Sie sind auf Seite 1von 78

t?

6
.3
io en
er

/S
at n
w

3
ik Ih

S.
n
b l re
Pu ä
e sw
es Wa

F 
CH
di

Seit 1895.  Das älteste Bankmagazin der Welt.

Ausgabe  1 / 2019

Fragen, die
die Welt bewegen
Gespräche zu den Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts
075643D
NEW POWER.
NEW RANGE ROVER
PLUG-IN HYBRID.

Ein starker Auftritt wird jetzt noch selbstverständlicher. Der neue Range Rover Plug-in Hybrid treibt modernste
Technologie zur Höchstform. 64 g/km CO2 und 51 km Reichweite im EV-Modus machen ihn noch attraktiver für
den Stadtverkehr. Dank der zusätzlichen Laufruhe des Plug-in-Hybrid-Antriebs stellt der neue Range Rover das
Ultimative an Raffinesse dar. Neue Antriebsstärke schafft neue Anziehungskraft.
Vereinbaren Sie noch heute eine Probefahrt.

Range Rover P400e Plug-In Hybrid Vogue 2.0, aut., 404 PS (297 kW), Normverbrauch gesamt: 2.8 l + 21 kWh/100 km, 64 g CO2 /km, Benzinäquivalent 5.1 l/100 km, 44 g CO2 /km aus der
Treibstoff- und Strombereit stellung, Energieeffizienz-Kategorie: F, empfohlener Nettoverkaufspreis CHF 136’600.– (Abbildung zeigt Sonderausstattungen). Durchschnitt aller in der Schweiz
immatrikulierter Fahrzeuge: 133 g CO2 /km.
17  Fragen

1 Wie geht es der Welt? 14


2 Was sind die grössten Gefahren für die Welt? 20
3 Wie können wir unsere Ökosysteme erhalten? 22
4 Wie verhindert man die Polarisierung der Gesellschaft? 25
5 Wie verändert sich die Arbeitswelt? 26
6 Ist die Globalisierung am Ende? 28
7 Wo liegt die Zukunft der Medien? 36
8 Ist das Zeitalter des Narzissmus angebrochen? 40
9 Kommt es im Westen zu einer Re-Industrialisierung? 44
10 Wie können wir uns im Netz schützen? 46
11 Was sind zurzeit die grössten Gefahren
für eine Bank? 50
12 Wie werden wir in Zukunft zusammenleben? 54
13 Hätte ich es gewusst? 60
14 Wie lässt sich der Kampf gegen die extreme
Armut gewinnen? 62
15 Wie behaupten sich mehr Frauen in der Arbeitswelt? 65
16 Lässt sich die Wüsten­bildung aufhalten? 68
17 Was ist Ihre grösste persönliche Herausforderung? 72

Fotos: Wander AG; Michael Cirelli; Andreas Fechner; World Vision / Silas Koch; Jeff Mangione / APA / Keystone
Cover-Foto: Jeff Brown
Beni Bischof
Cindy Cohn
Aengus Collins
Peter Frankopan
Arnold Furtwaengler
Edward Glaeser
Craig Malkin
Miriam Meckel
Joachim Oechslin

Tony Rinaudo
Jeffrey Sachs
Michael Strobaek
Pavan Sukhdev
Swiss Economics der Credit Suisse
Carla Wassmer
Cover: Fareed Zakaria
17  Antworten

«So nicht!» 72
«Fast nichts von dem, was wir online tun, bleibt privat» 46
«Stellen Sie alles infrage!» 20
«Früher führten alle Wege nach Rom ...» 28
«Bin überzeugt vom Produktionsstandort Schweiz» 44
«Städte schaffen das perfekte Klima für Erfolg» 54
«Jeder glaubt, etwas Besonderes zu sein» 40
«Das Aufeinanderprallen von Positionen verbraucht Energie» 36
«Wir verwandeln Unsicherheiten in kalkulierbare Risiken» 50
Quiz «Mehr Fisch oder Plastik im Ozean?» 60
«Die Bäume sind schon da» 68
«Geben macht glücklicher als Nehmen» 62
«Mitten in einem Paradigmenwechsel» 25
«Wir behandeln die Natur wie eine kostenlose Mahlzeit» 22
«68 Prozent konnten mit einem neuen Diplom ihren Lohn steigern» 26
«Ich musste klarstellen, wer ich bin» 65
«Niemand hat ein Monopol auf die Wahrheit» 14

Ab Seite 5
Wie setzt sich die Kunst mit den Herausforderungen
der Welt auseinander?
Leserbriefe / Impressum  71
DIE SCHWEIZER
WOHNHAUS ARCHITEKTEN

ARCHITEKTUR EINFAMILIENHAUS MEHRFAMILIENHAUS UMBAU/RENOVATION

BAUTEC AG www.bautec.swiss
Editorial

Vom Wert der


öffentlichen Debatte
Wir leben in Zeiten grosser globaler Herausforderungen. Protektionistische
Tendenzen und geopolitische Risiken nehmen zu. Internationale Handelsab­
kommen sind unter Druck. Die rasante technologische Entwicklung beeinflusst
unsere Gesellschaft. In dieser Bulletin-Ausgabe diskutieren wir mit heraus­
ragenden Denkerinnen und Denkern einige Herausforderungen des 21. Jahrhun-
derts. In zahlreichen Gesprächen setzen wir uns mit den unterschiedlichsten
Themen auseinander und erhalten Antworten auf Fragen, die die Welt bewegen.
Laut dem Geostrategen Fareed Zakaria befinden wir uns in einer post-
amerikanischen Weltordnung: «Wir steuern auf einen beispiellosen Moment der
Weltgeschichte zu und der Ausgang ist offen», sagt der Journalist und Bestseller-
autor (Seite 14). Joachim Oechslin, Senior Advisor - Risk Management der
Credit Suisse, spricht darüber, welche Herausforderungen die volatilen Märkte
für die Risikoanalyse bedeuten, und zeigt, wie Unsicherheiten in kalkulierbare
Risiken verwandelt werden (Seite 50). Und Cindy Cohn, Anwältin für Bürger-
rechte im Internet, erklärt, weshalb Kinder die wahren Experten für Datensicherheit
sind (Seite 46).
In den für dieses Magazin geführten Gesprächen ist uns eines aufgefallen:
Die Diskussion um Wert und Werte ist für alle Interview-Partner von zentraler
Bedeutung. Schon Oscar Wilde schrieb: «Heute kennen die Leute von allem den
Preis und von nichts den Wert.» Exemplarisch für eine aktuelle Wertediskussion
steht Pavan Sukhdev, Präsident von WWF International. Er zeigt auf, wie wichtig
es ist, den Wert der Natur und ihrer Leistungen zu erkennen und in ökonomische
Berechnungen einfliessen zu lassen (Seite 22).
Auch wir möchten diese Wertediskussion aufgreifen und eine weitere
grosse Herausforderung unserer Zeit thematisieren: den Wert von Journalismus
und damit zusammenhängend die Medienvielfalt und die Zukunft der Medien­
branche. Als Herausgeber des ältesten Bankmagazins der Welt fragen wir ausser-
dem nach dem Wert unserer Publikation als Beitrag zur öffentlichen Debatte.
Diskutiert haben wir diese Fragen mit Miriam Meckel, Publizistin, Gründungs-
verlegerin des Magazins «ada» und Professorin für Kommunikationsmanagement
an der Universität St. Gallen (Seite 36).
Bulletin ausgezeichnet: In diese Diskussion möchten wir auch Sie, unsere Leserinnen und Leser,
Bei den renommierten
Mercury Excellence
miteinbeziehen: Auf der Titelseite haben Sie die Möglichkeit, diese Publikation
Awards in New York gedanklich zu bewerten. Wie viel sind Ihnen die Inhalte dieses Magazins wert?
gewann das Bulletin Gold Teilen Sie uns Ihre Gedanken mit: credit-suisse.com/bulletin
in der Kategorie
«Writing: Magazine». Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung und wünschen eine spannende Lektüre.

Steven F. Althaus, Mandana Razavi,


Head Global Marketing & Head Corporate Responsibility &
Brand Communications Stakeholder Communications

Bulletin  1 / 2019 3
James Bridle, «Citizen Ex Flags», 2015, bedrucktes Polyester, Seil, Knebelknopf, Daten von citizen-ex.com, 150 × 90 cm

Bilder

Wie setzt sich die Kunst mit den Herausforderungen der Welt
zur Zeit

auseinander? Sieben Antworten von Guayaquil bis Morges.


1  James Bridle (aus London) / Citizen Ex Flags, 2015  Die Landesflaggen sind Teil eines Projekts, das eine «algorithmische Staatszugehörigkeit»
berechnet, ­basierend auf dem eigenen Online-Verhalten. Die Idee dahinter: Die Webseiten, die wir tagtäglich besuchen, mögen virtuell erscheinen, sind
aber an konkreten Orten beheimatet.  2  Amalia Ulman (aus Buenos Aires, lebt in Los Angeles) / Privilege 1/14/2016, 2016  Die argentinische
Künstlerin hat sich auf Social-­Media-Performances spezialisiert. In «Privilege» inszeniert Ulman unter anderem ihre Schwangerschaft im Büroalltag
und ergründet so den Zusammenhang von Identität und Leistung und die mediale Repräsentation davon.  3  Ronny Quevedo (aus Guayaquil, Ecuador,
lebt in New York) / Nazca Half-Time, 2018  Die Zeichnung zeigt uralte Nazca-Linien, die von der gleich­namigen indigenen Kultur in Peru stammen,
und darum herum eine Laufstrecke. Quevedo bringt damit, wie meistens in seinem Werk, traditionelles mesoamerikanisches Kulturgut mit zeit­
genössischen Vorstellungen von Sport zusammen. Sein Grossthema sind die Migrationserfahrungen von zentral- und südamerikanischen Immigranten.

2
Courtesy the artist, Arcadia Missa, London and Deborah Schamoni, Munich;
Ronny Quevedo, «Nazca Half-Time», 2018, Blattsilber und Wachs auf Papier, 45,7 × 66 cm, ronnyquevedo.com. Foto: Argenis Apolinario

3
Studio Drift, «Franchise Freedom», Art Basel Miami 2017. Foto: BMW AG
4

4  Studio Drift (Amsterdam) / Franchise Freedom, 2017  Die fliegende Skulptur von S ­ tudio Drift ist ein performatives Kunstwerk an der
­Schnittstelle zwischen Technologie, Wissenschaft und Kunst. Franchise Freedom ist ein autonom fliegender Schwarm von Hunderten von Drohnen
und stellt die Spannung zwischen individueller Freiheit und Sicherheit in Gruppen dar. 
Olafur Eliasson, «Glacial currents (yellow, sienna)», 2018, Aquarell, Tusche und Bleistift auf Papier, 140,5 × 140,5 cm. Foto: Jens Ziehe © 2018 Olafur Eliasson
5
6
Julian Charrière, «The Blue Fossil Entropic Stories», Detail, 2013. Copyright Julian Charrière, 2019, ProLitteris, Zurich;
Cao Fei, Still aus «Asia One», 2018, Video, 63’20”. Courtesy of the artist and Vitamin Creative Space
5  Olafur Eliasson (aus Kopenhagen, lebt in Berlin) / Glacial currents (yellow, sienna), 2018  In den grossformatigen Aquarellen dieser
Serie spielt neben dem exakt kalkulierten Verhältnis von Pigmenten, Tusche und schmelzendem Gletschereis der Zufall eine zentrale Rolle.
Olafur Eliasson will mit der Arbeit den Klimawandel und die damit einhergehenden Veränderungen in das Erfahrungsfeld des Betrachters rücken.
6  Julian Charrière (aus Morges, lebt in Berlin) / The Blue Fossil Entropic Stories, 2013  Der Künstler bestieg im Arktischen Ozean einen
Eisberg und schmolz das gefrorene Wasser unter seinen Füssen acht Stunden lang mit einer Gasfackel. Er will auf den Unterschied zwischen geologischer
und menschlicher Zeit aufmerksam machen.  7  Cao Fei (aus Guangzhou, lebt in Peking) / Asia One, 2018  Die multimediale Installation
zeigt einen fiktiven Film über moderne Industrieanlagen in China, darunter das weltweit erste vollautomatische Sortierzentrum in Kunshan, Provinz
Jiangsu. Der Film folgt den beiden einzigen verbliebenen menschlichen Mitarbeitern und stellt ein mögliches Szenario dar, wie wir morgen mit
Maschinen zusammenarbeiten.

7
1 FAREED ZAKARIA

Wie geht es der Welt?


Geostratege Fareed Zakaria
analysiert den Aufstieg Asiens
und die postamerikanische
Weltordnung. Er warnt
vor der «illiberalen Demo­kratie»
und der Erosion
von Verfassungsrechten.

«Niemand hat
ein Monopol
Fareed Zakaria, Sie zählen zu den
profiliertesten Beobachtern und
Kommentatoren der Gegenwart. Was ist
Ihre Analyse, wo steht die Welt heute?

auf
Wir befinden uns in einer postamerikani-
schen Weltordnung. Die USA ziehen sich
aus einer Welt zurück, die sie wirtschaft-
lich und machtpolitisch seit fast hundert

die Wahrheit»
Jahren dominieren – und niemand tritt
an ihre Stelle. China scheint bis jetzt
weder die Fähigkeit zu haben, diese Rolle
zu übernehmen, noch die Ambition zu
zeigen, eine globale Agenda festzusetzen.

Und er beantwortet die Frage, Eine instabile Konstellation?


Ja. In gewisser Weise ist die aktuelle
wie westliche Nationen Lage ein Experiment, denn in den letzten
250 Jahren hatte entweder Grossbritan­
besser mit Globalisierungs­ nien oder die USA eine weltpolitische
Dominanz – oder es gab Chaos und Welt-
verlierern umgehen können. krieg. Darum sprach man von der Pax
Britannica oder der Pax Americana. Ein
Interview Daniel Ammann und Simon Brunner  Fotos Jeff Brown anderes System – Multipolarität zum
Beispiel – oder sonst ein Ansatz, wie die
Ordnung und Stabilität und die inter­­-
na­tionalen Strukturen aufrechterhalten
werden können, fehlen uns bislang. Das
mag etwas pessimistisch klingen, so ist es
aber nicht gemeint. Ich sage nur, wir
steuern auf einen beispiellosen Moment
der Weltgeschichte zu und der Ausgang
ist offen.

Bulletin  1 / 2019 15
in der Wertschöpfungskette sehr schnell
nach oben vorgearbeitet. Viele Menschen
sind überrascht, wenn sie hören, dass von
den 20 grössten Technologiekonzernen
Ein Machtvakuum führt selten zu Frieden der Welt bereits 9 aus China stammen.
und Prosperität. Die anderen 11 sind aus den Vereinigten
Das stimmt leider. Im Nahen Osten lässt Staaten, aber noch vor 10 Jahren waren
sich gut beobachten, wie sich das auswir- 18 oder 19 Firmen auf dieser Liste ame­
ken kann. Seit dem sowjetischen Rückzug rikanisch. China ist an der Spitze der
aus Ägypten in den 1970er-Jahren war die ­digitalen Wirtschaft angekommen und
Region im Wesentlichen von den Verei- wird nun selbstverständlich versuchen,
nigten Staaten dominiert. Sie nahmen die seine eigenen Interessen zu vertreten und
Rolle ein, die Bismarck für Deutschland Einfluss auszuüben – genau wie früher
im 19. Jahrhundert wollte, das heisst, die USA und wie Grossbritannien.
die USA pflegten bessere Beziehungen zu Die interessante Frage wird sein, ob die
jedem einzelnen Land als die Länder Vereinigten Staaten bereit sind, diese
untereinander, sie waren der Knotenpunkt, Ausweitung der chinesischen Eigeninter-
über den alle Beziehungen liefen. Dieses essen zuzulassen.
System fiel nach dem Irakkrieg auseinan-
der, als die USA nicht mehr bereit waren, Sind sie es?
so viel Zeit, Geld und Energie in der Darüber habe ich mit vielen Entschei-
Region zu investieren. Seither versuchen dungsträgern in Washington diskutiert.
Israel, die Türkei, Saudi­-Arabien oder der Diese beklagen sich über Chinas Vorge-
Iran Einfluss zu gewinnen. Die Instabilität hen in der Welt. Auf die Frage, wie eine
ist gross. Dazu gibt es eine der schlimms- für sie akzeptable chinesische Expansion 1  «Die USA ziehen sich aus einer
ten humanitären Krisen der Welt. Zwölf aussehen würde, haben sie aber keine Welt zurück, die sie wirtschaftlich
Millionen Menschen im Jemen leiden Antwort. Die Leute haben offenbar noch und machtpolitisch seit fast
hundert Jahren dominieren –
Hunger, weitere zwölf Millionen Men- nicht strategisch darüber nachgedacht,
und niemand tritt an ihre Stelle».
schen brauchen dringend humanitäre was es konkret bedeutet, wenn ein anderes Im Bild: G20-Treffen in Buenos
Hilfe. Das ist ein dramatischer Fall, und Land zur wirtschaftlichen Grossmacht Aires vom November 2018.
man muss sich fragen, was passiert, wenn und damit zum Konkurrenten aufsteigt.
sich die Vereinigten Staaten in Asien Das ist, was Graham T. Allison die 2  «Viele Menschen sind über-
oder in Europa weniger stark engagieren. Thukydides-Falle nennt, in Anlehnung an rascht, wenn sie hören, dass von
die Angst der Spartaner vor der wachsen- den 20 grössten Technologie­
konzernen der Welt bereits 9 aus
Sie haben China angesprochen: den Macht der Athener und dem daraus
China stammen». Im Bild: das neue
Es mag kein Hegemon wie die USA resultierenden Peloponnesischen Krieg Hauptquartier des Technologie-
im 20. Jahrhundert sein, aber sein [431 v. Chr. bis 404 v. Chr., Anm. d. Red.]. konzerns Tencent in Shenzhen.
Brutto­inlandprodukt wuchs innert Eine berühmte Betrachtungsweise über
20 Jahren um das Vierzehnfache, das die Vereinigten Staaten besagt, das Land
Land bestreitet heute 15 Prozent fühle sich nie wohl in Situationen,
der globalen Wirtschaftsleistung. Wie in welchen es sich weder von der Welt
verändert das die Welt Ihrer Ansicht abkapseln noch sie dominieren kann.
nach? Genau eine solche Lage haben wir heute.
Auf wirtschaftlicher Ebene ist das eine
uneingeschränkt gute Nachricht. Die Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen
Anzahl an Konsumenten, Sparern und für das Konzept der liberalen Demokratie,
Investoren in der Welt nimmt zu und welche die Grundlage der westlichen
diese vergrössern die Weltwirtschaft Nationalstaaten bildet?
als Ganzes. Und nach China wird Indien
einen ähnlichen Aufschwung erleben.
Doch China ist nicht nur wirtschaftlich
stark gewachsen, sondern es hat sich auch

Fareed Zakaria (55)   ist ein indisch-US-amerikanischer Journalist und Bestsellerautor. Unter anderem hat er eine eigene Sendung auf
CNN und schreibt eine Kolumne in der «Washington Post». Zu Zakarias vielen Auszeichnungen zählen zahlreiche universitäre Ehrenwürden,
ein National Magazine Award und mehrere Emmy-Nominationen. Mit 28 Jahren promovierte er in Harvard und wurde der jüngste
Herausgeber von «Foreign Affairs», dem amerikanischen Zentralorgan für internationale Politik. Zakaria lebt in New York. Er hat drei Kinder.

16 Bulletin  1 / 2019 Fotos: Guido Bergmann / Bundesregierung via Getty Images; Tim Griffith
1

2
Es gibt viele Statistiken und Forschungen,
die zeigen, wie die Welt ein immer besse-
rer Ort wird. Die Weltbevölkerung ist
gesünder, die Armut nimmt ab, ebenso die
Zahl der Kriege. Aber bei einem Parame- Was kann getan werden, um dieses
ter lässt sich meines Erachtens nur schwer Ungleichgewicht auszugleichen?
argumentieren, dass es noch vorwärts Das ist die ganz grosse Frage. Wir kennen
geht: bei der liberalen Demokratie. Vor die Kräfte, die die Gesellschaft auseinan-
20 oder 25 Jahren war die Türkei demo- dertreiben. Aber welche Kräfte bringen
kratischer als heute. Ein ähnliches Bild uns zusammen? Ich denke, das erste, was
zeigt sich in Ungarn, Polen oder in Indien. wir tun müssen, ist, den Menschen, die
Auch in Lateinamerika gibt es diesen unterdessen klar, dass diese Kluft vor von Kapital und Wissen ausgeschlossen
Trend. Schauen Sie Brasilien an, und auch allem geografischer Natur ist: Die Profi- sind, mehr Möglichkeiten zu bieten. Für
Mexiko könnte sich in diese Richtung teure der modernen Welt leben in Städten mich bedeutet das beispielsweise mehr
entwickeln. In all diesen Ländern gibt es und urbanen Ballungsräumen, die Ver­ Investitionen in Infrastruktur. Wir müssen
eine Regierungsform, die ich «illiberale lierer in ländlichen Gebieten. Schauen Sie auch akzeptieren, dass gewisse Tätigkeiten
Demokratie» nenne: die politischen die Unruhen jüngst in Frankreich an. mehr Unterstützung und vielleicht auch
Leader nutzen ihre momentane Beliebt- Es ist der Widerstand derer, die nur dürf- mehr Staatsausgaben benötigen. Ich be-
heit, um die liberale demokratische tig mit der Welt verbunden sind. Sie fürworte eine neue Art der Verteilung, die
­Verfassung erodieren zu lassen. profitieren nicht vom grossartigen urba- den Fokus auf die Verlierer der Globalisie­
nen öffentlichen Verkehrssystem in r­ung und der Informationstechnologie legt.
Die Regierungen in den genannten Frankreich, sondern müssen mit dem
Ländern wurden alle demokratisch Auto zur Arbeit fahren. Sie haben tiefe Welche Rolle kann Europa in der Welt
gewählt und einige führen ihre Länder Löhne und sollen nun die Erhöhung der spielen?
zu wirtschaftlichen Erfolgen. Was genau Ökosteuern mit steigenden Benzin- und Europa ist ein aussergewöhnliches Experi-
macht Ihnen Sorgen? Dieselpreisen finanzieren? Vielleicht ein ment, das im Grossen und Ganzen sehr
Die liberale Demokratie hat zwei Ele- Drittel oder ein noch grösserer Teil der gut funktioniert. Der Kontinent hat Insti-
mente: das demokratische, dazu gehört die Bevölkerung im Westen hat das Gefühl, tutionen und Normen geschaffen und
Volksbeteiligung bei Abstimmungen und er profitiere zu wenig von der vermeintlich bewahrt, die die Freiheit und die individu-
Wahlen. Und dann gibt es noch das libe- wundervollen Welt der Globalisierung ellen Rechte beschützen. Länder, die sich
rale Element, wozu die Rechtsstaatlich- und der Informationsrevolution. Sie sehen Jahrhunderte lang bekriegten, existieren
keit, der Schutz der individuellen Freiheit, zwar die Wachstumszahlen und wie die heute friedlich nebeneinander und arbei-
die Trennung von Kirche und Staat und Löhne steigen, aber das hat nichts mit ten zusammen. Das Resultat geht viel-
die Pressefreiheit gehören. Dieses liberale ihrer Lebensrealität zu tun. leicht nicht so weit, wie sich das manche
Element ist beispielsweise in den ameri- erträumt haben, aber es ist aussergewöhn-
kanischen Grundrechten, der Bill of Was läuft Ihres Erachtens falsch? lich und eine sehr beachtliche Leistung.
Rights, festgeschrieben. Dies sind unver- Interessanterweise hat diese Situation den Auf der Weltbühne sollte sich Europa nun
äusserliche Verfassungsrechte, das heisst, Ursprung darin, dass wir im Westen gros- strategischer und aktiver bewegen und die
sie können nicht abgeschafft werden, auch sen Wert auf die Meritokratie setzen – zweite Säule für Freiheit und Demokratie
wenn das eine Mehrheit möchte. Damit viel mehr als in der alten aristokratischen in der Welt stärken, speziell in einer Zeit,
fungieren sie quasi als Kontrollmechanis- Gesellschaftsordnung. In einer Merito­ in der die erste Säule, die USA, geschwächt
mus für die Demokratie, man muss die kratie sind Menschen erfolgreich und oder zumindest nicht mehr sehr interes-
Bürgerinnen und Bürger schützen vor der steigen auf, weil sie gute Leistung ablie- siert zu sein scheint an dieser Rolle.
«Tyrannei der Mehrheit», wie Alexis de fern – so ist der Begriff gemeinhin defi-
Tocqueville das nannte. Aber eben diese niert. Man kann daraus schliessen, der Der Westen hadert, der Osten blüht.
Verfassungsrechte scheinen in den illibe- eigene Erfolg sei gerechtfertigt und legi­ Sie haben in Ihrem eigenen Leben erlebt,
ralen Demokratien zu erodieren. timiert – und damit wird auch suggeriert, wie sich der Schwerpunkt der Welt
dass Menschen, die weniger erfolgreich verschiebt.
Warum haben Politiker, die solche sind, ebenfalls selber für ihren Misserfolg Als ich in den 1980er-Jahren Indien
illiberalen Systeme anstreben, derart verantwortlich seien. Nur wird dabei oft verliess, war es ein Land von Finsternis
grossen Zulauf? ausgeblendet, dass wir eben nicht in einem und Verderben, von Pessimismus und
Die grösste Herausforderung für die rein meritokratischen System leben:
gesamte westliche Welt besteht darin, die Menschen haben verschiedene Ausgangs-
noch immer tiefe Kluft zu überbrücken lagen, und Faktoren wie Glück spielen
zwischen Menschen, die Zugang zu ebenfalls eine grosse Rolle. Auf merk­
Wissen und Kapital haben und denen es würdige Art und Weise birgt die Merito-
entsprechend gut geht, und Menschen, kratie ein unvorhergesehenes Potenzial
die diesen Zugang nicht haben. Es ist zum Klassenkonflikt.

18 Bulletin  1 / 2019
«Die grösste
Herausforderung Säkularismus beruhte. Meine Familie war
muslimisch. Trotzdem begingen wir alle
ist, die Kluft zu Feste der Hindus, wir feierten Weihnach-
ten und wir hatten sogar einen Weih-
überbrücken nachtsmann: Das war mein jovialer Onkel,
der später ein muslimischer Fundamenta-
zwischen Menschen, list werden sollte …

Rückgang. Ich kam nach Amerika, die Zugang zu Die Hoffnungen Ihrer Kindheit erfüllten
einem viel positiveren Ort. Dort wurde sich nicht.
die Zukunft erfunden. Heute fühlt es Wissen und Als ich das Teenageralter erreichte, began-
sich genau umgekehrt an. Sogar der nen die Probleme. Wegen der quasi-sozia-
amerikanische Präsident wirkt doch fast Kapital haben, listischen Ausrichtung, die Nehru hatte,
pessimistisch. Sein Slogan «Make Ameri- versagte die Wirtschaft. Seine Tochter
ca Great Again» impliziert ja eigentlich und Menschen, Indira Gandhi setzte dann noch drasti-
einen Niedergang. Ganz anders in Indien schere Massnahmen um, sie verstaatlichte
und an anderen Orten in Asien, wo ein die diesen Zugang Banken und regulierte weiter, dazu ge­
sehr optimistisches Grundgefühl vor- hörten auch hohe Einfuhrzölle, um die
herrscht, auch gegenüber der Globalisie- nicht haben.» Binnenindustrie abzuschirmen. Zwischen
rung, die dort Millionen und Abermillio- 1975 und 1977 wurde die Demokratie
nen aus der Armut geführt hat. ausgesetzt, Oppositionelle eingesperrt und
die Presse zensuriert. Es tat weh, das
Wie spüren Sie den Aufschwung, wenn mitanzusehen. Die Erwartungen und der
Sie in Indien sind? Optimismus aus den 1970er-Jahren waren
Nur ein Beispiel: Ich war bei der verrück- verflogen.
testen Hochzeit der Welt dabei, als die
Tochter von Mukesh Ambani, dem reichs- Wie beeinflussten diese Zeiten Ihre
ten Mann Indiens, heiratete. «Crazy Rich eigene Weltanschauung?
Asians», der Blockbuster über die Jeunesse Sie prägten mich als Säkularisten und als
dorée von Singapur, sieht daneben aus jemanden, der Bigotterie und Chauvi­
wie ein Film über die Mittelklasse. Der nismus jeglicher Art zutiefst verachtet,
Ambani-Clan ist ein gutes Beispiel für denn das war es, was Indien auf die schiefe
eine typische asiatische Selfmade-Story: Bahn gebracht hatte, und ich konnte die
In kürzester Zeit entstanden hier unglaub- Kosten dafür sehen. Ich erlebte Unruhen,
liche Vermögen. bei denen Tausende und Abertausende
von Menschen auf der Strasse getötet
Auch in Ihrer Kindheit war Indien ein wurden. Mein Vater nahm uns mit, er
sehr hoffnungsvoller Ort, die gewaltfreie wollte, dass wir das sehen. Ich erkannte
indische Unabhängigkeitsbewegung die Bedeutung der westlichen Werte
von 1947 schwang nach. Wie erinnern beziehungsweise was passiert, wenn sie
Sie sich an diese Zeit? nicht eingehalten werden. Und ich er-
Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsi- kannte, wie ineffizient der wirtschaftliche
dent Indiens, starb im Jahr, als ich auf die Sozialismus ist. Nichts funktionierte,
Welt kam [1964, Anm. d. Red.], aber wir er führte zu Stagnation, Korruption und
hatten Aufnahmen von seinen Reden, die zu einer bürokratischen Elite, die das
wir hörten, als wäre es Musik. Seine Un- System zu ihrem eigenen Vorteil
abhängigkeitsrede kann ich immer noch missbrauchte.
auswendig. Auch mein Vater kämpfte als
Politiker mit. Meine Mutter war Journa- 1982 kamen Sie schliesslich als Student
listin. In unserem Haus wehte dieser in die USA. Was war Ihr erster Eindruck?
Wind der neuen Freiheit und der schönen In Indien war ich der Aussenseiter in der
Zukunft, ein Gefühl von Hoffnung und Highschool. Meine Mitschülerinnen
Verheissung lag in der Luft. Gandhi und und Mitschüler waren nur daran interes-
Nehru gaben den Anstoss zu einem Indi- siert, Arzt oder Anwalt zu werden und
en, das auf Pluralismus, Demokratie und

Bulletin  1 / 2019 19
2 AENGUS COLLINS
einen Job zu finden. Mich faszinierte
der intellektuelle Teil der Schule, ich
las und wollte die Welt verstehen
– aber ich fand keine Gleichgesinnten.
Dann kam ich mit einem Stipendium
nach Yale und es fühlte sich an, als
käme ich nach Hause. Die Kommili-
tonen waren genau gleich wie ich.
Wir blieben bis vier Uhr morgens wach
und sprachen über Politik, Wirtschaft
«Stellen Sie
alles infrage!»
und Literatur. Ein magischer Moment
für mich. Ich verliebte mich sofort
in Amerika, aber natürlich war das ein
ganz spezieller Teil des Landes.

Als Kommentator und Buchautor Was sind die grössten Gefahren für
passen Sie in keine politische Schub-
lade, Sie sind weder rechts noch die Welt? Umweltthemen
links, kein klarer Immigrationsbefür-
worter oder -gegner. Wird das Leben dominieren die Risikolandschaft,
dadurch einfacher oder schwieriger?
Definitiv schwieriger. Ich möchte die sagt Aengus Collins, Hauptautor
Welt verstehen und versuche, jedes
Thema vorurteilsfrei anzugehen. Ich des «Global Risks Report» des
handelte mir viel Ärger ein, als ich
sagte, einige der Deregulierungen von WEF. Und der Faktor Mensch
Donald Trump seien nötig gewesen
und ein Grund, warum die USA wirt- wird immer wichtiger.
schaftlich besser dastehen als andere
Länder. Es gilt in gewissen Kreisen Interview Simon Brunner  Illustration Max Löffler
fast als Verbrechen, so etwas zu sagen,
aber das ist nun einmal meine Mei-
nung. Ich hoffe nach wie vor, dass ein
grosser Teil der Öffentlichkeit prag-
matisch ist und nicht versucht, Aengus Collins, den «Global Risks Report»
die Welt zu bewerten, als gäbe es zwei des World Economic Forum (WEF)
Sportmannschaften und habe ihre gibt es seit 2006. Ist die Welt seither
Mannschaft immer recht und die ein sicherer oder ein unsicherer Ort
andere Mannschaft immer unrecht. geworden?
Niemand hat ein Monopol auf die Generell sollten wir vorsichtig sein, die
Wahrheit. Naturgemäss sind gemäs- Vergangenheit zu romantisieren. Im Jahr
sigte Stimmen leiser – aber sie existie- 2006 stand die Welt an der Schwelle zur
ren in allen Gesellschaften. Ich ver­ grössten Finanzkrise seit fast einem Jahr-
stehe mich als Stimme der vergessenen hundert. Es war eine riskantere Zeit, als
Mitte.  damals viele Menschen realisierten, und
zweifellos sind viele der aufkommenden
Risiken, mit denen wir uns heute ausein-
andersetzen, immer noch davon geprägt.

Im Zeitraum zwischen 2008 und 2014


dominierten ökonomische Themen
die Risikolandschaft, seither sind diese
etwas in den Hintergrund gerückt.
Ist die Wirtschaft stabiler als noch vor
fünf oder zehn Jahren?
Ich fürchte eher, man vernachlässigt
diese Risiken heute ein wenig, und andere
Themen stehen zurzeit im Fokus.

20 Bulletin  1 / 2019
Die nächste Risikowelle könnte aus
dem technologischen Bereich kommen.
Gibt es darauf erste Hinweise?
Ja. Die von uns Befragten sind bezüglich
Technologie eigentlich ziemlich optimis-
tisch eingestellt, umso überraschender ist
es, dass in den letzten zwei Jahren Themen
wie Datensicherheit und Cyberangriffe an
Bedeutung gewonnen haben. Und im
erwähnten kurzfristigen Teil der Umfrage
tauchte eine neue Gruppe von technologi-
schen Risiken auf: Themen wie Fake News,
Filterblasen sowie Bedenken bezüglich
Datenschutz und Identitätsdiebstahl.

Hat die Widerstandsfähigkeit der Welt


eigentlich zu- oder abgenommen
durch die immer enger werdende globale
Verflechtung?
Die grosse Komplexität kann zu blinden
Flecken und zu neuen Eskalationspfaden
führen, die den Prozess der Risikobewer-
tung und -bewältigung erheblich erschwe-
ren. Ausserdem nimmt auch die Verflech-
tung zwischen den Risiken immer mehr
zu, entsprechend müssen wir über Trade-
offs nachdenken: Massnahmen zur
­Minderung eines Risikos können andere
verschlimmern. Ein Beispiel dafür sind
Elektroautos – sie sind ein vielverspre-
chender Weg zur Eindämmung der Um-
weltverschmutzung in Grossstädten, aber
auch eine potenzielle Quelle für eine
erhöhte Umweltverschmutzung bei der
Welche? Im «Global Risks Report 2019» haben Sie Strom- und der Batterienproduktion.
Wenn es ein Kernresultat unserer jährli- die Befragten erstmals Risiken beurteilen
chen Umfrage für die letzten Jahre gibt, lassen, die kurzfristig eintreffen können. Viele Experimente haben gezeigt, dass
dann ist es die gesteigerte Bedeutung von Was sind die Resultate? wir Menschen nicht sonderlich gut darin
Umweltrisiken. Das lässt sich auf zwei Hier stehen geopolitische Fragen im sind, Risiken einzuschätzen. Wie sollen
Arten interpretieren: Einerseits ist es ein Vordergrund. So geben beispielsweise wir mit diesem Defizit umgehen?
positives Zeichen, dass diese Themen 85 Prozent der Befragten an, dass das Dies wird eine der grössten Herausforde-
nun fest in den Köpfen der Menschen Risiko einer politischen Konfrontation rungen für die Menschen bleiben. Ich
verankert sind – der Ernst der Lage ist zwischen den Grossmächten zugenom- denke, das Wichtigste ist, laufend alles
erkannt. Andererseits widerspiegelt es men hat. Neu haben wir auch die mensch- infrage zu stellen! Begrüssen Sie unter-
auch, wie gravierend die Situation tat- liche Seite der globalen Risiken berück- schiedliche Meinungen und umgeben Sie
sächlich ist. Extreme Wetterereignisse sichtigt: Es gibt viele Hinweise darauf, sich mit Menschen, die Sie bei jedem
werden seit nunmehr sechs Jahren in dass Wut, Angst und Einsamkeit zuneh- Schritt herausfordern.
Folge ent­weder auf Platz eins oder zwei men und zu einem Muster emotionaler
der Risiken mit der höchsten Wahr- und psychischer Belastung werden, das die
scheinlichkeit eingestuft. Das ist ein globale Risikolandschaft in den kommen-
starkes Zeichen. den Jahren entscheidend prägen könnte.

Aengus Collins (45)   ist Head of Global Risks and the Geopolitical Agenda beim World Economic Forum und Hauptautor des «Global Risks
Report», einer jährlichen Umfrage unter 1000 Risikoexperten und Entscheidungsträgern.  reports.weforum.org/global-risks-2019

Bulletin  1 / 2019 21
3 PAVAN SUKHDEV

«Wir behandeln
die Natur
wie eine
kostenlose
Mahlzeit»
Wie können wir unsere
Ökosysteme erhalten?
Der Umweltökonom
und Präsident von
WWF International,
Pavan Sukhdev, hat dem
Wert der Natur eine
Stimme gegeben und ist
überzeugt: Naturschutz
und Wachstum sind
vereinbar. Aber die
Umweltzerstörung muss
in die Buchhaltungen
der Unternehmen
und Staaten einfliessen.
Interview Bruno Bischoff, Head Sustainability
Affairs der Credit Suisse  Foto Anoush Abrar

22 Bulletin  1 / 2019
Naturschutzfinanzierung
Im Bereich Naturschutzfinanzierung
baut die Credit Suisse ihre Aktivitä­
ten kontinuierlich aus. Dies ist ein
schnell wachsender Environmental-
F­inance-Markt, dessen Schwer­punkt
auf der Schaffung langfristiger
und diversifizierter Ertragsquellen
Pavan Sukhdev, zu den grössten liegt, die für die Bewahrung der
Herausforder­ungen des 21. Jahrhunderts Bio­diversität und der Gesundheit
gehört die Erhaltung der Natur. natürlicher Ökosysteme eine wichtige
Rolle spielen können.
Was bereitet Ihnen dabei besonders
grosse Sorgen? Umweltrisikoprüfungsprozess 
Die Zerstörung der Ökosysteme und Im Bankgeschäft der Credit Suisse
der schleichende Verlust der Biodiversität – kommen Umweltaspekte unter ande­
von Arten, Genen und Lebensräumen. rem beim Risikomanagement von
Das birgt enorme Risiken. Für unsere potenziellen Geschäftstransaktionen
Gesundheit, Gesellschaft, Wirtschaft. zum Tragen. So klärt die Bank über
ihren Reputationsrisikoprüfungs­
Denn die Natur ist das Fundament für
prozess mögliche signifikante Risiken
alles. Und die Zeit drängt. in Bezug auf Umwelt, Klima oder
Biodiversität ab.
Wald, Tierwelt, Ozeane – was müssen
wir beim Schutz unserer Ökosysteme
etwas priorisieren?
Betrachten wir sowohl Bedeutung wie tungsmethode entwickelt und kamen zum
Dringlichkeit, so drängt wohl die Situati­ Resultat, dass die fortlaufenden Verluste
on der Korallenriffe am allermeisten. Sie der Natur in Geld umgerechnet jedes Jahr
zählen zu den empfindlichsten Ökosyste­ zwei bis vier Billionen Dollar betragen.
men. Wir haben bereits 20 Prozent der Allein durch die erwähnte Zerstörung von
Riffe verloren und die Situation ist sehr Korallenriffen vernichten wir eine jährli­
bedrohlich: Nicht nur die Natur, sondern che Wirtschaftsleistung von 170 Milliar­
die Lebensgrundlage von mehr als 500 den Dollar, die damit zusammenhängt –
Millionen Menschen ist gefährdet. vom Küstenschutz über den Tourismus bis
zur Fischzucht. Diese externen Kosten
Als Vordenker der Green Economy müssen in eine «grüne Buchhaltung» von
bezeichnen Sie die Umweltzerstörung Staaten und Unternehmen einfliessen.
als Marktversagen. Die Bilanzen müssen die volle ökologi­
Genau. Das Kernproblem: Wir behandeln sche Wahrheit abbilden, dann wird uns
die Natur wie eine kostenlose Mahlzeit. die Knappheit natürlicher Ressourcen
Ob saubere Luft, reines Wasser oder die bewusst und zum Gegenstand wirtschaft­
Bestäubung der Pflanzen – wir geben licher Entscheidungen.
für die Ökosystemleistungen der Natur
keinen Cent aus. Oder hat Ihnen schon Das klingt gut, aber wie erreichen wir das?
einmal eine Biene eine Rechnung zu­ Tatsächlich wächst der globale Footprint
kommen lassen? Alles, was nichts kostet, stetig und wir verbrauchen bereits
scheint für uns nichts wert zu sein und so 1,7 Mal so viele Ressourcen, wie die
betreiben wir Raubbau an der Natur, ohne Erde auf die Länge bieten kann.
dafür zu bezahlen. Eine solche Lücke in Es braucht Regulierungen und Anreize
der Buchhaltung nennt man ökonomisch durch die Politik. Kontraproduktive Sub­
externe Effekte. Deshalb müssen wir ventionen für schädliche Industrien – wie
uns bemühen, den Wert der Natur und etwa die 1000 Milliarden Dollar pro Jahr
ihrer Leistungen sowie die Kosten für für fossile Brennstoffe – gehören abge­
deren Verlust in unsere ökonomischen schafft. Öffentliche Investitionen sollten
Berechnungen miteinzubeziehen. sich auf eine ökologische Infrastruktur
konzentrieren und es braucht Anreize für
Lässt sich der Wert der Natur beziffern? private Investitionen in eine grüne Wirt­
In der TEEB-Studie [The Economics of schaft – in nachhaltige Landwirtschaft, in
Ecosystems and Biodiversity, Anm. d. Red.] erneuerbare Energie und Mobilität, in
für die Uno haben wir 2008 eine Bewer­

Bulletin  1 / 2019 23
Pavan Sukhdev (58)   ist seit 2017 Präsident von WWF International. Von 2008 bis 2011 war er Sonderberater und Leiter der
Green Economy Initiative des UN-Umweltprogramms. Der Ökonom und ehemalige Banker stammt aus Indien, lebt in Nyon und hat
zwei erwachsene Töchter, die ihn inspirieren, weiter für einen gesunden, bewohnbaren Planeten zu arbeiten.

erneuerbare Energie- und Ressourcen­ Es gibt immer mehr Unternehmen, die Indem ich die Flugemissionen kompen-
effizienz. Daneben müssen wir auch den vorangehen. Aber die Grossfirmen mit siere, vor allem mit neu gepflanzten Bäu-
Privatsektor in die Pflicht nehmen. Er ist ambitionierten Ökozielen, wie Walmart, men in Australien, wo ich ein kleines
nicht nur für zwei Drittel aller Arbeits- Puma oder Unilever sind, eine Minder- Ökotourismusprojekt gegründet habe.
plätze verantwortlich, sondern auch heit. Selbst grosszügig kalkuliert, kommen Ausserdem betreibe ich eine Plantage in
für enorme Umweltkosten. Allein die sie nicht auf mehr als 700 Milliarden Südindien, die auf ökologische Produktion
3000 grössten Konzerne verursachen Dollar Jahresumsatz. Das ist weniger als umgestellt wurde, wodurch die Böden
laut Schätzungen jährlich Schäden in der ein Prozent des Weltsozialprodukts. Das grössere Mengen an CO2 speichern.
Höhe von 2,15 Billionen Dollar. Problem sind nicht die Vorbilder – es gibt
zu wenige Nach­ahmer. Wenn wir gleiche Vor Ihrer Arbeit im Nichtregierungssektor
An welche Massnahmen denken Sie? Wettbewerbsbedingungen schaffen arbeiteten Sie in der Finanzindustrie. Wie
Die Besteuerung der Unternehmen soll und die Zerstörung von Naturkapital kam es zu diesem Schritt?
sich nicht nach ihrem Gewinn richten, besteuern, werden die Unternehmen 2020 Umweltökonomie war schon immer meine
sondern nach Ressourcenverbrauch. automatisch profitabler werden und das Leidenschaft. Wenn andere Banker auf
Der ökologische Fussabdruck von Unter- Nachahmerproblem wäre gelöst. den Golfplatz gingen, las ich darüber
nehmen soll transparent werden – nicht Bücher und schrieb Forschungspapiere.
nur in den Bilanzen, sondern auch in der Welche Bedeutung haben dabei Als ich für die Leitung der TEEB-Studie
Werbung und auf den Produkteverpa- Umweltorganisationen wie der WWF, angefragt wurde, konnte ich mein Hobby
ckungen. Unternehmen sollen auf aggres- dessen Präsidium Sie 2017 übernahmen? zum Beruf machen – ein Privileg.
sive Werbung für ihre Produkte verzichten Unsere wichtigste Aufgabe besteht in
und die Lobbyarbeit einstellen, mit der sie der Information und Mobilisierung von Sie stammen aus Indien, aber wuchsen
politische Entscheidungen zu ihren Guns- hunderten Millionen von Bürgern und zum Teil in der Schweiz auf. Hat dies Ihr
ten herbeizuführen versuchen. Und die Konsumenten für den Naturschutz. Nur Interesse für die Umwelt beeinflusst?
Zentralbanken sollen die Verschuldung wenn hier Transparenz herrscht und die Sehr. Hier beobachtete ich von meinem
von Unternehmen begrenzen. Verbraucher aktiv werden, nehmen Politik Fenster aus mit einem Fernglas stunden-
und Unternehmen einen Kurswechsel vor. lang die Vögel auf dem Pflaumenbaum
Sie plädieren in Ihrem Buch «Corporation Daneben kooperieren wir mit politischen im Garten und machte mir Notizen zu
2020» für eine neue Unternehmenskultur Organisationen bei der Entwicklung von ihrem Verhalten. Und in den Ferien
und erwähnen Firmen mit Vorbildcharakter. notwendigen Regulierungen und stehen erlebte ich die Schönheit der Schweiz.
Was zeichnet diese aus? Unternehmen in Nachhaltigkeitsfragen Ich konnte also die Natur in vollen Zügen
Ihnen ist gemeinsam, dass sie ökologische beratend zur Seite. Und – was ich ange- geniessen, und das ist wohl einer der
und soziale Verantwortung tragen. Der sichts der drängenden Zeit für besonders Gründe, warum mich seit jeher die Frage
Outdoor-Bekleider Patagonia will hoch- wichtig halte – wir müssen unsere Koope- beschäftigt: Warum zerstören wir etwas so
wertige Sportsachen herstellen, ohne ration mit anderen NGO verstärken. Wertvolles? Warum tun wir nicht mehr,
Naturkapital zu zerstören. Firmen wie der um die Umwelt zu schützen?
Softwarehersteller Infosys schaffen Woran denken Sie konkret?
exzellente Ausbildungsmöglichkeiten, Laut unserem «Living Planet Report Angesichts der grossen Heraus­
ihnen liegt daran, das Humankapital zu 2018» hat sich die durchschnittliche forderungen bei der Biodiversität und
verbessern. Andere organisieren sich als Artenvielfalt in den letzten 50 Jahren um dem Klimaschutz: Ist das sprichwörtliche
Gemeinschaften: Natura Cosméticos in 60 Prozent reduziert. Bei bestimmten Glas eher halb voll oder halb leer?
Brasilien will nachhaltig sein und vertreibt Insekten- oder Süsswasserpopulationen Lassen Sie mich das mit Winston Churchill
die Produkte über ein Netzwerk von beträgt der Rückgang gar über 80 Prozent. beantworten, der einmal meinte: «Ein
1,2 Millionen Hausfrauen, davon profitie- Damit dieser Trend gestoppt wird, arbei- Pessimist sieht das Problem, das in jeder
ren alle. Solche Firmen erwirtschaften ten wir mit anderen Organisationen im Chance steckt, ein Optimist sieht die
auch für die Umwelt und die Gesellschaft Hinblick auf den nächsten Weltklima­ Chance, die in jedem Problem steckt.»
einen Gewinn. Diesem Unternehmens- gipfel 2020 an einer konsensfähigen Emp- Ich denke, es gibt viel Arbeit zu tun, und
modell gehört die Zukunft. fehlung zum Schutz der Biodiversität. ich denke, wir haben ein bisschen was
erreicht. Aber wir müssen weitermachen. 
Erleben wir gerade einen Paradigmen- Für Ihr Engagement für die Artenvielfalt
wechsel, und setzt sich der Nachhaltig- und die Umwelt fliegen Sie um die Welt.
keitsgedanke in der Wirtschaft durch? Wie leben Sie mit diesem Widerspruch?

24 Bulletin  1 / 2019
4 MICHAEL STROBAEK
Ich denke, ja. Die industrielle Revolution
hat langfristig zu mehr Arbeitsplätzen
und zu einer Steigerung des Lebens­
standards geführt. Tiefgreifende techno­
logische Umwälzungen sind jedoch in
der Frühphase mit dem Verlust von
Arbeitsplätzen und einem soziokulturellen
Wandel verbunden, der den Staaten und
Unternehmen vieles abverlangt.

Sie sagten, dass man den Leuten, die


ohne Stelle sind, die Existenz ­sichern
­müsse, sonst würden sie rebel­lieren wie
während der Französischen ­Revolution.
Viele Menschen haben das Gefühl, nicht
von der Globalisierung und dem techno-
logischen Fortschritt zu profitieren. Die
Ärmsten konnten ihren Stand zwar vie-
lerorts verbessern, aber die Mittelschicht,
vor allem in der westlichen Welt, hat rela-
tiv gesehen verloren. Wir müssen uns

«Mitten in einem überlegen, wie wir durch Chancengleich-


heit und den Zugang zu Bildung eine
gleichmässigere Wohlstandsverteilung

Paradigmenwechsel»
erreichen können, um eine weitere Polari-
sierung der Gesellschaft zu verhindern.

Wie soll oder muss man die Verlierer


der Globalisierung unterstützen?

Wie verhindert man Michael Strobaek, vor gut einem Jahr


­sagten Sie im Bulletin: «Das grösste
Eine der wichtigsten Massnahmen ist und
bleibt die Existenzsicherung. Gleichzeitig
eine weitere ­Thema der Zukunft wird sein, dass
Millionen von Leuten arbeitslos werden.»
sehe ich eine Verantwortung sowohl
beim Staat als auch bei der Privatwirt-
Polarisierung der Hat die Entwicklung seither Ihre
Be­sorgnis eher bestätigt oder relativiert?
schaft, den vermeintlichen «Verlierern der
­Globalisierung» Perspektiven zu eröffnen.
Gesellschaft? ­Michael Eher bestätigt. Wir sind Zeugen eines
Paradigmenwechsels. Der Handelskonflikt
Der Übergang zu neuen Stellenprofilen
ist nicht einfach, aber durch gezielte
Strobaek über zwischen den USA und China, der letzt-
jährige Regierungswechsel in Italien und
­Trainings- und Weiterbildungsmöglich-
keiten zu meistern. Dabei ist es wichtig,
Globalisierungs- der Brexit – all diese Entwicklungen sind
Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit
dass Unternehmen die Bereitstellung
solcher Möglichkeiten als Investition in
ängste, den Abstieg und Angst, die einerseits von der Globali-
sierung und andererseits vom rasanten
die Zukunft sehen.

der Mittel­schicht technologischen Fortschritt angefacht


werden. Die Art und Weise, wie die
Die Schweiz schneidet bei der Ein-
bindung der Frauen in den Arbeitsmarkt

und eine neue Wohl- ­Arbeitswelt verändert wird, ist für viele
Menschen beängstigend.
nicht sehr gut ab – was muss sich da
­ändern?

standsverteilung. Die Experten der Credit Suisse gehen


Es braucht weitreichende Veränderungen,
um erwerbstätige Eltern zu unterstützen,
davon aus, dass wegen der Robotik so dass sie ihrem Beruf nachgehen und
Interview Daniel Ammann ­längerfristig mindestens so viele Arbeits- sich um ihre Kinder kümmern können.
Foto Cyrill Matter plätze geschaffen werden, wie wegfallen. Um das zu erreichen, muss bei uns allen
Ist die Jobkrise nur vorübergehend? ein Umdenken stattfinden.

Michael Strobaek (49)   ist seit 2013 Global Chief Investment Officer (CIO) der Credit Suisse.

Bulletin  1 / 2019 25
5 ADLER, CARNAZZI WEBER, HUNZIKER

Wie verändert sich die Arbeitswelt? Das Interview in acht Grafiken,


zusammengestellt von den Ökonomen der Credit Suisse.

«68 Prozent konnten mit einem


neuen Diplom ihren Lohn steigern»

2   Aber nicht alle Jobs


1   Man hört viel von Digitalisierung 215,8 werden überleben,

Ingenieure im Bereich Elektronik  81,8


und Automatisierung, muss ich Angst richtig? Welche

Präzisionsinstrumentenbauer 81,7
haben, meinen Job zu verlieren? 175,1 Berufsbilder haben –
Die Geschichte sagt: nein. Stand heute – das
grösste Potenzial,

Drucker 87,7
ersetzt zu werden?

Schuhmacher 79,6
Am meisten bedroht

Chemiker 80,0
100 
sind Tätigkeiten, die einen

Quellen: Bundesamt für Statistik und Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte UZH (1); Credit Suisse (2);
69,7
signifikanten Anteil
an automatisierbaren
69,0 Arbeitsschritten enthalten.

Bundesamt für Statistik (3, 7, 8); Peter Moser (4); OECD (5); Sheron Baumann, Imke Keimer (6)
Top 5: Substitutionspotenzial
(Anteil der Tätigkeiten,
1890 1939 2005 die automatisiert werden
könnten), in %
Entwicklung Anzahl Erwerbstätiger in der Schweiz und
Bevölkerungsindex (bei beiden Indizes ist 1939 = 100)

, 8
19
n  ,4
se 13
3   Es entstehen ja auch alw
e
e n 
zi , 0 es
sw
neue Arbeitsstellen – So  
16 h eit
ng nd
lu su
in welchen Bereichen? r ho 14
,4 Ge
,E  
g on
In sozialen und kreativen lt un ati
ha un
ik 3,1
Berufen sind in letzter Zeit n ter m m rt  1
,U ko fah
viele Stellen entstanden. ns
t
Te
le uft
Ku if f-/L
S ch

Wirtschaftszweige mit dem grössten


Beschäftigten-Zuwachs in % (2012 – 2016)

2012 2016

26 Bulletin  1 / 2019
4  Ist
die Wahrscheinlichkeit grösser, dass mein
Lohn steigt oder sinkt?
Schwer zu sagen: In allen Einkommensbereichen gab es
­zwischen 2001 und 2010 etwa gleich viele Auf- und Absteiger.
5  Sind eigentlich mehr oder weniger
Einkommensmatrix, in 1000 CHF Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert
als früher?

146 +
2010

107

107
55 
35

35
55

74

74
In den meisten westlichen Ländern immer weniger.
0 

2001
1960
0  54 23 11 7 5
36
34,7
31

36  19,6
23 38 24 11 4
54

54 
11 22 35 23 8
72
DE 17,6 FR 7,9 CH 15,7

72 2015 Gewerkschaftsdichte, in %
7 12 23 38 21
102

102  5 5 8 21 62
137+
7  Wie gross ist
25- bis 64-Jährige (2001), Steuerpflichtige eigentlich die
im Kanton Zürich, in % sogenannte
Gig Economy in
Solo-Selbstständige
der Schweiz? CH in %
6,7

6,7 Prozent sind soge­


nannte Solo-­Selbstständige,
also Erwerbstätige
6  Vielfachhört man, die Weiterbildung
mit eigener Firma ohne
sei unerlässlich, um Erfolg zu Angestellte.
haben im Job. Lässt sich das belegen?
Lohn ist ..., 58,6
in % der Antworten Ja: Rund zwei Drittel konnten mit einem neuen 57,3
Diplom ihren Lohn steigern.
Frau

 4 27
en
un
k
b en  8   Gibt es den
s blie
ge h ge
g leic modernen,
teilzeitarbeitenden
gestieg
en 68 Mann tatsächlich? 17,5
12,8
Ja, immer mehr. Aber
Mann
Frauen arbeiten immer
noch viel mehr Teilzeit.
Teilzeiterwerbstätige, in %
2008 2017

Oliver Adler   ist Chief Economist Switzerland,  Sara Carnazzi Weber  leitet die Swiss Sector and Regional Analysis und  Tiziana Hunziker
ist Economist bei der Credit Suisse.

Bulletin  1 / 2019 27
6 PETER

FRANKOPAN
«Früher
28 Bulletin  1 / 2019
Rekonstruktion des antiken Forum Romanum,
Holzstich, datiert um 1880.

führten alle Wege nach Rom …


Bild: akg-images Bulletin  1 / 2019 29
… heute führen sie nach
Peking»

1
Ist die Globalisierung am Ende? Nein, sagt Historiker
Peter Frankopan. Dass wir in einer hyperglobalisierten Welt
leben, werde sich nicht so schnell ändern. Und wie unsere
Vergangenheit wird Asien auch unsere Zukunft prägen.
Interview Daniel Ammann

1  «2001 erwirtschaftete China


ein Bruttoinlandprodukt von etwas
mehr als einer Billion Dollar.
Heute sind es über 12 Billionen.»
Im Bild: Geschäftsviertel von
Peking.

2  «Bereits wird ein Drittel der


Luxusgüter von Chinesinnen und
Chinesen gekauft». Im Bild:
Showroom des Modelabels Miu
Miu in einer überdimensionierten
Handtasche, in Schanghai.

greifend betrifft. Viele Menschen in Euro­ sische Konsumenten noch überhaupt


pa ahnen, vermutlich zu Recht, dass ihre keine globalen Luxusprodukte, ihr Anteil
Kinder und Enkelkinder ein härteres an diesem Teil des Welthandels betrug
Leben haben werden als sie selbst. Sie null Prozent. Heute wird bereits ein Drit-
machen sich Sorgen, wirtschaftlich abge- tel der Luxusgüter von Chinesinnen und
hängt zu werden, weil andere Länder und Chinesen gekauft und in zehn Jahren wird
Regionen schneller wachsen. es die Hälfte sein. Die Menschen, die
wohl am meisten von der Globalisierung
Peter Frankopan, wenn Sie sich eine Damit meinen Sie den rasanten der letzten dreissig, vierzig Jahre profitier-
Epoche auswählen könnten, in der Sie wirtschaftlichen Aufstieg Asiens? ten, sind ärmere Bevölkerungsschichten in
leben wollten, wann wäre das? Man kann es auf eine einfache Formel Südostasien und China. Unglaublich viele
Im Hier und Heute. Ob es nun um die bringen: Früher führten alle Wege nach Menschen sind wohlhabender geworden.
Qualität der Gesundheitsversorgung, die Rom. Heute führen sie nach Peking. Es herrscht denn auch eine viel positivere
Bildungsmöglichkeiten, den Grad an China trat 2001 der Welthandelsorganisa- Einstellung zur Globalisierung als im
individueller und politischer Freiheit, die tion bei. Zu jener Zeit erwirtschaftete das Westen. Die asiatischen Eltern sind über-
Lebenserwartung oder auch nur darum Land ein Bruttoinlandprodukt von etwas zeugt, dass ihre Kinder wohlhabender und
geht, eine gute Mahlzeit zu erhalten: Für mehr als einer Billion Dollar. Heute sind mit besseren Möglichkeiten aufwachsen
die meisten Menschen ist heute die beste es über zwölf Billionen. Seit der wirtschaft­ werden als sie selbst.
Zeit in der Geschichte der Menschheit. lichen Öffnungspolitik Chinas konnten
laut Weltbank 800 Millionen Menschen Bei uns im Westen dagegen nehmen
Dennoch hat man den Eindruck, dass sich der Armut entfliehen. Das Tempo dieses Globalisierungskritik und protektionistische
heute in den westlichen Gesellschaften Wandels ist atemberaubend. Tendenzen stark zu.
eine Art Zukunftsangst breitmacht. Was Auch wenn die Globalisierung, über alles
ist los in der westlichen Welt? Wird das 21. Jahrhundert zum asiatischen gesehen, den globalen Wohlstand massiv
Es ist die Angst vor dem Unvorhergese- Jahrhundert werden? gesteigert hat, hat sie im Westen auch
henen. Wir erleben derzeit eine massive Wir leben bereits mitten im asiatischen zu Arbeitsplatzverlusten und Lohndruck
Verschiebung des globalen Gravitations­ Jahrhundert. Dazu nur eine Zahl aus geführt und damit Verlierer produziert.
zentrums, die unser Alltagsleben tief meinem neuen Buch: 1990 kauften chine-

Fotos: Qianlong / Imaginechina / laif; Wang Gang / Imaginechina / laif Bulletin  1 / 2019 31


«Die Geschichte zeigt, dass es Gesellschaften,
die integrierend und weltoffen sind, besser geht.»

Diese Verlierer der Globalisierung verlan- Da müssen Sie mir helfen. haupt nicht spürbar. Das änderte sich erst
gen nun immer lauter, dass ihre Stimmen Merv, im heutigen Turkmenistan, war ab dem 20. Jahrhundert.
gehört werden. Das hat wohl auch zum jahrhundertelang die grösste Stadt der
Aufstieg Donald Trumps, der Brexiteers Welt. Sie wurde wegen ihrer wirtschaftli- Lässt sich aus der Geschichte schliessen,
und extremer Parteien in Europa beigetra- chen Bedeutung «Mutter der Welt» ge- dass globalisierte Gesellschaften
gen. Man muss diese Phänomene auch als nannt. Im Jahr 1200 lebte eine Million erfolgreicher sind?
Versuch lesen, einen Umstand zu korrigie- Menschen dort, fünf Religionen wurden Tendenziell zeigt die Geschichte, dass es
ren: Wir im Westen sind offenbar daran frei praktiziert, es gab zwölf öffentliche Gesellschaften, die integrierend und
interessiert, nach Asien zu exportieren, Bibliotheken, eine davon nur für Frauen. weltoffen sind und die in grösseren Allian­
aber nicht bereit, aus Asien zu importie- Zu jener Zeit lebten in London bloss zen kooperieren, besser geht. So waren die
ren, wenn wir befürchten, dass wir da- 20 000 Menschen – und die wenigsten erfolgreichen Grossstädte der Vergangen-
durch Wohlstand und Arbeitsplätze ver- Europäer konnten überhaupt lesen. Zent- heit, die Orte also, wo die meisten Ge-
lieren könnten. ralasiatische Städte wie Merv spielten bei schäfte getätigt wurden, in der Regel
der Gestaltung unserer modernen Welt tolerant in Bezug auf alle Arten von Min-
Kommt die Globalisierung so zu einem eine herausragende Rolle. Als sie ab 1700 derheiten und ethnischen Zugehörigkeiten.
Ende? in grosser Zahl Richtung Asien reisten,
Manchmal neigen wir dazu, die Bedeutung waren die Europäer erstaunt, wie gut Worauf führen Sie das zurück?
von aktuellen Problemen zu überhöhen. fremde Besucher behandelt, wie offen sie Wer Handel treibt, neigt dazu, Vorurteile
Doch wirtschaftliche Meinungsverschie- willkommen geheissen wurden in Städten zu verlieren. Wenn Sie etwas kaufen oder
denheiten und Versuche, bessere Handels- wie Merv, in Isfahan im heutigen Iran, in verkaufen wollen, hat Ihr Handelspartner
konditionen auszuhandeln, sind in der Bagdad oder in Samarkand im heutigen vielleicht eine andere Hautfarbe, spricht
Geschichte völlig normal. Das bedeutet Usbekistan. Welch ein Unterschied zu eine andere Sprache, gehört einer anderen
aber noch lange nicht, dass wir in eine Europa, wo die Juden damals gezwungen Religion an oder mag andere Musik.
Welt zurückkehren, in der die Menschen wurden, unter schlimmen Bedingungen
als Selbstversorger ihr Gemüse im eigenen in Gettos zu leben, oder die Protestanten
Garten anbauen und sich komplett gegen aus einem Land und die Katholiken aus
äussere Einflüsse abschotten. Wir leben in einem anderen Land vertrieben wurden.
einer hyperglobalisierten Welt. Das wird
sich nicht so schnell ändern. Wir haben In der Geschichte wechselten sich immer
eine recht widerstands­fähige und robuste wieder Phasen der Globalisierung mit
Weltordnung, in der wir eigentlich sehr Phasen der Isolation ab. Historisch
gut miteinander auskommen. gesehen: Von welchen Perioden profitierte
die breite Bevölkerung mehr?
Sie zeigen in Ihren Büchern, dass sowohl Generell gesagt, profitierten jeweils die
die Globalisierung als auch die dominante Eliten vom Handel, also die Menschen an
Stellung Asiens nichts Neues sind. der Spitze der Pyramide. Der einfache
Die Globalisierung gibt es seit Jahrtausen- Bauer im mittelalterlichen Europa hatte
den. Schon vor 2000 Jahren gab es die gar nichts davon, wenn sich die Handels-
Seidenstrasse: ein Netz von Handelsrouten, beziehungen zwischen Venedig, dem
das Asien mit Europa und Afrika verband. Nahen Osten und China intensivierten.
Es erstreckte sich zu Land und zu Wasser Oder umgekehrt: Die steigende Rivalität
vom Römischen Reich bis zur pazifischen der italienischen Stadtstaaten, das Han-
Küste Chinas. Was wir in unseren Schulen delsverbot mit dem ägyptischen Alexand-
nur selten hören: Die Wiege unserer ria oder der Mongolensturm nach Ost­
Zivilisation liegt nicht im antiken Grie- europa betrafen nur die Leute in den
chenland, sondern zwischen Mittelmeer Palästen und die Händler. Im Alltagsleben
und Pazifik. Sagt Ihnen Merv etwas? der breiten Bevölkerung war das über-

32 Bulletin  1 / 2019
1  «Merv, im heutigen Turk­
menistan, war jahrhundertelang
die grösste Stadt der Welt.»
Im Bild: Stich der Festung von
Merv (1882).

2  und 3  «Die Verlierer der


Globalisierung verlangen nun
immer lauter, dass ihre Stimmen
gehört werden.» Im Bild:
2  Wahlparty für Donald Trump
in New York.
3  Grafschaft Essex, eine Hoch-
burg der «Leave EU»-­Anhänger
1 (beide Bilder von 2016).

Bild: Mr O’Donovan’s Journey through Central Asia, the Fortress of Merv (engraving), English School,
(19th century) / Private Collection / Look and Learn / Illustrated Papers Collection / Bridgeman Images
Fotos: Dina Litovsky / Redux / laif; Daniel Biskup / laif Bulletin  1 / 2019 33
1

1  «Der Zugang zu Rohstoffen, da


bin ich altmodisch, wird auch in
Zukunft eine riesige Rolle spielen.»
Im Bild: Hüttenwerk bei einer
Mine in der Inneren Mongolei.

2  «Schon vor 2000 Jahren gab es


die Seidenstrasse: ein Netz von
Handelsrouten, das Asien mit
Europa und Afrika verband.»
Im Bild: mittelalterliche Handels-
routen in Asien.

3  «Es ist eine kurze Liste von


Ländern, welche die Schweiz über-
flügeln könnten.» Im Bild: Monte-­
Rosa-Hütte und Matterhorn.
3

34 Bulletin  1 / 2019 Fotos: David Gray / Reuters; Nicolas Felder / laif  Bild: Fine Art Images / Heritage Images / Keystone
Wenn Sie erfolgreich ein Geschäft ab- Das heisst? auch. Kleinstaaten sind widerstandsfähi-
schliessen möchten, darf Sie das nicht Das heisst: Wenn die Regierung eines ger. Darum waren die Stadtstaaten im
stören, sondern Sie müssen einen Modus rohstoffreichen Landes etwas unternimmt, antiken Griechenland, in Zentralasien
Vivendi finden – und meistens ist es noch das Ihnen nicht passt, kann es Konse- und in Italien sehr erfolgreich. Kleinstaa-
mehr als das: Sobald wir das Fremde ken- quenzen haben, wenn Sie sie kritisieren ten, die über keine Ressourcen verfügen,
nenlernen, macht es uns weniger Angst. oder sich ihr widersetzen, vielleicht sogar können es sich nicht leisten, isolationis-
schwerwiegende Konsequenzen. Das tisch zu sein oder einfach untätig zu blei-
Wenn Sie ein Element herausgreifen heisst, wenn Leute, die Sie vielleicht nicht ben. Sie müssen planen, sie müssen flexi-
müssten, das erfolgreiche Gesellschaften mögen, Dinge haben, die Sie brauchen. bel sein und mit allen möglichen Partnern
verbindet, was wäre das? kooperieren. In dieser speziellen Zeit, in
Gesellschaften, die am meisten Erfolg Wie sehen Sie die Zukunft Europas? der wir heute leben, in dieser sich verän-
haben, sind meritokratisch organisiert, Wir sind in Europa ziemlich widerstands- dernden Welt ist eine solche Flexibilität
also so, dass die besten Talente an die fähig. Wir überlebten dieses traumatische und der Wille zur Kooperation ein grosser
Spitze kommen können, unabhängig von 20. Jahrhundert mit zwei Weltkriegen. Vorteil.
ethnischer Herkunft, Status, Familien­ Wir überlebten nicht nur die Tyrannei des
zugehörigkeit oder Religion. Diese soziale Faschismus, sondern auch die Tyrannei Der «Economist» misst alle 25 Jahre,
Mobilität ist sehr wichtig, denn Talente des Kommunismus. Wir sind sehr innova- welches Land einem Neugeborenen die
und Fähigkeiten sind in allen sozialen tiv, wir haben ein funktionierendes besten Aussichten auf ein gesundes,
Schichten zu finden. Ein Bildungssystem Rechtssystem, unsere Regierungen sind sicheres und erfolgreiches Leben bietet.
darf daher nicht einfach einer Elite vor­ transparent und wenig anfällig für Kor- 1988 waren es die USA, 2013 die
behalten bleiben, sondern muss für alle ruption. Europa wird noch lange attraktiv Schweiz. Welches Land könnte es Ihrer
Schichten zugänglich sein und so den für seine Bürger und für Menschen aus Meinung nach 2038 sein?
sozialen Aufstieg ermöglichen. Der Staat anderen Teilen der Welt sein. Die Vereinigten Staaten auf jeden Fall
spielt eine sehr wichtige Rolle bei der nicht. Sie sind eines der wenigen Länder,
Schaffung von Chancengleichheit, der Aber? in welchen die Lebenserwartung derzeit
Grundvoraussetzung von sozialer Wir müssen in Europa vorsichtig sein. sinkt. Die soziale Mobilität der untersten
Mobilität. Wir glauben, dass andere Kulturen ge- 20 Prozent der Bevölkerung ist in Kasach-
walttätig und gefährlich sind: die Syrer stan höher als in den USA oder auch in
Sie zeigen in Ihren Arbeiten auch auf, dass oder Iraker, die Libyer oder die Westafri- Grossbritannien. Es ist eine relativ kurze
der Zugang zu natürlichen Ressourcen, kaner. Wir vergessen die Lehren aus Liste von Ländern, welche die Schweiz
speziell zu Energiereserven, für unserer jüngsten Vergangenheit. Nicht viel überflügeln könnten. Viele Länder haben
Gesellschaften überlebenswichtig war. war notwendig, um uns zu grauenhaften dafür zu ungünstige klimatische Verhält-
Der Zugang zu Rohstoffen, da bin ich Kriegen zu verleiten. Vor 100 Jahren war nisse oder sind zu bevölkerungsreich.
altmodisch, wird auch in Zukunft eine es der Schuss auf einen Mann in den Singapur könnte ein Kandidat sein oder
riesige Rolle spielen. Am Schluss geht es Strassen von Sarajevo, der einen Weltkrieg auch das rohstoffreiche Norwegen. Auf
für ein Land immer um die gleichen auslöste. Wenn wir auf unsere Geschichte jeden Fall gehe ich davon aus, dass es ein
Fragen: Wer verfügt über die benötigten zurückblicken, dreht sich vieles um Kleinstaat sein wird, der fähig ist und die
Rohstoffe? Wer kontrolliert die Versor- Kriegsführung. Die Schweiz ist da eine finanziellen Mittel erwirtschaften kann,
gungsketten? Da spricht heute alles für hoffnungsvolle Ausnahme. Sie bewies, um eine komplizierte Welt flexibel und
Asien. Die wichtigsten Energievorräte – dass man sich aus den Problemen anderer pragmatisch zu bewältigen. Ich glaube, wir
Erdöl und Erdgas – gibt es in Saudi-­ heraushalten kann. treten in ein Zeitalter ein, in dem das
Arabien, im Iran und in Russland; die Motto lautet: «Small is beautiful». 
Seltenen Erden, die für viele Schlüssel- In dieser Hinsicht hat es ein Kleinstaat
technologien benötigt werden, sind vor sicher einfacher als eine Weltmacht.
allem in der Inneren Mongolei und in den Genau. Das schreibt auch mein Freund,
zentralasi­atischen Republiken zu finden. der Philosoph Nassim Nicholas Taleb:
Ob man das nun mag oder nicht. Je grösser ein Staat ist, desto fragiler ist er

Peter Frankopan (47)   ist Professor für Weltgeschichte an der Universität Oxford und leitet dort das Zentrum für Byzanzforschung.
Sein Buch «The Silk Roads: A New History of the World» war 2015/16 ein internationaler Bestseller. Sein neustes Buch «The New Silk Roads –
The Present and Future of the World» ist eben erschienen.

Bulletin  1 / 2019 35
36 Bulletin  1 / 2019
7 MIRIAM MECKEL

«Das Aufeinanderprallen
von Positionen
verbraucht Energie»
Wo liegt die Zukunft der Medien?
Miriam Meckel, Gründungs­
verlegerin von «ada», über den Wert
von Journalismus, die Erfolgs­
faktoren für Medienhäuser und
über ihre persönliche Filterblase.
Interview Steven F. Althaus  Foto Mark Niedermann

Frau Meckel, pflegen Sie ein Die Bezeichnung Zeitungs-Junkie trifft


morgend­liches Zeitungsritual? wohl auf mich zu (lacht).
Ein ziemlich intensives sogar. Es dauert
ungefähr 90 Minuten, dafür stehe ich Wie lesen Sie, gedruckt oder digital?
gerne etwas früher auf. Und wenn ich Fast ausschliesslich auf dem Tablet – ich
reise, dann findet es im Flieger oder im bin schlicht zu faul, alle Zeitungen und
Zug statt. Magazine zum Altpapier zu schleppen.
Und ich bin viel unterwegs.
Was lesen Sie?
Täglich das «Handelsblatt», die «Bild», die Ihre Laufbahn begann in den 1990er-
«Financial Times», die «Neue Zürcher Jahren als Fernsehredakteurin. Wie
Zeitung» und die «Süddeutsche Zeitung», hat sich die Medienbranche seitdem
gelegentlich die «F.A.Z.». Über die Woche ­verändert?
verteilt setze ich mich intensiv mit dem Man kann die Zeit in zwei Phasen auf­
«Economist» und dem «New Yorker» teilen. Die erste steht unter dem Motto
auseinander, und schaue in den «Spiegel» «Selbstmord aus Angst vor dem Tod»:
hinein. «The Atlantic» und «Harper’s Die Verlage kippten alle ihre Inhalte ins
Maga­zine» sind monatliche Pflichtlektüren.

Bulletin  1 / 2019 37
Netz, damit sie «dabei sind» und machten nen führen. Man könnte sich allenfalls
sich überhaupt keine Gedanken, wie sie über­legen, die Leserinnen und Leser zu
online Geld verdienen können. Die fragen: «Wie viel ist euch das Bulletin
Kundinnen und Kunden gewöhnten sich wert?» Anstatt den selber genannten Preis
natürlich schnell ans Nicht-Bezahlen. an das Unternehmen zu bezahlen, könn-
In der zweiten Phase haben die Verlags- ten die Leserinnen und Leser diesen
häuser ihren Fehler bemerkt und Betrag für einen guten Zweck spenden.
begannen, die Kunden umzuerziehen.
«Wir verkaufen kein Papier, sondern Wenn wir nach vorn blicken, was sind die
Inhalte», lautet die Nachricht seither. Erfolgsfaktoren für Verlagshäuser?
Das Innovationstempo in den Medien-
Funktioniert die Umerziehung? häusern ist noch immer zu langsam. Wir
Wir sprechen von einem Paradigmen- sollten davon wegkommen, für uns selbst
wechsel, der geschieht nicht über Nacht. zu arbeiten, und die Leserinnen und Leser
Aber es gibt positive Signale, ein paar als Kunden ernst nehmen. Zudem brau-
englischsprachige Titel sind sehr gut chen wir eine Kultur des Ausprobierens
unterwegs und auch bei uns steigen die und Wagens, das berühmte trial and error.
digitalen Umsätze, aber noch nicht so Es tut mir weh, wenn ausländische Unter-
stark, dass sie die Einbrüche im klassi- nehmen bei uns erfolgreich Produkte
schen Markt kompensieren könnten. Und lancieren, über die wir auch diskutiert
ganz grundsätzlich lässt das Tempo der haben, aber nicht wagten, sie einfach mal
Transformation sehr zu wünschen übrig. im Markt zu testen.

Warum? Eines der Schlagwörter der letzten Jahre


Anfänglich wurden die Zeichen der Zeit ist «Filterblase», es bezeichnet die
schlicht nicht erkannt. Oder man wollte Gefahr, dass wir uns isolieren gegenüber
blind sein. Das ist ja auch eine narzissti- Infor­mationen, die nicht unserem
sche Kränkung der Journalistinnen und Standpunkt entsprechen. Aber ist das Unter dem Dach der «Wirtschafts-
Woche» startete Miriam Meckel
Journalisten: Jahrzehntelang mussten sie wirklich ein neues Phänomen?
mit einem Team das neue journa-
sich nicht mit den Befindlichkeiten ihrer Nein. Das war schon lange vor der Digi­ listische Projekt «ada». Mit Live-
Leserinnen und Leser auseinandersetzen, talisierung so: Der Mensch sucht nach Formaten, einem Digital- und
doch jetzt, im digitalen Zeitalter, erhalten Menschen, die zu ihm passen, mit denen Print-­Magazin, Podcasts, News­
sie plötzlich permanentes Feedback. Wenn er gerne Zeit verbringt, die ihn bestätigen. letters und Videos will «ada»
eine Geschichte schlecht läuft, sieht man Dissonanz ist anstrengend, das Aufeinan- ­Menschen und Unternehmen auf
das dank Datenanalytik genau. Das muss- derprallen von Positionen verbraucht das Leben und das Arbeiten von
morgen vorbereiten.
te man erst einmal verarbeiten. Inzwi- Energie. Die neuen, digitalen Medien
schen sind wir weiter. haben diese urmenschliche Eigenschaft
verstärkt und beschleunigt: In den so­
Noch eine Frage in eigener Sache: Das zialen Netzwerken bekommt man oft zu
Bulletin ist das älteste Bankmagazin der hören, was einem selber gefällt.
Welt. Wir möchten mittels journalistisch
aufbereiteter Inhalte über wirtschafts- Wie stellen Sie selber sicher,
und gesellschaftspolitische Themen einen dass Sie mit konträren Meinungen
glaubwürdigen Beitrag zur öffentlichen konfrontiert werden?
Debatte leisten. Wir überlegen uns nun, Ich versuche mir jederzeit der Tatsache
ob ein «Preisschild» den Lesern einen bewusst zu sein, gewisse Dinge nicht
Hinweis auf die hochwertigen Inhalte
­geben kann.
Es ist extrem wichtig, dass den Konsu-
mentinnen und Konsumenten der Wert
von Medienprodukten bewusst gemacht «Bei uns wird eine Aufforderung
wird, sonst stirbt der Journalismus den
Tod der Unfinanzierbarkeit. Der Preis zur Debatte oft als ideologische
zeigt auch an, dass man etwas Werthalti-
ges in den Händen hält. Bei einem Position interpretiert
­Magazin wie dem Bulletin, das von einem
Unternehmen herausgegeben wird, kann und entsprechend attackiert.»
ein Verkaufspreis allerdings zu Diskussio-

38 Bulletin  1 / 2019
Miriam Meckel (51)   ist Publizistin, Gründungsverlegerin von «ada» und Professorin für Kommunikationsmanagement
an der Universität St. Gallen.

Das erinnert mich an die Anfänge von


Hollywood und die Entwicklung des
Starsystems – zumindest der Filmindust-
rie war das nicht abträglich. Ich finde es
auch in den Medien nicht grundsätzlich
problematisch: Menschen interessieren
sich für Menschen, die Leserinnen und
Leser können eine persönlichere Bezie-
hung zum Medium aufbauen, wenn sie
mitzukriegen und mit Menschen ins die Journalisten kennen. Beim «Econo-
Gespräch zu kommen, die nicht zu mei- mist» sind fast alle Artikel ohne Autoren-
nem sozialen Umfeld gehören. Obwohl zeilen, da bekommt der Teamgedanke und
wir eben besprochen haben, wie soziale die Gleichberechtigung natürlich einen
Medien die Sicht einengen können, hilft ganz anderen Stellenwert. Doch das
mir Twitter, dort bekomme ich einen sehr Magazin ist 175 Jahre alt. Würde es heute
breiten Fächer an Reaktionen: Die einen gegründet, würde man es vermutlich 2018 haben Sie in der Handelsblatt
finden sehr gut, was ich mache, andere anders angehen. Auch bei der «NZZ» ­Media Group eine neue Plattform
hassen es richtiggehend und schicken mir wurden die Artikel jahrzehntelang lanciert, inklusive eines Print-Titels: «ada».
Morddrohungen. Da wird mir jeweils nur mit dem Kürzel des Journalisten Was sind die Hintergründe dazu?
vor Augen geführt, dass meine Position gezeichnet – und heute wird der Name Ada Lovelace war der erste Mensch, der
nur eine unter vielen ist und ich sie immer fast immer ausgeschrieben. programmierte. Sie war eine ganz unge-
wieder neu begründen muss. wöhnliche Frau: mutig, risikofreudig,
Laut dem Jugendbarometer der Credit innovativ, widerstandfähig – Werte, die
Gibt es in den Medien denn noch Suisse* informieren sich 38 Prozent wir teilen. Im deutschsprachigen Raum
«echte» Debatten? der 16- bis 25-Jährigen in der Schweiz haben wir ja eine eher negative Haltung
Meinungen zu veröffentlichen, die nicht sehr selten oder nie über das Tages­ gegenüber Technologie, obwohl wir von
dem Mainstream entsprechen, fällt beson- geschehen, diese Gruppe war noch nie ihr profitieren. Wir wollen eine Bewegung
ders den deutschen Medien unglaublich so gross. Macht Ihnen das Sorgen? anschieben, welche die Chancen des
schwer. Bei uns wird eine Aufforderung Ja. Wir müssen uns mittel- und langfristig technologischen Wandels erkennt – und
zur Debatte oft als ideologische Position Gedanken darüber machen, wie sich eine auch kompetent erkennt, wo wirklich
interpretiert und entsprechend attackiert. Gesellschaft verändert, wenn es keine Gefahren drohen.
Dann ist die Auseinandersetzung vorbei, gemeinschaftlichen Themenschnittmen-
ehe sie begonnen hat. Doch Debatten sind gen mehr gibt. Wenn jeder in seinem Wie ist «ada» gestartet?
geistige Turnübungen für das Gehirn. eigenen kleinen Informationsuniversum Die ersten Reaktionen sind sehr positiv,
Die brauchen wir dringend, um im Wandel lebt, wie entsteht dann ein Gemein- nur mein Vater sagt: «Das ist jetzt nicht so
der Zeit fit zu bleiben. schaftsgefühl? Und auf welcher Grund­ mein Themenfeld.» Er ist 90 Jahre alt,
lage trifft man dann seine Entscheidungen da ist das okay. Magazin, Newsletter und
Heute ist oft die Rede von «Qualitäts­ an der Urne? Vielleicht brauchen wir Podcasts der Marke «ada» setzen als
journalismus» – was verstehen Sie inmitten des digitalen Informations­ ­journalistische Medien auf eine digitale
darunter? universums die Wiederbelebung des Bildungsplattform, die wir zusammen
Ein Journalismus, der die Relevanz von historischen Dorfplatzes – einen Ort, mit der WirtschaftsWoche starten. Wir
Themen und die Bedürfnisse der Leser wo man sich aus­tauschen kann und ein wollen also inhaltlich, aber auch beim
einschätzen kann, über genügend finanzi- Gefühl dafür bekommt, wie das soziale Geschäfts­modell etwas Neues wagen.
elle Mittel verfügt, um saubere Recher- Umfeld ein Thema einschätzt. Gelingt das, ist es grossartig. Klappt etwas
chen durchzuführen, inklusive doppelter nicht, werden wir ehrlich genug sein,
Faktenchecks, und der inhaltlich unab- auch radikal zu justieren. Wir arbeiten wie
hängig ist von den Interessen Dritter. ein Start-up, und das mitten in einem
traditionellen Verlagshaus. 
Ein Zeitphänomen ist, dass Journalisten
zu eigenen Marken werden und bisweilen
fast bekannter sind als die Medien, für *  c redit-suisse.com/
die sie arbeiten. Ein Problem? jugendbarometer

Bulletin  1 / 2019 39
8 CRAIG MALKIN

«Jeder glaubt, etwas

40
Besonderes zu sein»

Bulletin  1 / 2019 41
Ist durch die sozialen Medien das
Zeitalter des Narzissmus
angebrochen? Selfie-Süchtige,
Ins­tagram-Stars und andere
selbst­verliebte Ego­manen: Die
Welt scheint immer mehr
von Narzissten bevölkert zu sein.
Der Harvard-­Psychologe
Craig Malkin über ein
Phänomen und Krankheitsbild.
Interview Beatrice Schlag  Illustration Cristina Daura

formen. Auf einmal tat sich eine erschre-


ckende neue Welt auf, in der es scheinbar
nur noch darum geht, so viel Aufmerk-
samkeit wie möglich zu bekommen. Und

C
natürlich schockieren die exhibitionisti-
schen Fotos spärlich bekleideter Teenager.
Solche Fotos wurden zum Sinnbild von
Social Media schlechthin. Tatsächlich aber
bezeichnete man auch schon andere als
besonders narzisstisch – denken wir nur
an die Babyboomer, die auch «Generation
Craig Malkin, laut einer umfangreichen Me» genannt wurden.
Studie hat Narzissmus vor allem unter
Millennials epidemische Ausmasse Narzissmus gehört zu den meistgesuchten
angenommen. Deckt sich das mit Ihrer Wörtern bei Google. Dennoch ist der
eigenen Forschung und klinischen Begriff schwammig geblieben. Jeder
Erfahrung? stellt sich darunter etwas anderes vor.
Nein, das ist eine völlig übertriebene Wie lautet Ihre Definition?
Darstellung. Der Narzissmus-Test, auf Ich definiere gesunden Narzissmus als
dem die Studie beruhte, gilt unter Wis- normalen, in jedem Menschen vorhande-
senschaftern als zu undifferenziert und nen Drang, sich als etwas Besonderes zu
negativ. Daraus bei Millennials gar auf fühlen. Diese Definition basiert auf über
eine «narzisstische Epidemie» zu schlies- fünfzig Jahren Forschung, die besagt, dass
sen, hat sich als völlig falsch erwiesen. normale, glückliche Menschen sich nicht
als durchschnittlich empfinden. Sie sehen
Trotzdem hat sich dieses Bild der sich als ausserordentlich oder einzigartig.
Generation in den Köpfen festgesetzt. Diese rosarote Brille, dieses Gefühl, spezi-
Das Aufkommen der sozialen Medien hat ell zu sein, macht Menschen glücklicher,
viel dazu beigetragen – und wie ihr Name zäher in schwierigen Zeiten, kühner,
schon besagt, sind die Digital Natives grosszügiger in Beziehungen. Ich sehe
natürlich besonders aktiv auf diesen Platt- gesunden Narzissmus als moderate Selbst­

42 Bulletin  1 / 2019
überhöhung. Es ist nicht dasselbe wie ein «Moderater konnte. Echoisten nehmen so wenig
realistisches Selbstwertgefühl, sondern Raum ein wie möglich. Sie fürchten, ande-
eine etwas übertriebene positive Sicht der Narzissmus re mit ihren Bedürfnissen zu belasten und
eigenen Person, die uns im Leben zu haben eine verhängnisvolle Tendenz, sich
Vorteilen verhilft. verhilft uns mit extremen Narzissten zusammenzutun.

Wann wird Narzissmus ungesund? im Leben Wie geht man am besten mit hochgradig
Wenn der normale Drang, sich unter narzisstischen Vorgesetzten und Arbeits-
sieben Milliarden Menschen als etwas zu Vorteilen.» kollegen um, die einen demütigen?
Besonderes zu fühlen, zur Sucht wird. Safety first. Man sollte jede Arbeit doku-
Wenn Menschen rücksichtslos lügen, mentieren, denn Herabsetzung bedeutet
betrügen und stehlen, um sich speziell zu häufig auch, dass der Narzisst Ihre Leis-
fühlen, egal, was sie andern Menschen tung als seine ausgibt. Aber grundsätzlich
damit antun. Charakteristisch für den kann ein Einzelner gegen einen ausfälligen
gestörten Narzissmus ist das «Triple E»: Eltern erzogen, bei denen sie sich sicher oder beleidigenden Chef oder Kollegen
Exploitation, Entitlement, Empathy und geliebt fühlen, entwickeln sie mit den nicht viel tun. Das muss die Firma leisten.
Impairment [Ausbeutung, Anspruchshal- Jahren meist ein gesundes Mass an Nar- Wenn sie das nicht kann oder will, muss
tung, verringertes Mitgefühl, Anm. d. Red.]. zissmus. Kinder hingegen, die ohne das man kündigen oder auf Momente warten,
Gefühl von Geborgenheit und emotiona- in denen ein Lobeswort kommt, und sich
Wir assoziieren ungesunden Narzissmus ler Sicherheit aufwachsen, bleiben auch als dann für diese Motivation bedanken.
meist mit lauten Selbstdarstellern. Zu Erwachsene ungesunde Narzissten.
Recht? Das Opfer von Herabsetzung muss
Das Spektrum ist sehr viel breiter. Man Sie sagen, dass eben dieser gesunde sich bedanken?
kann auch ein ungesunder Narzisst sein, Narzissmus der beste Prädiktor für eine Wenn es sich nicht um einen hoffnungs-
wenn man sich etwa als besonders hässlich gute Liebesbeziehung sei. losen Fall von Narzissmus handelt,
oder minderwertig empfindet. So gibt es Ja, das ergaben Forschungen an fast 40 000 bewirkt dankendes Feedback auf Aner-
leise, introvertierte Narzissten, die anderen Paaren. Weitaus am besten schnitten kennung oft erstaunlich rasche Verbesse-
übelnehmen, wenn sie ihnen nicht unver- diejenigen ab, die ihre Partner anbeteten rungen im Umgang. Das ist allerdings
wandt zuhören. Oder es gibt die gemein- und besser fanden, als diese von Aussen- harte Arbeit. Man muss abwägen, ob
nützigen Narzissten, die glauben, niemand stehenden wahrgenommen wurden. In- einem der Job das wert ist.
helfe der Welt mehr als sie. dem sie ihren Partner überhöhten, fühlten
sie sich selber als etwas Besonderes, weil Zeigen sich Menschen mit narzisstischen
Wie verbreitet ist krankhafter Narzissmus? sie von diesem Menschen gewählt wur- Persönlichkeitsstörungen einsichtig, dass
Schätzungsweise rund ein Prozent der den. Aus Erfahrung vermute ich, dass sie eine Krankheit haben und dringend
Bevölkerung ist betroffen. Davon sind Beziehungen auf Dauer besser funktionie- Hilfe benötigen?
doppelt so viele Männer wie Frauen. ren, wenn beide sich gegenseitig «auf den Absolut. Ich hatte einen Patienten, der
Männer haben mehr Testosteron und sind Sockel heben», sonst entsteht ein Un- sagte: «Ich bin ein Monster und brauche
deshalb aggressiver. Sie setzen ihre An- gleichgewicht. Aber da haben wir noch zu Hilfe.» Es ist ein Mythos, dass diese
sprüche und Ausbeutung aggressiver um, wenig klare Forschungsergebnisse. Leute nicht merken, was mit ihnen los ist.
auch weil die gesellschaftlichen Normen Wenn sie wirklich wollen, kann ihnen
ein solches Verhalten bei Männern immer Gibt es Menschen, denen jeglicher geholfen werden. Es ist schwierig, aber das
noch eher erlauben als bei Frauen. Narzissmus fehlt, also auch die gesunde gilt nicht nur für Narzissmus, sondern für
Form davon? alle Persönlichkeitsstörungen.
Ist Narzissmus angeboren oder erworben? Ja. Diese sind tendenziell ängstlicher und
Beides. Es gibt eine genetische Veran­ deprimierter, sie versuchen oft, Beziehun- Stimmt es, dass es unter Psychologen
lagung zu ungesundem Narzissmus: Man gen auszuweichen aus Angst, man könnte und Psychiatern bemerkenswert viele
kann ihn gelegentlich schon bei kleinen sie für narzisstisch halten. Ich nenne sie ausgeprägte Narzissten gibt?
Kindern beobachten, die beispielsweise Echoisten nach dem Mythos von Narziss Nein, das ist ein Klischee. Es gibt sie in
sehr aggressiv oder aussergewöhnlich und der Nymphe Echo, die Narziss liebte, allen Berufen und sozialen Schichten, und
melodramatisch sein können. Werden aber keine eigene Sprache hatte, sondern die Prozentzahlen sind ungefähr gleich.
diese Kinder aber von warmherzigen nur Wörter von andern wiederholen

Craig Malkin (50)   ist seit über 20 Jahren klinischer Psychologe. Er unterrichtet an der Harvard Medical School und publiziert
in zahlreichen Magazinen. Sein Buch «Der Narzissten-Test» (Originaltitel: «Rethinking Narcissism») beschreibt die Erscheinungsformen
von mangelhaftem, gesundem und exzessivem Narzissmus. Malkin lebt mit seiner Familie in Boston.

Bulletin  1 / 2019 43
9 ARNOLD FURTWAENGLER
Wir sind uns dessen allenfalls etwas
bewusster. Aber an die Spitzen-Berufs­
kategorien reichen wir bei Weitem
nicht heran. Am meisten Narzissten

«Bin überzeugt vom


gibt es unter Politikern, speziell unter
Staatsoberhäuptern, und bei Leuten
im Showbusiness, besonders unter den
Reality-TV-Stars.

Sie sagen, der Grad von Narzissmus


sei keine Konstante, sondern verändere
Produktionsstandort
Schweiz»
sich je nach Situation und Alter.
Wir wissen aus vielen Studien, dass
Narzissmus tatsächlich unter Jugend­
lichen am stärksten ausgeprägt ist.
Das ergibt Sinn, weil sie in dem Alter
jemand Eigenes werden müssen und Kommt es im Westen zu einer
leiden, weil sie sich unverstanden
fühlen. Nach bisherigen Erkenntnissen Re-Industrialisierung? «Ja», sagt
reduziert sich der Grad an Narzissmus
oft von allein bis auf die Hälfte, wenn Arnold Furtwaengler, CEO der
die Pubertät vorbei ist.
Wander AG. Die Auto­matisierung
Erschwert Social Media künftig
dieses «Herauswachsen» aus dem biete eine einmalige Chance für
jugendlichen Narzissmus?
Das hängt davon ab, wie man den die Schweiz.
Cyberspace nutzt. Alles, was uns von
echten Beziehungen entfernt, riskiert, Interview Simon Brunner
unsere narzisstische Sucht zu fördern.
Das gilt für die digitale Welt genauso
wie für die reale. Wir können unsere
Bilder schönen und uns stunden­lang
durch die geschönten Bilder anderer
klicken. Entweder werden wir dadurch
völlig fixiert auf unser Äusseres oder
deprimiert, weil immer jemand besser
aussieht und glamouröser zu leben
scheint. Aber man kann ja auf Social-­
Media-Kanälen sehr viel mehr tun als
posieren.

Woran denken Sie?


Studien zeigen, dass von Social Media
jene Leute am meisten profitieren, die
sich im Internet offener ausdrücken
können als im richtigen Leben. Sie
erweitern ihre Beziehungen und wer-
den selbstbewusster. Aber wer von
Social Media profitieren will, muss
ehrlich sein. Wenn jemand nur dasitzt
und sich Bilder und Posts ansieht,
dann tut ihm das sicher nicht gut. 

44 Bulletin  1 / 2019 Foto: Wander AG


Rückgang des Industriesektors gestoppt
30
28,6

20,7
20

kosten ins Gewicht und desto wichtiger


wird das Know-how, denn diese modernen,
voll roboterisierten Anlagen sind komplex
10
und müssen von Fachkräften bedient
und gewartet werden. Diese Faktoren
machen die Schweiz mit ihrem hohen
Bildungs- und Ausbildungsniveau als
0 in %
Produktionsstandort attraktiv. Zurzeit
1991 2017 wird in der hiesigen Lebensmittelbranche
Beschäftigte im Schweizer Industriesektor gemessen viel lokal investiert, das freut mich – es
an allen Beschäftigten.  Quelle: Weltbank stärkt den Standort Schweiz, wovon wir
alle profitieren.

Ihr bekanntestes Produkt ist und bleibt


Arnold Furtwaengler, 2016 haben Sie wir gerne annahmen. Viele Kosten sind das Ovomaltine-Pulver, das in über
eine grosse Produktionsanlage in weltweit vergleichbar, da Unternehmen 100 Ländern erhältlich ist. Ist das eigent-
Neuen­egg, Kanton Bern, in Betrieb beispielsweise Packmaterial oder be- lich überall gleich wie in der Schweiz?
genommen, in der Sie den Brotaufstrich stimmte Rohstoffe global einkaufen, Nein, überhaupt nicht. Anders als bei
Ovo­maltine Crunchy Cream herstellen. bei uns unter anderem den Kakao. Mit anderen Marken wird die Ovo seit je an
Zuvor wurde dieser in Belgien produziert. möglichst kurzen Transportwegen, einem die lokalen Bedürfnisse angepasst.
Warum ist die Schweiz als Industrie­ straffen Kostenmanagement und dem Das beginnt beim Namen. Bei uns und
produktions­standort attraktiv? hohen Automatisierungsgrad der Anlage in unseren Nachbarländern heisst sie
Das Land ist sehr sicher, es gibt grosse fielen die höheren Lohnkosten nicht Ovomaltine, in England Ovaltine. Und
politische Stabilität. Die Fachkräfte sind mehr so stark ins Gewicht. während wir die Ovo als Energieliefe­-
top ausgebildet und motiviert, unsere r­anten kennen, mit dem man es zwar
Hochschulen gehören zu den besten der Für die Bedienung der Anlage reichen nicht besser, aber länger kann, ist Ovaltine
Welt und das duale Bildungssystem funk- drei Mitarbeiter pro Schicht. Sind in England ein Gute-Nacht-Getränk.
tioniert. Des Weiteren spielte beim Ent- mit der neuen Anlage überhaupt neue Auch der Geschmack ist regional ver-
scheid auch eine Rolle, dass wir in Neuen­ Arbeits­plätze entstanden? schieden. In der Schweiz kommt das
egg bereits Know-how aufgebaut hatten Direkt schufen wir sechs neue Stellen. Pulver der ursprünglichen Version von
und eine Ovomaltine-Fabrik führen, in Doch dank der neuen Technologie er- 1904 am nächsten, ohne Weisszucker,
der wir ein Drittel der Zutaten für den schliesst sich uns ein Markt mit grossem aber bereits unsere Nachbarn trinken eine
Brotaufstrich herstellen, womit viele Potenzial: Ovomaltine Crunchy Cream süssere Variante. Übrigens, am meisten
Transportkosten wegfielen. Ich bin zu wächst seit der Einführung jedes Jahr Ovo­maltine kaufen die … Thailänder. 
100 Prozent vom Produktionsstandort im zweistelligen Prozentbereich. Damit
Schweiz überzeugt. sind wir hier in Neuenegg breiter diversi-
fiziert als früher, wovon alle 250 Mitarbei-
Der Besitzer der Wander AG, der tenden profitieren.
britische Konzern Associated British Foods
(ABF), stand einer neuen Schweizer Laut Weltbank hat der Industriesektor in
Produktionsanlage skeptisch gegenüber. der Schweiz an Bedeutung gewonnen,
Polen, wo die Arbeitskosten tiefer sind, nachdem der Trend jahrzehntelang nach
wurde favorisiert. Wie konnten Sie die unten zeigte. Werden Ihrer Meinung
Eigentümer von der Schweiz über­zeugen? nach weitere Schweizer Firmen Ihrem
Dafür benötigten wir zwei Jahre. ABF Beispiel folgen?
forderte uns auf, die Wirtschaftlichkeit Gut möglich. Je höher der Automatisie-
aufzuzeigen – eine Herausforderung, die rungsgrad, desto weniger fallen die Lohn-

Arnold Furtwaengler (55)   ist seit 2011 Geschäftsleiter der Wander AG. Die Tochtergesellschaft der Associated British Foods (ABF)
stellt Ovomaltine für ganz Europa in Neuenegg bei Bern her.

Bulletin  1 / 2019 45
10 CINDY COHN
Cindy Cohn, Ihre Organisation, die
Electronic Frontier Foundation (EFF)
bezeichnet sich als das «112 des
Internets» in Anlehnung an den Notruf.
Was meinen Sie damit?
Wenn online etwas schiefläuft, insbeson-
dere was die Rechte oder Freiheiten eines
Individuums angeht, dann soll man die
EFF anrufen. Unsere Aufgabe ist es, für
die Bürgerrechte im Internet einzustehen.

Was sind die häufigsten Anfragen?


Oft geht es um Online-Überwachung und
-Meinungsfreiheit. Daten werden rechts-
widrig aufgezeichnet, es gibt Vorwürfe von
Urheberrechtsverletzungen, oder Menschen
fühlen sich bedroht und müssen ihre Iden­­

«Fast nichts von dem, tität oder ihren Aufenthaltsort verbergen.


Zu dieser Kategorie gehören Journalisten

was wir online tun,


bleibt privat»
Wie können wir uns im Netz schützen? Bürgerrechts­
anwältin Cindy Cohn hat mit ihrer Organisation dafür
gesorgt, dass wir Nachrichten verschlüsselt versenden
können. Sie empfiehlt: «Fragen Sie Ihre Kinder um Rat.»
Interview Simon Brunner  Fotos Brian Flaherty

46 Bulletin  1 / 2019
und Menschenrechtsaktivisten, aber auch
Opfer von häuslicher Gewalt. Wir werden
«Meine Lebensaufgabe ist es, das Internet
auch von Menschen kontaktiert, die von
sogenannten Patentjägern oder -trollen
so gut wie möglich zu machen.»
bedroht werden [diese versuchen mit unüb-
lichen, aber legalen Mitteln Lizenzgebühren
einzufordern, Anm. d. Red.]. Und dann
gibt es noch die Experten für Computer- eine Reihe von Anweisungen ist und
sicherheit, die prüfen, ob die digitalen damit der Meinungsfreiheit und den
Werkzeuge, die wir täglich verwenden, Grundrechten der amerikanischen Verfas-
sicher sind oder nicht. Sie mussten in der sung untersteht. So wurde es möglich,
Vergangenheit mit Strafverfolgung oder diese Technologien auch für zivile Zwecke
Repressalien vom Staat oder den Firmen einzusetzen, dazu gehören der Schutz
rechnen, deren Produkte sie untersuchen, von E-Mails, Chats und des Internetver-
und ersuchen unseren Schutz. kehrs ganz generell.

Ihr erklärtes Ziel ist es, «das Internet Ist das Internet eigentlich über die Jahre
so gut zu machen, wie es nur sein besser oder schlechter geworden?
kann». Was verstehen Sie darunter? Schwierige Frage. Die aktuelle Tendenz

Das Internet sollte ein Ort sein, wo die Sie haben grossen Anteil daran, dass der Re-Zentralisierung, bei der gewisse
Nutzer die volle Kontrolle über all ihre heute ein Grossteil der Nachrichten grosse Firmen viel Macht erhalten, und
Daten haben und nicht unwissentlich den verschlüsselt übermittelt werden und das anzeige- respektive überwachungs­-
Interessen einer Drittpartei dienen. Viele ­somit nur vom jeweiligen Sender und basierte Geschäftsmodell dieser Plattfor-
Plattformen funktionieren nach einem Empfänger gelesen werden können. Wie men sind für uns ein Schritt in die falsche
Werbemodell, was bedeutet, dass der haben Sie das erreicht? Richtung. Aber es gibt unzählige positive
Service meist primär dem Anzeigemarkt Es war mein erster grosser Fall, Bernstein Entwicklungen wie Wikipedia oder das
verpflichtet ist. Das führt dazu, dass sie v. United States. Ein Student, Daniel Internet Archive, das sich die Langzeit­
ihre Nutzer stark überwachen. Ausserdem ­Bern­stein, wollte seine Forschung rund um archivierung digitaler Daten zur Aufgabe
ist es zentral, dass unsere Sicherheit nicht eine Verschlüsselungstechnologie, inklusi- gemacht hat und bereits Abermillionen
kompromittiert wird, indem uns beispiels- ve des Software-Codes, publizieren. Doch von Büchern, Filmen und Audiodateien
weise nicht die beste Verschlüsselung zur diese Technologien standen damals auf führt – alles frei zugänglich. Viele Techno­
Verfügung steht oder versteckte Zugänge der US­­-­Munitionsliste, auf der Produkte, logien, die wir täglich nutzen, sind über
in die Hardware oder Software eingebaut Technologien und Dienstleistungen auf- die Jahre besser und sicherer geworden,
werden. «Bauart ist ein politischer Ent- geführt werden, die für die Verteidigung beispielsweise das verschlüsselte Surfen im
scheid», so lautet eines unserer Grün- der USA zentral sind und wofür restriktive Web. Aber klar, das Internet wird abgehört
dungsprinzipien. Das Design der Hard- Exportbedingungen gelten. Das Gericht und wohl praktisch alle Firmen sammeln
ware oder Software ist ein zentraler Faktor entschied 1996, dass ein Software-Code so viele Daten, wie sie nur kriegen. Man
darin, welche Rechte die Benutzer haben. im Grunde genommen nichts anderes als

Bulletin  1 / 2019 47
sagt, die Arbeit an der Demokratie und an serungen fest und leider auch rassistischer den Regeln, mussten sich erst etablieren.
der Freiheit einer Gesellschaft sei nie zu Handlungen. Die Unterschiede liegen in Natürlich gibt es im Internet Dinge, die
Ende. Das gilt auch für das Internet. den Strategien, wie man den Rassismus mich wütend machen und auch entsetzen.
bekämpft. Wir Amerikaner verbieten fast Aber ich bin überzeugt, wir finden auch
Würden Sie auch eine Person nichts, denn wir denken, Gesetze können hier den richtigen Umgang und die passen­
verteidigen, deren extremistische Online-­ rassistisches Gedankengut nicht zum den Regeln. Technologie an und für sich ist
Propaganda gesperrt wurde? Ver­schwinden bringen, und wir sorgen weder gut noch böse, es ist unser Entscheid,
Möglicherweise. «Extremistische Propa­ uns um eine überbordende und unfaire was mit ihr geschieht. Meine Lebensauf-
ganda» lässt sich in vielerlei Hinsicht defi- Anwen­dung solcher Gesetze, die auch gabe ist es, das Internet so gut wie möglich
nieren – auch Menschenrechtsaktivisten eingesetzt werden könnten, um nicht zu machen. Ich hoffe, ich kann mich eines
werden bisweilen in diese Ecke gerückt. rassistische Stim­men zum Schweigen zu Tages zurückziehen und eine Bar eröffnen.
Grundsätzlich ist die EFF eine Organisa- bringen. Nach amerikanischer Auffassung Bis dann gibt es aber noch viel zu tun.
tion für Impact Litigation [Prozessführung soll die freie Meinungsäusserung dazu
mit grossen Auswirkungen, Anm. d. Red.]. dienen, rassistischen Botschaften die Mit welchen Massnahmen kann jeder von
Wir wählen unsere Fälle sorgfältig aus, Macht zu entziehen und den Rassisten uns das Internet besser machen?
um die Rechtsprechung als Ganzes zu selber ihre Behauptung zu vermiesen, sie Sie müssen sich organisieren, allein werden
verbessern. Bei jedem Fall schauen wir, ob seien die Opfer. Sie nichts Grosses erreichen. Es gibt viele
er ein Prinzip oder eine Rechtsprechung gute Organisationen wie die unsere, die
kreieren kann, die vielen Menschen hilft. Und der europäische Ansatz? wertvolle Arbeit leisten, um die Welt zu
Wir sind eine relativ kleine Organisation Er versucht, solches Gedankengut im Keim verbessern. Weiter sollten Sie sichere
und werden mit Anfragen überschwemmt. zu ersticken, indem er die Menschen davon Kommunikationsdienste und Hardware
Ausserdem versuchen wir Menschen zu abhält, diese Ideen zu äussern und darauf nutzen und dabei die Sicherheitseinstel-
schützen, die marginalisiert werden und baut, dass diese so verblassen. Ich wünschte, lungen überprüfen. Und zuletzt sollten Sie
denen die Ressourcen fehlen, sich beraten dem wäre so, aber ich glaube nicht, dass es sich online von Ihrer besten Seite präsen-
zu lassen – also nicht unbedingt die lautes­- dafür Beweise gibt. Ich denke auch, dass tieren und keinen Sarkasmus oder Nihi­
ten oder widerwärtigsten Stimmen. sich in Europa die Leute vielerorts wohl- lismus verbreiten. Bisweilen bekommt
fühlen mit der Idee, dass der Staat auf sie man das Gefühl, das Internet bringe eher
Finden Sie, die Social-Media-­Plattformen aufpasst. In den USA beruht das Regie- unsere schlechtesten Seiten hervor – aber
haben eine Verantwortung für die Inhalte, rungssystem wohl eher auf der An­­nahme, es könnten auch unsere besten sein.
die die Benutzer hochladen, und müssten dass der Staat eines Tages nicht mehr dein
diese redigieren? Freund ist und du dich gegen ihn schützen Wie sollten wir unsere Kinder zu einem
Die Plattformen können die Inhalte ent­ musst. Manchmal sagen mir Leute: «Es vernünftigen Umgang mit den neuen
fernen, wie es ihnen beliebt, aber wir haben muss doch auch bei uns mehr Regulierun- Medien erziehen?
sie dazu gedrängt, verantwortungsvoller gen geben gegen all diesen Hass im Netz.» (lacht) Ich denke, Sie sollten eher Ihre
und weniger reaktiv zu handeln. Wir haben Darauf antworte ich jeweils: «Möchtest Kin­der um Rat fragen: Studien zeigen, dass
sie aufgefordert, klare Richtlinien zu ver­ du wirklich, dass die aktuelle Regierung junge Menschen die Sicherheitseinstellun-
abschieden, um sicherzustellen, dass es fair bestimmt, was gut und was schlecht ist? gen besser überprüfen, verschiedene Profile
und auf rechtsgültige Art geschieht, mit Und was ist mit der näch­sten Regierung, haben und sich genau überlegen, was sie wo
Recht auf Berufung und mit Transparenz. vertraust du der auch?» Doch während teilen. Kinder waren schon immer Experten
Dazu haben wir mit anderen NGO einen ich mir Sorgen um den Aufstieg hass­ für Privatsphäre, beim Aufwachsen haben
Vorschlag ausgearbeitet, die sogenannten erfüllter Ideologien mache, bin ich fest da- wir alle Geheimnisse, die wir vor unseren
«Santa Clara Principles». von überzeugt, dass sich im Wettbewerb Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen
der Ideen längerfristig die Stimmen von verbergen wollen. Für uns alle gilt jedoch:
In Europa sind gewisse, beispielsweise Freiheit und Gerechtigkeit durchsetzen Technologie gibt oftmals ein falsches Ge-
rassistische, Äusserungen verboten, in den gegen die Stimmen des Hasses. fühl von Intimität. Wir denken, wir sitzen
USA steht die freie Meinungsäus­serung allein vor dem Bildschirm, doch fast
an erster Stelle, sie ist unantastbar. Macht es Sie wütend, wie unvorsichtig nichts von dem, was wir online tun, bleibt
Welches System ist wirkungsvoller? sich Menschen bisweilen online verhalten? wirklich privat. Zumindest bis jetzt.
Momentan sieht es wohl so aus, dass kein Jede Generation, die mit einer neuen Tech­
System gut abschneidet bei der Bekämp- nologie in Kontakt kommt, begeht zuerst
fung von rassistischen Online-Inhalten. grosse Fehler. In den frühen Tagen des
Wir stellen sowohl in Europa als auch in Auto­mobils gab es alle möglichen Unfälle.
den USA einen Anstieg rassistischer Äus­ Der richtige Umgang, wie auch die passen­

Cindy Cohn (55)   ist Anwältin für Bürgerrechte und geschäftsführende Direktorin der Electronic Frontier Foundation (EFF), einer 1990
gegründeten NGO, die für Datenschutzrechte, Meinungsfreiheit und Innovation im Internet einsteht.

48 Bulletin  1 / 2019
Ein Vermächtnis mit Zukunft.
200 Jahre Alfred Escher.
Die unternehmerische Weitsicht unseres Gründers prägt auch
heute noch unser Denken und Handeln. Als starker Finanzpartner
unterstützen wir unsere Kunden weltweit.
credit-suisse.com

Copyright © 2019 Credit Suisse Group AG und/oder mit ihr verbundene Unternehmen. Alle Rechte vorbehalten.
50 Bulletin  1 / 2019
11 JOACHIM OECHSLIN

«Wir verwandeln
Unsicherheiten
in kalkulierbare
Risiken»
Was sind zurzeit die grössten
Gefahren für eine Bank?
Wie soll man den
wachsenden Protektionismus
inter­pretieren? Wie
Joachim Oechslin, mit welchen Risiken
haben Sie sich beruflich in den letzten wichtig sind Common
Wochen vor allem beschäftigt? *
Da würde ich die hohe Volatilität an den Sense und Intuition im
Finanzmärkten nennen. Höhere Volatili-
täten führen für uns als Risikoverantwort- Risikomanagement?
liche operativ immer zu zusätzlichen
Analysen. Sie können beispielsweise gros- Antworten von Joachim
se Auswirkungen auf unser Kreditport­
folio haben, da müssen wir die Situation Oechslin, Risikomanager
jederzeit gut im Blick haben.
der Credit Suisse, der
Welche Konsequenzen hatten Ihre
Analysen konkret? den Worst Case immer
Ein einfaches Beispiel: Kredite, die wir
gewähren, sind häufig durch Wertschrif- mitdenken muss.
ten besichert. Aufgrund der verschiedenen
politischen und wirtschaftlichen Unsi- Interview Daniel Ammann  Foto Christian Grund
cherheiten sind nun viele Aktienkurse in
den letzten Wochen gesunken. Da pas-
sierte nichts Dramatisches, aber bei einer
Handvoll Krediten wurde ein sogenannter
«Margin Call» ausgelöst: Der Kunde
musste zusätzliche finanzielle Sicherheiten
bringen. Das ist gewissermassen courant
normal an den Finanzmärkten und funkti-
oniert meist problemlos. Solche Margin
Calls sind eben eine konkrete Folge hoher
Volatilität. * Das Interview fand am 18.12.2018 statt.

Bulletin  1 / 2019 51
Generell gefragt: Was ist das genswerten und Verbindlichkeiten. Beide sich die Wachstumsdynamik wieder abge-
Hauptziel des Risikomanagements reagieren auf Zinsschwankungen, Aktien- schwächt. In den Emerging Markets
der Credit Suisse? und Währungskurse, Volatilitäten und besteht eine gewisse Gefahr, dass Gelder
Für unseren Erfolg ist entscheidend, dass vieles mehr. Wir arbeiten mit Tausenden in den Dollar abfliessen, weil man in den
wir bei all unseren Geschäftsaktivitäten Variablen, die miteinander korrelieren. USA höhere Zinsen erwirtschaften kann.
risikobewusst und verantwortungsvoll Wenn sich nun Parameter in den Kapital- Solche Kapitalrückflüsse setzen die
handeln. Wir versuchen dabei, die künftige märkten ändern, versuchen wir zu verste- Schwellenländer unter Druck, nicht zu-
Entwicklung wichtiger Wirtschaftsfakto- hen, wie das unsere Bilanz verändert. letzt deren Währungen.
ren mit Wahrscheinlichkeiten zu versehen, Und wir fragen uns bei einem Risiko:
also Unsicherheiten in kalkulierbare Risi- Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Beobachten Sie bereits Auswirkungen
ken zu verwandeln und auf diese Weise zu Verlusts? Das vergleichen wir mit unserer des Handelskonflikts zwischen den USA
bewältigen. Das primäre Ziel ist dabei, Risikotragfähigkeit: Wie würde sich ein und China?
unsere Finanzstärke und unsere Reputa­ solcher Verlust auf unser Eigenkapital In China sind Aktienkurse und Währung
tion zu erhalten und gleichzeitig sicher­ auswirken? Diese Szenarien zu analysie- unter Druck gekommen. In den USA, aber
zustellen, dass wir unser Risiko­kapital in ren, ist eine unserer Hauptaufgaben, auch in anderen Ländern gibt es Anzei-
möglichst profitable Geschäfte leiten. weshalb Hunderte von Physikerinnen, chen dafür, dass sich die zusätzlichen Han-
Mathematikern, Ökonominnen konstant delshemmnisse negativ auf die Investiti-
Wie gehen Sie dabei vor? unsere Bilanz modellieren. Auf Geschäfts- onsentscheidungen von Firmen auswirken.
Wir haben für das Risikomanagement leitungsebene legen wir immer wieder Dieser Konflikt ist ein grosses Thema, das
eine eigentliche Governance, also ein fest, wie viel Risiko wir einzugehen bereit uns noch eine Weile beschäftigen wird.
Rahmenwerk, geschaffen. Es gibt eine sind. Eine wichtige Kennzahl sind dabei
First Line of Defense und eine Second natürlich auch die regulatorischen Wie interpretieren Sie die verstärkten
Line of Defense. Alle Bankmitarbeiten- Eigenmittelanforderungen. protektionistischen Tendenzen?
den, die ein Geschäft abschliessen, müssen Ich sehe den wachsenden Protektionismus
es auch nach Risikoaspekten einschätzen. Welches waren in den letzten Monaten auch als Ausprägung eines politischen
Das ist die First Line of Defense. Ab die grössten Risiken, die Sie für die Bank Populismus. Unsere nach dem Zweiten
einer gewissen Grösse und Risikohaftig- definierten? Weltkrieg geschaffene Sicherheits- und
keit eines Geschäfts macht unser Risk Zwei Themen prägten die letzten Monate Wirtschaftsordnung basiert auf Prinzipien
Management eine komplett unabhängige besonders stark: Die Normalisierung wie dem wertebasierten Multi­lateralismus
Bewertung. Das ist die Second Line of der Zinspolitik in den USA sowie der oder der Verlässlichkeit geo­politischer
Defense, die in der Finanzbranche über Handels­konflikt zwischen den USA und Beziehungen. Diese Prinzipien werden
die letzten Jahre enorm an Bedeutung China. infrage gestellt, was die Unsicherheit
gewonnen hat: War das unabhängige zusätzlich vergrössert.
Risikomanagement zu Anfang meiner Wo orten Sie die Gefahren der
Karriere auf wenige Personen ausgerichtet, amerikanischen Zinspolitik? Wie gehen Sie als Risikomanager mit
arbeiten heute allein in meinem Bereich Es ist richtig und wichtig, dass die lange solchen politischen Unsicherheiten um?
rund 3500 Fachleute. Phase sehr tiefer Zinsen zu einem Ende Politischer Populismus ist sehr schwierig
kommt. Diese Änderung der Geldpolitik einzuschätzen, weil vieles passieren kann,
Wie übersetzt man unzählige Einzel­ passt zu den USA, wo wir derzeit eine was wir in der Vergangenheit noch nicht
geschäfte, die mit unterschiedlichen sehr solide Konjunktur beobachten. erlebt haben. Wie wirkt er sich auf die
Risiken behaftet sind, in ein Risikoprofil Während sich die USA eine Erhöhung Handelstätigkeit der grossen Blöcke aus,
der Gesamtbank? der Zinsen leisten können, ist sie aber für wie auf die wechselseitigen wirtschaftli-
Unsere Bilanz von rund 800 Milliarden andere Teile der Welt eine grosse Heraus- chen Abhängigkeiten, die mit der Globa-
Schweizer Franken besteht aus Vermö- forderung. In Europa zum Beispiel hat lisierung so gross wurden wie noch nie?

«Die Bedeutung von Reputationsrisiken und deren


Management hat massiv zugenommen.»

52 Bulletin  1 / 2019
Joachim Oechslin (48)   hat fast zwanzig Jahre Erfahrung im Risikomanagement. Er studierte Mathematik an der ETH Zürich (Master of
Science), arbeitete einige Jahre als Berater bei McKinsey und wechselte 2001 zur damaligen Winterthur-Versicherung. Nach der Axa Group
in Paris und der Munich Re Gruppe in München wurde er 2014 Chief Risk Officer und Mitglied der Geschäftsleitung der Credit Suisse Group.
Seit Februar 2019 ist er Senior Advisor - Risk Management.

Quantitative Risikomodelle sind nur Die Bedeutung von Reputationsrisiken sehr unterschiedliche – Risiken und Inter-
beschränkt hilfreich, um diese neuen, und deren Management hat in der Tat essen sorgfältig abzuwägen. Um bei der
nicht linearen Risiken zu parametrisieren. massiv zugenommen. Umwelt zu bleiben: Fracking zum Beispiel
ist in den USA als Methode zur Erdöl-
Was können Sie da tun? Worauf führen Sie das zurück? und Erdgasförderung relativ breit
Politische Risiken erfordern immer mehr Es ist unbestritten, dass Banken als Folge anerkannt, nicht aber in Europa. In der
Vorstellungskraft, Common Sense und der Finanzkrise an Vertrauen eingebüsst Schweiz braucht es Verständnis dafür, dass
Intuition. Man muss die neusten Ent- haben und ihre Reputation gelitten hat. in den USA auch in diesem Bereich
wicklungen analysieren und interpretieren Es galt für die gesamte Branche, die Leh- Geschäftsbeziehungen unterhalten wer-
können. Nur nebenbei gesagt: Das kann ren daraus zu ziehen. So umfasst auch die den, die dort gesellschaftlich akzeptiert
eben nicht einfach durch einen Roboter «Too big to fail»-Diskussion nicht nur sind. Umgekehrt braucht es aus den USA
oder einen Algorithmus ersetzt werden. finanzielle Aspekte, sondern eben auch die Einsicht, dass diese Abbaumethode
Man muss vorausdenken und die richti- die volkswirtschaftliche Bedeutung und aufgrund ihrer potenziellen Umwelt­
gen kritischen Fragen stel­len können: Was Verantwortung von Finanzinstituten. risiken in Europa und in der Schweiz
heisst es, wenn das multi­laterale System Auch deshalb müssen wir heute viel stär- stark umstritten ist.
bröckelt? Was könnte passieren, das noch ker auf unsere Reputationsrisiken achten
nie passiert ist? als viele andere Unternehmen. Zudem Wie finden Sie da eine Balance?
­werden auch viele Interessenkonflikte Das ist ein stetiger Prozess: Es gilt, sich
Der berühmte «Black Swan». auf der Welt stärker als früher über die mit den unterschiedlichen Positionen
Genau. In der Assekuranz rechnet man Finanz­institutionen ausgetragen. und Perspektiven vertraut zu machen, mit
beispielsweise mit katastrophalen Natur­ den unterschiedlichen Stakeholdern im
ereignissen, die noch nie eingetroffen sind, Können Sie ein Beispiel dafür geben? Austausch zu stehen und sich einander
aber eintreffen könnten. Eines der wesent- Nehmen wir den Klimawandel. Da gibt es anzunähern. Wir müssen uns als Bank
lichen Werkzeuge, um solche Extrem­ das Pariser Abkommen, das zum Ziel hat, zu politisch und gesellschaftlich relevan-
ereignisse abzudecken, sind Szenarien. die durchschnittliche globale Erwärmung ten Fragen eine Meinung bilden. Nehmen
auf deutlich unter zwei Grad zu begren- wir noch einmal die fossilen Brennstoffe:
Sie spielen spezifische Risiken durch? zen. Darüber, wie dieses Ziel umgesetzt Der Westen hat jetzt rund 200 Jahre lang
Permanent. Stressszenarien sind ein exis- werden soll, wird weltweit intensiv und von diesen Energiequellen profitiert.
tenziell wichtiges Instrument. kontrovers diskutiert. Seit einiger Zeit Ob nun ein abrupter Ausstieg auch für
beobachten wir, dass versucht wird, solche andere Länder sinnvoll und wirtschaftlich
Welche Risiken haben Sie in letzter Zeit Diskussionen vermehrt via Finanz­ tragbar ist oder ob ein gestaffelter Über-
simuliert? institutionen zu führen – teilweise auch gang zu anderen Energiequellen der
Dazu gehören beispielsweise ein «Hard gezielt publikumswirksam, zum Beispiel bessere Weg ist, sind gesellschaftliche
Landing» der Wirtschaft in den Schwellen- an einer Generalversammlung. Fragen, zu denen wir als Bank eine Posi­
ländern, speziell in China; eine Krise der tion entwickeln und unsere Geschäfts­
Staatsschulden in den USA; eine Immo- Wie gehen Sie damit um? tätigkeit danach ausrichten müssen.
bilienkrise in der Schweiz; die Auswir- Global tätige Banken machen Geschäfte
kungen der verschiedenen möglichen auf der ganzen Welt. Da ist es nicht ein-
Brexit-Verhandlungsergebnisse oder einer fach, bei Entscheidungen eine Balance zu
verstärkt protektionistischen Handels­ finden, die lokal, global sowie in unserem
politik der USA. Heimmarkt akzeptiert wird. Unsere Rolle
als Finanzintermediär ist sehr breit und
Uns scheint, Reputationsrisiken haben an bei der Ausübung unserer Geschäftstätig-
Bedeutung gewonnen? keit gilt es, verschiedene – bisweilen auch

Bulletin  1 / 2019 53
«New York ist meine zweite Heimat», sagt Urbanisierungsspezialist Edward Glaeser

54
Bulletin  1 / 2019
12 EDWARD GLAESER

«Städte
schaffen
das
perfekte
Klima
für
Foto: Christopher Anderson / Magnum / Keystone
Erfolg»
Bulletin  1 / 2019 55
«Glücklicher als indische Dorfbewohner»: Edward Glaeser über die Bewohner der Armenviertel von Mumbai.
Wie werden wir in Zukunft zusammenleben?
Die Welt werde zunehmend zur Stadt, und das sei gut so,
meint Harvard-Stadtökonom Edward Glaeser.
Interview Lars Jensen

Wegzug der Autoproduktion stürzte die


Stadt in eine grosse Krise. Ist so etwas
auch für heutige Boom-Städte wie
San Francisco oder Seoul denkbar?
Denkbar, aber nicht sehr wahrscheinlich.

E
Detroits Erfolg basierte auf der perfekten
Lage, Arbeitskräften mit niedrigem Lohn
und einer Idee: der Massenproduktion.
Der Erfolg von San Francisco oder Seoul
basiert auf komplexen, wissensbasierten
Netzwerken, die nicht einfach in andere
Regionen abwandern können.
Edward Glaeser, in Ihrem Buch «Triumph
of the City» haben Sie 2011 eine goldene Bald wohnen 60 Prozent der Menschen
Zukunft für Städte prognostiziert. Sehen in Städten, am stärksten wachsen
Sie sich bestätigt? ­Metropolen in den Entwicklungsländern.
Ja, in der Tat, der Trend setzt sich fort. Warum zieht es dort die Menschen in
Der Anteil der Menschen, die in Städten die urbanen Zentren?
wohnen, steigt in fast allen Ländern. Und Die Städte bieten ihnen Hoffnung. Und
beinahe überall wächst die Produktivität dies zu Recht: Unsere Untersuchungen
dieser Stadtbewohner. haben ergeben, dass selbst die ärmeren
Bewohner indischer Grossstädte glückli-
Das ist erstaunlich. Man könnte doch cher sind, als indische Dorfbewohner.
annehmen, dass dank den modernen
Kommunikationsmitteln viele Menschen Sie sind glücklicher in anonymen,
die teuren Innenstädte verlassen und dicht besiedelten Armutsvierteln als in
dezentral arbeiten. was eine sehr gut ausgebildete Bevölke- ihren Dörfern?
In einer Wirtschaft, die immer mehr auf rung zur Folge hatte. Die Verwaltung Städte wie Mumbai, Rio de Janeiro oder
Wissen beruht, ist nichts so wichtig wie unterstützte junge Unternehmen: Star- Lagos befinden sich in einer ähnlichen
der persönliche Austausch von Ideen. bucks, Microsoft, Amazon. Dutzende Lage wie unsere Städte im letzten Jahr-
Morgens im Coffee-Shop, in der U-Bahn kleinere Firmen entstanden. Weil die hundert: Sie können die Nachteile einer
auf dem Weg zur Arbeit oder abends im Stadt so erfolgreich geworden ist, kämpft hohen Bevölkerungsdichte nicht bewälti-
Restaurant. Urbanität ist nichts anderes sie mit Wohnungsnot und hohem Ver- gen. Den Regierungen fehlt das Geld,
als ein sehr geringer Abstand zwischen kehrsaufkommen – vor 20 Jahren wäre das um nötige Investitionen zu tätigen. Aber
Menschen. Je näher wir uns sind, desto noch undenkbar gewesen. trotzdem stellen selbst die Favelas in
produktiver arbeiten wir. Darum sind viele Rio oder die Slums in Mumbai für viele
Menschen nach wie vor bereit, die hohen Weshalb sind Universitäten so wichtig? Menschen die beste Alternative dar.
Mieten in New York, London, Zürich Wir haben herausgefunden, dass zwei Verglichen mit den Problemen auf dem
oder Tokio zu bezahlen und die Nachteile Faktoren das Einkommen eines Arbeit- Land, wo es gar keine sozialen Leistungen
einer dicht besiedelten Umgebung in nehmers gleich stark beeinflussen: sein gibt und wirtschaftliche Entwicklungs-
Kauf zu nehmen. eigenes Bildungsniveau und das Bildungs- möglichkeiten fehlen, bieten ihnen die
niveau der Menschen in seinem Umfeld. Städte bessere Perspektiven und wohl
Was muss eine Stadt tun, um erfolgreich Städte schaffen mit ihren Universitäten auch ein besseres Leben.
zu sein? das perfekte Klima für Erfolg.
Schauen Sie sich Seattle an. Wie die In den vergangenen Jahren kam in der
meisten traditionellen Industriestädte in Nicht alle Städte florieren: Detroit Stadtplanung der Begriff «Smart City»
Nordamerika war diese Stadt Anfang der beispielsweise war 1950 einer der auf. So baut Google derzeit in Toronto
1970er-Jahre ein Sanierungsfall. Doch es produktivsten und innovativsten einen kompletten, voll vernetzten
wurde massiv in Hochschulen investiert, Wirtschaftsräume der Welt, doch der

Foto: Atul Loke / Panos Pictures Bulletin  1 / 2019 57


Elektrizität oder Energie zum Heizen als
Leute, die in grossen Vororten oder auf
dem Bauernhof leben. In den USA ver-
braucht das Haus einer einzelnen Familie
im Durchschnitt 83 Prozent mehr Elekt-
rizität als eine Wohnung in der Stadt. Den
grössten Unterschied macht der Grund-
Stadtteil. Welche Rolle kann Technologie stückspreis, denn er veranlasst uns dazu,
im urbanen Kontext spielen? in kleineren Wohnungen zu leben.
Jede Stadt leidet unter ihren ganz speziel-
len Problemen und sucht darauf zuge- Ihre Harvard-Kollegin Susan Fainstein
schnittene Lösungen. Kinshasa braucht hat den Ausdruck der «Just City» geprägt.
eine Kanalisation, Rio muss die Krimina- Sie schreibt, dass auf Wachstum ausge-
lität in den Griff bekommen, Rom richtete Stadtplanung die schwächeren
braucht eine U-Bahn, New York eine «Am wichtigsten Mitglieder der Gemeinschaft ignoriert.
Million Wohnungen, Peking bessere Luft. Wie erwähnt glaube ich, dass wir das
Viele dieser Probleme betreffen also die ist immer Wachstum der Städte nicht bremsen,
klassische, analoge Infrastruktur. sondern beschleunigen müssen. Aber
noch die hohe Susan Fainstein hat recht, wenn sie sagt,
Drohnen, die Pakete liefern, oder dass die ungleiche Einkommensverteilung
selbstfahrende Autos – das sind keine Qualität der immer extremer wird. Ich plädiere für
Lösungen für Sie? höhere und dichtere Wohnungsbaupro­
Natürlich bietet der technologische Wan- Verwaltung.» jekte: Nur durch mehr Angebot können
del interessante Chancen, unsere Städte wir die Wohnungspreise senken. Fainstein
erheblich lebenswerter zu machen, aber erwähnt den sozialen Wohnungsbau
nur wenn sich neue Technologien mit in Amsterdam als gelungenes Beispiel.
besseren Anreizen und Institutionen Da stimme ich ihr zu.
verbinden. Nehmen wir das selbstfahrende
Auto, das eine bessere Organisation des Man muss es machen wie in Singapur. An der Spitze der Rankings für Lebens-
Stadtverkehrs ermöglicht und einen die Die Stadt investiert die Einnahmen voll- qualität findet man seit Jahren dieselben
im Stau verbrachte Zeit produktiver ge- ständig in den öffentlichen Nahverkehr, Städte: Kopenhagen, Wien, Zürich,
stalten lässt, da man arbeiten kann und und weil die Strassen leer sind, können dazu Städte in Australien und Kanada.
nicht auf den Verkehr schauen muss. Aber dort Busse schnell fahren. Warum fällt es anderen Städten so
wenn der schleppende Verkehr so erträg­ schwer, in diese Liga aufzusteigen?
licher wird, werden mehr Menschen Fast die Hälfte aller Millionenstädte wird Diese Städte haben einige Gemeinsam-
bereit sein, im Stau festzusitzen, und der existenziell vom Klimawandel bedroht. keiten: eine überschaubare Grösse, die
Verkehr nimmt noch mehr zu. Bangkok, Miami und New Orleans sie zu perfekten Fahrradstädten macht;
werden regelmässig überschwemmt, historische Bausubstanz; hervorragende
Was lässt sich dagegen tun? Los Angeles und Kairo immer trockener. Universitäten; schlaue Verwaltungen;
Wir müssten sofort eine günstige und Neun von zehn Städten, die bis 2070 am die meisten sind Hauptstädte und
effektive GPS-basierte Staugebühr ein- meisten von Überschwemmungen bedroht Wirtschafts- und Kulturzentren ihrer
führen. Wenn wir den Fahrern die Staus sein werden, liegen in Asien. Metropolen Länder. Eine unschlagbare Kombination.
und Umweltschäden, die sie verursachen, wie Mumbai, Kalkutta und Dhaka werden
in Rechnung stellen, können wir sicher- bereits von Klimaflüchtlingen überrannt, Sie loben kleinere Städte – haben die
stellen, dass autonome Fahrzeuge die Lage dabei werden sie selber nicht in ihrer grossen Metropolen keine Chance?
verbessern und nicht verschlechtern. heutigen Form weiterexistieren können. Doch – am allerwichtigsten ist immer
Im Idealfall werden solche Gebühren in Aber trotz dieser Beispiele müssen wir noch die Qualität der Verwaltungen.
Echtzeit auf das Verkehrsaufkommen dafür sorgen, dass in Zukunft noch mehr Nehmen wir Singapur: Die Stadt kommt
an jedem beliebigen Ort angepasst, sodass Menschen in Städten wohnen: Die Urba- meinem Idealbild sehr nahe. Extrem
die Fahrer besser entscheiden können, nisierung bleibt eines der wirksamsten dichte Bebauung, aufgelockert mit vielen
wann und wohin sie fahren. Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. öffentlichen Flächen. Sehr effektiver
Nahverkehr und Weltklasse-Hochschulen.
Diskussionen über eine Maut gibt es Inwiefern? Dazu ein gründerfreundliches Wirt-
schon heute in vielen Städten, doch die Der CO2-Ausstoss und Energieverbrauch schaftsklima. Vor fünfzig Jahren war
Strassengebühr wird meist wegen der des Verkehrs ist in Städten pro Kopf tiefer Singapur vergleichbar mit Manila oder
Nachteile für die ärmeren Vorstadt­ als auf dem Land. Ausserdem verbrauchen Saigon, jetzt ist die Stadt selbst den meis-
bewohner abgelehnt. Leute, die in Wohnungen leben, weniger ten westlichen Metropolen überlegen.

58 Bulletin  1 / 2019 Foto: Luca Locatelli / Institute


Edward Glaeser (51)   ist Professor für Ökonomie an der Harvard University. Sein Forschungsschwerpunkt liegt insbesondere auf
den Faktoren des Städtewachstums und der Rolle der Städte als Zentren der Ideenübertragung. Weithin bekannt wurde er durch
sein Buch «Triumph of the City: How Our Greatest Invention Makes Us Richer, Smarter, Greener, Healthier, and Happier» (2011).

Was tun Sie zuerst, wenn Sie eine


Stadt besuchen?
Ich laufe durch die Stadt und lasse mich
treiben. Man kann eine Stadt nur verste-
hen, wenn man ihren Rhythmus auf dem
Bürgersteig erforscht.

Haben Sie eine Lieblingsstadt ausser


Singapur?
Singapur ist sehr gut gemanagt, aber für
meinen Geschmack etwas zu ordentlich.
Ich liebe Rio, trotz aller Probleme. Auch
Mumbai ist faszinierend. Vancouver ist
gut geplant. New York ist meine Heimat.
Aber für mich sind Städte wie Kinder. Ich
liebe sie alle auf ihre eigene Art.

«Kommt dem Idealbild der Stadt sehr nahe»: Edward Glaeser über Singapur.

Bulletin  1 / 2019 59
13 QUIZ
1

Welche Frucht benötigt


bei der Herstellung mehr

«Mehr Fisch Wasser?


A Apfel B Orange

oder Plastik im Arme Hausha


lte

Ozean?»
12  
sollten keine
gen
2  Von 1960 bis 2000 Bargeldzahlun
as Geld
stieg die Zahl der erhalten, da d
nvoll
Kinder weltweit von häufig nicht sin
d.
Hätte ich es gewusst? 300 Millionen auf eingesetzt wir
lsch
1,9 Milliarden an. Wie A Wahr  B Fa
Der erste Schritt zur viele Kinder wird es
Verhaltens­änderung sei bis 2050 geben?
A Anstieg auf 2,3 Milliarden
die Problemerkennung, B Zahl wird konstant bleiben

so sagt man. 13 Fragen 6 Wie hoch ist der Anteil


der
zur nach­haltigen Menschen in der Welt,
die
keinen Zugang zu
Entwicklung der Welt, Bildungsangeboten in ein
er
Sprache haben, die sie
mit über­raschenden, sprechen oder verstehe
n?
ernüchternden, aber auch A 5 Prozent B 40 Prozen
t
Es gibt
heiteren Antworten. 3 

mehr Flüchtlinge in ...


A Ländern mit hohem Einkommen
n
Zusammengestellt von der Redaktion (Pro-Kopf-Bruttonationaleinkomme 4 Falls die
r als USD 12 73 6 pro Jahr ).
(BNE) von meh
B Länd ern mit nied rigem Eink omm en derzeitige
(BNE von weniger als USD 1045 Entwicklung
pro Jahr).
anhält,
verschwinden
die Korallenriffe
bis …
9 In den letzten zehn A 2050.  B 2150.
Jahren ist die Zahl
der HIV-Neuinfektionen in
Was wird
10 
Subsahara-Afrika ... es 2050 in
A gestiegen. B gesunken. den
Weltmeere
n gewichts
mässig me -
hr geben,
falls die de
rzeitige
Entwicklun
g anhält?
A F isch  B
P lastik

60 Bulletin  1 / 2019
1 A) – Apfel.  Für die Produktion 7 B) – Die Bildungsqualität. 
Welcher der
11   eines Apfels werden 125 Liter In Subsahara-­Afrika hatten 1990

beiden folgenden
Was­ser benötigt, für eine Orange nur 52 Prozent der Kinder Zugang
dagegen 80 Liter. Wie nachhaltig zu Bildung, im Jahr 2012 waren es
Akteure verfügt ein Produkt ist, hängt aber auch 78 Prozent. Bei der Bildungsqualität

über die höchste


von Produktionsort und -methode, sind dagegen noch beachtliche
Arbeitsbedingungen und anderen Anstrengungen notwendig.
installierte Faktoren ab.
Leistung zur 2 B) – Die Anzahl Kinder bleibt
8 B) – 3,3 Erden.  Das Konzept
des ökologischen Fussabdrucks
s
Stromerzeugung au konstant.  Dass die Weltbevölke- misst die natürlichen Ressourcen,
erneuerbaren rung bis 2050 trotzdem bis auf die wir verbrauchen, und den Ab-
fall, den wir produzieren, und stellt
10 Milliarden steigen wird, ist
Energien? nicht auf eine hohe Geburtenrate sie den dafür benötigten Land- und
a Wasserflächen gegenüber. Der öko-
A China  B Europ zurückzuführen, sondern darauf,
dass es aufgrund einer hohen Ferti- logische Fussabdruck der gesamten
litätsrate in den letzten Jahrzehn- Weltbevölkerung beträgt gegen-
ten heute viele Men­schen im ge- wärtig 1,5 Erden. Würden alle so
bärfähigen Alter gibt. leben wie die Schweizer Bevölke-
rung, so bräuchten wir 3,3 Erden.
8  Wie viele 3 B) – Ländern mit niedrigem
Erden würden wir Einkommen.  2015 lebten weltweit 9 B) – gesunken.  Die Zahl der
in den 31 Ländern mit niedrigem HIV-Neuinfektionen ist weltweit
benötigen, wenn
die Einkommen 3,2 Millionen Flücht- nach wie vor rückläufig, wobei
Weltbevölkerung linge und in den 77 Ländern mit Subsahara-Afrika von allen Welt-
gleich hohem Einkommen 1,9 Millionen. regionen am meisten Fortschritte
viel konsumieren
würde Deutschland, das von den Ländern verzeichnete: Hier ist die Zahl der
wie der Schweize mit hohem Einkommen am meis- Neuansteckungen zwischen 2001
r ten Flüchtlinge aufgenommen und 2012 um 40 Prozent gesunken.
Durchschnitt? hat (315 115), liegt hinter Äthio­ Investitionen in die HIV-Präventi-
A 1,5  B 3,3 pien (736 086), Uganda on zahlen sich also aus.
(477 187), der Demo-
5  In welchem Ja
hr kratischen Republik 10 B) – Plastik.  Falls sich nichts
wurde M ala ria in Kongo (383 095) ändert, werden die Ozeane bis 2025
und dem Tschad eine Tonne Plastik auf drei Tonnen
Europa ausgerottet? (369 540). Fisch aufweisen, und bis 2050 wird
A 1875  B 1975 es gemessen am Gewicht mehr
Plastik als Fische im Meer geben.

t
13  Weltweit gib 11 A) – China.  Mit einer instal-
lierten Leistung von 519 748 Mega­
es mehr … watt (MW ) im Jahr 2015 lag Chi-
hen. 
htige Mensc 4 A) – 2050.  Klimaerwärmung, na vor ganz Europa (487 378 MW )
Development Geek» der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit

A übergewic sc he n. Ozeanversauerung, Verschmutzung und verfügt über die doppelte


rte Men
B unterernäh und nicht nachhaltige Nutzung Leistung der USA (219 343 MW ).
Die hier abgedruckten Fragen stammen aus dem Spiel «Sustainable

bedrohen die Korallenriffe. 500


Mil­lionen Menschen sind für ihre 12 B) – Falsch.  Bargeldzahlun-
Ernährung und ihr Einkommen gen haben den Vorteil, dass die
(DEZA). Gratis bestellbar unter eda.admin.ch/sdgeek

auf sie angewiesen, für 30 Millionen Betroffenen selbstbestimmt kaufen


7  Welches ist sind sie die direkte Existenz- und können, was sie wirklich benötigen.
Landgrundlage. Zudem kurbeln sie den lokalen
weltweit die grösste
Markt an, anstatt dass Güter aus
Herausforderung im 5 B) – 1975.  Vor weniger als dem Ausland importiert werden.
Bildungsbereich? hundert Jahren war Malaria welt-
weit verbreitet. Die letzte grosse 13 A) – übergewichtige
A Der Zugang zu Bildung Epidemie in Europa fand 1946 in Menschen.  Weltweit sind
B Die Bildungsqualität Holland statt. Erst 1975 erklärte fast 800 Millionen Menschen
die Weltgesundheitsorganisation unter­ernährt. Während die Zahl
das letzte Land Europas für mala- der Hungernden in den letzten
riafrei (Griechenland). Jahrzehnten zurückging, ist die
Zahl übergewichtiger Menschen
6 B) – 40 Prozent.  Zweisprachige kontinuierlich angestiegen und
Bildungsangebote sind besonders in belief sich 2014 auf 1,9 Milliarden
ethnisch heterogenen Staaten wichtig Personen.
und führen zu besseren Lernerfolgen
und einer höheren Schulbesuchsrate.

Bulletin  1 / 2019 61
14 JEFFREY SACHS

«Es ist ein Klischee,


aber wahr:
Geben macht glücklicher
als Nehmen» Professor Sachs, wo sehen Sie die
grössten Erfolge im weltweiten Kampf
gegen die Armut?
Die Rate der extremen Armut * in der
Wie lässt sich der Kampf gegen Welt ist in den letzten Jahrzehnten dras-
tisch gesunken. Unter extremer Armut
die extreme Armut gewinnen? versteht man gemeinhin eine Entbehrung,
die so schwerwiegend ist, dass sie das
Eine Milliarde Menschen Leben akut bedroht.

kämpft ums Überleben. Wo ist sie vor allem zurückgegangen?


China ist natürlich das beste Beispiel dafür.
Um ihnen zu helfen, würde Das Land war vor 50 Jahren fast durch­
gehend sehr arm und sehr ländlich. Heute
weniger als ein Prozent ist es das Produktionszentrum der Welt
und ein Land mit mittlerem Einkommen.
des Einkommens der Auch Indien konnte die Armut deutlich
verringern. Es gab also grosse Fortschritte,
reicheren Länder genügen, aber noch immer leben acht bis zehn Pro-
zent der Weltbevölkerung in extremer
sagt der amerikanische Armut und noch einmal so viele unter
Bedingungen, welche die meisten von uns
Ökonom Jeffrey Sachs. gelinde gesagt sehr schwierig finden
­würden. Während in gewissen Teilen der
Interview Daniel Ammann und Michael Krobath Welt grosser Wohlstand herrscht, kämpft
eine Milliarde Menschen Tag für Tag
ums Überleben.

Die Sustainable Development Goals der


Uno sehen unter anderem vor, die extreme
Armut bis 2030 weltweit zu beseitigen.

* Die Weltbank definiert Menschen als extrem arm, wenn sie weniger als
1,90 Dollar pro Tag zur Verfügung haben. 2015 lebten laut Weltbank zehn
Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut.

62 Bulletin  1 / 2019
Jeffrey Sachs (64)   ist Direktor des Center for Sustainable Development an der Columbia University. Der Ökonom gilt als einer der
weltweit führenden Experten in Armutsbekämpfung und nachhaltiger Entwicklung. Er war federführend bei der Ausarbeitung der Sustainable
Development Goals der Uno, an deren Umsetzung sich die Credit Suisse aktiv beteiligt.

Was müsste getan werden?


Weniger als ein Prozent des Einkommens
des wohlhabenden Teils der Welt würde
ausreichen, um diesen Regionen die Flucht
aus der Armut zu ermöglichen. Aber so
absurd es auch klingt: Wir schaffen es
einfach nicht, dieses eine Prozent aufzu-
bringen, um den ärmsten Menschen der
Welt zu helfen.

Was würden Sie mit dem Geld tun?


Schulen, Kliniken und Strassen bauen.
Sauberes Wasser und Strom aus erneuer-
baren Energien wie Wind, Sonne und
anderen Quellen zur Verfügung stellen.
Die Kinder in die Schule schicken. Epide-
mische Krankheiten bekämpfen, damit die
Menschen physisch stark genug sind, um
arbeiten zu können. Es diesen Regionen
ermöglichen, Agrarprodukte zu verkaufen,
Dienstleistungen anzubieten oder Touris-
mus zu betreiben. Die von extremer Armut
betroffenen Menschen benötigen grund­
legende Strukturen, die es ihnen ermögli-
chen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen
und den Prozess der wirtschaftlichen
Können wir den Kampf gegen die Armut Wo orten Sie die grösste Herausforderung Entwicklung anzustossen. All das geschieht
in den nächsten zehn Jahren gewinnen? bei der Bekämpfung der globalen Armut? nicht von selbst, es braucht diesen ersten
Wir sind leider nicht auf dem Weg dazu. Die bei weitem grösste Herausforderung Impuls – und das ist ein enormes Problem.
Als wir das Ziel 2015 definierten, schien ist es, den Menschen in den wohlhaben-
es noch realisierbar. den Ländern klarzumachen, dass es Regi- Einige Kritiker würden argumentieren,
onen gibt, in denen die Menschen so arm dass diese Regionen hauptsächlich
Was ist seither passiert? sind, dass sie es nicht aus eigener Kraft aus darum arm sind, weil sie schlecht
Das Ziel wird von denjenigen Ländern, der Armut schaffen – auch wenn sie sich regiert werden und weil dort Gewalt
die am meisten bewirken könnten, nicht noch so anstrengen. Das sind Regionen, in und Korruption grassieren.
sehr ernst genommen, angefangen mit denen es an Strassen, Strom, Glasfasern, Und ich würde ihnen sagen, dass diese
meinem eigenen, den USA. Dabei wäre es Schulen oder Kliniken mangelt. Vielleicht Probleme, die sie ansprechen, in unzähli-
durchaus möglich, die extreme Armut wegen der Kolonialzeit, vielleicht wegen gen Fällen nicht die eigentliche Ursache,
auf der Welt zu beseitigen, aber es fehlt Misswirtschaft, vielleicht, weil sie sehr sondern Symptome extremer Armut
ein Verständnis, dass es einer globalen abgelegen sind. Die Ursachen dafür sind sind. Diese Regionen stecken in einer
Anstrengung bedarf, um dieses Ziel tat- vielfältig, das Ergebnis jedoch ist gleich: Armutsfalle, der sie ohne grundlegende
sächlich zu erreichen. Es gibt derzeit Hunderten von Millionen Menschen Infrastruktur, ohne Fertigkeiten und ohne
keine Treffen der Staatschefs der G20, bleibt der Zugang zur Marktwirtschaft Gesundheit nicht entfliehen können.
bei denen betont wird, dass wir eine verwehrt. Das sind Menschen, die kein
­Verpflichtung eingegangen sind, und Einkommen haben und in ihrem Umfeld In den vergangenen Jahrzehnten
gefragt wird, was wir tun können, um das keine grundlegende Infrastruktur vor­ wurden Hunderte von Milliarden Dollar
gesetzte Ziel zu verwirklichen. Die finden. Menschen, die leiden. Diese Men- für Entwicklungshilfe ausgegeben,
Politik scheint abgelenkter als je zuvor. schen brauchen unsere Hilfe.

Foto: Dieter Telemans / ID photoagency Bulletin  1 / 2019 63


­trotzdem geht es vielen Ländern, insbe- Das Engagement der Credit Suisse
sondere in Afrika, immer noch schlecht. Die Credit Suisse kooperiert im Rah-
Einiges davon ist auf das zurückzuführen, men ihrer Financial Inclusion Initia-
tive mit der Consultative Group to
was ein Arzt eine «subtherapeutische
Assist the Poor (CGAP), um deren
Dosis» nennen würde. Man gibt ein wenig
Arbeit beim Aufbau integrativer und
Hilfe, aber nicht genug, um das Problem verantwortungsvoller Finanzsysteme
wirklich zu lösen. Wenn Sie ein Medi­ka­ zu unterstützen, die Menschen aus
ment in nicht ausreichender Dosis erhalten der Armut helfen, ihre erwirtschafte-
und es nicht wirkt, schliessen Sie vermut- ten Ressourcen schützen und die
lich daraus, dass es ein schlechtes Medika- breitere Agenda für globale Entwick-
lung vorantreiben. Bei der CGAP
ment ist. Eigentlich müssten Sie aber zum
handelt es sich um eine globale
Schluss kommen, dass es nicht in genü- ­Partnerschaft von mehr als 30 führen-
gender Menge verabreicht worden ist. den Entwicklungsagenturen, privaten
Stiftungen und Regierungen.
Ist das wissenschaftlich erwiesen?
Auf jeden Fall. Ich habe gerade eine Ana-
lyse mit dem internationalen Währungs-
fonds durchgeführt. Sie zeigt, dass ein- Bill und Melinda Gates machen es mit
kommensschwache Entwicklungsländer ihrer Stiftung vor.
einiges mehr an Hilfe benötigen würden, Ihr Vermögen beträgt etwa 95 Milliarden
als sie tatsächlich erhalten. Man kann diese Dollar. Jenes von Jeff Bezos, dem Gründer
Länder kritisieren, aber Tatsache ist, dass von Amazon, über 160 Milliarden. Die
sie einfach nicht über genügende Mittel rund 2000 Milliardäre auf der Welt besit-
verfügen. Die Hilfe, die wir ihnen geben, zen zusammen etwa 10 000 Milliarden
ist sehr gering. Der wohlhabende Teil der Dollar. Das ist viel mehr, als jemand je
Welt leistet durchschnittlich 0,3 Prozent ausgeben könnte. Ich bin überzeugt, dass
seines Einkommens an Hilfe. Und vieles ein Marktsystem, das dieses beispiellose
davon ist nicht einmal das, was wir Hilfe Ausmass an Reichtum ermöglicht, auch
nennen würden, weil es für Flüchtlinge, ein beispiel­loses Ausmass an Philanthro-
Stipendien oder Verwaltungspersonal in pie erfordert. Nur ein Prozent des Vermö-
unseren Ländern ausgegeben wird. gens der 2000 Reichsten – 100 Milliarden –
würde genügen, um jedes Kind auf der
Was können Unternehmen tun? Welt bis 15 in die Schule zu schicken oder
Sie können einen enormen Beitrag leisten. um sicherzustellen, dass alle Menschen
Sie haben organisatorische Kapazitäten in den ärmsten Ländern Zugang zu medi-
und verfügen über Technologie. Sie können zinischer Grundversorgung haben.
Lösungen für die Ärmsten anbieten, auch
wenn diese im Moment wenig Gewinn- Was können Leute mit durchschnittlichem
potenzial verheissen. Novartis zum Beispiel, Einkommen tun?
mit der ich zusammenarbeitete, spielte Wir haben als Bürger die wichtige Rolle,
eine grosse Rolle bei der Bekämpfung von unseren Regierungen zu sagen, dass es
Malaria. Ich würde auch die Telekommu- weder sicher noch fair ist, das Leiden
nikations- und IT-Firmen auffordern, eine einer Milliarde sehr armer Menschen
grössere Rolle in der Bildung zu spielen, fortzusetzen, wenn die Lösungen auf der
denn Online­-Bildung, die Ausbildung von Hand liegen. In einer so reichen Welt wie
Lehrkräften, die Vernetzung von Klassen- der unseren gibt es einfach keinen Grund
zimmern und die Unterstützung von Kin­ für extreme Armut. Die Fakten sind ein-
dern beim Lernen sind Ziele von grösster deutig: Gesellschaften, die grosszügiger
Bedeutung. Und vergessen wir nicht die und selbstloser sind, sind auch glücklicher.
Eigentümer der Firmen, also die Vermö- Es ist ein altes Klischee, aber wahr: Geben
gensträger, auch sie können sehr viel tun. macht glücklicher als Nehmen.

64 Bulletin  1 / 2019
15 CARLA WASSMER

«Ich musste
klarstellen,
wer ich bin»
Wie behaupten sich mehr Frauen
in der Arbeitswelt? Die Ökonomin
und Anwältin Carla Wassmer
ist eine Pionierin und erzählt von
ihrem steinigen Weg. Ihr Rat
an junge Frauen: Den Beruf als
wichtigen Teil des Lebens
betrachten – auch wenn man
Kinder hat.
 Interview Philipp Fanchini  Fotos Joan Minder

Frau Wassmer, Sie haben sich von der


Sekretärin zur Anwältin mit Doktortitel
hochgearbeitet. Wie war es für Sie,
in den 1970er- und 1980er-Jahren
­Karriere zu machen?
Die Situation für die Frauen war damals
eine ganz andere als heute. Ich war An-
fang 20 und eine Karriereplanung war für
eine Frau gar kein Thema. Aufgewachsen
bin ich in einer Handwerkerfamilie und
ich hatte drei Schwestern. Wir wurden
alle gleich behandelt von unseren Eltern
und ich hatte keinen Bruder, der mir in
der Sonne hätte stehen können. Aber als
Mädchen das Gymnasium zu besuchen,

Bulletin  1 / 2019 65
war schlicht undenkbar. Von den 50 Mäd-
chen in meiner Primarschulklasse wech-
selte kein einziges ans Gymnasium – das
hätte ja auch Geld gekostet, und Familien
schickten in der Regel ihre Söhne an
weiterführende Schulen. Vor diesem
Hintergrund habe ich selber gar nie an
eine Karriereplanung gedacht.

Nach der kaufmännischen Ausbildung


holten Sie die Matura nach und studierten
an der Universität St. Gallen Wirtschaft.
Warum diese Fachrichtung?
Ich habe mich bewusst dafür entschieden
und habe nicht wie viele meiner Zeit­
genossinnen eine soziale Fachrichtung
gewählt. Ich war schon immer ein ökono-
misch denkender Mensch, und das
Studium gefiel mir sehr. Danach machte
ich den Doktortitel, weil ich merkte, dass
ich als Frau nicht ernst genommen wurde,
und erwarb das Anwaltspatent. In meiner
Anfangszeit als Anwältin meinten viele,
ich sei die Sekretärin. Ich musste klarstel-
len, wer ich bin.

Während des Studiums waren Sie auch in


Siena und Durham. Wie war es für Sie,
danach im ländlichen Kanton Schwyz als
Anwältin Fuss zu fassen? «In meiner
Als ich in den Anwaltsverband des Kan- machte es sich für viele Unternehmen und
tons aufgenommen wurde, gab es im staatliche Institutionen gut, eine Frau in Anfangszeit als
Kanton noch keine einzige Frau in diesem ihren Reihen zu haben, und im Kanton
Beruf. Ich kann mich noch gut daran Schwyz war ich eine begehrte Person. In Anwältin
­erinnern, dass mich der Gerichtspräsident vielen Gremien, in denen ich Einsitz
des Bezirks mit Christian Morgensterns hatte, wurde ich von den anderen Mitglie- meinten viele,
Gedicht «Das Huhn» willkommen ge- dern – alles Männer – sehr gut aufgenom-
heissen hat. Es handelt von einem Huhn men und als gleichberechtigt akzeptiert. ich sei die
in einem Bahnhof, wo es nicht hingehört.
In der Schweiz wurde das Frauen­ Sekretärin.»
Später waren Sie auch die einzige Frau stimmrecht erst 1971 eingeführt. Hatten
in der Aufsichtsbehörde über die Sie dafür gekämpft?
Bundesanwaltschaft. Ganz generell, wie Natürlich habe ich mich versucht für das
setzt man sich erfolgreich durch? Frauenstimmrecht einzusetzen – und zwar
In allen Ämtern, die ich innehatte, war es in ganz eigenem Interesse. Die jungen
gerade als Frau nötig, sehr seriös und Frauen können sich das gar nicht mehr
überdurchschnittlich viel zu arbeiten. Ich vorstellen: Ich arbeitete, bezahlte meine
musste mich mit meiner Leistung aus- Steuern und war dennoch komplett vom
zeichnen und bestätigen, dass ich die demokratischen Prozess ausgeschlossen.
Richtige bin für die Aufgabe. Ich kann Ich konnte weder wählen noch in ein
mich aber nicht beklagen. Zu dieser Zeit öffentliches Amt gewählt werden.

66 Bulletin  1 / 2019
1981 wurde der Gleichstellungsartikel Worauf haben Sie für Ihre Karriere Frauenrecht
in der Bundesverfassung verankert. Was verzichtet?
hat das verändert? Zu meiner Zeit gab es keine Strukturen, in der Schweiz
Leider bin ich zutiefst enttäuscht über die es einer Frau ermöglicht hätten, voll
die Veränderungen seither. Für viele junge berufstätig zu sein und zugleich Kinder zu
Frauen scheinen die Prioritäten heute haben. Deshalb habe ich mich dafür ent-
wieder klar: Zuerst kommen Ehe und schieden, selber keine Kinder zu kriegen. 1971
Mutterschaft, weit vor dem Beruf. Man Nicht, weil ich für Kinder nichts emp­- Stimm- und Wahlrecht
geniesst und konsumiert zwar eine gute finde – ganz im Gegenteil. Ich hätte es Das eidgenössische Frauen­
Ausbildung, aber die Leidenschaft für wohl nicht übers Herz gebracht, mein stimm- und Wahlrecht
Studium und Beruf fehlt vielen. Gerade Kind wegzugeben – ausser vielleicht an wird mit 65,7 Prozent an­
im Hinblick auf Studienplätze sollten wir meine Schwester. Auch auf eine Ehe genommen.
uns in der Schweiz überlegen, ob wir zu habe ich bewusst verzichtet. Mit meinem
einem Darlehenssystem wechseln sollten. beruflichen Engagement war ich eine
1981
Dann überlegt man es sich gründlicher, Exotin und ich habe meinen Lebensweg Gleichstellungsartikel
ob man eine Universität besuchen möchte. nie bereut, da ich meine Entscheidungen Die Gleichstellung von
bewusst und überlegt getroffen habe. Frau und Mann wird in die
Sie stehen dem klassisch-konservativen Verfassung aufgenommen.
Rollenbild also kritisch gegenüber? Wie erklären Sie den Gender Pay Gap?
Wenn sich eine Frau für Mutterschaft und Frauen, die genauso leistungsfähig wie
Ehe entscheidet, dann ist das völlig in ihre männlichen Arbeitskollegen sind,
Ordnung. Aber man muss sich der Folgen sollten auch den gleichen Lohn haben. 1988
eines solchen Entscheids bewusst sein. Die Unternehmen stehen diesbezüglich in Neues Eherecht
Wenn Sie als Frau beispielsweise Teilzeit der Pflicht.
Das neue Eherecht stellt
arbeiten und zu Hause für Kinder und
die Frauen den Männern
Haushalt sorgen, dann wird das als Wett- Sprechen wir über Männer: Wie gehen gleich. Der Mann ist nicht
bewerbsnachteil gegenüber Ihren männli- diese das Thema Lebens­planung an? mehr Familienoberhaupt.
chen Konkurrenten im Beruf gesehen. Ich glaube, dass im Gegensatz zu den
Zudem begeben sich Frauen in eine Frauen viele Männer einen ungefähren
wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber Plan für ihr eigenes Leben im Kopf haben
ihrem Partner und sollten entsprechende und sich entsprechend absichern. Nach 1990
Vorkehrungen treffen, falls die Ehe wie vor steht für viele der Beruf an erster Kantonales Stimmrecht
nicht funktioniert. Es ist also alles eine Stelle. In der Mitte der Lebensplanung Das Bundesgericht
Frage der Lebensplanung: Frauen müssen von Männern stehen oft sie selber – bei zwingt den Kanton
sich Gedanken darüber machen, was sie vielen ändert sich das übrigens auch nicht, ­Appenzell ­Innerrhoden
wollen, wie sie dieses Ziel erreichen wenn sie heiraten. Obwohl gerade dann zur Einführung des
können und – vor allem – auf was sie eine gemeinsame Planung und einver- Frauenstimmrechts.
dafür zu verzichten bereit sind. nehmliche Organisation so wichtig wäre.
1996
Was kann man hinsichtlich dieser Zum Schluss: Wie sieht Ihre eigene Gleichstellungsgesetz
fehlenden Lebensplanung tun? Lebensplanung fürs Alter aus? Das Gleichstellungsgesetz
Es nützt wenig, die Zahl an Krippen­ Wir müssen akzeptieren, dass alles ein beseitigt strukturelle
plätzen zu erhöhen, einen Vaterschafts­ Verfalldatum hat, auch und gerade wir Benachteiligungen der
urlaub einzuführen oder den Mutter- Menschen. Ich empfinde das Alter als eine Frau im Erwerbsleben.
schaftsurlaub zu verlängern. Damit spannende und lehrreiche Lebensphase.
zementieren wir nur die vorherrschende Ich habe den Luxus, gesund zu sein und
Denkweise. In den Köpfen der Frauen mich mit Dingen befassen zu können, die
muss sich etablieren, dass der Beruf einen mich interessieren. Ich kann meine Zeit
relevanten Stellenwert im Leben von geniessen und hoffe, dass ich eine glückli-
uns allen hat – ob man nun Kinder hat che Sterbestunde haben werde, wenn es
oder nicht. dann so weit ist.

Carla Wassmer (74)   ist promovierte Ökonomin und war Partnerin in einer Anwaltskanzlei sowie die erste Frau in der Aufsichtsbehörde
über die Bundesanwaltschaft. Sie lebt in Schwyz.

Bulletin  1 / 2019 67
16 TONY RINAUDO

«Die Bäume sind


schon da»
Lässt sich die Wüsten­ Tony Rinaudo, laut Uno ist die
Ausbreitung der Wüsten die «grösste
bildung aufhalten? ökologische Herausforderung unserer
Zeit». Was genau passiert da?
Tony Rinaudo gibt Über 40 Prozent der Landoberfläche der
Erde ist von Wüstenbildung und Land-
Hoffnung. Sogar vom verödung betroffen oder gefährdet. Die
sogenannte Desertifikation ist eine Folge
Weltall aus lässt sich von Entwaldung, Überweidung, Erosion
und Klimawandel. Sie betrifft längst nicht
erkennen, was er für nur Subsahara-Afrika, sondern auch
Nordafrika, den mittleren Osten, Südasien
die Natur geleistet hat. und Südeuropa. Die Folge sind Armut,
Hunger und Migration. Die Ausbreitung
Satellitenbilder von der Wüsten bedroht rund ein Drittel der
Weltbevölkerung und jedes Jahr verlieren
Afrika zeigen: Wo wir sieben Millionen Hektar Wald. Das ist
schockierend.
Wüste war, ist heute
Wald. 2018 erhielt der
australische Agronom
für seine Aufforstungs-
technik den alternativen
Nobelpreis und findet
nun endlich Gehör.
Interview Michael Krobath

68 Bulletin  1 / 2019
ihren Feldern fällen müssen, weil diese die
Ernte schmälern. Und plötzlich kommt
eine Weissnase und behauptet das genaue
ich: Das ist kein Wüstengras, das sind Gegenteil, nämlich dass sie Bäume auf
Triebe von Bäumen, die vor Jahren und ihren Feldern wachsen lassen sollen, um
Jahrzehnten hier gewachsen waren, dann ihre Ernte zu steigern. Sie verspotteten
aber abgeholzt wurden und nie nach­ mich als «verrückten Tony» und nur mit
wachsen konnten, da die Menschen in Mühe konnte ich zehn Bauern überzeugen,
ihrer Not selbst zarteste Pflanzen als die Methode zu testen.
Brennmaterial nutzten. Mir war sofort
klar: Das ist die Lösung. Wir müssen gar Mit welchem Resultat?
In den letzten Jahrzehnten wurden viele keine neuen Bäume pflanzen, sie sind Als in den kommenden Jahren schwere
Milliarden Dollar in die Wiederaufforstung schon da. Ein unterirdischer Wald wartete Dürren das Land heimsuchten, waren
investiert. Hat das nichts gebracht? nur darauf, wieder an die Oberfläche diese zehn Bauern die einzigen, die auf
Wir sind von einem falschen Paradigma drängen zu können. ihren Feldern dennoch gute Ernten
ausgegangen und pflanzten Bäume wie erzielten: Die langen Wurzeln der Bäume
wild. Doch die Wüste lässt sich mit den Wie funktioniert die Methode genau? hatten als Feuchtigkeitsspeicher fungiert
Baumschösslingen nicht zurückdrängen. Denkbar einfach. Alles, was es dafür und die Erosion gestoppt, die Blätter
Wind, Hitze und Trockenheit machen braucht, ist ein Taschenmesser und Schatten gespendet, die Ziegen ernährt
ihnen den Garaus. Als ich 1980 als Ent- Menschen, die damit umgehen können. und den ausgemergelten Boden gedüngt.
wicklungshelfer nach Niger kam, habe ich Die Bauern müssen lediglich einige Die abgeschnittenen Zweige hatten
aber ebenfalls drei Jahre lang vergeblich Baumtriebe pflegen, sie konsequent vor Feuer- und Bauholz geliefert. Die anderen
versucht, Trockengebiete aufzuforsten. Ziegen und Feuer schützen und regelmäs- Bauern sahen dies mit Erstaunen – und
Wenn ein Viertel der gepflanzten Bäume sig beschneiden. Nach zwei, drei Jahren zogen letztlich nach.
überlebte, war das viel. Ich war damals entstehen so neue Bäume, die bestens
verzweifelt und am Ende. an das lokale Klima und die lokalen Heute wird diese Methode in 24 Ländern
Böden angepasst sind. In der Folge ver- in Afrika angewandt. Allein in Niger sind
Dann haben Sie die Wiederaufforstungs- bessert sich auch das Mikroklima und der damit auf einem Gebiet von 50 000
methode Farmer Managed Natural Grundwasserspiegel steigt. Quadratkilometern über 200 Millionen
Regeneration (FMNR) entdeckt, die laut Bäume gewachsen, was sogar vom
dem World Resources Institute für die Die Bauern in der Sahelzone Weltall aus sichtbar ist. Trotzdem wurden
«wohl grösste Umweltveränderung in müssen von Ihrer Entdeckung Sie und Ihre Methode lange von der
Afrika in den letzten hundert Jahren» begeistert gewesen sein. internationalen Entwicklungshilfe ignoriert.
sorgte. Wie kam es dazu? Im Gegenteil. Damals holzten Landwirte Es wäre wohl ein Eingeständnis des eige-
Nach drei Jahren in der Sahelzone blieb fast den ganzen Baumbestand ab, weil sie nen Versagens gewesen. Vielleicht klang
ich eines Tages mit dem Auto im Wüsten- Baumaterial und Feuerholz brauchten und es einfach auch zu gut, um wahr zu sein.
sand stecken. Als ich ausstieg, entdeckte weil sie glaubten, dass Bäume ihre Böden Kostet die herkömmliche Aufforstung
ich winzige Büsche, und als ich das spärli- unfruchtbar machten; dass sie Schlangen rund 8000 Dollar pro Hektar, so sind es
che Grün genauer betrachtete, realisierte und Vögel anlockten, die die Saaten fres- bei der FMNR-Methode nur rund 20
sen. Ausserdem hatte man ihnen jahr- Dollar. Zudem überleben dank den viel
zehntelang erzählt, dass sie die Bäume auf längeren Wurzeln beinahe 100 Prozent
der Bäume. Aber es ist schon so: Erst seit

Foto: Frans Lemmens / Getty Images Bulletin  1 / 2019 69


ich 1999 von World Vision [einer der Was ist Ihr grosser Traum?
weltweit grössten Entwicklungshilfeorgani­ Die landesweite FMNR-Bewegung in
sationen, Anm. d. Red.] als Berater enga- Niger entstand ohne mein Wissen. Wir
giert wurde, finde ich zunehmend Gehör hatten angefangen und die Idee verbreite-
bei den Experten. Und dank dem «Right te sich allein durch Mund-zu-­Mund-
Livelihood Award 2018», dem «Alter­ Propaganda. Ich träume davon, dass bis
nativen Nobelpreis», sitze ich nun endlich 2030 in 100 Ländern eine solche Bewe-
bei den grossen Umweltkonferenzen mit gung entsteht. Projekte haben einen An-
am Tisch. fang und ein Ende und sie hängen von
einem Budget ab. Aber mit einer Bewe-
Was stimmt Sie optimistisch, dass wir gung entsteht ein ganz neues Bewusstsein.
die Desertifikation im 21. Jahrhundert Und das ist zwingend nötig. Wir haben
stoppen können? schlicht keine andere Wahl.
Die Entwicklung in Niger. Wenn es
einem der ärmsten Länder mit einem Nennen Sie die Farmer immer noch den
schrecklichen Klima gelingt, seine Situa­ «verrückten Tony»?
tion zu verbessern, dann müssten das Sie nennen mich «Chef aller Bauern».
andere Länder mit mehr Regen und bes- Und einige haben ihre Söhne nach mir
seren Böden doch erst recht schaffen. benannt. Mir ist das eher peinlich.
Bäume sind der Schlüssel gegen die Wüs- Was mich hingegen freut, ist, wenn sie
tenbildung und für unser Klima. So sagen: «Tony, du hast uns unsere Würde
haben Wissenschafter herausgefunden, zurückgegeben.»
dass durch Wälder 20 bis 25 Prozent
CO2 verarbeitet und so möglicherweise
die Erderwärmung zumindest gemindert
werden kann. Aber wir müssen jetzt han-
deln! Die Entwicklungsorganisationen
sollten in jedem Land Koalitionen bilden.

Was haben Sie dank Ihrer Entdeckung


über die Natur gelernt?
Dass sie – obwohl wir sie als zerbrechlich
wahrnehmen – sehr belastbar ist. Wenn
wir nicht immer mit dem Vorschlag­
hammer auf die Natur einschlagen,
sondern mit ihr arbeiten, dann erlebt sie
ein Comeback.

Und was haben Sie über die Menschen


gelernt?
Als ich in der Sahelzone ankam, dachte
ich, hier geht es um Armut und Hunger.
Aber mit der Zeit habe ich begriffen: Es
geht um Selbstverantwortung und Selbst-
bestimmung. Es geht um Zukunftspers- «Am Anfang verspotteten sie mich als ‹verrückten Tony›»: Agronom Rinaudo
pektiven für sich und seine Kinder. Das ist mit Bauern in der Sahelzone.
es, wonach sich die Menschen am meisten
sehnen und was wir erreichen müssen.
Die FMNR-Methode gibt den Bauern
nachhaltig ihre Lebensgrundlage zurück,
was der wahre Grund ihres Erfolgs ist.

Tony Rinaudo (61)   ist Agrarökonom und arbeitet seit 1999 für die Hilfsorganisation World Vision. Die von ihm entwickelte Wieder­
aufforstungsmethode FMNR (Farmer Managed Natural Regeneration) gehört zu den effektivsten und günstigsten Formen des Klimaschutzes.
2018 erhielt er den Right Livelihood Award (Alternativen Nobelpreis). Er ist verheiratet, Vater von vier Kindern und lebt in Melbourne.
worldvision.ch

70 Bulletin  1 / 2019 Foto: World Vision / Silas Koch


Service

Seit 1895. Das älteste Bankmagazin der Welt.


Spezial
Ausgabe 3 / 2018
mit mit
Credit Suisse Credit Suisse
Sorgen- Fortschritts-
barometer barometer
2018 2018

Credit Suisse Bulletin kostenlos abonnieren!  abo.bulletin@credit-suisse.com


Idées Suisses
kleines Land, grosse Wirkung

Mutige
Entscheide
Von Alfred Escher lernen

075643D
Bulletin 3 / 2018 999

023_300_CS_Bulletin_3_18_01-25_DE 999 23.11.18 08:29 023_300_CS_Bulletin_Escher_DE_01-54 999 23.10.18 11:07

Bulletin 3/2018 Bulletin Spezial


«Idées Suisses» «Mutige Entscheide / 
Alfred Escher»

Perfekte englische Übersetzung An Wilhelm Busch erinnert


Was für eine grossartige Publikation Als analog Aufgewachsener schätze
das Bulletin der CS ist, voll von ich das Gedruckte und damit auch
spannenden Artikeln, die einen die älteste und beste Banken-­
Ein­­­blick in die Schweiz geben, in Hauszeitschrift, besonders wegen
die Menschen, die hier leben, und in ihres stets fundierten Inhalts. Das
die Institutionen. Exzellent ge- erste Credit-Suisse-Fortschritts­
schrieben, perfekte englische barometer hat mich an Wilhelm
Übersetzung, schön illustriert, auf Busch denken lassen und an seinen
edlem Papier gedruckt und hoch- Vers im «Dideldum»: «Musik wird
wertig gebunden. Besten Dank für oft nicht schön gefunden, weil sie
die ausgezeichnete Arbeit. stets mit Geräusch verbunden.» Ich
Robert Hastings, Wallisellen wandle ab und halte fest: «Fort- Folgen Sie uns:
schritt wird oft nicht schön gefun-
       
Dickes Kompliment den, weil er stets mit Wandel
Ich bin zwar kein CS-Kunde, verbunden.» Dennoch: Natürlich twitter.com/creditsuisse 
trotzdem erhalte ich regelmässig braucht’s Fortschritt! linkedin.com/company/credit-suisse
Ihr Bulletin. Dafür möchte ich mich Gustavo A. Lang, Brissago facebook.com/creditsuisse
bedanken, verbunden mit einem youtube.com/creditsuisse 
dicken Kompliment für die breite Sondernummer für einen
Palette der ausgewählten Themen. grossen Mann
Ich weiss dies sehr zu schätzen. Ich möchte Ihnen meine herzlichen Impressum
Peter Müller, Reckingen Glückwünsche aussprechen, so­-
Herausgeberin: Credit Suisse AG •
wohl dafür, dass Sie Alfred Escher, Projektverant­wortung: Steven F. Althaus,
Genug gearbeitet diesem grossen Mann, eine Sonder- Mandana Razavi • Mitarbeit: Jessica Cunti,
Philipp Fanchini, Katrin Schaad, Simon
Das Spezial zur Altersvorsorge las nummer widmen, als auch für die Staufer, Yanik Schubiger • Inhaltskonzept,
ich ganz genau durch, weil ich im Qualität der Artikel in dieser Redaktion: Ammann, Brunner & Krobath AG
(abk.ch) • Gestaltungskonzept, Layout,
Jahre 2020 meinen 65. Geburtstag Ausgabe.
Realisation: Crafft Kommunikation AG
feiere und in den wohlverdienten Henri Rougier, Chamoson (crafft.ch) • Fotoredaktion: Studio Andreas
Ruhestand treten darf. Glauben Sie Wellnitz • Druckvorstufe: n c ag (ncag.ch)
• Übersetzung: Credit Suisse Language &
wirklich, bei einer allfälligen Abstim­ Translation Services • Druckerei: Stämpfli
mung würde das AHV-Alter für Wir freuen uns über jeden AG • Auflage: 79 000
Frauen auf 65 Jahre, für Männer auf Leserbrief. Schreiben Sie uns per
Redaktionskommission: Oliver Adler, Felix
67 Jahre erhöht? Es würde wuchtig E-Mail an bulletin@abk.ch Baum­gartner, Gabriela Cotti Musio, Marzio
abgelehnt. Jeder, ob Frau oder Mann, oder per Post an Credit Suisse AG, Grassi, Anja Hochberg, Thomas Hürlimann,
Antonia König Zuppiger, Carsten Luther,
hat doch genug gearbeitet. Die Redaktion Bulletin, DBG, Jsabelle Reist, Manuel Rybach, Frank T.
Jungen jammern, dass sie bei ihrer 8070 Zürich Schubert, Daniel Stamm, Robert Wagner
Pensionierung keine AHV mehr
bekommen. Sie sollen zuerst mal
einzahlen. So, wie die ältere Genera- PERFORMA NCE

tion das jahrelang tat. neutral


Drucksache

Markus Schneider, Nidau No. 01-19-789804 – www.myclimate.org


© myclimate – The Climate Protection Partnership

Bulletin  1 / 2019 71
17 BENI BISCHOF

Was ist Ihre grösste persönliche Herausforderung?

Beni Bischof   ist ein vielfach prämierter Künstler aus der Ostschweiz. Er will Humor in die Kunst bringen, er sieht sich
in der Tradition der Hofnarren. Seine Stilmittel sind pointierte Zeichnungen und absurde Collagen.

72 Bulletin  1 / 2019
Swisscontact verbessert seit 60 Jahren die Bedingungen
für Unternehmerinnen und Unternehmer in Ländern, die vor
strukturellen Herausforderungen stehen. Dank der Unterstützung
durch die Credit Suisse kann Swisscontact den Unternehmen den
Zugang zu Finanzdienstleistungen erleichtern.

Zurzeit setzt Swisscontact über 120 Entwicklungsprojekte in


36 Ländern um. Der Fokus liegt auf der berufl ichen Aus- und
Weiterbildung, der Unternehmensförderung, dem Zugang zu
Finanzdienstleistungen und der Förderung einer klimafreundlichen
Wirtschaft. So schafft Swisscontact die Voraussetzungen Swisscontact
für einen sozial und ökologisch verantwortlichen Privatsektor, Swiss Foundation
der zur Armutsbekämpfung beiträgt. for Technical Cooperation

Wir schaffen Möglichkeiten. www.swisscontact.org

Bulletin  1 / 2019 73
IHR HAB
UND GUT IST
BEI UNS SICHER.
Als grösster Edelmetallhändler
in Europa bieten wir im Zentrum von
Zürich, Bleicherweg 41, und Genf,
Quai du Mont-Blanc 5, persönliche
Tresorfächer in sieben verschiedenen
Grössen an. Dies ermöglicht Ihnen
eine sichere und diskrete Aufbewahrung
Ihrer Dokumente oder Wertgegen-
stände in unserer Hochsicherheits-
anlage ausserhalb des Bankensektors.

DEGUSSA-
GOLDHANDEL.CH

Verkaufsgeschäfte:
Bleicherweg 41 · 8002 Zürich
Telefon: 044 403 41 10
Quai du Mont-Blanc 5 · 1201 Genf
Telefon: 022 908 14 00
Zürich I Genf I Frank fur t I Madrid I London