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Gestern hat mir Mama das Telegramm1 geschickt. Jetzt ist es


bald fünf Uhr und ich sitze in meinem Zimmer und warte auf
den Brief. Es ist sicher etwas passiert! Etwas Schlimmes ...
Drei Wochen bin ich jetzt schon hier in San Martino di
5 Castrozza. Ein Glück, dass Tante Emma mich eingeladen hat.
Papa und Mama können das nicht. Die haben kein Geld, weil
Papa immer Schulden2 macht … Hier geht es mir gut, in Italien,
in den Ferien. Es ist so schön hier: der Wald, das Hotel und der
Berg, der Cimone. Auch mein Zimmer gefällt mir sehr. Und so
10 viele nette Leute sind da: Tante Emma, Cousin Paul, Cissy –
na ja, Cissy ist eigentlich nicht so nett … Paul und Cissy sind
die ganze Zeit zusammen. Ich bin sicher, die haben eine Affäre3.
Aber Cissy hat einen Mann in Wien und ein Kind!

1 2 3
das Telegramm, -e die Schulden (Pl.) die Affäre, -n
... ist schneller als ein Brief; Geld; man hat es geliehen eine Liebesbeziehung außer-
es bringt sehr eilige Nachrichten. und muss es zurückzahlen. halb oder vor der Ehe
3
Fräulein Else © 2010 Hueber Verlag, Ismaning. 918-3-19-201673-8
… Schade, dass Fred nicht da ist. Fred ist in mich verliebt, er
15 schreibt immer so schöne Briefe. Er will mich heiraten.
Aber ich will ihn nicht. Ich weiß gar nicht, wen ich will.
Ich glaube, ich will gar keinen Mann.
Meine Freundin Bertha sagt immer: Else, ich weiß, was du
willst: Du willst einen Filou4. Na ja, da hat Bertha schon recht,
20 … zum Beispiel dieser junge Mann hier im Hotel, der Römer,
also mit dem … mit dem … Aber der ist ja gestern abgereist.
Schade.
Will ich vielleicht Paul? … Nein, den will ich auch nicht.
Tante Emma hat immer Angst, dass sich Paul in mich verliebt.
25 Sie will nicht, dass er mich heiratet, weil meine Eltern so arm
sind. Papa ist der beste Anwalt5 von Wien, aber wir haben
trotzdem kein Geld.
„Ihr Papa, Fräulein Else, ist ein Genie6.“ Das hat Herr von
Dorsday erst gestern wieder gesagt.
30 Papa verdient viel, aber dann verliert er immer alles an der
Börse7 und muss sich Geld von Freunden leihen.
„Das ist eine Krankheit“, sagt Herr von Dorsday. „Er kann
nicht anders, Fräulein Else, Sie müssen das verstehen.“
Nichts verstehe ich! Gar nichts.
35 Und Dorsday soll ruhig sein. Das geht den gar nichts an …
Dorsday würde ich auch nicht nehmen. Nie!
… Wenn ich einmal heirate, dann nur einen Filou. Und reich
muss er sein. Und dann haben wir ein Haus am Meer und
liegen beide nackt8 am Strand in der Abendsonne. Und Papa
40 und seine Schulden sind weit weg.

4
der Filou, -s 5
der Anwalt, ..-e 6
das Genie, -s
ein junger Mann; er ist ele- hilft bei rechtlichen ... ist sehr intelligent und
gant, schön und aufregend; Problemen klüger als die meisten
4 die Frauen lieben ihn. anderen Menschen.
Fräulein Else © 2010 Hueber Verlag, Ismaning. 918-3-19-201673-8
Ach, ich bin eine schlechte Tochter! In Wien bei Mama und
Papa ist etwas Schreckliches passiert, und was mache ich? Ich
sitze in meinem Hotelzimmer und denke nur über Männer nach.
Hat Papa einen Unfall gehabt? Oder mein Bruder Rudi? Muss
45 ich jetzt zurück nach Wien? Ist jemand gestorben? Oh Gott,
das ist es: Papa ist tot. Ein Auto hat ihn überfahren. Oder:
Er ist zur Arbeit gegangen und jemand hat ihn auf der Straße
umgebracht9, weil er so ein guter Anwalt ist; weil alle anderen
Anwälte ihn hassen; weil er der beste Anwalt von Wien ist, der
50 beste von ganz Österreich.

Ach, das ist Unsinn! Niemand bringt Papa um, auch wenn er
der beste Anwalt auf der ganzen Welt ist. 241–4

7 8 9
die Börse, -n nackt jemanden umbringen
ohne Kleidung jemandem das Leben nehmen

5
Fräulein Else © 2010 Hueber Verlag, Ismaning. 918-3-19-201673-8
80 Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht einmal sprechen.
„Geben Sie mir nach dem Diner Ihre Antwort. Auf Wieder-
sehen, Fräulein Else.“
Was macht er jetzt? Er nimmt meine Hand. Er küsst sie18. Pfui!
Herr von Dorsday, lassen Sie mich los! Sie dürfen mich nicht
85 küssen!
Jetzt ist er weg. Alles ist aus. Papa, du bist tot. Und ich bin
auch tot. Ich gehe in mein Zimmer und nehme Veronal19. Dann
schlafe ich ein und wache nie wieder auf.
Ich muss jetzt allein sein, ich muss nachdenken. Es ist erst kurz
90 nach sechs, noch genug Zeit bis zum Diner, ich gehe in den
248+9 Wald, spazieren …

IV

10 32 Hier ist es schön. Die Luft ist frisch, es ist ganz ruhig und
langsam wird es dunkel. Ja, auf diese Bank setze ich mich.
Niemand ist hier, ich bin ganz allein … Und in drei Stunden bin
ich wieder hier, aber dann bin ich nicht mehr allein. Dann ist
5 Dorsday da, ich bin nackt, und er schaut mich an, fünf Minuten
lang, zehn Minuten lang, 15 Minuten …
– Sie sind sehr schön, Fräulein Else, Ihre Beine, Ihre Schultern,
Ihre …
Nein, nein, nein, ich mache es nicht. Nie gehe ich mit Dorsday
10 nackt in den Wald! Ich weiß etwas Besseres: Ich fahre nach
Wien, ich gehe selbst zu Dr. Fiala und bitte ihn, dass Papa die
30.000 nicht bezahlen muss.

18 19
die Hand küssen das Veronal
der Name von einem
starken Schlafmittel
12
– Kein Problem, Fräulein Else, folgen Sie mir doch bitte ins
Schlafzimmer …
15 Oder ich frage Paul. Er soll sich Geld von seinem Vater leihen.
– Natürlich, liebe Else, mein Zimmer hat die Nummer XY, ich
warte heute um zwölf.
Nein, das geht alles nicht! Aber wenn ich mich für Dorsday
nackt ausziehe, was hilft das? Er hat ja recht: In ein paar
20 Monaten hat Papa wieder Schulden. Für wen soll ich mich
dann ausziehen? … Da kann ich ja gleich zum Diner gehen und
sagen: Wer will mich nackt sehen? Es kostet nur 30.000 Gulden
… So willst du das haben, nicht wahr, Papa? Deine Tochter soll
sich verkaufen. Wenn man so eine schöne Tochter hat, muss
25 man nicht ins Gefängnis. Da kann man ruhig Schulden machen.
– Gehen Sie zu Else, Dr. Fiala, es kostet nur 30.000 Gulden.
Nein, Papa, du hast falsch gedacht. Ich verkaufe mich nicht.
Dorsday gibt dir kein Geld. Du musst dich umbringen … Aber
was ist, wenn er sich wirklich umbringt? Und ich habe nichts
30 dagegen getan …
Warum muss es gerade Dorsday sein? Warum nicht Paul? Paul
darf mich nackt sehen, wenn es sein muss. Und für den Filou
– warum ist er nicht mehr da, warum ist er gestern abgereist? –
möchte ich gerne nackt sein. Der darf mich anschauen, so lange
35 er will … Hm, vielleicht ist es ja auch gar nicht so schlimm,
nackt zu sein. Cissy ist sicher auch nackt, wenn Paul in der
Nacht zu ihr kommt. Ich kann sie ja fragen … Hahaha …
Vielleicht bringt Papa sich aber auch gar nicht um. Vielleicht
kommt die Polizei und bringt ihn weg, und dann geht er fünf

13
40 Jahre ins Gefängnis, oder zehn. In allen Zeitungen kann man
ganz groß lesen: „Wiens bester Anwalt im Gefängnis! Hohe
Schulden an der Börse! Schande für die ganze Familie!“
Mama und ich bleiben dann allein. Wir haben eine ganz kleine,
dunkle Wohnung in der Lerchenfelder Straße, und Rudi muss
45 im Ausland arbeiten, damit wir leben können. Einmal im Monat
dürfen wir Papa im
Gefängnis besuchen. Mama
und ich fahren hin, in der 3.
Klasse im Zug, wir haben ja
50 kein Geld. Wir wollen ihm
etwas zu essen mitbringen,
aber wir haben selbst
nichts. Papa sitzt da in seiner
Gefängniskleidung, er ist
55 ganz dünn, und er hat keine
Haare mehr. Er sagt nichts, er
schaut uns nur traurig an. Und er
denkt: Ach, Else, warum hast du damals das
Geld von Dorsday nicht bekommen …
60 Im Hotel fängt jetzt bald das Diner an. Nur ich bin hier im
Wald, ganz allein … Und jetzt weine ich auch noch. So was
Blödes. Ich will nicht weinen. Nicht wegen Dorsday … Aber
es tut gut … Wann habe ich das letzte Mal geweint? … Beim
Begräbnis meiner Großmutter und als die kleine Tochter von
65 Agathe gestorben ist … Und wenn ich tot bin? Wer weint dann?
Weinst du dann, Paul? … Fred? … Mama? … Ach, es ist sicher
2411+12 schön, wenn man tot ist …

14
V

Wenn ich sterbe, bringen sie mich sicher in unsere Wohnung


nach Wien. Dann liege ich im Wohnzimmer und rund um mich
sind Kerzen.
Unten vor dem Haus reden die Leute:
5 – Wie alt war sie denn?
– Erst 19.
– So jung …
– Warum ist sie gestorben?
– Sie hat sich umgebracht, aus unglücklicher Liebe. Wissen Sie,
10 ein Filou …
– Aber nein, sie war schwanger … Was für eine Schande!
– Es war ein Unfall, sie ist vom Cimone gefallen …
Auch Dorsday kommt. Er sagt:
– Schön war sie, die Else. Ich weiß es. Ich habe sie nackt
15 gesehen.
Mama kommt und küsst ihm die Hand. Warum tust du das,
Mama?
Ich habe einen Blumenkranz auf dem Kopf. Der ist von Paul.
Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster. Ein großer See ist da.
20 Die Sonne scheint … Und das Hotel ist auch da … Cissy und
Tante Emma schauen aus einem Fenster.
– Nackt! sagen sie. Nackt, nackt, nackt … Seht! Else ist nackt!
Aber das stimmt doch gar nicht. Ich bin nicht nackt!
Ich muss zum Friedhof20. Papa ist im Gefängnis und wir haben
25 kein Geld, ein Wagen ist zu teuer. Also gehe ich zu Fuß.

20
der Friedhof, ..-e

15
Paul ist am Friedhof
und Fred … und
auch der Filou. Sie
sagen:
30 – Hier ist dein Grab21,
Else. Ein schönes
Grab … so schön wie du.
Aber da sind gar keine
Gräber. Das ist gar
35 kein Friedhof. Das ist …
Wo bin ich? Was ist
passiert? … Ich
sitze ja noch
immer auf der
40 Bank im Wald.
Habe ich
geschlafen?
Mir ist ganz kalt.
… Was habe ich
2413 45 geträumt? Ich war tot, ja … Das war schön!
Wenn ich tot bin, habe ich keine Sorgen. Ich muss nicht 30.000
Gulden verdienen, ich muss nicht zurück ins Hotel zu Dorsday,
ich muss nicht wissen, ob ich mich nackt zeige oder nicht.
Ich will ihn nicht sehen! Ich will niemanden sehen. Ich will
50 nicht zurück ins Hotel. Ich will aber auch nicht nach Wien, nicht
nach Hause zu Mama und Papa und Rudi, nicht zu Fred, nicht
zu Bertha. Ich will … Ich will auf einem Schiff sein, mitten im
Meer. Nur das Wasser, die Sonne, der Wind und ich.

21
das Grab, ..-er

16
AUFGABEN KAPITEL 1

1 Was ist richtig? Markieren Sie die richtigen Sätze und streichen Sie die
falschen durch. 24

Else ist in den Ferien. Else liebt Dorsday.

Elses Eltern sind arm. Elses Vater ist ein schlechter Anwalt.

Elses Vater verliert viel Geld an der Börse.

Else wartet auf einen Brief von ihrer Mutter.

Else wohnt in einem schlechten Hotel. Cissy ist Elses beste Freundin.

Else macht sich Sorgen.

San Martino di Castrozza liegt in Österreich.

Der Vater macht oft Schulden. Der Filou ist schon abgereist.

Elses Eltern leben in Wien. Der Berg beim Hotel heißt Cimone.

2 Else und die Männer ...


Richtig (r) oder falsch (f)? Kreuzen Sie an. 24 r f
a Fred ist in Else verliebt. ❍ ❍
b Else mag Dorsday nicht. ❍ ❍
c Paul ist in Else verliebt. ❍ ❍
d Paul hat eine Affäre mit Cissy. ❍ ❍
e Else will Fred heiraten. ❍ ❍
f Else will einen Filou als Mann. ❍ ❍
g Tante Emma hofft, dass Paul sich in Else verliebt. ❍ ❍

32 Fräulein Else © 2010 Hueber Verlag, Ismaning. 918-3-19-201673-8


KAPITEL 1 AUFGABEN

3 Was steht wohl in dem Brief von Elses Mutter? 24

a Was glaubt Else? Suchen Sie drei Möglichkeiten im Text.

b Und was glauben Sie? Finden Sie selbst zwei Möglichkeiten.

4 Was glauben Sie? 24


a Wann spielt die Geschichte?

Schreiben Sie ein Jahr auf, lesen Sie dann das nächste Kapitel und
vergleichen Sie: Haben Sie richtig geraten?

b Wie alt ist Else?

Schreiben Sie ein Alter auf, lesen Sie dann das nächste Kapitel und
vergleichen Sie: Haben Sie richtig geraten?

Fräulein Else © 2010 Hueber Verlag, Ismaning. 918-3-19-201673-8 33