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Ein Brief

von: Yustyna Koval

Liebe Effi,

Ich freue mich zu lesen, dass du glücklich bist und alles in Ordnung bei dir ist. Ich hoffe,
Herr Innstetten ist genauso tugendhaft, wie du ihn beschrieben hast. Aber... Du ratest
wahrscheinlich schon, worüber ich jetzt schreiben werde, aber ich kann nichts dagegen tun. Ist diese
Ehe wirklich das, was du willst? Ich verstehe, dass du im Großen und Ganzen keine andere Wahl
hast: Du wirst von deinen Eltern und ihrer Umgebung unter Druck gesetzt, und deine Freundinnen
schwätzen ständig über ihren Wunsch, so bald wie möglich zu heiraten. Ich möchte nicht sagen,
dass Ehe eine wertlose Sache ist, gar nicht! Wenn sie jedoch in Eile, durch die Bemühungen von
Außenstehenden und nicht durch zukünftige Männer und Frauen selbst vollzogen wird, führt das
selten zu etwas Gutem. Du bist jetzt wahrscheinlich von Tausenden von Gefühlen und Begeisterung
überwältigt, aber bitte verwechsle es nicht mit dem tiefen Gefühl der Liebe. Es sollte ruhig,
natürlich vorgehen und so sein, als ob das immer in dir gewesen wäre, doch du hast gerade den
richtigen Schlüssel gefunden. Fühlst du das, Effi? Wenn ja, überzeuge mich, damit ich mich nicht
umsonst sorge und dieses Thema nie wieder aufgreife. Aber ich kenne dich zu gut, Effi. Du bist ein
wirklich erstaunliches Wesen, und ich liebe dich unendlich. Ich liebe deine Träume, deine
Mätzchen und kühnen Ideen, deine Fantasie, deine junge Sorglosigkeit, Naivität und deine
Gutartigkeit. Siehst du, es scheint mir, dass es unmöglich ist, dich in ein ruhiges „Familienglück“ zu
zwingen. Zumindest für jetzt.

Erinnerst du dich noch an das schöne Büchlein, das wir als Kinder begeistert gelesen haben?
Über so verschiedene, einzigartige kleine Frauen. Dann hast du entschieden, dass du so mutig wie
Joe sein möchtest: Du wirst Schriftstellerin; alle Verehrer werden weggeschickt werden, und du
wirst eine eigene Schule gründen und deine Schülerinnen niemals für die gekratzten Knie bestrafen.
“Wer kam auf die Idee, dass nur Jungen auf den Pflaumenbaum klettern dürfen? Schließlich hängen
dort oben die köstlichsten Früchte!“, hast du dich leise empört, während du das Unkraut entlang
dem Zaun als Strafe für dein „rücksichtsloses“ Verhalten jätete. Ich habe deinen Mut immer
bewundert und nie daran gezweifelt, dass du in allem, was du auch willst, Erfolg haben würdest.
Dieser Mut hat mir sehr gefehlt, und jetzt ist er für mich nutzlos. Natürlich respektiere ich meinen
Mann, liebe ihn und bin glücklich auf meine eigene Art und Weise. Ich habe meine Ruhe und
meinen Trost gefunden und bitte nicht um mehr. Aber dir, Effi, wird es vielleicht zu eng in diesem
Frieden, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles zusammenbricht.

Ich muss meine Beobachtungen teilen, und hoffe, du wirst dich dadurch nicht beleidigt
fühlen. Aus deinem Brief, in dem du über deinen zukünftigen Ehemann schreibst, scheint es, dass
die Ehe für dich so etwas wie ein romantisches Abenteuer ist. Du beschreibst Baron von Innstetten
im Geiste der Geschichten, die du geschrieben hast, als Charakter der Welt, die du geschaffen hast.
Du wirst jedoch sehr bald ein Teil dieser Welt werden und es wird keinen Weg zurückgeben. Ich
fragte meinen Wilhelm, was er über Innstetten wisse, und erfuhr, dass dein Baron ein Mann mit
Charakter, ein Mann mit Prinzipien und „der geborene Pädagoge“ sei. Ich kann nicht sagen, dass
diese schlechte Eigenschaften sind, ganz im Gegenteil, in der gemessenen Menge sind sie sehr
tugendhaft. Aber wird es dir unter dem Flügel eines so strengen Herr leicht fallen? Schließlich bist
du an die Freiheit gewöhnt, die dein Vater und deine Mutter dir niemals verweigern konnten, weil
sie dich so sehr lieben. Und aus derselben Liebe haben sie beschlossen, dich mit einem würdigen
Mann zu verheiraten, der sich auch nach ihrem Tod um dich kümmern wird. Ihre Sorge ist mir als
der Frau, die kürzlich selbst Mutter geworden ist, sehr klar. Ich sehe meine Kleine an und möchte
sie vor allen Gefahren der Welt schützen. Aber ich versprach mir, dass ich niemals an ihrer Stärke
zweifeln und sie unterstützen werde, egal welchen Weg sie auch wählt.

Die Zeiten ändern sich, Effi, und die Autorität der öffentlichen Meinung schwächt langsam
ihren eisernen Griff. Ich kann bereits das Echo der Zukunft hören, in dem es keine “Heldentaten im
Namen der Dame“ geben wird, denn sie selbst wird den Drachen besiegen und aus der Festung
fliehen; in denen die Frau eine größere Auswahl hat, als eine würdige Ehefrau zu werden und
Kinder zu gebären oder eine alte Jungfer zu werden, über deren Exzentrizität sogar in der Kirche
getratscht wird. In dieser Zukunft müssen Frauen nicht mehr auf Tricks zurückgreifen, um ihre
Stimme durch Männer zu translieren: Sie werden zu ihrer eigenen Stimme und werden den Stand
der Dinge in ihrem Land und in der Welt direkt beeinflussen können. Die Frau wird nicht länger
“bemannt“, sondern in gleichberechtigter Partnerschaft mit ihrem Ehemann sein, und der männliche
Verrat an dieser Vereinigung wird als nicht weniger Verbrechen als der Verrat einer Frau
wahrgenommen. Eines Tages werden sich Mädchen keine Sorgen mehr machen, dass ihr
Wohlergehen und das Wohlergehen ihrer Familien von ihren erfolgreichen Ehen abhängen: Sie
werden die Möglichkeit erhalten, jede Aktivität, jeden Beruf auszuüben, die sie wollen, und das
Heiraten nach Gottes Liebesprinzipien wird zur Norm, und wird kein großer Luxus mehr sein. Das
ist die Zukunft, die ich für mein Mädchen will.

Aber wie kann die kommen, wenn wir nicht versuchen, ein wenig zu tun, um langsam
darauf zuzugehen? Deshalb schreibe ich dir, Effi. Nicht um dein Glück zu überschatten, sondern
aus einer tiefen schwesterlichen Liebe zu dir. Du bist noch so jung und es gibt so viele
Versuchungen auf der Welt. Du bist gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, die dein ganzes
Leben bestimmen wird, aber im Falle eines Fehlers liegt die gesamte Last der Verantwortung
vollständig auf deinen Schultern.

Die Gesellschaft mag über deine Willensäußerung lachen und dich mit den Nadeln ihrer
Erwartungen erstechen, aber dein strahlendes, bedeutungsvolles Leben wird lauter sprechen als alle
Neckereien und das Flüstern hinter dem Rücken. Wenn du dich jedoch für das Richtige, Würdige
und Erwartete entscheidest, stell sicher, dass du deine Gefühle und Träume vor dir selbst sehr tief
verbirgst. Denn wenn sie plötzlich ausbrechen, wirst du mit etwas viel Grausamerem als Neckereien
konfrontiert sein.

Na gut. Ich ermutige dich, deine eigenen Entscheidungen zu treffen, aber ich scheine selbst
eine erzieherische Rolle zu übernehmen. Wenn dir meine Worte unangemessen erscheinen, nimm
sie bitte nicht als Beleidigung. Aber wir haben uns gegenseitig versprochen, immer ehrlich
miteinander zu sein.

Ich umarme dich fest und schicke mein Küsschen. Sage deinen Eltern bitte meine beste
Grüße.

Bisous
deine Charlotte

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