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Bummel durch Berlin-Mitte auf den Spuren von Theodor Fontane

Bahnhof Friedrichstraße – Platz vor dem Neuen Tor


Zu Beginn unseres zweiten Spaziergangs zunächst ein paar Worte über die Gegend, die wir heute
erkunden wollen. Wir befinden uns am nördlichen Ausgang des Bahnhof Friedrichstraße in der
historischen Friedrich-Wilhelm-Stadt, einem Stadtteil der historischen Mitte von Berlin. Bis Ende
der 1860er Jahre umschloss eine Zoll- und Akzisemauer mit mehreren Toren die Stadt.
Die Friedrichstraße, auf der wir uns hier befinden, verläuft auf einer Länge von drei Kilometern
vom Belle-Alliance-Platz am südlich gelegenen Halleschen Tor bis zum Oranienburger Tor im
Norden.
Mit dem Bau des Pesthauses, der späteren Charité, begann Anfang des 18. Jahrhundert eine erste
Bebauung der Friedrich-Wilhelm-Stadt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dieser Stadtteil,
benannt nach Friedrich Wilhelm III., zu einem Gewerbe-, Militär-, Wissenschafts- und
Theaterstandort.
Die Friedrich-Wilhelm-Stadt erstreckte sich um 1875 zwischen der Friedrichstraße im Osten, dem
Humboldthafen im Westen, dem Schiffbauerdamm im Süden und der Invalidenstraße im Norden.
Die beiden Kartenausschnitte von 1875 und 2017 zeigen, dass die Straßenzüge in ihrer Struktur
erhalten geblieben sind.

1875
2017

Was aber verband Fontane mit dieser Gegend? Spielte sie in seinen Romanen eine Rolle und wer
wohnte von seinen Zeitgenossen hier?

Nachdem wir im ersten Spaziergang die Gegend südlich des Bahnhofs erkundet haben, wenden wir
uns nun dem nördlichen Viertel zu und beginnen wieder mit einem Roman von Fontane: mit den
„Poggenpuhls“.
„Nach Kaisers Geburtstag kommt Mamas Geburtstag“ - mit diesen Worten seines Bruders
Wendelin fährt der Leutnant Leo von Poggenpuhl von seinem Regiment in Thorn in den ersten
Januartagen 1888 nach Berlin. Zwei Tage später fährt er, vom Hausmädchen Friederike zum
Droschkenstand begleitet, vom „Friedrichstraßenbahnhof“ in seine Garnison zurück.
Nach dem Tod des Schwagers bzw. Onkels Eberhard von Poggenpuhl fahren Mutter Albertine und
ihre Töchter Manon und Therese ebenfalls von diesem Bahnhof zur Beerdigung nach Adamsdorf in
Oberschlesien, um das bescheidene Erbe anzutreten.

Wir verlassen das Bahnhofsgelände auf der linken Seite der Friedrichstraße in Richtung
Weidendammer Brücke und sehen vor uns die ehemalige Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle
Bahnhof Friedrichstraße, auch Tränenpalast genannt.
In diesem Straßendreieck: Straße am Bahnhof - Reichstagsufer – Friedrichstraße befand sich im
19. Jahrhundert die Pépinière, ein Medizinisch-Chirurgisches Institut zur Ausbildung von
Militärärzten. Fontane schildert in seinen Erinnerungen „Von Zwanzig bis Dreissig“ seine
Erlebnisse während der Märzkämpfe 1848. Er wohnte zu dieser Zeit in der Neuen Königstraße in
der Nähe der Georgenkirche.
„Zuletzt aber wurde mir auch mein stupides Hinbrüten langweilig; dies Abgeschlossensein, dies
Nichtwissen, was sich draußen zutrage, wurde mir unerträglich, und ich beschloß aufzubrechen und
zu sehen, wie‘s in der Stadt hergehe. Zunächst wollt‘ ich bis auf den Schloßplatz und von da nach
der Pepiniere – Friedrichstraße – wo ein Vetter von mir wohnte; natürlich, wie alles, was zur
Pepiniere gehört, ein Stabsarzt“.
Der Besuch galt Hermann Müller, dem Halbbruder seiner späteren Frau Emilie.

Gegenüber befindet sich der Admiralspalast, der uns mit seiner reichverzierten Fassade ins Auge
fällt. 1867 wurde an dieser Stelle eine Solequelle entdeckt und sechs Jahre später ein Badehaus
errichtet. Ein Neubau und Jahre wechselvoller Nutzung mit Badeanstalt, Eisbahn, Kino und Varieté
folgten. Von 1955-1997 beherbergte das Haus das Metropol-Theater.
Auf dem Gelände des angrenzenden Hotels Melia stand im 19. Jahrhundert ein Schinkel-Palais, das
um 1892 zugunsten des Hotels Savoy abgerissen wurde. In diesem vornehmen Hotel heiratete im
April 1895 Annie Fritsch, eine Tochter von Karl Emil Otto Fritsch und seiner früh verstorbenen
ersten Frau Klara. Fontane bedankte sich bei Anna Fritsch, der zweiten Frau von KEO und
Stiefmutter der Braut am 4.4.1895 für die Einladung:
„Wir sind glücklich, am 20. dem Cercle intime angehören zu dürfen und gedenken, bei allem
Respekt vor dem Hochzeitsmahl, doch auch bei der Trauung zugegen zu sein.“
Seine Eindrücke über die Hochzeit schildert Fontane in einem Brief an seinen Sohn Theo: „ging es
her als hieße er Dolgorucki und seine Frau sei eine Esterhazy. Diese Frau, meine besondere
Gönnerin, ist 36, ihr Schwiegersohn, Major Scheller in St. Avold, ist 48. Übrigens war alles nicht
bloß sehr reich, sondern auch sehr reizend“. Anna Fritsch liebte den Luxus. Die Familien Fritsch
und Fontane verkehrten in diesen Jahren freundschaftlich miteinander.
Nach dem Tod seiner Frau Anna im Jahre 1897 und nach dem Tod ihres Vaters am 20.9.1898
heirateten KEO Fritsch und Martha Fontane am 3.1.1899.

Wir sind nun an der Weidendammer Brücke angekommen, die in „Vor dem Sturm“ und im Band
„Die Grafschaft Ruppin“ Eingang gefunden hat.
In „Vor dem Sturm“ heißt es:
„Es war am Ende der neunziger Jahre, als Jürgaß, damals noch ein blutjunger Lieutenant bei
Göckingkhusaren, mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die Friedrichsstraße nach dem
Oranienburger Thore zu hinaufschlenderte. Dicht vor der Weidendammerbrücke, gegenüber der
Pépinière, fiel ihnen ein riesiger Sporn auf, der im Schaufenster eines Eisenladens hing. Sie blieben
stehen, lachten, schwatzten und setzten fest, daß der erste, der in Arrest käme, den Sporn kaufen
solle. Der erste war Jürgaß. Aber der Sporn war kaum erstanden, als ein neues Abkommen
getroffen wurde: ‚der nächste läßt einen Stiefel dazu machen‘.“
In Garz besuchte Fontane die Familie Quast und schreibt im Wanderungsband „Die Grafschaft
Ruppin“
„Hier, an einem breiten Fensterpfeiler, an demselben Platz etwa, wo sonst eine Flora oder Pomona
oder irgendein andres Stück griechischer Mythologie zu stehen pflegt, erhebt sich statuenhaft und
auf niedrigem Postament ein Riesenstiefel mit einem neun Zoll langen Sporn daran und einer
anderthalb Zoll dicken Sohle.“
Fontane hat diesen Stiefel in Garz gesehen, hat seine Beobachtungen in seinem Notizbuch
festgehalten.
In der Jubiläumsausstellung 2019 in Potsdam „Bilder und Geschichten“ konnte man sich den
Originalstiefel auf einem historischen Foto der Familie von Quast anschauen. In einer Vitrine war
eine Replik zu sehen, da das Original 1945 zerstört wurde.

Bevor wir über die Brücke gehen, schauen wir nach links. Hier verläuft die Straße Reichstagsufer,
die ins Regierungsviertel führt.

Die Straße Am Weidendamm auf der rechten Seite verdankt ihren Namen den besonders gut
gewachsenen Weidenbäumen, die auf einen künstlich errichteten Damm gepflanzt wurden. In der
Nummer 1 verlebte Paul Heyse die ersten Jahre seiner Kindheit. Sein Vater, Karl Wilhelm Ludwig,
war Professor für Philosophie an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität.
In Paul Heyses „Jugenderinnerungen und Bekenntnisse“ heißt es: „Im Jahre 1831 bezogen meine
Eltern dann eine Wohnung in dem einstöckigen Hause am Weidendamm, das einem Holzhändler
gehörte und mitten auf dem sehr ausgedehnten Holzplatz stand, gegen die Friedrichsstraße durch
die hochaufgeschichteten Holzhaufen verdeckt, hinter denen auch das bescheidene Gärtchen nur
einen kargen Pflichtteil von Luft und Sonne erhielt.“
Weiter beschreibt er die gegenüberliegende Seite des Hofes:
„In diesem, das sich vorn bis an die Uferstraße erstreckte, wohnte ein Schenkwirt, der für die
Schiffer, die hier das Holz auf ihren Spreekähnen landeten, Eß- und Trinkwaren feilhielt.“
Es gab am Weidendamm eine Schenke mit dem Namen „Hammelkopf“. Ob Heyse diese meinte,
konnte ich nicht ermitteln.
Paul Heyse war einige Jahre unter dem Namen Hölty Mitglied des Tunnels über der Spree und auch
des Ruetli, bevor er 1854 einer Berufung Maximilians II. folgte und nach München umzog. Trotz
Entfernung blieben Fontane und Heyse freundschaftlich verbunden.

Wir überqueren nun die Brücke und erinnern uns an Fontanes „glücklichsten Gedanken“ an einem
Dezembertag 1845, sich mit Emilie zu verloben. Beide liefen die Friedrichstraße hinunter, bogen
rechts in die Oranienburger Straße ein und Fontane verabschiedete sich mit den Worten: „Wir sind
aber nun wirklich verlobt.“ In der Nummer 33 wohnte Emilie bei ihren Pflegeeltern Kummer.

Nachdem wir die Spree überquert haben, biegen wir links in den Schiffbauerdamm ein, der seinen
Namen von Schiffbauern hat, die sich im 18. Jahrhundert hier angesiedelt hatten.
Erwähnung findet die Straße auch in „Stine“. Graf Waldemar von Haldern macht der Näherin Stine
Rehbein in ihrer Wohnung einen Heiratsantrag, will mit ihr nach Amerika auswandern. Sie lehnt ab
und er verlässt enttäuscht ihre Wohnung in der Invalidenstraße: „Waldemar ging nach rechts auf
das Oranienburger Thor zu, weil ihm darum zu thun war, in einem an der Ecke der Linden und
Friedrichsstraße gelegenen Bankhause verschiedene geschäftliche Dinge zum Abschluß zu
bringen.“
An der Weidendammer Brücke ändert er seinen Entschluss, biegt in den Schiffbauerdamm ein und
“freute sich des regen und doch stillen Lebens, das hier überall auf und ab wogte“. In seiner
Wohnung angekommen, setzt er seinem Leben ein Ende, da er ohne Stine keinen Sinn mehr in
seinem Leben sieht.
Der Roman „Stine“, seine Personen und Örtlichkeiten wird uns noch in den beiden weiteren
Spaziergängen begegnen.

Wir erreichen nun den Bertolt-Brecht-Platz mit dem „Berliner Ensemble“. 1892 wurde es als
„Neues Theater“ gegründet. In einer nichtöffentlichen Aufführung der Freien Bühne, einem von Otto
Brahm, Paul Schlenther u.a. gegründeten privaten Theaterverein, wurden 1893 „Die Weber“ von
Gerhard Hauptmann uraufgeführt. 35 Jahre später, im August 1828 begann hier der Welterfolg der
„Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill.
Bereits in den 1860iger Jahren wurde auf diesem Platz eine vom Architekten Friedrich Hitzig
geplante Markthalle eröffnet. Auch einige noch erhaltene Wohnhäuser in der Straße Am Zirkus
erinnern an Hitzigs Bautätigkeit. Sie stehen heute unter Denkmalschutz.
Seit 1875 war Hitzig Präsident der Akademie der Künste, als Fontane 1876 seine Stelle als Sekretär
in der Akademie antrat.
Der Markthalle war kein Erfolg beschieden, es folgten Zirkusunternehmen, nach dem 1. Weltkrieg
das Große Schauspielhaus und bis 1980 der Friedrichstadtpalast. Heute ist von dieser Bebauung
nichts mehr zu erkennen. Ab 2010 wurde ein Häuserkomplex mit teuren Luxuswohnungen und
einem Hotel errichtet. An die Vergangenheit erinnert nur noch der Name der Straße Am Zirkus.

Wir laufen nun den Schiffbauerdamm zur Friedrichstraße zurück, gehen nach links und setzen
unseren Weg fort. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehen wir den neuen
Friedrichstadtpalast. Der alte wurde wegen Baufälligkeit abgerissen und an neuer Stelle in der
Friedrichstraße Anfang der 1980iger Jahre errichtet. Seit 2020 steht das Gebäude unter
Denkmalschutz.
Wir biegen nun links in die Reinhardtstraße, die bis 1947 Karlstraße hieß. Auf der rechten Seite
sehen wir bald ein auffallendes langgestrecktes Gebäude. Es ist das Hans-Dietrich-Genscher-
Haus, Sitz der Bundesgeschäftsstelle der FDP und zahlreicher anderer Institutionen. Zwischen 1908
und 1912 wurde das Gebäude, das heute unter Denkmalschutz steht, als Krankenhaus und
Altenheim für den Dominikanerorden errichtet, aber 1938 umgenutzt. In der Zeit der DDR waren
Verlage der Bauernpartei untergebracht.
Wir machen kurz darauf einen kleinen Abstecher, gehen rechts in die Albrechtstraße und stehen
nach einer Linksbiegung vor dem Areal des Deutschen Theaters. 1850 wurde an dieser Stelle das
Friedrich-Wilhelmstädtische-Theater errichtet, das als Operettentheater in Berlin bekannt wurde. In
den 1870er Jahren gastierte das Herzoglich-Sächsische Hoftheater Meiningen mit einem
anspruchsvolleren Programm in diesem Theater. Fontane schrieb über eine Aufführung der
“Räuber“: „Über die Meininger Aufführung liegt von Anfang bis Ende ein poetischer Zauber, von
dem, das mindeste zu sagen, die Schauspielhaus-Aufführung nur wenig hat“. Im Jahre 1883 musste
es dem Deutschen Theater weichen. Bald darauf wurde es als Neues-Wilhelmstädtisches-Theater in
der Chausseestraße eröffnet.
Beeindruckt von der Meininger Theaterarbeit änderte sich zunächst unter der Leitung von Adolf
L‘Arronge das Programm im neuen Deutschen Theater. Ab 1894 unter der Leitung von Otto Brahm,
der Naturalisten wie Gerhard Hauptmann und Henrik Ibsen förderte. Der ältere Fontane schätzte
den jüngeren Brahm, für eine kurze Zeit waren sie Kritikerkollegen.
Am 25.9.1894 fand die erste öffentliche Aufführung der „Weber“ statt. Fontane sah das Stück,
nannte es in einem Brief an Otto Brahm „epochemachend“. Als Theaterkritiker für die Vossische
Zeitung hatte ihn 1890 Paul Schlenther abgelöst, der in dieser Funktion auch eine Kritik für die
Zeitung schrieb. Beeindruckt von dem Stück schrieb Fontane einen Leserbrief, der aber nicht in der
Vossischen Zeitung erschien. Eine Veröffentlichung erfolgte erst später in anderen
Presseerzeugnissen, gilt aber heute als die letzte Theaterkritik Fontanes.
Bevor wir den Platz verlassen, schauen wir uns noch die Büsten von bedeutenden ehemaligen
Theaterintendanten an:
Otto Brahm 1894-1903
Max Reinhardt 1905-1933
Heinz Hilpert 1934-1944
Wolfgang Langhoff 1946-1963

Wir überqueren nun den gegenüberliegenden Platz, hier bietet sich eine kleine Pause an, und wir
befinden uns wieder in der Reinhardtstraße.
Linkerhand an der Ecke Reinhardt- / Albrechtstraße, in der Nummer 23, hat Friedrich de la
Motte-Fouqué 1841 mit seiner Familie eine Wohnung bezogen. Es war seine letzte Wohnung, zwei
Jahre später starb er. Fouqué war Mitglied des Tunnels über der Spree, hörte dort auf den Namen
Wilhelm Freiherr von Wimpffen. Im Band „Dörfer und Flecken im Lande Ruppin“ hat Fontane in
einem Kapitel über Fouqués frühe Kinderjahre geschrieben: „Seine eignen Aufzeichnungen lassen
das vermuten, Körper und Geist waren von Anfang an wie für die romantische Welt prädestiniert,“.
Links gegenüber sehen wir das klassizistische Portal des ehemaligen Excerzierhauses des 2.
Garderegiments zu Fuß. Deutlich erkennbar die Schrift „Residenz am Deutschen Theater“. Das
Gebäude wurde um 1827 nach Entwürfen von Schinkel errichtet.
Auf dem Platz, den wir gerade überquert haben, befand sich die Kaserne des Regiments.

Wir erreichen nun am Ende der Reinhardtstraße den Karlplatz.


Die Straße endet geradeaus an der Kronprinzenbrücke, die in den Spreebogenpark und ins
Regierungsviertel führt.
Wir verweilen aber zunächst am Karlplatz, benannt nach Karl von Preußen, dem Bruder Kaiser
Wilhelms I.
Unübersehbar das Denkmal von Rudolf Virchow inmitten des Platzes. Virchow war Anthropologe,
Ethnologe und Mediziner, widmete sich u.a. neben James Hobrecht einer wirksamen Bewältigung
des Abwasserproblems in Berlin. Ein Übelstand, unter dem Fontane zeitlebens litt und auch auf
seinen Reisen immer wieder erlebte. In einem Brief aus Krummhübel schrieb Fontane im Juli 1884
an Emilie „jeder Ort in Deutschland scheitert am Oertchen“.
Als Anthropologe begegnen wir Virchow in „Professor Lezius oder wieder daheim“ aus dem Band
„Von vor und nach der Reise“: „Virchow, soviel hab‘ ich im ‚Boten aus dem Riesengebirge‘ gelesen,
soll ja diesen Sommer wieder allerhand Schädel ausgemessen haben, noch dazu Zwergenschädel
aus Afrika…“
Und in „Frau Jenny Treibel“ treffen sich Die sieben Waisen in der Wohnung von Prof. Schmidt,
fachsimpeln über Heinrich Schliemann und entscheiden: „Aber lies nur, was Virchow von ihm sagt.
Und Virchow wirst Du doch gelten lassen“.
In unmittelbarer Nähe und auch auf dem Karlplatz (damals die Nr. 39) befand sich Toepfers Hotel,
benannt nach seinem Besitzer Toepfer, auch als Gasthaus bekannt. In „Mathilde Möhring“ finden
wir eine Erwähnung des Hotels. Nach einem Theaterbesuch im Deutschen Theater warten Mathilde
und ihre Mutter Adele Möhring vergeblich auf ihren Untermieter Hugo Großmann. „Er wird wohl
in Toepfers Hotel sitzen, im Keller unten, da sitzen sie immer“, vermutet Mutter Möhring. Auch
Fontane suchte das Gasthaus hin und wieder von seiner Wohnung in der Luisenstraße 12 auf.
Wir haben nun die Luisenstraße erreicht, die sich auf einer Länge von ca. 1 km zwischen der
Marschallbrücke südlich mit dem Platz vor dem Neuen Tor im Norden erstreckt. Gut zu
erkennen auf den Kartenausschnitten.
Auf einige Zeitgenossen Fontanes und auch auf besondere Gebäude in dieser Straße möchte ich nun
hinweisen.
Wir schauen zunächst in Richtung S-Bahn-Brücke. Wenige Schritte hinter der Brücke, befand sich
das Wohnhaus Luisenstraße 35. Hier wohnten Emilie und Theodor mit ihrem Erstgeborenen George
von 1851 bis 1855. Es waren schwierige Jahre für die junge Familie. Drei Kinder wurden in dieser
Zeit geboren, die bald darauf starben. In diese Zeit fiel Fontanes Anstellung bei der Centralstelle für
Preßangelegenheiten. In deren Auftrag reiste er von April-September 1852 als Korrespondent nach
London.
Wir gehen nun die Luisenstraße in nördlicher Richtung weiter und halten kurz an der Ecke
Schumannstraße.
„O eine edle Himmelsgabe ist das Licht des Auges - alle Wesen leben vom Lichte
Jedes glückliche Geschöpf - die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Lichte“ -
lesen wir auf dem Denkmal, das wir auf der linken Seite der Straße entdecken. Es zeigt den
Augenarzt Albrecht von Graefe, wie Virchow ein Zeitgenosse von Fontane.
Im weiteren Verlauf der Straße dominieren auf der linken Seite die alten und neuen Gebäude der
Charité.
In der Nr. 24, das Haus existiert nicht mehr, lebte der Maler Adolph Menzel mit seiner Schwester
Emilie Krigar und deren Familie Ende der 1860iger. Ein Atelier stand ihm noch in der in der Nähe
befindlichen Marienstraße 22 zur Verfügung. Menzel war Mitglied in den literarischen Vereinen
Ruetli und mit dem Namen Rubens im Tunnel über der Spree. Fontanes und die Familie
Menzel/Krigar verkehrten freundschaftlich miteinander. In einem Geburtstagsgedicht (1877) von
Fontane heißt es:
Sieg sei dein Begleiter,
Wohin immer Du gehst,
Und geht es nicht weiter
Auf der Leiter,
So stehe noch lange hoch und heiter
Da, wo du stehst.
An dieser Stelle ein weiteres Zitat aus den „Poggenpuhls“: „und sie haben in ihrer Galerie mehrere
Bilder von Menzel, ich glaube einen Hofball und eine Skizze zum Krönungsbild. Ja, lieber Leo, wer
hat das?“ berichtet Manon stolz ihrem Bruder Leo von einem Besuch bei den Bartensteins.
Ebenfalls wohnte Hofbuchbinder David Schwarz in der Luisenstraße. Bei ihm ließ Fontane Bücher
und Zeitungen binden, später auch von seiner Tochter. Die Hausnummer konnte ich nicht ermitteln.
Vom Oktober 1849 bis zur Hochzeit mit Emilie im Oktober 1850 mietete Fontane ein Zimmer in
der Luisenstraße 12. In seinen Erinnerungen heißt es: „und so nahm ich denn meine sieben Sachen
und übersiedelte nach einer in der Luisenstraße gemieteten, an einer hervorragend prosaischen
Stelle gelegenen Wohnung, dicht neben mir die Charitee, gegenüber die Tierarzneischule“.
An seine Tochter Mete schreibt er am 17.2.1882: „Ich weiß auch, daß ich mich im Sommer 50, vor
Wut weinend, aufs Bett geworfen habe, weil ein viertelstündiger Gang durch die Luisenstraßen-
Sonne mich todmatt gemacht hatte;“
Das Haus, es stand auf der linken Seite der Straße, existiert nicht mehr. Jetzt befindet sich an der
Stelle ein um 1900 erbautes langgestrecktes Backsteingebäude.
Das gegenüberliegende Gebäude der Tierarzneischule, wie Fontane es sah, existiert noch, aber mit
wechselnder Nutzung. Von 1950-1967 war es Sitz des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheit,
danach des Staatssekretariats für Kirchenfragen und heute nutzt es die Humboldt-Universität. In
dem dahinterliegenden parkartigen Gelände befinden sich noch verschiedene medizinische Institute.
Vielleicht hat Fontane in dieser Zeit Albert Lortzing gesehen, der im Sommer 1850 mit seiner
Familie schräg gegenüber in die Nr. 53 gezogen ist und hier ein Jahr später verstarb. Der
Komponist, der u.a. Fouqués „Undine“ vertont hat, war zuletzt Kapellmeister am Friedrich-
Wilhelmstädtischen Theater. Fontane notiert am 5.1.1884 in seinem Tagebuch. „Emilie mit Jenny
Sommerfeld in Lortzings ‚Undine‘“.
Über der Haustür befindet sich eine Gedenktafel:
Hier starb am 21.1.1851
der Tonkünstler
Albert Lortzing seinem Andenken
die Stadt Berlin 1889
Am Haus Nr. 57 sehen wir eine Gedenktafel für Robert Koch. In dieser ehemaligen „Arbeitsstätte
des Reichsgesundheitsamtes“ forschte der Wissenschaftler in den Jahren 1879-1897.
Ein paar Schritte weiter halten wir kurz an der Nummer 58. In großen Buchstaben steht über dem
Eingang „Langenbeck-Virchow-Haus“. Erbaut für die Berliner Medizinische Gesellschaft war es
von 1949-1975 Sitz der Volkskammer der DDR und einige Zeit auch Sitz der Akademie der Künste.
Wir nähern uns nun dem unübersehbaren „Bettenhaus“ genannte Charitégebäude. Es wurde Ende
der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts an der Ecke Luisenstraße / Philippstraße errichtet. Nur ein
Teil der Philippstraße, der an der Hannoverschen Straße endet, ist geblieben. In der einstigen Nr. 19
verlebte der Schriftsteller und Philosoph Johann Caspar Schmidt, wegen seiner hohen Stirn Max
Stirner genannt, seine letzten Lebensjahre. Er gehörte in den 1840er Jahren zu dem intellektuellen
Debattierklub die „Freien“, der Fontane bekannt war. Ebenso bekannt war ihm Stirners Buch „Der
Einzige und sein Eigentum“, wie Fontanes Notizbuch zu entnehmen ist.
Wir unterqueren nun den Verbindungsgang zweier Gebäude und befinden uns nach ein paar
weiteren Schritten am Robert-Koch-Platz.
In den letzten Jahren hat sich durch Erweiterungsbauten der Charité viel verändert. Einst standen
hier weitere Wohnhäuser der Luisenstraße. In der Nr. 67 hatte der Künstler und Professor der
Akademie der Künste Theodor Hosemann bis zu seinem Tod Wohnung und Atelier. Auch er war
unter dem Namen Hogarth ein Tunnelmitglied.
Auf den vor uns liegenden Rasenflächen sehen wir rechts ein Denkmal von Robert Koch und auf
der linken Seite eine Bronzekopie des Chemikers Emil Fischer.
Wie die Luisenstraße wurde auch dieser Platz ursprünglich nach der Prinzessin Luise, Tochter von
Friedrich Wilhelm III. und seiner Frau Luise benannt. Seit 1932 trägt der Platz den Namen von
Robert Koch.
Der Architekt Ernst von Ihne hat, neben der Staatsbibliothek Unter den Linden, auch das links
neben uns befindliche Kaiserin-Friedrich-Haus entworfen. Errichtet für die ärztliche Fortbildung,
zwischengenutzt von der Akademie der Künste der DDR, beherbergt es heute wieder verschiedene
medizinische Gesellschaften.
Am Ende des Platzes sehen wir zwei auffällige rote Gebäude. Es sind Nachbauten der im 2.
Weltkrieg zerstörten Torhäuser. Ursprünglich wurden sie 1836 an der dort befindlichen
Akzisemauer als Durchgangstor zur Oranienburger Vorstadt errichtet.
Nach Überquerung des dahinterliegenden Platzes vor dem Neuen Tor haben wir die
Invalidenstraße erreicht und damit auch das Ende unseres Spazierganges.
Im nächsten Teil wollen wir zunächst bei „Stine“ in der Invalidenstraße verweilen, anschließend die
Scharnhorststraße erkunden und am Grab von Emilie und Theodor in der Liesenstraße enden.

Viel Freude beim Lesen und Nachlaufen wünscht Ihnen


Barbara Münzer

Quellen (außer den genannten Werke von Fontane)


Berbig: Fontane-Chronik
Dieterle: Die Tochter
Voß: Reiseführer für Literaturfreunde. Berlin vom Alex zum Kudamm
Feyerabend: Spaziergänge durch Fontanes Berlin und Quer durch Mitte. Friedrich-Wilhelm-Stadt
Stadtmuseum Berlin. Fontane und sein Jahrhundert
Seiler: Fontanes Berlin
Mende: Berlin Mitte. Das Lexikon
Mitteilungen Nr. 50
Bildarchiv der Staatsbibliothek
Herzlichen Dank für die freundlichen Auskünfte von Frau Barz und Herrn Möller