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Anthrop- Anz.

Ex ET Stuttgart, Mal 1905

‚Anthropologie in München 1918—1948


W.Gieseler, Tübingen
Jonanses RANKe, der erste Ordinarkus für Anthropologie an einer deutschen
Universität, starb 1916 als Inhaber des Lehrstuhls für Anthropologie in München
im nahezu vollendeten 80. Lebensjahr. Als sein Nachfolger übernahm Rupors
Manrix 1918 die Direktion des Anthropologischen Instituts der Universität sowie
der damit verbundenen Anthropologisch-Prähistorischen Sammlung des Bayeri-
schen Staates. Mit der ihmeigenen Tatkraft und Organisationsgabe ging er daran,
dasInstitut und die Sammlung neu zu ordnen und zu modernisieren. Es gelang
ihmdieses trotz der vorhandenen großen wirtschaftlichen und finanziellen Schwie-
rigkeiten der Nachkriegs- und Inflationsjahre in kurzer Zeit, so daß er sich an-
deren Aufgaben widmen konnte.
Aus großer Sorge um die mangelnde körperliche Entwicklung der Kinder
führte Manrın erstmals im Sommer 1921 an Münchener Schulkindern ausgedehnte
Messungen durch. Diese Untersuchungen wurden mit verschiedenen Mitarbeitern
in jährlichen Abständen wiederholt. Über einige der Ergebnisse aus denJahren 1921
bis1924 hat R. Manrıy noch selbst berichtet. Großes menschlichesInteresse brachte
er auch den ärztlichen Untersuchungen entgegen, die sich nach dem 1. Weltkrieg
— zunächst auf freiwilliger Basis — für die Studierenden langsam an den deut-
schen Universitäten einbürgerten. Schon im Wintersemester 1921/22 wurden
unter seiner Leitung anthropometrisch-ärztliche Untersuchungsstellen an der Uni-
versität Müncheneingerichtet, bei denen der ärztlichen Untersuchung anthropolo-
gische Messungen parallel gingen (Manrın 1924). Im Jahre 1923 wurde die von
ihm standardisierte Meßtechnik auf einem anderen Gebiet angewandt: Nahezu
5000 Turner und Sportler, die aus Anlaß des 13. Deutschen Turnfestes in Mün
hen zusammengekommen waren, wurden anthropologisch untersucht. Die Schu-
lung der Mitarbeiter und die Durchführung der Untersuchungen in nur 4 Tagen
waren eine organisatorische Meisterleistung. (Die wissenschaftliche Bearbeitung
der Männer hat F. Bach und die der Frauen A. Rorr vorgenommen.)
Reorganisation des Instituts, umfassende wissenschaftliche Untersuchungen,
Heranbildung neuer Schüler, Gründung des Anthropologischen Anzeigers (1924),
reger Gedankenaustausch mit vielen Änthropologen der Welt, alles dieses hat
Manrıss Kräfte übermäßig beansprucht und dazubeigetragen, ihn vorzeitig aus
seiner Arbeit und seinen Plänen herauszureißen. Am 11. Juli 1925 starb er im
Beginn seines 62. Lebensjahres. Nur 7 Jahre hatte er in München wirken können.
Als Nachfolger wurde Turovon Mortısox berufen, der damals in Breslau
lehrte. Am 1. 4. 1926 übernahm er das Münchener Ordinariat und die Leitung
der Anthropologischen Staatssammlung. (Die Prähistorische Sammlung wurde
unter FenpixaxD Binksen selbständig.) Mit Mo.1son kam ein Anthropologe nach
München, der der Maxrınschen Schule entstammte. Nach dem Medizin-Studium
zunächst eine ärztliche Praxis ausgeübt, diese aber nach einigen
Die Anthropologie in München 1918-1948. 29
Mouisos eine entscheidende Wendungin seiner wissenschaftlichen Arbeit durch
Übernahme einer Assistentenstelle am Anthropologischen Institut in Zürich‘). Hier
bei Runorr Marrın kam bald seine kritisch prüfende und sorgfältige Art des
Arbeitens und seine Neigung zum Ersinnen und Erproben neuer Instrumente und
Methoden zur Wirkung. War es in Zürich ein neuer Schädelhalter, das Ansteck-
‚goniometer und das Abweichungsdiagramm,die unser technisches und methodi-
sches Rüstzeug bereicherten, so kamen in München u. a. ein neuer, gut arbeitender
Dioptrograph, das Somatometer, ein praktischer Meßzylinder zur Bestimmung der
Schädelkapazität sowie neue Methoden zur Härtung und Abformung von Knochen
dazu. Dieser Hang zum „Basteln“ hat MorLison stets begleitet‘). Aber das war
nur ein Teil seines Wesens. Instrumente, Abformverfahren, Methoden der statisti-
schen Verarbeitung und der fotografischen und zeichnerischen Darstellung — um
nur einiges aus diesem Bereich herauszugreifen — dienten, wie bei jedem großen
Gelehrten, nur zur Ergänzung der eigentlichen wissenschaftlichen Probleme.
Tsopon MowL1sokam nach Münchenals ein Wissenschaftler, der sich durch
seine Proportionsstudien an Primaten einen Namen gemacht hatte, der als guter
Kenner der menschlichen Abstammungslehre galt und der Entscheidendes auf
serologischem Gebiet geschaffen hatte. Die vor 1912 mit Hilfe der Präzipitin-
reaktion begonnenen Verwandtschaftsuntersuchungen zwischen Mensch und Orang-
Utan wurden in München an anderen nichtmenschlichen Primaten fortgesetzt und
es gelang Moruisox in verschiedenen Arbeiten (zum Teil mit seinem Schüler
Can. v. Kaocn durchgeführt) der Nachweis, daß in der menschlichen Stammes-
geschichte und in seiner Ontogenese eine chemische Epigenese mit einem lang-
samen Größerwerden der artspezifischen Moleküle der Eiweißstruktur vorliegt
Durch Moruisons serologische Arbeiten ist die Serologie neben der Morphologie
zu einer wichtigen Erkenntnisquelle innerhalb der menschlichen Phylogenie ge-
worden. Diese Untersuchungen zur biologischen Eiweißdifferenzierung mußten
zu einem großen Teil mit sehr einfachen Hilfsmitteln durchgeführt werden. (Als
ich mit Moruison im Jahre 1951 das Tübinger Max-Planck-Institut für Virus-
forschung besuchte, und er dort eine moderne Ultrazentrifuge sah, entfuhr ihm
der Ausruf: „Oh, hätte ich die zur Verfügung gehabt!”)
Unter den übrigen Arbeiten, die in Moıiisons Münchener Zeit von seiner
Hand entstanden sind, sei verwiesen auf die umfassende, mit vorzüglichen Bildern
ausgestattete Darstellung über die „Phylogenie des Menschen“ (1933) im „Hand-
buch der Vererbungswissenschaft“. Aber auch in kleineren Arbeiten zeigte sich
sein Scharfsinn und seine Beobachtungsgabe. Auf mich hat einen ganz besonderen
Eindruck die 1996 erschienene Arbeit über die Ofnet-Schädel gemacht. Wie ich
haben vor mir und nach mir verschiedene Anthropologen als Assistenten der
Sammlung oder des Instituts in München die Ofnet-Schädel oft gesehen und den
Besuchern gezeigt. Einer hat sie sogar in einer Monographie beschrieben; aber
keiner von uns sah, was Mou1insoneines Tages entdeckte: an einer ganzen Reihe
der Ofnet-Schädel waren schwere Hiebverletzungen festzustellen. Diese beweisen,
daß die Ofnet-Leute eines gewaltsamen Todes gestorben sind, che manı die Köpfe
vom übrigen Körper trennte und diese dann mit Hirschgrandeln und Rötel kul-
isch bestattete. Auch die wiederholt diskutierten Verletzungen am Rhodesia-
schädel beschrieb er an Hand von vorzüglichen, von ihm selbst gefertigten Stereo-
1) Esisthier nicht der Ort, um Morxisos Lebenslauf und seine Arbeiten im ein-
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aufnahmen des Originals genauer. Er hielt sie und solche am Femur für Be-
nagungsspuren von Raubtieren?)
Mortisoxs Fähigkeit zur anschaulichen und originellen Darstellung auch ver-
wickelter Problemeerwies sich, als er daran ging, den schwäbischen Familienkreis
der Bardili-Burckhardt räumlich darzustellen. Der Familienforscher H. W. Ran
hatte 1997 auf die gemeinsame Abstammung von Hönentix, Untann, Scneuuung,
Mönıxe und anderen bedeutenden Schwaben hingewiesen. MoLLisoxs klare Er:
kenntnis, daß sich die weiten Verästelungen aller dieser Familien nicht auf dem
Papier darstellen ließen, führte ihn zur Konstruktion eines umfangreichen, drei-
dimensionalen Stammbaumes aus Kupfer und Messing, der bei seiner Vorführung
auf der 4. Tagung der Gesellschaft für Physische Anthropologie in Tübingen 1929
großes Aufsehen erregte. Noch mehr an Zeit und Erfindungsgabe widmete Mor-
L1sox dem Aufbau einer anthropologischen Schausammlung im Erdgeschoß der
Alten Akademie in München. Hier waren auf begrenztem Raum unter Mitwirkung
vor allem der Präparatoren W. Gaseı. und H. Hınscunupen Originale (Oldoway,
Ofnet, Neuessing) und Abgüsse fossiler Menschenrassen, Abformungen von Pri-
maten und lebenden menschlichen Rassenvertretern, Fundkarten und Schemata
und anderes mehr zu einer Sammlung zusammengestellt, die eine gute Orientie-
rung über die Paläanthropologie und die menschliche Rassenkunde erlaubte.
Warbisher von MorLisoxseigenen Arbeiten die Rede, so darf nicht verges-
sen werden, was seine Mitarbeiter und seine unmittelbaren Schüler unter seiner
Leitung in den Jahren bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges erarbeitet haben. Ich
beschränke mich auf die Dissertationen und erwähne einige, um die Breite der
Themenstellung zu zeigen. F. BacnwatER promovierte mit der Arbeit „Kopfform
und geistige Leistung“ und H. Ecxanpr, G. Gau. sowie E. Kerr, mit morphologi-
schen Untersuchungen über Zähne und Schädel des Orang-Utan. E. Breirincen,
der dann viele Jahre Assistent und Dozent am Münchener Institut war, legte eine
größere Arbeit über „Körperform und sportliche Leistung Jugendlicher“ vor.
H. Freisonmtacken fertigte hier seine bekannte Untersuchung „Über dieVererbung
der Augenfarbe“ an, eine Arbeit, die er dann an einem anderen Material in
‘Tübingen fortsetzte. Can. von Knocu wurde zum Mitarbeiter in MorLisons er-
folgreichstem Arbeitsgebiet, der Erforschung des arteigenen Eiweißes. G. Cxnax
erhielt ein Thema aus dem psychologischen Bereich „Über das psychomatorische
Tempo und die Rhythmik, eine rassenpsychologiscie Untersuchung“, während
P. Knaur sich den Problemen der Reihengräberbevölkerungen an Hand der Ske-
lette von München-Giesing widmete. Diese Aufstellung könnte noch wesentlich
erweitert werden. Sie zeigt aber schon, welch reges Leben am Moruisonschen In-
stitut herrscht.
In den Arbeitskreis des Münchener Instituts traten am Ende der Zwanziger
Jahre noch Sornir: Eimsanorsowie B. K. Schutz aus Wien ein. Mir selbst war es
vergönnt, von 1922—1930 in München zuarbeiten, zuerst als Doktorand, dann als
Assistent und Dozent. Es waren nur drei Jahre unter RvpoLr Marrıx und vier
unter Tuopon MouLison. Aber welch entscheidende Impulse hat Marrıx meinem
Leben gegeben und wieviel Anregungen und wertvolle Unterweisungen habe ich
MorLisox bei den täglichen, oft lang dauernden wissenschaftlichen Gesprächen zu
verdanken!
Yoruıson wurde im Frühjahr 1989 nach Vollendung des 65. Lebensjahres
— wie in jenen Jahren üblich war — emeritiert. Es gelang dem Vorstand unse-
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stattfindenden Tagung der Anthropologen eine große Zahl von Kollegen und
‚Freunden unseres Faches erschienen waren. Dann kam der 2. Weltkrieg, und im
Jahre 1944 wurde alles, was Jonanses Raxee, RuoLr MARTın und Taropon
Morzisox mit ihren Mitarbeitern in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen
hatten ein Raub der Flammen. Mouuisox danach sofort herangegangen, die
Reste des Instituts und die noch vorhandenen Mitarbeiter in seinem Privathaus zu
sammeln, bis dann unter Kanı. Sarzen der Wiederaufbau eines Instituts beginnen
konnte.
Alle, die einst in München am Anthropologischen Institut gearbeitet haben, kön-
nen nur wünschen, daß die alte traditionsreiche Forschungsstätte, die im Augen-
blick eine nicht kleine, aber provisorische Unterkunft gefundenhat, an anderer
Stelle in größerer und umfassenderer Weise neu ersteht!
Literatur
Bacı, F., 1926: Körperproportionen und Leibesübungen. — Z. Konstitutionslehre 12,
A052.
Giesen . W., 1939: Lebensbild Turovon Moutisons. — Arch, Rassen- u. Gesellschafts-
biol. 38, 187-189.
Kaas, P., 1953: In memoriam Tineoon Moruisox (1874—1952). — Z. Morph. Anthrop.
15, 16432,
Manrıx, R, 1924: Die Körperentwicklung Mündhener Volksschulkinder in den Jahren
1921, 1922 und 1923. — Anthrop. Anz. 1, 76-95.
— 1925: Die Körperentwicklung Münchener Volksschulkinder im Jahre 1924. — An-
Ahrop. Anz. 2, 59-68.
Manrın, R.,& Auexanpen,A, 1924: Anthropometrische undärztliche Untersuchungen an
Münchener Studierenden. — Münch. Med. Wschr. Nr. 11, 321—325.
(Ein Verzeichnis aller Originalarbeiten von R. Manrıv wurde im Anthropologi-
schen Anzeiger 2, 8. 15-17, veröfentlich.)
Morussos, Th. (Ein Verzeichnis sämtlicher von Th. Mouxison veröffentlichten Arbeiten
und die unter seiner Leitung angefertigten Dissertationen findensich bei Knaur, P.,
1953, Z. Morph. Anthrop. 45, 128132.)
Rorr, A, 1926: Körperbaustudien an deutschen Frauen. — Anthrop. Anz. 3, 39-45.