Sie sind auf Seite 1von 54

Georges Sorel

französischer Ingenieur und


Sozialphilosoph

Georges Eugène Sorel (* 2. November


1847 in Cherbourg; † 29. August 1922 in
Boulogne-sur-Seine) war ein
französischer Sozialphilosoph und
Vordenker des Syndikalismus.
Georges Sorel

Sorel war Gegner der liberalen


Demokratie. Selbst keiner konkreten
politischen Strömung zugehörig, hatte er
Einfluss auf viele antiliberale politische
Bewegungen, insbesondere durch seine
positive Interpretation politischer Gewalt,
die die Gesellschaft kräftige und
sittlichen Verfall aufhalte.[1]
Leben und Wirken
Georges Sorel wurde 1847 im
französischen Cherbourg geboren. Er
wuchs in einer bürgerlichen Familie auf
und arbeitete viele Jahre als Beamter im
Straßen- und Brückenbauwesen in
Frankreich. Während dieser Jahre verlief
sein Leben strebsam und unauffällig. Ihm
wurde das Kreuz der Ehrenlegion
verliehen und er wurde zum
Chefingenieur ernannt. Mit 42 Jahren
begann er zu schreiben und konnte durch
Ansparungen und Erbschaften sein Amt
niederlegen, um sich voll und ganz der
Wissenschaft zu widmen.[2] Ab hier
beginnt eine Zeit, in der Sorel mehrere
philosophiepolitische Phasen durchläuft.
Er beginnt mit einem traditionell
philosophischen Stadium in dem er unter
anderem auch monarchistische
Positionen vertrat.[3]

1892 veröffentlichte er die drei Aufsätze


„Die alte und die neue Metaphysik“ in
denen er sich vom traditionellen Denken
abwendet und sich selber als
fortschrittlichen Sozialisten bezeichnet.
Die Jahre von 1893 bis 1898 waren
geprägt von seiner Mitarbeit an
verschiedenen sozialistischen
Zeitschriften.[4] Dabei wurde er stark
durch die Ideen von Karl Marx
beeinflusst. Ihnen widmete Sorel
zahlreiche kritische Analysen und
übernahm daraus einige Begriffe, wie
zum Beispiel den Klassenkampf, für sein
eigenes Denkmodell.[3]

Der Theoretiker, welcher schlussendlich


den Sozialismus für Sorel attraktiv
machte, dürfte aber Pierre-Joseph
Proudhon gewesen sein. Ähnlich wie bei
Marx interessiert sich Sorel nicht für
dessen Umsetzung des Sozialismus in
der realen Welt, sondern vielmehr für das
aufgezeigte Menschenbild.[5] Sorel war
vom Syndikalismus, wie ihn Proudhon
vertrat, durchaus angetan und schrieb
dazu einige radikal revolutionäre Werke.
Einen großen Einfluss hatte er mit seinen
Ideen auf syndikalistische
Gewerkschaften aber nicht.[3] Er lebte
weiterhin ein ruhiges und
zurückgezogenes Leben in der Nähe von
Paris und behielt eine gewisse Distanz zu
politischen Bewegungen, auch wenn er
selbst deren Positionen vertrat.[6]

Die Dreyfus-Affäre erschütterte auch


Sorel tief. Sie hatte in Frankreich eine
scharfe Trennung zwischen dem Staat
und der Kirche zur Folge. Der Hintergrund
war, dass 1898 erste Zweifel an der
Schuld von Dreyfus aufkamen und die
„republikanische Aristokratie“ (Sorel
zitiert nach Freund 1972, 109) die Zügel
um Gerechtigkeit in die Hände nahm.
Zuerst kämpfte Sorel noch an der Seite
der Dreyfusaner (hauptsächlich linke
Intellektuelle) und betrachtete die Affäre
als einen Kampf ums Recht, genauer um
die reine Rechtordnung ohne politische
Ideale.[7] Ihn faszinierte vor allem, wie die
Sozialisten mit Leidenschaft für die
Gerechtigkeit eintraten.[8] Als aber die
Gegner (hauptsächlich Nationalisten und
die Kirche) von Dreyfus und damit die
Gegner der politischen Reformen, durch
eine Welle antisemitischer Leidenschaft
eine Masse bildeten, änderte Sorel seine
Ansichten. Er sah nun einen Aufstand der
Massen gegen die republikanische
Aristokratie. Die Kirche, welche mit dieser
Leidenschaft ein Bündnis einging,
erweckte die Massen zu Protesten. Der
Antisemitismus ist für Sorel die treibende
Kraft im Aufstand des „armen Volkes“
gegen eine dekadente Intellektualität.
Dieser Antisemitismus ist im Gegensatz
zum Sozialismus instinktiv in den
Menschen vorhanden und muss nicht
erzwungen werden. Für Sorel ist er somit
auch eine treibende Kraft in der
Demokratie und mobilisiert die Massen
gegen eine besserwisserische und
beherrschende Oberschicht.[9]

Was Sorel erschütterte, war die Tatsache,


dass aus dem Kampf um Gerechtigkeit
ein politischer Kampf wurde und der
ganze Prozess ein undurchsichtiger
Vorgang von Anschuldigungen und
Gegenanschuldigungen wurde. Zum
Schluss wurde Dreyfus nicht durch einen
Gerichtsspruch, sondern durch politische
Amnestie freigelassen. Hieran
diagnostizierte Sorel, dass in Frankreich
keine Gerechtigkeit herrschte, sondern
eine liberale Demokratie ihre Politik
auslebte, so wie sie es wollte. Dreyfus
hätte von einem Gericht freigesprochen
werden sollen, wie jeder andere Mensch
auch.[10]

Nach dieser Enttäuschung wurde es kurz


still im Leben von Sorel. Mit den
Betrachtungen über die Gewalt bekam
das Denken Sorels einen neuen Ton.
Frankreich stand während dieser Zeit
kurz vor einem Bürgerkrieg. Die
Menschen hatten Angst vor
unkontrollierbarem Gewaltausbruch. Dies
veranlasste Sorel, seine Theorie über die
Gewalt zu schreiben.

Ein weiterer Theoretiker nahm in diesem


Zeitraum maßgeblich Einfluss auf Sorel.
So schrieb Michael Freund „was Hegel
für Marx, war in hohem Maße Bergson
für Sorel“. Bei Henri Bergson fand Sorel
die Lebensphilosophie, welche er für
seinen Mythos über den Generalstreik
brauchte. Er übernahm die Idee der
schöpferischen Entwicklung, wodurch er
eine Erklärung fand, wie sich die
Lebensenergie der Masse mobilisieren
lassen würde.[11]

Das Buch „Über die Gewalt“ erschien


zunächst 1906 in Form von Aufsätzen in
einer sozialistischen Zeitschrift und
wurde erst zwei Jahre später zu einem
Buch zusammengetragen und
veröffentlicht. Die darin enthaltenen
Betrachtungen hatten Zündstoff in sich
und können aus heutiger Sicht mit dem
Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 in
Verbindung gebracht werden. Oder um es
mit den Worten von Michael Freund
auszudrücken: „die Generation die in den
Idealen des Dreyfuskampfes, humanitär-
demokratischen Ideen groß geworden
war, hatte verspielt“.[7] Die idealistischen
Ideen der liberalen verklangen und
andere Ideologien übernahmen die
politische Führung.

Dieses Buch kann als Sorels Hauptwerk


betrachtet werden, da es im
Wesentlichen seine Ansichten über das
gesellschaftliche Leben wiedergibt.
Maßgebend erhebt er darin Anklage
gegen die Sozialdemokraten und
Reformisten in Frankreich. Er warf ihnen
vor „die zentrale Idee des revolutionären
Marxismus, den Klassenkampf, zu
Gunsten eines staatserhaltenden
sozialen Reformkurses aufgegeben zu
haben“[3] und nun nach eigenwilligen
Belieben zu herrschen. Dazu schrieb
Sorel:

„Die Erfahrung hat uns bis


heute noch immer
bewiesen, daß [sic!] unsere
Revolutionäre, sobald sie
nur zur Macht gelangt
sind, sich auf die
Staatsräson berufen, daß
[sic!] sie dann
Polizeimethoden
gebrauchen und die
Gerichtsbarkeit als eine
Waffe ansehen, die sie
gegen ihre Feinde
mißbrauchen [sic!]
können. Die
parlamentarischen
Sozialisten entziehen sich
dieser allgemeinen Regel
durchaus nicht; sie halten
an dem alten Staatskultus
fest; sie sind daher
wohlvorbereitet, alle
Missetaten des Ancien
Régime zu begehen.“
– [12]

Somit hat die Regierung zwar


gewechselt, aber der alte von ihm
verhasste Staatsapparat ist dadurch
nicht erschüttert worden, er hat nur sein
Gesicht gewechselt. Weiterhin regiert
eine intellektuelle Minderheit über die
Massen und unterdrückt deren Wille. Für
Sorel ist der Staat aber grundsätzlich ein
schwaches Konstrukt, was einer
Zivilgesellschaft untergeordnet ist. Durch
eine gesunde Debatte und plurale
Öffentlichkeit ergeben sich für ihn die
Werte in einer Gesellschaft.

Ab etwa 1908 beginnt sich Sorel immer


mehr für nationalistische und
rechtskonservative politische
Bewegungen zu interessieren, vor allem
für die Action Francaise. Durch die
proletarische Gewalt hoffte Sorel auf
eine Erneuerung Frankreichs. Darauf,
dass das gute alte französische
Bürgertum wieder auferstehen würde.
Dies war für ihn eine Voraussetzung für
eine sozialistische Zukunft. Nach der
traurigen Ernüchterung durch die
Dreyfus-Affäre, bekamen nationalistische
Bewegungen neuen Aufwind und
versprachen eine Renaissance des alten
Frankreichs. Darin sah Sorel eine
Möglichkeit, seine Vorstellungen
umzusetzen und solidarisierte sich
teilweise mit dieser Bewegung.[13]

Im Buch „Über die Gewalt“ konnte schon


vorausgesehen werden, was auf Europa
in den kommenden Jahren zukam. Das
Buch hatte großen Einfluss auf
Mussolini, welcher es als eine
theoretische Basisliteratur für sein
faschistisches Projekt benutzte. Sorel
selbst war von Mussolini angetan,
bewahrte aber stets eine gewisse
Distanz. Ganz im Gegenteil zur
bolschewistischen Revolution in
Russland. Die letzte Auflage des Buches
bekam von Sorel eine kurze Lobeshymne
auf Lenin im Ausklang verpasst, auch
wenn er auf diesen als Theoretiker
keinen Einfluss hatte.[14] Sorels Leben
und Ansichten haben somit zeit seines
Lebens laufend gewechselt. Auch sind
viele seiner Ideen oftmals nur aus
bestimmten Standpunkten heraus
nachvollziehbar. Eins war und blieb er
aber von Anfang an: Er war ein
vehementer Gegner der
parlamentarischen Demokratie.

Sorel starb 1922 einsam und


zurückgezogen in einem kleinen Haus in
Boulogne.[15]

Sorels Themen und


Standpunkte

Anknüpfung an Proudhon und


Marx

Sorel versuchte, die Gedanken von Pierre-


Joseph Proudhon – Ökonom und ein
früher Vertreter des Anarchismus – und
die von Karl Marx miteinander in
Verbindung zu bringen.[16]

Vom Marxismus übernahm er die Idee


des Klassenkampfes. Marx’
Ökonomiekritik lehnte er aber ab. So
sieht er die Mehrwerts-Theorie zum
Beispiel nicht als einen Diebstahl am
Lohn der Arbeiterschaft, welche von
Anfang an im Kapitalismus gegeben ist,
sondern entsteht sie erst „aus dem
Aufstand gegen den Reichtum“.[17]
Ebenso übernimmt Sorel sein wichtigstes
Fundament, den Begriff des
Klassenkampfes, nicht eins zu eins aus
den Schriften von Marx. Für Sorel ist der
Klassenkampf nichts Geschichtliches,
das sich in allen Gesellschaftsformen
wiederfindet. Vielmehr entsteht der
Klassenkampf erst durch den
aufkommenden Kapitalismus und
bezeichnet den Kampf des Proletariats
um das Recht, denn nur im Recht kann
die Arbeiterklasse existieren.[18] Somit ist
der Klassenunterschied bei Sorel nicht
durch den Besitz von Produktionsmitteln
gegeben, vielmehr ist die Klasse das
soziale Leben an sich, welches im Recht
ihre Ausformulierung erlangt. Der
Klassenkampf ist für Sorel eine
grundlegende Bedingung, um eine eigene
Klassenidentität aufzubauen und
selbstständig zu handeln. In einer
klassenlosen Gesellschaft ist die Masse
eher dazu geneigt, einer Führungsfigur
hinterherzulaufen, als eigenständig zu
handeln.

Seine Auseinandersetzung mit dem


Marxismus kann als eine Suche nach
einer Erneuerung der Moral gewertet
werden. Er interessiert sich wenig für
dessen Analysen des kapitalistischen
Systems, sondern denkt, dass im
Marxismus das Potenzial stecken
könnte, eine moralisch erneuerte
Gesellschaft zu schaffen.[19]

Das Buch „Krieg und Frieden“ von


Proudhon versteht Sorel als Nachweis
dafür, dass der Krieg eine schöpferische
Kraft ist, ein „Beweger des
Menschengeschlechts“[20]. Das
menschliche Dasein passiert auf einem
kriegerischen Dasein. Alles andere
können sich die Menschen gar nicht
vorstellen. Um die Betrachtungen über
die Gewalt zu verstehen, müssen sie aus
der Sicht dieses Buches erklärt werden.
Darin wird der Frieden angepriesen und
die Arbeit zum Heroismus der Zukunft
erklärt. Der Krieg ist allerdings in der
Moderne verwerflich geworden, ein Krieg
der Maschinen. Trotzdem bleibt er heilig
und göttlich, da in ihm eine enorme
Energie schlummert. Die Würde dieses
Krieges geht einher mit dem Kampf des
Proletariats. So schrieb Michael Freund:
„Aus dem Kampf kommt die Disziplin,
welche die neue Gesellschaft trägt“[21].
Sie sei die Moral der Arbeiterschaft, die
Produzentenmoral.

Zur Bedeutung von Mythen …

Sorel betonte in seinen Überlegungen zu


Mythen nicht deren Inhalt, sondern ihre
Fähigkeit, Gemeinschaften zu bilden und
Energien freizusetzen. „Sorel begriff den
Mythos als Vorstellung von einem
Schlachtbild, das massenmobilisierend
heroische Gefühle und Instinkte für eine
zukünftige entscheidende
Auseinandersetzung erwecken sollte.
Konkret wurde bei ihm der Mythos vom
Generalstreik angesprochen.“[22] Der
Moralismus der Arbeiterklasse, ihr
Kampfgeist und ihre Stärke sollte durch
„soziale Mythen“ entwickelt werden, statt
durch den Glauben an eine Veränderung
der Lebensbedingungen. Der Sorelsche
Mythos – z. B. der vom Generalstreik –
„erschafft Legenden, die der Mensch lebt,
statt die Geschichte zu leben, er erlaubt,
einer erbärmlichen Gegenwart zu
entfliehen, gewappnet mit einem
unerschütterlichen Glauben.“[23]

„Ein Mythos kann nicht


widerlegt werden, da er im
Grunde das gleiche ist, wie die
Überzeugungen einer Gruppe,
da er der Ausdruck der
Überzeugungen in der Sprache
der Bewegung ist, und da es
folglich nicht angeht, ihn in
Teile zu zerlegen.“[24]

Nach Kurt Lenk handelt es sich bei


Sorels Begriff des Mythos nicht um einen
Ursprungsmythos – wie in den
Vorstellungen vieler konservativer
Revolutionäre die „Verheißung der
Wiederkehr einer verjüngten, heilen Welt“
–, sondern um einen Erwartungsmythos.
Er ist „die Vorwegnahme einer sozialen
Katastrophe, einer Vernichtungsschlacht
[…] ein hergestellter Mythos, der mittels
des Generalstreiks das Proletariat
heroisch und die Bourgeoisie erneut
militant machen soll. Der Sinn solch
heroischer Gewaltanwendung ist weniger
ein Sieg der einen über die andere Seite
als die Mobilisierung emotionaler
Kräfte.“[25]

Hans Barth urteilte: „Das Ethos, das dem


revolutionären Mythos entspricht, ist
kriegerisch. Es sind die Tugenden des
Soldaten, die Sorel hervorhebt: Mut,
Tapferkeit, Selbstbeherrschung und
Selbstverzicht, Opferbereitschaft.“[26]

Über die Gewalt …

Die Gewalt ist für Sorel kein physischer


Kampf mit blutigem Ende. Sie darf auch
nicht verstanden werden als ein Mittel
zur Umsetzung eines politischen Zwecks.
Er möchte eine neue Sicht auf die Gewalt
schaffen. Sie ist für ihn nichts
Zerstörendes, sondern etwas
Erhaltendes: „ein Einbruch von etwas
Erhabenem in die Geschichte“.[3] So
schrieb er in seinem Buch:

„Es kostet viel Mühe, die


proletarische Gewalt zu
verstehen, solange man
versucht, mittels der Ideen zu
denken, die die bürgerliche
Philosophie in der Welt
verbreitet hat; nach dieser
Philosophie wäre die Gewalt
ein Rest der Barbarei und
berufen, unter dem Einfluß des
Fortschritts der Einsicht zu
verschwinden“.[27]

Die Gewalt ist nicht etwas, was sich in


der ökonomischen oder gesetzlichen
Welt widerspiegelt, sondern vielmehr ein
Phänomen des menschlichen Inneren,
„eine Tatsache des moralischen Lebens“.
Sie braucht nicht durch das Ideal oder
Recht als gut oder böse dargestellt zu
werden. Sie steht über diesen
Zuschreibungen, sozusagen ein höheres
Recht, ein göttliches Recht. Hier trennt
Sorel die Gewalt von Macht, welche für
ihn die Herrschaft über Menschen
anstrebt. Die Gewalt muss außerhalb der
Ideen der sozialen Welt dargestellt
werden.[28]

Der Mythos des Generalstreiks soll für


ein starkes und mutiges Proletariat
sorgen, welches auch bereit ist, seine
Rechte mit Gewalt zu verteidigen. Als ein
vergleichendes Beispiel nennt Sorel die
katholische Religion. Diese besteht
schon seit hunderten von Jahren und ist
in ihren Grundfesten kaum
Veränderungen ausgesetzt gewesen. Ihre
Kraft schöpft sie seines Erachtens aus
den unzähligen Schlachten die sie
geführt hat mit dem Glauben, am Schluss
den Endsieg davon tragen zu können,
sprich ein Mythos des Reich Gottes.[29]

Zeitdiagnose Dekadenz …

Laut Lenk verbirgt sich in Sorels


Gedanken ein kulturpessimistischer
Begriff der Dekadenz: „Mit dem Ende der
Produzentenmoral ihrer Frühzeit habe [so
Sorel] die Bourgeoisie sich in die
Passivität eines Konsumismus verloren,
aus welcher der politische Generalstreik
der Arbeiter sie nun vertreiben soll.“[30]
Durch diese Dekadenz und die Kritik der
Aufklärung sah Sorel die Gemeinschaften
und die Ordnungskategorien Religion,
Sitten und Recht bedroht: „Alle
Traditionen sind verbraucht, aller Glaube
abgenützt (…). Alles vereinigt sich, um
den guten Menschen trostlos zu machen
(…). Ich kann von der Dekadenz kein Ende
sehen, und sie wird in einer oder zwei
Generationen nicht geringer sein. Das ist
unser Schicksal.“[31]

Durch die Gewalt sieht er einen Ausweg


aus dieser Dekadenz hin zur
proletarischen Gesellschaft. Der Kampf
ist für ihn der wichtigste Schöpfer der
Moral und steht für eine moralische
Erneuerung. Dadurch kann die Klasse
des Proletariats für sich selber denken
und handeln. Er glaubt, ohne genaue
Angaben darüber zu machen wie die
Gesellschaft in Zukunft funktionieren
wird, dass dadurch eine strenge
Arbeitsdisziplin herrschen wird und keine
Menschen mehr über andere Menschen.
Auch wenn sich seine Vorstellung von
Gewalt nicht Verbreiten konnte, so sind
vor allem sein intellektueller
Antiintellektualismus und die tiefe
Verachtung für die parlamentarische
Demokratie für die kommenden Jahre
und bis heute einflussreich geblieben.

Politische Positionen, Haltung …

Sorel vertrat unterschiedliche antiliberale


Positionen. 1909 brach Sorel mit dem
Sozialismus. 1910 zog es ihn für kurze
Zeit zur rechten Action Française. Später
unterstützt er die Russische Revolution.

Sorels Schriften und Leben sind nach


Lenk bestimmt von einer „glaubenslosen
Glaubenssehnsucht, der formalen
Bejahung von Aktivität als solcher,
ungeachtet ihrer inhaltlichen Richtung
und Ziele.“[30] Sein Heroismus der „reinen
Tat“ kenne keine Kompromisse. Dabei
verkörpere Sorel eine antibürgerliche und
antiintellektuelle Lebenshaltung, die ihn
sowohl für den revolutionären
Syndikalismus als auch für viele
„Spielformen des modernen Anti-
Intellektualismus“ attraktiv machte.[30]
„Sorel änderte seine Meinung über eine
ganze Reihe von Fragen. Seine
Gegnerschaft zur Demokratie blieb
jedoch immer standhaft und
entschlossen; sie blieb das
unwandelbare Zentrum um das sein
Denken kreiste“.[32] Für Vogt ist das ein
Zeichen dafür, dass es Sorel weniger um
eine politische Stellungnahme ging,
vielmehr um einen moralischen
Widerwillen.

Rezeption

Im Syndikalismus …
Sorel hat auf den französischen und
italienischen revolutionären
Syndikalismus gewirkt.[33] In seinem
Werk „Die sozialistische Zukunft der
Gewerkschaften“ finden sich die
syndikalistischen Ideen Sorels, die vor
allem unter den italienischen
Syndikalisten großen Anklang finden.

Sorel und der Faschismus …

Einige Syndikalisten traten später zum


Faschismus über,[1] wodurch Sorels
Überlegungen in das äußerste rechte
politische Spektrum Eingang fanden.
Nachdem diese Theoretiker (allen voran
Sorels Schüler Edouard Berth und
Georges Valois) vergeblich versuchten,
den Mythos des Generalstreiks in der
Wirklichkeit anzuwenden, sahen sie darin
keine Zukunft und gaben mit ihm auch
den Begriff der Klasse (und damit auch
den Klassenkampf) auf. Als Alternative
wandten sie sich der Nation zu. Um die
Mobilisierungskraft weiterhin nutzen zu
können, musste ein neuer Mythos
gefunden werden. An die Stelle des
Streikes, welcher für eine Nation nicht
von Vorteil ist, da er sie gegenüber
anderen Nationen schwächen würde,
stellten sie nun den Krieg zwischen den
Nationen. Dieser Mythos wurde Mythos
vom revolutionären Krieg genannt. Der
Mythos des Generalstreiks hatte versagt,
und viele Syndikalisten haben dadurch
aufgehört, an die schöpferische Kraft des
Proletariats zu glauben, unter ihnen auch
Mussolini.[34] Der italienische Diktator
Benito Mussolini (1883–1945) nannte
Georges Sorel auf die Frage, welchem
von seinen Lehrmeistern er am meisten
verdanke.[35]

Sorel sehe, so Hans Barth, vor allem die


moralische Qualität der kämpferischen
Auseinandersetzung: „Der Kampf als das
Ergebnis der antagonistischen Struktur
des Menschen [sei] für Sorel in letzter
Instanz ein Kampf für Recht und
Gerechtigkeit.“[36] Sorel ließe sich daher
nicht umstandslos in die
Ideengeschichte des
Nationalsozialismus bzw. einer
gewissenlosen, brutalen und
rassistischen 'Herrenmoral' eintragen.
Barth konstatiert jedoch, dass, „obgleich
für Sorel auch die Gewalt im Dienste der
moralischen Gesamterneuerung der
europäischen Völker stehen sollte“, die
„Auswirkung seiner Lehre doch in der
schrankenlosen Machtausnutzung
bestand.“[37]

Schriften
Contribution à l’étude profane de la
Bible. Paris 1889.
Le Procès de Socrate. Paris 1889.
L’ancienne et nouvelle métaphysique.
1894, herausgegeben unter dem Titel
D’Aristote à Marx. Paris 1935.
La ruine du monde antique. Paris 1898.
Saggi di critica del marxismo. Palermo
1903.
Le système historique de Renan. Paris
1906.
Insegnamenti sociali della economia
contemporanea. Palermo 1907.
La décomposition du marxisme. Paris
1908, dt.: Die Auflösung des
Marxismus. Edition Nautilus, Hamburg
1978.
Les illusions du progrès. Paris 1908,
engl. The illusions of progress.
University of California Press, Berkeley
1969.
Réflexions sur la violence. Paris 1908,
dt.: Über die Gewalt. Universitäts-Verlag
Wagner, Innsbruck 1928; Suhrkamp,
Frankfurt am Main 1969; AL.BE.CH.-
Verlag, Lüneburg 2007. (Siehe dazu:
Klaus Große Kracht: Georges Sorel und
der Mythos der Gewalt. In:
Zeithistorische Forschungen/Studies in
Contemporary History. 5, 2008, S. 166–
171.)
La révolution dreyfusienne. Paris 1909.
Matériaux d’une théorie du Prolétariat.
Paris 1919.
De l’utilité du pragmatisme. Paris 1921.
Literatur
Hans Barth: Fluten und Dämme. Fretz &
Wasmuth, Zürich 1943. (Zu Sorel
insbes. S. 223–230.)
Hans Barth: Masse und Mythos. Die
ideologische Krise an der Wende zum
20. Jahrhundert und die Theorie der
Gewalt. Georges Sorel. Rowohlt Verlag,
Hamburg 1959.
Helmut Berding: Rationalismus und
Mythos. Geschichtsauffassung und
politische Theorie bei Georges Sorel.
Oldenbourg, München/ Wien 1969.
Michael Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. 2.
Auflage. Klostermann, Frankfurt am
Main 1972. (Erstauflage 1932)
Richard Dale Humphrey: Georges Sorel.
Prophet without honor. A Study in anti-
intellectualism. Cambridge, Mass.
1951.
Walter Adolf Jöhr: Georges Sorel. Ein
Beitrag zur Geistesgeschichte und
Gesellschaftsproblematik unserer Zeit.
In: Ders.: Der Auftrag der
Nationalökonomie. Mohr Siebeck,
Tübingen 1990, S. 416–447.
Kurt Lenk: Das Problem der Dekadenz
seit Georges Sorel. In: Heiko
Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst
Paul (Hrsg.): Völkische Bande.
Dekadenz und Wiedergeburt. Analysen
rechter Ideologie. Unrast, Münster
2005, ISBN 3-89771-737-9, S. 49–63.
Zeev Sternhell, Mario Sznaijder, Maia
Asheri: Die Entstehung der
faschistischen Ideologie. Hamburger
Edition, Hamburg 1999, ISBN 3-
930908-53-0.
Zeev Sternhell: Die Entstehung der
faschistischen Ideologie. Von Sorel bis
Mussolini. Hamburger Edition,
Hamburg 1999.
Willy Gianinazzi: Naissance du mythe
moderne. Georges Sorel et la crise de la
pensée savante. Ed. de la MSH, Paris
2006, ISBN 2-7351-1105-9.
Jost Bauch: Mythos und Entzauberung
– Politische Mythen der Moderne. G.
Hess Verlag, Bad Schussenried 2014,
ISBN 978-3-87336-473-8.
Leonore Bazinek: Georges Sorel. In:
Biographisch-Bibliographisches
Kirchenlexikon (BBKL). Band 23, Bautz,
Nordhausen 2004, ISBN 3-88309-155-
3, Sp. 1400–1409.

Weblinks
Wikiquote: Georges Sorel – Zitate
Literatur von und über Georges Sorel
im Katalog der Deutschen
Nationalbibliothek
Literatur über Sorel in Cahiers Georges
Sorel/Mil neuf cent. Revue d’histoire
intellectuelle
Vortrag von Florian Ruttner: Der
Mythos des Radikalen – Zu Denken
und Wirkung Georges Sorels

Einzelnachweise
1. Gaetan Picon (Hrsg.): Panorama des
zeitgenössischen Denkens. S.
Fischer, 1961, S. 291.
2. Michael Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. Hrsg.:
Vittorio Klostermann. 2. Auflage.
Frankfurt am Main. 1972, S. 13.
3. Georges Sorel und der Mythos der
Gewalt | Zeithistorische
Forschungen. Abgerufen am
31. Oktober 2017.
4. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. S. 50.
5. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 43 f.
. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 13 f.
7. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 108 ff.
. Florian Ruttner: Der Mythos des
Radikalen. Der Verrat an Aufklärung,
Vernunft und Individuum bei Georges
Sorel, Georges Bataille und Michel
Foucault. In: A. Gruber, P. Lenhard
(Hrsg.): Gegenaufklärung. Der
postmoderne Beitrag zur
Barbarisierung der Gesellschaft. ca-
ira-Verlag, Freiburg 2011, S. 94.
9. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 110 f.
10. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 118.
11. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 148.
12. Georges Sorel: Über die Gewalt. 6.
Auflage. Universitätsverlag Wagner,
Innsbruck 1928, S. 124.
13. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 220.
14. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 194.
15. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 272.
1 . Wilfried Röhrich: Der Mythos der
Gewalt. In: Rolf Fechner, Carsten
Schlüter-Knauer (Hrsg.): Existenz und
Kooperation: Festschrift für Ingtraud
Görland zum 60. Geburtstag.
Duncker & Humblot, Berlin 1993, 217
17. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. S. 95.
1 . Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. S. 98.
19. Peter Vogt: Pragmatismus und
Faschismus. Kreativität und
Kontingenz in der Moderne. Velbrück
Wissenschaft, Weilerswist 2002,
S. 105.
20. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus. S. 32.
21. Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 196.
22. Armin Pfahl-Traughber: Konservative
Revolution und Neue Rechte,
Opladen 2013, S. 125.
23. Zeev Sternhell u. a., ebd.
24. Zitiert nach Lenk 2005, S. 56.
25. Lenk 2005, S. 56 f., Alle Zitate nach
Lenk, s. Literatur
2 . Hans Barth: Masse und Mythos. Die
ideologische Krise an der Wende
zum 20. Jahrhundert und die Theorie
der Gewalt: Georges Sorel. Hamburg
1959, S. 90.
27. Sorel: Über die Gewalt. S. 56.
2 . Freund: Georges Sorel. Der
revolutionäre Konservatismus.
S. 203.
29. Sorel: Über die Gewalt. S. 24.
30. Kurt Lenk: Das Problem der
Dekadenz seit Georges Sorel. In:
Heiko Kauffmann, Helmut
Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.):
Völkische Bande. Dekadenz und
Wiedergeburt – Analysen rechter
Ideologie. Münster 2005, S. 56.
31. Zitiert nach Lenk 2005, S. 54.
32. Pirou zitiert nach Vogt:
Pragmatismus und Faschismus.
Kreativität und Kontingenz in der
Moderne. Velbrück Wissenschaft,
Weilerswist 2002, S. 105.
33. Lenk 2005, S. 58.
34. Zeev Sternhell: Die Entstehung der
faschistischen Ideologie. Von Sorel
bis Mussolini. Hamburger Edition
HIS, Hamburg 1999, S. 203, 256.
35. Erwin von Beckerath: Wesen und
Werden des faschistischen Staates;
Berlin 1927, ND Darmstadt 1979, S.
148.
3 . Barth 1959, S. 102.
37. Hans Barth: Fluten und Dämme.
Zürich 1943, S. 230.

Normdaten (Person): GND:
118751549 | LCCN: n79126505 |
VIAF: 2477110 |
Personendaten
NAME Sorel, Georges
Sorel, Georges
Eugène
ALTERNATIVNAMEN
(vollständiger
Name)
französischer
KURZBESCHREIBUNG Ingenieur und
Sozialphilosoph
GEBURTSDATUM 2. November 1847
Cherbourg,
Département
GEBURTSORT
Manche,
Frankreich
STERBEDATUM 29. August 1922
STERBEORT Boulogne-sur-
Seine,
Département
Seine, Frankreich

Abgerufen von
„https://de.wikipedia.org/w/index.php?
title=Georges_Sorel&oldid=206775275“

Zuletzt bearbeitet vor 3 Monaten von Blutgretchen

Der Inhalt ist verfügbar unter CC BY-SA 3.0 ,


sofern nicht anders angegeben.