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28937/978-3-7873-3902-0 | 978-3-7873-3902-0 | Freie Universität Berlin, Universitätsbibliothek |


17.11.2020

Georg Oswald

Das freie Sich-Entlassen der


­logischen Idee in die Natur in
Hegels Wissenschaft der Logik
HEGEL-STUDIEN BEIHEFT 70
HEGEL-STUDIEN  Beiheft 70

In Verbindung mit
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Walter Jaeschke und Ludwig Siep herausgegeben von


Michael Quante und Birgit Sandkaulen
17.11.2020

FELIX MEINER VERL AG


HAMBURG
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17.11.2020

Georg Oswald

HAMBURG
FELIX MEINER VERL AG
Das freie Sich-Entlassen

Hegels Wissenschaft der Logik


der logischen Idee in die Natur in
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17.11.2020

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der


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ISBN eBook 978-3-7873-3902-0

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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee . . . . . . . . . . . . 25


1.1 Das Leben in der endlichen Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.2 Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.2.1 Das theoretische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.2.2 Das praktische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem H


­ intergrund der Entwicklung
der praktischen Idee zur absoluten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
17.11.2020

3. Die spekulative Methode im argumentativen und systematischen


Kontext der Logik und der philosophischen Wissenschaften . . . . . . . . . . . . 67

3.1 Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik . . . 71
3.2 Die Prinzipien des spekulativen Begreifens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.3 Drei Lesarten des logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

4. Vorbereitung auf den Übergang: Geschlossenheit und Offenheit des


logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

4.1 Die Geschlossenheit des logischen Systems:


Begriff und Subjektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
4.2 Die Offenheit des logischen Systems:
Subjektivität und Objektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

5. Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . 133


5.1 Probleme der inner- und außerlogischen Interpretation des
Übergangs der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
5.2 Der innerlogische Übergang der logischen Idee in die Natur . . . . . . 145
Inhalt
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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee . . . . . . . . . . . . 25


1.1 Das Leben in der endlichen Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.2 Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.2.1 Das theoretische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
1.2.2 Das praktische Erkennen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem H


­ intergrund der Entwicklung
der praktischen Idee zur absoluten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
17.11.2020

3. Die spekulative Methode im argumentativen und systematischen


Kontext der Logik und der philosophischen Wissenschaften . . . . . . . . . . . . 67

3.1 Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik . . . 71
3.2 Die Prinzipien des spekulativen Begreifens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.3 Drei Lesarten des logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

4. Vorbereitung auf den Übergang: Geschlossenheit und Offenheit des


logischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111

4.1 Die Geschlossenheit des logischen Systems:


Begriff und Subjektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
4.2 Die Offenheit des logischen Systems:
Subjektivität und Objektivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

5. Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . 133


5.1 Probleme der inner- und außerlogischen Interpretation des
Übergangs der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
5.2 Der innerlogische Übergang der logischen Idee in die Natur . . . . . . 145
6 Inhalt

5.2.1 Die logische Idee im Spannungsfeld von subjektiver und


objektiver Idee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
5.2.2 Hegels Kritik an alternativen Deutungen des innerlogischen
Übergangs der logischen Idee in die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
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5.2.3 Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die Natur . . . . 174

6. Die zweite Bekanntschaft mit der logischen Idee in der Realisierung


der absoluten Idee in der Natur und im Geist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183

Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199

Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
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Hegels Werke werden, soweit möglich, nach der Ausgabe der Gesammelten
Werke der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften mit
GW |  Leerzeichen  | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n) 
zitiert. Nach diesem Schema steht »GW 12: 399« für: »Hegel, G. W. F.: Wissen-
schaft der Logik. Bd. 2: Die subjektive Logik, in: Gesammelte Werke, Bd. 12, hrsg.
v. Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke, Hamburg 1981, S. 399«.
Parallelstellen aus der Theorie-Werkausgabe folgen dem Zitationsschema
TW | Leerzeichen | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n).
Nach diesem Schema steht »TW 6: 572« für »Hegel, G. W. F.: Wissenschaft der Lo-
gik II. Erster Teil. Die objektive Logik. Zweites Buch. Zweiter Teil. Die subjektive
Logik, in: Werke in 20 Bänden mit Registerband, Bd. 6, hrsg. v. Eva Moldenhauer
und Karl Markus Michel, Frankfurt a. M. 1986, S. 572« und ist die Parallelstelle
zu »GW 12: 399«. Ausführlichere Hinweise zu Siglen und Zitierweise finden sich
im Literaturverzeichnis.
17.11.2020
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Werke der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften mit
GW |  Leerzeichen  | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n) 
zitiert. Nach diesem Schema steht »GW 12: 399« für: »Hegel, G. W. F.: Wissen-
schaft der Logik. Bd. 2: Die subjektive Logik, in: Gesammelte Werke, Bd. 12, hrsg.
v. Friedrich Hoge­mann und Walter Jaeschke, Hamburg 1981, S. 399«.
Parallelstellen aus der Theorie-Werkausgabe folgen dem Zitationsschema
TW | Leerzeichen | Band | Doppelpunkt | Leerzeichen | Seite(n).
Nach diesem Schema steht »TW 6: 572« für »Hegel, G. W. F.: Wissenschaft der Lo-
gik II. Erster Teil. Die objektive Logik. Zweites Buch. Zweiter Teil. Die subjektive
Logik, in: Werke in 20 Bänden mit Registerband, Bd. 6, hrsg. v. Eva Moldenhauer
und Karl Markus Michel, Frankfurt a. M. 1986, S. 572« und ist die Parallelstelle
zu »GW 12: 399«. Ausführlichere Hinweise zu Siglen und Zitierweise finden sich
im Literaturverzeichnis.
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Einleitung
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D
  ie vorliegende Untersuchung verweist bereits mit ihrem Titel Das freie Sich-
Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels »Wissenschaft der Logik«
auf das zentrale Problem und den Diskussionsrahmen der Untersuchung. Die-
ses Problem ist kein geringeres als die Frage nach dem spekulativen Übergang1
der (spekulativ gedachten) Logik 2 in die Natur, wie sie von Hegel in den letzten
beiden Absätzen seiner Wissenschaft der Logik (WdL; Große Logik) bekannter-
maßen aufgeworfen wird.3 Die Tatsache, dass Hegel diesen Übergang dabei nur
andeutet, wirft interpretatorische Fragen auf, die auf ein generelles Interpreta-
tionsproblem der hegelschen Philosophie hinweisen und denen im Verlauf der
Untersuchung sukzessive nachgegangen werden soll. Dazu gehören beispiels-
weise die Frage nach der inner- oder außerlogischen Beschaffenheit des Über-
gangs und die Frage, warum Hegel zunächst explizit von »Übergang« spricht,
diesen Ausdruck aber kurz darauf wegen seiner seinslogischen Bedeutung wie-
der relativiert und umdeutet. Auf entsprechende Fragen den Fokus zu richten
17.11.2020

und ein Problembewusstsein für das ihnen zugrundeliegende Sachproblem zu


entwickeln, ist nicht nur für die Beantwortung der Frage nach dem Übergang
von zentraler Bedeutung. Vielmehr kann der Übergang selbst als Begründung
für die Programmatik der Realphilosophie gelesen werden, da die Entwicklung
der Logik in die Natur im Rahmen der WdL zugleich Auskunft darüber gibt, wie
eine Natur- und Geistphilosophie hegelscher Provenienz zu denken ist.

1 Wenn in dieser Untersuchung von »Übergang« gesprochen wird, ist damit immer der spe-
kulative Übergang gemeint, wie er am Ende der Wissenschaft der Logik vollzogen wird. Um
ihn vom Übergang in der strengen, nämlich seinslogischen Bedeutung zu unterscheiden,
wird dieser Übergang »seinslogischer Übergang«, jener einfach nur »Übergang«, gelegent-
lich auch »spekulativer Übergang« oder »spekulativ-logischer Übergang« genannt werden.
2 Wenn von »Logik« die Rede ist, dann ist immer die spekulative Logik gemeint, wie sie von

Hegel u. a. in der Großen Logik – Wissenschaft der Logik (WdL) – und Kleinen Logik – im
ersten Teil der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Enzyklopä-
die) – gedacht und niedergeschrieben wurde, aber auch (z. T. mit größeren Modifikationen)
aktualisiert oder neu ausgearbeitet werden kann. Was für diese Logik als Wissenschaft gilt,
gilt auch für ihre Sätze. So verstehe ich im Folgenden unter einem »logischen Satz« einen
Satz, wie er in einer Logik spekulativer Prägung formuliert werden kann und auch von He-
gel in seiner WdL formuliert dasteht. Die Frage, wie sich (spekulativ-)logische Sätze von
formal-logischen oder gewöhnlichen Sätzen unterscheiden, wird in der vorliegenden Unter-
suchung zu diskutieren sein. Vgl. hierzu insb. Kapitel 3.1.
3 Vgl. GW 12: 399 = TWA 6: 572 f.
Einleitung
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D
  ie vorliegende Untersuchung verweist bereits mit ihrem Titel Das freie Sich-
Entlassen der logischen Idee in die Natur in Hegels »Wissenschaft der Logik«
auf das zentrale Problem und den Diskussionsrahmen der Untersuchung. Die-
ses Problem ist kein geringeres als die Frage nach dem spekulativen Übergang1
der (spekulativ gedachten) Logik 2 in die Natur, wie sie von Hegel in den letzten
beiden Absätzen seiner Wissenschaft der Logik (WdL; Große Logik) bekannter-
maßen aufgeworfen wird.3 Die Tatsache, dass Hegel diesen Übergang dabei nur
andeutet, wirft interpretatorische Fragen auf, die auf ein generelles Interpreta-
tionsproblem der hegelschen Philosophie hinweisen und denen im Verlauf der
Untersuchung sukzessive nachgegangen werden soll. Dazu gehören beispiels-
weise die Frage nach der inner- oder außerlogischen Beschaffenheit des Über-
gangs und die Frage, warum Hegel zunächst explizit von »Übergang« spricht,
diesen Ausdruck aber kurz darauf wegen seiner seinslogischen Bedeutung wie-
der relativiert und umdeutet. Auf entsprechende Fragen den Fokus zu richten
17.11.2020

und ein Problembewusstsein für das ihnen zugrundeliegende Sachproblem zu


entwickeln, ist nicht nur für die Beantwortung der Frage nach dem Übergang
von zentraler Bedeutung. Vielmehr kann der Übergang selbst als Begründung
für die Programmatik der Realphilosophie gelesen werden, da die Entwicklung
der Logik in die Natur im Rahmen der WdL zugleich Auskunft darüber gibt, wie
eine Natur- und Geistphilosophie hegelscher Provenienz zu denken ist.

1 Wenn in dieser Untersuchung von »Übergang« gesprochen wird, ist damit immer der spe-
kulative Übergang gemeint, wie er am Ende der Wissenschaft der Logik vollzogen wird. Um
ihn vom Übergang in der strengen, nämlich seinslogischen Bedeutung zu unterscheiden,
wird dieser Übergang »seinslogischer Übergang«, jener einfach nur »Übergang«, gelegent-
lich auch »spekulativer Übergang« oder »spekulativ-logischer Übergang« genannt werden.
2 Wenn von »Logik« die Rede ist, dann ist immer die spekulative Logik gemeint, wie sie von

Hegel u. a. in der Großen Logik – Wissenschaft der Logik (WdL) – und Kleinen Logik – im
ersten Teil der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (Enzyklopä-
die) – gedacht und niedergeschrieben wurde, aber auch (z. T. mit größeren Modifikationen)
aktualisiert oder neu ausgearbeitet werden kann. Was für diese Logik als Wissenschaft gilt,
gilt auch für ihre Sätze. So verstehe ich im Folgenden unter einem »logischen Satz« einen
Satz, wie er in einer Logik spekulativer Prägung formuliert werden kann und auch von He-
gel in seiner WdL formuliert dasteht. Die Frage, wie sich (spekulativ-)logische Sätze von
formal-logischen oder gewöhnlichen Sätzen unterscheiden, wird in der vorliegenden Unter-
suchung zu diskutieren sein. Vgl. hierzu insb. Kapitel 3.1.
3 Vgl. GW 12: 399 = TWA 6: 572 f.
10 Einleitung

Dass für die vorliegende Untersuchung der Titel Das freie Sich-Entlassen der
logischen Idee in die Natur in Hegels »Wissenschaft der Logik« und kein anderer
gewählt wurde, 4 lässt vermuten, dass der Titel eine Interpretation und These
der allgemeinen Problematik hinsichtlich des Übergangs der logischen ›Sphä-
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re‹5 in eine nicht-rein-logische transportiert. Der Titel nimmt im Hinblick auf


die Übergangsproblematik nämlich mehrere wichtige Einschränkungen vor, die
teils inhaltlich, teils pragmatisch begründet sind:
1) Zu behaupten, dass die (spekulative) Logik in die Natur übergeht oder sich
frei entlässt, ist zwar nicht ›falsch‹, aber durchaus undifferenziert, weil die Be-
deutung des Ausdrucks »Logik« ohne nähere Angaben und vor dem Wortfeld
von »Natur« und »frei« zu abstrakt und unspezifisch ist.
2) Zu behaupten, dass die absolute Idee in die Natur übergeht oder sich frei
entlässt, ist mithin heikel, weil die Extension des Begriffs der absoluten Idee wei-
ter gefasst ist als der Begriff der Logik und der Begriff der logischen bzw. reinen
Idee, mit ihnen also nicht dieselbe Semantik teilt.
3) Von einem Übergang der logischen Idee in die Natur zu sprechen, ist eben-
falls problematisch, weil Hegel zwar im letzten Satz des vorletzten Absatzes
der WdL von einem »Übergang« spricht, der nur noch angedeutet zu werden
braucht, aber im zweiten sich daran anschließenden Satz sogleich bemerkt, dass
dieser Übergang nicht seinslogisch zu interpretieren ist und somit keinen Über-
17.11.2020

gang im strengen Sinn darstellt.6 Der Übergang ist vielmehr ein freier und not-
wendiger.
4) Von einem (freien) Entschluss der logischen Idee zur Natur zu sprechen, ist
unproblematisch, setzt aber den Akzent auf den methodischen Fortgang in der
Realphilosophie, nicht aber auf ihren in der logischen und reinen Idee grund-
gelegten Anfang.
5) Um den Notwendigkeitscharakter des Übergangs und sein Vermittlungs-
problem mit der Freiheit zu betonen, wurde der Begriff »Natur« im Titel ste-
hen gelassen. Interpretatorisch spezifischer als der Begriff »Natur« sind die Be-
griffe »Aeusserlichkeit des Raums und der Zeit« und »äusserliche Idee«.7 Aber
eine allzu spezifische Eingrenzung der Natur auf ihre ersten beiden Begriffe –
»Raum« und »Zeit« – könnte den für die hier zu verteidigenden Thesen nach-
4 Etwa: Der Übergang der logischen Idee in die Äußerlichkeit des Raumes und der Zeit in Hegels
»Wissenschaft der Logik«; Das freie Sich-Entlassen der logischen Idee in die äußerliche Idee in
Hegels »Wissenschaft der Logik«; Der freie Entschluss der Logik zur Natur usw.
5 Hier folge ich Hegels Sprachgebrauch in den letzten beiden Absätzen der WdL und verstehe

unter »Sphäre« einen Teil des (spekulativ-)philosophischen Systems. Zum Begriff der Sphäre
bei Hegel vgl. auch Nuzzo, Angelica: »Die Differenz zwischen dialektischer Logik und real-
philosophischer Dialektik«. In: Probleme der Dialektik, hrsg. v. Dieter Wandschneider. Bonn
1997, 52 – 77, insb. 62.
6 Vgl. GW 12: 400 = TWA 6: 573.

7 GW 12: 400 = TWA 6: 573.

Hegel-Studien
Einleitung 11

teiligen Anschein erwecken, als ob es in der vorliegenden Untersuchung um


eine konzentrierte Interpretation dieser Begriffe mit Rekus auf die logische Idee
ginge oder (schlimmer) als ob sich die logische Idee nur auf diese ersten beiden
naturphilosophischen Begriffe bezöge. Zwar wird erklärt und vor dem Hinter-
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grund der eigenen Interpretation in Ansätzen begründet, wie Raum und Zeit als
Begriffe auf Grundlage der logischen Idee gedacht werden müssen und wie sie
im Hinblick auf reine und endliche Subjektivität zu deuten sind.8 Der Fokus der
Untersuchung bleibt allerdings beim allgemeinen Verhältnis der logischen Idee
und dem, was ihr folgt: die Natur- und Geistphilosophie. Den Begriff »Natur«
schlicht durch »äußerliche Idee« zu substituieren, könnte zwar den für die in
dieser Untersuchung aufgestellten Thesen vorteilhaften Effekt nach sich ziehen,
dass einerseits das absolute Urteil der absoluten Idee auf diese Weise adäquat
wiedergegeben worden wäre und dass andererseits die Natur und der Geist unter
dem Begriff »äußerliche Idee« subsumiert werden könnten. Der Nachteil einer
solchen Substitution bestünde aber darin, dass neben der reduzierten Akzentu-
ierung des Notwendigkeitsaspekts zugleich der Eindruck entstehen könnte, als
ob alle Äußerlichkeit Idee und alles Begreifen spekulativ wäre und als ob es in
der Realphilosophie keinen Platz für endliche Erkenntnis gäbe.9
6) Zuletzt ist mit Blick auf die im Titel erwähnte Einschränkung auf Hegels
WdL zu erwähnen, dass für die Diskussion des Übergangs, wie er von Hegel
17.11.2020

im ersten Teil der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften im Grund-


risse (Enzyklopädie) mit ihren drei Auflagen (1817/1827/1830) gedacht wird, kein
Platz bleibt. Für diese Einschränkung sprechen mindestens drei Gründe: Ers-
tens arbeitet die vorliegende Interpretation des Übergangs äußerst textnah und
nimmt an einigen Stellen die Form eines philologisch-philosophischen Kom-
mentars an, der sprachliche Nuancierungen dezidiert in den Blick nimmt, um
die subtile und komplexe Argumentationsstruktur, in die die Übergangspro­
blematik eingebettet ist, freizulegen und differenziert zu erörtern. Zweitens ver-
weist der Text der detailliert ausgearbeiteten Großen Logik auf eine dem Inhalt
und der Form nach in sich geschlossene und eigenständige Schrift hin, der es
bei der Interpretation Rechnung zu tragen gilt. Drittens läuft eine vorschnelle
Gleichsetzung der Großen Logik mit der Kleinen Logik Gefahr, Entdifferenzie-
rungen vorzunehmen und so den Blick für ihre Unterschiede zu verlieren. Um-
gekehrt gilt also, dass die Korrelation beider Schriften – sei es zum Zweck der
Ergänzung und Bestätigung einer bestehenden Argumentation oder zum Zweck
der Schließung von Argumentationslücken – eine eigenständige Interpretation
8 Diese Frage stellt sich u. a. Anton Friedrich Koch in: Koch, Anton Friedrich: Die Evolu-
tion des logischen Raums. Aufsätze zu Hegels Nichtstandard-Metaphysik. Tübingen 2014,
187 – 217.
9 Für die These, dass aus dem hegelschen System nichts dergleichen folgt, wird am Ende dieser

Untersuchung –Kapitel 6. – argumentiert werden.

Beiheft 70
12 Einleitung

beider Schriften und Systemteile voraussetzt. Zusammengefasst geht also die


vorliegende Untersuchung von der Hypothese aus, dass alles, was Hegel an ›Res-
sourcen‹ für ein hinreichendes Verständnis des Übergangs bereitgestellt und
für wichtig erachtet hat, sich in der Großen Logik finden lässt. In diesem Sinne
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lässt sich die Konzentration der Untersuchung auf die Große Logik durchaus als
Stärke ansehen, wenn es ihr zu zeigen gelingt, dass die Übergangsproblematik
auf Basis eben dieses Textes zufriedenstellend rekonstruiert und aufgelöst wer-
den kann. In einem solchen Fall können ihre Resultate ferner und zugleich zum
Ausgangspunkt für einen interpretatorischen Vergleich des Übergangsproblem
in der Großen Logik und in der Kleinen Logik genommen werden.
Bis hierhin ist festzuhalten, dass der Titel der vorliegenden Untersuchung
nicht nur ein generelles Interpretationsproblem der hegelschen Philosophie be-
nennt, sondern zugleich eine Antwort impliziert und es textuell einschränkt.
Um die ganze Bedeutung dieses Titels zu ermessen, reicht es jedoch nicht aus,
lediglich die darin enthaltenen Begriffe semantisch zu bestimmen. Sie lässt sich
auch nicht ausschließlich philosophiehistorisch oder gar durch fachkulturelle
›Trends‹ erschließen, sondern fußt auf einem Sachproblem, das der Interpreta-
tion der hegelschen Philosophie fest eingeschrieben ist. Dieses Sachproblem zu
begreifen, um die Bedeutung des Übergangs (und mithin des Untersuchungs-
titels) zu verstehen, ist für die spekulative Philosophie hegelscher Prägung wie
17.11.2020

auch für die eigene Untersuchung von größter Relevanz. Es lässt sich auf die
Frage zuspitzen, wie sich genuin reine und logische Begriffe zu solchen verhal-
ten, die es nicht sind, und in welcher Beziehung beide Begriffsklassen zueinan-
der sowie zum weltlichen Sein stehen. Ein solches Problem ist zunächst einmal
ein von Hegel unabhängiges Problem, zu dem sich Hegel auf seine eigene Art
und Weise positioniert.10

10 Ausgehend von diesem Sachproblem können Forschungsrichtungen unterschieden wer-


den. Durch Arbeiten u. a. von Pippin, Brandom, Stekeler-Weithofer, Grau, Berto u. v. m.
sind in den letzten Jahrzehnten erkenntnistheoretische und semantische Fragen die Logik
betreffend in den Vordergrund gerückt. (Vgl. Pippin, Robert: Hegel’s Idealism. The satis-
faction of Self-Consciousness. Cambridge 1989; Brandom, Robert: »Sketch of a Program
for a Critical Reading of Hegel. Comparing Empirical and Logical Concepts«. In: Inter-
nationales Jahrbuch des deutschen Idealismus, 3 (2005), 131 – 161; Stekeler-Weithofer, Pir-
min: Hegels Analytische Philosophie. Die Wissenschaft der Logik als kritische Theorie der
Bedeutung. Paderborn 1992; Grau, Alexander: Ein Kreis von Kreisen. Hegels postanalytische
Erkenntnistheorie. Paderborn 2001; Berto, Francesco: »Hegel’s Dialectics as a Semantic The-
ory: An Analytic Reading«. In: European Journal of philosophy, 15 (2007), 19 – 39.) Promi-
nent vertreten wird auch die ontologische Lesart der Logik, die nicht zuletzt von der These
der Theorie der Voraussetzungslosigkeit des Denkens Gebrauch macht. Hierzu zählen In-
terpretationen von Horstmann, Maker, Hösle, Martin, Winfield, Houlgate u. v. m. (Vgl.
Maker, William: Philosophy without Foundations: Rethinking Hegel. Albany 1994; Hösle,
Vittorio: Hegels Sys­tem. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem der Intersub-
jektivität. Hamburg 1988; Martin, Christian Georg: Ontologie der Selbstbestimmung: eine

Hegel-Studien
 Einleitung 13

Anders als z. B. bei der Frage nach dem logischen Anfang hat es sich die He-
gel-Forschung in der Vergangenheit schwergetan, Beiträge in Form von Mono-
grafien, Kommentaren und Aufsätzen zu liefern, die komplexe und zugleich
konsensfähige Interpretationsvorschläge mit Blick auf das Übergangsproblem
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präsentieren können. Zu heuristischen Zwecken lässt sich die in Monographien,


Kommentaren und Aufsätzen ausgearbeitete Forschungsliteratur zum Thema
grob in drei Klassen von Interpretationsansätzen einteilen: Der historisch-rekon­
struierende Interpretationsansatz hat zum Ziel, eine philosophische Theorie
oder einzelne ihrer Theoreme ausgehend von Verweisen, die der Text der Leser-
schaft entweder expressis verbis gibt oder ihr zumindest nahelegt, mittels einer
quellen-kritischen Untersuchung inhaltlich zu rekonstruieren.11 Der werk- bzw.
system-rekonstruierende oder auch »immanent-rekonstruierend«12 zu nennende
Interpretationsansatz wiederum formuliert allgemeine Sachprobleme, auf die
die Textinterpretation (teils in minutiöser Genauigkeit) hin befragt und geprüft
werden kann. Ein solcher Ansatz argumentiert vorrangig auf Grundlage von
Prämissen, die der werk- oder systemspezifischen Programmatik entnommen
werden können.13 Der frei-rekonstruierende Interpretationsansatz schließlich
unterscheidet sich von den vorhergehenden Ansätzen durch seine textuelle Dis-
tanz und seine theoretische Flexibilität. Im Vordergrund dieses Ansatzes steht
ein philosophisches Sachproblem, das mittels anderer philosophischer oder
17.11.2020

nicht-philosophischer Theorien erläutert werden kann.14

operationale Rekonstruktion von Hegels »Wissenschaft der Logik«. Tübingen 2012; Winfield,
Richard Dien: »Conceiving Reality Without Foundations: Hegel’s Neglected Strategy For
Realphilosophie«. In: The Owl of Minerva, 15/2 (1984), 183 – 198; Winfield, Richard Dean:
Overcoming Foundations. Studies in Systematic Philosophy. New York 1989; Houlgate, Ste-
phen: The Opening of Hegel’s Logic. From Being to Infinity. West Lafayette 2006.)
11 Vgl. z. B. Düsing, Klaus: Das Problem der Subjektivität in Hegels Logik: systematische und
entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen zum Prinzip des Idealismus und zur Dialektik.
Bonn 1976; Kimmerle, Heinz: Das Problem der Abgeschlossenheit des Denkens: Hegels »Sy-
stem der Philosophie« in den Jahren 1800 – 1804. Bonn 1970.
12 Vgl. Martin:2012, 19 – 21.
13 Vgl. z. B. Wandschneider, Dieter: Grundzüge einer Theorie der Dialektik. Rekonstruktion
und Revision dialektischer Kategorienentwicklung in Hegels »Wissenschaft der Logik«.
Stuttgart 1995; Schick, Friedrike: Hegels Wissenschaft der Logik – metaphysische Letztbe-
gründung oder Theorie logischer Formen. Freiburg/München 1994; Horstmann:1990; Pip-
pin:1989; Falkenburg, Brigitte: Die Form der Materie: zur Metaphysik der Natur bei Kant
und Hegel. Frankfurt a. M. 1987; Reisinger, Peter: »Modelle des Absoluten«. In: Oikeiosis.
Festschrift für Robert Spaemann, hrsg. v. Reinhard Löw. Weinheim 1987, 225 – 249; Henrich,
Dieter: »Formen der Negation in Hegels Logik«. In: R.-P. Horstmann (Hrsg.): Seminar: Dia-
lektik in der Philosophie Hegels. Frankfurt 1978, 213 – 229; Fulda, Hans-Friedrich: Das Pro-
blem einer Einleitung in Hegels Wissenschaft der Logik. Frankfurt a. M. 1975.
14 Vgl. bspw.: Koch:2014; Martin:2012; McDowell, John Henry: Having the World in View: Es-
says on Kant, Hegel, and Sellars. Cambridge (MA) 2009; Brandom:2005; Brandom, Robert:

Beiheft 70
14 Einleitung

Diese Einteilung der Interpretationsansätze soll keinesfalls suggerieren, dass


sich die Forschung de facto stets nur für einen Zugang entscheidet. Vielmehr er-
folgt die Interpretation in den meisten Fällen grenzübergreifend, lässt dabei aber
häufig genug eine Favorisierung einer der drei Ansätze erkennen. Für die vor-
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liegende Untersuchung ist die vorangestellte Einteilung deshalb wichtig, weil der
hier verfolgte Interpretationsansatz den Schwerpunkt auf eine immanente Re-
konstruktion der Theorie legt, von der immer dann zur historischen oder freien
Rekonstruktion abgewichen wird, sobald Desiderate entstehen, die ausgehend
von einer immanenten Rekonstruktion nur schwer geschlossen werden können.
Generell gesprochen hat der hier favorisierte methodische Zugriff auf den Text
die unbedingte Pflicht, die zu diskutierenden und erläuternden Probleme im
enggesteckten Rahmen der programmatischen Teile der zu rekonstruierenden
Theorie zu interpretieren, an denen sich nicht zuletzt ihr Anspruch und ihre
Ausführung bewerten lassen müssen. Mit Blick auf die Übergangsproblematik
bedeutet dies, dass diese nur dann sinnvoll erklärt werden kann, nachdem klar
geworden ist, in welchem Problemkreis sie sich bewegt und vor welche Heraus-
forderungen Hegel sie stellt.15 Ein solches Problembewusstsein am Text zu ent-

Tales of the Mighty Dead: Historical Essays in the Metaphysics of Intentionality. Cambridge
(MA) 2002; Stekeler-Weithofer:1992a.
15 In eben diesem Punkt erweisen sich viele Lösungsvorschläge als unbefriedigend, wenn sie
17.11.2020

in Form von Aufsätzen präsentiert werden. So könnten bspw. die Ansätze von Wolfgang
Neuser und Dieter Wandschneider unterschiedlicher kaum sein: Während Neuser den
Übergang und seine Entwicklung bewusstseinstheoretisch deutet und sie sogar in Analo-
gie zur Phänomenologie des Geistes setzt, stellt Wandschneider den methodischen Aspekt
in den Vordergrund, ohne dem von Hegel prominent hervorgehobenen Begriff der (reinen
und übergreifenden) Subjektivität eine allzu große Bedeutung beizumessen. (Vgl. Neuser,
Wolfgang: »Das Anderssein der Idee, das Außereinandersein der Natur und der Begriff der
Natur«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven Idealismus. Festschrift
für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle und Wolfgang Neu-
ser, Würzburg 2004, 39 – 49, insb. 40 und 42 f.; Wandschneider, Dieter und Hösle, Vittorio:
»Die Entäußerung der Idee zur Natur und ihre zeitliche Entfaltung als Geist bei Hegel«. In:
Hegel-Studien 18 (1983), 173 – 199.) Ein ähnliches Problem, die Übergangsproblematik in
ihrer Komplexität zufriedenstellend in Form eines Aufsatzes zu rekonstruieren, zeigt sich
auch dann, wenn die Rekonstruktion der Übergangsproblematik vor dem Hintergrund ih-
rer Kritik geführt wird. Wie bspw. der vielzitierte Aufsatz von Stephen Houlgate und der
jüngst erschienene Beitrag von Ermylos Plevrakis deutlich vor Augen führen, ist die Last,
eine werkimmanente und exegetisch abgesicherte Rekonstruktion des Übergangproblems
auf Basis einer Schellingkritik zu leisten, sehr groß. Das Problem liegt schon im Ansatz:
Ein Vergleich zwischen Schelling und Hegel setzt zunächst einmal eine differenzierte Dar-
stellung der jeweiligen Positionen voraus. Nicht nur wird aber Schellings ohne Berücksich-
tigung seiner eigenen Programmatik verkürzt (und z. T. trivialisierend) dargestellt, son-
dern es werden auch Positionen in Bezug auf Hegel und die Übergangsfrage diskutiert und
verteidigt, die nicht hinreichend genug problematisiert werden. Als Beispiel sei Plevrakis
These – u. a. gegen Martin – erwähnt, dass die Naturphilosophie als Idee des Lebens zu
lesen sei. Begründet wird diese These durch den Monismus der Idee, den Plevrakis offen-

Hegel-Studien
 Einleitung 15

wickeln, setzt eine Interpretation der gesamten WdL nicht zwingend voraus, weil
eine solche Interpretation allzu schnell Gefahr liefe, den Schwerpunkt dieser
Untersuchung zu unterlaufen und ihre Zielsetzung zu verändern. So bliebe zwar
die Option übrig, die Übergangsproblematik vor dem Hintergrund der gesam-
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ten Begriffslogik zu rekonstruieren und dabei einzelne Entwicklungsschritte –


v. a. innerhalb des Subjektivitäts- und Objektivitätsabschnitts – summarischen
wiederzugeben. Aber hier würde sich sogleich die Frage anschließen, ob eine
solche kurze und sich auf das Nötigste beschränkende Zusammenfassung für
sich genommen und im Hinblick auf die Übergangsproblematik nicht vielmehr
schaden als helfen würde. Für sich genommen würde sie dem von der Begriffs-
logik eigens gesetzten Desiderat, den Begriff in seiner Komplexität zu begreifen,
nicht ansatzweise gerecht werden können. Im Hinblick auf die Fortbestimmung
der Idee in die Natur würde sie nicht viel nützen, weil Hegel im Kapitel über die
absolute Idee von dem ›Erfolg‹ der Begriffslogik bereits überzeugt ist und ihre
Resultate auch voraussetzt.
In Anbetracht der eigenen Zielsetzung scheint daher ein anderer Umgang mit
der WdL vorteilhafter zu sein: Für eine angemessene Interpretation des Fort-

kundig vertritt und der behauptet, dass die hegelsche Philosophie eine Philosophie der Idee
sei, und zwar insb. der Idee des Lebens, der Idee des Erkennens und der absoluten Idee. Die
Übergangsproblematik wird dann so aufgelöst, dass alle drei Ideen eine (totale) Idee aus-
17.11.2020

machen, dass die Freiheit dieser Idee aber darin bestehe, ein einzelnes Moment unmittelbar
aus sich zu entlassen, nämlich die Idee des Lebens. (Vgl. Plevrakis, Ermylos: »Eine argu-
mentanalytische Rekonstruktion des letzten Satzes der enzyklopädischen Logik Hegels«.
In: Hegel-Studien, 52 (2018), 103 – 139, insb. 121.) Unabhängig von exegetischen Fragen, die
sich bei dieser Interpretation stellen, gibt es keinen erkennbaren Grund anzunehmen, wa-
rum oder wie ein solches Argument Schelling hätte überzeugen sollen, besteht das Grund-
dilemma des Übergangs der Logik in die Natur für ihn gerade in dem engen Verhältnis vom
Begriff als Methode, seiner Vollendung in der absoluten Idee und der Frage, was neben der
absoluten Idee noch existieren kann, ohne dass der absoluten Idee ihr Anspruch, das Abso-
lute zu sein, abgesprochen werden muss. Eben hieraus ergibt sich das von Schelling formu-
lierte Grundproblem, dass die Logik als absolute Idee mit dem Übergang nicht das einhält,
was von ihr versprochen wird, nämlich das Absolute zu sein, weil in diesem Fall ein Denken
des Übergangs in jedem Fall unmöglich oder redundant ist. Zu behaupten, dass die eine
ganze (absolute) Idee am Ende nur ein Moment entlässt, löst das Grunddilemma des Über-
gangs nicht, sondern verschärft es sogar. Die Hauptfrage, die es mit Schelling zu beantwor-
ten gilt, lautet vielmehr: Wie kann sich die Logik (v. a. in ihrer Voraussetzungslosigkeit und
Immanenz) aus sich selbst (und aus ihrer Methode) heraus beschränken und Platz für eine
andere Sphäre lassen, ohne ihren Anspruch auf Absolutheit und Vollendung preisgeben
zu müssen? (Vgl. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Sämmtliche Werke. Abt. 1, Bd. 10.
Stuttgart/Augsburg 1861, 139 f. Zur Auseinandersetzung mit Schelling vgl. auch Houlgate,
Stephen: »Schelling’s Critique of the Science of Logic«. In: The Review of Metaphysics, 53/1
(1999); ein gutes Beispiel für eine sehr verkürzte und trivialisierende Darstellung Schellings
Kritik gegenüber Hegel findet sich auch in: Wandschneider, Dieter: »Die Absolutheit des
Logischen und das Sein der Natur«. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 39 (1985),
331 – 353, insb. 339 – 343.)

Beiheft 70
16 Einleitung

gangs der Idee in die Natur muss in erster Instanz ein Verständnis davon ge-
wonnen werden, was Hegel unter dem Begriff »Idee« versteht. Dies markiert eine
Einschränkung, die deswegen wichtig ist, weil das letzte Kapitel der WdL – Die
absolute Idee – und (mit ihm) der Gedanke der logischen und absoluten Idee
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kompositorisch in einem eng gesteckten Rahmen eingebettet sind. Um nämlich


zu verstehen, was an der absoluten Idee absolut ist und wie Hegel dieses Abso-
lute denkt, muss der Begriff der Idee erklärt werden, eben weil die absolute Idee
Idee ist. Der Fokus der Rekonstruktion der Übergangsproblematik auf diesen
Begriff und den letzten Abschnitt der WdL – Die Idee – hat den positiven Effekt,
dass mit ihr Fragen beantwortet werden können, aber auch werden müssen, die
sich im Hinblick auf die Interpretation der absoluten Idee stellen und die nicht
nur für die Interpretation der Begriffslogik, sondern auch für die gesamte Logik
von zentraler Bedeutung sind. Solche Fragen umfassen mindestens die folgen-
den drei konstitutiven Punkte, zu denen sich eine gelungene Interpretation der
Übergangsproblematik positionieren muss:
1. Der Begriff, der das Kennzeichen nicht nur der Begriffslogik, sondern auch
der Idee ist, insofern sie der »adäquate Begriff, das objective Wahre, oder das
Wahre als solches [ist; G. O.]«16 , muss in seiner begriffslogischen Entwicklung
nicht nur den in der objektiven Logik elaborierten Gedanken einen begriff­
lichen Status zuweisen können, indem er sie aus sich selbst heraus zu rekonstru-
17.11.2020

ieren erlaubt. Er muss vor allem – und das ist für die eigene Untersuchung wich-
tig – am Ende (in der Idee) auch wieder zu sich zurückkehren und Gegenstand
der Theorie werden. Denn nur so kann der adäquate Begriff gedacht werden,
wenn er nicht nur adäquat und objektiv in Rücksicht auf die objektive Logik,
sondern auch adäquat und objektiv in Rücksicht auf sich selbst, also nicht nur
ein objektiver, sondern auch ein subjektiver Begriff ist.
2. Soll mit dem Kapitel Die absolute Idee die logische Entwicklung tatsäch-
lich an ein Ende gelangt sein, über das – zumindest rein begrifflich – nicht mehr
hinausgedacht werden kann und das eo ipso Vollendung und bis zu einem ge-
wissen Grad sogar Vollständigkeit für sich beanspruchen darf, dann kann ein
solches Ende nur dann erreicht werden, wenn die gesamte spekulative Logik
Gegenstand und Thema der Theorie wird und einen Kreis beschließt, indem das
Ende in seinen Anfang zurückkehrt. Der Zusammenschluss von Anfang und
Ende muss durch einen Begriff gedacht werden, der die Forderung der Logik er-
füllen kann, eine von anderen Theorien unterschiedene, für sich abgeschlossene
und eigenständige Theorie des reinen Denkens zu sein, die rein genau dann ist,
wenn sie den Begriff (und nur ihn) zum Gegenstand und Inhalt ihres Denkens
macht. Ein auf diese Weise ›ausgezeichneter‹ Begriff muss in der Lage sein, der
Theorie ein methodisches Verfahren an die Hand zu geben, das a) die bisher zu-

16 GW 12: 267 = TWA 6: 462.

Hegel-Studien
Einleitung  17

stande gebrachte Theorie rückblickend beschreiben und erklären kann, b) den


reinen Begriff (bzw. die reine Idee) im Spannungsfeld von subjektivem und ob-
jektivem Begriff (bzw. von subjektiver und objektiver Idee) verortet und c) die
Abgeschlossenheit der Theorie zu einem seiner Prinzipien hat.
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3. Mit der Vollendung der Logik und (damit gleichbedeutend) mit der Set-
zung der Methode und ihren Prinzipien stellen sich Fragen nach Geschlossen-
heit und Offenheit des logischen Systems. Je nachdem, wie stark die Logik inter-
pretiert wird, kann ihre Interpretation den Eindruck erwecken, als ob neben ihr
keine anderen Wissenschaften mehr existieren könnten und als ob alle Erkennt-
nis schlussendlich logisch wäre. Nicht nur widerspricht eine solche Annahme
unserer gewöhnlichen Vorstellung und unserer geläufigen Urteilspraxis, die
zwischen Begriff und Anschauung klar unterscheidet und die von einer Reihe
von nicht-reinen Begriffen permanent Gebrauch macht. In der WdL ist das Pro-
blem der Geschlossenheit und Offenheit der Logik allen voran ein program-
matisches. Es hängt mit der Frage zusammen, was die intrinsische und nicht
bloß pragmatische Motivation des reinen Denkens ist, nicht-reine – z. B. real-
philosophische – Sachverhalte begreifen zu wollen und diese unter die eigenen
Prämissen zu stellen. Die Beantwortung dieser Frage ist deshalb kein leichtes
Unterfangen, weil mit der Vollendung und Selbstbegründung der Logik das Be-
weisziel – das Denken zu denken bzw. den Begriff zu begreifen – erreicht ist. Ex-
17.11.2020

trinsisch darf der Übergang der Logik in die Natur nicht motiviert sein, weil auf
diese Weise gegen die Voraussetzungen und ›Spielregeln‹ der Logik, immanent
fortzuschreiten und rein zu denken, verstoßen wird. Das logische und das phi-
losophische System stehen mithin in einem Spannungsverhältnis, dessen Auf-
lösung nicht-trivial und für das Verständnis der Realphilosophie von immenser
Bedeutung ist.
Die in den drei Punkten zusammengetragenen Aspekte enthalten mindes-
tens fünf wichtige Fragen, die eine gelungene Interpretation des Übergangs der
Logik in die Natur beantworten muss und die die nächstfolgenden sechs Kapitel
(1.-6.) leiten:

1. Was ist der Inhalt der absoluten Idee und was ist er nicht? (1.-2.)
2. Wie hängen Begriff, Methode und logisches System zusammen? (3.)
3. Wie geschlossen oder offen ist das logische System? (4.)
4. Wie lässt sich der Übergang der Logik in die Natur innerlogisch begrün-
den? (5.)
5. Wie verhält sich das logische System zum realphilosophischen System? (6.)

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung und ihren Fragen steht der für die
Auflösung der Übergangsproblematik virulente Gedanke der Idee im weiten
Sinn und der Gedanke der endlichen, logischen und absoluten Idee im engen

Beiheft 70
18 Einleitung

Sinn. Ihren perspektiven Fluchtpunkt hat die der Untersuchung zugrundelie-


gende Argumentation in der vierten Frage (5.). Sie zu beantworten, bedeutet zu
verstehen, was die absolute Idee vorrangig nicht ist, nämlich endliche Idee (1.),
und was sie auch ist (2.). Letzteres zu verstehen, bedeutet, das Verhältnis von lo-
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gischer (bzw. reiner) und absoluter Idee differenziert in den Blick zu nehmen,
indem die logische (bzw. reine) Idee in ihrer abgeschlossenen Form einmal für
sich (3.), einmal gegen die absolute Idee (4.) und einmal mit der absoluten Idee als
Form ihrer Realisierung in der Realphilosophie (6.) betrachtet wird.
Die Hauptthese, für die es in mehreren Schritten zu argumentieren gilt und
die zugunsten der Übersicht vorweggenommen wird, lautet: Die Logik ist die
logische Idee, die weder die endliche noch die absolute Idee ist. Als logische Idee
ist sie vielmehr ein Extrem der absoluten Idee. Der logischen Idee steht aber
noch ein anderes Extrem gegenüber, das ebenfalls zur Bestimmung der absolu-
ten Idee gehört und das den Namen »äußerliche Idee« trägt. Die Notwendigkeit
und das Desiderat, beide Extreme zu vermitteln, motiviert den Übergang der lo-
gischen Idee in die Natur qua äußerliche Idee. Für die Hauptthese wird in sechs
Kapiteln argumentiert.
Kapitel 1. skizziert die allgemeine Form, unter der jede Idee – egal ob end-
liche, logische oder absolute Idee – steht, und gibt einen konzentrierten Über-
blick über die wesentlichen Gedankenschritte der endlichen Idee bis hin zur
17.11.2020

logischen und absoluten Idee. Die These des Kapitels lautet, dass für die Idee als
»adäquaten Begriff« das »absolute Urteil« und der Schluss wesentlich sind,17 weil
der Begriff es ist, der noch nicht mit sich selbst zur Einheit gekommen ist, und
weil der Begriff immer Urteil und Schluss ist. Im absoluten Urteil stehen sich
subjektive und objektive Idee einander gegenüber und sollen im Prozess, dem
Schluss, eine absolute Einheit bilden. Vor diesem Hintergrund müssen auch die
Idee des Lebens (1.1) und die Idee des Erkennens (1.2) interpretiert werden. Sie
gehören zur endlichen Idee, weil sich die (absolute) Begriffseinheit in ihnen nur
einseitig und unvollständig realisiert.
Kapitel 2. präsentiert – nicht zuletzt unter Zuhilfenahme der zuvor in der Idee
des Guten herausgearbeiteten Resultate (vgl. 1.2.2) – den Inhalt der logischen
und absoluten Idee. Im Zentrum der Interpretation steht Hegels Eingangsbe-
hauptung, dass die absolute Idee die Identität der theoretischen und praktischen
Idee sei. Die These des Kapitels lautet, dass die Idee nur dann als absolut gedacht
werden kann, wenn sie den Begriff zu ihrem Gegenstand und Inhalt macht. Im
Kern besteht die Interpretation im Nachweis, dass der subjektive Begriff sich
selbst zum Gegenstand und Inhalt seines Begreifens geworden ist und auf diese
Weise nicht nur ein objektiver Begriff, sondern auch ein reiner Begriff ist. Was
ein solcher Begriff dem Inhalt nach ist, braucht nicht eigens ermittelt werden,

17 Den ganzen Schluss skizziert Hegel in: GW 12: 273 = TWA 6: 467.

Hegel-Studien
Einleitung  19

weil er der spekulativen Theorie in Form der ausgearbeiteten Logik bereits vor-
liegt. Textuell und programmatisch lässt sich diese Interpretation durch einen
Querverweis auf die einleitenden Passagen der WdL und Hegels Äußerungen
zum philosophischen System in den ersten beiden Absätzen des letzten Kapitels
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der WdL rechtfertigen.


Kapitel 3. nimmt die Abgeschlossenheit der Logik in den Blick, die genau
dann erreicht ist, sobald es einen einzelnen logischen Begriff gibt, dessen All-
gemeinheit so gedacht wird, dass sie alle in der Logik bereits entwickelten be-
sonderen Begriffe in sich enthält und dass über sie hinaus keine ›höhere‹ Allge-
meinheit gedacht werden kann. Die These des Kapitels lautet, dass die Methode
mit der finalen Selbstbestimmung des Begriffs (inkl. seiner drei Momente) in
eins fällt und dass die im logischen System enthaltenen Begriffe vor dem Hin-
tergrund der Methode und ipso facto der Selbstbestimmung des reinen Begriffs
eruiert werden können. Diese These wird durch zahlreiche Argumente gestützt,
die teils auf exegetischen, teils auf werk- und systemimmanenten (programmati-
schen) und teils auf freieren Interpretationsansätzen beruhen. Systematisch und
den argumentativen Fortgang der spekulativen Theorie motivierend lässt sich
an der Methode ablesen, was es für den Begriff heißt, sich selbst zu begreifen
und somit ein reiner Begriff zu sein. Zu diesem Zweck wird ein Beziehungszu-
sammenhang zwischen der Vermittlung der drei Momente der Methode – An-
17.11.2020

fang, Fortgang, Resultat  – und der urteils- und schlussförmigen Vermittlung


der drei Begriffsmomente  – Allgemeines, Besonderes, Einzelnes  – hergestellt
(3.1). Dieser Beziehungszusammenhang von Methode und Begreifen (des Be-
griffs) macht ferner deutlich, dass sich die Methode und (mit ihr) der Begriff
zu einem System (von Begriffen) erweitern, das Prinzipien unterstellt ist, die
sich in Form von prinzipiellen Aussagen über das System aus der Methode ab-
leiten lassen. Hierzu gehören mindestens18 sieben solcher Prinzipien, die es im
logischen Begreifen stets zu berücksichtigen gilt: das Immanenz-, Linearitäts-,
Aufhebungs-, Erweiterungs-, Totalitäts-, Vollendungsprinzip und das Prinzip
der Voraussetzungs­losigkeit (3.2). Sie zum Gegenstand der Theorie zu machen,
bedeutet, das logische System auf seine abgeschlossene und offene Form hin be-
fragen zu können (3.3).
Kapitel 4. trifft wichtige Vorkehrungen für die Interpretation des Übergangs.
Es konkretisiert die Auslegung der Geschlossenheit und Offenheit des logischen
Systems unter Berücksichtigung der Frage nach der Geschlossenheit und Of-
fenheit des logischen Systems für andere, dezidiert nicht logische Systeme. Dis-
18 Wandschneider spricht z. B. von einem Komplementaritätsprinzip, das im Kontext der vor-
liegenden Untersuchung als ein dem Erweiterungsprinzip untergeordnetes Prinzip inter-
pretiert werden kann. Zum Komplementaritätsprinzip vgl. Wandschneider, Dieter: »Zur
Struktur dialektischer Begriffsentwicklung«. In: Probleme der Dialektik, hrsg. v. Dieter
Wand­schneider. Bonn 1997, 114 – 169, insb. 121.

Beiheft 70
20 Einleitung

kutiert wird diese Frage am Paradigma des objektiven Begriffs, zu dem sich der
reine Begriff entwickelt hat, insofern er sich (in Form der Methode und des lo-
gischen Systems) selbst Gegenstand und ›Objekt‹ geworden ist. Die These dieses
Kapitels lautet, dass der in der logischen Idee kulminierende reine Begriff am
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Ende der WdL nicht der objektive Begriff per se ist, sondern lediglich Auskunft
über die begriffliche Leistungsfähigkeit des subjektiven Begriffs gibt. Im Zent-
rum der Argumentation steht die den objektiven Begriff definierende ambige
Phrase, dass der Begriff objektiv genau dann ist, wenn er »in seinem Andern
seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat.«19 Ambig ist diese Phrase, weil
sie zwei Lesarten zulässt, die zusammengenommen Auskunft über Geschlossen-
heit und Offenheit des logischen Systems für andere Systeme erteilen und so den
Weg für die Auflösung der Übergangsproblematik frei machen. Die erste Lesart
knüpft an die in Kapitel 3. detailliert ausgearbeitete Interpretation des reinen
Begreifens in Form der Methode an und erweitert sie um den entscheidenden
Zusatz, dass das Ende der Logik mit dem Begriff der Subjektivität koinzidiert,
die derjenige ›gesuchte‹ irreduzible und abschließende Begriff der Logik ist, der
als Begriffsoperator alle anderen Begriffe begleitet (4.1). Die zweite Lesart folgt
der ersten Lesart, schränkt sie aber auch ein. Sie folgt ihr, insofern sie die der
Methode und dem logischen System intrinsisch angelegte Anbindung des objek-
tiven Begriffs an den Subjektivitätsbegriff nicht in Frage stellt. Sie schränkt sie
17.11.2020

ein, insofern sie die Phrase, dass der Begriff objektiv genau dann ist, wenn er »in
seinem Andern seine eigene Objectivität zum Gegenstande hat«20, in den inter-
pretatorischen Kontext der absoluten Idee stellt. Die Kontextualisierung des ob-
jektiven Begriffs durch den Gedanken der absoluten Idee gewährt eine wichtige
Einsicht in das Verhältnis von logischer und absoluter Idee (bzw. von logischem
und philosophischem System): Denn im absoluten Urteil der absoluten Idee –
der Differenz von subjektiver und objektiver Idee – erweist sich der zum objek-
tiven Begriff gewordene reine Begriff – exemplifiziert durch die logische Idee
qua logisches System – lediglich als das eine Extrem, das eine Moment, das eine
Element und die eine Bestimmung der absoluten Idee, nämlich die subjektive
Idee. Ihm steht ipso facto ein anderes Extrem, ein anderes Moment, ein ande-
res Element und eine andere Bestimmung der absoluten Idee gegenüber, die als
objektive Idee ebenfalls zur Definition der absoluten Idee qua philosophisches
System gehören (4.2).
Kapitel 5. geht der Frage nach, wie sich die in der Subjektivität eingeschlos-
sene logische Idee nach außen öffnen kann, ohne dabei ihren Status auf Voll­
endung und Absolutheit preisgeben zu müssen. Mit ihr ist das Problem des
Übergangs der Logik in die Natur gesetzt und perspektiviert. Die These des Ka-

19 GW 12: 371 = TWA 6: 549.


20 GW 12: 371 = TWA 6: 549.

Hegel-Studien
 Einleitung 21

pitels lautet, dass der Übergang innerlogisch begründet und motiviert ist, die
philosophische Theorie in ihrem weiteren Vollzug aber eines außerlogischen
Moments bedarf. Jenes macht die theoretische, dieses die praktische Seite des
absoluten Erkennens aus. Für diese These wird in mehreren Schritten argumen-
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tiert. Die Argumentation setzt bei rechnerisch vier möglichen Interpretations-


alternativen der Auflösung des Übergangsproblems an. Nach Ausschluss von
zwei Interpretationsalternativen bleiben zwei mögliche zurück: Der Übergang
ist entweder inner- oder außerlogisch zu denken. Beide Alternativen führen in
ihrer Einseitigkeit zu einem unauflösbaren Dilemma, das nicht zuletzt dadurch
zustande kommt, dass die innerlogische Interpretation des Übergangs ihre Auf-
lösung in der außerlogischen sucht und umgekehrt (5.1). Vor diesem Hinter-
grund stellt sich die Frage, ob das Problem des Übergangs nicht durch eine sie
vermittelnde Einheit aufgelöst werden kann. Für diese soll gelten, dass der Über-
gang innerlogisch begründet und motiviert ist, dass er den weiteren Fortgang im
spekulativen Begreifen aber von der Vermittlung der logischen Idee mit einer
Äußerlichkeit abhängig macht (5.2). Es wird argumentiert, dass die absolute Idee
eine Weiterbestimmung der Idee überhaupt ist und (wie diese) zwei Extreme hat:
ein subjektives Extrem (subjektive Idee) und ein objektives Extrem (objektive
Idee). Die subjektive Idee hat sich im Verlauf des Ideenabschnitts zur logischen
Idee (Logik) entwickelt und sich als reine Subjektivität begriffen, die alle reinen
17.11.2020

Begriffe (als ihre objektiven Begriffe) enthält. Weil die Subjektivität im Hinblick
auf das Erkennen der absoluten Idee selbst ein absoluter und unhintergehbarer
Standpunkt ist, auf den alles bezogen ist und bleibt, und weil die absolute Idee
immer ein Urteil ist und ipso facto ein zweites Extrem hat, müssen sich die ab-
solute Idee und die in ihr mitgedachte Subjektivität mittels dieses zweiten Ex­
trems weiter bestimmen. Das Desiderat, beide Extreme zu einer (absoluten) Ein-
heit zusammenzuschließen, motiviert den Übergang der Logik in eine andere
Sphäre (5.2.1). Der Einwand, dass ein solches Desiderat während des Verlaufs
der spekulativen Theoriebildung innerlogisch bereits aufgetreten ist oder gar ge-
schlossen wurde, wird diskutiert und zurückgewiesen (5.2.2). Was so zurück-
bleibt, ist eine positive Antwort auf das Übergangsproblem. Sie lautet, dass alle
Objektivität qua Äußerlichkeit unter den Prämissen der in der Logik evozierten
Begriffe gedacht werden muss und auf diese Weise den Status erteilt bekommt,
eine äußerliche Idee zu sein. Ein auf diese Weise gedachter Übergang ist frei, in-
sofern alles Erkennen auf Subjektivität und ihre reine Form bezogen bleibt. Er
ist notwendig, insofern sich die absolute Idee und (mit ihr) der adäquate Begriff
inhaltlich noch nicht hinreichend bestimmt haben, aber bestimmen müssen. Er
ist ein Sich-Entlassen, insofern sich die in der Subjektivität eingeschlossene logi-
sche und reine Idee beim Übergang in die Natur ›öffnet‹, ohne dabei von ihrer
geschlossenen Form und ihrer Bestimmtheit etwas einbüßen zu müssen. Er ist
ein Sich-Entschließen, insofern die unter die logische Idee zu subsumierenden

Beiheft 70
22 Einleitung

reinen Begriffe diejenigen Oberbegriffe im absoluten Erkennen bilden, mit de-


nen die Äußerlichkeit zu begreifen ist.
Kapitel 6. bekräftigt die These, dass die absolute Idee sich genau dann reali-
siert, wenn die Objektivität zu den Konditionen reiner Subjektivität (und ihren
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reinen Begriffen) gedacht wird. Wenn die Objektivität zu diesen Konditionen


gedacht wird, dann realisiert sich nicht nur die reine Subjektivität (als logische
Idee), sondern mit ihr auch die absolute Subjektivität (als absolute Idee). Die Ob-
jektivität qua Äußerlichkeit erhält auf diese Weise den Status einer äußerlichen
Idee, die in der Natur- und Geistphilosophie gedacht wird. Die Bestimmung
der äußerlichen Idee unter Voraussetzung reiner Subjektivität und ihrer Begriffe
ist zugleich die Garantin für die Rückkehr der logischen Idee zu sich, die die
zweite – in den einleitenden Passagen der WdL bereits antizipierte – Bekannt-
schaft der Leserschaft mit der Logik begründet und der spekulativen Philoso-
phie ihre einheitsstiftende Form gibt. Die Realisierung der absoluten Idee bleibt
somit nicht zuletzt der Natur- und Geistphilosophie als den besonderen philoso-
phischen Wissenschaften vorbehalten. Im Umkehrschluss heißt dies aber auch,
dass jedes Mal, wenn die Objektivität nicht unter den Bedingungen der reinen
Subjektivität und ihren Begriffen erkannt wird, das Erkennen nicht mehr abso-
lut, sondern endlich ist.
Als Fazit kann im Hinblick auf diese Einleitung, aber auch im Hinblick auf
17.11.2020

die gesamte hier vorgelegte Untersuchung konstatiert werden, dass die absolute
Idee sich nur dann realisiert, wenn die logische Idee sich mit der stets präsent
bleibenden Äußerlichkeit vermittelt, indem sie dieser ihre logische Form gibt
und sie auf diese Weise zu einer äußerlichen Idee macht. Die Resultate dieser
Vermittlung, mithin des eigenen Interpretationsvorschlags des Übergangs der
Logik in die Natur, sind vor dem Hintergrund der hegelschen Philosophie und
ihrer Programmatik in mindestens neun Punkten positiv zu bewerten:21 Erstens
wird Hegels These, die besagt, dass die Subjektivität den Schlussstein der logi-
schen (und philosophischen) Entwicklung bildet, und der ein Großteil der He-
gel-Forschung folgt, bestätigt, wenngleich ihr eine ›neue‹ Bedeutung zugeschrie-
ben wird.22 Zweitens wird das Übergangsproblem als ein unmittelbares und pri-

21 Horstmann listet drei Punkte auf: »These few remarks will have to suffice to point out what
I take to be, in Hegel’s eyes, some of the most essential elements of his philosophical legacy.
He intends to endow us with a spiritual monism in metaphysics which goes together with a
new conception of rationality and a rather uncommon theory of knowledge.« (Horstmann,
Rolf-Peter: »What is Hegel’s legacy and what should we do with it?« In: European Journal of
Philosophy 7 (1999), 275 – 287, 281)
22 Vgl. z. B. Quantes Aussage, dass Hegels Systemgedanke in Übereinstimmung mit den »üb-

rigen Deutschen Idealisten« auf der Auffassung beruhe, dass die Subjektivität das Prinzip
des auf Vollständigkeit und Alternativlosigkeit ausgerichteten Systems sei. (Quante, Mi-
chael: Die Wirklichkeit des Geistes. Studien zu Hegel. Frankfurt a. M. 2011, 62.) Vgl. auch
Horstmann:1990, 59 – 81. Wetzel, Manfred: Prinzip Subjektivität. Allgemeine Theorie. Erster

Hegel-Studien
Einleitung  23

märes Problem der logischen, nicht aber der absoluten Idee ausgewiesen. Das
schließt ein, dass das Übergangsproblem nicht durch äußerliche Reflexionen
aufgelöst werden kann, die ex post an die Logik herangetragen werden. Drittens
behält die Logik ihre eigene, für Hegel wichtige systemische Geschlossenheit bei.
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Viertens schafft sie den Raum für Kontingenz und äußerliche Setzungen nicht
ab, sondern weist ihnen einen systemisch und systematisch relevanten Stellen-
wert zu. Fünftens wird die absolute Idee in ihrem absoluten Urteil vollständig
bestimmt. Sechstens zeigt die Interpretation der absoluten Idee ganz genau, in
welchem prinzipiellen Prioritätsverhältnis die logische Idee und die äußerliche
Idee zueinander stehen und wie die Realphilosophie spekulativer Prägung grosso
modo gedacht werden muss – und das ganz unabhängig davon, ob Hegel eine
solche Ausarbeitung gelungen ist.23 Siebtens kann der logischen Idee garantiert
werden, dass sie in der äußerlichen Idee wieder zu sich und zu ihrer reinen lo-
gischen Form zurückkehrt, wodurch der unendliche Progress vermieden wird
und die philosophieinterne Diskussion der absoluten Idee im absoluten Geist
(und nicht in der logischen Idee) gesichert ist. Das schließt ein, dass die logische
Wissenschaft die erste und letzte Wissenschaft ist und dass die von Hegel an-
visierte geschlossene Form des Systems der philosophischen Wissenschaften be-
wahrt bleibt, ohne dass damit ausgesagt werden kann, dass alles nur Logik sei.
Achtens kann die spekulative Philosophie hegelscher Prägung als eine von meh-
17.11.2020

reren ausgezeichneten Erkenntnisweisen definiert werden, die sich von anderen


philosophischen und nicht-philosophischen wohl unterscheidet, zumal sie die
einzige Wissenschaft ist (oder zu sein vorgibt), die andere Wissenschaften nach
einem einheitlichen Prinzip – der Methode – systematisch ordnen kann, ohne
sich mit ihnen identifizieren zu können.24 Schließlich muss Hegel vom Vorwurf

Halbband: Ding und Person, Dingbezugnahme und Kommunikation, Dialektik, Würzburg


2001, insb. Ziff. A-1.3, A-2.3, A-3.1/2. Düsing:1976, 335 f. Fulda, Hans-Friedrich: »Das end-
liche Subjekt der eigentlichen Metaphysik. Zur Rolle des ›Ich denke‹ in Hegels Wissenschaft
der Logik«. In: Subjekt und Metaphysik. Konrad Cramer zu Ehren, hrsg. v. J. Stolzenberg.
Göttingen 2001, 71 – 84; Pippin, Robert: »Hegels Begriffslogik als Logik der Freiheit«. In:
Hegel-Studien, 36 (2001), 97 – 115; Reisinger:1987, 225 – 249; Hösle:1988, 23 und 290.
23 In diesem Sinne weist Hegels Naturphilosophie eine erhebliche und oft übersehene Nähe zu

Kants theoretischer Naturphilosophie auf, wie sie in den Metaphysischen Anfangsgründen


der Naturwissenschaft ausformuliert steht. (Vgl. AA IV, 465 – 565.) Die ältere Monografie
von Falkenburg geht diesem Ansatz systematisch nach. Vgl. Falkenburg:1987.
24 Vertiefend zu diesem Punkt siehe Kapitel 6. und z. B.: Wandschneider, Dieter: »Naturbegriff

und elementare Naturbestimmungen in Hegels Naturphilosophie«. In: Idealismus heute.


Aktuelle Perspektiven und neue Impulse, hrsg. v. Vittorio Hösle und Fernando Suarez Mül-
ler, 2015, 156 – 175, insb. 156 und 163. Problematisch an Wandschneiders Interpretation
bleibt allenfalls die Rolle der be- und übergreifenden Subjektivität, die in der Naturphilo-
sophie auszufallen droht bzw. keine signifikante Rolle spielt. Zum Dissens in diesem Punkt
vgl. ebenfalls Kapitel 6. und z. B. Wetzel, Manfred: »Objektiver Idealismus und Prinzip
der Subjektivität in der Natur«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven

Beiheft 70
24 Einleitung

des Transparentismus und des Verdachts, eine Universalwissenschaft begrün-


den zu wollen, freigesprochen werden, weil sein auf der Methode aufbauendes
und durch sie begründetes System »die wahrhafte Methode der philosophischen
Wissenschaft«25 ist, nicht aber der Wissenschaft und Erfahrung überhaupt.
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17.11.2020

Idealismus. Festschrift für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle
und Wolfgang Neuser, Würzburg 2004, 9 – 23.
25 GW 21: 17 = TWA 5: 49; Herv. G. O. In keinem Fall kann davon ausgegangen werden, dass

das spekulative Denken ein standpunktloses Denken ist, wie Bruno Haas behauptet. (Vgl.
Haas, Bruno: Die freie Kunst. Beiträge zu Hegels Wissenschaft der Logik, der Kunst und Re-
ligion, Berlin 2003, 111 f.) Einer solchen These ist bereits jetzt entgegenzuhalten – und wird
in der vorliegenden Untersuchung entgegengehalten werden –, dass Hegels Philosophie we-
der vorgibt, die einzige Weise des Denkens zu sein, noch für sich beansprucht, jedes phi-
losophische und nicht-philosophische Denken über Existenz in spekulatives Gedankengut
auflösen und mit ihm identifizieren zu können. Kurzum: Jedes spekulative Denken ist ein
Denken, aber nicht jedes Denken ist spekulativ und kann auch nicht durch die spekulative
Methode eins zu eins übersetzt werden. Folglich wird sich im Verlauf dieser Untersuchung
erweisen, dass die spekulative Methode kein Allheilmittel und kein Ersatz für weiteres phi-
losophisches und nicht-philosophisches Denken und Sprechen ist. Viel sinnvoller ist es,
mit Fulda und mit Plevrakis, wenngleich nicht in derselben Strenge wie Letzterer, Hegels
Philosophie als einen »Monismus der Idee« zu bezeichnen, der eine pluralistisch (nicht mo-
noperspektivistisch) gedachte Epistemologie einschließt. Vgl. Fulda, Hans Friedrich: »Me-
thode und System bei Hegel. Das Logische, die Natur, der Geist als universale Bestimmun-
gen einer monistischen Philosophie«. In: System als Selbsterkenntnis, hrsg. v. Hans Fried-
rich Fulda, Würzburg 2006, 25 – 50, insb. 26. Zur pluralistisch gedachten Epistemologie vgl.
auch Fuldas Auseinandersetzung mit Halbigs Thesen in: Fulda, Hans Friedrich: »Hegels
Logik der Idee und ihre epistemische Bedeutung«. In: Hegels Erbe, hrsg. v. Ludwig Siep,
Christoph Halbig und Michael Quante, Frankfurt a. M. 2004, 78 – 134; Halbig, Christoph:
»Das ›Erkennen als solches‹«. In: ebd., 138 – 63.
1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur
absoluten Idee
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D
  as Resultat des zweiten Abschnitts der Begriffslogik  – Die Objektivität  –
ist der Gedanke, dass Objekte nicht unmittelbar gegeben sind, sondern in
einem zweckmäßigen Verhältnis stehen. Auf diese Weise entsprechen sie der
Form des Begriffes, weil jedes einzelne Objekt nicht als singulare tantum exis-
tiert, sondern in Beziehung zu anderen Objekten steht, die einander als beson-
dere und allgemeine gegenüberstehen. Hegel unterscheidet im Abschnitt zur
Objektivität zwischen einer äußeren und inneren Zweckmäßigkeit. Der Unter-
schied zwischen beiden besteht darin, dass die Verknüpfung der Objekte unter-
einander bei der äußeren Zweckmäßigkeit so gedacht wird, dass die Selbständig-
keit und Konkretion jedes Objekts (oder einer bestimmten Klasse von Objekten)
nicht am Objekt selbst (oder seiner Klasse) gedacht werden. Vielmehr hat jedes
Objekt (oder jede Klasse von Objekten) seine Bestimmung an anderen Objekten
17.11.2020

(oder anderen Klassen von Objekten). Der Gedanke der inneren Zweckmäßig-
keit ist demgegenüber komplexer, weil er den Gedanken der äußeren Zweckmä-
ßigkeit aufgreift, ihn aber auch erweitert. Hier wird das Verhältnis der Objekte
untereinander so gedacht, dass sie in einem einzelnen Objekt betrachtet werden
können. Während also die Totalität des Objekts in der äußeren Zweckmäßig-
keit so gedacht wird, dass solche Objekte die für sie typischen Bestimmungen
nur in Abhängigkeit von anderen Objekten erteilt bekommen, haben Objekte,
deren Erklärungsgrund die innere Zweckmäßigkeit ist, ihre Selbständigkeit und
Konkretion an ihnen selbst. Ein solches veränderte Objektivitätsverständnis be-
sagt ferner, dass das objektive Einzelne erst zu dem wird, was es ist – nämlich
eine Totalität –, wenn es den Unterschied zu anderen Objekten in sich schließt
und ihn perpetuiert, ohne sich dabei aufzulösen oder zu zerteilen. Ein solches
objektives Einzelnes ist dann nicht mehr ein ›bloßes‹ Objekt, insofern darunter
ein äußerliches Bestimmtsein und -werden verstanden wird; vielmehr zeigt der
Prozess von der äußeren zur inneren Zweckmäßigkeit und zur Idee, dass das
Objektive in der Idee zu einem Subjekt geworden ist, das sich selbst den Status,
das Objektive und Selbständige zu sein, zuweisen kann. Das Subjekt erhält auf
diese Weise eine doppelte Bedeutung: Es ist einerseits selbst etwas Objektives,
insofern es immer schon in der Sphäre der Objektivität eingeschlossen ist, wozu
bei Hegel v. a. der Mechanismus und Chemismus gehören. Es ist aber anderer-
seits kein ›bloßes‹ Objekt, weil es zu seinem Wesen gehört, nicht gesetzt zu sein,
1. Von der Entwicklung der endlichen Idee zur
absoluten Idee
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D
  as Resultat des zweiten Abschnitts der Begriffslogik  – Die Objektivität  –
ist der Gedanke, dass Objekte nicht unmittelbar gegeben sind, sondern in
einem zweckmäßigen Verhältnis stehen. Auf diese Weise entsprechen sie der
Form des Begriffes, weil jedes einzelne Objekt nicht als singulare tantum exis-
tiert, sondern in Beziehung zu anderen Objekten steht, die einander als beson-
dere und allgemeine gegenüberstehen. Hegel unterscheidet im Abschnitt zur
Objektivität zwischen einer äußeren und inneren Zweckmäßigkeit. Der Unter-
schied zwischen beiden besteht darin, dass die Verknüpfung der Objekte unter-
einander bei der äußeren Zweckmäßigkeit so gedacht wird, dass die Selbständig-
keit und Konkretion jedes Objekts (oder einer bestimmten Klasse von Objekten)
nicht am Objekt selbst (oder seiner Klasse) gedacht werden. Vielmehr hat jedes
Objekt (oder jede Klasse von Objekten) seine Bestimmung an anderen Objekten
17.11.2020

(oder anderen Klassen von Objekten). Der Gedanke der inneren Zweckmäßig-
keit ist demgegenüber komplexer, weil er den Gedanken der äußeren Zweckmä-
ßigkeit aufgreift, ihn aber auch erweitert. Hier wird das Verhältnis der Objekte
untereinander so gedacht, dass sie in einem einzelnen Objekt betrachtet werden
können. Während also die Totalität des Objekts in der äußeren Zweckmäßig-
keit so gedacht wird, dass solche Objekte die für sie typischen Bestimmungen
nur in Abhängigkeit von anderen Objekten erteilt bekommen, haben Objekte,
deren Erklärungsgrund die innere Zweckmäßigkeit ist, ihre Selbständigkeit und
Konkretion an ihnen selbst. Ein solches veränderte Objektivitätsverständnis be-
sagt ferner, dass das objektive Einzelne erst zu dem wird, was es ist – nämlich
eine Totalität –, wenn es den Unterschied zu anderen Objekten in sich schließt
und ihn perpetuiert, ohne sich dabei aufzulösen oder zu zerteilen. Ein solches
objektives Einzelnes ist dann nicht mehr ein ›bloßes‹ Objekt, insofern darunter
ein äußerliches Bestimmtsein und -werden verstanden wird; vielmehr zeigt der
Prozess von der äußeren zur inneren Zweckmäßigkeit und zur Idee, dass das
Objektive in der Idee zu einem Subjekt geworden ist, das sich selbst den Status,
das Objektive und Selbständige zu sein, zuweisen kann. Das Subjekt erhält auf
diese Weise eine doppelte Bedeutung: Es ist einerseits selbst etwas Objektives,
insofern es immer schon in der Sphäre der Objektivität eingeschlossen ist, wozu
bei Hegel v. a. der Mechanismus und Chemismus gehören. Es ist aber anderer-
seits kein ›bloßes‹ Objekt, weil es zu seinem Wesen gehört, nicht gesetzt zu sein,
26 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

sondern seine Totalität – und damit verbunden seine Selbständigkeit und Kon-
kretion – selbst zu setzen und zu erhalten. Beide Bedeutungsebenen stehen aber
nicht symmetrisch nebeneinander. In allen Kapiteln des letzten Abschnitts – Die
Idee – wird der Unterschied der Objektivität und Subjektivität mit Blick auf die
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Realisierung des Subjekts und dessen Begriff thematisiert. Die Objektivität ist
für das Subjekt (bzw. für die subjektive Idee) »schlechthin einfach und immate-
riell, denn die Äußerlichkeit ist nur als durch den Begriff bestimmt und in seine
negative Einheit aufgenommen«.26 Sie erscheint ihm nur als Mittel, durch das
hindurch es sich realisieren kann.
Entscheidend für den Gedanken der Idee ist also ihr prozessualer Charakter,
der alle Kapitel des Abschnittes Die Idee durchzieht. Der auf die Verwirklichung
von Subjektivität gerichtete Prozessgedanke lässt sich den einleitenden Passagen
des letzten Abschnitts der WdL entnehmen:

[OS] »- Sie [Idee; G. O.] ist erstlich die einfache Wahrheit, die Identität des Begriffes
und der Objectivität als Allgemeines«.27

[US] »Zweitens ist sie [Idee; G. O.] die Beziehung der für sich seyenden Subjectivi-
tät des einfachen Begriffs und seiner davon unterschiedenen Objectivität; jene ist
wesentlich der Trieb, diese Trennung aufzuheben, und diese das gleichgültige Ge-
17.11.2020

setztseyn, das an und für sich nichtige Bestehen.«28

[S] »Sie [Idee; G. O.] ist als diese Beziehung der Proceß, sich in die Individualität
und in deren unorganische Natur zu dirimieren und wieder diese unter die Gewalt
des Subjekts zurückzubringen und zu der ersten einfachen Allgemeinheit zurück-
zukehren. Die Identität der Idee mit sich selbst ist eins mit dem Processe«.29

Der Obersatz drückt die allgemeine Bedingung der Idee aus: Es gibt eine in sich
differenzierte Identität, die zwei Momente enthält: den »Begriff[]« und die »Ob-
jectivität«. Der Untersatz spezifiziert diese Identitätsbeziehung, indem die in der
Identität mitgedachten Momente in ein besonderes Verhältnis gesetzt werden.
Ihm zufolge ist die Idee »die Beziehung der für sich seyenden Subjectivität […]
und seiner davon unterschiedenen Objectivität«. Diese Beziehung initiiert einen
Prozess, in dem die Trennung von Subjektivität und der von ihr unterschiede-
nen Objektivität aufgehoben werden soll. Der Schlusssatz verrät uns, den Theo-
retikerinnen und Theoretikern, formal und in äußerlicher Reflexion, wie diese
Aufhebung zu begreifen ist, indem er in concreto das ausdrückt, was im Ober-
26 GW 12: 273 = TWA 6: 467.
27 GW 12: 273 = TWA 6: 467.
28 GW 12: 273 f. = TWA 6: 467
29 GW 12: 273 = TWA 6: 467.

Hegel-Studien
Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee 27

satz in abstracto und per possibile mitgedacht wird: dass Hegel die Beziehung
von Subjektivität und Objektivität (und ihre Auflösung) asymmetrisch zuguns-
ten des subjektiven Extrems wertet. Folglich wird die unorganische Natur unter
die »Gewalt des Subjects« gebracht. Worin genau die »Identität der Idee mit sich
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selbst« besteht, wird in den einleitenden Passagen des Ideenabschnitts nicht aus-
gesprochen. Alles, was Hegel hierüber sagt, ist, dass sie »eins [ist; G. O.] mit dem
Processe«. Hegels Wegweisung besteht also darin, sich auf den Prozess der Idee
zu besinnen und zuzusehen, welche Begriffe sich dabei eruieren lassen. Denn
der obige Schluss repräsentiert schon den ganzen Begriff der Idee: Im Obersatz
wird der allgemeine Begriff gedacht, der sich im Untersatz in seine besonderen
Momente dirimiert und sie im Schlusssatz in die Einzelheit zusammenschließt.
Konkret ist diese Einzelheit, weil sie das Resultat der Besonderheit und Allge-
meinheit ist und diese in ihrer Einheit eingeschlossen enthält.
Wie der Unter- und Schlusssatz bereits explizit zum Ausdruck bringen, steht
die Realisierung des Subjekts, die zugleich die Realisierung des Begriffs ist, im
Zentrum des Prozessgedankens. Das Subjekt hat einerseits den Begriff – das All-
gemeine, Besondere und Einzelne – bereits in seinem Fürsichsein eingeschlos-
sen. Aber der Begriff existiert am Anfang des Prozesses andererseits »nicht für
sich als der Begriff.«30 In eben diesem Spannungsverhältnis stehen sich Anfang
und Resultat der Idee einander gegenüber: Der anfänglich nur unthematisch ge-
17.11.2020

dachte objektive Begriff wird dem Subjekt erst am Ende Thema. Denn wie die
Entwicklung des Gedankens der Objektivität im Objektivitätskapitel ergeben
hat, ist »die objective Realität […] dem Begriffe zwar angemessen, aber noch
nicht zum Begriffe befreyt«: »[D]er Begriff ist als eine Seele, die noch nicht see-
lenvoll ist.«31 Die Konkretion und Realisierung des Begriffs, die das ganze Ver-
hältnis der Idee widerspiegelt und am Anfang nur einseitig und unthematisch
im subjektiven Begriff liegt, muss folglich darin bestehen, den subjektiven Be-
griff auch als objektiven zu setzen, wodurch die Objektivität ihre Grenze gegen
das begreifende Subjekt verliert.
Inhaltlich konstituiert sich die Idee in drei Stufen, wobei Hegel den Akzent
in den einleitenden Passagen der Idee auf die ersten beiden Stufen legt: die Idee
des Lebens und die Idee des Erkennens. Ausgangspunkt für die Idee des Lebens
ist »der Begriff, der unterschieden von seiner Objektivität«32 existiert. Da die
Zweckmäßigkeit der Objektivität ihm entspricht und er ein Teil dieser Zweck-
mäßigkeit ist, also als konkretes und ›leibliches‹ Subjekt über einen eigenen ob-
jektiven Status verfügt, kann er die Objektivität als ein Mittel gebrauchen, um
sich selbst – seinen eigenen Begriff – zu realisieren. Das Resultat des Lebens-

30 GW 12: 274 = TWA 6: 468.


31 GW 12: 274 = TWA 6: 468.
32 GW 12: 274 = TWA 6: 468.

Beiheft 70
28 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

prozesses ist die Gleichheit des subjektiven Begriffs mit der Objektivität, die
dadurch konstituiert wird, dass seine Allgemeinheit in Form des Selbstzwecks
nicht mehr nur rein innerlich und auf den subjektiven Begriff allein begrenzt ist
und nur für ihn als Einzelheit gilt. Vielmehr muss auch die Objektivität selbst
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in Rücksicht auf die Realisierung des subjektiven Begriffs bzw. der Subjektivität
überhaupt gedacht und verstanden werden. Sobald sich der subjektive Begriff
mit der Objektivität im Lebensprozess so weit gleichgesetzt hat, dass er diese
nicht mehr als bloßes Außersichsein anerkennt, sondern weiß, dass die Bestim-
mungen der Objektivität begrifflich sind, entwickelt sich die Idee des Lebens
zur Idee des Erkennens. Kennzeichen dieser Idee ist, dass sich der subjektive
Begriff im Verlauf der Idee des Erkennens objektiv wird, indem er die Objek-
tivität auf Grundlage seines eigenen Begriffs begreift und sie so zu dem macht,
was er sein will. Denn alles, was der subjektive Begriff schlussendlich will, ist,
sich selbst zu realisieren, wobei ihm die Objektivität dabei nur als Mittel dient:
»[S]eine Thätigkeit ist, diese Voraussetzung [einer objektiven Welt; G. O.] aufzu-
heben und sie zu einem Gesetzten zu machen. So ist seine Realität für ihn die
objective Welt, oder umgekehrt, die objective Welt ist die Idealität, in der er sich
selbst erkennt.«33
Was den letzten Entwicklungsschritt betrifft, so gibt Hegel in den einleiten-
den Passagen zum letzten Abschnitt der WdL kaum Informationen preis. Das
17.11.2020

Resultat der Idee (und damit auch der Logik) ist »die unendliche Idee, in welcher
Erkennen und Tun sich ausgeglichen hat, und die das absolute Wissen ihrer selbst
ist«.34 Wie dieses absolute Wissen in der Idee genau zu interpretieren ist, wird
im späteren Verlauf der vorliegenden Untersuchung und am Text selbst heraus-
gearbeitet werden müssen. Wie aber die Phrase »absolute[s] Wissen ihrer selbst«
bereits deutlich macht, ist das Verständnis der absoluten Idee mit einer Inter-
pretation der ganzen Idee aufs Engste verknüpft. Deswegen sollen im Folgenden
die einzelnen Kapitel der Idee kurz vorgestellt werden, um auf diese Weise die
Interpretation des letzten Kapitels der Logik vorzubereiten.

1.1 Das Leben in der endlichen Idee

Wie jede Idee, so steht auch die Idee des Lebens unter dem oben beschriebe-
nen Syllogismus, der in Kurzform besagt, dass es eine Übereinstimmung zwi-
schen zwei Extremen – einem subjektiven und einem objektiven Extrem – gibt.
Die entscheidende Frage lautet nun, wie sich diese Übereinstimmung im Kapitel
über die Idee des Lebens bemerkbar macht. Ausgehend von dem Übergang der

33 GW 12: 275 = TWA 6: 469.


34 GW 12: 275 = TWA 6: 469.

Hegel-Studien
Das Leben in der endlichen Idee 29

äußeren Zweckmäßigkeit in die innere erscheint das Subjektive in der Domäne


der Objektivität in einer doppelten Form: Einerseits ist es ein Teil der Objek­
tivität und ipso facto in seine Prozesse eingeschlossen und damit selbst immer
schon unmittelbar objektiv. Als besonderes Objekt ist es andererseits von einer
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noch nicht zum Subjekt gewordenen und ihm noch entgegengesetzten Objek-
tivität unterschieden. Dass die Objektivität sich dieser sich anbahnenden Ent-
wicklung der Subjektivität, die sich die Objektivität ›einverleibt‹, nicht verschlie-
ßen kann, geht aus der Exposition des Objektivitätsabschnitts der WdL hervor:
Denn diese hat gezeigt, dass der Gedanke einer Selbständigkeit von Objekten
durch die Setzung einer Subjektivität aufrecht erhalten werden kann, in der so-
gar zum Teil miteinander konkurrierende mechanische und chemische Prozesse
ungehindert ablaufen können. Während sich also in der Objektivität mechani-
sche und chemische Prozesse mit der Auflösung ihrer Elemente selbst aufzu-
lösen drohen, garantiert die Form der Subjektivität in Gestalt eines als Objekt
gedachten Subjekts, dass diese Prozesse sich beständig neu setzen können, so-
lange sie innerhalb eines einzelnen Objekts (und nur in ihm) ablaufen. Dies ist
quasi der ›Startschuss‹ für den prozessual gedachten Gedanken des Lebens, der
als Einzelheit unter zwei Bedingungen steht: einer allgemeinen und einer be-
sonderen. Die allgemeine Bedingung besagt, dass »die Objectivität, welche es
[das Leben; G. O.] an ihm hat, […] vom Begriffe schlechthin durchdrungen [ist;
17.11.2020

G. O.]« und »nur ihn zur Substanz« hat.35 Damit ist gemeint, dass das Leben in
der Sphäre der Objektivität und ipso facto in den mechanischen, chemischen
und objektiv-zweckmäßigen Prozessen eingeschlossen ist. Von diesen Prozes-
sen unterscheidet sich das Leben, insofern es besondere Objekte gibt, in denen
diese allgemeinen Prozesse ungehindert ablaufen können, ohne dass sie zu exis-
tieren aufhört. Das ursprüngliche Urteil des Lebens konstruiert Hegel so, dass
auf der einen Seite ein Objekt steht, das nunmehr eine »subjective Substanz«36
ist, an der andere Objekte ihr Bestehen (oder Nicht-Bestehen) haben. Gesetzt ist
also ein asymmetrisches Verhältnis zwischen einem subjektiven Objekt – der
subjektiven Substanz – und einer teils in ihr eingeschlossenen, teils sich außer
ihr befindenden Objektivität. Die Realisierung dieser subjektiven Substanz er-
folgt durch einen Schluss, den Hegel als »Trieb« kennzeichnet. Dieser Trieb ist
»der specifische Trieb des besondern Unterschiedes, und eben so wesentlich der
eine und allgemeine Trieb des Specifischen, der diese seine Besonderung in die
Einheit zurückführt und darin erhält«.37 Die subjektive Substanz bzw. das sub-
jektive Objekt ist »wesentlich Einzelnes, welches auf die Objectivität sich als auf
ein Anderes, eine unlebendige Natur bezieht«38.
35 GW 12: 279 = TWA 6: 472.
36 GW 12: 280 = TWA 6: 473.
37 GW 12: 280 = TWA 6: 473.
38 GW 12: 280 = TWA 6: 473.

Beiheft 70
30 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

Die Aufhebung dieser äußeren Objektivität, die dem einzelnen Subjekt un-
mittelbar vorausgesetzt ist, erfolgt in der Idee des Lebens in drei Schritten: (1) im
»lebendige[n] Individuum«, (2) im »Lebensproceß« und (3) im »Proceß der Gat-
tung«. Für jede Stufe dieses Prozesses – wie auch für den Prozess der Idee über-
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haupt – ist charakteristisch, dass die gleichgültige Allgemeinheit in Form einer


dem einzelnen Lebendigen gegenübergestellten Objektivität sukzessive aufge-
hoben wird und dass das Lebendige seine Form der unmittelbaren Einzelheit
verliert und im Gattungsprozess zu etwas konkret Allgemeinem wird. Die Ent-
wicklung innerhalb der Sphäre des Lebens soll im Folgenden skizziert werden.
(1) Dem individuellen Prozess, den Hegel in A. Das lebendige Individuum
skizziert, liegt eine ursprüngliche Diremtion zugrunde: die Diremtion des Be-
griffes »als subjective Einzelnheit und […] als gleichgültige Allgemeinheit«.39 Die
›Erfüllung‹ oder Einheit dieser begrifflichen Entzweiung nennt Hegel ganz all-
gemein »die Idee«. Anders als im Objektivitätskapitel hat die Objektivität im
Lebensprozess keine Selbständigkeit, sondern gilt nur »als Negatives«, weil es –
wie oben bereits erwähnt – sein Bestehen an der Immanenz der subjektiven Sub­
stanz, d. h. des Lebendigen, hat. Hegel spricht in diesem Kontext von einer »ge-
liehene[n]«40 Objektivität, die anders als das einzelne Lebendige den Zweck nicht
in sich hat. Dieses ist nämlich ein Organismus, in dem einerseits äußere Pro-
zesse intern ablaufen und dem andererseits die äußere Objektivität als Mittel
17.11.2020

und ›Werkzeug‹ für die eigene Realisierung dient.


Dieser Erläuterung folgend unterscheidet Hegel zwei Formen von Objek-
tivität, die er die »lebendige Objectivität«41 und die »vorausgesetzte Objectivi-
tät«42 nennt und die entsprechend der logischen Entwicklung im Ideenkapitel
und analog zum Begriff der inneren und äußeren Zweckmäßigkeit so gelesen
werden können, dass das Bestehen der inneren von der äußeren abhängt. Die-
ses Bestehen charakterisiert Hegel mittels dreier Momente – Sensibilität, Irri-
tabilität und Reproduktion –, denen er die Begriffsmomente »Allgemeinheit«,
»Besonderheit« und »Einzelheit« zuordnet. Alle drei Momente sind Momente
des lebendigen Individuums, das sich über sein Verhältnis zur vorausgesetzten
Objektivität konstituiert. Die Sensibilität definiert Hegel »als das Dasein der in
sich seyenden Seele«, insofern diese in der Lage ist, »alle Aeusserlichkeit in sich«
aufzunehmen und auf sich zurückzuführen.43 Die Irritabilität ist die »zweyte
Bestimmung des Begriffs«: »die Besonderheit, das Moment des gesetzten Unter-
schiedes«.44 In ihr hat das lebendige Individuum nur eine unmittelbare oder ide-

39 GW 12: 282 = TWA 6: 474.


40 Vgl. GW 12: 283 = TWA 6: 475.
41 GW 12: 286 = TWA 6: 478.
42 GW 12: 286 f. = TWA 6: 477 ff.
43 GW 12: 287 = TWA 6: 478.
44 GW 12: 287 = TWA 6: 478.

Hegel-Studien
Das Leben in der endlichen Idee 31

elle Selbstbeziehung, der eine reelle Bestimmtheit in Form einer vorausgesetzten


und äußerlichen Objektivität gegenübersteht. In dieser Besonderheit erscheint
das einzelne Lebewesen als »Art neben anderen Arten von Lebendigkeiten«45.
In der Reproduktion setzt sich das Lebendige als »wirkliche Individualität«, in-
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dem es die reelle Bestimmtheit, d. h. seine Beziehung nach außen, nicht mehr
abstrakt, sondern als »Moment seiner Bestimmtheit als Beziehung auf die Aeus-
serlichkeit« setzt.46 Was mit dem Moment der Reproduktion entsteht, ist mithin
der Trieb der Totalität der anfänglich nur gefühlten Selbstbeziehung der einzel-
nen Lebendigkeit mit seiner reellen und ihm vorausgesetzten Bestimmtheit. Er
wird nicht bloß unmittelbar und auf einen Schlag befriedigt, sondern auf (Um-)
Wegen der Vermittlung, wobei die nähere Form der Vermittlung dem Kapitel
B. Der Lebensprozess vorbehalten bleibt.
(2) Das Telos des Lebensprozesses ist die Reproduktion des Individuums, das
sich aktiv an der vorausgesetzten Objektivität betätigt und sie zum Mittel de-
gradiert, um auf diese Weise seinen in sich eingeschlossenen Begriff in Form
des Selbstzwecks zur Realität zu ›erheben‹. Dem Lebensprozess liegt ursprüng-
lich ein Reflexionsurteil zugrunde: Das eine Extrem ist das lebendige Subjekt,
das nicht bloß als ein unmittelbares Abstraktes gegenüber der objektiven Natur
existiert, sondern eine »Gewißheit von der an sich seyenden Nichtigkeit des ihm
gegenüberstehenden Andersseyns [hat; G. O.].«47 Die Objektivität ist in diesem
17.11.2020

Sinne nicht mehr als abstrakte Allgemeinheit zu interpretieren, sondern als Be-
sonderheit. Als solche drückt sie sich einerseits so aus, dass sie eine Form der
Selbständigkeit und Unabhängigkeit gegenüber dem Lebendigen beibehält, in-
sofern sie mechanischen und chemischen Prozessen unterworfen bleibt, welche
vom Subjekt nicht gesetzt sind, sondern ihm vorgegeben werden. Andererseits
dient diese Form der äußeren Zweckmäßigkeit dem lebendigen Subjekt als Mit-
tel, um seine natürlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Das Ziel des Lebenspro-
zesses besteht nun darin, dass das Lebendige sich als den Endzweck der Natur
setzt und dass die äußere Zweckmäßigkeit der inneren unterstellt wird. Die un-
mittelbare Gestaltung des Lebendigen ist »gut von Natur«48, wenn die Objektivi-
tät dem subjektiven Begriff entspricht. Insofern aber die Objektivität ihm nicht
entspricht und »der Begriff in die absolute Ungleichheit seiner mit sich entzweyt
[ist; G. O.]«49, fühlt das lebendige Individuum diesen Widerspruch als Schmerz.50

45 GW 12: 287 = TWA 6: 479.


46 GW 12: 289 = TWA 6: 480.
47 GW 12: 289 = TWA 6: 480.
48 GW 12: 290 = TWA 6: 481.
49 GW 12: 290 = TWA 6: 481.
50 Hegels metaphysische Rechtfertigung des Schmerzes ist, dass der Widerspruch im Schmerz-
empfinden »eine wirkliche Existenz« (GW 12: 291 = TWA 6: 481) habe und dass eben diese
Empfindung des Widerspruchs »das Vorrecht lebendiger Naturen« (ebd.) sei.

Beiheft 70
32 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

Die Überwindung zwischen der äußeren und inneren Zweckmäßigkeit dis-


kutiert Hegel an zwei Begriffen: Gewalt und Macht. Ihnen liegt folgendes Refle-
xionsverhältnis zugrunde: Damit der Trieb des Lebendigen überhaupt realisiert
werden kann, muss die Äußerlichkeit »an und für sich in ihm [dem Lebendigen;
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G. O.]«51 sein. Dies ist allein schon deswegen der Fall, weil das lebendige Sub-
jekt für sich Teil der Objektivität ist und sich auch äußerlich gegen sie verhalten
muss. Kurzum: Als in die objektiven Prozesse, den Mechanismus und Chemis-
mus, eingeschlossen, ist es selbst ein mechanisches und chemisches Objekt. Die
Bemächtigung des Objekts ist eine Aneignung und Assimilation der Objektivi-
tät durch und an den subjektiven Begriff, der in der Idee des Lebens in Gestalt
des Lebendigen erscheint. Der Schluss, den Hegel im Lebensprozess vor Augen
hat, ist ein Schluss, der von einer äußeren Zweckmäßigkeit auf einen inneren
Zweck schließt, indem Erstere als Mittel für die Realisierung des Letzteren dient.
Ausgehend von der Eigenständigkeit der Objektivität erscheint dieser ›Eingriff‹
der Lebendigkeit in die objektive Sphäre als Gewalt, insofern der Objektivität
ihre Endlichkeit und »eigenthümliche Beschaffenheit«52 genommen wird. In-
dem aber das lebendige Einzelne »seine eigene Objectivität sich zum Objecte
macht«, d. h. sich selbst in ein objektives – mechanisches und chemisches – Ver-
hältnis setzt, assimiliert es sich mit der Natur als seinem Anderssein. Dieses Ob-
jektivsetzen der eigenen Individualität ist kein Verlust des Lebendigen, sondern
17.11.2020

zuallererst das punktuelle Verschwinden der Differenz, die es gegen die ihm
entgegengesetzte Natur zu Beginn (scheinbar) noch hatte. Die Nivellierung der
Äußerlichkeit, die dem einzelnen Lebendigen anfänglich im Lebensprozesses
als allgemeine Sphäre noch gegenüberstand, führt einerseits dazu, dass das Le-
bendige selbst zur Allgemeinheit wird. (Mit anderen Worten: Im Lebensprozess
erweitert sich der Begriff des Lebendigen zur Gattung, indem es seinen eigenen
Organismus als ein Moment einer allgemeinen Objektivität begreift.) Der Aus-
gleich und die Integration der (äußerlich-)mechanischen und (innerlich-)orga-
nischen Naturprozesse führt andererseits dazu, dass sich das Lebendige von sei-
ner anfänglichen Irritabilität gegenüber der Objektivität ›lösen‹ kann, indem es
sich dieser bemächtigt und es als Mittel für seine Selbsterhaltung gebraucht. So
betrachtet drücken die Reproduktion des einzelnen Lebendigen, die Entwick-
lung des Individuums zur Gattung und der logische Prozess der Einzelheit zur
Allgemeinheit ein und denselben Gedanken aus, weil das (einzelne) Lebendige,
das Individuum, nur dann existieren kann, wenn ihm die allgemeine und be-
sondere Objektivität, in der es existiert und von der es mitkonstituiert wird, sui
generis nicht abträglich ist. Dies ist die Grundlage, die es ihm ermöglicht, die
Objektivität sich zu eigen zu machen und auf diese Weise sich beständig neu zu

51 GW 12: 291 = TWA 6: 482.


52 GW 12: 292 = TWA 6: 483.

Hegel-Studien
Das Leben in der endlichen Idee 33

setzen, sich mit den objektiven Prozessen zu assimilieren und ein konkretes All-
gemeines, d. h. eine Gattung, zu sein.
(3) Wie der Übergang zum dritten und letzten Kapitel der Idee des Lebens
und sein Titel – C. Die Gattung – bereits andeuten, handelt dieser Teil der WdL
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von dem Begriff der Gattung. Unter »Gattung« versteht Hegel nicht etwas, das
von der Natur bloß faktisch vorgegeben wird. Vielmehr hängt die Konstitution
der Gattung wesentlich von ihrer Genese durch ihre Momente ab, die als Glie-
der nicht unabhängig von ihrer Gattung existieren, sondern diese allererst set-
zen. Im Übergang des Lebensprozesses zur Gattung macht Hegel den Entwick-
lungszusammenhang der Gattung ausgehend vom Einzelnen explizit, wenn er
schreibt, dass das Individuum sich durch den äußeren Lebensprozess »als reel-
les, allgemeines Leben, als Gattung gesetzt«53 hat. Folgende zwei Analysekrite-
rien können dabei helfen, um Hegels Gedankengang im dritten und letzten Ka-
pitel über die Idee des Lebens besser zu verstehen: der Fokus auf die Produktion
der Totalität und die semantische Neubesetzung des Begriffs der Objektivität.
Im Hinblick auf den Totalitätsgedanken ist wichtig zu erwähnen, dass durch
diesen das Einzelne an das Allgemeine gebunden bleibt und vice versa. Das wird
unter anderem dadurch deutlich, dass das Individuum nicht nur von der Wirk-
lichkeit hervorgebracht wird, sondern auch »daß seine Entstehung […] nun
seine Production wird«.54 Paraphrasiert besagt dieser letzte Gedanke, dass das
17.11.2020

einzelne Lebewesen seine eigene Wirklichkeit setzt und nicht mehr nur als Re-
sultat eines objektiven Prozesses gesetzt wird, wie dies vor allem bei Objekten im
mechanischen und chemischen Prozess der Fall ist.
Im Hinblick auf Hegels semantische Neubesetzung des Terminus »Objecti-
vität« ist anzumerken, dass diese – spätestens mit dem Eintritt in das Kapitel C.
Die Gattung – nicht mehr nur anorganische, sondern auch lebendige Prozesse
einschließt. Wichtig ist diese Anmerkung deshalb, weil Hegel ab dem zweiten
Absatz dazu übergeht, nicht bloß das Verhältnis zwischen einem einzelnen Le-
bendigen und einer anorganischen Objektivität zu erläutern, sondern nunmehr
die Beziehung der Lebendigen untereinander in den Fokus nimmt. Das Urteil
der Gattung besteht und erweitert sich folglich in ein Urteil, in dem sich min-
destens zwei Lebendige gegenüberstehen. Weil beide nur eine Gattung ausma-
chen, besteht der Trieb des einen Lebendigen darin, den anderen aufzuheben.
Hegel beschreibt diesen für den Gattungsprozess konstituierenden Anfang wie
folgt: »Das Individuum ist daher an sich zwar Gattung, aber es ist die Gattung
nicht für sich; was für es ist, ist nur erst ein anderes lebendiges Individuum«55.
Das Individuum ist also nicht nur mit unorganischen Prozessen, denen es aus-

53 GW 12: 293 = TWA 6: 484.


54 GW 12: 294 = TWA 6: 484.
55 GW 12: 295 = TWA 6: 485.

Beiheft 70
34 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

gesetzt ist, konfrontiert, sondern auch mit organischen, zu denen andere Le-
bendige seiner Art und Gattung gehören. Das »ganze Lebendige«, das Hegel vor
Augen schwebt, ist eben diese Verbindung zwischen den Lebendigen einer Gat-
tung. Die erste Stufe dieser Vereinigung ist »die Fortpflanzung der lebenden Ge-
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schlechter«, die für Hegel »ein unendlicher Progreß [ist; G. O.], in welchem die
einzelnen Individuen ihre gleichgültige, unmittelbare Existenz ineinander auf-
heben« und auf diese Weise ihre Gattung realisieren.56 Endlich ist diese Reali-
sierung, insofern das erzeugte Dritte – ein anderes Lebendiges derselben Gat-
tung – als eigenständiges Moment in den Gattungsprozess eintritt, womit dieser
›von Neuem‹ beginnt. Die wahre Aufhebung und logische Weiterentwicklung
dieses Prozesses ergibt sich, sobald das Lebendige begreift, dass die von ihm
produzierte und nicht einfach nur vorausgesetzte Gattung wesentlich von seiner
Tätigkeit abhängt und sein eigenes Produkt ist. Für das lebendige Individuum
bedeutet das, dass in der Begattung – der Reproduktion respektive der Zeugung
der Individualität und (folglich auch) der Gattung – das Einzelne sich als Allge-
meines begreift, weil es das Setzen dieser Allgemeinheit qua Gattung ist. Hegel
schreibt hierzu: »Die Idee, die als Gattung an sich ist, ist für sich, indem sie ihre
Besonderheit, welche die lebendigen Geschlechter ausmachte, aufgehoben und
damit sich eine Realität gegeben hat, welche selbst einfache Allgemeinheit ist«57.
Diese Form oder Stufe der logischen Selbstbeziehung ist von derjenigen, die
17.11.2020

noch zu Beginn der Idee des Lebens vorherrschte, signifikant unterschieden.


Ihre Entwicklung lässt sich analog zu den drei Momenten der Methode – die
später detailliert erläutert, hier aber zum Zweck der Einteilung vorausgesetzt
werden – wie folgt beschreiben. Am Anfang ist das einzelne Lebendige von sei-
ner Gattung, die es nur an sich hat, verschieden: Die »Idee hat um ihrer Unmit-
telbarkeit willen die Einzelnheit zur Form ihrer Existenz.«58 Im Fortgang durch
den Lebens- und Gattungsprozess wird der Einzelheit ihre Abstraktion genom-
men, indem das einzelne lebendige Subjekt sich mit der ihm vorausgesetzten
Objektivität einerseits äußerlich gleichsetzt und sie andererseits zum Mittel de-
gradiert, das ihm dazu dient, seine eigenen natürlichen Zwecke zu realisieren.
Zu diesen Zwecken gehört allen voran der Trieb der Selbsterhaltung durch Re-
produktion, die – wie sich gezeigt hat – nicht nur eine Produktion des einzelnen
Lebendigen ist, sondern auch das Setzen der allgemeinen Gattung. Auf diese
Weise kann das einzelne Lebendige seine unmittelbare Selbstbeziehung auf
komplexere Formen ausweiten und zu einer konkreten Einzelheit werden, die
das Allgemeine (Gattung) nicht mehr außer sich in der objektiven Äußerlich-
keit hat, sondern als integraler Teil derselben sie durch eigene Setzungen – nicht

56 GW 12: 296 = TWA 6: 486.


57 GW 12: 297 = TWA 6: 486.
58 GW 12: 274 = TWA 6: 468.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 35

zuletzt in Gestalt der eigenen Reproduktion – mitkonstituiert. Das Resultat, das


gleichsam den Anfang des nächsten logischen Gedankens initiiert, besteht also
in der erweiterten Form der Setzung der konkreten Einzelheit – »als allgemein
und frey für sich existirenden Begriffes« – zu einer entwickelten Form der Idee,
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die den »Übergang in das Erkennen«59 schafft, die auch eine Lebensform ist und
deren Ziel es ist, eine dem Begriff adäquate Objektivität – also auch eine ihm
entsprechende Lebens- und Existenzform – aufzuzeigen und zu benennen.

1.2 Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff

Das Erkennen wird von Hegel im vorletzten Kapitel der WdL abgehandelt, nach-
dem er im Kapitel Das Leben gezeigt hat, dass die einzelne Lebendigkeit ihren
unmittelbaren Selbstbezug abgelegt und sich als Allgemeines (Gattung) begrif-
fen hat. Mit Blick auf die Realisierung der Subjektivität, die Hegel im letzten Ab-
schnitt der WdL als »subjektive Idee« bezeichnet und die in der Idee des Lebens
als Lebendiges thematisch in Erscheinung tritt, führt diese erweiterte Form des
(subjektiven) Selbstverhältnisses einen radikalen Wandel herbei, weil mit der
Selbstbeziehung auch die Fremdbeziehung verändert wird. Die Realität des Be-
griffs, die im Urteil ausgesprochen wird und die Hegel in der Idee des Lebens
17.11.2020

durch die anfängliche Abstraktion des Einzelnen (Lebendigen) und Allgemei-


nen (Objektivität) beschreibt, ist in der Idee des Erkennens auch im konkreten
Einzelnen präsent, wie das Kapitel C. Die Gattung gezeigt hat. Konkret ist das
Einzelne nicht nur, weil es Teil der in der objektiven Sphäre ablaufenden me-
chanischen und chemischen Prozesse ist,60 sondern allem voran, weil es diese
Prozesse ausgehend von der Begriffsform beschreiben kann. Denn zu verstehen,
was der Satz »Ich bin ein (einzelnes) Exemplar einer (besonderen) Art der (all-
gemeinen) Gattung ›Lebewesen‹« bedeutet, heißt das Vermögen zu besitzen, Ob-
jekte unter eine Begriffsform zu bringen, also die basale Form »E – A«, »B – A«
oder »E – B« zu gebrauchen.61

59 GW 12: 281 = TWA 6: 473.


60 Vgl. den Übergang der äußeren Teleologie zur inneren und damit zur Idee: GW 12: 266 =
TWA 6: 461. Vgl. auch: Fulda, Hans-Friedrich: »Von der äußeren Teleologie zur inneren«.
In: Der Begriff als die Wahrheit, hrsg. v. Anton Friedrich Koch, Alexander Oberauer und
Konrad Utz. Paderborn 2003, 146: »Die Teleologie muß innere Zweckmäßigkeit für ei-
nen objektiven Zweck sein, was diejenige von Artefakten sein soll, aber nicht wirklich sein
kann. Die innere Teleologie, die es zu denken gilt, muß sich ferner dadurch auszeichnen,
daß in der Objektivität die Vermittlung, die für alle äußere Zweckmäßigkeit konstitutiv ist,
zwar enthalten ist, aber als eine sich in der Objektivität selbst aufhebende; und mit dieser
Selbstaufhebung der Vermittlung muß das Objekt durch sich selbst (in mechanischen und
chemischen Prozessen) zur Einheit des Begriffs zusammengehen.«
61 Dies sind die einzelnen Formen, in denen sich Urteile von endlich denkender Subjektivität

Beiheft 70
36 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

Sobald sich also das einzelne Subjekt seiner doppelten Stellung gegenüber
der Objektivität bewusst ist, nachdem es erkannt hat, dass die sich im Indivi-
duum abspielenden objektiven Prozesse von den objektiven Prozessen der äu-
ßeren Welt nur dadurch unterscheiden, dass sie in einem Subjekt ablaufen und
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dass diese Identität (der Differenz) eine begriffliche ist, weil die objektiven Pro-
zesse die Form des Begriffs – des Urteilens und Schließens – an sich haben, hat
es seinen unmittelbaren Charakter abgelegt und ist zur begrifflichen Vermitt-
lung übergegangen.62 Für die Objektivität bedeutet das im Umkehrschluss, dass
sie prinzipiell dem propositionalen Denken nicht entgegensteht, sondern ihm
gegenüber geöffnet und ›wie für es gemacht‹ ist. Mit Rückgriff auf Hegels Fach-
sprache bedeutet das, dass alle Erscheinungen gemäß dem Begriff und seinen
drei Momenten – Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit –, von denen wir in
allen unseren Urteilen und Schlüssen Gebrauch machen, sinnvoll definiert und
eingeteilt werden können. Ein auf diese Weise in Begriffen denkendes und er-
kennendes Lebewesen nennt Hegel z. B.: »subjectiver Begriff«, »subjective Idee«,
»Subject«, oft genug aber nur »Begriff«.63 Ihr steht eine gegebene Objektivität
gegenüber, die Hegel z. B. »objective Welt« oder einfach nur »Object« nennt.64
Die Frage, welche Form des Begriffs der Objektivität adäquat ist und wie diese
Übereinstimmung im Detail zu denken ist, setzt einen Prozess in Gang, der das
Thema des vorletzten Kapitels der WdL – Die Idee des Erkennens – ist und der
17.11.2020

sich in zwei Prozesse aufteilt (1.2.1 – 2): in das theoretische und das praktische
Erkennen.

1.2.1 Das theoretische Erkennen

Für das theoretische Erkennen respektive die theoretische Idee gibt es von He-
gels Seite aus zwei Vorgaben, die es zu beachten gilt: Einerseits ist die Rückfüh-
rung der objektiven Mannigfaltigkeit auf den Begriff und seine Bestimmungen
eine subjektive Tätigkeit. Anderseits ist sie auch objektiv, insofern das gegebene

artikulieren. Vgl. Hierzu Hegels Äußerung am Anfang der Urteilslehre, dass »das Urtheil
den bestimmten Begriff gegen den noch unbestimmten enthält. Das Subject kann also zu-
nächst gegen das Prädicat als das Einzelne gegen das Allgemeine, oder auch als das Beson-
dere gegen das Allgemeine, oder als das Einzelne gegen das Besondere genommen werden;
insofern sie nur überhaupt als das Bestimmtere und das Allgemeinere einander gegenüber-
stehen.« (GW 12: 72 = TWA 6: 302)
62 Vgl. in diesem Kontext auch Hegels markanten Satz aus der Enzyklopädie: »Der Tod der

nur unmittelbaren einzelnen Lebendigkeit ist das Hervorgehen des Geistes.« (GW 20: § 222
= TWA 8: § 222)
63 Vgl. z. B. GW 12: 298, 315 und 371 = TWA 6: 487, 501 und 542.

64 Ebd.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 37

Objektive stets das Korrektiv des theoretischen Erkennens bleibt.65 Die Objek-
tivität der subjektiven Idee bzw. des subjektiven Begriffs ist also zunächst ein-
mal eine äußerliche, weil der Begriff sich nicht selbst bestimmt, sondern seine
Bestimmungen durch vorgefundene Objekte, die er repräsentieren soll, erhält.
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Die Tätigkeit des endlichen Erkennens besteht zunächst einmal darin, das am
Gegenstand komplex-verbunden vorgestellte Material auf seine abstrakten Be-
standteile und deren Verhältnisse zu reduzieren. Durch diese Tätigkeit lässt
sich einsehen, wie laut Hegel ein erkennendes Subjekt gemäß seiner allgemei-
nen Form erkennt: In der ersten Prämisse, dem Obersatz, verhält sich das er-
kennende Subjekt weitestgehend passiv, indem es sich gegen »das Vorhandene«
zurückhält, dieses nicht bestimmt, sondern es sich ›zeigen‹ lässt.66 Hegel nennt
diese Form des Erkennens »analytisches Erkennen«, das er wie folgt spezifiziert:

Das analytische Erkennen nun näher betrachtet, so wird von einem vorausgesetz-
ten, somit einzelnen, concreten Gegenstande angefangen, er sey nun ein für die
Vorstellung schon fertiger oder er sey eine Aufgabe, nemlich nur in seinen Umstän-
den und Bedingungen gegeben, aber aus ihnen noch nicht für sich herausgehoben
und in einfacher Selbstständigkeit dargestellt.67

Im analytischen Erkennen sieht sich das denkende Subjekt mit einem konkreten
17.11.2020

Gegenstand konfrontiert. Die Komplexität des Gegenstandes spielt dabei keine


primäre Rolle. Entscheidend ist nur der Umgang mit ihm: Nicht das erkennende
Subjekt setzt den (wie komplex auch immer gearteten) Gegenstand, sondern die-
ser ist ihm vorausgesetzt. So betrachtet muss »die Thätigkeit des subjectiven Be-
griffs von der einen Seite nur als Entwicklung dessen, was im Objecte schon ist,
angesehen werden […], weil das Object selbst nichts als die Totalität des Begriffs
ist.«68 Dies ist aber nur die eine Seite des Erkennens. Die andere Seite liegt in der
transformatorischen Leistung des Erkennens begründet: Indem das erkennende
Subjekt das ihm objektiv Vorausgesetzte in seinen (subjektiven) Begriff über-
führt, gibt es ihm eine abstrakte logische Begriffsform. Denn weder ist das Er-
kennen eine bloße Empfindung, in der die Komplexität und Vielfältigkeit des zu
erkennenden Gegenstandes unmittelbar zugänglich ist. Noch kann das Denken
darin bestehen, sich ausgehend von Eigenschaften identifizierend auf Gegen-
stände zu beziehen und sie z. B. beim Namen zu nennen (oder ihnen einen neuen
zu geben). Vielmehr artikuliert sich der Erkenntnisakt in der »Verwandlung des

65 Vgl. auch Schäfer, Rainer: »Hegels Ideenlehre und die dialektische Methode«. In: G. W. F.
Hegel. Wissenschaft der Logik, hrsg. v. Anton Friedrich Koch und Friedrike Schick. Berlin
2002, 250 f.
66 Vgl. ganzen Absatz in: GW 12: 315 = TWA 5: 501.

67 GW 12: 317 = TWA 6: 503; vgl. auch GW 12: 315 = TWA 6: 502.

68 GW 12: 317 = TWA 6: 503.

Beiheft 70
38 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

gegebenen Stoffes in logische Bestimmungen«69, zu denen der Begriff als sol-


cher – das Allgemeine, das Besondere, das Einzelne – gehört. Denken bzw. Er-
kennen in diesem eminenten Sinn bedeutet demnach nichts anderes als Urteilen:
die Subsumption der vorausgesetzten Einzelnen unter allgemeine(re) Begriffe.
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Eben hierin artikuliert sich die zweite Prämisse des Erkennens, die Hegel mit
dem synthetischen Erkennen gleichsetzt. Anders als das analytischen Erkennen,
das »nur das Auffassen dessen, was ist«, ist, konzentriert sich das synthetische
Erkennen »auf das Begreifen dessen, was ist«.70 Beide Momente können äußerlich
zwar so weit unterschieden werden, dass gesagt werden kann, dass die besonde-
ren Bestimmungen des konkreten Gegenstandes durch das analytische Erken-
nen gesetzt und von dem synthetischen in ihren allgemein(er)en Verhältnissen
gedacht werden. Weil aber der Begriff für Hegel – insbesondere in der Idee –
immer als Totalität, in der jedes Moment in einer notwendigen Beziehung zum
Ganzen steht, verstanden werden muss, sind das Analytische und das Syntheti-
sche zwei Seiten, die im spekulativen Erkennen zusammenfallen. Dieses Zusam-
menfallen ist der Schluss als solcher oder, bestimmter, der Schlusssatz. Während
also das analytische Erkennen aus dem Gegenstand besondere Eigenschaften
›extrahiert‹ und das synthetische Erkennen diese auf einen allgemeineren Be-
griff bezieht, so gilt für das Erkennen überhaupt – das sich erst im Schluss(satz)
konstituiert –, dass den vormals vorausgesetzten Einzelnen ihre Abstraktion ge-
17.11.2020

nommen wird, indem sie als vermittelte Einzelheiten gesetzt werden. Zusam-
mengefasst hat das Erkennen folgende spekulativ-syllogistische Struktur:

Erste Prämisse [analytisch]: E/Ounmittelbar – B


Zweite Prämisse [synthetisch]: B – A
Schlusssatz: E/Overmittelt – A

Die Unterscheidung zwischen dem unmittelbaren Anfang bei einem vorausge-


setzten und konkreten Einzelnen und Objektiven (vgl. erste Prämisse) und die
Ausdifferenzierung bzw. der Fortgang des Begriffs (vgl. zweite Prämisse und
Schluss) sind von eminenter Bedeutung für den Unterschied von endlichem und
unendlichem Erkennen. Grundlage für das theoretische Erkennen, auf das sich
diese Anmerkung beschränken soll, ist das propositionale Verhältnis zwischen
den Einzeldingen – E/Ounmittelbar – und dem Begriff, der v. a. in der zweiten Prä-
misse gedacht wird. Die Einzeldinge markieren den Bereich der Objektivität,
während der Begriff im endlichen Erkennen cum grano salis subjektive Gültig-
keit suggeriert. Vor dem Hintergrund dieser erweiterten Interpretation kann das
theoretische Erkennen optisch wie folgt präzisiert werden:

69 GW 12: 318 = TWA 6: 503.


70 GW 12: 326 = TWA 6: 511.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 39

Erste Prämisse [analytisch]: E/Ounmittelbar – B


Zweite Prämisse [synthetisch]: B – A
Schlusssatz: E/Overmittelt – A
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Zur weiteren Erläuterung sei Folgendes bemerkt: Im theoretischen Erkennen


ist die Zweiwertigkeit des Urteils aufgrund der Trennung von Gegenstand
(E/Ounmittelbar) und Begriff (B, A) von Anfang an gesetzt. Das Ziel des (subjekti-
ven) Begreifens besteht nun darin, die in dem anfänglichen Urteil geforderte
Identität zwischen Objektivität und subjektivem Begriff zu setzen. Mit ande-
ren Worten: Der Schluss soll das setzen, was am Anfang gefordert wird, aber
nicht gesetzt ist. Dieses Desiderat erfüllt der Schlusssatz (E/Overmittelt  – A) auf
unzureichende Weise, weil zum einen die Begriffsbestimmung noch nicht ab-
geschlossen ist und weil zum anderen ein Vermittlungsproblem zwischen einem
begrifflich artikulierten Einzelding (E/Overmittelt) und seinem nicht-begrifflichen
Korrelat (E/Ounmittelbar) entsteht. Für jedes Erkennen gilt allgemein, dass der Be-
griff seinem Gegenstand und der Gegenstand seinem Begriff entsprechen soll.
Dies besagt auch Hegels anfängliches Diktum in den einleitenden Passagen des
letzten Abschnitts der WdL: »Die Idee ist der adäquate Begriff, das objective
Wahre, oder das Wahre als solches.«71
Das Zitat macht deutlich, dass in den Kapiteln zur Idee sowie im dritten Buch
17.11.2020

der WdL (Begriffslogik) der Begriff das Hauptthema der Auseinandersetzung


markiert. Im endlichen Erkennen ist der Begriff inadäquat, weil er ein subjek-
tiver ist. Subjektiv ist er nicht nur deswegen, weil er im erkennenden Subjekt
selbst lokalisiert ist, sondern auch, weil auf den Begriff selbst nicht eigens re-
flektiert, dieser also keinen Erkenntnisgegenstand des theoretischen Erkennens
bildet, aber für dieses als Bedingung dennoch in Anschlag genommen wird.
Denn der Ausgangspunkt für das endliche Erkennen ist, wie mehrfach erwähnt,
ein vorausgesetztes Objektives, an dem der Begriff und seine Begriffsform zwar
vorhanden, aber noch nicht gesetzt sind. Wirklich und objektiv wird der sub-
jektive Begriff (in einem ersten Schritt) also dann (und nur dann), wenn das
denkende und erkennen wollende Subjekt urteilt und schließt und durch Urteile
und Schlussfolgerungen eine Übereinstimmung zwischen seiner Form und der
Realität schafft. Im theoretischen Erkennen unterscheidet Hegel drei Weisen,
dem Begriff eine Realität zu geben: Definition, Einteilung, Lehrsatz.
Die Definition: Eine Definition entsteht für Hegel, nachdem das Einzelne und
seine allgemeinen Bestimmungen in ihrer Besonderheit erkannt und benannt
worden sind: Das Einzelne ist ein Allgemeines, das zugleich ein Besonderes, also
ein bestimmtes Allgemeines ist.72 Die Definition folgt in diesem Sinn der Tei-

71 GW 12: 267 = TWA 6: 462.


72 »Der Gegenstand wird […] als Allgemeines gefaßt, welches zugleich wesentlich Bestimmtes

Beiheft 70
40 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

lung des Begriffs, wobei Hegel zwischen einer ersten und einer zweiten Defini-
tion unterscheidet. Die erste Definition, die Hegel in dem Kapitel Die Definition
vor Augen hat, beruht auf Beobachtungssätzen.73 Weil sie der Unmittelbarkeit
entnommen sind und ihre Prädikate so aufgenommen werden, wie sie sich dem
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erkennenden Subjekt unmittelbar präsentieren, sind sie problematisch. Vor die-


sem Hintergrund gilt eine prädikative Bestimmung so viel wie eine andere. He-
gels Quintessenz in diesem Kapitel ist, dass Definitionen, die auf deskriptiven
Aussagen beruhen, nur eine formelle Übereinstimmung mit dem Begriff haben,
weil ihre Aussageform zwar begrifflich ist, der Begriff aber schlussendlich sub-
jektiv bleibt, da er seine Objektivität nicht an sich – an seiner Aussageform –
hat. Vor dem Hintergrund des ›adäquaten Begriffs‹ zeichnet sich für die Defini-
tion ein konstitutiver Mangel ab: Die Form der Definition fordert die Überein-
stimmung des konkreten Einzelnen mit einer bestimmten Allgemeinheit. Diese
strenge Übereinstimmung ist aber von Anfang an ausgeschlossen, weil das Ein-
zelne der Gegenstand ist, der einseitig und getrennt von seiner Begriffsform, der
Allgemeinheit und Besonderheit, existiert.74 Die Endlichkeit dieses Erkennens
hängt aber nicht nur damit zusammen, dass auf den Begriff selbst nicht reflek-
tiert wird, sondern auch damit, dass der Begriff seinen Inhalt einem ihm kor-
respondierenden Dasein entnimmt. Für die Vorstellung ist ein solches Dasein
ein konkretes Einzelding (bzw. ein Ding von vielen Eigenschaften)75. Das erken-
17.11.2020

nende Subjekt geht dabei so vor, dass es ein Ding identifiziert, indem es gleich-
sam seine Eigenschaften benennt und dabei zu erkennen versucht, »in welchem
Zusammenhange sie miteinander stehen, ob die eine schon mit der anderen ge-
setzt sey«.76 Weil für die Definition »kein anderes Kriterium noch vorhanden
als das Daseyn selbst«77 ist, ist die Frage, welche der vielen Eigenschaften oder
Qualitäten für das Dasein wesentlich sind, nicht nur problematisch, sondern
geradezu unlösbar. So können Eigenschaften der Einzeldinge, die das erken-
nende Subjekt für wesentlich erachtet, beim Einzelding selbst ausbleiben, ohne
dass darum die Definition falsch ist. Exemplarisch hierfür schreibt Hegel in der
WdL, dass Missgeburten der Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, bei denen defi-
nitorische Eigenschaften eingeschränkt sein oder sogar faktisch ausbleiben kön-

ist.« (GW 12: 329 = TWA 6: 513) In der Enzyklopädie heißt es: »aa) Der Gegenstand, von
dem Erkennen zunächst in die Form des bestimmten Begriffes überhaupt gebracht, so daß
hiermit dessen Gattung und dessen allgemeine Bestimmtheit gesetzt wird, ist die Defini-
tion.« (GW 20: § 229 = TWA 8: § 229) Damit entspricht die Grundform des theoretischen
Erkennens zugleich der Form der Definition. Weil es sich hier um einen unmittelbaren
Schluss handelt, bildet das Besondere den Mittelbergriff.
73 GW 12: 329 = TWA 6: 513.
74 GW 12: 329 = TWA 6: 513.
75 Vgl. GW 12: 331 = TWA 6: 515.
76 GW 12: 331 = TWA 6: 515.
77 GW 12: 331 = TWA 6: 515.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 41

nen, dennoch in die Definition derselben aufgenommen werden müssen. Ein


Mensch, der in keinem oder einem schlechten Staat lebt, dessen Gehirn nicht
ordnungsgemäß funktioniert usw., bleibt dennoch ein Mensch.78 Ebenso blei-
ben eine kranke Pflanze oder ein krankes Tier immer noch eine Pflanze oder
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ein Tier. Negativ bleibt also festzuhalten, dass Definitionen, denen das Ding
von vielen Eigenschaften zugrunde liegt, unter Berücksichtigung der Begriffs­
momente – Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit – aufgestellt werden kön-
nen, ohne dass dabei auf die Übereinstimmung des Begriffsinhalts mit seiner
Form reflektiert wird.79 Das führt aber zu einem performativen Mangel; denn
im Urteilen und Schließen fordern wir die Bestimmtheit des Einzelnen, die mit
Blick auf Definitionen des Daseins inhaltlich stets defizitär bleibt.
Die Unmöglichkeit, eine exakte Definition am konkreten Objekt selbst auf-
zustellen, lenkt den Fokus nolens volens auf das erkennende Subjekt selbst. Die-
ses »tut daher auch auf eigentliche Begriffsbestimmungen, die wesentlich die
Prinzipien der Gegenstände wären, von selbst Verzicht, und begnügt sich mit
Merkmalen«80. Diese sind für Hegel »Bestimmungen, bey denen die Wesentlich-
keit für den Gegenstand selbst gleichgültig ist und die vielmehr nur den Zweck
haben, daß sie für eine äussere Reflexion Merkzeichen sind.«81 Die logische Wei-
terentwicklung, auf die Hegel im Kapitel über die Definition aufmerksam ma-
chen möchte, geht demgemäß mit der Selbstreflektion und Korrektur des erken-
17.11.2020

nenden Subjekts (und seiner Tätigkeit) einher. Sobald dieses nämlich erkennt,
dass die Definition von konkreten Objekten nicht nur von ihnen selbst abhängt,
sondern das Definieren auch für es, das erkennende Subjekt selbst, ist, vollzieht
sich ein Übergang, der nicht nur negativ, sondern auch positiv ist. Im Hinblick
auf seinen eigenen Begriff leistet die erste Definition für das erkennende Subjekt
zweierlei: Zwar werden, erstens, alle Bestimmungen unmittelbar aufgenommen
und sind in diesem Sinne ganz unbestimmt; da aber ihre Setzung synthetisch
ist, weil sie formell den Begriffsmomenten entspricht, sind mit ihr, zweitens, der
Begriff und seine Momente gesetzt.
Die Einteilung: Die definitorische Artikulation des Daseins als bestimmtes
Allgemeines macht jede Definition zu einer Einteilung. Wenn der Mensch bspw.
als ein Lebewesen mit Gehirn – oder mit Staat – definiert wird, so heißt das

78 GW 12: 334 f. = TWA 6: 518


79 »Der Inhalt der Definition ist überhaupt aus dem unmittelbaren Daseyn genommen, und
weil er unmittelbar ist, hat er keine Rechtfertigung; die Frage nach dessen Notwendigkeit
ist durch den Ursprung beseitigt; darin, daß sie den Begriff als ein bloß Unmittelbares aus-
spricht, ist darauf Verzicht getan, ihn selbst zu begreifen. Sie stellt daher nichts dar als die
Formbestimmung des Begriffs an einem gegebenen Inhalt, ohne die Reflexion des Begriffes
in sich selbst, d. h. ohne sein Fürsichseyn.« (GW 12: 335 f. = TWA 6: 519)
80 GW 12: 333 = TWA 6: 516.

81 GW 12: 333 = TWA 6: 516.

Beiheft 70
42 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

automatisch, dass der Mensch zu derjenigen Klasse aller Lebewesen gehört, die
mindestens ein Gehirn besitzen – oder in einem Staat leben –, und dass es an-
dere Lebewesen gibt, die nicht unter diese Klasse subsumiert werden können,
weil sie die Anforderungen des Daseins nicht erfüllen. Diese bestimmte All-
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gemeinheit (Besonderheit) erlaubt es, einerseits das Einzelne gegen andere Ein-
zelne abzugrenzen und andererseits das Einzelne für sich zu bestimmen. Dieser
sogenannte »Doppelschein«82 – der Schein nach innen und außen – ist charak-
teristisch für jede bestimmte Allgemeinheit. In dem Urteil »Gold ist Metall«83
wird mittels eines Allgemeinbegriffs etwas über einen Gegenstand ausgesagt.
Der Allgemeinbegriff »Metall« muss so weit und so eng gedacht werden, dass er
einerseits alle nicht-metallischen Stoffe – wie Erde, Wasser u. v. m. – ausschließt
und andererseits alle Goldstücke – egal welcher Größe und welchen Aggregati-
onszustandes – einschließt. Analog zur Definition werden alle spezifischen Kri-
terien der Beobachtung entnommen. So kann festgestellt werden, dass es eine
Vielzahl von Stoffen gibt, die in einem hohen Maß elektrisch leitfähig und oxi-
dationsfreudig sind, eine ähnliche Dichte, einen ähnlichen Siedepunkt u. v. m.
besitzen. Diese qualitative Abgrenzung gegen andere Stoffe, der Schein nach au-
ßen, erfolgt zwar rein äußerlich; es ist aber das Prinzip der Einteilung schlecht-
hin, weil die Einteilungsgründe ihren Ursprung in den in die erste Definition
aufgenommenen Bestimmungen haben. Was eine Sache jeweils für sich als Ein-
17.11.2020

zelheit, der Schein nach innen, ist, kann in diesem Fall nur in äußerlicher Ab-
grenzung bestimmt werden. Auf diese Weise entsprechen die inneren Eintei-
lungsgründe den äußeren: Das, was das Einzelne für sich ist, sein Wesen, ist nur
das, wie es nach außen hin erscheint.84
Dieses von Hegel inspirierte Beispiel macht dreierlei deutlich: Soll der in der
Definition enthaltenen begrifflichen Forderung nach einer Übereinstimmung

82 »- Diese Bestimmtheit ist nemlich als im Begriffe die totale Reflexion, der Doppelschein,
einmal der Schein nach aussen, die Reflexion in anderes, das andere Mal der Schein nach
innen, die Reflexion in sich. Jenes äusserliche Scheinen macht einen Unterschied gegen an-
deres; das Allgemeine, hat hiernach eine Besonderheit, welche ihre Auflösung in einem hö-
hern Allgemeinen hat. Insofern es nun auch nur ein relativ-allgemeines ist, verliert es sei-
nen Charakter des Allgemeinen nicht; es erhält sich in seiner Bestimmtheit, nicht nur so,
daß es in der Verbindung mit ihr nur gleichgültig gegen sie bliebe, – so wäre es nur mit ihr
zusammengesetzt, – sondern daß es das ist, was soeben das Scheinen nach innen genannt
wurde. Die Bestimmtheit ist als bestimmter Begriff aus der Aeusserlichkeit in sich zurück-
gebogen« (GW 12: 42 f. = TWA 6: 278.). Vgl. auch: Koch:2014, 157 f.
83 In der Philosophie wird gewöhnlich die Definition des Menschen als Beispiel herangezo-

gen. Zur Abwechslung und weil Hegel ein solches Beispiel im Urteilskapitel, § 167 Anm.,
gibt, bediene ich mich dieses Beispiels, wenngleich ich es vertiefe (vgl. GW 20, § 167 = TWA
8, § 167). Hegels Beispiel aus der WdL lautet: »[E]r [Ring; G. O.] ist Gold« (TWA 6: 336 = GW
12: 112).
84 Der Schluss der Einteilung lautet: »A – E – B«. Das Einzelne bildet den Mittelbegriff und das

Allgemeine wird als Besonderes gefasst.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 43

des Allgemeinen mit dem Einzelnen Rechnung getragen werden, muss das All-
gemeine erstens spezifiziert werden. Denn nicht jedes Allgemeine, sondern nur
ein bestimmtes Allgemeines ist ein Allgemeines des Einzelnen. In diesem Sinne
ist das Allgemeine nichts anderes als das Besondere. Zweitens gehen mit der Be-
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sonderheit automatisch Einschränkungen einher. Wenn nämlich einzelne Ei-


genschaften so gesetzt werden, dass sie Teil der Definition sind, wird simul-
tan von anderen Eigenschaften abstrahiert. Drittens hat die Entscheidung, nach
welchen Kriterien das Einzelding eingeteilt werden soll, d. h. welche der vielen
Eigenschaften in die Definition aufgenommen werden dürfen, ihren Ausgangs-
punkt im Dasein. Weil jedes Dasein für Hegel wesentlich unmittelbar und un-
bestimmt ist und weil jede Einteilung ihren Einteilungsgrund im Dasein hat,
ist keine Einteilung aus bloßen Begriffen möglich; und ausgehend vom (empi-
rischen) Dasein kann begrifflich nicht entschieden werden, welche besonderen
Eigenschaften anderen Eigenschaften vorzuziehen sind.85
Wie bei der Definition, so bilden also auch bei der Einteilung deskriptive
Aussagen den Ausgangspunkt. Aus der Liste aller möglichen Prädikate werden
nur diejenigen genommen, die jedem Einzelnen einer bestimmten Art zukom-
men. Auf diese Weise findet eine Abstraktion statt, indem von manchen Prädi-
katen (und Eigenschaften) abgesehen wird. Manche der in die Einteilung (qua
Definition) aufgenommenen Prädikate werden für wesentlich erachtet, alle an-
17.11.2020

deren auf den Gegenstand zutreffenden oder unzutreffenden Prädikate sind hin-
gegen unwesentlich. Ihren Rechtfertigungsgrund hat die Einteilung einerseits in
dem vorgefundenen Gegenstand, weil er das Korrektiv der Einteilung bildet und
nur durch ihn die Frage beantwortet werden kann, warum ihm gerade diese
und keine anderen Prädikate zugesprochen werden müssen. Andererseits spielt
mit Blick auf die Begründung der Einteilung auch die äußerliche Reflexion des
erkennenden Subjekts eine elementare Rolle. Denn sobald dieses einen Gegen-
stand nach bestimmten Eigenschaften einteilt, legt es selbst Prioritäten fest, in-
dem es einige Eigenschaften für wesentlich, andere für unwesentlich erachtet.
Dass die einzelnen Erscheinungen dieser begrifflichen Einteilung faktisch zu
entsprechen scheinen, kann laut Hegel einem »Instincte der Vernunft«86 zuge-

85 Vgl. GW 12: 342 = TWA 6: 524 f.


86 »[…] so kann es einem Instincte der Vernunft zugeschrieben werden, wenn man Einthei-
lungsgründe und Eintheilungen in diesem Erkennen findet, welche, soweit sinnliche Ei-
genschaften es zulassen, sich dem Begriffe gemäßer zeigen. Z. B. bei den Thieren werden
die Freßwerkzeuge, Zähne und Klauen, als ein weit durchgreifender Einteilungsgrund in
den Systemen gebraucht; sie werden zunächst nur als Seiten genommen, an denen sich die
Merkmahle für den subjektiven Behuf des Erkennens leichter auszeichnen lassen. In der
That liegt aber in jenen Organen nicht nur ein Unterscheiden, das einer äussern Reflexion
zukommt, sondern sie sind der Lebenspunkt der animalischen Individualität, wo sie sich
selbst von dem Anderen der ihr äusserlichen Natur als sich auf sich beziehende und von der
Continuität mit Anderem ausscheidende Einzelnheit setzt. – Bey der Pflanze machen die

Beiheft 70
44 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

schrieben werden. Die faktische Übereinstimmung ist aber nur ein Indiz für die
objektive Gültigkeit des Begriffs. Durch sie wird lediglich deutlich, dass in der
Natur nicht alle Eigenschaften gleichrangig zu sein scheinen, sondern in einem
Prioritätsverhältnis stehen, das im Einzelfall nachzuweisen ist. Wenn Hegel also
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in der WdL schreibt, dass bei einer Pflanze die Befruchtungsteile oder bei Tieren
die Fresswerkzeuge, Zähne und Klauen den höchsten Punkt ihres Lebens aus-
machen, dann meint er nicht, dass es für eben diese Eigenschaften eine begriff-
liche Notwendigkeit gibt. Das Kriterium, an dem sich eine gute Einteilung – und
(mit ihr) eine gute Definition – von einer schlechten unterscheiden lässt, liegt in
der Begriffsallgemeinheit und seiner Besonderung; und das konkrete Einzelding
kann ihm entsprechen, ohne dass etwas über die Notwendigkeit seines empiri-
schen Gehalts ausgesagt werden kann. Wenn z. B. behauptet wird, das Pferd ist
ein Tier mit Unpaarhufen, so ist diese Einteilung gut, weil es erstens in der Natur
Hufentiere mit Paar- und Unpaarhufen gibt und weil zweitens eine solche Ein-
teilung der Disjunktion des Begriffs, B und non-B, entspricht, die Disjunktion
also vollständig ist. Dass Pferde tatsächlich existieren, ist zufällig. Wenn sie aber
existieren, dann existieren sie nicht losgelöst von bestimmten Eigenschaften, die
sie zu dem machen, was sie sind, z. B. zu Tieren mit Paar- oder Unpaarhufen.
Die Einteilung greift nur solche der vielen Eigenschaften heraus, die der Form
des Begriffs zu entsprechen scheinen, ohne dabei eine Notwendigkeitsbeziehung
17.11.2020

zwischen beiden herstellen zu wollen. Entscheidend für den begrifflichen Fort-


schritt der Einteilung zum Lehrsatz ist der zunehmende Fokus auf den (subjek-
tiven) Begriff und seine Konstruktion, der sich im Kapitel Die Definition bereits
angedeutet und im Kapitel Die Einteilung intensiviert hat.
Der Lehrsatz: Der Lehrsatz ist laut Hegel die »zweyte[] oder reelle[] Defini-
tion«87, in welcher der Gegenstand in den Bedingungen seines Daseins vollständig
erkannt ist. Um einen Lehrsatz aufstellen zu können, müssen zahlreiche Bedin-
gungen erfüllt sein: Zuerst muss das Material auf ein Minimum reduziert wor-
den sein. Der Beweis kann nur das leisten, was die Konstruktion des Materials
im Lehrsatz als Aufgabe bereits enthält. Er ist in dieser Hinsicht nur die Ausfüh-
rung dessen, was der Lehrsatz der Konstruktion vorschreibt.88 Hegels Beispiel ist
die Addition: Wenn 5 und 7 addiert 12 ergeben sollen, dann besteht der Beweis
darin, dass zur Zahl 5 (5 Einheiten) die Zahl 7 (7 Einheiten) addiert wird.89 In

Befruchtungstheile denjenigen höchsten Punkt des vegetabilischen Lebens aus, wodurch sie
auf den Uebergang in die Geschlechtsdifferenz und damit in die individuelle Einzelnheit
hindeutet.« (GW 12: 343 f. = TWA 6: 526)
87 GW 12: 352 = TWA 6: 533

88 Für den Zusammenhang zwischen Material, Konstruktion und Beweis vgl. GW 12: 352 ff. =

TWA 6: 533 f.
89 Verkürzt gesprochen lautet die Formel: Wenn addiert werden soll, dann wird addiert. He-

gel diskutiert das Beispiel in: GW 12: 321 ff. = TWA 12, 506 f. Vordergründig geht es ihm

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 45

diesem Sinne ist das Ergebnis – die Zahl 12 (rechte Seite der Gleichung) – in der
Aufgabe – der Addition (linke Seite der Gleichung) – bereits vollständig enthal-
ten und wird durch die Tätigkeit, das Abzählen, lediglich ausgesprochen oder
gesetzt. Analoges gilt z. B. für die Konstruktion eines jeden Dreiecks, für die gilt:
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Gegeben sind z. B. zwei Geraden, die sich in einem Winkel schneiden. Solche
Geraden sind schon das ganze Dreieck.90 Entscheidend für einen Lehrsatz ist fer-
ner, dass er als ein allgemeiner Satz alle anderen Sätze (seiner Art) einschließt.
Hegels Beispiel im Lehrsatzkapitel ist der Satz des Pythagoras: »a2 + b2 = c2«, der
auf zahlreiche Art und Weisen bewiesen werden kann.91 Für ihn gilt einerseits,
dass er selbst das Resultat einer Konstruktion ist, die in ihm als Aufgabe ausge-
sprochen dasteht und wozu er selbst das notwendige und auf ein Minimum re-
duzierte Material bereitstellt. Andererseits ist er trotz seiner Einzelheit (als Satz)
universell und allgemein gültig, insofern jeder andere Satz seiner Art – bspw.
unter Verwendung von konkreten Zahlenwerten oder Längenangaben  – über
ihn definiert werden kann. Eben hierin liegt die konkrete Allgemeinheit seiner
Einzelheit: In der Konstruktion am Einzelfall, die als Einzelfall zugleich die all-
gemeine (Konstruktions-)Regel bestätigt, die im (Lehr-)Satz ausgesprochen da-
steht.
Zusammengefasst kann also behauptet werden, dass Lehrsätze einzelne Sätze
sind, die einen so hohen Allgemeinheitsgrad besitzen, dass sie andere Sätze un-
17.11.2020

ter sich vereinigen und auf diese Weise das Besondere einschließen, also eine
bestimmte Allgemeinheit ausdrücken. Ihre privilegierte erkenntnistheoretische
Rolle besteht demnach darin, dass sie die Konstruktionsbedingungen für an-
dere Sätze angeben. Die Anwendung dieser Bedingungen, also die Konstruk-
tion des Materials unten den im Satz ausgedrückten Kriterien, und das Gelin-

darum, gegen Kant zu argumentieren, dass der mathematische Satz »5 + 7 = 12« nicht nur
ein synthetischer Satz ist, sondern auch ein analytischer. In diesem Zusammenhang greift
Hegel aber einen Gedanken auf, der seinen systematischen Ort im Lehrsatzkapitel hat: »Der
Beweis eines solchen Lehrsatzes [5 + 7 = 12; G. O.] […] würde nur in der Operation des
durch 7 bestimmten Fortzählens von 5 an, und in dem Erkennen der Uebereinstimmung
dieses Fortgezählten mit dem bestehen, was man sonst 12 nennt, und was wieder weiter
nichts, als eben jenes bestimmte Fortzählen selbst ist. Statt der Form der Lehrsätze wählt
man daher sogleich die Form der Aufgabe, der Forderung der Operation, nemlich das Aus-
sprechen nur der einen Seite von der Gleichung, die den Lehrsatz ausmachen würde und de-
ren andere Seite nun gefunden werden soll. […] Der ganze Unterschied der in der Aufgabe
gemachten Bedingungen und des Resultates in der Auflösung ist nur der, daß in diesem
wirklich auf die bestimmte Weise vereinigt oder getrennt ist, wie in jener angegeben war.«
(GW 12: 321 f. = TWA 5: 506 f.)
90 Hegels Beispiele aus der Geometrie stehen in: GW 12: 348 f. = TWA 5: 531 f. Das hier ge-

wählte Beispiel ist – vor dem Hintergrund des einfacheren Verständnisses – frei gewählt,
folgt aber Hegels Gedanken.
91 Hegel selbst bringt keinen einzigen Beweis, aber diese lassen sich durch geometrische Kon-

struktionen – u. a. durch Verschiebungen, Spiegelungen usw. – leicht führen.

Beiheft 70
46 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

gen dieser Anwendung im Einzelfall ist schon der ganze Beweis, sodass jede
einzelne Konstruktion als Bekräftigung der allgemeinen Regel, die der Lehrsatz
ausspricht, angesehen werden kann. Im Hinblick auf die Notwendigkeit solcher
Lehrsätze heißt das, dass diese nicht am Anfang, sondern erst im Fortgang ein-
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sehbar wird. Am Anfang scheint potenziell jeder Satz ein Lehrsatz sein zu kön-
nen. Im Konstruieren und Beweisen zeigt sich aber, dass nicht jeder Satz, son-
dern nur besondere Sätze Anspruch erheben dürfen, obere Erkenntnissätze zu
sein. Am Satz selbst lässt sich seine Allgemeinheit also nicht ablesen, sondern
sie entsteht erst mit der Konstruktion, die in letzter Instanz die Tätigkeit und
Leistung eines erkennenden Subjekts ist. In diesem Sinne ist das Aufstellen von
Lehrsätzen nichts, das dem unmittelbar vorgefundenen Objektiven abgelesen
werden kann. Vielmehr ist das Korrektiv des Lehrsatzes der Allgemeinbegriff,
der dem Aufstellen von Lehrsätzen – der Konstruktion – als Kriterium dient:
Das in dem Lehrsatz enthaltene Material ist die abstrakte Allgemeinheit, seine
Konstruktion die bestimmte Allgemeinheit (Besonderheit) und der Beweis, aus
dem der Lehrsatz hervorgeht, die konkrete Allgemeinheit (Einzelheit).92 Obwohl
der Begriff in seiner Ganzheit gedacht wird, bleibt er im Lehrsatzkapitel noch
subjektiv, weil das im Lehrsatz enthaltene und für die Konstruktion und den
Beweis notwendige Material noch äußerlich ›herbeigeschafft‹ werden muss. Was
sich im Lehrsatz realisiert, ist also nicht der objektive, sondern der subjektive
17.11.2020

Begriff in seiner Notwendigkeit, womit der Anspruch des Begriffs, der adäquate
Begriff zu sein, noch nicht erfüllt ist. Hegel schreibt hierzu: »Die Idee erreicht
deßwegen in diesem Erkennen [dem Aufstellen von Lehrsätzen; G. O.] die Wahr-
heit noch nicht, wegen der Unangemessenheit des Gegenstandes zu dem subjec-
tiven Begriffe.«93
Trotz der Inadäquatheit des Begriffs mit dem objektiven Gegenstand respek-
tive der fehlenden »Einheit seiner [vgl. Begriff; G. O.] mit sich selbst in seinem
Gegenstande oder seiner Realität«94 ist dem Kapitel über den Lehrsatz auch ein
positives Resultat abzuringen: Der Begriff ist für das theoretisch- und endlich-
erkennende Subjekt notwendig und objektiv gesetzt, insofern nicht nur das Da-
sein, sondern auch der (subjektive) Begriff das Erkennen konstituieren. Für die
weitere logische Entwicklung hat dieses Resultat mindestens drei wichtige Kon-
sequenzen, die zugleich den Übergang zur praktischen Idee motivieren: Auch
wenn der Begriff seine vollständige Objektivität noch nicht erreicht hat und so-
mit noch kein »adäquate[r] Begriff«95 geworden ist, so ist er erstens für jedes ein-

92 Die Schlussform, die dem Lehrsatz zugrunde liegt, lautet »B – A – E«. Ihre Pointe besteht
darin, dass das Allgemeine sich in seinen Extremen (B, E) konkretisiert, dass also diese
nichts anderes aussprechen als das, was das Allgemeine ist.
93 GW 12: 362 = TWA 6: 541.

94 GW 12: 361 = TWA 6: 541.

95 GW 12: 267 = TWA 6: 462.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 47

zelne Subjekt doch ›objektiv‹ gültig, insofern das (subjektive) Begreifen von sei-
ner Form – den Begriffsmomenten – nicht abstrahieren kann. Mit anderen Wor-
ten: Sobald die subjektiv-gültige Objektivität des Begriffs (inkl. seiner Momente)
von dem Erkennenden einmal erkannt worden ist, kann von ihr nicht mehr abs-
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trahiert werden, weil ihre Negation zugleich die Negation des Erkennens selbst
wäre. Da Lehrsätze nicht unmittelbar gegeben sind, setzen sie, zweitens, die Tä-
tigkeit des Subjekts, durch die sie konstruiert werden und immer wieder rekons-
truiert werden können, unmittelbar voraus. Ergo schließt ein jeder durch die
Konstruktion und im Beweis zustande gebrachte Lehrsatz das praktische Tun
des Subjekts ein, weil jeder bewiesene (Lehr-)Satz nur dann das sein kann, was er
sein soll, nämlich ein erster und ober(st)er Satz, nachdem er nach Maßgabe des
Begriffs dazu gemacht worden ist. Dies alles führt, drittens, zu einem für die Ex-
position des Begriffs im nächsten Kapitel – Die Idee des Guten – entscheidenden
Punkt: Auf dem gegenwärtigen Stand der logischen Entwicklung der Idee weiß
das erkennende Subjekt (bzw. der subjektive Begriff), dass die Objektivität sei-
nes eigenen (subjektiven) Begriffs – anders als noch bei der ersten Definition –
nicht unmittelbar und äußerlich gegeben ist. Vielmehr muss sie zu einer solchen
gemacht werden. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf das Verhalten des er-
kenntnisfähigen Subjekts und seinen Umgang mit der ihm noch vorausgesetz-
ten objektiven Äußerlichkeit.
17.11.2020

1.2.2 Das praktische Erkennen

In der praktischen Idee – dem praktischen Erkennen – stehen sich zwei, wie He-
gel es nennt, »Wirkliche« gegenüber: Das eine Wirkliche ist der subjektive Be-
griff, das andere eine »objective Welt«.96 Die Entwicklung der theoretischen Idee
zur praktischen leitet einen Korrektivwechsel ein: Ist in der theoretischen Idee
das dem erkennenden Subjekt objektiv Vorausgesetzte das Korrektiv, an dem
der Begriff auf seine Adäquatheit geprüft wird, so wird in der praktischen Idee
umgekehrt das Objektive am subjektiven Begriff geprüft. Die allgemeine ›For-
mel‹ für die praktische Idee lautet dementsprechend wie folgt: Die subjektive
Idee wird sich objektiv, wenn sie die Objektivität ihrem eigenen Begriff entspre-
chend setzt. Im Kontext der praktischen Idee bedeutet das, dass das handelnde
Subjekt97 einen Zweck setzt und die vorgefundene und sie umgebende objektive
›Welt‹ so umformt, dass sie seiner Zwecksetzung entspricht. Denn wie im Aus-
gang der einleitenden Passage zur Idee und des Lehrsatzkapitels deutlich ge-

96 Vgl. GW 12: 363 = TWA 6: 542


97 Hegel spricht häufig von »Handeln«, das er mit dem »Erkennen« kontrastiert, aber auch von
dem »tätigen Subjekt«. Vgl. z. B. GW 12: 362, 367 und 369 f. = TWA 6: 541, 545 f. und 548.

Beiheft 70
48 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

macht wurde, ist die Übereinstimmung des Begriffs mit sich selbst eine conditio
sine qua non für jede Form von Wahrheit, insbesondere aber für den adäqua-
ten Begriff. Wenn der Begriff also für sich in Anspruch nimmt, objektiv gültig
zu sein, dann darf er objektiv nicht nur mit Blick auf die Objektivität sein. Er
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muss ebenso sehr objektiv mit Blick auf sich selbst und seinen eigenen (subjek-
tiven) Begriff sein. So betrachtet büßt die in der theoretischen Idee separat vor-
gestellte Objektivität im Übergang zur praktischen Idee an Eigenständigkeit ein.
Hegel beschreibt die Ausgangsbedingungen im Hinblick auf diesen spekulativen
Übergang wie folgt:

In der praktischen Idee aber steht er [der subjektive Begriff; G. O.] als Wirkliches
dem Wirklichen gegenüber; die Gewißheit seiner selbst, die das Subject in seinem
An- und-für-sich-Bestimmtseyn hat, ist aber eine Gewißheit seiner Wirklichkeit,
und der Unwirklichkeit der Welt […]. Die Objectivität hat das Subject hier sich
selbst vindiziert; seine Bestimmtheit in sich ist das Objective, denn es ist die Allge-
meinheit, welche ebensowohl schlechthin bestimmt ist; die vorhin [in der theoreti-
schen Idee vorgestellte; G. O.] objective Welt ist dagegen nur noch ein gesetztes, ein
unmittelbar auf mancherley Weise Bestimmtes, aber das, weil es nur unmittelbar
bestimmt ist, der Einheit des Begriffes in sich entbehrt, und für sich nichtig ist.98
17.11.2020

Wenn Hegel in der soeben zitierten Textpassage von der »Unwirklichkeit der
Welt« spricht, so meint er nicht, dass die Welt nicht mehr existiert. Die »Unwirk-
lichkeit« bedeutet in diesem Kontext, dass die Objektivität mit dem ›Eintritt‹ in
die praktische Idee ihren Status auf Eigenständigkeit gegenüber dem erkennen-
den Subjekt so weit eingebüßt hat, dass jene lediglich mit Perspektive auf dieses
betrachtet werden kann. Denn das erkennende Subjekt erkennt nur eine solche
Objektivität als die eigene an, insofern es sie zu einer solchen gemacht hat. Ist
der subjektive Begriff in der theoretischen Idee primär noch gegen sich selbst
gerichtet, so beschränkt sich seine Zwecksetzung in der praktischen Idee dar-
auf, »die eigene Bestimmung zu setzen und sich vermittels des Aufhebens der
Bestimmungen der äusserlichen Welt die Realität in Form äusserlicher Wirk-
lichkeit zu geben«.99
Aus der soeben zitierten Infinitiv-Phrase lässt sich, wie bereits im theoreti-
schen Erkennen geschehen, eine spekulativ-syllogistische Struktur herauslesen.
Die erste Prämisse ist der Anfang oder das Erste des praktischen Schlusses: In
ihm ist der subjektive Begriff, wie er das Resultat der theoretischen Idee ist, als
Wirkliches gesetzt. Er ist nicht ein subjektiver Begriff, wie er bspw. in der Defi-
nition erscheint, sondern nimmt für sich – nicht zuletzt durch geeignete Kons-

98 GW 12: 367 = TWA 6: 542.


99 GW 12: 364 = TWA 6: 542 f.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 49

truktionen und Beweise  – objektive Gültigkeit in Anspruch. Kurz: Er ist ein


»Wirkliches«, dem ein anderes objektives Wirkliches gegenübersteht, das das
andere Extrem seiner Beziehung ausmacht und das es im Schluss zu vermitteln
gilt. Vermittelt werden beide Extreme, indem das handelnde Subjekt die es um-
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gebenden Objekte zu einem Mittel macht, um seinen Begriff (als Zweck) zu rea-
lisieren. Die zweite Prämisse des praktischen Schlusses, die den Fortgang oder
das Zweite ausspricht, gibt die Tätigkeit des subjektiven Begriffs auf bestimmte
Weise wieder: Der Begriff hat eine »eigene Bestimmung« (vgl. erste Prämisse),
die für das theoretische Subjekt gesetzt ist und für das praktische Subjekt »ver-
mittels des Aufhebens der Bestimmungen der äusserlichen Welt« gesetzt werden
soll. Der Schlusssatz spricht das Resultat dieser Tätigkeit aus: »die Realität [des
Begriffs; G. O.] in Form äusserlicher Wirklichkeit«. Die abstrakte spekulative
Grundform des praktischen Schlusses lautet:

Erste Prämisse [Zweck]: E/Sunmittelbar – B


Zweite Prämisse [Ausführung]: B – A
Schlusssatz [ausgeführter Zweck/das Gute]: E/Svermittelt – A

Der praktische Schluss unterscheidet sich inhaltlich vom theoretischen v. a.


durch seinen Anfangs- und Endpunkt: Anders als im theoretischen Erkennen ist
17.11.2020

im praktischen Erkennen das Subjekt, der subjektive Begriff, das Korrektiv und
der Ausgangspunkt, an dem sich die »äusserliche[] Welt« zu orientieren hat. Das
Ziel ist die Realisierung des subjektiven Begriffs in einer von ihm unterschie-
denen Wirklichkeit. Das Gelingen einer solchen Realisierung nennt Hegel »das
Gute«, denn das Gute ist »[d]iese in dem Begriff enthaltene, ihm gleiche For-
derung der einzelnen äusserlichen Wirklichkeit in sich schließende Bestimmt-
heit«.100 Der Begriff tritt so aus seiner in der theoretischen Idee bloß subjektiv
gültigen Objektivität heraus und gibt sich ein Dasein, indem er der Objektivität
seine Form gibt und sie zu dem macht, was er ist. Die Realisierung der subjekti-
ven Idee durch die praktische Idee ist das Hauptthema des Kapitels Die Idee des
Guten. Weil sie noch zum endlichen Erkennen gehört, ist sie mit einem Mangel
behaftet, den es im Folgenden zu explizieren gilt.
Beschränkt und somit endlich ist die praktische Idee, insofern die Objektivi-
tät zu einem Mittel degradiert und die Ausführung des Zwecks von diesem Mit-
tel abhängig gemacht wird.101 Der auf diese Weise zweckmäßig realisierte Inhalt

100 GW 12: 363 = TWA 6: 542.


101 »Der endliche Zweck kommt in seiner Realisierung ebensosehr nur bis zum Mittel; da er
nicht in seinem Anfange schon an und für sich bestimmter Zweck ist, bleibt er auch als
ausgeführt ein solches, das nicht an und für sich ist.« (GW 12: 365 = TWA 6: 543 f.) Für eine
konzentrierte Zusammenfassung vgl. auch: Hogemann, Friedrich: Die »Idee des Guten« in
Hegels Logik. In: Hegel-Studien 29 (1994), 79 – 102, insb. 94 f.

Beiheft 70
50 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

des Subjekts, das »ausgeführte Gute«102, ist positiv und steht der negativen Sicht-
weise der praktischen Idee, die in ihrem Handeln die vorgefundene Wirklichkeit
als unwesentliche setzt, entgegen. Der Widerspruch der praktischen Idee besteht
darin, »daß in den selbst widersprechenden Bestimmungen der objectiven Welt
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der Zweck des Guten eben so ausgeführt wird als auch nicht, daß er als ein un-
wesentlicher so sehr als ein wesentlicher, als ein wirklicher und zugleich als nur
möglicher gesetzt ist«.103 Dem Zitat folgend lässt sich der Widerspruch der prak-
tischen Idee wie folgt in eigenen Worten (re-)formulieren: Erstens scheint die
»objective Welt« in sich widersprüchlich zu sein, weil sie einerseits dem subjek-
tiven Begriff formell entspricht, andererseits aber einen Eigenstatus besitzt, über
den das handelnde Subjekt nicht verfügen kann. Diese Diskrepanz spiegelt sich,
zweitens, unmittelbar im Subjekt wider, weil es sein Ziel, das Gute durch Auf-
hebung der objektiven und als unwesentlich vorgestellten Welt zu setzen, nicht
vollständig, sondern nur teilweise und approximativ erreichen kann. Für die
Unmöglichkeit, das Gute in der Domäne der Endlichkeit realisieren zu können,
können mindestens zwei Argumente dem Kapitel über die Idee des Guten ent-
nommen werden, die es im Folgenden zu skizzieren gilt. Beide Argumente gehen
von einer ursprünglichen Trennung, einer Ur-Teilung, von subjektivem Begriff
und Objektivität aus, wobei ersteres Argument den Widerspruch im subjekti-
ven Wollen und Handeln verankert, letzteres hingegen den Widerspruch am
17.11.2020

Produkt der Handlung, dem ausgeführten Zweck, festmacht. Der Widerspruch


überhaupt kann nur aufgelöst werden, indem das handelnde Subjekt seine eige-
nen theoretischen und praktischen Bedingungen grundsätzlich überdenkt und
auf diese Weise den spekulativen Übergang in den absoluten und adäquaten Be-
griff schafft.
Das erste Argument für die These, dass der Widerspruch in der zur Sphäre
der Endlichkeit gehörenden praktischen Idee nicht aufgelöst werden kann, hängt
mit der Endlichkeit des Subjekts selbst zusammen. Dieses versucht seine End-
lichkeit ›abzustreifen‹, indem es in der sie einschließenden objektiven Sphäre
tätig wird und diese gemäß seinen Zwecken und mit dem Ziel transformiert,
dass sie seinem Begriff entspricht. Den im Anfang begriffenen Widerspruch in-
tendiert das handelnde Subjekt dadurch zu lösen, dass es ihn so lange vor sich
herschiebt und dabei hofft, dass seine Auflösung zu einem späteren Moment Mn
eintreten wird, nachdem die objektive Welt so weit umgeformt worden ist, dass
nichts mehr übriggeblieben ist als die Selbstidentifikation des Subjekts mit sich
und mit der Außenwelt. Unabhängig davon, dass ein solches Bestreben eine un-
geheure Geduld voraussetzt, ist das Erreichen dieses Endzwecks im Endlichen
alles andere als wünschenswert. Denn gesetzt den kontrafaktischen Fall, dass zu

102 GW 12: 365 = TWA 6: 544.


103 GW 20: § 234 = TWA 8: § 234.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 51

einem bestimmten Moment Mn keine von dem Subjekt selbständig existierende


und zu begreifende Objektivität mehr übrigbliebe, insofern diese für den Begriff
gänzlich transparent geworden ist, so gäbe es nichts mehr zu erkennen. Gälte
ferner, dass ein solches Resultat für das Wahre ausgegeben werden würde, so
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wäre die Zwecksetzung des Subjekts von Anfang an mit einer Widersinnigkeit
behaftet: Die eigene Objektivierung des Selbst wäre zugleich die De-Objektivie-
rung aller von ihm unterschiedenen Objektivität. Vom Standpunkt der Endlich-
keit betrachtet wäre eine solche Wahrheit ein ›Jenseits‹. Was dieses ›Jenseits‹ für
sich und schlussendlich wäre, könnte von einem weltlichen und ›diesseitigen‹
Standpunkt aus, der immer endlich ist, gar nicht mehr erklärt, geschweige denn
erkannt werden, sondern müsste allenfalls dem Glauben – einem subjektiven
Fürwahrhalten – überlassen werden. Mit dieser Vorstellung einer ›Zwei-Welten-
Lehre‹ – nämlich einem (endlichen) Diesseits, das ist, aber nicht sein soll, und
einem (unendlichen) Jenseits, das nicht ist, aber sein soll – ist der Selbstwider-
spruch der subjektiven Idee in der praktischen Idee vollends gesetzt: Im Dies-
seits wird sich die subjektive Idee nicht realisieren, weil ihr eine Objektivität ent-
gegensteht; im Jenseits ist sie nicht, weil sie ohne Objektivität gar nicht existieren
kann. Diese Form der Objektivwerdung des Subjekts im Sollen und in der Ob-
jektivität muss sich vor dem gerade skizzierten Hintergrund als unzureichend
erweisen: »Die Idee des vollendeten Guten ist zwar ein absolutes Postulat, aber
17.11.2020

mehr nicht als ein Postulat«104.


Das zweite Argument für die These, dass der Widerspruch in der zur Sphäre
der Endlichkeit gehörenden praktischen Idee nicht aufgelöst werden kann, liegt
im Begriff des ausgeführten Guten begründet: Soll das Gute nicht nur ein rein
Subjektives sein, sondern ein »äusserliches Daseyn«105 haben, so wird das Gute
wieder zu einer objektiven Äußerlichkeit, die es in einem weiteren Akt aufzu­
heben gilt. Dies führt zu einem unendlichen Progress der Realisierung des Gu-
ten, der mit einem Widerspruch behaftet bleibt, weil das gesetzte Gute sich un-
mittelbar aufhebt und aufs Neue gesetzt werden muss. Anders formuliert: Sobald
das Gute äußerlich vorgestellt wird, ist das Moment seiner Realisierung zugleich
sein Verlust. Denn der ausgeführte Zweck, das Gute, bleibt in der Sphäre der
Äußerlichkeit wieder nur ein Mittel für andere Zwecke. Einen solchen Schluss
identifiziert Hegel mit dem »Schluß der äußerlichen Zweckmäßigkeit«, dessen
Pointe gerade darin besteht, dass der »endliche Zweck […] in seiner Realisirung
[…] nur bis zum Mittel [kommt; G. O.]«.106

104 GW 12: 366 = TWA 6: 544. Zum Widerspruch im Sollen vgl. auch: »Das Gute bleibt so ein
Sollen; es ist an und für sich, aber das Seyn als die letzte, abstracte Unmittelbarkeit, bleibt
gegen dasselbe auch als ein Nichtseyn bestimmt.« (ebd.)
105 GW 12: 365 = TWA 6: 544.

106 GW 12: 364 = TWA 6: 543 f.

Beiheft 70
52 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

Summa summarum kann demnach festgehalten werden, dass der Wider-


spruch der praktischen Idee in der performativen Dissonanz zwischen der
Zweckvorstellung des handelnden Subjekts und ihrer Ausführung in der Do-
mäne der Objektivität begründet liegt: Was das Subjekt will, ist sich selbst und
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d. h. – aus logischer Perspektive – seinen Begriff objektiv zu setzen. Wird der
objektive Begriff nun so verstanden, dass er sich an den Objekten selbst setzen
und zeigen muss, tritt das entgegengesetzte Resultat dessen ein, was das Subjekt
ursprünglich will. Denn es will ursprünglich sich selbst setzen, verändert aber
in der Tat nur die Äußerlichkeit und macht sie zu einem Mittel, über das es nicht
mehr hinausgehen kann, weil die Objektivität nur bis zum Mittel, nicht aber
bis zum Begriff reicht. Aus diesem Widerspruch kommt das handelnde Subjekt
ohne geeignete Korrekturen, die zugleich den Fortgang zum Kapitel Die absolute
Idee motivieren, nicht heraus. Die erste Bedingung für die Korrektur und Über-
windung des Widerspruchs besteht in der Einsicht des Widerspruchs, die zweite
in der Bereitschaft des Subjekts, seine Vorstellung von der Objektivität des Be-
griffs grundsätzlich und prinzipiell zu überdenken.
Die wahre Überwindung der beschränkten Sichtweise des endlichen Subjekts
leitet Hegel in der WdL wie folgt ein:

Was aber der praktischen Idee noch mangelt, ist das Moment des eigentlichen Be-
17.11.2020

wußtseyns selbst, daß nemlich das Moment der Wirklichkeit im Begriffe für sich
die Bestimmung des äusserlichen Seyns erreicht hätte. - Dieser Mangel kann auch
so betrachtet werden, daß der praktischen Idee noch das Moment der theoretischen
fehlt. […] Der Wille steht daher der Erreichung seines Ziels nur selbst im Wege da-
durch, daß er sich von dem Erkennen trennt und die äusserliche Wirklichkeit für
ihn nicht die Form des Wahrhaft-Seyenden erhält; die Idee des Guten kann daher
ihre Ergänzung allein in der Idee des Wahren finden.107

Dieses Zitat ist dem drittletzten Absatz der Die Idee des Guten entnommen. Mit
ihm macht Hegel einerseits auf den Mangel der praktischen Idee aufmerksam,
andererseits gibt er einen konkreten Hinweis, wie dieser Mangel behoben wer-
den kann. Der Mangel des Willens besteht grosso modo darin, dass das Subjekt
etwas sein will, das es weder erreichen noch sein kann. Das Subjekt will ein
umfassendes oder »eigentliche[s] Bewußtseyn[]« sein, das nicht nur theoretisch,
also »das Moment der Wirklichkeit im Begriffe für sich«, sondern ebenso sehr
praktisch ist, indem der für sich seiende Begriff »die Bestimmung des äusserli-
chen Seyns erreicht«. Wie aber erreicht das praktische Subjekt sein Ziel? Offen-
sichtlich nicht dadurch, dass es sich an endlichen Inhalten so weit abarbeitet, bis
kein weiterer Inhalt als der Begriff in seiner Selbsttransparenz übriggeblieben

107 GW 12: 367 = TWA 6: 545.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 53

ist. Denn dies wäre entweder ein erneuter Rückfall in die schlechte Unendlich-
keit oder das Ende allen Erkennens – beides Scheinalternativen, die oben erläu-
tert wurden. Hegels Lösung lautet vielmehr so: Der Wille des Subjekts realisiert
sich, wenn die praktische Idee »ihre Ergänzung« in der theoretischen findet.
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Was aber heißt in diesem Kontext »Ergänzung«?


Die Auflösung dieser Frage lässt sich den zwei letzten Absätzen des Kapitels
Die Idee des Guten entnehmen. In ihnen reflektiert Hegel ausführlich auf die
syllogistische Struktur der praktischen Idee, die er wie folgt zusammenfasst: »In
dem Schlusse des Handelns ist die eine [sc. erste; G. O.] Prämisse die unmittel-
bare Beziehung des guten Zweckes auf die Wirklichkeit, deren er sich bemächtigt
und in der zweiten Prämisse als äußerliches Mittel gegen die äußerliche Wirk-
lichkeit richtet. Das Gute ist für den subjectiven Begriff das Objective«108. Die
Realisierung des subjektiven Begriffs, die in der praktischen Idee den Schluss-
satz bildet, ist das Gute, das der ausgeführte Zweck ist. Als ein »unmittelba-
re[s] Daseyn[]« ist das Gute zwar ein Objektives, aber nicht ein solches »nach
dem Sinne des An und für sich-seyns«.109 Denn als Anundfürsichsein müsste
das Gute ein Selbstzweck sein, das seine Bestimmung nicht erst durch ein an-
deres Dasein bekommt. Kurz: Das Gute im Sinne eines unmittelbaren Daseins
ist nicht selbstbestimmt, sondern kann »vielmehr das Böse oder Gleichgültige,
nur Bestimmbare [sein; G. O.], welches seinen Werth nicht in sich selbst hat«.110
17.11.2020

Zwar kann das handelnde Subjekt versuchen, das widersprüchliche Gute in ei-
nen neuen praktischen Schluss zu integrieren, um ein neues objektives Gutes
hervorzubringen. Weil aber das handelnde Subjekt durch das beständige Setzen
und Aufheben des Guten das Grunddilemma eines so vorgestellten (potenziell
bösen) Guten nicht zu beheben vermag und weil die Iteration des praktischen
Schlusses und die Reproduktion des Guten in mehreren Akten keine Lösung
bieten kann, muss das handelnde Subjekt seinen ganzen praktischen Schluss neu
überdenken, weil nur auf diese Weise ein Ausweg aus diesem Dilemma möglich
ist.
Die Korrektur des subjektiven Begriffs, die seinen objektiven und somit ad-
äquaten Begriff ermöglicht, kann wie folgt skizziert werden: Indem das han-
delnde Subjekt – der subjektive Wille –, zu dem sich die subjektive Idee entwi-
ckelt hat, an einer Objektivität tätig wird, sie zu einem Mittel degradiert, um
seine Zwecke auszuführen, macht es sich nicht nur die objektive Welt zu seinem
Gegenstand, sondern allen voran sich selbst. In diesem Sinne will jedes Subjekt,
also auch das endliche, sich selbst und damit frei, vernünftig, unbedingt und
unendlich sein. Ob der Wille des endlichen Subjekts schlussendlich frei oder

108 GW 12: 367 = TWA 6: 545 f.


109 GW 12: 367 = TWA 6: 545.
110 GW 12: 367 = TWA 6: 546.

Beiheft 70
54 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

begrenzt ist, hängt wesentlich von seinem Selbstverständnis bzw. -verhältnis,


also seinem subjektiven Begriff ab. Kurz: »Der Wille steht […] der Erreichung
seines Ziels nur selbst im Wege«111. Dabei scheinen mindestens drei Alternati-
ven des Selbstverständnisses naheliegend zu sein: eine unmittelbare oder natür-
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liche, deren Grundlage die Idee des Lebens ist, eine endlich-theoretische, deren
Grundlage das theoretische Erkennen ist, und eine begrifflich-spekulative, de-
ren Grundlage die ganze Logik inklusive aller ihrer reinen Begriffe ist.
Die erste Alternative muss sich als ein Schein erweisen. Denn sieht sich der
Wille als ein natürlicher Wille an, weil er durch die Natur bestimmt ist, so ist er
endlich, triebhaft, geht seinen Neigungen und Begierden nach, handelt willkür-
lich usw. Kurz: Ein solcher Wille ist unfrei und steht seiner freien Realisierung
selbst im Weg, weil sein Zweck nicht rein in ihm liegt, sondern von der objek-
tiven und sui generis unverfügbaren Natur vorgegeben wird. Die Überwindung
der eigenen Beschränkung der subjektiven Idee kann demnach nicht durch seine
eigene naturhafte Unmittelbarkeit und deren Vermittlung erfolgen.
Die zweite Alternative, die sich für die subjektive Idee eröffnet, besteht darin,
seine theoretischen Voraussetzungen noch einmal zu überdenken. Hierbei sind
zwei Alternativen möglich: eine Scheinalternative und eine echte.
Die Scheinalternative geht von einem Rückfall der praktischen Idee in die
theoretische Idee aus. Sie setzt wieder bei der Definition, der Einteilung und
17.11.2020

dem Lehrsatz an. Es lassen sich jedoch mindestens zwei gewichtige Gründe vor-
bringen, warum ein solcher Rückfall das Desiderat der Idee, den subjektiven
Begriff objektiv zu setzen, nicht zu erfüllen vermag: Erstens bliebe der subjek-
tive Begriff bei einem Rückfall in die theoretische Idee immer noch ein endli-
cher, der seine Voraussetzungen nicht in sich selbst, sondern an einem objek-
tiven Korrektiv hätte. (Eben dies war die Voraussetzung des theoretischen Er-
kennens, dass es von einem objektiv Gegebenen ausging, es definierte, einteilte
und Lehrsätze aufstellte, die eine Konstruktion voraussetzten und des Beweises
bedurften.) Wenn das handelnde Subjekt nun, zweitens, anfinge, die Objektivität
gemäß dem theoretischen Erkennen zu konstruieren, so stellte sich unmittelbar
die Frage, ob eine solche Konstruktion ab ovo nicht zum Scheitern verdammt
sei. Denn im Kapitel über den Lehrsatz hat Hegel unmissverständlich deutlich
gemacht, dass das Herbeischaffen des Materials, dessen Konstruktion und de-
ren Beweis nur eine subjektive Notwendigkeit besitzen. Davon auszugehen, dass
Hegel diese Ansicht durch die Exposition der praktischen Idee nachträglich kor-
rigieren wollte, scheint aus systematischer Perspektive, die von einer logischen
Entwicklung der Begriffe ausgeht, wenig plausibel zu sein. Denn unabhängig
davon, dass es einer solchen Interpretation an textuellen Belegen fehlt, bliebe
zum einen fraglich, ob die Übereinstimmung des Begriffs dadurch erreicht wer-

111 GW 12: 367 = TWA 6: 545.

Hegel-Studien
Das endliche Erkennen als der inadäquate Begriff 55

den könnte, wenn das handelnde Subjekt seinen Fokus auf das Definieren, Ein-
teilen und Beweisen legte. Zum anderen müsste gezeigt werden, dass Hegel den
adäquaten Begriff bereits von Anfang an im theoretischen Erkennen verortet
hat und dass wir – als Theoretikerinnen und Theoretiker, die diesen Prozess
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begleiten – dies nur rückwirkend erkennen können. Aber welche andere Inter-
pretationsmöglichkeit bietet sich an, um Hegels Rede von einer »Ergänzung« der
praktischen Idee durch die theoretische besser verstehen zu können?
Dass die »Ergänzung«  – man kann an dieser Stelle auch von »Korrektur«
sprechen  – der praktischen Idee durch die theoretische nicht im Sinne eines
Rückfalls zum theoretischen und endlichen Erkennen zu interpretieren ist, setzt
einen Einstellungs- bzw. Perspektivenwechsel mit Blick auf den theoretischen
und praktischen Umgang des erkennenden und handelnden Subjekts bzw. der
subjektiven Idee mit der Objektivität zwingend voraus. Um eine wahre und
echte Alternative anbieten zu können, durch die das oben skizzierte Dilemma
der praktischen Idee – das Setzen des Guten durch Veränderung der Objektivi-
tät – gelöst werden kann, muss der subjektive Begriff, den das handelnde Subjekt
von sich hat, erweitert und die theoretischen Voraussetzungen des praktischen
Umgangs mit der Objektivität ihm angepasst werden. Ich werde diesen neuge-
arteten Umgang mit der Objektivität »den spekulativ-begrifflichen Umgang«
oder »das spekulative Begreifen« nennen. Er setzt nicht nur ein neues Selbst-
17.11.2020

verständnis und -verhältnis des erkennenden und handelnden Subjekts voraus,


sondern schließt auch eine Neubetrachtung der Objektivität ein. Dies soll im
nächsten Kapitel, dessen Hauptthema der Inhalt der absoluten Idee ist, näher
erläutert werden. So viel sei aber bereits an dieser Stelle antizipiert: Wenn die
praktische Idee durch Operationen, mittels deren die gegebene objektive Welt
verändert bzw. adäquat gemacht werden soll, gekennzeichnet ist und wenn diese
Operationen ihren Ausgangspunkt von Begriffen nehmen, die auch dem end­
lichen Erkennen inhärent sind, sich aber nicht auf sie allein beschränken lassen,
so müssen solche Begriffe zum einen rein sein und zum anderen einer anderen
Erkenntnisart und -weise angehören. Wird ferner von der These ausgegangen –
die erst später substanziiert werden kann –, dass die (spekulative) Logik Prin-
zipien folgt, denen zufolge jede (spekulativ-)logische Begriffsbestimmung einen
unmittelbar und wohl-bestimmten Vorgänger und Nachfolger hat, kann die Er-
weiterung des Repertoires reiner Begriffe nur immanent, also mit den ›Ressour-
cen‹ der spekulativen Logik, gelingen. Für die von Hegel erwähnte »Ergänzung«
der praktischen Idee durch die theoretische und den damit verbundenen logi-
schen Fortschritt bedeutet dies, dass der modifizierte praktische Umgang der
Subjektivität mit der Objektivität von eben diesem Rückgriff auf die in der (spe-
kulative) Logik bereits entwickelten Begriffe abhängig gemacht werden muss.
Ein solcher Perspektivenwechsel unterscheidet sich nicht nur grundsätzlich von
einem endlichen Erkennen, indem er neue Kriterien anlegt, sondern wirft zu-

Beiheft 70
56 Von der Entwicklung der endlichen Idee zur absoluten Idee

gleich Fragen auf, die nicht zuletzt Desiderate freilegen, die durch die Logik al-
lein nicht beantwortet und erfüllt werden können und die den Übergang in eine
andere Sphäre, die Natur- und Geistphilosophie, motivieren. Dieser Rück- und
Ausblick der Logik (auf die Logik und auf die Realphilosophie) soll im Verlauf
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der vorliegenden Untersuchung (vgl. Kapitel 2.-6.) substanziiert werden.


17.11.2020
2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem
­Hintergrund der Entwicklung der
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praktischen Idee zur absoluten

H
  egels Kapitel Die absolute Idee umfasst insgesamt 27 unterschiedlich lange
Absätze und kann thematisch in vier Themenblöcke unterteilt werden. Der
erste Themenblock112, dem die ersten beiden Absätze zugerechnet werden kön-
nen, fasst die Kernaussage der absoluten Idee zusammen und stellt zugleich die
Weichen für den zweiten Themenblock113, der den thematischen Schwerpunkt
des letzten Kapitels der WdL bildet und unter den sechzehn Absätze – die Ab-
sätze 3 bis 18 – subsumiert werden können. In ihnen erläutert Hegel die spe-
kulative Methode unter Berücksichtigung ihrer drei Momente. Im Anschluss
an diese Erläuterung versucht Hegel in den nachfolgenden acht Absätzen – den
Absätzen 19 bis 26 bzw. dem dritten Themenblock114 – darzulegen, dass und in-
wiefern sich die Methode zum System erweitert. Der verbleibende letzte Absatz,
17.11.2020

der den vierten Themenblock115 ausmacht, steht folglich unter dem Systemgedan-
ken. In ihm vollzieht Hegel den spekulativen Übergang der Logik in die Natur,
stellt die Realphilosophie auf einen methodisch gesicherten Boden und antizi-
piert mithin die gesamten philosophischen Wissenschaften.116 Das letzte Kapitel
der WdL weist hinsichtlich ihrer Konzeption somit eine klare Linearität auf: Der
Hauptgedanke ist die Methode, aus der der Systemgedanke mit Notwendigkeit
folgt, der wiederum eines der zentralen Argumente für die Entwicklung der Lo-
gik in die Natur liefert, die der Realphilosophie ihr methodisches Fortschreiten
vorgibt und die geschlossene Form des philosophischen Systems garantiert.
Das Kapitel Die absolute Idee beginnt Hegel mit einer Definition der abso-
luten Idee: »Die absolute Idee, wie sich ergeben hat, ist die Identität der theo-
retischen und der praktischen [Idee; G. O.]«117. Dass mit dieser Identität kein
Rückfall der praktischen Idee in die theoretische gemeint sein kann, wurde im
vorhergehenden Kapitel ausführlich diskutiert. Denn ein solcher Rückfall würde

112 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des vorliegenden Kapitels.


113 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.1.
114 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.2.
115 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt der Kapitel 5.-6.
116 Theorieimmanent und thematisch wird die gesamte philosophische Wissenschaft in den
drei Schlüssen am Ende der Geistphilosophie aufgegriffen.
117 GW 12: 371 = TWA 6: 548.
2. Der Inhalt der absoluten Idee vor dem
­Hintergrund der Entwicklung der
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praktischen Idee zur absoluten

H
  egels Kapitel Die absolute Idee umfasst insgesamt 27 unterschiedlich lange
Absätze und kann thematisch in vier Themenblöcke unterteilt werden. Der
erste Themenblock112, dem die ersten beiden Absätze zugerechnet werden kön-
nen, fasst die Kernaussage der absoluten Idee zusammen und stellt zugleich die
Weichen für den zweiten Themenblock113, der den thematischen Schwerpunkt
des letzten Kapitels der WdL bildet und unter den sechzehn Absätze – die Ab-
sätze 3 bis 18 – subsumiert werden können. In ihnen erläutert Hegel die spe-
kulative Methode unter Berücksichtigung ihrer drei Momente. Im Anschluss
an diese Erläuterung versucht Hegel in den nachfolgenden acht Absätzen – den
Absätzen 19 bis 26 bzw. dem dritten Themenblock114 – darzulegen, dass und in-
wiefern sich die Methode zum System erweitert. Der verbleibende letzte Absatz,
17.11.2020

der den vierten Themenblock115 ausmacht, steht folglich unter dem Systemgedan-
ken. In ihm vollzieht Hegel den spekulativen Übergang der Logik in die Natur,
stellt die Realphilosophie auf einen methodisch gesicherten Boden und antizi-
piert mithin die gesamten philosophischen Wissenschaften.116 Das letzte Kapitel
der WdL weist hinsichtlich ihrer Konzeption somit eine klare Linearität auf: Der
Hauptgedanke ist die Methode, aus der der Systemgedanke mit Notwendigkeit
folgt, der wiederum eines der zentralen Argumente für die Entwicklung der Lo-
gik in die Natur liefert, die der Realphilosophie ihr methodisches Fortschreiten
vorgibt und die geschlossene Form des philosophischen Systems garantiert.
Das Kapitel Die absolute Idee beginnt Hegel mit einer Definition der abso-
luten Idee: »Die absolute Idee, wie sich ergeben hat, ist die Identität der theo-
retischen und der praktischen [Idee; G. O.]«117. Dass mit dieser Identität kein
Rückfall der praktischen Idee in die theoretische gemeint sein kann, wurde im
vorhergehenden Kapitel ausführlich diskutiert. Denn ein solcher Rückfall würde

112 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des vorliegenden Kapitels.


113 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.1.
114 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt des Kapitels 3.2.
115 Dieser Themenblock ist Schwerpunkt der Kapitel 5.-6.
116 Theorieimmanent und thematisch wird die gesamte philosophische Wissenschaft in den
drei Schlüssen am Ende der Geistphilosophie aufgegriffen.
117 GW 12: 371 = TWA 6: 548.
58 Der Inhalt der absoluten Idee

nicht nur Interpretationsprobleme in puncto theoretisches Erkennen nach sich


ziehen, sondern auch das Gelingen der Übereinstimmung des Begriffs mit der
Objektivität im Keime ersticken lassen, gehört es doch auf basale Weise zum
Grundcharakter des endlichen Erkennens, dass der Begriff seine Objektivität
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noch nicht erreicht hat. Auf diesen Umstand macht Hegel gleich im ersten Ab-
satz des letzten Kapitels der WdL noch einmal aufmerksam, wenn er die Leser-
schaft darauf hinweist, dass sowohl die theoretische als auch die praktische Idee
»jede für sich noch einseitig [ist; G.O], die Idee selbst nur ein gesuchtes Jenseits
und unerreichtes Ziel in sich hat«118. Somit gilt: Soll der Begriff seine Objektivität
im Fortgang tatsächlich auch erreichen, darf die Entwicklung der Idee des Guten
zur absoluten Idee nicht als Rückfall in das endliche Erkennen gedeutet werden.
Hegels Argumentation im Kapitel Die Idee des Guten läuft in nuce darauf hi-
naus, dass das handelnde Subjekt erkennt, dass das, was realisiert werden soll,
der eigene Begriff ist, der in der WdL als »subjektive Idee« respektive »subjekti-
ver Begriff« bezeichnet wird. Dieser kann weder dadurch objektiv gesetzt wer-
den, dass die objektive Welt in mehreren Handlungsakten so oft und so lange
verändert wird, bis sie ihm entspricht. Noch darf der subjektive Begriff auf eine
einzelne Subjektivität beschränkt sein, sondern er muss allgemein und notwen-
dig für jede Subjektivität gelten. All das zwingt das handelnde Subjekt dazu,
seinen Zweck und damit verbunden seinen eigenen subjektiven Begriff zu über-
17.11.2020

denken. Von dieser Neubesetzung des Begriffs des (subjektiven) Begriffs ist die
logische Entwicklung zur absoluten Idee abhängig. Die »Ergänzung«119 der prak-
tischen Idee durch die theoretische Idee, von der Hegel im Kapitel über die Idee
des Guten spricht, hängt also mit der Einstellung und dem Verhalten des er-
kennenden Subjekts gegenüber der Objektivität zusammen. Das bedeutet zum
einen, dass  – anders als in der praktischen Idee  – das Objektive wieder ver-
stärkt in den Blick genommen wird. Zum anderen besagt der Einstellungs- und
Perspektivenwechsel, dass das Objektive unter veränderten Kriterien betrachtet
wird. In eben diesem Sinne muss die ›Ergänzung‹ der praktischen Idee durch die
theoretische Idee interpretiert werden.120

118 GW 12: 371 = TWA 6: 548 f.


119 GW 12: 367 = TWA 6: 545.
120 Die veränderte Erkenntniseinstellung gegenüber der Objektivität wird beim Fortschritt

der spekulativen Theorieentwicklung von der Hegel-Forschung zu selten hervorgehoben


oder gar unterschlagen. Oft genug stehen auch Sätze da, die mindestens genauso viele In-
terpretationsfragen aufwerfen wie der zu interpretierende Text selbst. Als Beispiel sei hier
Michael Spiekers wenig erhellende und interpretatorisch problematische Erklärung der
Entwicklung des praktischen zum reinen und absoluten Erkennen genannt: »Indem das
Wahre das Gute und dieses wiederum Wahres ist, sind Wahres und Gutes vereint. Die bei-
den Bedeutungen der Mitte des Lebens sind nicht voneinander verschieden. Die Differenz
von theoretischer und praktischer Idee ist aufgehoben, und das Erkennen ist zu jener Un-
mittelbarkeit geworden, die die Idee als Leben war: Die Wahrheit des Guten ist das Leben.«

Hegel-Studien
Der Inhalt der absoluten Idee 59

Noch deutlicher zeigt sich das Desiderat einer erkenntnistheoretischen Ver-


änderung des Begreifens der Objektivität in der Enzyklopädie. So schreibt Hegel
in § 234:
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Diese Rückkehr [der Subjektivität; G. O.] in sich ist zugleich die Erinnerung des In-
halts in sich, welcher das Gute und die an sich seyende Identität beider Seiten ist, –
die Erinnerung an die Voraussetzungen des theoretischen Verhaltens (§ . 224.), daß
das Object das an ihm Substantielle und Wahre sey.121

Was Hegel in der Großen Logik noch als »Ergänzung« bezeichnet hat, heißt in
der Kleinen Logik Jahre später »Erinnerung«. In beiden Fällen ist aber keine
Rückkehr zur theoretischen Idee simpliciter gemeint, sondern die Erinnerung
betrifft lediglich die »Voraussetzungen des theoretischen Verhaltens (§ 224), daß
das Objekt das an ihm Substantielle und Wahre sei«. Im Kontext der logischen
Entwicklung gelesen, sagt die Erinnerung, die in jedem Fall auch als eine Er-
gänzung der praktischen Idee durch die theoretische zu lesen ist, dreierlei aus:
Erstens ist jede objektive Erkenntnis den spezifischen Bedingungen des Begriffs
unterstellt, und es ist dieser, der sich in ihr artikuliert. Die wahre Objektivität
und mit ihr das wahre Gute sind so betrachtet nichts anderes als der Begriff
selbst und seine Realisierung. Mit anderen Worten: Der Begriff erreicht seine
17.11.2020

Objektivität genau dann, wenn er sich selbst zum Gegenstand macht. Zweitens
deutet die Erinnerung, von der Hegel in der Kleinen Logik spricht, bereits an,
dass die neu ins Spiel kommenden Kriterien des Begriffs als (Subsumtions-)Re-
geln für die Betrachtung der Objektivität bereits vorliegen, dass es also nichts als
der Erinnerung an die eigenen begrifflichen Voraussetzungen bedarf, um diesen
Einstellungs- und Perspektivenwechsel – und eo ipso den letzten Schritt zur ab-
soluten Idee – zu vollziehen. Drittens legt die Erinnerung an den Begriff ein sys-
tematisches Desiderat frei, das anzeigt, dass trotz des Abschlusses der Logik das
philosophische System keineswegs für abgeschlossen erklärt werden darf. Grund
dafür ist, dass mit der Entwicklung der Idee des Guten zur absoluten Idee ein
Einstellungs- und Perspektivenwechsel des subjektiven Begriffs einhergeht, der
diesem ein methodisches Verfahren zum objektiven Begreifen an die Hand gibt,
das der bisherigen logischen Entwicklung an keiner Stelle122 entnommen wer-

(Spieker, Michael: Wahres Leben denken. Leben und Wahrheit in Hegels Wissenschaft der
Logik. Hamburg 2009 (= Hegel-Studien-Beiheft 51), 383)
121 GW 20: § 234 = TWA 8: § 234.

122 Das schließt nicht aus, dass es in der WdL Sätze gibt, die diesem neuen Desiderat bereits

Rechnung tragen. Zu solchen Sätzen gehören alle realphilosophischen Sätze in der WdL.
Sie setzen aber das philosophische System bereits voraus und verweisen somit auf die zweite
Bekanntschaft der Leserschaft mit der WdL (bzw. mit der Logik). Das hier indizierte De-
siderat, das zugleich den Grundstein für den Übergang der Logik in die Natur legt, ergibt

Beiheft 70
60 Der Inhalt der absoluten Idee

den konnte und dessen Ausführung im spekulativen System folgerichtig noch


aussteht.
Es sprechen insgesamt drei Argumente für die These, dass die Reflexion des
Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen gleichzusetzen ist mit
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der Reflexion eines (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits ent-
wickelten Begriffe und dass diese begriffliche Neucodierung den systematischen
Fortschritt motiviert und dem philosophischen System hegelscher Provenienz
seine Bedeutung gibt. In Hegels metaphorischer Sprache ausgedrückt gleicht
der Abschluss der Logik einer Kreisschließung, bei der das Ende in den Anfang
zurückkehrt, an den sich aber weitere – und prima vista potenziell unendlich
viele – Kreise anschließen lassen, die aber alle denselben Radius haben wie der
erste Kreis.
Das erste und werkimmanente Argument geht von der von Hegel in den einlei-
ten Passagen der WdL skizzierten Programmatik der Logik aus. Nach einer für
das Verständnis der Logik wichtigen Textpassage aus der zweiten Vorrede »sind
es nicht die Dinge, sondern die Sache, der Begriff der Dinge, welcher Gegenstand
[der logischen Betrachtung; G. O.] wird«.123 Dass Hegel hier noch von »Dingen«
spricht, darf nicht so interpretiert werden, als gäbe es neben den Begriffen der
Dinge noch Dinge, auf die diese Begriffe angewendet werden müssten. Vielmehr
ist der Begriff selbst das ›Ding‹ oder der Gegenstand der logischen Betrachtung:
17.11.2020

»Dieser [der Begriff; G. O.] wird nicht sinnlich angeschaut oder vorgestellt; er ist
nur Gegenstand, Product und Inhalt des Denkens, und die an und für sich sey-
ende Sache, der Logos, die Vernunft dessen, was ist, die Wahrheit dessen, was
den Namen der Dinge führt«124. Für die Logik bedeutet dies: Wenn sie die Wis-
senschaft des Denkens ist und wenn nur der Begriff »Gegenstand, Product und
Inhalt des Denkens« ist, dann ist die Logik allen voran eine Untersuchung des
(allgemeinen) Begriffs, wie er sich in Form von bestimmten (bzw. besonderen)
Begriffen denken lässt. Wenn also der Begriff am Ende der Logik sich selbst zum
Gegenstand hat, dann spricht er nur das aus, was die Logik als ganze Wissen-
schaft ist, nämlich eine systematische Darstellung von denjenigen Begriffen, die
das Prädikat tragen, logisch zu sein. Vor dem Hintergrund der von Hegel selbst
vorgetragenen Programmatik, der sich die Ausarbeitung der spekulativen Logik
verpflichtet sieht, ist es widersinnig zu behaupten, dass die Auskunft über den
Begriff, insofern er als Begriff und rein gedacht wird, etwas anderes sein soll als
das, was sich die Logik von Anfang an als Ziel gesetzt hat.125

sich aus der ersten Lesart der WdL und der spekulativen Methode mitsamt ihren Prin­
zipien. Zur Bekräftigung dieser These vgl. auch Kapitel 5.2.2.
123 GW 21: XXIX = TWA 5: 29.

124 GW 21: XXX = TWA 5: 30.

125 Diese Behauptung gilt zunächst einmal unabhängig davon, ob Hegel sein Ziel auch wirklich

erreicht hat und ob seine Logik einer kritischen und skeptischen Überprüfung standhält.

Hegel-Studien
Der Inhalt der absoluten Idee 61

Dieses werkimmanente Argument wird um ein zweites und exegetisches Ar-


gument ergänzt, das Hegels sprachliche Formulierungen der einleitenden Pas-
sagen und des letzten Kapitels der WdL vergleicht und zugleich die These stützt,
dass die Reflexion des Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen
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mit der Reflexion eines (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits
entwickelten Begriffe gleichzusetzen ist. Auch wenn hier nicht zwingend von
einem Sachargument ausgegangen werden muss, so ist ein solcher Vergleich aus
mindestens einem einfachen Grund interessant und erwähnenswert: Gesetzt die
Thesen aus den einleitenden Passagen,
a) dass die Logik den reinen Begriff zu ihrem Gegenstand und Inhalt hat und
b) dass es zur Definition der Logik als Theorie des reinen Denkens gehört,
ihren eigenen Begriff zu thematisieren,
und gesetzt den Fall, dass
c) Hegel in der Ausarbeitung der WdL sein Wort gehalten hat (vgl. werkim-
manentes Argument oben),
dann ist zu erwarten, dass sich nicht nur sachliche, sondern auch sprachliche
Übereinstimmungen in den Formulierungen und im Vokabular zwischen den
einleitenden und abschließenden Passagen finden lassen. So schreibt Hegel im
zweiten Absatz des Kapitels über die absolute Idee, dass sie auch das »Logische«
17.11.2020

der philosophischen Wissenschaften oder die »logische Idee« genannt werden


könne. 126 »[D]as Logische«, hält Hegel fest, ist »die allgemeine Weise, in der alle
besondern [Weisen; G. O.] aufgehoben und eingehüllt sind.«127 Die logische Idee
beschreibt Hegel im zweiten Absatz wie folgt:

Die logische Idee ist sie selbst in ihrem reinen Wesen, wie sie in einfacher Identität
in ihren Begriff eingeschlossen, und in das Scheinen in einer Formbestimmtheit,
noch nicht eingetreten ist. Die Logik stellt daher die Selbstbewegung der absoluten
Idee nur als das ursprüngliche Wort dar, das eine Aeusserung ist, aber eine solche,
die als Aeusseres unmittelbar wieder verschwunden ist, indem sie ist; die Idee ist
also nur in dieser Selbstbestimmung, sich zu vernehmen, sie ist in dem reinen Ge-
danken, worin der Unterschied noch kein Andersseyn, sondern sich vollkommen
durchsichtig ist und bleibt. – Die logische Idee hat somit sich als die unendliche
Form zu ihrem Inhalte;  – die Form, welche insofern den Gegensatz zum Inhalt
ausmacht, als dieser die in sich gegangene und in der Identität aufgehobene Form-

126 GW 12: 372 = TWA 6: 550.


127 GW 12: 372 = TWA 6: 550. Auf den Umstand, dass die absolute Idee umfassender zu den-
ken ist als das rein Logische, wird später – bei der System- und Übergangsfrage in den
Kapiteln 4.-5. – noch näher einzugehen sein. So viel kann aber bereits jetzt schon gesagt
werden. Die absolute Idee ist auch das Logische oder kurz: Die absolute Idee ist in diesem
Stadium der logischen Entwicklung die logische Idee.

Beiheft 70
62 Der Inhalt der absoluten Idee

bestimmung so ist, daß diese concrete Identität gegenüber der als Form entwickel-
ten steht; er hat die Gestalt eines Anderen und Gegebenen gegen die Form, die als
solche schlechthin in Beziehung steht, und deren Bestimmtheit zugleich als Schein
gesetzt ist.128
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Die primäre Bedeutung der absoluten Idee ist in diesem Kontext gleichzuset-
zen mit der Bedeutung der logischen Idee. Dass Hegel mit der logischen Idee
auf einen Rückverweis der bisherigen Entwicklung abzielt und nicht zuletzt die
gesamte spekulative Logik im Blick hat, legen der Text und das darin enthal-
tene – v. a. wesenslogische – Vokabular nah: Die logische Idee ist nicht nur das
»reine[] Wesen«, sondern hat es auch mit der Form des reinen Wesens zu tun.
In diesem Sinne ist sie auch »die unendliche Form«, die deswegen unendlich
ist, weil sie keinen endlichen Inhalt hat, der ihr von außen gegeben wird, son-
dern der Inhalt schlicht die Form der logischen Idee ist (und umgekehrt). Zwar
scheint es so, als ob der Inhalt »die Gestalt eines Anderen und Gegebenen gegen
die Form« haben könnte. Weil aber dieses Andere »schlechthin in Beziehung«
zur Form steht, muss es »zugleich als Schein gesetzt« werden. Kurz: In der un-
endlichen Form wird zwar ein Inhalt in Gestalt eines Anderen gesetzt. Weil aber
der Inhalt nur durch die Form gesetzt wird, verliert er so seine Selbständigkeit
und Gleichgültigkeit gegen sie und wird schließlich wieder Form. Diese Selbst-
17.11.2020

bewegung der logischen Idee ist zugleich das Hauptcharakteristikum der Logik:
Schließlich ist die Logik eine Wissenschaft, in der die Selbstbewegung der ab-
soluten Idee als logische Idee dargestellt wird. Diese Selbstbewegung ist ebenso
eine Selbstbestimmung der Idee, weil die »Aeusserung« der logischen Idee »als
Aeusseres unmittelbar wieder« verschwindet. Was auf diese Weise zurückbleibt,
ist der »reine[] Gedanke[], worin der Unterschied noch in keinem Andersseyn
besteht, sondern sich vollkommen durchsichtig ist und bleibt«.
Die Engführung der absoluten Idee qua logische Idee mit der ganzen Logik
tritt deutlich zum Vorschein,129 sobald die gerade wiedergegebenen Aussagen
Hegels am Anfang des letzten Kapitels der WdL mit den Aussagen aus der Vor-

128 GW 12: 373 = TWA 6: 550.


129 Die Tatsache, dass der für die Theorie primäre Inhalt des Kapitels über die absolute Idee
die logische Idee oder das Logische ist, nicht aber die ganze Wissenschaft, und dass ihr
Zusammenhang frühstens mit dem Übergang der reinen und logischen Idee in die Natur
bekannt ist, übersieht Bruno Haas offenkundig, wenn er von vornherein den Inhalt des
Kapitels Die absolute Idee mit der absoluten Idee und diese mit der Methode und der gan-
zen Wissenschaft identifiziert. Kurzum: Haas vindiziert der Logik ihre zweite Bekannt-
schaft und Lesart, bevor überhaupt er- oder geklärt worden ist, wie sich das eine Element
der absoluten Idee, die logische Idee, von ihrem anderen Element, der äußerlichen Idee,
unterscheidet. Es gilt also nicht: »Anstatt daß also unter dem Titel der absoluten Idee die
Methode der Wissenschaft der Logik abgehandelt werden sollte, ist vielmehr diese ganze
Wissenschaft die Darstellung der Methode.« (Haas:2003, 29)

Hegel-Studien
Der Inhalt der absoluten Idee 63

rede und Einleitung verglichen werden. So schreibt Hegel in der Vorrede zur ers-
ten Auflage der WdL, dass die »reinen Wesenheiten […] den Inhalt der Logik
ausmachen«.130 Sie setzen einerseits die Befreiung des Bewusstseins »von seiner
Unmittelbarkeit und äußerlichen Konkretion« voraus. Was so zurückbleibt, ist
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andererseits das »reine[] Wissen« und »reine[] Gedanken«, die Hegel mit den
»reinen Wesenheiten« identifiziert und durch die »sich die Wissenschaft kon­
stituiert und dessen Darstellung sie ist«.131 Parallel zur oben ausführlich zitierten
Passage, in der Hegel seinen Begriff der Logik anhand der Selbstbewegung der
Idee und der Selbstbestimmung der reinen Gedanken beschreibt, liest sich auch
eine zentrale Textpassage aus der Einleitung zur zweiten Auflage der Seinslogik,
in der Hegel die Logik qua reine Wissenschaft wie folgt definiert:

Sie [reine Wissenschaft; G. O.] enthält den Gedanken, insofern er eben so sehr die
Sache an sich selbst ist, oder die Sache an sich selbst, insofern sie eben so sehr der
reine Gedanke ist. […] Sie ist daher so wenig formell, sie entbehrt so wenig der Ma-
terie zu einer wirklichen und wahren Erkenntniß, daß ihr Inhalt vielmehr allein
das absolute Wahre, oder wenn man sich noch des Worts Materie bedienen wollte,
die wahrhafte Materie ist, – eine Materie aber, der die Form nicht ein äusserliches
ist, da diese Materie vielmehr der reine Gedanke, somit die absolute Form selbst
ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des rei-
17.11.2020

nen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit, wie sie ohne Hülle an und
für sich selbst ist. Man kann sich deswegen ausdrücken, daß dieser Inhalt die Dar-
stellung Gottes ist, wie er in seinem ewigen Wesen vor der Erschaffung der Natur und
eines endlichen Geistes ist.132

Von einzelnen Nuancen einmal abgesehen, lässt der Vergleich der Textpassage
aus dem zweiten Absatz des Kapitels Die absolute Idee mit der gerade zitier-
ten Äußerung Hegels aus der Einleitung eine deutliche Parallelität zwischen
dem Ende der Logik und dem allgemeinen Begriff der Logik erkennen: Erstens
schreibt Hegel der Logik an beiden Stellen den Status einer Wissenschaft zu,
deren Inhalt reine Gedanken seien. Diese zeichnen sich, zweitens, von ande-
ren Formen des Denkens dadurch aus, dass ihre »Materie« oder ihr »[Ä]usser-
liches« keine Selbständigkeit gegen die »absolute« bzw. »unendliche Form« be-
sitze. Hinzu kommt schließlich, drittens, dass Hegel an beiden Stellen von einer
christlich-theologischen Ausdrucksweise Gebrauch macht. So spricht Hegel in
den letzten drei Sätzen der zuletzt zitierten Textpassage von dem »Reich der rei-
nen Gedanken« und der »Darstellung Gottes […], wie er in seinem ewigen Wesen

130 GW 21: XII = TWA 5: 17.


131 GW 21: XII = TWA 5: 17.
132 GW 12: 11 f. = TWA 5: 43 f.

Beiheft 70
64 Der Inhalt der absoluten Idee

vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist«. Analog dazu iden-
tifiziert er in dem Kapitel über die absolute Idee »die Selbstbewegung der absolu-
ten Idee« mit dem »ursprüngliche[n] Wort […], das eine Aeusserung ist, aber eine
solche, die als Aeusseres unmittelbar wieder verschwunden ist, indem sie ist«.133
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Das dritte und systemimmanente Argument für die These, dass die Reflexion
des Begriffs auf die eigenen begrifflichen Voraussetzungen mit der Reflexion ei-
nes (letzten) logischen Begriffs auf alle in der Logik bereits entwickelten Begriffe
gleichzusetzen ist, stützt sich auf Hegels Behauptung, dass die absolute Idee (und
nicht etwa die logische) der »einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie«134
sei. Nicht nur zieht Hegel mit seinen Bemerkungen im zweiten Absatz eine klare
Grenze zwischen der logischen und der absoluten Idee, indem er erstere als eine
Daseinsform der letzteren bestimmt und sie auf diese Weise von anderen Da-
seinsformen wie der Natur und dem Geist unterscheidet. Bei näherem Hinsehen
liefert gerade diese Grenzziehung der Logik ein systemimmanentes Argument
für die These, dass mit der gesetzten Selbstbeziehung des Begriffs auf sich am
Ende der Logik alle reinen Begriffe – so weit wie möglich – hergeleitet worden
sind und dass die logische Entwicklung eben dies gezeigt hat. Mit der Entwick-
lung der praktischen Idee zur logischen und absoluten Idee geht Hegel nicht nur
offenkundig davon aus, dass er seine ›Versprechungen‹ aus den einleitenden Pas-
sagen zur Logik im Allgemeinen und zur Begriffslogik im Speziellen gehalten
17.11.2020

hat, insofern der reine Begriff bzw. das Denken thematisch und theorieintern als
ein Inhalt und ein Gegenstand der Philosophie gesetzt worden ist. Er geht zu-
gleich davon aus, dass dieser Gegenstand durch die Selbstbeziehung des reinen
Begriffs auf sich umfassend expliziert worden ist und dass die Logik eben diese
Explikation gewesen ist.135
Summa summarum dienen alle drei Argumente – das werkimmanente Argu-
ment, das sich auf die Programmatik stützt, das exegetische Argument, das den
Sprachgebrauch von Anfang und Ende der WdL in den Blick nimmt, und das
systemimmanente Argument, das die Logik ausgehend vom Systemganzen cha-
rakterisiert – dem Nachweis, a) dass mit dem Ende der Logik der Begriff seine

133 GW 12: 372 = TWA 6: 550. Es ist beiläufig zu bemerken, dass die Verwendung eines christ-
lich-theologischen Vokabulars noch nichts darüber aussagt, welche christlich-theologi-
schen Positionen schlussendlich für Hegel rational gerechtfertigt werden können. Auch
gilt nicht uneingeschränkt der Schluss von der Tatsache, dass Hegel von einem Vokabular
aus einer bestimmten Wissenschaft Gebrauch macht, auf die (andere) Tatsache, dass Hegel
über eben diese Wissenschaft spricht.
134 GW 12: 372 = TWA 6: 549

135 Im gegenteiligen Fall folgt nämlich eine absurde WdL-Interpretation, weil davon ausge-

gangen werden muss, dass die Sätze der WdL in die (spekulative) Logik einleiten, anstatt
Beispiele derselben zu sein. Die spekulative Logik müsste gemäß dieser kontrafaktischen
These erst noch geschrieben werden – eine These, die keine Interpretation mehr ist, son-
dern eine Hegelkritik.

Hegel-Studien
Der Inhalt der absoluten Idee 65

eigene Objektivität erreicht hat, insofern er sich selbst Gegenstand und Inhalt
der (spekulativ-)philosophischen Betrachtung geworden ist, und b) dass er seine
Objektivität nicht allererst ›suchen‹ muss, weil diese in Form der ganzen Logik
ausgebreitet vor ihm liegt. Wenn Hegel also bspw. die absolute Idee als »sich wis-
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sende Wahrheit« und »alle Wahrheit« definiert, so schließt diese Wahrheit mit
Blick auf die Erstlektüre der WdL zunächst einmal alle in ihr evozierten reinen
Begriffe ein und ist auf sie allein beschränkt, wenngleich Hegel (in äußerlicher
Reflexion und kommentierend) sogleich anmerkt, dass es bei dieser ersten Be-
kanntschaft nicht bleibt.
17.11.2020

Beiheft 70
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3. Die spekulative Methode im argumentativen
und systematischen Kontext der Logik und
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der philosophischen Wissenschaften

Für die Behauptung, dass Hegels Überlegungen zur Methode zum wohl bedeu-
tendsten Teil des Kapitels Die absolute Idee gezählt werden müssen, sprechen
nicht nur Hegels detaillierte Erläuterungen, die nicht zuletzt in Ansehung des
quantitativen Umfangs des Kapitels den größten Platz einnehmen, sondern auch
das Verhältnis der Methode zum Begriff der logischen und absoluten Idee, mit
dem die Übergangsproblematik der Logik in die Natur in greifbare Nähe rückt.
Kompositorisch nimmt Hegels Diskussion um die Methode also eine eminente
und vermittelnde Stellung zwischen den einzelnen Gedankengängen innerhalb
des Kapitels über die absolute Idee ein. Ergo darf sie mit Fug und Recht als das
Herzstück des gesamten philosophischen Systems bezeichnet werden, weil ohne
sie die philosophischen Wissenschaften, wozu auch die Natur- und Geistphilo-
17.11.2020

sophie als besondere philosophische Wissenschaften gehören, nicht interpretiert


werden können, ohne das Prädikat, eine spekulative Philosophie hegelscher Prä-
gung zu sein, zu verlieren. Diese Akzentuierung der Methode ist freilich nicht
neu und für Hegel eine Selbstverständlichkeit, die er nicht nur in der WdL ge-
betsmühlenartig wiederholt und auf systemischer Ebene in dem Kapitel Die ab-
solute Idee begründet, sondern auch in anderen Schriften unmissverständlich
zum Ausdruck bringt.136 So schreibt Hegel bereits 1807 in der Vorrede der Phä-
nomenologie des Geistes (PhG) über den Zusammenhang von Methode und der
auf ihr fußenden philosophischen Wissenschaft:

Von der Methode dieser Bewegung oder der Wissenschaft könnte es nötig schei-
nen, voraus das Mehrere anzugeben. Ihr Begriff liegt aber schon in dem Gesag-
ten, und ihre eigentliche Darstellung gehört der Logik an oder ist vielmehr diese
selbst. Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen, in seiner rei-

136 Für eine detaillierte Übersicht über die Bedeutung der spekulativen Methode für die hegel-
sche Philosophie vgl. den einleitenden Aufsatz von R.-P. Horstmann in: ders.: »Schwierig-
keiten und Voraussetzungen der dialektischen Philosophie Hegels«. In: Seminar: Dialektik
in der Philosophie Hegels, hrsg. und eingeleitet von Rolf-Peter Horstmann. Frankfurt a. M.
1978, 9 – 30. Vgl. auch die einleitenden Bemerkungen von Hans-Friedrich Fulda in: ders.:
»Hegels Dialektik als Begriffsbewegung und Darstellungsweise«. In: ebd., 124 – 174, insb.
124 – 128.
3. Die spekulative Methode im argumentativen
und systematischen Kontext der Logik und
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der philosophischen Wissenschaften

Für die Behauptung, dass Hegels Überlegungen zur Methode zum wohl bedeu-
tendsten Teil des Kapitels Die absolute Idee gezählt werden müssen, sprechen
nicht nur Hegels detaillierte Erläuterungen, die nicht zuletzt in Ansehung des
quantitativen Umfangs des Kapitels den größten Platz einnehmen, sondern auch
das Verhältnis der Methode zum Begriff der logischen und absoluten Idee, mit
dem die Übergangsproblematik der Logik in die Natur in greifbare Nähe rückt.
Kompositorisch nimmt Hegels Diskussion um die Methode also eine eminente
und vermittelnde Stellung zwischen den einzelnen Gedankengängen innerhalb
des Kapitels über die absolute Idee ein. Ergo darf sie mit Fug und Recht als das
Herzstück des gesamten philosophischen Systems bezeichnet werden, weil ohne
sie die philosophischen Wissenschaften, wozu auch die Natur- und Geistphilo-
17.11.2020

sophie als besondere philosophische Wissenschaften gehören, nicht interpretiert


werden können, ohne das Prädikat, eine spekulative Philosophie hegelscher Prä-
gung zu sein, zu verlieren. Diese Akzentuierung der Methode ist freilich nicht
neu und für Hegel eine Selbstverständlichkeit, die er nicht nur in der WdL ge-
betsmühlenartig wiederholt und auf systemischer Ebene in dem Kapitel Die ab-
solute Idee begründet, sondern auch in anderen Schriften unmissverständlich
zum Ausdruck bringt.136 So schreibt Hegel bereits 1807 in der Vorrede der Phä-
nomenologie des Geistes (PhG) über den Zusammenhang von Methode und der
auf ihr fußenden philosophischen Wissenschaft:

Von der Methode dieser Bewegung oder der Wissenschaft könnte es nötig schei-
nen, voraus das Mehrere anzugeben. Ihr Begriff liegt aber schon in dem Gesag-
ten, und ihre eigentliche Darstellung gehört der Logik an oder ist vielmehr diese
selbst. Denn die Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen, in seiner rei-

136 Für eine detaillierte Übersicht über die Bedeutung der spekulativen Methode für die hegel-
sche Philosophie vgl. den einleitenden Aufsatz von R.-P. Horstmann in: ders.: »Schwierig-
keiten und Voraussetzungen der dialektischen Philosophie Hegels«. In: Seminar: Dialektik
in der Philosophie Hegels, hrsg. und eingeleitet von Rolf-Peter Horstmann. Frankfurt a. M.
1978, 9 – 30. Vgl. auch die einleitenden Bemerkungen von Hans-Friedrich Fulda in: ders.:
»Hegels Dialektik als Begriffsbewegung und Darstellungsweise«. In: ebd., 124 – 174, insb.
124 – 128.
68 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

nen Wesenheit aufgestellt. Von dem hierüber bisher Gangbaren aber müssen wir
das Bewußtseyn haben, daß auch das System der sich auf das, was philosophische
Methode ist, beziehenden Vorstellungen, einer verschollenen Bildung angehört.137
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Im Kontext der Forschungsfrage nach dem Übergang der Logik in die Natur
sind diesem Zitat mindestens drei wichtige Thesen zu entnehmen, von denen
(ganz unabhängig von der PhG) die erste in diesem Kapitel und ausgehend von
der Großen Logik erläutert wird und von denen die zwei anderen in späteren
Kapiteln diskutiert werden.138 Die erste These lautet, dass die Methode »ihre ei-
gentliche Darstellung« in der Logik erfährt und dass eben diese Darstellung zu-
gleich die Darstellung dieser (logischen) Wissenschaft ist. Kurzum: Der Begriff
der Logik ist die Methode, aus der sich alle logischen Begriffe ableiten lassen.
Die zweite und dritte These lassen sich in Abgrenzung an die erste These aufstel-
len: Wenn die Logik die »eigentliche Darstellung« der Methode ist, dann gibt es
auch eine uneigentliche Darstellung der Methode in mindestens zwei relevan-
ten Formen: eine Darstellung, die nicht der spekulativen, sondern irgendeiner
(z. B. empirischen) Methode folgt, und eine andere Darstellung, die der spekula-
tiven Methode folgt und auf ihr aufbaut, sie aber nicht explizit zum Gegenstand
und Inhalt hat, sondern sie implizit immer schon voraussetzt. Die Methode je-
ner uneigentlichen Wissenschaft ist das Signum des endlichen Erkennens, die
17.11.2020

Methode dieser Wissenschaft ist das Signum der sogenannten »Realphiloso-


phie« und (mit ihr) des absoluten Erkennens, das die absolute Idee systematisch
abschließend bestimmt und wozu auch die Natur- und Geistphilosophie ge-
hören.
Summa summarum spricht nicht nur die prominente Stellung der Methode
am Ende der WdL ihre hohe Relevanz und Signifikanz aus, sondern es lassen
sich auch unabhängig von Hegels Ausarbeitung der (spekulativen) Logik Aus­
sagen finden, die das Kriterium einer spekulativen Philosophie benennen, das in
der Logik begründet wird und auf deren Basis alle weiteren Betrachtungen, die
das Prädikat »spekulativ« oder »absolut« tragen, stehen. Sobald also die Methode
zum Gegenstand und Inhalt der Philosophie wird, wird nicht nur auf die ganze
Logik reflektiert, sondern auch die Notwendigkeit der Einteilung der philoso-
phischen Wissenschaften erklärbar. In welchem dynamischen Verhältnis die be-
sonderen philosophischen Wissenschaften zueinander stehen, muss sich folge-
richtig aus der Methode – dem Herzstück der spekulativen Philosophie – erklä-
ren lassen. Dies ist aber nur die Konsequenz des Methodengedankens, der von
Hegel in den Absätzen 3 bis 18 artikuliert wird. Primär geht es ihm darum, der
Logik als logischem System unter Einbeziehung der Methode eine abgeschlos-

137 GW 9: LVI = TWA 3: 47.


138 Hierzu gehört v. a. das Kapitel 6.

Hegel-Studien
Die spekulative Methode 69

sene Form zu vindizieren, die den Weg zur Natur- und Geistphilosophie frei-
macht (und nicht umgekehrt) und die ich »Vollendungsthese« nennen möchte.
Eingeleitet wird die Methode und mit ihr die Vollendungsthese in der Großen
Logik bereits sehr früh, nämlich mit dem letzten Gedankenstrich des zweiten
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Absatzes. Dort heißt es:

– Die absolute Idee selbst hat näher nur dieß zu ihrem Inhalt, daß die Form­
bestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine Begriff ist. Die Bestimmtheit
der Idee und der ganze Verlauf dieser Bestimmtheit nun, hat den Gegenstand der
logischen Wissenschaft ausgemacht, aus welchem Verlauf die absolute Idee selbst
für sich hervorgegangen ist; für sich aber hat sie sich als diß gezeigt, daß die Be-
stimmtheit nicht die Gestalt eines Inhalts hat, sondern schlechthin als Form, daß
die Idee hiernach als die schlechthin allgemeine Idee ist. Was also hier noch zu be-
trachten kommt, ist somit nicht ein Inhalt als solcher, sondern das Allgemeine sei-
ner Form, – das ist, die Methode.139

Dass Hegel für seine Logik eine Vollendung reiner Begriffe proklamieren darf,
muss sich einerseits durch den Gang der Logik selbst rechtfertigen lassen und
andererseits durch ein bestimmtes Resultat, das nicht beliebig sein darf. Die
Vollendung reiner Begriffe, mit der die Logik zu einem Abschluss kommt, ist
17.11.2020

mit der Reflexion auf die ganze Logik aufs Engste verknüpft: Nur wenn das Ende
wieder auf den Anfang verweist, zieht sich die vermeintlich ins progressiv-un-
endlich laufende Linearität der logischen Entwicklung zu einem Kreis zusam-
men, bei dem jeder Abschnitt – respektive jeder Begriff – für die Exposition des
Ganzen konstitutiv wird. Dies ist dann auch das werkimmanente Argument für
die These, dass der logische Fortschritt von der praktischen Idee zur absoluten
eine Ergänzung und Erinnerung des (subjektiven) Begriffs an die eigenen Vo-
raussetzungen ist, die in nichts Geringerem als in dem Wissen bestehen, dass
die gesamte Logik diese Voraussetzungen bildet. Betrachtet man das obige Zitat
etwas genauer, lassen sich drei ineinandergreifende und wechselseitig stützende
Argumente herauslesen, die Hegel als Rechtfertigungsgrund für seine Voll­-
endungsthese – dass die »absolute Idee selbst […] näher nur dies zu ihrem Inhalt
[hat; G. O.], daß die Formbestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine
Begriff ist« – vorbringen kann:
Das erste Argument besteht in dem Nachweis, dass der Begriff sich in dem
Fortgang der praktischen Idee in die absolute Idee Gegenstand geworden ist,
dass also sein Gehalt darin besteht, sich nicht auf etwas anderes, sondern nur
auf sich selbst zu beziehen. Ausgehend von diesem inhaltlichen Resultat der Lo-
gik ergibt sich die Ergänzung und Erinnerung, dass ein solcher Inhalt bereits

139 GW 12: 373 = TWA 6: 550.

Beiheft 70
70 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

gedacht worden ist, und zwar in der ganzen Logik. Dieses Argument deckt aber
nicht die an das Resultat anschließende Forderung ab, dass Ende und Anfang
ineinander fallen, dass also die seins- und wesenslogischen Begriffe durch den
Begriff unter Zuhilfenahme seiner drei Momente konstruiert werden können.
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Kurzum: Wenn Hegels Vollendungsthese wahr sein soll, dann muss nicht nur
das Ende ein notwendiges Resultat der logischen Entwicklung sein, sondern es
muss gleichsam für den Umkehrschluss argumentiert werden, dass der Anfang
vom Ende her ›gelesen‹ (bzw. begriffen) werden kann. So betrachtet, muss für
eine hinreichend ausgearbeitet spekulative Logik eine Relektüre angesetzt wer-
den, die denselben Inhalt der Logik, aber unter einem anderen Gesichtspunkt
betrachtet, nämlich als reinen Begriff.
Die Logik vor dem Hintergrund dieser erweiterten Perspektive in den Blick
zu nehmen, um ihre konstruktive Leistungsfähigkeit zu demonstrieren und um
nicht zuletzt für die operative Geschlossenheit der Logik zu argumentieren, bil-
det den mit Abstand umfangreichsten Teil des gesamten letzten Kapitels der
WdL und stellt das zweite Argument für die Vollendungsthese bereit. Das Kri-
terium für die Vollendungsthese ist dann erfüllt, wenn es Hegel zu zeigen ge-
lingt, dass die am Ende der Logik erreichte Selbstbestimmung des Begriffs, also
des Begriffs, der sich in Form seiner drei Begriffsmomente – Allgemeinheit, Be-
sonderheit und Einzelheit – selbst zum Gegenstand und Inhalt hat, auch in der
17.11.2020

objektiven Logik – der Seins- und Wesenslogik – en detail am Werk gewesen


ist und die logische Entwicklung nicht bloß kommentierend und unthematisch,
sondern auch theorieintern und thematisch geleitet hat und dass wir – die Theo­
retikerinnen und Theoretiker – dies erst am Ende der logischen Entwicklung
und im Ausgang einer Relektüre begreifen können. Ganz unabhängig davon,
dass eine solche Rekonstruktion der gesamten Logik vor der Folie des reinen
Begriffs und seiner drei Momente die ohnehin schon umfangreiche WdL um
textuelles Material immens belastet und das Leseverstehen bei der Erstlektüre
vor noch größere Herausforderungen gestellt hätte, mag wohl niemand ernst-
haft behaupten wollen, dass Hegel die Absicht, geschweige denn die Muße ge-
habt hat, die Logik vollständig, d. h. auf allen Stufen (inkl. ihrer Relektüre durch
den Begriff), auszuarbeiten, um auf diese Weise dem hinreichenden Kriterium
Rechnung zu tragen. Es darf vielmehr davon ausgegangen werden (und lässt
sich textuell belegen), dass in Anbetracht der Sach- und Problemlage, vor dem
das Kapitel Die absolute Idee steht, die Ausarbeitung einer möglichen nWdL dem
Leseverständnis der ohnehin schon schwer verständlichen WdL (in ihren nicht
vollständig ausgearbeiteten zwei Auflagen) wenig geholfen hätte, sondern den
Komplexitätsgrad sogar noch erhöht hätte. Ungeachtet solcher Überlegungen
gilt außerdem, dass eine solche intensive, auf Vollständigkeit zielende und damit
über das Beweisziel hinausschießende Ausarbeitung der Logik nicht zwingend
erforderlich ist.

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 71

Für die Bekräftigung der Vollendungsthese bietet sich vielmehr ein ande-
res, drittes Argument an, das ökonomisch geführt werden kann, ohne dabei den
Hauptpunkt, um den es im Kapitel über die absolute Idee geht, aus den Augen
zu verlieren: die Möglichkeit einer Rekonstruktion der Logik und ihrer Methode
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vor der Folie des Begriffs und seiner drei Momente (Allgemeinheit, Besonderheit
und Einzelheit). In eben diese Kerbe schlägt das von Hegel favorisierte Argu-
ment: Um für die Abgeschlossenheit der Logik (Vollendungsthese) zu argumen-
tieren, genügt es für Hegel in Anbetracht der Problemlage, in nuce zu demons-
trieren, dass
a) die Methode, unter deren Bedingung die gesamte (spekulative) Logik
steht, mit der finalen Selbstbestimmung des Begriffs (inkl. seiner drei Mo-
mente) in eins fällt, dass
b) die im logischen System enthaltenen Begriffe vor dem Hintergrund der
Methode und ipso facto der Selbstbestimmung des reinen Begriffs eruiert
werden können und dass
c) der Vollendungsgedanke selbst definitorisches Merkmal dieser Methode
ist.
Der für die Auflösung der Übergangsproblematik der Logik in die Natur essen-
zielle Gedanke lautet, dass von einer Erweiterung der philosophischen Wissen-
17.11.2020

schaft auf andere Bereiche oder Sphären überhaupt gar keine Rede sein kann,
wenn es der Logik ad intram nicht gelingt, ihren Begriff und ihre Methode in
eigener Sache zu rechtfertigen.

3.1 Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik

Die zentrale These, die das gegenwärtige Kapitel leitet, besagt, dass der Metho-
denteil des letzten Kapitels der WdL Hegel als Argument für die Vollendungs-
these dient, mit der die Logik einerseits zu einem Ende gelangt, andererseits aber
ihrer programmatischen Zielsetzung gerecht wird: reine Begriffe zu eruieren,
die nichts anderes als sich selbst zum Inhalt und Gegenstand haben und so das
reine Denken und (mit ihm) die Logik definieren. Vor dem Hintergrund dieser
These lassen sich die Absätze 3 bis 18 erschließen, die den Weg für die Inter-
pretation der Geschlossenheit und Offenheit des logischen Systems frei machen
(vgl. Kapitel 4.), an die sich Fragen nach möglichen Interpretationen des Über-
gangs der Logik in eine andere Sphäre (oder mehrere Sphären) anschließen (vgl.
Kapitel 5.).
So eindeutig Hegels argumentative Zielsetzung, die Methode und ihre drei
Momente mit dem Denken des reinen Begriffs und seinen drei Momenten zu
identifizieren und die spekulative Logik an ein Ende zu führen, der Sache nach

Beiheft 70
72 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

auch sein mag, so intrikat ist die Argumentation mit Blick auf ihre Präsentation
für die Leserschaft. Die teilweise nur schwer zu durchschauenden Argumenta­
tionsschritte haben mit mindestens zwei Faktoren direkt zu tun: dem Aufbau
der Argumentation in 16 Absätzen und den zahlreichen Zwischenreflektionen,
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die allesamt erläuternde und kommentierende Funktion haben und die Hegel
fast ausschließlich in Form von mit Gedankenstrichen eingeleiteten Einschü-
ben parallel zum Haupttext mitdiskutiert (vgl. Absätze 4 – 6, 8, 14 – 16). Hierzu
gehören vor allem Querverweise innerhalb der WdL, philosophiegeschichtliche
Anmerkungen und Aussagen, die das spekulative Erkennen vom endlichen Er-
kennen differenzieren. Zu ihnen gehören aber auch Aussagen, die mit Rücksicht
auf den der Diskussion um die Methode nachgeschalteten Systemteil – die Ab-
sätze 19 bis 26 – getroffen werden. Letzteres ergibt sich auf der theoriebildenden
Ebene allein deshalb, weil für die Diskussion der Methode ganz allgemein gilt,
dass mit dieser das logische System an ein Ende kommen soll und dass eben da-
rum die Bedingungen, denen die Methode unterstellt ist, auch diejenigen des
Systems selbst sein müssen.
Angesichts der allgemeinen Aufgabe, einen Lösungsvorschlag für die Über-
gangsproblematik der Logik in die Natur zu präsentieren, ist es müßig und we-
nig gewinnbringend, detailliert über Hegels vertrackte Darstellung seiner Theo-
rie in Gestalt der ausgearbeiteten WdL zu sprechen und dabei bessere Alternati-
17.11.2020

ven, die es zweifelsohne gibt, vorzuschlagen. Das eigene exegetische Verfahren


besteht vielmehr darin, den Text auf den argumentativen Fortgang im letzten
Kapitel der WdL zu ›bereinigen‹ und von allen die Argumentation mittelbar be-
treffenden Äußerungen, den äußerlichen Reflexionen, weitestgehend zu abstra-
hieren. Was so zurückbleibt, sind die kompletten Absätze 3, 12, 17 und einige
durch Gedankenstriche gekennzeichneten Teile der Absätze 4 – 6, 8, 14 – 16. In ih-
nen wird der argumentative Fortschritt erzielt, der in der Zuordnung des reinen
Begriffs und seinen Momenten zu der Methode und ihren Momenten besteht.
Das Desiderat einer solchen Zuordnung wird von Hegel unmissverständlich
zu Beginn des Methodenteils an drei zentralen Stellen und ausgehend von drei
unterschiedlichen Perspektiven erwähnt: Absatz 3 hält das Desiderat als Ergeb-
nis der vorhergegangenen Entwicklung fest, Absatz 4 pointiert dieses Ergebnis
für sich noch einmal und in Absatz 5 werden die Weichen für die noch zu er-
bringende Argumentation gestellt.140 Hegels Hauptthese im Methodenteil lau-
tet in nuce, dass die Methode eine bestimmte Form des Begreifens ist, die sich

140 Exemplarisch hierfür sind Hegels Aussagen zu Beginn des 4. und 5. Absatzes: »Was hiermit
als Methode hier zu betrachten ist, ist nur die Bewegung des Begriffs selbst, deren Natur
schon erkannt worden, aber erstlich nunmehr mit der Bedeutung, daß der Begriff alles und
seine Bewegung die allgemeine absolute Tätigkeit, die sich selbst bestimmende und selbst
realisierende Bewegung ist.« (GW 12: 374 = TWA 6: 551) »1. Das, was die Methode hier-
mit ausmacht, sind die Bestimmungen des Begriffes selbst und deren Beziehungen, die in

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 73

über den reinen Begriff und seine Momente definieren lässt und sich eben da-
rum von anderen Formen des Begreifens, allen voran dem endlichen Begreifen,
kategorisch unterscheidet. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich,
dass Hegel sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede zwischen dem end-
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lichen und absoluten Erkennen konstatiert: Gemeinsam ist beiden Erkenntnis-


formen die Tatsache, dass ihr Begreifen ein Begreifen ist, das sich in Urteilen
und Schlüssen artikuliert. Während aber das endliche Erkennen ein – wie Hegel
es nennt – »suchende[s] Erkennen«141 ist, das eben darum ›suchend‹ ist, weil es
seinen Gegenstand nicht an ihm hat, unterscheidet sich das absolute und reine
Erkennen in eben diesem Punkt: Die Realität seines Begriffs liegt nicht in ei-
ner von ihm unterschiedenen Wirklichkeit, der er sich anpassen oder die er zu
seinen Konditionen erst passend machen muss. Die begrifflichen Bedingungen
für das absolute Erkennen, das Hegel an anderen Stellen auch das »wahrhafte«
oder »vernünftige Erkennen« nennt,142 liegen im Begriff selbst, weil nur so das
Erkennen das sein kann, was es sein soll: ein absolutes und reines Begreifen,
das gerade deswegen absolut und rein ist, weil es seine Realität nicht außer sich
hat.
Dem bisherigen Zusammenhang ist zu entnehmen, dass sich die semantische
Struktur des reinen Begriffs von der endlicher und ›gewöhnlicher‹ Begriffe ka-
tegorisch unterscheidet. Das Urteil »Der Schnee ist weiß« enthält zwei Kompo-
17.11.2020

nenten: links einen Designator in Form eines singulären Terminus und rechts
eine Prädikation in Form eines allgemeinen Terminus.143 Seine Wahrheitsbedin-
gungen hat das Urteil nicht nur an und durch sich selbst, sondern an einer un-
abhängig von ihm vorgestellten Wirklichkeit: Der Schnee ist genau dann weiß,
wenn er (wirklich) weiß ist. Mit anderen Worten: Mit dem Urteil »Der Schnee
ist weiß« wird ein Sachverhalt gedacht, der bestehen oder nicht bestehen kann.
Er wird also nicht nur gedacht, sondern auch wirklich vorgestellt, nämlich als
mögliche Tatsache. Genau das soll aber beim Denken reiner Begriffe, wie Hegel
es vor Augen hat, nicht der Fall sein.144 Im Methodenteil lassen sich mindestens
vier Kriterien identifizieren, anhand derer a) das spekulative Begreifen für sich
und gegen anderes – nämlich endliches Begreifen – profiliert werden kann und

der Bedeutung als Bestimmungen der Methode nun zu betrachten sind.« (GW 12: 376 =
TWA 6: 553)
141 Vgl. GW 12: 369, 375, 392 = TWA 6: 548, 552, 566.
142 Vgl. GW 12: 376, 386 = TWA 6: 553, 561.
143 Vgl. auch: Koch, Anton Friedrich: Wahrheit, Zeit und Freiheit: Einführung in eine philoso-
phische Theorie. Münster 2013, 26 – 42.
144 Zum hegelschen Wahrheitsbegriff im Unterschied zum propositionalen und mathemati-
schen Wahrheitsbegriff vgl. Robert Stern, der hier eine klare Differenz zieht: Stern, Robert:
»Did Hegel Hold an Identity Theory of Truth. In: Mind 102 (1993), 645 – 47. Anders hinge-
gen Halbig. Halbig, Christoph: »Ist Hegels Wahrheitsbegriff geschichtlich?«. In: Subjekti-
vität und Anerkennung, hrsg. v. Barbara Merker. Paderborn 2003, 32 – 46, insb. 40.)

Beiheft 70
74 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

b) sich die den Methodenteil definierenden Absätze 3 bis 18 differenziert ein-


teilen lassen.
(1) Das erste Kriterium wurde oben bereits genannt: Der Gegenstand der Me-
thode ist ausschließlich der Begriff, der die »Modalität des Erkennens« und »die
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Seele aller Objektivität ist«.145 Diesem Kriterium lassen sich die Absätze 3, die
erste Hälfte des 4. Absatzes und das erste Drittel des 5. Absatzes zuordnen. In
ihnen macht Hegel deutlich, dass das absolute und reine Erkennen einer Me-
thode folgen, die gänzlich durch den Begriff und seine Form bestimmt sind, de-
ren ganze Komplexität sich in der Vermittlung der drei Begriffsmomente – All-
gemeines, Besonderes, Einzelnes – artikuliert. Eben dies ist das Markenzeichen
des absoluten Erkennens, das in Gestalt des reinen Erkennens erscheint: dass
der Begriff seine Wahrheitsbedingungen nicht an einem außer ihm befindli-
chen Gegenstand hat, zu dem er allererst in Beziehung gebracht werden muss.
Die Stellung der einzelnen Begriffsmomente im Funktionszusammenhang des
gesamten Erkennens ist Thema der folgenden Absätze, in denen die anderen
drei Kriterien des spekulativen Begreifens offen zutage treten: der Anfang beim
Allgemeinen, der Fortgang beim Besonderen und das Resultat beim Einzelnen.
(2) Dem zweiten Kriterium entspricht das erste Moment der Methode, der
Anfang, der zugleich das erste Moment des Begriffs ist: das Moment der Allge-
meinheit. Ihm lassen sich das zweite Drittel von Absatz 5 und die erste Hälfte
17.11.2020

von Absatz 6 zuordnen.146 In ihnen beschreibt Hegel den Anfang beim Allgemei-
nen. Thematisch und argumentativ schließt sich Hegel hier seinen Positionen
an, die er im Kapitel Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?
bereits in extenso vorgetragen hat: Wenn die Logik ein Erkennen im Sinne eines
begreifenden Denkens ist, dann darf sein erster und unmittelbarer Anfang nicht
der sinnlichen Anschauung oder Vorstellung entnommen werden, weil sein Un-
mittelbares dann nicht dem Denken allein entspränge, also kein reiner Begriff
wäre, sondern »ein [A]ufgenommenes, [V]orgefundenes, [A]ssertorisches«147.
Nicht nur wäre das Unmittelbare eines solchen und für die Logik ungeeigne-
ten Anfangs dann ein »Mannichfaltiges und Einzelnes«, sondern es wäre zudem
nicht einmal ein reiner Begriff, weil dem Begriff in diesem Fall ein nicht-be-
grifflicher Inhalt gegenüberstünde. Für den ersten unmittelbaren Anfang stellt
Hegel mindestens vier notwendige Bedingungen auf: Erstens muss die Unmit-
telbarkeit des Anfangs die »Form abstracter Allgemeinheit«148 haben. Zweitens

145 GW 12: 373 = TWA 6: 551.


146 Hegel selbst ordnet dem ersten Moment der Methode die arabische Ziffer »1« zu, die drei
Absätze enthält: die Absätze 5 – 7. Der 7. Absatz hat lediglich erläuternde und kommentie-
rende Funktion mit Blick auf die Darstellung der Methode und ist demzufolge – und nicht
zuletzt wegen des eigenen Fokus auf die Übergangsproblematik – zweitrangig.
147 GW 12: 376 = TWA 6: 553.

148 GW 12: 376 = TWA 6: 553.

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 75

darf der Anfang des begreifenden Denkens »nur im Elemente des Denkens« sein
und muss ein »Einfaches und Allgemeines« sein.149 Drittens kann der erste An-
fang nur dann ein erster sein, wenn er nichts als sich selbst bzw. seine Unmit-
telbarkeit voraussetzt, sich also nur auf sich selbst bezieht. Dies führt, viertens,
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dazu, dass der erste Anfang kein abgeleiteter sein darf, weil er dann nicht mehr
der erste Anfang wäre. Diesen Kriterien des ersten Anfangs entspricht der An-
fang der Logik beim reinen Sein: »In der Tat ist diese erste Allgemeinheit eine
unmittelbare und hat darum ebensosehr die Bedeutung des Seins; denn das Sein
ist eben diese abstrakte Beziehung auf sich selbst. Das Sein bedarf keiner ande-
ren Ableitung«150.
(3) Dem dritten Kriterium entspricht das zweite Moment der Methode, der
Fortgang, der zugleich das zweite Moment des Begriffs charakterisiert: das Mo-
ment der Besonderheit. Hegels Erläuterungen hierzu nehmen mit Abstand den
meisten Platz ein. Sie finden sich im ersten und dritten Drittel des 8. Absatzes,
im 12. Absatz, im ersten und zweiten Drittel des 14. Absatzes und im ersten

149 GW 12: 377 = TWA 6: 533.


150 GW 12: 377 = TWA 6: 553 f. Für die semantische Lesart der Logik ist charakteristisch, dass
sie ihren Ausgangspunkt in der natürlichen Sprache sucht. Die Leistung der spekulativen
Philosophie besteht dann darin, die im Hintergrund operierenden theoretischen Implika-
tionen der natürlichen Sprache freizulegen und auf diese Weise unseren eigenen Begriffs-
17.11.2020

gebrauch zu schärfen. Exemplarisch hierzu vgl. Bretos Aussagen: »Ordinary language is


theory-laden, and dialectics explicates […] the presuppositions and theoretical correlations
that underlie the semantic settlement of conceptual terms and govern their actual use. […]
Philosophy, thus, has to begin with natural language. […] But Hegel is obviously not a de-
scriptive philosopher or ordinary language. For ordinary expressions can be vague, their
meanings can be only partially determined and, most interesting for the dialectical proce-
dure, the class of their synonyms can be incoherent, giving rise to inconsistencies. There-
fore, philosophy also has to reshape meanings and intensional contents: it can criticize,
control, and improve our linguistic business in order to introduce distinctions and rectifi-
cations where there was only confused, unconscious practice.« (Berto, Francesco: »Hegel’s
Dialectics as a Semantic Theory: An Analytic Reading«. In: European Journal of Philosophy
15 (2007), 19 – 39, 20) Auf den Zusammenhang von natürlichem und spekulativem Begrei-
fen kann hier detailliert nicht eingegangen werden, weil hierfür die einleitenden Passagen
der WdL, auf die sich auch Breto bezieht, in den Blick genommen werden müssten. (Vgl.
in diesem Kontext auch das Kapitel Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht wer-
den?, das m.E. deutlich genug zeigt, wie Breto die von ihm benutzten textuellen Belege
überinterpretiert.) In jedem Fall zeigt der Methodenteil des letzten Kapitels der WdL, dass
Hegels primäres Anliegen nicht im Begreifen der natürlichen Sprache besteht – sei es affir-
mativ oder negativ. Unabhängig von der fehlenden textuellen (und nicht zuletzt philoso-
phiehistorischen) Evidenz einer solchen Hegel-Interpretation ist der Gegenstand des Den-
kens (bzw. des Begriffs) das Denken (bzw. der Begriff), dessen Entfaltung die Entfaltung
der Logik ist. Dass ein solches Denken (bzw. Begreifen) sich auch in unserem natürlichen
Sprachverhalten bemerkbar macht, ist a) nicht verwunderlich, aber darum b) noch nicht
das eigentliche und primäre Anliegen dieser Philosophie und schon gar nicht c) der Recht-
fertigungsgrund für ihren Anfang und Fortgang.

Beiheft 70
76 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

Viertel des 15. Absatzes. In ihnen beschreibt Hegel den Fortgang beim Beson-
deren. Für den Fortgang ist erstens charakteristisch, dass er sich dem Anfang
beim Allgemeinen anschließt, also ein Besonderes des Allgemeinen ist. Dies er-
gibt sich aus dem Umstand, dass beim spekulativen Begreifen die Vermittlung
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des Besonderen mit dem Allgemeinen nicht extern begründet sein darf, sondern
der Fortgang beim Besonderen dem Anfang beim Allgemeinen inhärieren muss.
Mit Blick auf den Fortgang ist aber für das Besondere auch zweitens charakte-
ristisch, dass jede weitere unmittelbare Bestimmung des Besonderen zugleich
eine mittelbare Bestimmung des Allgemeinen ist. Dies ergibt sich erneut aus
der Charakteristik des spekulativen Begreifens: Wenn nämlich der Begriff nur
sich selbst in Form seiner einzelnen Momente – der Allgemeinheit, Besonderheit
und Einzelheit – zum Gegenstand hat, dann ist jedes Sprechen über das Beson-
dere ein direktes oder indirektes Sprechen über das Allgemeine. Direkt ist dieses
Sprechen, wenn das Besondere ein direktes Prädikat des Allgemeinen ist. Indi-
rekt ist dieses Sprechen, wenn das Besondere als eigenständiges Subjekt genom-
men wird, dessen unmittelbare Prädikate mittelbare Prädikate des Allgemeinen
sind. Das Allgemeine hat insofern eine doppelte Bestimmung: das Besondere als
seine unmittelbare Bestimmung und die Bestimmung des Besonderen als seine
mittelbare Bestimmung.
In Anbetracht der logischen Entwicklung ergibt sich ein Vermittlungspro­
17.11.2020

blem im Begreifen des Anfangs beim Allgemeinen durch den Fortgang beim Be-
sonderen, das Hegel im Hinblick auf das absolute Erkennen »das Dialektische«151
nennt. Das Dialektische adressiert ein doppeltes Vermittlungsproblem. Das erste
Vermittlungsproblem ergibt sich aus der Forderung des Begriffs, den Begriff in
seiner Unmittelbarkeit in Form eines Urteils vermittelt auszudrücken. Selbst
wenn das Urteil nur das ausspricht, was der Begriff ist, scheint der Begriff seine
Bedeutung zu verändern und Gefahr zu laufen, widersprüchlich zu sein. Wird
bspw. der Anfang als ein Erstes und Unmittelbares definiert, so scheint das Ur-
teil prima facie das Gegenteil dessen auszusprechen, was der Anfang sein soll.
Denn als etwas Unmittelbares und Erstes darf der Anfang kein Vermitteltes,
kein Zweites und mithin Fortgang sein. Sobald also über den Anfang geurteilt
wird und ihm Prädikate wie »Allgemeinheit«, »Unbestimmtheit«, »Beziehung
auf sich selbst« usw. zugesprochen werden, wird in ihm eine Widersinnigkeit
deutlich: Seine Allgemeinheit ist nicht abstrakt, sondern enthält eine Bestimmt-
heit in sich; seine Unbestimmtheit ist nicht Unbestimmtheit per se, sondern ent-
hält Bestimmtheit; seine Beziehung auf sich enthält auch eine Beziehung auf
Anderes usw. Kurzum: Der Anfang als Gegenstand des reinen Denkens bzw.

151 »Dieses so sehr synthetische als analytische Moment des Urtheils, wodurch das anfängli-
che Allgemeine aus ihm selbst, als das Andere seiner sich bestimmt, ist das Dialektische zu
nennen.« (GW 12: 381 = TWA 6: 557)

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 77

Erkennens erscheint »in seiner Unmittelbarkeit und Allgemeinheit […] als ein
Anderes«152.
Das zweite Vermittlungsproblem folgt dem ersten. Es ergibt sich, sobald über
das Allgemeine geurteilt wird und sobald sich mindestens zwei Urteile gegen-
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überstehen, die jedes für sich und zusammengenommen scheinbar etwas an-
deres behaupten als das, was der Anfang sein soll. Dies lässt sich wie folgt er-
klären: Wie alle Urteile, so stehen auch Urteile, in und mit denen reine Begriffe
gedacht werden und die die Methode und (mit ihr) die Logik exemplifizieren,
nicht isoliert da. In diesem Sinne können Urteile – egal welcher Art – als ›Bau-
steine‹ für weitere und sich daran anschließende Urteile gebraucht werden und
die Rolle als Prämisse oder Konklusion in einem Schluss respektive einer Argu-
mentation einnehmen. Anders aber als bei endlichen Urteilen liegt die Wahrheit
nicht in einer dem Urteil als extern vorgestellten Sache, an der das Urteil seine
Wahrheitsbedingungen hat. Der Unterschied im Urteil des endlichen und ab-
soluten Erkennens liegt vielmehr in der Verknüpfung der im Urteil enthaltenen
Momente: Im Urteil des reinen Begriffs bildet nämlich das Prädikat das ver-
bindende (Binde-)Glied (medius terminus) zwischen dem ersten, anfänglichen
Urteil und dem zweiten, sich dem ersten Urteil anschließenden Urteil. Kurzum:
Wer ein Subjekt S denken will, muss auf seinen im Prädikat P ausgedrückten
Inhalt den ganzen Blick richten. Diese Inhaltsbestimmung, die den Fokus weg
17.11.2020

vom Subjekt und hin auf das Prädikat lenkt, initiiert ein zweites Urteil und (mit
ihm) ein zweites Prädikat, das auf das anfängliche Subjekt S des ersten Satzes
nicht unmittelbar und direkt, sondern vermittelt und indirekt bezogen ist. Den
Startpunkt des zweiten Urteils bildet das Prädikat des ersten Urteils, denn es
gilt: Soll das Subjekt inhaltlich bestimmt sein, so muss das Prädikat gedacht
werden. Das Denken des Prädikats P und seine Inhaltsbestimmung in Form ei-
nes zweiten Urteils ist demzufolge auch die Inhaltsbestimmung des anfängli-
chen Subjekts S. Wer also ein anfängliches Urteil »S – P« denken möchte, der
wird dem spekulativen Denken zufolge genötigt, ein zweites Urteil »P – P« zu
denken. Dieses zweite Urteil ist aber keine Iteration von P, sondern erweitert
seinen Inhalt. Denn im Satz »P  – P« unterscheiden sich beide Termini durch
ihren Funktionszusammenhang respektive ihre Rollen im Gesamtkontext. Das
linksstehende P ist das Prädikat des ersten Urteils und das Subjekt des zweiten
Urteils, während das rechtsstehende P das Prädikat des zweiten Urteils ist. So
kann das Urteil »P – P« auch als »P(S) – P(P)« gelesen werden. Das Prädikat des
zweiten Urteils P(P) ist also unmittelbar das Prädikat von P(S) und nur mittelbar
das Prädikat des Subjekts des ersten Urteils S. Formal betrachtet mag die Aus-
sage, dass das Prädikat des Prädikats von S – vgl. P(P) – auch das Prädikat von S
ist, nach einer trivialen Schlussfolgerungsregel klingen. Die Trivialität verklingt

152 GW 12: 381 = TWA 6: 557.

Beiheft 70
78 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

aber, sobald man sich aber vor Augen führt, dass mit dieser Schlussfolgerungs-
regel auch eine Bedeutungsverschiebung der einzelnen Termini einhergeht, weil
sich der Inhalt des anfänglichen Satzsubjekts durch das zweite Urteil erweitert.
Der gesamte Zusammenhang liest sich wie folgt:
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Erstes Urteil: S – P(S)


Zweites Urteil: P(S) – P(P)

Wie an der Hervorhebung zu erkennen ist, werden S und P(P) über P(S) als ihren
Mittelbegriff gedacht. P(P) ist auf diese Weise kein unmittelbares Prädikat von S,
sondern ein mittelbares, weil es über P(S) vermittelt auf S bezogen ist. Dies gilt
auch für den umgekehrten Fall: S hat nicht nur ein unmittelbares Prädikat P(S),
sondern auch ein mittelbares Prädikat P(P), das über P(S) vermittelt und auf S be-
zogen ist.153 Das zweite Vermittlungsproblem der Dialektik ist also auf ein Ver-
mittlungsproblem zwischen (mindestens) zwei Bestimmungen zurückzuführen.
Es ergibt sich auf Grundlage der immanenten Begriffsentfaltung in Form eines
Schlusses, denn es gilt: Wenn das Subjekt ins Prädikat übergeht und wenn das
Prädikat durch weitere Prädikate bestimmt wird, dann geht das Subjekt auch
in diejenigen Prädikate über, die Prädikate des Prädikats des Subjekts sind. Mit
anderen Worten: Wenn »S – P(S)« und »P(S) – P(P)« gilt, dann gilt auch »S – P(P)«.
17.11.2020

Der Gesamtzusammenhang liest sich also wie folgt:

Erstes Urteil: S – P(S)


Zweites Urteil: P(S) – P(P)
Schluss: S – P(P)

Die Übereinstimmung der Methode mit dem absoluten Erkennen im weiten


Sinn und mit dem reinen Erkennen im engen Sinn und ihre Zuordnung zum
reinen Begriff lassen sich am Text an mehreren Stellen beobachten. Hegel skiz-
ziert sie wie folgt: Sowohl das absolute als auch das reine Erkennen folgen einem
Syllogismus bestimmten Typs. In der ersten Prämisse ist das Erkennen ›ana-
lytisch‹, indem nur diejenigen Bestimmungen einer Sache – hier des Anfangs
beim Allgemeinen – explizit gemacht werden, die der Sache als solcher von sich
aus zukommen. So gesprochen spricht das analytische Urteil nur das aus, was
die Sache an sich ist: nämlich ein Allgemeines A, das nur dann das ist, was es ist,
nämlich ein Allgemeines A, wenn es ein Allgemeines von etwas ist, das ihm als
Besonderes B gilt. Im Urteil »A – B« ist B aber nicht nur Prädikat von A, mithin
B(A), sondern kann selbst als Grundlage weiterer Prädikation genommen wer-

153 Diese doppelte Rolle, die P(S) als verbindendes Glied zweier Urteile einnimmt, bezeichnet
Hegel in der PhG als »Gegenstoß«. Vgl. hierzu: GW 9: LXXVf. = TWA 3: 58.

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 79

den. Das auf diese Weise zustande gebrachte zweite, ›synthetische‹ Urteil, dessen
erstes Extrem B(A) (Subjekt) und dessen zweites Extrem B(B) (Prädikat) ist, steht
nicht isoliert und für sich da, sondern schließt sich als zweites Urteil dem ers-
ten Urteil an. Was so entsteht, ist das dialektische Moment im Begreifen, das ein
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Vermittlungsproblem zwischen dem Subjekt des ersten Urteils und seiner un-
mittelbaren und mittelbaren Prädikation im ersten und zweiten Urteil – B(A) und
B(B) – beschreibt, das im Schlusssatz »A – B(B)« offen zutage tritt.
Summa summarum kommt der Fortgang im spekulativen Begreifen dadurch
zustande, dass die anfängliche Unmittelbarkeit, der reine Begriff, das Allge-
meine A, das Erste, das reine Sein usw. zur Vermittlung, zum Urteil, zum Beson-
deren des Allgemeinen B(A), zum Zweiten, zum Nichts usw. fortschreitet. Die Be-
stimmung dieser Vermittlung, dieses Urteils, dieses Besonderen des Allgemeinen
B(A), dieses Zweiten, dieses Nichts usw. ist als Bestimmung zugleich eine Kon-
kretion der anfänglichen Unmittelbarkeit, des reinen Begriffs, des Allgemeinen
A, des Ersten, des reinen Seins usw. Um aber die Bedeutung dieser Konkretion
zu verstehen, muss im Denken fortgeschritten werden. Was auf diese Weise zu-
stande kommt, ist eine weitere Vermittlung, die bei der in Frage stehenden Be-
stimmung, dem Prädikat, ansetzt. Was auf diese Weise zustande kommt, ist ein
zweites Urteil (und mit ihm ein Schluss), ein Besonderes des Besonderen B(B) –
das unterschieden von dem Besonderen des Allgemeinen B(A) auch als Einzelnes
17.11.2020

E gelesen werden kann –, ein Drittes, ein Nichts, das nicht Nichts, sondern ein
Nichts des Seins und somit selbst ein Sein, aber kein reines und unmittelbares,
sondern ein gewordenes und vermitteltes Sein ist. Die abstrakte Form des abso-
luten und reinen Erkennens mittels der Methode, deren Momente sich am Be-
griff und seinen Bestimmungen orientieren, kann analog zum oben skizzierten
Schema »S – P(S) – P(P)« wie folgt illustriert werden:

Erstes Urteil: A – B(A)


Zweites Urteil: B(A) – B(B)/E
Drittes Urteil (Schluss): A – B(B)/E154

154 Was den Unterschied zwischen dem analytischen und synthetischen Moment des Erken-
nens betrifft, so macht Hegel im 8. Absatz des letzten Kapitels der WdL erneut auf die Dif-
ferenz zwischen dem endlichen und absoluten Erkennen aufmerksam. Wie dem Kapitel
über die Idee des Erkennens zu entnehmen ist, spalten sich der Begriff und seine Begriffs-
momente im endlichen Erkennen wie folgt auf: Das Allgemeine ist das Prädikat, das
a) das eine Extrem des Erkenntnisurteils ausmacht, das mit dem erkennenden Subjekt zu-
sammenfällt,
b) sich von dem als Gegenstand vorgestellten Einzelnen – dem anderen Extrem des Er-
kenntnisurteils – unterscheidet und
c) diesem Einzelnen durch Auflistung geeigneter und als Besonderes geltender Merkmale
zu entsprechen versucht. (Vgl. hierzu auch das Kapitel 1.2 und Hegels Ausführungen
zur Definition: GW 12: 333 – 336 = TWA 6: 517 – 519.)

Beiheft 70
80 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

(4) Wie bereits erwähnt, markiert das dialektische Moment der spekulativen
Methode ein Vermittlungsproblem zwischen einem anfänglichen Subjekt und
seinen unmittelbaren und mittelbaren Prädikaten. Die Auflösung dieses Ver-
mittlungsproblems erfolgt im dritten Moment der Methode, dem Resultat, dem
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das vierte Kriterium des spekulativen Begreifens entspricht und das zugleich das
dritte Moment des Begriffs kennzeichnet: das Moment der Einzelheit. Aussagen
hierzu finden sich vornehmlich im letzten Viertel des 15. Absatzes, im ersten
Viertel des 16. Absatzes und in Absatz 17. In ihnen beschreibt Hegel das Resultat
beim Einzelnen.
Die Tatsache, dass sich das dritte Moment der Methode begrifflich von den
anderen beiden unterscheidet, ergibt sich aus der spekulativ gedachten Form
des Urteils. Verglichen mit den ersten beiden Prämissen, dem analytischen und
synthetischen Urteil des absoluten und reinen Erkennens, ist das Resultat qua
Drittes ebenfalls urteilsförmig. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass das Re-
sultat die vermittelte Bestimmung in Form eines Schlusssatzes ausspricht, der
aus den ersten beiden Prämissen sukzessive folgt. Wenn bspw. die Bestimmung
des Anfangs beim reinen Sein seine Bestimmungslosigkeit ist und wenn mit der
Bestimmungslosigkeit weiter nichts gemeint sein soll als das Nichts, so ist das
reine Sein prima facie nichts anderes als das Nichts. Die weitere Bestimmung
dieses Nichts ist dann nicht einfach nur ein Rückfall in den Anfang. Vielmehr
17.11.2020

Im absoluten Erkennen hingegen sind die Begriffsbestimmungen der Sache selbst entnom-
men. Sie sind keine äußerlichen Merkmale für ein außenstehendes Erkenntnissubjekt, son-
dern gehören der Sache selbst an. So liegt es bspw. im Begriff des ersten Anfangs des reinen
Denkens, unmittelbar, unvermittelt, auf sich selbst bezogen usw. zu sein. Das analytische
Urteil spricht (im spekulativen Urteil) nur das aus, was dieser Anfang ist. Seine Prädikate
sind in diesem Sinne allgemein, dass der Anfang (als vorgestellter singulärer Terminus) un-
ter sie subsumiert werden kann. Auch wenn es viele mögliche Prädikate geben mag, die wir
Theoretikerinnen und Theoretiker dem zu denkenden Anfang beilegen können, so drücken
sie alle denselben (allgemeinen) Gedanken als besonderen aus. Der weitere Fortgang im ab-
soluten Erkennen besteht aus diesem Grund darin, den besonderen Begriff zu bestimmen.
Aus diesem Grund ist die analytische Bestimmung des absoluten Erkennens zugleich eine
synthetische, weil das Analytische nur das enthält, was der Sache allgemein zukommt, und
weil das Synthetische nur das aufnimmt, was ihr durch die Analyse als Besonderes darge-
boten wird. Kurzum: Das Allgemeine wird zum Besonderen und Einzelnen, das Analyti-
sche wird zum Synthetischen und der Begriff (des Anfangs) wird zum Urteil (Fortgang)
und Schluss (Resultat). Jede Seite ist im Hinblick auf das absolute Erkennen nur als Moment
unterschieden. Sie alle gehören aber gleichermaßen derselben Sache an und machen sie
aus, indem jedes Moment für sich Bedingung und Bedingtes, mithin Totalität ist. Wie der
Fortgang dem Anfang nicht entgegenstehen darf, darf das Denken des Besonderen nicht
gegen das Denken des Allgemeinen gerichtet sein, sondern der Fortgang und das Beson-
dere müssen mit Rücksicht auf das spekulative Denken als eine Weiterbestimmung – In-
volution – des Anfangs und des Allgemeinen genommen werden. Das Resultat, das aus der
Vermittlung der Allgemeinheit und Besonderheit entsteht, ist die Einzelheit, die nicht nur
das Besondere, sondern auch das Allgemeine konkret ausdrückt.

Hegel-Studien
Die Entsprechung von Begriff und Methode am Ende der Logik 81

wird mit ihm seine Bedeutung erweitert: So ist das Nichts nicht Nichts , sondern
das Nichts des reinen Seins und hat damit selbst ein Sein, das aber nicht das Sein
des reinen Seins per se ist. Als Nichts des Seins hat das Nichts eine das reine Sein
erweiternde Bedeutung, weil das Sein des Nichts kein unmittelbares und rei-
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nes Sein ist, sondern ein über das Nichts vermitteltes, entstandenes, gewordenes
Sein. Zusammengefasst reformuliert das Resultat in Form eines Schlusssatzes
nur die Konsequenz dessen, was die Unmittelbarkeit des Anfangs und seine Ver-
mittlung im Sinne des Fortgangs bereits entwickelt haben. Wie der Anfang, so
ist auch das Resultat eine Unmittelbarkeit und »einfache Beziehung auf sich«155,
also ein Allgemeines A. Weil das Resultat im spekulativen Urteil (als drittes Be-
griffsmoment) ferner so gedacht wird, dass es die Negativität bzw. Vermittlung
in sich enthält, ist es zugleich ein bestimmtes Allgemeines, also ein Besonderes
B. Als etwas Allgemeines, das dem Besonderen nicht bloß äußerlich gegenüber-
steht, sondern in ihm gesetzt ist und sich so von einem anfänglichen und abs-
trakten Allgemeinen – einer unbestimmten Unmittelbarkeit – unterscheidet, ist
das Resultat folglich ein vermitteltes (bzw. abgeleitetes) Unmittelbares, das als
Konkretes und Einzelnes E bezeichnet werden kann. Mit ihm kehrt das Resultat
nicht nur in den Anfang zurück, insofern es implizit und explizit auf ihn ver-
weist. Vielmehr und orientierend am Begriff und seinen Momenten erweitert
und entwickelt es den Anfang.
17.11.2020

Der Widerspruch, der auf das Vermittlungsproblem bei der Ausdifferenzie-


rung des Begriffs mittels seiner Begriffsmomente hinweist, kommt nur dann
zustande, wenn das Urteil und die in ihm und mit ihm gedachten Begriffsmo-
mente nicht spekulativ (in der oben skizzierten Bedeutung), sondern endlich
interpretiert werden.156 Für ein nicht-spekulatives Begreifen scheint die Fortent-
wicklung des Begriffs am Satz »A – B – E« immer dann widersprüchlich zu sein,
wenn B und E die Negation von A ausdrücken, ihm aber nicht (wie im Standard-
fall) ab-, sondern (wie im Fall des spekulativen Denkens) zugesprochen werden.
Am Fallbeispiel des Anfangs erklärt bedeutet dies, dass der Anfang als abstrakte
Allgemeinheit deshalb das ist, was er ist, nämlich Anfang und abstrakte Allge-
meinheit, weil er ein Erstes und bloß auf sich Beziehendes ist, also kein Zweites,
keine Beziehung auf Anderes, kein Fortgang und kein Besonderes. Weil das spe-
kulative Begreifen sich von anderen Formen des Begreifens aber dadurch aus-
zeichnet, dass es bei dieser einfachen Negation nicht stehenbleibt, sondern die
Negation als ›transitorisches‹ Mittel der begrifflichen Ausdifferenzierung inter-
pretiert und ihr mithin einen positiven Gehalt zuspricht, führt die Affirmation
des Negativen zu keinem Widerspruch. Die Widersinnigkeit und Widersprüch-

155 GW 12: 391 = TWA 6: 565.


156 Anders sieht das Hösle, der den Widerspruch als integralen und thematischen Teil der Me-
thode selbst interpretiert. Vgl. Hösles Zusammenfassung in Hösle:1988, 196.

Beiheft 70
82 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

lichkeit des Anfangs ergibt sich also nur dann, wenn der Anfang gegen den Fort-
gang (und das Resultat), die Allgemeinheit gegen die Besonderheit (und Einzel-
heit), die Unmittelbarkeit gegen die Vermittlung (und die vermittelte Unmittel-
barkeit), der Begriff gegen das Urteil (und den Schluss) und das Urteilssubjekt
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gegen seine Prädikation fixiert werden.


Die Auflösung des Vermittlungsproblems des reinen Begriffs für das endli-
che Begreifen besteht demgemäß in der Rückbesinnung auf ein Grundprinzip
des spekulativen Begreifens: dass das Prädikat unmittelbar das ausspricht, was
das Subjekt ist, und dass die Bestimmung des Prädikats eine (weitere) Bestim-
mung des Subjekts ist. Wenn also die Vermittlung, der Fortgang, das Urteil, das
Besondere, das Nichts usw. nicht das aussprechen, was die Unmittelbarkeit, der
Anfang, das Urteil, das Allgemeine, das reine Sein usw. sind, dann besteht ihre
Wahrheit in exakt dieser Negation. Sie zu bestimmen, heißt im spekulativen Be-
greifen fortzuschreiten, und zwar so: dass das Negative selbst die Rolle eines
Subjekts in einem neuen Urteil einnimmt. Eben diesen Aspekt im spekulativen
Begreifen konnotiert das Resultat beim Einzelnen. Es entwickelt die spekulative
Theorie weiter und löst das Vermittlungsproblem – die Dialektik – auf, weil es
die Entwicklung der Theorie und ihrer Begriffe an der Prädikation festmacht,
dabei aber nicht zwischen einzelnen Prädikaten notgedrungen und voreilig ent-
scheiden muss. Vielmehr gilt mit Blick auf das spekulative Begreifen: Wenn
17.11.2020

a) ein unmittelbares Prädikat P(S) (bzw. B(A)) und ein mittelbares Prädikat P(P)
(bzw. B(B)/E) ein und demselben Subjekt S (bzw. A) zugesprochen werden und
wenn
b) verlangt wird, dass ein bestimmtes Prädikat das Subjekt adäquat aus-
spricht, dann sind
c) P(S) (bzw. B(A)) und P(P) (bzw. B(B)/E) nicht die einzigen zur Verfügung ste-
henden Alternativen. Dies ist allein deswegen der Fall, da die Bedeutung des
mittelbaren Prädikats P(P) (bzw. B(B)/E) in Frage steht. Denn zu behaupten, dass
bspw. P(S) (bzw. B(A)), aber nicht P(P) (bzw. B(B)/E) dem anfänglichen Subjekt S
(bzw. A) zugesprochen werden muss, bedeutet zu wissen, was P(P) (bzw. B(B)/E)
ist. Auf dem momentanen Standpunkt der spekulativen Theorie ist aber genau
dies nicht der Fall. In diesem Sinne hält das Resultat beim Einzelnen lediglich
das vorläufige positive Ergebnis der spekulativen Theoriebildung fest: dass B(B)/E
(bzw. »A – B(B)/E«) derjenige Begriff (bzw. dasjenige Urteil) ist, der (bzw. das)
A adäquat ausspricht.157 Die Wahrheit dieser Aussage einsehen zu können, be-

157 Klaus Düsing liest den Schlusssatz direkt als Bestimmung des Einzelnen E, nämlich als
»E  – A«. Ein sachlicher Widerspruch zur eigenen Darstellung liegt hier m.E. nicht vor,
und zwar aus dem einfachen Grund, weil der nächste Schluss, der das Einzelne E zu sei-
nem Mittelbegriff hat, gleichermaßen als »A – E – B« oder als »B – E – A« gelesen werden
kann. Es stellt sich dennoch die Frage, warum Düsing nicht den naheliegenderen Schluss
qua drittes Urteil »A – E« zieht, mit dem das dialektische Moment gesetzt ist; denn E und

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 83

deutet, B(B)/E als Ausgangspunkt für ein weiterführendes und mögliches Urteil
»B(B)/E  – …« zu nehmen. (Im Verlauf der spekulativen Theoriebildung wird
sich zeigen, dass es einen ausgezeichneten reinen Begriff gibt, der als Begriffs-
operator alle anderen Begriffe umgreift – diese und sich aber gleichwohl ein-
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schränkt – und der die im Urteil enthaltene Forderung, der wahre Begriff zu
sein, auf bestimmte Weise ausspricht. Welcher Begriff das sein wird, wird in
Kapitel 4. diskutiert werden. Auf dem gegenwärtigen Standpunkt der Theorie-
entwicklung ist ein solcher Begriff freilich noch nicht absehbar. Absehbar ist
nur die Sukzession des Begriffs und seine spekulative Realisierungsform, die als
begriffliche Inklusion und Erweiterung zu interpretieren ist.) Der die Methode,
ihre Momente und Kriterien in nuce repräsentierende Gesamtzusammenhang
liest sich wie folgt:

Erstes Urteil (Anfang): A – B(A)


Zweites Urteil (Fortgang): B(A) – B(B)/E
Drittes Urteil (Resultat): A – B(B)/E
Viertes Urteil (Anfang'): B(B)/E – …
…158
17.11.2020

3.2 Die Prinzipien des spekulativen Begreifens

Als Quintessenz der obigen Argumentation lässt sich festhalten, dass das Resul-
tat beim Einzelnen nicht nur die Konsequenz des Fortgangs beim Besonderen
ausspricht. Als Resultat ist das Einzelne ein Fortschritt im eminenten Sinn: Auf
der syntagmatischen Ebene erweitert und differenziert es den reinen Begriff (in
seinem Begriffsumfang) positiv und auf der paradigmatischen Ebene schärft es
nicht A ist das vermittelte Prädikat von A. (Vgl. Düsing, Klaus: »Syllogistik und Dialektik
in Hegels spekulativer Logik«. In: Hegels Wissenschaft der Logik. Formation und Rekon-
struktion, hrsg. v. Dieter Henrich. Stuttgart 1986, 15 – 38, insb. 36.) Düsing scheint sich bei
der Anordnung der Begriffsmomente am Begriff des endlichen Urteils zu orientieren, bei
dem A der allgemeine Terminus ist, der die Rolle des Prädikats einnimmt und daher rechts
von E steht. Auf das spekulative Urteil kann diese Zuordnung aber nicht direkt übertra-
gen werden, und zwar aus dem einfachen Grund, weil E im spekulativen Urteil ebenso die
Rolle eines allgemeinen Terminus einnehmen kann.
158 Rainer Schäfer drückt dies wie folgt aus: »Die dialektische Methode ist in diesem Sinne

das eigentliche Ziel und Telos der gesamten Logik. […] Die dialektische Begriffsbewegung
besteht – verkürzt gesagt – darin, daß eine anfängliche, allgemeinere begriffliche Bedeu-
tungseinheit zunächst gesetzt wird, diese sich dann selbst in zwei einander entgegenge-
setzte besondere Bedeutungskomponenten aufspaltet und sich in einem dritten Schritt auf
höherer Ebene die entgegengesetzten begrifflichen Bedeutungsmomente wieder in einer
einzelnen Bestimmung vereinen. Eine solche begriffliche Bestimmungsbewegung vollzie-
hen alle Kategorien und Denkbestimmungen in der Logik.« (Schäfer:2002, 256)

Beiheft 70
84 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

unseren Blick für die methodischen Voraussetzungen der spekulativen Theorie


und verweist auf die Diversität ihrer Ausgestaltung. Wie alle anderen Momente,
so ist auch das Resultat Bestandteil des Urteils (eingebettet in einem inferenziel-
len Rahmen), in dem es einerseits die Rolle des Prädikats, andererseits die Rolle
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des Subjekts einnehmen kann. Als Prädikat spricht das Resultat beim Einzelnen
den logischen Anfang – und mit ihm den reinen Begriff – bestimmt aus. Wer
nun aber wissen möchte, was diese Bestimmung ist, muss diese Bestimmung
als Ausgangspunkt und zur Grundlage einer weiteren Bestimmung respektive
Prädikation nehmen. Was sich mit dem Resultat auf diese Weise einstellt, ist
nicht nur die Zuordnung der Methode mit ihren drei Momenten (Anfang, Fort-
gang, Resultat) zum Begriff mit seinen drei Momenten (Allgemeines, Besonde-
res, Einzelnes) und zum begreifenden Erkennen (Begriff, Urteil, Schluss). Mit
dem absoluten und reinen Erkennen, das deswegen absolut und rein ist, weil es
sich in seinen methodischen Voraussetzungen lediglich am Begriff und seinen
Momenten orientiert, ist gleichsam ein notwendiger Beziehungszusammenhang
zwischen Methode und dem an sie anschließenden System hergestellt, den es im
Folgenden zu erläutern und präzisieren gilt.
Den Gedanken, dass sich die Methode zu einem System von Begriffen er-
weitert, leitet Hegel gegen Ende des 18. Absatzes ein und diskutiert ihn ausführ-
lich(er) in den Absätzen 19 bis 26. Die dort zu entnehmende Hauptthese lautet,
17.11.2020

dass die Genese des Systems eins ist mit der spekulativen Begriffsentfaltung,
der Methode, bzw. dass jenes aus dieser entspringt. Wie vorhin gezeigt wurde,
lassen sich folgende Merkmale der spekulativen Methode identifizieren: Sie hat
es mit einem Begreifen zu tun, das immer dann ein reines Begreifen ist, wenn
a) der Begriff seine Realisierung nicht an einem ihm fremden Gegenstand
hat, den er – wie das endlich-begreifende Erkennen – allererst ›suchen‹ muss,
sondern
b) in eins fällt mit seiner Explikation in Form von Urteilen und Schlüssen, die
so aufgebaut sind, dass
c) es ein anfängliches, erstes Subjekt gibt, das
d) über seine Prädikation gedacht wird, und zwar so, dass
e) das im ersten Urteil enthaltene unmittelbare und erste Prädikat des an-
fänglichen Subjekts zum Subjekt eines neuen, zweiten Urteils wird,
f) dessen Prädikat das ursprüngliche Subjekt wiederum bestimmt ausspricht
und es mittelbar erweitert. Eben dieser Erweiterungsgedanke schafft den Um-
stand, dass die Begriffsbestimmung zu keiner Tautologie wird, weil der nach-
folgende Begriff als das Resultat eines durch die Methode geleiteten Gedankens
um den Unterschied erweitert wird und diesen expressis verbis ausdrückt. Das
Einzelne E ist nämlich nicht nur eine Bestimmung von B, sondern ebenso sehr
eine Bestimmung von A. Eben diese Erweiterung des Begriffs im Resultat, die
zugleich dessen Entwicklung ausmacht, charakterisiert den Begriff in toto: Zum

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 85

einen wird ein ›höherer‹ oder ›reicherer‹ Begriff gedacht, der darum ›höher‹ und
›reicher‹ ist, weil er andere Begriffe in sich enthält und somit etwas von sei-
ner anfänglichen Abstraktion einbüßt, dafür aber an Konkretion gewinnt. Zum
anderen ermöglicht die Erweiterung dem Begriff eine Differenzierung von an-
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deren (abstrakteren) Begriffen, sodass der Fortgang der logischen Entwicklung


nicht gleichgesetzt werden kann mit der Wiederholung ein und desselben Be-
griffs, sondern mit seiner (nicht zuletzt semantischen) Differenzierung.
Der Hauptunterschied zwischen der von Hegel in den Absätzen 3 bis 18 dar-
gelegten Methode und dem in den Absätzen 19 bis 26 exemplifizierten System-
gedanken kann werkimmanent so beschrieben werden, dass Hegel mit dem Sys-
temgedanken eine begriffliche Weiterbestimmung des Methodenbegriffs vor-
nimmt. Identisch sind Methode und System darin, dass beide einen Anfang,
einen Fortgang und ein Resultat haben. Wenn ein Unterschied zwischen ihnen
gemacht werden soll, dann betrifft er die Frage, ob das Resultat der Methode
relativ oder absolut zu setzen sei. Vor dem Hintergrund der obigen Erläuterun-
gen zur Methode und ihrer Stellung im logischen System mag diese Frage prima
facie gekünstelt klingen, ist doch der Abschluss der Logik qua logisches System
und qua logische Idee gerade durch die systemische Einsicht in das Verfahren
einer solchen Wissenschaft gekennzeichnet. Wenn also jeder reine Begriff durch
die Methode (re-)konstruiert werden kann, warum sollten wir uns noch mit Fra-
17.11.2020

gen nach Offenheit und Geschlossenheit des logischen Systems beschäftigen, die
mit der Exposition der Methode als beantwortet gelten können?
Eine erste und zunächst einmal ganz oberflächlich klingende Antwort auf
diese Frage beruft sich auf den Text der WdL und lautet, dass Hegel im Kapitel
Die absolute Idee nicht nur im 2., sondern auch im letzten Absatz expressis ver-
bis davon spricht, dass die absolute Idee nicht mit der logischen Idee gleichzu-
setzen sei.159 Daraus folgt ipso facto, dass für die Exposition der absoluten Idee
eine systemische Erweiterung der logischen Idee erforderlich ist, wenn sich jene
ebenfalls realisieren soll. In Anbetracht der sachlichen Verflechtung von Me-
thode und System in der Logik kann die textuelle Rahmung dieses Gedankens
nur bedeuten, dass es im Begriff der Methode liegen muss, sich zu einem solchen
System zu erweitern, das sich als System von anderen Systemen unterscheidet.160

159 In der Literatur findet sich diese Gleichsetzung leider allzu oft und hat ihre Wurzel wohl
schon bei Schelling selbst. Vgl. z. B. Onnasch, Ernst-Otto: »System und Methode in der
Philosophie Hegels«. In: Logik, Mathematik und Naturphilosophie im objektiven Idealis-
mus. Festschrift für Dieter Wandschneider zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Vittorio Hösle und
Wolfgang Neuser. Würzburg 2004, 79 – 89, insb. 87.
160 Für eine erfolgreiche Hegelinterpretation ist die so enge Verflechtung von Methode und

System ein nicht wegzudenkendes Kriterium. Vgl. auch Horstmanns im Ton zurückhal-
tende, aber in der Sache treffende Aussage, dass es »schwer von der Hand zu weisen [ist;
G. O.], daß von der Bestimmung des Programms und der Methode die Einschätzung von

Beiheft 70
86 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

Für das logische System führt diese Einschränkung zu einer Paradoxie, die im
Gedanken der Vollendung ihr Präjudiz hat: Abgeschlossen und vollendet ist das
logische System (Logik) genau dann, wenn es für andere Systeme (strukturell
und prinzipiell) offen ist. Die Auflösung dieser Paradoxie ist gleichzusetzen mit
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der Klärung der Übergangsfrage der Logik in die Natur und den programmati-
schen Folgen für die Realphilosophie. Sie muss sich aus dem sachlichen Zusam-
menhang von Methode und logischem System rekonstruieren lassen, den Hegel
im Kapitel über die absolute Idee entwickelt.
Der sachliche Zusammenhang von Methode und logischem System, vor des-
sen Hintergrund die Vollendungsthese und (mit ihr) Fragen nach Offenheit und
Geschlossenheit des logischen Systems allererst adressiert werden können, hat
zwei Seiten: eine inhaltliche und eine formale. Die inhaltliche Seite betrifft den
Gang der (spekulativen) Logik und ihre exemplarische Ausarbeitung in Gestalt
der WdL einschließlich ihres letzten Kapitels. Den sachlichen Beziehungszu-
sammenhang zwischen Methode und System auf dieser Grundlage zu beurtei-
len, setzt eine weitreichende Auseinandersetzung mit den einzelnen Gedanken-
schritten voraus, die an dieser Stelle nicht geleistet werden kann, die aber für
das Verständnis der formalen Interdependenz von Methode und System und
die Anschlussfrage nach der systemischen Offenheit und Geschlossenheit des
logischen Systems ohnehin nicht zwingend geführt werden muss. Denn für die
17.11.2020

Methode gilt ganz allgemein, dass sie die Form zum Inhalt hat, sodass die Ein-
sicht in die Formentfaltung gleichgesetzt werden kann mit der Einsicht in die
inhaltliche Ausdifferenzierung der Logik. (Kurzum: In der Logik verhält sich
die Form zum Inhalt wie das reine Begreifen des Begriffs zu seinen einzelnen
Begriffsbeispielen wie reines Sein, Nichts, Werden, Dasein usw.) Was die Form
betrifft, so kann generell festgehalten werden, dass das Resultat qua drittes Mo-
ment der Methode ein Prädikat ist, das zwar das anfängliche Subjekt konkret
und vermittelt über andere Prädikate ausspricht. Wie aber jedes Prädikat im
spekulativen Begreifen, so kann auch das als Resultat gedachte Prädikat einer
Denkbewegung zur Grundlage und zum Subjekt einer neuen und weiteren
Denkbewegung genommen werden. So betrachtet kann das Resultat der Anfang
eines neuen spekulativen Begreifens sein, das deswegen rein und selbstbestimmt
bleibt, weil der Begriff und seine Momente als Grundlage und Orientierung wei-
terhin bestehen bleiben.161

Art und Leistungsfähigkeit dieser Philosophie [hegelscher Prägung; G. O.] weitgehend ab-
hängt«. (Horstmann:1990, 11)
161 Zur Wiederholung: Das Resultat ist (zumindest vorläufig) die Auflösung des dialektischen

Vermittlungsproblems, insofern es ein weiteres Prädikat des Anfangs ist, das wiederum
erklärungsbedürftig ist. Die Auflösung des Vermittlungsproblems zwischen dem anfäng-
lichen Urteil »S – P(S)« bzw. »A – B« und dem im Schluss fixierten Urteil »S – P(P)« bzw.
»A – E« ist also identisch mit der Klärung der Frage, was P(P) bzw. E ist. Eben hierin besteht

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 87

Halten wir als Zwischenschritt Folgendes fest: Es gibt einen sachlichen Be-
ziehungszusammenhang von Methode und System, der sich auf der Formebene
fixieren lässt und der sich anhand der konsequenten Umsetzung der durch die
Methode selbst aufgetragenen Kriterien rekonstruieren lassen muss, deren uni-
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versale Form darin besteht, dass der reine Begriff sich in Urteilen und Schlüs-
sen artikuliert, die die Prädikation zur Basis haben. Was hieraus entsteht, ist
ein Beziehungszusammenhang von Begriffen (als möglichen Prädikaten), die
ein System konfigurieren, das rein (und logisch) genau dann ist, wenn das Sys-
tem es mit dem Begriff und seiner Form zu tun hat. Welche Begriffe, Urteile
und Schlüsse einem solchen System in concreto zugesprochen werden dürfen,
braucht die an der spekulativen Philosophie interessierte Person nicht eigens
erst zu ermitteln, weil die WdL als logisches System ein Beispiel dieser Methode
und Wissenschaft ist und am Ende inhaltlich und in Gestalt des letzten Kapitels
ausgebreitet vorliegt.162 In den Absätzen 19 bis 26 greift Hegel retrospektiv zahl-
reiche solcher Begriffe auf, die im Verlaufe der Theoriebildung in Erscheinung
getreten sind. Die Anfänge beim Sein, Wesen und Allgemeinen, die jeder der
für sich zugleich die drei Bücher der WdL – Die Lehre vom Sein; Die Lehre vom
Wesen; Die Lehre vom Begriff – grundlegen, können an dieser Stelle prominent
hervorgehoben werden. Sie alle haben nicht nur die Funktion der Erinnerung
und des Rückverweises. Vor dem Hintergrund der engen Verflechtung von Me-
17.11.2020

thode und System, das den thematischen Schwerpunkt des letzten Kapitels der

das Spezifikum des spekulativen Begreifens, das sich von dem endlichen Begreifen unter-
scheidet: Im spekulativen Begreifen ist das Prädikat die Substanz, in dem sich das Subjekt
›verliert‹ und über das hinaus nicht weitergedacht werden kann. Vor diesem Hintergrund
darf auch behauptet werden, dass alle Fragen rund um das Resultat beim Einzelnen gleich-
bedeutend mit der Frage sind, was das Einzelne E in einem möglichen Urteil »E  – …«
sei. Mit diesem Urteil sind nämlich nicht nur (indirekt) das anfängliche und (direkt) das
abschließende Urteil (vgl. »A – B« und »A – E«) adressiert, sondern auch (direkt) das sie
vermittelnde Urteil (»B – E«), das im begreifenden Erkennen als zweite Prämisse fungiert.
Letzteres ist deswegen der Fall, weil das Denken von E in »E – …« mit dem Denken von B
in »B – E« gleichzusetzen ist, an das es sich (ebenso wie an »A – E«) anschließt.
162 Vgl. hierzu einschlägig Hegels Aussage in der Einleitung und am Ende der WdL: »Das

Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen, und um dessen ganz einfache


Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist, – ist die Erkenntniß des logischen Satzes, daß das
Negative eben so sehr positiv ist […] Wie würde ich meynen können, daß nicht die Me-
thode, die ich in diesem Systeme der Logik befolgt, – oder vielmehr die diß System an ihm
selbst befolgt, – noch vieler Vervollkommnung, vieler Durchbildung im Einzelnen fähig
sey, aber ich weiß zugleich, daß sie die einzige wahrhafte ist.« (GW 21: 18 = TWA 5: 49 f.)
Vgl. ferner: »Das Positive in seinem Negativen, den Inhalt der Voraussetzung im Resultate
festzuhalten, diß ist das Wichtigste im vernünftigen Erkennen; es gehört zugleich nur die
einfachste Reflexion dazu, um sich von der absoluten Wahrheit und Nothwendigkeit dieses
Erfordernisses zu überzeugen, und was die Beyspiele von Beweisen hiezu betrifft, so besteht
die ganze Logik darin.« (GW 12: 386 = TWA 6: 561)

Beiheft 70
88 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

WdL bildet, haben solche Rückverweise argumentativen Gehalt, insofern sie die
These bekräftigen, dass die im letzten Kapitel der WdL beschriebene Methode
(mit ihren Momenten) der Selbstbestimmung des reinen Begriffs (mit seinen
Momenten) folgt und dass mit ihr das logische System definiert werden kann.163
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Für die Vollendungsthese bedeutet dies alles, dass sie (als Aussage) lediglich mit
Blick auf das Systemganze Gültigkeit besitzt und dass sich ihre Beglaubigung
und Bekräftigung aus der Form der Methode herauslesen lassen muss. Eine sol-
che Aussage, die die Form der Methode grundlegend und in allen einzelnen
Schritten der Entwicklung des logischen Systems begleitet, ist ein prinzipieller
Satz der Methode (und mit ihr der spekulativen Philosophie im Allgemeinen).
Für sie erfolgreich zu argumentieren bedeutet nicht zuletzt, der Logik eine syste-
mische Geschlossenheit zuweisen zu können und den Übergang der Logik in die
Natur (als einer anderen Sphäre) auf eine konkrete Sachfrage zu präzisieren.164
Ganz allgemein gesprochen gilt also, dass alle die spekulative Logik konsti-
tuierenden Prinzipien – darunter auch das Vollendungsprinzip – von eminen-
ter Bedeutung sind, wenn es darum geht, diese Wissenschaft durchzuführen.
Sie können und müssen sich aus der Methode selbst erschließen lassen und in
Formulierungen der WdL textuell nachgewiesen werden. Insgesamt gibt es min-
destens sieben dieser Prinzipien: das Immanenz-, Linearitäts-, Aufhebungs-, Er-
weiterungs-, Totalitäts- und Vollendungsprinzip und das Prinzip der Vorausset-
17.11.2020

zungslosigkeit. Bis auf das Linearitätsprinzip orientiert sich die Namensgebung


am letzten Kapitel der WdL.165
Das Immanenzprinzip: Das erste Prinzip, das direkt aus der Methode abge-
leitet werden kann, ist das sogenannte »Immanenzprinzip«. Den dem Imma-

163 Vgl. hierzu die eigenen Ausführungen in Kapitel 2. und Hegels Aussage am Ende des 2.
Absatzes, mit dem er den Methodenteil einleitet: »– Die logische Idee hat somit sich als die
unendliche Form zu ihrem Inhalte […] – Die absolute Idee selbst hat näher nur dieß zu ih-
rem Inhalt, daß die Formbestimmung ihre eigene vollendete Totalität, der reine Begriff, ist.
Die Bestimmtheit der Idee und der ganze Verlauf dieser Bestimmtheit nun, hat den Gegen-
stand der logischen Wissenschaft ausgemacht, aus welchem Verlauf die absolute Idee selbst
für sich hervorgegangen ist; für sich aber hat sie sich als dies gezeigt, daß die Bestimmtheit
nicht die Gestalt eines Inhalts hat, sondern schlechthin als Form, daß die Idee hiernach
als die schlechthin allgemeine Idee ist. Was also hier noch zu betrachten kommt, ist somit
nicht ein Inhalt als solcher, sondern das Allgemeine seiner Form, – das ist, die Methode.«
(GW 12: 373 = TWA 6: 550)
164 Von eben diesem Standpunkt des Absoluten als des Vollendeten geht Schelling in seiner

prinzipiellen Kritik an der Logik hegelscher Prägung aus. Sie macht allerdings nur einen
Teil der möglichen Kritik aus. Der andere Teil ergibt sich aus dem Zugeständnis der Voll-
endungsthese und ihren Folgen, also aus der Frage, was für Probleme der Rechtfertigung
des Übergangs der Logik in die Natur sich ergeben, wenn die Vollendungsthese akzeptiert
wird. Zu Schellings Interpretation der Vollendung der logischen Idee vgl. v. a. SW I, 10,
146 f. und 153 f.
165 Zum Linearitätsprinzip vgl. z. B. GW 21: 44 = TWA 5: 71.

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 89

nenzprinzip zugrundeliegenden Gedanken formuliert Hegel gleich zu Beginn


des Methodenteils, und zwar in der ersten Hälfte des 4. Absatzes. Dort heißt es:

Sie [Methode; G. O.] ist darum die höchste Kraft vielmehr die einzige und absolute
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Kraft der Vernunft nicht nur, sondern auch ihr höchster und einziger Trieb, durch
sich selbst in allem sich selbst zu finden und zu erkennen.166

Im 6. und 8. Absatz heißt es dann expressis verbis:

Da sie [Methode; G. O.] aber die objective, immanente Form ist, so muß das Un-
mittelbare des Anfangs an ihm selbst das Mangelhafte, und mit dem Triebe begabt
seyn, sich weiter zu führen.167

Die absolute Methode dagegen [anders als das verständige und endliche Erkennen;
G. O.] verhält sich nicht als äußerliche Reflexion, sondern nimmt das Bestimmte
aus ihrem Gegenstande selbst, da sie selbst dessen immanentes Prinzip und Seele
ist.168

In Kurzform besagt das Immanenzprinzip, dass jeder nachfolgende Begriff B2


sich aus dem unmittelbar vorhergegangen Begriff B1 ergibt. Es gilt also die Form:
17.11.2020

Wenn B1, dann B2 . Wie auf den Begriff B2 zu schließen ist, muss der Kontext er-
kennbar machen. In keinem Fall darf ein Begriff Bn aus irgendeinem beliebigen
Begriff Bm abgeleitet werden. Vielmehr gilt, dass nur aus einem direkten Ante-
zedens geurteilt werden darf. Begriffe und Sätze dürfen dem Immanenzprinzip
zufolge also nur unmittelbar und sukzessive durch die ihnen direkt vorherge-
henden Begriffe oder Sätze erschlossen werden. Nie darf aber von außen, z. B.
durch eine äußerliche Einteilung, die eine Verfasserin oder ein Verfasser, z. B.
Hegel, der Leserschaft der Übersicht wegen macht, in die Entwicklung einge-
griffen werden. In Anlehnung an die Methode lässt sich dieses Prinzip leicht er-
klären: Das Prädikat P darf nicht irgendein Prädikat P sein, sondern ein P des S,
also P(S) und nicht P(X). Selbiges gilt für den Anfang beim Allgemeinen und den
Fortschritt beim Besonderen: Das Besondere B ist parasitär an das Allgemeine A
gebunden, mithin ein Besonderes genau dann, wenn es ein Besonderes des All-
gemeinen ist (vgl. »A – B«).
Das Linearitätsprinzip: Das zweite Prinzip der Logik ist das, was hier und in
der Folge als »Linearitätsprinzip« bezeichnet wird. Wie das Immanenzprinzip,
so garantiert auch das Linearitätsprinzip den Fortgang im spekulativ-begrei-

166 GW 12: 375 = TWA 6: 552.


167 GW 12: 378 = TWA 6: 555.
168 GW 12: 380 = TWA 6: 556 f.

Beiheft 70
90 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

fenden Erkennen. Nur seinetwegen gilt: Wenn B1 gesetzt, aber B2 nicht gesetzt
ist, darf nicht direkt auf B3 geschlossen werden. Der Schluss von B1 auf B3 ist nur
über einen sie vermittelnden Begriff B2 möglich. Nur wenn B1 und B2 gesetzt
sind, kann auf B3 geschlossen werden, und alle drei Begriffe, B1 – 3, sind so mit-
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einander verknüpft, als ob sie wie durch eine Linie miteinander verbunden wä-
ren. Zusammengefasst und im Unterschied zum Immanenzprinzip besagt das
Linearitätsprinzip, dass auch mittelbar (über geeignete Mittelglieder) geschlos-
sen und im reinen Denken fortgeschritten werden darf. So betrachtet kann das
Linearitätsprinzip als eine quantitative Ausdehnung und Erweiterung des Im-
manenzprinzips interpretiert werden.169
Aus der spekulativen Methode lässt sich dieses Prinzip ebenfalls direkt ab-
leiten: Wenn »S – P(S)« bzw. »A – B« gilt, dann gilt nicht unmittelbar »S – P(P)«
bzw. »A – E«. Diese Schlussregel im spekulativen Denken teilt das Linearitäts-
prinzip mit dem Immanenzprinzip. Der Schluss von »S – P(S)« auf »S – P(P)« bzw.
von »A – B« auf »A – E« ist nur dann möglich, wenn ein adäquater Mittelbegriff
P(S) bzw. B vorliegt, über den geschlossen werden darf. Zusammengefasst ver-
vollständigt das Linearitätsprinzip das Immanenzprinzip, indem es das Imma-
nenzprinzip um eine mittelbare Folgerungsbeziehung erweitert, sodass bspw.
aus zwei Sätzen (Prämissen) auf einen dritten Satz (Schlusssatz) gefolgert wer-
den kann. Laut dem Linearitätsprinzip gilt also:
17.11.2020

B1 – B2
B2 – B3
B1 – B3
Das Aufhebungsprinzip: Das dritte Prinzip soll »Aufhebungsprinzip« heißen. Es
enthält drei Bedeutungen, die sich aus den beiden zuvor genannten Prinzipien
und nicht zuletzt aus der Methode ableiten lassen. Laut dem Immanenzprinzip

169 Der Gedanke des Linearitätsprinzips repräsentiert das sukzessive und widerstandslose
methodische Fortschreiten des Begriffs in allen seinen Momenten und findet sich unter
anderem im folgenden Satz ausgedrückt: »Die Methode ist deswegen als die ohne Ein-
schränkung allgemeine, innerliche und äußerliche Weise und als die schlechthin unend-
liche Kraft anzuerkennen, welcher kein Objekt, insofern es sich als ein äußerliches, der
Vernunft fernes und von ihr unabhängiges präsentiert, Widerstand leisten, gegen sie von
einer besonderen Natur sein und von ihr nicht durchdrungen werden könnte. […] sie ist
die eigene Methode jeder Sache selbst, weil ihre Tätigkeit der Begriff ist.« (GW 12: 374 f. =
TWA 6: 551 f.) Nicht selten wird der Gedanke der Linearität des Denkens im Kontext des
Gedankens der Vollendung erwähnt, in den er mündet und den Hegel oft über die Kreis-
metapher adressiert. Ein Beispiel hierfür findet sich in dem Kapitel Womit muß der Anfang
der Wissenschaft gemacht werden?: »Durch diesen Fortgang denn verliert der Anfang das,
was er in dieser Bestimmtheit, ein Unmittelbares und Abstraktes überhaupt zu sein, Ein-
seitiges hat; er wird ein Vermitteltes, und die Linie der wissenschaftlichen Fortbewegung
macht sich damit zu einem Kreise.« (GW 21: 44 = TWA 5, 71)

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 91

darf die Logik nur sukzessive und unmittelbar fortschreiten, also nicht von ei-
nem gesetzten Begriff B1 auf einen noch nicht entwickelten Begriff B3 schließen.
Das Linearitätsprinzip erweitert die inferenziellen Möglichkeiten des spekula-
tiven Denkens, indem es die mithilfe des Immanenzprinzips entwickelten Be-
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griffe miteinander vermittelt und B1 über B2 auf B3 mittelbar bezieht. Aber das
Linearitätsprinzip muss qualitativ eingeschränkt werden, weil die Bedeutung
jedes mit der Methode verbundenen Terms nicht gleich ist und auch nicht gleich
sein kann. Sie kann allein schon deshalb nicht gleich sein, weil z. B. das unmit-
telbare Subjekt S und das durch sein Prädikat P(S) und das Prädikat des Prädikats
P(P) vermittelte Subjekt nicht denselben begrifflichen Umfang teilen. Im ersten
Fall ist S das Unmittelbare, im letzten Fall ist es das vermittelte Unmittelbare,
also ein S, dem P(S) und P(P) gleichermaßen zugesprochen werden müssen. Ana-
log gilt dies auch für den Begriff und seine Bestimmungen: Das Resultat beim
Einzelnen ist nicht einfach nur identisch mit dem Anfang beim Allgemeinen,
da es das Besondere qua Negatives in sich eingeschlossen enthält. Das Einzelne
E ist somit eine bestimmte Bestimmtheit (des Allgemeinen).170 Um also zu ver-
stehen, was das Einzelne ist, müssen das Allgemeine und das Besondere gedacht
werden. Jede Bestimmung und jeder nachfolgende Begriff oder Satz ist laut dem
Aufhebungsprinzip nicht nur eine Negation des vorhergehenden Begriffs oder
Satzes, insofern er sich von ihnen unterscheidet. Vielmehr ›konserviert‹ er den
17.11.2020

Unterschied in einer Bestimmung oder einem Begriff, nämlich in dem Resultat


einer Gedankenbewegung. Diese Form der Konservierung rührt daher, dass im
Verlauf der Methode ein Begriff entsteht, der als Resultat eine Vermittlung und
mithin Bestimmungen enthält, die ihn ›reicher‹, ›höher‹ und konkreter machen
als jenen ersten Anfang.
Zusammengefasst kann mit Blick auf das Aufhebungsprinzip also behauptet
werden, dass mit ihm das Resultat die Vermittlung nicht außerhalb von sich ent-
hält, sondern in sich. So ist im Resultat beim Einzelnen der ursprüngliche An-
fang beim Allgemeinen wegen des Fortgangs beim Besonderen um eine neue Be-
deutung angereichert worden. Seine Bedeutungsanreicherung bringt es mit sich,
dass das nunmehr aus der Vermittlung gesetzte Positive des Anfangs konkreter
und komplexer geworden ist, dabei aber von der Bedeutung des Vorhergehenden
nichts eingebüßt hat, sondern diese bestimmt ausspricht. Kurzum: Den Anfang
beim Unmittelbaren und abstrakten Allgemeinen aufzuheben, bedeutet bei He-
gel, es zu ›verneinen‹ (negare), es in seiner Verneinung zu behalten (conservare)
und auf eine neue (begriffliche) Ebene oder ›Stufe‹ zu heben (elevare).
Der Gedanke der Aufhebung wird von Hegel oft nicht so artikuliert, dass er
alle drei Bedeutungen umfasst. Oft wird »aufheben« mit »verneinen« gleichge-

170 Hegel nennt eine solche Bestimmtheit in Adaption wesenslogischer Terminologie auch den
»Schein nach innen« (GW 12: 42 f. = TWA 6: 278 f.).

Beiheft 70
92 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

setzt, gelegentlich auch mit »aufbewahren«. Im 12. Absatz, in dem Hegel die spe-
kulative Methode in nuce skizziert,171 kommt der Aufhebungsgedanke in diesen
beiden Bedeutungen zum Vorschein:
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Diß ist nun selbst der vorhin bezeichnete Standpunkt, nach welchem ein allgemei-
nes Erstes an und für sich betrachtet, sich als das Andre seiner selbst zeigt. Ganz
allgemein aufgefaßt, kann diese Bestimmung so genommen werden, daß hierin
das zuerst Unmittelbare hiemit als Vermitteltes, bezogen auf ein andres, oder daß
das Allgemeine als ein Besonderes gesetzt ist. Das zweyte, das hierdurch entstan-
den, ist somit das Negative des Ersten; und indem wir auf den weitern Verlauf zum
Voraus Bedacht nehmen, das erste Negative. Das Unmittelbare ist nach dieser ne-
gativen Seite in dem Anderen untergegangen, aber das Andere ist wesentlich nicht
das leere Negative, das Nichts, das als das gewöhnliche Resultat der Dialektik ge-
nommen wird, sondern es ist das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelba-
ren; also ist es bestimmt als das Vermittelte, – enthält überhaupt die Bestimmung
des Ersten in sich. Das Erste ist somit wesentlich auch im Andern aufbewahrt und
erhalten.172

Der Anfang beim »allgemeine[n] Erste[n]«, »Unmittelbare[n]«, »Allgemeine[n]«


tritt im Fortgang in Vermittlung und wird so zum »zweyte[n]«, »Vermittelte[n]«,
17.11.2020

»Besondere[n]«. Ausgehend von diesem anfänglichen Ersten und Unmittelba-


ren erscheint der Fortgang als Negation: »Das zweyte […] ist somit das Negative
des Ersten und […] das erste Negative.« Von der Perspektive eines endlichen Be-

171 Der 12. Absatz ist in Anbetracht der Interpretation der Methode auch deshalb von beson-
derer Bedeutung, weil Hegel in ihm seine Methode unter Zuhilfenahme einer Grundope-
ration, der Negation, ausdrückt. Henrich und Koch greifen in ihren Interpretationen der
hegelschen Philosophie diesen Grundgedanken auf. Henrich definiert Hegels philosophi-
schen Umgang mit der Negation in Anlehnung an die drei Momente der Methode wie
folgt: »Für Hegels ›Negation‹ gilt ebenso wie für die klassische Negation der Aussagen­logik:
(1) Die Negation negiert etwas. (2) Die Negation kann auf sich selber angewendet wer-
den. (3) Der selbstreferentielle Gebrauch der Negation hat ein Resultat.« (Henrich, Dieter:
»Hegels Grundoperation«. In: Der Idealismus und seine Gegenwart, hrsg. v. Ute Guzzoni.
Hamburg 1976, 208 – 30.) Vgl. auch folgende Aussage von Henrich: »In turn, Hegel’s ›term‹
would have to fulfill three conditions: (1) it would have to be acceptable as a basic term of
rational discourse; (2) it would have to be the sole basis for building comprehensive logi-
cal structure; and (3) its issue in a logical structure would have to incorporate (a) complete
self-reference, and (b) the relationship between opposites so that they might, in some theo-
retical sense, amalgamate. […] Hegel believes that the term that can fulfill these conditions
is ›negation‹.« (Henrich, Dieter: Between Kant and Hegel. Cambridge (MA) 2003, 317) Zur
weiteren Übersicht vgl. auch Henrich:1978, 224 – 227. Für Koch vgl. Koch, Anton Friedrich:
»Die Selbstbeziehung der Negation in Hegels Logik«. In: Zeitschrift für philosophische For-
schung 53 (1999), 1 – 29.
172 GW 12: 385 f. = TWA 6: 561.

Hegel-Studien
Die Prinzipien des spekulativen Begreifens 93

greifens – bei Hegel: der Verstandesperspektive – scheint das »Unmittelbare […]


nach dieser negativen Seite in dem Anderen untergegangen«, d. h. verneint wor-
den zu sein. Aber anders als beim endlichen Begreifen zieht das spekulative Be-
greifen aus der Negation einen positiven Inhalt, denn »das Andere ist wesentlich
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nicht das leere Negative, das Nichts, […] sondern es ist das Andere des Ersten, das
Negative des Unmittelbaren«. Als parasitäre Operation ist die Negation an etwas
Affirmatives gebunden und kann demzufolge auch von dieser Seite betrachtet
werden. Das spekulative Begreifen, das sich für eben diesen Aspekt im Begreifen
interessiert, interpretiert demzufolge die Negation als eine weitere, affirmative
Bestimmung des Ersten und Unmittelbaren. Mit Hegel: Das Zweite als »das An-
dere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren; […] als das Vermittelte […] ent-
hält überhaupt die Bestimmung des Ersten in sich. Das Erste ist somit wesentlich
auch im Anderen [dem Zweiten; G. O.] aufbewahrt und erhalten.«
Das Aufheben in der eminenten Bedeutung von »elevare«, mit der die ande-
ren zwei Bedeutungen immer mitgedacht werden, kommt namentlich erwähnt
nicht oft vor. Im letzten Kapitel finden sich allerdings mehrere Passagen, aus de-
nen sich die dreifache Bedeutung des Aufhebungsgedankens herauslesen lässt.
Prominent hervorgehoben werden kann hier der Anfang des 17. Absatzes. Dort
schreibt Hegel:
17.11.2020

Näher ist nun das Dritte das Unmittelbare, aber durch Aufhebung der Vermittlung,
das Einfache durch Aufheben des Unterschiedes, das Positive durch Aufheben des
Negativen, der Begriff, der sich durch das Andersseyn realisiert, und durch Auf-
heben dieser Realität mit sich zusammengegangen [ist; G. O.], und seine absolute
Realität, seine einfache Beziehung auf sich hergestellt hat. Diß Resultat ist daher die
Wahrheit. Es ist ebensosehr Unmittelbarkeit als Vermittlung […].173

Der im Zitat artikulierte Aufhebungsgedanke orientiert sich an der dritten Be-


deutung des Begriffs »aufheben«: Das »Dritte« ist ein Begriff (z. B. B3), der den
Unterschied zu anderen Begriffen (z. B. B1 – 2) weder negiert noch nivelliert, son-
dern in seinem eigenen Begriff mitrepräsentiert. Denn als abgeleiteter Begriff ist
er ein Resultat eines ihm vorangegangenen Prozesses, von dem er nicht abstra-
hieren kann, ohne sich selbst zu verneinen. Seine Bedeutung (z. B. als B3) hängt
also wesentlich von der Bedeutung der ihm vorausgegangenen Begriffe (z. B.
B1 – 2) ab. In diesem Sinne ist der Begriff nicht nur ein Anfang und ein Unmittel-
bares. Er ist auch nicht nur ein Fortgang und eine Vermittlung. Als Resultat ist
er »ebensosehr Unmittelbarkeit als Vermittlung«, also ein vermitteltes Unmittel-
bares.

173 GW 12: 390 f. = TWA 6: 565.

Beiheft 70
94 Die spekulative Methode im Kontext der Logik

Erweiterungsprinzip: Das vierte Prinzip ist das »Erweiterungsprinzip«. Es


gleicht dem Aufhebungsprinzip, insofern beide Prinzipien den qualitativen Un-
terschied der einzelnen Begriffe, Urteile und Schlüsse garantieren, sodass je-
des Moment im Fortgang nicht gleichwertig zu betrachten ist. Jedoch lä