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I.

ΑΜΑΡΤΙΑ.
Zur Bedeutungsgeschichte des Wortes.

Den Zielpunkt unserer Untersuchung bildet, wie mancher


Leser wohl schon aus dem Titelworte schließen wird, die Beant-
wortung der Frage: Was hat Aristoteles in seiner Poetik eigent-
lich mit jener Bezeichnung αμαρτία gemeint, die den Ausgangs-
punkt bildete für die Theorie von der „tragischen Schuld''. Daß
es sich um ein bis jetzt noch ungelöstes Problem handelt, zeigen
die andauernden Unstimmigkeiten und Unklarheiten in der Inter-
pretation des Wortes.
Die Sache hat nicht nur ein philologisch-historisches Interesse.
Das kanonische Ansehen, das die Poetik in Lessings Zeiten genoß,
ist freilich längst geschwunden und selbst die Kennerschaft des
Wesens eines altattischen Dramas wird dem Meister von Stagira be-
stritten: aber das kleine Buch von der Dichtkunst wirkt noch in-
direkt in die ästhetische Spekulation der Gegenwart hinein, die ja
von ihm ausgehend sich entwickelt hat und zum Teil noch mit
den von hier überkommenen Begriffen operiert.
Wie viel aber selbst nach jahrhundertelanger Beschäftigung
noch für die Interpretation des merkwürdigen Buches übrig sein
kann, zeigte die Katharsisfrage, die durch Jacob Bernays eine ganz
neue W e n d u n g erhielt. Und so gehört auch die αμαρτία zu den
abstrakten, nicht leicht zu fassenden und schwer zu umschreibenden
Wörtern, die dazu herausfordern, ihnen einmal scharf auf den Leib
zu rücken, um sie in möglichst klares Licht zu ziehen. Wir haben
hierzu einen etwas weiten W e g zu gehen, der sich aber, wie ich
hoffe, selber rechtfertigen wird.
Zunächst seien dem Leser die beiden Stellen der Poetik ins
Gedächtnis gerufen, wo unser Wort von der tragischen Schuld
Philologus LXXXIII (N. F. XXXVII), 1. 1

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2 O. H e y

gebraucht wird. Sie stehen im 13. Kapitel p. 1453a 10 und 15.


Aristoteles spricht in diesem Kapitel von der σύστασις των μν-
&ων, dem Bau der Handlung; worauf man hierbei ausgehen
(στοχάζεσΟ-αι), was man meiden (εύλαβεΐσΰ-αι) müsse. Gemäß
dem im Vorhergehenden festgestellten Charakter einer tragischen
Handlung dürfen weder sittlich einwandfreie (έπιειχεΐς, tugend-
hafte) Personen aus dem Glück ins Unglück kommend erscheinen
— denn das errege weder Furcht noch Mitleid, sondern Empörung
(μιαρόν έστι) — noch Bösewichter aus Unglück ins Glück —
das wäre der größte Gegensatz zum Tragischen ( ά τ ρ α γ ω δ ό τ α τ ο ν
πάντων)·, andererseits solle auch nicht der hervorragend Schlechte
(σφόδρα ΐίονηρός) aus dem Glück ins Unglück stürzen — das tue
zwar dem Gerechtigkeitssinn Genüge, errege aber weder Mitleid
noch Furcht, denn jenes hängt sich nur an den, der unverdient
leidet (τον άνάξιον δυστνχονντα), diese an einen, der uns ähnlich ist
(•τόν δμοιον). Somit bleibt nur ein Charakter, der zwischen die-
sen Extremen liegt (d μεταξύ τούτων). "Εστι δε τοιούτος ό
μήτε άρετή δια(ρέρων v.al διχαιοΰννγι μήτε διά xaxíav χαί
μοχ&ηρίαν μεταβάλλων εις την δνστνχίαν, αλλά δι' άμαρ-
τίαν τινά, των èv μεγάλη δόξη όντων xal εντνχίφ, οίον Οιδί-
πους xal Θνέστης xal οί έχ των τοιούτων γενών έπιφανεΐς
άνδρες. Das Folgende faßt dann die Ergebnisse für den χαλώς
έχων μν&ος nochmals zusammen und betont, daß die Tragödie
einen Übergang vom Glück zum Unglück bringen müsse und
zwar bewirkt μη διά μοχ&ηρίαν, «λλά δι' άμαρτίαν μεγά-
λη ν ή οίον εΐρηται ή βελτίονος μάλλον ή χείρονος*).
Diese Stellen also bildeten den Ausgangspunkt für den seit
Schelling und Hegel immer wieder aufgerührten Streit um die
tragische Schuld. In gewissem Sinn kann daher Joh. V o l k e l t
in seiner „Ästhetik des Tragischen" (3. Aufl., München 1917; S. 150
der 2. Aufl. [1906]; Hauptwerk für die Theorie der Tragödie) be-
haupten, daß „die Verknüpfung der Schuld mit dem gesamten
Begriff des Tragischen sich schon von Aristoteles herschreibe."
Volkelt hat der Frage der tragischen Schuld einen eigenen
Abschnitt (VIII) seines Buches gewidmet, welcher u. a. einen Über-

') Als besonders gute und daher viel behandelte Tragödienstoffe wer-
den alsdann genannt: Alkmaion, Oidipus, Orestes, Meleagros, Thyestes,
Telephos.

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 3

blick über die Geschichte des P r o b l e m s gibt. Über die Stelle


des Aristoteles s a g t er (a. a. O . 2 ) : „ D a s Tragische erscheint ihm
nur dort als v o r h a n d e n , w o es sich . . . handelt . . . um einen
Menschen, der, weder durch Laster und Verworfenheit hervor-
stechend, noch auch durch T u g e n d g l ä n z e n d , doch irgendeinen
g r o ß e n F e h l e r , eine s c h w e r e V e r i r r u n g sich hat zu schul-
den k o m m e n lassen" 2 ).
Bei dieser Interpretation ist es g a n z natürlich, daß Volkelt
„dieses Erfordernis der Schuld bei Aristoteles , n i c h t k o n s e q u e n t '
d u r c h g e f ü h r t " findet, da der P h i l o s o p h als B e i s p i e l e ausgerechnet
zwei Stoffe v o n s o g . S c h i c k s a l s t r a g ö d i e n bringt, in denen der
Held o h n e eigenes Verschulden ins Verderben stürzt: den O i d i p u s
u n d den T h y e s t e s 3 ) .
Auch sonst hat m a n sich mit diesem Widerspruch im allge-
m e i n e n a b g e f u n d e n und die I n k o n s e q u e n z des Verfassers der Poetik
achselzuckend z u g e g e b e n . In der Tat scheint die Stelle o h n e
Willkür der Interpretation keine andre A u s l e g u n g zuzulassen, da
die griechische Literatur viele und zwar schon f r ü h e Beispiele
bietet, w o αμαρτία in einem a u s g e s p r o c h e n moralischen Sinne
V e r f e h l u n g , V e r s c h u l d u n g , S ü n d e b e z e i c h n e t : culpa, delictum, noxia,
peccatum, wie die griech.-lat. Glossare das Wort w i e d e r g e b e n 4 ) .
Und so wucherte denn, v o n da a u s g e h e n d , die Theorie v o n
„Schuld und S ü h n e " in der Literatur der Neueren über die Tragödie.
So viel ich sehe, ist bisher erst ein einziger Versuch g e m a c h t
worden, durch g e n a u e r e D e u t u n g d e s W o r t e s άμαρτία den
Aristoteles mit sich selbst in Einklang zu b r i n g e n : von P . M a n n s
in der A b h a n d l u n g „Die Lehre d e s Aristoteles v o n der tragischen
Katharsis und Hamartia" (Karlsruhe u. Leipzig 1883), im 2. Ka-
pitel, S. 6 0 — 8 6 5 ) . M a n n s legt das entscheidende Gewicht nicht

2
) Ähnlich übersetzt H. Stich (Reclam-Bibliothek) die μεγάλη άμαρτία
mit „schwerem Vergehen", spricht Gomperz (Leipzig 1897) von einer „ge-
waltigen Verfehlung·', Hatzfeld-Dufour (Lille 1899) von 'grande faute'.
•0 Bei letzterem ist natürlich nicht der Stoff gemeint, den Seneca in
seiner gleichnamigen Tragödie bringt, sondern der „Thyest in Sikyon" (des
Sophokles), der die unbewußte Blutschande des Th. mit seiner Tochter Pe-
lopia zum Inhalt hatte: Welcker, Qriech. Trag. I 366.
•') So auch für αμάρτημα·, culpa, delictum, peccatum, Vitium.
5
) VoriManns hat den Begriff der άμαρτία bei Aristoteles behandelt
R e i n k e n s in seiner Schrift: „Aristoteles über Kunst, bes. über Tragödie"
(Wien 1870), S. 321 ff.: Über den Fehler des tragischen Helden oder die
tragische Schuld. Die άμαρτία ist ihm (S. 325) eine „Fehltat", an eine
1*

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4 O. H e y

auf die Bedeutung des Wortstammes άμαρτ-, sondern auf die


Wortform, bezw. E n d u n g — der Semasiologe würde sagen „die
m o d a l e Bedeutung" — und stellt es so dem Konkurrenten
αμάρτημα gegenüber. )Αμαρτία bezeichne, entgegen der An-
sicht von R e i n k e n s (in dem Anmerkung 5 bezeichneten Werke),
nicht eine einzelne Handlung, wie αμάρτημα, sondern einen Z u -
s t a n d (wieThuk. 1,78) oder eine B e s c h a f f e n h e i t (wieThuk. 1,32
Plat. legg. 627a); es könne allerdings auch eine einzelne Tat
bezeichnen, aber es habe viel mehr etwas für sich, es ebensogut
wie v.axia und μοχ&ηρία, mit denen es bei Aristoteles in engstem
Zusammenhang gebracht ist, als eine bestimmte S e e l e n v e r f a s -
s u n g zu verstehen, als den „Zustand desjenigen, der sich durch
Tugend und Gerechtigkeit nicht gerade auszeichnet, aber doch auch
kein schlechter Mensch ist."
Den begrifflichen Gehalt dieser Hamartia sucht nun Manns
mit Hilfe der bekannten Definitionen von αμάρτημα, Eth. Nie.
p. 1135b und Rhet. p. 1374b, festzustellen, wo das Wort bekannt-
lich zwischen ατύχημα und αδίκημα als mittlerer Fall gesetzt ist.
Wir müssen späterhin auf diese Definitionen kommen, hier sei nur
gesagt, daß Manns findet, das αμάρτημα könne „eine wirkliche
moralische Seite" haben, das ατύχημα niemals, und Aristoteles
würde, wenn er eine sittliche Schuld ausschließen wollte, korrekter
gesagt haben: δι άτνχίαν τινά. „Auf dem einfachen Nicht-
wissen kann die Hamartia nicht beruhen" (S. 67). „Die H. muß
nicht nur wirklich ethischer Art sein, sondern dies auch in einem
einigermaßen hohen Grade" (S. 68) — sonst nämlich käme der
Fehlende dem έπιειχής άνήρ zu nahe, und statt der Tragik be-
kämen wir das μιαρόν; Eth. Nie. 1135b lehre nämlich, „daß der
tragische Held nicht nur jedes άμάρτημα, sondern auch ein wirk-
liches αδίκημα begehen darf", da zu diesen αδικήματα auch be-
vvußte, aber unüberlegte Handlungen, wie sie durch den Zorn und
andere Leidenschaften hervorgerufen werden, zu zählen sind : „Ver-
brechen mit mildernden Umständen, wie sie sich auch wohl ein-
mal ein sonst edler Charakter zu Schulden kommen läßt" (S. 68).

sittliche Schuld darf dabei nicht gedacht w e r d e n ; wobei nicht recht klar
wird, wie eine solche Fehltat eigentlich gedacht ist. Im ganzen schließt
R. sich V a h l e n s A u f f a s s u n g (Beitr. 2, 14) a n : „ein Vergehen, das d e n
sittlichen Charakter des Menschen nicht aufhebt."

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 5

So wird ihm denn die Hamartia als Seelenzustand „der C h a -


r a k t e r f e h l e r desjenigen, der sich weder durch Tugend und G e -
rechtigkeit besonders auszeichnet, noch auch geradezu schlecht
ist und der in dieser Verfassung leicht ein αμάρτημα oder ein
άδίχημα milderer Art begehen kann" (S. 72). Zu solchen Cha-
rakteren rechnet Manns die ύβρισταί, όλίγωροι, ϋ-ρασεΐς (S. 79):
unser Wort sei eben das Sammelwort für alle Eigenschaften wie
Jähzorn, Leichtsinn, Starrsinn, die nicht unter den Begriff der
πονηρία fallen. Die Aufgabe des Dichters müsse also sein, dem
tragischen Helden eine derartige „moralische Achillesferse" (S. 7 3 )
zu geben „und ihn g e r a d e d u r c h d i e s e ins Unglück geraten
zu lassen." K u r z u m : Manns findet (S. 80) in den Worten des
Aristoteles keinen Widerspruch und es „nirgends ausgeschlossen,,
daß die αμαρτία wirklich m o r a l i s c h e V e r s c h u l d u n g invol-
viere".
Manns sucht nun die Richtigkeit seiner Theorie aus einer
Überschau über die g a n z e Reihe der tragischen Helden (S. 81) zu
erweisen. Was im allgemeinen nicht so schwer ist, weil auch die
Helden Menschen mit Fehlern sind, und Fehler natürlich die be-
quemsten Handhaben für die Entwicklung einer tragischen Handlung
bieten. Auch eine Antigone (S. 82) mit ihrem herausfordernden
Trotz f ü g t sich sehr gut in das Schema. „Viel größere Schwierig-
keiten für den Nachweis der Hamartia bietet der Oidipus Tyran-
n o s " — also gerade das Hauptbeispiel des Aristoteles! — „man
müßte denn das bloße Nichtwissen für eine solche ausgeben wollen"
(S. 83). Denn wenn Oidipus auch άμαρτήματα (in M.s Sinn)
im Stück begeht, so sind es doch nicht diese, die ihn zu Fall
bringen. Hier weiß sich denn M. nicht mehr anders zu helfen
(S. 83 Anm. 1), als daß er zweifelt, ob der von Aristoteles als
tragisches Muster angeführte Oidipus der des Sophokles ist, da
diesen doch auch, „und jedenfalls jeder in andrer Weise, Aischy-
los, Euripides, Achaios, Nikomachos usw. auf die Bühne gebracht
h a b e n " . Eine g a n z unglückliche Ausflucht! der Oidipus des So-
phokles wird in der Poetik wiederholt zitiert, immer als Muster-
beispiel, gewöhnlich mit dem Zusatz του Σοφοκλέους (1453b
30, — 5 4 b 8 , — 5 5 a 18, — 6 2 b 2), aber auch ohne ihn, wie
1452 a 25 und 34, wo die Stellen nur auf das sophokleische Stück
Bezug haben können, wie auch wohl 1 4 6 0 a 31 (vgl. auch — 5 3 b C).

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6 O. H e y

E s ist also g a n z undenkbar, daß Aristoteles überhaupt, u n d d a z u


g e r a d e hier, eine a b w e i c h e n d e Version des M y t h o s im A u g e ge-
habt hat, o h n e sie zu bezeichnen 6 ).
E s bleibt also dabei, daß Aristoteles für den μ ή ô i à ν.αν.ίαν
y.al μοχ&ηρίαν μεταβάλλων εις την δυστνχίαν, αλλά δι.' άμαρ-
τίαν τινά als Beispiele a u s g e r e c h n e t zwei P e r s o n e n bringt, deren
Sturz ins U n g l ü c k nicht durch eine sittliche Schuld, sondern durch
eine V e r k e t t u n g v o n U m s t ä n d e n bewirkt wird, die sie selbst nicht
gewollt h a b e n : die U n s t i m m i g k e i t zwischen theoretischer F o r d e r u n g
u n d Beispiel ist nicht g e h o b e n 7 ) .
M a n n s hat aber w e n i g s t e n s den W e g gezeigt, auf dem, wenn
überhaupt, eine L ö s u n g der Schwierigkeit möglich ist: die g e -
naue Feststellung des Bedeutungswertes von άμαρτία
in dem e n t s c h e i d e n d e n P a s s u s der Poetik. Freilich g e n ü g t es hie-
f ü r nicht, mit vorgefaßter M e i n u n g einzelne Belege aus verschie-
d e n e n Schriftstellern zu bringen (wie Manns das tut), sondern man
hat vor allem den Aristoteles selbst um seinen Wortgebrauch aufs
e i n g e h e n d s t e zu b e f r a g e n ; und nicht ihn allein, sondern — bis
zu einem gewissen Grade — die Literatur vor ihm, die seinen
Gebrauch unter U m s t ä n d e n erst ins rechte Licht setzen kann. Ich
h a b e das zu tun versucht nach den M e t h o d e n , mit d e n e n u n s die
E n t w i c k l u n g der historischen L e x i k o g r a p h i e vertraut g e m a c h t hat.

Zunächst aber gilt es, eine V o r f r a g e zu beantworten, nämlich :


w a s versteht man unter „ s i t t l i c h e r S c h u l d " (Schuld im m o -
ralischen Sinn)? Erst die Interpretation von άμαρτία in diesem
(bzw. a u c h in d i e s e m ) Sinn konnte ja in Aristoteles den Urheber
der Schuld-Theorie sehen. „In moralischem S i n n " , so sagt das
Wörterbuch der p h i l o s o p h . Grundbegriffe von Kirchner-Michaelis 5 ,
„bedeutet Schuld die Urheberschaft des Sittlich-Bösen, welches
J e m a n d als freies Wesen tut, so d a ß es ihm daher zugerechnet

6
) Itn übrigen wird es wohl auch keine in dem wesentlichen Punkte,
der „Schuldfrage", neuernde Behandlung der Sage gegeben haben: Oidi-
pus ist nicht erst durch Sophokles der unschuldig-schuldige Vatermörder
und Blutschänder geworden, vgl. C. Robert, Oidipus S. 252 ff. u. a. und
Höfer unter Oidipus bei Roscher.
7
) Ähnlich wie Manns übersetzt P. W e i d e n b a c h , Aristoteles und die
Schicksalstragödie, Progr. Dresden 1887, S. IX, δι' άμαρτίαν τινά ,aus einer
fehlerhaften Charaktereigenschaft" ; αμαρτήματα sind ihm .unwissentliche
und daher unfreiwillige Fehltritte" (S. VII).

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 7

werden kann 8 )." Ähnlich das Lexikon von Brockhaus: „Unter


Schuld in moralischer Bedeutung versteht man die Urheberschaft
des sittlich Bösen, das aus der Nichtachtung oder bewußten Leug-
nung des Sittengesetzes entspringt. Zur Schuld wie zu dem ihr
entgegengesetzten Verhalten gehört daher die Freiheit der Hand-
lung".
Zur moralischen Schuld gehört also jedenfalls die Verletzung
eines für die in Frage kommende Person verbindlichen Gebotes
und zwar in bewußter, unerzwungener Handlung (oder Unterlas-
sung), gleichviel ob die Person die Verbindlichkeit anerkennt oder
nicht. K e i n e Schuld im moralischen Sinn bedingt das Schlimme,
das eine Person, im Glauben, recht zu tun, aus Mangel an Ein-
sicht verübt. Für die moralische Schuld sind die Korrelatbegriffe
„Sühne", „Buße", „Strafe", für ungewollte Schädigung „Wieder-
gutmachung", „Schadenersatz".
Nun besteht ja kein Zweifel, daß άμαρτία eine Schuld im
sittlichen Sinn sowie die sie begründenden Handlungen, also „Ver-
gehen", „Sünde", „Verbrechen" bezeichnen kann: das Wort findet
sich in dieser Bedeutung, sagen wir es gleich, schon lang vor
Aristoteles: aber damit ist noch nicht zu ungunsten einer andern
Bedeutung bei Aristoteles selbst entschieden.
Zur Aufhellung der Bedeutung unseres Wortes müssen wir
die ganze W o r t g r u p p e v o n άμαρτάνω ins Auge fassen, und
zwar müssen wir bis auf H o m e r zurückgreifen, nicht nur — w i e
man sehen wird —, weil er die älteste erreichbare Quelle des
Wortgebrauchs darstellt.
Die Substantive hat ja Homer noch nicht; dagegen erscheint
άμα ρτάνειν schon in verschiedenen Gebrauchsweisen, deren
Verhältnis zueinander zum Teil ganz undurchsichtig ist, so daß wir
eine reiche vor-literarische Entwicklung des Wortes annehmen
müssen. Von wo diese ihren Ausgangspunkt genommen hat, ist
nicht vorzustellen, da άμαρτάνειν zu den etymologisch dunkeln
Bildungen gehört. P r e l l w i t z bringt die Wurzel mit den in άμείρω
„beraube" und όμέρδω „beraube" „mache blind" steckenden zu-
sammen und vergleicht at-Stämme, deren einer „vergessen" „ver-
nachlässigen", der andre „im Stich lassen" „vernachlässigen" be-
8
) Anschließend daran wird die „Sünde" von der Schuld unterschieden
als die Verletzung .göttlicher Gebote".

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8 O. Hey

bedeutet. Aus B o i s a c q (Diet. étym. p. 50) ergibt sich, daß die Be-
ziehungen zum Litauischen (mirsztù: oublier, négliger) und zum
Sanskrit (mrça: vainement, erronément; m rSyati : oublier, négliger)
durchaus nicht sicher sind. Ebenso erklärt Boisacq für höchst
zweifelhaft die Annahme von Sommer (Griech. LautstudienS. 30ff.),
der in άμαρτάνω die Negation 9 ) und die Basis 'smer' findet, die
in χάσμορος' όύστηνος (Hesych) und sonst erscheint.
Da die Etymologie also keinen sichern Anhaltspunkt bietet,
so darf man wenigstens die s i n n l i c h - p l a s t i s c h e Bedeutung des
Wortes als die der etymologischen verhältnismäßig am nächsten
stehende ansehen. Diese, von ausgesprochen n e g a t i v e m Cha-
rakter, macht es begreiflich, daß Sommer — und nicht er allein —
in der ersten Wortsilbe das a privativum suchte: άμαρτάνειν be-
zeichnet eben hier e i n N i c h t - t r e f f e n , N i c h t - e r r e i c h e n e i n e s
m i t e i n e r W u r f w a f f e i n s A u g e g e f a ß t e n Z i e l e s . J 491
(Antiphos schießt mit dem Speer nach Aias:) του μεν άμαρϋ
ó ôè Λεϋχον . . . βεβλήχει βουβώνα; das ist dasselbe, was gleich
nachher (498) heißt: αλιον βέλος -ήχεν. E 287 ruft Diomedes dem
Pandaros zu, der die Lanze nach ihm geworfen: ημβροτες ούό'
έτυχες. Hier ist der Gegensatz durch τυγχάνειν ausgedrückt, wie
denn άμαρτάνειν selbst in arto τυγχάνειν ein Synonym hat.
Sonst tritt als Gegensatz, wie J 491, βάλλειν auf (Θ 311—313
Ν 518 u. a.), auch νύσσειν {Λ 233—235) und ούτόζειν (Ν 605
bis 607); synonym ist μέλεον άχοντίζειν Π 336, ein Korrelat
παρασφάλλειν „aus der rechten Bahn lenken", Θ 3 1 1 : Teu-
kros zielt auf Hektor, trifft ihn aber nicht: παρέσ(ρηλεν γάρ
' Λπόλλων.

Nun kommt auch ein freiwilliges Fehlen des Zieles vor, Ii 377
έχων . . . ήμάρτανε φωτός. Damit ist dem Wort eine neue Be-
deutungsnuance untergelegt, es bezeichnet nicht mehr eine Hand-
lung der Geschicklichkeit oder des Erfolgs, sondern einen W i l l e n s -
akt, der einen Zufall nur fingiert. Für die weitere Entwicklung
nicht unwichtig.
In allen diesen Fällen ist Bedeutung und Konstruktion des
Verbums (Gen. des verfehlten Zieles) ganz durchsichtig. Diese

9
) Der Spiritus asper wird als Substitut eines ursprünglich vor μ
stehenden a, die fehlende Ersatzdehnung aus der Compositionsfuge erklärt.

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 9

Gebrauchsweise ist, übertragen auf nicht-materielle Ziele, durch die


ganze griechische Literatur lebendig geblieben 1o).
In welchem Verhältnis nun zu dieser anschaulichsten und
häufigsten Verwendung des Wortes die übrigen stehen, läßt sich,
wie gesagt, nicht genau feststellen. Von den Fällen mit Gen. des
Zieles scheint eine naheliegende Übertragung ins Geistige zu sein
Á 511, wo Odysseus von Achills Sohn lobend s a g t : ούχ ήμάρ-
τανε μύΟ-ων: er traf, wie ein guter Schütze, die richtigen Worte
(vgl. όμαρτοεπής Ν 824, nebst schol. B, und άφαμαρτοεπής
Γ 215). Die Grundbedeutung des Zielens könnte auch durch-
schimmern bei η 292, wo Odysseus der Arete von seinem Zu-
sammentreffen mit Nausikaa erzählt: την ικέτευα . ή δ' οντι νοή-
ματος ήμβροτεν έσ&λοΰ: das έσ&λόν νόημα, der gute Gedanke,
gleichsam das Ziel des Nachdenkens, das Nausikaa richtig trifft.
Ähnlich Ω 6 8 ; Zeus sagt: Hektor war ihm lieb, έπεί οντι. φίλων
ήμάρτανε δώρων — er traf es immer richtig mit den Opfern für
ihn, suchte die rechten aus (schol. Townl. ονχ ήμάρτανε ó "Εχτωρ
τοΰ έμοί τά προσηνή ποιεϊν). — Der Genetiv des verfehlten
Zweckes ist durch einen Satz ersetzt ^ 155 in Leiodes' Worten
des Bedauerns, daß es ihm nicht gelungen, den Bogen des O d y s -
seus zu s p a n n e n : πολύ φέρτερόν έστι τε&νάμεν ή ζώοντας ά-
μαρτεΐν, οΰά·' §νε* αίεΐ έν&άδ' όμιλέομεν.

Bei den übrigen Beispielen tritt der Zielgedanke g a n z zurück


und άμαρτάνειν nähert sich mehr den Begriffen des Nicht-habens,
Beraubt-seins, Verlustig-gehens, Ermangeins. So X 5 0 5 in der
Totenklage um Hektor, von Astyanax: νΰν δ' äv πολλά πάϋγσι,
φίλου άπό πατρός άμαρτών (—πατρός άφαμαρτών) ; die Schol.
Genav. dazu: χωρισθείς, δ έστι τοΰ πατρός άστοχήαας. Sehr
weit entfernt von der sinnlichen Bedeutung ist auch ι 5 1 2 : Poly-
phem spricht von der Wahrsagung des Sehers Telemos, daß er
durch Odysseus seines Augenlichtes beraubt werden solle: χειρών
έξ Όδνσήος άμαρτήσεα-9-at όπώπης. 'Λμερ&ήσεσ&αι will
Naber lesen.
Erinnerte in den vorangegangenen Fällen der Genetiv noch
an ein vorgestecktes Ziel, so findet sich ein Akkusativ χ 154:
Telemach hat vergessen, die Türe zum Waffensaal zu schließen,

10
) S. Anm. 21.

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10 O. H e y

und bekennt nun seinem Vater, daß er daran schuld (αίτιος), daß
die Freier sich h a b e n bewaffnen können: ώ πάτερ, αυτός έγώ
τόδε γ ημβροτον — ούδέ τις άλλος αίτιος — δς ϋ-αλάμοιο ϋ-ν-
ρην . . . ν.άλλιπον άγχλίνας (Schol. V h i e r z u : έπταιοα). Hier
sehen wir das Wort schon auf dem W e g e zu einem moralischen
Begriff. Noch mehr ist dies der Fall in einem Vers der Ilias, der
allerdings in einer der jüngsten Partien der Dichtung steht und
den van Leeuvven wegen des unhomerischen Gebrauchs von λία-
σομαι athetiert, I 5 0 1 ; der alte Phoinix fleht hier Achill an, von
seinem Starrsinn zu lassen ; selbst die Götter würden umgestimmt,
wenn die Menschen ihnen mit Gebeten und Opferspenden nahen
λισσόμενοι, δτε ν.έν τις ύπερβήη y.al άμάρτι]. Hier handelt es
sich tatsächlich schon um Folgen von Übertretungen {υπερβαίνειν
wohl = über eine Sperre schreiten), die den Zorn der Gottheit
herausfordern. Ähnlich ist der Fall ν 214, wo auch schon der
Entsprechungsbegriff der „ S ü h n e " a u f t r i t t : Ζευς σφέας τίσαιτο
ίχετήσιος, δΰτε xal άλλους άνίϊρώ7ΐους έψορά y.al τίννται,
δστις άμάρττ] : s o v e r w ü n s c h t der e r w a c h e n d e O d y s s e u s die P h a i -
aken, von denen er sich verraten glaubt 1 1 ).
Also schon in den ältesten und dabei am lebendigsten ge-
bliebenen Schriftwerken der Griechen knüpft sich an den Stamm
von à μα ρ r- eine ethische Bedeutung. Diese zeigt sich auch gleich
bei Η e s i o d , t h e o g . 2 2 2 , w o sie n e b e n d e m Begriff der παραι-
βασία auftritt. Ein K o m p o s i t u m άμαρτίνοος dagegen, das dem
Epimetheus beigelegt wird (511), dürfte sich eher auf seine Tor-
heit als auf üblen Willen oder schlechte Gesinnung beziehen, da
P r o m e t h e u s ihm als ποιχίλος αίολόμητις g e g e n ü b e r g e s t e l l t wird.
E b e n s o zeichnet den M a r g i t e s (frg. 2 K·) d a s πάσης ήμάρτανε
τέχνης als Tölpel, während in dem S a p p h o f r a g m e n t Oxyrrh. Pap.

" ) Von Komposita des Verbs erscheint bei H o m e r nur άψαμαρτάνω,


Θ 119 u. a., in der sinnlichen Bedeutung des Simplex, mit einer Ausnahme,
Ζ 411, wo Andromache zu H e k t o r : εμοί κέρδιον εϊη σεν άφαμαρτονατ]
γβόνα δύμεναι·. ganz entsprechend dem oben erwähnten Jf 505. Von der
etymol. Wortgruppe ist außer den schon erwähnten άμαρτοεπής und άφα-
μαρτοεπής noch zu n e n n e n : νημερτης, von einer Person gebraucht,
deren Aussagen das Rechte treffen, „untrüglich", wie der w a h r s a g e n d e
Proteus S. 349 γέρων αλιος νημερτής (schol. Β μη άμαρτήαας περι ους
είπέ μοι λόγους), oder von einem Wort, das sicher in Erfüllung gehen wird,
A 514 νημερτες . . . μοι νπόοχεο, u. ä. Auch das Verb άβροτάζειν, Κ 65,
sei in diesem Z u s a m m e n h a n g genannt.

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 11

I s 1 0 η 7 v . 5 (25, 5 Diehl) wahrscheinlich eine ethische Bedeutung


vorliegt. Es hat keinen Zweck, die Bedeutungsgeschichte des
Verbs hier im einzelnen weiter zu verfolgen, wir wollen nur seinen
Beziehungen zum Begriffsgebiet der sittlichen Schuld noch etwas
nachgehen: daß es im Sinn einer Handlung, für die die Götter
eine Sühne fordern, gebraucht werden konnte, erwies schon die
oben angeführte Stelle aus der Odyssee (v214).
So finden wir es denn bei A i s c h y l o s , in dessen Dramen
auch zum erstenmal die Substantivbildung αμαρτία (daneben
άμάρτιον) auftritt.
In Aischylos' Schöpfungen, zumal in seiner Trilogie und im
Prometheus, sieht die Ästhetik ja zuerst in der Weltliteratur den
Gedanken der tragischen Schuld und Sühne verkörpert. Im Pro-
metheus (260) sagt die Chorführerin zum Helden: ούχ όράς,
δτι ημαρτες", ώς ό' ημαρτες, οντ έμοί λέγειν xutf ήδονήν
σοι τ' άλγος. Man könnte aus diesen Worten mehr den Vorwurf
einer unüberlegten Torheit heraushören als den einer bewußten
Überschreitung gezogener Schranken, aber Prometheus selbst gibt
dem Worte diesen Sinn, wenn er in seiner Erwiderung erklärt
(266): éΥ.ών έχών ήμαρτον, ούν. άρνήσομαι. Noch klarer ist der
ethische Charakter von άμαρτάνειν in der Anklage der Io gegen
den Kroniden (578): τί ποτέ μ, ώ Κρόνιε nal, τί π οτε ταΐσδ'
ένέζενξας εύρών άμαρτονσαν ¿ν τιημοαύναις; „was für eine
Schuld fandest du an mir?" Desgleichen nennt Hermes den Pro-
metheus (945) einen έξαμαρτόντ ές ϋ-εούς έψημέροις ιτορόντα
τιμάς, während der Chor, der 1039 Hermes Wort aufnimmt mit
der Mahnung: 7tid-ov' σογ-φ γαρ αίοχρόν έξαμαρτάνειν, die
mildere Deutung des vielfach schillernden Wortes im Auge zu
haben scheint. 12 )
Zu einem Worte von vielfach schillerndem Sinn war άμαρ-
τάνειν ja geradezu prädestiniert: der Stamm stand formal isoliert

,2
I So wird auch der σοφός dem άμαρτάνων gegenübergestellt — also
der Schwerpunkt ins Geistige gelegt — im frg. 286 (Stob. flor. 3,10) άμαρ-
τάνει τι (tot al.) και αοφοϋ αοφώτεοος. Törichte Verblendung wirft der
Argiverkönig dem ägyptischen Herold vor (Suppl. 915): πόλλ' άμαρτών oi>-
ôèv ώρ&ωσας φρενί. — Natürlich kommt άμαρτάνειν auch in der sinnfäl-
ligeren Bedeutung des Verfehlens eines Zieles vor; mit dem Genet. Ag.
213, 535, aber auch absolut Ag. 1194, wo Kassandra sagt: ήμαρτον (beim
Weissagen); ή κνρώ τι τοξότης τις ώς; ohne Übertragung frg. 179: ερρι-
•ψεν ούο' ήμαρτε.

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12 O. Hey

da, die Herkunft war augenscheinlich schon zur Zeit der home-
rischen Gedichte verdunkelt, die Bedeutung hatte einen wesent-
lich negativen Charakter : so war das Wort der Beeinflussung durch
zufällige Umgebung oder Verbindung völlig preisgegeben.
Was von dem Verbum, das gilt natürlich erst recht von den
S u b s t a n t i v b i l d u n g e n als Abstrakten.
Wir brauchen uns hiebei nicht in Einzelheiten zu verlieren, da
wir uns zu fragen haben, ob die Wörter dieser Gruppe eine Schuld
in ausgesprochen moralischem Sinn bezeichnen können. Dies ist
denn zweifellos der Fall. So schon gleich beim ersten Auftreten
von α μ α ρ τ ί α , wenn Kassandra (Ag. 1197) die Verbrechen des
Atridenhauses nennt παλαιάς των(Γ αμαρτίας δόμων und Orest
(Choeph. 519) von der Untat seiner Mutter, die er eben (516) als
ein άνήν.εστov πά&ος bezeichnet hat, als von einer αμαρτία
spricht. Bedeutungsgleich ist die Zwillingsbildung άμάρτιον,
die Aischylos allein gebraucht zu haben scheint. Die διπλά...
άμάρτια, Ag. 537, sind die beiden Sünden des Paris, άρπαγή
und χλοπή, wie sie 534 genannt werden, Sünden, die der Ζευς
διν,ηφόρος rächt (525). An einer zweiten Stelle, Pers. 676 (Worte
des Chors\ ist die Überlieferung verdorben, der Gedanke unklar,
doch scheinen sich die δίδυμα άμάρτια auf Xerxes' Unternehmen
gegen Hellas zu beziehen, und, aus persischem Munde kommend,
keinen Vorwurf schuldhafter Rechtsverletzung zu enthalten, sondern
eher den der Torheit, des Fehlgriffs, der Unbedachtheit.
Das in den Jambus sich schwer fügende Subst. άμάρτημα
finden wir erstmals in der Poesie (und, so viel ich gesehen, über-
haupt in der Literatur) bei S o p h o k l e s , als Dochmius (Antig.
1261); Kreon klagt: ίώ φρένων δυσψρόνων άμαρτήματα; damit
will er seine Maßnahmen, die den Sohn in den Tod getrieben,
mehr als Torheiten bezeichnen denn als Unrecht: spricht er ja
auch von seinem übelberatenen Sinn, seinen unseligen Entschlüssen
(ανολβα βουλευμάτων, 1265) und seinen δυσβουλίαι (1269).
'Αμαρτία, bei Sophokles öfter vorkommend, zeigt so recht
seine Mehrdeutigkeit im Philoktet, 1224: Neoptolemos hat sich
entschlossen, den entwendeten Bogen zurückzugeben, und ant-
wortet dem Odysseus auf die Frage, wohin er gehe: λύαων δσ εξή-
μαρτον εν τψ πριν χρόνω; worauf Odysseus fragt: ή δ' άμαρ-
τία τις ψ; Antwort: „Weil ich, dir und dem ganzen Heer ge-

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 13

horchend, mit List und schändlichem T r u g d e m M a n n einen Fall-


strick legte." Wie n a h e beieinander Irrung und Unrecht liegen
und sich in éiner Tat verstricken k ö n n e n , zeigt dies Beispiel; der
G e h o r s a m : eine falsche H a n d l u n g aus g u t e m B e w e g g r u n d h e r a u s ;
die listige B e r a u b u n g P h i l o k t e t s : eine volle u n d b e w u ß t e άόιγ.ία:
beides umfaßt der Begriff der αμαρτία; an den T r u g in erster
Linie d e n k t N e o p t o l e m , wenn er 1248 erklärt: τήν άμαρτίαν
αίοχράν άμαρτών άναλαβεϊν πειράσομαι. Noch bezeichnender
f ü r d a s allgemein Negative, das in den S t a m m άμαρτ- gekommen,
erscheint die Stelle aus d e m Oidipus auf Kolonos, w o das Wort
αμαρτία aus O i d i p u s ' M u n d selbst fällt (946), in seiner Verteidi-
g u n g g e g e n die B e s c h i m p f u n g e n Kreons, der ihn einen ιτατρο-
κτόνος und ävαγνός (944) g e n a n n t . Ihm sind die Dinge, w e g e n
deren er gescholten wird, σνμφοραί (962), die er wider seinen
Willen litt (964), nur durch den Groll der Götter g e g e n sein Ge-
schlecht :
έ-πεϊ Υ,αϋ·' αυτόν γ 'ονν. âv έξενροις έμοί
αμαρτίας ΰνειόος ούδεν άνΟ·' δτον
τάδ' εις έμαντόν τους έμούς ήμάρτανον.

Die άμαρτία ist hier die strafbare, sühneheischende Verfehlung,


w ä h r e n d άμαρτάνω d a n e b e n die allgemeine negative B e d e u t u n g
h a t : etwas tun, was nicht in der O r d n u n g ist, gleichviel wie u n d
a u s welchem Grund es geschieht.
G a n z klar ist der Sinn unseres Wortes in den Trachinierinnen
4 8 3 ; Lichas bezeichnet damit die g u t g e m e i n t e L ü g e , mit der er
Deianeira über ihres Gatten B e z i e h u n g e n zu Iole zu beruhigen ver-
sucht h a t : -ημαρτον, εΐ τ ι τήνδ' άμαρτίαν νέμεις13).
N e b e n αμάρτημα, άμαρτία, άμάρτιον erscheinen in der vor-
aristotelischen Literatur älterer Zeit noch die Substantivbildungen
αμαρτωλή (Theognis 3 2 5 u. a.), άμαρτωλίη (Hippokrates ; άμαρ-
τωλία Aristoph. Pax 4 1 5 ist zweifelhaft) und άμαρτάς (Herodot 1,
91 u. a.), bald im technischen, bald im ethischen S i n n ; vgl. die
einschlägigen Artikel v o n C r ö n e r t im neuen P a s s o w , die über-
haupt mit ihrem reichen Material auf knappstem Raum wertvollste
Hilfsmittel sind.

ls
) Auch in einem Fragment des Sophokles (193 N.) kommt άμαρτία
vor. Der genaue Bedeutungswert läßt sich außer dem Zusammenhang
nicht feststellen.

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14 O. Hey

— Alles in allem wird man schon aus den bisherigen Bei-


spielen von αμαρτία und αμάρτημα gesehen haben, daß die beiden
Wörter in ihren verschiedenen Nuancen ein weites Begriffsgebiet
umschließen, das, als wesentlich negativ, A l l e s vom V e r b r e c h e n
bis zum ganz harmlosen V e r s e h e n einschließt.
Aus der Literatur der Folgezeit ergibt sich das gleiche Bild.
So hat ζ. B. T h u k y d i d e s die beiden Substantive in den ver-
schiedensten Schattierungen; sie bezeichnen: Mißgriffe auf poli-
tischem und militärischem, bzw. strategischem Gebiet (-ία: 1,78,4.
1, 144, 1.4,29, 3. 8 , 2 4 , 5 u. a; - μ α : 1,69, 5. 2 , 9 2 , 1 . 4 , 2 9 , 3 .
4, 89, 2 u. a.); Fehler in moralischer Hinsicht, nicht nur Verirrungen,
die man sich ohne böse Absicht hat zuschulden kommen lassen
(4, 98, 6), sondern auch mit Bewußtsein begangene Vergehen und
Verbrechen (vgl. bes. 2, 53, 4).
Es hat keinen Zweck, weiter bei einzelnen Autoren zu ver-
weilen, wir wollen nur noch einen Blick auf die R e d n e r - P r o s a
im aligemeinen werfen; in dieser treten ja die Wörter der άμα ρ-
Tarw-Gruppe in größerer Menge auf, zumal, wie natürlich, in
den G e r i c h t s r e d e n . Daß αμαρτία hier auch schwerste Ver-
brechen bezeichnen kann, zeigt die Verteidigung des· auf Hoch-
verrat angeklagten Palamedes bei dem Sophisten G o r g i a s (Pal.26);
der Held sagt: ού δήπον προσήκει τούς γε φρονυΰντας άμαρ-
τάνειν τάς μεγίστας αμαρτίας, und folgert daraus: εί μεν οϋν
ειμί σοφός, ούχ ήμαρτον εί δ'ήμαρτον, ον σοφός ειμί. Und als
Helenas Verteidiger nennt derselbe Gorgias den Ehebruch der Tyn-
dareostochter mit Paris, allerdings beschönigend, eine άμαρτία (Hei. 15
διαφεύξεται την της λεγομένης γεγονέναι άμαρτίας αίτίαν)', das
Unterliegen unter dem „Zwang des Eros" aber sei ein άν&ρώπινον
νόσημα\ιηά ψυχής άγνόημα und daher nicht als άμάρτημα zu tadeln,
sondern als ατύχημα anzusehen. Andrerseits wird z.B. auch ein Fehl-
urteil der Richter, also eine Irrung ohne bösen Willen, als άμαρτία be-
zeichnet, Palamedes26 άμαρτία ούχ äv γένοιτο μείζων ταύτης, des-
gleichen eine Geschmacksverirrung Hei. 1 'ίση . . . άμαρτία -/.al ά-
μα&ία μέμφεσ&αί τε τά επαινετά xal επαινειν τά μωμητά. Vom
richterlichen Fehlurteil finden wir unser Wort auch gebraucht bei An ti -
p h o n l l a 3 und <5 4, ebenso IV« 4 und V 88), während in III, wo es
sich um die ungewollte Tötung eines Knaben handelt, der einem
andern in die Flugbahn seines Speeres rannte, nicht nur die un-

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 15

zeitige Handlung des Getöteten, sondern auffallenderweise auch der


durchaus korrekte Speerwurf des Täters als άμαρτία bezeichnet
wird (vgl. ζ. Β β 6 mit γ 8). Die moralische Seite der αμαρτή-
ματα wird hervorgehoben I 27, wo in einem Giftmordprozeß die
Richter ermahnt werden, έλεεΐν επί τοις άν.ονσίοις παΰήμασι
μάλλον . . . ή τοις ¿χονσίοις y.al έχ προνοίας άδιχήμασι v.al
άμαρτήμασι. In IV δ (Verteidigung eines Totschlags aus Notwehr)
wird § 1 ein άδίχημα genannt, was § 4 / 5 ein αμάρτημα heißt.
Auch bei A n d o k i d e s erscheint die Wortgruppe in verschiedenen
'Nuancen: so von politischen Vergehen, z. B. 2, 17 u. 2 5 ; 3, 3 2 ;
von religiösem Frevel: 1, 29, allgemein von Schandtaten: 4 (gegen
Alkibiades!), 10 und 22. Und so ergibt der Wortgebrauch auch
bei L y s i a s kein anderes Bild: 13, 69 ών έχάστον άμαρτήματος
έν τοις νόμοις θάνατος ή ζημία εστί — das άμάρτημα also hier
als todeswürdiges Verbrechen. Vom Ehebruch gebraucht 1 , 2 6
άμάρτημα έξαμαρτάνειν εις τήν γυναίκα. 7, 5 erscheint es mit
einem αδίκημα identifiziert: περί των αλλότριων αμαρτημάτων
ώς άδικοΰντας χινδννενειν. Auch sonst wird άδικεΐν synony-
misch mit άμαρτάνειν, έξαμαρτάνειν zusammengestellt: 12, 4
μήτε εις τούς άλλους έξαμαρτάνειν μήτε υπό των άλλων άδι-
χεϊσ&αι. 25, 1 u. a.; 31, 2 7 wird von einem μέγεΟ-ος τον αδι-
κήματος gesprochen und von ihm gesagt, daß kein Gesetzgeber
geglaubt habe, ά/ιαρτήσεσ&αί τινα των πολιτών τοσαύτην
άμαρτίαν. Dagegen wird 14, 2 von αμαρτήματα gesprochen,
die μικρά, συγγνώμης άξια seien, und ihnen die ν.αν.ία entgegen-
gestellt.
Wir brauchen keine weiteren Zeugen aus dem Gebiet der
attischen Beredsamkeit aufzurufen, um die sachlich weiten Grenzen
des Gebrauchs von άμαρτάνειν zu zeigen. Die Wortgruppe ist
ein n o t w e n d i g e r B e s t a n d t e i l d e r g e r i c h t l i c h e n T e r m i n o -
l o g i e : diese verlangt einen S a m m e l b e g r i f f für alle Arten von
Handlungen, die ihren Urheber vor den Richterstuhl des Straf-
prozesses bringen können, mag der Schaden (die βλάβη) groß
oder klein gewesen sein, die Gesinnung des Täters verwerflich
oder nicht, seine Zurechnungsfähigkeit, bzw. Handlungsfreiheit, voll
oder beschränkt. Das άμαρτάνειν war eben ein rein negatives
Begriffswort geworden: e t w a s t u n , w a s k e i n όρϋ-όν i s t : wo-
bei das όρ&όν sowohl im Sinn der S i t t e wie des formalen

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16 O. H e y

R e c h t e s , aber auch nach Seite des I n t e l l e k t u e l l e n (geistig


oder technisch Richtigen) genommen werden konnte. —

Andre Wege als die Sprache des Gerichts und des Alltags
könnte ja die P h i l o s o p h i e gehen, die sich in ihrer Weise mit
der Begriffswelt des Guten und Bösen auseinanderzusetzen hat.
So sei noch eine Umschau bei P i a t o n gehalten, der zudem als
der Lehrer des Aristoteles auch sprachlich auf ihn von Einfluß
gewesen sein könnte 1 4 ).
Unter Piatons Namen nun begegnen wir zuerst einer D e f i -
n i t i o n d e r ά μ α ρτία: sie wird bezeichnet als 7 τ ρ ά ξ ι ς παρά
τον όρά-òv λογισμόν, Handlung, die der richtigen Erwägung
zuwiderläuft. Sie steht unter den "Οροι p. 416 a. Sie wäre von
großem Wert, wenn genau zu bestimmen wäre, was mit dem όρ-
S-ός λογισμός gemeint ist; aber der Begriff des όρϋ-όν kann so-
wohl im ethischen wie im logischen Sinne genommen werden.
Als Wegweiser bei einer Untersuchung des platonischen Wortge-
brauchs kommt die Definition nicht in Betracht, zumal die Echt-
heit der "Οροι bezweifelt wird: Zeller II 1 J S. 483 Ü b e r w e g " S.215.
Eine Durchmusterung der Fälle bei Piaton nun hat mir gezeigt, daß
der Philosoph die άμαρτάνω-Gruppt in derselben vielfach nuan-
cierten Gebrauchsweise bringt, wie die übrige attische Prosa, daß
sie also auch eine moralische Schuld im strengsten Sinne des
Wortes bedeuten kann. Es genügt, auf die Stellen hinzuweisen,
wo αμαρτία und άμάρτημα mit άδιν.ία und άδίχημα vollständig
identifiziert werden. Die Wichtigste ist wohl Gorgias 81 p. 525c.
Dort ist von den ewigen Strafen im Jenseits die Rede, welchen
die unverbesserlichen Sünder verfallen, zur Abschreckung der An-
dern: άλλοι ôè òv ίνανται ol τούτους όρωντες διά τάς άμαρ-
τίας τά μέγιστα ν.αί οδυνηρότατα ν,αί φοβερώτατα πά&η πά-
σχοντας τον άεΐ χρόνον. Diese Sünden sind die nämlichen, von
denen unmittelbar vorher gesagt ist: ol äv τά έσχατα άδιχήσωσι
y.al διά τά τοιαΰτα άδ ιν.ήματα ανίατοι γένωνται. Ganz ent-
sprechend ist, im gleichen Gedankenzusammenhange, die Konkur-
renz der beiden Wortgruppen im Phaidon, 113 e. Im Jenseits

" ) Aus vorplatonischer Zeit ist w e n i g v o r h a n d e n ; ein gewisses Inter-


esse hat Demokrit frg. 83 D. άμαρτίης αΐτίη η άμα&ία τον κρεσσονος
— , U n k e n n t n i s " wird also zur Ursache der άμαρτία gemacht. — Άμαρτάνειν
in allgemeiner, auch das Sittliche einschließender B e d e u t u n g : frg. 265.

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'ΑΜΑΡΤΙΑ 17

werden die, welche leidlich (μέσως) gelebt haben, wenn sie für
ihre Ungerechtigkeiten gebüßt haben (των αδικημάτων δίδον-
τες δίν.ας), freigesprochen; „die aber, bei denen es sich zeigt,
daC sie unheilbar sind wegen der Größe ihrer Sünden (δια τά
μεγέθη των αμαρτημάτων), weil sie häufigen und schweren
Tempelraub oder viele ungerechte und ungesetzliche Mordtaten
oder andres der Art verübt: die kommen in den Tartarus. Gleich
darauf folgt die Gruppe derer, oí . . . ιάσιμα μίν, μεγάλα dè
δόζωσιν ήμαρτηχέναι (gemeint sind Untaten, die im Affekt be-
gangen worden sind). Den beiden eben gebrachten Beispielen
sehr ähnlich ist Νόμοι 9, 6 p. 8 6 3 a , wozu man auch vergleiche
9, 5p· 8 6 0 e , mit seiner Zusammenstellung der αμαρτήματα -/.ai
άδιν.ήματα, die sich auch im 7. Brief p. 3 3 5 a findet. Ähnlicher-
scheint άδιν.ία neben dem αμάρτημα in den Νόμοι 10, 13 p.
9 0 6 c.
So unterscheidet sich die αμαρτία bei Platon von der άδι-
ν.ία einfach dadurch, daß sie der weitere, unbestimmtere Begriff
für alles ist, was aus der Sphäre des όρ&όν herausfällt, während
άδιχία sich bestimmter auf die R e c h t s v e r l e t z u n g bezieht.
Natürlich kann nun die Hamartia bei ihrem weiten Bedeutungs-
umfang von Piaton so gut wie von andern Attikern ganz abseits
vom Gebiet des Ethischen gebraucht werden, von Denkfehlern,
Kunstfehlern und dergleichen (Charmides 19 p. 1 7 2 a , Politela 2 , 1 8
p . 3 7 9 d , Politikos 3 5 p. 2 9 6 b usw.), auch ganz allgemein, so daß
das Moralische miteingeschlossen ist, ζ. B . Charmides 19 p. 171 e
oder Νόμοι 5, 2 p. 7 3 0 a .
Man sieht: der Gebrauch der Wortgruppe hält sich auch bei
Piaton in der Linie des allgemeinen Usus, den wir feststellten;
es ist also αμαρτία, wie V a h l e η dies in den Beiträgen zu
Aristoteles' Poetik (hgg. von Schöne, Leipz. 1 9 1 4 , S. 4 2 ) ausge-
drückt hat, ein „mannigfache Beziehung offen lassendes W o r t " .
München O. Hey.
(Fortsetzung folgt.)

Philologus LXXXIII (N. F. XXXVII), 1. 2

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