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FR 31.03.

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Musik

Winterreise im Unbewohnbaren
 von Hans-Jürgen Linke

Oliver Augst und Marcel Daemgen versetzen Schuberts Werk in die Kälte der
Gegenwart
Sechs der 24 Gedichte fehlen, und gelegentlich gibt es leichte Veränderungen im
Text. Aber das macht nichts. Die Post kommt schließlich heute ohne Horn daher,
und man braucht keine Wetterfahne mehr, um zu wissen, woher der Wind weht.
Die „Winterreise“, die Oliver Augst und Marcel Daemgen aus Wilhelm Müllers
Gedicht- und Franz Schuberts Liedzyklus gemacht haben, erscheint sehr heutig
und durchaus komplett.
Franz Schuberts „Winterreise“ ist ein Epoche machendes Werk der europäischen
Musikgeschichte. Ian Bostridge, Tenor, der dem Werk vor fünf Jahren ein
großartiges Buch widmete, bezeichnete es in britischer Untertreibung als „erstes
Konzeptalbum der Musikgeschichte“, aber es ist noch viel mehr. Das beweisen
zahllose Interpretationen, Re-Kompositionen und eine ganze Bibliothek voll
Sekundärliteratur.

Wer die „Winterreise“ als klavierbegleiteten Tenor-Auftritt gespeichert hat, kann


sich hier einen alternativen Eindruck verschaffen. Die Arrangements in der
Version von Augst und Daemgen stammen aus der Zeit nach dem Ende der
analogen Ära: Strukturiert von synthetischen Beats, elektronisch instrumentiert
und sparsam, imitieren sie nichts Vertrautes und kommen weitgehend ohne
Zitate aus. Von Schuberts Komposition bleiben der größte Teil der melodischen
Gestaltung und der gesangliche Duktus.
Alexandre Bellengers elektrische Gitarre entwirft keine zusammenhängenden
Klanglandschaften, sondern arbeitet eher wie eine Eisensäge. Oliver Augsts
Bariton erspart dem Hörer die kunstreichen Artikulationen eines konventionellen
Liederabends, bleibt jedoch souverän artikulierend in absichtsvoller Nähe zu dem,
was man „Originalklang“ nennen könnte, wenn es das in Interpretationen der
Gegenwart gäbe. So entsteht keine anheimelnde Wiederbegegnung mit
Bekanntem, sondern ein Spannungsverhältnis auf der Basis eines reflektierten
historischen Resonanzraumes.
Der Schauplatz dieser „Winterreise“ ist nicht die unwirtliche Kälte der Natur und
der Metternich’schen Restauration vor zwei Jahrhunderten. Es ist die zunehmend
unbewohnbare Urbanität der westlichen Welt. Natur? Gibt es nicht mehr.
Besingbare Lindenbäume stehen nicht mehr am Brunnen vor dem Tore, sondern
sind vermutlich zu Pellets geschreddert, und der Schnee kommt aus der
Schneekanone.
Er hat keine Chance
Augst und Daemgen machen aus dem Liedzyklus ein angespanntes Hör-Theater,
und sie lassen weder Schubert noch Müller unberührt und unbefragt. Ihr
unbehauster Wanderer hat, das hat er mit Müllers und Schuberts lyrischem Ich
gemein, vom ersten Augenblick an keine Chance. Er streift nicht durch ein
winterliches Mittelgebirge, eher durch eine rush hour am Stadtrand. Natürlich
sind da Enttäuschung, eine zerbröselte Liebe, die Ignoranz der anderen und
eisige Einsamkeit – aber als universell gewordene Zustände. Romantik bekommt
einen neuen Horizont. Zwar träumen die Menschen in ihren Betten „sich
manches, was sie nicht haben“, wie vor zwei Jahrhunderten, aber das ist kein
Befund, der trösten könnte. Genauso wenig wie der Leiermann, der in vielfältiger
Gestalt seit 1827 immer noch „barfuß auf dem Eise“ steht.

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