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Der kritische Agrarbericht 2020

Den Geldkoffer hat keiner dabei …


Von direkten, subtilen und perfiden Lobbystrategien

von Martin Häusling

Lobbyismus, d. h. die Vertretung von Interessen gegenüber Gesetzgebern, ist ein wesentlicher Be-
standteil demokratischer Meinungsbildungs- und Politikabwägungsprozesse. Auf EU-Ebene wird
der Begriff Lobbyismus deutlich neutraler benutzt als im deutschsprachigen Raum, wo er von vorn-
herein negativ besetzt ist. Dass Lobbyismus jedoch immer auch durch Machtungleichgewichte ge-
prägt ist, ist ebenfalls klar. Das Bild des geldkoffertragenden heimlichen Klinkenputzers im Anzug
entspricht allerdings nicht der Realität. Von den unterschiedlichen Formen des Lobbyismus von
Wirtschaftsvertretern, mit denen man (nicht nur) in Brüssel konfrontiert ist, handelt der folgende
Beitrag eines EU-Abgeordneten. Einen Schwerpunkt bildet die gezielte Unterwanderung des Vorsor-
geprinzips im Zusammenhang mit den neuen Gentechnikverfahren und mithilfe gezielter Lobby­
arbeit seitens der Industrie im Vorfeld neuer Freihandelsabkommen.

Lobbyismus hat viele Facetten, mal mehr, mal weniger für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ohne Änderung
sichtbar. Dem geldkoffertragenden heimlichen Klin­ übernommen wurden – ein klarer Interessenskon­
kenputzer im Anzug begegnet man in der Realität al­ flikt. Unabhängige Wissenschaftler und Forscher kä­
lerdings nicht. Die Beeinflussung von Regelwerken auf men zudem beim Zulassungsverfahren von Pestiziden
EU-Ebene ist noch relativ gut dokumentierbar, geht nicht ausreichend zu Wort. Das Beispiel Glyphosat hat
es jedoch um Freihandelsabkommen, geschieht dies spätestens ab 2015 mehr als deutlich gemacht: Je früher
allerdings auch für Abgeordnete völlig unsichtbar. Zu die Einflussnahme der Industrie im Zulassungsverfah­
den besonders unschönen Methoden gehört die Dif­ ren stattfindet, desto wirkungsvoller ist der Einfluss
famierung von Kritikern und die Beschneidung der auf die Gesetzgebung und Umsetzung.2
Rechte und Handlungsmöglichkeiten von Nichtregie­
rungsorganisationen (NGOs). Unschöner: Gegner diffamieren

Die direkte Methode: Richtlinien selber schreiben Stehen dann allerdings kritische Wissenschaftler auf
und äußern sich, wird es meist weniger elegant. Die
In einer 2018 von PAN-Europe, einer pestizidkriti­ sog. Monsanto-Papers (die von US-Anwälten ver­
schen NGO, erstellten Studie mit dem Titel Industry öffentlichte Korrespondenz des Konzerns zur Ver­
writing its own rules wird belegt, wie die Chemiein­ schleierung der Risiken von Glyphosat) geben ei­
dustrie systematisch das Zulassungsverfahren von nen Eindruck davon, wie die Industrie vorgeht, um
Pestiziden in den letzten 15 Jahren um- und mitgestal­ Wissenschaftler mundtot zu machen.3 Aber auch auf
tet hat.1 Unter anderem wurde die Prüfmethodik in EU-Ebene scheuen höchste Behördenvertreter nicht
Europa der weniger strengen aus den USA angepasst. davor zurück, Kritiker zu diffamieren. Als der Chef
Die Standards für die von den Antragstellern beizu­ der EFSA, Bernhard Url, renommierte unabhängige
bringenden Studien wurden von der OECD übernom­ glyphosatkritische Wissenschaftler 2016 verunglimpf­
men, obwohl diese von vielen Wissenschaftlern als te, sie würden »Facebook science« betreiben, erinnerte
nicht ausreichend angesehen werden. Der Bericht hat das fatal an die Behauptung von Monsanto, die Inter­
nachgewiesen, dass in elf von zwölf Fällen die verwen­ nationale Krebsagentur (IARC) würde »junk science«
deten Verfahren zur Risikoprüfung von der Industrie produzieren. Nur kam diese Äußerung nicht von ei­
entwickelt und dann von der Europäischen Behörde nem Konzern, sondern von einem Behördenvertre­

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Agrarpolitik und soziale Lage

ter. Es ist schon eine sehr hohe, aber ausgesprochen um ein »Innovations-«, sondern eigentlich um ein
unerfreuliche Erfolgsstufe von Lobbying, wenn sich »Bedenken-Second-Prinzip«, welches dem gesetzlich
Behördenvertreter derart einseitig positionieren und verankerten Vorsorgeprinzip konkurrierend gegen­
unwissenschaftlich argumentieren, sich gleichzeitig übergestellt wird, um dieses als übertrieben vorsichtig
aber auf eine »wissenschaftsbasierte« Entscheidungs­ aussehen zu lassen.
findung berufen. Die weltweit einzigartige, auf den Druck engagierter
Umwelt- und zivilgesellschaftlicher Gruppen in den
Subtiler: Begriff positiv besetzen letzten 20 Jahren in Richtlinien gegossene Errungen­
schaft des europäischen Vorsorgeprinzips wurde von
Ein Beispiel dafür, wie man knallharte Wirtschafts­ Anfang an von der Industrie massiv bekämpft. Die­
strategien mit gesellschaftlich positiv besetzten Begrif­ se ist anscheinend noch nicht bereit, Europa für das
fen verschleiern kann, ist das sog. »Innovationsprin­ Ziel eines deutlich weniger regulierten Wachstums
zip«. Eine Wortschöpfung der Privatwirtschaft, die verloren zu geben. Hat man es doch in der restlichen
eine generelle Offenheit gegenüber neuen Techniken Welt überwiegend nicht mit derart »restriktiven« Zu­
suggerieren soll. Das klingt modern, schwungvoll, zu­ lassungsprozessen und Nachweisauflagen zu tun. Das
kunftsorientiert! Man hat direkt ein junges erfolgrei­ kann man so aber natürlich nicht schreiben. Da muss
ches Start-up vor Augen, das man fördern und von ein glatter, sympathiebesetzter Begriff her, gegen den
ausbremsenden bürokratischen Fesseln befreien will. niemand etwas haben kann. Und wer hat schon etwas
Gegen so ein Prinzip kann man ja prinzipiell nichts ha­ gegen Innovation? Die Einschleusung des Begriffs war
ben, oder? Sicher, grundsätzlich nicht. Aber es ist auf­ auch erfolgreich: Das »Innovationsprinzip« wurde in­
fällig, dass dieses »Innovationsprinzip« massiv und fast zwischen in den REFIT-Prozess der EU-Kommission
ausschließlich von Chemie- und IT-Firmen themati­ übernommen, der die Verbesserung bestehender EU-
siert und eingefordert wird, wie etwa BASF und Bayer, Rechtsvorschriften zum Ziel hat5 und taucht in fast
Dow Chemical Company, Novartis, Computerunter­ allen neuen EU-Initiativen auf.
nehmen wie IBM oder dem Agrarkonzern Syngenta.
Dass es keine Initiative von kleinen und mittleren Zielgruppengenaue Meinungssteuerung
Unternehmen mit Bezug zur Nachhaltigkeit ist, lässt
sich durch einen Brief belegen, den die oben genann­ Ein weiteres Beispiel ist die strategische Absprache
ten und weitere internationale Konzerne während der Gentechnikindustrie zur Kommunikation über
der Konjunkturkrise der EU 2013 an den damaligen CRISPR/Cas und Co. Das EuGH-Urteil vom Juli 2018
Kommissionspräsidenten Barroso, den Ratspräsident hat klargestellt, dass die neuen molekularen Verfahren
Rompuy und den Parlamentspräsident Schulz ge­ wie CRISPR/Cas nichts anderes als Gentechnik sind
schrieben haben, mit dem Titel »Innovationsprinzip« und entsprechend nach dem europäischen Gentech­
und dem Untertitel: »Stimulierung der Konjunktur­ nikrecht zu regulieren sind. Dies aber stört die Stra­
erholung«.4 Dort äußern die am Ende des Briefes na­ tegie der Konzerne, im Zusammenhang mit CRISPR/
mentlich unterschreibenden Vertreter der Konzerne Cas dieses in der europäischen Gesellschaft negativ
tiefe Besorgnis über »die negativen Auswirkungen von besetzte Wort zu vermeiden – und vor allem eine ent­
neuen Entwicklungen im Bereich Risikomanagement sprechende Kennzeichnung der Produkte. Daher hat
und regulatorischer Richtlinien auf die Innovations­ der Dachverband der Saatgutindustrie einen Kommu­
landschaft in Europa«. Sie kritisieren, das notwendige nikationsleitfaden für den internen Gebrauch verfasst,
Gleichgewicht von Vorsorge und Verhältnismäßigkeit der jedoch von der Umweltorganisation Global 2000
sei gestört, da zu sehr auf das Vorsorgeprinzip und im Jahr 2017 veröffentlicht wurde.6 Unter dem Dach
das Vermeiden technologischer Risiken gesetzt werde. des weltweiten Verbandes befinden sich namhafte
Besonders betroffen seien eine Reihe von chemischen, Agrar- und Gentechnikkonzerne wie Bayer, Syngenta,
landwirtschaftlichen und medizinischen Technolo­ Dow Agroscience oder DuPont Pioneer. Um CRISPR
gien, deren soziale und ökonomische Vorteile unbe­ möglichst vielen Menschen schmackhaft zu machen,
stritten seien, in deren Regulierungsprozess jedoch wurden in dem geleakten Leitfaden drei Zielgruppen
zu sehr auf Risikovermeidung unter Verlust wissen­ identifiziert (Konsumenten, Bauern und Umwelt­
schaftlichen Vorgehens gesetzt werde. schützer), die von den »innovativen Methoden« be­
Damit ist die Katze aus dem Sack: Die Einführung sonders profitieren sollten. Wichtigster Grundsatz der
von Medikamenten, Holzschutzmitteln, Pestiziden Kommunikationsstrategie: »Erzählen Sie von Innova­
oder eben gentechnisch veränderten Pflanzen soll tion, aber sagen Sie niemals ›Gentechnik‹ zu CRISPR«.
nicht weiter durch ein lästiges Vorsorgeprinzip ausge­ Die drei Zielgruppen sollen mit folgenden Be­
bremst werden. Es geht also, wie der Bundestagsabge­ hauptungen adressiert werden: »Lebensmittel sind
ordnete Harald Ebner es treffend formuliert hat, nicht nährstoffreicher; glutenfreies Getreide ist möglich;

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allergenarme Lebensmittel wären denkbar; besseres oder Chemikalienpolitik gerne noch mal zur Diskus­
Saatgut bringt stabile Ernten trotz Klimawandel; ver­ sion zu stellen, falls der Handelspartner sich zu sehr
besserte Pflanzen könnten sich gegen Krankheiten daran stört. Zweifellos ein Erfolg der Lobbyarbeit,
und Schädlinge selber wehren; man könnte große wenn nun im Zuge neuer Handelsabkommen Hemm­
Mengen an Pestiziden einsparen; höhere Ernten und nisse, die den »Freihandel« angeblich beeinträchtigen,
weniger Platzbedarf bedeutet, dass man weniger Wäl­ genauso ausgeräumt werden sollen wie die, die »Inno­
der roden müsste.« Und so weiter. vation« hemmen.
Des Weiteren heißt es: »Vermitteln Sie, wie aufre­ Dem Druck, das europäische Zulassungsverfahren
gend Sie die Möglichkeiten der ›Innovativen Pflan­ für gentechnisch veränderte Organismen mit seinem
zenzüchtung‹ finden. – CRISPR funktioniert wie eine Risikomanagement und seiner Kennzeichnungspflicht
›Gen-Schere‹, CRISPR schneidet präzise, die Ergeb­ zur überarbeiten, wird so mit dem Mercosur-Abkom­
nisse sind nicht von jenen der konventionellen Züch­ men (aber auch mit jedem anderen »Freihandelsab­
tung unterscheidbar, CRISPR kann helfen, die Welt kommen« mit ähnlichen Textpassagen) Tür und Tor
zu ernähren und dem Klimawandel beizukommen – geöffnet. Die Behandlung der Agrarbiotechnologie
ohne wird es schwierig.« Es ist beeindruckend, in wel­ seitens Europas nach dem Vorsorgeprinzip wird seit
cher Geschwindigkeit diese sämtlich unbewiesenen Langem, besonders von den USA, als absichtlich
Behauptungen völlig unhinterfragt in vielen Leitme­ aufgestelltes Handelshemmnis bewertet. Schon 2003
dien von Journalisten als Tatsachen verkauft wurden, ging auch Kanada, unterstützt von den USA, China,
teilweise ohne ansatzweise auf Bedenken, Kritik oder Argentinien, Brasilien, Australien und diversen wei­
offene Fragen hinzuweisen. Auf Twitter braucht man teren Staaten gegen das damalige Moratorium bei der
bloß einen gentechnikkritischen Tweet abzusetzen Zulassung von Gentechnikpflanzen in der EU vor.9
und wird sogleich von einer ganzen Flutwelle über­ Auch das europäisch-kanadische Handelsabkommen
wiegend unsachlicher Behauptungen und persönli­ Ceta enthält ein Kapitel zur Kooperation bei Fragen
cher Diffamierungen überschwemmt. Auch hier ist der Biotechnologie, das klar gentechnikfreundlich for­
die Technik der Meinungssteuerung, zumindest was muliert ist.10
die Medien angeht, bisher sehr erfolgreich. Der Stolz, mit dem in öffentlichen Reden die Ver­
treter der EU-Kommission die europäischen Errun­
Deregulierung durch Handelsabkommen genschaften fortschrittlicher Gesetzgebung und hoher
Standards wiederholen und vor sich her tragen, klingt
Im März 2019 erklärten die im Mercosur-Länderbund hohl, wenn gleichzeitig diese Sichtweise den eigenen
vertretenen südamerikanischen Staaten Argentinien, Handelsvertretern nicht vermittelt wird. Oder ist das
Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay gegenüber inzwischen zweitrangig? In der »Ära Trump«, in der
der Welthandelsorganisation WTO, dass sie eine Un­ Handelskonflikte unvorhersehbar über Nacht entste­
terscheidung von Produkten, die mit den neuen Gen­ hen und die geschmeidige Zusammenarbeit zwischen
technikmethoden hergestellt wurden, und solchen aus der EU und den USA bedroht scheint, meinen viele
normaler Züchtung als Handelshemmnis interpretie­ anscheinend, dass Handelsabkommen mit jedem ab­
ren und sich dagegen wehren wollen.7 Während die geschlossen werden müssen, der gerade greifbar ist.
EU-Kommission wiederholt betont, dass sie die euro­ China steht ja als große Handelsmacht im Hinter­
päischen Standards nicht von Mercosur untergraben grund und zur Hegemonie bereit. Und anscheinend
lassen will und das Vorsorgeprinzip auf jeden Fall ver­ darf man dann aus Sicht der EU-Verhandler alles als
teidigen will, stellt man dann verwundert fest, dass die Verhandlungsmasse anbieten. Aber so schlicht ist es
europäischen Handelsvertreter es wohl doch nicht so nicht. Es dürfte eher so sein, dass der ideologische
verinnerlicht haben, was »Verteidigung des Vorsorge­ Zwang zum Freihandel gegen China es den Lobbyis­
prinzips« genau bedeutet. Denn im vorläufigen Text ten, die schon immer Standards senken wollten, ein­
des Mercosur-Abkommens8 findet sich der Passus: fach nur unheimlich leicht macht, diese Ziele abseits
»Zu Fragen im Zusammenhang mit der Anwendung öffentlicher Wahrnehmung auch durchzusetzen.
der Agrarbiotechnologie haben die Vertragsparteien
vereinbart, Informationen über Strategien, Rechtsvor­ Unterwanderung von Konferenzen
schriften, Leitlinien, bewährte Verfahren und Projekte
für Agrarbiotechnologieprodukte sowie über spezifi­ Besonders die Gentechnikindustrie ist hier aktiv: Cor­
sche Themen der Biotechnologie auszutauschen, die porate Europe Observatory (CEO), eine lobbykritische
den Handel beeinträchtigen können.« Das klingt erst NGO, hat Aktivitäten und Taktiken dokumentiert, die
mal harmlos, aber die Formulierung enthält eindeutig generalstabsmäßig geplant wurden, um UN-Konferen­
das Angebot, das europäische Vorsorgeprinzip bzw. zen zur Biosicherheit zu beeinflussen. Dazu gehörten
Rechtsvorschriften zur europäischen Gentechnik- Interventionen auf Nebenveranstaltungen zur »Be­

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Agrarpolitik und soziale Lage

kämpfung von Fehlinformationen« und sogar Trai­ weiteres Beispiel, auch wenn letztendlich der Unwille
nings und Schulungen von Studentendelegationen. des aktuellen amerikanischen Präsidenten zum (vor­
Bei der Vertragsstaatenkonferenz des UN-Überein­ übergehenden?) Abbruch der Verhandlungen führte.
kommens über die biologische Vielfalt (CBD) in Can­ Während Ex-Agrarministerin Aigner anlässlich der
cún beteiligte sich so eine Delegation internationaler, »Wir-haben-es-satt!«-Demo 2012 den Demonstranten
vorher geschulter Studenten in auffälliger Weise an der »Rücksichtslosigkeit« gegenüber den Hungernden der
Wissenschaftskommunikation mit Delegierten. Die Welt vorwarf, ging der CDU-Bundestagsabgeordne­
Studenten setzten Emotionen und Aggression ein und te Joachim Pfeiffer einen Schritt weiter und stopfte
belästigten mit lautstarken Angriffen junge Teilneh­ gleich alle in einen Diffamierungssack, nannte die
mer des Global Youth Biodiversity Network (GYBN), TTIP-Kritiker uninformiert und sprach von »Empö­
der offiziellen Koordinationsplattform für die Betei­ rungsindustrie«. Inzwischen gibt es mehr und mehr
ligung junger Menschen am CBD, mit der Aussage, Vorstöße, vorrangig konservativer Kollegen, die koor­
dass ihr Ansatz zur Wahrung des Vorsorgeprinzips dinierte Interessenvertretung der Zivilgesellschaft bei
dem technologischen Fortschritt und dem menschli­ bestimmten NGOs zu beschneiden. Die Aberkennung
chen Wohlbefinden abträglich wäre.11 Diese Form der der Gemeinnützigkeit bei attac 2014 und bei Campact
Manipulation und Unterwanderung fällt auf, wenn 2019 waren die ersten Fälle gemäß dieser Strategie.
die geschulten Studenten übertreiben, aber fällt sie Seitdem wird auf mehreren Ebenen versucht, wirt­
uns auch auf, wenn diese sich zivilisierter ­benehmen? schaftskritischen NGOs den Geldhahn abzudrehen
oder ihre Arbeit zu erschweren. Der EU-Abgeordnete
Zurückdrängen unliebsamer Stimmen Markus Pieper (CDU) forderte 2017 die Kommission
in einem Berichtsentwurf auf, nicht länger NGOs zu
Seitdem mithilfe der Social Media relativ schnell gro­ fördern, die den »strategischen Handels- und Sicher­
ßer Druck über Öffentlichkeitsarbeit aufgebaut wer­ heitszielen« der EU widersprechen. Bei der 1957 ge­
den kann, wird jahrelanger Lobbyeinfluss hinter den gründeten Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik
Kulissen schnell mal durch ein paar Tage Twitter- mit Sitz in Bonn, die zum Ziel hat, »die Kenntnis über
und Presseecho konterkariert. Was früher Monate, ja zentrale Themen der Sicherheits- und Verteidigungs­
manchmal Jahre dauerte, bis Kampagnen zur Boykot­ politik sowie der Wehr- und Sicherheitstechnik und
tierung eines Konzerns Wirkung zeigten (z. B. Einlen­ der Verteidigungswirtschaft zu fördern«, stellt ande­
ken in die Einhaltung von Umweltauflagen), das kann rerseits niemand in Frage, ob ihr Wirken als »gemein­
sich heute in Tagen oder Wochen ereignen. Und die nützig« gelten kann.
Mobilisierung lässt sich jederzeit schnell wiederholen.
Prominentestes Beispiel ist hier sicher der Atomaus­ Lobbyismus – ja, aber fair & transparent
stieg und die eingeleitete Energiewende nach Fukushi­
ma. Die sehr laute und dauerhafte Kritik am geplanten Lobbyismus ist, wie gesagt, die legitime Vertretung
Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) ist ein von Interessen gegenüber Gesetzgebern und der Öf­

Folgerungen & Forderungen


■■ Die Lobbytechniken werden immer subtiler, aber auch – e ine Verlängerung der Karenzzeiten der EU-Kom-
perfider. missare, bevor sie in die Privatwirtschaft wechseln
■■ NGOs wie Corporate Europe Observatory, die solche dürfen;
Techniken aufdecken, werden zunehmend wichtig. – e ine Unabhängigkeitserklärung von Berichterstattern
■■ Um insgesamt zu einer faireren und transparenteren im Europäischen Parlament;
Interessenvertretung zu kommen, braucht es allerdings – e in gesetzlicher Schutz von Hinweisgebern (whistle
ein ganzes Paket an Änderungen. Dazu gehören: blower) im Arbeitnehmer- und Beamtenverhältnis;
– ein verpflichtendes Lobbyregister; – d ie Mitsprache des Parlaments bei der Formulie-
– d ie Sitzungen des Rates der Europäischen Union rung von Handelsmandaten;
öffentlich zu machen; – d ie Beteiligung des Parlaments und zivilge-
– d ie Offenlegung von Interessenskonflikten in sellschaftlicher Gruppen vor und während der
­L egislative und Exekutive; Verhandlungen zu Handelsverträgen – nicht erst
– e inen Beauftragten für Transparenz bei der poli­ danach.
tischen Interessenvertretung (ähnlich der Euro­
päischen Bürgerbeauftragten);

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fentlichkeit. Sobald versucht wird, abseits der Öffent­ Anmerkungen


lichkeit und mit versteckten Mitteln zu beeinflussen, 1 Pesticide Action Network Europe: Industry writing its own rules.
Brussels 2018 (www.pan-europe.info/sites/pan-europe.info/
wird es undemokratisch, weil die öffentliche Über­ files/public/resources/reports/industry-writings-its-own-rules-
prüfbarkeit der Beeinflussung und der Meinungsbil­ pdf.pdf).
dung nicht mehr stattfinden kann. Es wird sicher nicht 2 Siehe hierzu auch M. Häusling: Die Uhr tickt. Zunehmende Prob-
völlig zu verhindern sein, dass so etwas passiert. Doch leme beim Pestizideinsatz erfordern entschiedenes Umdenken.
die Möglichkeiten der versteckten und unfairen Ein­ In: Der kritische Agrarbericht 2019, S. 50-55 (www.kritischer-
agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2019/
flussnahme müssen eingegrenzt werden – und wenn KAB2019_50_55_Haeusling.pdf).
solche intransparenten Einflussnahmen beobachtet 3 Gen-ethisches Netzwerk: Die Monsanto Papers und Corporate
werden, sollten sie konsequent öffentlich gemacht Science. Einblicke in die Wissenschaftspraxis des Konzerns
werden. Dazu bedarf es deutlich mehr Transparenz (www.gen-ethisches-netzwerk.de/agrobusiness/wissenschafts-
kritik/die-monsanto-papers-und-corporate-
über die Besetzung und Aktivitäten von Behörden und
science#footnote5_69uzf04) – Siehe auch den Fall des Gen-
über die Aktivitäten von Interessenvertretern. Ganz technikwissenschaftlers Gilles-Eric Séralini: www.gmoseralini.
wichtig ist aber auch, eine robuste Absicherung von org/seralinis-team-wins-defamation-and-forgery-court-cases-
Hinweisgebern (whistle blower). on-gmo-and-pesticide-research/.
Die Art und Weise, wie heute Handelsverträge, die 4 European Risk Forum (ERF): The innovation principle – »Stimula-
ting economic recovery«, dated 9. October 2013 (www.riskfo-
das Leben der Bürger grundlegend beeinflussen, noch rum.eu/uploads/2/5/7/1/25710097/innovation_principle_letter.
hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, pdf). – Die folgenden Passagen zitieren in deutscher Überset-
öffnet Lobbyismus Tür und Tor und ist nicht mehr zung aus dem Brief.
zeitgemäß. Bei den Fragen der ökonomischen, ökolo­ 5 European Commission: Minutes of the joint meeting of the
REFIT platform‘s government group and stakeholder group on
gischen und sozialen Nachhaltigkeit, die massiv von
21. September 2017 (https://ec.europa.eu/info/events/refit-
Handelsverträgen mitgestaltet wird, haben Bürgerin­ joint-group-meeting-21-september-2017-sep-21_en).
nen und Bürger ein Mitspracherecht und das nicht nur 6 International Seed Federation (ISF): How to talk about plant
über Parlamente, die früher und mehr beteiligt werden breeding innovation. A discussion guide, February 2017
müssen, sondern auch über zivilgesellschaftliche Grup­ (www.global2000.at/sites/global/files/2017-Discussion-Guide-
PBI-ISF.pdf).
pen, die ebenso an den Verhandlungstisch gehören. 7 https://kurzlink.de/WTO-CAS-Gentechnik.
8 New EU-Mercosur trade agreement. The agreement in principle.
Brussels, 1. July 2019 (http://trade.ec.europa.eu/doclib/
Das Thema im Kritischen Agrarbericht docs/2019/june/tradoc_157964.pdf).
X X Nina Katzemich: Im Schatten der Politik. Die Macht der Agrar- 9 World Trade Organization (WTO): European Communities –
und Pestizidlobby in Brüssel. In: Der kritische Agrarbericht 2019, ­M easures affecting the approval and marketing of biotech pro-
S. 66–72. ducts (Dispute Settlement 292) (www.wto.org/english/
X X Heike Moldenhauer und Peter Clausing: Eine unheilige Allianz. tratop_e/dispu_e/cases_e/ds292_e.htm).
Was Behörden und Monsanto alles tun, um Glyphosat durchs 10 Umweltinstitut München: CETA und Gentechnik (9. Februar 2017)
Zulassungsverfahren zu bringen. In: Der kritische Agrarbericht (www.umweltinstitut.org/fileadmin/Mediapool/Down-
2018, S. 202–207. loads/01_Themen/03_Verbraucherschutz/Freihandelsabkom-
X X Martin Häusling: Profitinteressen versus Vorsorgeprinzip. Zur men/CETA/20170209_CETA_und_Gentechnik_deutsch.pdf).
Auseinandersetzung um die erneute Zulassung von Glyphosat – 11 Siehe die Berichte von Teilnehmern auf der Website von CEO:
eine Chronik. In: Der kritische Agrarbericht 2017, S. 58–62. https://corporateeurope.org/en/food-and-agriculture/2018/06/
X X Christof Potthof, Anne Bundschuh und Taarini Chopra: Weltweit biosafety-danger#sdfootnote41anc.
und unaufhaltsam? Wie die Industrielobby die Wachstumsraten
bei der Agro-Gentechnik schönt – eine kritische Analyse der
ISAAA. In: Der kritische Agrarbericht 2017, S. 271–276.
X X Christoph Then: Gentechnik, die keine sein soll ... Wie die Indus­
trie versucht, neue Gentechnik-Verfahren bei Pflanzen und
­T ieren als konventionelle Züchtung einzustufen. In: Der kriti-
sche Agrarbericht 2016, S. 277–282.
X X Heike Moldenhauer und Peter Clausing: »Wahrscheinlich
krebserregend«. Kritik am aktuellen Wiederzulassungsverfahren Martin Häusling
für Glyphosat – Forderungen an die Bundesregierung. In: Der Biomilchbauer und seit 2009 Mitglied
kritische Agrarbericht 2016, S. 64–73. des Europäischen Parlaments in
X X Friedrich Ostendorff und Veikko Heintz: Man kennt sich, man der Fraktion Greens/EFA.
schätzt sich, man schützt sich ... Einblicke in das Netzwerk aus
Agrar- und Ernährungswirtschaft, Spitzenverbänden und Poli- info@martin-haeusling.de
tik. In: Der kritische Agrarbericht 2015, S. 53–58. www.martin–haeusling.eu

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