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Wesentliche Veränderung von Maschinen

Informationspapier des KC Technische Sicherheit

Stand: 7/2017
Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkungen ..................................................................................................... 3
2 Rechtliche Betrachtungen ....................................................................................... 4
2.1 Ausgangslage ............................................................................................................ 4
2.1.1 Rechtsgrundlagen ...................................................................................................... 4
2.1.2 Handlungsbedarf........................................................................................................ 5
3 Entscheidungsschema „Wesentliche Veränderung“ ............................................ 6
3.1 Voraussetzungen für die Anwendung ......................................................................... 6
3.2 Hinweise zu den Fragestellungen im Entscheidungsschema aus Abschnitt 5 ............ 6
3.2.1 Anwendung pro beabsichtigter Veränderung ............................................................. 6
3.2.2 Entsteht durch die Veränderung ein neues Risiko oder eine Risikoerhöhung? ........... 6
3.2.3 Sind die vorhandenen Schutzeinrichtungen weiterhin ausreichend
und angemessen? ..................................................................................................... 8
3.2.4 Kann das neue oder das erhöhte Risiko durch Schutzeinrichtungen (SE)
ausreichend minimiert werden?.................................................................................. 9
3.2.5 Müssen bei der ggf. erforderlichen Einbindung der Schutzeinrichtungen in die
vorhandene Steuerung lediglich Signale in vorhandene Steuerstromkreise
eingebunden werden?...............................................................................................10
3.2.6 Ist die zusätzliche sicherheitsrelevante Steuerung unabhängig von der vorhan-
denen Steuerung und bewirkt lediglich das Stillsetzen gefahrbringender
Bewegungen? ...........................................................................................................11
3.2.7 Muss die zusätzliche Steuerung für ein neues Risiko den Performance
Level (PL) d oder e nach EN ISO 13849-1 erreichen? ..............................................11
4 Fallbeispiele ............................................................................................................12
4.1 Explosionsrisiken ......................................................................................................12
4.2 Zusätzliche gefahrbringende pneumatische Bewegung ............................................13
4.3 Zusätzliche gefahrbringende Bewegung mit Nachrüstung der vorhandenen
Steuerung und PLr = d ..............................................................................................14
4.4 Einbau einer zusätzlichen gefahrbringenden Bewegung mit PL = d ..........................15
5 Entscheidungsschema ...........................................................................................16
6 BMAS-Interpretation vom 09.04.2015 ....................................................................17

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1 Vorbemerkungen

Dieses Informationspapier „Wesentliche Veränderung von Maschinen“ soll insbesondere


Planungsingenieuren, Sicherheitsfachkräften, Instandhaltungspersonal, Betriebsleitern und
Aufsichtspersonen als Entscheidungshilfe dienen, um Änderungen an Maschinen zu bewer-
ten. Der unbestimmte Rechtsbegriff der „wesentlichen Veränderung“ wurde am 9. April 2015
durch das BMAS1 interpretiert und zum Teil konkretisiert. Da das BMAS-Papier für alle Bran-
chen und Arten von Maschinen anwendbar sein soll, enthält es zwangsläufig einige Unschär-
fen und unbestimmte Rechtsbegriffe, die häufig unterschiedlich ausgelegt werden. Um die
Entscheidung, ob eine wesentliche Veränderung vorliegt, weiter zu erleichtern, wurde das
BMAS-Entscheidungsschema daher durch das Kompetenzcenter Technische Sicherheit der
BG RCI um praxisgerechte Fragen und Erläuterungen erweitert und dadurch noch weiter
konkretisiert. Zusätzlich sind im Anhang abgestimmte Fallbeispiele aufgeführt. Zusätzlich
wird die Risikohöhe bei der Entscheidung mit berücksichtigt.

Das Entscheidungsschema „Wesentliche Veränderung von Maschinen“ sollte nach Möglich-


keit bereits in der Planungsphase der Änderungsmaßnahme einbezogen werden, da hier-
durch nachträgliche, mit höheren Kosten verbundene Anpassungsmaßnahmen vermieden
werden können.

Bei einer wesentlichen Veränderung wird die Maschine rechtlich zur Neumaschine und muss
vollständig an den aktuellen Stand der Technik angepasst werden. Derjenige, der die we-
sentlichen Veränderungen vornimmt2, wird zum Hersteller der Maschine und muss ein neues
Konformitätsbewertungsverfahren durchführen.

Hinweis:
Das vorliegende Entscheidungsschema sollte nur unter Berücksichtigung der Erläuterungen
aus Abschnitt 3 dieses Papiers angewendet werden.

1 siehe Abschnitt 6
2 Als Hersteller gilt derjenige, der die Änderung plant und die sicherheitstechnischen Anforderungen
festlegt. Derjenige, der die Änderungen nach den Vorgaben durchführt, ist nicht als Hersteller anzuse-
hen.

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2 Rechtliche Betrachtungen

2.1 Ausgangslage
Trotz der in den letzten Jahren modifizierten Gesetze und Verordnungen muss die wesentli-
che Veränderung, auch wenn sie nicht mehr explizit im Produktsicherheitsgesetz erwähnt
wird, weiterhin betrachtet werden. Ein gebrauchtes Produkt, das gegenüber seinem ur-
sprünglichen Zustand wesentlich verändert wird, wird auch zukünftig als neues Produkt an-
gesehen.

Keine wesentliche Veränderung liegt vor, wenn das Ziel der Veränderungen die Erhö-
hung des Sicherheitsniveaus ist.

2.1.1 Rechtsgrundlagen
In der amtlichen Begründung zum § 2 des ProdSG wird Folgendes klar ausgeführt:

„Der Begriff „Inverkehrbringen“ wurde aus dem bisherigen GPSG übernommen und
inhaltlich an die Verordnung (EG) Nr. 765/2008 angepasst. Nachdem im bisherigen
GPSG mit Inverkehrbringen noch jedes Überlassen eines Produkts an einen anderen
gemeint war, wird der Begriff im ProdSG auf die erstmalige Bereitstellung eines Pro-
dukts beschränkt. Inhaltlich tritt an die Stelle des bisherigen Begriffs Inverkehrbringen
der neue Begriff Bereitstellung auf dem Markt. Mit der Anpassung des Begriffs „Inver-
kehrbringen“ an die Verordnung (EG) Nr. 765/2008 entfällt auch der Terminus des
„wesentlich veränderten Produktes“. Eine Änderung des Sachverhalts ist damit nicht
verbunden. Ein gebrauchtes Produkt, das gegenüber seinem ursprünglichen
Zustand wesentlich verändert wird, wird auch zukünftig als neues Produkt an-
gesehen. Siehe hierzu insbesondere die europäische Interpretation in Nr. 2.1 des
Leitfadens für die Umsetzung der nach dem neuen Konzept und dem Gesamtkonzept
verfassten Richtlinien: „Ein Produkt, an dem nach seiner Inbetriebnahme bedeutende
Veränderungen mit dem Ziel der Modifizierung seiner ursprünglichen Leistung, Ver-
wendung oder Bauart vorgenommen worden sind, kann als neues Produkt angese-
hen werden.“

In ähnlicher Weise wird im „Blue Guide“3 der Europäischen Kommission ausgeführt:

„Ein Produkt, an dem nach seiner Inbetriebnahme erhebliche Veränderungen oder


Überarbeitungen mit dem Ziel der Modifizierung seiner ursprünglichen Leistung, Ver-
wendung oder Bauart vorgenommen worden sind, die sich wesentlich auf die Einhal-
tung der Harmonisierungsrechtsvorschriften der Union auswirken, kann als neues
Produkt angesehen werden. Dies ist von Fall zu Fall und insbesondere vor dem Hin-
tergrund des Ziels der Rechtsvorschriften und der Art der Produkte im Anwendungs-
bereich der betreffenden Rechtsvorschrift zu entscheiden.“

3
„Leitfaden für die Umsetzung der nach dem neuen Konzept und dem Gesamtkonzept verfassten
Richtlinien“

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2.1.2 Handlungsbedarf
Wer Veränderungen vornimmt, muss selbst prüfen, ob sie wesentlich sind. Falls eine we-
sentliche Veränderung vorliegt, ist die Maschine als neu anzusehen. Die Maschine muss in
diesem Fall im vollen Umfang der Maschinenrichtlinie entsprechen, nicht nur der veränderte
Bereich. Dies zieht insbesondere folgende Verpflichtungen, unabhängig vom Baujahr der
Maschine, nach sich:
> Durchführung einer Risikobeurteilung und des Konformitätsbewertungsverfahrens
> Nachrüstung der Maschine auf das Sicherheitsniveau der aktuellen Maschinenricht-
linie
> Ergänzung und Überarbeitung der Betriebsanleitung
> Erstellung einer technischen Dokumentation entsprechend der Maschinenrichtlinie
> Anbringung der CE-Kennzeichnung
> Ausstellung einer Konformitätserklärung

Sofern keine wesentliche Veränderung festgestellt wird, muss die veränderte Maschine den-
noch die Anforderungen aus der Betriebssicherheitsverordnung erfüllen. Die Gefähr-
dungsbeurteilung muss aktualisiert werden und gegebenenfalls sind Maßnahmen zu treffen.

Hinweis:
In der BMAS-Interpretation wird empfohlen, dass Änderungen, auch wenn sie unterhalb der
Schwelle zur wesentlichen Veränderung verbleiben, im Rahmen einer Risikobeurteilung do-
kumentiert werden sollten. Voraussetzung für diese Vorgehensweise sind tiefergehende
Kenntnisse, z. B. aus der Normung, da die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100 als ein
Werkzeug für Maschinenhersteller angesehen wird.

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3 Entscheidungsschema „Wesentliche Veränderung“

Bei der Entscheidung, ob eine wesentliche Veränderung vorliegt, wird die Anwendung des
Entscheidungsschemas in Abschnitt 5 empfohlen, welches das Entscheidungsschema des
BMAS konkretisiert.

3.1 Voraussetzungen für die Anwendung


Bei der Anwendung des Entscheidungsschemas wird vorausgesetzt, dass die betreffende
Maschine vor der geplanten Veränderung den geltenden Vorschriften (BetrSichV, Maschi-
nenrichtlinie) entsprochen hat und demzufolge keine sicherheitstechnischen Mängel auf-
weist. Da für die Beantwortung der Fragen aus dem Entscheidungsschema weitergehende
Fachkenntnisse, insbesondere aus der Steuerungstechnik erforderlich sind, wird ferner vo-
rausgesetzt, dass das Entscheidungsschema von Experten mit entsprechenden Fachkennt-
nissen angewendet wird.

3.2 Hinweise zu den Fragestellungen im Entscheidungsschema aus Abschnitt 5

3.2.1 Anwendung pro beabsichtigter Veränderung


Sofern mehrere Veränderungen vorgenommen wurden, sollen diese jeweils in Einzelbe-
trachtungen mit Hilfe des Entscheidungsschemas bewertet werden. Hierbei darf die Ursa-
che-Wirkungs-Beziehung nicht umgekehrt werden.

Beispiel:
Die Erhöhung der Antriebsleistung verursacht einen erhöhten Nachlauf einer gefahrbringen-
den Bewegung und würde eine wesentliche Veränderung hervorrufen. Durch den Einbau
einer zusätzlichen Bremse vor der Erhöhung der Antriebsleistung wird der Nachlauf auf ei-
nen gefahrlosen Wert reduziert. Um das „richtige“ Ergebnis zu erhalten, muss das Entschei-
dungsschema zuerst auf die Ursache (Erhöhung der Antriebsleistung) angewendet werden.

3.2.2 Entsteht durch die Veränderung ein neues Risiko oder eine Risikoerhöhung?
Eine Unterscheidung zwischen Gefährdungs- und Risikoerhöhung, wie im BMAS-Papier vor-
genommen, ist für die praktische Anwendung nicht zielführend4.

Hinweis:
Definitionen nach EN ISO 12100:
Gefährdung: potentielle Schadensquelle, die in der Lage ist, Verletzungen oder Gesund-
heitsschäden hervorzurufen
Risiko: im Risiko wird zusätzlich die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Schadens und
seines Schadensausmaßes einbezogen

4 in der Interpretation des BMAS wird diese Unterscheidung getroffen

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Risikoerhöhungen können sich z. B. ergeben durch:
> Erhöhung bestehender Risiken, wie z. B. Erhöhung von Drehzahlen angetriebener
Wickelwellen, höhere Häufigkeit für manuelle Eingriffe in bestehende Gefahrbereiche
(z. B. Einsatz anderer Materialien, die nicht mehr automatisiert ausgeworfen werden
können, sondern manuell aus dem Werkzeug entnommen werden; manuelle Beseiti-
gung von Anbackungen etc.)
> Einbau zusätzlicher Einrichtungen, die mit vorhandenen Bewegungen neue Gefahr-
stellen bilden
> Einbau zusätzlicher kraftbetätigter Einrichtungen in die Maschine, z. B. zusätzliche
Auswerfer, Nachbearbeitungsstationen, Roboter etc., die neue Gefahrstellen hervor-
rufen
> Verwendung anderer Einsatzstoffe (Gefahrstoffe) mit höherem Gefährdungspotential
Beispiel:
Mit einer Maschine dürfen nach den Angaben des Herstellers nur nicht brennbare
Flüssigkeiten abgefüllt werden. Darüber hinaus ist es zulässig, brennbare Flüssigkei-
ten mit einem Flammpunkt von mehr als 55 °C abzufüllen. Sofern mit dieser Maschi-
ne brennbare Flüssigkeiten mit einem Flammpunkt von beispielsweise 20 °C abge-
füllt werden sollen, wird ein neues Risiko geschaffen.

Risikoerhöhungen liegen z. B. nicht vor:


> Beim Austausch von sicherheitsrelevanten Bauteilen, sofern diese kein schlechteres
Sicherheitsverhalten aufweisen. Hierbei ist es unerheblich, ob ein Technologiewech-
sel vorgenommen wird, z. B. Austausch einer herkömmlichen Relaissteuerung durch
eine Sicherheits-SPS
> Beim Austausch der gesamten Steuerung, wenn die neue Steuerung das gleiche Si-
cherheitsniveau erreicht, auch wenn hierbei ein Technologiewechsel (z. B. von Re-
laistechnik zu SPS) vorgenommen wird
> Bei allen Veränderungen, die zu einer Erhöhung der Sicherheit führen, z. B. Einbau
einer zusätzlichen Betriebsart zur Verringerung vorhandener Manipulationsanreize
(hierbei wird vorausgesetzt, dass keine weitere Veränderung vorliegt, die zur Erhö-
hung von Manipulationsanreizen geführt hat)
> Beim Wechsel von Schutzeinrichtungen (z. B. Austausch einer trennenden Schutz-
einrichtung durch eine berührungslos wirkende Schutzeinrichtung (BWS)), wenn die
neue Schutzeinrichtung die vorhandenen Risiken gleichwertig sichert
Hinweis:
Der Austausch von Maschinen- oder Steuerungsteilen ist dann näher zu betrachten, wenn
die ausgetauschten Teile schlechtere sicherheitstechnische Eigenschaften als die Original-
teile aufweisen und wenn dadurch zusätzliche Risiken oder Risikoerhöhungen hervorgerufen
werden. Das reine Austauschen von Verschleißteilen durch neuwertige Teile mit den glei-
chen Eigenschaften ist unkritisch.

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Eine Risikoerhöhung kann z. B. in folgenden Fällen vorliegen:

> Die ersetzten Bauteile verschlechtern sicherheitstechnische Parameter


Beispiel:
Erhöhung des Maschinennachlaufs, sicherheitsrelevante Fehler der Bauteile sind
schlechter durch die Steuerung erkennbar: der DC-Wert (Diagnostic Coverage) nach
EN ISO 13849-1 verschlechtert sich

> Ersatz einer Schützsteuerung durch eine herkömmliche speicherprogrammierbare


Steuerung (SPS), wobei die SPS Sicherheitsfunktionen übernimmt, die zuvor durch
die Schützsteuerung wahrgenommen wurden
> Ersatz federzentrierter 4/3-Wegeventile durch Proportionalventile
Hinweis:
Proportionalventile können eine Reihe von sicherheitstechnischen Nachteilen aufwei-
sen (z. B. geringe Überschneidung, keine Einnahme der Sperrstellung bei Energie-
ausfall).
> Einbau gebrauchter Teile in die vorhandene Steuerung:
Es wird häufig die Frage aufgeworfen, ob gebrauchte Teile der vorhandenen Steu-
erung nach der Veränderung weiter verwendet werden dürfen, wenn für sie keine
vollständigen Daten, wie für neue Bauteile üblich, vorliegen. Es ist in diesen Fällen zu
prüfen, ob sich Risikoerhöhungen dadurch ergeben, dass die Teile keine angemes-
senen Sicherheitsparameter aufweisen.
Beispiele:
Für eine gebrauchte Sicherheits-SPS liegt im Datenblatt nur vor, dass sie der Kate-
gorie 4 nach DIN EN 954-1 entspricht, ein PL lässt sich nicht ermitteln. Die gebrauch-
te Sicherheits-SPS darf nur für Risiken, die einen PL = d oder weniger erfordern, wei-
terhin eingesetzt werden. Nur unter diesen Bedingungen liegt keine Risikoerhöhung
vor.

Gebrauchte Hardwarebauteile mit unbekannten B10D-Werten (Schalthäufigkeit, bei


der 10 % der Bauteile ausgefallen sind) dürfen weiter verwendet werden, wenn die
Restlaufzeit, berechnet auf der Basis der Standardwerte aus EN ISO 13849-1, noch
mehr als 5 Jahre beträgt. Die Berechnungsgrundlagen (Schaltspiele, Betriebsstun-
den) sind plausibel zu dokumentieren. Eine Risikoerhöhung liegt dann nicht vor.

3.2.3 Sind die vorhandenen Schutzeinrichtungen weiterhin ausreichend und ange-


messen?
Die Schutzeinrichtungen sind „weiterhin ausreichend“, wenn die vorhandenen Schutzein-
richtungen die Risikoerhöhung oder das neue Risiko vollständig abdecken. Hierbei dürfen
auch die neu hinzugekommenen Risiken durch zusätzliche Signalverknüpfungen in der vor-
handenen Sicherheitssteuerung und durch Einbau zusätzlicher Hauptschaltelemente gesi-
chert werden. Darüber hinausgehende Sicherheitseinrichtungen (z. B. Zuhaltungen, Dreh-
zahlüberwachungen, zusätzliche Bremsen etc.) dürfen aber nicht notwendig sein.

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Beispiele:
Eine vorhandene verriegelte Schutztür stoppt zusätzlich eine neu hinzugekommene gefahr-
bringende Bewegung. Hierbei können an mehreren Stellen Signalverknüpfungen vorge-
nommen und zusätzliche Hauptschaltelemente (z. B. ein zusätzliches Ventil) eingebunden
werden.

Neupositionierung einer berührungslos wirkenden Schutzeinrichtung/trennenden Schutzein-


richtung zur Anpassung der Sicherheitsabstände. Ausnahme: Wenn hierbei jedoch zusätzli-
che Risiken entstehen (z. B. durch neu entstandene hintertretbare Bereiche) gilt die berüh-
rungslos wirkende Schutzeinrichtung/trennende Schutzeinrichtung nicht mehr als ausrei-
chend.

Die vorhandene Steuerungsstruktur (einkanalig oder zweikanalig) oder die Güte der Schutz-
einrichtung (z. B. Typ der berührungslos wirkenden Schutzeinrichtung oder Zweihandsteue-
rung) sind auch nach der Risikoerhöhung weiterhin ausreichend.

Die Risikoerhöhung erfordert eine höherwertige Steuerungsstruktur (z. B. wenn sich aus dem
Risikographen nach EN ISO 13849-1 ein PL = d oder e ergibt, jedoch nur eine einkanalige
Steuerung vorhanden ist). Die Steuerung darf entsprechend hochgerüstet werden.

Nicht mehr „angemessen“ oder „ausreichend“ ist eine vorhandene Schutzeinrichtung z. B.,
wenn
> sie das neue Risiko oder die Risikoerhöhung nicht ausreichend minimiert, z. B. länge-
rer Maschinennachlauf erfordert nun zusätzlich eine Zuhaltung oder es müssen zu-
sätzlich Bremsen eingebaut werden.
> eine berührungslos wirkende Schutzeinrichtung ein neues Risiko, wie z. B. das Her-
ausspritzen von Material nicht sichert (z. B. Einsatz von Materialien mit geringer Vis-
kosität in einer Gummispritzgießmaschine).
> eine fest angebrachte trennende Schutzeinrichtung nach der Veränderung mehr als
einmal pro Monat entfernt werden muss.

3.2.4 Kann das neue oder das erhöhte Risiko durch Schutzeinrichtungen (SE) aus-
reichend minimiert werden?
In dieser Fragestellung werden zwei Fälle betrachtet:
> Der Einbau zusätzlicher Schutzeinrichtungen (z. B. um eine zusätzliche Gefahrstelle
zu sichern) sowie
> der Austausch einer vorhandenen Schutzeinrichtung gegen eine solche, die das
vorhandene Risiko und das neue Risiko minimiert.

Zur Minderung des Risikos können nur die nachfolgend aufgeführten Arten von Schutzein-
richtungen herangezogen werden:
> berührungslos wirkende Schutzeinrichtungen (z. B. Lichtgitter, Scanner etc.)
> verriegelte trennende Schutzeinrichtungen (ohne sicherheitsrelevante Zuhaltung)
> fest angebrachte trennende Schutzeinrichtungen
> Schutzeinrichtungen mit Berührungsreaktion (z. B. Schaltmatten)

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Hinweise:
Sofern andere Schutzeinrichtungen als die zuvor aufgeführten verwendet werden sollen
(z. B. ortsbindende Schutzeinrichtungen wie Zweihandsteuerungen oder Zustimmeinrichtun-
gen), muss die Frage mit „nein“ beantwortet werden. Weiterhin dürfen keine weiteren sicher-
heitsrelevanten Maßnahmen erforderlich sein (z. B. Einbau einer zusätzlichen Bremseinrich-
tung, um die Nachlaufzeit zu verringern).

Grundsätzlich werden im weiteren Vorgehen nur die Schutzeinrichtungen aus obiger Aufzäh-
lung betrachtet, die Eingriffe in die Steuerung erfordern. Keine wesentliche Veränderung liegt
auch vor, wenn z. B. nach einer Änderung lediglich zusätzliche Podeste oder Aufgänge er-
forderlich sind.

Das neue oder das erhöhte Risiko kann nicht durch zusätzliche Schutzeinrichtungen ausrei-
chend minimiert werden, wenn z. B.

> durch den Wechsel von Einsatzstoffen ein Explosionsrisiko hervorgerufen wird. Das
Risiko lässt sich nicht durch die vorher genannten Schutzeinrichtungen beherrschen.
> durch die Änderung zusätzliche Maßnahmen zur Risikoreduzierung notwendig sind,
z. B. eine zusätzliche Betriebsart mit sicher reduzierter Geschwindigkeit zur Vermei-
dung von Manipulationsanreizen.
> eine bisher nicht vorhandene Risikoart hinzugekommen ist, die sich nicht nur durch
Schutzeinrichtungen beherrschen lässt, z. B. Einbau einer zusätzlichen Maschinen-
funktion, bei der ein schweres Maschinenteil hochgehalten werden muss, wobei
überwachte Hochhalteeinrichtungen (z. B. Klemmkopf oder überwachte Hochhalte-
bolzen) zur Fehlererkennung notwendig sind.

3.2.5 Müssen bei der ggf. erforderlichen Einbindung der Schutzeinrichtungen in die
vorhandene Steuerung lediglich Signale in vorhandene Steuerstromkreise ein-
gebunden werden?
Der Grundgedanke bei dieser Frage besteht darin, dass lediglich einfache Eingriffe in die
bestehende Steuerung vorgenommen werden müssen, so dass die Wahrscheinlichkeit für
Fehler gering ist und keine Strukturänderungen (z. B. Schaffung neuer Abschaltpfade) not-
wendig sind. Der Tatbestand liegt vor, wenn z. B. lediglich folgende Eingriffe in die Steue-
rung vorgenommen bzw. nicht vorgenommen werden:

> Es werden nur Signalkontakte, die von der zusätzlichen Schutzeinrichtung kommen,
in vorhandene Abschaltkreise eingebunden. Hierbei dürfen auch zusätzliche Hilfs-
schütze zur Kontaktvervielfachung verwendet werden und
> es werden keine zusätzlichen sicherheitsrelevanten Hauptschaltelemente eingebun-
den (das heißt z. B., dass die bereits vorhandenen Stoppventile der Hydraulik auch
die zusätzliche gefahrbringende Bewegung mit abschalten) und
> die zusätzlich eingebundenen Bauteile müssen unter Berücksichtigung der
EN ISO 13849-1 nicht mit einer Stellungsüberwachung versehen sein.

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3.2.6 Ist die zusätzliche sicherheitsrelevante Steuerung unabhängig von der vorhan-
denen Steuerung und bewirkt lediglich das Stillsetzen gefahrbringender Bewe-
gungen?
Die zusätzliche sicherheitsrelevante Steuerung kann als unabhängig von der vorhandenen
Steuerung angesehen werden, wenn folgende Bedingungen vorliegen:
> Es werden nur Signalkontakte in die vorhandene Steuerung eingebunden und
> es werden keine weiteren Änderungen in der vorhandenen Hauptsteuerung vorge-
nommen und
> im fluidtechnischen Teil der Steuerung besteht die Verbindung zur vorhandenen
Steuerung lediglich in der Nutzung der Energiequelle.
Hinweis:
In die vorhandene Steuerung können zusätzliche Bauteile, z. B. zur Steuerung von Bewe-
gungen eingebunden werden, ohne dass die Unabhängigkeit betroffen ist, sofern sie nur der
Bewegungssteuerung dienen, d. h. sie sind nicht sicherheitsrelevant.

3.2.7 Muss die zusätzliche Steuerung für ein neues Risiko den Performance Level
(PL) d oder e nach EN ISO 13849-1 erreichen?
Wenn zur Beherrschung des neuen Risikos steuerungstechnische Eingriffe vorgenommen
werden, die nicht unabhängig von der vorhandenen Steuerung sind und hierbei der PL = d
oder PL = e erforderlich sind, ist die Frage mit „ja“ zu beantworten. Dies gilt auch, wenn die
zusätzliche Steuerung lediglich das Stillsetzen gefahrbringender Bewegungen bewirkt.

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4 Fallbeispiele

4.1 Explosionsrisiken
Mit einer Maschine dürfen nur nicht brennbare Flüssigkeiten abgefüllt werden. Darüber hin-
aus ist es zulässig, brennbare Flüssigkeiten mit einem Flammpunkt von mehr als 55 °C ab-
zufüllen. Sofern mit dieser Maschine brennbare Flüssigkeiten mit einem Flammpunkt von
beispielsweise 20 °C abgefüllt werden sollen, liegt eine Abweichung von der bestimmungs-
gemäßen Verwendung vor. Als zusätzliche Gefährdung, die durch die Abweichung von der
bestimmungsgemäßen Verwendung hervorgerufen wird, ist das Auftreten explosionsfähiger
Atmosphäre anzusehen.

Frage-Nr. Antwort Bemerkung

2 ja Das Risiko von Explosionen war bisher nicht vorhanden.


3 nein Die vorhandenen Schutzeinrichtungen können das zusätzliche Risiko nicht
mit abdecken.
4 nein Die Ex-Gefahr kann durch zusätzliche Schutzeinrichtungen aus der Liste
(berührungslos wirkende Schutzeinrichtung, trennende Schutzeinrichtung)
nicht beherrscht werden.
Ergebnis:
Wesentliche Veränderung,
da die Explosionsrisiken nicht durch Schutzeinrichtungen beherrscht werden können.

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4.2 Zusätzliche gefahrbringende pneumatische Bewegung
Einbau eines Auswerfers in ein Formwerkzeug zur Erleichterung der Entnahme von Teilen.
Hierbei kommt es erfahrungsgemäß gelegentlich zum Verklemmen der Teile, so dass der
Zylinder des Auswerfers auch beim Loslassen der Zweihandtaster unter Druck verbleibt. Es
soll die vorhandene Zwei-Hand-Steuerung für die Ansteuerung des Auswerfers verwendet
werden. In den Gefahrenbereich wird zyklisch eingegriffen.

Zur Beherrschung des zusätzlichen Risikos werden folgende Nachrüstungen vorgenommen:


 Sensoren für die Stellung des Kolbens
 Entlüftungsventile
 Logische Auswertung der Sensorsignale
 Zusätzliche Maßnahmen zum Erhalten des PL = d für die vorh. Zweihandsteuerung

Frage-Nr. Antwort Bemerkung

2 ja Es wird ein neues Risiko hervorgerufen: unerwartete Bewegung des Kolbens


beim Herausnehmen eines verklemmten Formteils.
3 nein Die vorhandene Schutzeinrichtung kann das zusätzliche Risiko nicht mit
abdecken. Sie bleibt unverändert – es werden logische Verknüpfungen ein-
gebaut, die unabhängig von der vorhandenen Schutzeinrichtung sind.
4 nein Das Risiko lässt sich nur durch zusätzliche Sensoren und Ventile, aber nicht
durch zusätzliche Schutzeinrichtungen beseitigen.
Ergebnis:
Wesentliche Veränderung,
da Schutzeinrichtungen benötigt werden, die nicht in Abschnitt 3.2.4 aufgeführt sind.

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4.3 Zusätzliche gefahrbringende Bewegung mit Nachrüstung der vorhandenen Steu-
erung und PLr = d
In die Maschine wird eine zusätzliche hydraulische Funktion eingebaut, durch die zyklische
Eingriffe in den neuen Gefahrenbereich notwendig werden (= Risikoerhöhung, die Funktion
erfordert PL = e). Die bisher vorhandene verriegelte trennende Schutzeinrichtung mit der
dazugehörigen Steuerung erfüllt nur PL = c.

Zur Beherrschung des zusätzlichen Risikos werden folgende Nachrüstungen vorgenommen:


> Anbau eines zweiten Positionsschalters an die Schutzeinrichtung
> Auswertung der Positionsschalter-Signale durch einen Überwachungsbaustein
> Ausgangssignale des Überwachungsbausteins steuern 2 Hilfsschütze mit zwangsge-
führten Kontakten (mit Rückführung zum Überwachungsbaustein) an
> Abschaltung eines vorhandenen Hydraulikventils (zum Stoppen der Bewegung)
> Einbau eines zusätzlichen Hydraulikventils mit Funktionsüberwachung

Frage-Nr. Antwort Bemerkung

2 ja Neue Funktion mit einer zusätzlichen gefahrbringenden Bewegung.


3 ja Das Risiko kann durch die vorhandene verriegelte Schutzeinrichtung be-
herrscht werden. Zusätzliche Schutzeinrichtungen sind nicht erforderlich. Es
muss lediglich das Steuerungsniveau der vorhandenen Verriegelung auf PL
= e erhöht werden und dafür zusätzlich ein Hauptschaltelement und ein
zweiter Signalpfad und entsprechende Überwachungen zur Fehlererken-
nung vorgesehen werden.
Ergebnis:
Keine wesentliche Veränderung,
da die ertüchtigte Schutzeinrichtung das zusätzliche Risiko absichern kann.

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4.4 Einbau einer zusätzlichen gefahrbringenden Bewegung mit PL = d
In die Maschine wird eine zusätzliche hydraulische Bewegung eingebaut, die durch eine zu-
sätzliche verriegelte trennende Schutzeinrichtung gesichert werden soll.

Zur Beherrschung des zusätzlichen Risikos werden folgende Nachrüstungen vorgenommen:

> Einbau einer neuen verriegelten trennenden Schutzeinrichtung


> Einbindung der Signale in die bestehende Steuerung
> Überwachung der Positionsschalter durch die vorhandene SPS
> Einbau zusätzlicher Ventile in die vorhandene Hydraulik

Frage-Nr. Antwort Bemerkung

2 ja Es wird eine neue Funktion mit einer zusätzlichen gefahrbringenden Bewegung


eingefügt.
3 nein Es muss eine zusätzliche Schutzeinrichtung eingebaut werden.
4 ja Es wird eine Schutzeinrichtung aus der Aufzählung aus Abschnitt 3.2.4 ver-
wendet.
5 nein Die Änderung besteht nicht nur aus Eingriffen in bestehende Abschaltpfade.
6 nein Durch den Einbau zusätzlicher Ventile, die nicht unabhängig von der beste-
henden Hydraulik sind, muss die Frage mit „nein“ beantwortet werden.
7 ja „ja“, da ein hoher PL für die zusätzliche Steuerung erforderlich ist.
Ergebnis:
Wesentliche Veränderung,
da eine zusätzliche Schutzeinrichtung mit einem PL ≥ d erforderlich ist.

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5 Entscheidungsschema

1. Start: Anwendung pro beabsichtigter Veränderung

2. Entsteht durch die Veränderung ein neues Risiko oder eine Risikoerhö-
hung?

3. Sind die vorhandenen Schutzeinrichtungen weiterhin ausreichend und an-


gemessen?

4. Kann das neue oder das erhöhte Risiko durch Schutzeinrichtungen (SE)
ausreichend minimiert werden?

5. Müssen bei der ggf. erforderlichen Einbindung der Schutzeinrichtungen


lediglich Signale in die vorhandene Steuerung eingebunden werden?

6. Ist die zusätzliche sicherheitsrelevante Steuerung unabhängig von der vor-


handenen Sicherheitssteuerung und bewirkt lediglich das Stillsetzen ge-
fahrbringender Bewegungen?

7. Muss die zusätzliche sicherheitsrelevante Steuerung für ein neues Risiko


den Performance Level (PL) d oder e nach EN ISO 13849-1 erreichen?

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6 BMAS-Interpretation vom 09.04.2015