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ABSCHIED VOM

SCHULZWANG
I m August wurde der Hamburger André R. verhaftet. Das Vergehen
des studierten Lehrers: Statt seine Kinder gegen ihren Willen zum
Schulbesuch zu zwingen, unterrichtet er sie zu Hause selbst. Ausge-
löst wurde dies durch unangenehme Schulerlebnisse seiner ältesten
Tochter, aber die „Schulverweigerer“-Familie R. argumentiert mit
ihrem Recht auf religiöse Gewissensfreiheit und wirkt in den Medien
mit altmodischen Kleidern und Frisuren ungewöhnlich, fast exotisch.
(Einen offi ziellen Jeans-Zwang gibt es zwar nicht, aber wer seine Töch-
ter mit Zöpfen und wadenlangen Kleidern herumlaufen läßt, muß ja
Homeschooling ist wohl ein fanatischer Extremist sein!)
R.’s mehrtägige Haft und die anschließende Flucht der Familie nach
in ganz Europa Österreich, um einer beantragten Entziehung des Sorgerechts für die
Kinder zu entgehen, hat in Deutschland neben einer kontroversen Dis-
(sowie allen anglo- kussion um Elternrechte und Staatspfl ichten bzw. Elternpfl ichten und
Staatsrechte einen kollektiven Erkenntnisschub ausgelöst: Außer in
phonen Ländern der Slowakei ist die Bildung der Kinder durch die Eltern in ganz Eur-
opa (sowie allen anglophonen Ländern weltweit) grundsätzlich erlaubt
weltweit) grundsätz- – nur Deutschland leistet sich bisher eine Kriminalisierung engagier-
ter Eltern – wie kommt das denn?
lich erlaubt – nur Deutschland ist stolz darauf, daß Preußen zu den allerersten Län-
dern gehörte, die am 28. September 1717 die allgemeine Schulpfl icht
Deutschland lei- einführten. Bei Strafe im Fall der Zuwiderhandlung war den Eltern
befohlen, ihre Kinder vom 5. bis 12. (ab 1754 bis zum 14.) Lebensjahr
stet sich bisher eine in die Schule gehen zu lassen, damit sie lesen, schreiben und rech-
nen lernen konnten.
Kriminalisierung Das Lehramt galt als Nebenbeschäftigung; die Lehrer, meist entlas-
sene Soldaten, mußten für ihren Lebensunterhalt selber sorgen – durch
engagierter Eltern. Schnapsausschank beispielsweise. Noch 1779 sah sich Friedrich II.
veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß Lehrer lesen, schreiben und rech-
nen können sollten. Viel mehr konnte er nicht tun, denn die Schulen
standen (bis 1926) unter der Aufsicht der Kirche, und der Gutsherr als
Patron sah im Zweifelsfall die Kinder seines Dorfes meist lieber auf
dem Acker oder im Stall als beim ABC. Die schulfreien Zeiten richte-
ten sich nach den landwirtschaftlichen Erfordernissen. So heißen die
Herbstferien noch heute in manchen Gegenden „Kartoffelferien“, weil
die Kinder dann zum Auflesen der Kartoffeln gebraucht wurden.

Grundrecht auf Bildung


Autorin: Dagmar Neubronner, Die Einführung der Schulpfl icht diente damals in einem ländlich
Diplombiologin, Heilpraktike- strukturierten, feudalistischen System dazu, das Recht der Kinder auf
rin, Übersetzerin und Verlegerin ein Mindestmaß an Bildung auch dort zu gewährleisten, wo uneinsich-
Websites: tige, ungebildete Eltern und vor allem Gutsherren kein Interesse daran
www.segensspirale.de hatten und die Kleinen lieber ausschließlich zur Arbeit einsetzten.
www.walter-russell.org Selbstverständlich wurde in Fällen, wo die Eltern selbst des Lesens,
www.genius-verlag.de Schreibens und Rechnens kundig waren oder ihren Sprößlingen sogar
weitergehende Fähigkeiten vermitteln konnten, der Besuch einer sol-

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chen Schule nicht erzwungen, so daß Teile des Bildungs- Verwirklichung entsprechend ihren Anlagen und
bürgertums ihre Kinder weiterhin selbst unterrichteten. Fähigkeiten garantiert …
Die Brüder Grimm, Humboldt und ein Goethe oder Hölder-
lin erwarben sich ihre Bildung zu Hause, auch Mozart ging Die schulische Erziehung der Jugend ist ausschließ-
nicht zur Schule, und Schulversager Albert Einstein hätte lich Angelegenheit des Staates. Der Religionsunter-
vermutlich nie das Abitur geschafft, wenn seine Mutter ihn richt ist Angelegenheit der Religionsgemeinschaften;
nicht kurz entschlossen in der Schweiz selbst auf die Prü- das Nähere wird durch Ausführungsbestimmun-
fungen vorbereitet hätte. Die allgemeine Schulpfl icht diente gen geregelt.
dazu, durch ihr Angebot das Recht auf ein Mindestmaß an
Bildung für alle sicherzustellen. Die Nutzung dieses staat- Die Form des öffentlichen Erziehungswesens ist ein
lichen Angebotes zu erzwingen, wo es bessere Möglichkei- für Jungen und Mädchen gleiches, organisch geglie-
ten gab, war nicht der Zweck. dertes, demokratisches Schulsystem – die demokra-
tische Einheitsschule.“2

Privatschulen Der nationalsozialistischen Gleichschaltung folgte hier


also die zwangsweise Einheitsdemokratisierung. Das
Nachdem 1926 das Schulwesen aus der Vormundschaft grundsätzliche Problem dieser Lösung (auch abgesehen
der Kirche entlassen worden war, blühten an vielen Orten von ihrer Umsetzung im real existierenden DDR-Sozialis-
private Schulen auf. Rudolf Steiner, Maria Montessori, Frei- mus) liegt auf der Hand: Wie kann ein System, das keine
net, Piaget und zahlreiche andere Reformpädagogen ent- Wahlmöglichkeiten zuläßt, zur Demokratie erziehen? Ist
wickelten neue Schulformen, daneben wurden Kinder mit eine zwangsweise Demokratisierung überhaupt möglich?
besonderen Bedürfnissen – ob hoch- bzw. spezialbegabt,
entwicklungsverzögert, besonders sensibel oder von zar-
ter Gesundheit – immer auch zu Hause durch ihre Eltern Eins, zwei, drei!
oder Privatlehrer unterrichtet.
Humorvoll bringt Billy Wilders berühmter Film „Eins,
zwei, drei!“ dieses Problem auf den Punkt: Der amerikani-
Reichsschulgesetz sche Coca-Cola-Geschäftsführer in Berlin regt sich darüber
auf, daß die Mitarbeiter jedes Mal aufspringen und ihn
Diese Bildungsvielfalt fand im Dritten Reich ein jähes militärisch-zackig begrüßen, wenn er den Raum betritt.
Ende. 1938 wurden mit dem Reichsschulgesetz nicht nur Sein deutscher Assistent Schlemmer erklärt ihm, daß er ja
sämtliche Privatschulen geschlossen, sondern auch die früher das Sitzenbleiben hätte befehlen können, aber jetzt
freie Bildung zu Hause kategorisch verboten. Sinn dieser in der Demokratie „machen die Leute, was sie wollen. Und
Maßnahmen war natürlich die ideologische Gleichschal- sie wollen aufstehen!“
tung aller Kinder, der sich niemand durch den Rückzug in
individuelle Nischen entziehen sollte.1
BRD: Schutz der Familie
DDR: Die demokratische Einheitsschule In der jungen Bundesrepublik ging man einen anderen
Weg: Neben einer Rückbesinnung auf christlich-abend-
Nach dem Krieg versuchte die Legislative, zwei ein- ländische Werte wurde erstens der Schutz der Familie
ander widerstreitende Notwendigkeiten zu vereinbaren: ins Zentrum gestellt und zweitens, wie auch beim Polizei-
Einerseits sollte eine monopolistische Gleichschaltung und wesen, das Heil in einer Föderalisierung der Strukturen
Ideologisierung der Jugend ausgeschlossen, andererseits und Machtbefugnisse gesucht: Bildungshoheit der Länder.
die Erziehung demokratisch gesinnter Bürger sicherge- Der Vorrang der Familie wurde im Grundgesetz ebenso
stellt werden. Diese Aufgabe wurde im Osten Deutschlands verankert wie die staatliche „Aufsicht über das Schulwe-
durch das „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen sen“. Auch das Nazi-Verbot für Privatschulen wurde wie-
Schule“ zu lösen versucht. Hier heißt es: der aufgehoben, allerdings mit strengen Kontrollen. Die
Möglichkeit der freien Bildung zu Hause fi ndet weder im
„Der Aufbau eines neuen friedlichen demokrati- Grundgesetz noch sonst irgendwo Erwähnung. Eigent-
schen Deutschlands – der einzige Weg zur natio- lich erstaunlich, denn der erste Bundeskanzler der jun-
nalen Wiedergeburt und Einheit unserer Heimat gen Demokratie, Konrad Adenauer, hatte sich ebenso zu
– erfordert eine grundlegende Demokratisierung der Hause gebildet (1896 Abitur als „Externer“) wie der vielge-
deutschen Schule. Die neue demokratische Schule ehrte Widerstandskämpfer und Pfarrer Dietrich Bonhoef-
muß frei sein von allen Elementen des Militaris- fer und seine Geschwister, die alle in der Grundschulzeit
mus, des Imperialismus, der Völkerverhetzung und von ihrer Mutter unterrichtet worden waren. Heute gibt die
des Rassenhasses. Sie muß so aufgebaut sein, daß fehlende Erwähnung den Familien in Deutschland, die ihre
sie allen Jugendlichen, Mädchen und Jungen, Stadt- Kinder zu Hause lernen lassen möchten, Mut zum Kämp-
und Landkindern, ohne Unterschied des Vermögens fen, denn immerhin ist die Bildung zu Hause nicht verbo-
ihrer Eltern das gleiche Recht auf Bildung und seine ten, es heißt lediglich, dem Staat obliege die Aufsicht über
das Schulwesen.3

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Nicht mehr selber kochen? Was ist „Homeschooling“?
Aber was bedeutet das? Daß öffentliche Einrichtungen Aber was ist diese „Home Education“ überhaupt, und
beaufsichtigt und reglementiert werden müssen, ist klar; warum ist sie manchen Familien so wichtig, daß sie Buß-
so hat der Staat auch genaue Vorschriften für die Nah- gelder, Zwangsgelder, Erzwingungshaft in Kauf nehmen,
rungszubereitung in öffentlichen Beköstigungsbetrieben Sorgerechtsentzug riskieren und letztlich in gar nicht so
erlassen, ob staatlich (Kantinen, Schulspeisung) oder pri- geringer Zahl sogar Deutschland verlassen?8
vat (Gaststätten). Daraus abzuleiten, man dürfe zu Hause Diese Frage läßt sich nicht einheitlich beantworten, denn
nicht mehr selbst kochen, sondern sich nur noch „öffent- die reale Umsetzung der Bildung zu Hause ist so vielfäl-
lich“ sättigen, weil nur so eine gleiche Ernährungsquali- tig, wie die Art zu kochen in jeder Familie anders ist. Zwei
tät für alle und das Grundrecht auf angemessene Nahrung Hauptpole sind derzeit zu beobachten: Manche Familien
gewährleistet sei, erscheint aber trotzdem den meisten führen am Küchentisch jahrgangsübergreifenden Unter-
unter uns als unverhältnismäßiger Eingriff in die persön- richt in Kleinstklassen durch, benutzen Schulbücher,
liche Freiheit. feste Zeiten und Methoden wie in der Schule (was immer
das heißt, denn auch da gibt es ja keine Einheitlichkeit).
Die Ergebnisse sind exzellent und liegen weit über dem
Die alten Demokratien und Skandinavien Schul-Durchschnitt.

In den anderen Ländern rund um Deutschland und welt-


weit hat indessen eine ganz andere Entwicklung des Bil- „Unschooling“ – Informelles Lernen
dungssystems stattgefunden. Länder mit einer langen
demokratischen Tradition wie England, Irland und Kanada Andere verlassen sich mehr auf ihre Intuition und das
boten schon immer ganz selbstverständlich das Recht auf Wissen über „informelles Lernen“, das Gehirnforscher,
freie Wahl der Bildungsform. Von dem Recht, die eigenen Entwicklungspsychologen und sonstige Experten seit
Kinder selbst zu unterrichten, wurde und wird in diesen Jahrzehnten zur Verfügung stellen. Die Essenz ihrer For-
Ländern in dem Maße zunehmend Gebrauch gemacht, wie schungsergebnisse läßt sich sehr schlicht zusammenfas-
Informationen, Lehrmittel und Wissen immer mehr jedem sen: Kinder folgen in ihrer Entwicklung einem inneren
einzelnen problemlos zur Verfügung stehen. Neben den Plan, sie wollen lernen, genauso wie sie laufen, sprechen
öffentlichen Bibliotheken, Tageszeitungen und der Vielzahl und Fahrrad fahren lernen wollen. Man muß sie dazu
an Zeitschriften hat hier natürlich das Internet eine wei- genauso wenig zwingen wie zum Essen, sondern ihnen
tere rasante Revolutionierung und einen raschen Anstieg nur eine reichhaltige, vernünftige Auswahl an Möglich-
der Home Education gebracht. In den USA setzte in den sieb- keiten und Unterstützung bieten. Dann erfolgt das Lernen
ziger Jahren, initiiert von Reformpädagogen wie John Holt4, ohne jeden Druck und Zwang, allerdings in einer Reihen-
Pat Farenga5, Pat Montgomery6 und Grace Llewellynn7 die folge und auf Wegen, die eher selten dem im Lehrplan vor-
interessanterweise oft selbst Lehrer waren, ein Kampf um gesehenen Ablauf folgen, sondern gleichsam nebenbei. Wer
das Recht auf Home Education ein. Inzwischen ist Bildung jemals ein Kind dabei beobachtet hat, wie es (ohne Stun-
ohne Schulbesuch in allen Staaten der USA erlaubt. In Skan- denplan, Hausaufgaben und Zensuren) Stehen oder Spre-
dinavien setzten sich Anfang der neunziger Jahre Eltern chen lernte, kennt diesen Prozeß.9
für ihr Recht ein, ihren Kinder selbstbestimmte Bildung zu
ermöglichen. Nach einigen Musterprozessen ist inzwischen
Home Education in ganz Skandinavien offi ziell erlaubt. Unser Leben ist Lernen 10

Kinder, die so ihrem innersten Interesse folgen dürfen,


Bildungsfreiheit in Osteuropa haben alles, was sie lernen, jederzeit zur Benutzung ver-
fügbar und können es im Leben selbst anwenden. Denn sie
Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es auch hier haben es auch selbst gelernt. Solche Kinder wollen verste-
Bemühungen, das gleichgeschaltete Schulwesen durch hen, wie Lesen geht, weil sie endlich all die Geschichten
Vielfalt zu beleben. In Rußland wie in Kanada erhalten im Regal zugänglich haben wollen, auch wenn die Eltern
Eltern heute sogar fi nanzielle Aufwandsentschädigungen, keine Zeit zum Vorlesen haben. Sie verstehen, wie Prozent-
in Tschechien wurde nach einem Pilotversuch ab 1999 die rechnung geht, weil sie „ihren Stammkunden“ einen Rabatt
Bildung zu Hause 2005 in den Kanon der Möglichkeiten für Selbstgemachtes anbieten wollen; sie lernen schrei-
aufgenommen. ben, indem sie einen Wunschzettel für ihren Geburtstag
Derzeit versuchen europaweit nur noch Deutschland, zusammenstellen, Kontakt mit einem geliebten Onkel auf-
Slowakei, Rumänien und Bulgarien, Kinder gewaltsam nehmen oder an die Bundeskanzlerin schreiben wollen. Sie
zum Schulbesuch zu zwingen; allerdings sind die Rege- merken sich die Hauptstädte aller europäischen Länder,
lungen in den anderen Ländern sehr unterschiedlich und weil sie mit ihrem kleinen Bruder das Quiz von „Wer wird
reichen von völliger, von verfassungsrechtlich garantier- Millionär?“ nachspielen, und die Hauptstädte aller Län-
ter Freiheit (Irland) bis hin zu rigiden Bedingungen und der weltweit, anläßlich der Fußballweltmeisterschaft. Sie
Einschränkungen: So wird von Eltern im Schweizer Kan- erfahren Interessantes über Geschichte, Geographie, Bio-
ton Zürich neuerdings eine dreijährige pädagogische Aus- logie und Chemie aus Gesprächen am Mittagstisch, indem
bildung verlangt. sie im Brockhaus oder bei Wikipedia nachlesen oder mit

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Google-Earth spielen. Sie erwerben sich PC-Kenntnisse, um 1. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glau-
mit Freunden und Verwandten zu mailen oder alles über ben, mit dem Schulzwang verhindern zu können, daß
Shakira herauszufi nden. Sie lernen sich durchzusetzen, Kinder wie Jessica in Hamburg einfach zu Hause
indem sie beim Einkaufen das Wechselgeld prüfen und sich verhungern.13
trauen, auf Fehler hinzuweisen; sie lernen, sich einzufügen 2. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben,
und Rücksicht zu nehmen, während sie sich im Fußballver- daß Kinder die Sozialisierung in Schulklassen brau-
ein, beim Schachspielen, im Yu-Gi-Oh-Fanclub mit anderen chen, um Sozialkompetenz und mündiges Staatsbür-
Kindern auseinandersetzen. Sie lernen Englisch, weil sie gertum zu erwerben.14 Dies wird auch Eltern gegenüber
die Beatles-Texte verstehen und Harry Potter-Filme mit der immer wieder als (einzige) inhaltliche Begründung für
Originalstimme von Daniel Radcliffe genießen wollen… den Schulzwang vorgebracht.15
All diese Beispiele sind authentisch und stammen ent- 3. Die Beamten in deutschen Bildungsbehörden glauben,
weder von meinen eigenen Kindern oder ihren ebenfalls daß freies Lernen zu Hause die Entstehung von unde-
zu Hause lernenden Freunden. Dieses aktive, eigenstän- mokratischen Parallelgesellschaften begünstigt. 16
dige Lernen mag den Eltern mancher genervter, gestreßter,
desinteressierter „Kids“ als utopische Spinnerei erscheinen 1. Furcht vor Kindesmißhandlung
– aber denken Sie mal zurück an Ihre enthusiastischen, Kindesmißhandlung: Die Eltern, die ihre Kinder ver-
hochaktiven, Löcher-in-den-Bauch-fragenden Kleinkin- hungern lassen, sie quälen oder sonstwie an der freien
der, die Sie ständig davon abhalten mußten, die Welt noch Entfaltung und am Erwerb von Bildung hindern, sind
intensiver und risikobereiter zu erkunden. Wir haben bloß nachweislich nicht dieselben, die einen Antrag auf
verlernt, aktives Lernen dort zu erkennen, wo es stattfi n- „Homeschooling“ stellen. Solche Eltern kämpfen näm-
det – und viele Kinder verlernen das Forschen aus eigenem lich nicht um Genehmigungen und Rechte, sondern
Interesse nachweislich während des ersten Schuljahres, behalten ihre Kinder einfach zu Hause, öffnen den
wenn nicht schon im Kindergarten.11 Mitarbeitern des Jugendamtes nicht und sind durch
Bußgelder nicht zu treffen, weil sie meist sowieso
von Sozialhilfe leben. Schätzungsweise 5-10 Prozent
80 Prozent Warterei? aller Kinder sind notorische Schulschwänzer ganz
ohne Antrag und Genehmigung – ein weltweit rasant
Und weil sie nicht wie in der Schule bis zu 80 Prozent zunehmendes Problem des sozialen Zerfalls, das mit
ihrer Zeit mit Austeilen, Einsammeln, Kontrollieren, Wie- Homeschooling nicht das Geringste zu tun hat aber
derholen, Störungen und den darauf folgenden Disziplinie- sehr viel mit dem Verlust der Kind-Eltern-Bindung.17
rungsmaßnahmen, oder kurz gesagt: mit Warten, Warten, Wegen dieses Problems alle Eltern unter Generalver-
Warten verbringen, haben sie neben all dem auch noch dacht zu stellen und hochqualifi zierte Lehrkräfte als
viele Stunden Zeit, um sich voll und ganz dem hinzuge- soziale Feuermelder zu benutzen, ist ein teurer, sinn-
ben, was in der Entwicklungspsychologie „emergentes loser, entwürdigender Holzweg.
Spielen“ heißt: das völlig konzentrierte, ganz im Hier und
Jetzt versunkene Erschaffen eigener Spielwelten allein oder 2. Sozialisierung in der Schule – aber wie?
zu mehreren, im Sandkasten, mit Stöckchen und Steinen Sozialisierung in Schulklassen: Die zunehmende Ver-
oder Bauklötzen, Tüchern, Decken oder einfach so. rohung der sozialen Umgangsformen in der Schule und
die Zunahme der Gewalt ist ein seit längerem inter-
national diskutiertes Problem. Kinder lernen nämlich
Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern offenbar, wie zahllose Studien18 belegen, in der Schule
vor allem, das Recht des Stärkeren auszuüben oder zu
Das Lernen zu Hause funktioniert also, wie sämtliche akzeptieren. Die Sozialkompetenz von zu Hause lernen-
Studien international zeigen, wunderbar, und zwar interes- den Kindern ist deutlich höher, was sich auch auf das
santerweise unabhängig vom Bildungsstandard der Eltern! Erwachsenenalter auswirkt: Junge Erwachsene mit
So zeigten zu Hause lernende Kindern aus der britischen Homeschool-Bildung machen mehr von ihrem Wahl-
Unterschicht bessere Lernleistungen als Schulkinder aus recht Gebrauch, sind viel öfter gesellschaftlich und
der Mittelschicht, das heißt, das gerade in Deutschland ehrenamtlich engagiert, zeigen ein stabileres Selbst-
extreme Problem des „ererbten Bildungs-Mißerfolgs“ wird bewußtsein und eine weitaus größere Zufriedenheit
hier endlich überwunden.12 mit ihrem Leben insgesamt.19 Die Ursache hierfür liegt
Warum wollen die deutschen Behörden freie Bildung wiederum darin, daß Erwachsene heute nicht mehr
zu Hause dann nicht zulassen und bekämpfen sie so so als Vorbilder präsent sind und die Lebenswelten
erbittert? von Kindern und Erwachsenen im Zuge der rasan-
ten Änderung unserer Arbeitsbedingungen sehr stark
voneinander abgeschottet wurden.20 Die „jedenfalls im
Die wichtigsten Irrtümer theoretischen Ansatz“ (siehe Anmerkung 15) stattfi n-
dende Gleichbehandlung der Kinder in der Schule ist
Die folgenden Punkte sind die ständig wiederkehrende ein frommer Wunsch. Denn in Wirklichkeit werden die
Grundlage der Argumentation und tauchen auch in den Kinder spätestens in der Grundschule endgültig exakt
Medien immer wieder auf. Meiner Meinung nach liegen nach Wohngebiet und damit Einkommen der Eltern
drei Mißverständnisse vor: sortiert – die Brennpunktpenne in der Stadtmitte hat

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fast nichts gemein mit der wohlgeordneten Lehranstalt Und die Tätigkeit von Lehrern ist nicht deshalb so kom-
inklusive Hochbegabten-Fördergruppe und Schulgar- plex, weil die Lerninhalte so schwierig sind. Sondern im
ten im grünen Villenvorort. Buchstäblich nirgendwo Gegensatz zum freien, in den Alltag eingebetteten Lernen
auf dem PISA-Globus sind soziale Herkunft und Schul- mit einzelnen Kindern zu Hause, ist es eine hohe Kunst,
erfolg so gnadenlos und unentrinnbar gekoppelt wie in dreißig völlig unterschiedliche Kinder, die sich gerade für
Deutschland. mindestens 30 verschiedene Dinge interessieren, gleich-
zeitig in einem fest vorgegebenen Zeitrahmen gezielt für
3. Freies Lernen für freie Bürger einen fest vorgegebenen Inhalt so zu interessieren und so
Abgesehen davon, daß die Realität in all den Ländern, zu begeistern, daß die meisten von ihnen tatsächlich einen
wo freie Bildung erlaubt ist, ein sogar überdurch- Gewinn daraus ziehen. Was Lehrer hier leisten, kann nicht
schnittlich großes kultur- und staatstragendes Enga- genug gewürdigt werden. Eine vergrößerte Bildungsfrei-
gement ehemaliger Homeschooler zeigt, werden hier heit in Deutschland würde auch ihnen mehr Freiraum im
auch wichtige Grundrechte verletzt: Sowohl im Grund- Umgang mit den Lerninteressen der Kinder geben und ihre
gesetz als auch in der von Deutschland ratifi zierten UN- Position gegenüber der derzeit nahezu allmächtigen Bil-
Kinderrechtskonvention ist das Recht und die „ihnen dungsbehörde stärken. Konkurrenz belebt bekanntlich das
zuvörderst obliegende“ Pfl icht der Eltern zur Erziehung Geschäft, und ein Staatsmonopol war noch nie Garant für
und Bildung ihrer Kinder festgeschrieben.21 In der UN- Qualität!
Kinderrechtskonvention ist auch noch von einem Recht
auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit die
Rede, „unter Achtung der Rechte und Pfl ichten der Über die Autorin
Eltern .., das Kind bei der Ausübung dieses Rechts
in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu Dagmar Neubronner ist Diplombiologin (Haupt-
leiten.“22 fach Biochemie), Heilpraktikerin (www.segensspi-
rale.de ), Übersetzerin (www.walter-russell.org) und
Verlegerin (www.genius-verlag.de ). Ihre zwei Söhne
Der Zwang zur Leitkultur (1996 und 1999 geboren) bestehen darauf, zu Hause
zu lernen, und tun dies seit einem Jahr mit großem
Damit sind wir wieder bei Billy Wilders Film „Eins, Erfolg. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Arti-
zwei drei!“ Können Kinder am besten lernen, mündige, kels (Anfang September) werden Dagmar Neubron-
eigenverantwortliche, demokratische Bürger zu werden, ner und ihr Mann deswegen mit 6.000 € Zwangsgeld
indem ihnen zunächst einmal zwölf Jahre lang das Recht bzw. Erzwingungshaft bedroht; auch die Drohung
auf Selbstbestimmung verwehrt wird, zugunsten einer eines Sorgerechtsentzug wurde bereits inoffi ziell in
Schule, die ihnen (neuerdings zunehmend ganztags) detail- den Raum gestellt. Sie haben gegen die Bildungsbe-
liert vorschreibt, wo, was, wann, wie viel und wie sie lernen hörde ihres Bundeslandes geklagt.
müssen? Wird eine Integration der kulturellen und welt-
anschaulichen Vielfalt in Deutschland wirklich gefördert
durch den Zwang zur Übernahme einer vorgegebenen, von
Beamten in zähen kultusministeriellen Prozessen ständig Endnoten
verspätet der Lebenswirklichkeit angepaßten „deutschen
1 www.verfassungen.de/de/de33-45/schulpfl icht38.htm
Leitkultur“? Würde es unsere Demokratie nicht anziehen-
2 „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“ (Mai/
der machen, wenn sie über die Erfüllung des Grundrechts Juni 1946). Es galt in der sowjetisch besetzten Zone, und
auf Bildung wacht, ohne eine methodische und weltan- in der späteren DDR.
schauliche Uniformität zu erzwingen, die unsere Kinder in 3 Grundgesetz Art. 6: (1) Ehe und Familie stehen unter dem
keiner Weise auf die schwierigen Probleme unseres Plane- besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.(2) Pflege
ten vorbereitet, die sie einst werden lösen müssen? und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der
Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pfl icht. Über
ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
Grundgesetz Art.7: (1) Das gesamte Schulwesen steht unter
Warum gibt es Lehrer? der Aufsicht des Staates …
(4) Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird
Letzte Frage: Wenn dies alles so ist, warum gibt es dann gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche
Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates …
überhaupt Schulen und Lehrer, und warum ist deren Aus-
4 Autor vieler Bücher, die teilweise auf Deutsch vorliegen,
bildung so lang und ihre Arbeit so anstrengend? z.B. „Aus schlauen Kindern werden Schüler“, „Wie Kinder
Auch hier liegt ein Mißverständnis vor: Schulen und Leh- lernen“, „Zum Teufel mit der Kindheit“ und andere.
rer muß es auch weiterhin geben. Zum einen natürlich, Begründer der ersten US-Zeitschrift für freie Bildung
weil derzeit nur wenige Eltern bereit und willens oder in Growing without Schooling.
der Lage sind, ihre Lebensgestaltung und Berufstätigkeit 5 Nachfolger des 1985 verstorbenen John Holt und Leiter
der Holt Association, die Bücher und Lernmaterialien für
so auf das Leben mit ihren Kindern zuzuschneiden, daß
frei lernende Kinder herausbringt.
diese zu Hause lernen können. Auch in den Ländern, wo 6 Gründerin der Clonlara School (ohne kollektiven Lehrplan
freie Bildung erlaubt ist und sogar fi nanziell unterstützt und Anwesenheitspfl icht), die inzwischen weltweit frei
wird, liegt die Zahl der zu Hause lernenden Kinder unter lernende Kinder begleitet und betreut.
fünf Prozent, allerdings steigt sie derzeit rasant.

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