von ihm so genannten „propositional reflection“ und der
transzendental-phnomenologischen Reflexion grndet. Sokolowski zu-
folge habe Husserl selbst in den Ideen I diesen Unterschied nicht klar
formuliert und folglich die noematischen Gegebenheiten nicht deutlich
genug vom konzeptuellen, propositionalen Bereich linguistischer Sinn-
Entitten abgegrenzt. Whrend jedoch die propositionale Reflexion allein
den Sinn eines Satzes bzw. den (verifikationsfhigen) Sachverhalt, der darin
zum Ausdruck kommt, zum Gegenstand hat, ist nach Sokolowski das
Noema berhaupt keine Sinn-Entitt, sondern eine Art transzendentales
,Meta-Korrelat‘ mçglicher sinnvoller (intentionaler) Bezugnahmen, das
erst als Objekt der transzendental-phnomenologischen Reflexion kon-
stituiert wird (vgl. Sokolowski 1984, 126 ff. und 1987, 525 ff.).97
Bei aller Uneindeutigkeit bei Husserl und der notorischen Uneinigkeit
zwischen den Interpreten ist jedenfalls klar, dass das Noema zwar kein
reeller Bestand von Erlebnissen ist, mit diesem jedoch wesensmßig kor-
reliert und genau insofern – im Gegensatz zum realen Gegenstand –
phnomenologisch adquat gegeben ist.98 Man kann meines Erachtens der

97 Zu einer eingehenden kritischen Diskussion von Sokolowskis Konzept der pro-


positionalen Reflexion und zum Status des Noema als reflexives Ergebnis bzw.
seinen Zusammenhang mit dem „vor-reflexiv gegebenen Gegenstand-schlechthin“
siehe auch Bernet 1990, 73 – 75. Siehe auch D. Weltons Interpretation (Welton
1987, 536), die sich sowohl gegen Sokolowskis Vorschlag, das Noema als Objekt
der phnomenologischen Reflexion zu betrachten, als auch gegen die fregeanische
Reduktion des Noema auf eine abstrakte, intensionale Entitt richtet. Vgl. in
diesem Zusammenhang auch J. N. Mohantys (2008) ußerst treffende Unter-
scheidung zwischen vier verschiedenen Aspekten des Noema, denen jeweils ver-
schiedene Konstitutionsfunktionen zukommen, nmlich: 1.) dem ,psychologi-
schen‘ 2.) dem ,logischen‘ 3.) dem ,semantisch-funktionalen‘ und 4.) schließlich
dem ,transzendentalen Noema‘; Mohanty 2008, 383 f.
98 So scheint mir auch Husserl einem Selbstmissverstndnis unterlegen zu sein, wenn
er in einem wenig bekannten, der genetischen Phnomenologie zuzuordnenden

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314 III. Internalismus und Externalismus

Auflçsung dieser Ambivalenzen einen Schritt nher kommen, wenn man


bedenkt, dass der bewusstseinsmßig eigenstndige Status des Noema nicht
ontologisch hypostasiert und derart missverstanden werden darf, als wre es
ein Reflexionsprodukt im Sinne einer ontologisch ausgezeichneten, idealen
Entitt und als solche nicht nur von den reellen Erlebniskomponenten,
sondern auch vom intentionalen Objekt ontologisch getrennt. Die ad-
quate Gegebenheit bzw. der absolute Evidenz-Charakter des Noema wird
dann von der wesentlichen Korrelation der noematischen und noetisch-
hyletischen Bestnden des Bewusstseins her verstndlich und erweist sich
als der phnomenologisch wesentliche/intrinsische Sinnbestand intentio-
naler Erlebnisse, welcher von deren reell-immanenten Bestnden gleich-
wohl unterschieden werden muss.
Entgegen Føllesdals Lektre ist aber nicht nur der noematische Sinn
vom intentionalen Objekt ontologisch nicht zu trennen. Ebenso wenig ist
der intentionale vom realen Gegenstand, auf den sich intentionale Akte
richten, ontologisch geschieden. (Eine fr die internalistische Interpreta-
tionslinie Husserls einflussreiche Folgeerscheinung dieser ontologischen
Trennung ist, brigens – nur scheinbar gegenlufig – die Engfhrung des
phnomenologischen Konzepts von (noetisch cum noematischer) Imma-
nenz mit einer Art selbstgengsamer Internalitt intentionaler Inhalte, etwa
bei H. L. Dreyfus.) Dass das intentionale Objekt dem Akt immanent ist,
whrend das wirkliche Objekt diesen transzendiert, heißt also nach Husserl
keineswegs, dass zwei Seinsbereiche – nmlich eine interne/mentale und
eine externe/reale – sich gegenberstehen, zwischen denen noch das Noema
stehe und vermittelte.
[oft sehr falsche Deutungen] verraten sich hier in Ausdrcken wie „mentales“,
„immanentes“ Objekt und werden zumindest gefçrdert durch den Ausdruck
„intentionales“ Objekt. […] Versuchen wir aber in dieser Art wirkliches Objekt
(im Falle der ußeren Wahrnehmung das wahrgenommene Ding der Natur)
und intentionales Objekt zu trennen, letzteres als „immanentes“ der Wahr-

Text (um 1920), schreibt: „Ich bleibe hier in Widerspruch zu den ,Ideen‘ und
leugne, daß noematische Einheiten, gegenstndliche Sinne dem Erlebnis tran-
szendent sind“ bzw., dass es „kein[en] Grund [gibt], das ,Noema‘ vom Erlebnis
abzurcken und ihm den Charakter eines reellen Moments zu bestreiten“ (Hua XI,
334, Anm. 1 und 335). Husserl scheint hier einfach den falschen Schluss aus den
Ergebnissen seiner Analysen der zeitlichen Konstitution von Gegenstndlichkeit zu
ziehen: Dass der gegenstndliche, noematische Sinn selbst im reellen Zeit- bzw.
Erlebnisstrom des Bewusstseins konstituiert wird und insofern unablçsbar mit
diesem korreliert ist, heißt keineswegs zwangslufig, dass er in demselben Sinn
reelles Moment des Bewusstseinsstromes ist wie dessen (reelle) Konstituenten,
nmlich die Erlebnisse selbst.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 315

nehmung, dem Erlebnis reell einzulegen, so geraten wir in die Schwierigkeit,


dass nun zwei Realitten einander gegenberstehen sollen, whrend doch nur
eine vorfindlich ist. Das Ding, das Naturobjekt nehme ich wahr, den Baum
dort im Garten; das und nichts anderes ist das wirkliche Objekt der wahr-
nehmenden „Intention“. (Hua III/1, 207 f.)
Noemata kçnnen demnach reflexiv zum Gegenstand von weiteren in-
tentionalen Akten gemacht werden, sind aber nicht das primre Objekt von
intentionalen Akten. Gegenstnde intentionaler Akte sind – sofern existent
– jederzeit die ,wirklichen‘ (d. i. nicht-intentionalen) Gegenstnde. Zum
Gegenstand der phnomenologischen Analyse werden diese als intentio-
nale Objekte mit ihrem je eigenen noematischen Sinn fr Subjekte in-
tentionaler Erfahrung.
Føllesdal missdeutet also den phnomenologischen Befund, wonach
intentionale Akte primr nicht auf ihre noematischen Inhalte gerichtet
sind, dahingehend, dass Noemata ontologisch sowohl von den intentio-
nalen Akten als auch von den intentionalen und den realen Objekten zu
trennen sind. Føllesdal kommt freilich nicht einfach irrtmlich zu dieser
Missdeutung. Der Grund dafr ist vielmehr, dass er Husserl – gegenber
der klassischen Theorie der Intentionalitt von Brentano und analog zu
Freges Theorie der Referenz – eine sogenannte triadische Theorie der In-
tentionalitt zuschreibt. Føllesdal zufolge besteht Husserls Intentionali-
ttstheorie im Wesentlichen in einer Kombination von Brentanos (dya-
discher) Theorie der Intentionalitt mit Freges (triadischer) Theorie der
Referenz (vgl. Føllesdal 1972, 422). So wie nmlich Frege mit dem tria-
dischen Schema Name–Sinn–Referenz/Bedeutung operiert, um der Re-
ferenz von singulren Ausdrcken in intensionalen Kontexten gerecht zu
werden, htte Husserl Brentanos Unterscheidung zwischen Akt und Ge-
genstand durch die Trias Akt–Inhalt/Noema–Gegenstand ersetzt, und
zwar, um das bei Brentano rtselhaft gebliebene Problem der mçglichen
mentalen Bezugnahme auf nicht-existente und/oder halluzinierte Objekte
lçsen zu kçnnen.99
Brentanos Intentionalittstheorie wird blicherweise auch Objekt-
Theorie der Intentionalitt genannt,100 da sie fr die Erklrung von In-
tentionalitt eine ontologisch ausgezeichnete Klasse von Objekten postu-
liert, auf die sich intentionale Akte richten. Die intentionale Gerichtetheit
eines mentalen Aktes verdankt sich Objekt-Theorien der Intentionalitt
zufolge der Ausgezeichnetheit intentionaler Objekte. Whrend also fr

99 Siehe dazu ausfhrlich weiter unten, Kap. III. 2.5.


100 Vgl. u. a. Smith/McIntyre 1982b, 40 ff., 87 ff.; siehe dazu Drummond 1990, 11 f.

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316 III. Internalismus und Externalismus

Brentano Intentionalitt eine Beziehung zwischen einem mentalen Akt


und einem besonderen – nmlich dem intentionalen im Gegensatz zum
real-physikalischen – Gegenstand ist, ist fr Husserl Intentionalitt eine
Beziehung zwischen einem Akt und einem gewçhnlichen, realen Gegen-
stand. Husserl fhrt nun das Noema als „intermediary notion“ (Føllesdal
1982a, 35) ein, die dazu dient, die intentionale Gerichtetheit zwischen den
Akten und diesen gewçhnlichen Gegenstnden zu erklren.101 Das Noema
habe dabei aber nicht nur eine explanatorische, sondern auch eine quasi-
ontologische Vermittlungsfunktion. Føllesdal schreibt aber Husserl nicht
nur diese triadische Vermittlertheorie der Intentionalitt zu, er folgert
daraus vielmehr – entgegen Husserls obigem Hinweis auf die irrefhrende
Rede vom Mentalen als einer dem Weltlichen/Realen gegenberstehenden
Seinsregion –, dass die immanente Aktstruktur des Bewusstseins mit sei-
nem noematischen Bestand von der Transzendenz weltlich-realer Gegen-
stnde zu trennen sei: „Husserl seems to have overcome a problem in
Brentano [d. i. das Problem der intentionalen Bezugnahme auf nicht-
existente Gegenstndlichkeiten; T. Sz.] by separating what is in cons-
ciousness as a structure of it and what is in the world outside us“ (Føllesdal
1982a, 37). Der Gegensatz zwischen Objekt- und Vermittlertheorien der
Intentionalitt auf der Ebene der theoretischen Konzeptualisierung des
intentionalen Verhltnisses korrespondiert mit der ontologischen Tren-
nung von intentionalem Akt und dessen intentionalem Objekt einerseits
und jener vom intentionalen und realen Gegenstand andererseits.
Zu den wichtigsten Autoren, die diese Dichotomisierung, welche den
Kern der analytisch-fregeanischen Lektre der husserlschen Phnomeno-
logie insgesamt bildet, noch vertieft haben, zhlen zweifelsohne die beiden
Føllesdal-Schler D. W. Smith und R. McIntyre. Smith und McIntyre
haben in ihrer insbesondere im angelschsischen Raum vielbeachteten und
umfangreichen Studie zur Intentionalittstheorie Husserls (Smith/McIn-
tyre 1982b) Føllesdals Interpretation systematisch ausgearbeitet und wei-
terentwickelt, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie damit
den entscheidenden Schritt zu einer neuen Ausrichtung der Phnome-
nologie beigetragen haben, die mittlerweile unter der Bezeichnung ,ana-
lytische Phnomenologie‘ Eingang in die Husserl-Forschung und darber
hinaus gefunden hat.102

101 Vgl. dazu auch Føllesdal 1972, 420 ff.


102 Die Bezeichnung findet sich etwa ausdrcklich im Untertitel einer neueren Studie
von W. Huemer (Huemer 2005). Kelly 2001 wiederum macht es sich explizit zur
Aufgabe, aus einer kritischen Perspektive den Beitrag der Phnomenologie zur

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 317

Wie Føllesdal gehen auch Smith und McIntyre davon aus, dass das
Konzept des Noema der bestimmende Theoriebaustein der husserlschen
Phnomenologie der Intentionalitt ist. Sie charakterisieren es als den
bedeutungsmßigen Gehalt mentaler Akte und weisen konsequenterweise
der Analyse von Bedeutung eine eminente Rolle in Husserls allgemeiner
phnomenologischer Theorie des Bewusstseins zu. Smith/McIntyre
schließen sich auch der allgemeinen Stoßrichtung von Føllesdals Inter-
pretation an, wonach Husserls Theorie der Intentionalitt qua Theorie des
(noematischen) Gehalts intentionaler Akte genau genommen eine Ver-
allgemeinerung von Freges Theorie der Referenz ist.103 Hierzu lassen sich
bei Smith/McIntyre zwei Interpretationsschritte ausmachen: Zunchst
identifizieren sie das Noema mit dem sogenannten phnomenologischen
oder idealen Gehalt von intentionalen Akten.104 Als ein solcher idealer

analytischen Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes zu untersuchen, be-


handelt jedoch ausschließlich die post-husserlsche Phnomenologie (Heidegger
und Merleau-Ponty). Zu den Pionieren gehçrt neben Føllesdal selbst (s. auch:
Føllesdal 1972) insbesondere J. Hintikka (Hintikka 1975). Zu weiteren Vertretern
dieser analytisch orientierten, oft direkt an Føllesdal bzw. Hintikka orientierten
Interpretation (neben D. W. Smith und McIntyre selbst) zhlen u. a.: Kusch 1989;
Bell 1990, 1994; Beyer 2000; Haaparanta 1994; Harney 1984; Kng 1972, 1984;
Soldati 1994 und B. Smith 1994a. Im deutschsprachigen Raum kommt E. Tu-
gendhat das Verdienst zu, als Erster die husserlsche Phnomenologie im sprach-
analytischen Kontext verortet zu haben, siehe: Tugendhat 1970 und 1976. Eine
gute historische berblicksdarstellung der analytischen Phnomenologie findet
sich bei D. W. Smith (selbst ein Pionier dieser Tradition), vgl. Smith 2007, 415 –
418. Siehe auch die Studie Cobb-Stevens 1990 und den frheren Sammelband
Durfee 1976. Gegenber all diesen Vermittlungsversuchen stellte noch 1971
G. Ryle, einer der Urvter der analytischen Philosophie des Geistes, in einem
Aufsatz mit dem Titel Phenomenology and Linguistic Analysis lapidar fest: „There is
no debate now going on between Husserl and anyone else, and not much even
between Husserl and Husserl. In a word, phenomenology is not exciting and most
often not even interesting. It does not answer questions that had worried us.“ (Ryle
1971, 7) Eine interessantere und etwas positivere Darstellung von Husserl hat Ryle
ein paar Jahre spter vorgelegt, vgl. Ryle 1976.
103 Vgl. u. a.: Smith/McIntyre 1971, 542. Zu beachten ist jedoch, dass, whrend
Føllesdal an einer Stelle pauschal behauptet, dass die ganze Phnomenologie
Husserls auf dieser „simple and natural generalization“ basiert (Føllesdal 1972,
422), sich Smith/McIntyre zwar im Wesentlichen der føllesdalschen Interpretation
anschließen, aber betonen, dass ihnen eine Analyse der husserlschen Theorie der
Intentionalitt, welche allein auf dem Konzept des Noema beruht, fr bestimmte
wichtige phnomenologische Erfahrungstypen inadquat erscheint; siehe dazu:
Smith/McIntyre 1982b, xvii.
104 Was den Aktcharakter betrifft, sei der Genauigkeit halber hier erwhnt, dass Smith/
McIntyre zwischen propositionalen Akten und nicht-propositionalen Akten – den sog.

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318 III. Internalismus und Externalismus

Sinngehalt von Akten ist das Noema eine abstrakte Entitt. Dieser Schritt
geht Hand in Hand mit der These, wonach das Noema von den Objekten
intentionaler Akte unterschieden werden muss. In einem weiteren Schritt
identifizieren sie diese abstrakte Entitt, die zur gleichen ontologischen
Klasse gehçrt wie sprachlich artikulierbare Bedeutungen, mit dem lingu-
istischen Sinn la Frege. Smith/McIntyre weisen dabei ausdrcklich darauf
hin, dass die beiden Thesen auch unabhngig voneinander vertreten
werden kçnnen. Die These, wonach der noematische Gehalt von inten-
tionalen Akten eine ideale, abstrakte Entitt und nicht ihr (intentionales)
Objekt ist, ist also unabhngig von der zustzlichen These, wonach das
Noema mit dem fregeschen linguistischen Sinn identifiziert wird (vgl.
Smith/McIntyre 1982b, 88).
In Anlehnung an Føllesdal, jedoch unabhngig von der spezifisch
fregeanischen These, wonach das Noema mit dem linguistischen Sinn zu
identifizieren sei, entwickeln nun Smith/McIntyre ihre Interpretation von
Husserls Theorie der Intentionalitt als eine sogenannte Mediatoren-
Theorie. Sie unterscheiden diese Mediatoren-Theorie der Intentionalitt
einerseits von Husserls frherer Theorie der Logischen Untersuchungen,
welche sie als eine Version der sogenannten adverbialen Theorien der In-
tentionalitt lesen, und andererseits von den klassischen Objekt-Theorien.
Whrend die Objekt-Theorien, wie wir gesehen haben, Intentionalitt
durch die Besonderheit der intentionalen Objekte erklren und auf diese
zurckfhren, ist den adverbialen Theorie zufolge Intentionalitt auf eine
besondere, intrinsische Charakteristik mentaler Akte zurckzufhren: Sich
intentional auf etwas zu beziehen ist demzufolge, etwas in einer be-
stimmten Weise zu intendieren. An einen traurigen Film zu denken etwa,
wre demnach eine Intention des adverbialen Charakters ,denkend an einen
traurigen Film‘ zu vollziehen bzw. das Haben eines ,denkend an einen
traurigen Film‘-Typs von Erlebnis. Intentionale Akte sind demzufolge ein
besonderer Typus von mentalen Akten und Intentionalitt ein besonderer
Aktcharakter (vgl. Smith/McIntyre 1982b, xv, 142). Husserl habe die
adverbiale Theorie in den Logischen Untersuchungen gegenber Brentanos
Objekt-Theorie entwickelt, um der Mçglichkeit nicht-existenter inten-
tionaler Objekte Rechnung zu tragen. Nun sind jedoch adverbiale Theo-

„direct-object acts“, deren paradigmatische Typen Wahrnehmungen sind – unter-


scheiden und betonen, dass dies keine rein grammatikalische oder syntaktische,
sondern eine genuin phnomenologische Klassifikation widerspiegelt. Gleichwohl
sind fr ihre Interpretation, wie sie selbst bemerken, die propositionalen Akte von
primrem Interesse; vgl. Smith/McIntyre 1982b, 6 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 319

rien mit dem Problem konfrontiert, dass sie den genuin relationalen
Charakter der Intentionalitt nicht adquat erklren kçnnen. Sofern sie die
intentionale Gerichtetheit von Akten, ihren Bezug auf Objekte, auf eine
Eigenschaft dieser Akte selbst zurckfhren, sind sie uninformativ bzw.
zirkulr. Hier trete die Mediatoren-Theorie der Ideen I auf den Plan.105
Die Mediatoren-Theorie der Intentionalitt positioniert sich sowohl
gegenber adverbialen als auch gegenber Objekt-Theorien. Anstatt In-
tentionalitt auf die Besonderheit intentionaler Akte oder jener der Objekte
zurckzufhren, erklrt sie die Gerichtetheit mentaler Akte durch die
Besonderheit intentionaler Inhalte bzw. deren ausgezeichneter Funktion.
Husserl habe nach Smith/McIntyre zwar die Grundtendenz seiner adver-
bialen Theorie, wonach jeder intentionale Akt seinem Wesen bzw. Cha-
rakter nach intentional ist, nicht aufgegeben, die Theorie jedoch dahin-
gehend modifiziert, dass der intentionale Inhalt des Aktes in diesem Wesen
nicht aufgeht bzw. auf dieses nicht reduzibel ist. Husserls Theorie des
Noema sei die Explizierung dieses intentionalen Inhalts, welcher vom
intentionalen Aktcharakter unterschieden werden msse (vgl. Smith/
McIntyre 1982, 142). Ihr Vorteil gegenber der adverbialen Theorie be-
stehe darin, dass sie dem relationalen Charakter intentionaler Akte gerecht
wird. Smith/McIntyre umreißen diese neue, alternative Intentionalitts-
theorie Husserls folgendermaßen:
The basic tenet of Husserl’s theory is that the intentionality of any act is due
to there being associated with the act an entity he calls „intentional content“
or „noema“. […] Husserl sharply distinguishes the noema of an act from the
act’s object. […] The noema of an act is an abstract, or „ideal“, entity – an
„intentional object“ in the ontological sense […]. An act’s noema is embod-
ied in the internal, or phenomenological, structure of the act itself […]. It is
not in any sense an object that is intended in the act, an object of which the
subject is conscious in the act. But it is in virtue of this content, Husserl
holds, that an act achieves its intentional relation to its object proper. Ac-
cordingly we shall argue, Husserl’s theory is not an object-theory but a me-
diator theory […]: for Husserl, an act is directed toward an object via an in-
termediate „intentional“ entity, the act’s noema. […] With its focus on an
act’s noema, Husserl’s account of intentionality takes a decisively „inward“
turn, a turn away from the objects of acts and toward the acts themselves
and their „contents“. (Smith/McIntyre 1982b, 87)

105 Eine solche adverbiale Interpretation von Husserl vertreten auch D. Bell (s. Bell
1990, 133 f.) und G. Segal (Segal 2007, 284). Fr eine konzise historisch infor-
mierte adverbiale Theorie des (Selbst-)Bewusstseins (mit Bezgen zu Kant,
Brentano u. a.) siehe Thomas 2003.

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320 III. Internalismus und Externalismus

Smith/McIntyre charakterisieren Husserls noematische Theorie der In-


tentionalitt insofern als phnomenologisch, als sie den Fokus auf jene in-
termedire Entitt der intentionalen Relation zwischen Geist und Welt
legt, welche der phnomenologischen Struktur intentionaler Akte intern ist
und von diesen gleichwohl ontologisch unterschieden werden muss. Nun
ist demnach aber das Noema nicht nur vom intentionalen Akt unter-
schieden, es hat vielmehr einen ontologisch distinkten Status. Smith/
McIntyre zufolge gehçrt das Noema zu einer ontologisch distinkten Art
intentionaler Objekte. Im Gegensatz zum intentionalen Objekt eines Aktes
ist das Noema selbst eine Art ,intentionales Objekt‘ in einem spezifischen
Sinn: Whrend es im Unterschied zum ,gewçhnlichen‘ intentionalen
Objekt – nmlich jenem, auf das ein Akt gerichtet ist – nicht das direkte
Objekt einer Intention ist, ist das Noema vielmehr fr die Gerichtetheit
und die Richtung bzw. die Gegenstandsbestimmung des Aktes, dessen
jeweiliges Korrelat es ist, verantwortlich. Das ist, was Smith/McIntyre
meinen, wenn sie schreiben, dass das Noema seiner ontologischen Art nach
(in kind) eine intentionale Entitt bzw. ein intentionales Objekt ist.106 Als
einer solchen ontologisch ausgezeichneten Entitt kommt dem Noema also
die Funktion zu, zwischen der bewusstseinsinternen und der bewusst-
seinsexternen Sphre zu vermitteln. Das Noema ist gleichsam eine dem
(noetischen) Akt ,eingebaute‘ Funktion, vermittels welcher sich ein men-
taler Akt auf ein Objekt richtet (vgl. Smith/McIntyre 1982b, 109). Das
Noema, selbst eine intermedire Entitt, vermittelt (mediates) also zwi-
schen den zwei Entitten Akt und Objekt.
Wie ist diese Vermittlungsfunktion nun genauer zu verstehen? Smith/
McIntyre erklren diese Funktion, indem sie eine doppelte Relationalitt in
die intentionale Beziehung zwischen Akt, Inhalt und Objekt einfhren.
Wir haben es hier also mit drei Entitten und einer zweifachen Relation
zwischen diesen zu tun: Zum einen die Relation zwischen (noetischem)
Akt und (noematischem) Inhalt und zum anderen jene zwischen diesem
Inhalt und dem intentionalen Objekt. Was Erstere betrifft, interpretieren
sie Husserls Rede von der ,sinnverleihenden‘ Funktion noetischer Akte bzw.
seine Metapher fr die noematische Sinnkonstitution als „Beseelung“ der

106 Vgl. Smith/McIntyre 1982b, 93: „In general, for Husserl, it is only […] the act’s
content that is peculiarly ,intentional‘ in ontological kind. The content of an act,
then, is an ,intentional object‘ in [two senses]: it is an entity intentional in kind, and
it is an entity whose correlation with an act accounts for the act’s being intentional,
but it is not itself an object intended in the act in which it plays that role. And by
contrast, what is intended in an act – the act’s object – is neither intentional in kind
nor necessary for the act’s having its characteristic property of intentionality.“

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 321

Akte (Hua III/1, 230 f.) mit dem vermeintlich ,neutraleren‘ Begriff en-
tertaining, wobei jedem intentionalen Akt ein Noema zukomme bzw. ein
solches aufwiese. Die erste Relation ist mithin eine intrinsische Korrela-
tion.107 Die zweite Relation, jene zwischen Noema und Objekt, ist dem-
gegenber eine asymmetrische, insofern das Noema auf das Objekt hin-
weist (points to), es (re)prsentiert (represents, presents) bzw. vorschreibt
(prescribes) – kurz, den Bezugsgegenstand determiniert. Entsprechend ist
bei Smith/McIntyre auch die Rede von der ,entertaining‘ relation bzw. der
,prescribing‘ relation bezglich der Intentionalitt mentaler Akte. Die
Konsequenz dieses triadisch-relationalen Schemas ist nun, dass ein men-
taler Akt vermittels (in virtue of ) des Noema zu einem intentionalen Akt
wird bzw. durch es hindurch sich auf einen Gegenstand, nmlich genau
den, welchen das Noema vorschreibt, gerichtet ist (Smith/McIntyre 1982b,
143). Das ist der Kern der Mediatoren-Theorie der Intentionalitt.
Nach der Mediatoren-Theorie der Intentionalitt ist Phnomenologie
identisch mit der Analyse des internen Gehalts von Bewusstseinserleb-
nissen. Der Fokus der phnomenologischen Analyse ist insofern exklusiv
bzw. reduktiv, als diese von allem abstrahiert, was nicht zur internen
Struktur dieser Erlebnisse gehçrt – nmlich sowohl von den intentionalen
als auch den realen Objekten von Intentionen, welche gleichermaßen den
phnomenologischen Erlebnisbestand transzendieren.108 Was Smith/
McIntyre oben mit „inward turn“ bezeichnen, meint demgemß eine ru-
dimentre Form der transzendental-phnomenologische Reflexion (vgl.
Smith/McIntyre 1982b, 88). Ziel der phnomenologischen Analyse der
Intentionalitt ist Smith/McIntyre zufolge, die ontologische und phno-
menologische Struktur des intentionalen Gehalts zu explizieren und auf-
zuweisen, dass dieser – im Unterschied zum (gewçhnlichen) intentionalen

107 R. McIntyre hat auch in einer spteren Darstellung (McIntyre 1987) das Verhltnis
zwischen Noema und noetischem Akt problematisiert. Er gibt zu bedenken, dass,
sofern Noemata keine Eigenschaften von Akten, sondern ideale Entitten seien, sie
nicht mehr – wie in den Logischen Untersuchungen – in einem Verhltnis der In-
stanziierung zu den noetischen Akt-Vollzgen stehen kçnnen. Husserls ver-
meintlich neue Konzeption der noetischen „Sinn-Beseelung“ erachtet er jedoch fr
uninformativ und somit die Frage der noetisch-noematischen Korrelation bei
Husserl letztlich fr ungelçst; vgl. McIntyre 1987, 534 f.
108 Vgl. Smith/McIntyre 1982b, 93: „We characteriz[e] Husserl’s approach to in-
tentionality as ,phenomenological‘ because it attempts to explain intentionality
exclusively in terms of the contents of intentional experiences as opposed to their
objects. Broadly defined, phenomenology is simply a study of the intrinsic struc-
tures of consciousness, or contents of experiences.“

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322 III. Internalismus und Externalismus

Objekt – notwendig und hinreichend fr die intentionale Gerichtetheit


mentaler Akte ist.109
Eine weitere prominente Version der fregeanisch-analytischen Inter-
pretation des Noema findet sich bei M. Dummett. Dummett geht es nicht
um die Verteidigung einer Mediatoren-Theorie der Intentionalitt bzw.
deren Zuschreibung zu Husserl. Im Gegenteil: Dummett deutet zwar
Husserls (frhe und sptere) Theorie der Intentionalitt in Analogie zu
Freges Theorie der Referenz, weist jedoch eine Interpretation des frege-
schen Sinn-Konzepts entschieden zurck, der zufolge Freges ,Sinn‘ eine
intermedire Entitt zwischen einer Intention oder einem propositionalen
Akt bzw. Gedanken auf der einen Seite und dem jeweiligen Referenten auf
der anderen sei. Nach Dummett hat der fregesche Sinn zwar einen we-
sentlichen Anteil an der Determination des Referenzobjekts. So erfasst ein
Sprecher/Denker das jeweilige Bezugsobjekt eines Terms bzw. versteht die
Bedeutung eines Satzes nur dann, wenn er ihren jeweiligen Sinn erfasst.
Doch impliziert das nicht, dass ein Sprecher/Denker sich auf eine Entitt
richtete, vermittels deren er sich auf das Bezugsobjekt bezieht, als ob er
quasi zuerst den Sinn und dann bzw. erst dadurch den Referenten erfasste.
Being directed towards a particular object is […] intrinsic to the Fregean
sense, just as it is, for Husserl, intrinsic to any intentional act […]. We
must not, however, think of Fregean sense as an intermediate station en
route to the referent, as if the thinker aimed at the sense, which then read-
dressed the thought to the referent. The sense itself is the route; the entire
route, and nothing but the route. The sense may be regarded as an object,
but to grasp it is not an instance of that object’s being given to us; it is a
way in which the referent is given to us. Grasping a sense and thinking of
that sense are two quite different things. […] everything that goes to deter-
mine the referent is part of the sense. We apprehend the referent through the
sense; the sense simply is a way of conceiving of the referent. (Dummett
1991b, 227 f.)
Dummetts Interpretation widerspricht also nicht grundstzlich einer
triadischen Lektre von Freges Referenz- bzw. Husserls Intentionalitts-
theorie, gleichwohl richtet sie sich entschieden gegen eine Mediatoren-
Theorie der Intentionalitt la Smith/McIntyre. Worum es aber Dummett
bei seiner fregeanischen Interpretation Husserls primr geht, ist etwas
anderes: nmlich um die Verteidigung der fregeanischen These, wonach

109 Vgl. Smith/McIntyre 1982b, 105: „The goal of a Husserlian theory of intenti-
onality is to tell us just what kind of entity an act’s content is and to convince us that
an experience’s involvement with an entity of that kind is both necessary and
sufficient for the intentionality of the experience.“

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 323

intentionale Akte erst dann referieren, wenn ihr Sinngehalt erstens pro-
positional artikulierbar und zweitens dieser propositionaler Gehalt von
einem Sprecher erfasst bzw. verstanden werden kann. So identifiziert
Dummett mit Verweis auf Husserls Unterscheidung zwischen den ver-
schiedenen noetischen „Aktschichten“ und den korrelativen Schichten des
Noema (vgl. Hua III/1, § 124) den noematischen Kern mit jener Schicht,
die mit einem sprachlichen Ausdruck verknpft ist bzw. mit einem solchen
verknpft werden kann:
Demnach besteht ein Noema in seinem innersten Teil aus einem Sinn, der mit
einem sprachlichen Ausdruck verknpft ist oder mit ihm verknpft werden
kann, in dem Bewußtseinsakt jedoch, den er erfllt, ohne diese Verknpfung
auftritt. Außerdem besteht das Noema aus weiteren Schichten, die sprachlich
nicht zum Ausdruck gebracht werden kçnnen. Nur dadurch, daß der zentrale
Kern in Absehung von der Sprache betrachtet wird, kann man ihn durch
Verallgemeinerung gewinnen; aber die brigen Schichten stellen eine noch
radikalere Verallgemeinerung des sprachlichen Sinnes dar. (Dummett 1988,
98)
Dummett meint nun, dass ein intentionaler (Wahrnehmungs-)Akt „erst
durch das Noema einen Gegenstand erhlt, und daher ist das Noema –
ebenso wie der Sinn [bei Frege; T. Sz.] etwas, was ber sich selbst hinaus auf
einen Gegenstand in der Außenwelt verweist“ (Dummett 1988, 99). Nach
Dummett gewhrleistet also erst die sprachliche Artikulierbarkeit des
noematischen Gehalts bzw. seine Verknpfung mit einem sprachlichen
Ausdruck den Gegenstandsbezug.110 Dieser Auffassung liegt Dummetts
obige Interpretation von Frege zugrunde, wonach referenzieller Bezug nur
dann gegeben ist, wenn wir diesen auch (bewusst) erfassen bzw. wenn wir
den Sinn von referenziell verwendeten Ausdrcken verstehen. Verstehen ist
jedoch bei Frege keine dispositionale Fhigkeit oder eine Art ,geistiges
Kçnnen‘; von Verstehen im eigentlichen Sinn kann nur dann die Rede sein,
wenn wir die Bedeutung von Wçrtern, Ausdrcken, Stzen etc., das heißt
von sprachlichen Entitten, erfassen bzw. sie richtig verwenden kçnnen.
Dies wiederum ist der Fall, wenn wir jeweils angeben kçnnen, welche
Ausdrcke sich auf welche bestimmten Gegenstnde beziehen, oder aber
zumindest das Verfahren kennen, das zur Bestimmung der Extension eines

110 Vgl. Dummett 1988, 99: „Das Noema besteht zunchst darin, daß wir unsere
Sinneseindrcke als Darstellungen eines ußeren Gegenstands begreifen. Um sich
auf einen Gegenstand beziehen zu kçnnen, muß der verwendete sprachliche
Ausdruck in seinem Sinn das enthalten, was zusammen mit den Umstnden seiner
Verwendung einen spezifischen Gegenstand als Bezugsobjekt konstituiert.“

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324 III. Internalismus und Externalismus

Ausdrucks bzw. der Wahrheitsbedingungen von Stzen notwendig ist.111


Dummett zufolge muss ferner eine Theorie der Bedeutung fr eine ge-
gebene natrliche Sprache (im Unterschied zu einer allgemeinen seman-
tisch-logischen Theorie) erklren kçnnen, worin das individuelle Verstehen
einzelner Ausdrcke und Stze bzw. das Beherrschen einer Sprache eines
Mitgliedes der jeweiligen Sprachgemeinschaft besteht.112 Husserl habe nun
mit seiner Vorstellung, „that there must be an inner mental process that
accompanies the utterance or the act of listening and that constitutes
understanding“ (Dummett 1991a, 343) – eine Idee, die Wittgenstein
immer wieder angegriffen hat –, schlicht die falsche Erklrung gegeben.
Doch abgesehen davon, dass Verstehen bei Husserl weder auf einen so-
lipsistisch-monologischen Erlebnisprozess beschrnkt bzw. konstitutiv in
diesem fundiert ist, liegt bei Husserl berhaupt keine Theorie der Be-
deutung fr natrliche Sprachen im dummettschen Sinn vor; Husserls
Bedeutungstheorie hat nicht den Anspruch zu erklren, worin das Ver-
stehen von einzelnen Ausdrcken, Stzen bzw. individuelle Sprachkom-
petenz besteht.113
Dummetts noch grundlegenderer Vorwurf an Husserls Theorie des
Noema ist, dass sie nicht beantworten kçnne, „wodurch ein bestimmter
Gegenstand zu demjenigen wird, auf den sich ein spezifischer Wahrneh-
mungsakt richtet“ (Dummett 1988, 100). Allgemein gesprochen, geht es
um den Vorwurf, dass Husserl nicht angeben kçnne, was das Noema „in
sich enthalten muß“, damit sich ein intentionaler (Bedeutungs-)Akt auf
einen spezifischen Gegenstand bezieht bzw. der noematische Sinn genau
einen bestimmten Referenten herausgreift. Der Vorwurf ist jedoch, wie wir
bereits gesehen haben, insofern verfehlt, als der noematische Sinn bei
Husserl eben gar nicht, wie die fregeanische Interpretation es haben will,
die Aufgabe hat, den Referenten einer Bedeutungsintention herauszu-

111 Vgl. Dummett 1988, 18 ff., 89 ff., 93. Siehe mehr dazu oben, Kap. II. 3.1. bzw.
unten, Kap. IV. 3.
112 Vgl. dazu u. a. Dummett 1991a, 61 f. und 343.
113 Zu Husserls Konzept der „verstehenden Auffassung“, vgl. Hua XIX/1, 79. Husserl
weist an dieser Stelle, auf die sich auch Dummett bezieht (Dummett 1988, 95 f.),
in einer Anmerkung zwar darauf hin, dass er „das Wort Verstehen nicht etwa in
dem eingeschrnkten Sinn [gebraucht], der auf die Beziehung zwischen einem
Sprechenden und Hçrenden hinweist“, und meint weiter: „Der monologische
Denker ,versteht‘ seine Worte und dies Verstehen ist einfach das aktuelle Bedeu-
ten.“ (Hua XIX/1, 79) Das heißt aber weder, dass Verstehen psychologistisch im
individuellen Verstehensprozess fundiert noch objektive Bedeutung durch einen
solchen konstituiert ist. Siehe dazu die differenzierte Kritik von S. Rinofner-Kreidl
an Dummetts Husserl-Interpretation, Rinofner-Kreidl 2003, 74 f.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 325

greifen oder das Bezugsobjekt eines intentionalen Aktes zu determinieren,


und das Noema ebenso wenig ,in sich‘ etwas enthlt, was diese Determi-
nationsfunktion leisten kçnnte, wie es selbst kein reeller Bestandteil eines
intentionalen Aktes ist. Wie Dummett ja selbst betont, findet sich bei
Husserl keine „Theorie des Bezugs“ (im Unterschied zu einer „Theorie des
Sinns“) (Dummett 1988, 49) – ebenso wenig wie eine Bedeutungstheorie
fr natrliche Sprachen.
Wenn Dummett nun meint, dass Husserl, „nicht anders als Frege, die
Ansicht [vertritt], daß der Sinn eines Ausdrucks ein konstitutives Element
ist, dem er seinen jeweiligen Bezug verdankt“ (Dummett 1988, 49), so
muss die Betonung auf den Aspekt der Konstitution gelegt werden: Der
noematische Sinn konstituiert zwar den jeweiligen gegenstndlichen und
bedeutungsmßigen Bezug eines Aktes, das heißt aber weder, dass er den
(bestimmten) Referenzgegenstand oder die extensionale Bedeutung de-
terminierte, noch dass die referenzielle Bezugnahme eines Aktes vermittels
des Noema erst entstnde.
Zusammenfassend lsst sich die fregeanisch-analytische Interpretation
la Føllesdal, Smith/McIntyre und Dummett114 durch folgende Thesen
zum ontologischen Status, zur phnomenologischen Struktur und inten-
tionalen Funktion des Noema charakterisieren:115
(1a) Noemata sind quasi-linguistische, intensionale Entitten bzw. eine
Verallgemeinerung des fregeschen Sinn-Konzepts.116
(1b) Noemata sind (qua intensionale Entitten) abstrakte und ideale En-
titten.
(2) Noemata kçnnen (allein) durch die transzendental-phnomenologi-
sche Reflexion erfasst werden, sind aber von jedem (aktuell vollzo-
genen oder reflexiven) Bewusstseinsakt ontologisch unabhngig.
(3) Noemata sind sowohl vom Objekt, welches im Akt intendiert wird
(d. i. vom intentionalen Objekt), als auch vom realen Gegenstand
ontologisch geschieden (distinct).

114 Zu beachten ist dabei, dass zwischen den Versionen, die Føllesdal cum Smith/
McIntyre vertreten und Dummetts Version, wie wir gesehen haben, gravierende
Unterschiede gibt, was die Interpretation und Zuschreibung einer triadischen
Intentionalittstheorie betrifft.
115 Vgl. dazu auch Føllesdal 1969 und Smith/McIntyre 1982, 105 ff., 146 f.
116 Je nach Interpretation handelt es sich dabei entweder um eine ontologische
Identitt zwischen den (quasi-)sprachlichen und noematischen Entitten oder um
ein bloß analogisches Verhltnis zwischen den beiden Sinn-Konzepten; siehe dazu
mehr, hier Kap. III. 2.6.

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326 III. Internalismus und Externalismus

(4) Intentionale Akte sind genau dann intentional, wenn sie a.) einen
bestimmten noematischen Sinn aufweisen (entertain a certain Sinn)
und b.) dieser Sinn das Objekt vorschreibt (prescribes).
(5a) Bewusstseinsakte richten sich vermittels des noematischen Sinnes/
durch diesen (in virtue of/through) auf ihr jeweils bestimmtes Objekt.
(5b) Die intentionale Gerichtetheit eines Bewusstseinsaktes ist eine
Funktion der Noemata, die die Beziehung zwischen Bewusstsein und
Gegenstndlichkeit herstellen.
Nun glaube ich nicht, dass die fregeanisch-analytische Interpretation
schlicht eine falsche Interpretation der husserlschen Theorie des Noema ist.
Es steht sozusagen mehr auf dem Spiel. Die fregeanische Lektre erscheint
mir weniger in interpretatorischer oder philologischer als vielmehr in
grundstzlich methodologischer Hinsicht problematisch, nmlich was die
Auffassung der Natur und Funktion der Intentionalitt des Bewussteins
betrifft, die aus dieser Interpretation folgt. Die zentralen Probleme der
Interpretation betreffen genau genommen drei wesentlich zusammenge-
hçrige Aspekte, nmlich a.) die Intentionalitts-konstituierende Funktion,
b.) die ontologische Distinktheit und c.) die Bewusstseins-Unabhngigkeit
des Noema.
Wie hngen diese drei Aspekte zusammen und welches Bild von der
Intentionalitt des Bewusstseins ergeben sie? Whrend die obigen Thesen
(1) und (2) der anti-psychologistischen Funktion bzw. dem transzenden-
talen Status des Noema Rechnung tragen sollen, soll die These (4) seine
Referenz-determinierende und (5) seine Intentionalitts-konstituierende
Funktion hervorheben. Zu beachten ist, dass die in der These (2) for-
mulierte (ontologische) Bewusstseins-Unabhngigkeit des Noema aus (1a)
und (1b), also dem Status des Noema als abstrakte, intensionale Idealitt
resultiert.117 Die ontologisch distinkte Vermittlerposition des Noema
zwischen Akt und intentionalem Objekt bzw. seine mediative Funktion
wiederum ergibt sich aus der Kombination von (3) und (4): Noemata sind
vom Akt abstraktiv/reflexiv zu unterscheiden und – darauf kommt es vor
allem an – vom intentionalen Objekt ontologisch geschieden, nmlich
genau insofern, als sie es vorschreiben.
Trifft es nun zu, dass die ontologische Trennung von Noema und
intentionalem bzw. realem Gegenstand gemß der Føllesdal- und Smith/

117 Darauf hat J. G. Hart hingewiesen. Hart bemerkt zudem, dass gemß der fre-
geanischen Interpretation „diese Unabhngigkeit [des Noema als abstrakte se-
mantische Entitt vom Bewusstsein] es auch [ist], welche die ffentlichkeit und
Mitteilbarkeit der Sinne in Sprechakten ermçglicht“ (Hart 2003, 262).

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 327

McIntyre-Lektre von der Zuschreibung der Referenz-determinierenden


Funktion des Noema abhngig ist, so kann man durch die Zurckweisung
dieser Zuschreibung die, wie wir gesehen haben, durchaus problematische
These (3) getrost aufgeben. Mit anderen Worten: Wenn man den ent-
scheidenden zweiten Teil der These (4) zurckweist, wonach das Noema
den intentionalen Gegenstand determiniert, gilt auch die These (3) nicht
mehr ohne weiteres. Dann aber muss man die Prposition ,durch‘ bzw. die
Vermittlungsfunktion des Noema in (5a) anders als im Sinne einer ur-
sprnglichen Konstitution bzw. einer notwendigen und hinreichenden
Bedingung interpretieren, und schließlich verliert auch die These der In-
tentionalitts-konstituierenden Kraft des Noema, wie sie in These (5b)
formuliert wird, ihre Schlssigkeit.
Das Problematische an der fregeanischen Lektre ist also weniger die
Zuschreibung und Verteidigung einer Mediatoren-Theorie der Intentio-
nalitt als solche als vielmehr die besagte ontologische Qualifikation des
Noema und die daraus resultierende Auffassung, wonach Noemata un-
abhngig von der (intrinsischen) Intentionalitt des Bewusstseins die
Referenz einzelner bezugnehmender Akte determinierten und die Inten-
tionalitt von Bewusstseinsakten konstituierten. Der Aspekt der Be-
wusstseins-Unabhngigkeit der noematischen Inhalte ist eine Art Folge-
erscheinung der Konstruktion des Noema als abstrakte, ontologisch
distinkte Entitt und, soweit ich sehe, kein wesentlicher Bestandteil der
fregeanischen Interpretation des Noema als solcher, sondern vielmehr ein
Interpretament der kognitivistischen Relektre der fregeanischen Deu-
tung; entsprechend werde ich auf dieses Problem im Zusammenhang der
Dreyfus-Interpretation zurckkommen. Festzuhalten ist jedenfalls zum
einen, dass Husserl entgegen der fregeanischen Interpretation – und ent-
gegen seinen eigenen zum Teil irrefhrenden Formulierungen – das Ver-
hltnis zwischen Noema, intentionalem Objekt und intentionalem und
nicht-intentionalem/,realem‘ Objekt in gar keiner ontologischen Weise
qualifiziert, weder negativ, also die Entitten distinguierend, noch positiv,
sie identifizierend. Zum anderen hat das Noema, recht besehen, nicht die
Funktion, zwischen Bewusstseinsakten und intentionalen Gegenstnden
zu vermitteln, und auch nicht, den jeweiligen Referenten/Referenzge-
genstand zu determinieren. Folglich kann es weder als eine Intentionalitts-
konstituierende noch als eine Referenz-determinierende Komponente
verstanden werden. Husserl versucht aber auch nicht, die intentionalen
Eigenschaften des Bewusstseins bzw. die referenzielle Kraft intentionaler
Akte mit Rekurs auf das Noema zu erklren. Wie R. Sokolowski, einer der
Hauptvertreter der East-Coast-Interpretation, treffend formuliert: „Smith

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328 III. Internalismus und Externalismus

and McIntyre want to use the noema as a device that would explain how
consciousness becomes intentional. But Husserl’s philosophy is not ex-
planatory in this way; it does not provide devices, it merely describes.“
(Sokolowski 1987, 527)
Die wohl ausgewogenste und detaillierteste Kritik der fregeanischen
Noema-Lektre findet sich bei J. Drummond (1990 und 1992).118
Drummond zufolge ist das Noema zwar nicht einfach identisch mit dem
intendierten oder intentionalen Objekt, aber es ist auch, ontologisch ge-
sehen, nicht verschieden davon. Das Noema ist vielmehr das objektive
Korrelat eines Aktes, insofern es, abstraktiv betrachtet, den Sinn eines
Objekts prsentiert, den ein Objekt fr ein Subjekt eines intentionalen
Bewusstseinserlebnisses hat. Das Noema ist folglich einerseits das abstrakte
intentionale Objekt und andererseits der objektive Sinn eines intentionalen
Erlebnisses.
[I] have argued for an interpretation of the concrete noema of an act as the
object intended in that act just as it is intended. It was further argued that (i)
this object is an identical objectivity presenting itself in a manifold of noe-
matic phases […]. As such, the object is intended both (concretely) in and
(horizontally) through the noema. Consequently, (ii) the noema is neither
ontologically distinct from the object nor simply identical with it. The
noema is the object abstractly considered in its presentation to a conscious
experience, i. e. as the objective correlate of that experience, as the object’s
significance for a knowing subject. Therefore (iii) the noema is both the in-
tended object just as intended and the objective sense of the experience.
(Drummond 1990, 171)
Fr Drummond beruht also die Mçglichkeit noematischer Abstraktion auf
der zeitlichen Ausdehnung eines Bewusstseinserlebnisses bzw. dem Hori-
zont der verschiedenen noetisch/noematischen Akt-Phasen, in denen ein
Objekt als Identisches zur Gegebenheit kommt. Noematische Abstraktion
ist in diesem Sinne eine Art retrospektive Auslegung der Objektindivi-
duation bzw. Objektkonstitution. Dass die verschiedenen gegenstndli-
chen Aspekte eines Bewusstseinserlebnisses fr das Subjekt konkret im
Noema synthetisiert werden und das Objekt somit als Identisches fr das
Subjekt durch das Noema vermittelt wird, wird somit erst durch die
phnomenologische Reflexion sichtbar. Wie bereits bemerkt, ist dabei zu
beachten, dass die jeweilige Unterscheidung zwischen dem ,Gegenstand,
wie er intendiert ist‘ und dem ,Gegenstand schlechthin‘ bzw. dem kon-
kreten, vollen Noema, dem noematischen Kern und dem noematischen

118 Siehe u. a. auch Aquila 1982 und Langsdorf 1984.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 329

Sinn allesamt abstraktive und keine real-ontologischen Unterscheidungen


sind.119 Demgemß spricht Drummond von einer „ontological identity“
und einer „imperfect coincidence“ zwischen Noema und der intendierten
Objektivitt (Drummond 1992, 296). Die Koinzidenz ist insofern un-
vollkommen, als der noematische Sinn als ein intentionales Moment bzw.
ein Aspekt von Bewusstseinsakten ein Abstraktum ist und folglich nicht mit
dem konkreten Gegenstand gnzlich zusammenfallen kann.120 Doch ist der
Sinngehalt des Noema – entgegen der Føllesdal- und Smith/McIntyre-
Interpretation – keine ideale oder abstrakte Entitt im Sinne einer onto-
logischen Art, eines Individuums oder einer Kategorie. Vielmehr ist der
,eigentliche‘ Sinngehalt des Noema bzw. der Kern des noematischen Sinnes
nichts anderes als der formale Trger der konkreten gegenstndlichen Ei-
genschaften eines intentionalen Objektes und als solcher mit dem inten-
dierten Gegenstand qua intendiertem (formal) identisch. Der noematische
Sinn ist keine abstrakte Entitt, welche zwischen Bewusstsein und Ge-
genstand steht und sie vermittelnd aufeinander bezieht, sondern die abs-
traktiv zu scheidende, gegenstandsbezogene Kernschicht eines intentio-
nalen Bewusstseinserlebnisses selbst:

119 Vgl. Drummond 1990, 123: „[…] Husserl makes no real or ontological distinction
between the object simpliciter, the object just as intended, the noema, and the sense;
the distinctions between them are instead abstract.“ In seinem spteren Aufsatz
vertritt Drummond die noch strkere These, wonach es ein Fehler ist, das Noema
berhaupt als eine abstrakte Entitt zu betrachten, welche erst durch das metho-
dische Werkzeug der phnomenologischen Reduktion als solche in den Blick
geriete, als wre die Reduktion eine Art „explanatory surgery into the correlation
between consciousness and its objects“, und pldiert gar dafr, den technischen
Begriff, der ja eigentlich einen gewçhnlichen Gegenstand abstrakt charakterisiert,
berhaupt fallenzulassen; vgl. Drummond 1992, 286.
120 hnlich sieht auch R. Bernet eine Quasi-Identitt zwischen Noema und inten-
tionalem Gegenstand, wobei er zwischen dem noematischen Sinn und seinem
ideal-identischen referenziellen Kernbestand differenziert. Bezugnehmend auf die
obige, vielzitierte Stelle der Ideen I interpretiert er entsprechend die entscheidende,
vermeintlich fr die Mediatoren-Theorie sprechende Prposition ,durch‘ folgen-
dermaßen: „,Sinn‘ und ,Gegenstand‘ sind also ,untrennbar‘ mit dem ,Noema‘
verbunden, aber das jeweilige noematische Korrelat ,ist‘ noch nicht ohne weiteres
der ideal-identische Sinn, sondern impliziert bzw. ,hat‘ ihn bloß, und der ideal-
identische Sinn ,ist‘ nicht das X [d.i. das innerste Moment des Noema, als purer
Trger der verschiedenen Prdikate, die einem Gegenstand zukommen kçnnen;
T. Sz.], sondern er ,bezieht sich‘ in Form oder ,durch‘ seine prdikativen Be-
stimmungen ,auf seinen‘ Bestimmungstrger bzw. ,Gegenstand‘.“ (Bernet 1990,
76)

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330 III. Internalismus und Externalismus

The innermost moment, belonging to the Sinn itself […] is the intended ob-
ject itself considered formally as the bearer of the properties intended in the
experience. Thus, the formally considered object is a moment within the
noema rather than something intended through the noema. (Drummond
1990, 135)121
Der Punkt, auf den es hier einmal mehr ankommt, ist, dass die Funktion
des Noema weder in der Determination des Objekts als Referenzgegen-
stand besteht noch in der Konstitution der intentionalen Gerichtetheit
selbst, also nicht im Sinne einer Art ,Mediation‘ verstanden werden darf,
sondern nichts anderes als die Konstitution eines objektiven Sinnes fr ein
Erlebnissubjekt anzeigt bzw. mit dieser Konstitution formal betrachtet
identisch ist.122
Welche weiter reichenden Konsequenzen ergeben sich nun aus den
Diskussionen rund um Husserls Noema-Konzeption hinsichtlich des
Verhltnisses zwischen Bewusstsein, Bewusstseinsinhalt und Bewusst-
seinsgegenstand? Und wie sieht es mit der spezifisch internalistischen und/
oder kognitivistischen Deutung der transzendentalen Phnomenologie
insgesamt aus? Der amerikanische Philosoph, KI-Forscher und -Kritiker
H. L. Dreyfus, der fr die bis heute einflussreiche kognitivistisch-inter-

121 Vgl. auch Drummond 1992, 293, 296 f. In Anlehnung an Drummond hat L.
Haaparanta eine Deutung vorgelegt, der zufolge das Noema ein mentales Kon-
strukt bzw. das fertige Resultat der noetischen Konstruktionsleistung des Menta-
len sei: „[…] I suggest that noesis is a kind of mental work or mental construc-
tion, which has hyle as its material, and the noema is the finished work or the
construction.“ (Haaparanta 1994, 221) Haaparanta versteht dabei Noemata als
genuine Objekte, die gleichsam Spuren ihrer mentalen Konstruktion enthalten
und somit auf ihre noetische Genese rckverweisen (vgl. Haaparanta 1994,
229 f.). Dieses Modell anerkennt zwar, wie Haaparanta betont, tatschlich und
zu Recht den dynamischen Aspekt des Bewusstseins bzw. der Sinnkonstitution,
strikt abzulehnen ist jedoch die berzogene Folgerung, die die Autorin daraus
hinsichtlich des transzendentalen Idealismus Husserls zieht, nmlich: „The cru-
cial point in Husserl’s thought is that even if our world seems to be given to
us as it is in itself, it turns out to be our own construction.“ (Haaparanta
1994, 221)
122 Will man in diesem Zusammenhang denn berhaupt von einer ontologischen
Identitt sprechen, so ist zu bemerken, dass zwar der noematische Sinn nicht
identisch ist mit dem ,Gegenstand schlechthin‘ oder auch mit dem intendierten
Objekt als solchem (das stets den jeweiligen Sinnbestand eines okkurrenten noe-
tischen Aktes transzendiert), doch ist er sehr wohl (ontologisch) identisch mit dem
,Gegenstand, wie er intendiert ist‘. Siehe dazu auch die treffende Bemerkung bei
O’Murchadha 2008, 382: „[…] the noema is not the object in its appearance, but
rather the object as it appears“.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 331

nalistische (Fehl-)Interpretation der husserlschen Phnomenologie Pate


gestanden hat, gibt hier die Antwortrichtung vor.

2.3. Die kognitivistisch-internalistische Interpretation


der Phnomenologie

H. L. Dreyfus hat mit der Herausgabe des Sammelbandes Husserl, Inten-


tionality and Cognitive Science (1982) wesentlich zur Neubelebung jener
Debatte beigetragen, die mit Føllesdals bahnbrechendem Artikel (1969)
zur analytisch-fregeanischen Interpretation von Husserls Noema zaghaft
begonnen hatte und insbesondere durch die Autoren D. W. Smith und
R. McIntyre systematisch weiterverfolgt wurde. Dreyfus’ großes Verdienst
besteht darin, nicht nur die Diskussion ber Husserls Intentionalitts-
theorie im sprachanalytischen Raum wieder salonfhig gemacht, sondern
auch seine Theorie des Bewusstseins im kognitionswissenschaftlichen
Kontext verortet zu haben.123
Dreyfus zeichnet Husserl als den ersten Denker, der die Intentionalitt
mentaler Reprsentationen als das zentrale Problem der Philosophie des
Geistes erkannt habe und sieht von daher in ihm den „father of current
research in cognitive psychology and artificial intelligence“ (Dreyfus
1982a, 2). Nun ist Dreyfus selbst als einer der eminenten philosophischen
Kritiker des Kognitivismus und der AI-Forschung der ersten Stunde be-
kannt geworden124 und entsprechend bewertet er Husserls vermeintliche
Pionierleistung auf dem Gebiet der Kognitionswissenschaften durchaus
kritisch.125 Trotz all der interessanten Einsichten, die Husserl zur Analyse
der reprsentationalen Struktur und Funktion des Geistes geliefert habe,
begehe er nmlich gerade auf Grund seiner mentalistischen Ausrichtung
alle Fehler, die auch die zeitgençssische kognitive Psychologie charakteri-
sierten und als adquate Theorie intelligenten, menschlichen Verhaltens
letztlich disqualifizierten. Dreyfus’ Kritik ist zwar differenzierter, als sie
blicherweise dargestellt wird, spricht er doch nicht zufllig, was in der

123 Dreyfus’ Interpretation haben sich insbesondere die prominenten Kognitions-


wissenschafter F. J. Varela, E. Thompson und E. Rosch angeschlossen, siehe insbes.
Varela/Thompson/Rosch 1991, 16 ff., aber auch etwa McClamrock 1995, 179 –
187; Thompson hat sich jedoch neuerdings explizit und entschieden von dieser
Interpretation distanziert, siehe Thompson 2007, 413 ff.
124 Vgl. seinen Klassiker von 1972 What Computers Can’t Do, der zuletzt 1992 unter
dem Titel What Computers Still Can’t Do wiederaufgelegt wurde.
125 In diese Kerbe schlgt auch – mit, aber auch gegen Dreyfus – Preston 1988.

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332 III. Internalismus und Externalismus

Literatur oft unterschlagen oder ignoriert wird, an einer Stelle von Husserls
„ambivalenter“ Vaterrolle hinsichtlich der Kognitionswissenschaften.
Dreyfus lsst dahingestellt sein, ob Husserl tatschlich eine komputatio-
nalistische Version des Kognitivismus bzw. eine starke KI-These bezglich
der Ontologie des Mentalen vertreten habe (vgl. Dreyfus 1982a, 10; 1988,
85 und 1992, 36), und spricht auch an keiner Stelle explizit davon, dass
Husserl auf einen (semantischen und/oder erkenntnistheoretischen) In-
ternalismus verpflichtet wre. Das ndert freilich wenig an seinem allge-
meinen Verdikt, wonach Husserls Phnomenologie eine moderne Variante
des (cartesianischen/reprsentationalistischen) Mentalismus bzw. einen
Vorlufer des (fodorschen/komputationalistischen) methodologischen
Solipsismus darstellt. Doch wie kommt Dreyfus zu dieser Interpretation
und wo geht sie fehl?
Dreyfus’ Husserl-Interpretation basiert auf der Kombination einer
reprsentationalistischen Lektre der fregeanischen Theorie des Noema
mit einer irrefhrenden Adaption von Searles Intentionalittstheorie und
einer einseitigen Rezeption von Fodors Komputationalismus. Wie fr alle
West-Coast-Interpreten bildet auch bei Dreyfus das Konzept des Noema
den Hintergrund der berlegungen. In Einklang mit der fregeanisch-
analytischen Interpretation hat nach Dreyfus das Noema drei Aufgaben zu
erfllen: a.) Es greift das jeweilige Bezugsobjekt heraus und stiftet damit in
eins eine Relation zwischen einem mentalen Akt und einem Objekt au-
ßerhalb des Mentalen; b.) es kennzeichnet den Aspekt, unter dem das
Objekt aktuell reprsentiert wird, und schließlich c.) liefert es eine Be-
schreibung all jener mçglichen Aspekte, unter denen das Bezugsobjekt als
identisches reprsentiert werden kann. Dreyfus zufolge hat das Noema also
eine referenzielle, eine beschreibende/kennzeichnende und eine syntheti-
sierende Funktion, wobei Dreyfus diese drei Funktionen des Noema als
Komponenten desselben konstruiert. Den Funktionen des Noema ent-
sprechen also folgende drei Komponenten: eine Referenz-stiftende/-kon-
stituierende, eine Referenz-bestimmende/-determinierende und eine Objekt-
individuierende Komponente.126

126 Siehe Dreyfus 1982a, 7: „The noema, as conceived by Husserl, is a complex entity
that has a difficult – perhaps impossibly difficult job to perform. It must account
for the mind’s directedness towards objects. Therefore it must contain three
components. One component must pick out a particular object outside the mind,
another component must provide a ,description‘ of that object under some aspect,
and a third component must add a ,description‘ of the other aspects under which
the object picked out could exhibit and still be the same object. In short, the noema
must ,refer‘, ,describe‘, and ,synthesize‘.“

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 333

Das Problematische an Dreyfus’ Interpretation des Noema ist meines


Erachtens nicht nur, wie oft betont wird, seine funktionale Bestimmung,
die zumindest im Rahmen seiner erklrtermaßen analytisch-fregeanischen
Lektre einer gewissen Plausibilitt nicht entbehrt. Eigentlich problema-
tisch sind jedoch die funktionalistischen Konsequenzen dieser Bestimmung
hinsichtlich des ontologischen Status der noematischen Komponenten als
inner-mentale Entitten und insbesondere hinsichtlich der Evaluierung der
transzendental-phnomenologischen Psychologie als ein proto-kogniti-
vistischer Mentalismus bzw. des transzendental-phnomenologischen
Idealismus als ein methodologischer Solipsismus la Fodor.127
Dreyfus sieht in der sogenannten ,transzendentalen Wende‘ Husserls
primr eine Heuristik zur Begrndung einer neuen Disziplin, nmlich der
(reinen) deskriptiven Erkenntnispsychologie (vgl. Dreyfus 1982a, 15 f.).
Dreyfus ist dabei gewiss zuzustimmen, dass Husserls Projekt, diese neue
Psychologie gegenber der naturalistischen Psychologie seiner Zeit wis-
senschaftlich zu etablieren, gescheitert ist. Doch darauf kommt es hier und
auch Dreyfus nicht an. Fr Dreyfus stellt die transzendentale Phnome-
nologie als reine Psychologie jedenfalls eine Antizipation des methodolo-
gisch-solipsistischen Komputationalismus dar. Er identifiziert das For-
schungsobjekt dieser Disziplin, nmlich die Mçglichkeitsbedingungen von
Erkenntnis, mit Kognition im heutigen Sinn und verkennt dabei nicht nur
den erkenntniskritischen Charakter der transzendentalen Phnomenolo-
gie.128 Er verwendet also nicht nur irrefhrenderweise Erkenntnis synonym
mit einem (mentalistischen) Konzept von Kognition, sondern verkennt
auch die erkenntnistheoretische Bedeutung und die methodische Rolle der
transzendental-phnomenologischen Reduktion.
Dreyfus zufolge ist der methodologische Solipsismus der husserlschen
Erkenntnispsychologie das direkte und gleichsam unvermeidbare Resultat
der transzendentalen Reduktion auf die rein „psychologische Sphre“ (Hua
III/1, 205) der sogenannten cogitationes und ihrer intentionalen Korrelate,
der jeweiligen cogitata (bzw. ihres jeweiligen noematischen Gehaltes).129
Die primre Aufgabe der phnomenologischen Reduktion bestehe in einer
Beschreibung der rein formalen Operationen des Mentalen, die keine
Referenz auf die natrliche/weltliche Einbettung eines Subjekts (qua
,Trger‘ des Mentalen) mache. Insofern stehe diese Beschreibung sowohl
einer naturalistischen als auch einer genuin transzendentalen Verortung des

127 Siehe dazu oben, Kap. II. 1.1. und 1.2. bzw. III. 1.2.
128 Siehe dazu oben, Kap. II. 2.3.
129 Vgl. dazu Hua I, § 14.

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334 III. Internalismus und Externalismus

Psychischen entgegen (vgl. Dreyfus 1982a, 15 f.). Dreyfus zitiert als Beleg
fr seine Interpretation ausfhrlich eine Stelle aus der Krisis, an der Husserl
das Konzept der sogenannten „phnomenologisch-psychologischen Re-
duktion“ eines „uninteressierten psychologischen Betrachters“ erçrtert
(Hua VI, 247). Dreyfus scheint dabei nicht nur die phnomenologisch-
psychologische Reduktion (der rein deskriptiven Psychologie) als eine von
der transzendental-phnomenologischen Reduktion getrennte Heuristik
zu erachten – was insbesondere dem nachfolgenden Paragraphen (§ 71) zur
„,Universalitt‘ der phnomenologisch-psychologischen Reduktion“ wi-
derspricht.130 Was in diesem Zusammenhang wichtiger ist, ist Dreyfus’
unbegrndeter Solipsismus-Verdacht bezglich der Sphre des Psych(olog)
ischen selbst. Husserl spricht zwar im betreffenden Kontext von der psy-
chologischen Reduktion als einer „,abstraktiven‘ Einstellung“ bzw. refle-
xiven Thematisierung der „wesensmßig einheitlichen, in sich absolut
abgeschlossenen ,Innen‘-Welt der Subjekte“ (Hua VI, 242 f.) – doch diese
,Innerlichkeit‘ ist nicht solipsistisch oder individualistisch zu verstehen.

130 Die Universalitt der phnomenologisch-psychologischen Reduktion ergibt sich


fr Husserl aus dem graduellen Vollzug der „verschiedenen Stufen“ der jeweiligen
Reduktionen auf bestimmte thematische Gegebenheiten (wie das Kçrperlich-
Mundane, das Psychophysische, das Personale etc.) und ist mithin eine „Univer-
salitt der Einzelreduktionen“ (Hua VI, 249 ff.). Sie bildet also einen wesentlichen
Teilaspekt der allgemeinen transzendental-phnomenologischen Reduktion und
ist von dieser weder methodologisch noch thematisch zu trennen. Husserl erçrtert
eingehend den Zusammenhang zwischen der transzendentalen Psychologie und
der transzendentalen Phnomenologie in den §§ 56 – 72 der Krisis. Das Fazit seiner
Analyse ihres notwendigen Zusammenhanges und seiner Kritik ihrer philoso-
phiehistorisch gesehen „verhngnisvollen Trennung“ (§ 57) (von Hume ber Kant
bis hin zu Brentanos „Reformversuch der Psychologie“ (Hua VI, 236)) lautet: „Das
berraschende Ergebnis unserer Untersuchung kann auch […] so ausgesprochen
werden: eine reine Psychologie als positive Wissenschaft, eine Psychologie, die die
in der Welt lebenden Menschen als reale Tatsachen in der Welt universal erforschen
will, so wie andere positive Wissenschaften, Naturwissenschaften und Geistes-
wissenschaften, gibt es nicht. Es gibt nur eine transzendentale Psychologie, die
identisch ist mit der transzendentalen Phnomenologie.“ (Hua VI, 261) Eine
andere Terminologie verwendet Husserl in den Cartesianischen Meditationen: Hier
unterscheidet Husserl scharf zwischen „reiner Bewusstseinspsychologie“ und der
„transzendentalen Bewusstseinsphnomenologie“, wobei Letztere wiederum mit
der transzendentalen Psychologie identisch ist und „nicht verwechselt werden darf
mit der abstraktiven Beschrnkung auf das bloße Seelenleben“ – aus deren Ver-
mengung wrde sich nach Husserl der verkehrte „transzendentale Psychologismus“
ergeben (vgl. Hua I, 70 f.). Zu den verschiedenen Typen der phnomenologischen
Reduktion und ihrer historischen Genese bei Husserl siehe Kern 1962.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 335

Dreyfus missversteht dabei zweierlei: Zum einen hebt die phnome-


nologisch-psychologische (ebenso wenig wie die transzendentale) Reduk-
tion den Weltbezug mitnichten auf und isoliert in diesem Sinne das
mentale Leben nicht von seiner Umwelt; die Abstraktion von der psy-
chophysischen Einbettung der Subjekte hebt sie von ihrer weltlichen
Einbettung nicht ab, sondern neutralisiert allein die „Wirklichkeitsgel-
tung“ (Hua I, 71) des jeweils thematisch Gegebenen – im vorliegenden
Zusammenhang die Geltung der „psychophysischen Kausalitten oder
Konditionalitt“ auf das „reine Ichleben“. Das Leben des transzendentalen
Ego ist fr Husserl wesentlich „ein intentionales Leben“ (Hua VI, 248).
Wenn Husserl in diesem Zusammenhang irrefhrende Begriffe wie das
„reine Innenleben“ (Hua VI, 246) verwendet, so ist, wie bereits wiederholt
festgestellt, damit keine introspektionistisch zu erschließende Sphre ge-
meint. Wenn der phnomenologische Psychologe also die rein psychische
Sphre von der Ersten-Person-Perspektive der betreffenden Subjekte aus
analysiert, abstrahiert er im Gegensatz zum empirischen Psychologen zwar
von den „realen Bezogenheiten […] zwischen Personen und irgendwelchen
ihnen ußeren Gegenstnden der Welt“ (Hua VI, 241). Doch das heißt
keineswegs, dass das intentionale Bezogen-Sein-auf-Weltliches aus seinem
thematischen Fokus geriete – im Gegenteil: Das „rein innerliche Sichbe-
ziehen der Personen auf die ihnen bewussten, ihnen intentional geltenden
Dinge innerhalb der ihnen intentional geltenden Welt“ (Hua VI, 241) ist
das eigentliche Thema des deskriptiv-phnomenologischen Psychologen.
Die Fokussierung auf das psychische Innenleben, welches ,rein psychisches‘
Innenleben ist, insofern es das Leben von transzendentalen Subjekten ist,
ermçglicht erst, den intentionalen Bezug und mithin die „Welt als in-
tentionales Gebilde“ (Hua VI, 183) zum Forschungsgegenstand des Psy-
chologen zu machen. Wie es D. Welton pointiert formuliert: „cons-
ciousness does not terminate in itself but in the world“ (Welton 1983, 102).
Zum anderen ignoriert Dreyfus geflissentlich, dass dieses ,transzen-
dentale Innenleben‘ der Subjekte nicht nur kein isoliertes, weltloses ist; es
ist ebenso wenig ein solipsistisches Feld, sondern vielmehr mit dem (In-
nen-)Leben der anderen Mit-Subjekte intentional verflochten. Whrend
das Verhltnis der einzelnen Subjekte zueinander aus der Dritten-Person-
Perspektive des empirischen Psychologen ein „Außereinander“ ist, bildet es
fr den phnomenologischen Betrachter „von Innen gesehen ein inten-
tionales Ineinander“ (Hua VI, 260). Das betreffende Innenleben spielt sich
also nicht in der Innenwelt einzelner, voneinander und von einer ge-

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336 III. Internalismus und Externalismus

meinsamen (Um-)Welt isolierter Individuen ab, sondern ist in einen ur-


sprnglich intersubjektiven bzw. sozialen Kontext eingebettet.131 So
schreibt Husserl auch unmittelbar vor jener Passage, die Dreyfus selbst in
diesem Zusammenhang zitiert: „Der Psychologe hat [die in sich ge-
schlossene Problematik der Intentionalitt] von seiner Originalsphre aus,
die aber nie fr ihn isolierbar ist. […] als einen in [der Bewusstseinssphre]
nie fehlenden Bestand, hat [der Psychologe] auch schon, wie wenig er
darauf achten mag, einen universalen intersubjektiven Horizont.“ (Hua VI,
246)132 Die transzendentalen Subjekte, um deren Innenleben es dem
phnomenologischen Psychologen geht, sind folglich keine Individuen im
Sinne des methodologisch-solipsistischen Individualismus.133
So bleibt auch Dreyfus’ Hinweis auf das Kardinalproblem des me-
thodologischen Solipsismus mit Blick auf die transzendental-phnome-
nologische Psychologie gewissermaßen gegenstandslos (vgl. Dreyfus
1982a, 17). Das Problem betrifft den Zusammenhang zwischen inten-
tionaler und kausaler Referenzbestimmung. Grob gesagt stellt sich dieses
Problem fr den methodologischen Solipsisten folgendermaßen dar:
Wenn der methodologische Solipsist von der Rolle der externen (sozialen
und physikalischen) Welt fr die Determination von Referenz (zum
Zwecke der psychologischen Beschreibung) absieht, muss unerklrt blei-
ben, wie sich berhaupt mentale Symbole/Reprsentation auf extra-
mentale Gegebenheiten beziehen und was eine eindeutige Relation zwi-
schen bestimmten mentalen Reprsentationen oder Begriffen und be-

131 Vgl. dazu insbes. Hua I, §§ 42 ff.; Hua XVII, §§ 96 ff. bzw. die umfangreichen
Intersubjektivitts-Analysen in Hua XIII, Hua XIV und Hua XV.
132 Vgl. Hua VI, 241: „Die deskriptive Psychologie hat […] ihr spezifisches Thema am
rein Eigenwesentlichen der Personen als solcher, als Subjekte eines in sich aus-
schließlich intentionalen Lebens, das insbesondere als Einzelseele als ein eigener
rein intentionaler Zusammenhang zu betrachten ist. Aber jede Seele steht auch in
Vergemeinschaftung mit anderen intentional verbunden, d.i. also in einem rein
intentionalen […] geschlossenen Zusammenhang, dem der Intersubjektivitt.“
133 Siehe dazu auch A. D. Smith (2008a), der die intersubjektive Konstitution der
gegenstndlichen Welt externalistisch rekonstruiert: „[…] if Husserl is to be re-
garded as an externalist, clearly externalism [must be re-construed]. All that we
need to do is to construe externalism as dealing with what is external to any in-
dividual consciousness. Even if, ultimately, according to Husserl, consciousness
exhausts the whole reality, my consciousness is not thus ontologically exhaustive,
nor is yours. […] Each individual consciousness, therefore, is ,external‘ to every
other. […] In particular, real, objective elements of the physical world would count
as external to any individual consciousness, because they have an essentially inter-
subjective constitution.“ (A. D. Smith 2008a, 317)

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 337

stimmten Gegenstnden, Eigenschaften und Sachverhalten in der Welt


herstellt. Was Dreyfus zudem durch seine einseitige Fokussierung auf den
methodologischen Solipsismus bersieht, ist, dass Fodor selbst dieses
Problem der eindeutigen Bestimmung des Bezugs der jeweiligen mentalen
Reprsentationen mit Rekurs auf eine kausale Theorie der Referenz zu
lçsen versucht. Fodors Theorie der Referenz bercksichtigt dabei nicht nur
die kausale Interdependenz zwischen den einzelnen mentalen Reprsen-
tationen; sie bezieht den externen Horizont der Referenzbestimmung mit
ein, indem sie den Bezug auf das jeweilige Reprsentandum durch eine
(einseitige) kausale Dependenz zwischen Eigenschafts- und Zustandsin-
stanzen der Welt und den Instanzen mentaler Reprsentationen erklrt.
Fodor ergnzt also seine internalistisch-funktionalistische Theorie men-
taler Reprsentationen mit einer externalistisch-kausalen Theorie der Re-
ferenz, welche mit einer Verursachungsbeziehung von Welt- zu Geistin-
stanzen operiert.134
Freilich kommt fr Husserl eine kausale Theorie der Referenz weder
fr die Erklrung der Intentionalitt noch fr die Determination von
Referenz in Frage (ebenso wenig wie die psychophysische Kausalitt fr die
Erklrung des Mentalen im Allgemeinen). Denn die potenzielle Kraft der
Kausalitt wird – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Sphre des
Mentalen – durch die Epoch ebenso außer Geltung gesetzt wie jene aller
anderen natrlichen Tatsachen und Eigenschaften der Welt. Es bliebe also
fr Husserl allein der Ausweg, sozusagen den externen Kontext der Refe-
renzbestimmung (etwa den indexikalischen und sozialen Horizont) quasi
in das Noema selbst hineinzutragen. Zwar ist diese Option – die ja die
fregeanische Interpretation vorschlgt – bereits weiter oben zurckgewie-
sen worden; das von Dreyfus aufgeworfene Problem des externen Hori-
zonts trifft jedoch Husserl wie bereits festgestellt insofern gar nicht, als er
keinen methodologischen Solipsismus im besagten, fodorschen Sinn ver-
tritt.135

134 Fodors kausale Theorie der Referenz ist wesentlich komplexer, als sie hier darge-
stellt werden kçnnte, und viele Autoren sehen darin auch keine zufriedenstellende
Lçsung des obigen Problems. Eine genaue und gute Darstellung auch der ver-
schiedenen Entwicklungsstadien seiner Theorie und der wichtigsten Einwnde
findet sich bei Schrçder 2004, 150 – 162; vgl. auch Crane 2003b, 175 – 185 und
Pauen 2001, 226 ff.
135 Dreyfus sieht dieses Problem jedenfalls bei Searle gelçst, nmlich durch seine
Theorie der intentionalen (Handlungs-)Verursachung und sein Konzept des in-
tentionalen Netzwerks bzw. Hintergrundes (vgl. Dreyfus 1982a, 22 ff.). (Siehe
dazu mehr unten, Kap. III. 2.5.) Searle selbst weist ausdrcklich auf die zwei Fehler

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338 III. Internalismus und Externalismus

Nun resultiert aus Dreyfus’ irrefhrender Analogisierung der phno-


menologischen Reduktion mit der Heuristik des methodologischen So-
lipsismus auch seine Fehlinterpretation bezglich des transzendentalen
Idealismus. Fr Dreyfus ist es gerade die durch die Einfhrung der Re-
duktion vollzogene Wende Husserls von seinem frhen direkten Realismus
(der Logischen Untersuchungen) hin zum transzendentalen Idealismus (der
Ideen I), welche Husserl zu einem Kognitivisten macht. Demnach stnde
die ,transzendentale Wende‘ Husserls mit einem Bruch zwischen der lo-
gisch-strukturellen und der funktionalistischen Bestimmung des inten-
tionalen Gehalts mentaler Zustnde in Zusammenhang.136 Dreyfus zufolge
besteht der wesentliche Unterschied zwischen dem frhen und dem
,transzendentalen Husserl‘ in der jeweils unterschiedlichen, ja entgegen-
gesetzten Beantwortung der Frage nach der Funktion des Noema: Wh-
rend fr den frhen Husserl das Noema eine rein reprsentationale Ei-
genschaft intentionaler Akte sei und ihm keine Funktion bei der
Konstitution von Intentionalitt zukomme, habe es nach dem spten
Husserl die Funktion, Intentionalitt berhaupt erst zu ermçglichen. Mit
dem transzendentalen Idealismus137 wollte Husserl zeigen, dass die re-

hin, die ihm zufolge philosophiehistorisch dafr verantwortlich waren, dass das
Problem der eindeutigen Determination intentionaler Referenz nicht gelçst wer-
den konnte, und fhrt als Beispiele einerseits die Kausaltheoretiker und ande-
rerseits „Phnomenologen wie Husserl“ an. Husserl habe dabei zwar zu Recht den
erst-personalen Standpunkt bercksichtigt, jedoch die „Relevanz der Kausalitt“
nicht bemerkt, weil er flschlicherweise angenommen habe, „Verursachung sei
immer eine natrliche nicht-intentionale Beziehung“ (Searle 1983, 92). In sp-
teren Texten macht Dreyfus neben Searle insbesondere Heideggers phnomeno-
logische Analysen alltglicher Handlungspraktiken gegen Husserls Bewusstseins-
philosophie stark; vgl. u. a. Dreyfus 1988.
136 Einen deutlichen Bruch bzw. eine „tiefe Kehre“ zwischen Husserls frher, ver-
meintlich naturalistisch-realistischer und seiner spteren transzendentalen/kon-
stitutiven und anti-realistischen Phnomenologie ortet auch G. Soldati. Soldati
deutet dabei die transzendentale Phnomenologie – entlang einer sehr eigenarti-
gen, kritischen Interpretation von Gurwitsch – als die These, wonach Noemata
und die intendierten Gegenstnde (welche wiederum Systeme von Noemata seien)
in einem starken Sinn bewusstseinsabhngig bzw. „unwiderruflich subjektiv“ seien,
und pldiert demgegenber fr die føllesdalsche Lektre, wonach Noemata be-
grifflich interpretiert werden mssten; vgl. Soldati 1994, 108 – 113. Gegenber
der Tendenz insbesondere der analytisch ausgerichteten Husserl-Forschung, all-
gemein Husserls vor-/nicht-transzendentale, deskriptive und die transzendentale
Phnomenologie als miteinander konkurrierende oder gar inkompatible Theorien
aufzufassen, siehe u. a. Ricoeur 1967, 28 f. und Zahavi 2003, 142 f.
137 Siehe dazu ausfhrlich unten, Kap. IV. 6.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 339

prsentationalen Inhalte (die Noemata) nicht nur wesentliche Merkmale


intentionaler Zustnde, sondern vielmehr die Ermçglichungsbedingung fr
Intentionalitt sind. Dreyfus schreibt also dem ,transzendentalen Husserl‘
die These zu, dass Noemata qua inner-mentale Entitten den Bezug zur
bewusstseins-transzendenten Welt berhaupt erst herstellten. Erst diese
funktionale, genauer die Referenz-konstituierende Bestimmung des
Noema wrde Husserl zum transzendentalen Idealismus fhren (vgl.
Dreyfus 1982a, 8 f.). Dreyfus deutet folglich den transzendentalen Idea-
lismus als die Auffassung, wonach das Mentale die Erfahrung der Wirk-
lichkeit strukturiert:
When Husserl embraced the view that an act refers by virtue of its being cor-
related with a sense, he not only accepted the Fregean theory that the repre-
sentational content is realized as an abstract entity – the noema – but also
adopted a […] cognitivist view that the mind structures our experience of
reality. Husserl calls the job that the noemata perform, „constitution“, and
[…] calls his theory of constitution „transcendental idealism“. […] he
calls himself a transcendental idealist, because he holds that mental activity
plays an essential role in making reference possible and in determining the
sorts of objects to which we can refer. (Dreyfus 1982a, 9)
Dreyfus ist sich durchaus im Klaren, dass der transzendentale Idealismus
weder einem empiristischen oder phnomenalistischen Idealismus
gleichkommt noch zu einem Verhltnis der ontologischen Abhngigkeit
zwischen realen, außer-mentalen Gegenstnden und der intentionalen/
mentalen Bezugnahme auf sie, d. i. zu einem absoluten (oder metaphysi-
schen) Idealismus, fhrt.138 Gleichwohl missversteht Dreyfus das tran-
szendental-phnomenologische Konzept der Konstitution als eine formale
Aktivitt des Mentalen und entsprechend sieht er bei Husserl flschli-
cherweise eine Dichotomie zwischen dieser mentalen Aktivitt und der
(Welt-)Erfahrung am Werk. Dem Noema kme dabei die zentrale
Vermittlungsfunktion zu: Es bernimmt die Rolle einer gesetz- und kal-
klmßigen Organisation des Mentalen und konstituiert damit die Ge-
richtetheit auf Außer-Mentales.139 Konstitution ist demnach eine synthe-
tisierende Funktion noematischer Inhalte. Indem das Noema die Gesetze
vorschreibt, nach denen das Mentale funktioniert, also die Syntax der
Sprache des Geistes la Fodor festlegt, konstituiert und determiniert es die
Referenz auf Gegenstndliches. Mit Fodor gesprochen: Die Syntax kon-

138 Zum transzendentalen Idealismus Husserls siehe ausfhrlich unten, Kap. IV. 6.
139 Zur Interpretation von Husserls Sprachkonzeption als ein kalklmßiges Zei-
chensystem im Allgemeinen und der entsprechenden Rolle des Noema vgl. Kusch
1989 (insbes. Kap. II. 4.).

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340 III. Internalismus und Externalismus

stituiert die Semantik (und determiniert in Folge die Referenz). Analog zur
Rolle, die mentale Reprsentationen im fodorschen Komputationalismus
spielen, sind Noemata fr Dreyfus inner-mentale Entitten, deren syn-
taktische Verknpfung Intentionalitt berhaupt erst ermçglicht, ja pro-
duziert, wie Dreyfus schreibt. Indem das Noema also die Aktivitt des
Mentalen gleichsam nomologisch organisiert und den sensorisch-hyleti-
schen Input zu hçherstufigen kognitiven Prozessen transformiert, kommt
ihm „the crucial role in the organization of experience and in the pro-
duction of intentionality“ zu (Dreyfus 1982a, 11). Damit werde bei
Husserl – trotz allem gegenteiligen Anschein – nicht nur der Bewusstseins-
bzw. der Erlebnisgehalt mentaler Aktivitt zugunsten des rein formalen
Aktivierungs- bzw. Aktivittspotenzials von Noemata verabschiedet und
das Konzept des Bewusstseins im Rahmen eines kognitivistischen Modells
des Geistes berflssig; was Husserl berhaupt zu einem Kognitivisten
mache, sei gerade die Abkoppelung der regelgeleiteten mentalen Aktivitt
vom bewussten, subjektiven Erleben der eigenen Zustnde: „in fact, for
Husserl […] the notion of mental activity is so broadened that it does not
require consciousness at all. [Husserl is a] precursor of cognitivism precisely
because their rules operate like programs totally independent of the
awareness of a conscious subject.“ (Dreyfus 1982a, 11 f.)
Nun findet sich aber beim ,transzendentalen Husserl‘ nicht nur keine
Dichotomie zwischen Erfahrung und mentaler Aktivitt. Er koppelt auch
den subjektiven Erlebtheits- bzw. Bewusstseinsgehalt ebenso wenig von
besagter mentaler Aktivitt ab, wie er das Noema vom (noetischen) Be-
wusstseinsvollzug trennt. Noema und Noesis sind fr Husserl wesentlich
korrelative Aspekte intentionaler Akte und intentionale Akte sind we-
sentlich Bewusstseinsakte. Nicht nur „[trgt] die noetische Intentionalitt die
noematische in sich“, die (noematische) Gerichtetheit intentionaler Akte ist
eben das „Bewusstseinskorrelat“ des (noetischen) Vollzugs dieser Akte (Hua
III/1, 237). Noesis und Noema sind korreliert im Bewusstsein, und sie sind
selbst jeweils Bewusstseinskorrelate. Sie sind zwei Aspekte sozusagen ein und
desselben intentionalen Geschehens, das wesentlich Bewusstseinsgesche-
hen, doch weder rein subjektiv noch rein formal ist. Die phnomenolo-
gische Reduktion weist genau diese zweifache Korrelation als konstitutiv fr
gegenstndliche Gegebenheit und letztlich fr bewusste Erfahrung ber-
haupt aus.140 Husserl ist diesbezglich unzweideutig:

140 Vgl. dazu L. Langsdorfs Dreyfus-Kritik: „Now a phenomenology that ,does not
require consciousness at all‘ would be one that could not accomplish any phase of
the epoche and reduction, and thus could be phenomenalism, perhaps, but not a

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 341

Die Bezeichnung phnomenologische Reduktion und im gleichen der reinen


Erlebnissphre als „transzendentaler“ beruht gerade darauf, daß wir in dieser
Reduktion eine absolute Sphre [finden], zu deren bestimmt gearteten Ver-
flechtungen nach immanenter Wesensnotwendigkeit dieses wunderbare Bewu-
ßthaben eines so und so gegebenen Bestimmten und Bestimmbaren gehçrt
[…]. Die „transzendentale“ Reduktion bt Epoch hinsichtlich der Wirk-
lichkeit: aber zu dem, was sie von dieser brig behlt, gehçren die Noemen
[…] und damit die Art wie Reales im Bewußtsein selbst eben bewußt und
speziell gegeben ist. (Hua III/1, 228)
Fasst man die noetisch-noematische Korrelation selbst als eine Bewusst-
seinskorrelation, kann man – wie es A. Gurwitsch vorgeschlagen hat – auch
von zwei Dimensionen des Bewusstseins sprechen. Whrend eine Dimension
durch die phnomenologisch-psychologische Analyse erschlossen wird, ist
die andere Gegenstand der noematischen Reflexion. In diesem Sinne, d. i.
als Gegenstnde der phnomenologischen Analyse, sind sie heterogen. Das
heißt freilich nicht, dass sie nicht vermittelt oder gar unvereinbar wren.
Beide Dimensionen, die psychologische und die bedeutungsmßige, sind
als Dimensionen des Bewusstseins wesentlich im Bewusstsein vermittelt
und von diesem selbst unablçsbar. Gurwitsch spricht in diesem Zusam-
menhang von einer intrinsischen Dualitt der Bewusstseinsebenen, welche
jedoch nicht mit einem cartesianischen Dualismus zu verwechseln ist. Denn
die psychologische Dimension des Bewusstseins, in der sich die bedeu-
tungsmßige konstituiert, ist selbst, wie bereits bemerkt, keine in sich
geschlossene, solipsistische Sphre der Innerlichkeit, sondern besteht we-
sentlich in ihrer Beziehung zum Nicht-Psychischen/Nicht-Mentalen:
Rather than being conceived of as a one-dimensional sequence of events,
consciousness must be defined as a noetico-noematic correlation, that is to
say, a correlation between two items pertaining to two heterogeneous planes:
on the one hand the plane of temporal psychological events, and on the
other hand that of atemporal, unreal, that is to say, ideal entities that are
the noemata […] the conception of consciousness brings to light the indis-
soluble connection between consciousness and meaning (Sinn). It shows
consciousness to be essentially characterized by an intrinsic duality, which
is to take the place of the Cartesian dualism. […] Relatedness to essentially
nonmental entities is the very nature of mental states. […] As a consequence,
consciousness can no longer be interpreted as a self-sufficient and self-con-
tained domain of interiority. (Gurwitsch 1982, 65 f.)

phenomenology at all. […] The reduction’s correlation of experience to objects


reveals a structure of consciousness, not simply a rule that could be applied by a
machine as well as by a human.“ (Langsdorf 1985, 308); siehe auch Aquila 1982,
225.

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342 III. Internalismus und Externalismus

Dreyfus kommt zu seiner Fehlinterpretation, weil er den intentionalen


Gehalt mentaler Zustnde und Akte in Analogie zum kognitivistischen
Konzept mentaler Reprsentation als subjektive, rein inner-mentale En-
titten deutet und Noemata von daher die Funktion zuschreibt, zwischen
den zwei ontologisch grundverschiedenen Seinsbereichen Geist und Welt
zu vermitteln. So schreibt Dreyfus auch in einem spteren Text: „The
essential characteristic according to the tradition is that [representations]
are purely mental, i. e. they can be analyzed without reference to the world.
Mind and world, as Husserl puts it, are two totally independent realms.“
(Dreyfus 1988, 95) Das transzendentale Bewusstsein wird dabei als eine Art
interner Speicher mentaler Reprsentationen gezeichnet, „an immanent
subject sphere containing representations which refer, successfully or
unsuccessfully, to a transcendent object“ (Dreyfus 1988, 86). Eine solche
internalistische Interpretation fhrt denn auch zu jenem solipsistischen
Verstndnis vom Mentalen, welches im obigen Zitat von Gurwitsch zu
Recht scharf zurckgewiesen wird, nmlich dem Bewusstsein als eine au-
tonome „self-sufficient sphere of intentional content“ (Dreyfus 1988, 86).
Wenn Dreyfus schließlich von einer „inventory of meaningful contents of
transcendental consciousness“ (Dreyfus 1988, 85) spricht, so degeneriert,
berspitzt formuliert, die transzendentale Bewusstseinsphnomenologie zu
einer introspektionistischen Inventur der Daten einer vor der Außenwelt
wohlverschlossenen und vor der çffentlich Wahrnehmung abgeschirmten
Black Box.
Eine etwas abgeschwchte Version dieses internalistischen Zerrbildes
vom transzendentalen Bewusstsein spiegelt auch eine durchaus differen-
zierte und vielbeachtete Kritik an Dreyfus’ Husserl-Interpretation wider,
welche R. McIntyre (McIntyre 1986) vorgelegt hat. McIntyres Kritik
richtet sich gegen eine einseitig reprsentationalistische Lektre von
Husserls Intentionalittstheorie und insbesondere gegen Dreyfus’ kogni-
tivistische Reduktion der semantischen auf die reprsentationale (und
komputationale) Funktion noematischer Inhalte.141 Gleichwohl hlt

141 Dreyfus hat im oben zitierten Text auf McIntyres Kritik reagiert und gesteht dabei
ein, dass seine spezifisch komputationalistische Interpretation Husserls kaum
haltbar ist. Er hlt jedoch nicht nur an seiner allgemein reprsentationalistischen
bzw. kognitivistischen Interpretation fest, sondern spitzt vielmehr seine These noch
zu. Er meint, dass seine Interpretation von Husserls Bewusstseinsphnomenologie
und insbesondere seiner Theorie der intentionalen Inhalte, die er durch Heideggers
„devastating critique of Husserl’s cognitivism“ untermauert sieht, vollkommen
unabhngig davon ist, ob man nun Husserl einen Komputationalismus la Fodor
zuschreibt oder nicht; vgl. Dreyfus 1988, 85 ff. Zu einer bergreifenden Kritik

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 343

McIntyre an einer grundstzlich semantisch-internalistischen Deutung von


Husserl fest; ja, er verschrft diese Deutung noch insofern, als er, grob
gesagt, das Problem des intrinsisch-reprsentationalen Charakters mentaler
Zustnde durch Husserls Theorie einer noematischen „,semantics of re-
ference‘“ fr gelçst erachtet (McInytre 1986, 69).
Nun haben bereits Smith/McIntyre eine klassisch-reprsentationalis-
tische Deutung ihrer Mediatoren-Theorie der Intentionalitt deutlich
zurckgewiesen:
On Husserl’s theory noematic Sinne carry out the inner work of achieving
intentional relations and in this way are „mediators“ of intention. But this
does not mean that noemata, or Sinne, stand between consciousness and
its objects. Husserl does not hold that Sinne are the proper or direct objects
of consciousness and „represent“ external objects somewhat as words or pic-
tures represent things. His theory is not a species of „representationalism“ in
that sense, akin to theories holding that we are properly or directly aware
only of our own „ideas“, which in turn stand for or represent external ob-
jects. (Smith/McIntyre 1982, 144)
McIntyre reformuliert diese fregeanische Lektre des Noema vor dem
Hintergrund von Dreyfus’ kognitivistischer/komputationalistischer In-
terpretation. Zum einen differenziert er zwischen dem methodologischen
Solipsismus la Fodor und Husserls radikalerer, transzendentaler Version.
Fr Fodor dient der methodologische Solipsismus primr als eine Heuristik
zur Erklrung der kausalen Rolle, die mentale Zustnde bei der Verursa-
chung von Verhalten spielen. Wenn der methodologische Solipsismus eine
adquate Heuristik und der Komputationalismus eine wahre Theorie des
Geistes ist, so ließe sich demnach erklren, wie mentale Zustnde eine
kausale Rolle einnehmen kçnnen, unabhngig davon, wie die Welt, die sie
reprsentieren, tatschlich beschaffen ist bzw. ob sie adquate Reprsen-
tationen dieser Welt sind. Demgegenber sei Husserl an der Erklrung des
reprsentationalen Charakters mentaler Zustnde als solcher interessiert.
Das Absehen von der Existenz und die Einklammerung der Geltung be-
wusstseinsexterner Eigenschaften und Tatsachen sei dabei durch Husserls
primr erkenntnistheoretisches Interesse motiviert. So kçnne die Frage, was
unsere berzeugungen ber die (Außen-)Welt rechtfertigt, ohne einen
Zirkelschluss dabei zu begehen, nicht mit Rekurs auf wahre berzeu-
gungen bezglich der tatschlichen Beschaffenheit dieser Welt bzw. der

sowohl an Dreyfus’ und McIntyres kognitivistisch-internalistischen Husserl-In-


terpretation als auch deren fregeanischen Vorlufern vgl. Haaparanta 1994.

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344 III. Internalismus und Externalismus

Geltung natrlich-kausaler Verbindungen zwischen solchen berzeu-


gungen und der Welt beantwortet werden (vgl. McIntyre 1986, 59).
Eine weitere wichtige Differenz, auf die McIntyre hinweist, ist der
Unterschied zwischen Noemata als Bedeutungen oder Sinneseinheiten und
den fodorschen mentalen Reprsentationen als bedeutungstragenden Sym-
bolen. Zwar deutet McIntyre weiterhin den noematischen Sinn als ein
Vermittlungsmedium zwischen mentalen Zustnden und extra-mentalen
Gegenstnden: „Noematic Sinne constitute for Husserl a ,medium‘ in
which mental processes take place. […] mental states represent extra-
mental things by virtue of how these noematic Sinne relate to the extra-
mental world.“ (McIntyre 1986, 66) Der Punkt, auf den McIntyre jedoch
zu Recht hinweist, ist, dass Noemata insofern keine mentalen Reprsen-
tationen im fodorschen Sinn sind, als sie weder mentale Symbole noch die
Bedeutung von symbolhaften mentalen Reprsentationen sind, sondern
vielmehr die Bedeutung von intentionalen/reprsentationalen Zustnden.
Entgegen der Dreyfus/Fodor-These haben McIntyre zufolge Noemata
nicht eine syntaktische, sondern vielmehr eine semantische Funktion.
Nichtsdestotrotz schreibt McIntyre Husserl eine, wenn auch radika-
lisierte Version des methodologischen Solipsismus und in weiterer Folge
einen „major point of agreement“ mit zeitgençssischen Reprsentationa-
listen (cum Funktionalisten bzw. Komputationalisten) zu (McIntyre 1986,
60). Die bereinstimmung besteht ihm zufolge nicht nur in Bezug auf die
ontologisch und methodologisch neutrale bzw. allgemein anti-naturalis-
tische Haltung gegenber empirischen Kausalgesetzen und psychophysi-
schen Korrelationen, sondern wesentlich auch hinsichtlich der jeweiligen
heuristischen Reduktion extra-mentaler Entitten und Tatsachen auf die
inner-mentale Sphre noematischer Bewusstseinsinhalte.
Nun haben Internalisten zwar recht, wenn sie meinen, dass Husserl
nicht an der Frage interessiert war, „how mental states actually relate to the
world but to explain how they have the phenomenological or ,internal‘
character of relating to anything at all“ (McIntyre 1986, 69). Husserl lçst
diese Frage nach dieser internen, oder besser: intrinsischen Relation aber
nicht internalistisch, indem er das Noema als referenzielle Vermittlungs-
instanz oder als ein inner-mentales, bedeutungstragendes Relationsglied
einfhrt – wie etwa McIntyre entlang seiner fregeschen Lektre meint.142

142 Vgl. McIntyre 1986, 69: „A mental state is intentional in character by virtue of its
relation to a noematic Sinn. How so? Because noematic Sinne are meanings and,
Husserl apparently thinks, it is simply an intrinsic and irreducible (though not
completely unanalyzable) property of meanings to represent. Husserl in fact holds a

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 345

Der Fehler, den McIntyre ganz hnlich wie Dreyfus dabei begeht, ist, dass
er die Konsequenzen der phnomenologischen Reduktion quasi erkennt-
nistheoretisch berdehnt: „Husserl’s […] main consideration is episte-
mological: what we know about the representation of reality in our mental
states is epistemologically prior to what we know about the nature of reality
itself, since we have no access to reality except via our mental represen-
tations of it.“ (McIntyre 1986, 59) McIntyre macht hier die intern/extern-
Dichotomie in Bezug auf die Geist/Welt-Relation auf, die Husserl gerade
durch den transzendentalen Idealismus zu unterlaufen versucht. Dass
durch die Einfhrung der phnomenologischen Reduktion die Frage nach
der Realitt der Frage nach der Reprsentation von Realitt erkenntnis-
theoretisch nachgeordnet wird, bedeutet fr Husserl nicht, dass unser
Wissen ber die Realitt von der Kenntnis der mentalen Reprsentation der
Realitt abhinge oder aus ihr inferenziell abgeleitet werden msste. Ebenso
wenig hngt unser Zugang zur Realitt vom Zugang zu den eigenen
mentalen Reprsentationen (dieser Realitt) ab, weil wir zur Realitt nach
Husserl eben nicht einen vermittelten Zugang haben. Transzendental-
phnomenologisch gesehen trifft es also nicht zu, dass unser Zugang zur
Welt ber mentale Reprsentationen oder ber den Zugang zu unseren
mentalen Reprsentationen vermittelt wre.

2.4. Intentionalitt und Intensionalitt


Eine der zentralen Schwierigkeiten der Evaluierung der husserlschen
Theorie des Noema ist, dass das Konzept des Noema bei Husserl sowohl im
Zusammenhang bedeutungs- als auch erkenntnistheoretischer Problem-
stellungen auftaucht. Dieser Umstand hat bei Husserl selbst ebenso wie bei

strong version of the familiar Fregean thesis that meaning determines reference.“
Eine interessante Zwischenposition nimmt diesbezglich ein neuerer Beitrag von
Ch. Staub (2009) ein. Staub interpretiert zwar Husserls Theorie des Noema
durchaus in Einklang mit der fregeanischen Interpretation, meint aber zugleich,
dass diese keine internalistischen Implikationen habe: „Internalistisch lsst sich die
Weise deuten, wie in der Phnomenologie das Verhltnis von Bedeutung und
intentionalem Gegenstand bestimmt wird. […] Mit der Theorie der Noemata geht
es Husserl allerdings nicht darum, eine bestimmte Klasse von Entitten einzu-
fhren, die hinsichtlich ihrer Existenz und ihrer inhaltlichen Bestimmtheit von
externen Faktoren unabhngig sind. […] Der phnomenologischen Theorie der
Intentionalitt, derzufolge der Gegenstandsbezug durch den noematischen Gehalt des
intentionalen Erlebnisses festgelegt wird [Hervorhebung v. T. Sz.], liegt kein inter-
nalistisches Verstndnis zugrunde.“ (Staub 2009, 135)

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346 III. Internalismus und Externalismus

vielen seiner Interpreten dazu gefhrt, dass die im Kern bedeutungs-


theoretische Frage nach der Mçglichkeit und Funktionsweise referenziel-
ler/intentionaler Bezugnahme immer wieder mit der erkenntnistheoreti-
schen Frage nach der Existenz und Erkennbarkeit der Referenzgegenstnde
bzw. der Adquatheit und Gltigkeit bezugnehmender Akte vermengt
wird. Husserl hat das freilich selbst erkannt:
Das phnomenologische Problem der Beziehung des Bewußtseins auf eine
Gegenstndlichkeit hat vor allem seine noematische Seite. Das Noema in sich
selbst hat gegenstndliche Beziehung, und zwar durch den ihm eigenen
„Sinn“. Fragen wir dann, wie der Bewußtseins-„Sinn“ an den „Gegenstand“,
der der seine ist, und der in mannigfachen Akten sehr verschiedenen noe-
matischen Gehalts „derselbe“ sein kann, herankomme, wie wir das dem Sinn
ansehen […] stoßen wir schließlich auf die Frage, was die „Prtention“ des
Bewußtseins, sich wirklich auf ein Gegenstndliches zu „beziehen“, „triftiges“
zu sein, eigentlich besage, wie sich „gltige“ und „ungltige“ gegenstndliche
Beziehung phnomenologisch nach Noesis und Noema aufklre: und damit
stehen wir vor den großen Problemen der Vernunft […]. (Hua III/1, 296 f.)
Trotz dieser Einsicht ist es Husserl wohl kaum gelungen, den Zusam-
menhang der beiden Problemstellungen systematisch zu explizieren. Dass
der Zusammenhang zwischen der Referenzialitt von intentionalen Akten
und dem erkenntnistheoretischen (und ontologischen) Status der Refe-
renzgegenstnde bei Husserl nicht immer klar genug formuliert ist, ist
jedenfalls wesentlich der methodischen Eigenart der phnomenologischen
Intentionalittstheorie geschuldet. Diese Eigenart – dass nmlich die
phnomenologische Analyse der Referenzialitt intentionaler Akte und
ihrer Inhalte unabhngig von der Frage nach der Realitt/Existenz der
Referenzgegenstnde verfolgt wird – kann nun je nach Erkenntnisinteresse
als Vorteil oder Nachteil dieser Theorie ausgelegt werden (Stichwort:
realistische Bedeutungs- und/oder Wahrheitstheorie versus transzendentale
Intentionalittstheorie).143 Sie sollte jedoch unter keinen Umstnden zu
den idealistisch-mentalistischen Fehldeutungen verleiten, die insbesondere
internalistische Interpreten vorgelegt haben.
Eine weitere Schwierigkeit innerhalb des bedeutungstheoretischen
Kontextes der Noema-Theorie ergibt sich aus der notorischen Vieldeu-
tigkeit, die die Analogisierung zwischen der Intensionalitt sprachlicher
Entitten bzw. propositionaler Einstellungen und der Intentionalitt
mentaler Zustnde im Allgemeinen betrifft.

143 Vgl. Bernet 1990, 62, 78 f.; siehe dazu mehr unten, Kap. IV.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 347

Es gibt zu dieser Analogie verschiedene Auffassungen: Autoren wie


Føllesdal und Dreyfus sehen eine quasi-ontologische Identitt bzw. einen
konstitutiven Zusammenhang zwischen Intensionalitt und Intentionali-
tt. J. Hintikka wiederum vertritt eine modallogische Interpretation der
Intentionalitt, wonach das zentrale Charakteristikum intentionaler Akte
nicht ihre (Welt-)Gerichtetheit, sondern vielmehr ihre semantische
Funktion in der Logik mçglichen Welten ist. Demnach ist Intentionalitt
nicht eine Relation zwischen ,innerweltlichen‘ Entitten (wie etwa Per-
sonen, ihren berzeugungen und bestimmten Sachverhalten), sondern
nichts anderes als eine Funktion der intensionalen Referenzbestimmung in
verschiedenen mçglichen Welten (vgl. Hintikka 1975, 194 f.).144 Smith
und McIntyre dagegen unterscheiden zwar scharf zwischen einer ontolo-
gischen Theorie der Intentionalitt und einer semantischen bzw. logischen
Theorie der Intensionalitt, behaupten aber, dass es einen engen konzep-
tuellen Zusammenhang zwischen den jeweiligen Explananda gibt.145
[…] a theory of intent ionality is […] an ontological theory, whose purpose is
to characterize the phenomenological properties of consciousness that consti-
tute its being intentional. […] a theory of intensionality is a semantic theory,
whose purpose is to explain why intentional contexts have the logical proper-
ties they do. […] however, there is a close relationship between the ontolog-
ical problems of intentionality and the logical and semantical problems of
intensionality. Basically, what we have been urging is that the intensionality
of act-contexts is a manifestation in language of the conception of mental
phenomena as intentional. (Smith/McIntyre 1982b, 33)
Smith/McIntyres behaupten also, dass der intensionale Sinngehalt von
ußerungen bzw. Stzen mit dem noematischen Sinn intentionaler Akte
und Zustnde identisch ist, auch wenn das Noema selbst weder ontologisch
noch logisch auf Intensionen oder auf ein rein linguistisches Konzept von

144 Zu beachten ist hierbei die unterschiedliche Verwendungsweise des Konzepts der
Intensionalitt: Whrend Føllesdal und Dreyfus mit der fregeschen Konzeption
operieren, verwendet Hintikka Intensionalitt im carnapschen Sinn (Carnap
1947), nmlich als eine Funktion oder Regel, die die Extension eines Ausdrucks in
jeder mçglichen Welt festlegt. (Siehe dazu auch oben, Kap. III. 1.1.)
145 Eine prominente Sonderstellung nimmt in diesem Zusammenhang R. Chisholms
neuere Intentionalittstheorie (Chisholm 1981) ein: Chisholm zufolge lassen sich
„Tatsachen der Sprache“ durch „Tatsachen der Referenz und Intentionalitt“ ex-
plizieren, wobei die elementare Form intentionaler Tatsachen nicht die objektive,
sondern die direkt-attributive Selbst-Referenz betreffen; vgl. Chisholm 1981, 15 f.
(Siehe dazu mehr unten, Kap. III. 3.2.) Zu den betreffenden logisch-semantischen
Analogien bzw. Differenzen siehe auch Cornman 1962; Scruton 1970/71 und
ausfhrlich Barz 2004.

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348 III. Internalismus und Externalismus

Bedeutung reduzierbar ist.146 Trotz ihrer Ablehnung einer in diesem Sinne


starken Identifikation von noematischem Sinn bzw. Noema und linguis-
tischer Bedeutung schließen Smith und McIntyre den mentalen und den
semantischen Aspekt von Intentionalitt hinsichtlich ihres explanatori-
schen Potenzials kurz: Zum einen vertreten sie die sogenannte These der
Expressibilitt des noematischen Sinnes (expressibility-thesis), wonach jeder
noematische Sinn jedes (aktuellen oder potenziellen) intentionalen Aktes
prinzipiell sprachlich artikulierbar ist (Smith/McIntyre 1982b, 182 ff.).147
Die sprachliche Artikulierbarkeit des noematischen Sinnes garantiert fr
Smith/McIntyre die Interpretierbarkeit der Bedeutung intentionaler Be-
wusstseinszustnde. Sie erlaubt es also, dass die Referenz intentionaler Akte
in ein Vokabular bersetzbar ist, mit dem auch çffentlich beobachtbares
(intentionales) Verhalten beschrieben wird. Diese These bildet, wie sie
selbst betonen, die Grundlage fr ihre Identifizierung noematischer mit
intensionalen Entitten (vgl. Smith/McIntyre 1971, 547 und 1982a, 86 f.).
Ausgehend davon argumentieren sie zum anderen, dass das Konzept der
Intentionalitt des Mentalen – genau insofern es eine Manifestation der
logischen und semantischen Eigenschaften von Sprache ist – durch die
intensionalen Merkmale bestimmter sprachlicher Konstruktionen auch
hinreichend zu erklren ist.
So lassen sich nach Smith/McIntyre die zentralen Charakteristika der
Intentionalitt mentaler Akte durch die Ungltigkeit zweier fundamentaler
Prinzipien logischer Schlussfolgerung in intensionalen Kontexten be-
stimmen: nmlich die Ungltigkeit des Prinzips der Substitution der
Identitt (PSI) und jener des Prinzips der Existenzverallgemeinerung (PEV).
PSI ist nichts anderes als das logisch-syntaktische Korrelat des se-
mantischen Prinzips der Extensionalitt: Sofern zwei singulre Ausdrcke
extensional identisch sind, sie sich also auf denselben Gegenstand beziehen,
lassen sie sich in einem Satz beliebig gegeneinander austauschen, ohne
dabei den Wahrheitswert des Satzes in irgendeiner Weise zu beeintrch-
tigen. Der Wahrheitswert von Stzen, bei denen dieses Prinzip gilt, ist also

146 Smith/McIntyre vertreten diese These – die ja mit ihrer Mediatoren-Theorie des
Noema durchaus in Einklang steht – in zahlreichen Schriften mit geringen Mo-
difikationen, vgl. Smith/McIntyre 1971, 1982a und1982b, insbes. 24 und 179 ff.
Siehe dazu auch D. W. Smiths sptere Stellungnahme zu ihrer Interpretation: „The
,Fregean‘ reading of Husserl’s model of intentionality should not be taken as
,logicizing‘ phenomenology, that is, reducing the study of consciousness to the
study of logical structures, specifically propositions expressible in language by
complete sentences.“ (Smith 2007, 264)
147 Vgl. auch Mohanty 1989b, 85 und die Kritik bei Drummond 1990, 123 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 349

abhngig vom Bezugsgegenstand/Referenten der jeweiligen singulren


Ausdrcke und davon, ob mit den Ausdrcken Wahres oder Falsches vom
Gegenstand ausgesagt – nicht jedoch davon, wie und mit welchen Aus-
drcken Bezug genommen wird:
The principle of substitutivity of identity seems little more than an enunci-
ation of a basic intuition about reference: the truth-value of a sentence about
an individual does not depend on how the individual is referred to in the
sentence – refer as one will, the important thing is which individual one
is referring to and whether what is said is true of it. (Smith/McIntyre
1982b, 25 f.)148
PEV drckt ebenfalls eine logische Eigenheit extensionaler Kontexte aus
und besagt grob, dass fr jeden wahren Satz, in dem ein singulrer Aus-
druck vorkommt, gilt, dass es ein x gibt, auf das sich der singulre Ausdruck
bezieht, und die Wahrheit des Satzes (unter anderem) von der Existenz
dieses x abhngt. Das Prinzip besagt also, dass, wenn ein Ausdruck (tat-
schlich) auf etwas referiert, es etwas gibt, auf das der Ausdruck zutrifft,
wenn der Satz, in dem er vorkommt, wahr ist. Demnach kann man aus dem
Satz (1) ,Paul geht ins Museumsquartier‘ – sofern er wahr ist – folgern, dass
es einen Ort gibt, wo Paul hingeht. Man kann folglich auch den singulren
Ausdruck ,Museumsquartier‘ verallgemeinern und den Satz in einen Satz
mit einem Existenzquantor umformulieren, wie: (2) ,Es gibt etwas derart,
dass Paul hingeht‘, wobei die Stze (1) und (2) beide wahr sind. Das heißt:
Wenn ein Satz wahr ist und das Prdikat dieses Satzes auf eine Entitt
zutrifft, auf das der singulre Ausdruck referiert, gibt es auch etwas, auf das
das Prdikat zutrifft. Mit den Worten Smith/McIntyres: „[The principle of
existential generalization] seems to capture a basic intuition about the use
of referring expressions: all it says is that if a predicate is true of an entity
referred to by a term, then something exists of which the predicate is true.“
(Smith/McIntyre 1982b, 28)
Smith/McIntyre versuchen nun zu zeigen, dass das Scheitern vom PSI
und PEV in der Interpretation intensionaler Stze die drei miteinander
verwandten, ihrer Ansicht nach wesentlichen Merkmale der Referenz in-
tentionaler Akte erklren kann:149 nmlich a.) ihre Existenz-Unabhn-

148 Vgl. auch Føllesdal 1972, 420.


149 Auf diesen Umstand haben als erste bekanntlich R. Carnap (1947) und R.
Chisholm in Zusammenhang mit Brentanos These der intentionalen Inexistenz
hingewiesen; vgl. Chisholm 1967, 203. Siehe dazu auch die ausfhrlichen Ana-
lysen bei Barz 2004, 33 ff. und 40 ff. Barz weist darauf hin, dass diese „beiden
Anomalien zwei Seiten ein und derselben Medaille sind.“ (Barz 2004, 40)

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350 III. Internalismus und Externalismus

gigkeit (existence-independence), b.) ihre konzeptuelle Aspekt-Abhngigkeit


(conception-dependence) und c.) ihre (mçgliche) Unbestimmtheit (inde-
terminacy).150 Nach Smith/McIntyre sind es genau diese drei Besonder-
heiten, die den Unterschied zwischen intentionalen Relationen, verstanden
als Relationen zwischen Personen/Akten und Objekten, und nicht-inten-
tionalen, natrlichen Relationen markieren. Sie weisen zu Recht darauf
hin, dass diese Besonderheiten keine (realen oder ontologischen) Eigen-
schaften der intentionalen Objekte sind, sondern referenzielle Besonder-
heiten intentionaler Akte bzw. deren Inhalte. Sie sprechen in diesem Zu-
sammenhang von den ,metaphysischen Anomalien‘ intentionaler
Relationen, grenzen sich aber explizit von den Objekt-Theorien der In-
tentionalitt ab, welche diese Anomalien auf die Ausgezeichnetheit der
intentionalen Objekte zurckfhren (Smith/McIntyre 1982b, 10 f.,
90 f.).151
Das erste wesentliche Charakteristikum intentionaler Relationen be-
steht bekanntlich darin, dass intentionale Akte sich auf Gegenstnde be-
ziehen kçnnen, die gar nicht existieren (mssen). Die zweite Eigenschaft
verweist darauf, dass das intentionale Objekt (epistemisch) nicht unab-
hngig davon ist, wie jemand darauf Bezug nimmt bzw. welchen Begriff
dabei verwendet. Im Gegensatz zu natrlichen oder konventionellen Re-
prsentationsbeziehungen, bei denen die beiden Relata der Beziehung
vollkommen unabhngig davon existieren, wie bzw. mit welchen Begriffen
und ob Bezug genommen wird, ist bei intentionalen Relationen der Aspekt
der Bezugnahme entscheidend fr die Konstitution des jeweiligen Be-
zugsgegenstandes. So kann man bzw. kçnnen mehrere Personen auf den-
selben Gegenstand auf verschiedene Weise und/oder mit verschiedenen
Begriffen Bezug nehmen – und unter Umstnden nicht wissen, dass sie auf
denselben Gegenstand referieren – oder umgekehrt die gleichen Begriffe
verwenden und auf verschiedene Gegenstnde Bezug nehmen bzw. Ver-
schiedenes meinen oder ausdrcken wollen. Beispiele fr die zweite Ei-
genschaft lassen sich typischerweise mit verschiedenen Kennzeichnungen
in intensionalen Kontexten geben, wie ,der Sieger von Jena‘ und ,der

150 Siehe Smith/McIntyre 1982b, 11 – 18.


151 Whrend, wie bereits bemerkt, die Objekt-Theorie der Intentionalitt blicher-
weise Brentano zugeschrieben wird, schreibt man Husserl quasi unisono ihre
Ablehnung zu. Siehe dazu auch Zahavi 2003, 53: „[For Brentano] the intentional
relation is an ordinary relation […]. For Husserl intentionality is not an ordinary
relation to an extraordinary object, but an extraordinary relation to an ordinary
object, an extraordinary ,relation‘ that can persist, even if the object doesn’t exist.“
(Zahavi 2004b, 53)

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 351

Besiegte von Waterloo‘, whrend Beispiele fr die Charakteristik der


mçglichen Inexistenz intentionaler Objekte etwa die bekannten ,rosa
Elefanten‘-Flle liefern. Es sind also auch diese zwei Eigenschaften,
nmlich die Existenz-Unabhngigkeit und Aspekt-Abhngigkeit inten-
tionaler Relationen, welche die wesentliche Differenz markieren zwischen
Reprsentationsrelationen, die man in der ersten Person Singular erlebt/hat
bzw. vollzieht, und jenen, die man in der dritten Person Singular kon-
zeptualisiert.152 Die dritte Eigenschaft schließlich kennzeichnet den Um-
stand, dass intentionale Akte auf Gegenstnde gerichtet sein kçnnen, deren
Identittskriterien sie nicht festlegen, bzw. die nicht eindeutig unter die
Bestimmung fallen, die ein intentionaler Akt vorschreibt. Smith/McIntyre
nennen Intentionen bzw. Akte, die dieses Charakteristikum aufweisen
„indefinite intentions“ bzw. „indefinitely directed acts“ (Smith/McIntyre
1982b, 18).153 Ein Beispiel fr diese Charakteristik wre etwa, wenn je-
mand sich ein schnelles Auto wnscht, aber keine (eindeutige) Vorstellung
davon hat, wie dieses Auto aussehen oder welches (bestimmte) es genau sein
msste, damit der Wunsch erfllt wird.
Die These von Smith/McIntyre ist nun, dass die Ungltigkeit von PEV
in intensionalen Kontexten die logisch-semantische Manifestation der
Existenz-Unabhngigkeit und der Unbestimmtheit intentionaler Referenz,
whrend die Ungltigkeit vom PSI die Manifestation ihrer konzeptuellen
Aspekt-Abhngigkeit ist (vgl. Smith/McIntyre 1982b, 25 ff.).
Gegenber Autoren, die fr die Analogie zwischen der Intensionalitt
sprachlicher Ausdrcke bzw. bestimmter Stze und der Intentionalitt
mentaler Akte argumentieren, lehnt Searle entschieden eine solche Ana-
logisierung ab. Searle meint, dass es weder eine ontologische Identitt noch
einen relevanten konzeptuellen Zusammenhang oder auch nur eine all-
gemeine strukturelle hnlichkeit zwischen diesen Merkmalen gebe (vgl.
Searle 1983, 43). Searle schreibt die irrige These von einem engen Zu-
sammenhang dieser beiden Merkmale der linguistischen Orientierung der

152 Vgl. dazu Hart 2003, 263.


153 Smith/McIntyre unterscheiden davon die Klasse der „definitely directed acts“, zu
denen insbesondere Wahrnehmungsakte gehçren. Sie unterstreichen dabei, dass
die Bestimmung eines intentionalen Bezugsgegenstandes durch solche de re-Akte
immer eine graduelle Frage ist, und differenzieren weiter zwischen „perceptually“
und „intuitionally definite intentions“. Die Bestimmtheit von Wahrnehmungs-
gegenstnden fhren sie wiederum auf die Unmittelbarkeit der Oberkategorie
intuitiver Akte zurck, die alle Akte umfasst, bei denen der Gegenstand ( la Russell
1914) durch sogenannte ,direkte Bekanntschaft‘ („direct and immediate acquain-
tance“) eindeutig festgelegt ist; siehe Smith/McIntyre 1982b, 19 ff. und 354 ff.

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352 III. Internalismus und Externalismus

sprachanalytischen Philosophie zu und meint, dass diese einer gravierenden


methodischen Verwechslung unterliegt, nmlich der Verwechslung von
Berichten ber Zustnde mit den Eigenschaften der Zustnde selbst, das heißt
mit dem, worber berichtet wird. Es handelt sich also im Kern um eine
Verwirrung der Ebene der Explananda mit jener des Explanans. Zwar seien
nach Searle „Berichte ber intentionale-mit-einem-t Zustnde typischer-
weise intensionale-mit-einem-s Berichte. Aber weder folgt daraus noch ist
es im Allgemeinen so, daß intentionale-mit-einem-t Zustnde selbst in-
tensional-mit-einem-s sind.“ (Searle 1983, 43) Ob ein intentionaler Zu-
stand nun intensional ist oder nicht, liege nicht in der Natur oder Struktur
der Zustnde selbst beschlossen, sondern hngt nach Searle davon ab, wie
ihre Erfllungsbedingungen beschrieben werden.

2.5. Erfllungsbedingungen, okkasionelle Kontexte und


Husserls Zwillingserde

Die Internalismus/Externalismus-Debatte lsst sich nicht zuletzt auch als


eine Diskussion darber verstehen, was die epistemisch relevanten Erfl-
lungsbedingungen von intentionalen Akten und Zustnden sind, auf
welcher Seite der Geist/Welt-Beziehung sie zu lokalisieren sind und vor
allem wie diese Erfllungsbedingungen beschrieben werden sollen. Doch
was sind berhaupt Erfllungsbedingungen?
Searle, in dessen Theorie der Intentionalitt der Begriff einen emi-
nenten Stellenwert einnimmt, versteht unter Erfllungsbedingungen
schlicht „diejenigen Merkmale der Welt, die einen intentionalen Zustand
erfllen“ (Searle 1983, 44). Ob ein Zustand als intentional oder intensional
(zu werten) ist, hngt demnach nicht davon ab, ob bestimmte Sachverhalte
bestehen oder nicht, sondern davon, wie die Sachverhalte, von denen der
Zustand handelt, beschrieben werden.
Zur Veranschaulichung dieser These kann ein von Searle geliehenes
Beispiel dienen: Der Satz (1) ,Kçnig Artus hat Lanzelot erschlagen‘ ist
extensional, insofern seine Erfllungsbedingungen einfach dadurch fest-
gelegt werden, ob es a.) Kçnig Artus und Lanzelot gegeben und b.) ob
Ersterer Letzteren erschlagen hat. Auch die berzeugung von jemandem,
dass Kçnig Artus Lanzelot erschlagen hat, ist extensional, denn die
Wahrheit der berzeugung wird von denselben Merkmalen der Welt
festgelegt wie in (1). Propositionen und propositionale Einstellungen ha-
ben also nach Searle nichts Intensionales in oder an sich. Demgegenber

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 353

lsst sich etwa Johns berzeugung, dass Kçnig Artus Lanzelot erschlagen
hat, intensional beschreiben. Die ußerung (2) ,John glaubt, dass Kçnig
Artus Lanzelot erschlagen hat‘ oder etwa Pauls Feststellung (3) ,Die Er-
fllungsbedingungen von Johns berzeugung sind, dass Kçnig Artus
Lanzelot erschlagen hat‘ sind intensionale Berichte (ber intentionale
Zustnde). Die Erfllungsbedingungen von Johns berzeugung und Pauls
Feststellung (ber Johns berzeugung) sind ebenso wenig extensional wie
intensional. Pauls Feststellung jedoch ist intensional, sofern ihre Erfl-
lungsbedingungen davon abhngen, was Johns (an sich extensionale)
berzeugung ist, und nicht davon, welche Merkmale sie erfllen und ob
diese Merkmale bestehen oder nicht bzw. ob (1) wahr ist oder falsch.
Wahrheitsbedingungen von Stzen/ ußerungen und Erfllungsbe-
dingungen von intentionalen Zustnden/propositionalen Einstellungen
sind also an sich weder intensional noch extensional, sondern relativ zum
jeweiligen Beschreibungsrahmen. Ebenso wenig sind die Inhalte inten-
tionaler Zustnde extensional oder intensional. Was jedoch nach Searle in
der Struktur intentionaler Zustnde beschlossen liegt bzw. der Natur dieser
Zustnde qua intentionale intrinsisch ist, ist die Reprsentation der Er-
fllungsbedingungen, also die Art und Weise, wie die Merkmale der Welt
(die Wahrheitsbedingungen) fr jemanden (der die intentionalen Zustnde
hat oder sie von außen beschreibt) gegeben sind. Die Erfllungsbedin-
gungen sind intentionalen Zustnden insofern intern, als der intentionale
Gehalt dieser Zustnde sie festlegt.
Grob gesagt legen intentionale Inhalte nach Searle ihre Erfllungsbe-
dingungen (die sie zugleich reprsentieren) durch drei Komponenten fest.
Diese Komponenten sind 1.) das holistische Netzwerk der intentionalen
Inhalte selbst bzw. deren „Hintergrund“, welcher aus der Gesamtheit aller
praktisch relevanten, „nicht-reprsentationalen geistigen Fhigkeiten“
(Searle 1983, 182) besteht; 2.) die kausale Geschichte bzw. Kausalkette der
Verursachung intentionaler Inhalte und 3.) der indexikalische (Selbst-)
Bezug der jeweiligen Subjekte zu ihrem eigenen Netzwerk und Hinter-
grund.154 Der Punkt, auf den es hier ankommt, ist, dass intentionale Inhalte
von den Erfllungsbedingungen und ihrer Beschreibung (von außen)
unabhngig sind. Genau in diesem Sinn ist der intentionale Inhalt den
jeweiligen Zustnden intrinsisch und ihre Erfllungsbedingungen diesen
Zustnden intern (vgl. Searle 1983, 26 f. und 40 ff.). Was die ,Internalitt‘
der Erfllungsbedingungen betrifft, ist einem naheliegenden Missver-
stndnis vorzubeugen: Nach Searle sind die Erfllungsbedingungen in-

154 Vgl. dazu ausfhrlich Searle 1983, Kap. 4 und 5.

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354 III. Internalismus und Externalismus

tentionaler Zustnde nicht in dem Sinn intern, dass sie in diesen Zustnden
in irgendeiner ontologisch zu qualifizierenden Weise selbst beschlossen
liegen. Vielmehr implizieren mentale Zustnde die Reprsentationen ihrer
jeweiligen Erfllungsbedingungen, das heißt, mentale Zustnde repr-
sentieren die Bedingungen (mit), unter denen sie erfllt werden (falls sie
tatschlich referieren). Weniger klar ist allerdings bei Searle, ob er die
Erfllungsbedingungen mit den intentionalen Inhalten, die sie festlegen,
letztlich identifiziert oder ob die intentionalen Inhalte nur Reprsenta-
tionen von (ihren eigenen) Erfllungsbedingungen sind.155
Wie Searle selbst herausstreicht, sei der Vorteil seiner Konzeption von
Intentionalitt jedenfalls nicht nur, dass sie klar zwischen der Intensiona-
litt und Intentionalitt unterscheidet und Erstere durch Letztere erklren
kann. Searle meint zudem, die logischen und die ontologischen Eigen-
schaften von Intentionalitt klar trennen und, worauf es vor allem an-
kommt, das ontologische Problem der Intentionalitt mit der Erklrung
der logischen Struktur intentionaler Zustnde und ihrer referenziellen
Beziehung auf intentionale Objekte lçsen zu kçnnen (vgl. Searle 1983,
31 ff.).
Fr Searle ist sowohl die Intensionalitt von Stzen und ußerungen
als auch die Mçglichkeit intensionaler Beschreibungen von berzeugun-
gen von der ursprnglichen Intentionalitt dieser berzeugungen abge-
leitet. Whrend also die semantische Struktur sprachlicher Entitten von
der reprsentationalen Struktur der Intentionalitt des Mentalen abhngig
ist, ist die Analyse des „Reprsentationsvermçgens“ der Sprache (Searle
1983, 247) von der logischen Analyse der referenziellen Funktion von
Intentionalitt abgeleitet. Doch die Eigenschaft der Intentionalitt des
Mentalen selbst ist von keiner anderen Eigenschaft abhngig und lsst sich
folglich von keinen anderen nicht-intentionalen Eigenschaften her erklren
oder aus einfacheren Begriffen logisch deduzieren. Intentionalitt ist in
diesem Sinne fr Searle eine intrinsische Eigenschaft des Geistes. Ent-
sprechend ist auch die logische Analyse ihrer Struktur und ihrer Funktion
auf keine weiteren (ontologischen oder metaphysischen) Erklrungen
angewiesen:
[…] eine logische Analyse der Intentionalitt des Geistigen [ist] mit einfa-
cheren Begriffen nicht mçglich, weil Intentionalitt sozusagen eine Erdge-
schoß-Eigenschaft des Geistes und kein komplexes Merkmal ist, das aus
einfacheren Bestandteilen aufgebaut wre. Es gibt keinen neutralen Stand-
punkt, von dem aus sich die Beziehungen zwischen intentionalen Zustnden

155 Vgl. dazu Mohanty 1989b, 102.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 355

und der Welt berblicken und dann nicht-intentional beschreiben ließen. Jede
Erklrung der Intentionalitt spielt sich demzufolge im Zirkel intentionaler
Begriffe ab. (Searle 1983, 46)
Zu beachten ist, dass fr Searle nicht nur die Realisierungsbedingungen
und die Realisierungsformen mentaler Zustnde, also der ontologische
Status dieser Zustnde fr das logische Problem der Intentionalitt irrele-
vant sind, auch der ontologische Status intentionaler Objekte sei fr die
Erklrung der Funktion von Intentionalitt in keiner Weise von Belang.
Was die Funktion der Intentionalitt erklrt, ist allein ihre interne logisch-
referenzielle Struktur.
Es sind nach Searle drei Komponenten, die die Struktur eines inten-
tionalen Zustandes ausmachen: a.) seine Erfllungsbedingungen, b.) der
Aspekt, unter dem die Erfllungsbedingungen reprsentiert oder be-
schrieben werden, und c.) der psychische Modus des Zustandes, d. i. der
Aspekt, unter dem der intentionale Inhalt vorliegt (was in etwa dem
Einstellungsmodus propositionaler Einstellungen, also Modi des Wn-
schens, Glaubens, Hoffens etc., entspricht). Kennt man diese drei Kom-
ponenten, weiß man nach Searle nicht nur, was ein intentionaler Zustand
reprsentiert, also worauf er sich bezieht, sondern auch, was ein solcher
Zustand ist. 156 Searles zentrale internalistische These besagt nun, dass ein
Zustand genau dann intentional ist, wenn er einen intrinsischen inten-
tionalen Gehalt hat, der seine Erfllungsbedingungen festlegt, und einen
(psychischen) Modus, der bestimmt, wie diese Erfllungsbedingungen
(intern) reprsentiert werden. Sofern ein intentionaler Zustand seine Er-
fllungsbedingungen stets intern reprsentiert, kennt man nach Searle,
wenn man sich in einem intentionalen Zustand befindet, eo ipso dessen
Erfllungsbedingungen.
In zwei wesentlichen Punkten ist nun Searles Intentionalittstheorie
mit jener Husserls durchaus in Einklang. Zum einen hinsichtlich des Status

156 Vgl. Searle 1983, 33 f.: „[…] um zu wissen, was eine Absicht – oder ein beliebiger
intentionaler Zustand mit einer Ausrichtung – ist, dazu brauchen wir nicht zu
wissen, in welche ontologische Kategorie sie letztlich gehçrt; vielmehr mssen wir
dazu dreierlei wissen: erstens, welches ihre Erfllungsbedingungen sind; zweitens,
unter welchen Aspekten diese Bedingungen vom intentionalen Gehalt reprsen-
tiert werden; und drittens, welches der psychische Modus (berzeugung, Wunsch,
Absicht usw.) des in Frage stehenden Zustands ist. Mit dem zweiten dieser drei
Dinge wissen wir auch schon das erste, denn Erfllungsbedingungen sind immer
unter gewissen Aspekten reprsentiert; und Wissen ber das dritte reicht aus, um
zu wissen, welche Ausrichtung zwischen Reprsentationsgehalt und Erfllungs-
bedingungen besteht.“

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356 III. Internalismus und Externalismus

intentionaler Objekte: Intentionale Objekte genießen weder fr Searle


noch fr Husserl einen ausgezeichneten ontologischen Status. Zum an-
deren stimmen sie beide darin berein, dass die Intentionalitt mentaler
Akte eine logisch nicht weiter zerlegbare Eigenschaft dieser Akte ist bzw.
aus keinen anderen Eigenschaften ableitbar und auch ontologisch gesehen
nicht auf andere Eigenschaften reduzierbar ist.
Weniger Klarheit besteht jedoch, was die bereinstimmung zwischen
den searleschen Erfllungsbedingungen und den husserlschen Noemata
betrifft. Internalistische Interpreten wie Dreyfus und McIntyre haben
vorgeschlagen, das Noema mit dem searleschen intentionalen Gehalt, der
die Erfllungsbedingungen festlegt, zu analogisieren und, mehr noch, die
Erfllungsbedingungen selbst mit den Noemata zu identifizieren.157 Eine
solche Deutung wird zwar zum Teil von Husserl selbst nahegelegt,158 sie ist
jedoch meines Erachtens – auf Grund der internalistischen Stoßrichtung
der jeweiligen Interpretationen – verfehlt. So meint Dreyfus etwa, dass
Husserls „obskure“ These von der apodiktischen Evidenz der Objekte
phnomenologischer Reflexion durch die Analogie mit den searleschen
Erfllungsbedingungen erhellt werden kçnnte; apodiktische Evidenzen
wren demnach, ebenso wie Searles Erfllungsbedingungen, unabhngig
von dritt-personalen Interpretationen fr das Subjekt eines mentalen
Zustandes quasi selbst-prsentierend gegeben und unmittelbar zugnglich.
Apodiktische Evidenz ist fr Husserl jedoch kein Resultat einer erst-per-
sonalen, individuellen Reflexion, sondern Resultat der transzendental-
phnomenologischen Reduktion. Dreyfus scheint hier die Apodiktizitt
der transzendental-phnomenologisch reduzierten Gegebenheiten mit der
(nicht notwendig apodiktischen) Adquatheit von Gegebenheiten indivi-
dueller Reflexion und korrelativ dazu mundanes mit transzendentalem Ego
zu vermengen.

157 Vgl. Dreyfus 1982a, 6 ff.; McIntyre 1986, 70 und 1993, 114.
158 So verweist etwa Husserl bei der Einfhrung des Konzepts des Noema in § 88 der
Ideen I in einer Anmerkung auf eine zentrale Stelle der I. Logischen Untersuchung,
wo er den Aktinhalt als „erfllenden Sinn“ charakterisiert. Allerdings ist zu be-
achten, dass nur derjenige noematische Inhalt, den Husserl in den Ideen I
„Wahrnehmungssinn“ nennt, den Inhalt als erfllenden Sinn meint. Der noe-
matische Sinn als Kernbestand des Noema ist dasjenige, was in den Logischen
Untersuchungen als der „Inhalt als intendierender Sinn oder als Bedeutung
schlechthin“ bezeichnet wird. Dieser Inhalt ist wiederum – neben dem „Inhalt als
Gegenstand“ und „als erfllender Sinn“ – der dritte Aspekt des „Inhalts im ob-
jektiven Sinn“ (d. h. im nicht-empirischen/nicht-psychologischen Sinn); siehe
Hua XIX/1, 56 f.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 357

Doch von solchen methodologischen Spitzfindigkeiten einmal abge-


sehen, ist zu betonen, dass Husserl den Evidenz-Charakter bewusstseins-
immanenter Gegebenheiten nicht wie Searle und Dreyfus internalistisch
versteht. Die Erfllungsbedingungen intentionaler Akte sind phnome-
nologisch gesehen ebenso wenig den Akten intern, wie Noemata reelle
Bestandteile von ihnen sind. Die phnomenologische Reduktion fhrt pace
Dreyfus nicht zu einem bewusstseinsinternen Feld von Gegebenheiten,
welche das Subjekt selbst „produziert“ hatte (vgl. Dreyfus 1982a, 6 f.).
McIntyre wiederum streicht in der Analogie zu den intrinsisch reprsen-
tationalen searleschen Erfllungsbedingungen den „internal or pheno-
menological intentional character“ noematischer Inhalte (McIntyre 1986,
70) heraus. Es ist ihm gewiss beizupflichten, wenn er betont, dass diese
Inhalte zwar nicht hinreichend sind, um die jeweilig bestimmten Objekte
zu determinieren, die einen Akt erfllen (wrden). Noematische Inhalte
determinieren aber – entgegen McIntyres Annahme – auch nicht die
Objekte, auf die sich intentionale Akte beziehen mssen, damit sie erfllt
werden:
In Searle’s view, mental states have „conditions of satisfaction“ and so are in-
tentional, whether any states of affairs actually „satisfy“ them or not, simply
because that is a fundamental property of the kind of entities that mental
states are. Meanings or noematic Sinne, similarly, are conceived by Husserl
as intentional, not because of any relations they bear to anything else;
(e. g. not because they are interpreted by someone or caused in some particu-
lar way) but simply because they are a sort of entity whose very nature is to
be representational. On this view, noematic Sinn itself will not, of course, be
the sole determinant of which object a mental state is actually related to (cau-
sally or otherwise), but its intentional character will determine which object
it must be related to in order to be „satisfied“. (McIntyre 1986, 70)
Entschiedener noch ist M. Dummetts Interpretation zurckzuweisen,
wonach das Noema derjenige (interne) Bestandteil eines intentionalen
Aktes wre, der den Akt selbst erfllt: „[…] nach Husserl ist das, was den
Gegenstand der Wahrnehmung bestimmt, ebenso wie das, was den Ge-
genstand eines sonstigen Bewußtseinsaktes bestimmt, in dem Akt ent-
halten, d. h. ein wesentlicher Bestandteil des Noema, das den Akt erfllt.“
(Dummett 1988, 100.)
Noemata sind weder die Erfllungsbedingungen intentionaler Akte
selbst noch determinieren sie diese; vielmehr wird der noematische Sinn
von Akten erfllt, sofern sich Erfahrungen besttigen. Das (volle) Noema
(als Sinn im Modus der Flle) gibt zwar an, welche Erfllungsbedingungen
gegeben sein mssen, damit man davon sprechen kann, dass ein inten-

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358 III. Internalismus und Externalismus

tionaler Akt erfllt wird, das Verhltnis zwischen Noema und Erfl-
lungsbedingungen ist jedoch kein einseitiges bzw. asymmetrisches Deter-
minationsverhltnis. Die Bestimmung des Verhltnisses zwischen dem
abstrakten Sinngehalt intentionaler Akte und den Bedingungen ihrer Er-
fllung ist Ergebnis der noematischen Reflexion auf die konkrete Erfah-
rung. Abstraktion und Konkretion sind zwei korrelative Aspekte dieses
Verhltnisses: Die Abstraktheit noematischer Sinne ist stets korreliert mit
ihrer (mçglichen) Konkretisierung in der Erfahrung. Entsprechend ist im
Falle erfllter Intentionen die abstrakte Kohrenz auf der Ebene der syn-
thetisierten noematischen Sinneinheiten von der (mçglichen) Bewhrung
der sinnverleihenden Akte im konkreten Erfahrungsverlauf abhngig.159
Nun sind gewisse hnlichkeiten zwischen Searles Konzept der Erfl-
lungsbedingungen und Husserls Theorie intentionaler Erfllung nicht von
der Hand zu weisen. So ließe sich eine der zentralen Komponenten zur
Festlegung der Erfllungsbedingungen, nmlich Searles Konzept des
Hintergrundes intentionaler Inhalte, mit Husserls Konzept der „Hori-
zontintentionalitt“ bzw. des „intentionalen Hintergrundbewusstseins“
und seiner Theorie latent bzw. passiv wirksamer praktisch-lebensweltlicher
„Habitualitten“ durchaus in Einklang bringen (vgl. Hua VI, §§ 36 ff.).160
Wenn Husserl etwa schreibt, dass „jeder Gegenstand nichts Isoliertes fr
sich ist, sondern immer schon Gegenstand in seinem Horizont einer typischen
Vertrautheit und Vorbekanntheit“, oder von einem sich stndig modifizie-
renden „Horizont erworbener Kenntnisse“ bzw. einem „habituellen Wissen“

159 In seiner Analogisierung mit Searles Erfllungsbedingungen beschreibt Dreyfus


Husserls Theorie der Erfllung in den Logischen Untersuchungen folgendermaßen:
„For Husserl an act of perception has two components: an interpretative sense and
an intuitive sense. The act is said to be filled if these two senses coincide. The total
perceptual act is verified if, in the course of further experience, these components
continue to coincide.“ (Dreyfus 1982a, 5) Diese Charakterisierung ist zwar an sich
zutreffend, die husserlsche Theorie der Erfllung luft jedoch – wie wir bereits
gesehen haben (vgl. Kap. II. 3.2.) – entgegen der Tendenz von Dreyfus’ Darstel-
lung nicht (wie bei Searle) auf eine Art (intensionale oder extensionale) Verifi-
kationstheorie hinaus.
160 Vgl. u. a. auch Hua III/1, § 35 und EU, §§ 25 f.; zu Husserls spterer genetisch-
phnomenologischer Theorie der passiven Erfllungs- und Deckungssynthesen
vgl. u. a.: Hua XI, 65 – 100. D. W. Smith ist dem in einer interessanten Studie
(Smith 2004, 147 – 175) nachgegangen. Smith argumentiert fr eine ontologische
Theorie des intentionalen Hintergrundes, der zufolge zwischen dem komplexen,
praktisch und theoretisch relevanten Hintergrund und der Intentionalitt des
Bewusstseins ein Verhltnis der ontologischen Fundierung bzw. Abhngigkeit
bestehe. So ist nach Smith das „Substrat“ der Intentionalitt des Mentalen im
Hintergrund fundiert und ihre Funktion von diesem abhngig.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 359

spricht (EU, 136 ff.), dann sind Searles nicht-reprsentationale „Arten von
Know-how“ (Searle 1983, 182), die jemand haben muss, damit seine in-
tentionalen Zustnde berhaupt Erfllungsbedingungen haben und mit-
hin berhaupt erst zu intentionalen Zustnden werden, gewiss nicht weit
hergeholt. Ebenso kann man gewisse Parallelen zwischen Husserls Inten-
tionalittstheorie und einem anderen wesentlichen Determinanten der
searleschen Erfllungsbedingungen ziehen: Denn hnlich wie bei Searles
holistischem Konzept des Netzwerks intentionaler Zustnde ist auch
Husserl zufolge jeder einzelne intentionale Akt in einen zeitlich ausge-
dehnten (inter)subjektiven „Erfahrungshorizont“ eingebettet (EU, 27).
Zudem stehen einzelne intentionale Akte von Individuen und die Erleb-
nisstrçme mehrerer Individuen in Verhltnissen wechselseitiger „inten-
tionaler Implikationen“ (Hua VIII, 132 ff.).
Intentionale Akte sind also auch fr Husserl Teil eines (intersubjekti-
ven) ,Netzwerks von Intentionalitten‘ 161. Dieses Netzwerk ist jedoch nicht
internalistisch zu verstehen bzw. bewusstseinsintern zu lokalisieren; es
handelt sich dabei nicht um ein inner-mentales Geflecht an intentionalen
Zustnden und ihren Inhalten. Der intentionale Erfahrungshorizont, der
eine offene „Kontinuitt und explikative Verkettung von Einzelerfahrun-
gen“ darstellt, ist ein „Spielraum an Mçglichkeiten“, dieser ist jedoch keine
freie, solipsistisch-mentalistische ,Spielwiese‘. Vielmehr wird der jeweilig
zu bestimmende Gegenstand intentionaler Bezugnahme als „bestimmte
Mçglichkeit“ im und durch den jeweiligen konkreten Erfahrungsverlauf
„gegenber anderen Mçglichkeiten“ herausgehoben bzw. „erst in der
wirklichen Erfahrung fr die bestimmte Mçglichkeit [entschieden]“ (EU,
27). Jede einzelne intentionale Erfahrung einer Gegenstndlichkeit weist
demnach „induktiv“ einerseits auf einen offenen Horizont weiterer mçg-
licher Bestimmungen derselben Gegenstndlichkeit und andererseits auf
mçgliche andere, antizipierte oder aber im Hintergrund der Aufmerk-
samkeit latent fungierende „Mitobjekte“ bzw. umfassende gegenstndliche
Erfahrungskontexte. Husserl unterscheidet hierbei den „Innen-“ und den
„Außenhorizont“ gegenstndlicher (Ding-)Erfahrung. Innen- und Au-
ßenhorizont stehen wiederum in einem „induktiven“ Stufenverhltnis
zueinander, wobei nicht ganz klar ist, ob Husserl dieses Verhltnis zwischen
dem „Horizont erster“ (Innen-) bzw. „zweiter Stufe“ (Außenhorizont) als
ein Fundierungs- oder aber als ein Verhltnis wechselseitiger Implikationen

161 Ich entlehne diesen Begriff Mohanty 1989b, 103 (siehe dazu mehr unten, Kap.
III. 2.6.). Zu Mohantys Kritik an Searles internalistischer Deutung der Erfl-
lungsbedingungen intentionaler Akte und Zustnde vgl. auch Mohanty 1981, 21.

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360 III. Internalismus und Externalismus

ansieht (EU, 28 f.). Entsprechend ist jedenfalls intentionale Erfllung –


entgegen internalistischen Interpretationen – phnomenologisch gesehen
ein Verhltnis zwischen mentalen Zustnden einzelner bzw. mehrerer In-
dividuen untereinander und diesen Zustnden und der Welt konkreter
Erfahrung, welche die Sphre des Mentalen immer schon transzendiert.
Um dieser These im Rahmen der semantischen Internalismus/Exter-
nalismus-Debatte mehr Substanz zu verleihen, empfiehlt es sich, ein in-
teressantes Gedankenexperiment Husserls genauer anzusehen, anhand
dessen er zu verdeutlichen sucht, inwiefern der Kontext einer intentionalen
Bezugnahme fr die referenzielle Erfllung einer Bedeutungsintention re-
levant ist (und inwiefern nicht). Dieses Gedankenexperiment ist auch
mittlerweile zu einiger Bekanntheit gelangt, kann man doch mit Fug und
Recht behaupten, dass es eine Vorwegnahme von Putnams Zwillingserde-
Szenario darstellt.162 Husserls eigenes Zwillingserde-Szenario Jahrzehnte
avant la lettre zeigt auch einmal mehr, inwiefern die phnomenologische
Intentionalittstheorie recht besehen sich sowohl (semantisch-)internalis-
tischen als auch externalistischen Vereinnahmungen hartnckig zu wi-
dersetzen scheint.
Analog zu Putnams Zwillingserde-Szenario fingiert Husserl in einem
ersten Schritt zwei Subjekte, qua Trger von zwei Bedeutungsintentionen,
die jeweils demonstrativ auf einen Gegenstand in einer phnomenal un-
unterscheidbaren Umgebung Bezug nehmen. Er wandelt in einem zweiten
Schritt das Szenario dahingehend ab, dass nicht nur die phnomenale
Umgebung gleich, sondern sich auch die zwei (verschiedenen) Individuen
in gleicher (kognitiven) Lage zu ihren jeweiligen intentionalen Gegen-
stnden befinden. In einem dritten Schritt fragt sich Husserl, wiederum in
Einklang mit Putnam, wie sich die Sachlage jeweils ndern wrde, wenn
man annimmt, dass auch die beiden Individuen vçllig gleich wren. In
einer vierten Modifikation schließlich erwgt Husserl, was sich fr die
Bezugs- und Bedeutungsbestimmung ergeben wrde, wenn man annimmt
– diesmal nicht nur Putnam, sondern auch die post-putnamschen soge-

162 Soweit mir bekannt, hat im Kontext der semantischen Internalismus/Externalis-


mus-Debatte als erster Ch. Beyer auf diese brisante Husserl-Passage (die von
ca. 1912 datiert) hingewiesen, vgl. Beyer 1996, 175 ff. Vor diesem Hintergrund
systematisch ausgewertet haben sie dann Beyer 2000, Alweiss 2009 und Erhard
2011; vgl. auch die kurze Bemerkung bei Mulligan 1997, 136 (Anm. 17) und
Føllesdal 2001, 78. Im Weiteren verfolge ich eine Interpretation der betreffenden
Textstelle, die stark an Alweiss’ Lektre angelehnt ist, vgl. insbes. Alweiss 2009,
67 – 70.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 361

nannten Slow-Switching-Cases 163 um knappe acht Jahrzehnte vorwegneh-


mend –, dass ein und dasselbe Individuum unwissentlich oder kognitiv
eingeschrnkt in zwei erscheinungsmßig vçllig gleiche oder tatschlich
identische Umgebungen hin- und hertransferiert werde.
Angesichts der Aktualitt und Brisanz dieses Gedankenexperiments ist
es angebracht, entlang dieser vier Modifikationen (die ich mit den ein-
gefgten Ziffern in eckiger Klammer, [1]–[4], markieren werde) die be-
treffende Passage ausfhrlich wiederzugeben:
[1] Wie aber, wenn auf zwei Himmelskçrpern zwei Menschen in vçllig
gleicher Umgebungserscheinung „dieselben“ Gegenstnde vorstellen und
danach „dieselben“Aussagen orientieren? Hat das „dies“ in beiden Fllen nicht
eine verschiedene Bedeutung? [2] ndern wir das Beispiel ab. Es seien auf der
Erde zwei gleiche Umgebungen hergestellt und zwei Menschen zu ihnen in
gleicher Lage, beide vçllig gleiche Erscheinungen habend, in gleichen Worten
aussagend etc. Haben beiderseits die Worte dieselben Bedeutungen? [2a]
Wenn wir sagen: „Nein“, so tun wir es auf Grund des Wissens der voraus-
gesetzten Sachlage. Und was liegt darin? Wir vollziehen eine Einheit des
Bewußtseins, die beide Anschauungen befaßt, wir denken uns, wir vollziehen
die eine empirische Anschauung, die eine Erfahrung, wir „gehen“ dann von
dem einen Ort zu dem anderen ber, d. h. wir vollziehen die zugehçrige Er-
fahrungsreihe und terminieren in der zweiten Erfahrung. Dann haben wir
nicht mehr zwei vçllig gleiche Erfahrungen. […] Oder genauer gesprochen:
Sie werden von vornherein nicht fr beide Menschen in den gleichen Um-
gebungen genau dieselben gewesen sein. [3] Sie wren dieselben, wenn wir
fingierten, es wre der Bereich der Gleichhheit soweit gehend, daß zwei vçllig
gleiche Menschen in vçllig gleicher Erfahrungswelt (nmlich eines vçllig
gleichen auf sie bezogenen Erfahrungsbereichs) erwachsen wren, also wie
oben bei den Himmelskçrpern und noch weitergehend. Aber erweist diese
Betrachtung nicht, daß Identitt empirischer Bedeutung am empirischen
Vorstellen und somit auch empirischen Bedeuten hngt? Allerdings hngt die
Bedeutung nicht an dem einzelnen Akt. Und es ist auch in Beziehung auf die
obigen Fiktionen ergnzend zu sagen: Sie hngt nicht daran, daß die empi-
rischen Anschauungen, die zur Einheit gebracht werden, wirklich zu denselben
Gegenstnden gehçren. [4] Wrde ich von einer Umgebung in die andere
vçllig gleiche gebracht, wobei die empirischen Anschauungen absolut gleich

163 Dabei handelt es sich um eine Modifikation des putnamschen Gedankenexperi-


ments ursprnglich durch Burge 1988 und wird insbesondere im Zusammenhang
mit der Frage um die Kompatibilitt von semantischem Externalismus und pri-
viligierter Selbstkenntnis in Anschlag gebracht (siehe dazu mehr unten, Kap.
III. 3.1.). Bei Slow-Switching-Cases geht es nicht mehr um zwei verschiedene modale
Zwillinge, sondern es wird angenommen, dass ein und dasselbe Individuum un-
wissentlich von einer zu einer anderen phnomenal ununterscheidbaren Umge-
bung hin- und hertransferiert wird. Vgl. u. a. auch Boghossian 1989; Ludlow 1995
und Brown 2007.

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362 III. Internalismus und Externalismus

oder im Sinne eben anschaulich gleicher Umgebung zusammenpassend sein


werden, und glaube ich, verwirrt durch den Weg, der nicht genaue Anhalts-
punkte richtiger Schtzung der Bewegungsrichtung abgab, zum selben Aus-
gangspunkt zurckgekehrt sein, so gelten mir die gleichen Gegenstnde als
dieselben, und dann werde ich auch sagen, die Bedeutungen seien dieselben.
Die Meinung von „dieses Haus“, „dieser Tisch“ etc. ist dann beiderseits die-
selbe. (Hua XXVI, 211 f.)
Bei aller geradezu verblffenden hnlichkeit mit Putnams Zwillingserde-
Gedankenexperiment ist es nicht auf den ersten Anhieb klar, wie diese
Passage hinsichtlich des semantischen Externalismus bzw. Internalismus zu
evaluieren ist. Was also sagt uns Husserl hier? Es scheint zunchst, dass er
die Frage, ob sich der (externe) Kontext einer Bedeutungsintention fr
deren referenzielle Ausrichtung bestimmend ist, positiv beantwortet: Das
heißt, er scheint zunchst zu behaupten, dass die Referenten einer de-
monstrativen empirischen Bezugnahme auf einen singulren Gegenstand
(etwa: ,Dies ist ein Glas Wasser‘) im Fall eines Unterschiedes im uße-
rungskontext trotz phnomenal identischer Erscheinungen – wie ex hy-
pothesi bei Zwillingserde-Szenarien und auch im gegebenen Fall [2] und
[3] – tatschlich verschieden sind. Mit anderen Worten: Die Demon-
strativa (,dies‘) greifen auf den zwei Himmelskçrpern einen unterschied-
lichen Referenten heraus und haben mithin eine unterschiedliche Be-
deutung.
Diese Antwort ist prima facie ein Beleg fr einen semantischen
Externalismus oder allgemein einen Externalismus in Bezug auf die In-
dividuation intentionaler Inhalte. Dass dieser Beleg jedoch nur ein ver-
meintlicher ist, wird auch daran deutlich, wie Husserl das Gedanken-
experiment schrittweise modifiziert und die impliziten Voraussetzungen
des ursprnglichen Szenarios aufzeigt. So weist er darauf hin, dass die
Entscheidung pro oder kontra Gleichheit der Bedeutungen bzw. Be-
deutungsintentionen darauf grndet, wie wir das Beispiel konstruieren:
Setzen wir einen dritt-personalen Standpunkt voraus, von dem aus wir
evaluieren kçnnen, ob sich der Erscheinungskontext der jeweiligen sin-
gulren Referenzgegenstnde unterscheidet, indem wir nmlich die je-
weiligen Erfahrungshorizonte einzeln sozusagen abschreiten [2a], und
befinden wir dann, dass sie sich nicht unterscheiden, dann kçnnen wir
sagen, dass es sich nicht um verschiedene Bedeutungen handelt. Damit
wre aber insofern nichts gewonnen, als ja in der ersten und zweiten
Konstruktion des Gedankenexperiments ex hypothesi genau dieses dritt-
personale Wissen fehlt. Wenn wir jedoch, so Husserl dann in der vierten
Modifikation [4], allein den erst-personalen Erfahrungskontext episte-

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 363

misch zur Verfgung haben, mssen wir auch – und zwar unabhngig
davon, ob es sich nun tatschlich um denselben intentionalen Gegenstand
handelt oder nicht – sagen, dass es sich um ein und denselben inten-
tionalen Referenzgegenstand bzw. um zwei gleiche Bedeutungsintentio-
nen handelt. Entscheidend ist dabei, dass es der Erfahrungskontext bzw.
der anschauliche Erscheinungshorizont ist, der bestimmt, womit man es zu
tun hat, wenn man sich auf etwas bezieht, und eben nicht eine einzelne
Intention.164
Dass die obige Passage aber auch aus systematischen, der husserlschen
Bedeutungs- und Intentionalittstheorie geschuldeten Grnden keines-
wegs fr einen Externalismus (ebenso wenig wie fr einen herkçmmlichen
Internalismus) spricht, wird deutlich, wenn man sich genauer ansieht, was
Husserl unter Referenz und Identitt von Bedeutung im vorliegenden
Zusammenhang und insbesondere im Zusammenhang mit okkasionellen
Ausdrcken (wie dem Demonstrativum ,dies‘ im Beispiel) bzw. okkasio-
nellen ußerungskontexten versteht.
Okkasionelle Kontexte sind Kontexte, die wesentlich durch den u-
ßerungskontext des Trgers von Bedeutungsintentionen bestimmt werden
und die einen wesentlichen Beitrag bei der Bestimmung der Referenz von
bestimmten Typen von Ausdrcken und ußerungen leisten. Solche
Kontexte werden durch die Verwendung sogenannter „wesentlich okka-
sioneller“ Termini erzeugt. Husserl beschftigt sich bekanntlich in der
I. Logischen Untersuchung detailliert mit den verschiedenen Typen we-
sentlich okkasioneller Ausdrcke (vgl. Hua XIX/1, 85 – 92), zu denen
Personalpronomina (ich etc.), Demonstrativa (dieses etc.) und die auf den
jeweiligen Sprecher/Denker bezogenen bzw. das Subjekt einer ußerung
nher bestimmenden Orts- und Zeitangaben (hier, dort, oben, unten, ges-
tern, nachher etc.) gehçren. Das distinktive semantische Kennzeichen dieser

164 Entsprechend setzt Husserl auch die obige Passage fort: „Wenn ich also ein Haus
und eine Stiefelwichse verwechsle, so ist die Bedeutung von ,dies‘ dieselbe; wenn
ein anderer oder ich ein andermal nicht verwechsle, so ist die Bedeutung eine
verschiedene. […] Also hngt [die Bedeutung] ganz davon ab, wie ich im weiteren
Verlauf des Vorstellens, des Erfahrens mich verhalte, wie ich mich wiedererkennend
oder verwechselnd mich verhalte. Die Bedeutungen sind zwar durch das Wesen des
Vorstellens bestimmt und doch wechselnd. […] Gesetzt, daß Erfahrung so wei-
terginge, daß wir sie so identifizieren wrden, dann wre das mit dies Gemeinte als
solches dasselbe, die Dies-Meinung selbst wre dieselbe. Die Bedeutung gehçrt
zum Akt, aber nicht zum einzelnen Akt, und sie gehçrt auch nicht zur einzelnen
Person. Verschiedene Personen kçnnen sich ber Empirisches verstndigen.“ (Hua
XXVI, 213)

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364 III. Internalismus und Externalismus

Ausdrcke bestimmt Husserl im Unterschied zu den sogenannten „ob-


jektiven Ausdrcken“ (Hua XIX/1, 85 f.) folgendermaßen:
[Wir nennen jeden Ausdruck] wesentlich subjektiv und okkasionell oder
kurzweg wesentlich okkasionell, dem eine begrifflich-einheitliche Gruppe von
mçglichen Bedeutungen so zugehçrt, daß es ihm wesentlich ist, seine jeweils
aktuelle Bedeutung nach der Gelegenheit, nach der redenden Person und ihrer
Lage zu orientieren. Erst im Hinblick auf die tatschlichen Umstnde der
ußerung kann sich hier fr den Hçrenden eine bestimmte unter den zu-
sammengehçrigen Bedeutungen berhaupt konstituieren. (Hua XIX/1, 87)
Im Fall von Termini, die wesentlich okkasionelle Kontexte erzeugen, muss
man nun mit Husserl zwei Typen von Referenz bzw. Bedeutung unter-
scheiden, je nachdem, ob bzw. inwieweit der Referent durch die sogenannte
„allgemeine Bedeutungsfunktion“ eines Ausdrucks bzw. einer ußerung
bestimmt wird: nmlich die sogenannte „anzeigende“ und die „angezeigte
Bedeutung“ (vgl. Hua XIX/1, 88 f.). Die allgemeine Bedeutungsfunktion
eines Ausdrucks oder einer ußerung besteht darin, dass sie den Kontext-
invarianten (extensionalen) Referenten festlegt, indem sie quasi alle
mçglichen Referenten anzeigt, die den betreffenden Ausdruck oder die
betreffende ußerung erfllen. So ist etwa die allgemeine Bedeutungs-
funktion des indexikalischen Personalpronomens ,ich‘, „den jeweilig Re-
denden zu bezeichnen“ (Hua XIX/1, 88), ohne jedoch einen bestimmten
Redenden dabei herauszugreifen. Demgegenber ist der angezeigte Refe-
rent genau dasjenige Individuum, das die betreffende ußerung, in welcher
der Term ,ich‘ die Subjektstelle einnimmt, kundtut. In einer jeweiligen
ußerung mit einem oder mehreren okkasionellen Ausdrcken „bauen
sich“, dank der beiden Bedeutungsfunktionen (nmlich der allgemeinen
und der je situativ-referenziellen), Husserl zufolge „zwei Bedeutungen“
(nmlich die anzeigende und die angezeigte) mit zwei zugrunde liegenden
Vorstellungen (nmlich der allgemeinen und der „singulren“) „aufein-
ander“ auf (Hua XIX/1, 89). In unserem Zusammenhang kann man die
beiden Bedeutungsinhalte durchaus in Analogie setzen zu dem, was in der
semantischen Internalismus/Externalismus-Debatte unter den Titeln ,en-
ger‘ und ,weiter‘ bzw. eng und weit individuierter Gehalt firmiert. Dem-
nach ist der enge der angezeigte und der weite der anzeigende Bedeu-
tungsgehalt okkasioneller Ausdrcke und entsprechend haben wir eine
Differenz in der Individuationsfunktion der ihnen wiederum zugrunde

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 365

liegenden intentionalen Bezugnahmen bzw. mentalen Reprsentationen


(der husserlschen ,Vorstellungen‘).165
Was Husserl also oben zunchst bejaht, bezieht sich lediglich auf die
Verschiedenheit desjenigen bestimmten Gehalts, welcher durch das De-
monstrativum ,dies‘ jeweils angezeigt wird, d. i. auf die angezeigte Be-
deutung. Wenn der ußerungskontext verschieden ist – eine Verschie-
denheit, die im betreffenden Fall allein durch die Tatsache konstituiert
wird, dass es sich per constructionem um zwei Himmelkçrper handelt –, so
weist ,dies‘ tatschlich auf verschiedene Referenten hin. Die allgemeine
Bedeutungsfunktion des Demonstrativums und mithin die anzeigende
Bedeutung, die dafr verantwortlich ist, dass man auch dann versteht,
worauf sich die Sprecher beziehen, wenn man den Kontext ihrer Bezug-
nahme nicht kennt, und die nicht zuletzt auch die Identifikation der
Sprecher unabhngig von der Kenntnis ihrer Umgebung erlaubt, bleibt
freilich dabei gleich. Die allgemeine Bedeutungsfunktion besteht ja in
beiden Fllen einfach darin, den jeweiligen Gegenstand (welchen auch
immer) demonstrativ anzuzeigen, auf den sich die ußerung bezieht.
Die Pointe an Husserls Modifikationen und ergnzenden Interpreta-
tionen des Gedankenexperiments ist nun Folgendes: Sofern es fr die zwei
Sprecher selbst keinen phnomenalen, wahrnehmbaren Unterschied mit
Bezug auf den ußerungskontext gibt, nmlich insofern es sich um eine

165 Eine solche Analogisierung nimmt auch Ch. Beyer (2000) vor und liest die obige
Passage als eine Variante eines sogenannten „kontext-sensitiven Individualismus“.
Beyer bringt demgegenber seine „neo-Husserlianische“ Konzeption eines „Ex-
ternalismus ohne Objekt-Abhngigkeit“ in Anschlag. Dieser ist in erster Linie gegen
eine objekt-abhngige (externalistische) de re-Konzeption der Intentionalitt la
G. Evans (siehe dazu unten, Kap. III. 2.6.) gerichtet. Beyer zufolge gebe es nun,
sofern der interne Kontext etwa von Urteilen ber singulre Gegenstnde identisch
ist – wie ex hypothesi im Zwillingserde-Szenario –, einerseits einen „sub-propo-
sitionalen“ Aspekt des Gehalts der jeweiligen Bezugnahmen. Dieser lege als die
„allgemeine Bedeutungsfunktion der Subjektvorstellung des Urteils“ den sog.
„intendierten“ bzw. „internen Referenten“ der jeweiligen Bezugnahmen bzw. den
sog. engen intentionalen Gehalt fest, der bei den Zwillingssprechern gleich ist.
Sofern es aber um genuin referenzielle Bezugnahmen geht, gebe es andererseits
einen sog. „semantischen Referenten“, der mit dem intendierten nicht zusam-
menfllt und eindeutig durch den „externen Kontext“ der Bezugnahme bestimmt
werde (vgl. Beyer 2000, 181 – 187). Nach dem Obigen und dem Folgenden ist
diese ,Aufspaltung‘ des Referenten von (Bedeutungs-)Intentionen in intentionale
und genuin referenzielle Bedeutungen zwar durchaus in Einklang mit Husserls
Theorie der spezifischen Semantik wesentlich okkasioneller Ausdrcke, spricht
jedoch nicht fr eine externalistische Interpretation der Intentionalittstheorie
Husserls.

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366 III. Internalismus und Externalismus

„vçllig gleiche Umgebungserscheinung“ handelt, kann es fr Husserl auch


keinen Unterschied bezglich dessen geben, was mit ,dies‘ jeweils von den
Sprechern gemeint ist bzw. angezeigt wird und von dem jeweils anderen
Sprecher/Hçrer oder vonseiten Dritter tatschlich verstanden wird. Sofern
dasjenige, was (jeweils) angezeigt wird, sich phnomenal sozusagen nicht
verschieden zeigt, gibt es auch phnomenologisch gesehen keinen refe-
renziellen und/oder semantischen Unterschied zwischen den betreffenden
Bedeutungsintentionen.
Entscheidend ist ferner, dass sich die beiden Bedeutungsgehalte fr
Husserl nicht aufeinander reduzieren lassen und dass insbesondere der enge
intentionale Sinngehalt wesentlich durch seinen Bezug zu der betreffenden
phnomenalen bzw. anschaulich erscheinungsmßigen ußerungsumgebung
– nicht aber durch irgendwelche objektiven, sprich externen, Faktoren
festgelegt bzw. bedeutungsmßig erfllt und nur mit Bezug auf diesen
phnomenalen Kontext auch verstanden wird. Letzterer Sinngehalt ist auch
jener, den Husserl an der betreffenden Stelle der Logischen Untersuchungen
die „volle und wirkliche Bedeutung“ nennt, die sich nmlich „nur auf
Grund der sich zudrngenden Vorstellung dessen entfalten [kann], worauf
es [das Demonstrativum; T. Sz.] sich gegenstndlich bezieht“ (Hua XIX/1,
89).
ußerungskontexte sind also fr Husserl nicht nur nicht identisch mit
dem raum-zeitlichen und ,objektiv‘ bestimmbaren externen Kontext, in
dem eine ußerung stattfindet und die etwa durch eine chemische Analyse
der Flssigkeit, die im vermeintlichen Glas ,Wasser‘ vor mir steht (H2O
oder XYZ), festgelegt wird. Vielmehr ist jede Bezugnahme, sofern sie
intentionale Bezugnahme ist, wesentlich eingebettet in den Erscheinungs-
horizont der jeweiligen Trger von Bedeutungsintentionen bzw. Sprecher –
in einen Horizont, der also dem phnomenalen Kontext von (Bedeutungs-)
Intentionen nicht extern ist.
So gibt es auch gute Grnde anzunehmen, dass fr Husserl die Refe-
renz-bestimmende Funktion aller auf Erfahrung basierender (empirischer)
Ausdrcke (also typischerweise auch die von Externalisten bemhten
Ausdrcke fr natrliche Arten), Beschreibungen und Aussagen okkasio-
nell ist und mithin der prgnante phnomenologische Bedeutungsbegriff
(qua intentionaler Sinn) okkasionell festgelegt oder zumindest ko-deter-
miniert wird.166

166 So stellt Husserl auch bereits 1913 (also zu einem Zeitpunkt, da er die noematische
Bedeutungskonzeption entwickelt hatte und nur ein Jahr nach dem Verfassen des
obigen Gedankenexperiments) im Vorwort zur zweiten Auflage der Logischen

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 367

Okkasionelle Kontexte werden nicht allein durch indexikalische


Ausdrcke bzw. durch ußerungskontexte, sondern wesentlich (auch)
durch die spezifische Horizontintentionalitt der Erfahrung konstituiert.
Diese ist dafr verantwortlich, dass jeder mçgliche Gegenstand inten-
tionaler Bezugnahme (sei diese ausdrcklich, sprachlich oder nicht) in
einen situativen Rahmen eingebettet ist, der durch seine ,inneren‘ und
,ußeren‘ Bestimmungen abgesteckt wird – d. i. durch seine sogenannten
„Innenhorizonte“, seine Eigenschaften, seine Gestalt, die apprsentierte
Rckseite etc. und durch seine „Außenhorizonte“ relativ zu anderen
Gegenstnden und seiner Position in einer materiellen, sozialen, kultu-
rellen etc. (Lebens-)Welt (vgl. Hua VIII, 147; EU, 26 ff.). Zudem er-
schçpfen sich okkasionelle Kontexte nicht darin, den ,logisch-semanti-
schen Raum‘ der Mçglichkeit je subjektiver Erfahrung zu begrenzen,
sondern sind wesentlich auch intersubjektive Kontexte. So schreibt
Husserl an einer Stelle der Formalen und Transzendentalen Logik, an der er
auch anmerkt, dass er in den Logischen Untersuchungen mit „okkasio-
nellen Urteilen und ihrer Bedeutung nicht fertig werden [konnte]“, und
zwar deshalb nicht, weil ihm „noch die Lehre von der Horizontinten-
tionalitt [fehlte]“ (Hua XVII, 207, Anm. 1)167:
Man beachte […] das ungeheuere Reich der okkasionellen Urteile, die doch
auch ihre intersubjektive Wahrheit und Falschheit haben. Sie beruht offenbar
darauf, daß das ganze tgliche Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft auf
eine typische Gleichartigkeit der Situtation bezogen ist, derart daß jeder, der in
die Situation eintritt, als normaler Mensch eo ipso die ihr zugehçrigen und
allgemeinsamen Situationshorizonte hat. Man kann diese Horizonte nach-
trglich explizieren, aber die konstituierende Horizontintentionalitt, durch die
die Umwelt des tglichen Lebens berhaupt Erfahrungswelt ist, ist immer
frher als die Auslegung des Reflektierenden; und sie ist es, die den Sinn der
okkasionellen Urteile wesentlich bestimmt, immer und weit ber das hinaus, was

Untersuchungen in Aussicht, dass zur Klasse der wesentlich okkasionellen Aus-


drcke und der entsprechenden „okkasionellen Bedeutungen“ „genau besehen
diejenigen [Bedeutungen] aller empirischer Prdikationen gehçren“ (Hua XVIII,
13). Husserl hat zwar diese These nirgendwo explizit oder systematisch ausgear-
beitet, doch sachlich ist davon auszugehen, dass seine ganze sptere Theorie in-
tentionaler Bezugnahme und insbesondere die spezifische Horizontintentionalitt
der Erfahrung nichts anderes als die Ausformulierung ebendieser Hypothese ist.
Fr eine Verteidigung einer generell indexikalischen husserlschen Bedeutungs-
theorie siehe Mulligan/Smith 1986. Fr – nicht-generalisierende – Interpreta-
tionen demonstrativer Bezugnahme bei Husserl siehe Soldati 2008 und 2010. Vgl.
dazu auch Alweiss 2009, 69 f.
167 Vgl. auch Hua VI, 246.

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368 III. Internalismus und Externalismus

jeweils in den Worten selbst ausdrcklich und bestimmt gesagt ist und gesagt
werden kann. (Hua XVII, 207)
Okkasionelle Kontexte sind also fr Husserl stets intersubjektive Erfah-
rungskontexte, die durch nichts anderes als durch den jeweiligen Horizont
nicht nur logisch mçglicher, sondern vielmehr wirklicher Erfahrungen
abgesteckt werden. Der Horizont mçglicher und wirklicher Erfahrungen
bestimmt entsprechend, welche Ausdrcke wie bzw. welche Bedeutungen
sinnvoll verwendet werden kçnnen. Außerhalb solcher wesentlich auch
intersubjektiv konstituierter Erfahrungshorizonte haben (okkasionelle,
aber auch nicht-okkasionelle) Ausdrcke und Aussagen fr Husserl
schlicht keinen sinnvollen (Bedeutungs-)Gehalt. Jeder mçgliche inten-
tionale Gegenstand (seien es nominale oder propositionale Gegenstnde,
Wahrnehmungsgegenstnde etc.) ist nun in eine solche Horizontstruktur
eingebettet. Entsprechend mssen sich Urteile ber Gegenstnde oder
Sachverhalte an dem jeweiligen Kontext der betreffenden Erfahrung(en)
bewhren und es sind diese (wesentlich empirisch-okkasionellen) Kon-
texte, relativ zu denen sich (Bedeutungs-)Intentionen erfllen mssen.
Wenn nun zwei ußerungskontexte, in denen eine Bedeutungsin-
tention wie etwa ,Dies ist ein Glas Wasser‘ realisiert wird, nicht nur sub-
jektiv phnomenal bzw. erscheinungsmßig ununterscheidbar sind (wie ja
bei Zwillingserde-Szenarien), sondern diese Kontexte auch phno-
menologisch identisch sind – und das heißt, wenn alle inneren und ußeren,
wesentlich intersubjektiv mitbestimmten und erfahrungsgebundenen bzw.
durch die Typik wirklich und mçglicher Erfahrung vorgezeichneten in-
tentionalen Erfllungshorizonte identisch sind –, so gibt es auch keinen
Unterschied, der sich im (noematischen) Sinngehalt der betreffenden In-
tentionen niederschlagen kçnnte. Wenn dem so ist, so gibt es aber auch
phnomenologisch gesehen keinen referenziellen Unterschied in der je-
weiligen Verwendung bzw. keinen kommunikativ relevanten Bedeu-
tungsunterschied bezglich des Demonstrativums ,dies‘ oder des (singu-
lren oder generellen) empirischen Ausdrucks, wie ,ein Glas Wasser‘. Jeder
referenzielle Unterschied einer Intention muss sich umgekehrt nicht nur in
einer intentional-gehaltvollen (noematischen) Differenz niederschlagen,
sondern auch in einer phnomenologisch beschreibbaren und das heißt
potenziell anschaulich zu machenden, erscheinungsmßigen Differenz.
Sofern es dabei um empirische Bedeutungen geht, d. i. um Bedeutungs-
intentionen, die sich auf einen individuellen bzw. singulren Gegenstand
richten und deren Erfllungsbedingungen nur relativ zu dem (inneren und
ußeren) Horizont dieses Gegenstandes sind, muss es sich also bei jeder

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 369

referenziellen Differenz um eine phnomenal-indexikalische und an-


schauliche Differenz handeln: Entsprechend bemerkt Husserl im gleichen
Text, dem die obige Zwillingserde-Passage entnommen ist: „Das auf einen
individuellen Gegenstand gerichtete Bedeuten erfllt sich in einem An-
schauen, das notwendig aktuelle Beziehung zum Ich, das das Bedeuten
vollzieht, impliziert“, wobei gilt, dass (Bedeutungs-)Intentionen „ihre
realisierende Erfllung in […] Anschauungen haben und letztlich in An-
schauungen meiner Umgebung, in der ich mich selbst als Zentralpunkt
finde“ (Hua XXVI, 202 f.).168 Ferner muss sich die Veridizitt der
Wahrnehmung bzw. die Wahrheit des betreffenden Wahrnehmungsurteils,
wie etwa ,Dies ist ein Glas Wasser‘, an eben denselben anschaulichen,
okkasionellen Kontexten bewhren. Bewhrung ist dabei immer und
wesentlich intentionale cum erfahrungsmßige Bewhrung und mithin ist
der Kontext der Bewhrung bzw. der Bedeutungserfllung niemals vçllig
losgelçst von betreffenden intentionalen Bezugnahmen und kann ph-
nomenologisch gesehen niemals in einem externen Kontext, einer Art
,reinen Exterioritt‘ stattfinden.

168 Eine der hier vorgelegten husserlschen Relektre des Zwillingserde-Externalismus


ganz hnliche – freilich ohne Husserl-Referenzen – findet sich auch bei Crane
2001. Cranes differenziertes Argument gegen den Externalismus basiert auf seiner
Auffassung, dass demonstrative Gedanken nicht auf rein deskriptive Gedanken
reduzibel und, mehr noch, dass demonstrative Gedanken konstitutiv dafr ver-
antwortlich sind, dass deskriptive Gedanken berhaupt „in dieser Welt verankert“
sind (vgl. Crane 2001, 126 ff.). Der Schluss, den Crane daraus zieht, ist eine
Reformulierung der Kernthese des semantischen Internalismus: „What is needed,
according to the internalist, is a modification of the Content Determines Reference
priniciple: content determines reference, relative to a context. Twins’ thoughts share
content, but because they are in different contexts, they differ in reference.“ (Crane
2001, 125) Oder genauer: „[…] thoughts do not determine their references in-
dependently of context, but rather, they get to have the references they do when the
thinker is in a context. […] And the reason that content can be thought of as
common across these differences in context derives from the fact that the subject’s
point of view, how things seem to the subject, are relevantly the same.“ (Crane
2001, 128) hnlich argumentiert auch Farkas 2003a, 2003b und 2008a. L. Al-
weiss wiederum adaptiert Cranes Konzeption treffend mit Bezug auf Husserl:
„[…] Husserl would argue that the [Twin-Earth-]externalist position is true
however only relative to our particular perception of a context.“ (Alweiss 2009, 68)

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370 III. Internalismus und Externalismus

2.6. Disjunktivismus und De-re-Externalismus


Neuerdings finden sich unter dem Label Disjunktivismus vermehrt Ver-
suche, die Internalismus/Externalismus-Debatte mit der erkenntnistheo-
retischen Frage zu verknpfen, welche Faktoren den Unterschied im ko-
gnitiven Gehalt von veridischen und nicht-verdischen Bezugnahmen
festlegen. Die Frage ist also nicht nur, wie die Erfllungsbedingungen
intentionaler Akte fr das Subjekt einer Bezugnahme reprsentiert werden,
sondern vielmehr welche (internen bzw. externen) Eigenschaften oder
Entitten dafr verantwortlich sind, ob eine intentionale Bezugnahme
genuin referiert oder nicht und welchen kognitiven Beitrag dieser Unter-
schied fr das betreffende Subjekt hat.
Mit Akzent auf Husserls Konzept der Horizontintentionalitt und
seiner Bedeutung fr die Konstitution von Erfahrung ist jngst eine in-
teressante disjunktivistisch-externalistische Interpretation der Phnome-
nologie von A. D. Smith (2008) vorgeschlagen worden. A. D. Smith ar-
gumentiert fr die These, dass Husserl zumindest in einem Sinne einen
Externalismus vertreten habe bzw. dass die husserlsche Phnomenologie
zumindest mit einer bestimmten Version des Externalismus kompatibel sei,
nmlich mit dem Disjunktivismus.169

169 Disjunktivistische Interpretationen von Husserl finden sich auch bei Mulligan
1995; Gler 2006 und Tanesini 2008. Gler 2006 schrnkt im Gegensatz zu A. D.
Smith die Zuschreibung einer disjunktivistischen Konzeption des Wahrneh-
mungsinhalts allerdings auf den frheren Husserl der Logischen Untersuchungen ein
und deutet Husserls vor-transzendentale Intentionalittstheorie als eine realistische
Theorie der Referenz. hnlich argumentiert Mulligan 1995, der eine mçgliche
disjunktivistische Interpretation Husserls, die auf einer Konzeption der Objekt-
Abhngigkeit von intentionalen Inhalten basiert, explizit fr den spteren Husserl
(nach den Logischen Untersuchungen) ausschließt, vgl. Mulligan 1995, 210 – 215.
Tanesini 2008 wiederum bietet eine konzise Charakterisierung des Zusammen-
hanges zwischen dyadischen und triadischen Theorien der Intentionalitt mit
mçglichen Typen des Internalismus bzw. Externalismus in Bezug auf mentale
Inhalte dar. Sie weist zu Recht darauf hin, dass die Verteidigung einer dyadischen
oder triadischen Theorie der Intentionalitt als solche nicht notwendig auf in-
ternalistische oder externalistische Positionen verpflichtet ist, und bemerkt dazu
treffend: „The characterisation of intentionality as dyadic or triadic relation is
orthogonal to the issue of internalism versus externalism.“ (Tanesini 2008, 51)
Demnach kann man, wie Brentano etwa, a.) eine dyadische Objekttheorie der
Intentionalitt vertreten und Internalist in Bezug auf diese Relation sein oder b.)
eine triadische Intentionalittstheorie vertreten und Internalist in Bezug auf den
mentalen/noematischen Gehalt sein (hier wre der frhere Fodor anzufhren),
man kann aber auch c.) eine dyadische Theorie vertreten und Externalist in Bezug

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 371

Der Disjunktivismus stellt eine der aktuell meistdiskutierten externa-


listischen Theorien des Erfahrungsgehaltes intentionaler Akte dar. In seiner
ursprnglichen Version ist er eine Theorie der Wahrnehmung, oder ge-
nauer eine Theorie ber den perzeptuellen Gehalt mentaler Zustnde;
mittlerweile, insbesondere unter dem Einfluss J. McDowells170, hat sich der
Disjunktivismus zu einer allgemeinen erkenntnistheoretischen Diskussion
ber die Wahrheits- und Erfllungsbedingungen propositionaler Einstel-
lungen und intentionaler Zustnde ausgeweitet.171
Der Disjunktivist in Bezug auf die Wahrnehmung behauptet, dass es
einen substanziellen und intrinsischen Unterschied zwischen genuin per-
zeptuellen und nicht-perzeptuellen Erfahrungen gibt und dass dieser
Unterschied durch erfahrungsunabhngige Objekte konstituiert wird.
Diese These impliziert mindestens dreierlei: 1.) dass es erfahrungsunab-
hngige Objekte gibt, 2.) dass sich Wahrnehmungen auf solche externe,
erfahrungsunabhngige Objekte richten und 3.) dass es genau diese Ob-
jekte sind, die festlegen, ob und welchen perzeptuellen Gehalt eine Er-
fahrung aufweist. Dabei teilen alle Versionen des Disjunktivismus die
Grundannahme, dass eine Erfahrung entweder eine Halluzination bzw.
Illusion oder eine echte Perzeption ist und dass diese Differenz keine rein
interne, psychologische oder beschreibungsrelative Differenz ist, sondern
vom ontologischen Status des jeweiligen Erfahrungsgegenstandes, d. i.
seiner Existenz und seinem So-und-so-Sein, abhngt. Disjunktivisten zu-
folge gibt es keinen neutralen Gehalt bzw. keinen kognitiven Kern, der
perzeptuellen und nicht-perzeptuellen Erfahrungen gemeinsam ist und sie
beide zu (genuinen) Erfahrungen machte. Entsprechend dem ontologi-
schen Status des Erfahrungsgegenstandes gibt es laut Disjunktivisten einen
genuinen ontologischen Unterschied zwischen Klassen oder Typen von
Erfahrungen, die zu den Perzeptionen, und jenen, die nicht zu dieser Klasse

auf die Determinanten der intentionalen Gerichtetheit sein. Diese Version des
Externalismus ist jene, die typischerweise Disjunktivisten vertreten (und fr die
Tanesini argumentiert). Oder aber man vertritt d.) eine externalistische Version der
triadischen Theorie, wobei man davon ausgeht, dass der mentale/reprsentationale
Gehalt intentionaler Zustnde durch externe Faktoren determiniert ist. (Tanesini
fhrt hier u. a. Dretske 1995 an; siehe dazu oben, Kap. I. 2.)
170 Siehe insbes. McDowell 1982 und 1986.
171 Eine brauchbare aktuelle bersicht ber die verschiedenen Versionen des Dis-
junktivismus (wie des wahrnehmungs-, erkenntnistheoretischen, metaphysischen
bzw. des sog. ,phnomenalen Disjunktivismus‘) bieten Haddock/Macpherson
2008 und Soteriou 2009. Siehe auch die jeweils knappen, aber guten Darstellungen
bei Gler 2006, 218 f. und Tanesini 2008, 48.

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372 III. Internalismus und Externalismus

von Erfahrung gehçren. Dem Unterschied zwischen der Klasse perzeptu-


eller bzw. nicht-perzeptueller Erfahrungen entspricht dabei wiederum der
substanzielle Unterschied zwischen veridischen und nicht-veridischen
Erfahrungsurteilen.
Der Name der Theorie spiegelt also die generelle Annahme wider, dass
eine gegenstndliche Erfahrung entweder eine genuine Wahrnehmung eines
Gegenstandes ist oder aber gar keine Wahrnehmung. Die den jeweiligen
Wahrnehmungen/Erfahrungen entsprechenden Wahrheitsattribute ,ver-
idisch‘ bzw. ,nicht-veridisch‘ schließen sich wechselseitig aus und die aus
den Erfahrungen abgeleiteten Urteile stehen in einem kontradiktorischen
Gegensatz zueinander. Der Disjunktivismus operiert also mit dem Satz
vom ausgeschlossenen Dritten sowohl in Bezug auf den jeweiligen Er-
fahrungstypus als auch in Bezug auf die Existenz und die Beschaffenheit des
betreffenden Erfahrungsgegenstandes.
Die meisten Disjunktivisten vertreten eine bestimmte realistische
Konzeption des erfahrungsunabhngigen Gegenstandes. So vertritt A. D.
Smith, wie auch J. McDowell (einer der paradigmatischen erkenntnis-
theoretischen Disjunktivisten) und der sptere H. Putnam,172 einen so-
genannten direkten Realismus in Bezug auf das Verhltnis zwischen
Wahrnehmung und den Gegenstnden der Wahrnehmung.173 Der direkte
Realismus ist eine Position, die sich aus der Kombination einer These
bezglich der Epistemologie der Wahrnehmung und einer These bezglich
der Ontologie der Gegenstnde der Wahrnehmung ergibt. Der direkte
Realist behauptet, dass das Subjekt einer perzeptuellen Erfahrung in un-
mittelbarem oder direktem Kontakt mit der physikalischen Außenwelt
steht, welche jedoch in keiner Weise von solcher Erfahrung abhngig ist.
Der direkte Realist kombiniert also die These der Unmittelbarkeit der
Erfahrung mit jener der Erfahrungsunabhngigkeit der Gegenstnde der
Erfahrung. Die Existenzweise der Erfahrungsgegenstnde bzw. die Realitt
der Welt steht demnach in keinerlei kognitiven/epistemischen oder
ontologischen Abhngigkeitsverhltnis zur Erfahrung. Mit anderen Wor-

172 Vgl. McDowell 1982 und 1986 bzw. Putnam 1999, 10 f. und 152 f. Putnam
unterscheidet zwar terminologisch zwischen einem „direkten“ und seiner eigenen
Version des sogenannten „natrlichen Realismus“, sachlich gesehen weicht dieser
jedoch von der realistischen Konzeption, welche disjunktivistischen Theorien der
Wahrnehmung zugrunde liegt, nicht ab. Zu Putnams alternativen Realismus-
Konzeptionen siehe unten Kap. IV. 4.
173 Siehe dazu A. D. Smith 2002, 1 ff.; fr eine phnomenologisch orientierte, in-
dexikalische Konzeption des direkten Realismus in der Wahrnehmung siehe D. W.
Smith 1988.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 373

ten: Das Sein und So-Sein der materiellen Welt bedarf keinerlei inferen-
ziellen Besttigung durch die Erfahrung.174
Disjunktivisten sind also typischerweise direkte Realisten. Nun geht
aber der direkte Realismus zumeist auch Hand in Hand mit einer be-
stimmten Konzeption von Intentionalitt, die blicherweise ,Intentiona-
litt de re‘ genannt wird. De re-Theorien der Intentionalitt stellen eine
spezifisch relationale Version der blichen Objekt-Theorien der Intentio-
nalitt dar:175 Ihnen zufolge ist das Merkmal der Intentionalitt keine
intrinsische Eigenschaft mentaler Zustnde, sondern wird erst durch die
Relation zu einem faktischen, extra-mentalen Gegenstand konstituiert.
Entsprechend bildet der faktische Gegenstand das relevante Individua-
tionskriterium fr die jeweiligen intentionalen Zustnde de re. Der
springende Punkt der de re-Konzeption von Intentionalitt ist dabei, dass
Intentionalitt eine Relation zwischen den mentalen Zustnden einer
Person und einem unabhngig von jeglicher intentionaler Bezugnahme
existierenden, realen Gegenstand (res) ist. Damit ein mentaler Zustand
Intentionalitt aufweist, ist es gemß dieser Konstruktion also nicht hin-
reichend, dass eine Person eine Einstellung zu ihren eigenen mentalen

174 Siehe dazu BonJour 2007.


175 Einen bemerkenswerten Sonderfall stellt D. W. Smith 1988 dar, der einen direkten
Realismus in Bezug auf die Wahrnehmung mit einer De re- cum einer (interna-
listischen) Mediatoren-Theorie der Intentionalitt zu verbinden trachtet. D. W.
Smith fasst dabei intentionale Inhalte als eine Art indexikalisches bzw. demon-
stratives Referenzmedium direkter Bekanntschaft (acquaintance la Russell
(Russell 1914)) mit den jeweiligen intentionalen Objekten. Der direkte, unver-
mittelte Zugang zu den – bewusstseinsunabhngigen – Objekten wird durch den
sensuellen Aspekt von intentionalen Wahrnehmungsakten garantiert, wobei es die
externen Objekte sind, die eine sensuelle Wirkung auf den Wahrnehmenden
ausben. Gleichwohl wird die Unabhngigkeit des Wahrnehmungsobjekts, so
Smith, durch den intentionalen bzw. phnomenologischen Charakter perzeptu-
eller Erfahrung selbst vorgeschrieben – von daher Smiths „interner Realismus“, mit
dem er sich gegen kausale Theorien intentionaler Referenz wendet: „The basic
realism we observed in a perception is an internal realism, in that the object’s
independence from the perceptual experience of it is intentionally prescribed by the
phenomenological content of the experience.“ (D. W. Smith 1988, 48) (Eine
nicht-externalistische und zugleich gegen brentanosche Objekt-Theorien der In-
tentionalitt gerichtete, eigenstndige de re-Konzeption der Intentionalitt, die
eine systematische Weiterentwicklung ihrer an Husserl orientierten Mediatoren-
Theorie und insbesondere ihres Konzepts der sogenannten „definite intentions“
darstellt, haben bereits Smith/McIntyre vorgelegt, siehe Smith/McIntyre 1982b,
Kap. VIII.)

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374 III. Internalismus und Externalismus

Inhalten oder zu einer Proposition einnimmt.176 De re-Theorien sind also


Objekt-Theorien der Intentionalitt, insofern ihnen zufolge die Intentio-
nalitt mentaler Zustnde zwar nicht wie in den brentanoschen Stan-
dardtheorien von einer besonderen ontologischen Klasse oder einem Typus
von Gegenstnden, gleichwohl vom ontologischen Status der Gegenstnde,
d. i. ihrer Existenz oder Inexistenz, abhngig ist. Gemß de re-Konzep-
tionen gibt es keine Intentionalitt ohne tatschlich existierende inten-
tionale Objekte, oder wie A. D. Smith pointiert formuliert, ohne Dinge
(res) keine Gedanken ber Dinge (de re):
[…] perceptual judgements are paradigmatically de re […], since they in-
volve acquaintance with objects. […] one thing that is distinctive of a genu-
inely de re thought is that its object is essential to it. From this it is an im-
mediate inference that the non-existence of an object of de re thought takes
away the very possibility of entertaining that thought. There cannot be a de
re thought without a res. (A. D. Smith 2002, 212)177
Eine prominente, spezifisch disjunktivistische Version der de re-Theorie
der Intentionalitt findet sich auch bei G. Evans.178 Wie Davidson und
McDowell attackiert auch Evans scharf jenes internalistische Bild des
Geistes, wonach ein Subjekt die Gegenstnde seiner Erfahrung sozusagen
vor seinem inneren Auge ausgebreitet und dieses Subjekt allein direkten
Zugang bzw. inkorrigible Kenntnis von ihnen htte. Wenn ein Subjekt
irgendetwas ,vor seinem Geiste‘ hat, dann, so Evans, nichts anderes als die
fr jedermann çffentlich zugnglichen Erfahrungsgegenstnde selbst. Fr
Evans folgt aus der Zurckweisung des quasi-cartesianischen Bildes vom
Geist als einer Art privater Theaterbhne aber auch, dass ein Subjekt
buchstblich nichts vor seinem Geiste hat, wenn universell akzeptiert ist
und verifiziert werden kann („seems reasonable to the generality of man-

176 Siehe dazu Searle 1983, 249 und 260 ff. Searle ist ein vehementer Kritiker der
Auffassung, dass es irreduzible Einstellungen/berzeugungen de re gibt. Siehe dazu
auch die Searle-Kritik bei McDowell 1991.
177 Vgl. McDowell 1991, 274: „[…] an irreducibly de re propositional attitude […]
is one whose content would not be thinkable if the relevant object did not exist.“
178 Zwar findet sich in Evans’ an Frege und Russell angelehnter Theorie einer
wahrnehmungsbasierten, demonstrativen Identifikation, wie er sie in dem von J.
McDowell 1982 posthum verçffentlichen Buch Varieties of Reference entwickelt
hat, weder die Bezeichnung Disjunktivismus noch jene der Intentionalitt de re.
Dies ndert aber nichts daran, dass Evans (neben J. McDowell) als einer der
prototypischen Vertreter des Disjunktivismus, wie ihn auch A. D. Smith vertritt,
gelten kann.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 375

kind“ (Evans 1982, 200)), dass es sich bei dem Erfahrungsgegenstand um


einen halluzinierten Gegenstand handelt:
[we must reject] a conception of the mind as a repository whose contents are
unmistakably accessible to us – like a theatre whose actors are incorrigibly
known to us. [This picture] is already rejected when one acknowledges
that if in perception anything is before the mind, it is the public objects
themselves, not some internal representatives of them. […] It is a conse-
quence [of that realism] that when a person hallucinates, so that it appears
to him that he is confronting, say, a bus, then, whether or not he is taken
in by the appearances, there is literally nothing before his mind. (Evans
1982, 199 f.)
A. D. Smith nennt die evanssche Auffassung, die er selbst auch vertritt, eine
„,extreme‘ position“ (A. D. Smith 2002, 209), weil er nicht nur behauptet,
dass intentionale Akte, die auf nicht-existente Objekte gerichtet sind, so-
zusagen kognitiv defizitr sind. Der Disjunktivist la Smith und Evans
macht eine strkere Behauptung geltend, nmlich dass mentale Zustnde,
die von nicht-existenten Gegenstnden handeln oder sich auf Gegenstnde
beziehen, die andere Eigenschaften aufweisen als intendiert, gar keinen
kognitiven Gehalt haben. Entsprechend sind Urteile, die unter kognitiv
defizitren Umstnden gefllt werden, wie im Falle von Tuschungen oder
Halluzinationen, laut Disjunktivisten nicht nur keine veridischen, sondern
berhaupt keine Wahrnehmungsurteile.
De re-Konzeptionen der Intentionalitt sind externalistische Konzep-
tionen des Gehaltes mentaler Zustnde par excellence. A. D. Smith meint
nun, dass Husserl einen Disjunktivismus vertreten habe oder zumindest
seine Theorie der Erfahrung mit den Kernthesen des Disjunktivismus
kompatibel sei, und interpretiert seine Intentionalittstheorie dement-
sprechend als eine Version des Externalismus. A. D. Smith nennt diese
Version des Externalismus „de re -Externalismus“. Der de re-Externalist
vertritt die These, dass intentionale Akte und Zustnde wesentlich auf
jeweils bestimmte, bewusstseinsexterne Objekte gerichtet sind und ein
Subjekt die jeweiligen Akte und Zustnde gar nicht haben bzw. vollziehen
kçnnte, wenn die betreffenden Einzelgegenstnde nicht existierten. Smith
schreibt Husserl zudem die These zu, dass die Individuationskriterien eines
Wahrnehmungserlebnisses und jene des Erlebnisgehalts direkt und we-
sentlich von den Individuationskriterien des jeweils wahrgenommenen
Gegenstandes abhngig sind (vgl. A. D. Smith 2008a, 314 f.). Husserl habe
nach Smith die Ansicht vertreten, dass der intentionale Gegenstand im
Falle einer Halluzination kein Objekt im Sinne einer Entitt ist. Wenn man
halluziniert, sei man nach Husserl einer ,Nicht-Entitt‘ gewahr, und diese

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376 III. Internalismus und Externalismus

Ansicht sei durchaus kompatibel mit der eines Disjunktivisten, der be-
hauptet, dass bei Halluzinationen einfach kein intentionaler Gegenstand
existiert (vgl. A. D. Smith 2008a, 319).
Der perzeptive Sonderfall der Halluzination bzw. Illusion stellt ein
allgemein beliebtes argumentatives Instrument in der Internalismus/Ex-
ternalismus-Debatte dar. Obwohl es blicherweise zur Sttze eines Inter-
nalismus in Bezug auf die Individuations- und Determinationskriterien
intentionaler Zustnde verwendet wird, machen sich auch Externalisten
das sogenannte Argument der Halluzination bzw. das Argument der Illusion
zunutze.179 Internalisten meinen, dass die Mçglichkeit von Halluzinatio-
nen zeigt, dass man zwischen dem (engen) phnomenalen Gehalt von
mentalen Zustnden und ihren (weiten) Erfllungsbedingungen
unterscheiden muss, um der Tatsache gerecht zu werden, dass eine Hal-
luzination fr das halluzinierende Subjekt von echten Perzeptionen un-
unterscheidbar ist. Demgegenber argumentieren Externalisten, dass
Halluzinationen als solche gar nicht qualifizierbar wren und retrospektiv
bzw. aus der Dritten-Person-Perspektive gar nicht von genuin perzeptuellen
oder veridischen Erfahrung unterscheidbar wren, wenn nicht ein externes,
erfahrungsunabhngiges Referenzobjekt fr die Festlegung des kognitiven
Gehalts und der Erfllungsbedingungen von Erfahrungen verantwortlich
wre.
Mir scheint, dass das Argument jedenfalls nicht weiterhilft, wenn es um
die Entscheidung geht, ob Husserl ein Disjunktivist bzw. ein Externalist in
Bezug auf intentionale Inhalte ist oder nicht. Das heißt freilich nicht, dass
Husserl zum Problem der Unterscheidung perzeptueller und nicht-per-
zeptueller Erfahrungen nichts zu sagen htte. Im Gegenteil, Husserl hat
sich in eingehenden Analysen den verschiedenen Typen unmittelbar
sinnlich-anschaulicher Akte, wie Wahrnehmungs- oder bildlich-symboli-
scher Vorstellungen, den vergegenwrtigenden bzw. reproduktiven Formen
anschaulicher Akte, wie Phantasie-, Erinnerungs- oder Erwartungsvor-
stellungen und ihren verschiedenen nicht-veridischen Modifikationen wie
Sinnestuschungen und Halluzinationen gewidmet.180 Das erkenntnis-
theoretische Problem der Veridizitt intentionaler Erfahrung, wie es sich in

179 Ein guter Abriss der beiden Argumente findet sich bei Crane 2005; fr eine
ausfhrliche Diskussion siehe A. D. Smith 2002.
180 Siehe insbes. die Texte aus dem Nachlass Phantasie, Bildbewußtsein, Erinnerung in
Hua XXIII; vgl. auch Hua IX, 200 ff.; Hua X, 170 ff.; Hua XI, 68 ff., 346 ff.; XVI,
285 ff. Siehe dazu auch die ausfhrliche Darstellung bei Bernet/Kern/Marbach
1996, Kap. 5

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 377

den Standardversionen des Arguments der Halluzination stellt, erfhrt


jedoch durch die transzendentalphnomenologische Einstellung eine
entscheidende Transformation: Anstelle der Frage nach der Lokalisierung
der Erfllungsbedingungen intentionaler Akte und der Bestimmung der
Individuationskriterien des kognitiven Gehalts (veridischer) Erfahrungen
tritt die Beschreibung verschiedener mçglicher Klassen und Typen in-
tentionaler Erlebnisse und ihrer korrelativen gegenstndlichen, inhaltli-
chen und modalen (setzungsmßigen) Charaktere.181
Es lassen sich mit Husserl zwei grundlegend verschiedene Klassen
nicht-perzeptueller Bewusstseinserlebnisse unterscheiden: einerseits jene
Erlebnisse, deren Subjekt des Scheincharakters des Erlebnisses selbst ge-
wahr ist, und andererseits jene, die fr das Subjekt von genuin veridischen
bzw. perzeptuellen Bewusstseinserlebnissen ununterscheidbar sind.
Innerhalb der ersten Klasse differenziert Husserl zwischen drei unter-
schiedlichen Typen: Erstens gibt es die Typen bildlicher und symbolischer,
oder allgemein, der imaginativen Bewusstseinserscheinungen, die Erleb-
nisse des sogenannten „Bildbewussteins“ sind und fiktive Gegenstnde zum
Objekt haben (vgl. Hua XXIII, 41 ff.). Husserl nennt diese Typen auch
„physische Bildauffassungen“ (Hua XXIII, 40), deren Charakteristikum es
ist, dass die fundierenden Bild-Objekte gewçhnlich mit-prsentiert wer-
den. Von diesen „gewçhnlichen Bildvorstellungen“ unterscheidet Husserl,
zweitens, jene Typen „uneigentlicher Wahrnehmungen“, die im Gegensatz
zu symbolisch-fiktiven Reprsentationen nicht durch real-existierende,
physische Reprsentationsmedien hervorgerufen werden bzw. jeglicher
materialer „Empfindungsunterlage“ (Hua XXIII, 48) entbehren. Zu die-
sem uneigentlichen Typus von Perzeption gehçren die reinen Phantasie-
vorstellungen. Husserl charakterisiert den ersten Typus imaginativer Per-
zeptionen auch als „Imaginationen aufgrund der Wahrnehmung“, whrend
er den zweiten Typus als „Imaginationen der Phantasie“ charakterisiert
(Hua XXIII, 43). Von diesen beiden unterscheidet Husserl wiederum,
drittens, die Illusionen, also Flle von Sinnestuschungen. Der epistemische
Status von Illusionen ist bei Husserl ambivalent. Es handelt sich bei ihnen

181 Eine hnliche Ansicht vertritt auch D. Zahavi. Zahavi weist darauf hin, dass man
die Frage nach der Veridizitt intentionaler Erfahrung nur mit Rcksicht einerseits
auf die Unterscheidung zwischen natrlicher und phnomenologischer Einstellung
und andererseits auf jene zwischen der Erlebnisperspektive des jeweiligen Subjekts
intentionaler Erfahrung und dem intersubjektiven Erfahrungskontext – und nicht,
wie sie in der Internalismus/Externalismus-Debatte verhandelt wird, gleichsam
von einem view from nowhere aus – adquat beantworten kann; siehe Zahavi
2004b, 54 f.

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378 III. Internalismus und Externalismus

um eine Art gemischten Typus uneigentlicher Wahrnehmungen, sie


oszillieren kognitiv quasi zwischen Fiktionen, Imaginationen, Phantasie-
vorstellungen und genuinen Halluzinationen, je nachdem welche per-
zeptuelle Grundlage die illusionren Objekte im Verlauf der Wahrneh-
mungsreihe aufweisen und wie sich der Prozess der perzeptuellen Erfllung
gestaltet.
Die zweite Klasse der genuin nicht-perzeptuellen und nicht-veridi-
schen Akte bilden jene Formen von Bewusstseinserlebnissen, die Husserl
Visionen nennt, also Halluzinationen, totale Sinnestuschungen, Trance-
Zustnde, Trume etc. (Hua XXIII, 41 f.). Sie sind von den Erlebnissen der
ersten Klasse insofern grundlegend verschieden, als diese Erlebnisse fr das
Subjekt aus der Ersten-Person-Perspektive von genuin perzeptuellen
Wahrnehmungen ununterscheidbar sind. Der vermeintliche, phnomenale
Wirklichkeitscharakter dieser Erscheinungen ist Husserl zufolge dem
Umstand geschuldet, dass im Falle visionrer Erscheinungen die „Bild-
lichkeitsfunktion“ fiktiver Imaginationen und gewçhnlicher Phantasie-
bilder gnzlich „entfllt“ (Hua XXIII, 42) und es sich im Gegensatz zu
Illusionen auch nicht um einen Widerstreit von zwei jeweils einstimmig als
gltig gesetzten Wahrnehmungen handelt (vgl. Hua XXIII, 486 ff.).
Whrend im Fall einer ,gewçhnlichen‘ Sinnestuschung das intentionale
Objekt im Laufe des Wahrnehmungsprozesses den Charakter des „An-
derssein“ oder „Gendertsein“ aufweist, entbehren Halluzinationen im
Wahrnehmungsverlauf jeglicher Modalisierung der Setzungscharaktere. Es
entfllt hier die „Quasi-Setzung“ imaginierter oder phantasierter Gegen-
stndlichkeiten (Hua XXIII, 464) und das halluzinierte Objekt weist,
wiewohl nicht fr den ,Visionr‘ selbst, den Charakter eines absoluten
„Nichtseins“ auf. Im Falle von perzeptuellen Tuschungen bezglich be-
stimmter Eigenschaften von Objekten kommt es also im Verlauf des „er-
fllenden Wahrnehmungszusammenhanges, der die Entfaltung der
Dinggegebenheit herstellt oder herstellen wrde“ zur „Korrektion“ an
(Teilen) der ursprnglichen Objekt-Reprsentation (Hua XVI, 287).
Anders verhlt es sich bei Tuschungen, die den ontologischen Status des
(ganzen) Objektes einer jeweiligen intentionalen Auffassung betreffen: So
unterscheidet Husserl klar zwischen der imaginativen bzw. illusionren
Gegebenheitsweise des „Andersseins“ und der Gegebenheitsweise der
„Nichtigkeit“ (Hua III/1, 247) halluzinierter Objekte, die sich in keinerlei
Erscheinungs- bzw. Wahrnehmungszusammenhnge einfgen und somit
„insgesamt nicht eine einzige einstimmige Einheit eines Dingzusammen-
hanges ermçglichen“ (Hua XVI, 287).

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 379

Im Falle von Phantasien, Tuschungen oder Halluzinationen, wenn


also kein gewçhnlicher oder gar kein Gegenstand existiert bzw. anders ist als
vermeint, haben intentionale Akte gleichwohl ein Noema, das als das
Subjekt der jeweiligen Attribute eines Wahrnehmungsurteils fungiert:
„Das Erscheinende als solches ist das offenbare Subjekt der Prdikation und
ihm (das ein Dingnoema aber nichts weniger als ein Ding ist) schreiben wir
das zu, was wir an ihm selbst als Charakter vorfinden: eben die Nichtig-
keit.“ (Hua III/1, 247) Der noematische Charakter des Nichtseins ist dabei
„quivalent und nicht identisch“ mit dem negativen Wahrheitsattribut
„gltig Negiertsein“ (Hua III/1, 247). Phnomenologisch gesehen ist also
der noematische Gehalt einer Halluzination weder als veridisch noch als
nicht-veridisch zu qualifizieren. Zu einer solchen epistemologischen
Qualifikation muss man den rein noematischen Gehalt eines jeweiligen
intentionalen Erlebnisses und den phnomenalen Erlebnishorizont des
betreffenden Subjekts transzendieren, das heißt, einen Wechsel der Per-
spektive von der ersten zur dritten Person vollziehen und/oder den ge-
samten intersubjektiven Erfahrungskontext, in den das Erlebnis eingebettet
ist, bercksichtigen.182
Welche Schlsse lassen sich nun aus Husserls deskriptiven Analysen
dieser Sonder- und Grenzflle perzeptueller Erfahrung hinsichtlich des
Disjunktivismus ziehen? Ist Husserl ein Disjunktivist in Bezug auf den
Inhalt intentionaler Erlebnisse? Und ist die phnomenologische Intenti-
onalittstheorie mit einer de re-Konzeption der referenziellen Relation
zwischen intentionalen Akten und Gegenstnden kompatibel? Anders
gefragt: Ist Husserl ein de re-Externalist, wie A. D. Smith zu zeigen ver-
sucht? Obwohl manche der phnomenologischen Befunde zur Unter-
scheidung genuin perzeptueller und der sogenannten uneigentlichen
Wahrnehmung dafr zu sprechen scheinen, dass Husserl eine disjunkti-
vistische Position zumindest nicht abgelehnt htte, muss die Antwort
meines Erachtens aus mehreren Grnden letztlich negativ ausfallen. So
unterscheidet Husserl zwar einem Disjunktivisten nicht unhnlich zwi-
schen wesentlich verschiedenen Klassen bzw. Typen von Bewusstseinser-
lebnissen entsprechend den verschiedenen Typen von Erfahrungsgegen-
stnden. Diese Gegenstnde sind jedoch bei Husserl als wesentlich
intentionale Gegenstnde bestimmt und folglich nicht mit jenen real-
existierenden, bewusstseinsexternen und -unabhngigen Objekten iden-

182 Zur skeptizistischen Mçglichkeit eine Global-Halluzination bezglich der Au-


ßenwelt bzw. der Mçglichkeit systematischer „Realittsillusion“ vgl. Hua XVI,
288 ff. Siehe dazu mehr unten, Kap. IV. 6.

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380 III. Internalismus und Externalismus

tisch, die der Disjunktivist qua direkter Realist als gegenstndliche Er-
fahrungskorrelate annimmt. Zudem wird der phnomenale, erst-personale
Gehalt von Wahrnehmungen oder Halluzinationen bei Husserl nicht
durch die intentionalen Objekte konstituiert. A. D. Smith bemerkt selbst,
dass sich der kognitive Unterschied zwischen perzeptuellen und nicht-
perzeptuellen Erlebnissen Husserl zufolge durch die wesentlich erfah-
rungsinhrenten, noematischen Eigenschaften intentionaler Zustnde
konstituiert wird (vgl. A. D. Smith 2008a, 331). Doch nicht nur der
phnomenale Gehalt, auch die Instanziierung eines intentionalen Aktes ist
gemß der husserlschen Intentionalittstheorie von der realen Beschaf-
fenheit und der Existenz der intendierten Objekte unabhngig. Das heißt
nicht, dass umgekehrt die Erfahrungsgegenstnde irgendwelcher inferen-
ziellen Besttigung durch die Erfahrung bedrften. Gleichwohl lsst sich
die intrinsische Korrelation von intentionalen Zustnden und Gegen-
stnden bei Husserl nicht im Sinne des direkten Realismus deuten,183 auch
wenn das manche Stellen bei Husserl – wie die folgende – nahezulegen
scheinen:
Wie im alltglichen Leben, so ist auch in der Wissenschaft (wenn sie nicht
durch „realistische“ Erkenntnistheorie beirrt, ihr eigenes Tun missdeutet)
Erfahrung das Bewußtsein, bei den Sachen selbst zu sein, sie ganz direkt zu
erfassen und zu haben. Aber die Erfahrung ist kein Loch in einem Bewußt-
seinsraume, in das eine vor aller Erfahrung seiende Welt hineinscheint, oder
nicht ein bloßes Hinnehmen von einem Bewußtseinsfremden ins Bewußtsein.
(Hua XVII, 239)
Der Phnomenologe lehnt zwar nicht notwendigerweise die epistemolo-
gische These des direkten Realismus bezglich der Unmittelbarkeit des
Verhltnisses zwischen Wahrnehmung und Gegenstnden der Wahrneh-
mung ab. Die Geltung der ontologischen Grundannahme des direkten
Realismus bezglich der erfahrungsunabhngigen Existenz der Gegen-
stnde der Wahrnehmung wird jedoch durch die phnomenologische
Reduktion außer Kraft gesetzt. In diesem Zusammenhang ist schließlich
noch ein Grund anzufhren, warum Husserls Intentionalittstheorie mit
der Intentionalitts-Konzeption des de re-Externalismus nicht kompatibel
ist. blicherweise werden de re-Theorien als (dyadische) relationale
Theorien der Intentionalitt charakterisiert. Was bei dieser Charakteri-
sierung jedoch meines Erachtens zu kurz kommt, ist der zweite Aspekt, auf

183 A. D. Smith weist brigens selbst darauf hin, dass Husserl den direkten Realismus
als eine inkohrente Theorie, ja als „nonsense“ betrachtet, siehe A. D. Smith 2002,
5.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 381

den weiter oben hingewiesen wurde: De re-Theorien der Intentionalitt


stellen, sofern sie die (reale) Existenz des intendierten Gegenstandes fr die
Konstitution einer intentionalen Relation fr wesentlich erachten, eine
bestimmte Version von Objekt-Theorien dar. De re-Theorien der Inten-
tionalitt sind also relationale Objekt-Theorien der Intentionalitt. Nun
lehnt jedoch Husserl, wie bereits gezeigt, explizit die brentanosche Stan-
dardversion der Objekt-Theorie ab und vertritt auch keine externalistische
Version einer relationalen Theorie der Intentionalitt. Ebenso wenig wie
Husserl eine (ontologisch) ausgezeichnete Klasse intentionaler Gegen-
stnde als konstitutive Bedingung fr eine intentionale Relation postuliert,
stellt gemß der phnomenologischen Intentionalittstheorie die Relation
zu einem real-existierenden Objekt fr die Referenzialitt intentionaler
Akte und Zustnde eine hinreichende oder notwendige Bedingung dar.

2.7. Phnomenologie jenseits des ,Henne/Ei-Problems


der Intentionalitt‘

Die Diskussion um eine internalistische oder externalistische Interpreta-


tion der husserlschen Intentionalittstheorie ist nicht nur eine Diskussion
darber, wie das Noema (ontologisch, semantisch etc.) zu interpretieren ist,
aber auch nicht nur darber, wo das Noema oder die Erfllungsbedin-
gungen intentionaler Referenz zu lokalisieren sind. Im Kern ist es eine
Diskussion darber, woher die intentionale Kraft mentaler Akte und Zu-
stnde rhrt bzw. wo der ,Trger‘ intentionaler Gerichtetheit seinen Sitz
hat. Letztlich ist das, wie D. W. Smith pointiert bemerkt, eine Art Henne/
Ei-Problem:
Where does intentionality enter the world, where does it all begin, in the act
or in the sense? That is, which is the fundamental bearer of directedness? If
an act is directed toward an object because the act’s sense semantically pre-
scribes that object, then it might seem that intentionality lies fundamentally
in the sense rather than, as Husserl would hold, in the act. […] for Husserl,
logic, and thus (what we today call) semantics, is grounded in intentionality
[…] for Husserl, it is because meaning resides in consciousness that meaning
represents and so contributes its semantic force to acts of consciousness.
Strictly speaking it is only meaning-in-consciousness, or consciousness-
with-meaning, that has intentional force – there is no chicken/egg choice.
(D. W. Smith 2007, 265 f.)
Das ,Henne/Ei-Problem der Intentionalitt‘ besteht also darin, dass man die
referenzielle Gerichtetheit intentionaler Akte entweder durch die intrin-

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382 III. Internalismus und Externalismus

sische Intentionalitt solcher Akte selbst und/oder durch die intrinsische


Intentionalitt des Bewusstseins, oder aber durch die Konstruktion ir-
gendwelcher bedeutungstragender Entitten, die die referenzielle Richtung
intentionaler Akte erst vorgeben, zu erklren versucht. Die fregeanische
Interpretation tendiert dazu, die Entscheidung zugunsten der bedeu-
tungstragenden und bedeutungsdeterminierenden Rolle der Noemata zu
fllen, weil es nach der sprachanalytischen Tradition blicherweise diese
Rolle ist, die ber die Wahrheit von Propositionen und die Veridizitt
propositionaler Einstellungen entscheidet.
Das Henne/Ei-Problem der Intentionalitt entsteht jedoch – wie auch
D. W. Smith richtig argumentiert – nur aus einer irrtmlichen Erkl-
rungsnot heraus. Die Entscheidung fr die eine oder die andere Seite der
referenziellen Relation zwischen der Intentionalitt von (noematischer)
Bedeutung und der Semantik intentionaler Akte lsst sich nicht per Henne/
Ei-Wahl treffen. Und es bedarf auch keiner Henne/Ei-Entscheidung
zwischen der Intentionalitts-konstituierenden Funktion von (noemati-
scher) Bedeutung und der Referenz-determinierenden bzw. semantischen
Funktion (noetischer) Akte. Doch ebenso wenig – so wre D. W. Smith
(und McIntyre und Dreyfus) zu ergnzen – lsst sie sich durch das tria-
dische Modell von Akt–Noema–(Bezugs-)Objekt bzw. durch die Einfh-
rung eines mentalen, reprsentationalen oder semantischen Mediators
lçsen. Das Noema bernimmt hier sozusagen keinerlei diplomatische
Funktion.
Eine Variante des Henne/Ei-Problems der Intentionalitt spiegelt sich
auch in der, nicht nur fr die Internalismus/Externalismus-Diskussion,
sondern fr das gesamte Projekt einer Naturalisierung des Geistes be-
stimmenden Frage – nmlich in der Frage, ,woher‘ sozusagen der inten-
tionale Gehalt der bzw. ,in die‘ Erfahrung kommt. Fr J. McDowell etwa
lassen sich alle „angeblichen Probleme“, die sich aus dieser Frage ergeben,
in der leitenden Fragestellung des sogenannten „unverblmten Natura-
lismus“ zusammenfassen. Mehr noch, die Frage „Wie ist empirischer Inhalt
mçglich?“ sei eigentlich nur „Ausdruck philosophischer Verwirrung“
(McDowell 1996, 20). Mit der Verabschiedung dieser Frage ließen sich
denn auch die vermeintlich großen Sorgen des erkenntnistheoretischen
Naturalismus um die Vermittlung eines genuin mentalen Raumes der
Erfahrung und der externen physikalischen Realitt, welche gleichsam den
empirischen „Input“ lieferte, einfach aus der Welt schaffen (McDowell

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 383

1996, 20, 28 f.).184 Und so weist auch einer der originellsten angelschsi-
schen Phnomenologen, J. N. Mohanty, darauf hin, dass die vermeintlich
drngendste Frage nach der Konstitution eines ,Inputs‘ intentionaler Er-
fahrung mit Blick auf die Epistemologie subjektiver Erfahrung falsch ge-
stellt ist. Stellte man nmlich die Frage nach dem intentionalen Gehalt als
die Frage nach der Mçglichkeit eines Inputs aus der Erfahrung, dann wre
es fr den Internalisten – dem ja die kausale Standardtheorie der Referenz
als Erklrungsmodell nicht zur Verfgung steht – geradezu ein Wunder,

184 Auf McDowells Kritik am erkenntnistheoretischen Naturalismus und seine ori-


ginelle Konzeption eines begrifflichen Inhalts der Erfahrung, wie er sie in seinem
vieldiskutierten Buch Geist und Welt (1996) vorgelegt hat, kann hier nicht ge-
bhrend eingegangen werden. Es sei an dieser Stelle nur die Stoßrichtung seines
Vorschlages grob angedeutet: Fr McDowell basieren die besagten erkenntnis-
theoretischen Sorgen rund um eine naturalistisch plausible Vermittlung von Geist
und Welt auf der falschen Annahme einer Spannung, die zwischen der Sphre des
Geistigen/Normativen und des Natrlichen/Faktischen herrschte, oder genauer,
auf der Annahme einer Dichotomie zweier logischer Rume sui generis, nmlich des
von W. Sellars (Sellars 1956) so genannten „logischen Raumes der Grnde“ auf der
einen und des „Raumes der Natur“, des logischen Raumes der Naturwissen-
schaften, auf der anderen Seite (vgl. McDowell 1996, 14 – 23). Diese Dichotomie
bildet nach McDowell wiederum die Grundlage des „unverblmten Naturalis-
mus“. Dieser „weigert sich anzuerkennen, daß die Beziehungen, die den logischen
Raum der Grnde konstituieren, nicht natrlich sind“ (McDowell 1996, 18).
Entlang einer radikalen Neuinterpretation von Kants Erfahrungsbegriff und
Aristoteles’ praktischem Konzept der „zweiten Natur“ stellt McDowell dem un-
verblmten, szientistischen, seinen „entspannten Naturalismus“ entgegen
(McDowell 1996, 115): Grob gesagt, handelt es sich dabei um den Vorschlag,
Erfahrungsinhalt als durch und durch begrifflich zu denken. Entscheidend fr
McDowells Vorschlag ist, dass er einerseits das „von der Sinnlichkeit gelieferte
Material“ nicht als eine von der rezeptiven Fhigkeit von Subjekten abgekoppelte,
rein ,natrliche‘ Sphre betrachtet, sondern mit dieser wesentlich „verwoben“ und
andererseits beide Sphren, die Sphre der Sinnlichkeit/Rezeptivitt und jene, die
dieser das Material liefert, selbst als begrifflich strukturierte konzipiert. Erfah-
rungen sind fr McDowell mithin „Zustnde oder Ereignisse, in denen begriffliche
Fhigkeiten zur Anwendung kommen“ (McDowell 1996, 74), wobei er die
Schranken zwischen einer begrifflich-geistigen und einer nichtbegrifflich-natr-
lichen Sphre gnzlich aufzulçsen trachtet. Eine interessante kritische Diskussion
von McDowells erkenntnistheoretischen berlegungen mit Blick auf eine „phe-
nomenological refined version of internalism“ und eine entsprechende Diskussion
der fregeanischen Noema-Interpretation findet sich bei Kjovasik 2003. Paralleli-
sierungen und/oder Abgrenzungen zwischen McDowells und Husserls Konzep-
tionen des begrifflichen Gehalts der Erfahrung, der intentionalen Geist/Welt-
Beziehung oder auch ihrer meta-philosophischen Auffassungen sind zurzeit ins-
gesamt en vogue, siehe etwa Barber 2008, Christensen 2008 (insbes. Kap. 7) oder
Loidolt 2010.

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384 III. Internalismus und Externalismus

dass ein solcher interner Erfahrungsgehalt mit den Tatsachen und Eigen-
schaften einer çffentlichen Welt berhaupt jemals in Einklang steht bzw.
dass der intentionale Erfahrungsgehalt tatschlich auf etwas intersubjektiv
Verifizierbares referiert. Die Frage ist nach Mohanty, hnlich wie fr den
radikalen und phnomenologischen Externalisten, falsch gestellt, weil sie
auf dem falschen Bild der Erfahrung von Welt beruht – auf einem Bild, das
den ganzen Fragehorizont der Internalismus/Externalismus-Debatte vor-
zeichnet: „It is not as though an experience is first there, contentless and
objectless, and then receives their imprint from outside. That is a misleading
picture.“ (Mohanty 1989b, 92) Ebenso wie die Frage nach dem Ursprung
der Referenzialitt intentionaler Zustnde oder dem ,Sitz‘ bedeutungs-
tragender Entitten stellt sich also auch diese Variante des Henne/Ei-
Problems der Intentionalitt fr den Phnomenologen berhaupt nicht:
„Within phenomenology, then, the question how, from what source ex-
perience derives its contents, cannot be asked.“ (Mohanty 1989b, 92)
Mohantys Beitrag zu einer phnomenologischen Theorie des inten-
tionalen Inhalts der Erfahrung verdient nun insofern besondere Beachtung,
als Mohanty nicht nur eine gewisse Zwischenstellung zwischen der East-
und der West-Coast-Interpretation des Noema einnimmt185, sondern auch
eine gegenber Dreyfus und McIntyre kritische und insgesamt durchaus
neuartige internalistische Deutung der Transzendentalphnomenologie
vorgelegt hat. Es ist wohl dieser Dissidentenrolle geschuldet, dass Mo-
hantys origineller Vorschlag, das Konzept des Noema fr eine transzen-
dental und intentionalistisch gewendete Fassung des methodologischen
Solipsismus produktiv zu machen, trotz der anhaltenden Diskussion bis-
lang vollkommen unbercksichtigt geblieben ist.
Nun kommt Mohanty zufolge bei einer rein semantisch-fregeanischen
Interpretation des Noema der kognitive Gehalt intentionaler Akte zu kurz,
whrend eine kognitivistische Lektre der Noema-Theorie la Dreyfus
ber die bloße theoretische Postulierung irgendwelcher inner-mentaler
Entitten gar nicht hinauskme. Keiner der beiden Zugnge wird nach
Mohanty der reprsentationalen Kraft der Intentionalitt gerecht: Die
semantische Interpretation deutet das Noema entweder als eine rein in-
tensionale Entitt oder als eine Wahrheitsfunktion fr mçgliche Welten
und verliert dabei den kognitiven Bezugscharakter aus den Augen. Die
kognitivistische Deutung wiederum postuliert inner-mentale Reprsen-
tanten, die weder erklren kçnnen, woher mentale Zustnde ihre refe-
renzielle Kraft beziehen noch wie verschiedene mçgliche Akte (mit ver-

185 Vgl. dazu Mohanty 1981, 1982 und 2008, 372 – 384.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 385

schiedenen mentalen Reprsentanten) auf mçgliche (extensional) identi-


sche Gegenstnde referieren kçnnen – außer wenn die mentalen Repr-
sentanten selbst als quasi-intensionale Entitten, die zwischen Akt und
Referenten vermitteln, interpretiert werden (vgl. Mohanty 1981, 20 f.).
Mohanty beschreitet einen Mittelweg zwischen diesen beiden Deu-
tungen. Er interpretiert das Noema zunchst in Analogie zum fregeschen
Sinn, pldiert jedoch dafr, die bliche Analogisierung umzukehren und
Freges abstraktes, linguistisches Konzept im Lichte des husserlschen
Noema-Modells gleichsam mit intentionalem und kognitivem Gehalt zu
versehen (vgl. Mohanty 1981, 19 f.). Das Noema stellt fr Mohanty zwar
eine prinzipiell intensional evaluierbare Entitt dar, die Analogie ist jedoch
eine rein strukturelle; eine ontologische Identitt zwischen den beiden
Entitten besteht nicht. Mehr noch, die Mçglichkeit einer intensionalen
Interpretation des Noema resultiert fr Mohanty (wie fr Searle) aus der
intentionalen Funktion von Bewusstseinsakten – und nicht umgekehrt. Zu
beachten ist, dass fr Mohanty der noematische Gehalt zwar die Richtung
auf den intentionalen Gegenstand vorgibt und in diesem Sinne Referenz
bestimmt, nicht jedoch, und entgegen Searles Inhaltskonzept, die Erfl-
lungsbedingungen von Meinungszustnden/berzeugungen festlegt oder
gar die Wahrheit propositionaler Urteilsakte verbrgt (wobei Letzteres
freilich auch Searle nicht behauptet). Der Bedeutungsgehalt intentionaler
Zustnde ist fr Mohanty also weder mit dem extensionalen noch mit dem
intensionalen Gehalt propositionaler Akte identisch.
Can we then say that the sense understood as intentional content does after all
determine the referent? Clearly, ontologically it does not. […] If for an in-
tentional content to determine reference is to guarantee its own truth, it does
not do so. It does however determine the mode of presentation of what is
intended to be the referent. […] It should be noted that what I have denied is
that intentional contents are linguistic meanings or Fregean senses – which, in
any case, does not entail that the latter cannot be construed as intentional
contents. (Mohanty 1989b, 88 f.)
Mohanty ist dabei grundstzlich zuzustimmen, dass das Noema die in-
tentionale, nicht aber die extensionale Referenz determiniert. Intentionale
Referenz meint hier die Gegebenheits- bzw. Erscheinungsweise eines Be-
zugsobjekts. Der intentionale Referent ist der Bezugsgegenstand, so wie er
in einem Akt gegeben bzw. fr ein Subjekt erscheint. Sofern das Noema die
Art und Weise vorschreibt, wie ein intentionaler Akt auf (s)einen Ge-
genstand gerichtet ist, kommt ihm sowohl Bedeutungs- als auch Refe-

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386 III. Internalismus und Externalismus

renzcharakter zu.186 In Anlehnung an eine Formulierung von D. Welton187


kçnnte man sagen, dass Husserls Konzept des Noema auf eine Art kon-
stitutive Dialektik von Sinn und Bedeutung/Referenz verweist. ,Vor-
schreiben‘ heißt hier nicht definieren oder festlegen, sondern bezeichnet
das Angeben des gegenstndlichen Aspekts, der fr die Konstitution der
jeweiligen Bedeutung des aktuellen intentionalen Aktes die relevante Rolle
spielt, also das, was Husserl in den Logischen Untersuchungen den „Auf-
fassungssinn“ nennt.188 Dass das Noema Bedeutung bzw. Referenz vor-
schreibt, heißt folglich nicht, dass das bloße Vorliegen eines Noema fest-
legte, ob ein intentionaler Akt tatschlich erfllt wird oder nicht, bzw. ob er
auf einen wirklichen Gegenstand referiert oder nicht. Die Erfllungsbe-
dingungen sind also – entgegen internalistischen Interpretationen von
Husserl – weder dem Akt noch dem Noema selbst intrinsisch; sie legen
weder die intentionale Referenz fest, noch konstituieren sie die intentionale
Gerichtetheit des Aktes. Was dem Akt intrinsisch ist, ist seine referenzielle
Gerichtetheit, diese Gerichtetheit ist jedoch nicht durch die einem Akt
internen Noemata und/oder Erfllungsbedingungen konstituiert.
Wenn nun aber das Noema in keinerlei ontologisch zu spezifizierenden
Relation zum Bezugsgegenstand steht, stellt sich freilich die Frage, in
welchem Sinn man davon sprechen kann, dass es den Referenten bestimmt.
Allgemeiner gefragt: Inwiefern ist denn Intentionalitt fr Referenz kon-
stitutiv? Mohantys Antwortstrategie besteht darin, diese Frage transzen-
dental zu wenden und das Problem nach den faktischen Determinanten
von Referenz getrennt vom Problem zu behandeln, welche Theorie der
Intentionalitt man braucht, um berhaupt von Sinnkonstitution sprechen
zu kçnnen. Intentionalitt ist wesentlich eine Sinn-konstituierende und

186 Vgl. dazu: „If Husserlian ,meanings‘, like the Fregean Sinne, are intensional en-
tities, what I am emphasizing is that for Husserl intensionality derives from in-
tentionality. To say that an act is ,intentional‘ is to say that an object is intended by
it in a certain manner as being such-and-such: this is to ascribe to it both a sense or a
meaning and a reference.“ (Mohanty 1977, 29) hnlich sieht es R. Bernet: „[…]
intentionale Akte sind nach Husserls durchgngiger Bestimmung Erlebnisse, die
einen Gegenstand zugleich bezeichnen und bestimmen (connotation und denota-
tion bzw. meaning und reference) […]. Diese Verweisungsfunktion ist von der
wirklichen Existenz des intentionalen Gegenstandes unabhngig. […] Der in-
tensionale Bezug auf ein Referenzobjekt ist zugleich eine intentionale Bestimmung
dieses Gegenstandes.“ (Bernet 1979, 42 f.)
187 Vgl. Welton 1983, 312: „The dialectic of meaning and sense constitutes a mutual
determination of both.“
188 Vgl. dazu Fisette 1994, 43.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 387

nicht eine Referenz-bestimmende Funktion. Eine transzendentale Theorie


der Intentionalitt hat die Aufgabe, diese Unterscheidung zu explizieren.
Ausgangspunkt von Mohantys berlegungen zu einer solchen tran-
szendentalen Theorie der Intentionalitt bildet die Annahme, dass inten-
tionaler Inhalt immer Inhalt der konkreten (Welt-)Erfahrung eines Sub-
jekts ist. Er unterscheidet dabei drei Kontexte, die gemeinsam den Inhalt
subjektiver Erfahrungen festlegen: a.) den physikalisch-kausalen Kontext
eines Organismus und seiner Umwelt, b.) den psychologisch-genetischen
Kontext eines personalen Subjekts und c.) den sozialen Kontext eines In-
dividuums, welcher die Fhigkeit sprachlich-konventioneller Artikulierung
subjektiver Erfahrungsinhalte und den Erwerb des dafr geeigneten kon-
zeptuellen Rahmens bzw. Begriffsbildung betrifft. Diese drei Kontexte
bilden den sogenannten „external horizon of a content“. Mohanty argu-
mentiert nun, dass dieser externe von einem internen Horizont der Er-
fahrung getrennt behandelt werden kann (und soll). Er deutet dabei die
phnomenologische Reduktion, wenn auch nicht explizit, als eine Art
reflexive Blickwendung auf den inneren Horizont der Erfahrung, die es
berhaupt erst ermçglicht, intentionale Inhalte als noematische Sinnein-
heiten in den Blick zu bekommen. Mohantys internalistische Kernthese
lautet nun, dass der externe Horizont der Erfahrung zwar de facto den
jeweiligen Erfahrungsinhalt eines Individuums determiniert, dass jedoch
eine Analyse der bewusstseinsimmanenten Struktur der Erfahrung bzw. der
sogenannten „internal texture of content“ (Mohanty 1989b, 85) fr eine
deskriptive Beschreibung der Intentionalitt hinreichend ist. Doch damit
bescheidet sich Mohanty nicht und behauptet, dass eine ,reflexive Inter-
nalisierung‘ bzw. ,methodologische Individualisierung‘ intentionaler In-
halte von jeder (externalistischen, kausalen, funktionalen etc.) Theorie des
Kontextes notwendig vorausgesetzt werden muss.
Phnomenologische Bedeutungsanalyse als noematische Analyse be-
steht folglich nicht in einer semantisch-linguistischen Analyse der Refe-
renzrelation zwischen Wçrtern, Zeichen (im Kopf eines Individuums) und
den Bezugsgegenstnden, sondern ist eine reflexive Analyse der mçglichen
Kohrenzmuster zwischen intentionalen Inhalten. Es sind nach Mohanty
diese internen Kohrenzrelationen und nicht der externe Kontext der
Erfahrung bzw. der Welt-einschließende (world-involving; Mohanty
1989b, 87) Aspekt der Intentionalitt, welche Bedeutung im phno-
menologischen Sinn konstituieren. Mohanty nennt seine Version des In-
ternalismus, wohl in Absetzung zum Kognitivismus bzw. methodologi-
schen Solipsismus, „methodological individualism“ (Mohanty 1989b, 84).

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388 III. Internalismus und Externalismus

Der methodologische Individualismus stellt eine transzendentale und


intentionalistische Reformulierung des Internalismus dar. Transzendental
ist sie insofern, als sie gegen jede kausale und naturalistische Theorie der
Referenz und Intentionalitt gerichtet ist und den konstitutiven – gegen-
ber dem determinierenden – Aspekt der Intentionalitt stark macht.189
Intentionalistisch ist sie insofern, als ihr zufolge (hnlich dem searleschen
Ansatz) Intentionalitt auf keine nicht-intentionalen Konzepte zurck-
fhrbar ist und intentionale Inhalte von keinen nicht-intentionalen Ei-
genschaften abhngig oder aus solchen ableitbar sind. Das Attribut ,me-
thodologisch‘ ist jedoch tuschend. Denn Mohanty beansprucht nicht nur
eine starke Interpretation hinsichtlich der Autonomie intentionaler In-
halte, sondern vertritt auch eine starke These hinsichtlich ihres konstitu-
tiven Aspekts: Intentionale Akte bilden nicht nur ein in sich geschlossenes
Netzwerk an intentionalen Inhalten – die intentionalen Inhalte tragen auch
in sich bereits den Sinn der jeweiligen Bezugsobjekte und verleihen, kraft
der Gerichtetheit der Akte, der Welt erst ihren Sinn:
[A „transcendental“ interpretation of intentionality intends] to show that a
strong internalist theory of intentionality is a viable one, that intentionality
is not derivable from any of the other non-intentional concepts, such as cau-
sality. The network of intentional acts form a self-enclosed mental life
through whose internal contents and their concatenations the world derives
its various constituting senses. Carried out its utmost possibilities, it yields
the result that the world owes its sense to intentional acts. Intentionality,
then, is not mere directedness to world, but interpretive of the world. It
not only has its own content, it confers meaning on its object, so that its ob-
ject is presented as having the meaning for it. As constitutive of the sense or
senses of the world, intentionality is transcendental. (Mohanty 1989b,
108 f.)
Nichtsdestotrotz ist fr Mohanty der methodologische Individualismus den
externalistischen Standardeinwnden gegen den methodologischen Solip-
sismus nicht ausgesetzt und auch gegen Zwillingserde-Argumente la
Putnam gefeit. Denn, worum es in Zwillingserde-Szenarien geht, ist die
Bestimmung von Referenz im Sinne des extensionalen (verifikationsfhi-
gen) Gehalts von linguistischen Zeichen bzw. des Wahrheitsgehaltes von
Theorien ber die Welt – nicht jedoch die Bestimmung des intentionalen
Erfahrungsinhalts der modalen Zwillinge. Zwillingserde-Szenarien spielen
sich ausschließlich auf der Ebene des externen Horizonts der Erfahrung ab,

189 Zu Mohantys radikaler metatheoretischer Kritik an jeder Form von naturalisti-


schen Theorien der Intentionalitt und seiner These, dass die Mçglichkeit jeder
solchen Theorie eine transzendentale voraussetzt, siehe auch Mohanty 1981, 13 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 389

also jenes Aspekts der Erfahrung, welcher durch den kausalen cum sozialen
Kontext determiniert ist. Daraus, dass die Identitt des intentionalen Er-
fahrungsinhaltes der beiden Individuen nicht die Identitt der jeweiligen
Referenten verbrgt, folgt jedoch nicht notwendig, dass der Erfahrungs-
inhalt durch den kausalen und/oder sozialen Kontext eindeutig determi-
niert ist bzw. nur mit Rckgriff auf den externen Horizont der Erfahrung
beschrieben werden kann.
Ein wichtiger Punkt, auf den Mohanty in diesem Zusammenhang
hinweist, ist, dass jede Theorie, die eine nicht-intentionale/kausale Er-
klrung als Antwort auf die Frage nach der Beziehung zwischen dem Er-
fahrungsinhalt und der Welt der Erfahrung liefert, implizit oder explizit
einen wissenschaftlichen Realismus sowohl hinsichtlich der fraglichen
Entitt, d. i. hinsichtlich des intentionalen Inhalts der Erfahrung, als auch
der fraglichen Theorie vertreten muss. Im Rahmen eines wissenschaftlich-
realistischen Theorie-Settings lsst sich jedoch nach Mohanty die Frage
nach dem Wesen von Erfahrungsinhalten qua intentionaler Inhalte gar
nicht stellen. Denn zum einen steht jede Theorie der Intentionalitt eo ipso
in einem exklusiven Oppositionsverhltnis zu einem wissenschaftlichen
Realismus hinsichtlich Theorien ber die Welt; zum anderen hat es eine
kausale Erklrung gar nicht mit der Relation zwischen Erfahrungsinhalt
und der Welt der Erfahrung, sondern immer nur mit Relationen ver-
schiedener Typen von Inhalten zu tun. Bestenfalls dient dabei das komplexe
System von Inhalten als Medium, mit dem Erfahrungsinhalte an die Welt
geknpft werden, doch die Theorie bleibt immer auf die gleiche Erkl-
rungsebene – nmlich die Ebene der Inhalte – bezogen und schließt mithin
die wesentliche Eigenschaft der Intentionalitt, welche die Relation zwi-
schen Inhalten und der Welt betrifft – also das fragliche Explanandum
einer genuinen Theorie der Intentionalitt – aus dem Erklrungsrahmen
aus (vgl. Mohanty 1989b, 84).
Nun kçnnte man meinen, dass dieser Vorwurf – trotz seiner strikten
Ablehnung eines kausalistischen Szientismus als einzig mçglicher Erkl-
rungsrahmen – zumindest teilweise auch Mohantys methodologischen
Individualismus selbst trifft, spricht er doch davon, dass eine Erklrung der
wechselseitigen internen Kohrenzmuster intentionaler Inhalte zugleich
eine Theorie der Welt, von der sie vermeintlich handeln, quasi mitliefern
wrde. Die intentionalen Inhalte wrden demnach die Rolle von ,Bau-
steinen‘ fr eine mçgliche Theorie der Welt bernehmen:
My claim is that there is a possible explanatory enterprise which would pro-
ceed by way of relating contents amongst themselves and aim at exhibiting

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390 III. Internalismus und Externalismus

how they cohere or do not, and how by virtue of their mutual relations of
coherence they make possible a theory of the world they are purportedly
about. The contents would then play the role of building blocks out of
which our theory of world is made. (Mohanty 1989b, 86)
Die Theorie der Welt, die sich fr Mohanty aus einer Beschreibung
mçglicher intentionaler Verflechtungen ergibt, ist eine transzendentale
Theorie. Diese impliziert nach Mohanty einen ontologischen Relativismus
und verwehrt sich entsprechend gegen ein „monolithic picture of the
world“ (Mohanty 1989b, 111). Die transzendentale Theorie intentionaler
Sinnkonstitution wendet sich somit gegen die metaphysisch-realistische
Auffassung, wonach die Welt das exklusive Interpretationsmodell unserer
Beschreibungen bzw. den ein fr alle Mal festgelegten Referenzrahmen all
unserer Bezugnahmen lieferte. Die transzendental-phnomenologische
Analyse intentionaler Sinnzusammenhnge liefert also kein Abbild der
Wirklichkeit, sondern einen interpretativen Erklrungsrahmen fr mçg-
liche Weltauffassungen bzw. eine Theorie mçglicher intentionaler Welt-
bezge.190 Insofern trifft ihn auch der obige Einwand nicht. Denn die
fraglichen Theoriebausteine sind auch nicht im Kopf der Interpreten,
sondern sind mçgliche intentionale Inhalte von Subjekten mçglicher
(Welt-)Erfahrung.

2.8. Phnomenologie jenseits von Internalismus und


Externalismus

Ich habe im Vorangegangenen verschiedene Typen internalistischer Deu-


tungen der husserlschen Phnomenologie zurckgewiesen. Ich habe gel-
tend gemacht, dass Husserl keine mentalistische, kognitivistische oder
methodologisch-solipsistische Version des Internalismus vertreten hat, aber
auch einige Grnde angefhrt, die dagegen sprechen, Husserl etwa als
einen semantischen oder de re-Externalisten oder einen (externalistischen)
Disjunktivisten zu interpretieren. Die transzendentale Phnomenologie
scheint demnach weder mit den internalistischen noch den externalisti-
schen Standardkonzeptionen der Intentionalitt des Mentalen vertrglich.
Ist nun Husserl, wie etwa A. D. Smith vorsichtig formuliert, zumindest
kein Anti-Externalist (A. D. Smith 2008a, 314)? Oder ist er vielmehr ein

190 Es ist bemerkenswert, dass Mohanty diese Version eines transzendentalen-ph-


nomenologischen Internalismus mit Putnams kongenialem internen Realismus
analogisiert, vgl. Mohanty 1989b, 110 f. Siehe dazu mehr unten, Kap. IV. 4.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 391

transzendentaler Internalist la Mohanty? Und wenn dem so wre – ist


letztlich dieser nicht bloß eine Art transzendentales Vexierbild des ph-
nomenologischen Externalismus, wie er eingangs dargestellt wurde? In-
wiefern stellt also hinsichtlich der Bewertung des transzendental-phno-
menologischen Beitrages zur gegenwrtigen Bewusstseinsphilosophie eine
binr-exklusive Gegenberstellung von Internalismus und Externalismus
berhaupt einen geeigneten konzeptuellen Rahmen dar?
Vor dem Hintergrund der Internalismus/Externalismus-Debatte lsst
sich Husserls phnomenologische Theorie des Mentalen ganz allgemein als
ein radikaler Wechsel der Perspektive fassen. Whrend die Problemfor-
mulierung, wie sie in dieser Debatte vorliegt, im Wesentlichen von der
Frage bestimmt ist, wie sich die Reprsentation der Welt zu ihrer Realitt
verhlt, schlgt Husserl einen vçllig anderen Weg ein. Husserls Intenti-
onalittstheorie ist nicht als ein Antwortversuch auf die leitende Frage-
stellung des Internalisten und/oder des Externalisten zu lesen – nmlich auf
die Frage, was es sozusagen macht, dass sich Mentales auf eine nicht-
mentale Wirklichkeit bezieht. Ebenso ist fr Husserl die Frage, welche
internen und/oder externen Eigenschaften dafr verantwortlich sind, dass
bestimmte reprsentationale Funktionen zu bewusstseinsinternen Funk-
tionen bzw. mentalen Reprsentationen werden, eine vollkommen ver-
kehrte. Husserl geht es aber auch nicht darum zu bestimmen, welche in-
ternen und/oder externen Faktoren fr die Determination genuin
referenzieller bzw. veridischer Bezugnahme verantwortlich sind oder wie
man ohne Rckgriff auf semantisch spezifizierte Eigenschaften die Indi-
viduation bezugnehmender Akte erklren kçnnte.
Vor dieser Folie sind auch Putnams sporadische Bemerkungen zur
(husserlschen) Phnomenologie und insbesondere der phnomenologi-
schen Intentionalittstheorie kritisch zu hinterfragen. So charakterisiert
Putnam etwa Husserls Epoch als ein „Verfahren, das ntzlich ist, wenn
man ber das reden will, was in jemandes Kopf vorgeht, ohne Voraus-
setzungen zu machen hinsichtlich der Existenz oder Beschaffenheit tat-
schlicher Dinge, auf die sich die Gedanken beziehen“ (Putnam 1981, 48).
Putnam vergleicht dieses „Verfahren der Einklammerung“ mit D. Den-
netts Konzept der „notionalen Welt“ eines Subjekts, welche die Intensionen
seiner individuellen ußerungssituation bestimmt (Putnam 1981, 49).191

191 D. Dennett selbst charakterisiert Husserls Epoch als „special technique of in-
trospection, in which the outer world and all its implications and presuppositions
were supposed to be ,bracketed‘ in a particular act of mind“ (Dennett 1991, 41)
und vergleicht den Misserfolg der Phnomenologie in der Erklrung des Be-

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392 III. Internalismus und Externalismus

Die Epoch wre demnach ein heuristisches Mittel der Einklammerung der
berzeugungen bezglich der Außenwelt zum Zwecke einer rein inten-
sionalen Bestimmung intentionaler Bezugnahme. Wenn Putnam schließ-
lich die Epoch als eine Art Substrahierung „alle[r] Implikationen be-
zglich […] dessen, was außerhalb der geistigen Vorgnge des Betreffenden
liegt“ (Putnam 1981, 49), beschreibt, so wird offenkundig, dass er hier eine
Analogie mit der Heuristik des – von ihm ja scharf zurckgewiesenen –
methodologischen Solipsismus sieht. Mit dieser Interpretation verkennt
Putnam jedoch nicht nur die Radikalitt der phnomenologischen Re-
duktion, sondern missdeutet hnlich wie Dreyfus & Co. den grundstz-
lichen, transzendentalen Perspektivenwechsel des phnomenologischen
Projekts insgesamt.192 Zudem ist der methodologische Solipsismus nicht
nur, wie wir gesehen haben, mit Husserls Theorie des Mentalen bzw. der
(Inter-)Subjektivitt unvereinbar; Husserls sptere Theorie der intersub-
jektiven Konstitution von Objektivitt und objektiver Bedeutung ist unter
gewissen methodologischen Einschrnkungen (etwa was Extensionalitt
bzw. den Wahrheitsbegriff betrifft) durchaus mit Putnams eigener exter-
nalistischer Konzeption der sozialen Arbeitsteilung in der Konstitution und
Determination von Bedeutung kompatibel.193
Putnams internalistische Deutung der phnomenologischen Reduk-
tion wird durch das irrefhrende Bild komplettiert, das er von einer
phnomenologischen Theorie der Intentionalitt zeichnet. Es lassen sich
bei Putnam im Wesentlichen zwei Thesen – eine positive und eine negative
– in Bezug auf das Phnomen der Intentionalitt ausmachen; diesen zwei
Thesen korrespondieren zwei Einschrnkungen hinsichtlich der Erkl-
rungskraft einer Theorie der Intentionalitt.194 Erstens rumt Putnam ein,
dass das Phnomen intentionaler Bezugnahme eine real existierende und
intrinsische Eigenschaft des Mentalen ist. Damit wendet er sich in erster
Linie gegen die reduktionistisch-eliminativistische Annahme, dass das
Problem der Intentionalitt ein bloßes Scheinproblem einer vorwissen-
schaftlichen Volkspsychologie ist, das aus dem Problembestand einer se-

wusstseins mit dem Scheitern des psychologischen Introspektionismus und des


(kunsthistorischen) Impressionismus (sic!) – eine Interpretation, welche insgesamt
wohl kaum haltbar ist.
192 Vgl. auch Putnams irrefhrende Charakterisierung der husserlschen (und bren-
tanoschen) Intentionalittsanalyse als eine Art „Assoziationspsychologie der
,Vorstellungen‘“, Putnam 1988, 190.
193 Siehe dazu etwa die entsprechenden Abschnitte in Formale und transzendentale
Logik, Hua XVII, §§ 95 ff.
194 Zu Putnams Theorie der Intentionalitt siehe genauer Haldane 1992.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 393

riçsen wissenschaftlichen Theorie des Mentalen zu eliminieren sei. Putnam


wird nicht mde zu betonen, dass das Problem der Intentionalitt durch die
Zurckfhrung auf eine im Sinne des Materialismus ,realere‘ Ebene nicht
gelçst und auch das Phnomen als solches nicht einfach verschwinden
wird.195 Die Tatsache, dass das Phnomen real und das Problem relevant ist,
heißt fr Putnam jedoch nicht automatisch, dass auch eine umfassende
„Theorie des ,Wesens‘ des intentionalen Bereichs“ mçglich sei (Putnam
1988, 191). Denn – so die zweite, negative These – es gibt laut Putnam
berhaupt keine „wissenschaftlich beschreibbare Eigenschaft (oder eine
,Wesensbeschaffenheit‘), die allen Exemplifizierungen eines spezifischen
intentionalen Phnomens“, d. i. bestimmter intentionaler Zustnde und
ihrer Inhalte, „gemeinsam ist“ (Putnam 1988, 24). Folglich gebe es auch
kein einheitliches Phnomen, das eine wissenschaftliche Theorie der In-
tentionalitt beschreiben kçnnte. Zwar sei die Existenz intentionaler Ei-
genschaften eine „Grundtatsache“, insofern intentionale Eigenschaften
nicht auf grundlegendere, sprich: nicht-intentionale Tatsachen reduzierbar
seien (Putnam 1988, 194). Zugleich richtet sich aber Putnam explizit gegen
die sogenannte ,Brentano-These‘, wonach das Phnomen der Intentio-
nalitt ein einziges, auf nichts weiter zurckfhrbares, mithin „undefi-
nierbares Urphnomen“ sei (Putnam 1988, 22).196 Putnam merkt hier zwar
nebenbei an, dass Husserl weder die negative noch die positive Formu-
lierung dieser These, wonach Intentionalitt entweder nicht reduzibel oder
aber ein Urphnomen des Mentalen sei, explizit vertreten htte (vgl.
Putnam 1988, 22, Anm. 1). Nichtsdestotrotz ist Putnams Darstellung der
phnomenologischen Konzeption von Intentionalitt, zumindest was die
husserlsche Version betrifft, grundlegend unangemessen. So vergleicht
Putnam im Gefolge Wittgensteins die Phnomenologie mit der „Lehre,
daß es geistige Darbietungen gibt, die sich notwendig auf ußere Dinge
beziehen“ und sieht darin Versuche, „spezielle geistige Gegenstnde […] zu
postulieren, die […] nur von geschulten Phnomenologen entdeckt wer-
den kçnnen“ (Putnam 1981, 40). Ob diese speziellen geistigen Gegen-
stnde nun tatschlich introspektierbar sind oder nicht, oder ob sie in
einem notwendigen oder nur konventionellen Zusammenhang mit ihren
außer-geistigen Bezugsgegenstnden stehen – Putnam betrachtet all diese
Versuche (zu Recht wohlgemerkt) als gleichermaßen verkehrt und von

195 Siehe Putnam 1981, 17; 1987, 13 ff.; 1988, 21 f., 116 ff. und 1999, 43 f.
196 Putnams Fassung der Brentano-These ist nur eine, und durchaus nicht die ka-
nonische, unter zahlreichen Varianten, die aktuell in der analytischen Philosophie
des Geistes kursieren; siehe dazu oben, Kap. I. 4.

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394 III. Internalismus und Externalismus

vornherein zum Scheitern verurteilt. Putnam stellt die Phnomenologie so


dar, als wrde sie dem Bewusstsein eine intrinsische Eigenschaft oder
Fhigkeit zuschreiben, welche die Beziehung auf die bewusstseinsexterne
Welt erst ermçglichte, „ein Vermçgen“, wie er sagt, „das [den Geist] zur
Bezugnahme instand setzt“ (Putnam 1981, 35). Von daher ist es denn nur
folgerichtig, dass er der Phnomenologie im Grunde nicht mehr Erkl-
rungskraft in Bezug auf die Intentionalitt des Mentalen bescheidet als
jenen „magischen Theorien der Bezugnahme“, die irgendwelche „myste-
riçsen Geisteskrfte“ fr die Etablierung der Beziehung zwischen Geist und
Welt postulieren (Putnam 1981, 17), derer man quasi nur introspektiv
habhaft werde.
Putnams eigene Thesen sowohl bezglich des Phnomens als auch
bezglich einer Theorie der Intentionalitt sind gleichermaßen ambivalent:
Einerseits sieht er sehr wohl, dass eine realistische Theorie der Bezugnahme
nicht nur um den Preis zu haben ist, dass das Phnomen der Intentionalitt
aus der Ontologie des Geistes verbannt wird; andererseits schrnkt er die
Aussicht auf eine informative Theorie der Intentionalitt nicht nur fr den
Reduktivisten, sondern auch fr den Phnomenologen ein. Doch Putnams
berlegungen zum Phnomen der Intentionalitt sind nicht nur ambi-
valent. Strker noch als im Falle seiner Theorie der Bedeutung und Re-
ferenz sind seine Thesen zu einer mçglichen Theorie der Intentionalitt,
wie er selbst explizit bemerkt, durchwegs negativ (vgl. Putnam 1988, 26).
Sofern es nach Putnam nmlich gar keine einheitliche, fest umgrenzte
phnomenologische Eigenschaft des Bewusstseins gibt, die einer solchen
Theorie entspricht, bliebe nicht mehr brig, als die zwei gegenlufigen
,Bilder‘, die Philosophen und Kognitionswissenschafter vom Phnomen
gezeichnet haben – nmlich das reduktionistische bzw. das metaphysisch-
mystische Bild –, als jeweils unzulnglich zu entlarven. Eine positive
Problemlçsung stellt Putnam selbst nicht in Aussicht.197
Nun trifft weder das reduktionistische noch auch das metaphysische
Bild, das Putnam vom Phnomen der Intentionalitt zeichnet, auf Husserls
transzendental-phnomenologische Theorie der Intentionalitt zu. Zum
einen ist noch einmal festzuhalten, dass die husserlsche Intentionalanalyse
mitnichten auf die Introspizierbarkeit irgendwelcher geistiger Entitten
angewiesen ist, die in einem, allein fr das betreffende Subjekt intentionaler
Erfahrung erkennbaren, notwendigen Zusammenhang mit der Außenwelt
stnden. Husserl zeichnet nicht das internalistische Zerrbild, das Autoren
wie A. D. Smith, G. Evans oder J. McDowell zu Recht kritisieren, wonach

197 Vgl. dazu Zahavi 2004c, 245 ff.

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 395

intentionale Objekte irgendwelche Objekte in einem geistigen Theater


wren, die nur dem inneren Auge eines intentionalen Betrachters zu-
gnglich wren.
Zum anderen ist zu betonen, dass es ein grundstzliches Missver-
stndnis wre, wollte man Husserl einen intentionalen Realismus zu-
schreiben. Obwohl Putnam dies auch nicht explizit tut, bildet der inten-
tionale Realismus, d. i. hier die These, dass das Phnomen der
Intentionalitt realer Bestandteil der Ontologie des Bewusstseins ist198, eine
notwendige Prmisse seiner anti-reduktionistischen Argumentation.
Husserl ist ebenso wenig intentionaler Realist, wie er Reduktivist in Bezug
auf Intentionalitt ist. Zwar ist fr Husserl die Intentionalitt des Be-
wusstseins „Ausgangs- und Grundbegriff“ der phnomenologischen Ana-
lyse; zwar spricht Husserl auch im gleichen Atemzug von der Schwierigkeit
„herauszustellen, was das pure Wesen der Intentionalitt eigentlich aus-
mache“ (Hua III/1, 191). Man verfehlte jedoch den Kern der phno-
menologischen Theorie der Intentionalitt, wenn man Intentionalitt als
eine dem Bewusstsein intrinsisch zukommende reale Eigenschaft oder als
ein Vermçgen verstnde.199 Ebenso wenig fhrt Husserl, anders als Bren-
tano, Intentionalitt als eine Art ontologisches Unterscheidungskriterium
zwischen Mentalem und Nicht-Mentalem ein. Insofern treffen auf Husserl
eben auch die Brentano-These oder ihre Ablehnung nicht zu. Denn, dass
Intentionalitt ein funktionaler Grundbegriff der phnomenologischen
Analyse ist, heißt nicht, dass es ein „undefinierbares Urphnomen“ in
Putnams Sinn ist. Zwar ist Intentionalitt fr Husserl tatschlich ein „,nicht
weiter zurckfhrbares‘ Phnomen“, die Intentionalitt des Bewusstseins
wird jedoch bei Husserl nicht „durch eine metaphysische Zurckfhrung“
erklrt (Putnam 1988, 26). Das Phnomen der Intentionalitt ist ph-
nomenologisch gesehen kein ontologisch letztes Wesensmerkmal, welches
in dem Sinne ,realer‘ wre, als es „,fundamentaler ist als‘ unsere Alltags-
erscheinungen“ oder „,unter‘ oder ,hinter‘“ diesen verborgen lge, wie
Putnam mit Blick auf traditionelle Metaphysiken kritisch anmerkt (Put-
nam 1988, 26). Husserl legt weder eine deduktive Theorie der Intentio-
nalitt vor, noch fungiert dieses Phnomen als ein letztbegrndendes
Definiens von Bewusstsein. Das steht in keinem Widerspruch dazu, dass
das Phnomen der Intentionalitt fr Husserl ebenso wenig weiter zu-
rckfhrbar ist wie das Phnomen der Bedeutung. Wie bereits erwhnt, ist
fr Husserl Bedeutung ein „deskriptiv Letztes“, das „sich nicht weiter

198 Siehe dazu mehr oben, Kap. II. 1.2.


199 Siehe dazu mehr oben, Kap. I. 3.

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396 III. Internalismus und Externalismus

definieren [lsst]“ (Hua XIX/1, 187). Im gleichen, nicht-deduktiven und


wohl kaum ,magischen‘ oder ,rtselhaften‘ Sinne ist auch die Intentionalitt
des Bewusstseins ein ,Letztes‘ der transzendentalen Deskription der in-
tentionalen Bewusstseinsakte und ihrer jeweiligen Inhalte.
Phnomenologisch gesehen ist Bewusstsein die intentionale Korrela-
tion zwischen dem, was man mit Rcksicht auf die gegenwrtige Inter-
nalismus/Externalismus-Debatte den internen und externen Aspekt bzw.
Kontext der Erfahrung nennen kçnnte. Internalisten und Externalisten
mçgen jeweils die richtige Theorie des intentionalen Inhaltes fr sich be-
anspruchen. Als Bewusstseinstheorien sind beide jedenfalls gleichermaßen
unzureichend, sofern sie entweder die eine oder die andere Seite der in-
tentionalen Korrelation sozusagen explanatorisch herunterspielen bzw.
ihren konstitutiven Beitrag zur Erfahrung von Gegenstndlichkeit ber-
haupt gnzlich ablehnen. Whrend der Internalismus die Gegenstnde der
Erfahrung auf die Rolle reduziert, welche intentionale Akte und deren
Inhalte im Bewusstsein spielen, reduziert der Externalismus die intentio-
nalen Inhalte auf die Gegenstnde, auf die sie sich vermittels der inten-
tionalen Akte beziehen. Demgegenber lautet eine der zentralen Einsichten
der transzendentalen Phnomenologie: Gegenstndliche Erfahrung spielt
sich weder im Bewusstsein noch gnzlich außerhalb ab und stellt auch nicht
eine Art vermittelndes ,Zwischenreich‘ bzw. ,Interface‘ dar.200
Das wird nicht zuletzt an Husserls noematischer Konzeption der In-
tentionalitt deutlich. Demnach sind, wie wir gesehen haben, entgegen der
fregeanisch-internalistischen Deutung ( la Føllesdal, Dreyfus & Co.)
Noemata nicht in einem ontologischen Zwischenreich zwischen der In-
terioritt eines selbstgengsamen, solipsistischen Bewusstseinsraumes und
der Exterioritt der Welt zu lokalisieren. Noemata sind weder interne
Bestandsstcke des Bewusstseins, die unabhngig davon existierten, was
sich in der bewusstseinstranszendierenden (Außen-)Welt abspielt (bzw. ob
es berhaupt irgendwelche bewusstseinstranszendenten intentionalen
Gegebenheiten gibt), noch haben Noemata eine Referenz-bestimmende
oder Intentionalitts-konstituierende Funktion oder berhaupt eine Ver-
mittlungsfunktion zwischen Bewusstseinsimmanenz und -transzendenz.
Whrend internalistische Interpretationen von Husserl die diesbe-
zgliche Funktion(en) der bewusstseinsimmanenten Seite betonen, weisen
externalistische Interpretationen auf die Rolle bewusstseinstranszendenter

200 Vgl. dazu auch Putnam 1999, 11 und 42. Siehe auch J. Hintikkas Zurckweisung
der Idee des phnomenologischen Residuums des transzendentalen Bewusstseins
als ein „interface with reality“ (Hintikka 1995, 89).

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2. Phnomenologie und die Internalismus/Externalismus-Debatte 397

Faktoren hin. Beide gehen jedoch in der Engfhrung oder gar Iden-
tifikation von Bewusstseinsimmanenz und Internalitt bzw. Bewusst-
seinstranszendenz und Externalitt fehl. Was das letztere Begriffspaar be-
trifft, kennzeichnet die phnomenologisch einzig akzeptable Konzeption
einer ,Externalitt‘ den Umstand, dass kein (intentionaler) Gegenstand sich
darin erschçpft bzw. darin aufgeht, Gegenstand von bewusstseinsmßigen
Intentionen zu sein, sondern stets auf Sinnebenen, Kontexte bzw. (innere
und ußere) Horizonte verweist, die die jeweilige aktuelle Intention
transzendieren. So ist nicht nur jedes Intendieren phnomenologisch ge-
sehen eine „bestndige Prtention“ (Hua XI, 3), ein ,Mehr-Meinen‘, ein
intentionaler „berschuss“ (Hua XIX/1, 399) – analog transzendiert auch
jeder (ußere) Gegenstand sowohl seine aktuale Erscheinung als auch die
jeweilige Intention. Was aber kein (weder ußerer noch innerer) inten-
tionaler Gegenstand je transzendiert, ist, Gegenstand einer jeweiligen be-
wusstseinsmßigen Intention mit einem jeweiligen intentionalen Sinn
(Noema) zu sein. Bildlich gesprochen: Kein Exzess an gegenstndlichem
Sinn bersteigt, dass jeder gegenstndliche Sinn (noematischer) Sinn einer
betreffenden Intention ist. Entsprechend ist der (noematische) relevante
Immanenzbegriff der Phnomenologie jener der intentionalen Immanenz.
Diese Immanenz stellt jedoch keine eigene bzw. eigenstndige Seinsregion
dar, die irgendwo (im Geist/Bewusstsein/Subjekt/Gehirn etc.) lokalisierbar
wre, sondern ist vielmehr das thematische Feld der phnomenologischen
(noematischen) Reflexion auf intentionale bzw. bewusstseinsmßige
Sinnkonstitution.
Nicht zuletzt ist auch eine der impliziten Kernannahmen des Exter-
nalismus, wonach die Exterioritt eines Gegenstandes, qua eines de re-
Gegenstandes intentionaler Bezugnahme, mit der Existenz desselben ein-
hergeht, phnomenologisch nicht begrndet. Phnomenologisch gesehen
impliziert Exterioritt (als solche) niemals reale Existenz, ebenso wenig wie
Interioritt (bloß) mentale (In-)Existenz impliziert.201 Vielmehr sind diese
beiden Konzepte nur im Zusammenhang mit jenen der reellen und in-
tentionalen Immanenz bzw. Transzendenz und der Strukturanalyse inten-
tionaler Erfllung gerechtfertigt.
Vor der Folie der Internalismus/Externalismus-Diskussion wird nun
auch die wesentliche Korrelation zwischen der Phnomenologie der Be-
deutung bzw. des Noema und jener der Intentionalitt des Bewusstseins
offenkundig: Die Phnomenologie der Bedeutung ist kein Verfahren zur

201 Zum transzendental-phnomenologischen Konzept der Existenz siehe mehr un-


ten, Kap. IV. 6.

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398 III. Internalismus und Externalismus

Festlegung der Bezugs-bestimmenden Faktoren bzw. zur Bestimmung der


Extension von (singulren) Termini oder der Verifikation von Proposi-
tionen, sondern die Beschreibung der Konstitution sinnvoller Bezugnah-
me. Dementsprechend stellt die Phnomenologie der Intentionalitt des
Bewusstseins kein Verfahren zur Determination einer internen oder ex-
ternen Eigenschaft dar, welche fr die referenzielle Beziehung zwischen
Geist und Welt verantwortlich ist. Sie gibt auch keine Richtschnur an die
Hand, um zu entscheiden, ob es die externen Objekte oder aber die in-
ternen Erfahrungsinhalte sind, die berhaupt eine Erfahrung zu einer
(genuinen) Erfahrung machen – wie es der Disjunktivist fordert. Vielmehr
ist phnomenologische Intentionalanalyse eine reflexive Beschreibung des
Bewusstseins als eine Art Medium intentionalen Erlebens, in dem die
Konstitution verschiedener Weisen der sinnvollen Bezugnahme auf Welt
statthat. Gegenstand dieser Beschreibung ist die Korrelation zwischen den
mçglichen Erscheinungsweisen einer bedeutsamen Realitt und den
mçglichen Typen und Strukturen bewusstseinsmßiger Bezugnahme auf
ebendiese Realitt. Dem entspricht wiederum, dass phnomenologische
Intentionalanalyse weder reine Bewusstseins- noch reine Bedeutungsana-
lyse, sondern wesensmßig Korrelationsanalyse ist. Intentionalanalyse als
Korrelationsanalyse ist die Beschreibung des Funktionszusammenhanges
zwischen bedeutungsverleihenden Bewusstseinsakten, den Bedeutungen
intentionaler Bezugsgegenstnde bzw. des Sinnes der Bezugnahme und
einer bedeutsam verfassten Realitt. Es ist dieser Funktionszusammenhang,
der sozusagen eine methodisch saubere Trennung des Problems der
Konstitution intentionaler Bezugnahme vom Problem der Determination
des referenziellen Gehalts intentionaler Zustnde und mithin eine re-
duktive Erklrung des Intentionalen im Sinne Reprsentationaler Theorien
der Intentionalitt bzw. des Reprsentationalen Verifikationismus verun-
mçglicht.

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