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Ästhetische Erfahrung und gesellschaftliches System

Helmut Ffotenhauer

Astherische Erfahrung und


gesellschaftliches System
Untersuchungen zu Methodenproblemen
einer materialistischen Literaturanalyse
am Spätwerk Walter Benjamins

]. B. Metzlersehe Verlagsbuchhandlung Stuttgart


Die vorliegende Arbeit wurde von der Philosophischen Fakultät der Friedrich-
Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg als Dissertation angenommen. Sie
geht zurück auf Vorstudien zum seihen Thema, die unter dem Titel »Die
Aktualisierung vergangener ästhetischer Erfahrungen als Aufgabe und Pro-
blem einer materialistischen Literaturinterpretation. Untersuchungen zum Spät-
werk Walter Benjamins« kürzlich als Beitrag zu dem Band >>Literaturwissen-
schaft und Sozialwissenschaften 4<<, Stuttgart 1974, veröffentlicht wurden.
Gegenüber dem Aufsatz wurden erhebliche Erweiterungen und Veränderungen
vorgenommen.
Für Unterstützung der Arbeit und Kritik hat der Verfasser insbesondere Kurt
Wölfe! und Heinz Schlaffer zu danken.

D29
ISBN 978-3-476-00303-4
ISBN 978-3-476-03045-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-03045-0
© 1975 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzlersehe Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 1975
Inhalt

Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

I. Benjamins geschichtsphilosophische Überlegungen zur Aufgaben-


stellung materialistischer Interpretation . . . . . . . . . . . . 4
1. Stillstand und geschichtliche Kontinuität. Der historische Mate-
rialismus als Kritik bürgerlicher und vulgärmarxistischer Ge-
schichtsauffassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2. Zum Problem von Benjamins Begriff historisch-materialistischer
Interpretation . . . . 11

II. über Charles Baudelaire 29


1. >>Das Paris des Second Empire bei Baudelaire<< 29
a) >>Die Moderne<< . . . . . . . . . . . . 29
b) >>Die Boheme<<, Kritik und Bedeutung ästhetisierender Wirklich-
keitsauffassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
c) Die Physiognomie des Flaneurs . . . . . . . . . . . 40
d) Die Fragwürdigkeit von Benjamins Interpretationsweise 44
2. Die >>Dialektik im Stillstand<< . . . . . . . . . . . . . 59
a) Ästhetische Bildphantasie und Warenfetischismus . . . 59
b) Der Traum der Epoche und die Entwicklungstendenz zum Er-
wachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3. Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst . 70
a) Theorie des Erfahrungsverlusts . . . . . . . 72
b) >>Chokrezeption<< und Wirkungsmöglichkeiten der Kunst im
Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit . . 76
4. Kulturindustrie und esoterische Kunst. Zu Adornos Benjamin-
Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
a) Heteronomie und Autonomie der Kunst in der Moderne . 84
b) Geschichtsphilosophie und Ästhetische Theorie 89
Exkurs . . . .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

III. Zur Relativierung kunstphilosophischer Positionen. Benjamins


Arbeiten über Brecht und Kafka . . . . . . . . . . . . . . . 103
1. Kommentare zu Brecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
a) Verwissenschaftlichung und Entprivatisierung der ästhetischen
Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
b) Zu den historischen Voraussetzungen . . . . . . . . 107
c) Intention und Implikationen der Kommentare zu Brecht 112
2. Kafka . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
VI Inhalt

Anmerkungen . 120

Verzeichnis der zitierten Literatur . 153


1. Primärliteratur . . . . . . . 153
2. Sekundärliteratur zu Benjamin und allgemeine Literatur 155

Namenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
Vorbemerkung

Benjamins Philosophie und seine philosophisch geleiteten Interpre-


tationen kultureller Phänomene stehen zur Marxschen Theorie der
Gesellschaft in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis. Die vor-
liegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, dem genauer nachzugehen. -
über Benjamin schreibt Adorno, daß er unbeirrt zu seinem Grundsatz
gestanden habe, >>die kleinste Zelle angeschauter Wirklichkeit wiege
den Rest der ganzen Welt auf«. [1] Diese Bemerkung mag als vor-
läufige Charakterisierung gelten. Marx aber - so läßt sich wohl jen-
seits der Kontroverse über die Interpretation seiner Theorie sagen -
macht es sich zur Aufgabe, die der bürgerlichen Gesellschaft zugrunde
liegenden allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiteil darzustellen. Die ein-
zelne Erscheinung figuriert nur als Moment des sozialen Mechanismus.
Als einzelne in ihrer unverwechselbaren Besonderheit gibt sie gerade
keine Auskunft über den wahren Zustand der geschichtlichen Welt.
Daraus könnte man folgern, daß nicht die »kleinste Zelle<< selbst
geschichtsphilosophisch bedeutsam sei, sondern eben jene allgemeinen
Gesetze, die sie zusammen mit den anderen historischen Phänomenen
bestimmen. Gleichwohl verstand sich Benjamin in den späteren Jahren
seiner Produktion als historischer Materialist. Noch die »kleinste Zelle<<
müßte ihm also gerade im Sinne der Marxschen Gesellschaftstheorie in
einer nicht vernachlässigbaren Weise aufschlußreich erschienen sein.
Unmittelbar evident jedoch ist der Zusammenhang nicht, in den Ben-
jamin beide Motive historischer Interpretation zu bringen versucht.
Ihrer vorläufigen Kennzeichnung zufolge wirkt die Annahme ihrer
Divergenz plausibler. Benjamins Bemühen, beides miteinander zu ver-
binden, ergibt denn auch den fragwürdigsten Aspekt seines Spätwerks.
Wenn man dieses zu charakterisieren versucht, liegt es daher nahe, eine
jener beiden Intentionen als die allein wesentliche hervorzuheben. Die
jeweils andere wäre dann zu vernachlässigen oder sie wäre als Ver-
irrung zu nehmen, welche der wahren Absicht des Autors nur abträgEch
sein könne. Zweifellos bleibt aber eine solche Einstellung gegenüber Ben-
jamins Spätwerk so lange unbefriedigend, so lange nicht geklärt ist, ob
entgegen dem Augenschein nicht doch sachliche Gründe dafür sprechen,
2 Vorbemerkung

Benjamins Arbeiten als einen Vermittlungsversuch ernst zu nehmen


zwischen der Theorie des historischen Materialismus und dem Interesse
am Verständnis derjenigen Phänomene, deren aktuelle Bedeutung ange-
sichts der allgemeinen Bewegungsgesetze gesellschaftlicher Reproduktion
zunächst unabsehbar ist. Die vorliegende Untersuchung geht davon aus,
daß es diese sachlichen Gründe gibt. Die Behauptung ist im weiteren
zu belegen.
Eine ganz allgemeine Überlegung zur Problemstellung gesellschafts-
theoretisch fundierter Erklärung historischer Phänomene kann für die
Legitimität dieser Annahme vorläufig einen Anhaltspunkt geben. Eine
materialistisch orientierte Interpretation nämlich wird wie gesagt
bestrebt sein, ihre Gegenstände aus den generellen, regelnden Prin-
zipien des gesellschaftlichen Lebens zu erklären und aufzuzeigen, daß
sie aus sich selbst, etwa als autonome ästhetische Gebilde, nicht zu-
reichend begriffen werden können. Eine solche Analyse muß aber immer
in Rechnung stellen, die Besonderheit der untersuchten Erscheinungen
zu verfehlen, das also, was diese von anderen unterscheidet, auch wenn
sie in letzter Instanz alle gleichermaßen in Bezug zu setzen sind zu
den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Mechanismen. Dies gilt gerade
für die als Beispiel genannten ästhetischen Produkte. Sie zeichnen sich
durch die für sie konstitutive Distanz zur alltäglichen Lebenspraxis aus.
Wenn nun auch diese Distanzierung selbst als gesellschaftlich veranlaßt
begriffen werden kann, so ist Kunst doch nicht unmittelbar verständlich
als Moment der gesellschaftlichen Reproduktion, ist nicht schlicht gleich-
zusetzen mit anderen Momenten, die in diesem sozialen Funktions-
zusammenhang bruchlos aufgehen. Darauf wird im folgenden zurück-
zukommen sein. Wenn dem aber so ist, wäre die Ableitung aus über-
geordneten, generellen Prinzipien unzulänglich, weil sie ihren besonde-
ren Gegenstand lediglich dem vorab schon gewußten Allgemeinen
zuordnete. Sie unterstellte in sachlich fragwürdiger Weise, daß seine
spezifischen Eigenschaften gegenüber seiner allgemeinen gesellschafts-
theoretischen Charakteristik redundant seien. Will man dem begegnen,
so ist es durchaus im Sinne einer auf die Marxsche Theorie ausgerichteten
Interpretation, nach Möglichkeiten der Verbindung mit anderen Inter-
pretationsvorhaben, wie dem angedeuteten von Benjamin, zu suchen.
Benjamins Werk wird so gesehen eben deshalb interessant, weil es solche
Zusammenhänge herzustellen beansprucht. Es ist eine These, die im
Verlauf der Untersuchung erhärtet werden soll, daß diesem Anspruch
gerecht zu werden geradezu als ein treibendes Motiv im Reflexions-
prozeß verstanden werden kann, den Benjamins Spätwerk repräsentiert,
und daß sich daraus zum einen Handhaben für dessen Verständnis
ergeben, zum anderen aber auch einige Aufschlüsse über die Kompetenz
und Grenzen einer materialistischen Interpretation ästhetischer Phäno-
Vorbemerkung 3

mene zu gewinnen sind. -Dabei soll nicht der Umstand aus dem Auge
verloren werden, daß jene polaren interpretatorischen Intentionen in
Benjamins intellektueller Biographie durchaus unterschiedlichen Ur-
sprungs sind. Sie dürfen keineswegs nur als die Konsequenz aus syste-
matischen Reflexionen auf die Leistungsfähigkeit marxistischer Kunst-
theorie begriffen werden. Es wird zu berücksichtigen sein, daß von der
Marxschen Theorie her gesehen eher apokryphe philosophische Motive
für Benjamin von Bedeutung sind, die schließlich aber doch mit ihr in
Verbindung gebracht werden. Zu klären ist, inwieweit diese Verbindung
tatsächlich den Versuch einer reflektierten Vermittlung darstellt oder
aber nur einen unvermittelten Bezug, welcher dann über das von Benja-
min Explizierte hinaus soweit möglich in seinem Sinn zu rekonstruieren
bzw. einer Kritik zu unterziehen wäre. In jedem Fall aber könnten sich
in Anbetracht der oben skizzierten Fragestellung und der zu erwarten-
den Schwierigkeit ihrer Lösung gerade die von Benjamin angestellten
oder veranlaßten unorthodoxen Überlegungen als fruchtbar erweisen.
Da die vorliegende Arbeit die Eigenart solcher Überlegungen Ben-
jamins unter dem Gesichtspunkt jener allgemeinen Problematik unter-
suchen will, erscheint es nicht zweckdienlich, den Gang der Analyse
allein auf die Abfolge der Entstehung von Benjamins Arbeiten aus-
zurichten. Vielmehr soll gezeigt werden, wie weit es möglich ist, das
Spätwerk Benjamins nach den Aspekten der genannten Problemstellung
und den Stadien der Auseinandersetzung mit dieser Frage zu gruppieren.
Zunächst jedoch ist die Problemstellung selbst in ihrer allgemeinen
geschichtsphilosophischen und interpretationstheoretischen Fassung an-
hand verschiedener späterer Arbeiten Benjamins zu verdeutlichen.
I. Benjamins geschichtsphilosophische Überlegungen zur
Aufgabenstellung materialistischer Interpretation

1. Stillstand und geschichtliche Kontinuität. Der historische Materialis-


mus als Kritik bürgerlicher und vulgärmarxistischer Geschiehtsauffas-
sungen

Seinen Aufsatz über Eduard Fuchs beginnt Benjamin mit der Aus-
legung eines Engelszitats. Von Engels wird in einem Brief aus dem
Jahre 1893 der >>Schein einer selbständigen Geschichte der Staatsver-
fassungen, der Rechtssysteme, der ideologischen Vorstellungen [ ... ] ,
der die meisten Leute<< blende, kritisiert. Die >>Sprengkraft dieser
Gedanken<< erblickt Benjamin darin, daß sie die geisteswissenschaftliche
Vorstellung von der >>Geschlossenheit<< kultureller Gebilde, von ihrem
eigenständigen, nicht an den gesellschaftlichen Produktionsprozeß gebun-
denen Dasein in Frage stellen. [1] - Es liegt nahe, dabei an den
Marxschen Satz über die Abhängigkeit des Bewußtseins vom gesell-
schaftlichen Sein zu denken. [2] Er benennt Prämissen der Kritik
an jener Vorstellung. Die Phänomene des >>Überbaus<< lassen sich ihm-
zufolge in ihrem wahren Sinn erst erschließen, wenn man sie zurück-
führt auf ihre >>Basis<<, um aus dieser ihr eigentliches Wesen zu erklären.
Der Schein ihrer unverwechselbaren Besonderheit und eigenständigen
Geltung wäre so gesehen als Ideologie identifizierbar, der gegenüber die
Herleitung ihrer geschichtlichen Bedeutung aus allgemeinen Prinzipien
historischer Entwicklung einen unverstellten Blick auf ihre geschicht-
liche Existenz ermöglichte. Nicht immanent und ihrer behaupteten Eigen-
art entsprechend wären die einzelnen Bewußtseinsphänomene zu begrei-
fen, sondern durch die Aufklärung der ihnen gemeinsam zugrunde
liegenden Gesetze gesellschaftlichen Verkehrs.
Benjamin freilich setzt den Akzent bei seiner Interpretation des
Engelszitates anders. Die Geschlossenheit der genannten Gebiete - dar-
unter auch der Kunst und ihrer Werke - in Frage stellen heißt für ihn,
sich bewußt zu machen, wie die Funktion solcher Werke, >>ihren Schöp-
fer zu überdauern, seine Intentionen hinter sich zu lassen vermag; wie
die Aufnahme durch seine Zeitgenossen ein Bestandteil der Wirkung
ist, die das Kunstwerk heute auf uns selber hat, und wie die letztere
auf der Begegnung nicht allein mit ihm, sondern mit der Geschichte
beruht, die es bis auf unsere Tage hat kommen lassen.<< Goethe, so fährt
Benjamin fort, habe diesen Sachverhalt in den Satz gefaßt, daß alles,
'V:ts eine große Wirkung getan habe, eigentlich gar nicht mehr beurteilt
Stillstand und geschichtliche Kontinuität 5

werden könne. >>Kein Wort ist gemäßer, die Beunruhigung hervorzu-


rufen, die den Anfang jeder Geschichtsbetrachtung macht, welche das
Recht hat, dialektisch genannt zu werden.<< [3]
Die wahre Bedeutung der Werke, die zu beurteilen auf beunruhigende
Weise unmöglich zu werden droht, wäre zwar nach dem Gesagten über-
einstimmend mit der Marxschen Theorie nicht in der Intention des
Schöpfers - enthoben der geschichtlichen Bedingtheit - zu suchen.
Gleichwohl ist nach dem naheliegenden Verständnis jenes Theorems
über die Abhängigkeit des Überbaus von der Basis nicht unmittelbar
einsichtig, weshalb die Frage nach der adäquaten Beurteilung eines ein-
zelnen Kunstwerks überhaupt Beunruhigung hervorrufen können soll.
Denn wird es auf seine wesentlichen Bestimmungen hin kritisch ana-
lysiert, so wäre zu erwarten, daß diese gerade nicht in einer eigenartigen
Bedeutung zu finden wären, die eben dieses eine identische Werk unver-
zichtbar machte, sondern in dem, was es mit anderen Kunstwerken, ja
sogar mit anderen Gebieten des >>Überbaus<< gemeinsam hat. So könnte
es etwa als bloß ideeller Reflex zum Zweck der Kompensation jener
praktisch belastenden realen Widersprüche erklärt werden, die gemäß
der Marxschen Theorie die Existenz der Individuen in der bürgerlichen
Gesellschaft bestimmen; eine Kompensationsabsicht, die dann, beurteilt
nach den praktischen Aufgaben gesellschaftlicher Veränderung, verkehrt
erschiene und deren wahre Funktion daher allenfalls in der Ermög-
lichung besserer, weil weniger konfliktbewußter Anpassung an die
sozialen Verhältnisse zu erblicken wäre. Eine solche Erklärungsabsicht
ist Benjamins Ausführungen nicht zu entnehmen. Dennoch beruft er sich
auf Engels und damit den historischen Materialismus.
Benjamin erläutert an der zitierten Stelle seine Auffassung von der
Aufgabe marxistischer Interpretation anhand der Kritik historistischer
Geschichtsschreibung. Diese nämlich zeichne sich gerade nicht durch
jene Beunruhigung aus, sondern nehme eine gelassene, kontemplative
Haltung dem Gegenstand gegenüber ein. >>>Die Wahrheit wird uns
nicht davonlaufen< - dieses Wort, das von Gottfried Keller stammt,
bezeichnet im Geschichtsbild des Historismus genau die Stelle, an der
es vom historischen Materialismus durchschlagen wird. Denn es ist ein
unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart
zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte.<< [4]
Was es heißt, sich in der Vergangenheit als gemeint zu erkennen, kann
man sich zunächst ex negativo verständlich machen, wenn man die
Merkmale der in Frage stehenden historistischen Geschichtsschreibung im
19. Jahrhundert näher betrachtet. In der Romantik beginnt der Histo-
riker die Vielzahl der Phänomene, seien es einzelne Kunstwerke, seten
es Epochen oder Nationalgeschichten, in ihrer Einzigartigkeit, ihrer
Individualität erfassen zu wollen. [5] Benjamin beurteilt das Ver-
6 Benjamin zur materialistischen Interpretation

fahren dieser Geschichtsschreibung als >>Nachahmung<< und als >>Ergat-


tern« >falschen Reichtums<. [6] Zunächst muß zum besseren Verständ-
nis dieses Urteils an die Genese jener Geschiehtsauffassung erinnert
werden. Sie geht - geistesgeschichtlich gesehen - nicht zuletzt auf die
Opposition zur Hegeischen Philosophie zurück. In dieser sah man eine
axiomatisch begründete Vorstellung vom vernünftigen Gang der Welt-
geschichte [7], innerhalb deren, von der unterstellten gegenwärtigen
Vollendung aus gesehen, sich jedes Geschehen als immer schon sinnvoll
und zweckmäßig erweise. Demgegenüber sollte Geschichte aus ihren
überlieferten Dokumenten und aus deren tatsächlicher, nicht durch Spe-
kulation verstellter Bedeutung begriffen werden. [8] Geschichte müßte
demnach aus sich selbst verständlich werden; Hermeneutik und nicht
philosophische Konstruktion sollten Grundlage der Historik sein. Dies
beinhaltete freilich, wenn nicht philosophisch begründete Prinzipien
des Geschichtsverständnisses, so doch die Voraussetzung von der Mög-
lichkeit einer ästhetischen Vorstellung von der Geschichte. Denn die
historischen Zeugnisse aus sich selbst verstehen zu wollen, heißt zu unter-
stellen, daß sie wie in sich geschlossene, einheitlich gestaltete Phänomene
interpretiert werden können. Nur dann brauchte nicht eingeräumt zu
werden, sie seien weniger autonome Gebilde als vielmehr Momente eines
Geschehens, welches sie prägt. Wollte man sie als Momente eines solchen
historischen Zusammenhanges betrachten, dann wären sie im Gegensatz
zu individualisierbaren Phänomenen nicht wie jene autonomen Gebilde
durch einen isotierbaren Anfang und ein definites Ende gekennzeichnet.
Demgegenüber charakterisieren aber gerade die >>epischen Fiktionen des
vollständigen Verlaufs [ ... ] und der sich selbst darbietenden Ver-
gangenheit« das Geschichtsbild des Historismus. [9] >>Die darin invol-
vierte Poetik ist keine andere als die des gleichzeitig den Höhenkamm
der Literatur einnehmenden historischen Romans.« [10] Eine solche
quasi poetische Stilisierung meint Benjamin, wenn er in diesem Kontext
kritisch von einer bloßen Nachahmung des Vergaugenen im Gegensatz
zu seiner Erkenntnis spricht. An anderer Stelle verwendet er dafür auch
die Termini der »Einfühlung<< und >>Vergegenwärtigung«. [11] Sie
bezeichnen in der Historik des 19. Jahrhunderts die desengagierte Hal-
tung, die auf jenem Glauben beruht, das vergangene Geschehen
erschließe sich dem heutigen Betrachter durch die einfühlende Über-
brückung des Zeitenabstandes ungebrochen. Die Geschichte wäre dann
als Reichtum individuierter Lebensmomente präsent. Die Entwertung
des Vergangenen, das Schwinden seiner aktuellen Geltung angesichts
des irreversiblen historischen Ablaufs, die dem Historismus als spezifisch
moderne Erfahrung im Gegensatz zur früheren, traditional verbürgten
Verbindlichkeit des Vergaugenen zugrunde liegt, wäre ausgeglichen
durch den Einblick in die geschichtliche Vielfalt menschlicher Lebens-
Stillstand und geschichtliche Kontinuität 7

äußerungen. Die mannigfaltigen Ereignisse erlangten jenseits der Frage


nach ihrer gegenwärtigen Relevanz ihre Bedeutung als Repräsentanten
der Fülle geschichtlichen Lebens. Die Einsicht in die individuelle Beson-
derheit und Unwiederholbarkeit der Geschehnisse terminierte so gesehen
in der Vorstellung einer Universalgeschichte [12], in der alles, was
geschehen ist, sinnvoll ist, eben weil es geschehen ist und damit in jener
Vielfalt das Wesen historischen Daseins vor Augen führt. Der so erwor-
bene Reichtum geschichtlicher Erfahrung verdankt sich jedoch metho-
discher Naivität. Die Vergegenwärtigung des Vergangenen, so wie
es wirklich gewesen sei, basiert auf der vorwissenschaftliehen Identi-
fikation des Ereignisses mit seiner Darstellung. [ 13] Es findet keine
Reflexion auf den Interpretationsvorgang selbst und seine Bedingungen
statt. Das Interesse etwa des Historikers wird nicht kontrolliert, son-
dern ignoriert. Damit aber wird im Gegensatz zum Anspruch objekt-
adäquater Erkenntnis schließlich doch den in der Geschichte ausgepräg-
ten Vorurteilen und unaufgeklärten Zwecksetzungen, welche das gegen-
wärtige Urteil prägen, Raum gegeben.
Benjamin meint offenbar diesen Sachverhalt, wenn er auf die Ver-
pflichtung aufmerksam macht, die >>Vor-<< und >>Nachgeschichte<< der
Interpretationsgegenstände zu reflektieren. [ 14] Gerade am Historis-
mus als Bestandteil ihrer Nachgeschichte läßt sich eine solche Notwendig-
keit deutlich machen. Ihm erscheinen wie gesagt die kulturellen Phäno-
mene als autonome Individualitäten, als in sich vollkommene Gebilde,
die in ihrer Spontaneität durch keinerlei äußerliche Bestimmtheit beein-
trächtigt sind. Eben dadurch werden sie zu Dokumenten einer in allen
ihren Manifestationen immer schon geglückten Geschichte. Dem, was
geschehen ist, wird bedenkenlos recht gegeben. Nach Benjamin fühlt
sich der historistische Geschichtsschreiber damit in den Sieger ein [ 15];
er urteilt, ohne dessen gewahr zu werden, auf eine Weise, die denjenigen
zugute kommt, die sich in der Geschichte durchgesetzt haben, die also
in ihrem Verlauf die Herrschenden waren. Will man einer solchen, wie
es oben hieß, beunruhigenden, unreflektierten Auffassung begegnen,
so wäre demgegenüber die Vorgeschichte der Gegenstände in Betracht
zu ziehen. Tut man dies, so zeigt sich nach Benjamin, daß die wahre
Abkunft der kulturellen Phänomene im Gegensatz zum Anschein, den
sie bei ihrer naiven Vergegenwärtigung erwecken, eine ist, die man
>>nicht ohne Grauen bedenken kann<<. [16] Sie danken ihr Dasein
>>nicht nur der Mühe der großen Genien, die [... ] [sie] geschaffen
haben, sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist
niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Bar-
barei zu sein<<. [17] Kultur wäre aufzuklären als Dokument mensch-
lichen Leidens unter Lebensbedingungen, die Zwangsverhältnisse
sind. [18] Und Kultur ist ebenso zu begreifen als Ausdruck der
8 Benjamin zur materialistischen Interpretation

Anstrengung, diesen Lebensbedingungen den Charakter einer die Men-


schen beherrschenden äußerlichen Notwendigkeit zu nehmen. Dieser
Anstrengung ist nach Maßgabe der Marxschen Theorie im bisherigen
Gang der Geschichte noch nicht endgültig Rechnung getragen. Nichts
läge daher ferner, als sich in der Betrachtung des Vergaugenen des ver-
meintlichen kulturellen Reichtums und der gelungenen Geschichte zu
versichern. Vielmehr: »Je weiter der Geist in die Vergangenheit zurück-
geht, desto mehr wächst die Masse dessen, was überhaupt noch nicht
Geschichte geworden ist.<< [19] Nichts rechtfertigt die desengagierte
Haltung, die angesichts des Vergangeneu die Aufgabe vergißt, die zu
bewältigen bleibt. Erst in einer Erinnerung, die die Gegenwart betrifft,
gleichsam an sie appelliert, wird jenes Vergangene bedeutsam. Und
durchaus kann uns im Gegensatz zu Kellers Auffassung die Wahrheit
davonlaufen, wenn wir uns nicht in dieser Weise in der früheren Ge-
schichte als gemeint erkennen, sondern sie als eine Vielfalt in sich voll-
kommener und abgeschlossener Gebilde rezipieren. Nicht nur daß sie auf
diese Weise falsch verstanden wird ist aber die Gefahr; vielmehr auch,
daß das Oberlieferte durch diese gängige Rezeption so neutralisiert
wird, daß es als möglicher Gegenstand interessierter Interpretation gar
nicht mehr ins Blickfeld rückt. Gefahr droht damit nach Benjamin
»sowohl dem Bestand der Tradition wie ihren Empfängern<<. [20] Sie
unterliegen dem Konformismus gegenüber den herrschenden Verhält-
nissen. [21] - Benjamin hat im übrigen die reflektierteren Formen
des auf dem Historismus des 19. Jahrhunderts gründenden Geschichts-
bewußtseins von seinem Verdikt nicht explizit ausgenommen. Dilthey
etwa wäre freilich keineswegs darauf festzulegen, bei der Erweiterung
des Verständnishorizontes durch die Aneignung des Vergangeneu diese
Erweiterung des historischen Bewußtseins gerade im Interesse an der
Erhellung gegenwartJger Lebensbedingungen auszuschließen. [22]
Nietzsches Vorwurf, der sich bei Benjamin modifiziert, aber der Inten-
tion nach verwandt wiederfindet, daß nämlich die historisch-philolo-
gischen Fächer, indem sie alles gleichermaßen zu verstehen trachten,
auch allem gegenüber gleichgültig machten [23], wäre in bezug auf
solche Vertreter der Geschichtswissenschaft zumindest zu modifizieren.
Sollte Benjamin diesen Sachverhalt überhaupt berücksichtigt haben, so
erklärt sich der pejorative Akzent seines Urteils allenfalls aus der Über-
legung, daß selbst noch diese historische Betrachtungsweise, weil sie
nicht gesellschaftskritisch verfährt, blind macht gegenüber der wahren
Abkunft ihrer Gegenstände und damit auch gegenüber den wirklichen
gegenwärtigen Aufgaben, an die jene erinnern.
Die wahre Bedeutung einzelner historischer Phänomene würde jeden-
falls verfehlt durch die Annahme ihrer Autonomie, aber ebenso durch
die andere Unterstellung, man fände ihre objektive Bedeutung dann,
Stillstand und geschichtliche Kontinuität 9

wenn man nur die wesentlichen Bestimmungen der Erscheinungen in


den zugrunde liegenden gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten suche.
Demgegenüber käme es darauf an, angesichts der im Gang der Ge-
schichte verschütteten Sinnbestände, das Maß an Mißlingen in der bis-
herigen historischen Entwicklung in Erinnerung zu bringen. Weder die
Berufung auf die Einheit der Universalgeschichte noch allein die auf
die wesentlichen gesellschaftlichen Kräfte als Erklärungsgrund können
dem gerecht werden. Denn selbst beim letztgenannten Verfahren wäre,
zumindest so wie es bisher verstanden wurde, die Gefahr nicht von der
Hand zu weisen, daß eben das vernachlässigt bleibt, was in der Ge-
schichte unterdrückt wurde und was dazu beitragen könnte, auf die
Anforderungen an die Gegenwart aufmerksam zu machen. Eine Kon-
junktion von Vergangenheit und Gegenwart, die sich an den unschein-
barsten Momenten des Geschehens kristallisiert, ist von Benjamin mithin
intendiert. Sie müßte »den Begriff einer Gegenwart<< konstituieren, »die
nicht Übergang<<, also bloße Fortentwicklung des in der Geschichte
ohnehin schon Konstitutiven ist, »sondern in der die Zeit einsteht und
zum Stillstand gekommen ist<<. [24]
Benjamins Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie enthält
einen Hinweis auf sein Verständnis der Marxschen Theorie, das in den
bislang rekonstruierten Überlegungen noch nicht explizit wurde. In der
Sozialdemokratie ist nach Benjamin ein Vertrauen auf den Gang der
Geschichte wirksam gewesen, das trotz des anderen Bezugspunktes, näm-
lich auf die materielle Basis der Gesellschaft, dem fragwürdigen Ge-
schichtsverständnis des Historismus durchaus vergleichbar ist. Zunächst
geht Benjamin dabei auf die Vorstellung ein, das alleinige Kriterium,
um den historischen Entwicklungsstand zu beurteilen, gäben die gesell-
schaftlichen Produktivkräfte ab. Der Sozialdemokratie galt nach Ben-
jamin die »technische Entwicklung [ ... ] als das Gefälle des Stromes,
mit dem sie zu schwimmen meinte<<. [25] >>Das Gothaer Programm
trägt bereits Spuren dieser Verwirrung an sich. Es definiert die Arbeit
als >die Quelle allen Reichtums und aller Kultur<. Böses ahnend<<, so
fährt Benjamin im Rekurs auf den, nach seiner Auffassung genuinen
Gehalt der Marxschen Theorie fort, >>entgegnete Marx darauf, daß der
Mensch [ ... ] kein anderes Eigentum besitze als seine Arbeitskraft<<,
und daß er >>>der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu
Eigentümern [ ... ] gemacht haben<.<< [26] Jener >>vulgärmarxistische
Begriff<< hingegen >>von dem, was die Arbeit ist, hält sich bei der Frage
nicht lange auf, wie ihr Produkt den Arbeitern selber anschlägt, solange
sie nicht darüber verfügen können. Er will nur die Fortschritte der
Naturbeherrschung, nicht die Rückschritte der Gesellschaft wahr haben<<.
Es handelt sich dabei um einen Geschichtsbegriff, in dem der Fortschritt
als der der >>Menschheit selbst (nicht nur ihrer Fertigkeiten und Kennt-
10 Benjamin zur materialistischen Interpretation

nisse)<< gefaßt wird. [27] Ein solcher Fortschritt muß, da er gemessen


wird an der Entwicklung der Produktivkräfte, ebenso als unaufhaltsam
gedacht werden, wie er unabschließbar scheint. [28] Da aber nach die-
ser Auffassung die Arbeiterklasse zugleich jene Entwicklung der Pt"o-
duktivkräfte vorantreibt und bestimmt, ist ihr die Erreichung ihres
Ziels, sich in den sozialen Kämpfen durchzusetzen und zur historisch
bestimmenden Kraft zu werden, bereits durch den bisherigen Gang der
Geschichte garantiert. Die Wirkung des Darwinismus auf diese Ge-
schichtsauffassung ist nach Benjamin nicht zu übersehen. [29] Der
Gedanke, der in Marx' Diktum von der >>Vorgeschichte<< im Gegensatz
zu einer noch zu schaffenden wirklichen Geschichte enthalten ist, näm-
lich die gesellschaftlichen Verhältnisse qualitativ verändern zu müssen,
taucht in diesen Überlegungen gar nicht mehr auf. Die Vorstellung
>>eines Fortschritts des Menschengeschlechts<< ist dann »von der Vorstel-
lung [ ... ] nicht abzulösen<<, daß die Geschichte eine »homogene und
leere Zeit<< durchlaufe. [30] Es ist die Vorstellung von einem kon-
tinuierlichen Verlauf der Geschichte, die vergleichbar dem Historismus
alles, was geschieht, als Moment einer je schon sinnvollen Entwicklung
interpretiert. Die Offenheit der Geschichte für die Veränderung ist keine
Denknotwendigkeit mehr; eine grundlegende Umgestaltung der Ver-
hältnisse erübrigt sich in Anbetracht dessen, was ohnehin geschieht. -
Benjamin begnügt sich nun aber keineswegs damit, das verkehrte Ge-
schichtsbild dadurch zurechtzurücken, daß er auf die Produktionsver-
hältnisse verweist, in denen die Produktivkräfte gesellschaftlich organi-
siert sind. Das Zitat von Marx macht zwar darauf aufmerksam, daß
die Befreiung von Naturzwängen durch die technische Entwicklung
bislang an den neuen Zwang der gesellschaftlichen Verkehrsformen
gebunden war. Das heißt aber Benjamin zufolge offenbar nicht, daß,
wenn schon nicht die Entfaltung der Produktivkräfte selbst Anlaß zum
Vertrauen in den gesellschaftlichen Fortschritt gibt, dann doch zumin-
dest der Widerspruch solcher Emanzipation von Naturzwängen zum
Zwangsmechanismus sozialer Verhältnisse mit Sicherheit erwarten läßt,
daß es so nicht weitergehen werde und daß die Probleme in der >>Vor-
geschichte<< der Menschheit einer glücklichen Lösung zustreben. Benjamin
vielmehr ist an der Kritik jeglichen Fortschrittglaubens gelegen [31],
ganz gleich, wie versucht werden mag, ihn im Sinne eines bruchlosen
Geschichtsbildes theoretisch zu begründen. Daher erinnert er an die
»Phantastereien<< Fouriers, die sich gegenüber realitätsorientierten Über-
legungen so eigenartig ausnehmen und >>SO viel Stoff zur Verspot-
tung [ ... ] gegeben haben<<. Gerade an ihnen aber und der Tatsache,
mit welcher Geringschätzung sie aufgenommen wurden, kann man sich
ins Gedächtnis rufen, wie wenig man auf den Gang der Geschichte ver-
Zum Problem materialistischer Interpretation 11

trauen kann, der solche Gedanken absurd erscheinen läßt, obwohl sie an
sich nicht sinnlos sind. Sie erinnern so daran, wieviel zu tun bleibt.
>>Nach Fourier<< nämlich »sollte die wohlbeschaffene gesellschaftliche
Arbeit zur Folge haben, daß vier Monde die irdische Nacht erleuchteten,
daß das Eis sich von den Polen zurückziehen, daß das Meerwasser nicht
mehr salzig schmecke und die Raubtiere in den Dienst des Menschen
träten. Das alles illustriert eine Arbeit, die, weit entfernt die Natur
auszubeuten, von den Schöpfungen sie zu entbinden imstande ist, die
als mögliche in ihrem Schoße schlummern.<< [32) - Hält man sich
solch merkwürdige Gedanken vor Augen und bedenkt, wie weit die
Gegenwart davon entfernt ist, den darin zum Ausdruck kommenden
Intentionen gerecht zu werden, dann wird man gewahr, daß es im Inter-
esse an einer Veränderung unabdingbar ist, die Gegenwart als eine
>>Jetztzeit<< im prägnanten Sinne aufzufassen zu lernen: sie ist als Gegen-
wart absolut, weil nicht eingebettet und aufgehoben in übergreifenden
historischen Sinnzusammenhängen; ihr ist eine humane Zukunft keines-
wegs verbürgt; sie steht nicht in einem Kontinuum gesicherter Ent-
wicklung, es sei denn der Perpetuierung und Vervollkommnung der
Herrschaft. Dieses Kontinuum wäre in einem als ,, Jetztzeit<< begriffenen
geschichtlichen Augenblick zum Stillstand zu bringen. Freilich müßte es
sich der Interpret im Sinne des historischen Materialismus auch zur Auf-
gabe machen, die modernen gesellschaftlichen Bedingungen zu unter-
suchen, unter denen ein solcher Begriff von Geschichte historisch wirksam
werden soll. Wenn Benjamin daher an Fourier erinnert, so dürfte das
in keinen Widerspruch treten zur Berufung auf die Marxsche Analyse
der gegenwärtigen historischen Bedingungen. In der Tat soll, wenn
Marx und Fourier in einen Zusammenhang gebracht werden, wohl
eine antievolutionistische Auffassung von der Marxschen Theorie poin-
tiert werden, die beide Aspekte der Geschichte miteinander vereinbart.
Sie soll der Begründung für die Kritik an falschen, fortschrittsgläubigen
Vorstellungen über die Geschichte dienen, um darüber vermittelt der
wahren Problematik der historischen Situation Rechnung tragen zu
können.

2. Zum Problem von Benjamins Begriff historisch-materialistischer


Interpretation

Es wird dem Verständnis dienlich sein, Im folgenden näher darauf


einzugehen, welche Marxschen Überlegungen für einen antievolutio-
nistischen Geschichtsbegriff die Grundlage abgeben können.
Der Marxschen Theorie zufolge produziert in der entfalteten waren-
tauschenden Gesellschaft der einzelne nicht mehr unmittelbar für jene
12 Benjamin zur materialistischen Interpretation

Interessen, die allein aus seiner natürlichen Bedürftigkeit entspringen.


Er produziert Gebrauchswerte nicht für sich, sondern nur für andere
zum Zwecke des Austausches. [33] Damit ist auch er, was den eigenen
Konsum anlangt, auf die Produktion anderer verwiesen. Arbeitsteilung
und ein System sozialer Beziehungen sind daher notwendig. Die Mög-
lichkeit zur Lebenserhaltung ist gebunden an die Gesellschaft; der ein-
zelne muß sie nicht unmittelbar der Natur abgewinnen. Äußerliche
Zwänge können auf diese Weise also überwunden werden, aber nur
unter der Voraussetzung, daß die so geschaffenen Produkte gesellschaft-
lich nützlich sind: ihr Austausch ist allein möglich auf der Grundlage
ihres gesellschaftlichen Werts. Wichtig ist ferner, daß dabei die Arbeit
des einzelnen nur mittelbar durch den gesellschaftlichen Zusammenhang
bestimmt wird. Als Privatproduzent kann er gleichwohl entsprechend
seinem subjektiven Belieben >>diese oder jene Arbeit<< ergreifen, sofern
ihr nur überhaupt gesellschaftlicher Wert zukommt - >>sein besonderes
Verhältnis zur besonderen Arbeit ist nichtgesellschaftlich bestimmt<<. [34)
Die Emanzipation von unbefragbaren sozialen Verpflichtungen, etwa
auf angestammte Tätigkeitsbereiche, und die Befreiung von Natur-
zwängen wirken zusammen. - Dieser von Marx dargestellte Sachver-
halt führte schon im frühbürgerlichen Denken zum Begriff der bürger-
lichen Gesellschaft als einer rational organisierten, fortschrittlichen
Organisationsform menschlichen Zusammenlebens. [35] Eine solche
Vorstellung vom rationalen Charakter der modernen Gesellschaft zeigt
sich auch bei Marx, und zwar nicht nur an den Inhalten seiner Theorie,
sondern selbst an der Form ihrer Darstellung. Aus den einfachsten Gege-
benheiten des Warentausches versucht er, wie in einem aus einfachsten
Grundsätzen deduktiv ableitbaren System logischer Beziehungen, noch
die Gesetzmäßigkeit der verwickeltsten Erscheinungen kapitalistischer
Produktionsverhältnisse, wie bestimmte Mechanismen des Marktes und
ihren Zusammenhang mit der Konkurrenz der Kapitale, in der »ihrem
Begriff entsprechenden Gestalt<< zu entwickeln. [36) Eine Rationalität
des gesellschaftlichen Zustandes soll festgehalten werden, dessen Logik
klar abgrenzbar ist von der naturbedingten Kontingenz, d. h. den von
der Gesellschaft unbeeinflußten und rational unzugänglichen Zufällen
früherer Geschichte. [37) Wenn sich Benjamin daher bei seinem nach-
drücklichen Verweis auf die Bedeutung vergangener und im Lauf der
Geschichte einflußloser Phänomene auf Marx beruft, kann das der Marx-
schen Theorie gemäß sinnvollerweise nur bedeuten, daß an ihnen sich
das historische Bewußtsein bilden müsse, nicht um sie zu an sich bedeut-
samen Ereignissen zu stilisieren, sondern um sich im Bezug darauf die
Eigenart und die Erfordernisse gerade dieses fortgeschrittenen histori-
schen Zustandes und seines spezifisch modernen Potentials an rationalen
Gestaltungsmöglichkeiten der Geschichte zu verdeutlichen. Die Kritik
Zum Problem materialistischer Interpretation 13

am Fortschrittsbegriff basiert denn auch tatsächlich bei Benjamin ent-


sprechend diesem Desiderat nicht auf der Sehnsucht nach früheren Ver-
hältnissen, sondern auf der Absicht, gegenwärtige Aufgaben deutlich
zu machen. Nicht in dieser Hinsicht ist daher Benjamins Bezug auf
Marx in Zweifel zu ziehen, sondern· in Hinsicht auf die Frage, was
denn die Erinnerung an das, was in der Geschichte gerade nicht ein-
gelöst wurde, mit Marx zu tun habe, der umgekehrt allein den bestim-
menden Kräften der Geschichte Bedeutung beizumessen scheint. Denn
wenn auch nach Marx solche qualitativen Veränderungen über das
bloße Vertrauen auf den fortgeschrittenen Charakter des gesellschaft-
lichen Zustandes hinaus notwendig sind, so könnte man dennoch anneh-
men, daß sie ihmzufolge allein aus den allgemeinen historischen Ten-
denzen resultieren müßten, ungeachtet der partikularen Intentionen und
Entwürfe, deren Benjamin gedenken möchte, über die aber in Wirklich-
keit die geschichtliche Entwicklung hinweggeht.
Um die offenbleibende Frage nach dem Verhältnis beider Intentionen
der Geschichtsbetrachtung einer Beantwortung näherzubringen, wären
nunmehr die Marxschen Überlegungen zur Diskontinuität des histo-
rischen Ablaufs, zu den Bruchstellen in der Geschichte eingehender zu
betrachten. In ihnen könnte vielleicht die Erinnerung an jenes Unzeitige,
außerhalb dieser Entwicklungstendenzen Liegende seinen Sinn bekom-
men. Einen ersten Schritt auf dem Weg zur notwendigen Klärung stellt
die genauere Betrachtung der Marxschen Überlegungen zum wider-
sprüchlichen Charakter des historischen Ablaufes dar.
Genaueres über ihn läßt sich bereits aus dem bislang über die Grund-
lagen der bürgerlichen Gesellschaft Gesagten folgern. Der gesellschaft-
liche Wert nämlich, von dem oben die Rede war, wird von den Indi-
viduen, gerade insofern sie Privatproduzenten sind, nicht in der Absicht
der sozialen Nützlichkeit erarbeitet. Er ist für sie notwendiges Mittel
zum Zweck privater Lebenserhaltung. Der gesellschaftliche Charakter
der Produkte erscheint also unter diesen Bedingungen selbst als äußer-
lich gesetzte Notwendigkeit, als eine gesellschaftliche Macht, die den
Individuen fremd ist und ihnen vergegenständlicht in einem Ding, dem
Geld, das den Wert der Produkte verkörpert, gegenübertritt. Freilich
entspringt diese Naturmacht der Produktionsweise selbst. Sie ist nicht
äußere, sondern selbstgeschaffene, zweite Natur. Aber dennoch produ-
ziert nach Marx der Fortschritt der Vergesellschaftung gegenüber Natur-
abhängigkeit im Gegensatz etwa zur sozialdemokratischen Auffassung
zugleich eben eine gegenläufige Tendenz. Marx faßt diesen Umstand in
der Bemerkung zusammen, daß sosehr >>nun das Ganze [ ... ] als gesell-
schaftlicher Prozeß erscheint, und sosehr die einzelnen Momente dieser
Bewegung vom bewußten Willen und besondern Zwecken der Indivi-
duen ausgehen, sosehr [ ... ] die Totalität des Prozesses als ein objek-
14 Benjamin zur materialistischen Interpretation

tiver Zusammenhang<< erscheint, >>der naturwüchsig entsteht<< und sich


>>als verselbständigte Macht über den Individuen<< darstellt. [38]
In der Geschichte der Marxrezeption knüpfte sich an diese Einsicht
in die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft genau jene bereits referierte
Vorstellung, daß nämlich mit ihr auch schon das Gesetz zu deren Auf-
lösung erkannt sei. Eine solche Meinung und nicht nur die sozialdemo-
kratische spielte in der Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle. Zu
erinnern ist an die These vom Prozeß der >>Fäulnis<<, des >>Verfalls<< und
der >>Zersetzung<<, in dem sich die kapitalistische Gesellschaft be-
finde. [39] Dieser Prozeß garantiere der Arbeiterklasse den Sieg über
den Faschismus, der der Ausdruck einer solchen Fäulnis sei. Benjamin
ist sicherlich auch diese Vorstellung, die der kommunistischen Volks-
frontpolitik zugrunde lag, gegenwärtig, wenn er schreibt, daß gerade
eine Chance des Faschismus darin bestehe, >>daß die Gegner ihm im
Namen des Fortschritts als einer historischen Norm begegnen<<. [40]
Was die Marxsche Theorie selbst anlangt, so ist zu berücksichtigen,
was der von ihr dargestellte Sachverhalt im Gegensatz zu einem solchen
geschichtsdeterministischen Mißverständnis genau bedeutet. [41] Die
Rationalität der bürgerlichen Gesellschaft erzeugt immer notwendig
auch den gegenteiligen Umstand, daß nämlich die Freiheit ihrer Mit-
glieder zugleich durch die Herrschaft der, von ihrem Willen scheinbar
unbeeinflußbaren Verhältnisse negiert wird. Daß dieser Zustand sich
zugunsten einer befreiten Gesellschaft verändert, ergibt sich nicht
logisch. [42] Dies gilt dann, wenn man von den genannten Wider-
sprüchen überhaupt als ernst zu nehmenden Widersprüchen und nicht nur
von den noch bestehenden Zwangsverhältnissen als nur vorübergehen-
den Verzögerungen des garantierten Fortschritts sprechen will. - Diese
Schlußfolgerung deutet Marx selbst an, wenn er in bezug auf die logische
Entwicklung der Charakteristika bürgerlicher Gesellschaft betont, >>die
dialektische Form der Darstellung<< sei nur richtig, >>wenn sie ihre Gren-
zen kennt<<. [ 43] Auf den genauen Zusammenhang, in den Marx diese
Bemerkung stellt, soll unten eingegangen werden. [ 44] Zunächst heißt
dies aber: sie muß deshalb ihre Grenzen kennen, weil sie daran inter-
essiert ist, den historischen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft
aufzuzeigen, der Beweis für diesen historischen Charakter aber - im
Sinne der unabdingbaren Notwendigkeit von deren Umwälzung - wie
gesagt nicht im Sinne der Feststellung empirisch gesicherter Umwälzungs-
tendenzen zu erbringen ist. Gerade im Interesse geschichtlicher Verände-
rung muß nach dieser Feststellung von Marx daran gedacht werden, daß
das Gesellschaftssystem den Menschen ebensowohl die Möglichkeit der
Existenz verschafft als es diese jeweils auch gefährdet. Daher kann das
Bestehende sich immer von Neuern wiederholen, es kann aber auch auf-
grund der Bedrohung der einzelnen durch unkontrollierbare Mächte
Zum Problem materialistischer Interpretation 15

der Wille entstehen, den vorhandenen Zustand zu verändern. Die Dar-


stellung dessen, was der bürgerlichen Gesellschaft allgemein zugrunde
liegt, ist indifferent gegenüber den konkreten historischen Bedingungen,
die erfüllt sein müssen, damit die mögliche Umwälzung wirklich wird -
und darin liegen ihre Grenzen. Marx weist deshalb darauf hin, daß er
bei dieser Darstellung nur den »idealen Durchschnitt<< der kapitalisti-
schen Produktionsweise erfassen könne. Die konkreten empirischen Ver-
hältnisse, >>die wirkliche Bewegung der Konkurrenz<< liegen >>außerhalb
[des] Plans«. [ 45]. Es ist eine Unzahl historischer Ereignisse denkbar,
die jenseits der genannten Grenzen der Darstellung liegen und letztlich
darüber entscheiden können, ob die gegenwärtige historische Aufgabe
gelöst werden wird. Was nicht logisch ableitbar ist, sondern erst in sei-
ner besonderen Relevanz aktuell zu interpretieren wäre, erhält so ent-
scheidende Bedeutung. In ihm können >>Einbruchsstellen der lebendigen
Geschichte ins naturhaft erstarrte System« liegen. [46] Berücksichtigt
man also diese Überlegungen, so kann die Marxsche Theorie als das
genaue Gegenteil eines starren Evolutionsmodells als Interpretations-
basis historischer Prozesse gelesen werden. Genau in diesem Zusammen-
hang wird dann auch erst die Frage sinnvoll, wie für die einzelnen, die
nun nicht mehr lediglich als funktionale Momente in der Reproduktion
oder der Fortentwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse vorgestellt
werden dürfen, ein adäquates Bewußtsein der gegenwärtigen Situation
zu gewinnen sei. Was Marx als die >>Bildungselemente« [ 47] bezeichnet,
die notwendig seien, um die geschichtliche Aufgabe in den Blick zu
rücken, steht zur Diskussion. [ 48] Zur Diskussion steht damit auch
erneut, ob es im Sinne der Marxschen Theorie sein kann, diese Bildungs-
elemente durch die Erinnerung an das erreichen zu wollen, was in der
Geschichte nicht zur Geltung gekommen ist. Denn nach Benjamin sollte
ja die Gegenwart dadurch als >>Jetztzeit« erkennbar werden, daß man
sich an den historisch scheinbar überholten überschuß über das allge-
mein in der Geschichte Verbindliche erinnerte. Nicht, wie es naheläge,
sollte sich das gegenwärtige Bewußtsein lediglich über den wahren Cha-
rakter des aktuellen historischen Zustandes und den in den sozialen
Gesetzmäßigkeiten angelegten Möglichkeiten Rechenschaft ablegen. Es
hätte sich zumindest auch an dem Gedächtnis an Früheres zu kristalli-
sieren. Daher jener eigentümliche Akzent, den Benjamin bei der Kritik
der historistischen Kulturgeschichte setzte. Ihmzufolge ist diese Kritik
eine wesentliche Aufgabe des historischen Materialisten, eben weil diese
Geschichtsschreibung eine solche Erinnerung verhindert. Offen bleibt
aber, ob die erinnerten, durch den Gang der Geschichte unscheinbar
gewordenen Momente nicht tatsächlich nur als dessen bloße Momente
erklärbar sind, ohne einen unverzichtbaren und im historischen Kon-
tinuum unauflösbaren überschuß an Bedeutungen. Denn sich an den
16 Benjamin zur materialistischen Interpretation

fortgeschrittensten historischen Möglichkeiten zu orientieren und sie sich


bewußt zu machen bleibt Desiderat der Marxschen Theorie. Würde
dann aber die Akzentuierung des Vergangenen nicht auf eine Revision
des geschichtlichen Wissens hinauslaufen? Dies eben weil dieses Ver-
gangene kein konstitutives Moment des historischen Prozesses wurde;
eines Prozesses, der zwar widersprüchlich ist, aber dennoch die Bedin-
gungen eines künftigen Gesellschaftszustandes schafft? Wäre »Jetztzeit<<
im Sinne der Marxschen Theorie demgegenüber nicht eher eine Katego-
rie, die auf die Aktualisierung des noch nicht Geschehenen abz:elt
anstatt auf die des Gewesenen?
Ein historisches Beispiel für das Bewußtsein von der Gegenwart, nicht
Übergang und damit Moment im geschichtlichen Gleichlauf zu sein,
liefert für Benjamin Robespierre. Ihm war »das antike Rom eine mit
Jetztzeit geladene Vergangenheit, die er aus dem Kontinuum der Ge-
schichte heraussprengte<<. [49] Marx sagt von derselben bürgerlichen
Revolution und ihren >>Gladiatoren<<, sie hätten >>in den klassisch stren-
gen Überlieferungen der römischen Republik die Ideale und Kunst-
formen, die Selbsttäuschungen<< gefunden, >>deren sie bedurften, um den
bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu verbergen
und ihre Leidenschaften auf der Höhe der großen geschichtlichen Tra-
gödie zu halten<<. [50] Zwar war nach Marx jene Revolution von
1789 keineswegs nur wie 1848 die Parodie einer Revolution, deren
farcenhafte Geste, ohne an den Verhältnissen grundlegend etwas zu
ändern. Ihre Aufgabe war es vielmehr, die Bedingungen für die Ent-
faltung der bürgerlichen Gesellschaft gegen den Feudalismus durchzu-
setzen. [51] Gleichwohl indiziert Marx zufolge gerade die Erinnerung
den beschränkten Inhalt auch jener Revolution. Sie >>drappierte sich
abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum<< [52],
um durch den Anspruch weltgeschichtlicher Größe den Zweifel an ihrer
Verwirklichung zu ersticken. Denn faktisch war die grundlegende Ver-
änderung, die so bewerkstelligt wurde, doch nur eine Veränderung im
Rahmen zwar nicht bestehender Klassenverhältnisse, aber doch des Kon-
tinuums von Klassenherrschaft überhaupt. Das Pathos welthistorischer
Erinnerung verdeckte den prosaischen Sachverhalt. Wahre Jetztzeit wird
nach Marx erst denkbar, wenn auf der Basis der so etablierten bürger-
lichen Gesellschaft deren eigene Umwälzung und damit der Br~ch mit
dem Kontinuum von Klassenherrschaft grundsätzlich bewerkstelligt
wird. Dann aber gilt auch, daß >>die soziale Revolution [ ... ] ihre
Poesie nicht aus der Vergangenheit<< schöpft, »sondern nur aus der Zu-
kunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aber-
glauben an die Vergangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen
bedurften der weltgeschichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren
eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten Jahr-
Zum Problem materialistischer Interpretation 17

hunderts muß die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eig-
nen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier
geht der Inhalt über die Phrase hinaus.<< [53]
An anderer Stelle betont Marx zwar, daß in bezug auf die Kunst das
Vergangene - hier die Werke der griechischen Antike - auch heute
noch bedeutsam seien, aber nicht weil sich in ihm ein Sinnbestand ver-
birgt, dessen Aktualität im Zusammenhang mit den praktischen Auf-
gaben der gegenwärtigen historischen Situation irgendeine Rolle spielte.
In Anlehnung an Schillers und Hegels Überlegungen zum Verhältnis
von Kunst und gesellschaftlicher Praxis kann es vielmehr genossen wer-
den als Zeugnis der »Kindernatur« der Menschheit - unverzicht-
bar [54], weil in seiner Erinnerung die Vorstellung vom Ideal einer
unmittelbaren Einheit von Natur und Geist wach wird, aber eben als
Kunst, entsprechend der >>Naivetät des Kindes«, nicht belastbar mit der
Zumutung aktueller praktischer Verbindlichkeit. [55] Nur in dieser,
von dem spezifischen Charakter der Gegenstände geprägten Erinnerung
also bleibt der kausal-erklärende Rückbezug auf die zugrunde liegenden
Produktionsverhältnisse ausgespart. Nur in diesem Zusammenhang
bleibt die Aktualität des Vergangenen - resistent gegenüber dem Fort-
gang der Geschichte - erhalten. Zwar zeigt sich darin Marxens Bewußt-
sein davon, daß nicht sinnvollerweise alle Momente der historischen
Realität durch einen solchen Ableitungszusammenhang erfaßt werden
können. [56] Der Benjaminsehe Geltungsanspruch des historisch In-
aktuellen für revolutionäres Bewußtsein jedoch ist durch Marxens Be-
merkung nicht abgedeckt. Denn Benjamin macht sich jene Einschränkung
in der Frage der Aktualisierbarkeit des Vergangenen nicht zu eigen.
Zwar kommt bei ihm in diesem Zusammenhang den ästhetischen Phä-
nomenen vor allem in ihrer modernen Gestalt eine besondere Bedeutung
zu, aber eben nicht als praktisch unverbindliche und historisch nicht
tragfähige Problemlösung, sondern als Modell einer Erfahrung von der
Geschichte als Jetztzeit, welche historisch relevant zu werden vermag.
Dies soll, wie in den folgenden Abschnitten der vorliegenden Arbeit
gezeigt werden wird, nicht im Sinne einer romantischen Zurücknahme
der Beschäftigung mit geschichtlichen Fragen in die ästhetische Utopie
verstanden werden. Es soll vielmehr als Erweiterung eines materiali-
stischen Begriffs von der Geschichte gedacht werden können. Angesichts
dieses ~ r ch fällt die Schranke, die von der idealistischen Philosphie
und im Anschluß daran von Marx zwischen der Kunst und den übrigen
historischen Erscheinungen hinsichtlich des Problems der Aktualität des
Vergangenen errichtet wurde. Jene Einschränkung der Aktualisierbar-
keit auf die Kunst liefert mithin ·gerade keine Antwort auf die Frage,
wie die Benjaminsehe und die Marxsche Geschichtsphilosophie zur Dek-
kung zu bringen wären. Eben weil aber diese Eingrenzung für Benjamin
18 Benjamin zur materialistischen Interpretation

nicht verbindlich ist, muß das entfaltete Aktualitätsproblem vorläufig


als Fragestellung nach sinnvollen Möglichkeiten und Aufgaben des Ge-
schichtsverständnisses im allgemeinen und ohne Spezifizierung in Hin-
sicht auf bestimmte Gegenstände weiter behandelt werden.
Benjamin vergleicht nun - um auf das oben diskutierte Beispiel zu-
rückzukommen - Robespierres Konstruktion einer >>Jetztzeit<< freilich
selbst mit der Mode, die gleichfalls >>die Witterung für das Aktuelle<<
habe, »WO immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tiger-
sprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die
herrschende Klasse kommandiert.<< Dennoch sei auch die proletarische
Revolution ein solcher >> Tigersprung<<, wenn er auch >>unter dem freien
Himmel der Geschichte<< stattfinde. [57] Die Rückerinnerung ist unent-
behrlich. Durch die Aktualisierung des Vergangenen erst, so könnte man
den Gedanken weiterführen, erhalten die historisch Handelnden eine
Vorstellung von der Geschichte, in der das in ihr Verborgene ans Licht
tritt, und die zur Einsicht führt, daß der geschichtlichen Kontinuität
nur scheinbar Notwendigkeit zukommt. Die Erinnerung ans antike Rom
ist dann auch kein Zitat gemäß den üblichen Vorstellungen über die
Weltgeschichte, sondern entdeckt eine Bedeutsamkeit und Verbindlich-
keit früherer Intentionen, die dem Historiker bislang entgangen war.
Dies wohl ist gemeint, wenn Benjamin von einer geheimen »Verabre-
dung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem« spricht. [58]
Die Geschichte in dieser Weise »gegen den Strich« bürsten zu können
[59] wäre dann das untrügliche Zeichen dafür, daß man ihre Konti-
nuität aufzubrechen versteht. - Exakt das Gegenteil beweist die Rück-
erinnerung nach Marx. [60] Dafür finden sich Gründe in Marxens
systematischen Überlegungen zum historisch Vergangenen, und zwar
selbst dann, wenn man sie als Beleg für die bisherige antievolutionisti-
sche Auffassung seiner Theorie interpretiert. In der Einleitung zu den
Grundrissen der Kritik der politischen Okonomie geht Marx näher auf
das Verhältnis seiner Darstellung der kapitalistischen Gesellschaft zu
früheren historischen Ereignissen ein. Dort heißt es, daß es für diese
Darstellung >>untubar und falsch<< wäre, >>die ökonomischen Kategorien
in der Folge aufeinanderfolgen zu lassen, in der sie historisch die bestim-
menden waren. Vielmehr<< sei >>ihre Reihenfolge bestimmt durch die
Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufein-
ander haben, und die genau das umgekehrte von dem ist, was als ihre
naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung ent-
spricht<<. [61] So erscheint zwar >>nichts [... ] naturgemäßer als mit
[ ... ] dem Grundeigentum« zu beginnen, »da es an die Erde, die
Quelle aller Produktion und allen Daseins, gebunden ist, und an die
erste Produktionsform aller einigermaßen befestigten Gesellschaften -
die Agrikultur. Aber nichts wäre falscher«. [62] In der bürgerlichen
Zum Problem materialistischer Interpretation 19

Gesellschaft nämlich wird die Agrikultur >>mehr und mehr ein bloßer
Industriezweig und ist ganz vom Kapital beherrscht<<. Und: >>Das Kapi-
tal<<, in dem sich die Aneignung und Vermehrung des Werts manifestiert,
>>ist die alles beherrschende ökonomische Macht der bürgerlichen Gesell-
schaft. Es muß Ausgangspunkt, wie Endpunkt bilden und vor dem
Grundeigentum entwickelt werden<<. Wichtig dabei ist, daß sich diese
methodische Forderung nicht nur auf die Gegenwart, entsprechend deren
eigentümlicher struktureller Ordnung, bezieht. Vielmehr liefert gerade
die Kenntnis des für sie charakteristischen Zusammenhanges der öko-
nomischen Kategorien auch das Kriterium an die Hand, wie die vor-
bürgerlichen sozialen Zustände begriffen werden müßten. Denn zunächst
ist in >>allen Formen, worin das Grundeigentum herrscht, die Natur-
beziehung noch vorherrschend. In denen, wo das Kapital herrscht, das
gesellschaftlich, historisch geschaffene Element<<. [63] Wenn nun aber
jene Gesellschaftsformen, in denen die Naturbeziehung noch vorherr-
schend ist, erfaßt werden sollen, ergibt sich das Problem, nach welchen
Kriterien dies zu geschehen habe. Ihre Geschichte begegnet uns in einer
Vielzahl überlieferter Ereignisse, die es, um sie verständlich zu machen,
zu ordnen gilt. Die Ordnung aber wird nach Marx eine sein müssen, die
von der Mannigfaltigkeit der Naturgegebenheiten, ihren lediglich kon-
statierbaren Zufällen, abstrahiert, um zu einem Begriff von den in
Frage stehenden Gesellschaften zu gelangen. Die Möglichkeit dieser
Abstraktion ist ihrerseits gebunden an einen historischen Entwicklungs-
stand, in dem die Gesellschaft bestimmend gegenüber der Natur ist;
Zufälligkeiten, die einer von den Menschen gemachten Geschichte äußer-
lich sind, müssen im Begriff sein, überwunden zu werden. Die Katego-
rien, die die Verhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft ausdrücken,
gewähren daher >>Zugleich Einsicht in die Gliederung und Produktions-
verhältnisse aller der untergegangnen Gesellschaftsformen [ ... ] In der
Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die
Andeutungen auf Höhres [ ... ] können [ ... ] nur verstanden werden,
wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.<< [64] Dies gilt - um nur
ein Beispiel zu geben - für die >>naturwüchsige Stammgemeinschaft<<
auf der Grundlage kooperativer Bearbeitung von Grund und Boden.
>>Die wirkliche Aneignung durch den Prozeß der Arbeit geschieht unter
diesen Voraussetzungen<<, nämlich eben des naturgegebenen Grund und
Bodens und des jeweiligen Gemeinwesens, das für den einzelnen ebenso
naturgegebene Institution für die Sicherung des Daseins ist. Die Vor-
aussetzungen sind mithin nicht Produkt der Arbeit, wie das in der bür-
gerlichen Gesellschaft für das technische Potential als Voraussetzung
kapitalistischer Produktion gilt. [ 65] Die Arbeit vielmehr ist >>mit dem
Individuum in einer Besonderheit verwachsen<< [ 66]; sie sind als Indi-
viduen in ihrer Produktionsweise und in ihren sozialen Beziehungen
20 Benjamin zur materialistischen Interpretation

noch natürlich bestimmt »von verschiedneo äußerlichen, klimatischen,


geographischen, physischen etc. Bedingungen sowohl, wie von ihrer
besondren Naturanlage«. [67) Diese Umstände als Vorstufe des gesell·
schaftlieh bewußten Prozesses der Naturaneignung und damit als
geschichtlichen Sachverhalt in Absehung aller unbeeinflußbaren Kontin-
genz naturbestimmten Lebens überhaupt erst begreifen zu können, ist
gebunden an das Bewußtsein einer Gesellschaftsform, >>worin die Indi-
viduen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehen und die
bestimmte Art der Arbeit ihnen [... ] gleichgültig ist<<. (68] Erst ein
solcher Begriff von Arbeit, >>Arbeit überhaupt«, »Arbeit sans phrase«,
macht die Abstraktion von naturgegebenen Zufälligkeiten möglich, die
nach Marx Voraussetzung für eine historische Betrachtungsweise ist.
Erst so ist es möglich, jene Kooperationsform als erste, wenn auch bor-
nierte Voraussetzung der Aneignung der objektiven Bedingungen
menschlichen Lebens zu erkennen. Vergangenheit wird also unter dem
Aspekt des modernen Entwicklungsstandes betrachtet. [ 69) Die Klar-
heit über den systematischen Zusammenhang der Konstituenten bürger-
licher Gesellschaft liefert den Bezugspunkt.
So gesehen wäre auch nach Marx die Geschichte in einem gewissen
Sinn gegen den Strich zu bürsten, insofern nämlich als erster der heutige
Betrachter ihre wesentlichen Momente erkennen und sie dem Bildungs-
prozeß der Menschengattung zuordnen kann, welcher in einer bewußt
gemachten Geschichte terminieren soll. Ganz ähnlich bemerkt Benjamin,
daß >>durch die fortschreitende Emanzipation des Menschengeschlechts«
dieses instand gesetzt werde, »seiner eigenen Geschichte immer geistes-
gegenwärtiger in das Auge« zu sehen. [70) Dennoch bleibt der Unter-
schied: nach Benjamin wären Fehlentwicklungen in Rechnung zu stellen;
das Geschehene müßte daraufhin befragt werden, inwieweit es auf
Kosten von nunmehr verschütteten Bedeutungsgehalten ging. - Marx
führt zwar seine Überlegungen zum Verhältnis, in dem die Einsicht
in geschichtliche Ereignisse zu der in das gegenwärtige gesellschaftliche
System stehen, noch weiter aus. Sie verdeutlichen aber entsprechend dem
dargestellten Ansatz nur den Unterschied zu Benjamin.
Zunächst ist das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit, wie es für
die bürgerliche Gesellschaft grundlegend ist, nach Marx das Resultat
eines langwierigen historischen Prozesses in der ökonomischen Gestal-
tung der Gesellschaft. Gemeint ist damit, daß es selbst historisch-zufällige
Voraussetzungen hat, die von ihm nicht produziert wurden. Der histo-
rische Ablauf kann demnach nicht als bruchlose, logisch gänzlich rekon-
struierbare Abfolge gedacht werden - gerade auch hier wäre an jene
Grenzen der dialektischen Form der Darstellung zu erinnern. Diese Ein-
sicht ist nach Marx zu berücksichtigen bei der Darstellung der Katego-
rien, welche für die bürgerliche Gesellschaft grundlegend sind. So soll
Zum Problem materialistischer Interpretation 21

zu Beginn dieser Darstellung aus dem einfachen Warentausch das Kapi-


talverhältnis abgeleitet werden. Der Geldbesitzer, dem daran gelegen
ist, seinen Reichtum und die damit gegebene gesellschaftliche Macht zu
vermehren, muß logisch gesehen gegen sein Geld eine Ware eintauschen,
bei deren Konsum ihr Wert nicht verschwindet, sondern selbst wiederum
Wert produziert wird. Diese Ware aber ist die freie Lohnarbeit; frei
insofern, als der Lohnarbeiter nicht an bestimmte Produktionsbedingun-
gen gebunden ist und so seine Arbeitskraft dem Kapitalisten verkaufen
kann. [71] Dieser läßt durch die Anwendung der Arbeitskraft im
Produktionsprozeß den Wert wieder herstellen, den er für den Kauf
der Ware vorgeschossen hat, und er läßt ihn mit ihrer Hilfe vermehren.
Die Existenz des freien Lohnarbeiters aber ist nun selbst das Ergebnis
eines historischen Prozesses. Sie setzt die Auflösung anderer Gesellschafts-
formationen, nämlich die der Bindung des Arbeitenden ans Grundeigen-
tum voraus. Sie hat also Bedingungen, welche der Rationalität des Pro-
duktionsprozesses äußerlich sind. Die Entstehung des bürgerlichen Ver-
hältnisses von Lohnarbeit und Kapital kann so gesehen nicht in der
gleichen Weise logisch deduziert werden wie der Funktionsmechanismus
dieses Verhältnisses, wenn die historischen Bedingungen dafür einmal
gegeben sind. Wichtig ist nun aber für Marx über die Feststellung der
so gegebenen Grenzen der dialektischen Darstellung hinaus folgende
weitergehende Überlegung: betrachtet man diese Voraussetzungen [72]
der kapitalistischen Produktionsweise, die dem Kapital äußerlich sind
und aufgrund einer Kette von zufälligen Umständen zustande kamen,
einmal als gegeben, so werden sie aber schließlich vom Kapitalverhältnis
als herrschende Form gesellschaftlicher Produktion selbst geschaffen.
Denn insofern der für den Kapitalisten produzierende Arbeiter ein
größeres Wertquantum herstellt als für den Kauf seiner Arbeitskraft
verausgabt werden mußte, produziert und reproduziert er zugleich jene
Werte, die in der Hand des Kapitalisten die Produktionsbedingungen
darstellen und von denen er als Arbeiter, als Nicht-Kapitalist, immer
aufs Neue getrennt ist. [73] Das Kapital geht also »nicht mehr von
Voraussetzungen aus, um zu wer,den, sondern ist selbst vorausgesetzt,
und von sich ausgehend, schafft [es] die Voraussetzungen seiner Erhal-
tung und Wachstums selbst<<. [74] Sind mithin jene >>Grenzen der
dialektischen Form der Darstellung<< in diesem Zusammenhang zu
beachten [75], weil das Kapitalverhältnis durch nicht notwendig ein-
tretende historische Umstände bedingt ist, so hebt es diese Bedingungen
als ihm äußerliche im Prozeß seiner Durchsetzung gerade auf. Dann
aber herrscht die Tendenz, das Kontingente in der Geschichte auszuschal-
ten. Dann auch sind die Ereignisse zunehmend unbeeinflußbar durch
Momente, die nicht zu den notwendigen Voraussetzungen gesellschaft-
licher Reproduktion zählen. Das Gewesene verliert an Bedeutung ange-
22 Benjamin zur materialistischen Interpretation

sichts des fortgeschrittenen Stands der Geschichte. Bruchstellen in ihr,


die vorstellbar sein müssen, wenn der Gedanke an ihre Veränderung
Sinn haben soll, sind allein in den Resultaten eben dieses Prozesses selbst
zu suchen. Marx demonstriert dies, wenn er zeigt, daß das Kapital, auch
wenn es seine Voraussetzungen selbst schafft, dies nicht als Kapital im
Sinne einer dem Kapitalisten gehörigen Summe von Werten aus eigener
Kraft zu leisten imstande ist, sondern nur als Kapitalverhältnis, als
Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit also. Damit schafft es nach Marx
zugleich die Voraussetzungen für seine Überwindung. Denn das Kapital
setzt sich als Repräsentant bürgerlicher Produktionsweisen allein die
Vermehrung des gesellschaftlichen Werts zum Ziel, ohne durch natür-
liche Beschränkungen, wie eine bestimmte stoffliche Qualität der Pro-
dukte, auf die es festgelegt wäre, oder aber auch durch das Minimum
an Mitteln zur Lebenserhaltung der Arbeitskräfte in seiner Wertproduk-
tion beschränkt sein zu wollen. Die Arbeiterklasse als Voraussetzung
der Produktion ist ihm daher zugleich ein Hindernis. [76] Die so ent-
stehenden Antagonismen stellen mit der Reproduktion kapitalistischer
Verhältnisse diese zugleich immer in Frage. Der Abbruch eines gleichför-
migen Fortgangs der Geschichte wird als Möglichkeit von ihren wesent-
lichen Kräften selbst produziert. »Erscheinen<< daher >>einerseits die vorbür-
gerlichen Phasen als nur historische, i. e. aufgehobene Voraussetzungen,
so die jetzigen Bedingungen der Produktion als sich selbst aufhebende
und daher als historische Voraussetzungen für einen neuen Gesell-
schaftszustand<<. [77] - Allein durch die Bedingungen, die von den
allgemeinen historischen Tendenzen selbst geschaffen werden und
durch nichts, was ihnen fremd wäre, kann - dies wird hier nochmals
bekräftigt - die reale historische Kontinuität gesprengt werden. Die
Vorgeschichte würde dann abgeschlossen in einem Zustand der Jetzt-
zeit, nicht aber in der Weise gegen den Strich gebürstet, daß in ihr
r~ r aktualisierbare, jenen wesentlichen Kräften inkommen-
surable Dispositionen sichtbar würden. - >>Die Geschichte in allem
was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat<< zu
erinnern ist hingegen nach einer früheren, noch nicht marxistisch orien-
tierten Arbeit Benjamins die Aufgabe des Interpreten. [78] Der An-
spruch, der von ihm später an den historischen Materialisten gestellt
wird, entspricht dem.
Benjamins Argumente gegen den Historismus richteten sich gegen
eine Ästhetisierung der Geschichte. Die Problematik, die ihre Betrach-
tung als ein Kontinuum in sich geschlossener und vollkommener Ver-
gangenheitsmomente birgt, sollte erwiesen, der Neutralisierung der
Historie zur Kulturgeschichte begegnet werden. Unter dem Gesichts-
punkt der von Benjamin reklamierten Marxschen Theorie ließe sich
aber sagen, daß auch Benjamin selbst sich der Gefahr einer solchen
Zum Problem materialistischer Interpretation 23

Ästhetisierung aussetzt. Das Wissen um die objektiven Bedingungen


der Möglichkeit gegenwärtigen geschichtlichen Handeins droht nämlich
vernachlässigt zu werden, wenn die Rettung des Geschehenen durch
seine Aktualisierung angestrebt wird, ohne daß es mit den herrschenden
historischen Tendenzen in Übereinstimmung zu bringen wäre. Geschichte
wird zum Material imaginativer, von der Verpflichtung auf historische
Richtigkeit entbundener Vorstellung. Denn was anderes heißt es, wenn
Benjamin dem Vergangeneu Bedeutung und mögliche Verbindlichkeit
für die Gegenwart zuschreibt, gerade insofern die historische Entwick-
lung darüber hinweggegangen ist? Heißt es nicht, ihm eine Spontaneität
gerade gegenüber diesem Entwicklungsgang und den ihn bestimmenden
Kräften zuzuschreiben, die ihm der Marxschen Theorie zufolge nicht zu-
kommen kann? Das von Benjamin herangezogene Engelszitat sollte die
Argumente gegen den Historismus liefern. Wäre es so gesehen nicht aber
auch gegen Benjamins Auffassung von Geschichte selbst zu wenden, da
auch in ihr die Tendenz sich entgegen dem eigenen Anspruch abzuzeich-
nen scheint, historische Erscheinungen gegen ihren Rückgang auf das
gesellschaftlich Bestimmende zu immunisieren? - Nach dem, was bis-
her dargelegt wurde, nimmt sich die von Benjamin befürwortete Weise
historischer Interpretation so aus, als könne man von einem schon
erreichten Zustand tatsächlich geglückter, ans Ziel gelangter und damit
strenggenommen beendeter Geschichte aus den Blick zurückwerfen. Von
alldem in der Vorgeschichte der Menschheit an Glücksintentionen Unter-
drückten zeigte sich dann, daß es sich in der Geschichte letztlich doch
durchgesetzt hat und würde im Nachhinein als die ihr wesentliche Ten-
denz sichtbar. Nur wenn dieser Standpunkt des Interpreten eingenom-
men werden darf, könnte man, ohne mit der Marxschen Theorie zu
kollidieren, über sie als eine Theorie unter Bedingungen noch nicht
vollendeter Geschichte hinausgehen und bräuchte nicht nur die wider-
sprüchliche Entwicklung festhalten, in der sich der Bildungsprozeß der
Gattung durchsetzt. Anders aber verfehlte die Geschichtsbetrachtung
die durch diese Widersprüche erzeugte unaufgelöste Spannung, die den
geschichtlichen Prozeß in Gang hält. Dann aber verlöre auch Benjamins
eigener Anspruch an Geltung, nämlich die Berücksichtigung der Brüche
in der geschichtlichen Entwicklung gegenüber einem dogmatischen Evolu-
tionismus als ein fruchtbares Motiv eben des historischen Materialismus
zu akzentuieren. Das Interesse am Verständnis für geschichtliche Phäno-
mene, die sich einer solchen Entwicklung sperrten, erwiese sich in der Tat
als ein der Marxschen Theorie gegenüber apokryphes Motiv. Ein solcher
Mangel an Vermittlung der sachlichen Implikate eigener Interpretations-
absichten ist im folgenden als möglicher Anlaß zur Kritik an Benjamin
zu berücksichtigen.
24 Benjamin zur materialistischen Interpretation

Freilich wäre an dieser Stelle eine solche Kritik noch nicht hinreichend
begründet. Denn die Gefahr aufzuzeigen, in die sich Benjamin begibt,
heißt nicht, gezeigt zu haben, daß er ihr erliegt. Es kann sogar ange-
nommen werden, daß Benjamin diese Gefahr bewußt eingeht. - Zu-
nächst läßt sich das spezifische Interesse an historischer Interpretation,
das eine solche Gefahr birgt, über seine bisherige programmatische For-
mulierung hinaus in seiner Relevanz gerade auch für den historischen
Materialismus noch näher bestimmen. Geht man nämlich davon aus,
daß die wachsende Selbständigkeit des gesellschaftlichen Lebens gegen-
über äußerer Natur erkauft ist mit der zunehmenden Verselbständigung
der Mittel, die eine solche Vergesellschaftung ermöglichen, so ist auch
zu berücksichtigen, wie sich dies auf die Erfahrungsmöglichkeiten der
Individuen auswirkt. Die technischen Potenzen der Naturaneignung und
die gesellschaftlichen Mechanismen ihrer Anwendung und der Distribu-
tion ihres Ertrags entziehen sich dem Überblick des einzelnen und stellen
sich ihm als undurchdringlicher Naturzusammenhang dar. D. h., daß die-
jenigen Momente der Wirklichkeit, die der einzelne auf sich und seine
Dispositionsmöglichkeiten beziehen kann, aus dem Bereich öffentlichen
Lebens ausgegliedert und damit privatisiert werden. Je mehr es der
Gesellschaft gelingt, sich als Subjekt gegenüber der Natur zu behaupten,
desto weniger gelingt es den Gesellschaftsmitgliedern, die Welt als
unmittelbar erfahrbare dem Erlebnisbereich und dem diesen entspre-
chenden Interpretationshorizont zugänglich zu machen. Anders gesagt
schafft die gesellschaftliche Entwicklung zum einen in wachsendem Maß
die Voraussetzungen für ein Gelingen solcher Welterfahrung, zum ande-
ren aber entfernt sie sich zunehmend von der wie immer auch einge-
schränkten und durch Naturgegebenheiten bedingten früheren über-
schaubarkeit und unmittelbaren Erfahrbarkeit des sozialen Da-
seins. [79) - Wenn nun aber im Interesse an gesellschaftlicher Ver-
änderung nicht nur deren allgemeine Voraussetzungen begrifflich auf-
gezeigt werden sollen, sondern auch ein Potential geschaffen werden soll,
das darin besteht, in der modernen alltäglichen Lebenspraxis den Willen
zur Veränderung der Verhältnisse zu wecken, so dürfte gerade der Man-
gel an Erfahrungen, welche den öffentlichen Bereich des Lebens umfassen,
ein Hindernis sein. Denn die Veranlassung zu gesellschaftlichen Innova-
tionen und die Vorstellungskraft ihres Sinns und ihrer Möglichkeit
können zumindest Benjamin zufolge offenbar nicht allein gespeist wer-
den von einem wissenschaftlichen Bewußtsein, das von den konkreten
Lebensumständen und vom unmittelbaren Erlebnisbereich des einzelnen
abstrahieren muß. [80) Und eben dies ist der Grund, weshalb das
Bewußtsein von der Geschichte als einer Jetztzeit die Reaktualisierung
von Erfahrungsgehalten zur Voraussetzung hat, die im Verlauf der
Geschichte verlorengegangen sind. Dies kann durchaus im Sinne des
Zum Problem materialistischer Interpretation 25

historischen Materialismus verstanden werden. Eine mit ihm inkommen-


surable Ästhetisierung der Geschichte braucht bei Benjamin zumindest
als Intention nicht angenommen zu werden - soll doch so ein Beitrag
dafür geleistet werden, daß die von ihm formulierten Aufgaben erfüllt
werden können.
Berücksichtigt man dies, so zeigt sich der Grund, warum es Benjamin
nicht sinnvoll erschienen sein mag, der vorher benannten Gefahr etwa
durch den Verzicht auf ein solches Interpretationsmotiv aus dem Weg zu
gehen. Benjamins geschichtsphilosophische Überlegungen geben darüber
hinaus Hinweise auf die Berücksichtigung der damit verbundenen Pro-
blematik. Sie entstand durch das Mißverhältnis zwischen dem begriff-
lich dargestellten objektiven Gang der Geschichte und dem Interesse
an dem daran gemessen Unbedeutenden. Benjamin selbst nun verweist
darauf, daß die Gefahr, die geheime Verabredung zwischen Vergangen-
heit und Gegenwart im Bereich willkürlicher Spekulation zu belassen,
strenggenommen nur dann ausgeschaltet wäre, wenn jenes Unbedeu-
tende so betrachtet würde, als wäre es in Wahrheit selbst das eigentlich
für den Geschichtsverlauf Bedeutende. Solche, auch der Marxschen Theo-
rie verborgene Zusammenhänge wären nach Benjamin als »Monade« zu
denken. [81] Im heute unzeitig Erscheinenden wäre dann genau wie
in einer Monade >>der gesamte Geschichtsverlauf aufbewahrt [ ... ] und
aufgehoben<<. [82] Dem Blick des Historikers, der es vor dem Verges-
sen bewahren möchte, zeigte sich in ihm - in Anknüpfung an Leib-
niz [83] - das Bild der ganzen Welt. Gerade was überholt und un-
scheinbar dünkt, erwiese sich als verbindliches und wirksames Moment
in der Geschichte. Gleichwohl weiß Benjamin, daß, wie er es ausdrückt,
>>erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf<< zufällt. [84]
Erst wenn die Herbeiführung des Endes des unheilvollen Zustandes
selbst gelungen ist, können sich heute kaum mehr ins Gewicht fallende
und erst zu reaktualisierende Erfahrungsgehalte als diejenigen erweisen,
die durch die wahren Tendenzen der Geschichte geprägt sind; die Ge-
schichte würde wie gesagt von ihrem geglückten Abschluß her betrach-
tet. In den Gegenständen der Interpretation monadologischer Konstel-
lationen gewahr zu werden, setzt nach Benjamin daher eine >messia-
nische Stillstellung des Geschehens< voraus. [85] Sie wird notwendig im
»Augenblick einer Gefahr<< [86], nämlich der, daß unentbehrliche
Erfahrungspotentiale für die historischen Aufgaben verlorengehen. [87]
Theologie tritt dem historischen Materialismus an die Seite, um in seinem
Sinne wirksam zu werden, aber jenseits dessen, was er angesichts seiner
methodischen Grenzen für das Geschichtsbewußtsein leisten kann. Ben-
jamin hat dieses Verhältnis von Marxscher Theorie und Theologie, wie
es sich seinem Verständnis darstellt, in der r~ seiner geschichtsphilo-
sophischen Thesen in einem Bild festgehalten:
26 Benjamin zur materialistischen Interpretation

Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert ge-


wesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge er-
widert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer
Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem ge-
räumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion
erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein
buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der
Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegen-
stück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man
>historischen Materialismus< nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem auf-
nehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich
klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen. [88]

Auffällig ist die Spannung, die zwischen dem Bild und Benjamins
Auslegung besteht. In dieser Auslegung soll die Puppe den Zwerg in
ihren Dienst nehmen, jenes Bild legt das umgekehrte Verhältnis als
Interpretation nahe: der häßliche Zwerg, der sich »nicht darf blicken
lassen<<, bedient sich der Puppe, um seine Überlegenheit zur Geltung
zu bringen. Er verfügt über jene Puppe, lenkt ihre Hand an Schnüren.
Die Souveränität der Theologie gegenüber dem historischen Materialis-
mus, so darf man folgern, ist in ihrer Fähigkeit begründet, über dessen
Grenzen hinaus zur Einsicht fähig zu sein. Gleichwohl kann sie das
sinnvoll nur, wenn sie sich dem Interesse des historischen Materialismus
zugleich unterordnet. Denn nur dann ist sie im Rahmen einer Geschichts-
philosophie jenseits bloßer, geschichtstheoretisch unkontrollierbarer,
metaphysischer Axiome überhaupt fruchtbar zu machen. Umgekehrt ist
der historische Materialismus von der Theologie abhängig, um in seinem
Interesse bedeutsame Erkenntnisse gewinnen zu können, ohne sich doch
ihr unterordnen zu dürfen. Im Bezug beider Aspekte der Geschichte
aufeinander bleibt doch die Spannung zwischen ihnen erhalten. Sie
ergänzen sich nicht harmonisch, sondern auf paradoxe Weise. Die Theo-
logie als Partner der Marxschen Theorie sprengt zugleich auch deren
Rahmen und umgekehrt. Die Marxsche Theorie ist als Geschichtstheorie
selbst historisch gebunden; als Theorie der Vorgeschichte der Mensch-
heit hat sie deren bestimmende Tendenzen und unaufgehobene Wider-
,sprüche darzustellen, ohne begrifflich entfalten zu können, was die
Garantie für die Lösung dieser Widersprüche wäre. Ihre Grenzen sind
im genauen Gegensatz zur Theologie von eben dieser Vorgeschichte
bestimmt. Geht man aber vom Desiderat der Geschichtserkenntnis aus,
so ist dieser historische Bezug zugleich ihre Stärke gegenüber der Theo-
logie. [89]
Die genannte Spannung kann, wie es versucht wurde, auf ihre syste-
matischen Gründe hin untersucht werden. Benjamin hat das zumindest
explizit nicht getan. Sicher ist, daß er wesentliche Passagen Marxscher
Schriften, die solchen systematischen Überlegungen zugrunde gelegt
Zum Problem materialistischer Interpretation 27

werden können, nicht kannte. [90] Sicher ist auch, daß jenes spekula"
tive Motiv, das die Grenzen der Marxschen Theorie überschreitet, in
Benjamins Werk nicht erst als Konsequenz aus methodologischen Über-
legungen zu dieser Theorie zur Geltung kommt. [91] Gleichwohl doku-
mentieren insbesondere die aus dem Nachlaß edierten Notizen und Vor-
arbeiten zu den Thesen Ober den Begriff der Geschichte Benjamins
Anstrengung, dem historischen Materialismus nicht nur Motive kom-
mensurabel zu machen, die aus anderen geistigen Traditionen herrühren,
sondern auch zeigen, daß die Marxsche Theorie selbst Tendenzen ent-
hält, den Gang der Geschichte aus einer messianischen Perspektive zu
denken. Die Vorstellung von der klassenlosen Gesellschaft ist nach Ben-
jamin dafür ein Indiz: sie >>ist nicht als Endpunkt einer historischen
Entwicklung zu konzipieren<< [92], vielmehr trägt ihre Konzeption
eben jene messianischen Züge, die es konsequenterweise erst erlauben,
das Gelingen der Geschichte jenseits ihrer gegenwärtig unaufgelösten
Widersprüche in der klassenlosen Gesellschaft zu imaginieren. Sobald
also über die Darstellung dieser Widersprüche bürgerlicher Gesellschaft
hinausgegangen wird, tritt nach Benjamin auch bei Marx eben jene
theologische Betrachtungsweise in ihr Recht, die Benjamin über Marx
hinaus veranlaßt, auch die Vorgeschichte dieses Endzustandes noch in
der genannten Weise gegen den Strich zu bürsten. In diesem Motiv,
über die Marxsche Theorie hinaus auch die Vorgeschichte der Menschheit
unter messianischen Gesichtspunkten zu betrachten, zeigt sich freilich
nach wie vor die Spannung zu jener Theorie. In seinen späteren Arbei-
ten reflektiert Benjamin ebenso wie die in der Rezeption sonst verbor-
genen eigentümlichen messianischen Aspekte der Marxschen Theorie
auch eben dieses Spannungsverhältnis, in dem seine Geschichtsphilosophie
zu ihr steht. [93] Er bringt auch dies, ergänzend zum obigen Zitat
zur Anschauung. Benjamins bildliehe Ausdrucksweise selbst ist dabei im
übrigen keineswegs als willkürliche Poetisierung zu verstehen, sondern
sucht offenbar den geschichts- und interpretationsphilosophischen Gren-
zen der allgemeinen Begriffe Rechnung zu tragen. So heißt es: >>Das
wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf
Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt,
ist die Vergangenheit festzuhalten.<< [94] Es ist ein Bild, das nur eben
aufblitzt, weil es zu verschwinden droht, wenn man sich in der Ver-
gangenheit nicht als gemeint erkennt. Ein solches Bild, das Benjamin
als ein aufblitzendes in vertrackter Weise noch einmal ins Bild faßt,
nennt er ein dialektisches [95]: in ihm manifestiert sich ein Wider-
spruch [96], der fruchtbar gemacht werden soll. Denn sich als histo-
rischer Materialist in der Vergangenheit als gemeint erkennen heißt,
daß das in ihr Intendierte als objektiv Bedeutsames gedacht werden
muß, um überhaupt ernst genommen werden zu können, daß aber zu-
28 Benjamin zur materialistischen Interpretation

gleich zu bedenken ist, daß der Schein dieser Objektivität angesichts


der realen historischen Kräfte wie das Licht eines Blitzes sogleich
erlischt. Auch die Spannung, die zwischen beiden Polen geschichts-
theoretischer Überlegungen herrscht, ist im Bild mit enthalten - sie ist
gleichsam die Kraftquelle, deren Entladung sich der Interpret zunutze
zu machen versucht, ohne daß das Resultat ein endgültig gesichertes
wäre. [97]
Die geschichtsphilosophische Paradoxie, den historischen Materialismus
zusammenbringen zu wollen mit dem, was prinzipiell außerhalb seines
kategorialen Rahmens liegt [98], als Begründung für Auslegungsver-
fahren, läßt keine problemfreien Interpretationen erwarten. Gleichwohl
zeichnet sich der Sinn des Anspruchs ab, aus dem solche Probleme ent-
stehen können. Die Untersuchung von Benjamins Interpretationen muß
genaueren Aufschluß darüber geben, inwieweit es möglich ist, diesen
Anspruch zu verwirklichen.
II. über Charles Baudelaire

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß eine zentrale Stelle in Ben-


jamins Werk Überlegungen zu künstlerischen Produkten einnehmen.
Dies gilt auch für sein geplantes Hauptwerk über die Pariser Passagen.
Es stellte sich einer Mitteilung an Scholem zufolge die Aufgabe, >>die
Probe auf das Exempel<< zu machen, »Wie weit man in geschichtsphiloso-
phischen Zusammenhängen >konkret< sein kann<<. [1] In ihm sollten
also offenbar Benjamins Vorstellungen von einer Interpretation, welche
die Leistungsfähigkeit begrifflich abstrahierenden Denkens überbietet,
in der Durchführung der Interpretation selbst realisiert werden. Der
Plan wurde nicht ausgeführt. Aus dem Komplex der Passagen [2] lie-
gen aber als ausgearbeitete Texte Benjamins Aufsätze über Baudelaire
vor. [3] In ihnen wird versucht, ein »Miniaturmodell<< jenes Haupt-
werkes zu entwickeln. [ 4] Die verschiedenen Fassungen des Versuchs
geben zudem Gelegenheit, an den divergierenden Behandlungsformen
des Stoffes die jeweiligen sachlichen Schwierigkeiten der Einlösungs-
bestrebungen von Benjamins theoretischem Anspruch zu untersuchen.

1. »Das Paris des Second Empire bei Baudelaire<<

a) »Die Moderne«

Den dritten Abschnitt der Arbeit über Das Paris des Second Empire
bei BaudeZaire [5] nennt Benjamin »Die Moderne<<. An zwei Ver-
gleichen macht er das Charakteristische an Baudelaires Bild von der
modernen Zeit deutlich. Sie beziehen sich auf zwei, für die Epoche si-
gnifikante Themen, nämlich das der Großstadt und das der Antike. -
Jahrzehnte nach Baudelaire erscheint in einer Strophe des Gedichts
L'ame de Ia ville [6] von Emile Verbaeren die Stadt als der Ort der
Verkehrung aller humanen Beziehungen. Er knüpft damit an das Motiv
des Verlusts erfahrbarer Sinnzusammenhänge im modernen Großstadt-
leben an, das schon bei Baudelaire im Zentrum der Dichtung stand. Bei
Verbaeren ist diese Erfahrung aber nur Anlaß für die zuversichtliche
30 Ober Charles Baudelaire

Vorstellung von einer künftig darüber triumphierenden Menschlichkeit.


Der Augenblick wird in einen übergreifenden historischen Zusammen-
hang eingebettet und seine unmittelbar erfahrene Problematik dadurch
aufgehoben. Baudelaire kennt nach Benjamins Interpretation solche
Perspektiven nicht. >>Trauer über das was war und Hoffnungslosigkeit
in das Kommende<< kennzeichnen seine Lyrik. [7] - Als weiteres
Gegenbeispiel figuriert Victor Hugo. Vergleichbar mit Verbaeren wird
auch bei ihm die Stadt in einem historischen Kontext gesehen, der den
unmittelbaren Eindruck transformiert. Das Bild von Paris nämlich ist
der Antike angeformt. [8] So, wenn es in Les Miserables heißt: >>Die
Kneipen des Faubourg Saint-Antoine ähnelten den Tavernen des Aven-
tin, die über der Höhle der Sibylle errichtet sind und in Verbindung
mit den heiligen Eingebungen stehen; die Tische dieser Tavernen waren
beinahe Dreifüße und Ennius spricht von dem sibyllinischen Wein, der
da getrunken wurde.<< [9] - über Benjamins Ausführungen hinaus
ist zu ihrer Verdeutlichung der geistesgeschichtliche Ort genauer zu
bestimmen, den ein solcher Bezug der Moderne auf die Antike markiert.
Zunächst zeigt sich an dem Zitat aus Hugos Werk der Abstand zum
Klassizismus. Es herrscht hier nämlich nicht die Vorstellung von der
Verbindlichkeit der Antike als einem >>Urbild des Vollkommenen<<, das
in der Gegenwart keineswegs erreicht sei, sondern dem diese erst nach-
zueifern habe. [10] Hugo setzt beide, Antike und Moderne, unbeküm-
mert um eine erst noch zu leistende Bildungsarbeit miteinander gleich.
Eine solche unmittelbare Gleichsetzung könnte überraschen, wenn man
bedenkt, daß jene klassizistische Auffassung erschüttert wurde durch
das einsetzende historische Denken, das ihr gerade die Einsicht in die
prinzipielle Verschiedenheit der Epochen entgegensetzte. Damit war
ausgeschlossen, in dieser Vergangenheit das wahre Bild der Gegenwart
zu suchen. [11] Die Moderne bestimmte sich gerade durch ihre Eigen-
heit; Antike wurde zum Inbegriff des nicht Wiederholbaren. Auf dem
Gebiet der Ästhetik argumentiert Hugo ansonsten entsprechend. [12]
Er macht gegenüber dem Regelkanon der klassizistischen französischen
Poetik die spezifische Aufgabe moderner, d. h. für ihn romantischer
Poesie geltend. [13] So, wenn er die Vorstellung vom Schönen bemän-
gelt, welche die antike Kunst und damit auch deren Nachahmer veran-
lasse, um ihrer Vollkommenheitwillen die Natur zu verstümmeln. [14]
Demgegenüber müsse heute das Leben unstilisiert und in seiner ganzen
Vielfalt zur Darstellung gebracht werden. Auch die unideale Seite der
Natur, das Groteske [15], solle poetische Dignität erlangen. Hugo steht
damit in Frankreich am Anfang des literarischen Realismus. [16] Die
Pointe solcher antiklassizistischen Poetik besteht nun aber darin, daß im
Anschluß an diesen Gedanken alle Erscheinungen der Wirklichkeit so
vorgestellt werden können, als stimmten sie in einer universalen Har-
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 31

monie der gottgeschaffenen Welt zusammen [17] - einer Welt, in


der alles, auch das Geringste, je schon sein Recht und seine· Wahrheit
habe. Der Geschichte ist -dann in all ihren Momenten ihr Sinn garantiert.
Der momentane Augenblick ist eingebettet in einen Zusammenhang
gesicherter Bedeutungen; es besteht keine Gefahr, daß er sich angesichts
des fortwährenden Wandels der Ereignisse dem Verständnis des Betrach-
ters entziehen könnte. Daher kann noch das Banalste, können die Pari-
ser Vorstadtkneipen antiken Charakter erhalten. Bei aller Unterschied-
lichkeit der Epochen vereint auch hier die historischen Phänomene ihre
Partizipation an der umfassenden historischen Ordnung. Die Kritik
des Gedankens an überzeitlich geltende Normen und damit verbunden
die gewandelte Auffassung der Gegenwart münden in die Rekon-
struktion eines neuen, gesicherten historischen Zusammenhanges, in
dem das Aktuelle seinen festen Platz zugewiesen bekommt. - Eine
andere Form, die Moderne zu erfahren findet etwa zur gleichen Zeit
ihren Ausdruck bei Stendhal. An seiner Dichtung läßt sich ein Aspekt
der Wirklichkeit zeigen, der auch das Substrat von Baudelaires Dich-
tung ist. [18] Auch hier kann die Auffassung vom Klassischen als
Indikator gelten. Klassisch ist nämlich nicht mehr eine vergangene
Epoche, die von der Moderne geschieden ist, die dann freilich zugleich
auch als Moment der göttlich verbürgten Sinneinheit des historischen
Daseins mit ihr in Beziehung gebracht werden kann. Klassisch ist viel-
mehr innerhalb der Moderne selbst dasjenige, was gestern noch neu war.
Das Aktuelle dauert nicht, es hat keine bleibende Bedeutung, sondern
ist morgen schon überholt. [19] Die Phänomene werden diesem Be-
griff von Moderne nach, angesichts des täglichen historischen Wandels,
als transitorische erfahren und entziehen sich damit dem Zugriff
gesicherter Sinngebung. [20] In der Poesie schlägt sich das nieder als
Hindernis für die Konsistenz fiktionaler Gestaltung. Geschichtliche
Zustände können nicht mehr, wie etwa noch in den historischen Roma-
nen Scotts [21], als in sich geschlossene Ereigniszusammenhänge
geschildert werden, die auch vom Wandel der Anschauungen seitens ihrer
Betrachter unbeeinflußt zu sein scheinen. Der Autor zieht sich vielmehr
selbst in Zweifel; angesichts dessen, was unvorhergesehenerweise mor-
gen sein kann, ist sein heutiges Urteil fragwürdig. [22] Das Problem
der Darstellung verschwindet nicht im Geschilderten, sondern wird
selbst reflektiert. Das ästhetische Subjekt weiß sich dem Gang der Dinge
ausgesetzt.
Baudelaire bringt nach Benjamin eben eine solche Erfahrung pointiert
zum Ausdruck. Der Anblick der Großstadt evoziert das Bild der Antike,
weil das Heutige wie die Antike als potentielles Zeugnis abgestorbenen
Lebens betrachtet werden kann. Angesichts der Vielfalt wechselnder
Erscheinungen ergibt sich nur ein einziger Bedeutungszusammenhang,
32 über Charles Baudelaire

nämlich der ihrer gemeinsamen Vergänglichkeit. Denn die jeweiligen


Augenblicke des Lebens sind nicht in ein Kontinuum providentiell sinn-
bestimmter Geschichte eingebettet, und unmittelbar erfahren werden
kann nur deren beständige Entwertung durch den Fortgang des Ge-
schehens. Der Schein des pulsierenden Lebens verdeckt nur die wahre
Todverfallenheit all seiner Momente. Das Leben erstarrt in der Lyrik
Baudelaires, wie es etwa im Gedicht Le cygne zum Ausdruck kommt,
>>Wird spröde wie Glas, aber auch wie Glas durchsichtig«, und zwar auf
eben diese seine wahre Bedeutung hin. »Die Statur von Paris ist gebrech-
lich; es ist umstellt von Sinnbildern der Gebrechlichkeit.<< [23] Nicht
zuletzt die Antike ist der Fundus solcher Sinnbilder. Sie dient der alle-
gorischen Technik, die diese verborgene Bedeutung zutage fördert, und
zwar nicht, indem sie auf eine konventionell gesicherte Zuordnung ein-
zelner Momente der Wirklichkeit zu einem feststehenden Bedeutungs-
gehalt zurückgreift, sondern indem sie gerade die Sinnleere der erfah-
renen Realität selbst noch zu versinnbildlichen sucht. In der Allegorie
ist auch der Augenblick nicht Übergang zum nächsten Moment im Kon-
tinuum lebendiger Geschichte, sondern wird stillgestellt. Seiner alltäg-
lichen, scheinbaren Selbstverständlichkeit beraubt, ist er Anlaß zur
Reflexion. Daß diese auf die Todverfallenheit als seine wahre Bedeu-
tung stößt, gibt Aufschluß über eine Krise in der modernen Geschichts-
erfahrung. Es zeigt sich, wie die Geschichte im Medium des sinnlich
Wahrnehmbaren Bedingungen schafft, die zum Befremden Anlaß geben
können. [24]
Besonders prägnant wird die Leistung der Allegorie von Benjamin
in einem anderen Zusammenhang formuliert. In seiner Arbeit über den
Ursprung des deutschen Trauerspiels setzt er sich mit der Gegenüber-
stellung von Symbol und Allegorie in der deutschen Klassik auseinan-
der. - Goethe etwa betrachtet es als die Natur der Poesie, ein »Beson-
deres« auszusprechen, »ohne ans Allgemeine zu denken oder darauf
hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig faßt, erhält zu-
gleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden, oder erst
spät.« [25] Näher bestimmt wird diese ästhetische Norm symbolischer
Gestaltung durch die Unterscheidung von der Allegorie: »Es ist ein gro-
ßer Unterschied, ob der Dichter zum Allgemeinen das Besondere sucht
oder im Besondern das Allgemeine schaut. Aus jener Art entsteht Alle-
gorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als Exempel des Allgemeinen
gilt«, während die letztere die eigentliche Natur der Poesie ausmache.
Benjamin schließt aus diesen Äußerungen Goethes, daß er wohl keinen
bemerkenswerten Gegenstand in der Allegorie gefunden haben
könne. [26] Demgegenüber insistiert Benjamin auf dem Wahrheits-
gehalt der allegorischen Gestaltungsweise. [27] Er versucht die Alle-
gorie zu rehabilitieren, indem er nicht eine Kunstform gegen die andere
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 33

ausspielt, sondern auf deren unterschiedliches Substrat aufmerksam


macht. Wenn nämlich im Symbol die Erscheinungen in ihrer individuier-
ten Besonderheit bedeutsam werden sollen, so können angesichts der
geschichtlichen Verfassung die historischen Phänomene nicht in ihrem
wirklichen Zustand belassen werden. Sie werden in Wahrheit unter dem
Aspekt der Erlösung von der Geschichte gesehen. Mit >>der Verklärung
des Unterganges<< offenbart sich so im Symbol flüchtig >>das transfigu-
rierte Antlitz der Natur im Lichte der Erlösung<<, Demgegenüber >>liegt in
der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte Uriancl-
schaft dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte [ ... ] prägt sich in
einem Antlitz- nein in einem Totenkopfe aus<<. [28]
Freilich ist dieser Begriff von Allegorie im besprochenen Zusammen-
hang an Hand des deutschen Barocktrauerspiels gewonnen. In ihm
erscheint die Geschichte nach Benjamins These todverfallen infolge des
Verlusts heilsgeschichtlicher Gewißheit. [29] Die diesseitige Welt wird
daher als permanente Katastrophe, als sinnloses Naturgeschehen erfah-
ren. Denn der Verlust göttlicher Heilsgarantie kann noch nicht kompen-
siert werden durch die Anschauung einer fortschreitenden geschichtlichen
Entwicklung, der selbst ein immanenter Zweck unterstellt werden
könnte. Demgegenüber konstituieren heute ständige historische Innova-
tionen die Erfahrungswelt. Dennoch zeigt sich aber gerade auch im
Einerlei dieses Fortgangs und damit der dauernden Entwertung des
unmittelbar Gegebenen durch das zu Erwartende, die Bedeutungsarmut
des jeweils Wahrgenommenen. Die Geschichte wird nicht direkt als
Natur genommen, aber sie entzieht sich in ihrem Entwicklungsgang dem
subjektiven Verständnis. Ihre facies hippocratica kommt bei Baudelaire
durch ihre Stillstellung zum Vorschein.
Angesichts der an Baudelaire gewürdigten Sensibilität gegenüber den
erfahrbaren ·Problemen historischer Entwicklung stellt sich die Frage,
wie ein solcher Sachverhalt im Sinne kritischer Gesellschaftstheorie zu
beurteilen wäre. Es handelt sich um die Frage nach der möglichen Bedeu-
tung ästhetischer Erfahrungen in einem sozialen Kontext, welcher von
der Marxschen Theorie aus gesehen auf seine grundlegenden Merkmale
und auf die Bedingungen seiner Veränderung hin transparent zu machen
wäre. Von der spezifischen Form, in der Benjamin die Beantwortung
der Frage vorzubereiten versucht, kann zunächst die Abgrenzung von
anderen, marxistisch orientierten Kunstauffassungen einen Begriff
geben. Dies bietet sich an dieser Stelle deshalb an, weil das Verhältnis
zur klassizistischen Kunst und Kunsttheorie auch in ihnen eine gewichtige
Rolle spielt. Die eine damit gemeinte Position repräsentiert Georg
Lukacs in seinen späteren Arbeiten. Er geht davon aus, daß in den
einzelnen Erscheinungen der Wirklichkeit in der bürgerlichen Gesell-
schaft das Wesen des historischen Prozesses sinnfällig gemacht und
34 über Charles Baudelaire

widergespiegelt werden könne. [30] Aufgabe der Kunst wäre es daher,


das Allgemeine, Goethes Worten folgend, im Besonderen symbolisch zur
Anschauung zu bringen. Klassizistische Normen poetischen Verfahrens
sollen gegenüber ästhetischen Erfahrungen in der Moderne, wie etwa
Benjamin sie bei Baudelaire hervorhebt, verbindlich werden. Das Urteil
über das Ende des Kunstschönen in einem solchen klassischen Sinn, das
bereits Hegel gefällt hatte, wird revidiert. [31] In seiner später
geschriebenen Ästhetik hat Lukacs denn auch den Goetheschen Vorbe-
halt gegenüber der Allegorie zugunsten des Symbols ausdrücklich affir-
miert. [32] Folgerichtig wendet er sich daher gegen Benjamins Versuch,
die Allegorie zu retten. [33] Die in ihr zum Ausdruck kommende
Fremdheit der Welt gegenüber den Menschen lastet Lukacs letztlich
nicht der historischen Situation an, so verkehrt das Dasein unter den
Bedingungen kapitalistischer Produktionsweise auch sein mag, sondern
denunziert sie als falschen, die Verdinglichung der Verhältnisse zu
Unrecht fortschreibenden Eindruck von ihr. Dahinter steht offensichtlich
die Auffassung, man könne am Gang der Geschichte klar machen, daß
sie auf einen veränderten, humanen Zustand zustrebe. [34] Dieses ihr
gesichertes Ziel deutlich vor Augen, kann der Sinn einzelner Augen-
blicke perspektivisch transparent gemacht werden. Im unmittelbar Ge-
gebenen bleibt nicht, wie es dem Allegoriker erscheint, sein Sinn ver·
borgen; er muß nicht erst aufgrund der Anstrengung der allegorischen
Bedeutungssuche in einem Bereich jenseits der Erscheinungswelt zutage
gebracht werden. Wenn aber dergestalt die Kunst den verbürgten Ab-
lauf der Geschichte evident machen kann, verliert die Frage nach der
Bedeutung von Ausdrucksformen der Krise moderner Wirklichkeits·
erfahrung ihre Relevanz. Auf der Beurteilungsbasis einer solchen
Geschichtsphilosophie, deren Bezug auf Marx problematisch ist, müssen
sie notwendig als bornierte Formen gesellschaftlichen Bewußtseins
betrachtet werden.
Herbert Marcuse hat im genauen Gegensatz zu Lukacs' Meinung
hervorgehoben, daß das Ideal des Kunstschönen und damit verbunden
das Ideal einer humanen, in allen ihren Momenten sinnerfüllten Wirk-
lichkeit eine problematische Affirmation der tatsächlich schlechten Wirk-
lichkeit darstelle, solange es nur Ideal bleibe. [35] Im Ideal nämlich
schlägt sich zwar die Erfahrung nieder, daß die sozialen Verhältnisse
selbst sich der Verwirklichung von Humanität sperren und diese nur
der Imagination zugänglich bleibt. Es handelt sich also um eine Erfah-
rung, die ein kritisches Potential gegenüber der bestehenden Realität
darstellt und keineswegs nur ihre manifesten Tendenzen wiedergibt.
Aber die Lösung des Problems wird eben in der Verinnerlichung, nicht
in der Realisierung des Vorgestellten gesucht - so in der ästhetischen
Produktion, in welcher sich die humane Welt als subjektiver Entwurf
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 35

konstituiert. Dieser läßt die wirkliche unbehelligt und verklärt die


Resignation vor ihr. [36] Die Wahrheit wird verdeckt, >>daß ein bes-
seres materielles Dasein geschaffen werden kann, in dem solches Glück
wirklich geworden ist<<. [37] Die Aufhebung der damit affirmativ
werdenden Kultur wäre also erforderlich, um ihrer Intention Rechnung
zu tragen. [38] - So weitgehend nun Benjamin mit der hier impli-
zierten Kritik an jener anderen marxistischen Kunsterfassung überein-
stimmen könnte, so wenig ist ihm daran gelegen, der Kunst und Kultur
ihre wahren Motive ideologiekritisch gereinigt entgegenzuhalten und
von den gegenwärtigen Bedingungen zu abstrahieren, um auf eine bes-
sere Zukunft zu verweisen, in der diese Wahrheit die Realität bestim-
men würde. [39] Benjamin müßte eine solche abstrakte Utopie eines
künftigen Zustandes verdächtig erscheinen. Eines Zustandes nämlich,
in dem alle Probleme des Verhältnisses von gesellschaftlich Allgemei-
nem und individuell Besonderem nicht mehr existierten, weil er jenseits
aller, für die Geschichte bezeichnenden individuellen Entbehrungen
angesiedelt wäre, welche die Notwendigkeit der gesellschaftlich organi-
sierten Auseinandersetzung mit der Natur mit sich bringt. Verdächtig
nicht etwa, weil Benjamin kein Interesse daran hätte, über das Beste-
hende hinauszudenken, wohl aber weil die von Marcuse imaginierte
Zukunft nicht als eine Fortsetzung der Geschichte in einem gleichsam
ästhetischen Zustand gedacht werden dürfte, sondern nur messianisch
als das Ende der Geschichte. Die Geschichte von ihrem geglückten Ende
her zu betrachten kann nach Benjamin nicht heißen, sich ein Bild von
jenem glücklichen Zustand zu machen - jenseits der Geschichte liegend
entzieht er sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen. Heißen kann
das nur, in der den Menschen diesseits aufgegebenen Geschichte Sinn-
potentiale für die ihr sich stellenden Aufgaben zu retten. Das Ästhe-
tische gibt demnach nicht ein Modell für eine utopische Zukunft ab,
sondern ist, sofern sich in ihm solche Sinnpotentiale finden lassen, zu den
gesellschaftlichen Problemen des historischen Daseins in Beziehung zu
setzen.
Freilich ist auch an Baudelaires Selbstverständnis als Dichter Kritik
zu üben - wenn auch in anderer Absicht, als sie Marcuse klassizistischer
Kunst gegenüber hegt. Eine zusätzliche Bedeutung, die der Antike in
Baudelaires Werk zukommt, macht darauf aufmerksam. Denn Baude-
laire erhebt für sich den Anspruch auf Unsterblichkeit; er möchte einst
wie ein antiker Schriftsteller gelesen werden. [ 40] Das Vergängliche
soll daher von der Dichturig nicht nur in seiner unmittelbar erfahrbaren
Qualität benannt, sondern zugleich auch dem Gedächtnis gerettet wer-
den, indem es im poetischen Ausdruck überhaupt erst eine feste Bedeu-
tung erhält. [41] Gerettet über den Wandel der Zeit hinweg kann
damit aber auch die Dichtung werden, die eine solche Leistung voll-
36 über Charles Baudelaire

bringt. Die Anstrengung, die nötig ist, diese verborgene Bedeutung des
Erlebten zu finden, ist der eines Heros vergleichbar. Nichts kommt für
Baudelaire »in der Epoche, welcher er selber zufiel, der >Aufgabe< des
antiken Heros, den >Arbeiten< eines Herakles näher als die ihm selber
als die eigenste auferlegte: der Moderne Gestalt zu geben<<. [ 42] Kurz:
>> Baudelaire hat sein Bild vom Künstler einem Bilde vom Helden ange-
formt<< [43]; die poetische Produktionsweise stellt er in einer Metapher
als den Kampf dar, in dem sich der Dichter als Fechter befindet. [44]
Eben jener Zustand, dem der Poet ausgeliefert ist, und der es ihm ver-
wehrt, die Welt in ihren Momenten erfüllten Lebens festzuhalten, soll
ihm zugleich das Material für die Ausübung einer Tätigkeit abgeben, die
ihn als außergewöhnliche Existenz kennzeichnet. Einem antiken Heros
vergleichbar soll er letztlich doch nicht den in ihm verborgenen Ver-
hältnissen unterworfen sein, sondern sie nach seinem Vorsatz gestalten
können. [ 45] Noch der traurigste Zustand, in dem sich der Dichter
befindet, gereicht ihm so gesehen zum Ruhm. Aus der Not wird eine
Tugend gemacht, angesichts derer die realen Bedingungen nur mehr
als bloßer Anlaß erscheinen. [46] Die Anstrengung, die durch diese
Not hervorgerufen und bestimmt ist, wird als autonomes und unbeding-
tes Schöpferturn verklärt - nach Benjamin ganz so, wie in der bürger-
lichen Gesellschaft der Arbeit überhaupt, ungeachtet ihrer spezifischen
gesellschaftlichen Bestimmtheit eine übernatürliche Schöpfungskraft
angedichtet wird. [ 47] Die Wahrheit aber sieht anders aus, und Baude-
laire verschließt sich dem letztlich auch in seinen Selbstdarstellungen
als Dichter nicht völlig. Im Grunde nämlich ist >>der moderne Heros
[ ... ] nicht Held - er ist Heldendarsteller<<. [ 48] Der Dichter spielt
die Rolle, die in der Gesellschaft frei ist. Sein Verhalten ist ihm diktiert
durch die allgemeinen Regeln des gesellschaftlichen Verkehrs. In diesem
Rahmen ergreift er nur eine der vorgegebenen Möglichkeiten, sich als
Individuum am Leben zu erhalten. Als Rolle aber ist die des Heros
gegen andere austauschbar. Wichtiger als eben diese bestimmte Rolle
innezuhaben ist es am Ende, überhaupt eine Rolle. spielen zu können.
Und so gerne Baudelaire als wirklicher Heros verstanden werden
möchte, so bezeichnet es doch den Rang seiner Auffassung vom Dichter,
daß in sie schließlich keine festen Überzeugungen eingehen, daß ihr-
zufolge immer neue Rollen, neue Attitüden ihren Zweck für ihn erfül-
len. [49] Dies zeigt sich nach Benjamin gerade an der Allegorie, die
nicht nur den verborgenen Sinn der Erscheinungen sucht, sondern
zugleich auch auf Effekte aus ist, um das Produkt des Dichters interes-
sant erscheinen zu lassen. Während nämlich in der traditionellen poe-
tischen Produktion die Regel beachtet wurde, daß die Wörter nach dem
Kriterium zu sondern sind, ob sie für den gehobenen Gebrauch geeignet
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 37

seien oder nicht [50], versetzt Baudelaire, indem er das alltägliche,


gewöhnliche Leben allegorisch mit der klassischen Antike überblendet,
die traditionellen Allegorien in eine ungewohnte, überraschende, weil
banale Umgebung. Dies macht, unabhängig vom Gehalt der poetischen
Leistung gegenüber traditionellen Produkten, ihren Effekt aus. Die
Abhängigkeit des Individuums von den Gesetzen des Marktes machen
eine solche Innovationsstrategie notwendig. Baudelaire selbst spricht
das offen aus: >>So schön ein Haus sein mag, es hat vor allem einmal -
und ehe man sich bei seiner Schönheit aufhält - soundsoviel Meter
Höhe und soundsoviel Meter Länge. - Ebenso ist die Literatur, welche
die unschätzbarste Substanz darstellt, vor allem Zeilenfüllung<<, [51]
Die Hinfälligkeit der Bedeutungen, erzwungen durch undurchschaubare
gesellschaftliche Mechanismen, ist so schließlich nicht mehr nur Inhalt
artistischer Produktion, sondern es wird bewußt gemacht, wie sie die
scheinbare Autonomie der Gestaltung selbst betrifft. Die Allegorie
drückt nicht nur die Krisis moderner Geschichtserfahrung aus, sondern
indiziert auch die Krisis des Ausdrucks, die Gefahr seiner Heteronomie
überhaupt. - Die Kritik betont diesen Aspekt von Baudelaires Werk,
indem sie die Anhaltspunkte unverblümter Artikulation einer solchen
Problematik scheidet von der Fiktion ihrer Lösung. Es wird noch ein-
gehender zu zeigen sein, inwiefern dies nach Benjamin insbesondere in
Baudelaires Gedichten selbst von Bedeutung wird. [52] Als wesent-
licher Gehalt jedenfalls tritt die in Baudelaires Werk implizierte Refle-
xion auf die historische Situation im Medium ästhetischer Erfahrung
hervor. Von Interesse ist die zum Ausdruck kommende Illusionslosigkeit.
Die leidvolle Einsicht, bloßes Moment der schlechten Wirklichkeit zu
sein, macht die ästhetische Erfahrung zugleich zu einem Moment, das in
der Realität nicht blind aufgeht. Differenzierungen innerhalb dieser
Realität aufzuzeigen, die Aufschlüsse geben können über deren eigene
Möglichkeiten zur Selbstüberschreitung, ist Benjamins Intention. Ein
solches Potential aber zur Distanzierung und Sensibilisierung gegenüber
der alltäglichen Erfahrungswelt wäre in die Oberlieferung einzubrin-
gen, um vielleicht in der Gegenwart wirksam werden zu können. [531

b) »Die Boheme<<. Kritik und Bedeutung ästhetisierender Wirklich-


keitsauffassung

Die gesellschaftliche Rolle Baudelaires wird ausführlich in dem


Abschnitt der Arbeit Benjamins behandelt, der Die Boheme betitelt
ist. Benjamin bezieht sich darin auf verschiedene Schriften von Marx,
welche sich mit der Boheme befassen. [54] Marx kennzeichnet sie als
eine gesellschaftliche Gruppe, deren Position im Arbeitsprozeß nicht
fixierbar sei. [55] Die Unsicherheit der Existenz ist für sie charak-
38 über Charles Baudelaire

teristisch und das Dasein des Lumpensammlers eine ihrer sozialen Per-
spektiven. [56] Daher liegt für die Boheme die Revolte gegen die
gesellschaftlichen Verhältnisse nahe. Es handelt sich dabei um eine Form
der Auflehnung, die nicht mit der Vorbereitung der Revolution ver-
wechselt werden darf. Nach Marx ist sie >>eine Revolution aus dem
Stegreif, ohne die Bedingungen einer Revolution [ ... ]<<. [57] Nicht
die Aufklärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen, sondern der
>plebejische Arger< über die Verhältnisse [58] liegt ihr zugrunde. Die
politische Aktion ist unvorbereitet. Sie erhält etwas überraschendes.
Der Coup ist die Absicht des revoltierenden Konspirateurs, und die
>>Geheimniskrämerei« dient seiner Vorbereitung. [59]
Baudelaires artistische Effekte sind das Äquivalent im Medium der
Poesie. Der >>Rätselkram<< des Allegorikers korrespondiert nach Benja-
min mit der >>Geheimniskrämerei des Verschwörers<<. [60] Beiden liegt
eine Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Zuständen zugrunde, die
aus den Erfahrungen des sozialen Abstiegs resultiert, aber nicht eigent-
lich darauf abzielt, die gesellschaftlichen Ursachen dafür zu ändern.
Charakteristisch für die Boheme vielmehr ist es, die Umwelt zum Me-
dium des Selbstausdrucks, der Selbstbestätigung unter den gegebenen
Bedingungen zu machen.
In Anbetracht einer solchen Asthetisierung der Geschichte scheint es
nahezuliegen, über jene Konsequenzen aus den sozialen Erfahrungen
ein ideologiekritisches Urteil zu fällen. Es scheint sich aufzudrängen,
wenn man berücksichtigt, welche geschichtliche Funktion diese Haltung
unter Umständen haben kann. Der >plebejische Arger< nämlich, von dem
Marx spricht, dokumentiert nicht nur die Unfähigkeit, die Geschichte
bewußt zu gestalten. In einer Äußerung Baudelaires deutet sich eine
möglicherweise verhängnisvolle Einstellung an: >>Eine schöne Konspira-
tion<<, so heißt es, >>ließe sich zwecks Ausrottung der jüdischen Rasse
organisieren.<< [ 61] Wollte man diese Bemerkung unter moralischen
Gesichtspunkten betrachten oder aber gesellschaftstheoretisch als Aus-
sage über Absichten sozialer Praxis, so käme man zu einem kritischen
Urteil. Marx analysiert denn auch mit der politischen Herrschaft Napo-
leons III., der selbst aus der Boheme stammt und sich während seiner
Präsidialzeit auf sie stützt, die ideologischen Erscheinungen und die
materiellen Bedingungen einer Vorform des Faschismus. [62] Er erklärt
die Boheme nach Maßgabe ihrer Funktion für das Bürgertum. So läßt
sich zeigen, wie für die Bürgerklasse auch ein solcher Personenkreis noch
recht ist, um ihre Interessen durchzusetzen. Exponenten einer Schicht,
die die bürgerlichen Ideale vom geordneten Leben auf den Kopf stellen,
werden funktionalisiert für die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Pro-
duktionsweise auf Kosten traditioneller bürgerlicher Verkehrsfor-
men. [ 63] Nicht die Vorstellungsformen der Boheme wären demnach
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 39

das Wesentliche für eine materialistische Beurteilung, sondern eben diese


Funktion für die herrschenden gesellschaftlichen Kräfte. Wenn sich, wie
Benjamin zu zeigen versucht, die bedeutsamen Züge in Baudelaires Werk
verstehen lassen aus den typischen Verhaltensweisen jener sozialen
Schicht, verlören sie gerade dadurch ihre Qualität als ästhetische Erfah-
rungsgehalte von eigenartiger Bedeutung. Wie bei den Vorstellungs-
weisen der Boheme überhaupt müßte der Schein ihrer Ungewöhnlich-
keit aufgelöst werden, um sie aus dem Reproduktionsprozeß der Gesell-
schaft zu erklären.
Benjamin ist dieser Aspekt der von ihm untersuchten Phänomene
nicht entgangen. Er verweist darauf, daß der >>culte de Ia blague, den
man bei Georges Sorel wiederfindet und der ein unveräußerliches Be-
standstück der faschistischen Propaganda geworden ist, [ ... ] bei Bau-
delaire seine ersten Fruchtknoten<< bilde. [64] Und entsprechend zitiert
er im Zusammenhang mit Baudelaires Satanismus, der der Absage an
alle moralischen Normen huldigt, jenen Satz von Marx aus dem Acht-
zehnten Brumaire, der drastisch die Verkehrungen aller Wertvorstellun-
gen der bürgerlichen Gesellschaft in ihr Gegenteil als Instrument der
Rettung dieser Gesellschaft kennzeichnet: »Nur noch der Chef der
Gesellschaft vom 10. Dezember [d. i. Louis Bonaparte, H. P.] kann die
bürgerliche Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl das Eigentum,
der Meineid die Religion, das Bastardturn die Familie, die Unordnung
die Ordnung.<< [65] Benjamin hebt aber zugleich hervor, daß Marx
sich kaum einen besseren Leser dieser Sätze hätte vorstellen können als
Baudelaire selbst. Dies wohl deshalb, weil ja die Erfahrung vom Still-
stand der Geschichte genau registriert, daß an allen Phänomenen der
Gesellschaft und so auch an den in ihr verbindlichen Werten und mora-
lischen Normen nur eines bleibt, nämlich daß sie vergänglich sind, wann
immer es für jene herrschenden gesellschaftlichen Kräfte nötig ist. In
den von ihr produzierten ästhetischen Erfahrungen blickt sich die Ge-
sellschaft gleichsam selbst ins Gesicht. Der Spielraum, den sich Baude-
laire nach Benjamin mit seinen nicht festlegbaren Auffassungen und
seinen überzeugungslosen Verhaltensweisen schafft, verleiht ihm seinen
außergewöhnlichen Rang. [ 66] Die gesellschaftskritische Auseinander-
setzung mit der Boheme nimmt daher bei Benjamin eine andere Rich-
tung. Sie bringt an Baudelaire die mögliche Bedeutung einer solchen
Ästhetisierung der Wirklichkeit ans Licht. - Baudelaire bleibt dabei
allerdings in Benjamins Darstellung Exponent einer sozialen Schicht.
Die herausragende Qualität seiner Dichtung, die in den alltäglichen,
sozial reibungslos funktionierenden Vorstellungsformen nicht aufgeht
und die sich selbst noch die Flucht in die Illusion des Heroismus als
gesellschaftliche Rolle eingesteht, wäre demnach nicht nur charakte-
nstisch für die Reflexion auf die Realität im Medium der Poesie, son-
40 Ober Charles Baudelaire

dem der überschuß über das allgemein Übliche erschiene als ein sozio-
logisch identifizierbares, manifestes Resultat der gesellschaftlichen Ent-
wicklung in der bürgerlichen Welt. Es zeichnet sich mit dieser Form der
Interpretation eine Antwort auf die eingangs entwickelte Frage ab, wie
Erfahrungsgehalte als historisch bedeutsam begriffen werden sollen, die
scheinbar auf den Gang der Geschichte keinen Einfluß nehmen. Die ver-
borgene, aber dennoch vorhandene Tendenz, solche Phänomene in einer
relevanten Dimension zu produzieren, sucht Benjamin offenbar an der
Geschichte des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen - kristallisiert in Paris,
in der Boheme und in Baudelaires Werk.

c) Die Physiognomie des Flaneurs

Der mittlere Teil von Benjamins Arbeit über Das Paris des Second
Empire bei Baudefaire zentriert die dargestellten Motive um eine typi-
sche Figur der Boheme, den Flaneur. Er ist in Baudelaire verkör-
pert. - Der Ort, an dem die Flanerie vor allem möglich ist, sind die
Passagen. »Die Passagen, eine neuere Erfindung des industriellen Luxus<<,
so heißt es in einer zeitgenössischen Darstellung, welche Benjamin zitiert,
»sind glasgedeckte, marmorgetäfelte Gänge durch ganze Häusermassen,
deren Besitzer sich zu solchen Spekulationen vereinigt haben. Zu beiden
Seiten dieser Gänge, die ihr Licht von oben erhalten, laufen die elegan-
testen Warenläden hin, so daß eine solche Passage eine Stadt, eine Welt
im Kleinen ist.<< [ 67] Im früheren Expose zur geplanten Passagen-
arbeit, Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts, zeigt Benjamin,
wie die Passagen mit der Entwicklung neuer technischer Mittel, insbe-
sondere dem Eisen [68], möglich wurden und der aufblühenden indu-
striellen Produktion, vor allem dem Textilgewerbe, zu Ausstellungs-
zwecken dienten. [69] Bezeichnend dabei ist nach Benjamin, wie die
neuen Produktions- und Zirkulationsformen in den Passagen sich nicht
unvermittelt als Neuheit zu erkennen geben, sondern wie sich das Neue
mit dem Alten durchdringt und dadurch verklärt wird. [70] Nicht
die funktionelle Natur des Eisens tritt hervor, sondern die >>Baumeister
bilden Träger der pompeianischen Säule<<, andernorts >>Fabriken den
Wohnhäusern nach, wie später die ersten Bahnhöfe an Chalets sich
anlehnen<<. [71] Es wird versucht, den gesellschaftlichen Innovationen,
die ihre Eigendynamik entfalten, in der Durchdringung mit dem Alten
Züge zu verleihen, die sie dem einzelnen vertraut machen können und
ihnen ihre Befremdlichkeit nehmen. Entsprechend erscheinen die Passa-
gen auch - wie es im Flaneur-Kapitel weiter heißt - als >>Mittelding
zwischen Straße und Interieur<<. [72] Die Großstadtstraße wird dem
privaten Erfahrungshorizont kommensurabel gemacht. Und doch fehlt
diesem Aspekt der- Stadt bereits das Anheimelnde in der Form, wie er
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 41

es zur gleichen Zeit im wirtschaftlich zurückgebliebenen Deutschland


hatte. Benjamin zieht zum Vergleich eine Stelle aus einer Erzählung
E. T. A. Hoffmanns heran. Ein Privatier beobachtet vom .Erker seines
Hauses aus das Treiben auf dem Marktplatz. Seinem Blick bietet sich
>>ein Vielerlei kleiner Genrebilder<< dar, das er gemächlich mustert. Er
kann die Erscheinungen unter der Bedingung der bornierten sozialen
Verhältnisse und des eingeschränkten, überschaubaren Erfahrungs-
bereichs einordnen, wie in >>ein Album von kolorierten Stichen<<. [73]
Zwar gibt es auch in Paris Versuche, die Vertrautheit und Oberschau-
barkeit zu rekonstruieren, die jenem Privatier vergönnt gewesen sein
muß. Eine eigene Literaturgattung, die sog. »Physiologien<<, widmet sich
der Aufgabe, die Bewohner der Stadt nach Typen zu gliedern [74], um
zu ermöglichen, sie in der Menschenmenge zu identifizieren. Die Physio-
logien sollen dazu dienen, die befremdliche Anonymität des Großstadt-
lebens zu beseitigen, die sich gerade im ständig erzwungenen engsten
Kontakt der Menschen in der Masse bemerkbar macht. [75] Jedoch
die >>Leute kannten einander als Schuldner und Gläubiger, als Ver-
käufer und Kunde, als r ~ r und Angestellter - vor allem
kannten sie einander als Konkurrenten. Ihnen von ihren Partnern
die Vorstellung eines harmlosen Originals zu erwecken, erschien auf
die Dauer nicht aussichtsreich<<. [76] - Den wirklichen Eindrücken
in der Großstadtmenge, in der jeder ein Konkurrent und Gegner sein
könnte, entspricht eine andere Form des Schrifttums weitaus besser. In
ihr wird der einzelne zum potentiellen Asozialen, zum Verbrecher.
Jeder ist verdächtig, sich am anderen zu vergehen. In der anonymen
Menge ist der Täter nur nicht sichtbar; sie wird seine Zufluchtsstätte. -
Für die zu jener Zeit aufkommende Detektivgeschichte - ihr erster
bedeutender Autor war Poe [77] - ist die Schilderung der Gleich-
förmigkeit und Ununterscheidbarkeit der einzelnen in der Masse kenn-
zeichnend. [78] Auch der Verbrecher fällt in ihr nicht auf. [79] Aber
es werden in der Detektivgeschichte ebenso die Schwierigkeiten und der
große Aufwand gezeigt, logisch das Verbrechen zu rekonstruieren und
den Täter zu identifizieren. [80] Dieser Aufwand hat sein Korrelat
in der öffentlichen Verwaltung. Um den Ausfall von Spuren, die der
einzelne in einem überschaubaren, eingegrenzten Lebenszusammenhang
hinterläßt, in der Gleichförmigkeit des alltäglichen Lebens zu kompen-
sieren, ist eine Vielfalt behördlicher Maßnahmen nötig. So soll die Ein-
führung von Häusernummern die Menschen erstmals mittels einer
bestimmten, ihnen zugehörigen Adresse registrierbar machen. [81]
Technische Maßnahmen erweitern die Identifikationsverfahren. Dazu
zählt zunächst die Personalbestimmung durch Unterschrift, dann die
Photographie. [82] Die Errichtung der Passagen ist eine der Reak-
tionen auf diesen Zustand. Gegenüber der Anonymität des öffentlichen
42 über Charles Baudelaire

Lebens wird >>eine Welt im Kleinen<< künstlich hergestellt. Die Ange-


strengtheit des Versuchs verweist jedoch darauf, daß auf die Dauer
auch in den Passagen die Straße nicht als gesichertes Interieur aufge-
faßt werden kann. Dieses soll in den Bürgerhäusern schließlich etabliert
werden: >>Seit Louis Philippe findet man im Bürgertum das Bestreben,
sich für die Spurlosigkeit des Privatlebens in der großen Stadt zu ent-
schädigen. Das versucht es innerhalb seiner vier Wände. Es ist als habe
es seine Ehre darein gesetzt, die Spur, wenn schon nicht seiner Erdentage
so doch seiner Gebrauchsartikel und Requisiten in Äonen nicht unter-
gehen zu lassen. Unverdrossen nimmt es den Abdruck von einer Fülle
von Gegenständen; für Pantoffeln und Taschenuhren, für Thermometer
und Eierbecher, für Bestecke und Regenschirme bemüht es sich um
Futterale und Etuis. Es bevorzugt Sammet- und Plüschbezüge, die den
Abdruck jeder Berührung aufbewahren. Dem Makartstil - dem Stil
des ausgehenden Second Empire - wird die Wohnung zu einer Art
Gehäuse. Er begreift sie als Futteral des Menschen und bettet ihn mit
all seinem Zubehör in sie ein, seine Spur so betreuend wie im Granit
die Natur eine tote Fauna.<< [83]
Der Boheme jedoch ist eine solche Möglichkeit verwehrt. Baude-
laire selbst findet seine Zuflucht nicht im Privatleben, sondern in der
Menge, die für den Asozialen zum Asyl wird. [84] >>Auf der Flucht
vor den Gläubigern schlug er sich in Cafes oder in Lesezirkel<< [85]
oder aber auch, so läßt sich hinzufügen, in die Passagen. Denn in ihnen
konnte er hoffen, sich nicht nur der Verfolgung entziehen zu können,
sondern beim Flanieren auch immer noch die Zeit zu finden, die fremd
gewordene Welt zum Material der Phantasie machen zu können. Poes
Schilderungen des Mannes in der Menge verdeutlichen, wie wenig Gele-
genheit dazu der Passant im sozial fortgeschrittenen London gehabt
haben wird. [86] Hier erscheint der einzelne nur mehr als Teilchen
der Masse; er wird von ihr fortgetrieben. Seine Bewegungsweise paßt
sich der aller anderen an, sie wird zur uniformen Reaktion. [ 87] In
Paris ist es zu Baudelaires Zeit noch nicht so weit. >>Um 1840 gehörte
es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazie-
renzuführen. Der Flaneur ließ sich gern sein Tempo von ihnen vor-
schreiben. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte der Fortschritt diesen
pas lernen müssen.<< [88] Es sollte anders kommen. Zunächst jedoch
kann der Flaneur in den Passagen das gesellschaftliche Leben noch
genußvoll auf sich einwirken lassen. [89] Es ist ein Genuß, der einen
Rauschzustand bewirkt, den der Genießende erlebt, indem er sich in
der Menge verliert [90], seine Identität also in ihr preisgibt. [91)
Im Rausch nimmt er all die flüchtigen Erscheinungen wie durch einen
Schleier wahr. [92] Es gelingt ihm aber in einem Zwischenzustand
zwischen dem Ausgeliefertsein an die Menge und einer Situation, in
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 43

der man noCh kontrollierbare Erfahrungen zu machen imstande ist,


das Erlebte in einem Bild festzuhalten. Für einen Augenblick lüftet
sich der Schleier, eine Passantin taucht auf, schockartig überkommt den
Flaneur ein sexuelles Verlangen nach ihr, und sogleich ist die Erschei-
nung wieder verschwunden. Dies ist in der Großstadtmenge von der
Erfahrung der Liebe geblieben. Im Sonett A une passante sieht Benja-
min genau diesen Moment von Baudelaire herausgestellt. [93] Nicht
die glückliche Verbindung, sondern ein plötzliches Gelüst, das unbefrie-
digt bleibt, stigmatisiert diese Liebe. Sie taugt nicht mehr als Sinnbild
erfüllten Lebens, sondern ist mit dem Tod assoziierbar. Dem entspricht
es, wenn Baudelaire in den anderen Gestalten der Frau in seiner Dich-
tung das Bild der Unfruchtbarkeit, des Gegensatzes zum sich fortpflan-
zenden, kontinuierlichen Leben evoziert. Von zentraler Bedeutung ist
in Baudelaires Werk das Bild der Lesbierin [94] und das der
Hure. [95] Beziehungsreich ist überdies auch die Passantin im genann-
ten Sonett in Schwarz gekleidet. [96] - Der zugrunde liegende Erfah-
rungsbereich insgesamt aber, der zur Gestaltung solcher einzelner Erfah-
rungen veranlaßt, hat selbst transitorischen Charakter. Es zeichnet sich
bereits zu Baudelaires Zeit ab, daß der Zwang zur Adaption an die
entfremdeten, durch die Gesetze des Warenverkehrs bestimmten gesell-
schaftlichen Mechanismen zunimmt. Soziale Einrichtungen entstehen,
die dem Flaneur in seiner kontemplativen Haltung kaum mehr Raum
bieten. Die Passagen werden abgelöst durch das Warenhaus. Nach Ben-
jamin ist dieses >>der letzte Strich des Flaneurs<<. [97]
In der Tat kommt Benjamin in dieser Darstellung seinem Anspruch
nach, in geschichtsphilosophischen Zusammenhängen konkret zu
sein. [98] Das Problem, wie das Heraustreten aus dem kontinuier-
lichen Gang der Geschichte im Medium ästhetischer Erfahrung ins Ver-
hältnis zu setzen sei zu manifesten historischen Tendenzen, soll gelöst
werden, indem nicht übergreifende gesellschaftstheoretische Kategorien
zum Instrument der Interpretation gemacht werden, sondern gerade
an der Besonderheit eines Phänomens die Vielfalt seiner Aspekte
beleuchtet wird. Die Wahl des Gegenstandes ist bedeutsam, denn
dadurch, daß er Übergangserscheinung ist, kann er in den Rahmen der
allgemeinen Entwicklung gerückt werden und zugleich ein Bild von
spezifischer Qualität abgeben. Nicht allein die sich durchsetzende über-
macht der vom Menschen selbst geschaffenen, ihm fremden äußerlichen
Bedingungen des Lebens ist das Thema, sondern in ihr das, was damals
doch auch noch nicht darin aufging und was heute als wichtiger Erleb-
nisgehalt der Vergessenheit anheimzufallen droht. In einem Vortrag
Benjamins, betitelt >>Notes sur les Tableaux parisiens de Baudelaire<<,
heißt es in bezug auf Baudelaire: >>Le desespoir fut la r ~ 'de
cette sensibilite qui, la premiere abordant la grande ville, Ia premiere
44 über Charles Baudelaire

en fut saisie d'un frisson que nous, en face de menaces multiples, par
trop precises, ne savons meme plus sentir.<< [99] - Die Spannung
zwischen dem Neuen und dem Alten, die in der Verarbeitung der Erleb-
nisse bei Baudelaire auftritt, die Illusionen und die Desillusionierung
rücken den Interpretationsgegenstand in eine Dimension, wie sie sich
der begrifflichen Erklärung allein nicht erschließen würde. Die gesell-
schaftskritische Interpretation in dem näher bestimmten Sinn verzichtet
daher in der besprochenen Arbeit zumeist pointiert auf eine solche
begriffliche Darstellung gemäß der Marxschen Theorie. Entsprechend
weist Benjamin in einem Brief an Horkheimer auch ausdrücklich darauf
hin, daß diese Interpretation nicht beanspruche, den Begriff einer marxi-
stischen für sich allein zu erfüllen. [100]
So versucht Benjamin im Werk Baudelaires und in der Sozialgeschichte
der Boheme wie in einer Physiognomie zu lesen. In ihr lassen sich die
Spuren der Gesellschaft erkennen, aber als Spuren in einem Gesichts-
ausdruck erhalten sie auch ein eigenes Gepräge. Es sagt mehr über diese
Gesellschaft aus, als sich der Analyse ihrer grundlegenden Mechanismen
erschließen würde. [101] In diesem Sinn ist wohl auch eine Bemer-
kung Benjamins zu verstehen, die sich in einem nachgelassenen Manu-
skript zur Passagen-Arbeit findet. Dort heißt es: >>Die Frage ist [ ... ] :
wenn der Unterbau gewissermaßen im Denk- und Erfahrungsmaterial
den Überbau bestimmt, diese Bestimmung aber nicht die des einfachen
Abspiegelns ist, wie ist sie dann - ganz abgesehen von der Frage ihrer
Entstehungsursache - zu charakterisieren? Als deren Ausdruck. Der
Überbau ist der Ausdruck des Unterbaus. Die ökonomischen Bedin-
gungen, unter denen die Gesellschaft existiert, kommen im Überbau
zum Ausdruck.<< [102]

d) Die Fragwürdigkeit von Benjamins Interpretationsweise

Adorno hat in einem Brief an Benjamin Bedenken gegen dessen Auf-


satz angemeldet. Er geht davon aus, daß die »materialistische Determi-
nation kultureller Charaktere [... ] nur vermittelt durch den Gesamt-
prozeß<< möglich sei. [103] über diesen Gesamtprozeß in der Analyse
einzelner kultureller Phänomene Aufschlüsse zu erlangen war der An-
spruch der Passagen-Arbeit. In ihrem Mittelpunkt sollte der Begriff des
»Fetischcharakters der Ware<< stehen [104], und die Untersuchung zu
Baudelaire sollte dafür ein Modell abgeben. [105] Statt dessen aber
findet Adorno die Phänomene als »bloß subjektiv erfahrene« darge-
stellt. [106] Die »>Ansicht< von Sozialcharakteren<< [107] werde mit
Hilfe des >pragmatischen Hinweises< und der »materiellen Enumera-
tion<< geschildert. [108] Den Daten, die dadurch in den Mittelpunkt
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 45

treten, wird nach Adorno >>abergläubisch fast eine Macht der Erhellung
zugeschrieben<<, die >>allein der theoretischen Konstruktion vorbehalten<<
wäre. [109] Genau die Theorie aber sei ausgespart und der Empirie
dadurch ein >trügend epischer Charakter< verliehen. [110] Im Wider-
spruch zur Erkenntnis über die Subsumtion der einzelnen Phänomene
unter die wesentlichen gesellschaftlichen Kräfte werden gerade diese ein-
zelnen Fakten und Erfahrungsdaten als unvermittelte, spontane und
wesentliche Momente der Realität beschworen. Folgt man Adorno, so
gilt dies für fast alle signifikanten Stellen in Benjamins Interpretation:
etwa die über die Spur, den Flaneur, die Passagen, die Moderne. Die
Passagen z. B., die nach der zitierten Stelle aus dem Expose von 1935
im Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktivkräfte und der
Produktionsverhältnisse zu sehen sind, würden hier bezeichnenderweise
eingeführt mit dem Hinweis auf die empirische Tatsache der schmalen
Trottoirs in den übrigen Straßen. [111] Diese böten dem Flaneur
keinen Schutz vor den Fuhrwerken und seien daher im Gegensatz zu
den Passagen der gemächlichen Flanerie hinderlich. - Der Nachdruck,
mit dem Benjamin gerade empirische Details und konkrete Erfahrungen
ins Blickfeld rückt, gereicht dem Aufsatz nach Adorno zum Schaden.
Die Askese gegenüber der begrifflichen Deutung der Erscheinun-
gen [112] zugunsren der Unterstellung ihrer unmittelbaren Trans-
parenz siedle die Interpretation >>am Kreuzweg von Magie und Posi-
tivismus<< an. [113]
Benjamin entgegnet dem in seinem Antwortbrief, daß seinem Ver-
fahren nicht Askese, sondern eine methodische Vorkehrung zugrunde
liege. Sie könne gekennzeichnet werden als >>die echt philologische Hal-
tung<<. [114] Die Philologie nämlich ist nach Benjamin >>diejenige an
den Einzelheiten vorrückende Beaugenscheinigung eines Textes, die den
Leser magisch an ihn fixiert.<< [115] Auch wenn dieses magische Ele-
ment in einem Schlußteil des geplanten Baudelaire-Buches noch durch
die Philosophie zu exorzieren wäre [116], so müsse doch eine solche
philologische Haltung >>nicht allein um ihrer Resultate willen, sondern
eben als solche in die Konstruktion eingesenkt werden<<. [117] Benja-
min erinnert dabei an eine Stelle in seinem Aufsatz über Goethes Wahl-
verwandtschaften. Dort war davon die Rede, daß die kritische Dar-
legung des Wahrheitsgehaltes von Interpretationsgegenständen an die
philologische Herausstellung der Sachgehalte gebunden sei. [118] Dies
letztere habe der Kommentar zu leisten.
Verständlich ist nach dem bisher Gesagten, warum der philologischen
Bemühung in Benjamins Konzeption ein solcher Stellenwert zukommt,
daß sie nicht nur um ihrer Resultate willen als Vorarbeit der eigent-
lichen gesellschaftskritischen Interpretation von Interesse ist. Daß Ben-
jamin darauf insistiert, sie sei >>eben als solche<< in die Konstruktion
46 über Charles Baudelaire

einzusenken, stimmt mit seiner Auffassung über den spezifischen Cha-


rakter seiner Interpretationsgegenstände zusammen. Die gesellschafts-
theoretisch-begriffliche Analyse ist nicht imstande, ihnen gerecht zu
werden, da sie auf die allgemeinen, für die gesellschaftliche Reproduk-
tion generell gültigen Aspekte der Realität zielt. Vor Augen geführt
werden aber soll, was diese Gültigkeit nicht beanspruchen kann und
daher nach Maßgabe jener Theorie und den Vermittlungen, die sie zwi-
schen einzelnen Erscheinungen und den wesentlichen Zügen der Gesell-
schaft herstellt, wenn überhaupt, so nur insoweit erfaßt werden kann,
als es sich als Moment eben jener übergeordneten wesentlichen Züge
erklären läßt. Damit fiele es aber in seiner geschichtsphilosophisch inter-
essanten Besonderheit aus dem kategorialen Rahmen der Interpretation.
Das philologische Verfahren und mithin der Kommentar wollen nicht
primär das Vermittelte, sondern das Unmittelbare erfassen, so wie es
zunächst nur in den einzelnen Texten aufgezeigt und in seinem Zusam-
menhang mit anderen Zeugnissen belegt werden kann.
Um dieses eigene Gewicht des philologischen Verfahrens kenntlich
zu machen und seine besondere Leistung in bezug auf ästhetische Phäno-
mene hervorzuheben, beruft sich Benjamin an anderer Stelle auch auf
Vertreter einer kunstwissenschaftliehen Richtung, die insbesondere an die
Arbeiten von Alois Riegl anknüpft. [119] Auch dieser Art von Kunst-
betrachtung eignet Benjamin zufolge die >>Andacht zum Unbedeuten-
den, mit der die Brüder Grimm so unverwechselbar den Geist wahrer
Philologie zum Ausdruck brachten<<. [120] Sie interessiert sich nach
Benjamin für >>die unscheinbarsten Daten des Gegenstandes«, um seine
Bedeutung erfassen zu können. Was in der sozialen Lebenspraxis keine
Geltung erlangt hat, was nicht aus den allgemein verbindlichen Wert-
vorstellungen der Epoche verständlich ist, wird in den Vordergrund
gerückt. Diese eigentümliche Stellung der ästhetischen Produkte in der
Geschichte, wie sie die von Benjamin in Anlehnung an Sedlmayr sog.
>>strenge Kunstwissenschaft« im Auge hat, entgeht der universalhisto-
risch orientierten Kunstgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Deren
Versäumnisse nachzuholen ist ihr Anliegen. [121] Der Universal-
historie zerfällt die Kunstgeschichte in klassische >Höhepunkte< und in
>>Verfallsperioden«. [122] Nur was in der vollendeten Gestaltung das
konkrete historische Dasein, aus dem es entstand, vergessen macht und
von allgemeiner, klassischer Geltung ist, kann demnach einer Betrachtung
wert sein. Perioden, wie das Barock, >>in dem noch Burckhardt nur ein
Zeugnis des Zerfalls sehen wollte«, oder der Manierismus, mußten -
aufgrund dieser Beurteilungskategorien vernachlässigt - später erst
wieder zugänglich gemacht werden. [123] Das Interesse richtete sich
vorher auf Gegenstände, an Hand deren der Eindruck entstehen konnte,
als käme in ihnen ein letztlich überzeitlich Verbindliches zum Ausdruck.
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 47

Gerade der spezifische Charakter ästhetischer Wahrnehmungs- und


Gestaltungsformen jedoch, der weder uneingeschränkt die Epoche noch
ewige Werte repräsentiert, aber nach Benjamin eben durch diese seine
Eigenart historisch aufschlußreich ist, kann an solchen Gebilden deutlich
werden, an denen einzelne Momente auf Kosten der harmonischen Ein-
heit hervortreten. Denn damit lassen sich die Werke als Prozeß der
Auseinandersetzung mit bestimmten Wirklichkeitseindrücken und dem
- nicht in kanonisierbarer Weise gelösten - Problem ihrer Formierung
sichtbar machen. [124]
Zu rekapitulieren wäre nunmehr nochmals exemplarisch, wie speziell
Benjamins philologisches Verfahren in seiner Durchführung aussieht,
um daran die entscheidende Frage zu knüpfen, welche Art von Kritik
mit diesem Verfahren vorbereitet wird und in welchem Verhältnis
sie zum Kommentar steht. Die Kritik, die auf den Wahrheitsgehalt
der Werke zielt, soll ja, wenn auch nicht im vorliegenden Teil der
Baudelaire-Arbeit, die Unzulänglichkeiten des vorwiegend philolo-
gischen Verfahrens, den bewußt pointierten Kurzschluß von ausgebrei-
teten empirischen Besonderheiten und subjektiven ästhetischen Erfah-
rungen mit der insinuierten allgemeinen gesellschaftlichen Bedeutung
beheben, ohne jedoch auf die spezifische, gesellschaftstheoretisch nicht
restlos einholbare Qualität jener Besonderheiten in der Darstellung
verzichten zu müssen.
Zunächst ist an einen Umstand zu erinnern, der naheliegende Miß-
verständnisse bezüglich des philologischen Verfahrens ausräumen kann.
Die philologische Vergegenwärtigung der Gegenstände nämlich gibt
sich nicht der Illusion hin, sich mit der >>•Sache an sich<« umstandslos
befassen zu dürfen. Diese scheinbare >>>Sache an sich<<< ist nach Ben-
jamins methodologischer Einleitung in die frühe Fassung der Baude-
laire-Arbeit nicht die Sache >>•in Wahrheit<<<. [125] Denn die Oberlie-
ferung prägt die Auffassung von den .Gegenständen in einer Weise, die
des Mißtrauens würdig ist. Baudelaire wurde in seiner Rezeptionsge-
schichte aufgefaßt als Dichter des L'art pour l'art, und zwar in dem
Sinne, daß in seiner Poesie das geschichtlich Erfahrene nur mehr Mate-
rial autonomer Gestaltung sei. [126]
Der Kommentar wird demgegenüber, zunächst ohne Rücksicht auf
die Geschlossenheit der Gebilde, jenes Substrat der geschichtlichen Erfah-
rungswelt, welche dem Werk zugrunde liegt, zu rekonstruieren ver-
suchen. [127] Durch die Wirkungsgeschichte der in Frage stehenden
Dichtung, aber auch durch die gesellschaftlichen Veränderungen, denen
etwa die Passagen und der Flaneur zum Opfer gefallen sind, werden
solche spezifischen Erfahrungsgehalte dem Interpreten zunächst fremd
erscheinen. Der Kommentar setzt Benjamins Wahlverwandtschaften-
Aufsatz zufolge genau mit der Deutung jenes Befremdenden, nämlich
48 über Charles Baudelaire

des Sachgehaltes oder der >>Realien<< ein, die dem heutigen Betrachter
»desto deutlicher vor Augen<< treten »je mehr sie in der Welt abster-
ben<<. [128] - Einer dieser Kommentare bezog sich auf Baudelaires
Sonett A une passante. Er akzentuierte das Erlebnis der Unerfülltheit
menschlicher Beziehungen, das sich dem Flaneur in der Menge aufdrängt.
Darüber hinaus läßt sich an Hand einiger Bemerkungen Benjamins
zeigen, welche Weise der Kritik durch diesen Kommentar vorbereitet
wird. - Das Auffällige an dem Gedicht ist »die Strömung, mit der die
Frau von der Menge getragen an dem Dichter vorübertreibt<<, [129]
Gegenstand der Betrachtung wird die. Flüchtigkeit der Erscheinung; die
Erfahrung in der Menge, welche dem einzelnen schockartig widerfährt;
die Flut von Reizen in der Großstadt, die ihn hindert, sich in jedem
Augenblick zurechtzufinden und der Situation nach Maßgabe seiner
Wünsche Herr zu werden. Festzuhalten ist, daß dies vom Flaneur gleich-
wohl noch registriert und reflektiert wird, weil er noch Zeit zur Beob-
achtung hat, und die Masse ihn noch nicht mit sich fortreißt. Zu solchen
Feststellungen veranlaßt das Gedicht. Sie werden aber nicht allein im
Sinne einer dem Werk immanenten Interpretation verfolgt, sondern sie
werden über das Gedicht hinausgehend verdeutlicht als mögliche Wahr-
nehmungsweise in der Gesellschaft jener Zeit. Der Vergleich mit anderen
zeitgenössischen Texten dient ihrer Rekonstruktion. Dafür, wie im Ge-
dicht selbst diese Wahrnehmung schließlich verarbeitet wird, bleiben
nur ein paar Anmerkungen. Sie sind Ansatzpunkte für die Kritik. [130]
Im Gedicht selbst nämlich wird die flüchtige Erscheinung auf bezeich-
nende Weise festgehalten. Das in Wirklichkeit Transitorische und
sogleich von anderen Wahrnehmungen Verdrängte erhält in Baudelaires
Gedicht dauernde Bedeutung. Nicht der Schock des plötzlichen sexuellen
Verlangens, welcher zunächst die tatsächliche Beziehungslosigkeit signa-
lisiert, gilt am Ende des Gedichts mehr, sondern das Bild der Frau wird
erinnert als hätte es »in allen Kammern seines Wesens<< vom Wahr-
nehmenden Besitz ergriffen und brächte dieses Wesen in der Sehnsucht,
die das Wahrgenommene erweckt hat, zum Ausdruck. Das Sonett schließt
nach Benjamin mit Terzinen, die gemessen am Vorhergegangenen höchst
problematisch sind. Sie machen den Vorgang, obwohl er dazu streng-
genommen gerade keine Handhaben bietet, zum Anlaß für die Selbst-
darstellung des erfahrenden Subjekts. Das Absterben menschlicher Bezie-
hungen und der Möglichkeit der Selbsterfahrung in ihnen ist im Medium
der Erinnerung revidiert. Die flüchtige, anonyme, weil durch die Menge
zugetragene Frauenerscheinung wird dem Flaneur als seine eigene Erin-
nerung an sie vertraut. Die Worte, mit welchen jene Terzinen einsetzen,
signalisieren, daß sich das lyrische Subjekt gegenüber der vorherigen
schutzlosen Ausgeliefertheit an die Sinnesreize der Großstadt selbst
gefunden hat; es reagiert nicht, sondern beginnt zu reflektieren auf den
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 49

Anlaß seiner Reaktion: >>Un eclair ... puis Ia nuit. Fugitive


beaute<<. Dies bringt zunächst die Situation gleichsam auf den Begriff,
um dann im folgenden diese Reflexion weiterzuführen, eben indem nicht
die reale Frauenerscheinung, welche nur schockhaft erfahrbar war, son-
dern die eigene Erinnerung an sie - angesprochen in der vertraulichen
2. Person Singular des Personalpronomens - zum Gegenstand wird.
An die Stelle des konkreten, faktischen Ausgeliefertseins an die Menge
tritt die darüber sich erhebende souveräne Selbstreflexion. In bezeich-
nender Weise entkonkretisieren sich in der Erinnerung die Raum- und
Zeitbeziehungen. >>La rue assourdissante autor de moi hurlait<< beginnt
das Gedicht. In den Terzinen hingegen verschafft das erinnernde Sub-
jekt sich in seiner unerfüllbaren Sehnsucht die Möglichkeit der Selbst-
darstellung: >>Ne te verrai-je plus que dans l'eternite? I Ailleurs, bien
loin d'ici! trop tard! jamais peut-etre!<< - Zwar wird dadurch
der durchaus banale Vorgang tauglich zum Gegenstand der Poesie. Die
flüchtige Erscheinung erhält Gestalt über ihre triviale Alltäglichkeit
hinaus. Die Bedeutungsleere der erfahrbaren Welt und die entsprechende
Erfahrungsarmut des auffassenden Individuums, der sachliche Gehalt
des Gedichts mithin, geraten damit nach Benjamin aber in Gefahr. [131]
Die Kluft, die sich so auftut zwischen der Armseligkeit an realen Selbst-
erfahrungsmöglichkeiten als Substrat der Poesie und ihrem Reichtum
an Reflexion, zu der dieses Substrat beim flüchtigen Lesen als bloßer
Anstoß erscheint, wird durch diese Betrachtungsweise als das eigentlich
aufschlußreiche Moment des Textes sichtbar. Der Schein der Einheit
zwischen den abschließenden Terzinen und dem Vorausgegangenen ist-
vorbereitet durch die philologische Rekonstruktion des zugrunde liegen-
den historischen Erfahrungsgehaltes - zerstört. Es zeigt sich, wie die
Indifferenz der Wirklichkeit gegenüber gesichertem Sinn die poetische
Anstrengung, ihr solche Bedeutsamkeit abzugewinnen, eigentlich zum
Scheitern verurteilt. Baudelaires Hinweise darauf in den ersten Vier-
zeilern, daß der Passant beim Anblick der Frau im Schock zusammen-
zuckt, und daß die Frauenerscheinung in Trauer ist, erhalten Gewicht
und betonen den problematischen Charakter der Terzinen, welche den
Vorgang zur Einheit des lyrischen Gebildes abrunden. Die Bruchstellen
in Baudelaires Gedicht zeigen seinen wahren Gehalt an: die poetische
Verarbeitung der Krise individueller Erfahrung kann diese nicht beseiti-
gen, sondern in Wahrheit nur zum Ausdruck bringen. Welche Bedeutung,
welche Aktualität in der Geschichte dem beizumessen ist, bleibt zu
klären. Zunächst jedoch kann festgehalten werden, daß damit eine
Form der Sensibilisierung gegenüber der erlebten Wirklichkeit sichtbar
wird, die zunächst im Gegensatz zur enthistorisierenden Klassifizierung
der Kulturgeschichte steht und nur durch die Erhellung des zugrunde
liegenden geschichtlichen Erfahrungsgehaltes in den Blick gerät, die
50 Ober Charles Baudelaire

aber auch im kategorialen Rahmen der Marxschen Geschichtstheorie


nicht hinlänglich· erfaßt werden könnte. Denn solche ästhetischen Erfah-
rungen sollen Aufschlüsse über die Epoche erteilen, die nicht vermittelt
mit ihren wesentlichen Zügen begrifflich erklärt werden können. Das
Defizit der allgemeinen Gesellschaftstheorie, die ästhetische Phänomene
in ihrer eigenartigen Bedeutung nicht in den Griff bekommt und damit
unersetzbaren und geschichtsphilosophisch relevanten Erfahrungsweisen
gegenüber indifferent bleibt, wäre zu beseitigen. Dieser Intention gemäß
ist aber der philologische Kommentar nicht nur unentbehrlich, sondern
für den Charakter der Wahrheit, die, durch ihn vorbereitet, gefunden
werden soll, ist er zugleich bestimmend. Denn eine Vermittlung mit dem
Gesamtprozeß liegt so gesehen als nächster Schritt der Interpretation
gerade fern. Verwiesen wird vielmehr auf einen Sinnbereich, der quer
zum allgemeinen Gang der Geschichte liegt und soziologisch gesehen
allenfalls Index von Gruppen ist, die für die Gesellschaft und die Ge-
setze ihrer Reproduktion nicht repräsentativ sind. Insofern in den
ästhetischen Erfahrungen der alltägliche Gang der Dinge stillgestellt
und in der Distanz zum prosaischen Dasein die unabsehbare übermacht
der verdinglichten Verhältnisse leidvoll erinnert wird, besteht eine
grundlegende Distanz zur allgemeinen gesellschaftlichen Praxis und
bezüglich ihres Verständnisses eine kategoriale Differenz zu deren Theo-
rie. Daher ist ein solcher Gehalt der ästhetischen Phänomene selbst auch
unauflöslich an das gebunden, was allein der philologische Kommentar
unmittelbar und als bloß subjektiv erfahrene Wirklichkeit ohne allge-
meine Geltung an ihnen feststellt. Für Benjamin gilt auch in seinen
Baudelaire-Interpretationen uneingeschränkt, was schon im Wahlver-
wandtschaften-Aufsatz zum Verhältnis von Kritik und Kommentar,
von Wahrheitsgehalt und Sachgehalt formuliert wurde: >>Das Verhältnis
der beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der
Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto unscheinbarer
und inniger an seinen Sachgehalt gebunden ist.<< [132] - Damit ist
im übrigen die entscheidende Differenz zur romantischen Form der
Kunstkritik bezeichnet. Nicht die Steigerung der Reflexion zum Abso-
lutum, dadurch daß die Kritik die geistige Leistung der Poesie selbst
noch einmal zum Gegenstand der Reflexion macht und damit in freier
Selbstreflexion des Geistes alle materiale Gebundenheit hinter sich
läßt [133], ist nach Benjamin Aufgabe der Kritik. Vielmehr kommt
es gerade auf die Rückkoppelung an den sachlichen Gehalt an. Erst so
kann sich, wie bei Baudelaire, ein überschuß an Sinngehalten über das
in der Epoche übliche zeigen; ein Überschuß, der die ästhetische Erfah-
rung über die historische Faktizität hinaus aktualisierbar macht und
somit ihren bleibenden Wahrheitsgehalt konstituiert. - Gerade die
ästhetisierende, subjektzentrierte Weltauffassung, die im Gang der Ge-
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 51

schichte keinerlei allgemeine Verbindlichkeit erlangt und die daher in


ihrem historisch-sachlichen Gehalt unter veränderten Bedingungen erst
wieder rekonstruiert werden muß, erhält eben aufgrund dieser ihrer
Unverbindlichkeit einen Sinngehalt, welcher reaktualisierbar ist über
den Wandel der jeweils nur begrenzt verbindlichen und damit überhol-
baren sozialen Bedingungen hinweg. Der Ausdruck der Epoche überlebt
diese selbst. Indem Baudelaires Gedichte letztlich keine, der Zeit schein-
bar enthobenen Lösungen aus der Krise subjektiver Erfahrung darstel-
len, sondern genau diese unter spezifischen, selbst vergänglichen histo-
rischen Umständen und unter Verzicht auf die Inanspruchnahme ewiger
kultureller Werte reflektieren, erlangen sie eine Bedeutung, die aktuali-
sierbar bleibt, die Bestand hat über den konkreten Anlaß und auch über
eine etwaige vordergründige, scheinbare Bewältigung hinaus.
Die Frage bleibt, welche geschichtliche Signifikanz ein solcher Wahr-
heitsgehalt hat. Denn entscheidend ist ja, daß seine Aktualität nicht nur
eine wie bei Schiller, Hegel oder Marx auf die Kunst eingegrenzte sein
soll, sondern daß in der Erinnerung an sie verborgene Möglichkeiten
der Geschichte deutlich werden sollen. Das Bild von Baudelaires Dich-
tung, das durch jene Rekonstruktion seiner wahren Bedeutung entsteht,
soll monadologisch zugleich Bild der Welt sein. Daher der Versuch,
durch den philologischen Befund nicht nur den Sachgehalt der Dichtung
als Voraussetzung für die Einsicht in ihren Wahrheitsgehalt zu erhellen,
sondern zugleich auch die Dichtung auf Daten der Sozialgeschichte so
zu beziehen, daß gesellschaftstheoretisch unvermittelt jene Ausdrucks-
qualitäten als sozial manifeste Tendenzen erscheinen und das in Frage
stehende Zeitalter damit über seine Eingegrenztheit auf die Reproduk-
tion entfremdeter sozialer Mechanismen hinausweist. Andererseits würde
aber genau erst die Differenz zu dieser geschichtlich zu überholenden
Bestimmung der Epoche nach der vorherigen Interpretation den Wahr-
heitsgehalt von Baudelaires Dichtung konstituieren. [134]
Man kann sich nun freilich eine Interpretation vorstellen, die auf
die pointierte Hervorhebung des kommentierenden Verfahrens ver-
zichtete, ohne dessen Intention aufzugeben. So etwa wäre der rein
pragmatische Hinweis auf die Schmalheit der Trottoirs zur Einfüh-
rung des Passagenmotivs entbehrlich. Seinen Platz könnten etwa die
bereits herangezogenen, sozialgeschichtlich fundierten Ausführungen
im Expose einnehmen, die den Stellenwert der Passagen innerhalb des
Interpretationszusammenhanges überhaupt erst plausibel machten. An
der im strengen Sinne konstitutiven Bedeutung des philologischen Ver-
fahrens würde dies jedoch nichts ändern. Damit aber auch nichts an der
mit ihm verbundenen fragwürdigen Doppelstrategie, nämlich kommen-
tierend die spezifische Qualität und damit die Einsicht in den Wahr-
heitsgehalt und die Aktualität der Kunstwerke vorbereiten und zugleich
52 Ober Charles Baudelaire

die Ausdrucksqualitäten als die der Epoche überhaupt deutlich machen


zu wollen. Benjamin hat denn auch diese seine philologische Absicht in
nachgelassenen Aufzeichnungen zur Passagen-Arbeit als eine uneinge-
schränkt wesentliche namhaft gemacht. Ihnen zufolge handelt es sich
in dieser und damit wohl auch in dem Teil über Baudelaire um einen
>>Kommentar zu einer Wirklichkeit<<; >>das Buch des Geschehenen<< soll
aufgeschlagen werden, damit man diese >>Wirklichkeit des neunzehnten
Jahrhunderts<< >>wie einen Text lesen<< könne. [135]
Sieht man Benjamins Interpretationen unter diesem Aspekt, dann
zeigt sich das grundlegende Mißverständnis, dem Adorno unterliegt,
wenn er glaubt, die fehlende begriffliche Vermittlung in Benjamins
Aufsatz über Das Paris des Second Empire bei Baudefaire im Interesse
der wahren Intention des Passagen-Projekts reklamieren zu müs-
sen. [136] Benjamin ist gegenüber der begrifflichen Vermittlung der
Phänomene des Überbaus mit dem gesellschaftlichen Gesamtprozeß an
der Darstellung dieses Überbaus als Ausdruck der zugrunde liegenden
gesellschaftlichen Verhältnisse gelegen. Dennoch aber konnte Adorno
Mängel des Benjaminsehen Verfahrens aufzeigen, die dieser selbst zuge-
stand und die er nach Maßgabe der Theorie des historischen Materia-
lismus, kraft einer philosophischen Erhellung des dargelegten Materials,
beheben wollte. [137] Es handelte sich um Unstimmigkeiten, die
gerade deshalb auftraten, weil das philologische Verfahren nicht nur
den Gehalt von Baudelaires Dichtung zu erkennen helfen sollte, sondern
wie gesagt zugleich jene Einsicht in Ausdrucksqualitäten der Epoche
suggerierte. Der Vorwurf des >trügend epischen Charakters<, der der
Empirie verliehen werde, verliert daher trotz des Mißverständnisses der
Intention aufgrund der immanenten Problematik dieser Interpretations-
absicht nichts von seinem Gewicht. [138] Was mithin in der geschichts-
philosophischen Aufgabenbestimmung der Interpretation als fruchtbare
Spannung zwischen historischem Materialismus und theologischer Speku-
lation verstanden werden sollte, droht wegen solcher Ambitionen in der
Durchführung der Interpretation auf eine Ästhetisierung der Geschichte
auf Kosten der Gesellschaftstheorie hinauszulaufen. [139] Und zwar
würde dies nicht nur für den besprochenen mittleren Teil des Buches
gelten, sondern ebenso für einen daran anknüpfenden, wie immer auch
gesellschaftstheoretisch verfahrenden, insofern er jene Intention beibe-
halten will. Benjamin hat im Zusammenhang der Auseinandersetzung
mit Adorno freilich darüber hinausgehende Hinweise darauf gegeben,
wie man sich ein solches gesellschaftstheoretisches Verfahren vorstellen
könne. Es soll im nächsten Kapitel der vorliegenden Arbeit gezeigt
werden, wie sehr es um der Vermeidung eines solchen Dilemmas willen
unausgesprochen diese ursprüngliche Intention relativieren muß. [140)
Die Form des Kommentars, die an das historisch scheinbar nicht Ver-
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 53

bindliehe anknüpft und es als etwas in Wahrheit für die Geschichte


Wesentliches deuten will, ist in der jüdischen Tradition der Auslegung
heiliger Texte vorgeprägt. Besonders Scholem hat als Kenner des ein-
schlägigen Schrifttums auf der Wirksamkeit dieser Tradition im Werk
Benjamins nachdrücklich bestanden. [141] Der Kommentar dient in
diesem Zusammenhang dem Zweck, die Offenbarung, wie sie in der
Tora kodifiziert ist, jeweils neu verständlich zu machen und ihre Ver-
bindlichkeit in der Geschichte zu erhellen. Denn nicht als auf Dauer
gesicherter und in sich abgeschlossener Bestand von Sinngehalten kann
nach jüdischer Auffassung die Offenbarung verstanden werden. Viel-
mehr bewährt sich ihre Bedeutung im Kommentar des heiligen Textes,
in der möglichen Wirksamkeit seiner Worte in jeder neuen Wirklich-
keit. [142] Was angesichts des geschichtlichen Ablaufs befremdlich
erscheint, muß in seiner aktuellen Bedeutung verständlich gemacht wer-
den. Wenn sich also so gesehen erst in der Anwendung auf die jeweilige
Zeit die Kraft der Offenbarung erweist, so konstituiert sie sich der
undogmatischen kabbalistischen Lehre [143] zufolge überhaupt erst in
dieser Anwendung, denn die Worte Gottes dürfen nicht als vorgegebene
Norm aufgefaßt werden, sondern ihre Bedeutung wird nur in der unend-
lichen Vielfalt historischer Erscheinungen greifbar. [144] Die Theologie
rekurriert mithin nicht auf einen Bedeutungsbereich jenseits der Ge-
schichte, sondern sucht dessen geheime Geltung gerade in ihr aufzu-
spüren. Angesichts der realen profanen Geschichte erscheint es freilich
paradox, in ihr das eigentliche Wirkungsfeld göttlicher Kraft zu suchen.
Sie ist auch nicht im Sinne einer direkten Verwirklichung des messia-
nischen Reiches in ihr zu verstehen. Dem Kundigen aber wird in dem
durch den Gang der Historie verborgenen Gehalt der Erscheinungen
die Lebendigkeit der Tradition dennoch deutlich. Benjamin fordert eine
entsprechende »mystische Geschichtsauffassung<<, der zufolge sich gerade
noch im unscheinbarsten konkreten Detail die Wirksamkeit des Nicht-
Profanen andeutet. >>Das Profane also ist zwar keine Kategorie des
Reichs<<, so heißt es bei ihm, >>aber eine Kategorie, und zwar der
zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens.<< [145]
Zusammenfassend läßt sich nochmals feststellen, daß nunmehr in der
Durchführung von Benjamins geschichtsphilosophischem Programm die
beanspruchte Einsicht in eine solche untergründige Relevanz der
geschichtlich unscheinbaren Realien doch ihrer Tendenz nach Gefahr
läuft, mehr zu bedeuten als die angestrebte Heuristik zu einem Ver-
ständnis historischer Phänomene, wie es der verallgemeinernden histo-
rischen Wissenschaft abgeht; eine Heuristik, die deren Einsichten aber
deshalb nicht entwerten soll, sondern in ein fruchtbares Verhältnis zu
ihnen treten will. Der intendierte spannungsreiche, für beide Erkenntnis-
weisen sinnvolle Bezug aber gerät zur problematischen, die Spannung
54 Ober Charles Baudetaire

gerade einebnenden Substitution der einen durch die andere. Denn es


soll nicht die Indifferenz der Marxschen Theorie gegenüber der Eigen-
art und Bedeutung bestimmter historischer Phänomene nur kompensiert
werden, sondern es sollen Zusammenhänge mit dem Anspruch auf tat-
sächliche historische Geltung sichtbar gemacht werden, die zur Aussage
des historischen Materialismus über die bestimmenden geschichtlichen
Kräfte in offenen Widerspruch geraten. Jene Kompensation, so schien
es zunächst, sollte die Philologie im Sinne der ausdrücklich affirmierten
Intention der sog. strengen Kunstwissenschaft leisten. Auch dieser wider-
spräche es aber, das Eigentümliche der ästhetischen Erfahrung und ihrer
künstlerischen Gestalt, welches vom Bereich des gesellschaftlich Gel-
tenden zu sondern wäre, seinerseits zum Indiz für das zu machen, was
in der Geschichte unmittelbar als praktisch konstitutiv angesehen wer-
den muß. Der Kommentar steht im Begriff, genau solche Differenzie-
rungen zu revidieren - Differenzierungen, die auch im Sinne einer
Gesellschaftstheorie wären, welche ihre eigenen Grenzen reflektiert und
offen bleibt für Phänomene, deren Bedeutung nicht gesichert, aber auch
nicht auszuschließen ist. Dies aber nur unter der Bedingung, daß es sich
eben um Differenzierungen im Rahmen des historischen Wissens handelt,
nicht aber, daß es sich darum handelt, dieses außer acht zu lassen.
Benjamin hatte sich zu Recht gegen die historistische Vorstellung von
der Geschichte als einem Kontinuum gewandt, um der Neutralisierung
der Historie gegenüber den in ihr zu leistenden Aufgaben zu begegnen.
Die Brüche in der Geschichte wären demnach in Erinnerung zu rufen,
nicht nur um die Möglichkeiten einer veränderten Zukunft vorzustellen,
sondern auch um die Verschüttung tradierbarer Sinngehalte als Pro-
blem und Gefahr der Bornierung modernen Geschichtsbewußtseins zu
erkennen. Benjamin kritisiert die Hypostasierung des historischen Ab-
laufs, die durch ihre Gleichgültigkeit nochmals das Geschehene sank-
tioniert. Was an Tradierbarem überhaupt bestehen blieb, entaktuali-
siert diese historische Betrachtungsweise zum Kulturbesitz und Museums-
inventar. Der historische Materialist nun kann den Prozeß sozialer
Entwicklung, der dem Traditionsverlust objektiv zugrunde liegt, als
verdinglichten Mechanismus kritisieren. Er kann die Aufgaben in den
Blick rücken, die im Interesse an einer besseren Geschichte zu leisten
bleiben und die nicht zuletzt, wie immer auch unzureichend, in den
kulturellen Produkten schon angedeutet gewesen sein mögen. Was er
aber nicht kann, ist dasjenige als tatsächlich bedeutsam und wirkungs-
voll zu erweisen, was für die historische Entwicklung nicht bestimmend
war. Wenn er daher auch mißtrauisch gegenüber der historistischen Ver-
klärung des historischen Geschehens sein wird, so wird er doch weder
die tatsächliche Relativität von vergangeneu historischen Momenten in
Zweifel ziehen können, die durch den Fortgang der Entwicklung in ihrer
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 55

sozialen Geltung überholt wurden, noch wird er gar solchen Phäno-


menen, welchen diese Geltung gar nicht zukam, eine aktuelle geschicht-
liche Verbindlichkeit zusprechen können. In diesem Sinne teilt er mit der
bürgerlichen Geschichtsschreibung auch die Kritik des Glaubens an die
praktische Autorität jeglicher überkommener Sinngehalte. Ihm ist
zunächst in bezug auf außerästhetische historische Phänomene nicht an
der Revision der Aufklärung gelegen, die angesichts der sozialen Inno-
vationen und i. G. zu traditional gebundenen Gesellschaftsformationen
das Ideal einer, durch die Verbindlichkeit des überlieferten nicht
belasteten, vernünftigen Einsicht in die historischen Verhältnisse for-
mulierte. [146] Im Bereich der Philologie bewirkte dieser Prozeß
der Verwissenschaftlichung des Realitätsverständnisses die Entwicklung
textkritischer Verfahrensweisen. Dies im übrigen bezeichnenderweise
nicht nur im anfänglichen Unterschied zum dogmatischen Geltungsan-
spruch vorreformatorischer Bibelexegese [147], sondern gerade auch
entgegen dem späteren humanistischen Kommentar von fremden, ins·
besondere antiken Texten als einer Quelle für Anleitungen zum prak-
tischen Handeln. [148] Wenn Benjamin daher die Technik des Kom-
mentars des historisch Vergangenen auf seine Weise wiederzubeleben
versucht, so begibt er sich auch wissenschaftsgeschichtlich gesehen in Op-
position zu den Bestrebungen, die historischen Phänomene in ihrer
geschichtlichen Relativität zu erhellen. [149] Noch in der historisti-
schen Bestimmung vergangener Ereignisse als einmalig und unwiederhol-
bar macht sich dies geltend, auch wenn dieser Gewinn an differenzieren-
dem geschichtlichen Wissen seinerseits problematische Aspekte enthält.
Der damit verbundene historische Erkenntniszuwachs kann im Namen
der Marxschen Theorie sinnvollerweise nicht ineins mit seinen zweifel-
haften Aspekten rückgängig gemacht werden.
Insbesondere ästhetische Phänomene wurden von Benjamin hingegen
herangezogen, um die Aktualität vergangener geschichtlicher Phäno-
mene aufzuzeigen. Benjamins eigene Interpretation veranlaßte dazu,
ihnen einen besonderen Status zuzuschreiben, aufgrund dessen sie in der
Tat nicht in der gleichen Weise wie ihre überholbaren geschichtlichen
Anlässe angesichts des Gangs der Historie kritisch relativierbar sind.
Die Eigentümlichkeit und auch die Schwerverständlichkeit von Benja-
mins Interpretationsverfahren liegt nun aber eben darin, diese spezifische
Qualität, welche den Wahrheitsgehalt der ästhetischen Phänomene
gegenüber anderen historischen Ereignissen ausmacht, immer zugleich
auch durch sozialgeschichtliche Parallelisierungen zurückzunehmen.
Durch den Anspruch auf historische Relevanz jener Phänomene, gemes-
sen an dem historischen Wissen über die aktuell verbindlichen Regeln ge-
sellschaftlichen Verkehrs, setzt er sich damit doch wieder dem Verdacht
56 über Charles Baudetaire

eines unkritischen Vorgehens aus. Dem Verdacht eines unkritischen Ver-


fahrens deshalb, weil die kritische Eingrenzung des Geltungsbereichs ästhe-
tischer Phänomene, die Spezifizierung ihres Wahrheitsgehaltes als Ergeb-
nis der deutschen idealistischen Philosophie ignoriert wird. Unkritisch des
weiteren deshalb, weil mit jener Beanspruchung historischer Relevanz
die Kunst undifferenziert in den Bereich historischer Faktizität einge-
rückt wird. In einen Bereich, dessen Momente, ebenso wie in der idea-
listischen Kunstphilosophie die ästhetischen Gegenstände, kritischer Re-
lativierung unterliegen - in der historischen Kritik als vergangene und
deshalb nicht mehr verbindliche, in der Kunstphilosophie als zumindest
in der Moderne kategorial eigenständige und daher prinzipiell ausge-
schlossen von der Möglichkeit, gesellschaftlich-praktisch tragfähig zu
sein. - Die Überlegung, wie und ob dieses problematische Verfahren
vermieden werden könnte, ohne etwas von den geschichtsphilosophisch
legitimierten Interpretationsmotiven preiszugeben, kann gleichwohl
dienlich dafür sein, sich trotz aller Zweifelhaftigkeit auch den ratio-
nalen Grund für Benjamins Vorgehen zu verdeutlichen. - Den dro-
henden kategorialen Fehlern der Beurteilung dürfte eine Interpretation
von Kunstwerken sicherlich dann entgehen, wenn sie auf historische
Relevanzkriterien überhaupt verzichtete. Entsprechend Benjamins In-
tention, so könnte es scheinen, wäre die Unüberholbarkeit ästhetischer
Erfahrung durch den Geschichtsververlauf und damit ihre Aktualisier-
barkeit zu erweisen. Dies, so könnte man zunächst weiter mutmaßen,
ohne daß deshalb die Bestimmung ihres Verhältnisses zur gesellschaft-
lichen Praxis und zu den in ihr produzierten Vorstellungsformen unter-
schlagen werden müßte. Denn eben durch die Unterscheidung davon
kann ja ihre Eigenart erst aufgezeigt werden. D. h., eine Theorie von
der Autonomie der Kunst müßte logischerweise auch immer von einer
Verhältnisbestimmung zur historischen Realität ausgehen. Der Bezug
zwischen Kunst und Gesellschaft wäre hergestellt, wenn auch nicht wie
bei Benjamin als einer, bei dem darauf abgezielt wird, beides zur Dek-
kung zu bringen. Zu fragen wäre, ob eine solche Konzeption eine Alter-
native zu Benjamin darstellte, die alle Probleme lösen könnte. Geht
man der Frage nach, so zeigt sich - eine solche Position einmal unter-
stellt -, daß sich für sie methodisch gesehen wiederum neue Probleme
ergeben. Diese verweisen darauf, daß die Ambivalenz von Benjamins
interpretatorischem Ansatz trotz der notwendigen Kritik an ihr auch
einen Sinn behält. Denn eine Hermeneutik ästhetischer Erfahrungen,
die deren Eigenart nicht aus den Augen verlieren will, muß sich not-
wendig nicht nur über die Abgrenzungsmöglichkeiten von anderen
gegenwärtigen Formen der Weltaneignung Klarheit verschaffen [150],
sondern gemessen an diesen auch über ihre Problematik. Reflektiert man
Das Paris des Second Empire bei Baudelaire 57

nämlich ihre Stellung und Bedeutung innerhalb der geschichtlichen Welt,


so wäre diese nur dann unproblematisch und bedürfte keiner gesell-
schaftskritischen Beurteilung, wenn in der Gesellschaft den Vorstel-
lungsweisen, welche sich auf den Geltungsbereich sozialer Normen
distanzierend und relativierend beziehen, eine unzweifelhaft positive
Funktion zukäme. Eine Funktion, die ihren Intentionen wirklich Rech-
nung trägt. Dies wäre dann der Fall, wenn die Gesellschaft offen wäre
für wahre Innovationen, also solche, die nicht immer schon durch den
verselbständigten Mechanismus der Kapitalverwertung vorab determi-
niert werden. [151] Nur dann nämlich könnte man davon ausgehen,
daß die intendierte Unkonventionalität ästhetischer Erfahrungen nicht
als nur scheinbarer Freiheitsspielraum letztlich doch bloßes Moment der
verdinglichten gesellschaftlichen Funktionszusammenhänge ist. Wenn
dem aber nicht so ist, dann wird ihr eigentümlicher Anspruch auf
bedeutsame Eigenart und Spontaneität gegenüber der gesellschaftlichen
Praxis zwangsläufig in Frage gestellt. An Baudelaire zeigte sich, wie
wenig sich die möglichen Erfahrungen in der gegenwärtigen alltäglichen
Lebenswelt zu einem Sinnzusammenhang zusammenfügen lassen, in dem
der einzelne in der Mannigfaltigkeit der Ereignisse sich ästhetisch kon-
kret als Subjekt erfahren könnte. Ein solcher ästhetischer Selbtbezug,
der unter anderen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen sein
fragloses Recht und seine uneingeschränkte Bedeutung neben der Orien-
tierung an praktischen Normen und theoretisch verallgemeinerndem
Wissen behaupten könnte, gerät unter diesen Voraussetzungen in die
Gefahr, zur bloßen Illusion über die wirklichen Möglichkeiten subjekt-
zentrierter Welterfahrung zu geraten. Ohne sachlichen Grund aber wäre
eine spezifische Qualität der Kunst überhaupt nicht ernst zu nehmen.
Sie könnte zwar als Versuch der Entlastung von den Anpassungszwän-
gen der Realität verstanden werden, aber da diese so lediglich ausge-
blendet würde, müßte sie doch schließlich der Kritik eines falschen
Selbstverständnisses unterliegen. Die Bedeutung von Baudelaires Lyrik
lag hingegen Benjamins Interpretation zufolge in der Reflexion auf
eben diesen Sachverhalt. Erst dadurch gewann er als Repräsentant
moderner Kunst überhaupt an Gewicht. Die Betrachtung von Kunst-
formen aber, welche die Unmöglichkeit problemloser ästhetischer Erfah-
rungen artikulieren, ist darauf verwiesen, diesen ihrem Gehalt Rech-
nung zu tragen, indem sie die logisch implizierte Intention verfolgt,
den unbefriedigenden Zustand wirklich zu überschreiten. Das kann im
Rahmen einer kunsttheoretisch interessierten Fragestellung nicht heißen,
den Gegenstandsbereich ästhetischer Reflexion und deren Leistungsfähig-
keit zu verlassen und sich allein nach den Möglichkeiten gesellschaft-
licher Veränderung umzusehen. Es bezeichnet vielmehr die Aufgabe,
nach der möglichen Bedeutung eben dieser Reflexionsformen für solche
58 über Charles Baudelaire

praktischen Aufgaben zu forschen und bei negativem Befund dies als


Mangel der Kunst, gemessen an ihrem eigenen Implikat, namhaft zu
machen. Daher der Doppelcharakter von Benjamins Interpretations-
strategie: zum einen die Eigenart ästhetischer Erfahrungen gegenüber
der gesellschaftlichen Praxis hervorheben zu wollen, zum anderen sie
als einen Index für das gesellschaftliche Potential zur Selbsttranszen-
dierung zu erweisen, um den Befund ihrer Belanglosigkeit, gemessen an
veränderungsorientierter Gesellschaftstheorie zu vermeiden. - Anders,
wenn nicht nur die Reproduktion des schon Vorhandenen, sondern
zugleich dessen Offenheit für wirkliche Veränderungen gesellschaftlich
konstitutiv wäre. Dann ließe sich eine Form der Wirklichkeitsauffassung
denken, die eben dadurch für die Gesellschaft bedeutsam wäre, daß sie
nicht auf das in ihr Gültige verpflichtet ist oder aber darauf, zu seiner
Veränderung einen Beitrag leisten zu müssen, sondern freigesetzt die
Fähigkeit zur Distanzierung und zur Transzendierung des Gegenwärti-
gen einübt. [152] Auf ein solches Modell von Kunst wird weiter unten
im Zusammenhang mit Brecht näher eingegangen werden müssen. Die
Marxsche Theorie aber versucht die Skepsis gegenüber der Auffassung
zu begründen, daß solches in der bürgerlichen Gesellschaft möglich sei.
Erst wenn diese Gründe entfielen, verlöre der geschichtsphilosophische
Anspruch gegenüber den ästhetischen Erfahrungen seinen Sinn, sie auf-
grund ihrer besonderen Qualität als ein wirksames Moment gegenüber
den verdinglichten sozialen Mechanismen und nicht nur als eine ihnen
gegenüber neutrale Form der Weltaneignung aktualisieren zu können.
Die Probleme, die mit der Interpretation auf der Grundlage dieses
Anspruchs verbunden sind, werden von Benjamin in der besprochenen
Arbeit in fragwürdiger Weise zu lösen versucht. Sein Vorzug aber bleibt
es, solchen Problemen nicht dadurch entgehen zu wollen, daß er die
Fragestellung auf unbefriedigende Art um diese geschichtsphilosophische
Dimension verkürzt.
Anknüpfend an den Aufsatz Benjamins hat Brecht einige Bemerkun-
gen zur Schönheit in den Gedichten des BaudeZaire notiert. [153] Ob-
wohl i. G. zu Adornos Reaktion in ihnen nicht der Anspruch methodo-
logischer Reflexion erhoben wird, treffen doch auch sie wesentliche
Punkte der Problematik von Benjamins Interpretation, verweisen aber
wiederum auf diesen ihren genannten Vorzug. Die »Mimesis des Todes<<,
d. h. die Feststellung der Hinfälligkeit aller Erscheinungen [154], die
von Benjamin als die Quelle bedeutsamer dichterischer Inspiration bei
Baudelaire genannt wird, bezeichnet Brecht ironisch als »Nekromantie<<.
Diese sei ein >>verzeihliches Laster<<, da sie »den Kommerz nicht sonder-
lich<< störe. [155] Die Moderne bei Baudelaire, die aufgrund einer
solchen Dichtung >>eine Antike werden sollte<<, sei nur »eine Antiquität,
eine Kleinantike<< geworden - wie jenes Laster vernachlässigbar gegen-
>>Dialektik im Stillstand« 59

über der geschichtlichen Bewegung und den gesellschaftlichen Kräften,


die ihr zugrunde liegen. Baudelaire, so heißt es weiter, »drückt in keiner
Weise seine Epoche aus, nicht einmal zehn Jahre. Er wird nicht lange
verstanden werden, schon heute sind zu viele Erläuterungen nötig<<.
[156] Damit ist implizit, auch wenn Brechts Ausführungen im wei-
teren eine andere Richtung nehmen, genau auf das Problem verwiesen,
wie die Eigenart vergangeuer ästhetischer Erfahrungen im Fortgang
der Geschichte als bedeutsam verstanden werden soll. Die Vielzahl
der Erläuterungen, die Benjamins Kommentare geben und die erweisen
sollen, daß Baudelaire doch einen Ausdruck der Epoche gebe, sind für
Brecht wohl eher ein Indiz für die Angestrengtheit oder gar die Aus-
sichtslosigkeit des Versuchs, das Problem zu lösen, als für die Lösung
selbst. - Nicht zu übersehen ist freilich das leitende Interesse von
Brechts Auffassung Baudelaires, nach dem dieser letztlich undifferen-
ziert, gleichsam nach Maßgabe seines revolutionären Gebrauchswerts,
beurteilt wird. [157] So gesehen ist die Bedeutung Baudelaires in Ben-
jamins Interpretation nicht aufgrund interpretationstheoretisch haltbarer
Überlegungen relativiert, sondern weil sich nicht unmittelbar und ohne
spekulative, sich der Kritik aussetzende Interpretationsstrategien aus
dem Werk Baudelaires brauchbare Handlungsmaximen für die Lösung
gegenwärtiger Probleme ergeben. Daß Baudelaire nicht seine Epoche
ausdrücke und heute wohl kaum als interessant für Fragen geschicht-
licher Veränderung verstanden werden könne, wird letztlich als Fehler
der Dichtung selbst zu Lasten gelegt. Die Eigenart des Mediums, die
Unersetzlichkeit der in ihm artikulierten spezifischen Erfahrungsgehalte,
damit das Desiderat, aber auch die mit ihm verbundenen Schwierigkeiten,
es einem Begriff von der Geschichte im emphatischen Sinn zuzuordnen,
verwischen sich im undifferenzierten Urteil. Nicht nur also wenn die
Frage nach der geschichtsphilosophischen Bedeutung des Interpretations-
gegenstandes überhaupt ausgeklammert würde, befriedigte eine Alter-
native der Interpretation nicht, welche Benjamins Schwierigkeiten ver-
meiden wollte. Auch die umstandslose Beantwortung dieser Frage wird
ihrerseits problematisch. Nicht positiv - zumindest im Sinne der zwei-
fellosen Geltung ihrer Ergebnisse -, in jedem Fall aber ex negativo
kann die Bedeutung von Benjamins Bemühungen verständlich werden.

2. Die >> Dialektik im Stillstand<<

a) Asthetische Bildphantasie und Warenfetischismus


Die Mängel der Analyse, die Adorno auf das Aussparen der Theorie
zurückführte, sollten wie erwähnt in dem geplanten dritten Teil des
Baudelaire-Buches behoben werden. Eine Notiz Benjamins gibt Aus-
60 über Charles Baudetaire

kunft über das Motto, unter dem jener Teil stehen sollte. Benjamin
nennt es »die Ware als die Erfüllung der allegorischen Anschauung bei
Baudelaire<<. [15!8]
Bereits im besprochenen Mittelteil des geplanten Baudelaire-Bu-
ches findet sich gemäß einer Mitteilung Benjamins an Adorno eine
Stelle, die >>freilich die einzige<< sei, >>in welcher die Theorie [ ... ]
unverstellt zu ihrem Recht<< gelange. >>Sie bricht als ein einzelner
Strahl in eine künstlich verdunkelte Kammer ein. Dieser Strahl aber ist
hinreichend, im Prisma zerlegt, von der Beschaffenheit des Lichtes einen
Begriff zu geben, dessen Fokus im dritten Teil des Buches liegt.<< [159]
Gemeint ist diejenige Stelle, an der Benjamin in spezifischer Weise die
Haltung des Flaneurs darstellt, der sich in der Menge preisgibt. Der
Rausch, dem er sich überläßt, ist nach Benjamin der >>der vom Strom
der Kunden umbrausten Ware<<. [160] - Nicht die Selbsterfahrung
im Anderen, sondern der Identitätsverlust angesichts der Fremdbe-
stimmtheit aller möglichen Erlebnisse sollte an Hand von Baudelaires
Dichtung als Konstitutivum der Moderne erwiesen werden. Man kann
nun Benjamins Gleichsetzung des Flaneurs mit der Ware theoretisch so
auflösen, daß man, was sich dergestalt an der subjektiven Wirklichkeits-
auffassung zeigt, in seinem Ursprung aus dem Warentausch genauer
verfolgt. Dem Wertgesetz, nach dem sich dieser reguliert, hat sich alles
unterzuordnen, was in den ökonomischen Reproduktionsprozeß eingehen
will. Die spezifischen Eigenschaften des Tauschgegenstandes, die indivi-
duelle Besonderheit seines Produzenten oder der subjektive Wille seines
Verkäufers gelten nicht unmittelbar, sondern nur vermittelt, insofern
sie einer äußeren Instanz, dem gesellschaftlichen Bedürfnis, Genüge tun.
Jedem in solchen Produktionsverhältnissen entstandenen und fungieren-
den Gegenstand kommt daher sein wesentliches Merkmal, überhaupt
etwas wert zu sein, nicht als sinnlich an ihm wahrnehmbare Qualität
zu. [ 161] Durch einen Wandel des gesellschaftlichen Bedürfnisses, wie
ihn die beständig wechselnde Mode hervorruft, kann er seine Bedeutung
verlieren; der Mechanismus aber, der solche Veränderungen reguliert,
bleibt dem Verständnis des einzelnen nach Maßgabe seiner unmittelba-
ren Wahrnehmungen entzogen. So betrachtet kann von einer >>Entwer-
tung der Dingwelt<< im strikten Sinne gesprochen werden. An der oben
bezeichneten Stelle identifiziert Benjamin einfach das Strukturprinzip
der Dichtung, das Verhalten des Poeten als Flaneur und das der personi-
fizierten Ware auf dem Markt, indem er gemäß dem philologischen Ver-
fahren Zitate aus Marxens Kapital und aus Baudelaires Reflexionen
über die Identitätspreisgabe des Dichters nebeneinanderstellt. Was aus
diesen Reflexionen spricht, ist nach Benjamin >>die Ware selbst<<. [162]
Der Strahl, der ins methodische Dunkel einer solchen Darstellungsform
durch die Herbeirufung des Begriffs fällt, wird denn auch erst in einigen
»Dialektik im Stillstand« 61

der nachgelassc:nen Aufzeichnungen zum dritten Teil des Baudelaire-


Buches so zerlegt, daß er über die Beschaffenheit des Lichtes Aufschluß
gibt, das auf die Gegenstände der Interpretation mit Hilfe der Theorie
~ sollte. Jene >>Entwertung der Dingwelt« in der Wahrnehmung
nämlich und damit das Substrat der ästhetischen Produktion wird auf
den Warentausch zurückgeführt und nicht das Verursachende, seine Aus-
wirkungen im subjektiven Erfahrungsbereich und deren Verarbeitung in
der Poesie, auf der Grundlage einer Ausdruckstheorie unvermittelt auf-
einander bezogen, um so den jeweils spezifischen Status in der Abfolge
der Argumentation zu verwischen. »Die spezifische Entwertung der
Dingwelt, die in der Ware darliegt<<, so heißt es in den Notizen, »ist
das Fundament der allegorischen Intention bei Baudelaire.<< [163]
Denn diese allegorische Intention, die den Dingen eine Bedeutung zuord-
nen will, welche man ihnen zunächst nicht ansehen kann, ist eine Reak-
tion auf jene Bedeutungsleere, die den Gegenständen im Warentausch
zukommt. DerWertausdruck derWare im Preis, den man als deren allein
wesentliche Bedeutung im Tauschverhältnis bezeichnen kann [164],
»läßt sich nie ganz absehen<<. »Ganz ebenso ergeht es dem Gegenstand
in seiner allegorischen Existenz. Es ist ihm nicht an der Wiege gesungen
worden, zu welcher Bedeutung der Tiefsinn des Allegorikers ihn beför-
dern wird.<< [165] Nicht die undurchsichtige Gleichsetzung der allego-
rischen Gestaltung und der Preisgestalt der Ware, sondern deren struk-
turelle Vergleichbarkeit wird damit angesprochen oder zumindest, so
wäre zu präzisieren, macht es unter methodologischen Gesichtspunkten
gesehen Sinn, die zitierten Aufzeichnungen als Handhaben für eine ~ ch
theoretische Differenzierung zu nehmen. Dieselbe Gleichgültigkeit der
unmittelbar gegebenen Merkmale der Gegenstände, die im Warentausch
real herrscht und die Voraussetzung für ihren Wertausdruck ist, veran-
laßt den Allegoriker, ihnen eine Bedeutung zuzuordnen, die tiefsinnig auf
einen jenseits solcher Merkmale gelegenen Gehalt verweist und diesen
Merkmalen gegenüber willkürlich erscheint. »Die Moden der Bedeutun-
gen<< konnten daher "fast so schnell wie der Preis für die Waren<< wech-
seln. Der Schein des Neuen, der dadurch entsteht, >entstellt< aber, wie es
an anderer Stelle heißt, die Dinge in ihrer gewohnten Ansicht [166], so
daß die allen allegorischen Neuheiten immer wieder zugrunde liegende,
den Gegenständen äußerliche Willkür der Bedeutungsgebung befremd-
lich hervortritt. »Das Neue und Immergleiche<< sollte der Titel jenes
dritten Teils der geplanten Arbeit sein [167]; in ihm wäre zu zeigen
gewesen, wie der »spieen<<, in dessen Bann der Dichter steht und der ihn
zur allegorischen Bedeutungsgebung veranlaßt [168], die potentielle
Krise moderner Wirklichkeitserfahrung aktualisiert und zwar als Index
für eine allgemeine gesellschaftliche Problematik, welche begrifflich er-
klärbar ist aus den ihr zugrunde liegenden Gesetzen der Reproduktion.
62 über Charles Baudelaire

Erst dann auch wäre das Neue als Kennzeichen der Moderne tatsächlich
und grundsätzlich als das Immergleiche erwiesen und nicht nur, wie die
Philologie es aufzeigen kann, von einzelnen Individuen subjektiv so er-
fahren. - Der Fetischismus, der ~ dem Warentausch verbunden ist,
weil in ihm die von Menschen geschaffenen Verhältnisse und Dinge
ihnen als fremde gegenübertreten, erhält durch die Mode seine Erschei-
nungsform. Den Individuen werden von ihnen produzierte, aber durch
sie unkontrollierbare Innovationen als Gegenstände aufgezwungen, an
denen sie sich zu orientieren haben. Auch die Mode also tritt jetzt erst
als Grundlage für bestimmte Wahrnehmungsweisen in einen begrifflich
streng bestimmbaren Zusammenhang. [169] Im Expose zur Passa-
gen-Arbeit von 1935 heißt es von der Mode, daß deren wahre Natur
>>im Widerstreit mit dem Organischen<< stehe, >>den lebendigen Leib der
anorganischen Welt<< verkupple und daher an dem eigentlich Leben-
den, nämlich vom Menschen Geschaffenen, >>die Rechte der Leiche<<
wahrnehme - eben weil der Warenfetischismus, >>der dem Sex-Appeal
des Anorganischen unterliegt<< ihr >>Lebensnerv<< sei. [170] Die Mode
schreibt so gesehen das Ritual vor, >>nach dem der Fetisch Ware verehrt
sein wilk Diese Ritualisierung aber ist notwendiges Moment der für
den gesellschaftlichen Prozeß bestimmenden Kapitalverwertung. - Ein
Exkurs sollte sich mit der Hure befassen, denn sie stellt nach Benjamin
die die •allegorische Anschauung am vollkommensten erfüllende Ware<
dar. [171] Das Lebendige als Leiche, die zwischenmenschliche Bezie-
hung als fremdbestimmte, unter das Wertgesetz subsumierte und mithin
verdinglichte werden an ihr auf drastische Weise deutlich. Am eigenen
Leib erfährt sie unmittelbar, was sonst erst vermittelt über die Wahr-
nehmung der äußeren Welt dem Subjekt ins Bewußtsein treten mag. Il-
lusionen über die eigene Stellung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit
sindangesichtsdieser Situation nach Benjamin kaum mehr möglich. >>Der
trügerischen Verklärung der Warenwelt widersetzt sich ihre Entstellung
ins Allegorische. Die Ware sucht sich selbst ins Gesicht zu sehen. Ihre
Menschwerdung feiert sie in der Hure.<< [172] Für Baudelaire ist diese
daher >>das kostbarste Beutestück im •Triumph der Allegorie< - das Le-
ben, welches den Tod bedeutet<<. Diese Eigenschaft der Hure >>ist das ein-
zige, was man ihr nicht abhandeln kann und für Baudelaire kommt es
nur darauf an<<. [173]
Entscheidend wäre nun aber strenggenommen für eine solche Analyse
des Werkes von Baudelaire nicht etwa, daß in ihm auf die Prostitution
als Faktor gesellschaftlicher Realität verwiesen würde, der, entsprechend
der Desillusionierung in der poetischen Gestaltung, ein reales, in der Ge-
schichte wirksames Moment der Kritik an ihr darstellte. Ebensowenig
kann der flanierende Poet in seiner realen Existenz im Vordergrund
stehen, der, vergleichbar der Hure, in der Menge auf dem Markt nicht
>>Dialektik im Stillstand<< 63

nur irgendeine beliebige Ware veräußert, sondern sich selbst preisgibt.


Die poetische Produktion nämlich dürfte ebenso wie ihre zentralen
Motive nicht mehr undifferenziert mit Daten der Sozialgeschichte
in einen direkten Zusammenhang gebracht oder selbst unvermittelt
als ein solches Datum behandelt werden. In der Arbeit über Das
Paris des Second Empire bei Baudetaire wurden empirische Details,
wie das der Schmalheit der Trottoirs, soziologische Befunde, wie die
über die Boheme, in der Lyrik gestaltete ästhetische Erfahrungen, wie
die des Rausches in der Großstadtmenge entsprechend den Gliedern
eines Kausalnexus vermittels des Kommentars literarischer Zeugnisse
der Epoche aneinandergereiht. Dadurch konnten die Charakteristika der
Baudelaireschen Kunst als Index sozialer Tendenzen erscheinen. Nun-
mehr aber, da die historische Grundlage dieser ästhetischen Erfahrungen
und ihrer literarischen Gestalt begrifflich dargestellt uPd damit aus den
wesentlichen Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft abgeleitet
worden ist, kann diese Gestalt selbst, in der der problematische Charak-
ter der zugrunde liegenden Verhältnisse in aufschlußreicher Weise verar-
beitet ist, nicht auch noch als notwendiges Moment dieser Gesellschaft
erklärt werden. Zumindest gilt dies, wenn man wie Benjamin daran
festhält, daß ein entscheidender Unterschied besteht zwischen dem, was
allgemein die Epoche kennzeichnet und dem, was darüber hinaus in ihr
möglich, aber eben nicht notwendig ist - wenn anders man das Heraus-
treten aus dem normalen Gang der Dinge nicht im Widerspruch zur
Marxschen Theorie schon als historisch verbürgt begreifen will. Genau
die Berücksichtigung dieser Differenz zwischen dem kausal Erklärbaren
und dem, was man nicht ableiten, sondern nur konstatieren kann, wird
zum unabweisbaren Desiderat der Interpretation. Deshalb war etwa die
in dem mittleren Teil der geplanten Baudelaire-Arbeit behauptete Iden-
tität zwischen dem Poeten als Flaneur und der Ware aufzulösen in der
Unterscheidung zwischen den gesellschaftlichen Grundlagen moderner
Wirklichkeitserfahrung und ihrer allegorischen Gestaltung. Denn zwar
können sich der Flaneur in der Menge und der Poet auf dem Markt tat-
sächlich vergleichbar der Hure preisgeben, aber wenn damit die Erfah-
rung der Bedeutungslosigkeit der wahrnehmbaren Momente der Realität
und daher auch das Ionewerden der Unmöglichkeit problemfreier
Selbsterfahrung in der modernen Lebenswelt verknüpft ist, so ist das
keine zwingende Folge der wirklichen Partizipation am 'Fauschverhält-
nis. Der Warenfetischismus, den dieses Tauschverhältnis mit sich bringt,
determiniert im allgemeinen das verkehrte Bewußtsein und verhindert
damit gerade den uneingeschränkten reflektierenden Bezug auf die sub-
stantiellen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Gemeint ist ein Bezug, der
nicht durch die gängigen, in der Praxis wirksamen Vorstellungsweisen
oder auch durch die Usurpation scheinbar zeitenthobener Werte kultu-
64 über Charles Baudelaire

reller Leistungen verstellt ist. Die begriffliche Explikation des sachlichen


Anlasses für solche ästhetischen Erfahrungen und die Kategorien zur
Darstellung gesellschaftlich determinierten Bewußtseins erweisen im Ver-
gleich mit diesen Erfahrungen die notwendige Differenzierung gegen-
über jenen Formen entfremdeten Bewußtseins. Sie erweisen die Tatsache,
daß sie mit diesen nicht schlicht identifizierbar, sondern durch die allge-
meinen gesellschaftlichen Gegebenheiten zunächst veranlaßt sind. In de-
ren Verarbeitung bewahren sie einen überschuß gegenüber den prak-
tisch eingeübten Vorstellungsformen. Ihre Aktualität bestünde auch nach
dieser Interpretation darin, durch den unverstellten Bezug auf die gege-
benen Verhältnisse sich dagegen zu sperren, zu deren blind funktionalem
Moment zu werden. Sie sperren sich dagegen, auf diese Weise immer
schon der Relativierung durch den beständigen Wandel innerhalb des
verdinglichten sozialen Innovationsrhythmus' ausgesetzt zu sein. Nun-
mehr aber dürfte die Darstellung dieses Wahrheitsgehaltes nicht mehr
beanspruchen, zugleich noch die Dichtung als Index für die Selbstüber-
schreitungstendenzen der verdinglichten Verhältnisse erweisen zu kön-
nen, ohne schlechterdings jeglichen Anspruch auf Konsistenz und
damit Plausibilität der Argumentation aufzugeben. - Eine solche
Differenzierung zwischen dem begrifflich Ableitbaren und dem philolo-
gischen Befund ist die Norm für eine Interpretation, die sich ihrer
eigenen Leistungsfähigkeit und ihrer Grenzen bewußt bleibt. Diese
Norm wird im folgenden als Kriterium für die Kritik an Benjamin
zu gelten haben, insofern dem in seinen Überlegungen nicht Rechnung
getragen wird.
An bestimmten Stellen aber legt Benjamin in der Tat eine Unterschei-
dung zwischen den alltäglichen Vorstellungsweisen und Baudelaires
ästhetischen Erfahrungen nahe oder betont sie nachdrücklich. So heißt
es von der Bourgeoisie, daß sie >>der bevorstehenden Entwicklung
der von ihr ins Werk gesetzten Produktionsordnung nicht mehr ins
Auge zu blicken<< wagte. [174] Die »Phantasie der Bürgerklasse
hörte auf, sich mit der Zukunft der von ihr entbundenen Produk-
tivkräfte zu beschäftigen<<. [175] Es wurde nicht, wie noch im 18.
Jahrhundert, die Veränderung der bestehenden politischen Verhältnisse
antizipiert, sondern eben diese Verhältnisse wurden verklärt. Denn die
Produktivkräfte der menschlichen Arbeit entwickelten sich unter der
Verfügungsgewalt des Kapitals; sie waren im gewöhnlichen Bewußtsein
nicht als Grundlagen der Gestaltungsmöglichkeiten gesellschaftlicher
Verhältnisse gegenwärtig. Das falsche Bewußtsein hatte die Funktion,
sich über das Ausgeliefertsein an die verselbständigten Mechanismen der
Warenproduktion und -Zirkulation zu beruhigen. >>So erhielten die trü-
gerischen Vermittlungen des Alten und des Neuen die Oberhand, welche
der Term seiner [des Jahrhunderts, H. P.] Phantasmagorien wa-
>>Dialektik im Stillstand<< 65

ren.« [176] Die >>Phantasmagorie der >Kulturgeschichte<, in der die


Bourgeoisie ihr falsches Bewußtsein auskostet<< [177], brachte das
Neue mit dem Immergleichen in Verbindung, und zwar so, daß das Ak-
tuelle ebenso wie das Vergaugene ausgestattet wurden mit dem Schein
überzeitlich geltender, dem fremdbestimmten Wandel enthobener Bedeu-
tung. Im 18. Jahrhundert noch entfaltete sich im Zusammenhang mit
den sozialen Umwälzungen, mit der Herausbildung bürgerlicher Gesell-
schaftsformen, die Fähigkeit zum historischen Denken. Ihr Resultat war
die Kritik an der Verbindlichkeit der Tradition im Interesse künftiger
geschichtlicher Innovation. Im ~ Jahrhundert nun führt die Historisie-
rung der Weltauffassung, die Einsicht in den historisch überholbaren
Charakter alles Gegebenen, welche im 18. Jahrhundert ihren Ursprung
hatte, zu eben jener eigentümlichen Neutralisierung des Geschichtsbe-
griffs gegenüber zukunftsorientierten Vorstellungen von historischer
Praxis. Die Enttraditionalisierung des Geschichtsbildes, die Risikobereit-
schaft historischen Daseins gegenüber der Absicherung am überkomme-
nen, schlägt um in den Versuch einerneuen Orientierung am überzeitlich
Geltenden. Der vormals unbefragbaren Autorität des Vergaugenen ent-
spricht nunmehr der durch historisches Denken hindurchgegangene Ver-
such, die von der Entwertung bedrohten geschichtlichen Phänomene
durch ihre Aufwertung zu zeitlosen Zeugnissen menschlicher Kultur ab-
zusichern. Gerade dadurch aber gerät der entscheidende Aspekt des Ver-
gangeneu und Gegenwärtigen in Vergessenheit, nämlich aus den
menschlichen Anstrengungen hervorgegangen zu sein, eine eben noch
nicht in sich vollendete und geglückte Geschichte voranzutreiben. Die
historischen Phänomene werden verdinglicht; »Stück für Stück inventa-
risiert<< nach Benjamin die Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts >>die
Schöpfungen des menschlichen Geistes.<< >>Die derart ins Schatzhaus der
Kultur eingebrachten Güter erschienen hinfort als unnahbar. Es verlor
sich das Bewußtsein, daß sie nicht ihr Entstehen allein, sondern auch
ihre Überlieferung einer dauernden gesellschaftlichen Arbeit verdan-
ken [ ... ].<< [178] - Der >>trügerischen Verklärung der Warenwelt<<,
zu der die Kulturgeschichte durch die Fetischisierung der historischen
Erscheinungen wesentlich beiträgt, widersetzt sich bei Baudelaire eben
>>ihre Entstellung ins Allegorische<<. [179] Baudelaire versucht, der
Verdinglichung nicht zu entgehen durch die fiktionale Kompen-
sation der entwerteten Realität. Indem er das Lebendige zum Mate-
rial allegorischer Bedeutungsgebung herabsetzt und damit die Verdingli-
chung selbst zum Strukturprinzip der Dichtung macht, sich also in der
ästhetischen Reflexion uneingeschränkt auf sie einläßt, sperrt er sich der
bewußtlosen Eingliederung in die Funktionsmechanismen der Gesell-
schaft, zu der die historische Blindheit solcher Fiktionen und deren
bloße Usurpation zeitenthobener Geltung beiträgt. >>Die einzigartige
66 Ober Charles Baudelaire .

Bedeutung Baudelaires besteht<< daher nach Benjamin >>darin, als erster


und am unbeirrbarsten die Produktivkraft des sich selbst entfremdenden
Menschen im doppelten Sinne des Wortes dingfest gemacht- agnosziert
und durch die Verdinglichung gesteigert- zu haben.<< [180]

b) Der Traum der Epoche und die Entwicklungstendenz zum Erwachen

Ob Benjamin in der Ausführung des dritten Teils des Baudelaire-Bu-


ches solche Differenzierungen tatsächlich in den Vordergrund gestellt
hätte, muß dahingestellt bleiben. Sie sind jedenfalls angedeutet. Im frü-
heren Expose zur Passagen-Arbeit hingegen, welches solche Überlegun-
gen zur geschichtsphilosophischen Aufhebung des philologischen Befun-
des ebenfalls enthält, werden sie nicht deutlich.
Von Baudelaires Bildern heißt es in Benjamins Expose, sie seien
zweideutig. >>Zweideutigkeit ist die bildliehe Erscheinung der Dialektik,
das Gesetz der Dialektik im Stillstand.<< [181] In der Stillstellung des
normalen Geschehensablaufs findet sich wie gezeigt eine zweite Bedeu-
tungsebene, die über die der Dichtung als bloßen Beleg für die Herr-
schaft des Warenfetischismus hinausgeht. Der Warenfetischismus selbst
kommt durch die spezifische Form der Reflexion auf die durch ihn kon-
stituierte Erfahrungswelt zum Ausdruck. Die Erstarrung verwandelt sich
dadurch in Unruhe. [182] Das im Bild Stillgestellte erhält einen, den
festgestellten Zustand transzendierenden Aspekt. Nach Benjamin wird
das Bild zum >>Traumbild<< [183], in dem die Hoffnung auf ein künf-
tiges Erwachen angelegt ist. Strenggenommen wäre es Monade nur
aufgrund dieses Verweises auf eine unsichere Zukunft, aufgrund der
Hoffnung also, als Vergaugenes könnte es einst aktualisiert werden.
Keine verborgene historische Notwendigkeit, derzufolge der Traum
wirklich auf das Erwachen drängt, wäre absehbar. Es ergäben sich keine
Anzeichen dafür, daß in der bürgerlichen Gesellschaft eine künftige
Gegenwart der >>Hoffnung im Vergangenen<< [184] Rechnung tragen
müßte. - Die Zweideutigkeit als >>bildliche r ch ~ der Dialektik<<
eignet nun aber nach Benjamins Aussage an dieser Stelle >>den gesell-
schaftlichen Verhältnissen und Erzeugnissen dieser Epoche<< über-
haupt. [185] So werden in der >>Bildphantasie<< des gesellschaftlichen
Bewußtseins, in der sich das Neue mit dem Alten durchdringt, >>Wunsch-
bilder<< produziert, und zwar nicht nur, um >>die Unfertigkeit des gesell-
schaftlichen Produkts sowie die Mängel der gesellschaftlichen Pro-
duktionsordnung [... ] zu verklären<<, sondern auch aus dem Interesse
heraus, sie aufzuheben. [186] Denn das Neue, das den Anstoß für diese
Bildphantasie gibt, wird zurückgeführt auf >>die Urgeschichte<< im Sinne
>>einer klassenlosen Gesellschaft<<. Die Verklärung des Gegenwärti-
gen durch seine Auszeichnung mit Ewigkeitswert soll trotz seines
>>Dialektik im Stillstand<< 67

ideologischen Charakters zugleich als der unbewußte Wunsch der


Massen nach einer besseren Geschichte verstanden werden. Als kol-
lektive Utopie aber bleibt die Phantasmagorie nicht bloß partiku-
larer und historisch unwirksamer Traum. Die >>Epoche träumt [... ]
nicht nur die nächste<<, so heißt es bei Benjamin, »sondern träumend
drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet
es - wie schon Hegel erkannt hat - mit List.<< [187] Deutlich wird
damit, was Benjamin zumindest an dieser Stelle unter einer Aufhebung
des philologischen Befunds >>von dialektischen Materialisten auf hegel-
sche Art<< [188] verstanden wissen wollte. Es ist eine Aufhebung, die
mit dem gesellschaftstheoretischen Befund kollidiert. Die Spannung zwi-
schen der philologischen Interpretation einzelner Phänomene, in denen
das gesellschaftlich erzeugte Bewußtsein transzendierende Qualität auf-
weist und der begrifflichen Analyse, für welche angesichts des vom Wa-
renfetischismus beherrschten Bewußtseins keine eindeutige Entwicklungs-
tendenz zur Verwirklichung der Utopie absehbar ist, wird in der Aufhe-
bung nicht erhalten, sondern eingeebnet. - Im Zusammenhang mit den
Thesen über den Begriff der Geschichte war vom dialektischen Bild be-
reits die Rede. Es müßte sich diesen Thesen zufolge dem Historiker ein-
stellen, wenn er in der Rekonstruktion der Geschichte das in ihr Un-
scheinbare als ein Wesentliches zu retten versucht. Nunmehr soll d:eses
Desiderat in der historischen Interpretation eingelöst werden. Das für
die Geschichte Wesentliche wird gegen den Strich gebürstet, um an
ihm - hier dem typischen gesellschaftlichen Bewußtsein - unauffäl-
lige Tendenzen der Überschreitung entfremdeter Verhältnisse auszuma-
chen, welche, so muß man folgern, in der Gegenwart aus revolutionä-
rem Interesse aufzugreifen wären. Dieser Versuch koinzidiert hier mit
der Feststellung des dialektischen Charakters der ästhetischen Erfahrun-
gen Baudelaires oder wird durch sie allererst initiiert. Bei Baudelaire
aber bewirkte die illusionslose Einfühlung in das Gegenwärtige, daß die
daraus resultierenden ästhetischen Gegenstände das entfremdete Be-
wußtsein gerade überschreiten, mit ihm und dem gesellschaftlich Herr-
schenden, das durch es perpetuiert wird, also nicht gleichzusetzen sind.
Dies eben machte die Dialektik seiner Bilder aus. Eine solche logisch
notwendige Unterscheidung müßte eigentlich gerade Anlaß dafür sein,
die Brüchigkeit jener Konzeption der Geschichtsbetrachtung hervorzuhe-
ben. Denn das Unscheinbare erweist sich strenggenommen als bedeut-
sam, indem es genau nicht im allgemein gesellschaftlich Herrschenden
aufgeht. Die dialektischen Bilder, die sich dem Historiker einstellen, wä-
ren demnach das Ergebnis des Wahrheitsgehaltes von Kunst, ohne daß
auf der Hand läge, inwiefern sie auch dialektisch in dem Sinne sind, daß
die ihnen eigentümliche Distanz zur entfremdeten gesellschaftlichen Pra-
xis auch zum Veränderungspotential für diese Praxis selbst werden
68 Ober Charles Baudelaire

könnte. In den Thesen zum Begriff der Geschichte, welche den An-
spruch an eine materialistische Interpretation artikulieren, wird die Pro-
blematik jener Konzeption reflektiert. Im hier besprochenen Text, der
das in der Geschichte Verbindliche mit der dagegen refraktären ästheti-
schen Bildphantasie schlicht identifiziert, wird sie geleugnet. [189]
Benjamin ist im genannten Expose im weiteren bestrebt, ~ solche
Tendenz der Epoche, aus dem Traum zu erwachen, als wirksam in der
politischen Geschichte und in der technischen Entwicklung nachzuwei-
sen. Zunächst sei auf Benjamins Interpretation politischer Ereignisse
eingegangen. - Die Bereinigung des Stadtbildes durch Haussmann,
insbesondere der Durchbruch geradliniger, breiter Straßenzüge, diente
der »Sicherung der Stadt gegen den Bürgerkrieg<<. [190] Die breiten
Straßen sollten die Errichtung von Barrikaden verhindern und die kür-
zeste Verbindung zwischen den Kasernen und den Arbeitervierteln
herstellen. Den Bewohnern von Paris wurde an Hand dieser Maßnah-
men die Vergänglichkeit früherer Einrichtungen zugunsten des Neuen
sinnfällig. Die Ereignisse aber erfuhren die für das 19. Jahrhundert
charakteristische Verklärung. Man nahm sie nämlich auf wie Kunst-
werke; »Straßenzüge wurden vor ihrer Fertigstellung mit einem Zelt-
tuch verhangen und wie Denkmäler enthüllt.<< [191] So trachtete man
danach, die Momente gesellschaftlicher Entwicklung entgegen ihrer Be-
stimmung durch die Interessen der Herrschenden in eine Sphäre von
zeitloser kultureller Bedeutung zurückzunehmen. In der Ideologie doku-
mentiert sich aber nach Benjamin zugleich die Intention, jene Bestim-
mung der Gesellschaft durch die herrschenden Mächte zu überwinden.
Und die historische Entwicklung enthält die Tendenz, diese Intention
zu verwirklichen. Der Klassencharakter dieser Neuerung - so Benjamin
weiter - mußte schließlich als Provokation bewußt werden. Solche
Herausforderungen veranlaßten, daß den Phantasmagorien, die auch
das Proletariat beherrschten, ein Ende bereitet wurde. Ihr verborgener
utopischer Gehalt wurde im Aufstand der Kommune offenbar. Er zer-
störte den Traum von einer klassenlosen Gesellschaft, wie ihn Proleta-
riat und Bourgeoisie zusammen träumten, insofern in ihm zugunsten
der Bürgerklasse abstrahiert worden war von den politischen Interessen-
gegensätzen. Die List der Geschichte, die der bürgerlichen Gesellschaft
aus Anlaß ihrer Mittel zur Klassenherrschaft ihr Ende bereitet, führt frei-
lich zunächst über die Niederlage der Kommune. Benjamins Bemerkungen
lassen sich aber so verstehen, daß der Brand von Paris, in dem der Auf-
stand endete, selbst noch als Moment des Selbstzerstörungswerkes der
Bourgeoisie zu begreifen wäre. [192]
Ebenso wie die politische Entwicklung legt Benjamin zufolge auch die
Technik >>die Wunschsymbole des vorigen Jahrhunderts in Trüm-
mer<<, [193] um ihren utopischen Kern von der ideologischen Schale
>>Dialektik im Stillstand<< 69

zu lösen. So emanzipieren sich nach Benjamin die »Gestaltungsformen


von der Kunst<<. »Den Anfang macht die Architektur als Ingenieurkon-
struktion.<< In den Passagen zeigt sich, daß sie noch in der ästhetischen
Stillstellung gesellschaftlicher Innovationen durch die Oberblendung des
Neuen mit dem Alten befangen ist. Aber sie dient bereits geschäftlichen
Zwecken, und wie die Passagen den Warenhäusern weichen, wird an den
architektonischen Gestaltungsweisen das Nüchterne hervortreten. Auch
die Literatur verliert, weil sie sich am Markt orientieren muß, ihren
poetischen Charakter. Wie die Photographie als neue Form der Natur-
wiedergabe in der Werbegraphik, so bereitet sich die Dichtung im Feuil-
leton darauf vor, prosaisch-praktischen Zwecken zu dienen. [194] Die
vormals vom gewöhnlichen Leben sich distanzierenden ästhetischen Pro-
duktionsweisen verlieren damit an Bedeutung. Sie können nach Benja-
min dadurch als technische Produktivkraft für die tatsächliche Gestal-
tung der Realität hilfreich werden.
Benjamin übersieht freilich nicht, daß diejenigen, die er die »Non-
konformisten<< nennt, einer solchen Entwicklung entgegenstehen. »Sie
scharen sich um das Banner des >l'art pour l'art<. Dieser Parole ent-
springt die Konzeption des Gesamtkunstwerks, das versucht, die Kunst
gegen die Entwicklung der Technik abzudichten. Die Weihe, mit der es
sich zelebriert, ist das Pendant der Zerstreuung, die die Ware verklärt.
Beide abstrahieren vom gesellschaftlichen Dasein des Menschen.<< [195]
Ähnliches gilt nach Benjamin für den Jugendstil, dem ein zweiter Exkurs
im dritten Teil der Baudelaire-Arbeit gewidmet werden sollte. [196]
Im Grunde ist auch ihm darum zu tun, >>die technische Entwicklung zu
sistieren<<. [197] »Die Verklärung der einsamen Seele erscheint
als [ ... ] Ziel. Der Individualismus ist seine Theorie.<< Demnach stellt
der Jugendstil »den letzten Ausfallversuch der in ihrem elfenbeinernen
Turm von der Technik belagerten Kunst dar. Er mobilisiert alle Reser-
ven der Innerlichkeit. Sie finden ihren Ausdruck in der mediumistischen
Liniensprache, in der Blume als dem Sinnbild der nackten, vegetativen
Natur, die der technisch armierten Umwelt entgegentritt.<< [198] Aber,
so heißt es bei Benjamin weiter, »der Versuch des Individuums, auf
Grund seiner Innerlichkeit mit der Technik es aufzunehmen, führt zu
seinem Untergang<<. [199] Gegen die Entwicklung wäre demnach also
nicht anzukommen, und was sich ihr nicht fügen will, setzte sich ins Un-
recht. Der Wahrheitsgehalt von Baudelaires Werk - kritisch gegen seine
>nonkonformistischen< Züge gewendet, denn »Baudelaire unterliegt der
Betörung Wagners<< [200] - läge aber dann auch nicht in ihrer quali-
tativen Differenz zum gewöhnlichen Bewußtsein, sondern in der Adap-
tion an dieses. - Selbst zu solchen paradoxen Schlußfolgerungen müßte
man jedenfalls kommen, wenn man annimmt, daß die Stillstellung des
historischen Ablaufs bruchlos mit dessen funktionalen Momenten identi-
70 über Charles Baudelaire

fiziert werden könnte. Die geschichtliche Entwicklung allein, nicht auch


das zu ihr Querliegende, das ihr gegenüber erst in Erinnerung zu rufen
wäre, würde dann zum Gegenstand der Interpretation. Will man Ben-
jamin aber diesen offenen Widerspruch zur eigenen Intention, die Liqui-
dation seines ureigensten Motivs also, nicht unterstellen, dann wäre
kritisch zu konstatieren, daß in dieser entwicklungsgeschichtlichen Dar-
stellung gerade jenes, angesichts der historischen Entwicklung Unschein-
bare zu einem fälschlich für sie wesentlichen Zug stilisiert wird. - In
einem Brief an Werner Kraft schreibt Benjamin über seine Intention
im Expose zur Passagen-Arbeit: >>Was mich betrifft, so bemühe ich
mich, mein Teleskop durch den Blutnebel [des Faschismus, H. P.] hin-
durch auf eine Luftspiegelung des neunzehnten Jahrhunderts zu rich-
ten, welches ich nach den Zügen mich abzumalen bemühe, die es in
einem künftigen, von Magie befreiten Weltzustand zeigen
wird.<< [201] Nicht abzusehen ist aber, wie sich das Wissen, das Benja-
min demnach für sich in Anspruch nimmt, angesichts der erst zu be-
freienden Welt bewahrheiten und damit zum Wissen werden soll, das
zu dieser Befreiung selbst einen Beitrag leisten kann. [202]

3. Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst

Benjamins Aufsatz Ober einige Motive bei BaudeZaire ist das Ergeb-
nis der Umarbeitung des »Flaneur<<-Abschnittes im zweiten Teil des ge-
planten Buches. [203] In der auch hier vor allem philologisch fundier-
ten Darstellung finden sich über das Bisherige hinaus Ansatzpunkte zu
theoretischen Überlegungen, wie der Zusammenhang zwischen der
Eigenart ästhetischer Phänomene und der gesellschaftlichen Entwicklung
differenzierter zu entfalten wäre. Nicht wie im Expose zu den Pari-
ser Passagen sind sie im Verlauf der Geschichte bruchlos aufgehoben.
Vielmehr werden gerade die einander entgegenstehenden Aspekte des
historischen Fortgangs berücksichtigt. Ineins mit der Verselbständigung
der Gestaltungsformen gegenüber dem Erfahrungshorizont der Indivi-
duen ist dann als Problem eben auch der Verlust in Rechnung zu stellen,
den diese Entwicklung mit sich bringt. Denn die Formen der Realitäts-
bewältigung, die mit solcher technologischen Eigengesetzlichkeit ihre Be-
schränkung durch die begrenzten Vorstellungen der einzelnen überwin-
den, entziehen sich damit der Marxschen Theorie gemäß auch der Ver-
fügbarkeit für eine am besseren Leben der einzelnen Individuen interes-
sierten ~ c Dieselbe Entfesselung der Produktivkräfte, die
die Bedingungen für ein solches Leben schafft, sanktioniert die Unmün-
digkeit derer, die in ihm Subjekte sein sollen. Was sich der bruchlosen
Eingliederung in diesen Prozeß sperrt, wäre allererst in Erinnerung zu
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 71

rufen, um es als Potential im weiteren Gang der Geschichte und als


Korrektiv in Anbetracht seiner problematischen Tendenzen zu aktuali-
sieren. Denn es hat sich im historisch sich Durchsetzenden nicht als wirk-
sam erwiesen. Seiner wäre zu gedenken, ohne das historische Wissen
über den unrevidierbaren Status fortgeschrittener Geschichte außer acht
zu lassen. Das gegenwärtig Erreichte wäre mit dem, was in der Entwick-
lung keine Geltung erlangt hat, in eine sinnvolle Beziehung zu brin-
gen. Es müßte sich um Möglichkeiten eines Bezugs handeln, welche der
allgemeinen Erklärung des Systems gesellschaftlicher Reproduktion ent-
gehen, zugleich aber vermeiden, mit dieser in Widerspruch zu geraten.
D. h., daß das heute Unscheinbare nicht als das eigentlich in der Ge-
schichte Konstitutive gedacht werden dürfte. Die Ambivalenz der Ent-
wicklung und die Frage nach der möglichen Relevanz der unscheinbaren
Momente in ihr könnten erst unter diesen Voraussetzungen Gegenstände
einer Untersuchung werden, die Benjamins eigenen Anspruch einer
dialektischen Vermittlung ernst nimmt. [204] - In bezug auf die Ar-
beit über Das Paris des Second Empire bei BaudeZaire und Adornos Kri-
tik an ihr schreibt Benjamin: >>Der Schein der geschlossnen Faktizität,
der an der philologischen Untersuchung haftet und den Forscher in den
Bann schlägt, schwindet in dem Grade, in dem der Gegenstand in der
historischen Perspektive konstruiert wird. Die Fluchtlinien dieser Kon-
struktion laufen in unserer eignen historischen Erfahrung zusam-
men.<< [205] Insofern die revidierte Fassung dafür Anhaltspunkte ge-
ben kann, eröffnete sich auch ein zusätzlicher Aspekt gegenüber der
oben rekonstruierten Interpretationstendenz in den Notizen zum dritten
Teil des Baudelaire-Buches. Dort wäre - zumindest als logisch sich er-
gebendes Desiderat - der Gehalt von Baudelaires Dichtung gesell-
schaftstheoretisch zu erhellen gewesen. Dies mit dem Ergebnis, daß sie
eine außergewöhnliche Erscheinung innerhalb der Epoche darstellt und
ihre Relevanz mithin soziologisch nicht unvermittelt zu klären ist. Da-
mit wurde die Interpretation der spezifischen Qualität der ästhetischen
Erfahrung gerecht und schaffte überhaupt erst die Voraussetzung dafür,
ihre wahre Bedeutung im historischen Prozeß i. G. zu kurzschlüssigen
sozialhistorischen Bestimmungen zu verdeutlichen. Allerdings eben nur
die Voraussetzung, denn die Möglichkeiten ihrer Wirksamkeit als Kor-
rektiv zu systemfunktionalen Vorstellungsformen blieben unberücksich-
tigt. Dies zu untersuchen aber ist trotz aller fragwürdigen Ergebnisse
nach wie vor das geschichtsphilosophisch begründete Ziel der Interpre-
tation. Das Bewußtsein von dieser Aufgabe wird man als ein treibendes
Motiv der zu besprechenden Überarbeitung ansehen dürfen. Dies wird
insbesondere dann deutlich, wenn man die Überlegungen, die in der
überarbeiteten Fassung des Baudelaire-Aufsatzes oft mehr nur ange-
sprochen als wirklich explizit gemacht werden, im Zusammenhang mit
72 über Charles Baudelaire

ihrer Ausführung in anderen Aufsätzen betrachtet. Bezüglich Benjamins


Thesen zum Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbar-
keit, die kurz nach dem Expose geschrieben wurden, heißt es in einem
Brief Benjamins an Horkheimer: »Diesmal handelt es sich darum, den
genauen Ort in der Gegenwart anzugeben, auf den sich meine histori-
sche Konstruktion als auf ihren Fluchtpunkt beziehen wird. Wenn der
Vorwurf des Buches [über die Pariser Passagen, H. P.] das Schicksal
der Kunst im neunzehnten Jahrhundert ist, so hat uns dieses Schicksal
nur deswegen etwas zu sagen, weil es im Ticken eines Uhrwerks enthal-
ten ist, dessen Stundenschlag erst in unsere Ohren gedrungen ist. Uns, so
will ich damit sagen, hat die Schicksalsstunde der Kunst geschlagen, und
deren Signatur habe ich in einer Reihe vorläufiger Überlegungen festge-
halten, die den Titel tragen >Das Kunstwerk im Zeitalter seiner techni-
schen Reproduzierbarkeit<. Diese Überlegungen machen den Versuch,
den Fragen der Kunsttheorie eine wahrhaft gegenwärtige Gestalt zu
geben: und zwar von innen her, unter Vermeidung aller unvermittelten
Beziehung auf Politik.<< [206] Der wenig später entstandene Auf-
satz über Lesskow, Der Erzähler, spielt in diesem Zusammenhang eben-
falls eine gewichtige Rolle. Auch aus ihm finden sich zentrale Motive in
der Neufassung der Baudelaire-Arbeit wieder. Solche Motive, die eine
weitergehende Perspektive als das bereits untersuchte philologische Ver-
fahren eröffnen, sollen im folgenden im Vordergrund stehen. [207] -
Methodisch interessant sind solche Überlegungen, auch wenn sich nach
dem bisher Gesagten nicht erwarten läßt, daß die geforderte dialekti-
sche Aufhebung der unterschiedlichen Interpretationsabsichten in einer
vollkommen stringenten Vermittlung gelingen wird. Eher als die Resul-
tate, welche Gefahr laufen, die Grenzen der jeweils zu ihnen führenden
Verfahrensweisen zu verdecken, anstatt sie offen zu legen, wird eine
differenzierte Auskunft über die Problematik der Verfahrensweisen
selbst und die wechselseitige Begrenzung der Gültigkeit ihrer Ergebnisse
von Bedeutung sein.

a) Theorie des Erfahrungsverlusts

Daß »die Bedingungen für die Aufnahme lyrischer Dichtungen un-


günstiger geworden sind<< [208], ist eine der Kennzeichnungen des
Umstandes, unter dem Baudelaire Gedichte schrieb. Der Verlust - von
den Subjekten her gesehen - an der Fähigkeit und - von den objekti-
ven Bedingungen her gesehen - an der Möglichkeit, sich die Lyrik als
eine Gestaltungsform der Welterfahrung verständlich zu machen, zeigt
Benjamin zufolge an, daß sich die Erfahrung überhaupt »in ihrer Struk-
tur verändert<< habe. [209]
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 73

Auch Proust ist für diesen Erfahrungsverlust signifikant. »Man kann


Prousts Werk >A Ia recherche du temps perdu< als den Versuch ansehen,
die Erfahrung [ ... ] unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingun-
gen auf synthetischem Wege herzustellen. Denn mit ihrem Zustande-
kommen auf natürlichem Wege wird man weniger und weniger rechnen
können.<< [210] In der Erinnerung ist dem Romanautor nämlich seine
Kindheit kaum mehr präsent. Lediglich durch einen Zufall gelingt es, sie
der Vergessenheit zu entreißen. Der Geschmack einer Madeleine und die
damit sich einstellende Fähigkeit der Erinnerung macht ihm erst seine
Vergangenheit wieder gegenwärtig. So erst kann er sich in dem von ihm
gelebten Leben als identisches Subjekt erfahren, dem nicht lediglich eine
Vielzahl von äußerlich bestimmten Erlebnissen zustößt, ohne daß sie als
bedeutsame Momente einer einheitlichen Lebensgeschichte zu verinnerli-
chen wären. Nach Proust ist es aber eben dem Zufall, der >>memoire
involontaire<<, anheimgegeben, >>ob der einzelne von sich selbst ein Bild
bekommt, ob er sich seiner Erfahrung bemächtigen kann<<. Die Dichtung
hält einen solchen Zufall fest und macht ihn zu einem Konstitutivum
der Romanwelt. In dieser Sache jedoch vom Zufall abzuhängen ist
nach Benjamin keineswegs selbstverständlich. >>Diesen ausweglos priva-
ten Charakter haben die inneren Anliegen des Menschen nicht von Na-
tur.<< [211] Die Privatisierung ist das Ergebnis einer historischen Ent-
wicklung, deren Vorstadium eine gesellschaftliche Verfassung darstellt,
in der Erfahrungen machen zu können noch sozial verbürgt war. Das
individuelle Dasein nämlich ist in unentwickelten Gesellschaftsformatio-
nen noch eingebettet in den kollektiven Lebenszusammenhang. Jenes
innere Anliegen der Selbstvergewisserung in der Einheit des subjektiv
Erlebten wird nicht als spezifische Leistung notwendig gegenüber den
sozial organisierten Verrichtungen zum Zweck der Daseinssicherung.
Dies läßt sich - zunächst über Benjamins Darstellung hinausgehend -
dadurch erklären, daß der Umgang mit der Natur als Voraussetzung ge-
sellschaftlichen Daseins begründet ist durch Erfahrungen in einem be-
stimmten Lebensraum und einem spezifischen, durch mündliche Oberlie-
ferung vermittelbaren Zeitabstand. Die gesellschaftliche Reproduktion
beruht nicht auf der Abstraktionsfähigkeit vom konkret Gegebenen und
damit nicht auf einem generellen Wissen über die Bedingungen des Le-
bens, das zumindest tendenziell Planung, gesellschaftliche Veränderun-
gen und damit Transzendierung des Gegenwärtigen zum Prinzip ma-
chen würde. Es stehen keine Wissenschaften und Technologien zur
Verfügung, die eine solche Eingrenzung auf die besonderen vorgege-
benen Umstände und die Summe der in ihnen gemachten Erfahrungen
aufzuheben ermöglichten. Nicht die beständige Relativierung des kon-
kreten Lebenszusammenhanges nach Maßgabe gesellschaftlicher Innova-
tionen, gleich ob sie aus dem Willen der Gesellschaftsmitglieder resultier-
74 über Charles Baudelaire

ten oder, wie nach Marx in der bürgerlichen Gesellschaft, aus verselb-
ständigten Reproduktionsmechanismen, ist grundlegend und wird dem
einzelnen als die Fähigkeit abverlangt, seinen jeweiligen Erfahrungsbe-
reich immer neu zu überschreiten. Der Wunsch, sich diesen Lebenszusam-
menhang als subjektspezifischen in Distanz zu den praktisch geltenden
Regeln der sozialen Realität erst zu vergegenwärtigen, wenn immer man
seiner selbst in seinem besonderen und nicht uneingeschränkt wandelba-
ren Dasein innewerden will, kann gar nicht auftreten; der Versuch sei-
ner Verwirklichung kann nicht zum Problem werden. Die Sicherung des
jeweils spezifisch Eingelebten und konkret Erfahrenen ist die Norm der
gesellschaftlichen Praxis selbst. Gültig ist das in ihr Bewährte. Es
wird von Generation zu Generation tradiert, und das Gemeinwesen
kennt nur dessen absolute Autorität. Eine kollektive Identität stellt
sich somit im überlieferungsgeschehen her - dem einzelnen gewähr-
leistet die gemeinsame Vergangenheit, welche die erlebte Gegenwart
bestimmt und ihr Bestand verleiht, den Sinnzusammenhang seines
Daseins. [212] Im Kult wird diese Verschmelzung von Gegenwart
und Vergangenheit greifbar. Das Innehalten in der alltäglichen Pra-
xis geschieht nicht zum Zweck ihrer Relativierung durch die Erklä-
rung aus ihrer historischen Genese und damit durch die Einsicht in ihre
Begrenztheit und Veränderbarkeit. Vielmehr wird sie bestätigt durch die
Sicherung der Tradition, die ihr zugrunde liegt. - Diesen Sachverhalt
hat Benjamin vor Augen, wenn er konstatiert: >>Wo Erfahrung im
strikten Sinn obwaltet, treten im Gedächtnis gewisse Inhalte der indivi-
duellen Vergangenheit mit solchen der kollektiven in Konjunk-
tion.« [213] Der genannte Aufsatz über Lesskow behandelt die cha-
rakteristische Überlieferungsform unter solchen Bedingungen, nämlich
eben die der mündlichen Erzählung. Charakteristisch für das Gesagte ist
die Behandlung des Todes in ihr. [214] Fährt man mit der Kontra-
stierung zur Moderne fort, so läßt sich sagen, daß er nicht als indivi-
duelle Katastrophe erscheint, in der i. G. zum fortwährenden Wandel im
gesellschaftlichen Leben die Begrenztheit des privaten Daseins hervor-
tritt. Vielmehr ist gerade diese Naturbegrenztheit selbst für jenes so-
ziale Leben das Bedeutsame. Im Sterben wird an diese Bestimmtheit der
Geschichte erinnert. Es war nach Benjamin >>einstmals ein öffentlicher
Vorgang im Leben des Einzelnen und ein höchst exemplari-
scher<<. [215] Der Tod konstituierte die >>Merkwelt der Leben-
den<< [216]; diese behielten ihn als signifikantes Moment im Gedächt-
nis. Sie gingen nicht darüber als bloß privates Ereignis hinweg, wodurch
in späteren Zeiten dem einzelnen im Sterben seine letztendliche Isoliert-
heit erschreckend vor Augen geführt wird. Der Ablauf der Zeit kannte
damals keine qualitative Veränderung, keine Zukunft, die dem einzel-
nen mit seinem Tod hätte entgehen können. Das Dasein gliedert sich so
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 75

letztlich in immer gleiche Abschnitte des Werdens und Vergehens. Wenn


Johann Peter Hebel in einer seiner Erzählungen einen größeren Zeitab-
stand sinnfällig machen will, so zählt er im unmittelbaren Zusammen-
hang mit den bedeutenden politischen Ereignissen auf, wer in dieser Zeit
an bekannten Persönlichkeiten alles gestorben ist. So wurde nach He-
bels Erzählung in der Zwischenzeit zwischen den zwei Ereignissen,
von denen die Geschichte handelt, »die Stadt Lissabon durch ein Erd-
beben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber, und Kai-
ser Franz I. starb, und der Jesuitenorden wurde aufgehoben, und Po-
len geteilt, und die Kaiserin Maria Theresia starb, und der Struen-
see wurde hingerichtet. Amerika wurde frei, und die vereinigte fran-
zösische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die
Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn
ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schwe-
den eroberte russisch Finnland, und die Französische Revolution und
der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold II. ging auch ins
Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten
Kopenhagen, und die Ackerleute säten und schnitten.<< Benjamin zitiert
diese Stelle und knüpft daran die Bemerkung, daß tiefer >>nie ein Erzäh-
ler seinen Bericht in die Naturgeschichte gebettet<< habe. [217] Natur-
geschichte nennt er eben diesen sozialen Zustand, in dem das Dasein
durch natürliche Vorkommnisse bestimmt und markiert ist.
Die Stelle, die früher die Erzählung einnahm, um die kollektiven Er-
fahrungen zu übermitteln, hat heute Benjamin zufolge die Information
inne. Sie ist darauf aus, zusammen mit der Mitteilung der Ereignisse,
diese zugleich zu erklären. [218] ·Ihre spezifische historische Genese und
damit ihre eingeschränkte, bald schwindende Bedeutung werden sicht-
bar. >>Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, in
dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick. Sie muß sich gänz-
lich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren sich ihm erklä-
ren.<< [219] Damit wird sie zum Kennzeichen für die beständige Ent-
wertung des Gegenwärtigen in der modernen geschichtlichen Welt. Dem
eingeschränkten Erfahrungshorizont des Individuums aber erschließt sich
die Geschichte nicht in ihrer Totalität, sondern nur in den konkreten,
von ihm erlebten Momenten, welchen angesichts des gesellschaftlichen
Prozesses keine bleibende Bedeutung zukommt. [220] Die Erinnerung
wird i. G. zum Gedächtnis, das früher den einzelnen und das Kollektiv
verband, eben zu jener ausweglos privaten und wie bei Proust vom Zu-
fall abhängigen Veranstaltung des >Eingedenkens<. [221]
Benjamin möchte nun freilich nicht, wie es scheinen könnte, einem
solchen ausweglosen und unheilvollen Zustand die früheren Erfahrungs-
möglichkeiten als Remedium entgegenhalten. Zwar zeigte sich in seinen
Arbeiten bereits die Tendenz, das durch den Gang der Geschichte Relati-
76 über Charles Baudelaire

vierte unvermittelt zur Geltung bringen zu wollen. Im hier besprochenen


Zusammenhang jedoch werden gerade die heutigen Formen der Weltan-
eignung auf die in ihnen enthaltenen Möglichkeiten hin untersucht, sich
vom Bestehenden im Interesse an einer, den Individuen nicht entfremde-
ten Gesellschaft zu distanzieren. Ein solcher, für den einzelnen transpa-
renter Lebenszusammenhang war zwar früher gegeben; aber freilich
unter der Bedingung, daß die Geschichte, weitgehend ohne Einflußmög-
lichkeiten der Menschen, von der Natur bestimmt wurde. Unter der Be-
dingung der entwickelten gesellschaftlichen Möglichkeiten, sich von der
Natur zu emanzipieren, wäre ein solcher Zustand erneut herzustellen -
nicht als Revision der Geschichte, sondern als Ausnützung ihrer fortge-
schrittenen Möglichkeiten.

b) »Chokrezeption« und Wirkungsmöglichkeiten der Kunst im Zeitalter


ihrer technischen Reproduzierbarkeit

Baudelaire macht innerhalb dieses Prozesses des Erfahrungsverlusts


den Übergang deutlich. Die Neutralität des Erlebten gegenüber dem
intendierten, subjektbezogenen Bedeutungszusammenhang begründet eine
»ästhetische Passion<<, die für sein Werk konstitutiv ist. Noch sind
Bedingungen gegeben, unter denen es möglich erscheint, der Adaption
an das Vorgegebene zu entgehen. Zugleich aber wird sich der Künstler
bereits der heroischen Anstrengung bewußt, die dazu nötig ist. Leidvoll
erfährt er schließlich ihre Aussichtslosigkeit als subjektive Veranstaltung.
Gerade diese unaufgelöste Spannung aber stellt ein Moment dar, das
sich dem schon drohenden und sich zunehmend perfektionierenden
Zwang zur Anpassung an die entfremdeten sozialen Mechanismen
gesellschaftlichen Lebens sperrt. In Benjamins Aufsatz Ober einige
Motive bei Baudetaire deutet sich an, wie die zunächst allein darin sich
noch manifestierende Distanz zum Vorgegebenen Anlaß für die Unter-
suchung der Frage bieten könnte, inwieweit gleichwohl in den modernen
Erlebnisweisen das Potential zur Überschreitung ihres bloß angepaß-
ten Charakters verborgen ist. Denn die Dichtung, in der solche trans-
zendierenden Qualitäten manifest werden, steht am Ursprung der Mo-
derne. Der besondere Charakter der Erfahrungswelt zwar, der zu sol-
chen Reflexionsprozessen veranlaßte, wird durch die Entwicklung über-
holt. Aber die allgemeinen geschichtlichen Grundlagen für solche ästhe-
tischen Erfahrungen im modernen Sinne bleiben bestehen. Zu fragen
ist, ob und in welcher Form sie unter den fortgeschrittenen Bedingun-
gen zu aktualisieren sind. Im genannten Aufsatz führt Benjamin diese
Überlegungen nicht aus. Gemäß seiner Absicht, das philologische Ver-
fahren zu betonen, beschränkt er sich darauf, Baudelaire im Prozeß
des Strukturwandels der Erfahrungen eine signifikante, und wie sich
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 77

dann erst an dem damit zusammenhängenden Kunstwerk-Aufsatz zei-


gen wird, für die weitere Entwicklung aufschlußreiche Stelle zuzuordnen.
Der Verlust, dessen Baudelaire innewird, zeigt sich nach Benjamin,
wenn man sich Baudelaires Imagination echter, von der Krise verschon-
ter Erfahrungen in seiner Lyrik vor Augen führt. Baudelaire nennt sol-
che Erfahrungen >>correspondances<<. Gegenüber der erlebten Geschichte,
die nach objektiven Gesetzmäßigkeiten abläuft, entstehen solche Erfah-
rungen durch die Erinnerung an >>Data der Vorgeschichte<<. [222] Her-
ausgehoben aus dem Fluß der Zeit findet in ihnen >>die Begegnung mit
einem früheren Leben<< statt. Die Selbsterfahrung ist mithin nicht in der
Geschichte angesiedelt, wie etwa in Prousts Kindheitserinnerungen. Die
vorgeschichtliche Natur vielmehr ist ihr Gegenstand. >>Das legte Baude-
laire in dem Sonett nieder, das >La vie anterieure< überschrieben ist.
Die Bilder der Grotten und der Gewächse, der Wolken und der Wogen,
die der Beginn dieses [ ... ] Sonetts heraufruft, heben sich aus dem
warmen Dunst der Tränen, welche Tränen des Heimwehs sind.<< [223]
Daß aber das Eingedenken dergestalt über die Geschichte hinausweist
auf eine von Menschen unbearbeitete Natur, zeigt, wie stark in der
geschichtlichen Welt >>die Gegenkräfte sich Baudelaire angekündigt
haben<<. [224] Das erweist auch der Aufbau der Pieurs du mal. Das
Buch >>Spleen et ideal<< ist unter den Zyklen der Pieurs du mal das
erste. Programmatisch wird darin und durch die Voranstellung für das
ganze Buch, wie das ideal >>die Kraft des Eingedenkens<< spendet. Der
>>Spleen bietet den Schwarm der Sekunden dagegen auf<<. [225] Die
Sekunden sind dabei die Momente, die den objektivierten Zeitablauf
repräsentieren. - Aber nur indem sich Baudelaire solche correspon-
dances zu eigen machte, konnte er voll ermessen, >>was der Zusammen-
bruch eigentlich bedeutete, dessen er, als ein Moderner, Zeuge
war<<. [226]
Diesen Zusammenbruch kann man Benjamins Terminologie folgend,
auch als den der >>Aura<< bezeichnen. [227] Was es heißt, an natür-
lichen Erscheinungen eine Aura wahrzunehmen, erläutert Benjamin in
seinem Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit. [228] Die Aura wird dort definiert >>als einmalige
Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag<<. [229] Damit ist die
raum-zeitliche Struktur jener Wahrnehmung bezeichnet, in der die
Gegenstände noch nicht im dargelegten modernen Sinn erlebt werden.
Sie sind keine verfügbaren Objekte, denen die Information über sie die
Unerschöpflichkeit ihrer Bedeutungen genommen hat. Nur dann können
sie, wie gezeigt wurde, einen beständig neu aktualisierbaren Sinn in der
gesellschaftlichen Praxis erlangen und im Dasein der Menschen immer
von neuem lebendige Momente eines einheitlichen Lebenszusammenhan-
ges werden. Der Gegenstand der Erfahrung bewahrt also gleichsam seine
78 Ober Charles Baudelaire

Echtheit; er wird nicht durch das Wissen entwertet. So nah er den Men-
schen in ihrer eingelebten Praxis sein mag, so ist er doch dem aufklären-
den Zugriff entzogen und behält seine Autorität im Traditionszusam-
menhang. - Was Baudelaire mit den correspondances und damit ver-
bunden mit der Wahrnehmung der Dinge als auratischer im Sinn hatte,
kann denn auch nach Benjamin >>als eine Erfahrung bezeichnet werden,
die sich krisensicher zu etablieren sucht. Möglich ist sie nur im Bereich
des Kultischen.<< [230]
Heute würden solche Erfahrungen nicht unmittelbar im Bereich des
gewöhnlichen sozialen Lebens gemacht, sondern vermittelt über die
ästhetische Reflexion als die Schönheit der dem Wandel der Zeit nicht
ausgesetzten Dinge erinnert. Jedoch unter den genannten Bedingungen
ist diese Schönheit brüchig. Der spieen setzt angesichts der tatsächlichen
Verfassung der erfahrbaren Wirklichkeit das ideal der Einheit der
Erfahrungen außer Kraft. Dies läßt sich wiederum in Bildern fassen -
nunmehr in Bildern des Mangels jeglicher Aura des Wahrgenommenen.
Die >>Aura einer Erscheinung erfahren<< heißt nach Benjamin, >>sie mit
dem Vermögen belehnen, den Blick aufzuschlagen<<. [231] Den
Erscheinungen wird also gleichsam eine personale Identität zuerkannt,
welche im Augenblick ihrer Wahrnehmung ihre Eigentümlichkeit
bewahrt und sich ebensowenig vereinnahmen und erschöpfend erfassen
läßt wie das Ereignis, das durch die Erzählung und nicht durch die
Information präsentiert wird. Dies hat seine Entsprechung in der Liebe.
Der Empfänglichkeit für die erotische Anziehungskraft, die die Aura
verleiht, kontrastiert die Verdinglichung des anderen zum Sexual-
objekt. Wiederum steht bei Baudelaire für diesen Vorgang das Erlebnis
des Flaneurs, den beim Anblick der Passantin plötzlich ein sexuelles
Verlangen nach dem Besitz der Frau überkommt. Und wiederum stellt
sich dafür schließlich das Motiv der Hure ein. Sie ist bei Baudelaire mit
einem Blick ausgestattet, der >>der träumerischen Verlorenheit an die
Ferne<< enträt. >>Kommt Leben in solche Augen, so ist es das des Raub-
tiers, das nach Beute Ausschau<< hält. [232] - Freilich geht in dem
Gedicht über die Passantin der Flaneur leer aus. Die Erscheinung trifft
ihn unvorbereitet und verschwindet augenblicklich in der Menge, die sie
ihm zutrug. Sie wirkt auf ihn wie ein Schock; >>crispe comme un extra-
vagant<< zuckt er erschreckt zusammen. [233] Dadurch wird das Erleb-
nis aus dem normalen Gang der Ereignisse herausgehoben.
Der Schreck also ist bei Baudelaire die Begleiterscheinung der spezi-
fisch modernen Wahrnehmungen. Diesen Befund hat Baudelaire in bezug
auf die ästhetischen Erfahrungen des Poeten >>in einem grellen Bild
festgehalten. Er spricht von einem Duell, in dem der Künstler, ehe er
besiegt wird, vor Schrecken aufschreit. Dieses Duell ist der Vorgang
des Schaffens selbst. Baudelaire hat also die Chokerfahrung ins Herz
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 79

seiner artistischen Arbeit hineingestellt.« [234] Mit einem psycho-


analytischen Terminus könnte Baudelaire nach Benjamin als ein >trau-
matophiler Typ< gekennzeichnet werden. [235]
Benjamin bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Freuds Schrift
jenseits des Lustprinzips. In ihr wird gezeigt, wie gegenüber solchen >>Er-
regungsvorgängen<< in der alltäglichen Wahrnehmung das Bewußtsein als
Reizschutz fungiert. [236] Die Aufgabe dieses Bewußtseinsmechanismus
wäre es, alle Eindrücke fernzuhalten, die das Individuum aus dem
Gleichgewicht seiner eingeübten Verständnisfähigkeit bringen könnten.
Dieses Gleichgewicht wird durch die immer neuen Reize bedroht. Kein
traditional verbürgter Sinnbestand sichert die Einheit der Erfahrungen.
Den Erscheinungen kommt keine Aura zu, an die man sich, entlastet
von der Aufgabe ihrer Erklärung aufgrund der naturgeschichtlichen
Lebensverhältnisse, verlieren dürfte. Die Phänomene müssen vielmehr
bewußt bewältigt werden. Gibt man sich ihnen schutzlos preis, wie das
der Flaneur in der Menge tut, so wirken sie als Schock. [237] Die
Unlust, die mit einem solchen nicht bewußt erlebten, sondern erschrecken-
den Vorkommnis einhergeht, will überwunden werden. Die Bereitschaft,
vor dem Unvorhergesehenen Angst zu haben, eine Bereitschaft, die
gegeben sein muß, damit sich das wache Bewußtsein darauf einstellt,
allen Überraschungen zu begegnen, muß im Traum nachgeholt wer-
den. [238] Gegenüber der durch den Schock entstandenen trauma-
tischen Neurose soll so die verlorene psychische Stabilität wiederherge-
stellt werden. Die normale moderne Erlebnisweise also, der etwa die
Information dabei hilft zu verhindern, daß die Ereignisse eine nach-
haltige Wirkung zeitigen, wird, so betrachtet, als eine besondere Lei-
stung sichtbar, deren Mißlingen als Möglichkeit immer berücksichtigt
werden muß. Baudelaires Dichtungen machen die traumatischen Ergeb-
nisse dieses Mißlingens zum Gegenstand. Darin konstituiert sich eine
neue, authentisch moderne Form der Erfahrung, welche sich von der
früheren, kultisch gesicherten, aber auch von der alltäglichen Erlebnis-
weise wesentlich unterscheidet. [239] Solche Erfahrungen indizieren,
indem sie die veränderte Erlebnisweise in der Moderne leidvoll noch
als Problem registrieren, wie sehr im modernen Bewußtsein die neu-
gewonnene Sicherheit in der Verarbeitung der Wahrnehmungen bestän-
dig in Frage gestellt ist. Die poetische Produktion, die die Entwicklungs-
geschichte der Erfahrungsweisen unter dafür günstigen sozialen Bedin-
gungen in der Auseinandersetzung zwischen spieen und ideal quasi
noch einmal rekapituliert und in ihrer Problematik reflektiert, macht
zugleich auf eine normalerweise nicht zutage tretende, aber doch vor-
handene Disposition der gewöhnlichen Erlebnisform aufmerksam. Diese
kann als Potential gegenüber der adaptiven Einstellung zur Wirklichkeit
aufgefaßt werden. - Offen bleibt zunächst, wie dies zur Geltung
80 über Charles Baudelaire

gebracht werden kann. Denn auch wenn solche Schocks eintreten, so


wird ja nach Freud im Normalfall versucht werden, eben jenes Gleich-
gewicht wiederherzustellen, das nach Benjamin zu überwinden wäre.
Diese Anpassung an das >>Realitätsprinzip<< [240], der Versuch, die
üblichen Verhaltensweisen durch das eigene Verhalten zu bestätigen,
um negativen gesellschaftlichen Sanktionen zu entgehen, wäre demnach
eher zu erwarten. Nun könnte man zwar gegen Freud einwenden, daß
eine solche konservative psychische Tendenz, der äußeren Realität nicht
ins Auge sehen und sie wirklich bewältigen zu wollen, sondern lieber
zum Gewohnten zurückkehren, nicht eine unveränderliche Tatsache
sei. [241] Denn es läßt sich vorstellen, daß unter anderen gesellschaft-
lichen Bedingungen nicht die Regression des Bewußtseins, sondern die
produktive und innovationsorientierte Verarbeitung der Wirklichkeits-
eindrücke zur eingelebten und positiv bewerteten Verhaltensweise wird.
Geht man aber gerade mit Benjamin von den unveränderten gesell-
schaftlichen Bedingungen aus, so wird man den genannten Umstand
nicht außer acht lassen dürfen. Dies gilt gerade dann, wenn man ver-
meiden will, die Psychoanalyse, wie in der Traum-Erwachen-Konzep-
tion des Exposes zu den Pariser Passagen, in eine Theorie über die
manifeste, geradlinige Entwicklung hin zur sozialen Emanzipation zu
verkehren. [242]
In seiner Arbeit über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit geht Benjamin auf jene Frage, wie das Potential
zur Selbsttranszendierung in den modernen Erlebnisweisen wirksam
werden kann, näher ein. Wenn von Reproduktion die Rede ist, so ist
dabei keineswegs, wie es der Titel des Aufsatzes nahelegt, allein an die
Vervielfältigung der Kunstwerke und ihre Distribution als Ware
gedacht. Zunächst sind vielmehr die veränderten Formen der Wirklich-
keitswiedergabe zu berücksichtigen. Die Photographie war nach Aus-
kunft des Exposes ein Beispiel dafür, wie sich die modernen Wahr-
nehmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten nach Benjamins Auffassung
von der Kunst, jedenfalls im traditionellen Sinne, befreien. Was damit
gemeint ist, kann man sich besonders gut an ihrer Weiterentwicklung
zum Film veranschaulichen. Die in ihm gezeigten Aspekte der Realität
entbehren Benjamin zufolge einer Aura gänzlich. Sie werden experi-
mentell und forschungsinteressiert gehandhabt und nicht als unaus-
schöpfliche Gegenstände der Erfahrung präsentiert. Dies bewirkt schon
die technische Apparatur, durch die vermittelt die Realität gesehen
wird. Sie hindert etwa den Filmschauspieler daran, das Publikum durch
eine in sich abgerundete Leistung und einen harmonischen Gesamtein-
druck von der dargestellten Persönlichkeit in seinen Bann zu ziehen. r243]
Vielmehr muß er es sich gefallen lassen, sein Spiel nach den Erforder-
nissen der Aufnahmetechnik zerstückeln zu lassen. >>Es handelt sich vor
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 81

allem um die Beleuchtung, deren Installation die Darstellung eines Vor-


gangs, der auf der Leinwand als einheitlicher geschwinder Ablauf
erscheint, in einer Reihe einzelner Aufnahmen zu bewältigen zwingt,
die·sich im Atelier unter Umständen über Stunden verteilen. Von hand-
greiflicheren Montagen zu schweigen. So kann ein Sprung aus dem
Fenster im Atelier in Gestalt eines Sprungs vom Gerüst gedreht werden,
die sich anschließende Flucht aber gegebenenfalls wochenlang später
bei einer Außenaufnahme.<< [244] - Unter diesen Bedingungen wer-
den die gezeigten Gegenstände analysierbar. Sie können Tests unter-
zogen werden. [245] Die Montage etwa verschiedener Aspekte ebenso
wie die Möglichkeit, Details durch bestimmte Aufnahmetechniken -
man denke an die Zeitlupe - aus dem Fluß der Ereignisse herauszu-
reißen, um sie so der Rezeption überhaupt erst zugänglich zu machen,
verfremden den Eindruck, der sich sonst dem Auge darbietet. Sie erwei-
tern den eingegrenzten subjektiven Wahrnehmungs- und Verständnis-
horizont dank der Hilfe technischer Apparatur entscheidend. [246]
>>Dieser Umstand hat, und das macht seine Hauptbedeutung aus, die
Tendenz, die gegenseitige Durchdringung von Kunst und Wissenschaft
zu befördern.<< [247] Der Zweck der Wissenschaft aber ist es, die
Gegenstände ihrer geheimnisvollen Eigenart zu entkleiden. In der Di-
mension des Raumes gesehen werden sie aus ihrer auratischen Ferne
dem Betrachter nahegerückt, so daß er sie analysieren kann. In der
Dimension der Zeit gesehen verlieren sie im Experiment und seiner
Wiederholbarkeit zum Zweck objektivierter, situationsunabhängiger
Betrachtung ihre Einmaligkeit, die ihrer Unnahbarkeit entsprach und
verhinderte, daß sie der Erklärung jederzeit zugänglich gemacht werden
konnten. [248]
Die gewohnte Auffassung der Wirklichkeit wird durch solche Ver-
anstaltungen schockartig durchbrachen. Die >>Geistesgegenwart<<, die not-
wendig ist, um diese Schocks aufzufangen [249], ist nun aber nach
Benjamin nicht mehr gleichzusetzen mit der Adaption an vorbestimmte
Interpretationsmuster, die durch die entfremdeten gesellschaftlichen Ver-
hältnisse lizensiert wären. Sie ist vielmehr das Ergebnis der Anregung,
den Dingen auf den Grund zu gehen. - Baudelaire bereitete eine
solche Auffassungsweise vor, insofern er darauf aus war, in dieser Welt
ihre harmonischen Gebilde in Trümmer zu legen. [250] Freilich ist
das Medium seiner Gestaltung noch durch die Schranken subjektiver
Perzeptionsfähigkeit gekennzeichnet. Anders hingegen im Gefolge der
modernen technischen Möglichkeiten. >>Der Film hat<< nach Benjamin
>>in der ganzen Breite der optischen Merkwelt, und<< - mit der Ein-
führung des Tonfilms - >>nun auch der akustischen eine [ ... ] Ver-
tiefung der Apperzeption zur Folge gehabt.<< Er hat, vergleichbar der
Psychoanalyse, die Dinge >>isoliert und zugleich analysierbar gemacht,
82 Ober Charles Baudelaire

die vordem unbemerkt im breiten Strom des W abcgenommenen mit-


schwammen«. [251] Gerade die alltägliche Ansicht der Wirklichkeit,
im Unterschied zur wissenschaftlich disziplinierten Abstraktionsleistung,
wird so auf ein Niveau gehoben, das nicht nur das früherer Erfahrun-
gen, sondern auch das der heute ansonsten üblichen Erlebnisse überragt.
Denn so gesehen bleiben die Gegenstände keineswegs aufgrund des in-
formierten Bewußtseins denen, die sie auffassen, äußerlich; mit ihnen kann
vielmehr wie gesagt produktiv und veränderungsfreudig umgegangen
werden. Die Relativierung dessen, wofür sie aktuell gelten, ist Resultat
eines zur Autonomie angehaltenen Umgangs mit ihnen, im Gegensatz
zu jener Relativierung, wie sie die fremden gesellschaftlichen Mechanis-
men produzieren. Die Schocks, die zu solchen neuen ästhetischen Erfah-
rung führen, wären dann auch nicht von einem unlustbetonten Trauma
begleitet. Die Deshabitualisierung, gemessen an den praktisch üblichen
Verhaltensweisen, könnte statt dessen zur Lust an der freien, vom eige-
nen aufgeklärten Bewußtsein geleiteten Handhabung der Dinge führen.
Benjamin verweist übrigens auch in diesem Zusammenhang auf die
Leistungen der >>Strengen Kunstwissenschaft<<. Sie habe in Opposition
zum klassischen Kunstkanon dazu beigetragen, den Wandel in der
>>Organisation der Wahrnehmung<< vor Augen zu führen [252], was
dem historischen Materialisten Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen
Veränderungen und in bezug auf die Gegenwart auch auf die damit
verbundenen geschichtlichen Möglichkeiten erlaubt. Der wissenschafts-
geschichtliche Verweis soll wiederum daran erinnern, daß die ästheti-
schen Erfahrungen nicht restlos determiniert sind durch die praktisch
geltenden Normen sozialen Verhaltens und keineswegs identifizierbar
etwa mit gesellschaftlich funktionalen Ideologien. Die eigenartige Spon-
taneität, die ihnen gerade in der Moderne zukommen kann, ist zudem
nach Benjamin, und hier geht er erneut in bezeichnender Weise über
das Beweisziel jener kunstwissenschaftliehen Richtung hinaus, auch ein
Ansatzpunkt für die Veränderung der eingelebten, verbindlichen sozialen
Mechanismen selbst.
Die technische Reproduzierbarkeit der Kunstwerke selber ist Bedin-
gung dafür, daß solche Chancen auf eine veränderte Haltung gegenüber
der Realität auch genützt werden können. Denn zunächst wäre es ja
nicht auszuschließen, daß die Impulse, die von den neuen Medien aus-
gehen, ihre Adressaten verfehlen, weil diese befangen sind in überkom-
menen Rezeptionsformen angesichts ästhetischer Produkte. Deren Fort-
schritt bliebe dann ein esoterischer. Da sie aber nunmehr auch beliebig
vervielfältigt werden können, verlieren sie nach Benjamin ihrerseits ihre
Einmaligkeit und Unnahbarkeit, d. h. ihre Aura auch gegenüber den
Rezipienten. Eine Aura, wie sie ehemals den Kultgegenständen und im
späteren säkularisierten Ritual des Schönheitsdienstes den Kunstwerken
Strukturwandel der Erfahrung und Auraverlust der Kunst 83

eignete. [253] An die Stelle des >>Kultwertes<< tritt mit Benjamins


Worten ihr >>Ausstellungswert<<, [254] Die Produkte, die nichts Außer-
gewöhnliches und Einzigartiges mehr an sich haben, werden so aufge-
nommen, wie sie sich selbst verstanden wissen wollen, nämlich jederzeit
verfügbar und kontrollierbar zu sein. Somit können sie zum Anlaß
für eine unvoreingenommene Wirklichkeitsauffassung werden. Die Dia-
lektik im Stillstand wäre durch eine solche Form ästhetischer Stillstel-
lung, welche das Verhalten der Massen beeinflußt, gesellschaftlich wirk-
sam, weil tatsächlich das gewöhnliche Bewußtsein sich dialektisch in
seiner Begrenztheit selbst überschreitet. Benjamin will zeigen, wie die
Kunst in ihrer neuen exoterischen Form eine »Fundierung auf Politik«
erfährt. [255]
Die Problematik dieser Schlußfolgerungen Benjamins aber wird
deutlich, wenn man sich erinnert, daß sie nach wie vor ausgehen von
einer gesellschaftlichen Situation, in der zwar beständige Innovationen
möglich sind und verwirklicht werden, und in der daher auch die Me-
dien, die das Bewußtsein in den Umgang mit dieser Situation einüben,
sozial lizensiert sind, in der aber der Spielraum für solche Veränderun-
gen selbst durch Kräfte bestimmt wird, die sich der an Neuerungen
orientierten Wahrnehmung entziehen und sich damit gegenüber der
Dispositionsmöglichkeit auf der Grundlage der gewöhnlichen Vorstel-
lungsformen immunisieren. Angesichts dieser Tatsache wird das Gegen-
teil von Benjamins Konsequenz plausibel. Die Erweiterung der Wahr-
nehmungsmöglichkeiten, die Einschulung prompter Reaktionsfähigkeit
auf die neuen, ungewohnten Aspekte der Realität, könnten eher die An-
passung an die gesellschaftlich funktionalen Prozesse bewirken als das
Potential für wahrhafte Veränderung wecken. Lediglich der institutio-
nalisierte lnnovationsrhythmus, welcher dazu dient, immer wieder den
Rahmen der entfremdeten Verhältnisse zu reproduzieren, würde so ge-
sehen sanktioniert. Die Befriedigung über die Adaptionsleistungen des
modernen Bewußtseins wäre von Benjamin nur verwechselt worden mit
der Lust an autonomer und geschichtsmächtiger Betätigung. Die Schocks,
die die unvorbereiteten Eindrücke auslösen können, führten zu der Ge-
wöhnung an ihre systemkonforme Verarbeitung. Die inhaltliche Be-
stimmung der von Benjamin dargestellten veränderten Wahrnehmungs-
form wäre mithin gerade, wenn man von den gewöhnlichen Erlebnissen
ausgeht, i. G. zu Benjamins Beweisziel, als Konstante vorgegeben.
Die Feststellung der Exoterik ästhetischer Erfahrungen und ihrer
Aktualität im Sinne verändernder historischer Wirkung verdankt sich
demnach letztlich doch wieder einer Betrachtungsweise, die entgegen den
theoretisch faßbaren gesellschaftlichen Abläufen - die von der Wirkung
in der alltäglichen Lebenspraxis her gesehen - unscheinbarsten Ansätze
für eine Transzendierung des Gegebenen unvermittelt zu einem Konsti-
84 über Charles Baudelaire

tutivum der sozialen Praxis machen möchte. Im Resultat ist die Diffe-
renzierung zwischen dem ausgelöscht, was in der Geschichte zur Geltung
gekommen ist und dem anderen, das entweder in ihrer Entwicklung ver-
schüttet wurde oder aber keine praktische Relevanz besitzt. Die ange-
strebte dialektische Aufhebung auratischer Erfahrungen in den moder-
nen Wahrnehmungs- und Gestaltungsformen gerät wieder zur unvermit-
telten Aktualisierung.
Gegen das Resultat ist die Anstrengung, es zu vermeiden, kritisch in
Erinnerung zu rufen. Die Bedeutung Benjamins liegt so gesehen gerade
in der wechselseitigen Relativierung seiner thematisch verwandten, aber
methodisch jeweils anders akzentuierten Arbeiten. Dies i. G. zu deren
manifesten Schlußfolgerungen. - Die Grenzen der von ihm erprobten
Ansätze aber sind nicht zu verwechseln mit den Grenzen seiner theoreti-
schen Potenz; sie sind vielmehr sachlichen Ursprungs. Im folgenden wird
darauf noch weiter einzugehen sein. Zunächst aber soll Adornos Kritik
an Benjamins Thesen über die Möglichkeiten exoterischer Kunst betrach-
tet werden. Zu zeigen ist, daß trotz ihrer Berechtigung die aus ihr abge-
leiteten Alternativlösungen zum Problem einer materialistischen Ästhetik
ihrerseits fragwürdig werden. Der Versuch, dies aufzuweisen, kann dazu
beitragen, jenen sachlichen Grund für die Aporien weiter zu erhellen, in
die sich Benjamin begibt.

4. Kulturindustrie und esoterische Kunst. Zu Adornos Benjamin-Kritik

a) Heteronomie und Autonomie der Kunst in der Moderne

Zwei zu jener Zeit entstandene Aufsätze Adornos zu musikalischen


Phänomenen sind als »eine Art kritische Replik<< zu Benjamins Thesen
über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeif
zu verstehen. [256] So geht die Arbeit Ober Jazz auf dessen >>fort-
schrittliche<< Techniken ein, wie sie sich in der Montage, den schockartig
präsentierten ungewohnten Momenten oder in der kollektiven Herstel-
lung finden, welche scheinbar dem Standard wissenschaftlicher Team-
Arbeit vergleichbar ist. [257] Wenn man nun auch von Musik billiger-
weise nicht die Einübung wissenschaftsnaher Verhaltensweisen gegen-
über der Wirklichkeit erwarten darf- in der Weise, wie das nach Ben-
jamin beim Film der Fall sein soll -, so müßte man doch, nähme man
seine Überlegungen unkritisch hin, angesichts solcher Techniken vermu-
ten, daß der Hörer bei der Rezeption dieser Musik sich üben kann in
enthabitualisierten Reaktionsweisen. Damit wäre ein Beitrag zur Aus-
bildung der innovationsorientierten Vorstellungskraft geleistet. Adorno
zufolge bewirken die genannten Techniken das genaue Gegenteil. Der
Kulturindustrie und esoterische Kunst 85

Ausbruch aus rhythmischen, klanglichen und melodischen Schemata, wie


er für den Jazz in der Synkope [258] oder der Improvisation [259]
konstitutiv wird, indiziert nicht Unmittelbarkeit und Spontaneität, son-
dern von der musikalischen Form her gesehen die Bestätigung des star-
ren Schemas durch die am Ende bezweckte Integration des Ausbrechen-
den. >>Bei all diesen Synkopierungen<< etwa, >>die in virtuosen Stücken
zuweilen als ungemein kompliziert sich geben, ist die zugrundeliegende
Zählzeit aufs strengste innegehalten; [ ... ] Die rhythmischen Ereig-
nisse betreffen die Akzentuierung, doch nicht den Zeitverlauf des Stük-
kes, und selbst die Akzentuierung bleibt [ ... ] durch [ ... ] die ihr
zugeordneten Continuo-Instrumente, stets auf eine zugrundeliegende
symmetrische bezogen [ ... ] Die achttaktige Periode, ja bereits die
viertaktige Halbperiode sind unangefochten in Geltung erhal-
ten.<< [260] Was im Jazz vor sich geht, wäre denn auch von gesell-
schaftlich vorgegebenen Geschmacksmustern her zu verstehen und nicht
wie bei einem authentischen Kunstwerk von der ihm eigenen Stimmig-
keit seiner Durchbildung. >>Gibt das Verständnis der hot music der
Oberklasse das gute Gewissen ihres Geschmacks, so verleiht die Ver-
ständnislosigkeit der Majorität im Schock des Unverstandenen dieser,
wenn sie mit hot music zu tun hat, die vage Satisfaktion des Up to date
[... ]<< [261] Die Kunst erhält mit ihren überraschenden neuen Mo-
menten den Charakter genormter Kulturwaren. Das gleiche Argument
macht Adorno in seiner später zusammen mit Horkheimer geschriebe-
nen, aber damals schon konzipierten Arbeit über die Dialektik der Auf-
klärung [262] gegenüber dem Film geltend - gegenüber Benjamins
Beleg also für die gegenteilige Auffassung. Das Montageprinzip dient
hier nach Adorno nicht der Anleitung, ungewohnte Aspekte der Realität
wahrzunehmen und zu erforschen, sondern fungiert für die reizvoll-
neue Präsentation fertiger Klischees. [263] Adorno denkt dabei ins-
besondere an den Hollywood-Film, dem bekanntlich »sogleich anzuse-
hen<< ist, >>wie er ausgeht, wer belohnt, bestraft, vergessen wird [... ]<<
[264] Dies im Gegensatz zu dem >>Russenfilm<<, der >>nicht auf Reiz
und Suggestion, sondern auf Experiment und Belehrung<< ausgeht, und
an den Benjamin erinnert. [265] Die kapitalistische Gesellschafts-
formation jedoch, so muß man annehmen, wird jene amerikanischen Pro-
dukte eher begünstigen. Solche Produkte, »allen voran das charakteri-
stischste, der Tonfilm, lähmen ihrer objektiven Beschaffenheit nach jene
Fähigkeiten<< der Vorstellungskraft und Spontaneität, die Benjamin als
ihr positives Resultat vor Augen hat. >>Sie sind so angelegt, daß ihre
adäquate Auffassung zwar Promptheit, Beobachtungsgabe, Versiertheit
erheischt, daß sie aber die denkende Aktivität des Betrachters geradezu
verbieten, wenn er nicht die vorbeihuschenden Fakten versäumen
will.<< [266]
86 über Charles Baudelaire

Im seihen Kapitel über >>Kulturindustrie<< in der Dialektik der Auf-


klärung, aus dem zitiert wurde,· befaßt sich Adorno auch mit den Wir-
kungen der massenweisen Reproduktion jener Kunstwerke, die nicht von
vorneherein die Einübung systemkonformer Vorstellungsweisen zum
Zweck haben. Die Allgegenwart der Produkte, die sich ihrer Verbrei-
tung durch die Massenmedien verdankt, kommt nach Adornos Ergeb-
nissen ihrer dekonzentrierten Rezeption entgegen. Ihr fallen die beson-
deren Qualitäten der Werke gar nicht mehr auf, die ihnen im Gegen-
satz zum schematisch Vorgeformten allererst Gewicht verleihen. -
Adorno spricht in diesem Zusammenhang des weiteren von dem spezi-
fischen Warencharakter, den Kunst im Rahmen der modernen Kulturin-
dustrie angenommen habe. Er geht dabei von einem historischen Rück-
blick aus. Die Anonymität des Marktes nämlich ermöglichte früher in
der bürgerlichen Gesellschaft dem Künstler die Unabhängigkeit von den
besonderen Wünschen und Vorlieben bestimmter Auftraggeber und Mä-
zene. [267] >>Die Zwecklosigkeit des großen neueren Kunstwerks<<,
oder genauer die Möglichkeit stringenter Gestaltung ohne vorgegebene
äußere Zwecke, lebt von dieser Anonymität des Marktes. Freilich ist in
der neuen Abhängigkeit von diesem auch bereits die Bestimmtheit der
Kunstwerke als funktionales Moment der Gesellschaft mitgegeben. Was
sich im Gegensatz zu den anderen Waren, die gehandelt werden, ge-
rade nicht durch einen bestimmten Nutzen auszeichnet, dient als Me-
dium der Imagination eines, von der Verbindlichkeit der gesellschaftli-
chen Verkehrsformen befreiten Zustandes. Unter den Bedingungen hete-
ronom bestimmter Verhältnisse kommt aber bereits dieser Autonomie
immer auch die sozial nützliche Eigenschaft zu, nur Entspannung zu
verschaffen, um sich dann dergestalt gestärkt um so besser in den fremd-
bestimmten alltäglichen Verrichtungen bewähren zu können. Freilich
geht die Kunst noch keineswegs in einer solchen, ihrer Spontaneität ent-
gegenstehenden Funktionalisierung für die verdinglichten gesellschaftli-
chen Mechanismen auf. Ihren eigenen Sinn ideologiekritisch durch die
Reduktion auf diesen Funktionszusammenhang liquidieren zu wollen,
müßte ihre Bedeutung verfehlen. Dominant, ja ausschließlich relevant
wird aber der gesellschaftlich integrative und somit letztlich affirmative
Aspekt in der Rezeptionsweise, die durch die neuen Reproduktionstech-
niken hervorgerufen wird. An die Stelle des Genusses gerade der, dem
Geltungsbereich gesellschaftlicher Normen und Vorstellungsformen ent-
hobenen, besonderen Eigenschaften der Werke »tritt Dabeisein und Be-
scheidwissen, Prestigegewinn an Stelle der Kennerschaft<<. [268] Will
man von jenen Eigenschaften als dem spezifischen Gebrauchswert der
Kunst sprechen, so verliert er an Bedeutung, und die gesellschaftliche
Wertschätzung, die die Kunstwerke erfahren haben, wird, ohne daß ihr
Rang überhaupt noch selbständig beurteilt zu werden bräuchte, als ihr
Kulturindustrie und esoterische Kunst 87

neuer, einziger Gebrauchswert genossen. Dies aufgrund der bloßen


Partizipation am gesellschaftlich lizensierten Geschmack. An diesen
Sachverhalt denkt Adorno, wenn er davon spricht, daß an die Stelle
des Gebrauchswerts der Kunstwerke ihr Tauschwert, und das soll hei-
ßen, abstrahiert von der je unverwechselbaren Qualität des Produkts,
seine gesellschaftliche Geltung als seine wesentlichen Eigenschaften getre-
ten sei. Die Kunstwerke, die früher auf der Grundlage des Kulturmark-
tes sich den genormten Vorstellungsweisen entziehen konnten, also zwar
als Ware gehandelt wurden, aber noch nicht inhaltlich durch das gesell-
schaftlich Verbindliche gänzlich determiniert waren, die sich mithin
durch die genannte Ambivalenz von Autonomie und Heteronomie aus-
zeichneten -, diese Kunstwerke werden in der weiteren Entwicklung in
ihrer Rezeption auf das reduziert, was im Alltag lizensiert ist. Die
neueren Produkte schließlich, wie Jazz und Tonfilm, passen sich dieser
Entwicklung an. Hier fehlt bereits dem Produkt selbst jegliche Dimen-
sion, die in der Rezeption eingeebnet werden könnte. [269] - In der
Arbeit Ober den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des
Hörens wird die Depravation der ästhetischen Erfahrung unter den Be-
dingungen der kulturindustriellen Massenproduktion in Anlehnung an
Marx' Untersuchung zum Warenfetischismus dargestellt. Marx bestimmt
den Fetischcharakter der Ware allgemein als die Veneration des von den
Menschen selber Gemachten. [270] Die gesellschaftliche Wertschät-
zung - nunmehr der Kunst in ihrem noch nicht regredierten Zustand -
wird dem Produkt selbst quasi als seine Natureigenschaft zugerechnet.
Als das eigentlich Wesentliche wird an ihm verehrt, daß es dem Rezi-
pienten zur Partizipation an dieser Wertschätzung verhilft, obwohl
diese im Gegensatz zu den spezifischen Merkmalen des Produkts nichts
darstellt, was ihm als Eigenschaft an sich schon zukäme, sondern sich
erst durch eben diejenigen konstituiert, die sie als etwas Bedeutsames gel-
ten lassen. Genossen wird, daß etwas gefällt; der sachliche Grund dafür
ist belanglos. Im Unterschied zu anderen Waren ist ihr gesellschaftlicher
Charakter, ihre allgemeine Wertschätzung, unmittelbar entscheidend
und nicht der Nutzen angesichts bestimmter partikularer Bedürfnisse,
den die Dinge vermittelt über den Austausch bringen. Hiermit ist die
Depravationsform des Genusses an Produkten gekennzeichnet, die von
der Ausrichtung auf partikulare Zwecke und dadurch von der Anpas-
sung an den gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang ihrer Befrie-
digung entlasten. Autonomie wird nicht mehr erfahren. Die Befriedi-
gung des Rezipienten entspringt dem Bewußtsein, sich mit dem ohnehin
schon Verbindlichen als konform erwiesen zu haben. [271] - Die
Aura konnte sich an den neueren Kunstwerken entfalten aufgrund des
durch den Markt ermöglichten Abstandes gegenüber den Zweck-Mittel-
Relationen, in die die Dinge im alltäglichen Leben eingebettet sind. Der
88 über Charles Baudelaire

Verlust dieser Aura, wie ihn Benjamin am Beispiel des Films aufgezeigt
hat, erweist sich für Adorno als verhängnisvoll eben im Interesse an
Verhaltensdispositionen, welche sich gegenüber dem vorgegebenen Sy-
stemzusammenhang distanzieren.
Demgegenüber wäre im seihen Interesse nur diejenige Kunst und die
ihr adäquate Rezeption von Belang, die als esoterische zu bezeichnen ist.
Sie hätte sich jeder Konzession an den gängigen Geschmack zu verwei-
gern. Das hieße, daß der Weg durchaus nicht, wie Benjamin meinte, von
Baudelaire direkt zu den Produkten moderner Massenkultur zu führen
habe. Nur in der Unnachgiebigkeit gegenüber allem Populären und der
äußersten Reflektiertheit in bezug auf die der Kunst innewohnende
Tendenz, zur gesellschaftlich affirmativen Rezeption zu veranlassen, be-
steht vielmehr die Chance, die Vorstellung von der Möglichkeit des
>Standes der Freiheit< zu bewahren. [272]
Mit der Kritik der Massenkultur und ihrer Konsequenz, nämlich in
dem Gegenbild der esoterischen Kunst allein den möglichen Wahr-
heitsgehalt ästhetischer Produktion zu suchen, verfolgt Adorno freilich
keine gänzlich andere kunstphilosophische Intention als Benjamin. Auch
er geht vielmehr von der unverzichtbaren Bedeutung ästhetischer Er-
fahrungen aus, welche durch die eingelebte gesellschaftliche Praxis mit
all ihrem technologisch-wissenschaftlichen Potential nicht ersetzbar sind.
Wie bei Benjamin wird angenommen, daß zugleich dieser Bereich von
spezifischer Relevanz nicht als eine Form der Weltaneignung neben den
anderen problemlos Bestand hätte und zu ihnen unter den bisherigen
geschichtlichen Bedingungen in ein fruchtbares Ergänzungsverhältnis tre-
ten könnte; letzteres in dem Sinn, daß die ästhetischen Erfahrungen als
eine gesellschaftlich funktionale und lizensierte Form der Wirklichkeits-
auffassung figurierten - freigesetzt von aktuellen Verbindlichkeiten zu-
gunsten der Einübung distanzierten und veränderungsfreudigen Verhal-
tens. Auch Adorno zufolge schafft die Geschichte nicht nur die Möglich-
keit zu solchen Verhaltensweisen, sondern schränkt diese zunehmend
auch ein.
Wo solche Möglichkeiten genutzt werden, wie eben in der Kunst,
besteht daher angesichts der übermächtigen realen Verfestigung ent-
fremdeter gesellschaftlicher Mechanismen die Gefahr bloßer Belanglo-
sigkeit. Oder schlimmer noch: gerade die Erhaltung solcher Mechanis-
men wird unterstützt durch die nur illusionäre Entlastung von der Auf-
gabe, sich ihnen zu unterwerfen.
Die Esoterik moderner Kunst, wie Adorno sie versteht, legt vom Ver-
such Zeugnis ab, zumindest solcher Gefahr der Systemkonformität zu
begegnen. Denn eben nur in dieser ausweglos esoterischen Form kann
überhaupt noch das Potential autonomer Subjektivität gegenüber den
gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen erinnert werden. Wenn man Ben-
Kulturindustrie und esoterische Kunst 89

jamins Interesse am Unscheinbaren und im Gang der Geschichte faktisch


Bedeutungslosen ernst nehmen will, wäre aber diese Geltung nach
Adorno keine praktische. Der Vermittlungsversuch mit den gesellschaft-
lich produzierten Möglichkeiten der Wirklichkeitsgestaltung müßte miß-
lingen. So sehr auch der Wahrheitsgehalt der Kunstwerke und ihre
Aktualität durch ihre praktische Bedeutungslosigkeit problematisiert
wird, ist daher jene Esoterik die einzig ihnen verbleibende Chance. Es
wäre wünschenswert, ist aber nicht realisierbar, gegenüber der prakti-
schen Selbstentfremdung der Menschen in dieser Praxis das Potential
nicht-adaptiver Vorstellungs- und Verhaltensformen zu einem ihrer
relevanten Momente zu machen. Was verbleibt ist nach Adorno die
ohnmächtige Ideologiekritik der Gesellschaft im Medium künstlerischer
Produktion und der theoretischen Reflexion auf sie als Zufluchtsstätte
der Wahrheit. Benjamin hingegen hielt im gleichen Interesse an dem wie
immer auch problematischen und vom Mißlingen gezeichneten Versuch
der Vermittlung mit gesellschaftlich etablierten Gestaltungsweisen der
Realität fest.
Soll nämlich jene Randexistenz der Kunst nicht deren Bedeutung end-
gültig kompromittieren, so wäre gegenüber Adorno ein Ausweg zu su-
chen, indem die Geschichte nicht nur im Modus der Defizienz gedacht
wird, sondern so, als sei sie offen für die Aufnahme solcher Sinngehalte.
Demgegenüber steht hinter Adornos Kritik der Kulturindustrie eine
Geschichtsphilosophie, die die Unausweichlichkeit seiner Benjamin ent-
gegengehaltenen Konsequenz zu erweisen versucht. In der Dialektik der
Aufklärung finden sich dafür die zusammen mit Horkheimer ausgear-
beiteten Argumente. [273]

b) Geschichtsphilosophie und Asthetische Theorie

Das Anliegen des Buches über Dialektik der Aufklärung ist es zu zei-
gen, daß aufklärendes Denken, obwohl es die Voraussetzung für Frei-
heit erst schafft, doch zugleich in sich die Tendenz trägt, dieser entgegen-
zuwirken. So enthält schon >>der Begriff eben dieses Denkens, nicht weni-
ger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesell-
schaft, in die es verflochten ist, [ ... ] den Keim zu jenem Rückschritt
[ ... ], der heute sich überall ereignet<<. [274] Die Aufklärung also
kann nicht als Instanz der kritischen Beurteilung historischer Prozesse
von unbefragter Geltung vorausgesetzt werden. Sie ist selbst in ihrer
Genesis darzustellen, um eine Reflexion, die zwischen den wahren und
falschen Momenten in ihrer Entwicklung scheidet, in Gang zu setzen. Da-
mit ist aber mehr gemeint als die Einsicht, die auch der Marxschen Theo-
rie zugrunde liegt, nämlich, daß alle menschliche Vernunft historisch be-
stimmt ist als der Index für den Grad der Befreiung von Zwängen äuße-
90 über Charles Baudelaire

rer Natur, und daß die Formen, in denen dieser Emanzipationsprozeß


organisiert ist, deren Gestalt prägen. Die Entfaltung der Vernunft wird
nicht nur an die historische Entwicklung gebunden. Es werden nicht nur
die ihrem Begriff widersprechenden, heteronom bestimmten Erschei-
nungsformen unter den bisherigen geschichtlichen Bedingungen kritisiert;
nicht der unvollendete Charakter der Entwicklung ist die Norm der
Kritik, sondern sie selbst als Prozeß der Subjektwerdung der Menschen
steht in Frage. Denn diese Entwicklung bedeutet, daß die Befreiung von
Naturzwängen selbst zum Zwang in einem universellen Sinne wird.
Nichts darf der Zurichtung der Dinge zum Mittel der Selbsterhaltung
entgehen, alles dem Menschen einstmals Äußerliche und für sein Selbst-
sein Bedrohliche muß seiner Verfügungsgewalt subsumiert werden, wenn
die vorgeschichtliche, mythische Angst vor der äußeren Natur überwun-
den werden soll. >>Der Mann der Wissenschaft kennt<< somit am Ende
>>die Dinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für
ihn«. [275] Aber in diesem Prozeß lebt jene Angst fort: keineswegs
die wahrhafte Freiheit ist sein Resultat, sondern die Furcht vor dem,
was im Geist nicht aufgeht und damit die Zwangshandlung der Sub-
sumtion alles Gegebenen unter seine Prinzipien. Damit wird das Mittel
der Subjektwerdung des Menschen in der Geschichte zum verselbständig-
ten Prinzip, welchem die Menschen nun ihrerseits wie einer fremden Na-
turmacht ausgeliefert sind. >>Das Ichprinzip imitiert sein Negat. Nicht
ist, wie der Idealismus über Jahrtausende es einübte, obiectum subiec-
tum; wohl jedoch subiectum obiectum [ ... ] Die Unterdrückung der
Natur zu menschlichen Zwecken ist ein bloßes Naturverhältnis [ ... ]
In der Ausübung seiner [des Subjekts, H. P.] Herrschaft wird es zum
Teil von dem, was es zu beherrschen meint [ ... ] Was es tut, ist der
Bann dessen, was das Subjekt in seinen Bann einzufangen
wähnt.<< [276] Die >>Aufklärung ist die radikal gewordene, mythi-
sche Angst<<. [277] Die Dispositionsmöglichkeiten über das Äußerliche
selbst werden verhängnisvoll. Sie sind nicht nur wie nach Marx noch an
kritikwürdige gesellschaftliche Institutionen gebunden.
Dergestalt schlägt Adorno zufolge Aufklärung wiederum in die
Mythologie zurück. Sie entfaltet in der Negation des Mythos, da sie
schließlich selbst diesem verfällt, ihre Dialektik. [278] Den mythi-
schen Zustand nämlich kennzeichnet noch der schicksalhafte, für die
Menschen unfaßbare, in seinen Momenten nicht differenzierbare Gleich-
lauf der Dinge. Der Versuch, sich aus ihm zu lösen, wird bereits in die-
sem Zustand in Gang gesetzt. >>Die Verdoppelung der Natur in Schein
und Wesen, Wirkung und Kraft [ ... ] Die Spaltung von Belebtem
und Unbelebtem, die Besetzung bestimmter Orte mit Dämonen und
Gottheiten<< bezeichnet bereits den Ursprung der Trennung von Subjekt
und Objekt im Mythos selbst als Reaktion auf die erfahrene Reali-
Kulturindustrie und esoterische Kunst 91

tät. [279] Damit ist schon jene später sich entfaltende kalkulierende
Vernunft vorbereitet, die alles verwirft, was sich nicht nach ihren Re-
geln identifizieren und in die Einheit ihres Systems fassen ließe. [280]
Tautologisch wird dann unter der Herrschaft der Vernunft der Gegen-
stand der Erklärung so zugerichtet, daß er dem vorgefaßten Ideal der
Einheit und der Vergleichbarkeit nicht widerspricht. [281] Das Urteil
über ihn besagt nicht mehr, als daß er Moment des Systems sei; er folgt
aus diesem, wird berechenbar und der Verfügung zugänglich gemacht.
Die Geschichte, für die die Aufklärung in dieser Weise konstitutiv ge-
worden ist, restituiert den Mythos auf höherer Stufe; sie erstarrt zur
ewigen Wiederholung des undifferenziert Gleichen. Was sich der institu-
tionalisierten Rationalität nicht einfügt, wird unterdrückt. >>Das Tat-
sächliche behält recht, die Erkenntnis beschränkt sich auf seine Wieder-
holung [ ... ] Je mehr die Denkmaschinerie das Seiende sich unter-
wirft, um so blinder bescheidet sie sich bei dessen Reproduktion.<< [282]
Strenggenommen ist diese Entwicklung auf der Grundlage der Bedin-
gungen, welche im Geschichtsverlauf entfaltet wurden, nicht revidierbar
- selbst dann nicht, wenn das technologische Potential, wie es heute der
Fall ist, eine größtmögliche Sicherheit der Selbsterhaltung gewährleistet.
Denn wenn die tätige Aneignung der Natur als Institutionalisierung der
Subjekt-Objekt-Trennung in Frage gestellt wird, weil sie mit der für sie
grundlegenden rationalen Abstraktion von der »Fülle der Qualitä-
ten<< [283] aller erfaßten Gegenstände notwendig zur Verabsolutie-
rung unemanzipierter, bornierter Verstandesleistungen führt, dann ist
nicht abzusehen, welche in der so bestimmten Geschichte wirksame, weil
von ihr produzierte und zur Geltung gebrachte Kräfte Abhilfe schaffen
sollten. Die Angst vor der Natur reproduziert sich über den Bestand
ihrer objektiven Bedingungen hinaus. [284] Dieselben historischen
Tendenzen, die die Möglichkeit der Abschaffung solcher Angst bewirkt
haben, müßten logischerweise auch verhindern, daß eine Aufhebung der
Zwangsverhältnisse stattfinden kann. Wenn daher im weiteren Gang der
Argumentation bei Adorno und Horkheimer von der Irrationalität auf-
rechterhaltener Herrschaft angesichts der gegebenen historischen Chan-
cen die Rede ist [285], so ist gleichwohl diese Irrationalität eigentlich
die konsequente Fortsetzung der eingeleiteten Entwicklung. Warum da-
her, wie es im weiteren heißt, die »entfremdete Ratio<< nunmehr obsolet
sein und sich auf eine Gesellschaft zubewegen soll, >>die das Denken in
seiner Verfestigung als materielle wie intellektuelle Apparatur mit dem
befreiten Lebendigen versöhnt und auf die Gesellschaft selbst als sein
reales Subjekt bezieht<< [286], bleibt unerfindlich. [287] Stringenter
wäre es, umgekehrt die zunehmende Ausbildung der Fähigkeit zur un-
nachsichtigen Integration alles potentiell Unangepaßten ins System, wie
es sich nach Adorno in der Kulturindustrie findet, als das allein Konse-
92 Ober Charles Baudelaire

quente zu betrachten. Nur dann auch wäre die entschiedene Opposition


zu Benjamins Suche nach der Möglichkeit, in jenen verfestigten Verhält-
nissen Tendenzen zu ihrer Selbstüberschreitung erblicken zu können, in
Adornos Sinn in sich schlüssig begründet.
Nimmt man das Gesagte tatsächlich streng, so bliebe nur die historisch
ohnmächtige Selbstreflexion des Geistes. Sie findet ihr Modell in der
deutschen idealistischen Philosophie. >>Mit dem Begriff der bestimmten
Negation hat Hegel ein Element hervorgehoben, das Aufklärung von
dem positivistischen Zerfall unterscheidet [ ... ].<< [288] Diese be-
stimmte Negation glaubt sich nicht >>durch die Souveränität des abstrak-
ten Begriffs gegen die verführende Anschauung gefeit<<. [289] Sie ver-
dankt sich vielmehr der Vorstellung, daß der besonderen Qualität des
Gegenstandes im Urteil über ihn Rechnung getragen werden muß. In
diesem Urteil ist zu bewahren, was über die vorformulierte Theorie
hinausweist. Inhaltliches Denken, Denken also, das nicht der inhaltslee-
ren Tautologie verfallen will, muß demnach in der erkennenden Nega-
tion der unmittelbaren, unbegriffenen Erscheinung des Gegenstandes des-
sen ihm eigene, •immanente< Bestimmungen berücksichtigen. [290] In
=
bezug auf den Identitätssatz A A heißt es in einer späteren Arbeit
Adornos über Hegel: >>Zum Sinn eines rein identischen Urteils gehöre
die Nichtidentität seiner Glieder; in einem Einzelurteil könne Gleichheit
überhaupt nur von Ungleichem prädiziert werden, wofern nicht der
immanente Anspruch der Urteilsform: daß etwas dies oder jenes sei, ver-
säumt werden soll.<< [291] Genau durch diese Bewahrung eines Unauf-
löslichen, Nicht-Identischen zeichnet sich Adorno zufolge die Dialektik
gegenüber dem Postulat der Widerspruchsfreiheit szientistischer Theo-
rien aus. Denn allein auf diese Weise befreit sich der Geist vom Zwang,
alles identifizierend beherrschen und alles sich Sperrende tabuieren zu
müssen. Im qualitativ Anderen noch kann er sich wiederfinden; Freiheit
und Spontaneität kennzeichnen ihn erst unter diesen Bedingun-
gen. [292) Die Crux aber auch dieses Denkens ist, daß es auf Strin-
genz und Klarheit der Bedeutung gegenüber dem Vieldeutigen ange-
wiesen ist. >>Die absolute Stringenz und Geschlossenheit des Denkver-
laufs<< führt selbst bei Hegel dazu, daß, indem >>der betrachtende Geist
sich vermißt, alles was ist, als dem Geist selber, dem Logos, den Denk-
bestimmungen kommensurabel zu erweisen<<, er sich >>zum ontologisch
Letzten<< aufwirft, >>auch wenn er die darin liegende Unwahrheit, die
des abstrakten Apriori, noch mitdenkt und diese seine eigene Generalthe-
sis wegzuschaffen sich anstrengt.<< [293] Nicht nur die positivistisch
kalkulierende Vernunft, sondern auch noch diejenige, die an die Bedin-
gungen autonomen Geistes erinnert, verfällt dem Zwang. Was auf diese
Weise letztlich doch wieder mit der für die Geschichte bezeichnenden
Trennung von Subjekt und Objekt und der Subsumtion der Dinge unter
Kulturindustrie und esoterische Kunst 93

den Begriff gemeinsame Sache macht, bietet keinen Ausweg. Der Wahr-
heitsgehalt der Hegeischen Dialektik wäre vielmehr dadurch zu retten,
daß auf die absolute Verfügungsgewalt des Begriffs verzichtet wird:
jenes >> Nichtidentische<<, das die Grenzen der Erkenntnismöglichkeit über-
steigt, wäre im geistigen Akt aufzuheben, es wäre ihm selbst noch zu-
zueignen und dürfte nicht in ihm ausgelöscht werden. [294] Wie dies
vorzustellen sei, ist in der Philosophie; deshalb nicht evident zu machen,
sondern allenfalls als Desiderat zu entfalten, weil sie selbst an jene
Grenzen der begrifflichen Erkenntnis gebunden bleibt. Das mimetische
Moment, das vermeiden will, die Dinge begreifend zu vergewaltigen,
kommt hingegen in der Kunst zur Anschauung. [295] Damit ist zu-
gleich schon deren Esoterik begründet. - Sie hat sich, will sie ihren, für
die Philosophie als verbleibende Hoffnung doch so bedeutsamen Wahr-
heitsgehalt nicht verlieren, jeglicher Kommensurabilität mit den Vor-
stellungsweisen zu entziehen, die in der geschichtlichen Praxis gebräuch-
lich sind.
Die spätere Asthetische Theorie legt diesen Gedanken eingehend dar.
An der dem Naturschönen geltenden Erfahrung läßt sich nach Adorno
zunächst jene Sonderstellung der ästhetischen Erfahrung deutlich ma-
chen. [296] >>Sie bezieht sich auf Natur einzig als Erscheinung, nie als
Stoff von Arbeit und Reproduktion des Lebens, geschweige denn als
Substrat von Wissenschaft [ ... ] Natur als erscheinendes Schönes wird
nicht als Aktionsobjekt wahrgenommen.<< [297] Rezeptivität, Re-
flexion auf das Andere kennzeichnet solche Wahrnehmung. Die Gegen-
stände unterliegen nicht den Bestimmungen des gesetzgebenden mensch-
lichen Verstandes, welcher das Besondere unter allgemeine Begriffe sub-
sumiert. [298] Adorno wendet diese Überlegungen im Anschluß an
Kant gegen die nachkantische idealistische, besonders die Hegeische
Ästhetik. [299] Dieser gilt das Naturschöne nur als inferiore Erschei-
nungsform des Schönen, weil es nicht für sich, sondern nur für den
menschlichen Geist schön sei [300]; im Kunstschönen erst, das demge-
genüber das Attribut eines selbst schon geistigen Produkts ist, werde
dieser Mangel behoben. Damit aber, so Adorno, wird der Geist und
seine Freiheit auf Kosten des ihm Äußerlichen, unbekümmert um das
durch ihn Verdrängte, als herrschende Instanz legitimiert. >>Der Fort-
schritt solcher Ästhetik über alle vorhergegangene ist<< nach Adorno den-
noch evident. Sie erlaubt es allererst, die Kunst, in der sich die in Frage
stehenden ästhetischen Erfahrungen kristallisieren, >>von ihrem Inwendi-
gen her, nicht von außen durch ihre subjektive Konstitution<< zu begrei-
fen [301]; >>ihr geistiger Gehalt, als ihre wesentliche Bestimmung<<
wird >>dem Ansatz nach der Sphäre des bloßen Bedeutens, den Intentio-
nen<<, den ihr äußerlichen Bestimmungen entrissen, die nur aus der
Form des Urteils über sie oder aus der Beobachtung der Zwecke, zu de-
94 Ober Charles Baudelaire

nen sie verwendet wird, gewonnen sind. Trotz dieses Vorzuges aber
läßt es die Hegeische Ästhetik offen, >>wie von Geist als Bestimmung des
Kunstwerks zu reden sei, ohne daß seine Objektivität als absolute Iden-
tität hypostasiert würde«. Bei Hegel war, wie die geringschätzige Auf-
fassung des Naturschönen erweist, von philosophischer Dignität nur,
was als eine Stufe der Erscheinungsweisen des Geistes, >>aus dem System
deduzibel<< und eindeutig war - >>auf Kosten des ästhetischen Attributs
der Vieldeutigkeit<<. [302] Demgegenübet wäre nach Adorno auch in
bezug auf das Kunstschöne auf Kants Überlegungen zu rekurrieren. Das
Geschmacksurteil über Kunst sei bei Kant zwar nicht deutlich geschie-
den von einer, der >>Dignität des Werks<< äußerlichen Übereinkunft über
das, was gefällt. Aber seinem wahren Gehalt nach meinte es bei Kant
die Fähigkeit, in der Sache, dem Kunstwerk selbst, zu unterscheiden,
dessen spezifische Qualitäten aufzufassen und gegenüber der Subsumtion
des Besonderen unter allgemeine Verstandesbegriffe der Bedeutung des
begrifflich nicht Identifizierbaren und doch philosophisch Bedeutsamen
gerecht zu werden. [303] Damit entspräche das ästhetische Urteil ge-
nau dem, was die Kunst als eigenartige geistige Leistung auszeichnen
kann; dann nämlich, wenn in ihr jene Rezeptivität und Offenheit für
das Andere zur Geltung kommt, für die die Erfahrung des Naturschönen
exemplarisch ist. So interpretiert könnte Kant als Korrektiv zu Hegel
aufgefaßt werden, ohne hinter Hegels Kritik an jener bloß formalen,
die Kunstwerke nicht »von ihrem Inwendigen her<< [304] fassenden
Argumentationstendenz in der Kantischen Ästhetik zurückzufallen. Die
Ästhetik wird bei Hegel hingegen zur >angewandten Philosophie<, ein-
ordenbar gemäß einer >>hierarchischen Ansicht vom Verhältnis der gei-
stigen Bereiche zueinander<<. [305] Der Begriff behält schließlich auf
Kosten jenes möglichen Korrektivs recht. Der Bildungsprozeß des Gei-
stes, in den Hegel i. G. zu Kant die Kunst eingliedert, um ihr so, gegen-
über ihrer formalen Bestimmung vom Urteil des Subjekts her, objekti-
ven, geschichtlichen Gehalt zu verleihen, wird - ungebrochen als Fort-
schritt gedacht - fälschlich zum Argument gegen die aktuelle Bedeu-
tung der Kunst. Fälschlich deshalb, weil sie sich an der Entfaltung der
Leistungsfähigkeit des Begriffs nicht messen läßt, durch dessen Entwick-
lung nicht überholbar ist und an eine Weltauffassung erinnert, in der
nicht alles durch den Geist vollständig beherrscht wird. - Im Zusam-
menhang dieser Erinnerung an den geschichtsphilosophischen Kontext, in
dem sie steht, also erfüllt auch die Reflexion auf das Naturschöne ihre
Korrektivfunktion. Sie darf nicht mißverstanden werden als Plädoyer
für eine, dem Geist und seiner geschichtlichen Entfaltung vorausliegen-
de Form der Weltaneignung. Sie müßte wie gesagt in den künstleri-
schen Gebilden und in den theoretischen Überlegungen zu ihnen ihren
Niederschlag finden und darf nach Adorno nicht gegen das Kunst-
Kulturindustrie und esoterische Kunst 95

schöne schlicht ausgespielt werden, nur weil es sich bei diesem um ein
Geistiges jenseits des vorgeschichtlichen Naturzustandes handelt. Denn:
>>Daß die Erfahrung des Naturschönen, zumindest ihrem subjektiven
Bewußtsein nach, diesseits der Naturbeherrschung sich hält, als wäre sie
zum Ursprung unmittelbar, umschreibt ihre Stärke und ihre Schwäche.
Ihre Stärke, weil sie des herrschaftslosen Zustands eingedenkt, der
wahrscheinlich nie gewesen ist; ihre Schwäche, weil sie eben dadurch in
jenes Amorphe zerfließt, aus dem der Genius sich erhob und jener Idee
von Freiheit überhaupt erst zuteil ward, die in einem herrschaftslosen
Zustand sich realisierte. Die Anamnesis der Freiheit im Naturschönen
führt irre, weil sie Freiheit im älteren Unfreien sich erhofft.<< [306]
Nicht was der Herrschaft des Geistes über die Natur vorausliegt, son-
dern was sie überwunden hat - >>ästhetische Versöhnung<< mit-
hin [307] -, entspräche dem Desiderat der Revision fehlgegangener
Aufklärung ganz. Die Kunst kann dem gerecht werden. Ohne es im
scheinbar Vorgeistigen der als schön erfahrenen Natur zu belassen, soll
in ihren besten Werken das Vieldeutige in ihr aufgrund der geistigen
Veranstaltung ästhetischer Produktion bewahrt werden.
Aber die zwanglose versöhnliche Einheit der mannigfaltigen Quali-
täten der Gegenstände im Geist ist als >>Antithesis<< [308] zu dessen
geschichtlich etablierten Formen immer auch Schein. Denn wenn >>Sinn-
zusammenhang, Einheit<< von den Kunstwerken auf zwanglose, ver-
söhnliche Weise vorgestellt werden soll, so muß sie doch immer >>veran-
staltet<< werden, >>weil sie [real, H. P.] nicht ist.<< [309] Die Ein-
drücke der Wirklichkeit stimmen nicht ohne den willkürlichen Interpre-
tationsakt des Subjekts zur Einheit der Erfahrung zusammen. Der
Wahrheitsgehalt der Kunst wäre demnach nicht nur an diesen An-
spruch auf Versöhnung gebunden, sondern zugleich daran, daß der
Schein, als ob dies dennoch so sei, selbst in ihm noch gebrochen
wird. Kunstwerke und im besonderen die modernen enthalten daher
Momente, die ihrer Einheit widerstreben >>und dessen die Einheit bedarf,
um mehr zu sein als Pyrrhussieg über Widerstandsloses<<. [310] >>Da-
durch werden sie säkularer, feindlicher der Mythologie, der Illusion
einer Wirklichkeit von Geist, auch der ihres eigenen. Damit zehren die
radikal geistig vermittelten Kunstwerke an sich selber.<< [311] In einem
Bild hat Adorno im Anschluß an Valery dies anschaulich zu machen
versucht: >>Der Augenblick, in dem sie Bild werden, in dem ihr Inwendi-
ges zum Äußeren wird, sprengt die Hülle des Auswendigen um das
Inwendige; ihre apparition, die sie zum Bild macht, zerstört immer
zugleich ihr Bildwesen.<< [312] Nur als geistige Gebilde entgehen
sie dem Zustand der Unfreiheit, aber indem sie Geist sind, partizi-
pieren sie an dessen verhängnisvoller Hybris. Sie können dem nicht
widerstehen, indem sie dies leugnen. - Auch nach Adorno liefert Bau-
96 über Charles Baudelaire

delaire für diese Reflexionsstruktur das Beispiel: ,, Weder eifert Baude-


laire gegen Verdinglichung noch bildet er sie ab; er protestiert gegen sie
in der Erfahrung ihrer Archetypen, und das Medium dieser Erfahrung
ist die dichterische Form.« [313] Diese produziert nicht das wahrhaft
gegenüber der gesellschaftlichen Verdinglichung Andere, sondern ver-
dinglicht selbst, indem sie die Gegenstände in der Formierung zu ihren
Objekten macht. Nur indem die Kunst dies selbst noch deutlich werden
läßt - etwa im Hervortreten der Willkür allegorischer Bedeutungsge-
bung, die den Gegenständen der Erfahrung wie den Waren Bestim-
mungen aufprägt, welche sie von Natur aus nicht haben -, als Form
der Reflexion also auf die entfremdeten Verhältnisse, erliegt sie nicht der
blinden Integration in sie. »Moderne ist<< so gesehen erst wahre >>Kunst
durch Mimesis ans Verhärtete und Entfremdete.<< Erst dadurch erreicht
sie ihre Ausdrucksqualität. [314] Sie versucht dann, über die anderen
Formen des menschlichen Geistes hinaus, noch dasjenige dem Geist zu-
gänglich zu machen, was jenseits seiner angestammten Grenzen liegt. Sie
verliert damit keineswegs ihre Aura, wie Benjamin meint, wenn er am
Ende seiner Arbeit Ober einige Motive bei Baudetaire Baudelaires Pro-
sastück Verlust einer Aureole affirmativ referiert. [315] Vielmehr be-
wahrt sie genau damit die Distanz zum Alltäglichen, daß sie ihren
Scheincharakter und somit die Tatsache, daß sie letztlich immer auch
Moment der schlechten Wirklichkeit ist, selbst noch reflektiert: >>Die von
Benjp.min interpretierte Fabel Baudelaires von dem Mann, der seine
Aureole verloren hat, beschreibt nicht erst das Ende der Aura sondern
diese selbst.<< [316]
Positiv ist jener »Grenzwert<< [317] innerhalb des Bereichs geistiger
Betätigung freilich auch in dieser Kunst nicht zu fassen. Als »Chif-
fre<< [318] oder als »Rätsel<<, das gelöst werden will, verweisen die
Kunstwerke auf ihn. [319] Diese Lösung kann aber, wie gezeigt
wurde, nach Adorno niemals in den gesellschaftlich wirksamen geistigen
Vorstellungsformen liegen. Die »Dialektik im Stillstand<< [320], die
sich auch nach Adorno bei Baudelaire findet, nötigt zur Kritik an der
Kunst, eben weil sie als nicht-begriffliches Medium gegenüber dem geisti-
gen Prozeß der Selbstrelativierung, den sie in Gang setzt und der über
die jeweils notwendige, bestimmte und scheinhaft wirkliche Gestalt der
Kunstwerke hinausweist, im Stillstand eben der jeweiligen konkreten
Form des Gebildes verharrt. Diese ihre mithin von ihr selbst veranlaßte
Kritik aber darf um keinen Preis den Versuch, sich über jenes Rätsel
Klarheit zu verschaffen, schlicht aufgehen lassen in der klassifizierenden
Tätigkeit des durch den Gang der Aufklärung institutionalisierten Gei-
stes. Als philosophische Entfaltung des Wahrheitsgehalts vielmehr hat
sie der grundlegenden Mängel des Mediums dieser Explikation selber zu
gedenken. Sie löst daher das Rätsel nicht den Kategorien des Begriffs
Kulturindustrie und esoterische Kunst 97

entspechend, sondern zeigt den Sinn auf, die Rätselfrage zu stellen. -


Kunst verweist also auf Philosophie und durch diese hindurch auf sich
selbst zurück. [321] Was in der Kunst und in der Philosophie gegen-
über dem anderen geistigen Medium jeweils dessen Gewinn ausmacht,
kennzeichnet zugleich, gemessen am anderen, dessen Mangel. Dieser zir-
kuläre Prozeß der Wahrheitsfindung läßt sich nur im letztlich unendli-
chen Prozeß nachvollziehen; positiv abschließbar ist er nicht. A.stheti-
sche Theorie wäre denn auch ein verfehlter Titel, wenn er eine Ästhetik
in systematischer Absicht bezeichnete, eine Ästhetik also, welche die phi-
losophische Legitimation begrifflich-systematischer Aussagen über ihren
Gegenstand vorbehaltlos anerkennen würde. Im vorliegenden Zusam-
menhang jedoch ist er präzise. Er indiziert zunächst die Aporie jenes
geistigen Bereichs, der über die Grenzen geistiger Subjektsleistungen
hinauswill und doch allein, indem er sich diesseits dieser Grenzen hält,
den Anspruch auf Wahrheit nicht verrät: das Ästhetische verweist auf
die Theorie, deren Subjekt-Objekt-Trennung es opponieren sollte. Die
Philosophie der Kunst ist der Ort, an dem dieses unausweichliche Dilem-
ma zur Darstellung gebracht werden soll. Sie versucht, die Rätselsprache
der Kunst aufzusprengen und vertraut sich ihr doch zugleich an: die
Theorie verweist auf das Ästhetische. [322]
Das Ideal einer Erkenntnis, die ihre Gegenstände geistig erfaßt, ohne
sie in der erkennenden Distanz ihrer absoluten Konkretheit unrevidier-
bar zu berauben, zielte ausdrücklich auf einen Bereich jenseits dessen,
was rational geleiteter Vorstellung des Subjekts zugänglich ist, ohne
doch vorrationaler, prähistorischer Distanzlosigkeit des Menschen zu sei-
ner Umwelt das Wort reden zu wollen. Wie anders wäre ein solches
Ideal der Erkenntnis dann aber zu denken, denn transhistorisch? [323]
Genau ein solcher Bezugspunkt als Norm von Wahrheitsfindung liegt
demnach letzten Endes der Verstrickung von Geschichtsphilosophie und
Ästhetik in jene Aporie zugrunde. Dies gilt, auch wenn diese Beurtei-
lungsnorm nicht positiv zum Ausdruck gebracht wird. Als Konsequenz
von Adornos Relativierung sämtlicher Möglichkeiten der W ahrheitsfin-
dung, welche innerhalb des Bereichs menschlichen Geistes liegen, ist die-
ser Gedanke unabweisbar. Damit stellt sich jedoch der Begründungszu-
sammenhang, der die Notwendigkeit jener Aporien zu erweisen suchte,
selbst in Frage. Die kritische Geschichtstheorie ist der Ausgangspunkt
solcher Argumentation. Sie orientiert sich aber in bezug auf den Bil-
dungsprozeß der Menschengattung in letzter Konsequenz an Zielvorstel-
lungen, an denen gemessen der Prozeß als solcher verhängnisvoll er-
scheinen muß und die gegenüber der Möglichkeit kritischer Scheidung
innerhalb des Geschichtsverlaufs indifferent machen. Momente der
Wahrheit in dieser Entwicklung, wie sie die Kunstwerke darstellen sol-
len, können aufgrund dieses Bezugs auf eine Norm der Wahrheit, die
98 über Charles Baudelaire

außerhalb der Zuständigkeit des in der Geschichte wirksamen Geistes


liegt, eben innerhalb des Kompetenzbereichs des rational Zugänglichen
eigentlich gar nicht mehr in ihrer Bedeutung beurteilt werden. [324]
Die Argumentation für ästhetische Erfahrung, die mit Benjamin einen
Sinnbereich von unersetzbarer Bedeutung erweisen soll, arbeitet sich
mithin in ihrem Verlauf selbst entgegen.
In einem der Briefe über Baudelaire, den Benjamin an Adorno rich-
tete, heißt es: >>Ich meine, daß die Spekulation ihren notwendig kühnen
Flug nur dann mit einiger Aussicht auf Gelingen antritt, wenn sie, statt
die wächsernen Schwingen der Esoterik anzulegen ihre Kraftquelle allein
in der Konstruktion sucht.<< [325] Die Konstruktion hat die Aufgabe,
das nicht in der gesellschaftlichen Praxis Aufgehende mit ihr zu vermit-
teln. Die Geschichte und den in ihr tätigen Geist ausweglos im Modus
der Defizienz zu denken stünde dem entgegen. Und nur wenn eben dies
angenommen wird, nämlich daß sich die Geschichte nicht gänzlich der
Zufuhr von Sinnbeständen sperrt, können jene ästhetischen Erfahrungen
überhaupt erst als belangvolle Phänomene angesehen werden. D. h. sie
können als Erscheinungen betrachtet werden, die angesichts des geistigen
Bildungsprozesses der Gattung in ihrer Relevanz mit entscheidbaren
Argumenten beurteilbar sind. Es stellt sich bei Benjamin freilich das Pro-
blem, wie jene Vermittlung zu denken sei. Seine Lösungsversuche ende-
ten in der selbst PJOblematischen Ästhetisierung der Geschichte oder in
der ebenso problematischen Einebnung gerade des spezifischen Charak-
ters jenes Erfahrungsbereichs, der zur Geltung gebracht werden sollte.
Der Progreß in diesen Vermittlungsversuchen bietet aber Handhaben
dafür, kritisch gegen diese Ergebnisse gewendet zu werden. So kann
neben dem Interesse an der Kunst festgehalten werden an der ebenso-
wenig denunzierbaren Bedeutung gesellschaftlicher Praxis und der Theo-
rie, welche diese kritisch, aber eben auch abstrahierend von den in ihr
nicht verbindlich werdenden Momenten analysiert. Und in der Tat
kann das eingangs entfaltete paradoxe Verhältnis von Marxscher Theo-
rie und den ihren Rahmen sprengenden Phänomenen nur dann über-
haupt fruchtbar werden, wenn das Spannungsverhältnis zwischen beiden
nicht in einer Ästhetischen Theorie aufgehoben wird, die zwar ebenfalls
zwischen den beiden Polen der verallgemeinernden Theorie und dem
Insistieren auf dem theoretisch Inkommensurablen oszilliert; dies aber
nur, um die Geltungsfrage der Geschichtsphilosophie und der Ästhetik in
den zweifelhaften Verweis auf einen unfaßbaren Bezugspunkt als Be-
gründung ihres Wahrheitsgehaltes zurückzunehmen.

c) Exkurs
Hier lassen sich einige thesenhafte Bemerkungen zur Entwicklung von
Benjamins Theorie der Interpretation bis hin zu seinem Spätwerk an-
Kulturindustrie und esoterische Kunst 99

schließen. Sie können im Rahmen der vorliegenden Untersuchung kei-


nerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern sollen lediglich aus
modifizierter Sicht nochmals Licht auf die Gemeinsamkeiten zwischen
Adorno und Benjamin ebenso wie auf den entscheidenden Unterschied
zwischen beiden werfen. - Noch in der erkenntniskritischen Vorrede
zum Trauerspiel-Buch war Benjamin selbst von der grundlegenden Defi-
zienz des in der Geschichte tätigen Geistes ausgegangen. Gegenüber dem
Primat des Begriffs - hier ·des klassifikatorischen Gattungsbegriffs von
Kunstwerken -, der die Dinge in ihrer Besonderheit den subjektiven
Intentionen unterwirft, sollten in den Ideen die Gegenstände der Er-
kenntnis aus der verdinglichenden, objektivierenden Geschichte des Gei-
stes in ein »intentionsloses Sein<< überführt werden. [326] Das der
Wahrheit gemäße Verhalten bedeutet demnach ein >>Eingehen und Ver-
schwinden<< in diese Gegenstände. >>Das aller Phänomenalität entrückte
Sein, dem allein diese Gewalt eignet, ist das des Namens. Es bestimmt
die Gegebenheit der Ideen.<< [327] Auch hier also ist ein, den Leistun-
gen begrifflicher Identifikation Inkommensurables gemeint, das bezo-
gen werden kann auf die Adornosche Kategorie des Nicht-Identischen.
Freilich war eine solche Erinnerungsleistung der Philosophie Adornos
zufolge nicht möglich als eine Namengebung, die die Bedingungen ge-
schichtlich entfalteter Möglichkeiten geistiger Tätigkeit mit positiven
Resultaten überbieten könnte. Nur eine historisch ohnmächtige Selbst-
reflexion und damit Selbstüberschreitung gerade des herrschenden
Geistes konnte auf sie als Desiderat verweisen. Dieses Desiderat philoso-
phischer Wahrheit war nicht unmittelbar als erkenntnistheoreti-
sche Norm, sondern geschichtsphilosophisch als historisch nicht einholba-
res Ziel entwickelt worden. Auch in Benjamins Traktat finden sich An-
haltspunkte für vergleichbare Reflexionen darauf, daß jene Rettung der
Phänomene ins intentionslose Sein der Ideen immer selbst schon voraus-
setzt, die Gegenstände der Erkenntnis aus dem verdinglichten histori-
schen Kontext herauszunehmen [328], und daß diese ihre >>Ret-
tung<< [329] somit genau genommen selbst an Intentionen des an ihr
interessierten Interpreten gebunden ist. Gebunden ist sie damit aber
doch auch an eben jene empirische menschliche Geschichte, der sie die
Phänomene zu entreißen hoffte. [330]
Erst später aber ist Benjamin bemüht, eine solche Anstrengung, die
Dinge aus dem kontinuierlichen Ablauf der Zeit herauszusprengen, in
ihrem historischen Zusammenhang genau zu lokalisieren. Am bürgerli-
chen Interieur ebenso wie an Baudelaires Lyrik zeigen sich demzufolge,
wie bestimmte geschichtliche Verhältnisse eine solche Anstrengung der
Relativierung und überbietung des historisch-praktisch Geltenden erst
zum Desiderat werden lassen. Es zeigt sich aber auch, wie mit ihr die
Chance produziert wird, über das allgemein Verbindliche tatsächlich
100 über Charles Baudelaire

hinauszuweisen. Erst in der entfalteten bürgerlichen Gesellschaft ent-


steht jene dargestellte Spannung zwischen den verselbständigten Regeln
sozialen Verkehrs und den >>inneren Anliegen des Menschen<<. Angesichts
der zumindest potentiellen Erfahrbarkeit der Welt als ein beeinflußba-
rer, geschichtlicher Prozeß kann die öffentliche Einschränkung der sub-
jektiven Dispositionsmöglichkeiten als Mangel bewußt werden. In Bau-
delaires Lyrik etwa findet diese problemgeladene Welterfahrung ein Me-
dium, in dem sie sich ausdrücken kann. Ausgedrückt wird so eine Ent-
faltung und Differenzierung geistiger Potentiale und damit die mögliche
Kraft zur Reflexion auf den Sinn der eingespielten Lebensbedingungen.
Erst die Untersuchung eines solchen Potentials kann dem Interesse der
Rettung aus dem perpetuierten heillosen Zustand gerecht werden, sofern
dieses Interesse geschichtlich sinnvoll fundiert sein soll. Die heilsge-
schichtliche Perspektive hingegen, die in Benjamins Überlegungen zum
barocken Trauerspiel der profanen Geschichte abstrakt und unvermittelt
gegenübergestellt wird, liefert keine sachlichen Anhaltspunkte, um über
den gesellschaftlichen Zwangszusammenhang hinauszuweisen. Unter je-
nem veränderten historischen Blickpunkt der Interpretation müßte die
·barocke Allegorie freilich keineswegs bedeutungslos erscheinen; nur die
Art ihrer Rettung, wie sie früher von Benjamin versucht wurde, wäre
undenkbar geworden. Die für das Trauerspiel kennzeichnende Willkür
der allegorischen Bedeutungsgebung angesichts der sinnleeren Existenz
sollte in der Interpretation ihre Dialektik dadurch erweisen, daß sich so
zugleich auch die reale Ohnmacht subjektiver Bedeutungsgebung aus-
drückt, und damit die Abdankung des Subjekts vorbereitet wird. Dies
gäbe dann den Blick auf einen erlösten Zustand frei, in dem die heillose
menschliche Willkürherrschaft in einem intentionslosen Dasein ihr Ende
fände. >>In Gottes Welt<<, so heißt es bei Benjamin resümierend, >>er-
wacht der Allegoriker<<. [331] Eine solche Rettung ins Reich der Ideen
erscheint im nachhinein usurpiert. [332] Der Gehalt der Werke wäre
hingegen nur dann zu bewahren, wenn jene allegorische Gestaltungs-
weise als Ausdruck einer spezifischen Form der Welterfahrung verständ-
lich gemacht wird, für die noch nicht jener Spannungsreichtum subjekti-
vierter Reflexionsformen, wie in der Moderne, charakteristisch ist, die
aber gerade aufgrund ihrer Eigenart im Bezug auf spätere ästhetische
Erfahrungen zur wechselseitigen Erhellung der Bedeutung künstleri-
scher Phänomene und ihrer Stellung in der Geschichte einen wesentli-
chen Beitrag liefern kann. Nicht die historisch unvermittelte Explikation
ihres Wahrheitsgehalts käme ihrer Interpretation zugute und erwiese
hr~ Aktualität, sondern die Untersuchung des Zusammenhanges, in den
die historisch verschieden situierten Erscheinungen eben in Anbetracht
dieser Unterschiedlichkeit gebracht werden können. In den Zentralpark-
Aphorismen finden sich denn auch mehrere Überlegungen zur Gemein-
Kulturindustrie und esoterische Kunst 101

samkeit und zur Disjunktion zwischen der Baudelaireschen Allegorie


und der barocken. Die Leiche etwa, die »Schlüsselfigur der frühen Alle-
gorie«, [333] ist nach Benjamin auch bei Baudelaire von Relevanz; nur
wird sie nicht mehr >>nur von außen<< gesehen, sondern nunmehr >>auch
von innen<<, [334] Gerade im Vergleich mit dem Barock zeigt sich der
Zuwachs an Differenzierungsfähigkeit in der Weltauffassung: die Tod-
verfallenheit des Lebens wird als gesellschaftlicher Zustand erfahrbar,
der für das einzelne Individuum und seine inneren Anliegen problemati-
sche Auswirkungen hat und damit als Einrichtung des Daseins in seiner
Geltung implizit in Zweifel gezogen wird. Die barocke Allegorie wird
demgegenüber in ihrer Eigenart aktuell, weil sie im Kontext kunstge-
schichtlicher Entwicklung zu Unterscheidungen veranlaßt, die die jeweils
spezifischen Leistungen ästhetischer Erfahrungen verdeutlichen. Benja-
mins Baudelaire-Interpretationen und die damit im Zusammenhang ste-
henden Schriften können somit auch als ein, wenn auch nicht eingehend
verfolgter Ansatz verstanden werden, für die barocke Allegorie nach-
träglich diesen Bezugspunkt in der modernen historischen Erfahrung zu
erarbeiten, der jene in neuem Licht erscheinen läßt. [335] Die barocke
Allegorie wäre erst vom Bezugspunkt der Baudelaireschen Moderne her
in ihrer Eigenart und in ihrer Bedeutung geschichtsphilosophisch ver-
ständlich.
Obwohl diese methodische Selbstkorrektur Benjamins durchaus Ador-
nos Theorie von der Bedeutung fortschreitender Vergeistigung in der
Kunst für eine geschichtsphilosophisch interessierte Ästhetik entspricht,
reklamiert dieser gegenüber den späteren Interpretationen Benjamins
das Verfahren des Barockbuches. [336] Dies geschieht nicht, um diese
späteren historischen Differenzierungen Benjamins zu entwerten, sondern
gerade um angesichts der avanciertesten geistigen Momente der Realität
die von Benjamin früher verfolgte Vorstellung in Erinnerung zu rufen,
daß die Kunstwerke allenfalls im Verweis auf transgeschichtliche Sinn-
bestände ihre Relevanz haben.
In einer kurzen Schrift, deren Abfassung zwischen der Arbeit über das
Trauerspiel und den Studien zu den Pariser Passagen liegt, schreibt Ben-
jamin: >>Nicht als abstraktes Negativum [... ] darf vor uns stehen,
was wir vernichten wollen.<< Vielmehr gelte es zu zeigen, wie das Positive
in der geschichtlichen Entwicklung mit dem Negativen vermittelt sei.
Der Punkt sei zu erkennen, an dem >>das Positive im Negativen und das
Negative im Positiven zusammenfallen<<. Dem Historiker sei folglich je-
ner Blick >>in das Antlitz der Dinge zuzumuten, der Schönheit noch in
der tiefsten Entstellung sieht<<. >>Verneinende Geschiehtseckenntnis ist ein
Widersinn.<< [337] - Alle Problematik der unvermittelten Gleichset-
zung des in der Geschichte Geltenden und des diesem gegenüber zu Erin-
nernden, die Gefahr der Ästhetisierung der Geschichte durch den phy-
102 über Charles Baudelaire

siognomischen Blick auf ihre versteckten Ausdrucksqualitäten zeichnen


sich in diesen Sätzen ab. Ebenso aber auch was Ansatzpunkt für eine
kritische Würdigung Benjamins sein kann, nämlich das Bewußtsein, daß
die ästhetische Erfahrung, die den verdinglichten Ablauf der Geschichte
stillstellt, i. G. zu Adorno nur in einem solchen Bezug auf die gesell-
schaftliche Praxis ihren Sinn erhält, der diese nicht von abstrakten Alter-
nativen ausgehend entwertet. Es muß sich um einen Bezug handeln, der
berücksichtigt, daß die Frage nach der Bedeutung dieser Erfahrungen an
den wesentlichen gesellschaftlichen Kräften mittels deren Theorie immer
auch zu orientieren ist und daß sie an ihnen zu relativieren ist, wenn ihr
Belang in kontrollierbarer Weise legitimiert werden soll. Die Ideenlehre
des Barockbuches kann im Interesse einer differenzierten Einsicht in den
historischen Prozeß als Grundlage für eine Kunstphilosophie dagegen
nicht unkorrigiert ins Feld geführt werden.
III. Zur Relativierung kunstphilosophischer Positionen.
Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

1. Kommentare zu Brecht

Im Medium der Literatur gibt Brecht nach Benjamin ein Beispiel


dafür, wie die zunehmend entfalteten Potentiale zur Veränderung der
gegebenen sozialen Verhältnisse für die Kunst nutzbar gemacht werden
können. Brecht ist es, der die bei Baudelaire sich abzeichnende Tendenz
zu ihrem Ziel bringt. [1] Der Traum terminiert bei ihm endgültig im
Erwachen. D. h. auch, daß alles, was bislang über Benjamins Theorie
einer exoterischen Kunst gesagt wurde, hier sein Exempel findet. Dies
gilt sowohl was die Problematik einer solchen Theorie als auch was
deren begrenztes Recht anlangt.
Baudelaire sah sich Benjamin zufolge noch einer Situation gegenüber,
in der »die inneren Anliegen des Menschen<< einen >>ausweglos privaten
Charakter<< annehmen mußten. Die Kunst, die sich mit ihnen befaßt,
setzt sich unter diesen Bedingungen dem Verdacht der Unstimmigkeit
aus, wenn sie vorgibt, eine bruchlos gelungene Gestaltung subjektivierter
Welterfahrung leisten zu können. Die unbedingte Selbstpreisgabe als
Substanz der Baudelaireschen Lyrik machte dagegen ihren Rang aus.
Freilich konnte dies nur negativ als Resultat einer ästhetischen Passion
artikuliert werden. Brecht aktualisiert unter veränderten gesellschaft-
lichen Bedingungen den sich abzeichnenden Gewinn moderner Relati-
vierungsbereitschaft von vorgegebenen Selbst- und Weltinterpretations-
mustern, indem er ihn positiv in seiner historischen Bedeutung faßt. -
In bezug auf sein episches Theater ist bei Benjamin ebenso wie hinsicht-
lich Baudelaires von >>Dialektik im Stillstand<< die Rede. Das Staunen,
zu dem Brechts Art der Darbietung des Geschehens den Zuschauer ver-
anlaßt, führt zur >>Stauung im realen Lebensfluß<<. [2] Von einem
»Fels des Staunens<< kann gesprochen werden, von dem herab sich der
Blick in den Strom der Dinge senkt. Wenn aber der Strom der Dinge
an diesem Fels des Staunens sich bricht, so bleibt es offenbar für jenen
Strom nicht ohne Folgen. Die Rezipienten vergegenwärtigen sich näm-
lich im epischen Theater staunend und >lustvoll< ihrer Fähigkeit, als
veränderungsfreudiges, von Identifikationszwängen befreites Kollektiv
104 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

das Stillgestellte in eine Bewegung nach ihrem Gutdünken zu versetzen.


Das Staunen im epischen Theater läßt so >>das Dasein aus dem Bett der
Zeit hoch aufsprühen und schillernd einen Nu im Leeren stehen, um es
neu zu betten<<.
Das Vergnügen indiziert, daß es die der Disposition der Subjekte sich
entziehende und scheinbar ausweglose, ewige Reproduktion des Glei-
chen nicht mehr gibt.

a) Verwissenschaftlichung und Entprivatisierung der ästhetischen


Erfahrungen

Unter solchen Bedingungen wandelt sich das Verhältnis ästhetischer


Erfahrungen zur Wissenschaft und zur gesellschaftlichen Praxis grund-
legend. Denn die Möglichkeit für die Rezipienten, sich ihre gemeinsame
Verfügungsgewalt über die Geschichte auf dem Theater genußvoll zu
vergegenwärtigen, setzt voraus, daß die wissenschaftlich induzierten und
kontrollierten gesellschaftlichen Prozesse in der Realität den einzelnen
gerade aufgrund der Organisationsform der Gesellschaft prinzipiell
durchsichtig bleiben. Diese Durchsichtigkeit würde keine Regression auf
vorarbeitsteilige, undifferenzierte und nur deshalb überschaubare Ge-
sellschaftsformationen bedeuten. Sie würde vielmehr darauf verweisen,
daß die Daseinsbewältigung auf der Grundlage des kommunikativ ver-
mittelten kollektiven Willens vonstatten ginge, der selbstbewußt über
seine fortgeschrittenen Möglichkeiten verfügt. Im Wandel der sozialen
Verkehrsformen selbst und den ihnen zugrunde liegenden Regeln wäre
der Lebenssinn der Subjekte aufgehoben. Er bräuchte nicht imaginativ
als Einheit der privaten Existenz gegenüber der chaotischen und undurch-
sichtigen Mannigfaltigkeit des gesellschaftlichen Lebens zu erinnern ver-
sucht werden. Der Bereich ästhetischer Erfahrungen wäre entlastet von
der Anstrengung, die problematisch gewordene personale Identität kor-
rektiv zur Alltagspraxis zu vergegenwärtigen. Er wäre damit auch
davon entlastet, auf die Unmöglichkeit des bruchlosen Gelingens solcher
Versuche zu reflektieren. In ihm könnten vielmehr die gesellschaftlich
grundlegenden Innovationsleistungen, befreit von der unmittelbaren Ver-
pflichtung auf praktische Effizienz und historische Tragweite, unbefangen
eingeübt werden. Die wissenschaftsnahe Einstellung prinzipieller Revi-
dierbarkeit alles Gegebenen hat dann einen anderen Stellenwert als die
von der Kulturindustrie in Gang gesetzte Erlernung der Fähigkeit flin-
ker und bewußtloser Adaption an den verdinglichten Veränderungs-
prozeß des sozialen Geschehens. - Brechts Theater etwa erlaubt es nach
Benjamins Auffassung, »die Elemente des Wirklichen im Sinne einer
Versuchsanordnung zu behandeln<<. [3] Die Ereignisse können, wie sich
schon am Film zeigte, etwa durch die Technik der Unterbrechung aus
Kommentare zu Brecht 105

dem gewohnten Fluß des Geschehens herausgenommen und, isoliert wie


im wissenschaftlichen Verfahren, analysiert werden. >>Das epische Thea-
ter rückt [ ... ] in Stößen vor. Seine Grundform ist die des Choks,
mit dem die einzelnen, wohlabgewogenen Situationen des Stücks auf-
einandertreffen. Die Songs, die Beschriftungen, die gestischen Konven-
tionen heben eine Situation gegen die andere ab.<< Die so entstehenden
Intervalle sind der kritischen Stellungnahme des Publikums >>(zum dar-
gestellten Verhalten der Personen und zu der Art, in der es dargestellt
wird) vorbehalten<<. [ 4] Veranlaßt durch die Form der Präsentation
auf dem Theater und nach Maßgabe der alltäglichen Erfahrungen wird
das Dargestellte relativiert und auf seine Veränderbarkeit hin erprobt.
Dabei sollen die gewohnten Erfahrungen aber nur insoweit bestätigt
werden, als sie die Erfahrungen einer veränderungswilligen und im Inno-
vationsprozeß kontrollierbaren Realität sind. D. h., daß nicht auf
bestimmte Formen interpretativer Einbettung des Augenblicks in die auf
Dauer gesicherten Vorstellungen und verinnerlichten Normen der Beur-
teilung rekurriert wird, sondern daß nur die absolute, zukunftsoffene
Gegenwart zählt. Der wissenschaftsähnlichen, traditionskritischen Ein-
stellung entspricht im epischen Theater aus dem gleichen Grund auch
der Vorbehalt gegenüber bürgerlicher Kunst, insofern sich in ihr die
privatisierte Suche des einzelnen Individuums nach der Einheit seines
Lebens gegenüber dem ungesichert Momentanen artikulierte. Dieser Vor-
behalt, der der Einübung der Fähigkeit zur beständigen Selbstrelati-
vierung zugute kommt, kann wiederum an der Funktion des Schau-
spielers deutlich gemacht werden. Es muß sich im Brechtsehen Theater
nämlich um Schauspieler handeln, >>welche vom Publikum einen wesent-
lich anderen Begriff haben als der Dompteur von den Bestien, die seinen
Käfig bevölkern<<. [5] Ihre Aufgabe ist es nicht, einen Sachverhalt
möglichst überzeugend darzustellen, in dem Sinne, daß sich die Zu-
schauer in ihn einfühlen und sich mit den Akteuren identifizieren kön-
nen. Der Schauspieler hat nicht nur die Sache zu zeigen, sondern sich
selbst, wie er sie darstellt. >>Es ist das oberste Gebot dieses Theaters,
daß >der Zeigende< [ ... ] >gezeigt werde<<<. [6] Allein so veranlaßt
er den Betrachter, das Dargestellte nicht als ein Gegebenes hinzuneh-
men, sondern mit der Sache zugleich eine mögliche, aber kritisierbare
Interpretation zu erfahren. Die präsentierten Zustände werden mithin
ebenso wie die, dem Rezipienten geläufigen Interpretationen in ihrer
Verbindlichkeit eingeschränkt.
Insbesondere Brechts Lehrstücke sind nach Benjamin ein Modell dafür,
worauf das epische Theater abzielt. >>Zugedacht ist das epische Theater
in jedem Fall genauso gut den Spielenden wie den Zuschauern. Das
Lehrstück hebt sich als Sonderfall im wesentlichen dadurch heraus, daß
es durch besondere Armut des Apparates die Auswechslung des Publi-
106 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

kums mit den Akteuren, der Akteure mit dem Publikum vereinfacht
und nahelegt. Jeder Zuschauer wird Mitspieler werden können.<< [7]
Nicht, wie der Name nahelegt, soll ein unhinterfragbarer Lehrgehalt
vermittelt werden, sondern umgekehrt soll die Lernbereitschaft durch
aktive Teilnahme an der sich selbst relativierenden Darstellung und durch
die Möglichkeit der das Stück verändernden Erprobung alternativer
Verhaltensformen gesteigert werden. Ungebunden gegenüber dem kom-
merzialisierten Theaterbetrieb und nicht festgelegt auf die von ihm pro-
duzierten Publikumserwartungen nämlich kann auf die Vorführung in
sich geschlossener, fertiger künstlerischer Leistungen verzichtet werden.
Damit ist die Möglichkeit gegeben, das Theater zum disponiblen Mittel
für die kollektive Einübung in kreative Vorstellungsformen zu
machen. [8]
Aus der referierten neuen Form ästhetischer Erfahrungen war zu
schließen, daß sie als Moment einer Gesellschaft zu verstehen seien, die
nicht mehr in der Reproduktion des Immergleichen erstarrt sei. Merk-
würdig ist daher ihre gesellschaftliche Funktionsbestimmung durch Ben-
jamin. Ihre Einübung soll nämlich unter den noch bestehenden Bedin-
gungen stattfinden, und es fällt ihnen die Aufgabe zu, Fähigkeiten
erlernbar zu machen, die bei der Herbeiführung jenes qualitativ ver-
änderten Gesellschaftszustandes eine Rolle spielen sollen. So gibt nach
Benjamin die Durchbrechung von praktisch eingelebten Handlungszwän-
gen auf dem Theater >>den Ausblick auf die Theorie<< frei [9], und
zwar der Theorie, die das gerade Gegebene als Erscheinungsform eines
gesellschaftlichen Mechanismus aufklärt, welcher der Anschauung und
Erfahrbarkeit im wesentlichen entzogen ist. Die Mutter mit ihrem
>gesunden Menschenverstand< bestätigt in Brechts gleichnamigen Stück
Benjamin zufolge >>mit den Erfahrungen einer vierzigjährigen Vergan-
genheit<< die Theorie von Marx und Lenin. [10] Denn diese Theorie
>>braucht keine Nebelfernen: sie ist in den vier Wänden der Praxis zu
Hause [ ... ]<< - Man mag Benjamin zugute halten, daß er sich mit
Brechts Mutter auf ein Stück bezieht, in dem vorausgesetzt wird, daß
>>der kritische Augenblick<< [11], in dem die wahrhafte gesellschaft-
liche Veränderung in Gang kommt, schon eingetreten sei. Will man aber
mit Benjamin angesichts des Bestehenden einen solchen Zustand gerade
nicht optimistisch unterstellen und dennoch an der Vorstellung von der
Möglichkeit solcher ästhetischen Erfahrungen festhalten, so ergibt sich
eine höchst zweifelhafte Kontamination der Argumentationsstand-
punkte. Dasselbe gilt, wenn Brechts Umfunktionierung des Theater-
apparats so begriffen wird, als würde sie nicht andere soziale Bedingun-
gen erfordern, um im gewünschten Sinne wirksam zu werden, sondern
könnte allein schon aufgrund der in den Stücken in neuer Form sich
niederschlagenden revolutionären Intentionen des Autors >>den Bestand
Kommentare zu Brecht 107

der ihn besitzenden Klasse ernstlich in Frage [... ] stellen<<. [12]


Dies im Gegensatz zur Belieferung des Theaterapparats mit bloß revo-
lutionären Themen, aber unverändertem Verhältnis von Präsentation
und Publikum. - Durch solche Interpretationsstrategien aber wird
diese Form ästhetischer Erfahrung, die eigentlich so vorgestellt wurde,
als sei sie von praktischer Verbindlichkeit und theoretischer Allgemein-
gültigkeit entlastet, zugleich mit der Aufgabe belastet, zur Verwirk-
lichung des noch nicht Existierenden beizutragen. Die Fähigkeit der
Selbstdistanzierung, die auf einer bewußten kollektiven Praxis beruhen
sollte, wird nunmehr dem gesunden Menschenverstand zugetraut. Dieser
ist zwar ebenfalls ein Merkmal der Kollektive, aber unter ·der Bedin-
gung entfremdeter Verhältnisse müßte er gerade zum Anlaß für die
Einübung solcher Distanzierungsleistungen werden.

b) Zu den historischen Voraussetzungen

Neben Brecht nennt Benjamin in seinem Aufsatz Der Autor als Pro-
duzent noch einen anderen Schriftsteller als Beispiel für die Form lite-
rarischer Betätigung, an der ihm gelegen ist. Das Beispiel ist aufschluß-
reich für die historischen Voraussetzungen, die gegeben sein müssen und
nicht erst herzustellen wären, um solche Formen ästhetischer Gestaltung
in einen einleuchtenden Zusammenhang mit dem historischen Kontext
bringen zu können. Es handelt sich um Sergej Tretjakov und mit ihm
gleichfalls um Literatur, die bestrebt ist, die Trennung zwischen aurati-
scher Kunstleistung und Alltagspraxis zu beenden. Dazu ist wie bei
Brechts Versuchen eine einschneidende Veränderung in der ch ~
lichen Funktion der Kunstausübung erforderlich. Tretjakov ist >operie-
render Schriftsteller<, er macht es sich zur Aufgabe zu >>kämpfen<<,
>>aktiv einzugreifen<<. [13] So versucht er, in den Kolchosen Einfluß
auf die Form der Kollektivierung der Landwirtschaft zu nehmen. [14]
Dies ist nicht so zu verstehen, daß der Autor sich unmittelbar als Poli-
tiker betätigt und mit der Aufgabe der Planung und der Überwachung
ihrer Durchführung als letztlich Verantwortlicher betraut wäre. Als ver-
antwortlich vielmehr wäre offenbar im wesentlichen das Kollektiv sel-
ber zu denken. Der Schriftsteller nimmt nach Benjamins Darstellung
auf es Einfluß, indem er ihm Anlässe verschafft, in geeigneten Medien
ihre historisch bedeutsame Leistung sich vor Augen zu führen, sie zu
kontrollieren, Innovationen zu entwerfen, kurz, in vorübergehender
Distanz zum alltäglichen Betrieb, aber für ihn direkt funktional, sich
seiner Aufgaben innezuwerden und befreit von der unmittelbaren Ver-
pflichtung zu tragfähigen praktischen Entscheidungen, Möglichkeiten der
Gestaltung von Realität durchzuspielen. Voraussetzung dafür ist auch
hier, daß die Trennung zwischen Autor und Publikum aufgehoben
108 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

wird [15] und mit ihr die Unabänderlichkeit der vom Autor vorgeleg-
ten Produkte. Als literarisches Medium erscheint in diesem Sinne die
Zeitung als besonders geeignet. [16] In ihr kann die Arbeit selbst zu
Wort kommen. [17) Sie wird zum Forum, in dem sich die praktisch
Tätigen als Sachverständige äußern und ihre alltäglichen Erfahrungen
der Reflexion zugänglich machen.
Tretjakov operiert als Schriftsteller in einer Situation, in der es dar-
auf ankommt, »der sich revolutionär verändernden Wirklichkeit selbst
zum Ausdruck zu verhelfen<<. [18] Benjamin weiß um den Unterschied
zu den Bedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft, welche er selbst
auf ihre Möglichkeiten hin untersucht: >>Denn noch stellt ja die Zeitung
in Westeuropa kein taugliches Produktionsinstrument in den Händen
des Schriftstellers dar. Noch gehört sie dem Kapital.<< [19] Angesichts
dieser Situation aber komme es darauf an, daß der Autor »als Produzent
seine Solidarität mit dem Proletariat<< erfahre. Er wird dann - so
Benjamin - nicht nur gesinnungsmäßig auf der Seite des Proletariats
stehen, sondern auch »seine eigene Arbeit, ihr Verhältnis zu den Produk-
tionsmitteln, ihre Technik wirklich revolutionär [ ... ] durchden-
ken<<. [20] Mit anderen Worten: er wird etwa wie Brecht literarische
Techniken entwickeln, die die revolutionären Massen instand setzen
sollen, sich ihrer geschichtlichen Möglichkeiten genußvoll innezuwerden,
um so erneut Kraft für die praktische Gestaltung der Wirklichkeit zu
schöpfen. Offen bleibt also gerade an der Stelle, an der der qualitative
Unterschied in den jeweils zu unterstellenden historischen Vorausset-
zungen reflektiert wird, wie es geschichtstheoretisch einsichtig sein soll,
daß Möglichkeiten, die sich unter veränderten Bedingungen ergeben
mögen, als ein Mittel zu deren Herbeiführung verstanden werden
können.
Brecht hat sich gelegentlich in gänzlich anderer Weise zum Verhältnis
seiner literarischen Produktion und der gesellschaftlichen Praxis
geäußert. Dies verweist darauf, daß Benjamins fragwürdige Interpre-
tationen, zumindest was den geschichtsphilosophischen Zusammenhang
anlangt, in den sie gestellt sind, nicht mit den Auffassungen Brechts
ineins zu setzen sind. [21] In einem von Benjamin aufgezeichneten
Gespräch mit Brecht stellt sich dieser die Frage, ob es ihm eigentlich
ernst sei mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Und er gesteht sich ein:
»ganz ernst ist es mir nicht. Ich denke ja auch zu viel an Artistisches,
an das, was dem Theater zugute kommt, als daß es mir ganz ernst sein
könnte.<< [22] Es liegt ihm demnach nicht primär daran, ausgehend
von seiner historischen Situation, Überlegungen darüber anzustellen,
wie die Kunst als ein Beitrag zu ihrer Veränderung eingesetzt werden
könne. Vielmehr geht es ihm zumindest dieser Äußerung zufolge zu-
nächst darum, Möglichkeiten des Theaters zu entwerfen, die von der
Kommentare zu Brecht 109

Problematik befreit wären, welche solche gesellschaftlichen Bedingungen


für die Kunst mit sich bringen. Die historische Situation, die dies erlaubt,
wäre dann gleichsam die demgeger1über abhängige Variable; oder anders
ausgedrückt, sie wird unabhängig davon, ob es geschichtsphilosophisch
erlaubt ist, ihre reale Existenz vorauszusetzen, unterstellt. Nicht die
Statthaftigkeit dieser Überlegungen erscheint Brecht in Benjamins Ge-
sprächsnotiz zweifelhaft, sehr wohl aber die »Durchschlagskraft<< solcher-
maßen zustande kommender Kunst, wollte man sie dennoch für den
Kampf unter den Bedingungen verdinglichter Verhältnisse reklamie-
ren. [23] »Substanzdichter« nennt Brecht diejenigen, die nicht vom
Artistischen ausgehen. Er selbst rechnet sich nicht zu ihnen. - Ganz
ähnlich hat sich Hanns Eisler in bezug auf Brechts Versifikation des
kommunistischen Manifestes geäußert. »Welches Kulturniveau«, so fragt
er sich, >>müßten die Leser des >Kommunistischen Manifests< schon
haben, um bereits die Versifikation genießen zu können! Das setzt also
voraus den Zustand einer Gesellschaft, wo das >Kommunistische Mani-
fest< ungefähr genauso bekannt ist wie die Bibel - und eine Versifika-
tion einen neuen Reiz, nämlich den Reiz der Ästhetik, in die Lektüre
des >Kommunistischen Manifests< hineinbringt.<< [24] Marxens Schrift
hätte in dieser Bearbeitung keine Bedeutung für die Veränderungsab-
sichten der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern wäre der
ästhetisch stilisierte Ausdruck der genußvollen Vergegenwärtigung voll-
brachter Leistungen. Sie wäre der Ausdruck eines Bewußtseins, das den
Schein, wie ihn die bürgerliche Gesellschaft an der Oberfläche präsen-
tiert, längst zu durchdringen imstande gewesen ist. - Was schließlich
Brechts Lehrstücke anlangt, so unterscheidet Brecht sie ausdrücklich von
den anderen Formen des epischen Theaters. Das Gesetz dieser Lehr-
stücke nämlich, so heißt es in einer Notiz zur >Großen und kleinen Päd-
agogik< setze voraus, daß »das interesse des einzelnen das interesse des
staates ist<<. [25] Man muß daraus. folgern, daß es sich erübrigte, die-
sen Stücken gegenüber die Frage nach der Durchschlagskraft innerhalb
des bestehenden Zustandes überhaupt zu stellen, weil sie für ihn nicht
konzipiert sind. Anders die übrigen Formen des epischen Theaters, wel-
che Brecht i. G. zur >Großen Pädagogik< der Lehrstücke als >>Kleine
Pädagogik« bezeichnet. Sie haben die »Schwächung der bürgerlichen
ideologischen positionen im bürgerlichen theater« zum Ziel. Dieses sei
dadurch zu erreichen, daß das Publikum veranlaßt werde, dargestellte
Situationen und die Art ihrer Darstellung zu kritisieren und von Identi-
fikationen Abstand zu nehmen zugunsten der Einübung in die Vorstel-
lung von der Wandelbarkeit der Dinge. Dabei soll freilich das über-
kommene Verhältnis von Schauspieler und Zuschauer nicht gänzlich
aufgehoben, das Stück zur Disposition der Spielenden gestellt und über-
haupt bei den Beteiligten schon ein hohes Maß an Selbständigkeit und
110 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

Lernbereitschaft vorausgesetzt werden. Zweifelhaft bleibt trotzdem,


inwieweit ein solches ästhetisches Bewußtsein, das dem fortgeschrittenen
historischen entspräche, nicht schon einen Grad von Differenziertheit
erreicht hätte, wie er angesichts der in der bürgerlichen Gesellschaft
naheliegenden Fetischisierung des Erlebten als naturhaft Gegebenes
durchaus nicht selbstverständlich und für die Massen ohne weiteres
erreichbar ist. An der politischen Durchschlagskraft zweifelt Brecht
selbst. Man darf vermuten, daß es der Zweifel daran ist, inwieweit die
adäquate Rezeption solcher Stücke heute von denen zu erwarten ist,
auf die es nach Brechts und Benjamins Meinung bei einer gesellschaft-
lichen Umwälzung vor allem ankäme. Brechts Vorbehalt wäre demnach
gegen eine geschichtsphilosophische Überbewertung seiner Versuche im
Interesse an gesellschaftlicher Veränderung gerichtet. Genau in diesem
Zusammenhang aber stehen sie bei Benjamin - man erinnere sich nur
daran, daß Brecht als letztes Glied in der Kette des Beweises figuriert,
wie der Übergang vom Traum zum Erwachen gedacht werden
könne. [26]
Unter dem vergleichbaren Gesichtspunkt einer geschichtsphilosophisch
argumentierenden Ästhetik kritisiert Adorno Brecht. Abgesehen von der
Frage, inwieweit eine so fundierte Kritik Brechts Intentionen ganz
treffen kann, wäre sie zu lesen als eine, im Gesamtzusammenhang der
Kontroverse stehende Auseinandersetzung mit Benjamins Brecht-Rezep-
tion. Die grundsätzlichen Einwände finden sich bereits im Briefwechsel
mit Benjamin. [27] In einem späteren Aufsatz, der den Titel Engage-
ment trägt, hat Adorno sie eingehender formuliert. Adornos Argument
gegen Brecht knüpft dort an dessen Technik der »Historisierung<< an.
Bei Brecht ist damit die Darstellung gesellschaftlicher Situationen im
epischen Theater in der Weise gemeint, daß sie als historisch gewordene,
durch Gesetze mit eingeschränktem Geltungsbereich strukturierte und
damit veränderbare sichtbar werden. Adorno kommt in bezug darauf
auf Brechts Stück Mutter Courage zu sprechen. In ihm wolle Brecht
>>den Montecuculischen Satz ad absurdum führen [...], daß der Krieg
den Krieg ernähre<<. [28] Es handelt sich dabei zunächst ganz allge-
mein gesprochen um einen Satz, der der kritischen Gesellschaftstheorie
Adornoscher Prägung zufolge ein bezeichnendes Moment der bisherigen
Geschichte namhaft macht. Es geht darum, daß zur Aufrechterhaltung
von Herrschaftsverhältnissen, die aus der gesellschaftlichen Organisation
zur Daseinssicherung entspringen, selbst noch die partielle Vernichtung
des Lebens dienlich sein kann. Die Mittel der Geschichte verselbständigen
sich gegenüber ihrem Zweck, und dennoch versuchen die Betroffenen
unentwegt sich in ihr zu arrangieren. Dieser Zustand herrscht bis in die
Gegenwart fort. Brecht wollte nach Adorno seine Veränderbarkeit vor
Augen führen. Um aber über die Gegenwart aufzuklären wäre die Dar-
Kommentare zu Brecht 111

legung ihrer Gesetze und so die Durchbrechung des Scheins nötig, der
die Gegebenheiten als naturwüchsige und unhinterfragbare Konstanten
darbietet. Da Brecht aber >>sich genaue Rechenschaft darüber<< gab, >>daß
die Gesellschaft seines eigenen Zeitalters nicht länger an Menschen und
Sachen unmittelbar greifbar ist<<, bedarf er >>der altertümlich wilden
Zeiten als Gleichnis für die gegenwärtigen<<. [29] Ein stringenter Funk-
tionszusammenbang gesellschaftlicher Verhältnisse wird so, um der Faß-
lichkeit menschlicher Beziehungen willen, auf eine Situation projiziert,
in der ein solcher Funktionszusammenhang gar nicht besteht. Diese
Situation ermöglicht eine solche Anschaulichkeit, eben weil die generel-
len sozialen Regelungsformen noch nicht hinreichend ausgebildet sind,
um alles unters abstrakte Gesetz zu su,bsumieren. Der sachliche Gehalt,
sowohl was die frühere als auch was die heutige Zeit anlangt, fällt
damit der ästhetischen Stilisierung zum Opfer. Angesichts der verding-
lichten gesellschaftlichen Abläufe entsteht >>die Fiktion des von epischer
Erfahrung gesättigten alten Bauern als poetischen Subjekts<<. [30] Es
ist die gleiche falsche epische Dichte, die in Benjamins Arbeiten Adorno
zufolge den Ereignissen zugeschrieben wird, um Ansatzpunkte für ihre
Veränderbarkeit aufzuzeigen. In dem früheren Brief Adornos an Ben-
jamin über dessen affirmatives Verhältnis zu Brecht heißt es entspre-
chend, daß der Warenfetischismus bei Brecht nicht kritisiert, >>sondern
nur aufs vorarbeitsteilige Stadium<< zurückgelenkt werde. [31] >>Die
politische Unwahrheit<< aber >>befleckt die ästhetische Gestalt<< [32] -
dann jedenfalls, wenn die Kunst im Rahmen einer Ästhetik begriffen
wird, die sie zum Medium des kritischen Bezugs auf die bürgerliche
Gesellschaft macht und sie nicht als Medium begreift, welches zum Ge-
nuß an der Relativierbarkeit dargestellter Handlungszusammenhänge
anregt, ohne daß die Durchbrechung des fetischisierenden Bewußtseins
eine ihr adäquate Aufgabe wäre. Unter Adornos Voraussetzung wird
die Stimmigkeit des poetischen Produkts nicht nur in der Mutter
Courage fragwürdig, sondern es zeigt sich daran exemplarisch die
grundsätzliche Verkennung der verbleibenden Möglichkeit heutiger
Kunst. [33] Nur wenn demgegenüber, wie besonders bei Beckett >>die
Abstraktheit des Gesetzes, das objektiv in der Gesellschaft waltet<< [34],
sich so niederschlägt, daß die dramatische Welt als >>Weltlosigkeit<< sich
selbst in Frage stellt; wenn also angesichts des Bestehenden in der Poesie
nicht der Eindruck erweckt wird, die Verbesserung liege nahe, weil das
Schlechte ohne weiteres sinnfällig gemacht werden könne, nur dann ist
es der Dichtung wahrhaft ernst mit ihrem Vorbehalt gegenüber dem
etablierten historischen Zustand. Brecht revidiert demgegenüber unter
der Hand nicht nur die Einsichten der kritischen Theorie in das Wesen
der Gesellschaft. Er verfehlt auch das daraus sich ableitende Desiderat
der kompromißlosen Opposition zur Unterdrückung des Nichtiden-
112 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

tischen, wie sie sich in der Kunst artikulieren kann. - Soweit Adornos
Kritik.
Trotz aller Problematik, die damit verbunden ist, die Kunst zu einem
der allein noch verbleibenden Fluchtpunkte der Wahrheit zu machen,
ist Adornos Kritik ein gewisses Recht nicht abzustreiten, wenn man
Brechts Werk an dem mißt, was Benjamin für es in Anspruch nimmt.
Zwar dachte Benjamin bezüglich dieses Werkes nicht unmittelbar an
die lückenlose Präsentation theoretischer Einsichten, sondern an die
spezifische Leistung moderner ästhetischer Selbst- und Weltauffassungs-
weisen. Der Adornosche Vorwurf einer Verkürzung der Theorie trifft
Benjamins Interesse an Brecht nicht direkt. Die geschichtsphilosophische
Relevanz aber, die er gleichwohl dem Werk Brechts zuschreibt, verleiht
der Adornoschen Frage nach seinen Aufklärungsmöglichkeiten, nach den
Möglichkeiten der Durchbrechung habitualisierter Vorstellungsweisen
gerade unter bestehenden Bedingungen dennoch ihre Berechtigung.

c) Intention und Implikationen der Kommentare zu Brecht

Der Kommentar hat nach Benjamin an den Texten hervorzuheben,


was an ihnen, wenn es überhaupt wahrgenommen wird, befremdlich
erscheint, weil es geltenden Auffassungen nicht entspricht und sich daher
auch der Erklärung aus den konstitutiven Regeln gesellschaftlichen
Lebens entzieht. Der Kommentar ist bestrebt, Bedeutungsgehalte zu
sichern, die aufgrund gewandelter historischer Bedingungen der Über-
lieferung allererst wieder zugänglich zu machen wären. Einer Über-
lieferung allerdings, die sie nicht zu Kulturgütern neutralisiert und
ihnen ihrer Aktualität in der Auseinandersetzung mit den eingefahrenen
gesellschaftlichen Funktionsmechanismen beraubt. Dies erfordert zugleich
Kritik an allem, was eine solche Hypostasierung bewirkt. Das gilt ebenso
für die Tendenz der Werke selbst, nämlich in der künstlerischen Gestal-
tung der Wechselhaftigkeit des Daseins problemlos zu entgehen, wie für
ihre Wirkungsgeschichte. - Auch Brechts Werke, denen es Benjamin
zufolge möglich sein sollte, wesentliche Funktionen in einer historischen
Situation wahrzunehmen, welche offen sei für die bewußte Gestaltung
durch die Massen, bedürfen noch des Kommentars. Sie bedürfen einer
Form, die sich eigentlich mit den unscheinbaren Momenten in der Ge-
schichte befaßt, um deren verborgene Autorität erst zu erweisen. Zwei
seiner Arbeiten über Brecht hat Benjamin in ihrem Titel ausdrücklich als
Kommentare gekennzeichnet. [35] Die anderen sind ihnen der Inten-
tion nach verwandt. In den Kommentaren zu Gedichten von Brecht heißt
es, daß es >>ein sehr dialektischer Sachverhalt<< sei, >>den Kommentar,
der [ ... ] eine autoritäre Form ist, im Dienste einer Dichtung in An-
Kommentare zu Brecht 113

spruch<< zu nehmen, die >>dem, dem heute Autorität zuerkannt wird, die
Stirne bietet«. [36] Der Kommentar müsse somit gleichsam« von einem
Vorurteil« ausgehen. Zur Begründung schreibt Benjamin: >>Wenn etwas
zu solchem Versuche ermutigen kann, so ist es die Erkenntnis, aus der
auch sonst der Mut der Verzweiflung derzeit zu schöpfen ist: daß näm-
lich schon der kommende Tag Vernichtungen von so riesigem Ausmaß
bringen kann, daß wir von gestrigen Texten und Produktionen wie
durch Jahrhunderte uns geschieden sehen.« [37] Nicht etwa weil ange-
nommen wird, den Texten komme heute tatsächlich jene Autorität zu,
bemüht sich der Interpret im Kommentar um sie; unter solchen Bedin-
gungen nämlich wäre sein Unterfangen unnötig. Vielmehr betrachtet
er die heutigen Produkte auf der Grundlage der Antizipation ihrer
Überlieferungsgeschichte und damit der absehbaren faktischen Wirkung
ästhetischer Produkte i. G. zu ihrem kommentatarisch hervorzuheben-
den eigentlichen Gewicht. Es ist nach Maßgabe geschichtstheoretischer
Überlegungen zumindest offen, ob die wahren Intentionen solcher Pro-
dukte in diese Wirkungsgeschichte eingehen. Es muß aber jedenfalls eher
damit gerechnet werden, daß sie als belanglose Kunstprodukte von sol-
chen genossen werden, die gerade keine Veranlassung haben oder aber
auch keine Fähigkeiten entwickeln konnten, sich in ihnen die eigene
historische Potenz zu vergegenwärtigen. - Derlei Reflexion auf die
Form des Kommentars und auf die Produkte, denen er zugute kommen
soll, relativiert deren inhaltlich behauptete aktuelle Bedeutung. [38]
Was als fundamentale Inkonsistenz in Benjamins Arbeiten über Brecht
erscheint, nämlich die Möglichkeiten der Literatur, wie sie in einem
unproblematischen und fruchtbaren Funktionszusammenhang mit der
gesellschaftlichen Praxis gegeben sein mögen, für die Herstellung eines
solchen Zustandes politisch instrumentalisieren zu wollen, gerade dies
erweist sich in Anbetracht solcher Überlegungen als eine Absicht, die
durchaus im Bewußtsein ihres prekären Charakters verfolgt wird. s:e
ist polemisch gerichtet gegen die in Aussicht stehende historische Ent-
wicklung und mit ihr gegen die zu erwartende Rezeptionsweise ver-
gangeuer ästhetischer Produkte. Dabei wird die Funktion der Werke,
die sie unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen haben könnten,
für die Gegenwart als verbindlich behauptet. Sofern ein solcher Gel-
tungsanspruch von Brecht selbst erhoben worden wäre, müßte er eigent-
lich, gemessen an den geschichtstheoretischen Erkenntnissen über die
gegenwärtige Situation, in Zweifel gezogen werden. Dergleichen unter-
bleibt, ja die sachlich-historische Bedeutung wird kritiklos überpointiert.
Dies aber nicht weil der Rechtfertigungsgrund dafür erwiesen werden
könnte, nicht also weil Brecht nach Benjamin tatsächlich ein Beweisglied
für den Übergang vom Traum des 19. Jahrhunderts zum heutigen
Erwachen im Sinne eines objektiven Geschehens darstellt. Es unterbleibt
114 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

vielmehr, weil auch ohne die Absicherung durch wissenschaftlich fun-


dierte Einsicht nach Benjamins Auffassung der Gedanke an eine sinn-
volle Rolle der Kunst für die gesellschaftliche Praxis zu erwecken ist.
Es unterbleibt, weil auch oder gerade so die Bemühung um eine offene
Geschichte um ein unverzichtbares Moment bereichert werden kann.

2. Kafka

Die Vorbehalte gegenüber der Gültigkeit der eigenen Brecht-Interpre-


tationen, d. h. auch die Vorbehalte gegen die Vorstellung eindeutig
richtiger Konsequenzen aus den Problemen moderner, bürgerlicher
Kunst, artikulieren sich auch in Benjamins Auseinandersetzungen mit
Brecht über das Werk Franz Kafkas.
In Benjamins Gesprächsnotiz vom 31. 8. 1934 finden sich zwei in
bezeichnender Weise voneinander unterschiedene Interpretationen von
Kafkas Geschichte Das nächste Dorf. Brechts Auslegung bezieht sie auf
ein Zenonsches Paradox: >>sie ist ein Gegenstück zu der Geschichte von
Achill und der Schildkröte. Zum nächsten Dorf kommt einer nie, wenn
er den Ritt aus seinen kleinsten Teilen - die Zwischenfälle nicht gerech-
net - zusammensetzt. Dann ist das Leben für diesen Ritt zu
kurz.,, [39] Man kann sich also nach Brecht dann nicht vorstellen,
daß der Ausreitende ans Ziel gelangt, wenn man den Ritt nicht als Ein-
heit des Vorsatzes und dessen Ausführung betrachtet, und zwar so, daß
die einzelnen Momente dazwischen nur funktionale Bestandteile sind,
welche gegenüber dem Zusammenhang, in dem sie stehen, kein eigenes
Gewicht haben. Wenn man hingegen noch die kürzesten Momente in
dieser Funktionseinheit für sich betrachtet, gewinnen sie in einem Maße
an Ausdehnung, daß sie die Proportionen innerhalb eines kontinuier-
lichen Geschehensablaufs sprengen. Die Zeit kommt zum Stillstand; der
jeweils gegenwärtige Augenblick erscheint nicht mehr eingebettet in
einen zielorientierten Vorgang und wird auf diese Weise verabsolutiert.
In Brechts Werken ließ sich nach Benjamins Interpretation die entspre-
chende Preisgabe eines gesicherten Geschehenszusammenhangs feststellen.
Wenn Brecht seine Interpretation dennoch gegen Kafka wendet, so auf-
grund einer signifikanten Differenz innerhalb der vergleichbaren poe-
tischen Intention: der Fehler nämlich steckt nach seiner Auffassung >>hier
im >einer<. Denn wie der Ritt zerlegt wird, so auch der Reitende. Und
wie nun die Einheit des Lebens dahin ist, so ist es auch seine Kürze. Mag
es so kurz sein, wie es will. Das macht nichts, weil ein anderer als der,
der ausritt, im Dorfe ankommt.« Die Preisgabe der Einheit des Lebens
gegenüber dem immerwährenden gegenwärtigen Augenblick, der in eine
solche Einheit nicht zu integrieren ist, betrifft zwar den einzelnen, ist
Kafka 115

jedoch dann nicht ruinös, wenn dieser auf die Suche nach personaler
Identität gar nicht angewiesen ist, sondern gerade aus der Selbstrelati-
vierung zugunsten des geschichtsmächtigen Kollektives seine Kraft
bezieht. Weil Kafka dies außer acht läßt und nur auf die Problematik
individuellen Daseins reflektiert, verfällt er nach Brecht der Kritik.
Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß >praktikable Vorschläge<
>>in der Richtung der großen allgemeinen Übelstände [ ... ], die der
heutigen Menschheit zusetzen<< bei Kafka schwerlich zu finden
sind. [ 40] Dies i. G. zu Brechts Interesse an den Veränderungen durch
die Massen.
Benjamins Auslegung derselben Geschichte zielt auf etwas anderes:
>>das wahre Maß des Lebens ist die Erinnerung. Sie durchläuft, rück-
schauend, das Leben blitzartig. So schnell wie man ein paar Seiten
zurückblättert, ist sie vom nächsten Dorf an die Stelle gelangt, an der
der Reiter den Entschluß zum Aufbruch faßte. Wem sich das Leben in
Schrift verwandelt hat, wie den Alten, die mögen diese Schrift nur
rückwärts lesen. Nur so begegnen sie sich selbst, und nur so - auf der
Flucht vor der Gegenwart - können sie es verstehen.<< [ 41] Zu dieser
Interpretation findet sich eine Parallele im Aufsatz über den Erzähler:
>>>Ein Mann, der mit fünfunddreißig Jahren stirbt<, hat Moritz Bei-
mann einmal gesagt, >ist an jedem Punkt seines Lebens ein Mann, der
mit fünfunddreißig Jahren stirbt.< Nichts ist zweifelhafter als dieser
Satz. Aber dies einzig und allein, weil er sich im Tempus vergreift. E:n
Mann, so heißt die Wahrheit, die hier gemeint war, der mit fünfund-
dreißig Jahren gestorben ist, wird dem Eingedenken an jedem Punkte
eines Lebens als ein Mann erscheinen, der mit fünfunddreißig Jahren
stirbt. Mit anderen Worten: der Satz, der für das wirkliche Leben kei-
nen Sinn gibt, wird für das erinnerte unanfechtbar. Man kann das
Wesen der Romanfigur besser nicht darstellen, als es in ihm gesch:eht.
Er sagt, daß sich der >Sinn< von ihrem Leben nur erst von ihrem Tode
her erschließt.<< [ 42] Der jeweils gelebte, gegenwärtige Augenblick ent-
zieht sich solcher Sinngebung. Nur wenn die Erinnerung vom Ende all
dieser Augenblicke her gesehen gelingt, kann sich dies ändern. In Prousts
Werk war das bereits dem Zufall anheimgegeben. Und auch in Kafkas
Geschichte, die so gelesen, die Thematisierung dessen ist, was im Roman
zum Problem wird, ist dieses Gelingen, die Flucht vor der absoluten
Gegenwärtigkeit der einzelnen Momente im Leben, alles andere als
verbürgt. Die Suche nach der Einheit des Lebens, nicht die Darstellung
ihres Erfolgs wird zum Gegenstand. Wenn dahinter nicht die Einsicht
in die Problematik, ja die Vorstellung von der Aussichtslosigkeit des
Unterfangens stünde, wäre eine solche Reflexion unnötig. »Romane sind
sich selbst genug<<, so heißt es in Benjamins Kafka-Aufsatz. [ 43] Kaf-
kas Werke sind das nach Benjamin nie. Wenn sie als Roman konzipiert
116 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

sind, so bleiben sie Fragment. Das Vergessen des Sinnzusammenhanges


konstituiert auch die poetische Welt selbst. Vergessenheit >>ist das Behält-
nis, aus dem die unerschöpfliche Zwischenwelt in Kafkas Geschichten ans
Licht drängt«. [ 44] Odradek etwa gehört zu den Wesen, die diese
Zwischenwelt bevölkern. Er repräsentiert die Form, >>die die Dinge in
der Vergessenheit annehmen<<, Sie sind entstellt. [ 45] Als solche berei-
ten sie Sorge, so wie Odradek zur >>Sorge des Hausvaters<< wird. Er
ist - entstellt - ins normale Leben nicht einzugliedern, stört seinen
Ablauf und gemahnt an eine rätselhafte Schuld, die in diesem alltäg-
lichen Dasein nicht getilgt wird. Die Kontinuität des Daseins, in die
alle seine Momente eingegliedert sind, wird durch solche Wesen aufge-
brochen.
Die Stillstellung eines gewöhnlichen Geschehensablaufs geschah bei
Brecht durch die Fixierung von Gesten. An ihnen konnte das Gezeigte
auf seine Bedeutung und seine Veränderbarkeit hin untersucht we:den.
Auch Kafkas Figuren vollführen Gesten, die wie Teile einer Versuchsan-
ordnung erscheinen, um die Bedeutung der Handlungen herausfinden
zu können. [ 46] Aber ebensowenig wie der sorgenvolle Anblick jener
entstellten Wesen zur Erinnerung führt, ebensowenig ergibt sich in die-
sen Zusammenhängen ein Sinn. Der Lebensfluß wird nicht stillgestellt,
um neu gebettet werden zu können. Es stellt sich keine individuell
erinnerbare Einheit des Lebens ein. Aber auch ein Genuß am nicht fest-
gelegten und festlegbaren Augenblick im Bewußtsein einer spontan
gestaltbaren Geschichte kann nicht aufkommen. - Hoffnung auf Erlö-
sung ist nach Benjamins Kafka-Deutung in der Geschichte nicht absehbar.
Er beruft sich dabei auf Kafkas Bemerkung, daß es >>Hoffnung genug,
unendlich viel Hoffnung<< gebe - allein, >>nur nicht für uns<<. [47]
Allenfalls für die zwielichtigen Kreaturen in Kafkas Schriften gibt es
vielleicht Hoffnung. Es sind die Kreaturen, von denen keine >>ihre feste
Stelle, ihren festen, nicht eintauschbaren Umriß<< hat: »keine die nicht
im Steigen oder Fallen begriffen ist; keine die nicht mit ihrem Feinde
oder Nachbarn tauscht; keine welche nicht ihre Zeit verbracht und den-
noch unreif, keine welche nicht tief erschöpft und dennoch erst am An-
fang einer langen Dauer wäre. Von Ordnungen und Hierarchien zu
sprechen, ist hier nicht möglich.<< [48] In einem Brief an Scholem
schreibt Benjamin, daß er zu zeigen versucht habe, daß Kafka nur >>auf
der Kehrseite dieses >Nichts<<<, in dem von allen Sinnzusammenhängen
entleerten Augenblick und in den unidentifizierbaren Wesen, welche In-
sassen der ihn repräsentierenden Welt sind, >>die Erlösung zu ertasten
gesucht<< habe. [49]
Im Anschluß an Benjamins Aufsatz versucht wiederum Adorno die
Bedeutung der Gesten bei Kafka zu benennen. [50] Er erblickt sie
im >>Absterben der Sprache<< [51], mithin in der Aufgabe der Bedeu-
Kafka 117

tungsgebung durch das Subjekt. Die Kreaturen, die diese Gesten voll-
führen, sind entbunden von der verhängnisvollen Grenzziehung zwi-
schen Subjekt und Objekt. Versöhnung [52] jenseits des geschichtlichen
Zwangsverbandes und damit Hoffnung wird, vergleichbar der Interpre-
tation Benjamins, auf diese Weise absehbar. Die Abdankung des Sub-
jekts und mit ihm des beherrschenden Geistes, mithin das geschichts-
philosophisch begründbare Desiderat seiner Selbstkorrektur, kommt in
Kafkas Poesie zum Ausdruck. [53] Freilich wendet Adorno diese Inter-
pretation gegen Benjamins Verfahren, Kafkas Dichtung auf die Kate-
gorien des epischen Theaters zu beziehen. [54] Er vermutet dahinter
die ungerechtfertigte Absicht, den Ausfall eines souveränen Standpunktes
gegenüber dem dargestellten Geschehen bei Kafka im Vergleich mit
Brechts Werk zu kritisieren. In der Tat betont Benjamin auch, daß
Kafka sich in den realen Gewalten nicht zurechtgefunden habe, welche
seine Dichtung veranlaßten. [55] Der Versuch, den Benjamin Kafka
unterstellt, nämlich die Dichtung in die Lehre zu überführen, mußte
scheitern. Der Gestus, den er nicht verstand, so heißt es, >>bildet die wol-
kige Stelle<< in seinen Dichtungen. [56] Freilich will Benjamin dies
offenbar nicht als endgültige Kritik verstanden wissen. Dies gilt selbst
für die Bemerkungen in seinem späteren Brief an Schalem, wo er in
bezug auf seine Kafka-Arbeit dasselbe noch pointierter hervorhebt:
>>Was mich heute gegen diese am meisten einnimmt, ist der apologetische
Grundzug, welcher ihr innewohnte. Um Kafkas Figur [... ] gerecht
zu werden, darf man das Eine nie aus dem Auge lassen: es ist die von
einem Gescheiterten.<< [57] Scheitern mußte Kafka; aber es handelt
sich dabei nicht um ein Versagen, das in naheliegender Weise vermeidbar
wäre. Denn ein Sinnzusammenhang des Lebens ist in der modernen
Wirklichkeit für den einzelnen ohnehin kaum mehr erfahrbar. Dahin
steht aber auch, ob dieser einzelne sich in den Massen so aufgehoben
glauben darf, daß seine Selbstpreisgabe in ihr belohnt wird mit dem
Gewinn an Möglichkeiten vernünftigen kollektiven Handeins und der
Fähigkeit, dieses Potential sich in der ästhetischen Erfahrung genußvoll
zu vergegenwärtigen. Im Vergleich zu dem, was über Brecht gesagt
wurde, sind die folgenden Sätze aus dem zitierten Brief an Schalem
aufschlußreich: >>Ich will sagen, daß diese Wirklichkeit für den Einzelnen
kaum mehr erfahrbar, und daß Kafkas [ ... ] Welt das genaue Kom-
plement seiner Epoche ist, die sich anschickt, die Bewohner des Planeten
in erheblichen Massen abzuschaffen. Die Erfahrung, die der des Privat-
manns Kafka entspricht, dürfte von großen Massen wohl erst gelegent-
lich dieser ihrer Abschaffung zu erwerben sein.« [58] Dies spricht
gegen das Vertrauen auf historische Umwälzungen, in denen die Massen
das Subjekt wären. Jene mystische Erfahrung, die nach Benjamin ein
Brennpunkt von Kafkas Poesie ist [59] und die in Adornos Interpre-
118 Benjamins Arbeiten über Brecht und Kafka

tation als die Selbstvergessenheit des Subjekts, in der Benjamins als


das Nichts, als der Ausdruck der Entsagung von subjektiver Sinngebung
akzentuiert wurde - jene mystische Erfahrung stellt das Komplement
dar zur mangelnden Zuversicht gegenüber der Geschichte und den
Massen als ihrem Subjekt.
Freilich, die von Benjamin hervorgehobene Esoterik solcher ästheti-
scher Erfahrungen dürfte von ihm nicht als endgültig betrachtet werden.
Die Philosophie hätte nicht die Aufgabe, nur ihre Bedeutung zu expli-
zieren, sondern sie müßte sie in Bezug setzen zu den Möglichkeiten
theoretischer Gesellschaftskritik und praktischen Handelns. So gesehen
ergäben sich nicht nur die auch von Adorno hervorgehobenen Grenzen
des Mediums, eben seinen Wahrheitsgehalt nicht selbst begrifflich expli-
zieren zu können, sondern es ergäbe sich auch die grundsätzliche Frag-
würdigkeit seiner esoterischen Erscheinungsformen. Denn es bleibt zu
bedenken, daß solche ästhetischen Erfahrungsweisen sich dagegen sper-
ren, umstandslos und blind in den eingelebten Formen des Verhaltens
zur Welt aufzugehen; aufgrund dieser Ausdrucksqualität könnten sie
das gesellschaftliche Leben auf bedeutsame Art bereichern. Die Möglich-
keiten theoretischer Wahrheitsfindung, hier im Sinne Marxscher Theorie,
fänden ihr Korrelat in Bildungsmöglichkeiten, welche auf den Bereich
des konkret Erfahrbaren bezogen blieben. Man konnte Benjamins
Überlegungen zur Geschichtsphilosophie entnehmen, daß er dem erhebliche
Bedeutung beimaß, auch wenn die Relevanz solcher Erfahrungen im
Rahmen Marxscher Theorie nicht endgültig und eindeutig bestimmt wer-
den kann; auch wenn es riskiert werden mußte, den Bereich der Erklä-
rungsmöglichkeiten der Theorie zum Zweck der Untersuchung ihrer ver-
borgenen Bedeutung zu überschreiten. Aber gerade jene Esoterik verhin-
dert im allgemeinen mit der Distanz zur alltäglichen Erfahrung zugleich
auch, daß die, wie immer unscheinbaren Möglichkeiten zu nutzen ver-
sucht werden, die Borniertheit dieser alltäglichen Erfahrung zu durch-
brechen. Wenn solchen Anstrengungen nun auch nicht schlicht historisch-
praktische Relevanz zu versprechen wäre, so wären sie doch zumindest
Ausdruck dafür, daß aus der geschichtsphilosophischen Fragwürdigkeit
esoterischer Kunst Konsequenzen zu ziehen versucht würden.
Als Hinweis darauf, daß Benjamin dieses Problem in aller Deutlich-
keit sah, kann nicht zuletzt gelten, daß er solche esoterische Kunst ihrer-
seits wieder an einer esoterisch orientierten Konzeption von Dichtung
relativiert. Der direkte Vergleich Kafkas, wie er etwa an der Verwen-
dung von Kategorien des epischen Theaters deutlich wird, verwies nicht
nur auf die genannten Grenzen Brechts, sondern auf die Kafkas zugleich.
Der Bezug Baudelaires auf die heutigen geschichtlichen Erfahrungen und
die Möglichkeiten und die Relevanz ihrer ästhetischen Vergegenwärti-
gung ist nicht eindeutig. Die Unschlüssigkeit in der Frage, ob die Bedeu-
Kafka 119

tung Baudelaires selbst innerhalb dieses oder jenes Stranges der Ent-
wicklung artistischer Konzeptionen zu ihrem Recht gelange, wird nicht
behoben. Es sollte gezeigt werden, daß eher in der Entschiedenheit der
Stellungnahme als in den - oft kritisch gegen Benjamin selbst zu wen-
denden - Ansatzpunkten ihrer Relativierung eine Schwäche liegt. Die
Unschlüssigkeit ist als eine Stärke zu betrachten. Es ist die Stärke, die
objektive Problematik der Kunst in der bestehenden Gesellschaft nicht
in Lösungen zurückzunehmen, die sich scheinbar als Alternativen zu
jenem Dilemma anbieten. Eine zweifelsfreie Methode historischer Inter-
pretationen als Grundlage von Benjamins Werk ist aus eben den sach-
lichen Gründen nicht festzuhalten, die zu reflektieren es Anlaß gibt.
Anmerkungen

Vorbemerkung

1 Theodor W. Adorno: Charakteristik Walter Benjamins. In: Th. W. A.:


über Walter Benjamin. Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1970.
s. 22.
I. Ben;amins geschichtsphilosophische Überlegungen zur Aufgabenstellung mate-
rialistischer Interpretation

1 Walter Ben;amin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Repro-


duzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Frankfurt a. M. 1963.
Darin: Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker. S. 97 f.
2 Kar! Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. In: K. M./Friedrich
Engels: Werke. Bd. 13. Berlin 1971. S. 8 f.
3 Ben;amin: Fuchs, a.a.O., S. 99.
4 Ders.: über den Begriff der Geschichte. In: W. B.: Gesammelte Schriften.
Bd. 1, 2. Abhandlungen. Hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schwep-
penhäuser. Frankfurt a. M. 1974. S. 695.
5 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer
philosophischen Hermeneutik. 3. Auf!. Tübingen 1972. S. 187. Gadamer
spricht im seihen Zusammenhang auch von einer >pantheistischen Meta-
physik der Individualität< (S. 186). Vgl. zur Einschätzung des Historismus
durch Benjamin auch Rolf Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter
Benjamins. Frankfurt a. M. 1965. S. 112 ff.
6 Walter Ben;amin: Einleitung zu Carl Gustav Jochmanns Rückschritten
der Poesie. In: W. B.: Angelus Novus. Ausgewählte Schriften. Bd. 2.
Frankfurt a. M. 1966. S. 360.
7 Vgl. Gadamer, a.a.O., S. 186.
8 A.a.O., S. 187.
9 Jauß zeigt dies am Beispiel Rankes. Vgl. Hans Robert Jauß: Geschichte
der Kunst und Historie. In: H. R. J.: Literaturgeschichte als Provokation.
Frankfurt a. M. 1970. S. 220.
10 A.a.O., S. 221. Die Romane Sir Walter Scotts können nach Jauß als ein
Modell solcher Geschichtsschreibung betrachtet werden. Zur Ästhetisierung
der Geschichte bei Schleiermacher und später auch bei Ranke vgl. Ga-
damer, a.a.O., S. 179 und 199.
11 Vgl. Ben;amins Notizen zu den Thesen über den Begriff der Geschichte
in: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3. Abhandlungen, a.a.O., Anmer-
kungen der Herausgeber. S. 1230 f.
12 Vgl. dazu Reinhard Koselleck: Historia magistra vitae. über die Auf-
Anmerkungen 121

Iösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte. In: Natur


und Geschichte. Kar! Löwith zum 70. Geburtstag. Hg. von Hermann
Braun und Manfred Riede/. Stuttgart 1967. S. 205 ff.
13 A.a.O., S. 204.
14 Benjamin: Fuchs, a.a.O., S. 98.
15 Ders.: BG, a.a.O., S. 969.
16 A.a.O.
17 A.a.O.
18 Marx faßt diese gesellschaftlichen Zustände im Begriff der >>Vorgeschichte
der menschlichen Gesellschaft<< zusammen. Sie steht im Gegensatz zu einer
noch zu erreichenden, wirklichen Geschichte, die von den Gesellschafts-
mitgliedern bewußt und gemeinschaftlich zu gestalten wäre. Vgl. Marx,
a.a.O., S. 9.
19 Vgl. die als >>Neue Thesen<< betitelten Aufzeichnungen Benjamins, welche
der Vorarbeit für seinen Aufsatz >>Über einige Motive bei Baudelaire<<
zuzurechnen sind, a.a.O., S. 1175.
20 Benjamin, BG, a.a.O., S. 695.
21 Mißtrauen gegenüber der Oberlieferung ist daher nach Benjamin ange-
bracht. Vgl. dazu seine Bemerkung zur Lektüre von Baudelaire. Die
Unterweisung in dieser Lektüre sei durch Elemente der bürgerlichen
Gesellschaft geschehen, die nicht eben zu deren fortgeschrittensten zählen.
Kritisches Bewußtsein gegenüber diesem Umstand ist daher die einzige
Chance adäquater Rezeption. Vgl. das Fragment der methodologischen
Einleitung zu Benjamins Arbeit über >>Das Paris des Second Empire bei
Baudelaire<<, das hier nach der Fassung aus dem Frankfurter Benjamin-
Archiv zitiert wird, a.a.O., S. 1166. Es ist unverkennbar, daß Benjamins
Historismuskritik sich nicht deckt mit jener, die der Geschichtsschreibung
des 19. Jahrhunderts gegenüber auf die sinnvollerweise nicht hintergeh-
bare Autorität der Tradition aufmerksam macht. Eine davon ausgehende
Historismuskritik ist im Zusammenhang der existentialphilosophischen
Skepsis gegenüber dem verabsolutierten Methodenideal naturwissenschaft·
licher Provenienz insbesondere von Gadamer ausgeführt worden (vgl. Ga-
damer, a.a.O., Einleitung, S. XXVIII ff.). Die Objektivismuskritik verbin-
det sich hier freilich mit einer Opposition gegen Aufklärung überhaupt
(vgl. bes. a.a.O., S. 259 ff.). Verdächtig macht sich nicht nur das objek-
tivistische Erkenntnisideal des Historismus, sondern wissenschaftliche Me-
thodik schlechthin; dies i. G. zur vorwissenschaftliehen Rezeption des
überkommenen im Horizont des alltäglichen Vollzugs traditionsgebun-
dener Lebenspraxis. (Gadamer spricht in diesem Sinne von einem »Ein-
rücken in ein Uberlieferungsgeschehen«, a.a.O., S. 274 f. Zur Problematik
dieser Entwertung von Aufklärung und Vernunft zugunsten der Autorität
des überlieferten vgl. Jürgen Habermas: Zur Logik der Sozialwissenschaf-
ten. Beiheft 5 zur Philosophischen Rundschau. Tübingen 1967. S. 172 ff.).
22 Siehe dazu Manfred Riede!, der Dilthey in diesem Sinn gegen den undif-
ferenzierten Historismusvorwurf durch Troeltsch und Rickert verteidigt
(M. Riede[: Einleitung zu Wilhelm Dilthey: Der Aufbau der geschicht-
lichen Welt in den Geisteswissenschaften. Frankfurt a. M. 1970. S. 9 ff.).
Auch Habermas liefert in seiner Arbeit >>Erkenntnis und Interesse<< Argu-
mente dagegen, Diltheys Theorie der Interpretation auf das entproblema-
tisierende Modell desengagierter Beobachtung zu reduzieren (J. Haber-
mas: Erkenntnis und Interesse. Frankfurt a. M. 1968. S. 206 ff.).
23 Vgl. seine Schrift: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.
122 Anmerkungen

In: Unzeitgemäße Betrachtungen. In: Friedrich Nietzsche: Werke m 3


Bänden. Bd. 1. Hg. von Kar! Schlechta. München 1954. S. 209 ff.
24 Ben;amin: BG, a.a.O., S. 702.
25 A.a.O., S. 698.
26 A.a.O., S. 699.
27 A.a.O., S. 700.
28 A.a.O.
29 Ben;amin: Fuchs, a.a.O., S. 122.
30 Ders.: BG, a.a.O., S. 701.
31 A.a.O.
32 A.a.O., S. 699.
33 Vgl. zum folgenden bes. die zusammenfassende Darstellung der die bür-
gerliche Gesellschaft grundsätzlich charakterisierenden Kategorien im Ur-
text der Marxschen Schrift >>Zur Kritik der politischen Ökonomie«. In:
K. M.: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Frankfurt, Wien
o. J. s. 905 ff.
34 A.a.O., S. 911.
35 Vgl. zu dieser Herausbildung des bürgerlichen Begriffs von Gesellschaft,
der nachdrücklich abzuheben ist von allen Vorstellungen der Gesellschaft,
die deren Grund und Ordnung außerhalb des menschlichen Willens such-
ten, Habermas: Soziologie. In: Evangelisches Staatslexikon. Hg. von H.
Kunst und S. Grundmann. Stuttgart, Berlin 1966. Co!. 2108 ff.
36 Kar! Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 3. Buch 3.
Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion. In: MEW. Bd. 25.
Berlin 1969. S. 199.
37 Vgl. dazu auch Alfred Schmidt: Geschichte und Struktur. Fragen einer
marxistischen Historik. München 1971.
38 Kar! Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Rohentwurf.
In: K. M.: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, a.a.O., S. 111.
Wenn es bei Benjamin im Zusammenhang mit seiner Kritik am Fort-
schrittsglauben der Sozialdemokratie heißt: >>Es gibt nichts, was die deut-
sche Arbeiterschaft in dem Grade korrumpiert hat wie die Meinung,
sie schwimme mit dem Strom<< (BG, a.a.O., S. 698), so findet diese Kritik
ihre Begründung in der Marxschen Feststellung, daß die individuelle
Existenz des Lohnarbeiters im Kapitalismus nur >>ein Moment der Pro-
duktion und Reproduktion des Kapitals<< bleibt (Marx: Das Kapital Bd.
1, a.a.O., S. 597). Denn das Kapital, das in der bürgerlichen Gesellschaft
letztlich jenen Ablösungsprozeß von der äußeren Natur vorantreibt und
insoweit durchaus gesellschaftlichen Fortschritt bewirkt, setzt sich ent-
sprechend dieser typischen Produktionsform nichts anderes zum Zweck
als die Vermehrung des gesellschaftlichen Werts. Im Kapital ist daher die
Verselbständigung des gesellschaftlichen Reichtums gegenüber den Indi-
viduen inkarniert. Es benötigt die Arbeiter zwar, aber die Kosten für
ihren Lebenserhalt erscheinen ihm nur als möglichst zu beschränkender
Abzug vom akkumulierten Wertprodukt. Wollte man demnach wirklich
von einem Strom sprechen, mit dem die Arbeiterschaft schwimmt, so wäre
es ein Strom, in dem man beständig Gefahr läuft zu ertrinken.
39 Vgl. dazu u. a. Heinz Brüggemann: Literarische Technik und soziale Revo-
lution. Versuche über das Verhältnis von Kunstproduktion, Marxismus
und literarischer Tradition in den theoretischen Schriften Bertolt Brechts.
Reinheck bei Harnburg 1973. S. 184. Er zitiert in diesem Zusammenhang
eine Rede 2danovs auf dem 1. Unionskongreß der Sowjet-Schriftsteller
Anmerkungen 123

(1934), der die Thesen über den Zerfall des kapitalistischen Systems mit
aller wünschenswerten Deutlichkeit wiedergibt.
40 Benjamin: BG, a.a.O., S. 697.
41 Marx selbst scheint ein solches Mißverständnis freilich mitunter nahezu-
legen. So heißt es bei ihm: »Aus den Entwicklungsformen der Produk-
tivkräfte schlagen diese Verhältnisse [die gesellschaftliche Organisations-
form der Naturaneignung, die Produktionsverhältnisse, H. P.] in Fesseln
derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.<< (K.
Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. In: MEW. Bd. 13, a.a.O.,
S. 9.) Vgl. dazu auch Marx über die geschichtliche Tendenz der kapita-
listischen Akkumulation in: Das Kapital. Kritik der politischen Ökono-
mie. Bd. 1. Buch 1. Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: MEW. Bd.
23. Berlin 1969. S. 791, wo von der Aufhebung der kapitalistischen Pro-
duktionsweise geradezu als von einer Tendenz gesprochen wird, die die
>>Notwendigkeit eines Naturprozesses<< habe.
42 Was das u. a. bedeutet, versucht Benjamin in seinem Aufsatz über den
»Sürrealismus<< deutlich zu machen: »Pessimismus auf der ganzen Linie
[ ... ] Mißtrauen in das Geschick der Literatur, Mißtrauen in das Ge-
schick der Freiheit, Mißtrauen in das Geschick der europäischen Mensch-
heit [ ... ) Und unbegrenztes Vertrauen allein in I. G. Farben und die fried-
liche Vervollkommnung der Luftwaffe.<< (W. Benjamin: Der Sürrealismus.
Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz. In: Angelus
Novus, a.a.O., S. 214.)
43 Marx: [Urtext zur Kritik der politischen Ökonomie], a.a.O., S. 945.
44 Vgl. S. 21 der vorliegenden Arbeit.
45 Marx: Das Kapital. Bd. 3, a.a.O., S. 839.
46 Vgl. Schmidt, a.a.O., S. 66. Schmidt akzentuiert diesen Aspekt der Marx-
schen Theorie, der jeder teleologischen oder evolutionistischen Auffassung
von der Geschichte widerspricht, auch in seiner Arbeit über den »Begriff
der Natur in der Lehre von Karl Marx<<. Frankfurt a. M. 1962. Hier
etwaS. 27.
47 Karl Marx/Friedrich Engels: [Zirkularbrief an Bebe), Liebknecht, Bracke
u. a. vom 17./18. September 1879.] In: MEW. Bd. 19. Berlin 1969. S. 164 f.
48 Zu Benjamins frühesten Beschäftigungen mit der Marxschen Theorie
zählt seine Rezeption von Lukacs' Arbeit über »Geschichte und Klassen-
bewußtsein<<. Diese stellt sich die Frage, wie das verdinglichte Bewußtsein
des Proletariats aufgebrochen werden könne. Gegenüber einer vulgär-
marxistischen Umstilisierung des historischen Materialismus zur Vorstel-
lung von der gesetzmäßigen Entwicklung lag Luk<ics daran, ihn als
Theorie zu interpretieren, die auf die Gegenwart als zu gestaltende
Geschichte aufmerksam macht (vgl. dazu die Diskussion in: Geschichte
und Klassenbewußtsein heute. Diskussion und Dokumentation. Amster-
dam 1971. Hier insbes. S. 13). Benjamin hat über das Interesse an Lukacs'
Arbeit in mehreren Briefen berichtet (vgl. bes. den Brief vom 16. 9. 1924
an Schalem in: W. Benjamin: Briefe. Hg. von Gershorn Schalem und
Theodor W. Adorno. Frankfurt a. M. 1966. Bd. 1. S. 355). Auch wenn er
Lukacs' Auffassung über die Partei als Verkörperung des richtigen
Bewußtseins (vgl. Georg Lukdcs: Geschichte und Klassenbewußtsein.
Studien über marxistische Dialektik. Amsterdam 1967. Bes. S. 318, 320)
nicht teilte, so war für ihn doch die zugrunde liegende Frage nach den
Möglichkeiten bewußt herbeizuführender gesellschaftlicher Veränderungen
gleichermaßen von zentraler Bedeutung.
124 Anmerkungen

Wenn demgegenüber Hans Robert ]auß in seinem Aufsatz über die


»Geschichte der Kunst und Historie<< annimmt, Benjamin könne deshalb
entgegen seinem Selbstverständnis kein Marxist gewesen sein, weil >>nach
dem materialistischen Dogma« alles Bewußtsein notwendig von der »ding-
haften geschichtlichen Kontinuität<< bestimmt sei (a.a.O., S. 236), so über-
sieht er, daß bei einem nicht zur Ontologie erstarrten Materialismus sich
dringlich die Frage stellt, wie gerade aufgrund des verdinglichten gesell-
schaftlichen Prozesses eine mit Bewußtsein herbeigeführte Veränderung
möglich sei.
49 Ben;amin: BG, a.a.O., S. 701.
50 Kar! Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW.
Bd. 8. Berlin 1969. S. 116.
51 Ihre Erinnerungen an vergangene politische Zustände hätten daher auch
einen anderen historischen Index als die Imagination eines heroischen
Subjekts, das über einen, von bürgerlichen Verhältnissen uneingeschränk-
ten Handlungsspielraum verfügt. Eine solche Vorstellung findet sich im
Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts (vgl. dazu Heinz Sehtafters
Arbeit >>Der Bürger als Held<<. Sozialgeschichtliche Auflösungen litera-
rischer Widersprüche. Frankfurt a. M. 1973). Sie ist das Derivat der fak-
tischen Aktionshemmung bürgerlicher Intelligenz im Zustand ihrer poli-
tischen Machtlosigkeit (vgl. Wolf Lepenies: Melancholie und Gesellschaft.
Frankfurt a. M. 1969. S. 80 ff.).
52 Marx, a.a.O., S. 115.
53 A.a.O., S. 117. Vgl. dazu Brüggemann, der an dasselbe Zitat die Über-
legung anknüpft, welche Bedeutung Brecht als Marxist vergangeneu kul-
turellen Gebilden zumessen konnte (a.a.O., S. 19).
54 Vgl. die berühmte Stelle in der Einleitung zu den Grundrissen der Kritik
der politischen Ökonomie, a.a.O., S. 30 f; dazu auch die Interpretation
dieser Stelle in dem Aufsatz Gisbert Ter-Neddens: Gibt es eine Ideologie-
kritik ästhetischer Sinngebilde? Typoskript. Erlangen 1973.
55 Zur mangelnden praktischen Tragfähigkeit der ästhetischen Versöhnung
von Natur und Geist bei Schiller und Hege! vgl. Ritters Artikel über
»Ästhetik, ästhetisch<< im >Historischen Wörterbuch der Philosophie<. Hg.
von Joachim Ritter. Bd. 1. Basel 1971. Sp. 567 f. und 575 ff.
56 Vgl. dazu und zu dem damit von Marx selbst indizierten Problem einer
materialistischen Kunsttheorie, das dann deutlich wird, wenn man von
dem theoretischen Desiderat ausgeht, alle Phänomene aus dem Kapital-
begriff ableiten können zu müssen, Rüdiger Bubner: Ober einige Bedin-
gungen gegenwärtiger Ästhetik. In: Neue Hefte für Philosophie. Heft 5.
Göttingen 1973. S. 50 ff.
57 Ben;amin: BG, a.a.O.
58 A.a.O., S. 694.
59 A.a.O., S. 697.
60 Habermas geht von solchen unterschiedlichen Aspekten in der Ge-
schichtstheorie bei Marx und Benjamin aus. Er formuliert die Diffe-
renz aber auf der Grundlage einer keineswegs selbstverständlichen
Rezeption der Marxschen Theorie. Angenommen wird nämlich, Marx
begreife Geschichte evolutionistisch als einen Bildungsprozeß der Men-
schengattung, der auch in Zukunft garantiert sei durch die Entwicklung
technischer Prozesse der Naturaneignung (vgl. Jürgen Habermas: Bewußt-
machende oder rettende Kritik - die Aktualität Walter Benjamins. In:
Zur Aktualität Walter Benjamins. Hg. von Siegfried Unseld. Frankfurt
Anmerkungen 125

a. M. 1972. S. 207). Wenn Habermas überdies bereits vor aller inhalt-


lichen Argumentation bemerkt, daß »Benjamins intellektueller Existenz
[ ... ] soviel Surreales angehaftet« habe, »daß man sie nicht mit unbilligen
Konsistenzforderungen konfrontieren sollte<< (S. 176), dann begibt er
sich in die Gefahr, den von Benjamin selbst behaupteten Zusammenhang
mit dem historischen Materialismus auf der Grundlage eines Vorurteils
als beliebig zu denunzieren. Habermas nimmt Benjamins Theorie freilich
dennoch als ein Korrektiv im Sinne des historischen Materialismus in
Anspruch (S. 219). Die Möglichkeiten, einen solchen Bezug stringent her-
zustellen, müssen aber wegen der vorherigen Selbstentlastung von syste·
matischen Überlegungen hinsichtlich Benjamins Stellung zur Marxschen
Theorie notwendig im dunkeln bleiben (vgl. dementsprechend die Kritik
Gerhard Kaisers in seinem Aufsatz >>Walter Benjamins >Geschichtsphiloso-
phische Thesen<. Zur Kontroverse der Benjamin-Interpretationen<<. In:
G. K.: Benjamin. Adorno. Zwei Studien. Frankfurt a. M. 1974. S. 76).
61 Marx: Grundrisse, a.a.O., S. 28.
62 A.a.O., S. 27.
63 A.a.O.
64 A.a.O., S. 26.
65 A.a.O., S. 376.
66 A.a.O., S. 25.
67 A.a.O., S. 376.
68 A.a.O., S. 25.
69 Dazu auch Helmut Reichelt: Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs
bei Kar! Marx. 2. Auf!. Frankfurt a. M. 1971. S. 134.
70 Benjamin: Einleitung zu Carl Gustav Jochmanns Rückschritten der Poesie,
a.a.O., S. 360.
71 Vgl. Marx: Das Kapital. Bd. 1, a.a.O., S. 183.
72 Ders.: Grundrisse, a.a.O., S. 363.
73 A.a.O., S. 365. Vgl. auch ders.: Das Kapital, a.a.O., S. 591 ff.
74 Ders.: Grundrisse, a.a.O., S. 364.
75 Das ist auch der Zusammenhang, in dem Marx die Notwendigkeit, diese
Grenzen zu berücksichtigen, explizit macht. Vgl. a.a.O., S. 945.
76 Vgl. oben Anm. 38.
77 Marx, a.a.O., S. 365.
78 Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. In: W. B.: Ge-
sammelte Schriften. Bd. 1, 1. h ~ a.a.O., S. 343. Vgl. dazu auch
Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins, a.a.O., S. 116.
79 Benjamin beschreibt diesen Sachverhalt ausführlich in seinem Aufsatz
über den Erzähler (W. Benjamin: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk
Nikolai Lesskows. In: W. B.: Illuminationen, a.a.O., S. 409 ff.). Es soll an
späterer Stelle noch näher darauf eingegangen werden.
80 Benjamin legt sich bezüglich der genauen politischen Bedeutung solcher
Vorstellungsweisen nicht eindeutig fest. Im Zusammenhang mit der Dich-
tung Brechts, die nach Benjamin solche Aktualisierung in Einklang mit
den modernen technischen Möglichkeiten der Wirklichkeitswahrnehmung
bewerkstelligen kann, heißt es lediglich, daß sie ein »Nebenprodukt in
einem sehr verzweigten Prozeß zur Änderung der Welt<< werden könne
(W. Benjamin: Aus dem Brecht-Kommentar. In: W. B.: Versuche über
Brecht. Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1966. S. 34).
81 Vgl. etwa ders.: BG, a.a.O., S. 703.
82 A.a.O.
126 Anmerkungen

83 Alfred Baeumler verweist auf den geistesgeschichtlichen Ursprung der


Monadologie in der Neuzeit. Die Bedeutung dieser Vorstellung liegt
ihmzufolge in der Begründung individualisierender Erkenntnisweisen
im 18. Jahrhundert. Diese sollten sich von den allgemeinen Prinzipien
traditioneller Logik, Metaphysik und Ethik wesentlich unterscheiden,
ohne sich jedoch des Anspruchs auf philosophische Legitimierbarkeit
begeben zu müssen. Mit Leiboizens Konzeption der Monade als indivi-
dueller Substanz und einer Logik, die Zufälliges und Unbekanntes als
zweckmäßig begreifen können müßte (A. Baeumler: Das Irrationalitäts-
problem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts. 2. Auf!. Darm-
stadt 1967. S. 41 ff.), waren wesentliche Voraussetzungen geschaffen ins-
bes. für die Ästhetik des 18. Jahrhunderts, die dieses Problem der philo-
sophischen Geltung eigenständiger, in ihrer Bedeutung verstandesmäßig
unableitbarer Sinnbereiche weiter verfolgt. Benjamin knüpft an diese
philosophische Tradition, wie schon die Begriffswahl zeigt, an (vgl. auch:
ders.: Ursprung des deutschen Trauerspiels, a.a.O., S. 228).
84 ders.: BG, a.a.O., S. 694.
85 A.a.O., S. 703.
86 A.a.O., S. 695.
87 Bei Leibniz steht die Monadologie im Zusammenhang mit der Theodizee.
In den Monaden ist der zweckmäßige Kontext, den noch die unschein-
barsten Dinge repräsentieren, durch die von Gott verbürgte >>prästabi-
lierte Harmonie<< gegeben (vgl. dazu Gottfried Wilhelm Leibniz: Zur
prästabilierten Harmonie und ders.: Monadologie. In: G. W. L.: Haupt-
schriften zur Grundlegung der Philosophie. Bd. 2. Hg. von Ernst Cas-
sirer. 3. Auf!. Harnburg 1966. Bes. S. 272 ff. und ders.: Monadologie,
a.a.O., S. 444 ff.). Die Absicht einer Theodizee im Leibnizschen Sinne hat
Benjamin freilich nicht. Ihm geht es um die »wahre, schöpferische Ober-
windung religiöser Erleuchtung [ ... ] Sie liegt in einer profanen Erleuch-
tung einer materialistischen [... ] Inspiration<< (vgl. Benjamin: Der Sür-
realismus, a.a.O., S. 202).
88 Ders.: BG, a.a.O., S. 693.
89 Wenn Kittsreiner in seinem Aufsatz über »Die >Geschichtsphilosophischen
Thesen<<< den Sinn der 1. geschichtsphilosophischen These so versteht,
daß ihmzufolge »der historische Materialist [... ] der Ge"enwart als
Marxist<< gegenübertreten solle und »der Vergangenheit als Theologe des
Eingedenkens<< (Heinz-Dieter Kittsteiner: Die »Geschichtsphilosophischen
Thesen<<. In: Alternative 10 (1967), S. 250), so ist damit eine Arbeits-
teilung zwischen Theologie und Marxismus hinsichtlich des Aufgaben-
bereiches unterstellt, die am Entscheidenden vorbeigeht. Verfehlt wird
nämlich gerade die aktuelle Bedeutung theologisch gestützter Interpre-
tationsergebnisse für das Geschichtsverständnis.
90 Benjamin konnte sie nicht kennen. Die »Grundrisse der Kritik der poli-
tischen Ökonomie<< etwa wurden erst 1939 und 1941 veröffentlicht.
91 Die Bedeutung der Theologie für Benjamin zeigt sich besonders an seiner
im Frühwerk explizierten Sprachphilosophie. In sie geht der Gedanke an
eine ursprüngliche und vollendete Welt ein, die es als Schöpfung durch
das Gotteswort ermöglicht, den Dingen in ihrer totalen Individualität
gerecht zu werden. Der Mensch hat in Adam die Aufgabe übertragen
bekommen, diese Schöpfung durch die Konkretheit der Namengebung
zu vollenden. Er verfehlt aber diese Aufgabe mit seiner signifikativen,
die Dinge beurteilenden Sprache und subsumiert damit die Welt unter
Anmerkungen 127

die Herrschaft der willkürlichen Bezeichnungen (vgl. Walter Ben;amin:


über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. In: W. B.:
Angelus Novus, a.a.O., S. 9 ff. Dazu Burkhardt Lindner: >>Natur-Ge-
schichte<<. Geschichtsphilosophie und Welterfahrung in Benjamins Schrif-
ten. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft 31/32. München
1971. S. 56, Anm. 2 und Hans Heinz Holz: Philosophie als Interpreta-
tion. Thesen zum theologischen Horizont der Metaphysik Benjamins. In:
Alternative 10 (1967), S. 236 ff.). Die geschichtliche Entwicklung produ-
ziert demnach das Leid der Abstraktion von der Individualität der Dinge
und Menschen. Eine Hermeneutik der geschichtlichen Welt hätte dagegen
die Phänomene in ihrem konkreten Bedeutungsgehalt zu rekonstruieren,
welcher sich von den gängigen Begriffen her gesehen unscheinbar aus-
nimmt (vgl. Holz, a.a.O., S. 238 f. - Liselotte Wiesenthais Arbeit über
die »Wissenschaftstheorie Walter Benjamins<< macht es sich zur Aufgabe,
Benjamins Sprachphilosophie in den Zusammenhang einer, für sein gan-
zes Werk konstitutiven Erkenntnistheorie zu bringen (L. Wiesenthal:
Zur Wissenschaftstheorie Walter Benjamins. Frankfurt a. M. 1973. S. 75 ff.).
Dieser Untersuchung zufolge ist . sie die metaphysische Voraussetzung
einer solchen Erkenntnistheorie und liefert ihr das Modell einer Utopie
(S. 205) der totalen Einheit von Interpretationssprache und phänomenaler
Realität (S. 79). So soll dem Unrecht begegnet werden, das abstrakte
Begrifflichkeit dieser Realität antut.
92 Vgl. Ben;amin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1232.
93 Aus der Kontinuität der früher nicht auf die Marxsche Theorie bezoge-
nen Spekulationen kann daher noch nicht auf deren Unvereinbarkeit
mit dieser Theorie geschlossen werden. Scholem ist demgegenüber der
Meinung, daß grundsätzlich Benjamins »wirkliches Denkverfahren [... ] mit
seinem vorgegebenen materialistischen<< gar nicht zur Deckung gebracht
werden könne. Eine solche Auffassung bleibt jedoch wegen der Unklar-
heit über das zugrunde liegende Marxverständnis unkontrollierbar und
systematisch belanglos. Dies äußert sich, wenn im selben Zusammenhang
ohne weitere Stellungnahme gesagt wird, daß es von dieser Theorie »SO
himmelweit verschiedene Interpretationen<< gebe, »daß man heute im
Grunde alles darin unterbringen kann<< (Gershom Schalem: Walter Benja-
min. In: über Walter Benjamin. Frankfurt a. M. 1968. S. 149). Vgl. zu
Scholems Einschätzung der Relevanz des Marxismus für Benjamin auch
ders.: Walter Benjamin und sein Engel. In: Zur Aktualität Walter Ben-
jamins, a.a.O., insbes. S. 88. Zur Bedeutung der Scholemschen Arbeiten
für die Erhellung von Benjamins theologischem Interpretationsmotiv
hingegen vgl. unten Abschnitt II. 1d der vorliegenden Untersuchung. -
Mit anderem Argumentationsziel, aber ebenfalls ohne Bereitschaft, Ben-
jamins Bezug auf die Marxsche Theorie tiefergehender Überlegungen für
wert zu erachten, äußert sich Hannah Arendt: » [... ] für Benjamin, der
diese Lehre nur als heuristisch-methodische Anregungen benutzte, blieben
die historischen wie die sachlich-philosophischen Hintergründe ohne Be-
lang.<< (H. Arendt: Walter Benjamin. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift
für europäisches Denken 22 (1968), S. 59.) Hannah Arendt nimmt frei-
lich auch Benjamins Verhältnis zur jüdischen Theologie nicht ernst (a.a.O.,
S. 220), wie sie überhaupt die philosophische Bedeutung von Benjamins
Werk, mit Ausnahme der erkenntniskritischen Vorrede zum Trauerspiel-
Buch bestreitet (vgl. S. 58 f.). Die Thesen über den Begriff der Geschichte
etwa, eine der zentralen Schriften in Benjamins Spätwerk, erscheinen ihr
128 Anmerkungen

daher überhaupt vernachlässigbar (vgl. zur Kritik an dieser Auffassung


Kaiser, a.a.O., S. 6 f., Anm.).
Anders Kaiser. Auch er versucht in seinem Benjamin-Essay Gründe gegen
die Identifikation von Benjamins Argumentationsposition mit einer mar-
xistischen geltend zu machen, aber auf der Grundlage einer eingehenden
Interpretation der Thesen über den Begriff der Geschichte. Er wendet
sich dabei zu Recht gegen die Vereinnahmung Benjamins als marxistischen
Autor um den Preis der Entschärfung des Gegensatzes von Marxscher
Theorie und Benjamins theologischem Motiv in jenen geschichtsphiloso-
phischen Thesen. Kaiser beansprucht im Gegensatz zu Scholem und
Arendt, das Verhältnis von historischem Materialismus und theologisch
inspirierter Geschichtsphilosophie bei Benjamin als ein Verfahren der
bewußten »Aushöhlung« (a.a.O., S. 24, Anm. 58) grundlegender Kate-
gorien der Marxschen Theorie zu erklären. Dies i. G. zu den anderen
Autoren mit dem Anspruch, ein differenziertes Verständnis des histo-
rischen Materialismus zugrunde zu ~ Dieser erliege, wie es in An-
lehnung an ein sachlich freilich zweifelhaftes Adorno-Zitat heißt, ebenso
wie die Hegeische Philosophie der »Vergottung der Geschichte« (S. 23),
weil "für Marx und Hege! [... ] der Geschichtsprozeß auf eine immanente
Vollendung notwendig zuschreitet« (S. 24). Benjamin, der »den Sieg des
Sozialismus [ ... ] von den Entscheidungen der kämpfenden unterdrück-
ten Klasse abhängig macht [ ...], die nicht objektiv nach sozio-ökono-
mischen r r ~ abgeleitet werden können (S. 23 f., Anm. 58), greife
damit die Fundamente Marxscher Theorie an (S. 23, Anm. 58). (Gegen-
über der >marxistischen Siegesgarantie< für die Arbeiterklasse führt Kai-
ser übrigens Benjamins 12. geschichtsphilosophische These ins Feld (S. 29),
in der Benjamin mit Marx' eigenen Argumenten dem sozialdemokra-
tischen Fortschrittsbegriff opponiert.) Ein solches Marxverständnis hält
sich offenbar nicht bei der Frage auf, wie Marx unorthodox interpretiert
werden könnte, welche Lücken sich in seiner Theorie auftun, um Benja·
mins Geschichtsphilosophie dazu in Beziehung setzen zu können.
94 Benjamin: BG, a.a.O., S. 695.
95 Vgl. die Notizen und Vorarbeiten zu den Thesen Ȇber den Begriff der
Geschichte« u. a. a.a.O., S. 1238 u. 1248.
96 »Grundlegende Aporie: ·Die Tradition als das Diskontinuum des Gewese-
nen im Gegensatz zur Historie als dem Kontinuum der Ereignisse<.«
(a.a.O., S. 1236).
97 Wiesenthai läßt in ihrem Buch »Zur Wissenschaftstheorie Walter Benja-
mins<< dieses Spannungsverhältnis außer acht, das im Spätwerk Benjamins
zwischen einer generalisierenden Geschichts- und Gesellschaftstheorie und
der Interpretation von Phänomenen besteht, deren aktuelle Bedeutung
gegenüber dem Allgemeingültigen erst zu erweisen wäre. Sie geht im
Rekurs auf die erkenntniskritische Vorrede des Trauerspiel-Buches davon
aus, daß Benjamin an einer Erkenntnis gelegen sei (a.a.O., S. 184), die i. G.
zur historischen Oberholbarkeit des aktuell Geltenden den ewigen Wahr-
heitsgehalt bestimmter, dafür geeigneter Phänomene erweisen wolle (S.
186). Ohne Zweifel ist damit der kategoriale Status des theologisch indu-
zierten Sachverständnisses und damit des Interesses an der Aktualisier-
barkeit historischer Phänomene jenseits ihrer Entwertung durch den fort-
schreitenden Gang der Geschichte genau bezeichnet. Dies im Unterschied
zü einer Geschichtswissenschaft, die sich gerade den Nachweis der Ober-
holbarkeit ihrer Gegenstände zur Aufgabe macht. Sehr fragwürdig ist es
Anmerkungen 129

aber, angesichts von Benjamins Spätwerk und insbesondere der geschichts-


philosophischen Thesen, das Bestreben solcher monadologischen Erkennt-
nis als das für Benjamin ausschließlich relevante und unproblematische
Programm einer subjektunabhängigen Interpretationsstrategie aufzufas-
sen, die der Geschichte und damit auch dem geschichtlich bestimmten
Interesse des Interpreten enthoben sei (S. 184). Ausdrücklich hebt Benja-
min das politische Motiv hervor, die Aktualität des Vergangeneo i. G.
zu desengagierter Beobachtung und Analyse aufzuzeigen, um sie für die
Lösung gegenwärtig anstehender historischer Aufgaben fruchtbar zu
machen. Damit sind zwar Interpretationsweisen in ihr Recht gesetzt,
die die Zuständigkeit der Marxschen Theorie überschreiten. Zugleich aber
wird darauf verwiesen, daß die so zustande gekommenen Einsichten, wenn
ihrer Bedeutung tatsächlich Rechnung getragen werden soll, in einen, wie
immer auch spannungsreichen Bezug zu eben dieser Theorie gebracht
werden müssen. Die von Wiesenthai vorgenommene Entproblematisie-
rung aktualisierender Erkenntnisabsichten gründet in der nicht hinrei-
chend differenzierenden Übertragung der erkenntniskritischen Kategorien
aus Benjamins Barock-Buch auf seine späteren Schriften. Darauf soll unten,
Abschnitt II. 4. Exkurs, der vorliegenden Arbeit etwas näher eingegangen
werden.
98 Eine Form historischer Hermeneutik ist dabei gemeint, die sich von dem,
was in einem jüngeren Versuch zur >>materialistischen Hermeneutik« dar-
unter verstanden wird, wesentlich unterscheidet (vgl. Hans Jörg Sand-
kühler: Zur Begründung einer materialistischen Hermeneutik durch die
materialistische Dialektik. In: Das Argument 14 (1972), S. 977-1005).
Wenn dort nämlich von Hermeneutik im Sinne des >logisch korrigierten
Spiegelbildes der historischen Genesis< von Gesellschaft und Bewußtsein
die Rede ist (a.a.O., S. 992), so meint dies wohl jene Form historischer
Forschung, die Marx im Zusammenhang mit ihren Voraussetzungen im
Wissen um die Logik der bürgerheben Gesellschaft behandelt. Für sie
gilt aber bezüglich der jeweiligen historischen Vorbedingungen kapita-
listischer Produktionsweise, daß sie zeigt, wie diese im Dasein der Pro-
duktionsweise insofern aufgehoben wird, als es sie schließlich selbst her-
vorbringt. Das »Unzeitige«, das Benjamin meint und das nicht grund-
legend für die Gesellschaft im oben explizierten Sinne ist, betrachtet sie
nicht. Wenn an anderer Stelle im gleichen Aufsatz davon die Rede ist,
daß eine solche Hermeneutik auch die Verarbeitung objektiver Realität im
konkreten subjektiven Bewußtsein erfassen müsse (S. 997), und zwar so,
daß darin das Konkrete und Einmalige (S. 1001) deutlich werde, so wird
nicht berücksichtigt, daß eben eine solche empirische Einmaligkeit von der
Marxschen Darstellung ex definitione in der Rückführung auf das zu-
grunde liegende Allgemeine vernachlässigt werden müßte. Sie stellt die
für die bürgerliche Gesellschaft charakteristischen Kategorien vor und
bezieht historische Phänomene darauf, ebenso wie sie aus jenen die typi-
schen Vorstellungsformen über diese Gesellschaft entwickelt. Das empi-
rische Faktum des einzelnen Bewußtseins in seiner unvergleichlichen Be-
sonderheit hingegen liegt wie jene unscheinbaren Phänomene, die Ben-
jamin im Auge hat, außerhalb des Erklärungsbere,ichs dieser Theorie.
Benjamin thematisiert mit seiner explizit unorthodoxen Vorstellung von
der »Monade« als Resultat historischer Betrachtung genau diese Differenz
zur allgemeinen Theorie.
130 Anmerkungen

11. Ober Charles Baudefaire

1 Vgl. den Brief an Schalem vom 23. 4. 1928. In: Walter Benjamin: Briefe.
Bd. 1, a.a.O., S. 470.
2 Vgl. zum Gesamtplan, wie er sich Benjamin 1935 darstellte, das Expose
über >>Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts«. In: Illuminationen,
a.a.O., S. 185-200.
3 Damit ist zum einen die Arbeit »Das Paris des Second Empire bei Bau-
delaire<< gemeint, die 1938 geschrieben wurde und deren drei Abschnitte
die Titel »Die Boheme<<, »Der Flaneur<< und »Die Moderne<< tragen. Dem
folgt zum anderen der 1939 geschriebene Essay Ȇber einige Motive bei
Baudelaire<<. (Zum Streit über die Gründe dafür, wie diese Fassung der
Baudelaire-Arbeit zustande gekommen sei vgl. zusammenfassend das
Referat von Burkhardt Lindner in: B. Lindner: Kommentierende über-
sieht zur Lebens- und Wirkungsgeschichte Benjamins. In: Text und Kri-
tik, a.a.O., S. 86 ff. Das Institut für Sozialforschung, von dem Benjamin
materiell abhängig war, und vor allem Adorno wurden nämlich ver-
dächtigt, Benjamin zur Abfassung dieses Aufsatzes gegen seine sachliche
Oberzeugung veranlaßt zu haben.) Neben brieflichen Äußerungen und
dem bereits genannten Expose existieren zudem zahlreiche Aufzeichnun-
gen zum seihen Gegenstand, die nicht die Form einer abgeschlossenen
Arbeit gefunden haben. Dazu gehören neben den Aphorismen, die unter
dem Titel »Zentralpark« veröffentlicht wurden, zahlreiche Notizen, Kon-
spekte, Brouillons etc., welche im Apparat zum 1. Bd. der Gesammelten
Schriften aus dem Nachlaß veröffentlicht wurden (vgl. Bd. 1, 3 dieser
Ausgabe, a.a.O., S. 1064-1222). Die übrigen, noch unveröffentlichten
Notizen und Entwürfe zur Passagenarbeit konnten für die vorliegende
Arbeit nicht herangezogen werden.
4 Vgl. den Brief Benjamins an Horkheimer vom 16. 4. 1938, a.a.O., S. 750.
5 Zitiert wird im allgemeinen nach der Ausgabe der Gesammelten Schrif-
ten, Bd. 1, 2, a.a.O., S. 511-604. - Rosemarie Heise veröffentlichte
1971 die in Potsdam erhaltene handschriftliche Vorstufe der 1969 in
Frankfurt nach dem später korrigierten Typoskript edierten Arbeit.
(Vgl. W. B.: Das Paris des Second Empire bei Baudelaire. Hg. von Rose-
marie Heise. Berlin, Weimar 1971.) Zu den Abweichungen beider Fas-
sungen vgl. Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1159 ff.
Von den Vorarbeiten der Typoskriptfassung werden in dieser Unter-
suchung insbes. die einleitenden methodologischen Bemerkungen zum
Baudelaire-Essay herangezogen.
6 Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 586.
7 A.a.O. Vgl. zu Baudelaires Mißtrauen gegenüber dem Fortschrittsglauben,
welcher bei Verhaeren herrscht: Benjamin: Zentralpark. In: W. B.: Ge-
sammelte Schriften. Bd. 1, 2, a.a.O., S. 683.
8 A.a.O., S. 587.
9 Zitiert nach Benjamin, a.a.O.
·10 Vgl. zur »Querelle des Anciens et des Modernes<< in Frankreich, in deren
Verlauf solche Positionen vertreten wurden, Jauß' Arbeit über »Litera-
rische Tradition und gegenwärtiges Bewußtsein der Modernität<<. In: H.
R. ]auß: Literaturgeschichte als Provokation, a.a.O., hier bes. S. 29.
11 Vgl. ]auß, a.a.O., S. 38.
12 Hierzu Jauß in seinem Aufsatz über »Das Ende der Kunstperiode -
Anmerkungen 131

Aspekte der literarischen Revolution bei Heine, Hugo und Stendhal,,,


a.a.O., S. 114 ff.
13 ]auß, a.a.O., S. 115.
14 A.a.O., S. 119.
15 A.a.O., S. 119 ff.
16 A.a.O., S. 120.
17 A.a.O., S. 123.
18 Vgl. zu Stendhal und Baudelaire: ]auß: Literarische Tradition und
gegenwärtiges Bewußtsein der Modernität, a.a.O., S. 50 ff.
19 ]auß: Das Ende der Kunstperiode, a.a.O., S. 129.
20 Reinhard Kaselleck hat diese Erfahrung einer sich beschleunigt wan-
delnden Geschichte im 19. Jahrhundert an Lorenz von Stein exempla-
risch untersucht. Vgl. seine Arbeit »Geschichtliche Prognose in Lorenz v.
Steins Schrift zur preußischen Verfassung«. In: Der Staat. Zeitschrift
für Staatslehre, öffentliches Recht und Verfassungsgeschichte 4 (1965), S.
469 ff. (Siehe entsprechend ders.: Historia magistra vitae, a.a.O., S.
210 f.) - In den Begriff der Moderne bei Heine und den Jungdeutschen geht
dieselbe Erfahrung ein. Moderne bezeichnet hier nicht mehr wie noch
in der Goethe-Zeit eine historisch umfassende, einheitliche Epoche, die
als die christliche der Antike gegenübergestellt wird. Die beständige
Entwertung des Gegenwärtigen läßt einen solchen integralen Epochen-
begriff nicht mehr zu. Modern heißt nur mehr das jeweils aktuell Gül-
tige und morgen schon überholte. Vgl. dazu auch Fritz Martini: Modern,
Die Moderne. In: Merker-Stammler: Reallexikon der Deutschen Literatur-
geschichte. 2. Auf!. Bd. 2. S. 402 ff.
21 Stendhal grenzt sich in einem Essay ausdrücklich von Scott ab. Siehe
]auß, a.a.O., S. 138.
22 A.a.O., S. 133.
23 Ben;amin, a.a.O., S. 585 f.
24 Jauß wirft dieser Baudelaire-Interpretation Benjamins Einseitigkeit vor.
über dem >>Zeugnis für das denaturierte Dasein der großstädtischen
Masse« übersehe sie die Kehrseite der historischen Entwicklung: die »neue
Produktivkraft des Menschen [ ... ], von der Baudelaires Großstadtdich-
tung und Theorie der Modernität ein nicht minder bedeutendes Zeugnis
ablegt« (Jauß: Literarische Tradition und gegenwärtiges Bewußtsein der
Modernität, a.a.O., S. 58). Die ästhetische Erfahrung vom transitorischen
Charakter alles Wahrgenommenen wäre demnach nicht primär als die
Feststellung der Bedeutungslosigkeit der flüchtigen Erscheinungen und
mit ihr der ausweglosen Krise moderner Wirklichkeitserfahrung zu ver-
stehen, sondern als der Versuch, die Schönheit des Transitorischen zu
gestalten und das zeitlich Bedingte als würdigen Gegenstand der Dich-
tung der klassizistischen Tradition entgegenzuhalten (a.a.O., S. 59 ff.).
Die Antike wäre dann im Werk Baudelaires nicht die klassische Antike
als der Bilderfundus für die Allegorien der Todverfallenheit, sondern
bezeichnete die »antiquite« und mithin die Dignität der modernen
»beaute fugitive«, deren die ästhetische Erfahrung genußvoll innewird. -
über Jauß' Alternativ-Interpretation sei hier jedoch nicht an Hand des
Selbstverständnisses Baudelaires entschieden. Vielmehr sollen die ge-
schichtsphilosophischen Intentionen, die Benjamin mit seiner Deutung
verfolgt, im weiteren auf ihre immanente Konsistenz befragt werden,
um so ihre Problematik und ihre Leistung zu verdeutlichen.
132 Anmerkungen

25 Maximen und Reflexionen, ztttert nach Benjamin: Ursprung des deut-


schen Trauerspiels, a.a.O., S. 338.
26 A.a.O.
27 Der nach Benjamin schon bei Creuzer und Görres gegenüber der klas-
sischen Tradition angedeutet ist (a.a.O., S. 340 ff.).
28 A.a.O., S. 343.
29 A.a.O., S. 246.
30 Zu Luk.dcs' Vorstellung von realistischer Gestaltungsweise vgl. u. a. seinen
Essay >>Es geht um den Realismus•. In: G. L.: Essays über den Realismus.
Berlin 1945. S. 128 ff. Zur Position, die Lukacs in der damaligen kultur-
politischen Auseinandersetzung bezog, vgl. neben Werner Mittenzwei:
Marxismus und Realismus. Die Brecht-Lukacs-Debatte. In: Das Argu-
ment. Berliner Hefte für Probleme der Gesellschaft 10 (1968), S. 12 ff.
insbes; Helga Gallas' Arbeit über ~ r ch Literaturtheorie. Kontro-
versen im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller•. Neuwied,
Berlin 1971.
31 Benjamin selbst geht auf Hege! im Zusammenhang der Auseinander-
setzung mit der klassizistischen Kunstauffassung nicht näher ein. ~r
registriert freilich, daß Hege! nicht nur das Ideal des Kunstschönen als
Auffassung des Wesens in der Erscheinung, als sinnliches Scheinen der
Idee· (Georg Wilhelm Friedrich Heget: Vorlesungen über die Ästhetik.
Bd. 1. In: G. W. F. H.: Werke. Bd. 13. Hg. von Eva Moldenhauer und
Kar! Markus Michel. Frankfurt a. M. 1970. S. 151) gefaßt hat, sondern
zugleich auch die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Ideals, die »klas-
sische Kunstform• selbst, an bestimmte historische Voraussetzungen ge-
bunden sah. Diese Voraussetzungen sind nach Hege! in der heutigen
Welt, unter den >gegenwärtigen, prosaischen Zuständen< (vgl. a.a.O., S.
253 ff.), nicht mehr erfüllt. »Das Individuum« nämlich, wie es in dieser
Welt des Alltäglichen und der Prosa existiert, ist »nicht aus seiner eigenen
Totalität tätig und nicht aus sich selbst, sondern aus anderem verständ-
lich. Denn der einzelne Mensch steht in der Abhängigkeit von äußeren
Einwirkungen, Gesetzen, Staatseinrichtungen, bürgerlichen Verhältnis-
sen, welche er vorfindet und sich ihnen [ ... ] beugen muß« (a.a.O., S.
197 f.). Dem entspricht nach Hege!, daß heute die Kunst nicht mehr die
höchste Auffassung der Wahrheit sein könne (vgl. etwa a.a.O., S. 24).
Benjamin zitiert diese Stelle (W. Ben;amin: Das Kunstwerk im Zeit-
alter seiner technischen Reproduzierbarkeit [Zweite Fassung]. In: W. B.:
Gesammelte Schriften. Bd. 1, 2, a.a.O., S. 483, Anm. 10). (Der Kunst-
werk-Aufsatz wird übrigens hier und im folgenden nach der späteren
Fassung zitiert, die gegenüber der ersten verändert und ergänzt wurde.
Vgl. dazu die Anmerkungen der Herausgeber in: W. B.: Gesammelte
Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1032.)
32 Lukdcs: Ästhetik. 4. Teil. Neuwied, Darmstadt 1972, S. 141 ff.
33 A.a.O., S. 165 ff.
34 Der Frage kann hier nicht weiter nachgegangen werden, wie eine dezi-
diert antievolutionistische Geschichtsauffassung, die gerade von der Kri-
tik an der Vorstellung eines naturwüchsigen Obergangs in den Sozialis-
mus ausgeht, dennoch zu einem Kunstbegriff kommen kann, der eben
eine solche Auffassung von der Garantie gesellschaftlicher Höherent-
wicklung impliziert. Es sei hier nur angedeutet, daß sich schon in
Lukacs' früherer Schrift über »Geschichte und Klassenbewußtsein« trotz
ihrer eigentlich antievolutionistischen Tendenz zugleich auch eine solche
Anmerkungen 133

gegenläufige Vorstellung von der Geschichte abzeichnet. Die Partei näm-


lich wird gegenüber dem entfremdeten und keinen Fortschritt gewähr-
leistenden Bewußtsein des Proletariats zum Garanten der historischen
Vernunft stilisiert (vgl. dazu ••Geschichte und Klassenbewußtsein heute.
Diskussion und Dokumentation<<. Amsterdam 1967, bes. S. 21 ff.). Ben-
jamin selbst geht im Zusammenhang mit kunsttheoretischen Fragen
nicht näher auf dieses Problem ein.
35 Vgl. seinen Aufsatz ••Über den affirmativen Charakter der Kultur<<. In:
H. Marcuse: Kultur und Gesellschaft. Bd. 1. Frankfurt a. M. 1968, insbes.
s. 71 ff.
36 Vgl. a.a.O., S. 82 f. und S. 88 f.
37 A.a.O., S. 89.
38 Vgl. a.a.O., S. 98 ff.
39 Habermas hat auf diesen Unterschied zwischen Benjamins und Marcuses
Kunst- und Kulturbegriff aufmerksam gemacht. Vgl. J. Habermas: Be-
wußtmachende oder rettende Kritik, a.a.O., bes. S. 182 f.
40 Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 584 und S. 593.
41 Vgl. dazu auch die entsprechenden zeitgenössischen Erfahrungen und
Überlegungen, die von Benjamin a.a.O., S. 589 ff. angeführt werden.
42 A.a.O., S. 584.
43 A.a.O., S. 570.
44 A.a.O., S. 570 f.
45 Vgl. zum antiken Heros und zum Begriff des Vorsatzes Hege!: Grund-
linien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft
im Grundrisse. In: G. W. F. H.: Werke, a.a.O., Bd. 7. §§ 115 ff. (= S.
215 ff.).
46 Benjamin, a.a.O., S. 573.
47 Benjamin zitiert auch hier Marxens Kritik des Gothaer Programms
(a.a.O., S. 574).
48 A.a.O., S. 600.
49 »Flaneur, Apache, Dandy und Lumpensammler<< sind nach Benjamin für
Baudelaire solche Spielformen (a.a.O.). Zu Baudelaires Heroismus und
Dandyismus als bouffonerie vgl. die Ausführungen Sebastian Neumeisters
in seiner Arbeit »Der Dichter als Dandy. Kafka. Baudelaire. Thomas
B r h r ~ München 1973. S. 55 ff. und S. 66 ff.
50 Benjamin, a.a.O., S. 602.
51 Baudelaire, zitiert nach Benjamin, a.a.O., S. 535.
52 Vgl. unten S. 48 ff.
53 In diesem Zusammenhang muß berücksichtigt werden, daß ein solcher
Erfahrungsgehalt durch die herrschende Rezeptionsgeschichte verdeckt
ist. Benjamin verweist in .der genannten methodologischen Einleitung
zur früheren Fassung der besprochenen Baudelaire-Arbeit darauf, »daß
wir in der Lektüre von Baudelaire eben durch die bürgerliche Gesell-
schaft sind unterwiesen worden und zwar schon seit recht langem nicht
eben von ihren fortgeschrittensten Elementen. Das Mißtrauen gegen
diese Unterweisung stellt eben darum die beste Chance für die Lektüre
im Baudelaire dar.<< (Benjamins methodologische Einleitung zur frühen
Fassung seiner Arbeit über »Das Paris des Second Empire bei Baude-
laire<<, a.a.O., S. 1166.)
Beispiele für die Artikulation solchen Mißtrauens gegen die Oberlieferungs-
geschichte gab Benjamin schon früher und bezogen auf andere Interpre-
tationsgegenstände. - Gemeint ist Benjamins Auseinandersetzung mit
134 Anmerkungen

den Vertretern der zu seiner Zeit einflußreichen George-Schule. In seinem


Aufsatz über >>Goethes Wahlverwandtschaften<< wendet sich Benjamin
gegen Gundolfs Buch über Goethe. Er wirft ihm die Nähe zu einer Auf-
fassung vom Dichter vor, die diesen als wirklichen Helden verherrlicht
(vgl. Benjamin: Goethes Wahlverwandtschaften. In: W. B.: Gesammelte
Schriften. Bd. 1, 1, a.a.O., S. 155 ff.). >>Werk und Leben<< erscheinen in einer
Einheit, die eigentlich nur die Leistung des Heros in der mythischen Welt
ermöglichte (a.a.O., S. 157). Die Interpretation führt so zum Dichter als
einem Schöpfer und verweist nicht auf die Geschichte, in der er steht.
Sein Leben wird zu seinem eigenen Werk, und die in diesem Leben ent-
stehenden Kunstwerke sind Geschöpfe eines autonomen Genius', nicht
Gebilde, die selbst aus ihrem historischen Dasein heraus zu begreifen
wären (a.a.O., S. 159 f.). Die geschichtliche Lebenswelt ist bloßer Hinter-
grund und bloßes Material dieses hervorragenden Schöpfertums. Die Nie-
derungen des gewöhnlichen Daseins sind mit der Darstellung somit ver-
lassen (vgl. a.a.O., S. 156 f.), der Interpret befindet sich gleichsam im Ge-
spräch mit den vergangenen, heroischen Geistern über die Zeitenferne hin-
weg. (Vgl. auch Benjamins Rezension >>Wider ein Meisterwerk. Zu Max
Kommerell, ,Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik<<<. In: W. B.:
Gesammelte Schriften. Bd. 3. Kritiken und Rezensionen. Hg. von Hella
Tiedemann-Bartels. Frankfurt a. M. 1972. S. 254.) - Den Verfall der
George-Schule, der Gundolf und Kommerell zuzurechnen sind, dokumen-
tiert Benjamin in seiner Rezension eines Buches von Peter Klassen über
Baudelaire. Sie trägt den Titel >>Baudelaire unterm Stahlhelm<<. ([Rezension
von Peter Klassen: Baudelaire. Welt und Gegenwelt. Weimar 1931.] In:
W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 3, a.a.O., S. 303 f.) Das Buch zeigt nach
Benjamin, zu welchen Ergebnissen die schlechtesten Vertreter dieser
Schule gelangen konnten, wenn sie an die Gedanken ihrer besseren Reprä-
sentanten anknüpften. In seiner Besprechung nämlich von Kommerells
Buch über die deutsche Klassik sieht Benjamin den Ausfall der realen
Geschichte in dem Versuch begründet, einem geheimen deutschen Geist
nachzuspüren (a.a.O., S. 259). Dieses geheime Deutschland sei eine der
nützlichen Vorstellungen, die für das offizielle Deutschland ihre Funktion
verrichten. Denn die wirklichen schlechten Verhältnisse werden durch
Mythenbildung verdeckt. Der Stahlhelm ist das Sinnbild für die Konse-
quenz aus einer solchen unbegriffenen Geschichte. Dem entspricht letztlich
Klassens Vereinnahmung Baudelaires für eine martialisch-aggressive Welt-
anschauung. Sein Buch macht für Benjamin unverhohlen offenbar, was
sich bei einem der besten Vertreter der George-Schule andeutet. Und
wenn diese Form der Heroisierung des Dichters auch nicht entscheidend
gewesen ist für die Unterrichtung in der Rezeption des Baudelaire, so
zeigt sich doch, worauf die herrschende Rezeption hinauslaufen kann und
was in ihr verschüttet wird, wenn sie Baudelaires Werk nicht in seinem
geschichtlichen Erfahrungsgehalt zu verstehen lehrt.
54 Es sind dies die Besprechungen von Chenus >>Les conspirateurs<< und Lucien
de Ia Hoddes »La naissance de Ia Republique en fevrier 1848<< sowie
»Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte<<.
55 Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 513 ff.
'i6 A.a.O., S. 522.
57 Zitiert nach Benjamin, a.a.O., S. 518.
58 Zitiert nach Benjamin, a.a.O., S. 515.
59 A.a.O., S. 519.
Anmerkungen 135

60 A.a.O.
61 A.a.O., S. 516.
62 Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, a.a.O., S. 115 ff.
63 Es ist bezeichnend für die Boheme, daß aus ihren Reihen mit Blanqui
ebenso der schärfste Gegner dieser Herrschaft kommt. Die Boheme ist
politisch nicht festgelegt, und auch die politische Opposition selbst ist
nach Marx' und Benjamins Darstellung als bloßer Putschismus nicht frei
von jenem ästhetischen Verhalten zur sozialen Umwelt.
64 Benjamin, a.a.O., S. 516.
65 Zitiert nach Benjamin, a.a.O., S. 526.
66 A.a.O., S. 526.
67 Zitiert nach Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 538.
68 Benjamin: Paris, a.a.O., S. 186.
69 A.a.O., S. 185.
70 A.a.O., S. 187. Die spezifische Weise der Argumentation in diesem Expose
wird erst später zu behandeln sein.
71 A.a.O., S. 186.
72 Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 539.
73 A.a.O., S. 551.
74 A.a.O., S. 537.
75 Vgl. dazu bes. anschaulich die oben von Benjamin zlt!erte Bemerkung
Simmels zur Soziologie der durch die Großstadt geprägten Wahrnehmung
a.a.O., S. 539 f.
76 A.a.O., S. 541.
77 A.a.O., S. 545. Zur seihen Zeit, in der die Detektivgeschichte aufkommt,
belegen auch andere Schriften, in denen einzelne Indianer in Paris heim-
lich ihren grausamen kriegerischen Gepflogenheiten nachgehen (a.a.O.,
S. 543 f.), die Bedeutung des Motivs vom Asozialen in der Menge für die
damalige Großstadterfahrung.
78 Vgl. dazu bes. Benjamins Zitat aus Poes Novelle >>Der Mann der Me!'ge<<
(a.a.O., S. 554 f.).
79 A.a.O., S. 550 f.
80 A.a.O., S. 545.
81 A.a.O., S. 549 ff.
82 A.a.O., S. 549 f.
83 A.a.O., S. 548 f.
84 A.a.O., S. 542.
85 A.a.O., S. 550.
86 Beniamin führt die genannte Novelle Poes als Beispiel an. Vgl. a.a.O.,
s. 550 ff.
87 Vgl. die Zitate aus Poes Novelle bei Benjamin, a.a.O., bes. S. 554 f.
88 A.a.O., S. 556 f.
89 Vgl. a.a.O., S. 561.
90 A.a.O., S. 557 f.
91 Benjamin zeigt dies an Hand des Verhaltens auf dem Markt (a.a.O., S.
558).
92 Vgl. Benjamin: Paris, a.a.O., S. 195.
93 Vgl. Benjamin: Second Empire, a.a.O., S. 547 f.
94 A.a.O., S. 593 ff.
95 A.a.O., S. 559. Zu Baudelaires Idiosynkrasie gegen die Schwangerschaft
vgl. a.a.O., S. 597, Anm.
96 Vgl. a.a.O., S. 547.
136 Anmerkungen

97 A.a.O., S. 557.
98 Vgl. S. 29 der vorliegenden Arbeit.
99 Walter Ben;amin: Notes sur les Tableaux parisiens de Baudelaire. In: W.
B.: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 2, a.a.O., S. 748.
100 Vgl. den Brief an Horkheimer, a.a.O., S. 774.
101 Hermann Schweppenhäuser hat Benjamin als Physiognomiker zu beschrei-
ben versucht. Vgl. seine Arbeit »Physiognomie eines Physiognomikers«. In:
Zur Aktualität Walter Benjamins, a.a.O., S. 139 ff. Hier bes. S. 154.
102 Zitiert nach Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins, a.a.O.,
S. 106. Habermas hält diese Überlegung prinzipiell mit dem Marxschen
Basis-überbau-Theorem für unvereinbar (Habermas, a.a.O., S. 210 f.).
Dieses Urteil ist dem Gesagten zufolge zu wenig differenziert, um das
Wesentliche, nämlich das Spannungsverhältnis zur Marxschen Theorie,
nicht aber deren bloße Überschreitung deutlich zu machen.
103 Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 10. 11. 1938 in: Th. W. Adorno:
über Walter Benjamin. Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1970.
s. 139.
104 So Benjamin in einem Brief an Scholem vom 20. 5. 1935, a.a.O., S. 654.
Aus dem Expose von 1935 geht dies gleichfalls hervor.
105 Adorno bezieht sich (a.a.O., S. 135) auf diesen Anspruch, den Benjamin
Horkheimer gegenüber formuliert hatte (vgl. den Brief an Horkheimer
vom 16. 4. 1938, a.a.O.).
106 Adorno, a.a.O., S. 139.
107 A.a.O., S. 137.
108 A.a.O., S. 141.
109 A.a.O.
110 A.a.O., S. 139.
111 A.a.O., S. 136. Vgl. Ben;amin: Second Empire, a.a.O., S. 538.
112 Adorno, a.a.O., S. 137.
113 A.a.O., S. 140.
114 Brief vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 793.
115 A.a.O., S. 794.
116 A.a.O.
117 A.a.O., S. 793 f.
118 A.a.O., S. 795. Vgl. den Wahlverwandtschaften-Aufsatz, a.a.O., S. 125.
119 Vgl. zum folgenden die beiden Fassungen der Rezension vom Bd. 1 der
»Kunstwissenschaftlichen Forschungen<<, welche den Titel »Strenge Kunst-
wissenschaft« tragen (W. Ben;amin: Strenge Kunstwissenschaft. Zum ersten
Bande der »Kunstwissenschaftlichen Forschungen<<. [Erste und zweite Fas-
sung] In: W. B.: Gesammelte Schriften, Bd. 3, a.a.O., S. 363-369 und S.
369-374.). Zur Benjaminsehen Rezeption der Wiener Schule, also der
Werke Riegls, aber auch Andreades', Linferts, Pächts und Sedlmayrs, die
die Autoren jenes Bandes der »Kunstwissenschaftlichen Forschungen<< sind,
siehe im einzelnen das Referat Wolfgang Kemps »WalterBenjamin und die
Kunstgeschichte. Teil 1: Benjamins Beziehungen zur Wiener Schule<< in:
Kritische Berichte 1 (1973), S. 30 ff.
120 Ben;amin: Strenge Kunstwissenschaft, a.a.O., S. 366.
121 Vgl. u. a. Dvofak zu Riegl (Max Dvorak: Alois Riegl. In: M. D.: Ge-
sammelte Aufsätze zur Kunstgeschichte. München 1929. S. 282 ff.) und zu
Wiekhoff (M. D.: Franz Wickhoff, a.a.O., S. 306 ff.).
122 Ben;amin, a.a.O., S. 373.
Anmerkungen 137

123 Benjamin erinnert in diesem Zusammenhang an Wölfflin und Dvorak


(a.a.O.); im seihen Sinne ist Riegls Arbeit über >>Spätrömische Kunst-
industrie<<. 2. Auf!. Wien 1927 hervorzuheben, in der schon 20 Jahre vor
dem Expressionismus mit der Theorie der »Verfallszeiten<< und der Miß-
achtung der darunter gefaßten Perioden gebrochen wurde (dazu auch Ben-
jamins Rezension dieses Buches mit dem Titel: »Bücher, die lebendig geblie-
ben sind«. In: W. Ben;amin: Gesammelte Schriften. Bd. 3, a.a.O., S. 170).
Auch Wickhoffs Forschungen über die Wiener Genesis gehören dieser
wissenschaftlichen Richtung zu.
124 Diese Bemühung um strenge Kunstwissenschaft kann in ihrer Intention
in Beziehung gesetzt werden zu einer bestimmten Richtung neukantia-
nischer Philosophie, die darauf ausgeht, die Eigenart verschiedener Weisen
der Weltauffassung als symbolische Formen namhaft zu machen. Bei
Cassirer ist in diesem Zusammenhang von »Ausdruck<< die Rede (vgl. Ernst
Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil. Die Sprache.
2. Auf!. Darmstadt 1953. S. 12 und E. C.: Philosophie der symbolischen
Formen. Zweiter Teil. Das mythische Denken. 2. Auf!. Darmstadt 1964.
S. 31 ff.). Es soll damit kenntlich gemacht werden, daß bei jenen symbo-
lischen Formen nicht von einem passiven Eindruck, von der bloßen Aus-
wirkung übergeordneter Geltungsbereiche gesprochen werden darf. Ange-
strebt wird, die kategoriale Eigenart der einzelnen symbolischen Formen,
unter ihnen die der Kunst, im Verhältnis zu anderen geistigen Leistungen
zu verdeutlichen. Erwin Panofsky hat solche philosophischen Positionen
für die Kunstgeschichte fruchtbar gemacht. Er knüpft dabei an Riegls
Kategorie des >>Kunstwollens« an, welche die Eigenart des Ästhetischen
gegenüber allen Versuchen der Ableitung aus determinierenden Faktoren
der äußeren Wirklichkeit bezeichnen soll. (Vgl. E. Panofsky: Der Begriff
des Kunstwollens. In: E. P.: Aufsätze zu Grundfragen der Kunstwissen-
schaft. Berlin 1964. S. 33 ff.) Die Nähe solcher Überlegungen zu denen
Benjamins ist in diesem Punkt evident - ungeachtet der Tatsache, daß
sie bei Benjamin in einen ihm eigenen geschichtsphilosophischen Zusam-
menhang gebracht werden. (Vgl. demgegenüber zu Cassirers enthistori-
sierenden Tendenzen der Symboltheorie die Kritik von Habermas in sei-
ner Arbeit "zur Logik der Sozialwissenschaften••, a.a.O., S. 10 f. Zu den
Übereinstimmungen Benjamins mit dem Marburger Neukantianismus in
erkenntnistheoretischen Fragen und zur Differenz siehe im übrigen die
Arbeit Wiesenthais "zur Wissenschaftstheorie Walter Benjamins<<. Dort
wird diese Frage insbes. an den Kategorien des Ursprungs, des Extrems
und der Idee diskutiert; vgl. a.a.O., S. 9 ff., S. 16 und S. 24 f.)
125 Vgl. Benjamins methodologische Einleitung zur frühen Fassung der Baude-
laire-Arbeit, a.a.O., S. 1163.
126 Jauß betrachtet es als Benjamins Verdienst, Baudelaire allererst aus dem
Bann dieser Rezeption im Sinne des L'art pour l'art erlöst und als Zeugnis
historischer Erfahrung zugänglich gemacht zu haben (vgl.: Literarische
Tradition, a.a.O., S. 57 f.). Zur Problematik der Rezeptionsgeschichte
siehe auch die Heroisierung des Poeten im Gefolge der George-Schule
(vgl. oben Anm. 53 des 2. Teils der vorliegenden Arbeit).
127 Zu Kommentar und Kritik vgl. die Belege, die Dietrich Thierkopf in sei-
nem Aufsatz über »Nähe und Ferne. Kommentare zu Benjamins Denk-
verfahren<< anführt (D. Thierkopf in: Text und Kritik, a.a.O., S. 3 ff.).
128 Ben;amin: Goethes Wahlverwandtschaften, a.a.O., S. 125.
129 Ben;amin: Second Empire, a.a.O., S. 548, Anm.
138 Anmerkungen

130 Auch hier bereitet, wie es bereits im Wahlverwandtschaften-Aufsatz heißt,


die Geschichte der Werke ihre Kritik vor (a.a.O., S. 125). Je größer die
historische Distanz zur Entstehungszeit und die Wirkung der Nachge-
schichte auf die Rezeption, desto befremdlicher werden einzelne Momente
der Werke dem Betrachter entgegentreten. Sie kommentierend zu verfol-
gen bietet zugleich die Chance, im Zergliedern der Werke auf ihre wahre
Bedeutung zu stoßen. Jene vom Kommentar vorbereitete kritische Zer-
legung zerstört mithin nicht das Werk, sondern enthüllt, wie es früher
bei Benjamin heißt, erst dessen >>innre Natur<< (vgl. den Brief an Herbert
Belmore, Ende 1916, a.a.O., S. 132).
131 Ben;amin: Second Empire, a.a.O., S. 548.
132 Ben;amin: Goethes Wahlverwandtschaften, a.a.O., S. 125.
133 Vgl. dazu Ben;amins Dissertation >>Der Begriff der Kunstkritik in der deut-
schen Romantik<<. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 1, a.a.O., S.
7-122.
134 Liselotte Wiesenthai erblickt in Anlehnung an Benjamin die Funktion
solcher Interpretation von Kunstwerken darin, sie als >>Ausdruck der reli-
giösen, metaphysischen, politischen, wirtschaftlichen Tendenzen einer
Epoche<< zu verstehen. (Benjamin, zitiert nach L. Wiesenthal: Zur Wissen-
schaftstheorie Walter Benjamins, a.a.O., S. 52). Wenn in diesem Zusammen-
hang aber gefolgert wird, daß die Ergebnisse dieser Interpretation die
»Elemente der sozialen und geschichtlichen Lebenswelt<< in ihrem struk-
turellen Zusammenhang erklären können sollen, so ist damit wiederum
die entscheidende, auch von Benjamin bezüglich seines Baudelaire-Essays
ausdrücklich betonte Problematik ausgeblendet, wie nämlich diese Inter-
pretationsergebnisse mit den allgemeinen geschichtswissenschaftliehen Ein-
sichten angesichtsihrer kategorialen Verschiedenheit zur Deckung gebracht
werden sollen. Die Vernachlässigung dieser entscheidenden Frage zeigt
sich auch an anderen Stellen der Arbeit Wiesenthals, und zwar jeweils an
ihren Überlegungen zur besonderen Bedeutung der Kunstwerke. Zwar
erscheine die Realität im Kunstwerk als ein, wie es bei Benjamin heißt,
von »Kunst bestimmter Lebenszusammenhang<<, gleichwohl aber >>weist das
Kunstwerk keinen prinzipiellen Unterschied zu seiner Außengegebenheit
auf« (a.a.O., S. 162). Es eigne sich daher ohne weitere methodische Schwie-
rigkeiten, wie sie sich aus der Aufgabe der Vermittlung der Artikulation
einer Eigenbedeutung von Kunst und der Marxschen Theorie ergeben,
als Strukturmodell für soziologische Erkenntnis.
135 Zitiert nach Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins,
a.a.O., S. 131.
136 Habermas hat dieses Mißverständnis dargelegt (vgl. J. Habermas: Be-
wußtmachende oder rettende Kritik, a.a.O., S. 208 ff.). - Dies gilt,
obwohl Adorno sicherlich keine Ideologiekritik der Kunst auf Kosten
ihrer Besonderheit im Sinn hat, und zwar durch ihre erklärende Rück-
führung auf ihre tatsächliche gesellschaftliche Funktion, sondern umge-
kehrt die Kunst, wie noch zu zeigen sein wird, gerade in ihrer Eigenart
als Medium der Kritik verdinglichter Realität verstanden wissen
möchte.
137 Vgl. Benjamins Brief an Adorno vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 793 f.
138 Daher ist es auch nicht angebracht, die Einwände Adornos mit der Be-
hauptung abzutun, sie träfen kein Problem von Benjamins Darstellung,
sondern wollten nur deren Tugend, nämlich Kulturphänomene im Rah-
men des gesellschaftlichen Prozesses sinnfällig zu machen, in eine Not
Anmerkungen 139

uminterpretieren. (Vgl. Rosemarie Heise: Vorbemerkungen zu einem Ver-


gleich der Baudelaire-Fassungen. In: Alternative 10 (1967), S. 201.)
139 In einer Aufzeichnung zum Komplex der Thesen über den Begriff der
Geschichte ist davon die Rede, daß sich einer solchen historischen Betrach-
tung, insofern sie nur das in der Vergangenheit Verborgene zu entschlüs-
seln imstande ist, auch in bezug auf die Gegenwart die »Chance einer ganz
neuen Lösung im Angesicht einer ganz neuen Aufgabe<< erschließe (W. B.:
Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1231). Gegenüber dem Bezug
auf die herrschenden historischen Bedingungen, auf deren Grundlage sich
nach Maßgabe der Marxschen Theorie allein eine solche revolutionäre
Chance ergeben kann, setzt sich in dieser Bemerkung deutlicher als in den
geschichtsphilosophischen Thesen selbst eine Auffassung von der Geschichte
durch, die diese nur als Material einer von vorgegebenen Bedingungen
e n t b u n denen Deutung und politischen Aktion betrachtet. >>Das ist
eine ästhetische Theorie, keine der Geschichte«, lautet Tiedemanns Kom-
mentar zu dieser Stelle: ganz >>neue Aufgaben mit ganz neuen Lösungen
kennt die Kunst [... ], die Geschichte kennt dergleichen nicht<< (R. Tiede-
mann: Nachwort zu Walter Benjamin: Charles Baudelaire, a.a.O., S. 190).
140 Vgl. dazu unten S. 59 ff.
141 Vgl. bes. seinen Aufsatz >>Walter Benjamin<< (a.a.O., S. 158). Zur Frage,
inwieweit Benjamin Texte und Überlegungen der jüdischen Theologie
kannte, siehe ausführlich Wiesenthal, a.a.O., S. 117 ff.
142 Vgl. dazu Scholem: Offenbarung und Tradition als religiöse Kategorien
im Judentum. In: G. S.: über einige Grundbegriffe des Judentums. Frank-
furt a. M. 1970. S. 92 f.
143 Vgl. ders.: Zur Kabbala und ihrer Symbolik. Frankfurt a. M. 1973, insbes.
s. 36.
144 Scholem: Offenbarung und Tradition, a.a.O., S. 110.
145 Benjamin: Theologisch-politisches Fragment, a.a.O., S. 280. Auch wenn
daher die Kategorie der Offenbarung im Spätwerk Benjamins, wie Scholem
bemerkt (G. Schalem: über Walter Benjamin, a.a.O., S. 158), nicht mehr
explizit vorkommt, so wirkt doch in der Kommentierung der Realität
die Intention fort, die Tradition in ihr lebendig zu halten. Scholem be-
zeichnet Benjamins späteres Denken als >>eine materialistische Theorie der
Offenbarung [... ], deren Gegenstand in der Theorie selber nicht mehr
vorkommt<< (a.a.O.).
146 Vgl. zusammenfassend dazu Dietrich Harth: Kritische und konservative
Aufgaben der Philologie. Zur Sozialgeschichte der literarisch gebildeten
Intelligenz. In: Propädeutik der Literaturwissenschaft. Hg. von Dietrich
Harth. München 1973. S. 34 ff.
147 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, a.a.O., S. 162 ff.
148 Vgl. Dietrich Harth: Philologie und praktische Philosophie. Untersuchun-
gen zum Sprach- und Traditionsverständnis des Erasmus von Rotterdam.
München 1970, S. 167 ff.
149 Vgl. ders.:· Kritische und konservative Aufgaben der Philologie, a.a.O.,
s. 37 ff.
150 Siehe dazu ]auß in seinem Aufsatz über die »Geschichte der Kunst und
Historie<< (a.a.O., S. 249 ff.).
151 Siehe dazu auch Brechts Entwurf eines Theaters, das erst unter eben diesen
Bedingungen sinnvoll wäre (vgl. unten S. 154 ff.).
152 Vgl. dazu Gisbert Ter-Neddens 11 Thesen >>Über den Abstraktionsgewinn
140 Anmerkungen

des historischen und ästhetischen Bewußtseins<< in: Propädeutik der Lite-


raturwissenschaft, a.a.O., S. 264 ff.), welche eine solche Gesellschaftsforma-
tion zu unterstellen scheinen.
153 Bertolt Brecht: Die Schönheit in den Gedichten des Baudelaire. In: B. B.:
Schriften zur Literatur und Kunst. Bd. 2. In: B. B.: Gesammelte Werke.
Bd. 19. Hg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth
Hauptmann. Frankfurt a. M. 1967. S. 408 ff.
154 Ben;amin: Second Empire, a.a.O., S. 587.
155 Brecht, a.a.O., S. 410.
156 A.a.O., S. 408.
157 Blanquis revolutionärer Elan schneidet in dieser Beurteilung besser ab als
Baudelaires ästhetische Erfahrung. >>Baudelaire<<, so meint Brecht, >>das ist
der Dolchstoß in den Rücken Blanquis. Blanquis Niederlage ist sein
Pyrrhussieg<< (a.a.O., S. 409).
158 Vgl. den Brief vom 16. 4. 1938 an Horkheimer, a.a.O., S. 752.
159 Vgl. den Brief an Adorno vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 792.
160 Ben;amin: Second Empire, a.a.O., S. 558.
161 Vgl. dazu bes. das Kapitel über den >>Austauschprozeß<< im 1. Bd. des
>>Kapital<< a.a.O., S. 99 ff.
162 Ben;amin, a.a.O.
163 Vgl. Benjamins Konspekt der gesamten Baudelaire-Arbeit, aus dem Nach-
laß ediert in: W. Ben;amin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1151.
164 >>In der Tat heißt die Bedeutung der Ware: Preis; eine andere hat sie, als
Ware, nicht<< (Benjamin, zitiert nach Tiedemann: Nachwort zu Walter Ben-
jamin: Charles Baudelaire, a.a.O., S. 183).
165 A.a.O.
166 Vgl. dazu eine der Notizen zur Baudelaire-Arbeit, die gesammelt unter
dem Titel »Zentralpark« erschienen sind (a.a.O., S. 671). Nach der edi-
torischen Notiz von Siegfried Unseld zur früheren Edition in den >>Illu-
minationen<< gehören sie zum Letzten, was Benjamin geschrieben hat, und
sind den Vorarbeiten zum abschließenden Teil des Baudelaire-Buches zuzu-
rechnen (vgl. Illuminationen, a.a.O., S. 267). Rosemarie Heise hingegen
möchte zumindest einige dieser Notizen aufgrund enger inhaltlicher Ver-
wandtschaft mit der Arbeit über >>Das Paris des Second Empire bei Baude-
laire<< eher in die Entstehungszeit dieses Aufsatzes datiert sehen (R. Heise:
Der Benjamin-Nachlaß in Potsdam, a.a.O., S. 193 f.). Im Anschluß an diese
letztere Auffassung vgl. neuerdings die detaillierten Ausführungen der
Herausgeber der Gesammelten Schriften (a.a.O., S. 1216 ff.). In unserem
Zusammenhang ist jedoch nicht primär die Entstehungszeit von Interesse.
Wichtiger sind die methodischen Implikationen dieser Aufzeichnungen.
So betrachtet können übrigens durchaus auch Überlegungen aus dem frü-
heren Expose zur Passagen-Arbeit einigen Aufschluß über die Inten-
tionen und Probleme jenes geplanten 3. Teils des Buches geben (vgl. dazu
unten S. 64 ff.).
167 Vgl. den Brief an Horkheimer vom 16. 4. 1938, a.a.O., S. 751. Siehe dazu
auch den Brief an denselben vom 3. 8. desselben Jahres, zitiert in: W.
Ben;amin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1082 ff.
168 Vgl. a.a.O., S. 752. Dazu auch den Brief an Horkheimer vom 28. 9. 1938,
a.a.O., S. 775 und den an Adorno vom 4. 10. 1938, a.a.O., S. 778.
169 Auch das Motiv der Mode sollte im Zusammenhang des Neuen und
Immergleichen in diesem projektierten Teil nicht nur >>angeschlagen<<, son-
dern >>abgehandelt<< werden (vgl. den Brief an Adorno, a.a.O., S. 778).
Anmerkungen 141

170 Ben;amin: Paris, a.a.O., S. 192.


171 Vgl. den Brief Benjamins an Horkheimer vom 16. 4. 1938, a.a.O., S. 752.
172 Ben;amin: Zentralpark, a.a.O., S. 671. Vgl. auch den Konspekt zum Baude-
laire-Buch vom April 1938 in W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O.,
s. 1151.
173 Beniamin: Zentralpark, a.a.O., S. 667.
174 A.a.O., S. 677.
175 A.a.O., S. 664.
176 Benjamin zitiert nach Peter Krumme: Zur Konzeption der dialektischen
Bilder. In: Text und Kritik, a.a.O., S. 75.
177 Ben;amin: Paris, a.a.O., S. 196.
178 Vgl. Krumme, a.a.O., S. 74.
179 Ben;amin: Zentralpark, a.a.O., S. 671.
180 Vgl. den Brief an Horkheimer vom 16. 4. 1938, a.a.O., S. 752. Zur gleichen
Zeit nimmt Blanqui in einer ,kosmischen Spekulation, das Motiv der
ewigen Wiederkunft des Gleichen im scheinbar Neuen auf. Auch in ihr
widersetzt es sich der Verklärung der Warenwelt. Die Menschheit figuriert
darin >>als eine Verdammte. Alles Neue, das sie erwarten könnte, wird sich
als ein von jeher Dagewesenes entschleiern; sie zu erlösen, wird es ebenso
wenig im Stande sein, wie eine Mode die Gesellschaft erneuern könnte.
Blanquis [... ] Spekulation lehrt, daß die Menschheit solange der mythi-
schen Angst ausgeliefert sein wird, wie die Phantasmagorie in ihr eine
Stelle hat<< (vgl. Krumme, a.a.O., S. 74). - Bezeichnenderweise wird Blan-
qui hier von Benjamin nicht als Repräsentant der Boheme zitiert, um
Baudelaire unvermittelt in sozialhistorische Zusammenhänge zu stellen,
sondern um die Authentizität seiner ästhetischen Erfahrungen - wie auch
im Vergleich mit Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkunft - ge-
schichtsphilosophisch zu verdeutlichen. Vgl. dazu auch die Bemerkung Ben-
jamins in: W. Ben;amin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1152.
Dort heißt es: >>Seine historische Bedeutung erhält dieses Unternehmen
Baudelaires aber nur dort, wo die Erfahrung des Immergleichen, an der es
zu messen ist, seine geschichtliche Signatur erfährt. Das ist bei Nietzsche
und bei Blanqui der Fall. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft ist hier
das ,Neue,, das den Ring der ewigen Wiederkunft sprengt [,] indem es
ihn bestätigt.<< Nicht die Flucht in die Kulturgeschichte, sondern die Poin-
tierung der Fragwürdigkeit eines solchen Ausweges macht den Rang die-
ser Geschichtsphilosophie aus.
181 Beniamin: Paris, a.a.O., S. 196.
182 In einer Zentralpark-Notiz heißt es, die »Allegorie [...] bietet das Bild
der erstarrten Unruhe« (a.a.O., S. 666).
183 Ben;amin: Paris, a.a.O., S. 196.
184 Peter Szondi hat Benjamins Intention unter diesem Titel als Suche nach
der Zukunft in einer nicht abgeschlossenen Vergangenheit dargestellt (in:
P. Szondi: Satz und Gegensatz. 6 Essays. Frankfurt a. M. 1964. S. 79 ff.),
ohne freilich die damit verbundene theoretische Problematik eingehender
zu thematisieren.
185 Ben;amin: Paris, a.a.O.
186 A.a.O., S. 187.
187 A.a.O., S. 200.
188 Vgl. den Brief an Adorno vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 794.
189 Es ist freilich nicht zu übersehen, daß sich auch in den Skizzen zu den
142 Anmerkungen

Thesen über den Begriff der Geschichte ähnlich undifferenzierte Behaup-


tungen, und zwar in ganz dezidierter Form, finden. So heißt es in einer,
freilich von Benjamins eigener Hand später gestrichenen Aufzeichnung,
die den Titel »Methodische Fragen III« trägt: »Der Form des neuen Produk-
tionsmittels, die am Anfang noch von der des alten beherrscht wird (Marx),
entspricht im überhau ein Traumbewußtsein, in der das Neue in phan-
tastischer Gestaltung sich vorbildet. Michelet: ,Chaque epoque reve Ia
suivante.< Ohne diese phantastische Vorform im Traumbewußtsein ent-
steht nichts Neues. Seine Manifestationen aber finden sich nicht allein in
der Kunst. Es ist für das XIXte Jahrhundert entscheidend, daß die Phan-
tasie allerorten über deren Grenzen hinaustritt.« (Ben;amin: Gesammelte
Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S. 1236) - An dieser Äußerung zeigt sich, daß
die vorgenommene Unterscheidung nicht einfach als Ergebnis eines line-
aren Erkenntnisfortschritts Benjamins - vom Expose zu den späteren
Thesen - dargestellt werden darf. Gleichwohl muß sie auch gegen seinen
nachdrücklichen Versuch, ihren Sinn zu negieren, im Interesse der frucht-
baren Spannung geltend gemacht werden, welche seine geschichtsphiloso-
phische Konzeption impliziert.
190 Ben;amin: Paris, a.a.O., S. 198.
191 A.a.O., S. 197.
192 A.a.O., S. 199.
193 A.a.O.
194 A.a.O., S. 200.
195 A.a.O., S. 196 f.
196 Vgl. den Brief an Horkheimer vom 16. 4. 1938, a.a.O., S. 752.
197 Ben;amin: Zentralpark, a.a.O., S. 660.
198 Ben;amin: Paris, a.a.O., S. 193.
199 A.a.O., S. 194.
200 A.a.O., S. 197.
201 Vgl. den Brief an Kraft vom 28. 10. 1935, a.a.O., S. 698.
202 Adorno hätte einen solchen Verweis auf eine theoretisch unkontrollierbare
Position des Interpreten nicht gelten lassen. Zu Recht hält er Benjamin ent-
gegen, wie problematisch sich seine Darstellungen ausnehmen, bezieht man
sie auf die Einsichten jener kritischen Gesellschaftstheorie, der Benjamin
neue Impulse geben möchte. Die »geradlinige [...] entwicklungsgeschicht-
liche Bezogenheit« der dargestellten Epoche auf die Zukunft (vgl. den
Brief Adornos an Benjamin vom 2. 8. 1935, a.a.O., S. 112) erweist sich
auch Adorno zufolge als »undialektisch« und simplifizierend. Nun eben
weil die Interpretation den Anspruch erhebt, den Desideraten gesellschafts-
theoretisch-begrifflicher Untersuchung Rechnung zu tragen, mißt er sie an
den Inhalten der Theorie. Auch er macht im Sinne der obigen Problema-
tisierung gegen Benjamin geltend, daß das Marxsche Theorem vom Fetisch-
charakter der Ware, bezogen auf das allgemeine Bewußtsein, bedeute, daß
dieses dadurch determiniert werde und keinesfalls, daß im Warenfeti-
schismus immer schon dessen Überwindung antizipiert sei (a.a.O.). - In
bezug auf die Überlegungen zum kollektiven Unbewußten, das nach Ben-
jamin die gesellschaftlichen Phatasmagorien produziert (Ben;amin: Paris,
a.a.O., S. 187), erinnert Adorno an die Nähe zu Jungs Gedanken über die
Archetypen menschlicher Vorstellungsformen - eine Theorie, die der Auf-
klärung über die gegenwärtige, tatsächlich historisch wirksame Entfrem-
dung mit dem Verweis auf mythisch-archaische und zeitlos gültige kollek-
Anmerkungen 143

tive Bildphantasien gerade zu begegnen sucht (Adorno, a.a.O., S. 114 f.).


Benjamin gesteht sich später die fatale Nähe zu einer solchen Theorie ein
(vgl. dazu sein Exzerpt der Jung-Kritik Ernst Blochs, mitgeteilt von
Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins, a.a.O., S. 128,
Anm.).
203 Zu den Modifikationen des Plans zur Umarbeitung bis zur Abfassung des
Essays vgl. die Dokumentation im Apparat zum ersten Band der Gesam-
melten Schriften, a.a.O., S. 982 ff.
204 Auch nach Benjamin selbst ist dieser Anspruch im Expose nicht erfüllt.
In einem Brief an Gretel Adorno heißt es, daß zwischen Traumbild und
Erwachen erst »noch ein Bogen gespannt, eine Dialektik bezwungen wer-
den« müsse (vgl. den Brief vom 16. 8. 1935, a.a.O., S. 688).
205 Vgl. den Brief an Adorno vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 794.
206 Vgl. den Brief an Horkheimer vom 16. 10. 1935, a.a.O., S. 690.
207 Die Frage, inwieweit die Überarbeitung über sachliche Gründe hinaus
auf Adornos Pressionen zurückzuführen ist (vgl. dazu die Anm. 3 des 2.
Teils der vorliegenden Untersuchung), ist angesichts dieser ihrer bedeut-
samen Stellung im Gesamtkomplex der Benjaminsehen Gedanken über die
Kunst in der Moderne zurückzustellen.
208 Ben;amin: Ober einige Motive bei Baudelaire. In: W. B.: Gesammelte
Schriften. Bd. 1, 2, a.a.O., S. 608.
209 A.a.O.
210 A.a.O., S. 609.
211 A.a.O., S. 610.
212 Anschauungsreich wird dieser Unterschied zwischen traditionalen und
modernen Gesellschaftsformationen in Ter-Neddens 11 Thesen Ȇber den
Abstraktionsgewinn des historischen und ästhetischen BewußtseinS<< dar-
gestellt (a.a.O., S. 262 ff.).
213 Benjamin: Motive, a.a.O., S. 611.
214 Vgl. dazu auch Lukacs' »Theorie des Romans<<, auf die sich Benjamin im
seihen Aufsatz beruft (G. Lukdcs: Die Theorie des Romans. Ein
geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik. 3.
Auf!. Neuwied, Berlin 1963. S. 74 ff. und zu Benjamin vgl.: Erzähler,
a.a.O., S. 425).
215 Ben;amin, a.a.O., S. 420. Vgl. dazu und zur Charakteristik solcher traditio-
nal bestimmten Gesellschaftsformen die außerordentlich aufschlußreiche
und anschauliche Studie Arno Borsts über »Lebensformen im Mittelalter<<.
Frankfurt a. M./Berlin 1973. Hier insbes. S. 109 ff.
216 Ben;amin, a.a.O.
217 A.a.O., S. 421 f.
218 A.a.O., S. 415.
219 Vgl. das Denkbild »Kunst zu erzählen« in: W. Ben;amin: Denkbilder.
In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 4, 1. Hg. von Tillman Rexroth.
Frankfurt a. M. 1972. S. 437.
220 Joachim Ritter hat im Zusammenhang einer Untersuchung zur Ent-
stehung neuzeitlicher Kunst und Ästhetik gezeigt, wie mit der zuneh-
menden wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Dinge und Ereignisse, die
in der gesellschaftlichen Praxis in den neueren Gesellschaftsformen eine
Rolle spielen, diese untauglich werden als Gegenstände der Erfahrung,
in welchen sich der einzelne selbst begreifen könnte. Die ästhetische
Vergegenwärtigung der Welt sucht diesen Verlust nicht zuletzt an Hand
von Gegenständen, wie dem der von der Zivilisation unberührten
144 Anmerkungen

Landschaft, auszugleichen (J. Ritter: Landschaft. Zur Funktion des


Ästhetischen in der modernen Gesellschaft. Münster 1963, vgl. insbes.
s. 18 ff.).
221 Zum Gegensatz von »Gedächtnis<< und >>Eingedenken« vgl. Beniamin: Erzäh-
ler, a.a.O., S. 425.
222 Ben;amin: Motive, a.a.O., S. 639.
223 A.a.O., S. 639 f.
224 A.a.O., S. 640.
225 A.a.O., S. 641.
226 A.a.O., S. 638.
227 A.a.O., S. 644.
228 Ben;amin: Kunstwerk, a.a.O., S. 472 ff.
229 A.a.O., S. 479.
230 Ben;amin: Motive, a.a.O., S. 638.
231 A.a.O., S. 646 f.
232 A.a.O., S. 649.
233 A.a.O., S. 623. Im Gedicht heißt es: »Moi, je buvais, crispe comme un
extravagant, I Dans son reil, ciel livide ou germe l'ouragan, I La
douceur qui fascine et le plaisir qui tue.« Die Rede ist nicht vom Aus-
tausch liebender Blicke; die Passantin tritt als identische Person, die solche
Blicke aussenden könnte, gar nicht in Erscheinung. Sie ist partjkularisiert
in anatomische Einzelheiten - Ia main, Ia jambe, I' reil -, die sich der
Wahrnehmung des erschrockenen Flaneurs aufdrängen. Krampfhaft und
gewalttätig fast gegenüber der neutralen Erscheinung versucht er dem
Auge etwas abzugewinnen, worin er sich selbst erfahren kann.
234 A.a.O., S. 615 f.
235 A.a.O., S. 616.
236 Vgl. dazu Ben;amin, a.a.O., S. 612 f. und Sigmund Freud: Jenseits des
Lustprinzips. In: S. F.: Gesammelte Werke. Bd. 13. Hg. von Anna Freud,
E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, 0. lsakower. London 1947, insbes. S. 24 ff.
237 Siehe dazu auch Freud, a.a.O., S. 31.
238 A.a.O., S. 32.
239 Vgl. dazu die Aufzeichnungen Benjamins, die im Zusammenhang mit der
Arbeit an seinem Aufsatz »Über einige Motive bei Baudelaire« stehen,
abgedruckt in:. W. Beniamin: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 3, a.a.O., S.
1182 ff. Hier wird freilich z. T. »Erlebnis« noch unmittelbar mit >>Chok«
gleichgesetzt; präzise müßte hingegen vom Erlebnis im gewöhnlichen Sinne
als einer Vermeidung des Schocks die Rede sein (vgl. Ben;amin: Motive,
a.a.O., S. 121).
240 A.a.O., S. 6.
241 Vgl. dazu Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philoso-
phischer Beitrag zu Sigmund Freud. Frankfurt a. M. 1967. S. 135 ff.
242 Was Benjamins Verhältnis zur Psychoanalyse anlangt, so ließ er sich offen-
bar durch ihre zu seiner Zeit einsetzende Rezeption im Interesse einer
kritischen Gesellschaftstheorie anregen. Die gesellschaftlichen Ideologien wur-
den dabei nicht nur auf die ihnen zugrunde liegenden allgemeinen histori-
schen Bewegungen befragt, sondern als Ergänzung zu solchen allgemeinen
materialistischen Erkenntnissen sollten die nicht bewußt artikulierten
Mechanismen, welche durch diese Bewegungen ausgelöst werden und sie
beeinflussen, untersucht werden. Gedacht ist in dem Benjamin betreffen-
den Zusammenhang an die Autoren des Instituts für Sozialforschung, also
insbes. an Horkheimer, Fromm und Adorno (siehe auch dessen späteren
Anmerkungen 145

einschlägigen Artikel über >>Ideologie<< in: Soziologische Exkurse. Hg. von


Th. W. Adorno und Walter Dirks. Frankfurt a. M. 1956. S. 162 ff.). Vgl.
dazu auch Benjamins Besprechung der Arbeiten, die in der Zeitschrift des
Instituts erschienen waren. Sie ist veröffentlicht unter dem Titel >>Ein
deutsches Institut freier Forschung« in: W. Benjamin: Gesammelte Schrif-
ten. Bd. 3, a.a.O., S. 518 ff.
243 Vgl. zum folgenden Benjamin: Kunstwerk, a.a.O., S. 488 ff.
244 A.a.O., S. 490 f.
245 A.a.O., S. 488.
246 Die Entwicklung dieser Techniken und ihre Darstellung bei Benjamin ist
mehrfach zusammenfassend referiert worden. Hier kann auf die Arbeiten
von Lienhard Wawrzyn: Walter Beniamins Kunsttheorie. Kritik einer
Rezeption. Darmstadt, Neuwied 1973, S. 51 ff. und von Liselotte Wiesen-
thai: Die Krise der Kunst im Prozeß ihrer Verwissenschaftlichung. Zur
Beschreibung von Krisenprozessen bei Walter Benjamin. In: Text und
Kritik, a.a.O., S. 64 ff. verwiesen werden.
247 Benjamin: Kunstwerk, a.a.O., S. 499.
248 A.a.O., S. 477.
249 A.a.O., S. 503.
250 Benjamin: Zentralpark, a.a.O., S. 671.
251 Benjamin: Kunstwerk, a.a.O., S. 498. Daß freilich die technischen Neuerun-
gen eine solche Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit nicht immer mit
sich bringen, hat schon Baudelaire erfahren. Er lehnt das neue Medium
ab. Dies aber nicht, wie es zu seiner Zeit häufig war, weil es durch seine
fortgeschrittenen Möglichkeiten der Wirklichkeitswiedergabe die zurück-
gebliebenen Kunstformen in Frage stellte, sondern weil sie nur in der
Genauigkeit der Wiedergabe von Realität, so, wie sie sich dem gewöhn-
lichen Blick darstellte, mit der Kunst wetteiferte und gerade diesen Aspekt
der Wirklichkeit nicht zerstörte zugunsten einer tiefer dringenden Ein-
sicht (vgl. dazu Heinz Buddemeier: Panorama, Diorama, Photographie.
Entstehung und Wirkung neuer Medien im 19. Jahrhundert. München
1970. S. 126 ff.). Benjamin berücksichtigt diese Verwendungsweise der
Photographie, betrachtet sie allerdings nur als eine Obergangsphase, in der
sie sich noch nicht ihrer eigenen Möglichkeiten bewußt ist und damit den
Gegenständen, insbes. den porträtierten Menschen noch einmal und beson-
ders nachdrücklich eine Aura zu verleihen sucht (siehe dazu ausführlich
Benjamins Aufsatz »Kleine Geschichte der Photographie« in: W. B.: Das
Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, a.a.O., S.
75 ff.).
252 Benjamin: Kunstwerk, a.a.O., S. 478. Benjamin kennzeichnet in Anlehnung
an Riegls Beschreibung der formalen Spezifika ästhetischer Wahrnehmung
die dargestellte Veränderung als den Obergang von der optisch-fern-
sichtigen zur haptisch-nahsichtigen oder taktilen Auffassungsweise. Riegl
freilich hat in bezug auf das >innere Schicksal< der Kunst umgekehrt die
Entwicklung von der haptischen zur optischen Auffassung im Sinne (vgl.
A. Riegl: Stilfragen. Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik.
2. Auf!. Berlin 1923 S. 11. Dazu auch Sedlmayrs Darstellung der Riegl-
schen Forschungen in H. Sedlmayr: Einleitung zu Alois Riegl: Gesammelte
Aufsätze. Augsburg, Wien 1929. S. XXI ff.). Was die erste Wahrnehmungs-
form anlangt, so kann dabei an das unbezogene Nebeneinander der Dinge
im künstlerisch gestalteten Bildraum gedacht werden. Was die optische
Auffassung betrifft, so ist etwa an die Kontinuität der Raumelemente,
146 Anmerkungen

ihren mathematisch genauen Bezug zu erinnern, wie ihn Panofsky im


Zusammenhang mit dem Aufkommen der Planperspektive in der Re-
naissance als typisches Merkmal neuzeitlicher Kunst aufgezeigt hat (vgl.
E. Panofsky: Die Perspektive als symbolische Form. In: E. P.: Aufsätze
zu Grundfragen der Kunstwissenschaft, a.a.O., S. 99 ff.). Das Bild zerfällt
im zweiten Fall nicht mehr in mannigfaltige Momente, die sich der Be-
trachter sukzessive und gleichsam den einzelnen Bildelementen gesondert
nahetretend vergegenwärtigen kann. Er sieht sich vielmehr einer in sich
geschlossenen Einheit des Gebildes gegenüber, die als Totalität wahrge-
nommen werden will und daher die Distanz des Betrachters verlangt. -
Benjamin hingegen kommt auf der Grundlage soziologischer Überlegungen
über die gesellschaftlichen Bedingungen der Rezeption zu davon abwei-
chenden Ergebnissen. Er bestimmt diese vom Kunstwerk veranlaßte Di-
stanz des Betrachters als das gemeinsame Merkmal aller von ihm sog.
auratischen Kunst. Darunter fällt nicht nur die im Zeichen des neuzeit-
lichen Schönheitsdienstes aufgenommene, wie die der Renaissance, sondern
auch die frühere, im Zeichen des Kults rezipierte. Taktile Qualitäten wer-
den demgegenüber vor allem erst bei gegenwärtiger Kunst bedeutsam;
man denke an den Surrealismus und Dadaismus (vgl. Beniamin: Kunst-
werk, a.a.O., insbes. S. 502 und S. 504 f.). Die Geschlossenheit der Werke
ist hier zerstört. Sie nötigen nicht mehr zur respektvollen distanzierten
Betrachtung. Ihre Momente dringen im Gegenteil wie Schocks auf den
Betrachter ein und setzen ihn zugleich instand, mit ihnen umzugehen ohne
kontemplative Versenkung in die Schönheit des Gebildes, ohne aber auch
noch an ritualisierte Formen der Verehrung des Kultgegenstandes gebun-
den zu sein.
253 Ben;amin, a.a.O., S. 480 f.
254 A.a.O., S. 482.
255 A.a.O.
256 Den einen >>Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des
Hörens« (in: Th. W. Adorno: Dissonanzen. Musik in der verwalteten
Welt. Göttingen 1969. S. 9 ff.) bezeichnet Adorno später ausdrücklich so
(vgl. ders.: Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika. In: Th. W. A.:
Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt a. M. 1969. S. 117). Von dem
anderen >>Über Jazz<< (in: Th. W. Adorno: Moments musicaux. Frankfurt
a. M. 1964. S. 84 ff.) heißt es in einem Brief an Benjamin, der sich mit
den Kunstwerk-Thesen befaßt und in dem eine >>noch stärkere Dialekti-
sierung der Gebrauchskunst in ihrer Negativität<< verlangt wird (vgl. den
Brief vom 18. 3. 1936, a.a.O., S. 131), daß er versuche, >>positiv einiges von
dem auszudrücken<<, was in Benjamins Arbeit vermißt werden müsse
(a.a.O., S. 133). Dies gilt, obwohl oder gerade weil er in der Beschreibung
moderner Techniken mit der Benjamins konvergiert.
257 Vgl. a.a.O. und den Aufsatz über Jazz zu den Schocks (a.a.O., S. 92), zur
Kollektiv-Arbeit (a.a.O., S. 100).
258 A.a.O., S. 84 f.
259 A.a.O., S. 88 und S. 98.
260 A.a.O., S. 84 f.
261 A.a.O., S. 91 f.
262 Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 10. 11. 1938, a.a.O., S. 143.
263 Vgl. Th. W. Adorno!Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Amster-
dam 1947. Darin das Kapitel über >>Kulturindustrie«, u. a. S. 149.
264 A.a.O., S. 150.
Anmerkungen 147

265 Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie, a.a.O., S. 91.


266 Adorno!Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 151.
267 A.a.O., S. 187.
268 A.a.O., S. 188.
269 Dem Gesagten zufolge ist die Kunst in jenem früheren Zustand als Ware
nicht hinreichend bestimmt. Die Warenform kennzeichnet die Art ihrer
Verbreitung und die gesellschaftliche Voraussetzung für ihre Autonomie.
Gerade diese Autonomie aber bedeutet, daß i. G. zu den Bestimmungen
der Ware ihr Wert nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt notwendiger
Arbeit zum Zweck der Herstellung von sozial nützlichen Dingen ent-
springt. Denn einem solchen bestimmten Zweck nicht unterworfen. zu
sein macht die Bedeutung aus, die ihr für ihre Rezipienten zukommt.
So gesehen gehört sie zu jenen Dingen, von denen Marx sagt, daß sie for-
mell einen Preis haben, ohne doch in diesem engeren, ökonomischen Sinne
Wert zu besitzen (vgl. Marx: Das Kapital. Bd. 1, a.a.O., S. 117). Anders
bei den Produkten der Kulturindustrie: bei ihrer Herstellung ist umge-
kehrt die Orientierung an gängigen Vorstellungen und Verhaltensweisen
konstitutiv, und die auf sie verwendete Arbeit ist industriell genormt.
270 Adorno: Ober den Fetischcharakter in der Musik, a.a.O., S. 19.
271 A.a.O., S. 18 ff.
272 So in dem Brief an Benjamin vom 18. 3. 1936, a.a.O., S. 128.
273 Sie wurde bereits in der Zeit der Auseinandersetzung mit Benjamin kon-
zipiert. Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 10. 11. 1938, a.a.O., S.
143 und oben, Anm. 262.
274 Adorno!Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 7.
275 A.a.O., S. 20.
276 So dem Gedankengang der »Dialektik der Aufklärung<< entsprechend in:
Negative Dialektik. Frankfurt a.M. 1970. S. 179.
277 Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 27.
278 A.a.O., S. 40.
279 A.a.O., S. 26.
280 A.a.O., S. 17.
281 Vgl. dazu auch die Darstellung der Philosophiegeschichte seit der Antike
als Fehlentwicklung in diesem Sinne in: Th. W. Adorno: Zur Metakritik
der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen
Antinomien. In: Th. W. A.: Gesammelte Schriften. Bd. 5. Hg. von Gretel
Adorno und Rolf Tiedemann. Frankfurt 1971. S. 17 ff.
282 Adorno!Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., S. 40.
283 A.a.O., S. 20.
284 Vgl. dazu Thomas Baumeister/Jens Kulenkampff: Geschichtsphilosophie
und philosophische Ästhetik. Zu Adornos »Ästhetischer Theorie<<. In: Neue
Hefte für Philosophie. Heft 5, a.a.O., S. 82.
285 Adorno!Horkheimer, a.a.O., S. 51 ff.
286 A.a.O., S. 52.
287 Gerhard Kaiser hebt mit Recht den entscheidenden Unterschied zur Marx-
schen Theorie hervor: die Geschichte kann nach der Logik der Adorno-
schen Argumentation schlechterdings kein Subjekt produzieren, das im-
stande wäre, qualitativ andere Zustände herbeizuführen (vgl. G. Kaiser:
Theodor W. Adornos >>Ästhetische Theorie<< in: G. K.: Benjamin. Adorno.
Zwei Studien, a.a.O., S. 93).
288 Adorno!Horkheimer, a.a.O., S. 37.
289 A.a.O., S. 36.
148 Anmerkungen

290 Adorno bezieht sich auf die »Phänomenologie des GeisteS<< (in: G. W. F.
Hegel: Werke. Bd. 3. Frankfurt a. M. 1970. S. 57).
291 Th. W. Adorno: Skoteinos oder Wie zu lesen sei. In: Th. W. A.: Gesam-
melte Schriften. Bd. 5. Hg. von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann.
Frankfurt a. M. 1971. S. 363.
292 Th. W. Adorno: Aspekte. In: Th. W. A.: Gesammelte Schriften. Bd. 5,
a.a.O., S. 265.
293 A.a.O., S. 261.
294 Vgl. dazu etwa Adorno: Negative Dialektik, a.a.O., S. 157.
295 Vgl. a.a.O., S. 24: >>Was abzielt auf das, was es nicht a priori schon selber
ist und worüber es keine verbriefte Macht hat, gehört, dem eigenen Be-
griff nach, zugleich einer Sphäre des Ungebändigten an, die vom begriff-
lichen Wesen tabuiert ward. Nicht anders vermag der Begriff die Sache
dessen zu vertreten, was er verdrängte, der Mimesis, als indem er in seinen
eigenen Verhaltensweisen etwas von dieser sich zueignet, ohne sich an sie
zu verlieren. Insofern ist das ästhetische Moment [... ] der Philosophie
nicht akzidentiell.<< Adorno spricht an derselben Stelle auch von einer
»Affinität der Philosophie zur Kunst<<. Warum sich gleichwohl die Philoso-
phie nicht an Kunst verlieren darf, wird noch zu zeigen sein.
296 Vgl. zum folgenden auch Baumeister!Kulenkampff: a.a.O., S. 84 ff.
297 Th. W. Adorno: Ästhetische Theorie. In: Th. W. A.: Gesammelte Schriften.
Bd. 7. Hg. von Gretel Adorno und Rolf » Tiedemann. Frankfurt a. M.
1970. s. 103.
298 Vgl. die Unterscheidung zwischen bestimmender und reflektierender
Urteilskraft bei Kant, auf die Adorno rekurriert: Kritik der Urteilskraft.
In: Immanuel Kant: Werke. Bd. 9. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frank-
furt a. M. 1968. S. 251 ff.
299 Zu berücksichtigen ist dabei aber zunächst die Unterscheidung, die Bau-
meister/Kulenkampff zwischen Kant und Adorno vornehmen und die
aus dem Bisherigen folgt: »Für Kant hat das Naturschöne deshalb eine
Bedeutung, die einzig ist und auch von der Kunst nicht überholt werden
kann, weil es in den Horizont einer, wenn auch nur subjektiv gültigen
Teleologie der Wirklichkeit eingefügt ist: die Erfahrung ästhetischer
Zweckmäßigkeit der Natur für die Urteilskraft wird als symbolische Ana-
logie eines möglichen zweckmäßigen Verhältnisses von Wirklichkeit und
Vernunftbestimmung des Menschen gelesen. Es ist die sittliche Vernunft,
die am Naturschönen ein Interesse nimmt, und die Erfahrung des Natur-
schönen ist die Bekräftigung einer ihrer selbst gewissen Vernunft im Gan-
zen der Wirklichkeit.
Auch bei Adorno ist es ein Interesse der Vernunft, das dem Naturschönen
eine Vorzugsstellung vor dem Kunstschönen einräumt. Aber im Unter-
schied zu Kant interessiert die selbstunsicher gewordene Vernunft am
Naturschönen nicht die Bestätigung, sondern gerade das, was sich dem
Zugriff der Rationalität entzieht<< (a.a.O., S. 85 f.).
300 Vgl. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik. Bd. 1, a.a.O., S. 167; dazu
Adorno: Ästhetische Theorie, a.a.O., S. 97 f.
301 A.a.O., S. 139 und S. 141.
302 A.a.O., S. 139 f.
303 A.a.O., S. 246 f.
304 A.a.O., S. 141.
305 A.a.O.
306 A.a.O., S. 104.
Anmerkungen 149

307 A.a.O., S. 161.


308 A.a.O.
309 A.a.O., S. 162.
310 A.a.O., S. 138.
311 A.a.O., S. 136.
312 A.a.O., S. 131 f.
313 Vgl. a.a.O., S. 39.
314 Vgl. neben S. 39 auch a.a.O., S. 123 und S. 168 f.
315 Ben;amin: Motive, a.a.O., S. 651 f.
316 Adorno: Ästhetische Theorie, a.a.O., S. 132.
317 A.a.O., S. 138.
318 A.a.O., S. 178.
319 Vgl. das Kapitel über >>Rätselcharakter, Wahrheitsgehalt, Metaphysik<<,
a.a.O., S. 179 ff.
320 A.a.O., S. 130.
321 Vgl. Baumeister/ Kulenkampff, a.a.O., S. 96.
322 A.a.O., S. 100 f. Von daher erklärt sich auch der antisystematische, das
Fortschreiten des Gedankenganges revidierende, also dem Stil nach ästhe-
tisierende Zug der philosophischen Darstellungsform. Siehe dazu auch
Adorno: Negative Dialektik, a.a.O., S. 37. Hans Heinz Holz hat dies bis
in die einzelnen stilistischen Merkmale nachgezeichnet (H. H. Holz: Me-
phistophelische Philosophie. In: Die neue Linke nach Adorno. Hg. von
Wilfried F. Schoeller. München 1969, hier bes. S. 185).
323 Vgl. zu einer solchen theologischen Denkfigur im Spätwerk Horkheimers
seine Arbeit »Zur Kritik der instrumentellen Vernunft<<. Frankfurt a. M.
1967, u. a. S. 123. Dazu auch Michael Theunissen: Gesellschaft und Ge-
schichte. Zur Kritik der kritischen Theorie. Berlin 1969. S. 13 ff.
324 Siehe zu dieser Problematik neben Baumeister/Kulenkampff, a.a.O., S.
101 ff. auch Otwin Massing: Adorno und die Folgen. über das »herme-
tische Prinzip<< der kritischen Theorie. Neuwied, Berlin 1970. Er beschreibt
diesen hermetischen Charakter der kritischen Theorie, um zu zeigen, daß
sie damit indifferent werde gegenüber ihrem Gegenstandsbereich, aus
dessen Analyse die Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen herme-
tischen Konzeption überhaupt erst erlangt werden können soll (S. 39,
S. 43, S. 63, Anm. 64). Entsprechend kritisiert Kaiser, daß die »Negativität
des Bestehenden<< und das daraus entspringende Leiden als der letzte
Grund für die Argumentationsstrategie in Adornos >Ästhetischer Theorie,
sich selbst der einsehbaren Bearündung entziehe (a.a.O., S. 155).
325 Vgl. den Brief Benjamins an Adorno vom 9. 12. 1938, a.a.O., S. 793.
326 Ben;amin: Trauerspiel, a.a.O., S. 216.
327 A.a.O.
328 Vgl. zu dieser Problematik auch Tiedemann: Studien zur Philosophie
Walter Benjamins, a.a.O., S. 43 ff.
329 Ben;amin: Trauerspiel, a.a.O., S. 227.
330 Vgl. a.a.O., S. 226 ff. Wiesenthai beruft sich in ihrer Arbeit »Zur Wissen-
schaftstheorie Walter Benjamins<< auf diesen Anspruch der Ideenlehre Ben-
jamins, demzufolge der überhistorische Wahrheitsgehalt der Werke objek-
tiv gegeben sei und nur durch die kritische Tätigkeit des Interpreten
gegenüber seiner Verschüttung in der Geschichte rekonstruiert werden
müsse. Dies ohne dadurch wiederum notwendig in einen historischen Zu-
sammenhang eingerückt zu werden (vgl. insbes. zur Kritik an Tiedemanns
Bedenken gegen solche erkenntnistheoretischen Ausführungen Benjamins
150 Anmerkungen

a.a.O., S. 180 f.). Die bloße Rekapitulation dieses Anspruches aber kann
nicht gegen die Darlegung seiner immanenten Problematik geltend gemacht
werden. Insbes. aber geht es nicht an, die Verbindlichkeit dieses Ansatzes
im Grunde auch für Benjamins Spätwerk zu behaupten, wo doch Benja-
mins Überlegungen, wie zu zeigen war und im folgenden nochmals im
Vergleich mit der Arbeit über das barocke Trauerspiel kurz dargelegt
werden wird, dezidiert darüber hinausgehen.
331 Benjamin, a.a.O., S. 406.
332 Vgl. Tiedemann, a.a.O., S. 46.
333 Benjamin: Zentralpark, a.a.O., S. 689.
334 A.a.O., S. 684.
335 Bereits in der erkenntniskritischen Vorrede des Barockbuches macht Benja-
min auf die Bedeutung moderner Kunsterlebnisse, hier insbes. des Expres-
sionismus, für die Neueinschätzung des Barock aufmerksam (a.a.O., S.
234 ff.), ohne diesen Bezug freilich inhaltlich und methodologisch näher
auszuführen.
336 Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 10. 11. 1938, a.a.O., S. 142.
337 Die Zitate stammen aus dem Schluß der Rezension »Ein Jakobiner von
heute<< von Werner Hegemanns »Das steinerne Berlin<< (in: W. Benjamin:
Gesammelte Schriften. Bd. 3, a.a.O., S. 265).

III. Zur Relativierung kunstphilosophischer Positionen. Benjamins Arbeiten


über Brecht und Kafka

1 Benjamins Arbeiten über Brecht sind z. T. früher als die bisher untersuch-
ten entstanden. (Ihre Abfassung erstreckt sich über den Zeitraum von
1930 bis 1939.) Daß sie gleichwohl in dem dargestellten Argumentations-
zusammenhang einen Schlußpunkt bilden, aber auch selbst zu dessen Pro-
blematisierung veranlassen, soll im folgenden inhaltlich plausibel gemacht
werden.
2 Vgl. im weiteren Walter Benjamin: Was ist das epische Theater? In: W. B.:
Versuche über Brecht, a.a.O., S. 21.
3 Walter Benjamin: Was ist das epische Theater? Eine Studie zu Brecht,
a.a.O., S. 10.
4 Benjamin: eTh Il, a.a.O., S. 29.
5 Benjamin: eTh I, a.a.O., S. 18.
6 A.a.O., S. 19.
7 Benjamin: eTh Il, a.a .. O, S. 27.
8 So wurde tatsächlich auch das Lehrstück >>Der Jasager<<, das von den Schü-
lern der Karl-Marx-Schule Neukölln gespielt wurde, unter Berücksichti-
gung ihrer Korrekturvorschläge geändert (vgl. Reiner Steinweg: Das Lehr-
stück - ein Modell des sozialistischen Theaters. Brechts Lehrstücktheorie.
In: Alternative 14 (1968), S. 110).
9 Walter Benjamin: Ein Familiendrama auf dem epischen Theater, a.a.O.,
s. 41.
10 A.a.O., S. 43. In dem Vortrag »Der Autor als Produzent<< hingegen wird
der >gesunde Menschenverstand< als der genaue Gegensatz zur •materia-
listischen Dialektik< gekennzeichnet (in: W. Benjamin: Versuche über
Brecht, a.a.O., S. 103).
11 Benjamin: Ein Familiendrama auf dem epischen Theater, a.a.O., S. 42.
Anmerkungen 151

12 Vgl. Ben;amin: Autor, a.a.O., S. 105.


13 A.a.O., S. 98 f.
14 A.a.O., S. 99.
15 A.a.O., S. 101.
16 A.a.O., S. 100.
17 A.a.O., S. 101. Vgl. auch Ben;amin: Kunstwerk, a.a.O., S. 493.
18 So Heiner Boehncke: Zur Biographie Tretjakovs. Nachwort zu: Sergej
Tretjakov: Die Arbeit des Schriftstellers. Aufsätze. Reportagen. Porträts.
Hg. von Heiner Boehncke. Reinheck bei Harnburg 1972. S. 192.
19 Ben;amin: Autor, a.a.O., S. 101.
20 A.a.O., S. 102.
21 Hier kann darauf freilich nur insoweit eingegangen werden, als Brechts
Überlegungen nochmals die Problematik der davon abweichenden von
Benjamin verdeutlichen.
22 Gesprächsnotiz vom 6. 7. 1934 in: Ben;amin: Gespräche mit Brecht, Svend-
borger Notizen, a.a.O., S. 118.
23 A.a.O., S. 119.
24 Zitiert nach Hans Bunge: Fragen Sie mehr über Brecht. Hanns Eisler im
Gespräch. München 1970. S. 88.
25 Bertolt Brecht: Die große und die kleine Pädagogik. In: Alternative 14
(1971), s. 126.
26 Eine Interpretation Brechts, die solche geschichtstheoretische Überlastung
zurückweist, versucht die Arbeit Gisherr Ter-Neddens über >>Das Problem
des zeitkritischen Romans nach dem Historismus. Eine Untersuchung
zum Roman ,Die Blechtrommel, von Günter Grass<<. Unveröfftl. Phil.
Diss. Erlangen 1973 zu leisten.
27 Vgl. insbes. den Brief Adornos an Benjamin vom 2. 8. 1935, a.a.O., S. 116.
28 Th. W. Adorno: Engagement. In: Th. W. A.: Noten zur Literatur. Bd. 3.
Frankfurt a. M. 1966. S. 122.
29 A.a.O., S. 123.
30 A.a.O., S. 125.
31 Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 2. 8. 1935, a.a.O., S. 116.
32 Adorno: Engagement, a.a.O., S. 122.
33 Zugute zu halten wäre Brecht in diesem Sinne allenfalls, daß er durch die
»Verfremdung unmittelbar erscheinender Vorgänge<< der ungebrochenen
dramatischen Fiktion entgegenarbeitet (a.a.O., S. 121). Allerdings wird
dieses Formmoment funktionalisiert für jene, nach Adorno problematische
Darstellungsabsicht.
34 A.a.O., S. 129. Siehe dazu den »Versuch, das Endspiel zu verstehen<< in:
Th. W. Adorno: Noten zur Literatur. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1965. S. 188 ff.
35 Vgl. Walter Ben;amin: Aus dem Brecht-Kommentar, a.a.O., S. 34 ff. und:
Kommentare zu den Gedichten von Brecht, a.a.O., S. 49 ff.
36 A.a.O., S. 49.
37 A.a.O., S. 49 f.
38 In seiner »Einleitung zu Carl Gustav Jochmanns Rückschritten der Poesie<<
würdigt Benjamin die Unschlüssigkeit Jochmanns hinsichtlich der Frage,
welcher ~ im Fortgang der Geschichte der Dichtung zukomme.
»Soweit er Gedanken der Aufklärung fortentwickelt, führen sie ihn dazu,
Platos , Verbannungsurtheil< über den Dichter zu bestätigen.<< (a.a.O., S.
359) Er mißt sie an den gesellschaftlichen Fortschritten und an den Mög-
lichkeiten theoretischer Erkenntnis, ohne eine ihr zukommende spezifische
Bedeutung in Rechnung zu stellen. Gleichwohl kassiert er das Urteil auch
152 Anmerkungen

wieder. >>Dieses eigentümliche Schwanken«, so erwägt Benjamin weiter,


»dürfte bedeutsamer sein als es irgendeine kategorische Aussage über die-
sen Gegenstand gewesen wäre<<, und: »man darf [... ] vermuten, daß ein
Versuch, der mit kategorischen Aussagen über diesen Gegenstand belastet
gewesen wäre, schwerlich hätte gelingen können.<< - Eine damit vergleich-
bare, wenn auch in einem anderen Begründungszusammenhang stehende
Verweigerung endgültiger Festlegungen dürfte Benjamin auch in bezug
auf seine Brecht-Aufsätze beabsichtigt haben.
39 Gesprächsnotiz vom 31. 8. 1934, a.a.O., S. 124.
40 A.a.O., S. 123.
41 A.a.O., S. 124 f.
42 Ben;amin: Erzähler, a.a.O., S. 427 f.
43 Walter Ben;amin: Franz Kafka: Beim Bau der Chinesischen Mauer. In:
W. B.: Ober Literatur. Frankfurt a. M. 1969. S. 189.
44 Walter Ben;amin: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todes-
tages. In: W. B.: Ober Literatur, a.a.O., S. 176.
45 A.a.O., S. 178.
46 A.a.O., S. 164.
47 A.a.O., S. 159.
48 A.a.O., S. 160.
49 Vgl. die Gesprächsnotiz vom 20. 7. 1934, a.a.O., S. 614.
50 Vgl. den Brief Adornos an Benjamin vom 17. 12. 1934, a.a.O., S. 103 ff.
51 A.a.O., S. 108.
52 A.a.O., S. 106.
53 Zur Hoffnung, aus dem Schuldzusammenhang zu entrinnen durch den Ver-
zicht, sich als Subjekt ins Recht setzen zu wollen, vgl. auch Adornos spä-
teren Kafka-Essay »Aufzeichnungen zu Kafka<< in: Th. W. Adorno: Pris-
men. Kulturkritik und Gesellschaft. München 1963. S. 279 ff.
54 Vgl. den Brief Adornos, a.a.O., S. 108.
55 Beniamin: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages, a.a.O.,
s. 173.
56 A.a.O., S. 174.
57 Vgl. Benjamins Brief an Scholem vom 12. 6. 1938, a.a.O., S. 764.
58 A.a.O., S. 762.
59 A.a.O., S. 760.
Verzeichnis der zitierten Literatur

(Die Benennung des Literaturverzeichnisses soll anzeigen, daß hier weder


eine vollständige Bibliographie der Werke Benjamins noch der Sekundär-
literatur zu liefern versucht wird. Lediglich die ausdrücklich genannten
Arbeiten sind im folgenden nochmals aufgeführt.
Zum Textstand der Primärliteratur vgl. neben Tiedemanns Verzeichnis in
seiner Dissertation >>Studien zur Philosophie Walter Benjamins<<. Frankfurt
a. M. 1965. S. 162-215 seine spätere Bibliographie der Erstdrucke von Benja-
mins Schriften, in: Zur Aktualität Walter Benjamins. Hg. von Siegfried
Unseld. Frankfurt a. M. 1972. S. 227-279 und die kommentierende Biblio-
graphie von Lindner, in: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur. Heft
31/32. München 1971. S. 89 f. - Bis zum Abschluß der vorliegenden Arbeit
sind 3 Bände der »Gesammelten Schriften<< Benjamins mit einem ausführlichen
kritischen Apparat erschienen. Es handelt sich um Bd. 1 - in drei Teilen -,
um Bd. 3 und - in 2 Halbbänden - Bd. 4. Soweit möglich wird Benjamin
nach dieser Ausgabe zitiert. Ansonsten wird dann, wenn mehrere Ausgaben
einer Arbeit Benjamins vorliegen, der vollständigere Text gewählt; vgl. dazu
im einzelnen die zuverlässigen Angaben Lindners, a.a.O.
Zur Bibliographie der Sekundärliteratur über die hier angegebenen Titel
hinaus vgl. bis 1967 die anonym erschienene »Ausgewählte Bibliographie der
Schriften über Walter Benjamin<<, In: Ober Walter Benjamin. Frankfurt a. M.
1968. S. 165-172 und bis 1971/72 die genannte Bibliographie Lindners, a.a.O.,
s. 86-91.)

1. Primärliteratur

Walter Ben;amin: Ober einige Motive bei Baudelaire [= Motive]. In: W. B.:
Gesammelte Schriften. Bd. 1, 2. Abhandlungen. Hg. von Rolf Tiedemann
und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M. 1974. S. 605-653.
ders.: Notes sur !es Tableaux parisiens de Baudelaire, a.a.O., S. 740-748.
ders.: Das Paris des Second Empire bei Baudelaire [ = Second Empire], a.a.O.,
s. 511-604.
ders.: Zentralpark, a.a.O., S. 655-690.
ders.: Baudelaire unterm Stahlhelm. Rezension von Peter Klassen: Baudelaire.
Welt und Gegenwelt. Weimar 1931. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 3.
Kritiken und Rezensionen. Hg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt
a. M. 1972. S. 303 f.
ders.: Der Autor als Produzent [= Autor]. In: W. B.: Versuche über Brecht.
Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1966. S. 95-116.
ders.: Aus dem Brecht-Kommentar, a.a.O., S. 34-38.
154 Literaturverzeichnis

ders.: Was ist das epische Theater? Eine Studie zu Brecht [= eThi], a.a.O.,
s. 7-21.
ders.: Was ist das epische Theater? Zweite Fassung[= eThll], a.a.O., S. 22-30.
ders.: Ein Familiendrama auf dem epischen Theater, a.a.O., S. 39-43.
ders.: Kommentare zu den Gedichten von Brecht, a .a .0 ., S . 49-83.
ders.: Gespräche mit Brecht. Svendborger Notizen [= Gespräche], a.a.O., S.
117-135.
ders.: Briefe. Bd. 1 und Bd. 2. Hg. von Gershorn Scholem und Theodor W.
Adorno. Frankfurt a. M. 1966.
ders.: Bücher, die lebendig geblieben sind. In: W. B.: Gesammelte Schriften.
Bd. 3, a.a.O., S. 169-171.
ders.: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows [= Erzähler].
In: W. B.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Hg. von Siegfried Unseld.
Frankfurt a. M. 1961. S. 409-436.
ders.: Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker [= Fuchs]. In: W. B.:
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei
Studien zur Kunstsoziologie. Frankfurt a. M. 1963. S. 95-156.
ders.: Ober den Begriff der Geschichte [= BG]. In: W. B.: Gesammelte Schrif-
ten. Bd. 1, 2, a.a.O., S. 691-704.
ders.: Goethes Wahlverwandtschaften. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd.
1, 1. Abhandlungen. Hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppen-
häuser. Frankfurt a. M. 1974. S. 123-201.
ders.: Ein deutsches Institut freier Forschung. In: W. B.: Gesammelte Schriften.
Bd. 3, a.a.O., S. 518-526.
ders.: Ein Jakobiner von heute. Zu Werner Hegemanns »Das steinerne Berlin«.
In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 3, a.a.O., S. 260-265.
ders.: Einleitung zu Carl Gustav Jochmanns Rückschritten der Poesie. In:
W. B.: Angelus Novus. Ausgewählte Schriften. Bd. 2. Frankfurt a. M. 1966.
s. 352-365.
ders.: Franz Kafka. Beim Bau der Chinesischen Mauer. In: W. B.: Ober Lite·
ratur. Frankfurt a. M. 1969. S. 186-193.
ders.: Franz Kafka. Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages. In: W. B.:
Ober Literatur, a.a.O., S. 154-185.
ders.: Kunst zu erzählen. In: W. B.: Denkbilder. In: W. B.: Gesammelte Schrif-
ten. Bd. 4, 1. Hg. von Tillman Rexroth. Frankfurt a. M. 1972. S. 436-438.
ders.: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. In: W. B.:
Gesammelte Schriften. Bd. 1, 1, a.a.O., S. 7-122.
ders.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
[Zweite Fassung] [= Kunstwerk]. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 1, 2,
a.a.O., S. 471-508.
ders.: Strenge Kunstwissenschaft. Zum ersten Bande der »Kunstwissenschaft-
lichen Forschungen<<. [Erste und zweite Fassung.] In: W. B.: Gesammelte
Schriften. Bd. 3, a.a.O., S. 363-369 und 369-374.
ders.: Wider ein Meisterwerk. Zu Max Kommerell, >>Der Dichter als Führer in
der deutschen Klassik<<. In: W. B.: Gesammelte Schriften. Bd. 3, a.a.O., S.
252-259.
ders.; Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts [= Paris]. In: W. B.: Illu-
minationen, a.a.O., S. 185-200.
ders.: Kleine Geschichte der Photographie. In: W. B.: Das Kunstwerk im Zeit-
alter seiner technischen Reproduzierbarkeit, a.a.O., S. 65-94.
ders.: Ober Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. In: W.
B.: Angelus Novus, a.a.O., S. 9-26.
Literaturverzeichnis 155

ders.: Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelli-


genz. In: W. B.: Angelus Novus, a.a.O., S. 200-215.
ders.: Theologisch-politisches Fragment. In: W. B.: Illuminationen, a.a.O., S.
280 f.
ders.: Ursprung des deutschen Trauerspiels (= Trauerspiel]. In: W. B.: Ge-
sammelte Schriften. Bd. 1, 1, a.a.O., S. 203-430.

2. Sekundärliteratur zu Ben;amin und allgemeine Literatur

Theodor W. Adorno: In: Th. W. A.: Gesammelte Schriften. Bd. 5. Hg. von
Gretel Adorno und Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1971. S. 251-294.
ders.: Ästhetische Theorie. In: Th. W. A.: Gesammelte Schriften. Bd. 7. Hg.
von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1970.
ders.: Aufzeichnungen zu Kafka. In: Th. W. A.: Prismen. Kulturkritik und
Gesellschaft. München 1963. S. 248-281.
ders.: Briefe an Walter Benjamin vom 17. Dezember 1934, 2. August 1935,
18. März 1936, 10. November 1938. In: Th. W. A.: Ober Walter Benjamin.
Hg. von Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1970. S. 103-146.
ders.: Charakteristik Walter Benjamins, a.a.O., S. 11-29.
ders./Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947.
ders.: Engagement. In: Th. W. A.: Noten zur Literatur. Bd. 3. Frankfurt a. M.
1966. s. 109-135.
ders.: Ober den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens.
In: Th. W. A.: Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt. Göttingen 1969.
s. 9-45.
ders.: Ideologie. In: Soziologische Exkurse. Hg. von Th. W. A. und Walter
Dirks. Frankfurt a. M. 1956. S. 162-181.
ders.: Ober Jazz. In: Th. W. A.: Moments musicaux. Frankfurt a. M. 1964.
s. 84-124.
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Namenregister

Adorno, G. 143 Fromm, E. 144


Adorno, Th. W. 1, 44 f., 52, 58 ff., 71, Fuchs, E. 4
84-99, 101 f., 110 ff., 116 ff., 120,
123, 128, 136, 138, 140--149, 151 f. Gadamer, H.-G. 120 f., 139
Andreades 136 Gallas, H. 132
Arendt, H. 127 f. George, S. 134, 137
Görres, ]. 132
Baeumler, A. 126 Goethe, J. W. v. 4 f., 32 ff., 45, 131,
Baudelaire, Ch. 29-45, 47-52, 57-63, 134
65 ff., 69, 71 f., 76-79, 81, 85, 95 f., Gundolf, F. 134
98 f., 101 ff., 118, 130 f., 133-138,
140 f., 144 f. Habermas, J. 121 f., 124 f., 133, 136.ff.
Baumeister, Th. 147 ff. Harth, D. 139
Beckett, S. 111 Haussmann, G.-E. 60
Belmore, H. 138 Hebel, ]. P. 75
Blanqui, L. A. 135, 140 f. Hege!, G. F. W. 6, 17, 34, 51, 67,
Bloch, E. 143 92-95, 124, 128, 132 f., 148
Boehncke, H. 151 Hegemann, A. 150
Borst, A. 143 Heimann, M. 115
Brecht, B. 58 f., 103-118, 125, 132, Heine, H. 131
139 f., 150 ff. Heise, R. 130, 138, 140
Brüggemann, H. 122 ff. Hodde, L. de Ia 134
Bubner, R. 124 Hoffmann, E. Th. A. 41
Buddemeier, H. 145 Holz, H. H. 127
Bunge, H. 151 Horkheimer, M. 44, 72, 85, 89-92,
Burckhardt, J. 46 130, 136, 140 ff., 144, 146 f.
Hugo, V. 30 f.
Cassirer, E. 137
Chenu, A. 132 Jauß, H. R. 120, 123, 130 f., 137, 139
Creuzer, F. 134 Jochmann, C. G. 151 f.
Joseph II. 75
Darwin, Ch. 10 Jung, R. 142 f.
Dilthey, W. 8, 121
Dvorak, M. 136 f. Kafka, F. 114-118, 152
Kaiser, G. 124, 128, 147, 149
Eisler, H. 109 Kant, I. 93 ff., 148
Engels, F. 4 f., 23, 123 Keller, G. 5, 8
Ennius, Q. E. 30 Kemp, F. 136
Kittsteiner, H.-D. 126
Fourier, Ch. 10 f. Kommerell, M. 134
Freud, S. 79 f., 144 Koselleck, R. 120, 131
Namenregister 161

Kraft, W. 70 Robespierre, M. 16, 18


Krumme, P. 141
Kulenkampff, J. 147 ff. Sandkühler, H. J. 129
Schiller, F. 17, 51, 124
Leibniz, G. W. 126 Schlaffer, H. 124
Lenin, W. J. 106 Schleiermacher, F. 120
Lepenies, W. 124 Schmidt, A. 122 f.
Lesskow, N. 72, 74 Scholem, G. 29, 53, 116 f., 123, 127 f.,
Lindner, B. 127, 130 130, 136, 139, 152
Linfert, C. 136 Schweppenhäuser, H. 136
Louis Philippe 42 Scott, Sir W. 31, 120, 131
Lukacs, G. 33 f., 123, 132 f., 143 Sedlmayr, H. 46, 136, 145
Simmel, G. 135
Makart, H. 42 Sore!, G. 39
Marcuse, H. 34 f., 133, 144 Stein, L. v. 131
Martini, F. 131 Steinweg, R. 150
Marx, K. 1 ff., 4 f., 8-23, 25 ff., 33 f., Stendhal 31, 131
37 ff., 44, 50 f., 54 f., 60, 63, 70, 74, Szondi, P. 141
87, 89 f., 98, 106, 109, 118, 120-129,
133, 136, 138 f., 142, 147 f. Ter-Nedden, G. 124, 139 f., 143, 151
Massing, 0. 149 Theunissen, M. 148
Michelet, J. 142 Thierkopf, D. 137
Mittenzwei, W. 132 Tiedemann, R. 120, 125, 136, 138 f.,
140, 143, 149 f.
Napoleon III. 38 Tretjakov, S. 107 f., 151
Neumeister, S. 133 Troeltsch, E. 121
Nietzsche, F. 8. 121 f., 141
Unseld, S. 140
Pächt, 0. 136 Va!ery, P. 95
Panofsky, E. 137, 145 Verhaeren, E. 29 f., 130
Poe, E. A. 41 f., 135
Proust, M. 73, 75, 77, 115 Wagner, R. 69
Wawrzyn, L. 145
Ranke, L. v. 120 Wiesenthal, L. 127 f., 137 f., 145, 149
Reichelt, H. 125 Wickhoff, F. 136 f.
Rickert, H. 121 Wölfflin, H. 137
Riede!, M. 121
Riegl, A. 46, 136 f., 145 f. Zdanov, A. A. 122
Ritter, J. 124, 143 Zenon 114