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Aufsätze

„Zusammenarbeit mit Baal"

Über die Mentalitäten deutscher


Geisteswissenschaftler 1933 - und nach 1945

von Otto Gerhard Oexle

„Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die
Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende
Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre j a so stark gewesen,
daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es j a gerade, was uns
Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht
den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Gei-
steswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschli-
chen Geistes nicht m e h r bestehen . . . "
(Leo Spitzer an Hugo Friedrich, 8. November 1946 1 )

1.

Ihre eigene Geschichte hat die deutschen Historiker eingeholt. Nach den jüng-
sten Debatten über Kooperationen mit dem Nationalsozialismus und ihrer Verar-
beitung' bei prominenten deutschen Wissenschaftlern der Zeit nach 1945 in
Rechtswissenschaft 2 , Germanistik 3 und Romanistik 4 , auch über die Frage der Tar-
nungen, der Amnesien und über die besonders schwierige Frage nach dem Schwei-
gen, wird die Vergangenheit prominenter Historiker der Nachkriegszeit vor 1945
eingehender als je zuvor und neu beleuchtet 5 . Der 42. Deutsche Historikertag in

1 Zitiert nach: Frank-Rutger Hausmann, „Aus d e m Reich der seelischen Hungersnot". Briefe
und D o k u m e n t e zur romanistischen Fachgeschichte im Dritten Reich, W ü r z b u r g 1993, S. 163 f.
- Einige der folgenden Überlegungen habe ich bereits in meinem Beitrag ,Die Fragen der Emi-
granten' in d e m unten A n m . 6 genannten Sammelband veröffentlicht. - Für hilfreiche Hinweise
danke ich Michael Härtel (Göttingen).
2 Michael Stolleis, Theodor Maunz - Ein Staatsrechtslehrerleben, in: Ders., Recht im Un-
recht. Studien zur Rechtsgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt a . M . 1994, S. 3 0 6 - 3 1 7 .
3 Darüber zuletzt, mit sehr unterschiedlicher Wertung: Ludwig Jäger, Seitenwechsel. Der Fall
Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanisten, München 1998; Claus Leggewie, Von
Schneider zu Schwerte. Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen
wollte, München - Wien 1998.
4 Otto Gerhard Oexle, Zweierlei Kultur. Zur Erinnerungskultur deutscher Geisteswissen-
schaftler nach 1945, in: Rechtshistorisches Journal 16 (1997), S. 3 5 8 - 3 9 0 , S. 373 ff. (über E.R.
Jauß). Zur Geschichte der Romanistik vor und nach 1933: Hausmann, „ A u s d e m Reich der see-
lischen Hungersnot", und ders., Auch eine nationale Wissenschaft? Die deutsche Romanistik un-
ter dem Nationalsozialismus, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 22 (1998),
S. 1 - 3 9 und 2 6 1 - 3 1 3 .
5 Martin Kröger/Roland Thimme, Die Geschichtsbilder des Historikers Karl Dietrich Erd-
mann vom Dritten Reich zur Bundesrepublik, München 1996; Götz Aly, Macht - Geist - Wahn.

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2 Otto Gerhard Oexle

Frankfurt am Main, im September 1998, stand im Zeichen der damit verbundenen


Fragen und zum Teil überaus heftigen Debatten6.
Aber es geht nicht nur um neues Wissen über Personen und neue Fragen dazu.
Nicht weniger bedeutsam erscheinen die erst jetzt gewonnenen Erkenntnisse über
Institutionen der Wissenschaft7 und vor allem über die erst jüngst zutagegetretenen
institutionellen Verflechtungen der deutschen Geschichtswissenschaft zwischen
1933 und 1945: die weitreichenden Netzwerke der Volksdeutschen Forschungsge-
meinschaften'8, der sogenannten .Ostforschung'9 und der ,Westforschung'10 und
des sogenannten „Kriegseinsatzes der Geisteswissenschaften"11. Die Beteiligung
von Geisteswissenschaftlern am organisierten Raub von Kulturgütern12 und die En-
gagements selbst der so .unpolitischen' Musik und Musikwissenschaft 13 sind sicht-
bar geworden. Und bei alledem wird die personelle Identität deutscher Führungs-
schichten vor und nach 1945 in peinlicher Weise deutlich14.

Kontinuitäten deutschen Denkens, Berlin 1997, S. 153 ff.; Michael Matthiesen, Verlorene Identi-
tät. Der Historiker Arnold Berney und seine Freiburger Kollegen, Göttingen 1998 (über Hermann
Heimpel); Wolfgang Behringer, Von Krieg zu Krieg. Neue Perspektiven auf das Buch von Gün-
ther Franz „Der Dreißigjährige Krieg und das deutsche Volk" (1940), in: Benigna von Krusen-
stjern/Hans Medick (Hg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der
Nähe, Göttingen 1999, S. 543-591; Ders., Bauern-Franz und Rassen-Günther. Die politische Ge-
schichte des Agrarhistorikers Günther Franz (1902-1992), in: Schulze/Oexle (Hg.), Deutsche Hi-
storiker; Pierre Racine, Hermann Heimpel à Strasbourg, in: Schulze/Oexle (Hg.), Deutsche Hi-
storiker, und den in demselben Band veröffentlichten Beitrag von Peter Schöttler (,Von der rhei-
nischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte') über F. Steinbach und F. Petri.
6 Dazu die Eröffnungsrede des Vorsitzendes des Verbandes der Historiker Deutschlands, Jo-
hannes Fried, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 46 (1998), S. 869-874. Die Vorträge und
Diskussionsbeiträge der Sektion über Historiker im Nationalsozialismus in: Winfried Schul-
ze/Otto Gerhard Oexle (Hg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 1999.
Vgl. Jürgen Kocka, Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, in: Universitas 53 (1998),
S. 1052-1062; Winfried Schulze, Vergangenheit und Gegenwart der Historiker, in: Geschichte in
Wissenschaft und Unterricht 50 (1999), S. 67-73.
7 Notker Hammerstein, Die Deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und
im Dritten Reich. Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur, München 1999.
8 Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volks-
deutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931 bis 1945, Baden-Baden 1999.
9 Ingo Haar, „Revisionistische" Historiker und Jugendbewegung: Das Königsberger Beispiel,
in: Peter Schöttler (Hg.), Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945,
Frankfurt a. M. 1997, S. 52-103. Zur historischen „Ostforschung" zuletzt die Beiträge von G. Aly,
W.J. Mommsen, I. Haar, M. Fahlbusch, H. Mommsen und M. Beer, in dem Sammelband .Deut-
sche Historiker im Nationalsozialismus'.
10 Peter Schöttler, Die historische „Westforschung" zwischen „Abwehrkampf' und territoria-
ler Offensive, in: ders. (Hg.), Geschichtsschreibung, S. 204-261. Dazu auch der Beitrag Schütt-
lers in: Schulze/Oexle (Hg.), Deutsche Historiker.
11 Frank-Rutger Hausmann, „Deutsche Geisteswissenschaft" im Zweiten Weltkrieg. Die „Ak-
tion Ritterbusch" (1940-1945), Dresden - München 1998.
12 Willem de Vries, Sonderstab Musik. Organisierte Plünderungen in Westeuropa 1940-45,
Köln 1998.
13 Michael H. Kater, Die mißbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich, München-Wien 1998.
14 Dazu außerdem Götz Aly/Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die
deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt a. M. 1993; Götz Aly, „Endlö-
sung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt a. M. 1995; Ute
Deichmann, Biologen unter Hitler. Portrait einer Wissenschaft im NS-Staat, Frankfurt a. M. 1995;

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.Zusammenarbeit mit Baal" 3

Zwei Fragen, so scheint mir, liegen hier besonders nahe und stehen in engerem
Zusammenhang: Zum einen die Frage nach der „Resonanzfahigkeit" (H. Plessner)
des Nationalsozialismus bei Wissenschaftlern, Intellektuellen, Professoren, insbe-
sondere im Jahre 1933, zum anderen die Frage nach dem, was sich daraus nach
1945 ergab. Die Frage nach ,1933' wirft auch die nach ,1945' auf.
Es ist wohl mehr als ein bloßer Zufall, wenn der britische Historiker Ian Kershaw
gerade jetzt, in seinem 1998 erschienenen Buch über Hitler, erneut die Frage stellt,
„wie Hitler möglich war". Wie kam es z.B., daß „hochqualifizierte ,Profis' und
kluge Köpfe aus allen Milieus sich bereitfanden, unkritisch einem Autodidakten zu
gehorchen, dessen einzige unumstrittene Begabung darin bestand, die niedrigen
Empfindungen der Massen aufzupeitschen"? Wenn aus den „gegebenen Charakter-
eigenschaften Hitlers" eine befriedigende Antwort auf diese Frage nicht hervorge-
he, dann müsse man die Antwort „vornehmlich in der deutschen Gesellschaft su-
chen - in den sozialen und politischen Motivationen, die Hitler möglich gemacht
haben". Ziel der Untersuchung von Kershaw ist es deshalb, die „Motivationen" frei-
zulegen, die so viele Menschen zu Zustimmung und Gehorsam veranlaßt haben 15 .
Aber vielleicht ist Kershaws Frage nach den „Motivationen" zu eng gefaßt, weil
sie vor allem auf die Rationalität politischen und gesellschaftlichen Verhaltens zielt.
Vielleicht ist es richtiger, nach Dispositionen zu fragen. Damit wäre die Frage im
Sinne einer Mentalitätengeschichte gestellt. Denn unter Mentalitäten verstehen wir
die Gesamtheit von Denkformen - Vorstellungen, Weltbilder, Wissen - und Emp-
findungsweisen, von kognitiven, ethischen und affektiven Dispositionen bei Indivi-
duen und Gruppen 16 . Es geht dann zum Beispiel nicht mehr nur um politische
Ideen und .Ideologien', es geht vielmehr um umfassendere, totalere' Strukturen
und Schichten des Individuums und seines Denkens und Handelns. Es entfällt dann
auch die gängige Unterscheidung von .rationalem' und irrationalem' Denken und
Handeln, die eher die Hilflosigkeit der Historiker zeigt, wenn sie ,1933' erklären
sollen.
Kershaw hat seine Frage durchaus auch im Hinblick auf die Intelligenz', die in-
tellektuellen, akademischen, gebildeten', .bildungsbürgerlichen',Profis' 17 gestellt,
also z. B. die Universitätsprofessoren. In seiner Darstellung nehmen sie allerdings
nur geringen Raum ein und sind lediglich anhand weniger und bekannter Beispie-
le wie Martin Heidegger, Carl Schmitt, Ernst Bertram repräsentiert. Die Motivation
- so Kershaw - habe hier in der Verbindung von „fehlgeleitetem Idealismus" und

Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft,
1903-1989, Bonn 1996; Lutz Hochmeister, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers
Franz Alfred Six, München 1998; Hans-Peter Kröner, Von der Rassenhygiene zur Humangene-
tik. Das Kaiser-Wilhelm-Institut fur Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik nach dem
Kriege, Stuttgart u.a. 1998. Dazu die Analyse von Ulrich Herbert, Deutsche Eliten nach Hitler,
in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 8 (1999), S. 6 6 - 8 2 .
15 ¡an Kershaw, Hitler 1889-1936, Stuttgart 1998; die Zitate S. 8 f., 17.
16 Ulrich Raulff, Vorwort. Mentalitäten-Geschichte, in: ders. (Hg.), Mentalitäten-Geschichte.
Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse, Berlin 1987, S. 7 - 1 7 , S. 9 ff.
17 Zur Begrifflichkeit die Beiträge in Gangolf Hübinger/Wolfgang J. Mommsen (Hg.), Intel-
lektuelle im deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M. 1993.

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4 Otto Gerhard Oexle

„Karrierismus" gelegen 18 . Aber auch hierin erscheint Kershaws Sichtweise als zu


eng. Denn hätte es sich nur darum gehandelt, dann bliebe die überwältigende Zu-
stimmung, die Hitler und die Nazi-Bewegung in den Milieus gerade der deutschen
Universitäten fand, blieben die offenkundigen „Affinitäten" zwischen diesen Ver-
tretern des deutschen Bildungsbürgertums und den Nationalsozialisten unbegreif-
lich.

2.

Der Begriff der ,Mentalität' wurde zuerst in Frankreich um 1900 in den innen-
politischen Auseinandersetzungen der Dreyfus-Affare in beiden politisch-intellek-
tuellen Lagern als Kampfbegriff verwendet, wie Ulrich Raulff gezeigt hat. Diesen
Kampfbegriff haben der Soziologe Émile Durkheim und seine Schüler in einen wis-
senschaftlichen Begriff transformiert, der sich auf die „kollektiven Vorstellungen"
und die intersubjektiven Bindungen innerhalb einer Gesellschaft bezieht 19 . Warum
aber hat sich die ,Erfindung' dieses Begriffs gerade zu diesem Zeitpunkt vollzo-
gen? Ich nehme an, daß sich in dem Begriff eine grundlegende politisch-soziale Er-
fahrung niederschlug. Sie war konstituiert durch das Erlebnis der Dreyfus-Affare
als eines neuartigen und grundlegenden Ereignisses der Moderne 20 , nach dem für
die französischen Intellektuellen „nichts mehr so (war) wie zuvor" 21 .
In Deutschland verlief die Geschichte des Begriffs des intellektuellen' und dem-
zufolge auch die des Begriffs der ,Mentalität' anders 22 . Sie setzte später ein. Erst
durch den Weltkrieg und den Zusammenbruch von 1918 waren gewissermaßen die
Voraussetzungen dafür geschaffen. Im Jahr 1919 veröffentlichte der Philosoph Karl
Jaspers seine ,Psychologie der Weltanschauungen', mit der er den Weg zum Begriff
der ,Mentalität' bahnte, wie seine Definition von .Weltanschauung' zeigt: „Weltan-
schauung", so Jaspers, „ist nicht bloß ein Wissen, sondern sie offenbart sich in Wer-
tungen, Lebensgestaltung, Schicksal, in der erlebten Rangordnung der Werte"; sie
ist „seelisches Geschehen", eine „Totalität", ein „Erlebnisstrom", in dem „das Ur-
phänomen eingebettet (ist), daß das Subjekt Objekten gegenübersteht" 23 .
Die eigentliche ,Erfindung' des Mentalitäten-Begriffs erfolgte in Deutschland
aber erst 1932, und zwar bezeichnenderweise im Kontext der Krise der Weimarer
Republik und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozia-
lismus.

18 Kershaw, Hitler, S. 607.


19 Ulrich Raulff, Die Geburt des Begriffs. Reden von .Mentalitäten' zur Zeit der Affare Drey-
fus, in: ders. (Hg.), Mentalitäten-Geschichte, S. 50-68.
20 Christophe Charle, Naissance des „Intellectuels" 1880-1900, Paris 1990.
21 Deri., Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1997,
S. 186 f.
22 Gangolf Hübinger, Die Intellektuellen im Wilhelminischen Deutschland. Zum Forschungs-
stand, in: ders./Mommsen (Hg.), Intellektuelle, S. 198-210.
23 Karl Jaspers, Psychologie der Weltanschauungen (1919), München-Zürich 1985, S. 1 und
21.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 5

In seinem Buch über ,Die soziale Schichtung des deutschen Volkes' stellte der
Soziologe Theodor Geiger (1891-195 2) 24 die Frage nach den Zusammenhängen
zwischen „Soziallagen" und „Figuren der Mentalität" beim Aufstieg des National-
sozialismus. Er definierte dabei den Unterschied zwischen .Ideologie' (als Doktrin
und Theorie, als „geistigem Gehalt" und „Überzeugungsinhalt", der gelehrt und
verbreitet werden kann) und ,Mentalität': ,Mentalität' ist „geistig-seelische Dispo-
sition", ist „Haltung", ist „Lebensrichtung"; und, sehr anschaulich: „Mentalität ist
eine Haut - Ideologie ein Gewand". Geiger erörterte „Wirtschaftsmentalitäten" und
„staatspolitisch-nationale Mentalitäten" gerade wegen der Schwierigkeit, die natio-
nalsozialistische „Bewegung" zu beurteilen, was aufgrund ihrer ,Ideologie', des
Programms des Nationalsozialismus, allein nicht möglich sei. Deshalb bleibe „nur
die Beurteilung auf Grund des Eindruckes, den der gewissenhafte Beobachter vom
Stil der Bewegung, vom Verhalten ihrer Organe, von der Entwicklung ihres An-
hangs gewinnt". Diese „Dinge" seien - wie Geiger 1932 klarsichtig bemerkte - für
die Zukunft der Bewegung übrigens auch viel wesentlicher als Programmpunkte.
Auf diese Fragen richtete sich mit dem Jahr 1933 das Interesse auch des damals
aus Deutschland vertriebenen Anthropologen und Soziologen Helmuth Plessner
(1892-1985), und zwar in seinem 1935 im holländischen Exil veröffentlichten
Buch ,Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche'.
Unter dem eher irreführenden Titel ,Die verspätete Nation' wurde es 1959 noch
einmal veröffentlicht 25 . Thema des Buches war - wie Plessner in seiner Einführung
zum Neudruck erläuterte - die „Resonanzfahigkeit für die nationalsozialistische
Politik und Ideologie" bei Intellektuellen und im Bildungsbürgertum. Wie konnte
es einer „Handvoll Parias" mit ihrer „Mythologie des rassischen Ressentiments"
gelingen, bei Intellektuellen und Bildungsbürgern so viel Zustimmung zu bekom-
men und so erfolgreich zu sein? Plessner wollte wissen, in welcher Weise die den
Ereignissen von 1933 vorangehenden „Zeiten der Desorientierung" zugleich „Zei-
ten gesteigerter intellektueller Sensibilität" waren. Denn aus den unmittelbaren po-
litischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten - ,Versailles', Inflation, Arbeitslosig-
keit usw. - könne die sogenannte Machtergreifung der Nazis „nur bedingt" verstan-
den werden. Plessner fragte deshalb nach Mentalitäten und Dispositionen: nach den
„Wunsch- und Haßbildern", nach der „Vorstellungswelt", nach der „Form unseres
nationalen Selbst- und Leitbildes". Und er fragte nicht nur nach den Inhalten sol-
cher Vorstellungen und Bilder, sondern auch - wie er formulierte - nach der „Emo-
tionalität" und dem „Gestus" der politisch-sozialen Ideen.
Die Wechselfalle der Geschichte des Mentalitäts-Begriffs und der .Mentalitäten-
geschichte' seit Beginn unseres Jahrhunderts, die Transformationen, Verengungen,
erneuten Rezeptionen sowie die Versuche, diesen Begriff zu ersetzen, brauchen hier

24 Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch
auf statistischer Grundlage, Stuttgart 1932, S. 77, 82 ff., 109 ff. ÜberTh. Geiger die Beiträge in:
Theodor Geiger - Soziologe in einer Zeit „zwischen Pathos und Nüchternheit". Beiträge zu Le-
ben und Werk, hg. v. Siegfried Bachmann, Berlin 1995.
25 Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verfuhrbarkeit bürgerlichen
Geistes, Stuttgart 1959. Die Zitate hier S. 11 f., 15 f., 83 und 85.

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6 Otto Gerhard Oexle

nicht erörtert zu werden 26 . In Deutschland blieben die mit der Frage nach dem Er-
folg und der Durchsetzung des Nationalsozialismus verbundenen Ansätze von Gei-
ger und Plessner Episode. Sie wurden nach 1945 nicht wieder aufgegriffen. Men-
talitätengeschichte wurde dann, seit den 1970er Jahren vor allem, aus Frankreich
importiert - übrigens mit erheblichen Reduktionen des dort mit diesem Begriff ur-
sprünglich Gemeinten. Festzuhalten bleibt, vor allem von den mentalitätsgeschicht-
lichen Ansätzen eines Marc Bloch 27 , daß die französische sozialgeschichtliche For-
schung sich immer darüber im klaren blieb, daß die Menschen sich in ihrem Han-
deln nicht einfach an ,realen' Gegebenheiten ausrichten, sondern vielmehr an dem
Bild, das sie sich davon gemacht haben. In dieser fundamentalen Erkenntnis war
und ist die Bedeutung und universelle Reichweite einer Mentalitäten-Geschichte
begründet.
Es bleibt festzuhalten, daß die Entstehung des Begriffs der,Mentalität' in Frank-
reich um 1900 wie in Deutschland in der Krise der Weimarer Republik und um
1933 mit spezifischen politisch-sozialen Erfahrungen verknüpft war. Die im Be-
griff der ,Mentalität' konstituierten Fragen und Problemstellungen können deshalb
genutzt werden, um die Ereignisse von 1933 zu beleuchten. Andere Arten der Fra-
gestellung sollen damit nicht ersetzt, sondern lediglich ergänzt, andere Momente
des Geschehens nicht ignoriert, sondern zusätzlich beleuchtet werden.

3.

In seinem Buch ,Dichtung in finsteren Zeiten. Deutsche Literatur und Faschis-


mus' (1998) hat der Literaturwissenschaftler Ralf Schnell den Versuch einer
„Strukturbestimmung" von „nationalsozialistischer Dichtung" unternommen 28 . Er
fuhrt seine Untersuchung - im Sinne der von Theodor Geiger 1932 getroffenen Un-
terscheidung - nicht ideologie-geschichtlich, sondern mentalitäten-geschichtlich.
Die Merkmalbestimmungen von „nationalsozialistischer Dichtung" sind demnach
nicht ausreichend definiert, wenn man nur auf,Themen' wie Antisemitismus, Ras-
senpolitik, Führerprinzip, Kampf gegen den Bolschewismus, Kampf gegen die
westlichen sogenannten „Plutokratien" usw. achtet. An ein Diktum des NS-Lyrikers
Gerhard Schumann von 1937 - „nicht der Stoff, sondern die Haltung" definiere den
„nationalsozialistischen Künstler" - anknüpfend 29 , versucht Schnell Elemente die-
ser „Haltung" zu benennen: die Momente der Bewegung und des Aufbruchs; der

26 Otto Gerhard Oexle, Geschichte der Mentalitäten, in: Klaus Bergmann u. a. (Hg.), Hand-
buch der Geschichtsdidaktik, Seelze - Velber 5 1997, S. 208-213. Wichtig die Überlegungen von
Raulff', Mentalitäten-Geschichte, Vorwort.
27 Vgl. dazu Ulrich Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch, Frankfurt a. M.
1995, S. 268 ff.; Otto Gerhard Oexle, „Une science humaine plus vaste". Marc Bloch und die Ge-
nese einer Historischen Kulturwissenschaft, in: Peter Schöttler (Hg.), Marc Bloch - Historiker
und Widerstandskämpfer, Frankfurt-New York 1999, S. 102-144.
28 Ralf Schnell, Dichtung in finsteren Zeiten. Deutsche Literatur und Faschismus, Reinbek
1998, S. 100 ff.
29 Ebd. S. 103.

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dualistischen Rebellion gegen das,Andere'; die Bewegung der Heimkehr; das Mo-
ment einer profanen Sakralität; die literarische Organisierung von Massen- und Ge-
meinschaftssymbolen; das Motiv der „unsichtbaren Massen" (nach einem Begriff
von Elias Canetti), nämlich der unsichtbaren Toten und ihrer angeblichen Mahnun-
gen und Vermächtnisse; die Haltung der Monumentalität und Auktorialität; die
Suggestion eines implizierten Einverständnisses mit dem Leser; das bewußte ästhe-
tische Epigonentum, welches ungebrochen Elemente des tradierten Formenkanons
übernimmt, um diese nationalsozialistisch' aufzuladen, womit sich die nationalso-
zialistische „Dichtung" fundamental von allen Spielarten faschistischer Literatur
(Ezra Pound, Marinetti, Céline usw.) unterscheidet.
Mit analogen Fragen nach entsprechenden Haltungen, Dispositionen und menta-
len Konfigurationen bei Juristen, Soziologen, Philosophen, Kunsthistorikern, Theo-
logen und Historikern ist man, soweit ich sehe, noch nicht umfassend genug vor-
angekommen. Vielleicht lohnt es sich, emotionell hoch besetzte Schlüssel-Wörter 30
zu vergegenwärtigen, in denen sich 1933 solche „Haltungen", „Dispositionen" und
„Lebensrichtungen" konkretisierten.
Am meisten wissen wir vermutlich über die mit dem Wort .Gemeinschaft' ver-
knüpften Dispositionen, vor allem dank früher Arbeiten von juristischer Seite, ins-
besondere von Bernd Rüthers und Michael Stolleis sowie neuerdings von Oliver
Lepsius 31 , und durch Frank-Rutger Hausmanns Darstellung des geisteswissen-
schaftlichen „Gemeinschaftswerks" 32 . Der Begriff der .Gemeinschaft', seit Ferdi-
nand Tönnies Signalwort eines gegen die Moderne gerichteten Mediävalismus 33 ,
gewann durch das ,Gemeinschafts'-Erlebnis von 1914, durch die „Frontgemein-
schaft", die Katastrophe von 1918 und den Verlust aller Sicherheiten in der ,Infla-
tion' eine ungeheure Wirkung, in der sich der Kampf gegen die Republik und die
Demokratie konkretisierte; nach der „Machtergreifung" von 1933 wurde die Ver-
breitung geradezu inflationär. Der ,Sinn' einer Verwendung des hochgradig affek-
tiv besetzten und nur durch negative Ausgrenzungen gewissermaßen zusammenge-
haltenen Begriffs war eindeutig: „Zum einen konnte er verwendet werden, um Sy-
stemkonformität zu suggerieren. Alle Gemeinschaftsvorstellungen hatten die
terminologische Vermutung nationalsozialistischer Affinität. Zum anderen konnte
aber auch versucht werden, mittels des Gemeinschaftsbegriffs seinerseits die natio-

30 Vgl. auch den Ansatz und die Ergebnisse von Wendula Dahle, Der Einsatz einer Wissen-
schaft. Eine sprachinhaltliche Analyse militärischer Terminologie in der Germanistik 1 9 3 3 - 1 9 4 5 ,
Bonn 1969.
31 Bernd Rüthers, Die unbegrenzte Auslegung. Zum Wandel der Privatrechtsordnung im Na-
tionalsozialismus, Tübingen 1968 und Frankfurt a.M. 1973; Ders., Entartetes Recht. Rechtsleh-
ren und Kronjuristen im Dritten Reich, München 2 1989; Michael Stolleis, Gemeinschaft und
Volksgemeinschaft. Zur juristischen Terminologie im Nationalsozialismus, in: Ders., Recht im
Unrecht, S. 9 4 - 1 2 5 ; Oliver Lepsius, Die gegensatzaufhebende Begriffsbildung. Methodenent-
wicklungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zur Ideologisierung der Rechtswissen-
schaft im Nationalsozialismus, München 1994.
32 Hausmann, „Deutsche Geisteswissenschaft".
33 Dazu und zum Kontext: Otto Gerhard Oexle, Die Moderne und ihr Mittelalter. Eine folgen-
reiche Problemgeschichte, in: Peter Segl (Hg.), Mittelalter und Moderne. Entdeckung und Re-
konstruktion der mittelalterlichen Welt, Sigmaringen 1997, S. 3 0 7 - 3 6 4 , S. 325 f.

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8 Otto Gerhard Oexle

nalsozialistische Ideologie in eine bestimmte, von den Intentionen des Interpreten


abhängige, Richtung zu lenken" 34 . Gerade die Unbestimmtheit des Begriffs ver-
sprach die Aufhebung und Vermittlung aller Gegensätze, unter denen man litt: von
,Natur' und ,Geist', von Sein und Sollen, Faktizität und Normativität, objektivem
Wert und subjektiver Wertung; darin lagen starke Partizipationsanreize mit der Er-
wartung der Chance einer Durchsetzung eigener Ziele 35 , während die Traditions-
bestimmtheit des Gemeinschaftsbegriffs und seine Verwurzelung in älteren Debat-
ten über die qualitative Veränderung der Denkformen, der Intentionen derer, die
den Begriff verwendeten, und der politischen Strukturen, auf die sie sich bezogen,
hinwegzusehen erlaubte. Die Konkretisierung konnte dann über den Führergedan-
ken erfolgen (dem neben dem „Rasse"-Gedanken einzigen materiellen Inhalt der
NS-Weltanschauung). Dies kennzeichnet die nationalsozialistische ,Ideologie' und
erklärt die zahlreichen Affinitäten, die sie möglich machte, ja auf sich zog: „Die
Nichtkanonisierbarkeit der Ideologie und die Letztentscheidungskompetenz des
Führers führten zur Offenheit und Interpretationspluralität einer Ideologie, deren
Grundlagen weitgehend konturlos waren und durch den Leitsatzcharakter eine In-
terpretation gerade herausforderten", wie Oliver Lepsius treffend festgestellt hat 36 .
Der Begriff der .Gemeinschaft' erlaubte, ja forderte geradezu das Dabei-Sein und
eine aktive Mitgestaltung der Ereignisse, auch - und wohl gerade dann - wenn man,
wie das bei Intellektuellen und Professoren gewiß in der Regel der Fall war, vieles
an diesen Ereignissen mißbilligte und jedenfalls nicht allem zustimmte 37 .
Dies erklärt, warum Gelehrte, wie der Germanist Richard Benz, oder Intellek-
tuelle wie Gottfried Benn sogar im Terror der „braunen Bataillone" ein Sinnbild
geistiger Erneuerung, das Zeichen für den Beginn eines neuen „Zeitalters des Gei-
stes" (G. Benn) zu sehen geneigt waren 38 . Dies erklärt auch, warum solche im Be-
griff der,Gemeinschaft' fokussierten Dispositionen und Haltungen seit 1933 so au-
ßerordentlich rasch praktisch werden konnten. Zum Beispiel wenn Juristen wie
Karl Larenz, Franz Wieacker, Erik Wolf und viele andere, ohne dazu aufgefordert
zu sein, die Idee der subjektiven Rechte, also der Freiheitsrechte und der Gleich-
heit des Individuums, verworfen und an deren Stelle die systematische Konstruk-

34 Lepsius, Die gegensatzaufhebende Begriffsbildung, S. 62.


35 Ebd. S. 68 f. und 108.
36 Ebd. S. 105.
37 Signifikant erscheint die Antwort, die (nach eigenem Bekunden) der Mittelalterhistoriker
Percy Ernst Schramm 1937 (anläßlich seiner Teilnahme an der Krönungsfeier für Georg VI.) dem
Bischof von Canterbury auf dessen Frage gab, ob er ein Nazi sei: „Hinsichtlich der Wiederauf-
rüstung (Gleichgewicht der Kräfte) 200prozentiger Nazi. Hinsichtlich ,Arbeitsfrieden', Festigung
des Bauerntums, .Kraft durch Freude' 1 OOprozentiger Nazi. Rassentheorie, Germanenkult, Bil-
dungspolitik, NS-Weltanschauung: 1 OOprozentiger Gegner. Ich sei kein Mitglied der Partei und
müsse mir daher jeden Abend erneut die Frage vorlegen, wie weit ich den Zielen der Partei zu-
stimme, wie weit ich sie ablehne. Die Antwort laute jeden Abend anders - das ist nicht nur mein
Schicksal, sondern das der deutschen Intelligenz überhaupt". Zitiert nach: Joist Grolle, Der Ham-
burger Percy Ernst Schramm - ein Historiker auf der Suche nach der Wirklichkeit, Hamburg
1989, S. 33 f.
38 Richard Benz, Geist und Reich. Um die Bestimmung des Deutschen, Jena 1933, S. 3 f.;
Gottfried Benn, Rede auf Stefan George (1934), in: ders., Essays und Reden in der Fassung der
Erstdrucke, Frankfurt a.M. 1989, S. 479-490, S. 488.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 9

tion eines gemeinschaftsgebundenen Rechts errichtet haben, dessen Gehalt dann


„völkisch" und alsbald auch „rassisch" definiert werden konnte 39 . Die inzwischen
berüchtigte Maxime, die der Mediävist Hermann Aubin im Kontext der sogenann-
ten Ostforschung am 18. September 1939 seinem Kollegen Albert Brackmann über-
mittelte: die Wissenschaft könne „nicht einfach warten, bis sie gefragt wird", sie
müsse „sich selber zu Worte melden" 40 , hat bei den Juristen, und gewiß nicht nur
bei diesen, also schon 1933 die Praxis der Wissenschaft bestimmt. Wilhelm Pinder,
der führende deutsche Kunsthistoriker der Zwischenkriegszeit, erklärte in seinen
Reden des Jahres 1933: „Stil ist Glaube und Gemeinschaft und gemeinschaftlicher
Glaube". Der Nationalsozialismus bahne den „Weg zu einer neuen Gemeinschaft".
Mit dieser Überzeugung sah Pinder sich in der Lage, in der gesamten bisherigen
europäischen Kunst „gesunde" und „normale" sowie „ungesunde" und „nicht nor-
male" Stile zu unterscheiden, wobei die Kunst der Moderne seit dem Ende des Mit-
telalters, spätestens seit dem 18. Jahrhundert, als eine „ungesunde" und „nicht nor-
male" verworfen wurde 41 . Sogar diese - von anderen Kunsthistorikern geteilten -
Auffassungen sind sogleich praktisch geworden: in der Ausgrenzung und Vernich-
tung .Entarteter Kunst' nämlich, und in der Ächtung und Verfolgung von Künst-
lern. Zu erinnern ist auch an die ,Gemeinschafts'-Bauten deutscher Architekten vor
wie nach 1933 42 . Ebenso steht der ,Gemeinschafts'-Gedanke hinter der Entrech-
tung von Menschen als „Gemeinschaftsfremden" in der anthropologischen und
psychiatrischen Forschung, vor und vor allem nach 1933, während Musiker, Kom-
ponisten und Musikwissenschaftler im Verein mit Kirchenmännern und Vertretern
der Nazi-Partei die politische Rolle der Orgel als eines „Instruments der Gemein-
schaft" und des „totalen Instruments des totalen Staates" propagierten, und die auf
Wunsch Hitlers 1935 auf dem Nürnberger Parteitagsgelände gebaute größte Orgel
Europas beim Parteitag 1936 von dem bekanntesten deutschen Organisten, dem
späteren (1939) Thomaskantor Günther Ramin, vorgeführt wurde 43 .
Ein Schlüsselwort eigener Art ist .Ordnung'. Im Gegensatz zu Gemeinschaft'
wurde es bisher nicht systematisch untersucht. Auch in diesem Fall geht die men-
tale Disposition durch alle wissenschaftlichen Disziplinen. Bekannt ist das von dem
Staatsrechtler Carl Schmitt konzipierte „konkrete Ordnungsdenken" und seine Wei-
terentwicklungen bei Karl Larenz und anderen 44 , das sich auf Gemeinschaften' be-
zieht und die Möglichkeit eröffnet, aus scheinbar faktisch vorgegebenen, lebendi-
gen' und ,organischen' Gemeinschaften neue Rechtsnormen abzuleiten. Die schon

39 Rüthers, Entartetes Recht.


4 0 Aly, Macht - Geist - Wahn, S. 179. Über Brackmann: Michael Burleigh, Germany turns
eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich, Cambridge 1988, S. 43 ff.
41 Otto Gerhard Oexle, Das Mittelalter und das Unbehagen an der Moderne. Mittelalterbe-
schwörungen in der Weimarer Republik und danach, in: ders., Geschichtswissenschaft im Zei-
chen des Historismus. Studien zu Problemgeschichten der Moderne, Göttingen 1996,
S. 1 3 7 - 1 6 2 , S. 156ff.
42 Werner Durth, Deutsche Architekten. Biographische Verflechtungen 1 9 0 0 - 1 9 7 0 , Braun-
schweig/Wiesbaden 2 1987.
43 Benno Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und
Geisteskranken 1 9 3 3 - 1 9 4 5 , Reinbek 1984, S. 87 f.; Kater, Die mißbrauchte Muse, S. 331 ff.
4 4 Dazu Rüthers, Entartetes Recht.

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10 Otto Gerhard Oexle

bei Cari Schmitt vorbereitete Übertragung des „konkreten Ordnungsdenkens" auf


die mittelalterliche Geschichte (das „germanische Rechtsdenken des Mittelalters"
sei „durch und durch konkretes Ordnungsdenken" gewesen, so Schmitt 1934) wur-
de von dem Mittelalterhistoriker Otto Brunner 1937 auf dem Historikertag in Er-
furt programmatisch gefordert und dann in seinem Buch ,Land und Herrschaft'
1939 realisiert 45 .
Eine Suggestivität besonderer Art war dem Gedanken vom ,Reich' als „europä-
ischer Ordnungsmacht" eigen, wie der Titel eines etwas später erschienenen Buches
von Richard Ganzer (1941) lautete. Illuminierend ist hier das Beispiel des Mittel-
alterhistorikers Hermann Heimpel. In seiner im Rahmen der öffentlichen Vorle-
sungsreihe der Universität Freiburg über .Aufgaben des geistigen Lebens im natio-
nalsozialistischen Staate' 1933 gehaltenen Rede Deutschlands Mittelalter -
Deutschlands Schicksal' erläuterte Heimpel das „Dritte Reich" der Nationalsozia-
listen als die legitime Fortsetzung des „mittelalterlichen Reiches", von dem das
Dritte Reich „eben das (aufnehme), was der Gegenwart Reich sein soll: Einheit,
Herrschaft des Führers, reine Staatlichkeit nach innen, abendländische Sendung
nach außen". Das Mittelalter sei „uns das Urbild eines aus der Kraft seiner Mitte
geordneten Europa", gerade gegenüber dem „östlichen Völkergeröll", den „Stäm-
men und Stämmchen der Slaven" in der „gestalt- und endlosen Weite des Ostens",
doch auch gegen das immer „imperialistische" Frankreich, das seit dem 12. Jahr-
hundert und bis zu dem „moralischen Übergriff von Versailles" seine „Ausbrei-
tungspolitik gegen Deutschland" betrieben habe. „Inhalt" des alten und des neuen
Reiches sei indessen nicht - wie Heimpel versicherte - „Weltherrschaft", sondern
„Weltdienst"; denn schon immer seien „die Deutschen ... die großen Ordner unter
den europäischen Staaten gewesen", „das Weltvolk", „der erste Treuhänder aller der
Anliegen des Menschen überhaupt" 46 . „Das Abendland liegt in Deutschland", er-
klärte Heimpel deshalb am 14. November 1933 in einer Vorlesung seinen Studen-
ten 47 , nachdem er erklärt hatte, daß er sich vor Adolf Hitler als dem „Führer zur
Freiheit, zu einem neuen Deutschland, zu einem neuen Abendland", daß er sich vor
seinem und seiner „Gefolgen" „Todesmut" und „Ahnungsvermögen" „beuge". Das
neue Deutschland werde „sowohl ein Deutschland der Wahrheit, wie ein Deutsch-
land der Macht sein". Und so wie dieses „Volk, das aus den Mietskasernen Berlins
aufstand gegen Versailles, für das Abendland steht wie vor tausend Jahren der Adel,
der aus den Ebenen des sächsischen Stammesherzogtums zum ersten Mal nach
Italien zog", so sei auch das Deutschland, das einst Ungarn und Mongolen besiegt
habe, identisch mit jenem neuen Deutschland, das sich jetzt „aufgerafft hat, als
Bollwerk an der neuen Barbarengrenze des bolschewistischen Rußland" zu stehen.
.Ordnung' sollte dann überhaupt das Schlüsselwort werden, mit dem deutsche

45 GadiAlgazi, Otto Brunner - „Konkrete Ordnung" und Sprache der Zeit, in: Schöttler (Hg.),
Geschichtsschreibung, S. 166-203.
46 Hermann Heimpel, Deutschlands Mittelalter - Deutschlands Schicksal, in: ders., Deutsch-
lands Mittelalter, S. 5-34; die Zitate S. 6, 9, 20 f. und 26. Über Hermann Heimpel auch der Bei-
trag von Pierre Racine, Hermann Heimpel à Strasbourg, in: Oexle/Schulze (Hg.), Deutsche Hi-
storiker.
47 Zitiert bei Matthiesen, Verlorene Identität, S. 54 f.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 11

Historiker die Kriegsereignisse seit September 1939 kommentiert und mit histo-
rischen Legitimationen versehen haben 48 , so wie geistige,Ordnung' als das Ziel des
sogenannten „Kriegseinsatzes der Deutschen Geisteswissenschaften" ausgegeben
wurde: es gehe um „Deutung und Darstellung des eigenen geistigen Wesens und der
eigenen, artgemäßen geistigen Ordnung", wovon her „die neue geistige Ordnung
Europas als neue Gestalt seiner Geschichte geformt werden" müsse, wie der Urhe-
ber des Unternehmens, der Kieler Rektor Paul Ritterbusch 1941 erklärte 49 .
Große Suggestivität eignete auch den Vorstellungen von,Ganzheit' und ,Gestalt',
- auch dies Formen einer „gegensatzaufhebenden Begriffsbildung" (O. Lepsius), in
der Gegensätze ,aufgehoben' werden und so eine neue ,Wirklichkeit' erzeugt wer-
den sollte. Im Begriff der ,Gestalt', so der Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber in sei-
nem ,Verfassungsrecht des großdeutschen Reiches', sei der „Gegensatz von dyna-
mischer Kraft und statischer Form zu einer neuen Ganzheit verschmolzen"; die Be-
sonderheit des Gestaltbegriffs bestehe darin, „daß er das bewegte Leben mit der
geprägten Ordnung verbindet, ebenso wie er Idee und Existenz vereinigt"; daß der
,Staat',Gestalt' sei, besage deshalb zweierlei: „er ist weder Mechanismus, noch Or-
ganismus. ... Er ist nicht nur bewegte Kraft und nicht nur ruhendes Sein, sondern
er ist die Einheit von Tat und Dauer in einer lebendigen Ordnung". Was Huber 1939
dem nationalsozialistischen Staat gutschrieb, nahm Wilhelm Pinder in seinem Vor-
trag ,Zur Rettung der deutschen Altstadt' vom Oktober 1933 am „Führer" selbst
wahr: „Ganzheit" sei „nicht umsonst ein philosophischer Grundbegriff innerhalb
der Selbstbesinnung unserer Tage - Ganzheit und Gestalt"; denn „Ganzheitsphilo-
sophie" stehe „hinter den Gedanken unseres großen Führers - Ganzheits- und Ge-
staltphilosophie". Auch der Germanist Benno von Wiese sah 1933 die .Ganzheit'
gerettet und den „ständig wachsenden Einfluß des Judentums in der deutschen Li-
teratur" unterbunden, dem „die moderne Zivilisation zum Mittel wurde, den frag-
lich werdenden kulturellen Ganzheitszusammenhang zugunsten der freischweben-
den Diskussion von ,Standorten' und der destruktiven Enthüllung von .Werten' auf-
zulösen"; liege doch die „spezifische Wirkung des jüdischen Geistes" auf die
Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur in der „Auflösung von Normen und
in der Methodik eines freischwebenden geistigen Verstehens", sondern in der „ge-
fahrlichen Vermischung verschiedener Wertgebiete, in dem beliebigen Austauschen
und Vertauschenkönnen, in der ironischen Distanzlosigkeit, in der alles in gleichem
Maße zum Objekt des freischwebenden Geistes wird" 50 .
Frappante Beispiele bietet auch der - nach Vertreibung ihrer jüdischen Vertreter
1933 erfolgte - Übergang der deutschen ,Ganzheitspsychologie' und ,Gestaltpsy-
chologie' zum Nationalsozialismus 51 . Noch 1942 hat der Psychologe Wolfgang

48 Zahlreiche Nachweise bei Karin Schönwälder, Historiker und Politik. Geschichtswissen-


schaft im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. - New York 1992.
4 9 Zitiert bei Hausmann, „Deutsche Geisteswissenschaft", S. 64.
50 Das Zitat von E R. Huber bei Lepsius, Die gegensatzaufhebende Begriffsbildung, S. 149;
Wilhelm Pinder, Zur Rettung der deutschen Altstadt, in: ders., Reden aus der Zeit, Leipzig 1934,
S. 7 0 - 9 3 , S. 77; Benno von Wiese, Politische Dichtung in Deutschland, in: Zeitschrift fur Deut-
sche Bildung 10 (1934), S. 6 5 - 7 4 , S. 72 (freundlicher Hinweis von Reinhard Laube, Göttingen).
51 Dazu die Beiträge in C.F. Graumann (Hg.), Psychologie im Nationalsozialismus, Berlin

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12 Otto Gerhard Oexle

Metzger den NS-Staat als die Verwirklichung eines gestaltpsychologischen Ideals


propagiert und das Führerprinzip ,gestaltpsychologisch' begründet: „Der Wille des
Ganzen wird ... sinngemäß verkörpert durch denjenigen einzelnen (vielleicht u. U.
durch denjenigen einzigen) Menschen, in welchem das Bild des Ganzen in seiner
Weite und Fülle am lebendigsten und klarsten lebt, und der darum am besten sehen
kann, was ihm Not tut"; dadurch werde der „Führer" zum „,Diener' des Ganzen" 52 .
Systematische Untersuchungen in diesem Bereich fehlen auch für die Schlüssel-
wörter aus dem Kontext des politisch-sozialen Mediävalismus 53 , z.B.: Ehre, Adel,
Stand, Hierarchie, Bindung, Dienst, Führer, Gefolgschaft, Treue usw. 54 , und ihre
vielfaltigen Verwendungen in allen Geisteswissenschaften. Besonders suggestiv
und erfolgreich waren auch hier wiederum „gegensatzaufhebende" Denkfiguren
wie ,Herrschaft als Dienst', ,Freiheit als Dienst' oder ,Wahrheit als Dienst'.
In diesen Schlüsselbegriffen, in der Vielheit und zugleich Kongruenz der durch
sie vermittelten Vorstellungen zeigen sich die Dispositionen, die 1933 zum Zuge
kamen. Kennzeichnend ist für alle die hohe affektive Besetzung. Auch deshalb sind
die Inhalte dieser Begriffe unscharf und bleiben schillernd. Es sind Begriffe mit
ausgeprägter „Emotionalität" und expressivem „Gestus". Darin wird ihre Ausge-
richtetheit auf das Handeln, wird ihre Handhabbarkeit sichtbar. Die ubiquitäre Ver-
wendung zeigt, daß es nicht nur um „Idealismus" und „Karrierismus" ging, son-
dern um ein mit Emphase erlebtes und zutiefst gewolltes Dabei-Sein, um eine ak-
tive Mitgestaltung der neuen Verhältnisse im „neuen Deutschland". So hat es auch
der Mediävist Hermann Heimpel vor seinen Freiburger Studenten im November
1933 ausgesprochen: „Wir Gelehrten sind nicht Dekorationsmaler, die das Haus
durch Anstreichen ein wenig schöner machen, nachdem die Maurer es gebaut ha-
ben. Vielmehr: Wir bauen das Haus immer wieder neu. Wir bauen ... mit den be-
währten Steinen rücksichtsloser Wahrheitsliebe ... das vergangene, das gegenwär-
tige, das zukünftige Deutschland" 55 .
Die hier relevanten Dispositionen zeigen - in ihrer Verknüpfung kognitiver und af-
fektiver Momente und dem zugleich wirksamen Bewußtsein, auch eine neue Moral
und Ethik zu schaffen und ihr zu dienen - wie wenig triftig die Rede vom Irrationa-
lismus' solcher Entscheidungen und Begründungen des Jahres 1933 ist. Sichtbar ist
vielmehr eine eigentümliche Rationalität, eine Rationalität der ,Ent-Differenzierung'

1985, und Mitchell G. Ash, Gestalt psychology in German culture, 1890-1967, Cambridge 1998,
S. 325 ff. und 342 ff.
52 Wolfgang Metzger, Der Auftrag der Psychologie in der Auseinandersetzung mit dem Geist
des Westens, in: Volk im Werden 10 (1942), S. 123-144, S. 139. Dazu Wolfgang Prinz, Ganz-
heits- und Gestaltpsychologie und Nationalsozialismus, in: Graumann (Hg.), Psychologie,
S. 89-111. Zur Person: N. Stadler, Das Schicksal der nicht emigrierten Gestaltpsychologen im
Nationalsozialismus, in: ebd. S. 139-164, S. 141 ff.
53 Oexle, Die Moderne und ihr Mittelalter, S. 338 ff., 348 ff.
54 Karl Kroeschell, Führer, Gefolgschaft und Treue, in: Joachim Rückert/Dietmar Willoweit
(Hg.), Die Deutsche Rechtsgeschichte in der NS-Zeit. Ihre Vorgeschichte und ihre Nachwirkun-
gen, Tübingen 1995, S. 55-76; Dietmar Willoweit, Freiheit in der Volksgemeinde. Geschichtli-
cher Aspekt des Freiheitsbegriffs in der deutschen rechtshistorischen und historischen Forschung
des 19. und 20. Jahrhunderts, in: ebd., S. 301-322.
55 Zitiert bei Matthiesen, Verlorene Identität, S. 53 f.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 13

und der ,Ent-Institutionalisierung' und einer offenkundigen „Entsublimierung" 56 , ja


Enthemmung, die das Deuten und Handeln vieler Geisteswissenschaftler prägte.

4.

Aber es ging nicht nur um das Aufbauwerk einzelner Wissenschaften für den
Nazi-Staat; es ging zugleich um die Wissenschaft und ihre Stellung in der „neuen"
Gesellschaft im ganzen.
In seinem Vortrag ,Der Gestaltgedanke in der Philosophie des neuen Deutsch-
land' (1938; veröffentlicht in dem Buch ,Philosophie - Werkzeug und Waffe' von
1940) stellte der Kieler Philosoph Ferdinand Weinhandl (1896-1973), auf 1933 zu-
rückblickend, die Frage nach den „Grundgedanken" der nationalsozialistischen
Weltanschauung und was sie für die Wissenschaften bedeute 57 . Durchaus könne
man die „Grundlinien" des Nationalsozialismus mit dem Begriff der „Rasse" erfas-
sen, man könne auch von „ewigen Gesetzen des Lebens" ausgehen und von einem
„organischen" Weltbild und einem „organischen" Denken sprechen; dies sei indes-
sen weniger bedeutungsvoll als die Tatsache, daß bei alledem stets „der gesamten
Vergangenheit ein neuer Ausgangspunkt, eine neue Blickfüllung" gegenübergestellt
werde. Handle es sich doch in jedem Fall um „die Anerkennung eines naturhaft Ur-
sprünglichen und praktisch-politisch um die Erhaltung und Sicherung dieser und
gerade dieser naturhaft gegebenen Wirklichkeit, der wir alle auf Gedeih und Ver-
derb angehören". Wichtig sei, daß im Nationalsozialismus „nicht mehr irgendwel-
che abstrakten, ausgeklügelten Programme und Ideologien, Erdachtes und irgend-
welche Sonderinteressen Betreffendes" den Ausgangspunkt bilden, „sondern daß
aller Willkür ein Ende bereitet ist", „daß eine ganz bestimmte größere Wirklichkeit
zum unverrückbaren Ausgangspunkt gemacht ist". Eine „Deutsche Physik" zum
Beispiel bedeute nicht, daß andere physikalische Gesetze gelten; wohl aber, „daß
für das germanische Naturgefühl" und für die „im Raum des nordischen Menschen
entstandene exakte Naturwissenschaft" nicht „beliebig wählbare physikalische Be-
griffe und Axiomensysteme" mit ihren „endlosen ... Relativismen" das Erkenntnis-
ziel seien, sondern „die ursprünglich gegebene anschauliche Natur". Der National-
sozialismus denke deshalb nicht daran, „der Forschung als solcher, wenn sie nur
den sauberen und gründlichen Methoden echter Wahrheitsfindung treu bleibt, Vor-
schriften zu machen oder Verbote zu erteilen". Entscheidend sei vielmehr, „daß
eine auf dem Boden des Nationalsozialismus erwachsende Wissenschaft sich end-
gültig löst von den Bindungslosigkeiten eines Relativismus, der eine freischweben-
de Autonomie der Wissenschaft proklamiert. Ebenso wie eine nationalsozialistische
Philosophie sich endgültig gelöst hat von einem Neukantianismus, der nichts mit
Kant, um so mehr aber mit den öden Formalismen eines Hermann Cohen zu tun

56 Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft, S. 89.


57 Ferdinand Weinhandl, Philosophie - Werkzeug und Waffe, Neumünster 1940, S. 1 ff. Über
ihn: Hausmann, „Deutsche Geisteswissenschaft", S. 218 ff. - Zu dem Vokabular der Diffamie-
rung des Neukantianismus s. auch unten im Text bei Anm. 81.

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14 Otto Gerhard Oexle

hat!" Und: „Für uns geht alle Wissenschaft nicht nur von der Wirklichkeit des Le-
bens aus, sie bleibt in allen ihren Resultaten wieder auf sie bezogen". Man könne
diese Haltung „Realismus" nennen. Jedenfalls bedeute sie, „daß alle Wissenschaft,
die von der Wirklichkeit zu gelten vorgibt, von der Erfahrung ausgeht und am Ende
wieder zu ihr zurückgeht". Es gehe um jenen „umfassenderen NaturbegrifP', der
auch noch die Begriffe ,Landschaft' und ,Heimat', ,Blut und Boden' einschließe,
um eine „Rückbeziehung auf die Wirklichkeit von Natur und Geschichte im ur-
sprünglichen Sinne echter Lebensnähe".
Die Stichworte Weinhandls verweisen auf jene Grundsatzdebatten in der Zeit der
Weimarer Republik, die unter den Begriffen ,Krise der Wirklichkeit' und ,Krise des
Historismus' erörtert wurden.
Von einer ,Krise der Wirklichkeit' (der Begriff stammt von Kurt Riezler) sprach
man im Blick auf die neuen Deutungen der Physik seit 1900, die den Relativitäts-
theorien und der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie, den Theoremen der
Unbestimmtheitsrelation und der Komplementarität zugrundelagen und die zu lan-
gen Kontroversen über,Wirklichkeit' und die Möglichkeit ihrer Erkenntnis führten,
weil diese neue Physik nicht mehr eine Theorie der Wirklichkeit ,an sich' darstell-
te, sondern ,nur' noch eine „Theorie des möglichen Wissens von der Realität" 58 .
Die neue Physik hatte auch in der Biologie Konsequenzen 59 und führte zu einer au-
ßerordentlichen Resonanz in der Öffentlichkeit, die noch lange nach 1945 nach-
wirkte, weil sie die berühmte Frage nach „Quantenmechanik und Weimarer Repu-
blik" implizierte. Leider fehlt noch immer eine historische und wissenschaftshisto-
rische Aufarbeitung der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der
naturwissenschaftlichen ,Krise der Wirklichkeit' und der kulturwissenschaftlichen
,Krise des Historismus' 60 .
Das Stichwort von der ,Krise des Historismus' stammt von Ernst Troeltsch, der
in seinem gleichnamigen Essay von 1922 die schon seit langem andauernden
Grundlagendebatten der Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus 61 zu-
sammenfaßte und pointierte 62 , wie hier nur angedeutet werden kann 63 . Es ging um

58 So Alfred Gierer, Im Spiegel der Natur erkennen wir uns selbst. Wissenschaft und Men-
schenbild, Reinbek 1998, S. 78.
59 Ludwik Fleck, Zur Krise der Wirklichkeit (1929), in: ders., Erfahrung und Tatsache. Gesam-
melte Aufsätze, Frankfurt a.M. 1983, S. 46-58; ders., Entstehung und Entwicklung einer wis-
senschaftlichen Tatsache (1935), Frankfurt a. M. 1980.
60 Vgl. die Beiträge in: Karl von Meyenn (Hg.), Quantenmechanik und Weimarer Republik,
Braunschweig-Wiesbaden 1994. Zur „Suche nach der wahren Wirklichkeit" in der Philosophie:
Werner Schneiders, Deutsche Philosophie im 20. Jahrhundert, München 1998, S. 86 ff.
61 Zum Begriff des Historismus in der hier zugrundeliegenden Bedeutung: Annette Wittkau,
Historismus. Zur Geschichte des Begriffs und des Problems, Göttingen 2 1994, und die Beiträge
in: Oexle, Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Zur derzeitigen internationalen
Diskussion vgl. die Beiträge in: Otto Gerhard Oexle/Jörn Rüsen (Hg.), Historismus in den Kul-
turwissenschaften. Geschichtskonzepte, historische Einschätzungen, Grundlagenprobleme,
Köln-Weimar-Wien 1996; Gunter Scholtz (Hg.), Historismus am Ende des 20. Jahrhunderts.
Eine internationale Diskussion, Berlin 1997.
62 Ernst Troeltsch, Die Krisis des Historismus, in: Die neue Rundschau. XXIII. Jahrgang der
Freien Bühne 1 (1922), S. 572-590. Dazu Otto Gerhard Oexle, Troeltschs Dilemma (im Druck).
63 Ebda.

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„Zusammenarbeit mit Baal" 15

die Frage nach der wissenschaftlichen Objektivität historischer Erkenntnis; um die


gesellschaftliche Bedingtheit auch der historischen Erkenntnis; um die Frage nach
den vorgängigen Wertsetzungen, ohne die auch historische Erkenntnis nicht mög-
lich ist. Die Debatte war ausgelöst worden durch die Auseinandersetzung mit Ran-
kes Anspruch auf eine nachahmende Abbildung historischer Wirklichkeit ,wie es
eigentlich gewesen'; durch die Frage von Naturwissenschaftlern wie Virchow,
Helmholtz und Du Bois-Reymond nach dem Status der historischen Erkenntnis im
Vergleich zur naturwissenschaftlichen; und schließlich durch Nietzsches Destruk-
tion wissenschaftlicher Objektivität, die wie alle Erkenntnis nichts sei als eine Fik-
tion, eine Fiktion im Dienst des „Willens zur Macht" 64 .
Auf diese Herausforderungen versuchten die Vertreter einer Historischen Kultur-
wissenschaft um 1900, allen voran Georg Simmel und Max Weber zu antworten:
mit einer neuen Begründung von Erkenntnis und Objektivität 65 . Ihre Antwort war
definiert durch einen Rückgriff auf Kants Kritizismus und führte zur Konstituie-
rung von historischer Erkenntnis als empirisch begründeter Hypothesenerkenntnis.
Nietzsches fundamentale Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Leben
wurde aufgenommen 66 und in diese neue Epistemologie integriert, was zur Defini-
tion nicht nur der Tragweite, sondern auch der Grenzen wissenschaftlicher Erkennt-
nis geführt hat. In seiner Schrift über ,Die Krisis der europäischen Wissenschaften
und die transzendentale Phänomenologie' von 1936 hat Edmund Husserl die Frage
nach dem Objektivismus der modernen Wissenschaft und nach der „positivisti-
schen Reduktion der Idee der Wissenschaft auf bloße Tatsachenwissenschaft" noch
einmal aufgeworfen. Er hat eine Philosophie der Wissenschaft konzipiert, die „ge-
genüber dem vorwissenschaftlichen und auch wissenschaftlichen Objektivismus
auf die erkennende Subjektivität als Urstätte aller objektiven Sinnbildungen und
Seinsgeltungen zurückgeht" (E. Husserl). Damit entwarf er eine Philosophie der
Wissenschaft, welche die Krise der Wissenschaftlichkeit reflektierte und doch die
Orientierung am Ideal der Wissenschaft aufrechterhielt, - welche die ,Kultur' als
Wissenschaftskultur versteht, auch wenn darüber gestritten werden muß, wie diese
Wissenschaftlichkeit zu definieren ist, - welche die Historizität der Wissenschaf-
ten wahrnimmt, und doch an deren Verbindlichkeit festhält 67 .

64 Uwe Barrelmeyer, Geschichtliche Wirklichkeit als Problem. Untersuchungen zu geschichts-


theoretischen Begründungen historischen Wissens bei Johann Gustav Droysen, Georg Simmel
und Max Weber, München 1997; Otto Gerhard Oexle, Naturwissenschaft und Geschichtswissen-
schaft. Momente einer Problemgeschichte, in: ders. (Hg.), Naturwissenschaft, Geisteswissen-
schaft, Kulturwissenschaft: Einheit - Gegensatz - Komplementarität? Mit Beiträgen von Lorrai-
ne Daston, Kurt Flasch, Alfred Gierer, Otto Gerhard Oexle und Dieter Simon, Göttingen 1998,
S. 99-151; Annette Wittkau-Horgby, Materialismus. Entstehung und Wirkung in den Wissen-
schaften des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1998.
65 Barrelmeyer, Geschichtliche Wirklichkeit, S. 84 ff. und 159 ff.; Oexle, Naturwissenschaft
und Geschichtswissenschaft, S. 129 ff.; Volker Kruse, „Geschichts- und Sozialphilosophie" oder
„Wirklichkeitswissenschaft"? Die deutsche historische Soziologie und die logischen Kategorien
René Königs und Max Webers, Frankfurt a.M. 1999.
66 Dazu Andrea Germer, Wissenschaft und Leben. Max Webers Antwort auf eine Frage Fried-
rich Nietzsches, Göttingen 1994.
67 Ernst Wolfgang Orth, Edmund Husserls ,Krisis der europäischen Wissenschaften und die

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16 Otto Gerhard Oexle

Die Debatten über einen anderen solchen Ansatz, den von Max Weber (^Wissen-
schaft als B e r u f , 1917/19), machten nach 1918 einen wesentlichen Teil dessen aus,
was unter dem Stichwort .Krise des Historismus' verhandelt wurde. Diese Debat-
ten waren auch Indikator und Faktor einer Sehnsucht nach Sicherheit des Erken-
nens, nach ,wahrer' Erkenntnis der Wissenschaft. Dies zeigt die große, sich bis
1933 und zum Teil noch danach erstreckende Debatte über Max Webers Wissen-
schaft als B e r u f , die in ihrer Bedeutung noch zu wenig gewürdigt ist 68 . Auch zur
Beantwortung der Frage nach den Mentalitäten und Dispositionen von Wissen-
schaftlern von ,1933' und davor enthält sie außerordentlich relevante Hinweise. Die
Debatte wurde von den Georgeanern 1920 eröffnet, die Weber als den Vertreter ei-
ner ,alten', überholten Wissenschaft und als Repräsentanten eines abgelebten, odio-
sen Positivismus bekämpften und gegen ihn im Sinne Nietzsches eine neue, dem
,Leben' dienende Wissenschaft forderten 69 . Deshalb hat auch der Mittelalterhisto-
riker Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag 1930 in Halle die Historikerzunft
und ihren Neorankeanismus und Trivialpositivismus scharf verurteilt und ihr (in
drastischer Polemik gegen eine internationale und seiner Auffassung nach deshalb
gesinnungslose Forschung) eine Erneuerung im Sinne von nationaler .Geschichts-
schreibung' empfohlen, die auf die Normen der Deutschheit zu gründen sei und
darin wieder absolute Werte als Grundlage von wahrer Erkenntnis zu vermitteln
vermöge 70 .
Die Vielstimmigkeit dieser Diskussion, an der sich Vertreter zahlreicher kultur-
wissenschaftlicher Fächer beteiligten 71 , zeigt signifikant das grundsätzliche und
ständig wachsende Unbehagen an einer Auffassung von Wissenschaft, die keine ab-
solute, sondern nur noch eine relationale Wahrheit zu geben vermag und die dies
auch bewußt akzeptierte und begründete. In diesem Unbehagen wurzelte zum Bei-
spiel die schon 1920 erhobene Forderung des Pädagogen und Philosophen Ernst
Krieck nach einer „Revolution in der Wissenschaft" gegen Wertfreiheit und Spezi-
alisierung und gegen den „verblödeten Historismus" („Das Chaos des Wissens ist
umzubilden in einen geistigen Kosmos ..., der erfüllt und erzeugt ist vom Leben
der Gemeinschaft" 72 ), eine „Revolution", die Krieck dann 1933 endlich gekommen
sah: „Das Zeitalter der ,reinen Vernunft', der ,voraussetzungslosen' und ,wert-

transzendentale Phänomenologie', Darmstadt 1999, S. 1 und 5; die beiden Zitate aus Husserls
Krisenschrift: § 2 und § 27.
68 Ansätze dazu in: Peter Lassman/Irving Velody (Hg.), Max Weber's ,Science as a Vocation',
London 1989; Klaus Lichtblau, Kulturkrise und Soziologie um die Jahrhundertwende. Zur Gene-
alogie der Kultursoziologie in Deutschland, Frankfurt a. M. 1996, S. 392 ff.; Uwe Barrelmeyer,
„Wissenschaftskrisis"? Max Webers Programm einer historischen Sozialwissenschaft und die so-
zialökonomische Analyse der Kulturkrise um 1900, in: J. Stiickerath/J. Zbinden (Hg.), Metage-
schichte. Hayden White und Paul Ricoeur, Baden-Baden 1997, S. 277-302.
69 Otto Gerhard Oexle, Das Mittelalter als Waffe. Ernst H. Kantorowicz' „Kaiser Friedrich der
Zweite" in den politischen Kontroversen der Weimarer Republik, in: ders., Geschichtswissen-
schaft im Zeichen des Historismus, S. 163-215, S. 186 ff.
70 Ebd. S. 198 ff.
71 Darüber demnächst die Edition der Texte und die Darstellung von Reinhard Laube (Göttin-
gen).
72 Ernst Krieck, Die Revolution der Wissenschaft, Jena 1920, S. 42, 56.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 17

freien' Wissenschaft ist beendet" 73 . In diesem Unbehagen wurzelten Hans Freyers


These, daß „wahre Erkenntnis" von „wahrem Wollen" fundiert werde; - Gottfried
Benns Polemik von 1933 gegen „geschichtslose Qualität" und „wertindifferente
Geistesfreiheit" und sein Eintreten für „eine echte neue geschichtliche Bewegung",
für einen „neuen biologischen Typus"; - Erich Rothackers Schrift über ,Die Grund-
lagen und Zielgedanken der nationalsozialistischen Kulturpolitik' aus dem Jahr
1933 mit ihrer Proklamation einer „erschöpfenden Wissenschaft vom Volke" als der
„akademischen Aufgabe der Zukunft" 7 4 . In diesem Unbehagen wurzelten übrigens
auch die in der Zwischenkriegszeit von Wissenschaftlern und Gelehrten unternom-
menen Versuche, mit den Mitteln ihrer Wissenschaft „profane Religionen" zu be-
gründen 75 .
Auch Ernst Troeltsch hat sich 1922 von Webers und Simmeis an Kants Kritizis-
mus orientierter Theorie der historischen Erkenntnis vehement (freilich in ganz an-
derer Weise) distanziert: Er forderte eine Rückkehr zur Metaphysik, nämlich zur
Metaphysik eines Leibniz und eines Malebranche als Grundlage wahrer histori-
scher Erkenntnis in der Moderne 76 . Auch an Troeltschs Historismus-Schriften und
ihre ,Lösungen' von 1922 knüpften langwierige und aufschlußreiche Diskussionen
an, - bei den Historikern zum Beispiel 77 . Während Otto Hintze 1927 gegen
Troeltsch noch einmal die Positionen Webers zu akzentuieren versuchte, hat Fried-
rich Meinecke im Laufe der 1920er Jahre und zuletzt in seinem großen Historis-
mus-Buch von 1936 - gleichfalls gegen Troeltsch - Rankes Historiographie zum
Inbegriff von „Historismus" und zum unüberholbaren Exempel von Geschichtswis-
senschaft überhaupt erklärt und hat damit versucht, den Historismus und seine Pro-
bleme und die Krise des Historismus im ganzen zum Verschwinden zu bringen 78 .
Demgegenüber hat, wiederum in Auseinandersetzung mit Troeltschs Historismus-
Analysen, Karl Mannheim, zuerst 1924 in seinem Essay ,Historismus', seinen ei-
genen Versuch einer Lösung des Problems in einer .relationalen', „dynamischen

73 Ders., Nationalpolitische Erziehung, Leipzig 4 1933, S. 1.


74 Hans Freyer, Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft, Leipzig 1930, S. 5 f., 9, 304 f., 307;
Gottfried Benn, Der neue Staat und die Intellektuellen ( 1933), wiederabgedruckt in: ders., Essays
und Reden in der Fassung der Erstdrucke, Frankfurt a. M. 1989, S. 4 5 7 - 4 6 4 , S. 462; Erich Roth-
acker, Die Grundlagen und Zielgedanken der nationalsozialistischen Kulturpolitik, in: Die Erzie-
hung im nationalsozialistischen Staat, Leipzig 1933, S. 15-37.
75 Darüber, mit Blick z. B. auf W. F. Otto: Hubert Cancik, Die Götter Griechenlands 1929. Wal-
ter F. Otto als Religionswissenschaftler und Theologe am Ende der Weimarer Republik, in: Der
altsprachliche Unterricht 26 (1984), S. 7 1 - 8 9 ; ders., Dionysos 1933. W.F. Otto, ein Religions-
wissenschaftler und Theologe am Ende der Weimarer Republik, in: Richard Faber/Renate Schle-
sier (Hg.), Die Restauration der Götter. Antike Religion und Neo-Paganismus, Würzburg 1986,
S. 105-123; Charlotte Zwieauer, Der antike Dionysos bei Friedrich Nietzsche und Walter Fried-
rich Otto, in: Korotin (Hg.), „Die besten Geister der Nation". Philosophie und Nationalsozialis-
mus, Wien 1994, S. 2 2 1 - 2 3 9 .
76 Oexle, Troeltschs Dilemma.
77 Vgl. Otto Gerhard Oexle, „Historismus". Überlegungen zur Geschichte des Phänomens und
des Begriffs, in: ders., Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus, S. 4 1 - 7 2 , S. 57 ff.,
63 ff.; Wittkau, Historismus, S. 147 ff.
78 Otto Gerhard Oexle, Meineckes Historismus. Über Kontext und Folgen einer Definition, in:
Oexle/Rüsen (Hg.), Historismus, S. 139-199.

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18 Otto Gerhard Oexle

Konzeption der Wahrheit", in Standortgebundenheit und Perspektivität skizziert 79 .


Und auch über diesen Ansatz Karl Mannheims gab es eine vielstimmige, im gan-
zen ablehnend verlaufene Diskussion, aus der hier nur an die durch Troeltsch inspi-
rierte Gegenposition eines Ernst Robert Curtius (1932) erinnert sei, - eine Debat-
te, die dann bereits als „Kontroverse am Abgrund" stattgefunden hat 80 .
Es ist die Komplexität dieser Debatten und der ihnen zugrundeliegenden Verun-
sicherung über das, was ,Wirklichkeit' sei und wie sie erkannt werden könne, die
vielen Wissenschaftlern den Nationalsozialismus als eine Erlösung von solchen
Übeln der Moderne erscheinen ließ. Und eben dies war das Thema des Philosophen
Weinhandl: daß man als Wissenschaftler nicht Inhalte der nationalsozialistischen
Lehre vertreten müsse; daß der Nationalsozialismus der Wissenschaft keine Vor-
schriften mache und ihr keine Verbote erteile; daß Wissenschaft im NS vielmehr
Philosophie der Gemeinschaft und der Ganzheit, Anerkennung der „Wirklichkeit
des Lebens" und somit das Ende aller Willkür und Bindungslosigkeiten der Er-
kenntnis bedeute, das Ende des Relativismus und einer freischwebenden Autono-
mie der Wissenschaft. Das war die Verheißung, die vielen Wissenschaftlern am
Ende der Weimarer Republik unwiderstehlich erschienen ist, wie anhand der Äu-
ßerungen eines Ernst Krieck oder eines Benno von Wiese gegen den „freischwe-
benden Geist", gegen „Bindungslosigkeit", „Wertfreiheit" und „Voraussetzungslo-
sigkeit" der Wissenschaft schon angedeutet werden konnte. Es bleibe nicht uner-
wähnt, daß und wie solche Haltungen 1933 praktisch wurden, so zum Beispiel in
Heideggers niederträchtigem Gutachten vom 25. Juni 1933 über den Münchener
Philosophen Richard Hönigswald, einen der prominentesten Vertreter des Neukan-
tianismus. Im Neukantianismus, so Heidegger, werde „das Wesen des Menschen
aufgelöst in ein freischwebendes Bewußtsein überhaupt und dieses schließlich ver-
dünnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft". Dabei werde „unter scheinbar
streng wissenschaftlicher philosophischer Begründung der Blick abgelenkt vom
Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und seiner volkhaften Überlie-
ferung seiner Herkunft aus Boden und Blut". Aus dieser Grundeinstellung seien die
Schriften Hönigswalds erwachsen, der die Gedanken des Neukantianismus „mit ei-
nem besonders gefährlichen Scharfsinn und einer leerlaufenden Dialektik" vertre-
te. Dieses „Treiben" habe bereits „viele junge Leute getäuscht und irregeführt",
Hönigswalds (1930 erfolgte) Berufung nach München sei deshalb ein „Skandal" 81 .

79 Karl Mannheim, Historismus (1924), wiederabgedruckt in: ders., Wissenssoziologie. Aus-


wahl aus dem Werk, hg. v. K.H. Wolff, Neuwied 2 1970, S. 246-307, das Zitat hier S. 289. Dazu
künftig die Darstellung von Reinhard Laube (Göttingen).
80 Dirk Hoeges, Kontroverse am Abgrund: Ernst Robert Curtius und Karl Mannheim. Intellek-
tuelle und „freischwebende Intelligenz" in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1994.
81 Claudia Schorcht, Philosophie an den bayerischen Universitäten 1933-1945, Erlangen
1990, S. 161. Zum Kontext: dies., Gescheitert - der Versuch zur Etablierung nationalsozialisti-
scher Philosophen an der Universität München, in: Korotin (Hg.), „Die Besten der Nation",
S. 291-327. Hönigswald (geb. 1875) wurde zum 1. Sept. 1933 in den Ruhestand versetzt, im No-
vember 1938 in das KZ Dachau eingeliefert, im Oktober 1941 ausgebürgert; im Dezember 1939
war ihm die Emigration in die USA gelungen: George Leaman, Heidegger im Kontext, Berlin
1993, S. 80. Hönigswald starb, völlig verarmt, 1947. - Über Heideggers „Dispositionen" im
Frühjahr, Sommer und Herbst 1933 unterrichten seine Briefe an Elisabeth Blochmann, u.a. vom

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.Zusammenarbeit mit Baal" 19

Auch dieses Unbehagen in der modernen Wissenschaft hat seine eigenen, spezi-
fischen ,Τοροί' erzeugt, die 1933 besonders virulent waren und von denen hier zwei
angedeutet seien.
Der eine ist die Darstellung der Begründung einer neuen Philosophie und Wis-
senschaft, eines neuen „Reiches" und eines neuen „Adels" durch Plato. Hier wäre
auf eine Flut von Plato-Literatur aufmerksam zu machen, beginnend bei den Geor-
geanern 82 , bis hin zu dem Georgeaner Kurt Hildebrandt, dem Psychiater und Phi-
losophen, der - in seinem Plato-Buch von 1933 (,Plato. Der Kampf des Geistes um
die Macht') und in seiner Einleitung zu Kröners Taschenausgabe der ,Politeia' -
Piatos Werk und Wirken unmittelbar mit Hitlers ,Mein Kampf und seiner Macht-
ergreifung' verknüpfte 83 . Man kann auch an Heideggers Rektoratsrede vom Mai
1933 mit ihren Anleihen aus Piatos ,Staat' und seiner Drei-Stände-Gesellschaft er-
innern (Wissenschaft als „Arbeitsdienst", „Wehrdienst" und „Wissensdienst"), oder
an den Altphilologen Werner Jaeger, der 1933 den von ihm propagierten Dritten
Humanismus als eine Überwindung von Historismus, Positivismus, Relativismus,
Epigonentum, Rationalismus, westlicher Aufklärung und Individualismus zugun-
sten einer neuen „Schicksalsverbundenheit des Volksganzen" in „Staat und Ge-
meinschaft" umstandslos den Nationalsozialisten und ihrem Führer andiente 84 . Der
Gegentyp zu diesem ,Plato' ist der ,Sophist', der „wurzellose, freischwebende In-
tellektuelle", der „Wortführer erborgter Wahrheiten" mit „seiner zerstörenden Ver-
ruchtheit des Denkens, das nichts von letzten und unabdingbaren Forderungen weiß
als von Forderungen, ... in denen und mit denen man gewachsen sein muß, weil sie
Wachstumsgesetze des Volkstums sind"; er ist der „Todfeind aller Ordnung, der
Zerstörer des Menschen und der Politik", wie der Pädagoge Heinrich Weinstock
1933 wußte 85 .
Ein anderer Topos solcher Errettungen trägt die Überschrift: „Der Führer bringt
das neue Mittelalter". Die Idee des Neuen Mittelalters wurde erstmals von Novalis
gedacht, der in seiner Europa-Schrift von 1799 an die Stelle der epochalen Drei-
gliederung der Geschichte in der Aufklärung (nämlich: Antike, (schlechtes) Mittel-
alter, Neuzeit) eine neue treten ließ, nämlich: Kulturhöhe des Mittelalters, Kultur-
verfall der Neuzeit durch Reformation, Humanismus und Aufklärung, und schließ-

30. März 1933 („Das gegenwärtige Geschehen ... steigert den Willen und die Sicherheit, im
Dienste eines großen Auftrages zu wirken und am Bau einer volklich gegründeten Welt mitzu-
helfen"), Martin Heidegger/Elisabeth Blochmann, Briefwechsel 1 9 1 8 - 1 9 6 9 , hg. v. Joachim W.
Storck, Marbach am Neckar 1989, S. 60. Bei seiner Spekulation auf die Nachfolge Hönigswalds
in München (Brief vom 19. September 1933, ebd. S. 74) reizte Heidegger auch die „Möglichkeit,
an Hitler heranzukommen und dgl.".
82 Oexle, Das Mittelalter als Waffe, S. 196.
83 Dazu Teresa Orozco, Die Platon-Rezeption in Deutschland um 1933, in: Korotin (Hg.), „Die
besten Geister der Nation", S. 141-185; dies., Platonische Gewalt. Gadamers politische Herme-
neutik derNS-Zeit, Hamburg-Berlin 1995, S. 78 ff.
84 Werner Jaeger, Die Erziehung des politischen Menschen und die Antike, in: Volk im Wer-
den 1933/Heft 3, S. 4 3 - 4 8 .
85 Heinrich Weinstock, Volk und Erziehung, in: Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugend-
bildung 9 (1933), S. 2 0 9 - 2 2 2 , S. 215 f. Zum ,Sophisten': Orozco, Die Platon-Rezeption,
S. 158 ff. (freundliche Hinweise von Reinhard Laube, Göttingen).

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20 Otto Gerhard Oexle

lieh: die nun unmittelbar bevorstehende neue Kulturhöhe im Zeichen eines Neuen
Mittelalters, dessen erste Spuren bereits wahrnehmbar seien 86 . Die geschichtsphi-
losophische Utopie des Novalis, zunächst über Jahrzehnte hin wenig beachtet, ge-
wann seit den 1890er Jahren zunehmend an Resonanz, vor allem dann seit 1918 im
Zusammenhang der Deutungsmuster und Denkfiguren der sogenannten konserva-
tiven Revolution'. Höhepunkte wurden auch hier 1933 erreicht, als Wilhelm Pinder
ein Neues Mittelalter mit einer neuen Kunst und einem neuen Stil vom „Führer"
erwartete; als Juristen wie Gustaf Klemens Schmelzeisen oder Erik Wolf mit dem
Jahr 1933 eine „neue kulturgeschichtliche Epoche" beginnen ließen, ein „Zeitalter
tiefer geistiger Verinnerlichung", wie Schmelzeisen erläuterte; als dem Germani-
sten Richard Benz (,Geist und Reich', 1933) die Aktionen der „braunen Bataillo-
ne" als ein Sinnbild des Beginns eines Neuen Mittelalters erschienen 87 .

5.

Alle diese Denkfiguren und Deutungsmuster zeigen die Passung, die Kompati-
bilität solcher mentaler Hervorbringungen mit dem Nationalsozialismus. Deutlich
wird auch, noch einmal mit Helmuth Plessners Formulierung von 1935, die „Reso-
nanzfáhigkeit für die nationalsozialistische Politik" bei führenden wie bei durch-
schnittlichen Vertretern der Wissenschaft. Es erweist sich zudem, in welchem Maß
der Nationalsozialismus - aus diesem Blickwinkel gesehen - eine weitgehend .lee-
re' Projektionsfläche bot, auf der man alles das erlebbar, ja: endlich verwirklicht
sehen mochte, was man schon lange gedacht und geahnt und - in hochgradig af-
fektiven Besetzungen - gewünscht und ersehnt hatte 88 . Auch hier entschied über
die Haltungen und „Lebensrichtungen", die man einnahm, nicht die ,Wirklichkeit',
sondern das ,Bild', das man sich von ihr machte oder machen wollte.
Analysiert man solche mentalen Dispositionen, so wird klar, daß vieles darin all-
gemeineuropäisch ist und auch vieles davon im italienischen oder französischen Fa-
schismus begegnet. Was also ist das spezifisch Deutsche? Und was kam davon, un-
ter spezifischen Bedingungen, in Deutschland 1933 zum Zuge? Auf diese Frage hat
bereits Helmuth Plessner in seinem Buch von 1935 Antworten gesucht. Dazu wäre
auch in umfangreiche komparatistische Überlegungen einzutreten, an denen es
noch fehlt. Welche Dispositionen realisierten sich im Begriff der Gemeinschaft',
im Vergleich mit den analogen Begriffen in anderen Sprachen? Im engeren Bereich
fachwissenschaftlicher Arbeit der Mittelalterhistoriker liegen in den dreißiger Jah-
ren Begriffsgeschichte und Geschichte sozialer Gruppen gewissermaßen ,in der
Luft'; welches sind die Unterschiede zwischen den Ansätzen eines Otto Brunner

86 Oexle, Die Moderne und ihr Mittelalter, S. 326 ff.


87 Ders., Das Mittelalter und das Unbehagen an der Moderne, S. 156 ff.; Ders., Die Moderne
und ihr Mittelalter, S. 348 ff.
88 Darüber auch Klaus Schreiner, „Wann kommt der Retter Deutschlands?". Formen und
Funktionen von politischem Messianismus in der Weimarer Republik, in: Saeculum. Jahrbuch fur
Universalgeschichte 49 (1998), S. 107-160.

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,Zusammenarbeit mit Baal" 21

und denen eines Marc Bloch? ,Mediävalismus' ist ein europäisches Thema der
Zeit 89 ; worin liegt der Unterschied, wenn Vertreter des protestantischen deutschen
Bildungsbürgertums wie Richard Benz, Wilhelm Pinder und Erik Wolf 1933 vom
,Neuen Mittelalter' reden? Die Arbeit an den ,Neuen Mythologien' (Manfred
Frank) ist seit dem Beginn der Moderne ein europäisches ,Projekt' 90 ; gibt es spe-
zifisch deutsche Inhalte und Erscheinungsformen? Ist die Modernität der dezidier-
ten Anti-Modernität spezifisch deutsch? Ist das spezifisch Deutsche darin zu sehen,
daß die Schlüsselbegriffe von .Gemeinschaft', ,Ganzheit', ,Ordnung' in Deutsch-
land aus religiösen Sprachkontexten stammen 91 ? Liegt das Spezifische in dem Phä-
nomen des Historismus und seiner „Probleme" und wie er, als Renaissancismus
oder Mediävalismus, in Literatur, Kunst, Architektur, Inneneinrichtung die Lebens-
welt prägte 92 und in Theologie, Philolosophie und in allen Einzelwissenschaften
zum zentralen Thema gemacht wurde 93 ? Darauf hat vor allem Plessner in seinem
nun schon öfter genannten Buch von 1935 hingewiesen, vor allem im siebten Ka-
pitel über den Zusammenhang von „Traditionslosigkeit und Bedürfnis nach ge-
schichtlicher Rechtfertigung des Lebens": der Historismus habe die „geschichtli-
che Ratlosigkeit" des deutschen Bürgertums verdeckt, dessen „zunehmende ökono-
mische Macht" in keinem vorgezeichneten Verhältnis zum Reich von 1870/71
gestanden habe; „ja, dieser Verlegenheitshistorismus war in einem noch tieferen
Sinne wurmstichig, weil er zugleich mit der politischen Funktionslosigkeit des neu-
en Bürgertums die völlig neuartige, im eminenten Sinne traditionslose Erwerbsart
des Kapitalismus und Industrialismus zu verdecken hatte. Er ... war eine Antwort
auf das ganze Leben ... Weil niemand wußte, wohin er gehörte, suchte er im Bild
einer vergangenen Epoche Halt zu gewinnen". So Plessner 1935, und dazu sein re-
sümierendes Urteil von 1959: „In keinem anderen europäischen Land ist deshalb
die Problematik des Historismus und die Kritik des Fortschritts mit solcher uner-
bittlicher Konsequenz entfaltet und zu Ende gedacht worden" 94 .
Zu beachten bleibt freilich, daß solche .Dispositionen' in einer 1933 noch offe-
nen Zukunft wirkten. Dies zu berücksichtigen, fallt dem Historiker, der das Späte-
re kennt, besonders schwer. Der Nationalsozialismus war keine notwendige Folge
solcher mentalen Dispositionen und nur wenig von dem, was Historiker heute von
den Jahren nach 1933 wissen, konnte damals gewußt werden. Was diese Wissen-

89 H. Dorowin, Retter des Abendlands. Kulturkritik im Vorfeld des europäischen Faschismus,


Stuttgart 1991.
90 Manfred Frank, Der kommende Gott. Vorlesungen über die Neue Mythologie, 1. Teil, Frank-
furt a. M. 1982; ders., Gott im Exil. Vorlesungen über die neue Mythologie, II. Teil, Frankfurt
a.M. 1988.
91 Diesen Hinweis verdanke ich Friedrich Wilhelm Graf (München). Vgl. Friedrich Wilhelm
Graf, Geschichte durch Übergeschichte überwinden. Antihistoristisches Geschichtsdenken in der
protestantischen Theologie der 1920er Jahre, in: Wolfgang Küttler u.a. (Hg.), Geschichtsdiskurs
4: Krisenbewußtsein, Katastrophenerfahrungen und Innovationen 1 8 8 0 - 1 9 4 5 , Frankfurt a.M.
1997, S. 2 1 7 - 2 4 4 .
92 Oexle, Die Moderne und ihr Mittelalter, S. 329 ff.
93 Gunter Scholtz, Zum Strukturwandel in den Grundlagen kulturwissenschaftlichen Denkens
( 1 8 8 0 - 1 9 4 5 ) , in: Küttler (Hg.), Geschichtsdiskurs 4, S. 19-50.
94 Plessner, Die verspätete Nation, S. 83 ff.; die Zitate S. 84 f. und 15.

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22 Otto Gerhard Oexle

schaftler mit ihren mentalen Dispositionen zur „Machtergreifung" und zur Behaup-
tung der Nationalsozialisten beigetragen haben, war allerdings erheblich und hat
manche dieser Geisteswissenschaftler - und einige immerhin schon vor 1945 - zum
Nachdenken gebracht, viele freilich auch nach 1945 nicht.

6.

Die Dispositionen' und ,Mentalitäten' mit ihren Denkfiguren und Deutungsmu-


stern, die 1933 eine so große Rolle spielten, weil sie eine Deutung des Geschehens
und eine aktive, gestaltende Teilnahme daran ermöglichten und das Handeln anlei-
teten, sind, wie immer wieder festzustellen ist, nicht erst 1933 entstanden. Sind sie
mit dem Jahr 1945 erloschen? ,Mentalitäten' eignet in der Regel eine lange Dauer;
sie haben keine ,Stunde Null'. Mit der Diskussion über dieses Thema wurde frei-
lich soeben erst begonnen, wie die kontroverse Debatte über den Fall Schnei-
der/Schwerte zeigt 95 . So steht man denn auch in der Frage nach der Kontinuität im
Wirken der Einzelnen, in der weitergehenden Wirkung von Denkfiguren und Deu-
tungsmustern, in der Kontinuität auch institutioneller Strukturen in der Wissen-
schaft nach 1945 noch ziemlich am Anfang 96 . Die von Frank-Rutger Hausmann
jüngst veröffentlichte erste Gesamtdarstellung des „Kriegseinsatzes der Deutschen
Geisteswissenschaften" bietet dafür zahlreiche Anhaltspunkte 97 .
Schon längst ist von juristischer Seite auf die anhaltenden Wirkungen des natio-
nalsozialistischen Rechtsdenkens, zum Beispiel des Gemeinschaftsgedankens, in
der Gesetzgebung der Bundesrepublik hingewiesen worden 98 . Die Kontinuität vom
nazistischen Europa-Gedanken - insbesondere in der Fassung, die er ab 1943 in der
von der SS zunehmend gesteuerten Ideologie bekommen hat 99 - zum Europa-Ge-
danken der Nachkriegszeit harrt hingegen noch der Darstellung 100 . Jedes Fach mag
hier seinen eigenen Stoff zum Nachdenken finden. Für die Mediävistik hat der
Rechtshistoriker Dietmar Willoweit die Wirkungen des politisch-sozialen Mediäva-
lismus in Begriffen wie Dienst, Treue, Gefolgschaft usw. vor und zugleich nach
1945 und noch lange danach gezeigt 101 . Und wie verlief - unter der Leitung des im
„Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften" so rührigen Mediävisten Theodor May-

95 Dazu die Veröffentlichungen von L. Jäger, Seitenwechsel und C. Leggewie, Von Schneider
zu Schwerte.
96 Vgl. Anm. 14.
97 S. oben Anm. 1 1 . - Einige der folgenden Überlegungen habe ich bereits in meinem Beitrag
,Die Fragen der Emigranten', in: Oexle/Schulze (Hg.), Deutsche Historiker, vorgetragen.
98 Darüber die genannten Arbeiten von B. Rüthers, Die unbegrenzte Auslegung und M. Stoll-
eis, Gemeinschaft und Volksgemeinschaft. Am Beispiel eines weniger prominenten Juristen: Wil-
helm Wolf, „Vom alten zum neuen Privatrecht". Das Konzept der normgestützten Kollektivierung
in den zivilrechtlichen Arbeiten Heinrich Langes (1900-1977), Tübingen 1998.
99 Vgl. das Buch des SS-Standartenführers Franz Alfred Six (,Das Reich und Europa', 1943),
bis März 1943 Chef des Amtes VII (,Gegnerforschung') im Reichssicherheitshauptamt.
100 Ein Beispiel: das „europa-politische" Wirken von Schneider/Schwerte vor und nach 1945:
Jäger, Seitenwechsel, S. 158 ff.
101 Willoweit, Freiheit in der Volksgemeinde.

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„Zusammenarbeit mit Baal" 23

er 1 0 2 - der Weg vom „Kriegseinsatz" zur Gründung des Konstanzer Arbeitskreises


für mittelalterliche Geschichte? Was bedeutet - für das Werk Otto Brunners - nicht
nur die Wende von der ,Volksgeschichte' zur ,Strukturgeschichte', sondern Brun-
ners erst neuerdings bekannt gewordenen praktischen Kooperationen in der Südost-
deutschen Forschungsgemeinschaft, deren Leiter er seit 1938 war, mit der SS und
in weiträumigen,,völkisch' orientierten ,Handlungsfeldern', die während des Krie-
ges den ganzen Balkan umfaßten 103 ? Wie steht es mit der Exemplarität der mediä-
vistischen Landesgeschichte im Rahmen der sogenannten ,Westforschung' 104 auch
nach 1945? Daß sich prominente Historiker der Nachkriegszeit 1945 von ihrer Ver-
gangenheit „verabschiedet" haben, daß sie ihre Fragestellungen „transformiert" ha-
ben, ist gewiß unbestreitbar 105 . Zu fragen wäre freilich, wie diese „Transformation"
im einzelnen erfolgt ist und zu welchen Ergebnissen sie geführt hat.
Ein anderes Thema: Die geistigen Väter, die man sich nach 1945 aussuchte. Dirk
van Laak und Bernd Rüthers haben auf die außerordentlichen und vielschichtigen
Wirkungen von Carl Schmitt in der Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik
aufmerksam gemacht 106 . In einem eigentümlichen Kontrast zu der erstaunlichen
Präsenz eines Carl Schmitt nach 1945 steht freilich die völlige Abwesenheit des
Oeuvres des 1933 vertriebenen Ernst Cassirer. Dessen Wiederaneignung hat, wie
man weiß, erst mit einer Phasenverzögerung von vierzig oder - von Cassirers Ver-
treibung 1933 an gezählt - mehr als fünfzig Jahren, am Ende der 1980er Jahre ein-
gesetzt. Es ist die kontrafaktische Frage zu stellen, was aus der politischen wie aus
der wissenschaftlichen Kultur der Bundesrepublik geworden wäre, wenn nicht der
mit dem Nationalsozialismus hinreichend kompromittierte Staatsrechtler Carl
Schmitt, sondern der Kulturwissenschaftler und Republikaner Ernst Cassirer in
analoger Weise ein Mentor geworden wäre.
Ein drittes Thema sind die bewußten oder unbewußten Steuerungen. Ein auf-
schlußreiches Beispiel dafür bietet Hans-Georg Gadamers Rede über ,Die Bedeu-
tung der Philosophie für die neue Erziehung', die er als neubestallter Rektor der
Universität Leipzig im September 1945 und danach mehrfach hielt 107 . Gadamers
Ausgangsfrage war die nach den Gründen für die Genese des - wie er feststellte -

102 Vgl. Hausmann, „Deutsche Geisteswissenschaft", S. 96 ff., 177 ff.


103 Vgl. Algazi, Otto Brunner, und Fahlbusch, Wissenschaft, S. 255 ff. und 622 ff.
104 Vgl. auch den Beitrag von Peter Schattier über Franz Petri, in: Oexle/Schulze (Hg.), Deut-
sche Historiker.
105 Hans-Ulrich Wehler, In den Fußstapfen der k ä m p f e n d e n Wissenschaft. Braune Erde an den
Schuhen: Haben Historiker wie Theodor Schieder sich nach dem Krieg von ihrer Vergangenheit
ganz verabschiedet?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. Januar 1999. Zu dieser Thema-
tik zuletzt die Beiträge von M. Beer, H. U. Wehler und J. Kocka, in: Schulze/Oexle (Hg.), Deut-
sche Historiker im Nationalsozialismus.
106 Dirk van Laak, Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen
Geistesgeschichte der frühen Bundesrepublik, Berlin 1993; Bernd Rüthers, Kontinuitäten. Zur
Wirkungsgeschichte von Carl Schmitt in der Bundesrepublik Deutschland, in: Rechtshistorisches
Journal 13 (1994), S. 142-164.
107 Hans-Georg Gadamer, Die Bedeutung der Philosophie für die neue Erziehung, in: Ders.,
Über die Ursprünglichkeit der Philosophie. Zwei Vorträge, Berlin 1948, S. 5 - 1 4 . Vgl. dazu auch
Orozco, Platonische Gewalt.

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24 Otto Gerhard Oexle

pseudowissenschaftlichen „Wahnbilds der völkischen Weltanschauung". Die Ant-


wort, die er 1945 gab, konnte man schon aus den Debatten der Zeit vor 1933 und
dieses Jahres selbst kennen. Verantwortlich sei nämlich die neuzeitliche Metaphy-
sik der Subjektivität und des Individualismus und der selbstzufriedene Relativis-
mus. Dafür wiederum sei der Neukantianismus mit seiner Zerstörung der Werte
und der „Aushöhlung des Idealismus" verantwortlich. Dies sei der „Boden der Ver-
kehrung des Wahren geworden, die wir in der nationalsozialistischen Epoche an uns
erfuhren". Auch Max Weber sei verantwortlich: wegen seiner Lehre von der Tren-
nung von Tatsache und Wertung und seiner Philosophie der „Voraussetzungslosig-
keit der Wissenschaft". Aus alledem seien nun die Konsequenzen zu ziehen. Gada-
mer erinnerte dabei an die Leistungen der „Lebensphilosophie und Existenzphilo-
sophie" und empfahl im Herbst 1945 (noch ohne diesen Namen zu nennen) seinen
Lehrer Martin Heidegger. Die frappante Nähe dieser Position zu dem, was im Kon-
text von ,1933' gegen den Neukantianismus, gegen „freischwebende Intelligenz",
gegen „Voraussetzungslosigkeit" und „Wertfreiheit" der Wissenschaft, also gegen
Karl Mannheim und gegen Max Weber gesagt worden war, bleibt hier in eigentüm-
licher Weise ungeklärt. Man kann den Eindruck gewinnen, daß 1945 und danach
alte fachpolitische Kontroversen der Zeit bis 1933 fortgeführt wurden, wobei der
Nationalsozialismus als zusätzliches und schlechthin schlagendes ,Argument' ein-
gesetzt wurde. Die Frage nach Verantwortung und künftiger Bedeutung im Blick
auf den Gegensatz von Max Weber und Heidegger konnte damals natürlich auch
gerade entgegengesetzt beantwortet werden, und jene, die zur Emigration gezwun-
gen worden waren, haben sie entgegengesetzt beantwortet 108 . Hier liegt eine Pro-
blemgeschichte der deutschen Kulturwissenschaft und Wissenschaftsphilosophie,
deren Dimensionen erst noch darzustellen sind 109 .
Weiteren Stoff zum Nachdenken bieten die mentalen, bewußten oder vielleicht
auch unbewußten Deutungen und Umdeutungen der Ereignisse. Hermann Heimpel
- der nach 1945 allerdings durchaus zu den wenigen gehörte, die sich über ihre po-
litischen Irrtümer öffentlich äußerten 110 - hatte Deutschland in seiner Geschichte
stets als das Opfer Frankreichs gesehen: während das politische Handeln der deut-
schen Könige des Mittelalters von ihrer „Sorge für den gottgewollten Zustand der
Welt" bestimmt gewesen sei, sei die französische Politik seit dem 12. Jahrhundert
„Ausbreitungspolitik gegen Deutschland" gewesen; dies sei nun zu Ende, so hatte
Heimpel 1933 seinen Freiburger Studenten erklärt: „Das Abendland ist nicht mehr
das Frankreich des zivilisatorischen Imperialismus, der Sicherheit, der Ostbündnis-

108 Dazu Ernst Cassirer in seinem kurz vor seinem Tod (1945) in New York abgeschlossenen
Buch ,Der Mythos des Staates' (über Heidegger): Ernst Cassirer, Der Mythos des Staates. Phi-
losophische Grundlagen politischen Verhaltens, Frankfurt a. M. 1985, S. 382 ff., und der 1940
verfaßte Text von Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht,
Stuttgart 1986, S. 16 ff. und 27 ff. (über Weber und Heidegger). Man vgl. auch die Stellungnah-
men von Raymond Klibansky, Le philosophe et la mémoire du siècle. Entretiens avec Georges
Leroux, Paris 1998.
109 S. oben bei Anm. 57 und 81.
110 Vgl. Hermann Heimpel, Der Mensch in seiner Gegenwart. Acht historische Essays, Göttin-
gen 2 1957, S. 7; ders., in: Hermann Heimpel zum 80. Geburtstag, Göttingen 1981, S. 42.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 25

se, der bourgeoisen Versicherung, deren Prämie immer und immer wieder das ge-
schwächte Deutschland zahlt. Sondern das Abendland ist und wird sein das
Deutschland der Wahrheit" 111 . Aber auch nach 1945 bleiben die Deutschen Opfer,
wie Heimpel in den 1950er Jahren in seiner Vorlesung ,Deutsche Geschichte' nun
den Göttinger Studenten darlegte: „... in der Jugend nach der neuen Synthese des
Nationalen und des Sozialen suchend, lassen sich gute Kräfte des deutschen Volkes
vor der Tribüne des Führers auf dem Parteigelände von Nürnberg zu defilierenden
Kolonnen formieren. Nachdem das Ausland, vor allem Frankreich, alles getan hat-
te, das deutsche Volk von Weimar zu entmutigen, wurde dieses nach endgültiger
Form sich sehnende Volk von Nürnberg bewaffnet gegen die Welt, um in den Ka-
tastrophen des zweiten Weltkrieges zu erfahren, daß es gegen sich selbst bewaffnet
worden war" 112 .
Hinzu kommen die Strategien der Leugnung des Geschehenen und der eigenen
Verantwortung oder Schuld 113 , die Amnesien und selbst gewährten Amnestien,
auch die bewußten Vertuschungen und Verschleierungen 114 . Sie sind dann von be-
sonderem Interesse, wenn auf solcher Grundlage der Status des eigenen Faches neu
definiert werden sollte. So hat der Münsteraner Psychologe Wolfgang Metzger,
dem Nationalsozialismus offensichtlich bis zu dessen Ende verbunden 115 , 1979 die
Gestaltspychologie als ein „Ärgernis für die Nazis" bezeichnet, die damaligen „Zu-
treiber des Nationalsozialismus" in diesem Fach mit Namen genannt und sich selbst
auf die Seite der „Andersgläubigen" gestellt 116 . Daß er selbst noch 1944 den von
Deutschland entfesselten Weltkrieg als eine „Stufe auch einer geistigen Entwick-
lung" gefeiert hatte, weil nämlich „die Zeit des Deutschen" jetzt erst anbreche, weil
demnächst „ein neues Zeitalter" anhebe, nämlich ein .Neues Mittelalter' als „Welt-
alter des Deutschen" 117 , - dies hatte Metzger 1979 verdrängt oder vergessen. Die
Leistungen solcher Wissenschaftler beim Aufbau der Bundesrepublik sind damit
keineswegs nichtig 118 . Aber das, was zuvor war, wird damit auch nicht getilgt. Und
es ist zu fragen, wie es weitergewirkt hat.
Eine letzte Frage schließlich, und gewiß die heikelste und schwierigste: das
Schweigen. Auch dabei geht es um Wissenschaft, zum Beispiel um die Frage, wel-
che Konsequenzen die im Schweigen sich manifestierende Diskontinuität des wis-
senschaftlichen Subjekts, welche Folgen die Abspaltung, Verdrängung und Verleug-
nung von Teilen der eigenen Biographie für die wissenschaftliche Arbeit selbst hat-

111 Heimpel, Deutschlands Mittelalter, S. 26 und 34.


112 Zitiert nach: Ernst Schulin, Hermann Heimpel und die deutsche Nationalgeschichtsschrei-
bung, Heidelberg 1998, S. 79 f.
113 Vgl. de Vries, Organisierte Plünderungen, bes. S. 255 ff.
114 Vgl. auch Klaus-Detlev Godau-Schiittke, Die Heyde/Sawade-Affäre. Wie Juristen und Me-
diziner den NS-Euthanasieprofessor Heyde nach 1945 deckten und straflos blieben, Baden-Ba-
den 1998.
115 S. oben Anm. 51 und 52.
116 Wolfgang Metzger, Gestaltpsychologie - ein Ärgernis für die Nazis, in: Psychologie Heute
1979/3, S. 8 4 - 8 5 .
117 Wolfgang Metzger, Johann Georg Hamann. Ein Verkündiger des deutschen Zeitalters, Frank-
furt a.M. 1944, S. 5 ff.
118 Dazu die kontroversen Debatten im Fall Schneider/Schwerte (vgl. oben Anm. 3).

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26 Otto Gerhard Oexle

te. Die Frage kann am Beispiel der Literaturwissenschaftler Paul de Man und Ernst
Robert Jauß erörtert werden 119 . Aber es geht hier durchaus auch um die Fragen der
Verantwortung und gar von Schuld und Moral, die Gesine Schwan in ihrem Buch
,Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens' (1997) mit Ent-
schiedenheit neu gestellt hat, - in Erinnerung übrigens an die Debatten der aller-
frühesten Nachkriegszeit (Karl Jaspers, Die Schuldfrage, 1946), die so rasch an ihr
Ende kamen 120 .

7.

Sicher seit der,Wende' von 1989/90, eigentlich aber schon seit Anfang oder Mit-
te der 1980er Jahre ist man in der Bundesrepublik in eine neue, in eine dritte Pha-
se der ,Vergangenheitspolitik', ,Geschichtspolitik', ,Erinnerungspolitik' eingetre-
ten 121 . Die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985
und der sogenannte Historikerstreit (1986) sind dafür Indikatoren und Faktoren und
ebenso die vielen öffentlichen Kontroversen, vor allem über Denkmäler und insbe-
sondere über das Berliner Mahnmal 122 , dessen Errichtung der Bundestag am 25.
Juni 1999 beschlossen hat. Seit den 1980er Jahren werden deshalb viele Fragen zu
,1933' und zu ,1945' neu gestellt, und viele werden anders gestellt.
Aus bloßer Entrüstung resultiert nichts Förderliches, so wissen Psychologen und
warnen deshalb vor der Anmaßung von Rechten der ,Opfer' (ohne gelitten zu ha-
ben) und vor ungewollter Übereinstimmung mit den ,Tätern' (da die Entrüstung
sich über andere erhebt und damit Ähnliches tut). In dieser Hinsicht hat sich jeder
selbst zu prüfen.
Oft wurden nach 1945 unbequeme Fragen von vornherein mit der gezielten Ge-
genfrage unterbunden, ob man selbst denn sicher sei, in der Situation von damals
anders gehandelt zu haben. Wer hätte darauf je mit einem Ja antworten können!
Aber sind die unbequemen Fragen damit obsolet geworden? Oft wurde nach 1945
vorgebracht, es könne über die Zeit des Nationalsozialismus nur urteilen, wer sie
.erlebt' habe, wer ,dabei gewesen' sei. Auch dies ist eine nur allzu verständliche
Abwehrgeste, die freilich deshalb wenig überzeugen konnte und kann, weil Histo-
riker doch stets über Dinge reden und urteilen, die sie nicht erlebt haben und bei
denen sie nicht dabei waren. Neuerdings, in den jüngsten Debatten über Historiker
im ,Dritten Reich', wird gesagt, man dürfe nicht ,moralisieren'. Sollte damit ge-
meint sein, daß keine historischen Erkenntnisurteile ausgesprochen werden, und
daß diese Erkenntnisurteile nicht durch Werturteile konstituiert sein dürfen? Ge-

119 Oexle, Zweierlei Kultur.


120 Gesine Schwan, Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens, Frankfurt
a.M. 1997.
121 Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfange der Bundesrepublik und die NS-Vergan-
genheit, München 1996; Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland.
Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990, Darmstadtl999.
122 Michael S. Cullen (Hg.), Das Holocaust-Mahnmal. Dokumentation einer Debatte, Zürich-
München 1999; Michael Jeismann (Hg.), Mahnmal Mitte. Eine Kontroverse, Köln 1999.

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.Zusammenarbeit mit Baal" 27

wiß: Historiker sind keine Strafrichter. Aber die Metapher vom Historiker als ei-
nem Untersuchungsrichter hat eine lange und gut begründete Tradition 123 . Soll dies
sistiert werden, sobald es um Haltungen und Handlungen von Wissenschaftlern
geht, gar von Fachkollegen? Und würde dies nicht gerade die junge Generation von
heute zutiefst enttäuschen, die ,wissen' will, - auch deshalb, weil sie bei jeder Aus-
landsreise, sei es nach Frankreich oder nach Polen und Rußland oder gar nach Is-
rael, auch von Freunden mit bestimmten Fragen zur deutschen Geschichte konfron-
tiert wird, ob sie es will oder nicht. Es geht nicht um das .Moralisieren', sondern
um historische Erkenntnis und die ihr eigene Weise auch des Urteilens. Noch fehlt
es, wie es scheint, vielfach an Kategorien dafür 1 2 4 . Aber dem wäre gerade durch
intensive historische Arbeit und Reflexion doch wohl abzuhelfen. Die Verknüpfung
ihrer Debatten mit denen anderer kulturwissenschaftlicher Fächer zum selben The-
ma 1 2 5 und mit denen des Auslands 126 wäre dabei ohne Zweifel hilfreich und für
deutsche Historiker von Nutzen. Auch damit sollte endlich begonnen werden.

123 Raulff.\ Marc Bloch, S. 184 ff.


124 Vgl. dazu die sehr unterschiedlich gehaltenen Diskussionbeiträge der Sektion auf dem
Frankfurter Historikertag: W. Schulze/O. G. Oexle (Hg.), Deutsche Historiker im Nationalsozia-
lismus.
125 S. oben Anm. 2 bis 4.
126 Dazu z . B . die Beiträge zum Thema ,Vérité judiciaire, vérité historique', in: Le Débat, no-
vembre-décembre 1998,Nr. 102.

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