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André Steiner

Von Plan
zu Plan
André Steiner

Von Plan zu Plan


Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR

deutsche verlags-anstalt
münchen
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
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© 2004 by Deutsche Verlags-Anstalt, München


Alle Rechte vorbehalten
Gesetzt aus der Stempel Garamond
Satz und Layout: BK-Verlagsservice, München
Druck und Bindung: Bercker, Kevelaer
Printed in Germany
ISBN 3-421-05590-4
Inhalt

Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

1. Schwerer Start? Ausgangsbedingungen der SBZ . . . . . . . 19


Wirtschaftspotential und seine Struktur am Kriegsende . . . 19
Demontagen und Reparationen . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Politische Kräfte in der SBZ und ihre wirtschaftspolitischen
Vorstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Bodenreform und Verstaatlichung der Industrie . . . . . . . 38
Wiederingangsetzung der Produktion. . . . . . . . . . . . . 44

2. Die Etablierung der Planwirtschaft 1948–1953 . . . . . . . . 51


Deutsche Wirtschaftskommission und Währungsreform . . . 52
Probleme der Wirtschaftslenkung . . . . . . . . . . . . . . . 57
Umorientierung des Außenhandels und Industrieentwicklung 63
Landwirtschaft und Versorgung der Bevölkerung. . . . . . . 67
Beschluß zum »Aufbau des Sozialismus« . . . . . . . . . . . 73
Der 17. Juni 1953 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

3. Planung zwischen Mangel und Wachstum 1953–1961 . . . . 83


Industrie- und Strukturpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
Privatsektor und Landwirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Probleme des Lenkungsmechanismus . . . . . . . . . . . . . 94
Wachstum, Strukturwandel und Lebensstandard . . . . . . . 101
Die »ökonomische Hauptaufgabe«: »Einholen und überholen« 110
Kollektivierung und der Weg in die Krise 1960/61 . . . . . . 115

4. »Goldene« Sechziger? Wirtschaftsreform zwischen Aufbruch


und Krise 1961–1971 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
»Störfreimachung« und »Produktionsaufgebot« 1961/62 . . 124
Ein »Neues Ökonomisches System«? . . . . . . . . . . . . . . 129
Umsetzung der Reform . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
»Überholen ohne einzuholen« . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Wirtschaftsergebnisse und Lebensstandard in der Reform-
periode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Die Wachstumskrise 1969/70 und die politischen Folgen . . . 159

5. »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« 1971–1982 . . . 165


Honeckers »Hauptaufgabe« . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
Weniger Investitionen und Innovationen ...? . . . . . . . . . 178
Konzentration in Industrie und Landwirtschaft . . . . . . . . 184
... mehr Konsum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
Verschuldungskrise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191

6. Fortgesetzter wirtschaftlicher Niedergang 1982–1989 . . . . 197


Wege aus der Verschuldung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
Reformverzicht in der Wirtschaftslenkung . . . . . . . . . . 203
Zunehmender Substanzverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
Mehr Geld, weniger Waren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Finale Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

Anhang
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
Kommentierte Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
Kurzbiographien wichtiger Personen . . . . . . . . . . . . . 267
Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
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Einführung

Als Walter Ulbricht Anfang der 50er Jahre im Rundfunk schwärmte:


»Wenn ich durch die Straßen gehe und etwas neues Schönes sehe,
weis’ ich stolz darauf, das hat mein Freund getan, mein Freund der
Plan!«, mag er tatsächlich daran geglaubt haben.1 Heute ist Planwirt-
schaft gründlich diskreditiert, auch auf Grund der DDR-Erfahrung.
Trotzdem kann ihre Geschichte nicht vom Ende her erzählt werden,
sondern es gilt zu fragen, weshalb es so kam, wie es kam, und vor
allem, welche Alternativen es gab und weshalb sie nicht gewählt
wurden. Dabei wird hier die These vertreten, daß die ökonomischen
Resultate der DDR vor allem ihrem Wirtschaftssystem geschuldet
waren. Die schlechten Startbedingungen, die an die Sowjetunion
zu leistende Wiedergutmachung und der »Wirtschaftskrieg« des
Westens, spielten in der Konsolidierungsphase der DDR-Wirtschaft
zweifellos eine Rolle. Aber diese Faktoren waren nicht ausschlag-
gebend für den zunehmenden Rückstand der DDR gegenüber der
Bundesrepublik. Das entscheidende Negativ-Moment war das plan-
wirtschaftliche System.
Die Planwirtschaft war Teil eines Gesellschaftssystems, in dem
die Politik beanspruchte, alle Teilsysteme gestalten und bestimmen
zu können. Es wurde von der in der kommunistischen Tradition
stehenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) be-
herrscht, die über weitgehende Entscheidungskompetenzen für alle
gesellschaftlichen Teilbereiche verfügte. Ihren Führungsanspruch
rechtfertigte sie damit, daß allein die Partei – gestützt auf die als Wis-
senschaft deklarierte Ideologie des Marxismus-Leninismus – über
das Wissen verfüge, die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft im
voraus zu bestimmen. Gemäß der marxistischen Theorie sollte die

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einführung

Wirtschaft so umgestaltet werden, daß die negativen Seiten kapitali-


stischer Ökonomie beseitigt würden.
Deshalb war das private Eigentum an den Produktionsmitteln
abzuschaffen und auf dieser Grundlage die Wirtschaft im vorhinein,
also nach einem Plan, und zentral zu steuern. Damit – so Ulbricht
auf dem II. SED-Parteitag im September 1947 – sollte die Wirtschaft
»so gelenkt werden, daß die Möglichkeit geschaffen wird, der Gefahr
von Krisen zu begegnen«. Mit der Planung, so Ulbricht weiter,
»werden auch die Voraussetzungen für die spätere Verhinderung
der Krisen geschaffen. Das heißt, die Arbeiterschaft wird von der
Furcht vor Massenarbeitslosigkeit befreit.«2 In dieser Vision sollten
also Vollbeschäftigung und Krisenfreiheit garantiert und damit die
Möglichkeit geschaffen werden, die Bedürfnisse der Menschen zu
befriedigen. Aus der Erfüllung dieser Ansprüche mittels der Plan-
wirtschaft leitete die SED auch die Legitimität ihrer Herrschaft
ab; das Vorhaben, ein menschlicheres System zu konstruieren,
rechtfertigte die Eingriffe des Staates in das Wirtschaftsleben. Die
Differenzierung zwischen Politik und Wirtschaft wurde weitgehend
aufgehoben, wirtschaftliche Rationalität politischen Erwägungen
nachgeordnet.
Die »neue« Gesellschaft der DDR wurde bewußt als Gegenmodell
zum liberalen und marktverfaßten System geschaffen. Motiviert war
das nicht allein durch die sozialistische Utopie, sondern auch und vor
allem durch die historischen Erfahrungen mit den wirtschaftlichen
Turbulenzen der Zwischenkriegszeit, insbesondere mit der Welt-
wirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre, und deren politischen und
sozialen Folgen. Das sowjetische System erschien als Alternative, da
es zur gleichen Zeit mit der Stalinschen Industrialisierungspolitik
beeindruckende Wachstumsraten erzielt und die Arbeitslosigkeit
beseitigt hatte. In der Wahrnehmung der Kommunisten galt nicht
zuletzt ihr überragender Anteil an der Zerschlagung des Dritten
Reiches als Beweis für die Leistungsfähigkeit der Sowjetwirtschaft.
Die nach dem Krieg nicht nur im Osten Deutschlands anzutref-
fende Faszination gegenüber der Planwirtschaft beruhte aber auch
darauf, daß man nicht wußte oder nicht wahrhaben wollte, wie
viele Menschenleben und andere Opfer die nachholende Industria-

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einführung

lisierung in der Sowjetunion gekostet hatte. Die Etablierung dieses


Gesellschaftsmodells in einem Teil Deutschlands war ein Ergebnis
der internationalen Nachkriegsentwicklung, des von Ost und West
geführten Kalten Krieges und der damit verbundenen deutschen Tei-
lung. Es sollte den Hauptprotagonisten dieser Transformation – den
deutschen Kommunisten – ihre im Windschatten der sowjetischen
Besatzungstruppen errungene politische Macht sichern. Auch des-
halb lehnten sie sich dabei an das Modell der Sowjetunion an, wobei
sich diese – entsprechend ihrer jeweiligen deutschlandpolitischen
Intention – entweder zurückhielt oder den Prozeß förderte.
Die SED mußte bei ihrer Politik aber auch den politischen und
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung tragen. Durch die
deutsche Teilung und den eigenen Anspruch, im Osten Deutschlands
eine Alternative zum marktwirtschaftlichen System im Westen zu
entwickeln, wurde die Bundesrepublik zur Referenzgesellschaft der
DDR. Der Vergleich mit dem »Westen« blieb für wirtschaftspoli-
tische Entscheidungen in manchen Zeiten explizit, stets aber implizit
ein wichtiger, oft sogar der wichtigste Parameter. Zugleich mußte die
SED-Spitze den Blockzusammenhang bedenken, denn er begründete
die Existenz der DDR – sowohl in politischer und militärischer als
auch in ökonomischer und ideologischer Hinsicht. Otto Reinhold,
einer der Vordenker der späten SED, drückte das in der finalen Krise
der DDR im Sommer/Herbst 1989 mit bemerkenswerter Klarheit
aus: »Ohne Sozialismus in der DDR wird es auf Dauer keine zwei
deutschen Staaten geben.«3 Da sich die SED-Spitze im Interesse ihrer
eigenen Macht nur begrenzt von den Vorstellungen ihrer Moskauer
Schirmherren entfernen konnte, war ihr Handlungsspielraum bei
der Gestaltung des eigenen Systems gering. Das sowjetische Pla-
nungssystem blieb immer der Hintergrund, vor dem über Ände-
rungen im eigenen Wirtschaftssystem nachgedacht wurde. Diese
Rahmenbedingungen – die wirtschaftliche Herausforderung durch
den Westen und die durch die Blockbindung begrenzte Systemva-
riabilität – standen in einem latenten Widerspruch zueinander. Er
läßt sich auch beschreiben als ein Konflikt zwischen Machtsicherung
und Gewährleistung wirtschaftlicher Effizienz, wobei ohne entspre-
chende ökonomische Ergebnisse mittel- und langfristig die Macht

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nicht zu garantieren war. Schließlich war dieses System in mehrfa-


cher Weise nicht legitimiert. Wie in anderen Diktaturen und weit
stärker als in liberalen Gesellschaften bedurfte es in der DDR eines
Mindestniveaus an Konsum, um massenhafte Loyalität der Bevöl-
kerung und damit Systemstabilität zu erzeugen. Macht allein jedoch
versprach noch keine wirtschaftliche Effizienz.
Angesichts dieser Rahmenbedingungen und ideologischen Prämis-
sen sah sich die Partei in der Wirtschaftspolitik vor zahlreiche Ent-
scheidungsdilemmata gestellt. Um den optimalen Entwicklungspfad
für die Wirtschaft im vorhinein zu bestimmen, war die Entscheidung
zu treffen, wieviel des Erwirtschafteten für Konsum und wieviel für
Investitionen bereitgestellt werden sollte. Angesichts des ständigen
Vergleichs mit der Bundesrepublik war Konsumverzicht in der DDR
nicht in dem Maße durchsetzbar wie in anderen osteuropäischen
Ländern. Andererseits waren höhere Investitionen im Interesse
zukünftigen Wachstums und daraufhin zunehmenden Verbrauchs
notwendig. Die Aufteilung von Konsum und Investitionen blieb
eine politische Entscheidung zwischen kurz- und langfristigen Inter-
essen, für die es keine objektiven Kriterien gab und bei der man sich
tendenziell eher an der langfristigen Sicherung der Macht und damit
an höheren Investitionen orientierte. Dabei ließ man sich von dem
Dogma leiten, die Produktion von Produktionsmitteln habe stets
schneller zu wachsen als die von Konsumtionsmitteln, das auf einer
Verabsolutierung der Marxschen Reproduktionsschemata beruhte
und von den sowjetischen Industrialisierungserfahrungen geleitet
war. Diese Vorstellung leistete zum einen der Vernachlässigung der
Konsumgüterindustrie Vorschub, was wiederum der Steigerung des
Lebensstandards entgegenstand. Zum anderen sollte sie sich zuneh-
mend als Hemmnis für den modernen Strukturwandel und damit für
das künftige Wachstum erweisen.
Grundgedanke des Planungssystems war, die Volkswirtschaft
insgesamt und in ihren Teilsystemen, also bis zu den Betrieben hin,
zu koordinieren und zu lenken. Hierfür bedurfte es Institutionen,
die sich von denen freier Marktwirtschaften unterschieden. In der
DDR war diese neue Institutionenordnung – mit kleinen Ausnah-
men in einzelnen Zeitabschnitten – strikt hierarchisch organisiert

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und bestand aus zwei in ihren Kompetenzen ineinandergreifenden,


mitunter gegeneinander arbeitenden und in der Spitze personell
verflochtenen Säulen: der staatlichen Wirtschaftsbürokratie auf der
einen und dem SED-Parteiapparat auf der anderen Seite. In der
Wirtschaftsbürokratie kam der Staatlichen Plankommission (SPK)
eine herausgehobene Rolle zu. Sie hatte die Pläne zu erarbeiten und
zu verantworten und mußte die Verflechtungen der verschiedenen
Steuerungsgebiete herstellen und dabei die Interessen einzelner
Teilbereiche zurückweisen, die den volkswirtschaftlichen, oft aber
politisch bestimmten Prioritäten entgegenstanden. Die unmittelbar
operative Leitung der Wirtschaft übernahmen meist Ministerien,
die jeweils für bestimmte Bereiche oder Branchen zuständig waren.
Die Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und die Kombinate
bildeten unterhalb der Ministerien eine mittlere Ebene: Sie faßten
die Betriebe einer Branche zusammen. Abgesehen von der formalen
Billigung der Pläne durch die Volkskammer lag die letzte Entschei-
dung aller wesentlichen Fragen staatlicherseits beim Ministerrat
und seinem Präsidium, dem die zentralen Instanzen unterstanden.
Die wichtigsten Mitglieder des Präsidiums des Ministerrates waren
zugleich Angehörige der Spitzengremien der SED.
In der SED beriet und entschied das Politbüro bzw. das Sekreta-
riat des Zentralkomitees (ZK) alle grundlegenden wirtschaftlichen
Fragen. Schlüsselpositionen hatten dabei der Parteichef – also Walter
Ulbricht und ab 1971 Erich Honecker – und die für Wirtschaft ver-
antwortlichen Mitglieder des Sekretariats bzw. des Politbüros, die
auch die Arbeit der wirtschaftspolitischen Abteilungen des ZK leite-
ten. Ähnliche wirtschaftspolitische Abteilungen existierten ebenfalls
auf der Ebene der SED-Bezirks- und -Kreisleitungen. Schließlich
konnte die SED ihren Einfluß in der Wirtschaft über die in allen
Betrieben tätigen Parteiorganisationen und deren Sekretäre geltend
machen. Entscheidend für das Verhältnis zwischen Wirtschaftsbüro-
kratie und Parteiapparat war jedoch, daß Beschlüsse der Parteispitze
von den staatlichen Instanzen zu übernehmen waren. Die SPK hatte
keine Grundsatzentscheidungen zu treffen, vielmehr hatte sie sie
dem SED-Politbüro und dem Ministerrat vorzulegen. Wirtschaftli-
che Rationalität war so auch institutionell den politischen Vorgaben

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einführung

und deren Räson untergeordnet. Darüber hinaus hatte die Partei


bei der Besetzung der maßgeblichen Leitungspositionen nicht nur
im eigenen, sondern auch im staatlichen Apparat das letzte Wort
(Nomenklaturprinzip). Der SED-Apparat wurde so zum Korrektiv
bei sich abzeichnenden wirtschaftlichen Problemen und zur letzten
Entscheidungsinstanz bei Meinungsverschiedenheiten innerhalb der
Wirtschaftsbürokratie. Zwar hatte die politische Führung das letzte
Wort, aber die Fachinstanzen der Wirtschaftsbürokratie konnten mit
ihren Vorlagen und Ausarbeitungen deren Entscheidungen prädis-
ponieren.
Der Jahresplan war das wichtigste Instrument der Wirtschafts-
lenkung, auch wenn mit der Zeit mittelfristige Pläne an Bedeutung
gewannen. Das größte Gewicht hatte der Produktionsplan gefolgt
vom für die Strukturentwicklung wichtigen Investitionsplan. Die
Pläne entstanden in einem hoch zentralisierten, bürokratischen Pro-
zeß, in den die nachgeordneten Hierarchieebenen einbezogen wur-
den. Deren Mitarbeit war notwendig, weil die zentralen Instanzen
nicht über alle Kapazitäten, Ressourcen und Produktionsfunktionen
informiert sein konnten. Zudem bot das Verfahren die Chance,
bei den Betrieben und ihren Beschäftigten Eigentümerbewußtsein
zu schaffen, indem ihnen formal die Möglichkeit geboten wurde,
an Entscheidungen mitzuwirken. Auf dieser Basis sollten sie sich
mit den Plänen identifizieren und sie mit Eifer erfüllen. Allerdings
blieb ihre Teilhabe stark eingeschränkt. Grundsätzlich wurden alle
wesentlichen Fragen zentral entschieden: die Gründung oder Schlie-
ßung von Betrieben, deren Produktionsprofil und dessen Änderung,
die Verteilung der Produktionsfaktoren, die Aufteilung zwischen
Konsumtion und Investitionen, einzuführende technische Entwick-
lungen, Ex- und Importe, Preis- und Finanzfragen.
Die Teilhabe der nachgeordneten Ebenen bezog sich auf die zen-
tral gesetzten Ziele und ihre Erfüllung. In diesem eng gesteckten
Rahmen konnten die Betriebe aus ihrem erwirtschafteten Gewinn
Mittel für Prämien und Investitionen verwenden oder Mittel aus
dem Staatshaushalt erhalten. So hatten sie zumindest formal einen
Anreiz, den Plan zu erfüllen. Schon deshalb lag den Betrieben
und ihrem Führungspersonal daran, möglichst niedrige Planziele

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einführung

und möglichst viele Ressourcen zu erhalten. Um vorliegende und


künftige Vorgaben leichter erfüllen zu können, wurden vorhandene
Kapazitäten und Vorräte häufig verschleiert und Arbeitskräfte,
Anlagen und Material gehortet. Diese dem System immanente Ten-
denz zu »weichen« Plänen wurde durch eine asymmetrische Infor-
mationsverteilung noch begünstigt. Die oberen Instanzen waren nie-
mals vollständig über die Lage und die vorhandenen Ressourcen der
nachgeordneten Ebenen unterrichtet. In finanzieller Hinsicht war
das Streben nach möglichst vielen Ressourcen für die »volkseigenen«
Betriebe kein Problem, da sie selbst bei negativen wirtschaftlichen
Ergebnissen vom Staat alimentiert wurden. Schon um die Vollbe-
schäftigung zu sichern und damit die Überlegenheit des eigenen
Wirtschaftssystems gegenüber dem westlichen zu beweisen, sah sich
der Staat verpflichtet, den Finanzbedarf der Betriebe zu decken und
keinen Betrieb in Konkurs gehen zu lassen. Man bezeichnet das auch
als finanziell weiche Budgetbeschränkung.
Das hier nur kurz skizzierte planwirtschaftliche System wies von
Anfang an zwei grundlegende Probleme auf: das Informations- und
das Anreizproblem. In Marktwirtschaften ergeben sich die Preise
aus dem jeweiligen Verhältnis von Angebot und Nachfrage; die
Preisentwicklung ist eine unverzichtbare Informationsquelle, an der
die Unternehmen ihre wirtschaftlichen Entscheidungen ausrichten.
Im Planungssystem der DDR, in dem man den wirtschaftlichen
Prozeß bewußt und im vorhinein gestalten wollte, sollten die Preise
– anders als in einer Marktwirtschaft – keine Quelle für Unsicher-
heiten mehr sein. Das bedeutete auch, auf die Preise als unabhängige
aus dem Wirtschaftsprozeß selbst gewonnene Informationsquelle zu
verzichten. Sie blieben noch als weitgehend starre Recheneinheit für
Wertgrößen erhalten, die im Widerspruch zur Dynamik des Wirt-
schaftsprozesses standen. Die für die wirtschaftlichen Entscheidun-
gen erforderlichen Informationen konnte die Zentrale nur aus dem
Planungsprozeß selbst gewinnen. Allerdings wurden sie in diesem
bürokratischen und hierarchischen Prozeß durch die verschiedenen
Interessen der nach- und übergeordneten Ebenen – wie bereits im
Zusammenhang mit den »weichen« Plänen gesehen – verfälscht. Auf
dieser Basis war die Zentrale nicht in der Lage, wirtschaftlich opti-

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einführung

male Entscheidungen zu treffen. Sie orientierte sich deshalb entspre-


chend ihrem Führungsanspruch vornehmlich an politisch gesetzten
Prioritäten.
Darüber hinaus barg die gegebene Systemstruktur ein Anreiz-
problem: Betriebe und Beschäftigte zu höchsten Leistungen zu
motivieren, war schwierig. Das anfänglich bemühte Idealbild vom
»neuen Menschen« erwies sich schnell als Fiktion, denn der formale
Besitz an Maschinen und Fabriken war kein Garant für eine höhere
Arbeitsmotivation. Aus dem Widerspruch zwischen wirtschaftlich
notwendigem Leistungsdruck und den Legitimationsgrundlagen
des Systems, wie dem Anspruch auf Vollbeschäftigung, entstand das
Anreizproblem. Zwar legitimierte die SED-Spitze ihre Herrschaft
als »Arbeiter-und-Bauern-Macht«, gleichzeitig mußte sie aber den
Arbeitern als eine Art »Gesamtunternehmer« gegenübertreten, der
immer höhere Leistungen forderte. Jeder zusätzliche Leistungs-
zwang gefährdete daher potentiell die Legitimität der SED-Macht;
der Verzicht auf ihn tat es über den Verlust an wirtschaftlicher Lei-
stungsfähigkeit aber ebenso.
Im überwiegenden Teil der DDR-Geschichte war der Planungs-
mechanismus außerdem so gestaltet, daß die Betriebe vor allem dafür
belohnt wurden, wenn sie ihre Produktion quantitativ erfüllt hatten.
Qualitative Aspekte spielten meist eine nachgeordnete Rolle. In die-
ser Perspektive erschien jede Neuerung bei den Produkten und im
Fertigungsprozeß als eine Störung. So waren die Betriebe – von Aus-
nahmen abgesehen – kaum an Innovationen interessiert, was für sie
nicht weiter problematisch war, weil sie bei dem herrschenden all-
gemeinen Mangel an Waren ihre Produkte (nahezu) immer absetzen
konnten. Das staatliche Außenhandelsmonopol, gedacht als Schutz
der Volkswirtschaft vor »Störungen« von außen, insofern als es die
Betriebe von der Konkurrenz auf den Außenmärkten abschottete,
tat das Seine. Die Folge war eine systemimmanente Innovations-
schwäche.
Bei Defiziten an Rohstoffen oder Vorleistungen erlaubten es die
Ressourcenvorräte der Betriebe, eigenständig und außerhalb der
Pläne Abhilfe zu schaffen. Spontan und frei von zentraler Admini-
stration tauschten die Betriebe ihre gehorteten Produkte untereinan-

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der. Das erforderte zwar einen hohen Aufwand, aber der damit in der
Regel zu erzielende Nutzen war hoch und sicherte die Planerfüllung
– das entscheidende Kriterium, für das die Betriebsverantwortlichen
belohnt bzw. bestraft wurden. Gesamtwirtschaftlich trug dieser
Graue Markt nicht unerheblich zum Funktionieren des Systems bei.
Die Tatsache, daß das Funktionieren des Systems das Unterwandern
seiner eigenen formalen Regeln erforderte, war ein Symptom seiner
Ineffizienzen. Die Ressourcen der Volkswirtschaft waren also nicht
nur nicht optimal verteilt, sie wurden zudem oft nur unzureichend
genutzt. Permanenter Mangel und scheinbar ständiger Überfluß, wie
die in den Betrieben angehäuften Vorräte zeigen, waren charakteri-
stisch für die Volkswirtschaft der DDR.
Die vielfältigen Funktionsschwächen des Wirtschaftssystems waren
den Verantwortlichen bekannt. Sie galten jedoch als »Kinderkrank-
heiten«, als lösbare Anfangsprobleme. Im Westen dagegen wurde
von Anfang an ihr grundsätzlicher Charakter betont. Wie konnte
das System überhaupt mehr als 40 Jahre bestehen, obwohl es ineffi-
zient war? Auf diese Frage lassen sich mehrere Antworten anführen.
Erstens verfügte trotz aller systemimmanenten Defekte auch die
Planwirtschaft über Anpassungselastizitäten wie etwa den Grauen
Markt. Sie resultierten vor allem aus der Unvollkommenheit und
den Lücken der Planung: Selbst im stark zentralistischen System
der DDR war es nicht möglich, den »totalen« Plan aufzustellen.
Zweitens verfügte die DDR – trotz gravierender Defizite in einigen
Bereichen und bei den Rohstoffen – über ein hochentwickeltes Wirt-
schaftspotential, das durch die Ineffizienzen erst nach und nach auf-
gezehrt wurde. Der planwirtschaftliche Lenkungsmechanismus war
relativ gut in der Lage, die nach dem Krieg zunächst brachliegenden
extensiven Wachstumsquellen zu erschließen. Erst als diese Ende der
50er Jahre erschöpft waren, zeigten sich zunehmend die Grenzen
des Systems. Von dem weltweiten Boom der 50er und 60er Jahre
profitierte mittelbar selbst die DDR, wenn auch bei weitem nicht
in dem Maße wie marktorientierte Wirtschaften. Drittens flossen
spätestens seit Ende der 50er und mindestens bis in die beginnenden
80er Jahre direkt und indirekt erhebliche Mittel aus der Sowjetunion
zu. Ab den 70er Jahren kamen politisch bedingte Zuflüsse aus der

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einführung

Bundesrepublik dazu, die über das ein oder andere Wirtschaftspro-


blem hinweghalfen. Erst als die Sowjetunion die DDR nicht mehr
unterstützen wollte und konnte, waren die Defizite auch nicht mehr
durch die Transfers aus dem Westen auszugleichen. Die existenz-
gefährdende wirtschaftliche Schwäche des Systems trat mehr oder
minder offen zu Tage und der wirtschaftliche Niedergang der DDR
beschleunigte sich.
Die folgende Darstellung konzentriert sich auf drei Schwerpunkte:
Erstens ist das Entstehen und die institutionelle Ausgestaltung der
Planwirtschaft in der DDR als einer zum westlichen System »alter-
nativen« Wirtschaftsordnung zu beschreiben. Zweitens müssen die
grundlegenden wirtschaftspolitischen Entscheidungen der SED-
Spitze in den Mittelpunkt gerückt werden, um drittens schließlich
die realwirtschaftlichen Konsequenzen der konkreten Gestalt der
Planwirtschaft und der SED-Wirtschaftspolitik aufzuzeigen. In
diesem Zusammenhang sind Wachstum und Produktivität sowie
Konsum und Lebensstandard der Bevölkerung, als letztendlicher
Ausweis der gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, herauszu-
stellen.4 Im wesentlichen konzentriert sich die Untersuchung auf die
makroökonomische Ebene und stellt dabei vor allem die Entwick-
lungen in der Industrie und der Landwirtschaft dar. Die betriebliche
Ebene spielt vornehmlich im Zusammenhang mit den Anreizproble-
men eine Rolle, bleibt darüber hinaus aber unberücksichtigt.
Die Periodisierung orientiert sich an politischen Zäsuren, denen
jeweils ökonomische Krisen vorausgingen. Diese Krisen waren
wesentlich politisch verursacht. Allen war gemeinsam, daß die SED-
Spitze zuvor versucht hatte, das Wachstum zu beschleunigen. Damit
wurden die volkswirtschaftlichen Möglichkeiten überstrapaziert, die
Ungleichgewichte im Wirtschaftsprozeß vergrößert und der ohne-
hin durch das System verursachte Mangel noch verstärkt. In der
Bevölkerung kam es zu politischen Unruhen, 1953 sogar zu einem
Aufstand. Die Partei-Spitze hat auf diese Krisen unterschiedlich rea-
giert. Meist wurden die Wachstumsvorgaben zurückgenommen und
die für den Konsum bereitgestellten Mittel erhöht; oder es wurden
Reformen in Gang gesetzt, um das System effizienter zu machen.
Da diese aber aus systemimmanenten Gründen scheiterten, sah sich

16
einführung

die SED-Spitze schon wegen der Konkurrenz mit dem Westen bald
wieder veranlaßt, die nächste Mobilisierungsoffensive in die Wege
zu leiten. Insofern kann hier von einem politisch induzierten Krisen-
zyklus gesprochen werden, dem die Periodisierung Rechnung trägt.
Der Forschungsstand zu den verschiedenen Zeitabschnitten und
Problemen der DDR-Wirtschaftsgeschichte ist bis heute höchst
unterschiedlich. Die vorliegende Darstellung will weniger die beste-
henden Lücken ausfüllen als das Vorhandene – ohne Anspruch auf
Vollständigkeit – zusammenfassen. Hierbei konnte auf die vielfäl-
tigen Ergebnisse der Arbeiten anderer zurückgegriffen und durch
eigene Forschungen ergänzt werden. Um die Anmerkungen knapp
zu halten, verweisen sie in der Regel lediglich auf die Quellen für
Zitate und Zahlenangaben. Das Fundament, auf dem dieses Buch
ruht, wird dagegen in der kommentierten Bibliographie nachgewie-
sen, in der die wichtigste Literatur zum Thema aufgeführt ist. Der
Verzicht auf die Darstellung älterer und neuerer Forschungskontro-
versen dient ebenso der besseren Lesbarkeit des Buches.
Nicht zuletzt ist darauf zu hinzuweisen, daß in die Darstellung
Gespräche und Diskussionen mit Kollegen und Freunden einge-
flossen sind, die hier aus Platzgründen ungenannt bleiben müssen.
Besonderen Dank schulde ich aber Burghard Ciesla, Matthias Judt,
Jennifer Schevardo und Dietrich Staritz, die das Manuskript in Tei-
len oder zur Gänze nicht nur gelesen, sondern auch mit Kritik und
Vorschlägen bereichert haben. Bei der Literaturbeschaffung und
Datenerfassung wurde ich von Sven Schultze unterstützt, dem dafür
an dieser Stelle ebenfalls gedankt sei. Ferner bin ich den Mitarbeitern
des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde und der Stiftung Archiv der
Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv für
ihre Geduld und Hilfsbereitschaft dankbar.

17
wirtschaftspotential und seine struktur am kriegsende

1. Schwerer Start? Ausgangsbedingungen der SBZ

Bereits vor Kriegsende hatten die Alliierten beschlossen, Deutsch-


land unter Abtrennung seiner Ostgebiete gemeinsam zu verwalten
und in Besatzungszonen zu gliedern. Das Gebiet der Sowjetischen
Besatzungszone (SBZ) umfaßte die Länder Mecklenburg-Vorpom-
mern, Thüringen und Sachsen sowie die ehedem preußischen Pro-
vinzen Brandenburg und Sachsen (später: Sachsen-Anhalt), die 1947
– nach der Auflösung Preußens – als Länder konstituiert wurden.
Die SBZ (ohne Berlin) nahm 23 % der Fläche des Deutschen Reiches
in den Grenzen von 1937 ein; in ihr lebten 1939 22 % der Bevölke-
rung.1

Wirtschaftspotential und seine Struktur am Kriegsende

Die spätere SBZ war bereits vor dem Krieg hoch industrialisiert.
Ihr Industrialisierungsgrad lag 1936 mit 546 Reichsmark (RM)
Nettoproduktionswert je Einwohner etwas über dem Durchschnitt
Deutschlands in den in Potsdam festgelegten Grenzen von 535 RM.2
Innerhalb der SBZ zeigte die Industriedichte ein ausgeprägtes Süd-
Nord-Gefälle: Insbesondere in Sachsen, aber auch in Thüringen und
Sachsen-Anhalt sowie im Großraum Berlin war die Industrie stark
entwickelt. Die Provinz Brandenburg, Teile von Sachsen-Anhalt
und vor allem Mecklenburg waren dagegen von der Landwirtschaft
geprägt. Bezogen auf die Verhältnisse von 1936 war die SBZ demnach
ein landwirtschaftliches Überschußgebiet und konnte sich mehr als
selbstversorgen. Das Verkehrsnetz lag vor dem Krieg in Ausdehnung
und Qualität etwa beim Reichsdurchschnitt.

19
1. schwerer start? ausgangsbedingungen der sbz

Im Rahmen der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegs-


wirtschaft war das mitteldeutsche Industriegebiet seit 1936 aus
strategischen Gründen beträchtlich erweitert worden. Bis 1944 stieg
die industrielle Nettoproduktion der späteren SBZ preisbereinigt um
45 %.3 Insbesondere Maschinen- und Fahrzeugbau, Feinmechanik/
Optik, Elektroindustrie, Eisen- und Stahlindustrie sowie chemische
und Kraftstoffindustrie waren Branchen, die besonders schnell
wuchsen. Entsprechend veränderte sich die Industriestruktur: Der
Anteil der Produktionsgüterindustrie an der Gesamterzeugung stieg
von 50 auf 74 % an.4
Bei wichtigen Rohstoffen und Vormaterialien war das Gebiet der
SBZ fast vollständig auf Lieferungen aus anderen Teilen Deutsch-
lands und Importe angewiesen. Im Jahr 1943 wurden hier jeweils
unter 2 % der Steinkohle und des Roheisens sowie weniger als 8 %
des Rohstahls des Reiches in den Grenzen von 1937 produziert.
Lediglich Braunkohle und Kali waren mehr als bedarfsdeckend vor-
handen. Zwar wurden auch 66 % des deutschen Kupfererzes geför-
dert, aber die Vorkommen waren zu gering, um den Bedarf zu dek-
ken. Dagegen waren Teile der metallverarbeitenden Industrie relativ
stark entwickelt, die jedoch in hohem Maße auf die im SBZ-Gebiet
kaum produzierten Güter Eisen und Stahl angewiesen waren. Das
betraf vor allem den Bau von Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen,
Büromaschinen und Fahrzeugen aller Art, aber auch die Elektro-
sowie die feinmechanisch-optische Industrie. In der chemischen
Industrie dominierte wiederum die Herstellung von Grundproduk-
ten, ihre Weiterverarbeitung fehlte jedoch weitgehend. So wurden
in der SBZ zwar 60 % des deutschen synthetischen Kautschuks
produziert, aber keine Bereifungen für Fahrzeuge hergestellt. Neben
der Papierindustrie waren schließlich noch die Lebensmittel- und
Textilindustrie stark vertreten.5
Die Wirtschaftsstruktur der späteren SBZ machte Handel mit den
anderen Teilen Deutschlands und dem Ausland zwingend erforder-
lich.

20
wirtschaftspotential und seine struktur am kriegsende

Tabelle 1: Wirtschaftliche Verflechtung der späteren SBZ 19366

Lieferungen Bezüge
an andere an das aus anderen aus dem
deutsche Ausland deutschen Ausland
Gebiete (Export) Gebieten (Import)
in Prozent als Anteil an der Nettoproduktion als Anteil am Verbrauch
gesamt 43,3 11,3 44,6 7,6
darunter:
Berlin 9,3 0.0 7,6 0.0
Westdeutschland 27,8 0.0 29,3 0.0
(einschl. Saarland)
Ostgebiete 6,2 0.0 7,6 0.0

Die späteren westdeutschen Zonen bezogen vor dem Krieg lediglich


18 % ihres Verbrauches aus anderen deutschen Gebieten; im Gegen-
zug lieferten sie 18 % ihrer Produktion dorthin. Wie aus Tabelle 1
ersichtlich, war die spätere SBZ bereits vor dem Krieg weitaus
stärker vom innerdeutschen regionalen Handel abhängig als West-
deutschland. Vor allem auf Steinkohlelieferungen war der später
sowjetisch besetzte Teil angewiesen. 1937 hatte er aus Westdeutsch-
land 4 Mio. Tonnen und aus Schlesien 9 Mio. Tonnen bezogen.
Ebenso war sein Maschinenbau stark von Eisen- und Stahlzufuhren
insbesondere aus dem Ruhrgebiet abhängig. Das Ausbleiben selbst
scheinbar geringfügiger Lieferungen konnte ganze Produktionsli-
nien stillegen. Das Fehlen von Steinkohle, Eisen und Stahl war der
entscheidende Schwachpunkt in der Struktur der SBZ-Wirtschaft.7
Daß Wirtschaftsbranchen – in längeren historischen Prozessen durch
geographische, standortbedingte sowie wirtschaftspolitische Fakto-
ren beeinflußt – regional ungleich verteilt waren, ist allerdings nicht
ungewöhnlich. Solange die Verflechtungsbeziehungen im gesamten
Wirtschaftsraum problemlos gesichert werden konnten, führte es
sogar zu höherer Produktivität und Wohlfahrtsgewinnen. Je mehr
sich aber nach dem Krieg die Beziehungen zwischen den ehemaligen
Alliierten verschlechterten und die Westzonen und die SBZ sich im

21
1. schwerer start? ausgangsbedingungen der sbz

Kalten Krieg abzuschotten begannen, desto negativer wirkten sich


diese Disproportionen in der Wirtschaftsstruktur aus.
1947 schlossen sich die amerikanische und die britische Zone zur
Bizone und 1948 mit der französischen Zone zur Trizone zusammen.
Diese umfaßte ein Gebiet, das größer, wirtschaftlich homogener,
von vornherein weniger auf den innerdeutschen Handel angewiesen
und eher in der Lage war als die SBZ, aus der Teilung resultierende
Defizite auszugleichen. Erschwerend kam hinzu, daß im Osten eine
Wirtschaftsordnung errichtet wurde, die – wie noch zu sehen sein
wird – den Außenhandel eher hemmte.
Ein weiterer, die Ausgangslage bestimmender Faktor waren die
Kriegszerstörungen, die für die SBZ auf maximal 15 % der 1944 vor-
handenen industriellen Kapazitäten geschätzt werden. Damit waren
sie niedriger als in den Westzonen. In einzelnen Branchen, wie dem
Fahrzeugbau, der elektrotechnischen Industrie, dem Druck- und
Werkzeugmaschinenbau sowie der Holzindustrie, lagen sie aller-
dings darüber. In der Landwirtschaft wurden die Kriegssachschäden
auf etwa 2 % beziffert. Erheblich höher waren aber die Verluste an
Vieh. Im Verkehrswesen dürften die Kriegsschäden 10 % übertrof-
fen haben, da das Gebiet bevorzugtes Angriffsziel der Alliierten
war. Auch bei den Wohnungsbauten lag die Verlustquote im Westen
höher als in der SBZ, was mit dem im Westen um etwa ein Jahr
früher einsetzenden alliierten Luftkrieg erklärt werden kann. Im
Durchschnitt waren in der SBZ 14 % der Wohnungen, vor allem in
den Großstädten, zerstört, was sich als eine langfristige Hypothek
erwies.8
Zahl und Struktur der Bevölkerung veränderten sich durch die
schweren Kriegsverluste und vor allem durch den Zustrom von
Flüchtlingen und Vertriebenen nachhaltig. Die Bilanz verzeichnete
Millionen von Toten, Hunderttausende Kriegsversehrte und Mil-
lionen von Männern in Kriegsgefangenschaft. Auf dem Gebiet der
SBZ hatte sich zwischen 1939 und 1946 die Stammbevölkerung um
fast drei Millionen verringert.9 In der letzten Kriegsphase und in
der unmittelbaren Nachkriegszeit kamen aber über 5 Mio. Flücht-
linge und Vertriebene in die SBZ10, von denen 1950 immer noch
etwa 4,2 Mio. ansässig waren. Überproportional viele von ihnen

22
wirtschaftspotential und seine struktur am kriegsende

im arbeitsfähigen Alter zogen in den Westen weiter. Bruno Gleitze,


damals Präsident des Statistischen Zentralamtes der SBZ, meinte
später, »die SBZ (wirkte) wie ein Sieb, das Alte, Kranke und Allein-
stehende zurückhielt«.11 Gemessen an der Gesamtbevölkerung nahm
die SBZ den mit Abstand größten Teil der Vertriebenen auf. Dadurch
wurden die Kriegsverluste mehr als kompensiert und ihre Bevölke-
rung war bereits 1946 erheblich größer als vor dem Krieg.

Tabelle 2: Bevölkerungszahl im DDR-Gebiet einschließlich Ostberlin 1939,


1946 bis 1950 in Mio.12

1939 1946 1947 1948 1949 1950


16,7 17,8 18,9 19,1 18,9 18,4

Allerdings sank der Anteil der Arbeitsfähigen an der Bevölkerung


zwischen 1939 und 1946 von 67 auf 60 %. Mithin mußte in der
Nachkriegszeit die gleiche Zahl Arbeitsfähiger mehr Kinder und
Alte ernähren. Während die Zahl der Arbeitsfähigen absolut etwa
gleich blieb, standen infolge von Kriegszerstörungen und begin-
nenden sowjetischen Demontagen weniger Arbeitsplätze zur Ver-
fügung. Das erklärt die Massenarbeitslosigkeit in der unmittelbaren
Nachkriegszeit. Trotz Westabwanderung stieg die Zahl der Arbeits-
fähigen durch Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft zwischen
1946 und 1950 an. Innerhalb der arbeitsfähigen Bevölkerung fehlten
allerdings vor allem die jüngeren Männer, von denen viele im Krieg
umgekommen oder noch in Kriegsgefangenschaft waren. Dadurch
nahmen gegenüber der Vorkriegszeit der Anteil der Frauen an der
arbeitsfähigen Bevölkerung und das Durchschnittsalter der Arbeits-
fähigen zu. Die demographischen Belastungen waren insgesamt aber
eher kurzfristig. Mittel- und langfristig wogen der arbeitsfähige Teil
der Vertriebenen und die rückkehrenden Kriegsgefangenen die Ver-
luste an Arbeitsfähigen wieder auf.13
Alles in allem verfügte die SBZ bei Kriegsende über ein beachtliches
Industriepotential. Die Kriegszerstörungen hielten sich in Grenzen
und waren insgesamt niedriger als in den Westzonen. Das Arbeits-
kräftepotential verminderte sich kurzfristig, konnte aber mittelfristig

23
UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE

André Steiner
Von Plan zu Plan
Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR

Gebundenes Buch, Pappband mit Schutzumschlag, 280 Seiten,


13,2 x 20,5 cm
ISBN: 978-3-421-05590-3

DVA Sachbuch

Erscheinungstermin: Februar 2004

"Überholen ohne einzuholen", lautete das Motto Walter Ulbrichts, mit dem er die DDR-Wirtschaft
zu Höchstleistungen gegenüber der Bundesrepublik anspornen wollte. Warum aber gelang das
nie? Trotz Wachstums und eines sich erheblich verbessernden Lebensstandards – zeitweise
sprach man selbst im Westen vom "roten Wirtschaftswunder" – blieb die DDR immer mehr
zurück.

Von Plan zu Plan eilend wollte man eine krisenfreie Alternative zur Marktwirtschaft
schaffen. Tatsächlich aber führten die Versuche der herrschenden SED, die Entwicklung zu
beschleunigen, in regelmäßigen Abständen zu Krisen. Mangel und zugleich Verschwendung
prägten den Alltag der DDR. Den zunehmenden Wirtschaftsproblemen konnten auch Reformen
nicht abhelfen, so daß die Wirtschaft verstärkt von der SED-Politik immer mehr an Substanz
verlor. Innere Auszehrung und wachsende Verschuldung trieben das Land am Ende in den
wirtschaftlichen Niedergang.