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archä­o lo gie

Die Geburt
des alten
Ägypten

januar 2014

E volution naturgese t ze Wahrnehmung


Artenexplosion Universalität in komplexen Untrennbare Verschränkung
dank Plankton Systemen unserer Sinne
1/14

Verstecke in
Raum und Zeit
Physiker entwickeln Tarnkappen
aus Metamaterialien
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Editorial

Hartwig Hanser
Redaktionsleiter
hanser@spektrum.com

Autoren in diesem Heft

Sinnesverwirrungen

»M y precious« – mein Schatz – nennt der ebenso abstoßende wie Mitleid erregende Gol-
lum aus J. R. R. Tolkiens Roman »Der kleine Hobbit« den Ring, der seinen Träger un-
sichtbar macht. Wie etwa auch im derzeit laufenden zweiten Teil der Hobbit-Filmtrilogie zu
Der theoretische Astrophysiker
Steven W. Stahler von der Uni­-
versity of California in Berkeley
erleben ist, würde sich eine solche Fähigkeit tatsächlich als höchst wertvoll erweisen. Vom berichtet ab S. 28 über die
mittelalterlichen Nibelungenlied mit Siegfrieds Tarnkappe bis zu klingonischen Raumschif- möglichen Schicksale von
fen und James Bonds Aston Martin in »Stirb an einem anderen Tag« taucht immer wieder die Sternhaufen.
Idee einer Vorrichtung auf, die Dinge oder Personen der optischen Wahrnehmung entzieht.
Lange galt so etwas als Ausgeburt der Fantasie, ohne jede Chance auf Realisierung. Inzwi-
schen haben Forscher jedoch erste Fortschritte auf dem Weg zu funktionsfähigen physikali-
schen Tarnkappen gemacht, über die Robert Schittny und Martin Wegener vom Karlsruher In-
stitut für Technologie (KIT) ab S. 80 berichten. Wobei der Begriff hier neben dem visuellen Be-
reich auch das Abschirmen vor mechanischen Wellen, etwa Schall, sowie vor Wärme umfasst.
Ausgerechnet die klassische, optische Version erweist sich allerdings als am schwierigsten
umzusetzen. Der Grund liegt in der winzigen Wellenlänge des sichtbaren Lichts von unter Ägypten gilt als das Land der
­einem Mikrometer. Tarnkappen benötigen nämlich künstliche Stoffe, deren regelmäßige in- Pharaonen und Pyramiden –
nere Struktur deutlich kleiner ist als die Länge der Wellen, vor denen es sich zu verbergen gilt. doch wie kam das Reich zu
Im Nanometerbereich lassen sich derartige Metamaterialien aber erst seit einigen Jahren Stande? Seine Vorgeschichte
herstellen. Weiter sind die Forscher bei nichtvisuellen Schutzvorrichtungen. Hier zeigen sich erforscht Béatrix Midant-Reynes,
erste konkrete Anwendungsmöglichkeiten. So könnte ein Abschirmen vor Erdbebenwellen Direktorin des Institut Français
Gebäude in gefährdeten Gebieten vor der Zerstörung bewahren. Und mit vergleichbaren d’Archéologie Orientale (IFAO) in
­Methoden ließe sich Wärme um hitzeempfindliche elektronische Bauteile herumleiten. Kairo (S. 48).

Ü berraschende Phänomene bei Sinneswahrnehmungen beschreibt auch der Psychologe


Lawrence D. Rosenblum von der University of California in Riverside. In seinem Artikel
ab S. 24 räumt er mit der althergebrachten Vorstellung auf, das Gehirn würde die einströmen-
den Daten der verschiedenen Sinne in jeweils eigenen Bereichen getrennt verarbeiten. Inzwi-
schen ist klar: Unser Denkorgan arbeitet multisensorisch, indem es unaufhörlich die Infor-
mationen der einzelnen Modalitäten miteinander kombiniert und abgleicht. Das erklärt so
skurrile Beobachtungen wie jene, dass rot gefärbter Orangensaft nach Kirsche schmeckt. Hier Für das Erscheinen einer
sind ebenfalls praktische Umsetzungen der neuen Erkenntnisse absehbar – etwa bei Sprach­ ganz neuen Tierwelt nach dem
erkennungssystemen, die zusätzlich Mundbewegungen analysieren, um bei Hintergrund- Massenaussterben vor
lärm bessere Ergebnisse zu liefern. 250 Millionen Jahren fanden
Und auch bei den faszinierenden Bildern von Eisblüten, die aus abgestorbenen Pflanzen- Ronald Martin von der Uni-
stängeln zu wachsen scheinen (ab S. 36), traut mancher zuerst seinen Sinnen nicht. Tatsäch- versity of Delaware und Anto­
lich entstehen sie durch rein physikalische Vorgänge. Bedingung ist, dass Frost herrscht, aber nietta Quigg von der Texas
kein Schnee den Boden bedeckt. Wenn Sie also demnächst einen Winterspaziergang machen, A&M University eine überra-
halten Sie die Augen offen: Vielleicht entdecken Sie ja eines der vergänglichen Wunderwerke. schende Erklärung (S. 68).

Viel Erfolg wünscht

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · Januar 2014 3


Inhalt

3 Editorial 12 Forschung aktuell

6 Leserbriefe/Impressum Sauerstofftransporter Primzahlzwillinge


nach Maß Ein neuer Zugang zu einer
8 Spektrogramm Neue Lebensräume er- alten Vermutung
Sexuelle Auslese • Erdähnliche Planeten • obern – dank optimiertem
Ein »Gletscher« aus Lava • Schaltkreise Hämo- und Myoglobin Impfen gegen Krebs
drucken mit Halbleiter-Tinte • Eisschmelze Durch die Nase klappt’s
in der Arktis • Bakteriengift löst Neuro­ Kristallstrukturen von nicht
dermitis aus kristallisierbaren Stoffen Springers Einwürfe
Wirtsgitter dienen als Aus die Maus
11 Bild des Monats Hilfsmittel bei der Rönt- Tierversuche verleiten oft
Superhydrophober Schmetterlingsflügel genstrukturanalyse zu falschen Schlüssen

24 ............................................................................................................... biologie & medizin

24 Sinfonie der Sinne


r

Lawrence D. Rosenblum
Unser Wahrnehmungsapparat funktioniert als eng
verflochtenes Netzwerk. Was wir hören, hängt daher in
hohem Maß davon ab, was wir sehen und fühlen.

........................................................................................................ Physik & astronomie

28 Die Kinderstuben der Sterne


Steven W. Stahler
Neue Sonnen werden in Gruppen geboren. Über das
28 weitere Schicksal solcher stellarer Haufen gibt womöglich
die Masse ihrer aus Gas und Staub bestehenden Elternwol-
ke Auskunft.

36 Blüten und Bänder aus Eis


James R. Carter
Wasser kann an Pflanzen zu erstaunlichen Gebilden gefrie-
ren. Die Ursachen sind bislang kaum erforscht.

Schlichting!
46 Himmelskörper im freien Fall
H. Joachim Schlichting
Laien erklären den Flutberg auf der dem Mond zugewand-
56 ten Erdseite meist falsch. Was ist seine wahre Ursache?

.................................................................................................................... Mensch & Kultur

48 Die Geburt des Pharaonenstaats


r

Béatrix Midant-Reynes
Innerhalb eines Jahrtausends wandelte sich Ägypten von
einem Land der Klans zu einem mächtigen Staat.

56 Hierakonpolis – die Stadt des Falken


Joachim Willeitner
Nechen, das die ­Griechen Hierakonpolis nannten, galt den
Ägyptern als der mythische Ursprung ihres Reichs.

4 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


r TITELthema

Metamaterialien 

80 Physikalische Tarnkappen
Robert Schittny, Martin Wegener
Mit Metamaterialien kann man Dinge unsicht-
bar, unhörbar oder unfühlbar machen.

89 Superlinsen und -antennen


Lee Billings
Einige revolutionäre Anwendungen stehen kurz
vor der Marktreife.

60 60 Universelle Gesetze
r

Terence Tao
Naturgesetze für sehr komplizierte Systeme sind häufig
weit gehend unabhängig von den Regeln, die für die
einzelnen Systemkomponenten gelten. Forscher suchen
intensiv nach einer mathematische Begründung für die
jüngst entdeckten unter diesen universellen Gesetzen.

............................................................................................................................ erde & umwelt

68 Plankton – Motor der Evolution


r

Ronald Martin, Antonietta Quigg


68 Nach dem Massenaussterben am Ende des Perm vor
250 Millionen Jahren nahm die Vielfalt der Meerestiere
stark zu. Hierzu trug vor allem ein Entwicklungsschub
Erde
& Umwelt

des Phytoplanktons bei, der Nahrungsbasis dieser Tierwelt.

Chemische Unterhaltungen
74 Lang lebe das Zwischenprodukt!
Roald Hoffmann
Es steht zu Unrecht im Schatten seines prominenteren
Verwandten, des Katalysators.

92 Rezensionen 103 Wissenschaft im Rückblick


Matthias Eckoldt: Kann das Gehirn das Gehirn Vom Urmenschen zur Magensonde
verstehen? • Thomas Nagel: Geist und Kos-
mos • Helmut Satz: Gottes unsichtbare Würfel • 104 Futur III
Hans Werner Ingensiep: Der kultivierte Affe • Alex Shvartsman: Geschichte in Briefen
Karin Schneider-Ferber: Karl der Große • Rudolf
Taschner: Die Zahl, die aus der Kälte kam u. a. 106 Vorschau
Titelmotiv: Robert Schittny, Karlsruher Institut für Technologie
Die auf der Titelseite angekündigten Themen sind mit r gekennzeichnet.

www.spek trum .de 5


leserbriefe

mus bis zu einer subjektivistischen In- dere Vorgänge kennen wir in der Physik
terpretation der bornschen Regel. Trotz- nicht. Es kann sich also nur um die Fra-
dem findet Baeyer zu Schrödingers Kat- ge ­handeln, welche Wellenfunktionen
ze: »Der QBismus löst das Rätsel, indem wir als relevanter für die Katzensitua­
er darauf beharrt, die Wellenfunktion tion erachten. Ich denke, man kann hier
sei keine objektive Eigenschaft der Kat- sehr schnell zu der Überzeugung gelan-
ze in der Kiste, sondern eine subjektive gen, dass uns das Untersuchungsobjekt
Idee des Beobachters.« Die in der Tat letztlich doch mehr ­interessieren wird
­logisch nicht hinnehmbare Aussage, die als die Gefühlslagen irgendwelcher Be-
Katze sei (in ein und demselben Kausal- obachter, die einer subjektivistischen
zusammenhang) zugleich tot und le- Interpretation der Wahrscheinlichkeits­
bendig, kommentiert Baeyer so: »Dass theorie vertrauen.
der Kenntnisstand einer Person die Welt
so oder anders erschafft, ist eine absur- Gunter Berauer, München: Bei den
de, geradezu größenwahnsinnige Idee.« Aussagen des Beitrags von einer neuen
Das ist natürlich richtig. Allerdings Quantentheorie zu sprechen, ist ein we-
weiß ich nicht, wo da der Unterschied nig vermessen. Denn alles, was in dem
zu den vorsätzlich subjektivistischen Beitrag als neu bezeichnet wird, ist eine
Beobachtern des QBismus liegen soll. direkte Folge der alten Kopenhagener
Gar nicht so neu Überdies scheint mir hier die Einsicht Deutung der Quantenmechanik, die
Laut dem theoretischen Teilchenphysi- etwas zu mangeln, dass eine »subjek­ immer noch als Standardinterpreta­
ker Hans Christian von Baeyer gibt tive Idee« genauso wie die Vorgänge im tion gilt. Auch sie kombiniert schon
die Wellenfunktion nur das wieder, was Katzenkasten auf einem objektiven Quanten- und Wahrscheinlichkeits­
ein Beobachter erwartet (»Eine neue mate­riellen Vorgang beruht (in diesem theorie – genauso, wie es der QBismus
­Quantentheorie«, November 2013, S. 46). Fall auf einem objektiven Gehirnvor- tut. Nach Kopenhagen sagt uns die Wel-
gang). An sich müsste leicht zu verste- lenfunktion, mit welchen Wahrschein-
Norbert Hinterberger, Hamburg: Hier hen sein, dass man nicht einfach den lichkeiten bei einer bestimmten Wech-
werden lauter alte Ideen einfach neu ge- ­einen ­Vorgang wellentheoretisch be- selwirkung zwischen Teilen der Welt
mischt – vom Bayesianismus über den handeln kann und den anderen nicht. sich die verschiedenen Werte von Eigen-
Kopenhagener (Quanten-)Antirealis- Beides sind Materieprozesse – und an- schaften manifestieren können. Dabei

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Claus-Peter Sesín, Dr. Michael Springer, Joachim Willeitner. Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen Erhältlich im Zeitschriften- und Bahnhofs­
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6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · Januar 2014


ist die Art der in Betracht gezogenen Es gibt schon Ergebnisse
Wechselwirkung bereits in der Wellen- folgen sie uns
funktion erfasst. Aus diesem Spektrum Gary Taubes sah in den großen Mengen im internet
der Möglichkeiten wählt dann die Natur leicht verdaulicher Kohlehydrate, die
bei der Wechselwirkung durch den Kol- wir zu uns nehmen, die Hauptursache
laps der Wellenfunktion je einen Wert für die weit verbreitete Fettleibigkeit
pro Eigenschaft aus, der so zum Faktum (»Was macht wirklich dick?«, November
www.spektrum.de/facebook
wird. Die vor der Beobachtung beste- 2013, S. 40).
henden Möglichkeiten als gleichzeitig
nebeneinander bestehende Fakten auf- Udo Werner, per E-Mail: Mit Interesse www.spektrum.de/youtube
zufassen, ist unvereinbar mit der Ko- und Vergnügen habe ich die Beiträge

penhagener Deutung. Es war schon im- zum »richtigen« Essen zur Kenntnis ge-
mer eine Fehlinterpretation der Quan- nommen. Im Artikel von Gary Taubes www.spektrum.de/googleplus
tenmechanik, zu behaupten, Teilchen wird die Sache auf den Punkt gebracht.
könnten sich gleichzeitig an verschiede- Was mich stört, ist, dass hier getan wird,
nen Orten aufhalten oder Schrödingers als müsse man endlich nur einmal ver-
www.spektrum.de/twitter
Katze sei, solange man nicht nach- nünftige Experimente mit quantifi­
schaut, gleichzeitig tot und lebendig. zierbaren ­Parametern durchführen. Ich
Das Ergebnis eines Experiments wird möchte da­rauf hinweisen, dass schon
erst durch das Experiment selbst er- seit 1966 nicht nur Vorschläge dazu, niger Versuchstiere zu verwenden. Dass
zeugt und existierte nicht schon vorher. sondern auch verlässliche Ergebnisse Versuche mit mehreren verschiedenen
Insgesamt gesehen muss man dem von Wolfgang Lutz in »Leben ohne Inzuchtstämmen stattfinden sollten,
QBismus also bescheinigen, dass er Brot« vorgelegt wurden. ist bekannt. Jetzt aber wieder auf Aus-
eine olle Kamelle ist. Positiv daran ist zuchtstämme zu wechseln, die die ge-
allerdings, dass seine Protagonisten of- netische Variabilität der Menschen bes-
Richtige Wahl
fenbar die immer noch und immer wie- ser abbilden, würde zu einem extremen
der begangenen Interpretationsfehler des Tiermodells Anstieg der Versuchstierzahlen führen.
der Quantenmechanik erkannt haben. Da Forscher immer dieselben Tiermo- Die richtige Wahl des Tiermodells
Aus der Erkenntnis, etwas bisher falsch delle einsetzen, entgehen ihnen wichtige schon in der Planungsphase ist für viele
interpretiert zu haben, sollte man aber Zusammenhänge, meinte die Biologin Studien ganz entscheidend. Dem Punkt
keine »neue Theorie« machen wollen. Jessica Bolker (»Jenseits von Ratten und wird durch neu eingerichtete Lehrstüh-
Fliegen«, Oktober 2013, S. 40). le und Studiengänge für Komparative
Peter Engelhardt, Frankfurt am Main: und Translationale Medizin an der Me-
Prinzipiell dürfte die Position der Thomas Kolbe, Wien: Die Kritik von dizinischen und an der Veterinärmedi-
Q­Bisten, die den Erklärungsanspruch Jessica Bolker ist grundsätzlich richtig. zinischen Universität Wien Rechnung
der Quantentheorie auf das niedrigst- Allerdings berücksichtigt sie eine Reihe getragen. Es bleibt zu hoffen, dass durch
mögliche Niveau setzen, kaum zu bean- anderer Aspekte nicht. Aus finanziellen bessere Ausbildung und Sachkunde auf
standen sein. Den meisten Physikern und technischen Gründen ist es meist diesem Gebiet die Aussagekraft tier­
dürfte das allerdings nicht schmecken. nicht möglich, ein breites Spektrum an experimenteller Studien steigt.
So hört man beispielsweise, dass es für die Forschung interessanten Tier­
Serge Haroche (Physik-Nobelpreis 2012) arten wie Gürteltier (Lepra), Nacktmull
gelungen sei, das Verständnis des quan- (Krebs), Nerz (Influenza) oder gar die B r i e f e a n d i e r e da k t i o n
tenmechanischen Messprozesses als Alabama-Küstenmaus (Stoffwechsel) … sind willkommen! Schreiben Sie uns auf
Dekohärenz von Quantenzuständen zu halten. Selbst eine Krallenfroschhal- www.spektrum.de/leserbriefe
hin zu klassischen Feldern experimen- tung ist von Technik und Betreuung oder schreiben Sie mit Ihrer kompletten
Adresse an:
tell zu analysieren (Spektrum der Wis- her nicht einfach. Für Wildmäuse ist
senschaft 12/2012, S. 22). etwa eine seminatürliche Bodenhal- Spektrum der Wissenschaft
Vor diesem Hintergrund scheint es tung in großen Glashäusern wie am In- Leserbriefe
Sigrid Spies
mir ratsam, sich eher mit der sich ­rasant stitut für Wildtierkunde und Ökologie
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entwickelnden Dekohärenzidee ausei­ in Wien notwendig. Bei allen Wildtier- 69038 Heidelberg
nanderzusetzen. QBismus mag nütz- populationen sind nur Beobachtungen E-Mail: leserbriefe@spektrum.com
lich sein zur begrifflichen Klärung beim und Messungen, aber keine gezielten
Die vollständigen Leserbriefe und Antwor-
Gebrauch stochastischer Aussagen, Experimente möglich. Eine Einengung
ten der Autoren finden Sie ebenfalls unter:
letzt­lich ist er aber wohl eher ein inter- auf maßgeschneiderte ingezüchtete www.spektrum.de/leserbriefe
pretatorisches Durchgangsstadium. Mausmodelle erfolgte mit dem Ziel, we-

www.spektrum.de 7
Spektrogramm

BIOLOGIE

Guppy-Weibchen mögen außergewöhnliche Männchen

F arbenfrohe Guppy-Männchen kom-


men bei weiblichen Artgenossen
gut an – aber nur, wenn sie selten sind.
Die Männchen
der Guppys

Helen Rodd und Anne Houde, Lake Forest College


Treten sie hingegen in Überzahl auf, können die
bevorzugen die Weibchen die blasseren Weibchen sowohl
Exemplare. Das haben Forscher um mit farblosen
Kimberly Hughes von der Florida State (links) als auch
University in Tallahassee (USA) heraus- bunten (rechts)
gefunden. Schwanzflossen
In freier Wildbahn zeigen Guppys beeindrucken.
große Unterschiede im Erscheinungs-
bild sowie eine hohe genetische Viel-
falt. Hughes und ihre Kollegen hatten fig vertreten waren wie Männchen mit ter hatten sie mehr als doppelt so viele
schon früher vermutet, dass dies auf farbloser Schwanzflosse – oder umge- Weibchen befruchtet und dementspre-
sexuelle Selektionsmechanismen zu- kehrt. Nach zirka zwei Wochen fing das chend mehr Nachkommen gezeugt.
rückgeht. Nun untersuchte das Team Team die Weibchen ein und ließ sie Bunte Männchen sind somit nicht ge-
die Fische in ihrem natürlichen Le- den Nachwuchs austragen. nerell im Vorteil. Vielmehr bevorzugen
bensraum. Hierfür grenzten die For- An der Brut zeigte sich, dass Männ- Weibchen den in ihrer Population sel-
scher mehrere Becken in Flüssen ab chen, die im jeweiligen Becken in der teneren Farbtyp, der dadurch in kom-
und setzten dort Guppy-Populationen Unterzahl gewesen waren, einen menden Generationen wieder häufiger
definierter Zusammensetzung ein. größeren Fortpflanzungserfolg gehabt vertreten ist – ein Mechanismus, der
Und zwar so, dass Männchen mit hatten. Im Vergleich zu ihren Artge- die Vielfalt der Population aufrecht­
bunter Schwanzflosse dreimal so häu- nossen mit dem häufigeren Farbmus- erhält. Nature 503, S. 108 – 110, 2013

DIE WOCHE ASTRONOMIE

Viele Kandidaten für eine zweite Erde

U ngefähr elf Prozent aller sonnen-


ähnlichen Sterne haben einen
erdähnlichen Planeten in ihrer habita-
Von 603 Planetenkandidaten erfüll-
ten acht diese Kriterien. Dabei ist zu
berücksichtigen, dass Kepler nur solche
blen Zone. Diese Schätzung liefern Sternbegleiter registrieren konnte, die
Astronomen um Eric Petigura von der ihre Sonne sehr eng umkreisen – und
University of California, Berkeley. zwar auf einer Umlaufbahn, die unsere
Die Forscher analysierten Daten des Sichtlinie zum Stern kreuzt. Die Ge-
mittlerweile stillgelegten NASA-Welt- samtzahl entsprechender Planeten lag
raumteleskops Kepler, das 2009 ge- also höher. Dies einrechnend schätzten
startet worden war, um nach extrasola- die Forscher, dass etwa elf Prozent aller
ren Planeten zu suchen. In den Hellig- sonnenähnlichen Sterne in der Probe
Deutschlands einziges keitskurven von 42 000 Sternen, die Begleiter mit den genannten Eigen-
wöchentliches der Sonne ähneln oder auch etwas schaften besitzen. Weiterhin taxierten
Wissenschaftsmagazin kühler und kleiner sind, suchte das die Astronomen, wie viele dieser
Team nach Hinweisen auf Exoplaneten Sterne erdgroße Planeten haben, deren
Jeden Donnerstag neu! mit bestimmten Eigenschaften. Ihr Umlaufzeiten zwischen jener der Venus
52-mal im Jahr mehr als 40 Seiten
News, Kommentare, Analysen und Radius sollte zwischen einem und zwei und der Erde liegen. Ihr Ergebnis hier:
Bilder aus der Forschung Erdradien liegen, zudem sollten sie 5,7 Prozent. Beide Schätzwerte deuten
von ihrem Mutterstern ein- bis viermal darauf hin, dass erdähnliche Planeten
www.spektrum.de/diewoche so viel Energie erhalten wie die Erde recht häufig vorkommen.
von der Sonne. PNAS 10.1073/pnas.1319909110, 2013

8 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


VULKANISMUS

Lava, die wie ein Gletscher fließt

I m Juni 2011 brach der chilenische Vulkankomplex


Puyehue-Cordón Caulle aus und setzte Lava frei, die
langsam bergab strömte. Im Januar 2013 bewegte sich die
dazu beitrug, dass sich die Masse weiterbewegte. Eine Rolle
hierbei scheint die besondere chemische Zusammenset-
zung der Lava zu spielen, die extrem kieselsäurereich und
Gesteinsschmelze noch immer, wie Hugh Tuffen von der deshalb bei den beobachteten Temperaturen zähflüssig ist.
Lancaster University (England) und seine Kollegen nun Wenn sie erstarrt, entsteht das schwarze, vulkanische Glas
berichten. Ihnen ist es gelungen, einen der extrem selte- Obsidian.
nen obsidianischen Lavaströme zu beobachten. Normalerweise treten obsidianische Lavaströme bei be-
Der Lavastrom wälzte sich noch zirka ein Jahr nach dem sonders großen, explosiven Vulkanausbrüchen auf, etwa
Ausbruch zwischen einem und drei Meter täglich vor- den Eruptionen der Supervulkane Toba auf Sumatra oder
wärts. Sein Verhalten ähnelte dem eines Gletschers, aller- Yellowstone in den USA, die vor 74 000 beziehungsweise
dings herrschten im Innern der rund 40 Meter mächtigen 64 000 Jahren stattfanden. Jüngeren Datums ist der Aus-
Gesteinswalze Temperaturen um 900 Grad Celsius. Im- bruch des Katmai-Vulkankomplexes in Alaska 1912; damals
mer wieder kam es an Rissen und Spalten der erkalteten war allerdings niemand vor Ort, um das Geschehen zu
Lavaoberfläche zum Ausfluss heißer Schmelze, was mit beobachten. Nature Communications 4, 2709, 2013

Hugh Tuffen, Lancaster Environment Centre, University of Lancaster


So hoch wie mehrere Stockwerke ist der Lavastrom, der sich
vom chilenischen Vulkankomplex Puyehue-Cordón Caulle
aus bergab wälzt. Pro Tag kommt er ein bis drei Meter voran.

CHIPHERSTELLUNG

Gedruckte elektronische Schaltkreise

D avid Webber und Richard Brut-


chey von der University of Sou-
thern California (USA) haben eine
Flüssigkeiten unlöslich. Aus ihnen
bestehen zentrale Komponenten in
integrierten Schaltkreisen, ebenso wie
diamin und 1,2-Ethandithiol hierfür
chemisch miteinander reagieren
müssen. Dabei geben Thiolgruppen
Mischung aus zwei organischen Che- in Solarzellen und optischen Speicher- Wasserstoffionen an Aminogruppen
mikalien gefunden, in der sich meh­ medien. Beispielsweise dienen sie für ab, wodurch Thiolat-Anionen entste-
rere gebräuchliche Halbleiter lösen. die Beschichtung von CDs und DVDs. hen, die dann die Chalkogenid-Struk-
Dies gilt als ein wichtiger Schritt, um Wie die Forscher herausfanden, tur aufsprengen.
elek­tronische Schaltkreise künftig lösen sich mehrere gebräuchliche Weber und Brutchey druckten mit
drucken zu können, was ihre Herstel- ­Chalkogenide in einer Mischung aus den Halbleiterlösungen einige hundert
lung deutlich vereinfachen und ver­ 1,2-Ethandiamin und 1,2-Ethandithiol. Nanometer dünne, amorphe Schich-
billigen würde. In den entstehenden Flüssigkeiten ten. Die Reste des Lösungsmittels
Heute verwendete anorganische macht der Feststoff bis zu einem Drit- ließen sich durch Erwärmen auf zirka
Halbleiter wie die Chalkogenide – che- tel der Masse aus. Für sich lösen die 350 Grad austreiben. Zurück blieb ein
mische Verbindungen aus einem Einzelkomponenten der Mischung kristalliner Halbleiterfilm.
Element der 6. Hauptgruppe und die Halbleiter dagegen nicht, weshalb J. Am. Chem. Soc. 135,
einem Metall – sind in nahezu allen die Forscher vermuten, dass 1,2-Ethan- S. 15722 – 15725, 2013

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Spektrogramm

KLIMAFORSCHUNG

Nasse Sommer durch schmelzendes Meereis?

I n den letzten Jahren war Nordwest-


europa im Sommer nicht gerade von
der Sonne verwöhnt, dafür stöhnten
University of Exeter (England). In Si-
mulationen stellten sie fest, dass sich
Starkwindbänder in mehreren Kilo­
Den Modellrechnungen zufolge
verlaufen Strahlströme, die sich sonst
zwischen Schottland und Island bewe-
die Menschen im Mittelmeerraum metern Höhe (so genannte Strahlströ- gen, bei stark geschrumpfter arktischer
teils unter extremer Hitze. Mitverant- me) bei geringer Eisbedeckung in der Eisdecke über Großbritannien und
wortlich dafür könnte die Schmelze Arktis nach Süden verschieben – und Nordwesteuropa hinweg und bringen
des arktischen Meereises sein, meinen mit ihnen niederschlagsreiche Wetter- dort Regenwetter. Zugleich gehen dann
Forscher um James Screen von der lagen (siehe auch SdW 3/2013, S. 76). im mediterranen Raum die Nieder-
schläge zurück. Der Effekt sei aber
schwächer ausgeprägt als die natürli-
che Variabilität, weshalb es auch bei
Durchschnittliche Ausprä- geringer Eisbedeckung trockene Som-
gung der Strahlströme in mer in Nordwesteuropa geben könne.
feuchten Sommern über In Nord- und Westeuropa kam es in
Nordwesteuropa. Die Pfeile den zurückliegenden Jahren außerdem
geben die Windrichtungen vermehrt zu strengen Wintereinbrü-
in etwa zehn Kilometer chen. Viele Wissenschaftler erklären
Höhe an, die Farben orange dies mit dem sommerlichen Abtauen
und rot stehen für die in der Arktis, das den Polarwirbel
höchsten Windgeschwin- schwäche und so der kalten arktischen
digkeiten. Normalerweise Luft erlaube, weit nach Süden vorzu-
verlaufen die besonders stoßen. Ob der im Modell ermittelte
James Screen, University of Exeter

intensiven Starkwindbän- Zusammenhang zwischen arktischem


der zu dieser Jahreszeit Meereis und Strahlstrom im Sommer
weiter nördlich. auf ähnliche Weise zu Stande kommt,
bleibt zu klären.
Environ. Res. Lett. 8, 2013

Nunez Laboratory, University of Michigan

MEDIZIN

Bakteriengift könnte Neurodermitis auslösen ohne


delta-
mit
delta-
Toxin Toxin

N eurodermitis hat verschiedene Ur-


sachen, darunter genetische Ver-
anlagung, ungeeignete Ernährung und
Die Forscher brachten die Haut von
Mäusen in Kontakt mit verschiede-
nen Staphylococcus-aureus-Stämmen.
Die Haut von Mäusen entzündet sich nach
Kontakt mit dem Bakteriengift delta-Toxin.

Stress. Auch Bakteriengifte spielen eine Handelte es sich um Mikroben, die


Rolle, wie Forscher um Gabriel Núñez delta-Toxin produzieren, entwickelten in Kontakt kamen, aber auf Grund
von der University of Michigan in Ann die Tiere eine starke Entzündungsreak- eines genetischen Eingriffs keine
Arbor entdeckt haben. Die Wissen- tion und schütteten große Mengen des Mastzellen besaßen. Delta-Toxin lässt
schaftler untersuchten die Wirkung von Antikörpers IgE aus, der an allergi- Kalziumionen in die Mastzellen ein-
delta-Toxin, einem Gift von Staphylo- schen Reaktionen mitwirkt. Setzte man strömen und löst so die entzündliche
coccus-aureus-Bakterien. Das Toxin die Mäuse dagegen einem Stamm aus, Reaktion aus.
soll vermutlich konkurrierende Mikro- der kein delta-Toxin herstellt, waren Staphylococcus aureus findet sich
ben abtöten. Auf der Haut ruft es eine sowohl die Entzündungssymptome als auf der Haut der meisten Neurodermi-
Immunreak­tion hervor, indem es Mast- auch die IgE-Ausschüttung deutlich tispatienten. Ob delta-Toxin bei Men-
zellen – bestimmte Zellen der Körperab- schwächer ausgeprägt. Ähnliche schen ähnlich wirkt wie bei Mäusen,
wehr – aktiviert. Diese setzen daraufhin Resultate zeigten sich bei Nagern, die müssen nun klinische Studien zeigen.
entzündungsfördernde Stoffe frei. zwar mit Toxin erzeugenden Bakterien Nature 503, S. 397 – 401, 2013

10  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


Bild des monats

Adam Paxson, Kyle Hounsell, Jim Bales, James Bird, Kripa Varanasi, MIT

Schneller Absprung
Trifft ein Wassertropfen auf eine superhydrophobe Oberfläche, breitet er sich kurz aus und löst sich dann wieder
ab. Diese Mindestkontaktzeit lässt sich nicht weiter unterbieten – dachten Forscher bislang. Doch der Flügel eines
Morphofalters zeigt, wie man das Abprallen beschleunigen kann: durch feine Rippen, die den Tropfen zerteilen (Bild).
Die resultierenden kleineren Tröpfchen ziehen sich schneller wieder zusammen, was die Kontaktzeit verringert.
Forscher um Kripa Varanasi vom MIT belegten mit einer Hochgeschwindigkeitskamera, dass ein derart konstruiertes
Material auftreffende Tropfen schneller abweist. Das ließe sich etwa für die Turbinenschaufeln moderner Düsenflug-
zeuge nutzen, die einzufrieren drohen, wenn stark unterkühlte Wassertröpfchen auf sie einprasseln.
Nature 503, S. 385 – 388, 2013

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forschung aktuell

EVOLUTION

Sauerstofftransporter nach Maß


Einige Tierarten setzten sich dank verbesserter Fähigkeit zur Sauerstoffversorgung 
ihrer Muskeln in neuen Lebensräumen durch. Möglich machten das 
Anpassungen der dafür zuständigen Moleküle: Hämoglobin und Myoglobin.

Von Julia Heymann

F orelle, Hirschmaus und Pottwal äh-


neln sich auf den ersten Blick nicht
besonders, doch evolutionsbiologisch
Hämoglobin. Während das monomere
Myoglobin nur eine Bindestelle auf-
weist, kann Hämoglobin, das aus vier
ter den Säugetieren. Je mehr Myoglobin
ein Muskel enthält, desto mehr Sauer-
stoff kann er speichern und desto län-
betrachtet haben sie etwas gemeinsam: Untereinheiten zusammengesetzt ist, ger reicht ein Atemzug. Doch bei derart
Ihre Vorfahren optimierten mit der Zeit entsprechend bis zu vier Sauerstoffmo- hohen Konzentrationen des Proteins
den Transport von Sauerstoff aus ih- leküle aufnehmen, wobei seine Affini- müsste das Myoglobin eigentlich ver-
ren Atemorganen hin zu den Muskeln. tät mit zunehmender Beladung steigt. klumpen und damit funktionsunfähig
Diese Anpassung bescherte ihnen ei- Bindungspartner des Sauerstoffs ist in werden.
nen entscheidenden Überlebensvorteil: beiden Pigmenten je ein eingebettetes
Wale erreichten ausgesprochen lange Eisenatom, das bei dem Vorgang oxi- So gut tauchten ausgestorbene Tiere
Tauchzeiten und erhielten damit Zu- diert wird. Wie gute Taucher das vermeiden, zeigte
gang zu neuen Jagdrevieren; Strahlen- Dass Pottwale bis zu 90 Minuten der Vergleich des Myoglobins mehrerer
flossern wie Forellen und Lachsen er- lang ihren Atem anhalten können, lässt Säugetierarten. Den Forschern fiel auf,
laubte die verbesserte Sauerstoffver- sich auf ihr ganz spezielles Myoglobin dass die positive elektrische Ladung des
sorgung ihrer Muskeln, bei Gefahr zurückführen. Dessen Struktur haben Myoglobins mit der Tauchfähigkeit der
besonders schnell zu flüchten, und auf 1959 Max Perutz und John Kendrew Tiere zunahm. Die besten unter ihnen –
Höhenluft spezialisierte Hirschmäuse aufgeklärt, wofür beide 1962 den Nobel- wie zum Beispiel Pottwal und Seeele-
verbreiteten sich bis hoch in die Rocky preis für Chemie erhielten. Vor Kurzem fant – besaßen nicht nur die höchsten
Mountains. Drei Studien wiesen jetzt untersuchten nun Scott Mir­ceta und Myoglobinkonzentrationen im Muskel,
nach, welche Veränderungen der Trans- Michael Berenbrink von der University das Protein war bei ihnen auch am
portmoleküle Hämoglobin und Myo- of Liverpool, wie sich der Muskelfarb- stärksten geladen. Da sich gleich gela-
globin dafür nötig waren. stoff bei solchen Tauchspezialisten im dene Moleküle elektrostatisch absto-
Der Körper benötigt Sauerstoff, um Zuge der Evolution weiterentwickelt ßen, schlossen die Forscher, dass die er-
Energie aus Nahrung zu gewinnen. Den hat (Science 340, S. 1303, 2013). höhte Ladung die einzelnen Protein-
Transport von den Lungen oder Kie- Pottwalmuskeln enthalten bis zu 30- komplexe voneinander fernhält, was
men zum verbrauchenden Gewebe mal mehr Myoglobin als die von Land- das Verklumpen verhindert. Die Verän-
übernehmen die so genannten respira- säugetieren, weshalb sie eine tiefrote, derung entstand durch den Tausch un-
torischen Pigmente: große Proteinkom- fast schwarze Farbe aufweisen (siehe geladener Aminosäuren gegen positiv
plexe, die dem Blut und den Muskeln Bild unten). Neben anderen Stoffwech- geladene wie Lysin.
der Wirbeltiere ihre rote Farbe geben. selanpassungen wie einem während Wie lange ein Tier die Luft anhalten
Nach Diffusion in die Lungenkapillaren des Tauchgangs stark verlangsamten kann, lässt sich also aus der elektri-
bindet sich eingeatmeter Sauerstoff an Herzschlag macht das den Wal zu ei- schen Ladung seines Myoglobins vo­
das Hämoglobin in roten Blutkörper- nem der ausdauerndsten Taucher un- raussagen. Die Forscher rekonstruier-
chen und gelangt mit dem Blutstrom
Michael Berenbrink & Scott Mirceta, University of Liverpool

unter anderem zu den Muskelzellen,


wo er vom Myoglobin übernommen
und anschließend verbraucht wird.
Ausschlaggebend für die Effizienz
des Transports ist neben der Konzen­
tration auch die Stärke der Bindung des
Sauerstoffs an die beiden Proteine. Der
Transfer des Gasmoleküls im Muskel
Der hohe Gehalt an Myoglobin im Muskelgewebe des Pottwals ist an
ist  nur möglich, weil Myoglobin eine
der dunklen Farbe erkennbar (von links nach rechts: Schwein, Rind, Wal).
­höhere Sauerstoffaffinität besitzt als

12  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


gesondert. Laut Storz ermöglicht das
veränderte Hämoglobin den Nagetie-
ren auch bei Sauerstoffmangel in gro-
Mark A. Chapell, University of California Riverside (UCR); Pressematerial zu  Natarajan, C.  et al.:
Epistasis Among Adaptive Mutations in Deer Mouse Hemoglobin. In: Science 340, S. 1324–1327, 2013

ßen Höhen eine ausreichende Muskel-


leistung.
Jodie Rummer und ihre Kollegen
von der University of British Columbia
in Vancouver schließlich beschäftigten
sich mit dem Hämoglobin von Strah-
lenflossern wie Forellen und Lachsen
(Science 340, S. 1327 – 1329, 2013). Dieses
erweist sich auf Grund seiner hohen
pH-Wert-Empfindlichkeit als besonders
effektiver Sauerstofftransporter und ist
damit vermutlich ein Grund für den
evolutionären Erfolg der Knochenfi-
sche, von denen die Strahlenflosser den
mit 96 Prozent weitaus größten Anteil
Hirschmäuse, die in den Rocky Mountains leben, stellen eine stellen. Zu ihnen gehört fast die Hälfte
besonders gut sauerstoffbindende Hämoglobinvariante her. aller heutigen Wirbeltierspezies.
Bei Muskelarbeit entsteht Kohlendi-
oxid (CO2 ), das ein Enzym namens Car-
ten daher die Myoglobinsequenzen nen, nachtaktiven Säugetiere (siehe Bild boanhydrase in roten Blutkörperchen
von 130 Säugerarten sowie ihrer Vor- oben) leben in Nord- und Mittelame­ zu Kohlensäure umwandelt, der was-
fahren und verfolgten deren Verände- rika und ernähren sich von Pflanzen serlöslichen Transportform von CO2 .
rung über die letzten 200 Millionen und Insekten. Bei den Hirschmäusen Dabei entstehen Protonen, die den pH-
Jahre. So konnten Mirceta und Beren- kommen relativ viele verschiedene Wert in der Zelle senken. Die Ansäue-
brink auch die Tauchzeiten bereits aus- ­Hämoglobinvarianten vor, wobei die rung verringert die Sauerstoffbindung
gestorbener Spezies abschätzen. vier Untereinheiten an insgesamt zwölf von Hämoglobin, worauf es das lebens-
Sie stellten zum Beispiel fest, dass Stellen verändert werden können. Zu- wichtige Gas abgibt. Dieser so genannte
ein früher Vorläufer der heutigen dem lassen sich auch die Untereinhei- Root-Effekt könnte dazu dienen, dass
Wale – ein vierbeiniger Landbewohner ten selbst auf verschiedene Arten mit- die unter Belastung stehenden Mus-
namens Pakicetus – vor rund 50 Millio- einander kombinieren. keln ihren erhöhten Energiebedarf de-
nen Jahren gerade einmal 90 Sekunden Die Wissenschaftler produzierten im cken können. Bei Strahlenflossern ist
unter Wasser bleiben konnte, während Labor die unterschiedlichen Versionen der pH-Effekt offensichtlich besonders
der Basilosaurus 15 Millionen Jahre spä- des Proteinkomplexes und stellten fest, stark ausgeprägt, aber ob das tatsäch-
ter bereits etwa 17 Minuten schaffte. dass die Variante der im Gebirge leben- lich auch die Sauerstoffversorgung der
Laut Berenbrink ermöglichte es die La- den Hirschmäuse am leichtesten Sau- Muskeln verbessert, und welcher Me-
dungsveränderung ihres Myoglobins erstoff bindet. Im Vergleich zum Hä- chanismus dafür konkret verantwort-
den Säugetieren, in die Meere vorzu- moglobin der Flachland-Hirschmäuse lich ist, war bisher unbekannt.
dringen. Zusätzlich schloss das Team benötigt das der Bergbewohner nur
aus ihren Daten auf einen gemeinsa- drei Viertel der Sauerstoffmenge für Sauerstoffschub bei Gefahr
men Vorfahren der Gruppe Paenungu- die gleiche Sättigung. Die dreidimensi- Die Forscher maßen den Sauerstoffge-
lata, denen die Seekühe, Klippschliefer onale Strukturbestimmung offenbarte halt der Muskeln von Regenbogenfo­
und auch die Elefanten angehören, und den Grund für den Unterschied: Durch rellen mit Hilfe von implantierten Sen-
der vor etwas 65 Millionen Jahren am- den Austausch einer Aminosäure fiel soren. Um das Blut ähnlich wie bei
phibisch gelebt haben soll. im Berg-Hämoglobin eine Wasserstoff- ­verstärkter Muskelarbeit anzusäuern,
In der zweiten Studie fanden Chan­ brücke weg. Ohne sie ordnete sich die versetzten sie das Wasser mit Kohlen­
drasekhar Natarajan und Jay Storz von räumliche Molekülstruktur neu an und dioxid. Daraufhin erhöhte sich der Sau-
der University of Nebraska in Lincoln besaß dadurch bessere Bindungseigen- erstoffgehalt im Muskel um ganze 65
heraus, dass Hirschmäuse in den Rocky schaften. Prozent. Das Hämoglobin deponiert
Mountains eine andere Hämoglobin­ Die natürliche Selektion hatte ande- also wahrscheinlich bei Strahlenflos-
variante produzieren als ihre Verwand- re, weniger sauerstoffaffine Varianten sern in anstrengenden Situationen, wie
ten im Flachland der Great Plains (Sci- während des Vormarschs der Hirsch­ etwa während der Flucht vor einem
ence 340, S. 1324 – 1327, 2013). Die klei- mäuse ins Gebirge offensichtlich aus- Fressfeind, mehr Sauerstoff im Muskel,

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forschung aktuell

als bei Fischen mit gewöhnlichem Hä- ringerte sich auch die Sauerstoffabgabe rabile, das jedoch erst 150 Millionen
moglobin. Rummer schätzt, dass so bei in die Muskeln. Die Plasma-Carboanhy- Jahre später entstand als das spezielle
gleicher Durchblutung bis zu doppelt drase ist demzufolge für die verbesser- Root-Effekt-Hämoglobin. Das spricht
so viel Sauerstoff in den Muskel gelan- te Sauerstoffversorgung der Forellen- dafür, dass die ursprüngliche Funktion
gen kann wie in Ruhe. muskeln verantwortlich. des besonders pH-sensitiven Blutfarb-
Dies ist einer weiteren Carboanhy­ Bisher kannte man den Root-Effekt stoffs die Erhöhung der Leistungsfä-
drase im umgebenden Blutplasma zu vor allem von der Beobachtung her, higkeit der Muskeln bei großer An-
verdanken, die aus den Blutzellen he­ dass solche Fische bei niedrigem pH- strengung war. In den Kiemen kann
raustransportierte Kohlensäure zu CO2 Wert des Bluts den darin transportier- dieses Hämoglobin übrigens durchaus
umsetzt, das dann erneut in die Zelle ten Sauerstoff in ihre Schwimmblase sehr viel Sauerstoff binden, um es
gelangen und dort wieder in der um­ pumpen können – und zwar sogar ent- dann in den Körper zu transportieren –
gekehrten Reaktion Protonen bilden gegen dem Konzentrationsgradienten! denn dort fehlt die Plasma-Carboanhy-
kann. Das Enzym verstärkt damit also So kontrollieren sie ihren Auftrieb und drase.
die Ansäuerung in den roten Blutkör- sparen beim Schwimmen Energie. An
perchen, was mehr Sauerstoff freisetzt. dem Vorgang beteiligt ist ein kompli- Julia Heymann ist promovierte Molekularbiolo-
Blockierten die Wissenschaftler es, ver- ziertes Gefäßsystem namens Rete mi- gin und freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin.

Chemie

Kristallstrukturen von
nicht kristallisierbaren Substanzen
Um den räumlichen Aufbau eines Moleküls per Röntgenbeugung zu ermitteln, muss man es erst
einmal kristallisieren. Aber oft gelingt das nicht. Wie Forscher in Japan nun gezeigt haben, 
kann man kleine Moleküle stattdessen auch in die Poren eines vorgefertigten Kristalls einfügen.

Von Michael GroSS

complexes. In: Nature 495,


Inokuma, Y.  et al.: X-ray
analysis on the nano-
gram to microgram
scale using porous

S. 461 – 466, 2013, fig. 6A


D en von einem Meeresschwamm
produzierten Kohlenwasserstoff
Miyakosin A kann die Natur eigentlich
nur entwickelt haben, um Strukturfor-
scher zu ärgern. Von dem zentralen Der Naturstoff Miyakosin A ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. So enthält das
Kohlenstoffatom Nummer 14, an dem Molekül zwei Dreifachbindungen und gleich drei asymmetrische Kohlenstoffatome mit
eine Methylgruppe sitzt, gehen zwei jeweils vier unterschiedlichen Substituenten, die spiegelbildliche Isomere hervorbringen
lange Ketten aus, die auf den ersten (Sterne). Für die beiden Chiralitätszentren am Rand ließ sich die absolute Konfiguration
Blick völlig gleich aussehen. Erst Nach- mit gängigen Analyse- und Trennverfahren bestimmen. Bei dem im Zentrum gelang das
zählen zeigt, dass die eine um genau nicht, weil die beiden von ihm ausgehenden Kohlenwasserstoffketten fast identisch sind.
ein Kohlenstoffatom länger ist als die Eine Röntgenstrukturanalyse scheiterte daran, dass die Substanz nicht kristallisierbar ist.
andere (Bild rechts).
Somit weist Atom Nummer 14 vier
verschiedene »Substituenten« auf: ein ches? Da der Unterschied zwischen den aber bisher nicht kristallisieren. Die Ar-
Wasserstoffatom, eine Methylgruppe beiden langen Ketten so geringfügig ist, beitsgruppe von Makoto Fujita an der
und zwei ungleich lange Ketten. Mi­ lässt sich diese Frage mit den gängigen Universität Tokio versuchte dennoch
yakosin A ist deshalb chiral, kann also Trenn- und Analyseverfahren nicht be- das scheinbar Unmögliche: die Struk-
in zwei spiegelbildlichen Versionen antworten. tur dieser Verbindung per Röntgenkris-
auftreten, die sich wie die rechte und Nur zwei Methoden bieten die Chan- tallografie aufzuklären, ohne sie jemals
die linke Hand zueinander verhalten. ce dazu: die chemische Totalsynthese kristallisiert zu haben.
Beide »Enantiomere« haben vermut- und die Röntgenkristallografie. Die ers- Den Schlüssel dazu lieferte ein mole-
lich unterschiedliche biologische Wir- te ist allerdings sehr aufwändig, und die kularer Käfig, den das Team schon vor
kungen, und der Schwamm Petrosia zweite benötigt, wie der Name schon einigen Jahren entwickelt hatte (Nature
stellt nur eines von ihnen her. Aber wel- sagt, Kristalle. Miyakosin A ließ sich Chemistry 2, S. 780, 2010). Er besteht aus

14  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Inokuma, Y.  et al.: Networked molecular cages as crystalline sponges for fullerenes and other guests. In: Nature Chemistry 2, S. 780–783, 2010, fig. 1

Diese von japanischen Forschern konstruierte Käfigstruktur enthält ein Gitter aus okta- mitglied Shota Yoshioka in einem
edrischen Bausteinen (links und Mitte) mit großen Hohlräumen dazwischen (rechts), Blindversuch die Aufgabe, die Struktu-
die andere Moleküle aufnehmen können. Das ermöglicht Röntgenstrukturanalysen auch ren von sechs ihm unbekannten Ver-
an solchen Verbindungen, die sich nicht kristallisieren lassen. bindungen mit jeweils fünf Mikro-
gramm Material zu ermitteln. In drei
Fällen führten die Röntgendaten allein
oktaedrischen Zellen, an deren sechs ten die Japaner für ihre Experimente direkt zum Erfolg. Bei den drei anderen
Ecken Kobaltatome mit zwei daran ge- winzige Exemplare ihres molekularen Substanzen konnte Yoshioka mit Hilfe
bundenen Thiocyanat­ionen (SCN–) sit- Gerüsts, die nur rund einen zehntel zusätzlicher Routineanalysen wie etwa
zen. Die Seitenflächen werden jeweils Millimeter in jeder Raumrichtung ma- der Massenspektrometrie die Struktur
von einem organischen Molekül gebil- ßen und etwa ein Mikrogramm (mil­ letztendlich ebenfalls bestimmen.
det, das sich vom Triazin ableitet: ei- lionstel Gramm) wogen. Theoretisch Nach dieser Nagelprobe erhöhte
nem Benzolring, in dem drei Kohlen- können sie maximal ein halbes Mikro- die  Arbeitsgruppe die Anforderungen.
stoff- durch Stickstoffatome ersetzt gramm an Fremdmolekülen aufneh- Nächstes Ziel war, die Struktur einer
sind. Diese Oktaeder sind derart in ei- men. Wenn die Gäste sich allerdings chiralen Verbindung zu ermitteln. Als
nem rechtwinkligen Gitter angeordnet, nur an bestimmten Gitterplätzen fest- Test wählten die Forscher den Natur-
dass zwischen ihnen geradlinige Kanäle halten und nicht dicht gedrängt die stoff Santonin: einen Bestandteil des
offen bleiben, die molekulare Gäste be- Gänge bevölkern, ist die benötigte Wurmsamens (Artemisia cina), der als
herbergen können (Bild oben). Stoffmenge noch deutlich geringer. Medikament gegen Wurmbefall dient.
Als solche lagerten die japanischen Normalerweise würden Chemiker in
Wissenschaftler zunächst bekannte Erprobung in Blindversuchen solchen Fällen weitere Kristalle der zu
einfache Moleküle ein, unter anderem Den japanischen Forschern gelang so untersuchenden Substanz züchten, wo-
die Fullerene C6 0 und C70 . Diese sperri- eine Strukturanalyse von Guajazulen, bei sie Schwermetallionen in das Mo­
gen Kohlenstoffkugeln sind zu groß, einem ätherischen Öl aus dem Guajak- lekül einbauen. Die Röntgenstruktur-
um in die Okta­ederzellen hineinzu- baum, mit lediglich 80 Nanogramm analyse ist nämlich in der Regel mehr-
schlüpfen, besetzen aber bereitwillig (milliardstel Gramm) Material, wovon deutig, was vor allem bei komplizierter
die offenen Kanäle. Zur Charakterisie- nur ein Teil in einen Kristallwürfel mit aufgebauten Verbindungen zum Prob-
rung des dreidimensionalen Gerüsts 80 Mikrometer Seitenlänge aufgeso- lem wird. Leicht zuzuordnende Reflexe
bestimmten die Forscher seine Struk- gen wurde. Dabei verwendeten die Wis- der eingebauten Metallatome im Beu-
tur per Röntgenbeugung. Dabei erhiel- senschaftler eine laborübliche Rönt- gungsbild ermöglichen es, diese Mehr-
ten sie, wenn Fullerene eingelagert wa- genquelle. Ihrer Ansicht nach sollten deutigkeit zu überwinden.
ren, gleichsam als Gratiszugabe auch mit stärkeren Röntgenstrahlen, wie sie Im Fall des Gerüstmoleküls zeigte
deren räumliche Gestalt. zum Beispiel an Speicherringen entste- sich allerdings, dass eine Variante des
Das brachte die japanischen Wissen- hen (Cyclotron-Strahlung), sogar weni- verwendeten Kristallgitters, die an den
schaftler auf die Idee, den molekularen ger als zehn Nanogramm ausreichen. Ecken Zink statt Kobalt sowie Iodid-
Schwamm als Basis für die Struktur­ Für den Laboralltag empfehlen die For- statt Thiocyanationen enthielt, bereits
bestimmung kleiner Gastmoleküle zu scher allerdings nicht ganz so extreme die benötigten Zusatzinformationen
benutzen. Dabei dachten sie zunächst Probendimensionen – es ist ja auch lieferte. Das machte den Einbau von
vor allem an Substanzen, die nur in ge- praktischer, wenn man seinen Kristall Schwermetallen überflüssig. Die mit
ringen Mengen zur Verfügung stehen. noch mit bloßem Auge sehen kann. diesem dreidimensionalen Gerüst
Da die Röntgenkristallografie mit sehr Um die Leistungsfähigkeit der Me- durchgeführte Röntgenstrukturanaly-
kleinen Kristallen auskommt, benutz- thode weiter zu testen, erhielt Team- se war ein voller Erfolg: Sie lieferte für

www.spek trum .de 15


forschung aktuell

erregte. Wenige Monate später mussten


Inokuma, Y.  et al.: X-ray analysis on the nanogram to microgram
scale using porous complexes. In: Nature 495, S. 461–466, 2013, fig. 4

sie diese Meldung aber kleinlaut zu-


rückziehen (doi:10.1038/nature12527).
Bei einer erneuten Analyse der Daten
waren zuvor nicht bemerkte Mehrdeu-
tigkeiten ans Licht gekommen, die das
Ergebnis in Frage stellten. Außerdem
hatten drei Teammitglieder inzwischen
eine Totalsynthese der Substanz durch-
geführt. Die aber zeigte, dass die tat-
sächliche Struktur das Spiegelbild der
zuvor publizierten war.
An dem chiralen Naturstoff Santonin ließ sich, nachdem er in die Käfigstruktur der japa- Dennoch dürfte sich die Gitter-Me-
nischen Wissenschaftler diffundiert war (links), eine Röntgenstrukturanalyse durchfüh­ thode in vielen anderen Fällen als nütz-
ren, die seine – allerdings vorher schon bekannte – absolute Konfiguration (rechts) zeigte. lich erweisen. Da die Bausteine des Ge-
rüsts kommerziell erhältlich sind, kön-
nen Röntgenkristallografen rund um
Santonin das bereits bekannte Enan­ eine bittere Lektion über die Grenzen den Globus die Methode auf ihre Struk-
tiomer. des Verfahrens. Zunächst glaubten sie turprobleme anwenden, solange diese
Nach all den geglückten Vorarbeiten zwar, aus ihren Daten die Anordnung nicht so vertrackt sind wie die Chiralität
wagten sich die japanischen Forscher der vier unterschiedlichen Gruppen von Miyakosin A. Allzu groß dürfen die
schließlich an das Miyakosin A, um die am Kohlenstoffatoms Nummer 14 ab- Moleküle aber nicht sein – Proteine
Leistungsfähigkeit der neuen Methode leiten zu können und meldeten den passen leider nicht in die Poren hinein.
auf spektakuläre Weise zu demonstrie- vermeintlichen Erfolg in der renom-
ren. Doch diesmal hatten sie Pech: Statt mierten Fachzeitschrift »Nature« (Band Michael Groß ist promovierter Biochemiker und
des erhofften Triumphs ernteten sie 495, S. 461, 2013), was großes Aufsehen Wissenschaftsjournalist in Oxford (England).

Mathematik

Ein großer Schritt zum Beweis


der Primzahlzwillingsvermutung
In jahrelanger, einsamer Arbeit hat ein Außenseiter einen neuen Zugang 
zur Lösung eines jahrtausendealten zahlentheoretischen Problems gefunden.

Von Hans Engler

D ie Geschichte hat frappierende


Ähnlichkeiten mit dem Märchen
vom Dornröschen. Die Rolle der Prin-
parable Fehler in einer Arbeit seines
Doktorvaters, die seiner eigenen zu
Grunde liegt. Er muss für seine Disser-
einer Schnellimbisskette über Wasser
halten. Erst acht Jahre später kommt er
mit einem Lehrauftrag an der Univer­
zessin spielt dabei die wissenschaft­ tation mit einem neuen Thema von sity of New Hampshire unter.
liche Produktivität des chinesisch-­ vorne anfangen, wird erst 1991 fertig, Als Dornröschen dann endlich 20
amerikanischen Mathematikers Yitang und das Verhältnis zu seinem Doktor- Jahre nach dem Spindelstich erwacht,
Zhang, Jahrgang 1955. Zunächst blüht vater ist nicht mehr das beste. In den trifft das die Fachwelt wie ein Blitz aus
und gedeiht sie: Nach Studium und USA, wo der Betreuer einer Promotion heiterem Himmel. Im April dieses Jah-
Master-Abschluss in Peking geht der seinem Schützling bei der Suche nach res reicht Zhang bei der renommierten
begabte Jungforscher 1985 an die Pur- der ersten Anstellung oft entscheidend Fachzeitschrift »Annals of Mathema-
due University in West Lafayette (India- hilft, ist das ungefähr so schlimm wie tics« eine Arbeit zum berüchtigten
na), um dort zu promovieren. der Stich mit der verzauberten Spindel. Primzahlzwillingsproblem ein. Dieses
Dann tritt die böse Fee auf: Als Zhang findet keine Stelle im akademi- lautet: Man beweise, dass es unendlich
Zhang sich einer Lösung des gestellten schen Betrieb und muss sich mit Jobs viele Paare von Primzahlen gibt, die
Problems nahe glaubt, entdeckt er irre- als Buchhalter oder gar als Verkäufer in den Abstand 2 voneinander haben, wie

16  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


zum Beispiel 3 und 5, 5 und 7, 59 und 61 gleich n/log(n), wobei log den natürli-

Lisa Nugent, University of New Hampshire (UNH)


oder 137 und 139 (Spektrum der Wis- chen Logarithmus bezeichnet. So ha-
senschaft 12/2008, S. 94, und Dossier ben Primzahlen im Billionenbereich ei-
6/2009 »Die größten Rätsel der Mathe- nen durchschnittlichen Abstand von
matik«). Zhang löst zwar nicht das Pro- ungefähr 29; zwischen einer Primzahl
blem, kommt aber einem Beweis näher mit 1000 Stellen, wie sie etwa bei mo-
als jeder bisherige Versuch. Daraufhin dernen Verschlüsselungsverfahren ver-
beschleunigen die Herausgeber der wendet wird, und ihrer Nachfolgerin
»Annals« den normalerweise sehr ge- tut sich eine Lücke der Länge 2300 auf –
mächlich ablaufenden Begutachtungs- im Durchschnitt.
prozess, und Zhangs Arbeit ist bereits Nachdem die mittleren Abstände
online erschienen. langsam, aber unaufhaltsam immer
größer werden, erscheint es zunächst
Die Lücken werden immer größer plausibel, dass es auch einen Mindest-
Bereits zu den Zeiten Euklids wurde be- abstand gibt, der ebenfalls mit der Grö-
wiesen, dass es unendlich viele Prim- ße der Zahlen wächst. Demnach wäre
zahlen (nicht weiter teilbare Zahlen) eine Lücke von – zum Beispiel – einem
gibt. Aber mit zunehmender Größe Tausendstel der Durchschnittsgröße
werden sie immer seltener. Seit mehr ein solcher Ausreißer nach unten, dass
als 100 Jahren ist bekannt, dass der sie überhaupt nicht vorkommt. Wenn
durchschnittliche Abstand zweier auf- dem so wäre, gäbe es insbesondere un-
einanderfolgender Primzahlen propor- ter den mehr als 1000-stelligen Zahlen
tional zur Anzahl ihrer Dezimalstellen keine Primzahlzwillinge mehr, und de-
ist. Genauer: Nach dem gaußschen ren Gesamtzahl wäre endlich.
Primzahlsatz ist die Anzahl aller Prim- Zhang konnte nun definitiv zeigen, Yitang Zhang, Dozent (Lecturer) an der
zahlen, die kleiner als n sind, ungefähr dass dies nicht der Fall ist. Es gibt in der University of New Hampshire in Durham.

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forschung aktuell

Unendlichkeit der Primzahlen immer Im Gegensatz zu Primzahlen im Allge- stand zwischen der kleinsten und der
wieder Paare, die relativ nahe beieinan- meinen haben Primzahlpaare mit klei- größten Zahl, ist 16. Man stellt sich vor,
derliegen. Konkret hat Zhang bewiesen, nem Abstand bislang keine Anwen- dass das Sieb Löcher an genau den Stel-
dass es unendlich viele Primzahlpaare dung in der Kryptografie gefunden, im len hat, die von diesen Zahlen bezeich-
gibt, die sich um höchstens 70 Millio- Gegenteil: Man hüte sich davor, ein sol- net werden. Hält man es unter den Zah-
nen unterscheiden. ches Pärchen zur Erzeugung eines kryp- lenstrahl, fallen die entsprechenden
Die Primzahlzwillingsvermutung ist tografischen Schlüssels zu verwenden, Zahlen durchs Sieb; im Beispiel sind
relativ einfach zu formulieren und hat denn der wäre leichter zu knacken als das lauter Primzahlen.
auch deswegen in der Vergangenheit andere. Dennoch hat ein Ergebnis wie Interessant ist nun die Frage, wie vie-
viele Mathematiker interessiert. An- das von Zhang beträchtliche indirekte le Primzahlen herausfallen, wenn man
fang des letzten Jahrhunderts entwi- Auswirkungen, denn es stellt neue das Sieb an irgendeiner Stelle unter den
ckelten die Briten Godfrey H. Hardy Werkzeuge zur Untersuchung von Zahlenstrahl hält. Das heißt, man ad-
und John Littlewood aus plausiblen An- Primzahlen bereit und hebt allgemein diert eine ganze Zahl zu allen Zahlen
nahmen eine Formel, nach welcher der die Attraktivität des Fachs, was am Ende des Siebs (zum Beispiel 100) und schaut
durchschnittliche Abstand von zwei auch den Verschlüsselungstechnolo­ nach, welche der Ergebnisse Primzah-
aufeinanderfolgenden Zwillingspaaren gien zugutekommt. Und natürlich ist len sind. Im Beispiel ist unter den fünf
proportional zum Quadrat ihres Loga- eine relativ einfach formulierte, uralte Zahlen 113, 117, 119, 123 und 129 nur
rithmus ist. Die Formel ist bemerkens- mathematische Frage eine faszinieren- eine einzige Primzahl, nämlich 113. Ad-
wert genau. So behauptet sie, dass es de Herausforderung. Wann sonst hat diert man stattdessen 200, sind zwei der
zwischen 5 000 000 und 5 001 000 fünf man Gelegenheit, sich an einem jahr- fünf Ergebnisse Primzahlen, nämlich
bis sechs Zwillingspaare geben sollte. tausendealten Dialog zu beteiligen? 223 und 229.
Tatsächlich sind es genau fünf, be­ Jedes Mal, wenn zwei oder mehr
ginnend mit dem Paar 5 000 111 und Von 70 Millionen auf 5414 Primzahlen durchs Sieb fallen, hat man
5 000 113. Dennoch liefern die Über­ Wie beweist Yitang Zhang nun sein Re- ein Paar von Primzahlen gefunden, die
legungen von Hardy und Littlewood sultat? Sein wichtigstes Werkzeug heißt sich höchstens um den Durchmesser
keinen Beweis. Auf jeden Fall sind Prim- »Zahlensieb« und ist einfach eine end- des Siebs (in diesem Fall 16) unterschei-
zahlzwillinge recht selten. liche Zahlenmenge. Nehmen wir zum den. Wie bei Primzahlen üblich, sieht es
Die Untersuchung von Primzahl­ Beispiel die Menge, die aus den Zahlen zunächst so aus, als hinge die Anzahl
paaren scheint auf den ersten Blick von 13, 17, 19, 23 und 29 besteht. Der Durch- der herausfallenden Primzahlen nur
rein akademischem Interesse zu sein. messer dieses Siebs, das heißt der Ab- vom Zufall ab, und man könnte besten-
falls statistische Aussagen darüber tref-
fen. Aber es gibt doch Abschätzungen,
Je weiter nach rechts man auf dem Zahlenstrahl wandert, desto dünner sind die Prim- die nach sehr komplizierten Berech-
zahlen gesät; und die Primzahlzwillinge (rot) werden noch schneller selten. nungen den Schluss erlauben, dass das
Spektrum der Wissenschaft

2 3–5–7 11–13 17–19 23 29–31 37 41–43 47 53 59–61 67 71–73 79 83 89 97 101–103 107–109 113 127 131 137–139 149–151 157 163 167 173 179–181 191–193
197–199 211 223 227–229 233 239–241 251 257 263 269–271 277 281–283 293 307 311–313 317 331 337 347–349 353 359 367 373 379 383 389 397 401
409 419–421 431–433 439 443 449 457 461–463 467 479 487 491 499 503 509 521–523 541 547 557 563 569–571 577 587 593 599–601 607 613 617–619
631 641–643 647 653 659–661 673 677 683 691 701 709 719 727 733 739 743 751 757 761 769 773 787 797 809–811 821–823 827–829 839 853 857–859
863 877 881–883 887 907 911 919 929 937 941 947 953 967 971 977 983 991 997 1009 1013 1019–1021 1031–1033 1039 1049–1051 1061–1063 1069 1087
1091–1093 1097 1103 1109 1117 1123 1129 1151–1153 1163 1171 1181 1187 1193 1201 1213 1217 1223 1229–1231 1237 1249 1259 1277 1279 1283 1289–1291 1297
1301–1303 1307 1319–1321 1327 1361 1367 1373 1381 1399 1409 1423 1427–1429 1433 1439 1447 1451 1453 1459 1471 1481–1483 1487–1489 1493 1499 1511
1523 1531 1543 1549 1553 1559 1567 1571 1579 1583 1597 1601 1607–1609 1613 1619–1621 1627 1637 1657 1663 1667 1669 1693 1697–1699 1709 1721–1723
1733 1741 1747 1753 1759 1777 1783 1787–1789 1801 1811 1823 1831 1847 1861 1867 1871–1873 1877–1879 1889 1901 1907 1913 1931–1933 1949–1951 1973 1979
1987 1993 1997–1999 2003 2011 2017 2027–2029 2039 2053 2063 2069 2081–2083 2087–2089 2099 2111–2113 2129–2131 2137 2141–2143 2153 2161
... ...

... ...
44683 44687 44699–44701 44711 44729 44741 44753 44771–44773 44777 44789 44797 44809 44819 44839 44843 44851 44867 44879 44887 44893
44909 44917 44927 44939 44953 44959 44963 44971 44983 44987 45007 45013 45053 45061 45077 45083 45119–45121 45127 45131 45137–45139
45161 45179–45181 45191 45197 45233 45247 45259 45263 45281 45289 45293 45307 45317–45319 45329 45337 45341–45343 45361 45377 45389 45403
45413 45427 45433 45439 45481 45491 45497 45503 45523 45533 45541 45553 45557 45569 45587–45589 45599 45613 45631 45641 45659 45667 45673
45677 45691 45697 45707 45737 45751 45757 45763 45767 45779 45817 45821–45823 45827 45833 45841 45853 45863 45869 45887 45893 45943 45949
45953 45959 45971 45979 45989 46021 46027 46049–46051 46061 46073 46091–46093 46099 46103 46133 46141 46147 46153 46171 46181–46183
46187 46199 46219 46229 46237 46261 46271–46273 46279 46301 46307–46309 46327 46337 46349–46351 46381 46399 46411 46439–46441
46447 46451 46457 46471 46477 46489 46499 46507 46511 46523 46549 46559 46567 46573 46589–46591 46601 46619 46633 46639 46643 46649
46663 46679–46681 46687 46691 46703 46723 46727 46747 46751 46757 46769–46771 46807 46811 46817–46819 46829–46831 46853 46861 46867
46877 46889 46901 46919 46933 46957 46993 46997 47017 47041 47051 47057–47059 47087 47093 47111 47119 47123 47129 47137 47143 47147–47149

18  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


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Ereignis »zwei oder mehr Primzahlen« im Frühsommer fast täglich neue, klei- Einstein, der die spezielle Relativitäts-
unendlich oft auftreten muss – wenn nere Siebe ein (und wurden bisweilen theorie als Angestellter eines Patent-
das Sieb geeignet gewählt und vor allem wieder zurückgezogen, weil Fehler zu amtes konzipierte, und Andrew Wiles,
groß genug ist. Zhang konnte nun be- Tage getreten waren). Die kleinsten bis- der jahrelang am Beweis der fermat-
weisen, dass es möglich ist, ein solches her gefundenen Siebe von Ende Juli ha- schen Vermutung arbeitete, ohne je-
Sieb zu finden, dessen Durchmesser ben den Durchmesser 5414 und beste- mandem etwas davon zu sagen.
etwa 70 Millionen beträgt und das aus hen aus 720 Zahlen. Damit haben die Liegt in der anonymen Kollabora­
ungefähr 3,5 Millionen Zahlen besteht. Forscher jetzt schon Zhangs Ergebnis tion nach der Art von »Polymath 8« die
Nachdem es eigentlich um ein Sieb um mehr als den Faktor 1000 verbes- Zukunft der Mathematik, oder werden
mit Durchmesser 2 geht, klingt dieses sert. Noch einmal ein solcher Fort- Einzelkämpfer wie Yitang Zhang der
Ergebnis noch nicht beeindruckend. schritt und die Primzahlzwillingsver- Forschung immer wieder neue Impulse
Aber Zhangs wesentliche Errungen- mutung wäre bewiesen! geben? Und steht die vollständige Lö-
schaft war die Methode; und alsbald Dass ein Einzelner in Isolation einen sung der alten Vermutung kurz bevor?
stürzten sich zahlreiche Mathematiker wissenschaftlichen Durchbruch erzielt, Zhang glaubt das nicht. Er denkt, dass
darauf. Im Gegensatz zu Zhang, der ist selten, aber nicht einzigartig. Be- dazu völlig neue Ideen erforderlich sein
nach eigener Aussage am liebsten im rühmte Beispiele sind Isaac Newton, werden.
stillen Kämmerlein arbeitet, eröffneten der im Pestjahr 1665 Cambridge verließ
sie ein wikiähnliches Internetprojekt und im Landhaus seiner Mutter die Dif- Hans Engler ist Professor für Mathematik
namens »Polymath 8«. Dort trudelten ferenzialrechnung entwickelte, Albert an der Georgetown University in Washington.

MEDIZIN

Impfen gegen Krebs


Mund- und Lungenkrebs lässt sich bei Mäusen per Impfung in die Nase bekämpfen –
nicht aber durch eine Injektion in die Muskeln.

Von Emmanuelle Vaniet

I mpfungen schützen vor Krankheiten,


indem sie unseren Körper zur Pro-
duktion bestimmter Antikörper veran-
die »Tumorantigene«, die von Immun-
zellen erkannt werden können. Bei ei-
ner therapeutischen Krebsimpfung
gen, das die Zellen der Körperabwehr
lahmlegt.
Ein anderer Aspekt, der bislang rela-
lassen. Mit deren Hilfe kann er die Erre- verabreichen die Mediziner genau die- tiv wenig Beachtung findet, ist die Be-
ger wirksamer bekämpfen, noch bevor se Antigene, um die Immunabwehr des wegung der Immunzellen zum Ort des
sie sich im Organismus ausbreiten. Patienten dagegen zu mobilisieren, da- Übels. Insbesondere Tumoren, die in
Doch wenn die Eindringlinge den Kör- mit sie anschließend die Krebszellen den Schleimhäuten entstehen – so ge-
per bereits infiziert haben, reichen An- angreift. Doch bis jetzt sind entschei- nannte mukosale Tumoren, etwa bei
tikörper oft nicht mehr aus. Deshalb dende Erfolge bei dem Verfahren aus- Lungen- und Gebärmutterhalskrebs –,
versuchen Mediziner bei chronischen geblieben: Weniger als vier Prozent der sind für Abwehrzellen nur schwer zu
Krankheiten wie HIV oder Hepatitis B, Behandelten zeigen eine Rückbildung ­erreichen. Ein Team um Eric Tartour
die so genannten CD8-positiven T-Lym- des Tumors, von Heilung ganz zu vom Pariser Centre de recherche Car­
phozyten zu aktivieren. Diese Immun- schweigen. diovasculaire (PARCC) ging kürzlich der
zellen sind in der Lage, körperfremde Ein Grund für den Misserfolg liegt Frage nach, ob sich dies ändern lässt, in-
Proteinbruchstücke (so genannte Anti- darin, dass viele der in den Impfstof- dem man den therapeutischen Impf-
gene) an der Oberfläche von bereits be- fen verwendeten Tumorantigene auch stoff auf anderem Weg verabreicht. Die
fallenen Zellen zu erkennen und die in normalen Geweben vorkommen, Idee ist nicht neu: In den USA werden
entsprechenden Zellen zu vernichten. wenngleich in geringen Mengen. Es las- manche Influenzaimpfstoffe schon seit
Seit Jahrzehnten arbeiten Forscher sen sich kaum T-Zellen aktivieren, die Jahren in die Nase appliziert. Dort, an
daran, CD8-positive T-Zellen auch auf diese Antigene wirksam attackieren – der natürlichen Eintrittspforte der In-
Krebszellen zu hetzen. Gelingen soll wohl eine Art Selbstschutz des Körpers fluenzaviren, bauen sie einen sehr wirk-
dies mit Hilfe therapeutischer Impf- vor Autoimmunreaktionen. Mittler- samen Schutz auf. In den bisherigen
stoffe. Entartete Zellen bilden an ihrer weile weiß man auch, dass die Tumor- klinischen Versuchen zur Krebsimp-
Oberfläche bestimmte Merkmale aus, zellen um sich herum ein Milieu erzeu- fung hingegen haben die Mediziner das

20  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Mevyn Nizard, Paris Centre de recherche Cardiovasculaire (PARCC)
Mit einer Nasenimpfung wollen Forscher die Immunreaktion gegen Untersuchungen bestätigen seine Aus-
Tumoren im Mund-Rachen Raum oder in der Lunge verstärken. sage. So ließen sich die aktivierten T-
Zellen in den Lymphknoten nahe den
Mund- oder Lungentumoren nicht
Vakzin stets subkutan (unter die Haut) Verabreichten die Forscher den nachweisen. Auch im Tumorgewebe
oder intramuskulär (in die Muskeln) Impfstoff allerdings nicht in die Mus- selbst traten nur sehr wenige von ih-
­gespritzt. keln, sondern in die Nase, starb inner- nen auf.
Die Forscher pflanzten Mäusen halb von 35 Tagen nach Krankheits­ Ganz anders präsentierte sich die
menschliche Tumorzellen in den Mund ausbruch keine einzige Maus (Science ­Situation nach einer Nasenimpfung:
ein, um das Wachstum eines Karzi- Translational Medicine 5, 172ra20, 2013). Jetzt hatten 40-mal so viele aktivierte
noms der Mundschleimhaut auszu­ Daraufhin verpflanzten die Wissen- ­T-Zellen den Tumor erreicht. Den Grund
lösen. Das war ungewöhnlich, denn schaftler menschliche Tumorzellen in dafür erkannten die Forscher, als sie die
meist werden bei Mausmodellen zur die Lungen der Tiere – und beobachte- erfolgreich eingewanderten Immun­
Krebsentstehung die entarteten Zellen ten einen ähnlichen Effekt: Intramus- zellen analysierten. Diese trugen Integ-
unter die Haut der Tiere gebracht. Dort kuläre Impfungen konnten die entste- rin CD49a an ihrer Oberfläche – ein
sind sie aber für die Zellen der Körper- hende Krebserkrankung kaum brem- Transmembranprotein, das unter an-
abwehr leichter zu erreichen als im sen, mit einer Nasenimpfung hingegen derem an Kollagen IV koppelt. Kollagen
Mund – und somit auch Immunthera- bildete sich der Tumor zurück. IV ist ein Bindegewebsprotein, das in
pien zugänglicher. Das ist ein Grund, der Umgebung von Schleimhäuten vor-
warum Krebsimpfstoffe, die T-Zellen Die Abwehrspieler sind bereit – kommt und die aktivierten T-Zellen
aktivieren, im Mausmodell oft mehr finden aber nicht das Spielfeld dort verankerte.
Wirkung zeigen als beim Menschen. Bei Eric Tartour findet folgende Erklärung Warum aber bringt nur eine intra­
den Tieren von Tartour und seinen Kol- für die Ergebnisse: »Spritzt man die nasale Impfung aktivierte T-Zellen her-
legen hingegen schritt die Krankheit Vakzine in den Muskel, dann werden vor, die in der Nähe von Schleimhäuten
trotz mehrfacher intramuskulärer Imp- zwar CD8-positive T-Zellen produziert, bleiben? Hier kommt eine weitere Klas-
fung rasch fort: 35 Tage nach Beginn der die Tumormerkmale erkennen kön- se von Immunzellen ins Spiel: die den-
Erkrankung waren drei von vier Nagern nen – sie erreichen die Wucherungen dritischen Zellen, wichtige Vermittler
gestorben. im Mund oder in der Lunge aber nicht.« der Immunantwort. Nach einer Imp-

www.spek trum .de 21


Springers Einwürfe

Aus die Maus fung fangen sie das verabreichte Anti-


gen ab und präsentieren es anschlie-
Tierversuche verleiten vielfach zu falschen Schlüssen. ßend den T-Zellen. Diese attackieren
daraufhin alle Zellen, die das entspre-

W ie entsteht ein neues Medikament? Den Anfang des interdisziplinären Sta­


fettenlaufs bis zu seiner Zulassung macht die präklinische Forschung am
Tiermodell, die meist in einem Universitätslabor stattfindet. Angenommen, dort ha­
chende Antigen auf ihrer Oberfläche
tragen.

ben Neurowissenschaftler herausgefunden, dass eine neu entdeckte Substanz das Am Ort des Geschehens
Gehirn von Mäusen nach einem Schlaganfall signifikant vor bleibenden Schäden festgehalten
bewahrt. Dann kann der Stafettenstab im Rahmen der so genannten translationa­ Tartour und seine Kollegen stellten in
len Forschung an die Mediziner übergeben werden, die mit der klinischen Erpro­ ihren Untersuchungen fest, dass be-
bung am Menschen beginnen. Und wenn alles gut geht, steht am Ende die kom­ stimmte dendritische Zellen in der
merzielle Nutzung eines neuen Heilmittels für Schlaganfallpatienten. Lunge offensichtlich eine weitere
Doch leider läuft bei der Stabübergabe von der Grundlagenforschung am Tier­ Funktion erfüllen. Sie machen nicht
modell zur medizinischen Anwendung am Menschen so häufig etwas schief, dass nur die T-Zellen gegenüber dem einge-
unter Experten die Unruhe wächst. Der Neurologe Ulrich Dirnagel, der das Zentrum atmeten Antigen kampfbereit, son-
für Schlaganfallforschung an der Berliner Charité leitet, stellte schon im Oktober dern kurbeln zusätzlich noch deren
2011 auf der Website des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft lakonisch CD49a-Produktion an. Damit zwingen
fest: »Viele präklinische Studien taugen nichts.« Die translationale Medizin stecke in sie die Zellen dazu, nahe der Schleim-
einer Krise. Die durchschnittliche statistische Aussagekraft von Experimenten in der haut zu bleiben, wo sie ja auch ge-
präklinischen Forschung liege häufig nur wenig über 0,5: »Sie entspricht der Vorher­ braucht werden. Bei intramuskulärer
sagekraft eines Münzwurfs.« Impfstoffgabe bleibt dieser Effekt aus,
Mit diesem harten Urteil steht Dirnagel nicht allein. Sein schottischer Kollege weil in dem Fall andere dendritische
Malcolm Macleod von der University of Edinburgh ging nun der Karriere von 603 Zellen zum Zug kommen, etwa solche
chemischen Verbindungen nach, die im Tierversuch augenscheinlich die Folgen ei­ in der Milz.
nes Schlaganfalls zu lindern vermochten. Ganze 97 davon wurden an Menschen er­ Mithin scheint der Ort, an dem der
probt, aber nur eine einzige zeigte irgendeine Wirkung; und selbst diese Substanz Impfstoff verabreicht wird, eine we-
wurde gar nicht wegen der Tierversuche getestet, sondern weil bereits bekannt war, sentliche Rolle zu spielen – zumindest,
dass sie Herzinfarktpatienten hilft (Science 342, S. 922, 2013). wenn neben der Produktion von Anti-
körpern auch die von CD8-positiven T-
Den Grund für die mangelnde Effizienz der präklinischen Tierforschung sehen Dirna­ Lymphozyten gefördert werden soll.
gel und Macleod in der schlampigen Methodik. So erfüllte laut Macleod nur ein Drit­ Offenkundig können T-Zellen, im Ge-
tel der von ihm überprüften Tierversuche die Standardanforderung an einen Blind­ gensatz zu den wesentlich kleineren
test: Erstens müssen die Versuchstiere nach dem Zufallsprinzip entweder das fragli­ Antikörpern, nicht überall hin gelan-
che Medikament empfangen oder in die unbehandelte Kontrollgruppe wandern, und gen. Um ihr Ziel zu erreichen, müssen
zweitens dürfen die Versuchsleiter nicht von vornherein wissen, welche Maus zu wel­ sie entweder von Signalmolekülen an-
cher der beiden Gruppen gehört. Nur dadurch ist ausgeschlossen, dass Wunschden­ gelockt werden oder Proteine tragen,
ken das Resultat beeinflusst – und tatsächlich stellte Macleod fest: Je methodisch un­ die sie an den Ort des Geschehens diri-
sauberer der Mäusetest, desto durchschlagender die vermeintliche Heilwirkung. gieren – etwa Integrin CD49a. Dass Me-
Offenbar steckt dahinter gar keine betrügerische Absicht, sondern der vom For­ diziner diesen Effekt bislang nicht oder
schungsbetrieb aufgebaute Druck, positive Resultate zu erzielen. Auch scheint eine kaum beachtet haben, könnte einer der
paradoxe Mischung von Tierliebe und Distanz zum Versuchsobjekt am Werk zu sein. Gründe dafür sein, warum Krebsimp-
Auf der einen Seite werden aus falsch verstandenem Tierschutz viel zu kleine Ver­ fungen gegen Schleimhauttumoren
suchstiergruppen gewählt – als könnte man mit fünf bis zehn Mäusen signifikante (etwa beim Lungenkrebs) bisher relativ
Aussagen über die Wirkung eines Medikaments gewinnen. Das heißt aber, die Tiere erfolglos geblieben sind. Die Ergebnisse
leiden umsonst. Auf der anderen Seite sehen auf den ersten lassen sich allerdings nicht auf alle
Blick alle Mäuse gleich aus; also fasst der Experimentator in Schleimhauttumoren übertragen. Bei
den Käfig und fischt scheinbar zufällig einzelne Versuchs­ Gebärmutterhalskrebs etwa scheinen
tiere heraus – ohne zu bedenken, dass es ganz unterschied­ intravaginale Impfungen keinen Vor-
liche Mäuse gibt, neugierige und ängstliche, muntere und teil gegenüber intramuskulären zu
schläfrige. Die einen springen förmlich in die Hand, die an­ bringen.
deren entgehen ihr. So wird beim menschlichen Zugriff un­
absichtlich eine Auslese unter den kleinen Persönlichkeiten Emmanuelle Vaniet ist promovierte Biologin
Michael Springer
getroffen – und damit die Testreihe verfälscht. und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in
Darmstadt.

22  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


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Wahrnehmung

Sinfonie der Sinne


Unser Wahrnehmungsapparat funktioniert nicht als bloßes Nebeneinander s­ e-
parater Sinneskanäle, sondern erweist sich als eng verflochtenes Netzwerk.
Was wir hören, hängt daher in hohem Maß davon ab, was wir sehen und fühlen.
Von Lawrence D. Rosenblum
Foto: Victoria Ling

Was wir tasten, hören, sehen, riechen und schmecken, wird vom
Ge­hirn nicht getrennt verarbeitet, sondern als dichtes Datengeflecht.

24  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · Januar 2014


Biologie & Medizin

G
egen Ende der 1970er Jahre engagierte das FBI rige Kartoffelchips naschen, beeinflusst das Kaugeräusch
­(Federal Bureau of Investigation, Ermittlungs­ ­unser Geschmacksurteil – und Forscher können das Resultat
behörde der US-Bundespolizei) neun gehörlose von Geschmackstests durch Manipulieren des Hör­eindrucks
Mitarbeiter, um Fingerabdrücke zu analysieren. verändern. Während wir stillstehen, prägen Blickrichtung
Man nahm an, Gehörlosen fiele es leichter, sich auf die und Gesehenes unsere gesamte Körperhaltung. Wie die For­
­akribische Tätigkeit zu konzentrieren. Doch eine Frau, Sue schung der letzten 15 Jahre zeigt, arbeitet kein Sinn für sich
Thomas, fand die Aufgabe vom ersten Tag an unerträglich allein. Von dieser multisensorischen Revolution profitieren
langweilig. Sie beklagte sich darüber so oft bei ihren Vorge­ unter anderem die Prothesen für Blinde und Gehörlose, etwa
setzten, dass sie mit der Kündigung rechnete, als man sie mit die Cochleaimplantate.
anderen Agenten zu einer Aussprache vorlud.
Doch Sue Thomas wurde nicht gefeuert, sondern in ge­ Stumme Silben
wissem Sinn sogar befördert. Die Agenten führten ihr eine Eines der bekanntesten Beispiele für multisensorische Wahr­
Stummfilmaufnahme von zwei Verdächtigen vor und baten nehmung ist der so genannte McGurk-Effekt, den der bri­ti­
sie, deren Unterhaltung zu entschlüsseln. Die Kollegen hat­ sche Entwicklungspsychologe Harry McGurk und sein Assis­
ten bei ihren eigenen Gesprächen mit Thomas bemerkt, wie tent John MacDonald 1976 entdeckten. Wenn man den
geschickt sie von den Lippen ablas. Wie erwartet deutete Stummfilm einer mehrmals die Silbe »ga« wiederholenden
die Gehörlose den Dialog der Verdächtigen ohne Weiteres: Person betrachtet, während man simultan einer Tonbandauf­
Die beiden waren dabei, illegale Glücksspiele zu organisie­ nahme derselben Person lauscht, die wiederholt »ba« sagt,
ren. So wurde Sue Thomas die erste FBI-­Expertin für Lippen­ wird man die Silbe »da« hören. Die stummen »ga«-Silben
lesen. verändern die Wahrnehmung der hörbaren »ba«-Silben, weil
Sie hatte diese Fertigkeit perfektioniert, weil sie als Ge­ das Gehirn Gehörtes und Gesehenes integriert. Der McGurk-
hörlose von Geburt an auf sie angewiesen war, doch unbe­ Effekt funktioniert in allen Sprachen und – wie ich bestätigen
wusst verfügen wir alle über das gleiche Talent. Tatsächlich kann – selbst dann, wenn man ihn seit 25 Jahren untersucht.
verstehen wir schlechter, was jemand sagt, wenn wir seine Die Sprache, die man hört, wird auch beeinflusst durch
Lippen nicht sehen können – vor allem bei lauter Umge­ die Sprache, die man fühlt. Im Jahr 1991 ließ die amerikani­
bung oder wenn jemand mit starkem Akzent spricht. Zur sche Psychologin Carol Fowler, damals am Dartmouth Col­
normalen Sprachentwicklung gehört, dass wir lernen, Ge­ lege in Hanover (New Hampshire) tätig, ungeschulte Frei­
sprochenes nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den willige die so genannte Tadoma-Technik ausführen. Dabei
Augen wahrzunehmen. Deshalb brauchen blinde Kinder oft deutet man die Sprache des Gegenübers, indem man die
überdurchschnittlich lange, um gewisse Feinheiten des ­Finger auf dessen Lippen, Wange und Hals legt. Vor dem Auf­
Sprechens zu lernen. Unweigerlich kombinieren wir die kommen der Cochleaimplantate waren viele Taubblinde –
Wörter, die wir auf den Lippen des anderen sehen, mit den unter anderem die berühmte taubblinde Schriftstellerin
Wörtern, die wir hören. Durch die Erforschung der multi­ ­Helen Keller ( 1880 – 1968) – auf Tadoma angewiesen. Die der­
sensorischen Sprachwahrnehmung hat sich unser Bild von art von den Freiwilligen gefühlten Silben veränderten bei
der Art und Weise, wie das Gehirn die unterschiedlichsten den Versuchen die Interpretation von gleichzeitig per Laut­
Sinnesdaten organisiert, in den vergangenen Jahren radikal sprecher dargebotenen Silben.
gewandelt.
Neurowissenschaftler und Psychologen haben die frühere
Auf einen Blick
Vorstellung weit gehend aufgegeben, das Gehirn bestehe wie
ein Schweizer Taschenmesser aus separaten Modulen, die für
unterschiedliche Sinne zuständig seien. Gemäß dem neuen Unser multisensorisches Gehirn
Bild förderte die Evolution vielmehr die Wechselwirkung
­aller Sinne: Die sensorischen Regionen des Gehirns sind neu­ 1 Früher stellten sich Neurowissenschaftler das Gehirn wie ein
Schweizer Taschenmesser vor: Verschiedene Regionen seien ex-
klusiv für unterschiedliche Formen der Sinneswahrnehmung
ronal vernetzt. zuständig. Es gebe eigene Hirnmodule für Sehen, Hören, Riechen,
Unsere Sinne belauschen einander quasi fortwährend Schmecken und Tasten.
und stecken ihre Nase in fremde Angelegenheiten. Beispiels­
weise ist der visuelle Kortex (die Sehrinde) zwar vorwiegend 2 In den vergangenen drei Jahrzehnten haben psychologische
und neurowissenschaftliche Forschungen ergeben, dass das
Gehirn ein multisensorisches Organ ist: Es kombiniert unauf­
mit Sehen beschäftigt, vermag aber durchaus auch andere
hörlich die Informationen der verschiedenen Sinnesmodalitäten.
Sinnesdaten zu interpretieren. Verbindet man einer Test­
person die Augen, so wird sie binnen 90 Minuten dank ihrer
Sehrinde besonders tastempfindlich; ebenso zeigen bildge­
3 Diese multisensorische Revolution hat nicht nur die frühere Vor-
stellung von der Arbeitsweise des Gehirns radikal gewandelt.
Sie ermöglicht auch bessere Prothesen für Blinde und Gehörlose
bende Verfahren, dass der visuelle Kortex von Blinden neue sowie effiziente Computerprogramme für die Spracherkennung.
Nervenverbindungen fürs Hören ausbildet. Wenn wir knusp­

www.spektrum .de 25
1997 kartierte die Neurowissenschaftlerin Gemma Calvert schluss über die Identität des Redners. Robert Remez von der
an der University of Oxford die beim Lippenlesen besonders Columbia University in New York reduziert normale Sprach­
aktiven Hirnareale. Dabei lasen untrainierte Versuchsperso­ aufnahmen auf Sinuswellen, die dem Pfeifen und Piepsen
nen stumm von den Mundbewegungen eines Gesichts ab, des Roboters R2-D2 in »Star Wars« ähneln. Obwohl diesen
das langsam die Zahlen von Eins bis Neun artikulierte. Wie ­Geräuschen typische Stimmeigenschaften wie Ton­lage und
Calvert herausfand, aktiviert Lippenlesen den auditiven Kor­ Timbre fehlen, vermögen Zuhörer daran ihre Freunde zu er­
tex – die Hörrinde – sowie verwandte Hirnregionen, die beim kennen. Testpersonen sind sogar fähig, solche Sinuswellen
Hören von Sprache mitwirken. Damit wies sie nach, dass ein den gesichtslosen Punktmuster-Filmen desselben Sprechers
vermeintlich nur für einen Sinn zuständiges Hirnareal von richtig zuzuordnen.
anderen Wahrnehmungskanälen beeinflusst wird. Spätere Die Tatsache, dass abgespeckte Versionen von gehörter
Studien haben weitere Indizien für ein solches Zusammen­ und gesehener Rede dieselbe Information über den Sprech­
wirken geliefert. Zum Beispiel wissen Forscher nun, dass der stil bewahren, legt den Schluss nahe, dass die beiden Wahr­
auditive Hirnstamm nicht bloß der groben Vorverarbeitung nehmungsmodalitäten im Gehirn vernetzt sind. Bildgebende
von Geräuschen dient, sondern auch auf gewisse Aspekte Verfahren stützen diese Hypothese: Beim Hören einer ver­
von gesehener Sprache reagiert. Wie bildgebende Verfahren trauten Stimme wird der Gyrus fusiformis aktiviert – und
gezeigt haben, verhält sich das Gehirn beim McGurk-Effekt, diese Hirnwindung im Schläfenlappen der Großhirnrinde ist
wenn akustisch die Silbe »ba« dargeboten wird, tatsächlich für das Erkennen von Gesichtern zuständig.
so, als würde das Ohr die Silbe »da« empfangen.
Diesen Befunden zufolge macht das Gehirn letztlich kei­ Vermischte Wahrnehmungen
nen Unterschied zwischen Sätzen, die es über die Ohren, die Das Ergebnis führte zu einer noch ausgefalleneren Vorher­
Augen oder sogar über die Haut empfängt. Das heißt nicht, sage. Wenn die Wahrnehmungsformen vermischt sind, dann
dass diese unterschiedlichen Modalitäten gleich viel Infor­ sollte das Erlernen der Fähigkeit, von den Lippen einer be­
mation liefern: Gewiss fängt das Gehör mehr Details der stimmten Person zu lesen, zugleich auch das Hörverständnis
­Artikulation auf als der Gesichts- oder der Tastsinn. Vielmehr der von ihr gesprochenen Wörter verbessern. Wir baten un­
unternimmt das Gehirn eine konzertierte Aktion, um all geschulte Freiwillige, eine Stunde lang anhand des Stumm­
die verschiedenen Typen der empfangenen Sprachinforma­ films einer Rede das Lippenlesen zu üben. Danach lauschten
tion auszuwerten und zu kombinieren – ungeachtet ihrer die Testpersonen einer Menge von gesprochenen Sätzen vor
Mo­dalität. einem Hintergrund von Zufallsrauschen. Ohne es zu wissen,
In anderen Fällen helfen unterschiedliche Sinne einander hörte die eine Hälfte der Versuchsteilnehmer Sätze dersel­
bei der Verarbeitung derselben Information. Beispielsweise ben Person, deren Lippen sie gerade abgelesen hatten, wäh­
liefert die spezielle Sprechweise einer Person Information rend die zweite Hälfte einem neuen Sprecher lauschte. Den
darüber, wer da redet – unabhängig davon, ob die Worte Teilnehmern der ersten Gruppe fiel es leichter, die verrausch­
­gesehen oder gehört werden. Meine Kollegen und ich filmen ten Sätze zu verstehen.
Leute beim Sprechen und manipulieren die Aufnahmen so, Das Phänomen der multisensorischen Sprachwahrneh­
dass die Gesichtszüge nicht zu erkennen sind: Man sieht an mung hat Forscher zur Untersuchung aller möglichen Wech­
Stelle der Wangen und Lippen leuchtende Punktmuster, die selwirkungen zwischen den Sinnen animiert. Zum Beispiel
wie Glühwürmchen umherschwirren. Dennoch können un­ ist nicht nur der Geruch bekanntermaßen eine wichtige
sere Versuchspersonen von den Lippen dieser gesichtslosen ­Geschmackskomponente: Auch visuelle und akustische
Punktmuster lesen und daran ihre Freunde erkennen. Auch E­indrücke können den Geschmack verändern. Besonders
einfache, aus Sprechszenen gefilterte Klänge liefern Auf­ verblüffend ist, dass Orangensaft nach Kirsche schmeckt,
wenn er rot gefärbt wird, und umgekehrt. Wie Massimiliano
Zampini von der Universität Trient in Italien zeigte, beein­
flussen unterschiedliche Kaugeräusche, die man Versuchs­
personen beim Probieren von Kartoffelchips vorspielt, das
Ge­schmacks­erlebnis von Frische und Knusprigkeit. Wenn
man eine kontinuierlich abfallende visuelle Struktur – etwa
einen Wasserfall – betrachtet und gleichzeitig eine waag­
rechte Struktur betastet, scheint letztere schräg anzusteigen.
Tom Stoffregen von der University of Minnesota in Min­
neapolis bat Personen, gerade zu stehen und ihren Blick von
einem nahen Ziel auf ein weiter entferntes zu lenken. Dieser
einfache Wechsel der Blickrichtung veränderte die gesamte
Körperhaltung.
Das multisensorische Modell unterstreicht die unglaub­
liche Plastizität des Gehirns: Dieses kann die Hauptfunktion

26  SPEK TRUM DER WISSENSCHAF T · Januar 2014


Das multisensorische Gehirn
auditiv
Wie Forscher seit einigen Jahrzehnten wissen, kombinieren gewisse Hirnregionen die Daten
­unterschiedlicher Sinne. Beispielsweise mischt eine davon visuelle Information mit somato­

AXS Biomedical Animation Studio; multisensorisches Schema nach  Ghazanfar, A.A. und Schroeder,
sensorischer Wahrnehmung wie Tastgefühl und Temperatur. Nun stellt sich heraus, dass die

C.E.: Is neocortex essentially multisensory? In: Trends in Cognitive Sciences 10, S. 278–285, 2006;
visuell somatosensorisch

aktualisiert von: Lawrence D. Rosenblum, Aaron R. Seitz und Khaleel A. Razak


multisensorische Wahrnehmung
die Struktur des Gehirns viel stär-
ker prägt als bisher angenommen.
Offenbar hat sich der rege Aus-
tausch der Sinnesdaten im Gehirn
als evolutionärer Vorteil erwiesen.
Die Hirnbilder zeigen nur pri-
märe sensorische Areale. Sie wur-
den teilweise von Forschungen an
traditionelles Schema multisensorisches Schema Menschenaffen hergeleitet.

eines Areals quasi auswechseln, wenn der Zustrom von Sin­ nutzen unsere Augen, um andere zu sehen, und unsere Oh­
nesdaten auch nur kurz unterbrochen oder eingeschränkt ren, um sie zu hören; wir spüren die Härte eines Apfels mit
wird. Zum Beispiel haben Hirnforscher in den vergangenen unseren Händen, schmecken ihn aber mit der Zunge. Doch
Jahren bestätigt, dass die Sehrinde einer Person, der nur sobald die Sinnesdaten das Gehirn erreichen, schwinden
­eineinhalb Stunden lang die Augen verbunden werden, auf solch strenge Trennungen. Die von den Augen aufgenom­
Tasteindrücke zu reagieren beginnt. Tatsächlich steigt dabei mene visuelle Information wandert nicht nur in einen Con­
auch die Empfindlichkeit des Tastsinns. Ähnlich wirkt Kurz­ tainer und die von den Ohren empfangenen auditiven Daten
sichtigkeit: Oft verbessert sie das Gehör und die räumliche in einen anderen, als würde das Gehirn Münzen sortieren.
Orientierung – und zwar selbst bei Brillenträgern, denen Vielmehr destilliert es aus der Welt möglichst vielfältige Be­
ihr Gesichtsfeld nur in der Mitte wirklich scharf erscheint. deutung, indem es die verschiedenen Formen der Sinnes­
Im Allgemeinen kommt eine gegenseitige Hilfestellung der wahrnehmung kombiniert.  Ÿ
­Sinne viel häufiger vor als früher angenommen.
Diese Erkenntnis nützt bereits heute Menschen, die einen
Der Autor
ihrer primären Sinne eingebüßt haben. Beispielsweise hat
sich gezeigt, dass ein Cochleaimplantat schlechter funktio­ Lawrence D. Rosenblum ist Psychologieprofessor
niert, wenn das Gehirn schon allzu viel Zeit hatte, den ver­ an der University of California in Riverside
und Autor des Buchs »See What I’m Saying: The
nachlässigten auditiven Kortex auf andere Wahrnehmungs­
Extraordinary Power of Our Five Senses«
formen wie Sehen und Fühlen umzuprogrammieren. Darum (W. W. Norton, New York 2010).
empfehlen Experten, gehörlos geborenen Kindern mög­
lichst früh Cochleaimplantate einzupflanzen. Danach sollen
die kleinen Patienten Filmszenen mit Sprechenden betrach­
ten, damit sie lernen, die Lippenbewegungen mit der gehör­ Quellen
ten Sprache zusammenzuführen. Rosenblum, L. D.: Speech Perception as a Multimodal Phenomenon.
Auch Techniker, die Geräte zur Gesichts- und Spracherken­ In: Psychological Science 17, S. 405 – 409, 2008
nung entwickeln, profitieren von der Erforschung der multi­ Stein, B. E. (Hg.): The New Handbook of Multisensory Processing.
MIT Press, Cambridge 2012
sensorischen Wahrnehmung. Spracherkennungssysteme
ver­sagen oft schon bei mäßigem Hintergrundlärm. Wenn Literaturtipp
man solchen Programmen beibringt, Aufnahmen von Mund­
bewegungen zu analysieren, arbeiten sie viel genauer; die Nicolic, D., Jürgens, U. M.: Sinfonie in Rot. In: Gehirn und Geist
6/2011, S. 58 – 63
Methode funktioniert sogar mit den in Smartphones und
Der Artikel illustriert die Verknüpfung der Sinne durch das Phäno­men
Laptops installierten Kameras. der Synästhesie: Synästhetiker sehen Töne oder schmecken Farben.
Zunächst scheint das multisensorische Modell unserer www.spektrum.de/artikel/1069983
Alltagserfahrung zu widersprechen, denn jeder Sinn nimmt
offenbar einen ganz eigenen Aspekt der Welt wahr. Wir be­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214045

www.spektrum .de 27
Astrophysik

Die Kinderstuben
der Sterne
In Sternhaufen bilden sich neue Sonnen. Oft geht es dort zu wie in
einem Bienenschwarm. Eine neue Theorie versucht zu erklären,
wie die Haufen entstehen und sich wieder auflösen, in seltenen
Fällen aber hunderte Millionen von Jahren bestehen bleiben.
Von Steven W. Stahler

D
ie Figuren, die manche am nächtlichen Firma- Gas aufleuchten. Einen weiteren Sternhaufen, die Plejaden,
ment zu erkennen glauben, stellen nur Projektio- aus dem einzelne Hauptsterne hell hervortreten, sieht man
nen des menschlichen Gehirns dar, das einzelne als verschwommenen Lichtfleck im Sternbild Stier sogar mit
Sterne miteinander in Beziehung zu setzen ver- dem bloßen Auge.
sucht. Tatsächlich ist die große Mehrzahl aller Sterne auf sich Sternhaufen kommen in höchst unterschiedlichen Vari-
gestellt und weit von ihren Nachbarn entfernt. Doch das war anten vor, die von schwächlichen Gebilden mit wenigen Dut-
nicht immer so: Jeder Stern beginnt sein Leben in einer Grup- zend Mitgliedern bis zu dichten Ansammlungen von Millio-
pe von Geschwistern nahezu gleichen Alters. Erst nach und nen Sternen reichen. Einige Exemplare sind nur ein paar Mil-
nach driftet die Schar auseinander. Einige dieser stellaren lionen Jahre alt, andere Haufen stammen aus der Frühzeit
Kinderstuben existieren noch heute; Astronomen bezeich- des Universums. Nicht zuletzt, weil sie Sterne in allen mögli-
NASA / ESA / AURA / Caltech

nen sie als Cluster oder Sternhaufen. Der wohl bekannteste chen Stadien ihres Lebenszyklus beherbergen, haben sie die
von ihnen ist der Orion-Trapezium-Haufen im Orion-Nebel: wichtigsten Belege für die heutige Theorie der Sternentste-
Bilder des Weltraumteleskops Hubble zeigen, wie seine hung geliefert, eine der größten astrophysikalischen Errun-
­Sterne inmitten von aufgewühlten Wolken aus Staub und genschaften des 20. Jahrhunderts (siehe SdW 8/2013, S. 46).

28 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Physik & Astronomie

Die weithin bekannten, mit bloßem Auge sichtbaren Plejaden


sind ein so genannter offener Sternhaufen. Sie gelten als eine der
langlebigsten stellaren Gruppierungen in der Milchstraße.

Weniger gut erforscht ist, wie sich Sternhaufen als solche In den folgenden beiden Jahrzehnten habe ich einen er-
entwickeln und was genau sich in ihnen abspielt. Und wa­rum heblichen Teil meiner Zeit dafür aufgewandt, Belege für die-
gibt es sie ausgerechnet in den heute beobachteten Spiel­ se Vermutung zu finden. Schon damals wussten Astrono-
arten? Vor etwa 20 Jahren, als ich gemeinsam mit Francesco men viel über die Entstehung von Sternen und auch einiges
Palla vom Arcetri-Observatorium in Florenz ein Lehrbuch über die Cluster, in denen das geschieht. Ausgangspunkt sind
über Sternentstehung verfasste, wurde mir erstmals be- große Molekülwolken, wie sie in jeder Galaxie vorkommen.
wusst, dass wir offenbar weit mehr über die Sterne selbst Sie bestehen vor allem aus Wasserstoffmolekülen, außerdem
­wissen als über die Kinderstuben, die sie hervorbringen. An finden sich in ihnen weitere Elemente sowie geringe Mengen
einem Nachmittag, wir saßen gerade im Café Strada in Berke- an Staub. Den Schwerkraftsog einer Wolke spüren nicht nur
ley, kam mir eine Idee. Vielleicht erschaffen ja dieselben phy- Sterne und andere Objekte in ihrer näheren Umgebung, er
sikalischen Kräfte die verschiedenen Haufenvarianten. Und wirkt auch auf die Materie in ihrem Inneren. Dort, wo ihre
vielleicht ist nur eine einzige Variable dafür maßgeblich, wel- Gas- und Staubdichte besonders groß ist, ballt sich die Ma­
che Art Haufen im Lauf der Zeit entsteht – nämlich die Masse terie daher zu so genannten Protosternen zusammen, den
der »Elternwolke«, in der ein Cluster geboren wird. Vorläufern der Sterne.

www.spek trum .de 29


Astronomen unterscheiden fünf Haufentypen nach ih-
Auf einen Blick
rem Alter sowie nach Zahl und Dichte der darin enthaltenen
Sterne. Die jüngsten stellaren Gruppierungen werden als Das Innenleben von Sternhaufen
eingebettete Cluster bezeichnet. Man findet sie in Wolken,
die so dicht sind, dass sie die von ihren Mitgliedern im op­
tischen Spektralbereich erzeugte Strahlung komplett ver-
1 Die Entstehung von Sternen nimmt ihren Anfang in Molekül-
wolken aus mit Staub vermischtem Gas. Die jungen Sonnen
haben stets viele Geschwister gleichen Alters und bilden verschie-
schlucken; nur das infrarote Glimmen des durch die Strah- dene Arten von Sternhaufen.

lung aufgeheizten Staubs dringt nach außen. Die innere


Struktur solcher primitiven Cluster bleibt den Forschern des- 2 Für die Unterschiede könnte die Masse der Molekülwolke ver-
antwortlich sein, aus der sich ein Cluster entwickelt. Sie
beeinflusst das Gleichgewicht aus Kontraktion und Expansion
halb ein Geheimnis. während der Entwicklung des Haufens.
Die ältesten und auch mitgliederreichsten Cluster sind
als Kugelsternhaufen bekannt. Sie entstanden in der Früh-
zeit des Universums und können bis zu eine Million dicht
3 Durch ihre Untersuchungen hoffen Astrophysiker, auch mehr
über unsere eigene Sonne zu erfahren, die ebenfalls einst in
einem Sternhaufen entstand.
gepackter Sterne enthalten. Die Elternwolken dieser Haufen
sind längst verschwunden, die Mitgliedersterne also gut
sichtbar. Unglücklicherweise lassen sich Kugelsternhaufen OB-Assoziation. Solche Gruppen beherbergen typischerwei-
nur schwer beobachten: Sie liegen in sehr großer Entfernung se zehnmal mehr Sterne als T-Assoziationen, darunter einige
oberhalb und unterhalb der galaktischen Scheibe. so genannte O- und B-Sterne. Diese Sterntypen zählen zu den
Aus praktischen Gründen habe ich mich auf die drei Hau­ leuchtstärksten und massereichsten im gesamten Univer-
fentypen konzentriert, die in der galaktischen Ebene liegen sum. Auch der rund 1500 Lichtjahre entfernte Orion-Trapezi-
und sich am besten untersuchen lassen. Einer davon sind die um-Haufen ist eine OB-Assoziation: Er enthält vier sehr mas-
spärlich bevölkerten T-Assoziationen, sie bestehen aus bis zu sereiche O- sowie rund 2000 kleinere Sterne, darunter viele
einigen hundert T-Tauri-Sternen, also sehr jungen und noch vom T-Tauri-Typ. In diesem Cluster herrscht die höchste
kontrahierenden Himmelskörpern. Auch unsere Sonne war Sterndichte, die in unserem Teil der Milchstraße zu finden ist.
in ihrer Frühzeit ein solcher T-Tauri-Stern. Die Himmelskör-
per werden zwar noch von ihrer Elternwolke umgeben, aber Irgendwann lassen sich die schnellen Sterne
nicht vollständig verborgen. Lange bleiben solche Haufen nicht mehr im Zaum halten
nicht zusammen: Die ältesten T-Assoziationen sind gerade Alle OB-Assoziationen gehen aus besonders massereichen El-
einmal rund fünf Millionen Jahre alt. ternwolken hervor und besitzen ähnlich große Dichten. Den
Bereits seit einiger Zeit wissen Forscher, dass die Masse extrem starken Gravitationskräften innerhalb solcher Forma-
der Elternwolke von T-Assoziationen wesentlicher größer ist tionen zum Trotz schleudern sich die Sterne aber eines Tages
als die Gesamtmasse der Sterne, die aus ihr hervorgehen. Ich selbst aus den Haufen hinaus. Auf Fotos von voll entwickelten
vermute, dass hierin auch der Grund für ihre kurze Lebens- OB-Assoziationen, die im Abstand von einigen Jahrzehnten
spanne liegt. Ist die Masse der Elternwolke einer T-Assozia­ aufgenommen wurden, lässt sich die dadurch größer gewor-
tion viel größer als die ihrer stellaren Mitglieder, dann muss dene Entfernung zwischen einzelnen Sternen ablesen. Eine
die Gravitationskraft der Wolke für den Zusammenhalt des der Ursachen: Die enorme Schwerkraft der Elternwolke bringt
Clusters maßgeblich sein und nicht die wechselseitige An­ die Sterne von Anfang an auf hohe Bahngeschwindigkeiten.
ziehung der Sterne untereinander. Anders gesagt: Sobald Darum entweichen sie, kaum dass die Wolke ausdünnt.
die Wolke sich auflöst, driften die Sterne auseinander. Astro- Während ihres kurzen Lebens setzen die O- und B-Sterne
nomen vermuten, dass es in T-Assoziationen stellare Winde in OB-Assoziationen ihre Elternwolke unter starken Beschuss
sind – also kräftige Gasströme, die von den Sternen ausge- durch ultraviolette Strahlung. Wie die Sonne auch beziehen
hen –, welche die Elternwolke nach und nach wegblasen. sie ihre Energie aus Kernfusionsprozessen, doch brennt ihr
Den zweiten Typ stellarer Gruppen, die sich in der Milch- nuklearer »Ofen« weitaus stärker: Ein typischer O-Stern mit
straße leicht beobachten lassen, bezeichnen Astronomen als etwa 30-facher Sonnenmasse verfeuert sein Fusionsmaterial
in wenigen Millionen Jahren. Seine ultraviolette Strahlung
ionisiert das umgebende Gas – daher rührt auch das Leuch-
ten der ionisierten Staub- und Gaspartikel im Orion-Trapezi-
um-Haufen –, wodurch Temperatur und Druck steigen und
die Elternwolke in den umgebenden Raum expandieren las-
sen. In dem Maß, in dem die Wolke ausdünnt, schwindet aber
Didaktische Materialien für den Unterricht auch ihre Schwerkraft. Irgendwann kann sie die kleinen,
über die Erforschung von Sternhaufen können Sie schnellen Sterne nicht mehr im Zaum halten, so dass diese
kostenfrei herunterladen unter weit aus dem System geschleudert werden.
www.wissenschaft-schulen.de/sterne Darüber hinaus gibt es aber auch einen bemerkenswert
stabilen Typ von Sternhaufen, die so genannten offenen

30 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Eine Ursache, drei Wirkungen
Sternhaufen gehen aus Wolken von Staub und Gas hervor. In gang bei Wolken hoher Masse, in ihnen bilden sich die neuen
kleinen Raumregionen dieser Wolken ballt sich die Materie so Sterne am schnellsten. Später expandieren die Sternhaufen,
zusammen, dass aus ihr Sterne entstehen. Dem Autor zufolge während sich die ursprünglichen Staub- und Gaswolken ab-
bedingt nur ein einziger Parameter, nämlich die Masse der El- hängig von Zahl und Art der in ihnen enthaltenen Sterne ganz
ternwolke, die Unterschiede zwischen den sich dabei bildenden oder teilweise auflösen. Belege für seine Theorie sucht der
Sternhaufen. Zunächst kontrahiert die Wolke, was zur Entste- ­Autor insbesondere bei drei Typen von Sternhaufen, die sich in
hung von Sternen führt. Am stärksten ist der Kontraktionsvor- der Milchstraße vergleichsweise einfach beobachten lassen.

Elternwolke kontrahierende Wolke heute beobachtbares Stadium

T-Assoziationen überdauern meist nur einige Millionen Jahre. ger Masse unter dem Einfluss ihrer eigenen, recht schwachen
Sie enthalten bis zu einige Hundert junger T-Tauri-Sterne, die Schwerkraft langsam zusammenzieht. Von den Sternen ausge-
noch von Überresten der Elternwolke umgeben sind. Solche hende Materieströme vertreiben anschließend die Wolke. Später
Sternhaufen entstehen vermutlich, wenn sich eine Wolke niedri- verteilen sich sowohl Gaspartikel als auch Sterne im Weltraum.

OB-Assoziationen bleiben bis zu zehn Millionen Jahre beste- trem große Massen und kontrahieren sehr schnell. Später wer-
hen. In ihrem Inneren tummeln sich dicht an dicht Tausende den sie durch die starke ultraviolette Strahlung der O- und B-
von Sternen, darunter einige Exemplare der sehr massereichen Sterne vertrieben. Die Sternhaufen dehnen sich dann weiter
O- und B-Typen. Die Elternwolken solcher Cluster besitzen ex­ aus, und ihre Mitglieder verschwinden ins All.

Offene Cluster sind der langlebigste Typ von Sternhaufen. Sie mittlerer Masse zusammenziehen. Obwohl stellare Winde die
können hunderte Millionen oder gar Milliarden Jahre alt wer- Elternwolke wegblasen, lösen sich diese Sternverbände über
Malcolm Godwin

den, enthalten aber deutlich weniger Sterne als OB-Assoziatio- sehr lange Zeiträume nicht auf, vermutlich dank der wechsel-
nen. Offene Cluster entstehen vermutlich, wenn sich Wolken seitigen gravitativen Anziehung ihrer Mitglieder.

www.spek trum .de 31


Sternhaufen. Sie sind sehr viel seltener, bestehen aus bis zu M e h r W i s s e n B EI
1000 gewöhnlichen Sternen und können über hunderte Mil-
lionen Jahre, zuweilen sogar über Jahrmilliarden hinweg zu- Unser
sammenhalten. Die ursprünglichen Molekülwolken – und Online-Dossier
damit die von ihnen ausgehende Schwerkraft – sind aus die- zum Thema
sen Systemen längst verschwunden. »Kosmologie«
Auch die Plejaden sind ein solcher offener Cluster. Vor 125 finden Sie
Millionen Jahren entstanden, hat sich seine Elternwolke wohl unter
bereits vor rund 120 Millionen Jahren aufgelöst. Die Hyaden,
am Sternhimmel nicht weit von den Plejaden entfernt, sind www.spektrum.de/kosmologie
sogar 630 Millionen Jahre alt. In den Randzonen unserer
­Galaxie gibt es Dutzende offener Cluster, die noch älter sind.
M67 zum Beispiel, eine Formation aus rund 1000 Sternen, ist s­ olare Wind dieser Sterne die Wolke allmählich weg und
vor vier Milliarden Jahren entstanden. wirkt dadurch der ­Kontraktion entgegen. Am Ende entkom-
Aber selbst offene Cluster sind nicht unsterblich. Astrono- men die Himmelskörper ins All. Dieses Szenario passt gut zu
men vermuten, dass die von vorüberziehenden Molekül­ unseren Beob­achtungen von T-Assoziationen. Das andere
wolken ausgehende Schwerkraft die Formationen allmählich Extrem ist eine Wolke mit einer um etwa das Zehnfache hö-
verkleinert und zerstreut. Dennoch geben offene Sternhau- heren Masse, die sich viel schneller zusammenzieht und in
fen große Rätsel auf. Während die Forscher nach jahrzehnte- der auf engem Raum zahlreiche Sterne entstehen. Der Zen­
langer Forschung recht gut erklären können, wie die allmäh- tralbereich der Wolke erreicht mit der Zeit eine so hohe Dich-
liche Auflösung der Elternwolken den Zerfall von T- und OB- te, dass es auch zur Geburt einiger sehr massereicher Sterne
Assoziationen auslöst, haben sie bis heute noch keine kommt. Die starke Strahlung dieser Sterne bläst die Eltern-
Antwort darauf gefunden, warum offene Cluster den Zerfall wolke dann ­zügig weg – genau das beobachten wir in OB-­
ihrer Elternwolken über viele Millionen Jahre hinweg in fes- Assoziationen tatsächlich –, so dass die schnellen Mitglieder
ter Formation zu überstehen vermögen. des Haufens rasch aus der Formation ausbrechen können.
Wahrscheinlich existieren auch Wolken, deren Masse zwi-
Wie entscheidet sich, welche Art von Haufen entsteht? schen den Extremen liegt. Auf sie würden beide Einflüsse im
Für mich war dieses Rätsel von Anfang an Teil eines größeren gleichen Maß wirken: Sie ziehen sich einerseits zusammen
Themenkomplexes, dessen zentrale Fragen lauteten: Warum und verlieren andererseits Masse. Das Ergebnis ist eine
gibt es in unserer Galaxie nur eine begrenzte Zahl von Cluster- ­Molekülwolke, die eine ständig wachsende Zahl junger, eng
typen? Und wie entscheidet sich, welche Art Cluster eine Mo- ­benachbarter Sterne enthält; sehr massereiche Exemplare
lekülwolke bildet? Auf der Suche nach Antworten betrachtete würden sich dabei aber nicht bilden. Selbst wenn stellare
ich die Kräfte, die in Sternhaufen wirken. In den von mir un- Winde die Wolke anschließend wegtreiben, reichen die wech-
tersuchten drei Clustertypen zeigten sich zwei gegenläufige selseitigen Gravitationskräfte der dicht gedrängten Sterne
Prozesse am Werk: Kontraktion, ausgelöst durch die Schwer- nun aus, um sie über sehr lange Zeiträume aneinanderzubin-
kraft der Elternwolken, und Expansion als Folge von stellaren den. Diese Konfiguration ähnelt derjenigen, die Astronomen
Winden und ionisierender Strahlung. Jede Wolke, in der sich in offenen Clustern beobachten.
Sterne bilden, ist diesen entgegengesetzt wirkenden Einfluss- In meiner Theorie des Kräftegleichgewichts postuliere ich,
faktoren in unterschiedlich hohem Maß unterworfen. Bei T- dass die Ausgangsmasse einer Elternwolke das innere Wech-
und OB-Assoziationen setzt sich am Ende die Expansion selspiel aus Kontraktion und Expansion bestimmt und da-
durch. Bei offenen Clustern scheinen sich Expansion und mit auch die Entwicklung des aus ihr entstehenden Clusters.
Kontraktion hingegen auszugleichen – zumindest während Doch während sich die Expansion von OB-Assoziationen und
der kritischen Phase, in der sich die Mitgliedersterne bilden. die anschließende Verteilung ihrer Sterne im Raum direkt
Das Kräftegleichgewicht in einer Wolke, so schloss ich, be- untersuchen lassen, kann man bislang nicht durch Beobach-
stimmt also nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sondern tungen belegen, dass sich Molekülwolken überhaupt zusam-
auch über dasjenige des von ihr erzeugten Sternhaufens. menziehen. Noch weniger klar ist, ob sie dies entsprechend
Weiterhin vermutete ich, dass der Schlüssel zu dieser Balance meiner Theorie tun. Wie ließe sich das prüfen? Ein solcher
in der Ausgangsmasse der Elternwolke zu suchen ist. Denn Vorgang würde sicherlich in den frühesten Anfängen der
das Maß, in dem eine Wolke kontrahiert, hängt von ihrer Clusterbildung erfolgen. Ich müsste also sehr junge Stern-
Schwerkraft und diese wiederum von ihrer Masse ab. Darü- gruppen wie etwa die eingebetteten Cluster untersuchen.
ber hinaus ­bestimmt ihre Masse über die Zahl der erzeugten Weil deren Inneres aber verborgen bleibt, bot sich ein anderer
Sterne. Nehmen wir das Beispiel einer Wolke geringer Masse: Weg an: Ich musste nachweisen, dass ältere Cluster schon vor
Sie zieht sich langsam zusammen, wobei allmählich ihre langer Zeit durch eine Kontraktionsphase gegangen sind.
Dichte steigt und es schließlich zur Bildung einer kleinen Bald fand ich einen Hinweis darauf, wie mir das gelingen
Zahl gewöhnlicher Sterne kommt. Anschließend bläst der könnte. Bereits in den späten 1950er Jahren hatte der Astro-

32 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


nom Maarten Schmidt vom California Institute of Techno­ zen ungefähr die Masse unserer Sonne und leuchten ähnlich
logy herausgefunden, dass die Gasdichte in einer bestimm- hell. Zumindest anfangs geht dieses Leuchten aber nicht auf
ten Wolkenregion und die dortige Sternentstehungsrate Fusionsreaktionen in ihrem Inneren zurück, sondern darauf,
miteinander in Beziehung stehen; dieser empirische Zu- dass sie sich unter ihrer eigenen Schwerkraft immer stärker
sammenhang ist mittlerweile als Schmidt-Kennicutt-Gesetz zusammenziehen, wobei sie die frei werdende Energie in
bekannt. Wenn also die Dichte einer Elternwolke im Verlauf Form von Wärme abstrahlen.
ihrer Kontraktion zunimmt, sollte, während der Cluster Obwohl die Kompressionsrate allmählich sinkt, steigt die
noch sehr jung war, auch die Rate der Sternbildung gewach- Oberflächentemperatur weiter; mit zunehmendem Alter
sen sein. werden die Objekte also immer heißer und mit abnehmen-
Zum Glück liefert die Theorie der Sternentstehung das nö- dem Radius immer leuchtschwächer. Kennt man Oberflä-
tige Werkzeug frei Haus, um diese längst vergangenen Stern- chentemperatur und Leuchtstärke eines T-Tauri-Sterns und
entstehungsraten zu messen. Sie beschreibt neben vielen an- darüber hinaus dessen Abstand zur Erde, lässt sich daher
deren Dingen, wie sich junge Sterne, deren nuklearer Ofen ­berechnen, wie lange er bereits kontrahiert, und damit auch,
noch nicht gezündet hat, mit der Zeit entwickeln. Zu diesen wie alt er ist. Könnte man sich also einen Überblick über die
Himmelskörpern zählen auch die T-Tauri-Sterne. Sie besit- Altersverteilung in einem Cluster verschaffen, erhielte man

Kontrahieren Elternwolken tatsächlich?


Beobachtungsdaten des Orion-Trapezi- wolke vermutlich während Millionen von und leuchtschwächer. Die weißen Pfeile
ums-Haufens im Orionnebel (siehe Foto Jahren. in der Grafik markieren ihre Entwick-
unten rechts) stützen die These des Au- Um dies nachzuweisen, bestimmte der lungspfade, während die blaue Linie den
tors, dass sich die Elternwolken in der Autor anhand von Temperatur und Leucht- Endpunkt symbolisiert. Aus der Position
Frühphase der Clusterentstehung zu- stärke zunächst das Alter der jungen eines Sterns zwischen der roten und der
sammenziehen. Mit ihrer zunehmenden Sterne im Cluster (gelbe Punkte in ● a ). blauen Line lassen sich daher Hinweise
Dichte beschleunigt sich dann die Stern- Entlang der roten Linie befinden sich sehr auf sein Alter ablesen.
bildung. Im Orion-Trapezium-Haufen junge Sterne, die erst seit jüngerer Zeit Anschließend teilte der Autor die Ster-
kam die Sternerzeugung erst vor rund im optischen Wellenlängenbereich sicht- ne in Altersgruppen ein und summierte
100 000 Jahren zum Erliegen, doch in bar sind; sie werden mit zunehmendem die Einzelmassen jeder Gruppe auf. So
der Zeit davor kontrahierte die ­Eltern­- Alter auf vorhersagbare Weise heißer fand er heraus, wie hoch die Sternbil-
dungsrate im jeweiligen Zeitraum war.
6 a 250 b Die Ergebnisse in ●b zeigen, dass sich die
heller

hoch

junge Sterne Sternbildung mit der Zeit drastisch ver-


5 im Orion-
stärkte, so wie es theoretische Modelle
Sternbildungsrate (in Sonnenmassen pro Million Jahre)

Trapezium-
Haufen (weiße Linie) vorhergesagt hatten.

Diagramme: Malcolm Godwin; links nach  Palla, F. and Stahler, S. W.: Star formation in the Orion nebula cluster.  In: Astrophysical
200
Leuchtkraft relativ zur Sonne (logarithmisch)

Journal 525, S. 772–783, 1999, fig. 3;  Foto rechts: NASA / HST / C. Robert O’Dell, Vanderbilt University & S. K. Wong, Rice University
Geburt junger Sterne

150
2

1
100
Sterne in
0 reifem Stadium
gemessene
Rate
–1
50
theoretisch
vorhergesagte
–2 Rate
dunkler

niedrig

–3 0
4,6 4,4 4,2 4,0 3,8 3,6 3,4 10 8 6 4 2 0
heißer kühler alt jung
Oberflächentemperatur in Grad Kelvin Sternalter
(logarithmisch) (in Millionen Jahren)

www.spek trum .de 33


Aufschluss darüber, wann und mit jeweils welcher Rate sich Unglücklicherweise lassen sich die Methoden zur Unter-
seine Mitgliedersterne gebildet haben. suchung von Sternentstehungsraten in der Vergangenheit
Unsere Methode auf nahe gelegene stellare Gruppen an- nicht auf offene Cluster übertragen – die meisten davon sind
zuwenden, war nicht schwierig – für sie existieren die meis- einfach zu alt. Ihre durch Kontraktion und Sternbildung
ten Daten. Palla und ich fanden heraus, dass in allen Grup- ­geprägte Jugendphase von einigen Millionen Jahren Dauer
pen, die heute noch reichlich Gaswolken besitzen, die Stern- macht nur einen winzigen Bruchteil ihrer gesamten Lebens-
bildungsrate mit der Zeit angestiegen ist. Beispielsweise spanne aus, und die zu ihrer Untersuchung erforderliche
wiesen wir im Jahr 2000 nach, dass sich die Sternbildungs­ Auf­lösung besitzen unsere Werkzeuge zur Bestimmung des
rate im Orion-Trapezium-Haufen im Verlauf von Jahrmillio- Stern­alters nicht einmal annähernd. Auch der Gedanke, die
nen immer weiter beschleunigt hat, bevor die Elternwolke Elternwolken offener Cluster einfach zu simulieren, führt
verschwand. Damit sah ich meine Vermutung bestätigt, der nicht weiter: Diese Wolken verschwanden vor so langer Zeit,
zufolge Cluster bildende Wolken in der Frühphase ihrer Ent- dass wir über ihre Massen und ihr Verhalten überhaupt nicht
wicklung tatsächlich kontrahieren. sinnvoll spekulieren können.
Im Jahr 2007 modellierte ich mit meinem damaligen Man kann allerdings einen offenen Cluster modellieren,
Doktoranden Eric Huff, der heute an der Ohio State Univer­ dessen Elternwolke bereits verschwunden ist. Der Weg dort-
sity forscht, die Elternwolke des Orion-Trapezium-Haufens; hin führt über Mehrkörpersimulationen, bei denen der Com-
dabei ließen wir die von mir postulierten Kontraktions- und puter komplexe, ineinandergreifende Gleichungen löst, wel-
Expansionskräfte einfließen. In Computersimulationen auf che die Bewegung einer Vielzahl von Objekten unter Einfluss
Basis dieses Modells kontrahierte die simulierte Wolke exakt ihrer wechselseitigen Schwerkraftanziehung beschreiben.
gemäß unseren Vorhersagen. Anschließend griffen wir zu- Mit diesem Ansatz konnten Forscher herausfinden, was in of-
sätzlich auf das Schmidt-Kennicutt-Gesetz zurück und zeig- fenen Clustern geschieht, sobald sie die anfängliche Phase der
ten, wie die zunehmende Dichte in bestimmten Wolken­ Kontraktion und Sternbildung hinter sich gelassen haben.
regionen nach und nach Einfluss auf die lokale Stern­bil­ Manche der so gewonnenen Erkenntnisse kamen recht
dungsrate gewinnt. Außerdem stimmte die beschleunigte unerwartet. Trotz ihrer bemerkenswerten Stabilität sind of-
Sternentstehungsrate, die unser Modell lieferte, mit der­ fene Haufen nicht statisch. Die wechselseitigen Schwer-
jenigen überein, die Palla und ich durch Altersmessungen krafteinflüsse ihrer Mitgliedersterne erzeugen einen lang­
von Sternen im Orion-Trapezium-Haufen ermittelt hatten. samen Wirbel, bei dem die Sterne einander umtanzen wie
Dieser Befund erhärtet die Kontraktionshypothese also zu- Bienen, die um ihren Korb schwärmen. Was bei diesem Tanz
sätzlich. geschieht, errechnen die Mehrkörperalgorithmen auf so

Binärer Pas de trois


Mittels Computersimulationen fand der Autor heraus, dass offene Sternhaufen über hunderte Millionen
von Jahren hinweg allmählich expandieren. Ursache dieses Prozesses sind möglicherweise Doppelsterne,
die einander auf enger Bahn umkreisen; sie lassen sich in Sternhaufen häufig beobachten. Kommt nun
ein dritter vorbeifliegender Stern hinzu, stört er die Umlaufbahnen der Doppelsternpartner. Es beginnt
ein komplizierter »Tanz«, gesteuert von den Gravitationswechselwirkungen zwischen den Sonnen. herauskatapultierter
Stern (überträgt Im-
Beendet wird er dadurch, dass der leichteste der drei Sterne mit großer Geschwindigkeit aus dem puls auf andere Sterne)
System katapultiert wird. Passiert er anschließend andere Sterne, überträgt er im Vorbeifliegen ei-
nen Teil seines Impulses auf sie und beschleunigt sie, so dass ihre Bahnen anschließend weiter
in den Raum ausgreifen. Auf diese Weise expandiert der gesamte Cluster.

Doppelstern- Dritter Stern Umlaufbahnen neues Doppel-


system nähert sich. werden gestört. sternsystem
Malcolm Godwin

34 Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


e­ ffiziente Weise, dass ein Standard-PC genügt, um die Ent­ Lücken in unserem Verständnis von Sternhaufen. Trotz aller
stehung eines 1200-Mitglieder-Systems wie des Plejaden- Fortschritte in der Computersimulation können wir noch
Clusters zu simulieren. Vor einigen Jahren haben mein nicht befriedigend modellieren, wie die lokalen Dichten in
­damaliger Student Joseph Converse, heute an der University ­Elternwolken groß genug werden, damit sich Sterne bilden.
of Toledo im US-Bundesstaat Ohio, und ich mit Hilfe dieses Und trotz jahrzehntelanger Beobachtungen mit Radio- und
numerischen Modells die Geschichte der Plejaden zu rekons- Infrarotteleskopen können wir noch immer nicht nachvoll-
truieren versucht. Wir gaben einer zufälligen Anfangskonfi- ziehen, welchen Mustern die Bewegungen innerhalb der Wol-
guration 125 Millionen Jahre Zeit, um sich zu entwickeln, und ken folgen. Die sich im Inneren dicker Staubwolken abspie-
verglichen den vom Computer generierten Cluster anschlie- lende Geburtsphase stellarer Gruppen bleibt rätselhaft.
ßend mit seinem realen Pendant. Dann änderten wir die An- Dennoch kann das von mir und meinen Kollegen entwi-
fangsbedingungen so lange, bis die Simulation eine Gruppe ckelte Modell des Kräftegleichgewichts helfen, mehr über
erzeugte, die dem Original ähnelte. diese Geburtsphase und ihre weitere Entwicklung zu erfah-
ren. Mit einer Kombination aus analytischen Studien und
Die Plejaden expandieren, bleiben aber intakt Mehrkörpersimulationen wollen wir nachweisen, dass eine
Was wir sahen, überraschte uns. Offenbar hat sich der Pleja- Wolke, die in gleichem Maß Masse verliert, wie sie kontra-
den-Cluster trotz der ihn bindenden Gravitationskräfte über hiert, in der Tat ein durch Gravitationskräfte gebundenes Ge-
seine gesamte Lebensdauer hinweg mehr oder minder bilde hervorbringt, das einem offenen Cluster ähnelt. Weiter-
gleichmäßig ausgedehnt, indem sich die Sterne langsam, hin wollen wir mit Hilfe von Modellen erkunden, wie sich die
aber stetig voneinander entfernten. Das widerspricht frühe- Kontraktion von im Entstehen begriffenen T-Assoziationen
ren Analysen, denen zufolge sich Sterne in offenen Clustern umkehrt, so dass die Mitgliedersterne in den Weltraum ent-
mit der Zeit so verteilen, dass im Zentrum die schwereren kommen. Spielen stellare Winde dabei wirklich eine so ent-
und in den Außenregionen vergleichsweise leichte Exem­ scheidende Rolle, wie die Astronomen stets glaubten?
plare anzutreffen sind; dieses als dynamische Relaxation be- Lange Zeit galten Studien an stellaren Gruppen als Rand-
zeichnete Schema trifft etwa auf Kugelsternhaufen zu. Selbst gebiet der Astronomie. Nun aber werden sie für andere Teil-
wenn wir unsere Mehrkörpersimulation weitere 900 Millio- disziplinen immer wichtiger. Einigen Astronomen zufolge
nen Jahre laufen ließen, setzte sich die gleichmäßige Expan- bildete sich unsere Sonne in einer dicht bevölkerten OB-­
sion fort. Die Plejaden erschienen am Ende zwar aufgebläht, Assoziation; andere Sterne in ihrer Nähe wirbelten die sie
aber immer noch intakt. Offenbar übersah man bisher einige umgebende Scheibe aus Gas und Staub dann in einer Weise
wichtige Faktoren, die für das Gleichgewicht der zur Cluster- durcheinander, dass aus ihr das Sonnensystem entstand.
bildung führenden Kräfte eine Rolle spielen. Auch für die Entwicklung des interstellaren Mediums und
Was bringt die offenen Haufen dazu, sich auf so gleichmä- sogar ganzer Galaxien spielen die von uns untersuchten Mo-
ßige Weise auszudehnen? Der Schlüssel zum Verständnis, so lekülwolken eine wichtige Rolle. Alles, was wir über Stern-
fanden Converse und ich heraus, sind die in Sterngruppen haufen lernen, wird uns letztlich den Weg zu einem besseren
recht häufigen Doppelsterne, also Paare von Sternen, die Verständnis des gesamten Universums ebnen.  Ÿ
­einander in geringem Abstand umkreisen. Mitte der 1970er
Jahre zeigten Simulationen von Douglas Heggie, heute an
Der Autor
der schottischen University of Edinburgh, dass bei Annähe-
rung eines dritten Sterns an einen Doppelstern ein Trio ent- Steven W. Stahler lehrt theoretische Astro-
steht und einen komplizierten »Tanz« aufzuführen beginnt. physik an der University of California, Berkeley.
Zu ­seinen Spezialgebieten zählt neben der
Er endet gewöhnlich damit, dass der leichteste der drei Ster- Entwicklung von Sternhaufen auch die Entste-
ne mit hohem Tempo aus der Gruppe geworfen wird. Gerät hung von Sternen selbst.
dieser dann in die Nähe anderer Haufenmitglieder, gibt er
­einen Teil seiner Energie an diese weiter. Dadurch erhöhen
sich deren Bahngeschwindigkeiten, der Cluster »erhitzt« sich
gewissermaßen und dehnt sich aus – unserer Simulation zu- Literaturtipp
folge allerdings so langsam, dass dies Astronomen normaler-
weise nicht auffallen dürfte. Stahler, S. W., Palla, F.: The Formation of Stars. Wiley-VCH,
Weinheim 2004
Die Beobachtung von Sternhaufen hat also letztlich nicht Für fortgeschrittene Studierende der Astronomie verfasstes Lehrbuch
nur einige Belege für meine Hypothese, der zufolge die Aus- über Sternentstehung
gangsmasse einer Molekülwolke sowohl die Struktur als auch
die Entwicklung eines Clusters bestimmt, zu Tage gefördert. Webli n ks
Meine Untersuchungen bieten darüber hinaus Ansatzpunk-
Diesen Artikel sowie Links zu einem Probekapitel aus »The Forma-
te für weitere Studien; so könnten Astronomen nach Wegen tion of Stars« und zu ausgewählten Fachpublikationen über
suchen, die gleichförmige Expansion offener Cluster durch Sternhaufen finden Sie unter: www.spektrum.de/artikel/1214049
Messungen nachzuweisen. Zugleich offenbaren sie die vielen

www.spek trum .de 35


naturbeobachtung

Blüten und Bänder aus Eis


Wasser kann an Pflanzen zu erstaunlichen Gebilden gefrieren.
Die Ursachen sind bislang kaum erforscht.
Von James R. Carter

E
in Spaziergang an einem frostigen Wintermorgen ist bar aus Längsrissen des Stiels im weichen Zustande hervor­
zwar nicht jedermanns Sache, mitunter lohnen aber gequollen war. Die Bänder hatten eine glänzende seidenarti­
fragile Eisskulpturen an den Stängeln meist abge­ ge Oberfläche und ein faseriges Gefüge.«
storbener Pflanzen die Mühe. So entdeckte ich 2005 Im Jahr 1850 ergänzte der Mediziner und Naturforscher
Eisformationen vom Auto aus am frisch gemähten Straßen­ John LeConte von der University of Georgia diese Angaben
rand. Die Gebilde begleiteten mich auf der gesamten Fahrt im gleichen Magazin. Demnach bildeten sowohl intakte als
durch Kentucky. Offensichtlich herrschte überall die richtige auch abgeschnittene Stiele das Eis. Obwohl er nicht aus­
Kombination aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit und den pas­ schließen konnte, dass die Wurzeln noch nicht abgestorben
senden Pflanzenarten. waren, schien ihm die Physiologie der Pflanze keine Rolle zu
Seit gut zehn Jahren untersuche ich dieses Phänomen. spielen. LeContes Schilderung war im wahrsten Wortsinne
Von einer Fundstelle in Tennessee sammelte ich im Jahr da­ recht blumig: »Aus der Distanz ähneln sie aufgesprungenen
rauf Samen von Verbesina virginica und konnte dann im fol­ Baumwollkapseln; sie erreichen zehn bis zwölf Zentimeter
genden Winter Studien in meinem eigenen Garten anstellen. im Durchmesser und befinden sich unten am Stängel; meh­
Freilich darf ich nicht den Anspruch erheben, als Erster da­ rere gleichzeitig wirken eindrucksvoll und wunderschön.«
rauf gestoßen zu sein. Einige Pflanzenarten, an denen Eisge­ Ähnlich formulierte 1892 der amerikanische Naturforscher
bilde entstehen, sind in den Vereinigten Staaten seit Langem William Hamilton Gibson: »Es handelt sich um eine Blüte
unter Namen wie »frostweed« oder »frost plant« bekannt, aus Eiskristallen von reinstem Weiß, die vom Stiel ausge­
und schon im frühen 19. Jahrhundert publizierten Wissen­ hend die Rinde entzweireißt; sie bildet skurrile federarti­-
schaftler entsprechende Beobachtungen. Ein bemerkenswer­ ge Kringel und Kämme.« Interessant war seine Überlegung,
ter Bericht stammt von Sir John F. W. Herschel, dem Sohn je­ dass der zur Verfügung stehende Pflanzensaft für die Größe
nes Astronomen, der den Planeten Uranus entdeckt hat. 1833 der Gebilde nicht ausreichen dürfte, wahrscheinlich also
veröffentlichte er eine bebilderte Arbeit in der Zeitschrift auch Feuchtigkeit aus dem Boden eine Rolle spielt.
»The London and Edinburgh Philosophical Magazine and
Journal of Science«. Darin beschrieb er Eisgebilde als »band- Blüten ohne Wurzeln
oder hemdkrausenartige wellenförmige Masse, die schein­ William Coblentz, Physiker am National Bureau of Standards
in Washington, setzte 1914 Stängel unter Laborbedingungen
in feuchte Erde. Wie er beweisen konnte, sind Wurzeln für die
Auf einen Blick
Bildung der Eiskringel nicht unbedingt erforderlich. Diese
Frostiges Vergnügen entstanden aber auch nicht aus kondensierendem Wasser­
dampf, wie es beim Raureif der Fall ist.

1 Seit dem 19. Jahrhundert berichten Naturforscher von seltsamen


Eisgebilden, die im Winter an abgestorbenen Pflanzen wachsen.
Auch 100 Jahre später gibt das Phänomen mit seinen
Spielarten noch Rätsel auf, und nicht einmal in der Nomen­

2 Beobachtungen und Experimente zeigen, dass hierbei Was-


ser durch Kapillargefäße aus dem Boden aufsteigt und dann
bei Minusgraden an der Oberfläche der Pflanze gefriert.
klatur herrscht Einigkeit. So spricht man im Englischen bei­
spielsweise von »ice flowers«, aber auch von »frost flowers«,
obwohl sie den bei Frost an schlecht isolierten Glasscheiben
3 Das Phänomen tritt vor allem an den Stängeln krautiger
Pflanzen auf, aber auch an morschem Holz und auf Kies, der
auf einem Boden mit hohem Lehm- und Tonanteil liegt.
auftretenden Eisblumen nicht vergleichbar sind (siehe Spek­
trum der Wissenschaft 2/2010, S. 39). Den Formen nach un­
terscheidet man auch »ice ribbons« (auf Deutsch: Bandeis),

36  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Physik & Astronomie

Die Physik macht es möglich: Ein abgeschnittener Stängel treibt äußere Schicht durch Austrocknung, gefriert das Wasser an der
eine Blüte – allerdings besteht sie aus Eis. Dazu muss nicht kalten Oberfläche. Sobald sich Eis bildet, kann weiteres nach-
nur die Lufttemperatur unter den Gefrierpunkt fallen; im Stän- fließen, bis Eisbänder wachsen (sofern nicht anders bezeichnet
James R. Carter

gel sollte zudem noch Flüssigkeit vorhanden sein. Platzt seine zeigen alle Fotos dieses Artikels die Pflanze Verbesina virginica).

www.spek trum .de 37


James R. Carter

38  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Nach Tagesanbruch sind diese filigranen Strukturen nur nomen beteiligt sind. Diese so genannten Xylemstrahlen
für kurze Zeit zu bestaunen. Fasern (links) und hauchdünne reichen vom Zentrum des Stängels in die Peripherie und sind
Schleier (oben) lassen mit ihren Streifen vermuten, dass wahrscheinlich auch die Ursache dafür, dass Eisblüten senk-
James R. Carter

parallel verlaufende, Wasser leitende Gefäße an dem Phä­ recht von ihm abstehen.

www.spek trum .de 39


»hair ice« (Haareis, siehe Bild S. 44 unten) und »needle ice« Meine Literaturrecherche ergab ungefähr 40 verschie­
(Stängel- beziehungsweise Kammeis, siehe Kasten S. 40/41). dene Pflanzenarten weltweit, die Eisgebilde hervorbringen.
Bob Harms von der University of Texas am Plant Resources Ihnen gemeinsam ist, dass sie nicht verholzen und dass
Center in Austin hat zur Vereinheitlichung das lateinische ihre Sprossachsen, also die gemeinhin als Stiel oder Stän­
»crystallofolia« vorgeschlagen, was »Eisblätter« bedeutet. gel bezeichneten Organe zwischen Wurzeln und Blättern,

Ausnahmen von der Regel Eisformationen auf Erde oder Steinen


Zu Beginn der kalten Jahreszeit können Eisblüten auch an Publikationen über nadelförmiges Kammeis, das auf dem Boden
leben­den Pflanzen entstehen. Der Autor fotografierte diese vorkommt und dünne Schichten von Erde anhebt, erschienen
vier Zentimeter lange »Locke« an einem Morgen im späten schon Mitte des 19. Jahrhunderts. 1981 fanden Vernon Meente­
Oktober. Die Temperaturen fielen nur an wenigen exponier- meyer von der University of Georgia und Jeffrey Zippin vom U.S.
ten Oberflächen unter den Gefrierpunkt, und lediglich an Corps of Engineers heraus, dass Ton und Lehm im Boden vorkom-
zwei abgeschnittenen Sprossachsen war Eis gewachsen. men müssen, damit sich Kapillaren ausbilden, die das Wasser an
Pflanzen mit Blättern konnten ihre Sprossachsen vor den die kalte Oberfläche ziehen.
kalten Temperaturen schützen. Mehrere Zentimeter lange Eisstäbchen wachsen auf Kies. Der
Autor versuchte dieses Phänomen nachzuvollziehen und legte Kie-

beide Fotos: James R. Carter


James R. Carter

40  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


am Ende der Vegetationsperiode absterben. Daran sitzen Die detaillierten Beobachtungen von Harms brachten et­
die meisten Eisblüten, manchmal aber auch an grünen was Klarheit: Alle Sprossachsen enthielten ausgeprägte Xy­
Stängeln – wenn die Temperaturen stimmen. Irritierender­ lemstrahlen, also verholzte Leitbahnen für Wasser und Nähr­
weise wächst Haar­eis vor allem auf totem Holz (siehe Ab­ stoffe. Da Eisblüten rechtwinklig zu diesen wachsen, liefern
bildung S. 44). diese Gefäße wahrscheinlich die notwendige Flüssigkeit.

sel auf Erde, auf der sich vorher schon Kammeis gebildet hatte. her eignen sich wohl auch Bruchstücke von Ziegeln oder Keramik.
Über Nacht entstanden Eiskappen, die am Tag teilweise schmol- Im Experiment zeigte sich: Nimmt ein mit einem nassen Schwamm
zen, um in der darauf folgenden Nacht eine neue Schicht anzule- bedeckter Kieselstein in 15 Sekunden durch Wasseraufnahme an
gen. Die Kiesel müssen wahrscheinlich ausreichend porös sein, da- Gewicht zu, bringt er wahrscheinlich Stäbcheneis hervor.
Wer den Versuch selbst unternehmen möchte, kann dies mit
einer Kühlbox im Eisfach versuchen. Auf eine Schicht nassen San-
Zwei Nächte dauerte es, bis dieses Kammeis unter mit Moos des kommen die Kiesel. Eine batteriebetriebene, regulierbare
bedeckten Grassoden gewachsen war (unten). Das dunkle Band Glühbirne sorgt mit ihrer Wärmeabgabe dafür, dass der Sand
in der Mitte der Nadeln zeigt die Unterbrechung bei Tage an, selbst nicht gefriert; ein Aluminiumblech verteilt die Wärme
wenn die Temperaturen stiegen. Stäbcheneis lässt sich auch im gleichmäßig. Nimmt man statt Sand Erde mit einem zu ermit-
häuslichen Eisfach auf Kieselsteinen selbst herstellen (links). telnden Gehalt an Lehm, wächst Kammeis.

mit frdl. Gen. von  Susan Rollinson

www.spek trum .de 41


Pflanzen der gleichen Art können flache Eisblüten nah am scheinend eher zu Beginn der kalten Jahreszeit vor, wenn die
Boden ausbilden (links), aber auch voluminöse, die weiter Pflanzenteile noch nicht ganz ausgetrocknet sind, die boden-
James R. Carter

oben am Stängel wachsen (rechts). Letztere kommen an­ nahe Form später im Winter.

42  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


James R. Carter

www.spek trum .de 43


Die Gewöhnliche Kratz-
distel (Cirsium vulgare)
mit ihrem leuchtend
purpurfarbenen Blüten-
korb kennen hier zu
Lande Wanderer wie
Gartenbesitzer. Sie liebt
nährstoffreiche Böden
und helle Standorte, die
sie an Wegesrändern
Manfred Heyde / CC-by-SA-3.0  (creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/)

ebenso findet wie auf


Schuttplätzen. Im
Winter treibt sie mitun-
ter erneut Blüten – aus
Bandeis, wie hier im
Schweizer Kanton
Aargau an einem Vor-
mittag und bei Tempera-
turen von minus fünf
Grad Celsius.
mit frdl. Gen. von  Joachim Mittendorf

»Haarbüschelförmige Eisbildungen« an einem morschen Holzstück entdeckte auch der Geophysiker Alfred Wegener, Begründer
der Theorie der Kontinentaldrift, 1916 in den Vogesen. Wie der Botaniker Gerhart Wagner und seine Kollegen von der Universi-
tät in Bern vor Kurzem zeigen konnten, wächst Haareis, wenn Pilze Holz verdauen. Die Gase, die dabei entstehen, drücken Wasser
durch feine Kanäle zur Oberfläche. Dort wirken die in ihm gelösten organische Stoffe als Kristallisationskeime und lassen es
gefrieren. Haareis findet man häufig auch in Westeuropa; dieses Prachtexemplar wurde im Harz entdeckt.

44  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


mit frdl. Gen. von  Richard Wanner

mit frdl. Gen. von  Richard Wanner


Harms Meinung nach besitzen Pflanzen, an denen keine Eis­ dass die Feuchtigkeit im Boden gefriert. In mittleren geogra­
blüten entstehen, zu wenige davon. Strittig ist noch, ob die fischen Breiten kann das jederzeit zwischen Herbst und dem
Quelle der Eisblüten vor allem der Xylemsaft aus der Spross­ beginnenden Frühjahr eintreten, zumeist in der Nacht, doch
achse ist oder ob zusätzliches Wasser benötigt wird, wie es genügt auch ein Kälteeinbruch untertags. Die meisten Beob­
Gibson 1892 postulierte. Wenn tote Sprossachsen Eisblüten achtungen dieses Phänomens werden mir aus den Vereinig­
bilden, könnten Kapillarkräfte Feuchtigkeit aus dem Boden ten Staaten zugetragen, aber auch aus Kanada und England.
ziehen. Aus Mitteleuropa gibt es ebenfalls Meldungen. So sollen die
Inzwischen wissen wir zumindest, wie das Eis wächst, so­ Akelei und das echte Mädesüß viel versprechende Kandi­
bald das Wasser aus dem Stängel ausgetreten ist: Es handelt daten sein. Aus dem Harz und der Schweiz wurden mir Sich­
sich im Prinzip um Segregationseis. Hierbei tritt Wasser tungen mitgeteilt. Also keine Scheu, sich in diesem Winter in
durch ein Medium – seien es Pflanzenfasern, sei es Erde oder aller Frühe auf die Suche zu machen, wenn noch kein Schnee
Gestein – und gefriert an dessen kalter Oberfläche. 1989 führ­ den Boden bedeckt.  Ÿ
ten Hisashi Ozawa und Seiiti Kinosita von der Universität
Hokkaido den Nachweis für diesen Prozess. Sie platzierten
Der Autor
Eiskristalle auf einem Mikroporenfilter, der ein Gefäß mit
unterkühltem Wasser bedeckte. Man spricht von einer unter­ Der Geologe James R. Carter ist emeritierter Pro-
kühlten Flüssigkeit, wenn ihre Temperatur unter dem Ge­ fessor des Lehrstuhls für Geografie und Geologie
der Illinois State University. Seine umfang-
frierpunkt liegt, sie aber mangels Kristallisationskeimen zu­ reiche Webseite zu Eisformationen (einschließ-
nächst nicht erstarren kann. Die Poren des Filters waren so lich der entsprechenden Referenzen) findet sich
klein, dass Eiskristalle nicht hindurchtreten konnten, wohl unter http://my.ilstu.edu/~jrcarter/ice/.
aber Wasser. Sobald es zur Oberfläche aufstieg, gefror es dort
und hob das vorhandene Eis an. Weil dabei latente Wärme
frei wurde, blieb das Wasser im Reservoir weiterhin flüssig,
und der Prozess dauerte an, solange der Nachschub reichte. © American Scientist
Für die Eisblüten müssen ähnliche Bedingungen herr­
schen: eine Lufttemperatur unter null Grad Celsius, ohne Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214050

www.spek trum .de 45


schlichting!

Himmelskörper im freien Fall


Laien erklären den Flutberg auf der zum Mond gewandten Erdseite oft
mit der Anziehungskraft des Trabanten. Doch das kann nicht stimmen, Das ungesattelte Meer,
denn auf der Rückseite der Erde gibt es einen zweiten Berg. Was ist also zweimal täglich vom Mond geritten
die wahre Ursache? Jeanette Winterson (geb. 1959)

Von H. j oachim sch l ichtin g

W er bei Ebbe über das Watt von


Cuxhaven-Sahlenburg zur Insel
Neuwerk wandert, kann kaum glauben,
genau die Zeit, in der der Mond die Erde
einmal umrundet. Um aber genau zu
verstehen, welche Rolle der Mond da
der Erde, wo die Gravitation schwächer
ist? Müsste das Wasser nicht sogar von
hier hinüber zur Vorderseite fließen?
dass die fast grenzenlos erscheinende ­eigentlich spielt, musste die Mensch- Erstaunlicherweise hat die Lösung
Sand- und Schlickwüste kurz zuvor heit auf Isaac Newton warten, der das des Rätsels etwas mit dem freien Fall zu
noch Teil des Meeres war. Lediglich ei- Phänomen im Rahmen seiner Gravi­ tun. Dass nicht nur ein Stein »wie ein
nige Pfützen und nicht ganz leergelau- tationstheorie physikalisch erklären Stein« auf die Erde herabfällt, sondern
fene Priele erinnern daran. Doch schon konnte. Über einen möglichen Einfluss auch eine Raumkapsel oder gar der
sechs Stunden später kehrt das Wasser des Monds hatte zwar schon Kepler Mond selbst, hatte Newton in einer
zurück. Nur scheinbar harmlos schiebt nachgedacht. Doch noch Galilei tat die- berühmten Skizze (unten) veranschau-
es sich auf breiter Front heran – lang- se Idee als Fantasterei ab. licht. Der Stein fällt nur dann senkrecht
sam, aber unaufhörlich. Das Problem besteht darin, dass wir hinunter, wenn man ihn einfach los-
Manches am Gezeitenmechanismus die Existenz gleich zweier Flutberge lässt. Wirft ihn aber jemand in hori­
lässt sich durchaus leicht berechnen. erklären müssen (siehe Grafik unten zontaler Richtung, wird die Fallbewe-
Mit der Präzision eines Uhrwerks be- links). Dass die Wassermassen auf der gung zur Erde von der horizontalen Be-
ginnt der Zyklus von Ebbe und Flut alle mondzugewandten Erdseite angehoben wegung überlagert, so dass er eine Bahn
12 Stunden und 25 Minuten neu. Die werden, scheint wenig verwunderlich. beschreibt, die sich immer stärker zur
Gezeiten verschieben sich folglich um Schließlich ist hier die Schwerkraft des Erdoberfläche hin krümmt. Bei sehr
zweimal 25 Minuten pro Tag, so dass es Monds wegen seiner größeren Nähe et- starker Beschleunigung des Steins
rund 29 Tage dauert, bis ein vollständi- was stärker. Aber warum findet sich das- schließlich kann es zumindest unter
ger Gezeitenzyklus abgeschlossen ist – selbe Phänomen auch auf der Rückseite idealisierten Umständen dazu kom-
aus  Newton, I.: Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. 1687
Grafik: Spektrum der Wissenschaft;  Erde: fotolia / Senoldo;  Mond: NASA

Ebbe

Schwerpunkt
Erde-Mond-
System Flutberg

Erdmittel-
punkt

Mondmittelpunkt

Flutberg
Mit dieser Skizze veranschaulichte
Ebbe Newton, dass ein Körper, der von einem
Berg (V) horizontal mit einer bestimm­-
ten Anfangsgeschwindigkeit wegge-
Laut dem Gravitationsgesetz von Isaac Newton befindet sich die Erde im freien Fall in schleudert wird, eine Kreisbahn um die
Richtung Schwerpunkt des Erde-Mond-Systems. Der Flutberg auf der mondwärts Erde zu beschreiben beginnt. Bei gerin-
gewandten Seite entsteht, weil das Wasser dort der Erde voranfällt, während es auf der geren Geschwindigkeiten fällt er auf die
mondabgewandten Seite hinter der Erde zurückbleibt. Erde zurück (Skizze leicht modifiziert).

46  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · Januar 2014


chungen«, also zu einander gegen­über­
fotolia / makuba

liegenden Ebbegebieten, aus denen


Was­ser in Richtung der Flutberge ver-
drängt wird.
Im offenen Meer merkt man von
dem etwa 55 Zentimeter hohen Flutberg
wegen fehlender Referenzpunkte kaum
etwas. Wenn er aber gegen das Festland
anläuft und durch trichterartige Fluss-
mündungen, Meeresengen und ähn­
liche Küstenformationen aufgetürmt
wird, wachsen die Unterschiede zwi-
schen Niedrigwasser und Hochwasser.
Während das in Cuxhaven-Sahlenburg
gemächlich auflaufende Wasser zu ei-
Sinkt der Wasserpegel, lädt das Watt zum Wandern ein. Eine Ursache der Gezeiten nem Höhenunterschied zwischen Ebbe
besteht darin, dass sich die Erde unablässig im freien Fall auf den Mond zu befindet. und Flut von bis zu drei Metern führt,
erreicht der Tidenhub an der Kanalküs-
te zwischen England und Frankreich bis
men, dass sein Abstand zur Erde trotz die Gravitationskraft des Monds mit zu 14 Meter. Ebenfalls ortsabhängig
seines Fallens nicht geringer wird. dem Abstand abnimmt, erfahren die sind zeitliche Verschiebungen oder gar
Nämlich dann, wenn die Erde sich in dem Mond zugewandten Teile der Erde der kuriose Effekt, bei dem die Gezeiten
genau gleichem Maß von der gedach- eine etwas größere Schwerebeschleuni- einander so überlagern, dass sie sich
ten Horizontalen »wegkrümmt«, wie gung als der Schwerpunkt und die ihm ­gegenseitig auslöschen.
der Stein, beschleunigt von der Schwer- abgewandten eine etwas kleinere. Ers­ Der Wechsel von Ebbe und Flut fas­
kraft, auf die Erde zufällt. tere eilen der frei fallenden Erde daher zinierte die Menschen daher schon seit
Indem er eine geschlossene Bahn ein wenig voraus, während letztere et- jeher. Der französische Mathematiker
um unseren Planeten beschreibt, ohne was zurückbleiben – unser Planet wird und Philosoph Blaise Pascal, für den
sich ihm weiter anzunähern, fällt also also entlang der Verbindungslinie Erde- die großen Theorien seines Zeitgenos-
auch der Mond ständig auf die Erde zu. Mond in die Länge gezogen. Das zeigt sen Newton zu spät kamen, hatte in
Dasselbe gilt umgekehrt für die Erde, sich vor allem an den Ozeanen: Ihr Was- ihm sogar ein Bild für das Verhalten
denn sie wird vom Mond mit derselben ser wölbt sich sowohl auf der dem der Natur als solcher gesehen: »Die Na-
Kraft angezogen, wie sie diesen anzieht. Mond zugewandten Seite als auch auf tur wirkt schrittweise, ITUS ET REDI-
Letztlich fallen beide Himmelskörper der abgewandten zu Flutbergen auf. Sie TUS. Sie vergeht und kehrt wieder, jetzt
in Richtung auf ihren gemeinsamen wandern über die Erde, weil diese unter weiter, dann zweimal weniger, dann
Schwerpunkt, der wegen der größeren ihnen wegrotiert, bewegen sich aber mehr als je usf. / Die Gezeiten des Mee-
Masse der Erde allerdings noch in deren auch deshalb, weil der Mond auf seiner res sind so, selbst der Lauf der Sonne
Innerem liegt. Bahn fortschreitet. scheint so.«  Ÿ
In frei fallenden Systemen herrscht Auch die Himmelskörper selbst wer-
aber Schwerelosigkeit. Dehnt man eine den immer ein wenig gestreckt. Die der autor
Schraubenfeder, indem man eine Stahl- dadurch entstehenden Gezeitenberge
H. Joachim Schlichting
kugel an sie hängt, und lässt beide fal- wandern ebenfalls, folgen dem leichter
war Direktor des Ins-
len, zieht sich die Feder wieder auf Ru- verformbaren Wasser aber mit einer tituts für Didaktik der
helänge zusammen – sie und die Kugel zeitli­chen Verzögerung von etwa zwei Physik an der Uni­
versität Münster. 2013
üben dann keine Kräfte mehr aufein­ Stunden. Auf dem Mond sind die Gezei-
wurde er mit dem
ander aus. Entsprechend herrscht auch ten unauffälliger: Wasser gibt es keines, Archimedes-Preis für
im System Erde-Mond Schwerelosig- und die Gezeitenberge aus fester Ma­ Physik ausgezeichnet.
keit: Wir und die Dinge um uns herum terie umrunden den Trabanten nicht,
behalten genau deshalb unsere relati- sondern bewegen sich lediglich ein we- Quelle
ven Positionen zueinander, weil wir nig hin und her – schließlich wendet
Farwig, P., Schlichting, H. J.: Ebbe und
uns alle im freien Fall zum System- uns der Mond stets fast dasselbe Ge- Flut im Unterricht der Sekundarstufe I
schwerpunkt hin befinden. sicht zu. und II. In: Physica didactica 4, 197, 1977
Genau genommen herrscht Schwe- Die Gezeitenkräfte wirken übrigens
relosigkeit aber nur am Schwerpunkt auch senkrecht zur Verbindungslinie Dieser Artikel im Internet:
der Erde, nicht an ihrer Oberfläche. Da Erde-Mond. Hier kommt es zu »Stau- www.spektrum.de/artikel/1214052

www.spektrum.de 47
Ägyptologie I

Die Geburt
des Pharaonenstaats
Innerhalb eines Jahrtausends, zwischen 4000 und 3000 v. Chr.,
wandelte sich Ägypten von einem Land der Nomaden und einfachen
Ackerbauern zu einem mächtigen Staat, dem Reich der Pharaonen.
Von Béatrix Midant-Reynes

M
onumentale Bauten, prächtige Kunstschätze, Als Erster stieß der britische Archäologe William Flinders
ein selbst die Tagespolitik bestimmender To­ Petrie Ende des 19. Jahrhunderts auf Zeugnisse der ägypti­
tenkult mit einem Gottkönig im Zentrum – schen Vorgeschichte. Nahe dem oberägyptischen Ort Naqada
das pharaonische Ägypten fasziniert das legte er mehrere tausend Gräber frei, die einen unter Alter­
Abendland, seit französische Forscher und Ingenieure 1798 tumsforschern damals noch wenig bekannten Bestattungs­
in Kairo das Institut d’Égypte gründeten. Sie waren im Tross brauch belegten: Die Toten waren in Hockerhaltung beige­
eines französischen Heers unter Napoleon Bonaparte ins setzt worden, also in Seitenlage und mit eng an den Körper
Land gekommen und dokumentierten die grandiosen Mo­ angewinkelten Knien (siehe Foto S. 53 oben); zudem hatte
numente einer in Europa vergessenen Hochkultur. In der man ihnen offenbar Gefäße mit ins Grab gegeben.
Folge wetteiferten Archäologen darin, deren Geschichte zu Da zu diesem Zeitpunkt noch kein naturwissenschaftli­
ergründen. Dabei lag ihr Augenmerk zumeist auf den Errun­ ches Verfahren zur Absolutdatierung existierte, die Kerami­
genschaften der pharaonischen Zeit. ken aber in keine bereits bekannte Chronologie einzupassen
Doch eine Hochkultur entsteht nicht aus dem Nichts. Ein waren, ließ sich nur eines mit Sicherheit sagen: Petrie hatte
Amt wie das des Pharaos, der den Ägyptern als Garant welt­ den Beweis für eine nichtpharaonische Kultur im Niltal ent­
licher wie kosmischer Ordnung galt, setzt entsprechende deckt, die offenkundig Jenseitsvorstellungen und ein geord­
Weltbilder und religiöse Vorstellungen voraus. Vermutete netes Gemeinwesen entwickelt hatte.
man zunächst den Vorderen Orient als Quelle all dieser Als ein ganzer Landstrich in den 1960er und 1970er Jahren
Entwick­lungen, gilt es inzwischen als sicher, dass die ägyp­ in dem sich füllenden Nasser-Stausee verschwand, koordi­
tische Kultur etwa 3000 v. Chr. im Niltal selbst ihren Anfang nierte die Unesco etliche Grabungsprojekte, um die Hinter­
nahm, als Landwirtschaft und Vorratshaltung eine immer lassenschaften der Vergangenheit zu retten oder wenigstens
stärker hierarchisch gegliederte Gesellschaft hervorbrachten. zu dokumentieren. Dabei kamen im Niltal, in der Westwüste
und in den dortigen Oasen auch Zeugnisse menschlicher Tä­
tigkeit zum Vorschein, die bis in die ausgehende Altsteinzeit
Auf einen Blick
um 20 000 v. Chr. zu datieren waren.
In den 1960er Jahren untersuchten die französischen
Schritt für Schritt zur Einheit
Forscher Jean Leclant und General Paul Huard Felsgravuren

1 Im 6. Jahrtausend v. Chr. begannen die Ägypter mit Landwirt-


schaft und Viehzucht. In dieser Zeit entstanden zwei verschie-
dene Kulturen, eine im Nildelta und eine im Niltal.
in der Wüste zwischen Nil und Sahara. Anhand ihrer Befunde
postu­lierten sie gemeinsame Wurzeln der beiden Kultur­
regionen. Der deutsche Archäologe Rudolph Kuper hat seit

2 Letztere entwickelte sich weiter. Ihre Lebensweise wurde mehr


und mehr von den Gruppen des Nildeltas übernommen. Es
gibt keinen archäologischen Hinweis darauf, dass dies gewaltsam
den 1980er Jahren wesentliche Beiträge zur Siedlungs­
geschichte der heute wüstenhaften Gebiete geleistet (siehe
geschehen ist. Spektrum Spezial 2/2011, S. 6). Heute wissen wir, dass die Ost­
sahara zwischen 10 000 und 3500 v. Chr. immer wieder in
3 Ende des 4. Jahrtausends bildeten sich in Oberägypten regionale
Königreiche heraus; Experten sprechen von einer 0. Dynastie.
Doch erst um 3000 v. Chr. beginnt die eigentliche Geschichte des
Phasen feuchten Klimas bewohnt war. Dann lernten die
Gruppen dort Keramik zu brennen und wilde Hirsearten zu
vereinten Ägyptens unter König Narmer. Schon damals bildete
sich der Pharaonenstaat in seinen Grundzügen aus, die für Jahr- kultivieren; in trockeneren Zeiten verlegten sie sich auf eine
tausende Bestand haben sollten. nomadische Lebensweise und zogen mit Rinderherden von
Wasserstelle zu Wasserstelle. In Trockenphasen wanderten

48  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Mensch & Kultur

Die so genannte Stierpalette zeigt einen König in Gestalt eines Stiers beim Niederwerfen eines Feinds.
Auf der linken Seite halten mit Händen versehene Pflöcke ein Seil, das wohl Gefangene fesselte (dieser Teil
ist heute nicht mehr vorhanden). Auf der rechten Seite herrscht der Stier/König über zwei Festungsanlagen
(die untere ist nur teilweise erhalten). Ob die aus stilistischen Gründen in die Naqada-III-Zeit (um 3200 v. Chr.)
zu datierende Palette allerdings einem König »Wildstier« gewidmet war, lässt sich nicht sagen, zumal der
Fundort unklar ist. In späterer Zeit gehörte »starker Stier« schlicht zur Titulatur eines jeden Pharaos.

BPK / RMN, Musée du Louvre / Les frères Chuzeville

www.spek trum .de 49


die Bewohner der Sahara aber auch in die Oasen und ins Nil­ der Pharaonenzeit? Und wie erfolgte der Übergang von der
tal ein. Im Kontakt mit einheimischen Gruppen brachten sie prähistorischen, also schriftlosen, in die historische Zeit?
ihr Knowhow mit ein; schließlich entstanden auf diese Weise Ein Ur- und Frühgeschichtler ist eigentlich schlecht gerüs­
die ersten prädynastischen Kulturen. tet, um solche Fragen zu beantworten, denn Informationen
Inzwischen bildet die Vorgeschichte einen Schwerpunkt zu sozialen und politischen Aspekten schriftloser Kulturen
der Ägyptologie. Archäologen graben erneut an großen lassen sich aus materiellen Gütern nur indirekt erschließen.
Fundplätzen wie Hierakonpolis (siehe Beitrag ab S. 56) oder Lebte der Besitzer eines Artefakts in einem »Klan« oder in
Abydos, die zur Zeit von Flinders Petrie bereits erforscht ­einem »Königtum«? Für den Prähistoriker sind das schwer
­wurden. Dazu kommen neue Ausgrabungen an Orten wie greifbare Konzepte, die nicht unüberlegt angewendet wer­
Minschat Abu Omar, Tell el-Farkha, Tell el-Iswid und Kom el- den sollten.
Chilgan, allesamt im östlichen Nildelta, sowie Adaima in Dessen eingedenk können sich Forscher der Geburt des
Oberägypten. Sie liefern neue Fakten, die wichtige Fragen ägyptischen Staats annähern und zunächst nach ihren Be­
klären könnten: Wie entstand die hierarchische Gesellschaft dingungen fragen. Diese Geburt wurzelt weit in der Ver­
gangenheit, in jener Epoche, in der die Domestikation der
Pflanzen und Tiere den Menschen gezwungen hat, sich nie­
er
Mittelme derzulassen und sein System der Produktion und sozialen
Tell er-Roba Tell el-Farkha
Tell Fara’in Tell el-Iswid Ordnung umzustellen.
(Mendes)
(Buto)

Kom el-Chilgan Spätentwickler Landwirtschaft


Minschat Abu Omar
Kafr Hassan Dawud Am Ende der Altsteinzeit, um 15 000 v. Chr., lebten Men­
Merimde schen in einigen Abschnitten des Niltals – von Jagd, Fisch­
Heliopolis
Kairo fang und gesammelten Pflanzen. Dabei folgten sie dem
Maadi / Wadi Digla
S i n a i Rhythmus des Flusses, der regelmäßig die Uferregionen
se Omari
O a m Tarkhan
j u überflutete. Dadurch entstand ein fruchtbarer Streifen, der
Fa Gerza
Haraga so viele essbare Pflanzen über einen so langen Zeitraum her­
vorbrachte, dass Niederlassungen zwar noch nicht von Dau­
er waren, aber doch eine Art Halbsesshaftigkeit aufkommen
konnte. Andererseits mögen diese günstigen Lebensumstän­
O

Oase
s t

de der Grund gewesen sein, warum die im Vorderen Orient


B a h a r iy
a
w

entwickelten neolithischen Techniken Ackerbau und Vieh­


ü

zucht, also das zielgerichtete Produzieren von Nahrung, erst


s t
L i b

Rot r

Badari
e

Mee

spät Einzug im Niltal hielten.


Assiut
W ü

Die Neolithisierung begann zunächst im Delta, wo im


y s

es

­Verlauf des 6. Jahrtausends v. Chr. Gerste und Weizen kulti­


s t

Nag ed-Der
c h

viert sowie Ziegen und Schafe gezüchtet wurden. Das waren


e

Abydos
e

Importe von den östlichen Nachbarn: Im Nordsinai gab es


Oas Naqada
Dac e Oa se schon im 7. Jahrtausend v. Chr. domestizierte Ziegen, wie Ske­
hla Ch arg a Gebelein Luxor (Theben) lettreste bestätigen. Vermutlich förderte ein immer trocke­
Adaima neres Klima Feldbau und Viehzucht, zunächst jedoch nur als
Ausbreitung:
Naqada I (ca. 4000 - 3600 v. Chr.) Hierakonpolis Ergänzung zur traditionellen Subsistenzwirtschaft. Nach wie
Naqada II (ca. 3600 - 3200 v. Chr.) vor pflegten die Menschen eine zeitweilig sesshafte, zeitwei­
Naqada III (ca. 3200 - 3000 v. Chr.) lig nomadische Lebensweise im Takt der Überschwemmun­
Frühbronzezeitliches Palästina gen. Auch wenn es nur Spekulation ist: Vorstellbar wäre, dass
Elephantine
fundleere Zone bereits zu dieser Zeit religiöse Ideen kursierten, wonach die
Assuan
Spektrum der Wissenschaft / Emde-Grafik

Wichtige Fundstätten: Erster Katarakt Verhältnisse des Nils von höheren Mächten für seine Anwoh­
Naqada I ner geschaffen wurden. Die traditionelle Lebensweise aufzu­
Naqada II n geben, mag dann als Verstoß gegen eine kosmische Ordnung
u b i e
Naqada III e r n erschienen sein.
U n t N
Maadi-Buto i
l

N Ob das Hausrind ebenfalls aus dem Orient eingeführt


moderne Städte wurde oder mit den Hirten der Sahara ins Niltal gelangte, ist
0 200 km
Gegenstand von Kontroversen. Tatsächlich ist es das einzige
Um 3800 v. Chr. war im Nildelta die Maadi-Buto-Kultur verbreitet, Nutztier, das im Auerochsen einen potenziellen wilden Vor­
im Niltal hingegen die Naqada-I-Kultur. Letztere verbreitete sich fahren auf afrikanischem Boden besitzt. Auch mag jene
innerhalb weniger Jahrhunderte, bis sie schließlich ganz Ägypten ­Keramik, die Bauern im Zuge der Vorratshaltung im Vorde­
dominierte und die politische Reichseinigung vorbereitete. ren Orient entwickelten, kein Pate der ersten Töpferwaren im

50  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


4000 v. Chr. 3800 v. Chr. 3500 3400 v. Chr. 3200 v. Chr. 3000 v. Chr. 2800 v. Chr.

Maadi-Buto (Unterägypten)
Neolithikum Naqada II Naqada III Pharaonen

Spektrum der Wissenschaft


Badari Naqada I (Oberägypten)

Viehzucht rasche kulturelle Beginn der kulturelle König Erscheinen


Expansion
und Ackerbau Entwicklung kulturellen Einheit Einheit Skorpion des Staats

Innerhalb eines Jahrtausends nahmen die unterschiedlichen Kulturen des alten Ägypten die
Landwirtschaft an und wurden vereint. Zuletzt bildete sich ein starker und hierarchisch
gegliederter Staat heraus, über den die Pharaonen während der nachfolgenden drei Jahrtausende
herrschen sollten, bis zur Eroberung durch die Römer 30 v. Chr.

Niltal gewesen sein: Denn in den südlich des Deltas in der sie keine einheitliche Richtung ein. Insbesondere für die ers­
­Sahara gelegenen Oasen wurde bereits spätestens im 9. Jahr­ te Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. lässt sich jene Zwei­teilung
tausend v. Chr. Keramik hergestellt und wahrscheinlich so­ gut fassen, die Ägyptens Altertum prägte: im Norden das Nil­
gar exportiert. delta Unterägyptens, daran südlich anschließend etwa ab
Nicht nur die Überreste von Gefäßen zeugen von Vorrats­ dem heutigen Kairo Oberägypten, das mit dem Ersten Kata­
haltung im Nildelta und später in Oberägypten. Auch Reib­ rakt nahe dem heutigen Assuan endete (als Nil-Katarakte be­
schalen und Steine, die zum Mahlen von Getreidekörnern zeichnet man sechs felsige, durch Stromschnellen für Schiffe
dienten, weisen darauf hin, wobei Letztere nicht unbedingt unpassierbare Geländestufen).
von Kulturpflanzen stammen mussten – auch Wildgetreide Zum Beispiel brachte nur der Süden rot gebrannte,
konnte bei reichlichem Vorkommen zur Vorratshaltung ani­ schwarz berandete Töpferware hoher Qualität hervor (siehe
mieren. Der französische Ethnologe Alain Testart (1945 – 2011) Bild S. 52). Und während die Verstorbenen im Mündungs­
verwies darauf, dass mit einer Bevorratung zwangsläufig die delta – den bislang entdeckten Gräbern nach zu urteilen –
Anhäufung von Gütern einhergeht, was dann wiederum so­ ganz ohne oder mit wenigen Grabbeigaben für ihre Reise ins
ziale Ungleichgewichte in ursprünglich egalitären Gemein­ Jenseits ausgestattet wurden, pflegte man in Oberägypten
schaften verursachen kann. Es ist also durchaus möglich, schon zu Anfang des 4. Jahrtausends den Wohlhabenderen
dass im Niltal zu dieser Zeit bereits eine hierarchische Glie­ Prestigegüter in die Gräber mitzugeben – mit zunehmender
derung der Sozialstruktur Einzug hielt. Tendenz bis hin zu den Königsgräbern der 1. Dynastie zu
Leider gibt es kaum aussagekräftige archäologische Funde ­Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr.
für das 6. Jahrtausend v. Chr., sondern erst für das ausgehen­ Prähistoriker entdecken immer wieder neue Siedlungen
de 5. Jahrtausend – dann aber im Überfluss. Denn nun nahm der unterägyptischen, nach zwei Fundplätzen benannten
die kulturelle Entwicklung offenbar Fahrt auf, doch schlug Maadi-Buto-Kultur, die zwischen 3800 und 3500 v. Chr.

www.spek trum .de 51


im Delta dominierte. Archäobotaniker identifizierten die Sinai. Einen internationalen Austausch illustrieren vermut­
­Überreste von Körnern diverser Weizenarten und Gerste so­ lich auch Häuser in den Siedlungen, die Merkmale zeitglei­
wie von Linsen und Erbsen in Vorratsbehältern. Knochen, cher Gebäude in dem im heutigen Palästina gelegenen Fund­
meist aus einstigen Abfallgruben, beweisen, dass die Men­ platz Beerscheba aufweisen, in Ägypten aber nicht gebräuch­
schen dort während des 4. Jahrtausends v. Chr. überwiegend lich waren. Forscher deuten sie als »Ausländerviertel«, also
von domestizierten Tieren lebten. Die schiere Fundmenge als Bereiche innerhalb der Niederlassungen, in denen Händ­
legt die Annahme nahe, dass es sich um Hirten handelte, ler oder Abgesandte aus dem Vorderen Orient für die Dauer
die Ackerbau nur zur Ergänzung ihrer Nahrungspalette be­ ihres Aufenthalts im Delta wohnten.
trieben. Freilich unterhielten die Maadi-Buto-Menschen zudem
Die Maadi-Buto-Menschen unterhielten Handelskontakte Kontakte nach Oberägypten, wie oberägyptische Keramik in
mit ihren Nachbarn im Vorderen Orient. Man hat für deren Merimde am Rand des Westdeltas bestätigt. Es ist eigentlich
Kultur typische Keramiken mit Standfuß, Flaschenhals und erstaunlich, dass sich die vermutlich auch in Unterägypten
Henkeln ebenso gefunden wie große Schaber aus Feuerstein entstehende Elite nicht von dem prunkvolleren Grabkult ih­
und Klingen »kanaanäischen« Typs (nach der biblischen rer südlichen Nachbarn anstecken ließ. Die einzige Gemein­
Landschaft Kanaan, die Palästina und Phönizien umfasste) samkeit diesbezüglich: Erwachsene wurden in unbebauten
sowie Harze aus Palästina. Auch importiertes Kupfer wurde Freiflächen außerhalb der Siedlungen, Kinder unter den Fuß­
verarbeitet – das nächstgelegene Vorkommen gab es auf dem böden der Häuser beigesetzt.

Rote Töpferwaren mit schwarzem Rand wurden häufig als Opfergaben in die Gräber gestellt.
Diese Objekte sind das Kennzeichen einer Kultur, die sich um 3200 v. Chr. über das gesamte
Ägypten ausbreitete. Die Kunst und die Bestattungsbräuche dieser Epoche, die als prädynas­tisch
bezeichnet wird, verschwinden mit dem Auftreten der Pharaonen.

AKG Images / De Agostini Picture Library / Giovanni Dagli Orti

52  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Eine Frau und ihr Kind, deren Skelette in Adaima ausgegraben

Institut français d’archéologie orientale (IFAO), Alain Lecler; mit frdl. Gen. von  Béatrix Midant-Reynes
wurden, sind in Hockerhaltung und in Seitenlage sowie mit
Gefäßen an Stelle von Opfergaben beigesetzt worden. Diese
Bestattung wie auch das Gefäß mit aufgemaltem Dekor
­stammen aus der Naqada-II-Zeit Ägyptens.

Bereits Mitte des 5. Jahrtausends taucht die charakteristi­


sche Keramik der Badari-Kultur in einem schmalen Streifen
entlang des östlichen Nilufers an gut 40 oberägyptischen
Fundplätzen auf. Forscher entdeckten Vorratsgruben mit
Überresten von Getreidekörnern, jedoch hauptsächlich mit
Überresten wild wachsender Pflanzen. In Oberägypten dien­
te die Landwirtschaft wohl ebenfalls nur der Nahrungs­
ergänzung.
Die Bestattungssitten wirken bereits aufwändiger und
­differenzierter: Die in Matten oder ein Tierfell eingehüllten
Verstorbenen wurden in Hockerstellung bestattet, ihr Kopf
wies nach Süden, der Blick ging dabei nach Westen, wo in
pharaonischer Zeit das Totenreich verortet wurde. Ob es
­damals bereits derartige Jenseitsvorstellungen gab, ist
­allerdings reine Spekulation. Schwarzrandige Tongefäße
­gehörten zum Grabinventar; vor dem Brennen hatte man
den noch weichen Ton mit den Zinken eines Kamms
­bearbeitet, so dass sich eine wellige oder gerippte Oberflä­
che ergab. Auch gänzlich braune oder rote polierte Keramik
sowie gröbere Töpferware gab man den Toten mit. Zahl­
reiche Fragmente von Knochenwerkzeugen bezeugen die

Institut français d’archéologie orientale (IFAO), Alain Lecler; mit frdl. Gen. von  Béatrix Midant-Reynes
Bedeutung der Stoff- und Lederverarbeitung in den Badari-
Siedlungen.

Perlen aus glasiertem Speckstein und


Muscheln vom Roten Meer
In den Gräbern kamen zudem allerlei Luxuswaren zum Vor­
schein: Armreifen, Perlen, Ringe, Löffel, Kämme mit langen
Zähnen und Elfenbeinstatuetten ebenso wie Schmink­
paletten aus Grauwacke, Perlen aus glasiertem Speckstein,
aus Kupfer, aus Karneol und aus Muscheln vom Roten Meer.
Möglicherweise bekleideten die Verstorbenen – oder bei
manchen Kindergräbern die Eltern – jeweils einen gehobe­
nen Rang in der Gesellschaft. So plausibel dieses Argument
für eine ausgeprägtere Hierarchisierung ist, darf man jedoch
nicht den Fehler begehen, umgekehrt aus dem Fehlen sol­
cher Beigaben auf einen niedrigeren sozialen Status zu
schließen. Wir wissen einfach nicht, wie die Menschen dieser
fernen Vergangenheit überhaupt dachten. Es ist nicht auszu­
schließen, dass es Gründe gab, eine Person von hohem Anse­
hen ohne materielle Güter beizusetzen. Erschwerend kommt
hinzu, dass die Anzahl der Beigaben von einer Nekropole zur
anderen variiert.
Etwa ab 3800 v. Chr. begann sich im Süden des Badari-Ge­
biets nahe dem heutigen Dorf Naqada eine weitere Kultur zu
entwickeln. Ihre als Naqada I bezeichnete Phase sehen einige
Forscher als ein fortgeschrittenes Stadium der Badari-Kultur
beziehungsweise diese als eine frühe Form von Naqada I.

www.spek trum .de 53


Die entdeckten Siedlungsreste nehmen nun eine größere

DAI Kairo
Fläche ein. Pfostenlöcher in regelmäßigen Abständen – sie
sind an der dunklen Verfärbung erkennbar, die das verrot­
tende Holz hinterlassen hat – bezeugen eine weiter entwi­
ckelte Bautechnik. Offenbar genügten die bisherigen Vorrats­
gruben nicht mehr, um die Erträge zu lagern; sie wurden zu
regelrechten Silos erweitert.
Die Bestattungsbräuche jener Zeit ähneln noch sehr den­
jenigen der vorangegangenen Periode – eine einfache Grube,
Beisetzung in gekrümmter Haltung, eingewickelt in Fell oder
abgedeckt mit einer Matte. Doch statt der Gefäße mit gewell­
ter Oberfläche kommen nun rot polierte Becher, Teller und
Schalen auf. Sie sind mit weißer Farbe bemalt – manche mit
geometrischen Motiven, andere mit Krokodilen und Nil­
pferden, deren Umrisse mit Zickzack- und Pfeilmustern ge­
schmückt sind. Es erscheinen aber auch Darstellungen von
Menschen.
Gegen Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. hatte sich in Abydos
Schminkpaletten als offenbar eine Königsdynastie etabliert, die Oberägypten
Weihegeschenke an die Götter dominierte. Davon zeugt insbesondere das hier gezeigte Grab
Schieferplatten dienten der Zubereitung von Augenschmin­ »U-j«. Schon seine Anlage aus zwölf Kammern war außer­
ke. Weil der dafür verwendete Malachit desinfizierende Wir­ gewöhnlich (oben). Der Tote war mit exotischen Beigaben
kung hatte, wurde den »Schminkpaletten« eine magische ausgestattet worden, beispielsweise gut 4500 Liter Wein aus
Funktion zugeschrieben. Daher gab es großformatige, relief­ Palästina. Plaketten mit Tiersymbolen deuten Experten als
verzierte Exemplare, die als Weihegeschenke an die Götter Namensetiketten der zugehörigen Dynastie. Es handelt sich
dienten. Auch hier kamen nun Varianten auf, beispielswiese um die ältesten erhaltenen Hieroglyphen.
Paletten in Tierform. Dergleichen ließ sich nicht mehr in
Heimarbeit fertigen, sondern setzt spezialisierte Hand­
werksbetriebe voraus. Zudem kommt der dafür bevorzugte
Schiefer nur in der Ostwüste vor und musste erst einmal von großen Kulturkreis in Ägypten gab. Die Töpferwaren dieser
Expeditionen herbeigeschafft werden. Epoche waren landesweit den gesamten Nil entlang die glei­
Solche Funde bergen die Archäologen vor allem in einzel­ chen, ebenso wie die Gerätschaften aus Feuerstein, Knochen
nen Gräbern, in denen offenbar hochrangige Personen be­ oder Elfenbein. Mehrere Fundgattungen, die für die Prähisto­
stattet worden waren. Mehrere Dutzend Objekte pro Grab, rie charakteristisch waren, verschwanden, darunter die be­
zudem solche, die aus wertvollen Materialien gearbeitet wor­ malte Keramik und mit bestimmten Techniken bearbeiteter
den waren – das spricht für eine im Süden Ägyptens zur Zeit Feuerstein. Steingefäße und Fayencen erfuhren hingegen
der Naqada-Badari-Kultur aufkeimende »Aristokratie«. Für größeren Zuspruch, zudem traten neue Objektideen auf, die
deren Mitglieder wurden sogar Elfenbein, kostbare Steine aus dem Vorderen Orient übernommen wurden, wie zylind­
und Metalle aus immer weiter entfernten Gegenden einge­ rische Rollsiegel und Lehmziegelwände mit dekorativen Vor-
führt. und Rücksprüngen.
Die gesellschaftliche Differenzierung setzte sich ungefähr Die politische Macht lag noch nicht in einer Hand, aber
ab 3550 v. Chr. in der Naqada-II-Kultur fort. Statt einfacher immerhin kristallisierten sich in Oberägypten drei Herr­
Gruben erhielten manche Verstorbene nun große, recht­ schaftszentren heraus: Hierakonpolis (siehe den nachfolgen­
eckige Eintiefungen, deren Wände mit ungebrannten Lehm­ den Beitrag), das in bildlichen Darstellungen mit dem Fal­
ziegeln ausgekleidet wurden. Ein Sarg aus Holz oder Keramik kengott Horus und einer weißen Krone assoziiert wurde;
ersetzte das Tierfell, es wurden immer mehr Objekte mitge­ Naqada, mit dem Zeichen des so genannten Seth-Tiers (es
geben. gleicht keinem bekannten Tier) und einer roten Krone; so-
Allmählich verbreiteten sich diese Bestattungsbräuche wie Abydos. Letzteres geriet zunächst ins Hintertreffen,
wie auch die Machart der Keramiken nach Norden hin bis ­gewann aber schließlich als Bestattungsort an Bedeutung,
zum Delta und nach Süden über den Ersten Katarakt hinaus weil dort die Unterwelts- und Fruchtbarkeitsgottheiten ver­
in das sudanesische Nubien. Forscher sehen darin ein Indiz ehrt wurden.
dafür, dass es zwar zunächst eine Reihe von »Proto-Königrei­ Dass monarchische Strukturen sich bereits zu dieser
chen« gegeben hat, diese sich aber durch Bündnisse und Zeit entwickelten und nicht erst um 3000 v. Chr. von König
Hochzeiten nach und nach einander annäherten, bis es von Narmer etabliert wurden – er gilt als Vater des Menes, des
3200 v. Chr. an, während der Naqada-III-Zeit, nur noch einen ­Begründers der 1. Dynastie –, belegt unter anderem das aus

54  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Nachfolger eines als »König Skorpion« bezeichneten Herr­

DAI Kairo
schers – in der Chronologie ist das Skorpion II. –, gelang es
vermutlich um 3000 v. Chr., ganz Ägypten unter seiner Herr­
schaft zu vereinen. Eine Schminkpalette zeigt ihn, wie er mit
einer Keule Feinde in großer Zahl erschlägt. Eine in Hierakon­
polis ausgegrabene Votivgabe scheint die Kriegshandlung zu
bestätigen.
Allerdings sehen viele Forscher diese Deutung heute kri­
tisch, da vergleichbare Motive von da an immer wieder von
den Mächtigen verwendet wurden. Zwar dienten sie mögli­
cherweise wirklich dazu, kriegerische Ereignisse sozusagen
zu archivieren, doch dürfen sie nicht im Sinne einer groß an­
gelegten, auf die Eroberung des gesamten Niltals gerichteten
Expansion verstanden werden.
Tatsächlich dürfte Gewalt allein nicht genügt haben, um
Ägypten zu einen. Der Boden war dafür aber durch die ho­
mogene Kultur, die nachweislich intensivierten Warenströ­
me in beide Richtungen des Nils und die Aufstellung einer
Elite bereitet. Die Macht fiel nun jenem zu, dem es gelang,
der neuen sozialen Ordnung auch ein theologisches Funda­
ment zu geben.
Narmer etablierte ein System, das für das pharaonische
Königtum wegweisend war. Er fungierte als Mittler zu den
Göttern und wachte über die Regelmäßigkeit der Überflu­
tungen, vertrat die Interessen seiner Untertanen gegenüber
den Göttern – und blieb doch Anführer bei der Jagd wie im
Krieg. Zwischen 3000 und 2900 v. Chr. entwickelte sich ein
Staat, der alle Macht in die Hände eines Einzelnen legte, und
dieser wiederum konnte sich auf einen ausgefeilten zentra­
zwölf Räumen bestehende Grab »U-j« in Abydos (siehe Bilder len Verwaltungsapparat stützen. In der Kunst wie in der Reli­
oben): Hunderte von kostbaren Grabbeigaben und sogar ein gion entstand zudem ein Kanon von Regeln, die das Reich
hölzernes Zepter zeigen, dass dort ein Auserwählter beige­ stabilisierten und es zu einem der mächtigsten des Alter­
setzt wurde. tums machen sollten.  Ÿ

Die ersten Hieroglyphen


Di e Autori n
Auf Tongefäße gemalte und in kleine Plaketten aus Knochen
und Elfenbein eingravierte Tiersymbole aus dieser Grablege Béatrix Midant-Reynes ist Direktorin des Institut
datieren die Anfänge der Schrift in Ägypten auf 3200 v. Chr., français d’archéologie orientale (IFAO) in Kairo
und verantwortlich für die Ausgrabungen von
auf den Beginn der heute als prädynastisch bezeichneten
Tell el-Iswid.
Epoche. Sicher gaben diese Zeichen Auskunft über Inhalt und
Herkunft der Gefäße, sie nannten also den Namen jenes
Herrschers, der das entsprechende Landgut eingerichtet
­hatte. Weil die Tiere zudem auf Prunkpaletten eindeutig als
Verkörperungen des Königs auftauchen, dürften sie tat­ Literaturtipps
sächlich Königsnamen darstellen. Sie belegen damit nicht
Briois, F. et al.: Le gisement épipaléolithique de ML 1 à Ayn-Manâwir:
nur die Existenz einer des Schreibens mächtigen und mut­ Oasis de Kharga. Fouilles de l’Institut Français d’Archéologie Orien-
maßlich immer exklusiveren Elite – es muss offenbar einige tale du Caire 58, Kairo 2008
Grimm, A., Schoske, S.: Am Beginn der Zeit – Ägypten in der
Herrscher schon vor dem legendären König Narmer gegeben
Vor- und Frühzeit. Ausstellungskatalog, Staatliches Museum Ägyp-
haben. ti­scher Kunst, München 2000
Während dieser o. Dynastie dringt das Thema Gewalt in Midant-Reynes, B.: Aux origins de l’Égypte. Du Néolithique à
die bildlichen Darstellungen ein: Gefesselte Feinde vor oder l’émergence de l’État. Fayard, Paris 2003
Wengrow, D.: The Archaeology of Early Egypt – Social Trans­for­
zu Füßen des Königs; der Herrscher tötet seine Feinde, mal in mation in North-East Africa 10 000 to 2650 B.C. Cambridge World
Menschengestalt, mal als Stier oder Löwe. Das markiert ein Archaeology, Cambridge 2006
nicht mehr mit friedlichen Mitteln zu lösendes Ringen um
die Vorherrschaft zwischen regionalen Königen. Erst Narmer, Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214053

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Ägyptologie II

Hierakonpolis –
die Stadt des Falken
Auf die Frage, wo Ägypten entstanden ist, hätte man
im Altertum eine klare Antwort gegeben: in Nechen, das die
­Griechen später Hierakonpolis nannten.
Von Joachim Willeitner

D
er Kom el-Achmar, der »Rote Hügel« nahe dem noch ungeklärt, doch dürfte es eher die Folge einer allmäh­
Dorf Elkab in Oberägypten, ist ein Eldorado für lichen kulturellen Durchdringung gewesen sein als die einer
Prähistoriker. Seit die britischen Forscher James militärischen Eroberung. Gerade Hierakonpolis kommt bei
Edward Quibell und Frederick W. Green dort 1897 der Aufklärung dieses Prozesses eine Schlüsselrolle zu. Denn
erstmals den Spaten ansetzten, kommt Stück für Stück der die Überreste aus den entsprechenden Zeitabschnitten wur-
Ort Nechen zum Vorschein. Bekannt wurde er jedoch unter den später kaum überbaut. Lediglich die Wohnviertel sind
der Bezeichnung, die ihm die Griechen gaben: Hierakon­ in Mitleidenschaft gezogen: Aus getrockneten Lehmziegeln
polis, »Stadt des Falken«, in Anspielung auf den dort prakti- errichtet, zerfielen die Bauten zu fruchtbarer Erde, die von
zierten Kult des Sonnengottes in seiner Gestalt als Horus. einheimischen Bauern über Jahrtausende abgetragen und
Der spätestens seit Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. be­ auf die Felder verteilt wurde. Repräsentative Gebäude hin­
siedelte Ort erlebte seine Blütezeit in der Naqada-II-Zeit gegen bestanden aus Stein oder zumindest aus wesentlich
­(siehe den vorigen Beitrag). Besagter Roter Hügel bildete sein dickeren, heute noch sichtbaren Ziegelmauern.
Zen­trum, doch die bewohnte Gesamtfläche betrug knapp Für die Kultstätte des Horus hatte man schon in prähisto-
150 Quadratkilometer. Von mindestens 5000 Menschen be- rischer Zeit Sand zu einer Plattform von 46 mal 46 Metern
völkert, avancierte er seinerzeit zur Hauptstadt des dama­ aufgeschüttet und diese mit Kalksteinquadern verkleidet. Im
ligen Oberägypten. Möglicherweise markierte Nechen auch deutschsprachigen Raum heißt dieser Tempeltyp deshalb
dessen südliche Grenze, was gut zum Namen passen würde: »Hoher Sand«. Er symbolisierte späteren Texten zufolge den
Sinngemäß bedeutet er »befestigte Residenz«. Ergänzt wur- mythischen Urhügel, der am Anfang aller Zeit aus einem
de das politische Zentrum durch einen wichtigen Kultort: ­Urozean aufgetaucht sein soll. Dass man den Anfang der
das ihm am anderen Nilufer gegenüberliegende Necheb, Welt in ­Nechen verortete, unterstreicht die Bedeutung und
heute El-Kâb. Ruinen und Hieroglyphentexte belegen dort das hohe Alter des Orts. Es gab nur zwei weitere Tempel die-
das Hauptheiligtum der oberägyptischen Kronengöttin, der ser Art: in ­Unterägypten und am Übergang zwischen den
geiergestaltigen Nechbet. beiden Landesteilen.
Wie die beiden Großregionen Ober- und Unterägypten zu Wahrscheinlich während des Mittleren Reichs (etwa 2000 – 
einem geeinten Staat zusammenfanden, ist in den Details 1800 v. Chr.) wurden im Horustempel bedeutende Votivga-
ben ­rituell vergraben, die Quibell wieder ans Licht brachte.
Zu den spektakulärsten Objekten zählt die »Schminkpalette«
Auf einen Blick
des Königs Narmer, die lange Zeit als Beleg für die gewalt­
same Reichs­einigung missverstanden wurde, da sie auf ihren
Wo die Welt begann
­Re­liefs die offensichtliche Unterwerfung des Nildeltas durch

1 Mindestens 5000 Menschen wohnten in der zweiten Hälfte


des 4. Jahrtausends v. Chr. in Nechen, griechisch Hierakonpolis.
Die Stadt beherrschte das Oberägypten der Naqada-II-Zeit.
den König darstellt. Es tauchten auch zwei reliefverzierte
Keulenköpfe auf; einer zeigt Narmer bei Kulthandlungen, ein
zweiter dessen Vorgänger Skorpion II. Von letztgenanntem
2 Den Ägyptern galt Nechen als mythisch bedeutsamer Ort, weil
dort der Urhügel aus dem Ozean aufgestiegen sein sollte. Objekt ist eine Hälfte gut erhalten und zeigt den Herrscher
mit der oberägyptischen Krone. Über seiner tiergestaltigen
3 Grabbeigaben und Weihegeschenke an Gottheiten belegen,
dass wichtige Schritte zur Pharaonenherrschaft und zur Eini-
gung Ägyptens in Nechen vollzogen wurden.
Namenshieroglyphe – über deren altägyptische Aussprache
die Experten noch immer diskutieren – befindet sich eine
Rosette oder besser Blüte, die wahrscheinlich seinen Titel

56  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Mensch & Kultur

rechteckige Kultgebäude gab, auf denen eine Dachkonstruk-

Joachim Willeitner
tion ruhte, wahrscheinlich aus Matten und Lehmverputz.
Kostbare Grabbeigaben und Totenmasken aus Keramik be-
tonten den Rang der Verstorbenen. Mitunter entdeckten die
Forscher sogar mit großem Aufwand betriebene Tierbestat-
tungen, darunter von einem afrikanischen Elefanten, einem
Nilpferd, einem Auerochsen, einer Kuhantilope und mehre-
ren Hunden. Wie die Leichen der Menschen waren die Tiere
in Binden gewickelt und dann im Sand getrocknet worden.
Die Abnutzung der Zähne zeigte, dass sie wild geboren und
dann in Gefangenschaft gehalten worden waren. Möglicher-
weise handelte es sich um Totemtiere der Herrscher.
Um 3200 v. Chr. wurde dieser Friedhof zu Gunsten eines
Das »Fort« ist ein Ziegelbau, der während der 2. Dynastie vielleicht neuen, näher am Nil gelegenen aufgegeben. Dort kamen
das oberägyptische Kronenheiligtum barg. 1899 im »Grab 100« eines namentlich nicht bekannten Herr-
schers großflächige Wandmalereien zum Vorschein. Leider
begnügten sich die Ausgräber damit, sie als Aquarelle zu
nennt und die sich auch auf der Narmer-Palette findet. 2001 ­kopieren, von den Wänden abzunehmen und nach Kairo ins
rekon­struierte Kryzstof Marek Ciałowicz von der Universität Ägyptische Museum zu über­führen. Dort fristen sie in ei-
Krakau anhand der stark beschädigten anderen Hälfte der nem Nebenraum ein unbeachtetes Dasein, zumal litten die
Palette auch die unterägyptische Krone. Somit hätte nicht Bilder unter schlechten Erhaltungsbedingungen.
Narmer, sondern bereits Skorpion II. beide Landeskronen Nechen büßte am Ende der Naqada-Zeit seine Bedeutung
­getragen, mithin über ein geeintes Ägypten regiert. ein. Die Königsgräber wurden nach Abydos verlegt, dem
Hauptkultort des Totengottes Osiris. Zuletzt wandte sich
Gute Nachbarschaft: Cha-sechemui, der letzte König der 2. Dynastie, nochmals der
Beamte und Bierbrauer Stadt des Falken zu. Reliefblöcke mit seiner Darstellung und
Vor allem die 1978 wieder aufgenommenen Grabungskam­ seinen Namenshieroglyphen fand man dort sowohl inner-
pagnen brachten neue Erkenntnisse zum gesellschaftlichen halb der äußeren Umfassungsmauer des »Hohen Sandes«
Wandel von der Stadtgründung bis zum Niedergang nach der als auch im »Fort«, einer­von einer dicken Lehmziegelmauer
Reichseinigung. Spätestens in der ausgehenden Naqada-I- umfriedeten monumentalen Anlage (siehe Bild). Hier ver-
Zeit kamen neben runden auch rechteckige Wohnbauten in mutet die derzeitige Grabungsleiterin, die amerikanische
Gebrauch. Zwar verschlangen diese für die gleiche Grund­ Ägyptologin Renée Friedman, das oberägyptische Kronen-
fläche mehr Ziegel, sie boten aber einen großen Vorteil: Es heiligtum »Per wer«. Den Namen (wörtlich »großes Haus«)
­ließen sich mehrere Räume gut aneinanderfügen. In den Ne- und seine Funktion als Kultplatz kennt man aus Inschriften,
kropolen beanspruchte eine Oberschicht in dieser Zeit eige- sein Aussehen von Siegelbildern. Das ober- und das unter­
ne Areale, was auf eine zunehmende soziale Differenzierung ägyptische Kronenheiligtum haben jeweils unterschiedliche
schließen lässt. Auch Arbeitsteilung wurde zur Regel. So Dachformen: Ersteres trägt eine Art Pultdach mit sanftem
konnten innerhalb eines mit einer Palisade umfriedeten Abfall nach hinten und gerundetem First; letzteres eine
Stadtviertels hoch spezialisierte Handwerksbetriebe lokali- schwach gewölbte Längstonne.
siert werden. Darunter finden sich Töpfereien – eine davon Als Hauptstadt des 3. oberägyptischen Nechen-Gaus war
war offenbar in Brand geraten, so dass ihre Lehmziegelmau- Hierakonpolis ab der 3. Dynastie ein Verwaltungszentrum
ern gehärtet und gut erhalten waren –, eine Großbäckerei unter vielen. Nur seine religiöse Bedeutung als Ort des
­sowie die ältesten Brauereien der Welt; vier der Braubottiche ­Anfangs aller Zeit und als Sitz des göttlichen Horus hob den
fassten je 390 Liter. Ob und wie stark die Waren- und Nah- Ort auch weiterhin über an­dere hinaus.  Ÿ
rungsmittelproduktion bereits zentral gesteuert wurde, lässt
sich nicht bestimmen, doch gab es zu jener Zeit offensicht-
Der Autor
lich bereits innerhalb der erwähnten Palisade auch Verwal-
tungs- und Repräsentationsbauten, also einen »Regierungs- Der Ägyptologe Joachim Willeitner arbeitet als
bezirk«, wie er im späteren Pharaonenstaat die Regel war. freier Publizist in München.
Auch die Nekropolen stützen die Annahme, damals seien
die Grundlagen für drei Jahrtausende Ägypten gelegt wor-
den. So setzte man die einfachen Bürger der Naqada-I-Zeit in
einem stadtnahen Friedhof bei, während sich die Nekropole
der Oberschicht in einem 2,5 Kilometer entfernten Wadi be-
fand. Pfostenlöcher verraten, dass es dort wohl oberirdische Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214054

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Mathematik

Universelle Gesetze
Manche Naturgesetze gelten für eine große Vielfalt von Systemen unabhängig
von den dynamischen Gesetzen, denen deren elementare Bestandteile
­gehor­chen. Dieses Phänomen ist an zahlreichen Stellen zu beobachten; aber
eine strenge mathematische Begründung steht bis heute aus.
Von Terence Tao

D
ie moderne Mathematik ist ein überaus mächti­ kern und einem einzigen Elektron, das diesen umkreist. Ein
ges Instrument. Sie kann die verschiedensten Natriumatom hat gerade einmal elf Elektronen, die mit­
Dinge und Ereignisse in der Realität modellieren, einander und mit dem Kern wechselwirken; aber die mathe­
das heißt durch Gleichungen beschreiben: solche matische Herleitung seiner Spektrallinien überfordert auch
aus der unbelebten Natur wie die Bewegung der Himmels­ heute noch die leistungsstärksten Computer.
körper oder die physikalischen und chemischen Eigenschaf­ Nicht umsonst ist das Dreikörperproblem der Himmels­
ten von Materialien, oder Elemente menschlichen Verhal­ mechanik berüchtigt – angeblich das einzige, das Newton
tens, wie es sich zum Beispiel in Börsenkursen oder Wahl­ selbst Kopfschmerzen bereitete: Wie bewegen sich drei
ergebnissen zeigt. Dabei ist der Anzahl der Gleichungen Massenpunkte unter der Einwirkung von Newtons Gravita­
keine prinzipielle Grenze gesetzt: Mathematische Modelle tionsgesetz? Anders als beim Zweikörperproblem, dessen Lö­
erfassen auch ex­trem komplizierte Systeme mit einer Viel­ sung – die keplersche Ellipsenbahn – bekannt und nicht
zahl interagierender Bestandteile. schwer zu berechnen ist, gibt es für die Lösung des Drei­
Wenn es jedoch darum geht, diese Gleichungen zu lösen körper­problems allem Anschein nach überhaupt keinen
und damit das Verhalten dieser so präzise beschriebenen ­geschlossenen formelmäßigen Ausdruck (Spektrum der Wis­
Systeme vorherzusagen, sieht es sehr viel düsterer aus. Exak­ senschaft 1/1997, S. 24); vielmehr lassen sich die Bahnen der
te Lösungen gibt es eigentlich nur für sehr simple Systeme Himmelskörper nur mit Hilfe numerischer Algorithmen
mit gerade einmal zwei oder drei Akteuren. Ein beliebtes Bei­ ­näherungsweise bestimmen. Und selbst diese Methode gerät
spiel sind die Spektrallinien des Wasserstoffs. Die zugehöri­ rasch an ihre Grenzen, wenn die Dimension des Systems, das
gen Gleichungen sind so einfach und elegant lösbar, dass heißt die Anzahl seiner Unbekannten, groß wird (Spektrum
man sie in einer Physikvorlesung für mittlere Semester brin­ der Wissenschaft 2/2012, S. 88). Das ist der berüchtigte »Fluch
gen kann; aber das System besteht eben nur aus einem Atom­ der Dimensionen«.
Dem Fluch zum Trotz zeigt sich oft ein bemerkenswertes
Phänomen. Sowie die Anzahl der Komponenten ausreichend
Auf einen Blick
groß ist, werden summarische Eigenschaften, die das kom­
plexe System als Ganzes charakterisieren, auf mysteriöse
Einfachheit durch Vielfalt Weise doch vorhersagbar und folgen sogar sehr einfachen

1 Bekannte Beispiele für universelle Gesetze sind das Gesetz der


großen Zahlen, der Zentrale Grenzwertsatz und die Gesetze der
Thermodynamik.
Naturgesetzen. Mehr noch: Diese makroskopischen Gesetze
sind weit gehend unabhängig von ihren mikroskopischen
Gegenstücken – jenen Gesetzen also, denen die einzelnen

2 Ihre Gültigkeit leitet sich nicht aus den Gesetzen für die
einzelnen Komponenten eines großen Systems her, sondern
aus deren Zusammenspiel.
Komponenten gehorchen. Man könnte die elementaren Be­
standteile durch völlig andere mit gänzlich verschiedenem
Verhalten ersetzen, und das makroskopische Gesetz bliebe
3 So findet sich für die Wartezeiten auf den nächsten Bus, die
Neutronenstreuung an einem Atomkern und die Verteilung der
Primzahlen dieselbe Gesetzmäßigkeit.
unverändert. In diesem Fall nennt man es »universell«.
Universalität wurde in vielen unterschiedlichen Zusam­
menhängen gefunden, sowohl in der Realität als auch in der

60  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Mensch & Kultur

Carl Friedrich Gauß (1777 – 1855)


fand für die Verteilung von
Messfehlern die glockenförmi-
ge Funktion (links im Bild),
die heute seinen Namen trägt.
Inzwischen wissen wir dank
dem Zentralen Grenzwertsatz,
dass sich eine Summe unab-
hängiger und nicht zu einfluss-
reicher Zufallsgrößen unter
Deutsche Bundesbank

sehr allgemeinen Vorausset-


zungen einer Gauß-Verteilung
annähert.

mathematischen Abstraktion. Manche versteht man sehr fuhr der Statistiker Nate Silver ein: Mit einer gewichteten
gut, für viele andere jedoch ist die Ursache der Universalität Analyse aller verfügbaren Umfragen sagte er den Ausgang
nach wie vor rätselhaft und Gegenstand der aktuellen ma­ der Präsidentschaftswahl in 49 der 50 Bundesstaaten sowie
thematischen Forschung. aller 35 Wahlen zum Senat korrekt vorher. Die einzige Aus­
nahme war die Präsidentenwahl in Indiana, die Silver knapp
Das Gesetz der großen Zahlen zu Gunsten von McCain entschieden sah, während am Ende
Die Wahl des US-Präsidenten am 4. November 2008 war eine Obama mit 0,9 Prozent Vorsprung gewann.
äußerst komplizierte Angelegenheit. Die Komponenten des Die Genauigkeit von Wahlprognosen lässt sich mit einem
Systems waren mehr als 100 Millionen Wähler aus 50 Bun­ mathematischen Resultat erklären, das als Gesetz der großen
desstaaten, und welche Gesetze für ihr Verhalten galten, wäre Zahlen bekannt ist. Für Wahlen besagt es: Sobald der Umfang
selbst theoretisch kaum zu sagen. Auf jeden Wähler wirkten einer zufälligen Stichprobe groß genug ist, nähert sich der
die unterschiedlichsten Einflüsse: Wahlkampfauftritte der Stimmenanteil für einen Kandidaten innerhalb dieser Stich­
Kan­didaten, Medienberichte, Gerüchte, persönliche Eindrü­ probe, sprich das Umfrageergebnis, dem Stimmenanteil in
cke und politische Diskussionen im Bekanntenkreis. Mil­ der Gesamtwählerschaft an – mit einer gewissen Fehlerspan­
lionen Wähler waren nicht vorab auf einen der beiden ne. Bei einer Umfrage mit 1000 Wählern beträgt diese etwa
Hauptkan­didaten festgelegt. Niemand hätte ihre endgültige drei Prozent.
Entscheidung vorhersagen können, und manche von ihnen Das Gesetz der großen Zahlen ist in der Tat universell, und
ließen sich vermutlich sogar vom Zufall leiten. Dieselbe Un­ zwar in vielerlei Hinsicht. Geht es um eine Wahl mit 100 000
gewissheit gab es auch auf der Ebene ganzer Bundesstaaten: oder einer Million Wählern? Einerlei, die Fehlerspanne be­
Während viele von ihnen als Hochburg für einen der beiden
Kandidaten galten, war für mindestens ein Dutzend der 0,30 Anteil an der Gesamtheit
Wahlausgang offen.
Regionales/Gemeindeverzeichnis/Administrativ/Aktuell/05Staedte.html

In dieser Situation erschien es unmöglich, das Wahlergeb­ 0,25


Bundesamt, www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/LaenderRegionen/
Christoph Pöppe, nach:  Daten des Zensus von 2011, Statistisches

nis genau vorherzusagen. Es gab massenhaft Meinungs­


umfragen zur Wahl, aber jede von ihnen erfasste nur einige 0,20

hundert oder allenfalls 1000 Wahlberechtigte. Außerdem


0,15
schwankten die veröffentlichten Daten heftig mit der Zeit
und widersprachen sich manchmal sogar. Nicht alle Umfra­ 0,10
gen waren gleich zuverlässig oder objektiv, und jedes Institut
errechnete seine Prognose mit einem anderen Verfahren aus 0,05
den Umfrageergebnissen.
Trotzdem gelang es, das Ergebnis der Präsidentschafts­
1 2 3 4 5 6 7 8 9
wahl (und der meisten anderen Wahlen, die zum selben Ter­
min stattfanden) bereits weit vor dem Ende der Auszählung Die erste Ziffer der Einwohnerzahlen aller deutschen Städte
recht genau vorherzusagen. Den wohl spektakulärsten Erfolg (Balken) folgt Benfords Gesetz (rote Punkte).

www.spek trum .de 61


Christoph Pöppe
Zwei verschiedene Modelle für Perkolation beim Phasenübergang: Links stehen die Sechsecke für Plätze
in einem gedachten Kristall, die durchlässig (gelb) oder undurchlässig (blau) sind (»site percolation
­model«). Ein Cluster ist eine zusammenhängende Menge von Elementen einheitlicher Farbe. Im rechten
Bild sind die Bindungen zwischen benachbarten Plätzen aktiv (durch kurze Striche gekennzeichnet)
oder auch nicht (»bond percolation model«). Hier ist ein Cluster eine Menge von miteinander verbundenen
Strichen. Man beachte, dass in beiden Fällen sehr große und sehr kleine Cluster vorkommen.

trägt stets drei Prozent. Betrifft es einen Staat, der McCain Zufall bestimmte Komponenten beeinflusst werden. Unter
mit 55 Prozent gegenüber Obama mit 45 Prozent favorisiert, der Voraussetzung, dass keine von ihnen einen entscheiden­
oder einen, in dem Obama mit 60 Prozent gegen McCain mit den Einfluss auf das Ganze hat, besagt er, dass die Summe
40 Prozent vorn liegt? Lebt in dem Staat eine weit gehend ho­ dieser Komponenten annähernd einer gaußschen Normal­
mogene Bevölkerung aus eher wohlhabenden weißen Stadt­ verteilung folgt; deren bildliche Darstellung ist die bekannte
menschen oder ein buntes Gemisch verschiedener Rassen, Glockenkurve (Bild S. 61 oben).
Bildungs- und Einkommensklassen? Es kommt nicht darauf
an. Der einzige signifikante Faktor ist die Größe der Stich­ Zentraler Grenzwertsatz
probe: je mehr Befragte, desto geringer die Fehlerspanne. Die Dieses Gesetz ist ebenfalls universell – es gilt, ohne dass die
immense Komplexität eines Systems von 100 Millionen Verteilungen der einzelnen Komponenten oder auch nur
Wählern, die jeder für sich eine Entscheidung treffen, ­deren Anzahl bekannt sein müssten. Allerdings nimmt die
schrumpft auf eine bloße Hand voll von Zahlen zusammen. Genauigkeit seiner Vorhersagen mit der Anzahl der Kompo­
Warum das Gesetz der großen Zahlen so universell gilt, ist nenten zu. Seine Gültigkeit ist in einer geradezu unglaub­
bekannt und Gegenstand jeder Anfängervorlesung über lichen Vielfalt von Statistiken zu beobachten, darunter
Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik. In den vergange­ ➤  Unfallhäufigkeiten;
nen Jahrzehnten sind viele weitere universelle Gesetze ent­ ➤  Körpergröße, Gewicht oder andere Merkmale von Ange­
deckt worden; aber wir verstehen sie leider sehr viel weniger hörigen einer Tierart;
vollständig. Die Frage, warum sie so oft in komplexen Syste­ ➤  Gewinne und Verluste eines Wertpapiers;
men in Erscheinung treten, ist ein sehr intensiv bearbeitetes ➤  Geschwindigkeiten von Teilchen in einem großen physi­
Teilgebiet der Mathematik. In den meisten Fällen sind wir kalischen System.
noch weit von einer befriedigenden Antwort auf diese Frage Die gezählte oder gemessene Größe mag in Personen,
entfernt, aber es gibt ermutigende Fortschritte. Zentimetern oder Mikrosekunden angegeben sein, durch
Den zweiten Platz in der Rangfolge der universellen Geset­ Wahl der Maßeinheiten mag die Glockenkurve groß oder
ze nimmt wohl der Zentrale Grenzwertsatz ein. Er gilt für klein, breit oder schmal aussehen; aber stets bleibt ihre Ge­
Größen, die durch viele voneinander unabhängige und vom stalt erkennbar.

62  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Christoph Pöppe
Das liegt nicht daran, dass Autounfälle, Körpergrößen von wahrscheinlich, dass eine dieser Zahlen mit der Ziffer 1 be­
Menschen, Profite im Börsenhandel oder Geschwindigkeiten ginnt als mit der Ziffer 9. Aber es lässt sich dadurch erklären,
von Himmelskörpern irgendwelche verborgenen Gemein­ dass in diesen Fällen nicht die Zahlen selbst, sondern ihre
samkeiten hätten, sondern daran, dass in allen diesen Fällen ­Logarithmen dem Zentralen Grenzwertsatz gehorchen. Man
die übergeordnete Struktur dieselbe ist, nämlich die Zusam­ hat dieses Gesetz auch zum Aufspüren von Bilanzfälschun­
menfassung der geringen Einflüsse einer Vielzahl unabhän­ gen genutzt; denn im Gegensatz zu »natürlich« entstehen­
giger Faktoren. Das makroskopische Verhalten eines ­großen den Zahlenreihen genügen die Fantasieprodukte der Mogler
und komplexen Systems kann nahezu vollständig unabhän­ oftmals nicht Benfords Gesetz (Bild S. 61 unten).
gig von seiner mikroskopischen Struktur sein: Das ist das Ein weiteres universelles Gesetz über Häufigkeiten trägt
Wesen der Universalität. den Namen des amerikanischen Linguisten George Kingsley
Im Fall des Zentralen Grenzwertsatzes ist sie von unmit­ Zipf (1902 – 1950). Der hatte um 1935 beobachtet, dass das
telbarem Nutzen, denn dank ihr kommt man mit Ereignis­ häufigste Wort der englischen Sprache, »the«, in einem
sen zurecht, die ihrer Natur nach unentwirrbar kompliziert durchschnittlichen Text ungefähr doppelt so oft vorkommt
und chaotisch sind. Versicherer finden einen Preis für eine wie das zweithäufigste (»of«) und dreimal so oft wie das dritt­
Autoversicherung, ohne die komplizierte Vorgeschichte häufigste (»and«). Allgemein ist die Häufigkeit eines Worts
j­edes einzelnen Unfalls nachvollziehen zu können; Astrono­ umgekehrt proportional seinem Rang, das heißt seiner Num­
men bestimmen Größe und Position entfernter Galaxien, mer in der nach Häufigkeit geordneten Liste aller Wörter. Die
ohne die komplizierten Gleichungen der Himmelsmechanik Näherung ist meistens nicht besonders gut für die ersten
lösen zu müssen; Elektroingenieure schätzen die Auswirkun­ Nummern der Liste, wird danach aber zunehmend besser.
gen von Störungen und Interferenzen auf die elektronische Bemerkenswerterweise hatte schon 1913 der deutsche Physi­
Kommunikation ab, ohne genau wissen zu müssen, wie sie ker Felix Auerbach (1856 – 1933) eine ähnliche Gesetzmäßig­
entstehen. Der Zentrale Grenzwertsatz ist allerdings nicht keit für die Einwohnerzahlen deutscher Städte beobachtet.
völlig universell. In manchen Situationen ergeben sich ganz Im Unterschied zum Zentralen Grenzwertsatz und Ben­
andere Verteilungen als die Glockenkurve – darauf komme fords Gesetz, die mathematisch recht genau verstanden sind,
ich später zurück. handelt es sich bei Zipfs Gesetz – bisher – um eine in erster
Einige universelle Gesetze sind entfernte Verwandte des ­Linie empirische Regel. Es wird in der Praxis beobachtet, aber
Zentralen Grenzwertsatzes, auch wenn man ihnen das auf noch fehlt eine völlig befriedigende und überzeugende Er­
den ersten Blick nicht ansieht. Ein Beispiel ist Benfords Ge­ klärung für seine Gültigkeit und seine Universalität.
setz über die Häufigkeit der ersten Ziffer bei Zahlen, die über Universelle Gesetze finden sich nicht beim schlichten Zu­
viele Größenordnungen variieren, wie die Bevölkerungs­ sammenzählen vieler kleiner und unabhängiger Faktoren,
zahlen aller Länder oder die Kontostände aller Konten einer sondern auch auf zahlreichen Gebieten von Physik und Che­
Bank (Spektrum der Wissenschaft 7/2008, S. 36). Seine Aussa­ mie. Ein besonders ergiebiges Studienobjekt sind Phasen­
ge ist zunächst überraschend. So ist es mehr als sechsmal so übergänge.

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Aus der Schule – und der Alltagserfahrung – kennen wir von Größen proportional zu x –a; dabei ist der Exponent –a
die drei klassischen Aggregatzustände fest, flüssig und gas­ im Allgemeinen keine ganze Zahl. Interessanterweise ist das
förmig; hinzu kommen exotische Zustände wie Plasma oder zipfsche Gesetz ein Spezialfall eines Potenzgesetzes (mit
Superflüssigkeit. Ferromagnetische Stoffe wie Eisen sind ma­ dem Exponenten – 1).
gnetisiert oder auch nicht; andere ändern bei einer bestimm­ Potenzgesetze finden sich nicht nur in praktisch jedem
ten Temperatur plötzlich ihre elektrische Leitfähigkeit. Der mathematischen Modell für Phasenübergänge; sie werden
Zustand eines bestimmten Materials hängt von mehreren auch in der Natur oft beobachtet. Wieder mag die präzise mi­
Faktoren ab: vor allem von der Temperatur, häufig auch vom kroskopische Struktur des Modells oder des Stoffs den Zah­
Druck und in speziellen Fällen vom Anteil der Fremdatome lenwert dieses oder jenes Parameters beeinflussen, etwa die
in einem Kristall. Für einen Temperatur beim Phasen­
festen Wert des Drucks nei­ übergang; die Struktur des
gen die meisten Materialien Phasenübergänge gehorchen Gesetzes aber ist für alle Mo­
dazu, oberhalb einer gewis­ ­Potenzgesetzen – unabhängig von delle und Stoffe dieselbe.
sen Temperatur (»Schmelz­ Im Gegensatz zu den Klas­
den Eigenschaften des Materials
punkt«, »Siedepunkt« und sikern wie dem Zentralen
so weiter) einen Zustand und Grenzwertsatz verstehen wir
unterhalb einen anderen einzunehmen. An dieser Grenz­ die universellen Gesetze von Phasenübergängen noch nicht
temperatur oder in deren Nähe treten interessante Phäno­ vollständig. Physiker haben überzeugende Argumente vor­
mene auf: Phasenübergänge. Das Material befindet sich gebracht, die viele dieser Gesetze erklären oder zumindest
nicht vollständig in dem einen oder dem anderen Zustand, stützen. Sie beruhen auf einem sehr erfolgreichen Hilfs­
sondern zerfällt oft in wunderschöne, fraktale Bereiche mittel, das allerdings einige unzulässige Gedankengänge
(»Cluster«) mit jeweils einheitlichem Zustand. enthält: der Methode der Renormierungsgruppe. Einen
­rigorosen, alle Fälle umfassenden Beweis gibt es noch nicht.
Fraktale Bereiche Auf diesem Gebiet wird heute sehr intensiv geforscht. Im
bei Phasenübergängen ­August 2010 erhielt Stanislav Smirnov die Fields-Medaille,
Um zu beschreiben, was sich auf der Ebene einzelner Atome eine der höchsten Auszeichnungen für Mathematiker, weil
und Moleküle abspielt – vor allem in der Nähe eines Phasen­ er für Fälle von zentraler Bedeutung, darunter die Perkola­
übergangs –, verwenden Physiker und Chemiker eine Viel­ tion auf dem Dreiecksgitter, einen solchen Beweis gefunden
zahl mathematischer Modelle, entsprechend der unüberseh­ hatte (Spektrum der Wissenschaft 9/2011, S. 58).
baren Vielfalt der Materialien. Meistens geht man von der
Annahme aus, dass jedes Atom beziehungsweise Molekül zu­ Spektren im Radio und
fallsbestimmt mit seinen Nachbarn Bindungen eingeht; die im Atomkern
Wahrscheinlichkeit dafür unterliegt gewissen Regeln. Im Ein weiteres Beispiel für ein universelles Gesetz betrifft so
­Detail können diese Vorstellungen sehr unterschiedlich aus­ genannte diskrete Spektren: Folgen von Punkten, die auf ei­
sehen. Die Bilder auf S. 62/63 zeigen zwei verschiedene ner Geraden verteilt sind. Ein solches Spektrum kann man
­Modelle für dasselbe Phänomen: das Durchsickern (»perco­ hören, indem man den Einstellknopf am Radio dreht (oder
lation«). Je nachdem, wie fest die Atome in einem Festkörper den automatischen Sendersuchlauf das erledigen lässt): Die
aneinander gebunden sind, ist dieser durchlässig für – zum Frequenzen, auf denen die einzelnen Radiostationen senden,
Beispiel – Wasser oder auch nicht. Er geht relativ plötzlich sind nicht kontinuierlich über den entsprechenden Bereich
vom einen in den anderen Zustand über, wenn der Anteil der der elektromagnetischen Wellen verteilt, sondern haben ei­
durchlässigen (Atom-)Plätze oder der aktiven Bindungen nen gewissen Mindestabstand – nicht von Natur aus, son­
eine gewisse Schwelle überschreitet. dern wegen behördlicher Vorschriften mit dem Zweck, dass
Sieht man sich die Struktur der Cluster in der Nähe dieses verschiedene Sender einander nicht stören.
kritischen Werts »aus der Ferne« an, dann werden die Un­ Ein diskretes Spektrum bilden auch die Spektrallinien der
terschiede in der mikroskopischen Struktur unerheblich, Atome eines bestimmten Elements. Sie entsprechen den
und einige universelle Gesetze treten deutlich hervor. Die ­Frequenzen der elektromagnetischen Strahlung, welche die
Cluster sind zwar von zufälliger Größe und Gestalt, zeigen Elektronen des Atoms nach den Gesetzen der Quantenme­
aber fast immer eine fraktale Struktur: Vergrößert man ei­ chanik absorbieren oder emittieren können. Liegen diese
nen beliebigen Ausschnitt eines Clusters, dann ähnelt das Frequenzen im Bereich des sichtbaren Lichts, dann verleihen
entstehende Bild mehr oder weniger wieder dem Ganzen. sie dem Element seine spezifische Farbe, vom blauen Licht
Statistische Werte wie die Anzahl der Cluster, ihre mittlere des Argongases (dem verwirrenderweise die Neonröhren
Größe oder auch die Häufigkeit, mit der ein Cluster zwei ihre Farbe verdanken; reines Neon leuchtet orangerot) bis
­bestimmte Raumbereiche verbindet, folgen universellen so hin zum gelben Licht des Natriums. Für ein einfach aufge­
genannten Potenzgesetzen. So ist die Häufigkeit von Clus­ bautes Element wie Wasserstoff lassen sich die Gleichungen
tern der Größe x typischerweise über einen weiten Bereich der Quantenmechanik relativ leicht lösen, und seine Spek­

64  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


1,0 Lenkt man ein kompliziertes mechanisches System dieser

Frankenhuysen, M., Lapidus, M. L. (Hg.): Dynamical, Spectral, and Arithmetic Zeta Functions.
Christoph Pöppe, nach  Odlyzko, A. M.: The 10 -nd Zero of the Riemann Zeta function. In: van

Contemporary Mathematics Series 290. American Mathematical Society, 2001, S. 139–144


.
.. ... Art aus seiner Ruhelage aus, so schwingt es, und zwar mit
.
.
.
.
.
. ausgezählt
einem Sortiment spezifischer Frequenzen, den Eigenfre­
0,8

. —— nach der
quenzen oder auch Resonanzen. (Es handelt sich um die Ei­
. . GUE-Vermutung genwerte der Zufallsmatrix.) Wigner vermutete nun, dass die
. berechnet Resonanzen eines großen Atomkerns denen eines Zufalls­
. .
relative Häufigkeit
0,6

matrizenmodells ähneln. Insbesondere sollten beide das


. . oben erwähnte Abstoßungsphänomen zeigen. Da dieses
.

22
. . aber für Zufallsmatrizen streng beweisbar ist, ergibt sich da­
. . raus zumindest der Ansatz einer Erklärung für die Beobach­
0,4

. tungen an den Atomkernen.


. .
. Nun hat ein Atomkern praktisch nichts mit einem System
. . aus vielen Massen und Schraubenfedern gemein, nicht ein­
..
0,2

. .. mal in einem sehr abstrakten Sinn – schon weil die Gesetze


. ... der Quantenmechanik, denen er unterliegt, nicht zu denen
. .....
.. . . .. .... ..... der klassischen Mechanik passen. Wie mehrere Mathemati­
0,0

0,0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 ker, darunter ich, inzwischen entdeckt haben, drückt Wigners
Abstand in Vielfachen des häufigsten Abstands Vermutung nicht etwa eine tiefliegende Gemeinsamkeit zwi­
schen beiden Systemen aus, sondern ein universelles Gesetz.
Häufigkeit der Abstände benachbarter Nullstellen der riemann- Es gilt für viele Typen von Spektrallinien, darunter auch sol­
schen Zeta-Funktion, theoretisch nach der GUE-Vermutung che, die weder mit Atomkernen noch mit Zufallsmatrizen in
und »empirisch«, das heißt durch Berechnung von einer Milliarde einer erkennbaren Beziehung stehen. So findet sich dieselbe
16
Nullstellen in der Umgebung der Nullstelle Nummer 1,3 · 10 . Verteilung auch bei den Wartezeiten auf Busse an einer Hal­
testelle in Cuernavaca (Mexiko); und bislang weiß niemand
dafür eine befriedigende Erklärung anzubieten.
trallinien zeigen ein regelmäßiges Muster; für schwerere Ele­ Das wahrscheinlich überraschendste Beispiel kommt al­
mente dagegen ist deren Verteilung ziemlich kompliziert lerdings aus einem ganz anderen Gebiet, der Zahlentheorie.
und kaum aus den grundlegenden Gleichungen herzuleiten. Es geht um die Verteilung der Primzahlen 2, 3, 5, 7, 11, … – also
Ähnliche, aber weniger bekannte Spektren ergeben sich der natürlichen Zahlen, die größer als 1 sind und sich nicht
bei der Streuung von Neutronen an Atomkernen, zum Bei­ als Produkt kleinerer Zahlen darstellen lassen. Die Verteilung
spiel von Uran-238. Neutronen mit speziellen Energiewerten der Primzahlen innerhalb der natürlichen Zahlen scheint
fliegen praktisch unbeeinflusst durch einen Atomkern hin­ keine Regelmäßigkeit zu zeigen (siehe auch den Beitrag ab
durch, während sie bei anderen Energien, den so genannten S. 16). In einer Spektralanalyse treten jedoch gewissermaßen
Streuresonanzen, am Kern abprallen. Das ergibt sich aus Schwingungen zu Tage. Die Frequenzen dieser »Musik der
den Gesetzen für die elektromagnetische und die Kernkraft Primzahlen« werden durch eine Folge komplexer Zahlen
zusammen mit denen der Quantenmechanik. Die innere beschrieben; es handelt sich um die (nichttrivialen) Nullstel­
Struktur großer Kerne ist jedoch derart komplex, dass man len der nach Bernhard Riemann benannten Zeta-Funktion
bisher diese Resonanzen weder theoretisch bestimmen noch (Spek­trum der Wissenschaft 9/2008, S. 86, und Dossier
numerisch berechnen kann; einzige Quelle der Erkenntnis 6/2009 »Die größten Rätsel der Mathematik«).
bleibt das Experiment. Im Prinzip können uns diese Nullstellen alles erzählen,
Die Resonanzen weisen eine interessante Verteilung auf. was wir über die Primzahlen wissen wollen. Eines der wich­
Sie sind nicht unabhängig voneinander, vielmehr scheint es tigsten und berühmtesten Probleme der Zahlentheorie ist
zwischen ihnen eine Art Abstoßung zu geben: Die Wahr­ die riemannsche Vermutung; sie behauptet, dass alle diese
scheinlichkeit, dass zwei aufeinander folgende Resonanzen Nullstellen auf einer gemeinsamen Geraden in der komple­
nahe beieinander liegen, ist sehr gering – fast wie bei den xen Ebene liegen. Aber selbst wenn sie bewiesen würde – was
Sendefrequenzen der Radiostationen, nur dass die Atomker­ einem sensationellen Durchbruch gleichkäme –, könnte sie
ne offensichtlich keinen behördlichen Vorschriften folgen. immer noch nicht jede Frage über Primzahlen beantworten;
In den 1950er Jahren schlug der berühmte Physiker Eugene unter anderem, weil sie nicht viel darüber aussagt, wie die
Wigner (1902 – 1995; Nobelpreis 1963) ein bemerkenswertes Nullstellen auf dieser Geraden genau verteilt sind. Es gibt je­
mathematisches Modell zur Erklärung der Resonanzen vor; doch äußerst starke Hinweise darauf, dass diese Nullstellen
es war das erste Beispiel für das, was wir heute ein Zufalls­ exakt demselben Gesetz gehorchen, das auch bei der Neutro­
matrizenmodell nennen. nenstreuung und bei anderen Systemen beobachtet wird.
Eine Zufallsmatrix beschreibt, grob gesprochen, eine An­ Insbesondere scheinen sich die Nullstellen ebenso »abzusto­
sammlung vieler Massen, die miteinander durch Federn ßen«, wie es die Theorie der Zufallsmatrizen vorhersagt, und
­unterschiedlicher, zufallsbestimmter Härte verbunden sind. zwar mit verblüffender Genauigkeit.

www.spek trum .de 65


Die Zufallsmatrizen, die das richtige Verhalten zeigen, ge­ ­Zeta-Funktion der GUE-Vermutung folgen. Es gibt jedoch
hören zu einer Klasse namens »gaußsches unitäres Ensemb­ zahlreiche Resultate (darunter einige Beiträge von mir) und
le« (GUE). Wie die riemannsche Vermutung ist die entspre­ gerade in den letzten Jahren sogar bedeutende Durchbrüche,
chende Behauptung für das GUE derzeit noch unbewiesen; die in diese Richtung weisen. Wir konnten zeigen, dass nicht
für die Verteilung der Prim­ nur das GUE, sondern viele
zahlen hätte sie auf jeden Steckt hinter den Primzahlen die sehr verschiedene Klassen
Fall weit reichende Konse­
quenzen.
Kernkraft oder hinter der Kernkraft von Zufallsmatrizen im We­
sentlichen dasselbe Gesetz
Die Geschichte von der die Primzahlen? Natürlich nicht für die Verteilung der Abstän­
Entdeckung der GUE-Vermu­ de erfüllen. Die Ergebnisse
tung wird in Mathematikerkreisen immer wieder gern er­ sind noch nicht direkt auf die Zahlentheorie oder die Kern­
zählt. Am Institute for Advanced Study in Princeton be­ physik übertragbar, geben aber Grund zu der Hoffnung, dass
gegneten sich 1972 zufällig der Mathematiker Hugh Mont­ das Gesetz auch in diesen Fällen angewandt werden kann.
gomery, der sich schon länger mit den Nullstellen der Eine entscheidende Idee haben mein Kollege Van Vu und
Zeta-Funktion (genauer: mit deren Paarkorrelationen) be­ ich von einem Argument übernommen, mit dem 1922 der
fasst hatte, und der berühmte Physiker Freeman Dyson. In finnische Mathematiker Jarl Lindeberg (1876 – 1932) den Zen­
seinem Buch »Stalking the Riemann Hypothesis« beschreibt tralen Grenzwertsatz bewiesen hat. In der Sprache des oben
der Mathematiker und Computerwissenschaftler Dan Rock­ beschriebenen Systems aus Massen und Federn läuft sie da­
more dieses Treffen: rauf hinaus, eine einzige Feder durch eine andere, zufällig ge­
wählte zu ersetzen und dann zu zeigen, dass sich dadurch die
Dyson erinnert sich, Montgomery ab und zu beim Wegbrin- Verteilung der Frequenzen nicht grundsätzlich ändert. Er­
gen oder Abholen der Kinder am Kindergarten des Instituts setzt man so nacheinander sämtliche Federn, dann hat man
über den Weg gelaufen zu sein. Sie waren jedoch einander am Ende aus einer Zufallsmatrix eine völlig andere gemacht
noch nie offiziell vorgestellt worden. Dyson war zwar be- und trotzdem die wichtigen Eigenschaften der Verteilung
rühmt, aber Montgomery hatte noch keinen Anlass gesehen, ­erhalten. Auf diesem Weg lässt sich beweisen, dass große
Kontakt zu ihm aufzunehmen. »Worüber sollen wir spre- Klassen von Zufallsmatrizen im Wesentlichen identische
chen?«, fragte Montgomery angeblich, als er zum Instituts- Verteilungen besitzen.
tee eingeladen wurde. Er ging dann doch hin, und als er Das Forschungsgebiet ist zurzeit in heftiger Bewegung; so
­Dy­son vorgestellt wurde, fragte der freundliche Physiker den fanden gleichzeitig mit Van Vu und mir auch László Erdös,
jungen Mann, woran er gerade arbeite. Als Montgomery be- Benjamin Schlein und Horng-Tzer Yau weitere Beweise für
gann, seine jüngsten Resultate über die Paarkorrelationen zu die Universalität von Zufallsmatrizenmodellen, die auf Ide-
erklären, unterbrach ihn Dyson: »Haben Sie so etwas gefun- en aus der mathematischen Physik beruhen. Angesichts des
2
den?«, fragte er und schrieb die Formel (sin(π x)/(π x)) auf. rasanten Fortschritts werden wir vielleicht schon in wenigen
Montgomery fiel vor Überraschung fast vom Stuhl: Das war Jahren weitere Einsichten in die Natur dieses mysteriösen
genau seine Formel für die Paarkorrelations-Funktion … Universalgesetzes gewonnen haben.
Während Montgomery den Weg zu ihr über die Zahlentheo-
rie gefunden hatte, war Dyson bei seinen Forschungen über Auch universelle Gesetze gelten nicht überall
die Energieniveaus mit Hilfe der Matrizenmathematik zum Die hier beschriebenen universellen Gesetze sind nur eine
selben Ziel gekommen. kleine Auswahl aus dem reichhaltigen Sortiment, das über
die Jahre in so verschiedenen Gebieten wie der Theorie der
Die zufällige Entdeckung von Montgomery und Dyson dynamischen Systemen und der Quantenfeldtheorie zum
e­ rhielt eine überzeugende numerische Bestätigung durch Vorschein kam. Viele makroskopische Gesetze der Physik,
Computerberechnungen, die Andrew Odlyzko (heute an der etwa die Gleichungen der Thermodynamik oder der Strö­
University of Minnesota) in den 1980er Jahren an den Bell mungsmechanik, sind ihrer Natur nach ziemlich universell.
­Laboratories durchführte (Bild S. 65). Die mikroskopische Struktur des jeweiligen Materials oder
Steckt also hinter den Primzahlen die Kernkraft oder um­ strömenden Mediums ist nahezu irrelevant und drückt sich
gekehrt? Natürlich nicht. Stattdessen beweist diese Überein­ nur noch in Parametern wie Viskosität, Kompressibilität
stimmung, dass ein bestimmtes Gesetz universell ist: Spek­ oder Entropie aus.
tren dieser Art kommen zu Stande, wenn eine Fülle verschie­ Universelle Gesetze erfassen allerdings nicht alles. So gilt
denartiger Vorgänge zusammenwirken, sei es im Atomkern, der Zentrale Grenzwertsatz nicht mehr, wenn seine Voraus­
in einer Zufallsmatrix oder unter den Primzahlen. setzungen nicht erfüllt sind. Die Größenverteilung erwach­
Der genaue Mechanismus, der diesem Gesetz zu Grunde sener Menschen hat nicht die Gestalt einer Glockenkurve,
liegt, wurde bisher noch nicht aufgedeckt; insbesondere weil ein einzelner Faktor, das Geschlecht, einen so dominie­
­haben wir noch keine überzeugende Erklärung, geschweige renden Einfluss auf die Körpergröße hat, dass er nicht durch
denn einen strengen Beweis dafür, dass die Nullstellen der die vielen anderen Einflussfaktoren nivelliert wird. Dagegen

66  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


folgt die Körpergröße der Männer ebenso wie die der Frauen Stande kommen (Spektrum der Wissenschaft 12/2013, S. 23).
einer Gauß-Verteilung. Aus ähnlichen Gründen gleicht das Erkennen universeller
Eine weitere Voraussetzung, die in wichtigen Fällen nicht Gesetze in der Makroökonomie dem Schießen auf ein beweg­
gilt, ist die der Unabhängigkeit der Einflussgrößen. Wenn die liches Ziel. Nach einem Gesetz, das der britische Bankier
einzelnen Faktoren, die eine Größe bestimmen, miteinander Charles Goodhart 1975 formulierte, bricht jede in ökonomi­
korreliert sind, also dazu neigen, im Gleichklang ab- oder schen Daten beobachtete statistische Regularität zusam­
­zuzunehmen, dann hat die Verteilung dieser Größe »dicke men, sobald sie für politische Zwecke ausgenutzt wird. Es
Schwänze« (»fat tails«), das heißt weit entfernt vom Mittel­ gibt ironischerweise gute Gründe, Goodharts Gesetz univer­
wert höhere Werte, als einer Gauß-Verteilung entspricht. Das sell zu nennen.
haben wir in der jüngsten Finanzkrise drastisch zu spüren Schließlich kann es vorkommen, dass ein universelles
bekommen (Spektrum der Wissenschaft 11/2012, S. 94). Nach ­Gesetz gültig, aber für Vorhersagen unbrauchbar ist. Das gilt
der klassischen Theorie sind Kreditausfallrisiken voneinan­ zum Beispiel für die Navier-Stokes-Gleichungen der Strö­
der unabhängig: Wenn den einen Häuslebauer ein persönli­ mungsdynamik (Spektrum der Wissenschaft 4/2009, S. 78).
ches Schicksal so trifft, dass er die Raten nicht mehr zahlen Sie dienen auch zur Wettervorhersage, sind aber so kompli­
kann, sagt das wenig bis nichts über seinen Nachbarn. Auf ziert und instabil, dass wir selbst mit den leistungsstärksten
dieser Annahme aufbauend schätzten die Geldverleiher ihr Computern heute noch immer nicht im Stande sind, das
Ausfallrisiko ein – und mussten dann erfahren, dass zahlrei­ Wetter korrekt für mehr als eine Woche im Voraus zu be­
che Kredite zugleich und aus demselben Grund notleidend rechnen. (»Instabil« bedeutet, dass selbst kleine Mess- oder
wurden, nämlich durch den Verfall der aufgeblähten Haus­ Rechenfehler zu großen Abweichungen im für die Zukunft
preise. Ein mathematisches Modell ist eben nur so stark wie ­berechneten Systemverhalten führen können.)
die ihm zu Grunde liegenden Annahmen. Zwischen den großen makroskopischen Systemen, die
Drittens kann es sein, dass ein System nicht so viele Frei­ universellen Gesetzen unterliegen, und den kleinen einfa­
heitsgrade hat, dass ein universelles Gesetz wirksam werden chen, die wir mit Hilfe der elementaren Naturgesetze ana­
könnte. Die Strömungsmechanik, mit der die Kosmologen lysieren können, liegt also noch ein beträchtliches Mittel­
die Bewegung kompletter Galaxien beschreiben, ist un­ feld – Systeme, die zu komplex sind für eine detaillierte
brauchbar, wenn es um die Bewegung eines einzelnen Satel­ ­Analyse und zu einfach für ein universelles Gesetz. Damit
liten unter dem Einfluss von nur drei Himmelskörpern geht. gibt es jede Menge Platz für all die Komplexität des Lebens,
In manchen Fällen gibt es zwischen der mikroskopischen wie wir es kennen.  Ÿ
Skala, auf der die elementaren Gesetze der Physik sinnvoll
anwendbar sind, und der makroskopischen, auf der die uni­
Der Autor
versellen Gesetze ihre Wirkung entfalten, einen Zwischenbe­
reich, in dem beides nicht recht funktioniert. Ein typisches Terence Tao ist Professor für Mathematik an
Beispiel für eine solche »mesoskopische« Flüssigkeit ist Blut. der University of California in Los Angeles. Er
wurde bekannt durch seinen Beweis, dass
Die Zellen, die einen wesentlichen Bestandteil des Bluts aus­
es beliebig lange arithmetische Progressionen
machen, sind gerade nicht klein und nicht zahlreich genug, aus Primzahlen gibt (Fields-Medaille 2006).
um summarisch mit Hilfe eines universellen Gesetzes be­
schreibbar zu sein. Vielmehr muss man sie als Akteure mit je­
weils eigenem Verhalten modellieren – wofür sie wiederum
etwas zu zahlreich sind. Weitere Materialien mit interessan­ Quellen
tem mesoskopischem Verhalten sind kolloide Flüssigkeiten 22
Odlyzko, A. M.: The 10 -nd Zero of the Riemann Zeta Function. In:
wie zum Beispiel Schlamm, gewisse Typen von Nanomateria­ van Frankenhuysen, M., Lapidus, M. L. (Hg.): Dynamical, Spectral,
lien und Quantenpunkte. Bei der korrekten mathematischen and Arithmetic Zeta Functions. American Mathematical Society,
Modellierung solcher Substanzen gibt es noch viel zu tun. 2001, S. 139 – 144. Online unter www.dtc.umn.edu/~odlyzko/doc/
zeta.10to22.pdf
Für viele andere makroskopische Situationen ist die Exis­ Rockmore, D.: Stalking the Riemann Hypothesis. The Quest to Find
tenz eines universellen Gesetzes ebenfalls nicht bekannt, the Hidden Law of Prime Numbers. Pantheon Books, New York
­insbesondere wenn menschliche Akteure beteiligt sind. Ein 2005

klassisches Beispiel ist die Börse: Allen Bemühungen zum


L i t e r a t u r t i pp
Trotz wurde bisher noch kein universelles Gesetz entdeckt,
das die Änderung der Aktienkurse auf befriedigende Weise Tao, T.: A Second Draft of a Non-Technical Article on Universality.
beschreibt. Dafür gibt es einen einleuchtenden Grund: Wür­ http://terrytao.wordpress.com/2010/09/14/a-second-draft-of-a-
non-technical-article-on-universality
de ein regelhafter Effekt im Markt entdeckt, so würden als­
Vorläufige Version des vorliegenden Artikels, mit weiteren Bildern
bald die Beteiligten daraus einen risikolosen Profit zu ziehen und Randbemerkungen. In die Endfassung sind Anmerkungen der
versuchen (Arbitrage) und damit den Effekt zum Verschwin­ Online-Leser eingegangen.
den bringen. Die Ökonomen haben vielmehr zu erklären, wie
die (wenigen) beobachteten Regelmäßigkeiten überhaupt zu Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214057

www.spek trum .de 67


biologie

Plankton –
Motor der Evolution
Nach der Permkatastrophe vor 250 Millionen Jahren
explodierte die Vielfalt der Meerestiere plötzlich.
Ein wichtiger Grund: ein Entwicklungsschub
des Phytoplanktons.
Von Ronald Martin und Antonietta Quigg

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Kieselalgen (hier gezeigt) und andere »rote« Plankton-


­algen bereiteten die Voraussetzungen für die eindrucksvolle
Ausbildung einer neuartigen Tierwelt im Erdmittelalter.

68  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Erde & Umwelt

K
önnten wir die Erde vor 500 Millio­ me der Diversität ozeanischer Arten seit
nen Jahren aufsuchen, erschiene sie dem frühen Erdmittelalter ist Tatsache.
uns wie ein fremder Planet. Damals, im Als Ursachen dafür betrachten Wis­
Erdaltertum oder Paläozoikum, lagen die senschaftler unter anderem Klima­
Kontinente überwiegend in der südlichen Hemi­ veränderungen, Verschiebungen des Meeresspiegels
sphäre, die Ozeane hatten völlig andere Umrisse und oder auch weitere Massenaussterben. Weil all solche Er­
Strömungen, die heutigen Gebirge und Wüsten gab es noch eignisse die Evolutionsmöglichkeiten und Überlebens­
nicht. Auch Landpflanzen waren noch nicht entstanden. chancen neu verteilen, mögen sie für den beobachte­
Am befremdlichsten erschiene uns aber wohl die dama­ ten Anstieg der Organismenvielfalt durchaus einige
lige Tierwelt. Noch lebten fast alle mehrzelligen Organismen Bedeutung gehabt haben. Doch sie allein erklären
im Meer. Brachiopoden – äußerlich Muscheln ähnelnde die fossilen Befunde nicht zufrieden stellend.
Armfüßer – und Trilobiten beherrschten die Szene. Letztere Denn ein anderer Faktor fand in den bishe­
waren urtümliche Gliederfüßer, also Verwandte von Kreb­ rigen Szenarien zu wenig Gewicht: das Nah­
sen, Spinnen und Insekten. Wie diese bildeten sie eine harte rungsangebot im Meer, genauer gesagt die
Hülle als Außenskelett, trugen am Kopf lange Fühler – so Basis der Nahrungsketten, das Phytoplank­
­genannte Antennen – und besaßen Facettenaugen, die aus ton. Damals, als die marine Artenvielfalt so
vielen kleinen Einzelaugen bestehen. frappant zuzunehmen begann, erfolgte bei
Während der nächsten 250 Millionen Jahre nahm die Viel­ den winzigen Algen des pflanzlichen Plank­
falt der Meerestiere beträchtlich zu – bis zum größten tons offensichtlich ein Umschwung. Ihre
bekannten Massensterben am Übergang vom Perm Masse und insbesondere ihr Nährstoff­
zur Trias, bei dem über 90 Prozent aller ozeanischen gehalt nahmen stark zu. Wie es aussieht,
Arten ausgelöscht wurden. Damit ging vor rund ­ermöglichten erst diese mikroskopischen,
250 Millionen Jahren das Erdaltertum zu Ende, Fotosynthese betreibenden Organismen die
aber ein neues Zeitalter stand schon in den Start­ Evolution der modernen Meeresfauna.
löchern: das Erdmittelalter oder Mesozoikum mit Die neuen Einsichten verweisen zudem
den Dinosauriern, in dem auch frühe Säugetiere so­ auf die Zukunft unseres Planeten: Auch
wie später erste Vögel auftraten. Auch im Meer gestal­ heute noch basieren wichtige Nahrungs­
tete sich das Leben jetzt grundlegend neu. Dort setz­ pyramiden auf dem Phytoplankton. Das
ten sich viele der Tiergruppen durch, die noch heute aber droht nun durch Klimawandel und anhalten­
die Ozeane beherrschen, zum Beispiel moderne Raub­ de Abholzung völlig aus dem Gleichgewicht zu geraten.
fische, Weichtiere und Krebse, Seeigel und Seegurken. Warum sind die Planktonalgen so grundlegend
Den Fossilienfunden zufolge wuchs die Vielfalt der wichtig? Wie alle Pflanzen erzeugen sie durch Fo­
Meerestiere seit damals wesentlich stärker als je zuvor. tosynthese mittels Sonnenenergie organische
Diese Entwicklung setzte sich über das Erdmittelalter hin­ Nahrungsstoffe. Von ihnen ernährt sich zu­
aus in der Erdneuzeit fort. Früher hielten die Forscher diesen nächst hauptsächlich das so genannte
Befund für ein Artefakt – dadurch hervorgerufen, dass sich Zooplankton, das selbst keine Fotosyn­
geologisch jüngere Fossilien mehr und besser erhalten ha­ these betreibt. Dessen winzige Tiere
ben. Aber inzwischen steht fest: Die beeindruckende Zunah­ oder Larven und Eier werden wiede­

www.spek trum .de 69


rum von etwas größeren tierischen Organismen in der Nah­ aber gewöhnlich als eine zusammengehörige systematische
rungskette gefressen, und so weiter. Gruppe gelten. Räuberische Arten gab es damals, als »grüne«
Nährstoffe im Wasser wie Stickstoff, Eisen, Phosphor Mikroalgen vorherrschten, noch vergleichsweise wenige.
»düngen« das Phytoplankton. Je mehr davon vorhanden ist, Aber nachdem beim permischen Massensterben das
desto besser gedeihen die Mikroalgen – und desto mehr Nah­ meiste Leben im Meer einschließlich der meisten »grünen«
rung steht dem tierischen Plankton zur Verfügung, und so­ Algenlinien ausgelöscht worden war, tauchten neue Phyto­
mit auch dessen Fressfeinden. Ein Überangebot an solchen planktonformen auf (siehe Kasten rechts). Zunächst waren
Stoffen macht das Phytoplankton zudem nahrhafter. Dann das die Coccolithophoriden, Kalkalgen mit einer als Cocco­
wachsen und vermehren sich die winzigen Tiere auf den un­ lith bezeichneten Schale. Hinzu kamen bald Dinoflagellaten
teren Stufen der Nahrungskette noch besser, ihre Populatio­ (Panzergeißler) und Diatomeen (Kieselalgen). Letztere soll­
nen breiten sich aus, Teile davon spalten sich ab und bilden ten sich später zu den vorherrschenden und vielfältigsten
neue Populationen. Diese entwickeln sich manchmal eigen­ Organismen des marinen Phytoplanktons entwickeln. Diese
ständig weiter. So können mit der Zeit immer wieder neue drei Gruppen zusammen bezeichnen wir als »rote« Algen
Arten entstehen. Und weil solche Vorteile in der Nahrungs­ (wiederum nicht zu verwechseln mit den Rotalgen). Sie ver­
kette weitergereicht werden, fördert ein reicheres Plankton wendeten zur Fotosynthese einen Chlorophylltyp, der ver­
letztlich gleichfalls die Evolution größerer Tiere. mutlich einst von Rotalgen aufgenommen worden war. Jene
In den 1990er Jahren tauchte einer der ersten Hinweise »roten« planktonischen Algen ersetzten fortan weit gehend
darauf auf, dass die Mikroalgen bei der Explosion der Lebens­ die »grünen« Arten des Erdaltertums. Und damit boten sie
vielfalt nach dem Paläozoikum eine Rolle gespielt haben beste Voraussetzungen für die Entstehung zahlreicher neuer
dürften. Aus Untersuchungen an marinen Fossilien schlos­ Tiere mit hohem Energiebedarf – so unsere These.
sen damals mehrere Forscher unabhängig voneinander, dass
das Nahrungsangebot im Meer seit dem Erdaltertum bis in Warum »rotes« Plankton siegte
die Erdneuzeit zugenommen hat. Zu ihnen gehörten der Natürlich fragten wir uns, wieso jene »roten« Algen über
­Paläontologe Richard Bambach, heute bei der Smithsonian noch verbliebene »grüne« Planktonorganismen, die das
Institution in Washington D. C., sowie einer von uns (Martin). Massensterben überlebt hatten, dermaßen die Oberhand ge­
Uns war aufgefallen, dass der Anteil an räuberischen und an­ winnen konnten. Anscheinend, so meinen wir inzwischen,
deren Meeresorganismen, die einen höheren Energiebedarf spielte eine große Rolle dafür ein verändertes Angebot der
als Zooplankton haben, im Verlauf der Zeit immer weiter ge­ im Wasser gelösten Mikronährstoffe, die Pflanzen zu ihrer
stiegen war. Direkte Anzeichen von gehaltvollerem Phyto­ Fotosynthese benötigen. Als Quigg und ihre Kollegen an der
plankton entdeckten wir (Martin und Quigg) zusammen mit Rutgers University (New Jersey) den Gehalt von solchen, in
Viktor Podkovyrov von der russischen Akademie der Wissen­ geringen Konzentrationen verfügbaren Spurenelementen
schaften erst vor Kürzerem an fossilen marinen Algen selbst. bei heutigen »grünen« und »roten« Planktonalgen vergli­
Wie wir erkannten, bestand die pflanzliche Nahrungsbasis chen, fanden sie einige klare Unterschiede zwischen den bei­
im Erdaltertum in der Hauptsache aus winzigen »grünen«­Al­ den Gruppen. Aus ihren Ergebnissen schlossen sie, dass auch
gen, zu denen verschiedene nicht unbedingt näher verwand­ damals die »grünen« Algen – wie die heutigen – mehr Eisen,
te Organismen gehören, die ihre Fotosynthese nach dem Zink und Kupfer enthielten als die »roten« und diese hin­
gleichen Schema betreiben. Diese »grünen« Algen sind nicht gegen mehr Mangan, Kobalt und Kadmium. Das wiederum
zu verwechseln mit den so genannten Grünalgen, die zwar bedeutet, dass die drei letztgenannten Stoffe nach der Perm­
auf Grund ihrer Art der Fotosynthese auch dazugehören, katastrophe in größerer Menge verfügbar gewesen sein müs­
sen als die ersten drei. Deswegen konnten nun offenbar
»rote« Planktonalgen besser gedeihen als »grüne«.
Auf einen Blick
Geologische Befunde stützen diese These. Aus dem Paläo­
zoikum existieren große Vorkommen von Schwarzschiefer,
grosse rolle für die Kleinsten
einem kohlenstoffreichen Gestein. Die Ozeane müssen da­

1 Nach der Permkatastrophe, dem größten Massenaussterben


aller Zeiten vor 250 Millionen Jahren, entstanden im Meer
bald erstaunlich viele neue Lebensformen. Zahlreiche heutige
mals sauerstoffarm gewesen sein, sonst hätte sich der Koh­
lenstoff nicht in der Form erhalten. Eisen und die anderen
Organismen gehen darauf zurück, etwa moderne Raubfische. Spurenelemente, von denen »grünes« Phytoplankton beson­
ders zehrt, lösen sich im Meer bei geringem Sauerstoffgehalt
2 Bisher erklärten Forscher diese rasante Evolution mit physika-
lischen Umweltphänomenen, etwa Verschiebungen des
Meeresspiegels. Doch die Anzeichen mehren sich, dass Algen des
besser als bei einem hohen. Sie waren diesen Algen somit im
Erdaltertum zur Fotosynthese recht leicht verfügbar.
Planktons dabei eine wichtige Rolle spielten.
Im Erdmittelalter änderten sich die Verhältnisse. Aus die­

3 Seit damals gewannen andere Planktonalgen als vorher die


Oberhand. Sie waren nahrhafter – und ermöglichten des-
halb der Tierwelt eine raschere Evolution sowie in manchen Fällen
ser Zeit ist Schwarzschiefer nur von einigen kurzen Phasen
überliefert, in denen der Sauerstoffgehalt im Meer abfiel.
einen intensiveren Stoffwechsel. Meist muss dieser nun jedoch beträchtlich höher gewesen
sein als vorher – was offensichtlich den »roten« Algen zugute­

70  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


kam. Denn unter diesen Bedingungen enthält Meerwasser dem die Verfügbarkeit von Makronährstoffen wie etwa Phos­
reichlich von ihren bevorzugten Spurenelementen. phor änderte – Bausteinen, von denen Organismen größere
Allerdings erklärt das allein den Aufstieg der »roten« Al­ Mengen zur DNA-Synthese und für andere grundlegende
gen noch nicht völlig. Wir vermuten, dass sich damals außer­ biochemische Prozesse benötigen. Augenscheinlich stamm­

Die Macht des Phytoplanktons


Gegen Ende des Paläozoikums (Erdaltertums) starben über 90 einen neuen, gewaltigen Aufschwung und schließlich eine viel
Prozent der marinen Arten aus. Jedoch erlebte die Tierwelt der höhere Biodiversität als je zuvor. Daran hatte das Phytoplank-
Meere im Meso- und Känozoikum (Erdmittelalter und -neuzeit) ton, die Basis vieler Nahrungsketten, großen Anteil.
Millionen Jahre 500 400 300 200 100 heute
vor heute
PALÄOZOIKUM MESOZOIKUM KÄNOZOIKUM
In der ersten Hälfte Über weite Zeiten Moderne Meeresfauna:
Vielfalt der Meerestiere des Paläozoikums, im des Erdaltertums Schnecken, Muscheln,
Kambrium, herrsch- bestimmten Brachio- Knochen- und Knorpel­
Die Meerestierfossilien zeugen von ten Trilobiten und poden (Armfüßer), fische sowie weitere
drei grundverschiedenen aufeinander andere wirbel­lose Korallen und andere Gruppen gewinnen die
folgenden Gruppierungen, was 1981 Tiere vor. Wirbellose die Oberhand.
als Erster J. John Sepkoski, Jr. erkannte. Fauna.
Die Darstellung zeigt die Anzahl der
systematischen Familien, in denen 1000 Familien
nah verwandte Arten zusammen­
gestellt werden, in Grau-
stufen. 500

Perm-
katastrophe
Meeresspiegel
Auch Meeresspiegelveränderungen dürften die Evolution der marinen Fauna vorangetrieben
haben. Allerdings laufen sie nicht mit der Zunahme der biologischen Diversität parallel.

Jen Christiansen, nach  Martin, R., Quigg, A.: Evolving phytoplankton stoichiometry fueled diversification of the marine biosphere. In: Geosciences 2, S. 130–146, 2012, fig. 1
+ 100 Meter

heutiger
Meeresspiegel

– 100 Meter

Diversität des marinen Phytoplanktons


Hingegen passen die Vorkommen »grüner« und »roter«
Algenlinien zur erkennbaren Vielfalt tierischen Lebens.
Erst mit »rotem« Plankton, das nahrhafter ist als
»grünes«, konnten Tiere mit intensiverem Stoffwech- relative Vielfalt (farbig)
sel entstehen.
relative Häufigkeit (schwarz)

»grünes« Phytoplankton
Coccolithophoriden
»rotes« Phytoplankton (Kalkflagellaten)

Dinoflagellaten
Nährstoffangebot
(Panzergeißler)
Strontiumisotope (Sr) in Schalenfossilien zeigen, dass im Mesozoikum allmählich Diatomeen
und weiterhin im Känozoikum vermehrt Nährstoffe durch Erosion vom Land in (Kieselalgen)
die Meere gelangten und für die Organismen verfügbar wurden. Auch schon am
Anfang des Erdaltertums gab es bedeutende Nährstoffeinträge, die damals, noch
unter völlig anderen Voraussetzungen, die Evolution der frühen Tierwelt antrieben.

0,709 (87Sr/86Sr)

0,708

0,707

www.spek trum .de 71


ten diese Stoffe vom Land. Dort breiteten sich seit dem spä­ Meeresspiegel; Verwitterung und Nährstoffabfluss in Rich­
ten Paläozoikum Wälder aus. Das Klima wurde allmählich tung Meer nahmen bereits damals zu. Wegen der kontinen­
feuchter, wodurch auch Verwitterungsprozesse zunahmen. talen Gletscher auf der Südhalbkugel während der meisten
Zudem zersetzten Baumwurzeln den Untergrund physika­ Zeit des späten Paläozoikums dürften sich die Wasser der
lisch und chemisch, und aus verrottenden Blättern bildete Ozeane immer rascher umgewälzt und zunehmend mit Sau­
sich Erdreich. Das alles zusammen trug dazu bei, dass mehr erstoff angereichert haben. Die Auftriebswasser enthielten
Nährstoffe und Pflanzenreste in flache Gewässer gelangten viel Phosphor von sich zersetzendem organischem Material
als vorher – dorthin, wo Plankton besonders gut gedieh. Mit sowie sauerstoffempfindliche Spurenmetalle. All diese Pro­
den Blütenpflanzen, die im Erdmittelalter aufkamen, stieg zesse schufen bereits günstige Voraussetzungen für »rotes«
der Eintrag nochmals kräftig, denn ihre Blätter vermodern Plankton: Sie lieferten genau die ihm am besten zuträglichen
viel schneller als die von Nadelbäumen oder Palmfarnen, aus Mikro- und Makronährstoffe in reichlichen Mengen.
denen die ersten Wälder bestanden. In der ersten Hälfte des Paläozoikums müssen die eher
Forscher erschließen jene Vorgänge aus dem Verhältnis nährstoffarmen »grünen« Mikroalgen die Evolution der
zweier Strontiumisotope in fossilen ozeanischen Tierschalen Meerestiere stark beschränkt haben – denn augenscheinlich
(Kasten S. 73 unten). Kontinentales Gestein enthält mehr konnten sich Arten mit einem höheren Stoffwechsel und so­
Strontium-87 als marines. Der Gehalt an Strontium-87 gegen­ mit Nährstoffbedarf zu der Zeit noch nicht entwickeln. Als
über Strontium-86 in den Ablagerungen stieg mit der Zeit im schließlich im Erdmittelalter aber die nahrhafteren »roten«
Verlauf des Mesozoikums und im Känozoikum. Für einen Algen die Oberhand gewannen, erlebte die Tierwelt einen ge­
vermehrten Nährstoffeintrag vom Land in die Meere wegen waltigen evolutionären Aufschwung. Plötzlich tauchten ganz
erhöhter Verwitterung sprechen auch Isotope von Lithium. neue Raubfischgruppen auf, und dazu neuartige Weichtiere,
Schon 1996 hatte Martin die These aufgestellt, dass die Krebse und Korallen.
verwitterungsbedingte Ausschwemmung von Nährstoffen
die marine Biodiversität des Phytoplanktons und damit der Evolutions- und Zukunftsszenarien
Tierwelt im Meer antreibt. Wenn der wachsende Arten- und Die Ergebnisse von zwei jüngeren Feldstudien stützen die
Formenreichtum des Planktons – und im Zuge dessen auch postulierten Zusammenhänge. Tron Frede Thingstad und
der anderer Organismen – in Erdmittelalter und Erdneuzeit seine Kollegen von der Universität Bergen (Norwegen) leite­
tatsächlich wegen dieses steigenden Nährstoffzuflusses zu ten in einem Gebiet im östlichen Mittelmeer Phosphor ins
Stande kam, dann müsste sich der Zusammenhang in ent­ Oberflächenwasser ein. Dort mangelt es generell an Nähr­
sprechenden Entwicklungsverläufen widerspiegeln. Und stoffen, vor allem aber an Phosphor – Bedingungen, wie Mar­
wirklich zeichnet sich eine Parallele ab. Neueste Strontium­ tin sie für die Meere des frühen Erdaltertums annimmt. Das
messungen passen zu einer Kurve der Biodiversität von 2010, gedüngte Phytoplankton nahm den Phosphor sehr rasch auf,
die John Alroy von der Macquarie University in Sydney (Aus­ und sogar in wesentlich größeren Mengen, als es zum nor­
tralien) erstellte. Eine ähnliche Korrelation ermittelten im malen Wachstum benötigt hätte. Dadurch stieg sein Nähr­
selben Jahr Andrés Cárdenas und Peter Harries von der Uni­ stoffgehalt schon binnen einer guten Woche deutlich an.
versity of South Florida in Tampa. In der anderen Studie setzte James Elser von der Arizona
Allerdings war es wohl nicht nur die Situation im Erdmit­ State University in Tempe einem großen Fluss im mexikani­
telalter – mit einem höheren Sauerstoffgehalt in den Ozea­ schen Bundesstaat Coahuila Phosphor zu. Und zwar düngte
nen, den Wäldern und Blütenpflanzen –, die dem Plankton er damit so genannte Zyanobakterien (früher Blaualgen
neue Bedingungen bereitete. Einige Voraussetzungen für ­genannt). Diese Mikroorganismen betreiben in ähnlicher
­einen höheren Nährstoffeintrag hatten sich bereits vorher Weise Fotosynthese wie Pflanzen und ähneln überdies den
angebahnt. Schon vor dem Mesozoikum waren vielerorts Ge­ Zyanobakterien des frühen Paläozoikums. Vor dem Experi­
birge entstanden, als frühere Kontinente kollidierten und ment enthielten sie Kohlenstoff und Phosphor im Verhältnis
den Superkontinent Pangäa bildeten. Zu jener Zeit sank der 1100 : 1; nach der Düngung betrug der Wert 150 : 1. Die Schne­
cken, welche die nun wesentlich nahrhafteren Zyanobakte­
M e h r W i s s e n B EI rien abgrasten, wuchsen deutlich rascher, bildeten mehr
­Biomasse und überlebten in größerer Zahl als vorher.
Unser Online- Eine Zunahme der biologischen Vielfalt ließ sich in den
Dossier zum vergleichsweise sehr kurzen Zeitspannen beider Studien na­
Thema »Meere« türlich nicht feststellen. Jedoch zeigen beide Arbeiten, dass
finden Sie  Phytoplankton recht schnell nahrhafter werden kann, wenn
unter ihm mehr Nährstoffe zur Verfügung stehen. Solch ein Vorteil
mag damals in der Nahrungskette bald nach oben weiter­
gereicht worden sein. Die Tiere konnten nun mehr Energie in
www.spektrum.de/meer ihre Vermehrung stecken – eine Voraussetzung für evolutio­
näre Fortentwicklung und steigende Artenvielfalt.

72  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


eintrag in die Ozeane die Lebensvielfalt erweitert haben –
aber die jetzige Anreicherung ist eindeutig zu viel des Guten.
Die wärmeren Meere würden sich außerdem stärker
schichten: Warmes Wasser läge dann wie ein Deckel auf kal­
tem und verhinderte dessen Auftrieb und eine Durchmi­
schung. Unter solchen Bedingungen herrschten an der war­
men Oberfläche Dinoflagellaten vor, und mit ihnen nähmen
Häufigkeit und Ausmaß giftiger Algenblüten an Küsten zu.
Die wiederum würden sich auf Zugvögel, Fischbruten und
Schalentiere verheerend auswirken, was auch wir unmittel­
bar zu spüren bekämen.
Weitere Untersuchungen müssen noch eingehender klä­
ren, wie Umweltveränderungen und Phytoplanktonevolu­tion
einst zusammenhingen. Wir möchten vor allem genauer ver­
stehen, inwiefern die Zunahme »roter« Algen die Meerestier­
Der Einblick in jene Vorgänge der fernen Vergangenheit vielfalt ankurbelte. Gern wüssten wir zum Beispiel, wie sich
erlaubt den Forschern auch, Zukunftsszenarien zu entwer­ ein niedriger Sauerstoffgehalt wie etwa im Mississippidelta
fen. Die heutige Menschheit erzeugt ein Übermaß an Koh­ auf die Nährstoffaufnahme des Phytoplanktons auswirkt
lendioxid, welches das Klima wärmer und die Meere saurer und inwiefern dies die Nahrungsketten beeinträchtigt. In
macht. In mancher Hinsicht werden in den kommenden Seen haben Forscher bereits entsprechende Eingriffe vorge­
Jahrhunderten in den Ozeanen ähnliche Bedingungen herr­ nommen – mit eindrucksvollen Ergebnissen, weil die ökolo­
schen wie im Meso- oder sogar Paläozoikum. Zwar dürften in gischen Beziehungen dort oft leichter überschaubar sind
den Meerestiefen dicke, kalkhaltige Schichten von fossilen und sich kleine Veränderungen an einer Stelle daher rasch
Coccolithophoriden einen Teil des gelösten Kohlendioxids auf das ganze System übertragen (siehe SdW 12/2012, S. 88).
abfangen und neutralisieren. Doch in den oberen Wasser­ Mit solchen Studien möchten die Forscher abschätzen,
schichten wird die Versauerung den Kalk bildenden Plank­ was mit den heutigen Phytoplanktongemeinschaften ge­
tonorganismen das Leben schwer machen, weil ihnen die be­ schehen wird, wenn sich die äußeren Verhältnisse wandeln,
nötigten Mineralien dann einfach nicht mehr ausreichend und vor allem auch, wie die davon abhängige Tierwelt reagie­
zur Verfügung stehen. Mit Umweltveränderungen sind Kalk­ ren wird. Das Argument mancher Leugner des Klimawan­
algen zwar seit Hunderten von Jahrmillionen fertiggewor­ dels, auch in der Vergangenheit hätten sich die Organismen
den, doch momentan nimmt das Kohlendioxid dermaßen oft an neue Gegebenheiten anpassen müssen, greift in der
rasant zu, dass zu befürchten steht, diesmal könnten sie sich gegenwärtigen Situation zu kurz. Durch unser Verhalten ver­
nicht schnell genug anpassen. ändern sich die Lebensbedingungen in den Meeren in nie da
Sollten die Kalkalgen aussterben, würde das die Klima­ gewesener Geschwindigkeit. Solch ein Experiment hat dieser
erwärmung wohl sogar noch verstärken. Blüten von Emilia- Planet noch nicht erlebt. Das Ergebnis in all seinen Ausma­
nia huxleyi, einer Art der Coccolithophoriden, erstrecken sich ßen werden wir leider erst danach kennen.  Ÿ
manchmal über 100 000 Quadratkilometer und mehr. Diese
Mikroalgen erzeugen große Mengen Dimethylsulfid, eine
Di e Autoren
Verbindung, aus der Kristallisationskeime zur Wolkenbildung
hervorgehen. Weil Wolken Sonnenstrahlung in den Weltraum Ronald Martin ist Geologiepro-
zurückwerfen, kühlen sie die Erde. Somit würde sich das Kli­ fessor an der University of Dela-
ware in Newark. Er erforscht
ma ohne die Coccolithophoriden noch stärker aufheizen.
die Evolution von Ökosystemen
Kalkalgen von Riffgemeinschaften träfe der Kohlen­ und biogeochemischen Zyklen.
dioxidanstieg gleich doppelt. Nicht nur würden ihre Kalk­ ­­Antonietta Quigg ist Professorin
für Meeresbiologie an der Texas
skelette unter der Versauerung leiden, es würde für sie auch
A&M University in Galveston.
bald zu warm, denn die Riffarten leben ohnehin meistens Sie untersucht die Ökologie und Physiologie von Phytoplankton.
nah an der oberen Grenze ihrer Temperaturtoleranz.
Überdies schadet dem Phytoplankton heutzutage auch Quellen
die Bodenerosion, die wegen abgeholzter Wälder und ande­
rer menschlicher Eingriffe stark ansteigt. Wenn die nähr­ Falkowski, P. G. et al.: The Evolution of Modern Eukaryotic
stoffreichen Wassermassen in Küstenökosysteme gelangen, Phytoplankton. In: Science 305, S. 354 – 360, 2004
Martin, R., Quigg, A.: Evolving Phytoplankton Stoichiometry
wachsen die dort gedeihenden Wasserpflanzen übermäßig Fueled Diversification of the Marine Biosphere. In: Geosciences 2,
und gehen dann massenhaft ein. Oder fremde Arten machen S. 130 – 146, 2012
sich breit, verdrängen die ansässigen und verwüsten die Rif­
fe. Vor hunderten Millionen von Jahren mag der Nährstoff­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1214059

www.spek trum .de 73


Chemische Unterhaltungen

Reaktionsmechanismen

Lang lebe das Zwischenprodukt!


Es steht zu Unrecht im Schatten seines prominenteren Verwandten, 
des Katalysators.

Von Roald Hoffmann

I n amerikanischen Wahlkämpfen ist


immer wieder zu hören, wie ein Kan-
didat als »Katalysator des Wandels« be-
Die Reaktion hat eine Aktivierungs-
schwelle (ebenfalls eine Gibbs-Energie),
und diesen Berg gilt es erst zu erklim-
Die Aufspaltung der Reaktion in Ein-
zelschritte verändert das Energieprofil
grundlegend. An Stelle des hohen Bergs
schrieben wird. Man könnte meinen, men, bevor die Schussfahrt ins Energie- enthält es nun zwei kleine Hügel (Bild
dass wir dieser stereotypen Phrase bald tal beginnen kann. Bei Raumtemperatur unten). Diese können mit der Energie,
überdrüssig wären, aber der Teil unserer und Normaldruck erhalten nur äußerst die bei Raumtemperatur oder leichtem
Psyche, in dem die Hoffnung wohnt, wenige Moleküle durch zufällige Kolli­ Erwärmen zur Verfügung steht, prob-
lässt das nicht zu. Die Floskel ist einer sionen miteinander genügend Schwung, lemlos überwunden werden. Und so
der wenigen Fälle, in denen ein chemi- um es über die Aktivierungsschwelle zu läuft die Reaktion ohne Weiteres ab.
scher Fachbegriff Eingang in die Alltags- schaffen. Das ist Pech, wenn man die Re- Der Katalysator nimmt direkt an ihr
sprache gefunden hat. Da Katalysatoren aktion unbedingt zum Laufen bringen teil und liegt nach jeder Runde doch
am Wandel wie am Profit beteiligt sind, will, aber oft genug bittere Realität. wieder unverändert vor – bereit, ein
haben sie sich einen Platz in der Welt An dieser Stelle kommt der Kataly­ weiteres Molekülpaar zum Traualtar zu
der kollektiven Vorstellungen erobert. sator ins Spiel. Er führt zu einem verän- führen (wenn Sie mir das Bild erlauben).
In der Chemie beschleunigen sie Re- derten Reaktionsschema, in dem die Es scheint, als könnte er immer so wei-
aktionen, die sonst nur langsam oder beiden folgenden Einzelschritte nach- termachen, bis alle vorhandenen Mo­
gar nicht ablaufen würden. Um ihre ge- einander ablaufen: leküle vermählt – pardon: verbraucht
naue Funktion zu verstehen, brauchen A + Cat → Cat•A sind. Aber in Wirklichkeit schafft das
wir aber einen weiteren, längst nicht so Cat•A + B → P + Cat kein Katalysator. Irgendwann gerät er
bekannten Begriff: das Zwischenpro- Cat steht dabei für den Katalysator auf einen der molekularen Irrwege, die
dukt. Nehmen wir an, A und B seien Mo- und Cat•A für das Zwischenprodukt der jedes Reaktionsme­dium bietet. Damit
leküle, die nach dem strikten Diktat der Reaktion. endet er in einer Sackgasse und fällt aus.
Thermodynamik spontan miteinander Die Anzahl an Ausgangsmolekülen, die
reagieren sollten. Dabei entstünde das ein Katalysatormolekül im Mittel durch
Produkt P, das auch aus mehr als einem die Reak­tion begleitet, bevor es vom
Molekül bestehen kann. Fachsprachlich rechten Weg abkommt, bezeichnen
bedeutet »sie sollten reagieren«, dass Chemiker als Umsatzzahl. Ein Wert von
die Gibbs-Energie – jene wunderbare A+B 105 ist in der Praxis recht gut, vielleicht
Kombination aus Enthalpie (Reaktions- sogar gut genug für den großtechni-
wärme) und Entropie (molekularer Ord- schen Einsatz des betreffenden Kataly-
P
nungsgrad) – bei der Umwandlung von sators. Je höher die Umsatzzahl ist, des-
A und B in P abnimmt. Mit anderen A + Cat to teurer darf dieser sein.
Worten: Die Reaktion führt von einem +B Als Beispiel für eine Katalyse wollen
Cat • A
Zustand hoher zu einem mit niedri­ +B wir eine sehr nützliche Reaktion be-
gerer Gibbs-Energie und müsste somit trachten, die in komplexen organischen
ähnlich spontan ablaufen, wie Wasser American Scientist, nach: Roald Hoffmann P + Cat Molekülen neue Kohlenstoff-Kohlen-
von sich aus abwärtsfließt. Auch wenn das Produkt einer Reaktion (P) stoff-Bindungen knüpft, was zur Her-
Oft jedoch springt die Reaktion ein- energieärmer ist als die Ausgangsstoffe stellung von Arzneimitteln oft nötig ist
fach nicht an, selbst wenn wir mit dem (A und B), führt der Weg dahin über einen (Bild rechts oben). Diese Reaktion trägt
Bunsenbrenner etwas nachhelfen. Der Energieberg, der manchmal sehr hoch nach ihrem Erfinder John Kenneth
Grund dafür ist, dass die Gibbs-Energie, sein kann. Ein Katalysator erniedrigt diese ­Stille (1930 – 1989) den Namen Stille-
die darauf wartet, freigesetzt zu werden, Hürde: Er macht aus dem Berg zwei klei- Kopplung. Der Katalysator ist eine Ver-
am Anfang, wenn Moleküle im thermi- nere Hügel, indem er mit einem der Reak- bindung aus Palladium (Pd) im Oxida­
schen Gleichgewicht sanft aneinander- tanden ein Zwischenprodukt (Cat•A) bil- tionszustand 0 mit zwei angehefteten
stoßen, noch nicht zur Verfügung steht. det. So beschleunigt er die Reaktion. Liganden (L). Als Ausgangsmolekül

74  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


dient RX, wobei R für eine organische R’
R L
Gruppe wie CH3 (Methyl) oder C6H5 Pd 0 R
(Phenyl) steht und X für ein Halogen­ 2
1
atom, beispielsweise Chlor. Dieses Mo- L X
7
lekül lagert sich an den Katalysator an.
Dabei stellt das Palladium zwei Elektro- L R’ L
nen für die Bindungen mit R und X be- R R

American Scientist, nach: Roald Hoffmann


reit, weshalb Chemiker von oxidativer
PdII L 6 3 L X
Addition sprechen; denn jede Elektro- PdII
nenabgabe entspricht einer Oxidation. Bu
Bu R’
Das so gebildete Zwischenprodukt X Sn Sn
Bu Bu
reagiert anschließend mit einer Verbin- 5 4
dung aus Zinn (Sn), drei Butylgruppen Bu Bu
(Bu) und einem weiteren organischen
Rest (R’). Dabei wird das Halogenatom Die Stille-Kopplung ist eine Reaktionsfolge zum Knüpfen neuer Kohlenstoff-Kohlenstoff-
am Palladium gegen R’ ausgetauscht. Bindungen zwischen komplexen organischen Gruppen (rote und orangefarbene Kugeln).
Das Resultat sind zwei Moleküle, von Anfangs gehören diese zu getrennten Molekülen (2 und 4). Ein katalytischer Palladium-
denen das eine ein bloßes Abfallpro- komplex (1) bringt sie zusammen, indem er sie in zwei Teilschritten vorübergehend an sich
dukt ist. In dem anderen sind sowohl bindet. Dabei entstehen zwei Zwischenprodukte (3 und 6).
R als auch R’ an das Palladium gebun-
den. Dieses zweite Zwischenprodukt zer-
fällt nun spontan. In einer so genann- stoff für viele chemische Synthesen Überschrift dieses Artikels unter Einge-
ten reduktiven Eliminierung holt sich dient. Etwa die Hälfte der zahllosen weihten ein Schmunzeln hervorrufen –
das Palladium seine beiden Elektronen Stickstoffatome in unserem Körper hat wissen sie doch, dass ein langlebiges
zurück, indem es die beiden organi- schon einmal das Innere einer Fabrik Zwischenprodukt von einem schlechten
schen Gruppen R und R’ abwirft. Diese gesehen und die winzigen schwarzen Katalysator zeugt.
werden dabei durch eine Kohlenstoff- Metallkügelchen besucht, die diese un- Wie schwierig es ist, Zwischenpro-
Kohlenstoff-Bindung miteinander ver- glaublich erfolgreiche Reaktion zu dukte dingfest zu machen, kann ich an
knüpft. Das ist genau das Ziel der Um- Wege bringen. einem berühmten Beispiel zeigen: dem
setzung und macht sie so nützlich. Für Zwischenprodukte treten auch bei Nachweis, dass Fluorchlorkohlenwas-
ganz ähnliche Reaktionen erhielten biochemischen Umsetzungen auf. Hier serstoffe (FCKW) die Ozonschicht zer-
Kollegen von Stille, die das Glück hatten, fungieren Enzyme als überaus effizien- stören. Diese organischen Verbindun-
länger zu leben als er, 2010 den Che- te Katalysatoren, indem sie zum Bei- gen wurden seinerzeit in großem Um-
mie­nobelpreis. Der Katalysator liegt am spiel aus Proteinen in unserer Nahrung fang als Treibgase für Sprühdosen,
Schluss wieder in seinem Ausgangszu- schrittweise Aminosäuren abspalten. Lösungsmittel oder Kältemittel in Kühl-
stand vor. In jedem Schritt bindet ihr aktives Zen- schränken eingesetzt, das sie unter den
Die Stille-Kopplung ist ein Beispiel trum das jeweilige Substrat und lässt es Bedingungen auf der Erdoberfläche ex­
für homogene Katalysen. Alle Reaktio- nach der Umsetzung wieder los. trem reaktionsträge und völlig unschäd-
nen finden dabei in einer Lösung statt. lich sind. In der Stratosphäre dagegen
Zur Paarung von Katalysator und Aus- Molekulares Versteckspiel spaltet ultraviolette Sonnenstrahlung
gangssubstanz zum Zwischenprodukt Dass Zwischenprodukte gern übersehen das Chlor darin ab. Dieses Atom reagiert
kommt es aber auch bei der heteroge- werden, liegt sicher auch an ihrem flüch- dann mit sich und anderen Luftbe-
nen Katalyse; in diesem Fall laufen die tigen Charakter. Sie sind nicht stabil und standteilen zu einer ganzen Reihe von
Umsetzungen an reaktiven Zentren, die treten weder in größeren Konzentratio- Verbindungen wie Cl2, HOCl und ClNO2,
an Festkörper gebunden sind, oder auf nen noch für längere Zeit auf. Man muss die sich im Winter an Eiskristalle in den
winzigen Metallpartikeln ab. So kataly- schnell und geschickt sein, um einen polaren Wolken anlagern und dort ein
sieren Metalloberflächen, die Wasser- Blick auf sie zu erhaschen. So kann man Chlorreservoir bilden. Im Frühling setzt
stoff- und Stickstoffmoleküle (H2 und sie unter Umständen an ihrem charak- das wiederkehrende Sonnenlicht pho-
N2 ) anlagern und sie in die Einzelatome teristischen Absorptionsspektrum er- tolytisch Chloratome daraus frei. Diese
spalten, einen der bedeutendsten in- kennen. Es bedarf äußerst sensibler initiieren daraufhin eine Kette von Ka-
dustriellen Prozesse: das Haber-Bosch- Nachweismethoden, sie aufzuspüren; talysereaktionen, die Ozon zersetzen.
Verfahren (Bilder S. 80). Dabei entsteht denn je besser der Katalysator ist – je Der einfachste mögliche Mechanismus
aus Wasserstoffgas und Luftstickstoff mehr er die Reaktion beschleunigt – des- wurde 1970 vorgeschlagen und lautet:
Ammoniak (NH3 ), der als Ausgangs­ to schneller entstehen und vergehen die Cl + O3 → ClO + O2
mate­rial für Dünger sowie als Grund- Zwischenprodukte. Insofern dürfte die ClO + O → O2 + Cl

www.spek trum .de 75


American Scientist, nach  Anderson, J.G. et al.: Free radicals within the Antarctic vortex:
The role of CFCs in Antarctic ozone loss. In: Science 251, S. 39–46, 1991, fig. 5C

Aber nichts ist einfach in dieser

ClO-Gehalt in billionstel Volumenanteilen

Ozongehalt in milliardstel Volumenanteilen


1200 3000
Welt – einmal abgesehen von der Paro-
len der Politiker –, und die Erklärung 1000
des Ozonlochs bildet da keine Ausnah-
800
me. Der obige Mechanismus benötigt 2000
im zweiten Schritt atomaren Sauer- 600
stoff, der in der antarktischen Strato-
sphäre wohl kaum in größeren Mengen 400 1000
O3
vorkommen dürfte. Die tatsächliche
200
Reaktionskaskade ist deshalb kompli- CIO
zierter und enthält die folgenden vier 0 0
grundlegenden Schritte: 62 64 66 68 70 72
2 Cl + 2 O3 → 2 ClO + 2 O2 Grad südlicher Breite

2 ClO → ClOOCl In den 1980er Jahren formulierten Chemiker ein Reaktionsschema für die Zerstörung von

ClOOCl → Cl + OOCl stratosphärischem Ozon durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW). Darin tritt Chlor-
OOCl → O2 + Cl monoxid (ClO) als Zwischenprodukt auf. Um das Schema zu verifizieren, konstruierten
Die Bruttoreaktion für den einfache- Ingenieure einen extrem empfindlichen Sensor, der noch billionstel Volumenanteile von
ren Mechanismus ist also O3  + O → 2 O2 , ClO in der Luft nachweisen konnte. Mit ihm und einem Messgerät für Ozon an Bord flog

für den komplizierteren dagegen 2 O3 → dann ein Flugzeug in großer Höhe in das Ozonloch am Südpol hinein. In Einklang mit
3 O2 , wobei hν die Energie des Sonnen- dem vermuteten Reaktionsschema nahm dort, wo der Ozonwert drastisch zurückging,
lichts bedeutet. In beiden Fällen bilden die ClO-Konzentration stark zu.
Chloratome den Katalysator, und ClO
erscheint als Zwischenprodukt. Ähnlich
wie bei der Stille-Kopplung gibt es bei vollste Herausforderung, die es in der Man denke nur an den aus der Asche
dem vierstufigen Mechanismus aber Chemie gibt. Wenn ich jedoch als Theo- auferstehenden Phönix, an die Wieder-
noch mehr Zwischenprodukte, nämlich retiker die chemische Literatur durch- erweckung des Osiris oder an Persepho-
ClOOCl und OOCl. forste, habe ich einen anderen Eindruck: nes Aufenthalt in der Unterwelt und
Das sehr reaktive ClO ist nichts, was So leicht sich Reaktionsmechanismen ihre periodische Wiederkehr. Es brauch-
sich so mir nichts, dir nichts nachwei- mit hypothetischen Zwischenstadien te in der Tat einige Jahrzehnte, um das
sen lässt. In den 1980er Jahren wurde hinschreiben lassen, so teuflisch schwer Wort Katalyse im 19. Jahrhundert von
eigens eine spektroskopische Sonde ist es in der Regel, sie zu verifizieren. seiner alchemistischen Aura zu befrei-
entwickelt, um winzige Mengen davon Dazu bedarf es großer experimenteller en. Doch das Wunder bleibt. Dem Kata-
in der polaren Atmosphäre aufzuspü- Erfahrung und enormen Scharfsinns, lysator haftet noch immer etwas Magi-
ren. Mit ihr und einem Messgerät für was etwa die Auswertung der Messdaten sches an, auch wenn wir wissen, wie er
Ozon an Bord nahm ein Flugzeug 1987 für die Reak­tionsgeschwindigkeit, die funktioniert. Wie könnte das Zwischen-
von Punta Arenas an der Südspitze Chi- Analyse von Isostopeneffekten und die produkt da mithalten? Es taucht auf
les aus Kurs Richtung Antarktis und Bewertung von indirekten Hinweisen und verschwindet gleich wieder. Sein
durchquerte dabei in großer Höhe das betrifft. Gleiches gilt natürlich auch für Nachweis, und sei er noch so raffiniert,
Ozonloch. Die aufgezeichneten Werte nichtkatalytische Reaktionen; denn die hat bestenfalls den Charme einer guten
zeigten klar, dass die Ozonkonzentra­ wenigsten chemischen Umsetzungen Detektivgeschichte.
tion genau dort drastisch zurückging, rauschen glatt durch – in den meisten Ein Teil der Faszination, die Katalysa-
wo die ClO-Konzentration stieg (Bild Fällen ist der Weg verschlungen und toren ausstrahlen und mit der Alche-
oben). Man beachte die Einheiten für führt über viele Etappen mit flüchtigen mie gemeinsam haben, ist auch das
den Volumenanteil von ClO – eins zu ei- Zwischenprodukten. Versprechen von Reichtum. Wenn ein
ner Billion –, um diese experimentelle Katalysator die Synthese eines begehr-
Glanzleistung zu würdigen. Mythen und Mammon ten Produkts effizienter macht, indem
Die Zwischenprodukte einer Reak­ Es gibt weitere Gründe, warum der Ka- er eine dazu nötige, aber widerspens­
tion zu identifizieren und experimen- talysator uns gefühlsmäßig stärker an- tige Reaktion beschleunigt, kann das
tell nachzuweisen halte ich sogar für spricht als das Zwischenprodukt. So ge- enorme Profite bringen. Die meisten,
noch schwieriger, als einen Katalysator mahnt er an alte Mythen. Der oftmals wenn nicht sogar alle industriellen Pro-
zu finden. Meine Freunde aus der Kata- kostbare Stoff geht verloren – und kehrt zesse nutzen Katalysatoren. Firmen set-
lyseforschung sind da natürlich ganz wieder. Das erinnert an die archetypi- zen deshalb in der Regel alles daran, sie
­anderer Meinung! Sie und ihre Studen- schen Zyklen, welche die Erde in man- als essenzielles geistiges Eigentum mit
ten sehen in der Suche nach neuen ­Re- chen urtümlichen Religionen durch- Patenten zu schützen. Die Kenntnis des
aktionsbeschleunigern die anspruchs- läuft, oder an mythologische Gestalten. Zwischenprodukts ist unter kommerzi-

76  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


ellem Aspekt dagegen zunächst einmal Wertschätzung, weil er zuerst da ist, das ich hier zwei ältere Beispiele herausgrei-
unerheblich und nur dann von Interes- heißt seine Entdeckung der des Zwi- fen, auf die mich meine Institutskolle-
se, wenn sie eine weitere Optimierung schenprodukts üblicherweise voraus- gen Brian Crane und Geoff Coates, beide
der Synthese verspricht. geht. Doch das muss nicht so sein. Spe- große Katalysatorjäger, hingewiesen ha-
Zur allgemeinen Wertschätzung des ziell bei biochemischen Reaktionen ben. Das erste betrifft das Ribosom, das
Katalysators trägt auch bei, dass er der weist oft zunächst einmal nur die Reak- Biologen in den 1950er Jahren zu cha-
Umwelt nutzt, indem er etwa Autoabga- tionsgeschwindigkeit darauf hin, dass rakterisieren begannen. Details der Pro-
se reinigt. Ja, er scheint ganz allgemein ein Katalysator beteiligt ist: Eine Um- teinsynthese waren damals noch unbe-
im Dienst der Menschheit zu stehen. So wandlung, die normalerweise nicht kannt. In einer bahnbrechenden Unter-
ist es dem Haber-Bosch-Verfahren zu stattfinden würde, läuft in rasantem suchung entdeckten die Biochemiker
großen Teilen zu verdanken, dass die Tempo ab. In solchen Fällen kann es Mahlon Hoagland (1921 – 2009) und
Erde heute viermal so viele Menschen aussichtsreicher sein, als Erstes nach Paul Zamecnik (1912 – 2009) eine dabei
ernährt wie zu der Zeit, als es noch keine dem Zwischenprodukt zu fahnden. Hat auftretende Klasse von Zwischenpro-
Dünger auf Ammoniakbasis gab. man es aufgespürt, erlaubt es Rück- dukten: die Aminoacyladenylate. Das
Tatsächlich bewirken Katalysatoren schlüsse auf den Katalysator – und sind Aminosäuren, die durch Reaktion
aber nicht nur Gutes. In der Natur und den Reaktionsmechanismus obendrein. mit Adenosintriphosphat (ATP) akti-
im industriellen Bereich beschleunigen Umgekehrt verrät die Entdeckung eines viert wurden. Binnen Jahresfrist gelang
sie unerwünschte Reaktionen ebenso Katalysators, so wertvoll er sein mag, es mehreren Forschergruppen, die an
wie erwünschte; man denke etwa an im Allgemeinen noch nichts darüber, dieser Aktivierung beteiligten Enzyme
den Ozonabbau oder das Verderben wie die betreffende Umsetzung im De- auszumachen.
von Fleisch. Das tut ihrem Renommee tail abläuft. Wie sich herausstellte, katalysieren
aber offenbar keinen Abbruch. Von den zahlreichen Fällen, in denen dieselben Enzyme auch eine zweite Re-
Vielleicht genießt der Katalysator zuerst das Zwischenprodukt einer kata- aktion: das Anheften der aktivierten
aber einfach deshalb unsere besondere lysierten Reaktion bekannt war, möchte Aminosäure an eine bestimmte Trans-

DIE SPEK TRUM -


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American Scientist, nach: Roald Hoffmann
NH
NH3 NH
NH 3 33
NN2N
2N HH2H
2H
22
22
NH NH2

Das Haber-Bosch-Verfahren erzeugt aus Wasserstoffgas (H2) und Luftstickstoff (N2) Zwischenprodukt auf, ist der Lohn da-
Ammoniak (NH3 ). Als Katalysator dient eine modifizierte Eisenoberfläche (graue Kugeln). gegen rein ideeller Art: Man erhält tie-
An ihr lagern sich Wasserstoff- (rote Kugeln) und Stickstoffmoleküle (blaue Kugeln) feren Einblick in den Reaktionsme­
an und werden dabei in die Einzelatome aufgespalten (links). Während diese über die chanismus. Als Theoretiker bin ich eher
Oberfläche wandern, treffen sie aufeinander und verbinden sich über die Zwischenpro- ­jemand, der verstehen möchte, als ein
dukte NH (halb links) und NH2 (halb rechts) zum NH3 (rechts), das sich vom Eisen ablöst. Held der Tat. Und vielleicht sympathi-
siere ich auch einfach mit Molekülen,
die nur deshalb ein Schattendasein fris-
fer-RNA (tRNA), die das Aminoacyla­ die Ethylenpolymerisation. Allerdings ten, weil sie nicht wie Katalysatoren mit
denylat dann zum Ribosom befördert lief die Umsetzung weiterhin nur unter magischem Flair und mythologischen
und dort es an eine wachsende Protein- hohem Druck ab. Das änderte sich erst Bezügen aufwarten können.  Ÿ
kette anfügt. Heute laufen sie deshalb bei Zugabe von Titanchlorid (TiCl4) als
unter dem Namen Aminoacyl-tRNA- Hilfskatalysator. Bis heute sind nicht
Der Autor
Synthetasen. Sie wurden entdeckt, weil alle Einzelheiten des Reaktionsmecha-
die ­relevanten Zwischenprodukte bei nismus geklärt, doch kann man sich Roald Hoffmann ist
der Akti­vierung von Aminosäuren zu- eine Welt ohne Polyethylen kaum mehr emeritierter Frank H. T.
Rhodes Professor of
vor bekannt waren. Tatsächlich sind vorstellen.
Humane Letters an der
Aminoacyladenylate so instabil und Cornell University in
heften sich dersart leicht an tRNA, dass Entwurf von Katalysatoren Ithaca (New York) und
Träger des Chemie-
sie sich nur in deren Abwesenheit iso- anhand des Zwischenprodukts
nobelpreises 1981. Er
lieren lassen. In jüngster Zeit haben Chemiker auch dankt Barry Carpenter, Geoff Coates,
Im zweiten Beispiel hat sich ein Zwi- gezielt Methoden entwickelt, Katalysa- Brian Crane, Prasad Dasari, Bruce Ganem
und Paul Houston für ihre Kommentare
schenprodukt selbst zum Katalysator toren anhand bekannter Zwischenpro-
und Vorschläge.
gewandelt. Dabei geht es um die Po­ly­ dukte zu entwerfen. Das gilt etwa für
merisation von Ethylen zum Polyethy- künstliche Enzyme. Ausgehend von der
Quellen
len, einem der bekanntesten und meist- Reaktion, die ablaufen soll, konstruiert
verwendeten Kunststoffe. Wie alle wah- man die wesentlichen Teile des aktiven Anderson, J. G. et al.: Free Radicals within
ren Forschungsgeschichten steckt auch Zentrums, das zusammen mit dem Sub- the Antarctic Vortex: The Role of CFCs
in Antarctic Ozone Loss. In: Science 251,
die, wie Karl Ziegler (1898 – 1973) einen strat das Zwischenprodukt bildet, und S. 39–46, 1991
Katalysator für diese Reaktion entwi- fügt es in ein passendes Protein ein. Eine Carpenter, B. K.: Determination of
ckelte, voller Zufälle und Umwege. weitere Methode ist die gerichtete Evo- Organic Reaction Mechanisms. Wiley,
New York 1984
Zusammen mit Kollegen untersuch- lution, bei der Unmengen ähnlicher Mo- Ertl, G.: Katalyse: Vom Stein des Weisen
te der spätere Nobelpreisträger am leküle erzeugt und auf ihre Eignung als zu Wilhelm Ostwald. In: Zeitschrift für
Max-Planck-Institut für Kohlenfor- Katalysatoren geprüft werden. Als Maß Physikalische Chemie 217, S. 1207 – 1219,
2003
schung in Mülheim die Reaktion von dafür dient meist ihre Fähigkeit, Zwi-
Haenel, M. W.: Karl Ziegler. Gesellschaft
Lithi­umaluminiumhydrid (LiAlH4) mit schenprodukte zu destabilisieren – was Deutscher Chemiker, Frankfurt 2009
Ethylen (C2H4), das eine Kohlenstoff- sich auf einfache Weise massenspektro- www.kofo.mpg.de/media/2/D1106244/
0635034217/FestschriftZiegler.pdf
Kohlenstoff-Doppelbindung enthält. metrisch prüfen lässt. Nur die besten
Hoffmann, R.: The Same and Not the
Als Produkte entstanden dabei längere Kandidaten werden für die weitere Ver- Same. Columbia University Press, New
Kohlenwasserstoffe aus vier bis zwölf feinerung ausgewählt. York 1995
Kohlenstoffatomen. Wie weitere Versu- Mein persönliches Faible für das Smil, V.: Transforming the Twentieth
Century: Technical Innovations and Their
che ergaben, katalysiert Aluminiumhy- Zwischenprodukt erklärt sich vielleicht Consequences. Oxford University Press,
drid (AlH3) die Reaktion ebenfalls. Dabei auch aus meinem beruflichen Werde- New York 2006
tritt Triethylaluminium – Al(CH2CH3)3 – gang. Die Entdeckung eines Katalysa-
als Zwischenprodukt auf. Diese unab- tors wirkt sich direkt auf eine Reaktion © American Scientist
hängig herstellbare Verbindung erwies aus und verbessert womöglich ein groß- Dieser Artikel im Internet:
sich als noch besserer Katalysator für technisches Verfahren. Spürt man ein www.spektrum.de/artikel/1214060

78  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Leserreisen – 2014
Im Jahr 2014 bietet Spektrum der Wissenschaft seinen Lesern interessante Themenreisen nach Irland, in die Mongolei und nach Is-
land an. In Irland betört Sie der Zauber der Grünen Insel. Die Mongolei beeindruckt Sie im hohen Altai-Gebirge und in der weiten
Wüste Gobi. Island wird Sie im September mit fantastischen Polarlichtern und interessanten Vulkanlandschaften empfangen.

IRLAND MoNgoLeI IsLAND


DER ZAUBER DER GRüNEN INSEL ALTAI-GEBIRGE UND WüSTE GOBI POLARLICHTER UND VULKANE

Lassen Sie sich mit uns vom bezaubernden Unsere Reise ist eine besondere Expedi- Naturerlebnis pur – das ist Island! Genie-
Irland und deren Sagen- und Mythenwelt tion auf den Spuren der Nomaden. Sie be- ßen Sie die einzigartige Natur von Vulka-
inspirieren. Auf der Grünen Insel treffen steht aus Geländewagentouren durch die nen, Geysiren, Gletschern, Fjorden und
Sie auf viele steinerne Zeugen der Vergan- fantastischen Landschaften im Altai-Ge- Wasserfällen. Wir haben den September
genheit: keltische Steinkreise, romanti- birge und in der Wüste Gobi. Da auch in als Reisezeit gewählt, da dieser Monat
sche Klosterruinen sowie trotzige Ritter- der Mongolei große Strecken zu überbrü- zum einen noch die bunten Herbstfarben
burgen. Bei dieser außergewöhnlichen cken sind, stehen neben dem internatio- des Nordens bietet und zum anderen be-
Reise durch den südlichen Teil der Insel – nalen Flug über Moskau nach Ulan-Bator reits optimale Chancen für die Sichtung
von Dublin nach Galway über Limerick in drei Inlandflüge auf dem Programm. In der von Polarlichtern bestehen.
den Killarney-Nationalpark und zurück Hauptstadt Ulan-Bator besuchen wir den Der Nordosten Islands ist dafür eine der
von Killkenny nach Dublin – werden Sie bekannten Winterpalast des Bogd Khan, besten und landschaftlich interessantesten
von der Märchen- und Geschichtenerzäh- das Naturhistorische Museum und das Gegenden. Der Mývatn ist berühmt für
lerin Alexandra Kampmeier begleitet, die Gandan-Kloster. seine Naturwunder und das Herz einer
Historie, Sagen und Mythen der Grünen Nach einem Flug nach Khovd – Ziel ist faszinierenden Vulkanlandschaft. Das Ge-
Insel durch ihre beeindruckende Erzähl- die Gurwan-Höhle mit Zeichnungen aus biet sollte auf Grund der mondähnlichen
weise wieder lebendig werden lässt. der Steinzeit – wird ein Höhepunkt der Verhältnisse einst als Übungsgelände für
Die keltische Kultur ist überall präsent Reise der Besuch bei den Obertonsängern die US-amerikanische Raumfahrtsbehör-
und nirgendwo werden die Fabeln, Sagen (Chandmani Sum) in Manchan sein. Mit de NASA dienen.
und Legenden eines Landes so hochgehal- dem Geländewagen fahren wir weiter Der weiter westlich gelegene Skagaf-
ten wie in Irland. Wir begegnen Heiligen, durch das große Altai-Gebirge zur Gobi jörður bietet isländische Landschaften wie
Geistern, Riesen und Feen, lassen uns von Scharga mit beeindruckender Wüsten- aus dem Bilderbuch. Nirgendwo gibt es so
der Magie einzelner Landstriche ebenso in landschaft. Per Inlandflug über Ulan-Bator viele der berühmten Islandpferde wie hier.
den Bann schlagen wie von deren Entste- geht es nach Dalansangad in den Süden des Auf der Rundreise darf der Vatnajökull-
hungsgeschichten. Wie sagte schon der Landes. Dort beginnt unsere zweite Tour Nationalpark nicht fehlen. Einer der größ-
1939 verstorbene Dichter W.B. Yeats: »Ir- in die Wüste Gobi. Hier durchfahren wir ten Gletscher beherrscht hier die Land-
land, noch immer vorwiegend keltisch, hat die einzigartige Wüstenlandschaft Hongo- schaft mit seinen vielen Gletscherzungen
sich neben einigen weniger schönen Din- rin Els, den Saxaulwald und die Bartgeier- und Eisbergen. Natürlich besuchen wir
gen eine Begabung zur Vision bewahrt, die schlucht und besichtigen das weltbekannte auch klassische Reiseziele wie die histo-
bei hektischeren und erfolgreicheren Völ- Kloster Erdene Dzuu in der ehemaligen rische Versammlungstätte þingvellir, den
kern ausgestorben ist. Uns konnten keine Hauptstadt des Dschingis Khan. Übernach- berühmten Geysir oder die nahe dem Po-
Licht spendenden Leuchter hindern, ins tungen in landestypischen Hotels, Zelten larkreis gelegene grüne Stadt Akureyri.
Dunkel zu blicken, und wenn man ins Dun- und mongolischen Jurten. Mit örtlicher
kel blickt, ist immer etwas darin.« und deutscher erfahrener Reiseleitung. Reisetermin: 20. 9. – 29. 9. 2014:
Preis: € 2780,– im DZ/HP, 10-tägig
Reisetermin: 27. 7. – 10. 8. 2014:
Reisetermin: 5. 5. – 14. 5. 2014: Preis: € 4130,– im DZ/HP/VP, zzgl. INFoPAKeT UND BUCHUNg ÜBeR:
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titelthema: Materialwissenschaft

Physikalische Tarnkappen
Mit Metamaterialien lassen sich Wellen und andere Energieflüsse verschiedenster
Art gezielt beeinflussen und steuern. Dadurch kann man Dinge unsichtbar,
unhörbar oder unfühlbar machen – und vor schädlichen Einflüssen schützen.
Von Robert Schittny und Martin Wegener

W
arum sehen wir Dinge? Weil sie das Licht auf len geht: Die zu Grunde liegende Physik mitsamt der zuge­
dem Weg in unser Auge verändert haben: in hörigen Mathematik ist in allen Fällen im Prinzip dieselbe
seiner Richtung, Helligkeit oder Laufzeit. Tä­ und anschaulich greifbar.
ten sie das nicht, wären sie nicht von ihrer Wie konstruiert man nun eine solche Umleitung? Erset­
Umgebung zu unterscheiden. Wenn es uns also gelänge, das zen wir in Gedanken das Licht – oder eine andere Welle –
Licht so an einem Objekt vorbeizulenken, als wäre dieses durch Autos, die mit konstanter Geschwindigkeit eine Stadt
nicht da, hätten wir erfolgreich eine Tarnkappe gebaut. durchqueren. Wir nehmen eine Luftaufnahme der Stadt und
Doch Sehen ist nur eine Weise, unsere Welt wahrzuneh­ verzerren sie – zum Beispiel mit einem Bildbearbeitungspro­
men. Ein Objekt macht sich auch dadurch bemerkbar, dass es gramm wie Photoshop – so, dass sich in der Mitte ein kreis­
Schall reflektiert oder absorbiert, dass es die Ausbreitung der förmiges Loch auftut (Bilder S. 82/83). Das Ergebnis kann
Wärme behindert und dass es der Berührung Widerstand ziemlich komisch aussehen: Manche ursprünglich geraden
entgegensetzt. Eine allumfassende Tarnkappe müsste also Straßen werden krumm und vor allem länger, andere wer­
nicht nur für Licht, sondern auch für Schall und Wärme­ den zusammengestaucht. Wendet man diese Verzerrung auf
leitung eine perfekt täuschende Umleitung bereitstellen. einen ganzen Film an, so scheinen die Autos auf den verlän­
Obendrein müsste sie das Objekt durch so etwas wie eine gerten Straßen entsprechend schneller und auf den verkürz­
elastische Tarnverpackung unfühlbar machen. ten lang­samer zu fahren.
Seit ein paar Jahren sind Tarnkappen nicht mehr bloß Sci­ Die Kunst besteht nun darin, gewissermaßen eine Stadt
encefiction – sogar über die Optik hinaus. Wir wissen nicht zu bauen, in der die Autos in Wirklichkeit so schnell fahren,
nur, wie sie theoretisch funktionieren können, sondern ha­ wie sie sich im Zerrbild zu bewegen scheinen. Insbesondere
ben dieses Wissen auch schon teilweise im Labor umgesetzt. muss man ihnen auf den verlängerten Straßen eine höhere,
Gleichgültig, ob es um Licht-, Schall- oder mechanische Wel­ auf den verkürzten eine niedrigere Geschwindigkeit vor­
schreiben. Dann sieht ein Beobachter die Autos aus der um­
gebauten Stadt zur gleichen Zeit und mit der gleichen Ge­
Auf einen Blick
schwindigkeit herauskommen wie aus der ursprünglichen.
Er kann also unter keinen Umständen wahrnehmen, dass in
Perfekte Umleitung der Mitte ein Loch ist, und erst recht nicht, was darin steckt, –
eine perfekte Tarnkappe.
1 Eine Tarnkappe leitet Wellen oder andere Energieflüsse auf
bestimmten krummen Wegen, indem sie an jedem Punkt
die Geschwindigkeit und die Richtung der Ausbreitung vorgibt.
Für echtes Licht an Stelle von Autos bedeutet das: Man
muss dem Licht an jedem Punkt der »Stadt« eine andere Ge­

2 Diesen Effekt erreicht sie durch Metamaterialien: künst-


liche Stoffe mit einer Strukturbreite deutlich unterhalb der
ver­wendeten Wellenlänge.
schwindigkeit vorgeben, und diese Geschwindigkeit hängt
auch noch von der Richtung ab. Das genügt allerdings, um
dem Licht den richtigen Weg zu weisen; denn wie ein Auto­

3 Das Prinzip lässt sich nicht nur auf Licht, sondern auch auf
mechanische Wellen einschließlich Schall sowie die Ausbrei-
tung von Wärme anwenden.
fahrer, der möglichst schnell von A nach B kommen möchte,
wählt das Licht nach dem fermatschen Prinzip zwischen zwei
Punkten stets den Weg kürzester Laufzeit.
4 Zusätzlich isoliert eine Tarnkappe ihr Objekt von seiner
Umgebung. Hierdurch könnte sie zum Beispiel Häuser vor
einem Erdbeben schützen.
Der Konstrukteur einer Tarnkappe muss also eine geeig­
nete Verzerrung (mathematisch: eine Koordinatentransfor­
mation) finden. An dieser Stelle ist Kreativität gefragt. Theo­

80  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Technik & Computer

kleines Foto: Robert Schittny, KIT; aus  Schittny, R.  et al., Phys. Rev. Lett 110, 195901, 2013;
groSSes Foto: Robert Schittny, KIT

Diese thermische Tarnkappe (Foto oben) besteht aus einer Kupferplatte mit Schlitzen und Löchern, die
mit dem durchsichtigen Kunststoff PDMS aufgefüllt sind. Im unteren Bild zeigen Falschfarben die gemes-
senen Temperatur­en an: von heiß (rot) bis Zimmertemperatur (blau). Von links dringt Wärme ein. Sie
fließt bevorzugt über die kreisförmigen Stege, die in der Kupferplatte stehen geblieben sind, so dass der
Zentralbereich kühl bleibt. Löcher im Außenbereich mindern die Wärmeleitfähigkeit der Platte so weit,
dass die Wärme sich innerhalb und außerhalb gleich schnell ausbreitet: Die Linien konstanter Tempera-
tur (weiß) sind nach Passieren der Tarnkappe wieder gerade.

www.spek trum .de 81


Robert Schittny, KIT

retiker wie John Pendry vom Imperial College London mit Baugruppen spielen dieselbe Rolle wie die Einheitszellen in
seinen Kollegen und Ulf Leonhardt von der University of einem gewöhnlichen Kristall: Sie sind periodisch angeord­
St Andrews in Schottland haben für Licht im Jahr 2006 unab­ net. Die solcherart künstlich hergestellten Strukturen sollen
hängig voneinander erstmals Lösungen vorgelegt. Die Ma­ sich wie ein Material verhalten, dessen Eigenschaften über
thematik ist dabei derjenigen der allgemeinen Relativitäts­ die eines gewöhnlichen Materials hinausgehen – entspre­
theorie recht ähnlich. chend taufte man sie Metamaterial. Da wir deren Herstel­
Aus der Verzerrung ergibt sich eine Funktion, die zu jedem lung noch nicht lange beherrschen, werden auch Tarnkap­
Ort und zu jeder Richtung eine Geschwindigkeit vorschreibt. pen erst in den letzten sieben Jahren intensiv erforscht.
Diese wäre nun durch ein geeignetes Material zu realisieren. Auf eine durchlaufende Welle soll ein Metamaterial wie
In der Natur gibt es zwar Stoffe, bei denen die Ausbrei­ ein homogenes Medium wirken. Dazu muss die Größe der
tungsgeschwindigkeit des Lichts von der Richtung abhängt; Einheitszellen deutlich kleiner sein als die Wellenlänge. Denn
diese Anisotropie ist jedoch nur sehr schwach ausgeprägt. sind diese beiden Längen vergleichbar, so entsteht Interfe­
Ein viel verwendetes und vergleichsweise stark anisotropes renz: Die Welle merkt gleichsam, dass sie durch ein struktu­
Material ist Kalkspat; aber seine zwei Lichtgeschwindigkei­ riertes Medium läuft, und wird reflektiert oder gebeugt. Das
ten unterscheiden sich gerade einmal um zehn Prozent. Hier ist hier nicht erwünscht, da wir lediglich die effektive Wellen­
helfen künstliche Werkstoffe weiter, die aus verschiedenen geschwindigkeit beeinflussen wollen.
Materialien zusammengesetzt sind. Bei Tarnkappen für mechanische Vibrationen oder Wär­
Schon 1874 dachte James Clerk Maxwell (1831 – 1879), einer me lässt sich dies noch leicht umsetzen; hier sind die Struk­
der Väter des Elektromagnetismus, über künstliche, effektiv turen einige Millimeter oder Zentimeter groß. Für Lichtwel­
anisotrope Materialien (so genannte Laminate) nach. Ein Ei­ len brauchen wir Nanostrukturen, die man erst seit wenigen
senklotz leitet den elektrischen Stromfluss in allen Richtun­ Jahren herstellen kann.
gen gleich. Macht man hingegen daraus einen Satz dünner Um Metamaterialien zu bauen, braucht man hinreichend
geradliniger paralleler Drähte, die gegeneinander isoliert unterschiedliche Ausgangsstoffe. Für die Anwendung auf
sind, kann der Strom nur noch entlang der Drahtachsen flie­ elektrischen Strom sind diese noch leicht zu finden: Ein
ßen. So einfach lässt sich mit ganz normalen Ausgangsmate­ Stück Metalldraht hat einen elektrischen Widerstand von
rialien eine massive Anisotropie herstellen, oder auch eine weit unter einem Ohm, ein guter Isolator mehr als das Zehn­
mildere, indem man die Isolierung durch einen schlechten millionenfache. Die elektrische Leitfähigkeit, das Pendant
Leiter ersetzt. zur Wellengeschwindigkeit, variiert also über sieben bis acht
An die Stelle der Drähte und Isolatoren setzen wir heute Zehnerpotenzen. Bei sichtbarem Licht dagegen ist Titan­
anisotrope Anordnungen sehr vieler Atome, die manchmal dioxid immer noch die beste Wahl; aber dort ist die Lichtge­
auch als Metaatome bezeichnet werden. Diese funktionellen schwindigkeit nur knapp einen Faktor drei geringer als in

82  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


beide Abbildungen: Robert Schittny, KIT
In diese gedachte Stadt (links oben) fahren Autos mit gleicher, kon-
stanter Geschwindigkeit – zum Beispiel – von vorn ein und kom-
men hinten wieder heraus, wie auf einer vielspurigen Autobahn.
Wer den Verkehr nur außerhalb der Stadt beobachtet, bemerkt
keine Änderung, wenn wir die Stadt so verzerren, dass in ihrer
Mitte ein kreisförmiger autofreier Platz entsteht (oben), sowie die
Geschwindigkeiten der Autos dieser Verzerrung anpassen, und
zwar richtungsabhängig: schneller auf dem Rundweg um den Platz
und langsamer bis zum Stillstand in Richtung auf das Zentrum.
Anstatt die Stadt in der Umgebung eines Zentralpunkts zu dehnen,
kann man sie auch auf einen Punkt hin zusammenziehen (rechts),
ohne dass sich für einen externen Beobachter etwas ändert.

Luft oder Vakuum. Damit lässt sich die oben skizzierte kreis­ Wir haben 2013 gemeinsam mit unserem Institutskolle­
förmige Tarnkappe mit Geschwindigkeiten von nahezu null gen Muamer Kadic und Sebastien Guenneau von der Aix-
in der einen und nahezu unendlich in der dazu senkrechten Marseille Université eine solche Tarnkappe für Wärme ge­
Richtung nicht einmal annähernd realisieren. baut. Sie besteht aus nur zwei verschiedenen Ausgangsmate­
rialien: Kupfer und dem leicht zu verarbeitenden Kunststoff
Tarnkappen für Wärmeflüsse Polydimethylsiloxan (PDMS). Deren Wärmeleitfähigkeiten
Bemerkenswerterweise lässt sich das Prinzip auch auf die unterscheiden sich um mehr als einen Faktor 1000.
Ausbreitung von Wärme anwenden, obgleich diese kein Wel­ Damit die Wärme leicht um das (kreisförmige) zu tarnen­
lenphänomen ist. Für zeitunabhängige Systeme gehorchen de Objekt herumfließt und nur schwer zu diesem vordringen
nämlich die Verteilung der Temperatur und diejenige des kann, haben wir eine Kupferplatte so mit Schlitzen und Lö­
elektrischen Potenzials derselben mathematischen Glei­ chern versehen und diese dann mit PDMS aufgefüllt, dass sie
chung. Überdies sind bei Metallen die Leitfähigkeiten für dem Wärmefluss auf das Zentrum zu möglichst viele Hinder­
Wärme und elektrischen Strom eng miteinander verknüpft nisse in den Weg legt und ihm seine Umgehung maximal er­
und lassen sich durch analoge physikalische Modelle be­ leichtert (Bilder S. 81). Der zentrale Kreis wird dadurch von
schreiben. Entsprechend finden sich auch Ausgangsstoffe der Umgebung entkoppelt und bleibt für längere Zeit kühl;
für ein Metamaterial, bei dem die Ausbreitungsgeschwindig­ das kann zum Beispiel für Anwendungen in der Elektronik
keit der Wärme vom Ort und von der Richtung abhängt. von Nutzen sein.

www.spek trum .de 83


Nicolas Stenger, KIT; aus  Stenger, N.  et al., Phys. Rev. Lett. 108, 014301, 2012

Elastische Wellen (200 Hertz, Wellenlänge im Medium ungefähr


9 Zentimeter) laufen in einer 1 Millimeter dicken Platte von links
nach rechts. Die gemessene Amplitude ist falschfarbenkodiert
(in willkürlichen Einheiten). Ohne Tarnkappe (links) stört der fest-
gehaltene innere Bereich (schwarzer Kreis) die Ausbreitung der
Wellen: Rechts davon bildet sich ein Schatten, und die Wellenfron-
ten verbiegen sich. Mit Tarnkappe (rechts) verlaufen hinter dem
5 cm 5 cm Hindernis die Wellenfronten wieder vertikal wie bei einer unge-
–1 0 1 störten Welle. Dieses Bild stammt aus einem kurzen Zeitlupen-
video, das unter www.spektrum.de/artikel/1214061 abzurufen ist.

Insgesamt ist die Wärmeleitfähigkeit innerhalb der Tarn­ Millimetern liegt deutlich unter der Wellenlänge von knapp
kappe geringer als in einer ungeschlitzten Kupferplatte. Um zehn Zentimetern bei einer Frequenz von 200 Hertz, wie es
diesen Effekt zu kompensieren, haben wir auch in die umge­ sich für eine Tarnkappe gehört.
bende Kupferplatte Löcher gebohrt und mit PDMS aufge­ Für eine Welle, die um den festgehaltenen Bereich herum­
füllt, so dass die effektive Wärmeleitfähigkeit innen wie au­ läuft, liegen der harte und der weiche Kunststoff parallel.
ßen dieselbe ist. Insbesondere ist die Ausbreitungsgeschwin­ Diese Situation ist analog zu einer weichen und einer harten
digkeit, wie gefordert, an gewissen Stellen und in gewissen Schraubenfeder. Sind diese parallel angeordnet, so bestimmt
Richtungen innerhalb der Tarnkappe größer als in der Umge­ die harte Feder mit ihrem größeren Widerstand die Eigen­
bung. Somit verhält sich der Wärmefluss außerhalb der Tarn­ schaften des Paars. Das Material verhält sich daher hart, und
kappe genauso wie in der restlichen homogenen Platte. die Wellen breiten sich schnell aus. In Richtung Zentralbe­
reich sind die beiden Federn hingegen hintereinanderge­
Vor Vibrationen verbergen schaltet. Nun ist die weiche Feder maßgeblich, die sich leicht
Wenn es nicht mehr um die Ausbreitung von Wärme, son­ strecken oder zusammendrücken lässt. Im Effekt reagiert das
dern um die von Wellen geht, kommt eine weitere Kompli­ Metamaterial weich, und die Wellen laufen langsamer.
kation hinzu: Wellen können entlang der Ausbreitungs­ Ein Lautsprecher versetzt die Platte am linken Rand in
richtung (longitudinal) oder in zwei möglichen Richtungen Auf-und-ab-Schwingungen. Von dort aus läuft die Welle
senkrecht dazu (transversal) schwingen. Lichtwellen sind durch die Tarnkappe. Mittels stroboskopischer Beleuchtung
transversal, Schallwellen in Gasen und Flüssigkeiten longi­ der Platte konnten wir die Ausbreitung vermessen und be­
tudinal, und mechanische Wellen in elastischen Stoffen kön­ stätigen, dass die Tarnkappe ihre Funktion erfüllt (Bild oben).
nen in allen drei Raumrichtungen schwingen. Eine Tarnkap­ Zu unserer eigenen Überraschung könnte das Prinzip
pe sollte im Idealfall für alle möglichen Schwingungsrich­ der mechanischen Tarnkappe praktischen Nutzen abwerfen.
tungen (Polarisationen) einer Wellenart funktionieren. Die Anordnung tarnt nämlich nicht nur ein Objekt, sondern
Als einen ersten Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel hat entkoppelt es auch von seiner Umgebung. Eine Forscher­
im Jahr 2012 Nicolas Stenger aus unserer Gruppe mit Unter­ gruppe um Sebastien Guenneau und Stefan Enoch von der
stützung seines Chemikerkollegen Manfred Wilhelm eine Aix-Marseille Université hat jüngst spekuliert, dass Tarnkap­
zweidimensionale Tarnkappe hergestellt. Es handelt sich um pen für Vibrationen auf diese Weise Gebäude vor Erdbeben
eine Platte, die wie die Membran einer Trommel schwingen schützen könnten, genauer: vor den besonders zerstöreri­
kann. Sie transportiert also nur Wellen, welche die Membran schen Wellen mit Wellenlängen von einigen Metern bis eini­
senkrecht zu ihrer Ebene auslenken. In der Mitte gibt es ei­ gen hundert Metern, die sich parallel zur Erdoberfläche aus­
nen Bereich, den wir festhalten und der dadurch die Ausbrei­ breiten (»Rayleigh-Wellen«). Erste Vorexperimente in Zu­
tung der Welle stören würde, wenn wir ihn nicht mit einer sammenarbeit mit der französischen Firma Menard sind
Tarnkappenstruktur umgeben hätten. ermutigend. Gleichwohl ist diese Anwendung noch umstrit­
Stenger wählte als Ausgangsmaterialien den harten ten, weil die Bewegungen des Gesteins bei großen Auslen­
Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) und das schon genannte kungen nicht mehr korrekt durch die Bewegungen gewöhn­
PDMS, das weich und fast gummiartig ist. Die Wellenge­ licher (»linearer«) Schraubenfedern zu modellieren sind und
schwindigkeit in einer Membran oder Platte ist für PVC damit eine wesentliche Voraussetzung der Theorie wegfällt.
knapp 40-mal so groß wie für PDMS. Wir haben die PVC-Plat­ Doch selbst wenn dadurch die Tarnkappe im Erdboden zer­
te nach demselben Prinzip, das wir später für die Kupferplat­ stört würde, wäre der Schutz des Gebäudes das wert.
te bei der Wärmeleitung verwendeten, mit Löchern versehen Für seismische Wellen ist die Bedingung, dass die Struktu­
und diese mit PDMS aufgefüllt. In der Umgebung haben wir ren des Metamaterials viel kleiner als die Wellenlänge sein
wieder in regelmäßiger Anordnung Löcher ins PVC gebohrt müssen, kein ernsthaftes Problem – für Licht mit seiner Wel­
und diese mit PDMS aufgefüllt, damit die effektive Laufzeit lenlänge zwischen 400 und 800 Nanometern (millionstel
mit und ohne Tarnkappe dieselbe ist. Die Ringbreite von drei Millimetern) dagegen sehr. Ausgerechnet die Tarnkappe im

84  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


ursprünglichen Sinn des Worts stellt also die Konstrukteure len in Materie ist von der Frequenz abhängig (»Dispersion«).
vor die größten Schwierigkeiten. Daher kann eine Tarnkappe immer nur auf Wellen einer be­
Entsprechend arbeiteten die ersten Hersteller von Tarn­ stimmten Frequenz abgestimmt sein; bei allen anderen
kappen für elektromagnetische Strahlung mit Mikrowellen, stimmen die für die Funktion entscheidenden Geschwindig­
deren Wellenlängen einige Zentimeter betragen können. Der keitsverhältnisse nicht mehr. Es ist aus prinzipiellen physika­
Gruppe um David Smith an der Duke University in Durham lischen Gründen aussichtslos, nach einem dispersionsfreien
(North Carolina) gelang 2006 die erste experimentelle De­ Material zu suchen – insbesondere wenn die Geschwindig­
monstration einer kreisförmigen Tarnkappe (Spektrum der keit stark von der Vakuumlichtgeschwindigkeit abweichen
Wissenschaft 3/2007, S. 16). Allerdings arbeitet sie wie die bis­ soll. Seit den Experimenten von David Smith hat sich daher
her genannten Tarnkappen in nur zwei Dimensionen – so nicht viel verbessert.
dass sie nur für einen extrem eingeschränkten Raumwinkel­
bereich funktioniert –, für eine von zwei Schwingungsrich­ Krummer Zauberspiegel
tungen der Strahlung und für einen extrem schmalen Fre­ In dieser Situation schlug Jensen Li aus der Gruppe von John
quenzbereich: Die Wellenlänge darf nur um ungefähr zwei Pendry am Imperial College in London 2008 einen interes­
Prozent von 3,5 Zentimeter abweichen. santen Ausweg vor: die Teppich-Tarnkappe. Der Name spielt
Gegen die letzte Beschränkung wird keine Ingenieurs­ auf einen Teppich an, der eine Wölbung hat, so dass man et­
kunst helfen. Die Geschwindigkeit elektromagnetischer Wel­ was unter ihn kehren könnte. Eigentlich handelt es sich dabei
eher um einen gewölbten Spiegel, der durch Manipulation
der Umgebung flach aussehen soll (Kasten S. 87).
2
Ein Lichtstrahl, den die Wölbung reflektiert, hat einen kür­
1,5 zeren Weg und würde daher schneller zurückkehren als ei­
Pe

ner, der bis zum ungestörten Spiegel vordringt. Um den ex­


riod

1
ternen Beobachter zu täuschen, muss also die Geschwindig­
en
Tolga  Ergin, KIT; aus  Ergin, T.  et al., Phys. Rev. Lett. 107, 173901, 2011

0,5 keit in der Nähe der Wölbung geringer sein. Die zugehörige
Koordinatentransformation kann aus einer Klasse von Abbil­
0
dungen gewählt werden, die in der Mathematik »konform«
genannt werden. Konforme Abbildungen sind insbesondere
winkeltreu, mit dem Effekt, dass die Geschwindigkeit zwar
vom Ort, nicht aber von der Richtung abhängen muss. Daher
braucht man für eine Teppich-Tarnkappe keine anisotropen
Materialien.

1,6 Die Teppich-Tarnkappe aus


Kunststoff und Luft (Schema-
zeichnung links) lässt einen
gewölbten Spiegel eben er-
Brechungsindex

1,4
scheinen: In rot markierten
Bereichen hat der Kunststoff
1,2 einen großen Volumenanteil,
so dass sich das Licht mit nur
60 Prozent der Vakuumlichtge-
schwindigkeit ausbreitet. In
1,0
dunkelblauen Bereichen über-
wiegt Luft, wodurch sich dort
Tolga  Ergin, KIT; aus  Ergin, T., Wegener, M., Physik-Journal 5/2012 S. 31

das Licht fast ungebremst


bewegt. Mit dieser Tarnkappe
kann man eine Wölbung von
wenigen Mikrometern fast
unsichtbar machen (Bild links
oben, unterer Teil), während sie
ohne Tarnkappe (oberer Teil)
gut zu sehen ist. Die Farben
zeigen die Phase der reflektier-
ten Welle.

www.spek trum .de 85


Teppich-Tarnkappe
In unserer gedachten Stadt steht ein Spiegel im Winkel von 45 Stadt nicht aus ihrer Ebene heraus angehoben) und die Ge-
Grad zum Straßennetz (Bild links). Die (von links kommenden) schwindigkeitsvorschriften anpassen.
Autos werden an jeder Kreuzung, durch die der Spiegel verläuft, Da für die meisten Autos der Weg um die Ecke kürzer gewor-
reflektiert, oder sie biegen, was auf dasselbe hinausläuft, um 90 den ist als zuvor, müssen wir in der Nähe der Beule die Ge-
Grad nach links ab. schwindigkeit absenken – und merkwürdigerweise bei den
Wir beulen jetzt den Spiegel stadteinwärts aus, um hinter Flanken des weißen Bereichs etwas erhöhen, damit die Laufzei-
der Beule (Bild rechts; weißer Bereich) etwas zu verstecken, wol- ten in jedem Fall stimmen: Ein Auto (oder Photon), das an der
len aber wieder einen externen Beobachter täuschen. Dazu ver- Flanke auftrifft, wandert dann durch das Zentralgebiet mit gro-
zerren wir die Stadt so, dass die Straßen nach wie vor unter 45 ßer Verzögerung, hat aber einen kaum kürzeren Weg als im un-
Grad auf den Spiegel auftreffen (das Gesetz »Einfallswinkel gestörten Fall. Deswegen muss sein Zeitverlust durch erhöhte
gleich Ausfallswinkel« muss weiter gelten). Zu diesem Zweck Geschwindigkeit an anderer Stelle kompensiert werden.
wiederum müssen wir die Straßen in der Nähe des Spiegels ge- Im Gegensatz zur Tarnkappe mit der Ringstruktur muss die
eignet krümmen (entgegen dem ersten Anschein wird die lokale Geschwindigkeit nicht von der Richtung abhängen.

beide Abbildungen: Robert Schittny, KIT


Außerdem sind die geforderten Geschwindigkeitsunter­ fleck fokussiert. Wo das Licht ein Molekül eines durchsich­
schiede weitaus geringer als in der kreisförmigen Tarnkappe. tigen Fotolacks trifft, löst es eine chemische Reaktion aus,
In unserer Umsetzung verhält sich die kleinste zur größten durch die sich der Lack an dieser Stelle zu einem Polymer ver­
Geschwindigkeit wie 1 zu 1,5. Daher kommt man mit gerin­ netzt. Das bleibt stehen, während der unbelichtete Fotolack
geren Materialkontrasten aus, und die Dispersion (deren in einem späteren Fertigungsschritt ausgewaschen wird. Un­
Ausmaß von diesem Geschwindigkeitsverhältnis abhängig ser Laser ist also gewissermaßen ein Schreibstift – mit einer
ist) macht sich weniger störend bemerkbar. Ein Geschwin­ Strichdicke in der Größenordnung der Wellenlänge.
digkeitsverhältnis (oder, was dasselbe ist, ein Brechungs­ Die Einheitszellen des Metamaterials haben aber eine
index) von 1,5 ist sogar mit gewöhnlichem Fensterglas oder Strukturbreite von 100 Nanometern, damit sie unterhalb der
transparenten Kunststoffen erreichbar. Daraus muss man »Wahrnehmungsschwelle« des Lichts liegen. Wie kann man
dann lediglich ein Metamaterial erstellen, um die ortsabhän­ mit einem 800 Nanometer dicken Stift einen 100 Nanometer
gige Verteilung der Lichtgeschwindigkeit zu erreichen. dicken Strich ziehen? Die Strichdicke ist die Breite der Vertei­
Wir haben diese Tarnkappe durch eine Mischung aus lung, die beschreibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit das
Kunststoff und Luft realisiert (Bilder S. 85). Dort, wo der An­ Photon aus dem Laser an welchem Ort auftrifft. Unser Poly­
teil des Kunststoffs groß ist, bewegt sich das Licht langsam. merisationsprozess erfordert jedoch zwei Photonen auf ein­
Wo wenig oder gar kein Kunststoff vorkommt, rast es mit der mal (»nichtlineare Optik«); daher ist die quadrierte Wahr­
üblichen hohen Geschwindigkeit. Im Mittel liegt die Lichtge­ scheinlichkeitsverteilung maßgeblich, und die ist schmäler.
schwindigkeit innerhalb der Tarnkappe unterhalb der Vaku­ Zusätzlich verwenden wir als »Radiergummi« einen zwei­
umlichtgeschwindigkeit. An den »dünnen« Stellen liegt sie ten Laser mit einer Wellenlänge von 532 Nanometer. Der ist
also »über dem Durchschnitt«, ohne das physikalische Prin­ so eingestellt, dass er in der Mitte des Strichs die Aktivität
zip zu verletzen, dass keine Masse oder Energie sich schneller null und in einer gewissen Entfernung vom Strich maximale
fortpflanzen kann als das Licht (im Vakuum). Aktivität hat. Damit verhindert er die Polymerisation an den
Interessanterweise haben wir unser Metamaterial unge­ Rändern des Strichs und macht diesen nochmals dünner.
fähr mit dem gleichen Licht hergestellt, das hinterher von Dieses Prinzip hat Stefan Hell (heute am Max-Planck-Institut
diesem Material beeinflusst werden soll. Der Strahl eines La­ für biophysikalische Chemie in Göttingen) vor etwa 20 Jah­
sers mit 800 Nanometer Wellenlänge wird zu einem Licht­ ren für eine Anwendung in der Mikroskopie erfunden.

86  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Tolga Ergin und Joachim Fischer aus unserer Gruppe ge­ die Tarnkappe etwas an einem bestimmten Ort zu einer be­
lang in den Jahren 2010 und 2011 die erste dreidimensionale stimmten Zeit verborgen hat. Vielmehr fände man nur noch
Teppich-Tarnkappe, zuerst im infraroten und dann im sicht­ ein homogenes Medium vor. Das raumzeitliche Ereignis
baren Bereich. Letztere funktioniert in einem breiten Fre­ könnte dann nicht mehr rekonstruiert werden. Der Theore­
quenzbereich vom Roten bis ins Infrarote, sie arbeitet für tiker Martin McCall vom Imperial College London und seine
beide Polarisationsrichtungen des Lichts und für alle Beob­ Kollegen haben diese Idee im Jahr 2011 ins Spiel gebracht.
achtungsrichtungen; darüber hinaus rekonstruiert sie auch Betrachten wir zur Veranschaulichung einen Autokorso,
die Laufzeiten des Lichts innerhalb des Mediums korrekt. in dem alle Autos mit konstanter Geschwindigkeit und glei­
Bislang könnten allerdings nur Bakterien einen Unter­ chem, festem Abstand zueinander fahren. Wenn an einer
schlupf finden, denn die Wölbung misst nur wenige Mikro­ Kreuzung die Ampel auf rot schaltet, stauen sich die nachfol­
meter. Prinzipiell lässt sich die Tarnkappe auch in größerem genden Autos, und der Korso wird unterbrochen. Eine Grup­
Maßstab bauen. Um unser Modell herzustellen, braucht das pe von Fußgängern kann nun die Straße kreuzen. Eine Beob­
oben beschriebene Lasergerät etwa eine halbe Stunde. Möch­ achterin am Ende der Straße würde sofort bemerken, dass
ten wir es in jeder Raumrichtung beispielsweise um einen die Autos nicht mehr im gleichen Abstand zueinander an ihr
Faktor 100 vergrößern, womit es mit bloßem Auge gerade er­ vorbeifahren, und könnte auf das Kreuzen der Fußgänger
kennbar wäre, bräuchten wir die millionenfache Zeit, also zir­ schließen. Fahren die Autos jedoch in der darauffolgenden
ka 57 Jahre. Andere Gruppen haben zwar schon über makros­ Grünphase zeitweilig schneller als zuvor, können sie zu den
kopische optische Tarnkappen berichtet, aber diese funktio­ voranfahrenden Autos aufschließen, so dass wieder alle im
nieren nur für eine Polarisationsrichtung des Lichts, nur für gleichen Abstand fahren. Dadurch wird jeder Hinweis auf das
bestimmte Beobachtungsrichtungen, die Laufzeit des Lichts Ereignis der kreuzenden Fußgängergruppe gelöscht.
stimmt nicht, oder es treten Kombinationen dieser Proble­
me auf.
Tomografie-Problem
Matratzen für empfindsame Prinzessinnen
Im Märchen von Hans Christian Andersen spürte die Prin­ Kann man die innere Struktur eines Objekts eindeutig er-
zessin noch durch dicke Matratzen die harte Erbse. Doch ei­ schließen, wenn man nur Wellen durch das Objekt hin-
nes Tages könnte eine dünne Schicht aus Metamaterial – durchschicken und deren Intensität, Richtung und Laufzeit
vielleicht ähnlich zur Teppich-Tarnkappe – selbst die emp­ messen kann? Wäre die Antwort ja, könnte es keine Tarnkap-
findsamste Prinzessin täuschen. Dazu muss man in der pen geben. Das Loch in unserer gedachten Stadt (Bild S. 83)
Teppich-Tarnkappe eigentlich nur »langsam« beim Licht würde sich bemerkbar machen.
durch »weich« in der Elastizität sowie »schnell« durch »hart« Zuerst gestellt wurde diese Frage in einem ganz ande-
ersetzen. ren Zusammenhang: der medizinischen Diagnostik. Man
Genauer: Das Material soll dem Druck der Prinzessin von schickt – zum Beispiel – Röntgenstrahlen aus verschiedenen
oben so nachgeben, als wäre der Platz für die absolut starre Richtungen durch den menschlichen Körper, misst, wie stark
Erbse nicht ausgespart; es muss also oberhalb der Erbse wei­ diese absorbiert werden, und versucht daraus ein Bild des
cher sein als anderswo. Andererseits hat der Mathematiker Inneren zu rekonstruieren.
Graeme W. Milton von der University of Utah in Salt Lake In der Impedanz-Tomografie misst man den elektrischen
City 2006 gezeigt, dass dies mit normalen elastischen Mate­ Widerstand zwischen verschiedenen Punkten auf der Kör-
rialien nicht möglich ist. Man bräuchte Materialien, die nicht peroberfläche oder auch, für geophysikalische Zwecke, auf
nur kompressibel sind, sondern vor allem dem Druck bereit­ der Erdoberfläche. Der argentinische Mathematiker Alberto
willig zur Seite ausweichen, allerdings ohne gleich wie eine Calderón stellte 1980 die als Tomografie-Problem bekannt
Flüssigkeit davonzufließen. Diese so genannten pentamo­ gewordene Frage, ob man aus den Impedanzmessungen
digen mechanischen Metamaterialien haben Tiemo Bück­ eindeutig auf die Struktur des Inneren schließen kann.
mann, Muamer Kadic und Michael Thiel in unserem Team Dieses Problem ist im Prinzip nur dann eindeutig lösbar,
2012 zwar erstmals hergestellt, doch stecken diese elasti­ wenn das durchquerte Medium nicht anisotrop ist. Davon
schen Metaflüssigkeiten noch in den Kinderschuhen. kann man bei den typischen Bestandteilen des menschli-
Einige der diskutierten Tarnkappen gleichen Löchern im chen Körpers jedoch ausgehen.
Raum. Kann man auch Löcher in der Zeit erzeugen? Und was Das Problem, aus der inneren Struktur die Messwerte am
würde das überhaupt bedeuten? Alle bisher diskutierten Rand zu bestimmen, ist nicht besonders schwierig. Hier geht
Tarnkappen waren zeitunabhängig. Wer einen Verdacht ge­ es um das umgekehrte (in der Fachsprache: das »inverse«)
schöpft hätte, könnte zum Beispiel an den Ort einer opti­ Problem. Dies ist nicht nur weitaus schwieriger, sondern
schen Tarnkappe hingehen, sie anfassen oder dagegentreten auch »schlecht gestellt«: Die Lösung ist nicht unbedingt ein-
und sofort merken, dass da etwas ist. Gelänge es hingegen, deutig, und wenn sie existiert, hängt sie nicht stetig von den
die Tarnkappe nur für einen bestimmten Zeitraum einzu­ Daten ab.
schalten, dann wäre später nicht mehr rekonstruierbar, dass

www.spek trum .de 87


Was lässt sich davon heute experimentell umsetzen? In
Di e Autoren
der Optik war es ja schon zeitunabhängig schwer genug, die
Geschwindigkeit des Lichts räumlich zu beeinflussen. Mit Robert Schittny (links) studier-
langen quasieindimensionalen Glasfasern konnten Alexan­ te Physik am Karlsruher Ins-
der Gaeta von der Cornell University in Ithaca (New York) und titut für Technologie (KIT). Dort
arbeitet er seit März 2012 an
seine Kollegen 2012 jedoch beeindruckende Modellexperi­ seiner Promotion über phy-
mente durchführen (SdW 7/2012, S. 18). Dabei verformten sie sikalische Tarnkappen jenseits
eine Lichtwelle durch ein Medium mit starker und zeitabhän­ der Optik in der Arbeitsgruppe
von Martin Wegener.
giger Dispersion: Ein Teil des Lichts wurde beschleunigt, ein Martin Wegener studierte, diplomierte und promovierte in Physik
anderer gebremst, woraufhin sich eine Lücke innerhalb der an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach einem Aufent-
Welle öffnete. Durch diese konnten sie eine zweite Lichtwelle halt als Postdoktorand an den AT&T Bell Laboratories in Holmdel
(New Jersey) und einer Professur in Dortmund ist er seit 1995
schicken, entsprechend den Fußgängern im obigen Beispiel. Ordinarius am Institut für Angewandte Physik (APH) des KIT, seit
Hiernach wurde die Lücke geschlossen und die ursprüngliche 2001 zudem Abteilungsleiter am Institut für Nanotechnologie
Welle rekonstruiert, indem sie ein Medium mit umgekehrter (INT) und Koordinator des DFG-Forschungszentrums für Funktio-
nelle Nanostrukturen (CFN).
Dispersion durchlief. Auf diese Weise konnten die Forscher
getarnte zeitliche Löcher von zirka 50 Pikosekunden (billions­
tel Sekunden) Dauer in einem kontinuierlichen Strom von Quellen
Licht erzeugen. Der zeitliche Anteil der Löcher betrug jedoch
nur ein Zehntausendstel eines Prozents. Dies entspricht Fuß­ Ergin, T. et al.: Three-Dimensional Invisibility Cloak at Optical
Wavelengths. In: Science 328, S. 337 – 339, 2010
gängern, die nur einmal im Jahr für 30 Sekunden die Straße Ergin, T. et al.: Optical Phase Cloaking of 700 nm Light Waves in
kreuzen dürfen. Eine andere Gruppe um Andrew Weiner von the Far Field by a Three-Dimensional Carpet Cloak. In: Physical
der Purdue University in West Lafayette (Indiana) hat dieses Review Letters 107, 173901:1 – 4, 2011
Pendry, J. B. et al.: Controlling Electromagnetic Fields. In: Science
Ergebnis 2013 im Experiment auf erstaunliche 46 Prozent bei 312, S. 1780 – 1782, 2006
ähnlich langen Zeitlöchern verbessert. Leonhardt, U.: Optical Conformal Mapping, In: Science 312,
Aus den vorstehenden Beschreibungen dürfte eines deut­ S. 1777 – 1780, 2006
Schittny, R. et al.: Experiments on Transformation Thermodyna-
lich geworden sein: Tarnkappen sind noch lange nicht reif
mics: Molding the Flow of Heat. In: Physical Review Letters 110,
für die Anwendung in der Praxis. Es geht auch nicht allein 195901:1 – 5, 2013
um das Verstecken von Objekten. Vielmehr finden wir es Stenger, N. et al.: Experiments on Elastic Cloaking in Thin Plates.
In: Physical Review Letters 108, 014301:1 – 5, 2012
spannend, auszuloten, wie man mit Hilfe von Metamate­
rialien Wellen und andere Energieflüsse in der Physik gezielt
­beeinflussen kann. Die Grenzen des Möglichen verschieben Weblink
sich ständig und manchmal schneller, als die Forscher selbst
Diesen Artikel sowie das auf S. 84 erwähnte Kurzvideo
erwarten. Sicher ist aber jetzt schon, dass die Verzerrung von zur Vibrationstarnkappe finden Sie im Internet:
Raum und Zeit als anschauliches und ästhetisches Hilfs­ www.spektrum.de/artikel/1214061
mittel eine entscheidende Rolle spielen wird.  Ÿ

88  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


Technik & Computer

Titelthema: Werkstoffe

Superlinsen und -antennen


Metamaterialien ermöglichen neue Anwendungen,
die bislang nicht realisierbar waren. Einige von ihnen stehen
bereits kurz vor der Marktreife.
Von Lee Billings

T
om Driscoll wäre glücklich, wenn er nie mehr Dadurch wechseln die von ihnen entwickelten Bauteile zum
»Tarn­umhänge à la Harry Potter« hören müsste. Beispiel von undurchsichtig nach transparent oder von rot
Unweigerlich drängt sich der Vergleich auf, wenn nach blau – auf Knopfdruck.
über die neuesten Fortschritte bei Metamateria­
lien gesprochen wird – Anordnungen winziger »Zellen«, die Die Grundlagenforschung weicht der angewandten
elektromagnetische Strahlung beugen, streuen oder auf David Smith, der 2006 mit seinen Kollegen von der Duke
­andere Weise formen, wie es kein natürliches Material kann. University in Durham (North Carolina) die erste funktionie­
Im Prinzip könnten Metamaterialien zur Konstruktion von rende Tarnkappe herstellte, sieht inzwischen den Zeitpunkt
Tarnkappen dienen (siehe den vorstehenden Artikel). Und gekommen, an dem die Grundlagenforschung der ange­
das stellen viele Forscher in den Vordergrund, vor allem in wandten weichen muss. Entsprechend nahm er im Januar
Förderungsanträgen, die an das amerikanische Verteidi­ 2013 einen Posten als Abteilungsleiter bei Intellectual Ven­
gungsministerium gerichtet sind. tures an. Schon im kommenden Jahr hofft Kymeta aus
Interessanter als solche Visionen, deren Realisierung noch ­Redmond (Washington), ein Ableger der Patentverwertungs­
in weiter Ferne liegt, sind für Driscoll Anwendungen in der firma, das erste Metamaterialgerät für den Endverbraucher
Satellitenkommunikation, der optischen Datenverarbeitung auf den Markt zu bringen: eine kompakte Antenne, die dort,
und der Konstruktion von Smartphones. Der Physiker von wo kein Mobilfunknetz zur Verfügung steht, eine Breitband­
der University of California in San Diego befasst sich damit, verbindung zu einem Satelliten herstellt.
diese Ideen zur Marktreife zu führen, und zwar bei Intel­ Das Herz der Anlage bildet ein Mikrochip, der tausende
lectual Ventures, einer in Bellevue (Washington) ansässigen elektronische Metamaterialzellen enthält. Die Eigenschaften
Firma, die Patente aufkauft. jeder Zelle können von einem Augenblick zum anderen ge­
Mit den ersten verkäuflichen Produkten aus Metamateri­ ändert werden, gesteuert von der internen Software der An­
alien rechnet er ­bereits in ungefähr einem Jahr – auch wenn lage. Damit kann die Antenne einem Satelliten am Himmel
die Herstellung und Bearbeitung der nanometergroßen folgen, ohne sich selbst zu bewegen. Vielmehr sendet jedes
Strukturen bislang noch extrem teuer ist. Später würden Element sein Funksignal mit einer präzise bestimmten Pha­
auch Normalverbraucher in den Genuss der Vorteile kom­ senverschiebung – mit dem Effekt, dass sich die Signale nur
men, etwa durch schnellere und billigere Internetverbin­ in der gewünschten Richtung durch Interferenz verstärken
dungen in Flugzeugen und in Handys. und in jeder anderen Richtung auslöschen (Bild S. 90; ver­
Andere Forscher waren ebenfalls nicht untätig. Sie ersan­ gleiche Spektrum der Wissenschaft 4/1985, S. 46). Zugleich
nen unter anderem Möglichkeiten, die Anordnung und so­ arbeitet das Gerät aus denselben Gründen als gerichtete
gar die Form der Elemente eines Metamaterials zu ändern. Empfangsantenne mit einem sehr kleinen »Blickwinkel«.
Gegenüber der klassischen Satellitenschüssel biete die
Auf einen Blick neue Technik »bedeutende Einsparungen an Kosten, Ge­
wicht und Stromverbrauch«, berichtet Smith. Kymeta hat
Alles auSSer Tarnkappen ­Investoren und potenziellen Entwicklungspartnern auch
schon ein Demonstrationsmodell vorgeführt. Aber die Pro­

1 Manche Eigenschaften von Metamaterialien lassen sich mit


elektronischen Mitteln sehr rasch beeinflussen.
duktionskosten müssten noch gesenkt werden, unter Ein­
haltung der strengen behördlichen Vorschriften für die

2 Das Prinzip ist nutzbar für Richtantennen und Bauteile, die


nicht den Beschränkungen optischer Linsen unterliegen,
sondern Strukturen auflösen können, die kleiner sind als die
­Kommunikation mit Satelliten.
Bislang hat Kymeta so wenige Details über die Antenne
Wellenlänge des verwendeten Lichts. preisgegeben, dass die Fachwelt sich mit Bewertungen sehr
zurückhält. Immerhin genießt Smith einen exzellenten Ruf.

www.spek trum .de 89


Als erste Anwender der neuen Antenne kommen Passagiere bei 400 bis 800 Nanometer für sichtbares Licht eine echte
von Privat- und Linienflugzeugen in Frage, in zweiter Linie – Herausforderung. Moderne Mikrochips für Computer bewäl­
bei ausreichender Nachfrage – Rettungskräfte oder Forscher tigen diese Größenordnung durchaus (Spektrum der Wissen­
in abgelegenen Gebieten. schaft 11/2013, S. 86). Doch wünscht man sich an Stelle stati­
scher Bauteile solche, deren Eigenschaften man »mittels
Kamera für den Mikrowellenbereich Software dynamisch, den Erfordernissen entsprechend, än­
Im Januar erregte Smiths Gruppe große Aufmerksamkeit, als dern kann«, sagt Stephane Larouche, ein Mitglied von Smiths
es die Vorführung eines weiteren auf Metamaterial basieren­ Forschungsgruppe an der Duke University. Das funktioniert
den Apparats ankündigte: einer Kamera, die komprimierte noch nicht: »Allzu oft haben wir großartige Ideen«, erzählt
Bilder im Mikrowellenbereich aufnimmt und dabei ganz er, »aber keine Möglichkeit, sie umzusetzen.«
ohne Linse oder bewegliche Bauteile auskommt (vergleiche
Spektrum der Wissenschaft 11/2013, S. 23). Sie könnte die auf­ Eine Sache von Jahrzehnten?
wändigen Sicherheitsscanner an Flughäfen ersetzen. Bislang Einen Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel ging die For­
muss man einen Mikrowellensensor physisch um das zu schungsgruppe um Nikolay Zheludev, einen Physiker an der
kontrollierende Objekt herumbewegen. Der erzeugt dabei University of Southampton (Großbritannien), der auch ein
eine unhandliche Datenmenge, die zwischengespeichert Forschungszentrum für Metamaterialien an der Techni­
werden muss, bevor daraus ein Bild entsteht. Der Apparat schen Universität Nanyang in Singapur leitet. Deren Bauteil
der Gruppe von der Duke University hingegen beansprucht lässt sich elektronisch von durchsichtig auf reflektierend (für
nur sehr wenig Speicherplatz. Er sendet zehnmal pro Sekun­ sichtbares Licht) umschalten und umgekehrt. Seine nanome­
de Mikrowellenstrahlen vielfältiger Wellenlängen auf das tergroßen Elemente werden aus einer dünnen Goldschicht
Ziel; die werden reflektiert und fallen auf ein Raster quadrati­ geätzt. Eines Tages könnte diese Konstruktion als Schalter in
scher Metamaterialzellen aus Kupfer, die jede einzeln und einem Hochgeschwindigkeitsglasfasernetz dienen.
sehr schnell durchlässig oder undurchlässig geschaltet wer­ Solange ein dreidimensionaler Klotz aus Metamaterial für
den können. Ein einziger Sensor misst die Gesamtintensität sichtbares Licht technisch noch außer Reichweite ist, kon­
der Strahlung bei jeder Anordnung. Aus einer Folge solcher zentrieren sich einige Forscher auf zweidimensionale Struk­
Aufnahmen errechnet die Software eine hochkomprimierte turen. Im August 2012 stellte die Gruppe von Federico Capas­
Datei, aus der sich wiederum ein Bild des Objekts rekonstru­ so von der Harvard University eine flache Sammellinse aus
ieren lässt. Metamaterial für infrarotes Licht vor. Es handelt sich um ein
Bislang kann die Kamera nur zweidimensionale Aufnah­ zweidimensionales Raster von goldbeschichteten Zellen, die
men einfacher metallischer Objekte erzeugen. Wenn sie aber mittels Elektronenstrahllithografie, einem Fertigungsver­
in Zukunft auch die Tiefe bei verbesserter Auflösung erfasst, fahren der Mikrochipindustrie, aus einem 60 Nanometer di­
dann könnte sie, so Driscoll, die sperrigen, teuren und lang­ cken Siliziumwafer geätzt wurden. Die Zellen sind unbeweg­
samen Kabinen auf den Flughäfen überflüssig machen. Die lich; die Physiker erzielen den optischen Effekt, der einer
kleinen, billigen Geräte lassen sich dann auch gleich an wei­ Lichtbrechung gleichkommt, indem sie die Größe der Ele­
teren Plätzen innerhalb des Flughafens und in anderen sen­ mente und der Zwischenräume geeignet wählen.
siblen Einrichtungen anbringen. Noch erreichen sie nicht die erforderliche Präzision; für
Bauteile aus Metamaterial für sichtbares Licht würden diesen speziellen Ätzprozess ist Silizium zu spröde, so dass
noch weitere attraktive Anwendungen finden, etwa zur Kom­ die Forscher nach Alternativen suchen. Sobald die Technik
munikation über Glasfaserkabel oder bei Kameras und Dis­ aber beherrscht wird, sagt Capasso, sind Smartphone-Kame­
plays für den Hausgebrauch. Allerdings müssten auch hier ras eine der offensichtlichen Anwendungen. Neben der Bat­
die Strukturen kleiner sein als die verwendete Wellenlänge – terie ist die Linse das wesentliche Element, welches das Gerät

Richtantenne aus Metamateri-


Spektrum der Wissenschaft, nach:  Yu, N.  et al., Science 334, S. 333–337, 2011, fig. 2G

al: Die von unten kommenden


Wellen erhalten eine von links
nach rechts zunehmende Pha-
senverzögerung. Daher über­
lagern sich die nach dem huy­-
gensschen Prinzip von jeder
Zelle ausgehenden Wellen zu
einer schräg nach links oben
wandernden Wellenfront
(grüner Strich), die allerdings
wegen der endlichen Größe
der Zellen nicht ganz glatt ist.

90  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


untersuchten 60 Nanometer breite Drähte mit UV-Licht
Spektrum der Wissenschaft, nach:  Fang, N.  et al., Science 308, S. 534–537, 2005, fig. 1

­einer Wellenlänge von 365 Nanometern. Dies gelang ihnen


Fotolack (Dicke 120 nm)
mit einer 35 Nanometer dicken Superlinse aus Silber, die im
­Abstand von 40 Nanometern das Objekt auf einen Fotolack
Silber (35 nm)
abbildete (Bild links). Zwei Jahre später entwickelten die For­
PMMA (40 nm) scher »Hyperlinsen«; sie enthalten zahlreiche gekrümmte
Chrom (50 nm) Schichten aus Materialien wie Silber, Aluminium und Quarz.
Hyperlinsen erfassen nicht nur die evaneszenten Wellen,
sondern können sie sogar in ein konventionelles optisches
Quarz System einspeisen. Letzten Endes könnte man mit ihrer Hilfe
Details unterhalb der Wellenlänge beobachten – durch das
Okular eines normalen Mikroskops. Noch ist die Herstellung
Ultraviolettstrahlung von Hyperlinsen allerdings zu kompliziert, als dass sie für
(Wellenlänge 365 nm) diesen Zweck nutzbar wären.
In umgekehrter Richtung könnte eine Kombination aus
Eine Superlinse aus Silber kann Strukturen unterhalb der Wellen- konventionellen und Hyperlinsen einen Strahl feiner fokus­
länge des verwendeten UV-Lichts auflösen, hier dünne Drähte sieren als auf einen Fleck von der Größenordnung der Wel­
aus Chrom (grün, Mitte). Als Abstandhalter dient eine Schicht aus lenlänge. Das wäre hilfreich für die Produktion von Mikro­
dem Kunststoff Polymethylmethacrylat (PMMA). chips und optischen Speichermedien mittels Fotolithografie.
Hierzu gibt Smith zu bedenken, dass Hyperlinsen und Su­
perlinsen nur einen geringen Teil des Lichts wie gewünscht
am Dünnerwerden hindert. Smartphones mit einer inte­ lenken; den größeren lenken sie ab wie eine herkömmliche
grier­ten flachen Kameralinse wären möglicherweise so dünn Glasscheibe. Zhangs Arbeit sei daher faszinierende Grund­
wie eine Kreditkarte. lagenforschung, ihre kommerzielle Nutzung jedoch noch
Allerdings brechen flache Linsen das Licht nicht im her­ längst nicht absehbar. Dem stimmt Zhang im Grundsatz zu,
kömmlichen Sinn. Sie lenken es wie die oben beschriebene sieht jedoch Grund zu vorsichtigem Optimismus. »Metama­
Satellitenantenne ab, indem sie seine Phase verändern; dabei terialien, Superlinsen und Lithografie werden sich als wahr­
hängt die Größe des Phasensprungs vom Ort ab, womit sich haft revolutionär erweisen. Wenn die Menschen nicht zu
durch Interferenz die neue Richtung des Lichtstrahls ergibt. kurzsichtig sind, dann wird das, was wir mit Meta­materialien
Dieser Effekt ist bemerkenswerterweise unabhängig von der alles erschaffen können, nur durch unsere Vorstellungskraft
Wellenlänge. Daher leidet eine Metamateriallinse im Gegen­ begrenzt.«  Ÿ
satz zu einer konventionellen Glaslinse nicht unter den Farb­
säumen (»chromatische Aberration«), die entstehen, weil der
Der Autor
Brechungsindex von der Wellenlänge abhängt (Dispersion).
Insbesondere könnte sich Capassos flache Linse in einem ab­ Lee Billings ist freier Journalist in New York.
errationsfreien Mikroskop nützlich machen.

Die Zukunft gehört der Superlinse


Mit einem anderen Konzept attackieren die Forscher ei-
ne ­weitere mit konventionellen Mitteln unüberwindliche
­Grenze: Eine Glaslinse kann keine Details wiedergeben, die
klei­ner sind als die Wellenlänge des verwendeten Lichts. Da­ Quellen
bei enthält das Licht solche Informationen durchaus, jedoch
Hunt, J. et al.: Metamaterial Apertures für Computational Imaging.
nur in Gestalt »evaneszenter« (verschwindender) Wellen.
In: Science 339, S. 310 – 313, 2013
Nach der klassischen Strahlenoptik dürfte es sie gar nicht Ou, J.-Y. et al.: An Electromechanically Reconfigurable Plasmonic
­geben. Wegen der Wellennatur des Lichts bleibt jedoch ein Metamaterial Operating in the Near-Infrared. In: Nature Nanotech-
­Lichtstrahl, der etwa im Inneren eines Prismas totalreflektiert nology 8, S. 252 – 255, 2013
Smith, D. R. et al.: Composite Medium with Simultaneously
wird, nicht im Glas, sondern ragt gewissermaßen noch ein ­Negative Permeability and Permittivity. In: Physical Review Letters
Stück in die Luft hinein; diese evaneszenten Wellen klingen 84, S. 4184 – 4187, 2000
­allerdings mit zunehmender Entfernung rasch ab. Eine Super­
linse aus Metamaterial, die bis auf wenige zehn Nanometer an
© Nature Publishing Group
das Objekt heranrückt, kann sie aufnehmen und vergrößern. www.nature.com
Einen ersten Machbarkeitsnachweis für Superlinsen er­ Nature 500, S. 138 – 141, 8. August 2013
brachte 2005 eine Gruppe unter der Leitung des Physikers
Xiang Zhang von der University of California in Berkeley. Sie Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1215358

www.spek trum .de 91


Rezensionen

Matthias Eckoldt Die meisten Interviewten zählen zu


Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? jenen renommierten Hirnforschern,
Gespräche über Hirnforschung die vor gut zehn Jahren auf Anregung
und die Grenzen unserer Erkenntnis der Zeitschrift »Gehirn und Geist« das
Carl Auer, Heidelberg 2013. viel beachtete »Manifest« verfassten
250 S., € 29,95 (siehe G&G 6/2004, S. 30 sowie www.
gehirn-und-geist.de/manifest). Darin
stellten sie den aktuellen Stand ihrer
Wissenschaft dar und skizzierten die
neurowissenschaft Herausforderungen der Zukunft.
Eckoldt geht in seinem Buch der Frage
Bunte Meinungsvielfalt nach, wie sich die Lage heute präsen­
tiert. Einen zentralen Satz des Manifes­
tes, wonach die Hirnforschung sich in
Führende Experten äußern sich in Interviews zum aktuellen Stand der
mancher Hinsicht »auf dem Stand von
Hirnforschung. Dabei wird vor allem deutlich, wie sehr ihre Auffassungen
Jägern und Sammlern« befinde, wür­
auseinandergehen.­ den viele der Befragten noch immer
unterschreiben. Vor allem aber lassen

D er Philosoph und Publizist Mat­


thias Eckoldt hat neun führende
deutsche Hirnforscher befragt, und he­
suchten verraten. Vor allem aber geht
es ihm um das von der Philosophie
»am hartnäckigsten ergrübelte Ge­
sie durchblicken, wie sehr sie das Mani­
fest als Minimalkonsens empfanden,
für den sie divergierende Ansichten
rausgekommen sind durchweg unter­ heimnis«, das Bewusstsein. glattbügeln mussten.
haltsame Gespräche. Keine intellek­ Was es sei und ob man es im Gehirn Genau hier zeigt sich die besondere
tuelle Strafarbeit also, wie der dröge dingfest machen könne – ein paar Aus­ Stärke von Eckoldts Werk. Mit seiner
Buchtitel nebst Unterzeile »Gespräche sagen hierüber ringt er jedem seiner ­Interviewsammlung gelingt ihm ein
über Hirnforschung und die Grenzen Gesprächspartner ab, obwohl die sich Stimmungsbild, das dem Pluralismus
unserer Erkenntnis« befürchten lässt. mitunter heftig wehren. Viel Erhellen­ in der Hirnforschung deutlich besser
Die Interviews im Plauderton erweisen des wissen sie nicht beizutragen, ein­ Rechnung trägt als die gemeinschaftli­
sich als höchst aufschlussreich und fach weil die Neurowissenschaft in die­ che Erklärung von einst – und wahr­
verraten viel über die Persönlichkeit sem Bereich bislang wenig Handfestes scheinlich auch als die meisten ande­
der Forscher. erbracht hat. Immerhin lehnen alle In­ ren einschlägigen Bücher. Die Konzep­
Gleichwohl haben sie ein relativ ho­ terviewpartner die Auffassung ab, Be­ te, Interessen und Interpreta­tionen der
hes fachliches Niveau. Leser, die gerade wusstsein lasse sich mit der Aktivität neun Wissenschaftler sind bemerkens­
erst ihre Fühler in Richtung Neurowis­
senschaft ausstrecken, sind mit dem
Obwohl Eckoldts Gesprächspartner sich wehren, ringt er
Buch wahrscheinlich nicht gut bedient.
Eckoldt hat sich tief in die Materie ein­
ihnen einige Aussagen darüber ab, was Bewusstsein ist und
gearbeitet und diskutiert mit seinen ob man es im Gehirn dingfest machen kann
Interviewpartnern, darunter Gerald
Hüther, Gerhard Roth und Wolf Singer, ausgewählter Hirnregionen erschöp­ wert verschieden, was der Autor klar zu
detailliert deren Forschungs- und Er­ fend beschreiben. Tage treten lässt. Allerdings um den
kenntnisinteressen. Anschließend geht Ohne die kritischen Nachfragen Preis, dass jeder der neun Forscher mit
er zu jenen Themen über, die ihm Eckoldts wäre das Buch nicht halb so seiner Sichtweise letztlich für sich
selbst am Herzen liegen. spannend. Leider bekommt man das steht. Die anspruchsvolle Aufgabe, Ge­
Eckolts Grundhaltung der Hirnfor­ Gefühl, die meisten Forscher können meinsamkeiten zwischen ihnen zu fin­
schung gegenüber ist von Skepsis ge­ seinem Nachbohren nur wenig ent­ den und Querbezüge herzustellen,
prägt – so scheint es wenigstens. Viel­ gegensetzen. Sie sind eben vor allem überlässt Eckoldt – vielleicht gezwun­
leicht spielt er auch nur die Rolle des in der Wissenschaft und nicht in der genermaßen – dem Leser. Freude an
Advocatus Diaboli. Immer wieder wirft Philo­sophie zu Hause. Entsprechend seinem Buch hat deshalb nur, wer eine
er beispielsweise die Frage auf, ob die pflichtschuldig geben sie Auskunft. bunte Meinungsvielfalt zu schätzen
Schlussfolgerungen der modernen Ganz ähnlich würde es klingen, wenn weiß und nicht erwartet, abschließen­
Neurowissenschaft bezüglich der Wil­ man Formel-1-Weltmeister Sebastian de Erklärungen zu finden.
lensfreiheit überhaupt zulässig sind. Vettel während eines Trainings zur
Oder was bildgebende Verfahren wirk­ Kohlendioxidbilanz seines Rennwa­ Jan Dönges
lich über die Gedankenwelt des Unter­ gens befragte. Der Rezensent ist Redakteur bei »Spektrum.de«.

92  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


Thomas Nagel herstellen sollen, der nicht aus den
Geist und Kosmos ­Eigenschaften und Beziehungen der
Warum die materialistische und neodarwinistische physischen Teile gebildet wird«. Zum
Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist anderen wäre danach Geist etwas, was
Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann erst sehr spät innerhalb der Evolutions­
Suhrkamp, Berlin 2013. geschichte aufgetreten ist. Nagel ist
186 S., € 24,95 aber von der Überzeugung geleitet,
»dass der Geist nicht bloß ein nach­
träglicher Einfall oder ein Zufall oder
Philosophie eine Zusatzausstattung ist, sondern ein
grundlegender Aspekt der Natur«.
Nagel mit Köpfchen Damit tendiert der 1937 geborene
Philosoph, der seit 1980 eine Professur
für Philosophie und Recht an der New
Der Philosoph Thomas Nagel hält das gegenwärtige
York University innehat, eher zu einer
­ aturwissenschaftliche Weltbild für unzureichend – bietet
n
»panpsychistischen« Theorie – der me­
aber keine konkrete Alternative an. taphysischen Auffassung also, Materie
verfüge über geistige Eigenschaften.

D er Streit um die Evolutionstheorie


wird oft mit unerbittlicher Härte
und ideologischer Verbohrtheit ge­
keine plausible Reduktion verfügbar ist
und wenn es weiterhin nicht akzepta­
bel ist, dem Geistigen die Realität abzu­
Gleichzeitig sieht er die Schwierigkeit,
etwas so Ganzheitliches wie das Be­
wusstsein als Ergebnis des Zusammen­
führt. Umso erfreulicher ist es, dass sprechen, legt das nahe, dass die ur­ spiels »protomentaler Teilchen« zu er­
Thomas Nagel mit »Geist und Kos­ sprüngliche Prämisse, der materialisti­ klären. Das religiöse Erklärungsmodell,
mos« ein völlig unideologisches Buch sche Naturalismus, falsch ist, und das das den Glauben an einen absichts­
geschrieben hat, in dem er nüchtern nicht nur an ihren Rändern.« vollen Schöpfer voraussetzt, lehnt er
die Problematik analysiert und gänz­
lich auf Polemik verzichtet. Es wäre ein
Der Autor favorisiert ein Modell, wonach die Selbstorganisa­
großer Fortschritt in dieser Diskussion,
wenn alle Beteiligten, und gerade die
tion der Materie an bestimmten Zwecken orientiert ist
Vertreter der Naturwissenschaften,
sich an seinem Stil orientierten. Um diese These zu erhärten, unter­ ebenfalls ab. Denn es sei ihm (Nagel)
Schon vor beinahe 40 Jahren äußer­ zieht der Autor sowohl das religiöse nicht möglich, »die Alternative eines
te sich der amerikanische Philosoph als auch das wissenschaftlich-kausale höheren Plans als eine wirkliche Op­
mit seinem Aufsatz »What is it like to ­Erklärungsmodell einer eingehenden tion anzusehen«. Es bleibt dann nur
be a bat?« (»Wie ist es, eine Fledermaus Analyse. Wichtig ist ihm, die histori­ noch die Möglichkeit, die Materie ge­
zu sein?«) nachdrücklich zur Philoso­ sche Entstehung des menschlichen Be­ wissermaßen aufzuwerten, indem
phie des Geistes und zum Problem des wusstseins und seine Stellung in der man ihr Eigenschaften beimisst, die im
Bewusstseins. Bereits damals zeigte er, Welt zu klären. Denn »wenn A die Evo­ theistischen Modell auch Eigenschaf­
dass es zwecklos ist, »eine Verteidigung lutionsgeschichte ist, B das Auftreten ten Gottes sind: Geist, Lebendigkeit
des Materialismus auf irgendeine Ana­ von bestimmten Organismen und C und Zielgerichtetheit.
lyse mentaler Phänomene zu gründen, deren Bewusstsein […], heißt das, dass Obwohl der Autor es konsequent
die es versäumt, sich explizit mit ih­ irgendeine Form von psychophysi­ vermeidet, einen festen Standpunkt
rem subjektiven Charakter zu beschäf­ scher Theorie nicht nur ungeschicht­ einzunehmen, lässt sich in etwa seine
tigen«. lich am Ende des Prozesses gelten philosophische Position ausmachen,
Genau dort knüpft Nagel nun er­ muss, sondern auch für den evolutio­ wenn man zwischen den Zeilen liest. Er
neut an. Auf zirka 180 Seiten legt er dar, nären Prozess selbst«. favorisiert demnach ein Modell, wo­
dass der evolutionäre Materialismus Aus diesem Grund begegnet er nach die Selbstorganisation der Mate­
unfähig ist, Bewusstsein, Vernunft und »emergenztheoretischen« Erklärungs­ rie an bestimmten Zwecken orientiert
Wertvorstellungen auf physikalische modellen, für die Bewusstsein eine Fol­ ist und sich auf ein einziges Grund­
oder chemische Prozesse zu reduzie­ ge komplexer neuronaler Strukturen prinzip zurückführen lässt. Dieses
ren. Deshalb, so Nagel, scheitert der ist, kritisch. Zum einen ist es für den Grundprinzip durchdringe die Welt,
evolutionäre Materialismus daran, den Autor nicht glaubhaft, »dass rein phy­ und die Identität des Menschen sei sei­
Geist in all seinen Ausdrucksformen in sische Elemente, wenn sie in einer be­ ne konkrete Ausgestaltung.
die neodarwinistische Naturkonzep­ stimmten Weise kombiniert werden, Die Tatsache, dass Nagel keine klare
tion einzubinden. Er schreibt: »[Wenn] notwendig einen Zustand des Ganzen Position beziehen will oder kann, offen­

www.spek trum .de 93


Rezensionen

bart, dass er selbst keinen derzeitigen noch nicht verstehen, ist sehr sympa­ Nagel dar, dass eine Kritik am dominie­
Erklärungsversuch für hinreichend hält. thisch und fehlt leider so manchem sei­ renden naturalistischen Modell mög­
Das zeigt sich deutlich, wenn er gegen ner Kritiker. lich ist, ohne dabei auf Argumente zu­
Ende des Buchs schreibt, dass »ein Ver­ So hält das Buch zwei Botschaften rückzugreifen, deren sich Kreationisten
ständnis, nach dem das Universum bereit. Erstens, das vorherrschende ma­ bedienen. Allerdings offenbart das
grundsätzlich dazu neigt, Leben und terialistisch-neodarwinistische Welt­ Buch auch die Schwierigkeit, konsisten­
Geist zu erzeugen, wahrscheinlich eine bild sei unhaltbar geworden, da es nicht te Theorien jenseits des materialisti­
sehr viel radikalere Abkehr von den ver­ in der Lage sei, die Entstehung des Be­ schen Modells zu formulieren.
trauten Formen naturalistischer Erklä­ wusstseins – und weniger noch der Ver­
rung verlangen wird, als ich sie mir ge­ nunft – in seine Theorie zu integrieren. Eckart Löhr
genwärtig vorzustellen vermag«. Diese Es zeige sich, schreibt der Autor, »dass Der Rezensent hat Philosophie und Literatur
Bescheidenheit und Demut angesichts die Biologie keine rein physikalische studiert; er schreibt Essays und Rezensionen für
dessen, was wir nicht beziehungsweise Wissenschaft sein kann«. Zweitens legt verschiedene Onlinezeitschriften.

Helmut Satz dierende Universum, das wir nur bis zur


Gottes unsichtbare Würfel Hubble-Sphäre einsehen können, weil
Die Physik an den Grenzen des Erforschbaren die Lichtgeschwindigkeit endlich ist.
C.H.Beck, München 2013. Auch im Mikrokosmos gibt es Horizon­
223 S., € 19,95 te, etwa bei den Quarks, die in Ensemb­
les gefangen sind (»Confinement«).
Schließlich definiert die Quantenphysik
den »wohl spukhaftesten aller Horizon­
te, die Grenze zwischen dem Wirklichen
Physik und dem Möglichen«. In der Quanten­
physik werde das Ende der Bestimmbar­
Am Rand des Unbekannten keit erreicht, dort fange »Gott in der Tat
an zu würfeln«, schreibt der Autor.
Dass trotzdem sinnvolle Erkennt­
Ein Physiker setzt sich damit auseinander, 
nisse gewonnen werden können, ver­
wo die Grenzen der empirischen Erkenntnis liegen.
danken wir insbesondere den Symme­
trien. Sie wirken im Großen wie im

D as Buch von Helmut Satz hebt sich


wohltuend aus der Flut von po­
pulärwissenschaftlichen Werken zum
Im Buchtitel taucht der Begriff
»Gott« auf, weshalb man einen Bezug
zur Religion vermuten könnte. Das ist
Kleinen und führen zu wesentlichen
Vereinfachungen. Es ist aber auch de­
ren Bruch, der die Welt in Gang hält. Ein
Thema Teilchenphysik/Kosmologie ab. nicht der Fall – auch nicht im Sinne von gutes Beispiel hierfür sind Phasen­
Der Autor war Professor für Theoreti­ Einsteins Naturreligion, der im Hin­ übergänge. So sind etwa Ensembles
sche Physik an der Universität Biele­ blick auf die Quantenphysik den von Wassermolekülen im flüssigen Zu­
feld und hat einige Jahre am CERN ver­ Spruch »Gott würfelt nicht« prägte. stand symmetrisch in Bezug auf jede
bracht. Er kann die anspruchsvolle Das Buch bleibt stets auf dem festen Drehachse und jeden Drehwinkel. Wird
Materie kompetent und verständlich Boden der Naturwissenschaft. Das be­ das Wasser jedoch zu Eis, gilt die Sym­
vermitteln, was durchaus nicht jedem deutet aber keineswegs trockenen metrie auf Grund der Kristallstruktur
Experten gelingt. Das Buch ist ein Ge­ Stoff, zuweilen geht die Darstellung so­ nur noch für bestimmte Drehachsen
nuss und allen zu empfehlen, die wis­ gar ins Poetische. Dem Autor gelingen und -winkel. Eine spannende Frage,
sen möchten, was beim Erforschen des wunderbare Metaphern, besonders in mit der sich der Autor befasst, ist auch
Mikro- und Makrokosmos an »vor­ Bezug auf Themen wie Horizont, Sym­ jene nach den kleinsten, unteilbaren
derster Front« geschieht. Diese gegen­ metrie und Teilbarkeit, die das ganze Einheiten der Natur. Satz spannt bei
sätzlichen Welten sind ja heute durch Buch durchziehen. diesen schwierigen Themen immer
die Standardmodelle der Teilchenphy­ Gekonnt macht Satz dem Leser ver­ wieder einen Bogen von den frühen
sik und Kosmologie eng verknüpft – ständlich, dass in der Physik Grenzen Vorstellungen, etwa der Griechen, zur
man denke etwa an den Urknall, die des Erforschbaren existieren. Solche modernen Physik.
kosmische Inflation, Schwarze Löcher »verbotenen Räume« sind etwa Schwar­ »Gottes unsichtbare Würfel« ist
oder Dunkle Materie sowie Dunkle ze Löcher, die sich hinter einem Ereig­ übersichtlich in sechs Kapitel unter­
Energie. nishorizont verbergen, oder das expan­ teilt. Leider enthält es nur wenige Bil­

94  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


der und Grafiken. Diese sind aber sinn­

Holzstich aus  Camille Flammarion: L‘atmosphère - météorologie populaire. Paris 1888


voll eingefügt und ergänzen den her­
vorragenden, praktisch fehlerfreien
Text sehr gut. Das Buch schließt mit
zwei interessanten Anhängen. Im ers­
ten geht es um die »Sprache der Phy­
sik«, das heißt um die Bedeutung der
Mathematik beim Beschreiben der
Welt. Die daran anschließenden »An­
merkungen und Ergänzungen« vertie­
fen diverse physikalische Themen an­
hand von Formeln, etwa die relativisti­
sche Bewegung oder das Ising-Modell
zur Beschreibung des Ferromagnetis­
mus in Festkörpern. Leider gibt es nur
ein Personen-, aber kein Sachregister.
Insgesamt lotet das Werk die »Gren­
zen des Erforschbaren« auf inspirie­
rende Weise aus. 200 Seiten, die sich
wirklich lohnen!

Wolfgang Steinicke
Der Rezensent ist Physiker und Mitglied der Hinter den Rand geschaut: Im geozentrischen Weltbild dachte man sich die Erde als
Vereinigung der Sternfreunde e. V. Kugel, umgeben von konzentrischen Sphären, hinter deren letzter Gott wohnt.

VERPASSEN SIE KEINE AUSGABE UNSERER FÜNF TEILIGEN SERIE


ARBEIT & K ARRIERE
GuG 1-2/2014: Selbstständig oder nicht?
– Was gute Unternehmer auszeichnet
GuG 3/2014: Perfektionismus im Job – wann droht der Burnout
und was schützt davor?
GuG 3/2014: Bewerben 2.0 – wie neue Medien die
Jobsuche erleichtern
GuG 5/2014: »Chef, ich will mehr!«
– Gehaltsverhandlungen richtig führen
GuG 6/2014: Ehrenamt – Arbeit für ein sinnerfülltes Leben

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Rezensionen

Hans Werner Ingensiep gensiep einerseits, wie sehr sich unser


Der kultivierte Affe Verhältnis zu den Tieren geändert hat.
Philosophie, Geschichte und Gegenwart Andererseits macht er deutlich, dass
S. Hirzel, Stuttgart 2013. die Erforschung von Schimpanse, Go­
317 S., € 24,90 rilla & Co. auch unser Selbstbild grund­
legend prägt.
Ist man also einer verbindlichen
Antwort auf die Frage, was der Mensch
sei, endlich näher gekommen? Ingen­
wissenschaftsgeschichte sieps Antwort darauf fällt wohltuend
differenziert aus. Je mehr sich unser
Behaarte Fremde Wissen über Mensch und Menschen­
affe erweitere, desto mehr Fragen ergä­
ben sich – sowohl hinsichtlich ihrer
Das Verhältnis des Menschen zu seinen nächsten tierischen
Identität als auch bezüglich ihrer un­
Verwandten hat sich über die Jahrhunderte hinweg deutlich
übersehbaren Differenzen. Ingensiep
gewandelt – was sich auch auf unser Selbstbild auswirkte. beklagt denn auch die »naive Art na­
turgemäß menschlicher Fragen zu

»W as ist der Mensch?« Wer nach


neuen Antworten auf diese alte
Frage sucht, der sollte nach Ansicht
Gesamtbild zusammenfügt. Darin be­
schreibt er jene Jahrtausende währende
»Integrationsgeschichte«, an deren
Menschenaffen«. Denn angesichts evo­
lutionärer und genetischer Nähe ziel­
ten diese Fragen meist auf eine »Iden­
des Biologen und Philosophen Hans Ende neben dem Homo sapiens der tifizierung und Identität« mit den Tie­
Werner Ingensiep einen interdiszipli­ »kultivierte Affe« erscheint. ren, weniger hingegen auf »klare
nären Lösungsansatz wählen. Und da Der Blick auf unsere nächsten Ver­ begriffliche Differenzierungen und
seit Darwin die Frage nach dem Men­ wandten – Gorillas und Schimpansen – Differenz«.
schen nicht mehr von der nach dem fiel je nach Epoche unterschiedlich aus. Doch genau um Letzteres, die Diffe­
Menschenaffen zu trennen ist, spricht Mal sah man sie als lächerliche Karika­ renz, geht es Ingensiep. Sein Buch lie­
alles für eine enge Zusammenarbeit turen unserer selbst, mal als bestiali­ fert das Rüstzeug für nuancierte Ant­
von Primatenforschern und (philoso­ sche Monster und dann wieder als edle worten. Nur zu oft, schreibt der Autor,
phischen) Anthropologen. Wilde, die schließlich zu unseren Brü­ vergessen wir, wie sehr wir durch die
Ingensiep lehrt an der Universität dern werden. Gegen Ende des 20. Jahr­ Art unseres Herangehens das Ergebnis
Duisburg-Essen Philosophie und Wis­ hunderts weiteten Wissenschaftler vorherbestimmen. Es mache nun ein­
senschaftsgeschichte. Sein Buch wirft auch die letzten vermeintlichen Allein­ mal einen bedeutsamen Unterschied,
einen Blick darauf, wie der Mensch sich stellungsmerkmale des »weisen Men­ ob wir fragen »Wer ist so wie wir?« oder
und seine nächsten Verwandten im schen«, etwa Selbstbewusstsein, Moral ob wir vielmehr wissen wollen »Wer ist
Tierreich gesehen hat – sowohl bevor und Todesvorstellungen, auf Men­ anders als wir?«.
als auch nachdem Charles Darwin schenaffen aus – zumindest bis zu ei­ Ingensiep vermittelt einen gelunge­
(1809 – 1882) und Alfred Russel Wallace nem gewissen Grad. Daher sind unsere nen Einblick in die wechselnden Sicht­
(1823 – 1913) die Evolutionstheorie ver­ haarigen Vettern mittlerweile zu Perso­ weisen auf den Homo sapiens und sei­
öffentlichten. Speziell geht es um die nen avanciert, denen so mancher Zeit­ ne tierischen Verwandten. Er weist
Perspek­tive von Europäern auf Men­ genosse die Menschenrechte nicht län­ nach, dass wir uns davor hüten sollten,
schenaffen und wie sie sich im Lauf der ger vorenthalten möchte. den Menschen als hermetisch abge­
Jahr­hunderte veränderte. Seit einigen Jahren zeichnet sich al­ schlossene, von den Menschenaffen
In zehn Kapiteln spannt Ingensiep lerdings immer klarer ab, dass wir im ­separierte Spezies zu definieren. Ingen­
einen faszinierenden Bogen von der Vergleich zu den großen Menschenaf­ sieps Rat lautet, stets »kritisch zu be­
Antike über die Renaissance bis hin zur fen weit stärker von überindividuellen denken, dass der kultivierte Mensch
Aufklärung und Moderne. Sein Werk sozialen Normen und wechselseitigem sich selbst gern im Spiegel eines kulti­
versammelt zahlreiche Geistesgrößen, sozialem Engagement geprägt sind. vierten Affen erkennen, sich verglei­
darunter Aristoteles, René Descartes, Fachleute bezeichnen das als »Inter­ chen, aber dennoch vom Affen unter-
Gottfried Wilhelm Leibniz, Carl von personalität« und »Intersubjektivität«. scheiden möchte«.
Linné, Immanuel Kant sowie Max Die Kultur des Menschen weist einzig­
Scheler, Helmuth Plessner, Arnold Karl artige Strukturen der sozialen Kom­ Reinhard Lassek
Franz Gehlen und andere mehr. Sie munikation auf, gesteuert durch eine Der Rezensent ist promovierter Biologe und
alle liefern Puzzleteile, die Ingensiep psychologische »Infrastruktur geteil­ arbeitet als freier Journalist und Publizist in
schließlich zu einem beeindruckenden ter Intentionalität«. Und so betont In­ Celle.

96  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


Von der Horde zur Hochkultur: Als der
Mensch den Fortschritt entdeckte

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DVD erhältlich

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Rezensionen

Karin Schneider-Ferber unter seinen Söhnen in mehrere Teile


Karl der Große zerfiel.
Der mächtigste Herrscher des Mittelalters Zunächst erfährt der Leser, wie die
Theiss, Stuttgart 2013. karolingischen Hausmeier das politi­
192 S., € 29,95 sche Koordinatensystem im Franken­
reich des 7. und 8. Jahrhunderts sukzes­
sive zu ihren Gunsten verschoben, um
schließlich unter Pippin dem Jüngeren
(714 – 768) das Erbe der Merowinger­
Geschichte könige anzutreten. Sodann geht es da­
rum, wie das Frankenreich im 8. und
Ahnherr Europas 9. Jahrhundert unter den neuen Macht­
habern allmählich Gestalt annahm
und wie sich deren bedeutendster
Weltoffener Feingeist und gnadenloser Kriegsherr: Eine aufschlussreiche
Spross am Weihnachtstag des Jahres
Studie über Karl den Großen zeigt die vielen Gesichter des mächtigen
800 in Rom zum Kaiser krönen ließ.
Frankenherrschers, der das Fundament der abendländischen Kultur legte. Karl, so erfahren wir weiter, stieß als
Herrscher zahlreiche Reformprojekte

M it Karl dem Großen (748 – 814)


betritt im 8. Jahrhundert ein
Herrscher die politische Bühne, der
Ferber. Sie geht auf Karls Vorfahren ein,
schildert seinen Aufstieg zum ersten
Kaiser des westlichen Mittelalters und
an und stellte die Verwaltung seines
Reichs so auf eine neue Grundlage. Das
war nötig, hatte doch die nachrömi­
schon zu Lebzeiten eine Legende war. beschreibt die Blütezeit seiner Macht sche Umbruchzeit der Völkerwande­
Ihm ­gelang es, nach dem Untergang bis hin zum Niedergang des von ihm rung einen enormen Wissensverlust
Roms wieder ein zusammenhängen­ ­geschaffenen Herrschaftsgebildes, das zur Folge gehabt. Um wieder an spät­
des Groß­reich in Westeuropa zu schaf­
fen. Wie dies vonstattenging, erzählt
eindrucksvoll die Historikerin und So stellen sich viele Karl den Großen vor: als erhabenen Herrscher, die Machtinsignien
freie Journalistin Karin Schneider-­ Reichskrone, Reichsapfel und Zepter tragend.
fotolia / Alain Debord

98  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


Font: Agenda Bold
CMYK: 0/100/63/12
RGB: 178/37/68

antike und frühchristliche Traditionen chen Produktionsstätten sowie zu Her­


anzuknüpfen, holte der wissbegierige bergen für Reisende.
Frankenherrscher die klügsten Köpfe Doch Karl war nicht nur Kulturstif­
seiner Zeit an den Hof. Unter ihnen ter. Er gestaltete auch den europäi­
­befanden sich sein engster Vertrauter schen Kontinent um und zwang da­
Alkuin (735 – 804), der Theologe Hraba­ bei – im Namen Gottes – ganze Völker

Karl war ein überaus umtriebiger Kulturstifter – und zugleich


grausamer Menschenschlächter

nus Maurus (780 – 856) und der Biograf unter sein Joch, etwa die Sachsen. Hier
Einhard (770 – 840), der mit seiner offenbaren sich die Schattenseiten die­
»Vita Karoli Magni« den Nachruhm ser mittelalterlichen Lichtgestalt, sein
des Kaisers sicherte. hässliches Gesicht als grausamer Men­
Zur herrschaftlichen Durchdrin­ schenschlächter, der »heidnische« Un­
gung seines Reichs stützte sich Karl auf tertanen mit Waffengewalt zum christ­
Erzbischöfe und Bischöfe, die in ihren lichen Glauben bekehrte. Zudem stell­
Bezirken seine Weisungen (Kapitulari­ te er die Beziehung zu Rom auf eine
en) ausführten. Zudem setzte er Grafen neue Grundlage und propagierte die
ein, die in ihren Herrschaftsbereichen Erneuerung des Römischen Reichs
als seine Stellvertreter über das Heer (»renovatio imperii Romanorum«). Als
befehligten und den Vorsitz bei Ge­ deren im wahrsten Sinne krönender
richt führten. Königsboten (»missi do­ Abschluss ist sein Kaisertum zu ver­
minici«), jeweils ein Adliger und ein stehen.
­Bischof, bereisten jährlich bestimmte Aus heutiger Perspektive lässt sich Christiane Gelitz (Hrsg.)
Grafschaften und Bistümer und kont­ kaum nachvollziehen, wie schwer es
rollierten die Amtsführung der lokalen damals war, über ein Reich zu gebieten, Psychotherapie heute
Machthaber. das sich von der Elbe bis zum spani­ Seelische Erkrankungen und ihre
Um den Königshof zu versorgen, er­ schen Fluss Ebro und von den friesi­ Behandlung im 21. Jahrhundert
ließ Karl eine Landgüterverordnung, schen Inseln bis nach Mittelitalien er­ ADHS bei Erwachsenen, Computerspielsucht,
das »Capitulare de villis«, in der er sei­ streckte. Zu den Eigenheiten der karo­ soziale Phobie, Borderline – Begriffe, die wie
ne Verwalter detailliert unterwies, wie lingischen Herrschaftspraxis gehörte nie zuvor durch sämtliche Medien geistern.
sie seinen Besitz zu pflegen hätten. Er es, überall im Reich persönliche Prä­ Aber was steckt dahinter?
ließ Maße und Gewichte normieren, senz zu zeigen. Dieses Phänomen der In wissenschaftlich fundierten, verständlichen
und unterhaltsamen Beiträgen stellen Psycho-
schuf mit dem Silberdenar eine Ein­ »ambulanten Herrschaftsausübung«
logen, Psychiater, Psychotherapeuten und Me-
heitswährung, die Jahrhunderte über­ erforderte ständiges Umherreisen. So dizinjournalisten das Spektrum der wichtigsten
dauerte, und vereinheitlichte die reli­ begegnet uns in Karl ein Herrscher im psychischen Störungen sowie erfolgreiche
giösen Zeremonien und Riten. In Ge­ Sattel, der permanent unterwegs war, neue Therapieansätze in den Fokus.
stalt der Pfalzen ließ er monumentale von Pfalz zu Pfalz ritt und an diesen „Psychotherapie heute“ verschafft einen
Steinbauten errichten – alles andere als »repräsentativen Orten fränkischer ebenso instruktiven wie spannenden Überblick
selbstverständlich in einer Welt der Herrschaftsausübung« seinen Regie­ über neue Störungsbilder und die Fortschritte
der Therapieforschung. Dieser ist nicht nur für
Hütten –, förderte die Wissenschaften rungsgeschäften nachging.
Mediziner und Therapeuten von Bedeutung,
und das Handwerk. Überdies etablierte Karls Imperium schuf einen zivili­ sondern auch für alle an Psychotherapie und
er mit der karolingischen Minuskel ein satorischen Rahmen, in dem sich die Neurowissenschaften Interessierten.
neues Schriftbild mit klarer Linienfüh­ späteren europäischen Nationen he­ 2012. 200 Seiten, 16 Abb., kart.
rung, die das Schreiben erleichterte rausbilden konnten. Diese epochale € 19,99 (D) / € 20,60 (A)
ISBN 978-3-7945-2867-7
und noch heute üblichen Druckschrif­ Leistung würdigt das vorliegende Buch
ten wie der »Times« zu Grunde liegt. historisch fundiert und mit großem
Als Zentren der neuen Gelehrsam­ ­erzählerischem Schwung.
keit etablierten sich die Klöster. Sie wa­
Irrtum und Preisänderungen vorbehalten.

ren nicht mehr nur Orte des Gebets, Theodor Kissel Jetzt bestellen!
sondern wurden zu Bildungsstätten Der Rezensent ist promovierter Althistoriker, Internet: www.schattauer.de/shop
E-Mail: order@schattauer-shop.de
mit Bibliotheken und Skriptorien, zu Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist;
handwerklichen und landwirtschaftli­ er lebt in der Nähe von Mainz.

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Rezensionen

Michael Benesch, Elisabeth Raab-Steiner


Klinische Studien lesen und verstehen
UTB, Wien 2013. 140 S., € 14,99
Randomisierte kontrollierte Wirksamkeitstests, Signifikanzen, Effektstärken – das Einmaleins der
klinischen Forschung erläutert dieser Band in kompakter Form. Er gibt Studenten, interessierten Ärzten,
Psychologen und Patienten das nötige Wissen an die Hand, um sich im Studiendschungel zurechtzufin-
den. Das Buch erläutert Grundlagen der Statistik und Epidemiologie und liefert zudem eine Checkliste
für die Bewertung von Stu­dien – denn nicht alles, was als wasserdichte Empirie erscheint, erfüllt diesen
Anspruch auch. Kästen mit den wichtigsten Lernzielen und Begriffen erleichtern dem Leser die Orien-
tierung, ansonsten aber hätten die Autoren manches didaktisch liebevoller aufbereiten können. Sei’s
drum: Wer die 150 Seiten durchgearbeitet hat, dem macht die Pharmalobby nicht mehr so leicht ein X
für ein U vor. Steve Ayan

Darek Sepilo
Magic of Big Blue – Geheimnisse der Ozeane
Koch Media, München 2013
Laufzeit: 345 Minuten, DVD € 23,–, Blu-Ray € 25,–, 3D-Blu-Ray € 27,– (Zirkapreise)
Die spektakulären Aufnahmen des Unterwasserfilmers Darek Sepilo lassen den Zuschauer in die faszi-
nierende Welt der Ozeane eintauchen. Jede der insgesamt sieben Episoden widmet sich einer anderen
Weltregion. Sepilo präsentiert farbenprächtige Korallenriffe, perfekt getarnte Fische, Haie, Wale, Meeres­
schildkröten und vieles mehr. Untermalt von stimmungsvoller Musik stehen dabei sinnliches Erleben
und Staunen im Vordergrund. Der Film bietet jedoch auch fundierte biologische Hintergrundinforma­
tionen. So erfährt man mit Staunen von den unglaublichen Anpassungen und Symbiosen, zu denen
der tägliche Daseinskampf bei Räubern und Beutetieren führt. Dieses fragile Ökosystem, so die Bot-
schaft, ist durch globale Erwärmung und Überfischung bedroht. »Magic of Big Blue« richtet sich an
Zuschauer aller Altersklassen und erfordert keine Vorkenntnisse. Die Sprache ist lebendig und gut
verständlich, wenn auch manchmal etwas pathetisch. Georg Neulinger

Sonia Fernández-Vidal
Nikos Reise durch Raum und Zeit
Aus dem Spanischen von Kristin Lohmann
Hanser, München 2013. 195 S., € 14,90
Niko, der Held dieser Geschichte, kommt auf seinem Schulweg an einer seltsamen Tür vorbei. Als er
hindurchgeht, landet er in der Quantenwelt. Dort erlebt er viele merkwürdige Dinge am eigenen Leib,
darunter den Tunneleffekt (er rennt durch eine Wand), die Quantenverschränkung (er lässt sich tele-
portieren) und das Superpositionsprinzip (er findet aus einem Labyrinth, indem er drei Wege gleichzei-
tig nimmt). Das alles fügt sich in eine kindgerechte, fesselnde Märchenhandlung ein. Die Autorin Sonia
Fernández-Vidal, promovierte Quantenphysikerin, erklärt die genannten Phänomene in ihrem schma-
len Kinderroman natürlich nur oberflächlich. Ihr Buch könnte Kinder aber früh an die moderne Physik
heranführen und ihnen diesbezügliche Berührungsängste nehmen. Frank Schubert

Eckhard Grimmberger
Die Säugetiere Deutschlands – Beobachten und Bestimmen
Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2014. 561 S., € 19,95
Der üppig bebilderte Band will eine handliche Bestimmungshilfe bei Säugetierbeobachtungen sein –
sowohl für interessierte Laien als auch für Profis. In der knappen Einleitung trägt der Autor einige
Hintergrundinformationen zusammen und gibt Beobachtungstipps. Auf den restlichen gut 500 Seiten
listet er sämtliche in Deutschland heimischen Säuger auf und beschreibt sie kurz; auch auf invasive
oder ausgewilderte Spezies geht er ein. Die etwa 320 Fotos von Alt- und Jungtieren, ihren Gebissen,
Nestern und Spuren ergänzt er stimmig mit Karten der jeweiligen Verbreitungsgebiete. Allerdings
dürfte die Schriftgröße bei Dämmerlicht und Dunkelheit – den Hauptbeobachtungszeiten bei vielen
Tieren – so manchem Nutzer Leseschwierigkeiten bereiten. Davon abgesehen präsentiert sich der Band
als inhaltlich gut aufgearbeitetes und überzeugendes Werk. Arne Baudach

100  Spek trum der Wissenschaf t · JAnuar 2014


Rudolf Taschner (1906 – 1978). Er bindet sie ganz selbst­
Die Zahl, die aus der Kälte kam verständlich und gekonnt in seine Er­
Wenn Mathematik zum Abenteuer wird zählungen ein.
Hanser, München 2013. Da fragt man sich natürlich, wo bei
250 S., € 19,90 all diesen unterhaltsamen Geschichten
die »harte« Mathematik bleibt. Sie
kommt nicht zu kurz, ist aber haupt­
sächlich in die Fußnoten und den An­
hang verbannt – und jeder, der es ge­
mathematik nauer wissen will, muss nach hinten
blättern. Die 38 Anmerkungen füllen
Acht Geschichten über Zahlen immerhin gut 30 Seiten. Zu den gro­
ßen Zahlen beispielsweise gibt es eine
sechsseitige Erläuterung, in der es ma­
Ein Mathematikprofessor erzählt leichtfüßig und unterhaltsam 
thematisch zur Sache geht.
aus seiner Welt.
Auch der Haupttext taucht mitun­
ter ins Detail ein, verpackt dies aber in

W as sagt Ihnen 4 294 967 297? 4,3


Milliarden, denkt der Finanzpoli­
tiker, ganz nett, aber nicht genug für
unter Beweis, denn seit nunmehr zehn
Jahren unterhält er ein breites Publi­
kum im Kulturprojekt »math.space«,
Verbalformulierungen, was die Sache
nicht immer leichter macht: »Dann
kann man eine Zahl dadurch kodieren,
große Politik. Irre viel Geld für einen das im Wiener MuseumsQuartier an­ dass man ihre Potenz mit dem Expo­
Privatmann, heute. Vor 90 Jahren, zur gesiedelt ist (suchen Sie auf Youtube nenten als Hochzahl bildet und deren
Zeit der Inflation, war es zu wenig für nach »mathspacewien«, um ein au­ Rest nach Division durch den Modul
eine Scheibe Brot. Für den Mathemati­ thentisches Bild von dem Projekt zu als chiffrierte Zahl seinem Partner mit­
ker spielt viel oder wenig kaum eine bekommen). Dementsprechend ist teilt.« Zugegeben, im Umfeld der sonst
Rolle, er hat da andere Kriterien. Die 7
am Ende sagt ihm zum Beispiel, dass es
Taschner bemüht sich, die »harte« Mathematik aus dem
eine ungerade Zahl ist. Und natürlich
erfährt man später auch, was es mathe­
Haupttext herauszuhalten. Das führt mitunter zu sperrigen
matisch mit der Zahl auf sich hat. Verbalformulierungen
Mit solchen Betrachtungen entführt
Rudolf Taschner seine Leser in die Welt auch das vorliegende, in die Mathema­ wirklich guten Erklärungen verliert der
der Zahlen. Und das gelingt ihm ganz tik einführende Buch nicht das erste Satz seinen Schrecken. Aber es kommt
vortrefflich. Sein neues Buch ist faszi­ des Autors. Seit 2005 veröffentlicht er immer mal wieder vor, dass Taschner
nierend und kurzweilig. Es hat die Ma­ in jedem ungeraden Jahr ein neues, einen langen Satz scheibt, wo eine kur­
thematik zum Thema, ist aber kein etwa »Gerechtigkeit siegt – aber nur im ze Formel deutlich bessere Dienste ge­
Lehrbuch im üblichen Sinn. Taschner Film« (2011), »Rechnen mit Gott und leistet hätte.
erzählt darin Geschichten, acht insge­ der Welt« (2009) und »Zahl, Zeit, Zu­ Wer als wissenschaftsinteressierter
samt, und das kann er. Einmal deshalb, fall« (2007). Leser der Mathematik nicht gänzlich
weil er vom Fach ist, nämlich Mathe­ Seine Geschichten schmückt Tasch­ abgeneigt ist, bringt alle Voraussetzun­
matikprofessor an der Technischen ner zum Teil mit erfundenen Akteuren gen mit, um in diesem empfehlens­
Universität Wien. Und so berichtet er und Umständen aus, um sie begreifba­ werten Buch an den Geschichten über
sehr kenntnisreich über Zahlen in der rer zu machen. Zudem führt er histori­ Zahlen seine Freude zu haben. Und las­
Natur, Rechnungen zum Kalender oder sche Personen an, von denen er sehr sen Sie sich nicht vom Umschlagbild
Primzahlen. Immer wieder geht es ihm kundig und umfassend zu berichten abschrecken. Die Mathematik im Buch
dabei um große oder lange Zahlen und weiß. Natürlich kommen in seinem ist bei Weitem nicht so verstaubt wie
schließlich um die Unendlichkeit. Buch die »Alten« vor: Euklid von Ale­ das Zeichengerät, das Herr Taschner
Aber Taschner hat auch eine unge­ xandria (3. Jahrhundert v. Chr.), Blaise auf der Vorderseite präsentiert.
wöhnliche Sicht auf die Mathematik. Er Pascal (1623 – 1662), Gottfried Wilhelm
betrachtet sie als Teil unserer Kultur – Leibniz (1646 – 1716) oder Pierre de Fer­ Reimund Albers
und mathematische Errungenschaften mat (1607 – 1665). Doch Taschner geht Der Rezensent ist Akademischer Rat an der
als kulturelle Leistungen, ebenbürtig auch auf wichtige Mathematiker des Universität Bremen (Fachbereich Mathematik)
denen in der Literatur, Malerei oder 20. Jahrhunderts ein, etwa Claude El­ und dort in der Lehrerausbildung tätig.
Musik. Zudem stellt er seine Fähigkei­ wood Shannon (1916 – 2001), David Zusätzlich gibt er an der Akademie Bremen
ten als erfahrener Geschichtenerzähler Hilbert (1862 – 1943) oder Kurt Gödel Seniorenkurse in Mathematik.

www.spek trum .de 101


Rezensionen

AUS UNSEREM LESERSHOP

BILDK ALENDER »HIM MEL UND ERDE 2014«


Sterne und Weltraum präsentiert 13 überragende astronomische
Motive von Wissenschaftlern und Amateurastronomen.
Zusätzlich bietet der Kalender wichtige Hinweise auf die
herausragenden Himmelsereignisse 2014 und erläutert ausführ-
lich alle abgebildeten Objekte. 14 Seiten; 13 farbige Großfotos;
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Platz für 12 bis 15 Hefte. Sie können darin alle Ihre
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Ahnerts Astronomisches Jahrbuch erscheint nun als Kalender für
Sternfreunde mit überarbeiteter Struktur im DIN-A4-Format.
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Wissenschaf t · JAnuar 2014
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Aus Zeitschriften der Forschungsbibliothek für Wissenschaft- und
Wissenschaft im Rückblick Technikgeschichte des Deutschen Museums

steht aus mehreren Kno­ Unterkiefer ein solches We­ 1953 als Fälschung entlarvt, beste-
chenstücken, der linken Hälf­ sen nie habe sprechen kön­ hend aus einem mittelalterlichen
te eines Unterkiefers und nen.« Prometheus 1262, S. 209, 1914 Menschenschädel und dem Unter-
verschiedenen Teilen der (Der »Piltdown-Mensch« wurde kiefer eines Orang-Utans. Die Red.)
Schädelkapsel. Dawson und
Woodward bargen den Fund.
Viel Lärm um nichts Nachdem englische Sachver­ Strom schlägt Gas
»Neben den bereits bekann­ ständige die Zusammenge­ »Nach einer Statistik wies Berlin im Jahre 1893 an Kleinmoto­
ten Vormenschenfunden be­ hörigkeit von Kiefer und ren 1010 Gas- und 232 Elektromotoren auf. Sechs Jahre später
ansprucht der im Sommer Schädel anerkannten, gehen war die Zahl der Gasmotoren auf 1225, die der Elektromoto­
1912 in einem Kieslager bei aber im weiteren die Ansich­ ren auf 13 791 gestiegen. 1911 waren nur noch 422 Gas- neben
Piltdown zutage geförderte ten der Gelehrten weit ausei­ 26 669 Elektromotoren im Betrieb. Dies zeigt, daß der Elek­
Fund ein besonderes Interes­ nander. Nach Woodward ist tromotor als Kleinmotor bei annähernd gleichen Preisen für
se, da er der Gegenstand eif­ der dicke Wandungen zeigen­ Strom und Gas unbestreitbare Vorzüge besitzt, in erster Linie
rigster wissenschaftlicher de Schädel kleiner als bei geringe Anschaffungskosten, bequeme Bedienung und stete
Dis­kussion ist. Der Fund be­ ­›irgendeinem menschlichen Betriebsbereitschaft.« Technische Monatshefte 1/1914, S. 38
Wesen‹, nach Lankester ›de­
nen der vor etwa 1000 Jah­
ren lebenden Bewohner von Delikatessen aus der Tiefsee
Sussex ähnlich‹. Aus dem re­ »Wie Jacques Pellegrin mitteilte, kommen neuerdings See­
konstruierten Schädel geht fischarten, die beträchtliche Meerestiefen bewohnen und von
hervor, daß Gesicht und Kie­ denen man zurzeit nur wenige Exemplare in den Museen hat,
fer ungemein affenähnlich auf den Pariser Markt. Diese Tatsachen sind bedingt durch die
sind und nach ihrer Entwick­ Entwicklung der französischen Seefischerei. Die Fischer ge­
lungsstufe nicht sehr hoch hen jetzt weiter hinaus in die See, und sie dringen mit ihren
über den betreffenden Teilen Fanggeräten bis zu den Tiefen von 200 m. Selbst einer der al­
eines Schimpansenschädels lerseltensten Fische, Parazenopsis conchifer, der erst in einem
Der rekonstruierte stehen. Klaatsch führte aus, einzigen Exemplar beschrieben worden ist, hat auf dem Pari­
Piltdown-Schädel. daß mit einem derartigen ser Markt festgestellt werden können.« Die Umschau 2/1914, S. 40

Bitte vollladen! Blick in den Magen


»Benzin in festem Zustand dürfte bald aus dem Labor zur prak­ »Bisher war es ohne Opera­
tischen Anwendung übertreten. In den USA wollen Firmen tion nur möglich, den Ma­
sogenanntes Hartbenzin auf den Markt bringen, das in mik­ gen eines lebenden Men­
roskopisch kleinen Kunststoffkapseln gespeichert ist. Durch schen mit Hilfe eines Ma­ ren führt. Von jeder Faser
Druck am Armaturenbrett werden sie verflüssigt. Der Auto­ genspiegels oder auf einem wird ein Bildpunkt über die
mobilist kann Stücke von einem Benzinblock abbrechen. Das Röntgen-Bildschirm zu be­ Fernsehkamera auf den Bild­
neue Hartbenzin wäre etwas teurer als das flüssige, aber viel trachten. Die Firma Grundig schirm übertragen.« Elektro-
leichter zu transportieren.« Neuheiten und Erfindungen 336, S. 9, 1964 hat nun ein neues Verfahren nik 1/1964, S. 29
entwickelt. Bei diesem wird
ein Lichtleitkabel durch die
Pathologie der Langeweile Speiseröhre eingeführt. Am
»Bei Isolierung oder mangelnder Reizvariation fällt der Ende des Kabels liegt ein
Mensch rasch in schlafähnliche Zustände. Deren Erforschung 6 mm starkes Bündel aus
ist sehr wichtig, um die Auswirkung moderner Arbeitsver­ 150 000 Glasfasern. Jede ein­
fahren (Fließband, Automatisierung) zu erfassen. M. Haider zelne Faser hat nur einen
führte erstmals Vigilanztests durch. Er fand häufige und mit Durchmesser von einigen
der Arbeitsdauer zunehmende Aufmerksamkeitsverluste. hundertstel Millimeter und
Diese können zu Produktionsausfällen oder zu Verkehrs­ wirkt wie ein Schlauch mit
unfällen führen. Die Zustände sind sehr unangenehm, da oft verspiegelten Wänden, der
eine zunehmende innere Spannung und gleichzeitig Apathie das Licht nahezu verlustfrei
sowie Langeweile empfunden werden.« Die Umschau 2/1964, S. 57 von einem Ende zum ande­ Fernsehbild vom Magen.

www.spektrum.de 103
Futur III

Geschichte
in Briefen
Von Alex Shvartsman

findung perfektioniert, aber die Nach- sen werden. Ich kann den Gedanken
 1. 9. 12 richt von deiner Schwangerschaft ist nicht ertragen, dass sie in ständiger
Hallo Cat, ein Wunder, das alle bloß wissenschaft- Furcht vor der nuklearen Vernichtung
endlich haben wir’s geschafft! Die Zeit- lichen Errungenschaften überstrahlt. leben, die allen freien Menschen des
maschine funktioniert. Die Kerle reden Ich konnte letzte Nacht nicht schla- Sozialistischen Europas droht.
davon, sie an eine große Technikfirma fen und dachte an die Welt, in die unser Ich besitze das Mittel und die mora-
zu verscherbeln, aber ich habe eine Kind – ob Sohn oder Tochter – hineinge- lische Autorität, 70 Jahre Kalten Krieg
bessere Idee. boren wird. Ein durch 70 Jahre totalen zu verhindern. Ich werde zurück nach
Ein rascher Abstecher zu Ururgroß- Krieg und dauernde Nazi-Luftangriffe 1930 reisen und Roosevelt töten. Wenn
vater Oskars Werkstatt im Weimar von verwüstetes England ist wahrlich nicht alles gut geht, wirst du diese Notiz in
1890, ein paar Skizzen und eine Probe der Ort, an dem es aufwachsen soll. ­einer besseren Welt lesen, die bereits
auf seinem Arbeitstisch hinterlassen – Im Besitz eines funktionierenden den Kommunismus erreicht hat.
und Simsalabim: Oskar erfindet das Prototyps der Zeitmaschine besitze
Klebeband und macht in Deutschland ich sowohl das Mittel als auch die
ein Vermögen; 100 Jahre später erbt ­moralische Verantwortung, die Fehler ***
mein Zweig der Familie so viel, dass wir der Vergangenheit zu korrigieren. Ich ***
keine Finanzgeier nötig haben, die uns werde ins Jahr 1930 zurückreisen und
den Löwenanteil der Zeitreiseprofits Hitler töten.
 Erster Tag des Septembers im Jahr
wegschnappen. Außerdem, mit einem Wenn alles gut geht, wirst du in
des Herrn Zweitausend und Zwölf
Kind unterwegs können wir die übrige ­einer viel besseren Welt erwachen und
Knete gut brauchen. diese Nachricht lesen. Allerliebste Katharina,
Leider muss ich dir per E-Mail mel- ich empfing Deinen freundlichen Brief
den, dass ich heute lange in Oxford vor einigen Tagen, und es tut mir
bleibe, um an der Sache zu arbeiten,  C 01, 2012 schrecklich leid, dass die Fruchtbar-
und vielleicht das Abendessen versäu- keitsinfusionen noch nicht wirken. Ich
me. Die gute Nachricht: Wenn es aus- Liebe Katja, richte diesen Brief an Dich in der Hoff-
geht wie erwartet, werden wir nicht meine Genossen an der Oxford Uni­ nung, glückliche Entwicklungen auf
Pizza speisen, sondern Kaviar. versität und ich haben den Apparat meiner Seite mögen Dein Herz erfreu-
endlich perfektioniert. Morgen sollen en und Deine Stimmung heben.
wir das Projekt »Machina Vremeny« Der Chronomat, den zu konstruie-
 1. September 2012 dem Politbüro präsentieren. ren ich unternahm, ist endlich fertig.
Als du mir gestern die große Neuig- Mein lebenslanger Traum, das Empire
Meine liebe Cathy, keit mitteiltest, konnte ich nicht ein- Ihrer Majestät im Alleingang gegen
gestern war der glücklichste Tag mei- schlafen und musste an die Welt den- die kriegerischen Grobiane aus den
nes Lebens. Endlich habe ich meine Er- ken, in die unsere Kinder hineinwach- Ame­rikanischen Kolonien zu verteidi-

104  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · Januar 2014


gen, steht vor der Verwirklichung. Zwei Ihr Hauptargument schien zu sein, der autor
Jahrhunderte des Kampfes gegen die dass der alte christliche Kalender nur
Rebellen haben unsere Kräfte aufge- bis 2012 reicht. Als hätten die Priester Alex Shvartsman ist ein Schriftsteller
und Computerspieldesigner aus Brooklyn
zehrt und zweifellos den technischen eines ausgestorbenen eurasischen (New York). Seine Storys sind unter
Fortschritt gehemmt. Bei Gott, wir be- Kults die wissenschaftlichen Kenntnis- www.alexshvartsman.com zu finden.
sitzen nicht einmal die dampfgetriebe- se besessen, um eine künftige Katas­
ne fliegende Kutsche, deren Erfindung trophe vorherzusagen. Absurd!
Wohin mögen die Entwicklungen unserer
längst verflossene Vielschreiber schon Ich ging nach Hause, allein. Ich
Zeit dereinst führen? Sciencefiction-Autoren
für die 1970er Jahre vorhersagten. konnte nicht schlafen, lag im Bett und spekulieren über mögliche Antworten. Ihre
Die Welt wäre ein besserer Ort, hätte stellte mir vor, wie es wäre, ein Mittel Geschichten aus der »Nature«-Reihe »Futures«
der zivilisierte Mensch sich niemals zur Veränderung der Vergangenheit zu erscheinen in unserer neuen Rubrik erstmals
in deutscher Sprache.
nach Amerika aufgemacht, und somit erfinden. Wie anders sähe unsere Welt
werde ich gleich den Chronomaten ak- aus, wenn die Forschungsreisenden © Nature Publishing Group
tivieren, um zu verhindern, dass Herr der Maya nicht vor vielen Jahrhunder- www.nature.com
Nature 496, S. 542, 25. April 2013
Kolumbus seine Reise unternimmt. ten Europas Küsten erreicht hätten!
Wenn dieser Brief Dich in der Klinik Welch eine Kultur und Wissenschaft
erreicht, werden wir alle in einem bes- hätten die bleichgesichtigen Stämme
seren Morgen leben. dieses Kontinents entwickeln können,
wären sie nicht von der überlegenen
westlichen Zivilisation ausgerottet
*** oder unterworfen worden!
*** Das werden wir nie erfahren. Eine
Reise zurück durch die Zeit ist eine
­albere Fantasie, die mir nur einfiel, weil
 Haab: 12 Mol. Tzolkin: 10 Muluc
ich gestern Abend zu viel Balché ge-
Liebes Tagebuch, trunken hatte.
wieder einmal gelang es mir heute nicht, Ich will solche Gedanken aus mei-
eine passende Partnerin zu finden. nem Geist vertreiben, baden, ausru-
Ich schleppte mich zur Trinkhalle, hen und mich vorbereiten. Morgen
aber es waren nur wenige ledige Frau- werde ich ausgehen und es wieder ver-
en da, und keine interessierte sich für suchen. Irgendwo da draußen ist eine
meine Avancen. Also trank ich allein Frau, die dazu bestimmt ist, meine
und lauschte zwei betrunkenen Maya, Seelenverwandte zu werden. Ich habe
die anscheinend das bevorstehende sie noch nicht getroffen, bleibe aber
Ende der Welt fürchteten. Optimist.

www.spektrum.de 105
Vorschau Das Februarheft ist ab 21. 1. 2014 im Handel.

Mike Carroll
Stringtheorie und
Quantenverschränkung
Was Einstein misstrauisch als »spukhafte Fernwirkung« abtat, wurde
bisher meist nur an einzelnen Teilchen oder winzigen Molekülwolken
bestätigt. Doch auch die unzähligen Teilchen in einem Festkörper können
einen verschränkten Quantenzustand bilden. Zu dessen Beschreibung
eignet sich überraschenderweise die Stringtheorie aus der Elementarteil­
chenphysik.

Opfer der Vernachlässigung


Eine langjährige Studie untersuchte die
Entwicklungsdefizite, die der Aufent-
halt in den berüchtigten rumä­nischen
Kinderheimen anrichtete. Deutlich
mildern ließen sie sich nur dann, wenn
die Kinder vor dem zweiten Geburts-
tag zu einer Pflegefamilie kamen.

Jonathan Morris & Alan Tennant, Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB)


Magnetische Monopole
Seit jeher galt: Magnetische Nord- und
Südpole treten stets gemeinsam auf.
Nun aber gelang es Forschern, in künst­
lichen Materialien, so genanntem Spin-
Foto: Zachary Zavislak

Eis, isolierte Magnetpole zu erzeugen.


Eines Tages könnten sie die Datenverar­
beitung revolutionieren.

Klimarekorde unter der Lupe Einsam im Netz


newsletter
Dass es an einem Ort der Erde so Die verbreitete Nutzung des Inter-
heiß wird wie noch nie zuvor, nets verändert unser soziales Be- Möchten Sie regelmäßig über
die Themen und Autoren
kommt wegen der Klimaerwär­ ziehungsgeflecht: An die Stelle des neuen Hefts informiert sein?
mung immer häufiger vor. Um­ starker Bindungen zu einem Kreis
Wir halten Sie gern auf dem 
gekehrt werden Kälterekorde enger Freunde, mit denen wir per- Laufenden: per E-Mail – 
selten. Eine mathema­tische sönlich zusammenkommen, tre- und natürlich kostenlos.
Analyse hilft die Bedeutung ten lose, oberflächliche Kontakte
Registrierung unter:
solcher Ereignisse richtig einzu­ zu einer großen Zahl kaum näher www.spektrum.com/newsletter
schätzen. bekannter Menschen, die wir
allein am Bildschirm knüpfen.

106  Spek trum der Wissenschaf t · Januar 2014


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