Sie sind auf Seite 1von 6

Der kritische Agrarbericht 2020

Gesellschaftliche Leistungen der Ökologischen Landwirtschaft


Interdisziplinäres Forschungsprojekt vergleicht ökologische
mit konventionellen Anbausystemen

von Jürn Sanders und Jürgen Heß*

Der Ökologische Landbau gilt als ein nachhaltiges Landnutzungssystem und wird deshalb in be-
sonderer Weise politisch unterstützt. Obwohl die Zusammenhänge zwischen der ökologischen
Wirtschaftsweise und der Erbringung gesellschaftlich relevanter Umweltleistungen auf eine zu-
nehmend breitere Anerkennung stoßen, werden die Potenziale des Ökologischen Landbaus zur
Bewältigung der umwelt- und ressourcenpolitischen Herausforderungen unserer Zeit in Politik
und Wissenschaft weiterhin unterschiedlich bewertet. Vor diesem Hintergrund beschreibt der vor-
liegende Artikel auf der Grundlage einer umfassenden Literaturauswertung, die 2019 von einem
interdisziplinären Forschungskonsortium veröffentlicht wurde, die Leistungen des Ökologischen
Landbaus für Umwelt und Gesellschaft und legt dar, welche Perspektiven sich daraus für die Öko-
branche ergeben.

Der Ökologische Landbau steht für ein ganzheitliches Umwelt und Gesellschaft«1, die gesellschaftlichen Leis-
Konzept der Landbewirtschaftung mit dem Anspruch, tungen des Ökologischen Landbaus in den Bereichen
in besonderer Weise die Belastungsgrenzen der Natur Wasserschutz, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Kli-
zu berücksichtigen. Die Nutzung ökologischer Sys- maschutz, Klimaanpassung, Ressourceneffizienz und
temzusammenhänge, möglichst geschlossene Nähr- Tierwohl auf der Grundlage einer umfassenden Analy-
stoffkreisläufe im Sinne von Verlustminimierung und se wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu bewerten.
Nährstoffrecycling sowie die vorrangige Nutzung be-
triebsinterner und regionaler Produktionsmittel stel- Gesellschaftliche Leistungen des Ökolandbaus
len dabei wichtige Eckpfeiler des Produktionssystems im Überblick
dar. Die Frage, welche Umweltwirkungen und Um-
weltleistungen vom Ökologischen Landbau ausgehen, Als eine gesellschaftliche Leistung wird in diesem Zu-
hat für Politik und Gesellschaft angesichts der beste- sammenhang eine positive oder weniger schädliche
henden Umweltprobleme in der Landwirtschaft eine Wirkung der Landnutzung auf die Umwelt verstan-
große Bedeutung. So ist es bisher beispielsweise noch den, die (a) zur Erreichung eines agrarpolitischen
nicht gelungen, die Stickstoffüberschüsse ausreichend Ziels beiträgt, (b) nicht oder nicht in ausreichendem
zu minimieren und den Trend abnehmender Bio­ Umfang durch Marktanreize bereitgestellt wird und
diversität in der Agrarlandschaft zu bremsen. Erheb- (c) nicht als Koppelprodukt der landwirtschaftlichen
liche Anstrengungen sind auch mit der Erreichung des Erzeugung vorliegt. Die Umweltwirkungen des Öko-
bundesdeutschen Klimaschutzplans verbunden. Vor logischen Landbaus wurden in den letzten 30 Jahren
diesem Hintergrund war es das Ziel des Forschungs- in zahlreichen Forschungsarbeiten untersucht und
projektes »Leistungen des Ökologischen Landbaus für mit den Auswirkungen der konventionellen Land-

* Der Beitrag basiert auf einem interdisziplinären Forschungs- Andreas Gattinger, Philipp Weckenbrock (Justus-Liebig-Universität
projekt, an dem folgende Personen und Institutionen mitgewirkt Gießen), Anette Freibauer, Karin Levin, Robert Brandhuber, Klaus
haben: Jürn Sanders, Jan Brinkmann, Daniela Haager, Solveig Wiesinger (Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft), Kurt-
March, Hanna Treu (Thünen-Institut), Jürgen Heß, Daniel Kusche, Jürgen Hülsbergen, Lucie Chmelikova (Technische Universität Mün-
Johanna Hoppe, Anke Hupe (Universität Kassel), Knut Schmidtke, chen), Karin Stein-Bachinger, Almut Haub, Frank Gottwald (Leibniz-
Rüdiger Jung (Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden), Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, ZALF e.V.).

134
Ökologischer Landbau

wirtschaft verglichen. Ein Augenmerk lag dabei insbe- sowie diverse P-Analysemethoden erschweren die In-
sondere auf den Beiträgen zum Wasserschutz, Boden- terpretation der Daten. Ein hoher Eindringwiderstand
fruchtbarkeit, Biodiversität, Klimaschutz, Klimaan- in den Boden ist ein Indikator für Schadverdichtun-
passung und der Ressourceneffizienz. Darüber hinaus gen. Im Mittel war der Eindringwiderstand im öko-
wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, die sich mit logischen Ackerbau geringer (Median -22  Prozent).
dem Tierwohl auf ökologischen und konventionellen Dieses Ergebnis basiert jedoch auf nur vier Studien.
Betrieben beschäftigt haben. Die vorliegenden Unter- Unter Berücksichtigung aller Indikatoren zeigten sich
suchungsergebnisse machen deutlich, dass sich der hinsichtlich der Bodenfruchtbarkeit bei 56 Prozent der
Ökologische Landbau von der konventionellen Land- Vergleichs­paare Vorteile für die ökologische Bewirt-
wirtschaft bezüglich der Erbringung gesellschaftlicher schaftung.
Leistungen insbesondere in den nachfolgend beschrie-
benen Punkten unterscheidet. Biodiversität
Positive Effekte des Ökologischen Landbaus auf die
Wasserschutz Biodiversität sind für die untersuchten Artengrup-
Beim Wasserschutz zeigt die Ökologische Landwirt- pen eindeutig belegbar. Im Mittel (Median) lagen die
schaft ein hohes Potenzial zum Schutz von Grund- und mittleren Artenzahlen der Ackerflora bei ökologischer
Oberflächenwasser, nachweislich insbesondere für den Bewirtschaftung um 95 Prozent, bei der Ackersamen-
Eintrag von Nitrat- und Pflanzenschutzmitteln. Im bank um 61  Prozent und der Saumvegetation um
Mittel vermindert eine ökologische Bewirtschaftung in 21 Prozent höher. Bei den Feldvögeln waren die Arten-
den ausgewerteten Untersuchungen die Stickstoffaus­ zahl um 35 Prozent und die Abundanz um 24 Prozent
träge um 28 Prozent (Median). Durch den Verzicht auf (Mediane) bei ökologischer Bewirtschaftung höher.
chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel wird der Mit 23 Prozent bzw. 26 Prozent lagen diese Werte auch
Eintrag von Wirkstoffen mit einer potenziell hohen bei den blütenbesuchenden Insekten höher. Insgesamt
Umwelttoxizität unterbunden. Auch bei Tierarznei- betrachtet zeigten sich bei 86  Prozent (Flora) bzw.
mitteln kann aufgrund der Produktionsvorschriften 49  Prozent (Fauna) der Vergleichspaare deutliche
für die ökologische Tierhaltung von deutlich geringe- Vorteile durch Ökologischen Landbau. Nur in zwei
ren Einträgen ausgegangen werden. Hinsichtlich der von 75 der ausgewerteten Studien wurden negative
Phosphoreinträge in Gewässer lassen die Produktions- Effekte bei ökologischer Bewirtschaftung bei zwölf
vorschriften ebenfalls eine geringere Belastung erwar- von 312 Vergleichspaaren festgestellt. Zu berücksich-
ten. Für eine gut abgesicherte Aussage liegen hier aller- tigen ist, dass die Landschaftsstruktur einen erheb­
dings nicht genügend Studien vor, insbesondere weil lichen Einfluss auf die Artenvielfalt insbesondere bei
vergleichende Untersuchungen zum Phosphorabtrag der Fauna hat und diese die Effekte der Landnutzung
durch Erosion fehlen. Die Auswertung der Untersu- stark überlagern können.
chungen zeigt, dass bei 71 Prozent der Paarvergleiche
die ökologische Variante hinsichtlich des Austrags kri- Klimaschutz
tischer Stoffgruppen (Stickstoff, Pflanzenschutzmittel) Der auf empirischen Messungen basierende Vergleich
eindeutige Vorteile gegenüber der konventionellen von bodenbürtigen Treibhausgasemissionen ökologi-
Bewirtschaftung aufwies. Insofern kann der Ökolo- scher und konventioneller Landwirtschaft in gemä-
gische Landbau insbesondere auch zur Bewirtschaf- ßigten Klimazonen zeigt ebenfalls positive Effekte der
tung von Wasserschutzgebieten empfohlen werden. ökologischen Wirtschaftsweise. Im Durchschnitt wei-
sen ökologisch bewirtschaftete Böden einen um zehn
Bodenfruchtbarkeit Prozent höheren Gehalt an organischem Bodenkoh-
Auch die Auswertung der wissenschaftlichen Litera- lenstoff und eine um 256 Kilogramm Kohlenstoff pro
tur zur Bodenfruchtbarkeit zeigt deutliche Vorteile Hektar höhere jährliche Kohlenstoffspeicherungsrate
des Ökologischen Landbaus. Die Abundanzen und auf. Die Lachgasemissionen sind gemäß der ausge-
Biomassen von Regenwurmpopulationen waren un- werteten Studien im Mittel um 24  Prozent niedri-
ter ökologischer Bewirtschaftung im Mittel (Median) ger. Aus diesen Werten ergibt sich eine kumulierte
um 78 bzw. 94 Prozent höher. Bei 62 Prozent der Ver- Klimaschutzleistung des Ökologischen Landbaus
gleichspaare war die ökologische Wirtschaftsweise im von 1.082 Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Hektar
Oberboden mit einer geringeren Versauerung verbun- und Jahr. – Bezüglich ertragsskalierter Treibhausga-
den (Differenz insgesamt 0,4 pH-Einheiten). Bezüg- semissionen im Bereich Boden/Pflanze erbringt die
lich des Gehaltes an pflanzenverfügbarem Phosphor Ökologische Landwirtschaft hingegen wahrschein-
im Oberboden konnte keine eindeutige Tendenz für lich vergleichbare Leistungen wie die konventionelle.
die eine oder andere Bewirtschaftungsform festgestellt In der ökologischen Rinderhaltung ist von höheren
werden. Unterschiedliches Düngungsmanagement Methanemissionen pro Kilogramm Milch auszuge-

135
Der kritische Agrarbericht 2020

hen, während die Gesamtemissionen pro Kilogramm nach Betrachtungsebene minus 40 Prozent bis minus
Milch aus ökologischer und konventioneller Milch- 70 Prozent). Die Stickstoffeffizienz lag bei 46 Prozent,
produktion als wahrscheinlich vergleichbar eingestuft die Energieeffizienz bei 58 Prozent der Vergleichspaa-
werden können. re im Ökologischen Landbau eindeutig höher als im
konventionellen Landbau. Die Unterschiede zwischen
Klimaanpassung beiden Anbauformen waren auf der Betriebsebene
Wichtige Eigenschaften des Oberbodens, die zur Ero- deutlicher ausgeprägt als auf der Fruchtarten- und
sionsvermeidung und zum Hochwasserschutz beitra- Fruchtfolgeebene.
gen, wiesen bei einer ökologischen gegenüber einer
konventionellen Bewirtschaftung vergleichbare oder Tierwohl
bessere Werte auf. Der Corg-Gehalt und die Aggregat- Über alle Nutztierarten und Produktionsrichtungen
stabilität waren im Mittel (Median) im Ökologischen hinweg ergab die Literaturauswertung kein klares Bild,
Landbau 26  Prozent bzw. 15  Prozent höher; bei der ob ökologische im Vergleich zu konventionellen Be-
Infiltration wurde ein Unterschied von 137  Prozent trieben höhere Tierwohlleistungen erbringen. Die he-
festgestellt. Da eine höhere Infiltration den Boden- rangezogenen Vergleichsstudien fokussieren zumeist
abtrag und den Oberflächenabfluss reduziert, waren auf Einzelaspekte und überwiegend auf Milchkühe.
auch diese Werte im Mittel (Median) unter einer öko- Bei der Tiergesundheit wurden außer bei der Klau-
logischen Bewirtschaftung niedriger (minus22  Pro- en- und Gliedmaßengesundheit keine grundlegenden
zent bzw. minus 26 Prozent). Dies lag vor allem am Unterschiede festgestellt, das Management scheint
Klee- und Luzerne-Gras-Anbau. Im Gegensatz dazu diesbezüglich entscheidender zu sein als die Wirt-
wurden bei der Trockenraumdichte keine nennens- schaftsweise. Unter Berücksichtigung sämtlicher Ein-
werten Unterschiede festgestellt (minus vier Prozent). zelindikatoren und Tierarten wies die ökologische ge-
Im Hinblick auf die ausgewählten Indikatoren zur genüber der konventionellen Variante bei 34 Prozent
Bewertung der Leistung im Bereich Klimaanpassung der Vergleichspaare bessere Tiergesundheitswerte auf;
(d. h. Erosions- und Hochwasserschutz) zeigte der bei 46 Prozent konnten keine eindeutigen Unterschie-
Ökologische Landbau eindeutige Vorteile in Bezug de festgestellt werden. Werden über die Vorgaben der
auf die Vorsorge auf der Ebene von Einzelschlägen EU-Öko-Verordnung die Hauptrisikofaktoren für
(Corg-Gehalt, Aggregatstabilität, Infiltration), deutlich Tiergesundheitsprobleme adressiert, schneiden ökolo-
erwartbare Vorteile auf Fruchtfolgeebene (C-Faktor gische Betriebe besser ab. So wirken sich beispielsweise
der Allgemeinen Bodenabtragsgleichung) und ten- die Vorgaben zu Einstreu und Platzangebot vorteilhaft
denzielle Vorteile auf der Landschaftsebene (Oberflä- auf die Klauen- und Gliedmaßengesundheit aus. Nur
chenabfluss, Bodenabtrag). Auf der Landschaftsebene wenige Studien berücksichtigen bisher neben der
spielen neben der landwirtschaftlichen Bewirtschaf- Tiergesundheit weitere Dimensionen des Tierwohls
tung weitere Faktoren wie Landschaftsstruktur und wie z. B. Tierverhalten und emotionales Befinden. Die
-form sowie Niederschlags- und Abflussregime eine vorhandenen Studien deuten hier beim Tierverhalten
wichtige Rolle beim Erosions- und Hochwasserschutz. und beim emotionalen Befinden Vorteile der ökolo-
gischen Tierhaltung an, z. B. aufgrund des größeren
Ressourceneffizienz Platzangebots oder des vorgeschriebenen Zugangs zu
Die Ressourceneffizienz wurde am Beispiel der Stick- Freiflächen bzw. Weidegangs. Die Auswertung der Li-
stoffeffizienz (Stickstoffinput, Stickstoffoutput, Stick- teratur ergab ferner, dass die Risiken im Ökologischen
stoffsaldo, Stickstoffeffizienz) und der Energieeffizienz Landbau im Vergleich zur konventionellen Tierhal-
(Energieinput, Energieoutput, Energieeffizienz) im tung anders gelagert sind. So stellt z. B. das Gewäh-
Pflanzenbau untersucht. Beide Parameter haben eine ren von Auslauf und Weidegang ein höheres Risiko
hohe Umweltrelevanz, denn durch eine Minderung bezüglich Parasitenbelastung dar. In einigen Gesund-
des Stickstoffeinsatzes und der Verwendung fossiler heitsbereichen, in denen in beiden Haltungsformen
Energieträger können knappe Ressourcen gespart ein vergleichbares Maß an Tiergesundheit erreicht
und die Umwelt entlastet werden (weniger Treibh- wird, zeichnet sich die ökologische Tierhaltung durch
ausgasemissionen, weniger Stickstoffemissionen in einen zum Teil deutlich geringeren Tierarzneimitte-
die Umwelt, Schutz der Biodiversität). Die Ergebnisse leinsatz aus (z. B. Eutergesundheit bei Milchkühen).
zeigen im Ökologischen Landbau deutlich geringere
Stickstoff- und Energieinputs, aber ertragsbedingt Worauf sind die Unterschiede zurückzuführen?
auch geringere Stickstoff- und Energieoutputs. Die
Stickstoffsalden (flächenbezogene Stickstoffverlustpo- Die beschriebenen Unterschiede zwischen der ökolo-
tenziale) waren im Ökologischen Landbau wesentlich gischen und konventionellen Produktion lassen sich
geringer als im konventionellen Landbau (Median je in erster Linie durch den im Ökologischen Landbau

136
Ökologischer Landbau

verfolgten Systemansatz erklären. Dieser zeichnet sich Dünge- und Futtermitteln vorgegeben sind. Dies hat
durch eine gezielte Verknüpfung einzelner landwirt- weitreichende positive Wirkungen auf die Biodiver-
schaftlicher Systemkomponenten, einer infolgedessen sität im System, die wiederum die Selbstregulation
höheren Interdependenz einzelner Produktionsver- fördert.
fahren sowie der Ausnutzung von synergistischen ■■ Die ökologische Tierhaltung verfolgt das Ziel einer

Wirkungen aus. Für den Erfolg des Ökologischen tiergerechten und umweltverträglichen Erzeugung
Landbaus und die Erzielung positiver Umweltwir- qualitativ hochwertiger Produkte in einem möglichst
kungen ist die Umsetzung dieses Systemansatzes von geschlossenen System. Am Beispiel des vorgeschriebe-
entscheidender Bedeutung. Anhand von vier Beispie- nen Zugangs zu Weideland zeigen sich beispielsweise
len sollen diese Zusammenhänge nachfolgend ver­ bei Milchkühen Vorteile hinsichtlich der Gewähr-
anschaulicht werden: leistung des arteigenen Verhaltens, der Nutzung vor-
zugsweise hofeigener Futtermittel wie auch hinsicht-
■■ Das Stickstoffniveau im Ökologischen Landbau ist lich positiver Effekte auf die Milchqualität sowie einer
limitiert. Insofern ist Stickstoff ein knappes, nur be- hohen Produktqualität ökologischer Milchprodukte.
grenzt zur Verfügung stehendes Gut. Für ökologisch Durch die Nutzung des Grünlandes durch Weidegang
wirtschaftende Betriebe ist es bei limitierter Stickstoff- wird dessen Erhalt als bedeutender Kohlenstoffspei-
zufuhr daher wichtig, die Stickstoffverluste im betrieb- cher abgesichert. Der zusätzlich systembedingt not-
lichen Stoffkreislauf zu minimieren. Aufgrund des wendige Anbau von Feldfutterleguminosen trägt zur
geringen Stickstoffeinsatzes werden Stickstoffsalden Akkumulation von Humus im Boden bei.
deutlich reduziert und das Risiko umweltrelevanter
Stickstoffverluste (z. B. Nitratausträge) deutlich ver- Der Systemansatz des Ökologischen Landbaus impli-
mindert. Das niedrige Stickstoffdüngungsniveau gibt ziert ferner eine stärkere Berücksichtigung von Sys-
aber auch seltenen und konkurrenzschwachen Acker- temgrenzen. Da externe Systeminputs beschränkt sind
wildkräutern die Chance, sich zu entwickeln und nicht (beispielsweise durch den Verzicht auf chemisch-syn-
durch die Kulturpflanze verdrängt zu werden. Die thetische Pflanzenschutzmittel oder Minimierung des
Blüte dieser Ackerwildkräuter wiederum lockt Nutz- Einsatzes von Tierarzneimitteln) ergibt sich dadurch
insekten in den Bestand, die als Adulte (Marienkäfer) typischerweise eine niedrigere Produktionsintensität,
oder im Larvenstadium (Marienkäfer, Florfliegen, wodurch, wie oben beschrieben, negative Auswirkun-
Schwebfliegen, Schlupfwespen) beispielsweise Blatt- gen auf die Umwelt vermindert werden.
läuse im Bestand regulieren.
■■ Das Grundfutter wird im Ökologischen Landbau
Bewertung der Umweltwirkungen
überwiegend auf dem Betrieb selbst erzeugt. Auch um
Stickstoff in das System zu bekommen, wird deshalb Die niedrigere Bewirtschaftungsintensität hat aller-
in der Regel ein mehrjähriger, zumindest ein über- dings auch zur Folge, dass die Erträge im Ökologi-
jähriger Futterbau mit Leguminosen-Grasgemengen schen Landbau in der Regel ebenfalls niedriger sind.
betrieben. Die Leguminosen-Grasgemenge haben Im Ackerbau liegt das durchschnittliche Ertrags­
eine vielfältig positive Wirkung auf das gesamte niveau in Mittel- und Westeuropa je nach Standort,
­Agrarökosystem. Bei den Leistungen für Umwelt und Fruchtart und Bewirtschaftungssystem von neun bis
Gesellschaft nehmen mehrjährige Leguminosen eine zu 40 Prozent unter dem der konventionellen Land-
Schlüsselrolle ein. Sie sind beteiligt am Humusaufbau wirtschaft.2 Die Frage der Ertragshöhe hat insofern
und am Nährstoffaufschluss, verhindern Erosion, hal- eine große Relevanz, als dass sich die gesellschaftli-
ten Wildkräuter unterhalb ackerbaulich akzeptablen che Erwartung an die Landwirtschaft nicht auf den
Schwellen, fördern das Bodenleben und vieles andere Schutz der Umwelt oder der Ressourcen beschränkt,
mehr. Nicht zuletzt stellen die Leguminosen-Grasge- sondern auch ihre Nutzung mit einbezieht. Diese un-
menge ganzjährige Habitate und eine wichtige Nah- terschiedlichen Ansprüche stellen einen grundsätz-
rungsgrundlage unter anderem für Insekten, Feld­ lichen Zielkonflikt dar. Eine Ausweitung extensiver
hasen sowie Feld- und Greifvögel dar. Produktionsverfahren hätte zwar eine verminderte
■■ Der Ökologische Landbau verzichtet bewusst auf Umweltbelastung vor Ort zur Folge, gleichzeitig kann
den Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzen- es aber unter den gegebenen Rahmenbedingungen zu
schutzmitteln. In Bezug auf die Gesunderhaltung der Verlagerungseffekten kommen, d. h. dass in anderen
Bestände wird auf eine weitgehende Selbstregulation Regionen die Umweltbelastungen zunehmen und die
gesetzt – durch möglichst vielfältige Fruchtfolgen mit Nettowirkung möglicherweise negativ ist. Allerdings
Leguminosen-Grasgemengen und einer verhaltenen ist davon auszugehen, dass ohne eine Anpassung der
Düngung, die bereits schon über die Restriktionen in Produktionsintensität – deren Ausmaß häufig im
der Tierhaltung, im Futterbau und beim Zukauf von Hinblick auf die wachsende Weltbevölkerung und der

137
Der kritische Agrarbericht 2020

angestrebten Sicherung des bisherigen Niveaus der problems auf regionaler Ebene eine höhere Priorität
Lebensmittelproduktion als notwendig erachtet wird beizumessen als der Erreichung eines bestimmten
– die drängenden umwelt- und ressourcenpolitischen Ertragsniveaus. In diesem Fall scheint es folglich an-
Herausforderungen nicht gelöst werden können. Bei gemessen zu sein, die Umweltwirkung des Ökologi-
der Bewertung der Umweltwirkungen der ökologi- schen Landbaus je Flächeneinheit und nicht je Pro-
schen und konventionellen Wirtschaftsweise und der dukteinheit auszuweisen.
damit verbundenen gesellschaftlichen Leistung gilt es, Anders ist der Situation beim Klimaschutz, der
diesen Zielkonflikt zu berücksichtigen. darauf abzielt, die negativen Folgen der globalen
Eine pauschale Festlegung der Bezugseinheit (d. h. Erderwärmung zu vermindern. Da Klimagase sich
Fläche oder Ertrag) und damit Relativierung der in ubiquitär verbreiten, ist es für die Problemlösung zu-
naturwissenschaftlichen Arbeiten üblicherweise flä- nächst zweitrangig, wo auf der Welt sie entstehen bzw.
chenbezogen ermittelten Umweltleistungen wird der eingespart werden können. Im Hinblick auf den be-
Komplexität des Zielkonflikts nicht gerecht.3 Viel- schriebenen Zielkonflikt geht es in diesem Fall folglich
mehr bedarf es einer differenzierten Abwägung, in darum, eine bestimmte Menge an Lebensmitteln mit
welchem Zusammenhang und in welcher Weise der möglichst wenig Treibhausgasen zu erzeugen, weshalb
Ressourcennutzung oder dem Ressourcenschutz eine der Ertragsbezug für die Bewertung der Klimaleistung
höhere Priorität beizumessen ist und damit, welche naheliegend ist.
Bezugseinheit für die Bewertung gesellschaftlicher Eine einfache Antwort auf die Frage, wie gut die
Leistungen jeweils heranzuziehen ist. ökologische Wirtschaftsweise für die Umwelt und das
Wenn es beispielsweise darum geht, die Stickstoff- Tierwohl ist, bietet sich folglich aus wissenschaftlicher
belastung in Gewässer in einer Regionen zu reduzie- Sicht nicht an. Unabhängig davon unterstreicht die
ren, wird dies nur durch einen verminderten Ein- Auswertung der Literatur, dass der Ökologische Land-
satz von Stickstoffdünger in der Region zu erreichen bau zu Recht als eine besonders umweltgerechte und
sein – auch wenn infolgedessen die Erträge zurückge- ressourcenschonende Form der Landbewirtschaftung
hen sollten. Je nach Ausmaß der Gewässerbelastung gilt und es daher verdient, als eine Schlüsseltechno-
ist es naheliegend, einer Reduktion dieses Umwelt- logie auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit politisch
unterstützt zu werden.

Folgerungen & Forderungen Perspektiven für den Ökolandbau

■■ Die wissenschaftliche Literatur zu den Umwelt­ Die im Rahmen der Literaturauswertung identifi-
wirkungen des Ökologischen Landbaus belegt, dass zierten Unterschiede innerhalb des Ökologischen
der Ökolandbau zahlreiche gesellschaftlich relevante Landbaus verdeutlichen, dass auch die Biobranche
Mehrleistungen im Bereich des Umwelt- und Res- ihre Umwelt- und Tierwohlleistungen weiter steigern
sourcenschutzes erbringt. kann. Durch die Entwicklung und Erprobung von
■■ Beim Tierwohl konnte in wissenschaftlichen Unter- neuen Managementkonzepten kann die Forschung
suchungen eine höhere Leistung auf ökologischen hierzu einen relevanten Beitrag leisten. Gefragt sind
Betrieben nicht eindeutig festgestellt werden. Die dabei Ansätze, die zu einer höheren Leistungsfähigkeit
rechtlichen Vorschriften lassen jedoch Vorteile für des landwirtschaftlichen Gesamtsystems beitragen wie
die ökologische Tierhaltung vermuten. beispielsweise zu einer Verbesserung des Nährstoff-
■■ Der Ökologische Landbau gilt zu Recht als eine und Energieeinsatzes unter Berücksichtigung einer
besonders umweltgerechte und ressourcenscho- Optimierung der Ertragsfähigkeit und Verringerung
nende Form der Landbewirtschaftung und als eine der Treibhausgasemissionen.
Schlüsseltechnologie auf dem Weg zu mehr Nach- Aufgabe der Politik wird es sein, durch die Erar-
haltigkeit. beitung und Umsetzung eines geeigneten, alterna-
■■ Um eine weitere Ausdehnung des Ökologischen tiven Honorierungssystems gezielt Anreize für das
Landbaus zu ermöglichen, ist eine Steigerung seiner Anbieten gesellschaftlich erwünschter Leistungen zu
Leistungsfähigkeit bei gleichzeitiger Beibehaltung setzen. Bei der Ausgestaltung eines solchen Systems
seiner erhöhten Ansprüche an Prozess- und Pro- sollte es einerseits darum gehen, die Prämienhöhe
duktqualität gefragt. an der gesellschaftlichen Bedeutung des jeweiligen
■■ Hierzu ist es notwendig, bestehende Management- Schutzgutes und den Beitrag zur Verminderung des
konzepte weiterzuentwickeln und zu vermitteln Umweltschadens auszurichten. Andererseits ist es
sowie die Erbringung gesellschaftlicher Leistungen wichtig, dass dabei die mit der Honorierung verbun-
durch die Politik gezielt und kohärent zu honorieren. denen Transaktionskosten und die Justiziabilität des
Ansatzes berücksichtigt werden. Ferner wäre zu prü-

138
Ökologischer Landbau

fen, ob die rechtlichen, bisher ausschließlich hand- XX Urs Niggli und Andreas Fließbach: Gut fürs Klima? Ökologische
lungsorientierten Anforderungen der ökologischen und konventionelle Landwirtschaft im Vergleich. In: Der kriti-
sche Agrarbericht 2009, S. 103–109.
Produktion durch mehr ergebnisorientierte Konzepte
ergänzt werden könnten, wie dies beispielsweise für
die Tierhaltung durch die Einführung von tierbezo- Anmerkungen
genen Indikatoren gegenwärtig diskutiert bzw. bereits 1 J. Sanders und J. Heß: Leistungen des ökologischen Landbaus
für Umwelt und Gesellschaft. Thünen Report 65. Braunschweig
von einigen Anbauverbänden umgesetzt wird. Ein 2019. DOI:10.3220/REP1547040572000.
solches Honorierungssystem böte gezielte Anreize, 2 T. de Ponti, B. Rijk and M. K. van Ittersum: The crop yield gap
die Bewirtschaftungspraktiken noch stärker auf die between organic and conventional agriculture. In: Agricultural
Erbringung gesellschaftlich erwünschter Umweltleis- Systems 108 (2012), pp.1-9. – V. Seufert, N. Ramankutty and
tungen auszurichten. J. A. Foley: Comparing the yields of organic and conventional
agriculture. In: Nature 485 (2012), pp. 229–232. – L. C. Ponisio
In diesem Zusammenhang wäre es allerdings auch et al.: Diversification practices reduce organic to conventional
wichtig, nicht nur die Honorierung für Umweltleis- yield gap. In: Proceedings of the Royal Society B: Biological
tungen weiterzuentwickeln, sondern diese kohärent in Sciences 282/1799 (2015). DOI: 10.1098/rspb.2014.1396.
die Agrarpolitik einzubinden. Im Rahmen geeigneter 3 Einige Autoren plädieren beispielsweise dafür, bei der Bewer-
tung grundsätzlich den Ertrag zu berücksichtigen. So z. B.
Beratungs- und Kommunikationsstrategien wird es
H. Kirchmann et al.: Comparison of long-term organic and
ferner darum gehen, den Akteuren das notwendige conventional crop–livestock systems on a previously nutrient-
Wissen zu vermitteln und gemeinsam mit ihnen pra- depleted soil in Sweden. In: Agronomy Journal 99 (2007),
xisgerechte Handlungsoptionen zu entwickeln. Ent- pp. 960–972. – S. Noleppa: Pflanzenschutz in Deutschland
sprechende Anstrengungen auf Seiten der Forschung, und Biodiversität Auswirkungen von Pflanzenschutzstrategien
der konventionellen und ökologischen Landbewirtschaftung
Politik, Beratung und Praxis können dazu beitragen, auf die regionale und globale Artenvielfalt. Hrsg. von HFFA
dass der Ökologische Landbau sein Nachhaltigkeits- Research. Berlin 2016. – E. M. Meemken and M. Qaim: Organic
profil weiter schärft und die Produktion noch gezielter agriculture, food security and the environment. Annual Review
auch auf die Erbringung gesellschaftlich erwünschter of Resource Economics 10/1 (2018), pp.39–63. DOI:10.1146/
annurev-resource-100517-023252.
Leistungen ausgerichtet werden kann.

Das Thema im Kritischen Agrarbericht Dr. Jürn Sanders


X X Jürgen Heß: Per se gut!? Die Leistungen des Ökolandbaus für
Leiter des Arbeitsbereichs Umwelt
den Grund- und Trinkwasserschutz. In: Der kritische Agrarbe- und ­N achhaltigkeit am Thünen-Institut für
richt 2017, S. 118–122. Betriebswirtschaft.
X X Urs Niggli: »Bio 3.0«. Der Beitrag des Ökolandbaus zu einer
modernen nachhaltigen Landwirtschaft. In: Der kritische Agrar- Bundesallee 63, 38116 Braunschweig
bericht 2016, S. 116–120. juern.sanders@thuenen.de
X X Ulrich Schumacher: Schlechter als ihr Ruf? Zustandsanalyse und
Entwicklungsperspektiven der ökologischen Tierhaltung. In: Der
kritische Agrarbericht 2014, S. 108–111.
X X Urs Niggli und Alexander Gerber: Vorbild Ökolandbau. Die Prof. Dr. Jürgen Heß
Bedeutung der Forschung zur ökologischen Lebensmittelwirt- Fachgebietsleiter Ökologischer Land- &
schaft für Innovationen in der Landwirtschaft und zur Sicherung ­P flanzenbau im Fachbereich Ökologische
der Ernährung. In: Der kritische Agrarbericht 2011, S. 107–112. Agrarwissenschaften der Universität Kassel.
XX Maximilian Kainz: Weniger Bodenerosion durch Ökolandbau. For-
schungsprojekt untersucht die Vorzüge der ökologischen Boden- Nordbahnhofstraße 1 a, 37213 Witzenhausen
bewirtschaftung. In: Der kritische Agrarbericht 2010, S. 89–93. jh@uni-kassel.de

139