Sie sind auf Seite 1von 281

Sind Tiere Lebewesen mit einem Geist? Denken sie?

Haben sie Bewusst­


sein? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? In der gegenwärtigen Phi­
losophie des Geistes existiert eine Reihe von Ansätzen, die solche Fragen auf­
greifen, sie aus unterschiedlichen methodischen Perspektiven erörtern und
zu kontroversen Antworten gelangen. Dabei wird deutlich, dass die Tiere
einen Testfall für Theorien des Geistes darstellen, denn am Beispiel der Tiere
zeigt sich, wie tragfähig solche Theorien sind, welche Phänomene sie zu erklä­
ren vermögen und bis zu welchem Grad sie unseren unterschiedlichen Intui­
tionen gerecht werden. Zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat diese Diskus­
sion in den letzten Jahren durch die enge Verknüpfung mit der empirischen
Verhaltensforschung.
Der vorliegende Band macht wichtige Beiträge zu dieser Diskussion erst­
mals auf Deutsch zugänglich und enthält "Beiträge u. a. von Donald Davidson,
Daniel C. Dennett, Fred Dretske, Ruth G . M illikan, David Papineau und
John R. Searle. Eine ausführliche Einleitung ordnet die Diskussion sowohl
systematisch als auch historisch ein und unterstreicht ihren Stellenwert in
den aktuellen Debatten innerhalb der Philosophie des Geistes.

Dominik Perler ist Professor für Theoretische Philosophie an der Humboldt-


Universität zu Berlin; Markus W ild ist wissenschaftlicher Assistent am Lehr­
stuhl für Theoretische Philosophie der Humboldt-Universität zu Berlin.
Der Geist der Tiere
Philosophische Texte
zu einer aktuellen Diskussion
Herausgegeben von
D om inik Perler und M arkus W ild

S uhrkamp
I ;

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie
http://dnb.ddb.de

suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 1741


© dieser Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
Erste Auflage 2005
Alle Rechte Vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Flümmer Gm bH, Waldbüttelbrunn
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft:, Baden-Baden
Printed in Germany
Umschlag nach Entwürfen von
W illy Fleckhaus und R olf Staudt
ISB N 3-518-29341-9

2 3 4 5 6 - 10 09 08 07 06 05
Inhalt

V o rw o rt................................................................................................. 7

Dom inik Perler und M arkus W ild


Der Geist der Tiere - eine E in fü h ru n g ........................................ 10

I. Sprache und Überzeugungen

Norman Malcolm
Gedankenlose T ie re ............................................................................ 77

Stephen P. Stich
Haben Tiere Überzeugungen?................ 95

D onald Davidson
Rationale Lebew esen.......................... 117

John R. Searle
Der Geist der T ie r e ............................................................................ 132

Hans-Johann Glock
Begriffliche Probleme und das Problem des Begrifflichen . . . . 153

II. Repräsentation und Verhalten


Colin A llen
Tierbegriffe neu betrachtet. Ein empirischer Ansatz:
Die Analyse einer Selbststeuerung.................................................. 191

Ruth G. M illikan
Verschiedene Arten von zweckgerichtetem Verhalten ................... 201

F red Dretske
Minimale Rationalität................ 213

Jo elle Proust
Das intentionale T ie r ........................................................................... 223
D avid Papineau
Die Evolution des Zweck-Mittel-Denkens 244

III. Kommunikation und Gedankenlesen

John Dupre
Gespräche mit Affen. Reflexionen über
die wissenschaftliche Erforschung der Sprache .......................... 295

Colin A llen und E ric Saidel


Die Evolution der R eferenz.............................................................. 323

Kim Sterelny
Primatenwelten................................................................................... 357

IV. Bewusstsein
D aniel C. Dennett
Das Bewusstsein der Tiere: Was ist wichtig und warum? . . . . 389

D aisie Radner
Heterophänomenologie:
Wie wir etwas über die Vögel und die Bienen lernen................. 408

Bibliographie..................................................................... 427
H inweise zu den Autorinnen und Autoren ............................. 441
Textnachweise......................................... 444
In d e x .................................................................................................... 446
Vorwort

» ... no truth appears to m e m ore evident,


than that beasts are endow ’d w ith thought
and reason as w ell as m an. T h e argum ents
are in this case so obvious, that they never
escape the m ost stupid and ignorant.«
D. H um e, A Treatise o f H u m an N ature, I,
3, x v i1

»Ainsi dans les anim aux il n ’y a ni intelli-


gence ni am e, com m e on l’entend ordinaire-
m ent. Ils m angent sans plaisir, ils crient sans
douleur, ils croissent sans le s^avoir: ils ne
desirent rien, ils ne craignent rien, ils ne con-
noissent rien ...«
N . M alebranche, D e la recherche d e la ve-
rite> V I, 2, vii2

Philosophische Probleme entstehen häufig dadurch, dass wir auf


scheinbar simple Fragen intuitiv ganz unterschiedliche, teilweise so­
gar widersprüchliche Antworten geben. Eine dieser Fragen lautet:
»Haben Tiere einen Geist?« Wir sind wohl geneigt, spontan zu antwor­
ten: »Natürlich haben sie einen Geist, denn sie sind imstande, Gegen­
stände in ihrer Umwelt zu erkennen und voneinander zu unterschei­
den, gezielte Handlungen auszuführen und zwischen verschiedenen
Handlungsoptionen zu wählen.« Doch wir sind wohl ebenso geneigt,
auch folgende Antwort zu geben: »Natürlich haben Tiere keinen
Geist, denn sie verfügen über keine Begriffe, mit denen sie die Gegen­
stände in ihrer Umwelt erfassen und ordnen könnten, sie entbehren
einer Sprache und der Fähigkeit, logisch zu überlegen.« Angesichts
dieser widersprüchlichen Reaktion gilt es, genauer zu fragen, was

1 » ... keine Wahrheit erscheint mir offenkundiger, als dass Tiere, genauso wie der
Mensch, mit Denken und Vernunft ausgestattet sind. Die Gründe sind in diesem
Falle so offensichtlich, dass sie nicht einmal dem Dümmsten und Unwissendsten
entgehen.«
2 »Also haben die Tiere weder Intelligenz noch Seele, wie man es gewöhnlicherweise
versteht. Sie fressen ohne Vergnügen, sie schreien ohne Schmerz, sie wachsen, ohne
es zu wissen: sie ersehnen nichts, sie fürchten nichts, sie wissen nichts ...«

7
unter einem Geist überhaupt zu verstehen ist und unter welchen Be­
dingungen wir bereit sind, einem Lebewesen einen Geist zuzuschrei­
ben. Die in diesem Band versammelten Beiträge, die aus der analyti­
schen Gegenwartsdebatte stammen, greifen diese zentralen Fragen
auf und erörtern sie in sprachphilosophischer, erkenntnistheoreti­
scher und wissenschaftstheoretischer Perspektive. Sie verdeutlichen
auf exemplarische Weise, dass die Tiere einen Testfall für Theorien
des Geistes darstellen. Denn am Beispiel der Tiere zeigt sich, wie trag­
fähig solche Theorien sind, welche Phänomene sie zu erklären vermö­
gen und bis zu welchem Grad sie unseren unterschiedlichen Intui­
tionen gerecht werden.
M it diesem Band wird zum ersten M al in deutscher Sprache eine
philosophische Debatte dokumentiert und weitergeführt, die im an­
gelsächsischen und französischen Sprachraum schon seit geraumer
Zeit einen wichtigen Platz einnimmt. Durch die enge Verknüpfung
mit Forschungsdiskussionen in den empirischen Wissenschaften -
insbesondere in der kognitiven Ethologie, in der evolutionären An­
thropologie und in der vergleichenden Psychologie - hat sie in den
letzten Jahren sogar noch an Bedeutung gewonnen. Die Aufsätze in
diesem Band sollen die wichtigsten Problemstellungen aufzeigen, Lö­
sungsansätze vorstellen und unterschiedliche methodische Ansätze
verdeutlichen. Die ausführliche Einleitung verfolgt das Ziel, die ganze
Debatte systematisch und historisch einzuordnen, Entwicklungs­
linien nachzuzeichnen, Verbindungen zur kognitiven Ethologie her­
zustellen und einige Grundlagenprobleme zu diskutieren. Natürlich
sollen die Leserinnen und Leser innerhalb und außerhalb der Philo­
sophie angeregt werden, die thematisierten Fragen aufzugreifen und
selbständig weiterzuverfolgen.
Der vorliegende Band wäre ohne die Unterstützung zahlreicher
Personen und Institutionen nicht zustande gekommen. Unser erster
Dank richtet sich an die Autorinnen und Autoren der Beiträge, die
von Anfang an großes Interesse an einem deutschen Sammelband
zeigten und uns großzügig die Übersetzungsrechte überließen. Auch
den Verlagen sind wir für die Erteilung der Übersetzungslizenzen
dankbar. Gabi Weber sind wir für die Mitarbeit an den Übersetzun­
gen zu Dank verpflichtet, Sophia Pick für die sorgfältige Überarbei­
tung und stilistische Vereinheitlichung sämtlicher Übersetzungen,
Floriana Müller, Stephan Schmid und Simone Ungerer für die Hilfe
bei Recherchen und letzten Überarbeitungen. Der Carl und M ax
Schneider-Stiftung danken wir für eine finanzielle Unterstützung der
Übersetzungsarbeit. Schließlich sei allen Teilnehmerinnen und Teil­
nehmern an unserem Seminar »Der Geist der Tiere« an der Hum­
boldt-Universität zu Berlin (Sommersemester 2004) für Hinweise
zu den Texten und anregende Diskussionen gedankt.

Berlin, im Juni 2004 D. P. undM .W .

9
Dominik Perler und Markus Wild
Der Geist der Tiere - eine Einführung

i. K önnen w ir den T ieren einen G eist zuschreiben?

Wenn wir Pflanzen beschreiben, halten wir es für selbstverständlich,


dass wir ihnen eine Reihe von komplexen Zuständen und Verhal­
tensweisen zuschreiben können. Pflanzen nehmen Wasser auf, drehen
sich dem Licht entgegen, wachsen und vermehren sich. Einige klet­
tern sogar Wände empor, andere fangen Fliegen, wieder andere
schleudern Samenkörner. Wie komplex und raffiniert diese Verhal­
tensweisen auch sein mögen, sie verleiten uns nicht dazu, den Pflanzen
einen Geist zuzuschreiben. Zwar verwenden wir gelegentlich Rede­
weisen, die den Anschein erwecken, als würden wir sie für Lebewesen
halten, die mit einem Geist ausgestattet sind. So sagen wir etwa, der
ausgedörrte Rosenstrauch verlange nach Wasser oder die üppig wach­
sende Zimmerpalme möchte umgetopft werden. Aber mit diesen
anthropomorphisierenden Redeweisen wollen wir lediglich betonen,
dass der Rosenstrauch dringend Wasser braucht oder die Zimmer­
palme mehr Erde benötigt. Pflanzen haben keinen Geist, der es ihnen
erlauben würde, im wörtlichen Sinne etwas zu verlangen oder zu wol­
len. Sie sind Organismen, deren Verhalten durch eine genetische An­
lage und durch Umweltbedingungen vollständig bestimmt ist.
Anders verhält es sich mit den Menschen, denen wir ganz selbstver­
ständlich einen Geist zuschreiben. Was veranlasst uns dazu? Erstens
liegt dieser Zuschreibung die Tatsache zugrunde, dass Menschen
ein Bewusstsein haben. Darunter ist zunächst nicht eine besonders
elaborierte kognitive Fähigkeit zu verstehen, etwa Reflexionsfähigkeit
oder Selbstbewusstsein. Bereits die Tatsache, dass wir über ein phäno­
menales Bewusstsein verfügen, motiviert uns dazu, uns selber und un­
seren Mitmenschen einen Geist zuzuschreiben. Wir haben nämlich
ein bestimmtes Erlebnis, wenn wir etwas wahrnehmen oder empfin­
den. So fühlt es sich für uns —im Gegensatz zu den Pflanzen —auf eine
bestimmte Art und Weise an, eine Lichtempfindung zu haben, durstig
zu sein oder Hunger zu verspüren. Über dieses phänomenale Bewusst­
sein verfügen wir selbst dann, wenn wir nicht in der Lage sind, genau
zu artikulieren, wie das jeweilige Erlebnis beschaffen ist und wie
es sich von anderen Erlebnissen unterscheidet. Aufgrund dieses Be-

io
wusstseins haben wir so etwas wie eine »Innenwelt« und unterschei­
den uns von jenen Organismen, die nichts erleben und nichts fühlen.
Zweitens schreiben wir uns und unseren Mitmenschen auch einen
Geist zu, weil wir über intentionale Zustände verfügen, d. h. über Z u ­
stände, die sich auf etwas (Gegenstände, Ereignisse, Sachverhalte
usw.) beziehen. Dies gilt bereits für simple Wahrnehmungszustände;
denn wir sehen oder riechen nicht einfach, sondern wir sehen etwas,
z. B. das helle Licht oder dass das Licht heller wird, und riechen etwas,
z. B. den Rosenduft. Ebenso sind auch unsere Wünsche und Begier­
den intentional. Im Gegensatz zu den Pflanzen verlangen wir tatsäch­
lich etwas, z. B. Wasser, und wir wollen etwas, z. B. dass wir an die
frische Luft kommen. Die intentionalen Zustände befähigen uns
dazu, die Umwelt in einer bestimmten Perspektive zu erfassen und
unser Handeln entsprechend auszurichten. Wenn wir uns nämlich
wahrnehmend oder wünschend auf etwas beziehen, tun wir dies nicht
schlechthin, sondern unter einem gewissen Aspekt, und genau die­
ser bestimmt unser Handeln. So sehen und wünschen wir nicht ein­
fach Wasser, sondern Wasser als ein durstlöschendes Getränk; dies
veranlasst uns dazu, nach dem Wasser zu greifen, wenn wir durstig
sind. Darin unterscheiden wir uns wiederum von den Pflanzen, die
keinen perspektivischen, handlungsbestimmenden Zugang zur Welt
haben. Sie sehen und wünschen Wasser ja nicht als etwas Durst­
löschendes, sondern sind einfach Prozessen der Hydration und De­
hydration unterworfen.
Drittens halten wir es für selbstverständlich, Menschen einen Geist
zuzuschreiben, weil Menschen über eine Sprache verfügen. Darunter
ist nicht einfach eine Ansammlung von Lauten oder Buchstaben
zu verstehen, sondern ein System von konventionell festgesetzten
Zeichen, die eine Bedeutung haben, im Normalfall auf etwas Be­
zug nehmen und in einem bestimmten Kontext zu bestimmten Zwe­
cken verwendet werden. Dank der Sprache gelingt es uns, die Umwelt
zu beschreiben, in verschiedene Kategorien einzuteilen und uns mit
anderen über die Kategorisierung zu verständigen. Dies tun wir vor
allem, indem wir prädikative Aussagen über Dinge in unserer Um­
welt bilden, etwa indem wir sagen: »Hier scheint helles Licht« oder
»In jener Ecke ist es dunkel«. Auch dadurch unterscheiden wir uns
in eklatanter Weise von den Pflanzen, die keine derartigen Aussagen
äußern und nichts kategorisieren können. Sie sind nicht in der Lage,
das Prädikat >Licht< zu bilden und auf die Lichtquelle anzuwenden,

ii
der sie sich entgegenstrecken. Noch viel weniger sind sie imstande,
dieses Prädikat von anderen Prädikaten, etwa von >Dunkelheit<, zu
unterscheiden. Und natürlich können sie auch nicht anderen mittei-
len, dass helles Licht scheint. Für sie gibt es zwar Licht als ein natür­
liches Umweltphänomen, aber sie können es nicht als Licht beschrei­
ben.
Viertens schließlich erachten wir die Zuschreibung eines Gei­
stes bei Menschen für selbstverständlich, weil wir Menschen aus Be­
obachtungen und Feststellungen korrekte Schlüsse ziehen können
und zu folgerichtigen Überlegungen fähig sind - oder allgemein aus­
gedrückt: weil wir zu logischem Denken imstande sind. So können
wir etwa sagen: »Wenn Licht brennt, ist es hell; es brennt Licht; also
ist es hell.« Zur Anwendung eines solchen simplen Modus ponens
sind wir alle fähig, und zwar auch dann, wenn wir nie einen Logik­
unterricht besucht und den entsprechenden Fachausdruck nie gelernt
haben. Wir verfügen nämlich über eine natürliche Fähigkeit, logische
Schlüsse zu ziehen. Auch darin unterscheiden wir uns von den Pflan­
zen, die lediglich gemäß einem genetischen Programm ein bestimm­
tes Verhalten zeigen, aber nie in Bezug auf ihr eigenes Verhalten oder
die Umweltbedingungen Schlüsse ziehen können.
Es fällt uns ziemlich leicht, Menschen von Pflanzen zu unterschei­
den. Doch wie steht es mit den Tieren? Können wir auch ihnen einen
Geist zuschreiben? Oder sollten wir sie ähnlich wie die Pflanzen als
geistlose Lebewesen bezeichnen? Betrachtet man die bislang genann­
ten Kriterien, muss man offensichtlich antworten, dass die Zuschrei­
bung eines Geistes nur möglich ist, wenn wir den Tieren phänome­
nales Bewusstsein, intentionale Zustände, Sprache und logisches
Denken zuschreiben können. Je nach Standpunkt könnte man for­
dern, dass nur eines dieser Kriterien (Minimalforderung) oder alle
vier Kriterien (Maximalforderung) erfüllt sein müssen.1 Eine solche
Forderung wirft indessen eine Reihe von Problemen auf.
i Natürlich könnte man die einzelnen Kriterien auch miteinander verketten, etwa
indem man behauptet, dass nur Lebewesen mit Bewusstsein über intentionale Zu­
stände verfügen oder dass umgekehrt nur intentionale Lebewesen auch ein Bewusst­
sein haben können. Zudem lässt sich die Liste mit den Kriterien variieren, z. B.
indem man die Fähigkeit zu Emotionen hinzufügt oder die Fähigkeit zu logischem
Denken als eine höherstufige Fähigkeit, die nicht für jeden Geist erforderlich ist,
weglässt. Liier soll nicht das Ziel verfolgt werden, eine definitive Liste der Kriterien
zu erstellen. Es sollen nur die wichtigsten Kriterien genannt werden,, die in der ak­
tuellen Tierdebatte immer wieder zitiert werden. Für weitere Kriterien vgl. J. Proust,

12
Das erste und schwierigste Problem ist methodologischer Art. Wie
können wir überhaupt feststellen, ob Tiere eines oder alle vier Kri­
terien erfüllen? Nehmen wir einmal an, wir könnten uns darauf eini­
gen, dass Tiere mindestens über phänomenales Bewusstsein verfügen
müssen. Wie könnten wir feststellen oder überprüfen, ob sie dieses
Bewusstsein haben? Offensichtlich können wir nur an uns selber
feststellen, wie es ist, ein bestimmtes Wahrnehmungs- oder Empfin-
dungserlebnis zu haben. Wir können aber nicht beschreiben, um
ein berühmtes Beispiel von Th. Nagel zu zitieren,2 wie es für eine Fle­
dermaus ist, eine Fledermaus zu sein, oder genauer gesagt: wie es sich
für eine Fledermaus anfühlt, in einem bestimmten Wahrnehmungs­
zustand zu sein und dadurch ein bestimmtes phänomenales Bewusst­
sein zu haben. Aufgrund einer physiologischen und neurologischen
Analyse des Wahrnehmungsapparates von Fledermäusen können wir
höchstens Hypothesen darüber aufstellen, wie - aus unserer Sicht
betrachtet —Fledermäuse ein phänomenales Bewusstsein haben könn­
ten. Aber damit gewinnen wir höchstens so etwas wie eine Außensicht
auf die Innenwelt der Fledermäuse. Die Innenwelt selbst ist uns prin­
zipiell unzugänglich.
Dies ist ein grundsätzliches methodologisches Problem, das auf
eine kognitive Begrenztheit unsererseits verweist. Was auch immer
wir den Tieren zuschreiben, wir tun es immer aus unserer Sicht auf­
grund unserer kognitiver Ressourcen, von denen wir nicht annehmen
dürfen, dass sie perfekt oder auch nur annähernd ausreichend sind.
Denn wer garantiert, dass die Tiere all das und nur das haben, was
wir an ihnen feststellen können? Oder wie M . Tye prägnant festhält:
>Wir sind Naturprodukte wie alle anderen Lebewesen auch. Die Welt
richtet sich genausowenig nach unseren kognitiven Begrenzungen wie
nach denen der einfacheren Lebewesen, um die es hier geht.«3 Wenn

Comment l ’esprit vient aux betes. Essai sur la representation, Paris: Gallimard 1997,
S. 7-19.
2 Th. Nagel, »What Is It Like to Be a Bat?«, in: id., Mortal Questions, Cambridge und
N ew York: Cambridge University Press 1979, S. 165-180 (dt. »Wie ist es, eine Fleder­
maus zu sein?«, in: Analytische Philosophie des Geistes, hrsg. von P. Bieri, 2. Aufl.,
Weinheim: Athenäum 1993, S. 261-275).
3 M . Tye, »The Problem o f Simple Minds: Is There Anything It Is Like to Be a Honey
Bee?«, Philosophical Studies 88 (1997), S. 289 (wiederabgedruckt in: id., Conscious-
ness, Color and Content, Cambridge (Mass.): MIT Press 2000, S. 17 1 (dt. »Das Pro­
blem primitiver Bewußtseinsformen: Haben Bienen Empfindungen?«, in: Bewußt-

13
wir also über Fledermäuse, Schimpansen und andere Tiere sprechen,
müssen wir uns immer bewusst sein, dass wir dies im Rahmen unserer
kognitiven Möglichkeiten tun.
Nun könnte man einwenden, dass es im Hinblick auf das phänome­
nale Bewusstsein vielleicht eine kognitive Begrenzung gibt.4 Dies liegt
daran, dass es sich dabei um etwas handelt, was nur aus der Ersten-
Person-Perspektive erfasst und beschrieben werden kann. Betrachtet
man die anderen Kriterien, ergibt sich aber kein Problem, weil wir In­
tentionalität, Sprache und Fähigkeit zu logischem Denken sehr wohl
aus der Dritten-Person-Perspektive beschreiben und gegebenenfalls
zuschreiben können.
Dieser Einwand zielt offensichtlich darauf ab, zwei Arten von Kri­
terien zu unterscheiden: jene, die nur »von innen« (aus der Ersten-
Person-Perspektive) angewendet werden können, und jene, die »von
außen« (aus der Dritten-Person-Perspektive) anwendbar sind.5 Doch
ist es tatsächlich so einfach, Kriterien »von außen« anzuwenden?
Betrachten wir das Kriterium der Sprachfähigkeit. Empirische For­
schungen mit Menschenaffen haben gezeigt, dass diese Tiere eine
Gebärdensprache (etwa »Ameslan«, die amerikanische Gebärdenspra­
che ftir Gehörlose) bis zu einem gewissen Grad lernen können und
in der Lage sind, auf Fragen angemessen zu reagieren. Heißt dies, dass
sie tatsächlich über eine Sprache verfügen? Die Antwort auf diese

sein und Repräsentation, hrsg. von F. Esken und D. Heckmann, Paderborn: Mentis
1999, S. 91-92).
4 Freilich besteht diese Begrenzung dann nicht nur mit Bezug auf Tiere, sondern auch
hinsichtlich anderer Menschen. Denn wie können wir sicher sein, dass sie eine In­
nenwelt haben, wenn uns diese Welt prinzipiell unzugänglich ist? Stellt man das Pro­
blem in dieser Form, handelt es sich um ein generelles skeptisches Problem bezüg­
lich des Fremdpsychischen. Die Tiere sind dann nur ein spezieller Anwendungsfall
dieses Problems. Streng genommen muss man sogar zwei skeptische Probleme unter­
scheiden: (x) Können wir wissen, dass Tiere überhaupt einen Geist haben? (2) Kön­
nen wir wissen, welche Art von Geist sie haben?
5 Diese Zweiteilung ist natürlich alles andere als selbstverständlich. Man könnte
einwenden, dass die ganze Rede von »innen« und »außen« irreführend ist und dass
auch das phänomenale Bewusstsein aus der Dritten-Person-Perspektive beschrie­
ben werden kann. So plädiert M . Tye, »The Problem o f Simple Minds«, op. cit.,
dafür, dieses Bewusstsein als eine komplexe sensorische Repräsentation aufzufassen.
D. Dennett, »Das Bewusstsein der Tiere: Was ist wichtig und warum?« (in diesem
Band, S. 391-399), vertritt den Standpunkt, wir könnten auf der Grundlage physio­
logischer und ethologischer Studien sehr wohl sagen, wie sich ein Wahrnehmungs­
zustand für ein Tier »anfiihlt«.

14
Frage ist sehr umstritten.6 Einige Primatologen vertreten in der Tat die
Ansicht, dass Affen über eine genuine Sprache verfügen und damit
eines der Kriterien für Geistzuschreibung erfüllen. Andere behaupten,
die angebliche Sprachbeherrschung sei ein rein konditioniertes Ver­
halten. Die Affen seien mithilfe bestimmter Anreize einfach dazu trai­
niert worden, bestimmte Zeichen zu geben. Dieses Verhalten unter­
scheide sich nicht wesentlich von jenem konditionierter Ratten, die
in bestimmten Situationen eine Taste drücken, um Nahrung zu erhal­
ten. Wieder andere Forscher weisen daraufhin, dass die Affen nur ein
begrenztes Repertoire von Zeichen in immer gleicher Weise verwen­
den, jedoch nicht in der Lage sind, die gegebenen Zeichen zu variieren
oder neu zu kombinieren. Angesichts dieser mangelnden Fähigkeit
zu kreativem Zeichengebrauch könne nicht von einer eigentlichen
Sprachbeherrschung gesprochen werden. Schließlich wenden einige
Forscher ein, das bloße Verwenden isolierter Zeichen stelle noch kei­
nen Sprachgebrauch dar. Erst wenn ein Lebewesen fähig sei, eine syn­
taktische Struktur zu erfassen, könne man ihm eine Sprache zuschrei­
ben.
Bereits diese kurze (und natürlich unvollständige) Liste unterschied­
licher Stellungnahmen verdeutlicht, dass hier ein grundsätzliches me­
thodologisches Problem besteht. Selbst wenn es möglich ist, »von
außen« die Zeichenverwendung der Affen zu beobachten und zu
protokollieren, ist die Beobachtung immer interpretationsbedürftig.
Ob wir Schimpansen, Orang-Utans und anderen Primaten eine Spra­
che zuschreiben oder nicht, hängt nicht einfach davon ab, welchen
Umgang mit Zeichen wir bei ihnen sehen, sondern wie wir diesen Um­
gang im Lichte unserer eigenen Auffassung von Sprache und erfolg­
reicher Sprachverwendung bewerten. Daher gilt auch hier: Wenn
wir den Tieren eine Sprache zuschreiben (oder nicht), tun wir dies
aus unserer Sicht mithilfe unserer kognitiven Ressourcen, mit denen
wir das beobachtbare Verhalten auswerten, und vor dem Ffintergrund
unserer theoretischen Annahmen darüber, was Sprache und erfolg­
reiche Sprachverwendung ist. Es wäre vermessen zu glauben, es gebe

6 Vgl. J. Dupre, »Gespräche mit Affen. Reflexionen über die wissenschaftliche Er­
forschung der Sprache« (in diesem Band, S. 295-322); S. Savage-Rumbaugh und
K. E. Brakke, »Animal Language: Methodological and Interpretive Issues«, in: Read-
ings in Animal Cognition, hrsg. von M . Bekoff und D. Jamieson, Cambridge (Mass.):
MIT Press 1996, S. 269-288;]. Proust, Les animaux,pensent-ils?, Paris: Bayard 2003,
S. 65-104.

15
so etwas wie interpretationsneutrale Beobachtungen und allgemein
akzeptierte Kriterien, die es uns erlauben, ein für alle M al festzustellen,
ob Tiere einen Geist haben.
Da wir Tiere immer aus unserer Sicht beobachten, besteht natür­
lich die Gefahr, dass wir zu einem Anthropomorphismus neigen.
Wir beschreiben und evaluieren das Verhalten der Tiere so, wie wir
ähnliches Verhalten bei Menschen charakterisieren würden. Dies
hat zur Folge, dass wir Tieren gelegentlich auch dann einen Geist
zuschreiben, wenn eine solche Zuschreibung unangebracht ist oder
sogar den empirischen Evidenzen widerspricht. Ein konkretes Bei­
spiel möge dies veranschaulichen. Ameisen zeigen ein Verhalten,
das auf den ersten Blick intelligent erscheint: Sie entfernen tote Art­
genossen aus ihrer Kolonie und verhindern so die Ausbreitung von
Krankheiten. Heißt dies, dass sie ihre Artgenossen als tot erkennen?
Bedeutet dies sogar, dass Ameisen über einen rudimentären Begriff
von Tod verfügen und diesen auf die Artgenossen anwenden? Wir
mögen vielleicht versucht sein, ihr Verhalten mit Rekurs auf diskri-
minatorische intentionale Zustände (x als F erkennen) oder gar mit
Bezug auf Begriffsverwendung zu erklären, genau wie wir dies bei
Menschen tun. Doch dann tappen wir in die Falle des Anthropomor­
phismus. Empirische Forschungen haben nämlich gezeigt, dass Amei­
sen einfach auf eine bestimmte Säure reagieren.7 Bestreicht man le­
bendige Artgenossen mit Ölsäure, schleppen sie diese ebenfalls weg.
Somit wäre es unangemessen, ihnen intentionale Zustände und damit
in dieser Hinsicht einen Geist zuzuschreiben. Das angeblich inten­
tional gesteuerte und intelligente Verhalten stellt sich als ein Reiz-
Reaktions-Muster heraus. Ein Anthropomorphismus lässt sich nur
vermeiden, wenn man die Maxime befolgt, die der Psychologe und
Verhaltensforscher C. Lloyd-Morgan bereits 1894 formulierte: »In
keinem Fall sollten wir eine Handlung als das Resultat der Ausübung
eines höheren geistigen Vermögens interpretieren, wenn sie auch als
das Resultat eines Vermögens interpretiert werden kann, das in der
geistigen Skala weiter unten steht.«8 Diese methodologische Maxime

7 Eine ausführliche Darstellung und philosophische Auswertung dieser Forschungen


bieten C. Allen und M . Hauser, »Concept Attribution in Nonhuman Animais: Theo-
retical and Methodological Problems in Ascribing Complex Mental Processes«, in:
Readings in Anim al Cognition, op. cit., S. 47-62 (besonders S. 52-55). Vgl. auch
den Text von K. Sterelny in diesem Band, S. 363 £
8 C. Lloyd-Morgan, An Introduction to Comparative Psychology, London: W. Scott

16
(auch »Morgans Kanon« genannt) ist freilich nicht so zu verstehen,
dass jede Handlung oder jedes Verhalten vollständig heruntergestuft
(oder »entgeistigt«) werden soll, sodass es nur noch mit Rekurs auf
ein Reiz-Reaktions-Muster erklärt wird. Es handelt sich hier nicht
um eine Maxime, die für einen behavioristischen Reduktionismus
plädiert. Denn erstens wird ja nicht festgehalten, dass die Handlung
a uf ein nicht-geistiges Vermögen zurückgeführt werden soll, sondern
a uf eines, das »in der geistigen Skala weiter unten steht«. Es geht
Lloyd-Morgan zunächst um eine Differenzierung innerhalb der geis­
tigen Vermögen.9 Zweitens betont die Maxime, dass nur dann auf
eine niedrigere Stufe rekurriert werden sollte, wenn eine entspre­
chende Handlungsinterpretation möglich ist. Dies lässt natürlich
die Möglichkeit offen, dass einige Handlungen nicht auf einer nied­
rigeren Stufe interpretierbar sind. Oder anders ausgedrückt: Einige
Handlungen können gegebenenfalls nur als Ausdruck eines elabo-
rierten geistigen Vermögens interpretiert werden. Genau diese Hand­
lungen gilt es zu bestimmen, ohne dass damit gleich einem Anthro­
pomorphismus Vorschub geleistet wird.
Neben dieser allgemeinen methodologischen Schwierigkeit wirft
die Anwendung der Kriterien für die Zuschreibung eines Geistes noch
ein weiteres Problem auf. Worauf sollen die Kriterien überhaupt an­
gewendet werden? Einfach auf die Tiere? Offensichtlich gibt es die
Tiere nicht als eine homogene Gruppe. Es lässt sich vielmehr eine
Bandbreite verschiedenster Lebewesen beobachten, die über ganz un­
terschiedliche Fähigkeiten verfügen und Verhalten von unterschied­
licher Komplexität zeigen. Man könnte eine Skala zeichnen, die von
den Pantoffeltierchen (einzellige Lebewesen, die sich auf Nahrung
zubewegen, ohne irgendeine Flexibilität oder Adaptionsfähigkeit im
Verhalten zu zeigen) über Insektenlarven, Ameisen und Bienen bis
zu Schimpansen und anderen hochentwickelten Säugetieren reicht.
Dabei handelt es sich freilich nicht um eine lineare Skala, wie seit
Ch. Darwins Arbeiten zur Evolutionstheorie bekannt ist, sondern

1894, S. 53. Zur Bedeutung dieser Maxime für die gegenwärtige Debatte vgl. G. Gra­
ham, Philosophy ofM ind. An Introduction, Oxford: Blackwell 1993, S. 82 ff.
9 Genauer gesagt geht es ihm um eine Skala der höheren und niedrigeren geistigen Ver­
mögen. Vgl. eine kritische Diskussion dieser Skala in E. Sober, »Morgan’s Canon«,
in: The Evolution ofM ind, hrsg. von D. D. Cummins und C. Allen, Oxford und New
York: Oxford University Press 1998, S. 224-242.

17
um einen Stammbaum mit zahlreichen Verästelungen.10 Lebewesen
weisen ein verzweigtes, baumartiges Verwandtschaftsmuster auf, ver­
mutlich weil die Konkurrenz zwischen nahe verwandten Arten stärker
ist. Gegenwärtig existierende Tierspezies sind in evolutionären Ver­
zweigungen aus früheren Spezies hervorgegangen, andere sind aus­
gestorben. Wer die Frage stellt, ob man Tieren einen Geist zuschrei­
ben kann, sollte immer präzisieren, auf welche Tierspezies er sich
im evolutionären Baum bezieht. Dies mag trivial erscheinen, erweist
sich bei näherer Betrachtung aber als ein zentraler Punkt. Philosophi­
sche Debatten über Tiere gehen nämlich häufig von einer schemati­
schen Dreiteilung der Natur aus: Pflanzen, Tiere und Menschen.11
Auch zu Beginn dieser Einleitung wurde wie selbstverständlich ange­
nommen, dass sich die Tiere irgendwo zwischen den geistlosen Pflan­
zen und den mit einem Geist ausgestatteten Menschen befinden. Die
Frage schien nur zu sein, welchem der beiden Pole sie eher zugeord­
net werden sollten. Betrachtet man jedoch die Bandbreite von aktuel­
len und ausgestorbenen Tierspezies, ist es fraglich, ob es überhaupt
eine genau definierte Mittelposition zwischen den Pflanzen und den
Menschen gibt. Ordnet man die Tiere gemäß ihren spezifischen Fä­
higkeiten, scheinen einige in die Nähe der Pflanzen zu gehören (so
verfügen Pantoffeltierchen kaum über mehr Fähigkeiten als fleisch­
fressende Pflanzen), andere hingegen in die Nähe der Menschen (so
ähneln Schimpansen, die zielgerichtete Handlungen ausführen, sozia­
les Verhalten zeigen und Emotionen äußern, in verblüffender Weise
den Menschen). Daher sollte die Frage, ob Tieren ein Geist zuge­
schrieben werden kann, mit Bezug auf konkrete Tierspezies - etwa
Schimpansen oder andere Primaten — gestellt werden. Hinsichtlich
der Vertreter dieser Spezies, nicht der Tiere schlechthin, gilt es zu prü­
fen, ob wir ihnen phänomenales Bewusstsein, Intentionalität, Spra-
10 Vgl. Ch. Darwin, Die Entstehung der Arten, Stuttgart: Reclam 1963, S. 165. Zur Be­
deutung Darwins für gegenwärtige Theorien des Geistes vgl. K. Sterelny, »Darwi-
nian Concepts in the Philosophy o f Mind«, in: The Cambridge Companion to Dar­
win, hrsg. von J. Hodge und G. Radwick, Cambridge und New York: Cambridge
University Press 2003, S. 288-309.
11 Gelegentlich wird diesen drei Stufen noch eine vierte, nämlich jene der »intelli­
genten Automaten«, hinzugefügt, insbesondere wenn die Tierdebatte an die Dis­
kussionen über künstliche Intelligenz angebunden wird. Vgl. dazu D. Dennett,
»Cognitive Ethology: Hunting for Bargains or a W ild Goose Chase«, in: id., Brain-
children. Essays on DesigningMinds, Cambridge (Mass.): MIT Press 1998, S. 307-
322.

18
che und vielleicht sogar logisches Denken zuschreiben können. Und
selbst innerhalb der Gruppe der hochentwickelten Säugetiere kann es
markante Unterschiede geben. C. Allen und M . Bekoff haben daher
zu Recht vorgeschlagen, nicht einfach von dem Geist zu sprechen,
sondern von »Arten von Geist«, die es für verschiedene Tierspezies,
aber auch für verschiedene Stufen innerhalb der evolutionären Ent­
wicklung, zu bestimmen gilt.12
Nun könnte man einwenden, dass die Bestimmung der jeweiligen
»Art von Geist« in der Tat eine wichtige und spannende Aufgabe ist,
jedoch keine Aufgabe für die Philosophie. Fällt es nicht den empiri­
schen Wissenschaften (insbesondere der Ethologie, der evolutionären
Anthropologie und der Kognitionspsychologie) zu, mittels konkreter
Feldforschungen und Laboruntersuchungen zu prüfen, ob einzelne
Tierspezies über jene Zustände und Fähigkeiten verfügen, die gemäß
den genannten Kriterien als »geistig« etikettiert werden können? So ist
es beispielsweise Aufgabe der Ethologen, experimentell zu überprü­
fen, ob Schimpansen tatsächlich einen intentionalen Zugang zur Welt
haben und ihr Verhalten danach ausrichten, oder ob sie lediglich Reiz-
Reaktions-Muster zeigen. Ebenso ist es ihre Aufgabe, die Möglichkeit
eines Spracherwerbs bei solchen Tieren zu untersuchen. Die Frage, ob
hochentwickelte Säugetiere einen Geist haben oder nicht, ist doch
eine empirische Frage, die sich nur mithilfe empirischer Methoden
beantworten lässt. Wenn es hier überhaupt eine philosophische Auf­
gabe gibt, so liegt sie im Bereich der praktischen Philosophie und stellt
sich angesichts der Resultate der empirischen Forschung. Angenom­
men, diese Forschung zeigt, dass Tiere tatsächlich einen Geist haben.
Muss den Tieren dann in ethischer Hinsicht ein ähnlicher Status wie
den Menschen zugeschrieben werden? Sind Tiere (oder zumindest die
Vertreter einiger Tierspezies) dann auch als Personen mit Rechten
zu betrachten?13 Angenommen jedoch, die empirische Forschung
12 Vgl. C. Allen und M . Bekoff, Species ofM ind. The Philosophy and Biology ofCogni-
tive Ethology, Cambridge (Mass.): MIT Press 1997. Die Autoren warnen freilich da­
vor, einige Tierspezies (etwa jene der Primaten) von vornherein als höherstufige
Arten zu betrachten und entsprechend das Augenmerk ausschließlich auf diese
höherstufigen »Arten von Geist« zu richten. Dies käme einem »Primatozentrismus«
(ibid., S. X-XI) gleich, der sich methodologisch kaum von einem Anthropozentris-
mus unterscheiden würde.
13 Vgl. P. Cavalieri und P. Singer, The Great Ape Project. Equality beyond Humanity,
New York: St. M artins Press 1993; D. Birnbacher, »Selbstbewusste Tiere und be­
wusstseinsfähige Maschinen - Grenzgänge am Rand des Personenbegriffs«, in: Per-

19
belegt, dass Tiere keinen Geist haben. Sind Tiere dann als bloße Ob­
jekte zu betrachten, oder ist ihnen trotzdem ein besonderer Status
zuzubilligen? Es scheint, als würden sich nur derartige Fragen als ge­
nuin philosophische Fragen stellen, und zwar erst nachdem das Prob­
lem einer Geistzuschreibung von den empirischen Wissenschaften
geklärt ist.
Wer so argumentiert, weist zu Recht darauf hin, dass es vermes­
sen wäre, ungeachtet der empirischen Forschung Behauptungen über
Tiere aufzustellen. Wer als »Lehnstuhl-Philosoph« darüber sinniert,
ob Schimpansen und Delfine einen Geist haben, läuft Gefahr, von un­
vollständigen oder gar falschen Beschreibungen des Verhaltens und
der spezifischen Fähigkeiten dieser Tiere auszugehen und einfach das
eigene empirische Ffalbwissen als Grundlage für nicht-empirische
Überlegungen zu wählen. Daher ist es fiir Philosophinnen und Philo­
sophen unabdingbar, empirische Forschungen zur Kenntnis zu neh­
men und somit den »Lehnstuhl« zu verlassen, um die Resultate, aber
auch die besonderen Fragestellungen und die Methoden der empiri­
schen Wissenschaften in den Blick zu bekommen.14 Wie die aktuelle
Tierdebatte zeigt, ist dieses Bewusstsein für die Bedeutung der Empirie
zum Glück weitgehend vorhanden. In der kognitiven Ethologie, einer
noch jungen, interdisziplinär ausgerichteten Forschungsrichtung, ar­
beiten Philosophen eng mit Vertreterinnen und Vertretern verschie­
denster biologischer Disziplinen sowie der Entwicklungs- und der
Kognitionspsychologie zusammen.15
Doch welche Aufgabe stellt sich den Philosophinnen und Philo­
sophen im Fächerverbund mit den empirischen Wissenschaften? Be­
steht ihr Beitrag wirklich nur darin, die ethischen Konsequenzen,
die sich aus den empirischen Befunden ergeben, zu diskutieren und
zu evaluieren? Zweifellos ist eine sorgfältige Diskussion dieser Kon­
sequenzen eine wichtige Aufgabe. Die Debatten in der Tierethik,
die sich seit den einflussreichen und öffentlich wirksamen Arbeiten
von P. Singer und T. Regan als eigenständige Teildisziplin der Ethik

son. Philosophiegeschichte, theoretische Philosophie, praktische Philosophie, hrsg. von


D. Sturma, Paderborn: Mentis 2001, S. 301-321.
14 Vgl. dazu programmatisch D. Dennett, »Out o f the Armchair and into the Field«,
in: id., Brainchildren. Essays on DesigningMinds, op. cit., S. 289-306, sowie Kap. I
in C. Allen und M . Bekoff, Species ofM ind, op. cit.
15 Zur Entstehung und zu den Zielen der kognitiven Ethologie vgl. unten, Ab­
schnitt 3.

20
entwickelt haben, verdeutlichen, dass Tiere in der praktischen Philo­
sophie einen zentralen Platz einnehmend6 Doch auch in der theore­
tischen Philosophie kommt den Tieren weit mehr als eine marginale
Bedeutung zu, auch wenn diese Bedeutung im deutschsprachigen
Raum bislang erst ansatzweise diskutiert worden ist. Wer über die
Frage nachdenkt, ob den Vertretern einiger Tierspezies ein Geist zu­
geschrieben werden kann, muss nämlich über Grundbegriffe der
theoretischen Philosophie reflektieren, und zwar nicht erst nach einer
Auswertung der empirischen Befunde, sondern bereits während einer
solchen Auswertung. Wenn etwa gefragt wird, ob Schimpansen einen
intentionalen Zugang zur Welt haben und sprechen können, muss
geklärt werden, wie hier die Begriffe >Intentionalität< und >Sprachver-
mögen< zu verstehen sind und wie sie auf konkrete Fälle angewendet
werden können. So betrachtet stellt sich die Aufgabe einer Begriffs­
klärung a posteriorr. A u f der Grundlage empirischer Befunde - nicht
unabhängig davon - ist zu fragen, welche Begriffe zur Auswertung die­
ser Befunde angemessen sind.
Betrachten wir zunächst den Begriff der Intentionalität. Wozu
muss ein Lebewesen in der Lage sein, damit wir bereit sind, ihm inten­
tionale Zustände zuzuschreiben? Diese Frage gewinnt an Schärfe,
wenn sie mit Bezug auf ein inzwischen berühmt gewordenes Experi­
ment von D. Premack und G. W oodruff gestellt wird.,16 17 Diese beiden
Forscher stellten vor Sarah, einer Schimpansin, zwei Behälter in uner­
reichbarer Distanz auf; der eine Behälter war mit Nahrung gefüllt, der
andere war leer. Um Nahrung zu bekommen, musste Sarah einem
Trainer einen der beiden Behälter zeigen. Nun waren zwei Trainer an­

1 6 Einen Überblick bietet J. Nida-Rümelin, »Tierethik I: Z u den philosophischen und


ethischen Grundlagen des Tierschutzes«, in: Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken
und ihre theoretische Fundierung, hrsg. von J. Nida-Rümelin, Stuttgart: Kröner
1996, S. 458-483; vgl. ausführlich U. Wolf, Das Tier in der Moral, Frankfurt/M.:
Klostermann 1990. Wie Nida-Rümelin verdeutlicht, ist die Zuschreibung geistiger
Zustände (der sog. »Mentalismus«) die Voraussetzung für eine Tierethik. Allerdings
ergeben sich daraus allein noch keine moralischen Regeln fiir den Umgang mit Tie­
ren: »Diese ergeben sich erst aus den jeweiligen empirischen Annahmen tierliche
mentale Zustände betreffend, zusammen mit den zugrunde gelegten ethischen Kri­
terien.« (Ibid., S. 470.)
17 Vgl. D. Premack und G. Woodruff, »Does the Chimpanzee Have a Theory of
Mind?«, The Behavioral andBrain Sciences 4 (1978), S. 515-526 (besonders S. 524);
»Intentional Communication in the Chimpanzee: The Development o f Decep-
tion», Cognition 7 (1979), S. 333-362.

21
wesend, von denen der eine sich kooperativ verhielt. Wenn er von
Sarah auf den mit Nahrung gefüllten Behälter hingewiesen wurde,
brachte er ihn herbei und teilte die Nahrung mit ihr. Der andere Trai­
ner verhielt sich konkurrierend. Wenn er auf den gefüllten Behälter
hingewiesen wurde, nahm er ihn an sich und verschwand. Was tat
nun Sarah nach einigen Trainingsstunden? Sie verwies den koopera­
tiven Trainer auf den gefüllten Behälter, den konkurrierenden hinge­
gen auf den leeren.
Wie lässt sich Sarahs Verhalten erklären? Können wir ihr intentio­
nale Zustände zuschreiben? Dies hängt davon ab, wie wir den Begriff
der Intentionalität fassen und welche Bedingungen wir somit aufstel­
len, damit etwas als ein intentionaler Zustand anerkannt wird. Man
könnte zunächst sehr restriktiv vorgehen und einen Zustand nur dann
als einen genuin intentionalen Zustand akzeptieren, wenn er nicht
(oder zumindest nicht ausschließlich) an ein bestimmtes Reiz-Reak-
tions-Schema gebunden ist. Da Sarah nicht von sich aus auf den ge­
füllten oder den leeren Behälter zeigte, sondern nur dann, wenn ein
bestimmter Trainer anwesend war, liegt hier nicht mehr als ein simp­
les Reiz-Reaktions-Schema vor. Je mehr ein bestimmter Reiz verstärkt
wird (Nahrungserhalt bei Sinneseindrücken von einem bestimmten
Trainer), desto mehr verstärkt sich die entsprechende Reaktion (Ver­
weis auf den mit Nahrung gefüllten Behälter). Somit hätten wir hier
noch keinen intentionalen Zustand, sondern - um es mit D. Dennetts
Schema von den verschiedenen Intentionalitätsstufen zu beschrei­
ben18 - lediglich die nullte Stufe. Sarahs Verhalten lässt sich bereits
auf dieser Stufe folgendermaßen erklären:

o. Stufe: Sarah erhält den Sinnesreiz S und antwortet darauf mit Re­
aktion R.

Natürlich ist Sarah weit mehr als ein Automat. Als Lebewesen erhält
sie ja Sinnesreize und antwortet auf sie. Aber dies sind lediglich kau­
sale Relationen, keine intentionalen. Sarah nimmt nur Reize auf; sie

18 D. Dennett, »Intentional Systems in Cognitive Ethology: The >Panglossian Para-


digm< Defended«, The Behavioral and Brain Sciences 6 (1983), S. 343-355; wie­
der abgedruckt in The Intentional Stance, Cambridge (Mass.): MIT Press 1987,
S. 237-268 (dt. »Intentionale Systeme in der kognitiven Verhaltensforschung«, in:
Kognitionswissenschaft. Grundlagen, Probleme, Perspektiven, hrsg. von D. Münch,
Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992, S. 343-386).

22
richtet sich nicht kognitiv auf den kooperativen oder den konkurrie­
renden Trainer und erkennt die beiden auch nicht als solche.
Man könnte aber auch die Auffassung vertreten, dass ein Lebe­
wesen, das in einer bestimmten Situation gezielt Gegenstände be­
stimmen und voneinander unterscheiden kann, durchaus intentio­
nale Zustände hat. Da Sarah dazu in der Lage ist (sie kann ja sowohl
die beiden Behälter als auch die beiden Trainer voneinander unter­
scheiden), könnte man ihr einen intentionalen Zustand erster Stufe
zuschreiben, und zwar sowohl einen kognitiven als auch einen voliti-
ven Zustand. Dies bedeutet:

1. Stufe: Sarah erkennt den kooperativen Trainer und will, dass er


ihr den mit Nahrung gefüllten Behälter bringt. Ebenso er­
kennt sie den konkurrierenden Trainer und w ill, dass er
zum leeren Behälter greift.

Entscheidend ist dabei, dass Sarah auf dieser Stufe einen perspekti­
vischen Zugang zu den Gegenständen in ihrer Umgebung hat. Sie
erkennt ja den einen Trainer als kooperativ, den anderen als konkur­
rierend. Genau dadurch ist sie imstande, die beiden voneinander zu
unterscheiden und ihr Verhalten entsprechend auszurichten.
Nun könnte man einwenden, dass diese Zuschreibung simpler in­
tentionaler Zustände noch nicht ausreicht, um Sarahs Verhalten zu
erklären. Sie bezieht sich nämlich nicht nur auf Gegenstände, sondern
auch auf die Meinung - also auf einen intentionalen Zustand - eines
anderen Lebewesens. Sie hat somit einen intentionalen Zustand zwei­
ter Stufe. Dies heißt wiederum konkret:

2. Stufe: Sarah erkennt den konkurrierenden Trainer und w ill, dass


er irrtümlich meint, im Behälter befinde sich Nahrung.
Daher führt sie ihn zum leeren Behälter.

Erklärt man Sarahs Verhalten auf diese Weise, geht man davon aus,
dass sie eine Täuschungsabsicht hat. Ja, man unterstellt ihr sogar mi­
nimales logisches Denken. Denn eine Täuschungsabsicht ist nur
möglich, wenn folgende Maxime erfasst wird: »Wenn du x täuschen
willst, dann bringe in x eine falsche Meinung bezüglich y hervor.«
Die Anwendung dieser Maxime bestimmt das Verhalten.
Ist Sarahs Verhalten nun auf der nullten Stufe rein behavioristisch

23
zu erklären? Oder ist es auf der ersten Stufe als ein Ausdruck basa­
ler intentionaler Zustände zu verstehen? Oder ist es auf der zweiten
Stufe als Ausdruck einer »Theorie des Geistes« —d. h. einer Meinung
oder Volition bezüglich der Meinung eines anderen - zu deuten? Wie
diese Fragen zu beantworten sind, ist äußerst umstritten. Hier sollen
nicht die verschiedenen Positionen in dieser Kontroverse dargestellt
und evaluiert werden.19 Entscheidend ist an dieser Stelle nur der
grundsätzliche methodologische Punkt: Wenn wir das Verhalten eines
Tieres beschreiben und erklären wollen, reicht es nicht aus, einfach
empirische Daten zu sammeln. W ir müssen diese Daten immer auch
auswerten und benötigen dazu bestimmte Begriffe, z. B. den Begriff
der Intentionalität. Welche Auswertung erfolgt, hängt wesentlich da­
von ab, welchen Begriff wir zur Anwendung bringen und für angemes­
sen halten. Die Frage, ob Sarah sich auf etwas bezieht, ist also letztlich
die Frage, mit welchem Begriff von »sich auf etwas beziehen« wir ope­
rieren und wie wir diesen Begriff von alternativen kognitiven oder
nicht-kognitiven Begriffen abgrenzen. Dies ist natürlich eine prinzi­
pielle Frage, die sich nicht nur mit Bezug auf Sarah oder andere Tiere
stellt. Sarahs Verhalten dient gleichsam als Testfall, um zu prüfen, wie
präzis und explanatorisch relevant unser Begriff ist.
Ähnliches gilt auch für einen weiteren Grundbegriff, nämlich je­
nen der Sprache. Dies zeigt sich wiederum deutlich an einem konkre­
ten Beispiel, das in der Forschung zur Affensprache immer wieder
diskutiert wird. D. L. Cheney und R. M . Seyfarth haben die Lautäuße­
rungen von Grünen Meerkatzen (auch als Vervetaffen bekannt) un­
tersucht und dabei festgestellt, dass einige dieser Äußerungen Infor­
mationen über Raubfeinde wie Leoparden, Schlangen oder Adler
übermitteln.20 Sobald ein Raubfeind auftauchte, stieß eine Meerkatze
einen bestimmten Laut aus, worauf alle Artgenossen in der Gruppe
die Flucht ergriffen. Für jede Art von Raubfeind gab es einen spezifi-
19 Eine kritische Auswertung der empirischen Forschungsergebnisse, die in den zwan­
zig Jahren nach dem Erscheinen von Premacks und Woodruffs einflussreichen
Arbeiten erzielt wurden, bietet C. M . Heyes, »Theory o f Mind in Nonhuman Pri­
mates«, The Behavioral and Brain Sciences 21 (1998), S. io iri4 8 . Verschiedene
Standpunkte in philosophischer und psychologischer Sicht versammeln die Bei­
träge in Theories o f Theories ofM ind, hrsg. von P. Carruthers und P. K. Smith, Cam­
bridge und New York: Cambridge University Press 1996.
20 Vgl. D. L. Cheney und R. M . Seyfarth, How Monkeys See the World. Inside theM ind
ofAnother Species, Chicago: University o f Chicago Press 1990 (dt. Wie Affen die
Welt sehen. Das Denken einer anderen Art, München: Hanser 1994).

24
sehen Laut. Die beiden Forscher berichten auch, dass junge Meerkat­
zen lernten, diese Laute zu imitieren und so zu verfeinern, dass sie der
Lautverwendung der Erwachsenen in der Gruppe entsprachen. Die
Erwachsenen ignorierten die Lautäußerung jedoch in den Fällen, in
denen das geortete Objekt kein Raubfeind war. Nahte tatsächlich
ein Raubfeind, wurde der Laut von einem Erwachsenen wiederholt.
Flaben wir es hier mit einer Form von Sprachverwendung zu tun?
Können wir sagen, dass sich die Meerkatzen mit ihren Lauten auf
Raubfeinde beziehen (referentielle Funktion), dass sie den Lauten
eine bestimmte Bedeutung geben (semantische Funktion), dass sie da­
mit ihre Artgenossen warnen (pragmatische Funktion), dass die Jun­
gen und Erwachsenen sich über die korrekte Verwendung verstän­
digen (kommunikative Funktion)? Eine Beantwortung dieser Fragen
hängt nicht nur davon ab, wie man die einzelnen Lautäußerungen
beschreibt und in Relation zueinander setzt.21 Eine Antwort hängt
auch und sogar entscheidend davon ab, was man hier unter einer
Sprache versteht. Welche Bedingungen müssen von den Meerkatzen
erfüllt werden, dass wir bereit sind, ihnen tatsächlich eine Sprache
und nicht nur ein vokalisiertes Reiz-Reaktions-Muster zuzuschreiben?
A u f diese Frage ist natürlich eine Bandbreite von Antworten möglich,
und zwar je nach Sprachbegriff, der explizit oder implizit vorausgesetzt
wird. In dieser Bandbreite lassen sich zwei Extreme bestimmen.
A u f der einen Seite stehen jene, die eine evolutionäre Sicht auf die
Sprache wählen und vorschlagen, sowohl phylogenetisch als auch
ontogenetisch verschiedene Entwicklungsstufen der Sprache und
des Sprachvermögens zu unterscheiden. Man müsste dann zunächst
bei einer Vorstufe zur Sprache ansetzen, die —mit C. Allen und E. Sai-
del gesprochen - nur in der »mimetischen Referenz« besteht.22 Das
heißt: Ein Lebewesen äußert Signale, die dem Referenten ähnlich
sind und ein bestimmtes, dem Referenten entsprechendes Verhalten
auslösen sollen. A u f der nächsten Stufe wäre die »stellvertretende Re-
21 So kann man sich fragen, ob die Erwachsenen die Jungen sprachlich unterrichteten
und auch tatsächlich die Absicht hatten, sie zu unterrichten, oder ob bei den Jungen
nur ein Reiz-Reaktions-Muster vorlag. Vgl. dazu T. M. Caro und M. D. Hauser, »Is
There Teaching in Nonhuman Animais?«, Quarterly Review ofBiology 67 (1992),
S. 151-174, sowie die Beiträge zum Thema »Communication, Language, and Mea-
ning« in: The Cognitive Animal. Empirical and Theoretical Perspectives on Animal
Cognition, hrsg. von M. Bekoff, C. Allen, G. M . Burghardt, Cambridge (Mass.):
MIT Press 2002.
22 Vgl. »Die Evolution der Referenz« (in diesem Band, S. 323 ff.).

*5
ferenz« anzusiedeln: Ein Lebewesen gibt Signale, die dem Referenten
nicht ähnlich sind, aber ebenfalls ein bestimmtes, dem Referenten ent­
sprechendes Verhalten auslösen sollen. Erst auf dieser Stufe wäre eine
erste Form von Sprache anzusiedeln, weil erst hier arbiträre Zeichen
verwendet werden. A u f einer nächsten Stufe wäre die »begriffliche Re­
ferenz« anzusiedeln. Sie tritt auf, wenn mithilfe von Begriffen auf Re­
ferenten verwiesen wird, ohne dass dadurch ein bestimmtes Verhalten
ausgelöst werden soll und ohne dass der Referent anwesend sein muss.
Man könnte nun noch weiter gehen und zusätzliche Stufen einfüh­
ren, etwa eine Stufe, auf der nicht mehr eine referentielle, sondern
eine performative Funktion im Mittelpunkt steht. (Es wird ein be­
stimmtes Signal verwendet, ohne dass auf irgendetwas verwiesen wer­
den soll, allein mit der Absicht, beim Rezipienten eine bestimmte Wir­
kung zu erzielen. Oder mit dem Signal wird auf etwas verwiesen und
gleichzeitig soll eine bestimmte Wirkung erzielt werden.) Welche und
wie viele Stufen es gibt, müsste natürlich ausgiebig diskutiert wer­
den. Ebenso müsste untersucht werden, welche Lebewesen zu wel­
chen Stufen fähig sind. Aber im Prinzip könnte man eine aufsteigende
Skala zeichnen, die von einer rudimentären Form von Sprache und
Sprachvermögen bis zu einer komplexen Form reicht. Würde man
so Vorgehen, könnte man den Meerkatzen sicherlich eine Sprache
zuschreiben, denn man findet bei ihnen nicht einfach eine mimeti­
sche Referenz ,(ihre Rufe gleichen ja nicht den Geräuschen von Ad­
lern oder Schlangen), sondern bereits eine stellvertretende Referenz:
Sie verwenden arbiträre Zeichen, die dem Referenten nicht gleichen.
Dass sie über keine Begriffe verfügen, zeigt nicht, dass sie keine Spra­
che haben. Dies verdeutlicht nur, dass sie nicht zu begrifflicher Refe­
renz fähig sind und somit nicht über eine hochentwickelte Form von
Sprache verfügen.
Die andere Extremposition in der Bandbreite der möglichen Ant­
worten wird von all jenen eingenommen, die von Anfang an darauf
insistieren, dass nur Lebewesen, die über Überzeugungen und andere
propositionale Einstellungen verfügen, eine Sprache zugeschrieben
werden kann. Eine besonders elaborierte Version dieser Auffassung
vertritt D. Davidson.23 Seiner Ansicht nach reicht es nicht einmal
23 Vgl. in diesem Band, S. 117 -13 1, sowie D. Davidson, »Thought and Talk«, in: id.,
Essays on Truth and Interpretation, Oxford: Clarendon Press 1984, S. 15 5-170 (dt.
»Denken und Reden«, in: Wahrheit und Interpretation, Frankfurt/M.: Suhrkamp
1986, S. 224-246).

26
aus, einzelne Überzeugungen zu haben. Vielmehr muss ein Lebe­
wesen, das denkt und spricht, ein ganzes Netz von Überzeugungen
haben, das mehr oder weniger kohärent ist. Davidson behauptet so­
gar, dass jemand erst dann denken und sprechen kann, wenn er nicht
nur eigene Überzeugungen hat, sondern auch die Überzeugungen an­
derer interpretieren kann. Wendet man diese Auffassung von Denken
und Sprechen, die im Kern holistisch und intersubjektivistisch ist, auf
Tiere - etwa auf die genannten Meerkatzen - an, wird sofort klar, dass
ihnen kein Denken und Sprechen zugeschrieben werden kann. Meer­
katzen haben keine Überzeugungen im strengen Sinn (d. h. proposi-
tionale Einstellungen der Form »Ich glaube, dass ...«) und können
auch nicht die Überzeugungen anderer interpretieren. Dies zeigt sich
schon darin, dass sie nicht imstande sind, eine Überzeugung mit an­
deren zu verbinden und in einem ganzen Netz von Überzeugungen
zu lokalisieren. So können sie nicht sagen (oder mittels nicht-vokaler
Zeichen irgendwie ausdrücken): »Ich glaube, dass ein Adler über mir
fliegt; also glaube ich auch, dass ein Raubfeind über mir fliegt.« Sie
sind höchstens zum Äußern von Signalen fähig. Dies ist keine Form
von Sprachbeherrschung, sondern lediglich Ausdruck einer teils an­
geborenen, teils erworbenen Reaktion auf bestimmte Reize.
Die beiden Extrempositionen lassen sich natürlich ausführlicher
beschreiben, und es können zahlreiche Mittelpositionen genannt wer­
den, die sich weder mit einer minimalen Form von Referenz begnügen
noch die maximale Forderung nach dem Verfügen über ein ganzes
Netz von Überzeugungen aufstellen. Hier sind jedoch nicht die De­
tails der einzelnen Positionen von Interesse. Entscheidend ist viel­
mehr das methodologische Grundproblem: Ob jemand den Tieren
eine Sprache zuschreibt, hängt davon ab, welchen Begriff von Spra­
che er verwendet - bildlich gesprochen: wie tief oder hoch er die Mess­
latte ansetzt, die ein Tier überwinden muss. Daher ist es unmöglich,
in einem ersten Schritt empirisch zu bestimmen, ob bestimmte Tiere
eine Sprache (und damit auch einen Geist) haben, um dann verschie­
dene Formen von Sprache miteinander zu vergleichen und begriff­
lich zu kategorisieren. Vielmehr muss die begriffliche Analyse von
Anfang an in die Auswertung der empirischen Daten einbezogen wer­
den. Denn nur wenn man sich klar darüber wird, welchen Begriff von
Sprache man zur Anwendung bringt, lässt sich auch bestimmen, wel­
ches Phänomen überhaupt in den Blick genommen und von anderen
Phänomenen abgegrenzt werden soll. Genau zu dieser Klärung ver-

27
hilft eine nähere Betrachtung der Tierbeispiele. Sie zwingt uns gleich­
sam, unsere Begriffe zu analysieren, zu schärfen und gegebenenfalls
zu revidieren. Und das heißt natürlich: Sie veranlasst uns dazu, eine
genuin philosophische Aufgabe anzupacken.

2. D ie Entsteh u ng der m odernen T ierdebatte

Die Fragen, ob Tiere einen Geist haben und auf welcher Grundlage
wir ihnen überhaupt geistige Fähigkeiten und Zustände zuschreiben
können, sind so alt wie die westliche Philosophie. Sie wurden bereits
von antiken und mittelalterlichen Denkern aufgeworfen und ausführ­
lich debattiert.24 Eine besondere Brisanz gewannen sie allerdings in
der frühen Neuzeit, als im Rahmen der »neuen Wissenschaft« zum
einen neue empirische Modelle zur Analyse des Tierverhaltens ent­
worfen wurden (z. B. im Rahmen einer mechanistischen Physiologie),
zum anderen aber auch die kognitiven Grundbegriffe einer radikalen
Prüfung unterzogen wurden.25 Exemplarisch zeigt sich dieses inten­
sive Interesse an den Tieren in P. Bayles Dictionnaire historique et
critique (Erstveröffentlichung 1697), in dem unter dem Stichwort
»Rorarius«26 die neueren Beiträge zur Tierdebatte dargestellt und kri­
tisch diskutiert werden. Bayle zufolge sind die Tiere der Prüfstein
für sämtliche Theorien des Geistes, denn am Beispiel der Tiere zeigt
sich, ob diese Theorien den konkreten Phänomenen gerecht werden.
Freilich betont Bayle gleich zu Beginn seiner Abhandlung, dass er
die prominentesten Theorien für unzulänglich hält: »Die Fakten, wel­
che die Fähigkeiten der Tiere betreffen, bringen die Anhänger des

24 Zur antiken Debatte vgl. R. Sorabji, Anim al Minds and Human Morals. The Ori-
gins ofthe Western Debate, Ithaca und New York: Cornell University Press 1993;
L ’a nimaldans l ’a ntiquite, hrsg. von B. Cassin und J. L. Labarriere, Paris: Vrin 1997;
Th. Gontier, Lhomme et Tanimal. La philosophie antique, Paris: Presses Univer-
sitaire de France 1999. Z u den mittelalterlichen Diskussionen vgl. D. Perler, »In-
tentionality and Action. Medieval Discussions on the Cognitive Capacities o f
Animais«, in: Intellect and Imagination in Medieval Philosophy, hrsg. von M. C.
Pacheco und J. F. Meirinhos, Turnhout: Brepols 2004 (kn. Druck).
25 Vgl. M. Wild, Die anthropologische Differenz. Der Geist der Tiere in der frühen Neu­
zeit bei Montaigne, Descartes und Hume (Diss. 2004, im Erscheinen).
26 H. Rorarius hatte 1654 die Schrift Quod animalia bruta ratione utantur melius ho-
mine (»Dass die Tiere die Vernunft besser gebrauchen als der Mensch«) publiziert,
die P. Bayle als Ausgangspunkt verwendete.

28
Descartes wie des Aristoteles gleichermaßen in Schwierigkeiten.«27
Angesichts dieser kritischen Einschätzung lohnt es sich, einen Blick
auf einige dieser Schwierigkeiten und die daraus entstehenden Kont­
roversen zu werfen. In den frühneuzeitlichen Diskussionen wurden
nämlich zahlreiche inhaltliche und methodologische Probleme the­
matisiert, die auch heute noch im Mittelpunkt des Interesses stehen.
Daher sollen kurz zwei Hauptkontrahenten der frühneuzeitlichen
Tierdebatte vorgestellt werden - nicht um einen philosophiehistori­
schen Überblick zu geben, sondern um die Fragestellungen und die
Argumentationsmuster zu benennen, die auch heute noch relevant
sind.28
Die frühneuzeitliche Tierdebatte wurde durch Michel de Mon­
taigne (1533-1592) eröffnet, der in seiner »Apologie für Raimond Se-
bond« (.Essais II, 12) ausführlich die Frage erörtert, ob wir den Tieren
einen Geist zuschreiben können. Den Ausgangspunkt für Montaignes
Überlegungen bildet eine traditionelle Anthropologie, die eine klare
hierarchische Ordnung postuliert: Menschen sind als Abbild Gottes
den Tieren überlegen, selbst wenn Tiere ein scheinbar intelligentes
Verhalten an den Tag legen. Aufgrund der besonderen Stellung in
der Schöpfung kann man den Menschen prinzipiell kognitive Fähig­
keiten zuschreiben, was im Falle der Tiere nicht möglich ist. Tieren
können nur Sinnesreize, Instinkte, Triebe und gegebenenfalls ein an­
trainiertes Verhalten zugeschrieben werden. Gegen eine solche prinzi­
pielle Unterscheidung wendet Montaigne ein: »Wir stehen weder hö­
her noch tiefer als die übrigen Geschöpfe. [...] Es gibt Unterschiede,
es gibt Rangordnungen und Stufen, doch stets nur als Erscheinungs­
formen der einen Natur.«29 In dieser Stellungnahme manifestiert sich

27 P. Bayle, Dictionnaire historique et critique, Bd. 12 (nouvelle edition de l’edition de


Paris 1820-24), Genf: Slatkine 1969, S. 588 (dt. Historisches und kritisches Wörter­
buch, übers, und hrsg. von G. Gawlick und L. Kreimendahl, Hamburg: Meiner
2003, S. 280).
28 Für einen Überblick vgl. die Textsammlung von L. Ferry und C. Germe, Des ani-
maux et des hommes. Anthologie des textes remarquables ecrits sur le sujet du XVe siecle
ä nosjours, Paris: Librairie generale fran^aise 1994. Ältere Standardwerke dazu sind
G . Boas, The Happy Beast in French Thought ofthe Seventeenth Century, Baltimore:
Johns Hopkins Press 1933; L. C. Rosenfield, From Beast-machine to Man-machine.
The Animal Soul in French Letters from Descartes to la Mettrie, New York: Oxford
University Press 1940.
29 Essais II, 12, hrsg. von P. Villey, Paris: Presses Universitaires de France 1965, S. 459
A. [Der Buchstabe, der jeweils der Seitenzahl hinzugefügt wird, kennzeichnet die

29
nicht nur die Zurückweisung einer hierarchisch konzipierten Schöp­
fungslehre, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, sondern
eine grundsätzliche methodologische Kritik an impliziten Vorausset­
zungen, die bei der Beschreibung von Tieren gemacht werden. Wenn
man von einem prinzipiellen Unterschied zwischen Menschen und j
Tieren ausgeht, wird das Tierverhalten von vornherein als defizitär be- |
trachtet und am Maßstab des menschlichen Verhaltens gemessen, (
Was auch immer Tiere tun, äußern oder lernen, ihr Verhalten kann I
dem menschlichen nicht ebenbürtig sein. Es kann ihm höchstens in
einigen Punkten ähneln, aber es kann nicht von gleicher Art sein
und auch nicht in gleicher Weise verursacht werden. M it dieser An- ;
nähme wird freilich das antizipiert, was ein detaillierter Vergleich
von Menschen und Tieren erst zeigen (oder gegebenenfalls auch wi­
derlegen) sollte, nämlich dass wir zur Beschreibung und Erklärung
des Tierverhaltens nicht auf jene Kategorien zurückgreifen dürfen, j
die wir auf menschliches Verhalten anwenden. Oder zugespitzt ausge­
drückt: Es wird von Anfang an eine radikale anthropologische Diffe­
renz angenommen, die sämtliche Beobachtungen und Bewertungen
von Einzelfällen bestimmt. Die Fälle »bestätigen« nur das, was ohne­
hin schon feststeht.
Gegen ein derart unzulässiges Vorgehen fordert Montaigne, dass
die These von einer radikalen Differenz aufgegeben werden muss.
Er geht von folgendem Grundsatz aus: »Ich behaupte also, um auf '
mein Thema zurückzukommen, dass es keinen vernünftigen Grund
gibt, zu meinen, die Tiere täten aus zwanghaftem Naturtrieb, was
wir aufgrund eigener Wahl und erworbner Kunstfertigkeit tun. Von
gleichen Ergebnissen müssen wir vielmehr auf gleiche Kräfte schlie­
ßen und folglich zugeben, dass ebender Verstand und ebender Weg,
die unser Werken und Wirken bestimmen, im selben Maße auch
für sie bestimmend sind, wenn nicht in höherem.«30 Es gilt also der
Grundsatz, dass von gleichen Wirkungen auf gleiche Ursachen ge­
schlossen werden muss, ohne dass von vornherein prinzipielle Unter­
schiede angenommen werden dürfen. Konkret heißt dies: Sieht man
einen Menschen und einen Hund an einer Weggabelung stehen und
nach kurzem Zögern einen der drei Wege gehen, hat man zwei Er-
Textfassung: A = Fassung von 1580, B = Fassung von 1588, C = Exemplar von Bor­
deaux, 1588-92.] (Dt. Essais, übers, von H. Stilett, Frankfurt/M.: Eichborn 1998,
S. 227.)
30 Essais II, 12, ed. Villey, S. 460 A (dt. S. 227).

30
klärungsmöglichkeiten.31 Entweder man sagt beim Menschen ebenso
wie beim Hund, dass sie den einen Weg gegangen sind, weil sie über­
legt haben, welchen Weg sie gehen sollen, und weil sie sich für eine
der drei Optionen entschieden haben. Man schließt also in beiden Fäl­
len von einem bestimmten Verhalten auf eine bestimmte kognitive
Ursache. Oder man sagt beim Menschen genau wie beim Hund, dass
sie den einen Weg gegangen sind, weil sie durch gewisse Reize oder
durch ein antrainiertes Verhaltensmuster dazu gebracht wurden. Man
schließt demnach in beiden Fällen auf eine nicht-kognitive Ursache.
Eine solche Erklärungsstrategie schließt freilich nicht aus, dass das
Verhalten von Menschen in einigen Situationen anders zu erklären ist
als jenes von Tieren. Montaigne räumt ja ein, dass es »Rangordnungen
und Stufen« innerhalb der einen Natur geben kann. Dies liegt aber
nur daran, dass das menschliche Verhalten gelegentlich komplexer
ist als jenes der Tiere, sodass auch auf eine komplexere Ursache rekur­
riert werden muss. Der Grund besteht aber nicht darin, dass das Ver­
halten von Menschen grundsätzlich anders zu erklären ist als jenes
von Tieren: Graduelle Unterschiede erlauben keine prinzipielle D i­
chotomie. Montaigne weist allerdings darauf hin, dass das Verhalten
der Tiere gelegentlich komplexer ist als jenes von Menschen, sodass
bei den Tieren auf eine komplexere - vielleicht sogar auf eine kogni­
tive - Ursache geschlossen werden muss. Dies veranschaulicht das
Beispiel des Chamäleons, das seine Farbe der Umgebung anpassen
kann - ein Verhalten, zu dem wir Menschen nicht in der Lage sind.
Aus dieser Beobachtung folgert Montaigne: »Solche Leistungen, die
wir bei den anderen Lebewesen beobachten und die größer sind als
unsre, beweisen daher, dass sie diesbezüglich eine uns überlegne Fä­
higkeit haben, die uns verborgen bleibt - wie wahrscheinlich viele
andre Anlagen und Kräfte, die nicht einmal bis zu unserer Wahrneh­
mung dringen.«32 Genauso wie den Tieren unsere kognitiven Fähig­
keiten verborgen sind, können auch uns die kognitiven Fähigkeiten
des Chamäleons und anderer Tiere unbekannt sein. Unsere kognitive
Beschränktheit darf daher nicht der Grund sein, den Tieren prinzi­
piell kognitive Fähigkeiten abzusprechen.

31 Montaigne erwähnt dieses klassische Beispiel, das bereits von hellenistischen Phi­
losophen zitiert wurde. Vgl. zur Rezeptionsgeschichte L. Floridi, »Scepticism
and Animal Rationality: the Fortune o f Chrysippus’ Dog in the History o f Western
Thought«, Archiv fü r Geschichte der Philosophie 79 (1997), S. 27-57.
32 Essais II, 12, ed. Villey, S. 469 A -C (dt. S. 232).

31
Aus heutiger Sicht könnte man nun einwenden, dass man beim Cha­
mäleon keineswegs auf eine »überlegene Fähigkeit« schließen muss,
schon gar nicht auf eine kognitive Fähigkeit. Das Chamäleon erkennt
ja nicht die Farbe der Umgebung und entschließt sich nicht, seine
Farbe anzupassen. Der Farbwechsel ist ein rein biologischer Vorgang
der Anpassung, der mit Rekurs auf biochemische Prozesse und Um­
weltbedingungen erklärt werden kann. Ein solcher Einwand würde
Montaignes Ffauptargument freilich verfehlen. Ihm geht es nicht da­
rum, die inhaltliche These zu vertreten, dass die Farbanpassung des
Chamäleons eine kognitive Ursache haben muss. Welche Ursache vor­
liegt, ist ihm (wie auch allen anderen Menschen des 16. Jh.) verborgen,
wie er offen eingesteht. Montaigne weist vielmehr auf einen metho­
dologischen Punkt hin: Wenn man davon ausgeht, (a) dass man von
gleichen Wirkungen auf gleiche Ursachen schließen muss und (b) dass
komplexe Wirkungen komplexe Ursachen haben, dann muss man
diese beiden Grundsätze auch auf die Tiere anwenden. Es wäre unzu­
lässig zu behaupten, dass Menschen komplexe Verhaltensweisen an
den Tag legen und daher auch über komplexe Ursachen - sprich: über
kognitive Prozesse - verfügen, Tiere hingegen nur biologischen Pro­
zessen unterworfen sind. Wer methodisch korrekt Vorgehen will, muss
wiederum zugestehen, dass es nur zwei Erklärungsmöglichkeiten gibt.
Entweder man schließt bei den Menschen wie bei den Tieren von kom­
plexen Verhaltensweisen auf komplexe nicht-kognitive Ursachen, oder
man schließt bei beiden auf kognitive Ursachen. Rekurriert man auf
unterschiedliche Ursachen, muss man dafür konkrete empirische An­
haltspunkte haben, z. B. eine markante Differenz in der jeweiligen Ver­
haltensweise.
Dies ist ein entscheidender Punkt, der auch in den heutigen Debat­
ten nicht an Bedeutung eingebüßt hat und vor allem von kognitiven
Ethologen gegen die Vertreter einer prinzipiellen anthropologischen
Differenz ins Felde geführt wird. Wenn etwa behauptet wird (heute
natürlich ohne Verweis auf eine Hierarchie in der Schöpfung), dass
Menschen prinzipiell anders beschaffen sind als Tiere und dass des­
halb nur menschliches Verhalten mit Verweis auf geistige Fähigkeiten
erklärt werden kann, lautet die Erwiderung ähnlich wie bei M on­
taigne. So hält E. Saidel fest: »Es mag sein, dass Dinge, die sich von
einem menschlichen Geist stark unterscheiden, keine Geister sind,
aber wir sollten unsere Untersuchung bezüglich der Natur des Geis­
tes von Tieren nicht mit einer solchen Annahme beginnen. Dies sollte

32
etwas sein, was wir als das Resultat unserer empirischen Arbeit ent­
decken, nicht eine Rahmenbedingung, die wir von vornherein an
unsere Arbeit stellen.«33 Konkret heißt dies: Es mag sehr wohl sein,
dass Prozesse der Anpassung an die Umwelt bei Tieren ganz anders
zu erklären sind als bei Menschen, weil Tieren bestimmte kognitive
Fähigkeiten fehlen, über die wir verfügen. Aber ein solcher Mangel
darf nicht von Anfang an angenommen werden. Falls er tatsächlich
besteht, muss er mittels empirischer Studien gezeigt werden. Prima
facie darf kein prinzipieller Unterschied zwischen Menschen und
Tieren angenommen werden. Andernfalls »bestätigen« die Beobach­
tungen nur das, was durch die These von der anthropologischen Dif­
ferenz ohnehin von vornherein feststeht.
M it seiner Kritik an der These, dass sich Menschen prinzipiell von
Tieren unterscheiden, erreicht Montaigne ein zweifaches Ziel. Ei­
nerseits »animalisiert« er die Menschen, indem er anhand konkreter
Beispiele aufzeigt, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen
ebenso auf Instinkte, Triebe und Sinnesreize zurückgeführt werden
können wie jene von Tieren. Andererseits »humanisiert« er die Tiere,
indem er verdeutlicht, dass zur Erklärung komplexer Verhaltenswei­
sen von Tieren ebenso kognitive Fähigkeiten in Anschlag gebracht
werden können wie zur Erklärung analoger Verhaltensweisen von
Menschen. Man könnte somit von einer Doppelstrategie sprechen,
die auf die Überwindung einer starren hierarchischen Ordnung
und auf die möglichst weitgehende Einebnung der Mensch-Tier-Dif-
ferenz abzielt. Montaigne wendet diese Doppelstrategie auf verschie­
dene Bereiche an.34 Zwei davon spielen auch in der heutigen Debatte
noch eine wichtige Rolle.
Der erste Bereich betrifft das Sprachvermögen, das meistens den
Menschen, nicht aber den Tieren zugesprochen wird. Was veranlasst
uns zu dieser Asymmetrie? A u f den ersten Blick nur die Tatsache,
dass wir uns mit anderen Menschen unterhalten können, mit den
Tieren aber nicht. Dies ist aber kein ausreichender Grund, wie Mon­
taigne sogleich einwendet: »Diese Unfähigkeit zur Kommunikation
zwischen ihnen und uns —warum sollte sie nicht ebenso unsere sein

33 E. Saidel, »Animal Minds, Human Minds«, in: The Cognitive Animal, op. cit.,
S. 54.
34 Für eine sorgfältige Analyse sämtlicher Bereiche vgl. Th. Gontier, De l ’homme ä
TanimaL Montaigne et Descartes ou lesparadoxes sur la nature des animaux, Paris:
Vrin 1998.

33
wie ihre? Es bleibt eine offne Frage, wessen Fehler es ist, dass wir uns
nicht verstehen, denn wir verstehen sie keineswegs besser als sie uns!
So können sie uns mit gleichem Recht für vernunftlose Tiere halten
wie wir sie.«35 Montaigne betont hier, dass wir nicht von vornherein
von einer Asymmetrie ausgehen dürfen, d. h. wir dürfen nicht anneh­
men, dass wir Menschen über ein ausgeklügeltes Zeichensystem ver­
fügen, das interpretierbar und somit auch verstehbar ist, die Tiere hin­
gegen nicht. Aufgrund unserer eingeschränkten Perspektive können \
wir nur auf unser Zeichensystem und unsere Möglichkeiten der Inter­
pretation verweisen. Ob andere Lebewesen ihre eigenen Zeichensys­
teme haben, die auf ihre eigene Art interpretierbar sind, entzieht sich
unserem Wissen. Daher dürfen wir den Tieren nicht von vornherein
eine Sprache absprechen.
Nun wäre es allerdings unbefriedigend, wenn wir zwar einräumen I
würden, dass andere Lebewesen ihre eigenen Zeichensysteme haben, ?
gleichzeitig aber eingestehen müssten, dass wir über keine Möglich­
keit verfugen,, diese Systeme zu erkennen, geschweige denn in unsere !
Sprache zu übersetzen. Damit wir überhaupt auf andere Zeichensys­
teme verweisen und sie identifizieren können, brauchen wir gewisse
Anhaltspunkte, die es uns erlauben, diese fremden Systeme überhaupt
als Zeichensysteme bzw Sprachen zu bestimmen. Was wären solche l
Anhaltspunkte? In seiner Antwort auf diese Frage legt Montaigne |
die Grundlage fiir zahlreiche moderne Diskussionen über Tierspra- j
chen. Im Gegensatz zu traditionellen Sprachtheoretikern verweist er j
nämlich nicht auf die semantische und die syntaktische Dimension f
einer Sprache, sondern auf die pragmatische: » ... denn was ist Spre- [
chen anderes als die bei den Tieren zu beobachtende Fähigkeit, durch j
den Gebrauch ihrer Stimmen Jammer und Freude zu bekunden, sich s
gegenseitig zu Hilfe zu rufen und zum Liebesspiel zu locken?«36 Auch ,
wenn wir etwa im Falle der Vögel nicht in der Lage sind, den einzel- |
nen Zwitscherlauten eine bestimmte Bedeutung zuzuschreiben oder I
syntaktische Regeln zur Kombination der Laute zu bestimmen, kön­
nen wir doch erkennen, dass die Laute in bestimmten Situationen zu
bestimmten Zwecken geäußert werden: Sie sollen ein bestimmtes Ver­
halten verursachen und dadurch die Interaktion mit Vertretern der
eigenen Spezies oder anderer Spezies regeln. Dies verdeutlicht, dass |
die Zwitscherlaute weit mehr sind als Geräusche; sie sind Zeichen, |
35 Essais II, 12, ed. Villey, S. 453 A (dt. S. 224).
36 Essais II, 12, ed. Villey, S. 458 A (dt. S. 226).

34
die gezielt eingesetzt werden, um beim Empfänger eine bestimmte
Wirkung hervorzurufen.
Die Beispiele, die Montaigne anführt, mögen heute anekdotisch
anmuten.37 Entscheidend ist indessen nicht die Plausibilität der ein­
zelnen Beispiele, sondern der allgemeine Erklärungsansatz. Sobald
Sprache in pragmatischer Hinsicht betrachtet wird, ist es durchaus
möglich, Tieren eine Sprache zuzuschreiben. Wir sehen nämlich, dass
bestimmte Lautäußerungen bestimmte Verhaltensweisen hervorrufen
und dass sie genau zu diesem Zweck eingesetzt werden. So können
wir fremde Zeichensysteme bestimmen, auch wenn wir nicht in der
Lage sind, sie vollständig in unsere Sprache zu übersetzen. Dies ist
ein Punkt, der auch von heutigen Forschern, die nach der Möglichkeit
von Tiersprachen fragen, betont wird. So hält J. Proust fest, dass es
unzulässig wäre, stets mit einem hoch angesetzten Sprachbegriff zu
operieren und von jedem sprachfähigen Lebewesen gleich das Be­
herrschen einer Semantik und einer Syntax zu verlangen. A u f einer
basalen Ebene beginnt Sprache mit einer zielgerichteten Informa­
tionsvermittlung, und auf dieser Ebene gilt: »Es gibt eine Kommuni­
kation, sobald die erhaltene Information das Verhalten des Rezipien­
ten bestim m t.. ,«38 Gelingt es einem Tier, mit gezielten Signalen in
einem anderen Tier ein bestimmtes Verhalten zu bewirken, kann
ihm eine gewisse (freilich nur basale) Form von Kommunikation
und damit auch eine gewisse Sprachbeherrschung zugesprochen wer­
den.
Ein zweiter Bereich, in dem Montaigne versucht, die Mensch-Tier-
Differenz einzuebnen, umfasst das rationale Handeln. Gewöhnlich
gehen wir davon aus, dass Menschen bestimmte Handlungen ausfüh­
ren, weil sie sich Ziele setzen und überlegen, mit welchen Mitteln sie
diese Ziele am besten erreichen können. Kurz gesagt: Wir schreiben
den Menschen Zweckrationalität zu. Warum sollten wir diese nicht
auch den Tieren zuschreiben? Montaigne veranschaulicht diese Frage
anhand eines Beispiels. Angenommen, ein Fuchs erreicht einen zuge­
frorenen Fluss und wir beobachten, wie er sein Ohr zunächst dicht ans

37 So sagt er in Anlehnung an Dante, dass Ameisen miteinander sprechen, um sich


gegenseitig nach dem Weg zu fragen und das Ziel zu finden. Vgl. Essais II, 12,
ed. Villey, S. 458 A (dt. S. 226).
38 J. Proust, Les animaux, pensent-ils?, op cit., S. 69. Freilich betont die Autorin, dass
damit höchstens eine Sprache auf der Ebene von Spuren und Signalen gegeben ist.
D a eine Syntax fehlt, ist keine elaborierte Sprache vorhanden.

35
Eis legt und dann stehen bleibt oder weiter geht. Sollten wir dann
nicht sagen, dass der Fuchs sich ein Ziel setzt (der Fluss soll überquert
werden) und dann prüft, ob ein bestimmtes Mittel (Überschreiten
der Eisdecke) zur Erreichung dieses Ziels eingesetzt werden kann
oder nicht? Sollten wir nicht sogar annehmen, dass der Fuchs logische
Überlegungen anstellt, etwa indem er denkt, dass er die Eisdecke nur
überschreiten kann, wenn sie dick genug ist und sein Gewicht trägt?
Freilich lässt sich nicht eindeutig feststellen, was der Fuchs denkt.
Doch für Montaigne steht fest, dass wir das Fuchs verhalten nicht j
bloß mit Rekurs auf Sinneseindrücke erklären können: »Denn sein
Verhalten lediglich der Schärfe seines Gehörs und nicht auch seinem
logischen Denkvermögen zuzuschreiben, scheint mir völlig abwegig
und keiner Erwägung wert.«39
Auch hier könnte man einwenden, dass Montaigne einem Anthro­
pomorphismus verfällt. Warum sollte der Fuchs Propositionen erfas­
sen und sie gemäß logischen Regeln miteinander verknüpfen? Es
könnte ja sein, dass ein simples Reiz-Reaktions-Muster sein Verhal­
ten bestimmt: Immer wenn er bestimmte auditive Wahrnehmungs­
reize erhält (z. B. Geräusche von rauschendem Wasser), wird die Reak­
tion des Stehenbleibens ausgelöst. Ein solcher Einwand ist natürlich
berechtigt und bedarf einer empirischen Prüfung. Doch auch hier
ist nicht die Überzeugungskraft des konkreten Beispiels entschei­
dend.40 Wichtig ist vielmehr die Grundüberlegung, dass nicht von
vornherein eine kognitive Tätigkeit ausgeschlossen werden darf, nur
weil der Fuchs - im Gegensatz zu uns Menschen - keine solche Tätig­
keit sprachlich manifestiert. Oder verkürzt ausgedrückt: Nur weil der
Fuchs nicht spricht, kann ihm noch nicht das Denken abgesprochen
werden.
Auch in diesem Punkt erweist sich Montaignes Ansatz als verblüf­
fend aktuell. In der gegenwärtigen Debatte stellen nämlich verschie-
39 Essais II, 12, ed. Villey, S. 460 A (dt. S. 227).
40 Es ist grundsätzlich zu beachten, dass Montaigne keine Behauptungen über die
kognitiven Leistungen der Tiere aufstellt, sondern in Anlehnung an die Methode
der pyrrhonischen Skepsis nur bestimmte Meinungen (z. B. dass der Fuchs Über­
legungen anstellt) anderen, bereits etablierten Meinungen gegenüberstellt und so
einen Zustand der Isosthenie, d. h. der Gleichwertigkeit von Meinungen, erreichen
will. Vgl. zu dieser Methode I. Maclean, M ontaignephilosophe, Paris: Presses Uni-
versitaires de France 1996, S. 48-51; F. Brahami, Le scepticisme de M ontaigne, Paris:
Presses Universitaires de France 1997; M . Wild, »Les deux pyrrhonismes de Mon­
taigne«, Bulletin de la societe des amis de M ontaigne 19-20 (2000), S. 45-56.

36
dene Philosophen die nach dem »linguistic turn« dominierende These
von der Sprachabhängigkeit des Denkens in Frage. So bestreitet F.
Dretske mit Nachdruck die Ansicht, dass nur Lebewesen, die in
einem sozialen Kontext eine Sprache lernen und verwenden, auch
denken können. Genau wie Montaigne führt auch Dretske teils em­
pirisch belegte, teils fiktive Beispiele von Tieren an, um zu verdeut­
lichen, dass ein Lebewesen bereits aufgrund innerer Repräsentatio­
nen, die Informationen über die Umwelt vermitteln, denken kann.
Diese Repräsentationen entstehen durch Kausalbeziehungen zu Ge­
genständen in der Umwelt und dienen als »kognitive Karten« fiir
das Verhalten. Dretske hält fest: »Gedanken sind als Karten beschrie­
ben worden, mit deren Hilfe wir navigieren. Ich mag diese Meta­
pher. Karten sind Repräsentationen, und ihr Navigationsvermögen
ist die Rolle, die sie in der Festlegung eines Outputs spielen.«41 Wen­
det man diese Aussage auf das Fuchsbeispiel an, heißt dies: A u f der
Grundlage der auditiven Eindrücke, die der Fuchs von der Eisdecke
und dem Wasser erhält, eignet er sich eine kognitive Karte vom Fluss
an - eine Karte, auf der einzelne Gegenstände und ihre Beziehun­
gen zueinander eingezeichnet sind. Diese kognitive Karte bestimmt
unmittelbar das Verhalten des Fuchses, etwa sein Stehenbleiben oder
sein Weitergehen. So gesehen denkt der Fuchs, auch wenn er nicht im­
stande ist, Begriffe im strengen Sinn (d. h. Prädikate) zu bilden und
logische Überlegungen sprachlich zu artikulieren.
Wie dieses Beispiel verdeutlicht, ist Montaignes Versuch, die
Mensch-Tier-Differenz möglichst weitgehend einzuebnen und das
Denken bereits auf einer vorsprachlichen Ebene anzusiedeln, nicht
einfach ein skurriles Projekt der frühen Neuzeit. In seinem methodi­
schen Ansatz (wenn auch nicht in der Erklärung einzelner Beispiele)
ist es auch heute noch von systematischer Bedeutung. Freilich steht
ihm ebenfalls seit der frühen Neuzeit ein anderes Projekt gegenüber,
das die Differenz zwischen Mensch und Tier betont. Dieses Gegen­
projekt ist vor allem durch Rene Descartes (1596-1650) bekannt ge­
worden, der in seiner Metaphysik bekanntlich einen dualistischen
Ansatz wählte. Bereits dieser Ansatz impliziert eine prinzipielle und
nicht nur eine graduelle Unterscheidung von Mensch und Tier. Wenn
Menschen nämlich aus einem materiellen Körper und einer immate-
41 F. Dretske, »The Nature o f Thought«, in: id., Perception, Knowledge and Belief,
Cambridge und N ew York: Cambridge University Press 2000, S. 240. Vgl. auch
in diesem Band, S. 216 f.

37
riellen Seele bestehen, Tiere hingegen nur aus einem materiellen Kör­
per, können Tiere und Menschen nicht gleich strukturiert sein, wie
ähnlich ihr Verhalten auch erscheinen mag. Vor allem können Tiere
keine Gedanken haben, denn Gedanken sind der cartesischen Meta­
physik zufolge Akte und Zustände (sog. »Modi«) des immateriellen
Geistes.42 Was auch immer wir als Denken, Überlegen, Planen oder
kluges Handeln bei einem Tier auffassen, muss somit »entgeistigt«
und dem materiellen Körper zugeschrieben werden. Wenn man sich
der in Abschnitt i dargestellten Unterscheidung verschiedener Inten­
tionalitätsstufen bedienen möchte, könnte man sagen, dass Descartes
die Zustände des Fuchses auf der nullten Stufe erklärt: Der Fuchs
zeigt nur ein Reiz-Reaktions-Muster, das in seinem Körper implemen­
tiert ist. Montaigne hingegen erklärt diese Zustände auf der ersten
Stufe: Der Fuchs denkt an die Eisdecke und möchte sie überqueren.
Er überlegt, dass er sie nur überqueren kann, wenn sie dick genug
ist und sein Gewicht trägt. Eine solche Zuschreibung intentionaler
Zustände ist Descartes zufolge nur bei einem Lebewesen mit einem
immateriellen Geist möglich.
Nun könnte man den Eindruck gewinnen, dass Descartes’ nega­
tives Verdikt einzig und allein in seiner dualistischen Metaphysik
begründet ist. Lehnt man diese Metaphysik ab, wie dies die meisten
Gegenwartsphilosophen fordern, entfällt auch die Begründungsba­
sis, um Tieren geistige Zustände absprechen zu können.43 Bereits
die Überwindung des cartesischen Dualismus hat dann die Preisgabe
einer prinzipiellen Mensch-Tier-Differenz zur Folge. Ein genauer
Blick auf Descartes’ Schriften zeigt indessen, dass diese Differenz
nicht allein in der dualistischen Metaphysik begründet ist. Descartes
führt Argumente an, die ohne Rekurs auf die Dualismus-These zei­
gen sollen, dass eine prinzipielle Mensch-Tier-Differenz besteht.44

42 Vgl. Principia I, 8-9 und 32 (AT V III-i, 7-8 und 17) (dt. D ie Prinzipien der Philoso­
phie, übersetzt von A. Buchenau, Hamburg: Felix Meiner 1992, S. 3 und 11-12). Des­
cartes’ Werke werden nach der Ausgabe der CEuvres de Descartes, hrsg. von Ch.
Adam und P. Tannery (= AT), »nouvelle presentation«, Paris: Vrin 1981 ff. zitiert.
43 Freilich könnte man auch umgekehrt argumentieren: Entfällt die dualistische Basis
zugunsten einer materialistischen Metaphysik, entfällt auch die Möglichkeit, den
Menschen geistige Zustände zuzusprechen. Menschen sind dann genauso physiolo­
gische Maschinen wie die Tiere im Rahmen der cartesischen Metaphysik. Eine Zu­
schreibung geistiger Zustände ist dann nur möglich, wenn die Möglichkeit mate­
rieller geistiger Zustände eingeräumt wird.
44 Ob diese beiden Argumente tatsächlich von der Dualismus-These unabhängig

38
Er entwickelt diese Argumente, indem er zwei Tests einführt, um raf­
finierte Maschinen, die wie Menschen aussehen und sich scheinbar
auch wie Menschen verhalten, von wirklichen Menschen zu unter­
scheiden.45
Der erste Test bezieht sich auf das Sprachvermögem Raffinierte M a­
schinen können zwar Laute äußern, sind aber nicht in der Lage, Wör­
ter oder andere Zeichen zu verwenden, um anderen Gedanken mitzu­
teilen. Will man herausfinden, ob ein sprechendes Wesen tatsächlich
ein Mensch ist, muss man nur testen, ob es Wörter so miteinander ver­
bindet, dass es anderen etwas mitteilt. Der zweite Test betrifft das
Handlungsvermögen: Maschinen können keine intelligenten, der je­
weiligen Situation angepassten Handlungen ausführen, sondern sind
auf bestimmte Bewegungsmuster festgelegt. Auch hier muss man nur
testen, ob ein Wesen sich einer neuen Situation anpassen kann, wenn
man herausfinden will, ob es ein Mensch oder eine Maschine ist. Be­
merkenswert ist nun, dass Descartes die beiden Tests ausdrücklich auf
die Tiere anwendet: »Nun, durch diese zwei Mittel kann man auch
den Unterschied, den es zwischen den Menschen und den Tieren gibt,
erkennen. Denn es ist ein sehr bemerkenswerter Sachverhalt, dass es -
die Verrückten nicht ausgenommen —keine so stumpfsinnigen und
dummen Menschen gibt, die nicht fähig wären, verschiedene Worte
zusammenzustellen und daraus eine Rede zu bilden, durch die sie ihre
Gedanken verständlich machen; und dass es umgekehrt kein anderes
Tier gibt, das, so vollkommen und glücklich veranlagt es auch sein
mag, Ähnliches leistet. [...] Ein sehr bemerkenswerter Sachverhalt
ist auch, dass, obgleich es mehrere Tiere gibt, die in manchen ihrer
Handlungen mehr Geschicklichkeit bezeugen als wir, man dennoch
beobachtet, dass dieselben in vielen anderen überhaupt keine zeigen.
Das, was sie besser als wir machen, beweist also nicht, dass sie Geist

sind, ist unter Descartes-Exegeten freilich umstritten. Vgl. M . Dauier Wilson, »Ani­
mal Ideas«, in: id., Ideas and Mechanism. Essays on Early M odern Philosophy;
Princeton: Princeton University Press 1999, S. 495-512; K. Morris, »Betes-ma-
chines«, in: Descartes’ N atural Philosophy, hrsg. von S. Gaukroger et al., London
und New York: Routledge 2000, S. 401-419; L. Newman, »Unmasking Descartes’s
Case for the Bete Machine Doctrine«, Canadian Jo urn al o f Philosophy 31 (2001),
S. 389-426.
45 Vgl. Discours de la methode V (AT VI, 56-57) (dt. Bericht über die Methode, übers,
von H. Ostwald, Stuttgart: Reclam 2001, S. 105); dazu ausführlich D. Perler, »Des­
cartes über Fremdpsychisches«, A rchiv fü r Geschichte der Philosophie 77 (1995),
S. 42-62.

39
besitzen, denn dies angenommen, hätten sie mehr als irgendeiner von
uns und würden es in allen Dingen besser machen.«46 Wie für die M a­
schinen gilt somit auch für die Tiere, dass sie sich von den Menschen
unterscheiden, weil sie weder über Sprach- noch über Handlungsver­
mögen verfügen. Ja, die Tiere sind nichts anderes als lebendige M a­
schinen (Descartes vergleicht sie mit aufgezogenen Uhren), die ge­
mäß einem festgelegten Mechanismus funktionieren.
Die unmittelbare Anwendung der beiden Tests auf die Tiere ver­
deutlicht, dass die berühmte »bete-machine«-These ein Bestandteil
der »corps-machine«-These ist.47 Da die Tiere Descartes zufolge die
beiden Tests nicht bestehen, sind sie für ihn nichts anderes als Kör­
per-Maschinen: nach Naturgesetzen funktionierende Organismen,
die keine geistigen Zustände haben. Doch warum bestehen die Tiere
die Tests nicht? M it Bezug auf den ersten Test könnte man sogleich
einwenden, dass Tiere doch mit gezielt eingesetzten Signalen anderen
etwas mitteilen können. So können Grüne Meerkatzen ihre Artge­
nossen vor einem herannahenden Raubfeind warnen. Sind dies nicht
Formen der Mitteilung, die weit über das mechanische Äußern von
Lauten hinausgehen? Auch Descartes’ negatives Fazit bezüglich des
zweiten Tests scheint nicht überzeugend zu sein. Können Tiere ihre
Handlungen nicht neuen Situationen anpassen und dadurch eine ge­
wisse Lernfähigkeit an den Tag legen? So kann ein Schimpanse doch
lernen, welcher Trainer ihm einen mit Nahrung gefüllten Behälfer
bringt und welcher Trainer diesen Behälter für sich behält. Entspre­
chend kann er seine Handlung der Situation anpassen, indem er
den kooperativen Trainer zum gefüllten Behälter führt, den konkur­
rierenden hingegen nicht. Ist dies nicht eine intelligente, der Situation |
angepasste Handlung, die weit mehr darstellt als ein mechanisches
Bewegungsmuster?
Diese Einwände verdeutlichen, dass Descartes’ Tests direkt den
Kern jener Probleme berühren, die auch heute noch im Mittelpunkt
der Debatte stehen. Es stellt sich nämlich die Frage, welche Bedingun­
gen ein Lebewesen erfüllen muss, damit ihm Sprach- und Handlungs­
vermögen zugesprochen werden. Die gegenwärtigen Kontroversen
bezüglich dieser Frage zeigen, dass Descartes’ Standpunkt keineswegs
vollständig antiquiert ist, wie man zunächst vermuten könnte. Be- 1
46 Discours de la methode V (AT VI, 57-58) (dt. S. 107 und S. 109).
47 Vgl. dazu M . Wild, »Tiere als >bloße< Körper? Über ein Problem bei Descartes und
McDowell«, Studia Philosophica 62 (2003), S. 13 3-147.

40
trachten wir den ersten Test: Wenn Descartes den Tieren ein Sprach-
vermögen abspricht, so nicht, weil sie keine Zeichen oder Signale zur
Bezugnahme auf Dinge in ihrer Umgebung verwenden können; er
spricht ihnen nicht die Fähigkeit zur Referenz ab. Ebenso wenig leug­
net er, dass Tiere ganz bestimmte Zeichen zu bestimmten Zwecken
einsetzen können, etwa zur Warnung vor Raubfeinden. Der Grund
für die mangelnde Sprachfähigkeit liegt seiner Ansicht nach darin,
dass sie nicht kreativ mit Sprache umgehen und genau dadurch be­
weisen, dass sie nicht selbständig Gedanken bilden und anderen mit-
teilen. Sie sind zwar imstande, ein bestimmtes Repertoire von Signa­
len zu verwenden. Doch sie greifen immer auf das gleiche Repertoire
zurück, das sie nicht variieren oder neu zusammenstellen können. An­
ders verhält es sich bei den Menschen. Diese »erfinden für gewöhnlich
selbst irgendwelche Zeichen, durch die sie sich denjenigen verständ­
lich machen, die mit ihnen Umgang pflegen .. .«48 A u f den Einwand,
dass Grüne Meerkatzen sehr wohl eine Signalsprache verwenden kön­
nen, um ihren Artgenossen etwas mitzuteilen, würde Descartes somit
antworten, dass sie immer die gleichen Signale äußern, um vor Raub­
feinden zu warnen. Und jede Grüne Meerkatze äußert die gleiche
Art von Signal; es gibt keine Erfindung eigener Signale und keine in­
dividuelle Neukombination bereits verwendeter Signale.
Diese Kritik wird auch in heutigen Debatten immer wieder ge­
äußert. So haben S. Savage-Rumbaugh und K. E. Brakke zahlreiche
Experimente, die mit Schimpansen, Bonobos und anderen Affen an­
gestellt wurden, evaluiert und kritisch festgestellt, dass die getesteten
Tiere zwar Signale lernten und diese erfolgreich zur Bezugnahme
auf bestimmte Gegenstände verwendeten. Sie waren aber nicht in
der Lage, die einmal gelernten Signale neu zu kombinieren. Diese
Beobachtung hat die beiden Forscherinnen zu folgendem Schluss
gebracht: »Diese Daten legen nahe, dass nicht eine Tendenz zur Imi­
tation oder ein Mangel an syntaktischer Kompetenz für die Tatsache
verantwortlich ist, dass Nim [sc. einer der untersuchten Affen] nicht
imstande ist, eine Sprache zu lernen, wie Terrace argumentiert. Die
Schwierigkeit liegt noch tiefer. Es stellt sich heraus, dass Nim unfähig
ist, unabhängig von der jeweiligen Ordnung wirklich neue Zwei-
Wort-Kombinationen zu bilden.«49 Kurz gesagt: Nim und andere
48 Discours de la methode V (AT VI, 58) (dt. S. 107).
49 S. Savage-Rumbaugh und K. E. Brakke, »Animal Language: Methodological and
Interpretive Issues«, in: Readings in A nim al Cognition, op cit., S. 282.

41
Affen sind unfähig, kreativ mit einem Repertoire von Signalen umzu­
gehen. Aus diesem Grund sind Savage-Rumbaugh und Brakke heute -
genau wie Descartes im 17. Jh. - nicht bereit, diesen Tieren ein
Sprachvermögen zuzusprechen.
Die Kreativität spielt auch für den Test des Handlungsvermögens
eine entscheidende Rolle. Descartes spricht den Tieren ein gewisses
Repertoire an Verhaltensmöglichkeiten nicht ab. So würde er nicht
bestreiten, dass ein Schimpanse sich gegenüber einem kooperativen j
Trainer anders verhalten kann als gegenüber einem konkurrierenden 1
Trainer. Entscheidend ist für ihn die Frage, ob der Schimpanse eine !
bestimmte Handlung frei wählt und gegebenenfalls variiert oder ob
er sie nur aufgrund eines Reiz-Reaktions-Musters ausführt, das in
seinem »Bauplan« festgelegt ist, ähnlich wie die Bewegung der Zeiger
im Mechanismus einer Uhr angelegt ist. Könnte der Schimpanse sich
etwa dazu entscheiden, den konkurrierenden Trainer plötzlich zum
Behälter mit Nahrung zu führen, nachdem er ihn zehnmal zum leeren
Behälter gelenkt hat? Oder ist der Schimpanse darauf festgelegt, auf
einen bestimmten Reiz immer mit dem Hinführen zum leeren Be- |
hälter zu reagieren? Allgemeiner gefragt: Ist das Verhalten eines Tiers
biologisch determiniert, oder wird es durch kognitive Zustände her- j
vorgebracht, die auch eine Variation erlauben?
Die Frage ist keineswegs endgültig entschieden, wie wiederum ein |
Blick auf die neuere ethologische Forschung zeigt. So ist ausgiebig dis­
kutiert worden, ob Tiere (insbesondere bestimmte Vogelarten) ihr Ha­
bitat wählen oder ob sie sich nur aufgrund eines genetisch festgelegten
Verhaltensmusters in ein Habitat begeben.50 Einige Forscher behaup­
ten, Tiere würden ihr Habitat tatsächlich wählen, weil sie eine »kog­
nitive Karte« von ihrer Umgebung anlegen können und mit dieser !
Karte die geeignete Umgebung aussuchen. Andere wenden dagegen
ein, selbst wenn eine solche Karte existiere, ermögliche sie keine freie
Wahl. Sie lege nämlich ein Tier darauf fest, immer die gleiche Art von
Habitat aufzusuchen; von einer Wahl könne nur bei einer Flexibilität
und Variabilität im Verhalten gesprochen werden. Damit wird natür­
lich genau jener Punkt betont, den bereits Descartes in den Mittel­
punkt seiner Überlegungen stellte: Ohne Flexibilität im Verhalten
gibt es kein Anzeichen für eine Wahl und damit auch kein Indiz für
einen kognitiven Zustand.
50 Vgl. M . L. Rosenzweig, »Do Animais Choose Habitats?«, in: Readings in A nim al
Cognition, op. cit., S. 185-199.

42
Wie dieses Beispiel verdeutlicht, ist Descartes5 Kritik an der These,
dass Tiere über kognitive Zustände verfügen, auch nach der Preisgabe
der dualistischen Metaphysik nicht verstummt. Im Gegenteil: Die kri­
tische Evaluation empirischer Untersuchungen mit Affen, Vögeln und
anderen Lebewesen hat den beiden Tests, die Descartes zur Unter­
scheidung von Menschen und Tieren anführte, wieder neues Gewicht
gegeben. Hinter diesen Tests verbirgt sich stets die Frage, ob Sprache
und Verhalten bei Tieren tatsächlich einen kognitiven Ursprung ha­
ben oder ob sie auf ein Reiz-Reaktions-Muster zurückgeführt werden
können.

3. D ie kognitive Eth ologie

Die These Descartes5und seiner Anhänger, dass es sich bei Tieren um


Maschinen handele, ist also, blendet man den metaphysischen Hinter­
grund des Cartesianismus aus, keineswegs mit historischem Edelrost
überzogen. Betrachten wir eine cartesianische Erklärung für das be­
reits mehrfach erwähnte Rufverhalten der Grünen Meerkatzen. Diese
Affen verfügen über mindestens drei deutlich unterschiedene Alarm­
rufe für Leoparden, Adler und Schlangen. Auch die Alarmreaktionen
sind deutlich unterschieden. Beim Leopardenruf flüchten die Meer­
katzen auf die Bäume, beim Adlerruf schauen sie zuerst in die Luft
und verschwinden in Büschen, beim Schlangenruf stellen sie sich
auf die Hinterbeine und verfolgen die Bewegungen der Schlange.
W ie würde Descartes diese Beobachtungen erklären? Er- würde unge­
fähr Folgendes sagen: Eine Meerkatze ist physiologisch so disponiert,
dass sie auf drei Klassen von Reizen als Reaktion drei Arten von Lau­
ten produziert. Wenn beispielsweise ein Leopardenbild im Sehorgan
der Meerkatze entsteht, werden diese Außenreizungen an die Nerven
weitergeleitet, die bestimmte Regionen im Gehirn aktivieren. Der
Affe braucht dabei den Leoparden nicht als solchen zu identifizieren.
Er ist physiologisch einfach so disponiert, dass er beim Leoparden­
muster den Leopardenruf ausstößt. Die Wirkung des Leopardenrufs
auf andere Meerkatzen ist analog, nur dass der akustische Leopar­
denruf nun die Funktion des visuellen Leopardenbilds als Reiz über­
nimmt.
Descartes5 Physiologie ist natürlich sehr primitiv, doch man wird
sie mit einem moderneren physiologischen Apparat aufrüsten kön-

43
nen. Bis in die 70-er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Affenlaute als
unwillkürlich und indexikalisch betrachtet.51 Das heißt erstens: Die
Rufe entspringen einem unwillkürlichen, d. h. unflexiblen und ange­
borenen Reflex. Der einzelne Affe muss hier nichts lernen oder sonst
eine kognitive Leistung erbringen. Diese Art von Rufen ist ihm ange­
boren und mit bestimmten Reizen »fest verdrahtet«. Das heißt zwei­
tens: Die Rufe geben nur Auskunft über einen affektiven Zustand des
Rufers. Es handelt sich um unmittelbare Äußerungen der inneren Er­
regung. Sie beziehen sich also nicht auf äußere Objekte oder gar auf
Sachverhalte. Die neurophysiologische Basis dafür ist, dass Affenrufe
durch Reizungen im subkortikalen Bereich des Gehirns ausgelöst wer­
den, vor allem in jenem Bereich, der für die affektiven Reaktionen
zuständig ist. Dazu könnte Descartes ohne Weiteres seine Zustim­
mung geben.
Vor nicht einmal dreißig Jahren erschienen den Psychologen und |
Philosophen Fragen wie »Haben Tiere ein Bewusstsein?« oder »Den- j
ken Tiere?« ebenso abwegig wie unwissenschaftlich. Die damals vor- j
herrschende wissenschaftliche Psychologie, der Behaviorismus, ver- j
bat sich ja den Gebrauch mentaler Begriffe oder betrachtete diese [
Begriffe als Bezeichnungen für Verhaltensweisen oder für Dispositio­
nen zu Verhaltensweisen. Es war verpönt, Behauptungen aufzustellen
wie »Die Taube glaubt, dass p «. Wenn man nun doch nicht umhin
kam, so zu sprechen, musste man stets darauf achten, mentale Be- j
griffe wie >glauben< als vage Bezeichnung für ein bestimmtes Verhak j
ten zu begreifen oder zumindest für die Disposition zu diesem Verhal-
ten. [
Betrachten wir ein konkretes Beispiel für eine solche Deutung men- (
taler Begriffe. Eine Taube hat in ihrem Käfig gelernt, dass ein Schna- j
beihieb auf einen roten Knopf Futter bringt. M it der Zeit lernt die |
Taube, wenn sie Futter möchte, diesen roten Knopf zu betätigen. Zeit­
gleich mit dem Schnabelhieb blinkt eine Lampe a u f M it der Zeit wird
die Taube beim Blinken dieser Lampe auf Futter warten, ja ihre Schna- j
beihiebe auf den roten Knopf aufgrund des bloßen Blinkens des |
Lichts ausführen. Die »Überzeugung« der Taube nun, dass der Schna- j
beihieb auf den roten Knopf ihr Futter verschafft, ist nichts weiter als
die durch positive Verstärkung hervorgerufene Neigung oder Dispo­
sition, diesen Knopf zu betätigen. Mentale Ursachen kommen hier
51 Vgl. dazu D. L. Cheney und R. M . Seyfarth, How Monkeys See the World, op. cit.,
S. 136-14 1.

44
nicht in Betracht. Weiter kann das Verhalten der Taube durch belie­
bige Reize konditioniert werden, wie eben durch das Blinken einer
Lampe. Angeborene Verhaltensweisen kommen hier also ebenso we­
nig in Betracht. Die ausschließliche Berücksichtigung des sichtba­
ren Verhaltens bietet natürlich den Vorteil größerer Wissenschaftlich­
keit, weil dieses Verhalten an sichtbaren, körperlichen Bewegungen
und mithilfe überprüfbarer Testverfahren ohne Rückgriff auf verbor­
gene Variablen beschrieben werden kann. Ähnlich gehen wir im All­
tag vor: Wir beziehen uns selbstverständlich auf das Verhalten, auch
auf das Sprechverhalten. Aber wir erklären Verhaltensweisen sowohl
bei Menschen als auch bei vielen Tieren durch das, was sie glauben
oder wünschen. Unsere Alltagspsychologie bezieht sich auf mentale
Ursachen für Verhalten. Der Behaviorist, so lässt sich einwenden, ver­
wechselt Evidenzen für die Zuschreibung mentaler Zustände mit den
mentalen Zuständen selber.
Die Behavioristen stellten ihre Verhaltensexperimente mit Ratten
oder Tauben meist in künstlichen Umgebungen an, in so genann­
ten Skinner-Käfigen, benannt nach dem Psychologen B. F. Skinner
(1904-1990). Das dort gezeigte Verhalten ist kein Fall eines »Trial-
and-Error«-Lernens. Die Taube in der Skinner Box versucht sich ja
nicht an zahlreichen Möglichkeiten, um ein bestimmtes Ziel zu er­
reichen, sondern ein beliebiges Verhalten (das Picken auf den roten
Knopf) wird mit einer Belohnung versehen, die ein natürliches Be­
dürfnis befriedigt, und wird dadurch verstärkt. Diese instrumenteile
Konditionierung formt das zukünftige Verhalten der Taube. Der be-
havioristische Ansatz lässt sich auf E. L. Thorndikes (1874-1949) Ge­
setz der Wirkung {law o f effect) und das diesem Gesetz zugrunde
liegende Reiz-Reaktions-Modell zurückführen. Das Gesetz der Wir­
kung bezieht sich auf das Lernen am Erfolg, das durch subjektive Be­
friedigung verstärkt wird: Stets werden jene Verbindungen zwischen
Reizen und Reaktionen verstärkt, die in einem Lebewesen einen an­
genehmen Effekt erzeugen.52 Die Grundlage ist das alte Assoziations-

52 »Of several responses made to the same Situation those which are accompanied
or closely followed by satisfaction to the animal will, other things being equal, be
more firmly connected with the Situation, so that, when it recurs, they will be more
likely to recur; those which are accompanied or closely followed by discomfort to
the animal will, other things being equal, have their Connections to the Situation
weakened, so that, when it recurs, they will be less likely to occur. The greater
the satisfaction or discomfort, the greater the strengthening or weakening o f the

45
modell des Geistes, das in der Psychologie des 18. und des 19. Jahrhun­
derts gebräuchlich war.
Das paradigmatische Tier des Behaviorismus also ist die instrumen­
teil konditionierte Tabula-rasa-Taube im Skinner-Käfig. Descartes
hätte auch hier prinzipiell seine Zustimmung geben können. (Freilich
hätte er sich der von den Behavioristen vorgenommenen Übertragung
derselben Erklärungsmuster auf menschliches Verhalten heftig wider­
setzt.) Sowohl die behavioristische Verhaltenserklärung als auch die
oben erwähnte neurophysiologische Erklärung der Affenlaute entspre­
chen Descartes’ Analyse des Verhaltens einer dressierten Elster, die
ihrer Herrin »Guten Tag!« sagt. Die Lautäußerung der Elster, so Des­
cartes, sei ihr durch Konditionierung beigebracht worden. Mithin
handele es sich nicht um eine spontane Äußerung, sondern um ein
gezieltes Training. Die Elster hat auch gar nicht die Absicht, »Guten
Tag!« zu sagen. Sie vollzieht keinen Sprechakt. Was sie will, ist dasje­
nige, womit sie abgerichtet wurde: Futter. Weiter bemerkt Descartes,
das Verhalten der Elster sei lediglich Ausdruck ihres inneren physio­
logischen Zustands.53
Die beiden skizzierten quasi cartesianischen Erklärungsmodelle
liefern Null-Hypothesen bezüglich des Geistes der Tiere. Auch Den-
netts Stufenmodell intentionaler Zustände hält ja, wie wir gesehen
haben, eine solche Null-Hypothese (die Dennett bisweilen als »Spiel­
verderber-Hypothese« bezeichnet) bereit. Solche Hypothesen müssen
im Prinzip möglich sein, und Behauptungen, dass Tiere über Bewusst­
sein, Gedanken oder Überzeugungen verfügen, müssen sich gegen sol­
che Null-Hypothesen bewähren. Etwas anderes ist es freilich, Fragen
nach dem Geist der Tiere von vornherein als unwissenschaftlich aus­
zuklammern und gleichsam unter Naivitätsverdacht zu stellen oder
die Beweislast ganz auf die Seite derjenigen zu schieben, die bereit
sind, Tieren einen Geist zuzuschreiben.
Heute ist die Frage nach dem Geist der Tiere zurückgekehrt und
bond.« E. L. Thorndike, A nim al Intelligence, New York: Macmillan 19 11, S. 244.
Eine Lehrbuchfassung findet sich in D. McFarland, Biologie des Verhaltens. Evolu­
tion, Physiologie, Psychobiologie (2. neubearbeitete Auflage), Heidelberg und Berlin:
Spektrum 1999, S. 287-288. Die Funktion dieses Gesetzes für F. Dretskes Theorie
der Indikatorfestlegung diskutiert J. Proust, Comment l ’esprit vient aux betes, op.
cit., S. 14 9 -156; vgl. auch D. Dennett, »Why the Law o f Effect W ill Not Go Away«,
in: id., Brainstorms. Philosophical Essays on M in d and Psychology, Cambridge
(Mass.): MIT Press 1978, S. 71-89.
53 Brief an Newcastle, 23. 11. 1646 (AT IV, 574-575).

46
neu erwacht. Das verdankt sich unter anderem dem so genannten cog-
nitive turn, der kognitiven Wende in der Psychologie und in der Lin­
guistik, die zur Entstehung des weiten Felds der Kognitionswissen­
schaften geführt hat. Diese Wende hat unterschiedliche Wurzeln.
O ft werden N . Chomskys Attacke gegen Skinners behavioristische
Sprachtheorie54 und seine Ausarbeitung einer Generativen Gramma­
tik oder der Beginn der Computertechnologie und der Forschung zur
künstlichen Intelligenz an deren Anfang gesetzt.55 Es ist wichtig zu
beachten, dass beide Ursprünge von Bedeutung sind. M it dem Com­
putermodell wird ein mögliches Modell für die Funktionsweise des
Geistes gewonnen. Das Computermodell wird zum einschlägigen
Bild für ein funktionalistisches Verständnis geistiger Prozesse als Ver­
arbeitungsprozesse von kodierter Information.56 Chomsky legt, wie
Descartes in seinem Sprachtest, das Gewicht auf die Kreativität und
die relative Aneignungsgeschwindigkeit der Sprache. Unter anderem
schließt er daraus (gegen den Behaviorismus), dass gewisse gramma­
tische Strukturen angeboren sein müssen. Chomskys Rückgriff auf
eingeborene Strukturen hat sich in den Kognitionswissenschaften
als fruchtbar erwiesen. Unter dem Stichwort der »Modularität« wird
die Idee einer angeborenen kognitiven Architektur des Geistes dis­
kutiert. Die Grundidee besteht darin, dass der Geist nicht dank eines
generellen Mechanismus (etwa demjenigen der Assoziation oder des
Reiz-Reaktions-Musters) alle möglichen kognitiven Aufgaben zu be­
wältigen vermag, sondern aus vielen autonomen, in sich geschlosse­
nen, spezialisierten Systemen besteht, die für die kompetente und
schnelle Bewältigung spezialisierter Aufgaben zuständig sind, wie bei­
spielsweise der visuellen Wahrnehmung, der Gesichterkennung oder
des Spracherwerbs.57

54 N. Chomsky, »Verbal Behavior by B. F. Skinner«, in: Language 35 (1959), S. 26-58.


Diese kritische Rezension bezieht sich auf B. F. Skinner, Verbal Behavior, Engle-
wood Cliffs: Prentice-FIall 1957.
5 5 Vgl. die ausführliche Einleitung »The Life o f Cognitive Science« in: A Companion to
Cognitive Science, hrsg. von W. Bechtl und G. Graham, London: Blackwell 1998,
S. 1-104; M . Urchs, Maschine, Körper, Geist. Eine Einführung in die Kognitionswis­
senschaft, Frankfurt/M.: Klostermann 2002.
56 Vgl. dazu die Einleitung »Computermodelle des Geistes« in: Kognitionswissenschaf­
ten. Grundlagen, Probleme, Perspektiven, hrsg. von D. Münch, Frankfurt/M.: Suhr-
kamp 1992, S. 7-53.
57 Vgl. dazu die Diskussion bei D. Papineau (in diesem Band, S. 244-246 und S. 287 f.).
Eingeführt wurde die Idee der Modularität durch J. Fodor, The M odularity o f

47
Neben den beiden genannten Elementen der kognitiven Wende,
dem Computermodell und der eingeborenen mentalen Architektur,
tritt als drittes Element die Wiederaufnahme von inneren mentalen
Zuständen zur Beschreibung und Erklärung des Verhaltens von Orga­
nismen (und intelligenten Maschinen) hinzu. Mentale Begriffe wie
vor allem derjenige der mentalen Repräsentation, aber auch diejeni­
gen des Plans, des Ziels, der bildlichen Vorstellung oder der Überzeu­
gung, werden zentral in psychologischen Erklärungen.58 Die generelle
Arbeitshypothese der Kognitionswissenschaften kann so verstanden
werden, dass der Geist als ein teilweise eingeborenes Aggregat von Me­
chanismen aufgefasst wird, der mentale Repräsentationen ähnlich wie
ein sehr komplexer Computer verarbeitet.59
Die kognitive Wende hatte natürlich auch Einfluss auf die Tier­
psychologie.60 Das dyadische behavioristische Modell von Reiz und
Reaktion wird durch die Triade Input (externe Informationseinhei­
ten), Operation (Informationsverarbeitungen) und Output (das sicht­
bare Verhalten) abgelöst. Die paradigmatischen Tiere der kognitiven
Tierpsychologie sind nun Labor-Affen, die bestimmte, an trainierte
Aufgaben lösen. Man kann der Tierpsychologie aber den Vorwurf ma­
chen, dass sie das mechanistische Modell des Behaviorismus ledig­
lich durch ein neurologisches Computermodell ablöst, dass sie einen
Behaviorismus mit Computern darstellt. Der vom Behaviorismus
gleichsam eingeklammerte oder eliminierte Innenraum wird durch
die Operation, die Informationsverarbeitung, ersetzt. Solche Berech­
nungsprozesse können aber, wie im Computer, ohne einen Funken
M in d: A n Essay on Faculty Psychology, Cambridge (Mass.): MIT Press 1983; id., »Pre-
cis o f The Modularity o f Mind», Behavioral and Brain Sciences 8 (1985), S. 1-42.
$8 Vgl. zur philosophischen Diskussion R. Schumacher: »Philosophische Theorien
mentaler Repräsentation«, in: Deutsche Zeitschrift fü r Philosophie 5 (1997),
S. 785-815; zur Diskussion in der Psychologie die Beiträge in M entale Repräsenta­
tion, hrsg. von J. Engelkamp, T. Pechmann, Bern: Hans Huber 1993.
59 Eine umfassende, aber auch sehr umstrittene Darstellung des Geistes in dieser Per­
spektive findet sich bei S. Pinker, How theM ind Works, New York: Norton 1997 (dt.
Wie das Denken im K o p f entsteht, München: Kindler 1998).
60 Vgl. die Übersichtsdarstellungen von H. Roitblat, »Animal Cognition«, in: A Com-
panion to Cognitive Science, op. cit., S. 114 -120; J. Vauclaire, A nim al Cognition,
Cambridge (Mass.): Harvard University Press, 1996; S.J. Shettleworth, Cognition,
Evolution, and Behavior, New York und Oxford: Oxford University Press 1998;
C. D. L. Wynne, A nim al Cognition, London: Palgrave 2001. Eine geraffte Über­
sicht bietet S. J. Shettleworth, »Animal Cognition and Animal Behavior«, A nim al
Behavior 61 (2001), S. 277-286.

48
Bewusstsein oder eine Spur Überlegung ablaufen. Die nun verwende­
ten mentalen Ausdrücke sind zwar nicht mehr Platzhalter für Verhal­
tensweisen und Dispositionen, aber sie sind in erster Linie explanato-
rische Platzhalter für neurologische Korrelate. Schließlich werden
auch hier Labor-Tiere lediglich künstlichen Aufgaben in einem künst­
lichen Umfeld ausgesetzt. Es wird also nicht darauf geachtet, wie
Tiere in ihrer natürlichen Umwelt tätig sind und mit dieser interagie­
ren.
Kritikpunkte dieser Art und die Fragen, wie es nun wirklich ist, ein
bestimmtes Tier zu sein, und was es nun wirklich ist, was Tiere den­
ken, haben den Zoologen D. Griffin (1915-2003) in den 70-er Jahren
abseits der breiten Forschungsströme dazu geführt, die Frage nach
dem Bewusstsein von Tieren zu stellen.61 Für Griffin geht es darum,
ein Fenster zum Geist der Tiere hin zu öffnen (togeta window on their
minds). Der Untertitel von Griffins erstem Buch lautet: »Die evolu­
tionäre Kontinuität des mentalen Erlebens.« Griffin nimmt damit
die These Darwins einer durch die Evolutionstheorie suggerierten
mentalen Kontinuität zwischen Mensch und Tier wieder auf. Dar­
win hatte nämlich behauptet, dass es keinen fundamentalen Unter­
schied zwischen dem Menschen und den höheren Tieren hinsichtlich
ihrer mentalen Vermögen gibt.62 Diese Kontinuitätsthese hatten be­
reits Psychologen unmittelbar nach Darwin aufgenommen, darunter
am entschiedensten G. J. Romanes (1848-1894).63 Griffin interessiert
sich nun aber nicht nur für das Lernverhalten, für die Intelligenz, die
Kommunikation oder das Denken, sondern in erster Linie für die
schwierige Frage nach dem Bewusstsein anderer Tiere. Griffin ist näm­
lich der experimentelle Entdecker der Echolokation bei Fledermäu­
sen, der besonderen Fähigkeit dieser Tiere, sich in völliger Dunkelheit

61 D. R. Griffin, The Question o f A nim alAwareness. Evolutionary Continuity o f M ental


Experience, New York: Rockefeiler University Press 1976; id., A nim al M inds, Chi­
cago: University o f Chicago Press 1992.
6z »There is no fundamental difference between man and the higher animals in their
mental faculties«, Ch. Darwin, The Descent ofM an and Selection in Relation to Sex,
London: Random House 1931, S. 448.
63 G. J. Romanes, A nim al Intelligence, London: Kegan, Paul, Trench und Co. 1882;
id., M ental Evolution in Anim als, New York: Appelton und Co. 1884. Einen kurzen,
konzisen Überblick gibt G .M . Burghardt, »Animal Awareness. Current Percep-
tions and Historical Perspectives«, The Am erican Psychologist 40 (1985), S. 905-919;
ausführlicher die Studie von R. Boarkes, From D arw in to Behaviourism. Psychology
an d the M inds o f Anim als, Cambridge: Cambridge University Press 1984.

49
mittels der Echos ihrer Ultraschallrufe zu orientieren. Erst aufgrund
der Forschungen Griffins hat Th. Nagel seinen bereits erwähnten A u f­
satz »Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?« schreiben können. Nagels
Überlegungen wiederum haben Griffins Bemühungen herausgefor­
dert, ein Fenster zum bewussten Erleben der Tiere hin zu öffnen.64
Ein solches Fenster kann es laut Nagel nicht geben, denn er zweifelt
ja daran, dass wir je werden wissen können, wie es ist, ein Individuum
einer anderen Spezies zu sein. Griffin glaubt, dass wir vor allem durch
zwei Fenster einen Blick auf das Bewusstsein der Tiere erhaschen kön­
nen, nämlich durch die Untersuchung von komplexem, flexiblem und
neuartigem Verhalten bei Tieren und durch die (partizipative) Unter­
suchung der Kommunikation zwischen den Tieren.65 In einem ge­
wissen Sinne macht sich Griffin also für die Aufnahme der beiden
cartesischen Tests stark, getragen jedoch von der intuitiven Überzeu­
gung, dass es phänomenal irgendwie sein muss, ein bestimmtes Tier
zu sein.
Griffin war es nun auch, der den Ausdruck >kognitive Ethologie<
prägte.66 Er bestimmte die Aufgabe der kognitiven Ethologie ganz all­
gemein wie folgt:
Unsere Aufgabe ist es, die Speziesgrenze zu überschreiten und zu versuchen,
befriedigende Informationen darüber zu sammeln, was andere Spezies denken
und fühlen mögen. Diese kognitive Ethologie - eine Wissenschaft, die noch in
den Kinderschuhen steckt - sollte nicht durch den Neid au f die Computer
beengt werden, der einen großen Teil der derzeitigen kognitiven Psychologie
kennzeichnet.67

64 Auch die von D. Griffin organisierte Tagung in Berlin zeugt von der engen Zusam­
menarbeit zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie, vgl. A nim al
M in d —Human M in d (Report o f the Dahlem Workshop on Animal Mind, Human
Mind, Berlin 1981, march 22-27), hrsg. von D. R. Griffin, Heidelberg und New
York: Springer 1982.
65 Griffins Versuch, das Thema des Bewusstseins in die wissenschaftliche Verhal­
tensforschung einzubringen, wurde Gegenstand heftiger Kritik. Eine Übersicht
der Einwände geben M. Bekoff und C. Allen, »Cognitive Ethology: Slayers, Scep-
tics, and Proponents«, in: Anthropomorphism, Anecdotes, an d Anim ais, hrsg. von
R. W. Mitchell, N. S. Thompson und H. L. Miles, Albany: Suny Press 1997,
s. 313-334-
66 D. R. Griffin, »Prospects for a Cognitive Ethology«, Behavioral andBrain Sciences 4
(1978), S. 527-538.
67 D. R. Griffin, Wie Tiere denken. Ein Vorstoß ins Bewußtsein der Tiere, BLV Verlags­
gesellschaft: München 1985, S. 22.

50
Es wird erkennbar, dass die einflussreiche Orientierung am Com ­
putermodell für Griffin wenig hilfreich erscheint bei der Frage nach
dem Bewusstsein anderer Tiere. Mittlerweile ist die kognitive Etho­
logie ihren Kinderschuhen etwas entwachsen.68 Einer ihrer führenden
Vertreter, der Biologe M . Bekoff, definiert die kognitive Ethologie wie
folgt:

Die kognitive Ethologie ist die vergleichende, evolutionäre und ökologische


Erforschung des Geistes von nicht-menschlichen Tieren — Denkprozesse,
Überzeugungen, Vernunft, Informationsverarbeitung und Bewusstsein mit
eingeschlossen .69

In dieser Definition wird sowohl die Initiative Griffins als auch die Re­
habilitation mentalen Vokabulars durch die Kognitionswissenschaf­
ten sichtbar. A u f Letzteres verweist ja auch der Name der Forschungs­
richtung als einer kognitiven Ethologie. Der andere Teil des Namens
entlehnt sie der klassischen Ethologie, der Verhaltensforschung also,
die durch die Arbeiten von K. Lorenz (1903-1989) oder von N . Tin-
bergen (1907-1988) bekannt geworden ist.
Ebenso wie die Behavioristen und die Tierpsychologen halten sich
die Vertreter der klassischen Ethologie gegenüber Fragen des tieri­
schen Bewusstsein oder des tierischen Denkens und Meinens zurück.
Tinbergen gibt sich aus Gründen der Wissenschaftlichkeit sehr reser­
viert. Lorenz ist zwar mit Gefühlsausdrücken sehr freizügig, auf die
Frage aber, ob Tiere ein subjektives Erleben haben, antwortet er aus­
weichend: »Wenn ich darauf antworten könnte, hätte ich das Leib-
Seele-Problem gelöst!«70 Die klassische Ethologie interessiert sich in
erster Linie für das Instinkt-Verhalten. Die Verhaltensforschung fragt
bei einem bestimmten Verhalten nach vier explanatorischeri Momen­
ten, nämlich (i) nach den externen Umweltursachen, (ii) nach den

68 Dies bedeutet nicht, dass sie nicht vielfältiger Kritik ausgesetzt wäre, vgl. C. Heyes,
»Contrasting Approaches to the Legitimation o f Intentional Language within Com-
parative Psychology«, Behaviorism 15 (1987), S. 41-50; C. Heyes und A. Dickinson,
»The Intentionality o f Animal Action«, M in d and Language 5 (1990), S. 87-104;
J. Shettleworth, Cognition, Evolution, and Behavior, op. cit., Kap. 11
69 M . Bekoff, »Cognitive Ethology«, in: A Companion to Cognitive Science, op.
cit., S. 371-379: »Cognitive ethology is the comparative, evolutionary, and ecologi-
cal study o f nonhuman animal minds, including thought process, beliefs, rationa-
lity, Information processing, and consciousness.«
70 K. Lorenz, »Haben Tiere ein subjektives Erleben?«, in: id., Über tierisches und
menschliches Verhalten, Bd. II, München: Piper 1965, S. 617.

51
evolutionären Anpassungsvorteilen, die diese Verhaltensweise mit sich
bringt, (iii) nach der phylogenetischen und (iv) nach der ontogene-
tischen Entwicklung der Verhaltensweise. Man kann dies am besten
an einem Beispiel erklären, etwa am berühmten Beispiel der Prägung
von bestimmten Jungvögeln, vor allem von Enten und Gänsen. Was
ist Prägung? Das Erste, was Gänseküken sehen, wenn sie aus dem
Ei schlüpfen, ist normalerweise ein Elterntier. Gänseküken erkennen
dieses Elterntier aber nicht als Elterntier. Sie nehmen in dieser »sen­
siblen Phase« einfach das erste bewegte Objekt als Elterntier an und
folgen ihm. Das ist die Prägung. Unter künstlichen Umständen kann
man das Elterntier auch durch einen bärtigen Verhaltensforscher er­
setzen. Im Fall der Graugans Martina nämlich war Lorenz selbst Ziel­
objekt des Prägeverhaltens. Martina widersetzte sich dann allen Versu­
chen, einer echten Gans untergeschoben zu werden. Dieses Verhalten
ist nicht besonders intelligent. Es handelt sich vielmehr um einen an­
geborenen, evolutionär selektionierten, instinktiven Mechanismus,
der aufgrund eines Schlüssel-Reizes (der in diesem Fall sehr vage
ist) ausgelöst wird. Hier kann man also die Ursache dieses spezifi­
schen Verhaltens eruieren (ein Lebewesen in der Umgebung des
Nests), die adaptiven Vorteile erkennen (die Küken begeben sich so­
fort unter den Schutz eines Elterntiers) und die ontogenetische Ent­
wicklung beobachten (die Prägung erfolgt nur in einem bestimmten
Alter). Durch vergleichende Forschungen ergeben sich Hypothesen
bezüglich der Phylogenese. Anders als der Behaviorismus und die
Tierpsychologie betrachtet die klassische Ethologie Tiere nicht als
Verhaltens- oder Kognitionsorganismen, sondern vielmehr als durch
die Evolution geformte Wesen, die zum Schutz und zur Befriedigung
ihrer Triebe verschiedene instinktive Verhaltensmuster entwickelt ha­
ben. Anders als der Behaviorismus und die Tierpsychologie beobach­
ten die Ethologen das Verhalten der Tiere oft in der freien Wildbahn
und versuchen dabei möglichst einfache, nicht-invasive Experimente
anzustellen.
Die kognitive Ethologie teilt nun eine gewisse Vorliebe für Be­
obachtungen von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung und ebenso
die Vorliebe für nicht-invasive Experimente. Die paradigmatischen
Tiere der kognitiven Ethologie sind, wie für Lorenz oder Tinbergen,
freilebende soziale Tiere in ihrem natürlichen oder quasi-natürlichen
Habitat. Ebenso teilt die kognitive Ethologie die Überzeugung, dass
zu diesen ökologischen Gesichtspunkten evolutionäre hinzu kommen
müssen. Im Unterschied zur klassischen Ethologie jedoch interessiert
sich die kognitive Ethologie erstens nicht vorrangig für das Instinkt-
Verhalten und verwendet zweitens mentales Vokabular sowohl zur
Erklärung als auch zur Beschreibung und zur Interpretation des Ver­
haltens von Tieren. Sie ergänzt die vier genannten Erklärungsprin-
zipen der klassischen Ethologie mithin um ein fünftes: den Geist
der Tiere.71
Z u den bekanntesten und interessantesten Forschungsbeiträgen
aus dem Bereich der kognitiven Ethologie gehören die schon mehr­
fach erwähnten Arbeiten von R. S. Seyfarth und D. L. Cheney zu frei-
lebenden Grünen Meerkatzen. Auch Seyfarth und Cheney haben
sich, wie Griffin, Anregungen aus der Philosophie geholt. So fragen
sie zunächst im Sinne Nagels, wie es ist, ein Affe zu sein. Was sie dann
aber detailliert beschreiben, sind weniger subjektive Erlebnisse. Viel­
mehr versuchen sie, die Verhaltensweisen einer anderen Art mentalis-
tisch zu beschreiben und zu erklären. Dabei greifen sie auf ein Ge­
dankenexperiment des Philosophen Quine zurück und vergleichen
sich mit einem Sprachforscher, der sich in den Urwald begibt, um
die völlig unbekannte Sprache eines bislang unbekannten Stammes
zu studieren und zu übersetzen. Cheney und Seyfarth gehen davon
aus, dass die Alarmrufe der Meerkatzen auf eine begriffliche Fähig­
keit schließen lassen. Meerkatzen unterscheiden Lebewesen ihrer
Umwelt von bloßen physikalischen Körpern. Weiterhin lernen sie,
einige Lebewesen als ernstzunehmende Feinde zu klassifizieren.72
Junge Meerkatzen reagieren beispielsweise mit dem Adlerruf auf fast
alles, was fliegt, sogar auf fallende Blätter. Erwachsene reagieren des­
halb nicht auf Rufe junger Meerkatzen. M it der Zeit beginnen junge
Meerkatzen nur noch auf große Vögel zu reagieren. Erwachsene Meer­
katzen schauen in die Luft und entdecken dort manchmal nur einen
ungefährlichen Geier und reagieren nicht. Erwachsene Meerkatzen
schließlich haben gelernt, nur noch auf große Adler, etwa Kampf­
adler, zu reagieren. Meerkatzen lernen also, ihren Alarmrufen eine
bestimmte Referenz zu geben. Der Gehalt der Alarmrufe liegt nicht

7 1 Vgl. dazu M . Bekoff und D. Jamieson, »On Aims and Methods o f Cognitive Etho-
logy«, Philosophy o f Science Association 2 (1993), S. 110-124 . Auch hier handelt es
sich um die Zusammenarbeit zwischen einem Philosophen (Jamieson) und einem
Naturwissenschaftler (Bekoff).
72 Vgl. dazu das Schema bei D. L. Cheney und R. S. Seyfarth, How Monkeys See the
World, op. cit., S. 176.

53
von Anfang an fest, sondern wird durch zwei Komponenten festge­
legt: erstens durch das soziale Umfeld, nämlich die Reaktion der er­
wachsenen Meerkatzen; zweitens durch die spezifische Umwelt, denn
nicht in allen Gebieten müssen Meerkatzen vor gleichen Feinden auf
der Hut sein. In einer anderen Umwelt sind nicht Kampfadler, son­
dern Kronenadler gemeint. Meerkatzen scheinen sich also intentio­
nal auf Objekte ihrer Umwelt zu beziehen. Cheney und Seyfarth be­
trachten Meerkatzen daher, angeregt durch den oben dargestellten
Vorschlag von Dennett, mindestens als intentionale Systeme erster
Stufe.73
Selbstverständlich ist die kognitive Ethologie der Kritik ausgesetzt.
Besonders drei methodologische Einwände sind zu erwähnen. Der
erste Kritikpunkt wurde bereits eingangs angesprochen, nämlich
der Anthropomorphismus. Zahlreiche kognitive Ethologen verhalten
sich dieser Kritik gegenüber offensiv. Wenn wir etwas über den Geist
der Tiere herausfinden wollen, müssen wir natürlich mit Analogie­
schlüssen arbeiten. Ebenso wie wir das Verhalten anderer Menschen
mit mentalem Vokabular beschreiben, erklären und interpretieren,
können wir dies bei Tieren. Allerdings muss man sich dieser Über­
tragung stets bewusst sein. Das heißt, dass der Anthropomorphismus
reflektiert sein muss. Vor allem dient die anthropomorphistische Ana­
logie der Ausarbeitung von Verhaltenstests. M it der oben erwähnten
Maxime Morgans in der Hand kann dann überprüft werden, ob die
zugeschriebenen mentalen Zustände erklärungs- und beschreibungs­
relevant sind oder nicht. Der Anthropomorphismus muss also kritisch
sein. Setzt man Anthropomorphismen reflektiert und kritisch ein,
dann sind sie nicht unwissenschaftlich, sondern dienen im Gegenteil
der wissenschaftlichen Erforschung des Geistes der Tiere.
Ein zweiter Punkt bezieht sich auf die Vorliebe der kognitiven Etho­
logie für Beobachtungen und Versuche in freier Wildbahn. Nur
schwer können dort die hohen Standards für wissenschaftliche Expe­
rimente beachtet werden, insbesondere die Durchführung von Kon-
trollversuchen zur Ausschaltung alternativer Interpretationen. Einige
interessante Beobachtungen bleiben lediglich anekdotisch. Dieser
Vorwurf wird vor allem von Tierpsychölogen erhoben. Am Beispiel
73 D. Dennett, »Intentional Systems in Cognitive Ethology«, op. cit.; id., »The Inten­
tional Stance in Theory and Practice«, in: M achiavellian Intelligence. Social Exper­
tise and the Evolution ofln tellect in Monkeys, Apes, and Humans, hrsg. von R. W.
Byrne und A. Whiten, Oxford: Oxford University Press 1988, S. 180-202.

54
der Grünen Meerkatzen und ihrer Alarmrufe jedoch kann man sehr
schön sehen, wie wichtig die Beobachtung von Tierarten in ihrer na­
türlichen Umwelt ist. Denn bei der Beobachtung gefangener Affen
in einem Labor hätte sich womöglich nicht einmal die Chance erge­
ben, etwas über die Existenz dieser Alarmrufe herausfinden zu kön­
nen.
Drittens schließlich ist das mentale Vokabular selber problema­
tisch. An diesem Punkt wird wiederum der Kontakt zwischen der
kognitiven Ethologie und der Philosophie wichtig. Die Anwendungs­
bedingungen mentaler Ausdrücke führen knifflige methodologische
Probleme mit sich: Wann können wir einem Wesen einen Geist zu­
schreiben? Griffins Anspruch, es müsse ein Fenster zum Bewusst­
sein der Tiere geöffnet werden, wurde teilweise zu Recht kritisiert,
weil er einen lediglich vagen und intuitiven Begriff von Bewusstsein
verwendete. Ebenso wurden seine Kriterien für Bewusstsein beanstan­
det, denn komplexes Verhalten und Kommunikation scheinen von
sich aus noch keine hinreichenden Ableitungsgründe bereitzustellen.
Betrachten wir einen Aspekt dieses dritten Kritikpunktes genauer.
Es handelt sich um die Vagheit der Zuschreibung von Überzeugun­
gen gegenüber Tieren. Verschiedene Philosophen haben behauptet,
dass wir Tieren keine Überzeugungen mit einem bestimmten Gehalt
zuschreiben können, weil wir über keine Mittel verfügen, den zu­
geschriebenen Gehalt genauer zu bestimmen.74 Die Mittel, die uns
fehlen, sind die sprachlichen Äußerungen. Wir können sprachlosen
Lebewesen somit überhaupt keine bestimmten mentalen Gehalte zu­
schreiben und ein nur unbestimmter Gehalt ist explanatorisch natür-

74 Vgl. zu diesen Argumenten die Texte von D. Davidson und S. Stich in diesem Band.
Stich hat sein Argument etwas modifiziert in From Folkpsychology to Cognitive Sci­
ence, The Case Against Belief, Cambridge: MIT Press 1983, S. 104-106. Kritische
Stimmen zu Davidsons Argument finden sich bei J. Bishop, »More Thought on
Thought and Talk«, M in d 89 (1980), S. 1-16; R. Routley, »Alleged Problems in At-
tributing Beliefs and Intentionality to Animais«, Inquiry 24 (1981), S. 385-417;
P. Smith, »On Animal Beliefs«, The Southern Jo urn al o f Philosophy 20 (1982),
S. 503-512; R. Jeffrey, »Animal Interpretation«, in: Actions and Events. Perspectives
on the Philosophy o f D onald Davidson, hrsg. von E. LePore, B. P. McLaughlin, Ox­
ford und New York: Basil Blackwell 1985, S. 481-487; A. Ward, »Davidson on At­
tributions o f Belief to Animais«, Philosophia 18 (1988) S. 97-106; H.-J. Glock, »Ani-
mals, Thoughts and Concepts«, Synthese 123 (2000) S. 35-64; D. Beisecker, »Some
More Thoughts About Thought and Talk: Davidson and Fellows on Animal Be­
lief«, Philosophy 77 (2002), S. 115-124.

55
lieh wenig erhellend. Der Philosoph C. Allen hat sich dieses Argu­
ments angenommen.75 Der springende Punkt der kognitiven Etholo­
gie ist ja dieser: Intentionales Vokabular, besonders der Begriff des
mentalen Gehalts, kann zur wissenschaftlichen Erklärung, Beschrei­
bung und Vorhersage von Tierverhalten (innerhalb eines vergleichen­
den, evolutionären Rahmens) dienen. Das Argument nun, dass wir
sprachlosen Tieren keine spezifischen mentalen Gehalte zuschreiben
können, ist offensichtlich direkt relevant für die kognitive Ethologie.
M it ihm wird das Projekt einer kognitiven Ethologie in Frage gestellt.
Formulieren wir das Argument etwas genauer aus und betrachten
wir Aliens Entgegnung:
1. Ein springender Punkt der kognitiven Ethologie ist, dass der Be­
griff des mentalen Gehalts zur wissenschaftlichen Erklärung und
Vorhersage von Tierverhalten dienen kann.
2. Der Begriff des mentalen Gehalts ist nun aber ungeeignet für die
Vorhersage und Erklärung von Tierverhalten, denn (2a) solches
Verhalten kann mithilfe der Zuschreibung mentalen Gehalts nur
erklärt und vorausgesagt werden, wenn mentaler Gehalt bei Tieren
mit Bestimmtheit spezifiziert werden kann. (2b) Weil den Tieren
eine Sprache (oder zumindest eine hinreichend feinkörnige Form
der Kommunikation) fehlt, kann der mentale Gehalt bei ihnen
nicht mit Bestimmtheit spezifiziert werden.
3. Also sollte die kognitive Ethologie auf den explanatorischen und
prognostischen Gebrauch des Begriffs des mentalen Gehalts bei
Tieren verzichten.
Aliens Strategie besteht zunächst darin zu zeigen, dass für (2a) die An­
sprüche an den explanatorischen und vor allem an den prognostischen
Wert von Gehaltzuschreibungen zu hoch angesetzt sind. Interessan­
ter ist die Kritik an (2b). Denken wir an einen Hund, der glaubt, dass
eine von ihm gejagte Katze auf einen bestimmten Baum geflüchtet ist,
obwohl, wie wir Zuschauer wissen, die Katze dort gar nicht steckt.

75 Vgl. C. Allen, »Mental Content«, British Jo urn al fo r the Philosophy o f Science 43


(1992), S. 537-553; C. Allen und M . Bekoff, »Intentionality, Social Play, and De­
finition«, Biology and Philosophy 9/1 (1994), S. 63-74; C. Allen und M . Bekoff,
»Cognitive Ethology and the Intentionality o f Animal Behaviour«, M in d and
Language, 10/4 (1995), S. 313-328; C. Allen und M . Bekoff, Species ofM in d. The
Philosophy and Biology o f Cognitive Ethology, op. cit., Kap. 5 und 6; vgl. auch C. Al­
len, »Philosophy o f Cognitive Ethology«, http://host.uniroma3.it/progetti/kant/
field/ceth.htm.

56
Der Hund steht unter dem falschen Baum und bellt hinauf. Er glaubt
allem Anschein nach, die Katze befinde sich auf diesem Baum.76 Aber
können wir dem Hund tatsächlich die Überzeugung zuschreiben
»Der Hund glaubt, dass die Katze auf diesem Baum ist«? Glaubt
der Hund, wenn überhaupt etwas, genau dies? Das Argument lautet
nun, dass wir dem Hund keine bestimmte Überzeugung zuschreiben
können, weil uns der Hund nichts an die Hand gibt für eine solche
Zuschreibung. Dagegen sprechen jedoch einige Überlegungen.
Erstens ist es vielleicht so, dass wir den mentalen Gehalt mit unse­
ren Mitteln nicht spezifizieren können. Der Hund hat mit Sicherheit
nicht unseren Begriff eines Baums oder unseren Begriff einer Katze.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es prinzipiell unmöglich ist, den Ge­
halt seiner Überzeugung zu spezifizieren. Vielleicht sind Hunde He-
donisten und sie denken an den Baum als dasjenige, wo im Schatten
geschlafen werden kann oder wo Knochen vergraben liegen, wo kon­
stant bestimmte Gerüche anzutreffen sind oder wo sie nicht hinauf­
kommen. Der Hundebegriff des Baums besteht aus einem anderen
Netz von Überzeugungen, die den Gehalt des Begriffs spezifizieren.
Zweitens sind wir auch nicht immer in der Lage, den Gehalt der
Überzeugungen unserer Mitmenschen zu spezifizieren. Denkt meine
Nachbarin auch, dass die Katze nicht auf dem Baum ist? Oder denkt
sie, dass Onkel Tobis Mimilein auf jenem Baum steckt, der nächste
Woche gefällt werden soll? Vielleicht denkt ihre kleine Tochter, dass
ein M iau auf einem Baum ist. Trotzdem sprechen wir ihnen weder
Gehalt noch Gedanken ab. Natürlich kann man hier zu Recht ein­
wenden, dass wir unsere Nachbarin oder das Kind ja einfach fragen
können. Hier schließt eine dritte Überlegung an.
Natürlich können wir andere Personen oft nach dem Gehalt ihrer
Überzeugungen fragen und sie geben uns darüber oft kompetent Aus­
kunft. Das ist aber lediglich eine Vereinfachungsbedingung, keine
Ermöglichungsbedingung dafür, dass ein Gedanke einen mentalen
Gehalt hat. Bei einem Tier müssen wir die Gehaltspezifikation teil­
weise aus seinem Verhalten ablesen. Nun sind aber auch die aufgrund
von Verhalten zuschreibbaren Gehalte zunächst schlecht spezifiziert.
Ein Beispiel: Wenn ich jemandem einen Apfel und eine Birne hinhalte
und er den Apfel nimmt, zeigt er dann eine Präferenz für Äpfel oder
für runde Dinge oder für rote Dinge? Oder zeigt er eine Abneigung

76 Vgl. dazu den Text von N . Malcolm (in diesem Band, S. 86).

57
gegen Birnen oder gegen längliche Dinge oder gegen gelbe Dinge? Es
sieht so aus, als könnte man den Gehalt der Präferenz durch das
beobachtete Verhalten allein nicht bestimmen. Doch auch hier geht
es nicht um eine prinzipielle Unmöglichkeit. Vielmehr geht es dar­
um, die Umwelt des betreffenden Lebewesens kennen zu lernen
und unsere Zuschreibungen zum Beispiel durch Versuchsanordnun­
gen weiter zu spezifizieren. Ich biete ihm eine rote Birne und einen
roten Apfel, eine gelbe Birne und einen gelben Apfel usw. Dann kann
ich die Interpretation seiner Präferenzen einschränken und spezifi­
zieren.
Zusammenfassend handelt es sich auch hier um die Infragestel­
lung der Adäquatheit unserer Begriffe für den Gehalt bei Tieren,
um die Problematik eines doppelten Standards hinsichtlich der Ge­
haltspezifikation bei Mensch und Tier, um die Möglichkeit anderer
Mittel der Spezifikation (wie das Verhalten) und schließlich um die
Verwechslung der Schwierigkeit mit der Unmöglichkeit der Gehalt­
spezifikation. Der letzte Punkt besagt, und das ist natürlich eine phi­
losophische These, dass das Zuschreiben eines mentalen Gehalts
nicht konstitutiv dafür ist, dass ein Lebewesen auch einen solchen Ge­
halt hat. Das Sprechen einer Sprache erweitert zwar die Gehalte, die
wir überhaupt erfassen können, immens, und es verfeinert und er­
leichtert die Spezifikation des Gehalts. Aber auch hier brauchen wir
nicht zwingend davon auszugehen, dass das Sprechen einer Sprache
konstitutiv dafür ist, dass ein Lebewesen auch einen solchen Gehalt
hat. Aus diesen Überlegungen folgt, dass das Projekt der kognitiven
Ethologie nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist.
Das Beispiel Aliens zeigt wiederum auf, dass die systematischen
Beziehungen zwischen der kognitiven Ethologie und der Philosophie
des Geistes sehr eng sein können.77 Wir haben bereits auf diesen
Zusammenhang zwischen den Arbeiten von D. Griffin und Th. Na­
gel hingewiesen. Forscher und Forscherinnen im Bereich der kogniti­
ven Ethologie werden durch Philosophen angeregt und erhalten von
ihnen argumentative Herausforderung und Unterstützung. Philoso­
phen wiederum können ihr empiriearmes Handwerk mit reichhalti­

77 Eine Nutzung der kognitiven Ethologie für eine naturalisierte Erkenntnistheorie


versucht H. Kornblith, »Wissen beim Menschen und anderen Tieren«, Erkenntnis­
theorie. Positionen zwischen Tradition und Gegenwart, hrsg. von T. Grundmann,
Paderborn: Mentis 2001, S. 305-327; id., Knowledge and Its Place in Nature, Ox­
ford: Oxford University Press 2003, Kap. 2.

58
gen, komplexen und interessanten Beispielen bereichern und ihre
Theorien entweder den Herausforderungen solcher Beispiele stellen
oder durch solche Beispiele bestätigen.

4. Z w e i Problem felder: G edankenlesen und Bew usstsein

Es gibt unterschiedliche Kandidaten für eine anthropologische Diffe­


renz, d. h. für einen Mensch-Tier-Unterschied, der so wesentlich ist,
dass er konstitutiv für die kognitive und kulturelle Ausstattung unse­
rer Spezies ist. Zahlreiche Philosophen und Wissenschaftler halten
das Sprachvermögen, das »Gedankenlesen« oder die zeitlichen Per­
spektiven der Vergangenheit und Zukunft {m ental time travelling)
für sehr aussichtsreiche Kandidaten. Doch auch das subjektive Erle­
ben, das Bewusstsein stellt ein besonderes epistemologisches Problem
dar. Im Folgenden wird zunächst das »Gedankenlesen« dargestellt.
Anschließend wird ein aufsehenerregendes Beispiel für eine subjek­
tive Perspektive auf die Vergangenheit bei Vögeln vorgestellt, aller­
dings mit der harten Grenze des subjektiven Bewusstseins.
Affen und zahlreiche andere Tiere verfügen nicht nur über eine
Art Wissen von ihrer physischen, sondern auch von ihrer sozialen
Umwelt. So wissen viele Affen ausgezeichnet über die Verwandt­
schafts- und Dominanzbeziehungen zwischen Mitgliedern ihrer Ge­
meinschaft Bescheid. Liegt es da nicht auf der Hand, dass sie auch
ein Wissen vom mentalen Leben ihrer Artgenossen haben? Offen­
sichtlich können Grüne Meerkatzen Individuen an ihren Stimmen
unterscheiden. Eine oft angewendete Form des Feldversuchs von Che­
ney und Seyfarth ist das Playback-Verfahren, also das Abspielen von
Tonaufnahmen. Spielt man einer Meerkatzengruppe - wenn kein Ad­
ler in der Nähe ist—vom Tonband den Adler-Alarmruf eines bestimm­
ten Gruppenmitglieds vor, schauen sie in die Luft, rennen aber nicht
einfach weg - weil kein Adler in der Nähe ist - , sondern schauen
den Rufer an. Der vermeintliche Falschrufer verliert bei häufiger Wie­
derholung dieses Versuchs seine Glaubwürdigkeit als Warner.78 Die­
ser Befund wirft verschiedene Fragen auf. Was denken die Meer­
katzen darüber, was der Rufer wollte? Was denkt der Rufer darüber,
78 Vgl. R. S. Seyfarth und D. L. Cheney, »Do monkeys understand their relations?«, in:
M achiavellian Intelligence. Social Expertise and the Evolution oflntellect in Monkeys,
Apes, andH um ans, op. cit., S. 69-84.

59
was die Meerkatzen über den R u f denken? Kurzum: Können be- j
stimmte Tiere ihre Artgenossen als Lebewesen mit einem Geist wahr­
nehmen?
Unter Rückgriff auf einen wichtigen Aufsatz von D. Premack wird
häufig diskutiert, ob Schimpansen - die Diskussion dreht sich vorwie­
gend um diese Spezies - eine »Theorie des Geistes« {theory o fm ind)
hätten, ob sie »Gedankenleser« (mindreaders ) seien, und nicht ledig­
lich »Verhaltensleser«. Bereits im Zusammenhang mit dem Behavioris­
mus wurde daraufhingewiesen, dass wir im Alltag wie selbstverständ­
lich Verhaltensweisen sowohl bei Menschen als auch bei vielen Tieren
durch das, was sie glauben oder wünschen, erklären. Unsere Alltags­
psychologie bezieht sich auf mentale Ursachen.79 Menschenkinder
lernen das Gedankenlesen schon sehr früh. Das zeigt ein einfaches
Experiment.80 Einem Kind wird folgende Geschichte erzählt: Sally
legt ihren Ball in einen Korb und verlässt das Zimmer. Anna versteckt
den Ball in einer Schachtel. Sally kommt zurück. Wo wird Sally den
Ball suchen? W ir denken, dass die Leserinnen und Leser nun denken,
dass Sally denkt, dass der Ball im Korb liegt. Das scheint kinderleicht
zu sein. Es ist jedoch nicht kinderleicht. Wenn wir die Geschichte
einem Kleinkind erzählen und fragen, wo Sally den Ball suchen wird,
antwortet es: In der Schachtel! Es berichtet, was es selbst denkt. Es
ist (noch) nicht in der Lage zu berichten, was Sally denkt. Es ist noch
kein Gedankenleser. Erst mit etwa 4 Jahren wird es das.81 Weil wir
Gedanken lesen, können wir zwei Dinge tun, nämlich Voraussagen ,
was jemand als nächstes tun wird (Sally geht zum Korb) und erklä­
ren, warum jemand bestimmte Dinge tut (Sally wundert sich). Wir

79 Eine differenzierte Übersicht über diese Diskussion geben S. Stich und S. Nichols, :
»Folk Psychology«, in: The Blackw ell G uide to Philosophy ofM in d, hrsg. von T. A.
Warfield und S. Stich, Oxford: Basil Blackwell 2003, S. 235-255; vgl. ausführlicher
S. Nichols und S. Stich, M indreading. An Integrated Acount o f Pretence, Seif-
Awareness, and Understanding Other M inds, Oxford: Clarendon Press 2003.
80 Das folgende Beispiel ist eine einfache Variante einer sog. »false belief task«. Zur
Einführung dieser experimentellen Aufgabenstellung vgl. H. Wimmer und J. Per-
ner, »Beliefs about Beliefs. Representation and Constraining Function o f Wrong
Beliefs in Young Children’s Understanding o f Deception«, in: Cognition 13 (1983),
S. 103-128. Zur Kritik dieser Aufgabenstellung als Test für eine Theorie des Geistes j
vgl. jedoch P. Bloom und T. German, »Two Reasons to Abandon the False Belief {
Task as a Test o f Theory o f Mind«, in: Cognition 77 (2000), S. 25-31.
81 Vgl. J. Perner, Understanding the RepresentationalM ind, Cambridge (Mass.): MIT
Press 1991, S. 82 und 189.

60
machen uns also Gedanken über Gedanken. Ohne das könnten wir
ein Lebewesen nicht als etwas verstehen, das Wünsche oder Gedan­
ken hat, könnten wir andere nicht erfolgreich belügen, nicht als We­
sen mit einem Innenleben behandeln, uns nicht in ihre Haut verset­
zen. W ir können uns natürlich nicht nur Metagedanken über andere
machen, sondern auch über uns.
Und Schimpansen? Gedankenlesen ist eine besondere kognitive
Fähigkeit. Sie scheint so besonders zu sein, dass einige Psychologen,
Philosophen und Anthropologen denken, dass sie uns von anderen
Tieren unterscheidet, insbesondere von unseren nächsten Verwand­
ten.82 Insbesondere der Psychologe M . Tomasello hat die These vertre­
ten, dass sich Menschen von Schimpansen (und mithin von anderen
Tieren) im Wesentlichen deshalb unterscheiden, weil sie Gedankenle­
ser sind.83 Dies würde —mit Dennett gesprochen —bedeuten, dass
selbst Schimpansen keine intentionalen Systeme zweiter Stufe sind.
Tomasello hat darauf aufbauend die weitgehende These entwickelt,
dass diese meta-mentale Fähigkeit Grundlage fiir zwei spezifisch
menschliche Errungenschaften sein muss, nämlich für die Evolution
einer komplexen Kultur und eines komplexen Kommunikationssys­
tems. Tomasellos These ist ein Beispiel für den komparativen Aspekt
der Verhaltensforschung. Denn Tomasello vergleicht ja offenbar die
kognitiven Fähigkeiten von Schimpansen und Menschen, um dar­
aus den entscheidenden Unterschied herleiten zu können. Es bleibt
natürlich eine offene Frage, ob es den einen entscheidenden Unter­
schied gibt. Denn die Möglichkeit besteht, dass eine ganze Gruppe
von Unterschieden existiert und dass diese Unterschiede nicht total,
sondern lediglich graduell sind. Hier bleibt somit die Frage offen,
ob man die anthropologische Differenz stark oder schwach ansetzen
soll. Im Allgemeinen neigen kognitive Ethologen dazu, die Unter­
schiede schwach anzusetzen, oder sie versuchen dieser Frage nach
der anthropologischen Differenz aus dem Weg zu gehen, weil sie nach
ihrer Meinung die Sicht auf das kognitive Leben der unterschied­
lichen Tierarten versperrt.
Allerdings sind viele Fragen in diesem Bereich noch offen. Umstrit­
ten ist nicht nur, ob Primaten Gedankenleser sind oder nicht. Toma-
82 Vgl. J. Proust, Les animaux, pensent-ils?, op. cit., S. 105-160.
83 M . Tomasello, The C ultural Origins o f Human Cognition, Cambridge (Mass.): Har­
vard University Press 1999 (dt. D ie kulturelle Entwicklung des menschlichen D en­
kens. Z u r Evolution der Kognition, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002).

61
sello beispielsweise rückt in seinen jüngsten experimentellen Arbei­
ten von seinem negativen Standpunkt ab.84 A. Whiten und R. Byrne
haben schon zuvor die These der sozialen Intelligenz portiert. Ihr zu­
folge ist es ein evolutionärer Vorteil für Tiere, die in komplexen so­
zialen Systemen leben, eine Fähigkeit zum Gedankenlesen zu ent­
wickeln. Diese Fähigkeit zeige sich vor allem in der Imitation der
Verhaltensweisen und der taktischen Täuschung anderer Gruppen­
mitglieder.85
Ebenso umstritten und noch viel grundlegender (und daher philo­
sophisch interessanter) ist die Frage, was für eine Art von Fähigkeit das
Gedankenlesen überhaupt sein soll. Verfügen wir über so etwas wie
eine ausgebaute Theorie darüber, wie die Gedanken, Absichten, Wün­
sche und Verhaltensweisen von anderen Personen und anderen Lebe­
wesen kausal Zusammenhängen? Oder versetzen wir uns einfach in
der Art einer Simulation in die Haut einer anderen Person oder eines
anderen Lebewesens?86 Ist uns diese Fähigkeit wie ein mentales M o­
dul gleichsam angeboren? Oder handelt es sich um eine mit der Sozia­
lisation erworbene Fertigkeit?87 Was wäre ein gültiger Test dafür, ob
ein Lebewesen sich wirklich Gedanken über die Gedanken und nicht
über das Verhalten eines Artgenossen macht? Gibt es dafür überhaupt
einen gültigen Test oder handelt es sich nicht vielmehr um eine gra­
duelle Fähigkeit?88 Diese Fragen werden sowohl in der Primatenfor­

84 Vgl. M . Tomasello, B. Hare und B. Agnetta, »Chimpanzees Follow Gaze Direc­


tum Geometrically«, A nim al Behaviour 58 (1999), S. 769-777; B. Hare, J. Call,
B. Agnetta und M . Tomasello, »Chimpanzees Know What Conspecifics Do and
Do not See«, A nim al Behaviour 59 (2000), S. 771-785; M. Tomasello, J. Call und
B. Hare, »Chimpanzees Understand Psychological States: The Question Is Which
Ones and to What Extent«, Trends in Cognitive Sciences 7 (2003), S. 153-156.
85 Vgl. M achiavellian Intelligence. Social Expertise and the Evolution o fln tellect in
Monkeys, Apes, andH um ans, hrsg. von R. W. Byrne und A. Whiten, Oxford: Cla­
rendon Press 1988.
86 Grundlegende Texte zu diesen beiden Theorien des Gedankenlesens (der sog.
»Theorie-Theorie« und der »Simulationstheorie« des Gedankenlesens) finden sich
in Theories o f Theories ofM ind, op. cit. In ihrem Buch M indreading, op. cit., bemü­
hen sich S. Stich und S. Nichols um einen Ansatz, der die beiden Theorien inte­
griert.
87 Vgl. dazu die Sammelrezensionen von G. Currie und K. Sterelny, »How to Think
About the Modularity o f Mind-Reading?«, The Philosophical Quarterly 50 (2000),
S. 145-160, und von M. Mameli, »Modules and Mindreaders«, Biology andPhiloso-
phy 16 (2001), S. 377-393.
88 Vgl. dazu den Beitrag von K. Sterelny (in diesem Band, S. 357-386).

62
schung und in der Psychologie als auch in der Philosophie des Geistes
intensiv diskutiert.
Rufen wir uns die Definition der kognitiven Ethologie von M . Be-
k off in Erinnerung:

Die kognitive Ethologie ist die vergleichende, evolutionäre und ökologische


Erforschung des Geistes von nicht-menschlichen Tieren - Denkprozesse,
Überzeugungen, Vernunft, Informationsverarbeitung und Bewusstsein mit
eingeschlossen.

An letzter Stelle steht, was D. Griffin an erster gefordert hat, nämlich


die Erforschung des Bewusstseins der Tiere. Doch gerade damit tut
sich die kognitive Ethologie offenbar am schwersten. Griffin be­
merkte unlängst, dass trotz der großen Fortschritte in der Erforschung
des Geistes der Tiere in der kognitiven Ethologie und in der Tierpsy­
chologie ein großer Bogen um die Frage nach dem Bewusstsein ge­
macht werde.89 Zur Debatte steht hier eine besondere Art des Be­
wusstseins, das phänomenale Bewusstsein. A u f diese besondere Form
des Bewusstseins haben wir bereits im Zusammenhang mit Nagels
Essay darüber, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, hingewiesen.
Im Alltag werden wir zahlreiche Personen treffen, die skeptisch
sind gegenüber Ansichten, dass Tiere denken, Schlüsse ziehen oder
sich etwas überlegen, bevor sie etwas tun. Aber dennoch werden sie
womöglich ohne weiteres zugeben, dass Tiere sicher Bewusstsein,
bewusste Erlebnisse haben. Es gibt jedoch prominente philosophische
Theorien, die dies bestreiten.90 In der kognitiven Ethologie wird das
nicht rundheraus abgelehnt.91 Aber es stellt sich verschärft das metho-
89 In seinem Nachwort »What is it Like?«, in: The Cognitive Anim al, öp. cit.,
S. 471-473-
90 Vgl. den Text von D. Dennett in diesem Band und die Texte von P. Carruthers,
»Brüte Experience«, The Jo u rn al ofPhilosophy 86 (1989), S. 258-269; id., »Why
the Question o f Animal Consciousness Might not Matter Very Much«, Philosophi-
calPsychology 18 (2005). Ihre Theorien des Bewusstseins finden sich in D. Dennett,
Consciousness Explained, Boston (Mass.): Little und Brown 1991 (zum Bewusstsein
bei Tieren, S. 441-455); P. Carruthers, Phenomenal Consciousness. A N aturalistic
Theory, Cambridge: Cambridge University Press 2000 (zum Bewusstsein bei Tie­
ren, S. 193-209).
91 Der Rubikon des Bewusstseins wird von vorsichtigen Forscherinnen methodolo-
gisch-agnostisch ausgelegt. Weil wir keinen Verhaltenstest für Bewusstsein haben,
können wir nicht wissen, ob Tiere bewusst erleben oder nicht (vgl. S. Shettleworth,
Cognition, Evolution, and Behavior, op. cit., S. 5-10). Kühnere Psychologen wie
E. MacPhail, »The Search for a Mental Rubicon«, in: The Evolution o f Cognition,

63
dologische Problem, wie etwas über das bewusste Erleben bei Tieren
empirisch in Erfahrung gebracht werden kann. Betrachten wir dazu
ein Beispiel, das diesmal nicht aus der Welt der Affen und Primaten
stammt. Aufregende Forschungen werden zurzeit vor allem an Corvi-
den (Krähenvögeln) angestellt. Das Beispiel illustriert, wie selbst
ingeniöse empirische Versuchsanordnungen bei der Frage nach dem
Bewusstsein ins Stocken geraten. Das bewusste Erleben, das phäno­
menale Bewusstsein, wird in der Philosophie nicht umsonst als das
»harte Problem« in der Philosophie des Geistes bezeichnet: Seine Exis­
tenz ist rätselhaft und es erweist sich als schwierig, empirisch an es
heranzugelangen.
Häher sammeln Vorräte, verstecken sie an Hunderten von Orten
und finden diese Verstecke auch zuverlässig wieder —im Unterschied
etwa zu Eichhörnchen. Bei wildlebenden Hähern wurde beobachtet,
dass diese Vögel eher Nüsse und Kerne als Würmer und Insekten
lagern und dass sie Würmer und Insekten eher suchen und verzeh­
ren als Nüsse und Kerne.92 Diese an wildlebenden Hähern gemachte
Beobachtung lässt sie geeignet erscheinen, das Vorhandensein einer
bestimmten Form des Gedächtnisses an ihnen zu testen, nämlich
das episodische Gedächtnis. Zahlreiche Dinge, die wir wissen, haben
wir erlernt, und wir wissen um diese Dinge, weil wir sie im Gedächtnis
gespeichert haben. Aber wir wissen meistens nicht mehr, wann und
wo wir bestimmte Dinge in Erfahrung gebracht haben. So wissen
die meisten von uns bestimmt, dass Athen die Hauptstadt Griechen­
lands ist, aber die wenigsten werden sich daran erinnern können,
wann und wo sie dies zum ersten M al in Erfahrung gebracht haben.
Wir haben hier ein Wissen einer bestimmten Tatsache. Demgegen­
über können wir aber natürlich auch Erinnerungen an das Was, Wann
und Wo eines bestimmten Erlebnisses haben. W ir haben Wissen von
Eigenerlebnissen in der subjektiven Zeit, wenn wir uns beispielsweise
an den Tag erinnern, an dem wir zum ersten M al die Akropolis be­
stiegen haben. Dies ist die episodische Erinnerung. Das damit verbun­
dene, spezifische Bewusstsein nennt der Erfinder des Begriffs, der
Psychologe E. Tulving, »autonoetisches Bewusstsein«, ein Bewusst­
sein, das wir beispielsweise kaum mit dem Wahrnehmungsbewusst-
hrsg. von C. Heyes und L. Huber, Cambridge (Mass.): MIT Press 2000, S. 253-271,
bestreiten, dass Tiere ein bewusstes Erleben haben.
92 N. Clayton et al., »Seasonal patterns o f food storing in the European jay (Garrulus
glandarius)«, Ibis 138 (1996), S. 250-255.

64
sein eines bestimmten Gegenstands vor unseren Augen verwechseln.
Eine Erinnerung »fühlt« sich anders an als eine Wahrnehmung. Dieses
»autonoetische Bewusstsein« ist natürlich ein besonderer Aspekt des
phänomenalen Bewusstseins. Zahlreiche Autoren halten das episodi­
sche Gedächtnis aufgrund der erwähnten besonderen Eigenschaften
für spezifisch menschlich.93 N . Clayton et al. nun haben verschiedene
Versuche mit Hähern (genauer: mit Kalifornischen Buschhähern,
Aphelocoma californica) durchgeführt, auch um zu testen, ob das epi­
sodische Gedächtnis tatsächlich ein spezifisch menschliches Vermö­
gen ist.94 Haben Häher eine Erinnerung an das Was, das Wo und
das Wann? Die Resultate sind positiv.95 Es lohnt sich, diese innova­
tiven Versuche genauer zu betrachten, denn erst vor dem Hintergrund
dieser Versuche wird sichtbar, wie hilflos die experimentelle Verhal­
tensforschung vor dem Phänomen des Bewusstseins steht.
Die in einem Labor gehaltenen Häher werden in zwei Gruppen auf­
geteilt, die wir Gruppe i und Gruppe 2 nennen wollen. Beide Grup­
pen erhalten die Gelegenheit, Nüsse (N) und Würmer (W) in be­
stimmten Geschirren zu verstecken, die Sand enthalten. Der Witz
der Auswahl dieser beiden Nahrungsmittel liegt in Folgendem: Häher
93 »Mit einer einzigen Ausnahme verläuft der Zeitpfeil geradlinig. [...] Der Zeitfluss
ist irreversibel. Die einzige Ausnahme stellt das menschliche Vermögen der Erinne­
rung an vergangene Dinge dar. Wenn jemand daran denkt, was er gestern getan
hat, dann wird der Zeitpfeil zu einer Schlaufe umgebogen. [...] Das episodische
Gedächtnis ermöglicht die geistige Zeitreise durch die subjektive Zeit, von der
Vergangenheit in die Gegenwart, und erlaubt uns, durch das autonoetische Be­
wusstsein, unsere vergangenen Erfahrungen wiederzuerleben.« E. Tulving, »Episo-
dic Memory: From Mind to Brain«, A nnual Review ofPsychology 53 (2002), S. 1-2
und 5.
94 N. S. Clayton und A. Dickinson, »What, where and when: Evidence for episodic-
like memory during cache recovery by scrub jays«, Nature 395 (1998), S. 272-274;
id., »Scrub jays (Aphelocoma coerulescens) remember when as well as where and
what food itmes they cached«, Jo urn al o f Comparative Psychology 113 (1999),
S. 403-416; D. P. Griffiths, A. Dickinson und N. S. Clayton, »Declarative and epi-
sodic memory: What can animals remember about their past?«, Trends in Cognitive
Science 3 (1999), S. 74-80; N. S. Clayton, D. P. Griffiths, A. Dickinson, »Declarative
and Episodic-like Memory in Animals: Personal Musings o f a Scrub Jay«, in: The
Evolution o f Cognition, hrsg. von C. Heyes und L. Huber, Cambridge (Mass.):
MIT Press 2000, S. 273-288; D. P. Griffiths und N. S. Clayton, »Testing episodic
memory in animals: a new approach«, Physiological Behaviour 73/5 (2001),
S. 755-762.
95 Einwände erheben T. Suddendorf und J. Busby, »Mental time travel in animals?«,
Trends in Cognitive Science 7 (2003), S. 391-396.

65
haben eine intrinsische Präferenz für die Würmer. Aber die Würmer
werden schneller ungenießbar als die Nüsse. Wie bei Lebensmitteln
läuft ihr Datum sozusagen ab. Nur die Häher der Gruppe i erhalten
aber die Gelegenheit zu lernen, dass die Würmer nach einer bestimm­
ten Zeit (nämlich nach 124 Stunden) ungenießbar werden. Nach
4 Stunden sind die Würmer noch ganz schmackhaft. Wichtig ist
es zu beachten, dass, die Häher der Gruppe 2 auch nach insgesamt
124 Stunden nach wie vor eine Präferenz für die versteckten Würmer
an den Tag legen. Damit kann gezeigt werden, dass der Wechsel der
Gruppe 1 zu den Nüssen erlernt ist und nicht einer genetischen Prä­
disposition entspringt. Während des Trainings bleiben die versteck­
ten Nüsse und Würmer, wo sie versteckt worden sind. Für den Test­
versuch selber werden die Nüsse und Würmer heimlich aus den
Geschirren entfernt, damit sich die Häher weder auf ihren Gesichts-
noch auf ihren Geruchssinn, sondern nur auf ihre Erinnerung verlas­
sen können.
Im folgenden Schema werden der Gesamtversuch sowie die be­
schriebene Vorbereitung der beiden Gruppen veranschaulicht.

G ru p p e 1 Lernt, dass W (nicht N ) nach 12 4 h (nicht nach 4 h)


verderben.
Präferenz fü r W nach 4 h (auch w en n Versteck leer).
Präferenz fü r N nach 12 4 h (auch w enn Versteck leer)

G ru p p e 2 Lern t nichts über W u n d N


Präferenz fü r W auch nach 12 4 h —> keine genetische
Prädisposition

N -W -V ersu ch t : H versteckt N in G eschirr Prognose


links G ru p p e 1 —> G eschirr rechts
t + 12 0 h: H versteckt W in G ru p p e 2 —» G eschirr rechts
G eschirr rechts
t + 12 4 h : H kehrt zur F u t­
tersuche zurück

W -N -V ersu ch t : H versteckt W in G eschirr Prognose


links G ru p p e 1 —> G eschirr rechts
t + 12 0 h : H versteckt N in G ru p p e 2 —> G eschirr links
G eschirr rechts
t + 12 4 h: H kehrt zur Fut-
. tersuche zurück

66
Die beiden Gruppen werden zwei verschiedenen Versuchen unter­
zogen. Im ersten Versuch (dem N-W-Versuch) verstecken die Häher
beider Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt t zuerst die Nüsse,
und zwar links im Geschirr, und 120 Stunden später erst die Würmer,
nämlich rechts im selben Geschirr. Wenn sie nur 4 Stunden nach der
letzten Aktion (d. i. 124 Stunden nach t) zurückkehren, um nach dem
versteckten Futter zu suchen, werden die Mitglieder beider Grup­
pen nach den Würmern in der rechten Hälfte des Geschirrs suchen.
Interessant ist nun der zweite Versuch (der W-N-Versuch). Hier wird
lediglich die Reihenfolge der Futterart umgekehrt. Zuerst werden die
Würmer zum Zeitpunkt t im Geschirr links versteckt, erst 120 Stun­
den später die Nüsse in der rechten Hälfte des Geschirrs. Nur 4 Stun­
den darauf wird den Hähern die Rückkehr erlaubt. Die Mitglieder
der Gruppe 2 werden sich genau gleich wie im ersten Versuch ver­
halten und ihrer Vorliebe für Würmer folgen. Aber die Mitglieder
der Gruppe 1 suchen zuerst in der rechten Hälfte des Geschirrs nach
den Nüssen! Das Resultat von Clayton et al. lautet, dass die Häher
(der Gruppe 1) etwas darüber wissen, was sie versteckt haben (näm­
lich Würmer oder Nüsse), wo sie es versteckt haben (nämlich links
oder rechts im Geschirr) und wann sie es versteckt haben (nämlich
vor 4 Stunden oder vor 124 Stunden). Und zwar zeigt sich dies an
ihrem Verhalten. Dessen Grundlage bildet erstens eine intrinsische
Präferenz (sie mögen Würmer lieber als Nüsse), aber die Wahl der
Nüsse im zweiten Versuch erfolgt nicht aufgrund einer phylogeneti­
schen, sondern aufgrund einer erlernten Disposition. Zweitens ver­
halten sich die Häher aufgrund einer einzigen, spezifischen Erfahrung
in der Vergangenheit (nämlich dem Verstecken von Würmern bzw.
von Nüssen zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimm­
ten Ort). Häher haben also eine episodische Erinnerung an das Wann,
das Was und das Wo. Clayton und Co. sprechen bei Hähern von
einem Gedächtnis, das (im Minimum) »episodic4ike« ist. Der Grund
für die vorsichtige Formulierung eines Episoden.-ähnlichen Gedächt­
nisses liegt darin, dass mit verhaltensspezifischen Tests zwar eruiert
werden kann, ob sich die Häher an das Was, das Wo und das Wann
erinnern, nicht aber, ob die Häher ein autonoetisches Bewusstsein
davon haben. Laut Tulving ist ja das autonoetische Bewusstsein, das
bewusste Erinnern individueller Eigenerlebnisse in subjektiver Zeit,
konstitutiv für das episodische Gedächtnis. Wie steht es damit bei
den Hähern?

67
Die große Lücke besteht darin, dass es keine Belege dafür gibt, dass die Vögel
automatisches Bewusstein zum A u fru f ihrer Erlebnisse in der Vergangenheit
verwenden. Dies ist bei Tieren wahrscheinlich nicht testbar, denn dieser Zu­
stand äußert sich nicht in offenkundiger Weise im nicht-sprachlichen Verhal­
ten. Dieser Z u g macht die »episodische« Erinnerung momentan zu einer ein­
zigartig menschlichen Erscheinung, und das wird wahrscheinlich immer so
bleiben .96

Diese vorsichtige Schlussfolgerung ist empirischen Studien angemes­


sen. Allerdings sollte man dabei nicht übersehen, dass sich die empi­
rische Forschung nun mit philosophischen Fragestellungen berührt.
W ir haben eingangs bereits auf das Bewusstsein als ein Merkmal
hingewiesen, das wir bei einem Lebewesen feststellen müssen, um
ihm einen Geist zuschreiben zu können und die entsprechenden me­
thodologischen Schwierigkeiten vermerkt, die sich konkret zeigen.
Hier könnte man fragen: Gibt es tatsächlich keine nicht-sprachliche
Manifestation subjektiver Erlebnisse im Allgemeinen und des spezi­
fischen, episodische Erinnerungen begleitenden Bewusstseins im Be­
sonderen? Existiert keine ausgearbeitete Theorie des Bewusstseins,
die es uns ermöglichen würde, den Hähern aufgrund der von ihnen
an den Tag gelegten kognitiven Leistungen Bewusstsein zuzuschrei­
ben? Aber welche Art von Bewusstsein? Andererseits lässt das Ergeb­
nis von Clayton et al. tatsächlich die Möglichkeit offen, dass Tiere
trotz beträchtlicher kognitiver Leistungen ohne bewusste Erlebnisse
sind. Es könnte sein (und dies ist ja die These der oben erwähnten phi­
losophischen Bewusstseinstheorien), dass Tiere zwar intentionale Zu­
stände haben, dass sie diese auch verbinden und sich aufgrund dieser
Verbindungen in Zuständen des Wissens und des Erinnerns befinden,
dass sich aber alle diese kognitiven Prozesse in völliger oder großer
mentaler Dunkelheit abspielen.97

96 N. S. Clayton, D. P. Griffiths, A. Dickinson, »Declarative and Episodic-like Me­


mory in Animais: Personal Musings o f a Scrub Jay«, op. cit., S. 285.
97 Skeptische Argumente bezüglich des (Schmerz-)Bewusstseins bei Tieren finden
sich bei P. Harrison, »Do Animais Feel Pain?«, Philosophy 66 (1991), S. 25-40. Eine
Übersicht gibt C. Allen, »Animal Consciousness«, The Stanford Encyclopedia o f Phi­
losophy (Summer 2003), hrsg. von E. N. Zalta, http://plato.stanford.edu/archives/
sum2003/entries/consciousness-animal.

68
5- Tiere als Prüfstein für Kognitionsmodelle

W ir haben an unterschiedlichen Beispielen gesehen, wie kognitive


Ethologen ihre Forschungen ausrichten. Dabei haben wir die kogni­
tive Ethologie von der Tierpsychologie abgegrenzt, die sich unter an­
derem stark an Labor-Experimenten und neurologischen Untersu­
chungen orientiert. Freilich verfolgen heute zahlreiche Forscher eine
integrierte Methode. Einer der profiliertesten Wissenschaftler auf die­
sem Gebiet ist der Psychologe M . Hauser. Er geht von einem vierstu­
figen Forschungsprozess aus. In einem ersten Schritt geht es darum,
in Feldstudien etwas über die ökologischen und sozialen Herausforde­
rungen festzustellen, denen sich bestimmte Tierarten ausgesetzt fin­
den, und die Bewältigungsstrategien dieser Tierarten zu beobachten.
Nun werden Hypothesen über die mentalen und kognitiven Struk­
turen entwickelt, die diese bestimmte Tierart ausgebildet haben muss,
um diese Herausforderungen zu bewältigen. In einem zweiten Schritt
sollen in kontrollierten Laborversuchen diese Hypothesen über die
mentalen und kognitiven Strukturen getestet werden. Den dritten
Schritt stellt die neurologische Arbeit dar, die Suche also nach den
neuronalen Korrelaten, den zugrunde liegenden Verarbeitungspro­
zessen der kognitiven Strukturen. In einem vierten Schritt werden
schließlich komparative Fragen verfolgt: Es geht darum, Gemeinsam­
keiten zwischen Menschen und anderen Tieren festzulegen, damit
die Unterschiede (oder der Unterschied) herausgearbeitet werden
können. Hauser ist der Ansicht, dass wir über den Geist weitaus besser
Bescheid wissen werden, wenn wir nicht nur den Geist von Menschen,
sondern auch jenen von Tieren erforschen und die Ergebnisse dann
vergleichen. So verfallen wir nicht der Versuchung, den menschlichen
Geist, der uns ja viel vertrauter ist, als den Geist schlechthin zu hypos-
tasieren.98
98 Als empirischer Forscher legt Hauser großen Wert darauf, dass keine generellen Fra­
gen gestellt werden, wie etwa diejenige, ob Tiere intelligent seien, oder ob sie den­
ken. Wie sollte man solche unbestimmten Fragestellungen bearbeiten? Die Fragen
müssen vielmehr spezifischer Natur sein. Dennoch zeigt Hauser in einem bemer­
kenswerten Buch aus dem Bereich der kognitiven Ethologie und der Tierpsycholo­
gie, dass man auch mit spezifischen Fragestellungen nicht die generellen Probleme
und den Überblick in der Erforschung des Geistes der Tiere aus dem Blick verliert,
M . D. Hauser, Wild Minds: What Animais Really Think, New York: Henry Holt
Publishers 2000 (dt. Wilde Intelligenz. Was Tiere wirklich denken, München: C. H.
Beck 2001).

69
Z u Beginn dieser Einleitung haben wir auf die Tatsache hingewie­
sen, dass es problematisch ist, den Tieren insgesamt eine Mittelposi­
tion zwischen Menschen einerseits und Pflanzen andererseits zuzu-
weisen. Denn offensichtlich gibt es die Tiere nicht als eine homogene
Gruppe. Es lässt sich vielmehr eine Bandbreite verschiedenster Lebe- j
wesen beobachten, die über ganz unterschiedliche Fähigkeiten ver- I
fügen und Verhalten von unterschiedlicher Komplexität zeigen. Bei
zahlreichen Philosophen und Philosophinnen hat sich nicht zuletzt 1
aus diesem Grund die Methode des Entwurfs kognitiver Modelle
durchgesetzt. Es handelt sich dabei um einen Ansatz, der nicht zuerst ]
von den Unterschieden zwischen Mensch und Tier ausgeht, sondern
von den Gemeinsamkeiten zwischen den Lebewesen. Es wird zu- j
nächst danach gefragt, welche Vorstufen des Geistes es gibt, und dann,
welche sozusagen basalsten und simpelsten Geister wir in der Na- j
tur antreffen. D arauf aufbauend können nun verschiedene kognitive j
Modelle unterschieden werden, die ausgehend von Nullstufen und I
Vorfbrmen zu zunehmend ausdifferenzierteren und komplexeren geis­
tigen Fertigkeiten und Vermögen fuhren. Der Gedanke einer Ent­
wicklung kognitiver Modelle setzt also bottom-up bei den Minimal- |
bedingungen Für basale oder simple »Geisthaber« an und schafft eine
gestufte, vergleichende Ordnung kognitiver System e." R. Millikan
formuliert die grundlegende Idee der Methode kognitiver Modelle
wie folgt:

Was wirklich erforderlich ist, um die nicht-propositionale Kognition von


Tieren zu verstehen, ist nicht eine Übersetzung ins Deutsche, sondern eine
explizite Beschreibung der Arten von Repräsentationssystemen, die Tiere tat­
sächlich verwenden, und in welcher Weise sie diese verwenden. Das letzte Ziel
muss darin bestehen, Modelle für die kognitiven Systeme einer jeden der ver­
schiedenen Tierspezies zu konstruieren und zu testen [...]. W ir werden aber
sicher in die Irre gehen, wenn wir nicht bedenken, dass es zahlreiche M ög
lichkeiten zwischen dem propositionalen Denken des Menschen und dem
Fehlen jeglichen Denkens gibt .9100
9

99 Zum Unterschied zwischen Bottom-up und Top-down auf diesem Gebiet vgl.
F. Dretske, »Two Conceptions o f Knowledge: Rational vs. Reliable Belief«, in:
id., Perception, Knowledge, and Belief. Selected Essays, Cambridge: Cambridge
University Press 2000, S. 80-93.
100 Vgl. in diesem Band, S. 212.

70
Millikan weist wie C. Allen (vgl. unten, S. 191) darauf hin, dass die
exakte Spezifikation des Gehalts von Gedanken (oder der intentiona­
len Zustände) anderer Lebewesen (zum Beispiel in der natürlichen
Sprache des Englischen) nicht entscheidend ist. Vielmehr geht es
darum, herauszufinden, wie sich Lebewesen in ihrer physischen und
sozialen Umwelt tatsächlich zurechtfinden, um darauf aufbauend
testbare Modelle unterschiedlicher kognitiver Systeme zu entwerfen.
Im Hintergrund dieser Methode liegt die Einsicht, dass es keine Sache
des Alles-oder-Nichts ist, ob ein Lebewesen einen Geist hat. Verschie­
dene Arten des Geistes - um mit Allen und Bekoff zu sprechen - sind
denkbar.101 Auch die französische Philosophin J. Proust arbeitet mit
der Methode kognitiver Modelle. Sie unterscheidet vier Stufen der Fä­
higkeit bis hin zu mentalen Repräsentationen (wir erinnern uns, dass
dies ein zentraler Begriff der Kognitionswissenschaften ist). Mentale
Repräsentationen stellen einem Lebewesen Informationen seiner Um­
welt zur Verhaltenssteuerung zur Verfügung. Ihre Grundfrage lautet:
Inwieweit ist ein System fähig, Informationen zu gebrauchen? Skiz­
zieren wir kurz diese kognitiven Modelle.102
1. Die erste Stufe ist auch hier eine Nullstufe (ähnlich wie bei Den-
nett) des Informationsgebrauchs. Man kann den Thermostaten
als Modell nehmen. Der Thermostat nutzt Information über die
Temperatur seiner Umgebung, ohne jedoch etwas über die Tempe­
ratur glauben oder wissen zu müssen. Er reagiert auf unflexible,
vorprogrammierte Art und Weise auf die Temperaturschwankun-
gen (und auf kaum sonst etwas) seiner Umgebung. Die Informa­
tion selber spielt keine kausale Rolle in der Steuerung seines Ver­
haltens.103
2. Nun folgt auf der zweiten Stufe ein erster tatsächlicher Grad der
Informationsnutzung. Hier kann ein Lebewesen Informationen

10 1 Wir haben in D. Dennetts Stufenmodell intentionaler Systeme bereits ein ein­


faches, jedoch auf die Intentionalität eingeschränktes Beispiel eines Modells un­
terschiedlicher kognitiver Systeme kennen gelernt. Ein anderes Beispiel findet sich
bei D. Papineau (in diesem Band, S. 247-253).
102 J. Proust, Comment l ’esprit vient aux betes, op. cit., S. 139-185; id., Les animaux,
pensent-ilsl, op. cit., S. 19-33.
103 Vgl. dazu den Text von F. Dretske (in diesem Band, S. 213-222), aber auch id.,
»Machines, Plants and Animais. The Origins o f Agency«, in: Erkenntnis 51/1
(1999), S. 19-31 (dt. »Maschinen, Pflanzen und Tiere: Ursprünge des Handlungs­
vermögens«, in: Handlungen und Handlungsgründe, hrsg. von R. Stoecker, Pader­
born: Mentis 2002, S. 76-88).

7i
auf verschiedenen Sinneskanälen empfangen und in einem kurz­
lebigen Gedächtnis speichern. Es verfügt daher auch über eine mi­
nimale, rein assoziative Lernfähigkeit und seine Reaktionen auf
bestimmte Reize sind nicht mehr unwillkürlich und invariant, so-
dass dieses Lebewesen auch die Reaktion für eine bestimmte Zeit
verzögern kann. Es entsteht eine Protorepräsentation, d. h., dass
ein innerer Zustand im Lebewesen mit einem äußeren Zustand ko-
variiert. Protorepräsentationen leiten in bescheidener Weise das
Verhalten eines Organismus. Laut Proust funktioniert beispiels­
weise eine Schnecke auf diese A rt.104
3. Die dritte Stufe ist erreicht, wenn zur Protorepräsentation Kate­
gorisierungen der Umwelt hinzutreten. Ereignisse und Dinge der
Umwelt werden in Kategorien eingeteilt und auf diese Kategorien
folgen unterschiedliche Reaktions- und Verhaltensweisen. So kön­
nen beispielsweise Spinnen aufgrund der Vibrationen ihres Net­
zes ihre Beute kategorisieren. Je nach Größe der Beute muss die
Spinne hinzueilen, um sie dingfest zu machen. Befinden sich meh­
rere Beutestücke im Netz, so speichert die Spinne die Information
der jeweiligen Positionierung.
4. Erst auf der vierten Stufe erfolgt der Schritt von der Protoreprä­
sentation zur mentalen Repräsentation. Die nutzbar gemachte In­
formation ist nun speicherbar und kann auch auf andere Situa­
tionen übertragen werden. Der Gehalt der Information löst sich
also aus der unmittelbaren Einbettung in den Zirkel von Wahr­
nehmung und Verhalten. Als weitere Forderungen an mentale Re­
präsentationen nennt Proust, dass ihr Gehalt wahr oder falsch ist
und dass aus ihnen eine Anzahl Folgerungen gezogen werden kön­
nen. Als avanciertes Beispiel kann hier das Verhalten der Häher
herangezogen werden.
Der Entwurf kognitiver Modelle macht sich also sozusagen auf die
Suche nach den Entstehungsspuren des Geistes. Er interessiert sich
sowohl für Vorstufen des Geistes (etwa in Form der Protorepräsenta­
tion) als auch für ausgebildete Stufen (etwa in Form der mentalen Re­
präsentation). Dieser methodische Ansatz, der stark empirisch ausge­
richtet ist, unterscheidet sich von jenem Ansatz, der den menschlichen
Geist von vornherein als etwas Einzigartiges auffasst und begrifflich
zu fassen versucht. Er zielt auf die bereits erwähnte Begriffsklärung

104 Vgl. dazu J. Proust (in diesem Band, S. 224 £).

72
a posteriori ab: Vor dem Hintergrund empirischer Untersuchungen
sollen verschiedene Stufen des Geistes und damit auch verschiedene
Begriffe für kognitive Tätigkeiten unterschieden werden.
R. Brandom hat die beiden methodischen Ansätze treffend mit den
Stichwörtern >Assimilationismus< und >Differentialismus< benannt.105
Der Assimilationismus geht von den Gemeinsamkeiten zwischen Men­
schen und Tieren aus und versucht die unterschiedlichen Arten von
Geist, die sich empirisch feststellen lassen, schrittweise zu differenzie­
ren. So würden sich zuletzt auch die wichtigen Unterschiede zwi­
schen uns Menschen und den anderen Lebewesen erkennen lassen.
Der Differentialismus hingegen geht von einem prinzipiellen Unter­
schied zwischen Menschen und anderen Lebewesen aus. Dieser wird
meistens in der Sprache gesehen, aber auch im Gemeinschaftshandeln
oder in der Erschaffung einer Kultur. Im Gegensatz zwischen diesen
beiden methodischen Ansätzen manifestiert sich nicht zuletzt der
Grundlagenstreit um die sog. Naturalisierung des Geistes. Den Assi-
milationisten erscheint es nämlich durchaus einleuchtend, dass der
menschliche Geist sich evolutionär aus niedrigeren Stufen des Geis­
tes heraus entwickelt haben muss, dass wir den menschlichen Geist
auf diesem Weg auch besser verstehen können und dass wir für die
Erklärung geistiger Eigenschaften auf Naturprozesse zurückgreifen
sollten, die sich auch bei Tieren finden. Die Differentialisten hin­
gegen betonen, dass wir auf diesem Wege gerade die Eigenart des
menschlichen Geistes verkennen und dass es ein Fehlschluss wäre,
seine biologische Herkunft mit seiner Existenz in einem sozialisierten,
kulturellen und rationalen Wesen zu verwechseln. Hier, so scheint es,
weist die erste Methode einen Vorteil auf. Wenn der differentialisti-
sche Ansatz nämlich zur Folge hat, dass wir den Tieren einen Geist
absprechen müssen, gerät er unter einen Argumentationsdruck, der
nicht nur aus unserer intuitiven Alltagsansicht, sondern auch aus
den Ergebnissen der empirischen Forschung entsteht. Denn wie kön­
nen wir das komplexe Verhalten der Tiere adäquat beschreiben und
erklären, wenn wir es nicht mehr mithilfe eines kognitiven Vokabulars
charakterisieren dürfen? Wie können wir es dann vermeiden, die
Tiere nur noch cartesianisch als lebendige Maschinen zu beschreiben?
Angesichts dieses Dilemmas ist es ratsam, nicht von vornherein eine
105 Vgl. R. Brandom, Articulating Reasons. An Introduction to Inferentialism, Cam­
bridge (Mass.): Harvard University Press 2000, S. 2-3 (dt. Begründen und Begrei­
fen. Eine Einführung in den Inferentialismus, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001).

73
Kluft zwischen Tieren und Menschen aufzureißen und den Tieren I. Sprache und Überzeugungen
prinzipiell einen Geist abzusprechen. Die entscheidende Frage sollte
nicht lauten, ob Tiere einen Geist haben, sondern welche A rt von Geist
sie haben.

74
John R. Searle
Der Geist der Tiere

Viele Tierarten haben Bewusstsein, Intentionalität und Gedanken­


prozesse. M it »Bewusstsein« meine ich jene subjektiven Zustände
der Empfindung und des Gewahrseins, die wir im Wachzustand
(und mit geringerer Intensität in unseren Träumen) haben; mit »Inten­
tionalität« meine ich jenes Merkmal des Geistes, mit dem er sich auf
Objekte und Sachverhalte in der Welt richtet oder von diesen handelt;
und mit »Gedankenprozessen« meine ich jene zeitlichen Sequenzen
intentionaler Zustände, die sich systematisch aufeinander beziehen,
wobei die Beziehung durch einige rationale Prinzipien eingeschränkt
wird. Beispiele für bewusste Zustände sind etwa das Verspüren eines
Schmerzes oder das Hören eines Geräuschs. Beispiele für intentionale
Zustände sind Dinge wie etwas essen wollen oder glauben, dass sich
jemand nähert. Beispiele für Gedankenprozesse sind Dinge wie he­
rausfinden, wie man eine Banane kriegt, die sich außer Reichweite be­
findet, oder das Verhalten einer Beute überwachen, die in Bewegung
ist und flüchten will. Obwohl sich diese drei Phänomene —Bewusst­
sein, Intentionalität und Gedankenprozesse — überschneiden, sind
sie nicht identisch. Einige bewusste Zustände sind intentional, andere
nicht. Einige intentionale Zustände sind bewusst, viele sind es nicht.
Mein gegenwärtiger Gedanke etwa, dass es wahrscheinlich nicht reg­
nen wird, ist bewusst; wenn ich im Schlaf überzeugt bin, dass Bill
Clinton der Präsident der Vereinigten Staaten ist, so ist diese Über­
zeugung unbewusst. Alle Gedankenprozesse sind so, wie ich sie defi­
niert habe, intentional; aber nicht jeder intentionale Zustand kommt
als Teil eines Gedankenprozesses vor. Ein auf nichts gerichtetes Angst­
gefühl beispielsweise ist, obwohl bewusst, doch nicht intentional. Ein
plötzlicher Wunsch nach einem kalten Bier ist sowohl bewusst als
auch intentional. Ein Tier, das ein plötzliches Hungergefühl empfin­
det, kann dieses haben, ohne dass es Teil irgendeines Gedankenpro­
zesses ist.
Ich habe gesagt, dass viele Tierarten Bewusstsein, Intentionalität
und Gedankenprozesse haben. Warum aber bin ich mir dessen so
sicher? Warum bin ich mir z. B. so sicher, dass mein Hund, Ludwig

132
Wittgenstein Searle, Bewusstsein hat? Nun, warum ist er sich so si­
cher, dass ich Bewusstsein habe? Ich glaube, dass ein Teil der richti­
gen Antwort sowohl für Ludwig als auch fiir mich lautet, dass jede
andere Möglichkeit außer Frage steht. Beispielsweise kennen wir
uns nun schon ziemlich lange, sodass eigentlich kein Zweifel mög­
lich ist.
Philosophisch betrachtet lautet die interessante Frage, weshalb uns
die Einsicht, dass solche Antworten die richtigen sind, in der Philo­
sophie und den Naturwissenschaften solche Schwierigkeiten berei­
tet. Ich werde später darauf zurückkommen. Jetzt möchte ich die
ursprüngliche Frage umkehren und fragen, warum so viele Denker
bestritten haben, was so offensichtlich scheint, nämlich dass viele
Tierarten außer unserer eigenen Bewusstsein, Intentionalität und Ge­
dankenprozesse haben. Überlegen Sie einen Moment, wie kontrain­
tuitiv solche Leugnungen sind: Ich kehre von der Arbeit nach Hause
zurück und Ludwig stürmt mir entgegen. Er springt auf und ab und
wedelt mit dem Schwanz. Ich bin sicher, dass er (a) Bewusstsein hat,
(b) sich meiner Anwesenheit bewusst ist (Intentionalität), und (c) dass
dieses Bewusstsein in ihm einen Zustand der Lust hervorruft (Ge­
dankenprozess). W ie könnte irgendjemand (a), (b) oder (c) abstrei­
ten? Wie sein Namensvetter vielleicht gesagt hätte: »So spielen wir
das Sprachspiel mit (dem Wort) >sicher<.« Ich möchte nun über einige
dieser Leugnungen nachdenken.

II

Als Reaktion auf die cartesianische Revolution war es im 17. und


18. Jahrhundert sowohl philosophisch als auch theologisch gesehen
sinnvoll, danach zu fragen, ob Tiere Geist haben. Wenn es, wie Des-
cartes uns lehrte, zwei Arten von Substanzen im Universum gibt, näm­
lich geistige Substanzen, deren Essenz Denken oder Bewusstsein ist,
und physische Substanzen, deren Essenz Ausdehnung ist, dann wird
die Frage dringlich: Welche der lebenden ausgedehnten Substanzen
haben Geist? Welche der lebenden Substanzen enthalten Bewusst­
sein?
Die grundlegende aristotelische Dichotomie des Belebten und Un­
belebten wurde durch eine noch fundamentalere Dichotomie jener
Dinge, die einen Geist, und jener, die keinen Geist haben, übertroffen.

133
Die Frage wurde noch dringlicher, als man über die theologischen Im­
plikationen einer möglichen philosophischen Antwort nachdachte.
Die Commonsense-Ansicht, höhere Tiere seien in genau demselben
Sinn bewusst wie Menschen, führt zum Ergebnis, dass jedes dieser
Tiere eine unsterbliche Seele besitzt. Dies deshalb, weil die cartesia-
nische Theorie der Natur des Geistigen und der Unterscheidung
zwischen dem Geistigen und dem Physischen impliziert, dass Be­
wusstsein unzerstörbar ist. Jede geistige Substanz ist unteilbar und
währt deshalb ewig. Wenn Tiere aber Bewusstsein haben, dann folgt
daraus unmittelbar, dass sie unsterbliche Seelen haben, und das Le­
ben nach dem Tod wird, gelinde gesagt, gehörig überbevölkert sein.
Schlimmer noch, sollte Bewusstsein sich weit die phylogenetische
Skala hinunter erstrecken, so könnte sich heraussteilen, dass das Le­
ben nach dem Tod auch von einer sehr großen Anzahl Seelen von
Flöhen, Schnecken, Ameisen etc. bevölkert wäre. Dies ist eine unwill­
kommene theologische Konsequenz dessen, was ein plausibler philo­
sophischer Lehrsatz schien.
Ein weiteres Problem, das sich sogar für Theologen ergab, die nicht
Cartesianer waren, ist folgendes: Wenn Tiere Bewusstsein haben,
können sie leiden. Wenn sie jedoch leiden können, wie lässt sich ihr
Leiden dann unter der Voraussetzung rechtfertigen, dass sie nicht
der Erbsünde verfallen sind und wahrscheinlich keinen freien W il­
len haben? Die Argumente, die verwendet wurden, um die Exis­
tenz eines allmächtigen und wohltätigen Gottes mit einer leidenden
menschlichen Bevölkerung zu versöhnen, schienen auf Tiere nicht an­
wendbar zu sein.
Heute halten wir diese Denkweisen zum Problem des Geistes der
Tiere für vollkommen unplausibel, und die Cartesianer lieferten eine
ebenso unplausible Lösung: Aus ihrer Sicht haben Tiere ganz ein­
fach keinen Geist. Tiere sind bewusstlose Automaten, und obwohl
wir mit dem vom Auto überfahrenen Hund mitfühlen, ist unsere An­
teilnahme unangebracht. Es ist nicht anders, als wäre ein Computer
überfahren worden.
Obwohl uns diese Sicht heute lächerlich erscheint, glaube ich, dass
sie eine unvermeidliche Konsequenz des restlichen cartesianischen
Systems ist. Wenn jeder Geist eine unsterbliche Seele ist, dann kön­
nen nur Wesen, die eine unsterbliche Seele haben, einen Geist be­
sitzen. Der natürliche Ausweg aus diesem Rätsel besteht darin, den
Dualismus aufzugeben, sowohl den Eigenschaftsdualismus als auch

i 34
den Substanzendualismus. Und wenn man den Dualismus aufgibt,
wenn man ihn wirklich aufgibt, so muss man auch den Materialis­
mus, den Monismus, die Identitätsthese, den Behaviorismus, die To­
ken-Identitätstheorien, den Funktionalismus, die Starke Künstliche
Intelligenz und all die anderen Auswüchse preisgeben, die der Dua­
lismus im 19. und 20. Jahrhundert produziert hat. Wenn man sie rich­
tig versteht, sind all diese absurden Sichtweisen Ausprägungen des
Dualismus.1
Was ergibt sich hinsichtlich des Geistes der Tiere, wenn man den
Dualismus von Grund auf aufgibt? Bevor ich diese Frage beantworte,
möchte ich über einige andere neuere Versuche nachdenken, die zei­
gen sollen, dass Tiere bestimmte geistige Phänomene nicht haben.

III

Heute wären sehr wenige Menschen bereit, dafür zu argumentieren,


dass Tieren jegliches Bewusstsein fehlt. Etliche Denker aber, sowohl
Philosophen als auch Naturwissenschaftler, haben dahingehend argu­
mentiert, dass Tiere entweder generell keine Intentionalität haben
oder zumindest, dass Tiere nicht denken können, d. h. dass sie keine
Gedankenprozesse im von mir beschriebenen Sinne haben können.
Ich bin, offen gestanden, a p rio ri äußerst misstrauisch gegenüber je­
dem Argument dieser Art, da wir von vornherein wissen, dass Men­
schen tatsächlich Intentionalität und Gedankenprozesse haben; und
wir wissen, dass Menschen biologisch mit dem restlichen Tierreich
Zusammenhängen. Unabhängig von seiner logischen Oberflächen­
form muss jedes Argument gegen die Intentionalität und das Denken
der Tiere das folgende Stück spekulativer Neurobiologie implizieren:
Der Unterschied zwischen dem menschlichen und dem tierischen
Gehirn ist so beschaffen, dass das menschliche Gehirn Intentionali­
tät und Denken erzeugen und aufrechterhalten kann, das tierische
jedoch nicht.
Angesichts dessen, was wir über das Gehirn der höheren Säuge­
tiere, vor allem über jenes der Primaten wissen, muss jegliche Spe­
kulation dieser Art atemberaubend verantwortungslos erscheinen.
1 Siehe J. R. Searle, The Rediscovery ofthe M ind, Cambridge (Mass.): MIT Press 1992
[dt. Die Wiederentdeckung des Geistes, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996], für Argu­
mente, die diese Behauptung untermauern.

135
Anatomisch gesehen sind die Ähnlichkeiten zu groß, als dass eine
solche Spekulation auch nur entfernt plausibel erscheinen könnte,
und bezüglich der Physiologie wissen wir, dass die Mechanismen,
die beim Menschen Intentionalität und Gedanken erzeugen, enge Pa­
rallelen mit denjenigen anderer Tiere aufweisen. Menschen, Hunde
und Schimpansen nehmen Wahrnehmungsreize mit Hilfe visueller,
taktiler, auditorischer, olfaktorischer und anderer Sinnesrezeptoren
auf, sie alle senden die durch diese Stimuli erzeugten Signale ans Ge­
hirn, wo sie verarbeitet werden, und die daraus hervorgehenden Ge­
hirnprozesse verursachen schließlich motorische Outputs in Form
von intentionalen Handlungen, wie etwa sozialen Umgang mit an­
deren Artgenossen, essen, spielen, kämpfen, sich fortpflanzen, Junge
aufziehen und versuchen, am Leben zu bleiben. Angesichts der neuro-
biologischen Kontinuität scheint die Annahme, dass nur Menschen
Intentionalität und Gedanken haben, außer Frage zu stehen.
Wenden wir uns jedoch den eigentlichen Argumenten gegen die
Möglichkeit des Denkens von Tieren zu. Die Form der Argumente
ist und muss dieselbe sein: Menschen erfüllen beim Denken eine
notwendige Bedingung, die Tiere weder erfüllen noch erfüllen kön­
nen. Ausgehend davon, was wir über die Ähnlichkeiten und die Un­
terschiede zwischen menschlichen und tierischen Fähigkeiten wissen,
ist der angeblich entscheidende Unterschied zwischen Menschen und
Tieren bei allen Argumenten, die ich kenne, derselbe: Der mensch­
liche Besitz von Sprache macht menschliches Denken möglich, und
das Fehlen von Sprache bei Tieren macht tierisches Denken unmög­
lich.
Auch die Cartesianer dachten, dass Sprache das entscheidende Un­
terscheidungsmerkmal sei, das Menschen gegenüber Tieren auszeich­
net. Aber sie meinten, die Bedeutung der Sprache sei epistemisch. Der
Besitz der Sprache war ein sicheres Zeichen dafür, dass Menschen
Bewusstsein haben; und ihr Fehlen ein sicheres Zeichen dafür, dass
Tiere es nicht haben. Diese Sicht schien mir schon immer sehr ver­
blüffend. Weshalb sollte sprachliches Verhalten epistemisch wesent­
lich für das Vorhandensein von Bewusstsein sein? Wir wissen vom
Menschen, dass Kinder Bewusstsein haben, lange bevor sie eine Spra­
che sprechen können, und wir wissen, dass viele Menschen sich die
Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen, nie aneignen, bezweifeln des­
wegen aber nicht, dass sie Bewusstsein haben.
Neuere Denker räumen ein, dass Tiere Bewusstsein haben, weisen

136
der Sprache aber eine irgendwie konstitutive Rolle in Bezug auf das
Denken zu, sodass Wesen ohne Sprache keine Gedanken haben kön­
nen.
Die Hauptprämisse dieser Argumente ist also immer, dass Men­
schen in einem Sinn Sprache haben, in dem Tiere keine Sprache ha­
ben - soweit scheint mir diese Prämisse richtig zu sein. Sogar die­
jenigen von uns, die den Schwänzeltanz der Bienen bereitwillig als
eine Sprache und die Errungenschaften der Schimpansen Washoe,
Lana und anderer als genuin sprachlich beschreiben würden, wür­
den immer noch zugeben, dass solch symbolisierendes Verhalten un­
gleich schwächer als irgendeine natürliche menschliche Sprache ist.
Räumen wir also ein, dass Menschen in einem wichtigen Sinn von
»Sprache« Sprache haben, aber, soweit wir wissen, keine andere Spe­
zies. Was folgt daraus für den Geist? Nun, etwas folgt unmittelbar da­
raus: Wenn es irgendwelche intentionalen Zustände gibt, deren Besitz
eine Sprache verlangt, so können Tiere diese Zustände nicht haben,
und a fo rtio ri können sie keine Gedankenprozesse haben, die diese
Zustände involvieren. Es gibt ganz eindeutig solche Zustände. Mein
Hund kann wollen, dass ich mit ihm spazieren gehe, aber er kann
nicht wollen, dass ich meine Einkommensteuererklärung für das
Steuerjahr 1993 rechtzeitig einreiche. Er kann herausgelassen werden
wollen, aber er kann nicht eine Dissertation über die Häufigkeit von
Pfeifferschem Drüsenfieber bei amerikanischen Studenten schreiben
wollen. Um diese letztere Art von Wünschen zu haben, müsste er
zumindest sprachliche Fähigkeiten besitzen, die ihm jedoch fehlen.
Gibt es ein Prinzip? Wie entscheiden wir, welche intentionalen Z u ­
stände Sprache verlangen und welche nicht? Ich glaube, es sind meh­
rere Prinzipien beteiligt, und ich werde auf diese Frage später zurück­
kommen. Im Moment möchte ich weiterhin den Argumenten gegen
die Möglichkeit jeglicher Intentionalität und jeglichen Gedankens
bei den sprachlich unterprivilegierten Tieren nachgehen. Das Argu­
ment, dass es einige intentionale Zustände gibt, die Tiere nicht ha­
ben können, zeigt nicht, dass sie keine intentionalen Zustände haben
können. Hier sind einige Argumente für die stärkere These.
Ein Argument lautet, dass wir, um einem System Überzeugungen
zuzuschreiben, eine Möglichkeit haben müssen, Fälle, in denen das
System wirklich glaubt, dass p , von Fällen zu unterscheiden, in denen
das System nur annimmt, dass p , vermutet, dass p , schätzt, dass p , ein
Gefühl hat, dass p , sicher ist, dass p , oder, wenn man alles ausgewogen

137
in Betracht zieht, zur Ansicht neigt, dass p ? Aber wir können diese
Unterscheidungen nicht für ein Wesen vornehmen, das diese für sich
selbst nicht machen kann, und ein Wesen kann die Unterscheidungen
nur fiir sich selbst machen, wenn es das relevante Vokabular besitzt.
Das Vokabular muss nicht dasselbe wie im Englischen oder genau
ins Englische übersetzbar sein, aber es muss irgendein Vokabular ge­
ben, das die verschiedenen Arten intentionaler Zustände innerhalb
dieser Spannweite bezeichnet, andernfalls ist die Zuordnung der Z u ­
stände sinnlos.
Was sollen wir mit diesem Argument anfangen? Selbst wenn wir die
Prämisse zugestehen, dass solche Unterscheidungen einer Sprache
bedürfen, folgt daraus nicht, dass es uns möglich sein muss, fein ab­
gestufte Unterscheidungen zu machen, bevor wir überhaupt irgend­
welche Zuschreibungen intentionaler Zustände vornehmen können.
Diese Prämisse scheint sogar falsch. Ganz generelle psychologische
Verben wie >glauben< und >wünschen< werden oft in einer Art und
Weise benutzt, dass sie eine gewisse Lockerheit, eine Unbestimmtheit
in Bezug darauf zulassen, welche der Nebenformen der allgemeinen
Einstellung durch den Handelnden exemplifiziert werden. So kann
ich etwa glauben, dass es regnen wird, ohne dass ich selbst - ohne
darüber nachzudenken - sagen könnte, ob dies eine starke oder eine
schwache Überzeugung, eine Ahnung, eine Gewissheit oder eine Mut­
maßung ist. Und selbst wenn ich diese Fragen beantworten kann,
wenn ich darüber nachdenke, so kann das Nachdenken selbst die
relevante Einstellung festlegen. Bevor ich darüber nachdachte, mag
es ganz einfach nichts gegeben haben, das faktisch darauf hinwies,
welche Art von Überzeugung es war; ich glaubte einfach, es würde
regnen. Deshalb schließe ich daraus: Die Tatsache, dass für Überzeu­
gungen und Wünsche der Tiere keine fein abgestuften Unterschei­
dungen gemacht werden können, zeigt nicht, dass Tiere keine Über­
zeugungen und Wünsche haben.
Ein verwandtes Argument hat D. Davidson erwogen (ich bin mir

2 Dies war während meiner Studententage in Oxford in den 5oer-Jahren ein weit
verbreitetes Argument. Ich hörte es erstmals in Vorlesungen und Seminaren von
S. Hampshire. Ich weiß nicht, ob er es je publizierte. [A. d. Ü.: S. Hampshire ver­
weist auf ein ähnliches Argument in: Thought and Action, London, 1959, S. 97;
vgl. T. A. Long, »Hampshire on Animais and Intentions«, M in d 72 (1963), S. 414-
416.]

138
nicht sicher, ob er es anerkennt).3 Die feinen Unterscheidungen, die
wir beim propositionalen Gehalt von Überzeugungen und Wünschen
machen, können für die angeblichen intentionalen Zuschreibungen
gegenüber Tieren nicht gemacht werden. Wir sagen, der Hund glau­
be, sein Herrchen sei zu Hause. Aber glaubt er, Herr Schmid (der
sein Herrchen ist) sei zu Hause, oder der Bankdirektor (dasselbe Herr­
chen) sei zu Hause? Ohne eine Antwort auf derlei Fragen können wir
dem Hund keine Überzeugungen zuschreiben.
Dieses Argument verläuft parallel zu einem bereits erwähnten. Ge­
mäß jenem Argument gibt es keinen intentionalen Zustand ohne
eine bestimmte Tatsache, die seinem psychologischen Typ entspräche;
gemäß diesem Argument gibt es keinen intentionalen Zustand ohne
eine bestimmte Tatsache, die seinem propositionalen Gehalt entsprä­
che. Das Argument unterliegt demselben Einwand wie das bereits
erwähnte. Die Prämisse scheint falsch. Selbst wenn wir annehmen,
dass es nichts gibt, das faktisch daraufhinweist, welche die korrekte
Übersetzung der mentalen Repräsentationen des Hundes in unser
Vokabular ist, zeigt dies alleine noch nicht, dass dem Hund jegliche
mentale Repräsentationen, Überzeugungen und Wünsche fehlen, die
wir zu übersetzen versuchen.
Davidson erwähnt dieses Argument nur beiläufig. Ein Argument,
das er mit größerem Ernst gegen die Existenz von Tiergedanken ins
Feld führt, ist das Folgende: Damit ein Tier einen Gedanken ha­
ben kann, muss der Gedanke in einem Netz von Überzeugungen auf-
treten. Sein Bespiel lautet: Um zu denken, dass der Revolver geladen
ist, muss ich überzeugt sein, dass Revolver ein Waffentypus sind und
dass ein Revolver ein beständiges physisches Objekt ist. Damit man
einen Gedanken haben kann, müssen also Überzeugungen vorhan­
den sein. Aber, und dies ist der entscheidende Schritt, um eine Über­
zeugung zu haben, muss ein Geschöpf den Begriff der Überzeugung
haben. Weshalb? Weil man, um eine Überzeugung zu haben, wahre
von falschen Überzeugungen unterscheiden können muss. Aber der
Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen »kann nur im
Kontext der Interpretation« (von Sprache) auftreten.4 Die Vorstellung
einer wahren oder falschen Überzeugung hängt von der Vorstellung

3 D. Davidson, »Thought and Talk«, in: Truth and Interpretation, Oxford: Oxford
University Press 1984, S. 155-170 [dt. »Denken und Reden«, in: id., Wahrheit und
Interpretation, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1986, S. 224-246].
4 D. Davidson, op. cit., S. 170 [dt. S. 246].

139
von wahren und falschen Äußerungen ab, und diese Vorstellungen
können ohne eine gemeinsame Sprache nicht existieren. Deshalb kann
nur ein Geschöpf, das eine Sprache hat und sie interpretiert, Ge­
danken haben. Die grundsätzliche Idee dieses Arguments ist anschei­
nend diese: D a Wahrheit< ein metasprachliches semantisches Prädi­
kat ist und da der Besitz von Überzeugungen die Fähigkeit erfordert,
zwischen wahren und falschen Überzeugungen unterscheiden zu kön­
nen, folgt daraus anscheinend unmittelbar, dass der Besitz von Über­
zeugungen metasprachliche semantische Prädikate verlangt, und dies
setzt offensichtlich Sprache voraus.
Dieses Argument ist nicht so klar, wie es sein könnte, und man
könnte gegen einige seiner Schritte Einwände erheben. Der Punkt,
auf den ich mich hier konzentrieren möchte, ist das, was ich für
den zentralen Kern des Argumentes halte: Um den Unterschied zwi­
schen wahren und falschen Überzeugungen zu erkennen, bedarf es
eines sprachlich artikulierten Begriffs der Überzeugung.
Die Behauptung lautet, dass man nur innerhalb einer Sprache
korrekte von nicht korrekten Überzeugungen unterscheiden kann.
Ich bin mit der Voraussetzung für diese Forderung einverstanden:
Um einen intentionalen Zustand zu haben, muss man die Fähigkeit
besitzen, Bedingungen, die den intentionalen Zustand erfüllen, von
solchen zu unterscheiden, die ihn nicht erfüllen. Ich möchte diesen
Punkt sogar auf alle intentionalen Zustände ausdehnen und nicht
nur auf Überzeugungen beschränken. Allgemein muss man den Un­
terschied zwischen erfüllten und unerfüllten intentionalen Zustän­
den erkennen können, um intentionale Zustände zu haben. Ich sehe
jedoch keinen Grund zur Annahme, dass dies notwendigerweise einer
Sprache bedarf, und sogar die zwangloseste Beobachtung von Tie­
ren legt nahe, dass sie typischerweise zwischen der Erfüllung und
der Frustration ihrer intentionalen Zustände unterscheiden, und zwar
ohne eine Sprache.
Wie funktioniert dies? Nun, die erste und wichtigste Sache ist
die, dass Überzeugungen und Wünsche nicht nur in ein Netz an­
derer Überzeugungen und Wünsche eingebettet sind, sondern, was
noch wichtiger ist, in ein Netz von Wahrnehmungen und Handlun­
gen, und diese sind die biologischen Grundformen der Intentiona­
lität. Schon seit Beginn dieser Diskussion reden wir so, als ob Wahr­
nehmung und Handlung keine Formen der Intentionalität wären;
sie sind es jedoch sehr wohl, und zwar die biologischen Grundformen.

140
Bezeichnenderweise legt Wahrnehmung bei Tieren wie bei Men­
schen Überzeugungen fest, und gemeinsam mit Wünschen bestim­
men Überzeugungen den Verlauf einer Handlung. Betrachten wir
aus dem Leben gegriffene Beispiele: Warum bellt mein Hund die­
sen Baum hoch? Weil er glaubt, dass die Katze auf dem Baum ist,
und weil er sie erwischen will. Warum glaubt er, die Katze sei auf
dem Baum? Weil er sie hinaufrennen sah. Warum hört er nun auf,
den Baum hinaufzubellen, und fängt an, in Richtung des Nachbar­
gartens zu rennen? Weil er nicht mehr glaubt, die Katze sei auf dem
Baum, sondern im Nachbargarten. Und warum hat er seine Über­
zeugung korrigiert? Weil er gerade sah (und zweifellos roch), wie
die Katze in den Nachbargarten rannte; und sehen und riechen ist
glauben. Der allgemeine Punkt ist der, dass Tiere ihre Überzeugun­
gen andauernd auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungen korrigie­
ren. Um diese Korrekturen zu machen, müssen sie in der Lage sein,
den Sachverhalt, in dem ihre Überzeugung erfüllt wird, von einem
Sachverhalt zu unterscheiden, in dem sie nicht erfüllt wird. Und
was für Überzeugungen gilt, gilt auch für Wünsche.
Warum aber müssen wir Überzeugungen und Wünsche überhaupt
»postulieren«? Warum können wir in solchen Fällen nicht einfach die
Existenz von Wahrnehmungen und Handlungen zugestehen? Die
Antwort ist die, dass das Verhalten ohne die Voraussetzung von Über­
zeugungen und Wünschen unverständlich ist; weil das Tier z. B. sogar
dann den Baum hochbellt, wenn es die Katze nicht mehr sehen oder
riechen kann, und so die Überzeugung manifestiert, dass die Katze
auf dem Baum ist, selbst wenn es weder sehen noch riechen kann, dass
die Katze auf dem Baum ist. Und es zeigt ähnliche Verhaltensweisen,
die ein Verlangen nach Futter bekunden, selbst wenn es weder Futter
sieht, riecht noch frisst.
In solchen Fällen unterscheiden Tiere wahre von falschen Über­
zeugungen, befriedigte von unbefriedigten Wünschen, ohne dass sie
die Begriffe von Wahrheit, Falschheit, Befriedigung oder noch nicht
einmal von Überzeugung und Wünschen haben. Und weshalb sollte
das irgendjemanden überraschen? Schließlich unterscheiden gewisse
Tiere beim Sehen zwischen roten und grünen Objekten, ohne die
Begriffe >Sicht<, >Farbe<, >rot< oder >grün< zu haben. Ich denke, viele
Menschen glauben, es sei etwas Besonderes an >wahr< und >falsch<,
weil sie annehmen, sie seien wesentliche semantische Prädikate in
einer Metasprache. Ausgehend von unserer Tarskischen Kinderstube
tendieren wir zum Glauben, die Verwendung von >wahr< und >falsch<
zur Charakterisierung von Überzeugungen müsse irgendwie von einer
fundamentaleren Verwendung abgeleitet werden, um beispielsweise
sprachliche Entitäten, Sätze und Feststellungen zu charakterisieren.
Und dann scheint uns, dass ein Geschöpf, wenn es zwischen wahren
und falschen Überzeugungen unterscheiden können sollte, erst eine
Objektsprache haben müsste, um der ursprünglichen metasprach­
lichen Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit—nun durch
Ausdehnung auf etwas Nichtsprachliches angewandt - überhaupt
einen Halt zu geben.
Doch all dies ist falsch. >Wahr< und >falsch< sind in der Tat meta­
sprachliche Prädikate, aber noch viel grundsätzlicher sind sie meta­
intentionale Prädikate. Sie werden verwendet, um Erfolg und Ver­
sagen von Repräsentationen im Erreichen von Übereinstimmung in
der Geist-auf-Welt-Ausrichtung einzuschätzen. Innerhalb dieser Aus­
richtung sind Feststellungen und Sätze nur ein spezieller Fall. Es ist
ebenso wenig geheimnisvoll, dass ein Tier wenigstens manchmal
sagen kann, ob seine Überzeugung wahr oder falsch ist, wie dass
es sagen kann, ob sein Wunsch befriedigt oder frustriert wird. Weder
für Überzeugungen noch für Wünsche braucht das Tier eine Spra­
che; vielmehr braucht es eine Einrichtung, um zu erkennen, ob die
Welt so ist, wie sie zu sein scheint (Überzeugung), und ob die Welt
so ist, wie es das Tier gerne hätte (Wunsch). Aber ein Tier braucht,
um wahre von falschen Überzeugungen zu unterscheiden, genauso
wenig eine Sprache, wie es sie braucht, um befriedigte von unbefrie­
digten Wünschen zu unterscheiden. Denken wir etwa an das Beispiel
des Hundes, der die Katze jagt.

IV

Ich schließe daraus, dass die Argumente, die Tieren geistige Phäno­
mene verwehren und von Descartes bis Davidson reichen, kraftlos
sind. Ich wende mich jetzt einer verbleibenden Frage zu: Wie unter­
scheiden wir jene intentionalen Zustände, die eine Sprache verlan­
gen und Tieren daher unmöglich sind, von jenen, die dies nicht
tun? Ich glaube, die beste Möglichkeit, diese Frage zu beantworten,
ist die, einige Kategorien intentionaler Zustände, die eine Sprache ver­
langen, aufzuzählen, und die Gründe zu erklären, warum sie einer

142
Sprache bedürfen. Ich bezweifle, dass ich an alle gedacht habe, aber
hier sind erst einmal fünf.
1. Intentionale Zustände, die von Sprache handeln. Ein Wesen kann
beispielsweise nicht denken, dass »essen« ein transitives Verb ist,
oder sich fragen, wie es »Je n’aurais pas pu« ins Englische überset­
zen soll, wenn es nicht die Fähigkeit besitzt, eine Sprache zu spre­
chen.
2. Intentionale Zustände, die von Tatsachen handeln, für die Sprache
teilweise konstitutiv ist. Zum Beispiel kann ein Tier nicht denken,
dass das Ding, das es vor sich hat, eine Zwanzig-Dollar-Note ist,
oder dass der Mann, den es sieht, der Geschäftsführer des Philoso­
phischen Instituts der Universität von Kalifornien ist, weil die re­
präsentierten Tatsachen vom Menschen geschaffene Institutionen
wie Geld und Universitäten umfassen und der Sprache als ein kon­
stitutives Element bedürfen.
3. Intentionale Zustände, die Tatsachen repräsentieren, die räumlich
und zeitlich so weit von der Erfahrung des Tieres entfernt sind,
dass sie ohne Sprache nicht darstellbar sind. Zum Beispiel könnte
mein Hund denken, dass ich jetzt gerade etwas Gutes esse, aber er
kann nicht denken, dass Napoleon etwas Gutes aß.
4. Intentionale Zustände, die komplexe Tatsachen repräsentieren, de­
ren Komplexität ohne Sprache nicht dargestellt werden kann: Dies
ist eine sehr große Gruppe. So kann mein Hund einen herabfal­
lenden Gegenstand fürchten, aber er kann nicht von der Existenz
des Gravitationsgesetzes überzeugt sein, obwohl der herabfallende
Gegenstand ein Beispiel dafür, darstellt. Er kann vielleicht ein paar
einfache konditionale Gedanken haben, aber er kann keine kon­
junktivischen, kontrafaktischen Gedanken haben. Vielleicht kann
er denken: »Wenn er mir diesen Knochen gibt, werde ich diesen
fressen«, aber nicht: »Hätte er mir nur einen größeren Knochen ge­
geben, der hätte mir besser geschmeckt!«
5. Intentionale Zustände, die Tatsachen darstellen, die durch den Prä­
sentationsmodus in Bezug auf ein sprachliches System verortet wer­
den. Mein Hund kann z. B. überzeugt sein, dass es hier jetzt warm
ist, aber er kann nicht überzeugt sein, dass der 30. April 1993 ein
warmer Tag ist, weil das System, das einen Tag als Datum repräsen­
tiert, wesentlich sprachlich ist.
Zweifellos ließe sich diese Liste fortsetzen. Soweit zeigt sich, dass sich
die Gründe dafür, dass ein intentionaler Zustand für seine Existenz

143
eine Sprache wesentlich erfordert, zwei Klassen zuordnen lassen. Ent
weder hat der Zustand Erfüllungsbedingungen, die wesendich sprach­
lich sind, oder der Repräsentationsmodus dieser Erfüllungsbedingun­
gen ist wesentlich sprachlich. Oder meist beides. Eine dritte Art von
Grund bestünde darin, dass der Zustandstyp gerade für den Besitz
eines Zustandes dieses Typs einer Sprache bedarf. Ich habe Behaup­
tungen gehört, nach denen es solche Zustandstypen gibt - Hoffnung
und Unmut wären vielleicht Beispiele - , aber ich habe nie ein überzeu­
gendes Argument dafür gehört.

Ich kehre nun zur Frage zurück: Was sollten wir in einer vom Dualis­
mus gereinigten Philosophie von geistigen Phänomenen bei Tieren
halten? Die Antwort ist eine Form dessen, was ich anderswo »biolo­
gischen Naturalismus« genannt habe. Bewusstsein und andere For­
men geistiger Phänomene sind biologische Vorgänge, die in mensch­
lichen und bestimmten tierischen Gehirnen Vorkommen. Sie sind
genauso ein Teil der biologischen Naturgeschichte der Tiere wie die
Laktation, die Absonderung von Galle, die Mitose, Meiose, Wachs­
tum und Verdauung. Wenn wir uns einmal daran erinnern, was wir
über das Gehirn wissen, und unsere dualistische Kinderstube verges­
sen, ist der allgemeine Umriss für die Lösung des so genannten Leib-
Seele-Problems, ob für Mensch oder Tier, ziemlich einfach. Geis­
tige Phänomene werden durch niederstufige neuronale Prozesse in
menschlichen und tierischen Gehirnen verursacht und sind selbst
höherstufige oder Makromerkmale dieser Gehirne. W ir wissen natür­
lich noch nicht genau, wie dies funktioniert, wie die ziemlich spezifi­
sche Neurobiologie menschlicher und tierischer Nervensysteme die
ganze enorme Vielfalt unseres geistigen Lebens verursacht. Aber da­
raus, dass wir noch nicht wissen, wie dies funktioniert, folgt nicht,
dass wir nicht wissen, dass es funktioniert.
Ebenso wenig folgt aus der Tatsache, dass menschliche und tie­
rische Gehirne Bewusstsein verursachen, dass nur menschliche und
tierische Gehirne dies tun könnten. Vielleicht könnte man mit Hilfe
irgendeiner künstlichen Einrichtung die Art von Bewusstsein erzeu­
gen, die in uns und anderen Tieren existiert; vielleicht könnte man
es in Systemen erzeugen, die überhaupt nicht aus Molekülen auf der

144
Basis von Kohlenstoff bestehen. Und nach allem, was wir wissen, hat
sich Bewusstsein vielleicht auch bei Tieren in anderen Galaxien oder
in anderen Sonnensystemen innerhalb unserer eigenen, geschätzten
Galaxie entwickelt, die unsere lokale Besessenheit von Kohlenstoff,
Wasserstoff, Stickstoff und Sauerstoff nicht kennen. Aber eines wis­
sen wir mit Sicherheit: Jedes System, das Bewusstsein und andere
geistige Phänomene verursachen kann, muss dafür kausale Fähigkei­
ten haben, die denen der minimalen biologischen Fähigkeiten von
Gehirnen, sowohl unserer eigenen menschlichen Gehirne sowie der
Gehirne anderer Tierarten, gleichkommen. Von der Tatsache, dass Ge­
hirne dies kausal tun, darauf zu schließen, dass irgendein anderes Sys­
tem, das es ebenso kausal tut, minimale kausale Kräfte haben muss,
die denen des Gehirns gleichkommen, ist eine triviale logische Konse­
quenz. Falls dies trivial klingt - genau das soll es. Allerdings wird das
routinemäßig von einer wirren zeitgenössischen Philosophie des Geis­
tes bestritten, die versucht, Bewusstsein als ein rein formales abstrak­
tes Phänomen zu behandeln, das völlig unabhängig von irgendeiner
biologischen oder physikalischen Realität existiert. Zeitgenössische
Versionen dieser Sicht werden manchmal »Starke Künstliche Intel­
ligenz« genannt.5 Sie sind Ausdruck von einem der Hauptlehrsätze
des traditionellen Dualismus, nämlich der Ansicht, dass die spezifi­
sche Neurobiologie des Gehirns in Bezug auf den Geist von geringer
Wichtigkeit ist.
Bisher haben wir nicht die leiseste Ahnung davon, wie wir Bewusst­
sein in einem anderen Medium künstlich herstellen können, weil wir
nicht genau wissen, wie es in unserem eigenen Gehirn erzeugt wird.
Einige unserer besten zeitgenössischen Theorien sagen uns, es sei eine
Sache variabler Quoten von Neuronenfeuerungen, die sich auf be­
stimmte spezifische neuronale Architekturen beziehen. Aber was ge­
nau an der merkwürdigen Elektrochemie der Neuronen, Synapsen,
Transmitter, Rezeptoren etc. ermöglicht es ihnen, Bewusstsein zu er­
zeugen? Im Moment wissen wir es nicht. Deshalb sind die Aussichten
auf künstliches Bewusstsein extrem gering, obwohl die Existenz des
Bewusstseins in nicht menschlichen Gehirnen nicht ernsthaft ange-
zweifelt wird.
5 Vgl. J. R. Searle, »Minds, Brains and Programs«, Behavioral and Brain Sciences 3
(1980), S. 417-424 [dt. »Geist, Gehirn und Programme«, in: Kognitionswissenschaft.
Grundlagen, Probleme, Perspektiven, hrsg. von D. Münch, Frankfurt/M.: Suhrkamp
1992,8.225-252].

145
Und was ist nun mit den Spezialproblemen, die mit dem Geist des
Tiers zu tun haben? Bisher habe ich so gesprochen, als säßen Men­
schen und Tiere im selben Boot, aber wie steht es mit den speziellen
Merkmalen des Geists der Tiere? Man kann die diesbezüglichen Pro­
bleme grob in zwei Klassen einteilen, und es ist wichtig, sie auseinan­
der zu halten: Erstens ontologische Probleme, die mit der Natur, dem
Charakter und den Kausalrelationen von geistigen Phänomenen des
Tiers zu tun haben: Wodurch werden sie verursacht und was verursa­
chen sie wiederum selbst? Zweitens epistemologische Probleme, die
damit zu tun haben, wie wir etwas über geistige Zustände des Tiers
herausfinden, wie wir wissen, dass Tiere geistige Zustände haben,
und wie wir wissen, welche Tiere welche Arten geistiger Zustände
haben. Aus den bisher von mir geäußerten Ansichten folgt, dass es
über die Ontologie des geistigen Lebens der Tiere im Allgemeinen
und über das Bewusstsein der Tiere im Besonderen nicht viele in­
teressante philosophische Fragen gibt. Die wichtigsten Fragen sind
hiervor allem Fragen für Tierpsycholog/innen, Biolog/innen und spe­
ziell Neurobiolog/innen. Genauer gesagt: Wenn wir wissen, dass un­
sere Gehirne Bewusstsein erzeugen, und deshalb wissen, dass jedes an­
dere System, das Bewusstsein erzeugen kann, die relevanten kausalen
Kräfte haben muss, die denen unseres eigenen Gehirns entsprechen,
dann wird die Frage eine tatsächliche empirische Frage: Welche Arten
tierischer Gehirne können Bewusstsein erzeugen und aufrechterhal­
ten?
In diesem Bereich werden Epistemologie und Ontologie allerdings
oft durcheinander gebracht. Der Turing-Test verleitet uns genau zu
dieser Verwechslung, weil der Behaviorismus, der hinter dem Test
steckt, zu Argumenten wie den folgenden führt: Wenn zwei Syste­
me sich gleich verhalten, haben wir die gleiche Grundlage, dem einen
wie dem anderen geistige Zustände zuzuschreiben. Sowohl Schne­
cken als auch Termiten etwa können scheinbar zielgerichtetes Verhal­
ten an den Tag legen, welchen Sinn kann also die Behauptung ma­
chen, Schnecken hätten Bewusstsein und Termiten nicht? Nun, da
zielgerichtetes Verhalten ein Merkmal von allen möglichen Artefak­
ten wie beispielsweise Mausefallen und Infrarot-Raketen zu sein
scheint, warum sollen wir, wenn wir Schnecken und Termiten auf­
grund von zielgerichtetem Verhalten Bewusstsein zuschreiben, dies
dann nicht auch für irgendein zielgerichtet erscheinendes System
tun, wie etwa für Mausefallen oder Infrarot-Raketen?

146
Wenn aber, wie ich behaupte, dieser Ansatz Epistemologie und On­
tologie miteinander verwechselt, wie sollte man solche Fragen dann
richtig angehen? Wie etwa würden wir die Hypothese testen, dass
Schnecken Bewusstsein haben und Termiten nicht? Hier ist ein mög­
licher Weg: Nehmen wir an, wir hätten eine Wissenschaft des Gehirns,
die es uns ermöglichte, die kausalen Grundlagen des Bewusstseins
beim Menschen schlüssig nachzuweisen. Nehmen wir an, wir würden
entdecken, dass bestimmte elektrochemische Sequenzen kausal not­
wendig und hinreichend für menschliches Bewusstsein wären. Neh­
men wir an, wir wüssten, dass Menschen, die diese Merkmale haben,
Bewusstsein hätten und Menschen ohne sie nicht. Nehmen wir an,
wir wüssten etwa von uns selbst, dass wir, wenn wir diese spezifischen
Merkmale mit Hilfe von Betäubungsmitteln ausschalteten, bewusst­
los würden. W ir dürfen annehmen, dass dies ein extrem kompliziertes
elektrochemisches Phänomen ist, und ich werde, einer langen philo­
sophischen Tradition folgend, seine Beschreibung einfach mit X Y Z
abkürzen. Nehmen wir an, das Vorhandensein der Merkmale X Y Z
im sonst normalen menschlichen Gehirn wäre kausal sowohl notwen­
dig als auch hinreichend für Bewusstsein. Wenn wir nun X Y Z bei
Schnecken, aber nicht bei Termiten fänden, würde das nach einem
sehr starken empirischen Beleg dafür aussehen, dass Schnecken Be­
wusstsein hätten und Termiten nicht. Wenn wir eine genügend reich­
haltige Theorie hätten, sodass wir X Y Z als kausal sowohl notwendig
als auch hinreichend für Bewusstsein identifizieren könnten, so könn­
ten wir die Hypothese für definitiv bewiesen betrachten (die üblichen
Vorbehalte bezüglich der prinzipiellen Falsifizierbarkeit jeder wissen­
schaftlichen Hypothese natürlich nicht eingerechnet).

VI

Wenn die ontologischen Fragen vor allem eine Sache der Spezialisten
sind, wie steht es dann mit der Epistemologie? Wir finden hier eine
Menge Möglichkeiten, philosophische Verwirrungen aufzuklären.
Ich habe gesagt, dass wir im Gegensatz zu Descartes vollkommen
zuversichtlich sein können, dass höhere Tiere bewusst sind. Was aber
ist die Grundlage für unsere Zuversicht? Schließlich können wir M a­
schinen erfinden, die sich auf bestimmten Gebieten genauso intel­
ligent verhalten können wie Tiere, vielleicht sogar noch intelligenter,

147
und wir tendieren nicht dazu, diesen Maschinen Bewusstsein zuzu­
schreiben. Wo liegt der Unterschied? Was sonst als biologischer Chau­
vinismus würde uns dazu bringen, Tieren, nicht aber etwa Compu­
tern, Bewusstsein zuzuschreiben?
Die Standardantwort war, dass wir von der Existenz des Fremd­
psychischen bei Tieren in derselben Weise wie beim Menschen wis­
sen: Wir schließen aus dem Verhalten des Menschen oder des Tieres,
dass er oder es Bewusstsein und andere geistige Phänomene hat. Da
das Verhalten anderer Menschen und Tiere meinem eigenen auf rele­
vante Weise ähnlich ist, folgere ich daraus, dass sie bewusste Zustände
wie ich haben. Aus dieser Sicht müssten wir sagen, dass auch ein me­
chanisches Tier Bewusstsein hätte, wenn wir eines aus Tinker-Toy-
Teilen* bauen könnten, das sich wie ein richtiges Tier verhielte.
Als Antwort darauf möchte ich sagen, dass ich diese Sicht für hoff­
nungslos konfus halte und dass das Verhalten an und für sich schlicht
irrelevant ist. Selbst wenn wir uns auf verbales Verhalten beschrän­
ken, wie Descartes es tat, ist der Hinweis wichtig, dass mein Autora­
dio ein sehr viel intelligenteres verbales Verhalten nicht nur als jedes
Tier an den Tag legt, sondern sogar als jeder Mensch, den ich kenne.
Es liefert mir auf Anfrage Wettervorhersagen, Berichte über die letz­
ten Neuigkeiten, Diskussionen der Börse sowie Country-Songs und
Rock’n’Roll-Musik, und es zeigt eine ganze Anzahl anderer Formen
von verbalem Verhalten, sogar einige, bei denen dasselbe Radio mit
vielen seiner verschiedenen Stimmen gleichzeitig spricht. Aber ich
glaube keine Sekunde lang, dass mein Radio Bewusstsein hat, und
ich zweifle nicht daran, dass mein Hund Bewusstsein hat. Der Grund
für die Unterscheidung ist der, dass ich eine Theorie habe. Ich habe
eine Theorie darüber, wie Radios funktionieren, und ich habe eine
Theorie darüber, wie Hunde funktionieren. M it »Theorie« meine
ich nichts Extravagantes, bloß so etwas wie eine Commonsense-Theo-
rie. Ich weiß, dass ein Radio eine Maschine ist, die dazu bestimmt ist,
die Musik und die Stimmen von weit entfernten Menschen so zu über­
tragen, dass ich sie in meinem Wohnzimmer oder meinem Auto hören
kann. Ich weiß, dass mein Hund eine bestimmte innere kausale Struk­
tur hat, die meiner eigenen auf relevante Weise ähnlich ist. Ich weiß,
dass mein Hund Augen, Ohren, Haut etc. hat und dass diese einen
Teil der kausalen Grundlagen seines geistigen Lebens bilden, genauso
* [A. d. Ü.: >Tinker Toy< ist ein Baukastensystem fiir Kinder, das Anfang des 20. Jh.s in
den USA erfunden und dort rasch populär wurde.]

148
wie ähnliche Strukturen einen Teil der kausalen Grundlagen meines
geistigen Lebens bilden. Indem ich diese Antwort gebe, versuche
ich nicht, »dem Skeptiker zu antworten« oder »das Problem des
Fremdpsychischen zu lösen«. Ich glaube, es gibt kein solches Problem,
und ich nehme den Skeptizismus nicht ernst. Vielmehr erkläre ich,
was tatsächlich und im richtigen Leben der Grund für unser vollkom­
menes Vertrauen darin ist, dass Hunde Bewusstsein haben und
Radios nicht. Für sich selbst genommen ist das Verhalten irrelevant.
Verhalten ist für uns nur in dem Ausmaß interessant, in dem wir es
als Ausdruck einer ontologisch fundamentalen Kausalstruktur be­
trachten. Das Prinzip, mit dessen Hilfe wir »das Problem des Fremd­
psychischen für Tiere lösen«, ist nicht, dass intelligentes Verhalten ein
Beweis für Bewusstsein ist, sondern das Prinzip ist vielmehr folgen­
des: Wenn das Tier eine kausal relevante Struktur besitzt, die unserer
eigenen ähnlich ist, dann produziert es wahrscheinlich ähnliche geis­
tige Zustände als Reaktion auf ähnliche Stimuli. Das »Verhalten« ist
einfach der Beleg dafür, dass es so reagiert. Weiter nichts.
Entgegen der ganzen epistemologischen Tradition schlage ich vor,
dass die Grundlage, auf der unsere Gewissheit beruht, dass Tiere Be­
wusstsein haben, nicht darin liegt, dass intelligentes Verhalten, das un­
serem gleich oder ähnlich ist, der Beweis für Bewusstsein ist, sondern
vielmehr darin, dass gleiche oder ähnliche kausale Strukturen, die un­
seren eigenen gleichen oder ähneln, die gleichen oder ähnliche Aus­
wirkungen haben. Verhalten, sogar sprachliches Verhalten, ist nur re­
levant, wenn wir bestimmte Annahmen über die Struktur treffen.
Deshalb schreiben wir Menschen und Tieren mit oder ohne Sprache
Bewusstsein zu, nicht aber Radios.
Aber sogar diese Behauptung scheint mir ein zu großes Zugeständ­
nis zu sein. Fast unvermeidbar wird sie den Eindruck vermitteln, dass
ich tatsächlich an die Existenz eines Problems des Fremdpsychischen
glaube, dass es Prüfungen gibt, die ein System bestehen muss, um
einen Geist zu haben, und dass Hunde und Paviane die Prüfungen
bestehen und Computer sowie Stühle und Tische durchfallen. Ich
glaube, dies ist die falsche Art, diese Angelegenheiten zu betrachten,
und werde nun zu erklären versuchen, warum.
Der schlimmste Fehler, den wir vom Cartesianismus geerbt haben,
ist der Dualismus, zusammen mit seiner idealistischen, monistischen,
materialistischen, physikalistischen Nachkommenschaft. Der zweit­
schlimmste Fehler aber war es, die Epistemologie ernst zu nehmen,

149
oder anders ausgedrückt, sie auf die falsche Weise ernst zu nehmen.
Descartes und die britischen Empiristen bis hin zu den Positivisten
und Behavioristen des 20. Jahrhunderts haben uns den Eindruck ver­
mittelt, dass die Frage: »Woher bzw. wie weiß man das?« die funda­
mentale Frage sei, deren Antwort die Beziehung zwischen uns als be­
wussten Wesen und der Welt erklären würde. Die Vorstellung ist, dass
wir uns auf die eine oder andere Art immer in einer epistemischen
Haltung gegenüber der Welt befinden, in der wir aus Hinweisen ver­
schiedenster Art unsere Schlüsse ziehen. W ir sind damit beschäftigt
zu folgern, dass die Sonne morgen aufgehen wird, dass andere Leute
Bewusstsein haben, dass Objekte fest sind, dass Begebenheiten in der
Vergangenheit wirklich geschahen etc. In diesem Fall lautet die Vor­
stellung: Der Beleg, den wir dafür haben, dass andere Menschen Be­
wusstsein haben, beruht auf ihrem Verhalten; und da wir in relevanter
Weise ähnliches Verhalten bei Hunden und Primaten beobachten,
können wir durchaus folgern, dass auch sie Bewusstsein haben. Im
Gegensatz zu dieser Tradition möchte ich sagen, dass die Epistemolo­
gie in der Philosophie und im täglichen Leben von relativ geringem
Interesse ist. Sie hat ihre eigene kleine Interessensnische dort, wo
wir uns etwa auf solche Dinge konzentrieren, wie z. B. gewisse tradi­
tionelle skeptische Argumente zu verstehen sind; unsere wesentlichen
Beziehungen zur Realität sind jedoch selten epistemologischer Natur.
Ich folgere genauso wenig, dass mein Hund Bewusstsein hat, wie ich,
wenn ich ein Zimmer betrete, folgere, dass die anwesenden Menschen
Bewusstsein haben. Ich reagiere einfach so auf sie, wie es angemessen
ist, auf bewusste Wesen zu reagieren. Ich behandle sie einfach als be­
wusste Wesen, und das ist es dann auch schon. Nun sagt jemand: »Ja,
aber ignorieren Sie nicht die Möglichkeit, dass andere Menschen
unbewusste Zombies sein könnten, und der Hund, wie Descartes
meinte, eine geschickt konstruierte Maschine sein könnte, und dass
die Tische und Stühle, wer weiß, Bewusstsein haben könnten? Igno­
rieren Sie diese Möglichkeiten nicht einfach?« Die Antwort lautet: Ja.
Ich ignoriere all diese Möglichkeiten einfach. Sie stehen außer Frage.
Ich nehme keine von ihnen ernst. Epistemologie ist in der Philosophie
des Geistes und in der Philosophie der Sprache von sehr geringem In­
teresse aus dem einfachen Grund, dass in Bezug auf Geist und Spra­
che sehr wenig von unserem Verhältnis zum fraglichen Phänomen
epistemisch ist. Die epistemische Haltung ist eine sehr spezielle Ein­
stellung, die wir unter gewissen besonderen Umständen einnehmen.

150
Normalerweise spielt sie in unserem Umgang mit Menschen und
Tieren eine sehr kleine Rolle. Anders ausgedrückt: Es ist eigentlich
egal, wie ich weiß, dass mein Hund Bewusstsein hat, oder sogar, ob
ich »weiß« oder nicht »weiß«, dass er Bewusstsein hat. Tatsache ist,
dass er Bewusstsein hat, und dass Epistemologie auf diesem Gebiet
von dieser Tatsache ausgehen muss.
Es gibt tatsächlich Gründe für meine Gewissheit im Falle von Hun­
den, Stühlen, Tischen, Pavianen und anderen Menschen, und ich
habe bereits versucht, einige dieser Gründe darzulegen, aber wichtig
ist, dass ich mir sicher bin. Wenn ich die Gründe für meine Sicherheit
darlege, versuche ich nicht, den philosophischen Skeptizismus zu be­
antworten oder zu »beweisen«, dass Tiere einen Geist haben, Tische
und Stühle aber nicht.
Obwohl mir jedoch die allgemeine oder philosophisch skeptische
Form des »Problems des Fremdpsychischen bei Tieren« verworren
scheint, gibt es ziemlich spezifische Fragen zu spezifischen Mechanis­
men, deren Antworten für den wissenschaftlichen Fortschritt auf die­
sem Gebiet wesentlich sind. Wie ähnlich oder verschieden etwa sind
die visuellen Erlebnisse von Katzen und Menschen? Wir wissen da­
rüber recht viel, weil wir das visuelle System der Katze ziemlich einge­
hend untersucht haben, und wir haben einen zusätzlichen Anreiz für
die Beantwortung dieser Frage, weil wir wissen müssen, wie viel wir
von der Arbeit mit Katzen über das visuelle System des Menschen
lernen können. Ferner nehmen wir momentan an, dass bestimmte Vo­
gelarten navigieren, indem sie das Magnetfeld der Erde aufspüren.
Und es stellt sich die Frage: Falls sie dies tun, tun sie es dann bewusst?
Und wenn ja, welches sind die Mechanismen für ein bewusstes Auf­
spüren des Magnetismus? Ähnlich navigieren Fledermäuse, indem
sie in der Dunkelheit Schallwellen auf feste Objekte prallen lassen.
Wir würden nicht nur gerne wissen, wie sich das anfühlt, sondern
auch, welches die Mechanismen sind, die das bewusste Erlebnis, ma­
terielle Objekte durch reflektierte Schallwellen auszumachen, hervor-
rufen. Die grundsätzlichste Frage ist folgende: Welches sind genau die
neurobiologischen Mechanismen, durch die Bewusstsein bei Tieren
und Menschen erzeugt und aufrechterhalten wird? Eine Antwort auf
diese Frage gäbe uns solide epistemische Grundlagen zur Klärung
des Problems, welche Tiere Bewusstsein haben und welche nicht.
Derlei epistemische Fragen scheinen mir bedeutungsvoll, wichtig,
und in der Tat entscheidend für wissenschaftlichen Fortschritt auf
diesen Gebieten. Aber beachten Sie, wie sehr sie sich vom traditio­
nellen philosophischen Skeptizismus unterscheiden. Man kann sie be­
antworten, indem man spezifische Arbeit zu spezifischen Mechanis­
men unter Verwendung der besten verfügbaren Werkzeuge leistet.
Niemand hätte etwa im Voraus und nur auf der Basis philosophischer
Reflexion sagen können, dass sich die Verwendung von Positronen-
Emissions-Tomographie- (PET) und Computertomographie- (CAT)
Aufzeichnungen bei der Untersuchung des menschlichen und tie­
rischen Geistes als entscheidend erweisen würden. Die Antwort auf
diese wirklich epistemischen Fragen ist immer dieselbe: Gebrauche
deinen Einfallsreichtum. Gebrauche jede Waffe, die du bekommen
kannst, und bleibe bei jeder Waffe, die funktioniert. M it dieser Art
von Epistemologie haben wir die besten Aussichten, sowohl den Geist
der Menschen als auch den der Tiere zu verstehen.

Aus dem Englischen von Gabi Weber

152
Hans-Johann Glock
Begriffliche Probleme und das Problem
des Begrifflichen

Begriffe spielen eine doppelte Rolle in diesem Aufsatz. Wie die meis­
ten philosophisch interessanten Themen, so werfen auch die geisti­
gen Fähigkeiten von Tieren Probleme auf, die spezifisch begrifflicher
Natur sind. Kann man nicht-menschlichen Tieren (von nun an ein­
fach >Tiere<) einen Geist zuschreiben, und falls ja, welcher Art? Die
Antwort auf diese Frage hängt nicht nur von empirischen Beobach­
tungen (gleich ob in der Natur oder im Labor) und Theorien ab,
sondern auch davon, wie man umstrittene Begriffe wie den des Geis­
tes, des Denkens, des Verhaltens etc. versteht. Die philosophische Auf­
gabe auf diesem Gebiet besteht nicht in der Sammlung neuer empi­
rischer Daten über tierisches Verhalten, dessen neurophysiologische
Ursachen oder dessen evolutionäre Ursprünge, sondern in der Klä­
rung dessen, was es heißt, geistige Eigenschaften zu besitzen, und un­
ter welchen Umständen diese Eigenschaften einem Organismus zu­
geschrieben werden können. Damit soll nicht behauptet werden, dass
man eine hieb- und stichfeste Definition dieser Eigenschaften be­
nötigt, um in der Tierpsychologie bzw. kognitiven Ethologie mit
dem Entwurf empirischer Theorien beginnen zu können. Aber diese
Theoriebildung ist immer auf ein bestimmtes Vorverständnis ihres
Themenbereichs angewiesen. Deshalb muss sie begleitet werden von
Überlegungen zu den Begriffen, durch die dieser Themenbereich fest­
gelegt wird, und auf die sich bestimmte Forschungsprojekte, Metho­
den und Schlussfolgerungen stützen.1
Unter den umstrittenen Begriffen, die für das Thema tierischen
Denkens eine Rolle spielen, nimmt der Begriff eines Begriffes eine
wichtige Stellung ein. Begriffe stellen scheinbar ein Hindernis für
die Zuschreibung mentaler Eigenschaften und Fähigkeiten an Tiere
dar. Einerseits scheinen diese Eigenschaften den Besitz von Begrif­
fen vorauszusetzen; andererseits scheint der Besitz von Begriffen je­
doch eng an den Besitz von Sprache geknüpft und daher für Tiere un-
i Vgl. C. Allen und M . Bekoff, »Intentionality, Social Play and Definition«, in: Read-
ings in Anim al Psychology, hrsg. von M. Bekoff und D. Jamieson, Cambridge (Mass.):
MIT Press 1991, S. 236-237.

153
erreichbar zu sein. In diesem Aufsatz diskutiere ich sowohl begriffliche
Probleme auf dem Gebiet des Geistes der Tiere als auch das Problem
der Begriffe.
Zunächst werde ich das Thema einschränken auf Denken im Sinne
des Besitzes von so genannten propositionalen Einstellungen (Abs. i).
Dann präsentiere ich verschiedene Positionen zu diesem Thema und
optiere für eine gemäßigte Position, der zufolge Tiere Gedanken ein­
facher Art haben können (Abs. 2). Auch lege ich dar, warum das Prob­
lem aus der Perspektive der dritten Person anzugehen ist (Abs. 3). An­
schließend setze ich mich mit denjenigen Einwänden gegen tierische
Gedanken auseinander, die mit Begriffen Zusammenhängen: Inten-
sionalität (Abs. 4), Begriffe als Bausteine von Gedanken (Abs. 5-6),
die normative Dimension von Begriffen (Abs. 7), ihre Rolle beim
Schließen (Abs. 8) und die holistische Idee, Gedanken müssten ein
komplexes Netzwerk bilden (Abs. 9). In meinem Fazit deute ich an,
dass Tiere nicht nur quantitativ weniger Gedanken haben können
als Menschen, sondern dass dieser Besitz auch qualitativ etwas ande­
res bedeutet.

1 . Denken, Gedanken und »propositionale Einstellungen«

Besitzen zumindest einige Tiere einen Geist, der mit dem mensch­
lichen vergleichbar ist? Die Frage birgt Probleme aus einer ganzen
Reihe von Disziplinen in sich, die von der Evolutionstheorie und Neu­
rophysiologie über die Verhaltensforschung, Psychologie und Linguis­
tik bis zur Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes reichen.
Außerdem hat sich der Einfluss moralischer Überlegungen als A b­
lenkung erwiesen. Es ist natürlich völlig legitim, die Implikationen
zu diskutieren, welche die An- oder Abwesenheit geistiger Eigenschaf­
ten bei Tieren auf deren Behandlung haben sollte, die Behandlung
durch Verhaltensforscher miteingeschlossen.2 Nicht legitim ist jedoch
die weitverbreitete Tendenz, Auffassungen des tierischen Geistes ein­
fach aus vorgefertigten moralischen (oder unmoralischen) Überzeu­
gungen abzuleiten.
Sobald wir die trüben Gewässer der angewandten Ethik hinter uns
lassen, ergeben sich neue Komplikationen. Der Begriff des Geistes ist
2 Vgl. M . Bekoff und D. Jamieson, »Reflective Ethology, Applied Philosophy, and the
Moral Status o f Animais«, Perspectives in Ethology 9 (1991), S. 1-47.

154
möglicherweise vage, mit Sicherheit jedoch weit. Um unserem Prob­
lem auf den Leib zu rücken, müssen wir daher angeben, um welche
geistigen Phänomene und Fähigkeiten es gehen soll.
Zuerst sind kognitive Fähigkeiten, d. h. Fähigkeiten zur Gewin­
nung von Wissen und Information, von konativen Fähigkeiten zu
unterscheiden, d. h. Fähigkeiten, etwas zu verlangen oder zu beab­
sichtigen. Der populäre Ausdruck »Tierkognition« ist irreführend in­
sofern er sich ausschließlich auf Erstere zu beziehen scheint, obwohl
sich ein beachtlicher Teil der Debatte ebenso sehr um die Wünsche
und Absichten von Tieren dreht wie um deren Überzeugungen. So­
wohl kognitive als auch konative Zustände sind intentional, d. h. sie
haben einen bestimmten Gegenstand bzw. Inhalt. Man glaubt oder
weiß, dass etwas der Fall ist, wünscht, dass etwas der Fall sei, oder be­
absichtigt, etwas zu tun. In Fällen, in denen dieser Inhalt durch einen
dass-Satz ausgedrückt wird, verwendet man allgemein den m. E. irre­
führenden Ausdruck »propositionale Einstellungen«. Aber es gibt an­
dere mentale Phänomene, die keinen derartigen Gegenstand oder
Inhalt haben, gleich ob propositional oder nicht. Das gilt nicht nur
für Empfindungen wie Schmerzen, sondern auch für relativ kom­
plexe Phänomene wie Stimmungen. Ein Problem mit Begriffen wie
Erfahrung und Bewusstsein besteht darin, dass sie eine Vielfalt an
Phänomenen abdecken, die von einfachen Empfindungen über Wahr­
nehmung zu ausgewachsenen Gedanken reichen. Es ist eine Sache, be­
wusst zu sein in dem Sinn, dass man Schmerzen fühlen kann, was
einfach ein Kennzeichen von allen empfindungsfähigen Lebewesen
ist. Es ist eine andere Sache, seine Umgebung wahrnehmen zu kön­
nen, und vielleicht noch eine andere Sache, Überzeugungen zu haben,
wonach das-und-das der Fall ist.
Ich nenne diese intentionalen Zustände Gedanken statt proposi­
tionale Einstellungen und spreche vom Denken als dem Besitz von
Gedanken. Es ist zumindest unklar, ob es sich dabei um Relationen
zu Entitäten handelt, und selbst wenn, so wäre es doch schierer Dog­
matismus, darauf zu bestehen, dass meine Bewunderung für Nelson
Mandela oder meine Absicht, das Matterhorn zu besteigen, letzten
Endes Einstellungen zu Propositionen sein müssen, anstatt zu Perso­
nen bzw. Handlungen.
Das Vermögen, Gedanken zu haben, ist eine Voraussetzung für das
Vermögen zu schließen, für die Vernunft. Sowohl im theoretischen als
auch im praktischen Schließen bewegt man sich von einem oder meh­

i55
reren Gedanken, den Prämissen, zu einem anderen Gedanken, der
Konklusion. Die Fälligkeit zum Schließen muss ihrerseits von Intel­
ligenz unterschieden werden. Grob gesprochen ist Intelligenz das Ver­
mögen, zuvor unbekannte Probleme auf flexible Weise zu lösen, d. h.,
ohne dass diese Lösungswege genetisch determiniert oder strikt kon­
ditioniert wären.3 Intelligenz in diesem allgemeinen Sinn reicht von
der Problemlösung durch Versuch und Irrtum, wie bei den Kapuziner­
affen in der Röhrenaufgabe, zu jener Art Ein- und Voraussicht, die
Schimpansen bei der Herstellung von Werkzeugen an den Tag legen.4
Selbst in letzterem Fall ist es jedoch eine offene Frage, ob Schlüsse
von Prämissen auf Konklusionen eine Rolle spielen (vgl. Abs. 8).
Ich werde mich hier auf Gedanken und Begriffe konzentrieren
und Themen wie Empfindung, Wahrnehmung, Intelligenz und Ver­
nunft nur insofern miteinbeziehen, als sie für diese Hauptthemen von
Belang sind. Dass zumindest Wirbeltiere empfinden und wahrneh­
men, sollte ebenso offenkundig sein, wie dass die höheren Wirbeltiere
in verschiedenen Graden zu intelligentem Verhalten befähigt sind.
Aber nur bei Gedanken gibt es prim a facie einen Grund anzuneh­
men, Begriffe seien im Spiel.
Selbst das Gebiet des Denkens bei Tieren besteht aus verschie­
denen Themenbereichen. Seit Descartes lautet der Haupteinwand
gegen die Zuschreibung von Gedanken und Begriffen an Tiere, dass
diese nicht über sprachliche Fähigkeiten verfügen. Aber neuere For­
schungen in der kognitiven Verhaltensforschung legen nahe, dass
Schimpansen, Bonobos und vielleicht sogar Papageien elementare
sprachliche Fähigkeiten erwerben können.5 Anhänger Chomskys
haben dies insbesondere mit der Begründung abgelehnt, es fehlten
die für eine echte Sprache charakteristischen syntaktischen Fähigkei­
ten.6 Eine Frage ist daher, ob es sprachbegabte Tiere gibt. Falls ja,

3 J. Dupre, Humans and Other Anim ais, Oxford: Oxford University Press 2002,
S. 226-227.
4 Vgl. M . Tomasello und J. Call, Prim ate Cognition, Oxford: Oxford University Press
1997, S. io - ii und Kap. 3.
5 S. Savage-Rumbaugh und R. Lewin, Kanzi, London: Doubleday 1994 [dt. Kanzi,
der sprechende Schimpanse, München: Droemer Knaur 1995]; S. Savage-Rumbaugh,
S. Shanker und T. Taylor, Apes, Language and the Human M ind, Oxford: Oxford
University Press 1998; I. Pepperberg, The A lex Studies, Cambridge (Mass.): Harvard
University Press 1999.
6 S. Pinker, The Language Instinct, Middlesex: Penguin 1994, Kap. 11 [dt. D er Sprach-
instinkt, München: Kindler 1996, Kap. .11].

15 6
dann sind einige einschlägige Argumente gegen tierische Gedanken
auf diese Fälle einfach nicht anwendbar.7
Die andere Frage, der ich mich hier ausschließlich widmen möchte,
lautet, ob nicht-sprachliche Geschöpfe Gedanken haben können. Das
schließt Zeichen benutzende Menschenaffen aus, bringt aber nicht
sprachbegabte Menschen mit ins Spiel. M it Ausnahme einiger Sei­
tenblicke, beschränke ich mich jedoch auf nicht sprachbegabte Tiere,
u. a. deshalb, weil Menschen ohne Sprache Schwierigkeiten eigener
Art aufwerfen. Es ist z. B. unklar, ob unsere Zuschreibung von Gedan­
ken an vorsprachliche Kinder nicht darauf beruht, dass wir deren spä­
tere Sprachbegabung vorwegnehmen. Andererseits beziehe ich mich
nicht nur auf tatsächliches tierisches Verhalten, sondern auch Verhal­
tensformen, die ein nicht sprachbegabtes Wesen an den Tag legen
könnte. Denn diese Möglichkeit ist für die philosophische Frage zent­
ral, ob unsere geistigen Begriffe die Zuschreibung an nicht-sprach­
liche Lebewesen von vornherein ausschließen.

2. Alternative Positionen zu Gedanken bei Tieren

Nun haben wir eine Frage, die Licht auf die Rolle von Begriffen für
das Denken der Tiere wirft, ohne zu allgemein zu sein: Können Tiere
ohne Sprache Gedanken haben? Bis zum Ende des letzten Jahrhun­
derts herrschte die Annahme vor, eine bejahende Antwort müsse
auf Anthropomorphismus hinauslaufen, auf die illegitime Projektion
menschlicher Eigenschaften auf Tiere, deren Verhalten sich durch be-
havioristische Modelle von Reiz und Reaktion vollständig erklären
lässt. M it der »kognitiven Revolution« in der Psychologie jedoch
hat sich das Blatt gewendet. Kognitive Ethologen schreiben Tieren
immer komplexere Gedanken und geistige Fähigkeiten zu. Außer­
dem wird die Philosophie des Geistes zunehmend vom Naturalismus
dominiert, der Vorstellung, die Philosophie könne keine eigenstän­
digen, von den Einzelwissenschaften unabhängigen Beiträge leisten.
In einem solchen Klima liegt es nahe, das Problem des tierischen Den­
kens den Bio Wissenschaften zu überlassen und anzunehmen, jegliche
Zweifel seien ein Relikt des Glaubens an die Ausnahmestellung des
Menschen, die mit der von der Evolutionstheorie und Neurophysio-
7 Vgl. A. Stephan, »Are Animais Capable o f Concepts?«, Erkenntnis 51 (1999),
S. 79-92, besonders S. 88-90.

157
logie entdeckten Kontinuität der Arten unvereinbar ist. Verschiedene
biologische Kontinuitätsprinzipien sollen zeigen, dass die geistigen
Unterschiede zwischen Mensch und Tier nur eine Frage des Grades
sein können. Der Versuch, hier qualitative Unterscheidungen zu tref­
fen, erscheint dagegen als Ausdruck eines unwissenschaftlichen A n-
thropozentrismus.8
Der Kollektivvorwurf des Anthropozentrismus ist aber ebenso
diffus und unbegründet wie der des Anthropomorphismus. An der
empirischen Tatsache, dass es sowohl biologische (insbesondere ge­
netische und neurophysiologische) Ähnlichkeiten als auch entwick­
lungsgeschichtliche Kontinuitäten zwischen uns und bestimmten
nicht-sprachlichen Tieren gibt, ist nicht zu rütteln. Aber daraus folgt
nicht, dass deren Geistesleben dem unseren nahe kommt. Zum einen
wirft die Hypothese des »unterbrochenen Gleichgewichts«9 die Frage
auf, ob die biologische Evolution nicht auch echte Sprünge aufwei­
sen kann. Aber selbst wenn gilt natura non fa cit saltus, besagt Konti­
nuität entlang evolutionärer Stammbäume noch nichts über die geis­
tigen Fähigkeiten der uns umgebenden Tierarten. Wahrscheinlich
teilten unsere unmittelbaren nicht-sprachlichen Vorfahren viele unse­
rer anderen geistigen Fähigkeiten. Das garantiert jedoch nicht, dass
die uns biologisch am nächsten liegende bestehende Art uns auch geis­
tig nahe steht, da diese unmittelbaren Vorfahren nämlich ausgestor­
ben sind. Würden alle Wirbeltiere außer homo sapiens durch einen
ungezogenen Meteoriten ausgerottet, wäre es absurd zu folgern, dass
Tintenfische und Seesterne uns geistig nahe stehen müssen.10
Der Zufall will es, dass unsere nächsten lebenden Verwandten, die
Schimpansen, 98% unserer DNA teilen. Doch folgt daraus nicht, dass
sie uns geistig zu 98% gleichen. Denn kleine biochemische Unter­
schiede im Genotypus können zu signifikanten Unterschieden im
Phenotypus führen. In der Tat gilt dies bereits auf der neurophysiolo-
gischen Ebene. Obwohl das Schimpansengehirn aus denselben Bau­

8 Vgl. J. A. Fisher, »The Myth o f Anthropomorphism«, in: Readings in A nim al Psycho-


l°gy, op. cit., S. 3-16; D. Jamieson, »Animal, Language and Thought«, in: TheRout-
ledge Encyclopedia o f Philosophy, hrsg. von E. Craig, London: Routledge 1998,
S. 269-273; R. Crisp, »Evolution and Psychological Unity«, in: Readings in A nim al
Psychology, op. cit., S. 309-321.
9 S. J. Gould und N. Eldredge, »Punctuated Equilibria. The Tempo and Mode o f
Evolution Reconsidered«, Paleobiology 3 (1977), S. 115-151.
10 S. Pinker, The Language Instinct, op. cit., S. 346 [dt. D er Sprachinstinkt, S. 401].

158
steinen und nach demselben Prinzip organisiert ist wie das mensch­
liche Gehirn, ist es selbst unter der Berücksichtigung des Körperge­
wichts deutlich kleiner (durchschnittlich 400 ccm zu 1400 ccm).
Überhaupt ist leicht einzusehen, dass unser mentales Vokabular we­
der genetische noch neurophysiologische Unterschiede erfasst, son­
dern vielmehr Unterschiede in den Fähigkeiten zum Verhalten und
Wahrnehmen, d. h. Unterschiede, an denen w ir Menschen im alltäg­
lichen Umgang mit Artgenossen und anderen Tieren interessiert sind.
Was das anbelangt, sind unsere mentalen Begriffe selbst anthropozent­
risch; aber es ist deshalb nicht automatisch anthropozentrisch zu be­
streiten, dass diese Begriffe auf nicht-sprachliche Lebewesen anwend­
bar sind.11
Eliminative Materialisten haben dazu aufgefordert, dieses mentale
Vokabular durch einen auf der Neurophysiologie basierenden Jargon
zu ersetzen. Aber ganz gleich was für diesen Vorschlag sprechen mag,
er löst nicht das Problem, aus dem sich die Debatte über das tierische
Denken speist, nämlich ob es gerechtfertigt ist, unsere derzeitigen geis­
tigen Begriffe auf Tiere anzuwenden.
Was diese Frage anbelangt, gibt es eine weite Bandbreite von Ant­
worten. An dem einen Ende finden wir »Lingualisten« wie Descartes
und Davidson, die bestreiten, dass nicht-sprachliche Tiere Gedanken
haben können. Das entgegengesetzte, mentalistische Ende wird von
Empiristen wie Hume eingenommen. Ihnen zufolge unterscheiden
sich die Gedanken von Tieren nur graduell von denen der Menschen,
hauptsächlich aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmungen. Aus­
tern denken nicht über Fahrräder nach, aber nur deshalb, weil sie
Fahrräder nicht wahrnehmen können. In gewissem Sinn gilt das auch
für diejenigen kognitiven Repräsentationalisten, die auch einfache
tierische Verhaltensweisen wie das Fangen eines Balls durch einen
Hund unter Verweis auf komplizierte Gedanken und Berechnungen
zu erklären suchen. Letztere sollen zwar in einer Sprache stattfinden,
doch handelt es sich um eine »Sprache des Geistes« und nicht um eine
öffentliche Sprache.
Außer diesen beiden Extremen gibt es aber auch noch eine ge­
mäßigte Position, die von einer (einigen vielleicht ungewöhnlich er­
scheinenden) Koalition von Wittgenstein und dem gesunden Men­
schenverstand eingenommen wird. Sie besagt, dass Tiere Gedanken

11 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 117 -13 1.

159
einfacherA rt haben können, nämlich solche, die in ihrem nicht-sprach­
lichen Verhalten ausgedrückt werden können.
Eine weitere Komplikation ergibt sich aus den verschiedenen Kom­
ponenten des Begriffs eines Gedankens. Selbst wenn wir uns auf inten­
tionale Zustände beschränken, müssen wir zwei Parameter unter­
scheiden, nämlich die Art von Zustand auf der einen Seite, die Art
von Inhalt auf der anderen. Es ist eine Frage, welche intentionalen Ver­
ben man auf Tiere anwenden kann, eine andere, welche dass-Sätze,
singulären Termini oder Infinitive diesen Verben folgen können. Was
den ersten Parameter anbelangt, kann man z. B. zugestehen, dass ein
Hund wissen, glauben oder sehen kann, dass p , aber gleichzeitig
bestreiten, dass er denken oder hoffen kann, dass p . Was den zwei­
ten Parameter anbelangt, so hat Wittgenstein bekanntermaßen vor­
geschlagen, ein Hund könne glauben, sein Herr sei an der Tür, aber
nicht, sein Herr werde übermorgen kommen.12
Schließlich herrscht Uneinigkeit darüber, welcher Status den Z u ­
schreibungen von Gedanken an Tiere zukommt. Man kann die Z u ­
schreibung bestimmter Gedanken an Vertreter bestimmter Arten
für empirisch falsch halten. Das tun z. B. Seyfarth and Cheney,13 wenn
sie aufgrund von Beobachtungen bestreiten, dass Grüne Meerkatzen
eine »Theorie des Geistes« haben, d. h. Überzeugungen über die Über­
zeugungen ihrer Artgenossen.
Es ist aber nicht leicht einsichtig, wie man die Zuschreibung aller
Gedanken an alle Tierarten für empirisch falsch halten kann. Die meis­
ten philosophischen Gegner des tierischen Denkens verfolgen jeden­
falls einen anderen Kurs. Manche betrachten solche Zuschreibungen
nicht nur als falsch, sondern als nichtssagend, unsinnig, oder einen Ka­
tegorienfehler. Wie gesagt, Meinungsverschiedenheiten über den Geist
der Tiere haben ihre Wurzeln oft nicht in den empirischen Daten, son­
dern in unterschiedlichen begrifflichen und methodologischen Auf­
fassungen. Falls der Begriff des Denkens so gestaltet ist, dass er die
Anwendung auf nicht-sprachliche Lebewesen einfach ausschließt, so
kann gar nichts als Beleg für das Vorliegen solchen Denkens gelten.
Heutzutage ist der harte Vorwurf der Unsinnigkeit unter analyti-

12 L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984,


Teil Il.i; vgl. B. Rundle, M in d in Action, Oxford: Oxford University Press 1997,
Kap. 3.
13 R. Seyfarth und D. Cheney, »Inside the Mind o f a Monkey«, in: Readings in A nim al
Psychologyy op. cit., S. 340-343.

16 0
sehen Philosophen weniger verbreitet als früher. Aber selbst unter de­
nen, die zugestehen, dass einige Gedankenzuschreibungen an Tiere
weder empirisch falsch noch begrifflich inkohärent sind, bestehen
einige darauf, dass solche Zuschreibungen figurativ, metaphorisch
oder sekundär sind. Ähnlich behauptet Rundle, solche Zuschreibun­
gen liefen bei Tieren auf die bloße Beschreibung oder Umbeschrei­
bung von Verhalten hinaus, während es sich bei Menschen um echte
Hypothesen handle, die durch das, was das Subjekt preiszugeben be­
reit ist, bestätigt werden könnten. Im Endeffekt tendieren solche Po­
sitionen dazu, die Behauptung, ein Tier glaube, dass p , als eine fagon
de p arier abzutun.
Letzteres ist die erklärte Ansicht Davidsons. Er beginnt seine Aus­
führungen mit der folgenden Geschichte von Malcolm.
Nehmen wir einmal an, unser Hund jage die Nachbarskatze. Diese rast mit
Volldampf au f eine Eiche zu, schwenkt aber im letzten Moment plötzlich
ab und verschwindet au f einem nahen Ahorn. Der Hund sieht dieses Manöver
nicht und stellt sich, bei der Eiche angekommen, auf die Hinterbeine, kratzt
mit den Pfoten am Stamm, als wolle er hochklettern, und bellt aufgeregt zu
den Ästen hoch. Wir, die wir die Episode vom Fenster aus beobachten, sagen:
>Er denkt, die Katze sei diese Eiche hochgeklettert.<14
Laut Malcolm haben wir mit dieser Behauptung Recht, und Davidson
gesteht zu, dass dies zunächst plausibel erscheint. Dennoch kann ihm
zufolge Malcolms Hund streng genommen gar nichts glauben, da ihm
die Sprache fehlt.15
Ein unmittelbarer Einwand gegen Davidson lautet wie folgt: Die
Zuschreibung von Gedanken ist die einzige oder zumindest doch
die beste Erklärung vieler tierischer Verhaltensweisen.16 Laut David­
son liefert dieser Gedankengang eine pragmatische Rechtfertigung

14 N . Malcolm, »Gedankenlose Tiere«, in diesem Band, S. 86.


15 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 119 -125; id., Inqüiries into
Truth and Interpretation, Oxford: Oxford University Press 1984, S. 155 [dt. Wahr­
heit und Interpretation, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1986, S. 224].
16 Z. B. J. Bennett, LinguisticBehavior,<Z2,vrdoh6%t\ Cambridge University Press 1976,
§§ 7-8 [dt. Sprachverhalten, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1982]; J. Fodor, The
Language ofThought, New York: Cromwell 1975, Kap. 1. Im ersten Fall erfüllen
diese Zuschreibungen sogar ein sehr anspruchsvolles methodologisches Prinzip -
»Morgans Kanon« - , wonach man Verhalten nur dann durch ein »höheres« psy­
chisches Vermögen erklären sollte, wenn sich alle tieferen als untauglich erweisen,
vgl. J. L. Bermüdez, Thinking without Words, Oxford: Oxford University Press
2003, S. 6-10.

161
für solche Zuschreibungen, zeigt aber keineswegs, dass Tiere wirklich
Gedanken haben. Wenn wir Tieren Gedanken zuschreiben, tun wir
nur so, als ob sie fähig sind, aus Gründen (Überzeugungen und Wün­
schen) zu handeln, genau wie man die Bewegungen einer Infrarot-
Rakete dadurch erklären mag, dass man ihr den Wunsch zuschreibt,
ein Flugzeug zu zerstören. A u f diese Weise

können wir weiterhin das Verhalten von sprachlosen Geschöpfen erklären,


indem wir ihnen propositionale Einstellungen zuschreiben, und gleichzeitig
erkennen, dass solche Geschöpfe nicht wirklich propositionale Einstellungen
haben. Dann sind wir zum Eingeständnis verpflichtet, dass wir ein Erklä­
rungsmuster anwenden, das weit stärker ist, als es das beobachtete Verhalten
erfordert, und zu dessen Berücksichtigung das beobachtete Verhalten nicht
raffiniert genug ist.17

Diese Darstellung behandelt Zuschreibungen von Gedanken an Tiere


als nützliche Fiktionen. Aber selbst Davidson gibt zu, dass tierisches
Verhalten dem unseren viel näher steht als die Bewegungen einer Infra­
rot-Rakete. Wichtiger noch, wir betrachten die Zuschreibung von Ge­
danken an Tiere nicht nur als bequem, wie er suggeriert, sondern als
völlig angemessen. Denn im Gegensatz zur Zuschreibung von Wün­
schen an komplexe Raketen basieren solche Zuschreibungen nicht
auf technischem Unwissen, sondern auf biologischer Einsicht^ nämlich
dass sich in den Lebens- und Verhaltensweisen von Tieren ihre A b­
sichten und Wahrnehmungsfähigkeiten manifestieren.
Vielleicht würde Davidson erwidern, dass es sich bei den angeb­
lichen Einsichten um die Irrtümer der Aristotelischen Alltagsbiologie
handelt, da tierisches Verhalten vollständig durch physiologische Pro­
zesse erklärt werden könnte, wenn unsere Erkenntnis weiter fortge­
schritten wäre. Diese Behauptung ist jedoch nicht nur spekulativ,
sie wirft auch sofort die Frage auf, warum dasselbe nicht auch für
menschliches Verhalten gelten müsste. Und ein Lingualist der die A n­
wendbarkeit mechanischer Erklärungen auf menschliches Verhalten
deswegen bestreitet, weil Letzteres im Gegensatz zu tierischem Verhal­
ten auf Denken beruht, würde sich einer petitio schuldig machen.
Dennoch steckt vielleicht ein wahrer Kern in Davidsons Vorschlag,
dass die Erklärungsmuster, deren wir uns mit Bezug auf tierisches
Verhalten bedienen, in mancherlei Hinsicht über das Explanandum

1 7 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 126.


hinausgehen, weil sie nämlich ursprünglich für die Erklärung des
komplexeren Verhaltens sprachlicher Lebewesen zugeschnitten waren.
In diesem Aufsatz möchte ich u. a. diesen wahren Kern herausarbei­
ten. Gleichzeitig werde ich aber Davidsons Lingualismus zurückwei­
sen, und stattdessen für eine gemäßigte Position votieren, und zwar
im Hinblick sowohl auf die Art von Gedanken, die man Tieren zu­
schreiben kann, als auch auf den Status solcher Zuschreibungen.
W ir können Tieren Gedanken und vielleicht sogar Begriffe zuschrei­
ben, doch beschränken sich diese auf einfache Fälle. Denn nur ein­
fache Gedanken manifestieren sich in nicht-verbalem Verhalten ein­
deutig. Und obwohl die Zuschreibung von Gedanken und Begriffen
an Tiere keine bloße Fiktion zu sein braucht, so ist sie doch mit der
Zuschreibung an Menschen nicht deckungsgleich: unser reiches men­
tales Vokabular steht in begrifflichen Beziehungen, die weit über die
Phänomene hinausgehen, auf die es hier angewandt wird.

3. Die Perspektive der dritten Person

Ich werde für diese Position aus der Perspektive der dritten Person
argumentieren, d. h. ich werde mich nicht auf Phänomene beziehen -
ganz gleich ob mentale oder neurophysiologische - , die sich im Ver­
halten prin zip iell nicht manifestieren und selbst dem Bewusstsein
des Subjektes für immer entzogen sein mögen. Für viele Zeitgenossen
beruht diese Perspektive allerdings auf einer Verwechslung der »onto­
logischen« Frage, ob es tierische Gedanken gibt mit der »epistemolo-
gischen« Frage, welche Belege für solche Gedanken vorliegen. Aber
weder die ontologische Frage, ob es Dinge der Art X gibt, noch die
erkenntnistheoretische Frage, ob wir Dinge der Art X erkennen kön­
nen, lassen sich sinnvoll stellen, solange die semantische Frage, was
unter >X< zu verstehen ist, nicht wenigstens im Ansatz geklärt ist. Es
ist nur dann sinnvoll zu behaupten oder zu bestreiten, eine Kreatur
a denke, dass/), wenn sich angeben lässt, worin das Denken dieses Ge­
dankens besteht, im Unterschied etwa zum Denken, dass q. Und dies
geschieht eben dadurch, dass man angibt, in welchen Verhaltenswei­
sen und -Fähigkeiten sich der Gedanke, dass p> ausdrücken kann.18
18 H. J. Glock, »Philosophy, Thought and Language«, in: ThoughtandLanguage, hrsg.
von J. Preston, Cambridge: Cambridge University Press, S. 151-169, besonders
S. 166-168.

16 3
Selbst wenn die »verifikationstranszendente« Zuschreibung von
Gedanken nicht streng genommen sinnlos ist, so wäre sie doch für
den Alltag und die Verhaltenswissenschaften nutzlos. Für Letztere
kommt es entscheidend darauf an, Methoden zur Feststellung nicht­
sprachlicher Gedanken anzugeben.19 Die Perspektive der dritten Per­
son läuft aber auch nicht auf Behaviorismus hinaus. Es ist Teil des
Begriffs des Denkens, dass es sich im Verhalten ausdrücken kann, aber
das heißt nicht, dass man das Fassen eines bestimmten Gedankens als
eine Disposition zu genau spezifizierbaren Verhaltensweisen definie­
ren kann.20
Searle hat der Perspektive der dritten Person dennoch entschieden
widersprochen. Ihm zufolge ist »Verhalten ganz einfach irrelevant«
für die Zuschreibung geistiger Eigenschaften, da »mein Autoradio
ein sehr viel intelligenteres verbales Verhalten nicht nur als jedes Tier
an den Tag legt, sondern sogar als jeder Mensch, den ich kenne«.21 Ver­
ließe man sich auf diese Passage, würde man Searle nicht um seinen
Umgang beneiden. Selbst wenn man die Produktion von Geräuschen
durch das Radio überhaupt als Verhalten klassifizieren könnte, wäre
dieses doch strohdumm. Das Radio fällt beim Turing-Test blamabel
durch. Sogar auf seine nicht-sprachliche Umgebung reagiert es nicht
in zielgerichteter und flexibler Weise, weswegen es auch inmitten eines
staubedingten Hupkonzertes die Worte ausstoßen kann: »Im Moment
herrscht hier Grabesstille.« Intelligent sind allenfalls die vom Radio
bloß übertragenen Äußerungen, wobei auch das sehr vom Sender ab­
hängt.
Searle hat zugegebenermaßen eine Antwort auf die Frage, wie
sich die Zuschreibung von Gedanken ohne Bezug auf Verhalten
rechtfertigen lässt, nämlich durch Verweis auf neurophysiologische
Vorgänge. Falls die Neurowissenschaft zwingend zeigen könnte, dass
die »kausale Basis von Bewusstsein bei Menschen« in elektrochemi­
schen Abfolgen X Y Z besteht, d. h. X Y Z für dieses Bewusstsein »kau­
sal notwendig und hinreichend ist«, so wäre das Auftauchen X Y Z
bei Schnecken und seine Abwesenheit bei Termiten »ein sehr star­

19 J. Dupre, Humans and Other Anim ais, op. cit., Kap. 10; J. L. Bermüdez, Thinking
without Words, op. cit.
20 D. Davidson, Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford: Oxford University
Press 1984, S. 170 [dt. Wahrheit und Interpretation, S. 246]; id., »Rationale Lebe­
wesen«, in diesem Band, S. 128 f.
21 J. Searle, »Der Geist der Tiere«, in diesem Band, S. 148.

16 4
ker empirischer Beleg, dass Schnecken Bewusstsein haben und Termi­
ten nicht«.22
Das Problem mit diesem Encephalozentrismus ist jedoch, dass wir
nach der kausalen Basis von Bewusstsein überhaupt nur dann fr a ­
gen können, wenn wir das Phänomen des Bewusstseins unabhängig
von dieser Basis iden tifiziert haben. Darin drückt sich die bereits
erwähnte Unumgänglichkeit begrifflicher Fragen aus. Und aus der
ebenfalls erwähnten Funktion unserer mentalen Begriffe ergibt sich
deren Bindung an die Perspektive der dritten Person. Man kann
z. B; Überzeugungen nicht als rein private Zustände verstehen, völ­
lig losgelöst von den Verhaltenserklärungen und -Vorhersagen, zu de­
nen normale Sterbliche ohne neurophysiologische Instrumente in der
Lage sind.
Viele kognitive Verhaltensforscher bedienen sich ungeniert der Idee
der mentalen Repräsentation, die ihnen u. a. als Waffe gegen die beha-
vioristische Leugnung tierischer Gedanken dient. Aber im Gegensatz
zu einigen Philosophen23 bleibt die Postulierung dieser Repräsenta­
tionen stets an die Erklärung von Verhalten geknüpft. Der Haupt­
zweck der Terminologie besteht darin, daraufhinzuweisen, dass Tier­
kognition über unmittelbare Sinneswahrnehmung hinausgeht.24 Die
umsichtigeren Vertreter der Zunft betonen außerdem, dass ihr Begriff
einer mentalen Repräsentation bescheiden ist und nicht die Unterstel­
lung von »Bildern im Kopf« oder von Symbolen in einer »Sprache
des Denkens« beinhaltet.25
In den meisten Zusammenhängen kann die Rede von mentalen
Repräsentationen daher durch die Rede von höheren mentalen Fä­
higkeiten (etwa das Erinnerungsvermögen oder die Fähigkeit mit Vor­
aussicht zu planen) ersetzt werden. Wie wir sehen werden, bestehen
wichtige Unterschiede zwischen diesen Fähigkeiten und bloßen Ver­
haltensdispositionen. Ob die kausale Erklärung dieser Fähigkeiten
darin besteht, dass im Gehirn physische Vorkommnisse der Symbole
einer Programmsprache auftauchen, wie Repräsentationalisten be­
haupten, oder ob andere Faktoren im Spiel sind, wie z. B. die Konnek-

22 J. Searle, »Der Geist der Tiere«, in diesem Band, S. 147.


23 Z. B. P. Carruthers, »Brüte Experience«, JournalofPhilosophy 86 (1989), S. 258-269.
24 Z. B. C. Allen und M . Hauser, »Concept Attribution in Nonhuman Animais. Theo-
retical and Methodological Problems in Ascribing Complex Mental Processes«, in:
Readings in A n im a l Psychology, op . cit., S. 4 7 - 6 2 , beso n d ers S. 54 -55.
25 M. Tomasello und J. Call, Prim ate Cognition, op. cit., S. 7-12.

16 5
tivisten einwenden, ist eine andere Frage,26 die man aber offen lassen
sollte, wenn es um das Problem geht, ob Tiere Gedanken und Begriffe
haben.
Die Rede von Fähigkeiten anstatt von Repräsentationen vermei­
det außerdem die Annahme, dass sich Menschen oder Tiere nicht
direkt durch die Ausübung ihrer mentalen Fähigkeiten auf die Welt
beziehen, sondern durch »innere« Stellvertreter. Dieser Perspektiven­
wechsel ist m. E. besonders angebracht im Fall von Begriffen. Gemäß
der mentalistischen und physikalistischen Auffassung sind Begriffe
Repräsentationen, Episoden im Geist bzw. Gehirn von Individuen.
Diese Position ist jedoch unvereinbar mit der objektiven Natur von
Begriffen, also der Tatsache, dass sie von Individuen geteilt werden
können, die mentale Bilder bzw. neurale Reize nicht teilen können
und selbst Muster neuraler Reizungen nicht zu teilen brauchen?7
Die platonistische Gegenposition, der zufolge Begriffe abstrakte En­
titäten sind, schneidet hier zwar besser ab, hat aber Schwierigkeiten
bei der Erklärung der Rolle, die Begriffe in unserem Denken und Han­
deln spielen. Beide Unzulänglichkeiten werden m. E. von einer dritten
Position vermieden, die auf Aristoteles und Kant zurückgeht, und Be­
griffe als Klassifikationsprinzipien oder -regeln behandelt, die man
am besten dadurch erläutert, dass man den Besitz von Begriffen über
den Besitz der Fähigkeit zur Klassifikation erklärt.28

26 A. Beckermann, Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Berlin und


New York: de Gruyter 2001, Kap. 10.
27 Manche Repräsentationalisten versuchen diesen Einwand zu umgehen, aber ohne
Erfolg. J. Fodor (op. cit.) gesteht einerseits zu, dass Begriffe teilbar sind, andererseits
behauptet er aber auch, Begriffe seien »mental particulars« (S. 3 bzw. S. 28). Auch
sein klammheimliches Eingeständnis (S. 3, ni), dass er eigentlich nicht von Begrif­
fen redet, sondern von Begriffsvorkommnissen {tokens), macht seine Position nicht
konsistent, da solche Vorkommnisse gerade nicht teilbar sind. Auch C. Aliens Un­
terscheidung zwischen individuellem und sozialem Begriff löst das Problem nicht
(C. Allen, »Tierbegriffe neu betrachtet«, in diesem Band, S. 193 £). Selbst ein Be­
griff, der nicht tatsächlich von Individuen geteilt wird, muss teilbar sein; und in
welchem Maße zwei Individuen einen Begriff teilen, lässt sich unabhängig von
deren neuralen Reizungen feststellen. Falls Allen mit individuellem Begriff aber
etwas Ähnliches im Sinn hat wie Fodors tokens, so handelt es sich hier um die kau­
sale Basis für den Besitz eines Begriffes durch ein Individuum, die aber sowohl vom
B egriff als auch von dessen Besitz unterschieden werden muss.
28 Zeitgenössische Vertreter dieser Position sind P. Geach, M entalActs, London: Rout-
ledge and Kegan Paul 1957, und C . Peacocke, A Study ofConcepts, Oxford: Oxford

16 6
In diesem Aufsatz möchte ich allerdings nur zeigen, dass selbst
aus einer nicht-repräsentationalistischen Perspektive der dritten Per­
son die Beziehungen zwischen Denken und Begriffen keinen Lin­
gualismus nahe legen, sondern die oben erläuterte Zwischenposi­
tion.29

4. Die Intensionalität von Gedanken

Ein Problem für die Zuschreibung von Gedanken an Tiere ist, dass
wir bei sprachlosen Subjekten keine feinen Unterscheidungen zwi­
schen verschiedenen Gedanken treffen können, die sich im selben
nicht-sprachlichen Verhalten ausdrücken. Gedankenzuschreibungen
an Menschen schaffen intensionale Kontexte: wenn wir innerhalb
des Inhaltssatzes >dass p< Termini mit demselben Bezug füreinander
einsetzen, kann dies von einer wahren zu einer falschen Zuschreibung
führen (z. B. »Sarah glaubt, dass Brandt Deutscher war«, zu »Sarah
glaubt, dass Frahm Deutscher war«). Dagegen führt die Substitution
bezugsgleicher Termini im Fall von Tieren oft von Zuschreibungen,
die wir allgemein für wahr halten, zu solchen, die absurd oder unver­
ständlich sind. Die Eiche, die die Katze hochkletterte, ist zufällig auch
der älteste Baum in Sichtweite und derselbe Baum, den die Katze bei
der letzten Verfolgung hochgeklettert ist. Aber kann Malcolms Hund
glauben, dass die Katze auf den ältesten Baum in Sichtweite geklettert
ist oder auf denselben Baum wie beim letzten Mal? Ähnlich mag ein
Hund wissen, dass sein Herr an der Tür ist. Aber weiß er auch, dass
der Bankpräsident an der Tür ist? Wir haben keinen echten Anhalts­
punkt dafür, wie diese Frage zu entscheiden oder auch nur zu verste-

University Press 1992. Zur ihrer Verteidigung gegen den Repräsentationalismus


siehe H. J. Glock, »Wie wichtig ist Erkenntnistheorie?«, Zeitschrift fü r Philosophi­
sche Forschung 56 (2002), S. 115 -116 , und »Neural Representationalism«, Facta Phi-
losophica 5 (2003), S. 105-129.
29 Ein bekanntes Argument Davidsons gegen tierische Gedanken, das Triangulations­
argument, werde ich allerdings nicht behandeln, da es m. E. im Gegensatz zu den
hier besprochenen Argumenten auf Voraussetzungen beruht, die nicht prima facie
plausibel sind und daher weniger Licht auf unser Thema wirft als auf Davidsons
Sprachphilosophie. Für eine ausführliche kritische Diskussion, vgl. H .J. Glock,
»Animais, Thoughts and Concepts«, Synthese 119 (2000), S. 260-262; H .J. Glock,
Quine and Davidson on Language, Thought and Reality; Cambridge: Cambridge
University Press 2003, S. 286-291.

16 7
hen ist.30 Der Grund dafür ist, dass ein Hund weder glauben kann,
dass sein Herr der Bankpräsident ist, noch dass er es nicht ist.
Eine Replik auf diese Schwierigkeit besteht darin, den Ausdruck
>diese Eiche< in

i Der Hund denkt, dass die Katze diese Eiche hochgeklettert ist.

de re anstatt de dicto aufzufassen. Demnach lässt sich (i) unter Umge­


hung des Intensionalitätsproblems umformulieren als

i ' Der Hund denkt mit Bezug auf diese Eiche, dass die Katze an ihr
hochgeklettert ist.

Aber diese Replik setzt trotzdem voraus, dass die De-re-Beschreibung


einen Gegenstand herausgreift, »den derjenige mit der Überzeugung
irgendwie herausgreifen könnte«.31 Wäre Malcolms Hund unfähig,
die Eiche von anderen Gegenständen wie der Buche oder dem Zaun
zu unterscheiden, so könnte man sein Verhalten trotzdem unter Ver­
weis auf diese erklären, genau wie wir die Zuckungen einer Auster un­
ter Verweis auf eine sie stechende Nadel erklären können. Aber ( i ')
wäre nicht mehr angemessen. Denn D e-re-Konstruktionen wie >mit
Bezug auf< oder >von< verlangen in dem auf sie folgenden Satzglied
nach einem anaphorischen Personalpronomen, einem >es<, das ein der­
gestalt behinderter Hund nicht mehr von anderen Dingen unterschei­
den könnte.
Offen bleibt jedoch, ob diese Bedingung nicht von Tieren dadurch
erfüllt wird, dass sie Gegenstände in der Wahrnehmung voneinander
unterscheiden können. Der Hund könnte doch den Baum als einen
Gegenstand von anderen unterscheiden. Gesteht man dies zu, lässt
sich sogar ein nicht-sprachliches Analogon von Intensionalität kon­
struieren. Tiere können Gegenstände natürlich nicht »unter einer Be­
schreibung« kennen, wohl aber an bestimmten M erkmalen. Und dann
lässt sich der Fall, in dem sie Letztere als Merkmale ein und desselben
Gegenstandes behandeln, von denjenigen unterscheiden, in denen sie
es nicht tun.
30 D. Davidson, Inquiries into Truth an d Interpretation, op. cit., S. 163 [dt. Wahrheit
und Interpretation, S. 235]; N . Chater und C. M. Heyes, »Animal Concepts. Con­
tent and Discontent«, M in d and Language 9 (1984), S. 209-246.
31 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 121.

16 8
Es ist z. B. vorstellbar, dass der Hund auf eine Weise auf eine Per­
son mit schweren Schritten reagiert, aber auf eine andere auf seinen
Herrn, da er nicht gemerkt hat, dass die Person mit den schweren
Schritten sein Herr ist. In diesem Fall kann er glauben, dass eine Per­
son mit schweren Schritten an der Tür ist, ohne zu glauben, dass
sein Herr an der Tür ist (oder umgekehrt).
Allerdings kann man den Lingualisten zufolge dem Hund genauso
wenig den Begriff eines Baumes zuschreiben wie Überzeugungen
über Bäume. Der Hund könnte von einem Gegenstand nur dann glau­
ben, es sei ein Baum, wenn er auch »zahlreiche allgemeine Überzeu­
gungen von Bäumen« hat,

dass sie Dinge sind, die wachsen, dass sie Erde und Wasser brauchen, dass sie
Blätter oder Nadeln haben, dass sie brennen. Es gibt keine feststehende Liste
von Dingen, die jemand glauben muss, der einen B egriff von einem Baum
hat. Aber ohne viele allgemeine Überzeugungen gäbe es keinen Grund, um
eine Überzeugung als eine Überzeugung in Bezug au f einen Baum - noch viel
weniger in Bezug auf eine Eiche - zu identifizieren .32

In dieser Passage tauchen zwei lingualistische Einwände auf: einer


beruft sich auf die holistischen Beziehungen zwischen Gedanken,
die durch die in ihnen auftauchenden Begriffe gestiftet werden; der
andere stützt sich auf das Auftreten von Begriffen in einzelnen Ge­
danken. M it dem ursprünglichen Intensionalitäts-Argument wird
bezweifelt, dass es einen dass-Satz gibt, durch den man den Inhalt
eines tierischen Gedankens spezifizieren kann. Es erweist sich nun­
mehr, dass dieser Zweifel auf zwei spezielleren Einwänden beruht,
nämlich dem, dass jeder dass-Satz von dem Hund einfach zu viel be­
griffliche Reife verlangt, und dem, dass jeder dass-Satz einfach die Z u ­
schreibung zu vieler anderer Gedanken nach sich zieht.

5. Gedanken und Begriffe

Der erste Einwand lautet: Selbst die Zuschreibung einfacher Gedan­


ken an Tiere ist unzulässig, da sie Begriffe involvieren, die man auf der
Grundlage von nicht-sprachlichem Verhalten einfach nicht zuschrei­
ben kann, weil sie nämlich allgemeine Überzeugungen verlangen, die

32 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 121.


nur sprachlich manifestierbar sind. Die Fähigkeit zu Gedanken wird
hier an den Besitz von Begriffen geknüpft und beides zum Vorrecht
von sprachlichen Wesen erklärt.33
Dieser Einwand wirft zwei Fragen auf. Erstens, können Tiere über­
haupt irgendwelche Begriffe besitzen, und wenn ja, welche? Zweitens,
falls sie gar keine Begriffe haben können, hindert sie das wirklich
daran, Überzeugungen und Wünsche zu haben?
Mentalisten, Physikalisten und Platonisten werden diese zweite
Frage bejahen müssen, da sie Begriffe entweder als temporäre Stadien
von Prozessen im Geist bzw. Gehirn auffassen oder als abstrakte Kom­
ponenten von abstrakten Komplexen —von Propositionen. All diesen
Positionen zufolge kann man keinen Gedanken haben bzw. erfassen,
ohne zugleich auch die in ihm auftauchenden Komponenten zu ha­
ben oder zu erfassen.
Aber die Relation von Teil und Ganzem stellt diese Positionen vor
zusätzliche Probleme. Selbst wenn man das Fassen des Teils eines Ge­
dankens mit identifizierbaren neurologischen Prozessen korrelieren
könnte (eine Möglichkeit, die sowohl aus empirischen als auch aus be­
grifflichen Gründen sogar für ganze Gedanken bestritten worden ist),
so handelt es sich doch nur um Stadien des Denkens, nicht um solche
des gedachten Gedankens. Das Platonistische Bild wiederum transpo­
niert die Teil/Ganzes-Relation von der räumlichen und zeitlichen
Ebene auf ein Gebiet, auf das ex hypothesis weder räumliche noch zeit­
liche Begriffe anwendbar sind —abstrakte Gegenstände.
Bereits die Grundannahme, »propositionale Einstellungen« seien
Relationen zwischen einem Subjekt und einem (mentalen, physi­
schen oder abstrakten) Gegenstand, kann angezweifelt werden. Dies
tut übrigens auch Davidson, der Überzeugungen stattdessen für
nicht-relationale »Modifikationen einer Person« hält.34 Ich teile diese
Ansicht, wenngleich aus anderen Gründen. Obwohl dass-Sätze gram­
matisch gesehen Nominalphrasen sind und in Sätzen wie (i) als Akku­

33 M . Dummett, Origins ofAnalyticalPhilosophy, London: Duckworth 1993, Kap. 12


und 13 [dt. D ie Ursprünge der analytischen Philosophie, Frankfurt/M.: Suhrkamp
1988]; D. Davidson, »Seeing Through Language«, Thought andLanguage, op. cit.,
S. 24-25; id., »The Emergence o f Thought«, Erkenntnis 51 (1999), S. 7-8 [dt. »Die
Entstehung des Denkens«, in: id., Subjektiv, intersubjektiv, objektiv, Frankfurt/M.:
Suhrkamp 2004, S. 211-229].
34 D. Davidson, »Davidson, Donald«, in: A Companion to thePhilosophy ofM ind, hrsg.
von S. Guttenplan, Oxford: Blackwell 1994, S. 232.

17 0
sativobjekte fungieren, beziehen sie sich ebenso wenig auf echte Ge­
genstände wie die Quantoren >alles< oder >nichts<.35 Demnach braucht
a um zu glauben, dass p , nicht in einer Relation zu einem irgendwie
gearteten Gegenstand zu stehen, die zugleich eine Relation zu dessen
Komponenten beinhaltet.
Das Bauklotz-Modell, wonach sich einfache Komponenten - Be­
griffe - zu einem komplexen Ganzen - Gedanken - vereinigen, ist
keine Binsenwahrheit, sondern eine problematische Metapher. Was
Letzterer ihren Gehalt verschafft, ist die Tatsache, dass die sprach-
liehen Ausdrücke von Gedanken —nämlich Sätze - sprachliche Kom­
ponenten haben —nämlich Wörter. Aber Lingualisten wie Dummett
und Davidson haben das Bauklotz-Modell für die sprachliche Ebene
abgelehnt. W ir konstruieren nicht einfach den Sinn von Sätzen aus
der vorgegebenen Bedeutung von Wörtern, da diese Bedeutung von
der Rolle dieser Wörter in Sätzen bestimmt wird. Aus diesem Grund
geht etwa Davidson menschliche Überzeugungen »holophrastisch«
an: W ir schreiben sprachlichen Wesen Überzeugungen aufgrund ih­
rer Zustimmung zu ganzen Sätzen zu.36
Dummett und Davidson ignorieren, dass es für Tiere einen ana­
logen, holodoxastischen Ansatz geben könnte, der bei der ganzen Über­
zeugung ansetzt. Begriffe sind nicht die Bausteine von Gedanken,
sondern Abstraktionen von Gedanken, da, wie Kant feststellte, ihre
Funktion darin besteht, in Urteilen oder Gedanken verwendet zu
werden. Selbst wenn bei nicht-sprachlichen Wesen die Ebene der Be­
griffe entfällt, so bleibt immer noch eine »Modifikation« bzw. Eigen­
schaft des Subjekts: Ein Wesen kann dann Gedanken haben, wenn es
Dinge wissen oder sich irren kann, und wenn es bestimmte Absich­
ten haben kann. Obwohl die Sätze, die wir bei der Zuschreibung
von Gedanken benutzen, sprachliche Komponenten aufweisen, basie­
ren diese Zuschreibungen nicht auf der Zuschreibung von entspre­
chenden psychischen Komponenten. Stattdessen basieren sie darauf,
dass das Subjekt bestimmte Wahrnehmungsfähigkeiten, Einstellun­
gen und Emotionen aufweist. Diese werden sich bei Tieren natürlich
nicht in der Zustimmung zu Sätzen manifestieren. Aber sie manifes­
tieren sich in Verhaltensweisen, Körperhaltungen und Gesichtsaus-
35 H .J. Glock, Quine and Davidson on Language, Thought and Reality, op. cit.,
S. 266-267.
36 D. Davidson, »Davidson, Donald«, op. cit., S. 231-236; id., »Seeing Through
Language«, in: Thought and Language, op. cit., S. 25.
drücken, die die höheren Lebewesen mit Menschen gemein haben.
Wenn wir sagen, Malcolms Hund glaube, die Katze sei die Eiche hoch­
geklettert, dann tun wir dies nicht deshalb, weil wir dem Hund unter­
stellen, er identifiziere und klassifiziere seine Umgebung in der Weise,
wie wir es durch die in unserer Zuschreibung auftauchenden singu­
lären und generellen Termini tun (weshalb es ftir philosophische Zwe­
cke tatsächlich genauer sein mag, (i) in der De-re-Manier von ( i')
wiederzugeben). Stattdessen stellen wir einfach die Reaktionen des
Hundes auf seine Umgebung fest. Wir betrachten diese Reaktionen
als gerichtet auf bestimmte Gegenstände, Lebewesen oder Ereignisse,
weil wir annehmen, dass Hunde bestimmte Wahrnehmungsfähigkei­
ten und Absichten haben. Das sind Annahmen, die ihrerseits auf ru­
dimentärem Wissen über das Leben von Hunden beruhen (was sie
erkennen können, was sie mögen und verabscheuen etc.).
Da das holodoxastische Modell auf dem Verhalten der Tiere gegen­
über ihrer unmittelbaren Umgebung beruht, ist es auf einfache Über­
zeugungen beschränkt, nämlich über Phänomene, die das Subjekt
wahrnehmen kann. Aber das genügt, um dem kategorischen »Keine
Gedanken ohne Begriffe« den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine
Schwierigkeit droht jedoch nach wie vor. Wenn man Tieren Gedan­
ken aber keine Begriffe zubilligt, so fuhrt dies scheinbar zu einer
Inkongruenz zwischen der Zuschreibung von Gedanken an Tiere
und an sprachliche Wesen. Im zweiten Fall unterstellt die Zuschrei­
bung ein Verständnis der entsprechenden Begriffe, im ersten aber
nicht. Dies kann dann zu der Vorstellung führen, intentionale Verben
wie >glauben< seien zweideutig, da sie sich sowohl auf ein holodoxas-
tisches, verhaltensgebundenes Phänomen wie Wahrnehmungserfah­
rungen beziehen, als auch auf voll entwickelte, begrifflich struktu­
rierte und sprachlich ausdrückbare Gedanken.
In diesem Sinne schlägt Malcolm vor, dass der Hund zwar »glau­
ben« kann, die Katze sei die Eiche hochgeklettert, aber nicht den
entsprechenden »Gedanken haben« kann. Ähnlich meint Dummett,
dass Tiere bloße »Protogedanken« haben, die aus räumlichen Bildern
bestehen, während nur Menschen echte Gedanken aufweisen, die
aus Begriffen bestehen. Aber solche Unterscheidungen sind mit der
Zuschreibung ein und desselben Gedankens an Mensch und Tier un­
vereinbar. Sie legen nahe, dass ein Satz wie >Sowohl Sarah als auch
der Hund glauben, dass p< zumindest auf eine Syllepsis hinauslau­
fen, wie etwa »Sowohl die Prüfung als auch der Sessel waren schwer«.

172
Denn »Sarah glaubt, dass p « erweist sich als »Sarah hat den Gedan­
ken, dass p «, während »Der Hund glaubt, dass p « sich als »Der Hund
hat den Protogedanken, dass p « entpuppt.
Meiner Ansicht nach kann man jedoch die wichtigen Unterschiede
zwischen begrifflichen und nicht-begrifflichen Subjekten anerken­
nen, ohne dem Druck auf die Postulierung verschiedener Inhalte
und damit verschiedener mentaler Einstellungen nachzugeben. Eine
gewisse Disparität zwischen den Ausdrücken in einer Überzeugungs­
zuschreibung und denen, die das Subjekt selbst verwenden könnte, ist
nämlich auch bei sprachlichen Subjekten gang und gäbe, ohne dass
sich daraus eine wesentliche Inkongruenz ergäbe. Im Allgemeinen
werden die Ausdrücke in der Zuschreibung nicht so sehr vom Subjekt
diktiert, sondern vom Sprecher und seiner Zuhörerschaft. So geht z. B.

(2) Sarah denkt, dass der Scharlatan, den du mir vorgestellt hast,
ihr gleich einen Keks gibt.

in Ordnung, ganz gleich, ob Sarah eine Erwachsene ist oder ein Kind,
dem der Begriff eines Scharlatans fehlt, oder ein Hund.37
Folglich ist es keineswegs offensichtlich, dass die Zuschreibung
von Gedanken jene von Begriffen voraussetzt. Dennoch bleibt die
Frage wichtig, ob Tiere Begriffe haben, und zwar aus zwei Grün­
den. Wenn es um die Zuschreibung von Gedanken an Tiere geht, sind
einige Ausdrücke weniger angemessen als andere. Das deutet viel­
leicht darauf hin, dass Tiere einige Begriffe haben können. Außer­
dem, falls einige Tiere begriffliche Fähigkeiten aufweisen, verfehlt
das Argument von Begriffen auch dann sein Ziel, wenn die Annahme,
Gedanken verlangten Begriffe, sich als richtig erweist.

6. Begriffe bei Tieren

Was tierische Begriffe anbelangt, findet man dasselbe Meinungsspek­


trum wie bei tierischen Gedanken. Laut Kant, Frege, Davidson und
Dummett können Tiere zwar wahrnehmen, es fehlen ihnen aber Be­
griffe jeglicher Art. In der entgegengesetzten Ecke befinden sich Kog-
nitivisten, die Tieren auch hochkomplizierte Begriffe zugestehen.

37 B. Rundle, M in d in Action, op. cit., S. 83.

17 3
Eine gemäßigte Position wird z. B. von Kenny vertreten, der meint, dass
Tiere solche Begriffe haben können, die sich in nicht-sprachlichem
Verhalten niederschlagen können.38
Vertreter dieser Position müssen zugestehen, dass die Begriffe von
Tieren sich oft von denen unterscheiden, die wir verwenden, wenn
wir ihnen Gedanken zuschreiben. Die Unterscheidungen, auf denen
tierisches Verhalten beruht, brauchen weder extensional noch inten-
sional mit unseren sprachlichen Klassifikationen zusammenzufallen.
M ag sein, dass Hunde Katzen mit Hamstern in einen Topf werfen
oder schwarze Katzen von allen anderen unterscheiden. Und selbst
wenn sie genau die Klasse der Katzen herausgreifen, erkennen sie
sie vielleicht am Geruch statt visuell. Aber das wäre kein Grund,
ihnen Begriffe zu verweigern, die sich von den unseren unterschei­
den. Wenn Savage-Rumbaughs Schimpansen Nahrungsmittel von
Werkzeugen unterscheiden, ist der verhaltenssteuernde Unterschied
scheinbar einfach der zwischen dem Essbaren und dem Ungenieß­
baren.39
Demgemäß hängt es von der Verhaltensforschung ab, welche Be­
griffe wir Tieren zuschreiben können, ohne dem Anthropomorphis­
mus zu verfallen. Man schreibt Tieren Begriffe zu, indem man die
Parameter aufdeckt, die ihr diskriminatives Verhalten bestimmen.
Es ist wahrscheinlich, dass solche Untersuchungen zeigen werden,
dass unsere gewöhnlichen Zuschreibungen verbesserungsbedürftig
sind, aber nicht, dass sie lediglich eine nützliche Fiktion darstellen,
wie die Lingualisten behaupten.
Ob diese Kritik hieb- und stichfest ist, hängt natürlich davon ab,
wie man Begriffe und Begriffsbesitz auffasst. Selbst wenn wir uns die­
sen Themen im Sinne von Abschnitt 3 nähern, bleiben wichtige Fra­
gen offen, Einer Position gemäß besitzt a genau dann den Begriff
eines F> wenn es Dinge, die F sind, von allen anderen unterscheiden
kann.40 Diese Auffassung ist prim a facie plausibel und dient auch
jenen als Orientierungspunkt, die Begriffe für eine A rt mentaler Re­
präsentationen halten. Sie impliziert eindeutig, dass Tiere Begriffe

38 A .J. P. Kenny, The Metaphysics o fM in d , Oxford: Oxford University Press 1989,


S. 36-37; D. DeGrazia, Taking Anim ais Seriously, Cambridge: Cambridge Univer­
sity Press 1 996, S. 154-156.
39 S. Savage-Rumbaugh, Ape Language, op. cit., S. 257.
40 H. H. Price, Thinking and Experience, London: Hutchinson 1953, S. 355. Dupre
op. cit.

17 4
haben können. Sowohl im Labor als auch in freier Wildbahn unter­
scheiden Tiere nämlich eine Vielzahl von Farben, Geschmacksrich­
tungen, Tönen, Formen, Materialien, Mengen, Lebewesen etc. Außer­
dem sind viele dieser Unterscheidungen nicht angeboren, sondern er­
l e r n t ."1
Davidson glaubt jedoch, dass dieser Ansatz einer reductio ad ab­
surdum anheim fällt. »Wenn wir Schmetterlingen und Olivenbäumen
keine Begriffe zuschreiben wollen, sollten wir die bloße Fähigkeit,
zwischen rot und grün oder feucht und trocken zu unterscheiden,
nicht als den Besitz eines Begriffes werten, selbst dann nicht, wenn
dieses selektive Verhalten erlernt ist.«4 142 Es wäre in der Tat absurd,
Olivenbäume mit Begriffen ausstatten zu wollen. Aber diese Absur­
dität folgt nicht aus der Auffassung, Begriffsbesitz bedeute die Fä­
higkeit zur Unterscheidung. Olivenbäume unterscheiden nicht zwi­
schen feuchtem und trockenem Untergrund, denn Unterscheidung
ist das Vorrecht von Lebewesen mit Empfindungsvermögen, d. h.
von Tieren. Die differenzielle Reaktion auf kausale Einflüsse ist ein
allgemeiner Zug physischer Phänomene und darf nicht mit einer
Unterscheidung verwechselt werden, weil Letztere sinnliche Wahr­
nehmung voraussetzt.
Dennoch geben selbst die meisten Befürworter tierischer Begriffe
zu, dass begriffliche Erfassung mehr verlangt als Unterscheidung.43
Aber was? Darüber streiten sich die Gelehrten. Laut Allen und Hau­
ser muss das Subjekt nicht nur »ein F erkennen« können, sondern
»etwas als F erkennen«. D. h., es kann Fs aufgrund mehr als einer
Eigenschaft von nicht-As unterscheiden, darunter auch solche Ei­
genschaften, die nicht wahrnehmbar sind. Am besten sollten diese
Eigenschaften außerdem für Fs wesentlich anstatt akzidentell sein.
Deshalb besitzt ein Subjekt, das einen elektrischen Verteiler nur an
dessen Form erkennt, nicht den Begriff eines Verteilers.
Dieses Resultat ist aber bereits dadurch gesichert, dass ein solches

41 Z. B. M . Tomasello und J. Call, Prim ate Cognition,, op. cit., Kap. 4-5; R. Hernstein,
D. H. Loveland und C. Cable, »Natural Concepts in Pigeons«, Jo urn al o f Experi­
m ental Psychology 2 (1976), S. 285-302.
42 D. Davidson, »Seeing Through Language«, op. cit., S. 25.
43 Z. B. C. Allen und M . Hauser, »Concept Attribution in Nonhuman Animais. Theo-
retical and Methodological Problems in Ascribing Complex Mental Processes«,
op. cit., S. 47-62; C. Allen, »Tierbegriffe neu betrachtet«, in diesem Band, S. 196;
A. Stephan, »Are Animais Capable o f Concepts?«, op. cit., S. 79-92.

175
Subjekt sowohl positive als auch negative Fehlklassifikationen bege­
hen würde. Außerdem macht es dieser Vorschlag zumindest schwer,
zwischen konkreten und abstrakten Begriffen oder mehr oder weni­
ger reichen Begriffen zu unterscheiden. Bei Farbbegriffen z. B. ist es
unplausibel auf die Beherrschung von mehreren Erkennungsmerk­
malen zu bestehen, noch dazu wenn diese die Wahrnehmung über­
steigen sollen. Es ist noch weniger plausibel anzunehmen, dass man
den Begriff eines Fs nur dann hat, wenn man Fs an den Merkmalen
erkennt, die wir für wesentlich halten.
Für Wesen, die zwischen wesentlichen und akzidentellen Merkma­
len unterscheiden können, hängt der Begriff eines Fs allerdings von
den Merkmalen ab, die sie für wesentlich erachten. Die Unterschei­
dung zwischen essentiell und akzidentell ist für Tiere offensichtlich
zu hoch. Doch sollte sie das nicht vom Besitz von Begriffen ausschlie­
ßen, da auch viele Philosophen, besonders radikale Empiristen, ein bes­
tenfalls dürftiges Verständnis dieser Unterscheidung besitzen. Die Un­
terscheidung zwischen essentiellen und akzidentellen Eigenschaften
ist m. E. unabdingbar für ein akkurates Verständnis von Begriffen,
aber nicht für ihren Besitz.

7. Begriffe und Normativität

Aus diesen Gründen bevorzuge ich eine andere Trennung von be­
grifflicher Erfassung und Unterscheidung, nämlich eine, die die nor­
m ative Dimension von Begriffen hervorhebt. Diese Idee geht auf
Wittgenstein zurück und wird von Davidson wie folgt auf den Punkt
gebracht: »Einen Begriff haben heißt, Gegenstände, Eigenschaften
Ereignisse oder Situationen zu klassifizieren« bzw. klassifizieren zu
können. Die Unterscheidung beruht dagegen auf bloßen »Disposi­
tionen« und hat deshalb, »wie Wittgenstein betonte, keine normative
Gültigkeit«. Solche Dispositionen involvieren nicht die Fähigkeit
einen Fehler zu erkennen, und deshalb auch keine Erkenntnis des
Unterschiedes zwischen korrektem und inkorrektem Verhalten.44
Es ist zumindest teilweise das Fehlen solcher Klassifikation, das
uns zögern lässt, Schmetterlingen Begriffe zuzuschreiben. Es ist auch
richtig, dass die für solche Klassifikation notwendige Normativität
44 D. Davidson, »Seeing Through Language«, op. cit., S. 24-25; vgl. id., »Rationale
Lebewesen«, in diesem Band, S. 129 f.

17 6
voraussetzt, dass der Klassifizieret Fehler begehen und diese als sol­
che erkennen kann. Um Dinge korrekt oder inkorrekt klassifizieren
zu können, braucht ein Lebewesen a nicht nur die Disposition im E in ­
klang m it einer Regel zu handeln - z. B. zum Anfliegen von roten an­
statt von grünen Blütenblättern —sondern es muss einer Regelfolgen,
d. h. das Prinzip, welches Fs von nicht-As unterscheidet, muss Teil
von as Gründen für die Unterscheidung von Fs und nicht-As sein,
anstatt bloß eine Regularität darzustellen, mit der as selektives Verhal­
ten übereinstimmt.
Wenn a Dinge klassifizieren kann in solche, die (ein) F sind, und
solche, die es nicht sind, muss es möglich sein, dass a einen Fehler be­
geht, nämlich dadurch, dass a etwas für F hält, das es nicht ist, oder
etwas für nicht-A hält, das Aist. Aber a kann nur dann für einen Fehler
in der Anwendung der Regel zur Unterscheidung zwischen As und
nicht-As verantwortlich gemacht werden, wenn a im Prinzip selbst
erkennen kann, dass es die Regel verletzt hat. Nur dann kann a eine
Regel verletzen, der es zu folgen versucht, d. h. wider seine eigenen
Absichten handeln. Ansonsten weicht a nur von einer Erwartung oder
einer statistischen Norm ab. Es gibt natürlich Arten von Fehlern, die
nicht von dieser Möglichkeit abhängen, z. B. wenn sich a nicht evo­
lutionstheoretisch optimal verhält. Aber ohne die Absicht, sich so zu
verhalten, kann a dadurch keine Regel verletzen oder falsch anwen­
den. Ein Schmetterling, der nicht zwischen rot und grün unterschei­
det, ist ungewöhnlich und reduziert dadurch seine biologischen Uber­
lebenschancen, d. h. die Gelegenheit seine Gene weiterzugeben. Aber
er verletzt kein Prinzip, dem er zu folgen versucht. Die entscheidende
Frage ist jedoch, ob solch normatives Verhalten sprachlichen Wesen
Vorbehalten ist. Davidson glaubt dies, weil er das Verhalten von Tieren
und Kleinkindern für rein mechanisch hält, ohne einen prinzipiel­
len Unterschied zur Infrarot-Rakete zuzugestehen.45 Richtig daran
45 D. Davidson, »Seeing Through Language«, op. cit., S. 25. In einem anderen Rah­
men, nämlich dem Triangulationsargument, deutet Davidson außerdem folgenden
Gedankengang an. Erstens, a kann nur dann einen Fehler begehen, wenn a einen
Fehler als solchen erkennen kann. Zweitens, diese Einsicht ist nur dann möglich,
wenn a den Begriff eines Fehlers beherrscht. Drittens, der Begriff eines Fehlers setzt
Sprache voraus (»Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 130 f.). Die erste Be­
hauptung ist problematisch, insofern es um Fehler im Allgemeinen geht. A kann
durch sein Verhalten andeuten, dass es von einer Überzeugung, dass p zu einer
damit inkompatiblen Überzeugung, dass q übergegangen ist, ohne dass a unbe­
dingt zu der Überzeugung gelangen muss, dass seine ursprüngliche Überzeugung

17 7
ist, dass nur absichtliche Unterscheidungen im einschlägigen Sinn
korrekt sein können, da nur absichtliches Verhalten dem Vorwurf aus­
gesetzt sein kann, ein Klassifikationsprinzip falsch angewandt zu ha­
ben. Es stimmt überdies, dass solches Verhalten fre iw illig sein muss,
in dem Sinn, dass das Subjekt auch anders hätte handeln können. Me­
chanischem Verhalten - gleich ob konditioniert oder nicht - kann
man nicht vorwerfen, es verfehle eine Regel, weil grob gesprochen
das Sollen ein Können voraussetzt. Deshalb beruht die Klassifikation
nicht auf der Aktivierung einer bloßen Disposition, auf unterschied­
liche externe Einflüsse unterschiedlich zu reagieren. Und zwar auch
dann nicht, wenn diese Einflüsse, wie im Falle der Tiere, Reize sind,
die von einem empfindenden Wesen wahrgenommen werden.
Man muss aber zwischen Dispositionen und Fähigkeiten unter­
scheiden. Letztere werden nicht automatisch unter bestimmten Be­
dingungen ausgeübt; vielmehr kann der Handelnde sie absichtlich
ausüben oder von dieser Ausübung absehen.46 Was eine Klassifikation
von bloßer Unterscheidung trennt, ist der Umstand, das sie die Aus­
übung einer Fähigkeit ist.
Davidson liegt falsch mit seiner stillschweigenden Annahme, nicht­
sprachliche Wesen könnten nur Dispositionen, aber keine Fähigkei­
ten aufweisen. Ihr Verhalten ist nicht durchgängig erklärbar durch
Reize oder unmittelbare biologische Zwänge. Zumindest Kleinkinder
und Menschenaffen sind zu absichtlichem und freiwilligem Handeln
in der Lage. Sie können nämlich auf eine Handlung verzichten, ent-
falsch war. Malcolms Hund kann einen Fehler begehen und diesen korrigieren,
ganz einfach indem er durch sein Verhalten zu erkennen gibt, dass er erkannt hat,
dass die Katze auf dem Ahorn ist anstatt auf der Eiche. Die erste Behauptung leuch­
tet allerdings ein, wenn es um die zur begrifflichen Klassifikation notwendigen Feh­
ler geht. Hier muss a nicht nur von einer Überzeugung zur anderen übergehen,
sondern einen Fehler als solchen erkennen. Aber die zweite Behauptung ist proble­
matisch. Es ist möglich, dass a nicht nur von p auf q übergehen, sondern auch mit
Überraschung oder Enttäuschung feststellt, dass nicht-/». In der Tat, a kann eine
Überzeugung korrigieren, z. B. indem es auf die Enttäuschung einer Erwartung
mit erneuter Beobachtung reagiert und daraufhin zu einer anderen Überzeugung
gelangt. In diesem Fall hat a einen Fehler als solchen erkannt, ohne den allgemeinen
Begriff eines Fehlers zu besitzen, einen Begriff, der nicht nur as augenblicklichen
Irrtum erfasst, sondern Fehler im Allgemeinen. Ein Schimpanse kann einsehen,
dass er es mit Termiten statt mit Ameisen zu tun hat, ohne deswegen einzusehen,
dass seine ursprüngliche Überzeugung unter denselben Begriff fällt, der auch alle
anderen Fehlklassifikationen abdeckt, z. B. die von Walen als Fischen.
4 6 A. J. P. Kenny, W ill, Freedom and Power, Oxford: Blackwell 1975.

17 8
weder indem sie ihr Ziel auf andere Weise verfolgen oder indem sie auf
dieses Ziel verzichten, zumindest zeitweilig.47
Aus demselben Grund können sie in einer bestimmten Situation
einen Unterschied entweder ernst nehmen oder unbeachtet lassen,
d.h. sie können Gegenstände von Typus F und G in der einen Situa­
tion unterschiedlich behandeln, in der anderen Situation aber gleich.
Es wäre falsch, Schmetterlingen eine solche absichtliche Selektion zu
unterstellen. Aber es ist ebenso falsch, sie z. B. Schimpansen abzuspre­
chen, da diese doch in der Lage sind, Werkzeuge auszuwählen oder
zu schaffen, und zwar selbst in räumlichem und zeitlichem Abstand
von ihrer Anwendung.48 Hier fällt die Frage ins Gewicht, ob eine Un­
terscheidung erlernt ist. Ein unkonditionierter Reflex kann nicht
die Ausübung einer Fähigkeit sein, wohl aber ein erlerntes Verhalten,
sofern es kein automatischer, konditionierter Reflex ist, sondern sich
der jeweiligen Situation flexibel anpasst.
Selbst diese Überlegungen mögen nicht-sprachliche Begriffe auf
Kleinkinder, Menschenaffen und Delfine beschränken. Aber sie ma­
chen den Besitz von Begriffen nicht einfach von der Sprache abhän­
gig, sondern von selektiver Wahrnehmung und von einem Verhalten,
das vielfältig und flexibel genug ist, um als absichtlich zu gelten und
damit normativen Unterscheidungen unterworfen zu sein. Auch hier
kann der Lingualist nicht einfach antworten, dass der Anschein von
flexiblem absichtlichen Handeln bei Tieren trügt, ohne sich derselben
Herausforderung für menschliches Verhalten zu stellen.

8. Begriffe und Schließen

Die Idee, dass Kognition bei Tieren von der Komplexität und der Fle­
xibilität ihres Verhaltens abhängt, ist weit verbreitet.49 Auch David­
sons Idee, die Fähigkeit Fehler zu erkennen und zu korrigieren unter­

47 Vgl. J. Goodall, The Chimpanzees ofGom be. Patterns ofBehavior. Cambridge: Har­
vard University Press 1986; E. W. Menzel, »A Group o f Chimpanzees in a i-acre
Field«, in: Behavior o f Nonhuman Prim ates, hrsg. von A. M. Schrier und F. Stollnitz,
New York: Academic Press 1974, S. 83-153; R. Byrne, The ThinkingApe, Oxford:
Oxford University Press 1995, Kap. 8-9.
48 R. Byrne, The ThinkingApe, op. cit., S. 150,187-189 und 225, Kap. 7; M. Tomasello
und J. Call, Prim ate Cognition, op. cit., S. 36 und 78.
49 M . Tomasello und J. Call, Prim ate Cognition, op. cit., S. 7-12; Dupre, op. cit.

17 9
scheide Klassifikation von Diskrimination, hat in jüngster Zeit An­
klang gefunden.50 Der entscheidende Punkt aber (für den ich soeben
argumentiert habe) ist, dass diese beiden Ideen durch drei Anfor­
derungen miteinander verknüpft sind: Klassifikation muss regelge­
steuert sein, regelgesteuertes Verhalten muss intentional sein, und in­
tentionales Verhalten muss flex ib el sein.
Aber diese Anforderungen könnten sich immer noch als verhäng­
nisvoll für die Annahme tierischer Begriffe erweisen. Man kann näm­
lich wie folgt argumentieren: Selbst wenn Tiere fre iw illig handeln
können, in dem Sinn, dass sie auch anders hätten handeln können,
und selbst wenn sie intentional handeln können, d. h. Zwecke ver­
folgen, so sind sie doch unfähig zum intentionalen Handeln in ei­
nem anspruchsvolleren Sinn, nämlich aus Gründen zu handeln. Wohl
erklären wir das Verhalten von Tieren mit Bezug auf Gründe, etwa
»Der Hund rennt auf die Eiche zu, w eil er die Katze fangen will«. Da­
bei geben wir aber nur an, worin ihre Zwecke und Ziele bestehen,
nicht jedoch, wie sie geschlossen haben, d. h. mit welcher Begründung
sie so handeln. Denn, so jedenfalls Rundle,51 Letzteres würde vor­
aussetzen, dass sie im Prinzip dazu in der Lage sein müssten, diese
Gründe gegebenenfalls auch anzugeben.
Falls das stimmt, kann man tierische Begriffe ausschließen, weil
tierische Vernunft ausgeschlossen ist. Tiere können zwar Unterschei­
dungen zu einem bestimmten Zweck treffen (z. B. um eine Belohnung
zu kassieren), aber sie können nicht vernünftig schließen. Und selbst
wenn ihr selektives Verhalten freiwillig ist, folgen sie doch keinen Re­
geln. Sie können Fs von nicht-Ts nicht aus dem G rund unterschei­
den, dass Erstere bestimmte Merkmale besitzen.
Ist dieses Argument stichhaltig? Kann ein Wesen nur dann aus
Gründen handeln, wenn es diese auch sprachlich kommunizieren
kann? Denken wir an einen Schimpansen, der gelernt hat, bei der
Jagd auf Ameisen (Dorylus) und Termiten (Macrotermes) unterschied­
liche Werkzeuge zu verwenden. Es ist plausibel, dass sein Grund da­
für, die Werkzeuge an die Beute anzupassen, darin besteht, dass beide
bestimmte Eigenschaften aufweisen. Dieser Eindruck wird zusätz­
lich dadurch verstärkt, dass Schimpansen nicht-sprachliche Verhal­
tensformen aufweisen, die bei Menschen mit der Korrektur von Feh-
50 C. Allen, »Tierbegriffe neu betrachtet«, in diesem Band, S. 198 £; A. Stephan, »Are
Animais Capable o f Concepts?«, op. cit., S. 87.
51 B. Rundle, M in d in Action, op. cit., Kap. 4.

180
lern verknüpft sind, z. B. Zögern, Unmut, der Austausch eines Werk­
zeuges durch ein anderes etc. Allgemeiner gesprochen, können zumin­
dest Schimpansen scheinbar praktische Schlüsse ziehen, besonders
wenn sie Werkzeuge konstruieren und gebrauchen, ohne sich auf Ver­
such und Irrtum zu verlassen.
Schließlich sollten wir auch noch die antike Geschichte des Jagd­
hundes von Chrysippus bedenken.52 Bei der Verfolgung einer Beute,
deren Geruchsspur er verloren hat, gelangt dieser Hund an eine Kreu­
zung; er schnüffelt nach links, schnüffelt gerade aus und folgt dann
dem Weg nach rechts - ohne zuvor zu schnüffeln. Es ist möglich,
dass im Falle von Hunden ein solches Verhalten nur antrainiert sein
könnte. Aber es gibt keinen Anlass zu bestreiten, dass eine intentio­
nale Version dieses Verhaltens bei einem nicht-sprachlichen Wesen
kohärent denkbar ist. In diesem Fall wäre die beste Erklärung, dass
das Subjekt sich auf einen disjunktiven Schluss stützt (»p oder q oder
r; weder p noch q\ also r«). Man mag bereitwillig zugestehen, dass
das Subjekt nicht stillschweigend ein Schlussprinzip konsultiert. Aber
wie Ryle gelehrt hat, beruht selbst das intelligente Verhalten von Men­
schen selten auf solchen expliziten Prozeduren.53
Bleibt nur ein Problem. Da die Möglichkeit fehlt, einen solchen im­
pliziten Schluss sprachlich auszudrücken, müssen wir fragen, was im
tierischen Verhalten denn dem >also< des sprachlichen Schließens ent­
spricht. A u f diese Frage gibt es für Hunde keine Antwort. Aber bei
Schimpansen gibt es ein wenngleich schwaches Analogon zum also.
Wenn sie mit bestimmten Aufgaben konfrontiert werden, werden
sie manchmal still, schneiden Grimassen und gestikulieren; u. a. krat­
zen sie sich am Kopf, genau wie viele Menschen, die sich mit einem
Problem konfrontiert sehen. Folgt dieser Phase dann eine erneuerte
und erfolgreiche Aktivität, kann man von dem Punkt sprechen, an
dem der Groschen gefallen ist. Und selbst wenn dies bei Schimpansen
eine anthropomorphe Interpretation wäre, so können wir uns doch
leicht einen nicht-sprachlichen Hominoiden vorstellen, dessen Ge­
sichtszüge und Gesten den unseren so nahe stehen, dass sie eine sol­
che Beschreibung geradezu erzwingen.
Schließlich ist das Problemslösungsverhalten von Schimpansen be­
züglich Kontext, Verlauf und Resultat dem unseren so nahe, dass man
52 R. Sorabji, A nim alM inds and Human M orals, London: Roudedge 1994, S. 26.
53 The Concept ofM ind, London: Hutchinson 1949, Kap. 2 [dt. D er B eg riffdes Geistes,
Stuttgart: Reclam 1969, Kap. 2].

181
auch ohne ein >also<, von einer Art instrumenteilen Schließens spre­
chen kann. Es gibt also keinen zwingenden Grund für die Annahme,
dass Tiere keine Begriffe haben können. Selbst wenn man die M ög­
lichkeit nicht-begrifflicher, holodoxastischer Gedanken ausschlie­
ßen könnte, können Tiere dennoch Gedanken haben. Damit soll
nicht die Begriffsbildung zu einer »Zwischenstation zwischen bloßen
Dispositionen und Urteilen« erklärt werden, wie Davidson befürch­
tet.54 Ein Schimpanse, der absichtlich zwischen Stöckchen und Mes­
sern unterscheiden kann und daher auch die entsprechenden Begriffe
besitzt, kann auch glauben, dass er ein Stöckchen vor sich hat, oder
er kann sich ein Messer wünschen. M ir geht es vielmehr darum, dass
bislang kein Argument gegen die Möglichkeit nicht-sprachlicher Be­
griffsbildung und damit nicht-sprachlicher begrifflicher Gedanken
vorliegt, oder gegen die Annahme, holodoxastische Überzeugungen
könnten eine Zwischenstation zwischen bloßen Dispositionen und
begrifflichen Urteilen darstellen.

9. Holismus

Nun gibt es noch einen weiteren Einwand gegen begriffliche Gedan­


ken bei Tieren. Es ist der »intrinsisch holistische Charakter von pro-
positionalen Einstellungen«, die angebliche Tatsache, dass »eine ein­
zige Einstellung zu haben heißt, eine umfassende Anzahl zu haben«.55
Da zumindest einige Elemente dieser Gesamtmenge jenseits der
Grenzen des für Tiere Zulässigen liegen, können diese demzufolge
noch nicht einmal die einfachen Überzeugungen haben, die wir ihnen
zunächst zubilligen.
Dieses allgemeine Argument beruht jedoch auf holistischen Prin­
zipien, die weder die Holisten noch ihre Kritiker jemals scharf formu­
liert haben. Unterzieht man sich dieser Übung, so erweisen sich diese
Prinzipien entweder als zu stark, da sie auch plausible Fälle mensch­
lichen Denkens ausschließen, oder als zu schwach, weil sie auch be­
stimmte Formen tierischen Denkens zulassen.
Einige Passagen von Holisten legen ein sehr anspruchsvolles Prin­
zip nahe:
54 D. Davidson, »Seeing Through Language«, op. cit., S. 25.
55 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 118 ; vgl. S. Stich, »Haben
Tiere Überzeugungen?«, in diesem Band, S. 107.

182
(A) (aQ p &c{p =$► q)) - => aG q

Aber (Ä) ist unvereinbar mit der Tatsache, dass viele Menschen die
Axiome der Euklidischen Geometrie akzeptieren, aber nicht alle
Theoreme, die aus ihnen folgen. Selbst

(B) {aQ p & {p q)) => ()aG q.

verlangt zu viel, weil es zumindest möglich ist, die Axiome zu akzep­


tieren ohne einige der Theoreme auch nur lernen zu können. Das Er­
fassen eines Gedankens ist keine Sache von alles oder nichts. Wir
verwenden dieselben dass-Sätze in der Zuschreibung von Gedanken
an Individuen, deren Fähigkeiten zur Erfassung der logischen Konse­
quenzen stark auseinander klaffen. Viele von uns haben zudem die zu­
tiefst menschliche Angewohnheit, zumindest einige der logischen
Konsequenzen ihrer Überzeugungen nicht nur nicht zu akzeptieren,
sondern geradezu abzulehnen. Selbst ein modal qualifiziertes univer­
selles Abschlussprinzip wie (B) fällt damit durch.
Plausibler ist die Vorstellung, dass a nur einige der Konsequenzen
seiner Überzeugung erfassen können muss:56

(C) aQ p =>- 3q{{p => q) & §aG q).

Jemand, der auch nicht ein einziges Theorem verstehen kann, hat
wohl kaum dieselben Gedanken bezüglich der Axiome wie ein M a­
thematiker.
Das Problem mit (C) ist, dass Tiere zumindest einige Konsequen­
zen ihrer einfachen Überzeugungen erfassen können. Wenn M al­
colms Hund auch dann noch die Eiche anbellt, wenn wir ihn auf den
Ahorn hinweisen, so manifestiert er damit sowohl die Überzeugung,
die Katze sei auf der Eiche, als auch die Überzeugung, sie sei nicht
auf dem Ahorn. Allgemeiner gesprochen, Tiere können sich in ihrem
Verhalten nach dem richten, was aus ihren Wahrnehmungen folgt.
In manchen Passagen verlangt Davidson vom Subjekt jedoch, »eine
weitgehend korrekte Logik zu haben«. Dies bedeutet, dass a nicht
nur einige der Konsequenzen einer Überzeugung akzeptieren kön­
nen muss, sondern auch, dass diese aus jener folgen. Also

56 Vgl. D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 122.

18 3
(D) a G p 3q d p => q) & § a (G p => q)).

Gemäß einer Auffassung von (D) kommen einige Tiere über diese
Hürde. Sie können lernen, dass q aus p folgt, da sie bei der Bewäl­
tigung praktischer Aufgaben beständig von p auf q schließen, etwa
in den oben erwähnten, instrumenteilen Schlüssen von Schimpansen.
Tiere können allerdings nicht zwischen empirischen und logischen
Konsequenzen unterscheiden. Es ist sinnlos zu fragen, ob der Hund
von Chrysippus aufgrund einer induktiven Verallgemeinerung (»Im­
mer wenn p oder q und nicht-/), stellt es sich heraus, dass q«) oder auf­
grund eines deduktiven Schlusses (»/> oder q; nicht p\ ergo q«) han­
delt. Aber dasselbe gilt für viele Menschen. Wie ich bereits in meiner
Diskussion von Begriffen angedeutet habe, ignorieren bzw. bestreiten
empiristische Philosophen sogar den Unterschied zwischen logischen
bzw. wesentlichen und kontingenten bzw. akzidentellen Zusammen­
hängen.
Der allgemeine holistische Einwand fällt somit durch. Davidson
behauptet nun zusätzlich, dass die spezifischen Begriffe, die in der Z u ­
schreibung sogar einfacher Überzeugungen auftauchen, allgemeine
Überzeugungen voraussetzen, die wir Tieren nicht zubilligen kön­
nen.57 Seine Beispiele sind aber alles andere als überzeugend. Wer
insistiert, dass man nur dann glauben kann, die Katze sei die Eiche
hochgeklettert bzw. eine Wolke habe sich vor die Sonne geschoben,
wenn man zugleich weiß, dass Bäume brennbar sind bzw. Wolken
aus Wasserdampf bestehen, schränkt damit den Besitz der allermeis­
ten Überzeugungen auf gebildete Zeitgenossen ein. Außerdem würde
folgen, dass jeder Unterschied in empirischen Überzeugungen (zu­
mindest der allgemeinen Art) einem Begriffswandel gleichkommt,
was wiederum bedeuten würde, dass unterschiedliche wissenschaft­
liche Theorien niemals von denselben Dinge handeln.58 Wie er selbst
unumwunden zugibt, hat Davidsons radikaler Holismus die para­
doxe Konsequenz, dass die Ptolemäer nicht einfach glauben konn­
ten, die Erde sei flach, da sie damit eine Überzeugung ablehnten,
die laut Davidson für unseren Begriff der Erde konstitutiv ist.
Das Scheitern dieser holistischen Einwände lässt aber offen, ob es
57 D. Davidson, »Rationale Lebewesen«, in diesem Band, S. 122; id., Inquiries into
Truth and Interpretation, op. cit., S. 168 und 200 [dt. Wahrheit und Interpretation,
S. 243 und S. 284].
58 J. Fodor und E. LePore, Holism. A Shopper’s Guide, Oxford: Blackwell 1992, Kap. 1.

184
nicht gemäßigtere holistische Prinzipien gibt, die z. B. ausschließen,
dass ein Wesen nur einen einzigen Gedanken hat. Diese Möglichkeit
ist schon deshalb fraglich, weil begriffliche Überzeugungen komple­
xes und flexibles Verhalten und die Möglichkeit zum praktischen
Schließen voraussetzen. Beides ist jedoch mit dem Vorliegen eines ein­
zigen Gedankens unvereinbar. Solche Überlegungen zeigen aber
nicht, dass das Netz, zu dem eine Überzeugung gehört, sich so weit
erstrecken muss wie dasjenige der anspruchsvollen Gedanken von
Menschen. Es gibt größere und kleinere Netze. Welche Art von Netz
notwendig ist, hängt von der Überzeugung und vom Subjekt ab. Aus
der Tatsache, dass Tiere unser Netz von Überzeugungen und unsere
Begriffe nicht teilen, folgt keineswegs, dass ihnen jegliche Überzeu­
gungen oder Begriffe abgehen.59

io. Fazit

Was bleibt also von der lingualistischen Behauptung, die Fähigkeit


zum Denken verlange die Fähigkeit zur Sprache, insbesondere auf­
grund der Rolle von Begriffen? Was die Intensionalität anbelangt, be­
steht das Problem weniger darin, dass es ein nicht-sprachliches Analo­
gon grundsätzlich nicht geben kann, sondern vielmehr darin, dass die
Unterscheidungen, die sich in nicht-sprachlichem Verhalten ausdrü-
cken lassen, sehr beschränkt sind. Dieselbe Moral ergibt sich aus
einem moderaten Holismus. Ein Netz, das Gedanken und Begriffe
beinhaltet, die sich nur sprachlich manifestieren lassen, bleibt das Vor­
recht von Sprachbenutzern. Allerdings eröffnet die Zurückweisung
des Baukasten-Modells die Option, intentionale Verben wie >glaubt<,
>möchte< oder >beabsichtigt< Tieren zuzuschreiben, ohne damit Be­
griffe zu unterstellen. Und schließlich hängt der Besitz von Begriffen
nicht einfach davon ab, ob ein Wesen sprachbegabt ist, sondern da­
von, inwiefern seine Unterscheidungen regelgeleitet und daher ab­
sichtlich sind.
Meine Diskussion spricht also für die gemäßigte Position, der zu-

59 Vgl. auch M. Bekoff und D. Jamieson, »Reflective Ethology, Applied Philosophy,


and the Moral Status o f Animais«, Perspectives in Ethology 9 (1991), S. 19-20;
J. Dupre, H um ansandO therAnim ais, op. cit., S. 230-231; D. DeGrazia, TakingAni-
mals Seriously, op. cit., S. 154-158; C. Allen, »Tierbegriffe neu betrachtet«, in diesem
Band, S. 191-200.

185
folge Tiere einfache Gedanken haben können. Aber sie spricht zugleich
für die Idee, dass der Besitz dieser Gedanken auf etwas Einfacheres hi­
nausläuft als beim Menschen. Bei Tieren findet sich höchstens
ein Abklatsch an Intensionalität. Insofern unsere Zuschreibungen ho-
lodoxastisch sind, beschränken sie sich nicht nur auf Gedanken über
wahrnehmbare Phänomene in der unmittelbaren Umgebung, es feh­
len ihnen auch die begrifflichen Verknüpfungen, die für den mensch­
lichen Fall charakteristisch sind. Wir können aus der Tatasche, dass
der Hund glaubt, x1 sei F, nicht schließen, der Hund besitze den Be­
griff eines Fs. Selbst wenn Tiere Begriffe haben können, sind diese
grob gesprochen beschränkt auf Wahrnehmungsbegriffe. Von den bei­
den Kriterien, die wir normalerweise bei der Zuschreibung von Begrif­
fen verwenden, können Tiere nur eines erfüllen. Sie können Klassifi­
kationsprinzipien anwenden, aber diese nicht erklären. In der Tat,
diese Beschränkungen scheinen miteinander verknüpft. Ein Schim­
panse kann zwischen seinem Wärter und anderen Menschen genauso
absichtsvoll unterscheiden wie zwischen roten und schwarzen Krab­
beltieren. Aber wir zögern mit dem Begriff des Wärters eher als mit
dem von rot, da es hier so viel mehr zu erklären gibt. Dies wieder­
um hängt mit dem Umstand zusammen, dass die Gedanken von
Tieren ein viel kleineres Netzwerk formen. Es fehlt das doxastische
Umfeld, dass bei sprachlichen Lebewesen zur Verfügung steht.
Folglich sind die Zuschreibungen von einfachen Gedanken an
Tiere weder intensional noch begrifflich, noch holistisch in der Art
und Weise, wie es Zuschreibungen an Menschen sind. Dieser Um­
stand ist aber nicht mit der anthropomorphen Erklärung von Raketen
vergleichbar, sondern eher mit einem Beispiel, das Davidson einmal
in einer Diskussion erwähnt hat. Tieren Gedanken zuzuschreiben
ist so ähnlich, wie wenn man Zahlen nur dazu verwenden würde,
um die Mitglieder einer Fußballmannschaft zu unterscheiden. Diese
Zahlen stehen in komplexen Relationen numerischer Ordnung und
Differenz, welche aber in diesem Zusammenhang einfach ignoriert
werden. Hier kommt es einzig darauf an, dass jedem Spieler ein-ein-
deutig eine Nummer zugeordnet werden kann.
Diese Analogie ist erhellend. Gedankenzuschreibungen an Tiere
verwenden einen reichen Begriffsapparat auf einem Gebiet, auf dem
viele logische Beziehungen, die diesen Apparat kennzeichnen, ein­
fach nicht einschlägig sind. Dennoch zerbricht die Analogie an einem
entscheidenden Punkt. Die Zuschreibung von Gedanken an Tiere

186
ist nicht einfach die eingeschränkte Anwendung einer reichhaltigen
Technik. Denn diese Technik dreht sich um einen Kern von Fällen,
in denen wir Lebewesen Überzeugungen, Wissen, Wünsche und Ab­
sichten unterstellen, weil sie bestimmte Bedürfnisse haben, ihre Um­
gebung wahrnehmen und handelnd auf sie Einfluss nehmen kön­
nen. Dieses biologische Fundament des Denkens wird von Mensch
und Tier geteilt. Gleichzeitig gilt: Insofern wir uns von diesem Kern­
bereich aus in Richtung begrifflicher Gedanken bewegen, bewegen
wir uns auch in Richtung sprachlicher Gedanken. Denn diejenigen
Merkmale, die nicht-sprachliche Lebewesen aufweisen müssen, um
begriffliche Gedanken zu haben (Intentionalität, Komplexität, Flexi­
bilität), entsprechen genau den Merkmalen, über die Theoretiker von
Descartes bis Chomsky die Sprache von den einfacheren Kommu­
nikationssystemen der Tiere unterschieden haben. In dieser Hinsicht
zumindest verleugnen unsere Überlegungen den Zusammenhang von
Denken und Sprechen also nicht, sondern bekräftigen ihn.

18 7
tigen Figur nicht unterscheidbar wäre.* Auch die gegenwärtigen Be­
griffstheorien der Kognitionspsychologen befassen sich alle mit der
Art und Weise, in der Begriffe dazu dienen, die vielfältigen Wahrneh­
mungen der Einzelerscheinungen miteinander zu vereinen.
Die enge Verbindung von Sprache und Begriffen beim Menschen
hat viele zur Meinung verführt, dass die Vorstellungen von Sprache
und Begriff nicht voneinander getrennt werden können. Diese enge
Verbindung lässt sich angesichts des vorliegenden Schemas dadurch
erklären, dass Sprachen eine Struktur mit sich bringen, die hinsicht­
lich der unmittelbaren Wahrnehmung zahllose Abstufungen an Frei­
heit aufweist. Sprachliche Repräsentation ist somit die Grundlage
für das feingliedrigste System begrifflicher Repräsentation, das wir
kennen. Es wäre aber ein Fehler zu glauben, dies sei die einzige zur
Verfügung stehende Grundlage für begriffliche Repräsentation. Es
ist sehr wohl möglich, dass andere Spezies ihre Erfahrungen auf eine
Weise strukturieren können, die über das bloße Zusammenstellen die­
ser Erfahrungen in Aquivalenzklassen zwecks der Erzeugung von un­
mittelbaren Reaktionen im Verhalten hinausgeht. Eine solche Fähig­
keit enthält die Grundbausteine für ein Begriffsschema. Ich vertrete
somit die These, dass es für die Behauptung, sprachlose Lebewesen
verfügten über Begriffe, einen klaren Sinn gibt, und dass wir wissen,
wie wir diese Behauptung in eine empirisch gehaltvolle Frage umset-
zen können.
Aus dem Englischen übersetzt von Dom inik Perler

* [A. d. Ü.: Der Autor spielt hier auf die VT. Meditation an, in der Descartes festhält,
dass er ein Tausendeck rein geistig erfassen kann, obwohl er nicht in der Lage ist, sich
eine solche geometrische Figur bildhaft vorzustellen. Vgl. M editationes de prim a ph i-
losophia, in: CEuvres de Descartes, hrsg. von Ch. Adam und P. Tannery, Paris: Vrin
1983 = AT VII, 72.]

200
Ruth G. Millikan
Verschiedene Arten von zweckgerichtetem Verhalten

Der Anthropomorphismus stattet Tiere mit Intentionen, Plänen oder


menschenartigen Zwecken aus, das heißt: mit Kognitionen. Beden­
ken bezüglich des Anthropomorphismus können sich auf die Frage
konzentrieren, ob folgende Zuschreibung in einem oder in allen drei
Teilen zutreffend ist: dass Tiere überhaupt Zwecke verfolgen, dass
Tiere Kognitionen haben, dass Tiere menschenartige Kognitionen
haben. Um zu wissen, ob diese Bedenken angebracht sind, braucht
man irgendeine Theorie darüber, was Zwecke, Kognitionen und
menschliche Kognitionen sind - eine Theorie darüber, was es genau
ist, das man einem Tier zuschreibt. In diesem Aufsatz biete ich eine
solche Theorie an. Sie unterscheidet zwischen zwei umfassenden A r­
ten von Zweckausrichtung im Verhalten: zwischen biologischer und
»intentionaler« Zweckausrichtung. Letztere hat damit zu tun, Zwecke
zu erkennen und Pläne zu haben. Ich lege dar, dass es keine Untersu­
chung des Verhaltens geben kann, die nicht zumindest implizit auf
einer Spekulation darüber beruht, worin die biologische Zweckaus­
richtung dieses Verhaltens liegt. Tieren Zweckausrichtung zuzuschrei­
ben ist somit nicht etwas, das an sich vermieden werden sollte; es ist
sogar am besten, wenn die notwendigen Zuschreibungen so explizit
wie möglich gemacht werden.
Intentionale Zweckausrichtung ist problematischer. Intentionale
Zweckausrichtung ist eine Form von biologischer Zweckausrichtung.
Sie enthält einen besonderen Mechanismus für die Implementierung
von biologischen Zwecken. Intentionale Zweckausrichtung tritt zwei­
fellos in zahlreichen Formen auf. Einige davon sind weniger komplex
als jene, die durch menschliche Intentionen gezeigt werden. Um nicht­
menschlichen Lebewesen eine Kognition zuzuschreiben, muss man
ihnen nicht-menschliche Kognition zuschreiben, und in einigen Fäl­
len sollte man sie ihnen sicherlich überhaupt nicht zuschreiben. Es
gibt Möglichkeiten dazwischen.
Ich beginne damit, biologische Zwecke zu beschreiben und aufzu­
zeigen, wie Verhalten in Bezug auf biologische Prozesse erkannt wird.1
i Eine viel ausführlichere Erörterung dieses Themas findet sich in meinem Buch
White Queen Psychology and Other Essays fo r A lice, Cambridge und London: MIT
Press 1993, Kap. 7.

201
Dann beschreibe ich intentionale Zwecke und Kognitionen, unterbrei­
te einen Vorschlag, worin sich menschliche Kognitionen von nicht­
menschlichen unterscheiden könnten, und beschreibe einige For­
men, die nicht-menschliche Kognitionen annehmen können.2
Unter einem »biologischen Zweck« oder einer »biologischen Funk­
tion« (ich verwende diese beiden Ausdrücke als Synonyme) verstehe
ich eine Art von Zweck, den etwa der Herzschlag hat. Der Zweck
des Herzschlags besteht darin, das Blut zirkulieren zu lassen. Ähnlich
gilt: Der Zweck der Rötung Ihrer Haut bei Hitze besteht darin, die
Hitze von Ihrem Blut fernzuhalten. Der Zweck des Herausschleu-
derns der Zunge, das der Frosch zeigt, wenn die richtige Art von
Schatten über seine Retina hinweggeht, besteht darin, sich Fliegen
einzuverleiben. Ganz allgemein besteht der biologische Zweck eines
Verhaltens in allen vorteilhaften Wirkungen, die dieses Verhalten wäh­
rend der Evolutionsgeschichte der Spezies oft genug gehabt hat, um
zu den jetzt vorhandenen Mechanismen in einer Spezies beizutra­
gen, die dieses Verhalten hervorbringen. Grob gesagt: Biologische
Funktion ist historischer Überlebens wert.
Meine erste Aufgabe liegt darin, zunächst einmal zu klären, warum
man das Verhalten nicht untersuchen kann, ohne zumindest implizit
auf den biologischen Zweck des Verhaltens Bezug zu nehmen. Tat­
sächlich kann man noch nicht einmal Verhaltensweisen als Gegen­
stand der eigenen Untersuchung gleichsam keimfrei bestimmen -
auf eine Weise, die frei von Theorie wäre, frei von jeder Spekulation
über die biologische Funktion. Die Frage, welche Beobachtungen
als Daten für eine bestimmte Wissenschaft zählen, kann nie unabhän­
gig von einer Theorie beantwortet werden. Dieser Punkt wird heut­
zutage von besonnenen Wissenschaftlern und Wissenschaftstheoreti­
kern allgemein anerkannt. Beispielsweise untersuchte die klassische
Chemie chemische Zusammensetzungen und nicht Lösungen oder
Mischungen. Aber was eine Zusammensetzung ist, was eine Lösung
oder was eine Mischung, das ist eine Frage, die durch eine Theorie
der Chemie festgelegt wird und keineswegs vor dem Bestehen einer
solchen Theorie entschieden wird. Wie manifestiert sich dieses allge­
meine Prinzip in den Verhaltenswissenschaften? Gewähren Sie mir
für einen Moment Ihre Nachsicht, wenn ich das artspezifische Ver-
2 Umfassendere Erörterungen finden sich in meinem Buch Lartguage, Thought, and
Other Biological Categories, Cambridge und London: MIT Press 1984, und in White
Queen Psychology, op. cit., Kap. 3-9.

202
halten einer Philosophin an den Tag lege. Ich möchte etwas deutlich
machen, das so dicht vor unserer Nase liegt, dass wir dazu neigen, es
nicht wahrzunehmen. Wenn Sie es einmal wahrgenommen haben,
und wenn Sie dann feststellen, wie vertraut und offensichtlich es ist,
sobald darauf hingewiesen wird, und wie trivial es somit ist - dann
möchte ich Ihnen zeigen, dass es tatsächlich tiefgründig und gehalt­
voll ist.
Die unsichtbare und doch offensichtliche Tatsache, auf die ich
Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, liegt darin, dass es eine unend­
liche Zahl möglicher Beschreibungen gibt, die man für das Verhal­
ten eines Lebewesens zu einem bestimmten Zeitpunkt geben kann.
Nur ganz wenige dieser Beschreibungen sind für die Verhaltenswis­
senschaft: von Bedeutung. Das sind jene Beschreibungen, die auf ent­
scheidende Weise mit einer Funktion verknüpft sind. Betrachten Sie
z. B. die verschiedenen Bewegungen, die ein Tier ausführt. Ein gro­
ßer Teil der Verhaltensweisen von Tieren sind Bewegungen irgend­
einer Art. Bewegungen können aber nur relational beschrieben wer­
den. M it Bezug worauf beschreiben wir die Bewegungen eines Tiers?
Betrachten Sie Arnos, den Mäuserich auf meinem Küchenboden. Er
rennt in die entgegengesetzte Richtung der Katze, die auf ihn war­
tet. M it derselben Bewegung rennt er zum Besen, der auf ihn wartet.
Er rennt auch zwischen einem schwarzen Quadrat auf dem Linoleum
und einem Tomatenfleck durch, in Richtung Küchenuhr und in
Richtung London, weg vom magnetischen Norden, dreizehn Mal
so schnell wie das zweite Pendel der Uhr schwingt, fünf Sekunden
nach meiner eigenen letzten wahrnehmbaren Bewegung, 0,05 Sekun­
den nach dem letzten aufgeregten Zucken des Katzenschwanzes. Es
ist klar, dass diese Liste mit Beschreibungen von Arnos’ Rennen ins
Unendliche fortgesetzt werden könnte. Aber Moment - ist sein Ver­
halten überhaupt ein Rennen? Vielleicht sollte Arnos’ Bewegung ein­
fach als ein rhythmisches Schlagen der Pfoten beschrieben werden,
die Arnos durch den Raum tragen, genauso wie sie ihn Richtung Lon­
don tragen.
Es ist auch nicht hilfreich, Arnos’ Bewegung in Beziehung zu sei­
nem eigenen Körper zu setzen. Beobachten Sie Arnos, wie er gerade
blinzelt. Bedecken seine Augenlider in diesem Moment seine Augen?
Oder sind seine Wimpern in diesem Moment von seinen Augen­
brauen abgelöst? Oder zeigen seine Wimpern in diesem Moment
auf den Bauchnabel? Oder zeigen sie auf die Zehen? Vielleicht ist

203
eine Rotation der Augenlider alles, was geschieht. Rotieren sie mit
einer Winkelgeschwindigkeit von 1000 Grad pro Sekunde? Oder ent­
spricht die Frequenz drei Umdrehungen pro Mäuseherzschlag?
Bewegungen sind auch keineswegs etwas Besonderes, wenn man
die Unendlichkeit ihrer möglichen Beschreibungen betrachtet. Arnos
kann piepsende, schnatternde, niesende, hustende, würgende Geräu­
sche von sich geben, oder er kann still sein —abgesehen davon, dass
er Atmungsgeräusche macht, wenn man genau zuhört, und kleine
schlagende Geräusche mit seinen Füßen (Angstsignale oder einfach
Fußgetapse?) und mit seinem Herzen. Welches von diesen Geräu­
schen und welche Stille stellen einen Gegenstand für die Verhaltens­
wissenschaft dar? Welche stellen keinen Gegenstand dar? Wie soll­
ten die Geräusche beschrieben werden? Durch Tonhöhe, Tonfall,
Dauer, Periodizität, harmonische Struktur, rhythmische Struktur,
Amplitude, Wiederholungsmuster? Denken Sie an die Geräusche,
die ein Mensch macht. Einige davon, wie etwa Schreien und Lachen,
können relativ grob beschrieben werden. Andere, die Sprechgeräu­
sche, müssen detailliert beschrieben werden, und zwar in Überein­
stimmung mit Prinzipien, die so subtil sind, dass man sie noch gar
nicht vollkommen verstanden hat. Wieder andere - etwa die Geräu­
sche, die beim Würgen oder Urinieren gemacht werden, Herzgeräu­
sche und normalerweise auch Atmungsgeräusche - müssen über­
haupt nicht beschrieben werden. Manchmal müssen Momente der
Stille beschrieben werden und manchmal nicht.
Was legt angesichts der unendlichen Zahl an möglichen Verhal­
tensbeschreibungen die Beschreibungsformen fest, die für die Ver­
haltenswissenschaft relevant sind? Welche Verhaltensweisen, welche
beschreibbaren Outputs sind - in Anführungszeichen - »wahre Ver-'
haltensweisen«, die den eigentlichen Gegenstand für Untersuchun­
gen des Tierverhaltens darstellen?
Sucht man vielleicht nach wiederholten Verhaltenseinheiten, nach
wiederkehrenden Mustern? Dass Mäuse vor Katzen wegrennen, ist
beispielsweise ein wiederkehrendes Phänomen; dass sie zu einem Be­
sen rennen, der auf sie wartet, ist keines. Dies kann aber nicht die Ant­
wort sein. Das Herz macht nämlich mit einer wunderbaren Regelmä­
ßigkeit Bumbum, jeder Lidschlag einer Maus ist ein momentanes
Ablösen der Wimpern von den Augenbrauen, jedes Auftreten des
Mäusefußes auf dem Boden macht ein winzigkleines Schlaggeräusch,
und Würgen ist unter den richtigen Reizbedingungen ein unverkenn­

20 4
bares und zuverlässig wiederholbares Geräusch, und doch ist nichts
davon »Verhalten«. Ebenso ist es ein Fehler zu glauben, dass das, wo­
nach wir suchen, jenes Verhalten ist, das unter Gesetze fällt. Die oben
genannten Verhaltensweisen fallen alle unter Gesetze, sogar unter un­
gewöhnlich zuverlässige Gesetze. Schauen Sie sich den Kniereflex an,
der unter ein wunderbar zuverlässiges Gesetz fällt. Der Physiologe,
der nach Anhaltspunkten hinsichtlich der Körperkonstruktion sucht,
interessiert sich für Zuckungen des Knies. Wenn aber Zuckungen des
Knies für diejenigen, die Verhalten untersuchen, von Interesse sind,
liegt dies nicht daran, dass sie »Verhaltensweisen« sind, sondern nur
daran, dass sie verwendet werden können, um die Bedingungen zu
diagnostizieren oder Anhaltspunkte für die Mechanismen zu geben,
die fiir »wahre Verhaltensweisen« tatsächlich verantwortlich sind.
Nein. Was es ausmacht, dass dieser und nicht jener Output eines
Tiers ein Verhalten im eigendichen Sinn ist, oder dass ein so und nicht
anders beschriebener Output ein Verhalten im eigentlichen Sinn ist,
hat immer eine unmittelbare Relevanz für eine biologische Funktion.
Das Kniezucken ist nicht ein »Verhalten«, weil es keine Funktion hat
(soweit wir wissen). Es bewirkt nichts, das zum Überleben beigetra­
gen hätte. Aus demselben Grund ist es unwahrscheinlich, dass Wür­
gegeräusche »Verhaltensweisen« sind, ebenso wenig Geräusche des
Niesens und Flustens. Andererseits sind Niesen und Husten selbst
wahrscheinlich »Verhaltensweisen«; wahrscheinlich haben die Mecha­
nismen, die Niesen und Husten hervorbringen, einen Überlebens­
wert. M an beschreibt Blinzeln zutreffend als Bedecken der Augen
mit den Lidern, denn es bewirkt z. B., dass Sand ferngehalten wird,
während das Ablösen der Wimpern von den Augenbrauen und das
Hinzeigen der Wimpern in Richtung Zehen keine funktionalen Wir­
kungen hat. Arnos’ Verhalten ist nicht einfach die rhythmische Be­
wegung seiner Pfoten, sondern ein richtiggehendes Über-den-Bo-
den-Rennen, denn in der Vergangenheit hat das Rennen und nicht
einfach die rhythmische Pfotenbewegung von Arnos’ Vorfahren in
charakteristischer Weise zum Überleben beigetragen. Ähnlich gilt:
Was auch immer »in Arnos’ Geist« gewesen sein mag oder nicht, sein
»Verhalten« ist sicher ein Wegrennen vor der Katze; ebenso sicher ist
es kein Hinrennen zum Besen oder ein Rennen in Richtung London.
Die Wahrnehmungs- und Bewegungssysteme, die Arnos von seinen
Vorfahren geerbt hat und die für sein jetziges Rennen verantwortlich
sind, sind Systeme, die durch ihr Funktionieren manchmal bewirkt

20 5
haben, dass diese Vorfahren aus der Umgebung von Raubtieren flüch­
ten konnten. Dies hat gewiss dazu beigetragen, dass sie sich vermeh­
ren konnten. Dass diese Mechanismen die Annäherung an Besen oder
an große Städte bewirkten, hat sicherlich nicht dazu beigetragen.
Als »wahres Verhalten« zählt das, von dem man annimmt, dass es
in dieser Beschreibung einen biologischen Zweck hat. Dieser theo­
retische Punkt gerät oft in den Hintergrund, weil es so sehr auf der
Hand liegt, welche Verhaltensweisen funktional sein müssen und wel­
che nicht. So ist es beispielsweise offensichtlich, dass man Arnos als
»rennend« beschreiben muss, aber sicherlich nicht als »in Richtung
London rennend«. Das liegt tatsächlich so auf der Hand, dass die Ein­
sicht, hier könnte vielleicht ein tiefgründiger theoretischer Punkt ver­
borgen sein, schwierig ist. In anderen Fällen ist es jedoch angesichts
der vielen Dinge, die ein Tier tut, überhaupt nicht offensichtlich, wo­
rin das »wahre Verhalten« liegt. C. Beer erzählt beispielsweise eine
komplizierte Geschichte, wie er sich darum bemühte herauszufin­
den, in welchen Lautäußerungen und in welchem Gehabe von Lach­
möwen denn nun die wahren Verhaltensweisen bestehen.3 Und man
muss sich wohl bewusst sein, dass jede Beschreibung, jede Klassifi­
kation eines Verhaltens implizit auf einen bekannten oder unbekann­
ten biologischen Zweck Bezug nimmt. Wenn man sich dessen nicht
bewusst ist, dass sogar auf dieser Ebene unweigerlich eine Theorie
im Spiel ist, wird man sicher mit größerer Wahrscheinlichkeit eine im­
plizit schlechte Theorie —z. B. einen ungeprüften Anthropomorphis­
mus —in die eigenen Beschreibungen des Verhaltens einschmuggeln.
Natürlich stützt sich ein unreflektierter Mensch, der gebeten wird,
das Verhalten einer anderen Spezies zu beschreiben, auf eine Projek­
tion: Was würde ich tun, wenn ich so handelte?
Den Verhaltensweisen biologische Zwecke zuzuschreiben ist na­
türlich nicht das Gleiche wie die Zuschreibung von Gedanken oder
Kognitionen. Eine Funktion des Blinzelns mag darin bestehen, Sand
fernzuhalten, aber weder das Auge noch das Tier als Ganzes muss
dieses Ziel kennen, um zu blinzeln. Ähnlich gilt: Nehmen wir an, dass
Sie meine funktionierende Blinzelreaktion konditionieren, indem Sie
diese durch Ihr Lächeln verstärken. Mein Blinzeln wird dann ein
3 Vgl. C. G. Beer, »Multiple Functions and Gull Displays«, in: Function and Evolution
in Behavior, hrsg. von G. Baerends und C. G. Beer, Oxford: Clarendon Press 1975,
S. 16-54; id., »Some Complexities in the Communication Behavior o f Gulls«, Annals
o f the New York Academy o f Sciences 280 (1976), S. 413-432.

206
neues biologisches Ziel erworben haben, wenn es Ihr Lächeln in Über­
einstimmung mit der biologischen Anlage meiner Lernsysteme her­
vorbringt. Vergleichen wir damit folgenden Fall: Von den Mecha­
nismen, die die Pigmente in der Haut eines Chamäleons der Alten
Welt neu anordnen, kann man sagen, dass sie vom biologischen
Zweck, das Chamäleon braun aussehen zu lassen, zum biologischen
Zweck übergehen, es grün aussehen zu lassen, sobald sich das Chamä­
leon von einer braunen zu einer grünen Oberfläche bewegt. Ähnlich
kann man vom biologischen Zweck einer konditionierten Reaktion
sagen, dass sie von den Umgebungsbedingungen abhängt, die diese
Reaktion hervorgebracht haben.4 Aber wenn mein Blinzeln Sie zum
Lächeln gebracht hat, und zwar als biologischer Zweck, werde ich die­
sen Zweck nicht erkennen; ich werde nicht blinzeln, weil ich bewusst
oder unbewusst an diesen Zweck denke. Ein Lernprozess, der auf
dem Reiz/Reaktionsmuster beruht, bringt von sich aus keine Kog­
nition hervor. Ob differenzierte Reaktionen nun erlernt sind oder
nicht: Sie sind keine Gedanken. Was sind dann erkannte Zwecke,
intentionale Zwecke? Wie unterscheiden sie sich von erlernten oder
nicht erlernten biologischen Zwecken?
Das Wort >intentional< wird von Philosophen verwendet, um auf
Dinge Bezug zu nehmen, die von anderen Dingen handeln; so han­
deln z. B. der Satz >Paris ist schön< und ein Stadtplan von Paris beide
von Paris. Die Überzeugung, dass Paris schön ist, der Wunsch, Paris
zu besuchen, und die Absicht, Paris zu besuchen, handeln natür­
lich auch von Paris. Alle diese Dinge manifestieren »Intentionalität«.
Äußere Dinge, die Intentionalität manifestieren, etwa Sätze, graphi­
sche Darstellungen, Schaubilder, Karten, Straßenzeichen, Musikno­
ten und darstellende Gemälde, werden »Repräsentationen« genannt.
Eine vorherrschende Theorie, der ich zustimme, schlägt vor, dass in­
nere intentionale Dinge, etwa Überzeugungen, Hoffnungen, Wünsche
und Intentionen, in ähnlicher Weise Repräsentationen sind. Allgemei­
ner ausgedrückt: Alle Kognitionen sind innere Repräsentationen -
d. h. innere Modelle im abstraktesten mathematischen Sinn - dessen,
wovon sie handeln.5 Der Unterschied zwischen rein biologischen

4 Vgl. eine ausführlichere Behandlung dieses Themas in Language, Thought, and


Other Biological Categories, op. cit., Kap. 2, und in White Queen Psychology, op. cit.,
Kap. 9.
5 Vgl. Language, Thought, and Other Biological Categories, op. cit., und White Queen
Psychology, op. cit., Kap. 3-5.

207
Zwecken und intentionalen Zwecken liegt darin, dass im zweiten Fall
die biologischen Zwecke des Lebewesens durch die Herstellung und
Verwendung von inneren Repräsentationen implementiert werden -
Repräsentationen von der Umwelt und/oder Repräsentationen von
den Zielen des Lebewesens. Menschliche Überzeugungen, Wunsche
und Intentionen lassen sich dadurch unterscheiden, dass sie - zumin­
dest teilweise —in einem besonders verfeinerten System innerer Reprä­
sentationen enthalten sind. A u f dieses System komme ich gleich noch
einmal zurück. Allerdings stützen sich Menschen zweifellos auch wei­
terhin auf andere Kognitionsebenen, auf primitivere Formen der Re­
präsentation.
Um Ihnen eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie abstrakt die
Modelle sein können, die Repräsentationen sind, möchte ich deutsche
Sätze als Modelle nennen. Signifikante Veränderungen in deutschen
Sätzen (meistens Veränderungen, die durch Substitution erfolgen) ent­
sprechen den Veränderungen jener Dinge, von denen die Sätze han­
deln; das Gebiet der wahren Sätze bildet das Gebiet der realen Welt
ab oder steht dazu in einer abstrakten isomorphen Relation. Für
diejenigen, die damit vertraut sind, sei folgendes Beispiel genannt:
Die Darstellung neuronaler Netze in Modellen ist zum größten Teil
eine Untersuchung sehr abstrakter Formen, die mentale Repräsenta­
tionen möglicherweise annehmen. Das Lebewesen, das etwas erkennt,
ist dazu fähig, eine Vielzahl von alternativen inneren Modellen zu
konstruieren. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Zustände des
Nervensystems, die aufgrund von abstrakten Regeln der Übereinstim­
mung dazu passen, woran das Lebewesen denkt. Diese abstrakten M o­
delle, diese abstrakten mathematischen »Landkarten«, funktionieren
vielleicht als Karten für die Umwelt: Sie stellen Tatsachen aus der Welt
des Lebewesens in einem Modell dar. Oder sie können als Entwürfe
dienen, die die gewünschten Ergebnisse von Handlungen anzeigen,
oder als Pläne für bestimmte Handlungen.
Lassen Sie mich das anhand einer naheliegenden Analogie konkre­
ter darstellen. Betrachten Sie für einen Moment den Tanz der Honig­
biene. Veränderungen des Tanzes (z. B. eine Rotation auf der langen
Achse des Tanzes um so und so viele Grade) entsprechen Veränderun­
gen des Repräsentierten (Veränderungen der repräsentierten Richtung
vom Nektar zum Bienenstock). Der Tanz ist eine abstrakte mathe­
matische Karte, eine Repräsentation der Lokalisierung des Nektars.
Der biologische Zweck, der darin besteht, die Arbeiterinnen zur Be-

208
Schaffung des Nektars zu bringen, der von anderen Arbeiterinnen ge­
sichtet wurde, wird durch die Zusammenarbeit zweier Systeme be­
werkstelligt. Das erste System produziert Karten vom Ort, an dem sich
der Nektar befindet. Diese dienen als Entwürfe von konkreten biolo­
gischen Zielen, die zu erfüllen sind, nämlich zu diesem oder jenem
Ort zu gelangen, an dem sich der Nektar befindet. Das zweite System
»liest« diese Entwürfe, d. h. reagiert in angemessener Weise auf sie, so-
dass die angestrebten biologischen Ziele erreicht werden. In diesem
Fall tanzen einige Bienen, während andere zuschauen. Die Repräsen­
tationen befinden sich freilich nicht in den Bienen, sondern außerhalb
von ihnen. Die Tänze sind Repräsentationen, aber als solche nicht
kognitive Repräsentationen oder Kognitionen. Nehmen wir jedoch
an, die Mechanismen, die für das Herstellen eines Umweltmodells
verantwortlich sind, das Modell selbst und die Interpretationsmecha­
nismen befänden sich alle innerhalb desselben Organismus. Dann
hätte man primitive Kognitionen - Gedanken (wenn auch nicht not­
wendigerweise bewusste Gedanken) von der Beschaffenheit der Um­
welt, von den zu erreichenden Zielen.
Einem Lebewesen intentionale Zwecke zuzuschreiben heißt, ihm
irgendein System innerer Repräsentation zuzuschreiben, eine M ög­
lichkeit, um die Welt und die eigenen Ziele auf einer Karte einzuzeich­
nen. Diese Einzeichnung dient als Mittel, um diese Ziele zu erreichen.
Der wirklich interessante Teil besteht jedoch darin, über die vielfäl­
tigen Möglichkeiten und Wege nachzudenken, die die biologischen
Systeme bei der Anwendung der Prinzipien der Einzeichnung be­
schreiten könnten. Beispielsweise gibt es eine Reihe sehr fundamen­
taler Aspekte, in denen sich menschliche Überzeugungen und Wün­
sche von Repräsentationen wie etwa dem Bienentanz unterscheiden
müssen (natürlich abgesehen davon, dass sich Bienentänze nicht in­
nerhalb des Organismus befinden und somit keine Kognitionen dar­
stellen). Drei dieser Unterschiede möchte ich jetzt nennen.6
Erstens gibt es bei den Bienentänzen keine Unterscheidung zwi­
schen dem indikativen oder Tatsachen beschreibenden Modus und
dem imperativen oder Anweisungen gebenden Modus. Der Tanz
sagt den Arbeiterinnen, wo der Nektar ist (Tatsachen); ebenso sagt
er ihnen, wohin sie fliegen sollen (Anweisungen). Der Schritt von die­
ser Art primitiver Repräsentation hin zu menschlichen Überzeugun-
6 Verschiedene andere entscheidende Unterschiede werden in White Queen Psychology,
Kap. 4, Abschnitt 5, aufgefiihrt.

209
gen und Intentionen ist riesig, denn er enthält die Trennung der indi­
kativen von den imperativen Funktionen des Repräsentationssystems.
Repräsentationen, die nicht zwischen indikativem und imperativem
Modus unterscheiden, verknüpfen Sachverhalte direkt mit Handlun­
gen - mit bestimmten Dingen, die angesichts dieser Tatsachen zu tun
sind. Menschliche Überzeugungen sind nicht direkt mit Handlun­
gen verbunden. Wenn sie nicht mit geeigneten Wünschen kombiniert
werden, bringen menschliche Überzeugungen keine Handlung her­
vor. Und menschliche Wünsche sind ebenso machtlos, wenn sie nicht
mit Überzeugungen darüber kombiniert werden, wie die Wünsche
zu erfüllen sind. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass die
Fähigkeit, reines Faktenwissen zu speichern - Wissen, das von allen
spezifisch geplanten Verwendungen abgekoppelt ist - oder explizite
Wünsche zu hegen, die von allen spezifischen Vorstellungen ihrer Er­
füllungsmöglichkeiten abgekoppelt sind, ein Merkmal jedes erken­
nenden Lebewesens ist. Viele hegen vielleicht nur undifferenzierte in­
nere Repräsentationen.7
Zweitens: Da die indikativen und die imperativen Funktionen in
den inneren Repräsentationssystemen von Menschen getrennt sind,
müssen sie reintegriert werden, um Handlungen hervorzubringen.
Damit vollziehen Menschen praktisches Schlussfolgern: Sie kom­
binieren Überzeugungen und Wünsche auf neuartige Weise, um zu­
nächst Intentionen und dann Handlungen zu erzeugen. Auch kom­
binieren Menschen Überzeugungen mit Überzeugungen, um neue
Überzeugungen zu erzeugen. Es könnte aber sein, dass andere Spezies
nicht über derartige inferentielle Fähigkeiten verfügen oder dass sie
diese in beschränkterem Maße haben.
Drittens: Das Repräsentationssystem, zu dem der Bienentanz ge­
hört, enthält keine Negation. Es enthält nicht einmal widersprüchliche
Repräsentationen. Wenn zwei Bienen zur selben Zeit verschiedene
Tänze aufführen, stehen diese Tänze nicht in Konflikt zueinander,
denn es kann sehr wohl sein, dass an zwei verschiedenen Orten gleich­
zeitig Nektar vorhanden ist. (Andererseits können die Bienen nicht
gleichzeitig zu zwei Orten fliegen.) Aber in einem Repräsentations­
system ohne Negation können keine Widersprüche auftreten. Würde
den inneren Repräsentationen eines erkennenden Lebewesens die
Negation und somit die Möglichkeit zum Widerspruch fehlen, wäre
7 Vgl. meinen Aufsatz »Pushmi-pullyu Representations«, Philosophical Perspectives 9
(1995), S. 185-200.

210
dies äußerst signifikant. Wenn wir der philosophischen Tradition fol­
gen, spielt das Gesetz der Widerspruchsfreiheit eine absolut zentrale
Rolle in Erwerb und Entwicklung all jener Begriffe, die nicht durch
Definition an eine bestimmte Bedeutung für eine Handlung gebun­
den sind. Lebewesen, denen die Negation in ihren inneren Repräsen­
tationssystemen fehlt, wären unfähig, neue Begriffe zu lernen, sofern
diese nicht direkt an eine Handlung gebunden sind. Alle ihre Begriffe
müssten entweder rein praktisch sein oder statisch, ererbt, angebo­
ren. Zudem habe ich dargelegt, dass die Negation von einer Sub­
jekt-Prädikat-Struktur abhängt, d. h. von einer propositionalen Struk­
tur, und umgekehrt. Einfachere Repräsentationen drücken keinen
propositionalen Gehalt aus.8 Nicht einmal so raffinierte Repräsenta­
tionen wie Karten, Schaubilder und Musiknoten enthalten Subjekte
und Prädikate. Lebewesen, die ausschließlich in Repräsentationen
ohne Subjekt-Prädikat-Struktur dächten, würden nicht propositional
denken.
Es wäre vollkommen unangemessen zu versuchen, die Inhalte der
Kognitionen von Lebewesen, die nicht zwischen dem indikativen
und dem imperativen Modus unterscheiden, oder die Inhalte der
Kognitionen ohne Subjekt-Prädikat-Struktur oder der Kognitionen
ohne Negationsmöglichkeit oder der Kognitionen, die nicht an Pro­
zessen des Schlussfolgere oder der Informationsvermittlung teilha­
ben, durch Übersetzung in deutsche Sätze oder durch Korrelation
mit eben solchen auszudrücken. Betrachten wir den »Fliegendetek­
tor« im Sehnerv eines Frosches, um ein extremes Beispiel zu nehmen.
Man könnte ihn als etwas betrachten, das eine sehr elementare Art in­
nerer Repräsentation hervorbringt. Das Feuern des Detektors zu einer
bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort verzeichnet die Prä­
senz einer Fliege auf einer Karte zu einer bestimmten Zeit an einem
bestimmten Ort - zur selben Zeit und am selben Ort. Das Feuern
zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort repräsentiert eine
Fliege zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. Oder sollten
wir etwa sagen, in Wirklichkeit sei das Feuern eine Befehlsrepräsen­
tation, die dem Frosch sagt, er solle zu einer bestimmten Zeit und
an einem bestimmten Ort schnappen? Sagt es: »Hier ist jetzt eine
Fliege«? Oder sagt es: »Schnell, schnapp hier und jetzt«? In Wirklich­
keit sagt das Feuern des Detektors dem Frosch (oder seinem Gehirn)

8 Vgl. Language, Thought, and Other Biological Categories, op. cit.

211
nichts von diesen Dingen. Um »Hier ist jetzt eine Fliege« zu sagen,
müsste es einer möglichen Repräsentation widersprechen, die sagt
»Hier ist jetzt nicht eine Fliege«, und ebenso anderen möglichen Re­
präsentationen, die z. B. sagen: »Hier ist jetzt eine Biene« oder »Hier
ist jetzt eine Katze« oder »Dienstag um vier war hier ein Fisch«.
Was wirklich erforderlich ist, um die nicht-propositionale Kogni­
tion von Tieren zu verstehen, ist nicht eine Übersetzung ins Deut­
sche, sondern eine explizite Beschreibung der verschiedenen Reprä­
sentationssysteme, die Tiere tatsächlich verwenden, und in welcher
Weise sie diese verwenden. Das letzte Ziel muss darin bestehen, M o­
delle für die kognitiven Systeme einer jeden der verschiedenen Tier­
spezies zu konstruieren und zu testen, so wie Humanpsychologen
jetzt damit beginnen, Modelle für menschliche Informationsprozesse
zu konstruieren und zu testen. Im Moment können wir allerdings
zum größten Teil nur spekulieren, welche verschiedenen Arten von
Repräsentationssystemen im Prinzip möglich sind und welche davon
tatsächlich von biologischen Systemen verwendet werden könnten.
Wir werden aber sicher in die Irre gehen, wenn wir nicht bedenken,
dass es zahlreiche Möglichkeiten zwischen dem propositionalen Den­
ken des Menschen und dem Fehlen jeglichen Denkens gibt.

Aus dem Englischen übersetzt von Dom inik Perler

212
Fred Dretske
Minimale Rationalität

Wenn Sie eine plötzliche Bewegung in Richtung meiner Augen aus-


fiihren, so blinzle ich. Ich kann nicht anders. Natürlich möchte ich
Ihren Finger nicht in meinem Auge haben. Ich glaube auch, dass eine
Möglichkeit, Ihren Finger von meinem Auge fernzuhalten, darin be­
steht, mein Auge zu schließen, wenn Sie dorthin greifen. Aber obwohl
ich dies glaube, und obwohl ich mein Auge schließe, wenn Sie dort­
hin greifen, schließe ich meine Augen nicht, weil ich dies denke. Ich
würde meine Augen schließen, egal ob ich diese Überzeugungen
und Wünsche hätte oder nicht. Die Mechanismen für diese Reflexe
sind fest verdrahtet. Lange bevor der Gedanke Zeit zum Handeln
hat, treten die Reflexe schon in Aktion. Ich habe gute Gründe dafür,
meine Augen zu schließen, aber meine Gründe dafür, sie zu schlie­
ßen, sind nicht der Grund, weshalb ich sie schließe.
Obwohl ich genau das tue, von dem ich denke, dass es mir das Ge­
wünschte bringt, ist mein Verhalten keine zweckgerichtete Handlung.
Es stellt nicht das dar, was ich im Folgenden m inim ale Rationalität
nenne. Obwohl das Verhalten mit den Gedanken übereinstimmt, wird
es nicht durch Gedanken erklärt und gesteuert. Minimale Rationalität
verlangt, dass Gedanken an dem Prozess beteiligt sind, durch den das
Verhalten hervorgebracht wird. Sie ist deshalb anspruchsvoller als das,
wasA. Kacelnik1 als biologische Rationalität beschreibt-ein Verhalten,
das durch die natürliche Auslese mit dem konsistenten Ziel höherer
Überlebensfähigkeit geformt worden ist; so betrachten oder interpre­
tieren wir es. Der Blinzelreflex ist biologisch, nicht aber minimal ratio­
nal. Er trägt zur Überlebensfähigkeit bei, aber nicht auf eine Art und
Weise, die dem Handelnden die Auszeichnung der Rationalität ein­
trägt, nämlich durch einen Prozess, an dem Gedanken beteiligt sind.
In einem anderen Sinn jedoch ist minimale Rationalität weniger
anspruchsvoll als biologische Rationalität. Minimale Rationalität ver­
langt, dass das, was getan wird, überhaupt aus Gründen getan wird,
aber nicht, dass es aus guten Gründen getan wird. Ebenso wenig
verlangt sie ein ^gründ en [reasomn£[. Obwohl das Verhalten durch
einen Gedanken erklärt werden muss, um als minimal rational zu gel-
i A. Kacelnik, »Meanings o f Rationality«, in: RationalAnim ais, hrsg. von S. L. Hurley
und M. Nudds, Oxford: Oxford University Press 2005 (im Druck).

2 13
ten, muss es nicht durch den Gedanken, der es erklärt, rationalisiert
werden, und der Handelnde braucht seinen Weg zu diesem Ergebnis
nicht begründet zu haben.2 Nicht einmal unter idealen Bedingungen
muss das Verhalten zur generellen Überlebensfähigkeit eines Orga­
nismus beitragen. Das Verhalten kann die Überlebensfähigkeit sogar
herabsetzen. Es kann das Ergebnis des Begründens, der Vernunft aber
entgegengesetzt sein.
Ein bekannter Witz illustriert ein Minimum an minimaler Ratio­
nalität. Clyde sucht seinen Schlüsselbund in einer dunklen Nacht
unter einer Straßenlampe.

Jane: Was machst du?


Clyde: Suche meinen Schlüsselbund.
Jane: Hast du ihn hier verloren?
Clyde: Nein, dort drüben (zeigt in eine dunkle Gasse).
Jane: Warum suchst du denn hier?
Clyde: Weil es hier viel heller ist.

Wenn man davon ausgeht, dass Clyde das, was er tut, aus dem von
ihm angegebenen Grund tut, ist sein Verhalten minimal rational.
Der Gedanke (dass es hier heller ist) kontrolliert sein Verhalten. Clyde
ist dennoch irrational. Aufgrund der Wahrheit seiner Überzeugungen
besteht keine Chance, dass er seine Schlüssel hier findet, keine M ög­
lichkeit, dass sein Verhalten sein Ziel erreichen kann. Obwohl der
Gedanke, dass es hier heller ist, sein Verhalten kontrolliert, rationali­
siert dieser Gedanke sein Verhalten nicht. Er vergrößert, geschweige
denn maximiert, Clydes Nutzen nicht (Kacelniks ökonomischer Sinn
von Rationalität). Ganz im Gegenteil. Sein Verhalten ist kontrapro­
duktiv, aber nichtsdestotrotz immer noch minimal rational. Es wird
von Gedanken kontrolliert. Was Clyde tut, lässt sich durch das erklä­
ren, was er denkt.

2 Ich betrachte das Nachahmungsverhalten - zumindest einiges davon - der Art, die
R. Byrne (»Who Needs Rationality?«, in: RationalAnim ais, op. cit.) beschreibt, und
dasjenige von L. Hermans Großen Tümmlern (»Evidence for Rationality in Dol-
phins«, in: RationalAnim ais, op. cit.) als minimal rational. Wenn man das Verhalten,
das nachgeahmt wird, beobachtet, eine Repräsentation davon im Gedächtnis gespei­
chert wird, und das Nachahmungsverhalten dann später von irgendeiner symboli­
schen Geste oder einem Signal ausgelöst wird, wird das Verhalten durch einen Ge­
danken in meinem Sinne erklärt.

2 14
Oder denken wir an das Beispiel, das S. Boysen in einer Diskussion
während der Konferenz* erwähnte. Jemand schnallt sich Sprengstoff
um, besteigt einen Bus und jagt sich und sechzig andere Menschen
in die Luft. Sein Grund? Man hatte ihm gesagt - und er glaubte
es —, dass die Tat der Sache dienlich sei (stellen Sie sich eine beliebige
Sache vor) und dass vierzig Jungfrauen ihn als himmlische Belohnung
erwarteten. Ist es vernünftig, dies zu tun? Ist es rational? Es steigert
bestimmt nicht die Überlebensfähigkeit. Ich nehme an, dass die meis­
ten von uns finden, es sei ein Akt des Wahnsinns. Ist er minimal ratio­
nal? Ja. Das Verhalten erklärt sich daraus, was der Terrorist glaubt und
will. Ob wir das Verhalten für vollkommen irrational halten oder
nicht, es wird von Gedanken kontrolliert. Das Verhalten ist zielge­
richtet, wie sehr wir das Ziel auch ablehnen mögen.
Minimale Rationalität verlangt nicht Rationalität in irgendeinem
normativen Sinne des Begriffs. Sie oder ich müssen nicht denken,
dass das Verhalten V rational ist. Um minimal rational zu sein, muss
es nicht mit unserem Bild dessen übereinstimmen, was wir für sinn­
voll oder das Beste halten. Dies ist in der Tat der Grund, warum ich
glaube, dass minimale Rationalität ein nützlicher Begriff ist, wenn
man sich über die Rationalität der Tiere Gedanken macht. Der Be­
griff hält die Probleme des Normativen in Schach und klammert sie
aus, sodass wir untersuchen können, ob Tiere Dinge aus Gründen
tun, ganz abgesehen davon, ob wir glauben oder ob sonst jemand
glaubt, es seien gute Gründe. Warum sollte ein Schimpanse oder eine
Krähe tun müssen, was Sie und ich für rational halten, um genau das­
selbe zu tun (nämlich etwas schlechthin aus Gründen tun), was Sie
und ich tun, wenn wir das tun, was wir für rational halten? Warum
kann das Verhalten eines Tieres nicht genauso wie unseres von Ge­
danken kontrolliert werden, obwohl wir den Sinn oder Zweck (die
rationale Rechtfertigung) eines solchen Verhaltens nicht sehen? Wenn
wir die Rationalität der Tiere untersuchen, warum identifizieren wir
dann nicht erst minimale Rationalität bei Tieren und fragen dann -
nachdem wir sicher sind, dass das, was getan wird, überhaupt aus
Gründen getan wird —, ob die Gründe, aus denen etwas getan wird,
es zu etwas Vernünftigem machen? Machen die Gründe, die ein Ver­
halten erklären, daraus auch etwas, was zu tun vernünftig ist? Aber
eins nach dem anderen.
* [A. d. Ü.: Workshop »Rational Animais?«: http://www.warwick.ac.uk/staff7 S. L. Hur-
ley/papers/r acsa.rtf]

215
Dasselbe Verfahren ist geeignet, um über den »Geist der Maschi­
nen« nachzudenken. Statt dass wir sofort fragen, ob Computer klüger
sind als wir - ob etwa »Big Blue« (der Computer von IBM, der den
Weltmeister »schlägt«) ein besserer Schachspieler als Kasparov ist - ,
wollen wir zuerst fragen, ob das, was Maschinen zeigen, überhaupt
Intelligenz ist. Spielen sie überhaupt Schach? Wollen sie gewinnen?
Verfolgen sie Zwecke? Intentionen? Wird irgendetwas, das sie tun,
durch das erklärt, was sie wollen? Haben sie einen minimalen Geisti
Addieren und subtrahieren Taschenrechner? Oder addieren und
subtrahieren w ir m it Taschenrechnern genauso, wie wir Nägel mit
Hämmern einschlagen? Wenn Computer nicht einmal Schach spie­
len, wenn sie in dieser Art von Aktivität nicht im Mindesten glaub­
würdig sind, wie können sie darin dann besser oder schlechter sein
als wir?
Minimale Rationalität ist Voraussetzung für das Rationalitätsspiel.
Egal, wie gescheit Sie auch scheinen mögen: Wenn sich nichts da­
von, was Sie tun, durch das, was Sie denken, erklären lässt, sind Sie
kein rationales Wesen. Sie sind ein Hochstapler. Jemand anderes —
wer oder was immer Sie entworfen hat - mag sehr gewieft sein (Mut­
ter Natur?), aber nicht Sie. Man könnte genauso gut sagen, dass eine
Sprinkleranlage gescheit sei, weil sie das Feuer löscht, das sie sonst
zerstören würde. Wenn ich das täte — wenn ich ein Feuer löschen
würde, weil es mich bedroht - , wäre ich rational. Mein Verhalten ließe
sich erklären durch das, was ich denke. Aber das ist nicht der Grund,
weshalb eine Sprinkleranlage es tut. Sie hat keine minimale Rationa­
lität. Und ich lege auch keine minimale Rationalität an den Tag, wenn
ich schwitze - und mich damit abkühle - , sobald meine Körpertem­
peratur zu steigen beginnt. Dieses Verhalten wird nicht von Gedan­
ken kontrolliert. Es mag klug sein, das zu tun, aber ich bin nicht klug,
weil ich es tue.
Was aber heißt es, von Gedanken gelenkt zu werden? Wie können
Gedanken Verhalten erklären? Ist es genug, wenn innere Repräsenta­
tionen (Gedanken?) das Verhalten verursachen? Nein. Es gibt einen
Unterschied zwischen Folgendem: von einem Ereignis, das B be­
deutet (repräsentiert), verursacht zu werden, oder durch die Tatsache
erklärt zu werden, dass es B bedeutet (repräsentiert). Dieser Unter­
schied ist wichtig, um zu verstehen, unter welcher Voraussetzung
etwas als minimal rational gelten kann. Dieser Unterschied erklärt,
warum Maschinen und Pflanzen - und vielleicht sogar einige Tiere - ,

2 16
die genau dasselbe tun wie wir, nicht als rational Handelnde gelten
können.
Denken wir an einen gewöhnlichen Thermostat. Er schaltet die
Heizung ein und aus. Indem er dies tut, hält er den Raum in einer an­
genehmen Temperatur. Dies ist typisches Thermostatverhalten. Wenn
wir dies täten, würde unser Verhalten als zweckgerichtet, als rational
betrachtet werden. Warum ist es ein bloßes Verhalten, keine rationale
Handlung, nicht einmal minimal rational, wenn der Thermostat es
tut? Weil das Verhalten des Thermostats nicht - im relevanten Sinn -
davon kontrolliert wird, was er über Temperatur »denkt« (repräsen­
tiert). Was lenkt das Verhalten des Thermostats, wenn er die Heizung
einschaltet? Nun, die meisten Thermostaten enthalten einen Bimetall­
streifen, der sowohl als Thermometer —das für die Raumtemperatur
steht oder diese repräsentiert —als auch als elektrischer Schalter funk­
tioniert. Sein Grad der Krümmung repräsentiert die Raumtempera­
tur. Wird es im Raum zu kalt, krümmt sich der Bimetallstreifen ent­
sprechend und berührt einen verstellbaren elektrischen Kontakt. Das
schließt den Stromkreis zur Zentralheizung, und die Heizung wird
warm. Das Verhalten des Thermostaten —sein Ein- und Ausschalten
der Heizung - wird also durch ein internes Element kontrolliert,
durch den Metallstreifen, der die Temperatur repräsentiert. Der Ther­
mostat »verspürt« gewissermaßen einen Temperaturabfall und rea­
giert, indem er die Heizung einschaltet. Wenn wir die Tatsache ver­
nachlässigen, dass durch diese Vorrichtung unsere Wünsche (nicht
diejenigen des Thermostaten) befriedigt werden, gleicht das Verhal­
ten bemerkenswert einer minimal rationalen Handlung: Eine interne
Repräsentation der Temperatur (was wir vage als Wahrnehmung der
Temperatur interpretieren könnten) veranlasst die Vorrichtung, auf
angemessene Weise zu reagieren. Das Verhalten des Instruments wird
dadurch kontrolliert, was es bezüglich der Temperatur denkt (reprä­
sentiert).
Wenn wir für einen Moment die Tatsache vernachlässigen, dass
die Temperaturrepräsentation des Thermostats nicht ganz das ist,
woran wir dachten, als wir von Gedanken (über Temperatur) spra­
chen, die ein Verhalten erklären, gibt es immer noch einen wichti­
gen Unterschied zwischen dem Verhalten des Thermostats und z. B.
unserem Verhalten, wenn wir die Heizung aufdrehen, sobald es kühl
wird. Unser Verhalten erklärt sich daraus, was wir über die Tempera­
tur denken - nämlich, dass es kühl wird. Selbst wenn wir dem Ther­

2 17
mostat »Gedanken« über Temperatur zugestehen, erklärt sich sein
Verhalten nicht dadurch, was er über Temperatur denkt. Das Verhal­
ten des Thermostats wird wohl durch seine »Gedanken« über Tempe­
ratur verursacht, aber nicht (wie bei uns) durch das erklärt, was der
Thermostat über Temperatur »denkt«. Warum? Um dies zu verstehen,
können wir uns überlegen, warum wir ein Mikrophon nicht als folg­
sam betrachten, bloß weil es das tut, was wir ihm sagen, und oben­
drein, w eil wir es ihm sagen.
Ich sage etwas in ein Mikrophon, nämlich: »Vibriere schnell!« Die
Membran des Mikrophons reagiert auf meinen Befehl mit schnellen
Vibrationen. Das Verhalten dieses Geräts wird durch die Frequenz
und die Amplitude der Geräusche bestimmt, die ich erzeuge. Diese
Geräusche haben eine Bedeutung. Sie bedeuten »Vibriere schnell!«.
Das Mikrophon führt also genau das aus, was ich ihm befehle. Trotz
dieser Tatsache und trotz der Tatsache, dass durch meinen Befehl,
schnell zu vibrieren, schnelle Vibrationen in ihm verursacht werden,
wird das Verhalten des Geräts nicht durch das gelenkt, was ich ihm
sage. Nicht was ich sage, ist für das Verhalten des Mikrophons rele­
vant und kontrolliert es dadurch auch. Vielmehr sind es die Geräu­
sche, die ich produziere, indem ich es sage.
Es existiert also ein Unterschied zwischen der Verursachung durch
ein Ereignis, das die Bedeutung B hat, und der Erklärung durch die
Tatsache, dass es die Bedeutung B hat. Dieser Unterschied ist wichtig,
um zu verstehen, unter welcher Voraussetzung etwas minimal ratio­
nal ist. Denn sogar wenn ein Tier (ein Computer, ein Thermostat?)
Gedanken hat, und selbst wenn diese Gedanken das Tier dazu veran­
lassen, etwas zu tun, so tut das Tier (der Computer, der Thermostat),
was es tut, vielleicht nicht deshalb, weil es das denkt, was es denkt.
Was das Lebewesen »denkt«, also der Gehalt oder die Bedeutung sei­
ner Gedanken, kann kausal ziemlich irrelevant sein. Dies ist im Falle
des Thermostats besonders offensichtlich. Es ist der Grad der Krüm­
mung des Metallstreifens, und nicht, was diese Krümmung über Tem­
peratur aussagt, der erklärt, warum er den elektrischen Kreislauf zur j
Zentralheizung schließt - und so die Fleizung einschaltet.
Wenn wir erst einmal - und das sollten wir - zwischen einem mit
Bedeutung geladenen Ereignis, das Verhalten verursacht, und seiner
Bedeutung, die das Verhalten erklärt, unterscheiden und wenn wir
dann die Lenkung von Verhalten durch Gedanken mit Letzterem
identifizieren, so scheiden Maschinen sofort als minimal rational

218
Handelnde aus. Sie bringen eine Menge zustande, Dinge, die rational
wären, wenn Sie oder ich sie täten, aber die Maschine gilt deshalb
nicht als rational. Ihr Verhalten mag durch innere Repräsentationen
verursacht werden, aber es erklärt sich nicht (wie bei uns) durch die
Art, wie diese Repräsentationen etwas repräsentieren. Dasselbe gilt
für Pflanzen.
Eine Pflanze, die Scharlachrote Gilia (Aggregata Ipomopsis), wech­
selt jeden Sommer Mitte Juli ihre Farbe von rot zu weiß. Das ist etwas,
das die Pflanze tut, eine Verhaltensweise der Pflanze. Eine Pflanze
hat weder Gedanken noch Wünsche, weder Absichten noch Pläne.
Aber sie tut gewisse Dinge, bisweilen sehr interessante Dinge, und Bo­
taniker und Botanikerinnen sind an Erklärungen des Verhaltens von
Pflanzen interessiert. Warum tut die Scharlachrote Gilia so etwas? Wa­
rum wechselt sie jedes Jahr Mitte Juli ihre Farbe von rot zu weiß? Eine
Erklärung (die die Botaniker geben, von denen ich das Beispiel habe)
lautet, dass die Pflanze das tut, um Bestäuber anzulocken.3 Z u Be­
ginn der Blütezeit sind Kolibris die Hauptbestäuber, und diese wer­
den stärker durch rote Blüten angezogen. In der späteren Blüteperiode
ziehen die Kolibris weg, und dann werden Schwärmer, die weiße Blü­
ten bevorzugen, zu den wichtigsten Bestäubern. Gemäß Paige und
Whitman wechselt die Pflanze ihre Farbe, um diese jahreszeitlichen
Veränderungen den Umständen entsprechend auszunutzen. Durch
den Farbwechsel setzt sie mehr Früchte an, und deshalb tut sie das.
Wenn dies tatsächlich die korrekte Erklärung dafür ist, warum sie
die Farbe wechselt, ist die Pflanze vollkommen rational in Kacelniks
biologischem Sinne von Rationalität. Aber ist sie minimal rational?
Erklärt sich irgendetwas von dem, was sie tut, durch ihre inneren Re­
präsentationen?
Damit die Pflanze den vollen Nutzen ziehen kann, muss dieses Ver­
halten zu einem bestimmten Zeitpunkt auftreten. Für einen maxi­
malen Vorteil muss es zu der Zeit auftreten, zu der die Kolibris weg­
ziehen und die Schwärmer kommen. Es muss deshalb in der Pflanze
etwas geben, eine Art pflanzlicher Uhr oder pflanzlicher Kalender,
das sowohl angibt, wann die Zeit reif ist, und zugleich wie ein che­
mischer »Schalter« funktioniert, der den für den Farbwechsel ver­
antwortlichen Prozess in Gang setzt. Kausal gesprochen, spielt diese
pflanzliche Uhr genau dieselbe Rolle im Verhalten dieser Pflanze
3 K. N . Paige und T. G. Whitman, »Report o f Research Published in Science«, Scien­
tific Am erican 252 (4), 74 (1985).

2 19
wie der Bimetallstreifen im Verhalten des Thermostats. Sie repräsen­
tiert (je nachdem zutreffend oder unzutreffend) sowohl die äußeren
Bedingungen, unter denen das Verhalten (für einen maximalen Vor­
teil) eintreten sollte, und löst auch die Ereignisse aus, die für das Ver­
halten konstitutiv sind.
Diese Pflanzen können »übertölpelt« werden. Z u frühes warmes
Wetter und Trockenheit lassen die innere Uhr zu schnell laufen. An­
fang Juni treten chemische Veränderungen auf, die sich normaler­
weise nicht vor Juli einstellen, dem Monat, in dem die Kolibris weg­
ziehen. D a Kolibris keine weißen Blüten mögen, ignorieren sie die
Pflanze. Die Schwärmer tauchen erst sechs Wochen später auf, sodass
. keine Bestäubung erfolgt. Die Pflanze büßt für ihre »Irrtümer«.
Wenn Verhalten durch derartige interne Repräsentationen hervor­
gebracht wird, sind wir versucht, intentionales Vokabular zu verwen­
den. Ich sprach davon, dass die Pflanze »übertölpelt« wird und »Irr-
tümern« unterliegt. Das machen wir bei Geräten und bei Pflanzen.
Auch Botaniker unterliegen dieser Versuchung, indem sie das Ver­
halten der Pflanzen in zweckgerichteten Ausdrücken erklären: die
Pflanze wechselt ihre Farbe, so sagen sie, »um« Bestäuber anzulocken.
Dennoch finden wir ganz klar noch nicht so etwas wie eine Handlung
oder Absicht, nichts, das ein »um zu« rechtfertigen würde, nichts,
das als minimale Rationalität gelten könnte. Die interne Uhr dieser
Pflanzen mag bedeuten, dass es Juli ist, aber die Tatsache, dass sie
dies bedeutet, ist irrelevant dafür, warum sie die Farbe wechselt.
Um zu verstehen, ob - und falls ja, wie und warum - sich das Ver­
halten von Tieren von demjenigen von Maschinen und Pflanzen un­
terscheidet, und so als minimal rational gelten kann (und deshalb
möglicherweise als rational im umfassenden normativen Sinn des
Begriffs), wird es sich als nützlich erweisen, einen sehr einfachen Fall
von tierischem Lernen zu betrachten. Hier, so glaube ich, fängt die
Bedeutung zum ersten M al an, eine genuin explanatorische Rolle
im Tierverhalten zu spielen. Hier erscheint minimale Rationalität
zum ersten M al auf dem evolutionären Schauplatz.
Betrachten wir also einen einfachen Fall von erlerntem Verhalten.
Ein nach Futter suchender Vogel versucht, einen Monarch-Schmet­
terling (Danausplexippus) zu verspeisen. Die Larve dieses Schmetter­
lings ernährt sich von einer toxischen Form der Wolfsmilch. Solche
Schmetterlinge sind giftig und bringen Vögel zum Erbrechen. Nach
einer solch unschönen Begegnung meidet der Vogel Schmetterlinge,

220
die so aussehen wie derjenige, von dem ihm übel geworden ist. Am fol­
genden Tag erblickt unser Vogel einen schmackhaften Eisvogel (Lim e-
nitis archippus), einen Schmetterling mit einem Erscheinungsbild, das
dem schädlichen Monarchen bemerkenswert ähnelt. Der Eisvogel
jedoch ist nicht giftig. Er hat seine Färbung als Schutz vor räuberischen
Vögeln entwickelt. Er imitiert das Erscheinungsbild des Monarchen,
sodass Vögel »denken«, dass er gleichfalls widerlich schmeckt, und
ihn meiden. Unser Vogel erblickt den Eisvogel und fliegt davon.
Eine vollkommen schmackhafte Mahlzeit wird von einem hungri­
gen Vogel ignoriert. Warum? Warum hat der Vogel den Eisvogel nicht
gefressen?
Wir alle wissen - oder glauben zu wissen - warum, doch müssen
wir unsere Worte sorgfältig wählen. Wenn das von ihm erblickte In­
sekt ein giftiger Monarch gewesen wäre, hätten wir sagen können,
dass der Vogel den Schmetterling als eines dieser widerlich schme­
ckenden Insekten (wieder)erkannt und es verschmäht hat, weil er
nicht will, dass ihm abermals übel wird. Aber was er gesehen hat,
war kein widerlich schmeckendes Insekt. Keine Erkenntnis hat statt­
gefunden. Es gab kein Wissen. Wir brauchen ein anderes Wort. Wie
nennen wir (Philosophen) einen Wahrnehmungszustand, der Er­
kenntnis oder Wissen wäre, wenn er nur wahr wäre? Überzeugung!
Urteil! Gedanke! Der Vogel denkt (wie sich herausstellt, fälschlicher­
weise), dass das Insekt schlecht schmeckt. Deshalb frisst er es nicht.
Der Gedanke lenkt also sein Verhalten.
Die Kausalstruktur des VogelVerhaltens ist derjenigen des Ther-
mostats und der Gilia bemerkenswert ähnlich. Der Vogel erblickt
den Schmetterling, unterscheidet ihn von anderen Objekten, und
nachdem der Vogel gelernt hat, kontrolliert dieser (im Vogel durch
den Eisvogel veranlasste) Wahrnehmungszustand das Verhalten. Die­
ses Wahrnehmungselement im Vogel informiert den Vogel auf die­
selbe Weise über die Anwesenheit eines M-artigen Insekts, wie etwas
im Thermostaten ihn über die zu niedere Temperatur informiert und
etwas in der Pflanze sie darüber informiert, dass es Juli ist. Es gibt also
etwas innerhalb des Vogels, das bedeutet, dass ein M-artiges Insekt
anwesend ist, und dieses Element funktioniert auf die gleiche Weise
als »Verhaltensschalter« (es löst ein Vermeidungsverhalten aus) wie
bedeutungstragende Elemente im Thermostaten und in der Pflanze
als Schalter fiir elektrische und chemische Aktivitäten.
Anders aber als beim Thermostaten und bei der Pflanze ist die Be­

221
deutung der internen Repräsentation des Schmetterlings beim Vogel
für sein Verhalten direkt relevant. Wie beim Thermostaten und bei
der Pflanze hat diese Repräsentation (nennen wir sie R) eine Bedeu­
tung, und sie spielt eine kausale Rolle, aber im Gegensatz zum Gerät
und zur Pflanze erklärt die Bedeutung ihre kausale Rolle. R verursacht
ein Vermeidungsverhalten. R wurde diese Aufgabe zugeteilt, weil R be­
deutet, dass ein M-TyprSchmetterling anwesend ist, jene Sorte von
Objekten, die der Vogel nach seiner unerfreulichen Erfahrung lieber
meidet. Die kausale Geschichte sieht also so aus: ein R, das B bedeu­
tet, verursacht ein Vermeidungsverhalten, weil es B bedeutet. Ein be­
deutungstragender Zustand verursacht nicht nur ein Verhalten (das
traf auch beim Thermostaten und bei der Pflanze zu), seine Bedeu­
tung erklärt auch, warum er es verursacht. Die Bedeutung ist also
explanatorisch relevant für die Frage, warum der Vogel sich so verhält,
wie er sich verhält.
Aber ist das Verhalten des Vogels wirklich zweckgerichtet? D enkt
der Vogel wirklich, dass der Schmetterling schlecht schmeckt, und
meidet er ihn aus diesem Grund? Ich weiß, dass ich lediglich dargelegt
habe, dass bei dieser Art Lernen ein interner Zustand, der etwas über
die externe Umwelt des Vogels aussagt, eine Rolle im darauf folgenden
Verhalten des Tiers spielt, weil er etwas bedeutet (Nicola Claytons
Beschreibung des Versteckverhaltens von Buschhähern, die durch ver­
gangene Erfahrungen beeinflusst werden,4 ist ein noch dramatische­
res Beispiel dieses Prozesses). Die Bedeutung dieses internen, ursäch­
lichen Elements ist also genuin explanatorisch. Ich gebe zu, dass das
nicht hinreicht, um zu zeigen, dass ein Gedanke das angeeignete Ver­
halten im relevanten (explanatorischen) Sinne lenkt, denn ich habe
nicht gezeigt, dass interne Zustände mit Bedeutungen dieser Art Ge­
danken sind. Dennoch haben wir hier, wenn auch nicht einen Ge­
danken selbst, einen plausiblen Vorläufer von Gedanken — eine in­
terne Repräsentation, deren Bedeutung oder Gehalt erklärt, warum
sich das System, in dem sie auftritt, so und so verhält. Für mich klingt
das ausreichend nach Gedanken, um nicht darum feilschen zu müs­
sen, was noch fehlt.

Aus dem Englischen übersetzt von Gabi Weber und M arkus W ild

4 N . Clayton, »The Rationality o f Animal Memory. Social Inference in Thieving


Scrub Jays«, in: Rational Anim ais, op. cit. (im Druck).

222
Joelle Proust
Das intentionale Tier

Ein Tierfreund hält es für vollkommen natürlich, das Verhalten der


ihm vertrauten Lebewesen zu interpretieren, indem er ihnen Wünsche
und Überzeugungen zugesteht, die seinen eigenen ähnlich sind. Bei­
spielsweise schreibt ein Hundebesitzer seinem Tier jeden Tag ohne
Zögern die Überzeugung zu, dass der Zeitpunkt für einen Spazier­
gang gekommen ist, oder er schreibt ihm die Lust zu, den Briefträger
zu beißen. Er nimmt sogar an, dass das Tier fähig ist, Überzeugun­
gen und Wünsche in Bezug darauf zu bilden, was die anderen denken
oder wünschen. Dafür genügt es ihm, in der »Tierliteratur« zu blät­
tern, in der es eine Fülle von Anekdoten gibt; sie berichten, dass ein
Tier listig mit den Erwartungen seiner Artgenossen umgegangen ist,
dass es ihnen Fallen gestellt hat, dass es absichtlich sein Wissen an
seine Jungen weitergegeben hat oder dass es versucht hat, die Wirk­
lichkeit falsch darzustellen, um seine Rivalen zu täuschen. Die meis­
ten Beispiele dafür gibt es natürlich in der Primatologie. So berichtet
F. de Waal, dass »die Orang-Utans Gemüse auf ihren K opf legen, um
die erzielte Wirkung zu beobachten«. Einige weibliche Schimpansen
»gehen in ihrer Raffinesse so weit, daß sie sich Schlingpflanzen um
den Hals hängen, um sich zu verschönern«.1 Ein Schimpanse kann
in Anwesenheit eines dominanten Männchens seine Erektion mit
der Hand verbergen. Ein Weibchen kann eine versöhnende Geste ma­
chen, um sein Opfer besser beißen zu können.2 Zahlreiche Autoren —
unter ihnen so anspruchsvolle Experimentalforscher wie D. Pre-
mack3 - haben behauptet, sie hätten Verhaltensweisen der selektiven
Täuschung beobachtet, die sich gegen unkooperative Individuen ge­
richtet hätten.
Diese Beobachtungen werfen mehrere Fragen auf. Verfügen Tiere

1 F. de Waal, Le bon singe. Les bases naturelles de la morale, Paris: Fayard 1997, S. 91
[dt. D er gute A ffe. D er Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen
Tieren, München: Hanser 1997, S. 92; orig. GoodNatured. The Origins o f Right and
Wrong in Humans and Other Anim ais, Cambridge und London: Harvard University
Press 1996].
2 F. de Waal, op. cit., S. 100 [dt. op. cit., S. 100].
3 Vgl. D. Premackund A. J. Premack, L ’E sprit de Sarah, Paris: Fayard 1984. [TheM ind
o f an Ape, New York und London: Norton 1983.]

223
David Papineau
Die Evolution des Zweck-Mittel-Denkens

i. Einleitung

Als ich vor einigen Tagen aufwachte, gingen mir folgende Gedanken
durch den Kopf: »Ich muss mir die Haare schneiden lassen. Wenn ich
das heute morgen nicht als Erstes tue, werde ich in den nächsten zwei
Wochen keine Gelegenheit mehr dazu finden. Doch wenn ich zum
Frisör in meiner Straße gehe, wird er sich mit mir über Philosophie
unterhalten wollen. Besser also, ich gehe zu dem in Camden Town.
Die U-Bahn wird zwar sehr überfüllt sein. Allerdings ist schönes Wet­
ter. Warum gehe ich nicht einfach zu Fuß dorthin? Das dauert nur
zwanzig Minuten. Ich ziehe also besser gleich diese Schuhe an, früh­
stücke unverzüglich und mache mich auf den Weg nach Camden.«
Dies ist ein paradigmatischer Fall dessen, was ich Zweck-Mittel-
Denken nennen werde. In dieser Art des Denkens wägen wir die Fol­
gen von unterschiedlichen Handlungsverläufen ab und wählen jenen
Verlauf, der sich für die Gesamtheit unserer Zwecke am besten eig­
net. Ich gehe davon aus, dass es unumstritten ist, dass alle mensch­
lichen Wesen zum Zweck-Mittel-Denken fähig sind und dass diese
Art des Denkens viele unserer Handlungen leitet. Ich gehe in der
Tat sogar davon aus, dass diese Fähigkeit zum Zweck-Mittel-Den­
ken einen der wichtigsten Unterschiede —wenn nicht den wichtigs­
ten Unterschied —zwischen Menschen und anderen Tieren darstellt.
Doch aus irgendwelchen Gründen ist dieses Thema aus der Mode
gekommen. Das Zweck-Mittel-Denken scheint von der theoretischen
Tagesordnung vieler verschwunden zu sein, von denen man eigent­
lich erwarten würde, dass sie das größte Interesse daran haben müss­
ten, nämlich diejenigen, die die menschliche Kognition in einem ver­
gleichenden oder evolutionären Zusammenhang erforschen. Es gibt
heute eine ansehnliche Forschungsindustrie, die sich der Theorie
des Geistes, der Sprache und anderen für die menschliche Kognition
vermeintlich charakteristischen »Modulen« widmet. Aber das Zweck-
Mittel-Denken selbst wird unter den Teppich gekehrt als etwas, wor­
über man in modischer theoretischer Gesellschaft nicht spricht.
M it diesem Aufsatz möchte ich ein Plädoyer für dieses etwas alt­
modische Thema halten. Natürlich haben die Sprache, die Theorie

244
des Geistes und zweifellos noch andere Module eine bedeutende Rolle
in der menschlichen Evolution gespielt, aber ich denke, dass man gute
Argumente für die Bedeutung des Zweck-Mittel-Denkens Vorbrin­
gen kann. Es handelt sich natürlich um eine knifflige Angelegenheit,
die genauen evolutionären Abhängigkeiten zwischen den verschie­
denen kognitiven Vermögen zu verzeichnen, die dem Menschen ei­
gentümlich sind. Die Bemerkungen, die ich zu diesem spezifischen
Thema gegen Ende des Aufsatzes anbringen werde, sind bestenfalls
abstrakt und spekulativ. Dann aber hoffe ich, Sie zumindest davon
überzeugt zu haben, dass das Zweck-Mittel-Denken ein wichtiges
und eigenständiges evolutionäres Thema darstellt.
Meine erste Aufgabe wird darin bestehen, deutlicher zu sagen, was
ich mit Zweck-Mittel-Denken meine. Wenn ich Sie davon überzeu­
gen soll, dass das Zweck-Mittel-Denken für die menschliche Evolu­
tion wichtig ist, dann ist an diesem Punkt offensichtlich Sorgfalt an­
gebracht. Denn wenn wir den Maßstab zu niedrig ansetzen, wird
sich das Zweck-Mittel-Denken über das gesamte Tierreich vertei­
len und keine eigentümlich menschliche Anpassungsleistung sein.
Schließlich verfügen beinahe alle Tiere über irgendwelche Möglich­
keiten, um den momentanen Umständen und Bedürfnissen angemes­
sene Verhaltensweisen auszuwählen. A u f der anderen Seite geht es je­
doch nicht an, den Maßstab zu hoch anzusetzen, indem etwa Schrift­
oder Rechenfähigkeit erforderlich wären. Denn dann hätten wir kei­
nen Grund zur Annahme, dass das Zweck-Mittel-Denken etwas mit
der menschlichen Biologie zu tun hätte, wie wichtig es auch immer für
die Entwicklung einer höheren Zivilisation gewesen sein mag.
Entsprechend werde ich in den nächsten beiden Abschnitten da­
rauf abzielen, ein spezifisches Verständnis des Zweck-Mittel-Den­
kens zu bestimmen, das mit meinen Behauptungen bezüglich seiner
Bedeutung für die menschliche Evolution übereinstimmt. Anschlie­
ßend werde ich versuchen, diese Behauptungen zu verteidigen.
Bevor wir fortfahren, lohnt es sich vielleicht doch, zu einem be­
stimmten Einfluss Stellung zu nehmen, der die derzeitige theoretische
Mode vom Zweck-Mittel-Denken weggeführt hat. Wie ich vermute,
steht das Zweck-Mittel-Denken in den Köpfen vieler Zeitgenossen
als Antithese zur »Modularität«. Das ist so, weil das Zweck-Mittel-
Denken tendenziell mit jener Art von allgemeinem zweckgerichteten
Lernen und Problemlosen verknüpft wird, die von der traditionellen
Psychologie als Sitz der gesamten Tierintelligenz betrachtet wurde.

24 5
Enthusiastische Befürworter der Modularität verwerfen jedoch diese
alle Bereiche umfassende Vorstellung der Tierintelligenz und argu­
mentieren dafür, dass alle wirklichen Fortschritte bezüglich der kog­
nitiven Fähigkeiten - insbesondere der charakteristischen Merkmale
der menschlichen Psychologie - in zweckgerichtet gebauten »Modu­
len« bestehen, die für gewisse intellektuelle Aufgaben selektiert wor­
den sind.1 Also neigen enthusiastische Modularisten zur Ungeduld
gegenüber der Rede vom Zweck-Mittel-Denken, denn sie sehen darin
eine Rückkehr zu den schlechten alten Zeiten des allgemeinen zweck­
gerichteten Lernens und Problemlösens.
Gleichwohl glaube ich nicht, dass das Zweck-Mittel-Denken der
Modularität auf diese Weise entgegengesetzt ist. Insofern es eine wohl­
geformte Antithese zwischen traditionellen Allzweckmechanismen
und Modulen gibt, neige ich dazu, das Zweck-Mittel-Denken auf
der Seite der Module zu platzieren. Was seinen Gehalt betrifft, dürfte
das Zweck-Mittel-Denken zwar in dem Sinne alle Bereiche umfassen,
dass es keine Einschränkung bezüglich der Arten von Information
kennt, mit denen es arbeiten kann. Doch dasselbe könnte über unsere
sprachlichen Fähigkeiten gesagt werden, obwohl diese weithin als das
Paradigma für »modulare« Fähigkeiten betrachtet werden.
Darüber hinaus sollte das Zweck-Mittel-Denken, so wie ich es
verstehe, nicht als generelle Schnittstelle zwischen Wahrnehmungs-
Inputs und Verhaltens-Outputs gedacht werden, also nicht im Sinne
jenes nicht-modularen »Zentralsystems«, das J. Fodor in The M odu­
lar ity o fM in d ursprünglich zwischen Wahrnehmung und Handlung
angesiedelt hat.2 Vielmehr betrachte ich das Zweck-Mittel-Denken
als Zusatz, der spät in der Evolution aufgetaucht ist, spezifischen Be­
dürfnissen dient und sich bereits zuvor bestehenden Mechanismen
(welche auch immer das sein mögen) anlagert, um Wahrnehmung
und Handlung zu koordinieren.
Häufig reagieren Skeptiker auf die modularistische Metapher des
Geistes - der Geist als »Schweizer Taschenmesser« - , indem sie fra­
gen, was denn darüber entscheide, welche Klinge bei welcher Gele­
genheit verwendet werde. Das ist eine sehr verständliche Frage, und

1 L. Cosmides und J. Tooby, »The Psychological Foundations o f Culture«, in: The


A daptedM ind, hrsg. von J. Barkow, L. Cosmides und J. Tooby, Oxford: Oxford Uni-
versity Press 1991, S. 19-136.
2 J. Fodor, The M odularity o f M ind. An Essay on Faculty Psychology, Cambridge
(Mass.): MIT Press 1983.

246
einige meiner späteren Bemerkungen werden mögliche Antworten
aufzeigen. Doch das Zweck-Mittel-Denken selbst spielt diese Rolle
nicht. Es handelt sich vielmehr um einen spezialisierten Mechanis­
mus, der durch unterschiedliche Prozesse aktiviert wird, und diese
koordinieren die verschiedenen Aspekte einer Kognition. Aus dieser
Perspektive ist das Zweck-Mittel-Denken einfach ein weiteres tolles
Werkzeug im Schweizer Taschenmesser und keine Meta-Vorrichtung,
die die ganze Sache koordiniert.

2. Vor der Zweck-Mittel-Rationalität

Die letzten Bemerkungen sind lediglich als Hinweis auf meine ge­
samte Geschichte gedacht. Die Einzelheiten werden im Verlauf der
Erzählung eingefügt. Der erste Schritt besteht in einer detaillierteren
Erklärung dessen, was ich unter Zweck-Mittel-Denken verstehe. In
diesem Abschnitt werde ich diese Frage sozusagen »von unten nach
oben« angehen. Ich betrachte, wie das Verhalten von Lebewesen, de­
nen jegliches Zweck-Mittel-Denken ganz klar fehlt, an die entspre­
chenden Umstände angepasst sein kann. Dadurch hoffe ich, eine Be­
deutung von Zweck-Mittel-Denken zu identifizieren, die interessante
Fragen über deren evolutionäre Entstehung ermöglicht. Die Strategie
wird letztlich darin bestehen, eine wichtige Bedeutung von Zweck-
Mittel-Denken zu isolieren, indem ich betrachte, was jenen Lebewe­
sen fehlt, die ohne Zweck-Mittel-Denken zurechtkommen.
Ich werde abstrakt und in einzelnen Ebenen vorgehen und nur
ziemlich allgemeine Merkmale kognitiver Designs in Erwägung zie­
hen. Ich werde mit einem möglichst einfachen Design beginnen,
um dann zu raffinierteren fortzuschreiten.

Ebene o - »Monomaten« - Tue V

A u f der allereinfachsten Ebene, der Ebene Null sozusagen, befindet


sich jene Art von Lebewesen, das immer dasselbe tut, nämlich V.
Es könnte sich beispielsweise ziellos fortbewegen und dabei blind
seine Mundwerkzeuge öffnen und schließen, wobei es sich alles ein­
verleibt, was ihm in den Weg kommt.

Ebene i - »Opportunisten« - Wenn B, tue V

247
Einen Schritt weiter finden sich Lebewesen, die ihr Verhalten auf die
unmittelbaren Bedingungen B abstimmen und dadurch Energie für
jene Situationen sparen, in denen ihr Verhalten V Erfolge zeitigt. Bei­
spielsweise bewegen sie ihre Mundwerkzeuge erst, wenn sie das Vor­
handensein von Nahrung entdeckt haben. (In einem solchen Fall
können wir auch davon ausgehen, dass das Verhalten V durch die
Empfänglichkeit gegenüber Bedingungen »geformt« wird. Das sagen­
hafte Fliegenfang-Verhalten des Frosches gehört hierhin. Nicht nur
lassen Frösche ihre Zungen zu einem bestimmten Zeitpunkt heraus­
schnellen, dann nämlich, wenn die Umwelt Nahrung anbietet; sie las­
sen ihre Zungen auch in eine bestimmte Richtung schnellen, in jene
Richtung nämlich, aus der die Nahrung sich ankündigt.)

Ebene 2 - »Bedürftige« —Wenn B und T, tue V

A u f der nächsten Ebene finden sich Lebewesen, deren Verhalten nicht


nur auf momentane Gelegenheiten reagiert, sondern ebenso auf mo­
mentane Bedürfnisse. Wir können uns beispielsweise Insektenfres­
ser vorstellen, die ihre Zungen nicht auf vorbeiziehende Zielobjekte
schnellen lassen, sofern sie nicht zugleich einen Nahrungsmangel re­
gistrieren. Offenbar gehören Frösche nicht dazu und sind deshalb
überfütterungsanfällig. Auch nachdem ihre Nahrungsbedürfnisse be­
friedigt sind, lassen sie ihre Zunge auf vorbeischwirrende Fliegen
schnellen. Obwohl Frösche ohne ein für Bedürfnisse empfängliches
kognitives Design zurechtkommen, kann es dennoch offenkundig
von Vorteil sein, ein solches zu entwickeln. Zahlreiche Lebewesen ha­
ben das offenbar getan.
Bevor wir zur nächsten Komplexitätsebene fortschreiten, ist eine
Mahnung zu Vorsicht angebracht. Es ist natürlich (und tatsächlich
oft sehr hilfreich), einfache kognitive Designs in repräsentierenden
Begrifflichkeiten zu erfassen, und ich werde das in diesem Aufsatz
durchgehend tun. Aber es besteht die Gefahr, mehr in die repräsen­
tierende Beschreibung hineinzulegen, als durch das spezifische De­
sign gerechtfertigt erscheint und damit eine hochtrabende repräsen­
tierende Beschreibung als ernsthafte Erklärung misszuverstehen. Im
Prinzip sollten wir stets sorgfältig zeigen, dass Zuweisungen von re­
präsentierendem Gehalt vollauf berechtigt sind. Es würde den Rah­
men dieses Aufsatzes sprengen, dies in jedem Stadium auf angemes­
sene Weise zu leisten, aber soweit ich kann, möchte ich versuchen

248
sicherzustellen, dass meine repräsentierenden Beschreibungen in aus­
drücklichen Spezifizierungen der kognitiven Designs gründen.
Um die Gefahr zu illustrieren, betrachte man die von mir soeben
eingeführte Unterscheidung zwischen Bs, die eine Empfänglichkeit
gegenüber »Bedingungen« der Umwelt bezeichnen, und Ts, die mo­
mentane Bedürfnisse registrieren (und damit als verwandt mit »Wün­
schen« oder - etwas vorsichtiger - mit »Trieben« betrachtet werden
können). Es mag ganz natürlich erscheinen, zwischen informierenden
Bs und motivierenden Ts auf diese Weise zu unterscheiden. Gleich­
wohl wird dieser Gegensatz durch das, was ich bislang gesagt habe,
keineswegs gerechtfertigt. Denn schließlich treten B und T in der
schematischen Formulierung in der Überschrift zu diesem Unterab­
schnitt einigermaßen symmetrisch auf: Wenn B und T, tue V. Bisher
haben wir keine Grundlage dafür gelegt, diese Zustände so zu behan­
deln, als würden sie unterschiedliche Rollen in der Verhaltensregulie­
rung spielen.
Da ich nun diesen Punkt angesprochen habe, möchte ich ihn für
einen Moment weiterverfolgen. Um das Problem schärfer fassen zu
können, will ich Folgendes festlegen: Sowohl Bs als auch Ts sollen
fortan als interne Zustände verstanden werden, die ein resultieren­
des Verhalten V auslösen. (Es muss solche internen Zustände geben,
wenn distale Bedingungen und Bedürfnisse überhaupt Verhalten be­
stimmen sollen.) A u f den ersten Blick gibt es scheinbar eine einleuch­
tende Grundlage dafür, motivierende Ts von informierenden Bs zu
unterscheiden. Wenn beispielsweise ein T durch einen niedrigen Blut­
zuckerspiegel ausgelöst wird, spielt es dann nicht eine distinkte mo­
tivierende Rolle — im Gegensatz zu einem informierenden B, das
beispielsweise ein vorbeischwirrendes Insekt registriert? Ist T nicht
dazu nötig, das Tier zu aktivieren, im Gegensatz zu B, das lediglich
faktische Informationen liefert und ihm damit keinen motivieren­
den »Schub« verabreicht? Aber dieser Gegensatz täuscht. B ist ebenso
nötig zur Aktivierung des Tiers; wie niedrig sein Blutzuckerspiegel
auch immer sein mag, das Tier wird seine Zunge nicht einmal her­
ausstrecken, bevor es nichts zu fangen gibt. So weit bleibt alles sym­
metrisch, und sowohl B als auch T sollten zugleich als motivierend
und als informierend betrachtet werden —in R. Millikans Terminolo­
gie: als »pushm i-pullym -XxxstinAt.3 Beide können sowohl als impera-
3 R. Millikan, »Pushmi-pullyu Representations«, in: Philosophical Perspectives IX,
hrsg. von J. Tomberlin, Atascadero: Ridgeview Press 1996, S. 185-200.

249
tiv als auch als indikativ betrachtet werden. Sie sagen: »Tue V (wenn
der andere Zustand ebenfalls eingeschaltet ist)!« bzw. »Hier gibt’s
eine Gelegenheit, V zu tun (wenn der andere Zustand ebenfalls ein­
geschaltet ist)«.
Eine tragfähige Einteilung in motivierende und informierende Z u ­
stände tritt erst dann auf, wenn es hinter den Bs und Ts eine zusätz­
liche Struktur gibt. Ohne allzu sehr auf die Einzelheiten einzugehen,
möchte ich den Gedanken hier grob umreißen. Ein Zustand B ist eher
informierend als motivierend, wenn er nicht mehr an ein bestimmtes
Verhalten gekoppelt ist und stattdessen Information bereitstellt, die
durch viele verschiedene Verhaltensdispositionen verwendet werden
kann. Wir können von verhaltenskomplexen Lebewesen erwarten,
dass sie Sinneszustände ausbilden, die zuverlässig auf äußere Gegen­
stände und Eigenschaften reagieren und zur Verfügung stehen, um
ein breites Band möglicher Aktivitäten auszulösen. Das wird insbe­
sondere dann von Vorteil sein, wenn Lebewesen lernfähig sind (vgl.
Ebene 4). Wenn ein interner Zustand B nicht mehr einer spezifischen
Verhaltensroutine gewidmet ist, wird er keinen imperativen Gehalt
mehr haben und kann als rein informierend betrachtet werden.4
Motivierende Zustände können sich in der umgekehrten Richtung
spezialisieren. Auch hier sind Zustände nicht mehr an ein bestimmtes
Verhalten gekoppelt. Doch im Falle motivierender Zustände ist dies
nicht deshalb so, weil sie allgemein nutzbare Informationen bereit­
stellen würden, sondern vielmehr deshalb, weil sie eine distinkte Rolle
übernehmen - nämlich zu signalisieren, dass gewisse Ergebnisse be­
nötigt werden. Der Grund dafür, dass dadurch motivierende Zustän­
de von spezifischen Verhaltensweisen losgelöst werden, besteht da­
rin, dass verschiedene Verhaltensweisen in verschiedenen Umständen
zum Erreichen dieser Ergebnisse wirkungsvoll sind. Dass solche mo­
tivierenden Ts vielleicht immer einen informierenden Gehalt haben
(etwa: der Blutzuckerspiegel ist niedrig), ist durchaus denkbar; aber
sie unterscheiden sich von rein informierenden Bs, wenn man davon
ausgeht, dass sie die spezielle Verantwortung für die Mobilisierung
von Verhaltensweisen tragen, die ein erforderliches Ergebnis erzie­
len. Demgegenüber besitzen informierende Bs keine solchen Ergeb­
nisse.

4 R. Millikan, »Some Different Ways to Think« [A. d. Ü.: Vgl. http://www.califor-


nia.comLmcmf/Millikanthink.html].

250
Ebene 3 —»Wähler« - Wenn B 1 und T 1, tue V 1,
WENN T 1 das dominierende Bedürfnis ist

Verfugen Lebewesen erst einmal über Zustände, deren Rolle darin be­
steht, Bedürfnisse zu registrieren, dann besteht das Potential für eine
weitere Komplexitätsebene. Wenn B 1 und T 1 das Verhalten V 1 hervor-
rufen, B2 und T 2 aber ein damit unvereinbares Verhalten V 2, ist es von
Vorteil, einen Mechanismus zu haben, der über den Vorrang entschei­
det. Offenbar ist dieses System eines, das T 1 irgendwie mit T 2 ver­
gleicht und zwischen den Vs in Abhängigkeit davon auswählt, wel­
ches Bedürfnis wichtiger ist. Es ist nicht schwierig, sich Mechanismen
vorzustellen, die Bedürfnisse entweder nach Qualität oder Quantität
ordnen.

Ebene 4 - »Lerner« - NACHDEM die Erfahrung gezeigt hat,


dass B 1, T 1 und V 1 zu einer Belohnung führen, dann (wie zuvor):
Wenn B 1 und T 1, tue V 1, wenn T 1 das dominierende Bedürfnis ist

Bislang habe ich implizit angenommen, dass die treibenden Bs und Ts


mit den reaktiven Verhaltensweisen V »fest verdrahtet« sind, d. h., die
relevanten Verknüpfungen »B, T —»V« haben sich durch generations-
übergreifende, genetische Evolution etabliert und entwickeln sich
bei jedem Einzellebewesen, das normal heranwächst. Das Lernen fügt
eine weitere Ebene des Raffinements bei Tieren hinzu. M it >Lernen<
meine ich hier einfach, dass die Verknüpfungen »B, T -> V« durch
die spezifischen Erfahrungen des Tiers —nämlich welche Verhaltens­
weisen welche Ergebnisse unter welchen Umständen erzielen — be­
einflusst werden können. Der naheliegende Weg dahin führt über
Mechanismen, die die Verknüpfungen »B, T —>V« für jene Fälle ver­
stärken, in denen V - gegeben B und T - zu bestimmten Ergebnissen
führt.
Im obenstehenden Schema habe ich die relevanten Verstärkungs­
ergebnisse einfach als >Belohnung< charakterisiert. Das wirft eine
Reihe vom Fragen auf. Eine davon lautet, ob das Verschwinden - oder
die Reduktion - eines bedürfnisregistrierenden T immer in der »Be­
lohnung« enthalten ist, die die Wahrscheinlichkeit von V — gegeben
B und T - für die Zukunft verstärkt. Ein Mechanismus dieser Art
ist aufgrund der Tatsache naheliegend, dass viele Triebe (wie Hun­
ger oder Durst) Funktionen haben (die Einnahme von Nahrung oder

251
Wasser), deren Erfüllung in der Regel notwendig und hinreichend
für die Reduktion der Triebe selbst ist. Lernmechanismen, durch
die diese Triebreduktionen zu einer Verstärkung führen, selektieren
dadurch Verhaltensweisen, die zur Erfüllung der Triebfunktion (d. h.
Nahrung oder Wasser zu bekommen) geeignet sind.
Dennoch ist es nicht einleuchtend, dass alle Triebe darauf angelegt
sind, Ergebnisse zu erzielen, die dann ihrerseits ganz selbstverständ­
lich diese Triebe befriedigen. Ein Beispiel: Als Anzeichen einer Ge­
fahr muss ein Lebewesen irgendetwas Ungewöhnliches in seiner Um­
welt identifizieren können. Nehmen wir an, es existiere ein Trieb T
(Alarmbereitschaft oder Wachsamkeit), der das Bedürfnis registriert,
alles Ungewöhnliche zu identifizieren, und dessen Funktion darin
bestünde, das Lebewesen dazu zu bringen, solche Identifikationen
vorzunehmen. Nun wäre es sicher keine gute Idee, dass dieser Trieb
jedes M al befriedigt würde, wann immer es ihm gelänge, seine Funk­
tion zu erfüllen. Denn wenn man etwas Ungewöhnliches bemerkt,
sollte man noch wachsamer und nicht weniger wachsam werden
(und umgekehrt sollte die Wachsamkeit nachlassen, wenn man nichts
Ungewöhnliches findet). Allgemeiner ausgedrückt: Es scheint kei­
nen Grund zu geben, Triebe auszuschließen, die durch ihre eigene
Erfüllung aufrechterhalten oder sogar verstärkt werden. Doch wenn
es solche Triebe gibt, dann wird kein mit ihnen verknüpfter Lern­
mechanismus dazu imstande sein, das Verschwinden des Triebs als
Quelle der Verstärkung zu verwenden, zumal dieses Verschwinden
kein guter Stellvertreter für die Erfüllung seiner Funktion ist. Viel­
mehr muss der Lernmechanismus mithilfe eines anderen Anzeichens
so funktionieren, dass ein Verhalten ein wirksames Mittel für die
Erfüllung eines Triebes ist (z. B. wirklich etwas Ungewöhnliches zu
finden).
Ich bin mir nicht sicher, ob die Natur dem Tierreich tatsächlich
Lernmechanismen dieser Art vererbt hat oder ob alle wirklichen Lern­
mechanismen von Tieren mit Triebreduktionen als Verstärkern funk­
tionieren. Es stellt sich eine weitere Frage, wie auch immer die Ant­
wort auf die vorhergehende ausfallen mag: Rührt alles Lernen bei
Tieren von einem einzigen Mechanismus her, der alle triebspezifi­
schen Verstärker (Sättigung des Hungers, Löschen des Durstes, Wahr­
nehmung von etwas Ungewöhnlichem) auf einen gemeinsamen Nen­
ner reduziert (die Ausschüttung von körpereigenen Opiaten etwa) ?
Oder gibt es eine bestimmte Anzahl von Lernmechanismen - einen

252
für jeden Trieb so dass jeder Mechanismus seinen eigenen Trieb mit
Verhaltensweisen in Abhängigkeit davon verknüpft, welche Verhal­
tensweisen sich in der vergangenen Erfahrung als wirksam erwiesen
haben, um die spezifische Funktion dieses Triebs zu erfüllen? Die
zweite Option würde eine verfeinertere Verhaltenskontrolle erlauben.
Aber es handelt sich wiederum um eine empirische Frage, inwieweit
sich die Natur dieser Möglichkeit bedient hat.
An dieser Stelle schlage ich vor, die angefarigene Klassifikation kog­
nitiver Strukturen abzubrechen. Wir verfügen über genügend Ebe­
nen, um vorwärts zu kommen. Sie werden im nächsten Abschnitt
die Grundlage für eine erste Charakterisierung des Zweck-Mittel-
Denkens abgeben.
Doch bevor wir fortfahren, wird es sich lohnen, kurz innezuhal­
ten und zu bemerken, dass sich bereits auf diesen Anfangsebenen
der Begriff des >Triebs< als erstaunlich facettenreich erwiesen hat. In
einem gewissen Sinn ist ein Trieb eine primitive Version des Wunsches.
Ich werde in Abschnitt 4.v ein wenig mehr über die im Wunsch hin­
zukommenden Elemente sagen. Aber schon bevor wir zur verfeinerte-
ren Ebene der Wünsche gelangen, zeigen sich Triebe als etwas, das
über verwirrend viele Facetten verfügt. A u f der primitiven Ebene 1,
auf der sich bedürfnisregistrierende Triebe nicht wirklich von Z u ­
ständen unterscheiden, die Umweltbedingungen registrieren, signali­
sieren Triebe einfach die momentane Angemessenheit bestimmter
Verhaltensweisen. Wenn Triebe auf der Ebene 2 erst einmal als Regis­
trierungen weniger von Bedingungen als vielmehr von Bedürfnissen
unterscheidbar werden, dann erhalten sie die Funktion, Verhaltens­
weisen auszulösen, die jene Bedürfnisse innerhalb der momentanen
Bedingungen befriedigen. Eine weitere, für die Ebene 3 charakteris­
tische Rolle besteht darin, mit anderen Trieben zu konkurrieren,
wenn diese Triebe unvereinbare Verhaltensweisen hervorrufen. Man
beachte, dass die Rolle der Ebene 2 jene der Ebene 3 nicht zwingend
nach sich zieht: Wir können uns ein Lebewesen - wie Buridans Esel -
vorstellen, das zuverlässig funktioniert, wenn nur ein Trieb aktiv ist,
angesichts von mehreren Trieben aber wie gelähmt ist. Realistischer
ausgedrückt: W ir können uns Lebewesen vorstellen, die die Konkur­
renz zwischen Trieben auf arbiträre, nicht-funktionale Art und Weise
lösen. A u f der Ebene 4 schließlich finden wir Triebe, die noch eine
weitere Rolle spielen; sie verstärken Verhaltensweisen, die zur Re­
duktion von Trieben führen (was jedoch, wie gesagt, nur bei Trieben

253
funktioniert, deren Erfüllung natürlicherweise zu ihrer Auslöschung
führt). Wiederum ziehen die niederstufigeren Rollen nicht zwingend
die Rolle der Ebene 4 nach sich, denn die niederen Rollen können bei
Lebewesen vorhanden sein, die überhaupt nicht lernen.
A u f den ersten Blick kann der Begriff des Triebs als recht einfach
erscheinen. Aber es stellt sich heraus, dass er eine ganze Reihe von
Merkmalen beinhaltet, die voneinander getrennt werden können
und bei realen Tieren nicht immer zusammen angetroffen werden.5

3. Allgemeines Wissen

Jetzt wollen wir unsere Aufmerksamkeit einem auffälligen Merkmal


der Lebewesen auf den Ebenen o bis 4 zuwenden (ich nenne sie von
nun an >einfache Lebewesen<). Nirgends repräsentieren diese Lebe­
wesen explizit allgemeine Informationen der Form »alle As oder Bs«
oder generische, kausale Informationen von der Art »As verursachen
Bs« oder gar konditionale Informationen über gegenwärtige Um-
5 Diese Art Komplexität erzeugt eine Unsicherheit darüber, welches der genaue Gehalt
ist, den Triebe repräsentieren. Auch wenn es uns gelänge, Triebe als etwas Eigenstän­
diges von rein informierenden Zuständen zu unterscheiden (wie wir es bei Ebene 2
diskutiert haben), würde dies noch nichts darüber sagen, auf welche spezifischen
Objekte Triebe zielen. Vielleicht sollten wir sie als etwas betrachten, das auf alle
je spezifischen Verhaltensweisen gerichtet ist, die von den Trieben in Gang gesetzt
werden (Fütterungsverhalten etwa); oder vielleicht besteht ihr Gehalt in den spezi­
fischen Ergebnissen, zu deren Erreichen sie angelegt sind (Nahrungsaufnahme et­
wa); oder vielleicht repräsentieren sie trotz allem möglicherweise die unterschied­
lichen Wirkungen, die damit verbundenes Verhalten verstärken (wie die Erhöhung
des Blutzuckers). Ich selbst würde die zweite Antwort bevorzugen. Es geht um das
spezifische Ergebnis; dies zu erreichen, ist der Trieb angelegt —vorausgesetzt, dass
dies die grundlegendste Funktion aller zutreffend als Trieb klassifizierten Zustände
ist. Doch die Begründung für die Zuschreibung spezifischer Gehalte ist nicht nur
für motivierende Zustände wie Triebe eine unübersichtliche Sache, sondern auch
für informierende Zustände. Im Folgenden ziele ich nicht ausdrücklich auf eine
Rechtfertigung solch spezifischer Zuschreibungen ab. Für jene Leser und Leserin­
nen, denen im Hinblick auf diese lockere repräsentierende Sprechweise mulmig
zumute ist, kann ich nur wiederholen, dass es stets mein Ziel ist, meine repräsentie­
renden Zuschreibungen in expliziten Spezifikationen des kognitiven Designs zu
gründen. (Mein Aufsatz »Teleosemantics and Indeterminacy«, Australasian Jo u rn al
ofPhilosophy j6 [1998] S. 1-14 , bietet einen Ansatz zur Bestimmung mentalen Ge­
halts, der von der Interaktion informierender und motivierender Zustände - sobald
sich deren Rollen erst einmal ausdifferenziert haben —abhängig ist.)

254
stände wie »Wenn A auftritt, dann wird auch B auftreten«. In Überein­
stimmung damit und als eine erste Annäherung möchte ich nun fest­
legen, dass unter Zweck-Mittel-Denken der Gebrauch dieser Art
von allgemeiner und handlungsleitender Information verstanden wer­
den soll.6 Diese erste Definition des Zweck-Mittel-Denkens wird bald
einer signifikanten Verfeinerung und Einschränkung bedürfen, doch
sie genügt für den Anfang.
Man beachte, dass ich das Zweck-Mittel-Denken im Sinne des Ge­
brauchs allgem einer handlungsleitender Information definiert habe
und nicht durch den Gebrauch irgendeiner Information. Denn sogar
einfache Lebewesen gebrauchen ganz klar bestimmte Informatio­
nen über ihre Umstände, um ihr Verhalten zu leiten. Von der Ebene
i an aufwärts verfügen sie über Zustände, deren Funktion darin
liegt, bestimmte Merkmale ihrer Umwelt zu repräsentieren. Dennoch
repräsentiert kein einfacher Organismus explizit allgemeine Tatsa­
chen. Es ist eine Sache, den Standort eines bestimmten Teichs, eines
Apfels oder Löwen repräsentieren zu können. Die Repräsentation,
dass in Teichen Wasser ist, dass Äpfel eine Nahrungsquelle oder Lö­
wen schlecht für die Gesundheit sind, ist eine ganz andere Sache.
Dieser letzte Punkt bedeutet, dass wir die Frage danach, welche
Tiere über das Zweck-Mittel-Denken verfügen, nicht mit der viel­
leicht eher vertrauten Frage gleichsetzen können, welche Tiere zu
denjenigen gezählt werden können, die Überzeugungen haben. Denn
die Frage dreht sich nicht darum, ob Tiere überhaupt die Fähigkeit
haben, Informationen explizit zu repräsentieren, sondern darum, ob
sie die Fähigkeit haben, allgemeine Information explizit zu reprä­
sentieren. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass Tiere —gewiss
von der Ebene 2 an aufwärts - bestimmte Überzeugungen zu be­
stimmten Umstände haben. Gemäß meiner Definition zeichnet sie
das aber nicht als Zweck-Mittel-Denker aus, vorausgesetzt, ihnen feh­
len Überzeugungen zu allgemeinen Dingen.
Es gibt noch einen weiteren, eher allgemeinen Grund dafür, dass
ich meine Frage nach dem Zweck-Mittel-Denken nicht in den Be-
grifflichkeiten des Besitzes von Überzeugungen stellen möchte. Zahl­

6 Es gibt philosophische Kontexte, in denen es wichtig ist, zwischen Verallgemeine­


rungen, generischen kausalen Behauptungen und partikularen konditionalen Be­
hauptungen zu unterscheiden. Für den gegenwärtigen Zweck jedoch geht nichts ver­
loren, wenn wir sie unter der Überschrift »allgemeine Information« in einen Topf
werfen.

*55
reiche Philosophen, besonders D. Dennett,7 wählen einen »interpre-
tationistischen« Zugang für die Zuschreibung von Überzeugungen.
Dennett ist der Ansicht, dass die Zuweisung von Überzeugungen
der »intentionalen Einstellung« (intentional stance) - im Gegensatz
zur »Design-Einstellung« (,design stance) - verpflichtet ist und dass
solche Zuweisungen gerechtfertigt sind, wenn sie helfen, ein Verhal­
ten verständlich zu machen - selbst wenn es nichts gibt, das mit der
zugewiesenen Überzeügung in den kausalen Funktionsweisen des Or­
ganismus übereinstimmt. Aus dieser Perspektive können sogar sehr
einfache Lebewesen nicht nur Überzeugungen hinsichtlich bestimm­
ter Umstände haben (hier ist ein Teich, ein Apfel, ein Löwe), sondern
zugleich auch allgemeine Überzeugungen (etwa, dass Teiche Wasser
enthalten). Man kann nämlich argumentieren, dass sogar, das Verhal­
ten einfacher Lebewesen durch diese Überzeugung auf nützliche
Weise rationalisiert werden kann, auch wenn sich nichts bei diesen
Tieren findet, das diese Information explizit repräsentiert.
Glücklicherweise können wir diese weitgehend terminologische
Frage nach der Bedeutung von >Überzeugung< übergehen. Nehmen
wir an, ich gestehe Dennett um des Arguments willen zu, dass so­
gar einfache Lebewesen allgemeine »Überzeugungen« in diesem
Sinn haben können. Daraus folgt in keiner Weise, dass sie über ein
Zweck-Mittel-Denken in meinem Sinn verfügen. Denn ich habe
das Zweck-Mittel-Denken nicht in den Begrifflichkeiten allgemei­
ner »Überzeugungen« definiert, sondern in den Begrifflichkeiten
des Designs: als eine Sache des Gebrauchs allgemeiner Repräsenta­
tionen, um Verhalten zu leiten. Was auch immer man über die Bedeu­
tung von >Überzeugung< denken mag, es bleibt eine grundlegende
Frage übrig: Welche Lebewesen gebrauchen allgemeine Repräsenta­
tionen tatsächlich auf diese Art und Weise? Im Folgenden möchte
ich Unklarheiten aus dem Weg gehen, indem ich die Rede von >Über-
zeugungen< auch weiterhin vermeide.
Einige Leser und Leserinnen werden sich an dieser Stelle fragen,
warum ich mir nach eigenem Ermessen so sicher bin, dass einfache
Lebewesen keine allgemeinen Repräsentationen gebrauchen, um ihr
Verhalten zu leiten. Sind nicht gerade allgemeine Repräsentationen

7 D. Dennett, Brainstorms. Philosophical Essays on M in d and Psychology, Brighton:


Härtester Press 1985; id., The Intentional Stance, Cambridge (Mass.): MIT Press
1987. [Vgl. D. Dennett, »Intentionale Systeme«, in: Analytische Philosophie des Geis­
tes, hrsg. von P. Bieri, Königstein: Anton Hain 1981, S. 162-183.]

256
in einem gewissen Sinn in den Verhaltensdispositionen dieser Lebe­
wesen verkörpert? Nehmen wir nur ein Tier, das dazu disponiert ist,
aus Teichen zu trinken, wenn es durstig ist, eben weil sich dies in
seiner individuellen Vergangenheit oder in der Vergangenheit seiner
Vorfahren als ein wirkungsvoller Weg erwiesen hat, um an Wasser
zu gelangen. In diesem Fall ist es anscheinend vernünftig zu sagen
(besonders für diejenigen, die, wie ich selbst, eine selektionistische
Sichtweise auf semantische Fragen bevorzugen), dass diese Disposi­
tion - die das Verhalten des Tiers gewiss leitet —die Tatsache reprä­
sentiert, dass das Trinken aus Teichen Wasser liefert. Schließlich hat
das Tier jetzt diese Disposition genau deshalb, weil dieses Verhalten
ebenjenes Ergebnis in der Vergangenheit erzielt hat. Dementspre­
chend erfüllt diese Disposition ihre biologische Funktion genau des­
halb, weil - wie in unserem Fall - Trinken Wasser liefert. Sollten
wir daher diese Disposition selbst nicht als Verkörperung der allgemei­
nen Information betrachten, dass das Trinken aus Teichen Wasser lie­
fert?
Gerade solche Gehaltszuschreibungen möchte ich nicht bestrei­
ten. Ich lasse es gerne zu, dass diese Art von Disposition Informatio­
nen über die allgemeine »Verknüpfung-von-Reaktion-mit-Resultat«
(B & T, V ^ R) verkörpert; sie ist dafür verantwortlich, dass die Dis­
position überhaupt dauerhaft wirken konnte.
Wenn ich also dieses Zugeständnis mache, muss ich die Definition
des Zweck-Mittel-Denkens enger fassen, wenn es eine Art des Den­
kens definieren soll, die für einfache Lebewesen nicht verfügbar ist.
In meiner Ausgangsdefinition des Zweck-Mittel-Denkens habe ich
mich auf die explizite Repräsentation allgemeiner Information be­
zogen. Vielleicht kann ich etwas aus dieser Formulierung herausho­
len und darlegen, dass allgemeine Informationen durch Flandlungs-
dispositionen nur im plizit, nicht explizit, repräsentiert werden. Wenn
das Zweck-Mittel-Denken explizite Repräsentationen spezifisch er­
fordert und bloße Verhaltensdispositionen diesem Erfordernis nicht
nachkommen, dann folgt daraus nicht mehr, dass einfache Lebewe­
sen automatisch als Zweck-Mittel-Denker gelten können.
Ein Weg zur Entfaltung dieses Gedankens bestünde in der These,
dass echte explizite Repräsentationen eine Art satzähnliches Vehikel,
einen artikulierten körperlichen Zustand, benötigen, dem wir einen
Gehalt zuschreiben können. A u f diese Weise wäre die Repräsenta­
tion bestimmter Tatsachen —die ebenfalls bestimmte Modifikationen

257
sensorischer Prozessoren umfassen würde — bei einfachen Organis­
men explizit. Aber die vermeintlichen, in Verhaltensdispositionen ver­
packten Repräsentationen würden nach dieser Maßgabe ausschei-
den - so würde dieser Gedanke laufen denn solche Dispositionen
verfügen nicht über jene körperliche Greifbarkeit, die für vollkom­
men explizite Repräsentationen erforderlich ist.
Ich denke jedoch nicht, dass dieser Gedankengang viel Substanz
hat. Denn schließlich müssen Verhaltensdispositionen irgendeine Art
physischer Verkörperung haben. Ein Tier, das dazu disponiert ist,
aus Teichen zu trinken, muss sich auf substantielle kausale Art und
Weise von einem Tier unterscheiden, das dies noch nicht gelernt
hat. Warum also lässt man diesen realen Unterschied - worin auch
immer er bestehen mag - nicht als Vehikel für den Gedanken »Aus
Teichen trinken liefert Wasser« fungieren? Darüber hinaus wird die­
ses Vehikel - was auch immer es sein mag - für die Verhaltenserzeu­
gung mit der Repräsentation von Bedürfnissen und Bedingungen an­
gemessen interagieren. Das Tier wird nur aus dem Teich trinken,
wenn sich dieses Vehikel (von dem wir annehmen, dass es »Aus Tei­
chen trinken liefert Wasser« repräsentiert) auf angemessene Weise
an die Zustände bindet, die das Bedürfnis nach Wasser bzw. die Ge­
genwart des Teichs repräsentieren, und zwar gemäß dem klassischen
praktischen Syllogismus. Alles in allem also scheint es keinen Grund
dafür zu geben, eine Disposition nicht als vollkommen expliziten Re­
präsentanten zu betrachten: Sie muss eine physische Verkörperung ha­
ben, und darüber hinaus muss diese Verkörperung mit anderen, nicht
gegenläufigen Repräsentanten so Zusammenarbeiten, wie es ihrem
mutmaßlichen Gehalt angemessen ist.
Dennoch gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit, weshalb
es solchen mutmaßlichen dispositionsbezogenen Repräsentanten all­
gemeiner Information nicht gelingt, hinreichend explizit zu sein. In
vertrauteren Fällen können allgemeine Repräsentationen so miteinan­
der kombiniert werden, dass sie neue allgemeine Repräsentationen
liefern. Wir können »Täler enthalten Teiche« und »Teiche enthalten
Wasser« nehmen, um daraus »Täler enthalten Wasser« zu bilden. Bei
einfachen Lebewesen gibt es nichts, das so etwas gestatten würde.
Ihre Verhaltensdispositionen mögen allgemeine Informationen ver­
körpern, doch sie verfügen über kein System, das diese einzelnen Teile
allgemeiner Information verarbeitet und neue allgemeine Informatio­
nen hervorbringt. Wie im letzten Absatz dargestellt, interagieren diese

258
dispositionsbezogenen Repräsentanten höchstens mit einzelnen Infor­
mationen (»Hier ist ein Teich«) und Trieben (»Wasser wird benötigt«),
um - wie im bekannten praktischen Syllogismus - bestimmte Verhal­
tensweisen hervorzubringen.
Um den Punkt zu veranschaulichen, kann man sich ein einfaches
Lebewesen vorstellen, das in einer Verhaltensdisposition implizit über
eine Information der Art Diesen Baum schütteln bringt Früchte ver­
fügt und in einer anderen implizit über eine Information wie Werfen
von Gegenständen in der Größe von Äpfeln vertreibt Bären. Handelt es
sich um ein einfaches Lebewesen, wird es keine Möglichkeit finden,
diese beiden so zusammenzufügen, dass es auf die kluge Idee verfällt:
Wenn ein B är in der Nähe umherschleicht und gerade keine Wurf­
geschosse zur H and sind, kann man einen Baum schütteln. Natürlich
kann diese Information selbst in einer Disposition verkörpert werden,
wenn die natürliche Selektion oder das Lernen eine spezifische Dis­
position dafür eingibt, Bäume zu schütteln und die dabei herabfallen­
den Früchte zu werfen, wenn Bären in der Nähe sind. Doch der allge­
meine Punkt trifft immer noch zu: Während der Organismus implizit
über unterschiedliche Stückchen allgemeiner Information in seinen
verschiedenen Verhaltensdispositionen verfügt, hat er jedoch noch im­
mer kein System, diese zu kombinieren und zu gebrauchen, um da­
raus den Wert von Verhaltensweisen abzuleiten, die nicht schon durch
seine kognitive Architektur gesteuert werden.
Dies stellt eine außerordentlich bedeutsame Einschränkung dar.
Denn das heißt, dass einfache Lebewesen niemals dazu imstande
sein werden, Verhaltensweisen auszuführen, die sie oder ihre Vorfah­
ren nicht bereits erfolgreich in der Vergangenheit ausgeführt haben.
Es handelt sich dabei um Verhaltensweisen, die entweder im Verlaufe
der individuellen Ontogenese durch psychische Belohnung verstärkt
oder aufgrund ihres Reproduktionserfolgs in der Phylogenese der Vor­
fahren selektiert worden sind. Die einzigen Teile allgemeiner Infor­
mation, die in die praktischen Syllogismen einfacher Lebewesen ein-
gehen können, haben sozusagen die Form: »Bei B und T, V führt zu
R.« Dabei ist V ein zuvor schon ausgeführtes Verhalten (in B und T)
und R das Resultat, dessen Erfolg in der Vergangenheit ontogenetisch
oder phylogenetisch zur gegenwärtigen Disposition, V zu tun (ge­
geben B und T), geführt hat. Es gibt für sie keine Möglichkeit, aus an­
deren Einzelteilen allgemeiner Information abzuleiten, dass ein V zu
einem R in B und T führen wird und dementsprechend zu handeln.

259
Sie sind darauf beschränkt, nach Verknüpfungen der Form »B & T,
V —» R« zu handeln, die sie oder ihre Vorfahren selbst ausgeführt ha­
ben.
Lassen Sie mich nun festhalten: Das Zweck-Mittel-Denken erfor­
dert die explizite Repräsentation allgemeiner Information in dem spe­
zifischen Sinn, dass diese Inform ation so verarbeitet werden kann., dass
sie neue Einzelteile allgem einer Inform ation liefert. Ob nun die Verhal­
tensdispositionen einfacher Lebewesen einen expliziten allgemeinen
Gehalt in einem anderen Sinn tragen oder nicht, sie befriedigen dieses
Erfordernis nicht, denn einfache Lebewesen können ihre Verhaltens­
dispositionen nicht so kombinieren, dass sie neue Dispositionen er­
zeugen können. Deswegen können einfache Lebewesen keine neuar­
tigen Handlungen ausführen. Tatsächlich habe ich nun das Zweck-
Mittel-Denken als die Fähigkeit definiert, neuartige Handlungen aus­
zuführen. (Der hier erforderliche Begriff der Neuartigkeit verdient
weitere Diskussion. Ich werde in Abschnitt 4.1 darauf zurückkom­
men.)
Ausgehend von dieser Definition befinden wir uns jetzt endlich
in der Lage, die Bedeutung des Zweck-Mittel-Denkens für die Evo­
lution höherer Kognition betrachten zu können. Damit wir dieses
Thema genau in den Blick nehmen können, möchte ich die starke
Hypothese aufstellen, dass das Zweck-Mittel-Denken im soeben fest­
gelegten Sinn eine biologische Anpassung ist, die menschlichen We­
sen eigentümlich ist. Dieser Aufsatz wird sicher keine durchschla­
gende Verteidigung dieser Hypothese leisten können, und tatsächlich
werden sich im weiteren Verlauf mehrere Modifikationen als not­
wendig erweisen. Dennoch wird sie einen nützlichen Aufhänger für
die Diskussion abgeben.
Im Rest dieses Aufsatzes werde ich zwei Einwände gegen die Be­
hauptung, das Zweck-Mittel-Denken sei eine fiir menschliche Wesen
eigentümliche biologische Anpassung, ins Auge fassen.
Erstens gibt es diejenigen, die denken, dass das Zweck-Mittel-Den­
ken zu einfach und deshalb im Tierreich weit verbreitet sei. Dagegen
werde ich im nächsten Abschnitt argumentieren, dass nicht-mensch­
liche Lebewesen auf viele verschiedene Arten und Weisen gewitzt
und raffiniert sind; aber es gibt keinen überzeugenden Grund dafür,
sie des Zweck-Mittel-Denkens im Besonderen für fähig zu halten.
Zweitens gibt es diejenigen, die denken, dass das Zweck-Mittel-
Denken zu schwierig und deshalb kein wesentlicher Bestandteil un­

260
seres evolutionären Erbes sei. In dieser Sichtweise sind keine der
menschlichen Eigenschaften deswegen biologisch selektiert worden,
w eil sie das Zweck-Mittel-Denken gefördert haben. Eher handelt es
sich beim Zweck-Mittel-Denken einfach um eine nicht-biologische
Spandrille;8 sie ist aus anderen spezifischen Fähigkeiten hervorge­
gangen, die die Evolution den Menschen vererbt hat. Dagegen werde
ich im übernächsten Abschnitt argumentieren, dass Standarderklä­
rungen dieser Form nicht funktionieren und dass es jedenfalls allge­
meine Gründe dafür gibt, weshalb das Gewicht des Zweck-Mittel-
Denkens nicht von einer Spandrille getragen werden kann.

4. Nicht-menschliches Raffinement

Ich vermute, dass viele Leser und Leserinnen, die die kognitive Re­
volution in der Psychologie durchlebt haben, im Verlauf der Analyse
der beiden vorhergegangenen Abschnitte zunehmend ungeduldiger
geworden sind. Wissen wir denn heute nicht, dass die meisten Tiere
viel zu raffiniert, viel zu verfeinert sind, um in den Begrifflichkeiten
von simplen Verknüpfungen zwischen stimulierenden Bs, antreiben­
den Ts und reaktiven Vs verstanden zu werden? A u f diese Weise ver­
suchten die Ur-Behavioristen und ihre verschiedenen neo-behavio-

8 Vgl. S. J. Gould und R. C. Lewontin, »The Spandrels o f San Marco and the Panglos-
sian Paradigm. A Critique o f the Adaptationist Programme«, Proceedings ofthe Royal
Society o f London 205 (1979), S. 581-598. [A. d.Ü: >Spandrille< ist ursprünglich ein
Begriff aus der Architektur. Dort ist eine Spandrille ein meist auf einer Spitze stehen­
des Zierdreieck (ein Zwickel) zwischen einem (Fenster-) Bogen und dessen recht­
winkliger Einfassung. Gould und Lewontin haben diesen Begriff metaphorisch auf
die Evolutionstheorie angewendet. Wie es in der Bogenarchitektur nicht-funktio­
nale Elemente (beispielsweise eben Spandrillen) als Nebenprodukt architektonisch
funktionaler Elemente (beispielsweise der Bogen) gibt, kann es im evolutionären
Bauplan von Organismen nicht-funktionale Elemente geben, die keine unmittelba­
ren, adaptiven Funktionen haben und somit gleichfalls Nebenprodukte darstellen.
Dass es sich dabei um Nebenprodukte handelt, heißt jedoch keineswegs, dass sie
als solche nicht eine wichtige Funktion übernehmen können. Es handelt sich dann
aber nicht mehr um eine adaptive, biologische Funktion. Gould und Lewontin rich­
ten diese Überlegungen gegen den Adaptionismus, der jedes Merkmal eines Organis­
mus als adaptiv-funktional betrachtet: Ein Merkmal existiert, weil es diese und jene
Funktion erfüllt. Diese unter Evolutionstheoretikern verbreitete Haltung wird von
Gould und Lewontin als >Panglossianismus< bezeichnet. Vgl. dazu in diesem Band
die A. d. Ü. im Text von Dennett, S. 395.]
ristischen Nachfolger Tiere zu verstehen. Aber sicher begreifen wir
heutzutage (so der Gedankengang), dass Tiere sehr viel komplizierter
sind. Tiere sind mit einer großen Anzahl kognitiver Vorrichtungen ge­
segnet, die sie dazu befähigen, mit ihrer Umwelt zurechtzukommen,
indem sie raffinierte Reaktionen auf die jeweiligen Umstände in Echt­
zeit zustande bringen. Daraus ergibt sich, dass Tiere eine große An­
zahl von Verhaltensweisen in ihrem Repertoire haben, die sich ganz
offensichtlich nicht auf behavioristischer Grundlage erklären lassen
und die ganz klar Grade der Verhaltenskontrolle zeigen, die für die
im letzten Abschnitt diskutierten simplen Geschöpfe unerreichbar
sind.
Als Erstes ist darauf hinzuweisen, dass nichts in meiner bisherigen
Analyse mich auf einen Behaviorismus gegenüber einfachen Lebe­
wesen festlegt. Ich habe die Sache wohl in Ausdrücken von Bs, Ts
und Vs schematisiert, doch das allein überführt mich kaum des Den­
kens in behavioristischen Kategorien. Schon ein kurzes Nachden­
ken wird in der Tat deutlich machen, dass es eine Reihe von Wegen
gibt, auf denen meine einfachen Lebewesen die behavioristischen Ein­
schränkungen hinter sich lassen können.
Der Behaviorismus ist der Ansicht, dass die Tiere alle Handlungs­
dispositionen (alle »B, T -> V«-Verknüpfungen) durch allgemeine
Lernmechanismen aufnehmen, die im Bereich von Wahrnehmungs-
Inputs und Verhaltens-Outputs operieren. Nichts in meiner Analyse
einfacher Lebewesen legt mich auf eine derartige Pauschalansicht
hinsichtlich der Quellen von Input-Output-Verknüpfungen fest. Es
trifft zu, dass ich auf Ebene 4 die Möglichkeit des Lernens durch
instrumenteile Konditionierung zugelassen habe. Aber das bedeutet
nicht, dass einfache Tiere nicht auch strukturierte, »fest verdrah­
tete« Input-Output-Verknüpfungen haben können, die nicht von
Lernprozessen herrühren. Schließlich müssen Input-Output-Ver­
knüpfungen bei Lebewesen unterhalb der Ebene 4 »fest verdrahtet«
sein; und selbst auf Ebene 4 können neben erlernten auch »fest ver­
drahtete« Verknüpfungen existieren. Darüber hinaus impliziert nichts
von dem, was ich über einfache Lebewesen gesagt habe, dass ins-
trumentelles Lernen auf Ebene 4 von »gehaltfreien« Mechanismen
herrühren muss, die gleichermaßen für die Verknüpfung aller mög­
lichen Wahrnehmungs-Inputs mit allen möglichen Verhaltens-Out­
puts zuständig sind. Instrumentelles Lernen kann stark beschränkt
sein, mit einem nur eingeschränkten Spielraum von Input-Output-

262
Kanälen, die der Formung durch individuelle Erfahrung zugänglich
sind.
Ähnliches trifft auf die Inputs und Outputs selbst zu. Der Behavio­
rismus geht von minimal strukturierten Räumen sinnlicher Qualitä­
ten als Inputs und von Verhaltensatomen als Outputs aus. Doch
nichts legt mich auf dieses streng empiristische Bild der Dinge fest.
Es trifft zu, dass ich im zweiten Abschnitt von einer gewissen Unter­
scheidung zwischen Wahrnehmungs-Inputs und Verhaltens-Out­
puts ausgegangen bin (und ich werde mich zu dieser Unterscheidung
in Abschnitt 4.1 äußern). Doch darüber hinaus habe ich nichts ge­
sagt, das implizieren würde, dass Inputs und Outputs einfach oder
unstrukturiert sein müssen. Damit habe ich offen gelassen, ob einfa­
che Lebewesen vielleicht hoch strukturierte, fest verdrahtete Input-
Vorrichtungen (Wahrnehmungs-»Module«, wenn man so will) und
stark strukturierte, fest verdrahtete Output-Vorrichtungen (Verhal-
tens-»Module«) haben.9
Um es zu wiederholen: Nichts in meiner Analyse legt mich auf
einen Behaviorismus gegenüber einfachen Lebewesen fest. Diese Klar­
stellung wird nun aber bei einem eingeschworenen Kognitivisten
wahrscheinlich die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen: »In Ord­
nung - ich verstehe: Wenn Sie davon sprechen, dass nicht-mensch­
liche Lebewesen >einfach< sind, meinen Sie nicht, dass sie behavio-
ristische Einfaltspinsel sind. Sie geben zu, dass sowohl deren Input-
und Output-Module als auch die Verknüpfungen dazwischen stark
strukturiert sein können. Doch warum bei diesem Zugeständnis
stehen bleiben? Warum den Tieren nicht ebenso das Zweck-Mittel-
Denken zugestehen? Wenn Sie zugestehen, dass sie die mentalen Res­
sourcen für eine raffinierte Analyse sensorischer Reize und für eine
verfeinerte Verhaltenskontrolle haben, warum daran zweifeln, dass
9 Wenn ich im Folgenden von >Modulen< spreche, dann lediglich als stilistische Varian­
te für >Mechanismus< oder >System<. Meiner Ansicht nach ist die technische Vorstel­
lung eines >Moduls< ein theoretischer Wirrwarr. Fodor hat ursprünglich eine Reihe
notwendiger Bedingungen für Modularität festgelegt, aber er hat uns nicht gesagt,
wie wir die vielen interessanten Typen kognitiver Mechanismen nennen sollen,
die einige dieser Kriterien erfüllen, andere aber nicht. Darüber hinaus hat sich he­
rausgestellt, dass einige dieser Kriterien selbst eine Anzahl verschiedenartiger und
unvereinbarer Anforderungen mit sich bringen: »fest verdrahtet« [hard-wired], »be­
reichsspezifisch« [domain-specific] und »bezüglich der Information abgeschlossen«
[informationally encapsulated], haben sich unter diesem Aspekt als besonders pro­
blematisch erwiesen.

263
sie nicht auch die besten Mittel für ihre Zwecke »ausknobeln« kön­
nen? Denn schließlich liegt es auf der Hand, dass viele der spezialisier­
ten Wahrnehmungs- und Verhaltenssysteme bei Tieren - wie etwa Ge­
sichtswahrnehmung oder Orientierung — komplexer Berechnungen
bei der Repräsentationsverarbeitung bedürfen. Da es sich dabei offen­
bar genau um jene Verarbeitungsprozesse handelt, die für das Zweck-
Mittel-Denken erforderlich sind, wäre es —gelinde gesagt —erstaun­
lich, wenn die Evolution diese Verarbeitungsprozesse bei Tieren nicht
in den Dienst des Zweck-Mittel-Denkens gestellt hätte. Hat man es
erst einmal, ist das Zweck-Mittel-Denken offenbar ein sehr wirkungs­
volles Werkzeug der Anpassung. Wenn die Materialien für einen sol­
chen Zweck-Mittel-Denker sozusagen zur Hand sind, dann kön­
nen wir mit Sicherheit erwarten, dass die Evolution sich ihrer just
zu diesem Zweck bedient hat.«
Dieser Gedankengang ist jedoch alles andere als überzeugend. Die
Evolution führt nur solche Merkmale herbei, die einen selektiven Vor­
teil bereit stellen; und es ist nicht unmittelbar ersichtlich, welcher
selektive Vorteil den meisten Tieren aus einem dem Zweck-Mittel-
Denken gewidmeten Berechnungsprozessor - einer Art »Theorem-
Bestätiger« - erwachsen sollte.
Man beachte in diesem Zusammenhang, dass einfache Lebewesen,
wie ich sie mir denke, trotz fehlendem Zweck-Mittel-Denken mit
Sicherheit über eine breite Palette an raffinierten Verhaltensweisen
verfügen. Nichts hindert diese Geschöpfe daran, für die vertracktes­
ten Merkmale ihrer Umwelt empfänglich zu sein und unter der An­
leitung der dabei gewonnenen Informationen äußerst komplexen
Routinen nachzugehen. Ihre kognitiven Mechanismen können so­
wohl in ihren Input- und Output-Modulen als auch in den dazwi­
schen liegenden Verknüpfungen hoch strukturiert sein. Alles, was
ihnen fehlt, ist ein System mit dem Zweck, einzelne Teile allgemeiner
Information zusammenzusetzen, um daraus weitere allgemeine Fol­
gerungen zu ziehen.
Es lohnt sich vielleicht zu betonen, dass Input- und Output-Sys­
teme, wie ich sie mir vorstelle, tatsächlich sehr komplex sein können.
Ein von mir bislang noch nicht explizit formulierter Gedanke besteht
darin, dass das Lernen sowohl innerhalb als auch zwischen periphe­
ren Wahrnehmungssystemen stattfinden kann. Somit kann es Wahr­
nehmungssysteme mit der während der individuellen Entwicklung
erworbenen Fähigkeit geben, Tiere oder Pflanzen, Autos oder Flug­

264
zeuge, individuelle Gesichter oder Gangarten, musikalische Kompo­
sitionen oder das Fehlen einer Bauernfront im Abwehrzentrum zu
erkennen. Desgleichen kann es Verhaltenssysteme geben, die sich
die Fähigkeit aneignen, eine Vorhand zu spielen, mit Zehn zu multi­
plizieren, belegte Brötchen zu schmieren, zur Arbeit zu fahren oder
sich zu entschuldigen.
Weitere Komplexitätsgrade sind möglich. A u f der Seite des Inputs
könnten einige Wahrnehmungssysteme Informationen von anderen
empfangen; andere könnten ihre Funde in Erinnerungsspeichern
ablegen. Das würde einer Information über bestimmte Umstände
auch über eine zeitliche Distanz hinweg erlauben, Flandlungen zu
lenken. A u f der Seite des Outputs könnte die Ausübung von Ver­
haltensroutinen durch Informationsressourcen, die aus speziellen In­
formationskanälen stammen, in Echtzeit gelenkt werden. Darüber
hinaus könnten Verhaltensroutinen miteinander verschränkt werden,
wobei kompliziertere aus einfachen Modulen entstünden.
Alle diese Raffinements bei einfachen Tieren untergraben den Ge­
danken, dass es bereits seit dem Frühstadium der evolutionären Ge­
schichte von einfachen Tieren einen starken Selektionsdruck zuguns­
ten des Zweck-Mittel-Denkens gegeben haben muss. Warum sollten
sich einfache Tiere dem selektiven Nachteil der Konstruktion eines
kostspieligen »Theorem-Bestätigers« ausgesetzt haben, wenn sie be­
reits dazu imstande waren, auf intelligente Art und Weise mit allen
möglichen Umständen, die ihnen in ihren Umwelten begegneten, zu­
rechtzukommen ?
An dieser Stelle kann leicht ein neuer Vorbehalt gegenüber meiner
Argumentation entstehen. Wenn ich all das in die einfachen Lebe­
wesen hineinpacke, besteht dann nicht die Gefahr, dass schon die
einfachen Lebewesen das Zweck-Mittel-Denken in dem von mir de­
finierten Sinn praktizieren? Sie werden wohl kaum einen abschließen­
den »Theorem-Bestätiger« —eine spezifische Vorrichtung, die satzarti­
ge Prämissen aufnimmt und aus ihnen mittels einer mechanischen
Umsetzung des Prädikatenkalküls entsprechende Schlussfolgerungen
ableitet - in ihrem K opf herumtragen. Aber wenn man von dem Maß
an kognitiver Struktur ausgeht, das ich ihnen zugestehe: würden sie
meine Anforderungen an das Zweck-Mittel-Denken nicht in jedem
Fall und auch ohne eine solche Vorrichtung erfüllen?
Im Rest dieses Abschnitts werde ich fünf verschiedene Möglich­
keiten betrachten, diese Herausforderung auszuformulieren, indem
ich verschiedene Arten kognitiven Raffinements untersuche, die sich
bei nicht-menschlicheti Lebewesen zweifellos finden. Ich sollte be­
reits an dieser Stelle zugeben, dass einige dieser Erwägungen zu signi­
fikanten Modifikationen meiner starken Hypothese über die nicht­
menschliche Einfachheit führen werden. Doch selbst wenn die mir
verbleibende Position nicht exakt jener ursprünglich vorgebrachten
starken Hypothese entspricht, so läuft sie immer noch auf eine sub­
stantielle Behauptung über die charakteristischen Fähigkeiten hinaus,
die Menschen zur Wahl ihrer Handlungen gebrauchen.

4.1 Modulare Kombinationen

Der erste Gedanke, den ich in Erwägung ziehen möchte, ist folgender:
Die kombinierten Operationen von unterschiedlichen Elementen in
einfachen kognitiven Systemen laufen von selbst auf ein Zweck-Mit-
tel-Denken in dem von mir definierten Sinn hinaus. Das trifft insbe­
sondere dann zu, wenn Input-Systeme (oder Output-Systeme) mit
Input-Output-Verknüpfungen kombiniert werden, um ein Verhalten
zu erzeugen.
Man erinnere sich, dass ich in Abschnitt 3 zugestanden habe, dass
es richtig sein kann, Verhaltensdispositionen als Verkörperungen allge­
meiner Informationen zu betrachten. Wenn ein durstiges Tier dazu
disponiert ist, aus Teichen zu trinken, weil dies in seiner individuellen
Vergangenheit oder in der Vergangenheit seiner Vorfahren zur Was­
seraufnahme geführt hat, dann habe ich mich damit einverstanden
erklärt, dass diese Disposition zu Recht so betrachtet werden kann,
dass sie die allgemeine Behauptung »Aus Teichen trinken liefert Was­
ser« repräsentiert.
Nun beachte man jedoch, dass etwas Ähnliches über Dispositio­
nen innerhalb von Wahrnehmungs-Input-Modulen gesagt werden
kann. Ein Beispiel: Ein Tier ist zum Urteil disponiert, dass sich ein
Teich vor ihm befindet, sobald es die retinale Reizung X empfängt.
Das ist ein Ergebnis der ontogenetischen oder phylogenetischen Se­
lektion: In seiner individuellen Vergangenheit oder in der seiner Vor­
fahren ergab sich genau dann ein verstärkendes Ergebnis, wenn das
Tier dieses Urteil unmittelbar nach einer solchen Reizung bildete. Soll
ich nun gleichfalls zugestehen, dass diese Wahrnehmungsdispositio­
nen die allgemeine Behauptung repräsentiert, dass die Reizung X
ein Indikator für Teiche ist?

266
In der Tat, ich räume das gerne ein. Nun folgt jedoch anscheinend,
dass ein Tier das Zweck-Mittel-Denken in meinem Sinn immer dann
praktiziert, wenn zwei seiner Dispositionen eine dritte — aus ihnen
abgeleitete — konstituieren: »Wenn durstig, trinke beim Empfang
der Reizung X!« Denn auf der Ebene der Repräsentation läuft diese
Ableitung auf die Kombination der allgemeinen Behauptungen »Rei­
zung X ist ein Indikator für Teiche« und »Aus Teichen trinken lie­
fert Wasser« hinaus, die die weitere allgemeine Behauptung erzeugt
»Trinken nach der Reizung X liefert Wasser«.
Man beachte insbesondere, dass ein Tier diese abgeleitete Dispo­
sition sehr wohl haben könnte, auch wenn auf die Reizung X plus
Trinken in seiner individuellen Vergangenheit oder in der seiner Vor­
fahren niemals Wasser gefolgt wäre. Setzen wir voraus, dass X-Rei-
zungen bislang den Urteilen über Teiche und dass (verschiedene) Ur­
teile über Teiche plus Trinken bislang dem Wasser vorausgegangen
wären: dann hätte die vergangene Erfahrung dem Tier sozusagen
die Prämissen gegeben, die zusammengenommen zur Ableitung der
hinsichtlich der Erfahrung neuartigen Schlussfolgerung führen, dass
auf die Reizung X plus Trinken dann Wasser folgt.
Etwas Ähnliches trifft auf Dispositionen zu, die sich innerhalb
von Verhaltens-Output-Modulen entwickeln. Nehmen wir an, ein
Tier hätte die Disposition, die spezifischen Bewegungen Y unter den
Umständen Z auszuführen, weil diese Handlung in seiner individuel­
len Vergangenheit oder in der Vergangenheit seiner Vorfahren das
Trinken aus Teichen konstituiert hat. Wie zuvor könnte diese Dis­
position so betrachtet werden, dass sie die Information verkörpert
»Unter den Umständen Z konstituieren bestimmte Bewegungen Y
das Trinken aus Teichen«. Nehmen wir weiter an, dass das Tier über
eine Input-Output-Disposition verfügt, die, wie zuvor, die allgemeine
Information »Aus Teichen trinken liefert Wasser« verkörpert. Wie­
derum würde eine Kombination dieser beiden Einzelinformationen
die hinsichtlich der Erfahrung neuartige Schlussfolgerung liefern
»Unter den Umständen Y werden bestimmte Bewegungen Z Wasser
liefern«.
Meine Antwort auf diesen Gedankengang lautet: Obwohl diese
abgeleiteten Dispositionen in einem gewissen Sinn hinsichtlich der
Erfahrung neuartig sein können, verbleibt dennoch ein anderer Sinn
von >Neuartigkeit<, der sich Menschen, nicht aber einfachen Lebewe­
sen eröffnet. Denn man beachte, dass in den soeben gegebenen Bei-
spielen kein Verhalten involviert ist, das aus der Perspektive der Wahr-
nehmungs- und Verhaltensklassifikationen des Lebewesens selbst neu­
artig wäre. Denn schließlich gehen wir von einem Tier aus, dessen
Wahrnehmungssystem verschiedene Reizungen zusammen als >Teiche<
klassifiziert, wenn es Informationen an andere kognitive Systeme sen­
det. A u f dieser Ebene also, der Ebene der Wahrnehmungsklassifikatio-
nen des Tieres, gibt es - ausgehend von Erfahrungen mit vorhergeh­
enden, wasserliefernden Teichen —nichts Neues an der Tatsache, dass
ein weiterer Teich Wasser liefert. A u f der Seite des Outputs muss eine
Handlung ebenso wenig allein deswegen als neuartig betrachtet wer­
den, weil sie mit einem einzelnen unterscheidbaren Bewegungsablauf
verbunden ist, bei dem es sich einfach um den einzelnen Fall eines
Verhaltenstyps handelt - wenn dieser Verhaltenstyp schon zuvor als
solcher durch die Kontrollmechanismen des Verhaltens ausgelöst wor­
den ist.
Lassen Sie mich nun jene Neuartigkeit bestimmen, die für echtes
Zweck-Mittel-Denken erforderlich ist: Es handelt sich um Neuartig­
keit relativ zur Struktur der Wahrnehmungs- und Verhaltens Systeme
eines Lebewesens. Echte Neuartigkeit erfordert neue Zuordnungen
innerhalb der einem Lebewesen eigenen Wahrnehmungs- und Verhal­
tenstypologie.
Einige Leser und Leserinnen werden sich denken, dass dies der Ty­
pologie eines Tiers allerhand zumutet. Das wirft weitreichende Fra­
gen auf, doch im gegenwärtigen Zusammenhang möchte ich einfach
feststellen, dass wir uns auf die Realität solcher Typologien bereits in
einem frühen Stadium festgelegt haben. Sobald wir nämlich Lebe­
wesen der Ebene 2 erreicht haben, Lebewesen mit spezialisierten In­
formationssystemen also, haben wir ein Repertoire von Wahrneh­
mungsurteilen unterstellt (wie »Hier ist ein Teich«), die ihre Identität
über die Interaktionen mit unterschiedlichen Trieben und Verhal­
tensweisen hinweg beibehalten. Und mit den »Lernern« der Ebene 4,
wenn nicht schon vorher, haben wir ein Repertoire von Reaktionen
unterstellt (wie »nähere dich«, »weiche zurück«, »iss«, »trink«), die ihre
Identität - über den Anstoß durch unterschiedliche Triebe und Wahr­
nehmungen hinweg — beibehalten. In Anbetracht dessen, dass ich
diese Klassifikationen früh eingeführt und darüber hinaus die M o­
tive dafür skizziert habe, ist es kein besonderes zFA/wc-Manöver, sie
nun für die Charakterisierung der »Neuartigkeit« des Verhaltens zu
gebrauchen.

268
4. ii In Stellung gehen

R. Millikan hat im Anschluss an R. Gallistel aufgezeigt,10 inwiefern


Reaktionen auf Bedingungen adaptiv sein können - nicht etwa weil
sie direkt zu vorteilhaften Resultaten führen, sondern weil sie ein Le­
bewesen wahrscheinlich mit weiteren Bedingungen konfrontieren,
die dann eine Reaktion hervorrufen, die zu einem vorteilhaften Re­
sultat führt (oder zu einer weiteren Bedingung, die dann eine Reak­
tion hervorruft, die das Lebewesen wahrscheinlich mit einer weiteren
Bedingung konfrontiert,. . . die schließlich eine Reaktion hervorrufen
wird, die zu einem vorteilhaften Resultat führt). Wenn beispielsweise
ein Vogel hungrig ist, wird er zum Fliegen getrieben und dann, wenn
er einen Obstbaum sieht, wird er getrieben, sich ihm zu nähern, und
dann, wenn er Obst sieht, getrieben, danach zu picken.
A u f den ersten Blick sieht dies wie das Zweck-Mittel-Denken mei­
ner Definition aus. Wenn der Vogel losfliegt, dann liegt der Sinn die­
ser Handlung darin, als Mittel zu fungieren, um einen Obstbaum zu
sehen und sich ihm zu nähern, was wiederum ein Mittel dafür ist,
Obst zu finden und zu fressen, was ein Mittel dafür ist, an Nahrung
zu gelangen.
Dennoch handelt es sich hier nicht um einen wirklichen Fall von
Zweck-Mittel-Denken in meinem Sinn. Denn eine derartig allge­
meine Tatsache, dass jener Vogelflug ein Mittel dafür ist, Obstbäume
zu finden, muss nirgends im Vogel repräsentiert werden. Nicht einmal
in jenem großzügigen Sinn, in dem, wie ich zugestanden habe, solche
Informationen durch Verhaltensdispositionen repräsentiert sein kön­
nen.
Um dies zu verstehen, braucht man nur Folgendes zu beachten:
Nach dem bislang Gesagten kann das Resultat, das dem Tier die Dis­
position beigebracht hat, bei Hunger zu fliegen, nur darin bestehen,
dass Fliegen in der Vergangenheit zu N ahrung geführt hat.11 In die-
10 Für R. Millikan vgl. »Some Different Ways to Think«, op. cit.; R. Gallistel, The
Organisation ofBehavior, Hillside: Earlbaum 1980.
1 1 Etwas anderes wäre es, wenn der Vogel in der Lage wäre, einen Wunsch nach rele­
vanten Mitteln, wie etwa dem Finden von Obstbäumen, zu erwerben, denn dann
könnte ein Annäherungsverhalten wie das Fliegen durch das Erreichen dieses Wun­
sches verstärkt werden, und nicht allein durch das Zur-Nahrung-Führen. Ich bin
außerstande, mich in diesem Aufsatz abschließend mit dem Erwerb von Wünschen
auseinander zu setzen. Dennoch werde ich im Abschnitt 4 .V einige Bemerkungen
dazu machen.

269
sem Fall sollte diese Disposition nicht als etwas betrachtet werden,
das etwas anderes repräsentieren würde, als dass Fliegen bei Hunger
zu Nahrung fuhrt. Insbesondere wird damit nicht repräsentiert, dass
Fliegen zum Finden von Bäumen und dies wiederum zum Finden
von Obst führt. Es stimmt: Nur kraft der zusätzlichen Tatsachen in
Bezug auf diese Mittel trifft es zu, dass Fliegen zu Nahrung führt.
Wenn aber das Ziel des Fliegens, wie es durch die phylogenetische
oder ontogenetische Geschichte festgelegt worden ist, eher in der
Nahrungssuche liegt als in diesen intermediären Mitteln, dann gibt
es keinen Grund dafür, die Disposition so zu betrachten, als würde
sie irgendetwas über diese Mittel repräsentieren. (Das wäre so, als
würde man meine Überzeugung, dass Aspirin gegen Kopfschmerzen
hilft, als eine Repräsentation der Fakten chemischer Hirnreaktionen
betrachten, obwohl ich davon so gut wie nichts verstehe.)
Es erscheint womöglich willkürlich, das Fliegen als etwas zu be­
trachten, das direkt auf Nahrung und nicht auf die intermediären
Mittel abzielt. Man bedenke aber Folgendes: Tiere werden hungrig,
wenn sie Nahrung brauchen, und die spezifische Funktion dieses
Triebs besteht dementsprechend darin, ein Verhalten hervorzurufen,
das zu Nahrung führt. Unter dieser Voraussetzung hängt die phylo­
genetische oder ontogenetische Selektion des Fliegens bei Hunger
wesentlich davon ab, ob Fliegen zu Nahrung führt, und nicht, ob es
zu anderen Resultaten führt. (Schließlich wäre das Fliegen nicht se­
lektiert worden, wenn es zu Obstbäumen, nicht aber zu Nahrung ge­
führt hätte; doch es wäre selektiert worden, hätte es zu Nahrung,
wenn auch nicht auf dem Weg über Obstbäume, geführt.)
Es mag eine Schwierigkeit in der Annahme liegen, dass ein Verhal­
ten (wie das Fliegen) durch einen Gewinn (Nahrung) selektiert wer­
den kann, von dem es durch eine lange Kette intermediärer Mittel ge­
trennt ist. Aber man beachte nur, wie sich solche Verhaltensweisen
durch Zuwachs entwickeln können. Wenn hungrige Vögel beim An­
blick von Obst erst einmal zum Fressen disponiert sind, wird für hung­
rige Vögel der Selektionsdruck geschaffen, sich zu nähern, sobald sie
Obstbäume sehen. Und wenn sie erst einmal dazu disponiert sind,
dann wird dies wiederum den Selektionsdruck schaffen, bei Hunger
zu fliegen. Durch genetische Selektion zwischen den Generationen
funktioniert ein solcher Prozess vielleicht besser als durch ontogene-
tisches Lernen. Denn ein ontogenetischer Lernmechanismus muss
das Verhalten irgendwie mit dem weit entfernten Gewinn verbinden.

270
Wenn die zeitliche Verzögerung zu groß ist, dürfte sich dies als schwie­
rig erweisen. Im Gegensatz dazu ist dies unter dem Gesichtspunkt der
genetischen Selektion kein Problem: Das Verhalten wird selektiert,
solange Überleben und Fortpflanzung durch die Verbindung dieses
Verhaltens mit dem Gewinn zuverlässig beeinflusst wird - wie groß
die zeitliche Verzögerung auch sein mag.

4. m Intramodulares Zweck-Mittel-Denken

Bislang habe ich angenommen, dass das Zweck-Mittel-Denken -


wenn es denn irgendwo gefunden werden soll —irgendwie zwischen
Wahrnehmungs-Inputs und Verhaltens-Outputs vermittelt (oder viel­
leicht, wie in 4.1 angedeutet, der Interaktion zwischen peripheren M o­
dulen und Input-Output-Verknüpfungen entspringt). Doch wie steht
es mit der Möglichkeit, dass das Zweck-Mittel-Denken innerhalb von
peripheren Modulen angetroffen werden könnte, insbesondere inner­
halb von verhaltensgenerierenden Systemen?
Man betrachte zum Beispiel die besondere Orientierungsfähigkeit,
die vielen Tieren gemeinsam ist. Sie befähigt sie dazu, den Nachhause­
weg oder den Rückweg zu vorher aufgestöberter Nahrung zu finden,
auch wenn diese Ziele versteckt oder weit entfernt sind. Es ist denk­
bar, dass einige Tiere das können, weil sie gegebene Einzelteile allge­
meiner (kausaler, konditionaler) Information zu neuen allgemeinen
Schlussfolgerungen kombinieren. Sie könnten beispielsweise mit den
Informationen anfangen »Wenn ich von hier aus westwärts gehe,
komme ich nach A« und »Wenn ich von A aus nordwärts gehe, komme
ich zum Futter« und daraus ableiten: »Wenn ich westwärts bis nach
A und dann nordwärts gehe, komme ich an das Futter«.
D arauf könnte ich hier zwei mögliche Antworten geben. Einerseits
kann ich auf den Gedankengang in 4.1 zurückgreifen, um solche
intramodularen Inferenzen aus der Klasse des Zweck-Mittel-Denkens
auszuschließen. Man erinnere sich, dass ich dort das Zweck-Mit­
tel-Denken so bestimmt habe, dass es neuartige Input-Output-Ver­
knüpfungen relativ zur Verhaltenstypologie eines Tieres nach sich
zieht. Ausgehend davon kann das Ausdenken neuartiger »Nachhause­
wege« nicht zum Zweck-Mittel-Denken gezählt werden, wenn »Nach­
hausegehen« die Funktion einer einfachen Verhaltenseinheit ausübt -
relativ zur Struktur des Motivations- und Lernsystems eines Tiers.
(So könnten unterschiedliche Triebe unter unterschiedlichen Um­

271
ständen jeweils die Routine des »Nachhausegehens« in Gang setzen;
das »Nachhausegehen« wiederum könnte eine Reaktion sein, die als
solche durch instrumentelles Lernen verstärkt oder gelöscht werden
kann.) Dieser ausschließende Gedankengang wird durch Folgendes
gestützt: Im Vergleich zum Zweck-M ittel-Denken ausgewachsener
Menschen, das mit so ziemlich jeder Art von Information arbeiten
kann, sind intramodulare, inferentielle Mechanismen wahrschein­
lich stark gehaltspezifisch. Ein Orientierungssystem beispielsweise
beschäftigt sich nur mit räumlichen Informationen und wählt nur
räumliche Pfade als Mittel aus.
Selbst wenn wir aber andererseits annehmen, dass Routinen wie
das Nachhausegehen tatsächlich als primitive Verhaltenseinheiten
bei nicht-menschlichen Lebewesen funktionieren (und weiterhin
die Möglichkeit besteht, dass empirische Daten zeigen könnten, dass
dem nicht so ist), ist das anscheinend eine ziemlich armselige Grund­
lage, um den Tieren das Zweck-Mittel-Denken abzusprechen. Wenn
Tiere verschiedene Stücke allgemeiner Information innerhalb der Sys­
teme zusammenfügen, die ihre Verhaltensroutinen lenken, und da­
durch herausfinden, was zu tun ist, dann ähnelt dies doch sicher jener
Verhaltensflexibilität, mit der ich mich in diesem Aufsatz befasse.
Schließlich sind solche Tiere fähig, bestimmte Verhaltensweisen zu
extrapolieren, die sich in der Vergangenheit als vorteilhaft erwiesen
haben, und zwar indem sie separate Stücke allgemeiner Information
zu Inferenzen kombinieren. Warum sollte man das herunterspielen,
nur weil es als Vorgang innerhalb von »Modulen« betrachtet wer­
den kann und nicht zwischen ihnen? Und warum sollte es wiederum
wichtig sein, dass diese Inferenzen nur hinsichtlich spezifischer Ge­
genstände funktionieren? Es ist ja nicht so, dass wir allen Ernstes hät­
ten erwarten können, dass nicht-menschliche Tiere über denselben
weiten Bereich hinweg Inferenzen bilden wie Menschen.
Ich möchte davon absehen, diese wesentlich klassifikatorische
Frage weiterzuverfolgen. Im Rest dieses Aufsatzes werde ich damit
fortfahren, mich auf das Zweck-Mittel-Denken zu konzentrieren,
das allgemein zwischen Input- und Output-Systemen vermittelt und
dementsprechend keine eingebauten Beschränkungen hinsichtlich
der Arten des zu bewältigenden Gehalts kennt. Doch indem ich das
tue, möchte ich nicht suggerieren, dass es unwichtig ist, ähnliche in­
ferentielle Fähigkeiten innerhalb von Verhaltensmodulen lokalisieren
zu können. Auch wenn der Schwerpunkt meines Aufsatzes woanders

272
liegt, ist dies eine wirklich bedeutsame und eigenständige Frage zur
Kognition bei Tieren.
Bevor wir diese Sache hinter uns lassen, möchte ich mich kurz über
die substantielle Frage auslassen, ob die Raumorientierung von Le­
bewesen tatsächlich ein gehaltspezifisches, intramodulares Zweck-
Mittel-Denken involviert. Das ist keine ganz einfache Frage. Es ist
unbestritten, dass zahlreiche Tiere —darunter Vögel und Insekten -
nicht-egozentrische, räumliche Karten ihrer Umwelten und der Ziel­
objekte ihres Verhaltens anlegen. Sie können sich selbst mithilfe von
Orientierungspunkten auf solchen Karten verorten und sich orien­
tieren. Gleichwohl läuft das nicht notwendigerweise auf ein Zweck-
Mittel-Denken hinaus, wie ich es verstehe. Das hängt davon ab, wie
sie diese Karten bei der Erzeugung von Verhalten gebrauchen.
Vielleicht fuhrt ihr Gehirn einfach etwas aus, das dem Ziehen ei­
ner geraden Linie von ihrer momentanen Position zu ihrem Ziel­
objekt entspricht (vielleicht wiederholen sie bei der Annäherung an
ihr Zielobjekt diese Strategie, insbesondere nach Umwegen zur Um­
gehung von Hindernissen). Das läuft keinesfalls auf so etwas wie
ein Zweck-Mittel-Denken hinaus, so wie ich es verstehe.
Anders wäre es freilich bei Lebewesen, die etwas Vergleichbares
mithilfe der Kognition ausführen: Sie verzeichnen einen kontinuier­
lichen, alle Hindernisse vermeidenden Weg von ihrer Ausgangsposi­
tion hin zu ihrem Zielobjekt und nehmen sich dann vor, diesem
Weg zu folgen. Das scheint nun deutlich als Zweck-Mittel-Denken
in meinem Sinn gelten zu können. Denn es entspräche der oben skiz­
zierten Art und Weise, separate Einzelteile kausaler Information zu
kombinieren: »Wenn ich westwärts bis nach A und dann nordwärts
gehe, werde ich zum Futter gelangen.«

4. iv Klassische Konditionierung

Bislang ist die instrumentelle Konditionierung der einzige von mir in


Betracht gezogene Lerntyp gewesen. Darin wird die Disposition, eine
Reaktion V bei B und T auszuführen, verstärkt, und zwar durch das
Erreichen eines verstärkenden Resultats in der Vergangenheit. Es exis­
tiert jedoch noch ein weiterer Lerntyp: klassisches — oder pavlov-
sches - Lernen. Darin lernt ein Lebewesen, einen Reiz A mit einem
Reiz B - nachdem es deren Verbindung in der Vergangenheit beob­
achtet hat - so zu verknüpfen, dass es nun auf A genauso reagiert

273
wie zuvor auf B. (Man beachte, dass die klassische Konditionierung
kein Feedback durch vorhergehende »Belohnungen« enthält; erfor­
derlich ist allein, dass zuvor gleichzeitig aktivierte Wahrnehmungs-
»Knoten« sich nun gegenseitig aktivieren.)
Hier haben wir eine weitere Kandidatin für das Zweck-Mittel-Den-
ken. Man stelle sich ein Lebewesen vor, das ursprünglich auf B (und
T) mit V reagiert und dann aufgrund der klassischen Konditionie­
rung von A mit B nun ebenso auf einen Anlass A reagiert. Ich habe
mich zuvor damit einverstanden erklärt, die ursprüngliche Disposi­
tion könne so verstanden werden, dass sie die Information »V bei B
(und T) verschafft R« repräsentiert (wobei R das relevante vorteil­
hafte Resultat darstellt). Unter dieser Voraussetzung ist es natürlich,
wenn man die klassische Konditionierung wie folgt betrachtet: Sie
verschafft die Zusatzinformation »Alle As sind Bs«, die anschließend
mit der ursprünglichen Information so kombiniert wird, dass »V bei
A (und T) verschafft R« erzeugt wird.
Tatsächlich gibt es nichts, das die Wiederholung solcher Inferen­
zen verhindern könnte. Ein Tier könnte erlernen: »Alle As sind Bs«
und dann — davon unabhängig — »Alle As sind Cs«; und als Folge
könnte es dazu disponiert sein, auf die Wahrnehmung von C so zu rea­
gieren, wie es ursprünglich auf die Wahrnehmung von B reagiert hat.
Es handelt sich um eine empirische Frage, wie lang solche infe-
rentiellen Ketten in einem lebendigen Tier sind. Aber man darf an­
nehmen, dass jeder Mechanismus, der die klassische Konditionierung
untermauert, solche Wiederholungen zulässt.
Fälle dieser Art können nicht wie in 4.1 durch den Hinweis beiseite
geschoben werden, dass sich die allgemeine Zusatzinformation inner-
halb des Wahrnehmungssystems befinde. Denn die neuen Einzelteile
allgemeiner Information, die mit den ursprünglichen Verhaltensdis­
positionen kombiniert werden, sind nun in Verknüpfungen zwischen
den Outputs der Wahrnehmungssysteme verkörpert, und nicht in
Strukturen innerhalb solcher Systeme. (Es ist zu beachten, dass die­
ser Punkt nichts mit irgendwelchen Vorgaben zur Identifizierung
von »Wahrnehmungsmodulen« zu tun hat. Wie auch immer wir uns
entscheiden, »Module« zu unterscheiden: Es wird ein allgemeiner,
assoziativer Lernmechanismus sein, der Verknüpfungen zwischen ih­
nen herstellt.)
Ich sehe keinen Grund, der dagegen spricht, dass assoziatives Ler­
nen auf diesem Weg zum Zweck-Mittel-Denken führt, wie es bis hier­

274
her definiert worden ist. Es ist jedoch zu beachten, dass Lebewesen,
die zum Zweck-Mittel-Denken in diesem spezifischen Sinne fähig
sind, im Vergleich zu ausgewachsenen menschlichen Denkern kog­
nitiv dennoch äußerst eingeschränkt sind. Sie können lediglich Infe­
renzen über die Bedingungen ziehen, die eine Handlung angemessen
erscheinen lassen, nicht aber über die Konsequenzen, die Handlungen
haben können. Sie können allgemeine Informationen verwenden, um
herauszufinden, dass A eine ebenso gute Gelegenheit für V zum Errei­
chen von R bietet wie B. Doch wenn es darauf ankommt herauszu­
finden, wozu V überhaupt gut sein soll, dann fehlen die inferentiel-
len Fähigkeiten gänzlich. Sie bleiben bei Informationen der Form
»V wird R verschaffen« stecken, wobei V ein Stück aus ihrem Verhal­
tensrepertoire ist und R jenes Resultat, das den Lebewesen die Dispo­
sition zu V in der Vergangenheit beigebracht hat. Insbesondere haben
sie keine Denkfähigkeit der Form: »Vverschafft M« und »M verschafft
R« —also: »V verschafft R«.
Der Punkt liegt darin: das assoziative Lernen ermöglicht den Tie­
ren herauszufinden, dass neue Bedingungen zu alten Verhaltensdispo­
sitionen passen. Doch es kann keine neuen Verhaltensdispositionen
erzeugen. Wenn es auf Informationen ankommt, die - vom Verhalten
aus gesehen - sozusagen kausal vorwärts gerichtet sind, dann ist die
Verkörperung in Verhaltensdispositionen das einzige bislang verfüg­
bare Repräsentationsmittel. Und der einzige Mechanismus zur Aus­
bildung solcher Dispositionen ist nach wie vor die phylogenetische
oder die ontogenetische Selektion eines V, das in der Vergangenheit
zu R geführt hat. Bis hierher haben, wir noch keinen Weg zur Aneig­
nung von Information der Form »V führt zu R« entdeckt - mit Aus­
nahme des Weges, der direkt über eine derartige Selektion führt.
Sowohl Gopnik, Glymour und Sobel als auch Millikan haben diese
Einschränkung mit der Egozentrik des Kartographierens von Räu­
men verglichen.12 Eine egozentrische Karte des Raums lokalisiert Ob­
jekte allein durch ihre Relation zur eigenen Position und Orientierung
des Subjekts. Wie ich im vorhergehenden Abschnitt erwähnt habe,
lassen viele Tiere diese räumliche Egozentrik hinter sich und reprä­
sentieren ihre räumliche Welt objektiv durch Karten, auf denen sie
12 A. Gopnik und C. Glymour, »Causal Maps and Bayes Nets: A Cognitive and a
Computational Account ofTheory-Formation«, in: The Cognitive Basis o f Science,
hrsg. von P. Carruthers, S. Stich und M. Siegal, Cambridge: Cambridge University
Press 2002, S. 117 -132 ; für Millikan, »Some Different Ways to Think«, op. cit.

275
selbst nur ein Punkt unter anderen sind. Gleichwohl können räumlich
objektive Lebewesen immer noch kausal egozentrisch sein. Das trifft
insbesondere auf die pavlovschen Lebewesen zu, mit denen wir uns
momentan befassen. Trotz ihrer Befähigung zur klassischen Konditio­
nierung fehlt ihnen jeder Begriff eines objektiven »kausalen Raums«,
der viele objektiv interagierende Gegenstände enthält, unter denen
ihre Handlungen lediglich einen Sonderfall darstellen. Stattdessen
ist ihre gesamte kausale Information notwendigerweise von egozen­
trischer Form. Ein Stück Verhalten V befindet sich auf der einen
und ein verstärkendes Resultat R auf der anderen Seite.
An dieser Stelle möchte ich den Einsatz für Zweck-Mittel-Denken
vollen Umfangs nochmals erhöhen, um dadurch einen gewissen Grad
an kausaler Nicht-Egozentrizität mit aufzunehmen. Ich fordere nun­
mehr, dass das Zweck-Mittel-Denken nicht nur des Gebrauchs von
allgemeiner Information zur Ableitung neuer allgemeiner Schluss­
folgerungen bedarf, sondern insbesondere, dass es einem Lebewesen
erlaubt, neue —und im Verhalten vorwärts gerichtete —kausale Tat­
sachen der Form »V führt zu R« aus anderen kausalen Tatsachen ab­
zuleiten. Von jetzt an gilt: Zweck-Mittel-Denken vollen Umfangs ver­
wendet nicht-egozentrische kausale Tatsachen, um herauszufinden,
durch welche Verhaltensweisen welche neuartigen Ergebnisse hervor­
gebracht werden können.

4.V Dickinsons Ratten

Jetzt, da die Sache einen klaren Fokus hat, stellt sich die Frage, ob es
bei nicht-menschlichen Lebewesen direkte Hinweise auf ein nicht­
egozentrisches Gewahrsein kausaler Relationen gibt.
Die wenigen Studien, die diese Frage frontal angepackt haben, le­
gen nahe, dass sogar Menschenaffen und andere Primaten eine nur
sehr eingeschränkte Fähigkeit zum Erfassen objektiver, kausaler Re­
lationen haben. Während Menschenaffen den neuartigen Gebrauch
von Werkzeugen sicherlich erlernen können, repräsentieren sie kau­
sale Relationen anscheinend nicht auf eine Art und Weise, dass sich
ein Zweck-Mittel-Denken ausbilden könnte. Es gibt keine direkten
Hinweise darauf, dass nicht-menschliche Primaten das Wissen, dass
eine Mittlerursache M ein Endresultat R hervorbringt, jemals mit
dem Wissen kombinieren, dass ein Verhalten V zu M führt, und dass
sie diese beiden Informationsstücke zusammennehmen, um »neu­

276
artige Wege in der Hervorbringung der Mittlerursache und somit des
Endresultats zu gehen«.13
Gleichzeitig jedoch gibt es detaillierte, in der Tradition des Tierler­
nens stehende Arbeiten - insbesondere von A. Dickinson und seinen
Mitarbeitern die nahe legen, dass Ratten exakt jene Art von Inferen­
zen bilden, nach denen ich suche.14
Betrachten wir folgendes Experiment (es handelt sich zwar nur um
ein Experiment in einer Reihe zusammenhängender Ratten-Experi-
mente, aber es enthält die wesentlichen Punkte): Hungrige, aber nicht
durstige Ratten werden in einer Umwelt trainiert, in der sie durch
das Drücken eines Hebels Futterkügelchen und durch das Ziehen
einer Kette Zuckerlösung bekommen. Sowohl die Kügelchen als auch
die Zuckerlösung stillen den Hunger, doch wie es sich trifft, löscht
nur die Zuckerlösung den Durst. Man mache nun einige dieser Rat­
ten durstig und überlasse ihnen die Wahl, den Hebel zu drücken oder
an der Kette zu ziehen. M it einer wichtigen Einschränkung, von der
gleich die Rede sein wird, werden die durstigen Ratten unverzüg­
lich eine Präferenz für das Ziehen der Kette an den Tag legen.
Da während des Trainings nichts getan wurde, um das Ziehen der
Kette gegenüber dem Drücken des Hebels zu verstärken, stellt dieses
Experiment prim a facie Gründe für die Vermutung bereit, dass die
Ratten explizit die kausale Information speichern, dass das Ziehen
der Kette zur Zuckerlösung führt, was sie anschließend mit der Tat­
sache kombinieren, dass die Lösung den Durst löscht, um daraus
die Schlussfolgerung abzuleiten, dass das Ziehen an der Kette den
Durst löschen wird.
Es mag den Anschein haben, als ob das Argument ein Schlupf­
loch enthielte. Auch wenn die Ratten während der Trainingsphase
nicht durstig gewesen sind: Wäre ihr ohnehin geringer »Durst-Trieb«
nicht - mittels Ziehen der Kette - durch die Flüssigkeit noch weiter
reduziert worden, nicht aber —mittels Drücken des Hebels —durch
die Kügelchen? Wenn die Ratten über einen triebspezifischen Lern­
mechanismus verfügen würden (vgl. dazu die Diskussion der Ebene

13 M. Tomasello und J. Call, Prim ate Cognition, Oxford: Oxford University Press
1997, S. 390; vgl. auch den Rest der Kapitel 3 und 12.
14 C. Heyes und A. Dickinson, »The Intentionality o f Animal Action«, M in d and
Language 5 (1990), S. 87-104; A. Dickinson und B. W. Balleine, »Causal Cognition
and Goal-Directed Action«, in: The Evolution o f Cognition, hrsg. von C. Heyes und
L. Huber, Cambridge (Mass.): MIT Press 2000, S. 185-204.

277
4), dann könnten sie sich auf dieser Basis eine präferentielle Disposi­
tion für das Ziehen der Kette bei Durst angeeignet haben. (Die dahin­
ter stehende Idee lautet: Gewisse Verhaltensweisen, hier das Ziehen
der Kette, heften sich an gewisse Triebe, hier Durst, nicht etwa, weil
sie sich in der Vergangenheit allgemein als lohnend herausgestellt hät­
ten, sondern weil sie ganz spezifisch in der Vergangenheit den Durst
löschten.)
Dieser Geschichte widerspricht jedoch eine andere Tatsache hin- !
sichtlich des Experiments. Das ist der Zusatz, den ich oben erwähnt
habe. Die trainierten Ratten würden die Kette nicht ziehen, auch I
nicht, wenn sie durstig wären, wenn man ihnen nicht zuvor die Ge- i
legenheit geboten hätte, von der Zuckerlösung zu trinken, wenn sie \
durstig sind, um dabei zu entdecken, dass diese den Durst löscht. In
der gerade vorgeschlagenen Geschichte müsste diese zusätzliche Er- j
fahrung überflüssig sein, denn gemäß dieser Geschichte sollte das an- |
fangliche Training bereits im Ziehen der Kette, wenn durstig, bestehen. |
Es scheint somit unbestreitbar, dass die Ratten aus ihrem Training
irgendwie die Information ableiten, dass das Ziehen der Kette ganz
spezifisch zur Zuckerlösung fuhrt, auch wenn fiir sie der Unterschied !
zwischen der Zuckerlösung und den Futterkügelchen bis dahin noch j
keine motivierende Bedeutung hat. Später werden die Ratten sich
dann die zusätzliche Information aneignen, dass die Zuckerlösung
den Durst löscht. An diesem Punkt kombinieren die Ratten beide
Infbrmationsstücke und leiten daraus ab, dass das Ziehen der Kette, j
im Gegensatz zum Drücken des Hebels, ein Mittel zu Befriedigung I
des Dursts ist. Dabei eignen sie sich eine neuartige Verhaltensdisposi- j
tion an, eine Disposition, die selbst nie zuvor durch die Befriedigung
des Dursts verstärkt worden ist.
In dieser Beschreibung hätten die Ratten ganz klar ein Vermögen
zum nicht-egozentrischen kausalen Denken der von mir jetzt als voll­
gültiges Zweck-Mittel-Denken geforderten A rt.15 Aber vielleicht gibt

15 Dickinson selbst unterscheidet streng zwischen Geschöpfen, die symbolische Re­


präsentationen verarbeiten, und bloßen Konditionierungslernem. Er ist der Mei­
nung, seine Experimente würden zeigen, dass Ratten in die erstgenannte Kategorie
gehören. Wie die Argumentation in diesem Aufsatz jedoch darlegt, betrachte ich
diese Dichotomie zwischen dem Repräsentieren und dem konditionierten Lernen
als falsch: Bei Konditionierungslernem gibt es sehr viele Repräsentationen. Die
wirkliche Frage lautet: Welche Repräsentationen genau sind in den Ratten verkör­
pert, und auf genau welche Weise lenken diese Repräsentationen das Verhalten?

278
es eine andere Sichtweise auf ihre kognitiven Leistungen, die sie weni­
ger weit von einfachen Lebewesen entfernt. Nehmen wir Folgendes
an: Wir betrachten ihren Umgang mit der Zuckerlösung bei Durst
nicht so, als würde er ihnen tatsächlich die Information geben, dass
Zuckerlösung den Durst löscht, sondern vielmehr so, dass dieser Um­
gang ihnen einen neuen, »erworbenen Trieb« nach Zuckerlösung bei­
bringt.
In dieser Betrachtungsweise unterscheiden sich die Ratten nicht
allzu sehr von einfachen Lebewesen. Wir können das präferierte Ver­
halten - an der Kette ziehen - als Ergebnis zweier Elemente betrach­
ten: (a) eines Triebs, Zuckerlösung zu bekommen und (b) einer Ver­
haltensdisposition zum Ziehen der Kette, um die Zuckerlösung zu
bekommen, wenn dieser Trieb aktiv ist. Die Ratten werden somit dazu
gebracht, gemäß jenem praktischen Syllogismus zu handeln, der auch
bei anderen Tieren am Werk ist. Vorausgesetzt, dass der »erworbene
Zuckerlösungs-Trieb« aktiv ist, wenn die Ratten Durst haben, werden
anhand dieses Erklärungsmodells dieselben Verhaltensvoraussagen ge­
troffen wie mit dem Modell des Zweck-Mittel-Denkens.
Natürlich müssen wir immer noch anerkennen, dass sich diese
Ratten in entscheidenden Punkten von den bisher diskutierten ein­
fachen Lebewesen unterscheiden. Am offensichtlichsten ist die Tat­
sache, dass wir ihnen nun die Fähigkeit zum Erw erb neuer Triebe
zuschreiben, während man zuvor von allen Trieben angenommen
hatte, sie seien angeboren. Das ist in der Tat eine massive Ausweitung
der kognitiven Fähigkeiten. Da es anscheinend keinen Grund dafür
gibt, dass Ratten nicht über das Potential zum Erwerb von Trieben
für alle möglichen Umstände, die sie als solche erkennen können,
verfügen sollten, haben wir hier Folgendes: Wir haben uns von Lebe­
wesen, deren Ziele auf ein paar wenige, grundlegende Ergebnisse be­
schränkt sind, zu Lebewesen erhoben, die so gut wie alles als Ziel ins
Auge fassen können. Wenn wir eine scharfe Trennlinie zwischen »Trie­
ben« und »Wünschen« ziehen wollen, dann ist dieser Ort so gut wie
jeder andere.
Flinzu kommt, und das dürfte sogar noch interessanter sein, dass
wir auch Folgendes anerkennen müssen: Ratten können die Disposi­
tion erwerben, V zu tun (Ziehen der Kette), um R (Zuckerlösung) zu
bekommen, obwohl die Tatsache, dass V a u f diese Weise zu R fü h rt, zu­
vor niemals einen Trieb befriedigt hat. Der von mir verfolgte Gedan­
kengang besteht darin, dass die Information »V führt zu R« nirgends

279
verkörpert sein muss, außer in einer Disposition, V zu tun, wenn ein j
Trieb nach R aktiv ist. Gelinde gesagt ist es aber verblüffend, dass eine }
solche Disposition erworben werden kann, bevor eine interne Reprä- j
sentation von R den Status eines Triebs überhaupt erworben hat.16
Vor dem Hintergrund dieses letzten Punktes mag es scheinen, als
würde ich versuchen, auf einer äußerst dürftigen Grundlage eine Un­
terscheidung zu treffen. Ich lasse es zu, dass die R-Produktivität von
V repräsentiert werden kann, auch wenn V noch gar nicht derart ver­
drahtet ist, um durch einen Trieb nach R ausgelöst zu werden. Wird |
den Ratten damit nicht bereits die wesentliche kognitive Fähigkeit I
zugestanden, die zur Debatte steht? Gleichwohl besteht immer noch
eine entscheidende Einschränkung in der Tatsache, dass dieses kau­
sale Wissen auf sozusagen »dispositionsfertige« Art und Weise ver­
körpert sein muss. Bevor die Ratte einen auf R gerichteten Trieb
hat, vermag sie das Verhalten V bereits irgendwie mit einer internen
Repräsentation von R zu verknüpfen. Diese Verknüpfung könnte aber

16 (N a c h trä g lic h h in z u g e fiig te F u ß n o te zur E rstv e rö ffe n tlic h u n g :) Ic h h ab e jetzt d en |


E in d ru c k , als h ätte ic h b eim ersten S c h re ib e n dieses A u fsa tz es ein en w ic h tig e n j
P u n k t ü b ersehen. W en n T ie re W u n sch e u n ter solch en U m stä n d e n erw e rb en , die j
sie geg e n ü b er d er B e frie d ig u n g z u vo r sch o n ex istie ren d er W ü n sc h e als v o rg ä n g ig !
erfah ren , d a n n w ü rd e n d ie R a tte n bereits in d er ersten T ra in in g sp h a se des E x p e ri- i
m en ts ein e n W u n sch n ac h d e r Z u c k e rlö s u n g e rw o rb e n h ab en , d e n n d o rt h ab en sie i
ja d ie Z u c k e rlö s u n g als etw as erfah ren , das d er B e frie d ig u n g des H u n g e rs v o ra n - j
g eh t. D ie s w ü rd e erk lären , w esh a lb sie d ie In fo rm a tio n , V (Z ie h e n an d e r K ette)
fu h rt zu R (Z u c k e rlö su n g ), bereits in k o rp o rie rt h ab en : W e n n sie erst ein m a l d en j
W u n sch n ac h Z u c k e rlö s u n g e rw o rb e n h ab en , so w erd e n sie d a n a ch in d er ersten
T ra in in g sp h a se ü b e r d en W e g d er g ew ö h n lic h e n in stru m e n tellen K o n d itio n ie ru n g
erfah ren , dass das Z ie h e n d er K e tte ein gutes M itte l z u r B e frie d ig u n g dieses W u n ­
sches ist. V o n d iesem G e sic h ts p u n k t aus d ie n t d er U m g a n g d er d u rstig e n R a tte n
m it d e r Z u c k e rlö s u n g a lle in dazu , sie z u r A k tiv ie ru n g ih res erw o rb e n e n W u n sch es
n ac h Z u c k e rlö s u n g so w o h l b ei D u rs t als a u ch b ei H u n g e r zu d isp o n ie ren , u n d n ich t
d azu , ih nen d iesen W u n sc h z u m ersten M a l ein z u flö ß e n . A llg e m e in e r a u sg e d rü c k t
u n terstü tzt d ieser G e sic h ts p u n k t d ie T h e se dieses A b sc h n itts in B e z u g a u f d ie k o ­
g n itiv e n G re n z e n d er R a tte n : W ä h re n d d e r E rw e rb v o n W ü n sc h e n sich er d ie M ö g ­
lich k eiten n eu artig er H a n d lu n g e n vervie lfältig t, sin d die R a tte n n ac h w ie v o r d a ­
r a u f ein g e sc h rä n k t, V s au sz u fü h re n , d ie sie als d en R s v o rau sg e h e n d erleb t h ab en ,
d ie sie w ie d e ru m d er B e frie d ig u n g n ich t-e rw o rb e n er W ü n sch e v o rau sg e h e n d erleb t
h ab en usw. Ic h w ü rd e es n u n so fo rm u liere n , dass d ie R a tte n a u f d as L e rn e n aus
eigen er E r fa h r u n g begren zt sind. Sie h ab en k e in e M ö g lic h k e it, aus B eo b ac h tu n g en
(oder Z e u g e n sc h a ft) e rw o rb e n e a llg em e in e In fo rm a tio n zu v e rw e n d e n , u m darau s
In fere n ze n ü b er die m ö g lic h e n k a u salen F o lg e n ih res V erh alten s zu zieh en . Ich
m ö c h te G . M a m e li d a fü r d a n k en , dass er m ic h a u f d ie rich tig e F ä h rte g eb ra ch t hat.

280
nur einfach darin bestehen, dass die Ratte V tun würde, wenn ihre Re­
präsentation von R einen »Trieb-ist-aktiv«-Status erwerben würde.
Wenn das zutrifft, dann leiden Ratten nach wie vor an einer Form
der kausalen Egozentrik. Die einzige für sie erreichbare kausale In­
formation würde am vorderen Ende der Kausalrelation immer noch
ein Stück ihres eigenen Verhaltens V haben.
Wenn wir die Ratte so betrachten, bringt das den Vorteil einer Er­
klärung mit sich, warum ihre Fähigkeiten zum Zweck-Mittel-Den-
ken so beschränkt sind, wie sie es nun einmal sind.17 Sicher sind
Dickinsons Ratten - auch im Sinne meiner Begrifflichkeiten - in
der Lage, auf neuartige Weise zu handeln. Indem sie ihr abgespei­
chertes Wissen, dass V zu R führt, mit einem neu erworbenen Trieb
nach R kombinieren, werden sie zu Handlungen geleitet, die sie nie­
mals zuvor ausgefiührt haben. Die produktive Kraft ihres gesamten
kognitiven Systems ist gleichwohl durch ihre Fähigkeit beschränkt,
neue Triebe zu erwerben, wenn ihre V —» R-Informätionen auf die
soeben vorgeschlagene Art in einer gleichsam »schlafenden Disposi­
tion« abgespeichert sein müssen. Hier ist nicht der Ort, um über die
Einzelheiten der Mechanismen zum Erwerb neuer Triebe nachzu­
denken (eine, wie ich finde, entscheidende Angelegenheit nicht nur
für das Verständnis von Ratten, sondern auch für das Verständnis
von Menschen). Doch wenn diese Mechanismen mithilfe einer Art
direkter Verknüpfung mit schon zuvor existierenden Trieben arbei­
ten müssen, was durchaus plausibel ist, dann vermögen egozentrische
Ratten weit weniger Neuartigkeiten im Verhalten hervorzubringen als
Denkende, die V R-Informationen aus einer uneingeschränkten
Bandbreite von kausalen Verknüpfungen ableiten können.

1 7 Darüber hinaus wird uns dies auch gestatten, die oben erwähnten Begrenzungen
von Menschenaffen und anderen Primaten zu erklären. Primaten teilen vermutlich
alle bei Ratten anzutreffenden kognitiven Raffinements. Wenn wir den Ratten
Zweck-Mittel-Denken in vollem Umfang zugestehen würden, befänden wir uns
also etwas in der Klemme, wenn wir das vergleichsweise schlechte Abschneiden
der Primaten erklären müssten.

281
5. Zufälliges Denken

Alles in allem ist der vorhergehende Abschnitt eine Antwort auf den
Gedanken, dass das Zweck-Mittel-Denken viel zu einfach ist, um
eine eigentümlich menschliche Anpassung zu sein, und dass es des­
halb im Tierreich weit verbreitet sein muss. Ich möchte mich nun
dem umgekehrten Gedanken zuwenden, dass das Zweck-Mittel-Den-
ken nämlich viel zu schwierig ist, um eine biologische Anpassung
zu sein, und deshalb für Menschen nur als Nebeneffekt anderer biolo­
gischer Entwicklungen verfügbar geworden ist.
Aus dieser Sicht wäre das Zweck-Mittel-Denken mit Arithmetik
oder Musik vergleichbar. Besonders gute Leistungen in diesen Tätig­
keiten könnten seit der Zeit ihrer Entstehung ebenfalls einen repro­
duktiven Vorteil in dem Sinne gebracht haben, dass diese Meister viel­
leicht durchschnittlich mehr Kinder gehabt hätten. Aber das macht :
sie nicht zu evolutionären Anpassungen. Sobald Arithmetik oder Mu­
sik erst einmal in unserer Kultur aufgetaucht sind, ermöglichen uns ;
andere Fähigkeiten mit unabhängigen evolutionären Erklärungen,
ihr Auftauchen und ihre Erhaltung zu erläutern.18 Ohnehin ist viel­
leicht seit dem Beginn dieser Praktiken zu wenig Zeit vergangen, da­
mit Gene sie selektiv hätten bevorzugen können.
Nach diesem Modell beruht das Zweck-Mittel-Denken auf an­
deren Fähigkeiten mit einem biologischen Zweck, hat aber selbst kei­
nen solchen Zweck. In der durch Stephen Jay Gould und Richard
Lewontin berühmt gewordenen Terminologie würde es sich um eine
Spandrille handeln.19 Der Idee, dass es sich beim Zweck-Mittel-Den­
ken um eine Spandrille handeln könnte, begegnet man vermutlich
öfter im Gespräch als in gedruckten Texten. Doch sie ist bei einer
überraschend großen Anzahl von Theoretikern beliebt - angefangen
bei Evolutionspsychologen, über Dennettianer bis hin zu neo-assozia-
tionistischen Experimentalisten.

1 8 Damit möchte ich nicht bestreiten, dass diese Erklärungen selbst durch biologische
Tatsachen gestützt werden können. Welche Praktiken durch »Kultur« erhalten wer­
den, hängt im Wesentlichen davon ab, welche Disposition uns durch die natürliche
Selektion vererbt wurde; vgl. D. Sperber, Explaining Culture, Oxford: Basil Black­
well 1996.
19 Vgl. Fußnote 8.

282
5-1 Das Verstehen des Geistes

Diesen allgemeinen »Spandrillen-Ansatz« kann man mit verschiede­


nen Hypothesen über die entscheidenden primären Fähigkeiten kom­
binieren. Ein modischer Kandidat ist das »Verstehen des Geistes«.
Die Geschichte geht so: Sobald das Modul für das »Verstehen des
Geistes« aufgetaucht ist, haben wir die intellektuellen Ressourcen
für das Zweck-Mittel-Denken zur Hand - zusammen mit anderen
kulturellen Nebenerzeugnissen, wie etwa dem Versprechen.
Dieser Vorschlag scheint mir allerdings weit mehr der intellektuel­
len Mode als seriöser Analyse zu verdanken.20 Es gibt einen einleuch­
tenden Grund dafür, dass das Zweck-Mittel-Denken evolutionär ge­
sehen nicht im Huckepack mit dem Verstehen des Geistes gereist sein
kann. Der Grund besteht darin, dass die Standarderklärungen für
das Verstehen des Geistes erst dann sinnvoll sind, wenn wir anneh­
men, dass bereits »Gedankenleser« zum Zweck-Mittel-Denken in
der Lage sind. Das trifft sowohl auf die »Simulationstheorie« zu, die
davon ausgeht, dass das Verstehen des Geistes weitgehend in der Fä­
higkeit zur Simulation von Entscheidungsprozessen anderer besteht,
als auch auf die »Theorie-Theorie«, die davon ausgeht, dass das Verste­
hen des Geistes von einer ausformulierten Theorie des Geistes her­
rührt.
Der Punkt ist für die »Simulationstheorie« vermutlich noch nahe­
liegender. Die zentrale Annahme dieser Theorie besagt: »Gedanken­
leser« verfahren so, dass sie die Wunsche und Überzeugungen anderer
simulieren und deren Entscheidungsprozesse anschließend »off-line«
nachahmen. Doch diese »Entscheidungsprozesse« sind nichts anderes
als das Zweck-Mittel-Denken, das wir zu verstehen versuchen. Wahr­
scheinlich setzt die Fähigkeit, dieses Denken »off-line« zu praktizie­
ren, die primäre Fähigkeit voraus, dies »on-line« zu tun. Diese Version
der Geschichte setzt somit einfach das voraus, was wir erklären möch­
ten.
Die »Theorie-Theorie«-Variante des Verstehens des Geistes steht
nicht viel besser da. Gemäß dieser Version antizipieren »Gedanken­
leser« die Reaktionen anderer, indem sie Voraussagen aufgrund einer
ausformulierten Theorie des Geistes treffen. Das heißt, sie weisen an-
20 Vgl. jedoch D. Sperber, »Intuitive and Reflective Beliefs«, M in d and Language 12
(1997), S. 67-83, für einige spezifische Vorschläge zur Verbindung zwischen dem
Verstehen des Geistes und der Logik allgemein.

283
deren Überzeugungen und Wünsche zu, speisen diese als Ausgangs­
bedingungen einer Menge von Annahmen über den Geist ein und
rechnen sich auf dieser Basis die besten Strategien aus, um mit dem
Verhalten anderer zurechtzukommen. Doch dabei handelt es sich
um nichts anderes als um einen Spezialfall des Zweck-Mittel-Den-
kens, das wir bislang betrachtet haben. Wiederum setzt die Geschich­
te schlicht das zu Erklärende voraus.21 j

5.ii Sprache

Eine etwas plausiblere Version des Spandrillen-Ansatzes wäre die, i


dass das Zweck-Mittel-Denken nicht im Huckepack mit dem Verste­
hen des Geistes, sondern mit der Sprache entstanden ist. Aber auch
hier finden sich Schwierigkeiten. Zunächst kann man sagen, dass
auch für diese Geschichte die Gefahr besteht, dass sie voraussetzt,
was erklärt werden muss. Der besorgniserregende Punkt ist hier, dass
der primäre biologische Zweck der Sprache darin bestehen könnte,
den Informationsvorrat jedes Individuums zu vergrößern. Aber diese
Zusatzinformationen würden Geschöpfen überhaupt nichts nutzen, ;
die nicht schon Zweck-Mittel-Denker wären, denn sie wären außer j
Stande, diese zur Erschließung von weiteren Schlussfolgerungen für i
angemessenes Verhalten zu gebrauchen.
Vielleicht ist das etwas übereilt. Es könnte sein, dass sich Sprache
zuerst als Instrument für die Weitergabe bestimmter Informationen
entwickelt hat (»Ein Tiger kommt«, »Auf diesem Baum sind Früchte«
usw.). Da sogar einfache Geschöpfe durch besondere Informationen
über ihre Lebenslage gelenkt werden, ruft die Nutzbarmachung die-

21 (Nachträglich hinzugefügte Fußnote zur Erstveröffentlichung:) Es bleibt denkbar,


dass die Evolution des Zweck-Mittel-Denkens durch einen Bestandteil des Verste­
hens des Geistes erleichtert wurde, insbesondere durch einen Bestandteil, der das
Zweck-Mittel-Denken nicht schon voraussetzt. Beispielsweise werde ich am Ende
des Aufsatzes den Vorschlag machen, dass das Zweck-Mittel-Denken von einer
Kombination der bildlichen Vorstellungskraft mit der Fähigkeit, die erfolgreichen
Handlungen anderer zu imitieren, herrühren könnte. Aber vielleicht hängt die Fä­
higkeit, das erfolgreiche Handeln anderer zu imitieren, wiederum von der Fähigkeit 1
zur Empathie mit ihren Erfolgen ab. (Denn warum sonst sollten ihre Erfolge deine [
Handlungsdispositionen verstärken?) Man beachte, dass das Postulieren solcher ■
empathischer Fähigkeiten nicht von sich aus schon zum Postulieren eines Systems |
führt, das die Voraussage des Verhaltens anderer durch den Gebrauch eines zuvor
bereits existierenden Vermögens zum Zweck-Mittel-Denken voraussetzt.

284
ser Informationen noch nicht nach dem Zweck-Mittel-Denken. Es
könnte also sein, dass das Zweck-Mittel-Denken erst aufgetaucht
ist, nachdem unsere Vorfahren bereits eine relativ ausgeklügelte Spra­
che zur Berichterstattung besonderer Tatsachen entwickelt hatten.
A u f dieser Grundlage entwickelte sich die Sprache vielleicht danach
biologisch weiter, um allgemeine Behauptungen zu verarbeiten und
zu berichten.
Das Problem besteht nun aber darin, dieses letzte Stück zu erklären.
Worin genau bestand der zusätzliche biologische Druck, der zu einer
Sprache führte, mit der allgemeine Informationen berichtet und ver­
arbeitet werden konnten? Wenn die Antwort lautet, dass die Spra­
che dieses Merkmal entwickelte, um das Zweck-Mittel-Denken zu
erleichtern, dann bedeutet dies, dass das Zweck-Mittel-Denken doch
keine Spandrille ist. Es könnte weitgehend von Sprache in dem Sinn
abhängig gewesen sein, dass seine Entstehung auf die Selektion der
ersten Sprachfähigkeiten warten musste. Aber falls gewisse Gene ge­
zielt selektiert wurden, weil sie uns zum Zweck-Mittel-Denken ver-
halfen, wird es als eine eigenständige Anpassung gelten dürfen und
nicht als Spandrille.
Wenn die Antwort andererseits lautet, dass Sprache die Fähig­
keit zur Repräsentation und Verarbeitung allgemeiner Informationen
aus einem unabhängigen Grund entwickelte, entstehen weitere Pro­
bleme. W ir brauchen dann unmittelbar eine Erklärung dafür, war­
um die Sprache überhaupt für den Bericht und die Verarbeitung all­
gemeiner Behauptungen selektiert werden sollte, wenn nicht zur
Erleichterung des Zweck-Mittel-Denkens. Es gibt jedoch ein funda­
mentaleres Problem. Wenn wir von der Annahme einer von den
Zielen des Zweck-Mittel-Denkens unabhängigen sprachlichen Verar­
beitung allgemeiner Behauptungen ausgehen, dann benötigen wir
eine Geschichte davon, wie diese unabhängige Fähigkeit anschlie­
ßend spandrillenartig zum Zweck-Mittel-Denken ausgebaut worden
ist. Nehmen wir an, dass unsere Vorfahren —aus vom Zweck-Mittel-
Denken ganz unabhängigen Gründen - zuerst die Fähigkeit erwor­
ben haben, allgemeine Behauptungen zu formulieren und neuartige
Schlussfolgerungen aus ihnen zu ziehen. A u f welche Weise führten
diese neuartigen theoretischen Schlussfolgerungen dann im einzel­
nen zu Unterschieden in ihren praktischen Tätigkeiten?
Flier liegt der Punkt darin, dass das Zweck-Mittel-Denken eine Ver-
haltens-Y^onxxdhz ausüben muss. Abgesehen von Dispositionen, sich

285
auf bestimmte Weise zu verhalten, wenn dies durch Wahrnehmungen
oder konkurrierende Triebe ausgelöst wird, hat die in einfachen Tieren
vorgegebene kognitive Architektur jedoch schlicht nicht die M ög­
lichkeiten zur Ausübung eines anderen Verhaltens. Irgendwie muss
die Fähigkeit zur Verarbeitung allgemeiner Repräsentationen dazu
imstande sein, dieser Menge von Dispositionen etwas hinzuzufügen
(entweder vorübergehend - »Wenn ich das nächste Mal einen Brief­
kasten sehe, werfe ich diesen Brief ein« —oder dauerhaft —»Von jetzt
an esse ich anstatt Fleisch nur noch Fisch«). Eine Fähigkeit, aus all­
gemeinen Behauptungen Schlussfolgerungen zu ziehen, und seien es
auch Schlussfolgerungen über Mittel zum Zweck, dürfte dies nicht
von selbst sicherstellen. Zusätzlich müssen die Outputs solcher Über­
legungen in die Verhaltenskontrolle eindringen. Ohne dazu imstande
zu sein, unser Programm zur Verhaltenssteuerung auf diese Art zu
verändern, macht das Zweck-Mittel-Denken keinen Unterschied für
unser Tun.

5.m Weshalb das Zweck-Mittel-Denken


keine Spandrille sein kann

Wie es sich trifft, scheint mir dieser Argumentationsgang nicht nur


für die Idee, dass das Zweck-Mittel-Denken im Huckepack mit der
Sprache entstanden sein soll, eine Schwierigkeit darzustellen, sondern
für jede Version der Ansicht, dass es eine nicht-adaptive Spandrille
ist. Das Problem besteht darin, Folgendes zu verstehen: Wie konnte
eine neue Möglichkeit, unser Verhalten zu verändern, ohne grund­
legende biologische Veränderung entstehen? Die Annahme, dass eine
reine Spandrille auf bislang unbekannten Wegen in das für die Hand­
lungssteuerung zuständige biologische System eindringen konnte,
ist kaum sinnvoll. Vor dem Zweck-Mittel-Denken wurde das Ver­
halten durch eine Reihe von Dispositionen kontrolliert, die entwe­
der durch Gene oder durch Konditionierung festgelegt wurden. Das
Zweck-Mittel-Denken —wie auch immer es umgesetzt wird —muss
die Fähigkeit mit sich gebracht haben, neue Dispositionen dieser
Art zu erschaffen. Es ist nur schwer vorstellbar, wie dies ohne bio­
logische Selektion geschehen könnte, ohne irgendeine Veränderung
unseres biologischen Designs also, die es dem Output eines Entschei­
dungsprozesses erlaubt hätte, unsere Handlungsdispositionen neu aus­
zurichten.

286
Man beachte, dass dies noch kein Argument dafür ist, im mensch­
lichen Hirn einen ganz separaten spezifischen Mechanismus für das
Zweck-Mittel-Denken zu vermuten. Ein solcher Mechanismus könn­
te durchaus existieren, worauf ich gleich zurückkommen werde. Doch
das von mir soeben dargestellte Argument stützt nur die sehr viel
schwächere Schlussfolgerung, dass es irgendeinen biologischen Me­
chanismus für das Zweck-Mittel-Denken geben muss. Das könnte
eine ganz unauffällige Sache sein; einige wenige genetische Verände­
rungen etwa, die die Beeinflussung des Verhaltens seitens einer be­
reits vorhandenen kognitiven Tätigkeit zulassen. Die einleuchtendste
Möglichkeit wäre die oben bereits vorgeschlagene: Die sprachliche
Fähigkeit zur Verarbeitung und Berichterstattung allgemeiner Infor­
mationen hat sich aus unabhängigen Gründen entwickelt. Ist dies
einmal geschehen, erlauben weitere evolutionäre Schritte, dass ihre
Outputs das Verhalten beeinflussen.

5.iv Das Zweck-Mittel-Denken als Modul

In der Einleitung zu diesem Aufsatz habe ich gesagt, wenn ich wählen
müsste, würde ich das Zweck-Mittel-Denken eher auf der Seite der
»Module« als der kognitiven Allzweckmechanismen ansiedeln. Nun
bin ich besser in der Lage, die Stoßrichtung dieser Auffassung zu
erläutern. M it der Klassifikation des Zweck-Mittel-Denkens als M o­
dul wollte ich nicht behaupten, dass es im Hirn einen Prozessor gibt,
der eigens für die Ausübung des Zweck-Mittel-Denkens gebaut ist.
Zwar wäre dies, wie ich soeben gesagt habe, durchaus möglich, aber
ich möchte nicht darauf beharren. Ich wollte vielmehr hervorhe­
ben, dass das Zweck-Mittel-Denken ein kognitiver Mechanismus
ist, der unter bestimmten Umständen im Dienste bestimmter Bedürf­
nisse aktiv wird. Es handelt sich nicht um ein Metasystem, das sämt­
liche menschlichen Handlungen kontrolliert, indem es kontinuierlich
jene Verhaltens-Outputs auswählt, die am besten zu den momentanen
Wahrnehmungs-Inputs passen.
Es handelt sich um eine implizite Annahme vieler philosophischer
Überlegungen, dass alles menschliche Verhalten - abgesehen viel­
leicht von den groben Reflexen —genau durch ein derartiges meta-sys-
temisches Zweck-Mittel-Denken ausgewählt wird. Das ist jedoch
nicht das Bild der Dinge, das sich in diesem Aufsatz ergibt. Ich sehe
keinen Grund, daran zu zweifeln, dass menschliches Verhalten in ers­

287
ter Linie auf dieselbe Weise wie das Verhalten einfacher Lebewesen be­
stimmt wird. Wir besitzen eine Menge feststehender Dispositionen,
die durch momentane Wahrnehmungsinformationen und konkur­
rierende Triebe ausgelöst werden. Der einzige Unterschied besteht
darin, dass wir Menschen - jenseits von genetischer Vererbung und
Konditionierung - über eine zusätzliche Möglichkeit verfügen, um
diese Dispositionen richtig einzustellen. Manchmal nehmen wir uns
eine Auszeit, um das Für und Wider unterschiedlicher Optionen zu
erwägen, und finden heraus, dass der beste Weg — gegeben B und
T - R zu bekommen, darin besteht, V zu tun. Und dann werden unsere
feststehenden Dispositionen neu ausgerichtet, so dass wir beim nächs­
ten M al dazu disponiert sind, V zu tun, wenn B und T sich einstellen.
Aus dieser Sicht der Dinge wäre es wahrscheinlich keine gute Sache
für das Zweck-Mittel-Denken, wenn es als Dauervermittler zwischen
Wahrnehmungs-Inputs und Verhaltens-Outputs aktiv sein müsste.
Das Zweck-Mittel-Denken nimmt Zeit in Anspruch, doch die Hand­
lung kann nicht immer auf die Überlegung warten. Wenn wir jedes
M al innehielten und überprüften, ob wir wirklich das Beste tun, wäre
der Zeitpunkt zum Handeln normalerweise schon vorbei. Meistens
also erlauben wir unseren feststehenden Dispositionen einfach, dass
sie uns lenken. Aber manchmal, wenn die Dinge schwerer wiegen
und die Zeit nicht drängt, verzögern wir die Handlung und aktivie­
ren an dessen Stelle unsere Fähigkeit zum Zweck-Mittel-Denken.
(Man kann sich dies wiederum selbst als eine feststehende Disposi­
tion denken, die ausgelöst wird, wenn die Dinge schwerer wiegen
und die Zeit nicht drängt.) Nachdem das Zweck-Mittel-Denken
seine Arbeit erledigt hat, verändern wir unsere momentanen Disposi­
tionen und lassen erneut zu, dass sie uns lenken.22

22 Man beachte, dass man gerade in dieses Modell, in dem das Zweck-Mittel-Denken
unsere Handlungsdispositionen »neu ausrichtet«, leicht Pläne integrieren kann,
d. h. komplizierte und zur Erreichung eines Ziels notwendige Handlungsabfolgen.
Dazu ist lediglich erforderlich, dass das Zweck-Mittel-Denken vielfältige Hand­
lungsszenarien zu erzeugen vermag, die eine Verhaltensabfolge auslösen, wenn eine
Abfolge entsprechender Reize angetroffen wird. (Einige davon können auch ein­
fach in der Vervollständigung vorhergehender Verhaltensweisen bestehen.)

28 8
5 -v Abschließende Spekulationen

Ich möchte diesen Aufsatz mit einigen knappen, zusätzlichen Bemer­


kungen über die evolutionäre Entstehung des Zweck-Mittel-Den-
kens abschließen. Bisher habe ich nur die Ansicht vertreten, dass
das Zweck-Mittel-Denken zumindest eine gewisse Rolle in der biolo­
gischen Evolution gespielt haben muss.23 Wie ich soeben argumen­
tiert habe: auch wenn das Zweck-Mittel-Denken biologisch nach
der Sprache kam, muss es dennoch als solches selektiert worden sein,
damit seinem Einfluss auf das Verhalten Rechnung getragen werden
kann. Das ist, wie ich bemerkt habe, immer noch damit vereinbar,
dass das Zweck-Mittel-Denken nur ein kleiner biologischer Zusatz
zum Sprachvermögen ist, das sich aus ganz eigenen und unabhängi­
gen Gründen entwickelt hat.
Gleichwohl ist es möglich, dass das Zweck-Mittel-Denken in der
Evolution eine bedeutendere Rolle gespielt hat. Selbst wenn wir beim
Gedanken bleiben, dass Sprache das einzige Medium des Zweck-Mit-
tel-Denkens darstellt,24 besteht die Möglichkeit, dass das Zweck-
M ittel-Denken die primäre Funktion der Sprache ist und dass Kom­
munikation die nebenher hinzugefügte Spandrille ist, nachdem sich
Sprache ursprünglich zur Erleichterung des Zweck-Mittel-Denkens
entwickelt hat. Etwas plausibler ist die Annahme, dass sowohl das
Zweck-Mittel-Denken als auch die Kommunikation biologische
Funktionen der Sprache sind. Dieser Gedanke fügt sich auf natür­
liche Weise in ein ko-evolutionäres Modell ein: Ist erst einmal der
erste kleine biologische Schritt auf dem Weg zur Sprache getan, um
etwa die Kommunikation zu erleichtern, dann ermöglicht dies ei­
nen weiteren Schritt zur Erleichterung des Zweck-Mittel-Denkens,
was wiederum einen weiteren Schritt zur Erleichterung der Kom­
munikation ermöglicht usw.
Um dieses Bild der Dinge noch komplizierter zu machen, muss
man bedenken, dass die unterschiedlichen Aspekte der Sprache un­
terschiedliche evolutionäre Modelle erfordern können. An früherer

23 Ich erachte es zugleich für unbestritten, dass das Zweck-Mittel-Denken eine he­
rausragende Rolle in der nicht-biologischen Entwicklung der menschlichen Zivili­
sation spielte, nachdem es erst einmal biologisch in Erscheinung getreten war.
24 Ich sollte vielleicht deutlich machen, dass mein Begriff von >Sprache< sowohl die
mentale Verarbeitung internalisierter Sätze einer öffentlichen Sprache als auch
die offene Äußerung dieser Sätze umfasst.

289
Stelle habe ich eine Sprache für besondere Tatsachen von einer Spra­
che für allgemeine Tatsachen unterschieden. Vielleicht hat sich die
Sprache für besondere Tatsachen - wie an früherer Stelle eingeführt -
ganz und gar zu kommunikativen Zwecken entwickelt, während sich
die Sprache für allgemeine Tatsachen primär im Dienste des Zweck-
Mittel-Denkens entwickelt hat. Oder vielleicht hat sich die Spra­
che für allgemeine Tatsachen unter dem ko-evolutionären Druck
des Zweck-Mittel-Denkens und der Kommunikation entwickelt.
Oder sonst etwas. Es fällt nicht schwer, sich weitere Möglichkeiten
auszudenken.
Alle diese Vorschläge nehmen auf die eine oder andere Weise an,
dass das Zweck-Mittel-Denken zusammen mit der Sprache aufge­
treten ist. Das ist in der Tat eine attraktive Annahme. Denn zum einen
führt die kombinatorische Struktur der Sprache ganz natürlich zu
jener Art von Inferenz, die für das Zweck-Mittel-Denken zentral
ist. Darüber hinaus erklärt diese Annahme unmittelbar, weshalb das
Zweck-Mittel-Denken den Menschen Vorbehalten ist.
Dennoch sind Spekulationen interessant. Könnten sich einige For­
men des Zweck-Mittel-Denkens ursprünglich nicht unabhängig von
der Sprache entwickelt haben? Eine naheliegende Hypothese könnte
lauten, dass sich das Zweck-Mittel-Denken in einem Anfangsstadium
die bildliche Vorstellungskraft zunutze gemacht hat. Unsere Vorfah­
ren spielten zahlreiche Szenarien vor ihrem »geistigen Auge« durch
und machten sich dies für die Entscheidung zwischen alternativen
Handlungsabläufen zunutze.
Diese Verwendung der bildlichen Vorstellungskraft ist so vertraut,
dass sie in theoretischen Kontexten einfach vorausgesetzt wird. Doch
diese Vertrautheit ist trügerisch. Es gibt hier eine Menge theoretischer
Rätsel. Ist das Zweck-Mittel-Denken die primäre Funktion der bild­
lichen Vorstellungskraft? Welche Beziehung unterhält diese »bildliche
Antizipation« zur Erinnerung? Ist die Verwendung der bildlichen Vor­
stellungskraft für das Zweck-Mittel-Denken eine Verallgemeinerung
bereichsspezifischer Verwendungen wie etwa der räumlichen M ani­
pulation von Gegenständen oder, wie zuvor schon besprochen, der
räumlichen Orientierung? Um auf ein zentrales. Thema dieses Ab­
schnitts zurückzukommen - wie konnten die Ergebnisse des bild­
lichen Vorstellens die Macht gewinnen, die bereits bestehenden Struk­
turen der Handlungskontrolle zu beeinflussen?
Hier, als Antwort auf diesen letzten Punkt, eine weitere Hypothese:

290
Vielleicht war es ein entscheidender evolutionärer Schritt, als sich
unsere Vorfahren die Fähigkeit aneigneten, komplexe Handlungsab­
folgen anderer zu imitieren. Dazu war es erforderlich, das Tun ihrer
Lehrer visuell zu repräsentieren, das erfolgreiche Ergebnis zu würdi­
gen und dann diese bildliche Information in eine Handlung zu über­
setzen. War dies erst einmal möglich, könnte es ein kleiner evolutionä­
rer Schritt gewesen sein, eine vorgestellte visuelle Repräsentation des
eigenen voraussichtlich erfolgreichen Verhaltens in eine Handlung zu
übersetzen.
Wir haben genug Spekulationen, um weiterzumachen. Sie setzen
bereits das Programm für eine Reihe weiterer Aufsätze fest. Ich hoffe,
dass dieser Aufsatz zumindest zeigen konnte, dass das Zweck-Mit­
tel-Denken ein Thema ist, das lohnenswert genug ist, um es weiterzu­
verfolgen.
Aus dem Englischen übersetzt von M arkus W ild

291
John Dupre
Gespräche mit Affen
Reflexionen über die wissenschaftliche
Erforschung der Sprache

Gegenwärtige Versuche, Menschenaffen* eine Form von Sprache bei­


zubringen, gehen auf die Arbeiten von B. und A. Gardner zurück. Be­
reits früher wurde eine Reihe von Versuchen unternommen, domes­
tizierten Schimpansen gesprochene Sprachen beizubringen,1 doch
sie waren durchweg erfolglos. Die Gardners gelangten zur Einsicht,
dass die Misserfolge ebenso auf das Fehlen eines passenden Stimm­
apparats bei den Affen wie auf deren Mangel an Spracheignung
zurückgeführt werden können.2 Daher versuchten sie, ihren Schütz­
lingen - vor allem der Schimpansin Washoe, der zweifellos bekann­
testen unter den sprechenden Affen - die amerikanische Gebärden­
sprache (»American Sign Language« = »Ameslan«) beizubringen. Die
Gardners reklamierten einen beträchtlichen Erfolg für dieses Projekt;
Washoe habe ein Vokabular von gut über hundert Zeichen3 und be­
deutende Gesprächsfähigkeiten erworben. Seither sind eine Reihe

Ich danke R. Gagnier und D. Satz dafür, dass sie mich auf zahlreiche Unklarheiten in
einer früheren Fassung aufmerksam gemacht haben.
* [A. d. Ü.: Im Englischen wird zwischen >apes< und >monkeys< unterschieden. Der
erste Ausdruck bezieht sich auf die sog. Menschenaffen (Gorillas, Orang-Utans,
Schimpansen, Bonobos und Gibbons), der zweite auf alle anderen Affenarten der
Alten und der Neuen Welt. Zusammenfassend wird von >primates< gesprochen.
Sprachversuche werden nur mit Menschenaffen (sogar nur mit großen Menschenaf­
fen, nicht mit Gibbons) durchgeführt. Deshalb wird im Folgenden einfach der Aus­
druck >Affe< verwendet (und nicht ausdrücklich Menschenaffe<), wenn im engli­
schen.Text >ape< steht.]
1 Für eine kurze Zusammenfassung vgl. A. Premack, Why Chimps Can Read, New
York: Plarper & Row 1976, Kap. 2.
2 B. Gardner und A. Gardner, »Two-Way Communication with an Infant Chimpan-
zee«, in: Behavior o f Non-Human Prim ates (Bd. IV), hrsg. von A. M. Schrier und
F. Stollnitz, New York: Academic Press 19 7 1, S. 117-183.
3 Die wirkliche Zahl mag höher liegen, vielleicht bei mehreren Hundert. Es werden
Kriterien von unterschiedlichem Grad an Strenge angewendet, um zu entscheiden,
ob das Tier bestimmte Zeichen wirklich beherrscht hat.

29 5
von anderen Schimpansen4 sowie ein Gorillapaar5 und ein Orang-
Utan6 in der Gebärdensprache unterrichtet worden. D. Premack,7
D. Rumbaugh8 und S. Savage-Rumbaugh9 haben dagegen eine ganz
andere Strategie verfolgt. Sie versuchten, Schimpansen vollkommen
künstliche symbolische Systeme beizubringen. Das bedeutet, dass
diese in einem ersten Schritt lernen mussten, Metallstücke in unter­
schiedlichen Farben und Formen der Reihe nach auf eine Magnettafel j
zu legen, um dann in einem zweiten Schritt Tasten auf einer speziell
gestalteten Computertastatur zu drücken. Der Unterschied zwischen
der Gebärdensprache und anderen Forschungsansätzen wird weiter I
unten diskutiert.
Diese Forschung wirft zahlreiche interessante Fragen a u f Ich j
möchte die derzeitige Diskussion in drei Hauptkategorien einteilen, j
Zuerst möchte ich kurz betrachten, was diese verschiedenen Affen ]
wirklich zu tun gelernt haben. Zweitens möchte ich im Hauptteil die­
ses Kapitels verschiedenen Einwänden nachgehen, die gegen die Be­
hauptung erhoben wurden, diese Affen hätten genuin sprachliche Fä­
higkeiten erworben. Diese Einwände verdeutlichen, in welcher Weise
die entsprechende Forschung wichtige methodologische Fragen zur
wissenschaftlichen Untersuchung der Sprache aufwirft. Schließlich
möchte ich einige der unterschiedlichen Ziele und Interessen betrach­
ten, die diesem Forschungsprogramm und der Kritik daran zugrunde
liegen.

4 Vgl. R. Fouts, »Acquisition and Testing in Four Young Chimpanzees«, Science 180
(I973), S. 978-980; H. Terrace, N im , New York: Columbia University Press 1987.
5 F. Patterson und E. Linden, The Education ofKoko, New York: Holt, Rinehart und
Winston 1981.
6 H. L. Miles, »Apes and Language. The Search for Communicative Competence«, in:
Language in Prim ates, hrsg. von J. de Luce und H. T. Wilder, New York: Springer
1983.
7 »Teaching Language to an Ape«, Scientific Am erican 227 (1972), S. 92-99.
8 Language Learning by a Chimpanzee: The Lana Project, New York: Academic Press
1977. ■
9 Ape Language, New York: Columbia University Press 1986.

296
i. W as lernen A ffen?

Die Behauptung, dass Affen - wenn auch nur bis zu einem gewissen
Grad - eine Sprache beherrschen, hat eine riesige Kontroverse aus­
gelöst. Ein Hauptpunkt in dieser Kontroverse betrifft die Frage, ob
Affen jemals irgendwelche syntaktischen Fähigkeiten erwerben.10 An­
gesichts der weithin geteilten Idee von N . Chomsky, dass das Wesen
der Sprache in ihren unendlichen produktiven Kräften liegt, die in
der Syntax wurzeln, ist dieses Problem oft dahingehend interpretiert
worden, dass die Äußerungen11 von Menschenaffen nicht wirklich
sprachlich sind. Andererseits wird in der Debatte anscheinend weit­
gehend eingeräumt, dass die Frage, was für die syntaktische Kompe­
tenz denn erforderlich sei, vollkommen ungeklärt ist; ich möchte sie
hier übergehen.
Ziemlich klar ist, dass man Affen beibringen kann, ein ganz be­
trächtliches Repertoire von Symbolen zu verwenden (das Gorillaweib­
chen Koko, allem Anschein nach der Star auf diesem Gebiet, soll über
ein Vokabular von rund 150-600 Wörtern verfügen, je nach Strenge
der Kriterien, die angewendet werden12). Auch wenn dies etwas um­
strittener ist, kann man zudem sagen, dass Affen gewisse Sprechakte
vollziehen können. Diese beiden Behauptungen werden hinreichend
durch eine Leistung veranschaulicht, bei der weitgehende Überein­
stimmung darüber herrscht, dass Affen dazu in der Lage sind: etwas
zu verlangen. Meistens zeigt sich in den Äußerungen, die von sprach-
trainierten Affen berichtet werden, dass sie verschiedene Nahrungs­
mittel und Getränke, Kitzeleien und andere bevorzugte Vergnügen
einfordern. Angesichts der Tatsache, dass diese Forderungen durch
die Verwendung von wesentlich arbiträren Symbolen (von Zeichen,
einer Auswahl von Tasten, die mit geometrischen Symbolen gekenn­
zeichnet sind, usw.) erfolgen, scheint es klar, dass diese Affen Sym­
bole verwenden können. Dagegen wird gelegentlich eingewandt, dass

10 Unter denjenigen, die syntaktische Fähigkeiten bei Affen infrage stellen, befindet
sich bemerkenswerterweise einer der führenden Forscher in diesem Gebiet, H. Ter-
race, N im , op. cit.
11 Ich verwende den Terminus >Äußerung< durchgehend, um auf die mutmaßlich
sprachlichen Produkte von Affen Bezug zu nehmen. Es liegt auf der Hand, dass
Affen nicht im strengen Sinn etwas »äußern«; aber diese Verwendung hat sich einge­
bürgert.
12 F. Patterson und E. Linden, The Education ofKoko, op. cit., S. 84.

297
alles, was dabei geschehen ist, darin besteht, die Affen in einer kru­
den Weise ä la Skinner so zu kpnditionieren, dass sie bestimmte
erwünschte Resultate hervorbringen. Dieser Ansicht nach tut ein
Affe, von dem man sagt, er gäbe das Zeichen >Gib mir eine Banane<,
im Wesentlichen das Gleiche wie eine Ratte, die zum Drücken eines
roten Schalters trainiert worden ist, um ein Nahrungskügelchen zu
erhalten.
Man könnte vielleicht erwidern, dass der Ratte tatsächlich bei­
gebracht worden ist, dass Rot Kügelchen bedeutet und dass sie da­
durch eine minimale semantische Kompetenz erworben hat. Doch
im Allgemeinen richtet sich der Kern der Kritik darauf, dass der Affe -
und a fo rtio ri die Ratte - nicht weiß, dass sein Zeichen - etwa >X<—
Banane bedeutet. Und sicherlich ist man nicht geneigt, dieses Wissen
der Ratte zuzuschreiben, wahrscheinlich weil es sparsamer erscheint,
der Ratte lediglich die kausale Überzeugung zuzuschreiben, dass das
Drücken des Schalters Nahrung bringt. Der Kritiker möchte das Glei­
che über den Affen sagen: Das Zeichen >Gib mir eine Banane< zu
geben ist im Wesentlichen das Gleiche wie einen Baum zu schütteln,
damit Bananen herunterfallen. Wahrscheinlich sollte man nicht an­
nehmen, die Zurückweisung dieser Kritik erfordere den Nachweis,
dass Affen explizit semantische Überzeugungen hätten, z. B. die Über­
zeugung, dass >X< Banane bedeutet.. Die Beherrschung eines derarti­
gen semantischen Aufstiegs würde sicherlich die meisten Kleinkinder
und viele Erwachsene von unseren Sprachgemeinschaften ausschlie­
ßen; Sätze wie »>Banane« bedeutet Banane< sind ja ziemlich raffinierte
Bestandteile von philosophischen Spielereien. Es wäre viel vernünf­
tiger zu fordern, dass man fähig sein muss, mit >X< mehr zu tun, als
lediglich ein Verlangen zu äußern, damit das Verwenden von >X< als
Symbol gilt (allerdings beachte man die berühmten Sprachspiele in
Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen, §§ 1-7).
Diese Forderung scheint in der neueren Affensprachen-Forschung
ziemlich weitgehend berücksichtigt worden zu sein. Die Tatsache, 1
dass die Fähigkeit eines Affen, ein Symbol auf eine besondere Weise
zu verwenden, nicht zur Folge hat, dass er alle Fähigkeiten besitzt,
die wir natürlicherweise mit dem Wissen von der Bedeutung eines
gewöhnlichen Substantivs verbinden, ist durch einige Experimente
von Savage-Rumbaugh schön gezeigt worden.13 Beispielsweise kann

13 S. Savage-Rumbaugh, Ape Language, op. cit.

29 8
Affen beigebracht werden, Äußerungen zu produzieren, die für das
Fordern von verschiedenen verfügbaren Nahrungsmitteln geeignet
sind. Doch die Affen geben keinen Hinweis darauf, dass sie in an­
gemessener Weise als Adressaten der gleichen Äußerungen antworten
können, z. B. indem sie den genannten Gegenstand aus einer Gruppe
von Gegenständen auswählen. (Eine ähnliche Trennung von sprach­
licher Produktion und Rezeption ist auch in der Sprachentwicklung
von Kindern festgestellt worden.) Andererseits ist es ebenso klar, dass
dies nicht der typische Fall für trainierte Affen ist. In den oben er­
wähnten Experimenten zeigten die Tiere - sobald sie die Fähigkeit er­
worben hatten, bestimmte Äußerungen ebenso zu beantworten wie
selber zu produzieren — keine Schwierigkeit, diese Fertigkeit in Be­
zug auf neu erworbene Zeichen zu verallgemeinern. Viel verblüffen­
dere Illustrationen für den flexiblen Zeichengebrauch können aus
den Berichten der Forschungsarbeiten von Patterson gewonnen wer­
den. Sie berichtet von Beschreibungen, die ihre Gorillas von gegen­
wärtigen und vergangenen Ereignissen gemacht haben, sowie von
Witzen, Drohungen und Beleidigungen. Von Koko wird berichtet,
sie verwende Zeichen, wenn sie mit ihren Puppen spiele (obwohl sie
anscheinend verlegen ist, wenn sie dabei beobachtet wird), und dis­
kutiere sogar über den Tod:

Maureen (eine Ausbilderin): Wohin Gorillas gehen, wenn (sie) ster­


ben?
Koko: Angenehm Nest Heia.
Maureen: Wann Gorillas sterben?
Koko: Problem alt.14
(Das in Klammern gesetzte Wort erscheint nicht als Zeichen im
ursprünglichen »Ameslan«.)

Ohne dass solche Aufzeichnungen von Unterhaltungen gleich bril­


lante Dialoge oder Philosophie darstellen, legen sie doch sicher mehr
als konditionierte Reflexe nahe. Ihre Bedeutung ist jedoch ernsthaft
infrage gestellt worden. Ich möchte jetzt die Angriffe genauer betrach­
ten, die gegen die Schlussfolgerung, diese Affen würden eine echte
Sprachfähigkeit an den Tag legen, vorgetragen worden sind.

14 F. Patterson und E. Linden, The Education ofKoko, op. cit., S. 191.

29 9
2. K ritik an der A ffensprach en-Forsch u ng

Betrachten wir die Kritik, die an der Erforschung der sprachlichen


Fähigkeiten von Affen geübt wurde, so ist es hilfreich, zwischen
den Zeichensprachprojekten der Gardners, von Fouts, Terrace und
Patterson einerseits und den künstlichen Sprachen von Premack,
Rumbaugh und Savage-Rumbaugh andererseits scharf zu unterschei­
den. Grob gesprochen kann man die erstgenannten Projekte so auf- i
fassen, dass sie durch das Ziel motiviert sind, die Ebene der Kommu- I
nikation mit den Probanden so hoch wie möglich anzusetzen. Dies |
steht im Gegensatz zu den zweiten Projekten, bei denen der Möglich- j
keit, saubere, unzweideutige und gut kontrollierte Daten zu gewin- |
nen, größte Bedeutung beigemessen wurde. So ist man in der ersten j
Kategorie —um die Arbeiten von Patterson exemplarisch anzufiihren — |
verblüfft über die Herstellung einer Beziehung zwischen dem Pro- ]
banden und dem Forscher über eine längere Zeit hinweg. Patterson
betont beispielsweise die Art, wie die kommunikative Absicht ihrer I
Probanden zumindest für den erfahrenen Beobachter deutlich ge­
macht werden kann, als eine Art, die eine »wörtliche« Interpretation
von Zeichenketten übersteigt; neuen und unerwarteten Produktio­
nen wird besonderer Nachdruck verliehen. Das andere Extrem liegt I
bei den Experimenten von Premack, bei denen das mögliche Verhal­
ten der Probanden vom Experimentierenden eng begrenzt wird. Üb­
licherweise wird dem Affen nur zu einer sehr eng begrenzten Anzahl
von Zeichen Zugang gewährt. Dadurch werden quantitativ auswert­
bare Voraussagen und eine Analyse der Antwort erleichtert, die der
Affe auf besondere Anregungen gibt. In gewisser Weise ist diese
scharfe Dichotomie natürlich eine Karikatur. Denn einerseits dis­
kutieren die Forscher, die sich mit künstlicher Sprache befassen, die
affektiven Bindungen, die sie mit ihren Schützlingen hergestellt ha- j
ben. Beispielsweise misst Savage-Rumbaugh den unvorhergesehenen
und spontanen Produktionen eine beträchdiche Bedeutung bei (in
ihren Experimenten hatten die Schimpansen anscheinend einen kon- j
tinuierlichen Zugang zu einer größeren Bandbreite von Zeichen als |
die Tiere in Premacks Experimenten, wenn auch nicht zu einem Re­
pertoire des Umfangs, wie es Koko oder Washoe zugänglich war).
Andererseits verwenden Patterson, die Gardners und andere, die mit
Gebärdensprache experimentieren, viel Mühe auf ziemlich streng
kontrollierte Tests mit dem Vokabular ihrer Affen. Ich denke jedoch,

300
dass diese Gegenüberstellung den Schwerpunkt der verschiedenen Ex­
perimente recht gut aufzeigt und dass sie auch dazu dient, die Haupt­
linien der Kritik an diesen Experimenten voneinander zu unterschei­
den.
Zwei prominente Kritiker der Affensprachen-Forschung, J. Umi-
ker-Sebeok und T. A. Sebeok, unterscheiden in nützlicher Weise drei
Hauptlinien einer solchen Kritik.15 Diese sind (i) ungenaue Beob­
achtungen und/oder Aufzeichnungen des Affenverhaltens; (2) die
Überinterpretation des Affenverhaltens; (3) die unbeabsichtigte Ver­
änderung des Verhaltens eines Tiers in Richtung der erwünschten
Resultate. Ich werde im Folgenden jeden dieser Kritikpunkte prüfen.
Vorwürfe bezüglich ungenauer Beobachtung und Aufzeichnung
richten sich insbesondere gegen die Forschung, die Gebärdensprache
verwendet. Beispielsweise zitiert D. Premack16 eine Studie von M . S.
Seidenberg und L. A. Petitto17 (Mitarbeiter von Terrace), die nahe legt,
dass die Bandaufzeichnungen von Washoes Verhalten und die von
den Gardners publizierten Berichte oft in signifikanter Weise nicht
übereinstimmen, wenn man sie vergleicht. Wenn z. B. von Washoe be­
richtet wird, sie habe auf eine Frage mit den Zeichen für >du mir/
mich< geantwortet, war die wirkliche Antwort >du mir/mich du aus
mir<, wie man auf dem Videoband sah. Premack bemerkt, dass »die
Gardners anscheinend etwa Folgendes angenommen haben: Wenn
wir aus der durcheinander geratenen Nachricht des Affen extrahie­
ren können, was der Affe zu sagen versucht, kann dies der Affe auch<.«
Diese Aussage mag zwar sicher sehr »unwissenschaftlich« klingen, aber
weiteres Nachdenken darüber führt vielleicht dazu, dass man sich Fra­
gen stellt. Wenn das, was der Affe produziert, wirklich eine Art von
Sprache ist, sollten wir doch keineswegs überrascht sein, dass vom
Zuhörer wie üblich verlangt wird, ein gewisses Maß an Interpretation
für die kommunikative Interaktion aufzubringen. Wörtliche Trans­
kriptionen von Gesprächen —sogar von Gesprächen zwischen sprach-
kompetenten menschlichen Erwachsenen - sehen typischerweise ganz
anders aus als die grammatikalisch korrekte Schriftsprache. Dies ver­
anlasst uns aber nicht, daran zu zweifeln, dass eine erfolgreiche und
beabsichtigte Kommunikation stattfindet. Sogar bei den noch signi­

15 »Questioning Apes«, in: Speaking ofApes, hrsg. von T. A. Sebeok und J. Umiker-
Sebeok, New York: Plenum 1980, S. 9.
16 Gavagai, Cambridge (Mass.): Bradford Books/MIT Press 1986, S. 32.
17 »Signing Behavior in Apes: A Critical Review«, Cognition 1 (1979), S. 177-215.

301
fikanter abweichenden Äußerungen von Kleinkindern glauben wir
bereitwillig, dass Eltern oft verstehen, was gesagt wird.
Zwei besondere Umstände verstärken das berechtigte Anliegen, in
diesen Fällen Nachsicht zu üben. Erstens wird oft festgestellt, dass
Affen — insbesondere Schimpansen - typischerweise auf einem ho­
hen Niveau von Aktivität, ja von Aufregung operieren. Der repeti-
tive Sprachstil, der oft wörtlich transkribiert wird, scheint in hohem
Maße mit diesem Merkmal übereinzustimmen.18 Noch bedeutender
ist, dass die besonderen Charakteristika einer Gebärdensprache wie
»Ameslan« eine größere Subtilität bei der Interpretation eines Spre­
chers erfordern, als dies in einer normalen englischen Konversation
der Fall ist.19 Es scheint, dass muttersprachliche Gebärdensprachler
eine Reihe von Flinweisen verwenden wie die Lokalisierung der Ge­
bärde im Raum rund um den Körper, die Blickrichtung oder den
Gesichtsausdruck, um verschiedene syntaktische und andere Aspekte
einer Äußerung zu vermitteln, die auf ökonomische Weise nicht an­
hand unabhängiger symbolischer Einheiten vermittelt werden kön­
nen. Daher ist die Übersetzung von einer Gebärdensprache in eine
gesprochene Sprache an sich sogar noch viel komplexer als die von
einer gesprochenen Sprache in eine andere gesprochene Sprache. So­
mit kann man die Behauptung, dass Personen, die über längere Zeit
mit Gebärdensprache verwendenden Affen gearbeitet haben, be­
trächtliche und subtile Fähigkeiten zur Interpretation dessen erwer­
ben können, was die Affen sagen, nicht schlichtweg aufgrund einer
naiven wörtlichen Interpretation abweisen.
Die bislang erwähnten Punkte machen nach und nach die Schwie­
rigkeiten deutlich, die sich hinsichtlich der zweiten allgemeinen Linie
der Kritik stellen, nämlich dass das Verhalten der Affen im Lichte
der Erwartungen des Experimentierenden oft durch ein Wunschden-

18 Eine verblüffende Bestätigung dieser Analyse liefert die Forschungsarbeit von H. L.


Miles, »Apes and Language«, op. cit., zum Orang-Utan, einem viel ruhigeren und
phlegmatischeren Tier. Ihr Proband, Chantek, machte selten unmittelbare Wieder­
holungen. In einem ähnlichen Sinn wird manchmal nahe gelegt, Schimpansen
könnten nicht wirklich ein Gespräch fuhren, weil sie teilweise ihre menschlichen
Gesprächspartner so oft unterbrechen. Doch Chantek war offensichtlich nicht
mehr geneigt, seine Trainerin zu unterbrechen, als umgekehrt.
19 Vgl. z. B. J. H. Hill, »Apes and Language«, in: T. A. Sebeok und J. Umiker-Sebeok,
»Questioning Apes«, op. cit., S. 336; H. Terrace, N im , op. cit., S. 237-238. Ter-
race liefert eine hilfreiche allgemeine Beschreibung der Gebärdensprache, ibid.,
S.235-254.

302
ken überinterpretiert wird. Sie zeigen natürlich nicht, dass derartige
Interpretationen von Affenäußerungen in der Gebärdensprache tat­
sächlich ein sicheres Fundament haben. Ich würde sicherlich meine
Kompetenzen überschreiten, wenn ich zu dieser Frage irgendein all­
gemeines Urteil fällen würde. An dieser Stelle möchte ich aber die
Tatsache betonen, dass es anscheinend fundamentale Konflikte gibt
zwischen intrinsischen Merkmalen dieser Art von Forschung und
gemeinhin geteilten Idealen der wissenschaftlichen Forschung. Ganz
offensichtlich wird weithin angenommen, dass Daten, die vom For­
scher eine Interpretation verlangen - gar eine umstrittene Interpre­
tation - , wissenschaftlich inakzeptabel sind. Seit dem Niedergang
des klassischen Positivismus ist man sich natürlich allenthalben be­
wusst, dass alle Daten bis zu einem gewissen Grad im Lichte eines
theoretischen Hintergrundes interpretiert werden - dieses Bewusst­
sein ist sogar weitgehend für den Niedergang des Positivismus verant­
wortlich. Beobachtungen und Beschreibungen von Elektronen, tek­
tonischen Platten oder Plackordnungen können nicht unabhängig
von den theoretischen Kontexten existieren, in denen diesen Termini
eine Bedeutung gegeben wird. Trotz des Bewusstseins für diesen Sach­
verhalt gibt es doch verschiedene Faktoren, die den Anspruch auf
Objektivität aufrechterhalten. Erstens: Der theoretische Hintergrund
kann zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt unumstritten sein.
So wird z. B. die Beobachtung eines Elektrons, das durch eine Ne­
belkammer hindurchgeht, oft als eine paradigmatisch objektive Be­
obachtung angesehen - trotz des gegenwärtigen Antirealismus in
der Wissenschaftstheorie. Zweitens: Die Reproduzierbarkeit wissen­
schaftlicher Daten gilt als sehr wichtig. Ohne in irgendeiner Weise
die Rolle der Interpretation bei der Beschreibung von Daten zu
schmälern, kann man doch sagen, dass dies eine starke Form von In­
tersubjektivität gewährleistet. Jeder Forscher - so nimmt man an -
kann bestätigen, dass eine bestimmte A rt von Experiment tatsäch­
lich eine bestimmte Art von Resultat liefert.
Es ist klar, dass keine dieser Überlegungen zugunsten von Objek­
tivitätsansprüchen sogleich auf die Forschung mit Affensprache an­
gewendet werden kann. Die umstrittenen Interpretationen der Ge­
bärdenzeichen von Affen erfordern die Annahme eines theoretischen
Hintergrundes, dem zufolge die Affen versuchen, etwas zu kommu­
nizieren, wenn sie Gebärdenzeichen geben. Dies ist aber keineswegs
unumstritten - genau das wollen die Kritiker bestreiten. Aber es wäre

30 3
vollkommen unmöglich, die Möglichkeit zu untersuchen, ob Affen
etwas sagen, ohne dabei zumindest als Arbeitshypothese anzuneh­
men, dass sie genau dies versuchen. Das Problem der Reproduzier­
barkeit möchte ich weiter unten diskutieren. Es lohnt sich aber, hier
zu betonen, dass Reproduzierbarkeit in einer recht paradoxen Be­
ziehung zu derartigen Untersuchungen steht. Verkürzt ausgedrückt
könnte man sagen: Je beeindruckender ein bestimmtes sprachliches
Verhalten ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es reproduziert wer­
den kann. Genau dieser Gegensatz liegt dem Skeptizismus bezüglich
einer Affensprache zugrunde: A u f der einen Seite steht Sprache als
eine kreative und spontane Form von Verhalten, auf der anderen Seite
Sprache als eine Menge von stereotypen Tätigkeiten, die als etwas
verstanden werden können, das nicht mehr als eine kausale und se­
mantisch unschuldige Manipulation der Umgebung ist. Definitions­
gemäß lässt die zweite Art von Sprache, nicht aber die erste, voraussag­
bare und zuverlässige Wiederholung zu.
Zusätzlich zu diesen anscheinend unüberwindbaren Hindernis­
sen, die sich gewissen Konzeptionen einer akzeptablen objektiven
Datenproduktion in den Weg stellen, gibt es bei dieser Forschung
einen Aspekt, der wohl positiver - und anstößiger - subjektiv erschei­
nen mag. Ideale von wissenschaftlicher Objektivität weisen dem un­
voreingenommenen und emotionslosen Beobachter typischerweise
eine zentrale Rolle zu. Es ist aber klar und wird auch allgemein zuge­
standen, dass eine Person, die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens
der Arbeit mit einem hochintelligenten und interessanten Geschöpf
gewidmet hat, alles andere als unvoreingenommen und emotionslos
ist.20 Ein einleuchtendes Merkmal für diese affektive Bindung zwi­
schen Forscher und Proband ist, dass der Forscher natürlich auf den
Erfolg seiner Probanden beim Spracherwerb bedacht ist-wahrschein­
lich genauso, wie typisch menschliche Eltern darauf bedacht sind,
dass sie mit der Erziehung ihret Kinder Erfolg haben werden. Ein
emotionales Engagement fxxr ein bestimmtes Resultat eines Experi­
ments ist aber den Konzeptionen von wissenschaftlicher Objektivi­
tät ganz und gar ein Greuel. (Ob Wissenschaftler den Resultaten ihrer
Experimente typischerweise mit vollkommenem Desinteresse begeg­
nen, ist wohl keine Frage, die man ernsthaft stellen kann. Angesichts
des Systems von Auszeichnungen in den wissenschaftlichen Berufs­

20 Vgl. J. Umiker-Sebeok und T. A. Sebeok, »Questioning Apes«, op. cit., S. 5-8.

304
gruppen würde Desinteresse wohl eine unglaubliche geistige Erha­
benheit darstellen. Aber dies ist ein anderes Thema.)
Wie bei den anderen Aspekten von Objektivität kann man aller­
dings auch hier den Verdacht hegen, dass die offenkundigen Nach­
teile dieser Forschung unvermeidbar sind. Trotz allem ist es möglich,
dass der Affe —genau wie ein Menschenkind —nur dann lernen wird,
wenn ihm ein Mensch, zu dem er eine affektive Bindung spürt, zeigt,
dass ihm etwas am Lernen liegt. Ein Großteil des menschlichen Ler­
nens wäre einer vollkommen unbeteiligten und »objektiven« Unter­
suchung wohl nicht zugänglich. Zudem könnte es - um zu einem frü­
heren Punkt zurückzukehren —sehr wohl der Fall sein, dass jemand,
der mit den Interessen und Eigentümlichkeiten eines Affen eng ver­
traut ist, viel mehr Möglichkeiten hat, die sprachlichen Anstrengun­
gen eines Affen zu verstehen, als ein emotionsloser und desinteressier­
ter wissenschaftlicher Beobachter.21
Der allgemeine Tenor der bisherigen Diskussion kann folgender­
maßen zusammengefasst werden: Was diese Kritik an der Forschung
mit Affensprache wirklich veranschaulicht, ist höchstwahrschein­
lich ein sehr grundlegender Konflikt zwischen den Idealen der wissen­
schaftlichen Forschung und gewissen Formen von Sprachforschung.
Für gewöhnlich wird Alltagssprache in einem sehr emotionalen Kon­
text gelernt, und affektive Aspekte der Kommunikation, auch zwi­
schen kompetenten Sprechern, können kaum vollkommen von den
aseptisch semantischen Aspekten abgetrennt werden. Überdies ist
Sprache ohne Interpretation eindeutig eine inkohärente Konzeption,
und zwar in einem Sinn, der die Erforschung von umstrittenen Kan­
didaten für Sprache von vornherein dergestalt ausschließt, dass wis­
senschaftlichen Konzeptionen von Interpretationsabwesenheit Ge­
nüge getan wird. Vielleicht hätten wir eine bessere Vorstellung von
der Sprachfähigkeit von Affen, wenn die Forschung von Literatur­
wissenschaftlern betrieben worden wäre.
Forschung, die künstliche Sprachen verwendet, ist in einem be­
trächtlichen Ausmaß durch den Versuch motiviert, diese Abweichun­
gen in der Methodologie der »Ameslan«-Forschung von den geltenden
Normen der wissenschaftlichen Forschung zu vermeiden. Sequenzen
21 H . L. Miles, »Apes and Language«, op. cit., S. 57, und andere haben die Vermutung
geäußert, dass die fehlende Erkenntnis der Wichtigkeit, eine Beziehung mit seinem
Schützling Nim herzustellen, für einige der negativen Resultate von H. Terrace
verantwordich sein mag.

30 5
von farbigen Formen oder von Anschlägen auf einer Computertasta­
tur stellen im Gegensatz dazu »saubere« und unzweideutige Daten
dar. Ein anderer Vorteil dieses Ansatzes wird aus der vorherigen Dis­
kussion ersichtlich. Ich habe oben bemerkt, dass eine Voraussetzung
für die Interpretation der interessanteren und reizvolleren Affenäuße­
rungen in der Arbeitshypothese bestand, dass die Affen zu kommu­
nizieren versuchten. Dies legt nahe, dass im Prozess der Interpretation
eine deutliche, wenn auch nicht notwendigerweise fatale Zirkularität
liegt. Es ist ein reizvolles Ziel, diese Hypothese in einem strengeren
analytischen Beweis zu verankern, nämlich dass Affen Symbole mit
kommunikativer Absicht verwenden können und dies tatsächlich
auch tun. Prim a facie kann eine solche Unterstützung tatsächlich an­
hand der Forschung mit künstlicher Sprache gewonnen werden.
Die analytisch detaillierteste Studie zum Symbolerwerb bei Affen
ist wahrscheinlich die Forschungsarbeit von S. Savage-Rumbaugh.22
Das hervorstechende Merkmal dieser Forschung ist der Versuch, eine
Reihe von verschiedenen Möglichkeiten, wie ein Affe Symbole ver­
wenden kann, auseinander zu nehmen und diese Möglichkeiten un­
abhängig voneinander zu testen. Ein bemerkenswertes Ergebnis die­
ser Arbeit ist die Beobachtung, dass Affen ohne besonderes Training
häufig nicht in der Lage sind, von einer Art der Symbolverwendung
in Bezug auf andere Symbolverwendungen zu verallgemeinern. Dies
veranlasst Savage-Rumbaugh zu Skepsis gegenüber der Frage, ob alle
Affen, die in den fraglichen Experimenten untersucht wurden, die
ganze Bandbreite von Fähigkeiten erworben haben. Offensichtlich
zeigt ihre Arbeit jedoch, dass Affen lernen können, Symbole zu ver­
wenden und zu verstehen, auf abwesende Objekte Bezug zu nehmen,
spontane Kommentare zu machen und ihre beabsichtigten Hand­
lungen anzukündigen. In einer besonders interessanten Versuchsreihe
wurde ein Affe aufgefordert, von einem anderen Affen Werkzeuge
(Schlüssel, Strohhalme, Magnete usw.) zu verlangen, die er brauchte,
um an Nahrung zu gelangen. Dabei bewies er die Fähigkeit, Spra­
che zur Erleichterung kooperativer Unternehmungen zu verwenden.
Und Affen sind sogar imstande, sich gegenseitig Symbole beizubrin­
gen. (Patterson und Linden berichten eingehend von einem amü­
santen Versuch Michaels —einem Gorilla, der später zu ihren Experi­
menten dazu kam - , einen seiner Trainer in der Verwendung eines

22 S. Savage-Rumbaugh, Ape Language, op. cit.

306
Zeichens zu unterrichten.23 Fouts berichtet von Washoes Versuchen,
einem adoptierten Schimpansenkind Zeichen der Gebärdensprache
beizubringen.24) Schließlich eignen sich einige Affen anscheinend
ein signifikantes Verständnis von gesprochenem Englisch an. Patter­
son und Linden nehmen diese Fähigkeit auch für Koko in Anspruch.
M it Verweis auf negative Resultate mit ihren Hauptprobanden, den
Schimpansen Sherman und Austin, beurteilt Savage-Rumbaugh diese
Behauptung allerdings skeptisch. Jedoch berichtet Savage-Rumbaugh
von neueren Forschungen mit dem Zwergschimpansen {Panpaniscus)
Kanzi, wobei sie zeigt, dass dieser Affe eine Reihe von gesprochenen
Wörtern versteht.25 (Dieses ziemlich erstaunliche Tier erwarb offen­
sichtlich signifikante sprachliche Fähigkeiten, einschließlich eines
partiellen Verständnisses von gesprochenem Englisch, ohne dass ein
gezieltes Training erfolgte. Savage-Rumbaugh vermutet, dass diese
seltene und wenig erforschte Spezies möglicherweise über eine er­
heblich größere Sprachbegabung verfügt als der gemeine Schim­
panse {Pan troglodytes). Pattersons gelegentliche Andeutungen, G o­
rillas seien talentierter als der gemeine Schimpanse, können nicht
einfach zurückgewiesen werden. Und von Orang-Utans wird berich­
tet, dass sie trotz ihres ruhigeren Temperaments bei verschiedenen
kognitiven Tests besser abschneiden als Schimpansen oder Gorillas.26
Die Vorliebe für bestimmte Spezies ist ein gelegentlich amüsanter Sub­
text bei diesem Thema.)
Die Forschung von Savage-Rumbaugh ist reichverziert mit allen Or­
den der respektablen wissenschaftlichen Forschung: Kontrollen ver­
schiedener Art, »Doppelblind«-Experimente, sorgfältige statistische
Datenanalysen und unzweideutige Computeraufnahmen von Daten.
Die Belege scheinen auf eindrucksvolle Weise zu demonstrieren, dass
Affen kommunizieren können, wenn sie entsprechend angeleitet wer­
den, und dass sie dies mit voller Absicht tun.
Diese wissenschaftlichen Tugenden haben indessen nicht genügt,
um die Kritiker zum Schweigen zu bringen. Dies führt mich zur drit­
ten und vielleicht tiefgreifendsten Kritik an den Studien zur Affen­
sprache, nämlich zum Problem der ungewollten Hinweise oder der

23 F. Patterson und E. Linden, The Education ofKoko, op. cit., S. 170.


24 R. Fouts, »Chimpanzee Language and Elephant Tails: ÄTheoretical Synthesis«, in:
J. de Luce und FI. T. Wilder, op. cit., S. 1-3.
25 S. Savage-Rumbaugh, Ape Language, op. cit., S. 382-397.
26 H. L. Miles, »Apes and Language«, op. cit., S. 47.

307
Manipulation eines Tiers zur Produktion des erwünschten Resultats.
Manchmal nennt man das auch »Kluger-Hans-Effekt« - nach dem
berühmten Pferd, das viele Leute davon überzeugte, dass es rechnen
könne. Wenn man Hans eine Rechenaufgabe gab, schlug er mit sei­
nem H u f ein paar M al auf den Boden, je nach Lösung der Aufgabe.
Untersuchungen brachten dann zutage, dass Hans auf äußerst subtile
Hinweise seiner Befrager reagierte, mit denen diese anzeigten, dass
er lange genug aufgeschlagen hatte; so lernte er, am richtigen Punkt
aufzuhören. Allgemeiner ausgedrückt: Es ist bekannt, dass Tiertrai­
ner äußerst subtile Methoden zur Beeinflussung und Kontrolle des
Verhaltens ihrer Schützlinge entwickeln können. Obwohl von den
Affensprachen-Forschern große Anstrengungen unternommen wür­
den, um diese Möglichkeiten auszuschließen, ist es anscheinend sehr
schwierig, Experimente zu entwerfen, die jeden möglichen Kommu­
nikationskanal außer jenem, der von den Forschern intendiert wird,
ausschalten. Bei fast allen derartigen Experimenten ist ein Forscher
mit dem Affen zusammen. Dies lässt sich tatsächlich kaum vermei­
den. Umiker-Sebeok und Sebeok stellen fest, dass die Affen normaler­
weise während der Tests nicht ruhig sitzen bleiben, und bemerken:

Die Experimentierenden müssen viel Zeit au f die Interaktion mit dem Tier
verwenden, nur um es ausreichend unter Kontrolle zu bringen, damit sie in
der Lage sind, die Tests durchzufiihren —nicht unbedingt das, was man ideale
experimentelle Bedingungen nennen würde. Wenn versteckte Hinweise selbst
dann wahrscheinlich sind, wenn ein Proband ruhig und aufmerksam dasitzt,
dann sind sie noch viel wahrscheinlicher unter den chaotischen Bedingungen,
die durch die natürliche Reaktion eines Affen au f derartige von Menschen
gemachte Regeln geschaffen werden .27

Es mag beklagenswert sein, dass Affen so wenig Hingabe für den Fort­
schritt der Wissenschaft zeigen, doch die Weigerung, eine ganze Bat­
terie von psychologischen Tests ruhig sitzend über sich ergehen zu
lassen, ist kaum ein Anzeichen für einen Mangel an Intelligenz.
Forscher versuchen oft, die Möglichkeit versteckter Hinweise durch
die Anwendung sog. Doppelblind-Strategien zu vermeiden. Bei die­
sen Strategien unterscheidet sich der Beobachter der Affentätigkeit
von dem Experimentierenden, der die Aufgabe stellt, und dieser kennt
die korrekte Antwort nicht. Diese Strategie kann ihre eigenen Pro-

27 T .A . Sebeok und J. Umiker-Sebeok, »Questioning Apes«, op. cit., S. 44.

308
bleme hervorbringen, vor allem das Problem, dass die elaborierten und
künstlichen Prozeduren, die damit verbunden sind, den Affen wahr­
scheinlich von einer Kooperation abhalten. Patterson berichtet, dass
sich Koko häufig weigerte, bei solchen Tests zu kooperieren, und dass
sie bei einer solchen Gelegenheit beispielsweise auf jede Frage die glei­
che Antwort gab. Dies ist eine verblüffende Illustration für das Prob­
lem, dass die Interpretation von einer vorgängigen Überzeugung ab­
hängt. Für Patterson, die vollkommen überzeugt ist, dass Koko fähig
ist, die Aufgabe zu erfüllen (nämlich vertraute Gegenstände zu identi­
fizieren), liegt es auf der Pfand, dass Koko ihren Widerwillen gegen
eine langweilige Tätigkeit ausdrückt. Umiker-Sebeok und Sebeok hin­
gegen, für die Kokos Kompetenz äußerst fragwürdig ist, stellen skep­
tisch die Frage, ob diese Sitzungen als Reihen mit falschen Antworten
in der Analyse des Experiments berücksichtigt wurden.
Selbst wenn die Affen kooperieren, wird der Skeptiker wahrschein­
lich nicht überzeugt sein. Je komplexer die experimentelle Situation
wird - so scheint es fast - , desto mehr mögliche Kanäle für unbe­
absichtigte Kommunikation werden geöffnet. Es fällt beispielsweise
nicht schwer, sich versteckte Hinweise vorzustellen, die der angeblich
blinde Beobachter vielleicht verwendet, um herauszubekommen, was
der Affe »meint« (etwa sein nicht-sprachliches Verhalten). Wie Umi­
ker-Sebeok und Sebeok betonen, sind die Experimentierenden, die au­
ßenstehenden Beobachter, die blinden Beobachter, die naiven Beob­
achter usw. noch nicht einmal allt dramatis personae. Um harte und
objektive Daten (oder einen Pressebericht) zu produzieren, gibt es ge­
wöhnlich eine Kamera oder einen Videorecorder, der bedient wird;
zweifellos wird der Bediener das Experiment oft gut genug verste­
hen, um zu wissen, welche Reaktion erwartet wird, und um so eine
mögliche Quelle von versteckten Hinweisen für das Tier darzustellen.
Von zentraler Bedeutung für die Verbreitung dieser Zweifel ist
ein wichtiges methodologisches Problem: die Verpflichtung zu einer
sparsamen Erklärung.28 Ockhams Rasiermesser beschneidet die Be­
hauptungen der Affenforscher angeblich in zwei Richtungen. Erstens:
Wenn es - wie oben ausgeführt — einen Kanal gibt, durch den ein
menschlicher Beobachter oder Teilnehmer den Affen zur korrekten
Antwort auf eine Frage oder zu einer angemessenen Äußerung ge­
bracht haben könnte, dann wird angenommen, die Schlussfolgerung,

28 Ibid., S. 14-21.

30 9
dass genau dies passiert ist, sei sparsamer als die Schlussfolgerung, dass
der Affe die Fähigkeit gezeigt hat, seine Äußerung oder Antwort ohne
Hilfe zu produzieren. Zweitens: Ockhams Rasiermesser wird gemein­
hin gegen die kreativeren und innovativeren Sprachverwendungen
von Affen in Anschlag gebracht. Diese Verwendungen, so wird nahe
gelegt, könnten auf sparsamere Weise dem Irrtum oder dem Zufall
zugeschrieben werden. Ein weithin zitiertes Beispiel ist Washoes Pro­
duktion der Gebärdenzeichen Wasser Vogeh, als sie zum ersten Mal
mit einem Schwan konfrontiert wird. Die Kritiker bemerken dazu,
dass Washoe in dieser Situation sowohl Wasser als auch ein Vogel ge­
zeigt wurde. Die Annahme, ihre Äußerung beruhe auf der imagina­
tiven Synthese, sich auf den Schwan als einen Wasservogel zu bezie­
hen, sei somit überflüssig, Etwas anders gelagert ist der Bericht von
Patterson, dass sich Koko in einer besonders verstockten Laune wei­
gerte, das Zeichen für Trinken (Daumen in Richtung Mund mit ge­
schlossener Faust) zu machen, das sie vorher Tausende Male gezeigt
hatte. Grinsend machte sie dann endlich das Zeichen, aber am Ohr
und nicht zum Mund. Patterson interpretierte dies als eine Übung
in Humor.29 Wie erwartet halten Kritiker dagegen,30 es sei plausibler,
dies als Fehler zu interpretieren.31

29 F. Patterson und E. Linden, op. cit., S. 77.


30 Z, B. J. Umiker-Sebeok und T. A. Sebeok, op. cit., S. 16.
31 Zum Thema der Aufsässigkeit von Affen bemerkt F. Patterson (op. cit., S. 6), »dass
Koko durch ihre standhafte Weigerung, sich einer öden Routine zu unterwerfen,
oft zu ihren kreativsten Sprachverwendungen gebracht wurde.« Zur Illustration
zitiert sie den folgenden Dialog. Cathy, eine Ausbilderin, hatte Koko die Zeichen
Was ist das?< gegeben und dabei auf ein Bild von Koko gezeigt.
G orilla, gab Koko als Zeichen.
Wer G orilla?, gab Cathy als Zeichen . . .
Vogel, antwortete Koko . . .
D u Vogel?, fragte C ath y. . .
D u, erwiderte Koko, die in diesem Alter das Wort >Vogel< oft als eine Beleidigung
verwendete.
N icht ich, du Vogel, entgegnete Cathy.
Ich G orilla, antwortete Koko.
Wer Vogel?, fragte Cathy.
Du Nuss, entgegnete Koko, indem sie auf eine weitere ihrer bevorzugten Beleidi­
gungen zurückgriff. (Koko verwandelt >Vogel< und >Nuss< von deskriptiven in pejo­
rative Ausdrücke, indem sie die Stellung verändert, in der das Zeichen gegeben
wird: nicht mehr dem Gesicht gegenüber, sondern seitlich davon.) Nachdem Koko
noch eine Weile Namen rief, gab sie den Kam pf auf, verwendete das Zeichen M ir

3 10
Es ist schwierig, bei bestimmten Disputen den Schiedsrichter zu
spielen. Doch ein Punkt sollte betont werden: Sparsamkeit ist kaum
ein objektives, theorieunabhängiges Konzept. Warum ist es sparsamer,
in einem Doppelblind-Versuch einen komplexen und versteckten
Kommunikationskanal anzunehmen, als davon auszugehen, dass der
Affe weiß, was er tut? Wenn man glaubt, dass der Affe tatsächlich zu
dem zur Debatte stehenden Verhalten fähig ist, ist die zweite Erklärung
sicherlich sparsamer. Ebenso gilt: In der Koko-Anekdote ist für Pat­
terson, die sich sicher ist, dass Koko das Gebärdenzeichen >trinken<
geben könnte, wenn sie nur wollte, die Interpretation im Sinne eines
Witzes ganz natürlich. Der Skeptiker, der nicht geneigt ist, dem Affen
sprachliche Fähigkeiten zuzugestehen, wird zur Ansicht tendieren,
dass jede alternative Erklärung plausibler ist. Welche Interpretation
natürlich oder »sparsamer« ist, hängt in beiden Fällen sehr von der
vorgängigen Überzeugung ab. Natürlich wird man dagegen den Ein­
wand erheben, dass die freundliche Annahme zirkulär ist, weil sie ge­
nau das ist, was das Experiment nachweisen soll. Aber dies ist irrelevant
für die vorgängige Wahrscheinlichkeit, die man an die Frage knüpft,
ob die Affen über die untersuchte Fähigkeit verfügen oder nicht.
Ich sollte vielleicht sagen, dass im »Klugen-Hans-Phänomen« mehr
steckt, das von Interesse ist, als meine Diskussion vielleicht vermuten
lässt. Der entscheidende Punkt ist folgender: Unabhängig von den
strittigen Fragen zu den sprechenden Affen gibt es ein großes Maß
an Kommunikation, das zwischen Menschen und Tieren möglich
ist. Sebeok bemerkt, dass »die zoosemiotische Kommunikation, die
in beide Richtungen erfolgt, somit nicht das Thema ist. Eine Kom­
munikation, die durch verbale Mittel zwischen Mensch und Tier er­
folgt, ist jedoch eine andere Sache.«32 Sebeoks Einwände gegen die
Forschung mit Affensprache beruhen auf seiner Ansicht, dass »der
>Kluge-Hans-Effekt< alle möglichen zweistelligen Interaktionen prägt,
ja dass er sie in der Tat auf heimtückische Weise infiziert, ob sie nun
zwischen Personen oder zwischen Mensch und Tier erfolgen, wobei

egalgut und machte sich mit dem Zeichen Schlecht davon. - Man kann leicht sehen,
wie diese Anekdote dahingehend interpretiert wird, dass sie einer Reihe von Anfor­
derungen an Wissenschaftlichkeit nicht genügt. Mein allgemeiner Punkt ist aber,
dass dies nicht ausreicht, um zu zeigen, dass es unzulässig ist, solche Berichte im
offensichtlichen Sinn zu verstehen.
32 T. A. Sebeok, »Looking in the Destination for what should have been Sought in the
Source«, in: Sebeok und Umiker-Sebeok, op. cit., S. 426.
auch die Interaktionen lebender Organismen mit einem Computer
nicht ausgenommen sind«.33 (Man fragt sich nur, warum dies »heim­
tückisch« sein soll. Welche sprachliche Essenz soll idealerweise aus
dem nicht-sprachlichen Geräusch destilliert werden?) Er betont auch,
dass die Bandbreite nonverbaler Mittel in einer solchen Kommuni­
kation bislang noch nicht ausreichend verstanden worden ist. Aber
während es durchaus möglich ist, dass viele Affensprachen-Forscher
in Bezug auf diese Kommunikationsmittel naiv sind, ist doch nur
schwerlich einzusehen, warum die Existenz solcher Mittel die künst­
lich etablierten Kommunikationskanäle, von denen sie reden, in Zwei­
fel ziehen sollte. Gerade das Gegenteil würde man annehmen. Daher
verstehe ich nicht, wie der »Kluge-Hans-Effekt« bei all dem, was da­
ran an sich interessant sein mag, uns zu einer skeptischen Interpreta­
tion der Berichte von Affenäußerungen drängen sollte.
Ein letzter Punkt zu den Einwänden, die auf dem »Klugen-Hans-
Effekt« beruhen, ist besonders wichtig. Wie für den »Klugen Hans«
selbst, so gilt auch für die Art von Tätigkeit, bei der versteckte Hin­
weise am wahrscheinlichsten sind, dass es sich dabei um eine T ä­
tigkeit handelt, bei der es in entscheidender Weise richtige oder fal­
sche Antworten gibt. Es sind also vielleicht ironischerweise genau
die Experimente, die saubere unzweideutige Daten liefern, die für
diesen kritischen A ngriff besonders anfällig sind. Wenn der Affe da­
gegen eine Äußerung produziert, die neu und unerwartet ist, kann
diese Art von Kritik anscheinend überhaupt nicht greifen. (Somit
bewegt sich der Kritiker in diesen Fällen auf einem ganz anderen Ter­
rain - dort geht es darum, einen Zufall oder Irrtum zu vermuten.) Pat­
tersons Bericht darüber, wie Koko mit ihren Puppen schwatzt, aber
sofort damit aufhört, sobald sie feststellt, dass sie beobachtet wird,
kann kaum so verstanden werden, dass der Experimentierende unbe­
wusste Hinweise gibt. Andererseits wird dies als »anekdotisch« bei­
seite geschoben —das Wort der Verdammnis schlechthin im Lexikon
der wissenschaftlichen Normen. Es wird auf Berichte angewendet, die
ganz offenkundig den Anforderungen an angemessene Kontrollen
und Reproduzierbarkeit nicht genügen (vgl. etwa den Dialog, der
in Anm. 31 zitiert wurde). Die Ironie besteht darin, dass genau die
voraussagbaren, reproduzierbaren Reaktionen, die diesen Anforde­
rungen tatsächlich genügen, anfällig für den Verdacht auf versteckte

33 Ibid.

3 12
Hinweise sind. Es scheint somit, dass die Forschung mit Affenspra­
che beidseitig auf den Hörnern eines methodischen Dilemmas auf­
gespießt ist. Einerseits gilt: Je genauer das Tierverhalten kontrolliert
wird und je besser es voraussagbar ist, desto schwieriger wird es,
den Vorwurf der Manipulation — erfolge sie nun bewusst oder an­
ders - zurückzuweisen. Andererseits gilt: Je mehr Freiheit dem Tier
gegeben wird und je spontaner und unkontrollierter seine Äußerun­
gen sind, desto mehr sinken die Berichte über sein Verhalten in die
wissenschaftlichen Niederungen des »Anekdotischen« ab. Es ist je­
doch auch eine optimistischere Interpretation möglich, nämlich dass
beide Formen der Forschung wechselseitig die Schlussfolgerung stüt­
zen, dass sich Affen tatsächlich mit Absicht und oft erfolgreich an
den bescheidenen Leistungen sprachlicher Kommunikation beteili­
gen. Sofern die methodologischen Zwänge die Möglichkeit, ein sol­
ches Ergebnis zu erzielen, a p rio ri auszuschließen drohen, sollten wir
vielleicht eher die Methodologie infrage stellen.
Ich glaube, dass es tatsächlich wichtige Anhaltspunkte für einen
starken Zweifel gibt, ob bestimmte methodologische Normen, die
in der bisherigen Diskussion erwähnt wurden, für diese Art von For­
schung angemessen sind. Die Koppelung von Objektivitätsvorstellun-
gen, von wiederholbaren vs. anekdotischen Ergebnissen und der Ab­
lehnung affektiver oder »interpretierender« Beziehungen zwischen
dem Experimentierenden und dem Probanden: Alles dies gerät zur
Konzeption von der angemessenen Rolle des wissenschaftlichen For­
schers - eine Konzeption, die H. Hediger, ein weiterer prominenter
Kritiker der Forschung mit Affensprache, treffend formuliert hat. He­
diger schreibt: »Die ideale Bedingung für alle derartigen Experimente
wäre dann gegeben, wenn das Versuchstier vom Leiter des Experi­
ments vollständig isoliert wäre.«34 Wenn aber - was sicherlich nicht
unvernünftig ist - das Ziel des »Leiters des Experiments« darin be­
steht, mit dem Versuchstier zu kommunizieren, scheint dies eine
ernsthafte Einschränkung zu sein. Wenn man überdies annimmt, dass
sprachliche Kommunikation untrennbar mit einer Palette von Aus­
drücken verknüpft ist, die über das Aneinanderreihen von Zeichen
hinausgeht - davon gehen auch Umiker-Sebeok und Sebeok aus, neh­
me ich an, obwohl solche Ausdrücke zweifellos in die verbotene Ka­
tegorie der »versteckten Hinweise« fallen - , dann ist die Forderung
34 H. Hediger, »Do You Speak Yerkish? The Newest Colloquial Language with Chim-
panzees«, in: T. A. Sebeok und J. Umiker-Sebeok, op. cit., S. 409.

3 13
nicht nur unmöglich, sondern in ihrer Motivation auch fehlgeleitet.
Wie ich angedeutet habe, kann die Schwierigkeit mit Blick auf ein
sehr allgemeines Bild von der Rolle des Wissenschaftlers verstan­
den werden. Die Ideale von wissenschaftlicher Forschung, die ich
erörtert habe, setzen beständig das Bild eines aktiven (jedoch un­
parteiischen) Beobachters voraus, der von einem passiven Untersu­
chungsobjekt abgegrenzt wird. Was in den Studien zur Affensprache
aber ganz offensichtlich untersucht wird - wenn auch nicht aus­
schließlich in der Forschung mit Gebärdensprache - , ist die Interak­
tion zwischen zwei intelligenten Subjekten. Vielleicht denkt man,
die zur Debatte stehende Frage sei gerade, ob der Affe tatsächlich
ein intelligentes Subjekt ist oder eher ein passives Objekt, das me­
chanisch, wenn auch auf komplexe Weise, auf einen Fluss von Inputs
reagiert. Ich möchte zum Schluss mehr zu diesem Thema sagen. Mein
Eindruck ist jedoch, dass Forscher, die sich mit Experimenten zur
Affensprache befassen, diese Frage aus guten Gründen nicht sehr
ernst nehmen.

3. Die Ziele der Affensprachen-Forscher und ihrer Kritiker

Ebenso interessant wie die methodologischen Vorurteile, die in der


Debatte über die Affensprachen-Forschung zutage treten, sind die
verschiedenen Zielsetzungen, die sowohl bei denjenigen, die diese
Forschung betreiben, als auch bei ihren Kritikern erkennbar sind.
Einige dieser Motive und Bedenken, seien sie nun lobenswert oder
nicht, betreffen mein Anliegen hier nur am Rande. Beispielsweise
ist es sicher lobenswert, dass die Forschungsarbeit von Savage-Rum-
baugh auf die Verbesserung von Methoden abzielt, mit denen man
geistig behinderten Kindern eine Sprache beibringen kann. Solche
Ziele sind ziemlich oft explizite Bestandteile der Affensprachen-For­
schung. Weniger lobenswert ist vielleicht, dass man auf einige ziem­
lich offene disziplinäre Flahnenkämpfe stoßen kann. Beispielsweise
erörtern Umiker-Sebeok und Sebeok die Forschungsarbeiten zu Del­
finen in einem Kontext, der wenig Zweifel daran lässt, dass sie diese
Ergebnisse auf die Affenforschung anwenden möchten. Im Vergleich
zu diesen nicht sehr erfolgversprechenden Anstrengungen mit Del­
finen, so bemerken sie, werden Computer »innerhalb der nächsten
zehn Jahre« fähig sein, Englisch zu sprechen, wenn nicht sogar zu

3 14
verstehen. Sie fahren fort: »Damit Computer das angestrebte Niveau
technischer Verfeinerung erreichen können, wird eine beträchtliche
Finanzierung erforderlich sein, die sich aber rechtfertigen lässt. Geld
für schimärische Experimente mit sprachlosen, vermenschlichten Ge­
schöpfen der Tiefe auszugeben, kommt aber der Verschleuderung
knapper Ressourcen gleich.«35 Wie sie dann sogleich festhalten, ist
auch das Halten von Affen teuer. Unter der Oberfläche einer wissen­
schaftlichen Kontroverse lauert oft - vielleicht nicht überraschend -
wirtschaftlicher Wettbewerb in der Milliarden-Dollar-Welt der heu­
tigen Wissenschaft.
Mein Interesse richtet sich hier aber eher auf die Fragen nach der
Natur von Affen und Menschen, die der offizielle Beweggrund für
diese Forschung sind. Es ist naheliegend, die Diskussion nun auf fol­
gende Fragen aufzuteilen: Was kann uns diese Forschung über Affen
sagen? Und was kann sie uns über Menschen sagen?
In Hinsicht auf die Frage, ob sich die hier untersuchte Forschung als
produktive Methode zur Erforschung von Affen erweisen kann, neige
ich zu einem gewissen Skeptizismus. Wie Umiker-Sebeok und Sebeok
im obigen Zitat bemerken, ist der Prozess, dem diese Affen unter­
worfen werden, ein Vorgang der Domestizierung oder gar der »Ver­
menschlichung«. Es ist nicht ganz korrekt, diese Affen als »Haus­
affen« zu bezeichnen, denn Domestizierung lässt sich am ehesten als
eine Koevolution von Menschen und einer anderen Spezies verste­
hen, die über längere Zeit hinweg in einer symbiotischen Beziehung
leben; bloß »sozialisierte« Tiere sind etwas ganz anderes.36Aber weder
domestizierte noch sozialisierte Tiere liefern ein zuverlässiges Modell,
um Kenntnisse von der Natur ihrer freilebenden Verwandten zu ge­
winnen, wenn man nicht sorgfältig auf die Auswirkungen achtet, die
diese Prozesse auf ihr Verhalten haben. Heutzutage mögen Hauskat­
zen und Hunde hinreichend interessante quasi-natürliche Arten sein,
die es verdienen, für sich untersucht zu werden, und man kann ihre
Beziehung zu nicht domestizierten Artgenossen systematisch erfor­
schen. Aber nichts davon lässt sich in plausibler Weise von einem so

35 J. Umiker-Sebeok und T. A. Sebeok, op. cit., S. 27.


36 Für eine detaillierte Diskussion vgl. T. J. Daniels und M . Bekoff, »Domestication,
Exploitation, and Rights«, in,: Explanation and Interpretation in the Study ofA nim al
Behavior. Comparative Perspectives, hrsg. von M . Bekoff und D. Jamieson, Boulder:
Westview Press 1990. Ich danke M . Bekoff dafür, dass er meine Aufmerksamkeit
auf diese Unterscheidung gelenkt hat.

3U
seltenen und exotischen Artefakt wie dem sprachtrainierten Affen
sagen. Was die Affen betrifft, sollten wir lieber den Beobachtungen
von Primatologen wie J. van Lawick-Goodall oder D. Fossey Beach­
tung schenken, die der Erforschung dieser Geschöpfe in ihrer natür­
lichen Umgebung Jahre ihres Lebens gewidmet haben. Es trifft zu,
dass die Mittel, mit denen Affen in der Wildnis kommunizieren, trotz
dieser ausgedehnten Beobachtungen in Dunkelheit gehüllt bleiben.
Zweifellos gibt es hier noch viel zu lernen. Recht detailliert ist das
ziemlich raffinierte System von Rufen beschrieben worden, das Grüne
Meerkatzen verwenden (vermutlich viel simplere Tiere als die Men­
schenaffen), um verschiedene Arten von Raubtieren differenziert
zu identifizieren.37 Und dies ist nur eines aus einer großen Palette
tierischer Kommunikationssysteme, die man zumindest teilweise ver­
steht. Ein weiterer Punkt, der die kommunikativen Fähigkeiten untrai­
nierter Primaten gut illustriert, ist folgender: Ein wichtiges Kriterium
für beabsichtigte Kommunikation ist, wie schon häufig festgestellt j
wurde, die Möglichkeit zur täuschenden Kommunikation.38 In einem
hilfreichen Überblick hat D. Quiatt eine beeindruckende Spannbreite j
von Belegen zusammengestellt;39 sie zeigen, dass Menschenaffen und j
sogar gewöhnliche Affen sehr wohl dazu in der Lage sind. Es wäre also j
seltsam, wenn soziale Tiere, die so intelligent wie Schimpansen oder
Gorillas sind, nicht auch ziemlich raffinierte Kommunikationsmittel
verwenden würden. Aber abgesehen davon, dass dies die Suche nach
solchen Mitteln in gewissem Maße anregt, gibt es keinen Grund für
die Erwartung, dass die sprachlichen Leistungen hoch sozialisierter
Affen sehr viel mehr Licht in diese Fragestellung bringen. Die Tatsa­
che, dass ein einzelner Schimpanse in den Weltraum geschossen wor­
den ist, wird uns kaum helfen zu verstehen, wie Schimpansen es schaf­
fen, sich von Baum zu Baum zu schwingen.
Oft - wenn nicht sogar immer - sind jedoch viel tiefergehende phi­
losophische Interessen mit den positiven oder negativen Interpretatio­

37 Vgl. R. M. Seyfarth, »What the Vocalizations o f Monkeys Mean to Humans and


What They Mean to the Monkeys Themselves«, in: The M eaning o f Prim ate Sym­
bols, hrsg. von R. Harre und V. Reynolds, Oxford: Oxford University Press 1984;
D. L. Cheney, »Category Formation in Vervet Monkeys«, in: R. Harre und V. Rey­
nolds, op. cit.
38 Vgl. z. B. L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §§ 249-250.
39 D. Quiatt, »Devious Intentions o f Monkeys and Apes«, in: Harre und Reynolds,
op. cit., S. 9-40.

3 16
nen der Experimente mit Affensprache verknüpft. Häufig wird Des-
cartes herbeizitiert, um diese Experimente mit den langwierigen
und noch andauernden Debatten über das innere Leben der Tiere
zu verbinden. Ein durchgehendes Thema ist, dass die Forschung Licht
in das vermeintliche Problem des Innenlebens von Tieren (oder des
Fehlens eines solchen Innenlebens) bringen soll. Besonders relevant
für dieses Thema ist die cartesianische These, dass Sprache der einzige
zuverlässige Indikator für genuin geistige Prozesse sei. Ebenfalls rele­
vant ist die Nebenthese, dass Verhalten im Allgemeinen in einem nur
kontingenten Verhältnis zu den grundlegenden geistigen Prozessen
stehe, von denen man eigentlich annehmen könnte, es reflektiere
sie. Aus bestimmten Gründen, die freilich wenig mit meiner Aus­
wertung der Experimente mit Affensprache zu tun haben, glaube
ich zwar an keine dieser Thesen, aber dass sich beide Thesen bester
Gesundheit erfreuen, wird durch einen Großteil der Debatte über
diese Experimente belegt.
Terrace stellt Descartes’ Ansicht, dass Tiere nur »mechanische Le­
bewesen« seien, Darwins Meinung gegenüber, dass Tiere sich an »For­
men des Denkens« beteiligten, die »dem menschlichen Denken ho­
molog sind«.40 Dann bemerkt er, dass »es bis vor kurzem nur eine
schmale konkrete Basis gegeben hat, um eine Wahl zwischen den
einander widersprechenden Positionen von Darwin und Descartes
zu treffen«. Er fährt fort, indem er die Studien zum Spracherwerb
bei Affen in ein entstehendes Corpus von Arbeiten zur kognitiven
Psychologie einordnet. Diese Arbeiten lassen die Waage der Belege
mehr und mehr zugunsten des Darwinschen Ansatzes ausschlagen.
D a Terrace die Studien zur Affensprache ausdrücklich in eine grö­
ßere Gruppe von Arbeiten zur kognitiven Psychologie einschließt,
scheint die Frage nach dem Sprachtraining von besonderer Bedeu­
tung zu sein. Wenn die Frage nämlich lautet, ob Tiere überhaupt
Gedanken haben, dann liegt der beste Weg, um dies herauszufinden,
vielleicht darin, dass man ihnen die Gelegenheit gibt, diese auszudrü­
cken.
Obwohl viele Forscher, die die kognitiven Fähigkeiten von Tieren
untersuchen, sich genau wie Terrace ausdrücklich der cartesianischen
Konzeption von Tieren als »mechanischen Lebewesen« widersetzen,
ist es doch erstaunlich, dass sie mit dem größten Teil der übrigen car-

40 In: S. Savage-Rumbaugh, op. cit., S. ix.

3 17
tesianischen Sichtweise in der Regel einverstanden sind. Sogar jene,
die die kognitiven Leistungen und Fähigkeiten von nicht-mensch­
lichen Wesen am eifrigsten verteidigen, akzeptieren häufig die carte-
sianische Annahme, dass es prinzipiell unmöglich sei, das Denken
oder gar das Bewusstsein von Tieren zu beweisen, weil dies vom Ver­
halten begrifflich unabhängig sei.41 Dieselbe Tendenz lässt sich in der
Forschung zur Affensprache leicht erkennen. Savage-Rumbaugh lei­
tet ihre Forschung zum vielfältigen Symbolgebrauch von Affen damit
ein, dass sie die folgende Annahme früherer Forscher infrage stellt:
»Wenn ein Affe ein Symbol >korrekt< verwendet, hatte er offensichtlich
ein bestimmtes Bezugsobjekt im Sinn«, und somit hat er das Symbol
verwendet, um ein Objekt zu benennen.42 Zweifellos hat sie Recht,
wenn sie argumentiert, dass Benennen eine komplexe Aktivität sei,
aber anscheinend stellt sie das nicht infrage, was nach Descartes’ Auf­
fassung die referentielle Verwendung eines Wortes konstituiert. Und
dadurch bleibt vollkommen im Dunkeln, auf welche Weise die Viel­
falt referentieller Verwendungen für das Problem, was der Affe »offen­
sichtlich im Sinn hat«, überhaupt relevant sein könnte.
Die Unhaltbarkeit dieser cartesianischen Voraussetzungen kann
hier nicht in angemessener Weise erörtert werden.43 Sie erfordern
eher einen philosophischen Exorzismus als empirische Forschung;
dies wird vielleicht dadurch klar, dass Wissenschaftler hinter vorge­
haltener Hand oft zugeben, streng genommen könnten die erwünsch­
ten Schlussfolgerungen zum Geist der Tiere von keinem Beleg er­
härtet werden. Im Moment möchte ich mich auf die Beziehung der
Affensprachen-Forschung zu einigen zeitgenössischen philosophi-

41 Vgl. z. B. D. R. Griffin, Anim al Thinking, Cambridge (Mass.): Harvard University


Press 1984; M . Stamp Dawkins, »From an Animal’s Point o f View: Consumer
Demand Theory and Animal Welfare«, Behavioral and Brain Sciences 13 (1990),
S. 1-9.
42 S. Savage-Rumbaugh, op. cit., S. 10.
43 Die loci classici sind Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, und G . Ryle,
The Concept ofM ind, London: Hutchinson 1949 [dt. Der B egriff des Geistes, Stutt­
gart: Reclam 1969]. Letzterer zeigt ganz deutlich, wie sogar für den Fall des
Menschen eine große Palette von Verhalten, die über das sprachliche Verhalten
hinausgeht, die Zuschreibung von Intelligenz und Denken ausreichend fundieren
kann. Ich habe versucht, einige dieser Einsichten spezifisch auf Fragen nach nicht­
menschlichen geistigen Zuständen anzuwenden; vgl. »The Mental Lives o f
Non-Human Animais«, in: H umansand OtherAnimais, Oxford: Clarendon 2002,
S. 217-235.

3 18
sehen Ansichten konzentrieren, die damit verknüpft sind. Ich hoffe,
dass dies gleichzeitig ein Licht auf die Unangemessenheit der cartesia-
nischen Perspektive werfen wird.
Neuere philosophische Ansichten zum Verhältnis von Denken und
Sprache verleihen der Affensprachen-Forschung anscheinend eben­
falls besondere Bedeutung. Im Gegensatz zu Descartes’ Ansicht, dass
Sprache ein zuverlässiges Symptom für etwas sei, das davon aber ziem­
lich verschieden ist, nämlich Denken, behauptet Donald Davidson,
dass Sprache eine notwendige Bedingung für Denken sei.44 Auch
wenn die Argumente für und gegen diese Position hier wiederum
nicht gründlich untersucht werden können,45 eröffnet die Affenspra­
chen-Forschung jedoch eine spannende Perspektive auf diese These.
Wenn Davidsons Position nämlich korrekt wäre, dann stände bei
der Kontroverse um die Affensprache nicht nur die Frage auf dem
Spiel, ob man Affen das Sprechen beibringen könnte, sondern viel­
mehr, ob man ihnen das Denken beibringen könnte. Die Vorstellung,
dass die Affen, die von den Gardners und anderen trainiert wurden,
sich darin von ihren wilden oder untrainierten Artgenossen unter­
scheiden, dass nur sie über rudimentäres Denken verfügen, ist sehr
viel unplausibler als die Vorstellung, ihnen sei einfach eine rudimen­
täre Form menschlicher Sprache beigebracht worden; das zieht die
Annahme von der wesentlichen Gleichwertigkeit der beiden Ereig­
nisse in Zweifel. Ein Grund dafür besteht darin, dass die kommuni­
kativen Fähigkeiten sprachtrainierter Affen ganz klar ein Kontinuum
mit jenen von Tieren bilden, die sich außerhalb der Bildungselite be­
finden. Dieser Punkt steht in Verbindung mit einem anderen, den ich
zuvor betont habe: Noch nicht einmal die menschliche Sprachkom­
munikation ist der Art nach vollkommen verschieden von jenem Be­
reich nonverbaler Kommunikation, der einen entscheidenden Teil
ihres Kontexts bildet.
Bescheidener erscheint auf den ersten Blick der Vorschlag von P.
44 Vgl. »Thought and Talk«, in: M in d and Language, hrsg. von S. Gutenplan, Oxford:
Oxford University Press 1975 [dt. »Denken und Reden«, in: id., Wahrheit und
Interpretation, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1986, S. 224-246]; »Ratiofial Animais«,
Dialectica 36 (1982), S. 318-327 [in diesem Band , S. 117 -131].
45 Davidsons Schlussfolgerungen bezüglich der Tiere werden kritisiert von R. Je ff­
rey, »Animal Interpretation«, in: Actions and Events: Perspectives on the Philoso-
phy o f Donald Davidson, hrsg. von E. LePore und T. McLaughlin, Oxford: Black­
well 1985, und in meinem Aufsatz »The Mental Lives o f Non-Human Animais«,
op. cit.

3 19
Carruthers;46 er meint, das Denken der Tiere könne nicht bewusst
sein, weil sie keine Sprache hätten. Ich sage, dass er »auf den ersten
Blick« bescheidener ist, denn diese Anregung ist faktisch eine par­
tielle Wiederbelebung der absurden cartesianischen These, dass nicht­
menschliche Lebewesen überhaupt kein Bewusstsein haben. Die Über­
legungen, die im vorherigen Abschnitt gegen die Verwendung von
Sprache zur Verteidigung der Kommunikationsapartheid47 »Mensch
versus Tier« angeführt wurden, sind hier anscheinend in gleichem
Maße angebracht. Eine Betrachtung von Carruthers’ Beweggründen
für diese neo-cartesianische (oder vielleicht besser: neuro-cartesiani-
sche) Doktrin muss an einem anderen Ort stattfinden. Seine Diskus­
sion wirft allerdings ein weiteres wichtiges Problem auf: Fragen nach
dem Bewusstsein der Tiere sind weit davon entfernt, einfach nur eine
abstruse philosophische Debatte in Gang zu bringen. Sie sind unmit­
telbar relevant für eine ethische Problematik, die in jüngster Zeit zu
Recht in den Vordergrund der philosophischen Debatte gerückt ist.
Jüngst hat eine Reihe von Denkern vor allem die ethische Legitimität
der prim a facie abscheulichen Behandlung von Tieren in Tierfabri­
ken und in der wissenschaftlichen Forschung infrage gestellt (von
»Freizeitbeschäftigungen« wie Jagen ganz zu schweigen). A u f Grund­
lage der erwähnten These behauptet Carruthers, dass diese Prakti­
ken nicht nur zulässig sind, insofern sie dem menschlichen Wohlerge­
hen dienen, sondern sogar geboten.48 Wie ich hoffendich deutlich
gemacht habe, denke ich zwar nicht, dass das moralisch Abstoßen­
de an dieser Schlussfolgerung in irgendeiner Weise vom Erfolg (oder
Misserfolg) der Tiersprachen-Projekte abhängt. Dennoch stellen die­
se Projekte nützliche rhetorische Munition bereit. Wenn man nicht
die absurde Meinung vertritt, dass es zulässig (oder geboten) ist, jedes
Tier außer einem gebildeten Affen zu quälen, muss ein Verteidiger der
Position Carruthers die Apartheid in Bezug auf die menschliche Kom­
munikation verteidigen —eine Meinung, der zufolge die Affensprache
auf der Tierseite des Grabens liegt. Ich hoffe, dass ich zumindest
einige Hindernisse für diese Strategie aufgezeigt habe.
Schließlich stellt sich die Frage, ob uns diese Forschung irgend-

46 »Brüte Experience«, Journal ofPhilosophy 86 (1989), S. 258-269.


47 Ich entleihe diesen Ausdruck einem aufschlussreichen Aufsatz zu den Bedeutungen
von Tiersignalen von R. Harris, »Must Monkeys Mean?«, in: R. Harre und V. Rey­
nolds, op. cit., S. 116 -137.
48 P. Carruthers, op. cit., S. 268.

320
etwas über uns selbst sagen kann. Diese Frage ist weitgehend schlicht
das Gegenstück zur vorhergehenden. Das heißt, die offizielle Moti­
vation für die Forschung betrifft zum großen Teil die Frage, ob Men­
schen in einem radikal diskontinuierlichen Verhältnis zum Rest des
Tierreichs stehen oder nicht. Und für die Verteidiger der Diskonti­
nuität besteht die größte verbleibende Bastion in der Auffassung
von Sprache als etwas, das von jedem niederen Kommunikationssys­
tem kategorisch verschieden ist. Auch hier glaube ich, dass diese Po­
sition nicht dadurch zu widerlegen ist, dass man schaut, ob Affen
unsere Sprache lernen können, sondern vielmehr dadurch, dass man
erstens Untersuchungen über das komplexe und interessante Leben
von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung anstellt, und dass man
zweitens die naiven Auffassungen von Sprache entlarvt, die diese Po­
sition voraus setzt.
Die einflussreichste Sprachauffassung, die bei der Verteidigung der
These von der radikalen Diskontinuität gemeinhin in Anspruch ge­
nommen wird, ist die von N . Chomsky,49 in der Sprache als ein einzig­
artig menschliches kognitives Organ dargestellt wird. Doch selbst
wenn sich diese Ansicht (irgendwie) als wahr herausstellen sollte,
scheint dies für das hier zu diskutierende Problem irrelevant zu sein.
Denn das Problem betrifft wohl eher die Dinge, die Menschen tun
können, nicht die Organe, die sie vielleicht verwenden, um solche
Dinge zu tun. Ich gehe davon aus, dass die einzigen ernsthaften Kan­
didaten für Fähigkeiten, mit denen Menschen durch ein Sprach-
organ auf einzigartige Weise ausgestattet werden könnten, Kommuni­
kation und Denken sind. Aber es gibt viele Arten nicht-sprachlichen
Verhaltens, die Kommunikation ermöglichen, und viele nicht-sprach­
liche Manifestationen von Denken.50 Wenn man argumentiert, die
Existenz eines speziellen Sprachorgans zeige, dass nur Menschen den­
ken oder kommunizieren können, gliche dies der Argumentation,
dass nur Fische schwimmen können, weil nur sie auf einzigartige
Weise mit Schwimmblasen ausgestattet sind.
So glaube ich zu guter Letzt nicht, dass die Forschung zur Sprach-
fähigkeit von Affen - bei allem Charme, den sie zweifellos hat - uns
über uns selbst oder über Affen viel sagen kann, was wir nicht ebenso
gut auf vielen anderen Wegen lernen könnten. Sie bietet uns jedoch
die Gelegenheit zu einer Fülle von interessanten Beobachtungen in
49 Language andM ind, New York: Harcourt, Brace & World 1968.
50 Vgl. wiederum G. Ryle, op. cit.

321
Bezug auf die Reaktionen und Annahmen derjenigen, die sich in die­
sem Forschungsgebiet betätigen oder es kritisieren. Und vielleicht ist
ja auch Charme eine nicht vollkommen zu vernachlässigende wissen­
schaftliche Tugend.

Aus dem Englischen übersetzt von Dom inik Perler

322
Colin Allen und Eric Saidel
Die Evolution der Referenz

Dem ungelenken, ungeschulten Denken


Des Javamenschen könnt’ gelingen,
Allein zu sinnen von konkreten Dingen,
Die gegenwärtig seinen Sinnen.*

Vögel tun es, Bienen tun es und besonders gebildete Schimpansen tun
es.** Aber wie verhalten sich die nicht-menschlichen Fähigkeiten, es
zu tun, zu den scheinbar unendlichen menschlichen Möglichkeiten,
es zu tun? Wenn es sich bei der fraglichen Fähigkeit um jene zur Kom­
munikation handelt, dann existiert kaum Übereinstimmung darüber,
was wir durch das Studium der Tierkommunikation über die mensch­
liche Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation erfahren können.
Unter zahlreichen Linguisten, Psychologen und Philosophen besteht
eine große Skepsis darüber, was uns das Grunzen, Knurren, Pfeifen
und Heulen unserer behaarten und gefiederten Verwandten über
die menschliche Sprache sagen kann. Noch umstrittener ist die Bedeu-

* [A. d. Ü.: W. V. O. Quine, »Identity, Ostension, and Hypostasis«, in: id., Front a
Logical Point ofV iew , Cambridge und London: Harvard University Press 1953,
S. 77m »The unreflned, untutored mind / O f Homo javanensis / Could only treat
o f things concrete / And present to the senses.« Dieser Vierzeiler Quines steht in fol­
gendem Zusammenhang: »Das Begriffsschema, mit dem wir aufwachsen, ist ein ek­
lektisches Erbe, und die Kräfte, die seine Evolution seit den Tagen des Javamen­
schen bedingt haben, sind Gegenstand von Vermutungen. Ausdrücke für physische
Gegenstände mussten seit den frühesten Sprachperioden eine zentrale Position ein­
genommen haben, denn solche Gegenstände boten relativ feste Referenzpunkte für
die soziale Entwicklung der Sprache.« Der Homo javanensis, eigentlich Pithecan-
thropus erectus (aufrechtgehender Affenmensch), ist eine Ausprägung des Homo erec-
tus. Überreste des Javamenschen wurden 1891 vom holländischen Arzt E. Dubois
auf Java gefunden, der sich auf die Suche nach dem zuvor von Ch. Darwin und
vor allem von E. Haeckel postulierten fehlenden Glied —von Haeckel interessanter­
weise Pithecanthropus alalus (sprachloser Affenmensch) genannt - zwischen Affe
und Homo sapiens gemacht hatte.]
c* [A. d. Ü.: Hier handelt es sich um eine beliebte philosophische Weise mit vielen Va­
riationen eines Lieds von Cole Porter (L et’s do it), vgl. etwa J. Fodor: » ... (Vamp tili
ready). . . Oh: Birds do it / Bees do it / Even paramecia and fleas do it.«, J. Fodor,
»Why Paramecia Don’t Have Mental Representation«, Midwest Studies in Philoso-
phy 10 (1986), S. 3.]

323
gen haben, sie öffentlich zu machen, sei sie hier abschließend ange-
ftigt:

Das raffinierte und geschulte Denken


Des Homo sapiens ist entstanden,
Z u unkonkreten Dingen hin zu lenken,
Was bewegte Referenten banden.41

Aus dem Englischen übersetzt von M arkus W ild

41 The well refined and tutored mind / O f homo sapiens is / Evolved to treat things
inconcrete / From moving references.

356
Kim Sterelny
Primatenwelten

i. Primaten als Gedankenleser

Verstehen nicht-menschliche Primaten etwas vom Geist anderer? Was


würde ein solches Verstehen zeigen? Welches ist der einfachste Geist,
der fähig ist, den Geist anderer zu repräsentieren? Wann, warum und
wie wurden Primaten »Gedankenleser«, die nicht nur ein Bewusstsein
von den wahrscheinlichen zukünftigen Verhaltensweisen ihrer Grup­
penmitglieder, sondern auch von den geistigen Ursachen dieser Ver­
haltensweisen haben? Dieser Aufsatz versucht, einige dieser Fragen
im Rahmen der »Hypothese der sozialen Intelligenz« zu beantworten.
Diese zurzeit verbreitete Theorie legt nahe, dass die kognitive Evolu­
tion der Primaten durch die Selektion nach* sozialen Fähigkeiten vo­
rangetrieben wurde. Z u einem bestimmten Zeitpunkt wurden Prima­
tengesellschaften komplex. Diese Steigerung der Komplexität trieb
die Selektion nach gesteigerter individueller Intelligenz voran, und
mit dieser Steigerung der Intelligenz wurden Primatengesellschaften
noch komplexer. Die Uberlebensfähigkeit von Primaten wurde in ge­
steigertem Maße von der sozialen Orientierungsfähigkeit abhängig.
Das Ergebnis war eine Rückkoppelungsschlaufe immer höherer Intel­
ligenz, die der Lösung der Probleme eines komplexen sozialen Lebens
angepasst war. Im gleichen Zuge wurde die Selektion nach sozialer
* [A. d. Ü.: Im Original »selection jför social skills« und nicht »selection o/social skills«.
Die Selektion nach X (»selection for«) ist stärker und bezeichnet das durch den Selek­
tionsdruck der Umwelt herbeigeführte Merkmal eines Lebewesens. Die Selektion
von Y (»selection of«) kann auch ein Nebenprodukt der Selektion nach X sein. Die
Selektion nach X ist die Ursache für das Bestehen des Merkmals X eines Lebewesens,
die Selektion von Y ist die Folge der Selektion nach X. Das bedeutet, dass in der Hy­
pothese der sozialen Intelligenz die Selektion der sozialen Intelligenz kein Nebenpro­
dukt, sondern das gleichsam erwünschte Produkt darstellt. Diese Unterscheidung
wurde eingeführt von E. Sober, The Nature o f Selection, Cambridge (Mass.): MIT
Press 1984. K. Sterelny veranschaulicht die Unterscheidung an einem Beispiel in
The Representational Theory ofM ind, Oxford: Blackwell 1990, S. 127: Ein Trichter
lässt nur Kugeln mit einem Durchmesser von 1 cm oder weniger passieren. Zufällig
sind nun alle Kugeln, die den Trichter passieren, grün (die Farben der Kugeln, die
größer sind als 1 cm, sind grün, gelb, rot etc.). Der Trichter hat nur nach dem Durch­
messer selektiert, nicht aber nach der Farbe. Dennoch hat er auch grüne Kugeln
selektiert.]

357
Intelligenz eine Selektion nach dem Vermögen, Gedanken zu lesen,
denn die Handlungen anderer werden am besten durch die Repräsen­
tation jener geistigen Zustände verfolgt, die diese Handlungen erzeu­
gen.1 Im Fachjargon sind solche Lebewesen als »Gedankenleser« be­
kannt, im Gegensatz zu niederen Verhaltenslesern, die lediglich fähig
sind, aktuelle und potentielle »Verhaltensweisen« anderer zu repräsen­
tieren. Gedankenleser repräsentieren nicht nur, sie meta-repräsentie-
ren auch.
Vermutlich durch den Einfluss der Hypothese der sozialen Intelli­
genz hat sich die Einschätzung weit verbreitet, dass sich der Übergang
vom Verhaltenslesen zum Gedankenlesen irgendwo innerhalb der
Evolution des Menschenaffenzweigs ereignet hat. Das Hauptgewicht
von Feld- und Laborstudien hat bislang darauf gelegen, nach Bele­
gen für Gedankenlesen in dieser Gruppe zu forschen. Auch diesen
Untersuchungen möchte ich meine Aufmerksamkeit zuwenden. Es
ist jedoch wichtig, nicht der Meinung zu verfallen, Gedankenlesen
sei ein Ersatz für kognitive Verfeinerung im Allgemeinen. W ir sollten
der verlockenden Annahme widerstehen, dass jegliches Zeichen kog­
nitiver Verfeinerung den Übergang zum Gedankenlesen signalisiert.
Verhaltensleser müssen nicht auf einfaches Lernen durch Verstärkung
eingeschränkt sein. Dickinson und Balleine behaupten, dass Ratten
die kausalen Beziehungen zwischen Handlungen und Ergebnissen
verstehen.2 Auch Nachahmung zeugt von kognitiver Verfeinerung.
Aber sie weist, trotz gegenteiliger Behauptungen,3 nicht auf das Ver­
mögen hin, Gedanken zu lesen - so meine Argumentation.4 Es ist
1 Die zentrale Idee der Hypothese der sozialen Intelligenz stammt von N. Humphrey,
»The Social Function o f Intellect«, in: GrowingPoints in Ethology, hrsg. von P. P. G.
Bateson und R. A. Hinde, Cambridge: Cambridge University Press 1976, S. 303-317,
und A. Jolly, »Lemur Social Behavior and Primate Intelligence«, Science 153 (1966),
S. 591-606. Beide wurden wieder abgedruckt in Machiavellian Intelligence. Social
Expertise and the Evolution o f Intellect in Monkeys, Apes, and Humans, hrsg. von
R. W. Byrne und A. W. Whiten, Oxford: Clarendon Press 1988. Seit ihrer ersten
Formulierung wurde sie auf etwas andere Art und Weise durch Dunbar, Tomasello,
Byrne, Whiten und andere weiterentwickelt.
2 A. Dickinson und B. W. Balleine, »Causal Cognition and Goal-Directed Action«, in:
The Evolution o f Cognition, hrsg. von C. Heyes und L. Huber, Cambridge (Mass.):
MIT Press 2000, S. 185-204. [A. d. Ü.: Es handelt sich um den Sammelband, dem
auch K. Sterelnys Text entstammt.]
3 M . Tomasello, »Two Hypothesis About Primate Cognition«, in: C. Heyes und L.
Huber, op. cit., S. 165-184.
4 K. Sterelny, »Intentional Agency and the Metarepresentation Hypothesis«, in: id.,

358
möglich, (relativ) schlau zu sein und doch nicht meta-repräsentieren
zu können. Eine heterodoxe Behauptung dieses Aufsatzes besteht da­
rin, dass es für ein Lebewesen trotz seiner (relativen) Einfachheit auch
möglich ist, meta-repräsentieren zu können.
In der Betrachtung des Übergangs vom Verhaltenslesen zum Ge­
dankenlesen möchte ich mich auf die Idee verlassen, dass Repräsen­
tationen Anpassungsvorteile mit sich bringen. Es ist deshalb wichtig,
eine Erklärung des angenommenen Nutzens meta-repräsentierender
Fähigkeiten zu entwickeln. Der offensichtlichste Nutzen besteht in
der erhöhten Fähigkeit, die Handlungen anderer sowohl in koopera­
tiven als auch in kompetitiven Interaktionen vorwegnehmen zu kön­
nen. In ihrem berühmten Aufsatz zur Evolution der Kommunika­
tion nehmen Krebs und Dawkins an, dass dies der kritische Vorteil
des Gedankenlesens sei.5 Oft wird angenommen, dass das Gedanken­
lesen nützlich sei, um Verhalten unter neuen Umständen vorwegzu­
nehmen. So behauptet Tomasello zum Beispiel, dass
diese Art der Kognition Organismen befähigt, Probleme in besonders krea­
tiver, flexibler und vorausschauender Weise zu lösen. So ermöglicht das inten-
tionale/kausale Verstehen einem Individuum in vielen Fällen, Ereignisse vor­
auszusehen oder zu kontrollieren, auch wenn deren gewöhnliches Antezedens
nicht vorhanden ist - wenn es nämlich ein anderes Ereignis gibt, das dazu
dient, die auslösende Kraft in Gang zu setzen. So kann zum Beispiel ein In­
dividuum eine neue Möglichkeit erfinden, um einen Konkurrenten abzulen­
ken.6
In diesem Bild der Dinge erlernen Verhaltensleser spezifische Um-
welt-Reaktions-Regeln. Triffst du Fritz am Bananenbehälter, bleibe
ja auf Distanz, sonst beißt er dich. Diese Regeln, so lautet die Idee,
bieten einem Verhaltensleser keine Grundlage dafür, das Verhalten
eines Akteurs unter neuartigen Umständen vorauszusehen. Wie wird
sich Fritz wohl am Mangobehälter benehmen? In dieser Sichtweise
verfügt ein meta-repräsentierender Primat, wenn die Primaten-Um-
welten unvorhersehbarer werden, über eine soziale Orientierungsfä­
higkeit, die einem nur verhaltenslesenden Primaten fehlt. Eine der

The Evolution o f Agency and Other Essays, Cambridge: Cambridge University Press
2001, S. 221-240.
5 J. R. Krebs und R. Dawkins, »Animal Signals, Mind-reading and Manipulation«, in:
BehaviouralEcology. An EvolutionaryApproach, hrsg. von J. R. Krebs und N. Davies,
Oxford: Blackwell Scientific 1984, S. 380-402.
6 M. Tomasello, »Two Hypothesis«, op. cit., S. 173.

359
empirischen Herausforderungen besteht nun darin, von dieser Sicht­
weise unabhängige Belege für eine gesteigerte Heterogenität der Um­
welt vorzulegen. Das ist nicht einfach, denn diese Heterogenität hängt
teilweise davon ab, wie Lebewesen ihre Umwelt kategorisieren. Wenn
ein Pavian seine Umwelt in konkreten, sinnlichen Begriffen charakte­
risiert, dann wird er sich öfters in einer scheinbar neuartigen Umwelt
vorfinden. Sollte er mit abstrakteren Kategorien ausgerüstet sein, so
wird er sich weniger oft in neuartigen Umwelten befinden. Es gibt
noch weitere Probleme. Der Vorteil kommt nur sehr raffinierten Ge­
dankenlesern zu. So dreht sich etwa Tomasellos Beispiel um etwas
Neues, das das Ziel des Akteurs unverändert lässt, die potentiellen
Mittel für dieses Ziel jedoch verändert. Neue Umwelten üben oft die­
sen Einfluss auf die Überzeugungs- und Präferenzenstruktur eines
Akteurs aus. Doch nicht immer - etwas Neues kann auch die Präfe­
renzen eines Akteurs verändern. Um also voraussehen zu können,
wie sich ein anderer Akteur in einer neuen Umwelt verhalten wird,
muss das gedankenlesende Tier wissen, ob eine Neuheit eine Neuord­
nung der Präferenzen oder nur der instrumenteilen Überzeugungen
verursacht. Das ist schon ziemlich avanciertes Gedankenlesen.
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit. Leser können von der Fä­
higkeit profitieren, andere als Instrumente einzusetzen, die ihnen et­
was über die Welt sagen. Sie machen sich Geist-Welt- und Verhal­
ten-Welt-Relationen zunutze, um etwas über den aktuellen Zustand
der Welt herauszufinden, und weniger, um etwas über die zukünfti­
gen Verhaltensweisen eines Akteurs herauszufinden. Dennett prägte
den Ausdruck »Informationsgradient«, um Gruppen zu beschreiben,
in denen sich Individuen beträchtlich darin unterscheiden, was sie
wissen.7 Ein Informationsgradient selektiert nach der Fähigkeit, an­
dere als Informationsquellen für die Welt einzusetzen. Die Idee, an­
dere als Informationsquellen zu gebrauchen, ist meistens im Kon­
text des Phänomens der Nachahmung diskutiert worden. Aber andere
zum Einsatz zu bringen, muss kognitiv nicht so verfeinert sein wie
die Nachahmung. Andere können Informationsquellen dafür sein,

7 D. Dennett, »Intentional Systems in Cognitive Ethology. The >Panglossian Para-


digm< Defended«, Behavioral and Brain Sciences 6 (1983), wieder abgedruckt in:
The Intentional Stance, Cambridge (Mass.): MIT Press, 1987. [Dt. »Intentionale
Systeme in der kognitiven Verhaltensforschung«, in: Kognitionswissenschaft. Grund­
lagen, Probleme, Perspektiven, hrsg. von D. Münch, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992,
S. 343- 386.]

36 0
was in der Umwelt wichtig ist. Das Lesen der Motive anderer ist ein
plausibler Ausgangspunkt für den Einsatz anderer als Informations­
speicher. Daher stammt das als »Reizsteigerung« bekannte Phäno­
men in sozialen Lernprozessen: eine erhöhte Aufmerksamkeit für
die Interessen anderer.
Wenn es eine Selektion nach Gedankenlesern gegeben hat, dann
müssen sich Gedankenleser anders als Verhaltensleser verhalten, und
die Anpassungsvorteile des Gedankenlesens müssen im Verhalten
der Gedankenleser auffindbar sein. Darüber hinaus gilt: Ein Verhal­
tensunterschied, der äußerst subtil ist, oder einer, der sich nur sehr
selten äußert, würde wahrscheinlich nicht genug Vorteile mit sich
bringen, um sich auszuzahlen. Das Vermögen des Gedankenlesens
ist wahrscheinlich recht kostspielig, zumindest wenn es eine Ausdeh­
nung des Neokortex erforderlich macht. Also sollten die Verhaltens­
unterschiede auffallen.8 Es gibt in der Primatologengemeinde eine
ganze Menge von Feld- und Laborarbeiten, welche (a) die Verhaltens­
signatur des Gedankenlesens zu isolieren und (b) die Existenz die­
ser Signatur bei nicht-menschlichen Primaten zu verifizieren oder
zu falsifizieren versuchen. Es wird wohl kaum einen verhaltensspe­
zifischen Volltreffer geben, der die Existenz des Gedankenlesens be­
weist. Wie Whiten und Dennett hervorheben, liegt der Unterschied
zwischen Verhaltens- und Gedankenlesen eher in einem umfassen­
den Kompetenzmuster als in einer spezifischen Fähigkeit, die den Ge­
dankenlesern, nicht aber den Verhaltenslesern, zur Verfügung stände.
Wir können nicht annehmen, dass es unzweideutige Anzeichen für
das Gedankenlesen gibt.
Im nächsten Abschnitt skizziere ich eine allgemeine Theorie der Re­
präsentation und ihrer Funktion und wende diese auf eine Sichtweise
der Meta-Repräsentation von Primaten an. In den nachfolgenden Ab­
schnitten möchte ich diese allgemeine Theorie für zwei Fallstudien
fruchtbar machen, bevor ich mit der »Moral der Geschieht5« schließe.
Die erste Fallstudie betrifft eine relativ grundlegende Eigenschaft des
Geistes eines anderen: seinen Fokus visueller Aufmerksamkeit. Die
zweite Fallstudie betrifft ein raffinierteres und, was das Verhalten
betrifft, weniger offensichtliches Merkmal: das Wissen eines anderen
Akteurs.

8 Vgl. R. I. M. Dunbar, »Causal Reasoning, Geistig Rehearsal, and the Evolution of


Primate Cognition«, in: C. Heyes und L. Huber, op. cit., S. 205-220.
2. Geistige Zustände repräsentieren

Unser Vermögen, das Verhalten anderer zu verstehen und vorauszuse­


hen, wird normalerweise als etwas betrachtet, das vom Beherrschen
einer »Alltagspsychologie« abhängig ist. Es handelt sich dabei um eine
implizite Theorie, die die Überzeugungen, Präferenzen, Emotionen
usw. eines Akteurs mit seinen Verhaltensweisen verbindet (diese An­
sicht ist jedoch zurzeit noch umstrittener als früher ohnehin schon9).
Dieser Erklärungsansatz für unsere Fähigkeit, andere Akteure zu ver­
stehen, hat die Tendenz erzeugt, zwei Fragen gleichzusetzen, nämlich:
»Können nicht-menschliche Primaten die geistigen Zustände ande­
rer repräsentieren?« und »Verfügen nicht-menschliche Primaten über
eine Theorie des Geistes?«. Gemäß dieser Argumentationslinie beherr­
schen Gedankenleser so etwas wie eine Alltagspsychologie. In ihrer
kürzlich erschienenen skeptischen Besprechung der Literatur über
die »Theorie des Geistes bei Primaten« übernimmt Heyes diese Ten­
denz, wenn sie schreibt:

[E]in Lebewesen mit einer Theorie des Geistes glaubt, dass geistige Zustände
eine kausale Rolle in der Erzeugung von Verhalten spielen, und es leitet das
Vorhandensein geistiger Zustände bei anderen durch die Beobachtung ihrer
Erscheinung und ihres Verhaltens unter sich verändernden Umständen ab.10

Für diejenigen, die die Debatte so interpretieren, besitzt ein Lebewesen


genau dann Begriffe für geistige Zustände, wenn dieses Lebewesen an­
gemessene Erwartungen in Bezug auf die Verknüpfungen von Über­
zeugungen, Präferenzen und Verhaltensweisen hat. Wenn man den
Besitz von Begriffen an die inferentiellen Verknüpfungen zwischen
Begriffen bindet, dann gelangt man natürlich zu dieser Sichtweise.
Es handelt sich dabei um die »inferentielle Rollen-Theorie der Be­
deutung«. Die Verteidiger dieser Theorie vertreten die Auffassung,
dass die Bedeutung eines Begriffs teilweise oder ganz vom Netz infe-
rentieller Verknüpfungen zwischen jenen Überzeugungen abhängt,
in denen dieser Begriff auftaucht. Was macht beispielsweise meinen
Tiger-Begriff zu einem Tiger-Begriff? Die inferentiellen Verknüpfun­
gen von Tiger-Überzeugungen mit Überzeugungen in Bezug auf Lebe-
9 K. Sterelny, »Navigating the Social World. Simulation versus Theory«, Philosophical
Books 27 (1997), S. 11-29.
10 C. Heyes, »Theory o f Mind in Nonhuman Primates«, Behavioral andBrain Sciences
21 (1998), S. 102.

362
wesen, Raubtiere, Beute, große gestreifte Katzen usw. Mein Tiger-Be­
griff wird durch meine implizite Tiger-Theorie - meine kleine Tiger­
kunde - bestimmt, die in diesem Netz von Inferenzen zum Ausdruck
kommt. Für diejenigen, die die inferentielle Rollen-Theorie als Be­
deutungstheorie akzeptieren, ist es nur natürlich, den Besitz der Be­
griffe >Uberzeugung<, >Präferenz< usw. mit der Aneignung von etwas
wie einer Alltagspsychologie gleichzusetzen, d. h. mit einem Ensemble
von Überzeugungen in Bezug auf die Verknüpfungen zwischen Über­
zeugungen, Präferenzen, Absichten und Verhalten. In dieser Begriffs­
theorie gilt: Einen Begriff von Überzeugung zu haben heißt, eine Über­
zeugungs-Theorie zu beherrschen.
Nun ist diese Ansicht vom Besitz von Begriffen nicht zwingend.
Es gibt alternative Sichtweisen, in denen Begriffe nicht durch ihre Ver­
knüpfungen im internen Haushalt des Geistes identifiziert werden,
sondern durch ihre Beziehungen zur Außenwelt. Wir wollen jetzt
kurz auf ein allgemeineres Problem ausweichen: Was heißt es für
ein Lebewesen, etwas zu repräsentieren? Ich habe an anderer Stelle
die These vertreten, dass ein Organismus ein Merkmal seiner Um­
gebung dann repräsentiert —im Unterschied zu: lediglich darauf rea­
giert —, wenn er dieses Merkmal seiner Umwelt mittels mehr als nur
einer Klasse proximaler Stimuli aufspüren \track] kann. Ein Lebe­
wesen, das X repräsentiert, ist ein Lebewesen mit mehreren unab­
hängigen Informationskanälen für das X-Merkmal seiner Umwelt.
Es spürt X mehrspurig auf.11 Betrachten wir ein gegensätzliches Bei­
spiel. Gliederfüßer verfügen oft über wunderbar einfallsreiche M ög­
lichkeiten, relevante Merkmale ihrer Umgebung zu registrieren [de-
tect\, aber sie sind oft von einem einzigen proximalen Reiz abhängig.
Das Hygieneverhalten von Ameisen und Bienen —sie entsorgen tote
Nestgefährtinnen — hängt von einem einzigen derartigen Reiz ab,
nämlich von der durch Zerfall erzeugten Ölsäure. Sie verfügen über
kein Äquivalent für jene Mechanismen der Wahrnehmungskonstanz,
die sie dazu befähigen würden, anhand verschiedener Kanäle zu ver­
folgen, ob ihre Nestgefährtinnen noch leben. Die Kommunikation

i i K. Sterelny, »Basic Minds«, PhilosophicalPerspectives 9 (1995), S. 251-270 [wieder


abgedruckt in id., The Evolution o f Agency, op. cit., S. 198-220], und id., »Situated
Agents: The Descent o f Desire«, in: Biology Meets Psychology. Constraints, Conjec-
tures, Connections, hrsg. von V. Hardcastle, Cambridge (Mass.): MIT Press 1999,
S. 203-219 [wieder abgedruckt in K. Sterelny, The Evolution o f Agency, op. cit.,
S. 241-259].

36 3
in und auf einem Ameisenhaufen ist normalerweise von sehr spezi­
fischen chemischen Signalen abhängig.
Wie die erfolgreiche Koordination in einem Ameisenhaufen oder
in einem Bienenstock zeigt, kann reizgebundenes Verhalten sehr effi­
zient sein. Doch sind Kontrollsysteme, die auf spezifischen Reizen
basieren, in entscheidenden Hinsichten störanfällig. Ein Organis­
mus, der seine Umwelt nur mittels eines einzigen, spezifischen Rei­
zes registrieren kann, verfügt über eine sehr beschränkte Fähigkeit,
zur Kontrolle und Anpassung seines Verhaltens Feedback zum Ein­
satz zu bringen, denn er verlässt sich auf Veränderungen dieses einen
Reizes. Darüber hinaus ist es unwahrscheinlich, dass Organismen,
deren Verhalten reizgebunden ist, über Fähigkeiten verfügen, die in
unterschiedlichen Umwelten funktionieren und stabil bleiben, denn
Umweltveränderungen werden das Input oftmals verzerren. Damit
Verhaltensweisen stabil sein können, ist die Fähigkeit erforderlich,
funktional relevante Merkmale einer Umwelt auf mehr als nur einem
Weg aufzuspüren.
Innerhalb der Unterscheidung zwischen reizgebundenen Organis­
men und solchen, die ein gegebenes Merkmal ihrer Umwelt durch
mehrfache Reize aufspüren, müssen wir zwischen dem Einsatz mehr­
facher Reize und deren Variationen einerseits und der Verallgemeine­
rung eines einzigen Stimulus andererseits unterscheiden. Das liegt auf
der Hand, wenn Organismen ihre Umwelt anhand von unterschied­
lichen Sinnen mehrspurig aufspüren. Ein Zebra, das den Grad der Ge­
fährdung durch eine Hyäne aufgrund ihrer Haltung und ihrer Blick­
richtung aufspürt, verwendet zwei Reize, nicht einen, auch wenn es
die Gesichtswahrnehmung für beide gebraucht. Der Unterschied
zwischen dem Einsatz zweier Reize und der Verallgemeinerung eines
Stimulus, der von einem einzigen Reiz ausgeht, ist wahrscheinlich
schwer zu definieren. Denn schließlich werden keine zwei Annähe­
rungsversuche von Hyänen genau denselben Netzhautstimulus auf
das Zebra-Auge projizieren. Doch viele Einzelfälle sind deutlich ge­
nug. Betrachten wir zum Beispiel das oft diskutierte Phänomen der
Selbsterkennung im Spiegel, die Fähigkeit von Schimpansen und an­
deren Menschenaffen, ihr eigenes Abbild in einem Spiegel zu erken­
nen. Heyes weist zu Recht darauf hin, dass Selbsterkennung im Spie­
gel nicht den Besitz eines Begriffs des Selbst beweist.12 Sie hebt hervor,

12 C. Heyes, »Reflections on Self-Recognition in Primates«, Anim al Behaviour 47

364
dass Lebewesen, die sich durch Umwelten voller Objekte bewegen,
ihr Verhalten nach der Position ihres Körpers im Raum ausrichten
müssen. Dazu müssen sie über eine Art »Körper-Begriff« verfügen.
Sie benutzen Informationen über ihren Körper, um ihr Verhalten zu
kontrollieren. Selbsterkennung im Spiegel ist lediglich ein weniger ge­
wöhnliches Beispiel desselben Phänomens. Es weist ebenso wenig auf
Selbstbewusstsein hin wie das Verhalten eines leichtfüßigen Elefanten
im Porzellanladen. Doch obwohl Selbsterkennung kein Beweis für
Selbstbewusstsein ist, verweist sie auf die Fähigkeit, körperliche Merk­
male durch den Einsatz ungewöhnlicher Wahrnehmungs-Inputs auf­
zuspüren. Also haben Lebewesen, die zur Selbsterkennung im Spiegel
fähig sind, keinen reizgebundenen Körper-Begriff. Ihr Körper-Begriff
ist eine reale Repräsentation ihres Körpers, denn sie können unge­
wöhnliche Informationskanäle verwenden, um ihn den aktuellen Um­
ständen anzupassen.
Wir sollten nun diese Unterscheidung zwischen Repräsentieren und
Registrieren einsetzen, um einen Zu griff auf die Repräsentationsfähig­
keiten von Primaten zu bekommen. Im Allgemeinen passen Primaten
ihr Verhalten den psychologischen Zuständen anderer Primaten an.
Schimpansen reagieren zum Beispiel differenziert auf Schimpansen,
die sie motiviert angreifen wollen. Das heißt, dass sie oft jene Reize —
etwa Drohungen - erkennen, die einen bevorstehenden A ngriff sig­
nalisieren. Ihr eigenes Verhalten ist Verhaltensweisen angepasst, die
durch bestimmte psychologische Zustände verursacht werden. Sie er­
kennen und reagieren auf eine Reihe von Verhaltensweisen, die Hin­
weise auf bestimmte psychologische Zustände geben, weil sie deren
Folgen sind. In diesem minimalen Sinn also können Primaten die
psychologischen Zustände von anderen Primaten aufspüren, ebenso
wie Ameisen die Eigenschaft »Nestgefährtin« verfolgen können. Sie
reagieren oft angemessen auf einen drohenden A ngriff aufgrund eines
Informationsflusses, der den Motivationszustand eines potentiellen
Angreifers betrifft, und auf diesem Wege reagieren sie schließlich auf
den Geist des reagierenden Primaten. Außerdem handeln sie in Über­
einstimmung mit Verhaltensregeln, die eine angemessene Handlung
festlegen - angesichts des Zustands des anderen Akteurs. Dennoch
ist es eine Sache, geistige Zustände aufzuspüren; eine andere Sache
ist es, sie eher zu repräsentieren als nur aufzuspüren. Dazu müssen
(1994), S. 909-919; C. Heyes, »Self-Recognition in Primates. Further Reflections
Create a Hall o f Mirrors«, Anim al Behaviour 51 (1995), S. 1533-1541.

36 5
wir wissen, wie zum Beispiel Bonobos das Verhalten anderer Bonobos
kategorisieren. Nehmen wir Folgendes an:

1. Ein Bonobo deutet die Handlungen a, b, c, d, e , . . . immer als Handlun­


gen desselben Typs.
2. Die Handlungen a, b, c, d, e, . . . sind tatsächlich immer durch einen
bestimmten geistigen Zustand Qentstanden; nehmen wir an, Q sei Wut.

An dieser Stelle können wir sagen, dass der Bonobo den geistigen Z u ­
stand eines anderen zumindest aufspürt, denn seine Reaktion kova-
riiert mit Wut. Sein Verhalten ist an dieses Merkmal seiner Umwelt
angepasst. Nun repräsentiert unser Bonobo aber die geistigen Z u ­
stände anderer vielmehr und spürt sie nicht bloß auf, wenn:

3. a, b, c, d, e , . . . keinen einzelnen, einfachen, gemeinsamen sensorischen


Reiz haben.

Neuere Arbeiten legen nahe, dass Schimpansen visuelle Aufmerksam­


keit mittels eines einfachen Reizes aufspüren: »Gesicht sichtbar«.
Nehmen wir an, dass Bonobos Wut nicht auf diese Weise aufspüren.
Körperhaltung, Gesichtsausdruck und Laute speisen alle unabhängig
voneinander die Verhaltensregel der »Drohbesänftigung«.*
Wenn die Wut-Verhaltensweisen, die der Bonobo in eine Kategorie
fasst, keinen einzelnen, bestimmten sensorischen Reiz gemeinsam ha­
ben, dann ist der Bonobo hinsichtlich der Wut nicht stimulusgebun­
den, sondern er kann sie anhand einer Bandbreite von Äußerungen
aufspüren. Diese Schlussfolgerung wird verstärkt, wenn sich die Fä­
higkeit des Bonobos, Wut aufzuspüren, der Vollständigkeit annähert:

4. Es ist nicht nur so, dass a, b, c, d, e , . . . durch Wut erzeugt werden, son­
dern der Bonobo reagiert auf dieselbe Art und Weise auf die meisten Ver­
haltensweisen, die typischerweise durch Wut erzeugt werden.

Alles in allem also reagiert ein Primat auf einen geistigen Zustand
eines anderen, wenn er ihn aufspüren kann - das heißt, er reagiert
mit einiger Zuverlässigkeit unterschiedlich auf eine Abfolge von Ver­
haltensweisen, die tatsächlich durch einen spezifischen geistigen Z u ­
stand verursacht werden, wie etwa Wut oder Furcht. Wenn, wie F. de
* [A. d. Ü.: Sterelny spielt hier auf die einzigartige sexuelle »Entspannungspolitik« der
Bonobos bei sozialen Konflikten an, vgl. F. de Waal, Peacemaking Among Primates,
Cambridge (Mass.): Harvard University Press 1989 (dt. Wilde Diplomaten. Versöh­
nung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen, München: Hanser 1991).]

3 66
Waal nahe legt, ein Bonobo wütendes Verhalten dadurch befriedet,
dass er Sex für Frieden eintauscht, dann spürt er Wut auf. Wir unter­
suchen, ob es sich um die Aufspürung oder um die Repräsentation
von Wut handelt, indem wir die Stabilität des Aufspürens experimen­
tell überprüfen. Insbesondere handelt es sich eher um Aufspüren als
um Repräsentieren, wenn diese Fähigkeit reizgebunden ist. Zugleich
können wir experimentell die Verfeinerung des Aufspürens untersu­
chen, indem wir die Bandbreite der Reaktionen auf Wut testen. Passt
sich der Wut-Leser wütendem Verhalten in einer Umwelt anders an,
die zu einer anderen Äußerung dieses Verhaltens führt? Reagiert er an­
ders, wenn sich die physische oder soziale Umwelt auf einschneidende
Art und Weise verändert? Reagiert er anders auf Wut, wenn er noch
andere geistige Zustände des Lebewesens erkennt? Oder lautet die
Verhaltensregel des »Wut-Verhaltens« einfach: »Weglaufen«? In die­
sem Bild der Dinge zeichnen sich also zwei getrennte experimentelle
Untersuchungen ab. W ir untersuchen einerseits die Fähigkeit eines
Primaten, einen geistigen Zustand zu repräsentieren, indem wir die
Stabilität seiner Fähigkeit, diesen geistigen Zustand aufzuspüren, unter­
suchen. Die Stabilität besteht in der Vielfalt beobachtbarer Reize, die
er zum Aufspüren einsetzt. Wir können andererseits aber auch seine
Reaktionsbandbreite a u f das Aufspüren untersuchen. Die Bandbreite
liegt in dem Ausmaß, in dem die Erwartung und die Reaktionen
des Aufspürers in Bezug auf das Verhalten eines Akteurs angemessen
durch das modifiziert werden, was der Aufspürer sonst noch bemerkt.
Wir können uns also die soziale Intelligenz eines Lebewesens so
denken, dass sie sich durch zwei Arten von Verhaltensregeln entwi­
ckelt. Über Erkennungsregeln ist ein Gedankenleser mit einem auf­
gespürten geistigen Zustand verknüpft. Nach den Erkennungsregeln
eines Lebewesens suchen wir, indem wir die Umwelt des Gedan­
kenlesers so weit wie möglich festhalten, aber die Reize für einen
einzelnen, grundlegenden kognitiven Zustand variieren, um heraus­
zufinden, ob der Gedankenleser dieselbe Reaktion auf diese unter­
schiedlichen Reize zeigt. Ich habe dargelegt, dass ein Lebewesen
nur dann ein Gedankenleser ist, wenn es eine ganze Reihe von Erken­
nungsregeln für einzelne geistige Zustände hat. Output-Regeln steu­
ern die Reaktionen auf jene Zustände, die ein Gedankenleser aufspü­
ren kann. W ir testen die Output-Regeln eines Lebewesens, indem wir
den für den Gedankenleser bestimmten Reiz festlegen, die Umwelt
variieren und die verschiedenen Reaktionen testen.

367
Ich habe an anderer Stelle dargelegt,* dass die Fähigkeit zur Reprä­
sentation sich dann aus der Fähigkeit zum Aufspüren entwickelt,
wenn Organismen in einer Umwelt leben, die für sie in Bezug a u f In ­
form ation durchscheinend ist [inform ationally translucent environ-
ments\. Umwelten sind für einen Organismus in dem Maße durch­
scheinend, in dem sich ökologisch relevante Merkmale seiner Umwelt
in komplexer, eins-zu-vielfacher Weise auf seine durch unmittelbare
Sinnesreizungen dargestellte Welt abbilden lassen. Wenn sich Futter,
Verstecke, Räuber, Partner zur Paarung, Freund und Feind in komple­
xer Art und Weise nur anhand aufspürbarer physischer Signale abbil­
den lassen, wird das Verhalten reizgebundener Organismen öfters fehl­
schlagen. Ich muss die Informationsdurchlässigkeit als Faktor in die
Unterscheidung zwischen mehrspurigem und reizgebundenem Auf­
spüren mit einberechnen. In einem minimalen Sinn ist ein Lebewe­
sen, das zu konditionierter Assoziation fähig ist, auch dazu imstande,
ein Merkmal seiner Umgebung mehrspurig zu verfolgen. Der be­
rühmte Hund Pavlovs lernte das Aufspüren von eintreffendem Futter
nicht einfach nur durch Sichtkontakt, sondern ebenso durch den
Klang einer Glocke. Doch hier handelt es sich nicht um die Form
mehrspurigen Aufspürens, die ich beschrieben habe. Denn wie seine
Reaktion zeigt, hat der Hund nicht die Fähigkeit, den Informations­
fluss im einen Kanal dazu einzusetzen, um gleichzeitig die Zuverläs­
sigkeit des anderen Kanals zu kontrollieren. Mehrspuriges Aufspüren,
das Organismen an das Problem der Durchlässigkeit anpasst, muss
eine Form der Integration oder der gegenseitigen Kontrolle der Ka­
näle enthalten. Auch ist es wichtig, zwischen dem Gebrauch mehrfa­
cher Reize und der Veränderung eines einzigen Reizes im Verlauf der
Zeit zu unterscheiden. Die Tatsache, dass ein Lebewesen im Verlauf
der Zeit eine Verformbarkeit in seinen Reaktionen gegenüber einem
Merkmal seiner Umwelt an den Tag legt, zeigt nicht, dass es dieses
Merkmal zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrspurig aufspürt. Es
gibt also einen Unterschied zwischen: (i) einer gegebenen Handlung
zusätzliche Auslösereize hinzuzufügen;13 (2) einen neuen und kom­

* [A. d. Ü.: K. Sterelny, The Evolution ofAgency, op. cit. Diese Thesen fiihrt Sterelny
weiter aus in Thought in a Hostile World. The Evolution o f Human Cognition, Lon­
don: Blackwell Publishers 2003, S. 20-29.]
13 Zusätzliche Auslösereize können eine ihnen eigene funktionale Prägnanz aufweisen.
Es kann sehr wichtig sein, der Verhaltenskontrolle eine gewisse Redundanz hin-
zuzufiigen, um falsche Negative (falscher Fehlalarm etwa) zu vermeiden.

36 8
plexeren Auslösereiz durch Lernen zu entwickeln, der in einer Gestalt*
besteht, deren Elemente nicht einzeln hervortreten; und (3) fähig
zu sein, eine Anzahl unabhängiger, sich aber gegenseitig kontrollieren­
der Informationskanäle einzusetzen. Nur (3) passt ein Lebewesen an
das Problem der Informationsdurchlässigkeit an.
Die Bedeutung der wechselseitigen Kontrolle zwischen den Ka­
nälen steckt beispielsweise implizit in Whitens Erörterung von Täu­
schung und deren Aufdeckung. Eine Täuschung kann durch eine
Kombination von Reizen aufgedeckt werden und damit durch den
Versuch von Gedankenlesern, Motive über unterschiedliche Reize
hinweg aufzuspüren.14 So kann etwa die bekannte Lebensgeschichte
eines Akteurs darauf hinweisen, dass sein tatsächliches Verhalten von
seinem angekündigten Verhalten abweichen wird. Grüne Meerkat­
zen können lernen, dem unzuverlässigen Alarm ruf eines Artgenos­
sen zu misstrauen. Ein deutlicheres Beispiel des Vorteils von wech­
selseitiger Kontrolle zwischen den Kanälen hängt von der Tatsache
ab, dass eine Ankündigung »undicht« sein kann —vielsagende Reize
können die Information unterlaufen, die ein Tier ankündigt. De Waal
präsentiert einige hübsche, wenn auch anekdotische Belege von Schim­
pansen, die versuchen, undichte Stellen zu stopfen; beispielsweise ver­
suchen sie, bei Konfrontationen Angstsignale zu unterdrücken. Die
Umwelt kann ebenfalls »undicht« sein. Das heißt, dass ein Akteur
auf eine Art und Weise handeln kann, die, wie der Beobachter weiß,
in der aktuellen Umwelt unangemessen ist. Zum Beispiel kann er
sich so verhalten, als würde er etwas sehen; der andere Akteur weiß
jedoch, dass es nicht da ist.15
Aus meiner Sicht also ist Repräsentation an mehrspuriges Aufspü­
ren im starken Sinne gebunden, und das mehrspurige Aufspüren ist
eine Anpassung an das Problem, das durch informationsdurchsch ei­
nende Umwelten entsteht. Viele Versionen der Hypothese der sozia-
* [A. d. Ü.: Dt. im Original.]
14 A. Whiten, »When Does Smart Behavior-Reading Become Mind-Reading?«, in:
Theories o f Theories ofM ind, hrsg. von R Carruthers und R K. Smith, Oxford: Ox­
ford University Press 1996, S. 277-292.
15 Es gibt eine saubere Untersuchung dieser Möglichkeit in Hausers Diskussion der
Futterrufe von Haushühnern. Männchen erzeugen weniger oft falsche Rufe, wenn
die Weibchen in der Nähe sind und sehen können, ob das Männchen Futter hat; vgl.
M . Hauser, »Minding the Behavior o f Deception«, in: Machiavellian Intelligence II.
Extensions and Evaluations, hrsg. von R. W. Byrne und A. Whiten, Cambridge:
Cambridge University Press 1997, S. 112-14 3.

369
len Intelligenz werden am besten als Argumente dafür betrachtet, dass
die sozialen Umwelten von Primaten - oder von bestimmten Prima­
ten — informationsdurchscheinend sind. Diese Hypothesen implizie­
ren, dass das Verhältnis zwischen Verhaltenshinweisen und innerem
Zustand oft komplex ist. Ein einzelner, von anderen isolierter Hinweis
ist nicht zuverlässig. Beispielsweise müssen Menschenaffen einige in­
nere Zustände aufspüren, und sie können das nur dadurch, dass sie
diese repräsentieren. Sie müssen also die M ehrspurigkeit der Zeichen
für innere Zustände verwerten und nicht einen einzelnen proximalen
Ersatz. Wie Povinelli und Cant in ihren Ausführungen über Orang-
Utans gezeigt haben, ist die schiere Körpergröße der Menschenaffen
von Bedeutung, denn diese führt zu einem körperlichen Verhalten,
das weniger stereotyp ist.16 Für sich genommen heißt das, dass die
inneren Ursachen für diese Verhaltensweisen weniger leicht an den
Verhaltenshinweisen selbst ablesbar sind. Bewegt sich ein Lebewesen
in einer höchst stereotypen Weise durch seine Umwelt, dann kann
eine bestimmte Körperhaltung gut als angemessener Hinweis auf
Flucht oder auf A ngriff dienen. Ist die Bewegung jedoch nicht ste­
reotyp und überschneiden sich funktional bestimmte Verhaltens­
muster mit Verhaltensweisen, die durch motorische Muster bestimmt
sind, dann sind Verhaltenshinweise auf den jeweiligen Zustand der
Motivation weniger direkt erkennbar.
Die soziale und kognitive Komplexität der Primaten verschärft die
Probleme für den Beobachter. Wenn zum Beispiel Tömasello mit sei­
ner Ansicht Recht hat, dass nur Primaten die Beziehungen zwischen
Dritten aufspüren und ihr Verhalten entsprechend anpassen,17 dann
ist das Verhalten von Primaten anhand eines einzigen Hinweises we­
niger voraussagbar als das soziale Verhalten anderer Lebewesen. Je
größer die Anzahl von Faktoren ist, die zusammen das Verhalten eines
Akteurs bestimmen, desto mehr Verhaltensweisen müssen von einem
Beobachter zur Kenntnis genommen werden, wenn er dessen Hand­
lungen Voraussagen möchte. Soziale Organisationen, in denen sich
die Gewichtungen verschieben — Organisationen also, die instabile
Mischungen kooperativer und kompetitiver Interaktionen darstel­
len —, können das Problem der Voraussagbarkeit ebenso verschlim­
mern. In einigen Affen-Gesellschaften wird der soziale Status durch
1 6 D. Povinelli und J. G. H. Cant, »Arboreal Clambering and the Evolution o f Self-
Conception«, Quarterly ofBiology 70 (1995), S. 393-421.
17 M. Tomasello, »Two Hypothesis«, op. cit.

370
die Mutter weitergegeben. Gibbon-Populationen können aus höchst
kooperativen Familien zusammengesetzt sein, die von einem mono­
gamen Paar abstammen. In solchen Gesellschaften ist es vermutlich
im Interesse aller Beteiligten, das Verhaltenslesen so einfach wie mög­
lich zu machen. Aber je dynamischer die Mischung aus Kooperation
und Wettbewerb wird, je wichtiger es wird, etwas zu verbergen und
andere zu täuschen, desto weniger transparent wird die Umwelt. In
dieser Sichtweise ist die schiere Größe einer Gruppe nicht signifikant.
Denn obwohl die Größe Anforderungen an das Gedächtnis stellt, ist
sie ein transparentes und kein durchlscheinendes Merkmal der Um­
welt.
Die Hauptsache ist nicht, ob diese Plausibilitätsüberlegungen zu­
treffen. Viel mehr geht es darum, ob dieses Bild der Repräsentation
zu einem empirisch haltbaren Ansatz für die Unterscheidung zwi­
schen Verhaltenslesen und Gedankenlesen führt. In meinen hier dar­
gelegten Vorschlägen stimme ich mit Whiten und Sober überein.18
Beide behandeln das Gedankenlesen als Postulat einer verborgenen Va­
riablen, die das gegenwärtige und zukünftige Verhalten eines Lebe­
wesens verbindet. Aber ihre Sichtweise beruht nicht auf der Unter­
scheidung zwischen Aufspüren und Repräsentieren. Sie behaupten,
dass durch die Festlegung von Voraussagen in einer verborgenen Va­
riablen der Vorteil entsteht, dass Effizienz kodifiziert wird. Es gibt
keine Verhaltensweisen, die nur von einem Akteur vorausgesagt wer­
den können, der eine auf eine verborgene Variable gestützte Analyse
zur Anwendung bringt. Doch wenn die Anforderungen an die Voraus-
sagbarkeit für einen Akteur steigen, dann wird es effizienter sein, wenn
er Voraussagen aufgrund der Zuschreibung von Überzeugungen und
Motiven gegenüber anderen Akteuren macht. An dieser Stelle treffen
sich ihre und meine Vorschläge. Die Kodifizierung der Effizienz rührt
von der Tatsache her, dass es bestimmte offensichtliche Zeichen für
einen inneren geistigen Zustand gibt, und dass dieser innere Zustand
in unterschiedlichen Umwelten unterschiedliches Verhalten erzeugt.
Kann man den inneren Zustand aufspüren, dann braucht man nicht
jede einzelne Verbindung zwischen Stimulus und Verhalten aufzuspü­
ren.

18 A. Whiten, »When Does Smart Behavior-Reading Become Mind-Reading?«, op.


cit.; E. Sober, »Black Box Inference. When Should Intervening Variables Be Postu-
lated?« British Journalfor the Philosophy ofScience 49 (1998), S. 468-498.

371
3. Eine Fallstudie: Visuelle Aufmerksamkeit und implizites
Wissen über Fremdpsychisches
Experimentelle Untersuchungen, die bei Menschenaffen nach einer
voll ausgeprägten »Theorie des Geistes« suchen, haben bestenfalls
mehrdeutige Resultate hervorgebracht. Eine Reaktion darauf besteht
darin, weniger ehrgeizige Ideen darüber zu entwickeln und zu über­
prüfen, was Menschenaffen über Fremdpsychisches wissen. Ein wich­
tiges Beispiel ist die Untersuchung der Frage, inwieweit Schimpansen
die visuelle Aufmerksamkeit anderer begreifen. Diese Untersuchung
ist wichtig, weil es sich scheinbar bei der Repräsentation von Auf­
merksamkeit um kein sehr anspruchsvolles Problem handelt, denn
Aufmerksamkeit hat eine offenkundige Verhaltenssignatur. Dennoch
legen die experimentellen Resultate nahe, dass Schimpansen einen
überraschend beschränkten Z u griff auf die visuelle Aufmerksamkeit
haben. Insofern Schimpansen Dinge wie »verstecken« oder »sich anpir­
schen« verstehen, müssen sie zumindest die Fähigkeit besitzen, die
visuelle Aufmerksamkeit anderer aufzuspüren. Sie können der Blick­
richtung zu einem Objekt hin folgen.19 Doch Povinelli und Eddy
haben eine Reihe von Experimenten durchgeführt, die anscheinend
zeigen, dass die Fähigkeit zum Aufspüren visueller Aufmerksamkeit
reizgebunden ist und dass das Erfassen der Auswirkung dieser Auf­
merksamkeit auf das Verhalten ebenso rudimentär ist. In diesen Expe­
rimenten wurden Schimpansen zuerst darauf trainiert, ihre natürliche
Bettelgeste zu benutzen, um Futter von einem Trainer zu erbetteln,
indem sie sich entweder zur rechten oder zur linken Seite eines Ge­
heges begaben (je nach Standort des Trainers) und dabei durch eine
Öffnung in einer durchsichtigen Wand bettelten. In diesen Versuchen
wurde zunächst allgemein die Aufmerksamkeit überprüft, indem Ex­
perimente gemacht wurden, in denen ein Trainer Futter und ein an­
derer wertlose Dinge anbot. Schimpansen verlangten ohne Weiteres
das Futter. Probedurchläufe wurden abwechselnd mit Standardver­
suchen durchgeführt, um eine kontinuierliche Motivation für das
Verlangen nach Futter zu gewährleisten. Es scheint keinen Grund
zur Annahme zu geben, dass die Versuchsanordnung den Schimpan­
sen irgendwelche besonderen Probleme bereitet hätte. In den Probe­
durchläufen wurde den Schimpansen nun die Wahl überlassen, ent-
19 A. Whiten, »The Macchiavellian Mindreader«, in: Machiavellian Intelligence II,
op. cit., S. 164.

372
weder von einem Trainer Futter zu verlangen, der seine Aufmerksam­
keit auf sie richtete, oder von einem anderen, der dies nicht tat. Es
wurde eine Reihe verschiedener »Aufmerksamkeits-Vernichter« ge­
prüft. Unaufmerksame Trainer hatten entweder einen Eimer über
dem Kopf, verbundene Augen, saßen von den Tieren abgewandt da
oder hielten sich die Augen zu. In Fällen, in denen Ablenkungen
eine Schwierigkeit hätten darstellen können, wurden die aufmerk­
samen Trainer mit »Ablenkern« versehen. Sie saßen mit Kübeln auf
den Schultern, mit verbundenen Mündern da und hielten sich die
Ohren zu.20
Das bemerkenswerte Resultat ist, dass die Schimpansen alle Auf­
gaben nur zufällig lösten, mit Ausnahme derer, in denen einer von
zwei Trainern den Schimpansen entweder zu- oder abgewendet war.
Sogar das hing anscheinend von einem reichlich plumpen Reiz ab.
Denn die Ergebnisse fielen auf ein Zufallsniveau zurück, wenn die Ex­
perimente so wiederholt wurden, dass beide Trainer von den Schim­
pansen abgewandt dasaßen, der eine jedoch über die Schulter zu­
rückblickte. Povinelli und Eddy überprüften, ob vielleicht zu viele
»Ablenker« vorhanden waren, die die Schimpansen überforderten,
obwohl das wirklich nur für Trainer mit Kübeln und Augenbinden
plausibel erscheint. Sie veränderten die Versuchsanordnung, damit
sich die Schimpansen erst einmal mit merkwürdig ausstaffierten
Trainern vertraut machen konnten, doch das änderte die wesent­
lichen Resultate nicht. Schließlich lernten die Schimpansen, die auf­
merksamen Trainer anzubetteln - doch anscheinend nur, weil sie
die Regel abgeleitet hatten, ihre Aufmerksamkeit dem Trainer mit
einem sichtbaren Gesicht zuzuwenden. Daher kehrten sie zum Z u ­
fallsverhalten zurück, sobald sie zwischen Trainern mit offenen und
mit geschlossenen Augen unterscheiden mussten. Der Nennwert
des experimentellen Ergebnisses lautet, dass Schimpansen entweder
visuelle Aufmerksamkeit aufspüren, aber nicht repräsentieren kön­
nen oder dass sie nur über beschränkte Möglichkeiten verfügen, ihre
Repräsentationen der visuellen Aufmerksamkeit zum Aufspüren von
Verhalten einzusetzen; oder beides zusammen. Povinelli selbst inter­
pretiert seine Experimente anscheinend so: Sie zeigen, dass die Schim­
pansen die Verknüpfung »Aufmerksamkeit hin zu Verhalten« be­
schränkt erfassen. Das bedeutet, dass sie rudimentäre Output-Regeln
20 D .J. Povinelli und T. J. Eddy, »What Young Chimpanzees Know About Seeing«,
Monographs ofthe Society fo r Research in Child Development 6i (1996), S. 1-152.

373
haben. Doch ebenso möglich ist es, dass ihr Problem in der Verknüp­
fung »Erscheinung hin zur Aufmerksamkeit« liegt: Es ist eher so, dass
sie sich auf plumpe Aufmerksamkeitssignale verlassen, als dass sie die
Bedeutung der Aufmerksamkeit für das Verhalten überhaupt nicht
verstehen würden.
Meiner Ansicht nach sind die Resultate in Bezug auf Input und
Output zweideutig. Als ich von diesen Experimenten las, wollte ich
wissen, ob die Schimpansen Geräusche oder Gesten machten oder
auf andere Art Aufmerksamkeit zu erregen versuchten. Diese starren
Blickrichtungen sind im natürlichen Leben von Schimpansen be­
stimmt sehr anomal. Das mag erklären, weshalb Schimpansen über­
leben und dennoch in Bezug auf visuelle Aufmerksamkeit reizge­
bunden sein können. Der Reiz »Ich sehe das Gesicht eines Akteurs«
genügt zum Aufspüren von Aufmerksamkeit, gerade weil die Blick­
richtung nicht starr ist. Früher oder später, eher früher, wird man ge­
sehen. Aufmerksamkeit könnte ein transparenter —kein durchschei­
nender - Zug ihrer Welt sein und damit nichts, was anhand vieler
Reize verfolgt werden müsste. Selbst wenn dem so wäre, sind Schim­
pansen vielleicht immer noch in der Lage, visuelle Aufmerksamkeit
einzusetzen und zu manipulieren.
Ich denke, dass es einige experimentelle Ergebnisse gibt, die die
Idee stützen, dass Schimpansen Aufmerksamkeit auf labile Weise
verfolgen, durch einen einfachen Reiz nämlich, und dass ihre Reak­
tionsbandbreite dennoch nicht rudimentär ist. Wenn sie erst einmal
Aufmerksamkeit aufspüren, wissen sie, was sie damit anfangen sol­
len. Insbesondere wissen sie, wie man sie erhält (und erlangt). Gomez
berichtet von einer Reihe von Experimenten in dieser Richtung.21
Von Povinellis Schimpansen wurde verlangt, dass sie zwischen auf­
merksamen und unaufmerksamen Trainern wählen. Von Gomez’
Schimpansen wurde verlangt, Trainer auf sich aufmerksam zu ma­
chen, also Aufmerksamkeit zu erregen. Die Trainer von Gomez hat­
ten je nach Situation den Schimpansen den Rücken zugewandt, ihre
Augen geschlossen, starrten in eine Ecke des Geheges oder blickten
über den K opf des Schimpansen hinweg. Obwohl sie die Aufgabe
mit den geschlossenen Augen schwierig fanden, schnitten diese Schim­
pansen viel besser ab als diejenigen von Povinelli.
21 J. C. Gomez, »Non-Human Primate Theories o f (Non-Human Primate) Minds.
Some Issues Concerning the Origin o f Mind-Reading«, in: Theories o f M ind,
op. cit., S. 330-343.

374
Gomez selbst interpretiert die Experimente mithilfe einer Unter­
scheidung zwischen implizitem und explizitem Wissen. Die intui­
tive Idee besteht darin, dass implizite Informationen stärker als expli­
zite Informationen kontextabhängig und vielleicht eher ein Wissen-
wie als ein Wissen-dass sind. Wissen wird umso expliziter, je mehr
es aus sehr spezifischen Kontexten und Handlungen herausgelöst wer­
den kann. Er interpretiert seine Arbeit so, dass Schimpansen und G o­
rillas, mögen sie auch kein explizites Wissen über das geistige Leben
anderer Primaten haben, doch ein implizites Wissen davon haben. Ins­
besondere verfügen sie über ein Wissen-wie hinsichtlich geistiger Z u ­
stände, die sich im Verhalten manifestieren, wie etwa das Sehen.
Dennoch ist die Unterscheidung zwischen impliziter und explizi­
ter Repräsentation eher ein Stellvertreter für eine Theorie der Reprä­
sentation als selbst eine Theorie. Diese Fragestellungen werden em­
pirisch handhabbar, wenn wir die Unterscheidung zwischen implizit
und explizit in die Unterscheidung zwischen der Stabilität des Auf-
spürens und der Reaktionsbandbreite überführen. Betrachten wir
zum Beispiel die Reaktionsbandbreite. Ich bezweifle, dass irgendein
Verhalten völlig unbedingt ist, denn der Motivationszustand eines
Gedankenlesers spielt normalerweise eine Rolle. Aber es kann Verhal­
ten geben, das unabhängig davon ist, was der Akteur sonst noch von
seiner Umwelt repräsentiert. Also hängt die Reaktionsbandbreite
eines Gedankenlesers von Folgendem ab: (i) vom Spektrum der an­
deren Merkmale des Akteurs, die der Gedankenleser verfolgt, und
(2) vom Ausmaß, in dem seine Reaktion nicht nur vom anderen Ak­
teur, sondern auch vom Rest der Umwelt abhängig ist: die Auswir­
kung von Anhängern der einen oder der anderen Partei, die physische
Geographie der Interaktion, der Wert einer Ressource (in Konflikt­
situationen) und Ähnliches sind relevant für die Bandbreite des Out­
puts. (3) Wie das Beispiel der visuellen Aufmerksamkeit zeigt, kann
die Bandbreite der Reaktion auch von der Fähigkeit abhängen, In­
teraktionen zu initiieren. Kann ein Gedankenleser Aufmerksamkeit
in einem breiten Spektrum von Situationen und eher subtil erregen
(wie einige Anekdoten über »taktische Täuschungen« nahe legen)
oder nur plump, durch Berührung und Geschrei?
Wenn die Reaktion eines Lebewesens von Veränderungen in seiner
(nicht-sozialen) Umwelt abhängt, müssen wir darüber nachdenken,
wie ein Lebewesen seine Umwelt kategorisiert. Sind diese Kategorisie­
rungen konkret und sinnlich, oder sind sie manchmal funktional und

375
abstrakt?22 In der Debatte darüber, wie Lebewesen ihre Umwelt wahr­
nehmen, ist Kausalität - die kausale Verknüpfung zwischen Ereig­
nissen - ein wichtiger Punkt. Rumbaugh und Hillix behaupten, dass
einige Primaten gewisse Kausalketten verständen.23 Dickinson und
seine Mitstreiter behaupten, dass sogar Ratten das schaffen würden.24
Dagegen behauptet Tomasello, dass ein wahres Verstehen von kau­
salen Relationen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit Vorbehalten
sei.25
Die Unterscheidung zwischen der Stabilität des Aufspürens und
der Reaktionsbandbreite ist hilfreich, wenn man die hier vorhandenen
Meinungsverschiedenheiten wirklich auseinander halten will. Dickin­
son und Balleine behaupten, dass Ratten Kausalität verständen. Rat­
ten, so behaupten sie, handelten intentional, weil ihr Verhalten durch
eine Interaktion ihrer Präferenzen mit ihren instrumentellen Überzeu­
gungen gelenkt werde. Diese instrumentellen Überzeugungen sind
kausale Überzeugungen. Dickinson und Balleine behaupten, Ratten
verständen die kausale Relation zwischen ihren Handlungen und
den daraus folgenden Ergebnissen, die sie erfahren. Dagegen behaup­
tet Tomasello, dass nicht-menschliche Primaten die kausalen Rela­
tionen zwischen Ereignissen in ihrer Umwelt nicht verständen. Es
scheint, falls Ratten nicht klüger sind als Affen, dass nicht beide Recht
haben können. Bei genauerer Analyse stellt sich heraus, dass sich
Dickinson und Balleine mit Erkennungsregeln befassen; Tomasello
hingegen konzentriert sich auf die Bandbreite der Reaktion. Dickin­
son und Balleine befassen sich mit dem Aufspüren, also damit, welche
Beziehungen Ratten in ihrer Umwelt aufspüren können. Ihre expe­
rimentelle Strategie besteht darin, die Ratten mit einem Spektrum
von Umwelten zu konfrontieren, in denen die Beziehung zwischen
A und B manchmal kausal, manchmal probabilistisch und manch­
mal nur zufällig ist (so folgt B oft auf A, aber B folgt ebenso auf
22 Vgl. N. J. Mackintosh, »Abstraction and Discrimination«, The Evolution o f Cogni­
tion, op. cit., S. 123-142; P. Bateson, »What Must Be Known in Order to Understand
Imprinting?«, in: The Evolution o f Cognition, op. cit., S. 85-102.
23 D. M. Rumbaugh, M . J. Beran, W. A. Hillix, »Cause-Effect Reasoning in Humans
and Animais«, in: The Evolution o f Cognition, op. cit., S. 221-238.
24 A. Dickinson und B. W. Balleine, op. cit.; A. Dickinson und D. Shanks, »Instrumen­
tal Action and Causal Representation«, in: Causal Cognition. A Multidisciplinary
Debate, hrsg. von D. Sperber, D. Premack, A. J. Premack, Oxford: Clarendon Press
1996, S. 5-24.
25 M. Tomasello, »Two Hypotheses«, op. cit.

376
nicht-A). Sie benutzen ein einfaches Verhalten (die Bereitschaft der
Ratte zum Drücken eines Hebels), um zu überprüfen, ob die Rat­
ten eine kausale Beziehung zwischen A und B aufspüren oder ob sie
irgendeine andere Beziehung verfolgen (beispielsweise eine zeitliche
Kontinuität), die sich mit der kausalen überschneidet. Sie befassen
sich nicht in erster Linie mit den Reizen, anhand derer die Ratten
die kausalen Verknüpfungen aufspüren. Noch weniger geht es ihnen
um den Nachweis, dass Ratten ihr Wissen flexibel - über eine be­
schränkte Anzahl von Aufgaben hinweg - einsetzen können. Toma-
sellö hingegen befasst sich mit der Reaktionsbandbreite. Er weiß,
dass Primaten den Relationen zwischen verschiedenen Ereignissen
in ihrer Welt auf der Spur bleiben, doch er bezweifelt, dass sie kausale
Relationen verstehen, weil sie nicht viel mit ihrem Wissen anfangen
können. So zitiert er die Experimente von Visalberghi, die zeigen, dass
weder Menschenaffen noch gewöhnliche Affen dazu imstande sind,
ohne extensive Anwendung der Trial-und-Error-Methode ein ange­
messenes Werkzeug für eine simple Objektmanipulation auszuwäh­
len.
Zusammengefasst: Die Unterscheidung zwischen der Stabilität des
Aufspürens und der Reaktionsbandbreite ist ein nützliches analyti­
sches Werkzeug bei der Prüfung der Debatten um die visuelle Auf­
merksamkeit und vielen damit verbundenen Streitpunkten. Insbe­
sondere hilft sie uns dabei, diese Debatten zu differenzieren. Es ist
eine wichtige Einsicht, dass es a p rio ri keinen Grund für die Erwar­
tung gibt, dass die Merkmale des Gedankenlesens miteinander ver­
knüpft sind. Das Aufspüren kann von der Reaktionsbandbreite ge­
trennt werden: Ein Akteur kann die Bereitschaft zum Spielen anhand
eines einzigen Reizes aufspüren, dem Spiel-Gesicht, und dennoch
über ein reichhaltiges Ensemble von Verhaltensregeln in Bezug auf
die Folgen dieses Zustands verfügen. Soweit ich sehe, können auch
die unterschiedlichen Aspekte der Bandbreite unabhängig voneinan­
der variieren. Es würde sich dann um eine interessante empirische
Entdeckung handeln, wenn man zeigen könnte, dass sie miteinander
verbunden sind. Ebenso wäre eine evolutionäre Hypothese oder eine
Entwicklungshypothese wichtig, die solche Verknüpfungen Vorher­
sagen könnte.

377
4- Eine »Theorie des Geistes« nachweisen:
Was die Experimente zeigen
Ich habe darauf insistiert, dass die Fähigkeit zur Repräsentation von
Fremdpsychischem nicht an den Besitz einer Theorie über die Ver­
knüpfungen zwischen Überzeugungen, Präferenzen und Verhalten ge­
bunden ist. Weiter habe ich dargelegt, dass es Plausibilitätsüberlegun­
gen gibt, die nahe legen, dass Primaten die geistigen Zustände anderer
repräsentieren, nicht einfach nur aufspüren. Doch die stärkere Be­
hauptung - dass Primaten so etwas wie eine Theorie des Fremdpsychi­
schen haben - ist selbst wichtig und interessant.
Was würde zeigen, dass ein Lebewesen so etwas wie eine Theorie
des Geistes hat? Whiten und Heyes haben mit der Idee gelieb-
äugelt, dass Rollentausch, Perspektivenübernahme und ähnliche
Experimente diagnostische Tests für eine Theorie des Geistes sein
könnten.26 In einer einfachen Form von Rollentausch-Experimenten
werden Schimpansen auf ein oder zwei Rollen trainiert. Entweder
müssen sie einem uninformierten Menschen einen Behälter mit Fut­
ter zeigen, der es dann mit ihnen teilt, oder sie müssen Anweisun­
gen von einem informierten Menschen entgegennehmen. Povinelli
berichtet, dass drei von vier Schimpansen ein Rollentauschverhalten
zeigen: Wurden sie auf die eine Rolle trainiert, konnten sie auch die
andere übernehmen. Whiten räumt ein, dass es Probleme mit diesen
Experimenten gäbe (denn vielleicht wurde das Erlernen der neuen
Rolle lediglich beschleunigt), aber er neigt zur Ansicht, dass es von
Gedankenlesen zeuge, wenn die Schimpansen einen Rollentausch
begreifen. Der Schimpanse kopiert nicht einfach nur das Verhalten
eines Akteurs, dessen Rolle er übernommen hat. Ein Rollentausch
ist nicht bloß eine verzögerte Nachahmung, zumindest dann nicht,
wenn Nachahmung nur die Nachahmung eines motorischen Musters
bedeutet.27
Heyes ist allen durchgeführten Experimenten gegenüber skeptisch,
die angeblich eine Theorie des Geistes bei Primaten aufzeigen. Aber
sie neigt dazu, bei den Rollentausch-Experimenten des ursprüng­
lichen Aufsatzes von Premack und W oodruff Zugeständnisse zu ma­

26 A. Whiten, »When Does Smart Behavior-Reading Become Mind-Reading?«,


op. cit.; C. Heyes, »Theory o f Mind in Nonhuman Primates«, op. cit.
27 A. Whiten, »When Does Smart Behavior-Reading Become Mind-Reading?«, op. cit.

378
chen.28 In diesem Aufsatz berichteten Premack und Woodruff über die
Schimpansin Sarah; sie wählte Fotografien aus, welche Lösungen zu
einer Reihe von Problemen repräsentierten, die sich anderen Akteuren
stellten. Die Idee ist die folgende: Um diese Aufgabe zu lösen, muss
Sarah den Begriff eines Plans haben und anderen Akteuren Pläne zu­
schreiben; sie muss das intendierte, finale Ziel einer Reihe von Hand­
lungen identifizieren. Heyes hebt hervor, dass Sarahs Erfolge nicht
entscheidend sind, da jeder einzelne Fall »weg erklärt« werden kann.
Doch sie gesteht zu, dass es keine einheitliche Spielverderber-Hypo­
these gibt, die Sarahs Leistungen insgesamt »weg erklären« würde.
Ich denke nicht, dass diese Experimente auf so etwas wie eine All­
tagspsychologie hinweisen - selbst wenn man sie wiederholen würde,
um eine gewisse Künstlichkeit jener Art zu vermeiden, die Heyes
diskutiert. Stattdessen, denke ich, können sie durch Byrnes Idee ei­
nes Verhaltensprogramms erklärt werden.29 In seiner Erörterung der
Nachahmung bei Gorillas behauptet er, es gäbe Belege dafür, dass
Menschenaffen nicht lernen, indem sie jeden Brocken motorischen
Verhaltens nachahmen, sondern durch die Erfassung eines Verhal­
tensprogramms. Ein solches Programm leistet die Gesamtorgani­
sation und den Ablauf von Handlungseinheiten, die zusammen eine
bestimmte Fertigkeit bilden. Gorillas beispielsweise verspeisen oft
Disteln und andere eher unangenehme Pflanzen. Daher müssen sie
ihr Futter zunächst ziemlich stark manuell bearbeiten, bevor sie es
verspeisen können. Diese Bearbeitung ist recht komplex und um­
fasst eine Arbeitsteilung zwischen den beiden Händen, die sich wäh­
rend der unterschiedlichen Bearbeitungsphasen verändert. Wenn nun
einige Fertigkeiten von Verhaltensprogrammen abhängen, dann dürf­
te Nachahmung eher in einem Kopiervorgang dieses Programms als
von spezifischen motorischen Mustern liegen. Obwohl es eine Menge
anekdotischer Belege für Imitation bei Menschenaffen gibt, ist die
experimentelle Beweislage für Nachahmung verblüffend schmal.30

, 28 D. Premack und G. Woodruff, »Does the Chimpanzee Have a Theory o f Mind?«,


Behavioral and Brain Sciences 1/4 (1978), S. 515-524.
29 R. W. Byrne, The ThinkingApe. Evolutionary Origins o f Intelligence, Oxford: Ox­
ford University Press 1995; id., »The Technical Intelligence Hypothesis. An Addi­
tional Evolutionary Stimulus to Intelligence?«, in: Machiavellian Intelligence II,
op. cit., S. 289-311.
30 R. W. Byrne, The ThinkingApe, op. cit.; A. E. Russon, »Exploiting the Expertise o f
Others«, in: Machiavellian Intelligence II, op. cit., S. 174-206.

379
Wenn Menschenaffen jedoch zur Nachahmung fähig sind, dann ist
das beeindruckend, denn das zeigt die Befähigung eines Beobach­
ters, ein Programm aus einem motorischen Verhalten zu extrahie­
ren.
In einer persönlichen Mitteilung hat sich Heyes gegenüber der
Angemessenheit dieser erneuten Analyse äußerst zurückhaltend ge­
zeigt, weil sie bezweifelt, dass der Begriffeines Verhaltensprogramms
im Einzelnen so bestimmt worden sei, dass er überprüfbar wäre. In
ihren Augen verfügt Byrne über kein Kriterium dafür, die Nach­
ahmung eines Verhaltensprogramms von ungenauer oder teilweise
gespielter Imitation desselben zu unterscheiden. Er könne nicht zwi­
schen einer Nachahmung auf der Ebene des Programms und einer
Nachahmung von detaillierten Verhaltenssequenzen, die nicht irrtums­
frei ist, unterscheiden. Heyes’ Infragestellung ist angebracht. Den­
noch gibt es zumindest prinzipiell eine empirische Unterscheidung
zwischen der Nachahmung auf der Ebene des Programms und einer
nur ungenauen Nachahmung.
Erstens: Würde soziales Lernen in der ungenauen Nachahmung
einer vollständigen Verhaltensroutine bestehen, dann würden wir
nicht erwarten, dass Irrtümer bei verschiedenen Subjekten dasselbe
Muster haben. Sie müssten zufällig auftreten. Das wäre nicht der Fall,
wenn soziales Lernen in der Nachahmung von Verhaltensprogram­
men bestände. Verschiedene Subjekte dürften sich in den Kompo­
nenten einer Fertigkeit, die sie in einem Verhaltensprogramm identi­
fiziert haben, nicht voneinander unterscheiden. Wenn etwa Gorillas
eine Lernfähigkeit auf der Ebene eines Programms hätten und diese
Fähigkeit beispielsweise darin zeigten, dass sie von einem Modell
erlernen, wie man Artischocken verspeist, so würden wir erwarten,
dass verschiedene Subjekte dem Modell bei gleicher Aufgabe in den­
selben Hinsichten glichen, da sie die Aufgabe auf dieselbe Art unter­
teilen würden. Das würde nicht zutreffen, wenn die Irrtümer bloß
Nebengeräusche wären.
Zweitens: Die Nachahmung kann von anderen Arten sozialen
Lernens durch eine Versuchsanordnung unterschieden werden, in
der ein gegebenes Ergebnis auf mehr als einem Weg erreicht wer­
den kann. Wenn die Zuschauer also eine Aufgabe erfüllen, indem
sie die Technik des M odells gebrauchen, dann haben wir Grund zur
Annahme, dass sie vom Modell nicht nur etwas über Ziele, son­
dern auch etwas über Mittel lernen. Das ist als »Two-Action-Ttst« be­

380
kannt.* Wenn wir einen Two-Action-Test mit einem zweiten verschrän­
ken, können wir eine Nachahmung auf der Ebene des Programms
von nur ungenauer Nachahmung unterscheiden. W ir brauchen eine
Aufgabe der folgenden Art: (i) Sie soll eine Lösung mit mehr als nur
einem Verhaltensprogramm erlauben; das heißt, dass die Aufgabe
auf unterschiedliche Weise in Unteraufgaben zerlegt werden kann.
(2) Es muss verschiedene, aber gleichermaßen angemessene Arten
geben, die Unteraufgaben auszuführen. Jede Unteraufgabe ist also
selbst ein Two-Action-Tcst. Ein Beispiel: Ich finde heraus, dass Schim­
pansen für eine Aufgabe manchmal eher ihre Füße als ihre Hände
gebrauchen. Nun sei angenommen, dass der Mime und das Modell
die gleiche Unterteilung der Gesamtaufgabe vornehmen, aber der
Mime verwendet eher die Füße als die Hände. D a Variationen in
den Einzelhandlungen nicht als Irrtümer oder Fehler gelten, würde
es sich hier eher um Programmnachahmung als um eine irrtumsge­
leitete gespielte Imitation handeln. Bei der Programmnachahmung
gibt es keine Irrtümer. Der Schimpanse hat vom Modell die Zerle­
gung der Aufgabe in Komponenten erlernt. W ir haben hier eine über­
greifende Ähnlichkeit in ihrer Wahl der Mittel, aber keine Ähnlichkeit
der einzelnen körperlichen Bewegungen; auf der Ebene der Unterauf­
gaben gibt es also keine Nachahmung.
Ich weiß nicht, ob die experimentellen Belege die Behauptung
stützen würden, dass Menschenaffen die Fähigkeit haben, Verhal­
tensprogramme zu repräsentieren. Aber ich glaube, dass diese Idee
ausreichend gut definiert ist, um damit eine alternative Hypothese
gegenüber jenen Erklärungen ihrer avancierteren Verhaltensfähigkei­
ten darzustellen, die auf eine Theorie des Geistes zurückgreifen.
Wenn Schimpansen beispielsweise einen Rollentausch vornehmen,
dann ist das eine beeindruckende kognitive Leistung. Sie verweist
auf die Fähigkeit, von den motorischen Details hin zu einem über­
greifenden Handlungsprogramm zu abstrahieren. Es ist wie das Er­
lernen von sozialen Rollen oder von Rollen in einem Spiel. Schimpan-

* [A. d. Ü.: Ein Two-Action-Test besteht in Folgendem: Es gibt die beiden Versuchs­
gruppen 1 und 2. 1 beobachtet Handlung A und 2 beobachtet Handlung B. Dann
müssen 1 und 2 die beobachteten Handlungen selber ausführen. Wenn 1 die Hand­
lung A und 2 die Handlung B ausführt, dann imitieren die Subjekte. Ein einfaches
Beispiel: Die i-Ratten sehen A: der Hebel wird nach links gedrückt (damit Futter
kommt). Die 2-Ratten sehen B: der Hebel wird nach rechts gedrückt (damit Futter
kommt).]

381
sen könnten dazu imstande sein, die Regeln des Geben-Teilen-Zei-
gen-Spiels zu lernen. Das ist ein weiteres Verhaltensprogramm. Sie
erkennen durch Trainingserfahrung, worin das Spiel und ihre Rolle
darin besteht. Wenn das soziale Verhalten von Schimpansen auf ver­
schiedenartige und nicht stereotype Weise strukturiert ist, wäre es
nicht überraschend, wenn sie so etwas tun könnten. Sollten sich kol­
lektives Jagen und schimpansische Kriegsführung als Bestandteil
ihres Standard-Repertoires herausstellen, wären das natürliche Bei­
spiele koordinierter und nicht-stereotyper Handlungen, in denen ver­
schiedene Spieler verschiedene Rollen, jedoch nicht immer dieselbe
Rolle spielen.
Heyes glaubt gewiss nicht, dass irgendeines der bislang durch­
geführten Experimente überzeugend genug ist, um begründen zu
können, dass ein Primat Gedanken liest. Beispielsweise ist sie auch
der Meinung, dass die Spielverderber-Ergebnisse der Experimente
zur Aufmerksamkeitsüberwachung von Povinelli und Eddy die Idee
sehr in Frage stellen, Schimpansen verständen die Rolle der visuel­
len Aufmerksamkeit für das Verhalten. Ihr Hauptpunkt ist aber, dass
das Experiment nicht überzeugend genug ist, um ein unumstößli­
ches Ergebnis zu liefern. Das Experiment kann nicht bestätigen, dass
Schimpansen die Bedeutung dessen, was ein Akteur sieht, verstehen
im Hinblick auf das, was er tut. Sie meint, dass

einfache Techniken der Unterscheidung [...] uns sagen können, welche be­
obachtbaren Reize Schimpansen einsetzen, wenn sie entscheiden, wen sie
um Futter angehen müssen, doch können sie uns nicht sagen, warum Schim­
pansen diese Reize einsetzen.31

Man stelle sich vor, die Daten wären so klar und eindeutig gewesen,
wie sie nur hätten sein können. W ir hätten immer noch zwei Hypothe­
sen übrig. Die eine besagt: Schimpansen wissen, dass man Futter von
Leuten mit sichtbaren Augen erbetteln soll, denn nur Leute mit sicht­
baren Augen sehen dich. Die andere Hypothese besagt: Schimpansen
haben nur eine

Tendenz, Leute mit sichtbaren Augen anzubetteln, und selbst wenn sie wüss­
ten, dass das Anbetteln von Leuten mit sichtbaren Augen mit größerer Wahr­
scheinlichkeit belohnt wird, so erklären sie sich selbst dieses Zusammentref­
fen nicht in Begriffen des Geistes oder au f irgendeine andere Art und Weise.32
31 C. Heyes, »Theory o f Mind in Nonhuman Primates«, op. cit., S. 108.
32 Ibid.

382
Das ist richtig. Doch es gibt ein analoges Problem für die von ihr selbst
vorgeschlagene Versuchsanordnung. Sie putzt nämlich das Experi­
ment der »Wissenden/Vermutenden« von Povinelli nur ein bisschen
heraus. In Povinellis Experimenten zur »Perspektivenübernahme«
wurden Schimpansen daraufhin untersucht, ob sie die Verbindung
zwischen Wissen und Sehen begreifen. In der ersten Phase des Expe­
riments befindet sich der Schimpanse in einem Raum mit zwei Ex­
perimentatoren und verschiedenen Behältern. Einer der Experimenta­
toren (der »Wissende«) versieht einen Behälter mit Futter, nachdem
der andere den Raum verlassen hat. Der abwesende Trainer (der »Ver­
mutende«) kehrt zurück, und beide Trainer zeigen auf je einen Be­
hälter. In Povinellis Experiment lernte die Hälfte der Schimpansen,
dem Rat des »Wissenden« zu folgen. Doch die kritische zweite Phase
dieses Experiments untersuchte die Stabilität dieses Ergebnisses: Fol­
gen die Schimpansen auch dann der richtigen Empfehlung, wenn
der Rat des »Vermutenden« durch andere Mittel als durch das Verlas­
sen des Raums offenkundig nutzlos gemacht wird - insbesondere
durch einen Sack über dem K opf —, während der Behälter mit Futter
versehen wird?33
Heyes zeigt auf, dass die ursprüngliche Versuchsanordnung nicht
spezifisch genug ist, um zu überprüfen, ob die Annahme der Empfeh­
lung des »Wissenden« wirklich davon abhängt, dass die Verbindung
zwischen Sehen und Wissen verstanden worden ist. Doch sie glaubt,
dass es sich um die richtige Art von Experiment handelt, weil es uns
ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit genau auf das zu richten, worauf
Schimpansen in einer Situation achten. Während der Trainingsphase
kovariieren ein kausaler Reiz und ein sinnlicher Reiz. Das Verlassen
des Raums ist der sinnliche Reiz, der mit dem kausalen Reiz kova-
riiert. Dieser liegt in der Unfähigkeit zu sehen, welcher der Behälter
mit Futter versehen worden ist. Der sinnliche Reiz des Im-Raum-
Bleibens kovariiert mit dem kausalen Reiz, der im Nicht-Sehen-Kön-
nen liegt, welcher der Behälter mit einem Köder versehen worden
ist. Bei den Probedurchläufen bleiben beide Trainer im Raum und
der »Vermutende« trägt einen Sack über dem Kopf. Nach der An­
sicht von Heyes vermag diese Versuchsanordnung die Möglichkeit
eines Transfers auf der alleinigen Basis von sinnlichen Erfahrungs­
werten nicht äuszuschließen. Vielleicht spürten die Schimpansen
33 D. J. Povinelli (et al.), »Inferences about Guessing and Knowing by Chimpanzees«,
Jo u rn al o f Comparative Psychology 104 (1990), S. 203-210.

383
nur den »sichtbaren Kopf« auf. In diesem Falle würden sie die Probe­
durchläufe immer noch erfolgreich bestehen, aber nicht durch ein Ver­
ständnis der Verbindung zwischen Wissen und Sehen. Heyes schlägt
deshalb eine Versuchsanordnung vor, bei der durchsichtiges und
undurchsichtiges Glas verwendet wird, um die Möglichkeit zu mini­
mieren, dass die Schimpansen einen bloß sinnlichen Erfahrungswert
einsetzen, um dem Sehen auf der Spur zu bleiben.
Anhand der Versuchsanordnung von Heyes können wir herausfin­
den, ob Schimpansen das Sehen eher repräsentieren als aufspüren. Ihre
Versuchsanordnung kann uns sagen, ob Schimpansen mehrspurige
Reize anwenden können, um die Merkmale des Nichtwissens und
des Wissens aufzuspüren. Aber das ist anscheinend nicht ihre Sorge.
Sie möchte nicht die Erkennungsregeln für das Sehen testen. Vielmehr
gilt ihr Interesse der Frage, ob und wie Schimpansen die kausale Bedeu­
tung des Sehens verstehen. Doch das ist eine Angelegenheit der Reak­
tionsbandbreite, der Output-Regeln also. Ich kann nicht erkennen,
inwiefern ihre Versuchsanordnung in dieser Hinsicht gegenüber derje­
nigen von Povinelli einen Fortschritt darstellt. Keine Versuchsanord­
nung untersucht die Reaktionsbandbreite des Aufspürens, den wei­
ten Bereich der Fähigkeiten, aufgrund des Sehens zu handeln. Wenn
Schimpansen das Sehen erst einmal aufgespürt haben, müssen sie zur
erfolgreichen Bewältigung der Versuchsaufgaben nur recht einfache
voraussetzungslose Output-Regeln beherrschen. Sie repräsentieren
das Sehen, doch vielleicht ohne große Reaktionsbandbreite. In einem
von Premacks Experimenten beispielsweise entfernte eine Schimpan-
sin die Augenbinde, die einen Trainer daran hinderte, ihr zu einem Be­
hälter zu folgen, den sie geöffnet haben wollte. Dazu muss sie aber nur
verstehen, dass es eine Verbindung gibt zwischen ungehinderter Blick­
richtung und der Fähigkeit, ihr zu folgen. Sie muss nicht verstehen,
dass diese Verbindung durch einen verborgenen inneren Zustand ver­
mittelt wird oder dass sie für alle möglichen weiteren Interaktionen
wichtig ist. Ebenso könnten Schimpansen bei diesen Versuchen Erfolg
haben, indem sie der Regel folgen »Bettle um Futter bei denen, die es
gesehen haben«, ohne eine Theorie über die inneren Ursachen des Ver­
haltens oder eine Einschätzung der Rolle des Sehens in vielen anderen
Kontexten zu haben. Sie müssen nur den visuellen Kontakt verfolgen
und auf ihn reagieren. Obwohl also die Versuchsanordnung von Heyes
uns bei der Triangulation des Sehens helfen kann — des Sehens als
einem kritischen Reiz, den Schimpansen repräsentieren und gebrau­

38 4
chen —, erkenne ich nicht, wie diese Versuchsanordnung eine kritische
Rolle bei der Identifizierung einer erkennbaren, wenn auch rudimen­
tären Alltagspsychologie im Geiste der Schimpansen spielen könnte.
Nichts in diesem Argument spielt den Wert experimenteller Unter­
suchungen der Schimpansen-Welt herunter. Der springende Punkt
liegt vielmehr darin, dass weitreichende Verhaltenskompetenzen sei­
tens der Primaten nicht durch ein einzelnes Experim ent enthüllt wer­
den. Darüber hinaus gibt es keine privilegierte Reaktionsbandbreite,
deren Einhaltung vernünftigerweise als Kriterium für den Besitz einer
Alltagspsychologie betrachtet werden könnte. Unsere Beweisführung
ist hier von der Art, wie sie von Whiten und Dennett empfohlen wird:
Je mehr Situationen und Umstände es gibt, in denen Schimpansen die
Relevanz der Blickrichtung einsetzen und anwenden können, desto
mehr kann gelten, dass sie die Blickrichtung als etwas verstehen,
das durch den Geist vermittelt ist. Ich verstehe diesen Punkt eher me­
thodologisch und weniger metaphysisch. Wenn Fodor Recht hat,
dann gibt es so etwas wie eine einzigartige kognitive Architektur,
die für den Besitz einer Alltagspsychologie konstitutiv ist. Selbst wenn
das so ist, wird deren experimentelle Signatur verschwommen sein.
Ich denke, das Beste, was wir tun können, ist Folgendes: Ein Schim­
panse hat eine Theorie des Geistes (i) je mehr geistige Zustände ande­
rer er aufspüren kann; (2) je mehr davon er eher repräsentieren als auf­
spüren kann; (3) je weitreichender seine Verhaltenskompetenzen in
Bezug auf die so aufgespürten Zustände sind. Aber das ist gut genug,
um weiterzukommen.

5. Zusammenfassung

Meiner Ansicht nach repräsentierte in Organismus ein M erkm al seiner


Welt - im Unterschied zu: er reagiert nur darauf- , wenn er das Merk­
mal der Umwelt anhand von mehr als nur einer Art von proximalem
Stimulus aufspüren kann. Gliederfüßer reagieren auf die Welt oft
in einer adaptiv komplexen Weise, aber nur anhand eines einzigen In­
formationskanals. Sie sind (oft) reizgebunden hinsichtlich der für sie
wichtigen Merkmale ihrer Welt; sie registrieren die Merkmale ihrer
Welt nur und reagieren auf sie. Im Gegensatz dazu zeigen Lebewesen,
die beispielsweise der Selbsterkennung im Spiegel fähig sind, die Fä­
higkeit, körperliche Merkmale aufzuspüren, indem sie ungewöhn­
liche Wahrnehmungs-Inputs einsetzen.

385
Ich verwende diese Unterscheidung zwischen Repräsentieren und
Registrieren, um einen Zugriff auf die Fähigkeiten zur Repräsenta­
tion bei Primaten zu bekommen. Ein Primat reagiert auf den geis­
tigen Zustand eines anderen, wenn er einige durch einen geistigen
Zustand tatsächlich verursachte Verhaltensabfolgen aufspüren kann,
d. h., wenn er mit einiger Zuverlässigkeit gezielt reagiert. Wenn bei­
spielsweise ein Bonobo Wutverhalten dadurch befriedet, dass er Sex
für Frieden eintauscht, spürt er Wut auf. Wir untersuchen nun, ob es
sich um das Registrieren von Wut oder um das Repräsentieren von
Wut handelt, indem wir experimentell die Stabilität des Aufspürens tes­
ten. Zugleich können wir experimentell die Verfeinerung dieses Auf­
spürens untersuchen, indem wir die Bandbreite der Reaktionen auf
die Wut testen. Passt sich der Wut-Leser wütendem Verhalten in einer
Umwelt anders an, die bewirkt, dass sich dieses Verhalten anders aus­
drückt? Dieses Bild der Dinge bestimmt somit zwei voneinander
getrennte experimentelle Untersuchungen. Wir untersuchen die Fä­
higkeit eines Primaten zur Repräsentation eines geistigen Zustandes,
indem wir die Stabilität seiner Fähigkeit testen, diesen geistigen Z u ­
stand aufzuspüren. Die Stabilität besteht in der Vielfalt der Beobach­
tungsreize, die er zum Aufspüren geistiger Zustände einsetzt. Ebenso
können wir die Bandbreite seiner Reaktion auf das Aufspüren unter­
suchen. Eine Reaktionsbandbreite ist das Ausmaß, in dem die Erwar­
tungen eines Aufspürenden gegenüber dem Verhalten eines Akteurs
verändert werden; oder in dem Ausmaß, in dem seine angemessenen
Reaktionen auf eine angemessene Art und Weise durch die Umwelt
sowie durch weitere geistige Zustände, die der Gedankenleser auf­
spürt, modifiziert werden.
Die soziale Intelligenz eines Lebewesens entwickelt sich anhand
zweier Arten von Verhaltensregeln. Erkennungsregeln verbinden einen
Gedankenleser mit aufgespürten geistigen Zuständen. Ein Lebewe­
sen liest nur dann Gedanken, wenn es ein Arsenal von Erkennungs­
regeln für einige geistige Zustände hat. Die Reaktionen auf jene
Zustände, die ein Gedankenleser aufspüren kann, werden von Out­
put-Regeln geleitet. Wir untersuchen die Output-Regeln eines Lebe­
wesens, indem wir die Reize für den Leser festlegen, die Umwelt ver­
ändern und die verschiedenen Reaktionen testen.

Aus dem Englischen übersetzt von M arkus W ild

386
IV. Bewusstsein
Daniel C. Dennett
Das Bewusstsein der Tiere: Was ist wichtig
und warum?

Haben Tiere ein Bewusstsein? So wie wir? Welche Spezies und war­
um? Wie ist es, eine Fledermaus, eine Ratte, ein Geier oder ein Wal
zu sein?
Doch vielleicht wollen wir die Antworten auf diese Fragen gar
nicht wirklich wissen. Wir sollten den Wunsch nach Nichtwissen
nicht gering achten. Gibt es nicht eine Menge Dinge, die uns selbst
oder unsere Nächsten betreffen, die wir lieber nicht wissen möchten?
Ich für meinen Teil bin mir sicher, dass ich einige Anstrengungen auf
mich nehmen würde, um nicht alle Geheimnisse der Leute um mich
herum kennen zu müssen: wen sie abscheulich finden, wen sie insge­
heim bewundern, welche Verbrechen und Dummheiten sie begangen
haben oder glauben, dass ich sie begangen hätte! Würde ich all dies
in Erfahrung bringen, wäre meine Gemütsruhe zerstört und meine
Einstellung gegenüber meinen Mitmenschen verkrüppelt. Vielleicht
hätte es auf unsere Beziehungen zu unseren tierischen Verwandten
eine ähnlich vergiftende Wirkung, wenn wir zu viel über sie erführen.
Wenn dem aber so ist, dann wollen wir es freimütig eingestehen und
das Thema fallen lassen, anstatt dem rührseligen Kurs weiter zu fol­
gen, den zurzeit so viele einschlagen.
Das gegenwärtige Nachdenken über das Bewusstsein der Tiere ist
nämlich ein ziemliches Wirrwarr. Verdeckte und weniger verdeckte
Hintergedanken verzerren die Diskussion und behindern die For­
schung. Wendet man sich der »Geschichte der Geschichte« dieser
Kontroversen zu, kann man eine Art komischer Erleichterung ge­
winnen —wenn man für bittere Ironie zu haben ist. Ich bin nicht ge­
rade bekannt für meine flammende Verteidigung von Rene Descartes,
aber ich stelle fest, dass ich doch mit einem ehrlichen Wissenschaft­
ler sympathisieren muss, der offensichtlich das erste Opfer zügelloser
Fehldarstellungen von Extremisten der Tierrechtsbewegung wurde.
Tierrechtsaktivisten wie R Singer oder M . Midgley haben unlängst
zur Verbreitung des Mythos beigetragen, Descartes sei gerade auf-
gru n d seiner Ansicht, dass Tiere (im Gegensatz zu Menschen) bloße
Automaten seien, ein abgestumpfter Vivisecteur gewesen und dem

38 9
Leid der Tiere gegenüber gänzlich gleichgültig. Wie jedoch J. Leiber
in einer strengen Neuuntersuchung der dafür unterstellten Belege
betont hat: »Es gibt schlicht und einfach keine Zeile bei Descartes,
die nahe legt, dass er der Ansicht gewesen wäre, es stehe uns frei, Tiere
nach Belieben zu verprügeln, oder wir hätten die Freiheit, so etwas zu
tun, w eil ihr Verhalten mechanisch erklärt werden kann.«1 Darüber
hinaus war Montaigne —die bevorzugte Autorität der Ankläger von
Descartes, auf den sich auch Singer und Midgley unkritisch bezie­
hen - ein leichtgläubiger Romantiker von atemberaubender Igno­
ranz und nur darauf aus, noch die phantastischsten Märchen über
den Geist der Tiere beim Wort zu nehmen; und im Gegensatz zu Des­
cartes war Montaigne nicht im Geringsten daran interessiert heraus-
zufinden, wie Tiere tatsächlich funktionieren.
Genau diese Haltung ist heute Gemeingut. Es gibt eine merkwür­
dige Toleranz gegenüber ausgemachter Inkonsistenz und Obskuran­
tismus und eine bizarre Einseitigkeit im Umgang mit Belegen für
den Geist der Tiere. E. Marshall Thomas hat ein Buch geschrieben,
Das geheime Leben der Hunde, das genaue Beobachtung und imagina­
tionsstarke Hypothesenbildungen mit schierer Phantasie vermischt.2
In der allgemein wohlwollenden Rezeption dieses Buchs weist kaum
jemand darauf hin, dass es verantwortungslos von ihr ist, ihre poten­
tiell wertvollen Beobachtungen durch gut gemeinte romantische Ver­
kündigungen zu verunreinigen, für die sie keine haltbare Grundlage
haben kann. Wenn man an das Bewusstsein von Hunden glauben will,
so ist ihre Art der Poesie die Lizenz dafür. Wenn man etwas über das
Bewusstsein von Hunden wissen will, dann muss man sich eingeste­
hen, dass sie zwar viele gute Fragen stellt, ihre Antworten aber nicht
vertrauenswürdig sind. Das heißt nicht, dass alle ihre Behauptungen
falsch wären, sondern dass sie als Antworten auf diese Fragen einfach
nicht genügen. Nicht, wenn wir die Antworten wirklich wissen wollen.
Vergebliche Liebesmüh’, werden einige sagen. Gewisse Fragen,
heißt es, seien für die Wissenschaft zurzeit nicht (und vielleicht nie)
zu beantworten. Der Deckmantel des Mysteriums fällt günstig ge­
rade über diejenigen Streitpunkte, die Licht auf die Grundlagen un­
serer moralischen Einstellungen gegenüber verschiedenen Tieren zu
1 J. Leiber, »Cartesian Linguistics?«, in: The Chomskian Turn, hrsg. von A. Kasher,
Cambridge (Mass.) und Oxford: Basil Blackwell 1991, S. 150-181.
2 E. Marshall Thomas, The H idden L ife o f Dogs, Boston: Hughton M ifflin 1993
[dt. Das geheime Leben der Hunde, Hamburg: Rowohlt 1995].

390
werfen versprechen (oder zu werfen drohen). Auch hier kann man
wiederum eine bemerkenswerte Asymmetrie erkennen. Wir verlan­
gen nicht nach absoluter cartesianischer Gewissheit dafür, dass unsere
Mitmenschen ein Bewusstsein haben - wir verlangen nur, was zu­
treffend als »moralische Gewissheit« bezeichnet wird. Können wir eine
moralische Gewissheit nicht auch hinsichtlich des Bewusstseins von
Tieren verlangen? Bislang habe ich noch kein Argument eines Philo­
sophen oder einer Philosophin gesehen, das schlüssig zeigt, dass wir
auch mit Hilfe der Wissenschaften nicht in der Lage sind, Tatsachen
über den Geist der Tiere festzuhalten, die über denselben Grad an mo­
ralischer Gewissheit verfügen, der uns im Falle unserer eigenen Artge­
nossen befriedigt. Ob es nun also überzeugende Argumente für das
»prinzipielle« Mysterium des Bewusstseins gibt oder nicht (mich ha­
ben die bislang vorgebrachten Argumente ganz und gar nicht über­
zeugt) —sie führen auf Holzwege. Über das Bewusstsein von Tieren
können wir genug in Erfahrung bringen, um die Fragen in Bezug
auf unsere Verantwortung zu klären. Die moralische Frage nach den
Tieren ist wichtig, und aus genau diesem Grund darf es nicht gestat­
tet sein, sowohl die empirische als auch die begriffliche Forschung
abzulenken, auf der eine gut unterrichtete Ethik aufgebaut werden
könnte.
Ein schlagendes Beispiel für den einseitigen Gebrauch von Bele­
gen ist Th. Nagels berühmter Aufsatz »Wie ist es, eine Fledermaus
zu sein?«.3 Eine der rhetorischen Eigentümlichkeiten von Nagels Auf­
satz besteht darin, dass er Fledermäuse auswählt und sich dann die
Mühe macht, einige der faszinierenden Tatsachen über Fledermäuse
und deren Echolokation anzuführen, vermutlich weil diese hart er­
arbeiteten, aus der Perspektive der dritten Person gewonnenen wis­
senschaftlichen Tatsachen uns etwas über das Bewusstsein von Fle­
dermäusen sagen. Was sagen sie denn? In erster Linie stützen sie
unsere Überzeugung, dass Fledermäuse ein Bewusstsein haben. (Na­
gel schrieb ja keinen Aufsatz mit dem Titel »Wie ist es, ein Back­
stein zu sein?«.) Zweitens (und viel wichtiger) stützen sie seine Be­
hauptung, dass das Bewusstsein von Fledermäusen sehr verschieden
von unserem Bewusstsein ist. Die rhetorische Eigentümlichkeit —
um nicht zu sagen: offene Inkonsistenz - seiner Darstellung der An-
3 Th. Nagel, »What is it Like to be a Bat?«, PhilosophicalReview 83 (1974), S. 435-450
[dt. »Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?«, in: Analytische Theorien des Selbstbewusst­
seins, hrsg. von M. Frank, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1994, S. 135-154].
gelegenheit kann in eine naheliegende Frage gefasst werden: Wenn
einige solcher Tatsachen etwas über das Bewusstsein von Fledermäu­
sen darlegen können, könnten dann weitere Tatsachen dieser Art
nicht noch mehr sichtbar machen? Nagel hat sich ja bereits auf »objek­
tive«, »vom Standpunkt der dritten Person durchgeführte«, wissen­
schaftliche Nachforschungen verlassen, um die Hypothese aufzustel­
len (oder sie zumindest auf vernünftige Weise glaubhaft zu machen),
dass Fledermäuse ein Bewusstsein haben, aber nicht ein Bewusstsein,
wie wir es haben. Warum sollten uns weitere solcher Tatsachen nicht
Auskunft darüber geben können, in genau welchen Hinsichten das
Bewusstsein von Fledermäusen nicht wie das unsrige ist - wobei sie
uns dann auch sagen würden, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?
Was für eine Art von Tatsache ist das eigentlich, die nur für eine Seite
einer empirischen Frage ausschlaggebend ist?
Tatsächlich verlassen wir uns alle ohne Zögern auf Verhaltensbe­
lege aus der Perspektive der dritten Person, um Hypothesen über das
Bewusstsein bei Tieren zu stützen oder zu verwerfen. Was sollte
schließlich sonst die Quelle unserer »vortheoretischen Intuitionen«
sein? Aber diese Intuitionen sind für sich genommen unzuverlässig
und bedürfen sehr der reflektierten Bewertung. Was sieht man bei­
spielsweise im Verhalten einer fleischfressenden Pflanze, einer Amöbe
oder einer Qualle: »Empfindungsfähigkeit« oder »bloße diskrimina-
torische Reaktionsfähigkeit«? Was sieht man über die bloße diskri-
minatorische Reaktionsfähigkeit hinaus — eine Fähigkeit, die auch
viele Roboter zeigen - , wenn man in einer Kreatur Empfindungsfähig­
keit sieht} Tatsächlich ist es lächerlich einfach, Menschen starke Intui­
tionen nicht nur in Bezug auf Empfindungsfähigkeit, sondern auch in
Bezug auf ein ausgereiftes Bewusstsein (voll von Bosheit, Neugierde
oder Freundschaft) einzuflößen, indem man sie ziemlich simplen Ro­
botern gegenüberstellt, die so gebaut sind, dass sie sich a u f vertraute,
säugetierartige Weise in säugetierartigen Geschwindigkeiten bewegen.
COG, ein erfreulich humanoider Roboter, der gerade am M IT ge­
baut wird, hat Augen, Hände und Arme, die sich wie unsere be­
wegen — flink, entspannt und gefällig.4 Sogar diejenigen unter uns,
die an diesem Projekt mitarbeiten und sich im Klaren darüber sind,
dass wir noch nicht einmal begonnen haben, die höherstufigen Pro­
zesse zu programmieren, die COG vermutlich mit Bewusstsein aus-
4 Vgl. D. Dennett, »The Practical Requirements for Making a Conscious Robot«, Phi-
losophical Transactions o f the Royal Society o f London 348 (1994), S. 133-146.

392
statten könnten, haben das beinahe überwältigende Gefühl, sieh in
der Gegenwart eines anderen bewussten Beobachters zu befinden,
wenn COGs Augen einer Handbewegung folgen - nach wie vor blind
und ziemlich stupide. Wiederum plädiere ich für Symmetrie. Wenn
wir die zur Illusion verführende Macht dieser eleganten und lebens­
nahen Bewegungen anerkennen, so müssen wir festhalten, dass es eine
nach wie vor offene Frage sein sollte, ob wir nicht auch von unserer
geliebten Katze, dem geliebten Hund oder dem edlen Elefanten ver­
zaubert werden. Gefühle werden viel zu leicht hervorgerufen, um hier
ausschlaggebend sein zu können.
Wenn das Verhalten, beiläufig von Leichtgläubigen oder Großher­
zigen beobachtet, ein trügerischer Orientierungswert ist, könnte dann
vielleicht die Zusammensetzung - Material und Struktur - einen
gewichtigen Einfluss haben? Die Geschichte bietet eine nützliche
Perspektive auf diese Frage an. Vor nicht allzu langer Zeit —in Des-
cartes’ Tagen — wurde die Hypothese, dass ein materielles Gehirn
von sich aus Bewusstsein aufrechterhalten könnte, als grotesk betrach­
tet. Man konnte sich nur vorstellen, dass allein immaterielle Seelen
bewusst seien. Was damals unvorstellbar war, ist jetzt leicht vorstell­
bar. Heute können wir uns nämlich leicht vorstellen, dass ein Gehirn,
ohne Unterstützung durch immaterielle Begleiter, ein hinlänglicher
Sitz für das Bewusstsein sein kann, auch wenn wir uns fragen, wie
das überhaupt möglich ist. Doch in den Augen der allermeisten ist
dies sicher eine M öglichkeit, und viele von uns denken, dass die Belege
für deren Wahrheit fast Gewissheit schaffen. Zum Beispiel würde
heutzutage kaum jemand denken,, die »Entdeckung«, dass Linkshän­
der keinen immateriellen Geist, sondern nur Gehirne haben, würde
uns unmissverständlich zeigen, dass sie lediglich Zombies wären.
Unbeeindruckt von diesem Eingeständnis scheuen heute manche
Leute schon vor der bloßen Idee eines Silizium- oder anderen künst­
lichen Bewusstseins zurück. Aber die Gründe für solche allgemeinen
Ansichten sind, gelinde gesagt, nicht sehr beeindruckend. Es sieht
mehr und mehr so aus, als müssten wir einfach darauf achten, was
gewisse Entitäten - in diesem Fall Tiere, aber auch Roboter und an­
dere aus ungewöhnlichem Material hergestellte Dinge - tatsächlich
tun können, und dies als den tauglichsten Leitfaden in der Frage ge­
brauchen, ob Tiere Bewusstsein haben, und wenn ja, warum und
wovon.
Ich habe einmal mit dem Gefühl der Faszination und, wie ich ge­

393
stehen muss, mit Abscheu Hunderte von Geiern beobachtet, die sich
unter der heißen Sonne eines Junitages in Kenia an einem verwesen­
den Elefantenkadaver gütlich taten. Ich fand den Gestank so über­
wältigend, dass ich mir die Nase zuhalten und durch ein Halstuch
atmen musste, um ein Würgen zu verhindern; daher blieb ich die
ganze Zeit auf Distanz. Doch da waren diese Geier, die sich gegensei­
tig gierig beiseite drängten und für die leckersten Bissen in den Ka­
daver stiegen. (Ich werde Ihnen die haarsträubendsten Einzelheiten
ersparen.) Nun, ich bin ziemlich sicher und erwarte Ihre Zustim­
mung: bei dieser Gelegenheit konnte ich einen ziemlich guten Beleg
dafür gewinnen, dass diese Geier meinen olfaktorischen Erfahrungs­
raum nicht teilen. Wie ich später erfuhr, verlassen sich die Geier der
Alten Welt - im Unterschied zu ihren eher entfernten Verwandten in
der Neuen Welt - tatsächlich überhaupt nicht auf Geruchswahrneh­
mung; sie benutzen ihren scharfen Gesichtssinn, um Aas auszuspä­
hen. Die spezifischen ekelerregenden Ausdünstungen verfaulenden
Aases hingegen, die zusammen mit so treffend bezeichneten Am i­
nen wie »Cadaverin« oder »Putreskin« auftreten,* sind Lockstoffe
für den Truthahngeier (Cathartes aurd) der Neuen Welt. Die Erklä­
rung dafür lautet wohl, dass sich diese Vögel der Neuen Welt in einer
Umwelt entwickelt haben, in der sie nach Nahrung jagen mussten, die
unter einem Blätterdach verborgen war, was die Nützlichkeit des
Gesichtssinns verringerte und jene des Geruchssinns vergrößerte.
D. Houston hat Experimente durchgeführt, in denen er frische, reife
und stark gereifte Hühnerkadaver benutzte, versteckt und außer Sicht­
weite in den Wäldern einer panameischen Insel, um das olfaktorische
Talent der Truthahngeier zu titrieren, d. h. einer chemischen Analyse
zur Bestimmung der olfaktorischen Reizbarkeit zu unterziehen.5 Wir
machen also Fortschritte! Wir wissen jetzt —mit moralischer Gewiss­
heit - etwas über den Unterschied, wie es ist, ein afrikanischer Geier zu
sein, und wie es ist, ein mittelamerikanischer Truthahngeier zu sein.
Machen wir weiter so! Wie riecht ein verfaulter Hühnerkadaver
für einen Truthahngeier? A u f den ersten Blick liegt es anscheinend
auf der Hand, dass wir in diesem Fall das philosophische Problem

* [A. d. 0 .: Cadaverin ist eine Fäulnisbase, die bei bakterieller Eiweißzersetzung u. a.


als Leichengift entsteht; Putreskin ist eine bei Fleischfäulnis entstehende nicht-toxi­
sche Fäulnisbase.]
5 D. C. Houston, »Scavenging Efficiency o f Turkey Vultures in Tropical Forest«, The
Condor 88 (1986), S. 318-323.

394
des Fremdpsychischen sicher beiseite lassen und zweifellos annehmen
dürfen, dass diese Geier ziemlich auf Aasgeruch stehen. Oder sollte
jemand unter den Anwesenden vermuten, dass Geier vielleicht hel­
denhafte Märtyrer in der Welt der Aasfresser sind, die tapfer ihren Ekel
unterdrücken, während sie die ihnen zugewiesene Pflicht erfüllen?
Offensichtlich korrigieren wir hier eine Extrapolation von uns
selbst als Menschen durch eine weitere: Wir befreien unsere Zuschrei­
bung von unserem eigenen Abscheu, indem wir die augenfällige Be­
gierde, die sich im Verhalten der Geier zeigt, zur Kenntnis nehmen.
Wir legen eine solche Begierde an den Tag, wenn wir etwas mögen, also
müssen auch die Geier mögen, was sie tun und empfinden. W ir sor­
gen uns ja auch nicht um die armen Robbenbabies auf ihrer Eis­
scholle, ob sie sich ihre kleinen Flossen erkälten. Lägen w ir nackt
auf dem Eis im heulenden Wind, würden wir Höllenqualen erleiden.
Sie aber sind für die Kälte gemacht. Sie schlottern und sie winseln
nicht, und in der Tat zeigen sie das Benehmen von Tieren, die in ihrer
momentanen Lage gar nicht glücklicher sein könnten: Trautes Heim,
Glück allein!
»Moment!«, ruft der Philosoph aus, »Sie sind mit diesen Alltagszu­
schreibungen entsetzlich liederlich umgegangen. W ir sollten uns
überlegen, was im Prinzip möglich ist. Ekel der Geier ist im Prinzip
möglich, nicht wahr? Sie wollen doch das an ihnen beobachtbare Ver­
halten nicht zu einem Kriterium für Lust machen, oder? Sind Sie einer
dieser umnachteten Behavioristen? Die Annahme, dass es für Geier
keinen Sinn machen würde, sich vor der ihnen zugeteilten Ernährung
zu ekeln, ist doch nichts weiter als panglossianischer Optimismus.*

* [A. d. Ü.: >Panglossianismus< ist ein von S. J. Gould und R. Lewontin eingeführter
Ausdruck für den evolutionären Adaptionismus: Jedes Merkmal eines Lebewesens
wurde wegen des biologischen Vorteils dieses Merkmals selektiert. Dr. Pangloss ist
der optimistische Philosoph in Voltaires Roman C andide. In Dr. Pangloss verspottet
Voltaire den Optimismus des Philosophen Leibniz, der behauptet hatte, wir würden
in der besten aller möglichen Welten leben. Pangloss versucht das zu beweisen, in­
dem er zeigt, dass alles in der Welt (Gutes wie Schlechtes) einen letztlich guten
Zweck verfolgt. In gewissem Sinne würden wir also gemäß dem Adaptionismus in
der besten aller möglichen Welten leben, die aber nicht Gott erschaffen hat, sondern
die Evolution. Dennett verteidigt diesen evolutionären Panglossismus in »Intentio­
nale Systeme in der kognitiven Verhaltensforschung«, in: Kognitionswissenschaft:
Grundlagen, Probleme, Perspektiven, hrsg. von D. Münch, Frankfurt/M.: Suhrkamp
1992, S. 343-386 (vgl. dazu in diesem Band die Anmerkung im Text von D. Papineau,
S. 261).]

3 95
Vielleicht wurden Geier durch die Evolution fehlkonzipiert. Viel­
leicht fanden sich die Vorfahren der Geier in einer Art evolutionä­
rer Sackgasse. Sie verabscheuten den Geruch und Geschmack der ein­
zigen in ihrer Nische noch verfügbaren Nahrung, hatten aber keine
andere Wahl, als ihren Abscheu zu überwinden und ihn hinunter­
zuschlucken. Vielleicht haben sie seither ein stoisches Auftreten ent­
wickelt, und was Sie als Begeisterung gedeutet haben, ist tatsächlich
schiere Verzweiflung!«
Einverstanden, entgegne ich. Mein schnelles Urteil war vermut­
lich ein wenig zu voreilig. Verfolgen wir die Sache also weiter und
sehen wir, ob für die Alternativhypothese des Philosophen irgendwel­
che stützenden Belege gefunden werden können. Folgendes ist eine
relevante Tatsache: Truthahngeier werden vom Geruch von ein oder
zwei Tage alten Kadavern angelockt, aber sie schenken älterer, noch
schärfer riechender Kost keine Beachtung. Man vermutet, dass die
toxische Dosis in solch fliegenübersäten Überresten sogar für die
Toxin-toleranten Geier zu hoch ist, sodass sie diese lieber den M a­
den überlassen. Insekten, so nimmt man an, benutzen die Entstehung
der Zerfallsprodukte als Hinweis darauf, dass ein Kadaver ausrei­
chend verfault ist, um einen passenden Ort für die Eiablage und da­
mit für die Entwicklung der Maden abzugeben. Das lässt aber die ver­
bleibende Frage, ob Truthahngeier den Geruch von Aas mittlerer
Reife wirklich mögen, immer noch offen. An diesem Punkt jedoch ver­
siegt mein Wissen über die tatsächliche oder in Betracht gezogene
Geier-Forschung, sodass ich für den Moment einige frei erfundene
Möglichkeiten erwägen muss. Es wäre faszinierend, wenn man so
etwas wie einen unvollständig unterdrückten Würgreflex entdeckte,
der Bestandteil des gewöhnlichen Fressverhaltens der Geier wäre,
oder vielleicht Spuren gegeneinander arbeitender Annäherungs- und
Vermeidungs-Systeme, die in den Gehirnen der Geier aneinander he­
rumzerrten. Eine Aktivität, so könnten wir uns ausmalen, die man in
den Gehirnen von Vögeln mit appetitlicheren Speiseplänen nicht fin­
det. Entdeckungen dieser Art würden der erstaunlichen Hypothese
des Philosophen eine wirkliche Unterstützung bieten, aber selbstver­
ständlich würde es sich nur um weitere »behavioristische« oder »funk­
tionale« Belege handeln. Einmal mehr würde eine oberflächlich plau­
sible, aber rückblickend betrachtet naive oder zu einfache Deutung
durch einen raffinierteren Gebrauch von verhaltensspezifischen Er­
wägungen über den Haufen geworfen. Doch der Philosoph könnte

39 6
die Unterstützung durch die von mir ausgemalten Evidenzen kaum
akzeptieren, ohne zugleich einzugestehen, dass das Fehlen einer sol­
chen Entdeckung gegen seine Alternative und fü r meine anfängliche
Deutung spräche.
Das könnte, ja, das darf überhaupt nur der Anfang einer langen
und schwierigen Untersuchung der möglichen funktionalen Deutun­
gen von Ereignissen in den Nervensystemen der Geier sein. Aber wir
wollen die Jagd hier abbrechen. Denn ich stelle mir vor, dass unser
Philosoph nicht einverstanden ist und letztlich darauf besteht: selbst
wenn die eine oder andere Hypothese in Bezug auf die Komplexi­
tät der Q€\£i-Reaktionen auf Aas erfolgreich bestätigt worden wäre,
könnte uns dennoch keine der nur aus der Perspektive der dritten Per­
son durchgeführten Untersuchungen (»im Prinzip«) sagen, wie es für
einen Geier wirklich ist, Aas zu riechen. Das würde allerdings nicht
aufgrund irgendeines weiteren Arguments behauptet, sondern alleine
deshalb, weil das am Ende die »intuitive« Trumpfkarte ist, die routine­
mäßig gespielt wird.
Was ich an dieser wohl bekannten Sackgasse empörend finde, ist
die Verbindung einer munteren Bewusstseinsbehauptung mit einem
ebenso sorglosen M angel an N eugier darauf, was diese Behauptung
wohl bedeuten und wie man sie untersuchen könnte. J. Leiber bietet
uns eine handliche Bewertungsskala an:
Montaigne ist in dieser Hinsicht sehr ökumenisch, indem er sowohl für Spin­
nen als auch für Ameisen Bewusstsein reklamiert und sogar über unsere Pflich­
ten gegenüber Bäumen und Pflanzen schreibt. Singer und Clarke stimmen
darin überein, dass sie Schwämmen Bewusstsein absprechen. Singer loka­
lisiert die Trennlinie irgendwo zwischen Garnelen und Austern. Für jeman­
den, der anderen harte Anklagen entgegenschmettert, kommt er beim Fall
von Insekten, Spinnen und Bakterien mit einer auffälligen Bequemlichkeit
ins Gleiten; denn diese fühlen, pace Montaigne, offenbar und bequemerweise
keine Schmerzen. Die unerschrockene M idgley hingegen scheint willens, über
die subjektiven Erfahrungen von Bandwürmern zu spekulieren. [...] Nagel
[...] scheint bei Flundern und Wespen einen Strich zu ziehen, obwohl er seit
Kurzem vom inneren Leben von Küchenschaben spricht.6

Diese Liste könnte fortgesetzt werden. In einem kürzlich erschiene­


nen Aufsatz nimmt M . Lockwood - wie so viele —an, Nagels »Wie-
ist-es«-Formel lege eine Bedeutung von >Bewusstsein< fest. Anschlie­

6 J. Leiber, »Cartesian Linguistics?«, op. cit., S. 158.

397
ßend sagt er: »In diesem Sinne kann Bewusstsein vermutlich bei allen
Säugetieren gefunden werden und wahrscheinlich auch bei allen Vö­
geln, Reptilien und Amphibien.«7 Es ist das >Vermutlich< und das
Wahrscheinlich, auf die ich unsere Aufmerksamkeit lenken möchte.
Lockwood gibt keinen Hinweis darauf, wie er es anstellen würde,
diese Ausdrücke durch etwas Bestimmteres zu ersetzen. Ich verlange
keineswegs nach Gewissheit. Aber Vögel sind nicht nur wahrschein­
lich Warmblüter, und Amphibien sind nicht nur vermutlich Lungen-
atmer. Nagel gesteht von Anfang an ein, nicht zu wissen - oder kein
Rezept für die Entdeckung zu haben - , wo man die Linie ziehen soll,
wenn wir die Skala der Komplexität (oder ist es die Skala der Knud-
deligkeit?) hinuntersteigen. Diese Verlegenheit wird von denjenigen
routiniert zur Seite gewischt, für die es klar auf der Hand liegt, dass
es irgendwie ist, eine Fledermaus oder ein Hund zu sein, ebenso
wie auf der Hand liegt, dass es nicht irgendwie ist, ein Backstein zu
sein, und dass es im M oment wenig hilft, sich darüber zu streiten,
ob es überhaupt irgendwie ist, ein Fisch oder eine Spinne zu sein.
Doch was bedeutet es, zu sagen, dass es irgendwie ist oder dass es
nicht irgendwie ist?
Es hat bislang als gutes philosophisches Benehmen gegolten, hier an
ein gegenseitiges Einvernehmen zu appellieren: Wir wissen, wovon
wir sprechen, auch wenn wir es noch nicht erklären können. Ich
möchte das in Frage stellen. Ich behaupte, dass diese routinierte me­
thodische Annahme keine klare vortheoretische Bedeutung hat - trotz
ihrer unbestreitbaren »intuitiven« Anziehungskraft - und dass sie,
eben weil dem so ist, ideal dazu geeignet ist, die lähmende Rolle einer
»gemeinsamen« Intuition zu spielen, die die Lösung vor uns verbirgt.
Vielleicht gibt es in dieser Hinsicht wirklich einen gewaltigen Unter­
schied zwischen uns und allen anderen Arten; vielleicht sollten wir
»radikale« Hypothesen in Erwägung ziehen. Lockwood sagt, dass
»wahrscheinlich« alle Vögel Bewusstsein haben, aber vielleicht sind
einige - oder sogar alle - so etwas wie Schlafwandler! Und wie steht
es mit dem Gedanken, dass es unbewusste Schmerzen geben könnte
(und dass die Schmerzen der Tiere, obwohl real und in der Tat mora­
lisch wichtig, unbewusste Schmerzen wären) ? Vielleicht liegt ein ge­
wisses Maß an großherziger Selbsttäuschung (was ich einmal das
»Beatrix-Potter-Syndrom« genannt habe) darin, wenn wir uns gegen­

7 M . Lockwood, »Dennetfs Mind«, Inquiry 36 (1993), S. 66.

398
seitig freundlich versichern, dass »pace Descartes, Bewusstsein —so
verstanden —auf diesem Planeten nicht im Entferntesten das Mono­
pol menschlicher Wesen ist«, wie Lockwood es formuliert.8 Wie kön­
nen wir jedoch diese >Vielleichts< je erforschen? Wir könnten es in
konstruktiver und fundierter Weise tun, indem wir uns als Erstes eine
Theorie zurechtlegen, die sich ausschließlich auf das menschliche
Bewusstsein konzentriert — auf jene einzige Form also, bei der wir
keine >Vielleichts< und kein Wahrscheinlich dulden - und dann
schauen w ir, welche Merkmale dieses Ansatzes auf welche Tiere zutref­
fen und warum. Es liegt eine Menge Arbeit vor uns, die ich mit ein
paar Beispielen veranschaulichen werde —Aufwärmübungen für die
anstehenden Aufgaben.
H. Melville stellt in Mohy D ick einige wunderbare Fragen dazu, wie
es ist, ein Pottwal zu sein. Die Augen des Wals befinden sich an den
gegenüberliegenden Seiten einer riesigen Masse: »der Vorderteil des
Pottwalkopfs«, so erzählt uns Melville auf erinnerungswürdige Weise,
»ist eine tote, blinde Mauer ohne ein einziges Organ oder einen emp­
findlichen Vorsprung irgendwelcher Art«.9 Melville bemerkt: »So
muß der Wal auf der einen Seite ein selbständiges Bild und auf der
anderen Seite ein zweites sehen, während für ihn dazwischen Dunkel­
heit und Leere herrscht.«10
Nun lehrt uns zwar die Erfahrung, daß wir mit einem Blicke eine unter­
schiedslose Menge von Dingen erfassen können, daß es uns aber unmöglich
ist, zwei Gegenstände, seien sie groß oder klein, zu gleicher Zeit aufmerksam
und vollständig zu betrachten, selbst wenn sie nebeneinander liegen und sich
berühren. Wenn man nun die beiden Gegenstände voneinander trennt und
jeden einzelnen mit einem Kreis tiefen Dunkels umgibt, so wird, wenn man
seine Aufmerksamkeit auf den einen konzentriert, der andere zeitweise völ­
lig aus unserem Bewußtsein ausgeschaltet werden. W ie ist das nun beim
Wal? Sicherlich müssen seine Augen gleichzeitig in Tätigkeit sein. Aber ist sein
Gehirn in der Lage, so viel mehr aufzufassen und genauer zu verarbeiten als
das des Menschen, daß er zur gleichen Zeit zwei verschiedene Bilder scharf
zu beobachten vermag, das eine au f der einen, das andere auf der genau ent­
gegengesetzten Seite?11

8 Ibid.
9 H. Melville, Moby D ick oder D er Wal (übersetzt von R. Mummendey), München:
Winkler 1964, S. 415 (Kap. 76).
10 Ibid., S. 407 (Kap. 74).
11 Ibid., S. 408.

399
Melville vermutet weiter, dass die durch den Pottwal ausgeführten »au­
ßerordentlich unentschlossenen Bewegungen«, während er »von drei
oder vier Booten angegriffen« wird, ihren »Grund in der hilflosen Ver­
wirrung haben, in die sein Wille infolge der geteilten und entgegen­
gesetzten Gesichtseindrücke gestürzt wird«.12
Könnten diese »außerordentlich unentschlossenen Bewegungen«
nicht vielmehr Versuche des Wales sein, mit den kreisenden Booten
in visuellem Köntakt zu bleiben? Viele Vögel, die ebenfalls unter Au­
gen »leiden«, die sich auf den gegenüberliegenden Seiten ihres Kopfes
befinden, erreichen ein gewisses Maß an »binocularer« Tiefenschärfe,
indem sie ihre Köpfe hin und her wenden. Damit stellen sie ihrem
Gehirn zwei leicht verschiedene Ansichten zur Verfügung und gestat­
ten es der relativen Bewegung der Parallaxe, ihnen annäherungsweise
dieselbe Tiefeninformation zu geben, die wir auf einen Blick durch
unsere beiden Augen mit ihren sich überschneidenden Sehfeldern
erhalten.
Wie immer es auch ist, ein Wal zu sein - Melville nimmt an, dass es
in einer Hinsicht dem menschlichen Bewusstsein ähnlich ist: Ein ein­
zelner Kapitän sitzt am Steuer, ein »Ich« oder »Ego«, das entweder auf
übermenschliche Weise seinen Blick auf völlig unterschiedliche Sze­
narien verteilt oder auf menschliche Weise zwischen zwei konkurrie­
renden Szenarien hin und her springt. Aber könnten wir hier nicht viel
radikalere Entdeckungen erwarten? Wale sind nicht die einzigen
Tiere, deren Sehfelder sich wenig oder gar nicht überschneiden; Ka­
ninchen sind ein weiteres Beispiel. Bei Kaninchen gibt es zwischen
den beiden Augen keinen Lerntransfer! Trainiert man ein Kanin­
chen darauf, dass eine bestimmte Gestalt eine Gefahrenquelle dar­
stellt, indem man die Darbietungen sorgfältig auf sein linkes Auge
beschränkt, so wird das Kaninchen kein »Wissen« in Bezug auf diesen
Umriss und weder Furcht noch Fluchtverhalten zeigen, wenn die be­
drohliche Gestalt seinem rechten Auge präsentiert wird. Wenn wir fra­
gen, wie es ist, dieses Kaninchen zu sein, so müssen wir anscheinend
unserer Frage zumindest den Zusatz dexter oder sinister anfügen, um
sie wohlgeformt zu stellen.
Nun wollen wir die weite Kluft überspringen, die unsere nahen Ver­
wandten, den Wal und das Kaninchen, von einer viel entfernteren Ver­
wandtschaft trennt, der Schlange. In einem eleganten Aufsatz zeigt

12 Ibid.

400
P. Gärdenfors auf, »warum Schlangen nicht an Mäuse denken kön­
nen«:13
Es scheint, dass eine Schlange nicht über eine zentrale Repräsentation von
einer Maus verfügt, sondern sich lediglich auf transduzierte Informationen
verlässt. Die Schlange wendet au f eine Beute - wie eine Maus - drei verschie­
dene sensorische Systeme an. Um die Maus mit den Giftzähnen zu schlagen,
benutzt die Schlange das visuelle System (oder die Wärmesensoren). Ist die
Maus geschlagen, stirbt sie normalerweise nicht sofort, sondern rennt noch
ein kleines Stück davon. Ist die Beute erst einmal geschlagen, benutzt die
Schlange ihren Geruchssinn, um die Maus zu lokalisieren. Das Suchverhalten
ist ausschließlich mit dieser Modalität verdrahtet. Selbst wenn die Maus di­
rekt vor den Augen der Schlange stirbt, wird diese immer noch der Geruchs­
spur der Maus folgen, um sie zu finden. Diese Unimodalität ist »besonders of­
fensichtlich bei Schlangen wie Boas oder Pythons, die die Beute oftmals in den
W indungen des Körpers festhalten, wenn sie beispielsweise von einem Ast
herunterhängen. Trotz der Tatsache, dass die Schlange über ausreichend pro-
priozeptorische Informationen für die Lokalisierung der von ihr gehaltenen
Beute verfügen muss, sucht sie stochastisch nach ihr, rundherum, einzig mit­
hilfe des olfaktorischen Sinnesorgans.«14 Nachdem die Maus lokalisiert wor­
den ist, muss die Schlange schließlich ihren K o p f finden, um sie zu verschlin­
gen. Das könnte offenbar mithilfe des Geruchs oder der Sicht getan werden,
aber dieser Vorgang kommt bei den Schlangen allein mit taktiler Information
aus. Somit wendet die Schlange drei getrennte Modalitäten an, um eine Maus
zu fangen und zu fressen.

Können wir von etwas sprechen, zu dem die Schlange selbst einen
»Zugang hat«, oder nur von etwas, zu dem ihre verschiedenen Teile
Zugang haben? Ist irgendetwas davon augenfällig hinreichend für Be­
wusstsein? Die zugrunde gelegte Annahme, dass Nagels Wie-ist-es-
Frage überhaupt einen Sinn hat, wenn man sie auf Schlangen anwen­
det, wird durch solche Möglichkeiten in Frage gestellt.
In Philosophie des menschlichen Bewußtseins15 habe ich ausführ­
lich dargelegt, dass wir nicht mit der spezifischen Informationsverein­
heitlichung geboren werden, die die wichtigste Voraussetzung unserer

13 P. Gärdenfors, »Cued and detached representations in animal cognition«, Behavio-


ralProcesses 35/1-3 (1996), S. 263.
14 S. Sjölander, »Some cognitive breakthroughs in the evolution o f cognition and con-
sciousness and their impact on the biology o f language«, in: Evolution a n d Cogni­
tion 3 (1993), S. 1-10.
15 D. Dennett, Consciousness Explained, Boston: Little/Brown 1991 [dt. Philosophie
des menschlichen Bewußtseins, Hamburg: Hoffmann und Campe 1994].

401
Spielart von Bewusstsein darstellt. Sie ist kein Teil unserer angebore­
nen »Verdrahtung«, sondern in überraschend großem Maß ein Arte­
fakt unseres Eintauchens in die menschliche Kultur. Diese frühe Er­
ziehung erzeugt in uns eine gutartige »Benutzer-Illusion«, die ich
das »Cartesianische Theater« nenne: die Illusion, es gäbe in unserem
Gehirn einen Ort, an dem sich das Theater abspielt, dem alle Wahr-
nehmungs-»Inputs« Zuströmen und aus dem alle »bewussten Absich­
ten« zum Handeln und Sprechen fließen. Ich behaupte, dass andere
Arten - und neugeborene Menschen - von dieser Illusion des Car-
tesianischen Theaters einfach nicht befallen sind. Solange sich die
Organisation nicht formiert hat, gibt es da drinnen keinen Benutzer,
der zum Narren gehalten werden könnte. Ohne Zweifel ist das ein
radikaler Vorschlag. Es fällt vielen Denkern schwer, ihn ernst zu neh­
men, schwer, ihn auch nur in Betracht zu ziehen. Lassen Sie mich dies
also wiederholen, da viele Kritiker die Möglichkeit außer Acht ge­
lassen haben, dass ich es ernst meine (ein Versagen ihrer großzügigen
Loyalität gegenüber dem Prinzip der Nachsichtigkeit).
Um Bewusstsein zu haben - um jene Art von Ding zu sein, für die
es irgendwie ist, etwas zu sein - ist es notwendig, über eine bestimmte
Art von Informationsorganisation zu verfügen, die jenes Ding mit
einer ausreichenden Menge kognitiver Vermögen ausstattet (wie etwa
die Vermögen der Reflexion und der wiederholten Repräsentation).
Diese Art interner Organisation geht nicht automatisch mit der so
genannten Empfindungsfähigkeit einher. Es handelt sich nicht um
ein Geburtsrecht der Säugetiere, der Warmblüter oder der Wirbel­
tiere; es handelt sich nicht einmal um ein Geburtsrecht menschlicher
Wesen. Es handelt sich um eine Organisation, die blitzschnell von
einer Spezies erlangt wird —der unseren —und von keiner sonst. Zwei­
fellos bringen auch andere Arten eine ungefähr ähnliche Organisation
zustande, doch die Unterschiede sind so groß, dass die meisten der
spekulativen Übertragungen unserer Einbildungskraft von uns auf
sie keinen Sinn machen.
Meine Behauptung lautet nicht, dass anderen Spezies unsere Spiel­
art des S^/^djewusstseins fehlt, wie Nagel und andere vermutet ha­
ben.16 Ich behaupte, dass das, was der bloßen Reaktions- und Un­
terscheidungsfähigkeit hinzugefügt werden muss, um überhaupt als
Bewusstsein gelten zu können, eine Organisation ist, die keineswegs
16 Th. Nagel, »What We Have in Mind When We Say We’re Thinking« (Review of
Consciousness Explained), Wall Street Journal, n . 07. 1991.

402
bei allen empfindungsfähigen Organismen zu finden ist. Diese Idee
ist von den meisten Denkern glatt von der Hand gewiesen worden.17
Nagel etwa hält sie für eine »bizarre Behauptung«, aus der »unplausib­
lerweise folgt, dass Säuglinge keine bewussten Empfindungen haben
können, bevor sie lernen, Urteile,über sich selbst zu bilden«. Lock­
wood ist gleichermaßen emphatisch: »Vergesst Kultur, vergesst Spra­
che. Das Mysterium beginnt beim niedersten Organismus, der nicht
nur reagiert, wenn man ihn mit einer Nadel sticht, sondern tatsäch­
lich etwas fühlt.«
In der Tat, dort beginnt das Geheimnis, wenn man darauf beharrt,
dort zu beginnen —mit der Annahme nämlich, dass man weiß, was
man mit dem Kontrast zwischen bloßer Reaktion und tatsächlichem
Fühlen meint. Und das Geheimnis wird offenbar niemals gelüftet,
wenn man dort beginnt.
In einem an Einsichten reichen Essay über Fledermäuse (und
darüber, ob es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein) unternimmt
K. Akins eine detaillierte Untersuchung der funktionalen Neurowis-
senschaft, die Nagel meidet.18 Sie zeigt, dass Nagel bestenfalls schlecht
beraten ist, wenn er annim mt, dass eine Fledermaus eine subjektive
Perspektive haben muss. Akins skizziert einige der vielen verschiede­
nen Geschichten, die vom Gesichtspunkt der unterschiedlichen Sub-

1 7 Zwei seltene - und weitgehend missverstandene - Ausnahmen dieser Tradition stel­


len J. Jaynes, The O rigin ofConsciousness a n d the Breakdown ofthe B icam eralM ind,
Boston: Houghton M ifflin 1976, und H. Margolis, Patterns, Thinking, a n d Cog­
nition , Chicago: University o f Chicago Press 1987, dar. Deren vorsichtige Beob­
achtungen sondieren das Untersuchungsfeld, das ich weiter zu öffnen vorschlage:
»Ein Geschöpf mit einem sehr großen Gehirn, das fähig ist, eine große Anzahl kom­
plexer Muster zu speichern und diese durch elaborierte Sequenzen interner Reprä­
sentationen zu führen, das diese Fähigkeit auf einem hohen Niveau verfeinert und
ausgearbeitet hat, wäre ein Geschöpf wie du und ich. Wie ich betont habe, tritt das
Bewusstsein irgendwie an diesem Punkt hoch elaborierter, dynamischer, interner
Repräsentationen deutlich ins Bild der Dinge. Ob zutreffend oder nicht, so finden
doch die meisten von uns die Vorstellung schwierig, dass ein Insekt Bewusstsein hat,
wenigstens ein Bewusstsein, das auch nur annäherungsweise dem Sinn entspricht,
in dem Menschen ein Bewusstsein haben. Aber es ist schwierig sich vorzustellen,
dass ein Hund kein Bewusstsein hat, zumindest in jener Art und Weise, in der es
ein Kind hat.« (Margolis, op. cit., S. 55.)
18 K. Akins, »What is it Like to be Boring and Myopie?«, in: D ennett a n d his Critics,
hrsg. von B. Dahlbom, Cambridge: Blackwell 1993, S. 124-160; id., »ABat Without
Qualities?«, in: Consciousness. PsychologicalandPhilosophicalPerspectives, hrsg. von
M . Davies und G. Humphreys, Cambridge: Blackwell 1993, S. 258-273.

403
Systeme aus erzählt werden können, aus denen sich das Nervensystem
einer Fledermaus zusammensetzt. Wenn man diese Details erzählt
bekommt, dann ist es verführerisch, sich die Frage zu stellen: »Und
wo im Gehirn wohnt die Fledermaus selbst?« Doch das ist im Fall
der Fledermaus eine noch zweifelhaftere Fragestellung als in unse­
rem Fall. Man kann viele parallel verlaufende Geschichten über das
erzählen, was in Ihnen und was in mir abläuft. Was einer dieser Ge­
schichten über uns immer und überall eine herausragende Stellung
gibt, ist schlicht Folgendes: Es handelt sich um die Geschichte, die Sie
oder ich auf Anfrage erzählen (um eine komplizierte Angelegenheit
sehr vereinfacht auszudrücken).
Wenn wir ein Wesen betrachten, das kein Erzähler ist - das keine
Sprache hat - , was geschieht dann mit der Annahme, dass eine seiner
Geschichten privilegiert ist? Die Hypothese, es gäbe eine solche
Geschichte, die uns sagte (wenn wir sie verstünden), wie es tatsäch­
lich wäre, dieses Wesen zu sein, steht ohne einsichtige Grundlage
oder Motivation im Raum - außer einer fragwürdigen Tradition.
Wie wir verfügen Fledermäuse über eine ganze Menge relativ peri­
pherer neuronaler Mechanismen, die jener »niederstufigen Verarbei­
tung« dienen, von der normalerweise angenommen wird, dass sie in
uns ganz und gar unbewusst abläuft. Fledermäuse haben natürlich
keinen dem unseren analogen Mechanismus, der dazu dient, öffent­
liche Protokolle über ihre momentanen subjektiven Umstände auszu­
senden. Haben sie also ein anderes »höherstufiges« oder »zentrales«
System, das eine privilegierte Rolle spielt? Vielleicht haben sie es,
und vielleicht nicht. Vielleicht gibt es überhaupt keine Rolle, die eine
derartige höhere Stufe zu spielen hätte, keinen Platz für irgendein Sys­
tem, um die Aufgabe auszuführen, bisher nur unbewusste neuronale
Prozesse in bewusste Prozesse zu erheben, eine Aufgabe, von der wir
im Übrigen nur eine ungenaue Vorstellung haben. Schließlich hat
selbst P. Singer keine Schwierigkeiten mit der Annahme, dass ein In­
sekt auch ohne ein solches zentrales System seine Sache im G riff hat.
Es handelt sich um eine offene empirische Frage, oder eher um ein mo­
mentan noch nicht ausgemaltes und komplexes Ensemble offener em­
pirischer Fragen, was für »höhere Stufen« man bei welchen Spezies
und unter welchen Bedingungen finden soll.
Folgendes ist beispielsweise eine Möglichkeit, die man in Betracht
ziehen könnte: Der Fledermaus fehlt die Gehirnausstattung, um Ur­
teile (in einer Sprache) auszudrücken, aber sie könnte nichtsdestotrotz

404
gezwungen sein, Urteile zu bilden (auf irgendeine unartikulierte Art
und Weise), um ihre sprachlosen Aktivitäten zu organisieren und zu
modulieren. Wir müssen uns dort nach dem privilegierten Gesichts­
punkt der Fledermaus umsehen, wo auch immer sich diese unarti­
kulierten, urteilsähnlichen Dinge ereignen mögen. Aber dies würde
genau das Postulat komplizierter Urteile auf den Plan bringen, dessen
Zuschreibung an Kleinkinder Nagel für so unplausibel befunden
hat. Wenn die Unterscheidung zwischen Bewusstem und Unbewuss­
tem mit etwas, das so komplex wie ein Urteil ist, nichts zu tun hat —
womit dann sonst?
Kehren wir zu unseren Geiern zurück. Betrachten wir folgende H y­
pothese: Für einen Truthahngeier riecht ein verfaulender Hühnerka­
daver genau so, wie gebratener Truthahn für mich riecht. Kann die
Wissenschaft auf diese Hypothese irgendein Licht werfen, das für
oder gegen sie spricht? Ja , sie kann diese Hypothese fast mühelos zu­
rückweisen: Da sich wie gebratener Truthahn fü r mich riecht aus
ungeheuer vielen reaktiven Dispositionen, Erinnerungseffekten usw.
usf. zusammensetzt (und sich darin auch erschöpft), die im Prinzip
in meinem Gehirn und in meinem Verhalten nachweisbar sind, da vie­
les davon völlig jenseits der Mechanismen im Gehirn irgendeines Gei­
ers ist, ist es schlechterdings unmöglich, dass irgendetwas für einen
Geier so riechen könnte, wie gebratener Truthahn für mich riecht.
Wie riecht denn nun ein verfaulender Hühnerkadaver wirklich für
einen Truthahngeier? (Ganz genau?) Wie geduldig und wissbegierig
wollen Sie sein? Wir können die entsprechende Familie reaktiver Dis­
positionen der Geier durch dieselben Methoden entdecken, die bei
mir funktionieren. Und während wir das tun, werden wir mehr und
mehr über die zweifelsohne höchst idiosynkratischen Beziehungen
erfahren, die ein Geier gegenüber einer Reihe von olfaktorischen Sti­
muli ausbilden kann. Doch wir wissen bereits vieles, das wir nicht
erfahren werden. Wir werden niemals einen Geier finden, der durch
diese Reize dazu veranlasst wird, sich zu fragen, ob das Huhn heute
Abend nicht schon ein klein wenig zu lange im Kühlschrank ge­
standen hat, wie dies ein Mensch tun kann. Ebenso werden wir keine
Witzeleien, elaborierte Assoziationsmuster und Proust’sche Reminis­
zenzen finden. Liege ich hier angesichts der Forschung daneben? Ein
bisschen. Aber man beachte, um welche Art von Untersuchungen es
sich handelt. Es stellt sich heraus, dass wir dort landen, wo wir begon­
nen haben: Wir analysieren Verhaltensmuster (externe und interne —

405
aber keine »privaten«) und bemühen uns im Lichte evolutionärer H y­
pothesen über ihre ehemaligen und gegenwärtigen Funktionen um
ihre Deutung.
Die bloße Idee, es existiere eine Trennlinie zwischen jenen Ge­
schöpfen, »für die es irgendwie ist, zu sein« und jenen, die bloße
»Automaten« sind, nimmt sich mehr und mehr wie ein Kunstprodukt
unserer traditionellen Vermutungen aus. Ich habe eine Vielfalt von
Gründen angeführt, die darauf schließen lassen, dass beim erwach­
senen menschlichen Bewusstsein keine prinzipielle Möglichkeit zur
Unterscheidung besteht, wann oder ob die mythische Glühbirne
des Bewusstseins eingeschaltet ist (und diesen oder jenen Gegenstand
beleuchtet).19 Ich behaupte, dass das Bewusstsein —sogar in jenem
Fall, den wir am besten kennen, nämlich unserem eigenen - kein Phä­
nomen des Alles-oder-Nichts, des Ein-oder-Aus ist. Wenn das zutrifft,
dann ist das Bewusstsein nicht die Art von Phänomen, wofür es die
meisten Teilnehmer an der Debatte über das Bewusstsein der Tiere
halten. Sich zu fragen, ob es »wahrscheinlich« ist, dass alle Säugetiere
es haben, nimmt sich mehr und mehr so aus, als würde man sich fra­
gen, ob Vögel weise sind oder nicht und ob Reptilien Köpfchen haben
oder nicht: Hier wird ein Ausdruck aus der Alltagspsychologie über­
strapaziert, der seine Nützlichkeit zusammen mit seinen scharfen
Rändern verloren hat.
Einige Denker bleiben durch solche Aussichten ungerührt. Sie sind
sich nach wie vor unerschütterlich sicher, dass Bewusstsein —»phäno­
menales« Bewusstsein in N . Blocks Terminologie20 - ein Phänomen
ist, das entweder anwesend oder abwesend ist, so als ob einige Ereig­
nisse im Gehirn im Dunkeln leuchteten und der Rest nicht.21 Wenn

19 D. Dennett, Consciousness Explained , op. cit.


20 N . Block, »Begging the Question Against Phenomenal Consciousness (Commen-
tary on Dennett and Kinsbourne)«, Behavioral a n d B rain Sciences 15 (1992),
S. 205-206; id., »Review o f Dennett: Consciousness Explained«, Jo u rn a l ofPhilosophy
90 (1993), S. 181-193; id., »What Is Dennett’s Theory a Theory ofi«, Philosophical
Topics 22 (1994), S. 23-40; id., »On a Confusion about a Function o f Conscious­
ness«, Behavioral a n d Brain Sciences 18 (1995), S. 227-247 [dt. »Eine Verwirrung
über eine Funktion des Bewußtseins«, in: B ew u ß tsein -B eiträg e aus der Gegenwarts­
philosophie,, hrsg. von T. Metzinger, Paderborn: Mentis 3i996, S. 523-582].
21 Auch J. Searle ist ein strenger Anhänger dieses Mythos, vgl. J. Searle, The Redis-
. covery o fM in d , Cambridge (Mass.): MIT Press 1992 [dt. D ie Wiederentdeckung
des Geistes, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996], und meine Besprechung davon im
Jo u rn a l ofPhilosophy 90 (1993), S. 193-205.

406
man natürlich die Hypothese einfach nicht in Betracht ziehen will,
dass sich das Bewusstsein vielleicht nicht als eine Eigenschaft heraus­
stellt, die das Universum in zwei Hälften scheidet, wird man .sich si­
cher sein, dass ich das Bewusstsein ganz und gar übersehen haben
muss. Doch dann sollte man ebenso anerkennen, dass man das Ge­
heimnis des Bewusstseins durch die Weigerung aufrechterhält, die
Belege für eine der vielversprechendsten Theorien dafür abzuwägen.

Aus dem Englischen übersetzt von M arkus W ild

407