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Süddeutsche Zeitung Nr. 53 Samstag/Sonntag, 5./6.

März 2011 HISTORIE WOCHENENDE Seite V2/7

„Die Stützen der Partei“ hieß 1960 die

Die eigene Karikatur von Wolfgang Hicks über die


CDU-Größen Ludwig Erhard (links)
und Konrad Adenauer, der 1963 ging.
Foto: © Stiftung Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland

Wahrheit
Guttenbergs Abschied folgte bekannten
Mustern der Inszenierung: Das habt ihr nun davon!
Eine kleine Kulturgeschichte deutscher Rücktritte

dent Edmund Stoiber 2007 endlich abge-


von Joachim Käppner
treten. Ihm widmete sein künstlerisches
Double Michael Lerchenberg beim Politi-

D
er Anrufer nennt keinen Na- ker-Derbleckn auf dem Münchner Nock-
men, er sagt nur: „Gleich wird herberg eine hinreißende Eloge: Zu den
es einen Rücktritt geben.“ Der Klängen von „Don’t cry for me, Argenti-
Angerufene: „Einen Rücktritt – na“ schmetterte der Kabarettist: „Weint
wer denn?“ „Na, einen Rücktritt von dem nicht um mich, Landeskinder! Ich werde
natürlich.“ Der Hörer wird aufgelegt. Es weg sein – ihr kriegt den Beckstein!“
ist der Abend des 6. Mai 1974. Die anony- Das habt ihr nun davon! Eine kleine
me Stimme gehört einem Mitarbeiter des Typologie des Rücktritts zeigt zuerst den
Bundeskanzleramts, der dem Chefredak- Auftritt der verfolgten Unschuld. Es ist
teur des Vorwärts, Gerhard Gründler, die der gängigste Reflex, gleich ob Lüge oder
Sensation steckt: Kanzler Willy Brandt unbewusster Impuls. Die verfolgte Un-
wird gleich zurücktreten. Der Vorwärts er- schuld tritt zwar zurück, weil sie nach
scheint erst Tage später, Gründler kann die langem Lavieren gar keine andere Wahl
brisante Information nicht gleich selbst ver- mehr hat; zu offenkundig ist ihr Versa-
werten. Er gibt sie weiter an den NDR-Jour- gen, zu stark der Druck. Sie ist aber weit
nalisten Jürgen Kellermeier, und der feier- davon entfernt, sich schuldig zu beken-
te in der Spätsendung einen Scoop: „Was nen. Sie gesteht Fehler ein, nicht aber
die ganze Zeit als Gerücht herumschwirrte Verfehlungen. Schuld sind „die Medien“,
und was sich zunehmend verdichtet, hat die Opposition. Sie gehe vor allem, um
sich heute Abend bestätigt. Willy Brandt Schaden von sich, der Familie und ande-
hat seinen Rücktritt eingereicht.“ ren abzuwenden. Guttenberg verwies
So schildert der Berliner Autor Rudolf auf die Soldaten, „auf deren Rücken“ die
Großkopff in einem demnächst erschei- Debatte über ihn geführt werde.
nenden Buch (siehe Kasten auf dieser Sei- Großmeister dieser Kunst war Franz
te) einen Rücktritt, der die Republik er- Josef Strauß, der als Verteidigungsminis-
schütterte. Bis heute gilt Willy Brandts ter nach heutigen Maßstäben dreimal im
Abgang wahlweise als ehrliche Konse- Jahr hätte zurücktreten müssen. Erst
quenz angesichts der sich türmenden Pro- nach der Spiegel-Affäre 1962 aber war
bleme seiner zweiten Amtszeit oder als pa- das Spiel aus; er ließ, nachdem er die Pres-
nische Flucht vor ihnen: Massenstreiks, sefreiheit in Frage gestellt, die Regierung
Ölpreisschock, Zoff mit dem SPD-Frakti- ins Wanken gebracht und eine Staatskri-
onschef Herbert Wehner, seelische Er- se ausgelöst hatte, lediglich erklären:
schütterungen. Den Ausschlag gab die „Wenn dabei Fehler und Missverständ-
Enttarnung von Brandts Mitarbeiter Gün- nisse unterlaufen sind, so bedauert er
ter Guillaume als Stasi-Spion. Aber der (Strauß) sie.“ Er selbst verglich sich noch
Kanzler, der mehr Demokratie und die Jahre später mit der Rolle verfolgter Ju-
Versöhnung mit dem Osten wagte, hätte den unter dem Hakenkreuz.
nicht gehen müssen – wäre er stabiler, Den scheußlichsten Auftritt als ver-
kämpferischer, in der Form der ersten Re- folgte Unschuld hatte 1978 Hans Filbin-
gierungsjahre ab 1969 gewesen. „Willy, ger, CDU-Ministerpräsident von Baden-
bleib!“ riefen Demonstranten auf den Württemberg und furchtbarer Marineju-
Straßen. Aber er ging fort. rist aus brauner Zeit. Er blieb noch im
Von all den vielen Rücktritten in der Ge- Sturz Symbol des hässlichen Deutschen.
schichte der Bundesrepublik war dieser Selbst angenehm fern der Front, hatte er
der bedeutendste, mehr noch als der Rück- die Todesstrafe für angebliche Drücke-
zug des greisen Konrad Adenauer elf Jah- berger gefordert, weil die zu wenig Nei-
re zuvor. Eine Ära des Aufbruchs war vor- gung zeigten, für Führer und Vaterland
über. Dieser Tag wird noch in Geschichts- zu sterben. Der Alte, von allen guten Geis-
büchern stehen, wenn der Rücktritt eines tern und immer mehr Parteifreunden ver-
schneidigen Verteidigungsministers 37 lassen, ging lamentierend ab: „Dies ist
Jahre später darin nicht mehr sein wird die Folge einer Rufmordkampagne, die
als, pardon, eine Fußnote. es in dieser Form bisher in der Bundesre-

1974: Wehner und der


Rücktritt Willy Brandts
Trat Kanzler Willy Brandt 1974 wegen einer Intrige seines innerparteili-
chen Intimfeindes Herbert Wehner zurück? Noch immer geht diese Versi-
on um. Immerhin war es der enge journalistische Vertraute des SPD-Frakti-
onschefs, Jürgen Kellermeier, der die Nachricht vom Rücktritt zuerst hatte
– freilich vom „Vorwärts“-Chefredakteur, den ein Beamter aus Brandts
Umfeld informiert hatte. Ein neues Buch über Wehner und Kellermeier
Bild links: Gegner und Genossen – Willy Brandt (links), 1974 zurückgetreten, und An- bestätigt, dass Wehner nicht der Informant war. Ein Auszug: Abschiede: Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler 2010 (links, mit Frau Eva
tipode Wehner 1981. Bild rechts: Der Uneinsichtige – Hans Filbinger (Foto von 2003) Korrespondent Jürgen Kellermeier spricht live (über Brandts Rücktritt; Luise) und von Karl-Theodor zu Guttenberg 2011. Fotos: SZ-Photo, dapd (3)
SZ). Der Kanzler habe wenige Stunden zuvor dem Bundespräsidenten
ein Schreiben überreichen lassen, in dem es heiße, er übernehme die
Es gibt viele Motive für Rücktritte, et- publik nicht gab. Es ist mir schweres Un- Verantwortung für Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit dem Fall aufgeklärt und trat erst ab, als es nicht lungsschreiben mit dem Briefkopf des
wa Amtsmüdigkeit wie bei Brandt. Zu recht angetan worden.“ Guillaume. Diese und weitere Details zeigen, dass der Korrespondent mehr anders ging. Ministeriums (Rücktritt des FDP-Wirt-
den ältesten Gründen gehört illegales Der schärfste Gegensatz zur verfolg- sich mit Erfolg bemüht hat, die nackte Nachricht über die Tatsache des Auffälligerweise erlebt die Bundesre- schaftsministers Möllemann 1993), ei-
Verhalten wie Bestechung und Vorteils- ten Unschuld ist der, weit seltenere, Rücktritts durch Recherche anzureichern. So ist die Rede davon, dass publik, an deren Stammtischen man nen Verkehrsminister mit Bleifuß (Oli-
nahme aller Art. Dann gibt es Rücktritte, ehrenvolle Rücktritt. Hier geht der Amts- der Brief handschriftlich abgefasst und dass es Staatssekretär Horst gern weiß, dass die da oben allesamt kor- ver Wittke, CDU, 2009 in Nordrhein-
die dem harten Geschäft der Demokratie träger, weil er sich klar zu einem Fehler Grabert aus dem Kanzleramt war, der das Dokument überreicht hat. In rupte und verlogene Saubären seien, heu- Westfalen) oder beschwipste Bischöfin-
entsprechen: Alte weichen Jüngeren wie bekennt – wie 2010 die EKD-Ratsvorsit- dem wie immer bei solchen Gelegenheiten heftig erregten Bonn sind te doch mehrheitlich Affären von kleine- nen.
Baden-Württembergs Ministerpräsident zende Margot Käßmann, nachdem sie be- sich viele nicht nur einig, dass Wehner die Quelle der Information gewe- rem Karo. Die ganz großen Skandale lie- Ein recht neues Element ist der Null-
Erwin Teufel Günther Oettinger – der zecht durch die Nacht gefahren war. sen ist, sondern auch, was er damit bezweckt hat. gen schon länger oder lange zurück: jene Bock-Rücktritt: 2010 trat Bundespräsi-
dann eindrucksvoll demonstrierte, dass Andere treten ab, weil sie bestimmte Damals gab es noch nicht jene Spezies von politischen Strategen, die um die Nazivergangenheit von Politi- dent Horst Köhler ab, äußerlich im We-
Jüngere nicht automatisch mit glückli- Dinge nicht mittragen wollen. Ende 1962 man heutzutage nach englischem und amerikanischem Vorbild „spin kern wie Hans Globke und Theodor Ober- sentlichen deshalb, weil ihn die Opposi-
cherer Hand regieren. Und es gibt, das ist waren, während der Spiegel-Affäre, alle doctors“ nennt. Das sind Berater, die mit ausgeklügelten Manövern und länder, um die Gewerkschaftsmafia der tion, voran die Linke, mit banalen Vor-
wohl der häufigste Fall, politische Feh- fünf Bundesminister der Liberalen zu- Intrigen, oft über die Bande spielend, Vorteile für ihre Auftraggeber her- Neuen Heimat, die Barschel-Affäre um würfen wegen missverständlicher Be-
ler, eine plötzlich erkannte Lücke zwi- rückgetreten, und FDP-Chef Erich Men- auszuholen versuchen. Dass schmutzige Tricks gegen Björn Engholm merkungen über die Auslandseinsätze
schen Anspruch und Wirklichkeit, ein de machte Adenauer deutlich: Eine Neu- Wehner schon zu jener Zeit als 1987, die Flick-Affäre. der Bundeswehr behelligt hatte. Würde
Glaubwürdigkeitsproblem, das Gutten- auflage der Koalition mit der Union wer- eine Art Spindoktor gesehen Der Anspruch der Wähler an die Poli- nun jeder hinschmeißen, dem die Linke
berg in dramatischer Weise einholte. de es nur ohne den Bayern geben. Erst da wird, ist durchaus typisch für tiker ist anders geworden: moralischer, banale Vorwürfe macht, das Land wäre
Sein Abschied infolge des Skandals war Strauß am Ende. Schon 1950 ging In- seine Position im Bonner Be- aber auch misstrauischer. Die Politik- von politischem Personal entvölkert.
um seine Doktorarbeit war freilich eine nenminister Gustav Heinemann, damals trieb. Die Intrigenversion lautet verdrossenheit zeigt sich auch darin, Bei Köhlers beklemmender Abgangsan-
klassische Inszenierung. „Die Rück- noch in der CDU, wegen Adenauers Wie- so: Brandt hat seinen Brief um was der Wähler den Gewählten durchge- sprache zeigte sich eher eine verwunde-
trittserklärung ist auch immer der derbewaffnungsplänen. Das mochte der 21 Uhr unterschrieben. Der Rück- hen lässt, nämlich immer weniger. Poli- te Seele. Verglichen mit ihm präsentier-
Kampf um die eigene Wahrheit“, gläubige Pazifist, fünf Jahre nach Hitlers tritt ist aber erst in dem Augen- tiker und Funktionäre fühlen sich unter ten sich weichende CDU-Größen wie
schreibt der Historiker Michael Philipp Krieg, nicht ertragen. Sein Credo: „Es blick gültig, in dem Bundespräsi- Generalverdacht, es wächst die Gefahr, Roland Koch und Ole von Beust als fröh-
in seinem großen Buch der Rücktritte geht um dich und dein Gewissen!“ dent Gustav Heinemann das schon wegen Lappalien zum Rücktritt liche Egoshooter. Für sie gilt nicht
(„Politisch habe ich mir nichts vorzuwer- 1978 legte Verteidigungsminister Ge- Schreiben in Händen hält. Nun und damit aus der Karriere gedrängt zu mehr, was für die Alten galt: Deren Ge-
fen“, süddeutsche edition, 2007). org Leber sein Amt nieder, als heraus- ist der Präsident aber nach Ham- werden – und dies umso mehr, als die neration, in absoluten Wahrheiten erzo-
Da ist, dramatisch verkündet, die Bot- kam, dass der Militärische Abschirm- burg gereist. Es bedarf also ei- Medien und das Netz heute jeden Vor- gen, hatte Politik noch als Lebensaufga-
schaft selbst, dass man gehe; da sind die dienst (MAD) ohne sein Wissen seine Se- nes Boten, der an die Elbe fährt gang vervielfachen. be betrachtet, das erklärte eine Leiden-
Begründung, die Rechtfertigung, die Vor- kretärin über Jahre abgehört hatte. Nun, und das Dokument aushändigt. Tummelte sich Strauß als Bayerns Mi- schaft, die bei manchen, wie dem SPD-
würfe an die Kritiker, die Betonung eige- dies war die Zeit, in der die Stasi ge- Wehner und andere, die am nisterpräsident ungestraft in den blü- Zuchtmeister Herbert Wehner, eine ab-
ner Leistungen und ein Hauch von Schuld. schmeidige „Romeos“ an die einsamen Rücktritt Brandts interessiert henden Gärten der Spezlwirtschaft, so gründige Seite hatte. Seit einigen Jah-
Ein Mensch scheidet gänzlich wider Wil- Herzen in den Vorzimmern der Bonner sind, befürchten, dass der als musste Nachfolger Max Streibl 1993 ge- ren aber wechselt der Vorsitz seiner Par-
len von der öffentlichen Bühne, die ihm Macht heranführte. Aber Lebers Sekretä- nicht immer konsequent geltende Kanzler noch anderen Sinnes werden hen, als er versuchte, was dem großen tei etwa so häufig wie der Trainer von
die Welt geworden ist. Er muss es aber tun, rin hatte nichts dergleichen verbrochen. könnte. Um ihn festzulegen, so die Spekulation, haben Wehner oder FJS noch gefrommt hatte. Selbst Hel- Borussia Mönchengladbach.
spätestens dann, wenn die eigenen Leute Politisch schwer beschädigt zog er die seine Leute die Information durchgesteckt. mut Kohl lebt, bei all seinen Verdiens- Und doch hatte zumindest einer dieser
fürchten, in den Sog des Niedergangs zu Konsequenzen, ebenso wie 1993 Innenmi- Noch heute ist diese Geschichte manchmal zu hören, obwohl sie oh- ten um Europa und Deutschlands Ein- Rücktritte jene menschliche Größe, die
geraten. Die Krise darf nicht das Ganze be- nister Rudolf Seiters (CDU). Er über- ne jeden Wahrheitsgehalt ist. Aber spätestens seit der Moskaureise von heit, mit dem Makel illegaler Parteispen- nach Ansicht der deutschen Dauernörg-
schädigen, die Regierung, die Partei. Sein nahm die politische Verantwortung für 1973 traut man Wehner nun mal so gut wie alles zu, wenn es um Brandt den fort, die zwei Generation zuvor we- ler der Politik so sehr fehle. „Ich habe
Drama geht zu Ende, und diese Gelegen- das Zugriffs-Desaster von Bad Kleinen, geht. nigen als ehrenrührig erschienen wä- meine Kräfte überschätzt“, sagte SPD-
heit darf er nicht verstreichen lassen. Ein wo ein GSG-9-Mann und ein RAF-Terro- Rudolf Großkopff: Die Macht des Vertrauens – Herbert Wehner und ren. Chef Matthias Platzeck 2006. Er sah
starker Abgang: Das habt ihr nun davon! rist ums Leben gekommen waren. Gut- Jürgen Kellermeier. Die ungewöhnliche Beziehung zwischen einem Politi- In Frankreich, Belgien oder gar Itali- selbstkritisch, dass seine Talente größer
Nach fast zwei Jahren marternden An- tenberg ging zwar erhobenen Hauptes ker und einem Journalisten. Ellert und Richter; Hamburg 2011. 96 Seiten, en würden manche deutsche Skandale waren als seine seelische und körperli-
sehensverlustes, seit seiner Flucht aus wie ein Ehrenmann, aber nicht als sol- 12,95 Euro (erscheint Mitte März) Foto: Baumeister sogar Gelächter auslösen. Bei uns geht che Kraft: „Es hat keinen Sinn gemacht,
Berlin 2005, war Bayerns Ministerpräsi- cher – er hat die Plagiatsvorwürfe nicht es oft um Dinge wie private Empfeh- weiter gegen die Wand zu laufen.“