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Patienteninformationen Sport in der

Neurologie – Empfehlungen für Ärzte


Carl D. Reimers
Andreas Straube
Klaus Völker
Hrsg.

Patienteninforma-
tionen Sport in
der Neurologie –
Empfehlungen
für Ärzte
Mit den häufigsten Begleiterkrankungen
Herausgeber
Carl D. Reimers Klaus Völker
MVZ Neurologie Institut für Sportmedizin
Paracelsus-Klinik Bremen Medizinische Fakultät WWU Münster
Bremen Münster
Deutschland Deutschland

Andreas Straube
Neurologische Klinik und Poliklinik
Ludwig-Maximilians-Universität München
München
Deutschland

ISBN 978-3-662-56538-4    ISBN 978-3-662-56539-1 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1

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V

Vorwort

Ein aktives Leben mit regelmäßiger körper- Das Zeitfenster für aufwändige Aufklärungen
licher und geistiger Aktivität und Sport ist ist daher häufig sehr begrenzt. Das vorliegende
bekanntermaßen eine Lebensstilmaßnahme – Werk soll das ärztliche Aufklärungsgespräch er-
wenn nicht sogar die effektivste überhaupt –, gänzen und vereinfachen, aber nicht ersetzen.
um Krankheiten vorzubeugen (sog. Primär- Die Inhalte sollen es dem Arzt erleichtern, den
prävention). Häufig kann regelmäßige körper- Patienten zu motivieren, eine körperliche Ak-
liche Aktivität auch bei bereits eingetretener tivität aufzunehmen, und die Hintergründe für
Erkrankung zur Funktionsverbesserung bei- eine solche Aktivität zu vermitteln. Die Texte
tragen oder Verschlimmerungen und Rezidive sind bewusst so gestaltet, dass sie gegebenenfalls
verhindern helfen (Therapie bzw. Sekundär- als direkte Vorlagen für die Aufklärung genutzt
und Tertiärprävention). Das gilt auch für viele werden können und damit auch als Grundlage
neurologische Erkrankungen. Beispiele sind für Nachfragen bzw. Folgegespräche zu dienen.
Schlaganfall, Demenz, Parkinson-Syndrom
und Multiple Sklerose, um nur einige zu nen- Aufgenommen in dieses Buch wurden Kapi-
nen. Neurologische Patienten sind nicht ge- tel zu den neurologischen Erkrankungen, bei
feit vor Zivilisationserkrankungen. Auch bei denen körperliche Aktivität und Sport eine
ihnen sind körperliche Aktivität und Sport besonders wichtige Rolle in Prävention und
von essenzieller Bedeutung, vor allem für die Therapie bzw. in der Lebensgestaltung spielen.
Prävention und Therapie vieler internistischer Ergänzt wurde dieser Teil um Kapitel über die
(arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, ko- bedeutsamsten Komorbiditäten aus anderen
ronare Herzkrankheit), psychiatrischer (De- medizinischen Fachgebieten.
pression) und orthopädischer (Osteoporose)
Erkrankungen mit Bezug zu neurologischen In diesem Buch wird aufgrund der besseren
Störungen. Gerade die arterielle Hypertonie Lesbarkeit auf die gleichzeitige Verwendung
und der Diabetes mellitus sind auch gewichti- männlicher und weiblicher Bezeichnungen
ge Risikofaktoren für Demenz und Schlagan- verzichtet. Es sei jedoch darauf hingewiesen,
fall, eventuell auch für den Morbus Parkinson. dass mit den männlichen bzw. neutralen Per-
sonenbezeichnungen beide Geschlechter glei-
Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, chermaßen gemeint sind.
Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheit,
Depressionen und Arthrosen und deren Frau Dr. Christine Lerche, Senior Editor des
Folgen können jedoch neben den primären Springer-Verlages, sei herzlich gedankt für
Funktionsverlusten durch die neurologische die sofortige Bereitschaft, nach einer Pa-
Grunderkrankung selbst weitere Einschrän- tienteninformation über neurologische Er-
kungen bei körperlicher und vor allem sport- krankungen nun auch eine Information über
licher Aktivität zur Folge haben. Gesunde wie Sport gegen und mit diesen Erkrankungen zu
auch neurologisch kranke Personen profitie- realisieren. Frau Claudia Bauer, Project Ma-
ren dabei von den Wirkungen regelmäßiger nager, hat die Entwicklung des Werkes stets
körperlicher und sportlicher Aktivität. sehr hilfreich und effektiv begleitet, und Frau
Stephanie Kaiser-Dauer hat das Lektorat mit
Der behandelnde Arzt sollte seine Patienten sehr großer Sorgfalt, vielen wertvollen Vor-
schon im Rahmen der Primärbehandlung auf schlägen und in großer Geschwindigkeit
die Möglichkeiten der Prävention und Thera- übernommen.
pie durch Sport hinweisen und die individuelle
Umsetzbarkeit möglichst detailliert mit dem
Patienten erläutern. Leider stehen die behan- Carl D. Reimers, Bremen
delnden Ärzte – selbst wenn sie vom thera- Andreas Straube, München
peutischen Potenzial von Bewegung und Sport Klaus Völker, Münster
überzeugt sind – oft unter einem Zeitdruck. Im Herbst 2018
VII

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Hinweise zur ärztlichen Beratung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    3


Carl D. Reimers

Gesundheitliche Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inaktivität. . . . . . . .    7


Carl D. Reimers

Start in den Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  15


Carl D. Reimers

Neurologie

Schlaganfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  23
Carl D. Reimers und Joachim Gerber

Parkinson-Syndrom. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  33
Andreas Straube

Kognitive Störungen und Demenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  39


Andreas Straube

Epilepsie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  47
Andreas Straube

Multiple Sklerose und andere chronische entzündliche Hirnerkrankungen. . .  53


Andreas Straube

Kopfschmerzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  59
Andreas Straube

Depression. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  67
Andreas Broocks

Fibromyalgie-Syndrom. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  75
Carl D. Reimers

Chronisches Müdigkeitssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome). . . . . . . . . . . . . . . .  83


Carl D. Reimers

Innere Medizin

Übergewicht und Adipositas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  89


Klaus Völker
VIII Inhaltsverzeichnis

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    95


Carl D. Reimers und Klaus Völker

Bluthochdruck (arterielle Hypertonie). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  103


Carl D. Reimers und Klaus Völker

Koronare Herzerkrankung (KHK). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  109


Klaus Völker

Orthopädie

Kreuzschmerzen (lokales Lumbalsyndrom bzw.


unspezifische Lumbalgien). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  119
Carl D. Reimers und Jörg Hausdorf

Hüft- und Kniearthrose (Kox- und Gonarthrose) und Endoprothesen. . . . . . . .  125


Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers

Osteoporose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  131
Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers

Serviceteil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  137
Wichtige Anschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   138
Glossar ��������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������������   140
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   143
IX

Mitarbeiterverzeichnis
Herausgeber Privatdozent Dr. med. Jörg Hausdorf
Ärztehaus Harlaching
Isenschmidstraße 19
Prof. Dr. med C. D. Reimers 81545 München
MVZ Neurologie joerg.hausdorf@med.uni-muenchen.de
Paracelsus-Kliniken Bremen
In der Vahr 65
28329 Bremen
c.d.reimers@outlook.de

Prof. Dr. med. Andreas Straube


Neurologische Klinik und Poliklinik
und Deutsches Schwindel- und
Gleichgewichtszentrum DSGZ
Ludwig-Maximilians-Universität München
Klinikum Großhadern
Marchioninistraße 15
81377 München
andreas.straube@med.uni-muenchen.de

Prof. Dr. med. Klaus Völker


Medizinische Fakultät WWU Münster
ehemals Institut für Sportmedizin
Nisinghoverweg 12
48165 Münster
klaus.voelker@ukmuenster.de

Beitragsautoren

Prof. Dr. med. Andreas Broocks


Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
HELIOS Kliniken Schwerin GmbH
Wismarsche Straße 393–397
19049 Schwerin
andreas.broocks@helios-gesundheit.de

Prof. Dr. Joachim Gerber


Neurologische Abteilung
Diana Klinik
Dahlenburger Straße 2a
29549 Bad Bevensen
joachim.gerber@diana-klinik.de
1

Einführung
Hinweise zur ärztlichen Beratung – 3
Carl D. Reimers

Gesundheitliche Auswirkungen körperlicher


Aktivität und Inaktivität – 7
Carl D. Reimers

Start in den Sport – 15


Carl D. Reimers
3

Hinweise zur ärztlichen


Beratung
Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_1
4 C. D. Reimers

Körperliche Inaktivität ist ein Problem von epide- erfolgreichen Therapie sein kann. Im Hinblick auf
 mischem Ausmaß geworden. Schätzungen besagen, die umfassend dokumentierten positiven gesund-
dass zwischen 0,3 und 4,6 % der nationalen Gesund- heitlichen Effekte körperlicher Aktivität, die viel-
heitsausgaben durch die Folgen körperlicher Inak- fach einer medikamentösen Therapie nahekom-
tivität generiert werden. Ärztliche Aufgabe ist es, men oder diese gar übertreffen, sollte diese Bera-
gefährdete Patienten auf das Problem der körper- tung den gleichen Stellenwert bekommen wie etwa
lichen Inaktivität und eines sitzenden Lebensstils eine Beratung zur Medikation. Die Kunst dabei ist
sowie auf die positiven Auswirkungen körper- es, den Patienten zu einer Änderung des Lebensstils
licher Aktivität auf die Gesundheit aufmerksam zu bewegen, auch wenn bekanntlich viele Betrof-
zu machen. Auch zeigt sich bei einer zunehmen- fene entsprechenden Ratschlägen nicht folgen.
den Anzahl von Erkrankungen, dass Bewegungs- Hilfreich für eine strukturierte Beratung können
und Sporttherapie ein wesentlicher Baustein einer die 5 A‘s sein (. Tab. 1).

. Tab. 1  Die 5 A‘s

Gesprächsgegenstand Kommentar

Assess: Bewertung der aktuellen körperlichen Die Angaben können durch Wunschdenken verfälscht werden.
Aktivität und Faktoren, die die Art und Weise Nach Hindernissen für mehr körperliche Aktivität fragen!
der Verhaltensänderung mitbestimmen
Ggf. Hinweis, dass derartige Hemmnisse nicht ungewöhnlich
könnten (z. B. medizinische Risiken und
sind.
Prioritäten des Patienten, soziale Situation)

Advice: Ratschläge zu vermehrter körperlicher Erklären Sie ggf. die Bedeutung körperlicher Aktivität für die
Aktivität, Erläuterung der Symptome als Besserung der Symptomatik! Berichten Sie evtl. über die Erfolge
Folge körperlicher Inaktivität und des anderer Patienten!
gesundheitlichen Nutzens der körperlichen
Aktivität

Agree: Vereinbarung eines auf die Bedürfnisse Besprechen Sie die Herausforderungen, vor denen der Patient
des Patienten zugeschnittenen Plans zur steht! Versuchen Sie, die Vorschläge den Möglichkeiten des
Aktivitätssteigerung, Definition von Zielen Patienten anzupassen!
und Meilensteinen Betonen Sie den Wert und die Umsetzbarkeit der Ziele!
Streben Sie eine schriftliche Selbstverpflichtung des
Patienten an!

Assist: Hilfen zur Überwindung von Empfehlen Sie die Einbindung von Gleichgesinnten!
Hindernissen zu mehr körperlicher Verweisen Sie auf spezifische (indikationsspezifische) Angebote
Aktivität, ggf. Bereitstellung sozialer von Reha-Einrichtungen und Vereinen und die Möglichkeit der
Unterstützungsleistungen ärztlichen Verordnung!
Anmeldung in Vereinen bzw. Fitnessstudios hilft, eine externe
Motivation aufzubauen.
Empfehlen Sie die Einbindung des unmittelbaren sozialen
Umfeldes (Familie)!
Möglicher Motivator und Kontrollinstrumentarium könnten ein
Schrittzähler oder eine Fitnessuhr sein (konkretes Ziel setzen!).
Weisen Sie ggf. auf finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten
(z. B. Krankenkasse) hin!

Arrange: Arrangieren von Erinnerungen und Erkundigen Sie sich nach dem Erfolg der Bemühungen
weiteren Konsultationen, ggf. Anpassung der (Besuchstermin, E-Mail, telefonische Nachfrage)!
Zielsetzungen und Pläne Lassen Sie sich Schrittzählerprotokolle oder Fitnessuhr-
Dokumentationen zeigen!
Überprüfen Sie die Parameter, die durch das Training verbessert
werden sollen!
Das Vorlegen/Abfragen von Trainingsplänen hat den
gleichen Stellenwert wie etwa das von Zucker- oder
Blutdrucktagebüchern.
Hinweise zur ärztlichen Beratung
5 
Trotz nicht eindeutiger Evidenzlage bezüglich
der therapeutischen Erfolge der ärztlichen Bera-
tung zu mehr Bewegung empfehlen die entspre-
chenden Fachgesellschaften nachdrücklich, diese
ärztliche Aufgabe wahrzunehmen. Dieses Werk
soll den beratenden Arzt bei dieser Aufgabe unter-
stützen und helfen, körperliche Inaktivität seiner
Patienten abzubauen und Wege zu einer erhöh-
ten Aktivität aufzuzeigen bzw. krankheitsspezifi-
sche Empfehlungen zu sportlicher Betätigung zu
geben. Die einzelnen Kapitel beschreiben in einer
auf den Laien zugeschnittenen Sprache, welche
Bedeutung körperliche Aktivität und Sport für die
jeweilige Erkrankung haben, wie man der Erkran-
kung durch Bewegung evtl. entgegenwirken kann,
wie man trotz der Erkrankung Sport treiben kann
und welche Auswirkungen dies auf die Erkrankung
hat. Da viele Patienten mit neurologischen Erkran-
kungen multimorbide sind (z. B. arterielle Hyper-
tonie, Diabetes mellitus, Arthrosen, Osteoporose,
Depression), werden auch diese internistischen und
orthopädischen Erkrankungen und die Depression
in gesonderten Kapiteln mitberücksichtigt.

Literatur
Ding D, Kolbe-Alexander T, Nguyen B, Katzmarzyk PT, Pratt
M, Lawson KD (2017) The economic burden of physical
inactivity: a systematic review and critical appraisal. Br
J Sports Med. 2017 Apr 26. pii: bjsports-2016–097385.
https://doi.org/10.1136/bjsports-2016–097385. [Epub
ahead of print]
Estabrooks PA, Glasgow RE, Dzewaltowski DA (2003) Phy-
sical activity promotion through primary care. JAMA
289(22):2913–6
Suedeck G (2007) Bewegungsberatung im medizinischen
Setting. In: Fuchs R, Göhner W, Seelig H (Hrsg) Aufbau
eines körperlich-aktiven Lebensstils. Hogrefe, Göttin-
gen, S. 274–93
Shuval K, Leonard T, Drope J, Katz DL, Patel AV, Maitin-She-
pard M, Amir O, Grinstein A (2017) Physical activity
counseling in primary care: Insights from public health
and behavioral economics. CA Cancer J Clin 67(3):233–
244. https://doi.org/10.3322/caac.21394
7

Gesundheitliche
Auswirkungen körperlicher
Aktivität und Inaktivität
Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_2
8 C. D. Reimers

Dass körperliche Aktivität oder umgekehrt auch werden, randomisierte kontrollierte Studie. Eine
körperliche Inaktivität gesundheitliche Auswir- Interventionsstudie ist speziell eine solche, bei der
kungen haben, ist allgemein bekannt. Im Folgen- das Ergebnis einer gewissen Maßnahme („Inter-
 den sollen diese Effekte erläutert werden. vention“), z. B. das Krafttraining, untersucht wird.
Diese Art Studie hat eine besonders hohe Aussage-
? Woher haben wir eigentlich unsere kraft, weil man das Ergebnis direkt auf die Inter-
Erkenntnisse? vention zurückführen kann.
Es gibt in der Medizin jedoch zahlreiche Frage-
Im Prinzip werden in der Medizin wie in anderen stellungen, die man auf diese Art und Weise nicht
Naturwissenschaften monokausale Zusammen- lösen kann. So könnte man natürlich alleine aus
hänge (eine Ursache – eine Folge) angestrebt, um ethischen Gründen keine zwei Gruppen bilden,
Beziehungen zwischen einer Einflussgröße (sog. die bisher schlank oder Nichtraucher waren, von
unabhängige Variable, z. B. Rauchen) und der Folge denen nun eine Gruppe maßlos viel essen soll, um
dieser Einflussgröße (sog. abhängige Variable, z. B. ein Übergewicht zu erzeugen, oder rauchen muss.
Lungenkrebs) herzustellen. Das ist z. B. bei Medi- Derartige Studien sind auch deshalb nicht praktika-
kamentenstudien so üblich: Eine Probandengruppe bel, weil sich die Auswirkungen der jeweiligen Ver-
erhält ein bestimmtes Medikament und eine sog. haltensweise erst nach Jahrzehnten zeigen, wenn
Kontrollgruppe nicht. Dann schaut man, welche überhaupt. In diesen Fällen muss man auf Erkennt-
gesundheitlichen Auswirkungen das Medikament nisse zurückgreifen, die sich anhand von Kohorten
in beiden Gruppen hat (z. B. auf den Blutdruck, (Gruppen von Individuen) gewinnen lassen, die die
Schmerzen o. Ä.) und vergleicht die Effekte sta- interessierenden Eigenschaften von selbst aufwei-
tistisch. Das Ergebnis könnte dann beispielsweise sen. Man nennt diese Studien, wenn die Betrach-
sein, dass das Medikament den Blutdruck signi- tungsweise in die Zukunft gerichtet ist, prospek-
fikant (also mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, tive Kohortenstudien. Bei diesen Studien werden
so dass der Unterschied nicht nur zufällig ent- Bevölkerungsgruppen bezüglich unterschiedlichs-
standen ist) senkt. So kann man auch prüfen, wie ter Merkmale ihrer Lebensumstände, ihres Verhal-
sich ein systematisches körperliches Training auf tens und ihrer Gesundheit zu einem bestimmten
bestimmte Körperfunktionen auswirkt. Zeitpunkt befragt und untersucht. Zu einem spä-
Es gibt beispielsweise zahllose Studien, die teren Zeitpunkt werden diese Personen dann noch
die Effekte eines Krafttrainings auf die Muskel- einmal befragt bzw. untersucht. Die Beobachtungs-
masse untersucht haben. Hierzu hat man freiwil- zeiträume variieren dabei zwischen einigen Jahren
lige, bisher untrainierte Versuchspersonen (sog. und mehreren Jahrzehnten. Die Zahl der beob-
Probanden) in zwei Gruppen eingeteilt, nämlich achteten Personen beträgt in diesen Studien bis zu
eine, die über einen definierten Zeitraum nach defi- mehrere 100.000 Personen. Mittels mathematischer
nierten Bedingungen (z. B. Häufigkeit und Inten- Methoden ist es möglich, eine bestimmte Situation
sität) ein Krafttraining durchgeführt hat, und eine am Ende des Beobachtungszeitraumes, also z. B. die
weitere, die gebeten wurde, während des Studien- Tatsache, dass ein Teil der Kohorte einen Herzin-
zeitraumes weiterhin kein Training vorzunehmen. farkt oder Schlaganfall erlitten hat, mit einer Eigen-
Am Ende des Beobachtungszeitraumes wurde dann schaft bei Eintritt in die Studie, z. B. einem erhöhten
die Zielgröße, in diesem Fall die Muskelmasse, mit Blutdruck oder Rauchen, in eine statistische Bezie-
geeigneten Messmethoden mit dem Ausgangs- hung zu setzen.
wert verglichen. Die Veränderungen wurden Wissenschaftlich besonders interessante Kol-
schließlich zwischen der Trainings- und Kontroll- lektive (Gruppen) sind zudem Zwillinge, vor allem
gruppe verglichen. Es gibt auch eine kleine Zahl Eineiige, weil bei ihnen Unterschiede allein auf dem
an Studien, in denen man umgekehrt vorgegan- Lebensstil bezogen werden können. Wenn diese
gen ist, nämlich dadurch, dass man die Versuchs- Zwillinge in unterschiedlichen Lebenswelten auf-
gruppe über einen begrenzten Zeitraum in ihrer wachsen oder unterschiedliche Verhaltensweisen
Bewegung begrenzt hat, indem man z. B. ihre täg- zeigen, kann man Erkenntnisse von hohem Aus-
liche Wegstrecke massiv verkürzte. Man nennt sagewert gewinnen.
solche Studien, in denen Personen zufällig einer Problem aller Kohortenstudien ist es, dass
Versuchs- und einer Kontrollgruppe zugeordnet eine statistische Beziehung grundsätzlich nichts
Gesundheitliche Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inaktivität
9 
über einen ursächlichen Zusammenhang aussagt. optimale Gesundheit soll dadurch gefördert oder
Wenn man beispielsweise feststellt, dass eine nega- ein vorzeitiger Tod verhindert werden. Unter
tive Beziehung zwischen der körperlichen Aktivi- solchen Aktivitäten sind diejenigen zu verstehen,
tät und dem Körpergewicht besteht, also schlanke die zu einer merklichen Steigerung der Atmung
Personen häufiger körperlich aktiv sind als überge- führen oder bei denen eine leichte Schweißproduk-
wichtige, so könnte es sein, dass körperliche Akti- tion wahrzunehmen ist. Unterhalb dieses Niveaus
vität schlank hält, aber auch, dass Übergewicht ein spricht man von geringer Aktivität, was gelegent-
Hindernis für körperliche Aktivität darstellt. Es lich mit Inaktivität gleichgesetzt wird. In neueren
könnte aber auch sein, dass „Genussmenschen“ Studien wird die Sitzzeit als leider häufigste Form
gerne gut und viel essen und keine Lust haben, sich der Inaktivität als eigene Dimension gesondert
anstrengender körperlicher (sportlicher) Aktivität bewertet.
zu unterziehen, körperliche Aktivität und Körper-
gewicht direkt also gar nichts miteinander zu tun ? Welches Ausmaß an körperlicher Aktivität
haben. Aus statistischen Beziehungen in epidemio- wird als gesundheitsfördernd angesehen?
logischen Studien (Studien zu Häufigkeit, Vertei-
lung und Ursachen von Erkrankungen) sollte man Bei Kindern und Jugendlichen werden täglich 60
daher kausale (ursächliche) Schlussfolgerungen Minuten mäßige bis intensive körperliche Akti-
nur sehr vorsichtig ableiten, es sei denn, dass es vität empfohlen. Erwachsene sollten nach aktuel-
zusätzliche Argumente in Richtung der Interpre- lem wissenschaftlichem Kenntnisstand mindes-
tation, z. B. aus tierexperimentellen Untersuchun- tens 30 Minuten einer mäßig intensiven körperli-
gen, gibt. chen Aktivität an mindestens 5 Tagen pro Woche
Da verschiedene Studien zur gleichen Frage- oder einer mindestens 20-minütigen intensiven
stellung unterschiedliche Ergebnisse aufweisen körperlichen Aktivität an mindestens 3 Tagen
können, werden diese vielfach zusammengefasst, pro Woche nachgehen (s. 7 Glossar, . Tab. 2). Die
um sicherer bezüglich der Aussage zu sein. Dabei Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt
werden die Größen der Kohorten berücksichtigt, entsprechend für Erwachsene zwischen 18 und
d. h., die Ergebnisse einer Studie mit 100.000 Pro- 64 Jahren mindestens 150 Minuten einer mäßig
banden hat ein größeres Gewicht als eine mit nur intensiven körperlichen Aktivität oder mindes-
10.000 Probanden. Derartige Zusammenfassun- tens 75 Minuten einer hohen körperlichen Akti-
gen nennt man Metaanalysen. Ergebnis ist bei den vität pro Woche. Für Personen jenseits des 65.
angesprochenen Studien regelmäßig die Aussage, Lebensjahres gelten nach den Empfehlungen der
wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten WHO die gleichen Angaben, allerdings kommt
Ereignisses, z. B. Lungenkrebs, bei einer bestimm- die Forderung nach zwei Einheiten muskelkräf-
ten Ausgangssituation, z. B. Rauchen im Gegensatz tigender Übungen pro Woche hinzu. Auch das
zu Nichtrauchen, ist. Robert-Koch-Institut empfiehlt, mindestens an
Die nachfolgenden Darstellungen sind im 3 Tagen pro Woche, möglichst jedoch täglich, für
Wesentlichen das Ergebnis prospektiver Kohor- jeweils eine halbe Stunde mindestens mäßig kör-
tenstudien. perlich aktiv zu sein.
Unter leichter körperlicher Aktivität versteht
? Was versteht man unter körperlicher Aktivität man körperliche Aktivität mit weniger als dem
und Inaktivität? 3-fachen des Energieverbrauchs beim ruhigen
Sitzen (< 3 MET; der Energieverbrauch im ruhigen
Grundsätzlich ist körperliche Aktivität jede Form Sitzen entspricht 1 MET = metabolisches Äquiva-
von Muskelkontraktion (Muskelanspannung), die lent), unter mäßiger körperlicher Aktivität eine
mit einem Energieverbrauch höher als im Ruhezu- solche mit dem 3- bis 6-fachen dieses Energiever-
stand einhergeht. Im Zusammenhang mit Fragen brauchs (3–6 MET) und unter einer intensiven kör-
der Gesundheit – wie in diesem Buch – wird unter perlichen Aktivität eine solche mit einem mehr als
körperlicher Aktivität jedoch nur ein Ausmaß an 6-fachen (> 6 MET).
körperlicher Aktivität verstanden, das so groß Beispiele zu häufigen Bewegungsformen und
ist, dass es sich günstig auf die Gesundheit aus- deren Belastungsintensität finden sich in Tab. 2 im
wirkt (sog. gesundheitsfördernde Aktivität). Eine 7 Glossar.
10 C. D. Reimers

Die Energie, die durch die körperliche Aktivität geht von einem so genannten kurvilinearen Zusam-
verbraucht wird, ist wahrscheinlich ein gutes Maß menhang aus. Das heißt, dass der halbe Energie-
für die günstigen gesundheitlichen Auswirkungen verbrauch nicht zu einer Halbierung des Effektes
 der Bewegung. Die Empfehlungen, die sich aus epi- führt (. Abb. 1). Der erste Schritt von der Inak-
demiologischen Studien ableiten lassen, sehen pro tivität zur leichten Aktivität ist folglich der ent-
Woche für Frauen mindestens einen Energiever- scheidende und effektivste Anteil. Wer also den
brauch von 1.000 kcal und für Männer etwa von empfohlenen Umfang körperlicher Aktivität nicht
2.000 kcal durch körperliche Aktivität, also zusätz- ganz erreicht, sollte das nicht zum Anlass nehmen,
lich zum Grundumsatz, vor. Der Grundumsatz ist wieder völlig inaktiv zu werden, sondern den ersten
der Energieverbrauch in körperlicher Ruhe. Diese positiven Schritt als Ansporn nehmen, noch etwas
Aktivitätsumfänge jedenfalls erbrachten diejeni- „draufzulegen“. Anfangs bedeutet ein Mehr an
gen Kohorten (Gruppen), die in den epidemiolo- Energieverbrauch auch ein Mehr an gesundheit-
gischen Studien die höchsten Lebenserwartungen licher Wirkung, aber wahrscheinlich gibt es einen
aufwiesen. optimalen Energieverbrauch, über den hinaus es
Anhaltspunkte für den Energieverbrauch pro zu keiner weiteren Steigerung der gesundheitlichen
Stunde für verschiedene sportliche Aktivitäten Wirkungen kommt. Wo dieses Optimum liegt, ist
finden sich in . Tab. 3 im 7 Glossar. Die angege- jedoch nicht bekannt. Er es gibt vermutlich auch
benen Orientierungswerte sind bei Sportarten mit individuelle Unterschiede.
hohem koordinativem Anteil (z. B. beim Schwim- Der Energieverbrauch gemessen in kcal/h ist
men) mit Vorsicht und nur als grobe Anhaltspunkte sicherlich der geeignetste Parameter, um körper-
zu betrachten. Gute Schwimmer haben einen deut- liche Aktivität zu erfassen. Er ist derzeit der wich-
lich höheren Wirkungsgrad (Verhältnis zwischen tigste Bezugswert zur statistischen Berechnung der
Energieaufwand und messbarer Leistung) und Effekte körperlicher Aktivität auf die Gesundheit.
brauchen bei gleicher Schwimmgeschwindigkeit In der alltäglichen Praxis ist er allerdings schwer zu
erheblich weniger Energie als schlechte Schwim- fassen. Deshalb hat sich ein anderer, anschaulicher
mer. Die Wirkungsgradunterschiede fallen beim und vergleichsweise leichter zu erfassender Para-
Gehen, Laufen und Radfahren nicht so sehr ins meter etabliert: die Schrittzahl. Sie ist mit relativ
Gewicht. preisgünstigen Geräten zu erfassen, und selbst jedes
Die positiven gesundheitlichen Effekte nehmen Smartphone mit entsprechender App misst annä-
mit dem Energieverbrauch zu. Kleinere Aktivitäten herungsweise die täglichen Schritte. In der wis-
sind wahrscheinlich nicht völlig wirkungslos. Man senschaftlichen Literatur besteht Konsens, welche

hoch
Gesundheitlicher Gewinn

Dosis-Wirkungs-Kurve

gering
Körperliche Aktivität
niedrig hoch

. Abb. 1  Schematische Beziehung zwischen Umfang körperlicher Aktivität und günstigen gesundheitlichen Effekten
Gesundheitliche Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inaktivität
11 
Schrittzahlen/Tag als gesundheitlich relevant ein- einer koronaren Herzerkrankung (Verkalkung der
zustufen sind. Ein aktiver bzw. sehr aktiver Lebens- Herzkranzgefäße mit dem Risiko eines Herzinfark-
stil mit 10.000 bis über 12.500 Schritten pro Tag gilt tes) sowie von Brust- und Dickdarmkrebs bei kör-
als gesundheitlich förderlich (. Tab. 1). perlicher Inaktivität um etwa ein Drittel und das
Risiko einer Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
? Was versteht man unter körperlicher um ein Fünftel erhöht ist. Inzwischen konnte für
Inaktivität? 13 Krebsarten gezeigt werden, dass sie bei kör-
perlich inaktiven Personen häufiger vorkommen
Unter körperlicher Inaktivität versteht man einen als bei aktiven. Fast jeder 20. Herzinfarkt, mehr
Umfang körperlicher Aktivität unterhalb des als jeder 20. Diabetes mellitus, jeder 14. Brust-
Niveaus, welches für eine optimale Gesundheit krebs und jeder 12. Dickdarmkrebs in Deutsch-
und für die Prävention eines vorzeitigen Todes land lassen sich rechnerisch ausschließlich durch
notwendig ist. Körperliche Inaktivität heißt also mangelnde körperliche Aktivität erklären. Körper-
nicht, dass der oder die Betroffene körperlich gar lich inaktive Personen haben im Mittel einen etwas
keine Aktivität entfaltet, was ja auch praktisch höheren Blutdruck als aktive. Körperliche Inaktivi-
unmöglich wäre, sondern lediglich so wenig, tät wirkt bezüglich der Erkrankungen des Gefäß-
dass sich negative gesundheitliche Konsequen- systems, also der mit Abstand häufigsten Todes-
zen ergeben. ursachen, etwa so gesundheitsschädigend wie das
Rauchen einer Schachtel Zigaretten täglich. Kör-
? Wie häufig ist körperliche Inaktivität? perlich inaktive Menschen erleiden häufiger einen
Schlaganfall, werden häufiger dement und sind
Viele Menschen sind aus den unterschiedlich­ häufiger depressiv als aktive. Weltweit etwa 9,4 %
sten Gründen körperlich wenig aktiv oder (fast) aller Todesfälle können rechnerisch ausschließlich
völlig inaktiv. In industrialisierten Ländern betrei- durch die Folgen körperlicher Inaktivität erklärt
ben nur 10–20 % der Erwachsenen Sport in dem werden, in Deutschland etwa 7,5 %. Damit ist kör-
Umfang, der für eine optimale Gesundheit und die perliche Inaktivität die vierthäufigste Todesursa-
Prävention eines vorzeitigen Todes notwendig ist. che nach Herzinfarkten, Tumorerkrankungen und
Fast jeder zweite – auch in Deutschland – betreibt Schlaganfällen. Folgende Erkrankungen sind bei
keinen Sport. körperlicher Inaktivität ebenfalls häufiger: Fett-
leber, Herzinsuffizienz (Herzmuskelschwäche),
? Was sind die Folgen körperlicher Inaktivität? Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), periphere
Durchblutungsstörungen, Osteoporose und Erek-
Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass sich tionsstörungen. Diese Liste ist noch nicht einmal
aus körperlicher Inaktivität zahlreiche ungünstige vollständig. Insgesamt werden die Gesundheitskos-
Folgen für die Gesundheit ergeben können. ten durch körperliche Inaktivität weltweit auf über
Auf den Ergebnissen epidemiologischer Studien 50 Mrd. US-Dollar jährlich geschätzt. Somit sind
basierende Berechnungen ergaben, dass das Risiko die Folgen körperlicher Inaktivität ein wesentlicher

. Tab. 1  Klassifikation körperlicher Aktivität entsprechend den Schrittzahlen (Nach Tudor-Locke und Bassett,
2004a)

Beurteilung der Aktivität (Schritte/Tag) Beurteilung der Aktivität (Schritte/h)

Sitzender Lebensstil (< 5.000) Sitzender Lebensstil (< 400)

Wenig aktiv (5.000–7.499) Wenig aktiv (400–499)

Mäßig aktiv (7.500–9.999) Mäßig aktiv (600–800)

Aktiv (≥ 10.000) Aktiv (≥ 800)

Sehr aktiv (≥ 12.500) Sehr aktiv (≥ 1.000)


12 C. D. Reimers

Kostenfaktor im Gesundheitswesen (bis zu knapp Herzkrankheit (7 Kap. „Koronare Herzerkrankung


5 % aller direkten Gesundheitskosten). (KHK)“) gesenkt. Um eine Gewichtszunahme zu
In den letzten Jahren wurden durch umfangrei- verhindern oder ein bereits bestehendes Überge-
 che Studien insbesondere die gesundheitsschädi- wicht zu reduzieren, sind allerdings recht hohe kör-
genden Wirkungen langen Sitzens deutlich. Täglich perliche Aktivitäten notwendig, größenordnungs-
viele Stunden Sitzen (z. B. auf dem Arbeitsweg und mäßig etwa eine Stunde mäßige oder eine halbe
im Büro, eventuell abends noch vor dem Fernseher) Stunde intensive körperliche Aktivität täglich.
verkürzen das Leben im Durchschnitt um mehrere Körperlich aktive Personen haben ein um
Jahre und lassen sich auch durch zusätzlichen Sport 20–30 % vermindertes Risiko gegenüber inaktiven,
u. U. nicht mehr vollständig ausgleichen. So weisen eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln, und
beispielsweise Männer, die 10 Stunden pro Woche ein etwa 25–30 % niedrigeres Risiko, einen Schlag-
im Auto sitzen, ein um 80 % höheres Risiko auf, anfall zu erleiden oder an dessen Folgen zu verster-
an einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems ben (7 Kap. „Schlaganfälle“).
(inkl. Herzinfarkt) zu erkranken, als diejenigen, Körperlich aktive Kinder und Jugendliche sind
die weniger als 4 Stunden im Auto sitzen. Allein 2 im Schnitt intelligenter und bringen bessere schuli-
Stunden Fernsehen im Sitzen täglich erhöhen die sche Leistungen. Interventionsstudien lassen darauf
Wahrscheinlichkeit, zuckerkrank zu werden, um schließen, dass Bewegung die geistige Leistungsfä-
ein Siebtel. higkeit verbessert und die Ergebnisse nicht etwa
durch eine höhere Bewegungsfreude intelligenterer
? Welche gesundheitsfördernden Wirkungen Kinder und Jugendlicher nur vorgetäuscht werden.
hat körperliche Aktivität? Ähnliches gilt offensichtlich auch im Erwachsenen-
alter. Auch das Risiko, später eine Demenz zu ent-
Dieser Abschnitt soll die einzelnen Kapitel in wickeln, ist bei regelmäßig körperlich aktiven Per-
diesem Buch nicht ersetzen, sondern zunächst sonen gegenüber Inaktiven um etwa ein Viertel bis
einen groben Überblick über die wichtigsten ein Drittel vermindert (7 Kap. „Demenz“).
Effekte körperlicher Aktivität auf die Gesundheit Die Gefahr, depressiv zu werden, ist bei kör-
geben. perlich aktiven Personen geringer als bei inaktiven.
Regelmäßige körperliche Aktivität senkt den Leichte Depressionen lassen sich zudem mit regel-
Blutdruck im Mittel um etwa 3 %, bei erhöhtem mäßiger körperlicher Aktivität ähnlich gut behan-
Blutdruck noch stärker (7 Kap. „Bluthochdruck“). deln wie mit Medikamenten (7 Kap. „Depression“).
Die Blutgerinnung wird durch regelmäßige körper- Durch körperliche Aktivität mit Kraftaufwand
liche Aktivität günstig beeinflusst. sowie Zug und Biegung an den Knochen wird dem
Die Wirksamkeit des Insulins, des Hormons, Knochenabbau im Alter (Osteoporose) entgegenge-
welches ermöglicht, dass der Blutzucker in die Fett- wirkt. Günstig wirkt sich besonders Sport im Freien
und Muskelzellen aufgenommen wird, wird durch aus, da die Sonneneinstrahlung die Vitamin-D-Bil-
körperliche Aktivität erhöht. Der Blutzucker kann dung in der Haut fördert (7 Kap. „Osteoporose“).
so besser verstoffwechselt werden. Zudem muss Insgesamt ist das Sterberisiko, d. h., das Risiko,
die Bauchspeicheldrüse weniger Insulin produ- innerhalb eines bestimmten Zeitraumes (angege-
zieren, und damit sinkt das Risiko, einen Diabetes ben wird meist 1 Jahr) zu sterben, bei körperlich
mellitus Typ 2 zu entwickeln. Der Diabetes melli- aktiven Personen um etwa ein Drittel bis ein Viertel
tus entsteht, wenn der Insulinbedarf die Fähigkeit niedriger als bei inaktiven. Dementsprechend war
der Bauchspeicheldrüse, Insulin zu bilden, über- die Lebenserwartung in den epidemiologischen
steigt (7 Kap. „Diabetes mellitus“). Selbst leichte Studien bei multivariater Analyse um 2–5 Jahre
körperliche Aktivität einmal pro Woche ist noch höher als bei Inaktiven. Das bedeutet, dass direkt
nachweisbar wirksam. Mehr Aktivität ist natürlich durch die körperliche Aktivität und nicht indirekt
wünschenswert und effektiver. vermittels günstiger Einflüsse auf die anderen Risi-
Regelmäßige körperliche Aktivität hebt die kofaktoren (z. B. Bluthochdruck, Diabetes mellitus,
Konzentration von HDL-Cholesterin („gutes Karzinome) das Leben um mehrere Jahre verlängert
Cholesterin“) und senkt die Konzentration von werden kann. Hinzu kommt, dass körperliche Inak-
LDL-Cholesterin („böses Cholesterin“). Damit tivität im Durchschnitt mit einer um 1½–2½ Jahre
wird das Risiko insbesondere einer koronaren längeren Phase körperlicher und/oder geistiger
Gesundheitliche Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inaktivität
13 
Hinfälligkeit (und Pflegebedürftigkeit) am Lebens- leicht erhöhte Risiken birgt: eine Herzattacke und
ende einhergeht. Mit anderen Worten: Körperliche Verletzungen.
Inaktivität in früheren Jahren geht im Mittel mit Jede körperliche und somit auch sportliche
einem kürzeren Leben und geringerer Lebensquali- Betätigung geht mit einer vermehrten Herzbe-
tät im Alter einher. Die Phase des gesunden Lebens lastung einher: Die Pulsfrequenz, der Blutdruck
lässt sich durch entsprechende Aktivität insgesamt und die Auswurfleistung des Herzens (Menge des
im Mittel um 6–8 Jahre verlängern. Das Ausmaß mit jedem Herzschlag beförderten Blutes) steigen.
der Effekte ist natürlich davon abhängig, wie viele Damit müssen auch die Herzkranzgefäße, die den
Jahre und wie sehr man aktiv oder inaktiv war. Herzmuskel mit Nährstoffen versorgen, mehr Blut
Würden alle diejenigen, die bisher in Deutschland fördern. Besteht eine Einengung eines oder mehre-
körperlich inaktiv sind, täglich mindestens 15–30 rer Herzkranzgefäße, so kann es zu einem Missver-
Minuten zügig zu Fuß gehen, würde die durch- hältnis zwischen Blutbedarf und -zufuhr kommen.
schnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung Das Ergebnis ist meist eine sog. Angina pectoris
rechnerisch um wahrscheinlich knapp ein halbes (Schmerzen oder Engegefühl in der Brust), die ein
Jahr steigen. Fortsetzen der Belastung sinnvollerweise bremst.
Übrigens ist eine sportliche Aktivität in der Im ungünstigen Fall kommt es aber auch zu plötz-
Jugend keine Bank, auf der man sich sein Leben lichen Herzrhythmusstörungen, die schlimms-
lang ausruhen kann. Lebenslange Aktivität ist tenfalls zu einem Herzstillstand führen können.
natürlich das Beste. „Spätberufene“, die erst in der Besonders gefährdet sind Personen mit einem Dia-
zweiten Lebenshälfte die Aktivität entdecken, pro- betes mellitus, da sie manchmal die Angina pectoris
fitieren aber auch erheblich. als Warnsymptom nicht wahrnehmen.
Zum Glück sind derartige Ereignisse extrem
? Gibt es weitere Gründe, Sport zu treiben? selten. 1–2 von 100.000 Sportlern sterben jähr-
lich beim Sport. Durch eine sportärztliche oder
Ist es nicht herrlich, bei schönem Wetter in der kardiologische Voruntersuchung und ggf. ent-
freien Natur Rad zu fahren, zu laufen oder einen sprechend angepasstes Verhalten kann man das
Fluss entlang zu paddeln? Sport ist nicht nur (mit- Risiko vermindern (s. 7 Kap. „Koronare Herz-
unter) anstrengend, sondern kann auch ganz viel krankheit“). Außerdem ist das Risiko auch vom
Spaß machen. Das gilt insbesondere dann, wenn Trainingszustand abhängig: Wer häufiger trai-
man den Genuss und Spaß mit anderen teilt. Ani- niert, hat bei jeder einzelnen Trainingseinheit ein
mieren Sie andere, mit Ihnen Sport zu treiben, und weniger erhöhtes Risiko als derjenige, der selte-
lassen Sie sich von anderen dazu animieren! ner trainiert.
Sport in der Gemeinschaft bietet eine hervor- Bei vielen Sportarten gibt es ein Verletzungsri-
ragende Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen. siko. Dieses ist von vielen Faktoren abhängig. Der
Es muss nicht immer ein Sportverein sein. Möglich- wohl wichtigste Faktor ist die Sportart selbst. So ist
keiten bieten das unmittelbare persönliche Umfeld, das Verletzungsrisiko beim Nordic Walking und
Fitnesskurse (Volkshochschule, Krankenkassen beim Tischtennis gering, beim Rennradfahren und
etc.), Fitnessstudios, Lauf- und Nordic Walking- bei Mannschaftsballsportarten deutlich höher. Eine
Treffs etc. wichtige Rolle spielt natürlich das Beherrschen der
Die Teilnahme an Sportangeboten wird z. T. Technik. Auch die Ausrüstung muss geeignet sein
auch von den Krankenkassen unterstützt oder (z. B. intakte Bremsen und selbstverständlich ein
honoriert, wenn sie der Prävention dienen oder gar Kopfschutz beim Radfahren). Die Witterung kann
auf bestimmte Indikationen (z. B. Bluthochdruck eine Rolle spielen (Glätte!). Schließlich sollte man
oder Zuckererkrankung) ausgerichtet sind. einen „Kaltstart“ vermeiden und sich vorher auf-
wärmen oder langsam beginnen.
? Welche Risiken ergeben sich durch sportliche Darüber hinaus kann es bei bestimmten Erkran-
Aktivität? kungen zusätzliche spezifische Risiken geben, bei-
spielsweise eine Unterzuckerung (Hypoglykämie)
Grundsätzlich ist angepasste sportliche Aktivität bei Diabetes mellitus. Diese Risiken werden im
risikoarm. Man muss aber eingestehen, dass Sport Zusammenhang mit den jeweiligen Erkrankun-
gegenüber dem Aufenthalt auf dem Sofa zwei gen in diesem Buch beschrieben.
14 C. D. Reimers

? Reicht die körperliche Aktivität bei der Arbeit


und im Haushalt?

 Es gibt keinen Zweifel, dass es für die Gesundheit


im Allgemeinen besser ist, bei der Arbeit körperlich
aktiv zu sein statt nur zu sitzen. Aber: Die körperli-
che Aktivität ersetzt aus mehreren Gründen keine
körperliche Freizeitaktivität. So haben epidemiolo-
gische Studien gezeigt, dass körperliche Aktivität in
der Freizeit selbst dann der Gesundheit zuträglicher
ist, wenn sich die berufliche und die Freizeitaktivi-
tät bezüglich des dabei entstehenden Energiever-
brauches nicht unterscheiden. Beruflich bedingte
körperliche Aktivität ist oft einseitig. Sie trainiert
häufig nur bestimmte Muskeln, manchmal sind
diese sogar überlastet. Ein Ausgleich wäre dann
notwendig. Schließlich ist die beruflich oder häus-
lich erbrachte Aktivität vielfach nicht so groß, dass
optimale gesundheitliche Effekte erzielt werden
können. In den meisten Berufen liegt beispielweise
die tägliche Schrittzahl zwischen 5.000 und 8.000
Schritten, also deutlich unter der Zielmarke von
mindestens 10.000 Schritten pro Tag.

Literatur

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15

Start in den Sport


Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


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in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_3
16 C. D. Reimers

Sie haben sich vorgenommen, in Zukunft körper- Hindernisse gibt es ebenso viele. Da ist zum
lich aktiv oder aktiver zu sein und Sport zu treiben. einen der „innere Schweinehund“, also die Bewe-
Damit gehören sie möglicherweise zu den 10–25 % gungsträgheit. Vielfach wird Zeitmangel ange-
der bisher körperlich inaktiven Personen, die jedes führt. Auch Mangel an Bewegungsmöglichkei-
Jahr mit einem Bewegungsprogramm beginnen. ten im Wohnumfeld kann einen Grund darstellen
Insbesondere bei nicht ganz gesunden Personen (Wohnung mitten in einer belebten Stadt). Aber
 sind u. U. im Vorfeld und nach Beginn des Trai- es kann auch einfach der Antrieb fehlen, die guten
nings einige Punkte zu beachten. Außerdem soll Vorsätze in die Realität umzusetzen. Daher ist es
das Vorhaben ja längerfristig erfolgreich sei und wichtig, sich auch die letzte Frage zu stellen und
nicht – wie bei etwa jedem Zweiten – binnen eines sich ggf. selbst Termine zu setzen.
Jahres wieder beendet werden. Sind Sie nun zum Entschluss gekommen, sich
tatsächlich mehr bewegen zu wollen, sollten Sie
? Wie schaffe ich den Einstieg in mehr möglichst bald folgende Überlegungen anstellen:
Bewegung? 55 Welche Sportart möchten Sie praktizieren?
55 Was benötigen Sie dazu?
Am Anfang muss natürlich der Wille stehen, das 55 Wo können Sie Ihre Pläne umsetzen?
Bewegungspensum zu erhöhen. Um diesen Willen 55 Wer soll Sie eventuell begleiten?
auch in die Tat umzusetzen, ist es sinnvoll, sich zu 55 Wann geht es los?
Beginn ein paar Fragen zu stellen:
55 Warum will ich mich mehr bewegen? Als letzte Schritte besorgen Sie die notwendigen
55 Was will ich konkret ändern (z. B. kein Aufzug Utensilien (z. B. Laufschuhe, Nordic-Walking-
und keine Rolltreppe mehr, mit dem Fahrrad Stöcke), suchen Sie sich einen Gleichgesinnten
zur Arbeit etc.)? und treffen Sie Verabredungen, sichern Sie sich die
55 Was hinderte mich bisher daran? Unterstützung in Ihrem Umfeld (machen sich aber
55 Was könnte ich tun, um diese Hemmnisse davon nicht abhängig!) und melden sich ggf. in der
abzubauen? Einrichtung an, in der Sie Sport treiben wollen.
55 Wann will ich konkret was und wie beginnen?
? Was muss ich im Vorfeld bedenken?
Am einfachsten ist sicher die erste Frage zu beant-
worten, wenn auch die Antwort in verschiede- Um das tägliche Pensum an Bewegung zu erhöhen,
nen Altersklassen unterschiedlich ausfällt bzw. die bedarf es meistens keiner speziellen Vorbereitung.
Prioritäten andere sind. Sportlich aktive Menschen Damit kann man sofort beginnen. Es ist aus unter-
treiben Sport insbesondere aus Spaß und Freude an schiedlichsten Gründen sehr sinnvoll, jede Mög-
der Bewegung, um sich wohlzufühlen, als Ausgleich lichkeit einer Bewegung im Alltag zu nutzen. Legen
zum Alltag und zur Verbesserung der Fitness. Für Sie beispielsweise den Arbeitsweg regelmäßig mit
junge (< 19 Jahre) und ältere Menschen (> 65 Jahre) dem Fahrrad zurück! Das ist gesund, umwelt-
spielen zudem die häufig damit verbundenen sozia- freundlich, sehr preisgünstig, zeitsparend (kein
len Kontakte eine wichtige Rolle. Für die 19- bis Warten auf Verbindungen) und je nach Wegstre-
65-Jährigen sind hingegen Entspannung, Ausgleich cke auch noch angenehm. Auch das Einkaufen und
und Stressabbau vielfach von größerer Bedeutung. andere Aufgaben kann man so gut erledigen. Im
Häufiger Grund für bisher nicht sportlich aktive Beruf ist ein Stehpult gesundheitlich günstiger als
Menschen, im Erwachsenenalter mit Sport zu ein konventioneller (Sitz-)Schreibtisch.
beginnen, ist der Wunsch, fitter zu werden, über- Je nach Alter, eventuellen Erkrankungen,
schüssige Pfunde abzutrainieren oder spezifische gewünschter Sportart und angestrebter Belastung
Beschwerden besser in den Griff zu bekommen. ist es vor Aufnahme von Sport sinnvoll, manchmal
Wenn der Einstieg funktioniert, können und sollten sogar notwendig, eine ärztliche Untersuchung und
sich die vorgenannten Motivationen zusätzlich ein- Beratung in Anspruch zu nehmen. Ein Sportarzt,
stellen und mit dafür sorgen, dass der Sport lang- der Ihre Intention durch gezielte Beratung unter-
fristig betrieben wird. Funktionale Ziele können stützen kann, wäre ein guter Ansprechpartner.
eine Einstiegmotivation sein. Für die Dauerhaftig-
keit sollten sie jedoch möglichst bald durch sport- ? Wo erhalte ich eventuell Unterstützung bei
immanente Ziele abgelöst werden. der Umsetzung meiner Pläne?
Start in den Sport
17 
Viele Krankenkassen bieten ihren Mitgliedern sog. empfohlen, eine kardiologische Untersuchung vorzu-
Gesundheitskurse an, u. a. auch ganz unterschied- nehmen, vor allem, um eine eventuelle latente (noch
liche Sportkurse, oder sie bezuschussen die Teil- symptomlose) koronare Herzkrankheit zu entdecken,
nahme an derartigen Kursen oder die Aufnahme die einen Risikofaktor für gefährliche Herzrhythmus-
in ein Fitnessstudio. Auch Beitragsrückerstattun- störungen unter Belastung darstellen kann (7 Kap.
gen oder andere Prämien für Mitglieder, die regel- „Koronare Herzerkrankung (KHK)“). Das Gleiche
mäßig an sportlichem Training teilnehmen oder gilt, wenn Sie sich unter der Belastung nicht wohl
das Deutsche Sportabzeichen erworben haben, fühlen, weil z. B. Schwindel auftritt. Auch eine fami-
werden angeboten. Übrigens: Manche Veranstal- liäre Belastung mit plötzlichem Herztod in jungen
ter (Vereine) bieten denjenigen, die sich auf die Jahren (vor dem 50.–60. Lebensjahr) sollte Anlass zu
Prüfungen zum Erwerb des Deutschen Sportab- einer kardiologischen Untersuchung sein.
zeichens vorbereiten wollen, für geringe Beiträge Darüber hinaus können es verschiedene
ein Training an. Auch größere Betriebe bieten viel- Erkrankungen erforderlich machen, dass zuvor
fach Sportprogramme an. eine ärztliche Untersuchung und/oder Beratung
Rehabilitationssport und Funktionstraining stattfindet, da z. B. bei bestimmten Erkrankungen
(an Land oder im Wasser) können vom Arzt ver- spezielle Sportarten ungeeignet oder gar gefähr-
ordnet werden. In der Regel handelt es sich um 50 lich sind. Dies gilt vor allem für Vorschäden am
Übungseinheiten. Sie müssen im Zeitraum von 1½ Bewegungsapparat. Man denke aber beispielsweise
Jahren absolviert werden. Trainiert wird in kleinen auch an Sportarten, bei denen hohe Geschwindig-
Gruppen von maximal 15 Teilnehmern unter keiten entwickelt werden (z. B. Sprints), oder wenn
Anleitung von geschulten Übungsleitern, Kran- es z. B. beim Schwimmen zu epileptischen Anfällen
kengymnasten bzw. Sporttherapeuten. mit plötzlich auftretenden Bewusstseinsstörungen
Nach einer Rehabilitationsmaßnahme der Ren- kommen kann. Hierzu finden sich Hinweise in den
tenversicherungsträger kann man an einem Reha- entsprechenden Kapiteln dieses Buches. Grund-
bilitationssport oder Funktionstraining in Gruppen sätzlich kann man aber festhalten, dass es für jede
teilnehmen. Rehabilitationssport kann insbeson- Erkrankung eine Reihe geeigneter Sportarten gibt.
dere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nach Ope- Verschiedene Krankenkassen übernehmen die
rationen und bei Unfallfolgen an den Bewegungs- Kosten der Untersuchung bis zu einem Höchst-
organen, bei bestimmten Atemwegserkrankungen betrag. Auf der Homepage der Deutschen Gesell-
und nach bestimmten onkologischen Erkrankun- schaft für Sportmedizin und Prävention e.V.
gen Anwendung finden. Bei entzündlich-rheuma- (DGSP) erhalten Sie unter der Rubrik „Sportärzt-
tischen Erkrankungen kommt hingegen Funktions- liche Untersuchung“ mehr Informationen (Stand:
training in Betracht. Die Verordnung der Rehabi- 16.03.2018).
litationseinrichtung für den Rehabilitationssport
bzw. das Funktionstraining gilt in der Regel bis zu ? Wie schaffe ich es, langfristig in Bewegung zu
6 Monate. Der Rehabilitationssport muss allerdings bleiben?
spätestens innerhalb von 3 Monaten nach Ende
der medizinischen Rehabilitation beginnen. Eine Welcher Mensch, der sich bisher wenig bewegt hat,
Wiederholungsverordnung ist unter bestimmten nimmt sich nicht für das neue Jahr vor, sich mehr
Umständen möglich. zu bewegen? Nach Untersuchungen ist das mehr
als jeder Zweite. Aber davon hält nur jeder Zweite
? Wann ist eine ärztliche Untersuchung sinnvoll seinen Vorsatz auch länger durch. Damit Sie nicht
oder notwendig? zu Letzteren zählen, sollen im Folgenden einige
Tipps gegeben werden, wie Sie die guten Vorsätze
Ist man gesund und unter etwa 35 Jahre alt, ist eine leichter nachhaltig umsetzen können.
sportärztliche Untersuchung zwar wünschenswert,
aber nicht unbedingt notwendig. Danach steigt das ? Wie kann ich meine Motivation steigern?
Risiko einer koronaren Herzkrankheit an, insbe-
sondere, wenn Gefäßrisikofaktoren wie Bluthoch- Sorgen Sie dafür, dass Sie selbst mehr Bewe-
druck, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), deutli- gung wollen! Die Aufforderung beispielsweise des
ches Übergewicht oder eine erbliche Belastung mit Arztes, Sie sollten sich mehr bewegen, wird kaum
Gefäßerkrankungen vorliegen. In diesen Fällen wird zu einer längerfristigen Motivation führen. Stellen
18 C. D. Reimers

Sie sich z. B. vor, Sie essen gerne und haben Über- Dokumentationsmöglichkeiten können hier eine
gewicht. Ihr Arzt rät Ihnen, sich mehr zu bewegen, Hilfe sein.
um das Gewicht zu reduzieren oder zumindest zu Greifen Sie auf frühere Lieblingssportarten
halten. Das wird als Motivation zu mehr Bewegung zurück! Die Chance, die guten Vorsätze langfris-
kaum lange vorhalten. Wenn Sie sich aber beispiels- tig umsetzen zu können, ist höher, wenn Sie auf
weise vornehmen, sich regelmäßig zu bewegen, Bewegungsformen zurückgreifen, die Ihnen schon
 um sich mit dem Essen nicht allzu sehr zurück- in der Jugend gefielen, natürlich nur dann, wenn
halten zu müssen (was ohnehin selten gut klappt), Ihre Lieblingssportart noch altersadäquat ist.
so könnte das besser funktionieren. Auch wird der Belohnen Sie sich selbst für Ihren Fleiß! Setzen
Wunsch, die Zahl der Migräneattacken ohne täg- Sie sich persönliche Ziele (z. B. jeden Monat) und
liche Tabletteneinnahme zu vermindern, eher zu vergleichen Sie diese mit dem tatsächlich Erreich-
sportlicher Aktivität führen als der alleinige ärzt- ten! Haben Sie ihr Ziel erreicht, so gönnen Sie sich
liche Hinweis, dass sich regelmäßiger Sport positiv eine Belohnung. Das wirkt als Selbstverstärkung.
auf eine Migräne auswirken könnte. Treiben Sie Sport mit anderen, so können Sie der-
Schaffen sie Verbindlichkeiten! Damit gelingt artige Vereinbarungen natürlich auch gemeinsam
es leichter, Widerstände gegen sportliche Betä- umsetzen.
tigung aus dem Weg zu räumen. Wenn Sie sich Ein Schrittzähler kann als Biofeedback geeignet
beispielsweise mit anderen zum Sport verabredet sein, die tägliche Wegstrecke zu Fuß zu vergrößern.
haben oder wenn Sie feste Trainingszeiten haben, Betten Sie die neue sportliche Aktivität in
wird es Ihnen eher gelingen, sich aufzuraffen, andere Änderungen der Lebensumstände ein!
obwohl das Wetter vielleicht gerade nicht einla- Vielfach gelingt es besser, die Vorsätze zu mehr
dend ist oder Sie vielleicht ein wenig müde sind. Bewegung in die Realität umzusetzen, wenn sich
Handyverbot vor dem verabredeten Termin hilft gleichzeitig andere Lebensumstände ändern. Dies
manchmal über die letzte Schwelle (keine Alterna- kann beispielsweise ein Umzug sein, eine neue Part-
tivangebote zur Freizeitgestaltung). Überlegen Sie, nerschaft oder leider oftmals auch eine Krankheit.
ob es nicht sinnvoll sein könnte, in einen Verein Liegt all das nicht vor, kann es hilfreich sein, selbst
oder ein Fitnessstudio einzutreten, sich für einen umfangreichere positive Veränderungen herbeizu-
Fitnesskurs anzumelden oder an einem Lauf- oder führen, z. B. Nichtrauchen oder gesünderes Essen
Walking-Treff teilzunehmen! (ohnehin sinnvoll flankierende Maßnahmen).
Suchen Sie Gleichgesinnte! In der Gruppe Körperliche Aktivität sollte positiv besetzt
macht Sport oft mehr Spaß. Wer sich gegenseitig sein (Spaß machen) und nicht als Pflicht verstan-
animiert, überwindet manche inneren Hemmnisse. den werden.
Also: Vielleicht macht jemand aus der Familie oder
aus dem Bekanntenkreis mit, der die gleichen guten ? Wie kann ich Hindernisse aus dem Weg
Vorsätze hat, oder Sie schließen sich einer bereits räumen?
bestehenden Gruppe an.
Werden Sie initiativ! Jedes Jahr gibt es beispiels- Nutzen Sie Alltagsaktivitäten! Schon kleine Bewe-
weise eine bundesweite Aktion „Mit dem Fahrrad gungseinheiten sind wahrscheinlich gesundheitlich
zur Arbeit“ (https://www.mit-dem-rad-zur-arbeit.de/ wirksam. Benutzen Sie daher so oft wie möglich
bundesweit/index.php). Vielleicht sorgen Sie dafür, die Treppe statt den Aufzug oder die Rolltreppe!
dass Sie und Ihre Kollegen sich nächstes Jahr daran Wie wäre es mit einem Fahrradergometer vor dem
beteiligen. Fernseher? Zähneputzen auf einem Bein trainiert
Dokumentieren Sie Ihre regelmäßigen Aktivi- Ihr Gleichgewicht.
täten! Durch einen Trainingskalender, in den Sie Machen Sie es sich leicht, sich zu bewegen!
Ihre Aktivitäten (Art, Dauer, Intensität etc.) regel- Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie müssen noch
mäßig eintragen, verschaffen Sie sich einen Über- etwas erledigen und stehen vor der Frage, wie Sie
blick über das tatsächlich Geleistete. Viele Men- dorthin kommen. Ist das Fahrrad rasch griff- und
schen haben den Ehrgeiz, ihre Leistung zu steigern einsatzbereit, so werden Sie es eher nutzen, als
und später auf einem bestimmten Niveau zu halten. wenn Sie es vielleicht erst aus dem Keller holen oder
Das funktioniert so viel besser als ohne Dokumen- gar erst fahrbereit machen müssen. Ein E-Bike,
tation. Auch die vielen Fitnessarmbänder mit ihren wenn Sie es wirklich als Unterstützung und nicht
Start in den Sport
19 
als Alternative zum Radfahren benutzen, erwei-
tert Ihren Radius beträchtlich und schafft so mehr
aktive Fortbewegungsmöglichkeiten.
Beschaffen Sie sich eine geeignete Ausrüstung
sowie passende und bequeme Sportbekleidung!

? Wie kann ich Misserfolge verhindern?

Setzen Sie sich realistische Ziele! Das erste Ziel


darf ruhig relativ naheliegend sein. Das Erreichen
von selbstgesetzten Zielen motiviert und stärkt
Ihre Selbstwirksamkeitserwartung, das Verfehlen
eigener Ziele demotiviert. Beginnen Sie also mit
niedrigen Anforderungen, die Sie problemlos reali-
sieren können! Dann genießen Sie Ihr Erfolgserleb-
nis und steigern Sie Ihre Ansprüche entsprechend
Ihrem aktuellen Leistungsstand.
Lassen Sie sich durch schlechtes Wetter nicht
von sportlicher Aktivität abhalten! Geeignete Klei-
dung kann hilfreich sein. Außerdem ist es oft so,
dass die Vorstellung, sich draußen im Regen zu
betätigen, störender ist als die tatsächliche Beein-
trächtigung, wenn man von Regen überrascht wird
oder sich bei Regen auf den Weg macht. Nutzen Sie
das positive Gefühl, sich trotz widriger Umstände
aufgerafft zu haben, als positiven Selbstverstärker!
Vermeiden Sie Zeitdruck! Packen Sie die Sport-
tasche bereits am Vorabend!
Lieber zu spät zum Training als gar nicht!
Planen Sie Ihre Mahlzeiten so, dass Hunger
oder ein voller Magen nicht zum Sporthindernis
werden!
Generell gilt: Leistungssteigerung erreicht man
nur durch regelmäßige Aktivität. Leistungssteige-
rung ist relativ kurzfristig zu erreichen, Gesundheit
braucht Nachhaltigkeit und ist daher nur längerfris-
tig zu erreichen und zu stabilisieren

Literatur
Hänsel F, Baumgärtner SD, Kornmann JM, Ennigkeit F (2016)
Sportpsychologie. Springer, Berlin, Heidelberg
Fuchs R, Göhner W, Seelig H (Hrsg) (2007) Aufbau eines kör-
perlich-aktiven Lebensstils. Hogrefe, Göttingen
21

Neurologie
Schlaganfälle – 23
Carl D. Reimers und Joachim Gerber

Parkinson-Syndrom – 33
Andreas Straube

Kognitive Störungen und Demenz – 39


Andreas Straube

Epilepsie – 47
Andreas Straube

Multiple Sklerose und andere chronische


entzündliche Hirnerkrankungen – 53
Andreas Straube

Kopfschmerzen – 59
Andreas Straube

Depression – 67
Andreas Broocks

Fibromyalgie-Syndrom – 75
Carl D. Reimers

Chronisches Müdigkeitssyndrom (Chronic


Fatigue Syndrome) – 83
Carl D. Reimers
23

Schlaganfälle
Carl D. Reimers und Joachim Gerber

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_4
24 C. D. Reimers und J. Gerber

? Was ist ein Schlaganfall? ? Wie entsteht ein Schlaganfall?

Unter einem Schlaganfall versteht man eine Mangeldurchblutungen entstehen meist durch
plötzliche, akute Hirnerkrankung, bei der unter- eine lokale Gefäßverengung, z. B. in den großen
schiedliche Teile des Gehirns geschädigt werden Halsschlagadern, als Folge einer Gefäßverkalkung
können. Diese Schädigung wird verursacht ent- (Arteriosklerose) und/oder durch Blutgerinnsel,
weder durch den Verschluss eines Blutgefäßes die sich dort oder im Herzen bilden können, dann
(meist einer Arterie), welcher zu einer Mangel- als sog. Embolus ins Gehirn gespült werden und
 durchblutung führt, oder durch das unkontrol- dort ein Gefäß verschließen. Diese Ursachen führen
lierte Austreten von Blut aus einem geschädig- oft zu recht ausgedehnten Schlaganfällen. Eine
ten Blutgefäß in das umgebende Hirngewebe andere häufige Ursache ist der Verschluss kleiner
(Blutung). Sowohl bei der Mangeldurchblutung Arterien, die in der Tiefe des Gehirns verlaufen. Ein
als auch bei der Blutung kommt es zum Zellunter- Verschluss einer solchen Arterie führt häufig nur zu
gang von Nervenzellen im Gehirn, wodurch, je kurzzeitigen Ausfällen. Bei wiederholten Schlagan-
nach Ausmaß und Ort der Schädigung, vielfältige fällen können sich die Ausfallserscheinungen aber
Beschwerden und Störungen der Körperfunktion addieren und dadurch doch bedeutsame Beein-
ausgelöst werden können. trächtigungen verursachen. Ursachen für diese
Die Mangeldurchblutungen können einer- Form sind häufig eine Zuckererkrankung (Diabe-
seits flüchtige, also nur kurze Zeit auftretende tes mellitus) oder ein Bluthochdruck. Selten sind
Funktionsstörungen (sog. transiente ischämische auch die blutableitenden Gefäße (Venen und sog.
Attacke, abgekürzt: TIA), andererseits aber auch Sinus), die das Blut aus dem Gehirn wieder zum
länger dauernde bzw. bleibende Funktionsstörun- Herzen zurückbefördern, verstopft, so dass es durch
gen auslösen (Hirninfarkt). Rückstau des Blutes zu einer Einblutung kommt.
Bei den Blutungen unterscheidet man solche, Zusammenfassend sind die Veränderungen
bei denen es in das Hirngewebe einblutet (sog. der Gefäßwände, die im Rahmen der Gefäßver-
intrazerebrale Blutungen; lateinisch cerebrum = kalkung (Arteriosklerose) auftreten, eine der wich-
Gehirn, lateinisch intra = innen), und solche, bei tigsten Ursachen für den Schlaganfall. Die Arte-
denen es in das das Hirngewebe umgebende „Ner- riosklerose entsteht langsam im Laufe der Jahre,
venwasser" (medizinisch: Liquor cerebrospinalis) wenn bestimmte ungünstige Risikofaktoren vor-
blutet. Man nennt Letzteres eine Subarachnoidal- liegen. Diese Faktoren sind heute gut bekannt und
blutung (lateinisch arachnoidea = Spinnenhaut, die lassen sich zum großen Teil beeinflussen. Damit
auf dem Hirngewebe liegt, lateinisch sub = unter), kann dann auch das Voranschreiten der Arterio-
also eine Blutung innerhalb bzw. unterhalb der sklerose gebremst oder sogar gestoppt werden.
Spinnenhaut. Bei einer weiteren seltenen Form Der wichtigste Risikofaktor ist ein Bluthoch-
liegt die Blutung zwischen Hirnhaut und Spinnen- druck (arterielle Hypertonie). Das Schlaganfall-
haut. Diese Form kann z. B. bei älteren Menschen risiko verdoppelt sich ausgehend von einem Blut-
nach eher geringfügigen Traumen auch chronisch druckwert von 115/75 mit jeder Erhöhung um
auftreten. Man nennt dies dann ein (chronisches) 20/10 mmHg. Weitere wissenschaftlich gesicherte
subdurales Hämatom, das keinen Schlaganfall im Risikofaktoren sind u. a. Rauchen (Schlaganfall-
engeren Sinne darstellt. risiko bei 20 Zigaretten täglich etwa 5- bis 6-fach
Die Mangeldurchblutungen machen etwa erhöht), ungesunde Ernährung, erhöhte Blutfette,
80–87 % aller Schlaganfälle aus, intrazerebrale Blu- Übergewicht sowie mangelnde körperliche Akti-
tungen sind in 10–15 % Ursache eines Schlagan- vität. Auch die Einnahme oraler Kontrazeptiva
falls, und nur in ca. 3 % findet sich bei den Schlag- („Pille“), das Schlafapnoe-Syndrom („nächtliche
anfallpatienten eine Subarachnoidalblutung. Atempausen“), erhöhter Alkoholkonsum oder ein
Laut statistischem Bundesamt starben im Jahr Drogenkonsum erhöhen das Schlaganfallrisiko.
2014 Deutschland 422.225 Männer, davon 22.012 Man schätzt, dass Rauchen, regelmäßiger
(5,2 %) an den Folgen eines Schlaganfalls, bei Alkoholkonsum, schlechte Ernährung, körperli-
Frauen waren von den 446.131 Todesfällen 33.220 che Inaktivität, Bluthochdruck, Übergewicht, eine
(7,4 %) durch einen Schlaganfall verursacht. Die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), psychosozia-
Zahl war in den letzten Jahren rückläufig. ler Stress und Depression, Herzerkrankungen sowie
Schlaganfälle
25 
erhöhte Apolipoprotein-A1- und -B-Konzentra- Bei einer Subarachnoidalblutung steht dagegen
tionen (spezielle Blutfette) weltweit für 90  % aller ein akuter, heftigster Kopfschmerz („noch nie so
Schlaganfälle verantwortlich sind, mehr als 50  % erlebt“) im Vordergrund.
davon allein durch Bluthochdruck.
Ein weiterer gefährlicher Risikofaktor ist das ? Wie verläuft ein Schlaganfall?
Vorhofflimmern, eine spezielle Form der Herz-
rhythmusstörung. Hierbei bilden sich häufig Blut- Grundsätzlich gibt es ganz unterschiedliche Schwe-
gerinnsel in den Herzvorhöfen, die in das Gehirn, regrade der Schlaganfälle. Kleine Hirninfarkte und
aber auch in andere Organe fortgeschwemmt intrazerebrale Blutungen können in manchen Hirn-
werden und dann ganz plötzlich schwere Hirnin- regionen sogar unbemerkt ablaufen. Große Schlag-
farkte verursachen können. Seltene weitere Ursa- anfälle und Schlaganfälle im Hirnstamm können
chen sind andere Fehlbildungen des Herzen, wie z. lebensbedrohend sein. Wie die Bezeichnung
B. ein persistierendes Loch in der Herzvorhofschei- Schlaganfall nahelegt, treten die Symptome grund-
dewand (persistierendes Foramen ovale). sätzlich plötzlich auf. Die Beschwerden können sich
Subarachnoidalblutungen entstehen meist im Verlauf dann mehr oder weniger zurückbilden,
durch Einrisse sogenannter Aneurysmata. Dies aber auch dauerhaft bestehen bleiben. Der Krank-
sind Ausstülpungen der arteriellen Gefäßwand heitsverlauf kann somit sehr unterschiedlich sein.
durch lokale Gewebsschwächen, sie finden sich
meist an typischen Stellen im Bereich des Gehirns. ? Wie behandelt man einen Schlaganfall?

? Wie äußert sich ein Schlaganfall? Patienten mit Schlaganfällen sollen möglichst
unverzüglich auf einer dafür spezialisierten Kran-
Die Symptome bei einem Schlaganfall sind davon kenhausabteilung behandelt werden (sog. Schlag-
abhängig, in welcher Hirnregion sich die Schädi- anfallstation oder „Stroke Unit“). Dort wird man
gung abgespielt hat. Da die Nervenbahnen vom bei einem Hirninfarkt – soweit möglich – versu-
Gehirn ausgehend auf die jeweils andere Körperseite chen, das eventuell verschlossene Gefäß wieder zu
kreuzen, kommt es bei einer linksseitigen Hirnschä- eröffnen. Bei Blutungen muss überlegt werden, ob
digung zu einer Störung auf der rechten Körperseite. das Blut operativ entfernt werden kann. Bei einer
Am häufigsten ist die mittlere Region des Groß- Subarachnoidalblutung muss ein Aneurysma durch
hirns betroffen, die von der mittleren Hirnarterie entsprechende Untersuchungen ausgeschlossen
(Arteria cerebri media) versorgt wird. Man spricht werden bzw. bei Bestehen unverzüglich behandelt
daher im Falle einer Mangeldurchblutung auch von werden. Im weiteren Verlauf konzentrieren sich die
einem Media-Infarkt oder allgemein (unabhängig ob Bemühungen darauf, die Ursache(n) des Schlag-
Infarkt oder Blutung) von einem Media-Syndrom. anfalles zu finden und möglichst zu beseitigen, die
Hierbei kommt es zu einer Lähmung auf der anderen Symptome zu lindern und zusätzliche Komplika-
Körperseite, die oft mehr das Gesicht und den Arm tionen, z. B. durch eine Lungenentzündung oder
als das Bein betrifft, eventuell auch zu einer Sprach- Thrombosen, zu vermeiden.
störung. Bei einem Schlaganfall im Versorgungs-
gebiet der vorderen Hirnarterie (Arteria cerebri ? Kann man mit körperlicher Aktivität einen
anterior) besteht eine Gefühlsstörung und/oder Schlaganfall verhindern?
Lähmung vor allem im gegenüberliegenden Bein.
Bei einer Störung im Versorgungsgebiet der hinteren Regelmäßige körperliche Aktivität senkt den
Hirnarterie (Arteria cerebri posterior) kommt es zu Blutdruck, vermindert das Risiko einer Zucker-
Gesichtsfeldausfällen auf der anderen Seite. Beson- krankheit, stabilisiert oder senkt das Körperge-
ders komplex sind die Störungen bei Ausfällen im wicht, verbessert den Fettstoffwechsel und opti-
Hirnstamm, dem Übergang vom Großhirn zum miert die Gerinnungsfunktion. Alle diese güns-
Rückenmark (Arteria basilaris). Es kann zu Läh- tigen Einflüsse auf die Gesundheit senken das
mungen und Gefühlsstörungen an den Gliedmaßen, Schlaganfallrisiko. Natürlich ist der vorbeugende
Störungen der Hirnnerven oder Koordinationsstö- Effekt vom Alter der Person bei Beginn der Akti-
rungen kommen. Schlimmstenfalls sind lebenswich- vität abhängig: Je jünger die Person, desto größer
tige Regulationszentren im Hirnstamm betroffen. der Effekt.
26 C. D. Reimers und J. Gerber

Wissenschaftlich ist nicht eindeutig geklärt, ob Im Allgemeinen orientieren sich die sportli-
eine sehr hohe sportliche Aktivität das Schlagan- chen Empfehlungen auch für chronisch Kranke
fallrisiko besser senken kann als eine etwas gerin- an den Empfehlungen für Gesunde. Modifikatio-
gere Aktivität. Manches spricht jedoch dafür. nen an diesen Orientierungswerten können sich
Es gibt außerdem eine Vielzahl von Faktoren, aus den Befunden und körperlichen Einschrän-
über die das Schlaganfallrisiko unabhängig von kungen des Sporttreibenden ergeben. Empfohlen
den Einflüssen auf die klassischen Gefäßrisikofak- werden von den medizinischen Fachgesellschaf-
toren (hoher Blutdruck, Zuckerkrankheit, Fettstoff- ten 20–60 Minuten körperliche Aktivität mit Aus-
 wechselstörungen, Übergewicht) gesenkt werden dauercharakter bei 40–80 % der maximalen Herz-
kann. Körperliches Training beeinflusst direkt die frequenz an 3–5 Tagen pro Woche. Näherungs-
Innenschicht der kleinen Blutgefäße (Endothel), weise kann man die maximale Herzfrequenz mit
die Durchblutungsregulation wird verbessert, und der Formel 220 – Alter oder 208 – (0,7 × Alter)
Gefäßablagerungen werden stabilisiert, so dass sie bestimmen. Bei Einnahme von Betablockern ist
sich nicht mehr so leicht von der Gefäßwand lösen die maximale Herzfrequenz zur Trainingssteue-
und durch Embolien Schlaganfälle auslösen. Wei- rung allerdings ungeeignet. In diesen Fällen ist die
terhin werden zudem eine vermehrte Bildung von Borg-Skala (s. 7 Glossar, . Tab. 1) besser geeignet.
zusätzlichen kleinen Gefäßen, bessere Fließeigen- Grundsätzlich sollte zusätzlich möglichst zweimal
schaften des Blutes und eine verminderte Gerin- wöchentlich ein Krafttraining betrieben werden.
nungsneigung beobachtet, alles mögliche Beiträge Mit den Empfehlungen für die Intensität des Mus-
zu einer verminderten Schlaganfallhäufigkeit. Ins- keltrainings sind die Fachgesellschaften bei Schlag-
gesamt wirkt sich regelmäßige körperlicher Akti- anfall-Kranken jedoch etwas zurückhaltender als
vität auf das Schlaganfallrisiko ähnlich günstig aus bei Gesunden. Kraftbelastungen sind immer mit
wie auf das Herzinfarktrisiko. Wenn man sport- deutlichen und schnellen Blutdruckanstiegen ver-
lich aktiv ist, treten Schlaganfälle und die koronare bunden. Daher werden nur Kraftausdauerbelastun-
Herzkrankheit (KHK) seltener auf. Dies ist für die gen mit 40–60 % der Maximalkraft und hoher Wie-
KHK durch zahlreiche Studien gut belegt, etwas derholungszahl in Erwägung gezogen. Leider sind
weniger häufig für den Schlaganfall. Zusammen- Personen nach einem Schlaganfall im Mittel nur
fassend kann bei dem empfohlenen Bewegungs- etwa halb so aktiv wie gesunde Personen.
umfang, verglichen mit körperlich inaktiven Per-
sonen, von einer Risikosenkung von mindestens ? Kann man mit sportlicher Bewegung die
einem Viertel (25 %) ausgegangen werden. Leistungsfähigkeit nach einem Schlaganfall
Es sieht zudem so aus, als wären bei regelmä- verbessern?
ßiger körperlicher Aktivität Schlaganfälle nicht
nur seltener, sondern auch die Folgen nach einem Es konnte wissenschaftlich nachgewiesen werden,
Schlaganfall weniger ausgeprägt als bei mangelnder dass diejenigen Schlaganfall-Kranken, die durch
körperlicher Aktivität. den Schlaganfall leichte bis mittelgradige Ein-
schränkungen ihrer Leistungsfähigkeit erfahren
? Wie viel Sport muss man treiben, um das haben, aber innerhalb des ersten halben Jahres
Risiko eines späteren Schlaganfalls zu regelmäßig trainieren, eine eindeutig bessere Leis-
vermindern? tungsfähigkeit entwickeln können als diejeni-
gen, die nicht trainieren. Das Training bestand in
Es ist nicht bekannt, ab welchem Ausmaß regel- diesen Studien aus Fahrradergometer-, Laufband-
mäßiger Bewegung das Risiko sinkt, später einen und kombiniertem Ausdauer- und Krafttraining.
Schlaganfall zu erleiden. Ebenso wenig ist bekannt, Eine typische Form des kombinierten Ausdauer-
welcher Umfang an Sport das Schlaganfallrisiko und Krafttrainings ist das Circuit- oder Zirkeltrai-
optimal senkt. Die zur Beantwortung dieser Frage ning, bei dem verschiedene Stationen in vorgege-
notwendigen Studien sind nämlich kaum durch- bener Reihenfolge mehrfach absolviert werden. Die
führbar. Wahrscheinlich sinkt das Risiko eines spä- Trainingsintensität lag in den Studien bei der Ruhe-
teren Schlaganfalls mit zunehmender sportlicher Herzfrequenz plus 40–80  % der Herzfrequenzre-
Aktivität zunächst relativ rasch und mit höheren serve. Unter der Herzfrequenzreserve versteht man
Umfängen dann langsamer. die Differenz zwischen der maximalen und der
Schlaganfälle
27 
Ruhe-Herzfrequenz; 7 Glossar). Bei einer Ruhe- die nach einem Schlaganfall häufig auftretende
Herzfrequenz von beispielsweise 70/Min und einer Depression unter regelmäßiger körperlicher Akti-
maximalen Herzfrequenz von 180/Min bedeutet vität günstiger zu entwickeln.
ein Training bei 60 % der Herzfrequenzreserve folg- Am besten ist jedoch die sog. Primärpräven-
lich 70/Min plus 0,6 × (180 – 70)/Min = 136/Min. tion: Man sollte es gar nicht erst zum Schlaganfall
Die Trainingseinheiten dauerten 20–90 Minuten kommen lassen.
bei 2–5 Trainingseinheiten pro Woche. Da die
zumeist von einer einseitigen Symptomatik betrof- ? Kann man nach einem Schlaganfall
fenen Schlaganfallpatienten häufig Probleme mit überhaupt Sport treiben?
dem Gleichgewicht haben, sollte ein sensomoto-
risches Training integraler Bestandteil jeder Trai- Grundsätzlich kann fast jeder Schlaganfallpatient
ningseinheit sein. Das Training der Eigenwahrneh- Sport betreiben. Ausnahmen sind eventuell Betrof-
mung (Propriozeption) auf instabilem Untergrund fene mit schweren Ausfallserscheinungen. Aber
(Wackelpad, Therapiekreisel) verbessert die Stand- bekanntlich gibt es auch für Rollstuhlfahrer oder
und Bewegungssicherheit – eine gute Vorausset- im Sitzen geeignete Sportarten. Die Sportart muss
zung für sportliche und Alltagsbelastungen. allerdings der Behinderung, Vorerkrankung und
Man sieht: Ein gewisser regelmäßiger zeitlicher ggf. Medikation angepasst werden (s. unten).
Aufwand muss betrieben werden, um Erfolge zu
erzielen. Details zum Training werden weiter unten ? Wie wirkt Sport beim Schlaganfall?
beschrieben. Verbessert wurden in den Studien die
Ausdauer und die Gehfähigkeit, vor allem die Geh- Die meisten Untersuchungen zu den Effekten kör-
geschwindigkeit. Bei angepasster Dosierung traten perlichen Trainings nach einem Schlaganfall haben
Komplikationen durch das Training in den Studien die Gehfähigkeit untersucht. Dabei zeigte sich,
nicht auf. dass ein regelmäßiges Training die Gehgeschwin-
digkeit und die Gehstrecke verbessern kann. Auf
? Warum sollte man nach einem Schlaganfall die Wirkung auf die Stimmung wurde oben bereits
Sport treiben? hingewiesen.

Es gibt viele gute Gründe, nach einem Schlaganfall ? Wie beginnt man das Training am besten?
Sport zu treiben. Regelmäßige körperliche Aktivität
trägt dazu bei, die Risikofaktoren für einen erneu- Grundsätzlich und vor allem zu Trainingsbeginn
ten Schlaganfall (Bluthochdruck, Zuckerkrank- ist es nach einem Schlaganfall sinnvoll, die ersten
heit, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht) Trainingsschritte unter fachlicher Anleitung (Phy-
zu verringern. Bisher fehlen zwar sichere Stu- siotherapeut, Sporttherapeut) zu unternehmen,
dienergebnisse, dass nach einem bereits erfolgten z. B. in der Rehabilitationsklinik, in einer ambu-
Schlaganfall die Wahrscheinlichkeit eines weiteren lanten Rehabilitationseinrichtung oder in einem
Schlaganfalls durch regelmäßige Bewegung gesenkt gesundheitsorientierten Sportverein, der spezielle
wird, einiges spricht aber dafür, dass das der Fall ist. Angebote für Schlaganfallpatienten anbietet. Bewe-
Man kann auch davon ausgehen, dass die Beein- gungsfachleute können die geeignete Auswahl und
flussung der kardiovaskulären Risikofaktoren die Anpassung von Belastungsformen vornehmen und
Lebenszeit verlängert. So fand sich bei Patienten so anfängliche Fehlversuche und Frustrationen
nach Schlaganfall eine deutliche längere Lebens- minimeren. Die ohnehin schwierige Einstiegsmo-
dauer, wenn sie neben der Beachtung anderer Risi- tivation bekommt weniger Dämpfer, und positive
kofaktoren auch sportlich aktiv waren. Selbstwirksamkeitserfahrungen sind die beste Vor-
Sicher ist auch, dass man die Einschränkun- aussetzung für Dauerhaftigkeit.
gen durch eventuell nach einem Schlaganfall Wie bei allen bisher sportlich nicht aktiven Per-
bestehende Lähmungen, z. B. eine Halbseitenläh- sonen – vor allem bei älteren Patienten – sollte der
mung (Hemiparese), durch Training verbessern Beginn stets mit nur kurzen und geringen Belastun-
kann (s. unten). Das Niveau der Alltagsaktivität gen erfolgen. Ein Ausdauertraining (z. B. normales
lässt sich durch gezieltes Ausdauer- und Muskel- oder rasches Gehen) sollte am Anfang auf Belas-
training positiv beeinflussen. Auch scheint sich tungsphasen von wenigen Minuten (z. B. mehrfach
28 C. D. Reimers und J. Gerber

5 Minuten mit entsprechenden Pausen) begrenzt Bei Vorliegen einer Zuckerkrankheit ist darauf
werden. Je nach Fortschritt der Leistungsfähigkeit zu achten, dass längerdauernde körperliche Aktivi-
werden zunächst die Belastungsphasen verlängert, tät die Blutzuckerkonzentration senken (Hypoglyk-
später wird die Belastungsintensität erhöht. Koor- ämie), selten auch erhöhen (Hyperglykämie) kann.
dinative Übungen vor allem zur Standsicherheit Einer Hypoglykämie ist akut durch Essen von Koh-
sollten mit eingebaut und mit verbessertem Trai- lenhydraten (ggf. Traubenzucker) zu begegnen, bei
ningszustand intensiviert werden. Gleiches gilt für vorherseh- und planbaren Trainingseinheiten kann
begleitende Dehnübungen, vor allem auch für die durch Verzicht oder Verringerung der Medikation
 von der Lähmung betroffene Seite. Auch muskel- vor dem Sport der Situation ggf. Rechnung getragen
kräftigende Übungen sollten Trainingsbestandteil werden. Ideal sind Blutzuckerkontrollen während
sein und allmählich gesteigert werden. Was die Mus- der Sportausübung. Gerade auch für Diabetiker gilt
kelkräftigung betrifft, so sollte man keine Scheu vor aber, dass sportliche Aktivität empfehlenswert ist
dem Fitnessstudio haben. Erstens ist durch die hohe und die Blutzuckerkontrolle verbessert.
Abstufbarkeit der Geräte auch ein niedrig dosiertes
Krafttraining möglich, zum Zweiten bieten die an ? Was muss man beachten, bevor man nach
vielen Geräten vorhandenen stabilen Sitzpositionen einem Schlaganfall mit Sport beginnt?
ein hohes Maß an Sicherheit. Gezieltes und gefahr-
loses Training wird so möglich. Die Restsymptome nach einem Schlaganfall
können höchst unterschiedlich sein. Sie reichen
? Welche Vorsichtsmaßnahmen sind beim von einer völligen Rückbildung aller Ausfalls-
Sport zu beachten? erscheinungen bis zur hochgradigen Beeinträch-
tigung. Dementsprechend ist auch die Sportfähig-
Wer mit gerinnungshemmenden Medikamenten keit nach einem Schlaganfall sehr unterschiedlich.
behandelt wird, sollte verletzungsträchtige Sport- Grundsätzlich gilt, dass vor Aufnahme sport-
arten (z. B. Mountainbike, Alpinski) meiden. Das licher Aktivität nach einem Schlaganfall eine ärzt-
gilt vor allem für sog. Antikoagulanzien (Phenpro- liche Untersuchung zur Sportfähigkeit stattfinden
coumon wie z. B. Marcumar® oder Falithrom® sowie sollte. In den meisten Fällen erfolgt nach einem
die sog. neuen bzw. direkten oralen Antikoagulan- Schlaganfall eine Behandlung in einer Rehabili-
zien, NOAKs bzw. DOAKs). Bei Einnahme von tationsklinik, bei der die körperliche Belastungs-
Azetylsalizylsäure (ASS) oder Clopidogrel ist das fähigkeit eingeschätzt werden kann. Im Rahmen
Blutungsrisiko hingegen nur in einem geringeren der neurologischen Untersuchung wird geklärt,
Ausmaß erhöht. welcher Sport geeignet und welcher eventuell
Bei deutlich erhöhtem Blutdruck (7 Kap. „Blut- ungeeignet ist. Da eine Arteriosklerose der hirn-
hochdruck“), nach Hirnblutungen und unter einer versorgenden Gefäße sehr oft mit einer Arterio-
gerinnungshemmenden Therapie (Phenprocou- sklerose auch der Herzkranzgefäße verbunden ist,
mon, neue orale Antikoagulanzien) sind Sportar- ist zudem eine kardiologische Untersuchung sehr
ten mit deutlichem Blutdruckanstieg (schnellkräf- sinnvoll. Hierbei soll geklärt werden, ob tatsäch-
tige Sportarten, intensiver Kraftsport) mit Press- lich eine koronare Herzkrankheit (KHK) vorliegt.
atmung zu meiden. Dynamische Belastungsfor- Außerdem ist eventuell eine Belastungsuntersu-
men (z. B. Gehen, Laufen, Radfahren) sind stati- chung (Belastungs-EKG) sinnvoll und, wenn
schen Belastungsformen (starke Kraftkomponente) nicht sowieso schon durchgeführt, ein Langzeit-
immer vorzuziehen. Zumindest sollte man mit EKG, um Herzrhythmusstörungen auszuschlie-
Blutdruckkontrollen (möglichst unter Belastung) ßen. Dabei wird geprüft, wie belastbar der Schlag-
darauf achten, dass der Blutdruck nicht sehr steigt. anfallpatient (noch) ist.
Selbstmessungen während Belastung sind schwie- Diese Frage ist auch insofern von erheblicher
rig, aber ein anhaltend hoher Blutdruckwert in Bedeutung, als die Belastungen durch Bewegung
den Belastungspausen sollte als Hinweis genom- und Sport bei motorischen Einschränkungen nach
men werden, die Trainingsintensität oder auch die Schlaganfall für den Betroffenen deutlich höher
Medikation zu modifizieren. Entsprechende auto- sein können als für den Gesunden. Man stelle sich
matische Blutdruckmessgeräte sind für z. T. deut- beispielsweise jemanden mit einer Hemiparese
lich unter 50 Euro im Handel erhältlich. („Halbseitenlähmung“, besser: einseitige Lähmung)
Schlaganfälle
29 
beim Gehen vor. Das ist natürlich deutlich anstren- und Beweglichkeit. Es geht jedoch nicht um ein
gender als ohne Lähmung. Alles oder Nichts: Auch die Realisierung von Teilen
Das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung des Programms ist sinnvoll. Ein guter Maßstab für
sollte eine Empfehlung sein, welche Sportarten die Belastungssteuerung ist dabei die sog. Borg-
geeignet sind und wie sehr sich der Betroffene Skala (s. 7 Glossar, . Tab. 1), benannt nach dem
anstrengen kann, ohne sich zu überlasten oder zu schwedischen Sportmediziner G. Borg.
unterfordern. Sinnvoll ist es auch, wenn frühzei- Die Anstrengung bei körperlicher Aktivität ist
tig der Physio- oder Sporttherapeut in die Planung bei Personen mit motorischer Beeinträchtigung
einbezogen wird. Wer bereits vor dem Schlagan- nach einem Schlaganfall höher als beim Gesun-
fall Sport betrieben hat und nach dem Schlagan- den. So entspricht normales Gehen bei Gesunden
fall keine oder nur geringe Ausfallserscheinungen im Mittel einer leichten körperlichen Aktivität,
aufweist, kann seinen Sport selbstverständlich nach bei Schlaganfall-Betroffenen bereits einer mittle-
dem Schlaganfall wieder aufnehmen. ren Aktivität. Dies ist bei der Planung sportlicher
Aktivitäten zur berücksichtigen.
? Wie kann der Sport konkret ablaufen? Die Borg-Skala beginnt mit der Stufe 6 und
endet mit der Stufe 20. Das hat damit zu tun, dass
. Tab. 1 gibt Hinweise darauf, wie das sportliche man von einer Ruhe-Pulsfrequenz von 60 Schlägen
Training nach einem Schlaganfall idealerweise aus- pro Minute und einer maximalen Pulsfrequenz von
sehen könnte. Die Vorschläge sind anspruchsvoll. 200 Schlägen pro Minute ausgeht. Jede Stufe der
Ziel sind 150 Minuten Training pro Woche, verteilt Borg-Skala entspricht etwa der Erhöhung der Puls-
auf die Teilaspekte Ausdauer, Kraft, Koordination frequenz um 10 Schläge pro Minute.

. Tab. 1  Empfehlungen zum Sport nach Schlaganfall

Bewegungsform Intensität/Frequenz/Dauer

Ausdauertraining: 50–80  % der maximalen Herzfrequenz (7 Glossar)


– Aktivitäten großer Muskelgruppen Subjektives Anstrengungsempfinden 11–14 (Borg-Skala, s. 7 Glossar)
(z.  B. Gehen, Nordic Walking, 3–7 Tage/Woche
Schwimmen, Laufband, Standfahrrad, 20–60 Min/Therapieeinheit (oder multiple 10-Min-Sitzungen/Tag)
Crosstrainer (kombinierter Arm- 150–300 Min/Woche
Beintrainer), Armergometer,
Sitzstepper)

Krafttraining: Mind. 5 Min Aufwärmen (Ergometer, Armergometer, Crosstrainer,


– Zirkeltraining Laufband, Gehen mit subjektivem Anstrengungsempfinden von sehr
– Kraftmaschinen leicht in den Hauptmuskelgruppen)
– Freie Gewichte 8–10 Hauptmuskelgruppen
– Isometrisches Training 1–3 Serien mit 15–30 Wdh. unter Inanspruchnahme der
Hauptmuskelgruppen
2–3 Tage/Woche an nicht aufeinanderfolgenden Tagen

Beweglichkeitstraining 2–3 Tage/Woche mind. 10 Min (im Rahmen des Aufwärmens, alle
Gelenke 1- bis 2-mal endgradig bewegen, kein langanhaltendes
Dehnen nach Krafttraining) (sinnvoll mehrmals 4–10 Sekunden)
Ggf. Dehnlagerungen

Koordinationstraining 2–3 Tage/Woche (möglichst am selben Tag wie Krafttraining) vor


allem Gleichgewichtstraining
Gezielte Sturzprophylaxe

Aktivitäten im Alltag, Beruf und Freizeit Spaziergänge


Nordic Walking in der Gruppe
Gruppenangebote: z.  B. Funktionstraining, Sitztanz
Rollstuhlsportgruppen, Sturzprophylaxekurse
Handicap-Reisen mit bewegungsreichen Reisebausteinen
Haus- und Gartenarbeit
30 C. D. Reimers und J. Gerber

Das Training kann an einem Gerätezirkel im lange vor der letzten Trainingseinheit lag, wie die
Rahmen eines MTT (= medizinische Trainings- Pause dauerte. Das bedeutet: Dauerte die Auszeit
therapie)-Gerätezirkels erfolgen, ferner mit freien 2 Wochen, so beginnt man mit der Belastung, die
Gewichten, Theraband®, aber auch an Geräten, die man 2 Wochen vor dem letzten Training prakti-
speziell für die neurologische Rehabilitation ent- ziert hat.
wickelt wurden (z.  B. Bi-Manu-Trac, Sitzfahrrad,
Balancetrainer). Dabei ist zu bedenken, dass schon ? Bestehen Gefahren durch die Ausübung von
die Überwindung des eigenen Körpergewichts, wie Sport?
 das Armheben gegen die Schwerkraft, für Patienten
nach Schlaganfall durchaus einen Trainingsreiz im Grundsätzlich ist sportliche Aktivität nach Schlag-
Sinne des Grundlagen- und Kraftausdauerbereichs anfällen nicht gefährlich, wenn die Sportart und
bedeuten kann. Die Bewegungsumfänge zu Beginn Belastung an die eventuelle Behinderung, Begleit-
des Krafttrainings sind ggf. gezielt zu beschränken, erkrankungen und Medikation angepasst werden.
falls endgradige Bewegungen in den Gelenken Selbstverständlich sollten nur Sportarten aus-
muskulär nicht stabilisiert werden können. geübt werden, die auch mit Restschäden nach dem
Wer nicht in einem solchen kontrollierten und Schlaganfall sicher beherrscht werden können. Bei
angeleiteten Rahmen, sondern für sich alleine Gleichgewichtsstörungen beispielsweise sollten
trainieren möchte, kann das natürlich auch tun, keine Sportarten mit erhöhter Sturzgefahr gewählt
z. B. mit Spaziergängen, Nordic Walking, Radfah- werden.
ren, Schwimmen, Wassergymnastik oder vielen Auf die möglichen Durchblutungsstörungen
anderen Sportarten, je nach Leistungsfähigkeit auch des Herzens (sog. koronare Herzkrankheit)
und Vorlieben. Aber auch dabei sollten die moto- und Gefahren bzw. Verhaltensregeln bei Blut-
rischen Störungen möglichst berücksichtigt und hochdruck und Zuckerkrankheit wurde bereits
gezielt angegangen werden. So wie jeder Gesunde eingegangen.
seine Ausdauer, Kraft oder sein Gleichgewicht trai-
nieren kann, so kann es auch jeder Kranke! Dabei ? Muss es denn Sport sein?
sind bei Gesunden und Kranken die Ausdauer und
Kraft am deutlichsten zu steigern. Alltagsbelastungen haben meist nicht die gleichen
Ziel des Trainings ist es, die körperliche Leis- positiven gesundheitlichen Auswirkungen wie
tungsfähigkeit und damit die Eigenständigkeit und sportliche Aktivität. Das hat verschiedene Gründe.
Lebensqualität zu erhöhen, das Sturzrisiko durch Die meisten Alltagsbelastungen sind nicht ausrei-
Gleichgewichts- und Krafttraining zu senken, kar- chend intensiv, um wesentliche gesundheitliche
diovaskuläre Risikofaktoren zu minimieren, even- Effekte zu erhalten. Falls sie intensiv genug sind (z. B.
tuell das Risiko eines erneuten Schlaganfalls zu Rasenschneiden), finden sie meist zu selten statt.
senken, das Niveau der Alltagsaktivität anzuheben Das gilt insbesondere für Haus- und Gartenarbeit
und soziale Integration zu stärken. (7 Kap. „Gesundheitliche Auswirkungen körperli-
Sinnvoll kann auch das Training im Rahmen cher Aktivität und Inaktivität“). Zudem handelt es
eines gezielten Sportangebots sein, das in größeren sich vielfach um einseitige Belastungen. Schließlich
Städten zumeist von Rehabilitationssportvereinen handelt es sich bei Alltagsbelastungen vielfach um
angeboten wird. Die Integration in eine Herzsport- nicht „freiwillige“ Belastungen, was sich auch psy-
gruppe, die es an ganz vielen Orten gibt, kann auch chologisch nicht positiv auswirkt. Dennoch: Viel-
ein gangbarer Weg sein. fach wurde in epidemiologischen Studien gezeigt,
dass auch regelmäßige Alltagsbelastungen günsti-
? Wie macht man nach einer Trainingspause ger sind als ein sitzender, passiver Lebensstil. Man
weiter? sollte also – im Rahmen der individuellen Möglich-
keiten – konsequent jede Möglichkeit zur Bewegung
Falls z. B. wegen einer anderen Erkrankung eine nutzen, vor allem dann, wenn eine sportliche Akti-
Trainingspause eingelegt werden muss, empfiehlt vität aus irgendwelchen Gründen nicht möglich
es sich, nach Ende der Zwangspause mit der Belas- ist, also beispielsweise Wege so gut und so oft wie
tungsdauer und -intensität wieder zu beginnen, möglich unmotorisiert zurücklegen, Treppenstei-
die man zu dem Zeitpunkt erreicht hatte, der so gen statt Aufzug oder Rolltreppe benutzen etc.
Schlaganfälle
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Parkinson-Syndrom
Andreas Straube

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_5
34 A. Straube

? Was versteht man unter einem im Alpha-Synuklein-Metabolismus). Zusammen-


Parkinson-Syndrom? gefasst führen diese genetischen Veränderungen
(Mutationen) entweder zu einer Veränderung in
In erster Linie denkt man bei dem Begriff Parkin- den Mitochondrien („Kraftwerke der Zellen“) mit
son-Syndrom an das Bild einer „Schüttellähmung“. einer reduzierten Energieproduktion der Zelle oder
Das Bild eines Ruhezitterns (Ruhetremor oder Pil- zu einer Anhäufung von Alpha-Synuklein, einem
lendreher-Tremor) ist allgemein bekannt, aber Eiweiß in den Zellen, und dadurch zu einer Störung
nur eine kleinere Anzahl Betroffener zeigt dieses des Zellstoffwechsels. Es zeigte sich aber auch,
Symptom. Das Parkinson-Syndrom ist vielmehr dass es weitere Faktoren gibt, die das Auftreten
meist gekennzeichnet durch eine Verlangsamung der Erkrankung beeinflussen können. So scheinen
 aller Bewegungen (Bradykinese), eine Vermin- Rauchen, Koffeingenuss und erhöhte Harnsäure-
derung von Spontanbewegungen (Akinese) und konzentrationen einen leicht schützenden Effekt zu
eine Verkürzung der Bewegung (Hypokinese). haben. Pathologisch kommt es zu einer Verarmung
Daneben kommt es zu einer typischen Körper- dopaminerger Zellen (Dopamin ist der Botenstoff,
haltung mit nach vorne gebeugter Kopfhaltung. der bei der Bewegungsplanung im Gehirn eine
Im Weiteren kann eine Reihe von Symptomen im wichtige Rolle spielt) in der Substantia nigra (Pars
Verlauf dazukommen, wie z. B. Obstipation (Ver- compacta), einem Kerngebiet im Hirnstamm, und
stopfung), Depression und auch kognitive Störun- zur Ablagerung entsprechender Abbauprodukte
gen. Die typischen Symptome treten beim sog. idio- dort (Lewy-Körperchen). Insgesamt nimmt man
pathischen Parkinson-Syndrom (Morbus Parkin- an, dass die Mehrzahl der idiopathischen Parkin-
son) besonders charakteristisch auf. Daneben gibt son-Patienten (70–80%) an einer sporadischen,
es einige sog. sekundäre Parkinson-Syndrome, die also nicht erblichen Form leiden.
meist besonders durch Bewegungsverlangsamung Inwieweit Umweltgifte wie z. B. Pestizide eine
und -armut gekennzeichnet sind. Deshalb werden Rolle spielen, ist bis heute ungeklärt. Dass solche
diese Erkrankungen auch zusammengefasst als Umweltfaktoren eine Rolle spielen können, wurde
hypokinetische („bewegungsarme“) Syndrome durch die Entdeckung gezeigt, dass eine Verun-
bezeichnet. reinigung von Heroin, das sog. MPTP, bei jungen
Drogensüchtigen in San Francisco zu einer Parkin-
? Wie häufig ist ein Parkinson-Syndrom? son-ähnlichen Erkrankung führte. Zuletzt wurde
auch darüber diskutiert, ob eine Aufnahme verän-
Insgesamt geht man davon aus, dass etwa 0,3–0,5 % derter Proteine im Darm, die dann über das auto-
der Bevölkerung an einem Parkinson-Syndrom nome Nervensystem (den Nervus vagus, der den
erkrankt sind. Dabei besteht eine starke Alters- Darm versorgt) zum Gehirn transportiert werden,
abhängigkeit. Vor dem 40. Lebensjahr erkranken zu einem Parkinson-Syndrom führen kann. Ana-
nur wenige Patienten, dann meist mit einer erbli- tomische Langzeituntersuchungen von Braak und
chen, familiären Form. Nach dem 65. Lebensjahr Mitarbeitern (Del Tredici und Braak 2016) konnten
sind ansteigend bis zu 5 % der Bevölkerung betrof- jedenfalls eine Ausbreitung der Alpha-Synuklein-
fen. Insgesamt ist also in Deutschland mit 400.000– Auffälligkeiten (Ablagerungen von Proteinen) vom
500.000 Betroffenen zu rechnen. Die jährliche Rate Vaguskern (ein Zentrum zur Steuerung der Darm-
der Neuerkrankungen liegt bei 1,5–2,2 pro 100.000 tätigkeit) im Hirnstamm beginnend nach kranial
Einwohnern und steigt für Personen über 60 Jahre (oben) das ganze Hirn umfassend darstellen. Letzt-
auf 500/100.000 Einwohner. Männer sind etwa lich handelt es sich um einen Vorgang, der Ähnlich-
1½-mal so häufig betroffen wie Frauen. keiten mit der Aufnahme von Prionen (entarteter
Proteine) über die Nahrung hat, die als Ursache für
? Was sind die Ursachen für ein den Rinderwahnsinn (Creutzfeldt-Jakob-Erkran-
Parkinson-Syndrom? kung) angesehen wird.
Zu den sekundären Formen gehören wie-
Beim idiopathischen Parkinson-Syndrom findet derum auch neurodegenerative Erkrankungen
man gerade bei Patienten mit einem frühen Beginn (Erkrankungen durch das vorzeitige Altern von
bzw. familiärer Häufung zunehmend häufiger gene- Nervenzellen) wie das kortiko-basale Syndrom,
tische Abweichungen (Parkin, Pink1 oder Mutation die Multisystem-Atrophie, die progressive
Parkinson-Syndrom
35 
supranukleäre Blicklähmung (PSP) und selten Die sekundären Parkinson-Syndrome ähneln
der Morbus Wilson, bei dem es zu einer Kupfer- auf dem ersten Blick dieser Symptomatik, häufig
ablagerung im Gehirn kommt. Häufig sind bei sind sie aber schon von Beginn an symmetrisch,
diesen Erkrankungen andere intrazelluläre Struk- also beidseits ausgeprägt. Störungen der Körper-
turproteine wie z. B. das Tau-Protein betroffen. haltung treten schon frühzeitig auf. Meist sind
Die Ursachen dafür sind weitgehend unbekannt. diese Erkrankungen auch schneller fortschreitend,
Unter dem vaskulären Parkinson-Syndrom ver- und es kommt häufiger zu Stürzen durch gestörte
steht man eine Verlangsamung durch ausgeprägte Haltereflexe.
vaskuläre Läsionen (viele kleine Schlaganfälle)
insbesondere der Bahnen von den Basalganglien ? Wie behandelt man ein Parkinson-Syndrom?
zur Stirnhirnrinde. Diese Bahnen werden auch im
Rahmen eines sog. Normaldruck-Hydrozephalus Die Therapie richtet sich nach der Ursache des Par-
funktionell beeinträchtigt, bei dem es typischer- kinson-Syndroms. Beim idiopathischen Parkin-
weise zu einer Aufweitung der inneren Nerven- son-Syndrom führt eine Therapie mit dopaminer-
wasserkammern kommt. gen Substanzen (z. B. L-Dopa in Kombination mit
Eine weitere Ursache eines Parkinson-Syn- einem Carboxylase-Hemmer oder einem direkten
droms können Medikamente sein, typischerweise Dopaminagonisten) gerade in den Frühstadien zu
klassische Neuroleptika, selten Antihypertensiva, einer raschen und schnellen Besserung der moto-
Migräneprophylaktika (Flunaricin) oder Medi- rischen Symptome. In den späteren Stadien der
kamente, die den Dopaminspeicher beeinflussen. Erkrankung kann es dann trotz der Medikation zu
Glücklicherweise sind diese Erkrankungen nach starken Wirkungsschwankungen mit zeitweiliger
dem Absetzen der Medikamente meist vollstän- Steifigkeit kommen. Man versucht, diese durch die
dig reversibel. Selten sind Intoxikationen (CO- Zugabe anderer Wirkstoffe bzw. die häufigere Ein-
Vergiftung) bzw. Infektionen (z. B. durch Viren) nahme kleinerer Einzeldosen zu kompensieren.
ursächlich. Die Wirkungsschwankungen können dabei vorher-
sehbar immer nach einer gewissen Zeit auftreten
? Welche Beschwerden werden durch ein oder zufällig und dann unvorhersehbar sein. Als
Parkinson-Syndrom hervorgerufen? weitere Optionen stehen die tiefe Hirnstimulation
(„Hirnschrittmacher“) spezifischer Regionen in
Im Vordergrund stehen zu Beginn häufig Beschwer- den Basalganglien, die kontinuierliche Zufuhr von
den, die mit der vermehrten Muskelsteifigkeit L-Dopa über eine Dünndarmverweilsonde oder die
(Rigor) im Zusammenhang stehen. Nicht selten kontinuierliche Zufuhr von Apomorphin subku-
führen diese Beschwerden zu Schmerzen in der tan (Injektion ins Unterhautfettgewebe) über eine
Schulter, aber auch zu Rückenschmerzen. Sie Pumpe und Medikamentenkatheder in speziellen
können als Schulter-Arm-Syndrom oder LWS- Situationen bei meist fortgeschrittenen Erkrankun-
Syndrom fehlgedeutet werden. Neben dem Rigor gen zur Verfügung.
kommt es dann zu einer Störung der Feinmotorik Bei den anderen Formen eines Parkinson-Syn-
mit Problemen beim Knöpfen oder Schreiben. Im droms werden meist auch L-Dopa bzw. Dopami-
Verlauf treten dann eine Verminderung der Mimik nagonisten (Medikamente, die im Gehirn ähnlich
(Hypomimie), des Mitschwingens der Arme beim wie Dopamin wirken) eingesetzt, häufig ist der
Gehen und eine zunehmende Gangverlangsamung Effekt aber weniger eindrücklich bzw. nur von
hinzu. Beim Morbus Parkinson sind die Störun- kurzer Dauer. Die Therapie beschränkt sich dann
gen typischerweise zumindest am Anfang einseitig auf unterstützende Maßnahmen wie z. B. eine Ver-
oder einseitig betont. Daneben gibt es eine Reihe sorgung mit Hilfsmitteln (z. B. Rollator).
assoziierter Symptome wie eine Verlangsamung des Grundsätzlich sollten alle Erkrankten Phy-
Denkens, Schluckstörungen, Verstopfung und im siotherapie, wenn notwendig auch ein gezieltes
Langzeitverlauf bei einem Teil der Patienten auch Sturztraining, sowie Logopädie und Schlucktrai-
eine demenzielle Entwicklung. Ein Ruhetremor ning erhalten. Bezüglich der Physiotherapie wurde
steht nur bei einer Minderheit der Patienten im Vor- zuletzt eine besondere Form, die sog. BIG-Me-
dergrund. Auch diese Symptomatik beginnt typi- thode, bei der besonders großamplitudige Bewe-
scherweise einseitig oder zumindest einseitig betont. gungen eintrainiert werden, vorgeschlagen.
36 A. Straube

? Kann man mit körperlicher Aktivität ein Leistungsfähigkeit, die Muskelkraft und die Mus-
Parkinson-Syndrom verhindern? kelmasse auch bei Parkinson-Patienten haben.
Dies ist insbesondere deshalb wichtig, da Parkin-
Einige prospektive Kohortenstudien (Beobach- son-Patienten generell eine verminderte Mus-
tung des Krankheitsverlaufes in einer Gruppe von kelkraft haben. Dabei wurde meist ein Training
Menschen) haben gezeigt, dass Personen, die regel- über 12 Wochen 3- bis 4-mal pro Woche über
mäßig körperlich aktiv sind, seltener ein Parkin- 30 Minuten durchgeführt. Ob dabei Ausdauer-
son-Syndrom entwickelten. Es ist aber nicht ganz oder Krafttraining zu bevorzugen ist, ist nicht
auszuschließen, dass dieser Effekt dadurch vorge- geklärt. Auch eine Kombination beider Trainings-
täuscht wird, dass die Personen, die später ein Par- formen scheint sinnvoll zu sein. Möglicherweise
 kinson-Syndrom entwickeln, schon vorher durch kann schon eine geringere Trainingsintensität
ganz leichte Störungen, die klinisch noch gar nicht (z. B. nur 2-mal pro Woche) langanhaltende Effekte
auffallen, weniger körperlich aktiv sind. In epide- sowohl auf die Selbsteinschätzung als auch auf die
miologischen Studien zeigte sich aber auch, dass durch die UPDRS-Skala (eine Bewertungsskala für
ausgeprägte körperliche Aktivität (> 3.000 kcal pro die Schwere von Parkinson-Symptomen) objektiv
Woche) zu einer Reduktion des Risikos, an einem beurteilte motorische Beeinträchtigung hervorru-
Parkinson-Syndrom zu erkranken, um bis zu 50 fen. Zusammenfassend kann festgehalten werden,
% führt – seltsamerweise jedoch nur bei Männern dass ein regelmäßiges leichtes Training mindestens
und nicht bei Frauen. Dieser Effekt war sogar zu 2-mal pro Woche einen günstigen Einfluss auf kar-
sehen, wenn die körperliche Aktivität auf einen diovaskuläre Funktionen bei Patienten mit einem
Zeitabschnitt im Leben beschränkt war. Als ein Parkinson-Syndrom hat.
möglicher Mechanismus wird eine Verbesserung Eine davon zu trennende Frage ist, ob Sport-
der mitochondrialen (Energieversorgung der Zelle) training in der Lage ist, die Symptome des Parkin-
Funktion gesehen. Diese Ergebnisse werden auch son-Syndroms zu bessern bzw. den Verlauf günstig
durch tierexperimentelle Daten unterstützt, die zu beeinflussen. Naturgemäß sind diese Fragen
zeigen, dass körperliche Aktivität die dopaminer- schwieriger in Studien zu beantworten. In einem
gen Zellen, die ja beim idiopathischen Parkinson- Cochrane-Review (Mehrholz et al. 2015) kommen
Syndrom vermindert sind, schützt. die Autoren zu der Einschätzung, dass ein regel-
mäßiges Laufbandtraining in der Lage ist, sowohl
? Welchen Einfluss hat körperliches Training auf die Gehgeschwindigkeit als auch die Schrittlänge
ein Parkinson-Syndrom? zu verbessern. Es ergibt sich auch ein kleiner
Vorteil im Vergleich zu alleiniger Physiotherapie
Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Studien in ohne Laufbandtraining. Ob Nordic Walking ver-
der Mehrzahl idiopathische Parkinson-Syndrome gleichbare Ergebnisse bringt, ist nicht entschie-
eingeschlossen haben bzw. nicht sicher zwischen den. Ebenso scheint ein mindestens für 8 Wochen
den verschiedenen Formen des Parkinson-Syn- 3-mal pro Woche durchgeführtes moderat intensi-
droms unterschieden haben, so dass spezifische ves Krafttraining nicht nur die Kraft, sondern auch
Aussagen zu den Unterformen nicht gemacht die Balance sowie motorische Symptome bei Perso-
werden können. Weiter wurden fast ausschließlich nen mit einem leichten Parkinson-Syndrom zu ver-
Patienten mit leichter bis mittelschwerer Sympto- bessern. Stürze sind ein häufiges Symptom gerade
matik untersucht, so dass Aussagen über schwer bei fortgeschrittener Symptomatik. Ein auf gezielte
betroffene Patienten und Sport nicht gemacht Störungen des Standes aufbauendes Gleichge-
werden können. Ein weiteres Problem ist, dass sich wichtstraining („perturbation-based balance trai-
die Studien bezüglich der Trainingsintensitäten ning“) kann dabei zu einer signifikanten Reduktion
und auch der gemessenen Funktionen der Patien- der Zahl der Stürze führen, wobei meist ein Lauf-
ten erheblich unterscheiden und so häufig keine band und Störreize und Auslenkungen, die durch
endgültigen Aussagen getroffen werden können. einen Therapeuten appliziert werden, zum Training
Grundsätzlich konnten verschiedene Studien genommen werden. Dabei scheinen schon relativ
zeigen, dass Ausdauertraining, aber auch Kraft- kurze Trainingsperioden von 4–8 Wochen einen bis
training einen positiven Einfluss auf den Energie- zu 3–12 Monate anhaltenden Effekt zu haben. Auch
stoffwechsel, die kardiovaskuläre (Herz-Kreislauf-) andere Trainingsformen wie z. B. Tango-Tanzen
Parkinson-Syndrom
37 
(eine Stunde 2-mal pro Woche) verbessern nach- altersentsprechenden Sportarten möglich. Wenn
haltig die Koordination und die Balance. es dann im Verlauf zu einer posturalen Instabili-
Insgesamt gibt es in der medizinischen Literatur tät (Stand- und Gangunsicherheit) gekommen ist,
Hinweise, dass Sport folgende Parameter bzw. Sym- sollten Sportarten mit einem immanent erhöhten
ptome verbessern kann: Haltung und Balance, Kon- Sturzrisiko eher gemieden werden (z. B. Alpinski-
dition, Muskelkraft, Ganggeschwindigkeit, andere laufen, Fahrradfahren (ausgenommen Dreirad)
Funktionen gemessen mit einer Parkinson-Ra- oder ähnliche Sportarten).
ting-Skala, Lebensqualität, Stimmung und Hirn- Gut geeignete Sportarten bei leichten bis mittel-
leistung. Noch nicht abschließend geklärt ist, inwie- schweren Parkinson-Syndromen:
weit ein alleiniges Training auf einer Vibrations- 55 Ausdauersportarten mit geringem bis
platte („Powerplate“) schon zu einer Verbesserung mittlerem Krafteinsatz: Walking, Nordic
der Balance führt. Erste Ergebnisse lassen dies aber Walking, Schwimmen etc.
vermuten. So scheint schon ein 2-mal 5-minütiges 55 Sportarten mit Koordinationstraining, z. B.
Training bei älteren Menschen zu einer messbaren Tanzen
Verbesserung der Balance, jedoch weniger der Kraft
in den Beinen zu führen. Ein Vorteil dabei ist, dass Geeignete Sportarten bei schwerer Symptomatik
dieses Training auch im Sitzen bei schwer betroffe- eines Parkinson-Syndroms:
nen Patienten durchgeführt werden kann. 55 Fahrradergometer-Training, Wassergym-
nastik im Stehbecken, leichtes Krafttraining
? Kann körperliches, sportliches Training ein im Sitzen, Tischtennis im Sitzen
Parkinson-Syndrom verschlechtern?
Ungeeignete Sportarten bei Parkinson-Syndrom:
Es konnte gezeigt werden, dass ein Ausdauertrai- 55 Sportarten mit hohem Sturzrisiko, alle
ning die Resorption (Aufnahme) von L-Dopa (eines Kampfsportarten, Sportarten, die einen hohen
der wesentlichen Medikamente) über den Darm Anspruch an Reflexe stellen (Tischtennis etc.)
verbessert und die Plasmakonzentration (Kon-
zentration im Blut) höher war, letztlich aber keinen
negativen oder positiven Effekt auf die motorischen ? Welche Voraussetzungen sollte eine Person
Fähigkeiten zeigte. Aus den oben genannten epi- mit einem Parkinson-Syndrom erfüllen, um
demiologischen Studien und den bisher vorlie- Sport treiben zu können?
genden Interventionsstudien (Therapiestudien)
ergeben sich keine Hinweise, dass ein Parkinson- Da es sich bei Parkinson-Syndromen meist um
Syndrom durch körperliche Aktivität hervorge- eine Alterserkrankung handelt, sollte zu Beginn
rufen werden bzw. sich anhaltend verschlechtern der Sporttherapie eine entsprechende internistisch-
kann. Auch zeigt sich, dass Parkinson-Patienten bei kardiologische Untersuchung stehen. Aus neurolo-
einem Training nicht gehäuft stürzen, sondern Per- gischer Sicht sollten eine schwerwiegende Demenz
sonen, die im Alltag häufig stürzen, sogar eher sel- und eine erhöhte Falltendenz ausgeschlossen sein,
tener beim Training stürzen. Man sollte aber beim da diese die Auswahl der Sportarten beeinflussen
Training sog. Doppelaufgaben („dual task“) wie z. kann.
B. Nordic Walking und gleichzeitige Konversation
meiden, da dies gerade bei eingeschränkten Patien-
ten zu vermehrten Stürzen führen kann.
Literatur
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Kognitive Störungen und


Demenz
Andreas Straube

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


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in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_6
40 A. Straube

? Was versteht man unter kognitiven (arterielle Hypertonie) vorkommen. Es gibt aber
Störungen? auch genetische Formen der vaskulären Demenz
wie z. B. das CADASIL-Syndrom oder die
Unter einer kognitiven Störung versteht man eine Amyloid-Angiopathien.
über das für das Alter und Bildungsniveau übliche In etwa 15 % der Fälle handelt es sich um Misch-
Maß hinausgehende Beeinträchtigung der Denk- formen aus einer Alzheimer- und einer vaskulä-
leistung, die jedoch im Alltag noch keine wesent- ren Demenz. Die restlichen Erkrankungen stellen
liche Einschränkung darstellt. D. h., die Aufgaben die sog. Lewy-Körperchen-Demenz, die sich vor
im Alltag können noch ohne Hilfe erledigt werden, allem durch zusätzliche früh auftretende opti-
aber die oder der Betroffene oder deren bzw. dessen sche Halluzinationen (Sehen von tatsächlich nicht
Angehörige nehmen Einschränkungen beispiels- vorhandenen Personen, Tieren etc.) und kurzzei-
weise des Gedächtnisses, der Auffassungsgabe oder tige Bewusstseinsverluste bemerkbar macht, die
Konzentration wahr. In der Internationalen Diag- Demenz bei der Parkinson-Erkrankung und die
 noseklassifikation spricht von einer sog. leichten sog. frontotemporalen Demenzen (früher auch als
kognitiven Störung. Bei 10–15 % der Betroffenen Morbus Pick bezeichnet), bei denen Persönlich-
verschlimmert sich die Störung jedes Jahr so, dass keitsveränderungen im Vordergrund stehen.
die Einschränkungen den Grad einer Demenz (s. Eine seltene besonders rasch verlaufende Form
unten) erreichen. der Demenz stellt die Creutzfeldt-Jakob-Krank-
heit dar, bei der es innerhalb von Monaten zu
? Wann spricht man von einer Demenz? einer zunehmenden Desorientiertheit und Verfall
kommt. Grund ist die Ablagerung von sog. Prionen,
Von einer Demenz spricht man, sobald die kog- entarteten Proteinen, die wiederum dazu führen,
nitiven Störungen (Merkfähigkeit, Konzentration, dass sich im Gehirn die Proteine, die Kontakt mit
Aufmerksamkeit etc.) sich im Alltag auswirken, die diesen Prionen haben, ebenfalls verändern und so
Betroffenen also Aufgaben in ihrem Alltag, die sie die Erkrankung sich schneeballartig im Gehirn aus-
früher beherrschten, für mindestens ein halbes Jahr breitet. Dank der modernen Therapiemöglichkei-
nicht mehr vollständig allein bewältigen können. ten nur noch relativ selten wird einen Demenz im
Ein Kernsymptom der Demenz ist die Störung der Rahmen einer HIV- oder Lues-Infektion gesehen.
Gedächtnisfunktion, wobei das Kurzzeitgedächt- In unseren Breiten eher selten sind metabo-
nis mehr betroffen ist als das Langzeitgedächtnis. lisch bedingte Demenzen. Diese können durch
einen Mangel an Vitamin B12 (z. B. streng vegane
? Welche Formen einer Demenz gibt es? Ernährung oder nach Magenerkrankung) oder
Thiaminmangel (z. B. bei Alkoholismus) hervor-
Man kann die Demenzen nach verschiedenen Kri- gerufen werden. Auch eine schwere Schilddrü-
terien einteilen. So gibt es beispielsweise Demenz- sen- bzw. Nebenschilddrüsenfunktionsstörung
formen, die mehr die Hirnrinde (Hirnoberfläche, kann sich oberflächlich betrachtet als demenziel-
Kortex) betreffen (sog. kortikale Demenz), und les Syndrom präsentieren.
solche, die eher das sog. Marklager und damit die Ver- Die wichtigste Abgrenzung eines demenziellen
bindungen aus dem Hirnstamm und Thalamus zum Syndroms ist aber die Pseudodemenz bei depressi-
Hirnmantel in der Tiefe des Großhirns betreffen (sog. ven oder mutistischen Syndromen (darunter ver-
subkortikale Demenz). Die Demenz vom Alzheimer- steht man eine sehr stark ausgeprägte Antriebslo-
Typ (kurz: Alzheimer-Demenz) ist ein Bespiel für sigkeit, die dazu führen kann, dass die betroffene
eine kortikale Demenz. Sie ist mit etwa 50–60 % aller Person keinerlei Bewegungen macht), bei der die
Demenzerkrankungen die häufigste Form. psychiatrische Grunderkrankung zu behandeln ist.
Bei 20 % liegen Hirndurchblutungsstörun-
gen zugrunde (sog. vaskuläre Demenz). Es kann ? Wie häufig sind Demenzerkrankungen?
sich dabei um einen oder mehrere Hirninfarkte
oder Hirnblutungen gehandelt haben oder auch Man schätzt, dass es im Jahr 2015 weltweit etwa
um diffuse Durchblutungsstörungen im Markla- 47 Millionen Demenz-Kranke gab, im Jahr 2030
ger (subkortikale Demenz), wie sie besonders bei sollen es 75 Millionen und 2050 135 Millionen sein,
schlecht eingestelltem chronischem Bluthochdruck davon etwa 3 Millionen alleine in Deutschland.
Kognitive Störungen und Demenz
41 
Betroffen sind ganz überwiegend Personen über Das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, ist nach
60 Jahre mit zunehmender Häufigkeit parallel den Ergebnissen zahlreicher großer epidemiologi-
zum Lebensalter. So sind von den 75- bis 79-Jähri- scher Studien bei körperlich aktiven Personen gegen-
gen 7 %, den 80- bis 84-Jährigen 12 %, den 85- bis über körperlich inaktiven Personen um 35–40 % ver-
89-Jährigen 20 % und den über 90-Jährigen 40 % mindert. Mit anderen Worten: Die Inaktiven haben
dement. ein mindestens 1½-mal so hohes Demenzrisiko wie
die Aktiven. Viel Sitzen erhöht ebenfalls das Risiko
? Wie behandelt man eine Demenz? kognitiver Defizite. Eine sog. mediterrane Ernäh-
rung mit viel Obst, Gemüse und Fisch reduziert
Mit sog. Azetylcholinesterase-Hemmern und das Demenzrisiko. Ein hoher Blutdruck erhöht das
Memantin lassen sich die kognitiven Leistungen im Risiko einer Alzheimer- und vaskulären Demenz
Falle einer Alzheimer-Demenz und das Verhalten größenordnungsmäßig um etwa 50 %. Personen mit
im Alltag etwas bessern. einem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) haben
In den seltenen Fällen von Demenzen als Folge ein bis zu 3-fach erhöhtes Demenzrisiko. Eine starke
einer behandelbaren Grundkrankheit (z. B. Alko- Adipositas (Fettleibigkeit, sog. Body-Mass-Index
holkrankheit, Vitaminmangel, Hormonmangel, über 30 kg/m2) geht mit einem um gut 50 % erhöhten
Infektion) kann die Beseitigung der Ursache die Demenzrisiko einher. Zudem wird ein ungünstiger
Demenz bessern oder gar beseitigen. Einfluss von Fettstoffwechselstörungen diskutiert.
Darüber hinaus sind im Einzelfall symptom- Eine erhöhte Konzentration der Aminosäure
orientierte medikamentöse Behandlungen notwen- Homocystein scheint auch ein eigenständiger Risi-
dig, z. B. bei nächtlicher Unruhe, Depression, Hal- kofaktor zu sein, wobei allerdings die Senkung der
luzinationen oder Aggressivität. Wünschenswert ist Konzentration im Blut durch die Zugabe des Vita-
ein kognitives Training. Zudem können eine Ergo-, mines Folsäure, welches in einigen Ländern (Nor-
Physio-, Musik-, Kunst- und Verhaltenstherapie die wegen, Schweiz) grundsätzlich dem Mehl zuge-
vorgenannten Behandlungen ergänzen. setzt wird, in Studien bisher keinen sicheren Effekt
zeigte. Ein niedriges Bildungsniveau und wenig
? Gibt es Risikofaktoren für eine geistige Aktivität verdoppeln das Demenzrisiko.
Demenzentwicklung? Weitere Demenzrisikofaktoren sind Rauchen und
Depressionen. Auch Stress und Schlafmangel sind
Zur Entwicklung einer Demenz tragen viele Fak- möglicherweise Risikofaktoren, lassen sich aber
toren bei. Es gibt, außer bei den selten erblichen nicht immer verhindern.
Erkrankungen, die zu einer Demenz führen, nicht Bei den genannten quantitativen statistischen
eine einzelne Ursache für die Entwicklung einer Angaben handelt es sich selbstverständlich nur um
Demenz. Vielmehr handelt es sich um die unglück- grobe Anhaltspunkte. Die tatsächlichen Risiken
liche Kombination verschiedener beeinflussba- für die einzelnen Personen lassen sich naturge-
rer und nicht beeinflussbarer Risikofaktoren. Der mäß nicht klären. Sie sind u. a. von der Ausprä-
wichtigste (unbeeinflussbare) Risikofaktor ist das gung der Risikofaktoren, z. B. Zeitpunkt (mittleres
Lebensalter: Das Risiko, eine Demenz zu entwi- oder höheres Lebensalter), Dauer und Ausmaß der
ckeln, verdoppelt sich etwa alle 6 Jahre. 80 % aller Blutdruckerhöhung, abhängig. Die Liste der hier
Demenz-Kranken sind über 75 Jahre alt. Zudem erwähnten Risikofaktoren erhebt zudem keinen
kann es eine erbliche Neigung zur Demenzentwick- Anspruch auf Vollständigkeit.
lung geben. Wenn also mehrere Vorfahren betrof- Aufgrund epidemiologischer Untersuchun-
fen waren, ist das Risiko einer Demenzentwick- gen geht man davon aus, dass weltweit etwa jede
lung erhöht. Auch vorausgegangene Hirnverlet- fünfte Demenzerkrankung alleine durch ein nied-
zungen können eine Demenzentwicklung fördern. riges Bildungsniveau, jede siebte durch Rauchen,
Daneben gibt es etliche beeinflussbare Risikofak- jede achte durch körperliche Inaktivität und jede
toren. Diese sind erstaunlicherweise überwiegend zwölfte durch eine Zuckerkrankheit erklärt werden
identisch mit den Risikofaktoren für das Auftreten kann. In Europa und den USA wird mangelnde kör-
eines Schlaganfalls (7 Kap. „Schlaganfälle“), obwohl perliche Aktivität als rechnerisch alleinige Ursache
es sich bei der Alzheimer-Demenz ja nicht um eine sogar für jede fünfte Demenzerkrankung verant-
vaskuläre (gefäßabhängige) Erkrankung handelt. wortlich gemacht.
42 A. Straube

? Kann man eine Demenz verhindern? Präventionsmaßnahmen eine ganz entscheidende


Rolle. Wie bereits ausgeführt, kann das Risiko einer
Viele Antworten auf diese Frage ergeben sich Demenzentwicklung bei regelmäßiger körperlicher
zwangsläufig aus den Ausführungen zu den Risi- und sportlicher Aktivität nach den Ergebnissen epi-
kofaktoren bzw. wurden dort bereits erwähnt. demiologischer Studien um größenordnungsmä-
Eine gute Blutdruckeinstellung kann das ßig 25 % bis fast 50 % vermindert werden. Dazu
Demenzrisiko je nach Ausgangslage deutlich (ca. kommen dann noch die indirekten Effekte auf
20–50 %) senken. Auch die Verhinderung oder andere Demenzrisikofaktoren: eine leichte Blut-
optimale Einstellung eines vorhandenen Diabe- drucksenkung, eine bessere Blutzuckereinstel-
tes mellitus kann das Demenzrisiko reduzieren. lung und ein vermindertes Risiko, zuckerkrank
Neben vielen anderen guten Gründen stellt auch zu werden, ein körpergewichtsreduzierender oder
die Demenzprävention einen guten Grund für den zumindest -stabilisierender Effekt, günstige Ein-
Erwerb eines möglichst hohen Bildungsniveaus flüsse auf den Fettstoffwechsel, eine antidepressive
 und fortdauernde geistige Aktivität dar. und schlaffördernde Wirkung. Auch die Stressto-
Eine zentrale Rolle in der Demenzprävention leranz lässt sich vielfach steigern. Auf die entspre-
stellt regelmäßige körperliche Aktivität dar. Auf chenden Kapitel in diesem Buch wird verwiesen.
sie wird in einem eigenen Abschnitt ausführlicher Positive Ergebnisse liegen sowohl für Ausdauer-
eingegangen. wie Krafttraining und die asiatischen Bewegungs-
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass es bis heute arten Yoga und Tai Chi vor. Die Kombination aus
kein Medikament gibt, welches unabhängig von Ausdauer- und Krafttraining ist wirksamer als die
den genannten Risikofaktoren das Demenzrisiko einzelnen Sportarten für sich alleine.
senkt. Es wird immer wieder kritisch angemerkt,
In mehreren Studien wurde versucht, mit dass man aus den epidemiologischen Studien, in
einer Optimierung aller wesentlichen Risikofak- denen körperlich aktive Personen später seltener
toren bei über 70-jährigen Personen das Demenz- eine Demenz entwickeln als körperlich inaktive,
risiko zu senken. Das Ergebnis war enttäuschend. nicht auf eine ursächliche Bedeutung der Aktivität
Das wurde darauf zurückgeführt, dass die Pro- zurückschließen könnte. Es könnte ja auch so sein,
banden schon vorher relativ gut medizinisch ver- dass diejenigen Personen, die sich gerne bewegen,
sorgt waren. Außerdem ist es wahrscheinlich zu zufällig – z. B. aus genetischen Gründen – auch
spät, mit 70 Jahren eine effektive Demenzpräven- diejenigen sind, die ein geringeres Risiko haben,
tion betreiben zu wollen. Die der klinisch bestätig- dement zu werden. Es könnte auch so sein, dass die
ten Demenzerkrankung zugrundeliegende Hirn- Einschränkungen der Motorik (Gehverschlechte-
funktionsstörung schreitet nämlich in den meisten rung), die mit praktisch jeder Demenzform assozi-
Fällen sicherlich schon Jahre voran, ehe sie sich im iert sind, sich schon bemerkbar machen, bevor die
Alltag bemerkbar macht. Allerdings konnte auch kognitiven Störungen erkennbar werden. In der Tat
gezeigt werden, dass das Risiko eines Übergangs ist es so, dass diejenigen Personen, die langsamer
von einem leichten kognitiven Defizit in das Voll- gehen, später ein höheres Risiko kognitiver Störun-
bild einer Demenz etwas vermindert werden kann. gen haben. Die Argumente sind also nicht von der
In den zahlreichen Studien zur Alzheimer-Erkran- Hand zu weisen.
kung konnte auch gezeigt werden, dass der Prozess Es gibt aber auch gute Gründe, die dafür spre-
– hier die Ablagerung von spezifischen Eiweiß- chen, dass es tatsächlich die körperliche Akti-
stoffen (Amyloid und Tau) – schon Jahrzehnte vor vität ist, die das Demenzrisiko vermindert. So
der ersten klinischen Manifestation der Demenz findet man den gleichen Zusammenhang auch
beginnt und so eine Prophylaxe, die erst später bei eineiigen Zwillingen, was gegen eine geneti-
beginnt, möglicherweise einfach zu spät kommt. sche Komponente spricht. Zudem findet sich der
Zusammenhang auch in sehr langfristig angeleg-
? Welche Rolle spielt körperliche Aktivität in ten Studien (Beobachtungszeiträume von mehre-
der Demenzprävention? ren Jahrzehnten), so dass es unwahrscheinlich ist,
dass sich bei Studieneintritt bereits prämorbide (vor
Körperliche, vor allem sportliche Aktivität spielt dem Eintritt einer Krankheit auftretende) motori-
im Geflecht der verschiedenen Risikofaktoren bzw. sche Störungen bemerkbar machten. Kontrollierte
Kognitive Störungen und Demenz
43 
randomisierte Interventionsstudien, in denen man Maße gilt das auch für Gingko biloba und Huper-
eine Probandengruppe körperlich trainierte und zin A, einen natürlich vorkommenden Cholin-
die Vergleichsgruppe nicht, zeigten auch eindeutige esterasehemmer. Insgesamt sind die Effekte aller
Verbesserungen der kognitiven Leistungen bei den Therapieformen zwar wissenschaftlich nachweis-
Trainierenden. Schließlich gibt es überzeugende bar, aber doch eher gering. Daher gilt auch für die
Ergebnisse tierexperimenteller Studien, die zeigen, Kognition: Vorsorge, d. h., lebenslang Sport, ist viel
dass (beim Menschen) intelligenzfördernde Verän- besser als Therapie, d. h., Sport bei bereits eingetre-
derungen im Gehirn (s. unten) durch körperliche tener Erkrankung.
Aktivität eintreten. Andererseits zeigen Langzeit- Zudem wurden in Interventionsstudien posi-
studien, dass bei körperlich aktiven Personen das tive Effekte durch körperliche Aktivität auf die
Risiko, an einer Demenz neu zu erkranken, gegen- Stimmung, Alltagsfunktionen und das Schlafver-
über der wenig aktiven Kontrollgruppe reduziert halten bei Demenzerkrankten gezeigt. Auch die
ist, letztlich aber der gleiche Prozentsatz an einer Sturzgefahr und Gehfähigkeit besserten sich.
Demenz erkrankt, aber erst später.
Übrigens: Es ist zumindest fraglich, ob beruflich ? Über welche Mechanismen kommt es zu
bedingte körperliche Aktivität in Bezug auf kogni- einer Demenzprävention?
tive Defizite ebenfalls wirksam ist. Also: Auch wer
im Beruf körperlich aktiv ist, sollte Sport treiben, Es gibt verschiedene tierexperimentell oder beim
und zwar nicht nur zur Demenzprävention. Menschen nachgewiesene günstige Effekte körper-
licher Aktivität auf die Hirnfunktionen, die alle zu
? Kann man mit sportlicher Aktivität bereits einer verbesserten kognitiven Leistung beitragen
bestehende kognitive Defizite günstig könnten. Einige der vermutlich besonders relevanten
beeinflussen? Aspekte werden im Folgenden ganz kurz skizziert.
Der zerebrale (das Gehirn betreffende) Blut-
Sowohl Personen mit einem leichten kognitiven fluss und Stoffwechsel sowie die Neubildung kleiner
Defizit als auch solche mit einer Demenz können Gefäße im Gehirn werden zumindest durch inten-
ihre geistige Leistungsfähigkeit (z. B. Gedächtnis, sive körperliche Aktivität erhöht. Regelmäßige
Aufmerksamkeit) durch regelmäßige sportliche körperliche Aktivität reduziert den sog. oxydati-
Aktivität etwas verbessern. In wissenschaftlichen ven Stress im Gehirn. Tierexperimentelle Befunde
Untersuchungen schneidet regelmäßige körper- weisen darauf hin, dass körperliche Aktivität die
liche Aktivität in der Wirkung auf die Kognition Bildung von Aß-Amyloid, welches in der Entwick-
bei Demenzkranken besonders gut ab. Es sollte lung der Demenz vom Alzheimer-Typ eine zent-
auf jeden Fall ein Ausdauertraining (z. B. rasches rale Rolle spielt, drosseln und dessen Abbau fördern
Gehen, Tanzen, Schwimmen, Radfahren) berück- könnte. Körperliche Aktivität kann im Gehirn Neu-
sichtigt werden, denn ohne diese Trainingsform rotrophine und Wachstumsfaktoren (z. B. Insulin-
lassen sich keine gesicherten Effekte nachwei- like growth factor-1, Brain-derived neurotrophic
sen. Effekte sind auch bei einem Trainingsum- factor und Nerve growth factor) freisetzen, welche
fang von weniger als den allgemein empfohlenen die Bildung neuer Zellen vor allem im Hippokam-
150 Minuten leichter bis mäßiger körperlicher pus, der besonders für das Gedächtnis eine wichtige
Aktivität pro Woche nachweisbar. Mehr ist jedoch Rolle spielt, und die Bildung neuer Gefäße stimu-
wünschenswert. In den meisten Studien, die eine lieren. Körperliche Aktivität hat tierexperimentell
Verbesserung der kognitiven Funktionen durch zudem einen Einfluss auf zerebrale Neurotransmit-
Sport erzielten, wurde 2- bis 4-mal pro Woche für tersysteme (Überträgerstoffe) wie Serotonin, Nor-
jeweils 30–60 Minuten trainiert (meist rasches adrenalin, Dopamin und Acetylcholin.
Gehen). Jedes Gehirn nimmt bei Erwachsenen im
Daneben haben die sog. dyadische Thera- Laufe der Jahre durch Wasser- und Zellverlust an
pie (Optimierung der sozialen Beziehungen und Volumen ab. Bei körperlich aktiven Personen ist
der Umgebung) und Antidementiva (Medika- der Verlust jedoch geringer als bei körperlich inak-
mente gegen Demenz, Cholinesterasehemmer tiven Personen. Chronischer Stress kann zu einer
und Memantin im Falle einer Alzheimer-Demenz) Störung der hypothalamisch-hypophysär-adrena-
einen gesicherten Effekt. In sehr eingeschränktem len Achse (einer Verbindung zwischen dem Gehirn
44 A. Straube

und der Nebenniere, wo Stresshormone gebildet bestehend aus einer sozialen Komponente (Grup-
werden) führen. Dies wiederum kann in einer ver- peninteraktion), einem ca. 30-minütigen täglichen
minderten kognitiven Leistungsfähigkeit und ver- Sporttraining, kognitiver Aktivierung sowie Trai-
mehrten ß-Amyloidplaques (Anhäufungen von ning von Alltagsaufgaben einen signifikanten Ein-
ß-Amyloid) und Protein-Tau-Tangles (Anhäufun- fluss auf das Sozialverhalten wie auch auf neuro-
gen von Tau) (die neuropathologischen Merkmale psychiatrische Symptome (z. B. Ängstlichkeit und
der Demenz vom Alzheimer-Typ) resultieren. Das depressive Verstimmung) hat.
heißt, dass der stressreduzierende Effekt von Sport In jüngerer Zeit werden Koordinationsübun-
auch hier eine Rolle spielen könnte. Bezüglich der gen mit gleichzeitiger kognitiver Beanspruchung
Effekte auf die anderen Demenzformen kann von im Rahmen der Prävention und der leichten kog-
ähnlichen Mechanismen ausgegangen werden. nitiven Beeinträchtigung propagiert und als effek-
tiver eingestuft als rein kognitives Training (Hirn-
? Wie wirken sich kognitive Störungen auf die jogging) oder reines Bewegungstraining. Dieser
 Sportfähigkeit aus? Ansatz wird unter dem Begriff Livekinetik® oder
Neurokinetik propagiert.
Kognitive Einbußen gehen zumindest bei stärke- Bei fortgeschrittenen kognitiven Einbußen sind
rer Ausprägung praktisch auch immer mit moto- Sportarten mit Anforderungen an psychomotori-
rischen Einschränkungen einher: Bewegungen sches Tempo, Koordination und Reaktionsfähig-
werden langsamer und plumper. Das kann man am keit, z. B. Rückschlagspiele und Teamsportarten,
Gehtempo meist gut erkennen. Dass sich das auf die zunehmend schwierig. Zunehmend kann auch die
sportliche Leistungsfähigkeit negativ auswirkt, liegt Motivationsbereitschaft fehlen, um selbst koordina-
auf der Hand. Sportarten mit Anforderungen an tiv einfache Bewegungsformen wie (rasches) Gehen
Geschwindigkeit und Koordination werden zuneh- zu praktizieren. In diesen Situationen wird eine
mend schwieriger. Darüber hinaus leiden aber auch sportliche Betätigung nur mit Begleitung und mit
die Aufmerksamkeit, Konzentration, geistige Wen- einfachen Bewegungsformen gelingen. Es gilt, den
digkeit, Reaktionsfähigkeit, Motivation und die Teufelskreis aus kognitiven Störungen mit negati-
Frustrationstoleranz, die durch Misserfolgserleb- ven Auswirkungen auf die Motorik und vor allem
nisse besonders herausgefordert ist. auf die Motivation zu Bewegung und dadurch ver-
schlechterte allgemeine Gesundheit und beschleu-
? Welche Sportarten sind bei kognitiven nigten geistigen Abbau mit wiederum negativen
Defiziten geeignet? Auswirkungen auf die körperliche Aktivität zu ver-
hindern. Da das Langzeitgedächtnis im Gegensatz
In körperlicher Hinsicht kann eine Person mit nur zum Kurzzeitgedächtnis weniger gestört ist, ist es
leichten kognitiven Defiziten die meisten Sportar- sinnvoll, auf frühere sportliche Vorlieben zurück-
ten ausüben, es sei denn, es bestehen körperliche zugreifen, sofern diese noch realisierbar sind.
Begleiterkrankungen, die ihrerseits zu Einschrän- Eventuell kann ein begleitender Hund beim Geh-
kungen führen. Tierexperimentell gut untermau- training motivationsfördernd wirken. Ängste unter-
ert und auch durch einzelne Patientenstudien wegs lassen sich eventuell durch Mitnahme eines
abgesichert ist, dass aerobes Training, z. B. Nordic Mobiltelefons vermindern. Sofern die Betroffenen
Walking, die Gedächtnisfunktionen verbessern nicht mehr ausreichend eigene Motivation für regel-
kann. Andererseits zeigten Studien mit Krafttrai- mäßige körperliche Aktivität entwickeln können
ning einen signifikanten Anstieg der Hirnperfusion oder Angehörige als treibende Kraft nicht (ausrei-
(Durchblutung), so dass sich daraus ableiten lässt, chend) zur Verfügung stehen, sind Aktivitäten in
dass ein gemischtes Trainingsprogramm anzustre- Sportgruppen für Demenz-Kranke sinnvoll (wün-
ben ist, welches neben aerobem Ausdauertraining schenswert: 2-mal eine Stunde pro Woche). Diese
auch Kraft- und Koordinationstraining beinhaltet. gibt es bereits mancherorts. Der Behindertensport-
Eine Interventionsstudie über 6 Monate an verband oder das Internet können Tipps geben.
verschiedenen Tagespflegeeinheiten für leicht bis Empfehlenswerte Sportarten sind Nordic
mittelschwer beeinträchtige Patienten in Deutsch- Walking, Wandern in Gruppen, Tanzen, Ergome-
land zeigte, dass eine Mehrkomponententherapie tertraining, Kraftübungen an Geräten (nicht freies
Kognitive Störungen und Demenz
45 
Hanteltraining), Aquagymnastik im Stehen, Mini- Literatur
golf, Golf und Mannschaftssportarten wie Völkerball.
Barnes DE, Yaffe K (2011) The projected effect of risk factor
reduction on Alzheimer's disease prevalence. Lancet
? Wieviel Sport wird empfohlen? Neurol 10:819–28
Cammisuli DM, Innocenti A, Franzoni F, Pruneti C (2017)
Es gibt bisher keine Studien, die zeigen, ab Aerobic exercise effects upon cognition in Mild Cog-
welchem Umfang sportlicher Aktivität ein nitive Impairment: A systematic review of randomized
controlled trials. Arch Ital Biol 155(1–2):54–62
demenzpräventiver Effekt eintritt und inwieweit
Duzel E, van Praag H, Sendtner M (2016) Can physical
dieser Effekt mit dem Ausmaß der Aktivität kor- exercise in old age improve memory and hippocam-
reliert. Somit gibt es bisher nur Empfehlungen: pal function? Brain 139(Pt 3):662–73. https://doi.
mindestens leichte bis mäßige körperliche Akti- org/10.1093/brain/awv407
vität (50–70 % der maximalen Herzleistung) min- Felbecker A, Tettenborn B, Reimers CD, Knapp G (2015) Kog-
nitive Störungen. In: Reimers CD, Reuter I, Tettenborn
destens 3-mal pro Woche über 30–40 Minuten.
B, Mewes N, Knapp G (Hrsg) Prävention und Therapie
Will man die Leistungsfähigkeit steigern, so sollte durch Sport. Band 2: Neurologie, Psychiatrie/ Psycho-
man die Aktivität auf mindestens 75 % der maxi- somatik,Schmerzsyndrome. 2. Aufl., Elsevier Urban &
malen Leistungsfähigkeit steigern und zusätz- Fischer, München, S. 315–354
lich kurze Phasen (z. B. 4 × 5 Minuten) hoher Forbes D, Thiessen EJ, Blake CM, Forbes SC, Forbes S
(2013) Exercise programs for people with demen-
Intensitäten (hochintensives Intervalltraining,
tia. Cochrane Database 12: CD006489. https://doi.
HIIT, 7 Glossar) einfügen. Effekte sind erst nach org/10.1002/14651858.CD006489
Monaten zu erwarten. Groot C, Hooghiemstra AM, Raijmakers PG, van Berckel BN,
Schriftliche Anleitungen zu einem Bewe- Scheltens P, Scherder EJ, van der Flier WM, Ossenkop-
gungsprogramm, das Führen eines Trainings- pele R (2016) The effect of physical activity on cognitive
function in patients with dementia: A meta-analysis of
kalenders, Rückfragen des Arztes bezüglich der
randomized control trials. Ageing Res Rev 25:13–23
sportlichen Aktivität und das Benutzen eines Karssemeijer EGA, Aaronson JA, Bossers WJR, Smits T, Olde
Schrittzählers können die Motivation der Betrof- Rikkert MGM, Kessels RPC (2017) Positive effects of
fenen, regelmäßig zu trainieren, erhöhen. Moti- combined cognitive and physical exercise training on
vationsfördernd wirkt auch Musik während des cognitive function in older adults with mild cognitive
impairment or dementia: A meta-analysis. Ageing Res
Trainings.
Rev 40:75–83. https://doi.org/10.1016/j.arr.2017.09.003
Laver K, Dyer S, Whitehead C, Clemson L, Crotty M (2016)
? Sind vor Sportaufnahme Voruntersuchungen Interventions to delay functional decline in people with
notwendig? dementia: a systematic review of systematic reviews.
BMJ Open 6(4):e010767. https://doi.org/10.1136/bmjo-
pen-2015–010767
Die kognitiven Störungen an sich machen keine
Stephen R, Hongisto K, Solomon A, Lönnroos E (2017)
Voruntersuchungen notwendig. Sportarten mit Physical Activity and Alzheimer's Disease: A Systematic
hohen Anforderungen an die Konzentration, Review. J Gerontol A Biol Sci Med Sci 72(6):733–739.
Aufmerksamkeit oder Reaktionsfähigkeit, z. B. https://doi.org/10.1093/gerona/glw251
Teamsportarten oder Rückschlagspiele, könnten Straubmeier M, Behrndt EM, Seidl H, Özbe D, Luttenberger
K, Gräßel E (2017) Nichtpharmakologische Therapie
allerdings selbst bei einem leichten kognitiven
bei Menschen mit kognitven Einschränkungen. Dtsch
Defizit Probleme bereiten und damit Frustration Arztbl Int 114:815–821
beim Betroffenen auslösen. Sinnvoll ist es daher, van der Wardt V, Hancox J, Gondek D, Logan P, Nair RD, Pol-
auf dieses Risiko aufmerksam zu machen und es lock K, Harwood R (2017) Adherence support strategies
auf einen Versuch ankommen zu lassen. Körper- for exercise interventions in people with mild cogni-
tive impairment and dementia: A systematic review.
lich steht einer altersgemäßen sportlichen Betä-
Prev Med Rep 7:38–45. https://doi.org/10.1016/j.
tigung grundsätzlich nichts im Wege. Da Betrof- pmedr.2017.05.007
fene mit kognitiven Defiziten inkl. einer Demenz
jedoch häufiger als kognitiv gesunde Personen
einen hohen Blutdruck aufweisen oder zucker-
krank sind, ist diesen Begleiterkrankungen Rech-
nung zu tragen. Auf die entsprechenden Kapitel
in diesem Buch wird hingewiesen.
47

Epilepsie
Andreas Straube

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_7
48 A. Straube

? Was ist eine Epilepsie?


Atonisch
Von einer Epilepsie spricht man, wenn wenigstens Fokale Anfälle
zwei epileptische Anfälle aufgetreten sind oder ein Ohne Einschränkung des Bewusstseins oder
epileptischer Anfall und eine Hirnläsion (Gewe- der Aufmerksamkeit
bebereich, der durch Verletzungen oder Krankhei- 44 mit motorischen oder autonomen
ten beschädigt wurde), dokumentiert durch eine Komponenten
bildgebende Untersuchung (z. B. ein Magnetreso- 44 mit nur subjektiven sensiblen /
nanztomogramm = MRT) oder ein Elektroenze- sensorischen oder psychischen
phalogramm (EEG), bestehen. Epilepsie ist eine Phänomenen
Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Störun-
gen, bei denen es zu einer Übererregbarkeit von Mit Einschränkung des Bewusstseins oder der
Neuronen im Gehirn kommt. Dabei erfolgt eine Aufmerksamkeit
abnorme gleichzeitige Entladung von Nervenzellen Sonstige
im Gehirn. Die Ursache ist eine erhöhte Erregbar- Epileptische Spasmen
 keit oder fehlerhafte Hemmung der Zellen.
Die Ursache dieser Störungen wiederum kann
in erblichen Veränderungen, Stoffwechselstörun- Ganz grob unterscheidet man zwischen (primär)
gen (z. B. verminderte Konzentration von Natrium, generalisierten Anfällen, die ihren Ursprung wahr-
Blutzucker oder Kalzium im Blut etc.), entzündli- scheinlich in tiefen Hirnregionen haben und zu
chen Veränderungen (z. B. im Rahmen einer Hirn- einer gleichzeitigen Entladung beider Hirnhälften
entzündung) oder anderen strukturellen Läsio- führen, und fokalen Anfällen, bei denen die Anfälle
nen (z. B. Gefäßfehlbildungen und Hirntumore von einer herdförmigen Hirnschädigung (sog.
bzw. -metastasen) liegen. Eine weitere zunehmend Fokus) ausgeht. Diese muss man nicht immer mit
wichtige Ursache epileptischer Anfälle sind auch bildgebenden Verfahren (z. B. Magnetresonanz-
Medikamente und Drogen. Gerade Alkohol und tomographie, MRT) sehen können. Die abnorme
die amphetamin- und kokainartigen Drogen sind Erregung bei diesen Anfällen kann sich im weiteren
dabei zu bedenken. Anfallsverlauf, in der Regel sehr rasch, auf andere
Eine Klassifikation von epileptischen Anfällen Hirnregionen und die andere Hirnhälfte ausbrei-
wurde von der International League Against Epi- ten (sog. sekundär generalisierte Anfälle). Bei gene-
lepsy (ILAES) vorgelegt (Berg et al. 2010): ralisierten Anfällen besteht fast ausnahmslos eine
Bewusstseinsstörung bis zum Bewusstseinsverlust.
Bei fokalen Anfällen können die verschiedensten
Klassifikation von Anfällen Störungen bestehen wie lokalisierte Muskelzuckun-
Generalisierte Anfälle gen, abnorme Empfindungen (z. B. unangenehmes,
Tonisch-klonisch (in jeder Kombination) schwer zu beschreibendes Gefühl im Oberbauch,
Absence Blitze vor den Augen, Kribbeln an umschriebenen
44 typisch Körperteilen), Sprachstörungen, plötzliche Stim-
44 atypisch mungsänderungen, leichtere Bewusstseinsein-
44 mit speziellen Merkmalen: schränkungen und viele andere Symptome.
myoklonische Absence Wenn derartige Empfindungen in immer glei-
Lidmyoklonien mit Absence cher Weise einem Anfall mit Bewusstseinsstörung
vorausgehen, nennt man das eine Aura. Der Vorteil
Myoklonisch für den Betroffenen ist, dass er dann vielfach noch die
44 myoklonisch Möglichkeit hat, einen Sturz bei Eintritt eines plötzli-
44 myoklonisch-atonisch chen Bewusstseinsverlustes zu vermeiden, indem er
44 myoklonisch-tonisch sich beispielsweise rasch hinlegt. Manchmal bleibt es
auch bei der Aura, ohne dass es zu weiteren Anfalls-
Klonisch symptomen kommt (sog. isolierte Aura).
Tonisch
? Wie häufig sind Epilepsien?
Epilepsie
49 
Man schätzt, dass ca. 3–4 % der Bevölkerung sind Lamotrigin, Levetiracetam, Carbamazepin,
irgendwann im Leben einmal unter bestimmten Oxcarbazepin und Valproinsäure die am häufigs-
ungünstigen Umständen (z. B. massiver Schlafent- ten eingesetzten Substanzen. Ganz wichtig für den
zug, Einnahme anfallsfördernder Medikamente, Behandlungserfolg ist eine ganz regelmäßige Medi-
Alkoholentzug bei längerdauerndem regelmäßi- kamenteneinnahme, in der Regel morgens und
gem schädlichem Alkoholkonsum oder Konsum abends. Das Auslassen von Medikamenteneinnah-
von Drogen) mindestens einen epileptischen Anfall men kann sogar epileptische Anfälle provozieren.
erleidet. Aber nur knapp 1 % der Bevölkerung leidet Mit einer geeigneten und regelmäßig eingenom-
an wiederholten Anfällen, wobei die Erkrankungs- menen Medikation bleiben etwa 70 % aller Betrof-
wahrscheinlichkeit für die verschiedenen Alters- fenen anfallsfrei, jedoch mit großen Unterschieden
gruppen unterschiedlich ist. In der Kindheit und im je nach Anfallsart.
höheren Alter ist sie höher als im mittleren Lebens-
alter. So liegt sie bei Kindern bei ca. 60/100.000 pro ? Kann man mit einer Epilepsie Sport treiben?
Jahr, bei Erwachsenen ca. bei 40/100.000 pro Jahr
und bei über 70-Jährigen ca. bei 140/100.000 pro Für die Entscheidung, ob ein Epilepsie-Kran-
Jahr. ker eine bestimmte Sportart ausüben kann, sind
Anfallsform und Anfallsauslöser von wesentlicher
? Wie behandelt man eine Epilepsie? Bedeutung. Darüber hinaus ist ein wesentlicher
Punkt, inwieweit der Betroffene vorher durch eine
Damit epileptische Anfälle nicht wiederholt auf- Aura gewarnt wird und noch in der Lage ist, gezielt
treten, wird man zunächst versuchen, die mögliche zu reagieren, sowie natürlich auch die Häufigkeit
Ursache auszuschalten, z. B. einen Hirntumor ope- der Anfälle.
rieren oder eine Hirnentzündung behandeln. Das Unabhängig von der Ätiologie können Betrof-
würde man freilich auch ohne Vorliegen von epilep- fene mit fokalen Anfällen, isolierten Auren oder
tischen Anfällen tun, weil in der Regel noch weitere einfach-fokalen Anfällen die meisten Sportarten
Symptome bestehen oder perspektivisch schwer- ausüben, wohingegen Betroffene mit fokalen Anfäl-
wiegende Folgen drohen. Manchmal sind aber len mit zusätzlicher Bewusstseinseinengung bzw.
epileptischen Anfälle die die einzige Folge einer generalisierten Anfällen bei verschiedenen Sport-
umschriebenen Hirnschädigung, z. B. einer kleinen arten eingeschränkt sind.
Fehlbildung. In diesen Fällen kommt eine Opera-
tion nur dann in Frage, wenn es nicht gelingt, die ? Kann Sport epileptische Anfälle auslösen?
Anfälle medikamentös zu unterdrücken (s. unten).
Zudem sollte man versuchen, mögliche Auslöse- Viele Jahre herrschte die Meinung vor, dass körper-
faktoren von Anfällen wie mangelnden Schlaf, die liche Anstrengung für Personen mit epileptischen
Einnahme anfallsfördernder Medikamente oder Anfällen ungünstig sein kann. Auch wenn kont-
Drogen zu vermeiden. rollierte Studien fehlen, so legen die publizierten
Insgesamt ist die Zahl der Betroffenen, bei Berichte jedoch nahe, dass Patienten mit Epilep-
denen man mit den angesprochenen Maßnah- sie, die regelmäßig Sport treiben, tendenziell sogar
men Anfallsfreiheit erreicht, leider recht gering. weniger häufig Anfälle erleiden. Entsprechend zeigt
In diesen Fällen ist bei fortbestehendem Risiko, sich auch bei EEG-Ableitungen während sportli-
dass epileptische Anfälle wiederholt auftreten, cher Aktivität in der Mehrzahl eine Abnahme epi-
also einer Epilepsie, in der Regel eine medikamen- lepsietypischer Aktivität, die dann in der Erho-
töse Behandlung notwendig. Hierfür stehen mitt- lungsphase wieder vermehrt auftritt. Ursächlich
lerweile mehr als zwei Dutzend nachgewiesen dafür könnten eine verbesserte Wachheit oder eine
wirksame Substanzen zur Verfügung (sog. Anti- Veränderung des Säure-Basen-Haushalts sein. Die
epileptika oder Antikonvulsiva). Die Auswahl Auslösung epileptischer Anfälle durch körperliche
für den jeweiligen Anfallskranken hängt von der Anstrengung ist jedenfalls sehr selten.
Art der Anfälle und den möglichen unerwünsch- Zu beachten ist dabei, dass vertiefte Atmung
ten Nebenwirkungen der Substanzen und mög- bei sportlicher Betätigung nicht mit einer Hyper-
lichen Wechselwirkungen mit anderen eventuell ventilation bei der EEG-Registrierung ver-
eingenommenen Medikamenten ab. Hierzulande wechselt werden darf. Die EEG-Registrierung
50 A. Straube

. Tab. 1  Verletzungsrisiko und modifizierende Einflüsse. (Aus Galovic und Tettenborn 2015)

Sportart Risiko Kommentar

niedrig moderat hoch

Aerobe Sportarten X Auf ausreichende Flüssigkeits- und


(Joggen, Eislaufen, Elektrolytsubstitution achten
Fitness, Gymnastik, Aerobes Training hat möglicherweise günstige Effekte
etc.) auf die Anfallshäufigkeit und Lebensqualität

Bergsport X Vorsicht bei ausgesetzten Wegen und Absturzgefahr


(alpines Wandern, Sauerstoffgehalt nimmt mit zunehmender Höhe stark
Hochgebirgstouren, ab
Skitouren)

Skifahren X Kopf- und Körperschutz ist notwendig wie bei


Gesunden
 Sturzgefahr vom Skilift/Sessellift

Radfahren X Kopf- und Körperschutz ist notwendig wie bei


Gesunden
Muss mit genereller Fahreignung vereinbar sein

Mannschaftssportarten X Information der Mitspieler über Epilepsie-Erkrankung


(Fußball, Basketball, wird empfohlen
Hockey, Baseball etc.) Kopf- und Körperschutz gemäß den Empfehlungen für
jeweilige Sportarten

Boxen und X X Rolle von wiederholten Schlägen gegen den Kopf für
Kampfsportarten Menschen mit Epilepsie unklar
Bislang kein Konsensus vorhanden

Schwimmen und X Ertrinkungsrisiko bei Menschen mit Epilepsie


Wassersport maßgeblich erhöht
Flackerlichtexposition durch Spiegelung der Sonne im
bewegten Wasser kann Anfälle auslösen
Nur unter Aufsicht oder Begleitung
Offene Gewässer meiden bzw. nur mit direkter
Begleitung

Tauchen X Anfall unter Wasser birgt hohe Ertrinkungsgefahr und


verläuft in der Regel tödlich
Individuelle Ausnahmen bei Anfallsfreiheit von
mindestens 4–5 Jahren, mit erfahrenem Tauchpartner
und in niedriger Tauchtiefe

Rudern, Bootfahren, X Tragen einer Schwimmweste


Fischen Nur mit unmittelbarem Begleiter

Klettern X Nur unter Aufsicht


Epilepsie-Kranke sollten nicht den Partner sichern
Vom Freeclimbing wird abgeraten. Beim Absturz
besteht Gefahr für andere Beteiligte

Reiten X Kopf- und Körperschutz notwendig


Sturzgefahr vom Pferd

Turnen X X In Abhängigkeit vom Gerät besteht Sturzrisiko


Nur unter Aufsicht

Sport in Höhen X Hohes Verletzungs- und Todesrisiko


(Fallschirmspringen, Risiko für andere Beteiligte
Paragliding etc.)
Epilepsie
51 

. Tab. 1  (Fortsetzung)

Sportart Risiko Kommentar

niedrig moderat hoch

Motorsport X Anfälle während des Fahrens können zu potenziell


(Motorradfahren, katastrophalen Unfällen führen
Autorennen, Gefahr für Verletzung von anderen Beteiligten
Jetskifahren, Fliegen) Von Motorsport sollte generell abgeraten werden
Siehe gültige landesspezifische
Fahreignungsrichtlinien
Bereits nach dem ersten epileptischen Anfall ist die
Flugeignung nicht mehr gegeben

Schießsport X Erhebliches Verletzungsrisiko für Sportler und andere


(Bogenschießen, Beteiligte
Schießen mit Individuelle Entscheidung unter Berücksichtigung des
Schusswaffen) Waffentyps
Die Voraussetzungen des lokalen Waffengesetzes
müssen erfüllt sein (in der Regel sind Schusswaffen bei
Menschen mit aktiver Epilepsie verboten)

(Elektro-Enzephalographie oder Hirnstrom-Mes- erreicht wird und so der Ausbildung einer Osteo-
sung) dient dazu, epilepsietypische Veränderun- porose entgegenwirkt. Zudem kann regelmäßi-
gen im EEG darzustellen. Die vertiefte Atmung bei ges sportliches Training in Form eines Ausdauer-,
sportlicher Betätigung führt nämlich nicht zu einer Kraft- oder Gleichgewichtstrainings, am besten
anfallsfördernden Alkalose (durch das Abatmen kombiniert, oder auch Tai Chi das Sturzrisiko um
von Kohlendioxid verändert sich der Säure-Basen- größenordnungsmäßig ein Drittel senken.
Haushalt im Blut). Vielmehr versucht der Körper, Eine weitere Konsequenz einer Epilepsie ist,
durch verstärkte Atmung eine das Anfallsrisiko dass die Patienten häufig eher einen passiven,
eher mindernde Ansäuerung des Blutes nur aus- zurückgezogenen Lebensstil pflegen, welcher zu
zugleichen. Zu beachten ist, dass es bei sportlicher Übergewicht führen kann. Auch hier kann regel-
Betätigung nicht zu einer anfallsfördernden Hypo- mäßiger Sport hilfreich sein. Ein Lebensstil mit
glykämie (Unterzuckerung) oder durch Konsum mehr Bewegung hilft dann auch, weitere Folgen
hypotoner Getränke (z. B. Coca Cola) zu einer wie arterielle Hypertonie und Diabetes mellitus zu
ebenfalls anfallsfördernden Hyponatriämie (ver- vermeiden. Hintergrund der sportlichen Inaktivität
minderte Konzentration von Kochsalz im Blut) ist vielfach die Angst der Betroffenen, deren Ange-
kommt. hörigen oder sogar der Therapeuten, dass sich beim
Sport Anfälle ereignen könnten, die wiederum zu
? Welche Wirkung hat Sport auf Verletzungen führen könnten. Auch die eventu-
Begleiterkrankungen bei Epilepsien? elle Scham, in der Öffentlichkeit einen Anfall zu
erleiden, könnte eine Rolle spielen. Sinnvoll ist es
Patienten mit einer Epilepsie und insbesondere in diesem Zusammenhang, offensiv mit der Diag-
jene, die mit einer der älteren Substanzen behan- nose umzugehen und Sportpartner in das Vorliegen
delt werden, die an dem Abbau beteilige Prozesse in einer Epilepsie einzuweihen.
der Leber beschleunigen (vor allem Carbamazepin, Verschiedene psychische Symptome finden sich
Oxcarbazepin sowie die hierzulande kaum mehr häufiger bei Personen mit epileptischen Anfällen,
verordneten Substanzen Phenytoin und Phenobar- am wichtigsten dabei ist die depressive Verstim-
bital), haben ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko, eine mung bis hin zur sog. Major Depression (Vollbild
Knochenfraktur zu erleiden. Der wesentliche Reiz einer Depression). Mittlerweile wird Sport als einer
zum Aufbau von Knochen ist die körperliche Belas- der wesentlichen Therapiebausteine bei Behand-
tung, die durch regelmäßige sportliche Betätigung lung solcher depressiver Symptome angesehen.
52 A. Straube

Einige Autoren sehen dabei auch pathophysio-


logische Überschneidungen zwischen Epilepsie 44 Radfahren auf entsprechenden
und Depression. Ein wesentlicher Punkt ist auch, Radwegen und mit Schutzausrüstung,
dass Epilepsie-Kranke häufig über ein anhalten- kein Rennrad/Mountain-Biking
des Erschöpfungsgefühl berichten. Insgesamt 44 Rudern (Mehrpersonen-Boot)
wird aerobes Training als die sinnvollste thera- 44 Tanzen/Sportgymnastik
peutische Maßnahme gegen ein solches Fatigue- 44 Fitnessstudio
Gefühl angesehen (s. auch 7 Kap. „Depression“ und 44 Turnen (nicht in der Höhe)
„Fibromyalgie-Syndrom“). 44 Mannschaftssportarten (Fuß-, Hand,
Basket-, Volleyball o. Ä.)
? Welche Sportarten können empfohlen 44 Tennis/Tischtennis/Badminton
werden?
Generell zu meiden sind Klettern in alpinem
Generell gilt, dass epilepsiekranke Sportler nicht Gelände (Ausnahme: Bouldern unter
häufiger Sportverletzungen erleiden als andere Aufsicht), Tauchen, Fallschirmspringen
 Sportler. Trotzdem sollte die Auswahl der Sport- oder Paragliding, Motorsport, Boxen und
arten immer auch in Blick auf die Form und Schießsport (weitere Details in Dröge et al.
Frequenz von epileptischen Anfällen gesche- 2017).
hen. Personen, die ausschließlich epileptische
Anfälle ohne Bewusstseinsverlust haben, können
die meisten Sportarten ausführen. Bei häufi-
Literatur
gen Anfällen und Bewusstseinsverlust/-einen-
gung (darunter fallen alle sog. großen Anfälle Arida RM, de Almeida AC, Cavalheiro EA, Scorza FA (2013)
(Grand mal) sowie auch klassische Absencen und Experimental and clinical findings from physical exer-
komplex fokale Anfälle) sollten vorwiegend die cise as complementary therapy for epilepsy. Epilepsy
im Folgenden unter Punkt 2 genannten Sportar- Behav 26:273–8
Berg AT, Berkovic SF, Brodie MJ, Buchhalter J, Cross JH, van
ten gewählt werden.
Emde Boas W, Engel J, French J, Glauser TA, Mathern
GW, Moshé SL, Nordli D, Plouin P, Scheffer IE (2010)
Revised terminology and concepts for organization of
Empfehlung zu Sport bei Epilepsie seizures and epilepsies: report of the ILAE Commission
on Classification and Terminology, 2005–2009. Epilep-
sia 51:676–85
1) Kontrollierte Epilepsien (maximal 1 Anfall
Dröge C, Thorbecke R, Brandt C (2017) Sport bei Epilepsie.
pro Jahr) Schriften über Epilepsie, Bd 5. Stiftung Michael, Bonn
44 Aerobes Training incl. Laufen/Ski-Langlauf Galovic M, Tettenborn B (2015) Epilepsie. In: Reimers CD,
44 Schwimmen in beaufsichtigen Becken Reuter I, Tettenborn B, Mewes N, Knapp G (Hrsg) Prä-
44 Radfahren (insbesondere auf vention und Therapie neurologischer und psychischer
Krankheiten durch Sport, 2. Aufl. Elsevier Urban &
entsprechenden Wegen, Helm!)
Fischer, München, S. 113–123
44 Reiten mit Begleitung Kanner AM (2005) Depression in epilepsy: a neurobiologic
44 Rudern (Auftriebsweste!) perspective. Epilepsy Curr 5:21–7
44 Tanzen/Sportgymnastik Pimentel J, Tojal R, Morgado J (2015) Epilepsy and physical
44 Fitnessstudio exercise. Seizure 25:87–94
44 Turnen (nicht in der Höhe)
44 Mannschaftssportarten (Fuß-, Hand,
Basket-, Volleyball o. Ä.)
44 Tennis/Tischtennis/Badminton
44 Alpines Skifahren (mit Einschränkungen,
Helm!)

2) Epilepsien mit mehr als 1 Anfall pro Jahr


44 Aerobes Training incl. Laufen/Ski-Langlauf
44 Schwimmen in beaufsichtigen Becken
53

Multiple Sklerose und


andere chronische
entzündliche
Hirnerkrankungen
Andreas Straube

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_8
54 A. Straube

? Was versteht man unter einer Multiplen ? Wie äußert sich eine Multiple Sklerose?
Sklerose?
Letztlich kann es zu sehr verschiedenen Symp-
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche, tomen kommen. Ein Verlust an Sehschärfe, vor-
demyelinisierende Erkrankung des zentralen Ner- übergehende Gefühlsstörungen oder Lähmun-
vensystems (ZNS). Demyelinisierung heißt, dass gen werden am häufigsten berichtet. Zu Beginn
die Umhüllung der Nervenfasern im Zentralner- der Erkrankungen kommt es meist zu einer guten
vensystem, die sog. Myelinscheiden, im Gehirn Rückbildung der Beschwerden (im Sinne eines
und/oder Rückenmark geschädigt ist. Je nach Ver- schubförmigen Verlaufes mit klinisch vollständiger
laufsform wird bei der MS zwischen der primär Rückbildung). Mit fortschreitendem Verlauf kann
schubförmigen (es kommt zu relativ akut begin- es aber zu einer zunehmenden bleibenden Beein-
nenden Symptomen, die sich nach einer Zeit mehr trächtigung kommen, wobei Lähmungen, Koor-
oder weniger zurückbilden) und der primär progre- dinationsstörungen, aber auch kognitive Defizite
dienten Form (bei der es langsam und kontinuier- (Konzentrations-, Merkfähigkeits- und andere Stö-
lich zu einer Zunahme der Behinderung kommt) rungen) im Vordergrund stehen können.
unterschieden, wobei der primär schubförmige Typ Parallel zu der motorischen Beeinträchtigung
etwa 80–90 % aller Erkrankungen ausmacht. bildet sich häufig eine Steifigkeit der Gliedmaßen
Mit zunehmender Entdeckung verschiedener im Sinne einer spastischen Muskeltonuserhöhung
 Zielantigene (Zellwandanteile, die die Bildung von als Paraspastik (beide Beine) oder Tetraspastik (alle
Antikörpern in Gang setzen) der Entzündungsreak- Gliedmaßen), die die Beweglichkeit herabsetzt und
tion ist in den letzten Jahren auch eine zunehmend Bewegungen als abnorm anstrengend erleben lässt.
genauere Charakterisierung verschiedener Krank- Hierdurch kann die bei Personen mit einer MS sehr
heitsformen gelungen. So unterscheidet man die häufig als störend empfundene abnorme Ermüd-
Neuromyelitis optica (sog. NMO-Spektrum-Er- barkeit („Fatigue“) zusätzlich verstärkt werden.
krankungen) und die MOG (Myelon-Oligodendro- Daneben werden häufig Schmerzen (schmerzhafte
zyten-Glykoprotein)-assoziierten Erkrankungen von Parästhesien und auch Neuralgien) berichtet (z. B.
der MS, und es ist zu erwarten, dass in Zukunft noch die Trigeminusneuralgie).
weitere Unterformen abgegrenzt werden können. Bei
all diesen Erkrankungen steht anfangs eine entzünd- ? Wie stellt man die Diagnose einer Multiplen
liche Komponente im Vordergrund, und im weiteren Sklerose?
Verlauf tritt eine neurodegenerative Komponente, d.
h., der Untergang von Zellen des Zentralnervensys- Die Diagnose wird aufgrund von klinischen
tems, in den Vordergrund. Gerade diese entzündliche Beschwerden und der Ergebnisse von Zusatzunter-
Phase lässt sich durch therapeutische Maßnahmen suchungen (sog. evozierte Potenziale, Magnetreso-
beeinflussen. In der Literatur zu Sport und MS sind nanztomographie des Gehirns und Rückenmarks
aber diese Subentitäten (Unterformen) nicht speziell und Liquoruntersuchung) gestellt. Dabei gilt der
unterschieden worden, so dass die Empfehlungen für Grundsatz, dass die klinischen Auffälligkeiten oder
alle diese Erkrankungsformen im Wesentlichen über- die im Magnetresonanztomogramm (MRT) sichtba-
nommen werden können. ren Entzündungsherde verschiedenen Hirnregionen
zugeordnet werden können (sog. räumliche Dissemi-
? Wie häufig ist die Multiple Sklerose? nation). Außerdem muss nachgewiesen werden, dass
Entzündungen zu verschiedenen Zeitpunkten auf-
In Deutschland gibt es ca. 200.000 Personen mit getreten sind (sog. zeitliche Dissemination). Wenn
einer MS. Frauen sind etwa doppelt so häufig man also in zwei aufeinanderfolgenden MRT des
betroffen wie Männer. Das Erkrankungsalter liegt Kopfes eine zunehmende Zahl entzündlicher Herde
vor allem zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr mit im Marklager (sog. „white matter lesions“, WMLs,
einer weiten Spanne. Kinder erkranken nur sehr d. h., in der Tiefe des Gehirns) findet, ist diese zeitli-
selten. Es findet sich eine leichte familiäre Häufung. che und auch räumliche Trennung bewiesen. Dieses
Die anderen chronischen entzündlichen ZNS-Er- kann auch in einem MRT gegeben sein, wenn man
krankungen sind deutlich seltener. Genaue Zahlen neben alten Herden ohne Kontrastmittelaufnahme
sind zum Teil gar nicht bekannt. neue Herde findet, die Kontrastmittel aufnehmen
und in verschiedenen Regionen liegen.
Multiple Sklerose und andere chronische entzündliche Hirnerkrankungen
55 
Im Langzeitverlauf kommt es dann häufig auch ein Erfolg gesehen werden kann. Bei akuter kli-
zu einer beschleunigten Abnahme des gesamten nischer Verschlechterung im Wochenbett und in
Hirnvolumens (ca. um 1 % pro Jahr verglichen mit der Stillperiode können auch Immunglobuline,
0,1–0,3 % bei Gesunden). Daneben findet sich in die aus dem Blut vieler Blutspender gewonnen
ca. 95 % der Patienten auch ein typischer Befund werden, per Infusion verabreicht und durch diese
im Liquor cerebrospinalis („Nervenwasser“) mit eine Hemmung der Entzündungsreaktion erreicht
Zeichen einer Entzündung und spezifischer Anti- werden.
körperproduktion im Zentralnervensystem (sog. In der Langzeittherapie gibt es für die meisten
oligoklonale Banden). Weitere typische Befunde der chronischen entzündlichen ZNS-Erkrankun-
können durch Testung des Sehnervs (visuell evo- gen mittlerweile spezifische Therapieempfehlun-
zierte Potentiale, VEP), der sensiblen Bahnen gen. So wird bei einer MS häufig initial Interfe-
(somatosensorisch evozierte Potentiale, SEP) oder ron 1ß oder Glatirameracetat eingesetzt, alternativ
der motorischen Nervenbahnen (motorisch evo- gibt es aber auch Antikörpertherapien bzw. andere
zierten Potentialen, MEP) erhoben werden. Bei Stoffe, die eingesetzt werden können. Allen gemein-
einigen der verwandten Erkrankungen lassen sich sam ist, dass sie über einen längeren Zeitraum
spezifische Antikörper im Serum und manch- regelmäßig angewendet werden müssen. Ziel dabei
mal auch im Liquor (z. B. Aquaporin-Antikörper, ist, den Patienten frei von jeder Krankheitsaktivi-
MOG-Antikörper) nachweisen, die dann bewei- tät zu bekommen. Daher kann es sein, dass man bei
send für diese Erkrankungen sind. Schwierig kann weiterer Krankheitsaktivität im Verlauf von einem
die Unterscheidung bei Erkrankungen aus dem der sog. Basismedikamente auf ein anderes, mut-
Formenkreis der systemischen Gefäßentzündun- maßlich noch wirksameres Medikament umsteigen
gen (Vaskulitiden, z. B. systemischer Lupus erythe- (sog. Eskalationstherapie) und dabei auch größere
matosus, SLE) oder Sarkoidose des ZNS sein. Hier Nebenwirkungen bzw. Risiken in Kauf nehmen
finden sich Hinweise auf die Mitbeteiligung anderer muss. Generell gilt es, frühzeitig die Entzündungs-
Organe, und auch die MRT-Befunde können abwei- aktivität zu reduzieren, damit der Verlust an Ner-
chend sein (Läsionen weniger um die inneren Hirn- venzellen gebremst werden kann.
wasserräume, also periventrikulär, lokalisiert). Für die anderen Ursachen für chronische ent-
zündliche ZNS-Erkrankungen gibt es deutlich
? Wie behandelt man eine MS und die anderen weniger etablierte Behandlungsmöglichkeiten,
entzündlichen Hirnerkrankungen? als sie für die MS eingeführt sind. Häufig werden
Azathioprin, Methotrexat oder auch Rituximab
Man unterscheidet eine Akuttherapie bei neu auf- eingesetzt.
getretenen Symptomen wie Sehstörung, Lähmung,
Gefühlsstörung oder Koordinationsstörung und ? Wie wirkt sportliche Aktivität bei Patienten
eine prophylaktische Therapie, die das Auftre- mit Multipler Sklerose?
ten dieser Symptome im Langzeitverlauf verhin-
dern soll. Erfreulicherweise konnten in den letzten Nachdem früher Sport bei MS mit dem Argu-
15 Jahren erhebliche Fortschritte in der Behand- ment abgelehnt wurde, dass vermehrte Bewegung
lung dieser entzündlichen Erkrankungen des Zen- zu einer Zunahme der Schwäche und Ermüdbar-
tralnervensystems gemacht werden, so dass sich keit führe bzw. das Risiko eines erneuten Schubes
die Prognose dieser Erkrankungen deutlich ver- erhöhe, haben Studien und mehrere darauf aufbau-
bessert hat. ende Metaanalysen diese Einstellung grundlegend
In der Akuttherapie steht die Unterdrückung geändert. In einer umfassenden Analyse kommt u.
der entzündlichen Aktivität im Vordergrund. Dafür a. ein Cochrane-Review zu der Feststellung, dass
werden kurzfristig Glukokortikoide („Cortison“) in es durch körperliches Training zu keiner erhöhten
hohen Dosierungen eingesetzt. Bei unzureichender Schubrate bei MS kommt. Darüber hinaus gibt es
Wirkung führt man eine sog. Plasmaseparierung Hinweise, dass regelmäßiges körperliches Training
(Plasmapherese oder Immunabsorption) durch. sogar günstig auf die Ermüdbarkeit („Fatigue“) von
Dabei werden die Antikörper durch ein spezifi- Patienten mit MS wirken könnte.
sches Verfahren aus dem Blut entfernt („Blutwä- Die aerobe Ausdauer von Patienten mit MS ist
sche“). Dies muss häufig wiederholt werden, bis im Vergleich zu Gesunden signifikant reduziert. Es
56 A. Straube

konnte gezeigt werden, dass sich diese Form der angeregt werden kann. Ähnliches gilt auch für die
Ausdauer durch ein entsprechendes aerobes Trai- Neubildung von Muskelzellen aus Muskelstamm-
ning verbessern lässt. Für Patienten mit einer MS zellen. Es gibt viele Hinweise, dass dies auch für den
und einem Behinderungsgrad kleiner als EDSS 7 Menschen anzunehmen ist.
(EDSS 7 = unfähig, mehr als 5 m zu gehen) liegen Zusammenfassend ist festzustellen, dass sport-
auch Studien vor, die neben einem aeroben Aus- liche Aktivität von Patienten mit MS in Bezug auf
dauertraining einen positiven Effekt leichten Kraft- die MS unbedenklich ist und sicher zu einer Ver-
trainings auf die Muskelkraft zeigen. Die Ergeb- besserung der kardio-pulmonalen Leistungsfähig-
nisse lassen aber keine Aussage zu, ob sich damit keit führt. Möglicherweise kommt es auch zu einer
auch die funktionellen Defizite im Alltag bessern Verbesserung der Regeneration von entzündlich
lassen. In einer kleinen Studie wurde der Effekt veränderten Hirnregionen.
eines 24-wöchigen Krafttrainings auf die mag-
netresonanztomographischen Veränderungen ? Gibt es besonders geeignete Sportarten?
bei Patienten mit einer schubförmigen MS unter-
sucht. Es fanden sich keine Unterschiede bezüg- Die Frage, ob bestimmte Sportarten günstiger als
lich der sog. Läsionslast (Zahl der MRT-Verän- andere für Patienten mit MS sind, ist nicht umfas-
derungen) zwischen der aktiven Gruppe und den send untersucht. Generell können aber alle Sport-
Patienten auf einer Warteliste. Es zeigte sich aber arten durchgeführt werden, abhängig vom körper-
 in einigen Hirnregionen eine günstige Dickenzu- lichen Behinderungsgrad.
nahme der Hirnrinde unter dem Training, so dass Gezieltes Gangtraining kann neben der aeroben
durch ein solches Training möglicherweise die fort- Leistungsfähigkeit auch die Ganggeschwindigkeit
schreitende Abnahme des Hirnvolumens gebremst verbessern, so dass prinzipiell Walking oder ähn-
werden kann. liche Sportarten sinnvoll sind. Für Radfahren und
Sicher ist, dass regelmäßiges Training auch bei hier besonders Radfahren unter funktioneller Elek-
Patienten mit einer MS zu einer Verbesserung der trostimulation konnte ein positiver Effekt im Sinne
kardio-respiratorischen Leistungsfähigkeit (Herz- einer Reduktion der spastischen Tonuserhöhung
und Lungenfunktion) führt, wie in einer Analyse (Steifigkeit) der Beine gesehen werden. Ob dabei
von 62 ausgewählten Studien zu dieser Fragestel- die wechselseitige elektrische Stimulation oder die
lung bestätigt wurde. Im Durchschnitt fand sich zyklische Aktivität der Muskulatur die wesentli-
in diesen Studien eine Verbesserung um 10–20 %. che Ursache für die Reduktion der Spastik ist, ist
MS-Kranke weisen häufig Gleichgewichtsstö- ungeklärt. Eine Übersichtsarbeit berichtet zudem
rungen auf, die sich durch ein statisches oder dyna- über einen günstigen und auch rasch einsetzen-
misches Gleichgewichtstraining bessern lassen. Ein den Effekt auf die Spastik durch die Durchführung
Kraft- und Gleichgewichtstraining ist auch geeig- passiver Fahrradfahrbewegungen mittels motorge-
net, die Sturzgefahr zu vermindern. triebenem Ergometer. Ähnliches gilt wahrschein-
Ein sportliches Training hat zudem güns- lich auch für ein Laufbandtraining. Ebenfalls einen
tige Auswirkungen auf die bei MS-Kranken nicht möglicherweise günstigen Effekt auf eine Spastik
seltene Depression und die regelmäßig einge- der unteren Extremität hat das Reiten, welches
schränkte Lebensqualität. bei MS-Kranken sehr beliebt ist. Studien darüber
Nicht eindeutig sind dagegen die Ergebnisse bei MS sind aber selten. Diese zeigen einen gewis-
einer Metaanalyse zu der Frage, inwieweit regelmä- sen Effekt auf die Spastik und auch eine Verbesse-
ßiges körperliches Training auch die kognitive Leis- rung der Lebensqualität. Sicher ist, dass Reiten bei
tungsfähigkeit bessert, wobei dies möglicherweise Kindern mit spastischer Parese wirksam ist.
auf die unterschiedlichen Trainingsprogramme Von den meisten Patienten mit MS wird
bzw. Tests der Zielparameter zurückzuführen ist. eine kontinuierliche Belastung mit leichter bis
Inwieweit körperliches Training auch direkt moderater Intensität im Ausdauerleistungsbe-
in die Regeneration eingreift, ist beim Menschen reich oder auch als Intervalltraining besser tole-
noch ungeklärt. Aus Tierexperimenten weiß man, riert als eine Belastung mit hoher Intensität. Aller-
dass die Bildung neuronaler Zellen aus Stammzel- dings scheint bei manchen Patienten mit MS eine
len durch ein solches Bewegungstraining besonders gesteigerte Intensität größere Effekte zu erzielen.
im Hippokampus (ein Gebiet im Schläfenlappen) Optimal ist ein kombiniertes Kraft-, Ausdauer- und
Multiple Sklerose und andere chronische entzündliche Hirnerkrankungen
57 
Gleichgewichtstraining mit zusätzlichen Dehn- 55 EDSS 3–5,5: Sportarten mit hohem
übungen. Empfohlen werden für das Krafttrai- Anspruch an die Schnelligkeit, Koordi-
ning 2–3 Trainingseinheiten pro Woche, jeweils nation und Ausdauer sind meist nur sehr
4–8 Übungen (8–15 Wiederholungen, moderate eingeschränkt möglich. Gut geeignet
Intensität), 1–3 Serien) und für ein Ausdauer- sind: Nordic Walking, Fahrradfahren,
training 2–3 Trainingseinheiten pro Woche, Schwimmen, Segeln, aber auch Tanzen.
jeweils 10–40 Minuten bei mäßiger Intensität Mannschaftssportarten nur eingeschränkt
(50–70 % der maximalen Sauerstoffaufnahmeka- empfehlenswert.
pazität [VO2max], bzw. 60–80 % der maximalen 55 EDSS 6 und höher: Meist ist nur Gymnastik
Herzfrequenz). im Sitzen oder Liegen möglich, Bettfahrrad
Da MS-Patienten manchmal über eine Ver- bzw. motorunterstütztes Ergometer. Fahrrad-
schlechterung der Sehleistung, aber auch von Koor- fahren (Dreirad mit Elektromotor).
dination und Kraft bei Anstrengung und Erhöhung
der Körpertemperatur klagen (sog. Uhthoff-Phäno- . Tab. 1 listet Sportarten auf, die bei spezifischen
men), sind für diese Gruppe natürlich Sportarten Behinderungen geeignet sein können.
geeignet, bei denen es nicht zu einer Erhöhung der
Körpertemperatur kommt. Entsprechende Sport-
arten sind Schwimmen, Sportarten mit einer gerin- . Tab. 1  Bei spezifischen Funktionsstörungen
geeignete Sportarten. (Nach Heesen und Mäurer,
geren aeroben Belastung wie langsames Radfahren, im Druck)
Gehen oder auch Golf. Grundsätzlich ist die durch
die Temperaturerhöhung erzeugte Verschlechte- Symptome Empfohlene Sportart
rung reversibel und entspricht nicht einem Schub
der MS, sondern beruht auf einer kurzzeitigen Spastik Dehnübungen (passives und
aktives Bewegen), Yoga, Tai
Instabilität der Weiterleitung der Nervenimpulse
Chi, Reiten, Schwimmen,
durch die Temperaturerhöhung („vermehrtes Rau- gymnastische Übungen,
schen“). Bei sehr stark ausgeprägter Temperatur- leichte Ballspiele, Radfahren
abhängigkeit können Kühlwesten eine gewisse
Gleichgewichts-/ Rhythmische und langsame
Besserung erbringen und so die sportliche Betä- Koordinationsstö- Bewegungen, Radfahren
tigung ermöglichen. Empfehlenswert ist in diesen rungen (ebenes Gelände/
Fällen natürlich auch, die sportliche Betätigung Heimtrainer), Tanzen,
in die kühleren Morgen- oder Abendstunden zu Gleichgewichtsübungen,
Reiten
legen. Eine weitere Möglichkeit ist die Verordnung
des Kalium-Kanal-Blockers Aminopyridin (Fram- Fatigue Ausdauersportarten wie
pyra®), der für die Behandlung einer Gangbeein- Nordic Walking, Schwimmen,
Tanzen, Aerobic, Reiten,
trächtigung bei MS zugelassen ist und die Weiter-
Wandern
leitung von Nervenimpulsen durch eine veränderte
Repolarisation der Nervenzellen (darunter versteht Paresen Kräftigung der
man den Ausgleich der Ionen nach einem Aktions- Rumpfmuskulatur,
potenzial) verbessert. Bewegungskoordination,
Nordic Walking, Schwimmen,
Vorschlag geeigneter Sportarten bei MS, ein- Yoga, Hippotherapie,
geteilt anhand des EDSS (0 = normaler Befund, 3 = Bogenschießen
mäßiggrade Behinderung bei voller Gehfähigkeit,
Gefühlsstörungen Spiele auf z. B.
5,5 = ohne Hilfe gehfähig für 100 m, 8 = weitgehend Matten, Teppich, Gras;
auf den Rollstuhl angewiesen): Einsatz verschieden
55 EDSS 0–3: Grundsätzlich sind – in Abhän- strukturierter Materialien,
gigkeit von eventuellen funktionellen Trampolinübungen
Einschränkungen – alle Sportarten möglich, Uhthoff- Kühlung, Schwimmen,
Paresen können sich bei Anstieg der Körper- Phänomen Wassergymnastik
temperatur verschlechtern.
58 A. Straube

Literatur
Heesen C, Mäurer M (im Druck) Multiple Sklerose. In: Moo-
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Starck M, Meuth SG (2017) Neues zur symptomatischen
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arzt 88:1428–1434
Kalron A, Zeilig G (2015) Efficacy of exercise intervention
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59

Kopfschmerzen
Andreas Straube

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_9
60 A. Straube

? Was versteht man unter primären


Kopfschmerzen? 3. Trigemino-autonome Kopfschmerzen
(engl. „trigeminal autonomic
Kopfschmerz ist ein sehr häufiges Symptom. Dabei cephalalgias“, TACs)
unterscheidet man Erkrankungen, bei denen der –– 3.1 Clusterkopfschmerz
Kopfschmerz das einzige Symptom der Erkrankung –– 3.2 Paroxysmale Hemikranie
ist (sog. primäre Kopfschmerzen) von denjenigen –– 3.3 Short-lasting unilateral
Erkrankungen, bei denen der Kopfschmerz nur ein neuralgiform headache attacks
Symptom unter anderen und Folge dieser Erkran- –– 3.4 Hemicrania continua
kung ist, z. B. einer Hirnhautentzündung (Meningi- 4. Andere primäre
tis) oder Hirnblutung (sog. sekundäre Kopfschmer- Kopfschmerzerkrankungen
zen). Bei den primären Kopfschmerzen kann man –– 4.9 Schlafgebundener Kopfschmerz
die Kopfschmerzen behandeln und auch die Häu- –– 4.10 Neu aufgetretener täglicher und
figkeit der Kopfschmerzen günstig beeinflussen persistierender Kopfschmerz (NDPH)
(z. B. durch eine Prophylaxe), die Kopfschmerzen
können aber grundsätzlich nicht „geheilt“ werden, Sekundäre Kopfschmerzen
da sie vor einer individuellen genetischen Prädis- 5 Kopf- oder HWS-Trauma
position (angeborene Veranlagung) im Zusammen- 6. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine
spiel mit Umweltfaktoren zu sehen sind. Bei den Gefäßstörung
sekundären Kopfschmerzen sollte sich der Kopf- 7. Kopfschmerz zurückzuführen auf
 schmerz nach Behandlung der Ursache (z. B. der nichtvaskuläre, intrakranielle Störungen
Hirnhautentzündung) wieder bessern oder ganz 8. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine
verschwinden, wobei es häufig auch hierbei eine Substanz oder deren Entzug
Beeinflussung der Kopfschmerzen durch eine gene- 9. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine
tische Prädisposition gibt. Infektion
Zu den primären Kopfschmerzen werden die 10. Kopfschmerz zurückzuführen auf eine
Gruppen 1–4 der IHS-Klassifikation III gezählt (IHS Störung der Homöostase
2018) (7 Übersicht „Primäre und sekundäre Kopf- 11. Kopf- oder Gesichtsschmerz
schmerzen“). Gruppe 1 umfasst die Migräne, die zurückzuführen auf Erkrankungen
aufgrund ihrer Häufigkeit und Schwere sicher den des Schädels sowie von Hals, Augen,
größten sozioökonomischen Einfluss hat. Nach den Ohren, Nase, Nebenhöhlen, Zähnen,
Erhebungen der Global Burden Study Group (GBD Mund oder anderen Gesichts- oder
2017) ist die Migräne die zweitwichtigste neurologi- Schädelstrukturen
sche Erkrankung, direkt hinter dem Schlaganfall, in 12. Kopfschmerz zurückzuführen auf
Hinblick auf Tage mit Behinderung oder Einschrän- psychiatrische Störungen
kungen (7 Übersicht „IHS-Kriterien Migräne“). In
Gruppe 2 wird der Spannungskopfschmerz zusam-
mengefasst (7 Übersicht „IHS-Kriterien des spo-
radischen Kopfschmerzes vom Spannungstyp“),
Gruppe 3 enthält die sog. trigemino-autonomen IHS-Kriterien Migräne (IHS 1.1)
Kopfschmerzen, Gruppe 4 eine Reihe seltenerer,
mutmaßlich primärer Kopfschmerzsyndrome. A. Mindestens fünf Attacken, welche die
Kriterien B -D erfüllen
B. Kopfschmerzattacken, die (unbehandelt
Primäre und sekundäre Kopfschmerzen oder erfolglos behandelt) 4 -72 Stunden
(IHS-Klassifikation III) anhalten
C. Der Kopfschmerz weist mindestens zwei
Primäre Kopfschmerzen der folgenden Charakteristika auf:
1. Migräne 1. einseitige Lokalisation,
2. Kopfschmerz vom Spannungstyp (engl. 2. pulsierender Charakter,
„tension-type headache“, TTH) 3. mittlere oder starke Schmerzintensität,
Kopfschmerzen
61 
verursacht und glücklicherweise nur relativ selten
4. Verstärkung durch körperliche durch schwerwiegende Erkrankungen, wie z. B.
Routineaktivitäten (z. B. Gehen oder eine Subarachnoidalblutung (7 Kap. „Schlagan-
Treppensteigen) oder führt zu deren fälle“) oder bakterielle Hirnhautentzündung. Die
Vermeidung Migränehäufigkeit (sog. 12-Monats-Prävalenz; Prä-
D. Während des Kopfschmerzes besteht valenz = Zahl der Erkrankten in einer Bevölkerung)
mindestens eines der folgenden liegt dabei für Frauen etwa 2,5- bis 3-mal höher
Symptome: als für Männer und wird mit ca. 13 % angegeben.
1. Übelkeit und/oder Erbrechen An Spannungskopfschmerzen leiden ca. 12 % der
2. Photophobie und Phonophobie Männer und 18 % der Frauen. Clusterkopfschmer-
E. Nicht auf eine andere Erkrankung zen sind dagegen eher selten. Die Prävalenz wird mit
zurückzuführen 0,1 % angegeben, wobei der Clusterkopfschmerz der
einzige primäre Kopfschmerz ist, den Männer sig-
nifikant häufiger als Frauen haben. Bei etwa 1 % der
Bevölkerung kommt es aufgrund von Migräne zu
IHS-Kriterien des sporadischen Kopf- einem regelmäßigen Gebrauch von Schmerzmit-
schmerzes vom Spannungstyp (IHS 2.1) teln an mehr als 10–15 Tagen im Monat, was wiede-
rum Ursache für einen täglichen Kopfschmerz (engl.
Diagnostische Kriterien: „medication overuse headache“, MOH) sein kann.
A. Wenigstens 10 Episoden, die die Kriterien Gerade die Migräne hat einen Gipfel in der Alters-
B-D erfüllen und durchschnittlich an < 1 klasse zwischen 15 und 50 Jahren, was zu einer erheb-
Tag/Monat (< 12 Tage/Jahr) auftreten lichen Einschränkung in der Lebensqualität und Pro-
B. Die Kopfschmerzdauer liegt zwischen30 duktivität führen kann.
Minuten und 7 Tagen
C. Der Kopfschmerz weist mindestens 2 der ? Was sind die Ursachen der primären
folgenden Charakteristika auf: Kopfschmerzen?
1. beidseitige Lokalisation
2. Schmerzqualität drückend oder Für die Migräne besser als für die anderen primären
beengend, nicht pulsierend Kopfschmerzen liegen mittlerweile pathophysiolo-
3. leichte bis mittlere Schmerzintensität gische Konzepte (= Konzepte zur Entstehung und
4. keine Verstärkung durch körperliche Ursache) vor. Durch Untersuchung riesiger Kohor-
Routineaktivitäten wie Gehen oder ten (Gruppen) von Migränepatienten konnten
Treppensteigen letztlich 38 Gene identifiziert werden, die zu einer
D. Beide folgenden Punkte sind erfüllt: Risikoerhöhung für die Entwicklung einer Migräne
1. Keine Übelkeit oder Erbrechen führen. Dabei fanden sich sowohl Gene, die der
(Appetitlosigkeit kann auftreten) Steuerung der Erregbarkeit von Hirnzellen zuge-
2. Photophobie oder Phonophobie, nicht ordnet werden können, als auch Gene, die eher mit
jedoch beides kann vorhanden sein Entzündungsreaktionen bzw. der Endothelfunktion
E. Nicht auf eine andere Erkrankung (Endothel = Gefäßinnenhaut) zusammenhängen.
zurückzuführen Generell geht man davon aus, dass es bei der
Migräne zu einer Aktivierung des trigemino-vas-
kulären Systems (Verbindungen des Hirnnervs
? Wie häufig sind die primären Kopfschmerzen? N. trigeminus mit den Gefäßen des Gehirns) und
dadurch vermittelt zu einer neurogenen Entzün-
In Deutschland berichten im Durchschnitt 60 % der dungsreaktion (eine Entzündung durch Nerven-
Befragten, dass sie im zurückliegenden Jahr Kopf- impulse) an den großen Gefäßen der Hirnhaut
schmerzen gehabt hätten, wobei mehr als 95 % dabei kommt. Einer der wesentlichen Neurotransmit-
an weniger als 6 Tagen pro Monat Kopfschmerzen ter (Überträgerstoff), der in diesem Ablauf eine
hatten. Mehr als 92 % dieser Kopfschmerztage sind Rolle spielt, ist das Protein CGRP (Calcitonin
durch primäre Kopfschmerzen verursacht. Sekun- Gene Related Peptide), welches von trigeminalen
däre Kopfschmerzen sind meist durch Erkältungs- Nervenfasern (5. Hirnnerv) ausgeschüttet wird.
erkrankungen oder leichte Schädel-Hirn-Traumen Moderne Therapien beeinflussen dieses Protein.
62 A. Straube

Bei den Mechanismen, die diese trigemino- Lidspalte) gekennzeichnet. Typischerweise sind die
vaskuläre Aktivierung (die Erregung des 5. Hirn- Attacken 30–180 Minuten lang und können mehr-
nervs) verursachen, sind neben der genetischen fach täglich auftreten.
Veranlagung auch Umweltfaktoren von Bedeu- Häufig wenig beachtet wird, dass es auch nach
tung. So erkranken bei eineiigen Zwillingen nur in dem Abklingen der Kopfschmerzen gerade bei einer
50% beide, obwohl eine genetische Übereinstim- Migräne noch zu einer anhaltenden Müdigkeit und
mung besteht. Umweltfaktoren sind dabei jeglicher verminderter Leistungsfähigkeit kommen kann.
Stress, Hormonschwankungen, Änderungen des
Tag-Nacht-Rhythmus und externe Entzündungs- ? Wie behandelt man primäre Kopfschmerzen?
reize. Möglicher Ort der Beeinflussung ist dabei der
Hypothalamus (ein Hirnteil, der den Schlaf und die Bei der Behandlung von Kopfschmerzen unter-
Nahrungsaufnahme steuert), der in der Kontrolle scheidet man die Akutbehandlung einer Kopf-
der Erregbarkeit trigeminaler Kerne eine wesent- schmerzattacke von der vorbeugenden, prophy-
liche Rolle spielt. Gerade bei der Modulation von laktischen Therapie, die dann notwendig wird,
diesen externen Faktoren scheint eine Sportthera- wenn die Attacken so häufig oder schwerwiegend
pie Erfolg zu versprechen. sind, dass es zu einer starken Belastung kommt. Bei
den meisten Kopfschmerzattacken – also sowohl
? Was sind die Symptome primärer bei Migräne als auch bei Spannungskopfschmerz
Kopfschmerzen? – reicht die Selbstmedikation mit Schmerzmitteln
(Analgetika), wie sie freiverkäuflich in der Apo-
 Typische Symptome bei primären Kopfschmerzen theke erhältlich sind. Dabei sind Schmerzmittel-
sind phasenweise oder auch täglich auftretende kombinationen (Mischanalgetika) mit Acetylsa-
Kopfschmerzen, bei der Migräne häufig gepaart mit licylsäure, Paracetamol und Koffein etwas wir-
Müdigkeit, Reizbarkeit, Hunger, Harndrang und kungsvoller als die Reinsubstanzen. Wichtiger ist
Erschöpfung vor Auftreten der Kopfschmerzen. Im aber, dass die Medikation frühzeitig und in aus-
weiteren Verlauf kommt es dann bei bis zu 30 % der reichender Dosierung eingenommen wird. Typi-
Migräne-Betroffenen zu einer Aura, das heißt, einer sche Dosierungen sind 1.000 mg Acetylsalicylsäure,
reversiblen (wieder abklingenden) neurologischen 1.000 mg Paracetamol, 400 mg Ibuprofen oder
Funktionsstörung meist in Form einer Sehstörung 50 mg Diclofenac, bei Bedarf kann die Medikation
mit Blendgefühl und sich bewegenden hellen Licht- nach 2 Stunden noch einmal genommen werden.
punkten im Gesichtsfeld. Danach kommt es zu mit- Bei ca. 20–30 % der Migräneattacken kommt es
telstarken bis starken, z. T. einseitigen Kopfschmer- darunter zu keiner ausreichenden Besserung, so
zen, die sich selbst bei leichter körperlicher Belas- dass Triptane Einsatz finden. Naratriptan und auch
tung verstärken. Begleitsymptome sind gerade bei Almotriptan gibt es ebenfalls als freiverkäufliche
jüngeren Patienten Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Medikamente in der Apotheke. Alle anderen Trip-
eine ausgeprägte sensorische Überempfindlichkeit tane sind rezeptpflichtig. Opiate sollten nicht ein-
für Helligkeit, Geräusche oder Gerüche (Photo-, gesetzt werden. Generell sollte nur eine Tablette
Phono- und Osmophobie) und ein Ruhebedürf- des Triptans eingenommen werden, eine Wieder-
nis. Dabei muss nicht jede Attacke alle diese Symp- holung innerhalb von 24 Stunden ist möglich.
tome in vollem Umfang zeigen. Die Attackendauer Generell gilt, dass nicht regelmäßig häufiger als
beträgt 4–72 Stunden. an 10 Tagen im Monat Analgetika oder Triptane
Beim Spannungskopfschmerz liegt ein leich- eingenommen werden sollen, wobei weniger die
ter bis mittelstarker, den ganzen Kopf umfassen- Tagesdosis als die regelmäßige Einnahme kritisch
der, drückender Kopfschmerz vor, ohne die Begleit- ist. Deshalb sollten immer dann, wenn die Häu-
symptome wie Übelkeit etc. Die Attacken dauernd figkeit der Kopfschmerzen zunimmt, prophylakti-
1 Stunde bis zu 7 Tage an. sche Maßnahmen erwogen werden. Dabei werden
Der Clusterkopfschmerz ist durch seinen streng nicht-medikamentöse Maßnahmen von spezifisch
einseitigen, heftigsten Kopfschmerz um das Auge medikamentösen unterschieden.
und an der Schläfe in Begleitung von Zeichen der Zu den nicht-medikamentösen Maßnahmen
autonomen Aktivierung (Tränenfluss, Naselaufen, zählen die Sporttherapie, das Erlernen und Anwen-
Augenrötung, Stirnschwitzen und Verengung der den von Entspannungstechniken (z. B. progressive
Kopfschmerzen
63 
Muskelrelaxation nach Jacobson, das autogene Trai- einer Sporttherapie einsetzt. Möglicherweise tritt
ning aber auch fernöstliche Techniken wie Yoga), die Wirkung erst mit einem größeren Versatz auf
Biofeedback und verschiedene Formen der Verhal- und wird deshalb in den Studien nicht erkannt.
tenstherapie. Einen zunehmend größeren Stellen-
wert erlangen auch die verschiedenen Formen von Kontrollbedingungen  Eine wirkliche Kontrollbe-
Achtsamkeitstherapien. dingung gegenüber der Sporttherapie zu schaffen,
Medikamente der ersten Wahl sind verschie- ist faktisch nicht möglich, eine Verblindung eben-
dene Betablocker, Topiramat, Valproinsäure, sowenig. Führt die Kontrollgruppe keinen Sport
Flunarizin und Amitriptylin. Daneben gibt es durch, ist sie nicht verblindet. Wird eine Sportthe-
eine Reihe weiterer Medikamente, die eingesetzt rapie mit niedrigerem Belastungsniveau angeboten,
werden können. Allen ist gemeinsam, dass erst ist nicht klar, inwieweit dieses als Placebo gelten
nach 8–12 Wochen abgeschätzt werden kann, ob kann, da nicht geklärt ist, ob nicht schon leichte
sie wirksam sind, und dass man von einer Wirk- Aktivität auch einen Effekt hat.
samkeit spricht, wenn sich die Kopfschmerztage
um 50 % reduzieren. Mögliche neue Entwicklun- Endpunkte  Wichtig ist, dass neben dem üblichen
gen, z. B. die CGRP-Antikörper (Antikörper, die die Endpunkt (Messparameter) „Kopfschmerztage“
Wirkung des Botenstoffes CGRP blockieren), sind innerhalb von einem Monat auch Endpunkte wie
schon nach wenigen Tagen wirksam. In Studien wie „Kopfschmerzintensität“, „allgemeines Wohlbefin-
auch in der Praxis zeigt sich, dass die Kombination den“, „Abwesenheit von Depression“ und „Angst“
dieser Therapien wirksamer ist als eine der Thera- miterfasst werden, da diese wichtig für die Gesamt-
pien alleine. betrachtung sind.

? Kann man mit körperlicher Aktivität Sportarten  Die Studien bisher haben sich vorwie-
Kopfschmerzen verbessern? gend auf aeroben Ausdauersport (aerob meint, dass
die Muskulatur durch die Belastung nicht „übersäu-
Es gibt eine Reihe meist kleinerer Studien, die den ert“) konzentriert. Es ist nicht untersucht, ob Kraft-
Einfluss sportlicher Aktivität, fast ausschließlich in sport oder Mannschaftssport nicht ebenso geeig-
Form eines Ausdauertrainings, auf Kopfschmerzen, net sind. Gerade Mannschaftssportarten könnten
insbesondere Migräne-Kopfschmerzen, untersucht verschiedene Probleme adressieren: Verbesserung
haben. Generell ist ein Problem bei diesen Studien, der Motivation und Gemeinschaftserleben. Folg-
dass es viele Einflussgrößen gibt, die häufig nur lich ist keine Aussage darüber möglich, ob Ausdau-
unzureichend kontrolliert wurden. Diese werden ertraining, Krafttraining, Stabilitäts- oder Koordi-
im Folgenden erläutert. nationstraining unterschiedliche Effekte haben.
Ebenso ist nicht geklärt, inwieweit ein messbarer
Selektionsbias  Grundsätzlich lassen sich für eine kardio-pulmonaler Trainingseffekt erreicht werden
solche Studie nur schon primär für eine Sportthe- muss.
rapie motivierte Patienten gewinnen, und diese Die bisher aussagefähigste Studie wurde von
sind häufig nicht gewillt, in der Kontrollgruppe Overath et al. (2014) vorgelegt. Es konnte dabei
(die Gruppe, die nicht an den spezifischen Maß- im Vergleich vor und nach der Trainingsphase bei
nahmen teilnimmt) zu verbleiben. 33 Patienten gezeigt werden, dass ein aerobes Aus-
dauertraining über einen Zeitraum von 10 Wochen
Einschlusskriterien  Patienten mit nur wenigen sowohl die klinische Symptomatik (Anzahl der
Kopfschmerztagen wird man nicht ausreichend Migränetage pro Monat) als auch die Habituation
motivieren können teilzunehmen. Patienten mit der „contingent negative variation“ (CNV) (ein
zu häufigen Kopfschmerzen können selten regel- Test, der die Reaktionsbereitschaft des Gehirns
mäßig am Training teilnehmen. testet) verbessert. Ähnliche Ergebnisse wurden von
Darabaneanu et al. (2011) berichtet. In einer Über-
Trainingsplanung  Die meisten Studien waren im sichtsarbeit konnten Busch und Gaul (2008) auf
Zeitverlauf ähnlich wie die Medikamentenstudien der Basis von 7 Studien zeigen, dass die Schmerz-
über 3 Monate geplant. Es besteht aber keine Klar- intensität während der Studiendauer abgenom-
heit, mit welcher zeitlichen Verzögerung der Effekt men hat. Eine randomisierte, kontrollierte Studie
64 A. Straube

aus Schweden verglich Ausdauersport (3-mal pro den Empfehlungen der Leitlinien der Deutschen
Woche über 40 Minuten) mit täglichen Entspan- Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (Evers
nungsübungen und einer medikamentösen Pro- et al. 2008) wird von 3-mal 30–40 Minuten pro
phylaxe mit Topiramat. Hier konnte in allen drei Woche ausgegangen. Über die Intensität dieses
Armen (Gruppen) eine Verringerung der Häufig- Trainings wird meist keine Aussage gemacht.
keit der Migräneattacken im Vergleich zum Aus- Da sehr intensive sportliche Aktivität bei Mig-
gangsniveau nachgewiesen werden. Die drei Ver- ränepatienten Attacken auch provozieren kann,
fahren unterschieden sich nicht signifikant. Eine ist es relevant für jeden einzelnen Betroffenen,
Übersicht über die publizierten Studien bietet eine geeignete Trainingsintensität zu bestimmen.
. Tab. 1. Darüber, wie dies erfolgen sollte, liegen spezi-
Kritisch ist anzumerken, dass die Anzahl der fisch für die Migräne kaum Daten vor. So scheint
untersuchten Patienten insgesamt in Anbetracht ein Trainingsprotokoll für Radfahren mit einer
der Häufigkeit des Problems immer noch sehr 15-minütigen Aufwärmphase, einer 20-minüti-
gering ist. Untersuchungen zu Sport und Cluster- gen Trainingsphase und einer 5-minütigen Cool-
kopfschmerz sind nicht publiziert. down-Phase das Triggern von Kopfschmerzen bei
untrainierten Migränepatienten zu verhindern.
? Wieviel Sport muss man treiben, um Am Ende der Studie zeigten die Patienten auch
Kopfschmerzen zu verbessern? eine Verbesserung der maximalen Sauerstoffauf-
nahme als Maß der Herz-Kreislauf-Belastbarkeit.
Eine durch Studien abgesicherte Evidenz, ab Auch wurde gezeigt, dass das Training nach der
 welchem Umfang mit einem Effekt zu rechnen individuellen Leistungsfähigkeit des Patienten
ist, fehlt. In den meisten Studien und so auch in festgelegt werden sollte.

. Tab. 1  Studienlage zum Ausdauertraining bei der Migräne. (Modifiziert nach Kropp et al. 2016)

Autoren Methodik Ergebnisse

Busch und Übersicht über 7 Studien mit Besserung der Schmerzintensität; keine
Gaul (2008) 120 Patienten Reduktion der Kopfschmerztage

Dittrich et al. RCT-Studie mit 15 Patienten, 6 Wochen Signifikante Reduktion der Schmerzintensität,
(2008) Training, jeweils 2-mal pro Woche mit keine Änderung in den psychologischen
Entspannungstraining Variablen

Darabaneanu 2 × 8 Patienten, Training vs. Zeit vor Reduktion der Migränetage pro Monat und der
et al. (2011) Behandlung, 10 Wochen, jeweils 3-mal pro Schmerzintensität sowie Besserung weiterer
Woche Ausdauertraining psychologischer Variablen, keine Kontrollgruppe

Varkey et al. 72 Migränepatienten Signifikante Abnahme der Migränehäufigkeit


(2011) 12 Wochen Intervention: (Tage pro Monat) in allen Gruppen; kein
– Entspannungstraining mit Elementen signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen
der progressiven Muskelrelaxation Signifikant stärkere Abnahme der Intensität mit
(einmal wöchentlich) Topiramat verglichen mit anderen Interventionen
– Sport (3-mal wöchentlich)
– Medikamentöse Behandlung mit
Topiramat

Overath et al. 33 Patienten, aerobes Ausdauertraining, Besserung der Attackenhäufigkeit im Vergleich


(2014) 10 Wochen zum Zeitpunkt vor dem Training, keine
Kontrollgruppe

Koseoglu et al. Übersicht über verfügbare Studien Besserung insgesamt vergleichbar mit derjenigen
(2014) durch medikamentöse Prophylaxe

RCT = randomisierte, kontrollierte Studie


Kopfschmerzen
65 
? Welche Sportarten sind besonders geeignet? Personen mit hochfrequenten Kopfschmerzen sind
vor allem in der Altersgruppe von 30–50 Jahren zu
Empfehlungen zu einer begleitenden Sporttherapie finden, so dass in der Regel von einer normalen kör-
werden in den Nationalen Leitlinien zur Therapie perlichen Leistungsfähigkeit auszugehen ist. Um
der Migräne und von chronischen Kopfschmer- aber Frustrationen zu vermeiden, sollte das Leis-
zen (Straube et al. 2008) gegeben. In der Leitlinie tungsniveau zu Beginn niedrig genug gewählt und
zur Therapie trigemino-autonomer Kopfschmer- individuell angepasst werden. Eine gute Strate-
zen (May et al. 2016) wird keine Empfehlung aus- gie ist z. B., erst einmal im Wechsel nur 5 Minuten
gesprochen. Mögliche Sportarten sind Jogging, zu joggen und zu gehen und dies für insgesamt
Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren und In- 40 Minuten und dann das Pensum von Woche zu
Line-Skating. Ungeklärt ist, ob auch Mannschafts- Woche leicht zu steigern. Eine Teilnahme an ent-
sportarten oder Kraftsport hilfreich sein können. sprechenden Trainingsangeboten in Fitnessstudios
kann dabei helfen, einen sinnvollen Rhythmus zu
? Wie wirkt Sport bei Kopfschmerzen? finden, daneben hilft es, die Motivation zu steigern.
Erfahrungsberichte aus der Praxis legen nah,
Einige Studien bringen die Verbesserung in dass es bei den ersten Anzeichen einer Migräne
Zusammenhang mit Endorphin- und Stickstoff- hilfreich sein kann, sich zu aktivieren und damit
monoxid-Konzentrationen im Blut, da diese nach ggf. das Vollbild der Attacke (d. h., die Weiterent-
einer Trainingsphase anstiegen und in Verbin- wicklung der Kopfschmerzen) noch zu verhindern.
dung mit der Migräne-Pathophysiologie gebracht Ab einer von jedem Migränebetroffenen auszutes-
werden. Ob es dabei aber eine wirkliche Verbin- tenden persönlichen Anfallsausprägung wirkt kör-
dung zur Migräne gibt, ist nicht geklärt. Endor- perliche Aktivität jedoch eher attackenverstärkend
phine („körpereigenes Morphin“) haben nur eine und zwingt sehr schnell zur Aufgabe der Aktivität.
kurze biologische Halbwertzeit und sind daher
eher ungeeignet, die spät beginnenden und dann ? Welche Vorsichtsmaßnahmen sind beim
anhaltenden Effekte zur erklären. Weitere Effekte Sport zu beachten?
könnten durch eine mit dem Sport erreichte
Gewichtsreduktion erzielt werden, da auch Spezifische Vorsichtsmaßnahem gibt es nicht. Es
eine bariatrische Chirurgie (Verkleinerung des ist immer möglich, dass die sportliche Aktivität
Magens) und die damit einhergehende Gewichts- auch einmal eine akute Kopfschmerzattacke aus-
reduktion zu einer Besserung von Kopfschmerzen lösen kann. Dies sollte aber nicht davon abhal-
führen kann und deshalb in Nordamerika auch ten, weiter regelmäßig zu trainieren. Die Attacke
aus dieser Indikation durchgeführt wird. Wahr- kann mit der üblichen Medikation behandelt
scheinlich sind die entspannende Wirkung sowie werden. Durch Wahl eines ausreichenden nied-
die Reduktion eines erhöhten Sympathikus-To- rigen Anfangsniveaus lassen sich solche Attacken
nus („Arbeits-Nervensystem“) wesentliche Wirk- meist verhindern.
komponenten regelmäßiger sportlicher Aktivi-
tät. Neuerdings wird auch die entzündungshem-
mende Wirkung sportlicher Aktivität vor allem Literatur
im Hinblick auf den Pathomechanismus (Ablauf
des Krankheitsprozesses) der Migräne diskutiert. Busch V, Gaul C (2008) Exercise in migraine therapy - is there
Darüber hinaus hilft das regelmäßige Training any evidence for efficacy? A critical review. Headache
48:890–9
den Betroffenen, sich auch gegenüber Ansprü- Evers S, May A, Fritsche G, Kropp, P, Lampl C, Limmroth V,
chen anderer abzugrenzen und so etwas für sich Malzacher V, Sandor P, Straube A, Diener H-C (2008)
selber zu tun. Letztlich wirkt Sport auch antide- Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne. Leitlinie der
pressiv, was gerade im Kontext des erhöhten Vor- Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und
kommens von Depression und Angsterkrankun- der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Nervenheil-
kunde 27:933–49
gen bei Patienten mit Migräne eine wichtige Kom- Haag G, Diener H-C, May A, Meyer C, Morck H, Straube A,
ponente sein kann. Wessely P, Evers S (2009) Selbstmedikation bei Migräne
und beim Kopfschmerz vom Spannungstyp. Nerven-
? Wie beginnt man das Training am besten? heilkunde 28:382–97
66 A. Straube

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May A, Evers S, Brössner G, Jürgens T, Gantenbein AR,
Malzacher V, Straube A (2016) Leitlinie zur Diagnostik,
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67

Depression
Andreas Broocks

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_10
68 A. Broocks

? Was versteht man unter einer Depression? entsprechende Ungleichgewichte im Hirnstoff-


wechsel auszugleichen. Die Medikamente werden
Depressionen unterscheiden sich deutlich von den dann je nach dominierender Symptomatik ausge-
auch bei Gesunden vorkommenden Zuständen, wählt. In besonderer Weise haben sich auch psy-
in denen nur kurzzeitig (für Stunden oder Tage) chotherapeutische Maßnahmen bewährt, bei denen
Beeinträchtigungen der Stimmung oder der Leis- es z. B. um den Abbau von belastenden Gedanken
tungsfähigkeit auftreten. Typische Anzeichen einer und wenig hilfreichen Grundeinstellungen geht.
depressiven Erkrankung sind niedergedrückte Ein Training der sozialen Kompetenzen kann dazu
Stimmung, Konzentrationsstörungen, Grübelnei- beitragen, dass die Betroffenen aus chronischen
gung, Freudlosigkeit, ein Gefühl von Sinnlosigkeit, Überforderungssituationen herauskommen und
innere Unruhe, Schlafstörungen – häufig mit Erwa- lernen, eigene Bedürfnisse angemessen zu äußern
chen schon in frühen Morgenstunden –, Schuld- und, wenn möglich, auch zu erfüllen.
gefühle, Suizidgedanken sowie körperliche Sym- Therapeutisch steht bei akuten Zuständen
ptome wie dumpfe Kopfschmerzen oder ziehende zunächst die Pharmakotherapie (Behandlung mit
Rückenschmerzen. Kleinste Verrichtungen erfor- Hilfe von Medikamenten) ganz im Vordergrund.
dern eine große Anstrengung und hinterlassen das Entscheidend ist, dass, wenn irgend möglich, eine
Gefühl einer anhaltenden Erschöpfung. Bei der sog. vollständige Rückbildung der jeweiligen Krank-
bipolaren affektiven Störung, auch als manisch-de- heitsphase angestrebt wird. Langzeitstudien zeigen,
pressive Erkrankung bekannt, wechseln schwere dass die Neigung zu Rückfällen durch eine konse-
depressive Zustände mit manischen Phasen ab, die quente mehrjährige Einnahme der antidepressi-
durch Antriebssteigerung, geringes Schlafbedürf- ven und/oder phasenprophylaktischen Medika-
nis, Größenideen, unsinnige Geldausgaben, aber tion deutlich reduziert werden kann. Unter einer
 auch Aggressivität bis hin zu Erregungszuständen phasenprophylaktischen Medikation versteht man
gekennzeichnet sind. Bei schweren Depressionen regelmäßig, auch nach Abklingen der Depression
kann es auch zu Wahnvorstellungen kommen, z. B. einzunehmende Medikamente, die das Risiko
im Sinne eines Verarmungswahns oder der Vorstel- neuer depressiver Phasen senken. Häufig zu diesem
lung, an einer unheilbaren körperlichen Erkran- Zweck eingesetzte Medikamente sind Lithium, Val-
kung, z. B. an Krebs oder der Alzheimer-Demenz, proinsäure und Lamotrigin. In manchen Fällen
zu leiden. kann auch durch die langfristige Einnahme des
Antidepressivums allein das Auftreten neuer
? Wie kann es bei neurologischen Krankheitsphasen verhindert werden.
Erkrankungen zu einer Depression kommen? Menschen mit einer Neigung zu Depressionen
müssen lernen, ein angemessenes Verhältnis von
Körperliche Erkrankungen können das Risiko, an An- und Entspannung, von Arbeit und Freizeit zu
einer Depression zu erkranken, erheblich erhöhen. finden, um nicht in einen chronischen Erschöp-
Chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Beein- fungszustand hineinzugeraten. In diesem Zusam-
trächtigungen in der Lebensführung und im Beruf menhang kann insbesondere ein regelmäßiges kör-
können dazu führen, dass sich zusätzlich zu den perliches Training – möglichst in einer Form, die
somatischen (körperlichen) Symptomen eine den Betroffenen auch Spaß macht – einen wichtigen
zunehmende depressive Verstimmung entwickelt. Beitrag leisten. Andere Behandlungsmaßnahmen
Neben reaktiven Momenten spielen auch neuro- wie Ergo- oder Kunsttherapie können den Hei-
biologische Faktoren eine Rolle, insbesondere bei lungsprozess unterstützen.
neurologischen Erkrankungen wie z. B. Hirninfarkt
oder Parkinson-Erkrankung. Da Depressionen ins- ? Welche Rolle spielt Sport für die Behandlung
gesamt sehr häufig sind, treten sie auch unabhängig einer Depression?
von einer körperlichen Erkrankung auf.
Die therapeutische Wirkung von Sport- und Bewe-
? Wie behandelt man eine Depression? gungstherapie ist bei depressiven Verstimmun-
gen wissenschaftlich sehr gut belegt. Neben Aus-
Häufig ist die längerfristige Einnahme antide- dauertraining sind auch andere Formen körperli-
pressiv wirkender Medikamente erforderlich, um cher Aktivität wie z. B. Krafttraining antidepressiv
Depression
69 
wirksam. Dies wurde mittlerweile in einer Vielzahl für Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistun-
von Studien bestätigt. Bei älteren Menschen oder gen wichtig ist. In verschiedenen experimentellen
bei Patienten mit körperlichen Beeinträchtigungen und klinischen Studien konnte gezeigt werden,
kommt es entscheidend darauf an, ein individuell dass körperliches Training eine Vergrößerung des
angepasstes Training zu finden, das für den Betrof- Hippokampus bewirken kann. Bei Patienten, die
fenen unter Alltagsbedingungen regelmäßig durch- unter einer Erkrankung aus dem schizophrenen
führbar ist und positiv erlebt wird. Formenkreis litten, stand diese Größenzunahme
Besonders in den ersten Wochen sollte darauf statistisch mit einer Besserung der Symptomatik
geachtet werden, dass Überforderungs- und Miss- in Zusammenhang.
erfolgserlebnisse vermieden werden. Eine gute Tierexperimentelle Studien haben überdies
Anleitung und wiederholte Ermutigungen sind gezeigt, dass die Widerstandsfähigkeit des Gehirns
gerade bei depressiven Patienten eine entschei- gegenüber verschiedenen schädigenden Einflüssen
dende Voraussetzung für den Erfolg sportthera- durch motorische Aktivität erhöht werden kann.
peutischer Maßnahmen. Diese tierexperimentellen Befunde passen gut zu
Im Folgenden soll dargestellt werden, wie kör- klinischen Studien, in denen Ausdauertraining ein
perliches Training psychische Funktionen positiv präventiver und therapeutischer Effekt im Hinblick
beeinflusst und wie die praktische Umsetzung eines auf dementive Erkrankungen zugeschrieben wird.
regelmäßigen Trainingsprogramms gelingen kann. Ein möglicher Wirkmechanismus könnte darin
bestehen, dass Ausdauertraining auch die häufigs-
? Auf welche Weise können Sport und ten Gefäßrisikofaktoren günstig beeinflusst, zumal
Bewegung depressive Symptome bessern? es offenbar Verbindungen zwischen Veränderun-
gen der Hirndurchblutung und der Entwicklung
Sportliche Aktivität ist eine gute Möglichkeit, der Alzheimer-Demenz gibt (7 Kap. 6, „Demenz“).
wieder Zugang zur eigenen Körperlichkeit zu Die Effektstärken, die über ein therapeutisches kör-
bekommen und den Körper im Sport positiv zu perliches Training bei Patienten mit leichter oder
erfahren. Die Verbesserung des Körpergefühls mittelgradig ausgeprägter Alzheimer-Demenz
und der körperlichen Fitness haben nachweislich erzielt werden konnten, waren mit den Effekten von
positive Auswirkungen auf die psychische Befind- medikamentösen Behandlungsversuchen durch-
lichkeit. Bei vielen körperlichen Erkrankungen aus vergleichbar.
lässt sich über Sport und Bewegung eine deutliche Es gibt mittlerweile überzeugende Belege
Verbesserung, z. B. die Abnahme von Schmerzen, dafür, dass sich das sog. metabolische Syndrom
erreichen. Die Schlafqualität wird verbessert und und depressive Erkrankungen in ihrer Entwick-
damit häufig auch die Tagesbefindlichkeit. lung gegenseitig begünstigen. Beide Störungsbil-
Ein sportliches Training von 30–60 Minuten der sind in unterschiedlichem Ausmaß mit Überge-
führt zu einer vielfältigen Aktivierung des gesamten wicht, einer mangelnden Wirksamkeit von Insulin,
Körpers. Die Durchblutung wird nicht nur in der einer diabetischen Stoffwechsellage, Bluthochdruck
Muskulatur verbessert, es kommt auch zu einem und einem erhöhten Risiko für die koronare Herz-
deutlichen Anstieg der Durchblutung des Gehirns. erkrankung verbunden. Regelmäßiges körperliches
Gleichzeitig wird eine Vielzahl von Botenstoffen im Training verbessert alle diese Faktoren und könnte
Gehirn vermehrt gebildet und ausgeschüttet. Folge dadurch indirekt ebenfalls zu einer Verbesserung
ist eine stimmungsaufhellende und schmerzdämp- von Stimmung und Antrieb führen.
fende Wirkung. Dies betrifft wichtige Neurotrans- Auch psychologische Faktoren sind für die
mitter wie Noradrenalin, Serotonin und Dopamin, Wirkung sporttherapeutischer Behandlungen
darüber hinaus werden auch vermehrt bestimmte von Bedeutung: Eine grundlegende Erfahrung der
Proteine gebildet, die in einigen Hirnteilen das Aus- Patienten, die es geschafft haben, ein regelmäßiges
sprossen von Nervenzellen und die Bildung kleins- körperliches Training zu beginnen, besteht darin,
ter Blutgefäße fördern (BDNF = „brain-derived dass sie den Symptomen nicht hilflos gegenüber-
neurotrophic factor“, VEGF= „vascular endothe- stehen, sondern aktiv etwas zur Überwindung ihrer
lial growth factor“). Symptome tun können („Selbstwirksamkeitser-
Der Hippokampus ist ein solcher Gehirnteil, wartung“). Die erlebte Verbesserung der körperli-
der unter anderem für das Gedächtnis, aber auch chen Fitness macht deutlich, dass es um die eigene
70 A. Broocks

Gesundheit doch noch nicht so schlecht gestellt ist Dies traf insbesondere auch für ältere depressiver-
wie befürchtet. Sport- und bewegungstherapeuti- krankte Patienten zu, die altersbedingt auch unter
sche Ansätze können so maßgeblich dazu beitra- mehreren körperlichen Erkrankungen litten. In der
gen, dass Antriebsmangel, Vermeidungsverhalten Regel wurde in diesen Studien ein gemischtes Trai-
und sozialer Rückzug abgebaut werden. ning durchgeführt, das sowohl Kraft- als auch Aus-
dauerkomponenten enthielt. Typischerweise gab es
? Wie wirken Sport und Bewegung bei 3–5 Trainingseinheiten pro Woche (30–45 Minuten)
Depressionen? über einen Zeitraum von 3–4 Monaten.
Patienten mit Herzerkrankungen leiden
Erste klinische Behandlungsstudien ergaben bereits überzufällig häufig auch unter einer depressiven
in den 1980er-Jahren Hinweise auf die gute Wirk- Störung. Bei Patienten, die unter einer schweren
samkeit eines zusätzlichen Ausdauertrainings bei Herzinsuffizienz leiden, führte ein gut überwach-
Patienten, die wegen einer Depression gleichzeitig tes moderates Ausdauertraining über 3 Monate zu
auch pharmakotherapeutisch und psychotherapeu- einer leichten, aber signifikanten Abnahme depres-
tisch behandelt wurden. Dann wurde eine Studie siver Symptome. Dieser Effekt war auch noch nach
mit 156 depressiven Patienten durchgeführt (Blu- 12 Monaten nachweisbar, obgleich ein intensiveres
menthal et al. 1999), in der ein Drittel der Patien- Ausdauertraining aufgrund der Herzerkrankung
ten über einen Zeitraum von 4 Monaten nur mit für die Studienteilnehmer nicht möglich war.
Ausdauertraining behandelt wurde, ein weiteres Auch bei Patienten mit einer HIV-Infektion war
Drittel der Patienten nahm das Antidepressivum ein Ausdauertraining von mindestens 20 Minuten
Sertralin ein, und bei der dritten Gruppe wurden 3-mal pro Woche über mindestens 5 Wochen mit
Ausdauertraining und Sertralin kombiniert. Zu positiven Effekten im Hinblick auf die kardiopul-
 Beginn der Trainingseinheit wurde ein 10-minü- monale Fitness und die Stimmungslage verbunden.
tiges Aufwärmprogramm durchgeführt, gefolgt In einer umfangreichen Analyse wurden ins-
von 30 Minuten Walking oder Jogging. In allen gesamt 56 Studien (insgesamt 4.826 Teilnehmer)
3 Gruppen kam es innerhalb von 4 Monaten zu ausgewertet, die unter einer Krebserkrankung
einer vergleichbaren signifikanten Besserung der (z. B. Brustkrebs oder Prostata-Karzinom) litten.
depressiven Symptomatik – auch in der Gruppe der Bei den therapeutischen Interventionen ging es
Patienten, die ein rein körperliches Training ohne um Fahrradfahren, Krafttraining, Walking oder
die gleichzeitige Gabe von Medikamenten absol- Yoga. Am Ende der Behandlung konnten eine Ver-
viert hatten. Eine Nachuntersuchung der Patien- besserung körperlicher und sozialer Funktionen,
ten nach einem Jahr ergab, dass diese Patienten im eine Abnahme subjektiv erlebter depressiver und
Vergleich zu den anderen Gruppen die niedrigste Schwächesymptome und damit insgesamt eine
Rückfallrate hatten. Die statistische Auswertung verbesserte gesundheitsbezogene Lebensqualität
zeigte, dass diejenigen Patienten, die ein ausrei- festgestellt werden. Erwartungsgemäß hatten die
chend langes und vor allem regelmäßiges körper- Sport- und Bewegungsprogramme mit höherer
liches Training ausübten, in der Folge den besten Intensität bessere Effekte als die eher modera-
Verlauf hatten. ten Interventionen. In einer weiteren Übersichts-
In den Folgejahren wurden weitere aufwändige arbeit wurden 90 Untersuchungen mit insgesamt
klinische Studien dieser Art durchgeführt, so dass 10.534 Patienten ausgewertet, die unter verschiede-
die Wirksamkeit der Sporttherapie mittlerweile nen chronischen körperlichen Erkrankungen litten.
auch in sog. Metaanalysen (zusammenfassende Auch hier ergaben sich signifikante Verbesserungen
Analyse der Ergebnisse mehrerer hochwertiger der Stimmungslage durch das Trainingsprogramm.
Studien) berechnet werden konnte. Bei Patienten mit einer Altersdepression konnte
Wenn die Patienten über einen längeren Zeit- gezeigt werden, dass gerade die für eine Selbstän-
raum nachbeobachtet wurden, konnten wiederholt digkeit im Alter wesentlichen Funktionen wie
signifikante Vorteile für die Patienten nachgewiesen Reaktionsfähigkeit und Gleichgewicht durch ein
werden, die regelmäßig körperlich aktiv waren. Ins- entsprechendes Bewegungsprogramm deutlich ver-
gesamt fielen die Ergebnisse nicht schlechter aus als bessert werden konnten.
die Effekte, die durch Medikamente oder eine kog- Es gibt also zahlreiche Hinweise auf stimmungs-
nitive Verhaltenstherapie erreicht werden können. aufhellende Effekte regelmäßiger körperlicher und
Depression
71 
sportlicher Aktivität. Um längerfristig die depressi- ab („Was sind schon 10 Minuten Laufen, andere
ven Symptome zurückdrängen zu können, kommt laufen spielend 10 km“), hier können therapeuti-
es sehr darauf an, dass ein individuell passendes sche Gespräche hilfreich sein.
Bewegungsprogramm gefunden und mehrfach Falls möglich, sollten auch Spielsportarten
in der Woche umsetzt wird, wobei die sehr unter- erwogen werden, insbesondere wenn ein einfa-
schiedlichen körperlichen Beeinträchtigungen ches Ausdauertraining wie Laufen oder Fahrrad-
berücksichtigt werden müssen. Depressiv erkrankte fahren als zu langweilig erlebt wird. Andererseits
Patienten berichten immer wieder, dass es bereits können Spielsportarten aber auch mit Ängsten
direkt nach dem Training zu einer vorübergehen- verbunden sein: dass man eine schlechte Leistung
den Besserung des Befindens gekommen sei. Für vollbringt, dass durch die eigene Schuld die Mann-
nachhaltige Effekte ist aber in jedem Fall ein regel- schaft verliert, dass wegen vermeintlich unbeholfe-
mäßiges Training erforderlich. ner Bewegungen andere lachen würden, dass man
den anderen ohnehin die Freizeitstunde verderben
? Wie sollte man beim Aufbau des körperlichen würden etc. – letztlich bedingt durch die depressiv
Trainings vorgehen? veränderte Selbsteinschätzung.
Das folgende Konzept hat sich in psychiatri-
Vor Beginn der Therapie sollte der Hausarzt oder der schen und psychosomatischen Kliniken für den
behandelnde Facharzt konsultiert werden. Bei Patien- Aufbau eines Ausdauertrainings mithilfe von
ten über 35 Jahre und bei kardial vorgeschädigten Jogging oder Walking bewährt. Im ersten Schritt
Patienten wäre z. B. ein Belastungs-EKG indiziert. wird eine landschaftlich schöne Rundstrecke (etwa
Orthopädische Probleme sollten bei der Auswahl 4–6 km) gesucht. Der psychologische Vorteil der
der Trainingsformen berücksichtigt werden. Ins- Rundstrecke besteht darin, dass versucht wird,
besondere bei schwerer ausgeprägten Depressionen die einmal begonnene Runde wirklich abzu-
darf mit Beginn des Trainingsprogrammes nicht auf schließen. Soll dagegen nur ein bestimmter Ziel-
andere Behandlungsmaßnahmen (Medikamente, punkt erreicht werden, um danach denselben Weg
Psychotherapie) verzichtet werden. Abklingende zurückzugehen, besteht die Gefahr, dass man vor-
Erkältungserscheinungen sollten nicht zum Verzicht zeitig umkehrt, insbesondere wenn man sich – wie
auf das Training führen. Bei fiebrigen Erkrankungen so oft – nicht gut fühlt.
darf aber keinesfalls sportlich trainiert werden. Der Beginn erfolgt mit Walking, falls möglich
Bei erhaltener Gehfähigkeit gelingt der Ein- soll dann ein sehr langsames Laufen eingeübt
stieg am besten über ein Walking-Programm (= werden, immer mit der Möglichkeit kurzer Geh-
schnelles Gehen), weil dies trotz verschiedener pausen. Im Laufe der Zeit können Anzahl und
Gelenkprobleme noch möglich ist. In der Regel Dauer der Gehpausen allmählich reduziert werden,
reichen 1–2 begleitete Therapiestunden aus, um sodass es manche Patienten gegen Ende des Pro-
das schnelle Gehen und sinnvolle Dehnübungen gramms schaffen, die gesamte Strecke am Stück zu
vor und nach dem Training zu erlernen. Sämtliche gehen. Das Tempo ist dabei letztlich nicht wichtig,
Trainingszeiten sollten in ein Aktivitätstagebuch vielmehr gilt es, die vorgegebene Strecke mindes-
eingetragen werden (s. hierzu Broocks und Meyer tens 3-mal pro Woche überhaupt zu bewältigen.
2009)1. 2 × 20 Minuten am Tag können zu Beginn Wer aus irgendwelchen Gründen nicht laufen kann,
ausreichend sein, in der Folge sollte das Walking ist dann eben länger unterwegs und hat dadurch
möglichst auf etwa eine volle Stunde am Tag aus- auch einen guten Trainingseffekt. Vor und nach
gedehnt werden. Wichtig ist, dass auch die kleinen dem Training sollten Dehnübungen durchgeführt
Fortschritte bemerkt und anerkannt werden. Auch werden. Ein solches Trainingsprogramm entspricht
wenn mal ein schlechter Tag dabei ist, an dem man sportmedizinisch den Empfehlungen zur Erzielung
bereits nach 10 Minuten aufgegeben hat, stellt es einer guten kardiopulmonalen Fitness.
einen Erfolg dar, wenn man trotz seines schlech- Hilfreich ist eine schriftliche Anleitung zum
ten Befindens losgegangen ist. Leider werten viele Sporttreiben, mit Hinweisen bezüglich Häufig-
Patienten krankheitsbedingt ihre Leistung selbst keit und Intensität des Trainings, Dehnübungen,
Kleidung etc. Die wöchentlichen Trainingszeiten
1 Die Kurzanleitung zum Trainingsaufbau kann direkt sollten unbedingt in einem Aktivitätstagebuch
beim Autor angefordert werden. eingetragen werden. Fortschritte und Hindernisse
72 A. Broocks

sollten mit dem behandelnden Arzt oder Therapeu- der folgenden 5 Schritte gelingen, die Motivation
ten besprochen werden. zu erhöhen, so dass ein regelmäßiges Training am
Ende zu einer festen Gewohnheit wird:
? Welche Hindernisse gibt es, und wie lassen 1. Sportanamnese: aktueller Trainings-
sie sich überwinden? umfang, frühere Erfahrungen mit Sport
und Bewegung, individuelle Vorlieben
Nicht immer gelingt es, ein regelmäßiges körperli- oder Widerstände, Kontraindikationen für
ches Training zu erreichen. Häufige Gründe dafür bestimmte Sportarten.
sind: 2. Psychoedukation: therapeutische Effekte von
55 die Schwere der depressiven Symptomatik, die Sport und Bewegung, realistische Erwar-
ein aktives Training verhindern kann: Hier tungen im Hinblick auf den individuellen Fall,
muss erst einmal die medikamentöse und gegebenenfalls Literatur zum Thema Sport
gegebenenfalls eine stationäre psychiatrisch- und Bewegung.
psychotherapeutische Behandlung greifen; 3. Motivierende Gesprächsführung: Vor- und
55 eine grundsätzliche Abneigung gegen Nachteile im Hinblick auf das geplante
sportliche Aktivitäten: Hier sollten noch Trainingsprogramm benennen.
einmal alle Möglichkeiten der Bewegung 4. Klare Entscheidung für ein regelmäßiges
besprochen werden, den Begriff „Sport“ sollte Training über einen bestimmten Zeitraum
man phasenweise außen vor lassen. Auch (z. B. 3 Monate) auf der Grundlage eines
diese Patienten vermissen im Erfolgsfall ihr individuellen Trainingsplans. Möglichst
Training, wenn sich über einen ausreichend Selbstverpflichtung in schriftlicher Form.
langen Zeitraum eine Routine herausgebildet 5. Regelmäßiges „Coaching“: gemeinsames
 hat; Anschauen des Aktivitätstagebuches,
55 körperliche Beeinträchtigungen (Überge- Bearbeiten von Problemen und „Hinder-
wicht; Rauchen, Gelenkprobleme, Paresen): nissen“, gemeinsames Training.
Hier geht es zunächst um die Optimierung der
Behandlung der körperlichen Erkrankungen.
Moderne Fitnessstudios bieten heute für fast ? Training in der Gruppe – oder besser allein?
jeden Menschen Trainingsmöglichkeiten an.
Ein Patient mit einer schweren Arthrose im Der gut gemeinte Rat, sich einer Gruppe oder
Kniegelenk kann Geräte finden, mit denen er einem Sportverein anzuschließen, ist nicht immer
alle anderen Bereiche des Körpers trainieren hilfreich. Zwar gibt es Angebote von Sportverei-
kann; nen, allerdings ist es für Menschen mit körper-
55 Unglaube, dass ein regelmäßiges Ausdauer- lichen und/oder psychischen Erkrankungen oft
training tatsächlich eine effektive antide- schwer, hier Anschluss zu finden. Auch die geo-
pressive Therapie darstellt: Hier sei noch grafische Entfernung kann problematisch sein.
einmal auf die aktuelle Studienlage verwiesen, Hinzu kommt, dass es in der Regel nicht reicht,
die mittlerweile eindeutige Ergebnisse zeigen wenn jemand einmal in der Woche zum Training
kann. geht, um die erwünschten therapeutischen Effekte
zu erzielen.
Aus diesen Gründen ist die Sport-und Bewe- So wünschenswert eine Sportgruppe auch
gungstherapie für depressiv erkrankte Menschen erscheinen mag, so wichtig bleibt es doch, dass
kein „Selbstläufer“. Sie erfordert oft eine gewisse man sich im Hinblick auf ein regelmäßiges Trai-
therapeutische Vorarbeit, bis der Entschluss wirk- ning nicht von einer Gruppe abhängig macht. Jeder
lich steht, ein sporttherapeutisches Trainingspro- Patient, der sich dazu entschlossen hat, zukünftig
gramm zu beginnen und über einen bestimmten einen körperlich aktiven Lebensstil auf- und aus-
Zeitraum gegen alle Widerstände und Bedenken zubauen, sollte über ein „Grundtraining“ verfü-
zu absolvieren. gen, das unabhängig von anderen Menschen oder
Falls das nicht gelingt, kann es sich lohnen, bestimmten Voraussetzungen (Wetter) ist. Hier
sich für einige Zeit einen „personal trainer“ zu bietet sich – wie oben beschrieben – das Laufen
leisten. Diesem kann es unter Berücksichtigung oder das schnelle Gehen an, da es ohne technische
Depression
73 
Hilfsmittel überall und bei jedem Wetter möglich der Lebensqualität führt, wird auf diese Weise ein
ist. Eine gute und von vielen Menschen bevorzugte Anreiz zu Bewegung an frischer Luft geschaffen.
Alternative ist das Fahrradfahren, wobei hier Pro- Darüber hinaus besteht eine gute kommunikative
bleme mit dem Wetter (Eis und Schnee) auftreten Basis für Kontakte mit anderen Hundebesitzern.
können. Das Ausweichen auf ein Fahrradergometer
funktioniert häufig nicht gut, insbesondere wenn ? Kann man mit einer Depression überhaupt
das Ergometer in einem dunklen und muffigen Kel- Sport treiben?
lerraum steht. Viel besser wäre ein Fahrradergo-
meter vor dem Fernseher oder die Nutzung ent- Es ist bekannt, dass eine depressive Erkrankung oft
sprechender Ausdauergeräte (z. B. Laufband oder zu einem sozialen Rückzug und zu einer Abnahme
Rudergerät) in einem Fitnessstudio. Das Schwim- alltäglicher und auch sportlicher Aktivitäten führt.
men wird von vielen als der beste und gesün- Infolge von Erschöpfung und Antriebsmangel
deste Sport empfohlen, setzt aber – zumindest im gelingt es vielen Patienten nicht, ihre bisherigen
Winter – eine in der Nähe vorhandene Schwimm- Aktivitäten aufrechtzuerhalten. Viele Patienten
halle voraus. Hinzu kommt, dass ein hoher Lärm- trauen sich nicht aus dem Haus, weil sie befürch-
pegel und der Chlorgeruch manchen Menschen die ten, auf der Straße Bekannte zu treffen, die even-
Freude am Schwimmen verdirbt. tuell Fragen stellen könnten, ob sie denn immer
Der regelmäßige Besuch eines Fitnessstu- noch krank seien, wann es denn mit der Arbeit
dios ist mit einer Reihe von Vorteilen verbun- wieder losgehen solle und dergleichen. Aufgrund
den: Es ist eine Vielfalt von Geräten vorhanden, der zu depressiven Erkrankungen gehörenden
so dass auch bei Verletzungen immer ein gewisses Schlafstörungen fühlen sich viele Patienten tags-
Training möglich ist. Darüber hinaus bieten die über so erschöpft, dass sie körperliche Anstrengun-
meisten Studios eine gute Anleitung und die Mög- gen vermeiden. Bei schweren Depressionen kann
lichkeit, an verschiedenen Kursen teilzunehmen. ein Sinnverlust hinzukommen, verbunden mit der
Hinzu kommt, dass sich Kraft- und Ausdauertrai- Vorstellung, dass auch die körperliche Gesund-
ning in idealer Weise ergänzen. Jeder kann sich heit unwiederbringlich verloren sei. Und dennoch
ein individuelles Trainingsprogramm zusammen- gelingt es vielen Menschen zumindest mit leich-
stellen und Geräte, die ungeeignet oder unbeliebt ten Depressionen, Sport zu treiben und davon zu
sind, auslassen. Häufig besteht auch die Möglich- profitieren. Gerade Sport in einer entsprechenden
keit, an Gruppenübungen, z. B. Gymnastik oder Gruppe kann auch einer sozialen Vereinsamung
Zumba, teilzunehmen, was auch soziale Interak- entgegenwirken.
tion fördern kann.
Eine Messung der Pulsfrequenz ist nicht unbe-
dingt erforderlich, es sei denn, es liegen Einschrän-
kungen von Seiten der Herz-Kreislauf-Belastbar- Literatur
keit vor. Sobald man beim Ausdauertraining ins
Schwitzen gerät, zeigt dies, dass ein Mindestmaß an Babyak M, Blumenthal J, Herman S et al. (2000) Exercise
treatment for major depression: maintenance of
effektivem Training erreicht ist. Solange man sich
therapeutic benefit over 10 months. Psychosom Med
beim Laufen noch mit anderen unterhalten könnte, 62:633–8
bewegt man sich in einem vernünftigen Bereich. Blumenthal JA, Babyak MA, Moore KA, Craighead WE,
Ausdauertraining und Krafttraining sollten im täg- Herman S et al. (1999) Effects of exercise training on
lichen Wechsel erfolgen, dazwischen auch mal ein older patients with major depression. Arch Intern Med
159:2349–56
Tag, an dem lediglich Dehnübungen, z. B. Yoga, Bridle C, Spanjers K, Patel S, Atherton NM, Lamb SE (2012)
durchgeführt werden. Effect of exercise on depression severity in older peop-
Eine weitere sehr effektive Hilfe kann darin le: systematic review and meta-analysis of randomised
bestehen, dass man sich einen Hund anschafft, controlled trials. Br J Psychiatry 201:180–5
der aufgrund seiner Rasse einen sehr hohen Broocks A, Meyer T (2009) Psychisch FIT durch Ausdauertrai-
ning – Ein kurzer Leitfaden für alle, die wieder auf die
Bewegungsbedarf hat. Abgesehen davon, dass Beine kommen wollen. PSYCH up2date 3
die Gemeinschaft mit einem Hund besonders für Broocks A, Pink J (2016) Voraussetzungen für eine erfolg-
Menschen, die unter einer gewissen Vereinsamung reiche Pharmakotherapie von Depressionen. DNP – der
leiden, in aller Regel zu einer deutlichen Besserung Neurologe und Psychiater 17:7–8
74 A. Broocks

Broocks A, Rieckmann P (2014) Sport und Neuroplastizität


bei psychischen Erkrankungen. Info Neurologie und
Psychiatrie 16: 51–9
Broocks A, Sommer M (2015) Depressive Störungen. In: Rei-
mers et al (Hrsg) Prävention und Therapie durch Sport,
Bd. 2: Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatik, Schmerz-
syndrome. Urban und Fischer, München, S. 355–366
Pajonk FG, Wobrock T, Gruber O et al. (2010) Hippocampal
plasticity in response to exercise in schizophrenia. Arch
Gen Psychiatry 67:133–43
Rimer J, Dwan K, Lawlor DA et al. (2012) Exercise for depres-
sion. Cochrane Database Syst Rev Jul 11(7):CD004366


75

Fibromyalgie-Syndrom
Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_11
76 C. D. Reimers

? Was ist ein Fibromyalgie-Syndrom? Kennzeichnend für das Fibromyalgie-Syndrom


sind Schmerzen, die häufig auf die Muskeln und
Unter einem Fibromyalgie-Syndrom versteht man Gelenke bezogen werden. Der Patient zeigt sich
ein chronisches, mindestens 3–6 Monate dauern- mehr oder weniger am ganzen Körper überemp-
des Schmerzsyndrom mit Schmerzen auf beiden findlich und kann gleichzeitig eine Reihe anderer
Körperseiten sowie oberhalb und unterhalb der Symptome zeigen. Die Schmerzen treten schon
Gürtellinie. Zusätzlich fühlt sich der Patient in Ruhe auf und führen bei den meisten Patien-
regelmäßig übermäßig erschöpft, sein Schlaf ist ten dazu, dass sie nachts aufwachen. Der Schlaf
gestört. Manchmal bestehen zudem so genannte ist regelmäßig gestört und wird als nicht erholsam
leichte kognitive Defizite, d. h., der Patient hat z. erlebt. Die Betroffenen fühlen sich morgens nicht
B. Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Betrof- ausgeruht, wie gerädert, sie fühlen sich schwach
fen sind ganz überwiegend Frauen im mittleren und sind leicht erschöpft, selbst bei den leichtesten
Lebensalter (bis etwa 65 Jahre). Ob es sich dabei körperlichen Belastungen. Emotionale Belastung
um ein einheitliches Krankheitsbild handelt, ist können die Schmerzen verstärken, ebenso vielfach
ungeklärt. Studien zeigen, dass weltweit etwa Kälte, also die kalte Jahreszeit, oder feuchtes Wetter.
0,2–0,5  % der Männer und ca. 3–4 % der Frauen Manche Patienten empfinden zusätzlich
betroffen sind. Gefühlsstörungen, etwa ein Kribbeln, Taubheit
oder Schwellungsgefühl an den Gliedmaßen.
? Wie entsteht ein Fibromyalgie-Syndrom? Zudem kommen häufig ganz unterschiedliche
vegetative Störungen vor (Vegetativum = der nicht
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Formen des bewusste Teil des Nervensystems). Die Betroffe-
Fibromyalgie-Syndroms, eine sogenannte primäre nen berichten z. B. über Kopf-, Brust- und Bauch-
(idiopathische) und eine sekundäre Form. Beim schmerzen, Verstopfung, Oberbauchschmerzen,
primären Fibromyalgie-Syndrom fehlt ein erkenn- Übelkeit, Sodbrennen, Verlust oder Änderung
barer Auslöser. Die Ursache des Fibromyalgie- des Geschmacks, Appetitverlust, trockene Augen,
 Syndroms ist trotz zahlloser Untersuchungen und Kurzatmigkeit, Hautrötung, Neigung zu Blutergüs-
Hypothesen bis heute nicht überzeugend geklärt. sen, häufigen Harndrang, schmerzhaftes Wasserlas-
Eine Vermutung besagt, dass das Zentralnerven- sen oder Blasenkrämpfe. Auch Ohrgeräusche und
system überempfindlich auf sensible Reize reagiert. Verschwommensehen werden mitunter berichtet.
Die Schmerzschwelle ist gegenüber Gesunden Im Einzelfall kann es natürlich auch andere Ursa-
deutlich herabgesetzt, Schmerz wird also wesent- chen als das Fibromyalgie-Syndrom geben, so
lich früher wahrgenommen. Das erklärt, warum dass Hinweisen auf andere Ursachen nachgegan-
normalerweise nicht schmerzhafte Gefühlsreize gen werden muss. Im Verlauf der Zeit stellen sich
wie leichter Druck von den Betroffenen als Schmerz als Folge der chronischen Schmerzen und Schlaf-
empfunden werden. Das Syndrom wird daher in die störungen vielfach psychische Störungen ein: Der
Gruppe der sogenannten zentralen Sensitivierungs- Patient wird nervös, reizbar und vergesslich, er
Syndrome eingeordnet. Andererseits werden auch kann sich eventuell schlecht konzentrieren, hat
Störungen in den peripheren Nerven in Form einer das Gefühl, nicht klar denken zu können, auch eine
so genannten Small-fibre-Neuropathie (Erkran- Depression kann sich entwickeln.
kung der dünnsten Nervenfasern) diskutiert. Der klinische Befund ist unauffällig – einzi-
Beim sekundären Fibromyalgie-Syndrom liegt ges Zeichen sind die „tender points“, sogenannte
eine andere Erkrankung zugrunde, z. B. eine ent- druckschmerzhafte Punkte an bestimmten Körper-
zündlich-rheumatische Erkrankung. Auch Unfälle stellen, die meist an den Zehen ansetzen.
und Infektionskrankheiten, die mit Schlafstörun-
gen einhergehen und bei denen Entzündungsstoffe ? Wie behandelt man ein
freigesetzt werden, können dazu führen, dass sich Fibromyalgie-Syndrom?
ein Fibromyalgie-Syndrom entwickelt. Hierbei ist
die Erkrankung jedoch in der Regel nur Auslöser Ziel der Behandlung ist es vor allem, die Lebens-
und nicht die eigentliche Ursache. qualität und Arbeitsfähigkeit zu erhalten und die
einschränkenden Schmerzen zu lindern. Hierfür
? Wie äußert sich ein Fibromyalgie-Syndrom? stehen vor allem schmerzlindernde Antidepressiva
Fibromyalgie-Syndrom
77 
(z. B. Amitriptylin, Fluoxetin oder Paroxetin), die Mittel untrainierter, schwächer und weniger aus-
sich gleichzeitig auch positiv auf die Stimmung aus- dauernd als Gesunde. Dieser schlechte Trainings-
wirken können, zur Verfügung. Darüber hinaus zustand ist wiederum der Bereitschaft zu körper-
können Antiepileptika (Pregabalin, Gabapentin) licher Aktivität nicht förderlich und verstärkt die
schmerzlindernd eingesetzt werden. Bei Schmerz- Leistungsschwäche – ein Teufelskreis. Es gibt aber
spitzen kann der Arzt kurzzeitig auch nicht-steroi- auch Patienten, die versuchen, die Schmerzen zu
dale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Naproxen ignorieren, und sogar überaktiv sind. Diesen geht
einsetzen. Im Dauereinsatz sollte mit eigentlichen es meist besser als den körperlich Inaktiven.
Schmerzmitteln (Analgetika) sehr zurückhaltend
umgegangen werden. Insbesondere sind Opioide ? Warum soll man mit einem Fibromyal-
möglichst zu meiden. Diese können langfristig die gie-Syndrom Sport treiben?
Beschwerden sogar verstärken.
Darüber hinaus können physikalische Maß- Unzureichende körperliche Aktivität hat jenseits
nahmen wie Kälte- oder Wärmeanwendungen oder der Leistungsminderung auch ganz andere, zum
warme Bäder hilfreich sein. Bei schwerer betrof- Teil gravierende Gesundheitsstörungen zur Folge.
fenen Patienten kann eine psychotherapeutische Ohne ausreichende Bewegung gelingt es vielen
Begleitung notwendig werden, bei der es sich in Menschen bei dem verbreiteten Überangebot an
der Regel um eine kognitive Verhaltenstherapie Nahrungsmitteln nicht, ein gesundheitsfördern-
handelt. Damit soll der Betroffene neben einer des Körpergewicht zu halten oder zu erreichen.
eventuellen Bewältigung psychischer Probleme Der Blutdruck ist bei körperlich Inaktiven – auch
vor allem lernen, den Alltag trotz der Schmerzen ohne Übergewicht – im Mittel etwas höher als bei
besser zu bewältigen. Aktiven. Das Risiko, an einem Diabetes mellitus
Eine Heilung des Krankheitsbildes gibt es nicht. („Zuckerkrankheit“) zu erkranken, ist bei körper-
Meistens ist es jedoch möglich, die Schmerzen zu lich Inaktiven deutlich höher als bei Aktiven. Wer
lindern und insbesondere diese besser zu akzep- körperlich inaktiv ist, trägt ein erhöhtes Risiko,
tieren und sich an sie zu gewöhnen, sodass die einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, eine Depres-
meisten Alltagsaktivitäten ausreichend bewältigt sion oder später gar eine Demenz zu erleiden. Inak-
werden können. tivität führt auch zu Defiziten von Seiten des Bewe-
gungsapparates. Muskuläre Schwäche erhöht das
? Welchen Einfluss hat das Fibromyalgie-Syndrom Risiko von Fehlbelastungen bei den Gelenken und
auf die sportliche Leistungsfähigkeit? beschleunigt die Arthroseentwicklung. Defizi-
täre koordinative Fähigkeiten tragen hierzu eben-
Charakteristisch für das Fibromyalgie-Syndrom falls bei. Muskuläre und koordinative Defizite
ist, dass die Beschwerden bei körperlicher Aktivität erhöhen den Energieaufwand bei Alltagsbelastun-
zunehmen. Die diffusen Schmerzen können aber gen deutlich.
auch abnehmen, wenn der Patient aktiv ist. Vielfach Insgesamt wird körperliche Inaktivität inzwi-
treten die Schmerzen nicht während der Belastung schen weltweit als die vierhäufigste Todesursache
selbst, sondern erst 1–3 Tage später auf. Sie ver- betrachtet. Man geht davon aus, dass sich fast etwa
schwinden dann wie bei einem Muskelkater in den jeder 10. Todesfall ausschließlich auf die Folgen
nächsten Tagen wieder. Die Mehrzahl der Betroffe- mangelnder Bewegung zurückführen lässt. In Mit-
nen findet körperliche Belastungen anstrengender teleuropa sieht es nicht viel besser aus. Es gibt also
als Gesunde. Lähmungen gehören nicht zur Dia- – unabhängig von der erhöhten Lebensqualität –
gnose eines Fibromyalgie-Syndroms. Grob gesagt ganz handfeste gesundheitliche Gründe, regelmä-
entspricht die körperliche Leistungsfähigkeit der ßig körperlich, noch besser sportlich, aktiv zu sein.
Betroffenen etwa derjenigen, die etwa 10–15 Jahre Daneben gibt es gute Gründe, speziell wegen
älter sind als der Betroffene selbst. des Fibromyalgie-Syndroms Sport zu treiben. Zahl-
Als Folge der zunehmenden Schmerzen, die reiche Studien bei Gesunden zeigten übereinstim-
bei körperlicher Belastung auftreten, vermeiden mend, dass körperliche Aktivität unterschiedlichs-
etwa 40  % der Betroffenen allgemein Bewegungen ter Art kurzfristig (bis zu einer Stunde nach der
(„Kinesiophobie“). Folge der Beschwerden ist oft Belastung) die Schmerzschwelle hebt und damit
ein sitzender Lebensstil. Die Betroffenen sind im unempfindlicher für Schmerzen macht. Zudem
78 C. D. Reimers

führt regelmäßige körperliche Aktivität bei ver- Personen mit einem Fibromyalgie-Syndrom pro-
schiedenen chronischen Schmerzsyndromen zu fitieren von regelmäßiger körperlicher Aktivität
einer gewissen Schmerzlinderung oder vermin- selbstverständlich bezüglich ihrer allgemeinen
dert die Wahrscheinlichkeit, dass die Schmerzen Gesundheit genauso wie Personen, die an diesem
überhaupt auftreten. Wissenschaftliche Belege gibt Krankheitsbild nicht erkrankt sind. Die wichtigsten
es dazu für Kreuzschmerzen, Kopfschmerzen, spe- sog. Risikofaktoren für schwerwiegende Erkran-
ziell die Migräne, oder auch den Geburtsschmerz. kungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz und
Wie weiter unten beschrieben wird, gilt das auch sogar die Parkinson-Krankheit bessern sich: Blut-
für den fibromyalgischen Schmerz. druck, Blutzucker, Fettstoffwechsel, Blutgerinnung,
Regelmäßige körperliche Aktivität hat darüber eventuelles Übergewicht und mangelnde körper-
hinaus einen antidepressiven Effekt. Dieser Effekt liche Aktivität als eigenständiger gesundheitlicher
ist zumindest bei leichteren Depressionen, die beim Risikofaktor. Die erhöhte körperliche Leistungsfä-
Fibromyalgie-Syndrom häufig bestehen, ähnlich higkeit wirkt sich positiv auf die Belastungstoleranz
wie der von antidepressiven Medikamenten. aus. Auf die entsprechenden Kapitel in diesem Buch
Weiterhin wird durch regelmäßige körperli- wird verwiesen.
che Aktivität die Widerstandskraft gegen psychi- Wissenschaftliche Studien haben zudem
schen Stress erhöht, wahrscheinlich dadurch, dass gezeigt, dass körperliches Training allgemein
die Ausschüttung von Stresshormonen vermindert Ängste, Depression und Hoffnungslosigkeit, den
wird. Psychischer Stress wiederum verstärkt beim Schlaf, die Stimmung, das Selbstbewusstsein und
Fibromyalgie-Syndrom oft die Schmerzen. das Wohlbefinden bessern und die Schmerz-
schwelle anheben kann.
? Kann man mit einem Fibromyalgie-Syndrom Ein aerobes Ausdauertraining kann auch
überhaupt Sport treiben? beim Fibromyalgie-Syndrom Schmerzen und die
abnorme Ermüdung reduzieren sowie die Stim-
Vielen Betroffenen erscheint die Vorstellung, Sport mung verbessern. Zudem wird die maximale Sauer-
 zu treiben, geradezu als abwegig, da selbst eigent- stoffaufnahme, ein Maß der Ausdauerleistungsfä-
lich wenig belastende Aktivitäten wie Haareföh- higkeit, erhöht. Unter einem aeroben Ausdauertrai-
nen als schmerzauslösend empfunden werden. ning versteht man ein niedrig dosiertes und, wie
Dennoch hat eine große Zahl wissenschaftlicher der Name sagt, meist längerdauerndes Training,
Untersuchungen an Freiwilligen mit einem Fib- wobei die Trainingsintensität unterhalb der sog.
romyalgie-Syndrom, ganz überwiegend Frauen, aeroben Schwelle liegt. Das ist ein Bereich, unter-
gezeigt, dass sportliche Aktivität durchaus möglich halb dessen die aktuelle Sauerstoffzufuhr durch die
ist, wenn man bestimmte Regeln beachtet. Atmung stets ausreichend ist, um den Stoffwechsel
Wichtig ist, dass man das Training, egal um im Gleichgewicht zu halten. Man wird dabei nicht
welches es sich handelt, allmählich beginnt: mit „sauer“ (Anhäufung von Milchsäure als Stoffwech-
kurzen Belastungszeiten und niedriger Belastung. selendprodukt) und könnte die Aktivität auf dieser
Anfangs sind selbst wenige Minuten Training schon niedrigen Belastungsstufe zumindest theoretisch
ein geeigneter Einstieg. Wichtig ist die Regelmäßig- über Stunden durchhalten. Das gilt beispielsweise
keit. Wichtig ist außerdem, die individuelle Reak- für rasches Gehen oder Radfahren in niedriger und
tion auf den Trainingsreiz zu beachten und ggf. zu mittlerer Geschwindigkeit in ebenem Gelände und
dokumentieren. Hierzu ist es sinnvoll – wie bei ohne starken Gegenwind.
einem ambitionierten Sportler –, einen Trainings- Günstig ist auch ein Training in warmem
kalender zu führen, um das Training allmählich zu Wasser (sog. Aquatraining, -jogging oder -fitness).
steigern. Es hat sich in den Studien gezeigt, dass Dieses vereint mehrere Vorteile: das warme Wasser,
drei von vier Trainierenden mit einem Fibromyal- welches von vielen Betroffenen als wohltuend erlebt
gie-Syndrom selbst ein Krafttraining gut tolerieren, wird, den Wasserwiderstand, der – wenn gezielt
und das nach längerer Eingewöhnungsphase auch genutzt – ein schonendes und effektives Kraft-
mit Belastungen, die auch bei Gesunden üblich training darstellen kann, und die fast fehlende
sind. Gelenkbelastung. Das Training im Wasser verbes-
sert Schmerzsymptomatik, Lebensqualität, körper-
? Wie wirkt Sport beim Fibromyalgie-Syndrom? liche Leistungsfähigkeit, Kraft sowie psychische
Fibromyalgie-Syndrom
79 
Funktionen. Ein Training im Wasser ist jedoch werden meist besser vertragen als statische Belas-
nicht effektiver als ein Training an Land, wird aber tungen, d. h., Aktivitäten mit längerem Verharren
gelegentlich besser toleriert. in einer Position. Am besten werden dynamische
Krafttraining führt zu einer Verbesserung des Belastungen großer Muskelgruppen wie Walking
allgemeinen Wohlbefindens und der körperli- und Aquajogging in warmem Wasser toleriert.
chen Leistungsfähigkeit sowie zu einer Reduktion Alternativen wären je nach persönlicher Vorliebe
der fibromyalgischen Symptomatik. Ein Zuwachs natürlich rasches Gehen oder Nordic Walking, Rad-
an Muskulatur stabilisiert nicht nur die Gelenke, fahren oder Schwimmen, theoretisch auch Jogging
sondern erhöht auch die Größe der „Stoffwechsel- und andere Ausdauersportarten. Allerdings dürfte
küche“. Gerade das Krafttraining scheint, obwohl Jogging zumindest zu Beginn meist zu belastend
es zunächst widersinnig erscheinen mag, beson- sein. Grundsätzlich sollte darauf geachtet werden,
ders effektiv zu sein. Allerdings gibt es hierzu dass durch Zwangshaltungen etwa beim Fahrrad-
weniger Studien als zu den anderen Trainingsmo- fahren oder bei schlechter Schwimmtechnik keine
dalitäten. Anders, als es die allermeisten Betroffe- zusätzlichen Verspannungen bestehen.
nen vermuten möchten oder gar glauben können, Je nach individuellen schmerzverstärkenden
wirkt auch insbesondere ein kombiniertes Kraft- Faktoren ist eventuell die Umgebung zu wählen.
und Ausdauertraining langfristig meist güns- Wenn also beispielsweise Kälte schmerzverstärkend
tiger auf die Schmerzen und erhöht zudem die wirkt, würde sich eher ein Training in der Halle
körperliche Leistungsfähigkeit besser als reines oder z. B. ein Training in warmem Wasser anbieten.
Ausdauertraining. Beim Krafttraining sollte darauf geach-
Ebenfalls günstig auf die Schmerzen, den Schlaf tet werden, dass die gewählte Last kontinuier-
und die Lebensqualität können sich die asiatischen lich bewegt werden kann (konzentrisches Arbei-
Trainingsformen Qigong, Tai Chi und Yoga auswir- ten); eine Hantel ist problemlos zu heben. Zu hohe
ken. Sie werden meist auch gut toleriert, fördern Lasten können nicht mehr gehalten werden und
die Bewegungssteuerung und steigern zudem die zwingen zum Nachlassen, es entsteht starker Zug
Entspannungsfähigkeit. auf die Muskulatur (exzentrische Belastung). Dies
Die Quote der Personen, die das Training wegen führt akut zu Überbelastungsschmerzen und 1–2
möglicher unerwünschter Nebeneffekte abbricht, Tage später zu Muskelkater. Vorsichtige Dehn-
beträgt etwa ein Fünftel bei den Erkrankten vergli- übungen (ohne Last) sind dennoch sinnvoll, sollten
chen mit etwa 10 % in den jeweiligen Kontrollgrup- aber auch nicht zu Schmerzen führen. Die meisten
pen. Sie ist erwartungsgemäß beim Krafttraining Untersuchungen über Krafttraining bei Fibromy-
höher als bei den übrigen Trainingsmodalitäten. algie-Syndrom erfolgten mit einem Gerätetraining
Natürlich treten die gewünschten gesundheit- (Fitnessstudio). Der Vorteil eines derartigen Trai-
lichen Effekte nicht bei jedem Betroffenen ein, nings ist, dass man die Belastung sehr gut dosie-
zudem ohnehin nicht sofort, sondern erst allmäh- ren und einzelne Muskeln sehr gut trainieren kann.
lich. Deutlich werden sie etwa nach einem Viertel- Eine ganz allmähliche Steigerung lässt sich prob-
jahr regelmäßigen Trainings. Um falschen Erwar- lemlos verwirklichen.
tungen entgegenzutreten: Schmerzfreiheit lässt Gut angenommen werden vielfach die asiati-
sich, wie bereits erwähnt, bisher mit keiner thera- schen Trainingsformen Qigong, Tai Chi und Yoga.
peutischen Maßnahme auch nur annähernd errei- Diese haben neben der Kraftentwicklung auch die
chen, so auch nicht mit sportlicher Aktivität. Sie Bewegungssteuerung und Entspannungsfähigkeit
stellt jedoch einen wesentlichen Baustein der sog. im Fokus. Zumindest in größeren Städten dürfte
multimodalen Therapie, d. h., einer Therapie mit es kein Problem darstellen, einen entsprechenden
mehreren Methoden gleichzeitig, dar, vielleicht Kurs zu finden. Im Internet findet man rasch Hin-
sogar den effektivsten. Therapeutische Ziele sind weise auf entsprechende Kurse, die vielfach auch
daher eher die höhere Lebensqualität und Belast- von den Krankenkassen unterstützt werden (s. auch
barkeit im Alltag. 7 Kap. „Start in den Sport“).

? Welche Sportarten sind geeignet? ? Wie beginnt man das Training am besten?

Dynamische Belastungen, d. h., körperliche Aktivi- Die therapeutische Breite sportlicher Aktivität
täten mit Bewegung, z. B. Gehen oder Radfahren, beim Fibromyalgie-Syndrom ist gering: Zu geringe
80 C. D. Reimers

Belastung ist ineffektiv, zu hohe Belastung kann die Kraft- oder Body-Mind-Training (Tai Chi, Qigong
Beschwerden verstärken. oder Yoga) an möglichst drei oder mehr Tagen pro
Empfohlen wird eine langsame Steigerung der Woche. Sinnvoll ist es, zwischen den Trainingstagen
Belastungsintensität und -dauer nach dem Prinzip einen Pausentag einzulegen, weil Pausenzeiten ins-
„start low and go slow“. Treten dennoch nach besondere beim Kraftsport notwendig sind, um die
der Belastung verstärkt Beschwerden auf, sollte unmittelbar nach der Belastung eintretende Ermü-
die Intensität vorübergehend wieder abgesenkt dung zu (über-)kompensieren. Anders formuliert:
werden. Unmittelbar nach der Belastung ist die Leistungsfä-
Empfohlen wird ein Training unterhalb der higkeit niedriger als vorher. In der Erholungsphase
anaeroben „Schwelle“, also unter einer Belastung, kommt es zu einem (Wieder-)Aufbau der Energie-
die man aufgrund hoher Geschwindigkeit oder depots, sodass die ursprüngliche Leistungsfähig-
Last nur kurzfristig durchführen kann. Es handelt keit nicht nur wieder erreicht, sondern übertrof-
sich dabei um Belastungen mit einer Intensität von fen wird.
etwa 50–60  % der Herzfrequenzreserve bzw. 75–85  Wichtig ist also: Bisher sportlich nicht aktive
% der maximalen Herzfrequenz. Die Herzfre- Personen mit einer Fibromyalgie sollten je nach
quenzreserve ist der Abstand zwischen der Herz- Ausmaß der Beschwerden mit ganz kurzen Belas-
frequenz in Ruhe und der bei maximaler Belastung tungsphasen anfangen. Das Training soll ohne
erreichbaren höchsten Herzfrequenz. Da sich spe- zusätzliche Schmerzen toleriert werden. 5 Minuten
ziell Personen mit einem Fibromyalgie-Syndrom am Anfang können reichen. Wichtig ist zudem
aber gar nicht ausbelasten können, kann man die Regelmäßigkeit. 3–4 Trainingseinheiten pro
die maximale Herzfrequenz näherungsweise mit Woche sind wünschenswert, zwei das Minimum,
den Formeln 220 – Alter oder 208 – (0,7 × Alter) um Erfolge zu erzielen. Günstig ist es, zwischen
bestimmen. Das klingt schwierig, ist es aber nicht. den Trainingseinheiten einen Pausentag einzule-
Die Herz- bzw. Pulsfrequenz lässt sich nämlich gen, zumindest am Anfang. Werden eine bestimmte
einfach in kurzen Belastungspausen an Handge- Trainingsintensität und -dauer gut toleriert, so kann
 lenk oder Hals ertasten oder auch mit einem kom- man das eine oder andere langsam erhöhen. Es
merziell erhältlichen Pulsmesser kontinuierlich empfiehlt sich, zunächst die Belastungsdauer oder
messen. Der Trainingspuls sollte drei Viertel des -häufigkeit, dann erst die Belastungsintensität (z. B.
nach obiger Formel errechneten Wertes nicht über- die aufgelegten Lasten) zu erhöhen.
schreiten. Ein Beginn des Trainings bei einer Herz- Das Krafttraining sollte auf niedrigerem
frequenz von 130 pro Minute sollte in den meisten Niveau beginnen als sonst im jeweiligen Alter
Fällen toleriert werden. Andernfalls sollte man mit üblich. Man kann z. B. mit einer Last von 40 %
Gehen in einem angenehmen Tempo beginnen und des 1-Wiederholungsmaximums (1-RM) 2-mal
dieses allmählich steigern. Solange man das Trai- wöchentlich beginnen und dann ganz allmählich
ning gut toleriert, kann man auf eine Pulsfrequenz- – wie bei den Gesunden – auf 80 % des 1-RM stei-
messung natürlich auch ganz verzichten und eine gern. Unter dem 1-Wiederholungsmaximum ver-
erhöhte Atemfrequenz und Schwitzen durch die steht man die Last, die einmal bewältigt (gehoben,
Belastung als groben Anhaltspunkt für eine aus- gezogen o. ä.) werden kann. Da maximale Belas-
reichende Belastung nutzen. Stets sollte man bei tungstests bei Patienten mit Schmerzen schwie-
der Belastung noch in der Lage sein, mit anderen rig sind, kann man sich auch über eine Wiederho-
zu sprechen. Bei Patienten mit zusätzlichen Herz- lungsmethode an die richtige Intensität herantas-
Kreislauf-Erkrankungen und entsprechender ten. Kann eine Belastung 10- bis 12-mal wiederholt
Medikation sollte die Trainingsintensität aus der werden, ohne auch bei der letzten Wiederholung
Ergometrie, die meist schon im Rahmen der kli- pressen zu müssen, entspricht die bewältigte Last
nischen Diagnostik durchgeführt wurde, abgelei- ca. 60 % der maximalen Leistungsfähigkeit. Stei-
tet werden. gerungen können beispielsweise um jeweils 10 %
Der mittelfristig anzustrebende Umfang der alle 2 Wochen erfolgen, sofern Belastungen ohne
Aktivität entspricht den allgemeinen sportmedizi- zusätzliche Schmerzen und starke Ermüdung tole-
nischen Empfehlungen: mindestens 30 Minuten, riert werden.
möglichst 60 Minuten leichtes bis mäßig inten- Für ein systematisches Training ist ein Trai-
sives Ausdauertraining, kombiniert mit einem ningskalender (z. B. Excel-Tabelle, s. . Tab. 1)
Fibromyalgie-Syndrom
81 
praktisch unverzichtbar. Eingetragen werden sollen mit einem Bewegungsvermeidungsverhalten kann
die Trainingstage, Trainingsarten, Belastungen, eine begleitende kognitive Verhaltenstherapie sehr
Dauer der Belastung (Ausdauertraining) oder die sinnvoll sein.
Wiederholungszahlen (Krafttraining), eventuell Mangelnde Effekte des Trainings sind vielfach
auch unerwünschte Nebenwirkungen, die zu einer darauf zurückzuführen, dass zu selten oder zu
Belastungsminderung zwingen. Sinnvoll ist es, auch niedrig dosiert trainiert wird. Andererseits kann
die Toleranz des Trainingsreizes am Folgetag zu eine zu hohe Intensität auch Schmerzen verstärken.
dokumentieren, 1–3 „+“ für positive Toleranz, „0“ Jeder Betroffene muss daher das für ihn günstigste
für indifferent und 1–3 „–“ für negative Toleranz. Mittelmaß selbst finden.
So ist es möglich, die Regelmäßigkeit zu überprü-
fen und eine Steigerung der Anforderungen behut- ? Bestehen Gefahren durch die Ausübung von
sam, aber zielstrebig vorzunehmen. Die Dokumen- Sport?
tation dient zudem der Motivationssteigerung, da
die Leistungssteigerung sehr gut ablesbar ist. Selbst bei Auftreten von Schmerzen durch sport-
liche Belastungen ist nicht mit Dauerschäden zu
? Wie macht man nach einer Trainingspause rechnen. Die Schmerzen zeigen dann lediglich an,
weiter? dass die gewählte Belastung zu hoch oder zu lang
war und zukünftige Belastungen niedriger dosiert
Falls z. B. wegen einer anderen Erkrankung eine oder kürzer sein sollten.
Trainingspause eingelegt werden muss, empfiehlt Infekte, zumindest solche, die mit erhöhter
es sich, nach Ende der Zwangspause mit der Belas- Körpertemperatur einhergehen, zwingen zu einer
tungsdauer und -intensität wieder zu beginnen, die Sportpause, da sonst schlimmstenfalls, glücklicher-
man zu dem Zeitpunkt erreicht hatte, der so lange weise selten, eine Herzmuskelentzündung entste-
vor der letzten Trainingseinheit lag, wie die Pause hen kann.
dauerte. Also beispielsweise: Dauerte die Auszeit
2 Wochen, so beginnt man mit der Belastung, die ? Sind Untersuchungen vor Aufnahme von
man 2 Wochen vor dem letzten Training prakti- Sport erforderlich?
ziert hat. Im Zweifelsfall kann hier der Arzt Aus-
kunft geben. Für Fibromyalgie-Patienten gelten die gleichen
Regeln vor Aufnahme von Sport wie für Gesunde
? Was ist das langfristige Ziel? ( 7 Kap. „Start in den Sport“). Jenseits des 35.
Lebensjahres oder selbstverständlich bei bekann-
Der mittelfristig anzustrebende Umfang der Aktivi- ten Vorerkrankungen wird eine sportärztliche Vor-
tät entspricht den allgemeinen sportmedizinischen untersuchung empfohlen, bei der es im Wesentli-
Empfehlungen: mindestens 30 Minuten mäßig chen darum geht, mögliche Herzerkrankungen
intensives Ausdauertraining an 5 Tagen pro Woche auszuschließen. Hierbei ist in erster Linie an die
oder mindestens 20 Minuten intensives Ausdauer- sogenannte koronare Herzerkrankung zu denken.
training an 3 Tagen pro Woche oder eine Kombi- Wie bei koronarer Herzerkrankung Sport betrie-
nation beider Trainingsarten. Die Intensität sollte ben werden kann, wird in einem eigenen Kapitel
mittelfristig 60–75 % der maximalen Herzfrequenz besprochen (7 Kap. „Koronare Herzkrankheit“).
erreichen. Zudem sollte 2-mal wöchentlich Kraft- Eine zumindest grobe Überprüfung des ortho-
training betrieben werden. Speziell bei Patienten pädischen Status sollte ebenfalls erfolgen, um

. Tab. 1  Beispiel für einen Trainingskalender

Datum Trainingsart Dauer Leistung

01.07.2017 Laufen 30 Min

02.07.2017 Krafttraining 60 Min 8 Muskelgruppen, 70 % 1-RM, 3 Sätze

03.07.2017 Schwimmen 30 Min


82 C. D. Reimers

Belastungen für eventuelle Problemzonen (z. B. Maquet D, Demoulin C, Croisier JL, Crielaard JM (2007)
Benefits of physical training in fibromyalgia and related
Rücken, oder Knie) zu vermeiden.
syndromes. Ann Readapt Med Phys 50:363–8
Reimers CD, Knapp G, Reimers N (2015) Fibromyalgie-Syn-
? Muss es denn Sport sein? drom. In: Reimers CD, Reuter I, Tettenborn B, Mewes
N, Knapp G (Hrsg) Prävention und Therapie durch
Alltagsbelastungen haben meist nicht die gleichen Sport. Band 2: Neurologie, Psychiatrie/ Psychosoma-
tik,Schmerzsyndrome. 2. Aufl., Elsevier Urban & Fischer,
positiven Auswirkungen wie sportliche Aktivität.
München, S. 469–93
Das hat verschiedene Gründe. Die meisten All-
tagsbelastungen sind nicht ausreichend intensiv,
um wesentliche gesundheitliche Effekte zu erhal-
ten. Zudem ist auch der Umfang meistens zu wenig.
Von den 10.000 Schritten pro Tag, bei denen erste
gesundheitliche Effekte zu konstatieren sind, sind
die meisten berufsbedingten Alltagsbelastungen
weit entfernt. Schrittzähler, auch mittlerweile in
vielen Smartphones integriert, können hier ein
interessantes Feedback liefern. Insbesondere bei
Haus- und Gartenarbeit handelt es sich vielfach
um einseitige Belastungen, was speziell von Fib-
romyalgie-Patienten auch schlecht toleriert wird.
Schließlich handelt es sich bei Alltagsbelastungen
vielfach um nicht „freiwillige“ Belastungen, was
sich auch nicht positiv auswirkt. Dennoch: Viel-
fach wurde in epidemiologischen Studien gezeigt,
dass auch Alltagsbelastungen günstiger sind als ein
 sitzender Lebensstil. Man sollte also konsequent
jede Möglichkeit zur Bewegung nutzen, vor allem
dann, wenn eine sportliche Aktivität aus irgendwel-
chen Gründen nicht möglich ist, also beispielsweise
Wege so gut wie möglich unmotorisiert zurückle-
gen oder Treppen steigen, statt einen Aufzug oder
eine Rolltreppe zu benutzen.

Literatur
Bidonde J, Busch AJ, Webber SC, Schachter CL, Danyliw A,
Overend TJ, Richards RS, Rader T (2014) Aquatic exer-
cise training for fibromyalgia. Cochrane Database Syst
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Busch AJ, Webber SC, Brachaniec M, Bidonde J, Bello-Haas
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and Alternative Therapies in the Treatment of the Fibro-
myalgia Syndrome. Evid Based Complement Alternat
Med 610615. https://doi.org/10.1155/2015/610615
83

Chronisches
Müdigkeitssyndrom
(Chronic Fatigue
Syndrome)
Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_12
84 C. D. Reimers

? Was versteht man unter einem chronischen Müdigkeitssyndrom wird eine Häufigkeit von ca.
Müdigkeitssyndrom? 0,01–2,5 % der Bevölkerung der Bevölkerung in
Industrieländern angegeben, also eine weite Spanne.
Müdigkeit ist im Prinzip eine ganz normale Emp- Betroffen sind überwiegend junge Erwachsene,
findung nach anstrengender Tätigkeit oder langem Frauen sehr viel häufiger als Männer.
Wachsein. Müdigkeit kann aber auch krankhaft
sein, wenn sie z. B. häufig auftritt, ohne dass man ? Wie behandelt man das chronische
sich sehr angestrengt hat oder der Tag lang war. Müdigkeitssyndrom?
Unter Müdigkeit (Fatigue) als Krankheitssymptom
versteht man eine überwältigende körperliche und/ Es gibt bis heute kein Medikament, welches eine
oder mentale Erschöpfung, ausgelöst durch Stress, überzeugende Wirksamkeit gegen das chronische
Medikamente, Überarbeitung, mentale oder kör- Müdigkeitssyndrom aufweist. Lediglich eine kog-
perliche Krankheiten, die sich durch eigentlich nitive Verhaltenstherapie wurde als wirksam belegt.
ausreichende Erholung eben nicht mehr ausglei-
chen lässt. Der Schlaf wird dann als nicht mehr aus- ? Welche Folgen hat das chronische
reichend erholsam wahrgenommen. Körperlich Müdigkeitssyndrom für die Sportfähigkeit?
empfinden die Betroffenen eine verminderte Aus-
dauer und Kraft. Belastungen führen zu Unwohl- Patienten mit einer chronischen Fatigue könnten
sein über länger als einen Tag. Auf der emotiona- sich, sofern es sich nicht um eine rein psychi-
len Ebene kann es zu Unlust, Motivationsmangel, sche Erschöpfung handelt, im moderaten Bereich
Traurigkeit, niedergedrückter Stimmung und ver- weitgehend wie Gesunde körperlich belasten. Sie
minderter Schwingungsfähigkeit der Stimmung meiden jedoch häufig körperliche Aktivität und
kommen. Zudem können sich die Betroffenen als weisen infolge des Trainingsmangels auch eine
unkonzentriert und weniger geistig leistungsfä- verminderte Leistungsfähigkeit in allen motori-
hig empfinden. Insgesamt besteht somit ein Leis- schen Beanspruchungsformen auf, vor allem, was
tungsverlust auf verschiedenen Ebenen. Manche die Ausdauer und Kraft betrifft.
Betroffene berichten zudem über Kopf-, Hals- und
 Gelenkschmerzen. Lymphknoten am Hals und in ? Kann man mit körperlicher Aktivität der
den Achselhöhlen können druckempfindlich sein. chronischen Müdigkeit entgegenwirken?
Die Störung beginnt meist relativ akut und kann
über Jahre andauern. Aufgrund der abnormen körperlichen und geisti-
gen Ermüdung können sich viele Betroffene schwer
? Was ist die Ursache dieser chronischen vorstellen, Sport zu treiben. Das Antriebs-/Moti-
Müdigkeit? vationsproblem ist also vielfach ebenso bedeutsam
wie das körperliche Problem. Etliche Studien haben
Chronische Müdigkeit ist ein ganz häufiges aber gezeigt, dass es mit einem langsamen Einstieg
Symptom der Multiplen Sklerose (ca. 70 % der an durchaus gelingen kann, Sport zu treiben. Aerobes
Multipler Sklerose Erkrankten). Sie kommt aber Ausdauertraining sowie eine Kombination aus
beispielsweise auch bei bösartigen Tumoren, nach Ausdauer- und Krafttraining sind nachgewiesen
Schlaganfällen (7 Kap. „Schlaganfälle“), bei der Par- wirksam bei chronischer Müdigkeit im Rahmen
kinson-Krankheit (7 Kap. „Parkinson-Syndrom“), von Tumorerkrankungen. Für die Multiple Skle-
bei anderen Autoimmunkrankheiten (z. B. Lupus rose und andere Autoimmunerkrankungen gibt es
erythematodes), Polyneuropathien und dem Fibro- ebenfalls Hinweise auf eine Wirksamkeit. Auch für
myalgie-Syndrom häufig vor. Ob es darüber hinaus das eigenständige chronische Müdigkeitssyndrom
ein eigenständiges Krankheitsbild „chronic fatigue sind die Studienergebnisse überwiegend positiv
syndrome“ (chronisches Müdigkeitssyndrom) ohne ausgefallen.
bekannte Ursache gibt, ist weiterhin nicht eindeu-
tig geklärt. Möglicherweise spielen hormonelle, ? Welche sportliche Aktivität wird empfohlen?
immunologische, genetische (erbliche) und psy-
chosoziale Faktoren eine ursächliche Rolle für die Empfohlen wird vor allem ein aerobes Ausdau-
Entstehung des Krankheitsbildes. Für das chronische ertraining ( 7 Kap. „Fibromyalgie-Syndrom“).
Chronisches Müdigkeitssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome)
85 
Geeignet sind z. B. Gehen, Nordic Walking, zu beheben. Ernsthafte unerwünschte Nebenwir-
Radfahren oder Schwimmen. Ein zusätzliches kungen sind eine Rarität.
­Krafttraining ist wünschenswert. Die initiale Belas-
tung hat sich an der Ausprägung der Fatigue zu ? Kann es durch den Sport zu einer
orientieren: Bei leichter Fatigue kann auch schon Symptomverschlechterung kommen?
mit 20–30 Minuten Ausdauertraining bei 60–80 %
der maximalen Herzfrequenz an 3–5 Tagen pro Neuere Arbeiten beschreiben, dass es weder bei
Woche und einem submaximalen Krafttraining Ausdauer- noch bei Intervallbelastungen zu einer
(8–12 Wiederholungen bei 60–70 % des 1-Wie- Verschlechterung der Symptome kommt. Gelegent-
derholungsmaximums an 2–3 Tagen pro Woche) lich kann die Belastung vor allem, wenn sie zu hoch
begonnen werden. In neuerer Zeit wird als Alter- gewählt wurde, vorübergehend verstärkte Müdig-
native zu dem sehr vorsichtigen ­Training auch ein keit und ggf. auch Schmerzen zur Folge haben.
etwas „­aggressiveres“ Trainingsregime im Sinne Bleibende Verschlechterungen sind jedoch nicht
eines HIIT (hochintensives Intervalltraining) zu befürchten. Notwendigenfalls sollte die Belas-
diskutiert. Hier wechseln sich Belastungsphasen tungsintensität zumindest vorübergehend redu-
von gut 1½ Minuten mit 75–80 % der maxima- ziert werden.
len Herzfrequenz mit einer 3-minütigen Pause mit
nur geringer Belastung ab. Diese Trainingsform ? Sind spezielle Voruntersuchungen
wird nicht schlechter toleriert als ein Training notwendig?
mit gleichbleibenden Belastungen. Die maximale
Herzfrequenz lässt sich mit den beiden Schätzfor- Ob Voruntersuchungen notwendig sind, richtet
meln 220 – Alter oder 208 – (0,7 × Alter) nähe- sich u. a. nach dem Alter und den Vorerkrankun-
rungsweise bestimmen. Bei ausgeprägter Fatigue gen der Betroffenen. Auf die jeweiligen Kapitel in
kommen zunächst langsames Walking, Radfahren diesem Buch wird verwiesen. Personen mit einem
oder Schwimmen für 5–15 Minuten an 5 Tagen eigenständigen chronischen Müdigkeitssyndrom
pro Woche, eventuell mehrfach täglich, mit all- bedürfen allein aufgrund ihres meist jüngeren
mählicher Steigerung bis zu 30 Minuten in Frage, Alters keiner speziellen Voruntersuchung. Jen-
aber nur Krafttraining mit dem eigenen Körperge- seits des 35. Lebensjahres wird eine sportärztliche
wicht gegen die Schwerkraft, d. h. ohne Gewichte. Untersuchung empfohlen (7 Kap. „Start in den
Hierbei sollte die Herzfrequenz bei etwa 50 % der Sport“).
maximalen Herzfrequenz liegen. Das Krafttraining
sollte zumindest am Anfang unter Anleitung statt-
finden. Der ­Schwerpunkt des Trainings liegt beim Literatur
Ausdauertraining.
Zusätzliche Gesichtspunkte können sich durch Avellanerda Fernández A, Pérez Martín Á, Izquierdo Martí-
die Grundkrankheit ergeben. Hierzu wird auf das nez M et al. (2009) BMC Psychiatry 9 Suppl. 1: S1
Collatz A, Johnston SC, Staines DR, Marshall-Gradisnik SM
jeweilige Kapitel in diesem Buch verwiesen. (2016) A systematic review of drug therapies for chro-
nic fatigue syndrome/myalgic encephalomyelitis. Clin
? Was kann man mit Sport erreichen? Ther 38: 1263–71
Larun L, Brurberg KG, Odgaard-Jensen J, Price JR (2017)
Exercise therapy for chronic fatigue syndrome. Coch-
Grundsätzlich ist festzustellen, dass es derzeit kein
rane Database Syst Rev 4:CD003200. https://doi.
wissenschaftlich nachgewiesenes – und damit org/10.1002/14651858.CD003200.pub7
auch zugelassenes – medikamentöses Therapie- Sandler CX, Lloyd AR, Barry BK (2016) Fatigue Exacerbation
konzept (s. oben) gibt. Abgesehen von einer spon- by Interval or Continuous Exercise in Chronic Fatigue
tanen Besserung besteht das aktuell einzig evalu- Syndrome. Med Sci Sports Exerc 48(10):1875–85
Van Cauwenbergh D, De Kooning M, Ickmans K, Nijs J
ierte Therapieverfahren in einem regelmäßigen
(2012) How to exercise people with chronic fatigue syn-
körperlichen Training. Fast alle wissenschaftli- drome: evidence-based practicel guidelines. Eur J Clin
chen Studien zeigen, dass ein Ausdauertraining die Invest 42:1136–44
Müdigkeit und die körperliche Leistungsfähigkeit Yancey JR., Thomas SM (2012) Chronic fatigue syndrome:
bessern kann, ohne das Krankheitsbild allerdings Diagnosis and treatment. Am Fam Physician 86:741–6
87

Innere Medizin
Übergewicht und Adipositas – 89
Klaus Völker

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – 95


Carl D. Reimers und Klaus Völker

Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) – 103


Carl D. Reimers und Klaus Völker

Koronare Herzerkrankung (KHK) – 109


Klaus Völker
89

Übergewicht und
Adipositas
Klaus Völker

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_13
90 K. Völker

? Wann spricht man von Übergewicht und erstens darauf zurückzuführen sein, dass heute
Adipositas? mehr gegessen wird als früher, da Nahrungsmittel
leichter verfügbar sind. Zweitens käme alternativ als
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassi- Ursache in Betracht, dass bei unveränderter Kalo-
fiziert das Körpergewicht (korrekt wäre: die Kör- rienzufuhr der Kalorienverbrauch über körperli-
permasse) in Stufen (. Tab. 1). Grundlage für die che Aktivität abgenommen hat, da wir uns weniger
Einteilung ist der sog. Body-Mass-Index (BMI). bewegen als frühere Generationen. Und drittens
Darunter versteht man die Körpermasse (kg ist könnte es sein, dass die tägliche Kalorienzufuhr
bekanntlich eine Massen- und keine Gewichtsein- abgenommen hat, aber der Rückgang der körper-
heit) geteilt durch die Körpergröße in Metern zum lichen Aktivität noch stärker war. Wissenschaftliche
Quadrat (kg/m2). Studien legen eher den zweiten und dritten Grund
Ein weiteres gebräuchliches Maß für die Adipo- nah. Die Energiedichte unserer Nahrung hat zwar
sitas ist der Bauchumfang an der Taille (Taillenum- zu-, die Nahrungsmenge jedoch abgenommen.
fang). Dieser spiegelt das gesundheitlich besonders Der Rückgang der körperlichen Aktivität ist aber
nachteilige Fettgewebe am Bauch (viszerales Fettge- deutlich; er wird auf gut 100 kcal pro Tag geschätzt.
webe, s. unten) besser wider als der BMI. Ein erhöh- Anders ausgedrückt lag der Kalorienverbrauch
tes Gesundheitsrisiko besteht für Frauen spätestens früher bei 49 kcal/kg Körpermasse/Tag, heute sind
ab 88 cm, für Männer ab 102 cm. Die Literaturan- es gerade einmal 32 kcal/kg/Tag. Die Hautursache
gaben sind dazu aber unterschiedlich. ist also in der Verringerung der körperlichen Akti-
Die WHO betrachtet die Adipositas ab einem vität zu suchen.
BMI von 30 kg/m2 als chronische Erkrankung, die Der Energieverbrauch ergibt sich durch den
auf einer komplexen Interaktion von genetischen sog. Grundumsatz und den Energieverbrauch vor
Faktoren und Umwelt- bzw. Lebensstilfaktoren allem durch körperliche Aktivität. Als Grundum-
beruht. Sie bedarf einer lebenslangen Therapie, satz bezeichnet man den Energieverbrauch in völ-
da sie zu einer erhöhten Morbidität und Mortali- liger körperlicher Ruhe, bei Indifferenztempe-
tät führt. ratur (ca. 28°C) und in nüchternem Zustand. Er
dient lediglich zur Aufrechterhaltung der Körper-
? Wie entstehen Übergewicht und Adipositas? funktionen, im Kindes- und Jugendalter zusätz-
lich dem Wachstum und ist in diesem Alter daher
 Jedes Körpergewicht wird bestimmt durch das höher. Ganz grob kann man bei mittlerem Körper-
(Miss-)Verhältnis von Energiezufuhr und -ver- gewicht davon ausgehen, dass der Grundumsatz
brauch, auch dann, wenn dem Übergewicht eine etwa 5 kcal pro kg Körpermasse und Tag beträgt.
definierte andere Gesundheitsstörung zugrunde- Frauen haben vor allem wegen der geringeren Mus-
liegt (s. unten). Daher gilt: Wer mehr isst, als er kelmasse einen etwa 10 % geringeren Grundum-
vor allem durch körperliche Aktivität verbraucht, satz als Männer. Außerdem nimmt der Grundum-
nimmt zu. Dabei hat die Anzahl der Betroffenen satz mit zunehmendem Alter ab, nämlich bis zum
mit Übergewicht in der Bevölkerung in den letzten Alter von 55–75 Jahren um etwa 8 % und danach
Jahrzehnten ständig zugenommen. Dies könnte um etwa 10 % gegenüber dem mit 25 Jahren. So

. Tab. 1  Körpergewichtskategorien nach WHO

Kategorie (nach WHO) BMI (kg/m²)

Normalgewicht 18,5–24,9

Übergewichtigkeit (Präadipositas) 25–29,9

Adipositas Grad I 30–34,9

Adipositas Grad II 35–39,9

Adipositas Grad III ≥ 40


(Adipositas permagna oder morbide Adipositas)
Übergewicht und Adipositas
91 
sinkt der Grundumsatz beim Mann im Alter zwi- die Zunahme des Übergewichtes im Kindes- und
schen 20 und 65 Jahren um ca. 200 kcal pro Tag, Jugendalter. Man geht derzeit von 9 % Übergewicht
bei Frauen um ca. 150 kcal pro Tag. Der Energie- und 5 % Adipositas aus. Übergewicht im Kindes-
verbrauch bei körperlicher Arbeit ist natürlich alter ist einer der stärksten disponierenden Fakto-
abhängig von der Schwere und Dauer der Aktivi- ren für das Übergewicht im Erwachsenenalter.
tät. Anhaltspunkte für den Energieverbrauch bei
sportlicher Betätigung liefert das 7 Kap. „Gesund- ? Welche gesundheitlichen Folgen haben
heitliche Auswirkungen körperlicher Aktivität und Übergewicht und Adipositas?
Inaktivität“ bzw. Tab. 3 im 7 Glossar. Bei hoher kör-
perlicher Aktivität kann der Energiebedarf bis auf Übergewicht und Adipositas haben zahlreiche
ca. 10 kcal/Min ansteigen, bei intensiven sportli- direkte und indirekte ungünstige Folgen für die
chen Anstrengungen (z. B. bei Rennradfahrern bei Gesundheit der Betroffenen. Dabei hat das sog.
der Tour de France) noch höher. viszerale (abdominelle) Fettgewebe (am und im
Hauptursachen für Übergewicht und Adiposi- Bauch) eine deutlich größere Bedeutung als Fett-
tas sind also ungesundes und vor allem zu reichli- gewebe anderenorts, z. B. an den Hüften. Vom Fett-
ches Essen und Bewegungsmangel. Eine erbliche gewebe im Bauchraum werden Entzündungsfakto-
Disposition kann die Entwicklung einer Adipositas ren und hormonähnliche Botenstoffe ausgesandt,
begünstigen, wie in Tierversuchen gezeigt werden die sich negativ in anderen Organen, den Gefäßen
konnte. Definierte andere Erkrankungen, z. B. hor- und auch im Gehirn auswirken.
monelle Störungen (etwa eine Schilddrüsenunter- Die Adipositas steht im Zentrum des sog. meta-
funktion), liegen der Adipositasentwicklung nur bolischen Syndroms. Dabei handelt es sich um die
selten zugrunde. Auch hier spielt aber natürlich das Kombination aus abdomineller Fettleibigkeit, Blut-
Missverhältnis von Energiezufuhr und -verbrauch hochdruck, Fettstoffwechselstörung mit Hypertrig-
die entscheidende Rolle, wobei durch diese Erkran- lyzeridämie (erhöhte Blutkonzentration von Tri-
kungen der Grundumsatz reduziert wird. glyzeriden) und erniedrigter HDL-Cholesterin-
Begünstigt werden kann die übermäßige Nah- Konzentration sowie Insulinresistenz bzw. gestör-
rungsaufnahme u. a. durch seelische Belastungen ter Glukosetoleranz (erhöhte Blutzucker-Konzen-
(Frustessen), Schlafmangel, Einnahme bestimmter tration im Blut), eine Hauptursache des Diabetes
Medikamente (z. B. Antidepressiva, Neuroleptika, mellitus Typ 2. Adipositas ist, neben dem Zigaret-
Antiepileptika, Insulin) und Geschmacksverstärker tenrauchen, die Hauptursache der koronaren Herz-
(Glutamat), aber auch durch regelmäßigen Alko- krankheit (Angina pectoris und Herzinfarkt). Sie
holkonsum (hohe Kalorienzahl). Die Bedeutung lässt den Blutdruck um bis zu 10 mmHg pro 10 kg
der Zusammensetzung der Darmflora (Darmbak- Übergewicht steigen. Das Risiko, einen Diabetes
terien), dem Mikrobiom, in der Adipositasentwick- mellitus zu entwickeln, ist bei adipösen Personen
lung ist noch nicht abschließend geklärt. im Vergleich zu normalgewichtigen mindestens
4-fach erhöht.
? Wie häufig sind Übergewicht und Adipositas? Weitere Folgen einer Adipositas sind vor
allem gehäufte Arthrosen der Beingelenke (Hüfte,
Die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas Knie), Harnsteine, Bauchspeicheldrüsenentzün-
ist weltweit dramatisch gestiegen, in den letzten dungen und manche Tumorerkrankungen (z. B.
20 Jahren ist es zumindest in den westlichen Indus- das maligne Melanom, „schwarzer Hautkrebs“).
trieländern, aber nicht nur dort, ungefähr zu einer Adipöse Personen haben ein fast verdoppeltes
Verdoppelung gekommen. Weltweit sind aktuell Risiko, später eine Demenz vom Alzheimer-Typ
mehr Menschen über- als untergewichtig (21 % zu entwickeln. Zudem sind die Lebenserwartung
versus 15 %). In Deutschland waren nach Angaben und Lebensqualität vermindert.
des Robert-Koch-Institutes im Jahre 2010 67 % aller
Männer über 15 Jahren übergewichtig (23 %) oder ? Wie behandelt man Übergewicht und
adipös (44 %) sowie 53 % aller Frauen (23 % über- Adipositas?
gewichtig, 30 % adipös). Deutschland liegt damit
mit Großbritannien und Griechenland europa- Grundsätzlich sollte bei jedem Übergewicht, spä-
weit an der Spitze. Besonders dramatisch ist hierbei testens jedoch bei einem BMI von 30 kg/m2 eine
92 K. Völker

Gewichtsreduktion angestrebt werden. Entschei- Lungenerkrankung, aber auch Amyotrophe Late-


dend für eine Gewichtsreduktion ist eine dauer- ralsklerose (ALS)) die Sterblichkeit bei überge-
hafte Verhaltensänderung, und die ist schwer zu wichtigen und adipösen Personen gegenüber den
erreichen. Kurzfristige radikale Verhaltensände- normalgewichtigen vermindert sein könnte. Man
rungen, egal ob über radikale Diäten oder kom- nennt dies das Adipositas-Paradoxon.
pakte Aktivitäts- oder Sportprogramme, sind zwar
leichter durchzuhalten, aber führen in mehr als 50 ? Welchen Effekt haben körperliche Aktivität
% zu einem schnellen Rückfall (Jo-Jo-Effekt). Die und Sport bei Adipositas?
entscheidenden Maßnahmen sind natürlich eine
verminderte Energiezufuhr und mehr Bewegung. Körperliches Training optimiert alle Aspekte des
Realistisch ist eine Gewichtsreduktion von etwa 5 metabolischen Syndroms: Es verbessert den Gluko-
% in einem halben bis ganzen Jahr, jenseits eines sestoffwechsel, reduziert die Insulinresistenz, ver-
BMI von 35 kg/m2 auch 10 %. Dazu sollte die tägli- mindert die Triglyzerid-Konzentration im Blut,
che Energiezufuhr etwa 500 kcal unter dem Bedarf hebt die HDL-Cholesterin-Konzentration und
liegen. Gespart werden sollte bei den Fetten und senkt den Blutdruck. Die Entzündungsreaktion
Kohlenhydraten, nicht beim Eiweiß. Je größer wird zurückgefahren. Sowohl Diät als auch regel-
der Umfang an Bewegung, umso größer ist der mäßige körperliche Aktivität können das Körper-
Gewichtseffekt, bzw. zumindest kann die Notwen- gewicht senken. Allerdings sind die Effekte beider
digkeit an Nahrungsreduktion etwas abgemildert Interventionen in allen Altersgruppen meist nicht
werden. Die Erwartungen an den Gewichtseffekt sehr ausgeprägt. Quintessenz: Man sollte gar nicht
körperlicher Aktivität sind häufig ­unrealistisch erst adipös werden, und beide Interventionen
hoch, der Umfang der notwendigen Aktivität ist sollten kombiniert eingesetzt werden.
beträchtlich (s. unten), und man sollte immer mit Um Kalorien effektiv zu verbrennen, ist der
in Betracht ziehen, dass höhere Aktivität auch den Einsatz großer Muskelgruppen von Vorteil. Sowohl
Appetit und damit die Kalorienzufuhr steigert. ein kontinuierliches Ausdauertraining als auch
Wenn die Änderung des Lebensstils nicht aus- ein Intervalltraining können das Körpergewicht
reicht und die Adipositas sehr ausgeprägt ist, kann senken. Ein hochintensives Intervalltraining, bei
auch über chirurgische Maßnahmen (Magenver- dem kurze Phasen sehr intensiver Belastung mit
kleinerung, bariatrische Operation) nachgedacht Phasen geringerer Belastung abwechseln, ist etwas
 werden. effektiver als ein traditionelles Ausdauertraining.
Die günstigen Auswirkungen einer Gewichts- Ein Vorteil sehr intensiver Belastung ist auch, dass
reduktion werden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zumindest kurz nach der Belastung das Hungerge-
­geringer und sind mit 60 Jahren kaum mehr nach- fühl eher gedämpft ist. Hochintensive Belastungen
weisbar. Quintessenz: Gar nicht erst adipös werden sind auch immer mit hohen Belastungen für das
und – falls doch – möglichst frühzeitig abnehmen! Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsapparat
Der gesundheitliche Fokus sollte nicht einseitig verbunden. Die Belastbarkeit sollte deshalb sowohl
auf der Gewichtsabnahme liegen. Auch Gewichts- aus internistisch/kardiologischer Perspektive als
stabilität ist schon ein Erfolg, und Effekte des auch aus orthopädischer Perspektive betrach-
­körperlichen Trainings sind auch dann zu beob- tet werden. Ein reines Krafttraining bleibt in der
achten, wenn keine Gewichtsabnahme erfolgt. Die Effektivität deutlich hinter einem Ausdauertraining
Wirkung schädlicher Botenstoffe aus dem Fettge- zurück. Aber Muskelmasse hat auch einen kalori-
webe kann auch unabhängig von der Massenab- schen Mehrwert: Mehr Brennöfen können mehr
nahme in ihren Auswirkungen gebremst werden. Energie verbrennen. Zudem kann eine etwas kräf-
Ein kleiner Trost für alle Personen mit Über- tigere Muskulatur sportliche Aktivitäten verlet-
gewicht und Adipositas: In der allgemeinen zungsfreier und schädigungsfreier ermöglichen.
Bevölkerung ist die Sterblichkeit (Mortalität) Jogging mit Übergewicht kann durch kräftige Bein-
bei ­normalgewichtigen Personen am niedrigs- muskeln erst ermöglicht werden.
ten. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass im Falle Die Dokumentation der körperlichen Aktivität,
einer bereits bestehenden chronischen Erkran- beispielsweise mit einem Fitness-Tracker oder Trai-
kung (chronische Nierenerkrankung, chroni- ningskalender, führt vielfach zu wünschenswert
sche Herzinsuffizienz, chronische obstruktive mehr Aktivität. Gerade moderne Fitness-Tracker
Übergewicht und Adipositas
93 
oder Smartphones erlauben, die Aktivität und den 5-mal 30 Minuten mäßig intensiven oder 3-mal
Energieverbrauch recht spezifisch festzustellen. 20 Minuten intensiven Sport betreiben oder natür-
Entscheidend für die Gewichtsreduktion ist letzt- lich Kombinationen aus beiden Varianten. Im Hin-
lich einzig der Energieverbrauch, d. h., die Intensi- blick auf eine gewünschte Gewichtsreduktion wäre
tät und Dauer der sportlichen Aktivität. natürlich jede zusätzliche Minute wünschenswert.
Die eher ernüchternden Studienergebnisse Sicher kalkulierbare Gewichtsreduktion allein
bezüglich Gewichtsreduktion sollten nicht allzu durch Sport ist ab 4 Stunden pro Woche zu erwar-
sehr enttäuschen: Hier handelt es sich um statisti- ten. Darüber hinaus sollte im Alltag so viel Bewe-
sche Angaben, von denen es im Einzelfall auch sehr gung wie möglich gesucht werden: Treppe statt
positive Abweichungen geben kann. Zudem profi- Aufzug oder Rolltreppe, Wegstrecken zu Fuß oder
tiert der adipöse Sportler genauso wie der schlanke mit dem Fahrrad statt motorisiert und so weiter.
von den günstigen gesundheitlichen Auswirkungen
des Sports, beispielsweise auf Blutdruck, Zucker- ? Sind Voruntersuchungen vor Aufnahme eines
oder Fettstoffwechsel. Das Herzinfarkt- und Trainings notwendig?
Schlaganfallrisiko sinkt auch bei ihm. Der Effekt
wird allenfalls durch die zusätzliche Gewichtsre- Übergewicht allein erfordert keine spezifischen
duktion noch potenziert. Also: Nicht von den even- Voruntersuchungen vor Aufnahme des Sportes.
tuell mäßigen Effekten auf das Körpergewicht vom Bei Adipositas und beim Vorliegen von Risikofak-
Sport abhalten lassen! toren wäre eine Vorsorgeuntersuchung wünschens-
wert. Es gelten die allgemeinen Regeln: Wer sonst
? Welche Sportarten sind bei Adipositas gesund ist und unter 35–40 Jahren alt, der kann
geeignet? einfach loslegen; wer älter ist, dem wird eine sport-
ärztliche, sowohl kardiologische als auch orthopä-
Grundsätzlich kommen bei Übergewicht und Adi- dische Untersuchung empfohlen. Sollten Zusatzer-
positas alle Sportarten in Frage. Ein erheblich zu krankungen bestehen, so können weitere Untersu-
hohes Körpergewicht bedeutet jedoch für die Bein- chungen notwendig sein. Auf die entsprechenden
gelenke (Hüfte und Knie) beim Laufen eine hohe Kapitel wird hingewiesen.
Belastung. Daher eignen sich eher gewichtsneu-
trale Ausdauersportarten wie Nordic Walking,
Schwimmen, Radfahren und auch Rudern. Beson- Literatur
ders gelenkschonend sind Schwimmen und Aqua-
training, welches vielerorts angeboten wird. Da sie Bell JA, Kivimaki M, Hamer M (2014) Metabolically healthy
obesity and risk of incident type 2 diabetes: a meta-
sich dort in leichter Badebekleidung präsentieren
analysis of prospective cohort studies. Obes Rev
müssen, fällt der Zugang vielen aus Scham schwer. 15(6):504–15. https://doi.org/10.1111/obr.12157.
Aus dem gleichen Grund werden Gruppenange- Epub 2014 Mar 24
bote von Übergewichtigen seltener genutzt, es de Vries HJ, Kooiman TJ, van Ittersum MW, van Brussel M,
wird individuelles Training bevorzugt. Die relative de Groot M (2016) Do activity monitors increase phy-
sical activity in adults with overweight or obesity? A
Anonymität des Fitnessstudios mit einer „Aerobic
systematic review and meta-analysis. Obesity (Silver
Corner“ ist eine gute Alternative. Spring) 24 (10):2078–91. https://doi.org/10.1002/
Sollten neben dem Übergewicht noch weitere oby.21619
Erkrankungen (z. B. arterielle Hypertonie, Diabe- Hassan Y, Head V, Jacob D, Bachmann MO, Diu S, Ford J
tes mellitus) bestehen, so ist dem natürlich Rech- (2016) Lifestyle interventions for weight loss in adults
with severe obesity: a systematic review. Clin Obes
nung zu tragen. Auf die entsprechenden Kapitel in
6(6):395–403. https://doi.org/10.1111/cob.12161
diesem Buch wird hingewiesen. Kula A, Wiedel C, Walter U (2016) Effectiveness of combined
interventions for the prevention of overweight for chil-
? Wieviel Sport wird empfohlen? dren and youths: A systematic review. Bundesgesund-
heitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz
59(11):1432–1442
Für übergewichtige und adipöse Personen gelten
Türk Y, Theel W, Kasteleyn MJ, Franssen FME, Hiemstra PS,
bezüglich der gesundheitsfördernden Effekte Rudolphus A, Taube C, Braunstahl GJ (2017) High inten-
des Sports die gleichen Regeln wie für normal- sity training in obesity: a Meta-analysis. Obes Sci Pract.
gewichtige: Man sollte wöchentlich mindestens 3(3):258–271. https://doi.org/10.1002/osp4.109
94 K. Völker

Verheggen RJ, Maessen MF, Green DJ, Hermus AR, Hopman


MT, Thijssen DH (2016) A systematic review and meta-
analysis on the effects of exercise training versus hypo-
caloric diet: distinct effects on body weight and visceral
adipose tissue. Obes Rev 17(8):664–90. https://doi.
org/10.1111/obr.12406
Vissers D, Hens W, Hansen D, Taeymans J (2016) The Effect
of Diet or Exercise on Visceral Adipose Tissue in Over-
weight Youth. Med Sci Sports Exerc 48(7):1415–24.
https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000000888


95

Diabetes mellitus
(Zuckerkrankheit)
Carl D. Reimers und Klaus Völker

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_14
96 C. D. Reimers und K. Völker

? Was ist ein Diabetes mellitus? mellitus als Folge anderer Erkrankungen, z. B. als
Folge von Erbkrankheiten oder von anderen defi-
Der Diabetes mellitus ist eine hormonelle Erkran- nierten Erkrankungen (z. B. Bauchspeicheldrü-
kung, die durch eine erhöhte Blutzuckerkon- senentzündung) einschließlich der Einnahme von
zentration und deren Folgen gekennzeichnet ist. Medikamenten (z. B. Glukokortikoide, „Kortison“),
Ursache ist eine verminderte Wirksamkeit des die die Blutzuckerkonzentration erhöhen können.
Hormons Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse Betroffene mit einem Diabetes mellitus Typ 1
gebildet wird. Es kommt nicht genügend Zucker in sind meist unter 40 Jahre alt, und man findet häufig
die Körperzellen, da es an Insulin mangelt, das die sogenannte GAD-Antikörper im Blut. Patienten
Zellen „aufschließt“ und die Blutzuckerkonzentra- mit einem Diabetes mellitus Typ 2 sind meist über
tion senkt, bzw. die Körperzellen für das Hormon 40 Jahre alt. Verursacht durch ein hohes Maß an
unzureichend ansprechbar sind. Übergewicht und Adipositas in der Bevölkerung
Ein Diabetes mellitus wird diagnostiziert, wenn ist jedoch das Manifestationsalter des Diabetes
neben den klassischen Symptomen wie vermehr- mellitus Typ 2 in jüngere Altersklassen verschoben
tem Harndrang, vermehrtem Durstgefühl und worden. Inzwischen kann sogar bei meist sehr adi-
Gewichtsverlust eine Blutzuckerkonzentration pösen Kindern ein Diabetes mellitus Typ 2 beob-
(Glukose) über 200 mg/Deziliter (= 11,2 Millimol/ achtet werden.
Liter) bei einer Gelegenheitskontrolle festgestellt
wird. Eine Nüchtern-Blutzuckerkonzentration von ? Wie wird man zuckerkrank?
mindestens 126 mg/Deziliter (= 7,0 Millimol/Liter)
oder eine HbA1c-Konzentration („Langzeitzucker- Man muss zwischen dem Typ 1 und dem Typ 2
wert“) von mindestens 6,5 % (= 48 mmol/Mol) sind unterscheiden. Während Typ 1 auf Erkrankungen
ebenfalls sichere diagnostische Zeichen. Normal (s. oben) und nicht auf Lebensstilfaktoren zurück-
sind Nüchtern-Blutzuckerkonzentrationen unter zuführen ist, stellen für den Typ 2 Übergewicht
110 mg/Deziliter (= 6,1 Millimol/Liter). Zwischen und Fettleibigkeit (Adipositas) das größte Risiko
den genannten Werten findet sich ein Graubereich. dar. Übergewicht ist definiert über einen Body-
Als Provokationstest zur Stellung der Diagnose Mass-Index (BMI) – das ist der Quotient aus dem
eines Diabetes mellitus eignet sich ein sog. oraler Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch das
Glukosetoleranztest („Blutzucker-Belastungstest“). Quadrat der Körpergröße (in Meter) – von 25,0 bis
Nach Trinken einer definierten Zuckerlösung wird 29,9 kg/m2. Von Adipositas spricht man bei einem
dabei die Blutzuckerkonzentration nach 2 Stunden BMI von mindestens 30 kg/m2. Da das Bauchfett
gemessen. Liegt der Wert über 200 mg/Deziliter (= als besonders gefährlich einzustufen ist, hat sich die
 11,1 Millimol/Liter), so ist dies diagnostisch bewei- Messung des Bauchumfangs als weiteres diagnos-
send für einen Diabetes mellitus. Normal ist hierbei tisches Kriterium etabliert. Ein Bauchumfang bei
ein Wert unter 140 mg/Deziliter (= 7,8 Millimol/ Frauen von mehr als 88 cm und bei Männern von
Liter). mehr als 102 cm gilt als wichtiger Risikoindikator
Man unterscheidet verschiedene Typen eines (s. auch 7 Kap. „Übergewicht und Adipositas).
Diabetes mellitus. Der Typ 1 entsteht durch Zerstö-
rung der Insulin-produzierenden B-Zellen in der ? Welche Folgen hat ein Diabetes mellitus?
Bauchspeicheldrüse, etwa als Folge einer immuno-
logischen Erkrankung, einer viralen Erkrankung Akut kann es zu Stoffwechselentgleisungen mit
oder auch ohne erkennbaren Grund. Beim Typ 2 Unterzuckerung (Hypoglykämie – häufiger bei
sprechen die Körperzellen vermindert auf Insulin Typ-1-Diabetikern) oder erheblicher Überzucke-
an (sog. Insulinresistenz), oder es liegt ein relativer rung (Hyperglykämie – häufiger bei Typ-2-Diabe-
Insulinmangel vor, d. h., es wird vom Körper mehr tikern) bis zum Koma kommen.
Insulin benötigt, als die Bauchspeicheldrüse bilden Spätkomplikationen eines jahrelang bestehen-
kann. Der Diabetes mellitus Typ 1 tritt meist relativ den Diabetes mellitus sind: Erkrankungen der Netz-
akut auf, der Typ 2 schleichend. Bei 90–95 % der haut im Auge bis zur Erblindung, Nierenfunktions-
betroffenen Erwachsenen liegt ein Diabetes melli- störung bis zum Nierenversagen, Nervenfunktions-
tus Typ 2 vor, nur in weniger als 10 % der Typ 1. Ein störungen (Polyneuropathie) mit Gefühlstörungen
sog. Gestationsdiabetes ist ein Diabetes mellitus in und Geschwüren am Fuß (sog. diabetischer Fuß),
der Schwangerschaft. Zudem gibt es einen Diabetes vorzeitige Gefäßverkalkungen (Arteriosklerose),
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
97 
manifestiert als Herz-Kreislauf-Erkrankungen Die Therapie sollte in erster Linie in einer Änderung
(z. B. Herzinfarkt), ­D urchblutungsstörungen des Lebensstils (ggf. Gewichtsreduktion, regelmä-
in den Beinen oder Schlaganfall, begleitet und ßige körperliche Aktivität, Nichtrauchen, möglichst
­m itverursacht von Fettstoffwechselstörungen, wenig Alkohol, gesunde Ernährung) bestehen. Falls
Übergewicht und Adipositas sowie Bluthochdruck. diese Maßnahmen nicht ausreichen, muss eine
Ungünstigerweise erhöht die therapeutische Gabe medikamentöse Therapie eingeleitet werden. Man
von Insulin vielfach noch den Appetit, so dass das unterscheidet dabei orale Antidiabetika (Tabletten,
Übergewicht noch mehr zunimmt. Das Risiko verschiedene Substanzklassen) und Insulin, das
einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems, z. immer injiziert (gespritzt) werden muss.
B. eines Herzinfarkts, verdoppelt bis vervierfacht
sich bei Diabetes-Kranken. In den letzten Jahren ? Wie häufig ist der Diabetes mellitus?
wird außerdem zunehmend deutlich, dass ein Dia-
betes mellitus wahrscheinlich einer der wichtigsten Die Häufigkeit des Diabetes mellitus nimmt welt-
beeinflussbaren Risikofaktoren für einen geistigen weit rapide zu. Gründe sind vor allem die zuneh-
Abbau bis zur Demenz im Alter ist. mende Übernahme eines westlichen Lebensstils
Mehrere der hier aufgeführten diabetische Spät- und parallel dazu die Zunahme an Übergewichtig-
komplikationen können einen unmittelbaren Ein- keit und Fettleibigkeit. Die Häufigkeit der Erkran-
fluss auf die sportliche Belastbarkeit und Leistungs- kungen wurde im Jahr 2015 weltweit auf 415 Mil-
fähigkeit haben oder spezielle Risiken beim Sport lionen geschätzt, im Jahr 2030 sollen es Schätzun-
nach sich ziehen (s. unten). Zu erwähnen sind die gen zufolge bereits 552 Millionen, im Jahr 2040 gar
Retinopathie (Netzhauterkrankung), die autonome 642 Millionen sein. Ganz überwiegend handelt es
Neuropathie (Schädigung der unwillkürlichen Ner- sich dabei um Diabetes mellitus Typ 2. Im Jahr 2017
venfasern) und das diabetische Fußsyndrom. betrug die Weltbevölkerung etwas mehr als 7,5 Mil-
Bei der diabetischen Retinopathie sind die liarden Menschen, so dass bereits jetzt mehr als 5 %
kleinen Gefäße am Augenhintergrund durch den der Bevölkerung betroffen sind.
Diabetes mellitus geschädigt. Es kann auch zu der Die Häufigkeit des Diabetes mellitus steigt
ungerichteten Neubildung von Gefäßen kommen, außerdem mit zunehmendem Alter. Während im
die dann häufig spontan bluten. Folge ist ein zuneh- mittleren Lebensalter noch unter 10 % der Erwach-
mender Sehverlust bis zur Erblindung. senen erkrankt sind, ist es bei den über 60-Jährigen
Die autonome diabetische Neuropathie ist eine ungefähr jeder Fünfte.
Schädigung der unwillkürlichen Nervenfasern, die
die inneren Organe wie auch das Herz und die Haut ? Kann körperliche Aktivität die Entwicklung
versorgen. Folgen sind z. B. fehlende Warnsymptome eines Diabetes mellitus verhindern?
bei Unterzuckerung und Mangeldurchblutung der
Herzkranzgefäße (ohne Schmerz!). Die Herzfrequenz Große Studien haben gezeigt, dass das Risiko, später
wird relativ starr und wenig anpassungsfähig, ein vor- einen Diabetes mellitus zu entwickeln, bei regelmä-
zeitiges Völlegefühl beim Essen durch eine verzögerte ßiger körperlicher Aktivität deutlich abnimmt. So
Magenentleerung tritt auf, ebenso wie Durchfall oder haben Menschen, die regelmäßig intensiv körper-
Verstopfung und eine erschwerte Harnentleerung. lich aktiv sind, im Vergleich zu denjenigen, die wenig
Störungen der Sexualfunktionen sind gerade bei körperlich aktiv sind, ein um etwa 25–40 % vermin-
Männern ein häufiges und frühes Symptom. dertes Risiko, später zuckerkrank zu werden. Das
Das diabetische Fußsyndrom ist Folge einer gilt für alle Arten der Bewegung, ob bei der Arbeit
Mangeldurchblutung und Nervenfunktionsstörung oder in der Freizeit, für Ausdauertraining genauso
(Polyneuropathie). Es kommt zu schlecht heilenden wie für Krafttraining. Als Größenordnung: Eine
Wunden am Fuß bis hin zur Bildung von Druck- Stunde rasches Gehen (ca. 6,4 km pro Stunde) oder
geschwüren an der Fußsohle, Neigung zu Infektio- eine halbe Stunde langsames Laufen (ca. 7,4 km
nen und Pilzerkrankungen, Gelenkdeformitäten, pro Stunde) an 5 Tagen pro Woche reduzieren das
Gefühllosigkeit, gleichzeitig aber auch Schmerzen. Risiko um etwa 15 %. Der Effekt ist umso deutlicher,
Nicht nur am Fuß, sondern auch anderenorts ist die je intensiver die Aktivität ist. Zumindest bei bis zu
Wundheilung vielfach verzögert. einer Stunde körperlicher Aktivität täglich nimmt
der Effekt zu. Ob ein Bewegungsausmaß darüber
? Wie behandelt man einen Diabetes mellitus? hinaus weitere Vorteile bringt, ist bisher noch nicht
98 C. D. Reimers und K. Völker

geklärt. Allerdings nimmt das Risiko, zuckerkrank Die beiden wichtigsten Mechanismen, über die
zu werden, nicht linear ab: Schon wenig Bewegung sich körperliche Aktivität günstig auf den Zucker-
hat einen deutlichen Effekt, der dann mit zunehmen- stoffwechsel auswirkt, sind eine Gewichtsreduk-
der Aktivität langsam größer wird. tion und eine erhöhte Insulin-Sensitivität, also das
Personen mit einer gestörten Glukosetoleranz Ansprechen der Zellen auf Insulin. Mit anderen
(erhöhte Blutzuckerkonzentration beim oralen Worten: Es wird weniger Insulin im Körper benö-
Glukosetoleranztest, s. oben), die ein deutlich tigt, um die Blutzuckerkonzentration, z. B. nach dem
erhöhtes Risiko haben, einen Diabetes mellitus zu Essen, abzusenken und den Blutzucker vor allem in
entwickeln, können dieses Risiko mit regelmäßiger die Leber und die Muskeln zur Energiebereitstel-
körperlicher Aktivität reduzieren. lung einzuschleusen. Körperliche Aktivität kann bei
Die Fettdepots, vor allem das abdominelle Fett- zuckerkranken Personen dazu führen, dass weniger
gewebe (Fettgewebe im Bauchraum), spielen wahr- Insulin injiziert werden muss oder eventuell auch
scheinlich eine wichtige Rolle als Risikofaktor für ganz auf Injektionen verzichtet werden kann.
Gefäßerkrankungen. Sie nehmen bei regelmäßiger Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass ein
körperlicher Aktivität ab. Zur Gewichtsabnahme regelmäßiges körperliches Training die Blutzucker-
ist allerdings ein relativ großer Umfang körperli- und die HbA1c-Konzentration, die das gängige
cher Aktivität von mehr als 4 Stunden pro Woche Maß für die Güte einer Diabeteseinstellung ist (je
notwendig. Wichtig ist in diesem Zusammen- niedriger der Wert, desto besser die Blutzuckerein-
hang natürlich auch eine gesunde, kalorisch aus- stellung), senkt. Das gilt für alle eine Vielzahl von
gewogene Kost. Große Mengen an Haushalts- und Belastungsformen und Trainingsarten.
Fruchtzucker sowie zuckerhaltige Getränke sollen Wenn ein regelmäßiges mäßig bis hoch intensi-
gemieden werden. Das Gleiche gilt für große Por- ves Training (z. B. rasches Gehen oder Radfahren,
tionen oder den häufigen Verzehr tierischen Fettes Laufen, Tennis, Schwimmen) durchgeführt wird,
(z. B. Fleisch- und Wurstwaren, fette Milchpro- bessert sich auch die Durchblutung der vom Diabetes
dukte, Schokolade, Chips etc.). Pflanzliche Fette mellitus in Mitleidenschaft gezogenen Organe (z. B.
sind zu bevorzugen, z. B. Öle, Nüsse und Samen. Herz, Niere, Netzhaut, Muskeln), und das Risiko
Fisch sollte regelmäßig gegessen werden. Wichtig von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Herzin-
sind Gemüse, frisches Obst und langkettige Koh- farkt oder Schlaganfall) und die Sterblichkeit sinken.
lenhydrate (Vollkorngetreideprodukte, Kartoffeln, Leichte körperliche Aktivität (z. B. Spazierengehen)
Reis oder Nudeln) statt Zucker. Alkohol sollte nur reicht dafür meistens nicht aus, ist aber natürlich
wenig oder gar nicht getrunken werden. günstiger als Sitzen. Bei Umfängen von mehr als 6
Stunden pro Woche zeigt jedoch auch das Spazieren-
 ? Wie wirkt sich körperliche Aktivität auf gehen positive Effekte. Der positive Effekt von Aus-
den Zuckerstoffwechsel und diabetischen dauertraining ist am besten belegt, aber Krafttraining
Spätkomplikationen aus? und ein kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining
(muss nicht am gleichen Tage erfolgen!) scheinen
Regelmäßige körperliche Aktivität senkt die Blutzu- effektiver zu sein als ein reines Ausdauertraining.
ckerkonzentration und das Risiko von Blutzucker-
entgleisungen. Die negativen Botenstoffe aus dem ? Wie viel Sport wird empfohlen?
Bauchfett werden nicht nur durch die Abnahme der
Fettmasse weniger, sondern es wird auch ihre Wirk- Die internationalen Leitlinien empfehlen ­mindestens
samkeit vermindert. Die Höhe der Blutzuckerkon- 150 Minuten mäßige oder 75 Minuten intensive kör-
zentration wiederum ist eng verbunden mit den perliche Aktivität pro Woche. Was darunter zu ver-
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Zudem stehen ist, finden Sie in 7 Kap. „­Gesundheitliche
kann der Blutdruck leicht sinken, die Durchblutung Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inaktivi-
der Herzkranzgefäße und die Herzleistung sowie tät“. Zur Verhütung eines späteren Diabetes mellitus
der Fettstoffwechsel können verbessert werden. Die empfiehlt sich körperliche Aktivität von idealerweise
Blutgefäßwände werden gesünder. Auch in Bezug 5–7 Stunden pro Woche.
auf eine Einbuße kognitiver Leistungen bzw. eine Die von der Amerikanischen Diabetes-Gesell-
Demenzentwicklung könnte sich regelmäßige kör- schaft empfohlenen sportlichen Aktivitäten für
perliche Aktivität günstig auswirken. Diabetes-Kranke sind in . Tab. 1 wiedergegeben.
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
99 

. Tab. 1  Empfehlungen zu sportlicher Aktivität der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft

Sportart Häufigkeit Intensität und Dauer Art des Trainings

Aerobes Mindestens 3-mal pro Mittlere Intensität (40–60 % der Jede Form eines
Ausdauertraining Woche, maximal 2 maximalen Sauerstoffaufnahme, 40–59 dynamischen Trainings
Tage Pause zwischen der Herzfrequenzreserve, 64–76 % der mit Beteiligung mehrerer
den Trainingseinheiten maximalen Herzfrequenz bzw. 12–13 großer Muskelgruppen
Punkte der Borg-Skala, z. B. rasches ist geeignet, z. B. Gehen.
Gehen), zusätzliche Effekte durch Laufen, Radfahren,
additives intensives Training (60-90 % Schwimmen oder
der maximalen Sauerstoffaufnahme, Ähnliches
60–89 % der Herzfrequenzreserve,
77–95 % der maximalen Herzfrequenz
bzw. 14–17 Punkte der Borg-Skala, z.
B. Laufen)
Mindestens 150 Min bei mittlerer
Belastung oder 75 Min bei intensiver
Belastung
Mögliche (noch wirksamere)
Alternative: hochintensives
Intervalltraining (Belastungsspitzen
von 5 s bis 4 Min sehr hohe Intensität
(mindestens 90 % der maximalen
Sauerstoffaufnahme), unterbrochen
von gleich langen oder längeren
leichten Belastungen (40–50 % der
maximalen Sauerstoffaufnahme)
Trainingseinheiten von 20–60 Min

Krafttraining Mindestens 2-mal Mindestens 50 % des Langsame Steigerung


wöchentlich an nicht 1-Wiederholungsmaximums, größere der Lasten,
aufeinander folgenden Effekte bei 70–85 % Wiederholungszahlen
Tagen Training für 5–10 größere und Sätze zur
Muskelgruppen, 20– Vermeidung von
30 Wiederholungen, bei höheren Überlastungen
Belastungen auch nur 8–12, bis
knapp an die Erschöpfung
Mindestens ein, besser zwei Sätze

Kombiniertes Empfohlene Wie oben beschrieben Langsame Steigerung


Ausdauer- und Alternative zu einem der Belastungsdauer
Krafttraining getrennten Ausdauer- und -intensität
und Krafttraining,
mindestens an 3 Tagen
pro Woche

Zusätzlich wird ein Beweglichkeitstraining emp- ist jedoch stets zu berücksichtigen, ob die Herz-
fohlen. Es handelt sich dabei um Zielgrößen, Kreislauf-Belastbarkeit und sonstige Belastbarkeit
nicht um Empfehlungen für den Einsteiger. Ver- (z. B. Polyneuropathie) ausreicht, um der-
schiedene Studien haben gezeigt, dass die posi- artige Belastungen ohne Gefährdung für das
tiven gesundheitlichen Effekte mit steigender ­Herz-Kreislauf-System und den Bewegungsappa-
körperlicher Aktivität zunehmen. Besonders rat zu t­ olerieren. Zudem bestehen offene Fragen
günstig und gleichzeitig wenig zeitraubend ist bezüglich der Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit
ein h
­ ochintensives Intervalltraining. Es ist wirk- hochintensiver Trainingsmaßnahmen.
samer als weniger intensive Trainingseinhei- Besteht eine diabetische Polyneuropathie mit
ten. Bei der Wirksamkeit höherer Intensitäten Gefühlsstörungen an den Füßen, so ist bei höheren
100 C. D. Reimers und K. Völker

Belastungen der Füße (z. B. beim Joggen) Vorsicht hohe Blutzuckerausgangswerte von deutlich über
geboten. Es könnten sich durch kleine Verletzun- 200 mg/Deziliter sollten zum Sportverzicht und
gen schmerzlose, schlecht heilende Geschwüre an ggf. zur Anpassung der Medikation führen. Eine
der Fußsohle entwickeln. Geeignetes Schuhwerk ist Hypoglykämie ist immer als kritischer zu sehen als
zwingend notwendig. eine kurzzeitige Hyperglykämie.
Bei einer autonomen diabetischen Polyneuro- Durch den Diabetes mellitus besteht vielfach
pathie kann der belastungsbedingte Anstieg ein erhöhtes Risiko für Mangeldurchblutungen der
der Herzfrequenz abgeschwächt sein. Dadurch Herzkranzgefäße, schlimmstenfalls in Form eines
eignet sich die Herzfrequenz nicht mehr für eine Herzinfarktes, wenn die notwendigen Vorunter-
­B elastungssteuerung. In diesen Fällen können suchungen bzw. Vorsichtsmaßnahmen versäumt
individuelle Herzfrequenzvorgaben aus einer werden. Das sollte jedoch niemanden von seinem
Belastungsuntersuchung helfen, oder es kommt Vorsatz, Sport zu treiben, abbringen, da gerade der
eine Belastungssteuerung über die Atemfre- Diabetes-Kranke bei Beachtung der genannten
quenz oder das subjektive Belastungsempfinden Regeln sehr von regelmäßiger körperlicher Aktivi-
(Borg-Skala, s. 7 Glossar, Tab. 1) in Frage. tät profitieren kann.
Bei einer diabetischen Retinopathie soll es nicht Bei einer diabetischen Retinopathie und allzu
zu stärkeren Blutdruckerhöhungen oder Druck- starken Belastungen kann es durch den Blutdruck-
erhöhungen im Auge kommen. In diesen Fällen anstieg zu Einblutungen am Augenhintergrund
ist zumindest ein intensives Krafttraining nicht kommen.
erlaubt. Blutdruckkontrollen sind dringend anzura- Bei Personen mit diabetischer Polyneuropathie
ten und heutzutage mit den preiswerten Blutdruck- mit Gefühlsstörungen an den Füßen können bei
geräten (mit Oberarmmanschette) auch leicht zu Verletzungen am Fuß schlecht heilende Wunden
realisieren. entstehen. Durch Wahl einer wenig verletzungs-
gefährlichen Sportart und geeignetes bequemes
? Welche Risiken ergeben sich bei Diabetes Schuhwerk lässt sich das Risiko mindern. Fahrrad-
mellitus durch sportliches Training? fahren, Schwimmen (danach Füße gut trocknen!)
und Nordic Walking sind in diesen Fällen wegen
Grundsätzlich kann der Diabetes-Kranke alle der geringeren Belastung bzw. Verletzungsgefahr
Sportarten ausüben wie ein Gesunder. In bestimm- für die Füße besser geeignet als Joggen. Bei einer
ten Situationen sind einige Sportarten jedoch kri- autonomen diabetischen Neuropathie besteht ein
tisch, oder es sind zumindest Vorsichtsmaßnahmen erhöhtes Risiko einer orthostatischen Hypotonie
zu beachten. Grundsätzlich unterliegen alle Dia- (Ohnmachtsneigung im Stehen), besonders, wenn
 betes-Kranken natürlich den üblichen Risiken bei zusätzlich ein Flüssigkeitsmangel besteht (aus-
sportlicher Aktivität (s. 7 Kap. „Gesundheitliche reichend trinken und nicht länger bewegungslos
Auswirkungen körperlicher Aktivität und Inakti- stehen, vor allem nicht nach Belastungen!).
vität“), die auch für Gesunde gelten, z. B. Muskel- Personen mit einem diabetischen Fußsyndrom
verletzungen oder Stürze. können ihre Füße bei der sportlichen Aktivität
Durch die körperliche Aktivität und den damit praktisch nicht einsetzen. Für sie kommen Sport-
verbundenen Verbrauch an Blutzucker kann es zu arten im Sitzen oder im Wasser in Frage, Letzteres
einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) kommen. natürlich nur, sofern keine offenen Wunden vor-
Dies betrifft vor allem den Diabetes mellitus Typ liegen und dadurch Infektionsgefahr besteht. Auf
1, seltener den Typ 2. Zu stark ansteigende Blut- intensive Sorge und Pflege der Füße, Abtrocknen,
zuckerkonzentrationen bei Belastung (Hyper- Eincremen und geeignete Socken muss geachtet
glykämie) sind sehr selten. Blutzuckerkontrol- werden.
len vor, während und nach dem Training sind Ein hochintensives Intervalltraining darf
daher dringend zu empfehlen. Zu niedrige Blut- wegen der sehr starken Belastung nur nach kar-
zuckerkonzentrationen bei einem Diabetes mel- diologischer Voruntersuchung vorgenommen
litus Typ 1 sollten durch gezielte BE (Broteinhei- werden. Grundsätzlich ausgeschlossen sollte es
ten) kompensiert werden, eine Reduzierung der bei instabiler Angina pectoris, schwerer korona-
Insulindosis ist nur bei längerfristiger Planung rer Herzkrankheit, schweren Herzrhythmusstö-
vorhersehbarer Trainingseinheiten sinnvoll. Zu rungen, Herzklappenfehlern sowie Aneurysmata
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
101 
(Gefäßaussackungen mit Gefahr des Einreißens) Erkrankung, der möglichst zusätzlich über Kennt-
der Aorta oder hirnversorgender Gefäße sein. Eine nisse in Sportmedizin verfügt, notwendig. Bei der-
schwere diabetische Retinopathie und autonome artig polymorbiden Diabetikern (d. h., solchen mit
diabetische Neuropathie schließen diese Trainings- vielen Spätkomplikationen) ist die Sportausübung in
modalität ebenfalls aus. einer speziellen Diabetes-Sportgruppe sinnvoll.

? Welche Voruntersuchungen sind notwendig?


Literatur
Personen mit einem Diabetes mellitus haben ein
deutlich erhöhtes Risiko arteriosklerotischer Aune D, Norat T, Leitzmann M, Tonstad S, Vatten LJ (2015)
Physical activity and the risk of type 2 diabetes: a sys-
Gefäßerkrankungen. Betroffen sind vor allem auch
tematic review and dose–response meta-analysis. Eur J
die Herzkranzgefäße. Daher ist bei jedem Diabetes- Epidemiol 30:529–42
Kranken, der sich mehr als leichten körperlichen Balducci S, Sacchetti M, Haxhi J, Orlando G, D’Errico V,
Belastungen unterziehen will, eine kardiologische ­Fallucca S, Menini S, Pugliese G (2014) Physical exercise
Voruntersuchung (in der Regel mit Belastungs- as therapy for type 2 diabetes mellitus. Diabetes Metab
Res Rev 30(Suppl. 1):13–3
EKG, evtl. auch Echokardiographie = Ultraschall-
Bertram S, Brixius K, Brinkmann C (2016) Exercise for the
untersuchung des Herzens) dringend zu empfeh- diabetic brain: how physical training may help prevent
len. Unverzichtbar ist diese Untersuchung bei Vor- dementia and Alzheimer’s disease in T2DM patients.
liegen einer autonomen diabetischen Neuropathie, Endocrine 53:350–63
da bei den Betroffenen der Herzschmerz (Angina Buresh R (2014) Exercise and glucose control. J Sports Med
Phys Fitness 54:373–82
pectoris) bei Mangeldurchblutung des Herzens als
Ferriolli E, Pessanha FP, Marchesi JC (2014) Diabetes and
Warnsymptom ausbleiben könnte. Es muss sicher- exercise in the elderly. Med Sport Sci. 60: 122–9.
gestellt sein, dass eine koronare Herzkrankheit https://doi.org/10.1159/000357342.
der körperlichen Belastung nicht entgegensteht. Epub 2014 Sep 9
Außerdem sollte anhand eines Belastungs-EKGs Mendes R, Sousa N, Almeida A, Subtil P, Guedes-Marques
F, Machado Reis V, Themudo-Barata JL (2016) Exercise
eine optimale Belastungsintensität herausgearbei-
prescription for patients with type 2 diabetes—a syn-
tet werden. thesis of international recommendations: narrative
Bei Missempfindungen oder Schmerzen an den review. Br J Sports Med 50:1379–81
Füßen ist durch einen Neurologen zu klären, ob
eine Polyneuropathie vorliegt, die bestimmte sport-
liche Aktivitäten einschränken kann. Dies betrifft
vor allem Sportarten mit hohen Anforderungen an
das Gleichgewicht.
Bestehen belastungsabhängige Schmerzen in
den Beinen, könnte eine Durchblutungsstörung
der Beinarterien (periphere arterielle Verschluss-
krankheit) vorliegen. Diese profitiert von regel-
mäßigem Training, allerdings nur, wenn man sich
sehr behutsam an die Belastungsgrenzen herantas-
tet. Das muss gemeinsam mit einem Gefäßspezia-
listen (Angiologen) geklärt werden.
Bei einer diabetischen Retinopathie sollte
augenärztlich geklärt werden, ob diese bestimm-
ten sportlichen Aktivitäten entgegensteht.
Liegen diabetische Spätkomplikationen wie
Durchblutungsstörungen in den Beinen, eine
­Polyneuropathie, insbesondere eine autonome
Neuropathie (s. oben), eine diabetische Netzhaut-
erkrankung oder eine diabetische Nierenfunktions-
störung vor, so ist zudem eine engmaschige Über-
wachung durch einen Facharzt für die jeweilige
103

Bluthochdruck
(arterielle Hypertonie)
Carl D. Reimers und Klaus Völker

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_15
104 C. D. Reimers und K. Völker

? Was versteht man unter einem Blutdruck angestrebt werden. Lediglich im Kindes-
Bluthochdruck? alter gelten andere Grenzen.

Unter einem Bluthochdruck (arterielle Hyperto- ? Wie häufig ist ein Bluthochdruck?
nie) versteht man einen Blutdruck, der so hoch ist,
dass sich dadurch negative Auswirkungen auf die Die Häufigkeit der arteriellen Hypertonie steigt
Gesundheit ergeben können. Man unterscheidet mit zunehmendem Alter. 40 % der über 25-Jähri-
dabei einen oberen und unteren Blutdruckwert, gen weltweit sind hypertensiv, d. h., sie weisen einen
medizinisch systolischer und diastolischer Blut- erhöhten Blutdruck auf. In Deutschland weist im
druck genannt. . Tab. 1 gibt die verschiedenen 3. und 4. Lebensjahrzent jede 10. Frau und jeder 8.
Bereiche des Blutdrucks an. Der Blutdruck wird Mann einen erhöhten Blutdruck auf, im Alter von
meist noch in mmHg (Millimeter Quecksilber- über 65 Jahren mehr als jede 2. Person, Frauen jetzt
säule) angegeben, obwohl die Angabe in kPa (Kilo etwas häufiger als Männer. Es gibt sogar Studien,
Pascal) zeitgemäßer wäre. Grundsätzlich sollte die Blutdruckwerte über 140/90 mmHg bei 80 %
dabei der Blutdruck nach 5 Minuten Ruhe und der über 65-Jährigen gefunden haben. Die arterielle
2-mal hintereinander gemessen werden, wobei der Hypertonie ist also eines der häufigsten klinischen
niedrigere der beiden Werte dann zählt. Probleme.

? Wie kommen die Normalwerte für den ? Wie entsteht ein Bluthochdruck?
Blutdruck zustande?
Bei etwa 90 % der Personen mit einem Bluthoch-
Anders als bei vielen anderen Normalwerten in der druck lässt sich mit den aktuellen Untersuchungs-
Medizin handelt es sich bei der Definition des nor- methoden keine Ursache nachweisen (sog. primäre
malen Blutdrucks nicht um einen Mittelwert der oder essenzielle Hypertonie). Es gibt eine erbliche
gesunden Bevölkerung. Vielmehr beschreibt der Veranlagung. Häufig ist die essenzielle Hyperto-
optimale bzw. normale Blutdruck denjenigen Blut- nie mit den Symptomen des sog. metabolischen
druck, bei dem das vermeintlich geringste Risiko Syndroms, d. h., der Kombination aus Überge-
von Erkrankungen als Folge des Blutdrucks besteht wicht oder Fettleibigkeit, gestörtem Blutzucker-
(s. unten). Die Grenzwerte des optimalen und nor- stoffwechsel und Fettstoffwechselstörungen, ver-
malen Blutdrucks sind – anders als vielfach ange- bunden. Der Blutdruck steigt um bis zu 10 mmHg
nommen – nicht altersabhängig. Ein Blutdruck von pro 10 kg Überwicht. Weitere Risikofaktoren sind
beispielsweise 160/90 mmHg bei einem 80-Jäh- eine hohe Kochsalzzufuhr und regelmäßiger Alko-
rigen ist also nicht normal, und auch bei älteren holmissbrauch. In etwa 10 % der Fälle ist der Blut-
Menschen sollte mindestens immer ein normaler hochdruck Folge einer definierten Grundkrankheit

. Tab. 1  Definition normalen und erhöhten Blutdrucks

Kategorie Systolischer Blutdruck Diastolischer Blutdruck


[mmHg] [mmHg]

Optimal < 120 und < 80

Normal 120–129 und/oder 80–84

Hoch normal 130–139 und/oder 85–89

Arterielle Hypertonie Grad I 140–159 und/oder 90–99

Arterielle Hypertonie Grad II 160–179 und/oder 100–109

Arterielle Hypertonie Grad III ≥ 180 und/oder ≥ 110

Isolierte arterielle Hypertonie ≥ 140 und < 90

< = unter, > = über, ≥ = gleich oder über


Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
105 
wie beispielsweise Nieren-, Gefäß- oder endo- Als medikamentöse Blutdrucksenker steht eine
krine Erkrankungen, aber auch eine Medikamen- ganze Reihe von Substanzklassen zur Verfügung.
tennebenwirkungen (z. B. von Medikamenten wie Bei Sportlern sollten Alpha- und Beta-Rezepto-
Ibuprofen und andere NSARs, die regelmäßig als renblocker vermieden werden. Sie beeinträchtigen
Schmerzmittel eingenommen werden). nämlich die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit,
die für die Sportfähigkeit bedeutsam ist.
? Was sind die möglichen Folgen eines
Bluthochdrucks? ? Welchen Einfluss haben körperliche Aktivität
und Sport auf den Blutdruck?
Ein Bluthochdruck begünstigt das Auftreten einiger
gravierender Erkrankungen. So ist Bluthochdruck Bei körperlicher Aktivität steigt der Blutdruck
einer der führenden Risikofaktoren für die Arte- in Abhängigkeit von der Art der Belastung und
rienverkalkung (Arteriosklerose). Etwa jeder zweite deren Intensität immer an. Ausdauerbelastungen
Herzinfarkt und Schlaganfall lässt sich auf einen großer Muskelgruppen führen zu einem moderaten
nicht optimalen Blutdruck zurückführen. Das Anstieg des systolischen Drucks bei meist gleich-
Herzinfarktrisiko ist bei ­Personen mit arterieller bleibendem bzw. nur leicht steigendem diastoli-
Hypertonie verglichen mit denjenigen mit nor- schem Druck. Bei sehr schnellem Laufen können
malem Blutdruck größenordnungsmäßig verdrei- durchaus Werte von 220/80  mmHg erreicht
facht, für Schlaganfälle sogar versiebenfacht, für werden. Kraftbelastungen (z. B. Gewichtheben)
eine Nierenausscheidungsschwäche versechsfacht. lassen sowohl den systolischen als auch den dias-
Eine krankhafte Herzvergrößerung und eine Herz- tolischen Blutdruck ansteigen. Je größer die einge-
muskelschwäche sind bei Bluthochdruck-Kranken setzte Muskelgruppe und je höher die Intensität,
gehäuft zu beobachten, genauso wie Veränderun- umso höher steigt der Blutdruck. Bei Kraftbelas-
gen der Netzhaut. Im mittleren Lebensalter scheint tungen oberhalb 60–70 % der Maximalkraft kommt
ein Bluthochruck zudem das Risiko eines geistigen zudem die Notwendigkeit hinzu, durch Pressdruck
Abbaus bis hin zur Demenz zu erhöhen. den Rumpf zu stabilisieren. Dies mündet aber in
eine zusätzliche Steigerung des Blutdrucks. Bei
? Wie behandelt man einen Bluthochdruck? Maximalbelastungen auf einem Krafttrainingsge-
rät für die Beine (Beinpresse) wurden bei Body-
Bei einem leicht erhöhten Blutdruck sollte man buildern Werte von systolisch über 350 mmHg und
versuchen, dies mit Veränderungen des Lebens- diastolisch über 150 mmHg gemessen. Bei Kraft-
stils in den Griff zu bekommen. Neben einer belastungen spielt zudem eine Rolle, ob die Kraft
gezielten Bewegungstherapie (s. unten) sollte man statisch oder dynamisch erbracht wird. Statische
zunächst versuchen, ein vorhandenes Überge- Kraftbelastungen führen über die Haltedauer zu
wicht zu reduzieren. Jedes Kilo, das abgenommen stetig steigenden hohen Blutdruckwerten.
wird, kann 1–2 mmHg Blutdrucksenkung bewir- Nach einer Belastung fällt der Blutdruck unab-
ken. Zudem sollte die Kochsalzzufuhr auf 4–6 g pro hängig von der Belastungsart aber unter das Aus-
Tag gesenkt und der Alkoholkonsum auf maximal gangsniveau ab, und dieser Abfall hält zumindest
30 g pro Tag begrenzt werden. Reichen diese sog. einige Stunden an. Bei regelmäßiger körperlicher
Allgemeinmaßnahmen nicht aus, den Blutdruck Aktivität liegt der Blutdruck meist konstant unter
unter 140/90 mmHg, bei zusätzlichen Gefäßrisi- dem Niveau ohne körperliche (sportliche) Akti-
kofaktoren (vor allem Diabetes mellitus) sogar vität. Die Blutdrucksenkung durch Sport beträgt
unter 135–140/85 mmHg oder gar 130/80 mmHg bei normalem Blutdruckausgangswert unabhän-
zu senken, so ist eine medikamentöse Therapie not- gig von der Sportart, also auch bei Kraftsport, im
wendig. Eine Ausnahme bilden die Patienten, bei Mittel 2–3 mmHg systolisch und 1–2 mmHg dias-
denen es zu einer stark körperpositionsabhängigen tolisch. Bei Bluthochdruck liegt die Drucksenkung
Blutdruckschwankung kommt, die also im Liegen bei ca. 5 mmHg systolisch und 3–4 mmHg dias-
erhöhte und im Stehen zu niedrige Werte aufwei- tolisch, kann jedoch in Einzelfällen, so vor allem
sen. In einem solchen Fall wird man erhöhte Ruhe- bei jungen Bluthochdruck-Patienten, ein deutlich
werte tolerieren müssen. höheres Ausmaß erreichen. Bei sehr niedrigen Blut-
druckwerten steigt der Blutdruck durch sportliches
106 C. D. Reimers und K. Völker

Training zwar nicht merklich an, die Begleitphäno- Schlaganfälle oder Herzinfarkte wären mögliche
mene eines niedrigen Blutdrucks, z. B. Schwindel schwere Komplikationen. Eine Schädigung der
und Ohrensausen, lassen sich jedoch meist deut- Nieren durch hohe Blutdruckwerte ist bei dauer-
lich bessern. haft erhöhtem Blutdruck bekannt; ob die kurzen
Zusammenfassend kann man sagen: Regelmä- Druckspitzen beim Sport eine Schädigung herbei-
ßige (sportliche) Aktivität trägt zur Normalisierung führen, ist strittig. Einblutungen in den Glaskörper
des Blutdrucks bei. Der Effekt wirkt nicht sonder- im Auge bei hohen Druckbelastungen vor allem mit
lich stark, aber vergleichbar mit dem eines einzel- forcierter Pressatmung sind ein bekanntes, zumeist
nen Hochdruckmittels, die im Durchschnitt den aber nicht so bedrohliches Problem, druckbedinge
Blutdruck um 5–7 mmHg senken. Bei einem Aus- Netzhautablösungen dagegen schon.
gangsblutdruck von 150 mmHg systolisch führt
die Senkung von etwa 5 mmHg jedoch immerhin ? Darf man mit einem Bluthochdruck Sport
zu einer Senkung des Schlaganfallrisikos um etwa treiben?
ein Viertel. Auch das Risiko einer Linksherzhyper-
trophie (Verdickung der linken Herzkammer) und Regelmäßige körperliche Aktivität und Sport haben
eines späteren Herzversagens durch einen dauer- vielfältige günstige Auswirkungen auf die Gesund-
haft erhöhten Blutdruck ist bei regelmäßiger kör- heit (7 Kap. „Gesundheitliche Auswirkungen kör-
perlicher Aktivität vermindert. Manchmal ist die perlicher Aktivität und Inaktivität“). Das gilt auch
körperliche Aktivität ausreichend, einen nur leicht für Personen mit einem erhöhten Blutdruck. Die
erhöhten Blutdruck so weit zu senken, dass eine Effektivität von Ausdaueraktivitäten liegt für Blut-
medikamentöse Behandlung nicht notwendig wird. hochdruck-Kranke deutlich höher als bei Kraftaus-
Diese Hoffnung ist bei jüngeren Hypertonie-Pa- dauer- oder auch Kraftbelastungen Sie profitieren
tienten sehr wahrscheinlich, bei älteren mit lang zudem von der meist eintretenden Blutdrucksen-
bestehendem Bluthochdruck und schon eingetre- kung durch die Aktivität. Demzufolge wird sowohl
tenen Veränderungen der Gefäße sind die Aussich- Personen mit normalem als auch erhöhtem Blut-
ten, mit Allgemeinmaßnahmen das Ziel zu errei- druck mit Werten bis 180/110 mmHg mäßige
chen, deutlich geringer. Die Effekte sind umso körperliche Aktivität (z. B. Gehen, Jogging, Nor-
größer, wenn die körperliche Aktivität zusätz- dic-Walking, Radfahren oder Schwimmen) über
lich zu einer Reduktion eines erhöhten Körperge- 30–60 Minuten an mindestens 4 Tagen pro Woche
wichts führt. Der Blutdruck sinkt nämlich um ca. empfohlen, notwendigenfalls in Kombination mit
0,7–2 mmHg systolisch pro kg Gewichtsreduktion einer blutdrucksenkenden Medikation und regel-
(s. oben, unterschiedliche Literaturangaben). mäßiger Blutdruckkontrolle. Bei höheren Blut-
Ursache der Blutdrucksenkung sind wahr- druckwerten muss zunächst eine medikamen-
scheinlich vor allem eine Senkung der Sympathi- töse Blutdrucksenkung erfolgen. Nicht alle für die
 kusaktivität („Arbeitsnervensystem“) mit Senkung Blutdrucksenkung geeigneten Medikamente sind
der Herzfrequenz und die Reduzierung der Eng- unter Belastung gleich wirksam. Deshalb sollte vor
stellung der Gefäße; die Vergrößerung des Gefäß- allem bei sportlich ambitionierten Patienten mit
systems durch Bildung neuer kleiner Gefäße Hilfe einer Belastungsuntersuchung nachgeprüft
(Kapillaren) in der Muskulatur trägt zusätzlich werden, ob eine ausreichende Blutdrucksenkung
dazu bei. Der Flüssigkeits- und Salzverlust redu- unter Belastung erfolgt. Welche Sportarten geeig-
ziert die Flüssigkeitsmenge in den Gefäßen und nete und welche ungeeignet sind, beantwortet die
senkt den Druck. Auch die Dämpfung hormonel- nächste Frage.
ler, die Gefäßweite steuernder Mechanismen wird Die Belastungsintensität für Ausdauerbelas-
als Beitrag zu Blutdrucksenkung diskutiert. tungen sollte 60–70 % der maximalen fahrrad-
Junge elastische Gefäße können hohe Blut- ergometrisch ermittelten Maximalleistung nicht
druckanstiege und starke Blutdruckschwankun- überschreiten. Auch bei Kraftbelastungen sollte
gen gut tolerieren. Bei vorgeschädigten Gefäß- mehr im Sinne eines Kraftausdauertrainings, d. h.,
system sieht das jedoch anders aus. Hier können mit 40–60 % des 1-Wiederholungsmaximums und
hohe Druckwerte und schnelle Druckschwankun- 20–30 Wiederholungen trainiert werden. Ein pra-
gen zum Einreißen von Plaques (Ablagerungen in xisrelevanter Tipp zur Steuerung der Belastungs-
den Gefäßen) oder gar zu Gefäßzerreißung führen. intensität bei Kraftbelastungen kann im Auftreten
Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
107 
der Pressatmung gesehen werden. Pressatmung als 55 Kraft- und Kampfsportarten mit geringen
Stabilisator des Rumpfes ist bei Kraftbelastungen bis mäßigen Belastungsintensitäten (ohne
oberhalb von 60–70 % der Maximalkraft notwen- Pressatmung)
dig. Lässt sich eine Belastung bzw. Belastungsserie 55 Einzelrückschlagspiele mit geringer bis
gerade noch ohne Pressatmung realisieren, so liegt mittlerer Belastungsintensität (Tischtennis,
man unter 70 % der Maximalkraft. Tennis etc.)
Wer sich trotz Bluthochdrucks vor der sport- 55 Mannschaftsspiele mit mittlerer
lichen Betätigung keiner entsprechenden Testung Belastungsintensität
unterziehen will, dem sei geraten, während der 55 Ausdauersportarten mit höherem Kraft-
Belastung in kurzen Pausen den Blutdruck zu einsatz: z. B. Rudern
bestimmen. Kommt es in den Pausen nicht zu deut-
lichen Blutdruckabsenkungen und werden anhal- Ungeeignete Sportarten:
tend hohe Werte bis an die 200 mmHg gemessen, 55 Kraft- und Kampfsportarten mit hohen
so ist absolute Vorsicht geboten und eine Kont- Belastungsintensitäten
rolle im Rahmen einer ärztlichen Untersuchung 55 Einzelsportarten und Einzelspiele mit
dringend angeraten. Entsprechende Geräte für das hoher Belastungsintensität (Leichtathletik,
Handgelenk, die auch unterwegs eingesetzt werden Badminton, Squash etc.)
können, sind im Handel für weniger als 35 Euro 55 Mannschaftsspiele mit hohen Belastungs-
erhältlich. intensitäten (Eishockey, Basketball etc.)
Begleiterkrankungen müssen bei der Auswahl
der Sportart und Belastung natürlich berücksichtigt ? Welche Vorsichtsmaßnahmen sind
werden. Die Teilnahme an Wettkampfsport bzw. an notwendig?
Sportarten, die hohe Belastungsintensitäten erfor-
dern, bei einer arteriellen Hypertonie Stadium I Vor Aufnahme eines sportlichen Trainings ist bei
ohne Organschäden ist denkbar, jedoch sollten eng- Patienten mit einer arteriellen Hypertonie eine
maschigen Kontrollen erfolgen. Bei Hochdruck- sportmedizinische Untersuchung unter Einschluss
erkrankungen mit Organschäden sollte zunächst einer Belastungsuntersuchung (z. B. Fahrradergo-
eine Blutdrucksenkung unter 140/90 mmHg erfol- metrie) mit Blutdruck- und elektrokardiographi-
gen. Sportler mit höhergradiger arterieller Hyper- scher Kontrolle notwendig. Möglichst sollten auch
tonie (über 160/100 mmHg) sind bis zur erfolgrei- eine Echokardiographie zur Frage einer Linksherz-
chen Behandlung von der Wettkampfteilnahme hypertrophie (s. oben) und eine 24-Stunden-Blut-
auszuschließen. Achtung: Das Medikament, das druckmessung erfolgen. Bei erhöhtem Blutdruck
unter Belastung den Blutdruck am effektivsten sollte der Blutdruck mindestens alle 2–4 Monate
senkt, die Betablocker, steht auf der Dopingliste! kontrolliert werden.
Bestehen bereits Herzschäden durch einen län-
? Welche Sportarten sind bei arterieller gerfristig erhöhten Blutdruck (Linksherzhyper-
Hypertonie gut oder bedingt geeignet, trophie), so sollte nur eine vorsichtige sportliche
welche sind ungeeignet? Belastung unter regelmäßiger ärztlicher Überwa-
chung vorgenommen werden. Eine Herzsport-
Gut geeignete Sportarten: gruppe wäre ein angemessener organisatorischer
55 Ausdauersportarten mit geringem bis Rahmen. Bewegung und Sport sind aber auch dann
mittlerem Krafteinsatz: Walking, Nordic ausdrücklich wünschenswert. Es kann sich unter
Walking, Laufen, Radfahren, Inline-Skating, regelmäßiger Aktivität die Linksherzhypertrophie,
Skilanglauf, Schwimmen etc. die langfristig zu einer Herzschwäche führen kann,
55 Mannschaftsspiele mit geringer körperlicher zurückbilden.
Belastungsintensität aufgrund modifizierter
Durchführung: z. B. Volleyball, Fußball, ? Welche Bedeutung hat die blutdruck-
Soft-Tennis etc. senkende Medikation auf die
Leistungsfähigkeit?
Bedingt geeignete Sportarten (abhängig von der
Schwere der arteriellen Hypertonie, Begleiterkran- Unter Betablockern kann die Herzfrequenz nicht
kungen und sportlichen Vorerfahrungen): mehr so stark ansteigen wie ohne Medikation.
108 C. D. Reimers und K. Völker

Dies ist zwar nicht grundsätzlich problematisch,


erschwert jedoch die BeIastungssteuerung über
die Herzfrequenz. Zudem beeinträchtigen Betablo-
cker die Energieversorgung. Sie sind daher ebenso
wie die Alphablocker für ambitionierte Sport-
ler eher ungünstig, da sie die Leistungsfähigkeit
senken. Unter Einnahme von Diuretika (harntrei-
bende Medikamente) kommt es zu Elektrolytver-
lusten. Dies beeinträchtigt die Leistung und kann
nach der Belastung zu vermehrten Muskelkrämpfe
führen. Am häufigsten werden daher die Angioten-
sin-Converting-Enzym-Hemmer (ACE-Blocker),
die Angiotensin-Rezeptor-Blocker (AT1-Blocker),
die Kalzium-Antagonisten und seltener die Renin-
Angiotensin-Hemmer (RAS-Hemmer) eingesetzt.

Literatur
Hegde SM, Solomon SD (2015) Influence of physical activity
on hypertension and cardiac structure and function.
Curr Hypertens 17:77
Reimers CD, Knapp G (2016) Arterielle Hypertonie. In:
Mooren F, Knapp G, Reimers CD (Hrsg) Prävention und
Therapie durch Sport. Band 4: Innere Medizin/Pädiatrie.
2. Aufl., Urban & Fischer, München, S. 121–168
Schleich KT, Smoot MK, Ernst ME (2016) Hypertension in
athletes and active populations. Curr Hypertens Rep
18: 77


109

Koronare Herzerkrankung
(KHK)
Klaus Völker

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_16
110 K. Völker

? Was versteht man unter einer koronaren 55 Asymptomatische KHK: Es liegt zwar eine
Herzerkrankung? diagnostisch nachweisbare KHK vor, sie
verursacht aber keine für den Betroffenen
Unter einer koronaren Herzerkrankung (KHK) merklichen Symptome.
versteht man eine sogenannte Manifestation der 55 Symptomatische KHK: Symptomatische
Arteriosklerose (Arterienverkalkung) in den Erscheinungen treten zumeist erst bei
Koronargefäßen (Herzkranzarterien). Dies sind kritischen Stenosen von an die 70 % auf. Sie
die B
­ lutgefäße, die das Herz selbst mit Blut versor- können sich äußern in:
gen. Ablagerungen von Blutbestandteilen und die 44Angina pectoris (Brustenge – Schmerzen
dann ausgelösten Entzündungsreaktionen in diesen im Brustraum),
Gefäßen führen zu einer Verengung des Gefäß- 44Herzinfarkt,
querschnitts und damit zu einer Verminderung 44Linksherzinsuffizienz (Pumpschwäche der
des Blutflusses. Eine verminderte Versorgung des linken Herzhälfte),
Herzmuskels vor allem mit Sauerstoff (Myokard- 44Herzrhythmusstörungen,
ischämie) ist die Folge. 44plötzlichem Herztod (plötzliches Pumpver-
Die Arteriosklerose ist eine langsam zuneh- sagen des Herzens).
mende Erkrankung, die schon in jungen Jahren
beginnen kann, ihre Folgen aber erst in höherem ? Wie häufig ist die koronare Herzerkrankung?
Lebensalter zeigt. Entsprechend der Verminderung
des Gefäßquerschnitts (in %) unterscheidet man Laut Statistischem Bundesamt waren die Krank-
verschiedene Schweregrade der Gefäßeinengung heiten des Kreislaufsystems im Jahre 2015 mit 39 %
(Stenosegrade): die häufigsten Todesursachen in der Bundesrepub-
55 Grad I: 25–49 % lik Deutschland. Bezogen auf die Geschlechter ver-
55 Grad II: 50–74 % (signifikante Stenose) starben etwas mehr Frauen als Männer an Herz-
55 Grad III: 75–99 % (kritische Stenose) Kreislauf-Erkrankungen. Nimmt man den akuten
Herzinfarkt als Einzeldiagnose heraus, so starben
Leichte Einengungen des Gefäßquerschnitts mit knapp 30 % Männer häufiger daran als Frauen
(Grad I) verursachen nahezu keinerlei Symptome, mit etwas über 20 %. Aus den Zahlen der Kran-
und selbst Einengungen von Grad II können unter kenhausdiagnosestatistik ergeben sich auch für die
Ruhebedingungen völlig symptomlos sein. Aller- Krankheitshäufigkeit deutliche Geschlechtsunter-
dings können bei Belastungen (psychischer wie schiede. Bei einem Gesamtprozentsatz von 8,3 %
körperlicher Art) Symptome im Sinne einer Belas- für die Herzerkrankungen liegt die Zahl für die
tungsinsuffizienz (z. B. Schmerzen – Angina pec- KHK bei den Männern mehr als doppelt und beim
toris) auftreten. Bei Grad III sind Symptome unter Herzinfarkt doppelt so hoch wie bei den Frauen.
Belastung regelhaft auch schon unter Ruhebedin- Lediglich bei der Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
gungen mit zunehmenden Stenosegrad häufig. sind etwas mehr Frauen als Männer betroffen. Die
 Das Herz wird von zwei Herzkranzgefäßen Sterblichkeit an KHK nimmt bei den Männern
versorgt. Die linke Herzkranzarterie teilt sich nach ab den 65.–70. Lebensjahr, bei den Frauen erst ab
kurzem Verlauf in zwei Hauptäste und versorgt dem 75.–80. Lebensjahr exponentiell zu. Was die
dabei den größten Teil der vorderen Herzpartien. Zunahme der Sterblichkeit an Herzinsuffizienz
Die rechte Herzkranzarterie versorgt zumeist den betrifft, so steigt die Wahrscheinlichkeit für beide
kleineren hinteren Herzanteil. Es gibt also drei Geschlechter mit dem 80.–85. Lebensjahr.
Versorgungsäste, die alle von der Arteriosklerose
betroffen sein können. Sind alle Äste gleich betrof- ? Wie entsteht eine koronare Herzerkrankung?
fen, so spricht man von einer generalisierten Koro-
narsklerose, sind nur einzelne Äste betroffen, von Ursache für die KHK ist die Arteriosklerose. Erbli-
einer Ein-, Zwei- oder gar Drei-Gefäßerkrankung. che Faktoren sind in der Entstehung nicht auszu-
Je nach Ausprägung der KHK unterscheidet schließen, so kommen Folgeerscheinungen der
man zwei verschiedene Manifestationsformen Arteriosklerose in bestimmten Familien gehäuft
(Formen des Sichtbarwerdens): vor. Aber entweder sich aufpfropfend oder als
Koronare Herzerkrankung (KHK)
111 
alleinige Ursache verantwortlich sind andere Der erste Schritt in der Behandlung der KHK zielt
Krankheiten und Lebensstilfaktoren. Krankheiten auf das Ausschalten bzw. Minimieren der Risiko-
mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für die Ent- faktoren. Krankheiten wie Bluthochdruck und
wicklung einer KHK sind der Bluthochdruck, die ­Diabetes sind konsequent zu behandeln. Den beein-
Fettstoffwechselstörungen (zu hohe LDL- und zu flussbaren Lebensstilfaktoren sollte durch konse-
niedrige HDL-Konzentration) und die Zucker- quente Verhaltensänderung begegnet werden. Das
krankheit (Diabetes mellitus Typ 2). Als durch den heißt: Rauchverzicht, Ernährungsumstellung auf
Lebensstil bedingte Risikofaktoren sind zu nennen: eine sog. mediterrane Diät, Stressmanagement und
Rauchen, Übergewicht und körperliche Inaktivität. regelmäßige, dem Krankheitszustand angepasste
Psychische Belastungen und Stress werden eben- Bewegung.
falls häufig in der Aufzählung der Risikofaktoren Reichen diese Maßnahmen nicht aus, so ist
mit angeführt, aber da Stress und psychische Belas- eine gezielte, ebenfalls dem Krankheitszustand
tungen schlecht messbar und in Zahlen fassbar angepasste medikamentöse Therapie einzulei-
sind, kann man in klinischen Studien schlecht mit ten. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen
diesen Faktoren rechnen. Die Datenlage ist daher und Schweregrade der KHK erlauben in diesem
für diesen Faktor etwas unsicher. Ein Risikofaktor, Kontext keine schematische Auflistung möglicher
der weder eine Krankheit noch ein Lebensstilfak- medikamentöser Maßnahmen. Es sei hier auf die
tor ist, muss abschließend noch erwähnt werden: betreuenden Fachärzte und spezifische Literatur
das Lebensalter. verwiesen. Grundsätzlich werden Thrombozyten-
Jeder der genannten Risikofaktoren hat als Aggregationshemmer (z. B. Aspirin) und Medika-
Einzelfaktor unabhängig von den anderen Fakto- mente, die das „schädliche Fett“ (LDL-Cholesterin)
ren seine Bedeutung. Da aber häufig bis ­regelhaft senken, eingesetzt.
mehrere Risikofaktoren zusammen auftreten, Bei der KHK stehen darüber hinaus invasive
muss man darauf hinweisen, dass mit jedem wei- Maßnahmen zur Wiederherstellung des Blutflus-
teren Risikofaktor das Risiko nicht addiert, sondern ses in den Koronararterien (Revaskularisationsver-
potenziert wird. fahren) zu Verfügung. Zu nennen sind hier die Bal-
Es wurden verschiedene Risikoalgorithmen lonkatheterdilatation mit Stentimplatation (PTCA)
entwickelt, mit deren Hilfe man sein persönliches und die operative Bypass-Operation.
Risiko abschätzen kann. Derartige S­ core-Systeme
sind im Internet verfügbar und für jedermann ? Kann man mit körperlicher Aktivität eine
zugänglich. Hier seien ohne Wertung einige auf- koronare Herzkrankheit verhindern?
geführt: ESC-Score (Systematic Coronary Risk
­E valuation), PROCAM-Score (Prospective Es liegt eine Vielzahl von Untersuchungen vor, die
­Cardiovascular Münster) und CARISMA-Score eindeutig belegen, dass mit regelmäßiger körperli-
(Cardiovascular Risk Management). cher Aktivität das Risiko, eine KHK zu entwickeln,
deutlich gesenkt werden kann. Schon 1978 stell-
? Wie äußert sich eine koronare ten Paffenbarger und Mitarbeiter eine quantitative
Herzerkrankung? Beziehung zwischen dem Ausmaß der körperlichen
Aktivität und der Senkung des kardialen Risikos
Leitsymptom der KHK ist die Brustenge (Angina her. Ein Energieverbrauch von mehr als 2.000 kcal
pectoris). Die Herzbeschwerden äußern sich häufig pro Woche über körperliche Aktivität senke das
durch ein Druckgefühl, Schmerzen oder Brennen Risiko um 50 %. Löllgen und Mitarbeiter betrach-
hinter dem Brustbein, häufig im Zusammenhang teten in einer Metaanalyse 2009 alle Studien nach
mit körperlichen oder seelischen Belastungen. Die Paffenbarger und kamen zu ähnlichen Resultaten.
Schmerzen können aber auch in den linken, selte- Intensitätsabhängig konnte das Risiko um 40–50 %
ner den rechten Arm, in den Rücken, in den Magen, gesenkt werden. Bei all diesen Studien wird als
zwischen die Schultern, in den Hals oder gar die gemeinsamer Nenner der körperlichen Aktivität
Wangen und Zähne ausstrahlen. der Energieverbrauch genutzt. Es finden sich keine
direkten Aussagen über die Art der körperlichen
? Wie behandelt man eine koronare Aktivität. In der Prävention der KHK scheint allein
Herzerkrankung? der regelmäßige Energieverbrauch von Bedeutung.
112 K. Völker

Dies findet sich auch wieder in dem interna- Botenstoffe haben vielfältige positive Wirkungen
tional wie national geforderten Mindestaktivitäts- im Muskel selbst, aber auch in anderen Organen
umfang von 5-mal 30 Minuten moderater kör- wie dem Gefäßsystem und dem Gehirn. Die Boten-
perlicher Aktivität pro Woche, zu ersetzen oder stoffe haben allgemeine positive Wirkung wie allge-
­kombinieren mit 3-mal 20 Minuten forcierter meine Entzündungshemmung, Beeinflussung der
Aktivität. Ein vergleichbarer Energieumsatz ist Insulinresistenz, Beeinflussung der Arteriosklerose
auch durch eine ausreichende Zahl von Schritten und Neurodegeneration sowie Stabilisierung des
zu erreichen. Nach Tudor-Locke und Bassett (2004) Immunsystems. All diese Faktoren reduzieren das
gelten 10.000 Schritte pro Tag als aktiv und gesund- Risiko, eine Arteriosklerose zu entwickeln.
heitlich effektiv. In der Gefäßwand selbst kommt es zudem zu
einem erstaunlichen Trainingseffekt. Die dünne
? Kann man den Verlauf einer koronaren Innenschicht der Gefäße, das Endothel, lässt sich
Herzerkrankung mit körperlicher Aktivität trainieren, sodass die Regulation der Durchblutung
günstig beeinflussen? verbessert wird. Dieser Effekt funktioniert nicht
nur bei gesunden, sondern auch bei durch Arte-
In einem 2016 publizierten Review der renommier- riosklerose vorgeschädigten Gefäßen. Ihre durch
ten Cochrane Libary, das über 14.000 Patienten mit schädigende Risikofaktoren verursachte Fehlfunk-
KHK umfasste, konnte durch körperliche Aktivi- tion kann verbessert und weitgehend normalisiert
tät in der Rehabilitation eine Reduzierung der kar- werden. Der positive Effekt körperlichen Trainings
diovaskulären Sterblichkeit um 26 % festgestellt bei KHK wird weitgehend auf diesen Wirkmecha-
werden, während die Gesamtsterblichkeit unbe- nismus zurückgeführt. Es kommt zudem zu einer
einflusst blieb. Das Risiko, erneut in ein Kranken- Plaque-Stabilisierung (so nennt man die Ablage-
haus aufgenommen werden zu müssen, reduzierte rungen von Blutbestandteilen in der Gefäßwand),
sich dadurch um nahezu 20 %. d. h., die arteriosklerotischen Ablagerungen werden
Obwohl in dem Review keine allgemeinen Aus- zwar nicht rückgebildet, aber so stabilisiert, dass sie
sagen zur Art der körperlichen Aktivität gemacht nicht so leicht aufreißen und zu einem Verschluss
wurden, zeigt ein Blick in einige der Einzelstudien, des Gefäßes durch die Aktivierung der Blutplätt-
dass aerobe Dauerbelastungen im Vordergrund der chen (Ausbildung eines Blutgerinnsels) führen. In
Bewegungsinterventionen standen. Die generelle Diskussion steht auch die Ausschüttung von Zellen
Freigabe jeglicher körperlicher Aktivität, wie sie für aus dem Knochenmark, die Gefäßschäden reparie-
die Art der Bewegung in der allgemeinen Präven- ren und für das Wachstum neuer Gefäße sorgen
tion gilt, scheint bei eher therapeutischem Einsatz sollen.
von Bewegung in der Sekundär- oder gar Tertiär-
prävention, also wenn schon eine Erkrankung vor- ? Geht von körperlicher Aktivität ein erhöhtes
liegt, nicht sinnvoll. Hier spielt die Ausdauer eine Risiko für Herzanfälle aus?
zentrale Rolle.
 Diese Frage lässt sich nicht pauschal, sondern nur
? Welchen Einfluss haben körperliche Aktivität in Abhängigkeit vom Schweregrad der Erkrankung
und Sport auf die koronare Herzkrankheit? beantworten. Je größer der Schweregrad der KHK,
desto höher das Risiko eines kardialen Zwischen-
Die Risikofaktoren der KHK werden durch körper- falls. Darüber hinaus besteht aber auch eine Abhän-
liche Aktivität positiv beeinflusst. Der Blutdruck gigkeit von der Intensität der Belastung, auch hier
wird gesenkt, die Zuckerverwertung optimiert, gilt: Je höher die Intensität, desto höher das Risiko.
Sport trägt zur Gewichtsreduktion bei. Kardiale Ereignisse treten dabei seltener während
Eine vertiefte Frage nach den Mechanismen der akuten Belastung als nach der Belastung auf.
der Wirkung körperlicher Aktivität gibt einen tie- Personen mit einer KHK, die sich hochintensiv
feren Einblick in die Wirkweise körperlicher Akti- belasten, haben ein nahezu 6-fach erhöhtes Risiko,
vität. Peterson hat 2011 beschrieben, dass der arbei- was das Auftreten akuter Herzereignisse betrifft,
tende Muskel nicht nur Sauerstoff und Nährstoffe gegenüber denjenigen, die mit geringer Intensität
verbrennt, sondern auch Botenstoffe ausschüt- trainierten. Besonders hoch ist das Risiko dann,
tet, die hormonähnliche Wirkungen haben. Diese wenn nur wenig oder unregelmäßig trainiert wird
Koronare Herzerkrankung (KHK)
113 
(weniger als einmal pro Woche). Regelmäßig trai- joggen zu können. Liegt die Belastbarkeit darunter,
nierende Personen mit einer KHK haben trotz so wird versucht, über Training der Körperperiphe-
hochintensiver Belastung nur ein gering erhöh- rie (Gliedmaßen) durch Verbesserung der Koor-
tes Risiko. Insgesamt ist jedoch für Personen mit dination und lokalen Muskelausdauer das Herz zu
bekannter KHK die Wahrscheinlichkeit eines Herz- entlasten.
infarktes mit 1:300.000 Trainingsstunden und für Training der Ausdauer sollte mit zwei Dritteln
einen Todesfall mit 1:780.000 Trainingsstunden der maximalen Leistungsfähigkeit erfolgen. Kann
sehr gering und bei adäquater Anpassung des Trai- sich also eine Person mit einer KHK ausbelasten,
nings kalkulierbar. Ein Restrisiko bleibt jedoch für erreicht also z. B. 175 Watt und zeigt vielleicht nur
Patienten mit einer KHK bestehen, dies ist etwa auf der letzten Belastungsstufe leichte Zeichen des
doppelt so hoch ist wie für Personen ohne KHK. Sauerstoffmangels, so sollte sie mit zwei Dritteln
der erreichten Leistung, also mit einer Belastung
? Darf man mit einer koronaren Herzkrankheit von knapp 120 Watt, trainieren. Hier waren keine
überhaupt Sport treiben? Sauerstoffmangelzustände zu beobachten, und als
Hilfsgröße zur Übertragung in den Sport (Transfer-
Man darf nicht nur Sport treiben, man sollte sogar parameter) gilt die Pulsfrequenz bei knapp 120 Watt
Sport treiben. Die positiven primär- und sekun- (Trainingspulsfrequenz). Wurde die Belastung bei
därpräventiven Aspekte und der therapeutische einer anderen Person bei 175 Watt wegen deutli-
Beitrag in der Therapie und Rehabilitation sollten cher Sauerstoffmangelzeichen im EKG (ST-Sen-
unverzichtbar sein. kungen über 0,2 mV) abgebrochen, waren aber bei
Was die Empfehlungen für die sportliche Akti- ihr schon bei 125 Watt leichte Zeichen des Sauer-
vität betrifft, so unterscheidet sich das im Konsens stoffmangels sichtbar, so darf sie nur mit der Inten-
der wissenschaftlichen Fachgesellschaften gefor- sität der letzten Beschwerde- bzw. symptomfreien
derten Ausmaß körperlicher Aktivität für chro- Stufe trainieren. Dies wäre in diesem Beispiel die
nisch Kranke, wie sie Patienten mit KHK darstel- 100-Watt-Stufe. Obwohl die 100-Watt-Belastung
len, nicht von den Anforderungen an gesunde ältere unter der Zwei-Drittel-Regel liegt, darf der Betrof-
Personen: 5 × 30 Minuten mäßig intensive Aktivität fene nur mit dieser Intensität trainieren, um sein
bzw. 3 × 20 Minuten intensive Aktivität zuzüglich Herz zu schonen. Die Belastbarkeit des Herzens
2-mal wöchentlich muskelkräftigende Übungen. Je hat also immer Vorrang gegenüber der vielleicht
nach Schweregrad der KHK sind allerdings Anpas- trainingsphysiologisch etwas effektiveren höheren
sungen an die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit Belastung.
notwendig. Die ergometrische Festlegung der Trainings-
herzfrequenz sollte möglichst immer Vorrang vor
? Welche Voraussetzungen solle eine Person allen formelmäßigen Festlegungen der Herzfre-
mit einer koronaren Herzkrankheit erfüllen, quenz wie etwa durch die Formel „Trainingspuls-
um Sport treiben zu können? frequenz = 180 minus Lebensalter“ haben. Diese
Formel ist zumeist nur für Herzgesunde anwend-
Für eine Person mit einer KHK ist die ergometri- bar, Herzkranke haben durch ihre Erkrankung
sche Belastungsuntersuchung nicht nur ein diag- und die medikamentöse Therapie (z. B. Betablo-
nostisches Mittel, um eine KHK zu diagnostizie- cker) zumeist ein verändertes Pulsfrequenzverhal-
ren, sondern ein wichtiger Test zur Ermittlung der ten unter Belastung, was nur ergometrisch austest-
Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Zudem lassen bar ist.
sich aus einer Belastungsuntersuchung wichtige Als Ausdauerbelastungen sind alle klassischen
Daten zu Steuerung der Belastungsintensität ablei- Ausdauersportarten geeignet (Laufen, Jogging,
ten. Eine Mindestbelastbarkeit von 1 Watt/kg Kör- Walking, Radfahren, Schwimmen und Skilang-
pergewicht sollte, ohne Sauerstoffmangelsymptome lauf). Bei den beiden Letzteren sollte eine gewisse
– etwa gemessen an Zeichen des Sauerstoffmangels Fertigkeit vorliegen, da die Belastungsintensität
(ST-Senkung) im Belastungs-EKG – durchführt bei diesen Sportarten bei schlechter Koordina-
werden können, um das Herz-Kreislauf-System als tion zu sehr hochschnellt. Rudern ist zwar auch
Ganzes trainieren zu können. 1 Watt/kg Körper- eine (nebenbei bemerkt auch koordinativ sehr
masse ist zum Beispiel notwendig, um überhaupt anspruchsvolle) Ausdauersportart, aber wegen des
114 K. Völker

hohen Kraftanteils sollte von dieser Sportart abge- Person mit einer KHK von einem guten Niveau
sehen werden, es sei denn, sehr gute Belastbarkeit der Kraft profitieren. Erstens ist ein gutes Kraft-
und viel Rudererfahrung treffen zusammen. niveau ein Schutzmantel für den Bewegungsap-
Geeignete und ungeeignete Sportarten sind parat. Zweitens entlastet ein gutes Kraftniveau das
in der folgenden Antwort wiedergegeben. Diese Herz-Kreislauf-System bei Alltagsbelastungen.
Angaben decken sich mit denen für Personen mit Dazu sollte man wissen, dass die Größenordnung
Bluthochdruck (7 Kap. „Bluthochdruck“), da auch der Kreislaufreaktion abhängt von dem Prozent-
bei der KHK der Kraftanteil der Sportart ein ent- satz der a­ ufgebrachten Kraft. Braucht man z. B. für
scheidendes Auswahlkriterium darstellt. das Schleppen des Wasserkastens mehr als 70 % der
Maximalkraft, so ist die Kreislaufreaktion ungleich
? Welche Sportarten sind bei koronarer heftiger, als wenn für die gleiche Tätigkeit nur 50 %
Herzkrankheit gut oder bedingt geeignet, der Maximalkraft erforderlich ist. Ein Krafttraining
welche sind ungeeignet? führt also langfristig auch zu einer Entlastung des
Kreislaufsystems.
Gut geeignete Sportarten: Um das Krafttraining verträglich zu gestalten,
55 Ausdauersportarten mit geringem bis sollte mehr im Sinne eines Kraftausdauertrainings,
mittlerem Krafteinsatz: Walking, Nordic d. h., mit 40–60 % des 1-Wiederholungsmaximums
Walking, Laufen, Radfahren, Inline-Skating, und mit 20–30 Wiederholungen trainiert werden.
Skilanglauf, Schwimmen etc. Da die Austestung des 1-Wiederholungsmaximums
55 Mannschaftsspiele mit geringer körperlicher für Personen mit einer KHK nicht zu empfehlen
Belastungsintensität aufgrund modifizierter ist, hier ein praxisrelevanter Tipp zu Steuerung der
Durchführung: z. B. Volleyball, Fußball, Belastungsintensität bei Kraftbelastungen: Das Auf-
Soft-Tennis etc. treten der Pressatmung kann als Intensitätshinweis
gesehen werden. Pressatmung als Stabilisator des
Bedingt geeignete Sportarten (abhängig von der Rumpfes ist bei Kraftbelastungen oberhalb von
Schwere der Erkrankung, Begleiterkrankungen 60–70 % der Maximalkraft notwendig. Lässt sich
und sportlichen Vorerfahrungen) eine Belastung bzw. Belastungsserie gerade noch
55 Kraft- und Kampfsportarten mit geringen ohne Pressatmung realisieren, so liegt man unter
bis mäßigen Belastungsintensitäten (ohne 70 % der Maximalkraft. Dieser Belastungsbereich
Pressatmung) sollte bei einer KHK nicht überschritten werden.
55 Einzelrückschlagspiele mit geringer bis Hilfreich vor einem Krafttraining könnte auch
mittlerer Belastungsintensität (Tischtennis, der Blick auf die Blutdruckreaktion in der Belas-
Tennis etc.) tungsuntersuchung sein. Ein überschießender Blut-
55 Mannschaftsspiele mit mittlerer druck bei Belastung sollte Anlass zur vorsichtigen
Belastungsintensität Dosierung beim Krafttraining sein.
55 Ausdauersportarten mit höherem Kraft- Auch beim Training mit Personen mit einer
 einsatz: z. B. Rudern KHK gibt es Ansätze, HIIT (High Intensity Intervall
Training bzw. hochintensives Intervalltraining) zu
Ungeeignete Sportarten: implementieren. Ganz neu ist dies im Training mit
55 Kraft- und Kampfsportarten mit hohen herzkranken Personen nicht. So wurde es schon vor
Belastungsintensitäten vielen Jahren bei Herzinsuffizienz praktiziert, aller-
55 Einzelsportarten und Einzelspiele mit dings mit sehr kurzen, intensiven Belastungsphasen
hoher Belastungsintensität (Leichtathletik, und längeren Phasen niedriger Belastungsintensi-
Badminton, Squash etc.) tät. Sinn ist es, die langsame Herz-Kreislauf-Reak-
55 Mannschaftsspiele mit hohen Belastungs- tion auszunutzen und die Belastung schon wieder
intensitäten (Eishockey, Basketball etc.) abzubrechen, bevor das Herz-Kreislauf-System
richtig hochgefahren ist. Dieses Prinzip ist auch
Krafttraining ist bei Vorliegen einer KHK zwar bei KHK anwendbar, wenn darauf geachtet wird,
auf den ersten Blick suspekt, da Kraftbelastungen die Belastungen nicht zur Kumulation kommen zu
immer mit deutlichen Blutdruckanstiegen ver- lassen. Kurze intensivere Belastungsphasen trainie-
bunden sind. Auf den zweiten Blick kann aber eine ren nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern
Koronare Herzerkrankung (KHK)
115 
auch etwas mehr die Kraft. Der Trainingsfortschnitt 55 Äußere Umweltbedingungen wie große Hitze
ist daher manchmal schneller. Aber bestimmte und Schwüle, aber auch extreme Kälte stellen
durch das Ausdauertraining intendierte Anpas- zusätzliche Belastungen dar, und vor allem
sungen des Immunsystems und des Stoffwechsels Kälte kann kardiale Symptome auslösen
reagieren auf intervallartige Belastungen schlech- (Kälte-Angina).
ter. Der aktuelle Forschungsstand erlaubt noch kein 55 Flüssigkeitsverlust durch Schweiß – meist in
abschließendes Urteil über diese Art des Trainings. Kombination mit zu geringer Flüssigkeitsauf-
Eine größere Studie mit schwach belastbaren Herz- nahme – kann zu Elektrolytverschiebungen
Kreislauf-Patienten äußert zudem Zweifel an der und daraus resultierenden Rhythmusstö-
Nachhaltigkeit eines solchen Trainingsregimes. rungen führen, auch eine erhöhte Verklum-
pungsneigung des Blutes ist möglich.
? Wo kann/sollte eine Person mit einer 55 In der Höhe nimmt der Sauerstoffteildruck
koronaren Herzkrankheit trainieren? ab, was sich auf die Sauerstoffversorgung
des Herzens negativ auswirken kann. Schon
Patienten nach Herzinfarkt und mit symptoma- bei Höhen um die 1.000 Meter liegt die
tischer KHK sind am besten in einer Herzsport- Belastbarkeit von Herzpatienten unter der
gruppe aufgehoben. Dieses Erfolgsmodel ist in den bei Meereshöhe. Ab 2.200 Meter ist der
Sportorganisationen fest etabliert und wird bun- Sauerstoffteildruck so gesunken, dass eine
desweit in über 10.000 Gruppen angeboten. Hier vollständige Sättigung des Blutes nicht mehr
erfolgt das Training unter spezifischer fachlicher komplett gewährleistet ist. Selbst sehr gut
Anleitung und wird durch einen Arzt begleitet. belastbare Personen mit einer KHK sollten ab
Patienten mit leichtgradiger KHK und guter 2.500 Meter alles meiden, was über moderates
Belastbarkeit können sich aber auch allgemeinen Wandern hinausgeht.
Präventionsangeboten der Vereine anschließen,
sofern sie nicht auf die oben skizzierten ungeeig-
neten Sportarten ausgerichtet sind. Literatur
Auch ein Training in einem Fitnessstudio ist
denkbar, die „Aerobic Corner“ mit ihren Ausdau- Anderson L, Thompson DR, Oldridge N, Zwisler AD, Rees K,
Martin N, Taylor RS (2016) Exercise-based cardiac reha-
ergeräten stellt kein Problem dar. Viele Geräte ver-
bilitation for coronary heart disease. Cochrane Data-
fügen über Anzeigen, die eine Kontrolle der Puls- base of Systematic Reviews (1): CD001800. https://doi.
frequenz ermöglichen, einige erlauben sogar eine org/10.1002/14651858
Steuerung der Belastung über die Herzfrequenz. Löllgen H, Böckenhoff A, Knapp G (2009) Physical Activity
Voraussetzung ist aber die Anschaffung eines and All-cause Mortality: An Updated Meta-analysis
with Different Intensity Categories. International Jour-
Pulsmesssystems (Fitness-Tracker), das für unter
nal of Sports Medicine 30:213–224
50 Euro im Fachhandel zu erwerben ist. Seinen Paffenbarger RS, Wing AL, Hyde RT (1978) Physical Activity
Trainingspuls sollte man bei seinem betreuenden as an index of heart attack risk in college Alumni. Ame-
Arzt erfragen. Bei den Krafttrainingsgeräten kann rican Journal of Epidemiology 108(3):161–175
man wieder die Steuerung über die Pressatmung Pedersen BK (2011) Muscles and their myokines. The Jour-
nal of Experimental Biology 214:337–346
anwenden. Lieber anfangs mehr Wiederholungen
Tudor-Locke C, Bassett DR Jr (2004) How many steps/day
bei niedriger Intensität als zu hohe Belastungen. are enough? Preliminary pedometer indices for public
health. Sports Med 34(1):1–8
? Welche äußeren Gegebenheiten und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie –
Gestaltungsgrundsätze sollten bedacht Herz- und Kreislaufforschung e.V. (Hrsg) (2007) Leitlinie
werden? Risikoadjustierte Prävention von Herz- und Kreislauf-
erkrankungen. Düsseldorf: DGK

55 Da das Risiko eines kardialen Zwischenfalls


mit der Belastungsintensität steigt, sollten
Belastungen langsam hochgefahren werden
und langsam ausklingen (Warm-up und
Cool-down mit Bedacht).
117

Orthopädie
Kreuzschmerzen (lokales Lumbalsyndrom bzw.
unspezifische Lumbalgien) – 119
Carl D. Reimers und Jörg Hausdorf

Hüft- und Kniearthrose (Kox- und Gonarthrose) und


Endoprothesen – 125
Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers

Osteoporose – 131
Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers
119

Kreuzschmerzen
(lokales Lumbalsyndrom
bzw. unspezifische
Lumbalgien)
Carl D. Reimers und Jörg Hausdorf

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_17
120 C. D. Reimers und J. Hausdorf

? Was versteht man unter einem lokalen ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Fast jeder
Lumbalsyndrom? dritte über 65-Jährige leidet unter chronischen
Kreuzschmerzen. Kreuzschmerzen sind somit
Ein lokales Lumbalsyndrom (lateinisch lumbum = eines der häufigsten Symptome überhaupt.
Lende) ist eine lokale Schmerzhaftigkeit im Bereich
der Lendenwirbelsäule. Die Schmerzen können ? Welche Untersuchungen sind erforderlich?
bis ins Gesäß ausstrahlen. Eine Ausstrahlung in
die Beine („Ischialgie“) weist auf eine zusätzli- Man findet unter Umständen eine schmerzbedingte
che Wurzelreizsymptomatik oder sog. pseudora- Bewegungseinschränkung, einen muskulären
dikuläre Schmerzen hin. Neurologische Ausfälle Hartspann oder eine Druck- oder Klopfschmerz-
(Gefühlsstörungen oder gar Lähmungen) sollten haftigkeit der Dornfortsätze der Wirbelsäule. In
nicht bestehen. den ersten 4–6 Wochen eines lokal begrenzten
und nicht ausstrahlenden Kreuzschmerzes ist keine
? Wodurch kommt es zu Kreuzschmerzen? bildgebende Diagnostik notwendig. Ausnahmen
sind dann gegeben, wenn Warnsymptome wie ein
Man unterscheidet zwischen unspezifischen und vorangegangener Sturz, Fieber oder Hinweise auf
spezifischen Kreuzschmerzen. Etwa 85–90 % der ein Tumorleiden oder andere Hinweise auf einen
Personen mit Kreuzschmerzen leiden unter sog. eventuellen spezifischen Kreuzschmerz (z. B. Wir-
unspezifischen Kreuzschmerzen. Hierunter ver- belbruch) bestehen. Auch wenn die Kreuzschmer-
steht man Kreuzschmerzen, die nicht durch nach- zen länger anhalten, sollte die Notwendigkeit wei-
weisbare pathologische Veränderungen (z. B. Frak- tergehender Diagnostik geprüft werden, z. B. eine
turen oder rheumatische Erkrankungen) erklärt bildgebende Diagnostik der Wirbelsäule.
werden können. Kreuzschmerzen durch patho-
anatomisch definierte Ursachen (z. B. durch einen ? Wie behandelt man Kreuzschmerzen?
Tumor oder einen größeren Bandscheibenvorfall)
hingegen nennt man spezifische Kreuzschmer- Viele akute Kreuzschmerzen verschwinden auch
zen. Die spezifischen Rückenschmerzen kann ohne Behandlung wieder. Jeder dritte Betroffene ist
man dann wiederum in die mechanischen (ca. 8 % innerhalb von 3 Monaten auch ohne Behandlung
durch Bandscheibenvorfall bzw. Wirbelkörper- wieder beschwerdefrei. Zwei Drittel der Betroffe-
fraktur), die nicht-mechanischen (ca. 1 % durch nen können innerhalb von 4 Wochen wieder an
Tumor, Blutung, Abszess) bzw. die viszeralen (ca. den Arbeitsplatz zurückkehren. Darüber sollte der
1 % durch Aortenaneurysmen = Aussackungen der Patient unbedingt aufgeklärt werden. Bei der Thera-
Hauptschlagader, retroperitoneale Prozesse, d. h., pie sollte in erster Linie körperliche Aktivität unbe-
im hinteren Bauchraum) unterteilen. Ursächlich dingt beibehalten, ggf. sogar intensiviert werden.
für die unspezifischen Kreuzschmerzen, von denen Hilfreich sind physikalische A ­ nwendungen. Bett-
im Nachfolgenden ausschließlich die Rede sein ruhe hat keinen Platz in der Behandlung von
soll, sind lokale Verspannungszustände überwie- Kreuzschmerzen. Durch Bettruhe wird nämlich
gend der Muskulatur, durch die reflektorisch eine keine Besserung erzielt, und die Wiederaufnahme
schmerzhafte Reizung der Strukturen des Bewe- der täglichen Aktivitäten kann sogar verzögert
 gungsapparates ausgelöst wird. werden. Eher sollte man versuchen, den norma-
len Tagesablauf, eventuell mit leichter ­Schonung,
? Wie häufig sind Kreuzschmerzen? beizubehalten. Vielfach ist sogar leichte körperli-
che Aktivität eher günstig. Sie wird grundsätzlich
Im Verlaufe des Lebens erkranken in der westlichen empfohlen. Das gilt insbesondere für chronische
Welt etwa 50–85 % mindestens einmal an Kreuz- Kreuzschmerzen. Bei entsprechendem klinischem
schmerzen. In den entsprechenden Studien betrug Befund können mobilisierende und manipulative
die Erkrankungswahrscheinlichkeit innerhalb eines Therapien vor allem in Kombination mit einer
einzelnen Jahres etwa 20–65 %. In Deutschland Bewegungstherapie und Anleitung zum gesund-
haben 26 % der gesetzlich Versicherten im Jahre heitsfördernden Verhalten (u. a. Bewegung, Ver-
2010 mindestens einmal wegen Kreuzschmerzen meidung unnötiger Schonung) sinnvoll sein. Auch
Kreuzschmerzen (lokales Lumbalsyndrom bzw. unspezifische Lumbalgien)
121 
Wärmeanwendungen in Verbindung mit aktivie- Personen mit chronischen Kreuzschmerzen zu
renden Maßnahmen können Linderung herbei- einem Vermeidungsverhalten: Sie scheuen kör-
führen. Akupunktur kann bei akuten und chro- perliche Aktivität und Belastungen aus der Furcht
nischen Kreuzschmerzen versucht werden. Die heraus, hiermit Schmerzen auszulösen oder zu
Effekte sind jedoch meist nur gering. Bei chroni- verstärken. Dieses Verhalten erweist sich meist
schen Kreuzschmerzen mit Muskelverspannungen als kontraproduktiv. Eine körperliche Aktivierung
können Massagen zumindest vorübergehend Lin- mit leichtem Ausdauer- und Krafttraining hingegen
derung verschaffen. Zudem ist die sog. Progressive kann zur Schmerzlinderung beitragen und einer
Muskelrelaxation nach Jacobson bei chronischen weiteren Chronifizierung entgegenwirken.
Schmerzen ein sinnvolles Entspannungsverfah-
ren. Ein multimodaler Ansatz hat sich gegenüber ? Kann man Kreuzschmerzen vorbeugen?
Einzelmaßnahmen als überlegen erwiesen. Keine
wissenschaftlich nachgewiesen Effekte auf Kreuz- Ein regelmäßiges körperliches Training, am besten
schmerzen haben folgende Behandlungsmetho- unter Einschluss eines Krafttrainings der Rumpf-
den: die transkutane elektrische Nervenstimulation muskulatur, hat einen gewissen vorbeugenden
(TENS), Ultraschallanwendungen, Kältetherapie, Effekt. Eine sichere Methode, Kreuzschmerzen vor-
Kurzwellendiathermie, Interferenzströme, LASER- zubeugen, gibt es aber nicht.
Therapie, Magnetfeldtherapie und Traktionen. Weiterhin ist es wichtig, den Arbeitsplatz ergo-
Stärkere Schmerzen können vorübergehend nomisch zu gestalten, d. h., Stuhl- und Tischhöhe
sog. nichtsteroidale Antirheumatika (z. B. Ibupro- anzupassen, Verwringungen bei Bildschirmarbeit
fen, Diclofenac oder Naproxen) notwendig machen zu vermeiden, auf die richtige Höhe des Monitors
(nicht als Injektionen!). Alternativ kommen sog. zu achten. Darüber hinaus sollte, wenn immer
Coxibe oder Metamizol in Frage. Reicht das nicht, möglich, auf wechselnde Körperpositionen geach-
so können für wenige Wochen schwache Opioide tet werden. Sitzende Tätigkeiten sind auf jeden
(Tramadol, Tilidin) eingesetzt werden. Vor einem Fall möglichst zu reduzieren, hier ist z. B. Arbeit
Dauergebrauch von Schmerzmitteln, besonders am Stehpult und Schreibtisch im Wechsel sinn-
Opioiden, wird gewarnt. Sie können längerfris- voll. Bei schweren körperlichen Tätigkeiten ist vor
tig sogar Schmerzen mitverursachen, statt sie zu allem auf korrekte Haltung beim Heben im Sinne
lindern. Muskelrelaxantien sollen nicht einge- der Rückenschule zu achten. Die Anwendung
setzt werden. Auch für Paracetamol, Antidepres- möglicher Hilfsmittel wie eines Patientenlifts für
siva sowie Antiepileptika (Gabapentin, Pregabalin) Kranken- und Altenpflegepersonal ist zur Belas-
gibt es keinen wissenschaftlichen Wirkungsnach- tungsreduzierung hilfreich. Auch kann das Arbei-
weis. Bei chronischen Kreuzschmerzen kommen ten in kalter Umgebung (Kühlhäuser etc.) akute
bestimmte Antidepressiva mit schmerzlinderndem und chronische Rückenschmerzen fördern, auf aus-
Effekt als medikamentöse Behandlung in Frage. reichend isolierende Arbeitskleidung ist zu achten.
Generell sollten Schmerzmittel nicht über längere
Zeit eingesetzt werden. Lokale Injektionen sind ? Kann man mit Kreuzschmerzen Sport
selten erforderlich. treiben?
Sinnvolle Maßnahmen bei chronischen Kreuz-
schmerzen sind eine Muskelkräftigung (s. unten), Grundsätzlich ist festzustellen, dass man bei unspe-
die sog. Rückenschule und kognitive Verhaltens- zifischen Kreuzschmerzen durch ein sportliches
therapie. Eine Kräftigung der Muskulatur scheint Training keinen Schaden anrichten kann. Aller-
wirksamer zu sein als ein Ausdauertraining. Die dings wird man bei starken Kreuzschmerzen meist
Entwicklung chronischer Kreuzschmerzen wird keinen Sport treiben und so lange warten, bis der
durch ungünstige Schmerzbewältigungsstrate- Schmerz zumindest weitgehend abgeklungen ist. Es
gien, psychiatrische Begleitkrankheiten und einen ist jedoch manchmal möglich, in relativ schmerz-
schlechten Allgemeinzustand gefördert. Bei chro- freien Positionen ein statisches Training (reines
nischen Kreuzschmerzen kann es daher sinnvoll Anspannen der Muskeln) durchzuführen.
sein, eine psychosomatische Untersuchung und Anders sieht es bei leichten, vor allem chroni-
ggf. Behandlung vorzunehmen. Vielfach neigen schen Kreuzschmerzen aus. Studien zeigten, dass
122 C. D. Reimers und J. Hausdorf

Training sich sogar positiv auf die Kreuzschmerzen anhält (bis etwa eine Stunde). Wenn man jedoch
auswirken kann: Im Mittel hatten die Trainieren- regelmäßig körperlich aktiv ist, so besteht ein län-
den weniger Schmerzen als die nicht trainierenden gerfristiger schmerzlindernder Effekt. Davon pro-
Kontrollpersonen. fitieren verschiedene Schmerzsyndrome (z. B.
Vielfach reduzieren Personen mit chronischen auch Kopfschmerzen). Welcher Mechanismus
Kreuzschmerzen ihr Bewegungspensum. Das kann für die Schmerzlinderung verantwortlich ist, ist
wiederum die Schmerzen verstärken und dann im bis heute nicht überzeugend geklärt. Ein immer
Sinne eines Teufelskreises das Bewegungspensum wieder vermuteter Mechanismus, wahrscheinlich
weiter mindern. Ziel des körperlichen Trainings ist aber nicht der einzige, ist eine vermehrte Bildung
es daher auch, diese körperliche Dekonditionierung sog. endogener Opioide im Zentralnervensystem.
zu vermeiden und ihr entgegenzuwirken. Angepass- Es handelt sich dabei um Überträgerstoffe, die wie
ter Sport ist also insbesondere bei chronischen Kreuz- die als Medikament zugeführten Opioide (Opiate)
schmerzen nicht nur möglich, sondern sehr sinnvoll! einen schmerzlindernden Effekt haben. Ein weite-
rer möglicher Wirkungsmechanismus könnte ein
? Welche Trainingsarten sind bei antidepressiver Effekt körperlicher Aktivität sein
Kreuzschmerzen sinnvoll? (s. auch 7 Kap. „Depression“).

Trainingsstudien zeigen, dass chronische Kreuz- ? Was ist das Ziel der Bewegungstherapie?
schmerzen durch Ausdauertraining, Krafttraining,
ein kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining und Wie dargestellt, kann eine Bewegungstherapie
Yoga gebessert werden können. Schmerzen lindern. Die Effekte sind jedoch nicht
Als Ausdauersportarten bieten sich beispiels- so groß, dass durch das Training Schmerzfreiheit
weise rasches Gehen, Nordic Walking und Rad- erhofft werden kann. Wichtiger ist daher zunächst
fahren sowie bei entsprechender Kondition und einmal die Erkenntnis, dass sich derjenige, der
Technik Laufen und Schwimmen an. Sport treiben möchte, durch (unspezifische) Kreuz-
Training in warmem Wasser (sog. Aquafitness schmerzen davon nicht abhalten lassen sollte. Das
oder Aquajogging) entlastet den Rücken durch die Training wird ihm bezüglich der Kreuzschmerzen
Aufhebung der Schwerkraft und eröffnet dadurch nicht schaden, sondern eher nützen!
hervorragend Möglichkeiten des Ausdauer- und Ziel des Trainings in Bezug auf die Kreuz-
auch Krafttrainings. schmerzen ist eher, eventuelle ungünstige schmerz-
Die Mehrzahl der Studien zeigt, dass Kräfti- bezogene Annahmen („Ich darf nichts heben“, „Ich
gungsübungen der Rumpfmuskeln chronische darf mich nicht bücken“) und Bewegungsvermei-
Kreuzschmerzen bessern, besonders, wenn man dungsverhalten aufzubrechen.
sie intensiv betreibt. Ideal wäre – neben einem Ausdauertraining –
Wegen der bei den Kreuzschmerzen meist vor- 2- bis 3-mal wöchentlich ein Kräftigungstraining
liegenden Muskelverkürzungen ist es sinnvoll, mit (Fitnessstudio) oder ohne Geräte, welches
Dehnübungen für die hiervon betroffenen Mus- 8–10 große Muskelgruppen einbezieht (jeweils
kelgruppen in das Training einzubinden. 8–15 Wiederholungen pro Übung). Es gibt im
Buchhandel zahlreiche sehr gut geeignete Anlei-
 ? Wie wirkt Sport auf die Kreuzschmerzen? tungen zu Training, sofern man keine professionelle
Supervision sucht (Physiotherapie, Medizinische
Insbesondere, aber nicht ausschließlich Kraft- Trainingstherapie, Fitnessstudio).
training kann die Rumpfmuskeln (Bauch- und
Rückenmuskeln) kräftigen und somit ein „inneres
Korsett“ schaffen. Das kann den passiven Bewe- Literatur
gungsapparat (Knochen, Gelenke und Bandschei-
Casser H-R, Hasenbring M, Becker A, Baron R (Hrsg) (2016)
ben) zwar nicht entlasten, aber Fehlbelastungen Rückenschmerzen und Nackenschmerzen. Interdiszi-
deutlich reduzieren. plinäre Diagnostik und Therapie, Versorgungspfade,
Körperliche Aktivität hat kurzfristig einen Patientenedukation, Begutachtung, Langzeitbetreu-
schmerzlindernden Effekt, der jedoch nicht lange ung. Springer, Berlin, Heidelberg
Kreuzschmerzen (lokales Lumbalsyndrom bzw. unspezifische Lumbalgien)
123 
Chenot J-F, Greitemann B, Kladny B, Petzke F, Pfingsten
M, Schorr SG (2017) Nichtspezifischer Kreuzschmerz.
Dtsch Ärztebl114:883–90
Nationale VersorgungsLeitlinie „Nicht-spezifischer Kreuz-
schmerz“ (2017) https://www.leitlinien.de/nvl/kreuz-
schmerz
Reimers N, Reimers CD, Janßen A, Knapp G (2016) Unspezi-
fische Kreuzschmerzen. In: Mooren F, Knapp G, Reimers
CD (Hrsg) Prävention und Therapie durch Sport. Band
3: Orthopädie, Rheumatologie, Immunologie, 2. Aufl.
Urban & Fischer, München, S. 137–178
125

Hüft- und Kniearthrose


(Kox- und Gonarthrose)
und Endoprothesen
Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_18
126 J. Hausdorf und C. D. Reimers

? Was versteht man unter einer Arthrose? Das Lebensalter spielt auch eine wichtige Rolle,
da sich die Arthrose in der Regel nur langsam
Die Arthrose ist eine Verschleißerscheinung der ­ausbildet. Alter alleine ist aber keine Ursache für
Gelenke, gekennzeichnet durch einen fortschrei- Arthrose. Hier kommt es lediglich zu einer generali-
tenden und unwiderruflichen Verlust an Gelenk- sierten Ausdünnung der Knorpelschicht, aber nicht
knorpel mit Schädigung angrenzender Struktu- zu einer echten Degeneration mit Reaktion der sub-
ren. Arthrose kann in jedem Gelenk entstehen. Am chondralen (unter dem Knorpel gelegenen) Platte.
häufigsten betroffen sind das Kniegelenk (Gonar- Männer sind im Allgemeinen früher betroffen als
throse), die Hand (Fingerpolyarthrose und Rhizar- Frauen, was bisher auf das Aktivitätsniveau und die
throse = Daumensattelgelenksarthrose) und das körperliche Belastung zurückgeführt wurde. Starke
Hüftgelenk (Koxarthrose). körperliche Belastung durch schwere körperliche
Arbeit oder Hochleistungssport sind wahrscheinli-
? Wie äußert sich eine Arthrose? che Risikofaktoren. Als besonders gelenkbelastend
gelten Wurf- und Sprungdisziplinen in der Leicht-
Häufige Symptome sind Schmerzen bei Belastung, athletik, Ball- und Kampfsportarten.
am Beginn einer Bewegung (Anlaufschmerzen) Bezüglich der Adipositas besteht eine vielfach
und Bewegungseinschränkungen. In der Regel nachgewiesene Korrelation vor allem in Bezug auf
verläuft die Arthrose wellenförmig, schmerzrei- die Gonarthrose, aber auch in geringerem Ausmaß
chen Episoden können Phasen mit deutlicher auf andere Gelenke. Dabei ist nicht ganz geklärt,
Beschwerdebesserung folgen. Nicht selten führen ob es sich um ein rein zufälliges Zusammentref-
die Beschwerden über einen längeren Zeitraum zu fen handelt oder eine Ursache-Wirkungs-Bezie-
einem erheblichen Verlust an Lebensqualität. hung. Denkbar wäre dies in beiden Richtungen,
eine zunehmende Adipositas durch Arthrose-
? Wie entsteht eine Arthrose? schmerz-bedingte Immobilität oder eine Ausbil-
dung der Arthrose durch die extreme Gewichts-
Die genauen Entstehungsmechanismen sind belastung. Längsschnittstudien konnten allerdings
nach wie vor ungeklärt. Es werden neben biome- zeigen, dass bei Arthrose-Patienten in der Regel
chanischen auch molekularbiologische Prozesse schon relativ früh eine Adipositas vorlag, bevor
­diskutiert. Es gibt einige wenige Formen vererbter Schmerzen auftraten. Ursächlich ist zum einen die
Arthrosen wie die Fingerpolyarthrose oder multi- Potenzierung der im Einbeinstand ohnehin hohen
lokuläre (an mehreren Stellen auftretende) Arth- Kräfte auf Hüft-, Knie- und Sprunggelenke (durch
rose. Aber sehr viele Fälle sind die Folge über Jahre Muskelzug resultieren Kräfte, die ein Vielfaches des
einwirkender mechanischer Kräfte bei Fehlstellun- Körpergewichtes betragen). Zum anderen spielen
gen (z. B. Hüftdysplasie) oder nach Gelenkverlet- auch Stoffwechselfaktoren, wie Entzündungs- und
zungen, die zu einer veränderten ­Gelenkkinematik Botenstoffe vor allem aus dem Bauchfett, bei adi-
(Bewegungsausführung) geführt (z. B. vordere pösen Menschen offensichtlich eine größere Rolle.
Kreuzbandverletzung am Kniegelenk) oder direkt Es wurden auch positive Korrelationen zwischen
den Knorpel verletzt haben (z. B. Verrenkungen erhöhten Blutfett- und Harnsäurekonzentrationen
= Luxationen). Gerade an der Hüfte wurden in und Arthrose gefunden und eine Verbindung zwi-
den letzten Jahren viele Fehlformen identifiziert, schen Adipositas und Finger- und Handarthrose,
die bei sportlicher Aktivität das Gelenk schädi- die sich natürlich nicht über die mechanische Belas-
 gen können. Bei der Hüftdysplasie, einer unzurei- tung erklären lässt.
chenden Überdachung des Hüftkopfes, kommt es Echte Systemerkrankungen wie die Gicht (und
bei Lauf- und Ballsportarten zu erhöhten Druck- Pseudogicht/CPPD) und Erkrankungen aus dem
werten im Gelenk und in der Folge zur Arthrose. rheumatischen Formenkreis führen unzureichend
Beim femoro-azetabulären Impingement schlägt behandelt ebenso wie eine bakterielle Gelenkinfek-
der deformierte Kopf-Schenkelhals-Übergang an tion zu schweren sekundären Arthrosen. Gegen-
den Pfannenrand und bedingt eine fortschreitende stand der aktuellen Forschung zur Arthroseentste-
Arthrose bei Sportarten wie Fußball oder Kampf- hung ist auch das Mikrobiom. Hierunter versteht
sportarten mit viel Beugung und Drehbewegungen man alle Mikroorganismen, die den menschlichen
sowie hohen Kräften, die im Hüftgelenk wirken. Körper besiedeln (beispielsweise im Darm und auf
Hüft- und Kniearthrose (Kox- und Gonarthrose) und Endoprothesen
127 
der Haut). Beispielhaft führte die orale Gabe von mehrere folgen. Eine Vielzahl von Nahrungsergän-
Lactobacillus casei bei Ratten mit Kniearthrose zur zungsmitteln konnte bisher in kontrollierten Studien
Schmerzreduktion, verminderter Knorpeldegene- keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen, wird aber
ration und Reduktion der Entzündungsreaktion. bei geringem bis fehlendem Nebenwirkungspoten-
zial von Patientenseite stark genutzt. Intraartiku-
? Wie häufig sind Arthrosen? lär applizierte (in das Gelenk gespritzte) Pharmaka
wie die Hyaluronsäure konnten in wenigen Studien
Arthrose ist die weltweit häufigste Gelenkerkran- eine mittelfristige Schmerzlinderung nachweisen,
kung und betrifft etwa 15 % der Bevölkerung. Die eine Knorpelregeneration konnte nicht gezeigt
Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter. 6 % der werden. Kortikosteroide finden systemisch auf-
30- bis 40-Jährigen leiden an einer Kniegelenk- grund der Nebenwirkungen keine Anwendung.
bzw. Hüftgelenkarthrose. 67 % der weiblichen und Lokal im Gelenk kommt es jedoch zu einer deut-
55 % der männlichen Bevölkerung über 55 Jahre lichen Reduktion der die schmerzhafte Arthrose
zeigen radiologische Arthrosezeichen an der Hand, immer begleitenden Entzündung, die jedoch zeit-
und 53 % der weiblichen und 33 % der männlichen lich je nach Gelenk begrenzt ist und Komplikations-
Bevölkerung über 80 Jahre zeigen radiologischen potenzial im Sinne von Infektionen und bei häufiger
Arthrosezeichen am Knie. Die Häufigkeit der sym- Anwendung in Form von Schädigung der Begleit-
ptomatischen, also nicht nur radiologisch sichtba- strukturen und des Restknorpels bietet.
ren, sondern auch mit Beschwerden einhergehen- Aktuelle pharmakologische Therapieansätze
den Arthrose liegt bei 7–17 % für die Gonarthrose werden unter anderem derzeit mit Interleukin-
und etwa 10 % für die Koxarthrose. In Deutsch- Blockaden, Wachstumsfaktoren, Antioxidanzien,
land lag 2010 die Lebenszeitprävalenz (Häufig- intraartikulärer und intraossärer Applikation von
keit der Personen, die bis zum Erhebungszeit- Platelet Rich Plasma (PRP), trägermaterialbasier-
punkt einmal in ihrem Leben an einer bestimmten ten molekularen Therapien und der Stammzellthe-
Erkrankung leiden) ärztlich diagnostizierter dege- rapie erprobt.
nerativer Gelenkerkrankungen bei Frauen bei 27 Im Rahmen der Physiotherapie und der Physi-
%, bei Männern bei 18 %. Im Zuge dessen ist die kalischen Medizin werden zum einen Kräftigungs-
Häufigkeit der operativen Therapie der Arthrose übungen der Muskulatur, Dehnungen und proprio-
vor allem im Sinne der endoprothetischen Versor- zeptives Training propagiert. Manuelle Techniken
gung kontinuierlich angestiegen. 2016 wurden in zur Verbesserung der Beweglichkeit sowie Was-
Deutschland ca. 233.000 künstliche Hüftgelenke sergymnastik finden erfolgreiche Anwendung.
und 187.000 künstliche Kniegelenke implantiert. Zum anderen werden thermische, elektrische
und mechanische (Schallwellen) Therapieformen
? Wie behandelt man eine Arthrose? eingesetzt.
An orthopädischen Hilfsmitteln stehen je nach
Die konservative Therapie der Arthrose umfasst Lokalisation der Arthrose Schienen und feste Ban-
medikamentöse, physiotherapeutische und physi- dagen zur Stabilisierung, Ruhigstellung oder Ent-
kalische Maßnahmen, Hilfsmittel und eine Anpas- lastung, puffernde oder achskorrigierende Absätze
sung bzw. Änderung des Lebenswandels. und Einlagen sowie Gehhilfen vom einfachen Stock
Medikamentös steht allem voran die analgeti- über Unterarmgehstützen bis zum Rollator zur
sche Therapie (Schmerztherapie) nach dem WHO- Verfügung.
Stufenschema im Vordergrund, wobei sich beim Als eine der wichtigsten Therapiesäulen wird
Gelenkschmerz die Therapie mit nichtsteroidalen aber auch von der OARSI (Osteoarthritis Research
Antirheumatika (NSAR, z. B. Ibuprofen oder Dic- Society International) die Änderung des Lebens-
lofenac) als gut wirksam zeigt und einen hohen wandels empfohlen. Dazu gehört die Gewichtsre-
­Stellenwert unter Berücksichtigung der Neben- duktion, da, wie bereits beschrieben, das Körper-
wirkungen hat. Eine ursächliche, also die Ursache gewicht einen engen Zusammenhang zu arthro-
bekämpfende, medikamentöse Therapie gibt es sebedingten Schmerzen zeigt. Es konnte in einer
nicht, die Einführung von Antikörpern zur Schmerz- großen Kohortenstudie gezeigt werden, dass es
behandlung bei der Indikation Arthrose steht kurz bei Adipositas ab einer Gewichtsabnahme von 7 %
bevor (Tanezumab), möglicherweise werden hier zu klinisch wirksamen Funktionsverbesserungen
128 J. Hausdorf und C. D. Reimers

und Schmerzreduktionen bei Gonarthrose-Pati- ? Welche Sportarten sind bei bereits


enten kommt. Des Weiteren gehören z. B. Anpas- bestehenden Arthrosen geeignet, welche
sung des Schuhwerks bei Arthrose der Beine, güns- ungeeignet?
tige ergonomische Verhältnisse am Arbeitsplatz bei
Arthrose der Wirbelgelenke und der Arme und Sinnvoll sind ein Ausdauertraining, z. B. Fahrrad-
Umschulungen bei schwerer körperlicher Arbeit fahren, 20–60 Minuten, an 2–6 Tagen pro Woche
generell zu nicht vernachlässigbaren Teilen der und ein Krafttraining mit Schwerpunkt einer Kräf-
Therapie. tigung der Beinmuskeln mit Geräten (z. B. im Fit-
Darüber hinaus spielt der Sport eine ganz nessstudio). Die Kraftausdauer sollte hier vor-
wesentliche Rolle. dergründig trainiert werden und nicht die Maxi-
malkraft, da es dabei zu hohen Spitzendruckbe-
? Kann man mit sportlicher Aktivität Arthrosen lastungen in den Gelenken kommen kann. Das
herbeiführen oder verhindern? eigenständige Training mit elastischen Bändern
2–5 Tage pro Woche ist eine denkbare Alternative
Günstig sind wechselnde Druckbelastungen auf den zum Training mit Kraftgeräten. Die Trainings-
Gelenkknorpel, d. h., ein Wechsel von Druck und dauer (15–45 Minuten) sollte sich an der Häufig-
Entlastung ohne Spitzendrucke und Scherbelastun- keit orientieren. Studien weisen darauf hin, dass
gen. Daher gelten Sportarten mit gleichmäßigen, Gehen, Tai Chi, Qigong und Yoga zumindest kurz-
konzentrischen Bewegungen wie Gehen auf ebenem fristig günstige Einflüsse auf die Funktion und
Untergrund, Langlauf, Schwimmen und besonders Schmerzen bei Hüft- und Kniearthrosen haben.
geführte Bewegungen wie beim Radfahren oder Langfristige Effekte sind noch nicht ausreichend
auf einem Crosstrainer als günstig. Extreme Bewe- untersucht. Hinweise auf schädigende Wirkungen
gungen und hohe Impulse auf die Gelenke, wie sie gibt es nicht. Empfohlen wird z. B. 2-mal wöchent-
bei Ball- und Kampfsportarten vorkommen, sind lich eine Stunde Training. Alle genannten Sport-
bei Arthrosen der Beine ungünstig. Auch Laufen arten können auch die Funktion der betroffenen
(Jogging) gilt häufig im Vergleich zum Gehen, noch Gliedmaße, die Schmerzen und die Lebensquali-
mehr im Vergleich zum Radfahren oder Schwim- tät verbessern.
men als relativ stark belastend für die Beingelenke. Besonders günstig für die Gelenke sind Aqua-
Aber: Das Risiko, eine Hüft- oder Kniearthrose zu jogging und Ergometertraining. Im Folgenden
entwickeln, ist selbst beim Jogging ohne das Vor- werden die bei Kox- und Gonarthrose günsti-
liegen von Vorschäden oder ungünstigen mecha- gen und ungünstigen Sportarten aufgelistet (nach
nischen Bedingungen niedriger als im Vergleich Engelhardt 2016).
zur nicht läuferisch aktiven Vergleichspopulation. Geeignete Sportarten:
Lediglich das wettkampfmäßige Laufen – natur- 55 Schwimmen, Aquajogging, Radfahren
gemäß einhergehend mit einem deutlich höheren in der Ebene, Fahrradergometertraining,
Laufpensum – erhöht das Arthroserisiko vor allem Gymnastik, Wandern in der Ebene,
für das Hüftgelenk. Auch die Dauer der Läuferkar- Skiwandern
riere (über oder unter 15 Jahre) scheint eine Rolle
zu spielen: je länger, desto höher das Arthroseri- Bedingt geeignete Sportarten:
siko. Die Frage, ob sich vielleicht schlicht das bei 55 Golf, Reiten, Jogging, Alpiner Skilauf
Läufern meist niedrigere Körpergewicht günstig auf
 das Arthroserisiko auswirkt, lässt sich derzeit wis- Ungeeignete Sportarten:
senschaftlich noch nicht zuverlässig beantworten. 55 Tennis, Squash, Sprungdisziplinen,
Auch andere Formen von Leistungssport wie Eislauf, Bergwandern, Fußball und andere
Ball-, Kraft- und Kontaktsportarten erhöhen das Mannschaftssportarten
Arthroserisiko. Für die Arme sind Sportarten wie
Volley- und Handball bei leistungsmäßiger Aus- Ein alleiniger Anlauf- oder Belastungsschmerz wird
übung arthrosefördernd. Fingergelenksarthrosen als Hinweis darauf angesehen, dass sich eine pas-
werden vor allem bei Extremkletterern beobachtet. sende sportliche Betätigung günstig auf das Gelenk
Hüft- und Kniearthrose (Kox- und Gonarthrose) und Endoprothesen
129 
auswirken könnte. Mit Ruheschmerzen sollte man ? Welche Voraussetzungen sollten bei Sport
Sport hingegen meiden. mit einer Endoprothese erfüllt sein?

? Kann man mit einer Endoprothese Sport Das Implantat muss regelrecht im Knochen sitzen,
betreiben? die Gelenkbeweglichkeit muss ausreichend sein,
die Bänder müssen stabil, die Muskelkraft aus-
Die medizinische Fachliteratur ist sich nicht ganz reichend und Propriozeption und Koordination
einig bezüglich der Einschätzung des Effektes geschult sein. Hilfreich und belastungsreduzie-
sportlicher Aktivität auf Endoprothesen (künst- rend sind ausreichende technische Fertigkeiten
liche Gelenke). Eine moderate Sportausübung für die jeweiligen Sportarten. Entzündungen der
sollte je nach Prothesentyp empfohlen werden, da Implantate verbieten eine sportliche Aktivität.
es durch den Sport zur Stärkung der Muskelfunk- Eine begleitende Osteoporose zwingt zur Vorsicht:
tion und Koordination kommt und damit zur bes- Stürze sind besonders kritisch. Auch ein starkes
seren Führung der Gelenke, was einen Schutz vor Übergewicht kann eine Einschränkung bedeuten,
Stürzen, Verletzungen und Luxationen bewirkt. so sehr gerade in diesem Fall sportliche Aktivität
Darüber hinaus wird damit die Knochendichte wünschenswert wäre. In diesem Fall sollte eventu-
gesteigert, was zumindest für die zementfreie Pro- ell eine Sportart gewählt werden, die die Endopro-
thesenfixation Vorteile bietet. these nicht sehr belastet. Völlig ausgeschlossen ist
Es gibt mehrere Quellen, die über eine selte- eine Belastung des Gelenkes bei bereits bestehender
nere Prothesenlockerung bei sportlich aktiven Prothesenlockerung.
Endoprothesenträgern im Vergleich zur nicht Regelmäßige mechanische (sportliche) Belas-
sportlichen Vergleichsgruppe berichten. Aber tung fördert bis zu einem gewissen Grade die Kno-
selbst beim Alpinskifahren soll es nur sehr selten chenqualität und damit die knöcherne Fixation der
zu Prothesenlockerungen kommen. Ursache für Endoprothese und vermindert dadurch das Risiko
die Prothesenlockerung ist, abgesehen von Frak- von Knochenfrakturen im Bereich der Prothesen.
turen und Infektionen, der Abrieb des Gleitpaa- Gut ausgebildete Muskeln und koordinativ hoch-
rungsmaterials. Hier bestehen extreme Unter- wertige Bewegungssteuerung vermindern zudem
schiede in Art und Umfang des Abriebmaterials. die Gelenkbelastung und das Sturzrisiko.
Bei Verwendung von Polyethylen (PE) als Gleit- Generell richten sich die Empfehlungen nach
paarung werden pro Schritt bis zu 500.000 PE- den Spitzendruckbelastungen und dem dadurch
Partikel freigesetzt. Die Schrittzahl schwankt zwi- und durch die Frequenz bedingten Abrieb.
schen 1.200–35.500/Tag und damit 0,5–13 Mio. Schwimmen ist durch die Verringerung der
Partikel/Jahr. In einer Studie konnte nachgewie- Schwerkraft und die Beanspruchung vieler Muskel-
sen werden, dass aktive Patienten einen 2,5-fach gruppen sehr gut geeignet, hier möglichst Kraulen
erhöhten PE-Abrieb haben. Darauf wurde in den oder Rückenschwimmen.
letzten Jahren durch die Prothesenhersteller ein- Beim Radfahren sind je nach Belastung die
gegangen, und es wurden hochvernetzte Polyethy- Kräfte geringer als das Körpergewicht (40 Watt ent-
lene und Keramik-Keramik-Gleitpaarungen ent- spricht ca. dem halben Körpergewicht), die Reduk-
wickelt, die nur noch sehr geringen Verschleiß mit tion des „joint load“ (Gelenkbelastung) kann auf
sich bringen und damit eine Sportausübung besser 30 % der Belastung beim Laufen gesenkt werden.
erlauben. Mountainbiking ist kritisch, da das Verletzungsri-
Kritisch für langfristige Lockerungen sind siko bei Trial-Fahrten erhöht ist. Bei Hüftprothe-
wahrscheinlich Belastungsspitzen und sehr starke senträgern empfiehlt sich zumindest zu Beginn ein
Dauerbelastungen (z. B. Wettkampfsport, Mann- Höherstellen des Sattels.
schaftsballsportarten), starke Bewegungsaus- Walking bringt zwar auch Kräfte bis zu 4,7-
schläge und abrupte Bewegungen (z. B. Ballsport- fachem Körpergewicht mit sich, ist aber sehr gut
arten), für Luxationen und periprothetische Frak- geeignet für die kardio-respiratorische Fitness
turen (Ausrenkungen und Knochenbrüche direkt bei geringem Verletzungsrisiko, speziell bei Ver-
am Rand der Prothese) Stürze, Schläge oder Kolli- wendung von Wanderstöcken zur Erhöhung der
sionen (z. B. Kampfsportarten). Sicherheit.
130 J. Hausdorf und C. D. Reimers

Bergwandern bringt vor allem beim Berg- erfolgen. Grundsätzlich ist sportliche Aktivität
abgehen bis zu 6,8-faches Körpergewicht auf die bei Hüftendoprothesen unproblematischer als bei
Gelenke, „joint load“-reduzierende Maßnahmen Knieendoprothesen. Mit sportlicher Aktivität kann
(Wanderstöcke) werden ebenso empfohlen. Kon- im ­Allgemeinen 3–6 Monate nach der Operation
sequenz: Bergauf zu Fuß, für den Abstieg wird die begonnen werden.
Gondel empfohlen (besonders für Knieprothe- Geeignete Sportarten:
senträger). Klettern ist ungeeignet wegen hoher 55 Schwimmen, Radfahren, Rudern, Segeln,
Spitzenbelastungen und eines hohen Verletzungs- Aquajogging, Walking, Wandern, Gymnastik,
risikos und damit erhöhter Luxationsgefahr bei Golf, Tanzen
Hüftprothesen.
Skilanglauf bringt geringere Spitzenbelastun- Bedingt geeignete Sportarten:
gen mit sich (4,5-faches Körpergewicht) und ist in 55 Jogging, Skilanglauf, alpiner Skilauf, Tisch-
kontrollierter Form erlaubt und sogar erwünscht, tennis, Kegeln/Bowling, Reiten, Tennis
jedoch möglichst im klassischen Stil. (Doppel)
Ski alpin belastet die Gelenke bei gemäßigtem
Fahren mit bis zum 5-fachen des Körpergewichtes Ungeeignete Sportarten:
und ist ebenfalls in kontrollierter Form erlaubt, da 55 Fußball, Handball, Basketball, Volleyball,
keine erhöhte Lockerungsrate resultiert. Es sollten Squash, Kampfsport, Ringen, Hoch-/
weiche, flache Pisten in weiten Schwüngen und Weitsprung, Tennis (Einzel)
gemäßigtem Tempo gewählt werden. Buckelhänge
(Belastung bis zum15-fachen des Körpergewich-
tes), Carving und überhöhtes Tempo sind absolut
zu meiden. Für Anfänger verbietet sich Skifahren. Literatur
Beim Golf bestehen ein geringes „joint load“ bei
korrekter Technik (bis zum 4,7-fachen des Körper- Bergmann G, Graichen F, Rohlmann A (1993) Hip joint
loading during walking and running, measured in two
gewichtes) und ein geringes Verletzungsrisiko. Es
patients. J Biomech 26(8):969–90
ist besser geeignet für Hüft- als für Knieendopro- Engelhardt M, Hörterer H (2016) Sport bei Erkrankungen. In:
thesen, da eine schwungtechnische Mehrbelastung Engelhardt M (Hrsg) Sportverletzungen, 3. Aufl. Urban &
des linken Kniegelenks vorliegt. Modifikationen in Fischer, München
der Schwungtechnik können die Gelenkbelastun- Fernandopulle S, Perry M, Manlapaz D, Jayakaran P (2017)
Effect of land-based generic physical activity inter-
gen erheblich reduzieren. Auf bergigen Plätzen
ventions on pain, physical function, and physical per-
sollte ggf. ein Cart benutzt werden. formance in hip and knee osteoarthritis. A systematic
Tennis ist bedingt geeignet, da teils hohe Belas- review and meta-analysis. Am J Phys Med Rehabil
tungen (bis zum 8,7-fachen des Körpergewichtes 96:773–92
beim Stolpern) bestehen. Doppel ist eher zu emp- Gschwend et al. (2000) Alpine and cross-country skiing
after total hip replacement: 2 cohorts of 50 patients
fehlen als Einzel. Keine Wettkämpfe, Sprints oder
each, one active, the other inactive in skiing, followed
Sprünge! for 5–10 years. Acta Orthop Scand 71(3): 243–249
Mannschaftsballsportarten sind generell Oehler N, Schmidst T, Niemeier A (2016) Endoprotheti-
durch die hohe Verletzungsgefahr, Stop-and-go scher Gelenkersatz und Sport. Sportverl Sportschad
und Sprungbelastungen eher ungeeignet. 30:195–203
Zhang W, Moskowitz RW, Nuki G, Abramson S, Altman RD,
Kraftsportarten, bei denen zum Teil Kräfte bis
 zum 25-fachen des Körpergewichts auf die Gelenke
Arden N, Bierma-Zeinstra S, Brandt KD, Croft P, Doherty
M, Dougados M, Hochberg M, Hunter DJ, Kwoh K,
einwirken, sind ungeeignet. Lohmander LS, Tugwell P (2008) OARSI recommendati-
Im Folgenden werden geeignete und unge- ons for the management of hip and knee osteoarthritis,
eignete Sportarten für Endoprothesenträger Part II: OARSI evidence-based, expert consensus guide-
lines. Osteoarthritis Cartilage 16(2):137–62
­aufgelistet (nach Engelhardt 2016). Auch gezieltes
Krafttraining der Muskeln um die Prothese kann
nützlich sein, sollte aber zunächst unter Anleitung
131

Osteoporose
Jörg Hausdorf und Carl D. Reimers

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1_19
132 J. Hausdorf und C. D. Reimers

? Was ist eine Osteoporose? Knochendichte quantitativ erfasst. Hieraus wird


ein T-Score errechnet, der das Verhältnis zur Kno-
Osteoporose ist eine den ganzen Körper betref- chendichte einer gesunden Population darstellt.
fende Erkrankung des Skelettsystems, charakteri- Liegt dieser Wert unter -2,5 spricht man von einer
siert durch eine verminderte Knochenmasse und Osteoporose, zwischen -1,0 und -2,5 von einer
Strukturveränderung des Knochengewebes mit Osteopenie.
einer gesteigerten Knochenbrüchigkeit, wobei der Das zweite gebräuchliche Messverfahren ist das
innere, bälkchenartig aufgebaute Anteil (Spon- q-CT. Hier wird mittels Computertomographie
giosa) und die härtere Außenschicht (Kortika- auch an der Lendenwirbelsäule der Mineralsalz-
lis) im Verhältnis 3:2 vom Abbau betroffen sind. gehalt des Knochens ermittelt. Dieser Wert ist bei
Es wird in eine primäre und eine sekundäre Form Patienten mit degenerativen Veränderungen an der
unterschieden. Wirbelsäule und/oder Sinterungsfrakturen (Stau-
Die primäre Osteoporose gliedert sich wiede- chungsbrüchen) genauer, da er nicht summativ ist
rum in ein juvenile (jugendliche), postmenopausale wie bei der DEXA. Auch kann die DEXA bei Pro-
(nach Aussetzen der Regelblutung) und eine senile thesen oder Osteosynthesen am Hüftgelenk keine
(Alters-)Form. Sekundäre Osteoporosen können korrekten Werte liefern. Ultraschalluntersuchun-
endokrin (hormonell) bedingt sein, durch Bewe- gen konnten sich noch nicht durchsetzen.
gungs- und Kalziummangel, Malabsorptionsyn- Weitere Bestandteile der Diagnostik sind die
drome (unzureichende Aufnahme von Nährstof- Anamnese, insbesondere in Hinblick auf Frakturen
fen aus der Nahrung im Dünndarm) oder iatrogen in der Vorgeschichte des Patienten, und die Labor-
durch Medikamente entstanden sein. Auch zeigen untersuchung, wo vor allem Kalzium, Vitamin D
Patienten mit Bindegewebs- und rheumatologi- und das Parathormon sowie ggf. weitere Hormon-
schen Krankheiten sowie Homozystinurie (eine konzentrationen untersucht werden. Nicht zuletzt
Stoffwechselkrankheit) sekundäre Osteoporosen. dient die klinische Untersuchung vor allem der Ein-
schätzung der bereits eingetretenen Manifestation
? Wie äußert sich eine Osteoporose? (Ausbreitung) einer Osteoporose, in dem Phäno-
mene wie Progression einer Kyphose (Zunehmen
Das wichtigste Merkmal der Osteoporose sind des Rundrückens), Wirbelkörperklopfschmerz
Frakturen (Brüche), die insbesondere die Wirbel- oder Tannenbaumphänomen (durch das Zusam-
körper und den Oberschenkelhals betreffen, selte- mensinken der Wirbelkörper schrumpft das Kno-
ner in Oberarm oder Unterarm. Darüber hinaus chengerüst, und der Hautmantel fällt in Falten wie
kommt es zu Formveränderungen der Wirbel- ein Tannenbaum) untersucht werden.
körper durch kleine Wirbelkörpereinbrüche. Die
Folge sind eine vermehrte Krümmung der Brust- ? Wie häufig ist eine Osteoporose?
und Lendenwirbelsäule und ein Verlust an Kör-
pergröße. Die Wirbelkörpereinbrüche können Die Osteoporose ist die häufigste Stoffwechsel-
zu akuten Schmerzen führen. Weit häufiger sind erkrankung der Knochen. Man geht davon aus,
jedoch chronische Schmerzen. Viele Betroffene mit dass in Deutschland etwa 4–6 Millionen Personen
einer Osteoporose beklagen zudem eine vermehrte von einer Osteoporose betroffen sind. Etwa 30 %
Ermüdbarkeit bei längerem Stehen und Gehen und aller Frauen entwickeln nach der Menopause eine
Rückenschmerzen. Osteoporose. Frauen sind etwa 2- bis 3-mal häufi-
ger betroffen als Männer. Etwa 80 % der Erkrank-
? Wie wird eine Osteoporose diagnostiziert? ten sind Frauen. Die Inzidenz (Häufigkeit) liegt
 bei ca. 1,9 %, dies ergibt eine Neuerkrankungsrate
Die wichtigste Untersuchung ist die Knochendich- in Deutschland von 2,3 % bzw. 768.000 Menschen
temessung, die unterschiedlich erfolgen kann. Am jährlich. In Deutschland kommt es bei Frauen
häufigsten wird die DEXA (Dual Energy X-ray durch Osteoporose jährlich zu etwa 200.000 Wir-
Absorptiometry) angewendet, die mittels niedrig belkörperfrakturen und zu etwa 120.000 Schenkel-
dosierter Röntgenstrahlen an den zwei Haupt- halsfrakturen. Die Sterblichkeit unter Menschen
gefahrzonen, Wirbelsäule und Schenkelhals, die mit Osteoporose ist deutlich erhöht.
Osteoporose
133 
? Wie entsteht eine Osteoporose? Weise eine gewisse Reserve an Knochengewebe
erwerben, von dem man im zunehmenden Lebens-
Während des gesamten Lebens kommt es zu alter, wenn es zu einem allmählichen Verlust an
einem Ab- und Aufbau von Knochen. Eine Osteo- Knochenmasse kommt, als Reserve profitieren
porose entwickelt sich dann, wenn der Abbau den kann. Ein nennenswerter späterer Aufbau von Kno-
Aufbau überwiegt. Ein wesentlicher Faktor für die chenmasse ist nämlich praktisch nicht möglich.
Entwicklung einer Osteoporose ist das Lebens- Besonders wichtig sind kurzdauernde stärkere
alter, da mit zunehmendem Lebensalter auch der Belastungen der Knochen in der Schulzeit, d. h.,
Knochen gewisse Abbauprozesse erfährt, die mit Wachstumsphase.
einer Verminderung der Knochendichte einherge- Auch im Erwachsenenalter gehört ausreichende
hen. Diese Veränderungen machen sich vor allem körperliche Aktivität mit regelmäßigen Impulsbe-
ab den Wechseljahren bemerkbar. Der Verlust an lastungen für den Knochen, Muskeltraining und
Knochenmasse in der Lendenwirbelsäule und am Koordinationsübungen als wichtigste Maßnahme
Oberschenkelhals beträgt 1 % pro Jahr bei Frauen. zum Vorbeugen einer Osteoporose. Die Muskel-
Dies ist deutlich abhängig vom Lebensstil und masse korreliert eng mit der Knochendichte. Es
stark abhängig vom Alter (50–54 Jahre: 6 %; über konnte bei völlig fehlender muskulärer Belastung
74 Jahre: 34 %). (Bettlägerigkeit, Astronauten in der Schwerelosig-
Weitere Risikofaktoren für die Entwicklung keit) eine Abnahme der Knochendichte von bis
einer Osteoporose sind das weibliche Geschlecht, zu 1 %/Woche beobachtet werden. Als weiterer
ein Östrogenmangel, eine früh eintretende Meno- Lebensstilfaktor ist die Ernährung ein wichtiger
pause, hagerer Körperbau, Bewegungsman- Bestandteil der Osteoporoseprophylaxe. So gehört
gel, niedrige Kalziumzufuhr und hoher Konsum die Osteoporose zu den wenigen Erkrankungen, bei
an Kaffee, Zigaretten, Alkohol und tierischen denen Übergewicht schützend wirkt. So wird ein
­Eiweißen. Frauen, die nie geboren haben, haben BMI von über 20 kg/m2 empfohlen. Bei der Ernäh-
ein höheres Risiko als diejenigen, die Kinder rung sollte auf eine ausreichende Kalziumzufuhr
geboren haben. Auch Hormonerkrankungen geachtet werden. Diese sollte bei ca. 1.000 mg/Tag
­(Schilddrüsenüberfunktion, Zuckerkrankheit), liegen. Das kann durch 200 ml Milch, 40 g Hartkäse,
Vitamin-D-Mangel, Erkrankungen des Darmes einen Joghurt und eine Portion grünes Gemüse
mit— verminderter Aufnahme von Nahrungsstof- (vorzugsweise Grünkohl, Wirsing, Mangold, Spinat
fen, ­vegetarische Kost, bestimmte Medikamente (z. o. ä.) einfach erreicht werden. Bei Ernährungsdefi-
B. Glukokortikoide) und rheumatische Erkrankun- ziten sollte eine Supplementation (Zufuhr als Nah-
gen stellen ­Risikofaktoren dar. Ein besonders wich- rungsergänzungsmittel) erfolgen. Zudem ist auf
tiger Risikofaktor ist der Bewegungsmangel, da die eine ausreichende Sonnenexposition zu achten, da
Stabilität der Knochen in hohem Maße von der das für den Knochenaufbau wichtige Vitamin D3
­Belastung der Knochen selbst und von der Bean- in der Haut unter UV-B-Strahlung von 7-Dehydro-
spruchung der an ihm ansetzenden Muskeln ist. Cholesterol zunächst in eine Vorform von Vitamin
D3 (Prävitamin D3) und dann durch die Wärme
? Wie verhindert man eine Osteoporose? weiter zu Vitamin D3 umgewandelt wird. Sollte
dies nicht möglich sein, kann auch hier eine Sup-
Zunächst muss zwischen der Prävention und der plementation mit 800–1.000 IE Vitamin D erfol-
Therapie der Osteoporose unterschieden werden. gen. Vorsicht mit Kalzium und Vitamin D-Gaben
Primäres Ziel ist die Verhinderung des Entstehens ist bei Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der
einer Osteoporose. Nebenschilddrüsen), Nierensteinen, Hyperkalzi­
Eine wesentliche Maßnahme zur Verhinde- urie (vermehrte Ausscheidung von Kalzium über
rung einer Osteoporose ist ein bei Eintritt in das den Urin) und aktiven granulomatösen Erkran-
­Erwachsenenalter möglichst stabiles Knochensys- kungen (entzündungsbedingte Knötchenbildung,
tem. Voraussetzung hierfür sind eine ausreichende z. B. Gicht) geboten. Des Weiteren schützt auch eine
Kalziumzufuhr und regelmäßige körperliche Akti- Nikotinkarenz (Nichtrauchen) vor Osteoporose.
vität (Sport), die schon im Kindes- und J­ ugendalter Generell sollte auch die Notwendigkeit von Lang-
beginnen sollte. Man kann sich auf diese Art und zeitgaben bestimmter Medikamente überprüft
134 J. Hausdorf und C. D. Reimers

werden, die eine Osteoporose bedingen können, Schmerzfreiheit zu erzielen. Ansonsten kommen
wie z. B. Glukokortikosteroide (oral und inhalativ), klassische Osteosynthesen vor allem an Wirbel-
Glitazone, Protonenpumpeninhibitoren, Antiepi- säule, Schenkelhals, proximalem Humerus (Ober-
leptika, Antidepressiva und Neuroleptika. armknochen) und am distalen Radius (Speiche)
zum Einsatz. Die Komplikationsrate vor allem im
? Wie behandelt man eine Osteoporose? Sinne von Implantatversagen durch Ausriss und
Lockerung ist im Vergleich zur Normalbevölke-
Sollte jedoch eine manifeste Osteoporose vorliegen, rung deutlich erhöht.
definitionsgemäß bei einem T-Score < 2,5 oder/und
beim Vorliegen von osteoporotischen Frakturen, ? Kann Sport einer bereits bestehenden
muss eine Behandlung erfolgen. Die Behandlung Osteoporose entgegenwirken?
der Osteoporose hat drei wesentliche Säulen:
55 Zum ersten kommen die oben genannten Aus oben genannten Gründen ist dies auf jeden
Methoden und Bausteine zum Zug, sofern Fall zu bejahen. Die sportliche Betätigung kann
sie nicht ohnehin schon eingesetzt werden. bei erfahrenen Sportlern in Eigeninitiative erfol-
Zusätzlich sollen Immobilisationen gen, beim Gros dieser Patientengruppe empfiehlt
vermieden werden. Ab dem 70. Lebensjahr sich zumindest in der Anfangsphase eine professio-
sollte eine jährliche Sturzanamnese erfolgen. nelle Anleitung, z. B. in einer Osteoporosegruppe.
Bei hoher Sturzgefahr ist eine gezielte Suche Empfehlungen zu Trainingsprinzipien leiten sich
und Beseitigung vermeidbarer Sturzursachen aus tierexperimentellen Längsschnittstudien
angeraten. Zudem sollte ein gezieltes und aus Querschnittstudien mit Sportlern unter-
Koordinationstraining erfolgen, Sturzfallen schiedlicher Sportarten ab. Es haben sich Belastun-
im Haushalt sollten konsequent beseitigt gen, die mit hohen muskulären Spannungen ver-
und eventuell Protektoren (Polster) z. B. im bunden sind (Krafttraining, Gewichtheben), und
Hüftbereich getragen werden. gewichtstragende Belastungsformen mit hohen
55 Zum zweiten sind die Kalzium- und Vitamin- axialen Belastungen (z. B. Sprünge), besonders mit
D-Aufnahme/Bildung, wie oben beschrieben, einer variablen Belastungsverteilung, als geeignet
zu beachten. gezeigt, positive Anpassungen am Knochen auszu-
55 Die dritte Säule besteht in der Notwendigkeit lösen. Die Ergebnisse vieler Studien bestätigen die
einer medikamentösen Therapie der Osteo- Bedeutung hoher Reizintensität und raschen Reiz-
porose, sie ergibt sich aus der Leitlinie aufbaus. Derartige Trainingsprogramme können
des DVO (Dachverband Osteologie). In erhebliche Anforderungen an den Bewegungsap-
dieser wird neben der Knochendichte, dem parat und die körperliche Fitness älterer Menschen
Geschlecht und dem Alter des Patienten auch stellen und können bei ungezieltem und unkontrol-
das Vorliegen von Frakturen mit berück- liertem Training mit einem erhöhten Verletzungs-
sichtigt. An Substanzklassen stehen antire- und Arthroserisiko verbunden sein.
sorptive (knochenabbauhemmende) Medika- Im Zusammenhang mit der Forderung nach
mente wie Bisphosphonate, SERMs (selektive hoher Reizintensität bzw. raschem Reizauf-
Östrogenrezeptormodulatoren), Denosumab bau besitzt die Beachtung trainingsmethodi-
(Antikörper, der hemmend in den Knochen- scher Grundsätze einen hohen Stellenwert. Ein
abbau eingreift) oder osteoanabole (knochen- ­langfristiger, progressiver Belastungsaufbau, der
aufbaufördernde) Medikamente wie Parat- die Osteoporose-Patienten vorsichtig an höhere
hormon-Analoga oder Strontium (anabol und Belastungsreize heranführt, erscheint sinnvoll. Als
 antiresorptiv) zur Verfügung. methodische Grundsätze im Rahmen eines Trai-
nings mit dem Ziel des Erhalts bzw. der Steigerung
Bei Vorliegen von Knochenbrüchen sind unter der Knochenmasse können neben dem Prinzip des
Umständen operative Maßnahmen erforderlich. „langfristigen Belastungsaufbaus“ einige weitere
Bei eingebrochenen Wirbelkörpern besteht die Trainingsprinzipien dienen. Nachstehend finden
Möglichkeit, minimal invasiv Knochenzement sich die Trainingsprinzipien, die Kemmler et al.
einzubringen und damit sofortige Stabilität und (2003) zusammengestellt haben.
Osteoporose
135 

Trainingsprinzipien bei Osteoporose Compliance verminderte Reizwirksamkeit


und stagnierende Leistungsentwicklung.
1. Prinzip der optimalen Relation von Auf mechanischer Ebene steht dieses
Belastung und Erholung Trainingsprinzip eng mit der bereits
Ein neuerlicher Trainingsreiz soll nach diskutierten Forderung nach „ungewohnter
vollständiger Regeneration erfolgen bzw. Belastungsverteilung“ in Verbindung.
nicht erst, wenn die Spuren der vorausge-
gangenen Belastung völlig verwischt sind. 4. Prinzip des periodischen
Die Höhe der Ermüdung bzw. die Länge der Trainingsaufbaus
Wiederherstellung ist dabei vom Grad des Derzeit liegt unseres Wissens keine Studie vor,
Reizumfanges und der Reizintensität, vom die den Effekt eines periodisierten Trainings-
Trainingszustand sowie anderen exogenen programms (ein bestimmtes Trainings-
und endogenen Faktoren wie z. B. dem programm über bestimmte Zeiträume, das
Lebensalter abhängig. Dies kann individuell dann durch ein anderes abgelöst wird, z. B.
stark variieren und kann letztendlich nur mit anderen Intensitäten, Pausenlängen oder
durch Eigenwahrnehmung der Belastungs- Wiederholungen, im Gegensatz zu einem
reaktion vom Individuum selbst oder durch kontinuierlich gleichbleibenden Training) bei
den das Training begleitenden Therapeuten untrainierten Menschen im mittleren bis hohen
festgelegt werden. Neben dem bereits Lebensalter untersucht. Grundsätzlich sind
diskutierten negativen Einfluss einer (zu) periodisierte Trainingsprogramme bezüglich
geringen Trainingshäufigkeit zeigt sich, dass der Kraftentwicklung Belastungsregimen ohne
die negativen Ergebnisse einiger Interven- Periodisierung überlegen.
tionsstudien möglicherweise auf eine zu
hohe Reizhäufigkeit und/oder zu hoher 5. Prinzip der Altersgemäßheit und
Reizintensität zurückzuführen sind. Individualität
Innerhalb der Trainingsplanung
2. Prinzip der progressiven und -durchführung muss die altersabhängige
Belastungssteigerung biologische Leistungsfähigkeit des
Bleibt die Trainingsbelastung über längere Individuums Berücksichtigung finden.
Zeit gleich, sinkt der Belastungsreiz aufgrund Insbesondere im höheren Alter müssen einige
des erhöhten funktionellen Niveaus des Besonderheiten beachtet werden:
Übenden. Hier hilft nur eine progressive 44 Aufgrund ihrer herabgesetzten
(stufenweise) Steigerung der Belastung. Der Reagibilität sind ältere Menschen rascher
von verschiedenen Autoren beobachtete ermüdbar.
Plateaueffekt (nicht weiter steigende) 44 Messgrößen der Trainingssteuerung wie
der Knochendichtezunahme nach 9- bis Herzfrequenz und Blutdruck müssen
12-monatigem Trainingszeitraum hängt aufgrund verlangsamter Reaktion auf
möglicherweise mit dem Umstand zusammen, Belastung anders beurteilt werden als
dass die Trainingsbelastung im Verlauf beim jungen Menschen.
nicht oder nicht deutlich genug gesteigert 44 Regenerationsvorgänge laufen beim
wurde. Tierexperimentelle Untersuchungen älteren Menschen verlangsamt ab.
bestärken die Forderung nach progressiver
Belastungssteigerung.
Insgesamt scheinen Sportarten mit hohen axialen
3. Prinzip der Variation der (senkrecht auf das Skelett einwirkenden) Belas-
Trainingsbelastung tungen besonders effektiv zu sein, da sie enorme
Langfristiges monotones Training mit Knochendichtezuwachsraten aufzeigen. Professio-
dauerhaft gleichen Trainingsinhalten nelle Gewichtheber weisen an Hüfte und lumbaler
und Trainingsmethoden bewirkt neben Wirbelsäule je nach Studie zwischen 12–13 % bzw.
einer negativen Beeinflussung der 23–46 % höhere Werte als nicht trainierende Ver-
gleichsgruppen auf.
136 J. Hausdorf und C. D. Reimers

Grundsätzlich ist ein Krafttraining zur Osteo- 15–20 Wiederholungen, 60–65 % des 1-Wieder-
poroseprophylaxe wirksamer als ein aerobes Aus- holungsmaximums) durchführen. Es sollte mög-
dauertraining ohne Gewichtsbelastung (Radfah- lichst mindestens 2-mal pro Woche mit mindestens
ren oder Schwimmen). Bei sehr hohen Trainings- einem Pausentag zwischen den Trainingseinheiten
umfängen, die im Alter allerdings kaum erreicht absolviert werden. Ausgesprochen wünschenswert
werden dürften, kann sogar ein Knochenabbau ist ein Kräftigungstraining der Rumpfmuskulatur.
stattfinden. Rasches Gehen wirkt sich jedoch Ein Gleichgewichtstraining (z. B. Balance-Bretter,
zumindest auf die Knochendichte des Oberschen- Trampolin, Tanzen, Tai Chi) wirkt sich günstig auf
kelknochens günstig aus, hat jedoch keine Effekte das Sturzrisiko aus.
auf die Knochendichte der Wirbelsäule. Läufer
haben eine höhere Knochendichte als eine nicht ? Darf man mit einer Osteoporose Sport
laufende Vergleichsgruppe. Schwimmen hat zwar treiben?
keinen bedeutsamen positiven Einfluss auf die
Knochenmasse, kann aber die muskuläre Funk- Bei fortgeschrittener Osteoporose und bereits
tion verbessern und das Sturzrisiko reduzieren. Am bestehenden Frakturen, insbesondere der Wir-
günstigsten zumindest für den von osteoporoti- belsäule, ist bezüglich Sportarten mit plötzlichen
schen Frakturen häufig betroffenen Oberschenkel- ­stärkeren Belastungen auf die Knochen natür-
knochen ist ein mäßiggradiges bis intensives Kraft- lich Vorsicht geboten. Sportliche Betätigung ohne
training der Oberschenkelmuskeln (70–90 % des plötzliche Belastung der Knochen wie Gehen,
1-Wiederholungsmaximums) mit niedrigen Wie- ­R adfahren oder Schwimmen können und sollen
derholungszahlen. Ein Krafttraining der Rücken- ­selbstverständlich praktiziert werden. Die übrigen
muskulatur verringert das Risiko von Wirbel- Sportarten sind mit dem behandelnden Arzt zu
frakturen. Durch Krafttraining allein wird häufig besprechen. Sportarten mit Sturzrisiko sind zu
das Gleichgewicht verbessert und das Sturzrisiko meiden.
reduziert, dies lässt sich aber durch spezifisches
propriozeptives Training (Körpergefühl steigern-
des Training, z. B. Übungen auf Weichbodenmatte Literatur
etc.) deutlich intensivieren. Auch Tai Chi kann das
Sturzrisiko bei bereits osteoporotischen postmeno- Karlsson MK, Johnel, O, Obrant KJ (1993) Bone mineral den-
sity in weight lifters. Calcif Tissue Int 52:212–215
pausalen Frauen reduzieren. Einen günstigen Effekt
Kemmler W, von Stengel S (2016) Osteoporose. In: Mooren
auf die Knochenmasse hat auch ein Training mit F, Knapp G, Reimers CD (Hrsg.) Prävention und Thera-
Ganzkörpervibrationen (30 Hz, 0,3 G, 20 Minuten, pie durch Sport. Band 3: Orthopädie, Rheumatologie,
3-mal pro Woche). Immunologie, 2. Aufl. Urban & Fischer, München, S.
Summarisch kann man mit körperlichem Trai- 21–48
Kemmler W, Engelke K, Weineck J, Hensen J, Kalender WA
ning das Frakturrisiko größenordnungsmäßig um
(2003) The Erlangen Fitness Osteoporosis Prevention
bis zu 50 % in 20 Jahren reduzieren. Study: a controlled exercise trial in early postmeno-
pausal women with low bone density-first-year results.
? Welche Sportarten werden empfohlen? Arch Phys Med Rehabil 84(5):673–82
Leitlinien der DVO (2014) http://www.dv-osteologie.org/
dvo_leitlinien/osteoporose-leitlinie-2014
Bei noch nicht manifesten Frakturen (Osteoporose
Pedersen BK, Saltin B (2015) Exercise as medicine - evidence
ohne Vorliegen von Brüchen) wird ein mäßig inten- for prescribing exercise as therapy in 26 different chro-
sives bis intensives Krafttraining als Prophylaxe nic diseases. Scand J Med Sci Sports 25 Suppl 3:1–72
empfohlen. Dies sollte mit 70–90 % des 1-Wieder- Preisinger E (2009) Physiotherapy and exercise in osteopo-

 holungsmaximums mit Erholungszahlen von 8–12 rosis and its complications. Z Rheumatol 68(7):534–6
Sabo D, Reiter A, Pfeil J, Güßbach A, Niethard FU (1996)
pro Übung und 3–4 Sätzen möglichst 2- bis 3-mal
Beeinflussung der Knochendichte durch extreme kör-
pro Woche durchgeführt werden. Ältere Personen perliche Belastung. Z Orthop Ihre Grenzgeb 134:1–6
und vor allem solche mit kardialen Vorschädigun- Zhao R, Zhao M, Xu Z (2015) The effects of differing resistan-
gen (Herzerkrankungen) sollten dauerhaft, zumin- ce training modes on the preservation of bone mineral
dest jedoch in den ersten 3 Monaten, zunächst ein density in postmenopausal women: a meta-analysis.
Osteoporos Int 26(5):1605–18
moderates, eher auf viele Wiederholungen als
auf hohe Belastung ausgelegtes Krafttraining (ca.
137

Serviceteil
Wichtige Anschriften – 138

Glossar – 140

Stichwortverzeichnis – 143

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018


C. D. Reimers, A. Straube, K. Völker (Hrsg.), Patienteninformationen Sport
in der Neurologie – Empfehlungen für Ärzte,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-56539-1
138

Wichtige Anschriften

Sportorganisationen Deutsche Arthrose-Hilfe e. V.


Verein zur Bekämpfung der Arthrosekrankheit
Neue-Welt-Straße 4–6
Deutscher Behindertensportverband (DBS) e.V.  – 66740 Saarlouis
Im Hause der Gold-Kraemer-Stiftung – e-mail: service@arthrose.de
Tulpenweg 2–4 Internet: www.arthrose.de
50226 Frechen-Buschbell
e-mail: info@dbs-npc.de Bundes- und Kreisgeschäftsstelle des CSG e.V.
Internet: www.dbs-npc.de (Cluster-Kopfschmerz)
CSG-Deutschland
Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prä- Clemensstr. 37
vention (Deutscher Sportärztebund) e.V. 52525 Waldfeucht-Braunsrath
Klinik Rotes Kreuz e-mail: bundesgeschaeftsstelle@clusterkopf.de
Königswarter Straße 16 Internet: www.clusterkopfschmerz.de
60316 Frankfurt/Main
e-mail: dgsp@dgsp.de Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V.
Internet www.dgsp.de Albrechtstraße 9
10117 Berlin
Deutscher Olympischer Sportbund e.V. e-mail: info@ddg.info ­
Medien- und Öffentlichkeitsarbeit Internet: www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
Otto-Fleck-Schneise 12
60528 Frankfurt am Main Epilepsie-Stiftung STIFTUNG MICHAEL e.V.
e-mail: office@dosb.de Alsstraße 12
Internet www.dosb.de 53227 Bonn
e-mail: post@stiftung-michael.de
Internet: www.stiftungmichael.de
Medizinische Fachgesellschaften
und Selbsthilfegruppen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V.
Bundesverband
Waidachshofer Straße 25
Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V. 74743 Seckach
Geschäftsstelle e-mail: info@fibromyalgie-fms.de
Fraunhoferstr. 5 Internet: w
­ ww.fibromyalgie-fms.de
82152 Martinsried
e-mail: mail@adipositas-gesellschaft.de Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL®
Internet: www.adipositas-gesellschaft.de Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und
Prävention
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Berliner Str. 46
Selbsthilfe Demenz 69120 Heidelberg
Friedrichstr.236 e-mail: info@hochdruckliga.de
10969 Berlin Internet: www.hochdruckliga.de
e-mail: info@deutsche-alzheimer.de
Internet: www.Deutsche Alzheimer.de
139
Wichtige Anschriften

Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische


Irenenstraße 1 Sportmedizin (GOTS)
65189 Wiesbaden GOTS Geschäftsstelle
e-mail: info@dgim.de Breite Straße 10
Internet: www.dgim.de 07749 Jena
e-mail: info@gots.org
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie e.V. Internet: www.gots.org
Grafenberger Allee 100
40237 Düsseldorf Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e.V.
e-mail: info@dgk.org (BfO)
Internet: www.dgk.org Kirchfeldstraße 149
40215 Düsseldorf
Deutsche Migräne und Kopfschmerz-Gesellschaft e-mail: info@osteoporose-deutschland.de
(DMKG) Internet: www.osteoporose-deutschland.de
Geschäftsstelle
Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein Deutsche Parkinson Vereinigung e.V.
Ölmühlweg 31 e-mail: bundesverband@parkinson-mail.de
61462 Königstein im Taunus Internet: www.parkinson-vereinigung.de
e-mail: info@dmkg.de
Internet: www.dmkg.org Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psycho-
therapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.
MigräneLiga e.V. Deutschland (DGPPN)
Kurpfalz-Centrum - Bürohaus 10 Reinhardtstraße 27 B
Römerstraße 2–4 10117 Berlin
69181 Leimen e-mail: sekretariat@dgppn.de
e-mail: lucia.gnant@migraeneliga.de Internet: www.dgppn.de
Internet: www.migraeneliga.de
Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe e.V.
Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Schulstraße 22
­Bundesverband e.V. 33311 Gütersloh
Krausenstr. 50 e-mail: info@schlaganfall-hilfe.de
30171 Hannover Internet: www.schlaganfall-hilfe.de
e-mail: dmsg@dmsgde
Internet: www.dmsg.de Deutsche Schmerzgesellschaft e.V.
Bundesgeschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. Alt-Moabit 101 b
Reinhardtstr. 27 C 10559 Berlin
10117 Berlin e-mail: info@dgss.org
e-mail: info@dgn.org Internet: www.dgss.org
Internet: www.dgn.org

Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Ortho-


pädische Chirurgie e. V. (DGOOC)
Geschäftsstelle der DGOOC
Straße des 17. Juni 106–108
10623 Berlin
e-mail: info@dgooc.de
Webseite: www.dgooc.de
140

Glossar

1-Wiederholungsmaximum (1-RM (repetition maxi- ohne Sauerstoff, muss aber mit dem „Schlackenstoff“
mum))   Die Last, die bei korrekter Bewegungsausführung Milchsäue (Laktat) leben. Der Muskel wird je nach Intensität
bei maximaler Anstrengung einmal bewegt werden kann. schneller oder langsamer „sauer“, und die Belastung muss
Näherungsweise lässt sich das 1-RM nach Rühle (1992) abgebrochen oder zumindest reduziert werden. Nach der
wie folgt errechnen: 1 maximal mögliche Wiederholung Belastung wird der fehlende Sauerstoff „nachgeliefert“ und
(Wdh.) = 100 %, 2 Wdh. = 95 %, 3–4 Wdh. = 90 %, 5–6 Wdh. die Milchsäure wieder abgebaut, was aber in Abhängigkeit
= 85 %, 7–8 =Wdh. 80 %, 9–10 Wdh. = 75 %, 11–13 Wdh. = von der Höhe der Milchsäurekonzentration 20–40 Minuten
70 %, 14–16 Wdh. = 65 %, 17–20 Wdh. = 60 % und 21–24 dauern kann.
Wdh. = 55 % des 1-RM.
Beweglichkeit   Aktiv durch eigene Muskelkraft verfügba-
Aerobes Training   Niedrig bis mäßig dosiertes Ausdauer- rer Bewegungsumfang eines Gelenkes oder einer Gruppe
training, bei dem jederzeit so viel Sauerstoff von der Lunge von Gelenken.
und dem Herz-Kreislauf-System in die Muskulatur geliefert
wird, dass es dem Bedarf dort entspricht und keine über- Beweglichkeitstraining   Training zur Steigerung der
schüssige Milchsäure als Stoffwechselprodukt gebildet wird ­Gelenkbeweglichkeit durch Dehnübungen.
(der Muskel wird nicht „sauer“). Mäßige Belastung: 64–76 %
der maximalen Herzfrequenz, 40–59 % der Herzfrequenz- Borg-Skala   Subjektiv empfundene Anstrengung auf einer
reserve, 12–13 Punkte der Borg-Skala. Hohe Belastung: Skala zwischen 6 und 20. Die Skala orientiert sich an der
77–95 % der maximalen Herzfrequenz, 60–89 % der Herz- Schwankungsbreite der Herzfrequenz junger Erwachsener
frequenzreserve, 14–17 Punkte der Borg-Skala. von 60/Minute in Ruhe und 200/Minute bei maximaler Be-
lastung (. Tab. 1).
Anaerobes Training   Intensives Training (Ausdauer- oder
Krafttraining, bei dem in der Muskulatur so viel Sauerstoff Dynamisches – statisches Training   Bei dynamischem
verbraucht wird, dass die Lunge und das Herz-Kreislauf- Muskeltraining ändert sich die Muskellänge bei gleich-
System nicht gleichzeitig ausreichend Sauerstoff für den bleibender Belastung während der Muskelkontraktion
Stoffwechsel liefern können. Der Muskel verbrennt Zucker (isotonische Kontraktion). Man kann dabei zwei Formen

. Tab. 1  Borg-Skala

Borg-RPE-Skala Subjektives Anstrengungsempfinden Atmung Leistung [Watt]

6 Überhaupt nicht anstrengend Sehr ruhig und tief

7 Sehr, sehr leicht

8 Extrem leicht < 25

9 Sehr leicht Sehr ruhig

10 25–50

11 Leicht Ruhig

12 50–75

13 Etwas anstrengender Leicht forciert 75–100

14

15 Anstrengend/schwer Forciert und vertieft 100–125

16

17 Sehr anstrengend/sehr schwer Forciert und eng 125–150

18

19 Sehr, sehr anstrengend Sehr forciert/sehr eng > 150

20 Maximale Anstrengung
141
Glossar

unterscheiden: Der Muskel verkürzt sich während der satz relativ höher als der notwendige Krafteinsatz bei der
Kontraktion (konzentrische Kontraktion), oder der Muskel Durchführung einer trainierten Bewegung. Eine verbesser-
verlängert sich, weil die Last größer ist als die Kraft des Mus- te Koordination kann auch helfen, Stürze zu vermeiden.
kels (exzentrische Kontraktion, nur für sehr gut trainierte
Sportler geeignet!). Bei statischem Muskeltraining erzeugt Maximale Herzfrequenz   Bei körperlicher Aktivität
der Muskel nur Spannung, ohne dass sich die Muskellänge ­ aximal erreichbare Herzfrequenz, näherungsweise mit
m
ändert (isometrisch). Bei statischen B­ elastungen sind die den Formeln 220 – Alter oder 208 – (0,7 × Alter) bestimmbar.
Gefäße im Muskel zum Teil komprimiert (abgedrückt), der
Muskel arbeitet dann anaerob und erzeugt einen hohen Metabolisches Äquivalent (MET)   Energieverbrauch in
Gefäßwiderstand, was den Blutdruck deutlich ansteigen körperlicher Ruhe (beim Sitzen, Sauerstoffverbrauch etwa
lässt. Schließlich gibt es noch eine Kombination aus einer 3,5 ml/kg Körpermasse/Minute bzw. 1 kcal/kg Körpermas-
isotonischen und isometrischen Kontraktion (auxotonische se/Stunde). Die Belastungsintensität bei Ausdauertraining
Kontraktion). Beim Heben etwa eines Wasserkastens er- wird üblicherweise als Vielfaches der Belastung bei ruhi-
zeugt der Muskel erst so viel Spannung, dass er das G ­ ewicht gem Sitzen angegeben (. Tab. 2). Leichte körperliche Ak-
des Kastens kompensieren kann (isometrisch), dann erfolgt tivität entspricht weniger als 3 MET, mittlere 3–6 MET und
die isometrische Kontraktion mit Verkürzung des Muskels. hohe über 6 MET. Ein alternatives Maß ist der Energiever-
brauch (. Tab. 3). Weniger als 4 kcal/Minute entsprechen
Herzfrequenz   Zahl der Herzschläge pro Minute. einer leichten Belastung, 4–7 kcal/Minute einer mäßigen
und mehr als 7 kcal/Minute einer intensiven Belastung.
Herzfrequenzreserve   Maximal mögliche Herzfrequenz
bei maximaler körperlicher Belastung minus Herzfrequenz Muskelkraft   Fähigkeit des Muskels, Kraft zu entwickeln.
in körperlicher Ruhe. Die Muskelkraft ist abhängig von Muskelquerschnitt: Je
größer der Muskelquerschnitt, umso höher die Kraft.
Intervalltraining   Training, bei dem sich Belastungs-
phasen und Phasen niedrigerer Belastung oder Ruhe Prävention   Unter Prävention (Vorbeugung) versteht man
­abwechseln. in der Medizin Maßnahmen zur Krankheitsvorbeugung.
Man unterscheidet vier Formen: Primär-, Sekundär-, Terti-
Hochintensives Intervalltraining   Sehr hohe Belastung (≥ är- und Quartärprävention (lateinisch: primus = der Erste,
90 % der maximalen Sauerstoffaufnahme) für wenige Sekun- secundus = der Zweite, tertius = der Dritte, quartus = der
den bis 4 Minuten im Wechsel mit aktiven Erholungsphasen Vierte). Die Primärprävention betreiben Gesunde. Sie hat
(maximal 40–50 % der maximalen Sauerstoffaufnahme). das Ziel, die Gesundheit zu fördern und Krankheiten zu ver-
hindern, bevor erste Krankheitszeichen bestehen (Beispiel:
Kardiorespiratorische Fitness   Größenordnung der Fähig- Sport treiben, um nicht übergewichtig zu werden, solange
keit des Herz-Kreislauf-Systems und der Lunge, die arbei- man noch schlank ist). Sekundärprävention beschreibt
tenden Muskeln bei Belastung mit Sauerstoff zu versorgen. Maßnahmen für Personen mit Risikofaktoren. Sie sollen
das Fortschreiten einer bestehenden Erkrankung durch
Körperliche Aktivität   Alle körperlichen Bewegungen, Frühdiagnostik und frühzeitige Behandlung verhindern
die mit einem Energieverbrauch einhergehen (aktive (Beispiel: Krebsvorsorgeuntersuchungen). Tertiärpräven-
­Bewegungen). tion betrifft bereits Erkrankte, sie umfasst Maßnahmen zur
Verringerung der Schwere, Ausweitung und Wiederholung
Kombiniertes Training   Kombination eines Ausdauer- und bereits manifest gewordener Erkrankungen (Beispiel: Be-
Krafttrainings. handlung einer Zuckerkrankheit mit Insulin, um Spätfolgen
zu verhindern, oder die Einnahme von ASS nach einem
Krafttraining   Training zur Steigerung der Muskelkraft und Schlaganfall, um das Risiko eines neuen Schlaganfalles
muskulären Ausdauer, definiert durch die Last, die Zahl der zu reduzieren). Der Begriff der Quartärprävention betrifft
Wiederholungen, die Zahl der Sätze (Serien) und Pausen ebenfalls schon Erkrankte. Er ist wenig gebräuchlich, wenn
zwischen den Sätzen. Kraftausdauertraining: mäßige Belas- auch der dahintersteckende Sinn sehr bedeutsam ist, näm-
tung 50–69 % des 1-Wiederholungsmaximums, 15–30 Wie- lich die Vermeidung von Gesundheitsschäden durch Ver-
derholungen, 1–3 Sätze; submaximales Krafttraining: inten- hinderung unnötiger oder gar schädlicher medizinischer
sive Belastung: 70–84 % des 1-Wiederholungsmaximums, Maßnahmen (Beispiel: Vermeidung nicht sinnvoller Opera-
8–10 Wiederholungen, 1–3 Sätze; Maximalkraft-Training tionen oder Medikamenteneinnahmen).
95–100 % des 1-Wiederholungsmaximums, 1–3 Wieder-
holungen, 1–3 Sätze (Letzteres findet zumeist nur im Leis- Sport   Körperliche Bewegung, Spiel und Wettkampf, die
tungssport Anwendung). nicht in erster Linie der Warenproduktion, kriegerischen
Kampfhandlungen, dem Transport von Gegenständen oder
Kognition   Die Kapazität, abstrakte, sprachliche, gedächt- der alleinigen Ortsveränderung zu dienen.
nisrelevante, Raum-Orientierungs-relevante (also neuro-
psychologische) Aufgaben zu lösen. Training   Systematische geplante Bemühung, die körperli-
che Leistungsfähigkeit zu steigern. Durch körperliches Trai-
Koordination   Genauigkeit der Bewegungsdurchführung. ning können alle fünf motorischen Hauptbeanspruchungs-
Zu Beginn des Erwerbes einer neuen sportlichen Fähigkeit formen trainiert werden: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit,
ist die Bewegungsdurchführung ungenau und der Kraftein- Koordination und Beweglichkeit. Unterscheidungskriterien
142 Glossar

von Training sind: allgemein oder lokal (allgemein heißt, es angesprochen werden); aerob oder anaerob (je nach Ver-
wird der ganze Körper oder mehr als 1/6 bis 1/7 der Körper- sorgungslage des Muskels mit Sauerstoff ); dynamisch oder
muskulatur angesprochen, lokal, wenn nur kleine Muskel- statisch (kontinuierliche, sich wiederholende Bewegungen
gruppen von weniger als 1/6 bis 1/7 der Körpermuskulatur oder bewegungslose Haltearbeit).

. Tab. 2  Anhaltspunkte für die Belastungsintensität für einige körperliche Aktivitäten. (Nach Ainsworth et al.
20111, dort über 800 Aktivitäten gelistet“)

Leichte körperliche Aktivität Mäßige körperliche Aktivität Intensive körperliche Aktivität


(präventiv nicht oder wenig (präventiv mäßig wirksam, 3,0–6,0 MET, (präventiv sehr wirksam, > 6,0 MET,
wirksam, < 3,0 MET, < 4 kcal/Min) 4–7 kcal/Min) > 7 kcal/Min)

Berufliche und Haushaltstätigkeiten und sonstige Tätigkeiten

Staubwischen, Müllbeseitigung, Schrubben auf den Knien, Auto Arbeit im Bergwerk, Arbeit in der
Betten beziehen, Aufräumen, Essen waschen, Malerarbeiten, Pflege alter Forstwirtschaft
bereiten, Einkaufen, Musizieren Menschen, Umgraben, Rasenmähen,
(außer Posaune und Schlagzeug), landwirtschaftliche Arbeit, Musizieren
Sexualverkehr (Posaune, Schlagzeug)

Sportliche Aktivitäten

Gehen < 4,2 km/h, Kanu oder Gehen < 7,2 km/h, Radfahren < Jogging, Radfahren > 16 km/h,
Rudern < 6,2 km/h, Billard, Frisbee 6 km/h, Fahrradergometertraining Fahrradergometertraining >
50–125 Watt, langsames Schwimmen, 125 Watt, Kanu oder Rudern >
Wildwasserkanu, Tanzen (Disco, 6,2 km/h, Kraul- und rasches
klassisch, lateinamerikanisch), Schwimmen, Aquajogging,
Badminton, Tischtennis, Tennis im Skilanglauf, Step Aerobics,
Doppel, Volleyball, Curling, Reiten, Wettkampf-Badminton, Ultimate
Golf, Tai Chi, leichtathletische Wurf- Frisbee, Tennis, Squash, Basketball,
und Sprungdisziplinen Boxen, andere Kampfsportarten,
Fußball, Handball, Seilhüpfen

. Tab. 3  Anhaltspunkte für den


Aktivität Maximaler Energiever-
Energieverbrauch bei üblichen
brauch pro Stunde [kcal/h]
Bewegungsarten
Gehen (3 km/h) 190

Gehen (6 km/h) 280

Laufen (9 km/h) 600

Laufen (12 km/h) 700

Radfahren (15 km/h) 400

Radfahren (20 km/h) 600

Schwimmen (1,2 km/h, Brust) 330

Schwimmen (1,5 km/h) 400

Schwimmen (2,5 km/h) 700

Tennis (sportliches Einzel) 600

Tischtennis 340

1 Ainsworth BE, Haskell WL, Herrmann SD, Meckes N, Bassett DR Jr, Tudor-Locke C, Greer JL, Vezina J, Whitt-Glover MC,
Leon AS (2011) Compendium of Physical Activities: a second update of codes and MET values. Med Sci Sports Exerc
43(8):1575–81. https://doi.org/10.1249/MSS.0b013e31821ece12
143 A– Z

Stichwortverzeichnis

1-Wiederholungsmaximum  80, 114


G P
A Gonarthrose  126
Grundumsatz  10, 90
Parkinson-Syndrom  34
–– idiopathisches  34
Adipositas  41, 90, 126 –– vaskuläres  35
Pressatmung  28, 106–107, 114
Adipositas-Paradoxon  92
Aktivität, gesundheitsfördernde  9 H propriozeptives Training  136
Aktivität, körperliche
Herzfrequenz, maximale  26, 80
–– Definition  9
Alzheimer-Demenz  40
Herzfrequenzreserve  80
hochintensives Intervalltraining
R
Angina pectoris  13, 110–111
(HIIT)  85, 114 Rückenschmerzen  120
arterielle Hypertonie  104
Hüftdysplasie  126
Arteriosklerose  24, 105, 110
Arthrose  126
S
Ausdauertraining, aerobes  63, 78
I Schlaganfall  12, 24

B Inaktivität, körperliche  9, 77
–– Definition  11
Schrittzahl  10
Spannungskopfschmerz  62
–– Folgen  11 sportliche Aktivität, Risiken  13
Belastungsintensität  9
Ischialgie  120 Studientypen
Bewegungsarten
–– epidemiologische Studien  9
–– Energieverbrauch  10
–– Interventionsstudie  8
Bluthochdruck  12, 41, 104
–– deutlich erhöhter  28 K –– Medikamentenstudien  8
–– Metaanalysen  9
–– Schlaganfallrisiko  24 kognitive Störungen  40 –– prospektive Kohortenstudien  8
Body-Mass-Index (BMI)  90, 96 Kopfschmerzen  60 –– randomisierte kontrollierte Stu-
Borg-Skala  29 –– primäre  60 dien  8
–– sekundäre  60 –– Zwillingsstudien  8

C koronare Herzerkrankung  11, 17, 91,


110

Clusterkopfschmerz  62
Koxarthrose  126
Kreuzschmerzen  120
U
Übergewicht  90

D L
Uhthoff-Phänomen  57

Demenz  12, 40
Depression  12, 68
Linksherzhypertrophie  106–107
lokales Lumbalsyndrom  120
V
Diabetes mellitus  12, 28, 41, 91, 96
Vorhofflimmern  25
–– Typ 1  96
–– Typ 2  96
M
Z
E Metabolisches Syndrom  91
Migräne  62 Zwei-Drittel-Regel  113
Multiple Sklerose (MS)  54
Endoprothesen  129
Epilepsie  48

O
F Osteoporose  12, 132

Fatigue  52, 54, 57, 84


Fibromyalgie-Syndrom  76