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© Felix Meiner Verlag 2013 | 10.28937/978-3-7873-2454-5 | 978-3-7873-2454-5 | Freie Universität Berlin, Universitätsbibliothek |

Vorwort .......................................................................................................... 11

1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik als Selbsterkenntnis


des Verstandes und der Vernunft ........................................................ 13
§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik«; seine Beziehung
zur kantischen Kritik der traditionellen Logik ...................... 13
§ 2 Die philosophische Wende Kants und ihre
Fortentwicklung durch das hegelsche Projekt einer
Wissenschaft des Logischen ...................................................... 22
§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als
interpretatorischer Schlüssel des hegelschen Ansatzes .......... 28
§ 4 Die Logik im Verhältnis zum historischen Stand
der konkreten Wissenschaften .................................................. 39
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1.2 Der Anfang des logischen Diskurses und die Suppositionen


der Vorstellung ....................................................................................... 45
§ 5 Der Standpunkt des kreisförmigen Wissens ............................ 45
§ 6 Die Frage nach dem Anfang ...................................................... 51
§ 7 Anfang des logischen Diskurses und intellektuelle
Anschauung ................................................................................. 56
§ 8 Einführung des Suppositionsbegriffes; einleitende
Bemerkungen über seine Bedeutung und seine Operativität
in der Logik .................................................................................. 61

1.3 Logisches Denken und Vorstellung: Aufgabe einer Logik als


prima philosophia in Bezug auf die Zeichen machende
Intelligenz ........................................................................................... 66
§ 9 Die Ambivalenz des Vorstellungsbegriffes .............................. 66
§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen ....................... 71
§ 11 Die Entstehung des Zeichens; das Gedächtnis und sein
organischer Zusammenhang mit dem Denken ....................... 79
§ 12 Die Idee der vollbrachten Aneignung und die Entfaltung
der Sache selbst ............................................................................ 92
6 Inhalt

1.4 Die drei Achsen des logischen Diskurses und die Struktur
des Zeichens ........................................................................................... 101
§ 13 Einleitende Bemerkungen .......................................................... 101
a) Die Frage nach der Konstitution des logischen
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Diskurses; erklärende Anmerkungen über den


Gebrauch des Ausdruckes »Achse« .................................... 101
b) Der Zusammenhang zwischen der Metaphorizität der
Vorstellungen und der Verschiedenheit signans-signatum 104
c) Erwiderung auf einen möglichen Einwand; die
Unterscheidung zwischen allgemeiner und reiner
Apriorität ................................................................................ 108
§ 14 Erste Achse: Der Verstand .......................................................... 112
a) Der Verstand und das Vorgefundensein der logischen
Bestimmungen ...................................................................... 112
b) Analytisches Deutlichmachen und die Sichselbst-
gleichheit der gegebenen Denkinhalte ............................... 114
c) Die anfängliche Identität der logischen Inhalte mit sich
und das metaphysische Modell des Inbegriffes
der Realitäten ......................................................................... 116
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§ 15 Zweite Achse: Die Dialektik oder das Negativ-Vernünftige ... 126


a) Die Auflösung der suppositio und die Konfusion
der Denkinhalte .................................................................... 126
b) Dialektische Betrachtung des Paares Repulsion-
Attraktion ............................................................................... 131
c) Die Dialektik als Kontinuität-schaffende Instanz und
die Idee der vollbrachten Skepsis ........................................ 138
§ 16 Dritte Achse: Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige ........ 144
a) Ununterscheidbarkeit und principium rationis ................. 144
b) Bestimmtheit des Nichtigen und konstatierende
Zusammenfassung der verflüssigten Bedeutungen;
die spekulative Operation als reflektierende Aneignung 152
c) Die Unvorstellbarkeit des Spekulativen und die
Bedeutungslosigkeit des logischen Denkens ..................... 163

2.1 Die Seinslogik: Unfreies Werden und Beziehungslosigkeit .............. 168


§ 17 Der Ausgang des logischen Diskurses:
Die primären Zeichen »Sein« und »Nichts« ............................ 168
a) Bejahung und Verneinung als »pre-semantische
Bestimmungen« der Logik ................................................... 168
Inhalt 7

b) Sein und Nichts als höchste genera; das Problem der


metabasis zwischen den beiden und die Möglichkeit
des logischen Anfangs .......................................................... 172
c) Werden als erster konkreter Gedanke; die spekulative
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Auffassung der Wahrheit ..................................................... 177


§ 18 Allgemeine Bemerkungen über die Sphäre des Seins ............ 186
a) Das Sein und das Element der Unmittelbarkeit ................ 186
b) Anschauliche Evidenz und Gleichartigkeit:
Die logische Umkehrung des Intuitionismus .................... 190
c) Die Idee der Gleichgültigkeit gegen jede Grenze .............. 198

2.2 Die Wesenslogik (I): Reflexion und Subjekt ....................................... 200


§ 19 Einleitende Bemerkungen .......................................................... 200
§ 20 Der Begriff vom Wesen und der logische Actus
der Reflexion ................................................................................ 203
§ 21 Die zwei Deutungen des Reflexionsbegriffes und ihre
Vereinigung bei Kant; die Reflexion und das Subjekt ............ 209
§ 22 Der konstitutive Mangel der Verbindung durch nexus;
die Struktur der Reflexion und der Gegensatz
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Intuition-Diskurs ........................................................................ 215

2.3 Die Wesenslogik (II): Manifestation und Notwendigkeit ................. 227


§ 23 Die Wesenheiten: Die logische Umdeutung der allgemeinen
Wahrheitskriterien ...................................................................... 227
§ 24 Der Fortgang von der reinen zur realen Vermittlung;
die Auffassung des Wesens als Wirkprinzip ............................ 236
§ 25 Das Konzept der Manifestation und die expressive
Auffassung der Verbindung durch nexus ................................. 242
§ 26 Die Wirklichkeit; die Kategorien der Relation und
der Begriff von Macht ................................................................. 247
§ 27 Die spekulative Zusammenfassung der Wechselwirkung
und der Abschluss der Wesenslogik ......................................... 259
a) Der Begriff der Kausalität; die spekulative Virtualität
des Zeichens »Begriff« .......................................................... 259
b) Die Abschaffung der (kontingenten) Kluft zwischen
dem Übergeordneten und dem Untergeordneten;
der Begriff als das Freie ........................................................ 266
c) Die endgültige Überwindung der nexus-Struktur und
ihre Folgen ............................................................................. 271
8 Inhalt

2.4 Der Begriff des Begriffes: Die logische Struktur des Subjekts .......... 275
§ 28 Einleitende Bemerkungen .......................................................... 275
a) Kurze Rekapitulation der Ergebnisse und Plan
des Kapitels ............................................................................ 275
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b) Der Begriff und der freie Wille ........................................... 277


c) Der Begriff und das Ich ........................................................ 279
§ 29 Der Begriff als Subjekt ................................................................ 284
a) Der Begriff in sich: Die logische Auffassung der
Allgemeinheit als allumfassendes vehiculum ..................... 284
b) Die freie Verendlichung des Begriffs; die Aporie der
Reflexion anhand des Gegensatzes Allgemeinheit-
Besonderheit .......................................................................... 295
c) Die Rückkehr des Begriffes in sich: Die Einzelheit ........... 305
§ 30 Schlussbemerkungen .................................................................. 316
a) Der letzte Quellpunkt aller Tätigkeit .................................. 316
b) Das Subjekt und der Diskurs ............................................... 321
c) Die logische Auffassung des Subjekts und das Schicksal
der Philosophie ..................................................................... 325
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Abkürzungsverzeichnis ................................................................................. 327


Literaturverzeichnis ...................................................................................... 329
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VORWORT

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2009 von der Philoso-


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phischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Disserta-


tion angenommen. Die ursprüngliche Fassung wurde von mir bearbeitet und
korrigiert. Ich möchte an dieser Stelle all denjenigen meinen Dank ausspre-
chen, die mir bei der Entstehung dieser Arbeit geholfen haben.
Zu ganz besonderem Dank bin ich meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr.
Hans Friedrich Fulda, verpflichtet. Seine engagierte Betreuung während der
Promotionszeit und der Bearbeitung, sein Interesse an meiner Arbeit, seine
wertvollen Hinweise sowie seine freundliche und vertrauensvolle Unterstüt-
zung haben wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen. Auch für
seine tatkräftige Unterstützung bezüglich der Durchsicht und des Korrektur-
lesens des gesamten Manuskriptes bin ihm vom ganzen Herzen dankbar.
Ebenso möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Martin Gessmann für die
unkomplizierte Zusammenarbeit und für die freundliche Bereitschaft zur
Übernahme des Zweitgutachtens bedanken. Weiterhin möchte ich Herrn
Prof. Dr. Jens Halfwassen für den Vorsitz im Rahmen der Disputation dan-
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ken. Mein Dank gilt ebenfalls den Herausgebern für die Aufnahme der Arbeit
in diese Schriftenreihe.
Dem Cusanuswerk möchte ich für die großzügige Förderung meiner Pro-
motion besonders danken. Pater Dr. Thomas Rutte gilt ein großer Dank für
seine Unterstützung und die inspirierenden Gespräche.
Besonders danken möchte ich an dieser Stelle meinen Lehrern an der Uni-
versität von Barcelona Herrn Prof. Dr. Francesc Josep Fortuny (†), Herrn
Prof. Dr. Salvi Turró und Herrn Prof. Dr. Felipe Martínez Marzoa.
Ganz besonders dankbar bin ich meiner Familie und meinem Freundes-
kreis, die mich mit Geduld und Unterstützung im Laufe der Jahre beglei-
tet haben. Für ihren Enthusiasmus und starken Rückhalt bin ich meiner
Freundin, Erika Elizabeth Pinner, unendlich dankbar. All den Kollegen und
Bekannten, die durch Gespräche und intellektuellen Austausch zur Entste-
hung dieser Arbeit beigetragen haben, sei hiermit auch gedankt. Ein ganz
besonderer Dank gebührt meinen Eltern, denen ich diese Arbeit widme. Ihre
Ermunterung und immerwährende Unterstützung hat die Verwirklichung
dieser Arbeit erst möglich gemacht.
Dies gesagt, gilt es abschließend ausdrücklich festzuhalten, dass sämtliche
Fehler, Versäumnisse und Auslassungen alleine in meiner Verantwortung
stehen.
Berlin, im Juli 2012 José María Sánchez de León Serrano
1.1 Einleitung:
Die Wissenschaft der Logik als Selbsterkenntnis
des Verstandes und der Vernunft
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§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik«; seine Beziehung zur


kantischen Kritik der traditionellen Logik

Die Wissenschaft der Logik Hegels stellt sich als derjenige Diskurs vor, der
die Bestimmungen des reinen Denkens zum Gegenstand seiner Betrachtung
hat. Die Art dieses Diskurses hat den Anspruch, wie der Titel selbst zu ver-
stehen gibt, wissenschaftlich zu sein. Dies bringt das Folgende mit sich: Wird
das Logische – in einem noch zu klärenden Sinn – als die für jeden Wissens-
bereich gültige Gesetzmäßigkeit aufgefasst, dann muss nicht nur der Gegen-
stand der Betrachtung, sondern auch die Betrachtung selbst jener Gesetzmä-
ßigkeit entsprechen. Wenn wir uns ausdrücklich auf »die« Logik beziehen,
d. h. auf eine Gültigkeit, die jeglicher partikulären Gesetzmäßigkeit voraus-
geht, dann müssen wir zwangsläufig annehmen, dass eine Betrachtung mit
Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, welche diese Gültigkeit behandeln will,
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nicht nach einer ihrem Objekt heterogenen, fremden Wissenschaftlichkeit


konstituiert sein kann. Aber welchen Sinn hat es dann, überhaupt von einer
»Wissenschaft der Logik« zu sprechen? Denn, gibt es eigentlich eine andere
Form, das Logische unter dem Namen »Logik« darzustellen, welche nicht
wissenschaftlich ist? Es scheint allerdings pleonastisch zu sein, die Art des
Diskurses mit dem Adjektiv »wissenschaftlich« einschränken zu wollen: Im
Ausdruck »Logik« ist bereits diese Wissenschaftlichkeit implizit angedeu-
tet, wie es bei den Ausdrücken »Physik« oder »Chemie« der Fall ist. Aber
wenn das so ist, warum schreibt Hegel nicht einfach nach dem traditionellen
Brauch »Logik«, anstatt »Wissenschaft der Logik«?1 Mit diesem Titel scheint
Hegel andeuten zu wollen, dass es in der Tat möglich ist, die Logik unwissen-
schaftlich bzw. auf eine ihrem Gegenstand unangemessene Art darzustellen.
Von dieser Logik, welche zur Zeit Hegels als – mit den Worten Kants – »de-
monstrierte Theorie« gilt, will sich Hegel gerade mit dem angehängten Aus-
druck »Wissenschaft« distanzieren.
Um die Problematik hinter dem Titel »Wissenschaft der Logik« besser
verstehen zu können, müssen wir zunächst die Position Kants hinsichtlich

1 Außer »Logik« verwendete man zur Zeit Hegels auch Ausdrücke wie »Vernunft-
lehre« (Reimarus), »Theorie des Denkens« (Maimon), »Doctrina syllogistica« (Sulzer)
oder »Dianoiologie« (Lambert), aber nicht »Wissenschaft der Logik«.
14 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

der Logik in Betracht ziehen. Das hegelsche Projekt einer Wissenschaft des
Logischen nimmt sich gerade vor, gleichzeitig die Konsequenzen dieser Po-
sition zu ziehen und sich von derselben abzugrenzen. Bei Kant ist bereits
eine eingehende Kritik an den herkömmlichen »Darstellungen der Logik«
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zu finden;2 die wesentlichen Züge derselben seien nun im Folgenden zusam-


mengefasst. Vor allem richtet sich diese Kritik an den verbreiteten Glauben,
die Logik hätte sich nach ihrer Geburt vermeintlich »materiell« weiterentwi-
ckelt.3 Aber die aus verschiedenen Wissensbereichen kommenden Elemente
(vornehmlich aus der Psychologie, Metaphysik, Anthropologie, usw.), die ihr
im Laufe der Zeit hinzugefügt worden sind, können nicht als eigentliche Er-
weiterungen der Logik betrachtet werden.4 Die Idee einer inhaltlichen/ma-
teriellen Erweiterung der Logik widerspricht eigentlich der Natur der Logik
selbst, denn diese, als das System der Verstandesregeln »ohne Unterschied
der Gegenstände«5 aufgefasst, kann lediglich allgemeine formale Kriterien
der Wahrheit verleihen. Mit anderen Worten: Die Logik ist kein Organon des
Verstandes, das ihm materielle, auf bestimmte Objekte bezugnehmende Kri-
terien für die inhaltliche Erweiterung der Erkenntnisse geben könnte, son-
dern ein Kanon, »um die Gesetze der Übereinstimmung des Verstandes mit
sich selbst zu bestimmen«.6 Da die logischen Gesetze streng allgemein sind,
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d. h. vom Objekt unabhängig, und nur als solche die conditio sine qua non für
jedes Verfahren des Verstandes ausmachen, kann man von ihnen nicht er-
warten, dass sie den Fortschritt der Wissenschaften vorantreiben, denn das,
was für einen bestimmten Gegenstand gilt, muss nicht notwendigerweise für
einen anderen gelten.7 Aus dem Übersehen dieses Unterschiedes entsteht die
illusorische Annahme des Dogmatismus, dass die Gegenstände sich bloß
vermittels logischer Regeln erkennen lassen.
An dieser Kritik interessiert uns momentan das Folgende: Nach Kant
scheinen zwei Aspekte wesentlich miteinander verbunden zu sein, nämlich,
dass die Logik nur ein Kanon der Vernunft sein kann und dass sie als ein sol-
cher Kanon unfähig ist, im Wesentlichen erweitert oder vermehrt zu werden.
Nach Kant sind die bisherigen »Darstellungen der Logik« zunächst als wis-
senschaftlich unrein anzusehen, weil sie, wie bereits gesagt, mit Elementen

2 Dazu siehe J. Vuillemin: »Reflexionen über Kants Logik«, in: Kant-Studien, Bd. 52,

Heft 3, 1960–1961, S. 310–335. Hier: 310.


3 KrV B VIII–IX; Vgl. J. Vuillemin, ebd.
4 Vgl. J. Vuillemin, ebd.; KrV B VIII; WL I, 36.
5 Kant: Logik, A 4.
6 J. Vuillemin, a. a.O., 310–311; Vgl. Kant: Logik, A 5–6.
7 Kant: Logik., A 71: »Denn ein Erkenntnis, welches in Ansehung eines Objektes wahr

ist, kann in Beziehung auf andre Objekte falsch sein.«


§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik« 15

anderer Wissenschaften vermengt sind.8 Ihre »Unreinheit« besteht aber auch


darin, dass sie falsche Ansichten über die wahre Natur der Logik enthalten,
aus welchen u. a. ein unrichtiger Gebrauch der logischen Regeln folgt. In bei-
den Fällen bleibt dennoch die Logik als solche wesentlich intakt. Und das
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könnte nach Kant nicht anders sein, denn die Geburt der Logik als Diszi-
plin musste notwendigerweise mit ihrer Vollendung zusammenfallen. Diese
ursprüngliche Vollendung macht eine wesentliche Modifikation derselben
unmöglich, und deshalb ist die Kritik Kants an den traditionellen Darstel-
lungen eigentlich nicht gegen die Logik als solche gerichtet. Außer der Tat-
sache, dass die Logik als Kanon kein allgemeines materielles Kriterium der
Wahrheit verleihen kann (weil so etwas »sogar in sich selbst widersprechend«
ist9), gibt Kant einen weiteren Grund der frühen Vollendung der Logik an.
Die Logik wird von Kant als »eine Selbsterkenntnis des Verstandes und der
Vernunft« definiert.10 Das kantische Argument zugunsten der ursprüng-
lichen Vollendung der Logik und der Unmöglichkeit ihrer inhaltlichen Er-
weiterung ist dann so konstruiert: Wenn der Verstand in der Logik »es mit
nichts weiter, als sich selbst und seiner Form, zu tun hat«,11 dann musste er
notwendigerweise, aufgrund dieser konstitutiven Begrenztheit (man könnte
sogar sagen: Vertrautheit mit sich), das System seiner Gesetze früher als der
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Rest der Wissenschaften in einen beharrlichen Zustand bringen.12 Hätte der


Verstand bei seiner Selbsterkenntnis mit anderen Objekten als sich selbst zu
tun gehabt, dann hätte er zwangsläufig Zeit gebraucht, um die Schritte seiner
sukzessiven Erweiterungen und neuen Erfindungen überhaupt durchlaufen
zu können. Da es aber in der Logik lediglich um die Form des Denkens bzw.
um das, ohne welches gar kein Denken möglich wäre, geht, sind bei ihr wei-
tere Entwicklungen undenkbar.13

8 Vgl. J. Vuillemin, a. a.O., 310; KrV B VIII–IX: »Es ist nicht Vermehrung, sondern

Verunstaltung der Wissenschaften, wenn ihre Grenzen ineinander laufen läßt; die Grenze
der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, daß sie eine Wissenschaft ist, welche
nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es mag a priori oder empirisch sein, einen
Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle, in unserem Gemüte zufällige oder natür-
liche Hindernisse antreffen,) ausführlich darlegt und strenge beweiset.«
9 Kant: Logik, A 71.
10 Kant: Logik, A 7.
11 KrV B IX.
12 Ebd.: »Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloß ihrer Einge-

schränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden ist, von allen Objekten
der Erkenntnis und ihrem Unterschiede zu abstrahieren, und in ihr also der Verstand es
mit nichts weiter, als sich selbst und seiner Form, zu tun hat. Weit schwerer musste es na-
türlicher Weise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen,
wenn sie nicht bloß mit sich selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; […].«
13 Kant: Logik, A 19: »In den jetzigen Zeiten hat es eben keinen berühmten Logiker
16 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

Nach dieser Auffassung muss sich die autonome Position der Logik in Be-
zug auf die konkreten Wissenschaften in ein historisches Vorausgehen und,
noch wichtiger als das, in eine endgültig geschlossene doktrinäre Gestalt
(welche, wie Kant bemerkt, »keinen Schritt vorwärts« tun kann)14 überset-
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zen. Andernfalls wäre die Selbstständigkeit der Logik verletzt, sofern sie an
der faktischen Entwicklung der Wissenschaften gebunden wäre, was mit ih-
rem kanonischen Charakter kollidiert. Das, was, mit kantischen Worten, den
»Vorhof der Wissenschaften«15 ausmacht, muss auch zeitlich früher als die
konkreten Wissenschaften konstituiert sein und kann von denselben über-
haupt nicht beeinflusst werden. Dieser Gedanke ist mit einem anderen in-
nig verbunden, nämlich, dass es für die Vernunft irgendwie »einfacher« sein
musste, ihre eigenen Gesetze zu entdecken und sie streng zu beweisen, als
anderweitige Objekte nach Gesetzen zu bestimmen, wie es beim Rest der
Wissenschaften der Fall ist.16 Leichter musste es für sie vor allem sein, weil
ihre Gesetze und Regeln den Charakter der strengen Notwendigkeit besit-
zen, d. h. sie sind von keinem Objekt abhängig – sonst wären sie zufällig –
und machen somit die notwendigen (aber nicht hinreichenden) Bedin-
gungen der objektiven Wahrheit aus.17 Die Vernunft kann diese Regeln un-
mittelbar bei sich selbst finden, »bevor« sie sich an irgendein Objekt richtet.
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Untersuchungen anderer Art, wie z. B. nach dem Ursprung der Begriffe (ob-
wohl über einen logischen Ursprung gesprochen werden kann), was kann
der Verstand erkennen usw., fallen nicht in den Bereich der Logik, sondern
in den der Metaphysik.18 Indem die Logik von diesen Aufgaben – welche,
mit den Kants Worten, die »höchsten Zwecke der menschlichen Vernunft«
ausmachen – enthoben ist, ist ihre Arbeit viel einfacher und einer früheren
Vollendung fähiger.
Aufgrund des notwendigen Charakters der Regeln, die sie darstellt, ist
die Logik nach Kant »eine Doktrin oder demonstrierte Theorie«.19 Die Not-

gegeben, und wir brauchen auch zur Logik keine neuen Erfindungen, weil sie bloß die
Form des Denkens enthält.«
14 KrV B VIII.
15 KrV B IX.
16 Vgl. KrV B IX.
17 Kant: Logik, A 72: »Diese formalen, allgemeinen Kriterien sind zwar freilich zur

objektiven Wahrheit nicht hinreichend, aber sie sind doch als conditio sine qua non der-
selben anzusehen.«
18 Kant: Logik, A 7: »Ich werde in der Logik nicht fragen: Was erkennt der Verstand

und wie viel kann er erkennen oder wie weit geht seine Erkenntnis? Denn das wäre Selbst-
erkenntnis in Ansehung seines materiellen Gebrauchs und gehört also in die Metaphysik.
In der Logik ist nur die Frage: Wie wird sich der Verstand selbst erkennen?«
19 Ebd.; KrV B IX; B 78.
§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik« 17

wendigkeit der Regeln dieser Theorie zu demonstrieren heißt hier so viel


wie: Zeigen, »dass vermittels ihrer allein ein Gegenstand gedacht werden
kann«.20 Der Gegensatz zu einer demonstrierten Doktrin wäre hiergegen ein
Diskurs, der seine Elemente nicht streng beweist, sondern sie einfach nach
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willkürlichen, empirischen Regeln auffindet und ohne Methode zusammen-


stellt, also ein Verfahren eher nach der Methode der Induktion als der der
Deduktion.21 Unklar ist aber in diesem Zusammenhang der Unterschied
zwischen der Notwendigkeit der logischen Gesetze als solcher und der Not-
wendigkeit der wissenschaftlichen Darstellung selbst, welche diese Gesetze
systematisch beweisen und ableiten muss. Wenn die Wissenschaftlichkeit
der Logik als demonstrierte Theorie darin besteht, dass sie sich »lediglich
mit den allgemeinen und notwendigen Gesetzen des Denkens überhaupt
beschäftiget«,22 dann hängt ihre Wissenschaftlichkeit mehr von der Natur
ihres Gegenstandes als von der Art ihrer Behandlung ab. Daraus erhellt, wa-
rum nach Kant die Logik sowohl ihren Beginn als auch ihre Vollendung als
Wissenschaft mit Aristoteles gefunden hatte: Er »hatte keinen Moment des
Verstandes ausgelassen«,23 d. h. es gibt keine notwendige Bestimmung des
Denkens, die von ihm nicht abgedeckt und registriert wurde. Die einzige
Unvollkommenheit, die bei diesem ihrem ursprünglichen Zustand zu fin-
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den ist, hat laut Kant nur mit einem Übermaß von »entbehrlichen Subti-
litäten« zu tun, was die Gültigkeit des doktrinalen Kerns nicht im Minde-
sten betrifft.24 Die wissenschaftliche Vollendung wird in diesem Kontext mit
der vollständigen Ausschöpfung von Inhalten identifiziert: Nur indem alle
diese Inhalte entdeckt und formuliert werden, erreicht die Logik ihren end-
gültigen wissenschaftlichen Status, ganz unabhängig davon, ob die Betrach-
tung dieser Inhalte noch nicht die ihnen angemessene wissenschaftliche
Form besitzt. Nach dieser frühen Fixierung kann sich eine Kritik an der Lo-
gik, so wie Kant sie vollzieht, lediglich gegen ihre noch unvollkommenen,
aber in Ansehung der erreichten wissenschaftlichen Gültigkeit eigentlich

20 KrV A 97. An dieser Stelle der KrV wird das Beweisen im Kontext der Deduktion
der Kategorien gebraucht, d. h. nur in Ansehung der auf Objekte gerichteten Verstandes-
handlungen. Dennoch scheint uns hier die Synonymität, trotz der Verschiedenheit der
Kontexte, gerechtfertigt: »Diese Begriffe nun, welche a priori das reine Denken bei jeder
Erfahrung enthalten, finden wir an den Kategorien, und es ist schon eine hinreichende
Deduktion derselben, und Rechtfertigung ihrer objektiven Gültigkeit, wenn wir beweisen
können: daß vermittelst ihrer allein ein Gegenstand gedacht werden kann.«
21 Zur induktiven Methode siehe KrV B 106–107.
22 Kant: Logik, A 7.
23 Kant: Logik, A 18.
24 KrV B VIII; Vgl. Kant: Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren,

1762.
18 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

unwesentlichen, methodischen Aspekte, oder gegen einen unrichtigen Ge-


brauch derselben richten, was eigentlich eher mit einer philosophischen Idee
der Stelle der Logik innerhalb der Gesamtheit der menschlichen Erkennt-
nisse als mit ihrer inneren Beschaffenheit zusammenhängt. Mit diesem letz-
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ten, für unsere Untersuchung folgenreichen Aspekt beschäftigen wir uns im


Folgenden.
Dass es die Folge einer philosophischen Einsicht und nicht der Logik selbst
sei, den wissenschaftlichen Gang der Logik als vollendet festzusetzen und ihr
die Stelle eines Kanons des Verstandes zuzuschreiben, bedeutet, dass die dar-
gestellte Idee der Logik von ursprünglicheren Grundvorstellungen bedingt
ist, die ihre vermeintliche Autonomie als Selbsterkenntnis des Verstandes
und der Vernunft in Frage stellen. Wie bereits bemerkt, bleibt die Logik nach
Kant inhaltlich »unberührt« ganz unabhängig davon, ob sie als Kanon oder
als Organon aufgefasst wird; die Fixierung ihres Ortes im System der Er-
kenntnisse ist ihr äußerlich. Das macht sie aber gar nicht autonom, sondern
von einer bestimmten Idee des Wissens abhängig, die sie »gegen den Reich-
tum der Weltvorstellung, gegen den real erscheinenden Inhalt der anderen
Wissenschaften«25 isoliert hält. Paradoxerweise fällt es nicht in die Zustän-
digkeit der Logik, als »Prinzipien- und Normenlehre aller Wissenschaften«26
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konzipiert die theoretischen Grundannahmen zu hinterfragen, welche ihr


einen bestimmten Platz neben anderen Wissenschaften zuweisen.27 In die-
ser Hinsicht ist das Folgende besonders hervorzuheben: Die Logik kann
von solchen Grundannahmen und Voraussetzungen überhaupt nicht frei
sein, wenn sie in dieser »unveränderlich tradierten« Form genommen wird,
gleich, ob sie als ein Organon (Lambert) oder als ein Kanon (Kant) verstan-
den wird. Denn die Gültigkeit einer solchen Logik liegt darin begründet,
dass die »Momente des Verstandes«, wie bereits gezeigt, von ihr vollständig
abgedeckt sind. Die so aufgefasste Logik ist überhaupt nicht imstande, die
Voraussetzungen, auf welchen sie beruht und welche ihr diese konkrete Ge-
stalt geben, zum Gegenstand ihrer Untersuchung zu machen. Diesen Vor-
aussetzungen gemäß wird die Logik als Selbsterkenntnis des Verstandes und
der Vernunft ihren Anforderungen gerecht, indem sie die Strukturen, in wel-

25
WL I, 41.
26
E. Husserl: Formale und transzendentale Logik (1929), 2. Auflage, Tübingen 1981, 14.
27 WL I, 42: »Die erste Bekanntschaft mit der Logik schränkt ihre Bedeutung auf sie

selbst ein; ihr Inhalt gilt nur für eine isolierte Beschäftigung mit den Denkbestimmungen,
neben der die anderen wissenschaftlichen Beschäftigungen ein eigener Stoff und Gehalt
für sich sind, auf welches das Logische etwa einen formellen Einfluß hat, und zwar einen
solchen, der sich mehr von selbst macht und für die wissenschaftliche Gestalt und deren
Studium allerdings auch zur Not entbehrt werden kann.«
§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik« 19

chen »jedes menschliche denkende Wesen sich apriori findet«,28 bloß »trans-
parent« macht.29 Diese Strukturen machen somit unhinterfragbare, jeglicher
Denktätigkeit »vorgelagerte«30 Gegebenheiten aus, und als solche sind sie
nicht nur für die Logik, sondern auch für den philosophischen Standpunkt
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selbst, auf welchem diese Logik basiert, konstitutiv nicht anders als durch
bloßes Auffinden erforschbar. Daraus ergibt sich die fast unbedeutende Rolle
der Logik in der philosophischen Diskussion: Die fundamentalen Fragen des
Wissens sind nicht Sache der Logik, nicht nur weil die logischen Regeln von
jeder philosophischen Position zwangsläufig vorausgesetzt werden müssen,31
sondern – hier ist der springende Punkt – weil diese fundamentalen Fragen
nicht auf die innere Beschaffenheit des Denkens als solchen gehen. Die Lo-
gik vermag nicht die Funktion einer prima philosophia zu übernehmen, weil
diese ihre »gegebenen Sachverhalte«32 direkt durch die von der Logik trans-
parent gemachten Denkstrukturen untersucht, ohne dieselben zu prüfen.
Logik und prima philosophia bleiben zwangsläufig verschieden, sofern das
begreifende Denken in der prima philosophia mit etwas anderem als seinen
eigenen Strukturen zu tun hat. Die Voraussetzung, dass dieses vorgegebene
Andere »real« ist im Gegensatz zu den logischen Denkformen, reduziert die
Logik auf eine bloße Normenlehre ohne philosophischen Charakter.
20.11.2020

28 R. Brandt: Die Urteilstafel. Kritik der reinen Vernunft A 67–76; B 92–101, Hamburg
1991, 91.
29 R. Brandt, a. a.O., 92: »Wir ›haben‹ diese Formen und können sie daher in einer

transzendentalphilosophischen Reflexion nicht ableiten, sondern nur auffinden und


transparent machen.«
30 Wir lassen uns hier von der Ausdrucksweise von R. Brandt inspirieren (a. a.O., 91;

Hervorhebung von mir, J. S): »Diese der cartesischen Subjektivität vorgelagerte Logik ist
die Sphäre, in der sich der Mensch nicht mehr in einer (gemeinsamen) Raum-Zeit-Welt
findet, sondern an einer gemeinsamen Erkenntnislogik partizipiert.«
31 So sagt Jäsche in seiner Vorrede zur Ausgabe der kantischen Logik (A XX–XXI):

»Bei dieser allgemeinen Anerkennung der Richtigkeit der allgemeinen Logik ist daher
auch der Streit zwischen den Skeptikern und den Dogmatikern über die letzten Gründe
des philosophischen Wissens nie auf dem Gebiete der Logik, deren Regeln jeder vernünf-
tige Skeptiker so gut als der Dogmatiker für gültig anerkannte, sondern jederzeit auf dem
Gebiete der Metaphysik geführt worden. Und wie konnte es anders sein? Die höchste
Aufgabe der eigentlichen Philosophie betrifft ja keineswegs das subjektive, sondern das
objektive – nicht das identische, sondern das synthetische Wissen. – Hierbei bleibt also
die Logik als solche gänzlich aus dem Spiele; und es hat weder der Kritik, noch der Wis-
senschaftslehre einfallen können – noch wird es überall einer Philosophie, die den tran-
szendentalen Standpunkt von dem bloß logischen bestimmt zu unterscheiden weiß, ein-
fallen können –, die letzten Gründe des realen, philosophischen Wissens innerhalb des
Gebiets der bloßen Logik zu suchen und aus einem Satze der Logik, bloß als solchem
betrachtet, ein reales Objekt herausklauben zu müssen.«
32 J. Kopper: Das transzendentale Denken des deutschen Idealismus, Darmstadt 1989, 4.
20 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

Die Umkehrung dieses Sachverhaltes, welche die hegelsche Logik vollzieht,


wird gerade von Kant nahegelegt. Mit der sogenannten kopernikanischen
Wende, die Kant in die Philosophie einführt, nähern sich Metaphysik und
Logik einander an, indem die erste sich in eine »immanente Metaphy-
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sik der rationalen Anfangsgründe unserer Natur- und Selbsterkenntnis«33


verwandelt. Die bereits gegebene Definition der Logik als Selbsterkennt-
nis des Verstandes und der Vernunft wird somit auch für die Metaphysik
selbst geeignet.34 Es handelt sich dennoch nicht um dieselbe Logik, welche
(nach kantischer Auffassung) die Tradition seit Aristoteles uns »unverän-
dert« überliefert hat, obwohl sie im wesentlichen Zusammenhang mit ihr
steht. Diese neue Logik – von Kant bekanntlich »transzendental« genannt
in Bezug auf die alte Transzendentalienlehre – hat ebenfalls die Verstandes-
handlungen35 zu ihrem Gegenstand, aber im Unterschied zur allgemeinen
Logik erforscht sie dieselben im Hinblick auf ihr Vermögen, Erkenntnis der
Gegenstände ohne die Mithilfe der Erfahrung zu geben. Daraus erhellt, wa-
rum Kant mit solcher Entschiedenheit die Vollendung der allgemeinen Lo-
gik behauptet, denn von ihr als Kanon für die formale Übereinstimmung
des Verstandes mit sich selbst ist keine befriedigende Antwort zu den drin-
genden Fragen der Metaphysik zu erwarten, sondern nur von einer »Lo-
20.11.2020

gik der Wahrheit«,36 des Namens »transzendentale Logik«, welche an diese


Fragen durch die »Entschlüsselung« der Natur unserer Vernunft herangeht.
Die Irrelevanz der Logik in der philosophischen Diskussion ist darauf zu-
rückgeführt worden, dass die prima philosophia ihre vorgegebenen Gegen-
stände durch die logischen Regeln direkt erforscht. Die Übereinstimmung
des Verstandes mit seinen eigenen Regeln ist eigentlich, da sie ohne Unter-
schied der Gegenstände geschieht, wahrheitsindifferent.37 Keine Erkennt-
nis kann im Widerspruch mit den universellen Normen der Logik stehen,

33 H. F. Fulda: »Spekulative Logik als die ›eigentliche Metaphysik‹. Zu Hegels Ver-

wandlung des neuzeitlichen Metaphysikverständnisses«, in: D. Pätzold, A. Vanderjagt


(Hrsg.), Hegels Transformation der Metaphysik, Köln 1991, S. 9–27. 12.
34 WL I, 35: »Die kritische Philosophie machte zwar bereits die Metaphysik zur Logik,

[…].«
35 Zur »Verstandeshandlung« (operatio mentis) als terminus technicus der Logik in der

Zeit Kants siehe R. Brandt, a. a.O., 53–55.


36 KrV B 87.
37 Dazu siehe R. Stuhlmann-Laeisz: Kants Logik, Eine Interpretation auf der Grundlage

von Vorlesungen, veröffentlichten Werken und Nachlaß, Berlin, New York 1976, 33: »Nun
›verlieren‹ zufolge unserer Interpretation (b) genau diejenigen Urteile ›alle Wahrheit‹, die
mit keinem Gegenstand (möglicher Erkenntnis) übereinstimmen, denen also jedenfalls
schon die ›transzendentale Wahrheit‹ fehlt. Dann aber verlieren diese Urteile eben auch
die gewöhnliche Korrespondenz, insofern ›alle Wahrheit‹.«
§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik« 21

aber gerade deshalb kann kein partikuläres Objekt anhand dieser Normen
erkannt werden. Ebenso wenig kann eine Erkenntnis der transzendentalen
Logik widersprechen,38 nicht aber aufgrund der Wahrheitsindifferenz, die
der allgemeinen Logik eigen ist, sondern weil sie gerade die Prinzipien der
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objektiven Erkenntnis in der inneren-logischen Beschaffenheit unseres Den-


kens sucht. Im Unterschied zur allgemeinen Logik, bleibt diese Logik nicht
außerhalb der metaphysischen Streite, denn diese betreffen das Verhältnis
zwischen dem Erkennen und seinen Gegenständen, worauf die transzenden-
tale Logik gerade ihre Aufmerksamkeit richtet.39 Infolgedessen kann diese
neue Logik leisten, was die traditionelle Logik überhaupt nicht zu leisten
vermochte und ihr eine irrelevante Position in den Wissenschaften berei-
tete, nämlich: als eine fundierende prima philosophia die »letzten Gründe«
zu untersuchen und sich als die erste Wissenschaft an die Spitze des ganzen
Systems der philosophischen Erkenntnisse zu stellen.
Trotz dieser Wende auf die innere Beschaffenheit des Denkens hin, wel-
che die Metaphysik zur Logik macht, ist die transzendentale Logik immer
noch von der zugrundeliegenden Idee geleitet, dass das Interesse der Meta-
physik sich auf die Erkenntnis von »realen Objekten« richtet und dass die-
ser definierende Zug sie der allgemeinen Logik als bloßer Selbsterkenntnis
20.11.2020

des Verstandes und der Vernunft entgegensetzt. Die innere Beschaffenheit


des Denkens wird von der transzendentalen Logik im Hinblick auf dessen
Vermögen untersucht, das »Reale«, als dem »bloß Logischen« entgegenge-
setzt, zu erkennen. Aus diesem Grunde erhält die allgemeine Logik bei Kant
ihre Stelle »neben« der Metaphysik, der eigentlichen Selbsterkenntnis des
Verstandes und der Vernunft, obwohl die transzendentale Logik in dieser

38 KrV B 87: »Der Teil der transzendentalen Logik also, der die Elemente der reinen

Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne welche überall kein Gegen-
stand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik, und zugleich eine Logik der
Wahrheit. Denn ihr kann keine Erkenntnis widersprechen, ohne daß sie zugleich allen
Inhalt verlöre, d. i. alle Beziehung auf irgend ein Objekt, mithin alle Wahrheit.«
39 Der Unterschied zwischen der vorkantischen und der kantischen Herangehensweise

an dieses Verhältnis wird von J. Kopper sehr einleuchtend geschildert (Reflexion und De-
termination, Berlin 1976, 74): »Wenn das dogmatische Denken die Frage nach der Objek-
tivität der Erkenntnis stellt, dann stellt es sie als die Frage nach dem Verhältnis zwischen
dem erkennenden Ich und den erkannten Dingen, es stellt sie nicht als eine Frage nach
dem Beschaffensein des Erkennens in sich selbst. Eine positive Beantwortung der Frage
nach der Objektivität des Erkennens ist dabei für das dogmatische Denken ebensowohl
realistisch wie idealistisch möglich; es kommt nicht darauf an, welches der beiden Relata
das bestimmende ist, sondern darauf, daß das Verhältnis als ein Verhältnis der Über-
einstimmung aufgefaßt werden können (veritas est adaequatio intellectus et rei). Findet
eine solche Übereinstimmung nicht statt, dann kann Erkenntnis nicht zur Objektivität
gelangen.«
22 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

Selbsterkenntnis viel tiefer als die überlieferte »vollendete« Logik geht. Für
eine Wissenschaft des Logischen bedeutet dies, dass sie sich einer radika-
leren Erforschung entzieht, welche die Grundannahmen, worauf ihre mar-
ginale Rolle beruht, enthüllen würde. Die Voraussetzung, dass das »Reale«,
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dessen Beschaffenheit das metaphysische Denken zu erkennen strebt, ei-


ner Wissenschaft des Logischen nicht zugänglich ist, hat zur Folge, dass das
Denken sich den Zugang zu der tiefsten und gründlichsten Selbsterkenntnis
versperrt.40 Das »Vorausseyende«,41 das die Metaphysik als ihr inhaltliches
Korrelat annimmt, ist eigentlich ein »Vorausgedachtes«, also der Abstand,
welcher das Denken von seiner »Selbstdurchsichtigkeit« trennt. Die »voll-
endete« Logik erweist sich somit als ihrer Definition, Selbsterkenntnis des
Verstandes und der Vernunft zu sein, unangemessen; als bloßes Verzeich-
nis »aller Momente des Verstandes« vermag sie nicht, das tiefste Eindringen
der Vernunft in sich selbst zu vollziehen. Man kann sich also eine Wissen-
schaft des Logischen vorstellen, welche die allgemeine Logik in der Funk-
tion der eigentlichen Selbsterkenntnis des Verstandes und der Vernunft er-
setzt, und welche sich gleichzeitig als Untersuchung der »letzten Gründe«
an die Stelle der Metaphysik und der transzendentalen Logik setzt. Eine
solche Logik würde den Namen der ersten Wissenschaft, der Wissenschaft
20.11.2020

schlechthin, verdienen. Das Projekt Hegels besteht genau darin, diese Wis-
senschaft zu verfassen. Daher der Titel »Wissenschaft der Logik«, anstatt
Logik«.

§ 2 Die philosophische Wende Kants und ihre Fortentwicklung


durch das hegelsche Projekt einer Wissenschaft des Logischen

Die transzendentale Logik unterscheidet sich von der allgemeinen Logik da-
durch, dass sie konkret ist, indem sie »auf den Ursprung unserer Erkennt-
nisse von Gegenständen« geht.42 Als Vernunftlehre verliert dennoch die all-
gemeine Logik bei Kant ihre Rechte nicht. Es hat sich indes gezeigt, dass
sie in ihrer »unveränderten tradierten« Form dem Denken den Zugang zu

40 Diese Aussage ist nicht als eine Charakterisierung des hegelschen Denkens gegen

Kant zu verstehen, denn damit würde man den wesentlichen Unterschied zwischen Kant
und der vorkantischen Philosophie vollends verwischen. Mit diesem Unterschied befas-
sen wir uns ausführlicher im nächsten Abschnitt. Es handelt sich hier also um eine ein-
leitende (und folglich noch erläuterungsbedürftige) Schilderung der Problematik hinter
dem hegelschen Projekt einer Wissenschaft des Logischen.
41 H. F. Fulda: »Spekulative Logik …«, a. a.O., 24.
42 KrV B 80.
§ 2 Die philosophische Wende Kants und ihre Fortentwicklung 23

einer wahren Selbsterkenntnis versperrt. Das Fehlende in der allgemeinen


Logik, um eine »Logik der Wahrheit« und somit Untersuchung der »letzten
Gründe« zu sein, ist bei Kant bekanntlich der Bezug auf die Erkenntnis von
Gegenständen des Denkens. Dafür sollte das Denken mit etwas anderem als
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seinen eigenen Strukturen zu tun haben, was dem Wesen der Logik, wie wir
gesehen haben, völlig widerspricht. Genauso wie bei Kant ist die überlieferte
Logik für Hegel wesentlich formell, und als solche für eine logische Untersu-
chung unserer Erkenntnis des Wahren zwangsläufig ungeeignet. Worin aber
soll nach Hegel die formelle Natur der überlieferten Logik bestehen, wenn
die Beschränkung des Denkens auf sich selbst, welche einer Wissenschaft
des Logischen eigen ist, kein Hindernis für die von Hegel konzipierte Logik
sein soll, um prima philosophia zu sein? Anders gesagt: Was fehlt eigentlich
der überlieferten Logik, um eine »Logik der Wahrheit« zu sein, wenn die
Voraussetzung des »Vorausseyenden« für eine ungerechtfertigte bzw. nicht
logisch gewährleistete Annahme erklärt worden ist? Worin besteht dann der
»reale Bezug« der metaphysischen Überlegung, d. h. der Bezug auf das wahr-
haft Erkannte im Erkennen selbst? Wie schon gezeigt worden ist, besteht die
Wissenschaftlichkeit der allgemeinen Logik bzw. der Status derselben als
»Doktrin oder demonstrierte Theorie« bei Kant darin, dass sie die notwen-
20.11.2020

digen Denkstrukturen, ungeachtet des Unterschiedes der Gegenstände, bloß


auffindet und »transparent« macht.43 Diese Auffassung der Wissenschaftlich-
keit der überlieferten Logik ist nun nach Hegel gerade dasjenige, was sie wis-
senschaftlich mangelhaft macht und ihn dazu führt, wie bereits gezeigt, sein
Projekt »Wissenschaft der Logik« zu betiteln. Der wissenschaftliche Kern der
Logik bleibt nach Kant durch ihre Überlieferung, trotz seiner Kritik an den
traditionellen Darstellungen der Logik, wesentlich intakt, weil die logische
Wahrheit gegenüber ihrer Darstellung völlig indifferent ist. Die Gültigkeit der
allgemeinen Logik ist nach dieser Auffassung unabhängig von der Art, wie
sie vorgetragen wird. Gerade in dieser Indifferenz gegenüber ihrer Darstel-
lung muss das »Formelle« der überlieferten Logik nach Hegel gesucht wer-
den: Die überlieferte Logik ist vor allem als »formell« anzusehen, weil sie eine
angemessene Form (im Sinne von »Darstellungsweise«) entbehrt, eine Form
nämlich, deren Angemessenheit in Bezug auf ihren Gegenstand gerade darin
besteht, nicht von demselben »trennbar« zu sein. Die hegelsche Logik unter-
sucht keine anderen Gegenstände als die überlieferte Logik: Sie muss das-
selbe betrachten – die von Kant sogenannten »Momente des Verstandes« –,
aber sie muss es dergestalt tun, dass der betrachtete Gegenstand von seiner
Betrachtung »unabspaltbar« sei. Die Logik wird nach dieser Auffassung erst

43 Vgl. R. Brandt, a. a.O., 92.


24 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

wissenschaftlich bzw. erhält eine ihr angemessene Form erst dann, wenn
sie keine vorgegebene Konstitution ihres Gegenstandes annimmt und die
Darstellung folglich wesentlicher Bestandteil des zu betrachtenden Inhaltes
wird.44
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Bevor wir uns weiter in diese letzten Gedanken vertiefen, müssen einige
Aspekte des Zusammenhanges zwischen dem (bisher nur einleitend charak-
terisierten) Ansatz Hegels und der kantischen Kritik am traditionellen Ver-
ständnis der Logik, mit welcher unsere Untersuchung angefangen hat, ge-
nauer präzisiert werden. Nach Kant basiert die frühe Vollendung der Logik,
wie wir schon wissen, auf ihrer kanonischen Funktion. Aus dem Übersehen
dieser kanonischen Funktion, die lediglich Normen für die Übereinstim-
mung des Verstandes mit sich selbst »ohne Unterschied der Gegenstände«
gibt, ergibt sich die Illusion des dogmatischen Denkens, nach welchem die
Gegenstände bloß mittels logischer Regeln erkannt werden können. Die kan-

44
Dies scheint gewisse Schwierigkeiten in Bezug auf die »Kommentierbarkeit der he-
gelschen Logik« (der Ausdruck ist von A. Roser: Ordnung und Chaos in Hegels Logik, Teil
1, Frankfurt a. Main 2009. 133) nach sich zu ziehen. Die »Unspaltbarkeit« von Darstel-
lung und Inhalt – sofern sie die Ablehnung der vorgegebenen Konstitution des Gegen-
standes der Logik impliziert – scheint eine Rekonstruktion und Interpretation der Logik
20.11.2020

unmöglich zu machen. Bezüglich dessen sagt Roser (ebd.): »Ist die Logik vollständig und
damit auto-explikativ, so ist jeder Kommentar nicht nur überflüssig; er steht vielmehr im
Widerspruch zum Vollständigkeitsanspruch derselben. Wäre die Logik aber unvollstän-
dig, so wäre ein genetischer oder rekonstruierender Kommentar zu rechtfertigen, doch er
würde die Unvollständigkeit der Logik voraussetzen.« Der Gedanke Rosers ist allerdings
beachtenswert, aber er übersieht den grundlegenden Unterschied zwischen dem philoso-
phischen Konzept oder Ansatz und der faktischen Ausführung desselben. Hegel selbst hat
darauf aufmerksam gemacht, und zwar dort, wo er die Identität des Gegenstandes und
der Dartellung behauptet (WL I, 38): »Wie würde ich meinen können, daß nicht die Me-
thode, die ich in diesem System der Logik befolge – oder vielmehr die dieses System an
ihm selbst befolgt –, noch vieler Vervollkommung, vieler Durchbildung im einzelnen fä-
hig sei, aber ich weiß zugleich, daß sie die einzige wahrhafte ist. Dies erhellt für sich schon
daraus, daß sie von ihrem Gegenstand und Inhalt nichts Unterschiedenes ist; – denn es ist
der Inhalt in sich, die Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt. Es ist klar,
daß keine Darstellungen für wissenschaftlich gelten können, welche nicht den Gang die-
ser Methode gehen und ihrem einfachen Rhythmus gemäß sind, denn es ist der Gang der
Sache selbst.« Die faktischen Darstellungen der Logik können folglich unvollständig und
weiterer Vervollkommung fähig sein, ohne dass diese Tatsache das Konzept einer Logik,
bei welcher Darstellung und Sache nicht unterschieden sind, im Mindesten beschädigt.
Die Unterschiede und Abweichungen zwischen den verschiedenen Fassungen der Logik
können nicht gegen den Systemanspruch der Logik selbst (als Konzept oder Ansatz ver-
standen) und zugunsten der »Kontingenz der Kategorienkombination bei Hegel« (Roser,
a. a.O., 146) geltend gemacht werden, wie Roser es tut, denn diese verschiedenen Fas-
sungen sind immer noch faktische Versuche (mit den daraus folgenden Konzequenzen),
ein bestimmtes Konzept – auf welches alles ankommt – möglichst präzise und zutreffend
zu artikulieren.
§ 2 Die philosophische Wende Kants und ihre Fortentwicklung 25

tische Kritik an der traditionellen Logik ist also als Teil oder Aspekt einer um-
fassenderen Kritik zu verstehen, welche, wie am Ende des ersten Abschnittes
gezeigt wurde, gegen eine bestimmte Idee des Wissens gerichtet ist. Das auf
dieser Idee basierende dogmatische Denken setzt voraus, »dass die Erfah-
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rung in sich selbst begrifflich strukturiert sei«.45 Das Problem des Verhält-
nisses zwischen dem Erkennen und den erkannten Dingen (um welches, wie
oben gesagt, die metaphysischen Streitigkeiten eigentlich kreisen) wird dann
durch das Konzept einer Übereinstimmung zwischen den Gliedern der epi-
stemischen Relation in Angriff genommen.46 Wird dies grundsätzlich ange-
nommen, dann hängt alles davon ab, wie diese Übereinstimmung eigentlich
aufgefasst wird. Da das Problem die Art und Weise der Übereinstimmung ist
und nicht – darauf hat Kopper aufmerksam gemacht – »welches der beiden
Relata das bestimmende ist«,47 kann man sich problemlos der Begriffe nach
logischen Regeln bedienen, um die vorgegebene Beschaffenheit der Dinge
direkt zu untersuchen. Es wird dabei nicht beachtet, dass die Logik als »all-
gemeine Normenlehre« keinen Unterschied der Gegenstände macht, denn
die Unterscheidung der Dinge erfolgt in diesem Kontext, gemäß der Voraus-
setzung der begrifflichen Strukturierung der Erfahrung, nach demselben
Prinzip wie die Unterscheidung der Begriffe.48 So kann sich das dogmatische
20.11.2020

Denken erdenken, durch bloße Begriffe Erkenntnis der Dinge zu erlangen.


Diese Auffassung des Wissens wird bei Kant bekanntlich überwunden durch
die Aufhebung der Idee einer gemeinsamen Strukturierung von Dingen in
sich selbst und von bloßen Begriffen und durch die daraus folgende Ver-
schiebung der Problematik auf die Beschaffenheit des Verstandes selbst (Lo-
gik) und auf dessen Vermögen, ohne die Voraussetzung einer vorgegebenen
Übereinstimmung zwischen der Ordnung der Dinge und der der Begriffe
objektive Erkenntnis zu erlangen. Daraus erhellt, warum Kant die allgemeine
Logik als instrumentum des Erkennens ablegen und die Metaphysik in eine
»Logik der Wahrheit« verwandeln muss. Doch dann stellt sich die Frage, ob
Hegel durch seine Idee einer Wissenschaft des Logischen als prima philoso-
phia, welche die innere Beschaffenheit des Denkens nicht in Bezug auf die
Erkenntnis von Gegenständen, sondern per se untersucht, nicht irgendwie
in den von Kant aufgehobenen Stand zurückfällt. Ist die Antwort negativ, so
muss auch die folgende Frage gestellt werden: Inwiefern ermöglicht die kan-
tische Wende die Entstehung des hegelschen Projekts und in welchem Sinne

45 J. Kopper: Reflexion und Determination, a. a.O., 74.


46 Vgl. ebd.
47 Ebd.
48 Vgl. J. Vuillemin, a. a.O., 311.
26 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

kann dieses Projekt, laut unseren Behauptungen am Anfang der Untersu-


chung, als eine Fortentwicklung dieser Wende angesehen werden? Auf diese
Fragen, welche von Belang sind für unsere weitere Untersuchung, gehen wir
im Folgenden ein. Erst nach ihrer Behandlung können wir auf den Gedan-
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ken, mit welchem dieser Abschnitt eröffnet worden ist, zurückkehren.


In Bezug auf die erste Frage muss an die Idee des »Vorausseyenden« erin-
nert werden, auf welcher sowohl die Gestalt als auch die Funktion der über-
lieferten Logik beruht. Wäre das hegelsche Projekt einer Wissenschaft des
Logischen als prima philosophia ein Rückfall in den von Kant überwundenen
Stand bzw. eine Wiederherstellung des dogmatischen Denkens, dann würde
es die überlieferte Logik in ihrer unveränderten Gestalt einfach aufgreifen
und keine bedeutende Modifikation an derselben vornehmen. Die Voraus-
setzung der begrifflichen Strukturierung der Erfahrung, welche dem dog-
matischen Denken eigen ist, ist nicht zu verwechseln mit dem hegelschen
Konzept einer reinen Selbsterkenntnis des Denkens, welche sich – auf eine
ganz neue und bahnbrechende Weise – als prima philosophia darstellt. Dieses
Konzept setzt keine begriffliche Strukturierung der Erfahrung voraus, das
Dinghafte wird von demselben nicht in der Weise einer Isomorphie mit dem
Begrifflichen erfasst, was den Gedanken einer adaequatio erlauben würde.
20.11.2020

Diese Isomorphie und die Idee des »Vorausseyenden«, deren Abschaffung


dem hegelschen Projekt gerade Sinn gewährt, sind im dogmatischen Den-
ken strikt korrelativ. Wenn also das hegelsche Projekt nicht als ein Rückfall
in das dogmatische Denken verstanden werden kann (Antwort auf die erste
Frage),49 dann muss es in Bezug auf die sogenannte kopernikanische Wende
Kants erklärt werden, und zwar als eine Fortentwicklung derselben (zweite
Frage). Infolge dieser Wende kann die objektive Gültigkeit unserer Erkennt-
nis durch die Prämisse einer gemeinsamen Strukturierung von Dingen und
Begriffen nicht mehr gesichert sein. Bei der metaphysischen Untersuchung
der Erkenntnis handelt es sich also nicht mehr um die innere Beschaffenheit
der Dinge; diese macht nicht mehr das Problem aus,50 denn anhand eines so

49 Damit ist das Problem des dogmatischen Charakters des hegelschen Denkens, so

wie z. B. Joachim Kopper es in seinem Werk Das transzendentale Denken des deutschen
Idealismus (Darmstadt 1989) versteht, weitgehend ungelöst. Fragen, die dieses Problem
betreffen, werden im Laufe unserer Untersuchung mehrmals und unter verschiedenen
Gesichtspunkten wieder entstehen.
50 Deswegen gibt es in der kantischen Philosophie eigentlich kein Problem des »Dinges

an sich«, auch wenn so viel darüber geschrieben worden ist. Marzoa hat darauf aufmerk-
sam gemacht, dass der Begriff vom »Ding an sich« bei Kant eigentlich ein Grenzbegriff
ist, d. h. ein Begriff, der markiert, worum es eigentlich nicht geht. Siehe dazu F. Martínez
Marzoa (nunmehr F. M. Marzoa): Releer a Kant, Barcelona 1989, 43–44.
§ 2 Die philosophische Wende Kants und ihre Fortentwicklung 27

artikulierten Problems kann die Erkenntnis nicht anders als durch die Vor-
aussetzung einer vorgegebenen Bekanntschaft mit dem unerkannten Ding
selbst erklärt werden, also durch einen offenkundigen circulus in probando.51
Es handelt sich nunmehr um Sinneserscheinungen bzw. um Modifikationen
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meines Gemüts, durch deren Strukturierung und regelmäßige Anordnung –


welche eigene Leistungen des Verstandes (operationes mentis) ausmachen –
die objektive Erkenntnis als solche hervorgeht. Im Unterschied zur inneren
Beschaffenheit der Dinge machen die Sinneserscheinungen »einen Gegen-
stand aus, der bloß in uns ist, weil eine bloße Modifikation unserer Sinnlich-
keit außer uns gar nicht angetroffen wird«.52 Die Objektivität geht dann her-
vor, wenn dieses »in uns«, welches nur subjektive Validität hat, »in der Sache
selbst« objektiv wird, und dies kann nur daraus entspringen (da die »innere
Beschaffenheit der Dinge« als Problem der Erkenntnis abgelegt worden ist),
dass das Zerstreute der Sinnerscheinungen durch ihre Strukturierung und
regelmäßige Anordnung in die Einheit des denkenden Selbst gebracht wird,
welches die Quelle der begrifflichen Strukturierung ausmacht. Anders ge-
sagt: Der legitime Bezug auf die Sache (Objektivität) gründet eigentlich auf
einem »Selbstbezug«.53 Das sinnlich Gegebene wird legitimerweise auf ein
Objekt bezogen, wenn es durch dessen begriffliche Strukturierung auf das
20.11.2020

fundamentum unionis aller Verstandeshandlungen bezogen wird. Das den-


kende Selbst macht also das neue, durch die kopernikanische Wende Kants
gesetzte Zentrum der metaphysischen Reflexion aus. Infolge dieser Wende
kann nunmehr das Erkennen als die Tätigkeit, dem sinnlichen Stoff die
einfache Form des Selbst zu geben,54 angesehen werden. Diese »Form des

51 KrV A 128–129: »Wären die Gegenstände, womit unsre Erkenntnis zu tun hat,
Dinge an sich selbst, so würden wir von diesen gar keine Begriffe a priori haben können.
Denn woher sollten wir sie nehmen? Nehmen wir sie vom Objekt (ohne hier noch einmal
zu untersuchen, wie dieses uns bekannt werden könnte) so wären unsere Begriffe bloß
empirisch, und keine Begriffe a priori. Nehmen wir sie aus uns selbst, so kann das, was
bloß in uns ist, die Beschaffenheit eines von unsern Vorstellungen unterschiedenen Ge-
genstandes nicht bestimmen, d. i. ein Grund sein, warum es ein Ding geben solle, dem so
etwas, als wir in Gedanken haben, zukomme, und nicht vielmehr alle diese Vorstellung
leer sei.«
52 KrV A 129.
53 Vgl. F. M. Marzoa: Hölderlin y la lógica hegeliana, Madrid 1995, 20
54 Vgl. Enz. § 20, Anm., Abs. 2. Siehe auch KrV A 129–130: »In dieser Einheit des

möglichen Bewußtseins aber besteht auch die Form aller Erkenntnis der Gegenstände,
(wodurch das Mannigfaltige, als zu Einem Objekt gehörig, gedacht wird). Also geht die
Art, wie das Mannigfaltige der sinnlichen Vorstellung (Anschauung) zu einem Bewußt-
sein gehört, vor aller Erkenntnis des Gegenstandes, als die intellektuelle Form derselben,
vorher, und macht selbst eine formale Erkenntnis aller Gegenstände a priori überhaupt
aus, so fern sie gedacht werden (Kategorien.)«
28 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

Selbst« gibt uns gerade den Aufschluss über die »angemessene Form«, wel-
che nach Hegel die Logik erhalten muss, um wahre Selbsterkenntnis des Ver-
standes und der Vernunft zu werden.
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§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer


Schlüssel des hegelschen Ansatzes

Die Logik, haben wir oben gezeigt, erhält nach Hegel ihre »angemessene
Form« (und konstituiert sich folglich als prima philosophia) durch die Set-
zung der »Unabspaltbarkeit« der Denkstrukturen von ihrer Darstellung.55
Dies muss noch näher erläutert werden; momentan ist es wichtig, dass
der Konnex zwischen diesem Gedanken und der soeben skizzenweise ge-
schilderten Wende Kants ersichtlich wird. Die »Form des Selbst« hat sich
nach dieser Schilderung als dasjenige erwiesen, worauf der legitime Be-
zug auf die Sache (Objektivität) eigentlich basiert. Diese »Form des Selbst«
macht gerade nach Hegel das »Fehlende« in der überlieferten Logik aus, und
genau in diesem Sinne muss die hegelsche Logik als eine Fortentwicklung
der kantischen Wende angesehen werden. Die »angemessene Form«, deren
20.11.2020

die überlieferte Logik ermangelt, ist diejenige, welche aus dem Bezug der
Denkstrukturen auf die Quelle derselben, das denkende Selbst, hervorge-
hen würde. Die Denkstrukturen auf das denkende Selbst zu beziehen und
die »Unabspaltbarkeit« der Denkstrukturen und ihrer Darstellung zu setzen
sind eigentlich dasselbe. Unsere weitere Untersuchung wird in der ausführ-
lichen Explikation dieser Behauptung bestehen. Wenn dies nun aber als die
Fortentwicklung des kantischen Ansatzes aufzufassen ist, was macht das
Spezifische des hegelschen Projekts in Bezug auf Kant genauer aus? Warum
gelangt Kant nicht zu diesen Gedanken, wenn er der Urheber der Wende ist,
die das denkende Selbst ins Zentrum der metaphysischen Reflexion setzt?
Um diese Fragen hinreichend zu beantworten, muss die Position Kants in

55 Diese Ausdrucksweise bedarf einiger Erklärungen. Man redet gemeinhin von »Spal-

tung« in Bezug auf etwas, das vorher eine unzertrennliche Einheit bildete (wie z. B. die
Spaltung der Kirche, der Gesellschaft, der atomaren Struktur usw.), und daher kommt der
»gewaltsame« Charakter der Spaltung. »Setzung« muss im philosophischen Sinne ver-
standen werden, und zwar als Übersetzung des lateinischen Ausdruckes »Positio« und
mit der Bedeutung von »Bejahung« oder »Behauptung« (siehe dazu R. Eisler: Wörterbuch
der philosophischen Begriffe, Berlin 1904, Artikel »Setzung«). Wenn wir nun von »Setzung
der Unspaltbarkeit der Denkstrukturen und ihrer Darstellung« reden, meinen wir damit,
dass das Einssein der Darstellung und des von ihr Dargestellten in der Logik derart fun-
diert und behauptet wird, dass ihre Absonderung nur »gewaltsam«, d. h. wider den Cha-
rakter der Logik selbst, erfolgen kann.
§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer Schlüssel 29

Bezug auf die allgemeine Logik wieder in Betracht gezogen werden. Es hat
sich gezeigt, dass der inhaltliche Gegenpol der Erkenntnis bei Kant nicht
mehr die innere Beschaffenheit der Dinge ist, sondern die Sinneserschei-
nungen, die als solche »in uns« sind. Erkennen ist ferner, wie bereits gezeigt,
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den Erscheinungen durch deren Strukturierung und Anordnung »die Form


des Selbst« zu geben. Für sich selbst genommen stellen also die Sinneser-
scheinungen keinen Gegenstand dar, man kann in diesem Zusammenhang
nur vom Gegenstand als etwas reden, das erst durch die Anordnung und
Strukturierung von Erscheinungen zustande kommt.56 Nach dieser Auffas-
sung kann nicht gesagt werden, dass unsere Begriffe mit ihren Gegenständen
übereinstimmen, sondern eher, dass aus der begrifflichen Strukturierung von
Sinneserscheinungen Gegenstände überhaupt hervorgehen. Die Strukturie-
rung des sinnlich Gegebenen wird somit zum definierenden Zug des Begriffs
überhaupt. Diese Strukturierung wird von Kant »Synthese« genannt. Weil
die Begriffe Synthesen vollbringen, erkennen wir, und die Untersuchung der
Erkenntnis (transzendentale Logik) ist nichts anderes als die Untersuchung
des »Synthetischen« beim Begreifen, welches das Wesentliche, Definierende
desselben ausmacht. Die allgemeine Logik, indem sie von der Erkenntnis
der Gegenstände völlig absieht, betrachtet nicht die Begriffe als das, was sie
20.11.2020

ursprünglich und vor allem sind, d. i. Synthesen von Sinneserscheinungen,


sondern sie beschäftigt sich mit einer sozusagen »sekundären« und »abge-
leiteten« Funktion derselben.57 In dieser »sekundären« Funktion geben die
Begriffe keine Erkenntnis, weil sie dabei in Abstraktion dessen betrachtet
werden, was sie eigentlich kennzeichnet, nämlich konstitutive Bestandteile
der Erkenntnis zu sein. Von seinem ursprünglichen (von Kant entdeckten)
Charakter abgesehen, macht der Begriff nichts als eine bloße »Ansammlung
von Merkmalen« aus, und das Verfahren, welches mit dieser (sekundären,
abgeleiteten) Auffassung der Begriffe operiert, wird von Kant »analytisch«
genannt.58 Indem also die allgemeine Logik analytisch verfährt, abstrahiert
sie nicht nur vom Inhalt der Erkenntnis, sondern vom Begriff selbst; in

56 Vgl. J. Kopper: Reflexion und Determination, a. a.O., 65–66: »In dieser Rücksicht ist

es daher auch nicht möglich, das sinnliche Anschauen so zu charakterisieren, als ob es


Anschauen von Etwas sei, das Etwas geht vielmehr nur in der tatsächlichen aposterio-
rischen Erkenntnis hervor. Sofern die Erkenntnis als in sich aposteriorisch verstanden ist,
ist das Etwas zwar als das immer schon Vorausgesetzte dar; aber sofern die Erkenntnis
nach ihrem in sich apriorischen Wesen genommen ist, ist das Etwas gerade das Gesche-
hen von Anschauen und Begreifen in ihrer Vereinigung.«
57 Vgl. F. M. Marzoa: Releer a Kant, a. a.O., 45, 57–59; J. Kopper: Das transzendentale

Denken des deutschen Idealismus, a. a.O., 7.


58 Vgl. F. M. Marzoa: Releer a Kant, a. a.O., 57–58; 45.
30 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

ihrer Untersuchung der Denkstrukturen klammert sie dasjenige aus, was


den Begriff zum eigentlichen Begriff macht, nämlich den verbindenden,
strukturierenden Charakter.59 Der Unterschied zwischen allgemeiner und
transzendentaler Logik gründet also auf dem Unterschied zwischen zwei,
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auf einander nicht reduzierbaren (obwohl die eine »sekundär« ist in Bezug
auf die andere) Funktionen des Begriffs.60 Darin ist hauptsächlich der Grund
zu suchen, warum Kant zu einer Konzeption der Logik wie der hegelschen
nicht gelangen kann, obwohl er die Wende vollzieht, welche die Entstehung
der hegelschen Logik ermöglicht.
Damit sind wir in der Lage, einige Behauptungen des letzten Abschnittes
genauer zu präzisieren. Die allgemeine Logik ist in der Tat nach Kant Selbst-
erkenntnis des Verstandes und der Vernunft, aber es handelt sich um eine
Selbsterkenntnis, die das Wesentliche des Begriffs außer Betracht lässt. Der
»reale Bezug«, der bei der allgemeinen Logik fehlt und sie formell macht, ist
bei Kant nicht etwas »Außerbegriffliches«, sondern der Begriff selbst. Wenn
also Kant von bloßen Begriffen spricht und sie dem »Realen« entgegensetzt,
ist dies nicht als der Gegensatz zwischen dem Begrifflichen und dem Ding-
haften, welchen die kantische Philosophie völlig aufhebt, zu verstehen, son-
dern als der Gegensatz zwischen einem fragmentarischen, abstrakten Ver-
20.11.2020

ständnis des Begriffs und dem Begriff in seiner wahrhaften Tragweite. Der
»bloße Begriff«, worum es in der allgemeinen Logik geht, ist also nicht der
Begriff als solcher; der Begriff ist wesentlich »mehr« als bloßer Begriff, d. h.
als bloße »Summe von Merkmalen«,61 er ist aktive Strukturierung und An-
ordnung des anschaulich Gegebenen, aus welcher »reale Gegenstände« her-
vorgehen. Man kann die umwälzende Neuerung Kants dadurch schildern,
dass er das »Reale« der Begriffstruktur selbst »einverleibt«, so dass die »Ab-
straktion des Realen«, welche der allgemeinen Logik eigen ist, nicht ohne
den Verlust des Begriffs selbst stattfinden kann. Daraus ergibt sich die kan-
tische Charakterisierung der Urteile, die auf dem analytischen Verfahren
basieren: Sie erläutern durch Zergliederung eines gegebenen Begriffes das,
was im Begriff »schon gedacht« war.62 Dem analytischen Verfahren geht das
eigentliche Denken und Begreifen voraus, deswegen wird durch Analyse
nichts Neues gedacht oder ausgesagt, nichts geoffenbart oder ans Tageslicht

59
Vgl. F. M. Marzoa: Releer a Kant, a. a.O., 58.
60
Gerade aus diesem Grund ist es nicht völlig zutreffend zu sagen, wie es üblich ist,
dass Kant die allgemeine Logik in ihrem überlieferten Zustand einfach aufgenommen
hat.
61 Zum »bloßen Begriff« im Gegensatz zum eigentlichen Begriff bei Kant siehe F. M.

Marzoa: Releer a Kant, a. a.O., 57–58.


62 KrV B 11.
§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer Schlüssel 31

gebracht; die Situation unserer Erkenntnis bleibt dabei dieselbe.63 In seiner


Logik sagt Kant: »Zur Synthesis gehört die Deutlichmachung der Objekte,
zur Analysis die Deutlichmachung der Begriffe. Hier geht das Ganze den
Teilen, dort gehen die Teile dem Ganzen vorher«.64 Das Vorhergehen des
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Ganzen in Bezug auf die Teile im analytischen Verfahren erklärt sich da-
raus, dass das analytische Verfahren das schon Gedachte bloß zergliedert.
Nur dasjenige, was schon fertig vorliegt und als solches ein Ganzes ausmacht
(denn ein unfertiges Ganzes wäre ein Widerspruch in sich), kann zerglie-
dert werden. Daraus ergibt sich keine Einsicht in die Natur der Sache selbst
(das, was Kant »Deutlichmachung der Objekte« nennt); diese kann nur an-
hand der strukturierenden Tätigkeit des Begriffs bzw. der Synthesis gewon-
nen werden. Das Ganze geht dabei als Resultat der Strukturierung hervor,
die eine Leistung des Begriffs ausmacht; deswegen fängt die Synthese mit
den Teilen an, die als die kontingente Pluralität der Sinneserscheinungen
zu verstehen sind. Die Analyse ist nur möglich, nachdem die Operation der
Synthese vollzogen worden ist; sie setzt also wahre Erkenntnis voraus.65 Die
allgemeine Logik als Normenlehre enthält dann Regeln und Gesetze für den
Umgang des Denkens mit schon gemachten Begriffen im Hinblick auf deren
Deutlichmachung und Erläuterung. Das Hauptgesetz dabei ist der Satz des
20.11.2020

Widerspruchs, der bloß besagt, dass die Merkmale oder, wie Kopper sagt,
die »Strukturmomente« des gegebenen Begriffs in Verbindung miteinan-
der ohne Widerstreit sein müssen.66 Zeigt sich ein gegebener Begriff durch
dessen erläuternde Zergliederung in Übereinstimmung mit diesem Gesetz,
dann macht dieser Begriff etwas Mögliches oder Denkbares aus. Das eigent-
liche quid des so zergliederten Begriffs bleibt dennoch in Bezug auf seine
Wirklichkeit völlig unbestimmt.67 Die Bestimmung eines Denkinhaltes als
möglich lässt die Frage nach seiner Wirklichkeit unentschieden. Daraus

63 Kant: Logik, A 95: »Wenn ich aber einen Begriff deutlich mache: so wächst durch

diese bloße Zergliederung mein Erkenntnis ganz und gar nicht dem Inhalte nach. Die-
ser bleibt derselbe; nur die Form wird verändert, indem ich das, was in dem gegebenen
Begriffe schon lag, nur besser unterscheiden oder mit klärerem Bewußtsein erkennen
lerne.«
64 Ebd.
65 Vgl. F. M. Marzoa: Releer a Kant, a. a.O., 58.
66 J. Kopper: Reflexion und Determination, a. a.O., 8.
67 Vgl. ebd.: »Möglichkeit und Widerspruchsfreiheit bezeichnen lediglich das Verhält-

nis zueinander von Merkmalen, die aus einem schon vorausgesetzten Ganzen durch Ana-
lyse, als miteinander dieses Ganze konstituierend, herausgehoben werden können. Solche
als Kombination und Kombinierbarkeit von Merkmalen verstandene Möglichkeit befaßt
sich nicht mit der Frage nach dem dabei vorausgesetzten Denklichen selbst.«
32 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

wird wiederum ersichtlich, warum Kant die allgemeine Logik außerhalb der
metaphysischen Überlegung plazieren muss.
Diese letzten Überlegungen waren von der Frage geleitet: Warum gelangt
Kant nicht zum Hauptgedanken Hegels? Nun ist die Frage eher: Wie kann
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Hegel überhaupt zu seinem Hauptgedanken gelangen, nachdem es sich ge-


zeigt hat, dass die philosophische Wende Kants (die das denkende Selbst in
das Zentrum der metaphysischen Reflexion setzt) Hand in Hand mit der Un-
terscheidung zwischen Analyse und Synthese geht, auf welcher der nicht re-
duzierbare Unterschied von allgemeiner und transzendentaler Logik basiert?
Das, was wir die »Einverleibung« des Realen in die Struktur des Begriffs ge-
nannt haben, bringt mit sich, dass eine Betrachtung der Denkstrukturen, die
dieselben von ihrer ursprünglichen erkennenden Funktion abtrennt, not-
wendigerweise abstrakt, formell und inhaltslos bleibt. Das hegelsche Projekt
einer Wissenschaft des Logischen, die sich ausschließlich mit der inneren
Beschaffenheit des Denkens beschäftigt und die als solche prima philosophia
sein will, scheint aus dieser Perspektive völlig aussichtslos zu sein. Das, was
dem hegelschen Projekt überhaupt Sinn gewährt, ist, wie wir schon wissen,
die Abschaffung der Idee des »Vorausseyenden«. Aus kantischer Perspek-
tive kann aber dieses »Vorausseyende« nicht eliminiert werden, ohne das
20.11.2020

Möglichsein selbst bzw. die Denkbarkeit mit abzuschaffen.68 Ist das »Re-
ale« in der Begriffstruktur selbst integriert, dann kann die Voraussetzung
desselben nicht aufgehoben werden, ohne das Begriffliche selbst zu zerstö-
ren, denn es gibt keine logische Möglichkeit ohne vorgegebene Wirklich-
keit (wie der »sekundäre« Charakter der Analyse in Bezug auf die Synthese
zeigt). Das hegelsche Projekt scheint somit einen doppelten Widerspruch zu
enthalten: erstens, den Widerspruch einer Logik, die als solche sich nur mit
reinen Denkformen beschäftigt und gleichzeitig prima philosophia sein will;
zweitens, den noch gravierenderen Widerspruch einer Logik, welche sich ge-
rade durch die Eliminierung der Grundlage, auf welcher jegliche Denkbar-
keit basiert, vollzieht. Das, was eine Logik im Sinne Hegels möglich machen
würde, nämlich die Abschaffung des »Realen«, das jedem Begriff als Begriff

68
Kant: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyn Gottes
(1783), A 18–19: »Es ist aus dem anjetzt Angeführten deutlich zu ersehen, daß die Mög-
lichkeit wegfalle, nicht allein wenn ein innerer Widerspruch als das Logische der Unmög-
lichkeit anzutreffen, sondern auch wenn kein Materiale, kein Datum zu denken da ist.
Denn alsdenn ist nichts Denkliches gegeben, alles mögliche aber ist etwas was gedacht
werden kann, und dem die logische Beziehung, gemäß dem Satze des Widerspruchs zu-
kommt. Wenn nun alles Dasein aufgehoben wird, so ist nichts schlechthin gesetzt, es ist
überhaupt gar nichts gegeben, kein Materiale zu irgend etwas Denklichen, und alle Mög-
lichkeit fällt gänzlich weg.«
§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer Schlüssel 33

zugrunde liegt, ist gerade das, was das Denken überhaupt bei Kant unmög-
lich machen würde. Somit stoßen wir wieder auf die Frage, die am Anfang
dieses Abschnittes gestellt wurde: Worin besteht eigentlich der »reale Bezug«
der logisch-metaphysischen Überlegung Hegels, das wahrhaft Erkannte im
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Erkennen selbst?
Aus kantischer Perspektive nimmt die Abschaffung des »Vorausseyenden«
dem Möglichen-Denkbaren seinen eigenen Boden und lässt dasselbe sozu-
sagen »in der Schwebe«. Es gibt nach Kant nichts Widersprechendes in der
Aufhebung des »Realen«; sich selbst widersprechend ist aber die Aufhebung
des »Realen« und die gleichzeitige Beibehaltung des Möglichen-Denkbaren.
Denn ohne das »Reale« hat das Möglichsein keinen Inhalt mehr; es han-
delt sich dann um die Möglichkeit-Denkbarkeit von »nichts«. Von dem, was
überhaupt nicht ist, kann nicht gesagt werden, dass es möglich ist, denn das
Mögliche betrifft die »Strukturmomente« eines Gegebenen, oder wie Kant
sagt: »Alle Möglichkeit ist in irgend etwas wirklichen gegeben, entweder in
demselben als eine Bestimmung oder durch dasselbe als eine Folge«.69 Aber
die hegelsche Abschaffung des »Vorausseyenden« hat nicht die Bedeutung,
dass das Mögliche seiner zugrundeliegenden Wirklichkeit beraubt wird und
trotzdem als Mögliches beibehalten wird. Sie muss eher im Sinne der oben
20.11.2020

sogenannten »Fortentwicklung« der Wende Kants verstanden werden: Damit


will Hegel gerade die fundamentale Neuerung Kants, nämlich den Zusam-
menschluss des Realen und des Begriffes, noch eindeutiger und dezidierter
affirmieren. Die Abschaffung des »Vorausseyenden« bedeutet dann, dass
das Reale und das Begriffliche durch die Auflösung des Gegebenen auf eine
noch innigere Weise als bei Kant zusammenfallen. Die hegelsche Destruk-
tion des Gegebenen als Bedingung einer eigentlichen Logik kann deshalb
in Zusammenhang mit der cartesianischen Grundlegung der Philosophie
gesehen werden.70 Bei Descartes führt die Erklärung der vom Menschen-
verstand behaupteten Realität als ungewiss und zweifelhaft gerade zur un-
mittelbaren Identifizierung der Realität mit der zweifelnden Instanz selbst;71
dadurch wird nicht das Reale in seinem ganzen Umfang annihiliert, sondern
ihm wird eine andere Seinsweise zugesprochen, nämlich die Seinsweise des
Denkens.72 Auf analoge Weise eliminiert Hegel nicht das »Reale« zugunsten

69 Kant: Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyn Gottes

(1783), A 21.
70 Darauf hat Houlgate aufmerksam gemacht. Siehe S. Houlgate: The opening of Hegel’s

Logic. From Being to Infinity, Indiana 2006, 27.


71 Vgl. J. Kopper: Das Unbezügliche als Offenbarsein. Besinnung auf das philosophische

Denken, Frankfurt a. Main 2004, 26–28.


72 Vgl. F. M. Marzoa: Historia de la filosofía, Madrid 1994. II, 54.
34 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

einer über dem Abgrund schwebenden Denkbarkeit. Er eliminiert das dem


Denken »Vorausseyende« gerade, um das »Reale« im Denken selbst erschei-
nen zu lassen.73 Doch die Analogie mit Descartes hat Grenzen, die sogleich
aufgezeigt werden sollten. Die cartesianische Skepsis macht nur die Präam-
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bel einer behauptenden Lehre aus, während bei Hegel, wie sich später aus-
führlicher zeigen wird, die Destruktion des »Vorausseyenden« parallel zur
Entfaltung der philosophischen Lehre selbst erfolgt.
Das begriffliche Möglichsein bzw. die Denkbarkeit beruht bei Kant, wie
bereits gezeigt, auf einem ursprünglichen Datum, ohne welches es gar kei-
nen Begriff geben würde. Dasjenige also, was dem Begriff letztendlich seinen
Bestand als Begriff, seine Begrifflichkeit gibt, ist etwas Begriffsloses. Der Be-
griff ist Begriff kraft etwas nicht-Begrifflichem; das nicht-Begriffliche – d. h.
das Unmittelbare, das anschaulich Gegebene, oder das »Eindruckshafte«74 –
ist dem Begriff selbst innerlich, es macht einen wesentlichen Bestandteil des-
selben aus. Die Tatsache, dass die Anschauung bei Kant, wie oben gezeigt,
Anschauung von »nichts« ist (denn das angeschaute Etwas ist nichts anderes
als das Resultat der begrifflichen Strukturierung selbst), bringt gerade mit
sich, dass das nicht-Begriffliche im Innersten des Begriffs sozusagen »an-
gesiedelt« wird. Die »Entdogmatisierung« der Philosophie erfolgt somit
20.11.2020

bei Kant vermöge der Einbeziehung des nicht-Begrifflichen in die Struktur


des Begriffs selbst. In dieser Hinsicht können wir sagen, dass das Ziel der
hegelschen Abschaffung des »Vorausseyenden« gerade die Eliminierung
dieses nicht-Begrifflichen beim Begrifflichen selbst ist. Die Konsequenzen
einer solchen Eliminierung sind viel weitgehender als es auf Anhieb schei-
nen mag. Die allgemeine Logik enthält, wie bereits bemerkt, die Regel für
das analytische Verfahren mit Begriffen (d. h. mit dem Begriff als bloßer
Ansammlung von Merkmalen aufgefasst), und ihre Grundregel besagt die
Unmöglichkeit der Kollision der definierenden Merkmale eines gegebenen
Begriffs. Dasjenige, was mit dieser Grundregel übereinstimmt, heißt dann
»möglich« oder »denkbar«. Es hat sich aber gezeigt, dass die Aufhebung des
ursprünglichen Datums, des »Realen«, welches dem analytischen Verfahren
zugrunde liegt, mit der Aufhebung des Möglichen-Denkbaren einhergeht.
Wird das Mögliche-Denkbare aufgehoben, dann werden auch die Regeln
aufgehoben, die für dasselbe gelten. Die Abschaffung des »Vorausseyenden«
ist folglich mit dem Zusammenbruch des ganzen Gebäudes der überliefer-
ten Logik und deren allgemeingültigen Regeln gleichbedeutend. Damit ein-

73 Vgl. ebd.
74 Wir nehmen diesen Ausdruck von J. Kopper: Reflexion und Determination, a. a.O.,
75 ff.
§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer Schlüssel 35

her geht auch der Zusammenbruch der Idee einer Logik als Ansammlung
von Denkgesetzen, die ein für alle Mal entdeckt werden und ihren Darstel-
lungen indifferent überliefert werden. Dies ist nicht als eine grobe Erklärung
der Denkgesetze als nichtig oder ungültig zu verstehen. Die hegelsche Kri-
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tik an der überlieferten Logik ist, genauso wie die Kantische, vornehmlich
an deren zugrundeliegende Idee des Wissens gerichtet; der Unterschied zur
kantischen Kritik ist hier, dass die überlieferte Gestalt der Logik aus dieser
Kritik nicht »unberührt« herauskommt. Aus der Eliminierung des nicht-Be-
grifflichen im Begriff selbst ergibt sich die Affirmation des Begrifflichen in
seiner Reinheit; damit kann sich aber nur eine Logik beschäftigen, die ganz
anders als die Bisherige gestaltet ist.75 Da ferner die Eliminierung des nicht-
begrifflichen Kerns des Begrifflichen auf einen tieferen Zusammenschluss
des Begrifflichen und des »Realen« abzielt, ist diese Logik als Wissen des
»Realen« schlechthin prima philosophia.
Aus dieser Eliminierung des nicht-Begrifflichen im Begriff folgen weitere
Konsequenzen, die im Hinblick auf die kommenden Überlegungen hier kurz
in Betracht kommen müssen. Es ist in der Hegel-Forschung mehrmals her-
vorgehoben worden, und zwar in Anlehnung an Texte Hegels selbst, dass das
Verfahren der hegelschen Logik sowohl analytisch als auch synthetisch ist.
20.11.2020

Darin scheint ein wichtiger Aufschluss über das Spezifische der hegelschen
Logik – vor allem in Bezug auf Kant – zu liegen.76 Nach all dem, was gesagt
worden ist, sind wir imstande, den Grund und die Tragweite einer solchen
Behauptung (zumindest einleitend) zu erfassen. Wenn die Eliminierung des
nicht-Begrifflichen im Begriff selbst den Zusammenbruch der ganzen über-
lieferten Logik (als Normenlehre des analytischen Verfahrens verstanden)
mit sich bringt, dann muss der Unterschied Synthetisch/Analytisch zwangs-
läufig auch davon betroffen sein, denn auf dieser Unterscheidung basiert
grundsätzlich die Differenz von allgemeiner und transzendentaler Logik. Die

75 Damit widersteiten wir keineswegs der Ansicht Wielands, die wir grundsätzlich tei-

len, nach welcher die hegelsche Logik in keinem »Konkurrenzverhältnis« mit der überlie-
ferten Logik steht (Vgl. W. Wieland: »Bemerkungen zum Anfang von Hegels Logik«, in:
Wirklichkeit und Reflexion. W. Schulz zum 60. Geburtstag. Pfullingen 1973, S. 395–414.
Hier: 411). Es wäre verfehlt, aus unseren Überlegungen die Schlussfolgerung zu ziehen,
dass Hegel die allgemeine Logik durch seine Logik zu »ersetzen« versucht. Die allgemeine
Logik verliert nichts von ihrer Gültigkeit, denn sie macht eigentlich etwas »Abgeleitetes«
aus. Worauf es eigentlich ankommt, ist der philosophische Standpunkt, welcher der allge-
meinen Logik zugrundeliegt; darauf richtet sich die hegelsche Logik.
76 Siehe z. B. J. C. Horn: Hegel besser verstehen. Das ignorierte Prinzip, Münster 2005,

280: »Wie also sieht die Hegelsche Denkform aus? Ich verzichte auf Zitate und versuche
einfache Formulierungen. Ich sagte, sie sei die Einheit von Reflexion und Proflexion, d. h.
in dem Maße, wie ich nachdenke, analytisch vorgehe, gehe ich zugleich synthetisch vor.«
36 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

Frage ist nun: Wie, genau, wird dieser Unterschied davon betroffen und mit
welchen Folgen? Wenn wir vom Begriff das nicht-Begriffliche bzw. das »Re-
ale« desselben herausziehen, dann bleibt die bloße Ansammlung von Merk-
malen, in welcher der Begriff aus der Perspektive der allgemeinen Logik
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besteht und welche den Gegenstand der Analyse ausmacht. Aber als solche
Ansammlung entbehrt der Begriff das ursprüngliche Datum, das nicht-Be-
griffliche, welches das »Miteinanderverbundensein der Strukturmomente«77
desselben sichert. Gibt es kein vorgegebenes Datum, das dem Begriff seinen
Bestand als Begriff gibt, dann kann nichts verhindern, dass die definierenden
Merkmale eines gegebenen Begriffs mit demselben Recht einen anderen Be-
griff definieren. Mit der Eliminierung des nicht-Begrifflichen des Begriffes
geht das fertige Ganze, welches die analytische Zergliederung voraussetzt,
ebenfalls verloren. Nichts verhindert also, dass sich aus dem analytischen
Verfahren die Verbindung oder der Zusammenhang (Synthese) mit anderen
Inhalten ergibt, welche anfänglich nicht mitenthalten waren. Es ist darüber
hinaus zu erinnern, dass die Analyse bei Kant, indem sie wahrhafte Erkennt-
nis voraussetzt, nur den gegebenen Begriff, nicht die Sache selbst, deutlich-
macht. Wenn also die Zergliederung eines gegebenen Inhaltes (Analyse) zur
Herstellung des Zusammenhanges mit anderen Inhalten (Synthese) führt,
20.11.2020

dann ist die begriffliche Deutlichmachung der hegelschen Logik gleich-


wohl Deutlichmachung der Sache selbst oder wahre Erkenntnis. Anders
gesagt: Das Verfahren der hegelschen Logik ist (vermöge der Destruktion
des nicht-Begrifflichen im Begriff ) analytisch-synthetisch nicht nur darum,
weil es durch bloße Erläuterung eines Begriffs die Verknüpfung mit anderen
Denkinhalten erstellt, sondern weil bei dieser Verknüpfung eine effektive
Manifestation der Sache selbst stattfindet. Das erklärt, warum bei Hegel der
Formalismus der überlieferten Logik eher im Mangel einer angemessenen
Darstellungsweise als im Fehlen einer äußerlichen inhaltlichen Instanz be-
steht. Daraus ergibt sich noch eine wichtige Folge, und zwar in Bezug auf
die zu behandelnden Inhalte der Logik selbst. Wenn dasjenige verschwin-
det, was die sichere Grundlage zur Unterscheidung zwischen Analyse und
Synthese gibt, dann muss zwangsläufig der Unterschied zwischen den In-
halten der allgemeinen Logik und denen der transzendentalen Logik auch
verschwinden. Mit diesem Punkt werden wir uns ausführlicher im nächsten
Abschnitt befassen.
Bevor wir zum nächsten Abschnitt übergehen, muss noch ein letzter, für
unsere Untersuchung folgenreicher Aspekt des Gesagten hervorgehoben
werden. Es macht einen wesentlichen Punkt des kantischen Denkens aus

77 J. Kopper: Reflexion und Determination, a. a.O., 8.


§ 3 Die kantische Auffassung des Begriffes als interpretatorischer Schlüssel 37

und Kant selbst besteht mehrmals darauf, dass unsere Erkenntnis wesent-
lich »diskursiv« ist und nicht »intuitiv«. Diese Behauptung ist mit derjeni-
gen gleichbedeutend, die besagt, dass wir »durch Begriffe« erkennen. »Dis-
kursive Erkenntnis« und »Erkenntnis durch Begriffe« sind synonyme Aus-
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drücke. Es gibt nach Kant keine unmittelbare Erfassung der Sache, sondern
eine indirekte; aus demselben Grund ist unsere Erfassung zusammengesetzt
und nicht einfach, sie erfolgt sukzessiv und aufeinanderfolgend, nicht uno
eodemque tempore. Nun wissen wir, dass der Bezug auf das nicht-Begriff-
liche dem Begriff zugrunde liegt. Das heißt: Unsere diskursive Erkenntnis
ist echte Erkenntnis dank der Tatsache, dass die indirekte Referentialität des
Diskursiven ihre Grenze im Unmittelbaren, im »Eindruckshaften« selbst fin-
det. Diese Grenze ist streng unüberschreitbar. Dies gilt nicht nur für Kant,
sondern für das ganze neuzeitliche Denken.78 Das Diskursive wird dabei als
eine Marke unserer konstitutiven Getrenntheit vom »Sein«79 aufgefasst: In-
dem wir durch Begriffe denken, ist unser kognitiver Zugang zur Sache un-
vermeidlich verschoben, defizitär, der Sache unähnlich. Vollkommene Adä-
quatheit unserer Erkenntnis mit der Sache würde gerade Identität mit der Sa-
che selbst heißen, perfekte Kommunion mit dem Gewußten, und das würde
eben die Aufhebung des Diskursiven mit sich bringen. Zwar ermöglicht das
20.11.2020

Diskursive die Erkenntnis der Sache, aber gerade aus diesem Grund macht
es als vermittelndes Element diese Erkenntnis unvollständig und konstitutiv
verschoben. Von diesem Sachverhalt, der aufgrund seiner Komplexität aus
verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss, ist nun ein bestimmter
Aspekt besonders hervorzuheben: Damit das Wissen überhaupt möglich sei,
damit unsere Erkenntnis sich auf etwas »Reales« überhaupt beziehen kann,
muss »etwas« (ein Inhalt, ein Prinzip, eine Grundlage usw.) angenommen

78 Auch für die Denker, die eine gewisse Form von intuitiver Erkenntnis behaupten,
wie z. B. (jeder auf seine eigene Art und Weise) Descartes, Spinoza, oder Schelling, gilt der
Gegensatz Intuition-Diskurs und die damit verbundenen Aspekte. Es ändert nichts an der
Sache, ob man eine »intutitionistische« Auffassung der Erkenntnis hat (z. B. Descartes)
oder eine »symbolische« (z. B. Leibniz). Das Entscheidende ist eher, dass der Gegensatz
als solcher angenommen wird und dass das Diskursive dementsprechend als sekundär,
mittelbar und verschoben im Unterschied zur Intuition gilt.
79 Das Wort »Sein« wird hier etwa im Sinne des »zweiten« Fichte verstanden, d. h. nach

der »Wende im Begriffs des Seins« (W. Janke: Fichte. Sein und Reflexion – Grundlagen der
kritischen Vernunft, Berlin 1970, XI), die sein Denken sozusagen in zwei Phasen teilt. In
diesem Sinne ist unter »Sein« das Folgende zu verstehen (W. Janke, a. a.O., XI): »Die neue
These vom Sein besagt: Sein ist Leben, Licht, das Absolute, Gott. In ihm erscheint alle
Negativität und Relativität getilgt. Der grundlegende Spruch des Seins lautet danach: Das
Sein schlechthin als Sein ist das Leben Gottes oder des Absoluten, und dieses ist alles
Sein, und außer ihm ist kein Sein«.
38 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

werden, welches außerhalb der diskursiven Vermittlung als solcher fällt. An-
sonsten würde unsere Erkenntnis einen festen Boden entbehren, und un-
ser Wissen würde folglich fatalerweise, mit Worten Schellings, »ein ewiger
Kreislauf ohne Realität«80 sein. Der neuzeitliche Gegensatz Intuition-Diskurs
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(mit den damit verbundenen Aspekten) und die Annahme von Prinzipien
oder Grundsätzen, die der diskursiven Vermittlung eine Grenze setzen, sind
strikt korrelativ. Die Philosophie (vor Hegel) erfordert diese unüberschreit-
bare Grenze des Diskursiven, weil unsere Denkstrukturen ohne sie unver-
meidlich zusammenbrechen würden. Wir haben oben bereits festgestellt,
dass die hegelsche Abschaffung des »Vorausseyenden« mit dem Zusammen-
bruch des ganzen Gebäudes der überlieferten Logik und deren allgemein-
gültigen Regeln gleichbedeutend ist. Die Abschaffung des »Vorausseyenden«
macht bei Hegel Schluss mit der neuzeitlichen Auffassung des Diskursiven
als einer (verschiebenden) Vermittlung, welche die Erkenntnis der Sache so-
wohl ermöglicht als auch verhindert. Das Diskursive wird dadurch unbezüg-
lich, irreferentiell, und als solches gerade Manifestation der Sache. Dies hat
aber auch zur unvermeidlichen Folge, dass das Wissen sich nicht mehr auf
Prinzipien und Grundsätze, welche ihm einen sicheren Bestand und Reali-
tätsbezug sichern, berufen kann. Das Wissen wird dann zum Kreislauf, von
20.11.2020

welchem Schelling spricht. Die daraus folgende Frage, mit welcher wir uns in
dieser Untersuchung grundsätzlich befassen werden, lautet dann: Wie muss
dieser Kreislauf des Wissens konstituiert sein, damit es Manifestation der
Sache ist?

80 F. W. J. Schelling: Vom Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im

menschlichen Wissen (1795), Historisch-kritische Ausgabe, Stuttgart 1976ff. Bd. i. 2. 85.


Wir geben die ganze Stelle wieder, weil sie für unsere jetzige Reflexion (und auch für die
nachfolgenden) von großem Nutzen sein kann: »Wer etwas wissen will, will zugleich, daß
sein Wissen Realität habe. Ein Wissen ohne Realität ist kein Wissen. Was folgt daraus?
Entweder muß unser Wissen schlechthin ohne Realität – ein ewiger Kreislauf, ein be-
ständiges wechselseitiges Verfliessen aller einzelnen Säze in einander, ein Chaos seyn, in
dem kein Element sich scheidet, oder – Es muß einen lezten Punkt der Realität geben, an
dem alles hängt, von dem aller Bestand und alle Form unseres Wissens ausgeht, der die
Elemente scheidet und jedem den Kreis seiner fortgehenden Wirkung im Universum des
Wissens beschreibt. […] Giebt es überhaupt ein Wissen, so muß es ein Wissen geben, zu
dem ich nicht wieder durch ein anders Wissen gelange, und durch welches allein alles
andre Wissen Wissen ist. Wir brauchen nicht eine besondere Art von Wissen vorauszuse-
zen, und zu diesem Saze zu gelangen. Wenn wir nur überhaupt etwas wissen, so müssen
wir auch Eines wenigstens wissen, zu dem wir nicht wieder durch ein andres Wissen ge-
langen, und das selbst den Realgrund alles unsers Wissens enthält.«
§ 4 Die Logik im Verhältnis zum historischen Stand der Wissenschaften 39

§ 4 Die Logik im Verhältnis zum historischen Stand


der konkreten Wissenschaften

Die Selbstbezüglichkeit der Vernunft ist nach Kant, wie wir gesehen haben,
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die einzige Erklärung des beharrlichen Zustandes der allgemeinen Logik


und der frühen Vollendung dieser als Wissenschaft. Für Hegel hingegen
macht diese Selbstbezüglichkeit gerade den Grund der späteren, streng wis-
senschaftlichen Entstehung der wahrhaften Logik aus. Die nicht-formelle,
konkrete Natur der wahrhaften Logik hängt nach Hegel wesentlich mit der
geschichtlichen Tatsache ihrer Entstehung zusammen: Sie verdient, »kon-
kret« genannt zu werden, nicht nur aufgrund des innigen Zusammenschlus-
ses des Begrifflichen mit dem Realen, welchen sie durch die Abschaffung
des »Vorausseyenden« vollzieht, sondern auch deshalb, weil sie von den
konkreten Wissenschaften und ihren Resultaten nicht unabhängig ist.81 Die
Selbstbezüglichkeit des reinen Denkens in der Logik hat sich historisch dank
der Fortschritte der konkreten Wissenschaften verwirklichen können. Die
historische Entwicklung dieser Wissenschaften hat eine Logik erforderlich
gemacht, welche deren rationale Legitimität gewährleistet.82 Dieses Pro-
gramm ist von Kant zum Teil durchgeführt worden. Um aber eine wahrhafte
20.11.2020

Selbsterkenntnis der Vernunft erreichen zu können, hätte Kant den letzten


Rest des Gegebenseins aufheben müssen, auf welchem der Unterschied von
allgemeiner und transzendentaler Logik beruht. Die Idee, dass die allge-
meine Logik von der materiellen Entwicklung der Wissenschaften irgend-
wie bedingt sein kann, ist nach Kant völlig undenkbar, denn sie kollidiert
mit der Autonomie einer Selbsterkenntnis des Verstandes und der Vernunft,
die von jeder partikulären objektbezogenen Erkenntnis völlig absieht. Die
spätere Entstehung der transzendentalen Logik hingegen erklärt sich nach
Kant daraus, dass sie den materiellen Gebrauch des Verstandes betrifft, mit
welchem gerade die meisten philosophischen Irrtümer zu tun haben, sofern
geglaubt wird, dass die Übereinstimmung mit den logischen Regeln für sich
selbst allein hinreichend ist, um den Irrtum zu vermeiden. Die Entstehung
der transzendentalen Logik hängt folglich wesentlich zusammen mit der
Entdeckung der dogmatischen Illusion, welche die Quelle der meisten phi-

81 Vgl. WL I, 42; Enz. § 9.


82 Enz. § 12, Anm., Abs. 2: »Indem die Philosophie so ihre Entwicklung den empi-
rischen Wissenschaften verdankt, gibt sie deren Inhalte die wesentlichste Gestalt der
Freiheit (des Apriorischen) des Denkens und die Bewährung der Notwendigkeit, statt der
Beglaubigung des Vorfindens und der erfahrenen Tatsache, daß die Tatsache zur Darstel-
lung und Nachbildung der ursprünglichen und vollkommen selbständigen Tätigkeit des
Denkens werde.«
40 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

losophischen Verirrungen ausmacht. Die Entlarvung einer tief verwurzelten


Illusion ist allerdings viel schwieriger und erfordert mehr Zeit als die direkte
Anfechtung einer Theorie mithilfe der formalen Regeln des Verstandes,83
und in diesem Sinne ist die transzendentale Logik mit dem geistigen Stand
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ihrer Zeit wesentlich verbunden. Ihre Entstehung bedeutet dann für Kant
die endgültige Vollendung und Formfixierung der Metaphysik,84 welche zu-
sammen mit der allgemeinen Logik die einzige Wissenschaft ist, die einer
endgültigen Geschlossenheit fähig ist. Für die von Hegel konzipierte Lo-
gik hat die Verbindung mit der eigenen Zeit und dem Gang der konkreten
Wissenschaften einen ganz anderen Sinn. Im Gegensatz zu Kant kann nach
Hegel eine Logik nur wahre Selbsterkenntnis des Denkens sein, indem die
historisch niedergelegten Produkte des Denkens bei derselben ihren rein in-
tellektuellen Ausdruck finden, was mit sich bringt, dass die Logik fähig sein
muss, gemeinsam mit dem ihr innewohnenden Geist wesentliche Umgestal-
tungen durchzumachen.85 »Rein intellektueller Ausdruck« bedeutet in die-
sem Zusammenhang, dass die Logik diese Produkte von jeglichem Bezug auf
empirisch vorgegebene Sachverhalte befreit und sie in rein begriffliche Spra-
che umsetzt, dergestalt, dass sie dadurch zu Bestimmungen der sich selbst
auslegenden Tätigkeit der Vernunft verwandelt werden.86
20.11.2020

Aus dem Bisherigen erklärt sich, warum in der Wissenschaft der Logik
nicht nur die Inhalte betrachtet werden, die traditionell der allgemeinen Lo-
gik zugehören – nämlich: Inhalte der Begriffs-, Urteils- und Schlußlehre –,
sondern auch die Bestimmungen der kantischen Kategorientafel – nämlich:
die mathematischen Kategorien (Qualität und Quantität) in der Lehre vom
Sein und die dynamischen Kategorien (Modalität und Relation) in der Lehre
vom Wesen. Später wird es sich zeigen, nach welcher Ordnung und in wel-

83
Vgl. Kant: Logik, A 81.
84
Vgl. KrV B XXIII–XXIV.
85 Das kann mit der folgenden Aussage (WL I, 32) zu kollidieren scheinen: »Diese

Reflexion führt näher auf die Aufgabe des Standpunktes, nach welchem die Logik zu be-
trachten ist, inwiefern er sich von der bisherigen Behandlungsweise dieser Wissenschaft
unterscheidet, und der allein wahrhafte Standpunkt, auf den sie in Zukunft für immer zu
stellen ist.« Diese Aussage ist aber nicht so zu verstehen, als ob die Logik einen beharr-
lichen und unveränderlichen Zustand erreicht hätte, sondern eher als folgt: Mit der Logik
Hegels erreicht diese Wissenschaft einen Standpunkt, der keinen Rückwärts zulässt. K.
Rosenkranz hat diesen Umstand sehr treffend geschildert, als er gesagt hat (Wissenschaft
der logischen Idee, Bd. 1, Neudruck der Ausgabe Königsberg 1858, 22): »Nichts würde
Hegel’s Ansicht von der unendlichen Perfectibilität der Wissenschaft mehr widerspre-
chen, als die Eitelkeit der Anmaaßung, der Zukunft nichts übrig gelassen zu haben.«
86 Enz. § 12, Anm., Abs. 2: »Das Aufnehmen dieses Inhaltes, in dem durch das Denken

die noch anklebende Unmittelbarkeit und das Gegebensein aufgehoben wird, ist zugleich
ein Entwickeln des Denkens aus sich selbst.«
§ 4 Die Logik im Verhältnis zum historischen Stand der Wissenschaften 41

chem Zusammenhang diese Inhalte in der Logik untersucht werden. Es ist


momentan nur wichtig zu verstehen, warum die Inhalte von bislang zwei
aufeinander nicht reduzierbaren Logiken nunmehr in dieselbe Logik fallen
müssen. Oben wurde gezeigt, dass die hegelsche Eliminierung des nicht-
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Begrifflichen im Begriff die Eliminierung des Unterscheidungsgrundes von


Analyse und Synthese, und folglich von allgemeiner und transzendentaler
Logik, mit sich bringt. Ferner wissen wir, dass diese Eliminierung oder Ab-
schaffung des »Vorausseyenden« gleichbedeutend damit ist, den logischen
Denkgebilden die Form des Selbst zu geben. Hegel nennt diese Form des
Selbst auch »Gestalt der Freiheit (des Apriorischen) des Denkens«.87 Der Cha-
rakter des Apriorischen überhaupt ist also dasjenige, welches entscheidet, ob
etwas Inhalt der Logik ist oder nicht, unabhängig davon, ob der betreffende
Inhalt ursprünglich eine objektbestimmende Kategorie, und als solche der
transzendentalen Logik zugehörig, oder eine formelle Bestimmung der all-
gemeinen Logik ist. Das heißt aber nicht, dass der Unterschied zwischen den
Kategorien und den Bestimmungen der allgemeinen Logik für die hegelsche
Logik irrelevant sei; dieser Unterschied wird in der Logik zwar wieder er-
scheinen, aber gerade als Resultat dieser »Gestaltgebung«, die in der Logik
an den gegebenen Formen des Apriorischen vollzogen wird. Trotzdem kann
20.11.2020

man gewisse Inhalte in der Wissenschaft der Logik finden, welche die Voraus-
setzung, apriorische Denkgebilde zu sein, anscheinend nicht erfüllen (z. B.
Mechanismus, Chemismus, Lebensprozess) und aus dem Gebiet des Fak-
tischen genommen zu sein scheinen. Dies hat übrigens erhebliche Verwir-
rungen in der Hegel-Forschung verursacht.88 An der entsprechenden Stelle

87 Ebd.
88 Auf dieses Problem ist immer wieder aufmerksam gemacht worden, seit Rosenkranz
und Trendelenburg bis zu Theunissen, Hösle, Roser, usw. So sagt Rosenkranz in Bezug auf
den Einschluss des Begriffs des Lebens in der Logik (K. Rosenkranz, a. a.O., 29): »Er selbst
gibt sich auch viele Mühe, das Befremdliche zu tilgen, einen so concreten, reellen Ge-
genstand, wie das Leben, in die Logik eintreten zu lassen. Er will das logische Leben von
dem Begriff desselben in der Philosophie der Natur und des Geistes unterscheiden.« Der
Grund dieser Schwierigkeit scheint uns mit der fraglichen (aber durchaus verbreiteten)
Annahme zusammenzuhängen, nach welcher die Logik, »neben« dem begrifflichen, auch
einen »ontologischen Anspruch« hat (als ob die Ontologie einen Bezirk unter anderen
bezeichnen würde). Die Inklusion solcher Zusammenhänge, die auf Anhieb nicht rein
begrifflich zu sein scheinen, würde sich dann aus diesem »ontologischen Anspruch« der
Logik erklären, der Hegel dazu führen würde, außerbegriffliche Sachverhalte im Begriff-
lichen selbst irgendwie einzubeziehen. Dies ist die Ansicht von Rosenkranz (und vielen
Anderen), der mit seiner Umformung der hegelschen Logik den Neukantianismus bereits
ankündigt. Dass aber von Ontologie bei Hegel die Rede sein kann, ist von H. F. Fulda en-
ergisch bestritten worden. Siehe H. F. Fulda: »Die Ontologie und ihr Schicksal in der Phi-
42 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

dieser Untersuchung werden wir versuchen, von solchen Bestimmungen de-


ren Zugehörigkeit zur Logik aufzuweisen. Vorläufig aber sei es mit dem fol-
genden Hinweis genug: Durch Einbeziehung solcher Bestimmungen in die
Logik soll gerade gezeigt werden, dass das erfahrungsabhängige (aposterio-
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rische) Verständnis derselben eigentlich abgeleitet und sekundär ist. Das


heißt, dass die wahre Tragweite und Bedeutung solcher Begriffe sich allein
aufschließen lässt, wenn sie nicht als »aus dem Erfahrungsstoff«89 stammend
angesehen werden, sondern gerade als konstituierende Elemente der Erfah-
rung selbst. Der Mechanismus beispielsweise soll nach dieser Auffassung
nicht primär nach seiner naturphilosophischen Bedeutung und folglich als
ein im logischen Kontext kontingentes Denkgebilde untersucht werden, son-
dern in einem allgemeineren bzw. logisch früheren Sinne, welcher den Be-
griff des Mechanischen in unterschiedlichen Bereichen wie der Rechtsphi-
losophie, der Sprache, dem Sittlichen (z. B. bei der Betrachtung des Begriffs
des Schicksals in der Begriffslogik90), umfasst. Dasselbe gilt für das Verhält-
nis der Kraft und ihrer Äußerung: Man könnte erhebliche Schwierigkeiten
haben, einen solchen Inhalt, dessen (faktischer) Ursprung der modernen
Physik zu verdanken ist, einer Logik einzubegreifen. Dass er aber in der he-
gelschen Logik auftritt, bedeutet, dass er vor allem als ein notwendiges Mo-
20.11.2020

ment der Selbsterkenntnis des Denkens aufzufassen ist und nur sekundär in
seiner üblichen physischen Bedeutung.
Das führt uns wieder zur Idee, dass die hegelsche Logik »ihre Entwick-
lung den empirischen Wissenschaften verdankt«.91 Die Wissenschaft der Lo-
gik verliert deswegen nichts von ihrer Radikalität als prima philosophia. Dass
die Logik, wie Hegel in einer offensichtlich theologischen Anspielung sagt,
»den Geist zu empfangen hat«,92 um sich als Wissenschaft verwirklichen zu
können, bedeutet keineswegs, sie müsse sich mit Materialien anderer Wis-
senschaften, wie im Fall der von Kant kritisierten Erweiterungen der allge-
meinen Logik durch Elemente der Psychologie, Anthropologie usw., ver-

losophie Hegels. Kantkritik in Fortsetzung kantischer Gedanken«, in: Revue international


de Philosophie, Bd. 53 (1999), S. 465–483.
89 R. Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Berlin 1904, Artikel »A priori«.
90 WL III, 141–142.
91 Enz. § 12, Anm., Abs. 2.
92 WL I (1812), 24: »Außer dem, daß die Logik den Geist in ihren toten Inhalt zu emp-

fangen hat, muß ihre Methode diejenige sein, wodurch sie allein fähig ist, reine Wissen-
schaft zu sein.« In der Ausgabe von 1832 wird an dieser Stelle, anstatt von »Empfangen«,
der theologisch nicht weniger assoziationsreiche Ausdruck »Beleben« verwendet (WL I,
37): »Damit, daß dieses tote Gebein der Logik durch den Geist zu Gehalt und Inhalt be-
lebt werde, muß ihre Methode diejenige sein, wodurch sie allein fähig ist, reine Wissen-
schaft zu sein.«
§ 4 Die Logik im Verhältnis zum historischen Stand der Wissenschaften 43

unreinigen.93 Die Doppeldeutigkeit (und sogar »Dreideutigkeit«) der Aus-


drucksweise Hegels in dieser Aussage soll nicht unberücksichtigt bleiben.
Die Logik muss zunächst den Geist »empfangen« (im Sinne von »erhalten«,
»bekommen«, »entgegennehmen«), weil sie in ihrem überlieferten Zustand
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der geistigen Situation der Zeit Hegels nicht mehr adäquat entspricht. Dafür
muss sie bereit sein, die Ergebnisse und Produkte des Geisteslebens (d. h. der
empirischen Wissenschaften, des philosophischen Denkens, usw.) zu »emp-
fangen« (im Sinne von »aufnehmen«), weil in diesen Produkten »Spuren«,
»Musterstücke« dessen enthalten sind, was das reine Denken an sich ist.
Die Aufnahme solcher Inhalte macht insofern keine »Verunstaltung« oder
Verunreinigung des Logischen aus, denn dabei erkennt und macht sich das
reine Denken das zu eigen, was ihm ursprünglich zugehört, ungeachtet der
faktischen, aposteriorischen Entdeckung dieser Inhalte.94 Zuletzt muss die
Logik den Geist »empfangen« (im Sinne von »schwanger werden«, »in sich
lebendig werden lassen«), weil sich durch die Aufnahme und logische Bear-
beitung der aposteriorischen Produkte des Geistes diese Produkte (und auch
der Geist selbst) eigentlich als Produkte der Logik selbst erweisen, – als Er-
gebnisse ihrer eigenen Entwicklung. Die zeitliche Priorität muss von der Lo-
gik in logische Priorität verwandelt werden. Es ergibt sich somit die Umkeh-
20.11.2020

rung der Situation, die wir am Anfang in Bezug auf die überlieferte Logik ge-
schildert haben. Die überlieferte Logik, haben wir oben gesagt, ist von einer
gewissen Idee des Wissens abhängig, welche sie nicht zu hinterfragen, erfor-
schen oder untersuchen vermag. Durch den soeben erläuterten »Empfang
des Geistes« seitens der Logik kehrt sich diese Relation um: Die Logik ist
nun die Matrix jeglicher vorstellbaren Idee des Wissens.95 Damit stoßen wir
auf den Gedanken, mit welchem wir den letzten Abschnitt beendet haben:
dass das Wissen (die Logik), infolge der Abschaffung des Vorausseyenden,
sich nicht mehr auf Prinzipien und Grundsätze berufen kann, welche ihm
einen sicheren Bestand und Realitätsbezug sichern. Dieser Schluss ist da-
raus gezogen worden, dass Hegel das Diskursive nicht mehr als Synonym
der Endlichkeit unserer Erkenntnis und folglich als defizitär und verschoben
konzipiert. Infolge dieser Auffassung des Diskursiven, nach welcher keine

93 WL I, 36: »Die Erweiterungen, die ihr durch psychologisches, pädagogisches und

selbst physiologisches Material eine Zeitlang gegeben wurden, sind nachher für Verun-
staltungen ziemlich allgemein anerkannt worden.«
94 Vgl. Enz. § 12.
95 WL I, 42: »So erhält das Logische erst dadurch die Schätzung seines Wertes, wenn es

zum Resultat der Erfahrung der Wissenschaften geworden ist; es stellt sich daraus als die
allgemeine Wahrheit, nicht als eine besondere Kenntnis neben anderem Stoff und [ande-
ren] Realitäten, sondern als das Wesen alles dieses sonstigen Inhaltes dem Geiste dar.«
44 1.1 Einleitung: Die Wissenschaft der Logik

vordiskursive Instanz als Grundlage des Wissens anzunehmen ist, nimmt


das Wissen die Form eines Kreises an. Das Problem ist dann nicht mehr,
auf welchen externen Prinzipien ein logischer Diskurs, der sich als prima
philosophia vorstellt, eigentlich beruht, denn ein solcher Diskurs kann per
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definitionem auf keinem externen Prinzip beruhen. Die Frage ist eher, wie
Albizu bemerkt hat: Wie ist eigentlich in diesen Kreis des logischen Wissens
»einzutreten«?96 Damit aber spitzt sich das Problem insbesondere auf den
Anfang des logischen Diskurses zu, wie sich im Folgenden zeigen wird.
20.11.2020

96 Vgl. E. Albizu: »Comienzo como concepto especulativo«, in: Escritos de Filosofía,

Bd. 25–2b, Buenos Aires 1994. 18


1.2 Der Anfang des logischen Diskurses und die
Suppositionen der Vorstellung
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§ 5 Der Standpunkt des kreisförmigen Wissens

Aus den vorausgehenden Reflexionen über den philosophischen Status und


Charakter der hegelschen Logik im Verhältnis zur überlieferten Logik (der
Zeit Hegels) hat sich ergeben, dass die Radikalität einer solchen Wissenschaft
die Annahme von vorgängigen Grundlagen, Prinzipien oder Grundsätzen
nicht zulässt. Es ist ferner bemerkt worden, dass die angestrebte Wissen-
schaftlichkeit der Logik eine Betrachtung der Denkstrukturen erforderlich
macht, die dieselben nicht als bereits konstituierte und als dem denkenden
Selbst sozusagen »vorgelagerte« Denkgebilde annimmt. Folglich muss eine
so konzipierte Logik über das bloße Registrieren und Verzeichnen der Ver-
standesmomente hinausgehen: Sofern es sich um eine echte Wissenschaft des
Logischen und nicht bloß um eine Logik handelt, darf der wissenschaftliche
Charakter derselben nicht allein auf der notwendigen bzw. apriorischen Na-
tur der Prinzipien und Gesetze beruhen, die sie darstellt. Das Logische kann
20.11.2020

also nicht in einem unveränderlichen Inhalt bestehen, der sich durch die un-
terschiedlichsten Formen (die traditionellen Darstellungen der Logik) intakt
überliefern lässt, ungeachtet der Umwandlungen und Metamorphosen des
Geisteslebens. Dies haben wir im vorigen Kapitel die »Unabspaltbarkeit der
Denkstrukturen von ihrer Darstellung« genannt: Die Inhalte der Logik und
die Darstellungsweise, durch welche diese Inhalte »vorgetragen« werden,
können in der hegelschen Logik nicht voneinander getrennt werden.97 Die
Annahme von ursprünglichen Prinzipien und Grundsätzen, indem diese als
unvermittelt gelten, hat gerade diese Spaltung von Inhalt und Darstellung
zur Folge. Der radikale Standpunkt der hegelschen Logik verbietet, dass der
Inhalt seiner Exposition vorausgeht. Dieser Standpunkt ist gleichbedeutend

97 Vgl. J. Vuillemin, a. a.O., 310–311. Vuillemin versteht das Zusammenfallen von Ma-

terie und Form, welches dem nachkantischen Idealismus eigen ist, als einen Rückfall in
das »intellektuelle System« von Leibniz, bei welchem das Prinzip der Unterscheidung der
Begriffe und das Prinzip der Unterscheidung der Dinge dasselbe sind (Vgl. a. a.O., 311).
Es wurde aber im vorigen Kapitel gezeigt, dass der Ansatz Hegels keine vorgegebene be-
griffliche Strukturierung der Dinge voraussetzt, die den Gedanken einer adaequatio als
Erklärung des Erkenntnisvorganges erlauben würde. Vuillemin verwechselt die Materie,
von welcher die Logik sowohl bei Kant als auch bei Hegel völlig abstrahiert, d. h. den
gegebenen Gegenstand, mit der Materie, die in der Logik Hegels als Medium des begriff-
lichen Zusammenhanges fungiert.
VORWORT

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2009 von der Philoso-


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phischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Disserta-


tion angenommen. Die ursprüngliche Fassung wurde von mir bearbeitet und
korrigiert. Ich möchte an dieser Stelle all denjenigen meinen Dank ausspre-
chen, die mir bei der Entstehung dieser Arbeit geholfen haben.
Zu ganz besonderem Dank bin ich meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr.
Hans Friedrich Fulda, verpflichtet. Seine engagierte Betreuung während der
Promotionszeit und der Bearbeitung, sein Interesse an meiner Arbeit, seine
wertvollen Hinweise sowie seine freundliche und vertrauensvolle Unterstüt-
zung haben wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen. Auch für
seine tatkräftige Unterstützung bezüglich der Durchsicht und des Korrektur-
lesens des gesamten Manuskriptes bin ihm vom ganzen Herzen dankbar.
Ebenso möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Martin Gessmann für die
unkomplizierte Zusammenarbeit und für die freundliche Bereitschaft zur
Übernahme des Zweitgutachtens bedanken. Weiterhin möchte ich Herrn
Prof. Dr. Jens Halfwassen für den Vorsitz im Rahmen der Disputation dan-
20.11.2020

ken. Mein Dank gilt ebenfalls den Herausgebern für die Aufnahme der Arbeit
in diese Schriftenreihe.
Dem Cusanuswerk möchte ich für die großzügige Förderung meiner Pro-
motion besonders danken. Pater Dr. Thomas Rutte gilt ein großer Dank für
seine Unterstützung und die inspirierenden Gespräche.
Besonders danken möchte ich an dieser Stelle meinen Lehrern an der Uni-
versität von Barcelona Herrn Prof. Dr. Francesc Josep Fortuny (†), Herrn
Prof. Dr. Salvi Turró und Herrn Prof. Dr. Felipe Martínez Marzoa.
Ganz besonders dankbar bin ich meiner Familie und meinem Freundes-
kreis, die mich mit Geduld und Unterstützung im Laufe der Jahre beglei-
tet haben. Für ihren Enthusiasmus und starken Rückhalt bin ich meiner
Freundin, Erika Elizabeth Pinner, unendlich dankbar. All den Kollegen und
Bekannten, die durch Gespräche und intellektuellen Austausch zur Entste-
hung dieser Arbeit beigetragen haben, sei hiermit auch gedankt. Ein ganz
besonderer Dank gebührt meinen Eltern, denen ich diese Arbeit widme. Ihre
Ermunterung und immerwährende Unterstützung hat die Verwirklichung
dieser Arbeit erst möglich gemacht.
Dies gesagt, gilt es abschließend ausdrücklich festzuhalten, dass sämtliche
Fehler, Versäumnisse und Auslassungen alleine in meiner Verantwortung
stehen.
Berlin, im Juli 2012 José María Sánchez de León Serrano
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Die Wissenschaft der Logik als Selbsterkenntnis
des Verstandes und der Vernunft
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§ 1 Über den Titel »Wissenschaft der Logik«; seine Beziehung zur


kantischen Kritik der traditionellen Logik

Die Wissenschaft der Logik Hegels stellt sich als derjenige Diskurs vor, der
die Bestimmungen des reinen Denkens zum Gegenstand seiner Betrachtung
hat. Die Art dieses Diskurses hat den Anspruch, wie der Titel selbst zu ver-
stehen gibt, wissenschaftlich zu sein. Dies bringt das Folgende mit sich: Wird
das Logische – in einem noch zu klärenden Sinn – als die für jeden Wissens-
bereich gültige Gesetzmäßigkeit aufgefasst, dann muss nicht nur der Gegen-
stand der Betrachtung, sondern auch die Betrachtung selbst jener Gesetzmä-
ßigkeit entsprechen. Wenn wir uns ausdrücklich auf »die« Logik beziehen,
d. h. auf eine Gültigkeit, die jeglicher partikulären Gesetzmäßigkeit voraus-
geht, dann müssen wir zwangsläufig annehmen, dass eine Betrachtung mit
Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, welche diese Gültigkeit behandeln will,
20.11.2020

nicht nach einer ihrem Objekt heterogenen, fremden Wissenschaftlichkeit


konstituiert sein kann. Aber welchen Sinn hat es dann, überhaupt von einer
»Wissenschaft der Logik« zu sprechen? Denn, gibt es eigentlich eine andere
Form, das Logische unter dem Namen »Logik« darzustellen, welche nicht
wissenschaftlich ist? Es scheint allerdings pleonastisch zu sein, die Art des
Diskurses mit dem Adjektiv »wissenschaftlich« einschränken zu wollen: Im
Ausdruck »Logik« ist bereits diese Wissenschaftlichkeit implizit angedeu-
tet, wie es bei den Ausdrücken »Physik« oder »Chemie« der Fall ist. Aber
wenn das so ist, warum schreibt Hegel nicht einfach nach dem traditionellen
Brauch »Logik«, anstatt »Wissenschaft der Logik«?1 Mit diesem Titel scheint
Hegel andeuten zu wollen, dass es in der Tat möglich ist, die Logik unwissen-
schaftlich bzw. auf eine ihrem Gegenstand unangemessene Art darzustellen.
Von dieser Logik, welche zur Zeit Hegels als – mit den Worten Kants – »de-
monstrierte Theorie« gilt, will sich Hegel gerade mit dem angehängten Aus-
druck »Wissenschaft« distanzieren.
Um die Problematik hinter dem Titel »Wissenschaft der Logik« besser
verstehen zu können, müssen wir zunächst die Position Kants hinsichtlich

1 Außer »Logik« verwendete man zur Zeit Hegels auch Ausdrücke wie »Vernunft-
lehre« (Reimarus), »Theorie des Denkens« (Maimon), »Doctrina syllogistica« (Sulzer)
oder »Dianoiologie« (Lambert), aber nicht »Wissenschaft der Logik«.
1.2 Der Anfang des logischen Diskurses und die
Suppositionen der Vorstellung
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§ 5 Der Standpunkt des kreisförmigen Wissens

Aus den vorausgehenden Reflexionen über den philosophischen Status und


Charakter der hegelschen Logik im Verhältnis zur überlieferten Logik (der
Zeit Hegels) hat sich ergeben, dass die Radikalität einer solchen Wissenschaft
die Annahme von vorgängigen Grundlagen, Prinzipien oder Grundsätzen
nicht zulässt. Es ist ferner bemerkt worden, dass die angestrebte Wissen-
schaftlichkeit der Logik eine Betrachtung der Denkstrukturen erforderlich
macht, die dieselben nicht als bereits konstituierte und als dem denkenden
Selbst sozusagen »vorgelagerte« Denkgebilde annimmt. Folglich muss eine
so konzipierte Logik über das bloße Registrieren und Verzeichnen der Ver-
standesmomente hinausgehen: Sofern es sich um eine echte Wissenschaft des
Logischen und nicht bloß um eine Logik handelt, darf der wissenschaftliche
Charakter derselben nicht allein auf der notwendigen bzw. apriorischen Na-
tur der Prinzipien und Gesetze beruhen, die sie darstellt. Das Logische kann
20.11.2020

also nicht in einem unveränderlichen Inhalt bestehen, der sich durch die un-
terschiedlichsten Formen (die traditionellen Darstellungen der Logik) intakt
überliefern lässt, ungeachtet der Umwandlungen und Metamorphosen des
Geisteslebens. Dies haben wir im vorigen Kapitel die »Unabspaltbarkeit der
Denkstrukturen von ihrer Darstellung« genannt: Die Inhalte der Logik und
die Darstellungsweise, durch welche diese Inhalte »vorgetragen« werden,
können in der hegelschen Logik nicht voneinander getrennt werden.97 Die
Annahme von ursprünglichen Prinzipien und Grundsätzen, indem diese als
unvermittelt gelten, hat gerade diese Spaltung von Inhalt und Darstellung
zur Folge. Der radikale Standpunkt der hegelschen Logik verbietet, dass der
Inhalt seiner Exposition vorausgeht. Dieser Standpunkt ist gleichbedeutend

97 Vgl. J. Vuillemin, a. a.O., 310–311. Vuillemin versteht das Zusammenfallen von Ma-

terie und Form, welches dem nachkantischen Idealismus eigen ist, als einen Rückfall in
das »intellektuelle System« von Leibniz, bei welchem das Prinzip der Unterscheidung der
Begriffe und das Prinzip der Unterscheidung der Dinge dasselbe sind (Vgl. a. a.O., 311).
Es wurde aber im vorigen Kapitel gezeigt, dass der Ansatz Hegels keine vorgegebene be-
griffliche Strukturierung der Dinge voraussetzt, die den Gedanken einer adaequatio als
Erklärung des Erkenntnisvorganges erlauben würde. Vuillemin verwechselt die Materie,
von welcher die Logik sowohl bei Kant als auch bei Hegel völlig abstrahiert, d. h. den
gegebenen Gegenstand, mit der Materie, die in der Logik Hegels als Medium des begriff-
lichen Zusammenhanges fungiert.
46 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

mit dem, was wir im vorigen Kapitel »Abschaffung des Vorausseyenden«


und »Eliminierung des nicht-Begrifflichen im Begrifflichen selbst« genannt
haben. Der Standpunkt der hegelschen Logik und seine Implikationen wird
der Gegenstand unserer Überlegungen im Folgenden sein.
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Gegen das soeben Gesagte ließe sich einwenden, dass der Standpunkt der
Logik doch gewisse Voraussetzungen enthält, die seine vermeintliche Ra-
dikalität infrage stellen. Im vorausgehenden Kapitel wurde behauptet, dass
die hegelsche Logik die Matrix jeglicher vorstellbaren Idee des Wissens aus-
macht, im Unterschied zur überlieferten Logik, deren Mangel als Selbster-
kenntnis des Denkens gerade darin besteht, von einer ursprünglicheren Idee
des Wissens abhängig zu sein. Verfährt nun nicht die hegelsche Logik, un-
seren Überlegungen im letzten Kapitel zufolge, auch nach einer bestimmten
Idee des Wissens, von welcher sie abhängt? Und diese zugrundeliegende
Idee des Wissens, indem sie sich vermeintlich von den vorigen scharf unter-
scheidet und folglich nicht primär zugänglich ist, macht sie nicht die Logik
von Voraussetzungen und Vorbedingungen noch abhängiger und die Stel-
lung derselben noch untergeordneter als die der bisherigen Logiken? Die
Exposition dieser Voraussetzungen würde den Anspruch dieser Logik, auf
keinem externen Prinzip zu beruhen, anscheinend ruinieren, und sie würde
20.11.2020

den gesuchten Anfang des logischen Diskurses auf einen anderen Anfang,
der nicht derjenige der Logik selbst ist, verschieben. Somit scheinen wir auf
die anfängliche Situation unserer Untersuchung zurückzukehren, in welcher
wir mit einer Logik zu tun hatten, die nicht mit sich selbst anfängt und folg-
lich die Selbstdurchsichtigkeit des Denkens verhindert. Die Idee einer Logik
im hegelschen Sinne zeigt sich darum als in sich selbst aporetisch. Diese apo-
retische Situation ist nur vermeidbar, wenn die Exposition der Bedingungen
des logischen Standpunktes derart beschaffen ist, dass sie Zugang zu die-
sem Standpunkt verschafft, ohne dessen Primat abzuschaffen. Dafür muss
diese Exposition, um mit Worten Pöggelers zu sprechen, als »die Bereitstel-
lung jenes Elements, in dem die Philosophie sich entfalten kann«,98 konzi-
piert werden. Als eine solche »Bereitstellung« soll sie den Zugang zur Logik
dergestalt ermöglichen, dass das daraus hervorgehende Wissen gerade das
gesuchte voraussetzungslose Wissen ist. Die Unabhängigkeit des logischen
Standpunktes soll von dieser vorausgehenden Exposition nicht beeinträch-

98
Otto Pöggeler: Hegels Idee einer Phänomenologie des Geistes, Freiburg/München
1973, 1993, 297. Anscheinend basiert diese Ausdruckweise auf der folgenden Stelle der
Phänomenologie des Geistes (Phän., 39): »Hiermit beschließt sich die Phänomenologie des
Geistes. Was er in ihr sich bereitet, ist das Element des Wissens. […] Ihre Bewegung, die
sich in diesem Elemente zum Ganzen organisiert, ist die Logik oder spekulative Philoso-
phie.«
§ 5 Der Standpunkt des kreisförmigen Wissens 47

tigt werden, sondern von derselben gerade noch deutlicher zum Vorschein
gebracht werden. Der Gegenstand dieser vorausgehenden Exposition ist das
Bewusstsein, und die Phänomenologie des Geistes ist das Werk, das die Auf-
gabe, zum Standpunkt der Logik zu bringen, ausführen soll. Ohne auf die
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zahlreichen Diskussionen um die komplexen Verhältnisse zwischen der Phä-


nomenologie des Geistes und der Logik einzugehen, müssen wir im Hinblick
auf unsere weitere Untersuchung einiges darüber bemerken.
Zunächst muss geklärt werden, warum diese vorausgehende Exposition,
die den Zugang zum logischen Standpunkt verschaffen soll, gerade vom Be-
wusstsein handeln muss. Welche Besonderheit weist das Bewusstsein auf, so-
dass deren Berücksichtigung uns gerade zum Standpunkt der Logik führen
sollte? Es ist unmittelbar ersichtlich, dass der Standpunkt der Logik, sofern
er eine bestimmte Idee des Wissens impliziert, Sache des Bewusstseins ist
oder dasselbe betrifft, wenn wir den Begriff »Bewusstsein« im weiten Sinne
als das Wissen »um einen Vorgang in uns«99 verstehen. Der Logik liegt, so
haben wir festgestellt, eine bestimmte Idee des Wissens zugrunde, und »Idee
des Wissens« oder »Wissen des Wissens« zu sein, ist gerade das, was das
Bewusstsein als solches kennzeichnet. Daraus folgt: Nur das Bewusstsein
kann den Bereich ausmachen, in welchem die »Bereitstellung« des logischen
20.11.2020

Standpunktes stattfindet. Es ist gerade das Bewusstsein, welches über den


Standpunkt der Logik belehrt werden soll; an das Bewusstsein muss sich die
Exposition der Bedingungen der Logik adressieren.100 Aber gerade als ein
solcher Bereich der »Bereitstellung« kann das Bewusstsein nicht den Bereich
der Entfaltung der Logik selbst ausmachen. Das heißt: »Bewusstsein« meint
eine Konfiguration des Wissens, die sozusagen durchgemacht und zurückge-
lassen werden muss, um Zugang zum logischen Denken überhaupt haben zu
können. Im Bewusstsein befindet sich das Denken noch nicht im geeigneten
Element, um sich als Logik entfalten zu können, sondern nur auf einem da-
hin führenden Weg. Daher bezeichnet Hegel das Bewusstsein als »Erschei-

99 R. Eisler: Wörterbuch …, a. a.O., Artikel »Bewußtsein (Wissen des Wissens)«.


100 Bezüglich des Adressaten der Phänomenologie siehe S. Houlgate, a. a.O., 159–161.
Dort bemerkt Houlgate, dass die Phänomenologie, obwohl sie vom Bewusstsein handelt,
keine Philosophie des Bewusstseins ausmacht (a. a.O., 160): »It is simply a study of the
way consciousness experiences itself and the world, a study of consciousness’s own multi-
ple certainties – a logical account of what is apparent to consciousness about itself and ist
world, rather than a presentation of the full truth of being or consciousness itself.« Diese
Bemerkung scheint uns zutreffend, vor allem, weil der Standpunkt der Logik, zu welchem
die Phänomenologie führen muss, gerade diese »certainties« des Bewusstseins betrifft, und
nicht das Bewusstsein als Gegenstand einer möglichen philosophischen Untersuchung.
Diese »certainties« bilden einen »Weg«, und deswegen sagt Hegel (Phän., 38): »Die Wis-
senschaft dieses Wegs ist Wissenschaft der Erfahrung, die das Bewußtsein macht; […].«
48 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

nen des Geistes«.101 »Erscheinung« meint gerade eine Sichtbarmachung, die


im Gange ist und folglich unvollendet. Dass das Bewusstsein »Erscheinung
des Geistes« ist, bedeutet dann, dass der Geist sich darin noch nicht voll-
kommen manifestiert hat, und dass infolgedessen der Boden der Logik noch
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nicht bereitgestellt ist.


Dem Begriff »Erscheinung« liegt übrigens eine gewisse logische Struktur
zugrunde, welche innerhalb der Logik selbst (genauer in der Lehre vom We-
sen) betrachtet wird. Bei seiner Erscheinung scheidet sich ein und dasselbe
Ding in eine phänomenale, sichtbare Seite und in einen beziehungslosen
Grund, der sich jeglicher Manifestation entzieht, sofern diese die Relation
auf die Andersheit und folglich den Verlust seiner Selbständigkeit als Grund
mit sich bringen würde.102 So manifestiert sich der Grund in der von ihm be-
gründeten, hervorgebrachten Existenz, ohne sich durch dieselbe völlig sicht-
bar zu machen. Der Gegensatz zwischen den beiden Termini, »Grund« und
»Existenz«, ist eigentlich nichtig; die Supposition ihrer Unterschiedenheit
hindert die komplette Manifestation des erscheinenden Grundes, der somit
unbekannt bzw. inhaltlich unbestimmt bleibt. Das Denken oder der Geist
weist gerade diese Struktur auf, wenn er als Bewusstsein aufgefasst wird: Als
erscheinend bleiben Aspekte von ihm noch verborgen und unbestimmt. Das
20.11.2020

noch Verborgene, noch nicht Manifestierte des erscheinenden Geistes wird


vom Bewusstsein als fremde Andersheit genommen; das Bewusstsein igno-
riert, dass es im Fremden eigentlich bei sich selbst ist. Dies muss in Zusam-
menhang gebracht werden mit dem, was im vorausgehenden Kapitel über
die Supposition des »Vorausseyenden« gesagt worden ist: dass das »Voraus-
seyende« den Abstand ausmacht, welcher das Denken von seiner »Selbst-
durchsichtigkeit« trennt. Indem das Bewusstsein glaubt, dass »das Andere
ihm ein gleichgültiges Fremdes ist«103, ist es sich selbst nicht transparent.
Die Idee des »Vorausseyenden« und die Bewusstseinstruktur erweisen sich
somit als zusammenhängend.
Das soeben über die Bewusstseinstruktur Gesagte lässt sich in Bezug auf
Kant behaupten. Im vorausgehenden Kapitel wurde darauf Nachdruck ge-
legt, dass das Erkennen bei Kant darin besteht, dem Gegebenen die »Form
des Selbst« zu geben. Nun versteht Kant diese Form des Selbst gerade als
Bewusstsein. Es wurde des Weiteren gesagt, dass das Fehlende in der über-

101
Enz. § 413: »Das Bewußtsein macht die Stufe der Reflexion oder des Verhältnisses
des Geistes, seiner als Erscheinung, aus.« Enz. § 414: »Der Geist ist als Ich Wesen; aber in-
dem die Realität in der Sphäre des Wesens als unmittelbar seiend und zugleich als ideell
gesetzt ist, ist er als das Bewußtsein nur das Erscheinen des Geistes.«
102 Vgl. WL II, 341–352; Enz. §§ 131–135.
103 Phän., 184.
§ 5 Der Standpunkt des kreisförmigen Wissens 49

lieferten Logik für Hegel die »Form des Selbst« ist. Dass Kant sich also auf
den Standpunkt der Logik nicht erheben kann, ist in gewisser Hinsicht da-
rauf zurückzuführen, dass seine Auffassung des Selbst immer noch in der
Bewusstseinsstruktur verbleibt. Die »Form des Selbst«, welche die Logik im
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hegelschen Sinne erfordert, muss also von der Bewusstseinsstruktur befreit


werden. Das Bewusstsein als »erscheinender Geist« ist gerade das zu besei-
tigende Hindernis, damit das reine Denken ans Tageslicht kommen kann.
Um das ersichtlicher zu machen, richten wir noch einmal kurz unsere Auf-
merksamkeit auf die kantische Auffassung des Begriffs. Kant charakterisiert
diesen als »Prädikat möglicher Urteile«.104 Dass der Begriff im Urteil nach
dieser Definition die Position des Prädikats und nicht die des Subjekts ein-
nimmt, bedeutet, dass der Begriff – um überhaupt Begriff sein zu können –
letztendlich auf etwas bezogen werden muss, das nicht begrifflich ist.105
Wenn der Begriff immer auf einen anderen Begriff verweisen würde, wür-
den wir nie über die Analytizität hinausgehen, und das Urteil würde folglich
nichts zu erkennen geben. Der Bezug des Begriffs auf das nicht-Begriffliche
wird aber legitime Erkenntnis, wenn dieser Bezug auf das denkende Selbst
geht, und das ist es gerade, was die Form des Urteils, und genauer die Kopula
desselben, zum Ausdruck bringt.106 Jedes Urteil beinhaltet also sowohl den
20.11.2020

Bezug auf etwas, das als Subjekt der Prädikation fungiert (hypokeímenon),
als auch auf jenes ursprünglichere Etwas, das den Akt des Urteilens selbst
vollbringt, und auf welchem selbst die logische Form des Urteils beruht.107
Aber gerade deswegen, weil der Begriff, damit er überhaupt Erkenntnis ge-
ben kann, nach dieser Auffassung letztendlich auf etwas nicht-Begriffliches
bezogen werden muss, kann das denkende Selbst nie Gegenstand der Er-
kenntnis werden. Vom denkenden Selbst oder Subjekt kann nichts ausge-
sagt werden, weil wir, um über dasselbe etwas aussagen zu können, uns auf
etwas Gegebenes, auf das notwendige Datum des Begriffs beziehen können
müßten – was in diesem Fall fehlt.108 Diese Struktur, in welcher etwas sich
unserer Erkenntnis entzieht und dennoch diese immer begleitet, ist eben die
Struktur des Bewusstseins. So ist die hegelsche Aussage zu verstehen, nach

104 KrV B 94: »Begriffe aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgend
eine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstande.«
105 Vgl. F. M. Marzoa: Historia de la filosofía, a. a.O., 121; Ders: Releer a Kant, a. a.O.,

58–59.
106 Vgl. F. M. Marzoa: Historia de la filosofía, a. a.O., 128; Kant, Logik, A 156: »Ein Ur-

teil ist die Vorstellung der Einheit des Bewußtseins verschiedener Vorstellungen, oder die
Vorstellung des Verhältnisses derselben, so fern sie einen Begriff ausmachen.«
107 Vgl. KrV B 140–142; F. M. Marzoa: Hölderlin …, a. a.O., 24–25.
108 Vgl. F. M. Marzoa: Hölderlin …, a. a.O., 20–21.
50 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

welcher das Ich im Bewusstsein »eine Seite des Verhältnisses und das ganze
Verhältnis«109 ist. Es gibt bei Kant also einen innigen Zusammenhang zwi-
schen der Bewusstseinsstruktur – verstanden als dasjenige, worauf die Form
des Urteils beruht – und der Unmöglichkeit, das denkende Selbst zu erken-
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nen, solange es in der Struktur des Bewusstseins gefangen ist.


Es ist bereits bemerkt worden, dass die »Bereitstellung«, welche die Phä-
nomenologie vollzieht, den Primat der Logik keineswegs abschafft. Dies ist
dadurch evident geworden, dass die Bewusstseinsstruktur mittels einer
Denkform der Logik (nämlich die der Erscheinung) erläutert worden ist. Es
ist also vermittels der Logik selbst, dass die »Bereitstellung« des logischen
Standpunktes in der Phänomenologie erfolgt. Der Weg, der zum logischen
Standpunkt führt, könnte nicht einer Logik folgen, welche der Logik selbst
fremd wäre. Daraus folgt: Jedes Wissen ist eigentlich der Logik gemäß, wenn-
gleich nicht jedes Wissen von der Logik als solcher handelt. In dieser Hin-
sicht hat die Phänomenologie die Funktion, uns zu jener Perspektive zu füh-
ren, in welcher das Logische nicht als dieses oder jenes, sondern als solches,
qua Logik, erscheint. Die Phänomenologie vollzieht somit die Befreiung des
Logischen von jeglichem »insofern«, vom quatenus überhaupt, welches das
Logische in Relation zu etwas anderem setzt. Dies führt uns zum anderen
20.11.2020

Schlüsselwort der Aussage Pöggelers, nämlich »Element«, welches in diesem


Kontext als das Medium zu verstehen ist, in welchem sich ein Lebewesen
(hier das vom Geist belebte reine Denken) entwickeln und wohnen kann.
Das Logische nicht als dieses oder als jenes, nicht als relativ zu etwas be-
trachten, heißt dann, es in seinem eigenen Element zu setzen und es sich da-
bei entfalten zu lassen, während es außerhalb dessen nur »nach einem ihm
unangemessenen Maß«110 beurteilt werden kann.

109
Enz. § 413.
110
M. Heiddegger: Brief über den »Humanismus«, GA, Bd. 9, 315. Die sich in die-
sem Werk findenden Überlegungen über das Element des Denkens weisen interessante
Parallelen zur hegelschen Auffassung des Elements des Logischen auf. Heidegger beruft
sich auf das Element des Denkens gegen die »Auffächerung« der Philosophie, die für ihn
als ein Indiz des Untergangs des wahren Denkens interpretiert wird. So sagt Heidegger
(a. a.O., 316): »Auch die Namen wie ›Logik‹, ›Ethik‹, ›Physik‹ kommen erst auf, sobald
das ursprüngliche Denken zu Ende geht. Die Griechen haben in ihrer großen Zeit ohne
solche Titel gedacht. Nicht einmal ›Philosophie‹ nannten sie das Denken. Dieses geht zu
Ende, wenn es aus seinem Element weicht. Das Element ist das, aus dem her das Denken
vermag, ein Denken zu sein. Das Element ist das eigentlich Vermögende: das Vermögen.
Es nimmt sich des Denkens an und bringt es so in dessen Wesen. Das Denken, schlicht
gesagt, ist das Denken des Seins […] Dieses Vermögen ist das eigentlich ›Mögliche‹, je-
nes, dessen Wesen im Mögen beruht. Aus diesem Mögen vermag das Sein das Denken. Je-
nes ermöglicht dieses. Das Sein als das Vermögen-Mögende ist das ›Mög-liche‹. Das Sein
§ 6 Die Frage nach dem Anfang 51

§ 6 Die Frage nach dem Anfang

Zum Standpunkt der Logik, so wie sie im ersten Kapitel einleitend charak-
terisiert wurde, kann man nicht anders als durch die »Bereitstellung ihres
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Elementes« Zugang haben. Diese Art von Zugang, als »Bereitstellung«, kol-
lidiert nicht mit dem Konzept einer Logik, die mit sich selbst anfängt. Das-
jenige aber, was die »Bereitstellung« verschafft, ist der Standpunkt, nicht der
Anfang der Logik. Standpunkt der Logik und Anfang derselben sind nicht
miteinander zu verwechseln.111 Der Standpunkt der Logik ist die Perspek-
tive oder Betrachtungsweise, aus welcher die Logik möglich ist. Der Anfang
dagegen ist der effektive Beginn des logischen Diskurses. Der Standpunkt,
ohne der Anfang zu sein, liefert den theoretischen Rahmen, innerhalb des-
sen die Frage nach dem Anfang gestellt werden kann. Ferner zeigt der Stand-
punkt der Logik, inwiefern die Frage nach dem Anfang zur Sache gehörig ist
und welchen Sinn sie eigentlich hat. »Standpunkt der Logik« besagt, dass die
Logik auf keinem Prinzip oder auf keiner Grundlage beruhen kann. Wenn
die Logik auf keinem Prinzip beruht, dann kann es auch bei ihr keinen uni-
direktionalen und unumkehrbaren Begründungszusammenhang geben. Das
so beschaffene Wissen kann demzufolge nicht anders als ein Kreislauf kon-
20.11.2020

stituiert sein. Das Problem, welches ein solches kreisförmiges Wissen mit
sich bringt, ist nicht (wie am Ende des letzten Kapitels gezeigt wurde), auf

als das Element ist die ›stille Kraft‹ des mögenden Vermögens, das heißt des Möglichen«.
Daraus möchten wir zwei Aspekte besonders hervorheben. Es ist zunächst auf die Iden-
tifizierung des Elements des Denkens mit seinem »Vermögen« aufmerksam zu machen.
Was das Denken eigentlich vermag, d. h. seine Möglichkeiten und Potenzialitäten, kann
es nur in seinem Element (»das Sein«) vollbringen. Außerhalb seines Elements ist also das
Denken »gehemmt«. Das Denken in seinem Element wird ferner von Heidegger (zweiter
Aspekt) »ursprüngliches Denken« genannt. Einem solchen Denken eignen die Differen-
zierungen wie »Ethik«, »Logik«, usw. nicht, weil es ihnen allen vorausgeht. Trotz der Un-
terschiede zu Heidegger (wir wollen hier lediglich auf gewisse »Ähnlichkeiten« aufmerk-
sam machen), kann man in Bezug auf die hegelsche Logik in gewisser Hinsicht auch von
»ursprünglichem Denken« reden, indem dieses Denken sein eigener Maßstab ist und jeg-
licher vorgegebenen »Bezirksbestimmung« (Ethik, Epistemologie usw.) vorausgeht. Diese
Freiheit von »fremden« oder »abgeleiteten Maßstäben« kann das logische Denken nur in
seinem Element haben. Die Rede des Elements des Denkens ist also sowohl bei Heidegger
als auch bei Hegel mit einer gewissen Idee der Autonomie des Denkens verbunden. Auf
die Idee der Philosophie (und ihrer Geschichte) als »autonomer Größe« bei Hegel und
Heidegger hat übrigens R. Schönberger (Die Transformation des klassichen Seinverständ-
nisses. Studien zur Vorgeschichte des neuzeitlichen Seinsbegriffs im Mittelalter, Berlin-New
York 1986, 27 ff.) aufmerksam gemacht.
111 Wenn sie dasselbe wären, dann hätten die Überlegungen in »Womit muss der An-

fang der Wissenschaft gemacht werden« keinen Sinn. Vgl. E. Albizu, a. a.O., 6–7.
52 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

welchen Prinzipien es basiert, sondern wie in dasselbe »hineinzukommen«


ist.112 Das ist es gerade, was mit der Frage nach dem Anfang gemeint ist. Im
Folgenden soll dies näher erläutert werden.
Die Frage nach einem Prinzip des Wissens hat überhaupt nur Sinn, wenn
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vorausgesetzt wird, dass das Wissen seine Sachhaltigkeit vom Bezug auf eine
außerdiskursive Instanz erhält. Unter diesem Gesichtspunkt hat der Anfang,
im »Sinne einer zufälligen Art und Weise, den Vortrag einzuleiten«113, so gut
wie keine Relevanz. Die Frage nach dem Anfang wird aber dringend, wenn,
wie Hegel sagt, »das subjektive Tun als wesentliches Moment der objektiven
Wahrheit erfaßt«114 wird, weil dann der Vortrag bzw. der Diskurs nicht mehr
zufällig in Bezug auf die Sache selbst ist. Wenn aber, mit Schellings Worten,
es »keinen letzten Punkt der Realität« (siehe vorausgehendes Kapitel) außer-
halb des Diskursiven gibt, dann gibt es auch keine Bestimmung, die als ab-
soluter Anfang des Diskurses fungieren kann. Der Diskurs kann stricto sensu
nur im nicht-Diskursiven seinen absoluten Anfang haben; ansonsten ist sein
Anfang nicht absolut, sondern relativ. Leibniz hatte schon dieses Problem
geahnt, als er sagte: »In situ omni est ordo, sed arbitrarium est initium.«115
Wenn der Diskurs von nichts beschränkt ist, wenn er als kreisförmig keinen
Gegensatz hat,116 dann kann der Anfang desselben nur willkürlich sein. Will-
20.11.2020

kür ist aber gerade das Kennzeichen der Supposition des »Vorausseyenden«,
deren Abschaffung die Logik erfordert, um sich zu verwirklichen. Die Logik
erweist sich somit als ein Wissen, das sich nicht verwirklichen kann, ohne
sich selbst zu widersprechen; die freie Entfaltung des logischen Diskurses
scheint von Anfang an sozusagen innerlich »versperrt« zu sein. Es ist aber
nicht aus dem Blick zu verlieren, dass das Willkürliche an der Idee des »Vor-
ausseyenden« in der Annahme von etwas Außerdiskursivem als Prinzip des
Begrifflichen-Diskursiven besteht. Diese Annahme ist notwendig, damit das
Wissen einen festen Bestand, einen Bezug auf die Realität haben kann. Wir
wissen ferner, dass der reelle Bezug in der Logik nicht einfach abwesend ist,
sondern der Logik »innewohnt«; das Reelle bewohnt die Logik sozusagen in-
tradiskursiv. Wenn also das Willkürliche im Denken mit der Annahme von
etwas Außerdiskursivem zusammenhängt, dann kann die Frage nach dem

112
Vgl. E. Albizu, a. a.O., 18.
113
WL I, 53
114 WL I, 54.
115 Leibniz: Opuscules et fragments inédits de Leibniz. Extraits de manuscripts de la Bi-

bliothèque royale de Hanovre, hrsg. v. L. Couturat, Paris 1903. Op. 545.


116 Die Gegensatzlosigkeit des Kreisförmigen wird von Aristoteles in De Caelo, Lib. I,

Kap. II., behauptet. In der Metaphysik, Λ, 10, 1075b 24, sagt er, dass das schlechthin Erste
keinen Gegensatz hat.
§ 6 Die Frage nach dem Anfang 53

Anfang übersetzt werden in die Frage nach dem Punkt, ab welchem die Sa-
che selbst – darauf hat Albizu aufmerksam gemacht – »dem Diskurse nicht
mehr äußerlich ist«117. Gesucht wird also das Moment, in welchem die Sache
und der Diskurs sich noch nicht geschieden haben. Da aber jeglicher ge-
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gebene Inhalt des kreisförmigen Wissens als Anfang zwangsläufig willkür-


lich ist, sollte diese Frage, wie Albizu sehr treffend bemerkt hat, nicht als
die Frage nach einem Wo? bzw. nach einer Lokalisierung im Kreislauf in-
terpretiert werden, sondern als die Frage nach dem Woraus? des Kreislaufs
selbst.118 Wir suchen also nicht einen bestimmten Punkt des Kreislaufs, son-
dern die Bestimmung, die zum Ausdruck bringen kann, aus welchem Ele-
ment oder Stoff der Kreislauf »besteht«.119 Nur anhand einer so formulierten
Frage lässt sich in das kreisförmige Wissen ein Eintritt ausfindig machen, der
keinen Abbruch des Diskurses bzw. keinen willkürlichen Anfang ausmacht.
Um dies zu verdeutlichen, wollen wir auf eine Stelle der Lehre vom Sein
verweisen,120 in welcher Hegel eine aufschlussreiche Überlegung über den
Punkt und die Grenze anstellt. Wenn der Anfang des logischen Diskurses
notwendigerweise ein »absoluter Anfang« sein muss, damit die Logik sich als
solche (d. h. als voraussetzungsloses, kreisförmiges Wissen) verwirklichen
kann, dann kann dieser Anfang auch treffend als »Grenze des Diskurses« be-
20.11.2020

zeichnet werden. Die Vorstellung fasst die Grenze gewöhnlich als verschie-
den von dem, was sie begrenzt, auf. Wenn wir uns aber auf das Verhältnis
zwischen dem Punkt und der Linie besinnen, dann sehen wir ein, dass der
Punkt eigentlich keine »äußerliche« Grenze der Linie ist, sondern dass er sie
»ausmacht«. »Er ist ihr absoluter Anfang […] er macht ihr Element aus«,
sagt Hegel. Dieselbe Ausdrucksweise verwendet Hegel im unklassifizier-
baren Abschnitt121 »Womit muss der Anfang der Wissenschaft gemacht wer-

117 E. Albizu, a. a.O., 15.


118 E. Albizu, a. a.O., 18.
119 Vgl. ebd.
120 WL I, 115 (Hervorhebungen sind von mir, J. S.): »Um dies auf das vorige Beispiel

anzuwenden, so ist die eine Bestimmung, daß Etwas das, was es ist, nur in seiner Grenze
ist; – so ist also der Punkt nicht nur so Grenze der Linie, daß diese in ihm nur aufhört
und sie als Dasein außer ihm ist; – die Linie nicht nur so Grenze der Fläche, daß diese
in der Linie nur aufhört, ebenso die Fläche als Grenze des Körpers. Sondern im Punkte
fängt die Linie auch an; er ist ihr absoluter Anfang, auch insofern sie als nach ihren beiden
Seiten unbegrenzt oder, wie man es ausdrückt, als ins Unendliche verlängert vorgestellt
wird, macht der Punkt ihr Element aus, wie die Linie das Element der Fläche, die Fläche
das des Körpers. Diese Grenzen sind Prinzip dessen, das sie begrenzen; wie das Eins z. B. als
hundertstes Grenze ist, aber auch Element des ganzen Hundert«.
121 Der betreffende Abschnitt ist nicht Teil der Vorrede, oder der Einleitung, oder der

Logik selbst; insofern handelt es sich wohl um etwas unklassifizierbares aus dem Gesichts-
54 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

den?«, um den besonderen Charakter des logischen Anfangs zu schildern:


»So ist der Anfang der Philosophie, die in allen folgenden Entwicklungen
gegenwärtige und sich erhaltende Grundlage, das seinen weiteren Bestim-
mungen durchaus immanent Bleibende«.122 Die gesuchte Bestimmung also,
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die in den Kreislauf des logischen Diskurses einführen muss, kann nicht
verschieden sein von dem, was aus ihr »fortgeht«. Gleichsam wie der Punkt
verschwindet der Anfang der Logik nicht aus dem Bereich, welchen er abso-
lut erschließt. Aber genauso wie der Punkt in Bezug auf die Linie setzt der
Anfang dem logischen Diskurs (als Linie des Denkens oder filum meditandi
aufgefasst) seine Grenze. Es handelt sich nicht um eine von außen hinzu-
kommende Grenze, denn dies würde gerade den Rückfall in die Idee des
»Vorausseyenden« heißen, sondern um eine konstitutive, innerliche Grenze.
Die Logik enthält ihr nicht-Sein in sich und kraft dessen kann sie sowohl
absolut anfangen als auch sich gegensatzlos entfalten. Die Voraussetzungs-
losigkeit der Logik bringt ferner mit sich, dass die Bestimmung, welche als
Anfang derselben fungiert, inhaltlich einfach sein muss. Einfach ist eine
Vorstellung, indem sie aus keiner Zusammensetzung anderer Vorstellungen
entstanden ist. Mit anderen Worten: Sie kann keine Synthese sein, und das
impliziert, dass sie überhaupt nicht analysierbar sein kann.123 Eine Zurück-
20.11.2020

führung ihrer wesentlichen Merkmale auf ursprünglichere Vorstellungen


muss bei ihr unmöglich sein; es geht also sozusagen um eine atome Vorstel-
lung. Das rechtfertigt die Analogie mit dem Punkt in Bezug auf die Linie,
denn ein Punkt enthält nichts in sich.
Die Logik ist aufgrund der »Unabspaltbarkeit« ihres Inhalts von dessen
Darstellung als »kreisförmig« bezeichnet worden. Wenn wir aber nach dem
Woraus? des kreisförmigen Wissens fragen, sind wir dann nicht etwa auf der
Suche nach einem Inhalt unter Absehung von dessen Form oder Darstel-
lung? Heißt das nicht, den Inhalt als trennbar zu betrachten, was gerade als
das die überlieferte Logik Definierende erklärt worden ist? Wir würden in
den Standpunkt der überlieferten Logik zurückfallen, wenn dieser Inhalt,
den wir abzusondern versuchen, bereits »formiert« oder konkret wäre, wenn
also der logische Diskurs mit ihm nicht absolut anfangen würde. Am An-
fang muss die Sache vor dem »Verlauf der Wissenschaft«124, in ihrem abso-

punkt der klassischen Einteilung der philosophischen Abhandlungen. Darüber siehe E.


Albizu, a. a.O., 6.
122 WL I, 58.
123 WL I, 62: »Was den Anfang macht, der Anfang selbst, ist daher als ein Nichtanaly-

sierbares in seiner einfachen unerfüllten Unmittelbarkeit, also als Sein, als das ganz Leere
zu nehmen.«
124 WL I, 62.
§ 6 Die Frage nach dem Anfang 55

luten »Unentwickeltsein« vorhanden sein. Die »Unabspaltbarkeit« der Sache


von ihrer Darstellung muss also zugunsten der isolierten Präsenz der Sache
selbst, ohne Spur von Darstellung oder diskursiver Bearbeitung, aufgelöst
werden.125 Hegel charakterisiert dies als Zurücktreten des Wissens von sei-
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nem Inhalt.126 Dieses Zurücktreten des Wissens ist gleichbedeutend mit der
oben erwähnten Inhaltslosigkeit und Unanalysierbarkeit der Bestimmung,
mit welcher der Anfang gemacht werden muss, sofern bei jeder analysier-
baren Bestimmung bereits die Spur des Wissens bzw. das schon Angefan-
genhaben des wissenschaftlichen Verlaufes erkennbar ist. Der Eintritt in das
Wissen erfordert also, dass das Wissen sich selbst »aufopfert«127. In dieser
Aufopferung, in dieser momentanen Suspension des Denkens oder – mit Al-
bizus Worten – in diesem »Hiatus«128, besteht gerade der gesuchte absolute
Anfang. Es handelt sich um keine willkürliche abstrahierende Operation:
Dieses Ab-trennen der Sache von dem Wissen129 ist eben die Abschaffung
jeglicher vorausgesetzten Struktur und Bestimmtheit, welche die Idee des
absoluten Anfangs erfordert. Das Wort, das diese Aufopferung des Wissens
zum Ausdruck bringt, dasjenige also, womit der Anfang gemacht werden
muss, ist »Sein«. Wie der Punkt in Bezug auf die Linie, so ist das Sein das
Nichtanalysierbare, welches das Woraus des kreisförmigen Wissens aus-
20.11.2020

macht – das Element, das sich »in allen folgenden Entwicklungen« erhält.130
Vom Punkt ist oben bemerkt worden, dass er als Element auch die Grenze
bzw. die Negation der Linie ausmacht. So ist das Sein auch als das nicht-Sein
des Diskurses zu verstehen, indem es sich aus der höchsten Aufopferung des
Wissens ergibt. Vom Verhältnis zwischen Sein und Nichts wird später die
Rede sein, wenn wir uns mit dem diskursiven Verlauf der Logik selbst befas-
sen. Momentan ist es wichtig hervorzuheben, dass das Sein, wenn mit ihm
alles anzufangen hat, zwangsläufig dieses nicht-Sein von jeglichem vorstell-
baren Inhalt sein muss. »Sein« ist der Name dieses Nichts, weil es allein das
Denken in das kreisförmige Wissen einzuführen vermag, bevor das Wissen
selbst vorhanden sei. Sein ist die einzige Form, das Vorausgehen des reinen
Wissens in Bezug auf sich selbst auszudrücken. Deswegen ist der Anfang als

125 Vgl. E. Albizu, a. a.O., 18.


126 WL I, 59: »Insofern das reine Sein als Inhalt des reinen Wissens genommen wird,
so hat dieses von seinem Inhalt zurückzutreten, ihn für sich selbst gewähren zu lassen
und nicht weiter zu bestimmen.«
127 E. Albizu, a. a.O., 18.
128 Vgl. ebd.
129 WL, 59.
130 WL I, 58.
56 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

eine Aufopferung oder Suspension des Denkens aufzufassen: Das einfache


Woraus? des Wissens macht sich durch das Zurücktreten des Wissens selbst
offenbar.
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§ 7 Anfang des logischen Diskurses und intellektuelle Anschauung

Es ist gesagt worden, dass es für das Hervorgehen der Logik qua Logik not-
wendig ist, das Denken von der Struktur des Bewusstseins zu befreien. Der
Ursprung der Frage nach dem Anfang des logischen Diskurses, so wie sie
hier geschildert worden ist, muss aber in der fichteschen Auffassung von Be-
wusstsein gesucht werden.131 Die Sache, auf die es bei Fichte ankommt, ist
die Suche nach dem »primären Gegenstand«132, mit welchem die philoso-
phische Reflexion anzufangen hat. Da die Reflexion wesentlich Vermittlung
ist, d. h. »Verknüpfung unterschiedener Bestimmungen«133 oder »Fortgehen
durch Reihen von Bedingtem zu Bedingtem«134, muss der Anfang derselben
in einem »ursprünglichen Ersehen«135 bestehen, in welchem das Handeln
des Denkens auf unmittelbare Weise bewusst gemacht wird.136 Dadurch wird
dasjenige »thematisch«137 gemacht, was bei Kant, wie oben gezeigt wurde,
nur »begleitend miterfaßt«138 werden kann, nämlich das denkende Selbst.
20.11.2020

Fichte nennt dies bekanntlich »intellektuelle Anschauung«. Es handelt sich


um eine Anschauung und nicht um ein Begreifen, weil dieses ursprüngliche
Erfassen ohne diskursive Vermittlung erfolgt, denn ansonsten hätte die Re-
flexion nicht bei ihm ihren Anfang. Diese Anschauung ist aber nicht sinn-
licher Art, denn das, was mit ihr erfasst wird, ist das Denken selbst; daher
das Adjektiv »intellektuell«. In dieser anfänglichen Anschauung wird, wie
am Anfang der hegelschen Logik, von jedem vorgegebenen Seienden abgese-
hen. Sie macht dasjenige aus, was aus der radikalsten Beseitigung jeglichen
vorstellbaren Inhaltes resultiert, denn von der Ichheit kann nicht abstra-

131
Vgl. E. Albizu, a. a.O., 19–20.
132
W. Janke, a. a.O., 15
133 Enz. § 64, Anm., Abs. 1.
134 Enz. § 62, Anm.
135 W. Janke, a. a.O., 14.
136 W. Janke, a. a.O., 15: »So bezeichnet intellektuelle Anschauung zwar ebenso wie die

Wahrnehmung ein unmittelbares Bewußtsein, aber sie macht nicht ein gegebenes und an
sich bestehendes Sein, sondern ein Handeln bewußt. Sie nennt das unmittelbare Innesein
und Sehen derjenigen Tätigkeit, die das Wesen der Intelligenz ausmacht.«
137 W. Janke, a. a.O., 14.
138 Ebd.
§ 7 Anfang des logischen Diskurses und intellektuelle Anschauung 57

hiert werden.139 Wenn die philosophische, vernünftig gewährleistete Affir-


mation eines Seienden notwendigerweise auf dieser Anschauung beruhen
muss, dann muss ihr das Sein abgesprochen werden. So sagt Fichte: »Aber
dem Subjekte kommt, wenn von allem Sein desselben und für dasselbe ab-
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strahiert ist, nichts zu, denn ein Handeln; es ist insbesondere in Beziehung
auf das Sein das Handelnde«. 140 Während bei Kant der komplette abstra-
hierende Prozess den Gegensatz zwischen Nichts und Etwas ergibt,141 führt
dasselbe bei Fichte zur ursprünglichen, unüberwindbaren Dualität von Sein
und Tun. Das fichtesche Sein entspricht aber nicht dem Sein der hegelschen
Logik. Dieses letztere ist eigentlich dem fichteschen Tun näher, d. h. der Tä-
tigkeit des noûs in ihrer radikalsten Abstraktion; das fichtesche Sein dagegen
ist eher mit dem kantischen Etwas, d. h. mit einem formierten Sein, gleich-
bedeutend.
Trotz der Verwandtschaft zwischen dem Anfang der hegelschen Logik und
der intellektuellen Anschauung Fichtes, haben wir in dieser grundsätzlich
mit der – von der Logik Hegels abgelehnten – Auffassung des diskursiven
Begreifens als defizitär zu tun und – verschoben auf das unmittelbare »Se-
hen« – mit der hierfür erforderlichen Annahme eines »Außerbegrifflichen«.
Gemäß dieser Auffassung muss es zwangsläufig »ein Undemonstrierbares,
20.11.2020

das aller Demonstration zugrunde liegt«142, geben. Im Bedingten, Mittel-


baren, muss sich irgendwo ein »letztes Glied«143 auffinden lassen, welches
der Reihe der Bedingungen eine Grenze setzt. Ansonsten würde der diskur-
sive Verlauf zufällig bleiben.144 Nun besteht die fundamentale Ansicht des
transzendentalen Idealismus Fichtes darin, dass das Sein seinen Grund im
Handeln hat und nicht umgekehrt. Für Hegel ist es eigentlich nicht anders,
wenn man bedenkt, dass sein Ansatz eine Fortentwicklung der kantischen
»Entdogmatisierung« der Philosophie ist, nach welcher das Denken die Sa-
che bestimmt und nicht umgekehrt. Der wesentliche Unterschied ist jedoch,
dass bei Fichte der Grund (das Handeln) und das Begründete (das Sein) eine
unüberwindbare Opposition bilden.145 Da dieser Gegensatz ursprünglich ist,

139 Fichte: Erste und zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre und Versuch einer neuen

Darstellung der Wissenschaftslehre, hrsg. v. F. Medicus, 1944 Leipzig. I, 501.


140 Fichte, a. a.O., I, 457
141 Kant: Logik, A 147.
142 Fichte, a. a.O., I, 509.
143 Ebd.
144 Vgl. Fichte, a. a.O., I, 509.
145 Das wird von Fichte mehrmals und nachdrücklich behauptet, a. a.O., I, 424: »Die

Aufgabe, den Grund eines Zufälligen zu suchen, bedeutet: etwas anderes aufzuweisen,
aus dessen Bestimmtheit sich einsehen lasse, warum das Begründete, unter den mannig-
faltigen Bestimmungen, die ihm zukommen könnten, gerade diese haben, welche es hat.
58 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

kann er aus der Denktätigkeit allein nicht hervorgehen. Obwohl das Denken
das Sein begründet und nicht umgekehrt, muss außer der Denktätigkeit et-
was Denkfremdes, ein nicht-ableitbarer Anstoß angenommen werden, um
die »Faktizität der Endlichkeit«146 und die »erfahrene Gegenständlichkeit«147
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erklären zu können.
So entsteht für die Transzendentalphilosophie Fichtes die leitende Frage:
»Woher das System der vom Gefühle der Notwendigkeit begleiteten Vorstel-
lungen? oder: Wie kommen wir dazu, dem, was nur subjektiv ist, objektive
Gültigkeit beizumessen? oder, da objektive Gültigkeit durch Sein bezeich-
net wird: Wie kommen wir dazu, ein Sein anzunehmen?«148 Der zugrun-
deliegende Gedanke dieser Reihe von gleichbedeutenden Fragen ist offen-
sichtlich: Das außerhalb der Ichheit Liegende, die »erfahrene Gegenständ-
lichkeit« muss erklärt werden aus dem ursprünglichen Zusammenfallen von
Denken und Gedachtem, welches die intellektuelle Anschauung zum Aus-
druck bringt, aber der Übergang vom einen zum anderen ist nicht direkt
ersichtlich. Da der Gegensatz von Handeln und Sein aus der »absolut be-
triebenen Abstraktion«149 resultiert, ist die Objektivität (welcher, wie Fichte
sagt, Seiendheit zukommt) aus dem ursprünglichen Handeln des Ich allein
nicht ableitbar. Das erklärt, warum Fichte die Unbegreiflichkeit der intel-
20.11.2020

lektuellen Anschauung so nachdrücklich hervorhebt: Die Begreiflichkeit ist


Vermittlung, »Fortgang vom Bedingten zum Bedingten«, und dafür ist noch
etwas mehr nötig als das im Denken unmittelbar Angeschaute. Fichte sagt
in Bezug auf das »Zurückgehen in sich selbst«150, welches seine Philosophie
zugrunde legt: »Es ist kein Begreifen: Dies wird es erst durch den Gegen-
satz eines Nicht-Ich, und durch die Bestimmung des Ich in diesem Gegen-
satze. Mithin ist es eine bloße Anschauung«.151 Diskursives Begreifen und
Beschränktheit des Denkens erweisen sich somit bei Fichte, wie im ganzen
neuzeitlichen Denken, als innig zusammenhängend. Die Diskursivität wird
als Indiz unseres Gefesseltseins an das Zufällige und Denkfremde aufgefasst;

Der Grund fällt, zufolge des bloßen Denkens eines Grundes, außerhalb des Begründeten;
beides, das Begründete und der Grund, werden, inwiefern sie dies sind, einander entge-
gengesetzt, aneinander gehalten, und so das erstere aus dem letzteren erklärt.« Siehe auch
die Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, I, 456. Diese philosophische Prämisse läßt
sich bis zur Antike zurückverfolgen. Aristoteles hat sie mit Klarheit in der Metaphysik, B,
3, 999a, 17–19, formuliert.
146 W. Janke, a. a.O., 186.
147 W. Janke, a. a.O., 185.
148 Fichte, a. a.O., I, 455.
149 W. Janke, a. a.O., 43.
150 Fichte, a. a.O., I, 459.
151 Ebd.
§ 7 Anfang des logischen Diskurses und intellektuelle Anschauung 59

es gibt Diskursivität überhaupt nur, weil das Denken mit etwas Heterogenem
zu tun hat. Als Grund der Prädikation ist dann jedoch die intellektuelle An-
schauung unbegreiflich, weil das, was sie begründet, verschieden von ihr
ist und ohne den Kontakt der Ichheit mit etwas Negativem nicht entstehen
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kann. Dies hat zur Folge, dass das Zusammenfallen von Denken und Ge-
dachtem, auf welches das Interesse der hegelschen Logik eigentlich geht und
welches die intellektuelle Anschauung zum Ausdruck bringt, bei Fichte nie-
mals Gegenstand begrifflicher Entwicklung werden kann. Aus der Perspek-
tive der Logik ist die intellektuelle Anschauung als Resultat der Abstraktion
nicht radikal genug: Sie abstrahiert nicht von vorgeblichen Gegensätzen wie
Grund und Begründetem, Unmittelbarkeit und Vermittlung, Handeln und
Sein, und nimmt folglich als Anfang eigentlich ein Zusammengesetztes.
Vom Standpunkt der Logik ist also das »ununterbrochene Fortschreiten vom
Bedingten zur Bedingung«152, in welchem nach Fichte das Grundverfahren
des transzendentalen Idealismus wesentlich besteht,153 nicht frei von will-
kürlichen Voraussetzungen. Der fichtesche Begriff der intellektuellen An-
schauung ist immer noch in der Auffassung des diskursiven Verlaufs als
eines einseitigen und unumkehrbaren Begründungszusammenhanges ver-
ankert.154 Die Folgen dieser Position sind etwa dieselben wie diejenigen, die
20.11.2020

sich oben hinsichtlich des Bewusstseins als Erscheinung ergeben haben: Das
denkende Selbst als solches, worauf es in der Logik als Selbsterkenntnis des
Verstandes und der Vernunft eigentlich ankommt, wird somit niemals wahr-
haft »thematisch«.
Dagegen kann das Sein dadurch, dass es keinen bereits formierten Inhalt
zum Ausdruck bringt, den logischen Diskurs eröffnen und zugleich (von in-
nen her) begrenzen, ohne dass dieser seine Absolutheit verliert. Ansonsten
würde die Logik von außen her begrenzt sein, und somit würde ihre Gültig-
keit als Diskurs nicht absolut, sondern bloß komparativ, sein.155 Das ist der
Fall gerade bei den Spezialwissenschaften, welche, im Unterschied zur Phi-
losophie, ihren Gegenstand voraussetzen können.156 Am Anfang, wie bereits

152 Ebd., I, 446.


153 Vgl. Ebd.
154 Über die geradlinige Beweisführung und ihr Unzulänglichkeit für die Philosophie,

siehe Phän. 61–62.


155 Über den Unterschied zwischen absoluter bzw. uneingeschränkter und kompara-

tiver Gültigkeit siehe KrV B 380–382.


156 Enz. § 1: »Die Philosophie entbehrt des Vorteils, der den anderen Wissenschaften

zugute kommt, ihre Gegenstände als unmittelbar von der Vorstellung zugegeben sowie die
Methode des Erkennens für Anfang und Fortgang als bereits angenommen voraussetzen
zu können.«
60 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

gezeigt wurde, »tritt das Wissen von seinem Inhalt zurück«; dieser Inhalt
weist keine Spur von Wissen auf, und deshalb kann die Logik mit ihm abso-
lut anfangen. Der Inhalt, der am Anfang präsentiert wird, ist das Logische
selbst, frei von jeglichem Wissen, die Habitualität und Aktivität des Den-
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kens, bevor sie eine konkrete Gestalt annimmt. Die intellektuelle Anschau-
ung ist als Anfang der Logik auch darum abgelehnt worden, weil sie eine
zusammengesetzte Vorstellung ausmacht. Man könnte aber denken, dass das
Ich – aufgefasst als Synonym dieser Denktätigkeit vor jeglicher »Formung« –
immer noch als Anfang der Logik fungieren kann. Warum sollte dann der
Anfang eher mit dem Sein als mit dem Ich gemacht werden? Was macht das
Sein dafür geeigneter? Nach Hegel würde das Eigentümliche der Ichheit oder
der Subjektivität verloren gehen, wenn sie als Anfang genommen würde. Das
Ich ist bei Hegel nicht dasjenige, was aus der radikalsten Abstraktion jegli-
cher vorgegebenen Bestimmtheit resultiert, wie bei Fichte. Hier wird einer
der wichtigsten Punkte der Logik antizipiert, mit welchem wir uns später
befassen werden: Das Subjekt ist nicht als das Abstrakteste, sondern als »das
Konkreteste«157 aufzufassen. Alles, was mehr Inhalt als das bloße Sein ent-
hält, soll erst nach dem Anfang in Betracht gezogen werden,158 ohne dass
dies seine Verendlichung – wie Fichte denken würde – impliziert. Bestim-
20.11.2020

mungen wie Ich, Gott, das Absolute, bezeichnen aus der Perspektive der Lo-
gik nicht dasjenige, wovon das Wissen in seinem anfänglichen »Unentwi-
ckeltsein« ausgehen muss, denn dann würde es sich um Prinzipien (nach
der oben angegebenen Charakterisierung) handeln, nicht um den Anfang.
Von ihnen auszugehen, würde gerade die äußerliche Beschränkung und Re-
lativierung des kreisförmigen Wissens mit sich bringen. Was solche Bestim-
mungen ausdrücken, ist eher Vollendung als Anfang des Wissens.

157WL I, 63.
158WL I, 65: »Wenn also im Ausdruck des Absoluten oder Ewigen oder Gottes (und
das unbestrittenste Recht hätte Gott, daß mit ihm der Anfang gemacht werde), wenn in
deren Anschauung oder Gedanken mehr liegt als im reinen Sein, so soll das, was darin
liegt, ins Wissen als denkendes, nicht vorstellendes erst hervortreten; das, was darin liegt,
es sei so reich, als es wolle, so ist die Bestimmung, die ins Wissen zuerst hervortritt, ein
Einfaches; denn nur im Einfachen ist nicht mehr als der reine Anfang; nur das Unmit-
telbare ist einfach, denn nur im Unmittelbaren ist noch nicht ein Fortgegangensein von
einem zu einem anderen.«
§ 8 Einführung des Suppositionsbegriffes 61

§ 8 Einführung des Suppositionsbegriffes; einleitende Bemerkungen


über seine Bedeutung und seine Operativität in der Logik

Geht das Wissen von bereits formierten Bestimmungen aus, dann verliert
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der Anfang desselben seine Absolutheit und wird, aus den bereits angege-
benen Gründen, bloß komparativ. Das wird von Hegel dadurch ausgedrückt,
dass »es in der Wissenschaft nicht um das zu tun [ist], was innerlich vor-
handen sei, sondern um das Dasein des Innerlichen im Wissen«.159 Mit die-
ser Aussage und ihren Folgen werden wir uns im Folgenden beschäftigen.
Das »Innerliche« kann hier, dem scholastischen Verständnis des lateinischen
Wortes »intrinsecum« entsprechend,160 als synonymer Ausdruck von »We-
sentlich« verstanden werden. Kant ordnet bekanntlich den Begriff des In-
nerlichen unter die Reflexionsbegriffe ein; »innerlich« bezeichnet dasjenige
an einem Gegenstande des reinen Verstandes, »welches gar keine Beziehung
(dem Dasein nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat«.161 Wenn
es sich hingegen um einen Gegenstand der Anschauung, eine »substantia
phaenomenon«, handelt, dann können seine »inneren Bestimmungen« nicht
anders als in der Form von äußerlichen Verhältnissen aufgefasst werden.162
Das Äußerliche erschöpft den Inhalt des Innerlichen nicht, denn dieses ist
20.11.2020

per definitionem jeglichem Verhältnis fremd. Dem Innerlichen setzt sich das
Dasein entgegen: Im Da-sein wird Etwas den äußerlichen Einflüssen ausge-
setzt. Durch das Da-sein wird aber das, was ansonsten verborgen und un-
bestimmt bleiben würde, konkret in seinem sinngebenden Kontext erkannt;
seine inneren Bestimmungen werden dann vermittels äußerer Relationen
vollständig erklärt.163 Nichts in ihm entzieht sich dem Zusammenhang mit

159 WL I (1812), 39. Auf diese »Formel« hat auch E. Albizu aufmerksam gemacht,

a. a.O., 20. In der Ausgabe von 1832 steht das Folgende (WL I, 64): »Es ist hierbei noch
die wesentliche Bemerkung zu machen, daß, wenn an sich wohl Ich als das reine Wissen
oder als intellektuelle Anschauung bestimmt und als Anfang behauptet werden könnte,
daß es in der Wissenschaft nicht um das zu tun ist, was an sich oder innerlich vorhanden
sei, sondern um das Dasein des Innerlichen im Denken und um die Bestimmtheit, die ein
solches in diesem Dasein hat.«
160 Im Lexicon Philosophicum Chauvins (1713) werden drei Sinne des Wortes »In-

trinsecum« unterschieden: 1) »Intrinsecum illud designat, quod est alicui essentiale«; 2)


»quod intra subjectum continetur, vel habetur ad intra«; 3) »quod subjecto inhaeret, eique
infixum est, tanquam substrato«.
161 KrV B 321.
162 Ebd: »Dagegen sind die innern Bestimmungen einer substantia phaenomenon im

Raume nichts als Verhältnisse, und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter Rela-
tionen.«
163 Vgl. KrV B 321–322.
62 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

dem von ihm Verschiedenen; dadurch wird folglich seine Selbstständigkeit


bzw. seine Substantialität in der Relation aufgelöst. So muss der Ausdruck
»das Dasein des Innerlichen im Wissen« verstanden werden: In der Wis-
senschaft geht es darum, das in einer Bestimmung innerlich Enthaltene als
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Da-sein zu betrachten und es somit in Zusammenhang mit anderen Bestim-


mungen zu bringen, was die Auflösung seiner (ansonsten unbekannten und
unbestimmten) Innerlichkeit mit sich bringt.
Das soeben Dargelegte gilt nicht nur für Bestimmungen wie Ich, Gott oder
das Absolute, die fälschlich als Ausgangspunkt des Wissens angenommen zu
werden pflegen, sondern für jegliche Denkform der Logik überhaupt. Die
»Unabspaltbarkeit« des Inhalts von seiner Darstellung in der Logik erfor-
dert, dass die Denkgebilde, welche den Gegenstand der logischen Betrach-
tung ausmachen, vermittels ihrer Relationen vollständig bestimmt werden.
Das Innere eines gegebenen Begriffes muss aus der Dunkelheit, in welche die
Vorstellung und das nicht-philosophische Denken es drängen, herausgezo-
gen und als »daseiend« bzw. im konkreten Zusammenhang mit anderen Be-
griffen behandelt werden. Bei den Gegenständen der Anschauung macht be-
kanntlich der Raum das Medium des Zusammenhanges unter denselben aus.
In der Logik ist dieses Medium oder Element das reine Wissen selbst, abgese-
20.11.2020

hen von jeglicher konkreten Gestalt und zunächst durch »Sein« ausgedrückt.
So wie die im Raum erscheinenden Substanzen keine Selbstständigkeit für
sich besitzen, indem sie aus äußerlichen Beziehungen bestehen, so ist den
logischen Bestimmungen, wenn sie im Element des reinen Wissens gefasst
werden, keine innere Selbstständigkeit außerhalb ihrer Relationen miteinan-
der zuzuschreiben. Das stimmt mit der Idee des kreisförmigen Wissens völ-
lig überein: Die Logik ist als ein Diskurs geschildert worden, welcher, sei-
ner radikalen Wissenschaftlichkeit gemäß, keinen willkürlichen Bruch oder
Sprung in seinem kontinuierlichen Verlauf zulässt. Daraus folgt, dass die
Annahme von dunklen Substraten am Anfang sowie inmitten des Verlaufs
selbst das ungerechtfertigte Eindringen von Bestimmungen, welche sich in
den begrifflichen Zusammenhängen des logischen Mediums nicht auflösen
lassen, einen fatalen Abbruch im wissenschaftlichen Diskurs mit sich brin-
gen würden.
Von jetzt an werden wir uns eines besonderen Begriffes bedienen, um
diese Substrate oder Annahmen, welche die Kontinuität des logischen Ver-
laufs sozusagen »blockieren«, zu bezeichnen. Es geht um den lateinischen
Ausdruck »suppositio«, verdeutscht »Supposition«, welcher eine lange Ge-
schichte im abendländischen Denken hat. Im schulgerechten Lateinischen
des XVII. und XVIII. Jahrhunderts bezeichnet »suppositio« am häufigsten
eine Voraussetzung oder allgemeine Annahme des Denkens, deren Wahrheit
§ 8 Einführung des Suppositionsbegriffes 63

man einen relativen (z. B. bei einer Hypothese) oder einen absoluten Wert
(im Falle eines objektiven Prinzips) zuschreiben kann. Dies ist sozusagen
der »epistemologische« Sinn des Wortes, und so benutzt Kant den Ausdruck
in der Transzendentalen Dialektik.164 Es gibt aber einen anderen Sinn des
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Wortes, der auf die spekulativen Grammatiken des Mittelalters zurückgeht:


»suppositio« bezeichnet dann eine der vier Eigenschaften jeglichen sprach-
lichen Ausdruckes (proprietates terminorum), zusammen mit der significatio,
der copulatio und der appellatio.165 Die genaue Bedeutung der suppositio in
diesem Kontext ist ziemlich unklar, vor allem in ihrer Abgrenzung gegen
die significatio; dennoch vermindert diese Tatsache nicht im geringsten ihre
Operativität als Begriff,166 wie der verbreitete Gebrauch des Ausdruckes in
der philosophischen Literatur von diesem Zeitalter (zweite Hälfte des XII.
Jahrhunderts) bis zu Leibniz zeigt.167 Für die Zwecke unserer Untersuchung
ist am deutlichsten und am nützlichsten, zunächst zwischen der suppositio
als »id de quo fit sermo« und der appositio als »illud quod dicitur de supposito«
zu unterscheiden.168 Insofern scheint es, wie Kneale gezeigt hat, dass die sup-
positio einfach als die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes »hy-
pokeímenon« zu verstehen ist.169 Die Kraft des Wortes »suppositio« liegt aber
darin, dass sie andere Konnotationen enthält, welche bei »hypokeímenon«
20.11.2020

nicht vorhanden sind. Denn die suppositio bedeutet nicht nur, einen Termi-
nus zum logischen Subjekt der Prädikation – also zum Zugrundeliegenden
oder Untergelegten – zu machen (transitive Form des Verbs »supponere«),
sondern auch den Akt, etwas an die Stelle eines anderen zu setzen (»suppo-
nere aliquid pro aliquo«).170 An der Stelle der Sache, von welcher die Rede ist,
befindet sich das suppositum, weil die Sache selbst, sofern es sich bei ihr um
etwas außerhalb des Diskurses Vorliegendes handelt, in der Rede selbst nicht
vorkommen kann. Mit der suppositio wird also auch die sprachliche Vermitt-
lung selbst gemeint, d. h. die Idee, dass die Intelligenz sich auf die Sachen nur
vermittels der Sprache beziehen kann. Die Supposition ist folglich als die
Operation zu verstehen, welche es der Intelligenz ermöglicht, vom direkten,
unmittelbaren Umgang mit den Sachen in der Wahrnehmung zur diskursi-

164 KrV B 704, 707, 713f.


165 So z. B. bei William of Sherwood in seinen Introductiones in Logicam, 14r–17v. Es
handelt sich um eines des einflußreichsten Logik-Kompendien aus dem 13. Jahrhundert.
Darüber siehe W. Kneale/M. Kneale: The Development of Logic, Oxford 1978. 246–274.
166 Kneale spricht von einer metaphorischen Kraft des Wortes, a. a O., 251.
167 Vgl. ebd.
168 Vgl. ebd.
169 Vgl. Kneale, a. a.O., 250–251.
170 Vgl. ebd.
64 1.2 Der Anfang des logischen Diskurses

ven, vermittelten Betrachtung derselben überzugehen. Es handelt sich also


um die Mitte zwischen dem Außerdiskursiven und dem Begrifflichen.
Der Begriff der hegelschen Philosophie, welcher der suppositio am näch-
sten liegt, ist zweifellos der der Vorstellung. Diese wird von Hegel auch als
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die Mitte zwischen der Anschauung und dem Denken betrachtet. Als einer
solchen Mitte eignen ihren Produkten Eigenschaften beider Sphären: Einer-
seits sind die Vorstellungen zusammenhangslos und außer einander wie die
Anschauungen; andererseits besitzt jede Vorstellung, für sich genommen,
eine allgemeine Bedeutung bzw. eine significatio.171 Hegel definiert ferner
die Aufgabe des Denkens als die Verwandlung der Vorstellungen in Gedan-
ken.172 Diese verwandelnde Operation besteht darin, das »Außereinander«
der Vorstellungen aufzuheben und den kontinuierlichen Zusammenhang
derselben herzustellen, was mit der Erhebung des Denkens über das Sinn-
liche gleichbedeutend ist. Das »Außereinander« der Vorstellungen kann nur
daraus erklärt werden, dass die vorstellende Intelligenz supponiert, d. h. dass
sie an der Stelle der diskontinuierlichen Dinge, Sachen, Substanzen usw. Ter-
mini ohne Zusammenhang miteinander setzt. Das Zugrundeliegende, das id
de quo fit sermo, erscheint im Diskurs kraft der Vorstellung durch ein Wort
re-präsentiert. Deswegen sagt Hegel über die Substrate der Vorstellung, wel-
20.11.2020

che in der vormaligen Metaphysik als Ausgangspunkt des Diskurses fungie-


ren (Gott, Welt, Seele), dass sie jeweils nichts weiter als ein leeres Wort seien,
bevor etwas von ihnen prädiziert werde.173 Dieses Wort stellt aber die Sache
als wesentlich verschieden von dem vor, was von ihr ausgesagt wird, d. h.
von ihrer significatio, gemäß dem oben erwähnten Gegensatz zwischen der
suppositio und der appositio. Gott, das Absolute, usw. sind als supposita nur
leere Worte, welche von ihren Prädikaten nicht vollständig ausgedrückt wer-
den können, da ja die suppositio nicht auf die significatio reduzierbar ist. Mit
den Worten Kants und Hegels: Sie sind das Innerliche, »das keine Beziehung
auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat«, und sich somit der vollkom-
menen Konzeptualisierung entzieht. Als Präsenz des »Vorausseyenden« im
Diskurs verstanden »blockiert« also die suppositio die diskursive Kontinui-
tät des kreisförmigen Wissens. Auf diesem Unterschied zwischen suppositio
und significatio gründet somit das, was oben »der willkürliche Abbruch der

171
Vgl. Enz. § 20.
172
Ebd, Anm., Abs. 2: »Der Unterschied von Vorstellung und von Gedanken hat die
nähere Wichtigkeit, weil überhaupt gesagt werden kann, daß die Philosophie nichts an-
deres tue, als die Vorstellungen in Gedanken zu verwandeln, – aber freilich fernerhin den
bloßen Gedanken in den Begriff.«
173 Vgl. Enz. § 31.
§ 8 Einführung des Suppositionsbegriffes 65

diskursiven Kontinuität« genannt worden ist. Wie sich später zeigen wird,
trifft die suppositio nicht nur auf die Produkte der Vorstellung, sondern auch
auf die Gebilde des Verstandes zu. Denn allein die suppositio kann dafür ver-
antwortlich sein, dass die reinen Denkbestimmungen zusammenhangslos
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konzipiert werden. Aus diesem Grund ist es so wichtig für Hegel, am Anfang
der Logik das id de quo fit sermo zu fixieren, und zwar als ein suppositum,
das (im Unterschied zu den Substraten der vormaligen Metaphysik) nicht
verschieden ist von dem, was von ihm ausgesagt wird. Dieses suppositum
kann genau genommen, wie wir bereits wissen, nur die Abwesenheit eines
jeglichen suppositum überhaupt sein, und das ist es gerade, was »Sein« aus-
drückt. Wie unsere Untersuchung später zeigen wird, meint das Sein nichts
anderes als die reine significatio.
Aus diesen Überlegungen wird ersichtlich, inwiefern es für das Verständ-
nis des logischen Diskurses wesentlich ist, sein Verhältnis zur Vorstellung zu
präzisieren. Die Betrachtung dieses Verhältnisses wird uns im nächsten Ka-
pitel nicht nur zeigen, worin die Verwandlung der Vorstellungen in Begriffe
eigentlich besteht, sondern auch, wie die Vorstellung den Bezug der Intelli-
genz auf die Anschauung in der Sprache konfiguriert. Durch die Untersu-
chung der sprach- und zeichentheoretischen Überlegungen der Enzyklopä-
20.11.2020

die wird sich herausstellen, inwiefern und in welchem Sinne die hegelsche
Konzeption der Philosophie eigentlich auf Hegels Auffassung von diskursi-
ver Beschaffenheit des Denkens beruht. Das wird Einsicht darein verschaf-
fen, wie der Denkverlauf der Logik strukturell und diskursiv konstituiert ist.
1.3 Logisches Denken und Vorstellung:
Aufgabe einer Logik als prima philosophia in Bezug auf
die Zeichen machende Intelligenz
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§ 9 Die Ambivalenz des Vorstellungsbegriffes

Die letzten Untersuchungen über den Standpunkt der Logik haben uns zum
Begriff der Vorstellung geführt. In der Hegel-Forschung ist das Verhältnis
der Logik zur Vorstellung wenig berücksichtigt worden. Man glaubt, dass die
Erhebung auf den Standpunkt reinen Denkens diese Phase der Intelligenz
bereits hinter sich hat und dass sie folglich irrelevant für das Verständnis der
Natur des logischen Verfahrens ist. Die Vorstellung hat immer noch an der
Passivität der Anschauung teil; die Tätigkeit des reinen Denkens hingegen
geschieht in der Logik völlig frei von jeglichem Bezug auf das anschauliche
Gegebensein. Warum sollte dann dieses vergangene Stadium des Denkens
eine Untersuchung der Logik interessieren, wenn sich hinlänglich gezeigt
hat, dass die Logik allein mit reinen Denkbestimmungen in einem Element,
das frei von äußerlichen Beschränkungen ist, zu tun hat? Wir haben aber im
20.11.2020

letzten Kapitel gesehen, dass die Zusammenhanglosigkeit und Diskontinu-


ität der Denkbestimmungen eigentlich auf dem Mechanismus der Suppo-
sition – welchen wir der Vorstellung gleichgestellt haben – beruht. Indem
das logische Denken das Innerliche seiner Bestimmungen als »daseiend«
betrachtet und es so in der logischen Relationalität auflöst, kann behauptet
werden, dass die von der Vorstellungskraft erzeugten Suppositionen den ei-
gentlichen Stoff ausmachen, welchen die Denktätigkeit in der Logik zu be-
arbeiten hat. Die im ersten Kapitel betrachtete philosophische Abschaffung
des »Vorausseyenden« bringt mit sich, dass das Denken eine Verwandlung
an dem ihm vorgegebenen Material vollbringen muss. Das, was verwandelt
werden muss, sind gerade die Vorstellungen als vorfindliche Gebilde, welche
dem reinen Denken als undurchdringliche Substrate gegenüberstehen. Als
ununterbrochener Denkverlauf muss dann die Wissenschaft der Logik diese
Verwandlung in jedem Schritte ihres Fortganges vornehmen.
Kant hatte schon die Aufgabe der Logik als die Verwandlung der Vorstel-
lungen in Begriffe verstanden.174 Allerdings fungiert in der kantischen Phi-

174 Kant: Logik, A 144: »Die allgemeine Logik hat also nicht die Quelle der Begriffe

zu untersuchen; nicht wie Begriffe als Vorstellungen entspringen, sondern lediglich, wie
gegebene Vorstellungen im Denken zu Begriffen werden; diese Begriffe mögen übrigens
etwas enthalten, was von der Erfahrung hergenommen ist, oder auch etwas Erdichtetes,
oder von der Natur des Verstandes Entlehntes.«
1.3 Logisches Denken und Vorstellung:
Aufgabe einer Logik als prima philosophia in Bezug auf
die Zeichen machende Intelligenz
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§ 9 Die Ambivalenz des Vorstellungsbegriffes

Die letzten Untersuchungen über den Standpunkt der Logik haben uns zum
Begriff der Vorstellung geführt. In der Hegel-Forschung ist das Verhältnis
der Logik zur Vorstellung wenig berücksichtigt worden. Man glaubt, dass die
Erhebung auf den Standpunkt reinen Denkens diese Phase der Intelligenz
bereits hinter sich hat und dass sie folglich irrelevant für das Verständnis der
Natur des logischen Verfahrens ist. Die Vorstellung hat immer noch an der
Passivität der Anschauung teil; die Tätigkeit des reinen Denkens hingegen
geschieht in der Logik völlig frei von jeglichem Bezug auf das anschauliche
Gegebensein. Warum sollte dann dieses vergangene Stadium des Denkens
eine Untersuchung der Logik interessieren, wenn sich hinlänglich gezeigt
hat, dass die Logik allein mit reinen Denkbestimmungen in einem Element,
das frei von äußerlichen Beschränkungen ist, zu tun hat? Wir haben aber im
20.11.2020

letzten Kapitel gesehen, dass die Zusammenhanglosigkeit und Diskontinu-


ität der Denkbestimmungen eigentlich auf dem Mechanismus der Suppo-
sition – welchen wir der Vorstellung gleichgestellt haben – beruht. Indem
das logische Denken das Innerliche seiner Bestimmungen als »daseiend«
betrachtet und es so in der logischen Relationalität auflöst, kann behauptet
werden, dass die von der Vorstellungskraft erzeugten Suppositionen den ei-
gentlichen Stoff ausmachen, welchen die Denktätigkeit in der Logik zu be-
arbeiten hat. Die im ersten Kapitel betrachtete philosophische Abschaffung
des »Vorausseyenden« bringt mit sich, dass das Denken eine Verwandlung
an dem ihm vorgegebenen Material vollbringen muss. Das, was verwandelt
werden muss, sind gerade die Vorstellungen als vorfindliche Gebilde, welche
dem reinen Denken als undurchdringliche Substrate gegenüberstehen. Als
ununterbrochener Denkverlauf muss dann die Wissenschaft der Logik diese
Verwandlung in jedem Schritte ihres Fortganges vornehmen.
Kant hatte schon die Aufgabe der Logik als die Verwandlung der Vorstel-
lungen in Begriffe verstanden.174 Allerdings fungiert in der kantischen Phi-

174 Kant: Logik, A 144: »Die allgemeine Logik hat also nicht die Quelle der Begriffe

zu untersuchen; nicht wie Begriffe als Vorstellungen entspringen, sondern lediglich, wie
gegebene Vorstellungen im Denken zu Begriffen werden; diese Begriffe mögen übrigens
etwas enthalten, was von der Erfahrung hergenommen ist, oder auch etwas Erdichtetes,
oder von der Natur des Verstandes Entlehntes.«
§ 9 Die Ambivalenz des Vorstellungsbegriffes 67

losophie die Vorstellung als die höchste Gattung, die alle Bestimmungen des
Gemüts – gleich, ob sie solche der Anschauung oder des Denkens sind – un-
ter sich befasst.175 Das macht nach Kant eine Erklärung des Begriffs »Vor-
stellung« unmöglich, denn dafür sollte man gerade Vorstellungen verwen-
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den.176 Dass die Begriffe eine species der Vorstellung ausmachen, kollidiert
jedoch mit der Idee, dass die Logik das Werden der Vorstellungen zu Be-
griffen zu untersuchen hat. Aus den Texten geht hervor, dass die Begriffe
in gewisser Hinsicht, nämlich als Modifikationen des Gemüts verstanden,
Vorstellungen sind. Es ist nun offensichtlich, dass der Begriff, insbesondere
in der Philosophie Kants, »mehr« als eine bloße Modifikation des Gemüts
ist. In Bezug auf die Erkenntnis sagt Kant in seiner Logik, dass sie »eine zwie-
fache Beziehung« hat: »erstlich, eine Beziehung auf das Objekt, zweitens,
eine Beziehung auf das Subjekt. In der ersten Rücksicht bezieht sie sich auf
Vorstellung; in der letztern aufs Bewußtsein, die allgemeine Bedingung alles
Erkenntnisses überhaupt«.177 Das Bewusstsein wird aber von Kant auch als
eine Vorstellung bezeichnet, und zwar als »eine Vorstellung, daß eine andre
Vorstellung in mir ist«.178 Aus diesen konfusen Hinweisen lässt sich trotz-
dem folgern, dass die Vorstellung bei Kant den terminus a quo oder den Aus-
gangspunkt jeglicher intellektuellen Tätigkeit ausmacht. Die Tatsache, dass
20.11.2020

(wie im ersten Kapitel gesagt wurde) der inhaltliche Gegenpol der Erkennt-
nis bei Kant nicht die innere Beschaffenheit der Dinge ist, sondern die Sin-
neserscheinungen, die als solche »in uns« sind, unterstützt dieses Verständ-
nis des Vorstellungsbegriffes. »Vorstellung« ist dann in gewisser Hinsicht als
der negative Ausdruck zu verstehen, der die Unmöglichkeit besagt, mit dem
Fremden einen Kontakt zu haben, der nicht bereits vom Kontext der sub-
jektiven Formen vermittelt ist. Daraus erhellt, warum die Vorstellung in der
Kritik der reinen Vernunft als das summum genus aufgefasst wird: Wenn alles
Vorstellung ist bzw. wenn die Vorstellung kein Gebiet des Seienden unter
anderen Gebieten ausmacht, dann kann die Erkenntnis nicht mehr durch
die Übereinstimmung unserer Vorstellungen mit etwas, das nicht Vorstel-
lung ist, erklärt werden, sondern nur durch die Übereinstimmung der Vor-
stellungen mit sich selbst, welche eine Operation des denkend vorstellenden

175 KrV B 376–377.


176 Kant: Logik, A 41–42: »Aber Vorstellung ist noch nicht Erkenntnis, sondern Er-
kenntnis setzt immer Vorstellung voraus. Und diese letztere läßt sich auch durchaus nicht
erklären. Denn man müßte, was Vorstellung sei? doch immer wiederum durch eine andre
Vorstellung erklären.«
177 Kant: Logik, A 40.
178 Ebd.
68 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Selbst ausmacht.179 Wenn ferner das Denken diese Übereinstimmung der


Vorstellungen mit sich selbst vollzieht, dann kann die Vorstellung als der
zu bestimmende Gegenstand der Denktätigkeit angesehen werden. Begriffe
sind also Vorstellungen, weil die Vorstellungen nichts als der primitive, un-
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entwickelte Zustand der Begriffe sind, bevor sie von der verwandelnden Tä-
tigkeit des Denkens bearbeitet werden.
Die Schwierigkeit, den Begriff der Vorstellung aufgrund seines allumfas-
senden Charakters jenseits des Unterschiedes von Anschauung und Denken
zu bestimmen, wird bei Hegel dadurch vermieden, dass die Vorstellung als
der Verknüpfungspunkt zwischen diesen beiden aufgefasst wird. Die Vorstel-
lung fungiert bekanntlich in der gedanklichen Ökonomie der Enzyklopädie
als die Mitte zwischen Anschauung und Denken.180 Daraus erklärt sich, dass
beide an der Vorstellung teilhaben und gleichzeitig Eigenschaften aufweisen,
die der Vorstellung nicht zukommen. Wie sich im Folgenden genauer zeigen
wird, ermöglicht dies Hegel, das logische Denken von den intuitionistischen
Voraussetzungen der kantischen Philosophie zu befreien, ohne gleichzeitig
gegen die kantischen Vorschriften hinsichtlich des dogmatischen Gebrauchs
der Vernunft zu verstoßen.181 Aus der Position der Vorstellung als Mitte er-
klärt sich auch – und darauf werden wir später ebenfalls eingehen –, warum
20.11.2020

so viele Aspekte der kantischen Philosophie nach Hegel immer noch mit den
Mängeln einer vorstellenden (und nicht denkenden) Betrachtungsweise be-
haftet sind: Sofern ein klares Unterscheidungskriterium zwischen Vorstel-
lung und Begriff fehlt, kann sich die Denktätigkeit vom »supponierenden«
Vorgehen der Vorstellung nicht völlig befreien und vermag es folglich nicht,
rein wissenschaftlich zu verfahren. Die letzten Überlegungen des vorausge-
henden Kapitels haben verdeutlicht, dass die Bezeichnung einer gegebenen
Bestimmtheit als »Vorstellung« eigentlich von deren Stelle im diskursiven
Verlauf abhängt. Der Begriff vom »Ich«, beispielsweise, wurde zuvor für
die Stelle des Diskurs-Anfangs abgelehnt: Wenn die Logik mit ihm anfan-
gen würde, dann würde sich der absolute Anfang von einer vorgegebenen
Vorstellung abhängig machen, und das würde die philosophische Radikalität
der Logik – sofern sie von einer vorherbestimmten Struktur bedingt wäre –
ruinieren. Das Unterscheidungskriterium zwischen Vorstellung und Begriff

179 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino de la noción moderna de

representación«, in: Éndoxa: Series Filosóficas, Madrid 2011, Bd. 27, S. 103–132. Hier:
113.
180 Vgl. Enz. § 451.
181 Vgl. H. F. Fulda: »Das endliche Subjekt der eigentlichen Metaphysik«, in: J. Stol-

zenberg (Hrsg.): Subjekt und Metaphysik. Konrad Cramer zu Ehren aus Anlaß seines 65.
Geburtstags, Göttingen 2001, S. 71–83. Hier: 76–77.
§ 9 Die Ambivalenz des Vorstellungsbegriffes 69

muss also Rechenschaft darüber geben, unter welchen Bedingungen über-


haupt eine Bestimmung als Vorstellung zu betrachten ist oder nicht. Wie sich
im Folgenden detaillierter zeigen wird, kommt alles auf den Grad der Bezie-
hungslosigkeit einer Bestimmung (oder einer gewissen begrifflichen Struk-
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tur) an. In diesem Sinne verdient alles, was sich »außerhalb« des diskursiven
Verlaufes befindet, »Vorstellung« genannt zu werden. Dieses »Außerhalb«
des verknüpfenden Mediums, das reines Denken ist, ist der gemeinsame
Nenner der Vorstellung und der Anschauung. Die beiden sind durch Kontin-
genz und Zusammenhanglosigkeit gekennzeichnet. Die Behauptung Kants,
dass die Vorstellungen »noch nicht« Begriffe sind, wird dann im hegelschen
Kontext – und ganz im Sinne Kants – dadurch übersetzt, dass die Vorstel-
lungen als Produkte des Denkens von der Form des Selbst noch nicht durch-
drungen sind, die sie im kontinuierlichen Zusammenhang setzen muss.
Worin besteht dann genauer der Unterschied zwischen Anschauung und
Vorstellung und wie verhalten sich diese beiden zueinander? Für die Stelle
des logischen Anfangs werden von Hegel alle die Bestimmungen abgelehnt,
die analysierbar sind. Diese Analysierbarkeit ist das, was später die »Inner-
lichkeit« der Bestimmungen genannt worden ist, und diese ist im Allgemei-
nen mit deren Bedeutung zu identifizieren. Innerlich ist aber die Bedeutung
20.11.2020

im zweifachen Sinne: Zunächst ist sie innerlich der Denktätigkeit gegenüber,


bevor ihr Zusammenhang mit anderen Bestimmungen im Medium des rei-
nen Wissens hergestellt wird. Aber innerlich ist sie auch im Verhältnis zur
Anschauung, indem sie sich, als ein Gebilde allgemeiner Natur, bereits im
innerlichen Raum der Intelligenz, also der Äußerlichkeit der Anschauung
entzogen, befindet.182 Die Vorstellung unterscheidet sich also von der An-
schauung durch die Allgemeinheit. Dasjenige hingegen, was uns durch die
Anschauung gegeben wird, ist einzelner Natur und kann es nur sein. Es ist
an dieser Stelle wieder an die kantische Auffassung des Begriffes zu erinnern.
Bezüglich deren wurde im ersten Kapitel gezeigt, dass bei Kant die »Entdog-
matisierung« der Philosophie durch Einbeziehung des nicht-Begrifflichen –
als des Unmittelbaren, anschaulich Gegebenen verstanden – in die Struktur
des Begriffs selbst erfolgt. Das nicht-Begriffliche, das Gegebene, erweist sich
somit als wesentlicher Bestandteil des Begriffes; deswegen ist bei Kant der
Gegenstand das hervorgehende Resultat, nicht der Rohstoff, der strukturie-
renden Tätigkeit des Begriffes. »Vorstellung« fungiert bei Hegel gerade als
der Ausdruck dieses Sachverhaltes: Sie bezeichnet in eins das bereits »For-
miertsein« der Erfahrung durch das Denken und das gleichzeitige »Bedingt-
sein« des Denkens vom anschaulich Gegebenen, vom nicht-Begrifflichen.

182 Vgl. Enz. § 452.


70 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Dieser Rest des Gegebenseins, dieser nicht-begriffliche, inhaltliche Kern des


Begriffs hat sich im letzten Kapitel als die Ursache der Kontingenz und Dis-
kontinuität der Denkbestimmungen und als das grundsätzliche Hindernis
für die Entstehung einer Logik im Sinne Hegels erwiesen. Aber durch die
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Vorstellung macht sich das Denken das Gegebene zu eigen, sodass diese Dis-
kontinuität der Denkbestimmungen, obwohl sie vom nicht-Begrifflichen im
Begriff zeugt, schon die Arbeit der Intelligenz aufweist. Insofern kann die
Vorstellung (gemäß des im letzten Kapitel über die suppositio als sprachliche
Vermittlung Gesagten) als die vermittelnde Operation zwischen der bloß
passiven Empfindlichkeit und der reinen Aktivität des Denkens angesehen
werden.
So sagt Hegel in der Enzyklopädie: »Der Weg der Intelligenz in den Vor-
stellungen ist, die Unmittelbarkeit ebenso innerlich zu machen, sich in sich
selbst anschauend zu setzen, als die Subjektivität der Innerlichkeit aufzuhe-
ben und in ihr selbst ihrer sich zu entäußern und in ihrer eigenen Äußer-
lichkeit in sich zu sein. Aber indem das Vorstellen von der Anschauung und
deren gefundenem Stoffe anfängt, so ist diese Tätigkeit mit dieser Differenz
noch behaftet, und ihre konkreten Produktionen in ihr sind noch Synthesen,
die erst im Denken zu der konkreten Immanenz des Begriffes werden.«183
20.11.2020

Die Herstellung der Kontinuität der vorgegebenen Bestimmungen (Vorstel-


lungen), welche die Logik vollzieht, sodass sie diese Bestimmungen als Ge-
stalten der Selbsterkenntnis des Denkens erscheinen lässt, ist nur vermittels
einer vorausgehenden Operation möglich. Diese vorausgehende Operation
stellt den Boden des reinen Denkens bereit, indem sie das »Eindruckshafte«
umformt – Hegel nennt dies »die Unmittelbarkeit innerlich machen« – und
das Resultat dieser Umformung zu einem vorliegenden Denkgebilde macht.
Dieser letzte Schritt ist das, was Hegel mit der »Aufhebung der Subjektivität
der Innerlichkeit« eigentlich meint. Die Logik hat mit Denkgebilden zu tun,
denen nicht eine bloß subjektiv-innerliche Seinsweise zukommt; sie existie-
ren auch objektiv als »geistige« Gestalten, und darin ist die besondere Lei-
stung der Operation der Vorstellung zu suchen. Wie dies genauer geschieht,
wird der Gegenstand der folgenden Überlegungen sein.

183 Enz. § 451.


§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen 71

§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen

Die vor Hegel als verschiedene konzipierten, auseinander fallenden Vermö-


gen der Intelligenz – Erinnerung, Einbildungskraft und Gedächtnis184–, bil-
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den in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften die Schritte, in


denen sich diese Operation vollzieht. Mit der Ausdrucksweise Hegels kön-
nen wir sagen: Sie machen, in der angegebenen Reihenfolge, die Stufen der
allmählichen Befreiung der Intelligenz von der Anschauung aus. Wie aber ist
eigentlich diese Befreiung zu verstehen? Bedeutet das etwa, dass das Denken
zum Urheber der Anschauung wird? Kant hatte bereits die Möglichkeit einer
sich selbst Anschauung gebenden Intelligenz wegen der diskursiven Natur
unseres Denkens abgelehnt. Nach Kant wäre für einen solchen Intellekt die
diskursive Vermittlung überflüssig, denn als Urheber der Anschauung würde
er eine unmittelbare Erkenntnis des (von ihm hervorgebrachten) Gegen-
standes haben.185 Nach dieser Ansicht hängen die Diskursivität, das Gege-
bensein des Angeschauten und die Beschränktheit unseres Intellekts wesent-
lich zusammen.186 Das erklärt, warum die vorhegelschen Versuche, die kan-
tischen Restriktionen zu überwinden, im Aufsuchen eines ersten unmittel-
baren, vor der Diskursivität bzw. begrifflichen Vermittlung vorausgehenden
20.11.2020

Punktes bestehen, also einer Anschauung, welche aber von der Sinnlichkeit
verschieden, d. h. intellektueller Natur ist. Es wurde jedoch gezeigt, dass es
bei Hegel kein Erstes außerhalb der Linie des diskursiven Verlaufs geben
kann. Die Befreiung von den Einschränkungen, die die sinnliche Anschau-
ung unserem Intellekt auferlegt, ist bei Hegel folglich nicht mit der Aufhe-
bung der Diskursivität verbunden. Eine solche Aufhebung würde uns wieder
in einer Grundlage außerhalb der Logik, in einem ihr äußerlichen Zentrum
plazieren, und das hegelsche Projekt einer Wissenschaft des Logischen würde
somit scheitern. Man könnte einwenden, dass die Bestimmung »Sein«, mit
welcher der logische Anfang gemacht wird, auch einen solchen vordiskursi-
ven Punkt bezeichnet. Aber das Wort »Sein« drückt eher – wie der Punkt in
Bezug auf die Linie – die »innerliche Grenze« des Logischen aus. Es handelt
sich also nicht um ein dem Diskursiven Entgegengesetztes, wie im Fall der

184 Enz. §§ 451–465. Im Folgenden werden wir uns mit den Paragraphen, die der

Vorstellung gewidmet sind, beschäftigen.


185 Vgl. KrV B 138–139; B 135.
186 »Diskursivität« wird häufig im Kontext des Deutschen Idealismus mit dem Aus-

druck »Reflexion« gleichgesetzt, so dass die Reflexion schließlich mit der Vermittlung als
solche identifiziert wird. Daraus folgt, dass das Aufsuchen eines Ersten kat’exochen (bei
Fichte und Schelling) sich auf etwas sowohl »Prärreflexives« als auch »Prädiskursives«
beziehen muss.
72 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

intellektuellen Anschauung im Verhältnis zum Begreifen bei Fichte. Daraus


erhellt, warum die Idee des Ursprünglichen bei Hegel – im Unterschied zu
Schelling – keinen besonderen Vorrang hat.187
Die Befreiung von den Einschränkungen der Anschauung soll also nicht
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zugunsten des Unsagbaren erfolgen. Diese Befreiung hat auch nicht den
Sinn, unseren Intellekt über die Grenzen der Sinnlichkeit hinaus auf nicht-
gegebene Gegenstände zu erstrecken. Auch in dieser Hinsicht ist Hegel, wie
sich im Folgenden ausführlicher zeigen wird, ein strikter Kantianer. Wenn
also Anschauung und Denken gleichursprünglich sind und die Befreiung
des Zweiten von den Einschränkungen des Ersten weder den Sprung in ein
»Unvordenkliches« noch einen dogmatischen Gebrauch der Kategorien zu-
lässt, dann muss die Anschauung auf eine solche Weise Bestandteil des Den-
kens sein, dass sie nicht mehr den inhaltlichen Gegenpol des Denkens und
Begreifens ausmacht. Gleichzeitig muss aber die Anschauung durch die be-
freiende Operation der Vorstellung immer noch dasjenige bleiben, was dem
Denken unmittelbare Seiendheit verleiht, in einem noch zu präzisierenden
Sinn. Die einzige Form, diese Operation zu vollziehen, kann allein durch die
»Herabsetzung« der Anschauung zu einer Verkörperung der Intelligenzpro-
dukte geschehen. Bei Hegel erfolgt dies gerade durch die Erzeugung dessen,
20.11.2020

was sozusagen den »Grundbaustein« des Diskursiven ausmacht, nämlich das


Zeichen. Durch die zeichenhaftige Konfiguration des Denkens »bemächtigt«
sich die Intelligenz der Anschauung und gibt sich selbst eine äußerliche, an-
schauliche Seinsweise. Indem das Angeschaute Zeichen der Gedanken wird,
hört der Begriff auf, bloß strukturierende Tätigkeit des Gegebenen zu sein
und wird der Inhalt selbst. Dieser begriffliche Inhalt erhält durch die Spon-
taneität der Intelligenz die anschauliche Seite, die er braucht, um objektive
Seiendheit zu besitzen. Es ist besonders bemerkenswert, dass dasjenige, was
Kant für unsere Erkenntnis aufgrund ihrer diskursiven Natur für unmög-
lich hielt, nämlich die Idee einer sich selbst Anschauung gebenden Intelli-
genz, von Hegel gerade in der elementaren Konstitution der Diskursivität
selbst gefunden wird.188 Es handelt sich um eine Lösung, deren Möglichkeit
sowohl dem kantischen Denken als auch Jacobi, Fichte und Schelling voll-
kommen entgangen war. Im Folgenden wollen wir die genauere Artikulation
dieser Operation betrachten.

187 Vgl. D. Henrich: »Anfang und Methode der Logik«, in: Hegel im Kontext, Frankfurt

a. M. 1971, 93, Fußnote 25: »(Hegels Denken) ist weder Ursprungs- noch Emanzipations-
philosophie.« Siehe auch W. Wieland, a. a.O., 410–411.
188 Dieser Punkt ist, soweit wir wissen, zum ersten Mal von Fulda eingesehen und aus-

gearbeitet worden. Siehe H. F. Fulda: »Das endliche Subjekt …«, a. a.O., 75–76.
§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen 73

Das, was Hegel »Vorstellung« nennt, umfasst sowohl die anfängliche Ge-
genüberstellung zwischen äußerlicher Anschauung und innerlicher Intelli-
genz als auch die Zeichenproduktion, wodurch die Intelligenz sich der An-
schauung »bemächtigt«. Diese verschiedenen Aspekte werden in der Weise
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einer Sequenz von Phasen oder Stufen miteinander verbunden. Die Sequenz
bildet, wie bereits bemerkt, die traditionelle Reihe der Intelligenzkräfte: Er-
innerung, Einbildungskraft und Gedächtnis. Beim ersten Schritt, der Erinne-
rung, werden die durch die Anschauung gegebenen Inhalte dem äußerlichen
Kontext – ihrem Wo? und ihrem Wann? –, in welchem sie versenkt sind, ent-
nommen und in dem allgemeinen Raum der Intelligenz aufbewahrt.189 »All-
gemein« heißt dieser subjektive Raum darum, weil er das Medium der in ihm
aufbewahrten Elemente ausmacht, welche dadurch in einen kontinuierlichen
Zusammenhang gebracht werden. Mittels der Erinnerung setzt somit die In-
telligenz ihr eigenes Medium an die Stelle des räumlich-zeitlichen Mediums
der aisthesis. Es handelt sich noch nicht – darauf muss besonderer Nach-
druck gelegt werden – um ein begriffliches Medium, wie dasjenige der Logik,
sondern um ein subjektiv-psychologisches. Es geht hier um das, was oben
das Innerliche im zweifachen Sinne genannt worden ist, also das Innerliche
der Intelligenz gegen die Äußerlichkeit der Anschauung. Das erklärt, warum
20.11.2020

der Begriff der Vorstellung häufig mit dem Psychologismus assoziiert wird.
Durch die Erinnerung entsteht die Allgemeinheit, welche die anschaulichen
Inhalte in einer einheitlichen psyché zusammenbringt. Diese Allgemeinheit
ist aber nicht mit der Allgemeinheit des Begriffes zu verwechseln, weil dieses
Zusammenbringen den Inhalt der aufbewahrten Anschauungen sozusagen
»intakt«, unberührt lässt. Die Verallgemeinerung, welche die Erinnerung bei
dem Empfundenen ausführt, betrifft lediglich die Formen der Anschauung,
d. h. den Raum und die Zeit, nicht aber das durch sie Gegebene. Im Unter-
schied zu den reinen Formen der Anschauung, die den allgemeinen Rah-
men der einzelnen Anschauungen und Empfindungen ausmachen, ist die
psychische Allgemeinheit der Erinnerung »konservierend«. Sie hat also den
Sinn einer Abstraktion bzw. einer Absonderung aus dem raum-zeitlichen
Zusammenhang, der eine vorkommende Empfindung individuiert. Diese
Absonderung ist, wie Kant in seiner Logik in Bezug auf die Abstraktion sagt,
»nur die negative Bedingung, unter welcher allgemeingültige Vorstellungen
erzeugt werden können«, »denn durchs Abstrahieren wird kein Begriff«.190
Dieses abstrahierende Herausziehen aus dem individuierenden Zusammen-

189 Vgl. Enz. § 452. Vgl. auch J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«,
a. a.O., 119–120.
190 Kant: Logik, A 147.
74 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

hang der Anschauung hat aber, trotz seines konservierenden Charakters, die
»Entdifferenzierung« der aufbewahrten Inhalte zur Folge. Im Zusatz zum
§ 452 der Enzyklopädie steht: »Das Vorgestellte gewinnt jedoch jene Unver-
gänglichkeit nur auf Kosten der Klarheit und Frische der unmittelbaren, nach
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allen Seiten fest bestimmten Einzelheit des Angeschauten; die Anschauung


verdunkelt und verwischt sich, indem sie zum Bilde wird.«
Es kann an dieser Stelle erläuternd sein, den Unterschied zwischen dem
sinnlichen Bewusstsein, so wie es in der Enzyklopädie geschildert wird, und
der aufbewahrenden Operation der Erinnerung kurz in Betracht zu ziehen.
Während die einzelnen Anschauungen durch die Erinnerung »meinig« ge-
macht werden, bin ich dessen bewusst, was in seiner Einzelheit »mir ge-
gen-über« existiert. Vermöge der Erinnerung wird etwas von seiner aktu-
ellen Existenz, »von seiner ersten Unmittelbarkeit«191 abgetrennt und mir
homogen gemacht.192 Aufgrund dieser Homogenisierung – die sich erst im
Denken und Begreifen vollenden wird – ist das Selbst in der Erinnerung,
im Gegensatz zum Bewusstsein, eigentliches Subjekt, indem es das »Ansich«
seiner Bestimmungen193 (d. h. seiner Erinnerungen) ausmacht. Im Bewusst-
sein hingegen stehen das bewusste Selbst und der sinnlich wahrgenommene
»Stoff des Bewusstseins«194 in einem Verhältnis von Äußerlichkeit zu einan-
20.11.2020

der.195 Dies lässt sich auch bei Kant feststellen, wenn er den Ausdruck »Be-
gleiten« verwendet, um die Beziehung des Bewusstseins mit seinen Vorstel-
lungen zu bezeichnen. Der Unterschied zum Bewusstsein wird von Hegels
selbst hervorgehoben, indem er die Homogenisierung der anschaulichen In-
halte, welche die Erinnerung ausführt, als bewusstlos schildert: »[…]; in ihr
erinnert, ist das Bild, nicht mehr existierend, bewußtlos aufbewahrt«.196 Auf
den bewusstlosen Charakter des vorliegenden Vorganges werden wir bald
wieder eingehen. Wichtig ist nun zu sehen, inwiefern diese Operation der
Erinnerung zur Befreiung von der Anschauung tendiert, die wir oben als das

191
Enz. § 452.
192
Enz. § 453, Zusatz: »Das Bild ist das Meinige, es gehört mir an; aber zunächst hat
dasselbe noch weiter keine Homogeneität mit mir, denn es ist noch nicht gedacht, noch
nicht in die Form der Vernünftigkeit erhoben; zwischen ihm und mir besteht vielmehr
noch ein von dem Standpunkt der Anschauung herrührendes, nicht wahrhaft freies Ver-
hältnis, nach welchem ich nur das Innerliche bin, das Bild aber das mir Äußerliche ist.«
193 Enz. §453: »Die Intelligenz ist aber nicht nur das Bewußtsein und Dasein, sondern

als solche das Subjekt und das Ansich ihrer Bestimmungen; […].«
194 Enz. § 418, Anm.
195 Ebd.: »Das Objekt ist hier zunächst nur nach dem Verhältnisse zu nehmen, welches

es zu dem Bewußtsein hat, nämlich ein demselben Äußerliches, noch nicht als an ihm
selbst Äußerliches oder als Außersichsein bestimmt zu sein.«
196 Enz. § 453.
§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen 75

Kennzeichen der Vorstellung bestimmt haben. Während der Gegenstand des


sinnlichen Bewusstseins »ein selbständiges Anderes gegen mich«197 ist, wird
das Angeschaute durch die Erinnerung modifiziert und ins Gebiet der In-
telligenz integriert. Somit entsteht der bedeutsame Begriff des »nächtlichen
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Schachtes der Intelligenz«, der im Folgenden eine entscheidende Rolle spie-


len wird.198
Im Laufe der bisherigen Untersuchung ist wiederholt hervorgehoben wor-
den, dass die Logik keinen Bruch oder Sprung in ihrem kontinuierlichen
diskursiven Verlauf zulässt. Dieses wissenschaftliche Erfordernis ist gleich-
bedeutend mit dem Anspruch, jegliche begriffliche Differenzierung imma-
nent aus dem Fortgang selbst hervorgehen zu lassen, anstatt vorgegebene
Gegensätze begriffslos anzunehmen.199 Darin besteht das, was Hegel »lo-
gische Konkretion« nennt, im Gegensatz zur vermeintlichen Konkretion des
Sinnlichen, welche eigentlich als Abstraktion und Zusammenhangslosigkeit
anzusehen ist. Nun bietet die Idee des nächtlichen Schachtes der Intelligenz
gerade eine »Vorahnung« oder »Antizipation« der logischen Konkretion, in-
dem dieser Schacht als undifferenzierte Tiefe der aufbewahrten Bilder den
ursprünglichen »Keim« ausmacht, aus welchem die künftigen begrifflichen
Ausdifferenzierungen der Logik hervorgehen werden. So erhält unsere obige
20.11.2020

Behauptung, nach welcher die Vorstellungen den Rohstoff der Denktätig-


keit ausmachen, eine erste spezifische Bedeutung: Sie bedeutet nämlich, dass
dasjenige, was die Logik im kontinuierlichen Zusammenhang zu entfalten
hat, sozusagen bereits im nächtlichen Schacht der Intelligenz »virtuell ent-
halten« ist. Die Aufnahme der anschaulichen Mannigfaltigkeit in die Inner-
lichkeit der Intelligenz (in der Form eines Bildes) und die Verwischung ih-
rer Konturen, welche mit der Aufbewahrung im nächtlichen Schacht ein-
hergeht, machen also die Bedingung der Möglichkeit dafür aus, dass sich
die Denkbestimmungen aus der Spontaneität des Denkens selbst ohne das

197 Enz. § 418, Zusatz, Abs. 6.


198 Enz. § 453, Anm.: »Die Intelligenz als diesen nächtlichen Schacht, in welchem eine
Welt unendlich vieler Bilder und Vorstellungen aufbewahrt ist, ohne daß sie im Bewußt-
sein wären, zu fassen, ist einerseits die allgemeine Forderung, den Begriff als konkret, wie
den Keim z. B. so zu fassen, daß er alle Bestimmtheiten, welche in der Entwicklung des
Baumes erst zur Existenz kommen, in virtueller Möglichkeit, affirmativ enthält.«
199 Vgl. ebd. Als Beispiel dieser begriffslosen Annahme vorgeblicher Gegensätze

könnte das im letzten Kapitel über die intellektuelle Anschauung Fichtes Gesagte genom-
men werden. Hegel lehnt die intellektuelle Anschauung als Anfang der Wissenschaft ab,
weil in ihr der Gegensatz vom Sein und Handeln, Grund und Begründeten bereits prä-
sent ist bzw. vorausgesetzt wird. Mit der intellektuellen Anschauung anzufangen würde
also unmöglich machen, jegliche begriffliche Differenzierung immanent hervorgehen zu
lassen.
76 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Zutun äußerlicher Instanzen konkret entwickeln. Diese Aufbewahrung des


»nicht mehr existierenden« Erinnerten würde wirkungslos bleiben, wenn es
nicht möglich wäre, es wieder zu vergegenwärtigen. Beim Vergegenwärtigen
eines Bildes, z. B. beim Wiedererkennen eines bereits gesehenen Gesichtes,
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wird ein Inhalt aus dem nächtlichen Schacht aktualisiert, d. h. aus der verwi-
schenden Innerlichkeit der Erinnerung wieder in konkrete Gestalt gebracht.
Die einzelnen Anschauungen durch die Erinnerung »meinig« zu machen,
bedeutet also zunächst, die Souveränität der Intelligenz über die Bilder durch
die spontane Aktualisierung derselben geltend zu machen.200 Darin besteht
eigentlich die Bedeutung des Wortes »Vorstellung«, nämlich die Fähigkeit,
die Bilder (des vergänglich Angeschauten) vor die Intelligenz zu stellen und
sie dadurch wieder präsent zu machen.201 Der bewusstlose Charakter dieses
Vorganges sollte besonders beachtet werden: Während in der Bewusstseins-
struktur »das selbstständige Andere gegen mich« die eigentliche konkreti-
sierende Instanz ausmacht, durch welche die Denkformen Inhalt und Rea-
litätsbezug erhalten, wird hingegen in der Idee des nächtlichen Schachtes –
als »eine Welt unendlich vieler Bilder und Vorstellungen« aufgefasst – vor-
wegnehmend dem Denken die produktive Kraft zugeschrieben, sich aus sich
selbst die eigene unmittelbare Seiendheit und Konkretion zu verschaffen.
20.11.2020

Hegel sagt explizit, dass die Aufbewahrung dieser Unendlichkeit von Bil-
dern geschieht, »ohne daß sie im Bewußtsein wären«.202 Damit werden die
Grundlagen für ein neues Verständnis des Begriffes als selbsttätiger Instanz
der eigenen Konkretion gelegt, wie sich später ausführlicher zeigen wird.203
Die Bewusstlosigkeit der Aufbewahrung ist also notwendig, damit das spon-
tane Hervorbringen aus dem virtuell Enthaltenen überhaupt denkbar sei.

200 Enz. §454: »Die Intelligenz ist so die Gewalt, ihr Eigentum äußern zu können und

für dessen Existenz in ihr nicht mehr der äußeren Anschauung zu bedürfen.«
201 Ebd.: »Diese Synthese des innerlichen Bildes mit dem erinnerten Dasein ist die

eigentliche Vorstellung, indem das Innere nun auch an ihm die Bestimmung hat, vor die
Intelligenz gestellt werden zu können, in ihr Dasein zu haben.«
202 Enz. § 453, Anm.
203 Auf eine andere Weise versucht Roser zu zeigen, dass Hegel seine Idee der Konkre-

tion des Begriffs (als Selbstauslegung) durch die Kritik an der kantischen Auffassung der
Bewusstseinseinheit gewinnt. Roser beruft sich dafür auf die hegelsche Kritik an der kan-
tischen Deduktion der Kategorien in der Phänomenologie (A. Roser, a. a.O., 195): »Der
entscheidende Einwand, den Hegel gegen Kants sogenannte ›Deduktion der reinen Ver-
standesbegriffe‹ anbringt, ist der Begriff jener sich selbst auslegenden reinen Kategorie
des Bewußtseins, die von Hegel auch als abstrakter Begriff der Vernunft bestimmt wird.
Dieser Kategorie (und ihrem bei Kant nur abstrakt gefaßten Be-griff ) stellt Hegel den
konkreten Begriff derselben gegenüber, jenen Begriff, den Hegel in seiner Entwicklung
und Darstellung in der ›Logik‹ beschreibt. Die Transformation der Kategorie der Einheit
§ 10 Die Operation der Vorstellung und ihre Stufen 77

Die Souveränität der Intelligenz über die Bilder in der Erinnerung wird
von der nächsten Stufe, derjenigen der Einbildungskraft, ergänzt.204 In der
Einbildungskraft ist die Freiheit der Intelligenz über die aufbewahrten In-
halte der Anschauung viel markanter als in der Erinnerung. Denn nunmehr
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geschieht das Hervorrufen der Inhalte durch Assoziationen, die nicht mehr
solche des individuierenden raum-zeitlichen Zusammenhanges sind – im
Unterschied zu den Evokationen der Erinnerung (denken wir z. B. an die
von den Orten der Kindheit hervorgerufenen Reminiszenzen).205 Die Asso-
ziationen der Einbildungskraft betreffen somit das Innere des aufbewahrten
Inhaltes selbst, abgesehen von seinen äußerlichen Beziehungen: »Aber das
Bild hat im Subjekte, worin es aufbewahrt ist, allein die Individualität, in
der die Bestimmungen seines Inhalts zusammengeknüpft sind; seine un-
mittelbare, d. i. zunächst nur räumliche und zeitliche Konkretion, welche es
als Eines im Anschauen hat, ist dagegen aufgelöst.«206 In der Anschauung
hängt die Individualität jedes Einzelnen von seiner raum-zeitlichen Loka-
lisierung ab. Im nächtlichen Schacht der Intelligenz hingegen, in welchem
dieser Zusammenhang aufgehoben worden ist, hängt die Aktualisierung des
Einzelnen von Verhältnissen ab, die der Anschauung nicht mehr zugehören,
sondern aus dem denkenden Selbst entspringen. Die Verbindungen der Ein-
20.11.2020

bildungskraft beziehen die verschiedenen aufbewahrten Inhalte aufeinander


(Hegel spricht vom »Aufeinanderfallen« derselben), indem deren unwesent-
liche anschauliche Besonderheiten dabei völlig außer Acht gelassen werden.
Bezüglich dessen sagt Hegel: »Damit dies Aufeinanderfallen nicht ganz der
Zufall, das Begrifflose sei, müßte eine Attraktionskraft der ähnlichen Bilder
oder dergleichen angenommen werden, welche zugleich die negative Macht
wäre, das noch Ungleiche derselben aneinander abzureiben.«207 Was diese
Verbindungen vollziehen, ist also die Subsumtion des Einzelnen unter das
Allgemeine.208 Indem dieses »Aufeinanderfallen« der verschiedenen Inhalte

des Bewußtseins in die der qualitativ bestimmten Vielheit der Kategorientafel Kants re-
konstruiert Hegel über die Selbstauslegung dieser Einheit. Entscheidend dabei ist, daß
die Einheit des Bewußtseins hier von Hegel kategorial bestimmt wird. Denn von diesem
Punkt ist Kant weit entfernt.«
204 Wir werden im Folgenden von den Unterschieden zwischen reproduktiver, assozi-

ierender und produktiver Einbildungskraft in der Enzyklopädie absehen. Uns interessiert


vielmehr der genaue Unterschied zwischen Erinnerung und Einbildungskraft.
205 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 121.
206 Enz. § 455.
207 Ebd., Anm., Abs. 2.
208 Ebd.: »Diese Kraft ist in der Tat die Intelligenz selbst, das mit sich identische Ich,

welches durch seine Erinnerung ihnen unmittelbar Allgemeinheit gibt und die einzelne
Anschauung unter das bereits innerlich gemachte Bild subsumiert.« Enz. § 456: »Auch die
78 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

die unwesentlichen Unterschiede derselben beseitigt, kann wohl gesagt wer-


den, dass die Verbindungen der Einbildungskraft das Wesen oder die Was-
heit (quidditas) dieser Inhalte zum Ausdruck bringen. Mit der Ausdrucks-
weise Kants nennt Hegel diese Verbindungen »Synthesen«209; wir stehen also
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vor vereinheitlichenden Zusammensetzungen, oder, kantisch ausgedrückt,


»Funktionen der Einheit«. Damit haben wir jedoch die vollständige Befrei-
ung der Intelligenz von der Anschauung noch nicht erreicht, denn der Stoff,
den diese Synthesen zusammensetzen, ist immer noch das von der Anschau-
ung Gegebene.210 Die Spiele der Einbildungskraft (in ihrer symbolisierenden,
allegorisierenden oder dichtenden Modalität) bringen zwar subjektive Ver-
knüpfungszusammenhänge ans Tageslicht, aber sie sind noch mit gefun-
denen, anschaulichen Elementen behaftet.
Daran ist das Folgende besonders hervorzuheben: Dass dasjenige, was die
Spiele der Einbildungskraft ans Tageslicht bringen, lauter subjektive Relati-
onen sind, bedeutet, dass die Anschauung dabei ihre Rolle als inhaltlicher
Gegenpol der Intelligenz verloren hat und Manifestation der inneren Be-
schaffenheit des Selbst geworden ist. Sofern das Hervorbringen von Bildern
nach (freien) allgemeinen Verknüpfungen der Intelligenz geschieht, schaut
das Denken bei diesen Bildern sich selbst an: »Die Intelligenz ist in der Phan-
20.11.2020

tasie zur Selbstanschauung in ihr insoweit vollendet, als ihr aus ihr selbst
genommener Gehalt bildliche Existenz hat«.211 Um der Tragweite des vorlie-
genden Sachverhaltes gerecht zu werden, muss das kantische Denken wieder
in Betracht gezogen werden. Im ersten Kapitel unserer Untersuchung wurde
gesagt: Das sinnlich Gegebene wird bei Kant legitimer Weise auf ein Objekt
bezogen (bzw. die Seiendheit oder Washeit desselben wird fixiert), wenn es
durch dessen begriffliche Strukturierung auf das fundamentum unionis al-
ler Verstandeshandlungen bezogen wird. Mit nichts anderem haben wir im
vorliegenden Sachverhalt zu tun: Die Assoziationen der Einbildungskraft
bringen die Washeit der verknüpften Bilder zum Ausdruck, indem sie diese
Bilder auf das denkende Selbst beziehen. Die Betrachtung der Allgemein-
heit bzw. des Wesentlichen der Dinge in der Einbildungskraft fällt also mit
der Betrachtung der Subjektivität zusammen. Wir haben aber gesehen, dass

Assoziation der Vorstellungen ist daher als Subsumtion der einzelnen unter eine allge-
meine, welche deren Zusammenhang ausmacht, zu fassen.«
209 Enz. § 456: »Diese mehr oder weniger konkreten, individualisierten Gebilde sind

noch Synthesen, insofern der Stoff, in dem der subjektive Gehalt [sich] ein Dasein der
Vorstellung gibt, von dem Gefundenen der Anschauung herkommt.«
210 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 122.
211 Enz. § 457.
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 79

das nicht-Begriffliche im Begriff (das »Eindruckshafte«, das anschaulich Ge-


gebene) bei Kant die »Selbstdurchsichtigkeit« des Denkens verhindert. Der
bildliche Charakter der vorliegenden Selbstanschauung hat dieselbe Folge:
Ein Rest vom Gegebensein bzw. etwas von der Intelligenz nicht Produziertes
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besteht noch, das die Freiheit der Intelligenz in Bezug auf die Anschauung
beschränkt. Bei einem Symbol, z. B. dem Adler als symbolischer Darstellung
der Stärke Jupiters,212 muss das Anschauliche in einer gewissen Korrespon-
denz oder Verwandtschaft mit dem symbolisierten Inhalt stehen.213 Die In-
telligenz ist also dabei nicht völlig frei, diese oder jene Anschauung auszu-
wählen, um ihre eigenen Inhalte und Relationen zum Ausdruck zu bringen.
Dass der symbolisierende Stoff aussortiert und nicht hervorgebracht wird,
bindet schon die Intelligenz an das Gefundene.214

§ 11 Die Entstehung des Zeichens; das Gedächtnis und sein


organischer Zusammenhang mit dem Denken

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die vollständige Befreiung der Intelligenz
nur erfolgen kann, wenn das Symbolisierte in keinerlei Weise an das Sym-
bolisierende gebunden ist.215 Die Verknüpfung zwischen den Beiden muss
20.11.2020

absolut »unmotiviert« sein. Dafür müssen nicht nur die Verbindungen, wel-
che die Bilder in der assoziierenden Einbildungskraft aufeinander beziehen,
frei aus dem Subjekt entspringen. Die Verbindung selbst zwischen der An-
schauung und dem von ihr repräsentierten Inhalt muss sich der Souveränität
der Intelligenz »unterwerfen«. Aber somit verschwindet das Bild als solches
und entsteht das Zeichen. Das Zeichen ist grundsätzlich ein von der Intel-
ligenz spontan hervorgebrachtes, anschauliches Gebilde, das sich auf einen
Denkinhalt (die Bedeutung) bezieht, ohne mit derselben in einem äußerlich
motivierten Zusammenhang zu stehen.216 Damit hört die Anschauung auf,
das Gegebensein zu sein, das die Denkformen inhaltlich »erfüllt«, und wird
das freie Produkt der Intelligenz, durch welches die Intelligenz äußerliche

212 Wir nehmen hier das sich im Zusatz (Abs. 1) zu Enz. § 457 befindliche Beispiel der
symbolisierenden Phantasie.
213 In gewisser Hinsicht passt die hegelsche Auffassung des Symbols mit dem peirce-

schen Begriff von Icon zusammen, während das hegelsche Zeichen eher mit dem Symbol
von Peirce übereinstimmt. Siehe dazu Ch. S. Peirce: Phänomen und Logik der Zeichen,
hrsg. u. übers. v. H. Pape, Frankfurt a. M. 1983, 64–67.
214 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 124.
215 Ebd.
216 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 124–125.
80 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Seiendheit erhält.217 Daran ist das Folgende wieder besonders hervorzuhe-


ben: Das Problem der Gleichursprünglichkeit von Denken und Anschau-
ung wird mittels des hegelschen Zeichenbegriffes zugunsten der Freiheit des
Denkens derart gelöst, dass diese Lösung weder einen illegitimen Sprung ins
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Übersinnliche noch die Zuflucht zu einer vordiskursiven Instanz (intellektu-


elle Anschauung) mit sich bringt. Die Anschauung bleibt in diesem Kontext
immer noch das Äußerliche; sie hört dennoch als Zeichen auf, einen posi-
tiven Gehalt für sich selbst zu haben und somit dem Denken Grenzen zu
setzen. Indem das Denken durch das Zeichen sich selbst veranschaulicht,
lässt es den bloß subjektiven Status eines nächtlichen Schachtes der Intel-
ligenz hinter sich und objektiviert sich. Kurz: Es macht sich selbst »zur Sa-
che«, zum Gegenstand seiner eigenen Perzeption. Für Kant ist das Denken
auf das anschauliche Gegebensein zwangsläufig angewiesen, um Erkenntnis
erweiternde Urteile fällen zu können. Genauso unerlässlich für den Begriff
ist dessen anschauliche Seite bei Hegel, wenngleich Hegel den Zusammen-
schluss von Anschauung und Gedanke auf eine ganz andere Weise als Kant
auffasst. Man könnte sagen, dass die Rolle der Anschauung in der kantischen
Auffassung des Begriffes sich im gewissen Sinne mit der Rolle der Anschau-
ung in den Stufen der Erinnerung und der Einbildungskraft (also vor der
20.11.2020

Entstehung des Zeichens) in der Enzyklopädie deckt, in welchen das Den-


ken als die »Attraktionskraft« fungiert, welche »das noch Ungleiche« der
ähnlichen Bilder »abreibt«218 und dadurch »die Subsumtion der einzelnen
[Vorstellungen, J. S.] unter eine allgemeine«219 vollzieht. Auf diesen Stufen
der Intelligenz gelten wohl die kantischen Restriktionen in Bezug auf den
Gebrauch der Kategorien, die sich aus diesem Zusammenschluss von An-
schauung und Denken ergeben. Das Denken bzw. »die Attraktionskraft der
unähnlichen Bilder« kann in diesem Zusammenhang nur als die forma for-
mans des ihm Gegebenen fungieren.
Es ist an dieser Stelle vonnöten, auf eine terminologische Schwierigkeit
im analysierten Text aufmerksam zu machen. »Beziehung auf sich« ist der
andere Ausdruck, welcher zusammen mit »Sein« von Hegel gebraucht wird,
um das Gegebensein der anschaulichen Inhalte zu bezeichnen.220 Beide Aus-

217 Enz. § 457: »Wie sie als Vernunft davon ausgeht, sich das in sich gefundene Un-

mittelbare anzueignen (§ 445, vgl. § 455 Anm.), d. i. es als Allgemeines zu bestimmen, so


ist ihr Tun als Vernunft (§ 438) von dem nunmehrigen Punkte aus [dies], das in ihr zur
konkreten Selbstanschauung Vollendete als Seiendes zu bestimmen, d. h. sich selbst zum
Sein, zur Sache zu machen.«
218 Enz. § 455, Anm., Abs. 2.
219 Enz. § 456.
220 Vgl. Enz. § 455.
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 81

drücke werden nicht als Synonyme verwendet: Das Denken ist genauso ur-
sprünglich wie die Anschauung, und daher wird es auch »Beziehung auf
sich« genannt; ihm fehlt aber das Sein, welches doch den anschaulich ge-
gebenen Inhalten zugeschrieben wird. Das, was dem Denken fehlt, näm-
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lich das Sein, macht seine Beschränkung aus, und deswegen sagt Hegel in
§ 455: »Das Sein, das Sich-bestimmt-Finden der Intelligenz […]«.221 »Sein«
meint hier nicht die anschaulichen Inhalte als solche, sondern die äußer-
liche Beschränkung des subjektiven Tuns, d. h. das Sein im Sinne des ersten
Fichte. Der künstliche Ausdruck »Sich-bestimmt-Finden«, welcher hier als
Synonym des Seins verwendet wird, deutet auf diese Verbindung hin. Das
Denken gibt sich also das Sein, wenn es sich nicht mehr bestimmt »findet«,
sondern wenn es sich selbst bestimmt, d. h. wenn es als Einheitsprinzip der
anschaulichen Mannigfaltigkeit auch imstande ist, Differenzierungsprinzip
seiner eigenen Inhalte zu sein. Vor der Entstehung des Zeichens macht das
Denken etwas Undifferenziertes aus. Der Vorrat der Intelligenzprodukte, der
»nächtliche Schacht der Intelligenz«, enthält schon Unterschiede, aber in
virtueller Form. Durch die Produktionen der Einbildungskraft aktualisieren
sich diese Unterschiede, aber diese Aktualisierung geschieht vermittels der
vorfindlichen Unterschiede der Anschauung – was mit sich bringt, dass die
20.11.2020

Bestimmungen des Denkens als solche nicht thematisch gemacht, nicht ans
Tageslicht gebracht werden können. Darin besteht das Spezifische des Sym-
bols: Es bringt etwas zum Ausdruck, aber nicht vollständig, weil der ausge-
drückte Inhalt in einem gewissen Zusammenhang mit dem ausdrückenden
Vehikel selbst steht.222 Das Symbol ist immer dunkel, weil es zweideutig ist:
Aufgrund der Verbindung, die »der eigene Inhalt der Anschauung und der,
dessen Zeichen sie ist«223, dabei aufweisen, bleibt der symbolisierte Inhalt
hinter dem offenbaren Inhalt verborgen. Nur eine Anschauung, welche kei-
nen Inhalt für sich selbst hat, also ein Zeichen, kann die im »nächtlichen
Schacht der Intelligenz« befindlichen Inhalte des Denkens herausdifferen-
zieren und sie offenbar machen.
Das »Sich-bestimmt-Finden« der Intelligenz verwandelt sich also vermit-
tels des Zeichens in das spontane »Sich-bestimmt-Machen« des Denkens.
Was die Entstehung des Zeichens mit sich bringt, ist die innere Differen-
zierung des Denkens aus sich selbst. Dass das Denken sich vermittels des
Zeichens ein Sein gibt, bedeutet vor allem, dass die Intelligenz sich der kon-
kretisierenden Macht der Anschauung bemächtigt, um ihren inneren, man-

221 Ebd., Anm., Abs. 1.


222 Vgl. Enz. § 458, Anm., Abs. 1.
223 Ebd.
82 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

nigfaltigen und virtuell enthaltenen Inhalt ans Licht zu bringen.224 Die An-
schauung ist das Reich der kontingenten und zusammenhanglosen Mannig-
faltigkeit überhaupt, das Gebiet des Außersichseins; das Denken und seine
Bestimmungen hingegen bilden, wenn sie im Gegensatz zur Äußerlichkeit
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des Anschaulichen aufgefasst werden, ein »Reich der Schatten«,225 wie dies
die Metapher des »nächtlichen Schachtes der Intelligenz« ausdrückt. Allein
durch die Mannigfaltigkeit der anschaulichen Inhalte, als Zeichen gebraucht,
vermag die Intelligenz »ihre Vorstellungen in einem äußerlichen Element
zu manifestieren«.226 Aber diese Manifestation kann nur wirklich erfolgen,
wenn das dafür verwendete anschauliche Material in keiner Korrespon-
denz mit dem bezeichneten Inhalt steht, wenn also die Verknüpfung zwi-
schen den beiden auf einem freien Entschluss der Intelligenz beruht. Nicht
das Bild, das irgendeine allgemeine Bedeutung symbolisch darstellt, sondern
das bezeichnende Wort, welches keine Ähnlichkeit mit dieser allgemeiner
Bedeutung aufweist, kann die Konturen derselben aus der Dunkelheit des
»nächtlichen Schachtes der Intelligenz« herausziehen und sie sichtbar ma-
chen. Das, was sichtbar wird, sind die Denkallgemeinheiten, die in den vor-
angehenden Stufen der Intelligenz das Mannigfaltige der Anschauung in die
Einheit des denkenden Selbst brachten. Es hat sich ferner gezeigt, dass diese
20.11.2020

Allgemeinheiten die Washeiten der in Zusammenhang gebrachten anschau-


lichen Inhalte ausmachen. Durch das Zeichen also erkennt das denkende
Selbst das Sein der Sache: »Der Name ist so die Sache, wie sie im Reiche der
Vorstellung vorhanden ist und Gültigkeit hat«.227 Somit macht sich auch die
»wahrhaftere Gestalt der Anschauung« offenbar, ihre »wesentliche Bestim-
mung, nur als aufgehobene zu sein«.228 Die Zeichenproduktion ist dann als
jene Operation der Intelligenz zu betrachten, durch welche das Denken die

224
Enz § 462, Zusatz: »Dies Dasein ist unseren Gedanken absolut notwendig. Wir wis-
sen von unseren Gedanken nur dann, haben nur dann bestimmte, wirkliche Gedanken,
wenn wir ihnen die Form der Gegenständlichkeit, des Unterschiedenseins von unserer In-
nerlichkeit, also die Gestalt der Äußerlichkeit geben, und zwar einer solchen Äußerlichkeit,
die zugleich das Gepräge der höchsten Innerlichkeit trägt. […] Es ist aber auch lächerlich,
das Gebundensein des Gedankens an das Wort für einen Mangel des ersteren und für ein
Unglück anzusehen; denn obgleich man gewöhnlich meint, das Unaussprechliche sei ge-
rade das Vortrefflichste, so hat diese von der Eitelkeit gehegte Meinung doch gar keinen
Grund, da das Unaussprechliche in Wahrheit nur etwas Trübes, Gärendes ist, das erst,
wenn es zu Worte zu kommen vermag, Klarheit gewinnt. Das Wort gibt demnach den
Gedanken ihr würdigstes und wahrhaftestes Dasein.«
225 WL I, 42.
226 Enz. § 459, Anm., Abs. 1.
227 Enz. § 462.
228 Enz. § 459.
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 83

Beschränkung der Anschauung bewältigt und die Nichtigkeit derselben of-


fenlegt, dergestalt, dass diese Verselbstständigung der Intelligenz mit der
inhaltlichen »Erfüllung« der nunmehr entleerten Anschauung gleichbe-
deutend ist.229 Daraus erhellt, inwiefern die hegelsche Zeichentheorie die
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kantischen Restriktionen zu überwinden erlaubt, ohne gegen dieselben zu


verstoßen.230 In der anschaulichen Konstitution der Diskursivität selbst, in
ihrer elementarsten Form als Zeichensystem, erfolgt also die Befreiung des
Denkens von den Einschränkungen der Anschauung. Damit wird überflüs-
sig, dass die Denkformen sich auf die Anschauung beziehen, um überhaupt
Inhalt zu haben. Denn die Anschauung, durch welche der Denkinhalt verge-
genständlicht wird, findet sich bereits im Zeichen enthalten.
Es gibt noch andere Aspekte dieser Operation, die in Betracht gezogen
werden müssen, um die Aufgabe des reinen Denkens in Bezug auf die Vor-
stellung bzw. die Sprache in der Wissenschaft der Logik genauer bestimmen
zu können. Das Wesen der Sprache wird nicht lediglich durch die spontane
Zeichenproduktion der Einbildungskraft erklärt. Dadurch wird freilich die
Weise erklärt, wie die »Innerlichkeit« des Denkens mittels einer erfüllten
Äußerung sich kundgibt231, aber nicht wie dies Sich-Kundgeben sich bis zum
gesetzmäßigen System der Sprache fortentwickelt. Die Betrachtung dessen
20.11.2020

muss das von uns gesuchte (und bei Kant fehlende) Unterscheidungskrite-
rium zwischen Vorstellung und Denken bei Hegel ergeben und damit ein

229 Ebd.: »[…] – der Ton, die erfüllte Äußerung der sich kundgebenden Innerlich-
keit.«
230 Siehe dazu die wegweisenden Überlegungen Fuldas, »Das endliche Subjekt […]«,

a. a.O., 75–76: »Aber ist Hegels reines Denken, wie es sich bis jetzt abzeichnet, nicht ohne
jegliche Beziehung auf Erscheinungen und auf Anschauung, in der die Erscheinungen uns
gegeben werden; ist es nicht leer und ohne alle, wenigstens unbestimmte Referenz, also
gar nicht in der Lage, wahr oder falsch zu sein? Verkennt Hegel damit nicht die grund-
legende Kantische Einsicht, daß man mit leeren Begriffen nichts erkennen kann, weil
zu einer jeden cognitio ›zwei Stücke‹ gehören, nämlich Anschauung und Begriff ? Ge-
gen diesen von Kant sehr naheliegenden Verdacht hat Hegel eine ingeniöse Verteidigung.
Nur ist sie, soweit ich sehe, in der Diskussion seines Konzepts reinen Denkens noch nie
berücksichtigt worden, obwohl sie von großer Tragweite für’s richtige Verständnis einer
spekulativen Logik ist. Denken, so die Zurückweisung des Verdachts, steht in organischen
Zusammenhang mit dem mechanisch über Namen verfügenden Gedächtnis. Im Namen
aber, der unserer Intelligenz verfügbar ist, haben wir die Sache, ›wie sie im Reich der Vor-
stellung vorhanden ist und Gültigkeit hat‹. Und die Namen die wir auch für Gedankenbe-
stimmungen haben können, sind in anschaulichen, reproduzierbaren Zeichen repräsen-
tiert. […] Indem auch das reine Denken mit dem mechanisch Namen gebrauchenden Ge-
dächtnis einen solchen zu seinem Begriff gehörenden organischen Zusammenhang hat,
kann man nicht sagen, es sei ohne Bezug auf Anschauung und Imagination bzw. auf ein in
ihnen gegebenes, zusammengefaßtes und reproduziertes Mannigfaltiges.«
231 Vgl. Enz. § 459.
84 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

klareres Vorverständnis des logischen Verfahrens. Das Spezifische der Zei-


chenproduktion besteht wie bereits gesagt darin, anschauliche Gebilde mit
Denkallgemeinheiten frei zu verknüpfen. Auf die »freiere Willkür«232 die-
ser Verknüpfung muss besonderer Nachdruck gelegt werden: Nur auf einem
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freien Entschluss der Intelligenz basierend können anschauliche Gebilde


Denkstrukturen adäquat zum Ausdruck bringen. Damit aber durch diese
Verknüpfung die Innerlichkeit adäquat offengelegt wird, ist es erforderlich,
dass die Verknüpfung nicht nur frei, sondern auch dauerhaft ist. Denn die
Anschauung ist auch das Reich des Vorübergehenden, und das einmalige
Assoziieren einer Anschauung mit einer Allgemeinheit lässt diese wieder in
den undifferenzierten »Schacht der Intelligenz« versinken. Der Ausdruck
»ein einmaliges Assoziieren« ist in diesem Kontext mit »ein äußerliches As-
soziieren« gleichbedeutend. Ein Assoziieren kann nur dauerhaft fixiert wer-
den, wenn es den Charakter einer Regel, einer Allgemeinheit, erhält.233 Das
Allgemeine entspringt aus dem denkenden Selbst. Die einmalige Assoziation
von Anschauung und Gedanke muss also erneut die Form der Allgemeinheit
erhalten und dadurch mit mir homogenisiert werden bzw. innerlich gemacht
werden, um eine wahrhafte Manifestation meines Denkens ausmachen zu
können. Diese Operation wird von jener Stufe des Vorstellens vollzogen,
20.11.2020

die traditionell als »Gedächtnis« bezeichnet wird.234 Die Verallgemeinerung


durch das Gedächtnis der Assoziation Anschauung/Gedanke macht dieselbe
zu einer »bleibenden Verknüpfung«235 mit regelmäßigem Charakter. Wir
befinden uns also nicht mehr vor Anschauungen, die sich willkürlich auf
Denkinhalte beziehen, sondern vor zweiseitigen Einheiten (von signans und
signatum), die Objektivität besitzen.236
Diese Verallgemeinerung oder Erinnerung der Verknüpfung signans-
signatum hat aber die »höchste Entäußerung«237 des Denkens zur Folge.
Durch die Erhebung (vermöge des Gedächtnisses) der willkürlichen Asso-
ziation einer Anschauung mit einer allgemeinen Bedeutung zu einer »blei-
benden Verknüpfung« mit objektivem und gesetzmäßigem Charakter und
durch die daraus folgende Aufhebung der gegenseitigen Äußerlichkeit von

232
Enz. § 458, Anm, Abs. 1.
233
Vgl. Enz. § 461.
234 Vgl. Enz. § 460.
235 Enz. § 461.
236 Diese Auffassung des Namens als konkrete Einheit, die in sich Unterschiede um-

fasst, kann im gewissen Sinne als Vorgängerin der Semiologie Saussures betrachtet wer-
den. Darauf werden wir im nächsten Kapitel detaillierter eingehen.
237 Enz. § 463.
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 85

signans und signatum238 erhalten die Produkte der Intelligenz eine derar-
tige gegenständliche Konsistenz, dass sie sich von ihrer hervorbringenden
Subjektivität sozusagen loslösen und unabhängig machen. Die allgemeine
Bedeutung ist mit ihrer korrespondierenden Anschauung nunmehr am in-
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nigsten zusammengeschlossen. Dies bringt mit sich, dass die Intelligenz, die
bisher der innerliche Sitz der allgemeinen Bedeutungen war, nun »das leere
Band« ist, das die vorfindliche Mannigfaltigkeit der Namen »in sich befestigt
und in fester Ordnung behält«.239 Da Bedeutung und Name nun eine unzer-
trennliche Einheit ausmachen, welche für sich selbst objektive Konsistenz
besitzt, ist die Intelligenz in Bezug auf dieses Vorhandensein nur das Vermö-
gen, auf eine ganz sinnlose Weise bzw. im »mechanischen Zusammenhang«
die Namen »auswendig [zu] behalten«.240 In den vorangehenden Stufen der
Vorstellung war die Anschauung das aus der Intelligenz Unableitbare, das
vom Denken Vorgefundene und mithin es Beschränkende. Die von der In-
telligenz spontan hervorgebrachten Gebilde, die Zeichen/Namen, erhalten
durch die Operation des Gedächtnisses denselben Charakter, und sie ma-
chen nun das von der Intelligenz Vorgefundene und Unableitbare aus.241 Die
Operation des Gedächtnisses besteht also darin, die Gleichursprünglichkeit
von Anschauung und Denken in die Ursprünglichkeit der objektiven Zei-
20.11.2020

chen zu verwandeln, dergestalt, dass die »Reihen der verschiedenen Namen«


jetzt dem Subjekt als das von ihm nicht Hervorgebrachte, als das »Voraus-
seyende« gegenüberstehen. Deswegen wird das Gedächtnis von Hegel als die
»Tätigkeit des Sinnlosen« geschildert:242 Die vorhin freie Tätigkeit der Intel-
ligenz ist als Gedächtnis eher etwas »Opakes«, dem Subjekt »Undurchdring-
liches«. Das Sprachsystem wird dadurch ein geistloser Mechanismus, wel-
cher ohne das aktive Zutun des bewussten Verstandes »funktioniert«. So wie
vorher das Sein als das dem Denken Fehlende betrachtet worden ist, sind
nun die Produkte des Vorstellens, als seiend verstanden, dem Denken selbst
äußerlich geworden. Das Gedächtnis ist also paradoxerweise als die höchste
Vergessenheit des Denkens von sich selbst anzusehen, indem durch dasselbe

238 Vgl. Enz. § 463–464.


239 Enz. § 463.
240 Ebd., Anm.
241 Ebd.: »Der Geist aber ist nur bei sich als Einheit der Subjektivität und der Objekti-

vität; und hier im Gedächtnis, nachdem er in der Anschauung zunächst als Äußerliches
so ist, daß er die Bestimmungen findet und in der Vorstellung dieses Gefundene in sich
erinnert und zu dem Seinigen macht, macht er sich als Gedächtnis in ihm selbst zu einem
Äußerlichen, so daß das Seinige als ein Gefundenwerdendes erscheint.«
242 Enz. § 463, Anm.: »Es liegt nahe, das Gedächtnis als eine mechanische, als eine Tä-

tigkeit des Sinnlosen zu fassen, […].«


86 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

die Gebilde des Vorstellens eine Objektivität erreichen, welche dem Subjekt
selbst als fremdartig erscheint. Hegel schreibt dieser Stufe der Vorstellung
eine besondere Relevanz zu, obwohl das im Text der Enzyklopädie hierüber
Enthaltene sehr kurz und knapp ist.243 Der springende (und schwierigste)
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Punkt ist hier, das genaue Verhältnis zwischen dieser mechanischen, entäu-
ßerten und selbstvergessenen Form der Intelligenz und der Denktätigkeit als
solcher zu bestimmen. Hegel spricht von einem »organischen Zusammen-
hang« zwischen den beiden und ergänzt diesen Gedanken mit der folgenden
Behauptung: »Das Gedächtnis als solches ist selbst die nur äußerliche Weise,
das einseitige Moment der Existenz des Denkens; […]«.244 Das würde nach
Hegel die große Ähnlichkeit zwischen den beiden Ausdrücken – »Gedächt-
nis« und »Gedanke« – erklären.245 Wie kann aber das Denken, das bisher als
eine freie Tätigkeit betrachtet worden ist, durch seinen Gegensatz, nämlich
einen Vorgang, welcher auf mechanische Weise stattfindet, erklärt werden?
Worin besteht dabei der »organische Zusammenhang«, der das Gedächtnis
zum »Übergang in die Tätigkeit des Gedankens«246 macht?
Eine detailliertere Betrachtung der dritten Form des Gedächtnisses, das
mechanische Gedächtnis oder die Aktivität des Auswendiglernens, wird uns
darüber Aufschluss verschaffen. Es hat sich gerade ergeben, dass die Intel-
20.11.2020

ligenz vermöge des Gedächtnisses zugleich »bei sich selbst« und außerhalb
von sich selbst ist.247 Bei sich selbst, weil die Namen ihr eigenes, von ihr selbst

243
Die kommentierten Passagen der Enzyklopädie lassen eine unentwickelte, aber
trotzdem zentrale Lehre des Gedächtnisses bei Hegel vermuten. Die folgende Stelle im
§ 464 deutet darauf hin: »[…] es ist einer der bisher ganz unbeachteten und in der Tat
der schwersten Punkte in der Lehre vom Geiste, in der Systematisierung der Intelligenz
die Stellung und Bedeutung des Gedächtnisses zu fassen und dessen organischen Zu-
sammenhang mit dem Denken zu begreifen.« Mit der Gedächtnislehre Hegels befasst
sich ausführlich Fulda (»Vom Gedächtnis zum Denken«, in: F. Hespe und B. Tuschling
(Hrsg.): Psychologie und Anthropologie oder Philosophie des Geistes, Stuttgart-Bad Cann-
statt 1991, 321–360) und K. D. Magnus (in Hegel and the Symbolic Mediation of Spirit,
New York 2001, 94–109).
244 Enz. § 464, Anm.
245 Enz. § 464, Anm.: »Schon unsere Sprache gibt dem Gedächtnis, von dem es zum

Vorurteil geworden ist, verächtlich zu sprechen, die hohe Stellung der unmittelbaren Ver-
wandtschaft mit dem Gedanken.« Diesbezüglich bemerkt Fulda, ebd., 321: »Hegel, wenn
nicht Hölderlin, ist meines Wissens der erste gewesen, der versucht hat, die Verwandt-
schaft der deutschen Wörter ›Gedächtnis‹ und ›Denken‹ für die Frage, was Denken heißt,
fruchtbar zu machen.«
246 Enz. § 464.
247 Enz. § 463, Anm.: »Das Vermögen, Reihen von Worten, in deren Zusammenhang

kein Verstand ist oder die schon für sich sinnlos sind (eine Reihe von Eigennamen), aus-
wendig behalten zu können, ist darum so höchst wunderbar, weil der Geist wesentlich
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 87

hervorgebrachtes Gebilde ausmachen; außerhalb von sich selbst, weil diese


Gebilde, indem die Verknüpfung Name-Bedeutung durch das Gedächtnis
gesetzmäßigen Charakter erhalten hat, der Intelligenz äußerlich und fremd
geworden sind. Die Aufnahme und Verinnerlichung dieses äußerlichen Sei-
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enden der Intelligenz ist das, was das mechanische Gedächtnis leistet. In Be-
zug auf die Übung des Gedächtnisses in der Jugend bemerkt Hegel, dass der
Sinn derselben eigentlich darin besteht, »den Boden ihrer Innerlichkeit zum
reinen Sein, zum reinen Raume zu ebnen, in welchem die Sache, der an sich
seiende Inhalt ohne den Gegensatz gegen eine subjektive Innerlichkeit, ge-
währen und sich explizieren könne«.248 Beim Auswendiglernen wird die ei-
gene subjektive Innerlichkeit zu einem leeren Rezeptakulum, zu einer Fläche
ohne Unebenheiten gemacht, um sie für den widerstandslosen Empfang des
objektiv Seienden zu befähigen. Die erfolgreiche Aufnahme des objektiv Sei-
enden erfordert, dass das denkende Selbst dabei sozusagen »abwesend« ist.
Das aktive Vorstellen der Intelligenz soll, wenn wir so sagen können, beim
Auswendiglernen »erlöschen«, die Namen müssen ihre Bedeutung verlieren,
damit die »gelehrige« Intelligenz von der »äußerlichen Objektivität« der Na-
men besser geprägt werden kann. Was aber durch diese sinnlose, »dumme«
Tätigkeit vollzogen wird, ist gerade die Aufhebung der Gegenüberstellung
20.11.2020

des subjektslosen, äußerlichen Seins der Namen und des subjektiven, inner-
lichen Vorstellens, sodass nun das Unorganische der äußerlichen Namen,
sofern es die eigentliche Substanz der »verlöschten« Intelligenz geworden ist,
seinen Sinn im Subjekt organisch entfalten und explizit machen kann »ohne
den Gegensatz gegen eine subjektive Innerlichkeit«.249 Die Bedeutung, wel-
che beim Auswendiglernen verloren geht, wird beim sich-Explizieren des
Auswendiggelernten wiedergewonnen: Die freie Selbstentfaltung der Sache
selbst, des Seienden, fällt nun mit dem Offenlegen der allgemeinen Bedeu-
tungen, als Bestimmungen des denkenden Selbst verstanden, zusammen.250

dies ist, bei sich selbst zu sein, hier aber derselbe als in ihm selbst entäußert, seine Tätigkeit
als ein Mechanismus ist.«
248 Enz. § 464, Anm.
249 Ebd.
250 Bezüglich dieses Bedeutungsverlusts und gegen die berühmte derrida’sche Inter-

pretation desselben bemerkt Magnus (a. a.O., 107–108): »Thus, once again, spirit’s deter-
mination of its content is at once its determination for itself. By acting upon its content
and recognizing it to be of its own making, spirit brings itself into existence. Through its
acts of memory and naming, it makes itself into an activity of mediation and through its
meaningless externalization of itself in mechanical memory, it makes itself into some-
thing that is simply and immediately there. As a result, theoretical spirit becomes what
it was supposed to be according to its concept: a power of determination that is both
mediating and immediate. This does not mean, however, as Derrida would say, that spirit
88 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Der hier geschilderte Sachverhalt erscheint an anderen Stellen der Werke


Hegels, was als Beweis der zentralen Rolle des vorliegenden Punktes im he-
gelschen Denken angesehen werden sollte. In der Vorrede der Phänomenolo-
gie des Geistes wird das Verhältnis von Geist und Individuum auf eine Weise
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beschrieben, die eine auffallende Ähnlichkeit mit Hegels Darlegungen über


das mechanische Gedächtnis in der Enzyklopädie aufweist. Wir wollen aber
nicht eine bloße Ähnlichkeit feststellen, sondern eher zeigen, dass es sich,
aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, um dieselbe Sache handelt. Ei-
gentlich stehen wir vor einem wesentlichen und wenig erforschten Aspekt
des hegelschen Denkens, dessen ausführliche Untersuchung ein neues Ver-
ständnis seiner Philosophie geben könnte. In der Vorrede sagt Hegel, dass die
im Laufe der Zeit niedergelegten Produkte des Geistes die substanzielle »un-
organische Natur« des einzelnen Individuums ausmachen, so wie die äußer-
lich und objektiv gewordenen Gebilde des Vorstellens (d. h. die Namen) das
Seiende der Intelligenz in der Enzyklopädie ausmachen: »Dies vergangene
Dasein ist bereits erworbenes Eigentum des allgemeinen Geistes, der die
Substanz des Individuums und so ihm äußerlich erscheinend seine unorga-
nische Natur ausmacht.«251 Die »wissenschaftliche Erkenntnis« besteht dann
nach Hegel im Versinken in das »immanente Leben« dieser Substanz.252 Da-
20.11.2020

für muss die eigene Stimme schweigen und der Sache selbst überlassen wer-
den, ihren eigenen Inhalt »auszusprechen«.253 Diese unorganische Natur des
Individuums entspricht in unserem Kontext dem Auswendiggelernten: Die
objektiv seienden Gebilde des Vorstellens verhalten sich zur subjektiven In-
nerlichkeit der Intelligenz als das ihr opak Andere, aber dieses Andere wird
gerade – durch die Verinnerlichung, die das Gedächtnis vollzieht – selbst
Substanz der Innerlichkeit.254 Die Selbstmanifestation dieser Substanz ist

becomes what it ›always already‹ was, for spirit really has to become. It undergoes real
risk and real alienation, for it experiences its other as real and does not always know that
it will recover its losses and achieve selfreconciliation. It is only after spirit ›finds itself‹
again that it discovers the whole process to have been necessary. Once it recognizes itself
as that activity that becomes, that creates itself, it grasps that a period of not being itself is
essential to this process.«
251 Phän. 32–33.
252 Phän. 52.
253 Ebd.: »Das wissenschaftliche Erkennen erfordert aber vielmehr, sich dem Leben

des Gegenstandes zu übergeben oder, was dasselbe ist, die innere Notwendigkeit dessel-
ben vor sich zu haben und auszusprechen.«
254 Man kann an dieser Stelle auch auf das Kapitel »Der sich entfremdete Geist. Die

Bildung« in der Phänomenologie verweisen. Dort sagt Hegel (Phän. 359–360): »Aber der-
jenige Geist, dessen Selbst das absolut diskrete ist, hat seinen Inhalt sich als eine ebenso
harte Wirklichkeit gegenüber, und die Welt hat hier die Bestimmung, ein Äußerliches,
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 89

dann mit dem sich-Explizieren der Sache im mechanischen Gedächtnis


identisch. Im konkreten Beispiel der Übung des Gedächtnisses in der Jugend
bedeutet dies, dass das sich-Explizieren der Sache von der Denktätigkeit des
Subjektes, in welchem das Auswendiggelernte sein hindernisfreies Element
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hat, nicht mehr verschieden ist. Wenn also im Gedächtnis die wesentlichen
Kennzeichen des Denkens als solchen bereits eingeschrieben sind, wenn das
Gedächtnis »das einseitige Moment der Existenz des Denkens«255 ist, dann
ist das Denken nichts anderes als dies: Das seiende Wort selbst sprechen zu
lassen. Der Akt, das seiende Wort selbst sprechen zu lassen, scheint aber
mit der Spontaneität des Denkens zu kollidieren und der freien Subjekti-
vität Gewalt anzutun.256 Es hat sich indes gezeigt, dass die äußerliche Ge-
genständlichkeit der Sprache das »eigene Sein« des Subjektes und nicht bloß
sein gegenüberstehendes Korrelat ausmacht, sodass nur durch diese wahr-
scheinlich passive Geste, die eigene Besonderheit aufzuopfern und das sei-
ende Wort sprechen zu lassen, das Subjekt eigentlich Subjekt sein kann.257

das Negative des Selbstbewußtseins zu sein. Aber diese Welt ist geistiges Wesen, sie ist an
sich die Durchdringung des Seins und der Individualität; dies ihr Dasein ist das Werk des
Selbstbewußtseins; aber ebenso eine unmittelbar vorhandene, ihm fremde Wirklichkeit,
welche eigentümliches Sein hat und worin es sich nicht erkennt.« Siehe dazu B. Sandkau-
20.11.2020

len: Wissenschaft und Bildung. Zur konzeptionellen Problematik von Hegels Phänomenolo-
gie des Geistes, in: Hegel-Studien, Beiheft 52, 186–207, und L. Siep: Der Weg der Phänome-
nologie des Geistes. Ein einführender Kommentar zu Hegels »Differenzschrift« und »Phäno-
menologie des Geistes«, Frankfurt a. M. 2000.
255 Enz. § 465.
256 Vgl. Enz. § 465, Zusatz: »Während also auf dem Standpunkt der Vorstellung die teils

durch die Einbildungskraft, teils durch das mechanische Gedächtnis bewirkte Einheit des
Subjektiven und Objektiven – obgleich ich bei der letzteren meiner Subjektivität Gewalt
antue – noch etwas Subjektives bleibt, so erhält dagegen im Denken jene Einheit die Form
einer sowohl objektiven wie subjektiven Einheit, da dieses sich selber als die Natur der Sa-
che weiß.«
257 Vgl. Enz. § 23, Anm.: »In dem Denken liegt unmittelbar die Freiheit, weil es die

Tätigkeit des Allgemeinen, ein hiermit abstraktes Sichaufsichbeziehen, ein nach der Sub-
jektivität bestimmungsloses Beisichsein ist, das nach dem Inhalte zugleich nur in der Sa-
che und deren Bestimmungen ist. Wenn daher von Demut oder Bescheidenheit und von
Hochmut in Beziehung auf das Philosophieren die Rede ist und die Demut oder Beschei-
denheit darin besteht, seiner Subjektivität nichts Besonderes von Eigenschaft und Tun
zuzuschreiben, so wird das Philosophieren wenigstens von Hochmut freizusprechen sein,
indem das Denken dem Inhalte nach insofern nur wahrhaft ist, als es in die Sache vertieft
ist und der Form nach nicht ein besonderes Sein oder Tun des Subjekts, sondern eben
dies ist, daß das Bewußtsein sich als abstraktes Ich, als von aller Partikularität sonstiger
Eigenschaften, Zustände usf. befreites verhält und nur das Allgemeine tut, in welchem es
mit allen Individuen identisch ist. – Wenn Aristoteles dazu auffordert, sich eines solchen
Verhaltens würdig zu halten, so besteht die Würdigkeit, die sich das Bewußtsein gibt, eben
darin, das besondere Meinen und Dafürhalten fahrenzulassen und die Sache in sich wal-
ten zu lassen.«
90 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

Versucht das Denken im Flüchtigen, immer sich-Entziehenden seiner ne-


gativen Tätigkeit die Freiheit gegen die objektive Gegenständlichkeit seiner
eigenen Produkte zu bewahren, dann ist es zwangsläufig im Teufelskreis des
unendlichen subjektiven Triebes, der sich niemals zu verwirklichen vermag,
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gefangen.258
Das Denken erfordert also das Verschwinden der Widerstand-leistenden
Subjektivität, damit die Manifestation der Sache zugleich die Enthüllung
der inneren Beschaffenheit des Subjektes selbst ist. Mit den Worten Hegels:
»Das Gedächtnis ist auf diese Weise der Übergang in die Tätigkeit des Ge-
dankens, der keine Bedeutung mehr hat, d. i. von dessen Objektivität nicht
mehr das Subjektive ein Verschiedenes ist, so wie diese Innerlichkeit an ihr
selbst seiend ist.«259 Wir haben gesehen, dass die innerliche Intelligenz beim
Auswendiglernen »erlöschen« muss, damit die Aufnahme der Sache (und
ihr späteres sich-Explizieren) erfolgreich geschehen kann. Das macht das
mechanische Gedächtnis zu einer sinnlosen Tätigkeit, denn der Sinn, als
das Innerliche aufgefasst, macht gerade das zu behebende Hindernis für ein
erfolgreiches Auswendiglernen aus. Wenn nun diese »Erlöschung« der In-
nerlichkeit die notwendige Bedingung des sich-Explizierens der Sache selbst
(in welchem das Denken eigentlich besteht) ist, dann kann der Unterschied
20.11.2020

Name-Bedeutung, als der Unterschied von dem äußerlichen Seienden und


der innerlichen Intelligenz aufgefasst, im Denken nicht mehr aufrechterhal-
ten werden. Der Bedeutungsverlust, der im mechanischen Gedächtnis ge-
schieht, wird nicht etwa durch eine spätere Hinzufügung von (innerlichen)
Bedeutungen kompensiert. Die Bedeutung, der Sinn, das Innerliche wird zu-
gunsten des sich-Explizierens der Sache selbst verloren, damit ihr Inhalt frei
aus ihr hervorgeht und sich ohne die »Störung« des partikulären Subjekts
manifestiert. Im Denken ist folglich der Inhalt der Sache nicht mehr als die

258 Darin besteht die Kritik Hegels an den Apologeten der Ironie (und letzlich an

Fichte, der ihr Inspirator war; siehe Grundlinien der Philosophie des Rechts – RPh –, § 140,
Anm., f), denen der höchste Freiheitsakt sich beim Aussprechen eines Wortes vollzieht,
das mit der Innerlichkeit der gemeinten Bedeutung nicht übereinstimmt. Dadurch soll
das Ich sich von jeglichem Gebundensein an das äußerliche Substanzielle befreien und
damit seine unendliche Vorherrschaft über jegliche endliche Konfiguration bestätigen
(ebd.): »Nicht die Sache ist das Vortreffliche, sondern ich bin der Vortreffliche und bin der
Meister über das Gesetz und die Sache, der damit, als mit seinem Belieben, nur spielt und
in diesem ironischen Bewußtsein, in welchem Ich das Höchste untergehen lasse, nur mich
genieße.« Aus dieser Perspektive ist aber das Denken fatalerweise zu einer eitlen Inhalts-
losigkeit verdammt. Um Wirklichkeit überhaupt erlangen zu können, muss die Subjek-
tivität darauf verzichten, ihre Besonderheit gegen das Objektiv-Gegenständliche geltend
zu machen.
259 Enz. § 464.
§ 11 Die Entstehung des Zeichens 91

»fremde Seele«260 derselben anzusehen, wie die Bedeutung in Bezug auf die
sie bezeichnende Anschauung in der Zeichenproduktion. Das Denken be-
steht also wesentlich in der Aufhebung des Unterschiedes signans-signatum –
dies und nichts anderes meint eigentlich die sogenannte Identität des Sub-
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jektiven und des Objektiven, welche das Denken nach hegelscher Auffassung
vollzieht.
Wir können hier legitimerweise von Identität des Subjektiven und Ob-
jektiven sprechen, sofern aus dem bisher durchlaufenen Gang dreierlei klar
geworden ist: 1) Die Allgemeinheiten, als Denkstrukturen des Selbst ver-
standen, machen die Washeit der einzelnen Inhalte der Anschauung aus;
2) die spontan zum signans »herabgesetzte« Anschauung hebt die kan-
tische Rolle derselben als inhaltgebende Instanz der Denkstrukturen auf;
dadurch wird die Allgemeinheit als Washeit/Bedeutung aus dem »nächt-
lichen Schacht der Intelligenz« herausgezogen und zum objektiv Seienden
gemacht; 3) vermöge des Gedächtnisses werden die Namen/Zeichen zum
vorfindlichen Sächlichen gemacht, sodass nun die Manifestation der Was-
heit der Dinge und der Beschaffenheit des Denkens aus ein und derselben
Quelle entspringt. In dieser Aufeinanderfolge von Schritten besteht wesent-
lich das, was hier die »Operation der Vorstellung« genannt worden ist. Zu
20.11.2020

bemerken ist hierüber, dass Hegel sich in der Logik meistens auf die letzte
Stufe der Vorstellung bezieht, wenn er über die Produkte des vorstellenden
Denkens spricht. Im Gegensatz zu Kant, bei welchem der Ausdruck »Vor-
stellung« sowohl Anschauungen als auch Begriffe meint, bezeichnet dieser
Ausdruck in der Logik Hegels vor allem Namen, deren Bedeutung noch im
undifferenzierten »Schacht« der Innerlichkeit bleibt. Es handelt sich also um
das, was im vorausgehenden Kapitel »suppositio« genannt worden ist. Der
Unterschied von Name und Bedeutung, welche das Denken aufzuheben hat,
ist mit der Unreduzierbarkeit der suppositio auf deren significatio zu identi-
fizieren. Im logischen Diskurs ist die Vorstellung jener Name (oder signans),
der sich als wesentlich verschieden von dem, was von ihm ausgesagt wird,
d. h. seiner significatio, vorstellt. Was dieser Name bedeutet, jenseits dessen
Explizierens in der Prädikation, kann nur ein unbestimmter, verwischter In-
halt im »nächtlichen Schacht der Intelligenz« bzw. ein nicht-Seiendes sein.
Bei einer solchen Vorstellung ist also die Aufhebung des Unterschiedes von
dem seienden Namen und der innerlichen Bedeutung, in welcher das Den-
ken grundsätzlich besteht, noch nicht vollzogen worden. Im letzten Kapitel

260 Enz. § 458, Anm.: »Das Zeichen ist irgendeine unmittelbare Anschauung, die ei-
nen ganz anderen Inhalt vorstellt, als den sie für sich hat; – die Pyramide, in welche eine
fremde Seele versetzt und aufbewahrt ist.«
92 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

wurde die nicht-Reduzierbarkeit der suppositio auf deren significatio als Ur-
sache der vorfindlichen Diskontinuität der Denkbestimmungen bzw. als das
fundamentale Hindernis für die Verwirklichung des kreisförmigen Wissens
erklärt. Die suppositio ist insofern mit dem Widerstand zu identifizieren, den
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die innerliche Subjektivität gegen das sich-Explizieren der Sache selbst lei-
stet. Dem kontinuierlichen Verlauf des Diskurses, der sich aus dem aufop-
fernden Akt, das Wort selbst sprechen zu lassen, ergeben würde, setzt die
partikuläre Subjektivität die Innerlichkeit ihrer unausgesprochenen Inhalte
entgegen. Der »nächtliche Schacht der Intelligenz« macht zwar ein Medium
der Zusammensetzung von anschaulichen Inhalten aus; dieses Medium ist
aber nicht begrifflicher Art, sondern subjektiv-psychologischer. Das Unaus-
gesprochene der suppositio, als in diesem innerlichen Medium befindlich,
hat also in Ansehung der Wissenschaftlichkeit einen bloß subjektiven-psy-
chologischen Charakter. Dieses psychologische Medium, dieser »Boden der
Innerlichkeit«261 ist das, was zum »reinen Raume«262 geebnet werden muss,
damit die Sache selbst sich hindernisfrei und ohne Unterbrechungen bzw.
Störungen des innerlichen Vorstellens manifestieren kann. Das ist der Sinn
dessen, was oben »die immanente Entwicklung des Begriffes aus sich selbst«
genannt worden ist. Was das im Grunde heißt, wird unsere Untersuchung
20.11.2020

im Folgenden ausführlicher darlegen.

§ 12 Die Idee der vollbrachten Aneignung und die Entfaltung


der Sache selbst

Die ausführliche Analyse der Paragraphen, welche die Enzyklopädie der Vor-
stellung widmet, hat ein bestimmtes Konzept der Identität des Seienden und
des Gedankens ergeben. Dieses Konzept bedarf noch einiger Erläuterungen.
Wir müssen wieder auf die Frage eingehen: Was bedeutet hier eigentlich »das
Seiende«? Dafür haben wir uns oben auf die Bedeutung des Wortes im frü-
hen Fichte berufen. Die grundlegende Fragestellung der frühen Philosophie
Fichtes kann folgendermaßen formuliert werden: Welcher Grund ist der des
Prädikats »Sein«? Der gesuchte Grund ist bekanntlich das selbsttätige Han-
deln der Intelligenz und das Prädikat »Sein«, als in diesem Handeln begrün-
det, ist demselben schlechthin entgegengesetzt. So betrachtet auch Hegel das
Verhältnis zwischen Denken und Sein vor der Entstehung des Zeichens: Der
»gefundene« Stoff der Anschauung erhält durch die Intelligenz die Form

261 Enz. § 464, Anm.


262 Ebd.
§ 12 Die Idee der vollbrachten Aneignung 93

der Allgemeinheit und dadurch wird das Sein bzw. das quid desselben ge-
setzt.263 Die Intelligenz darf aber nicht mit dem, was sie setzt, verwechselt
werden: Als Prädikat verstanden ist das Sein dasjenige, was von der selbst-
tätigen Intelligenz in Bezug auf ihr Anderes, das »Gefundene«, festgesetzt
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wird, also das Resultat einer Verarbeitung. Diese Verarbeitung hat seit Kant
den spezifischen Sinn einer Aneignung: Durch das Setzen ihres Seins wer-
den die anschaulich gegebenen Inhalte »meinig« gemacht bzw. ihr Sein wird
in Bezug auf »mich« gesetzt. Der anfängliche Bezugspunkt der Intelligenz-
tätigkeit, das Andere oder das Gefundene, wird somit auf die Selbstbezüg-
lichkeit des denkenden Selbst zurückgeführt.264 Das Seiende ist also nur das
Seiende, sofern es »meinig« gemacht wird; durch die Aneignung wird die
Setzung des quid der Andersheit mit dem Sich-Setzen des allumfassenden
Ich identisch gemacht.265 Diese Aneignung aber ist vor der Entstehung des
Zeichens als unvollendet anzusehen: Solange »die Anschauung die Unter-
lage des Begriffs«266 ist, hat die Setzung des quid durch Aneignung zwangs-
läufig zur Folge, das Ich zu einer Seite des Vollzuges zu machen und es dem
Sein entgegenzusetzen. Das Faktum der Rezeptivität, als Ausgangspunkt des
»meinig-Machens«, macht die komplette Aneignung unmöglich. Obwohl die
Seiendheit nur in Bezug auf »mich« gesetzt werden kann, muss sie aus dem-
20.11.2020

selben Grund nur als mein mir gegenüberstehendes Korrelat gesetzt werden.
Wir befinden uns hier vor derselben Struktur, durch welche das Spezifische
des Bewusstseins im letzten Kapitel erfasst wurde: Das Ich ist dabei gleich-
zeitig »eine Seite des Verhältnisses und das ganze Verhältnis«.267 Durch die
Erzeugung des Zeichens wird dieser Sachverhalt umgekehrt. Die Aneignung
erfolgt dabei dergestalt, dass die Intelligenz das Faktum der Rezeptivität sich
selbst »einverleibt«: Sie besteht nicht mehr darin, einen gegebenen Inhalt
»meinig« zu machen, sondern das »Meinige« bzw. die Allgemeinheit zum
gegebenen Inhalt, zur vorfindlichen Sache zu machen. Die Aneignung wird
dann vollständig, weil nicht mehr vom Anderen ausgegangen wird, sondern

263 Enz. § 455, Anm., Abs. 1: »Die Intelligenz ergänzt das Gefundene durch die Be-
deutung der Allgemeinheit und das Eigene, Innere durch die das aber von ihr gesetzten
Seins.«
264 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 126.
265 Vgl. J. Kopper: Das transzendentale Denken …, a. a.O., 13–14.
266 Fichte, a. a.O., I, 492: »Nun ist dabei, so wie allenthalben, also auch hier, nicht aus

der Acht zu lassen, daß die Anschauung die Unterlage des Begriffs, das in ihm Begriffene,
ist und bleibt.«
267 Enz. § 413. Hegel selbst merkt diese strukturelle Homologie in Enz. § 455, Anm.,

Abs. 1: »Die Vorstellung ist die Mitte in dem Schlusse der Erhebung der Intelligenz; die
Verknüpfung der beiden Bedeutungen der Beziehung-auf-sich, nämlich des Seins und der
Allgemeinheit, die im Bewußtsein als Objekt und Subjekt bestimmt sind.«
94 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

gerade vom Eigenen.268 Das zum Seienden Gemachte bzw. der Denkinhalt,
der durch das Zeichen objektive Seiendheit erhalten hat, ist von vornherein
schon das »Meinige«, sodass die Rezeptivität des Anschauens nun durchweg
von Denkinhalten, in Zeichen verkörpert, affiziert wird. Hier ist das Zusam-
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menfallen von Subjekt und Objekt ganz anderer Art als dasjenige der intel-
lektuellen Anschauung Fichtes. »Anschauung« heißt die letztere darum, weil
sie, trotz ihrer intellektuellen Natur, unmittelbar zugänglich ist. Aber gerade
aus diesem Grund ist die intellektuelle Anschauung unfähig, die Spannung
zwischen Rezeptivität und Aneignung aufzulösen: Das, was angeschaut wird,
ist freilich die Intelligenz selbst, aber nicht durch »Veranschaulichung« der-
selben, sondern durch das unmittelbare Gefühl ihrer Tätigkeit, welches das
Faktum der sinnlichen Rezeptivität nicht aufzuheben vermag. Die hegelsche
Selbstanschauung der Intelligenz hingegen löst diese Spannung dadurch auf,
dass sie die Intelligenz selbst vergegenständlicht und sie somit auf die beiden
Seiten des Aneignungsvorganges setzt.269 Damit wird der Konflikt zwischen
den gegenüberstehenden Polen der »Beziehung auf das Andere« und der
»Beziehung auf sich« überwunden.270
Die von Kant eingeführte Idee der Aneignung, die soeben erwähnt wor-
den ist, verbindet diese zwei divergierenden Pole in ein und demselben Akt:
20.11.2020

Das Seiende »ist« nur das Seiende, sofern es »meinig« gemacht wird. Oder
anders gesagt: Die Bedingung der Sache bzw. das, wodurch die Sache eigent-
lich Sache ist, ist die Ichheit, ohne dass beide Instanzen auf eine zurückge-
führt werden können.271 Die hegelsche Operation konstruiert sich sozusa-
gen »über« den Ergebnissen der kantischen, indem sie die zur Allgemein-
heit erhobenen Inhalte wieder in die Anschauung in der Form von Zeichen
»zurückschickt«.272 Diese Anschauung ist aber nicht mehr die Erste, an wel-

268 Vgl. H. F. Fulda, »Vom Gedächtnis zum Denken«, a. a.O., 356: »Indem die anschau-

ende und vorstellende Intelligenz in diese Einheit als in ihren Grund zurückgeht, ist es in
ihr, daß sie sowohl als vorstellende wie als anschauende die Vernunft findet, die sie in sich
hat, – und zwar als eine, die gar nicht erst zu finden, da ursprünglich gehabt ist und an
welcher nur der Schein zu beseitigen ist, das Vernünftige sei ein zu findendes (§ 445).«
269 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Hegel y el destino …«, a. a.O., 126.
270 Vgl. Fulda: »Vom Gedächtnis zum Denken«, a. a.O., 359: »Im Gedanken, den das

Denken ›hat‹, reproduziert die Intelligenz sich so, daß sie selbst darin gegenübertritt, sich
ihr Gegenstand wird und sich wiedererkennt als das Allgemeine, das sie ist (vgl. § 465). Sie
könnte sich als solches jedoch nicht wiedererkennen und wäre auf das trügerische Glück,
sich zu finden, angewiesen, wenn das Allgemeine, das sie ist, nicht ein ›Begriff‹ wäre, der –
indem sie am Werk ist – über ihr einfaches Fürsichsein hinausgeht und ausgreift auf den
Gegenstand, als der sie sich entgegentritt.«
271 Vgl. J. Kopper: Das transzendentale Denken …, a. a.O., 15–16.
272 Vgl. J. M. Sánchez de León Serrano: »Signo y sujeto lógico en Hegel«, in: Estudios

de Filosofía, Medellín 2008, Bd. 37, S. 141–158. Hier: 145.


§ 12 Die Idee der vollbrachten Aneignung 95

cher die kantische reflexio sich vollzieht, d. h. die Anschauung als »Unter-
lage des Begriffs« aufgefasst. Sie ist, wie bereits gesagt, eine »entleerte An-
schauung«. Das bedeutet zunächst, dass sie nicht mehr den gefundenen In-
halt ausmacht, der durch die Intelligenz die Form der Allgemeinheit erhalten
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muss, denn als »entleerte Anschauung« hat sie keinen Inhalt mehr für sich,
sondern sie existiert nur als »Träger« eines anderen Inhaltes, einer ihr »frem-
den Seele«. Als solche macht sie aber auch die Intelligenz zum Seienden: Sie
verwandelt also das »Meinige«, die Allgemeinheit, in die Sache bzw. in den
inhaltlichen Gegenpol, welcher in der kantischen und fichteschen Idee der
Aneignung dem Ich entgegensetzt wird. Nun können die eigentlichen In-
halte der Intelligenz, welche die Washeit der Dinge bestimmen, sich expli-
zieren, indem die Denktätigkeit vollkommen auf sie als auf ihre Unterlage
zugespitzt ist. Die Sache, das Seiende, meint nicht mehr das vom denkenden
Selbst Gesetzte, sondern die vollkommene Ȇbertragung des Denkens in die
Gegenständlichkeit«, durch welche das Denken erstmals Transparenz in Be-
zug auf sich selbst erlangt. Somit gewinnen unzählige umstrittene Aussagen
Hegels über die Identität des Seienden und des Denkens bzw. der Wirklich-
keit und der Vernunft einen präzisen Sinn, der das Gespenst eines Rückfalles
des hegelschen Denkens in die dogmatische Metaphysik endgültig zum Ver-
20.11.2020

schwinden bringt.
Wir beschränken uns hier auf zwei dieser Aussagen, nämlich die Para-
graphen 6 und 24 der Enzyklopädie.273 Diese Paragraphen scheinen auf An-
hieb Gedanken zu enthalten, die mit den kantischen Restriktionen in Be-
zug auf den Gebrauch der Kategorien frontal kollidieren. Wir haben aber
gerade gezeigt, wie die Operation des Vorstellens, durch welche das Denken
Gegenständlichkeit erhält, »über« der kantischen reflexio konstruiert wird.
Das heißt, dass die Wirklichkeit, die Hegel dem Vernünftigen in § 6 zu-
schreibt, nichts mit einer vermeintlichen Erhebung in die Perspektive eines
»kosmischen Logos« zu tun hat.274 Es handelt sich eher um die Wirklichkeit,

273 Enz. § 6: »Von der anderen Seite ist es ebenso wichtig, daß die Philosophie darüber
verständigt sei, daß ihr Inhalt kein anderer ist als der im Gebiete des lebendigen Geistes
ursprünglich hervorgebrachte und sich hervorbringende, zur Welt, äußeren und inneren
Welt des Bewußtseins gemachte Gehalt, – daß ihr Inhalt die Wirklichkeit ist. […] Ja, diese
Übereinstimmung kann für einen wenigstens äußeren Prüfstein der Wahrheit einer Phi-
losophie angesehen werden, so wie es für den höchsten Endzweck der Wissenschaft an-
zusehen ist, durch die Erkenntnis dieser Übereinstimmung die Versöhnung der selbstbe-
wußten Vernunft mit der seienden Vernunft, mit der Wirklichkeit hervorzubringen.« Enz.
§ 24: »Die Logik fällt daher mit der Metaphysik zusammen, der Wissenschaft der Dinge in
Gedanken gefaßt, welche dafür galten, die Wesenheiten der Dinge auszudrücken.«
274 Die unglücklichen Ausdrücke »kosmischer Geist«, »kosmische Vernunft« usw. in

Bezug auf Hegel sind vor allem von Ch. Taylor ins Spiel gebracht worden. Solche Ausdrü-
96 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

welche die Intelligenz durch ihre Vergegenständlichung im Zeichen erhält.


Ebenso ist die Erkenntnis der Wesenheit der Dinge, die dem logischen Den-
ken in § 24 beigemessen wird, keineswegs mit einer vermeintlichen Erkennt-
nis des Dinges an sich, welches bereits bei Kant als philosophisches Problem
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beiseite gesetzt worden ist, zu verwechseln. Obwohl Hegel an der vorma-


ligen Metaphysik lobt, dass sie, im Unterschied zur späteren kritischen Phi-
losophie, die Denkformen geradezu »als die Grundbestimmungen der Dinge«
betrachtete,275 ist dieses Lob nicht so zu verstehen, als ob Hegel damit die
vorkritische Auffassung des Erkennens zurückholen wollte. Eigentlich ist
unter dem Ausdruck »Grundbestimmungen der Dinge« nichts anderes zu
verstehen als das, was die kantische reflexio vollzieht, nämlich die Setzung
des quid der Sache. Der Unterschied zum kantischen Denken, welcher Hegel
dahin führt, seinen Ansatz mit der vormaligen Metaphysik in eine Paral-
lele zu bringen, besteht eigentlich darin, dass die Idee der Aneignung, die
durch die Erzeugung des Zeichens vollzogen wird, es der Intelligenz erlaubt,
die Denkbestimmungen als identisch mit der Sache selbst in einem gegen-
satzlosen Element – dem Logischen – zu entfalten. In dieser von der Vor-
stellung vollbrachten Gegensatzlosigkeit, kraft deren das Denken sich selbst
20.11.2020

cke verfälschen die philosophische Radikalität des hegelschen Denkens und verwickeln
die Interpretation in unnötige Schwierigkeiten. Bezüglich einer vermeintlichen »Erhe-
bung« über die Perspektive des endlichen Geistes bei Hegel bemerkt Wieland zurecht
(W. Wieland, a. a.O., 405): »Die Hegelsche Logik hat zwar das Absolute zum Gegenstand,
aber sie ist keine Spekulation, die den Anspruch erheben könnte, auf dem Standpunkt
des Absoluten zu stehen. Es handelt sich vielmehr um das Unternehmen des endlichen
Geistes, die Kategorien zu entwickeln und zu erfassen, die für eine angemessene Ausle-
gung des Absoluten notwendig sind. Auf dieser Ebene des endlichen Geistes bewegt sich
die Darstellung der Logik. Diese Ebene wird innerhalb dieser Darstellung niemals thema-
tisch; gerade deswegen braucht sie aber auch nicht verlassen zu werden. Die Probleme der
Logik Hegels werden nicht verständlich, wenn man diese Tatsache außer acht läßt. Denn
für die ›Wissenschaft der Logik‹ gilt, wie für alle Philosophie, daß sie nur auf Grund des-
sen, daß wir endliche Wesen sind, möglich und notwendig wird.« Dieser letzte Punkt
ist besonders wichtig: Die Reflexion über das Absolute hat nur Sinn aus der Perspektive
des Endlichen. Gerade deswegen, weil »wir endliche Wesen sind«, können wir überhaupt
nach dem Absoluten philosophisch fragen. Dies macht die Überlegung über die hegel-
sche Auffassung der Sprache umso dringlicher, denn gerade in »dieser Ebene […] bewegt
sich die Darstellung der Logik«. Wieland bemerkt ferner (a. a.O., 406): »Aber auch hier
wird der Bereich der üblichen sprachlichen Ausdrucksmittel niemals verlassen. In diesem
Sinne formuliert die ›Wissenschaft der Logik‹ mit Hilfe von Sätzen der gewöhnlichen
Sprache Aussagen über das Absolute, die fortwährend der Revision unterzogen werden.
Auch in dieser Hinsicht betrachtet, handelt es sich um einen gerade vom endlichen Geist
unternommenen Versuch, das Absolute in der Sphäre des sich in der Sprache ausdrü-
ckenden abstrakten Begriffs bestimmbar zu machen. Ein in sich ruhendes und sich selbst
genügendes Absolutes bedürfte keiner Logik.«
275 Enz. § 28.
§ 12 Die Idee der vollbrachten Aneignung 97

»anschaut« und darin »die Sache selbst erkennt«, liegt die Legitimition, die
Hegel autorisiert, die Vernunft der Wirklichkeit gleichzusetzen.276
Im innigen Zusammenhang mit diesem Verständnis der Gleichsetzung
Vernunft = Wirklichkeit müssen auch die Behauptungen Hegels über das
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Verhältnis von Denken und Vorstellung in den drei ersten Paragraphen der
Enzyklopädie gelesen werden. Dort sagt Hegel: Die Bekanntschaft, welche
die Philosophie mit ihren Gegenständen voraussetzen kann und muss, be-
ruht auf der Arbeit der Vorstellung, an welche der denkende Geist sich wen-
den muss, um zum denkenden Erkennen und Begreifen fortzugehen.277 Nun

276 Es kann an dieser Stelle von Nutzen sein, das Beispiel von einem anderen großen
Denker in Erwägung zu ziehen, bei welchem die Untersuchung der zeichenhaften Kon-
figuration der Gedanken auch zu einer Neubesinnung auf das Verhältnis zwischen dem
Sein und dem Denken geführt hat, nämlich Leibniz. S. Krämer hat im Hinblick auf die
klassische Debatte, ob das leibnizsche Denken auf einer Ontologie oder auf einer Logik
basiert, das Folgende gesagt (siehe S. Krämer: Berechenbare Vernunft. Kalkül und Ratio-
nalismus im 17. Jahrhundert, Berlin 1991. 225): »Falls für diese Thesen anhand von Leib-
nizens Texten argumentiert werden kann, zeigt sich, daß neben einem ontologischen und
einem epistemisch-logischen Aspekt von ›System‹ ein dritter ›semiologischer‹ Aspekt
sich eröffnet: Systeme von Zeichen. In ihrer Eigenschaft, Dinge zu sein, die gleich anderen
Dingen sinnlich wahrnehmbar sind und über ein Eigengesetz verfügen, gehören die Zei-
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chen zu den ontologischen Gegenständen. In ihrer Eigenschaft, eine Bedeutung zu haben,


d. h. interpretierbar zu sein und für etwas zu ›stehen‹, das mit ihnen nicht identisch, nicht
einmal sinnlich wahrnehmbar ist, gehören die Zeichen zu den epistemologischen Gegen-
ständen. Wäre in dieser ›dritten Perspektive‹ nicht vielleicht ein Ansatzpunkt gefunden,
auf eine neue Weise eine Verbindung herzustellen zwischen Metaphysik und Logik bei
Leibniz, so daß die Einsichten und Irrtümer, ob metaphysisch oder logisch gefaßt, im Zu-
sammenhang stünden mit Einsichten und Irrtümer die Struktur und Funktionsweise der
Zeichen betreffend?« Ohne dies unbedacht auf unseren Kontext übertragen zu wollen,
möchten wir auf einige parallele Aspekte hinweisen. Es fällt zunächst auf, dass die Rede
von Zeichen den fraglichen Gegensatz zwischen einer ontologischen und einer logisch-
epistemologischen Perspektive in gewisser Hinsicht zu überwinden ermöglicht, und zwar
aufgrund der »gemischten« Natur der Zeichen selbst. Sowohl bei Leibniz als auch bei
Hegel »vergegenständlicht« sich das Denken vermöge der Zeichen. Somit verschwinden
die Schwierigkeiten, die daraus entstehen, das Denken oder das Sein (als entgegengesetzte
Termini) zum Ausgangspunkt zu nehmen (wobei dann freilich Schwierigkeiten anderer
Art entstehen). Es ist darüber hinaus auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass die
von Krämer sogenannte »Eröffnung des dritten semiologischen Aspekts« die Dualität
Sein-Denken auf das Zeichen selbst verlagert. In unserem Kontext bedeutet das, dass die
Überwindung des Gegensatzes nur vermittels einer Operation in den Zeichen selbst er-
folgen kann, die dasjenige, »für welches« das Zeichen »steht« (nämlich die Bedeutung als
»nicht-wahrnehmbaren, epistemologischen Gegenstand«) eliminiert. In dieser Operation
besteht eben der Übergang der Vorstellung »in die Tätigkeit des Gedankens, der keine Be-
deutung mehr hat.« (Enz. § 464)
277 Wir haben die folgende Aussage Hegels in Enz. § 1 leicht paraphrasiert: »Die Phi-

losophie kann daher wohl eine Bekanntschaft mit ihren Gegenständen, ja sie muß eine
solche, wie ohnehin ein Interesse an denselben voraussetzen, – schon darum, weil das
98 1.3 Logisches Denken und Vorstellung

ist die Vorstellung, wie wir schon wissen, diejenige Operation, durch wel-
che die Intelligenz sich anschauliche Inhalte aneignet und sich selbst eine
gegenständliche Existenz gibt. Vermöge der Vorstellung erhält das Denken
das, dessen es im bloßen Bewusstsein ermangelt, nämlich »Gegenständlich-
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keit«, »Seiendheit«. Das Gegenständliche der Intelligenz in den Gebilden des


Vorstellens macht also den eigentlichen Stoff aus, auf welchen der denkende
Geist sich richten muss, um sich zum reinen, gegensatzlosen Denken zu er-
heben. Das stimmt überein mit dem, was oben über das Gedächtnis als die
unorganische Natur des Denkens gesagt wurde. Ferner sagt Hegel: »Vorstel-
lungen überhaupt können als Metaphern der Gedanken und Begriffe ange-
sehen werden«.278 Hier stoßen wir wieder auf die Auffassung von Denken
als sich-Explizieren der Sache selbst. Auf metaphorische Weise beinhalten
die Vorstellungen in nuce das, was das Denken in begrifflicher Form »sich
entfalten lassen muss«. Das Denken vollzieht also eine zweite Aneignung,
die von der ersten, der Vorstellung – welche sich mit der Aneignung der kan-
tischen reflexio deckt – unterschieden ist: Sie besteht darin, das Metapho-
rische in die Sprache des Denkens zu übersetzen. Es ist an dieser Stelle nicht
zu übersehen, dass Hegel von den Vorstellungen im Plural spricht und ihre
Zusammenhangslosigkeit bzw. kontingente Pluralität für den grundsätz-
20.11.2020

lichen Mangel derselben erklärt. Die eigentümliche Form des reinen Den-
kens ist nun, wie im letzten Kapitel gezeigt wurde, der kontinuierliche Ver-
lauf. Die Übersetzung des Metaphorischen in die Sprache des Denkens fällt
folglich mit der Auflösung der Diskontinuität und Beziehungslosigkeit der
Denkinhalte zusammen.279 Die genauere Art und Weise, wie diese Überset-
zung vollzogen wird, wird uns im nächsten Kapitel ausführlich beschäftigen.
Sie ist aber bereits in der Betrachtung des Überganges vom Gedächtnis zum
Denken angedeutet worden, und zwar mit der folgenden dunklen Formel:
»[…] die Tätigkeit des Gedankens, d