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CHRISTIAN IBER (BERLIN)

IN ZIRKELN UMS SELBSTBEWUSSTSEIN


© Felix Meiner Verlag 2002 | 10.28937/978-3-7873-2955-7 | 978-3-7873-2955-7 | Freie Universität Berlin, Universitätsbibliothek | 31.03.2021

Bemerkungen zu Hegels Theorie


der SubjektivitaÈt

Hegels Theorie des Selbstbewuûtseins wird im Reigen der idealisti-


schen Theorien der SubjektivitaÈt eher stiefmuÈtterlich behandelt. Es hat
allen Anschein, als ob seine LoÈsungsansaÈtze nicht wirklich ernst ge-
nommen werden. Henrich, der gewichtigste Vertreter einer auf den
Idealismus Bezug nehmenden Theorie der SubjektivitaÈt heute hat nie
wirklich einen Ankerhaken bei Hegel geworfen.
Allerdings bin ich der Meinung, daû Hegel einen gewichtigen Sach-
beitrag zur Aufhellung der Strukturverfassung und Genese von Sub-
jektivitaÈt zu liefern imstande ist. Und es ist m. E. ein Desiderat der For-
schung, diesen Sachbeitrag zutage zu foÈrdern. Ich moÈchte an dieser
Stelle versuchen zu zeigen, welchen moÈglichen Sachbeitrag Hegel zur
Theorie der SubjektivitaÈt liefern kann, und dabei kritisch die Position
von Henrich beleuchten. Ich gehe in vier Schritten vor: ZunaÈchst
werde ich die idealistischen VorgaÈngertheorien vergegenwaÈrtigen, be-
vor ich in einem zweiten Schritt Hegels Stellung zu ihnen charak-
terisiere. In einem dritten Schritt werde ich Hegels Theorie der Sub-
jektivitaÈt anhand seiner Wissenschaft der Logik vertiefen. Schlieûlich
werde ich einen kurzen Ausblick auf Hegels SubjektivitaÈtstheorie in
der PhaÈnomenologie des Geistes geben.

I.

Das philosophische Interesse am Problem der SubjektivitaÈt ist nicht nur


durch die immense Bedeutung der SubjektivitaÈt in der neuzeitlichen
Philosophie seit Descartes motiviert, wobei immer mehr der Mensch
im Unterschied zu Gott ins Zentrum der Philosophie tritt, sondern vor
allem dadurch, daû bis heute die Verfassung der SubjektivitaÈt nicht
vollstaÈndig aufgeklaÈrt ist. Was sich einem wirklichen VerstaÈndnis von
SubjektivitaÈt immer wieder in den Weg stellt, ist der bestaÈndig auf-
tretende Zirkel in der Interpretation von Selbstbewuûtsein. Gerade
52 Christian Iber

deshalb ist SubjektivitaÈt nach wie vor ein reizvoller Gegenstand fuÈr die
Philosophie. Welche Stellung hat Hegel zum Zirkelproblem des Selbst-
bewuûtseins? Um diese Frage beantworten zu koÈnnen, muÈssen wir
kurz auf Kant, Reinhold und Fichte zuruÈckblicken.
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Kant hatte SubjektivitaÈt noch nicht eigentlich zum Thema gemacht


und noch keine eigenstaÈndige Theorie des Selbstbewuûtseins aus-
gebildet. Struktur und Verfassung des Selbstbewuûtseins bleiben fuÈr
Kant jenseits einer Wissensgrenze. Gleichwohl ist fuÈr Kant das ,Ich
denke`, die transzendentale Apperzeption des Selbstbewuûtseins, der
hoÈchste Punkt der Transzendentalphilosophie, weil sie notwendige
Voraussetzung und ErmoÈglichungsgrund der Erfahrungserkenntnis,
also von Gegenstandsbewuûtsein ist.
Da Selbstbewuûtsein nach Kant nur im Gegenstandsbewuûtsein in
Erscheinung tritt, also im Haben von kategorial strukturierten Ge-
danken im Hinblick auf raum-zeitliche Anschauungen von Gegen-
staÈnden, ist das dem Gegenstandsbewuûtsein vorgaÈngige Ich des
Selbstbewuûtseins vom Bewuûtsein nicht ohne fehlerhaften Zirkel zu
erfassen. Das dem Gegenstandsbewuûtsein vorgaÈngige Ich oder
Selbstbewuûtsein, so Kant in der Einleitung zum Paralogismuskapitel
der Kritik der reinen Vernunft, erfassen wir ¹nur durch die Gedanken,
die seine PraÈdikate sind . . .ª, und wovon wir, abgesondert, niemals
den mindesten Begriff haben koÈnnen.1 Wir koÈnnen also Selbst-
bewuûtsein nur als besonderen Fall von Gegenstandsbewuûtsein aus-
weisen. Gleichwohl nehmen wir dabei immer ein dem Gegenstands-
bewuûtsein vorgaÈngiges Ich oder Selbstbewuûtsein in Anspruch. Wir
bewegen uns daher, sagt Kant, um das Ich oder Selbstbewuûtsein in
einem ¹bestaÈndigen Zirkelª herum, ¹indem wir uns seiner Vorstellung
jederzeit schon bedienen muÈssen, um irgend etwas von ihm zu ur-
teilenª.2 Diesen sich unvermeidlich einstellenden Zirkel in der Er-
fassung des Selbstbewuûtseins unter der Perspektive des Bewuûtseins
nennt Kant eine Unbequemlichkeit, die fuÈr ihn eine Wissensgrenze
bezuÈglich der internen Verfassung des Selbstbewuûtseins anzeigt.
Kant uÈbte deshalb in bezug auf das Selbstbewuûtsein philosophische

1 Kant: Kritik der reinen Vernunft. A 346, B 404.


2 Ebd. Kant ist sich daruÈber im klaren, daû die andere Seite des fehlerhaften Zirkels der
infinite Regreû erkennender Ichpositionen ist. Wird das Wissen des Ich als gegen-
staÈndliche Erkenntnis gefaût, verwandelt sich das Ich in der erkennenden Bezugnahme
auf sich unter der Hand in ein erkanntes Objekt, dem sich gegenuÈber unmittelbar ein
vorauszusetzendes erkennendes Ich auftut, welches wiederum im Versuch, sich zu er-
fassen, zu einem erkannten Objekt eines erkennenden Subjekts wird etc. (vgl. ebd. A 402).
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 53

EpocheÂ. Selbstbewuûtsein ist nach Kant theoriebeduÈrftig, aber nicht


theoriefaÈhig.3
Auch Reinhold definiert das Selbstbewuûtsein im Gefolge Kants
unter den Bedingungen des Gegenstandsbewuûtseins. ¹Unter dem Ich
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wird das vorstellende Subjekt, inwieferne es Objekt des Bewuûtseyns ist,


verstandenª.4 Indem sich das vorstellende Subjekt aber in der Position
des Objekts als vorstellendes vorstellt, ist es gerade nicht bei sich selbst,
sondern von sich selbst getrennt, obgleich es als selbstbezuÈgliches Ich
in Anspruch genommen wird. Auch in Reinholds Theorie des Selbst-
bewuûtseins bleibt sich das Ich aufgrund des sich einstellenden Zirkels
prinzipiell im dunkeln.
Fichte hat die Schwierigkeiten der Selbstbewuûtseinstheorie unter
der Perspektive des Gegenstandsbewuûtseins als Aporien der sog. Re-
flexionstheorie des Selbstbewuûtseins namhaft und damit die Aporien
der Theorie der SubjektivitaÈt von Descartes bis Kant und Reinhold
auf den Begriff gebracht und im Gegenzug zu ihnen seine eigene
SubjektivitaÈtstheorie entwickelt.5 Seine These ist, daû sich der re-
flexionstheoretische Ansatz, der vom Subjekt-Objekt-Differenz-Modell
des Gegenstandsbewuûtseins ausgeht, bei der ErklaÈrung von Selbst-
bewuûtsein notwendig in einen fehlerhaften Zirkel verfaÈngt. Wird
naÈmlich Selbstbewuûtsein als durch Reflexion eines Ich auf sich selbst
konstituiert gedacht, so ist im Begriff des Ich Selbstbezug immer schon
vorausgesetzt. Andernfalls koÈnnte ich naÈmlich gar nicht wissen, daû
ich es selbst bin, worauf die Reflexion des Bewuûtseins sich richtet. Die
reflexive RuÈckwendung des Ich auf sich selbst und die damit er-
folgende Selbstidentifikation setzt die SelbstbezuÈglichkeit des Ich im-

3 Hingewiesen sei darauf, daû es nicht nur fu È r Kants Kritik an der rationalistischen
Metaphysik, sondern auch fuÈr seine eigene Theorie vom Ich, wonach das Ich nur funk-
tional als ¹Ich denkeª, ¹das alle meine Vorstellungenª muÈsse ¹begleiten koÈnnenª (KdrV.
B 131), gedacht werden kann, maûgebend ist, daû es von ihm keine gegenstaÈndliche Er-
kenntnis geben kann. Vielfach wird gesagt, daû Kant das Selbstbewuûtsein des Ich aus
dem Vollzug seiner Denkfunktionen erklaÈrt (vgl. D. Sturma: Kant uÈber Selbstbewuûtsein.
Hildesheim, ZuÈrich 1985. 71). Doch damit sich das Ich seine Denkfunktionen als seine
zuschreiben kann, muû es sich immer schon zuvor als seiner selbst bewuût sein. Die
SelbstreferentialitaÈt, die hier erklaÈrt werden soll, ist bei diesem ErklaÈrungsversuch also
bereits vorausgesetzt. Wie aber diese SelbstbezuÈglichkeit ihrerseits faûbar ist, hat Kant
nur angedeutet, aber nicht entwickelt (vgl. KdrV., B 155, 158, 420, 429, 430).
4 K. L. Reinhold: Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermo È gens. Prag,
Jena 1789, Nachdruck Darmstadt 1963. 336.
5 Vgl. J. G. Fichte: Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797), in: Fichte:
Werke. Hrsg. von I. H. Fichte. Berlin 1971. Bd 1. 519±534.
54 Christian Iber

mer schon voraus. Also kann das Ich nicht durch Reflexion des Ge-
genstandsbewuûtseins zustandekommen.
An die Stelle der Reflexionstheorie tritt bei Fichte die Annahme
eines praÈreflexiven Bewuûtseins des selbstbezuÈglichen Ich, das Fichte
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intellektuelle Anschauung nennt. Und es ist leicht einzusehen, daû


deshalb bei Fichte das Ich prinzipiierenden Charakter hinsichtlich
allen Gegenstandsbewuûtseins annimmt. WaÈhrend bei Kant das
Gegenstandsbewuûtsein PrioritaÈt vor dem Selbstbewuûtsein hat, ver-
schiebt sich bei Fichte diese PrioritaÈt zugunsten des Selbstbewuût-
seins. Damit wird bei Fichte die Theorie der SubjektivitaÈt zur Prinzi-
pientheorie des Deutschen Idealismus.
Fichte ging davon aus, daû man die wissende Selbstbeziehung des
Ich nur aus der Binnenperspektive des Ich heraus begreifbar machen
kann. Er war sich auch intuitiv im klaren daruÈber, daû es sich beim
Selbstbewuûtsein nicht nur um ein unmittelbar selbstbezuÈgliches Wis-
sen handelt, sondern auch, da einer immer auch etwas von sich weiû,
um ein reflektiertes Ich-Objekt.
Das Selbstbewuûtsein weist also eine doppelte Struktur auf. Es ist
Einheit von unmittelbar selbstbezuÈglichem Ich-Subjekt und reflektier-
tem Ich-Objekt. Mit immer neuen Formeln hat Fichte diese Einheit zu
beschreiben versucht. So etwa mit der Formel ,Das Ich ist ein ¹sich Set-
zen als setzendª`6 oder etwa in der etwas seltsamen Rede davon, daû
das Selbstbewuûtsein darin besteht, daû der TaÈtigkeit des Ich ein Auge
eingesetzt sei.7
Dieter Henrich hat gezeigt, daû es Fichte nicht gegluÈckt ist, das
Selbstbewuûtsein in seiner doppelten Struktur, als Einheit von un-
mittelbar selbstbezuÈglichem Ich-Subjekt und reflektiertem Ich-Objekt,
ohne fehlerhaften Zirkel zu beschreiben.8 Statt dem Zirkel in der Er-
fassung von Selbstbewuûtsein zu entrinnen, geraÈt Fichtes Konzeption
selbst in einen Zirkel. Denn der reflektierende bzw. objektivierende
Akt, der das explizite Wissen des selbstbezuÈglichen Ich von sich selbst
verbuÈrgen soll, zerstoÈrt dieses in seiner SelbstbezuÈglichkeit, das er an-
dererseits notwendig voraussetzt. Indem das Ich sich selbst Objekt
wird, spaltet es sich in das Ich-Objekt und das objektivierende Ich-

6 Fichte: Werke. Bd 1. 528.


7 J. G. Fichte: Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahre 1801. In: Fichte: Werke.
Bd 2. 19, 37.
8 D. Henrich: Fichtes urspru È ngliche Einsicht. In: SubjektivitaÈt und Metaphysik. Hrsg. von
D. Henrich und H. Wagner. Frankfurt a. M. 1966. 188±232.
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 55

Subjekt. Andererseits weiû das Ich in der Unmittelbarkeit seines


Selbstbezugs nichts Definitives von sich selbst. Die wissende Selbst-
beziehung des Ich setzt also einen Abstand von sich voraus. Unmittel-
barer Selbstbezug und Abstand von sich oder Fremdbezug kommen
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also im Selbstbewuûtsein des Ich in einen fehlerhaften Zirkel und es ist


nicht abzusehen, wie aus diesem herauszukommen ist.
Allgemein gilt also: Die Erfassung des Selbstbezugs des Ich fuÈhrt not-
wendig in einen Zirkel. Dieser kann als wechselseitige Voraussetzung
von Selbst- und Fremdbezug beschrieben werden. Der Selbstbezug des
Ich setzt den Abstand von sich, die Distanz zu sich, der als ein Fremd-
bezug verstanden werden kann, voraus, in dem man sich als das Objekt
des Wissens weiû. Das reflektierte Wissen von sich selbst setzt aber um-
gekehrt die unmittelbare wissende Selbstbeziehung des Ich voraus.
Ich fasse zusammen: FuÈr Kant bleibt die Verfassung des Ich eine
Grenze des Wissens, weil er den unbequemen Zirkel bemerkt, daû die
Erfassung des Ich durch das Gegenstandsbewuûtsein immer nur unter
Inanspruchnahme des Ich moÈglich ist. Er folgert daraus, daû die Er-
fassung eines jedem Gegenstandsbewuûtsein vorausliegenden Ich
nicht ausweisbar ist. Deshalb war Selbstbewuûtsein fuÈr Kant kein
Thema seiner Philosophie. Im Gegensatz zu Kant sieht Fichte, daû
das Gegenstandsbewuûtsein in der wissenden Selbstbeziehung des Ich
fundiert ist, von der also der Ausgang fuÈr die Explikation aller Wis-
sensformen zu nehmen sei. Doch die Explikation der wissenden
Selbstbeziehung des Ich aus sich selbst heraus fuÈhrt bei Fichte eben-
falls in einen Zirkel, so daû das Zirkelproblem bestehenbleibt.
Schon fruÈh haben Schelling und die FruÈhromantiker, vor allem
Hölderlin und Novalis, eine Alternative zu Fichtes Selbstbewuût-
seinstheorie entwickelt. Da sie klar sahen, daû die Erfassung des
selbstbezuÈglichen Ich aus sich selbst heraus nicht ohne Zirkel zu haben
ist, haben sie den Schluû gezogen, daû die wissende Selbstbeziehung
von SubjektivitaÈt gar nicht aus sich selbst heraus verstaÈndlich gemacht
werden kann und also keine selbstgenuÈgsame Grundtatsache ist. So
kamen sie zu der Annahme, daû der Grund oder Kern des Ich eine sich
dem Bewuûtsein entziehende, anonyme Dimension sei, die sie Sein
bzw. absolutes Sein nannten.9 Damit haben sie aber das Problem der
Selbstbeziehung und die Zirkelproblematik aus dem Blick verloren.

9 Vgl. Ho È lderlin im Fragment Urtheil und Seyn. In: F. HoÈlderlin: SaÈmtliche Werke. Hrsg.
von F. Beiûner u. a. Stuttgart 1943±1985. Bd 4. 216 f.; sowie Novalis in seinen Fichte-Stu-
dien, in: Novalis: Schriften. Hrsg. von R. Samuel. Stuttgart [usw.] 1981. Bd 2. 106.
56 Christian Iber

Diesen alternativen, neuplatonische Motive aufnehmenden Weg, die


selbstbezuÈgliche SubjektivitaÈt auf ihren unvordenklichen Grund hin
freizulegen, hat auch Henrich in seiner Selbstbewuûtseinstheorie be-
schritten. Henrich kehrt damit auf hoÈherer Stufe zu Kants Position
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der Wissensgrenze zuruÈck. Nach 30 Jahren seiner BeschaÈftigung mit


dem Selbstbewuûtsein kommt er zu dem Resultat, daû Selbstbewuût-
sein ein nicht naÈher aufklaÈrbares PhaÈnomen sei, weil Philosophie hier
an eine Wissensgrenze stoûe. An Henrichs LoÈsungsvorschlag, daû der
Grund des Selbstbewuûtseins eine anonyme Selbsthabe bzw. ein ¹(im-
plizites) selbstloses Bewuûtsein vom Selbstª10 sei, waÈren zwei Fragen
zu stellen: 1. Ist diese Bestimmung nicht eine contradictio in adjecto?
Wie kann ein Bewuûtsein vom Ich ein ichloses sein? 2. Ist die Frage, daû
und warum selbstbezuÈgliche SubjektivitaÈt uÈberhaupt eintritt, nicht
eher eine genetische Frage und keine, die die logische Struktur der in-
ternen Verfassung von SubjektivitaÈt betrifft?11
Bevor ich nun zu Hegel komme, moÈchte ich einen Blick auf die
nachidealistische Philosophie werfen. Ein vehementer Vorstoû zur
UÈ berwindung der mit den Selbstbewuûtseinstheorien gegebenen
Aporien ist von Heidegger unternommen worden. Heidegger setzt an
die Stelle des Reflexionsmodells des Selbstbewuûtseins das pro-
positionale Modell des Selbstbewuûtseins: Daû ich mich zu mir ver-
halte, bedeutet, daû ich mich zu dem Sachverhalt verhalte, daû und wie
ich existiere.12 Doch lieûe sich zeigen, daû sich das menschliche Dasein

10 D. Henrich: Selbstbewuûtsein. Kritische Einleitung in eine Theorie. In: Hermeneutik und


Dialektik. Hrsg. von R. Bubner, K. Cramer und R. Wiehl. TuÈbingen 1970. 280. In AnknuÈp-
fung an Henrich und Sartre sieht M. Frank in der unmittelbaren, uneinholbaren Ver-
trautheit mit sich des praÈreflexiven Bewuûtseins, in der reflektierte Formen von Sub-
jektivitaÈt keine BeruÈcksichtigung finden, die LoÈsung des Selbstbewuûtseinsproblems
(vgl. M. Frank: SubjektivitaÈt und IndividualitaÈt. U È berblick uÈber eine Problemlage. In:
Selbstbewuûtsein und Selbsterkenntnis. Essays zur analytischen Philosophie der Sub-
jektivitaÈt. Stuttgart 1991. 9±49). Doch ist praÈreflexive Vertrautheit mit sich zwar eine not-
wendige, aber keine zureichende Charakterisierung von Selbstbewuûtsein.
11 Henrich vertritt im Rekurs auf Ho Èlderlin eine Art formale Ursprungsmetaphysik
des Bewuûtseins. Daû und warum die unmittelbar wissende Selbstbeziehung des Be-
wuûtseins uÈberhaupt eintritt, verdankt sich einem immanent im Bewuûtsein selbst vo-
rangehenden unvordenklichen Grund (vgl. D. Henrich: Der Grund im Bewuûtsein. Unter-
suchungen zu HoÈlderlins Denken (1794±1795). Stuttgart 1992. Bes. 622 ff.). Die grund-
saÈtzliche Frage an diese Konzeption ist, ob bei Vorliegen von Bewuûtsein nicht stets eine
einfache, unmittelbare, unthematische und wie auch immer noch rudimentaÈr bleibende
Selbstbeziehung des Ich unterstellt ist, die nicht voÈllig selbstverloren bleibt, sondern auch
unreflektiert erfahren wird.
12 ¹Das Sein selbst, zu dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer ir-
gendwie verhaÈlt, nennen wir Existenzª (M. Heidegger: Sein und Zeit. (15. Aufl.) TuÈbingen
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 57

nicht propositional zu seinen Existenzweisen verhalten koÈnnte, wenn


nicht die Vertrautheit des Selbst mit sich im Verhalten zu seiner Exi-
stenz vorausgesetzt waÈre. Tugendhat ist Heideggers propositionalem
Modell gefolgt und hat das propositionale Verhalten der Person zu ih-
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rer Existenz sprachanalytisch konkretisiert, indem er Selbstbewuûtsein


durch die Verwendungsweisen des Personalpronomens ,ich` zu er-
klaÈren versucht. Das Spezifische des Ausdrucks ,ich` sei, daû mit ihm
der jeweilige Sprecher sich selbst bezeichnet, ohne sich zu identifizie-
ren, und daû der, der sich mit ,ich` bezeichnet, aus der Er-Perpektive als
raum-zeitliche Person identifiziert werde koÈnne.13 So plausibel dies al-
les ist, so muû ich doch erstens diese beiden Gebrauchsweisen des
Ausdrucks ,ich`, in denen ich als Ich-Subjekt und als Ich-Objekt auf-
trete, in mein Wissen aufgenommen haben und zweitens setzt dieses
mein Wissen von den beiden Gebrauchsweisen des Ausdrucks ,ich`
zuvor die Kenntnis meiner selbst voraus. Jedes Subjekt ist selbstbe-
zuÈgliches Subjekt und identifizierbare Person. Jeder Ich-Gebrauch setzt
dieses gedoppelte Wissen voraus. Dann muû aber gesagt werden, daû
dieses gedoppelte Wissen sich nur innerhalb der wissenden Selbst-
beziehung des Ich selbst auslegen laÈût. Offenbar muû daher ein ur-
spruÈnglicher wissender Selbstbezug gesichert sein, soll von meiner Exi-
stenz in der gedoppelten Weise des Ich-Subjekts und Ich-Objekts die
Rede sein. Da Tugendhats Theorie, die das Selbstbewuûtsein aus in-
tersubjektiven-sprachlichen ZusammenhaÈngen der Bedeutungsver-
mittlung des Ausdrucks ,ich` verstaÈndlich machen will, den wissenden
Selbstbezug des Subjekts, den sie leugnet, durchgaÈngig voraussetzt,
geraÈt sie eben in denjenigen Zirkel, welchen die Theorien aufweisen,
die eine Auslegung der wissenden Selbstbeziehung in Orientierung am
natuÈrlichen Gegenstandsbewuûtsein versuchen.14

1979. 12). Die scheinbar primaÈr reflexive SubjektivitaÈt wird von Heidegger auf den ur-
spruÈnglichen Sinn eines Seins hin freigelegt, von dem her sich in seinen Existenzweisen
verstehen zu koÈnnen das menschliche Dasein allererst zu sich selbst braÈchte.
13 Vgl. E. Tugendhat: Selbstbewuûtsein und Selbstbestimmung. Sprachanalytische Inter-
pretationen. Frankfurt a. M. 1979. 73, 84, 87.
14 Vgl. D. Henrich: Noch einmal in Zirkeln. Eine Kritik von Ernst Tugendhats se-
mantischer ErklaÈrung von Selbstbewuûtsein. In: Mensch und Moderne. Hrsg. v. C. Bellut u.
U. MuÈller-SchoÈll. WuÈrzburg 1989. 93±132. Henrich weist in Tugendhats Selbstbewuût-
seinstheorie, die von sich behauptet, im Unterschied zu den idealistischen Selbst-
bewuûtseinstheorien zirkelfrei zu sein, drei Zirkel auf.
58 Christian Iber

II.

Was ist nun Hegels Stellung zum Problem der Selbstbeziehung der
SubjektivitaÈt bzw. zum Zirkelproblem des Selbstbewuûtseins? Anhand
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eines einschlaÈgigen Zitats aus Hegels Begriffslogik laÈût sich diese Stel-
lung Hegels verdeutlichen: ¹Aber laÈcherlich ist es wohl, diese Natur
des Selbstbewuûtseins ± daû Ich sich selbst denkt, daû Ich nicht gedacht
werden kann, ohne daû es Ich ist, welches denkt ± eine Unbequemlichkeit
und als etwas Fehlerhaftes einen Zirkel zu nennen, ± ein VerhaÈltnis,
wodurch sich im unmittelbaren, empirischen Selbstbewuûtsein die ab-
solute, ewige Natur desselben und des Begriffs offenbart, deswegen
offenbart, weil das Selbstbewuûtsein eben der daseiende, also empirisch
wahrnehmbare, reine Begriff, die absolute Beziehung auf sich selbst ist,
welche als trennendes Urteil sich zum Gegenstande macht und allein
das ist, sich zum Zirkel zu machenª.15
Dieses Zitat enthaÈlt Hegels ganze Selbstbewuûtseinstheorie. Aus
dem Zitat geht hervor, daû Hegel dem Zirkel in der Erfassung der
selbstbezuÈglichen Struktur des Ich nicht aus dem Weg gehen moÈchte.
Denn ± sagt Hegel ± es ist notwendig und unvermeidlich, daû sich das
Ich in seiner absoluten Selbstbeziehung ¹als trennendes Urteil . . . zum
Gegenstandeª und damit zum Zirkel macht. Was er Kant vorwirft, ist,
daû er den Zirkel als eine Unbequemlichkeit oder einen Fehler ausgibt,
der es verhindert, die Struktur und Verfassung des Selbstbewuûtseins
aufzuklaÈren. Im Gegensatz zu Kant haÈlt Hegel diesen Zirkel fuÈr keinen
Fehler, sondern fuÈr einen unhintergehbaren Sachverhalt, indem er den
Reflexionszirkel zugleich radikal umdeutet. Kants Auffassung von der
fehlerhaften Zirkelhaftigkeit der selbstobjektivierenden Erfassung des
Ich verweist nach Hegel darauf, daû die selbstbezuÈgliche Verfassung
des Ich nicht angemessen bestimmt ist. Und diese hat in den Augen
Hegels auch Fichte nicht angemessen erfaût.
Hegels LoÈsungsansatz der Zirkelproblematik des Selbstbewuûtseins
impliziert daher auch eine radikale Kritik an der Kernstruktur des Ich
als einem bloûen, unmittelbaren Selbstbezug der intellektuellen An-
schauung bei Fichte. Das Wesen von SubjektivitaÈt ist nach Hegel keine
bloûe, reine Selbstbeziehung. Das selbstbezuÈgliche Ich kann sich naÈm-
lich nur erfassen, wenn es sich zum Gegenstand macht.

15 G. W. F. Hegel: Wissenschaft der Logik II. In: Hegel: Werke in 20 Ba


È nden. Hrsg. v. E.
Moldenhauer u. K. M. Michel. Frankfurt a. M. 1969 ff. Bd 6. 490. Diese Ausgabe wird im
folgenden als HW mit Bandnummer und Seitenangabe zitiert.
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 59

Hegels LoÈsungsvorschlag ist also die Annahme einer absoluten


Selbstbeziehung. Dieser Begriff birgt natuÈrlich immense Schwierig-
keiten in sich. Im Begriff der absoluten Beziehung auf sich ist aber of-
fensichtlich die Distanz zu sich, die Beziehung auf sich als Anderes, als
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konstitutives Moment der Beziehung auf sich enthalten. Die Selbstbe-


zuÈglichkeit der SubjektivitaÈt ist fuÈr Hegel Einheit von Selbst- und
Fremdbeziehung. Aber auch Hegel scheint den Zirkel in der Beschrei-
bung dieser Verfassung des Selbstbewuûtseins ± genauso wie Fichte ±
nicht vermeiden zu koÈnnen. ZirkulaÈr ist naÈmlich der Sachverhalt, daû
der Fremdbezug den Selbstbezug und dieser wieder jenen voraussetzt.
Doch ist es wichtig zu sehen, daû die zirkulaÈre Struktur der Verfassung
des Selbstbewuûtseins von einem fehlerhaften Zirkel, einer petitio
principii, die ja Indiz fuÈr Inkonsistenz ist, unterschieden ist. Fehlerhaft
zirkulaÈr wird die Beschreibung der Selbstobjektivierung des Ich ja nur
dadurch, daû in ihr die urspruÈngliche SelbstbezuÈglichkeit des Ich nicht
festgehalten wird, die gleichwohl in Anspruch genommen werden
muû.
Von einem fehlerhaften Zirkel unterscheidet sich die zirkulaÈre Ver-
fassung der SubjektivitaÈt bei Hegel offensichtlich dadurch, daû sie der
Zirkel einer unhintergehbaren SelbstbegruÈndungsstruktur ist, als die
sich die absolute Beziehung des Begriffs erweist.16 Der Terminus der
absoluten Beziehung auf sich muû also erklaÈren koÈnnen, warum das
selbstbezuÈgliche Ich sowohl den Aspekt des unmittelbaren Selbstbe-
zugs als auch den Aspekt des Fremdbezugs aufweist, ohne sich in
einen fehlerhaften Zirkel zu verstricken. Hegel geht davon aus, daû das

16 K. Cramer hat auf Hegels konstruktive Umdeutung des fehlerhaften Zirkels in der
Theorie des Selbstbewuûtseins hingewiesen, doch nicht zwischen fehlerhaftem und not-
wendigem, unhintergehbarem Zirkel in der SelbstbegruÈndungsstruktur des Begriffs un-
terschieden. Vgl. K. Cramer: ¹Erlebnisª. Thesen zu Hegels Theorie des Selbstbewuûtseins
mit RuÈcksicht auf die Aporien eines Grundbegriffs nachhegelscher Philosophie. In:
Stuttgarter Hegel-Tage 1970. Hrsg. von Hans-Georg Gadamer. Bonn 1974. (Hegel-Studien.
Beiheft 11.) 537±603. Zur Bedeutung dieser Differenz vgl. V. HoÈsle: BegruÈndungsfragen des
objektiven Idealismus, in: Philosophie und BegruÈndung. Hrsg. v. W. R. KoÈhler, W. Kuhlmann
u. P. Rohs, Frankfurt a. M. 1987, 212±267, bes. 245 ff.; Chr. Iber: Die BegruÈndung des Idealis-
mus bei Fichte, Schelling und Hegel, in: prima philosophia 3/2 (1990), 171±193, bes. 184; K.
DuÈsing: Selbstbewuûtseinsmodelle. Moderne Kritiken und systematische EntwuÈrfe zur konkreten
SubjektivitaÈt. MuÈnchen 1997. 97 ff. DuÈsing nimmt die produktiven Potentiale von Hegels
Theorie der SubjektivitaÈt fuÈr den Versuch einer den vitioÈsen Zirkel vermeidenden syste-
matischen Theorie konkreter SubjektivitaÈt auf. Er entwirft eine Stufenfolge von Selbst-
bewuûtseinsmodellen, in der es im Ausgang von einer einfachen Grundstruktur von
Selbstbeziehung und unter BeruÈcksichtigung intersubjektiver Aspekte zur Ausbildung
verschiedener, immer komplexer werdender Selbstbeziehungsweisen emotionaler, ko-
gnitiver und voluntativer Art von SubjektivitaÈt kommt (vgl. ebd. 123 ff).
60 Christian Iber

selbstbezuÈgliche Ich immer schon bei sich ist und als solches nur aus
sich selbst heraus zur gegenstaÈndlichen bewuûten SelbstverstaÈndigung
uÈber sich kommen kann. Nicht das selbstbewuûte Ich bewegt sich in
einem fehlerhaften Zirkel um sich selbst, sondern nur die defizitaÈre
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Theorie des Selbstbewuûtseins. Gegen den fehlerhaften Zirkel der tra-


ditionellen Theorie des Selbstbewuûtseins macht Hegel die nichtvitioÈse
Zirkelstruktur des Selbstbewuûtseins selbst geltend.
Wie gesagt: Hegel sieht in der zirkulaÈren Einheit von Selbst- und
Fremdbeziehung eine der SubjektivitaÈt unhintergehbar zukommende
Struktur. Unhintergehbar ist der Zirkel der sich selbst zum Gegenstand
machenden selbstbezuÈglichen SubjektivitaÈt darin, daû er allem Wissen
von sich immer schon zugrunde liegt, also nicht ohne Widerspruch in
dessen ErklaÈrung negiert werden kann. Ein Ich-Objekt ohne selbstbe-
zuÈgliches Ich ist ebensowenig denkbar wie ein selbstbezuÈgliches Ich
ohne reflektiertes Ich-Objekt. Hegel muÈûte also einsichtig machen
koÈnnen, daû die absolute SelbstbezuÈglichkeit des Ich darin besteht, daû
das selbstbewuûte Ich Einheit von Selbst- und Fremdbezug ist, ohne
daû darin SelbstbezuÈglichkeit verloren geht. Nennen wir das selbstbe-
zuÈgliche Ich das Ich und das reflektierte Ich-Objekt das Selbst, so ist das
selbstbewuûte Ich immer schon bestehende Einheit von Ich und Selbst.
Das Geheimnis menschlicher SubjektivitaÈt ist eben die IdentitaÈt von
selbstbezuÈglichem Ich-Subjekt und reflektiertem Ich-Objekt, die Iden-
titaÈt von Ich und Selbst. Und dieses IdentitaÈtsproblem moÈchte Hegel
durch den Begriff der ¹absoluten Beziehung auf sichª loÈsen. Wie Hegel
dieses Problem loÈst, ist allerdings alles andere als klar.
Bedeutsam ist diese IdentitaÈt von selbstbezuÈglichem Ich-Subjekt und
reflektiertem Ich-Objekt auch aus folgendem Grund. Das Ich als Ich-
Objekt oder Person wird immer als EntitaÈt identifiziert, die eine
Innenperspektive hat. GehoÈrt Selbstbewuûtsein zu dieser Innen-
perspektive, so wird Personen auch Selbstbewuûtsein aus der Auûen-
perspektive zugesprochen werden muÈssen. Jede Theorie von Selbst-
bewuûtsein muû eine solche Fremdzuschreibung von Selbstbewuût-
sein aus der internen Struktur von SubjektivitaÈt verstaÈndlich machen
koÈnnen. Dies ist einer der entscheidenden GruÈnde, warum Sub-
jektivitaÈt nicht uÈber IntersubjektivitaÈt einholbar ist.
Es ist nun leicht zu sehen, daû uns Hegels spezifische, umdeutende
Interpretation des Zirkels in der Theorie des Selbstbewuûtseins mit
seinem Begriff der Dialektik konfrontiert. Der Dialektik bedarf es so-
wohl was die diskursive Erfassung der Struktur der SubjektivitaÈt be-
trifft als auch was die Herleitung dieser Struktur angeht. Hegels Dia-
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 61

lektik kann als Beweis, und zwar als indirekter Beweis fuÈr die Un-
hintergehbarkeit bzw. Absolutheit der Struktur der SubjektivitaÈt ver-
standen werden, der uÈber den Aufweis der WiderspruÈchlichkeit aller
konkurrierenden Kategorien laÈuft.
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Hegels Unternehmen einer dialektischen BegruÈndung der logischen


Struktur und Verfassung der SubjektivitaÈt laÈût sich als AnknuÈpfung an
und als Gegenentwurf zur Cartesianischen Tradition verstehen. Seine
dialektische Selbstbewuûtseinstheorie ist nicht einfach Konsequenz
und Vollendung der neuzeitlichen Subjektphilosophie. Hegel wirft
Kant, aber auch vor allem Fichte vor, die selbstbezuÈgliche Struktur
des Ich als absolutes, aber unzureichend analysiertes Prinzip nur vor-
auszusetzen, ohne es in das Wissen von seiner Bestimmtheit auf-
zuloÈsen. Statt das Ich als transzendentales Prinzip vorauszusetzen,
muû es in seiner Unhintergehbarkeit und internen Struktur allererst
entwickelt werden.
Ich fasse zusammen: Interessant wird Hegels Theorie der Sub-
jektivitaÈt, wenn man sieht, daû seine SubjektivitaÈtskonzeption eine
Antwort auf die Schwierigkeiten und Dunkelheiten der SubjektivitaÈts-
theorien Kants und Fichtes und auch eine Alternative zu den fruÈh-
romantischen Subjektkonzeptionen sein will. Jedenfalls sollte man sich,
bevor man in Positionen des sich entziehenden Grundes von Sub-
jektivitaÈt Zuflucht sucht, der Theorie Hegels nicht verschlieûen, die das
PhaÈnomen der SelbstbezuÈglichkeit von SubjektivitaÈt vertieft, sondern
versuchen, eben diese Hegelsche Theorie in ihrem produktiven Poten-
tial auszuschoÈpfen.17

III.

Eine nicht zu unterschaÈtzende Schwierigkeit von Hegels Theorie der


SubjektivitaÈt ist, daû er diese einerseits in der Wissenschaft der Logik als
Theorie der SubjektivitaÈt des Begriffs, andererseits als realphiloso-

17 In seinem neusten Beitrag zur Theorie der SubjektivitaÈ t nimmt Henrich eine veraÈn-
derte Position zur Selbstbewuûtseinstheorie ein und scheint auf die von Hegel freigelegte
Doppelstruktur des Selbstbewuûtseins Bezug zu nehmen: Im Selbstbewuûtsein ist vor-
ausgesetzt, ¹daû einer von sich selbst weiû, und zwar so, daû er zugleich auch weiû, daû
dies Wissen ein Wissen von ihm selbst istª. (D. Henrich: Bewuûtes Leben. Stuttgart 1999. 14,
vgl. auch 57 ff). Zugleich modifiziert Henrich seine ursprungsmetaphysische These vom
Selbstbewuûtsein: ¹Ein Grund des Wissens von mir, wie immer er zu fassen ist, laÈût sich
uÈberhaupt nur als Hypothese denken, die aber in keiner Verifikation zur erwiesenen Er-
kenntnis zu wandeln istª (ebd. 65).
62 Christian Iber

phische Theorie in der PhaÈnomenologie des Geistes und in der Enzy-


klopaÈdie entwickelt. Allerdings kann Hegels Behandlungsweise des Be-
griffs der SubjektivitaÈt gerechtfertigt werden: Der systematische Ort
von Hegels Theorie der SubjektivitaÈt ist nicht die Realphilosophie. Die
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PhaÈnomenologie des Geistes ist eine Theorie der Genese der inhaltlichen
Bestimmungen des Selbstbewuûtseins im Rahmen einer Theorie der
Erfahrung des Bewuûtseins. Die Realphilosophie liefert keine KlaÈrung
der logischen Struktur und Verfassung der SubjektivitaÈt. Der systema-
tische Ort von Hegels Theorie der SubjektivitaÈt ist seine Logik, weil hier
die kategorialen Implikate der Struktur von SubjektivitaÈt entwickelt
werden.
Obgleich der Begriff des Begriffs nicht deckungsgleich mit dem der
SubjektivitaÈt ist, ist die Begriffsstruktur das logisch kategoriale Funda-
ment fuÈr Hegels SubjektivitaÈtsbegriff. Hegel fuÈhrt den Begriff des Be-
griffs als Wahrheit der Spinozistischen Substanz ein, in der die We-
senslogik terminiert. Im dritten Abschnitt der Wesenslogik geht es
mithin darum, in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem neu-
zeitlichen Substanzdenken dieses in das Denken der SubjektivitaÈt des
Begriffs zu uÈberfuÈhren. Nicht laÈnger soll der traditionellen Kategorie
der Substanz, sondern dem Subjekt soll Absolutheit zugesprochen
werden. Das bedeutet nun nicht, daû Hegel statt der Substanz das
Subjekt als das Absolute faût. Absolutheit hat allein die logische Struk-
tur des Begriffs. Die SubjektivitaÈt als TraÈger der Begriffsstruktur hat le-
diglich an der Absolutheit des Begriffs teil.
Die Schwierigkeit bei der Interpretation des U È bergangs von der We-
sens- in die Begriffslogik (vgl. TW 6. 217 ff.) ist, daû der entscheidende
Grundgedanke nicht leicht auszumachen ist. Der entscheidende Ge-
danke scheint mir folgender zu sein: Im Fortgang von der Wesens- in
die Begriffslogik wird schrittweise die selbstbezuÈgliche Relation als
solche explizit. Im SubstanzialitaÈtsverhaÈltnis der Substanz zu ihren
Akzidenzen haben wir es mit einer unmittelbaren, asymmetrischen
Relation zu tun. Diese wird explizit in der KausalitaÈt. In der KausalitaÈt
ist eine asymmetrische Relation erreicht, die in den infiniten Regreû
fuÈhrt. Dieser wird in der Wechselwirkung durch die Symmetrie der
Relation aufgehoben. Allerdings hat die Wechselwirkung noch einen
Mangel, der den U È bergang zum Begriff motiviert. In der Wechselwir-
kung haben wir es quasi mit einer RuÈckkopplungskausalitaÈt zweier
formal noch unterschiedener Substanzen zu tun, obgleich eine dasselbe
ist wie die andere. Solche RuÈckkopplungskausalitaÈt von EntitaÈten fin-
den wir in der organischen Natur, aber auch in Regelkreisen von Com-
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 63

putern. Indem die IdentitaÈt beider aufeinander wirkender Substanzen


erkannt wird, fallen sie in eine zusammen, so daû die RelationalitaÈt nun
in eine einheitliche Struktur integriert ist. Mit dem Begriff ist damit eine
selbstbezuÈgliche RelationalitaÈt erreicht und explizit gemacht, die spe-
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zifisch das Denken charakterisiert.


Hegel liefert hier im uÈbrigen einen Beitrag zur Diskussion, ob Com-
puter denken koÈnnen.18 Computer sind automatische, universelle Re-
chenmaschinen, die Gedanken, Zahlen, zum Zweck haben, bei deren
artistischer Kombination allerdings die Gegenwart menschlichen Den-
kens eher stoÈrend als befoÈrdend wirkt, weswegen wir diese Denk-
funktionen ja so gerne an einen Mechanismus delegieren. Computer
funktionieren durch RuÈckkopplungskausalitaÈt von Regelkreisen, waÈh-
rend Denken durch SelbstbezuÈglichkeit charakterisiert ist. Darin un-
terscheidet sich die Intelligenz von Computern von menschlichem
Denken. Der Hegelsche Begriff ist die sich selbst konstituierende
SelbstbegruÈndungsstruktur des Denkens, von der nicht abstrahiert
werden kann, ohne sie bereits vorauszusetzen, waÈhrend die Intelligenz
von Computern nur Bedeutung fuÈr das menschliche Denken hat. Der
Computer ist ein einziger Verweis auf das Denken auûerhalb seiner.
Das menschliche Denken unterscheidet sich von Computerintelligenz
erstens dadurch, daû es bei und fuÈr sich ist, und zweitens dadurch, daû
es aufgrund seiner NegativitaÈt produktiv ist. Es ist deshalb nur konse-
quent, daû Hegel die Begriffsstruktur am Ich des Selbstbewuûtseins
konkretisiert (vgl. HW 6. 253).
Eine wesentliche Aufgabe der Interpretation der Begriffsstruktur von
Hegels SubjektivitaÈtsbegriff sehe ich darin, die Differenz in der logi-
schen Verfassung der objektiven Logik von der der subjektiven Logik
des Begriffs namhaft zu machen. Hervorzuheben ist, daû fuÈr Hegel die
Begriffsstruktur und nicht, wie Henrich meint, die Reflexionsstruktur
des Wesens das Charakteristische von SubjektivitaÈt ausmacht, und
zwar deswegen, weil in der absoluten SelbstbezuÈglichkeit des Begriffs
die positive Selbstbeziehung den Vorrang vor der negativen Selbst-
beziehung hat.19 Um die Struktur der SubjektivitaÈt des Begriffs als Ein-

18 Die Annahme, daû Maschinen intelligent sein ko È nnen, wird vielfach ergaÈnzt um
den Glauben, daû intelligente Wesen Maschinen seien. D. C. Demmet z. B. setzt den
menschlichen Geist mit dem Gehirn gleich und bestimmt dieses als hochkomplexen
Computer (vgl. D. C. Demme: Philosophie des menschlichen Bewuûtseins, uÈbers. von F. M.
Wuketits. Hamburg 1994, 53, 276±298, 332±370, 552±560).
19 P. Braitling hat die These Cramers von Hegels Umdeutung des Reflexionszirkels
aufgenommen und zur Ausarbeitung gebracht und zugleich gegen Henrich gezeigt, daû
64 Christian Iber

heit von Allgemeinheit und Einzelheit, von Selbst- und Fremdbezug


adaÈquat interpretieren zu koÈnnen, waÈre es notwendig, Hegels Theorie
der NegativitaÈt naÈher zu betrachten. Insbesondere muÈûte die Differenz
zwischen Hegels seins-, wesens- und begriffslogischer Theorie der Ne-
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gativitaÈt herausgestellt werden. Dies wurde in keiner Weise zureichend


von Henrich bearbeitet.
Das entscheidende Defizit von Henrich besteht darin, daû er den
genuinen Ort von SelbstbezuÈglichkeit in der Negation erblickt und da-
mit beide in einer ¹autonomen Negationª zusammenfallen laÈût,20 ohne
zu sehen, daû Negation nur selbstbezuÈglich sein kann, weil Selbstbe-
zuÈglichkeit immer schon vorausgesetzt ist. Daher kommt Henrich
nicht uÈber Hegels wesenslogische Grundoperation der sich auf sich
beziehenden Negation in ihrer negativen Selbstbeziehung hinaus.
Henrich verbleibt bei der PrioritaÈt von NegativitaÈt und negativem
Selbstbezug und verkennt, daû es Hegel letztlich auf einen Vorrang von
affirmativem Selbstbezug vor NegativitaÈt und negativer Selbst-
beziehung ankommt. Das aber bedeutet, daû man uÈber Henrichs In-
terpretationsansatz hinausgehen muû, will man die logische Begriffs-
struktur von SubjektivitaÈt klaÈren. Die SubjektivitaÈt des Begriffs soll
nach Hegel aus der Widerspruchsstruktur der NegativitaÈt des Wesens
herausfuÈhren. Nicht ReflexivitaÈt und SelbstbezuÈglichkeit als solche ist
der Grund fuÈr WiderspruÈche ± wie moderne Hegelkritiker meinen ±,
sondern nur negativer Selbstbezug.
Nun ist die ganze Sache aber noch komplizierter: Hegel meint nicht
nur, daû SelbstbezuÈglichkeit als solche der Negation und deren Selbst-
bezuÈglichkeit vorausgesetzt ist, sondern auch umgekehrt, daû Selbst-
bezuÈglichkeit als solche nur manifest werden kann als Negation und
deren SelbstbezuÈglichkeit. Daû SelbstbezuÈglichkeit als solche der Ne-
gation und deren SelbstbezuÈglichkeit vorausgesetzt ist, umgekehrt aber
ohne letztere nicht erfaût werden kann, zeigt sich in einem bekannten
PhaÈnomen. Am deutlichsten wird die SelbstbezuÈglichkeit von Selbst-
bewuûtsein, wenn sich dieses negativ auf sich bezieht, z. B. im Selbst-

die logische Struktur der SubjektivitaÈt die des Begriffs und nicht die logische Struktur des
Wesens ist (vgl. P. Braitling: Hegels SubjektivitaÈtsbegriff. Eine Analyse mit BeruÈcksichtigung
intersubjektiver Aspekte. WuÈrzburg 1991. 108 ff.). Ihrer Arbeit verdanke ich wesentliche
Anregungen.
20 Vgl. D. Henrich: Hegels Grundoperation. Eine Einleitung in die Wissenschaft der Lo-
gik. In: Der Idealismus und seine Gegenwart. Hrsg. v. U. Guzzoni, B. Rang u. L. Siep. Ham-
burg 1976. 208±230.
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 65

haû. Haû ist eine negative Beziehung der Entgegensetzung. Und doch
sind im Selbsthaû der Hassende und der Gehaûte identisch, was auch
erklaÈrt, warum dieser Haû oft so unversoÈhnlich ist. Diese negative Be-
ziehung auf sich im Selbsthaû waÈre aber gar nicht moÈglich, waÈre das
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Selbstbewuûtsein nicht bereits urspruÈnglich selbstbezuÈglich verfaût.


Doch gilt auch umgekehrt: Die SelbstbezuÈglichkeit als solche wird erst
faûbar bzw. tritt deutlich nur im negativen Selbstbezug hervor. Be-
sonders evident wird der beschriebene Sachverhalt in Kierkegaards
Verzweiflungsanalyse. Kierkegaard hat in der Krankheit zum Tode ge-
zeigt, daû die Verzweiflungsanalyse auf einer fundamentalen an-
thropologischen Voraussetzung beruht. Verzweiflung ist nur moÈglich,
wenn das Selbst fuÈr sich bereits nichts als ein Sich-zu-sich-Verhalten
ist.21
Das aber bedeutet, daû der reine Selbstbezug als solcher leer, ein
sinnloses Gebilde ist ohne Bestimmtheit und Negation und deren
Selbstbezug. Reiner Selbstbezug setzt also negativen Selbstbezug vo-
raus, und umgekehrt dieser jenen. Anders gesagt: Hegel geht von einer
spekulativen Struktur von SubjektivitaÈt aus, wonach reiner Selbstbezug
nur unter der Voraussetzung des negativen Selbstbezugs und dieser
nur unter Voraussetzung des reinen Selbstbezugs moÈglich ist. Nicht
fehlerhaft zirkulaÈr ist dieses VoraussetzungsverhaÈltnis von Selbstbe-
zuÈglichkeit und NegativitaÈt, weil hier die SelbstbezuÈglichkeit das vor-
gaÈngige und durchgaÈngige Prinzip ist.
Diese spekulative Einheit von SelbstbezuÈglichkeit und NegativitaÈt ist
jedenfalls nicht zu verwechseln mit dem wesenslogischen Grund-
gedanken der sich auf sich beziehenden NegativitaÈt als solcher. Das
Defizit des wesenslogischen Reflexions- und NegativitaÈtsbegriffs be-
steht darin, daû auf der Ebene des Wesens zwar Negation und deren
Selbstbeziehung thematisch sind, der Selbstbezug als solcher, dem sich
das SelbstverhaÈltnis der Negation verdankt, aber noch als unausge-
wiesenes Implikat fungiert. Im U È bergang von der Wesens- in die Be-
griffslogik wird dieses Implikat nun ausgewiesen, indem die Selbstbe-
zuÈglichkeit als solche als Beschaffenheit des Begriffs explizit zum
Thema wird.
In der Begriffslogik wird die selbstbezuÈgliche Struktur des Begriffs
und damit die des Ich in allen Einzelheiten dialektisch als Einheit von
Allgemeinheit und Einzelheit entfaltet (vgl. HW. 251±253). Mit seiner

21 ¹Das Selbst ist ein Verha


È ltnis, das sich zu sich selbst verhaÈltª (S. Kierkegaard: Die
Krankheit zum Tode. Hrsg. von L. Richter. Hamburg 1962. 13).
66 Christian Iber

Auseinandersetzung um den Begriff des Ich mischt sich Hegel in die


Debatte um das Problem der Zirkelhaftigkeit in der ErklaÈrung von
Selbstbewuûtsein ein. Hegel erkennt, daû das Selbstbewuûtsein des Ich
in seiner selbstbezuÈglichen Verfassung nicht zirkelfrei erfaût werden
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kann, eben wegen der Wechselimplikation von SelbstbezuÈglichkeit und


Bestimmtheit (bzw. Beziehung auf anderes). WaÈhrend Kants Selbst-
bewuûtseinstheorie daran scheitert, daû er die SelbstbezuÈglichkeit des
Ich als Fall von Bestimmtheit bzw. Beziehung auf anderes denkt, wobei
der Gegenstandsbezug nur unter je schon erfolgter Inanspruchnahme
des Selbstbezugs des Ich moÈglich ist, laboriert Fichtes Theorie des
Selbstbewuûtseins daran, daû sie den Selbstbezug des Ich als frei von
jeglichem Bezogensein auf anderes bzw. von Bestimmtheit konzipiert,
was sich ebenfalls als ein sinnloses Unterfangen erweist. Die Selbst-
beziehung des Ich laÈût sich naÈmlich grundsaÈtzlich nicht aus sich selbst
heraus begreifbar machen. Der Begriff der Selbstbeziehung verweist
von sich aus auf Bestimmtheit bzw. den Bezug auf anderes, andernfalls
gaÈbe es nichts, was bezogen werden koÈnnte. So ist auch Fichtes
Selbstbewuûtseinstheorie nicht haltbar.
Letztlich loÈst Hegel das Problem der IdentitaÈt von selbstbezuÈglichem
Ich-Subjekt und reflektiertem Ich-Objekt durch den Gedanken, daû das
Selbstbewuûtsein des Ich Differenzeinheit von Allgemeinheit und Ein-
zelheit und damit Differenzeinheit von selbstbezuÈglichem Ich und
identifizierbarer Person ist. Der Aspekt der Einzelheit ist konstitutiv,
doch nicht als physisches Einzelding. Die Erfahrung der Einzelheit der
Person ist nicht auf die Erfahrung einer raum-zeitlichen EntitaÈt zu re-
duzieren, wie es etwa Tugendhat tut. Person ist Subjekt von Mei-
nungen und IdentifikationstraÈger einer Geschichte. Das Ich in der Ein-
zelheit der Person laÈût sich nur zureichend aus der Binnenperspektive
des selbstbezuÈglichen Ich in seiner Allgemeinheit verstehen. Hegel
wahrt den Vorrang der Binnenperspektive des selbstbezuÈglichen Ich
auf das Ich als identifizierbare Einzelperson vor der Identifikation von
auûen durch den Gedanken, daû sich das selbstbezuÈgliche Ich im Ich-
Objekt in einem objektivierten und als objektivierten zugleich reflek-
tierten Selbstbezug befindet. Da das reflektierende Ich-Subjekt im re-
flektierten Ich-Objekt auf sich selbst bezogen ist, weiû es dieses trotz
seiner Differenz als dasselbe mit ihm. Damit ist auch in bezug auf das
reflektierte Ich-Objekt oder das Ich als Einzelperson die SelbstbezuÈg-
lichkeit des Ich gewaÈhrleistet. Und nur dadurch ist die WuÈrde des
Menschen als konkreter Einzelperson gewahrt und vor der empiristi-
schen Reduktion des Selbstbewuûtseins auf eine raum-zeitliche EntitaÈt
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 67

mit Polizeiakten-IdentitaÈt gesichert.22 ± Um die faszinierende Doppel-


struktur des Selbstbewuûtseins zu erhellen und damit die moderne
SubjektivitaÈtstheorie zu sich selbst zu bringen, mobilisiert Hegel mit
seinem LoÈsungsvorschlag gegen die neuzeitliche SubjektivitaÈtstheorie
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das produktive Potential zweier Grundgedanken der Antike, naÈmlich


das Aristotelische Prinzip der noesis noeseos und das Platonische
Theorem der Einheit von episteme heautes episteme tinos.23
Ich fasse zusammen: FuÈr Hegel ist das Ich Einheit von Selbst-
beziehung und Beziehung auf anderes bzw. Bestimmtheit, Einheit von
Allgemeinheit und Einzelheit. Die Leistung von Hegels SubjektivitaÈts-
theorie besteht darin, einen plausiblen Vorschlag gemacht zu haben,
wie die Aporien der Kantischen und Fichteschen SubjektivitaÈts-
theorie zu vermeiden sind. Bei Kant ist das Gegenstandsbewuûtsein
Bedingung von Selbstbewuûtsein. DemgegenuÈber ist fuÈr Fichte das
selbstbezuÈgliche Ich Voraussetzung fuÈr Gegenstandsbewuûtsein. In
beiden AnsaÈtzen der ErklaÈrung des Ich ist ein vitioÈser Zirkel verborgen.
Kant bemerkt, daû das Gegenstandsbewuûtsein nur moÈglich ist, wenn
es eine vorgaÈngige selbstbezuÈgliche Instanz gibt. Das bedeutet, das
selbstbezuÈgliche Ich, das uÈber das Gegenstandsbewuûtsein erfaût wer-
den soll, muû bereits vorausgesetzt werden. Auch Fichtes Ausgang
vom selbstbezuÈglichen Ich ist fehlerhaft zirkulaÈr, denn es zeigt sich, daû
das selbstbezuÈgliche Ich ohne Gegenstandsbewuûtsein nicht denkbar
ist. Der Schwierigkeit entgeht Hegel, indem er SubjektivitaÈt als Einheit
von Selbst- und Gegenstandsbewuûtsein entwickelt. Der fehlerhaft
zirkulaÈre Verweis des einen auf das andere wird uÈberwunden durch
den bereits in der Antike bekannten Topos der Einheit von Selbst- und
Fremdbezug.24

IV.

Eine Interpretation von Hegels Theorie der SubjektivitaÈt muÈûte sich


zweitens mit seiner Theorie realer menschlicher SubjektivitaÈt anhand
der PhaÈnomenologie des Geistes auseinandersetzen. Die PhaÈnomenologie

22 Hegel moniert ausdru È cklich an Kant, daû der auf raumzeitliche NaturgegenstaÈnde
bezogene Erfahrungsbegriff zu eng ist, um die gegenstaÈndliche Selbsterfahrung des Ich
als Selbstbewuûtsein angemessen in Begriffen fassen zu koÈnnen (vgl. HW 6. 491).
23 Vgl. K. Gloy: Platons Theorie der episteme heautes im Charmides als Vorla È ufer der moder-
nen Selbstbewuûtseinstheorie. In: Kant-Studien. 77 (1986), 137±164, bes. 150 ff.
24 Vgl. P. Braitling: Hegels Subjektivita
È tsbegriff (s. Anm. 19). 40±51, 163.
68 Christian Iber

des Geistes liefert eine genetische ErklaÈrung dafuÈr, auf welcher Stufe
seiner Selbsterfahrung das Bewuûtsein zum Selbstbewuûtsein kommt.
Wichtig ist dreierlei: Erstens: WaÈhrend die Begriffsstruktur der Sub-
jektivitaÈt Absolutheit und Unhintergehbarkeit aufweist, hat die real-
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philosophische Kategorie der SubjektivitaÈt, insofern sie durch die Na-


tur bzw. durch die Gesellschaft vermittelt ist, endlichen Charakter bzw.
zeichnet sich durch die Spannung zwischen Absolutheit und End-
lichkeit aus. Man muû zweitens zwischen dem logischen Problem, wie
Ich und Selbstbewuûtsein strukturell gedacht werden muÈssen, und
dem~genetischen Problem, wie Ich und Selbstbewuûtsein entstehen,
unterscheiden. Drittens ist wichtig zu sehen, daû fuÈr Hegel bereits
das Bewuûtsein als solches nur als Bewuûtsein eines selbstbezuÈgli-
chen Ich, also ohne Ich nicht gedacht werden kann, sonst koÈnnte ja das
Bewuûtsein nicht einen Gegenstand von sich unterscheiden, auf den
es sich zugleich bezieht. Deshalb eroÈffnet Hegel die PhaÈnomenologie
des Geistes in der EnzyklopaÈdie mit dem Begriff des Ich (vgl. Enz.
III. § 413). Doch das Ich des Bewuûtseins ist noch kein Selbstbewuût-
sein.
WaÈhrend nach Hegel nun eine genetische ErklaÈrung von Selbst-
bewuûtsein gegeben werden kann, haÈlt er eine genetische ErklaÈrung
von Ich fuÈr unmoÈglich. Die Entstehung des selbstbezuÈglichen Ich in der
natuÈrlichen Seele eines organischen Wesens vergleicht er deswegen mit
dem Einschlagen eines Blitzes (vgl. Enz. III. § 412 Zus.). Nicht das
Selbstbewuûtsein in seiner Doppelstruktur von Ich und Selbst ist eine
genetisch unerklaÈrbare Voraussetzung, wohl aber das Stattfinden von
Bewuûtsein oder das Eintreten von Ich. Daû und warum es uÈberhaupt
phylogenetisch zu einem selbstbezuÈglichen Ich und damit zu Bewuût-
sein gekommen ist und immer wieder ontogenetisch kommt, entzieht
sich der philosophischen ErklaÈrung.
Das Bewuûtsein gliedert sich bekanntlich in die drei Gestalten sinn-
liches Bewuûtsein, Wahrnehmung und Verstand. Erst mit dem Ver-
stand macht das Bewuûtsein den U È bergang zum Selbstbewuûtsein.
Erst das verstaÈndige Bewuûtsein von der Welt schlieût ein Bewuûtsein
des Ich von sich selbst, also Selbstbewuûtsein ein. Erst wer sich ver-
standesmaÈûig distanziert zur Welt verhaÈlt, kann auch ein eigentliches
Selbstbewuûtsein ausbilden. Zugleich schiebt Hegel zwischen das ver-
staÈndige Weltbewuûtsein und das Selbstbewuûtsein das Bewuûtsein
des Lebens ein und stellt einen tiefsinnigen, vielfaÈltig auslegbaren Zu-
sammenhang zwischen SexualitaÈt bzw. Leben, Tod und Genese des
menschlichen Selbstbewuûtseins her.
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 69

Obwohl das Selbstbewuûtsein Resultat der Entwicklung des Be-


wuûtseins ist, ist es fuÈr Hegel die Wahrheit und der Grund des Be-
wuûtseins (vgl. Enz. III. § 424). Damit stellt sich Hegel auf den Stand-
punkt der Position Fichtes, der These, daû ohne Selbstbewuûtsein Be-
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wuûtsein nicht moÈglich ist. Das Entscheidende am U È bergang vom


Bewuûtsein zum Selbstbewuûtsein liegt indes nicht darin, daû Hegel
der Auffassung waÈre, die Selbstbeziehung des Ich komme hier zu-
stande, sondern darin, daû hier die dem Bewuûtsein als solchem eig-
nende SelbstbezuÈglichkeit des Ich thematisch und explizit wird. Was
Hegel an Fichte kritisiert ist, daû die in der Formel Ich=Ich zum Aus-
druck kommende reine SelbstbezuÈglichkeit unzureichend ist, um der
Struktur des Selbstbewuûtseins vollstaÈndigen Ausdruck zu verleihen.
Das Selbstbewuûtsein des Ich ist bei Fichte abstrakt und leer. Es muÈs-
sen deshalb GegenstaÈnde und VerhaÈltnisse namhaft gemacht werden,
an denen das Selbstbewuûtsein Bestimmtheit gewinnt. Paradigmatisch
fuÈr solche GegenstaÈnde, an denen das Selbstbewuûtsein Bestand ge-
winnt, sind das Leben und andere Wesen mit Selbstbewuûtsein. Mit
dem Selbstbewuûtsein als der Wahrheit des theoretischen Bewuûtseins
folgt daher eine Wendung zum praktischen Verhalten zu sich und zu
anderem bzw. anderen.25
Entscheidend ist, daû Hegel in der PhaÈnomenologie des Geistes eine
intersubjektive Erweiterung von SubjektivitaÈt vornimmt, ein Sachver-
halt, der in der Wissenschaft der Logik keine BeruÈcksichtigung erfahren
hat. Doch geht das Selbstbewuûtsein des Ich in seiner formalen Struk-
tur nicht aus der IntersubjektivitaÈt genetisch hervor, sondern bewaÈhrt
sich nur in der IntersubjektivaÈt und kommt in ihr zur Ausbildung. He-
gel scheint fuÈr diese Auffassung ein Argument auf seiner Seite zu ha-
ben. Wer Selbstbewuûtsein aus intersubjektiven bzw. gesellschaftlichen
Prozessen erklaÈrt, muû naÈmlich auf Subjekte rekurrieren, die sich im
intersubjektiven Austausch mit anderen Subjekten bereits als Subjekte
wissen. Der altbekannte Zirkel in der ErklaÈrung von SubjektivitaÈt
tauchte erneut auf, wollte man SubjektivitaÈt aus IntersubjektivitaÈt er-
klaÈren. So sehr es ein Fehler ist, das Wesen von Selbstbewuûtsein auf
seine intersubjektive Genese einzuebnen, so fatal waÈre es, die Struktur

25 Bei der Explikation von Selbstbewuûtsein ist zwar die reine Selbstbeziehung des Ich
notwendig zu denken, wird jedoch dabei stehengeblieben, so wird dieser Gedanke zu
einem ¹Paradigma eines Ungedankensª (K. Cramer: Bewuûtsein und Selbstbewuûtsein. In:
Hegels philosophische Psychologie. Hrsg. von D. Henrich. Bonn 1979. (Hegel-Studien. Bei-
heft 19.) 223).
70 Christian Iber

von Selbstbewuûtsein von ihrer Genese abzutrennen. Vor allem in der


PhaÈnomenologie des Geistes wird deutlich, daû die inhaltliche Bestimmt-
heit der Struktur des Selbstbewuûtseins nur aus der genetischen Ent-
wicklung dieser Struktur, d. h. aus intersubjektiven VerhaÈltnissen ver-
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staÈndlich wird.
Der UÈ bergang vom Leben, das sich in der Negation seiner selbst voll-
zieht und erhaÈlt, weil ihm der Tod wesentlich ist, zum Selbstbewuûtsein
È bergang im Leben selbst,
ist keine metabanis eis aÂllo geÂnos, sondern ein U
weil das Selbstbewuûtsein nichts anderes als das seiner selbst bewuûte
Leben, also eine hoÈhere Form des Lebens ist, das das Leben der Natur
zur Voraussetzung hat. Das Selbstbewuûtsein in seiner ersten, abstrak-
ten Gestalt ist die Begierde, die sich negativ zum Leben verhaÈlt und sich
darin gerade mit der Begierdestruktur des bloûen Lebens gemein macht.
Hegel arbeitet die widerspruÈchliche Struktur der triebhaften Begierde,
die auf die Verzehrung ihres Gegenstandes aus ist, fuÈr die Erfahrung des
Ich als Selbstbewuûtsein heraus. Wenn das Ich, um sich als Selbst-
bewuûtsein zu erfahren, auf die Konfrontation mit einem Gegenstand
triebhafter Begierde angewiesen ist, die Befriedigung der Begierde aber
in der Vertilgung des Gegenstandes besteht, dann beraubt sich das Ich in
seiner Begierde auch der MoÈglichkeitsbedingung seines Selbstbewuût-
seins. Es macht die Erfahrung, daû das Leben eine nicht zu negierende
notwendige Bedingung seiner selbst ist.
Das selbstbewuûte Ich macht die Erfahrung, daû ein ihm fremder
Gegenstand der Begierde nicht genuÈgt, um sein Selbstbewuûtsein zu
stabilisieren. Offensichtlich gibt es nichts, was dem Ich eher entspricht
als ein anderes Ich, das wie es selbst vom Negativen der bloûen Be-
gierde Abstand zu nehmen vermag und dadurch mehr ist als Trieb und
Begierde.26 Mit der Synthese von Selbstbewuûtsein und Leben ist die
intersubjektive Dimension des Geistes etabliert.
Damit kommt die Anerkennungsproblematik in die Genese des
Selbstbewuûtseins herein. Das Ich verdankt sein Selbstbewuûtsein dem
Anerkanntsein durch ein anderes Selbstbewuûtsein. Das Spannende an
diesem Thema ist folgendes: WaÈhrend sich die traditionelle Bewuût-
seinstheorie vornehmlich auf die Kategorien von Ich und Selbst kon-

26 Scheler nennt den Menschen den ¹Neinsagenko È nnerª, den ¹Asket des Lebensª
(M. Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. (11. Aufl.) Bonn 1988. 55) und Plessner
hat diese FaÈhigkeit des Menschen, die ¹Negation seiner selbst an sich vollziehenª (HW 3,
144) zu koÈnnen, die exzentrische Position des Menschen genannt (vgl. H. Plessner: Die
Stufen des Organischen und der Mensch. Berlin, New York 1975. 342).
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 71

zentrierte und das Selbstbewuûtsein praÈsozial faûte, ist es das Verdienst


Hegels, den sozialen bzw. intersubjektiven Aspekt der IchidentitaÈt sy-
stematisch in Anschlag gebracht zu haben. Die intersubjektive Aner-
kennung bezeichnet das dritte IdentitaÈtsmoment des Selbstbewuûtseins
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neben Ich und Selbst. Das durch das Ich aktiv zu formende Selbst ist
durch die anderen wesentlich mitbestimmt. George Mead hat dafuÈr
den Ausdruck ¹Meª im Unterschied zum ¹Iª gepraÈgt.27
Zwar wollen die Subjekte durch einander wechselseitig anerkannt
werden, aber dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht. ZunaÈchst er-
fahren sich die Subjekte als Fremde. Hegel entwickelt die These, daû
sich die Subjekte zunaÈchst in der wechselseitigen Abgrenzung, die bis
zur Vernichtung gehen kann, als Selbstbewuûtsein erfahren. Daraus
entsteht der Kampf auf Leben und Tod, in dem um die Anerkennung
gerungen wird. Hegels These ist, die Subjekte muÈssen, um sich wech-
selseitig als gleiche und freie anerkennen zu koÈnnen, die anderen in
ihrem bloûen Dasein zu vernichten suchen und zugleich bereit sein, ihr
eigenes Leben preiszugeben, und zwar nicht um des Lebens, sondern
um eines uÈber das Leben hinausgehenden ideellen Werts willen, der
das Leben erst lebenswert macht. Nur dadurch bewaÈhren sie sich als
unhintergehbare, freie Subjekte. Den Kampf um Anerkennung, den
Hegel im vorklassischen heroischen Zeitalter ansiedelt, finden wir in
weniger martialischen Situationen in der Adoleszenz. Abgrenzung und
Kampf fuÈhren zur Ausbildung des Selbst des Ich, indem sie zugleich
die Entzweiung von Ich und Selbst mit sich bringt. Es ist eine der tief-
sten Einsichten Hegels, daû IdentitaÈtskrisen unvermeidlich in der in-
tersubjektiven Herausbildung des Selbstbewuûtseins sind.
Die Untrennbarkeit von Leben und Tod reflektiert sich auf der Ebene
des Selbstbewuûtseins als Zusammenhang von Todesbewuûtsein und
Selbstbewuûtsein, welcher Hegel ebenso wie spaÈter Heidegger faszi-
nierte. Einerseits bleibt dem endlichen Selbstbewuûtsein das Schicksal
alles Lebendigen nicht erspart. Der Tod gehoÈrt konstitutiv zum le-
bendigen Selbstbewuûtsein. Andererseits macht allein das Todes-

27 Vgl. G. H. Mead: Geist, Identita


È t und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus.
Hrsg. v. Ch. Morris. Aus dem Amerikanischen von U. Pacher. Frankfurt a. M. 1973. 216 ff.,
253 ff. u. oÈ. Mead, der das Zusammenspiel zwischen Selbst und IntersubjektivitaÈt analy-
siert, beschreibt das menschliche Verhalten primaÈr von der Auûenperspektive und ver-
fehlt damit das, was das Ich des Selbstbewuûtseins von der sozialen Dimension der In-
tersubjektivitaÈt unterscheidet. Zwar gehoÈrt es zum Wesen des Ich, sein Selbst zu ob-
jektivieren, uÈber das andere in 3. Person sprechen, doch bleibt ein uÈberschieûender Rest
des spontanen Ich uÈber all diesen Objektivierungen.
72 Christian Iber

bewuûtsein eines selbstbewuûten Wesens den Tod nicht nur zu etwas


Entsetzlichem, sondern zu einer metaphysischen KraÈnkung. Der Tod
eines selbstbewuûten Ich ist etwas unvergleichlich Schrecklicheres als
das Sterben eines Tiers, weil das selbstbewuûte Ich quasi ein Abbild des
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Absoluten ist, jedenfalls Hegel zufolge neben seiner Endlichkeit eine


unhintergehbare Absolutheit aufweist. Daher ruÈhrt die unermeûliche
Furcht vor dem Tod, dem ¹absoluten Herrnª (HW 3. 153), ebenso wie
der Versuch, ihn herauszufordern.
Das Entscheidende ist nun, daû das Ziel der Anerkennung des
Selbstbewuûtseins durch das Resultat des Kampfes, den Tod eines der
Kombattanten, eher verhindert als erreicht wird. Das siegreiche und mit
dem Leben davongekommene Ich beraubt sich ja in der Vernichtung des
Anderen der Bedingung fuÈr die Anerkennung seines Selbstbewuût-
seins. Um die Notwendigkeit der symmetrischen Struktur der wech-
selseitigen Anerkennung plausibel zu machen, baut Hegel das asym-
metrische VerhaÈltnis von Herr und Knecht ein. Um die SelbstaÈndigkeit
und Freiheit des Ich zu retten, kann dessen Leben nicht preisgegeben
werden. Der naÈchstliegende Schritt ist, daû einer der Kontrahenten, um
sein Leben zu retten, nachgibt, sich dem anderen unterwirft und ihn
anerkennt, ohne aber selbst von ihm anerkannt zu werden: das VerhaÈlt-
nis von Herr und Knecht. Dieses asymmetrische Anerkennungsver-
haÈltnis ist natuÈrlich defizitaÈr. Hegels These ist, daû die Emanzipation des
Knechtes, der sich in seiner Arbeit fuÈr den Herrn zur Freiheit des
Selbstbewuûtseins befreit, in Wahrheit zugleich den Herrn befreit. Die
Position des Herrn krankt ja an dem Widerspruch, daû er gar nicht von
einem ihm gleichberechtigten Wesen anerkannt wird, ihm also nicht
zuteil wird, wofuÈr er in den Kampf um Anerkennung ausgezogen war.
Wer von einem untergeordneten Subjekt anerkannt wird, das er selbst
nicht anerkennt, ist selbst ein minderwertiges Wesen, denn er will von
einem Individuum anerkannt werden, das er selbst veraÈchtlich findet.
Die allgemeine Anerkennungsstruktur der Subjekte ist dagegen eine
symmetrische und reflexive. HoÈchstes Ziel ist nicht, daû sich die Sub-
jekte wechselseitig anerkennen, sie muÈssen sich auch als anerkennend
anerkennen. HoÈchstes Ziel ist also die Anerkennung des Aner-
kennungsprozesses. In der allgemeinen Anerkennung gehen mithin
IntersubjektivitaÈt und ReflexivitaÈt zusammen.28 Und erst beides vereint
traÈgt zur Ausbildung von stabilem Selbstbewuûtsein bei. Allgemeine

28 Vgl. V. HoÈ sle: Hegels-System. Der Idealismus der SubjektivitaÈt und das Problem der
IntersubjektivitaÈt. Bd 2. Hamburg 1988. 379.
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 73

rechtliche und soziale Anerkennung und ihre privaten Ausformungen


in Familie und Freundschaft sind nach Hegel die verschiedenen Wei-
sen, das IdentitaÈtsproblem des Selbstbewuûtseins intersubjektiv zu loÈ-
sen. Das Ich lernt sich mit seinem Selbst zu identifizieren, indem es sich
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von den anderen als anerkannt erfaÈhrt. Und umgekehrt erfaÈhrt das Ich
eine Erweiterung seines Selbstbewuûtseins, indem es Verantwortung
fuÈr die von ihm anerkannten Personen uÈbernimmt. Mit dem Begriff der
reflexiven wechselseitigen Anerkennung von ¹Ichª und ¹Wirª ist be-
reits der Begriff des Geistes erreicht, der unverkennbar eine normative
intersubjektive Dimension aufweist. WaÈhrend Hegel in der enzy-
klopaÈdischen PhaÈnomenologie sogleich den Anerkennungsprozeû zu
seinem affirmativen Ende fuÈhrt, bricht er ihn im Selbstbewuûtseins-
Kapitel der Jenaer PhaÈnomenologie unvollendet ab und nimmt ihn erst
im Geist-Kapitel wieder auf.29 Die Jenaer PhaÈnomenologie des Geistes ist
viel negativistischer als die EnzyklopaÈdie. Es geht Hegel hier um die
kritische Darstellung defizitaÈrer Gestalten von IntersubjektivitaÈt, deren
Widerspruch darin besteht, daû sie die reziprok-symmetrische Aner-
kennung verweigern, die sie implizit voraussetzen.30
Die grundsaÈtzliche Frage ist, warum in Hegels Theorie der Sub-
jektivitaÈt die VerschraÈnkung von SubjektivitaÈt und IntersubjektivitaÈt in
einer modernen politischen Sittlichkeit, die zur Stabilisierung von
Selbstbewuûtsein erforderlich ist, nicht das hoÈchste Ziel, sondern nur
Durchgangsstufe auf dem Weg zur Herausbildung einer monologisch
verfaûten Vernunft, d.h. zur denkenden ReflexivitaÈt theoretischer Sub-
jektivitaÈt ist. Hier macht sich sowohl ein Vorrang der Theorie vor der
Praxis als auch ein Primat des letztlich absoluten Geistes vor dem ob-
jektiven geltend, wie Hösle richtig herausgearbeitet hat.31 Beides ist
m. E. kritisch Hegels Theorie der SubjektivitaÈt anzukreiden.

29 Vgl. L. Siep: Die Bewegung der Anerkennung in Hegels Pha È nomenologie des Geistes. Berlin
1998. 110.
30 So z. B. im Kapitel ¹Das geistige Tierreich und der Betrug oder die Sache selbstª (HW 3.
294 ff.). Der Betrug gegen sich selbst und die anderen besteht darin, daû es den buÈrger-
lichen Individuen in ihrem geschaÈftigen Tun und Treiben gar nicht um die praÈtendierte
Allgemeinheit geht, sondern um die Anerkennung ihrer egoistischen Sonderinteressen,
die nur ideologisch als allgemeine Sache selbst ausgegeben werden. Und es wird auch
deutlich, was Hegels Meinung ist: Die Sache selbst, die die Sache aller ist, muû eine in-
tersubjektive Realisierung der Vernunft sein, soll sie nicht zur puren Ideologie ver-
kommen. D. h. die Sache selbst muû eine Neubestimmung erfahren und dies tut sie, in-
dem das geistige Tierreich der buÈrgerlichen Gesellschaft in die politische SphaÈre der
Sittlichkeit uÈbergeht (vgl. HW 3. 309 ff.).
31 Vgl. V. HoÈ sle (s. Anm. 16). 380, 444 ff.
74 Christian Iber

Das Charakteristische des Anerkennungsbegriffs in der Jenaer PhaÈ-


nomenologie des Geistes ist, daû ihm in kritischer Absicht eine Stu-
fenfolge defizitaÈrer AnerkennungsverhaÈltnisse vorausgeschickt wird,
in deren Verlauf er eine inhaltliche Ausdifferenzierung erhaÈlt, daû er
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jedoch in seinem normativen Gehalt historisch keine gesellschaftlich-


politische Realisierung erfaÈhrt. In seiner Lehre von der politischen
Sittlichkeit, in der die widerspruÈchlichen Formen der IntersubjektivitaÈt
in der buÈrgerlichen Gesellschaft uÈberwunden sein sollen, verankert
Hegel die intersubjektive Anerkennungsbeziehung der Subjekte auf-
einander in ihrer Beziehung auf die sittliche Substanz, der gegenuÈber
die Subjekte nur als Akzidenzen erscheinen koÈnnen. Im substanztheo-
retischen Ansatz seiner Sittlichkeitstheorie ist die grundsaÈtzliche
Asymmetrie zugunsten der geistigen Substanz eines Gemeinwesens ge-
genuÈber den Individuen begruÈndet, die nicht nur fuÈr die antike, son-
dern auch fuÈr die moderne, reflektierte politische Sittlichkeit bei Hegel
charakteristisch ist, deren Projekt er jedoch mit den destruktiven Fol-
gen der FranzoÈsischen Revolution zunaÈchst als gescheitert ansieht. Die
weitere Entwicklung des Geistes kann nur in der deutschen Innerlich-
keit der MoralitaÈt stattfinden, die die DestruktivitaÈt der abstrakten po-
litischen Freiheit, die Hegel als Folge der VerstandesaufklaÈrung ver-
steht, kompensieren soll. Was Hegel im MoralitaÈts-Kapitel leistet, ist,
daû er das SubjektivitaÈtsprinzip der MoralitaÈt uÈber die dialektische
Bewegung von Schuldbekenntnis und Verzeihung intersubjektiv in
einer Moralkonzeption versoÈhnender IntersubjektivitaÈt verfluÈssigt, de-
ren soziale und politische Formen jedoch nicht entwickelt werden. Die
VersoÈhnungsstruktur des moralischen Geistes wird schlieûlich in der
offenbaren Religion des Christentums religioÈs fundiert.
Obgleich das absolute Wissen aus einer Synthese der Bewuûtseins-
gestalten von versoÈhnender moralischer IntersubjektivitaÈt und Reli-
gion hervorgeht, werden diese in einem zweiten Schritt zu bloûen Re-
flexionsstufen eines ins Monologische gewendeten, sich wissenden
absoluten Geistes herabgesetzt. Formuliertes Ziel der PhaÈnomenologie
ist die erinnerte und damit begriffene Geschichte der Bewuûtseins-
gestalten, ohne die der Philosoph der leblose Einsame waÈre. Doch das
heiût nicht, daû der Philosoph die widerspruÈchliche Bewegungsform
der Geschichte erkennt und die Aufhebung entfremdeter Formen ge-
sellschaftlicher Wirklichkeit fordert, sondern daû sich der philo-
sophische Begriff vollstaÈndig in der geschichtlichen Wirklichkeit wie-
derfindet. Der selbstbewuûte Geist wird als souveraÈnes Subjekt vorge-
stellt, welches in der vermeintlichen Gewiûheit, Herr der Wirklichkeit
In Zirkeln ums Selbstbewuûtsein 75

zu sein, diese frei entlaÈût, um der unvermeidlichen Realisierung der


Vernunft in der Geschichte bewuût beiwohnen zu koÈnnen. Die VersoÈh-
nung im Begriff, die mit dem absoluten Wissen erreicht ist, impliziert
die AussoÈhnung mit der faktischen Zerrissenheit des objektiven Gei-
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stes. Das philosophische absolute Wissen, das so tut, als waÈre es recht
betrachtet der eigentliche Herr der geschichtlichen Wirklichkeit, beruht
in Wahrheit darauf, daû es sein Selbstbewuûtsein an die Wirklichkeit
akkommodiert, indem es aus diesem alles entfernt, was die Kon-
frontation mit der Wirklichkeit kritisch gestalten koÈnnte. Die PhaÈno-
menologie terminiert in einem spekulativen Theoretizismus, dem der
Stachel der Kritik abhanden gekommen ist.
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PA O L O G I U S P O L I ( V E R O N A )

OBJEKTIVE UND SUBJEKTIVE LOGIK


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UÈ ber die allgemeine Organisation


der Hegelschen Logik in den ersten
NuÈrnberger Jahren*

Die dichten Durchstreichungen und sichtbaren Umarbeitungen in den


Hegelschen Manuskripten der ersten Unterrichtsjahre in NuÈrnberg
stellen die Gymnasialkurse als eine echte Baustelle dar, in der Hegel
jedes Jahr aufs Neue das GeruÈst seiner Logik radikal umstrukturiert.
Auch wenn seit Beginn der ersten Gymnasialkurse von 1808±09 die
spekulative Absicht sowie der Anfang (das reine Sein) und das Ende
(die absolute Idee) der Logik unveraÈndert bleiben, so finden hingegen
in der inneren Gliederung wichtige A È nderungen statt.
Die systematischen A È nderungen, die von Hegel in diesen Jahren
vorgenommen werden, lassen sich auf Anhieb beim Vergleich der In-
haltsverzeichnisse der Kurse auf Grund von Einschiebungen neuer
Begriffe oder Abschnitte erkennen (wie die EinfuÈhrung des Abschnittes
¹Maûª am Ende der Seinslehre, der ¹Erscheinungª in die Wesenslehre,
der ¹ObjektivitaÈtª in die Begriffslehre). Jede Modifikation bezieht sich
jedoch nicht nur auf die aÈuûere Unterteilung der Begriffe und der Ab-
schnitte, so als ob die Bestimmung des Inhalts von der formalen Be-
wegung getrennt waÈre. Jede VeraÈnderung des Inhalts ist hingegen das
bestimmte und offensichtliche Zeichen eines weitaus komplexeren
Umwandlungsprozesses, durch welchen Hegel bei der Bestimmung
der dialektischen Prozesse, welche den systematischen Ablauf der
Hauptteile lenken, sowie bei der Bestimmung der metakategorischen
Strukturen, die die gesamte Ausdehnung der Logik durchlaufen, fort-
schreitet (wie bei der Verwandlung der systematischen Funktionen der
¹Unendlichkeitª, der ¹Reflexionª und des ¹Zwecksª).

* Ich bedanke mich bei Frau Eva Ziesche, Bibl. AmtsraÈtin der Handschriftenabteilung
der Staatsbibliothek Berlin, die mir freundlicherweise erlaubt hat, aus bis jetzt unver-
oÈffentlichten Nachschriften von Hegel zu zitieren. Der vorliegende Aufsatz ist im Zu-
sammenhang mit dem Forschungsprojekt ¹Die klassische deutsche Philosophie, ihre
Entwicklungen und ihre Kritikerª (M.U.R.S.T. ± UniversitaÈt Padua, betreut von Prof. F.
Chiereghin) konzipiert worden.