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Unserdeutsch

Unserdeutsch (Autoglossonyme:
Falshe Deutsch, Kaputene Deutsch,
Unserdeutsch (Rabaul Creole German)
Kapute Deutsch) ist eine sterbende Papua-Neuguinea,
Kreolsprache im Südwestpazifik, die Gesprochen in Australien
heute hauptsächlich in Australien und
zu einem geringen Teil in Papua-
Neuguinea gesprochen wird. Sie ist Sprecher 100+
zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Linguistische
Umfeld einer katholischen Klassifikation Kreolsprache
Internatsschule in der einstigen
deutschen Südseekolonie Deutsch- deutsch-basiert
Neuguinea entstanden. Nach Unserdeutsch
heutigem Kenntnisstand ist
Unserdeutsch die einzige
Kreolsprache der Welt, deren Offizieller Status
Wortschatz auf dem Deutschen Amtssprache in –
basiert. Ihre grammatische und
lautliche Struktur ist jedoch deutlich Sprachcodes
mehr vom örtlichen Tok Pisin
ISO 639-1
(Melanesisches Pidgin-Englisch)

beeinflusst, das heute einen
offiziellen Status in Papua-Neuguinea
hat. ISO 639-2
crp
Im Jahr 2020 wird Unserdeutsch nur
noch von weniger als 100 älteren
ISO 639-3
Menschen als Erstsprache uln
gesprochen. Sprecherzahl und
Sprachgebrauch sind seit den 1960er
Jahren anhaltend rückläufig,
Unserdeutsch gilt somit als kritisch gefährdet.[1]

Inhaltsverzeichnis
Sprachentstehung und Sprachgeschichte
Allgemeine strukturelle Charakteristika
Sprachstruktur
Lexik
Phonologie
Phoneminventar
Vokalsystem
Konsonantensystem
Silbenstruktur
Grammatik
Plansprachen als Alternativen
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Sprachentstehung und Sprachgeschichte


Die Geschichte von Unserdeutsch beginnt um das Jahr 1900 an der katholischen Missionsstation der Herz-
Jesu-Missionare (MSC) in Vunapope (heute Stadtteil von Kokopo, damals Herbertshöhe), in der Nähe von
Rabaul (damals Simpsonhafen), auf der Insel Neubritannien (damals Neupommern), der grössten Insel des
Bismarck-Archipels.[2]

In den 1880er Jahren haben sich deutsche Herz-Jesu-Missionare in Vunapope niedergelassen, und 1897 ein
Waisenhaus und eine Internatsschule für die zahlreichen Kinder gegründet, die im weiteren Umfeld der
Mission aus interethnischen Beziehungen zwischen europäischen oder asiatischen Männern und
einheimischen Frauen geboren wurden. Die Kinder wurden gesammelt und an der Missionsstation nach
europäischen Wertevorstellungen und im katholischen Glauben aufgezogen und unterrichtet. Sie wuchsen an
der Mission in geografischer und sozialer Isolation auf mit dem Bewusstsein und der Erfahrung, weder zur
weissen Kolonialbevölkerung zu gehören noch indigene Schwarze zu sein. Somit standen sie aufgrund ihrer
Hautfarbe zwischen den Fronten der damaligen kolonialen Rassengesellschaft, was zur entscheidenden
aussersprachlichen Voraussetzung für die Genese von Unserdeutsch wurde.[3]

Die Kinder wurden in der Missionsschule in Hochdeutsch unterrichtet und durften auch im Alltag nur
Hochdeutsch sprechen. Die Verwendung von Tok Pisin, das von den meisten Kindern bei Eintritt in die
Mission als Erstsprache gesprochen wurde, war als Sprache der „Kanaken“ strikt verboten. Im Zuge des
erzwungenen Hochdeutscherwerbs etablierten die Kinder eine pidginisierte, d.h. vereinfachte und
restrukturierte Form des Deutschen für die Kommunikation unter sich, deren Vokabular einerseits weitgehend
dem Deutschen entnommen wurde, deren grammatische und lautliche Struktur aber andererseits stark an Tok
Pisin angelehnt war.

Die aufwachsenden Missionskinder verblieben auch nach Austritt aus der Schule an der Mission. Auf den
Schulaustritt folgend war für die jungen Männer eine Handwerkerschule und für die Frauen eine
Hauswirtschaftsschule vorgesehen. Bei Volljährigkeit wurden sie anschliessend von den Missionaren
untereinander (zwangs-)verheiratet, erhielten zur Niederlassung meist ein Grundstück auf dem
Missionsgelände und wurden in verschiedenen Einrichtungen der Mission etwa als Pflanzungsmanager,
Baumeister, Verwaltungsangestellte etc. beschäftigt. Dank der Endogamie konnte sich die vorhin genannte,
unter ihnen gesprochene, pidginisierte Varietät des Deutschen in den neu gegründeten mixed-race Haushalten
als familiäre Alltagssprache etablieren, und dort dann auch zur Erstsprache der nächsten mixed-race
Generation werden. Unserdeutsch wird somit in der Zwischenkriegszeit bereits ein recht fortgeschrittenes
Stadium des funktionalen Ausbaus, der strukturellen Konventionalisierung und auch die Stufe der
Nativisierung erreicht haben, und kann somit ab dieser Zeit als kreolisiert gelten.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verlor das Deutsche Reich seine Südseekolonien und
australische Truppen besetzten das damalige Neupommern. Die Missionare durften als einzige Deutsche auf
der Insel bleiben, und mit ihnen blieb auch die deutsche Sprache zumindest im informellen Alltag und eine
Weile auch noch als Schulfach an der Mission präsent, selbst wenn Englisch als neue offizielle
Unterrichtssprache festgelegt wurde.[4] Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederlage des
Deutschen Reichs wurde die deutsche Sprache 1945 endgültig aus der Missionsschule verbannt. Unserdeutsch
und zum Teil auch Standarddeutsch fanden ab jetzt nur noch im privaten und im Arbeitsumfeld an der Mission
Verwendung.[5]

Die sich bereits ab den 1960er Jahren abzeichnende Unabhängigkeit Papua-Neuguineas wurde schliesslich
1975 erreicht. Viele Angehörige der Vunapope mixed-race Gemeinschaft waren nun durch die „indigenization
policy“, die staatlich gezielte Förderung der indigenen Bevölkerung, erneuter Diskriminierung ausgesetzt und
selbst bei einer Beschäftigung in einer Missionseinrichtung drohte ihnen die Entlassung. Bis auf wenige
Ausnahmen emigrierten alle nach Australien, nicht zuletzt auch in der Hoffnung auf bessere Zukunftschancen
für ihre Kinder. Die Sprachgemeinschaft zerstreute sich hier in den urbanen Ballungszentren entlang der
australischen Ostküste, und in der Diaspora ist Unserdeutsch zu einer kommunikativ nutzlosen Sprache
geworden. Als familiäre Alltagssprache wurde es – auch infolge der immer häufigeren Mischehen unter den
Gruppenmitgliedern – vom Englischen abgelöst und an die nächsten Generationen nicht mehr
weitergegeben.[6] Die Sprachgemeinschaft begann zu schrumpfen und veraltete immer mehr. Heute leben
höchstens noch etwa 100 Unserdeutsch Sprecher*innen in Australien und etwa 10 in Papua-Neuguinea.
Selbst die jüngsten unter ihnen sind inzwischen über 60, die allermeisten deutlich über 70 Jahre alt. Angesichts
dieser Umstände gilt Unserdeutsch heute als kritisch gefährdet (https://www.webcitation.org/68xB3FZaZ?url=
http://www.ethnologue.com/nearly_extinct.asp) und wird, wenn die Trends der vergangenen Jahrzehnte
weiterhin anhalten, innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahrzehnte ausgestorben sein.[2]

Allgemeine strukturelle Charakteristika


Kreolsprachen entstehen typischerweise als Folge von kolonialem Sprachzwang und anhaltendem,
regelmässigem Kontakt zwischen den Sprachgemeinschaften der Kolonisatoren und der Kolonisierten. Ihre
Grammatik ist in der Regel stark vom Einfluss der am Sprachkontakt beteiligten Sprachen der Kolonisierten
geprägt, die ihrerseits das Substrat des Kreols darstellen. Der Wortschatz wird überwiegend aus der
dominanten europäischen Sprache entnommen, die das Superstrat bildet. Im Fall von Unserdeutsch ist das
dominante Substrat das von den meisten Missionskindern der ersten Generation als Erstsprache gesprochene
Tok Pisin, während die Superstratsprache das Deutsche ist, das von den Missionaren in Vunapope gesprochen
und unterrichtet wurde.

Da Unserdeutsch seine Wurzeln im (frühen) Zweitspracherwerb des Deutschen hat, zeigt es strukturelle
Ähnlichkeiten mit anderen Formen von deutschen L2-Varietäten, sowohl mit deutschbasierten Pidgins wie
etwa Küchendeutsch in Namibia, als auch mit deutschen Lernervarietäten, wie sie etwa im Zusammenhang
mit dem sogenannten „Gastarbeiterdeutsch“ diskutiert und beschrieben worden sind. Im Gegensatz zu
letzteren ist aber die im Vergleich zum Deutschen feststellbare relative strukturelle Einfachheit und die
Restrukturierung von Unserdeutsch nicht mit dem unvollständigen Spracherwerb zu erklären. Die mixed-race
Kinder der ersten (und z.T. auch der zweiten) Generation hatten ja an der Mission einen uneingeschränkten
Zugang zum Deutschen, das sie, wie schriftliche und mündliche Überlieferung zeigt, infolge des
Erwerbszwangs sowohl schriftlich wie auch mündlich tatsächlich erworben haben.[7] Strukturelle
Abweichungen vom Deutschen scheinen vielmehr als das Ergebnis von bewusstem sprachlichem Widerstand
konstruiert und konventionalisiert worden zu sein, als eine Art symbolische Distanzierung vom Deutsch der
Missionare. Vom Standarddeutschen abweichende Strukturen wurden also – als eine Art act of identity – zur
Schaffung einer distinktiven Gruppenidentität offensichtlich bewusst bevorzugt, und (a) mittels spontaner
Simplifizierungen deutscher Strukturmerkmale, (b) durch strukturelle Einflüsse aus Tok Pisin sowie (c) durch
autochthone sprachliche Innovationen hergestellt.[6][8]

Im Gegensatz zu Lernervarietäten und auch zu Küchendeutsch ist die sprachliche Struktur von Unserdeutsch –
trotz seiner selbstverständlich vorhandenen internen Variabilität – weitgehend stabil und relativ ausgebaut. Die
relativ schnelle und weit gehende Konventionalisierung seiner sprachlichen Struktur wurde begünstigt vor
allem durch das geschlossene und dichte soziale Netzwerk der Gemeinschaft, die recht schnell einsetzende
alltagssprachliche Verwendung der Sprache und ihre identitätsmarkierende Funktion.[6][4]

Unserdeutsch ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie erstaunlich schnell kontaktinduzierter Sprachwandel
vor sich gehen kann: Zwischen dem Beginn des erzwungenen Deutscherwerbs in der Internatsschule und der
Genese eines relativ stabilen, ausgebauten und als Erstsprache erlernten Kreols liegt nicht mehr als eine einzige
Generation.[7]

Dank der Standarddeutschkompetenz der ersten Generation und der bis weit in die Nachkriegszeit reichende
Präsenz der deutschen Missionare in Vunapope existierte Unserdeutsch über mehrere Jahrzehnte hinweg
neben bzw. im Schatten des deutlich prestigevolleren deutschen Gebrauchsstandards der weissen Missionare.
Je nach Beruf, Intensität des Kontakts zu den Missionaren und Prestigeorientierung haben einzelne Familien
ihren Sprachgebrauch in unterschiedlichem Masse an der deutschen Leitvarietät der Missionare ausgerichtet,
auch um sich dadurch in der Prestigehierarchie innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu positionieren. Die
Folge war die Entstehung einer Art Kreolkontinuum zwischen basilektalem Unserdeutsch mit grösster
struktureller Distanz zum Standarddeutschen und maximaler Nähe zu Tok Pisin, und meso- bzw. akrolektalen
Varietäten mit grösserer Nähe zum Standarddeutschen, dadurch grösserer struktureller Elaboriertheit und
geringerem Grad von Restrukturierung.[6][7]

Sprachstruktur
Unserdeutsch weist neben kreoltypischen soziohistorischen bzw. Kontextmerkmalen wie das relativ junge
Alter der Sprache oder die für die Sprachentstehung entscheidende asymmetrische Machtkonstellation auch in
seiner Sprachstruktur verschiedene kreoltypische Züge auf. Diese zeigen sich vor allem im geringeren Grad an
Komplexität und Synthetizität des Sprachbaus insbesondere im Vergleich zur Lexifikatorsprache, damit in der
Tendenz zum isolierenden Sprachbau, und generell im tiefgreifenden Substrateinfluss von Tok Pisin.

Lexik

Unserdeutsch verfügt im Vergleich zu seiner Lexifikatorsprache über ein deutlich kleineres Lexikon sowohl
bei Inhalts- wie auch bei Funktionswörtern. Dies erklärt sich nicht zuletzt auch damit, dass Unserdeutsch seit
jeher ausschliesslich in der informellen Mündlichkeit verwendet wurde, und anderen Registern und
Funktionen nie gerecht werden musste. Der weit überwiegende Teil des Vokabulars stammt aus dem
Deutschen, ergänzt mit Übernahmen sowohl aus dem Tok Pisin als auch dem australischen Englisch.[9]

Nicht-deutsche Lexik in Unserdeutsch


kakaruk (‘Huhn, Hahn’), kaukau (‘Süsskartoffel’), kanda (‘Bambusstock’), wokabaut (‘gehen,
Aus dem
spazieren’), hambak (‘unartig, frech’), hausboi/hausmeri (‘männlicher/weibliche Hausangestellte/r’),
Tok Pisin
wantok (‘Landsmann/Freund’), orait (‘gut, okay’)
Aus dem shtore (‘Laden/Geschäft’), business (‘Geschäft’), office (‘Büro’), government (‘Regierung’), whether
Englischen (‘ob’), o(r) (‘oder’)

Vor allem bei den Verben kommen häufiger hybride Wortformen in Unserdeutsch vor, in erster Linie solche
mit englischem Stamm und Affixen aus dem Deutschen und/oder aus dem Tok Pisin.[9]
Beispiele hybride Wortformen
Du hat ge-mention ire muter.

‘Du hast ihre Mutter erwähnt.‘

Du kan leas-im de flantsung fi finf yare.

‘Du kannst die Plantage für fünf Jahre pachten.‘

I hat ain haus ge-rent-im in Woodridge.

‘Ich habe ein Haus in Woodridge gemietet.‘

Die Lexik von Unserdeutsch lässt zudem Rückschlüsse auf die geografische und sprachliche Herkunft des
deutschen Missionspersonals zu. Eine systematische Analyse von regional markierter deutscher Lexik in
Unserdeutsch hat ergeben, dass die Missionare in Vunapope hauptsächlich eine nordwestdeutsch-westfälisch
geprägte standardnahe Alltagssprache gesprochen haben.[10]

Phonologie

Kreolsprachen weisen im Vergleich zu ihrer Lexifikatorsprache oft eine geringere phonologische Komplexität
auf. In dieses Bild reiht sich auch Unserdeutsch ein, da es einerseits über ein reduziertes Phoneminventar
verfügt, indem es typologisch unübliche, markierte Vokale und Konsonanten des Standarddeutschen
tendenziell abgebaut hat, und sich andererseits durch eine einfachere Silbenstruktur auszeichnet. Diese
Phänomene sind nicht ausschliesslich auf spracherwerbsbedingte Vereinfachungsprozesse zurückzuführen,
sondern können in weiten Teilen als phonologischer Substrateinfluss von Tok Pisin erklärt werden.[8]

Phoneminventar

Vokalsystem

Das Lautsystem von basilektalem Unserdeutsch stimmt sowohl quantitativ als auch qualitativ (mit Ausnahme
von /ɛ/) mit dem von Tok Pisin überein. Es besteht aus den fünf Vokalphonemen /i/, /ɛ/, /a/, /u/, /o/ und
unterscheidet sich vor allem unter den folgenden Aspekten vom Vokalsystem im Standarddeutschen.[8]

Merkmale Standarddeutsch Unserdeutsch


‘aber‘ [abɛ]
Absenz der standarddeutschen Reduktionsvokale
(abgeschwächte Nebensilbenvokale) [ə] und [ɐ] in
unbetonten Silben ‘Schule‘ [ʃulɛ]

‘für, von‘ [fi]


Abbau der gerundeten Vorderzungenvokale (ü und ö)
‘Frühstück’ [friʃtik]

‘Mädchen‘ [mɛthɛn]
Abbau der langen Vokalphoneme
‘diese’ [disɛ]
Konsonantensystem

Auch im Konsonantensystem von basilektalem Unserdeutsch besteht eine weitgehende Übereinstimmung mit
dem Inventar von Tok Pisin. Mit den stimmlosen Frikativen [f] und [ʃ] und der peripheren Affrikate [tʃ] kennt
das Unserdeutsch lediglich drei Konsonantenphoneme, die es im Tok Pisin nicht gibt. Alle anderen
Konsonantenphoneme im Standarddeutschen, die crosslinguistisch als markiert gelten und im Tok Pisin nicht
vorkommen, sind im Unserdeutsch tendenziell abgebaut und/oder substituiert, wie die untenstehende Tabelle
illustriert.[8]

Standarddeutsch Unserdeutsch Beispiele


‘Kirche‘ – [kirhɛ],
[ç] [h]/Ø
‘nicht‘ – [ni]

‘lachen‘ – [lahɛn]
[χ] [h]/Ø
‘Tag‘ – [ta]

[pf] [f] ‘Pflanzung, Plantage‘ – [flansuɳ]


[ts] [s] ‘zusammen‘ – [susamɛn]
[ʀ]/[ʁ] [r] ‘trinken‘ – [triɳkɛn]
[z] [s] ‘diese/dieser/dieses‘ – [disɛ]

Silbenstruktur

Wie die meisten Kreolsprachen ist das basilektale Unserdeutsch durch ein klares silbensprachliches Profil
charakterisiert. Es zeigt eine Tendenz zu einfachen Silbenkodas und eine Präferenz für CVC- oder CV-
Strukturen.[1] In dieser Hinsicht unterscheidet es sich stark vom Standarddeutschen, das typologisch zu den
Wortsprachen zählt und sich durch das häufige Auftreten komplexer Konsonantenclustern zur Stärkung der
Wortgrenzen auszeichnet (bspw. Furcht, Herbst). Im Unserdeutschen wie in anderen Kreolsprachen werden
Konsonantencluster lediglich in silbeninitialer Position toleriert, kaum jedoch in der Silbenkoda. In
Unserdeutsch werden die Silbenendränder durch die Tilgung silbenfinaler Konsonanten geschwächt, um die
„ideale“ CV(C)-Struktur zu erreichen. Auch dieses Merkmal kann in Unserdeutsch auf einen Substrateinfluss
zurückgeführt werden, da das Tok Pisin sehr ausgeprägte silbensprachliche Züge aufweist.[8][7]

‘nicht‘ – [ni], ‘sagt‘ – [sa], ‘bist‘ – [bis], ‘Tag‘ – [ta]

Grammatik
Substantive in Unserdeutsch haben kein Geschlecht. Der Artikel heißt stets „de“, zum Beispiel de Mann, de
Frau, de Haus. Der Plural eines Substantivs wird gebildet, indem dem Wort „alle“ vorangestellt wird: „alle
Frau“, „alle Knabe“. Fragewörter (Interrogativpronomen) können am Ende des Fragesatzes stehen („Du geht
wo?“). Eher vereinzelt werden Wörter aus Tok Pisin und Englisch übernommen, zum Beispiel „aufpicken“ (to
pick up) für „abholen“.[11] Unserdeutsch ist eine strikte SVO-Sprache.

Plansprachen als Alternativen


Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden als internationales Kommunikationsmittel oder für den
Gebrauch in den deutschen Kolonien Weltdeutsch und Kolonial-Deutsch als Plansprachen entwickelt, die aber
keine größere Verbreitung fanden.

Literatur
Péter Maitz u. a.: De knabe, de mädhen, de kokonuss. In: forschung. Das Magazin der
Deutschen Forschungsgemeinschaft. Heft 4/2017, ISSN 0172-1518, S. 16–21.
Péter Maitz: Unserdeutsch (Rabaul Creole German). Eine vergessene koloniale Varietät des
Deutschen im melanesischen Pazifik. In: Alexandra N. Lenz (Hrsg.): German Abroad –
Perspektiven der Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. V & R
unipress, Göttingen 2016, S. 211–240.
Stefan Engelberg: The German Language in the South Seas. Language Contact and the
Influence of Language Politics and Language Attitudes. In: Mathias Schulze u. a. (Hrsg.):
German Diasporic Experience. Identity, Migration, and Loss. Wilfrid Laurier University Press,
Waterloo 2008, ISBN 978-1-55458-027-9, S. 317–329.
Susanne Mühleisen: Emil Schwörers „Kolonial-Deutsch“ (1916). (http://www.fu-berlin.de/phin/p
hin31/p31t3.htm) In: PhiN 31/2005 (Aufsatz über Unserdeutsch und andere Varietäten).
Craig A. Volker: The rise and decline of Rabaul Creole German, Language and Linguistics in
Melanesia. In: John Lynch (Hrsg.): Oceanic studies: proceedings of the first international
conference on oceanic linguistics. Australian National University, Canberra 1996, ISBN 0-
85883-440-5.
Craig A. Volker: Rabaul Creole German Syntax. In: Working Papers in Linguistics, University of
Hawaii 21/1989, S. 153–189.
Peter Mühlhäusler: Tracing the roots of pidgin German. In: Language and Communication
4/(1)/1984, S. 27–57, ISSN 0271-5309.
Peter Mühlhäusler: Bemerkungen zum „Pidgin Deutsch“ von Neuguinea. In: Carol Molony,
Helmut Zobl, Wilfried Stölting (Hrsg.): German in Contact with other Languages. Scriptor
Verlag, Kronberg 1977, ISBN 3-589-20551-2, S. 58–70.

Weblinks
Wiktionary: Unserdeutsch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Unserdeutsch (Rabaul Creole German) (http://www.germanistik.unibe.ch/forschung/projekte/un
serdeutsch_rabaul_creole_german/index_ger.html) auf der Webseite des Instituts für
Germanistik der Universität Bern
Unserdeutsch-Eintrag bei Ethnologue (http://www.ethnologue.com/show_language.asp?code=
uln)
Unserdeutsch (https://web.archive.org/web/20170119054925/http://www.uni-koeln.de/gbs/unse
rdeutsch/index.html) (Memento vom 19. Januar 2017 im Internet Archive) auf der Website der
Gesellschaft für bedrohte Sprachen
Felix Zeltner, Erol Gurian: Wir sind die letzten Tropfen der Deutschen in der Südsee. (http://ww
w.mare.de/index.php?article_id=2517) In: mare, Nr. 83, Dezember 2010/Januar 2011, S. 40–49
(Ausschnitt)
Hans Kratzer: Man spricht Unserdeutsch. (https://www.sueddeutsche.de/bayern/inselstaat-pap
ua-neuginea-man-spricht-unserdeutsch-1.2269604) In: Süddeutsche Zeitung Online,
25. Dezember 2014
Matthias Heine: Unserdeutsch – Wie Kinder aus Neupommern eine Sprache erfanden. (https://
www.welt.de/kultur/article153927764/Wie-Kinder-aus-Neupommern-eine-Sprache-erfanden.ht
ml) In: Die Welt, 3. April 2016
Oliver Meier: Unserdeutsch: Mündliches Erbe der deutschen Missionare im Pazifik.
Vergessenes Deutsch im Urwald. (https://www.srf.ch/news/panorama/unserdeutsch-muendlich
es-erbe-der-deutschen-missionare-im-pazifik?ns_source=srf_app?ns_source=srf_app) Auf:
Radio SRF, 12. Juni 2017.
Wo im Pazifik deutsch gesprochen wird (https://www.youtube.com/watch?v=zRlnVhdw7y4)
(Beitrag vom 8. November 2016 im BR24, Video, 3:36 min)
Wörterbuch Unserdeutsch-Deutsch (https://de.glosbe.com/uln/de)
Fabian von Poser: Mann spricht deutsch (https://www.faz.net/aktuell/reise/was-von-der-deutsch
en-suedsee-uebrig-blieb-16967463.html) In: FAZ, 1. Oktober 2020

Einzelnachweise
1. Péter Maitz: Was ist Unserdeutsch. (https://www.germanistik.unibe.ch/forschung/projekte/unser
deutsch_rabaul_creole_german/was_ist_unserdeutsch/index_ger.html) In: Institut für
Germanistik. Universität Bern, 2020, abgerufen am 23. Januar 2021.
2. Maitz, Péter u. a.: De knabe, de mädhen, de kokonuss. In: forschung. Das Magazin der
Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nr. 4, 2017, S. 16 - 21.
3. Siegwalt Lindenfelser: Unserdeutsch. Frucht deutscher Kolonialbestrebungen in der Südsee.
Hrsg.: Pazifik-Informationsstelle, Blickpunkt. Nr. 20, 2016, S. 3.
4. Péter Maitz: Deutsch als Minderheitensprache in Australien und Ozeanien. In: Joachim
Herrgen, Jürgen Erich Schmidt (Hrsg.): Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der
Sprachvariation. Band 4. De Gruyter, Berlin & Boston 2019, ISBN 978-3-11-018003-9,
S. 1191 - 1209.
5. Péter Maitz, Craig A. Volker: Documenting Unserdeutsch. Reversing colonial amnesia. In:
Journal of Pidgin and Creole Languages. Band 32, Nr. 2, 2017, S. 365 – 397.
6. Péter Maitz: Unserdeutsch. Eine vergessene koloniale Varietät des Deutschen im
melanesischen Pazifik. In: Alexandra N. Lenz (Hrsg.): German abroad – Perspektiven der
Variationslinguistik, Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung. V & R unipress,
Göttingen 2016, S. 211–240.
7. Péter Maitz: Dekreolisierung und Variation in Unserdeutsch. In: Helen Christen, Peter Gilles,
Christoph Purschke (Hrsg.): Räume – Grenzen – Übergänge. Akten des 5. Kongresses der
Internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen (IGDD). Steiner (ZDL Beihefte),
Stuttgart 2017, S. 225 - 252.
8. Péter Maitz, Siegwalt Lindenfelser: Unserdeutsch: ein (a)typisches Kreol? In: Zeitschrift für
Dialektologie und Linguistik. Band 85, Nr. 3, 2018, S. 307 – 347.
9. Péter Maitz, Siegwalt Lindenfelser, Craig A. Volker: Unserdeutsch (Rabaul Creole German),
Papua New Guinea. Manuskript (o.J.).
10. Péter Maitz, Siegwalt Lindenfelser: Gesprochenes Alltagsdeutsch im Bismarck-Archipel um
1900. Das Zeugnis regional markierter Superstrateinflüsse in Unserdeutsch. In: Alexandra N.
Lenz, Albrecht Plewnia (Hrsg.): Variation – Normen – Identitäten. de Gruyter, Berlin & Boston
2018, S. 305 – 337.
11. Joachim Mohr: „Du geht wo?“ In: Der Spiegel. Nr. 8/2016, 20. Februar 2016, S. 51.

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Diese Seite wurde zuletzt am 15. Februar 2021 um 08:12 Uhr bearbeitet.

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