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In der Pandemie nehmen Depressionen und Angststörungen stark zu / Teil 1/

Immer mehr Menschen brauchen in der Pandemie psychologische Hilfe. Kinderbetreuung


und Homeoffice, gereizte Stimmung in der U-Bahn und dann auch noch die Unsicherheit über
die Zukunft – der Stress und die Belastungen in der Coronakrise können aufs Gemüt
schlagen. Eine Folge davon ist die deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen, wie eine
aktuelle Studie zeigt.
82 Prozent der Ärztinnen und Ärzte stellen bei ihren Patienten häufiger Probleme mit
Angstzuständen fest. Knapp 80 Prozent diagnostizieren öfter als zuvor Depressionen. Auch
die Fälle somatischer Beschwerden – also psychische Beeinträchtigungen, die sich auf die
körperliche Gesundheit auswirken – nehmen zu: Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerzen
ohne organische Ursache. Bei vielen schlägt sich das vor allem nachts nieder, in Form von
Schlafstörungen.

Die Krise hinterlässt Spuren in der Psyche


Gerd Herold, Beratungsarzt bei Pronova, macht den Corona-Alltag für den Anstieg der
psychischen Beschwerden verantwortlich. „Neue Vorschriften und Umgangsformen wie
Abstandsregeln, Masken oder Kontaktbeschränkungen wirken verunsichernd und
tendenziell destabilisierend“, sagt er. „Angst vor einer Infektion mit dem Virus, um
Angehörige, um den Job, Existenzsorgen oder auch Ängste vor sozialer Isolation im Lockdown
sind weit verbreitet und hinterlassen Spuren.“ Insgesamt verzeichnet ein Drittel der
befragten Ärzte einen vermehrten Zulauf an Patienten. Bei den niedergelassenen
Psychiaterinnen und Psychiatern sind es 46 Prozent, die mehr Menschen behandelt als zuvor.
Ein Viertel verschreibt mehr Medikamente als vor der Krise.
Die Gründe, warum sich die Menschen in Behandlung begeben, sind vor allem ein Gefühl der
Überforderung, Ängste und familiäre Probleme. Aber auch Alkoholsucht und aggressives
Verhalten gegenüber anderen oder Zwangsstörungen bewegen Menschen in der Krise
vermehrt dazu, einen Psychotherapeuten oder eine Psychiaterin aufzusuchen. Besonders im
dritten Quartal habe der Andrang in den Praxen zugenommen. „Im Sommer sanken die
Infektionszahlen und die akuten Corona-Sorgen wurden kleiner – Menschen, die psychisch
stark gelitten hatten, kämpften aber mit anhaltenden Beschwerden“, sagt Herold.
Patienten mit psychischen Vorerkrankungen seien in der Krise doppelt anfällig, heißt es in
der Studie. 92 Prozent der befragten Fachärzte stellen fest, dass sich die seelischen Leiden
ihrer Patienten in diesem Jahr verstärkt haben. Das betreffe vor allem Symptome wie
Nervosität, Erschöpfung und Antriebslosigkeit. „Wer ohnehin in Beziehungsproblemen oder
Ehekrisen steckt, erlebt oft, dass sich die Konflikte mit zunehmendem Alltagsstress
zuspitzen“, sagt Herold und warnt: „Es ist zu befürchten, dass Streitigkeiten auch gewalttätig
ausgetragen werden.“