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Sicherheit und Betriebsfestigkeit von

Maschinen und Anlagen

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
Manuela Sander

Sicherheit und
Betriebsfestigkeit von
Maschinen und Anlagen

Konzepte und Methoden zur Lebensdauervorhersage

123
gabriele.laub@bwf-esslingen.de
PD Dr.-Ing. Manuela Sander
Fachgruppe Angewandte Mechanik
Fakultät für Maschinenbau
Universität Paderborn
Pohlweg 47-49
33098 Paderborn

ISBN 978-3-540-77732-8 e-ISBN 978-3-540-77733-5

DOI 10.1007/978-3-540-77733-5

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987654321

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Vorwort

Vor allem vor dem Hintergrund der schadenstoleranten Bemessung von Ma-
schinen, Anlagen, Verkehrsmitteln oder Bauteilen ist eine die Rissinitiierung und
das Risswachstum einschließende Lebensdauervorhersage schon in der Produkt-
entwicklungsphase von entscheidender Bedeutung, um Sicherheit gegen Versagen
durch konstruktive Maßnahmen oder regelmäßige Inspektionen gewährleisten zu
können. Unabhängig vom Lastspektrum oder vom Material sollten die Vorhersa-
gen aus sicherheitstechnischen Aspekten immer konservativ sein. Aus ökonomi-
schen Gründen hingegen ist eine optimale Ausnutzung des Materials zu ermögli-
chen. Die Treffsicherheit der Lebensdauerprognose hängt jedoch sehr stark vom
verwendeten Modell ab.
Im vorliegenden Fachbuch werden daher zunächst die grundlegenden Konzepte
zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung von Bauteilen, Maschinen
und Anlagen beschrieben. Nach der Darstellung von Belastungs- und Beanspru-
chungs-Zeit-Funktionen wird auf den statischen Festigkeitsnachweis sowie auf
den Dauerfestigkeitsnachweis eingegangen. Daran schließen sich die Konzepte
der klassischen Betriebsfestigkeit und der klassischen Bruchmechanik an.
Um jedoch eine exakte Lebensdauervorhersage durchführen zu können, sind
die Konzepte der Betriebsfestigkeit und der Bruchmechanik zusammenzuführen
und um die Gesetzmäßigkeiten der Rissinitiierung und des Kurzrisswachstums zu
erweitern.
In vielen Anwendungsbereichen werden Bauteile und Strukturen mit mehr als
107 Lastwechseln belastet, bei denen die seit den Untersuchungen von Wöhler de-
finierte Dauerfestigkeitsgrenze nicht immer gegeben ist. Deshalb beinhaltet das
Fachbuch auch einen Einblick in den immer bedeutender werdenden Bereich des
Ultra high cycle fatigue.
Abschließend werden die Ergebnisse ausgewählter Modelle mit experimentel-
len und numerischen Ergebnissen verglichen und bewertet.
Dieses Buch richtet sich an Ingenieure und Naturwissenschaftler in Unterneh-
men, Universitäten und Hochschulen sowie an Studierende in höheren Semestern
von Diplom- und Masterstudiengängen.

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VI

Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als Oberingenieurin


der Fachgruppe Angewandte Mechanik der Universität Paderborn im Rahmen
meines Habilitationsverfahrens. Mein besonderer Dank gilt daher Herrn Prof. Dr.-
Ing. habil. Hans Albert Richard für die Anregung, Förderung und unermüdliche
Unterstützung meiner Forschungsarbeiten, das entgegengebrachte Vertrauen und
die konstruktiven Diskussionen. Weiterer Dank gebührt Herrn Prof. Dr.-Ing. Hans
Jürgen Maier (Universität Paderborn) sowie Herrn Prof. Dr.-Ing. habil. Gerhard
Pusch (TU BA Freiberg). Ebenso möchte ich mich stellvertretend für alle aktuel-
len und früheren Kollegen der Fachgruppe Angewandte Mechanik der Universität
Paderborn bei Herrn PD Dr.-Ing. Gunter Kullmer für die Unterstützung bedanken.
Darüber hinaus gilt mein Dank den Studien- und Diplomarbeitern sowie den stu-
dentischen Hilfskräften.
Mit diesem Buch möchte ich mich ganz herzlich bei meinen Eltern für ihre
Liebe, ihr Vertrauen, ihre Unterstützung, ihre Rücksichtnahme und ihr Verständ-
nis bedanken. Als Dank widme ich dieses Buch meinen Eltern Konrad und Katha-
rina Sander.
Dem Springer-Verlag gilt mein Dank für die Publikation dieses Fachbuchs.

Paderborn, Dezember 2007 Manuela Sander

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Inhaltsverzeichnis

Liste der Formelzeichen..................................................................................... IX

1 Einleitung .........................................................................................................1

2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung .............5


2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen................................7
2.1.1 Systematisierung von Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-
Funktionen...................................................................................7
2.1.2 Ermittlung von Last-Zeit-Funktionen..........................................8
2.1.3 Zähl- und Klassierverfahren......................................................10
2.2 Statischer Festigkeitsnachweis .............................................................14
2.3 Dauerfestigkeitsnachweis .....................................................................15
2.3.1 Ermittlung der Wöhlerkurve und der Dauerfestigkeit ...............16
2.3.2 Dauerfestigkeitsschaubilder und Mittelspannungs-
empfindlichkeit..........................................................................21
2.3.3 Dauerfestigkeitsberechnung ......................................................23
2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit.........................................25
2.4.1 Werkstoffbeschreibung .............................................................25
2.4.2 Nennspannungskonzepte ...........................................................28
2.4.3 Örtliche Konzepte .....................................................................39
2.4.4 Strukturspannungen...................................................................46
2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik ...........................................47
2.5.1 Bruchmechanische Grundlagen.................................................47
2.5.2 Grundlagen und Mechanismen des Ermüdungsriss-
wachstums .................................................................................50
2.5.3 Ermittlung bruchmechanischer Kennwerte und
Kennfunktionen.........................................................................56
2.5.4 Rissfortschrittskonzepte ............................................................67

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VIII Inhaltsverzeichnis

3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik bei der


Lebensdauervorhersage ................................................................................ 79
3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen ........................................................ 79
3.1.1 Schwellenwertkurven-Konzepte ............................................... 83
3.1.2 Konzepte des kritischen Abstands............................................. 92
3.1.3 Ermüdungsrisswiderstandskurven (R-Kurven-Konzept) .......... 94
3.1.4 —area - Konzept ......................................................................... 98
3.2 Kurzrisswachstumskonzepte .............................................................. 101
3.2.1 Mikrostrukturmodelle ............................................................. 102
3.2.2 Rissschließmodelle.................................................................. 106
3.2.3 Bruchmechanikbasierte Modelle............................................. 110
3.2.4 Ansatz der kritischen Schnittebene ......................................... 123
3.3 Gesamtlebensdauerkonzepte .............................................................. 124
3.3.1 Die Ermüdungslebensdauerkarte............................................. 124
3.3.2 Rissfortschrittswöhlerlinien .................................................... 128

4 Ultra high cycle fatigue ............................................................................... 131


4.1 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen ............................. 132
4.2 Wöhlerkurve im Bereich hoher Lastwechselzahlen ........................... 138
4.3 Auslegungskonzept (Lebensdauerkonzept) nach Murakami .............. 140
4.4 Lebensdauerberechnung im fish-eye .................................................. 141
4.5 Bruchmechanische Lebensdaueransätze............................................. 144

5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte ............................. 147


5.1 Experimentelle Untersuchungen......................................................... 147
5.1.1 Versuchsaufbau und -durchführung ........................................ 147
5.1.2 Risswachstum.......................................................................... 150
5.1.3 Wöhler- und Lebensdauerlinien .............................................. 152
5.2 Numerische Untersuchungen.............................................................. 156
5.3 Analytische Ermittlung von Rissfortschrittswöhlerlinien................... 158
5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte.................................. 160
5.4.1 Nennspannungsbasierte Konzepte........................................... 161
5.4.2 Konzepte auf Basis der örtlichen Spannungen........................ 171
5.5 Konzepte der Rissinitiierung .............................................................. 183
5.6 Bruchmechanische Konzepte ............................................................. 188
5.6.1 Problematik der Thresholdwertbestimmung ........................... 188
5.6.2 Rissfortschrittskonzepte .......................................................... 191
5.6.3 Festlegung von Inspektionsintervallen.................................... 193

Literaturverzeichnis.......................................................................................... 197

Sachwortverzeichnis.......................................................................................... 211

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Liste der Formelzeichen

A Fläche
Amin minimale Fläche
A0 - A4 Koeffizienten in der Rissöffnungsfunktion nach Newman
B Probendicke
C werkstoffabhängiger Koeffizient im Paris-Gesetz
CASTM Absenkrate gemäß ASTM (American Society for Testing and
Material)
CFAM Absenkrate gemäß FAM (Fachgruppe Angewandte Mechanik)
CFM werkstoffabhängiger Koeffizient der NASGRO Gleichung
CJ werkstoffabhängiger Koeffizient des Rissfortschrittsgesetzes
nach Vormwald
CP Verzögerungsfaktor
CE werkstoffabhängiger Faktor im Erdogan-Ratwani-Gesetz
Cth Parameter in der empirischen Funktion nach Newman zur Be-
schreibung der R-Abhängigkeit des Thresholdwertes
D Schadenssumme
DA Abstand der Spannungsniveaus beim Abgrenzungsverfahren
E Elastizitätsmodul
F Kraft
Fm Kraftmittelwert
Fmax, Fmin maximale bzw. minimale Kraft
'F Schwingbreite der Kraft
G Schubmodul
H Summen- bzw. Überschreitungshäufigkeit
H0 Kollektivumfang
Häq schädigungsäquivalente Ersatz-Schwingspielzahl
HV Härte nach Vickers

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X

J Wert des J-Integrals


'J Wert des zyklischen J-Integrals
'Jel, 'Jpl elastischer bzw. plastischer Anteil des 'J-Integrals
'Jeff effektiver Anteil des 'J-Integrals
K’ zyklischer Verfestigungskoeffizient
KI, KII, KIII Spannungsintensitätsfaktoren für Mode I, Mode II und Mode
III
KIC, KC Risszähigkeit für Mode I
Kmax, Kmin Spannungsintensitätsfaktoren für Mode I bei maximaler bzw.
minimaler Belastung
Kmax,eff, Kmin,eff effektiver maximaler bzw. minimaler Spannungsintensitätsfak-
tor
Kmax, req virtueller Spannungsintensitätsfaktor zur Berücksichtigung der
Eigenspannung im Willenborg Modell
Kmax,th maximaler Spannungsintensitätsfaktor des Thresholdwertes
*
K max, th Schwellenwert des maximalen Spannungsintensitätsfaktor des
Zwei-Kriterien-Konzepts
Kol maximale Spannungsintensität einer Überlast
KR Eigenspannungsintensitätsfaktor
Kop Rissöffnungsspannungsintensitätsfaktor
'K, 'KI Schwingbreite des Spannungsintensitätsfaktors bei Mode I
'KH Schwingbreite des dehnungsbasierten Spannungsintensitätsfak-
tors
'KIV Schwingbreite des Kerbspannungsintensitätsfaktors bei Mode I
'K+ positiver Anteil des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors
'K0 initialer zyklischer Spannungsintensitätsfaktor
'Kappl aufgebrachter zyklischer Spannungsintensitätsfaktor
'Keff effektiver zyklischer Spannungsintensitätsfaktor
'Keff,th effektiver Thresholdwert
'KJ,eff effektiver zyklischer Spannungsintensitätsfaktor des
J-Integrals
'KJ,eff effektiver zyklischer Spannungsintensitätsfaktor des
J-Integrals
'KODA Thresholdwert des optisch dunklen Gebiets (ODA)
'Krms Mittelwert der zyklischen Spannungsintensität eines Lastspekt-
rums
'Kth, 'KI,th Threshold-Wert (Schwellenwert für die Schwingbreite des
Spannungsintensitätsfaktors)
*
'K th Threshold-Wert des Zwei-Kriterien-Konzeptes

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XI

'Kth,0 Threshold-Wert 'Kth für R = 0


Lj Stabelementlänge (Fließstreifenmodelle)
M Mittelspannungsempfindlichkeit
N Lastspielzahl
N geforderte Lebensdauer
ND Eckschwingspielzahl
Nf Lebensdauer bis zum Versagen des Bauteils
Ni Initiierungslebensdauer
Np Restlebensdauer
PA Ausfallwahrscheinlichkeit (PA = 100% - PÜ)
PB Schädigungsparameter nach Bergmann
Rcl, Rp Spannungsverhältnis, ab dem für positive bzw. negative R-
Verhältnisse 'Kth = konst. gilt
PJ Schädigungsparameter nach Vormwald
PJmulti, PJSchub mehraxialer Schädigungsparameter für Mode I- bzw. Mode II-
Risse nach Savaidis
PJ,D Dauerfestigkeitskennwert des Schädigungsparameters PJ
PSWT Schädigungsparameter nach Smith, Watson und Topper
PÜ Überlebenswahrscheinlichkeit (PÜ = 100% - PA)
PZ Zusatzschädigung nach Hanschmann
Q Koeffizient der Schädigungsparameterwöhlerlinie nach Vorm-
wald
R Verhältnis von minimaler zu maximaler Spannung bzw. von
minimaler zu maximaler Spannungsintensität
R = Vmin / Vmax = Kmin / Kmax
Re Streckgrenze
Reff effektives Spannungsverhältnis Reff = Kmin,eff / Kmax,eff
RSO Shutt-off-Verhältnis
Rm Zugfestigkeit
Rp0,2 0,2%-Dehngrenze
Rz Rauhtiefe
SB Sicherheit gegen Bruch
SD Sicherheit gegen Dauerbruch
SF Sicherheit gegen Fließen
U Verzerrungsenergiedichte
U el elastische Verzerrungsenergiedichte
U pl plastische Verzerrungsenergiedichte
Vj fiktive Rissöffnungsverschiebung (Fließstreifenmodelle)

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XII

W Widerstandsmoment
Wmin minimales Widerstandsmoment
Ww Exponent zur Berechnung des Verzögerungsfaktors nach
Wheeler
YI Geometriefaktor, normierter Spannungsintensitätsfaktor für
Mode I

a Risslänge
a0 El Haddad-Parameter
ai Anfangsrisslänge bzw. Initiierungsrisslänge
'a Rissinkrement
b, c Schwingfestigkeits- bzw. Duktilitätsexponent
b1 Oberflächenbeiwert
b2 Größenbeiwert
d Durchmesser
da/dN Rissgeschwindigkeit
(da/dN)th Rissgeschwindigkeit im Bereich des Thresholdwertes
f Frequenz
fijI , fijII , fijIII dimensionslose Funktionen
j Ordnungszahl
k Neigung der Wöhlerlinie
k* modifizierte Neigung der Wöhlerlinie
m werkstoffabhängiger Exponent im Paris-Gesetz bzw. Neigung
der Rissfortschrittswöhlerlinie
mJ werkstoffabhängiger Exponent im Rissfortschrittsgesetz nach
Vormwald
mE werkstoffabhängiger Exponent im Erdogan-Ratwani-Gesetz
n Stützwirkung
n’ zyklischer Verfestigungsexponent
ni Anzahl der Schwingspiele eines Lastniveaus
nbm bruchmechanische Stützwirkung
npl plastische Stützzahl
nst statistische Stützwirkung
nvm verformungsmechanische Stützwirkung
nFM, p, q werkstoffabhängige Exponenten der NASGRO Gleichung
pL Parameter im Ansatz nach Liu
r, M Polarkoordinaten

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XIII

r1 Anzahl der Brüche auf dem geprüften Lastniveau (Abgren-


zungsverfahren)
re Materialkonstante im Risswachstumsgesetz nach McEvily
w Probenbreite

D Neigung der Zeit- oder Dauerfestigkeitslinie als Maß der Mit-


telspannungsempfindlichkeit
DC Constraint Faktor in der umkehrplastischen Zone
DCF Constraint Faktor
Dk Kerbfaktor
DW Constraint Faktor entlang der Rissflanken
DH Dehnungskerbfaktor
DV Spannungskerbfaktor
Ek Kerbwirkungszahl
F* bezogenes Spannungsgefälle (Siebel-Verfahren)
H Dehnung
Ha Dehnungsamplitude
Ha,el elastische Dehnungsamplitude
Ha,D Dehnungsamplitude bei N = ND
Ha,pl plastische Dehnungsamplitude
Ha,t totale Dehnungsamplitude
Hel,pl elastisch-plastische Dehnung
Hel,max maximale elastische Dehnung
Hf’ Duktilitätskoeffizient
Hij Dehnungstensor
Hm Mitteldehnung
Hmax, Hmin maximale bzw. minimale Dehnung
HN Nenndehnung
Hop Rissöffnungsdehnung
'H Dehnungsschwingbreite
'Hel elastische Dehnungsschwingbreite
'Hpl plastische Dehnungsschwingbreite
'Heff effektive Dehnungsschwingbreite
J Verhältnis von Kop zu Kmax
I Rissspitzenverschiebung
U Kerbradius
Q Querdehnzahl

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XIV

V Normalspannung
V1, V2 Hauptnormalspannung
Va Spannungsamplitude
Va Höchstwert des Amplitudenkollektivs
Va,äq Äquivalentspannungsamplitude
Va,max maximale Spannungsamplitude
Va,N Nennspannungsamplitude
Va,zul zulässige Spannungsamplitude
VA Dauerfestigkeitswert für ein bestimmtes R-Verhältnis
VD Dauerfestigkeit
V D* reduzierte Dauerfestigkeit nach Liu und Zenner (VD* = 0,5VD)
Vel,pl elastisch-plastische Spannung
Vel,max maximale elastische Spannung
VF Fließspannung
V f’ Schwingfestigkeitskoeffizient
Vij Spannungstensor
Vj Kontaktspannung im Fließstreifenmodell
Vm Mittelspannung
Vmax, Vmin maximale bzw. minimale Normalspannung
VN Nennspannung
Vop Rissöffnungsspannung
Vp vollplastischer Spannungszustand
Vr Eigenspannung
VSch Schwellfestigkeit
Vth Schwellspannung zur Rissinitiierung
VV Vergleichsspannung
VW Wechselfestigkeit
Vzul zulässige Spannung
'V Schwingbreite der Normalspannung
'VD Schwingbreite der Dauerfestigkeit
'Vth Schwingbreite der Schwellspannung zur Rissinitiierung
W Schubspannung
Zpl Größe der plastischen Zone
Zmax, Zol Größe der primär plastischen Zone
\ Parameter im Uniform Material Law

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Kapitel 1
Einleitung

Aufgrund katastrophaler Unfälle der Vergangenheit, wie z.B. des ICE-Unglücks


von Eschede oder des Aloha-Unglücks von Hawaii, werden Fragen hinsichtlich
der Sicherheit und Zuverlässigkeit von Bauteilen und Strukturen insbesondere vor
dem Hintergrund der sicherheitstechnischen und ökonomischen Konsequenzen
immer bedeutender. Aus sicherheitstechnischen Gründen muss ein Bauteil in je-
dem Fall zuverlässig sein, d.h. es darf während einer definierten Zeitdauer unter
angegebenen Funktions- und Umgebungsbedingungen nicht ausfallen. Eine Ver-
besserung der strukturmechanischen Zuverlässigkeit von Bauteilen und somit von
Maschinen und Anlagen führt im Allgemeinen zwar zu einer Senkung der In-
standhaltungskosten, aber verursacht ihrerseits erneut Kosten, die umso höher
sind, je höher das angestrebte Zuverlässigkeitsniveau ist [169]. Unter ökonomi-
schen Gesichtspunkten ist also ein Kostenminimum zu finden, bei dem trotzdem
in jedem Fall Sicherheit für Mensch und Umwelt gewährleistet wird. Um ein mög-
lichst hohes Maß an Zuverlässigkeit bei minimalen Kosten zu erreichen, sind be-
reits in der Produktentwicklungsphase geeignete Auslegungskriterien sowie Me-
thoden und Konzepte zur Lebensdauervorhersage für Bauteile und Strukturen
unter zyklischer Belastung notwendig. Die Auslegungskriterien sind je nach An-
wendungsgebiet sehr unterschiedlich. So werden in der Luft- und Raumfahrt, aber
auch anderen technischen Bereichen, zwei Auslegungskonzepte verfolgt: Das „Sa-
fe-life“-Kriterium und das Schadenstoleranz-(damage tolerant)-Konzept.
Nach dem „Safe-life“-Kriterium ist ein Bauteil oder eine Struktur so auszule-
gen, dass es während der gesamten Einsatzzeit unter dem zu erwartenden Belas-
tungsspektrum nicht versagt. Bei einer derartigen Auslegung ist zu beachten, dass
Werkstoffkennwerte variieren oder aber sich das Einsatzprofil verändern kann.
Die Berücksichtigung dieser Risiken erfolgt sehr häufig durch entsprechende Si-
cherheitsfaktoren, die zu konservativen und damit unter Umständen zu ökono-
misch uninteressanten Auslegungen führen. Die Wahl des Sicherheitsfaktors hängt
sehr entscheidend vom Einsatzgebiet der Maschine, der Anlage oder des Ver-
kehrsmittels ab. Die FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeitsnachweis für Ma-
schinenbauteile“ [67] definiert einen Sicherheitsfaktor in Abhängigkeit des Werk-

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2 1 Einleitung

stoffs, der Durchführung regelmäßiger Inspektionen und der Schadensfolge, die


sich durch den Ausfall eines Bauteils oder einer Struktur für Mensch und Umwelt
ergibt. Nach der DIN EN-50126 wird in der Eisenbahntechnik die Gefahren- oder
Risikostufe nach der Häufigkeit eines Gefahrenfalls eingeteilt. Bei einer Konstruk-
tion nach dem „Safe-life“-Prinzip ist rein theoretisch keine Inspektion des Bauteils
oder der Maschine vorzunehmen. Allerdings treten in der Praxis immer wieder
unvorhersehbare Ereignisse, wie z.B. Umgebungseinflüsse oder Nutzungsände-
rungen auf, die eine Inspektion unverzichtbar machen. In diesem Zusammenhang
ist der Begriff „safety by inspection“ geprägt worden [68].
Alternativ zum „Safe-life“-Prinzip wurden Maschinen, Anlagen und Ver-
kehrsmittel zunächst nach dem „Fail-Safe“-Kriterium ausgelegt, bei dem für si-
cherheitsrelevante Bauteile strukturelle Redundanz vorgeschlagen wird. Falls ein
Bauteil versagt, überträgt ein anderes die Belastung. Da dies jedoch im Allgemei-
nen eine sehr kostenintensive Vorgehensweise ist, geht das Schadenstoleranz-
Konzept davon aus, dass während des Betriebs in einem Bauteil Fehler auftreten,
die unter Überwachung kontrolliert wachsen. Mittels entsprechender Inspektionen
wird gewährleistet, dass die Fehler und Risse eine kritische Größe mit einer ge-
wissen Sicherheit nicht überschreiten und so eine Redundanz überflüssig wird.
Inbetriebnahme Inbetriebnahme
(Neuzustand (Neuzustand technischer Bruch oder
ohne Fehler) mit Fehler) Anriss Ausmusterung

anrissfreie
Rissbildungsphase Rissfortschrittsphase
Phase
Mikroriss-
Rissentstehung Makrorisswachstum
wachstum

Lebensdauer bis zum techn. Anriss Restlebensdauer

Gesamtlebensdauer eines Bauteils

klassische Betriebsfestigkeit klassische Bruchmechanik

Abb. 1.1: Lebensdauer eines Bauteils mit den klassischen Konzepten der entsprechenden Pha-
sen (in Anlehnung an [78])

Diese Auslegungskriterien führen im Allgemeinen dazu, dass die Lebensdauer-


vorhersage von Maschinen, Anlagen oder Verkehrsmitteln durch eine getrennte
Betrachtung der Lebensdauerphasen durchgeführt wird. In der Regel wird die Le-
bensdauer eines Bauteils, die mit der Inbetriebnahme beginnt und mit dem Versa-
gen bzw. dem vorzeitigen Austausch der Komponente endet, in die Lebensdauer
bis zum technischen Anriss und die Restlebensdauer unterteilt (Abb. 1). Die Le-

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1 Einleitung 3

bensdauer bis zum technischen Anriss setzt sich zusammen aus einer anrissfreien
Phase und der Rissbildungsphase. Bei Bauteilen, die bereits im Neuzustand mit
Fehlern, wie z.B. Lunkern, Poren, scharfen Kerben oder rauen Oberflächen, behaf-
tet sind, entfällt die anrissfreie Phase und die Gesamtlebensdauer des Bauteils be-
ginnt mit der Rissentstehung. Daran schließt sich dann das Mikrorisswachstum an.
Die Restlebensdauer ab einem technischen Anriss ist durch die Gesetzmäßigkeiten
des Makrorisswachstums gekennzeichnet.
Während die klassischen Konzepte der Betriebsfestigkeit eine integrale Aussa-
ge über die Lebensdauer bis zum technischen Anriss ermöglichen, kann die Rest-
lebensdauer durch die Konzepte der klassischen Bruchmechanik und des Ermü-
dungsrisswachstums bestimmt werden. Um jedoch eine zuverlässige Lebensdauer-
prognose erstellen zu können, sind ganzheitliche Konzepte erforderlich, die die
Konzepte der Betriebsfestigkeit und der Bruchmechanik zusammenführen und um
die Gesetzmäßigkeiten der Rissentstehung sowie des Mikrorisswachstums erwei-
tern.
Ziel dieses Buchs ist deshalb, durch die Beschreibung und den Vergleich exis-
tierender Modelle und Konzepte sowie die Bewertung mittels experimenteller,
numerischer und analytischer Befunde dem Konstrukteur Hinweise bezüglich der
Sicherheit und strukturmechanischen Zuverlässigkeit von Maschinen und Anlagen
zu geben.
Aus diesem Grund wird in diesem Buch zunächst ein Überblick über die klassi-
schen Auslegungsmethoden sowie die Ermittlung der Belastungs-Zeit-Funktionen
und der Werkstoffkennwerte und -kennfunktionen gegeben. Daran schließt sich
die Darstellung der Konzepte zur Rissentstehung, zum Kurzrisswachstum und zur
Gesamtlebensdauer an, die sowohl auf den Ansätzen der Betriebsfestigkeit als
auch der Bruchmechanik basieren.
In Bauteilen und Strukturen, die sehr hohen Lastwechselzahlen ausgesetzt sind,
wie z.B. Eisenbahnradsatzwellen, können Risse entstehen und wachsen, obwohl
die Belastung grundsätzlich unterhalb der Dauerfestigkeit oder sogar unterhalb des
Schwellenwertes der Ermüdungsrissausbreitung ist. Aufgrund der zunehmenden
Bedeutung dieses Einsatzbereichs werden ferner im Rahmen dieser Arbeit die An-
sätze zur Beschreibung des Phänomens des „ultra high cycle fatigue“ dargestellt.
Im Hinblick auf die Bewertung der unterschiedlichen Konzepte schließt sich
die Beschreibung der experimentellen, numerischen und analytischen Untersu-
chungen unterschiedlicher Geometrien und Belastungen an. Aufgrund der gewon-
nenen Erkenntnisse erfolgt eine Diskussion, ein Vergleich und die Anwendung der
Konzepte zur Beschreibung der Lebensdauer von Bauteilen, Maschinen, Anlagen
und Verkehrsmitteln.

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Kapitel 2
Konzepte zur festigkeitsgerechten und
bruchsicheren Gestaltung

Zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung von Bauteilen, Maschinen


oder Anlagen stehen unterschiedliche Auslegungskriterien zur Verfügung, die sich
im Wesentlichen durch die vorhergesagte Einsatzdauer unterscheiden. Bei einer
Auslegung nach „Safe-life“-Kriterien ist sicherzustellen, dass das Bauteil während
der Einsatzzeit nicht versagt. In diesem Fall wird eine dauerfeste Auslegung mit
hohen Sicherheitsfaktoren eingesetzt, um ein mögliches Ermüdungsversagen mit
entsprechenden katastrophalen Folgen zu vermeiden.
Dagegen stehen die Konzepte, die auf einer endlichen Lebensdauerprognose
basieren. Sie können in folgende drei Gruppen eingeteilt werden:
x Nennspannungskonzepte,
x örtliche Konzepte und
x bruchmechanische Konzept.
Die Nennspannungskonzepte gehen von einer globalen Betrachtung der Belas-
tungen und Beanspruchungen im Nennquerschnitt (Abb. 2.1a und d) im Vergleich
zu einer Bauteilwöhlerlinie aus. Im Allgemeinen wird mit den Nennspannungs-
konzepten die Lebensdauer bis zum Bruch unter Verwendung einer Bruchwöhler-
linie bestimmt. In der Originalfassung der Nennspannungskonzepte ist jedoch der
Zusammenhang zwischen der Nennspannungsamplitude und der Anrisslebensdau-
er definiert [270].
Beim örtlichen Konzept wird das elastisch-plastische Werkstoffverhalten (Abb.
2.1b und e) an der kritischen Stelle eines Bauteils zur Vorhersage der Lebensdauer
bis zum Erreichen eines technischen Anrisses verwendet. Da Kerben in der Regel
die kritischen Stellen eines Bauteils definieren, wird dieses Konzept vielfach auch
als Kerbgrund-Konzept bezeichnet. Es wird davon ausgegangen, dass das Material
an der versagenskritischen Stelle sich hinsichtlich des Spannungs-Dehnungs-
Verhaltens genauso verhält wie eine ungekerbte Probe.

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6 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

a) ı b) c)
ıN ı max
a

M M M M M M

Spannung ı = M/W örtliche Spannung ımax Spannungsintensitätsfaktor


Nennspannung ıN = M/Wmin örtliche Dehnung İ max K = f(ı, a, Geometrie)

d) F e) F f) F

ı ı ı
A ımax
ıN

A min

ı ı ı
F F F
Spannung ı = F/A örtliche Spannung ımax Spannungsintensitätsfaktor
Nennspannung ı N = F/A min örtliche Dehnung İ max K = f(ı, a, Geometrie)
Abb. 2.1: Konzepte zur Lebensdauerberechnung
a) Nennspannungskonzept am Beispiel einer abgesetzten Welle
b) Örtliches Konzept am Beispiel einer abgesetzten Welle
c) Bruchmechanik am Beispiel einer abgesetzten Welle mit einem Riss der Länge a
d) Nennspannungskonzept am Beispiel eines Kerbstabs
e) Örtliches Konzept am Beispiel eines Kerbstabs
f) Bruchmechanik am Beispiel eines Kerbstabs mit einem Riss der Länge a

Da jedoch Bauteile bereits bei der Inbetriebnahme Fehlstellen, wie z.B. Lunker,
Poren, scharfe Kerben oder raue Oberflächen, aufweisen können, ist mittels bruch-
mechanischer Konzepte eine Bauteildimensionierung bzw. eine Lebensdauervor-
hersage vorzunehmen (Abb. 2.1c und f). Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn
trotz des Vorhandenseins eines Risses oder eines Materialfehlers die Trag- bzw.
Funktionsfähigkeit des Bauteils gewährleistet sein muss. Bei einer sogenannten
schadenstoleranten Auslegung wird durch die Festlegung regelmäßiger Inspekti-
onsintervalle mittels bruchmechanischer Konzepte ein Versagen des Bauteils ver-
hindert.

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2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen 7

2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen

Um ein Bauteil, eine Maschine oder Anlage auslegen zu können, ist zunächst die
Kenntnis der Belastung bzw. der Beanspruchung notwendig. Während der
Einsatzzeit ist ein Bauteil einer Betriebsbelastung ausgesetzt, die durch eine Be-
lastungs- bzw. Beanspruchungs-Zeit-Funktion beschrieben werden kann.

2.1.1 Systematisierung von Belastungs- und Beanspruchungs-


Zeit-Funktionen

Belastungs-Zeit-Funktionen können grundsätzlich in drei Gruppen eingeteilt wer-


den: konstante oder ruhende, zyklische und stoßartige Belastung (Abb. 2.2). Eine
konstante, ruhende oder auch statische Belastung ist durch eine über einen länge-
ren Zeitraum unveränderte Last gekennzeichnet, wie z.B. eine permanent wirken-
de konstante Betriebsbelastung oder das Eigengewicht einer Struktur. Eine zykli-
sche Belastung kann entweder periodisch oder nicht-periodisch ablaufen. Eine
allgemeine periodische Belastung ist durch den Maximalwert der Belastung, z.B.
Vmax oder Vo, den Minimalwert der Belastung, z.B. Vmin oder Vu, die Amplitude,
z.B. Va, den Mittelwert, z.B. Vm, die Schwingbreite, z.B. 'V, oder das Spannungs-
verhältnis R gekennzeichnet. Das R-Verhältnis ist wie folgt definiert:
V min
R . (2.1)
V max
Bei einer allgemeinen periodischen Belastung wird gemäß DIN 50100 [47]
zwischen einer schwellenden Belastung im Zug- und Druckbereich sowie einer
wechselnden Belastung unterschieden. Eine schwellende Belastung im Zugbereich
gilt für Spannungsverhältnisse im Bereich 0 d R < 1 mit dem Sonderfall der reinen
Zugschwellbelastung bei R = 0. Bei negativen R-Verhältnissen, d.h. die Ober-
spannung befindet sich im Zugbereich und die Unterspannung im Druckbereich,
ist eine Wechselbelastung gegeben, wobei eine reine Wechselbelastung bei R = -1,
d.h. bei einem Mittelwert von null, definiert ist. Liegt die gesamte Belastung im
Druckbereich, tritt eine Druckschwellbelastung auf. Von einer reinen Druck-
schwellbelastung spricht man, wenn der Maximalwert der Belastung null ist.
Im Gegensatz zu einer periodischen Belastungs-Zeit-Funktion, bei der die
Amplitude und die Mittelspannung konstant bleiben, ändern sich bei einer nicht-
periodischen Belastungs-Zeit-Funktion diese Größen ständig. Nicht-periodische
Last-Zeit-Funktionen können sowohl deterministischer als auch stochastischer Art
sein. Deterministische Lasten, die durch die geplante Nutzung einer Struktur ver-
ursacht werden, wie beispielsweise Manöver eines Flugzeugs [219], können ein-
deutig beschrieben und vorhergesagt werden. Hingegen sind statistische Last-Zeit-
Funktionen, wie z.B. die Belastung eines Schiffs durch den Wellengang, Turbu-

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8 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

lenzen auf ein Flugzeug oder Belastungen eines Automobils aufgrund schlechter
Straßenbedingungen [219], zufallsbedingt und können allenfalls mit statistischen
Methoden beschrieben werden. Sehr häufig treten deterministische und stochasti-
sche Lasten überlagert auf, wie z.B. bei der Belastung eines Flugzeugs durch den
Manöverflug und gleichzeitig auftretende Turbulenzen.

Belastungs-Zeit-Funktion

konstante, ruhende
zyklische Belastung stoßartige Belastung
Belastung

periodisch nicht-periodisch

ı ı ı ı
ımax
ıa
ım 'ı
ımin
t t t 't t

Abb. 2.2: Systematisierung einer Belastungs-Zeit-Funktion

Bei einer Stoßbelastung erfolgt die Belastung in einem sehr kurzen Zeitinter-
vall 't, d.h. die Belastung ist durch einen schnellen Anstieg und Abfall gekenn-
zeichnet, wie beispielsweise unfallartige Ereignisse oder Bordsteinüberfahrten ei-
nes Automobils.
In Analogie zu der oben dargestellten Systematisierung der Belastungs-Zeit-
Funktionen werden ebenfalls Beanspruchungs-Zeit-Funktionen eingeteilt.
Beanspruchungs-Zeit-Funktionen ergeben sich entweder aus den Belastungs-Zeit-
Funktionen durch rechnerische oder numerische Ermittlung, z.B. der Spannungen
und Dehnungen, in Abhängigkeit der Geometrie des Bauteils oder der Struktur
sowie durch experimentelle Verfahren.

2.1.2 Ermittlung von Last-Zeit-Funktionen

Die Ermittlung einer Belastungs-Zeit-Funktion für die Berechnung oder die expe-
rimentelle Ermittlung der Lebensdauer von Bauteilen und Strukturen wird in eine
qualitative und eine quantitative Analyse unterteilt. In der qualitativen Analyse
wird zunächst das Einsatzprofil eines Bauteils oder einer Struktur definiert, durch
das die voraussichtliche Nutzungsdauer der Konstruktion sowie die Häufigkeit,
Verteilung und Reihenfolge der einzelnen Lastfälle festgeschrieben ist [106, 219].

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2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen 9

Bei der quantitativen Analyse werden die Bauteilbelastungen unter realen Belas-
tungsbedingungen in Abhängigkeit der entsprechenden Lastfälle aufgezeichnet,
berechnet, simuliert oder geschätzt.
Die Möglichkeiten der Ermittlung der Bauteilbelastung für die Lebensdauer-
vorhersage sind sehr vielfältig. Grundsätzlich stehen die Betriebslastmessung, die
rechnerische Simulation, die analytische Simulation oder die Abschätzung zur
Verfügung.
Bei einer Betriebslastmessung, die für die Lebensdauervorhersage lediglich bei
Anlagen im Betrieb vor Änderungen, Umbauten oder Neukonstruktionen ähnli-
cher Art einsetzbar ist, kann sowohl mit Messelementen, die direkt im Kraftfluss
liegen (z.B. Kraftmessdosen, Drehmomentenmesswelle) oder mit Messelementen,
die an das Bauteil appliziert werden (z.B. Dehnungsmessstreifen), erfolgen. Hier-
bei ist sicherzustellen, dass der Messzyklus für die Gesamtnutzungsdauer reprä-
sentativ ist [78].
Die rechnerische Simulation eignet sich sowohl für Maschinen und Anlagen im
Betrieb als insbesondere auch in der Planungs- und Konstruktionsphase. Bei die-
sem Verfahren wird die Belastung in Form einer Schwingungsantwort unter Ver-
wendung eines Mehrkörpermodells simuliert. Beispielsweise können durch virtu-
elle Simulationen der Straßenfahrt eines Gesamtfahrzeuges unter Verwendung
eines Reifenmodells, der numerischen Abbildung eines Straßenprofils und eines
Fahrermodells Belastungs-Zeit-Funktionen erstellt werden [84]. Nachteilig bei
diesem Verfahren ist, dass die Qualität des Ergebnisses von der Güte des Modells
und der Nachbildung der Belastung sowie der Erfahrung des Berechners abhängt.
Eine analytische Ermittlung der Bauteilbelastung baut auf den Modellen der
Mechanik (z.B. Balken oder Stäben) auf. Somit können unter teilweise starker
Vereinfachung und Vernachlässigung äußerer Einflüsse Lösungen für einfache
Geometrien gefunden werden.
Auf der Basis statistischer Daten (z.B. Verkehrslast- oder Häufigkeitsmodellen,
Wetterdaten) sowie von Regelwerken können Abschätzungen unter Einbezug der
Abmessungen des Bauteils oder der Struktur durchgeführt werden, die als Lastan-
nahmen auf der sicheren Seite liegen müssen.
Trotz großen Messaufwands können die Betriebsbelastungen der gesamten Le-
bensdauer eines Bauteils oder einer Struktur im Allgemeinen nicht erfasst werden,
so dass die ermittelten Daten auf eine längere Zeitspanne extrapoliert werden
müssen [79]. Eine sehr häufig angewendete Methode ist, die gemessene Last-Zeit-
Funktion mehrfach zu wiederholen, d.h. die Häufigkeiten mit einem Faktor zu
skalieren. Dieses Vorgehen ist zulässig, wenn die Extremwerte der gemessenen
Belastungs-Zeit-Funktion entsprechend definiert und repräsentativ für die Lebens-
dauer sind [85]. Johannesson [100] entwickelte einen Ansatz, bei dem die gemes-
senen Daten zwar wiederholt werden, aber die Spitzenwerte ober- bzw. unterhalb
eines Schwellenwertes mittels statistischer Methoden in ihrer Höhe modifiziert
werden. Die Amplituden unter- bzw. oberhalb der Schwellenwerte bleiben unver-
ändert. Das Verfahren ist nicht geeignet für Last-Zeit-Funktionen, bei denen der
Mittelwert aufgrund unterschiedlicher Belastungsbedingungen, wie z.B. bei Start-

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10 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

und Landevorgängen eines Flugzeugs oder bei unterschiedlichen Ladezuständen


eines LKW, stark schwankt. In ähnlicher Weise verfährt Buxbaum [34], jedoch
verwendet er zur Bestimmung der Größe der Amplituden Wahrscheinlichkeitsver-
teilungen. Daneben sind unterschiedliche statistische Verfahren zur Extrapolation
von Last-Zeit-Funktionen ausgehend von Rainflow-Matrizen (s. Kap. 2.1.3) ent-
wickelt worden [56, 100, 101].
Aus der Kenntnis der Bauteilbelastung können dann mittels analytischer, nu-
merischer oder experimenteller Verfahren die Bauteilbeanspruchungen abgeleitet
werden. Je nach angewendetem Konzept sind dazu entweder die Nennspannungen
oder die örtlichen Spannungen und Dehnungen zu ermitteln (Abb. 2.1). Die Nenn-
spannungen können sehr häufig durch die bekannten Lösungen der Festigkeitsleh-
re ermittelt werden. Darauf aufbauend ist die Bestimmung der elastisch-
plastischen Spannungen und Dehnungen mittels Näherungsbeziehungen (s. Kap.
2.4.3.1) für die Anwendung des örtlichen Konzepts möglich. Aufwändiger ist hin-
gegen die Anwendung einer elastisch-plastischen Finite-Elemente-Simulation zur
Ermittlung der örtlichen Spannungen und Dehnungen. Deshalb werden numeri-
sche Simulationen sehr häufig auf der Basis des elastischen Werkstoffverhaltens
durchgeführt und anschließend mittels der oben genannten Näherungsbeziehungen
in elastisch-plastische Beanspruchungen umgerechnet.

2.1.3 Zähl- und Klassierverfahren

Grundgedanke der Zähl- und Klassierverfahren ist, eine Belastungs- bzw.


Beanspruchungs-Zeit-Funktion in ihre Einzelschwingungen zu zerlegen, um be-
liebig komplizierte Last-Zeit-Funktionen zu vereinfachen, zu reduzieren, zu ver-
gleichen oder zusammenzufassen sowie um Lebensdauerberechnungen durchfüh-
ren zu können. Bevor eine Zählung erfolgen kann, ist zunächst eine Klassierung
vorzunehmen. Dabei wird der Messbereich in äquidistante Klassen eingeteilt, wo-
bei der Zählnullpunkt unterhalb des niedrigsten Messwertes liegen muss. Die An-
zahl der Klassen kann im Allgemeinen zwischen 16 und 256 variieren [78].
Die Zähl- und Klassierverfahren können in einparametrische Methoden, bei
denen nur ein Merkmal gezählt wird, und in zweiparametrische Methoden, bei de-
nen zwei zusammengehörende Merkmale registriert werden, unterteilt werden
[265]. Grundsätzlich gehen durch die Anwendung eines Zählverfahrens wichtige
Informationen, wie z.B. die Reihenfolge der Einzelschwingungen im Ablauf, die
Frequenz oder das Zeitgesetz des Schwingungsvorgangs der Belastungs- bzw.
Beanspruchungs-Zeit-Funktion, verloren [78]. Zusätzlich fehlen bei einparametri-
schen Zählformen Informationen beispielsweise über die Mittelwerte.
Zu den einparametrischen Verfahren zählen die Extremwertzählung (Peak-
Counting), die Klassengrenzenüberschreitungszählung (Level Crossing Counting)
und die Bereichspaarzählung (Range Pair Counting). Das Ergebnis einer einpara-

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2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen 11

metrischen Zählung ist eine Häufigkeitsverteilung, deren Kennfunktion als Kol-


lektiv bezeichnet wird.
Die Extremwertzählung liefert die Häufigkeitsverteilung der Spitzenwerte einer
Last-Zeit-Funktion. Im Allgemeinen werden die relativen Minimal- und Maxi-
malwerte gezählt, die als Summenhäufigkeit aufgetragen werden [265]. Alternativ
dazu können jedoch auch die Extremwerte oberhalb einer definierten Referenzli-
nie als Maxima und unterhalb der Referenzlinie als Minima oder die absoluten
Maxima und Minima zwischen zwei Mittelwertdurchschreitungen gezählt werden
[9, 46].
Die Klassengrenzenüberschreitungszählung ergibt die Überschreitungshäufig-
keit von Klassengrenzen. Dabei werden die Überschreitungen jeder Klassengrenze
jeweils an den aufsteigenden Flanken des Messsignals gezählt. Eine Variante des
Verfahrens entsteht dadurch, dass die negativen Flanken gezählt werden [265].

475,6
400,0 oberer Ast
350,0
Spannung [MPa]

300,0
250,0
200,0 2Va
150,0
100,0
50,0
0,0
-50,0 unterer Ast H0
-85,6
0,9 3,0 10,0 30,0 100,0 1000,0 10000,0 1000000,0
Häufigkeit

Abb. 2.3: Kollektiv aus der Klassengrenzenüberschreitungszählung des Standardlastspektrums


CARLOS/v

Abbildung 2.3 zeigt exemplarisch das Kollektiv aus der Klassengrenzenüber-


schreitungszählung des Standardlastspektrums CARLOS/v, das dem Standardbe-
lastungsablauf für die Vertikalkräfte am Radaufstandspunkt eines PKWs ent-
spricht [224]. Bei einer Aufteilung des Kollektivs in zwei Äste beschreibt der
obere Ast näherungsweise die Verteilung der Maxima und der untere Ast nähe-
rungsweise die Verteilung der Minima der Last-Zeit-Funktion [78]. D.h. die Diffe-
renz der beiden Äste ergibt die Schwingbreite 'V = 2Va. Zu erwähnen ist, dass der
Kollektivumfang H0 sehr häufig nicht der Gesamtlastwechselzahl entspricht.
Mit dem Verfahren der Bereichspaarzählung wird die absolute Überschrei-
tungshäufigkeit von Schwingbreiten ermittelt. Ein Schwingspiel besteht aus einer
positiven und einer negativen Flanke gleicher Größe und mit gleichem Mittelwert,
dem sogenannten Bereichspaar. Zudem können die zueinander passenden Flanken
durch ein oder beliebig viele weitere Schwingspiele unterbrochen sein. Sie setzen
sich dann aus mehreren Teilstücken zusammen. Flanken, die nicht zu einem Be-
reichspaar zusammengefasst werden können, bilden das sogenannte Residuum. Im

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12 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Gegensatz zu den vorgenannten Verfahren wird bei der Bereichspaarzählung nicht


mit festen Klassengrenzen gearbeitet. Jede Flanke eines Messsignals wird ausge-
hend vom Extremwert in äquidistante Klassen unterteilt. Abbildung 2.4 zeigt das
Kollektiv aus einer Bereichspaarzählung des Standardlastspektrums CARLOS/v.

567,0
500,0
450,0
Spannung [MPa]

400,0
350,0
300,0
250,0
200,0 2Va
150,0
100,0
50,0
5,7
0,9 3,0 10,0 30,0 100,0 1000,0 10000,0 1000000,0
Summenhäufigkeit
Abb. 2.4: Kollektiv aus der Bereichspaarzählung des Standardlastspektrums CARLOS/v

Die Gruppe der zweiparametrischen Verfahren bestehen aus der Von-Bis-


Zählung, der Bereichspaar-Mittelwert-Zählung (Range Pair Mean Counting) so-
wie der Rainflow-Zählung. Die Ergebnisse der zweiparametrischen Verfahren
werden in der Regel in einer Matrix gespeichert.
Bei der Von-Bis-Zählung werden sequentiell die Bereiche zwischen zwei Um-
kehrpunkten durch Speicherung der sie kennzeichnenden Extremwerte in einer
Von-Bis-Matrix (Übergangsmatrix) gezählt.
Die Bereichspaar-Mittelwert-Zählung entspricht der Durchführung der Be-
reichspaarzählung. Zusätzlich zu der Breite der Bereichspaare wird jedoch der
Mittelwert gespeichert.

ı h ı
h
d
b
d
b
f f
geschlossene
Hystereseschleifen
a
a t İ
c c

e e

g g

Abb. 2.5: Zählen geschlossener Hystereseschleifen beim Rainflow-Zählverfahren

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2.1 Belastungs- und Beanspruchungs-Zeit-Funktionen 13

Gleiche Ergebnisse wie das Bereichspaar-Mittelwert-Zählverfahren liefert die


weit verbreitete Rainflow-Zählung [78], bei der geschlossene Hysteresen gezählt
werden (Abb. 2.5). Der ursprüngliche Algorithmus der Rainflow-Zählung geht auf
Matsuishi und Endo zurück. Matsuishi und Endo haben sich eine um 90° gedrehte
Belastungs-Zeit-Funktion als Pagoden-Dächer vorgestellt, über die der Regen
fließt. Zum Auffinden der Hystereseschleifen sind seitdem zahlreiche Varianten
und Modifikationen des ursprünglichen Algorithmus entwickelt worden (z.B in [5,
8, 9]). Eine Veranschaulichung des Verfahrens ergibt sich aus der Betrachtung des
Spannungs-Dehnungsverlaufs für eine beliebige Beanspruchungs-Zeit-Funktion.
Abbildung 2.5 zeigt exemplarisch den Spannungs-Dehnungspfad einer Beanspru-
chungs-Zeit-Funktion mit den sich ergebenden geschlossenen Hystereseschleifen.

a) bis b) Mittelwert
4 8 12 16 20 24 28 32 4 8 12 16 20 24 28 32

4 4
8 8
12 12
Spanne
von

16 16
20 20
24 24
28 28
32 32

c) bis
4 8 12 16 20 24 28 32

4
8
12
von

16
20
24
28
32
Abb. 2.6: Ergebnisdarstellung einer Rainflow-Zählung des Standardlastspektrums CARLOS/v
in unterschiedlichen Matrixtypen
a) Vollmatrix der Form „von-bis“
b) Vollmatrix mit Schwingbreiten- und Mittelwertspeicherung
c) Halbmatrix

Das Ergebnis der Rainflow-Zählung kann sowohl als Voll- als auch als Halb-
matrix gespeichert werden. Abbildung 2.6 zeigt die unterschiedlichen Möglichkei-
ten der Ergebnisdarstellung einer Rainflow-Zählung am Beispiel des Standardlast-
spektrums CARLOS/v. Im Gegensatz zu Vollmatrizen, bei denen entweder die

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14 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Extrema in der Form „von-bis“ (Abb. 2.6a) oder die Schwingbreite und der Mit-
telwert (Abb. 2.6b) gespeichert werden, sind bei den Halbmatrizen nur die Extre-
ma ohne Richtungsangabe des Zyklus (Abb. 2.6c) gespeichert.
Aus den Matrizen können die Linien gleicher Schwingbreite sowie der Mittel-
werte abgelesen werden. In Richtung der Diagonalen sind in der Matrix Zyklen
gleicher Schwingbreite (Abb. 2.7a) zu finden, während senkrecht zur Hauptdiago-
nalen die Zyklen gleicher Mittelwerte (Abb. 2.7b) eingetragen sind. Die Schwing-
breiten bzw. Mittelwerte nehmen jeweils in Pfeilrichtung zu.
a) 1 b) 1
2 2 zunehmende
3 zunehmende 3 Mittelwerte
4 Schwingbreite 4
Maximum

Maximum
5 5 Zyklen gleicher
6 Zyklen gleicher 6 Mittelwerte
7 Schwingbreite 7
8 8
1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Minimum Minimum
Abb. 2.7: Halbmatrizen mit schematischer Darstellung (nach [78])
a) der Zyklen mit zunehmender Schwingbreite
b) der Zyklen mit zunehmendem Mittelwert

2.2 Statischer Festigkeitsnachweis

Für den statischen Festigkeitsnachweis müssen die Maximalspannungen Vmax


kleiner als die Beanspruchbarkeit Vzul des Werkstoffs sein:
V max d V zul . (2.2)

Soll das Bauteil gegen plastisches Versagen bzw. Fließen ausgelegt werden,
ergibt sich die zulässige Spannung z.B. aus der Dehngrenze Rp0,2 bzw. der Fließ-
grenze Re des Werkstoffs bezogen auf den Sicherheitsfaktor SF gegen Fließen:
Rp0,2 bzw. Re
V zul . (2.3)
SF

Bei einer Auslegung gegen Trennbruch ergibt sich die zulässige Spannung bei-
spielsweise aus der Zugfestigkeit Rm und dem Sicherheitsfaktor SB zu
Rm
V zul . (2.4)
SB

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2.3 Dauerfestigkeitsnachweis 15

In der FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeitsnachweis für Maschinenbau-


teile“ [67] werden zusätzlich technologische Größenfaktoren sowie Anisotropie-,
Druckfestigkeits-, Schubfestigkeits- und Temperaturfaktoren zur Berechnung der
zulässigen Spannung verwendet. In Abhängigkeit des Werkstoffs berücksichtigt
der technologische Größenfaktor die mit zunehmender Bauteilabmessung im All-
gemeinen abnehmende Werkstofffestigkeit durch die Definition eines effektiven
Durchmessers. Ist der Durchmesser bzw. die Wanddicke des Bauteils größer als
der in Tabellen angegebene effektive Durchmesser, so ist der technologische Grö-
ßenfaktor zu berücksichtigen. Der Anisotropiefaktor bezieht Änderungen der
Werkstofffestigkeit in Abhängigkeit von Vorzugsrichtungen bei gewalzten oder
geschmiedeten Bauteilen mit ein. Höhere bzw. niedrigere Beanspruchbarkeiten
durch Druck- bzw. Schubspannungen berücksichtigt der Druck- bzw. Schubfes-
tigkeitsfaktor. Die Änderung der Zugfestigkeit bei hohen Temperaturen wird
durch den Temperaturfaktor einbezogen.
Die Maximalspannungen können entweder mittels einer klassischen Festig-
keitsberechnung, numerischer Simulation oder aus Experimenten ermittelt wer-
den. Während bei einer numerischen Simulation oder aus einem Experiment un-
mittelbar die maximalen Spannungen ermittelt werden können, ist unter
Verwendung der klassischen Festigkeitsberechnung im Bereich einer Kerbe die
maximale Spannung aus der Nennspannung unter Berücksichtigung eines Kerb-
faktors Dk zu bestimmen:
V max Dk ˜V N , (2.5)

wobei der Kerbfaktor beispielsweise aus Kerbfaktordiagrammen (siehe z.B. [45,


67]) abgelesen werden kann.
Bei einer mehrachsigen Beanspruchung ist als maximale Spannung eine maxi-
male Vergleichsspannung VV,max zu ermitteln, die kleiner als die zulässige Span-
nung sein muss. Die Vergleichsspannung ergibt sich bei einer Auslegung gegen
Trennbruch nach der Normalspannungshypothese nach Navier. Während bei einer
Berechnung gegen plastische Verformung im Allgemeinen die Gestaltänderungs-
energiehypothese nach von Mises Anwendung findet.

2.3 Dauerfestigkeitsnachweis

Im Gegensatz zur statischen Belastung führen bei einer zyklischen Belastung Er-
müdungsvorgänge bereits weit unterhalb der statischen Festigkeitsgrenze zum
Versagen eines Bauteils oder einer Struktur. Beim Dauerfestigkeitsnachweis müs-
sen die Spannungsausschläge in Abhängigkeit der Mittelspannung kleiner als eine
zulässige Spannung sein. Die zulässige Spannung ergibt sich aus dem Dauerfes-
tigkeitskennwert des Werkstoffs, Oberflächen- und Größenbeiwerten sowie der
Sicherheit gegen Dauerbruch. Der Dauerfestigkeitskennwert ist diejenige Span-
nungsamplitude, die ein Bauteil oder eine Struktur rein theoretisch bei gleichzeitig

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16 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

vorhandener Mittelspannung bis zu einer gewissen Schwingspielzahl ohne Versa-


gen ertragen kann, und ist in der Wöhlerlinie oder einem Dauerfestigkeitsschau-
bild ablesbar.

2.3.1 Ermittlung der Wöhlerkurve und der Dauerfestigkeit

In einem Schwingfestigkeitsversuch werden Proben oder Bauteile einer zyklischen


Belastung mit konstanter Amplitude und Mittelspannung oder konstantem R-
Verhältnis bis zum Anriss oder Bruch belastet. Zur Ermittlung einer Wöhlerkurve
werden auf unterschiedlichen Spannungshorizonten Schwingfestigkeitsversuche
durchgeführt und die entsprechenden Anriss- oder Bruchschwingspielzahlen zu
den jeweils untersuchten Spannungsamplituden in einem doppellogarithmischen
Diagramm aufgetragen.

log ıa

Rm

k
näherungsweise
linearisierter Verlauf

ıD
Dauerfestigkeits-
bereich

Kurzzeitfestigkeits- Zeitfestigkeits- log N


bereich bereich
ND

Abb. 2.8: Schematische Darstellung einer Wöhlerlinie

Abbildung 2.8 zeigt schematisch eine Wöhlerkurve. Grundsätzlich kann eine


Wöhlerlinie in den Kurzzeitfestigkeits-, den Zeitfestigkeits- und den Dauerfestig-
keitsbereich eingeteilt werden. Sowohl der Zeitfestigkeits- als auch der Dauerfes-
tigkeitsbereich lassen sich bei einer doppellogarithmischen Auftragung durch zwei
Geraden annähern. Im Bereich der Zeitfestigkeit gilt:
k
§V ·
N N D ˜ ¨¨ a ¸¸ für V a t V D , (2.6)
©VD ¹

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2.3 Dauerfestigkeitsnachweis 17

wobei k die Neigung der Zeitfestigkeitslinie ist. Im Bereich Va < VD ist die Le-
bensdauer rein theoretisch unendlich. ND wird als Eckschwingspielzahl bezeich-
net, die den Schnittpunkt der Zeitfestigkeits- und Dauerfestigkeitsgeraden defi-
niert. Im Allgemeinen können Wöhlerkurven in zwei Typen eingeteilt werden. Die
Wöhlerkurve des Typs I hat eine ausgeprägte Dauerfestigkeitsgrenze, die durch
das horizontale Abknicken der Kurve, im Allgemeinen bei einer Eckschwingspiel-
zahl von 2˜106 Lastwechseln, deutlich wird. Hingegen ist der Verlauf der Wöhler-
kurve des Typs II durch einen deutlichen Abfall der Spannungsamplitude bei ho-
hen Lastwechselzahlen gekennzeichnet. Deshalb wird die Spannungsamplitude,
die bei einer Lastwechselzahl von 107 erreicht wird, als technische Dauerfestigkeit
bezeichnet. Die Eckschwingspielzahl wird aber auch beispielsweise durch den
Kerbfaktor beeinflusst. Bei scharfen Kerben verschiebt sich die Eckschwingspiel-
zahl zu niedrigeren Werten, während bei weniger scharfen Kerben höhere Werte
zu beobachten sind.

a) ıa Į k3 > Į k2 > Į k1 b) ıa d3 > d 2 > d1 c) ıa R z3 > Rz2 > Rz1

Į k1 d1 R z1
Į k2 d2 R z2
Į k3 d3 R z3

N N N

d) ıa e) ıa f) ıa

Biegung ohne Korrosion


Zug/Druck
ım < 0
Torsion
ım = 0
mit Korrosion
ım > 0
N N N
Abb. 2.9: Einflussgrößen auf die Wöhlerkurve (nach [78])
a) Kerbfaktor b) Probengröße c) Oberfläche, Rauheit
d) Beanspruchungsart e) Mittelspannung f) Umgebungsbedingung, Korrosion

Neben dem Werkstoff und dem Werkstoffzustand, d.h. der chemischen Zu-
sammensetzung, der Wärmebehandlung sowie der Herstellungsart und dem Ver-
formungszustand, ist der Verlauf der Wöhlerlinie durch unterschiedliche Einfluss-
größen gekennzeichnet, die Gudehus und Zenner in die drei Gruppen
Probengeometrie bzw. –oberfläche, Beanspruchung und Umgebungsbedingungen
zusammenfassen [78]. Abbildung 2.9 zeigt schematisch einige Einflussgrößen der
drei genannten Gruppen.
Trotz gleicher Proben bzw. Bauteile und gleichen Versuchsbedingungen treten
bei Schwingfestigkeitsversuchen deutliche Streuungen auf. Deshalb ist eine Min-
destzahl an Proben sowie eine Planung und Auswertung der Versuche nach statis-

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18 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

tischen Verfahren erforderlich [186]. Dabei werden Wöhlerlinien mit einer be-
stimmten Ausfallwahrscheinlichkeit PA bestimmt. Diese Kurven besagen, dass
x % der Proben die durch die Wöhlerlinie angegebene Bruchschwingspielzahl
nicht erreichen und (100 – x %) der Proben die Lastwechselzahl überschreiten.
Anstelle der Ausfallwahrscheinlichkeit wird sehr häufig auch die Überlebens-
wahrscheinlichkeit PÜ verwendet, welche 100 % – PA entspricht. Im Zeitfestig-
keitsbereich liegt für die statistische Auswertung der Bruchschwingspielzahlen auf
den unterschiedlichen Niveaus im Allgemeinen eine logarithmische Gauß-
Normalverteilung zugrunde. Als Verteilungsfunktion der Auftretenswahrschein-
lichkeit können aber auch die Funktionen nach Weibull, Rayleigh oder Gumbel
sowie eine Sinus-Verteilung verwendet werden [109, 186, 220].

log ı a PA

90% Häufigkeitsverteilung
50% der Lebensdauerwerte Häufigkeitsverteilung
10% ıa = const. der Dauerfestigkeits-
werte

PA PÜ

90% 10%
50% 50%
10% 90%

ND log N

Abb. 2.10: Wöhlerkurve und Streuband der Versuchsergebnisse im Bereich der Zeitfestigkeit
und der Dauerfestigkeit (nach [78, 186])

Die statistische Auswertung aufbauend auf der Annahme einer logarithmischen


Normalverteilung der Versuchsergebnisse im Zeitfestigkeitsbereich erfolgt gra-
phisch durch lineare Regression in einem Wahrscheinlichkeitsnetz [79, 186]. In
einem Schema werden die Bruchschwingspielzahlen N der vorliegenden n Versu-
che je Belastungshorizont der Größe nach, beim Größtwert beginnend, sortiert und
mit einer Ordnungszahl j versehen. In der Literatur sind zahlreiche Möglichkeiten
zur Ermittlung der den jeweiligen Bruchschwingspielzahlen zugeordnete Überle-
benswahrscheinlichkeit PÜ beschrieben. Nach Rossow [201] ergibt sich die Über-
lebenswahrscheinlichkeit beispielsweise zu:
3 j 1
PÜ , (2.7)
3n  1
nach Schijve [220] zu

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2.3 Dauerfestigkeitsnachweis 19

j  0,5
PÜ (2.8)
n
bzw. nach Hück [91] zu
j  0,535
PÜ . (2.9)
n  0,07

Durch die Versuchspunkte eines jeden Horizontes werden Ausgleichsgeraden


gelegt. Dadurch lassen sich die ertragbaren Schwingspielzahlen für bestimmte
Werte der Überlebenswahrscheinlichkeit ermitteln und als Wöhlerlinie der ent-
sprechenden Wahrscheinlichkeit auftragen.
Ergibt sich ein Schnittpunkt zweier Geraden im Wahrscheinlichkeitsnetz, so ist
die logarithmische Normalverteilung durch eine andere Verteilungsfunktion zu er-
setzen [79]. Abweichungen von einer Gerade im Wahrscheinlichkeitsnetz bei lo-
garithmischer Auftragung der Lastwechselzahl treten insbesondere in den Über-
gangsbereichen zur Kurz- und zur Dauerfestigkeit auf. Da zusätzlich im
Übergangsbereich zur Dauerfestigkeit sowohl Brüche als auch sogenannte Durch-
läufer, d.h. Proben, die bis zu einer definierten Grenzschwingspielzahl nicht aus-
fallen, auftreten, ist eine voneinander getrennte statistische Behandlung der beiden
Bereiche erforderlich [109, 220]. Schijve empfiehlt für den Dauerfestigkeitsbe-
reich eine Normalverteilung als Basis zu verwenden, da die anderen statistischen
Funktionen in diesem Bereich nicht anwendbar sind [220]. Gesondert behandelt
werden müssen außerdem sogenannte Ausreißer [79].
Zur Versuchszeitverkürzung im Dauerfestigkeitsbereich sind abgekürzte Prüf-
verfahren entwickelt worden, die mit geringerer Probenzahl trotzdem ein statis-
tisch abgesichertes Versuchsergebnis liefern. Folgende Verfahren lassen sich da-
bei unterscheiden [109]:
x PROBIT-Verfahren (Horizontprüfung),
x Treppenstufenverfahren (Abb. 2.11a),
x Abgrenzungsverfahren (Abb. 2.11b) und
x Kombinationsverfahren (Abb. 2.11c).

Das PROBIT-Verfahren nach Finney [65] ist ein Horizontprüfung, bei dem auf
mehreren Belastungshorizonten etwas oberhalb und etwas unterhalb der geschätz-
ten Dauerfestigkeit ca. 50 Proben bis zum Bruch bzw. der Grenzlastwechselzahl
belastet werden. Für jeden Horizont wird aus den Versuchsergebnissen die Aus-
fallwahrscheinlichkeit berechnet und in einem Wahrscheinlichkeitsnetz ausgewer-
tet. Neben dem Mittelwert und der Standardabweichung der Dauerfestigkeit lässt
sich mit dem PROBIT-Verfahren auch die Verteilungsform ermitteln [121, 186].
Beim Treppenstufenverfahren nach Dixon und Mood [49] wird der Bereich um
einen geschätzten Dauerfestigkeitswert in Spannungsstufen mit linearem oder lo-
garithmisch gleichen Abstand eingeteilt (Abb. 2.11a). Beginnend mit einem Ver-
such mit der Amplitude der geschätzten Dauerfestigkeit werden die Schwingfes-

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20 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

tigkeitsversuche durchgeführt, wobei sich die Spannungsamplitude des nächsten


Versuchs immer nach dem vorangegangen Prüfergebnis richtet. Bricht eine Probe,
so wird die nächste Probe mit der Spannungsamplitude des nächst niedrigeren Ho-
rizont durchgeführt. Ist der Versuch hingegen ein Durchläufer, so wird die Span-
nungsamplitude um ein Niveau erhöht. So wird gewährleistet, dass sich bei einer
hinreichend feinen Abstufung der Spannungshorizonte die Versuchsergebnisse um
den Mittelwert der Dauerfestigkeit streut. Zur statistischen Auswertung der Versu-
che stehen unterschiedliche Methoden, wie z.B. das Verfahren nach Hück [90],
zur Verfügung. Eine detaillierte Beschreibung und Bewertung der verschiedenen
Auswertungen ist in [121] nachzulesen.
Beim Abgrenzungsverfahren nach Maennig [128] werden Schwingfestigkeits-
versuche auf zwei Spannungshorizonten durchgeführt. Zum Auffinden des Dauer-
festigkeitsbereichs wird zunächst ein Versuch auf einem beliebigen Spannungsho-
rizont durchgeführt. Nun ergibt sich entweder ein Durchläufer (Abb. 2.11b) oder
aber die Probe bricht.
a)
ıa
ıa6
ıa5
ı a4
ıa3
ı a2
ıa1
n
b) ıa
ıa6
ıa5
ı a4 Durchläufer
ıa3 Bruch
ı a2
ıa1
n
c)
ıa
ıa6
ıa5
ı a4
ıa3
ı a2
ıa1
n
Abb. 2.11: Verfahren zur Ermittlung der Dauerfestigkeit
a) Treppenstufenverfahren
b) Abgrenzungsverfahren
c) Kombinationsverfahren (Treppenstufung und Horizontprüfung)

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2.3 Dauerfestigkeitsnachweis 21

Ergibt sich ein Durchläufer, wird die Spannungsamplitude stufenweise solange


erhöht, bis erstmals ein Bruch eintritt. Andernfalls wird die Spannungsamplitude
stufenweise solange abgesenkt, bis erstmals ein Durchläufer auftritt. Auf diesem
Niveau werden n1 Proben getestet. Der untere Beanspruchungshorizont wird in
Abhängigkeit der Ergebnisse der ersten Stufe bestimmt. Der Abstand DA der bei-
den Spannungshorizonte ergibt sich zu [121]:

§ r ·
DA 0,1V a,oben ˜ ¨¨1  1 ¸¸ für r1 d 0,5n1 (2.10)
© n1 ¹

§ r ·
DA 0,1V a,oben ˜ ¨¨  1 ¸¸ für r1 t 0,5n1 , (2.11)
© n1 ¹
wobei r1 die Anzahl der Brüche auf dem geprüften oberen Lastniveau sind und
Va,oben die Spannungsamplitude des oberen Beanspruchungshorizonts ist. Auf dem
so ermittelten unteren Spannungshorizont werden weitere n2 Proben getestet. Ab-
schließend erfolgt ebenfalls eine statistische Auswertung [121, 186].
Das Kombinationsverfahren nach Klubberg et al. [108, 109] koppelt das Trep-
penstufenverfahren mit einer Horizontprüfung auf der im Übergangsbereich lie-
genden obersten Treppenstufe (Abb. 2.11c).

2.3.2 Dauerfestigkeitsschaubilder und Mittelspannungs-


empfindlichkeit

Wie bereits in Abb. 2.9e angedeutet, ist der Dauerfestigkeitswert von der Mittel-
spannung abhängig. Zur zusammenfassenden Darstellung der Ergebnisse in Ab-
hängigkeit der Mittelspannung bzw. des R-Verhältnisses stehen unterschiedliche
Dauerfestigkeitsschaubilder zur Verfügung. Die bekanntesten Schaubilder sind die
Diagramme nach Smith und Haigh.
Im Smith-Diagramm (Abb. 2.12) werden die Ober- und Unterspannung über
der Mittelspannung aufgetragen. Das Dauerfestigkeitsschaubild wird sehr häufig
näherungsweise aus der Wechselfestigkeit VW, der Zugfestigkeit Rm und der
Streckgrenze Re konstruiert. Im Allgemeinen wird das Diagramm zur Darstellung
der Dauerfestigkeitskennwerte in Abhängigkeit der Mittelspannung genutzt. Die
Auftragung der Ober- und Unterspannung für eine definierte Lastwechselzahl ist
aber ebenfalls möglich.
Abbildung 2.13 zeigt die schematische Darstellung des Zeit- und Dauerfestig-
keitsschaubildes nach Haigh. In dieser Darstellungsform werden die Spannungs-
amplitude Va über der Mittelspannung Vm aufgetragen. Die Spannungsamplituden
für ein bestimmtes R-Verhältnis können auf den Geraden, die durch den Nullpunkt
gehen, abgelesen werden. Der Vorteil dieses Diagramms ist, dass sowohl Ergeb-

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22 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

nisse aus dem Zeitfestigkeits- als auch dem Dauerfestigkeitsbereich in Abhängig-


keit der Mittelspannung und des Spannungsverhältnisses eingetragen werden kön-
nen.

ı
Rm

Re
ıo
ıSch ıA
ıW
ım ıu

Rm ım
Abb. 2.12:
Schematische Darstellung des Dauer-
ı W festigkeitsschaubildes nach Smith
(Smith-Diagramm)

Zur Charakterisierung des Einflusses der Mittelspannung auf die ertragbare


Spannungsamplitude ist der Parameter der Mittelspannungsempfindlichkeit M als
Neigung der Zeit- oder Dauerfestigkeitslinie zwischen R = -1 und R = 0 definiert
worden:
M tan D . (2.12)

ıa
Re
ıo


+

ıu
ıu

ıo

N = konst.
Į
ıo

R = -1

N= f u
R

ı
=

0
rf

R=1
R

0 Re ım
Abb. 2.13: Schematische Darstellung des Zeit- und Dauerfestigkeitsschaubildes nach Haigh
(Haigh-Diagramm)

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2.3 Dauerfestigkeitsnachweis 23

In der FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeitsnachweis für Maschinenbau-


teile“ [67] gilt die Mittelspannungsempfindlichkeit M für den Bereich zwischen
R = f und R = 0. Im Bereich R = 0 bis R = 0,5 gilt M/3 sowie außerhalb des Be-
reichs M = 0.
Zur analytischen Beschreibung des Schwingfestigkeitsdiagramms existieren
zahlreiche Gleichungen, wie z.B. nach Goodman, Soderberg oder Gerber. Die
einfachste Beschreibung stellt die Goodman-Gerade dar, die die Wechselfestigkeit
mit der Zugfestigkeit linear verbindet. Ein neuerer Ansatz wurde durch Liu [121]
entwickelt, der auch den Einfluss negativer Mittelspannungen berücksichtigt:
2 2
§ VD · §V VW · §V VW ·
¨ ¸  (1  pL ) ˜ ¨ max ¸  pL ˜ ¨ max ¸ 1 (2.13)
¨V ¸ ¨ R V ¸ ¨ R V ¸
© W ¹ © m W ¹ © m W ¹
mit
2 2
§ V dSch · § VW ·
¨¨ ¸¸  ¨¨ ¸¸  1
pL © 2V W ¹ © Rm  V W ¹ , (2.14)
Rm ˜ V W
( Rm  V W ) 2

wobei pL positiv definiert ist.

2.3.3 Dauerfestigkeitsberechnung

Ein Bauteil oder eine Struktur ist dauerfest, wenn


V a,max  V a,zul (2.15)

gilt. Bei einer klassischen Dauerfestigkeitsauslegung ist die zulässige Spannung


Va,zul wie folgt definiert:
V D ˜ b1 ˜ b2
V a,zul . (2.16)
SD

Sie setzt sich zusammen aus dem Dauerfestigkeitswert VD der entsprechenden


Mittelspannung, einem Oberflächenbeiwert b1 und einem Größenbeiwert b2 sowie
dem Sicherheitsfaktor SD gegen Dauerbruch. Der Oberflächenbeiwert b1 ist ab-
hängig von der Rautiefe der Bauteiloberfläche und der Zugfestigkeit Rm. Der Grö-
ßeneinfluss wird bei der klassischen Auslegung durch den Größenbeiwert b2 ledig-
lich in Abhängigkeit des Bauteildurchmessers bzw. der Bauteildicke berück-
sichtigt.
Allerdings kann entsprechend ihrer Mechanismen zwischen technologischem,
spannungsmechanischem, statistischen und oberflächentechnischem Größenein-

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24 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

fluss unterschieden werden [107]. Jung [102] unterteilt dagegen lediglich in span-
nungsbedingten, werkstoffbedingten und fertigungsbedingten Größeneinfluss. Im
Rahmen einer Auslegung gemäß der FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeits-
nachweis für Maschinenbauteile“ [67] werden Rauheits-, Randschicht- und
Schutzschicht- sowie Eigenspannungsfaktoren berücksichtigt.
Die Beanspruchungsgröße Va,max kann entweder analytisch, numerisch oder ex-
perimentell bestimmt werden. Unter Verwendung von Normalspannungen ergibt
sich die maximale Spannungsamplitude Va,max = Ek˜Va,N aus der Nennspannungs-
amplitude Va,N und der Kerbwirkungszahl Ek, die als Verhältnis der Wechselfes-
tigkeit einer ungekerbten zur gekerbten Probe definiert ist. Die Kerbwirkungszahl
wird im Allgemeinen aus der Kenntnis des Kerbfaktors über folgenden Zusam-
menhang ermittelt:
Dk
n , (2.17)
Ek
der als Stützwirkung bezeichnet wird. Zur Ermittlung der Stützwirkung stehen
zahlreiche Modelle zur Verfügung, wie z.B. nach Siebel, Neuber, Lukas,
Liu/Zenner [122] oder Liu [121]. Ein anerkanntes Modell ist das Verfahren nach
Siebel, bei dem in Abhängigkeit des bezogenen Spannungsgefälles F* und der
Dehngrenze bzw. der Zugfestigkeit des Werkstoffs als Korrelationsgröße zur ur-
sprünglich von Siebel definierten Gleitschichtdicke die Stützwirkung bestimmt
wird. Das bezogene Spannungsgefälle kann für einfache Bauteilformen aus Tabel-
len beispielsweise der FKM-Richtlinie entnommen werden. Das Konzept nach Liu
[121] als Erweiterung des Ansatzes nach Liu/Zenner [122] berechnet die Stützwir-
kung aus den statistischen, verformungsmechanischen und bruchmechanischen
Stützfaktoren:
n nst ˜ nvm ˜ nbm . (2.18)

Aufbauend auf dem Fehlstellenmodell nach Heckel [31] beschreibt die statistische
Stützwirkung nst die erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Bruchs ausgehend von sta-
tistisch verteilten Fehlern mit zunehmender Probengröße. Die verformungsmecha-
nische Stützwirkung nvm berücksichtigt die Tatsache, dass bei inhomogener Span-
nungsverteilung und bei einer plastischen Verformung die elastisch berechnete
Spannung stets größer als die tatsächliche Spannung ist. Da die Spannungsintensi-
tät eines Risses aus einer Kerbe im Allgemeinen geringer ist als bei einem Riss
ausgehend von einer ebenen Oberfläche, führt Liu die bruchmechanische Stütz-
wirkung nbm ein, die sich als Verhältnis der beiden Spannungsintensitätsfaktoren
darstellt.
In Analogie zum statischen Festigkeitsnachweis ist bei einer mehrachsigen Be-
anspruchung, die in Phase auftritt, eine Vergleichsspannungsamplitude z.B. nach
der Normalspannungs- oder der Gestaltänderungsenergiehypothese zu ermitteln.

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 25

2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit

Die Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit können in drei Gruppen eingeteilt


werden:
x Nennspannungskonzepte,
x Örtliche Konzepte und
x Strukturspannungskonzepte.
Die Nennspannungskonzepte basieren auf einer globalen Betrachtung der Be-
lastung und Beanspruchung (Abb. 2.1a und d) im Vergleich zu einer Spannungs-
wöhlerlinie. Unter der Annahme, dass die elastisch-plastischen Beanspruchungs-
größen an einer kritischen Stelle des Bauteils (Abb. 2.1b und e), z.B. einer Kerbe,
vergleichbar sind mit denen in einer ungekerbten Probe bei gleichem Spannungs-
Dehnungspfad, bestimmen die örtlichen Konzepte unter Verwendung der zykli-
schen Spannungs-Dehnungskurve und der Dehnungwöhlerlinie die entsprechende
schädigende Wirkung der Belastung. Das Sturkturspannungskonzept wird zur
Auslegung von Schweißverbindungen verwendet, um den Aufwand der Modellie-
rung einer Schweißnaht bei einer numerischen Simulation zu reduzieren.

2.4.1 Werkstoffbeschreibung

Neben der Beschreibung der Spannungswöhlerlinie, die in Kapitel 2.3.1 ausführ-


lich dargestellt wurde, sind für die betriebsfeste Auslegung insbesondere nach den
örtlichen Konzepten sowohl die zyklische Spannungs-Dehnungskurve als auch die
Dehnungswöhlerlinie von entscheidender Bedeutung.

2.4.1.1 Zyklische Spannungs-Dehnungskurve

Die zyklische Spannungs-Dehnungskurve (Abb. 2.14a) stellt die Verbindungslinie


der Extremwerte zyklisch stabilisierter Hystereseschleifen (Abb. 2.14b) dar. Im
Allgemeinen wird die zyklische Spannungs-Dehnungskurve an ungekerbten Pro-
ben im dehnungsgesteuerten Versuch bei einem R-Verhältnis von –1 bestimmt.
Formelmäßig wird die zyklische Spannungs-Dehnungskurve durch den Ansatz
von Ramberg und Osgood beschrieben:
1 / nc
Va §V ·
Ha ¨ a ¸ , (2.19)
E © Kc ¹

wobei E dem Elastizitätsmodul, K’ dem zyklischen Verfestigungskoeffizienten


und n’ dem zyklischen Verfestigungsexponenten entspricht.

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26 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

a) b) ı
İm İa
ı

zyklische

ıa
Spannungs-
Dehnungskurve


İ
İ

ım
zyklische stabilisierte 'İpl 'İel
Hystereseschleifen

Abb. 2.14: Zyklisches Werkstoffverhalten


a) zyklische Spannungs-Dehnungskurve
b) Kenngrößen einer zyklisch stabilisierten Hystereseschleife für den allgemeinen
Fall mit Mitteldehnung und Mittelspannung

Durch den Vergleich der zyklischen mit der zügigen Spannungs-


Dehnungskurve lässt sich unmittelbar feststellen, ob der Werkstoff zyklisch ver-
oder entfestigt. Liegt die zyklische unterhalb der zügigen Spannungs-Dehnungs-
kurve, so liegt eine Entfestigung vor und im umgekehrten Fall eine Verfestigung.

2.4.1.2 Dehnungswöhlerlinie

Zur Ermittlung der Dehnungswöhlerlinie werden Versuche mit konstanter Deh-


nungsamplitude an Rundproben bis zur Erzeugung eines Anrisses (je nach Verfah-
ren 0,5 bis 2 mm Risslänge) durchgeführt. Die zyklisch stabilisierten Dehnungs-
amplituden werden dann über der Anrissschwingspielzahl aufgetragen.
Dabei lassen sich Linien der elastischen und der plastischen Dehnungsamplitu-
de Ha,el bzw. Ha,pl bei einer doppellogarithmischen Auftragung als Geraden darstel-
len (Abb. 2.15). Dadurch kann die totale Dehnungsamplitude Ha,t durch den Coffin-
Manson Ansatz für N d ND beschrieben werden:

Vfc
H a, t H a,el  H a, pl ˜ (2 N ) b  H f c ˜ (2 N )c . (2.20)
E
Im Bereich N t ND knickt die Dehnungswöhlerlinie horizontal ab und ist wie
folgt definiert:

Vfc
H a, t H a, D ˜ (2 N D ) b  H f c ˜ (2 N D )c konst. (2.21)
E

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 27

Da auch die Ergebnisse eines dehnungskontrollierten Versuchs streuen, besit-


zen diese Gleichungen Gültigkeit für eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 50%.
Um die Streuungen zu erfassen, schlägt Haibach in Analogie zur Spannungswöh-
lerlinie eine statistische Auswertung vor. Dabei unterstellt er eine logarithmische
Normalverteilung und eine über den gesamten Lastwechselzahlenbereich konstan-
te Streubreite [79].

log İ

İ’f
c

ı’f
E b
ıD
İ
a,D E
İ a,el
İ a,pl

0,5 ND log N

Abb. 2.15: Charakteristische Größen einer Dehnungswöhlerlinie

Zur Abschätzung der zyklischen Werkstoffparameter aus dem E-Modul und der
Zugfestigkeit entwickelten Bäumel und Seeger [20] das Uniform Material Law,
das auf der Auswertung von ca. 1500 Versuchsdaten basiert. Tabelle 2.1 zeigt die
Werte für eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 50%.

Tabelle 2.1: Abschätzung zyklischer Werkstoffparameter nach dem Uniform Material Law [20]

Werkstoff unlegierte und niedrig Al- u. Ti-Legierungen


legierte Stähle

Vf’ 1,5˜Rm 1,67˜Rm


b -0,087 -0,095
1
Hf’ 0,59˜< 0,35
c -0,58 -0,69
VD 0,45˜Rm 0,42˜Rm
5 6
ND 5˜10 1˜10
4 1
Ha,D 0,45˜Rm/E + 1,95˜10 ˜< 0,42˜Rm/E
K’ 1,65˜Rm 1,61˜Rm
n’ 0,15 0,11

1
< = 1,0 für Rm/E d 3˜10-3 bzw. < = (1,375-125Rm/E ) für Rm/E > 3˜10-3

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28 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

2.4.2 Nennspannungskonzepte

Bei den Nennspannungskonzepten handelt es sich um eine globale Betrachtungs-


weise. Die Beanspruchung eines Bauteils oder einer Struktur wird pauschal durch
Nennspannungen beschrieben. Diese Art der Lebensdauerberechnung wird gemäß
der FKM-Richtlinie „Rechnerischer Festigkeitsnachweis für Maschinenbauteile“
für einfachere Bauteile empfohlen [67], bei denen der Nennquerschnitt eindeutig
definiert ist.

2.4.2.1 Lineare Schadensakkumulation

Bei der linearen Schadensakkumulation, deren Basis die Überlegungen von


Palmgren und Miner sind, wird die Gesamtschädigung durch die lineare Auf-
summierung der Teilschädigungen eines jeden Schwingspiels bestimmt. Dabei
wird davon ausgegangen, dass die Teilschädigungen voneinander unabhängig sind
und sich nicht gegenseitig beeinflussen. Die Schadenssumme ergibt sich dabei zu
k
n
D ¦ Nii , (2.22)
i 1

wobei ni die Lastspiele je Stufe und Ni die ertragbare Schwingspielzahl aus der
Wöhlerlinie in der i-ten Stufe sind. Zu beachten ist, dass Mittelwerte bzw. Span-
nungsverhältnisse von Lastkollektiv und Wöhlerlinie übereinstimmen. Ist dies
nicht der Fall, ist eine Amplitudentransformation des Kollektivs durchzuführen,
bei der die Amplituden mittels des Zusammenhangs der Mittelspannungsempfind-
lichkeit (siehe Kapitel 2.3.2) auf das Spannungsverhältnis der Wöhlerlinie umge-
rechnet werden.
Das Originalkonzept der linearen Schadensakkumulation ist ursprünglich nur
für die Beanspruchungen oberhalb der auf 107 Lastwechsel bezogenen Dauerfes-
tigkeit entwickelt worden. Zudem gilt als Versagenskriterium der sichtbare Anriss
und nicht der Bruch [270].
Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass die lineare Schadensakkumulation zu
Ergebnissen führt, die im Vergleich zu experimentellen Untersuchungen auf der
sicheren und oftmals auch auf der unsicheren Seite liegen können [z.B. 219, 222,
223]. Im Gegensatz zu ungekerbten Bauteilen, bei denen die Schadenssumme rela-
tiv nahe eins liegt, treten deutliche Unsicherheiten bei der Vorhersage von Bautei-
len mit Kerben auf [219]. Als Ursachen werden dazu einerseits die fehlende Be-
rücksichtigung der sogenannten Reihenfolgeeffekte bei variabler zyklischer
Belastung und andererseits die schädigende Wirkung von Lastwechseln unterhalb
der Dauerfestigkeit angeführt. Die Problematik der Reihenfolgeeffekte kann mit
einer einfachen Sequenz bestehend aus zwei Blöcken mit n1 Lastwechseln der
Spannungsamplitude Va1 und n2 Lastwechseln der Spannungsamplitude Va2 ver-

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 29

deutlicht werden, wobei gilt: Va1 < Va2. Je nach Anordnung der Blöcke kann zwi-
schen einer low-high und einer high-low Lastfolge unterschieden werden. Unter
der Annahme, dass die Spannungen beispielsweise an einer Kerbe die 0,2%-
Dehngrenze Rp0,2 des Werkstoffs lediglich bei der Anwendung von Va2 überschrei-
ten, während sie bei der Anwendung von Va1 unterschritten werden, treten Plastifi-
zierungen und entsprechende Eigenspannungen an der Kerbe im zweiten Block
der Sequenz low-high und im ersten Block der Sequenz high-low auf. Die Ausbil-
dung von Eigenspannungen im ersten Block einer high-low Lastfolge führt zu ei-
ner Verlängerung der Lebensdauer des Bauteils im Gegensatz zur low-high Se-
quenz. Derartige Reihenfolgeeffekte bleiben bei der Anwendung der Palmgren-
Miner-Regel unbeachtet. Weiterhin wird nicht berücksichtigt, dass auch Schwing-
spiele unterhalb der Dauerfestigkeit eine schädigende Wirkung besitzen können.
Wird beispielsweise durch die hohe Belastung im ersten Block der high-low Se-
quenz ein Riss initiiert, könnte dieser im zweiten Block trotzdem wachstumsfähig
sein, obwohl die Dauerfestigkeitsgrenze durch die niedrigere Belastung unter-
schritten, aber der Thresholdwert gegen Ermüdungsrissausbreitung (vgl. Kapitel
2.5.3.2) überschritten wird. Mit Hilfe der Palmgren-Miner-Regel wird lediglich
eine schädigende Wirkung im ersten Block bestimmt, während die Schadenssum-
me D für die niedrige Spannung null ist [219].
Aus diesen Gründen sind im Rahmen der linearen Schadensakkumulations-
hypothese zahlreiche Modifikationen entwickelt worden. Bereits zwischen 1930
und 1940 haben French [71] und Kommers [111] über Überlasteffekte auf die
Dauerfestigkeit berichtet. Der Ansatz der getrennten Betrachtungsweise der Riss-
initiierung und des Risswachstums wurde 1937 durch Langer [115] vorgeschla-
gen.
In Anlehnung an die Klassierung nach Fatemi und Yang [64] können die Nenn-
spannungskonzepte in vier Gruppen eingeteilt werden:
x Modifikation der Wöhlerkurve zur Schadensrechung
x Konzept der Schadenskurve
x Ansatz der Zwei-Phasen-Schädigung
x Äquivalentspannungsansatz.

2.4.2.2 Modifikation der Wöhlerkurve zur Schadensrechnung

Die Palmgren-Miner-Regel in Originalform geht davon aus, dass Schwingspiele


unterhalb der Dauerfestigkeit zur Schädigung nicht beitragen (Abb. 2.16). Da es
im Allgemeinen durch diese Art der Betrachtung zu einer Überschätzung der Le-
bensdauer kommt, ist die elementare Form der Palmgren-Miner-Regel entwickelt
worden. Zur Berücksichtigung des Schädigungsbeitrags der Schwingspiele, deren
Amplitude unterhalb der Dauerfestigkeit liegen, wird die Gültigkeit der Zeitfestig-
keitslinie auf den Dauerfestigkeitsbereich erweitert. Dieser Ansatz ist jedoch i.

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30 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Allg. nur für Werkstoffe, die z.B. keine ausgeprägte Dauerfestigkeit besitzen, oder
bei Bauteilen in korrosiver Umgebung gerechtfertigt.
Um sowohl eine systematische Über- als auch Unterschätzung der Lebensdauer
zu vermeiden, wird bei der modifizierten Form der Palmgren-Miner-Regel nach
Haibach [79] die Zeitfestigkeitsgerade fiktiv mit einer Neigung (2k-1) fortgesetzt.
Haibach geht davon aus, dass sich aufgrund der fortschreitenden Schädigung ein
Dauerfestigkeitsabfall ergibt.

ı
a (log)
Bauteilwöhlerlinie
Neigung: k

Palmgren-Miner Original
ıD
Palmgren-Miner modifiziert
Neigung: 2k-1

ND N, H (log)
Palmgren-Miner elementar
Neigung: k
Abb. 2.16: Modifikation der Wöhlerkurve im Dauerfestigkeitsbereich zur Schädigungsrechung
mittels der Palmgren-Miner-Regel in elementarer und modifizierter Form im Ver-
gleich zur Original-Wöhlerkurve

In der sogenannten konsequenten Form der Palmgren-Miner-Regel trägt Hai-


bach diesem Sachverhalt Rechnung, indem iterativ der Abfall der Dauerfestigkeit
während der Berechnung bestimmt wird [79]. Hück sowie Pöting und Zenner
[183, 184] schlagen vor, den Dauerfestigkeitsabfall durch eine Gerade mit der
Neigung
§ C ·
k* k ˜ ¨¨1  ¸
¸ (2.23)
© V a / V D  1 ¹
in Abhängigkeit des Verhältnisses V a / V D von Kollektivhöchstwert zur Dauerfes-
tigkeit zu berücksichtigen. Der Parameter C ist entweder an Versuchsergebnisse
anzupassen oder entsprechenden Tabellen zu entnehmen. Je nach Wahl des Para-
meters C ergeben sich Lebensdauervorhersagen zwischen denen der elementaren
Form und der Originalform. Zusätzlich wird beim sogenannten C-Parameter-
Konzept nach Pöting und Zenner [183] eine effektive Schadenssumme Deff < 1

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 31

angesetzt, die in Abhängigkeit des Werkstoffs, der Geometrie, des Versagenskrite-


riums, der Kollektivform, des Spannungsverhältnisses und der Beanspruchung de-
finiert ist.
Andere Ansätze, wie z.B. nach Corten und Dolan [40] oder Freudenthal und
Heller [72], modifizieren die Wöhlerkurve sowohl im Dauerfestigkeitsbereich als
auch im Zeitfestigkeitsbereich, wobei die Zeitfestigkeitsgerade im Uhrzeigersinn
um einen Referenzpunkt gedreht wird. Nach dem Corten-Dolan Modell wird als
Referenzpunkt derjenige Punkt gewählt, der dem Kollektivhöchstwert V a auf der
Wöhlerkurve entspricht (Abb. 2.17). Gemäß entsprechender Versuche von Corten
und Dolan kann die Neigung k* für Stähle näherungsweise mit

k* 0,86...0,9 ˜ k (2.24)
angenommen werden [270]. Sehr häufig werden jedoch die beiden Neigungen
gleichgesetzt, so dass bei der vereinfachenden Annahme k* = k die Schadenssum-
men des Corten-Dolan Modells und der elementaren Form der Palmgren-Miner-
Regel übereinstimmen.

ı
a (log)
Bauteilwöhlerlinie
ıa Neigung: k

ıD

Corten-Dolan Serensen-Koslow
0,5ıD
 ı *D
Freudenthal-Heller

3 4
10 - 10 ND N, H (log)

Abb. 2.17: Auslegungswöhlerlinien durch Modifikationen der Bauteilwöhlerlinie

Freudenthal und Heller legen den Referenzpunkt der Drehung der Zeitfestig-
keitsgeraden bei einer Lastwechselzahl von 103 – 104 Lastwechseln und dem ent-
sprechenden Spannungsniveau fest (Abb. 2.17).
Neben der reinen Neigungsänderung der Zeitfestigkeitsgeraden wird nach dem
Ansatz von Serensen und Koslow die Zeitfestigkeitsgerade unterhalb der Dauer-
*
festigkeit VD lediglich bis zu einer Spannungsamplitude V D 0,5 ˜ V D linear ver-
*
längert. Die Neigung k der fiktiven Auslegungswöhlerkurve wird mit Hilfe der
Schadenssumme D berechnet, die experimentell zu bestimmen ist [270].

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32 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Ein weiterer Ansatz wird von Ben-Amoz [23] verfolgt, der sowohl auf der Ori-
ginalform der Palmgren-Miner-Regel als auch dem Ansatz von Subramanyan
aufbaut. In seiner Grenzkurven-Theorie schlägt Ben-Amoz vor, dass die Wöhler-
kurve gemäß der originalen Palmgren-Miner-Regel als obere und die Wöhlerkur-
ve gemäß der Beziehung nach Subramanyan bei einer high-low Blocklastfolge

n2 / N 2 1  (n1 / N1 )D , (2.25)

wobei D = log(N2/ND)/ log(N1/ND) ist [236], als untere Grenzkurve der Lebensdau-
er zu betrachten sind. Ben-Amoz hat nachgewiesen, dass diese Betrachtungsweise
nicht nur für lineare Wöhlerkurven in einem log-log-Diagramm gilt, sondern auch
für nicht-lineare Wöhlerkurven.

2.4.2.3 Konzept der Schadenskurve

Aufgrund der Tatsache, dass die Grundannahme der linearen Zunahme der Schä-
digung gemäß der Palmgren-Miner-Regel zu unzuverlässigen Vorhersagen führen
kann, entstanden die sogenannten nicht-linearen Schadensakkumulationshypothe-
sen (Abb. 2.18).
In diesem Zusammenhang führten Richart und Newmark [194] das Konzept der
Schadenskurve ein. Die Schadenskurve gibt einen funktionellen Zusammenhang
der Schädigungssumme D und des Lastwechselzahlverhältnisses wieder. Aufbau-
end auf den Ergebnissen von Richart und Newmark [194], dass die Schadenskurve
vom Lastniveau abhängt, entwickelten Marco und Starkey [132] das erste nicht-
lineare lastabhängige Schadenskurvenmodell. Die Schädigungssumme D ist ge-
mäß Marco und Starkey wie folgt definiert:

D ¦ Dix i , (2.26)
i

wobei xi eine Variable zur Quantifizierung des Lastniveaus im i-ten Block ist, d.h.
jedes Lastniveau entspricht einer Schadenskurve (Abb. 2.18b und c). Ein Wechsel
zwischen zwei Lastniveaus wird durch den Übergang unterschiedlicher Schadens-
kurven charakterisiert. Nach dem Ansatz von Marco and Starkey führt somit eine
high-low Lastfolge zu einer Schädigungssumme D < 1 (Abb. 2.18b), während eine
low-high Lastfolge einer Schädigungssumme D > 1 (Abb. 2.18c) entspricht.
Einen anderen Ansatz zur Bestimmung der Schadenskurve verfolgten Manson
und Halford [130] und formulierten das „Modell der effektiven Risslänge“:
Į
a a0  (af  a0 ) ˜ (n / N ) BN . (2.27)

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 33

a) 1 b) 1
n1 n2
ı1
linear ı2
ı1 > ı2
D D

ı2
ı1
nicht-linear
0 0
0 n/N 1 0 n/N 1

n1 /N1 + n2 /N2 < 1


c) 1
n2 n1
ı1
ı2
ı1 > ı2
D

ı1
ı2
0
0 n/N 1

n1 /N1 + n 2/N 2 > 1

Abb. 2.18: Schematische Darstellung der Schädigungssumme über dem Lastwechselverhältnis


für
a) die lineare Schadensakkumulation (Palmgren-Miner) im Vergleich zur nicht-
linearen Schadensakkumulation unabhängig vom Spannungsniveau
b) nicht-lineare Schadensakkumulation in Abhängigkeit des Spannungsniveaus für
eine high-low Sequenz
c) nicht-lineare Schadensakkumulation in Abhängigkeit des Spannungsniveaus für
eine low-high Sequenz

Die Risslänge a0 entspricht der Anfangsrisslänge (D = 0) und af der Endrisslänge


bei einer Schädigungssumme von 1. B und E stellen materialabhängige Konstan-
ten dar. Da sich nur ein geringer Einfluss auf die vorhergesagte Lebensdauer zeigt,
kann der Exponent E mit einem konstanten Wert von 0,4 angenommen werden
[81, 130]. Mit der Definition der Schadenssumme
a
D (2.28)
af

lautet die Funktion der Schadenskurve (Damage Curve) für eine mehrstufige Be-
lastung wie folgt:

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34 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

0,4 0,4 0,4


{[{(n1 / N1 ) N1/N 2  n2 / N 2 } N 2 /N 3  n3 / N 3 ] N3/N 4 ...
0,4
 nk -1 / N k 1} N k 1/N k  nk / N k 1 . (2.29)
Durch Reduktion auf eine Belastung mit zwei Spannungsniveaus ergibt sich die
vereinfachte Funktion der Schadenskurve (Abb. 2.19a):
0,4
n2 / N 2 1  (n1 / N1 )(N1/N 2 ) . (2.30)

Unter Verwendung einer Referenzlebensdauer Nref ist die Schädigung D somit wie
folgt definiert (Abb. 2.19b):
0,4
D (n / N )(N/N ref ) . (2.31)

Als Referenzlebensdauer kann jede beliebige Lastwechselzahl der Belastungs-


Zeit-Funktion verwendet werden, da die Kurvenform vom Referenzwert unabhän-
gig ist [130].
a) 1 b) 1
10 3 10 -3
10 2 10 -2
N1 /N2 = 1
10 1 10 -1

N/Nref = 1
n2 /N2

10 -1
10 1
-2
10
10 2
10 -3
10 3

0 0
0 1 0 1
n1 /N1 n/N

Abb. 2.19: Schadenskurven auf der Basis des Damage-Curve-Ansatzes (DCA) [130]
a) in Form der Lastwechselzahlverhältnisse
b) in Form der Schadenssumme über dem Lastwechselzahlverhältnis in Abhängig-
keit des Lebensdauerverhältnisses N/Nref

Manson und Halford stellten jedoch fest, dass der anfängliche Abfall der Werte
n2/N2 für kleine Werte von n1/N1 unrealistisch ist (Abb. 2.19a). Deshalb entwickel-
ten Manson und Halford den Double-Damage-Curve-Ansatz (DDCA):

D >
(n / N ) q1Ȗ  (1  q1Ȗ ) ˜ (n / N ) Ȗ(q1 1) @ 1/Ȗ
, (2.32)

wobei für q1 und q2 folgendes gilt:

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 35

0,35( N ref / N ) Į
q1 und q2 ( N / N ref )ȕ (2.33)
1 - 0,65( N ref / N ) Į

mit D = 0,25, E = 0,4 und J = 5. Der Faktor 0,35 sowie die Exponenten D und E
sind materialabhängig und wurden durch Anpassung an Experimente mit hochfes-
ten Stählen bestimmt. Untersuchungen von Halford [81] zeigen, dass der Expo-
nent E nur einen sehr geringen Einfluss auf die Schadenssumme besitzt. Variatio-
nen von r 25% führen zu Fehlern von + 49% bzw. – 28% in der Schadenssumme
bei (n/N) = 0,1 und (N1/N2) = 0,001.

2.4.2.4 Ansatz der Zwei-Phasen-Schädigung

Eine alternative Darstellung der Schadenskurve ergibt sich durch die bilineare
Schädigungsregel, bei der die Schadenskurven des Double-Damage-Curve-
Ansatzes durch zwei lineare Funktionen ersetzt wird. In der ursprünglichen Form
der bilinearen Schädigungsregel nach Manson und Halford stellten diese beiden
Funktionen die beiden Phasen Rissinitiierung und Risswachstum des Ermüdungs-
prozesses dar. Weiterführende Untersuchungen von Manson und Halford zeigten
jedoch, dass der Schnittpunkt der Geraden keine physikalische Beschreibung des
Übergangs vom Kurzrisswachstum zum Langrisswachstum darstellt [130]. Des-
halb schlagen Manson und Halford eine Unterteilung in Phase I und Phase II vor.
In jeder dieser Phasen wird nun separat die lineare Schadensakkumulation ange-
wendet. D.h. ein theoretisches Versagen des Bauteils wird vorhergesagt, wenn
folgende Gleichungen erfüllt sind:
n n
¦ DI ¦ N I 1 und ¦ DII ¦ N II 1. (2.34)

Die Lebensdauer während der jeweiligen linearen Schadensakkumulation ist


nicht die Gesamtlebensdauer Nf bis etwa zum Bruch, sondern NI Lastwechsel der
Phase I und NII Lastwechsel der Phase II [81, 130]:

NI N f ˜ exp Z ˜ N f ) (2.35)

und
N II Nf  NI , (2.36)

wobei
1 ª ln(0,35Q) º
ĭ ln « » (2.37)
ln( N1 / N 2 ) ¬ ln(1  0,65Q) ¼

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36 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

ln(0,35Q)
Z (2.38)
N1)

Q ( N1 / N 2 ) 0,25 (2.39)

ist. Hat die Last-Zeit-Funktion lediglich zwei Lebensdauerniveaus N1 (niedriges


Lebensdauerniveau) und N2 (hohes Lebensdauerniveau), so kann Gl. (2.34) für NI
und NII unmittelbar gelöst werden. Im Falle eines Lastspektrums mit unterschied-
lichen Niveaus empfehlen Manson und Halford [131] für die Wahl der Lastwech-
selzahlen N1 und N2 zunächst eine Rechnung nach der linearen Schadensakkumu-
lation durchzuführen. Die beiden Ereignisse mit der größten Schädigungswirkung
werden dann als N1 und N2 verwendet. Falls zahlreiche Ereignisse mit ähnlicher
Schädigung auftreten, sind N1 und N2 so zu wählen, dass sie möglichst weit von-
einander entfernt sind, damit andere Schädigungsereignisse Lastwechselzahlen
zwischen N1 und N2 haben. Die Rechnung mit der bilinearen Schädigungsregel ist
ein iterativer Prozess, bei der N1 und N2 solange variiert werden, bis sich die Le-
bensdauervorhersage stabilisiert. Weiterhin schlägt Halford als Kriterium vor,
dass die minimale und maximale Lebensdauer verbunden ist mit einem Lastwech-
selzahlverhältnis n/Nf von mindestens 0,1% des Lebensdauerverhältnisses des
kleinsten Blocks [81].
Der Schnittpunkt (knee-point) der beiden linearen Schadenskurven, abgeleitet
aus dem Konzept der Schadenskurve, ist durch folgende Koordinaten für N1 < N2
gegeben [130]:
D D
n1 §N · n2 §N ·
0,35¨¨ 1 ¸¸ und 0,65¨¨ 1 ¸¸ (2.40)
N1 knee © N2 ¹ N2 knee © N2 ¹

mit D = 0,25.
Im Falle N1 > N2 gilt:
D D
n1 §N · n2 §N ·
1  0,65¨¨ 1 ¸¸ und 1  0,35¨¨ 1 ¸¸ (2.41)
N1 knee © N2 ¹ N2 knee © N2 ¹

mit D = 0,25. Der Schnittpunkt in einem D-n/N-Diagramm ergibt sich auch als
D D
§N · n §N ·
Dknee 0,35¨ ref ¸ und 1  0,65¨ ref ¸ (2.42)
© N ¹ N knee © N ¹

mit D = 0,25.

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 37

Schadenssumme D

Abb. 2.20: Ansätze der Schadenskurven im Vergleich zur bilinearen Schädigungsregel [130]

Abbildung 2.20 zeigt den Vergleich der bilinearen Schädigungsregel mit den
Ansätzen der Schadenskurven. Die Funktion, die die Schnittpunkte verbindet,
stellt die Abgrenzung der Phase I (linker unterer Bereich) und Phase II (rechter
oberer Bereich) dar. In Phase I konvergieren die bilineare Schadensregel und der
Double-Damage-Curve-Approach (DDCA), während der Ansatz der einfachen
Schadenskurve (DCA) in diesem Bereich deutlich größere Steigungen aufweist. In
Phase II sind zwischen DCA und DDCA keine Unterschiede feststellbar.
Nach Halford [81] ist eine Rechnung nach einer nicht-linearen Schadensakku-
mulationshypothese durchzuführen, wenn N1 zwei Zehnerpotenzen größer als N2
ist und das Lastspektrum durch Spannungsniveaus des HCF geprägt ist. Im umge-
kehrten Fall liefert eine lineare Schadensakkumulation eine Genauigkeit von
r 200 % im Vergleich zur nicht-linearen Schadensakkumulation.
In Erweiterung an die bilineare Schadensakkumulationshypothese von Manson
und Halford zeigt Ben-Amoz [23] auf, dass durch die Anwendung der Grenzkur-
ventheorie (vgl. Kapitel 2.4.2.2) die oberen Grenzen die bilineare Funktion im
Punkt n1 / N1 N i1 und n2 / N 2 N p2 schneiden, wobei N i die Initiierungs-
lastwechselzahl und N p die Restlebensdauer widerspiegeln.

2.4.2.5 Äquivalentspannungsansatz

Beim Äquivalentspannungsansatz wird für ein Einstufenkollektiv, das dem tat-


sächlichen Spannungskollektiv äquivalent ist, nachgewiesen, dass die Äquivalent-
spannungsamplitude Va,äq unterhalb der Beanspruchbarkeit liegt. Im Sonderfall
bedeutet dies, dass ein Dauerfestigkeitsnachweis geführt werden kann, wenn die
Äquivalentspannungsamplitude unterhalb der Dauerfestigkeit ist [80]. Als Äquiva-

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38 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

lentspannungsamplitude Va,äq gilt eine dem Spannungskollektiv schädigungsglei-


che konstante Spannungsamplitude mit einer zugeordneten Zyklenzahl gleich der
Eckschwingspielzahl ND der Bauteilwöhlerlinie (Abb. 2.21), in der Kollektivform,
geforderter Kollektivumfang und Kollektivhöchstwert berücksichtigt sind [67].

ı
a (log)

ıa

ı a,äq
Abb. 2.21:
Schädigungsgleiche Rechteckkollek-
tive unter Verwendung des Kollektiv-
höchstwertes V a oder des Kollekti-
H äq H0 H (log) vumfangs H0

Auf der Basis einer Schadensrechnung mittels der elementaren Palmgren-


Miner-Regel ergibt sich die Äquivalentspannungsamplitude zu [67]:
1
ª 1 j ºk
V a, äq « ˜ ¦ (ni ˜ V ak )» . (2.43)
«¬ N D i 1 i »
¼
Bei dieser Definition der Äquivalentspannungsamplitude wird jedoch davon
ausgegangen, dass der Kollektivumfang H0 mit der geforderten Lebensdauer N
übereinstimmt. Im allgemeinen Fall ist die schädigungsäquivalente Spannungs-
amplitude nach der elementaren Palmgren-Miner-Regel wie folgt definiert [79]:
1 1
§ N ·k ª j j ºk
V a, äq ¨¨ ¸¸ ˜ «¦ (ni ˜ V ak ) / ¦ ni »» . (2.44)
© ND ¹ «¬ i 1 i
i 1 ¼

Unter Verwendung der modifizierten Form der Palmgren-Miner-Regel ergibt


sich die Äquivalentspannungsamplitude [79] zu
1
­ª j z º ½k
1 ° « ( ni ˜ V ak )  V (1 k ) ˜
¦ ¦ ( ni ˜ V (2k -1) »
) °
i D a
§ N ·k ° «i 1 i j 1
i » °
° °
V a,äq ¨
¨N ¸
¸ ˜®¬ j
¼
¾ . (2.45)
© D¹ ° °
° ¦ni °
°¯ i 1 °¿

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 39

Alternativ zur äquivalenten Spannung können auch schädigungsgleiche Recht-


eckkollektive dadurch bestimmt werden, dass für den Kollektivhöchstwert V a o-
der eine beliebige andere Spannungsamplitude Va,i eine schädigungsäquivalente
Ersatz-Schwingspielzahl bestimmt wird [79].

2.4.3 Örtliche Konzepte

Im Gegensatz zu den Nennspannungskonzepten wird bei den örtlichen Konzepten,


auch Kerbgrundbeanspruchungskonzepte oder Strain-life Konzepte genannt, die
Beanspruchung an der kritischen Stelle des Bauteils betrachtet, die bei schwin-
gend beanspruchten Bauteilen im Allgemeinen durch Kerben bestimmt ist (siehe
Abb. 2.1b und e). Die Idee dieser Ansätze besteht darin, die Anrisslebensdauer
ausgehend von der elastisch-plastischen örtlichen Beanspruchung der kritischen
Stelle im Vergleich zur Dehnungswöhlerlinie unter Verwendung einer Schadens-
akkumulationshypothese zu bestimmen [78]. Sehr häufig bleiben dabei jedoch
charakteristische Eigenschaften einer Kerbe, wie beispielsweise der Spannungs-
gradient oder die Mehrachsigkeit, sowie der Größeneinfluss unberücksichtigt
[117].
Bei einer Schädigungsrechnung nach dem örtlichen Konzept wird Lastwechsel
für Lastwechsel die Schädigung aus der elastisch-plastischen Spannung und Deh-
nung bestimmt. Dies bedeutet, die Belastungs-Zeit-Funktion muss als Umkehr-
punktfolge vorliegen, da die Reihenfolge der Belastung das Ergebnis beeinflusst.
Die elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen können grundsätzlich expe-
rimentell, numerisch, z.B. mittels elastisch-plastischer Finite-Elemente-Analyse,
oder analytisch ermittelt werden.

2.4.3.1 Bestimmung der elastisch-plastischen Beanspruchungen

Um den relativ hohen Rechenaufwand bei einer elastisch-plastischen FE-


Berechnung für eine komplette Belastungs-Zeit-Funktion zu verkürzen, wird nach
einer linear-elastischen FE-Simulation zur Analyse der kritischen Bereiche die
Submodelltechnik eingesetzt. Bei einer anschließenden Simulation mit lokal be-
grenztem elastisch-plastischen Materialverhalten können dann die örtlichen Bean-
spruchungen bestimmt werden [202]. Sehr häufig werden jedoch auch Näherungs-
formeln verwendet [78, 79].
Die bekannteste und am häufigsten verwendete Beziehung ist die Neuber-
Regel. Unter der Voraussetzung des linear-elastischen Materialverhaltens kann die
maximale Kerbspannung Vel,max über die Nennspannung VN und den Kerbfaktor Dk
bestimmt werden. Somit gilt:
V el,max V N ˜D k . (2.46)

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40 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Im Gegensatz zum linear-elastischen Fall, bei dem der Spannungskerbfaktor DV


und der Dehnungskerbfaktor DH gleich groß sind, gilt im elastisch-plastischen Fall:
V el,pl V N ˜ D ı und H el,pl H N ˜D İ (2.47)

mit
Dı  D k  Dİ . (2.48)

Unter Verwendung der Kerbfaktorbeziehung nach Neuber

Dı ˜D İ Dk2 (2.49)

lässt sich dann die elastisch-plastische Kerbgrundbeanspruchung Vel,pl = V und


Hel,pl = H näherungsweise mit der sogenannten Neuber-Regel bestimmen:

(V N ˜ D k ) 2
V ˜H . (2.50)
E
In der obigen Gleichung ist die rechte Seite bekannt. Die unbekannten elas-
tisch-plastischen Kerbgrundbeanspruchungen der linken Seite können unter Be-
rücksichtigung des Spannungs-Dehnungs-Verhaltens des Werkstoffs berechnet
werden. Neuber leitete den hyperpolischen Zusammenhang zwischen der Span-
nung und der Dehnung, der auch als Neuber-Hyperbel bezeichnet wird, für scharfe
Kerben unter Schubbeanspruchung her. Der Zusammenhang gilt jedoch mit aus-
reichender Genauigkeit in einem großen Formzahlbereich auch für andere Bean-
spruchungsarten [78].

ı
zyklische Spannungs-
Dehnungskurve

ıel Į˜
k ıN
ı ıel,pl
 Į˜
ı ıN

Neuber-Hyperbel

ı
el İ
İ
el  E İ İel,pl
 Į˜H İN
Abb. 2.22: Grafische Bestimmung der elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen mittels
der Neuber-Hyperbel und der zyklischen Spannungs-Dehnungskurve

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 41

In Abb. 2.22 ist die graphische Lösung der Kerbgrundbeanspruchungen sche-


matisch dargestellt. Die gesuchte Lösung ergibt sich als Schnittpunkt der Neuber-
Hyperbel mit der zyklischen Spannungs-Dehnungskurve. Die Lage der Neuber-
Hyperbel ist durch die Koordinaten Vel, Hel eindeutig definiert.
Neben der Neuber-Regel existieren zahlreiche andere Näherungsbeziehungen,
wie z.B. die erweiterte Neuber-Regel

(V N ˜ D k ) 2 H * ˜ E
V ˜H ˜ (2.51)
E V*
mit
V N ˜Dk
V* (2.52)
npl

und H* = f(V*) sowie der plastischen Stützzahl npl, die das Verhältnis der Nenn-
spannung Vp im Kerbquerschnitt für den vollplastischen Zustand zur Streckgrenze
Re des Werkstoffs beschreibt:
Vp
npl (2.53)
Re

oder die Seeger/Beste-Formel [227]:


2
V ª§ V N ˜ D k · 2 § 1 · § V N ˜ D k · º H * ˜ E
H «
˜ ¨ ¸ ˜ 2 ln¨ ¸¨ ¸  1» ˜ * (2.54)
E «© V ¹ u © cos u ¹ © V ¹ »¼ V
¬
mit

S §¨ (V N ˜ D k / V )  1 ·¸
u ˜ . (2.55)
2 ¨© npl  1 ¸
¹
Die elastische Spannung kann alternativ zu Gl. (2.46) auch mittels eines Über-
tragungsfaktors c bestimmt werden:
V el c˜L , (2.56)

wobei die Lastgröße L entsprechend festzulegen ist. Beispiele für derartige Be-
rechnungen sind in [226] zusammengefasst. Der Zusammenhang der Last und der
örtlichen Dehnung wird als Bauteil-Fließkurve bezeichnet.
Da die elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen durch die Neuber-
Regel sehr häufig überschätzt werden [76, 110, 269], existieren Ansätze [166,
253], die anstelle des Kerbfaktors Dk die Kerbwirkungszahl Ek verwenden. Diese
modifizierte Neuber-Regel

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42 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

DV ˜ D H Ek2 (2.57)

wird dann für die Berechnung der Spannungen und Dehnungen in Gl. (2.50) ein-
gesetzt. Die Kerbwirkungszahl (siehe auch Kapitel 2.3.3) kann beispielsweise mit
D k 1
Ek 1 (2.58)
1  ( A / U )2

berechnet werden [110], wobei A eine Materialkonstante und U der Kerbradius ist.
Alternativ zum Neuber-Verfahren entwickelten Molski und Glinka zur Berech-
nung der elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen das Konzept der äqui-
valenten Verzerrungsenergiedichte (Equivalent strain energy density: ESED). Das
ESED-Konzept geht davon aus, dass die Verzerrungsenergiedichte im Falle einer
lokalen Plastifizierung nahezu mit der Verzerrungsenergiedichte des linear elasti-
schen Materials übereinstimmt [76]:
1
U pl ³ V ijdH ij U el V el,max ˜ H el,max . (2.59)
2
Die elastische Verzerrungsenergiedichte kann unter Verwendung von Gl.
(2.46) durch

(V N ˜ D k ) 2
U el (2.60)
2E
für den ebenen Spannungszustand bzw.

(V N ˜ D k ) 2
U el ˜ (1 Q 2 ) (2.61)
2E
für den ebenen Verzerrungszustand ersetzt werden [170]. Durch Integration einer
geeigneten funktionellen Beschreibung der zyklischen Spannungs-Dehnungskurve
(vgl. Kapitel 2.4.1.1) ergibt sich somit in einem iterativen Prozess die Lösung von
Gl. (2.59). Abbildung 2.23 zeigt die grafische Interpretation des Ansatzes der ä-
quivalenten Verzerrungsenergiedichte. Die physikalische Bedeutung wurde durch
Ye et al. hergeleitet [269].
Um die Spannungsumlagerung aufgrund von Plastifizierungen zu berücksichti-
gen, führt Glinka den Korrekturfaktor [76]
'Zp
Cp 1 (2.62)
Zp

ein, der mit der elastischen Verzerrungsenergiedichte multipliziert wird:


U pl C p ˜ U el . (2.63)

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 43

ı
ı zyklische Spannungs-
el
Dehnungskurve

ı U el

U pl

İ
el İ İ
Abb. 2.23: Grafische Bestimmung der elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen mittels
der äquivalenten Verzerrungsenergiedichte [76]

Die Berechnung der plastischen Zone Zpl bzw. 'Zpl führt Glinka auf die Crea-
ger/Paris-Gleichungen und die Gestaltänderungsenergiehypothese zurück. Zu-
nächst ist Zpl mit
3
D k ˜V N U 3 §¨ U ·¸
Vf ˜  (2.64)
2 2 Z pl 4 ¨© Z pl ¸¹

für Zug bzw.


3
D k ˜V N ª 1 § Z pl 1 ·º U 3 §¨ U ·¸
Vf ˜ «1  ˜ ¨¨  ¸¸» ˜  (2.65)
2 2 «¬ x0 © U 2 ¹»¼ Z pl 4 ¨© Z pl ¸¹

für Biegung zu bestimmen, so dass sich dann mit dem Ergebnis der Korrekturfak-
tor für Zug

U ª 2 (Z pl / U )  ( U / Z pl ) § Z pl ·º
Cp 1 ˜«  ¨¨  0,5 ¸¸» (2.66)
Z pl « ( U / Z pl )  0,5 ˜ ( U / Z pl ) 3 / 2 © U ¹»¼
¬
und für Biegung

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44 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

­ ½
° 2 2 2 Zpl Zpl 2 x0  1 U °
°  2  °
U ° 3 x0 3 x0 U U 2 x0 Zpl § Zpl ·°
Cp 1  ˜®  ¨¨  0,5 ¸¸¾ (2.67)
Zpl ° ª 3/ 2 U
U § U · º ª § Zpl · 1º © ¹°
° «  0,5 ˜ ¨ ¸ » ˜ «1  ¨  0,5 ¸ » °
« ¨ ¸ » ¨ ¸
° Zpl
« © Zpl ¹
» «¬ © U ¹ x0 »¼ °
¯¬ ¼ ¿

mit U als Kerbradius und x0 als Abstand zur neutralen Schicht ergibt [76].

Als Voraussetzung für die rechnerische Bestimmung der Beanspruchung bei


elastisch-plastischem Materialverhalten gilt:
x zyklisch stabiles Werkstoffverhalten
x die Gültigkeit der Masing-Hypothese und
x die Gesetze des Werkstoffgedächtnisses.

Die Masing-Hypothese besagt, dass sich die Form eines Hystereseastes aus der
Form der zyklischen Spannungs-Dehnungkurve bestimmt, indem diese in Span-
nungs- und Dehnungsrichtung um den Faktor zwei vergrößert wird.

ı ı
II
I

t İ

III
IV

Abb. 2.24: Gesetze des Werkstoffgedächtnisses

Die Gesetze des Werkstoffgedächtnisses beschreiben das Spannungs-


Dehnungs-Verhalten bei einer zyklischen Beanspruchung mit variabler Amplitude
(Abb. 2.24). Es gilt [78]:
Die Erstbelastungskurve folgt zunächst der zyklischen Spannungs-
Dehnungskurve.
Nach dem Schließen einer Hystereseschleife, die auf der zykli-
schen Spannungs-Dehnungskurve begonnen wurde, folgt das
Spannungs-Dehnungsverhalten der zyklischen Spannungs-
Dehnungskurve (Erstbelastungskurve).

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2.4 Konzepte der klassischen Betriebsfestigkeit 45

Nach Schließen einer Hystereseschleife, die auf einem Hystere-


seast begonnen wurde, folgt der Spannungs-Dehnungsverlauf wie-
der dem ursprünglichen Hystereseast.
Ein auf der zyklischen Spannungs-Dehnungskurve begonnener
Hystereseast endet, wenn der Betrag der Spannung oder Dehnung
eines Startpunkts im gegenüberliegenden Quadranten erreicht
wird. Der Spannungs-Dehnungsverlauf folgt anschließend wieder
der zyklischen Spannungs-Dehnungskurve.

2.4.3.2 Schädigungsparameter

Auf der Basis der ermittelten elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen


werden Schädigungsbeiträge für jedes Schwingspiel mittels der Dehnungswöhler-
linie berechnet. Zur Berücksichtigung des Mittelspannungseinflusses sind unter-
schiedliche Schädigungsparameter entwickelt worden, die mittelspannungsbehaf-
tete Hysteresen in schädigungsgleiche mittelspannungsfreie Hysteresen
umwandeln. Der bekannteste Schädigungsparameter ist der nach Smith, Watson
und Topper:

PSWT V max ˜ H a, t ˜ E (V a  V m ) ˜ H a, t ˜ E . (2.68)

Unter Verwendung des Coffin-Manson-Ansatzes (Gl. (2.20)) zur Beschreibung


der Dehnungswöhlerlinie ergibt sich für NA d ND und R = -1 der Schädigungspa-
rameter bzw. die Schädigungsparameterwöhlerlinie wie folgt:

PSWT (V f c ) 2 ˜ (2 N A ) 2b  V f c ˜ H f c ˜ E ˜ (2 N A ) b  c . (2.69)

Da durch diesen Faktor die Mittelspannungsempfindlichkeit nur unzureichend


berücksichtigt wird, hat Bergmann eine Erweiterung des PSWT-Faktors um einen
Parameter az/d vorgeschlagen:

PB (V max  a z / d ˜ V m ) ˜ H a,t ˜ E , (2.70)

wobei az/d für Zug- oder Druckmittelspannungen unterschiedlich ist [27, 79].
Um zusätzlich Reihenfolgeeinflüsse zu berücksichtigen, definiert Hanschmann
für kleine Schwingspiele, die auf ein größeres Schwingspiel folgen, eine Zusatz-
schädigung PZ
ln( N i / N max )  ln( Ni / Ni 1 )
PZ 2 FW ˜ , (2.71)
z ˜ N max ˜ N i

wobei Nmax die Anrisslebensdauer für das schädigungsdominierende Schwing-


spiel, Ni die Anrisslebensdauer für das aktuelle bzw. Ni-1 das vorangegangene

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46 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

kleinere Schwingspiel und z die Anzahl der auf das schädigungsdominierende


Schwingspiel folgenden Lastwechselzahlen sind. Die Zusatzschädigung PZ wird in
der Originalform zum Schädigungsparameter nach Smith, Watson und Topper ad-
diert. Nach Vormwald [259] kann diese Zusatzschädigung aber auch zu jedem an-
deren Mittelspannungsparameter addiert werden. Die Konstante FW ist ein Werk-
stoffkennwert, der zudem von der Wahl der Versuchsparameter abhängt [259].
Vormwald konnte zeigen, dass die berechnete Zusatzschädigung allerdings zu
schnell abklingt [259].

2.4.4 Strukturspannungen

Das Konzept der Strukturspannungen gilt in allgemeiner Form für die Festigkeits-
untersuchung geschweißter Konstruktionen und ist begrenzt auf die Bewertung
des Nahtübergangs [79, 121]. Für die Analyse der Nahtwurzel ist das Konzept
nicht definiert.
Kerbspannung

Basispunkte

Strukturspannung

“hot spot”

Abb. 2.25: Ermittlung der Strukturspannung auf der Basis der IIW-Empfehlung [79]

Um im Bereich von Schweißnähten eine grobe Vernetzung bei einer Finite-


Elemente-Analyse verwenden zu können, in der die Stoß- und Nahtform und da-
mit die Kerbwirkung unberücksichtigt bleiben, findet das Strukturspannungskon-
zept Anwendung. Dafür sind die Strukturspannungen für den schwingbruchkriti-
schen Punkt an der Bauteiloberfläche, dem sogenannten Hot Spot, mit einem über
die Dicke des Balken-, Platten- oder Schalenquerschnitts linearen Spannungsan-
satz unter Vernachlässigung von Kerbeinflüssen zu berechnen [79]. Die praktische
Bestimmung ist bisher noch nicht vereinheitlicht worden, was zu Unterschieden in
der Strukturspannung führen kann, da die Elementwahl und Auswertemethode ei-
nen Einfluss haben. Gemäß unterschiedlicher Richtlinien werden jedoch Empfeh-
lungen gegeben. Das International Institute of Welding (IIW) empfiehlt, die im
Allgemeinen nichtlineare Spannungsverteilung bis zum Nahtübergang hin linear

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 47

oder quadratisch auf den gesuchten Strukturspannungswert ausgehend von zwei


bis drei Basispunkten in gestaffeltem Abstand vor der Naht, für die die Span-
nungswerte berechnet oder gemessen wurden, zu extrapolieren (Abb. 2.25) (z.B.
in [79]. Unabhängig vom Beanspruchungszustand werden im Allgemeinen die
größten Hauptspannungen verwendet, was für vorwiegend querbeanspruchte
Schweißnähte geeignet ist.

2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik

Trotz sorgfältiger Konstruktion und Fertigung treten in Bauteilen und Strukturen


Schäden auf, deren Ursache im Allgemeinen Ungänzen im Werkstoff, kleine Fehl-
stellen oder Risse sind. Die Restlebensdauer kann dann mittels der Gesetzmäßig-
keiten des Makrorisswachstums beschrieben werden.

2.5.1 Bruchmechanische Grundlagen

Für die Betrachtung des makroskopischen Vorgangs der Rissausbreitung sind die
Gegebenheiten an der Rissspitze entscheidend, die im Wesentlichen durch das
Spannungsfeld sowie die elastischen und plastischen Verformungsanteile des Ma-
terials in der Umgebung der Rissspitze bestimmt sind.

a)
b)
y y
ıy
ıij IJrij
IJ xy ır

ıx
r r
ij ij

x x
Abb. 2.26: Koordinatensystem und Spannungskomponenten an der Rissspitze
a) in kartesischen Koordinaten und
b) in Polarkoordinaten

Unter Berücksichtigung der Polarkoordinaten r und M (Abb. 2.26) ist der Span-
nungszustand an der Rissspitze eines durch eine äußere Normalspannung V bean-
spruchten Risses durch folgende Nahfeldlösung charakterisiert:

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48 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

KI M M 3M
Vx ˜ cos ˜ (1  sin ˜ sin ) (2.72)
2S ˜ r 2 2 2

KI M M 3M
Vy ˜ cos ˜ (1  sin ˜ sin ) (2.73)
2S ˜ r 2 2 2

KI M M 3M
W xy ˜ sin ˜ cos ˜ cos . (2.74)
2S ˜ r 2 2 2

Diese Gleichungen sind gültig für den Bereich, in dem r klein gegenüber einer
charakteristischen Größe, wie beispielsweise der Risslänge, ist. Aufgrund der
1/—r-Singularität ergeben sich in einem elastischen Spannungsfeld für r o 0 rein
theoretisch unendlich hohe lokale Spannungen. Zur Beschreibung des Spannungs-
feldes führt Irwin [93, 94] deshalb den sogenannten Spannungsintensitätsfaktor KI
ein, der die Intensität des Spannungsfeldes in der Rissnähe beschreibt. Der Span-
nungsintensitätsfaktor ist bei einer Normalbeanspruchung von der Größe der äuße-
ren Spannung V, der Risslänge a sowie der Bauteilgeometrie abhängig und ist wie
folgt definiert:

KI V ˜ S ˜ a ˜ YI (a) . (2.75)

Die dimensionslose Funktion YI(a), die als Geometriefaktor bezeichnet wird,


charakterisiert den Einfluss der Bauteilgeometrie. Für einige Probleme sind die Y-
Werte in Tabellen oder Diagrammen erfasst. Andernfalls kann dieser Faktor ent-
weder mit Interpolationsformeln oder numerisch mit Hilfe der Finite-Elemente-
Methode bestimmt werden.
Grundsätzlich werden nach Irwin drei Rissbeanspruchungsarten (Moden) un-
terschieden (Abb. 2.27):
x Mode I:
Normalbeanspruchungen, die ein Öffnen des Risses, d.h. ein symmetrisches
Entfernen der Rissufer bezüglich der Rissebene bewirken
x Mode II:
Schubbeanspruchungen, die ein entgegengesetztes Gleiten der Rissoberflä-
chen in der Rissebene hervorrufen
x Mode III:
nicht-ebene Schubspannungszustände, die ein Gleiten der Rissoberflächen
quer zur Rissrichtung bewirken.

Tritt eine Überlagerung von Normal- und Schubbeanspruchungen (Mixed


Mode-Beanspruchung) auf, sind neben KI (Gl. (2.75)) auch die Spannungsintensi-
tätsfaktoren KII und KIII zu berücksichtigen [189-191, 193], die jeweils mit den
entsprechenden Rissbeanspruchungsarten verbunden sind.

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 49

a) b) c)

F y y y
x F x F
x
z z z
F
F
F

Mode I Mode II Mode III


Abb. 2.27: Die drei grundlegenden Rissbeanspruchungsarten der Bruchmechanik
a) Mode I: Normalbeanspruchung, die ein Öffnen des Risses verursacht
b) Mode II: Schubbeanspruchung, die ein Gleiten der Rissoberflächen in der Riss-
ebene hervorruft
c) Mode III: nicht-ebener Schubspannungszustand, der ein Gleiten der Rissoberflä-
chen quer zur Rissrichtung bewirkt

Zur Beurteilung des Eintritts der instabilen Rissausbreitung wird im Falle einer
reinen Mode I-Beanspruchung der Spannungsintensitätsfaktor der Risszähigkeit
KIC gegenübergestellt. Erreicht der Spannungsintensitätsfaktor die Risszähigkeit,
so tritt instabile Rissausbreitung ein:
K I t K IC . (2.76)

Das Konzept des Spannungsintensitätsfaktors ist auf den Bereich der linear-
elastischen Bruchmechanik (LEBM) beschränkt, d.h. die plastische Zone vor der
Rissspitze muss klein gegenüber der Risslänge sowie den Bauteilabmessungen
sein.
Im Bereich der elastisch-plastischen Bruchmechanik (EPBM) ist u.a. das J-
Integral definiert. Grundlage dieses Ansatzes ist das Ricesche Linienintegral über
einen geschlossenen Integrationsweg C um die Rissspitze (Abb. 2.28). Für eine
Mode I-Beanspruchung gilt:
&
& Gu
J I ³ (U dy  V ds ) (2.77)
Gx
C

mit der elastischen Energie


H ij
U el ³ V ij ˜ dH ij (2.78)
0
& &
dem Spannungsvektor V und dem Verschiebungsvektor u auf dem Integrations-
weg C sowie der Wegkoordinate ds. Vij und Hij bilden den Spannungs- bzw. Deh-
nungstensor.

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50 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

ı
ds u

C
Abb. 2.28: Integrationsweg C für das J-Integral

Für elastisch-plastisches Werkstoffverhalten ist das J-Integral bei monotoner


Belastung wegunabhängig. Unter Einhaltung bestimmter Grenzen ist das J-
Integral auch bei Rissverlängerungen zur Beschreibung der Vorgänge an der Riss-
spitze geeignet [30]. Im Gültigkeitsbereich der LEBM gilt zwischen dem Span-
nungsintensitätsfaktor K und dem J-Integral der Zusammenhang

K Ec ˜ J (2.79)
mit
Ec E (2.80)
für den ebenen Spannungszustand und
E
Ec (2.81)
1 Q 2
für den ebenen Dehnungszustand bzw. bei rotationssymmetrischen Problemen.

2.5.2 Grundlagen und Mechanismen des Ermüdungsriss-


wachstums

Im Gegensatz zur statischen Belastung sind bei einer schwingenden Belastung


sowohl die Belastung V(t), die Spannungsverteilung Vij(t) am Riss als auch der
Spannungsintensitätsfaktor KI(t) zeitabhängig (Abb. 2.29).
Für die Spannungsverteilung unter Mode I-Bedingungen gilt somit:

K I (t )
V ij (t ) ˜ f I (M ) , (2.82)
2S ˜ r ij

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 51

wobei die Funktion fijI die Abhängigkeit des Spannungsfeldes von der Winkelko-
ordinate M beschreibt. Zusammen mit der Definition des Spannungsintensitätsfak-
tors (Gl. (2.75))

K I (t ) V (t ) ˜ S ˜ a ˜ YI (a) (2.83)

und der Beschreibung der zyklischen Veränderung der in das Bauteil mit konstan-
ter Amplitude eingeleiteten Spannung (Abb. 2.29b)
'V V max  V min (2.84)

ergibt sich daraus die Definition des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors (Abb.


2.29c):

'K I K I,max  K I,min (V max  V min ) ˜ S ˜ a ˜ YI (a)

'V ˜ S ˜ a ˜ YI (a) . (2.85)

b)
ı
a) ımax
ı(t)

ım 'ı

ımin

t
a c) K
K I,max

K I,m 'K I

K I,min
ı(t)
t
Abb. 2.29: Ermüdungsbelastung mit konstanter Amplitude
a) Bauteil mit Riss,
b) zeitlicher Verlauf der Spannung und
c) zeitlicher Verlauf des Spannungsintensitätsfaktors

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52 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

In Verbindung mit dem Spannungsverhältnis


V min K I,min
R (2.86)
V max K I,max

folgt für den zyklischen Spannungsintensitätsfaktor1


'K I K I,max  K I,min (1  R) ˜ K I,max . (2.87)

Unter bestimmten Bedingungen tritt Ermüdungsrisswachstum auf, d.h. ein Riss


wächst pro Lastwechsel um kleine Beträge, die sich durch die sehr häufige Wie-
derholung der schwingenden Belastung zu messbaren Größenordnungen aufsum-
mieren. Bestimmt wird das Ermüdungsrisswachstum durch den Rissfortschritt pro
Lastwechsel, der durch die Risswachstumsrate da/dN als Ableitung der Risslänge
a nach der Lastspielzahl N definiert ist. Zur praktischen Behandlung von Ermü-
dungsrissproblemen ist es notwendig, die Abhängigkeit der Rissgeschwindigkeit
da/dN von den vorliegenden Belastungs- und Werkstoffbedingungen zu kennen.

10 -1

Bereich 3
10 -2

10 -3
da/dN [mm/Lw]

10 -4 Bereich 2
Paris -Gerade

10 -5

10 -6

Bereich 1
10 -7

10 -8
'K th 'K C = KC˜(1-R )
'K [MPam1/2 ]
Abb. 2.30: Risswachstumsrate in Abhängigkeit des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors
(Rissfortschrittskurve) am Beispiel eines Stahls

1 Bei einer reinen Mode I-Belastung wird sehr häufig auf die Indizierung sowohl des Spannungs-
intensitätsfaktors als auch des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors verzichtet. Im weiteren
Verlauf des Fachbuchs ist somit von einer Mode I-Belastung auszugehen, wenn keine Indizie-
rung des Spannungsintensitätsfaktors vorliegt.

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 53

Wird die experimentell ermittelte Rissgeschwindigkeit da/dN in Abhängigkeit


des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors 'K doppellogarithmisch aufgetragen,
ergibt sich häufig der charakteristische S-förmige Verlauf der Rissfortschritts- o-
der Risswachstumskurve (Abb. 2.30).
Die Kurve nähert sich asymptotisch zwei Grenzen. Die eine Grenze stellt der
Schwellenwert 'Kth der Ermüdungsrissausbreitung, der auch Thresholdwert gen-
nant wird, dar. Befindet sich die zyklische Spannungsintensität oberhalb des
Thresholdwerts, so ist der Ermüdungsriss ausbreitungsfähig und wächst stabil. Die
zweite Grenze 'KC = 'KIC gibt die Beanspruchung wieder, ab der die Rissausbrei-
tung instabil verläuft. Als Bedingung gilt: KI,max = KIC bzw. KI,max = 'KIC/(1-R).
Des weiteren kann die Rissfortschrittskurve in drei Bereich eingeteilt werden.
Im Bereich 1 wächst der Riss mit niedrigen und im Bereich 3 mit sehr hohen
Rissgeschwindigkeiten. Im mittleren Bereich 2 besitzt die Kurve bei doppelloga-
rithmischer Auftragung im Allgemeinen einen linearen Verlauf. Dieser Verlauf
wird durch das sogenannte Paris-Gesetz [175]:
da
C ˜ 'K m (2.88)
dN
beschrieben, wobei sowohl der Exponent m als auch der Faktor C werkstoffab-
hängige Größen sind. Der Faktor C ist zudem noch vom Spannungsverhältnis R
abhängig.

a) 10 -1 b) 10 -1
42CrMo4 R = 0,1
10 -2 10 -2 R = 0,5

10 -3 10 -3
da/dN [mm/Lw]

da/dN [mm/Lw]

10 -4 10 -4

10 -5 10 -5

10 -6 10 -6

10 -7 R = 0,1 10 -7
R = 0,5 EN AW-7075-T651
10 -8 10 -8
1 10 100 1000 1 10 100
' K [MPam1/2 ] ' K [MPam1/2 ]
Abb. 2.31: Rissfortschrittskurven für a) 42CrMo4 und b) EN AW-7075-T651 in Abhängigkeit
des R-Verhältnisses

Der Verlauf der Rissfortschrittskurve wird durch zahlreiche Einflussfaktoren,


wie z.B. den Werkstoff, die Mikrostruktur, die Temperatur, die umgebenden Me-

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54 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

dien oder das R-Verhältnis beeinflusst. Der Einfluss der Faktoren wirkt sich unter-
schiedlich stark in den Bereichen 1 bis 3 aus.
Abbildung 2.31 zeigt exemplarisch den Einfluss des R-Verhältnisses auf die
Rissfortschrittskurven des Stahls 42CrMo4 (Abb. 2.31a) sowie der hochfesten A-
luminiumlegierung EN AW-7075-T651 (Abb. 2.31b). Es wird deutlich, dass die
Rissgeschwindigkeit da/dN im Allgemeinen mit zunehmendem R-Verhältnis
steigt, jedoch ist der Einfluss im niedrigen und hohen Rissgeschwindigkeitsbe-
reich größer. Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass der Thresholdwert der Ermü-
dungsrissausbreitung vom R-Verhältnis abhängt. Mit zunehmendem R-Verhältnis
wird der Thresholdwert geringer.
Weiterhin wird deutlich, dass insbesondere bei Aluminiumlegierungen ein
doppel-S-förmiger Verlauf der Rissfortschrittskurve auftritt. Ein ausgeprägter Pa-
ris-Bereich ist bei diesen Werkstoffen nicht mehr erkennbar.
Das Ermüdungsrisswachstum und damit der Verlauf der Rissgeschwindigkeits-
kurve ist durch zahlreiche Mechanismen geprägt. Einen Mechanismus stellt das
Rissschließen dar, das als erstes von Elber [59] entdeckt wurde. Elber konnte zei-
gen, dass bei einer zyklischen Zugbelastung der Ermüdungsriss schon geschlossen
ist, bevor die Minimallast erreicht ist, bzw. dass der Riss bei Belastung bis zu ei-
ner gewissen Last geschlossen bleibt. Das Rissschließen führt nun dazu, dass nicht
die komplette Belastung zur Ausbreitung des Risses wirksam ist, sondern lediglich
eine effektive zyklische Spannungsintensität
'K eff K max  K op . (2.89)

Der Rissöffnungsspannungsintensitätsfaktor Kop entspricht dabei der Beanspru-


chung, ab der der Riss komplett geöffnet ist (Abb. 2.32). Die Beanspruchung, ab
der Rissöffnen stattfindet, stimmt mit der Beanspruchung, ab der Rissschließen
eintritt, nicht exakt überein. Die Be- und Entlastungskurve bilden eine Hystere-
seschleife [54]. In der praktischen Anwendung wird aber dennoch häufig davon
ausgegangen, dass beide Werte übereinstimmen.

K max

'K eff Rissschließen

K op

K min Rissöffnen

t
Abb. 2.32: Definition des effektiven zyklischen Spannungsintensitätsfaktors

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 55

Die Ursachen des Rissschließens sind sehr vielfältig und können im Wesentli-
chen in plastizitätsinduziertes, rauhigkeitsinduziertes und oxidinduziertes Riss-
schließen unterteilt werden. Beim plastizitätsinduzierten Rissschließen, dem wich-
tigsten Rissschließmechanismus, kommt es aufgrund plastisch deformierter
Bereiche an der Rissspitze und entlang der Rissflanken zum vorzeitigen Kontakt
der Rissufer. Dieser plastisch verformte Bereich entsteht dadurch, dass sich wäh-
rend des Risswachstums ständig plastische Zonen ausbilden, die während des
Risswachstums durchlaufen werden (Abb. 2.33).

primär plastifiziertes Gebiet


primär
plastische Zone

umkehr-
plastische Zone

zyklisch plastifiziertes Gebiet

ı
Abb. 2.33: Plastische Zonen und plastisch deformierte Gebiete eines wachsenden Risses (nach
[219])

An der Rissspitze bildet sich bei maximaler Belastung eine sogenannte mono-
tone oder primär plastische Zone aus, da die Fließgrenze des Werkstoffs eine na-
türliche Grenze der nach LEBM-Kriterien singulären Spannungsverteilung dar-
stellt. Die Größe Zmax kann mit folgender Gleichung abgeschätzt werden:
2
§K ·
Z max A ˜ ¨¨ max ¸¸ (2.90)
© VF ¹
wobei der Vorfaktor A je nach Ansatz variiert. VF entspricht der Fließgrenze. Um
die Verfestigung eines Werkstoffs zu berücksichtigen, wird die Fließgrenze im
Allgemeinen als Mittelwert aus der Zugfestigkeit und der Dehngrenze definiert.
Zusätzlich entsteht aufgrund der Ermüdungsbelastung trotz einer Belastung im
Zugbereich an der Rissspitze eine druckplastische Deformation, die als umkehr-
plastische oder zyklische plastische Zone bezeichnet wird. Das Verhältnis von
umkehrplastischer Zone zu monotoner plastischer Zone kann dabei mit (1-R)2/4
abgeschätzt werden.
Rissschließen kann auch durch Rauheiten der Bruchoberfläche, beispielsweise
aufgrund von Rissablenkungen in der Mikrostruktur, entstehen, die ebenfalls ein
vorzeitiges Berühren der Rissflanken zur Folge hat. Oxidinduziertes Rissschließen

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56 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

wird durch kleine Oxidausscheidungen an der Bruchoberfläche erzeugt, die wie


ein Keil wirken und somit ebenfalls die wirksame Spannungsintensität herabset-
zen.
Im Gegensatz zum plastizitätsinduzierten Rissschließen existieren einige An-
sätze, die davon ausgehen, dass nicht das Rissschließen an sich die Ursache der
Veränderung der Risswachstumsrate ist, sondern die durch die Plastifizierung ent-
standenen Eigenspannungen. Abbildung 2.34 zeigt die Ergebnisse einer Finite-
Elemente-Studie des Ermüdungsrisswachstums in einer CTS-Probe [189, 216]. Es
wird deutlich, dass vor der Rissspitze und entlang der Rissflanken sowohl deutli-
che Druck- als auch Zugeigenspannungen zu erkennen sind.

200
Eigenspannungen [MPa]

100

-100

-200

-300 Rissspitze

-400
49,5 50 50,5 51
x -Koordinate [mm]

Abb. 2.34: Eigenspannungen entlang der Rissflanken und im Ligament bei einer Risslänge von
50 mm

Zur Berücksichtigung der Eigenspannungen werden deshalb der Spannungsin-


tensitätsfaktor 'Kapp aus den Lastspannungen und der Spannungsintensitätsfaktor
'KR aus den Eigenspannungen superponiert [203, 257]:
'K tot 'K app  'K R . (2.91)

2.5.3 Ermittlung bruchmechanischer Kennwerte und


Kennfunktionen

Im Rahmen der Bruchmechanik stehen zur Charakterisierung des Werkstoffs un-


terschiedliche Kennwerte und Kennfunktionen zur Verfügung. Zur Lebensdauer-
vorhersage werden im Allgemeinen jedoch die Risszähigkeit KIC und der Thres-
holdwert 'Kth sowie die Rissgeschwindigkeitskurve verwendet. Im Folgenden
werden diese Kennwerte und Kennfunktionen sowie deren Bestimmung näher er-
läutert.

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 57

2.5.3.1 Risszähigkeit

Als Risszähigkeit KIC wird diejenige Beanspruchung gekennzeichnet, ab der insta-


bile Rissausbreitung eintritt. Die Ermittlung des statischen Werkstoffkennwerts ist
in der Norm E 399-05 der American Society of Testing and Materials (ASTM)
[10] festgelegt. In diesem Standard sind sowohl die Belastungen und die Proben-
typen als auch die Durchführung und Auswertung des Versuchs standardisiert.
Ausgehend von einer in der Norm E 399-05 vorgegebenen Kerbform wird ein
Anriss erzeugt, wobei die maximale Beanspruchung 80% des KIC-Wertes und ei-
nem R-Verhältnis von –1 bis 0,1 nicht überschreiten darf. Die Risslänge a (Kerb-
tiefe einschließlich eines einzubringenden Ermüdungsanrisses) sollten zwischen
0,45w d a d 0,55w liegen, wobei w der Probenbreite entspricht. Zusätzlich muss
das Ligament folgender Beziehung genügen, um nach Norm E 399 gültige Risszä-
higkeitswerte für den ebenen Verzerrungszustand zu erhalten:
2
§ K ·
w  a ! 2,5¨ IC ¸ , (2.92)
¨ Rp0,2 ¸
© ¹
wobei Rp0,2 der 0,2%-Dehngrenze des Materials bei der untersuchten Temperatur
und Vorzugsrichtung entspricht.
Im Anschluss an die Risserzeugung wird der eigentliche quasi-statische Ver-
such angeschlossen. Dabei wird die Probe so belastet, dass die Zuwachsrate des
Spannungsintensitätsfaktors zwischen 0,55 und 2,75 MPa(m/s)1/2 liegt. Bei einer
Standard-CT-Probe (w/B = 2, w = 25 mm) entspricht dies beispielsweise einer
Lastrate von 0,33 bis 1,67 kN/s.
Da die Gültigkeit des Versuchs erst im Nachgang aufgrund von Gl. (2.92) be-
stimmt ist, kann für die Abmessung der Probe entweder die Risszähigkeit ge-
schätzt oder aber für zähe Material mittels des Verhältnisses aus Fließgrenze zum
E-Modul ermittelt werden. Gegebenenfalls ist der Versuch mit einer angepassten
Probe erneut durchzuführen.

2.5.3.2 Thresholdwert und Rissgeschwindigkeitskurve

Der Schwellenwert der Ermüdungsrissausbreitung 'Kth ist derjenige Wert, bei


dem sich die Rissgeschwindigkeit da/dN asymptotisch dem Wert null nähert (s.
Abb. 2.30). Dazu wird in der ASTM E647-05 [10] die Auswertung mittels einer
Ausgleichsgeraden durch mindestens fünf da/dN über 'K-Werte im Diagramm
mit doppellogarithmischen Achsen gefordert. Der Thresholdwert ergibt sich dann
durch Extrapolation der Ausgleichsgerade auf einen Rissgeschwindigkeitswert
von z.B. 10-7 mm/Lastwechsel, der bei einer derartigen Bestimmung stets an-
zugeben ist. Häufig liegt der „wahre“ Thresholdwert jedoch bei deutlich niedrige-
ren Rissfortschrittsraten [50, 51, 212], so dass sich eine andere Methode bewährt
hat. Dabei werden die da/dN-Werte in Abhängigkeit der Werte der zyklischen

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58 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Spannungsintensität in einem Diagramm mit linearen Achsen aufgetragen. Somit


ist es problemlos möglich, die Ausgleichsgerade auf den Wert null zu extrapolie-
ren. Ein Vergleich der beiden Auswertemethoden ist in [50] zu finden.
Zur Bestimmung des Thresholdwerts der Ermüdungsrissausbreitung werden in
der Literatur (z.B. in [9, 50, 70, 164, 238, 239]) unterschiedliche Methoden vorge-
schlagen, wobei zwischen den Methoden mit abnehmendem und zunehmendem
Spannungsintensitätsfaktor unterschieden werden kann (Abb. 2.35).

Methoden zur Thresholdbestimmung

abnehmende Spannungsintensität zunehmende Spannungsintensität

R = konstant Kmax = konstant

Abb. 2.35: Methoden zur Thresholdbestimmung

Nach ASTM E 647-05 der American Society for Testing and Materials ist der
Thresholdwert mit abnehmendem Spannungsintensitätsfaktor zu bestimmen [10].
Dieses kann mit konstantem Spannungsverhältnis R (Abb. 2.36a) oder mit kon-
stantem maximalen Spannungsintensitätsfaktor (Abb. 2.36b) erfolgen. Dabei ist
die Spannungsintensität solange kontinuierlich zu reduzieren, bis der Riss nicht
mehr wächst bzw. mindestens eine Rissgeschwindigkeit da/dN von 10-7
mm/Lastwechsel erreicht ist.

a) K b) K
K max

'K th

K max
K min

'K th
K min

t t
Abb. 2.36: Lastabsenkverfahren
a) mit konstantem Spannungsverhältnis
b) mit konstantem maximalen Spannungsintensitätsfaktor

Bei den Methoden mit konstantem Spannungsverhältnis wird zur Verminde-


rung der zyklischen Spannungsintensität sowohl die maximale als auch die mini-

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 59

male Spannungsintensität abgesenkt. Dazu ist die zyklische Spannungsintensität


exponentiell gemäß folgender Beziehung

'K 'K 0 ˜ eCASTM a  a0 (2.93)

abzusenken, wobei die Steigung wie folgt definiert ist:


1 dK
CASTM ˜ ! 0,08 mm 1 (2.94)
K da
und 'K0 = Kmax,0˜(1-R) dem initialen zyklischen Spannungsintensitätsfaktor der
Lastabsenkung entspricht.

a) 25
CASTM = -0,15
ǻF [kN] bzw. ǻK [MPam1/2 ]

20 ǻa = 0,5 mm
' K = ǻK 0 exp(C (a -a 0))
15
ǻK (Versuch)

10

5
ǻF (Versuch)

0
15 20 25
a [mm]

b) 40
35 ǻK 0
30 C ASTM = -0,04
ǻK [MPam1/2]

25
C ASTM = -0,08
20
15
10
5 CASTM = -0,15
0
10 20 30 40 50
a [mm]
Abb. 2.37: Lastabsenkungsverfahren gemäß ASTM E 647
a) Schrittweise Absenkung der Kraft F zur exponentiellen Absenkung der zykli-
schen Spannungsintensität 'K
b) Vergleich unterschiedlicher Steigungen CASTM

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60 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Um Verzögerungseffekte durch die Reduktion der Last mit zunehmender Riss-


länge zu vermeiden, müssen die Inkremente angemessen gewählt werden. Diese
Anforderung wird dadurch erzielt, dass die Steigung CASTM größer oder gleich
–0,08 mm-1 sein sollte [10]. Die Norm ASTM E 647-05 lässt sowohl eine stufen-
weise (Abb. 2.37) als auch eine kontinuierliche Absenkung zu, wobei eine konti-
nuierliche Absenkung gegeben ist, wenn (Fmax,1 –Fmax,2)/Fmax,1 d 0,02 ist.
Bei einer stufenweisen Absenkung sind innerhalb eines Inkrements die Kräfte
konstant. Dies führt dazu, dass die Spannungsintensität aufgrund des wachsenden
Risses kurzfristig ansteigt, bis die Last wieder abgesenkt wird (Abb. 2.37a). Des-
halb darf gemäß ASTM E 647-05 die Stufenhöhe 10% der jeweils höheren Belas-
tung nicht übersteigen bzw. hat die Breite der Stufen mindestens 0,5 mm zu betra-
gen [10].
Alternativ zur exponentiellen Absenkung wird zur Lastreduktion auch eine li-
neare Funktion eingesetzt, bei der die Steigung CFAM wie folgt definiert ist [212,
213]:
d'K 'K  'K 0
CFAM . (2.95)
da a  a0

In diesem Zusammenhang haben Untersuchungen gezeigt, dass durch die Ver-


wendung einer Stufenbreite von 0,5 mm die Lastsprünge zu groß werden, so dass
es zu Reihenfolgeeffekten kommt. Deshalb wird im Gegensatz zur ASTM E 647-
05 ein geringeres Risslängeninkrement von z.B. 0,05 mm vorgeschlagen.
Neben den Verfahren, bei denen das R-Verhältnis während des Versuchs kon-
stant gehalten wird, ist in der ASTM E 647-05 ein Verfahren mit konstantem ma-
ximalen Spannungsintensitätsfaktor zulässig. Bei dieser Methode zur Threshold-
bestimmung wird ausgehend von einem hohen zyklischen Spannungsintensitäts-
faktor die minimale Spannungsintensität kontinuierlich angehoben bis der
Thresholdwert erreicht ist (Abb. 2.36b). Dabei ändert sich mit der Anhebung von
Kmin stets das R-Verhältnis, so dass vor Versuchsbeginn das Spannungsverhältnis,
bei dem sich der Thresholdwert ergibt, nicht definiert ist. Weiterhin ist die Wahl
des maximalen Spannungsintensitätsfaktors Kmax für den zu bestimmenden Thres-
holdwert von entscheidender Bedeutung. Mit zunehmenden Kmax-Werten stellen
sich kleinere Thresholdwerte und damit andere finale R-Verhältnisse ein [158].
Durch eine zu starke Steigerung des minimalen Spannungsintensitätsfaktors wäh-
rend des Versuchs insbesondere bei einer stufenweisen Anhebung kann es zudem
zu Reihenfolgeeffekten kommen [33].
Jedoch haben Döker und Marci [50, 51] nachgewiesen, dass unabhängig vom
gewählten Verfahren (Kmax = konst. oder R = konst.) gleiche Thresholdwerte er-
mittelt werden. Allerdings ist bei hohen R-Verhältnissen das Verfahren mit kon-
stantem maximalen Spannungsintensitätsfaktor vorzuziehen.
Alternativ zum Lastabsenkungsverfahren mit konstantem R-Verhältnis schla-
gen Tabernig und Pippan [238, 239] vor, den Thresholdwert mit steigender Belas-
tung zu bestimmen, um Druckeigenspannungen und Rissschließen durch die Last-

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 61

absenkung zu vermeiden. Im Anschluss an eine Anrisserzeugung bei zyklischer


Druckbelastung folgt eine Belastung im Zugbereich. Die Zugbelastung wird stu-
fenweise solange erhöht, bis der Riss zu wachsen beginnt. Dabei unterscheiden
Tabernig und Pippan zwischen dem effektiven Thresholdwert 'Keff,th und dem
Thresholdwert 'Kth für Langrisswachstum. Bei den Belastungsschritten, bei denen
'K größer als 'Keff,th, aber kleiner als 'Kth ist, wächst der Riss zunächst, stoppt
dann jedoch nach einem gewissen Risswachstum wieder. Ab dem Belastungs-
schritt, ab dem der Riss kontinuierlich wächst, ist der Thresholdwert 'Kth über-
schritten und der Versuch kann zur Ermittlung der Rissgeschwindigkeitskurve
fortgesetzt werden.

F Fmax

Fmin

da
N dN
'K<
Anrisser-
zeugung
(Druck)

'Keff,th 'K th,eff < 'K < 'K th 'K > 'K th

'a

'K

N
Abb. 2.38: Ermittlung des Thresholdwertes durch Laststeigerung (nach [238])

Newman et al. [69, 70, 164] nutzen ebenfalls das Verfahren der Anrisserzeu-
gung unter Druckbelastung, setzen dann die Belastung im Zugbereich jedoch mit
konstanter Spannungsamplitude fort. Aus vorherigen Abschätzungen bzw. durch
Trial-and-Error wird die sich anschließende Zugbelastung mit konstanter Ampli-
tude so gewählt, dass Risswachstumsdaten im thresholdnahen Bereich für ein be-
stimmtes R-Verhältnis gemessen werden [70, 164]. Da die Risswachstumsraten
zunächst durch die zugumkehrplastische Zone beeinflusst sind, muss die Risslän-
ge, ab der die Bestimmung der Rissgeschwindigkeit beginnt, mindestens das 2-
3,5-fache der zugumkehrplastischen Zone betragen [164]. Forth et al. geben un-
mittelbar nach dem Wechsel von Druck- zu Zugbelastungen deshalb eine kleine
zyklische Zugbelastung auf (Kmax | 0,45 MPam1/2 und Kmin | 0,05 MPam1/2), um
den Riss aus der zugumkehrplastischen Zone, die durch die Druckbelastung ent-
standen ist, wachsen zu lassen [70]. Das Risswachstum erfolgt sehr zügig in den
ersten 1000 Lastwechseln und der Rissfortschritt beträgt weniger als 0,25 mm, be-

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62 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

vor dann Rissstillstand (da/dN < 10-9 mm/Lw) einsetzt. Danach verwenden sie die
berechnete konstante Spannungsamplitude.
Forth et al. [70] konnten zeigen, dass im Unterschied zu den Verfahren mit
konstantem Spannungsverhältnis Thresholdwerte ermittelt werden, die im Fall der
Aluminiumlegierung EN AW-7075-T73 bei einem R-Verhältnis von 0,1 etwa die
Hälfte betragen. Der sogenannte R-Effekt (Abb. 2.31) tritt bei dem Verfahren mit
konstanter Spannungsamplitude nicht auf [70].
12
Experimente
10 DLR
ǻK [MPam1/2]

2
42CrMo4
0
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1
R
Abb. 2.39: Thresholdwerte in Abhängigkeit des R-Verhältnisses für den Stahl 42CrMo4

Das Schwellenwertverhalten von unterschiedlichen Werkstoffen wird sehr häu-


fig durch Thresholdbestimmungen bei unterschiedlichen R-Verhältnissen be-
schrieben. Die Versuchsergebnisse werden dazu in einem 'Kth-R-Diagramm dar-
gestellt. Abbildung 2.39 zeigt die Ergebnisse des Stahls 42CrMo4 im Vergleich zu
den Thresholdwerten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR),
die an Proben der gleichen Charge unter Verwendung sowohl des Verfahrens mit
R = konst. als auch der Methode mit Kmax = konst. ermittelt wurden [52]. Dabei
wird die sehr gute Übereinstimmung der Ergebnisse deutlich.
Zur funktionellen Beschreibung dieses Zusammenhangs existieren zahlreiche
Modelle. Auf der Basis, dass der Effekt der R-Abhängigkeit des Thresholdwertes
durch das Rissschließen verursacht wird, werden sehr häufig Rissschließmodelle
verwendet. Die NASA schlägt beispielsweise folgende empirische Funktion unter
Berücksichtigung des Rissschließens vor [154]:
(1Cth ˜R )
a ª 1 J º
'K th 'K th,0 ˜ /« » . (2.96)
a  a0 ¬ (1  A0 ) ˜ (1  R ) ¼
'Kth,0 entspricht dabei dem Thresholdwert bei R = 0 und a0 einer intrinsischen
Risslänge, die einen konstanten Wert von 0,0381 mm besitzt. Cth ist eine empiri-
sche Konstante, bei der zwischen Cth+ für positive und Cth- für negative R-

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 63

Verhältnisse unterschieden wird. Die Rissöffnungsfunktion J nach Newman [159]


ist wie folgt definiert:
V op ­°max ( R, A0  A1 ˜ R  A2 ˜ R 2  A3 ˜ R 3 ) Rt0
J ® (2.97)
V max °̄ A0  A1 ˜ R 2 d R  0

wobei für die Koeffizienten A0 bis A3 gilt:


1/ D
2 ª §S V ·º
A0 (0,825  0,34D CF  0,05D CF ) ˜ «cos¨¨ ˜ max ¸¸»
«¬ © 2 V F ¹»¼

A1 0,415  0,071D CF ˜ V max (2.98)


VF

A2 1  A0  A1  A3

A3 2 A0  A1  1 .

Der Faktor DCF variiert zwischen 1 für den ebenen Spannungszustand und 3 für
den ebenen Verzerrungszustand. Ab einem Spannungsverhältnis Rcl für positive R-
Verhältnisse (R = 0,6 ... 0,7) bzw. Rp für negative R-Verhältnisse wird davon aus-
gegangen, dass der Thresholdwert konstant bleibt, da oberhalb dieser Limits kein
Rissschließen auftritt.
Döker et al. [53] sowie Vasudevan und Sadananda [205, 206, 258] haben ge-
zeigt, dass eine alleinige Betrachtung des Thresholdwertes in Abhängigkeit des R-
Verhältnisses für die Auslegung eines Bauteils oder einer Struktur nicht genügt.
Physikalisch ist dies dadurch begründet, dass das Ermüdungsrisswachstum sowohl
durch die monotone plastische Zone, bestimmt durch Kmax, als auch die umkehr-
plastische Zone, bestimmt durch 'K, beeinflusst ist [206]. Somit ist neben dem
Thresholdwert 'Kth außerdem der maximale Spannungsintensitätsfaktor Kmax,th
von entscheidender Bedeutung. Aufbauend auf den Erkenntnissen von Schmidt
und Paris, die anstelle des Thresholdwerts die maximale Spannungsintensität über
R aufgetragen haben (Abb. 2.40b), und unter Verwendung der R-Abhängigkeit des
Thresholdwertes (Abb. 2.40a) schlagen Döker et al. [51-53] die Verwendung eines
Diagramms vor, in dem 'Kth über Kmax,th aufgetragen ist (Abb. 2.40c).
Ein Riss ist bei Belastungen mit konstanter Amplitude ausbreitungsfähig, wenn
gleichzeitig folgende Bedingungen gelten:
*
'K ! 'K th (2.99)

und
*
K max ! K max, th . (2.100)

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64 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

a) 'K th c) 'K
th

*
Kmax,th

'K th* 'Kth*


nicht-wachsende Risse
-1,0 -0,5 0 0,5 1 *
Kmax,th
R Kmax,th
b)
K max,th

*
Kmax,th

-1,0 -0,5 0 0,5 1


R
Abb. 2.40: Schematische Darstellung des Thresholdverhaltens (nach [51])
a) 'Kth in Abhängigkeit von R
b) Kmax,th in Abhängigkeit von R
c) 'Kth in Abhängigkeit von Kmax,th

Effekte beispielsweise des E-Moduls, der Mikrostruktur, der Temperatur oder


der Umgebungsbedingungen werden durch die beiden intrinsischen Thresholdwer-
te K*max,th und 'Kth* erfasst. So ist z.B. die Thresholdwertkurve im Vakuum ge-
genüber der bei Luft zu größeren Thresholdwerten verschoben [258]. Durch die
Verwendung des Zwei-Parameter-Ansatzes sind folglich aufwändige und teilweise
schlecht interpretierbare experimentelle Rissschließmessungen zur Erklärung der
R-Abhängigkeit des Thresholdwertes nicht mehr erforderlich und Risswachstums-
daten, die in Laboren ermittelt wurden, können ohne die Ermittlung des effektiven
zyklischen Spannungsintensitätsfaktors zur Auslegung von Bauteilen und Kom-
ponenten verwendet werden [258].
Da das Schwellenwertverhalten nicht für alle Werkstoffe durch die idealisierte
Form aus Abb. 2.40 dargestellt werden kann, hat Döker [51, 52] eine funktionelle
Beschreibung des Thresholdwertes in Abhängigkeit des Spannungsverhältnisses
entwickelt.
Unter der Annahme, dass die Kmax,th-R-Kurve bei niedrigen R-Verhältnissen
(Abb. 2.41a) und die 'Kth-Kmax,th-Kurve bei hohen R-Verhältnissen (Abb. 2.41b)
durch lineare Funktionen
*
K max, th K max, th  E ˜ R mit E t 0 (2.101)

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 65

und
*
'K th 'K th  D ˜ K max mit D d 0 (2.102)

beschrieben werden können, wobei D und E die Steigungen der Geraden sind, er-
gibt sich daraus die Beschreibung der Schwellenwertkurve in vier Bereichen
(Abb. 2.42).

a) 45 b) 12
40 Experimente Experimente
DLR 10 DLR
35
K max,th [MPam1/2]

ǻK th [MPam1/2]
30 8
25 * + Į·K max,th
ǻK th = ǻK th
* 6
20 K max,th = K max,th + ȕ·R
15 4
10
2
5 42CrMo4
42CrMo4
0 0
0 0,5 1 0 20 40 60
R K max,th [MPam1/2]

Abb. 2.41: Schwellenwertverhalten des Stahls 42CrMo4


a) Kmax,th-R-Diagramm
b) 'Kth-Kmax,th-Diagramm

Für Bereich I (hohe R-Verhältnisse) und Bereich IV (kleine negative R-


Verhältnisse) gilt:
1 R *
'K th ˜ 'K th (2.103)
1 R D
und den Bereich II (niedrige R-Verhältnisse) gilt:
*
'K th ( K max, th  E ˜ R ) ˜ (1  R ) (2.104)

Gleichung 2.104 beschreibt eine Parabel, die die R-Achse bei R = 1 und die
'Kth-Achse bei K*max,th schneidet. Gleichung 2.103 schneidet die R-Achse eben-
falls bei R = 1 und nähert sich asymptotisch 'Kth*.
Im Bereich III gilt
*
'K th K max, th  E ˜ R , (2.105)

da bei negativen R-Verhältnissen gemäß ASTM E 647 lediglich der positive Teil
der Beanspruchung berücksichtigt wird, so dass Kmax,th ab R < 0 linear mit R ab-
fällt und im Bereich IV in die Kurve aus Bereich I einmündet. Insgesamt ergibt

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66 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

sich für das Schwellwertverhalten die durchgezogene schwarze Kurve in Abb.


2.42.
14
IV III II I
12
*
K max,th
10
'Kth [MPam1/2]

4
*
'K th
2

0
-2 -1,5 -1 -0,5 0 0,5 1
R
Abb. 2.42: Konstruktion der Thresholdkurve in Abhängigkeit des R-Verhältnisses [51]

Abbildung 2.43 zeigt die nach dem Modell von Döker bestimmte Threshold-
kurve in Abhängigkeit des R-Verhältnisses für R t 0 am Beispiel des Stahls
42CrMo4. Diesem Diagramm ist vergleichend die Kurve gegenübergestellt, die
nach der Methode der NASA gemäß Gl. (2.95) ermittelt wurde. Der Unterschied
der beiden Konzepte wird insbesondere im Bereich hoher R-Verhältnisse deutlich.
Während das Konzept der NASA von einem konstanten Schwellenwert ab einem
definierten R-Verhältnis ausgeht, wird beim Konzept nach Döker der Threshold-
wert auf null reduziert.
12
Experimente
10
DLR
ǻK th [MPam1/2]

8 Döker

6 NASA

2
42CrMo4
0
0 0,5 1 1,5
R
Abb. 2.43: Vergleich der unterschiedlichen Beschreibungen des Schwellenwertverhaltens für
den Stahl 42CrMo4 mit experimentellen Daten

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 67

Die 'Kth-R-Kurve nach Döker kann mittels vier Parametern bestimmt werden,
die sich zudem aus den Kmax,th-R-Kurve und der 'Kth-Kmax,th-Kurve ergeben. Hin-
gegen sind beim Modell der NASA sehr viele Parameter anzupassen, die vonein-
ander abhängen und sich nicht unmittelbar ableiten lassen.
Zur Ermittlung der gesamten Rissfortschrittskurve ist entsprechend der ASTM
Norm E 647 im Anschluss an einen Versuch, bei dem 'K bei konstantem R konti-
nuierlich abgesenkt wurde, ein Versuch anzuschließen, bei dem die Spannungs-
amplitude konstant gehalten wird. Aufgrund des Risswachstums ergibt sich da-
durch eine Zunahme der Spannungsintensität und damit der obere Teil der
Risswachstumskurve.

2.5.4 Rissfortschrittskonzepte

Zur rechnerischen Vorhersage der Restlebensdauer eines Bauteils oder einer


Struktur sind verschiedenartige Modelle und Konzepte entwickelt worden. Grund-
sätzlich wird dabei zwischen den Konzepten zur Beschreibung des Risswachstums
bei zyklischen Belastungen mit konstanter Amplitude und mit variabler Amplitude
unterschieden.

2.5.4.1 Konzepte bei Belastungen mit konstanter Amplitude

Neben der Kenntnis der Beanspruchungskenngröße 'K für eine Risskonfiguration


ist die Basis für die Ermittlung der Lebensdauer die funktionelle Beschreibung der
Rissfortschrittskurve im Allgemeinen in der Form da/dN = f('K, R). Eine der ers-
ten Funktionen dieser Art ist das sogenannte Paris-Gesetz (Gl. (2.88)), das ledig-
lich den mittleren Bereich 2 der Rissfortschrittskurve beschreibt (s. Abb. 2.30). Im
Gegensatz dazu gilt der Ansatz von Erdogan und Ratwani für den gesamten Kur-
venverlauf unter Berücksichtigung des Thresholdwertes 'Kth und der Risszähig-
keit KIC. Das Gesetz nach Erdogan und Ratwani lautet [62]:

da CE ˜ ('K  'K th ) m E
, (2.106)
dN (1-R) ˜ K IC  'K

wobei mE und CE werkstoffabhängige Größen sind.


Ein weiterer Ansatz, der ebenfalls den gesamten Kurvenverlauf berücksichtigt,
ist die von Forman, Newman und de Koning entwickelte und als erstes von For-
man und Mettu [66] veröffentlichte und als „NASGRO equation“ bekannte Funk-
tion:

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68 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

p
§ 'K th ·
n FM ¨1  ¸
da ª§ 1  J · º 'K ¹
CFM ˜ «¨ ¸ ˜ 'K » ˜© q
. (2.107)
dN ¬© 1  R ¹ ¼ § K max ·
¨¨1  ¸
© K IC ¸¹

Im Gegensatz zu der Rissfortschrittsgleichung nach Erdogan und Ratwani berück-


sichtigt die NASGRO Gleichung das Phänomen des Rissschließens durch die
Verwendung der Rissöffnungsfunktion J nach Newman (Gl. (2.97)). Die Parame-
ter CFM, nFM, p und q sind ebenfalls werkstoffabhängige Größen und an experi-
mentelle Daten anzupassen.

a) da/dN

R<0

R>0

'K
K max Į = 45°

R=0

b)
'K

Zunehmende
Rissgeschwindigkeit

(da/dN) 2
(da/dN) 1
'K th* (da/dN) th
nicht-wachsende Risse

* K max
K max,th

Abb. 2.44: Rissfortschritt in Abhängigkeit von 'K und Kmax (nach [206, 258])
a) Dreidimensionale Darstellung von Rissfortschrittskurven
b) Zweidimensionale Darstellung

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 69

Weitere Konzepte versuchen, Rissschließen zu berücksichtigen, indem anstelle


des Spannungsintensitätsfaktors 'K der effektive Spannungsintensitätsfaktor 'Keff
(Gl. (2.89)) in Rissfortschrittsgesetzen verwendet wird. Dadurch entfällt bei eini-
gen Werkstoffen die Variation der Rissgeschwindigkeit mit unterschiedlichen R-
Verhältnissen und die Risswachstumskurven fallen zu einer Kurve da/dN-'Keff-
Kurve zusammen, die ihrerseits dann z.B. durch das Paris-Gesetz beschrieben
werden kann.
Andere Ansätze gehen davon aus, dass es nicht genügt die zyklische Span-
nungsintensität oder die um das Rissschließen korrigierte effektive zyklische
Spannungsintensität allein zur Beschreibung des Risswachstums zu verwenden
[114, 112, 171]. Aufbauend auf dem Ansatz nach Döker sowie dem Unified Ap-
proach nach Vasudevan und Sadananda (s. Kapitel 2.5.3.2) ist die Rissgeschwin-
digkeit abhängig von den beiden Parameter 'K und Kmax [203, 258]:
da * n * m
A ˜ ('K  'K th ) ˜ ( K max  K max, th ) , (2.108)
dN
wobei A, n und m materialabhängige Parameter sind. Dies bedeutet, dass Riss-
wachstumsdaten als dreidimensionale Kurven in einem 'K-da/dN-Kmax-Raum zu
betrachten sind (Abb. 2.44a). Die einzelnen Ebenen stellen die typischen Rissfort-
schrittskurven bei konstantem R-Verhältnis dar. Wird bei konstanter Rissge-
schwindigkeit eine Ebene senkrecht zur Rissgeschwindigkeitsachse gelegt, ergibt
sich eine vereinfachende zweidimensionale Darstellung des Zusammenhangs
(Abb. 2.44b).
Der Schnitt bei einer Rissgeschwindigkeit da/dN = 0 zeigt die sogenannte fun-
damentale Thresholdkurve (vgl. Abb. 2.40c). Mit zunehmender Rissgeschwindig-
keit werden die L-förmigen Kurven entsprechend zu höheren Werten verschoben,
wobei die Eckwerte sich auf einer Geraden bewegen [206].
Die erste Form einer Rissfortschrittsgleichung formuliert in Form der beiden
Parameter 'K und Kmax wurde durch Walker vorgeschlagen [262]:
da
dN
>
C1 ˜ (1  R ) p ˜ K max @ m
> (1 p )
C1 ˜ ( K max ˜ 'K p @ m
(2.109)

mit p als empirischen Exponenten. Da diese Gleichung nur für positive R-


Verhältnisse gültig ist, hat Kujawski dieses Modell dahingehend erweitert, dass er
für negative R-Verhältnisse lediglich den positiven Teil der zyklischen Span-
nungsintensität 'K+ verwendet [48, 114]:
da
dN
> (1Į )
C1 ˜ ( K max ˜ ('K  ) Į @ m
, (2.110)

d.h. 'K+ = 'K für R > 0 und 'K+ = Kmax für R < 0.
Noroozi und Glinka [171, 172] haben diesen Ansatz noch erweitert, indem sie
Eigenspannungen vor der Rissspitze durch einen Eigenspannungsintensitätsfaktor
Kr berücksichtigen. Die Eigenspannungen können sowohl über analytische Lö-

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70 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

sungsansätze, wie es Noroozi und Glinka vorschlagen, oder aber auch über nume-
rische Methoden ermittelt werden. Die Risswachstumsgleichung ist wie folgt defi-
niert [171, 172]:
da
dN
> p
C1 ˜ ( K max, tot ˜ ( 'K tot )
(1 p )
@ m
, (2.111)

wobei Kmax,tot bzw. 'Ktot die maximale Spannungsintensität bzw. die zyklische
Spannungsintensität inklusive des Eigenspannungsintensitätsfaktors ist (vgl. Gl.
(2.91)).

1/( da/dN)
lg da/dN

'a t
Nt =
(da/dN)t

'a t 'a t

ai aB a ai aB a

Abb. 2.45: Verfahren der numerischen Integration

Ausgehend von einem Anfangsriss ai kann die Restlebensdauer bis zum Bruch
durch die Integration einer Rissgeschwindigkeitsgleichung erfolgen:
aB
da da da
f ('K , R ) Ÿ dN Ÿ Np ³ (2.112)
dN f ('K , R ) f ('K , R )
ai

Die Integration der Paris-Gleichung unter der Annahme, dass 'V und Y kon-
stant sind, ergibt beispielsweise folgende Bruchschwingspielzahl:

1 § 1 1 ·¸
Np ˜¨  . (2.113)
§m · m ¨ a m/2 1 a m/2 1 ¸
¨  1¸ ˜ C ˜ ('V ˜ S ˜ Y ) © i B ¹
©2 ¹
Auf die gleiche Weise lässt sich auch die Inspektionslastspielzahl Ni durch
Festlegung einer Inspektionsrisslänge aInspektion < aB bestimmen.
In der Praxis ist die Annahme der Konstanz der Geometriefunktion allein durch
das Wachstum des Risses und der Konstanz der zyklischen Spannung 'V nicht

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 71

mehr gegeben, so dass die Rissgeschwindigkeitsgleichung nicht mehr geschlossen


integrierbar ist. In diesen Fällen wird die numerische Integration angewendet
(Abb. 2.45). Dabei wird der Risslängenbereich ai bis aB in mehrere Intervalle 'at
eingeteilt und für jedes Intervall die Rissgeschwindigkeit an der mittleren Risslän-
ge des Intervalls mit einer Rissgeschwindigkeitsgleichung sowie die Teillebens-
dauer Nt berechnet und aufsummiert [225]:
'a
Np ¦ N t ¦ (da / dNt ) t . (2.114)

2.5.4.2 Konzepte bei Betriebsbelastung

Im Gegensatz zum Risswachstum bei zyklischen Belastungen mit konstanter


Amplitude treten bei Belastungen mit variabler Amplitude sogenannte Reihenfol-
geeffekte auf, die sowohl lebensdauerverlängernde als auch lebensdauerverkür-
zende Wirkungen besitzen können. Durch das Auftreten einer Überlast wird bei-
spielsweise das Risswachstum in Abhängigkeit der Grundbelastung, des
Überlastverhältnisses und des R-Verhältnisses verzögert. Demgegenüber kann ein
Wechsel von einer niedrigen zu einer hohen Belastung, d.h. eine Blockbelastung,
Beschleunigungseffekte hervorrufen.
Die Konzepte zur Bestimmung der Lebensdauer bei Betriebsbelastung können
grundsätzlich in globale Analysen und Cycle-by-cycle-Analysen unterteilt werden
(Abb. 2.46).

Rissfortschrittskonzepte

Globale Analyse Cycle-by-cycle-Analyse

Lineare Schadensakkumulation Berücksichtigung der Reihenfolgeeffekte

Fließzonen- Rissschließ- Fließstreifen-


modelle modelle modelle

Abb. 2.46: Einteilung der analytischen Rissfortschrittskonzepte bei Betriebsbelastung [216]

Die globalen Modelle basieren auf der statistischen Beschreibung eines Last-
spektrums. Dabei wird ein mittlerer zyklischer Spannungsintensitätsfaktor be-
stimmt, der zu gleichen mittleren Risswachstumsraten wie bei der Anwendung des
Lastspektrums führt. Hudson [89] entwickelte dazu folgenden Ansatz:

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72 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

2 N /2 2 2 N /2 2
'K rms K max,rms  K min, rms ˜ ¦ K max  ˜ ¦ K min . (2.115)
N i 1 N i 1

Die Lebensdauer ergibt sich durch Einsetzen des Mittelwerts 'Krms in eine
Rissfortschrittsgleichung und anschließende Integration.
Die Cycle-by-cycle-Analysen betrachten jeden Lastwechsel separat und durch
Addition der Einzelauswertungen entsteht die Gesamtvorhersage. Dabei wird un-
terschieden zwischen den Modellen ohne Berücksichtigung der Reihenfolgeeffek-
te (lineare Schadensakkumulation) und den Modellen unter Berücksichtigung der
Reihenfolgeeffekte.
Bei der linearen Schadenakkumulation wird im Gegensatz zu den Konzepten
bei konstanter Amplitudenbelastung Lastwechsel für Lastwechsel eine Rissfort-
schrittsfunktion integriert und ein Risslängenzuwachs 'at bestimmt. Diese ermit-
telten Werte werden linear summiert:

a a0  ¦ 'at . (2.116)
t

Aufgrund der Vernachlässigung der Reihenfolgeeffekte kann eine lineare


Schadensakkumulation sowohl zu extrem konservativen als auch zu extrem nicht-
konservativen Ergebnissen führen. Das heißt, dass die auf der Grundlage der Kon-
zepte bei Belastungen mit konstanter Amplitude erstellten Prognosen ein hohes
Potential an Unsicherheit beinhalten. Deshalb sind verschiedenartige Modelle und
Konzepte zur Berücksichtigung von Reihenfolgeeffekten entwickelt worden. Im
Unterschied zur linearen Schadensakkumulation gehen die Konzepte unter Be-
rücksichtigung der Reihenfolgeeffekte davon aus, dass das Risswachstum nicht al-
lein durch die Belastung im aktuellen Lastwechsel bestimmt ist, sondern von der
Belastungsgeschichte abhängt. Schijve [219] teilt gemäß ihrer Erklärungsmuster
die Konzepte zur Berücksichtigung der Reihenfolgeeffekte in die drei Kategorien
Fließzonen-, Rissschließ- und Fließstreifenmodelle ein.
Die Fließzonenmodelle versuchen Reihenfolgeeffekte und insbesondere Ver-
zögerungseffekte durch die plastischen Zonen und die Eigenspannungen vor der
Rissspitze zu erklären. Dabei wird zwischen der primär plastischen Zone unter-
schieden, die durch eine Überlast erzeugt worden ist, und der sekundär plastischen
Zone, die durch den Maximalwert der Grundbelastung entsteht (Abb. 2.47). So-
lange sich die sekundär plastische Zone innerhalb der primär plastischen Zone be-
findet, tritt Rissverzögerung auf. Wenn die sekundär plastische Zone die Grenze
der umgebenden primär plastischen Zone erreicht, wird das Risswachstum unge-
stört mit der Rissgeschwindigkeit der konstanten Belastung fortgesetzt. Einer der
ersten Ansätze ist das Modell nach Wheeler [266]. Wheeler erweitert die Glei-
chung der linearen Schadensakkumulation (Gl. (2.116)) um einen Verzögerungs-
parameter CP:

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 73

a a0  CP ˜ ¦ 'at . (2.117)
t

Der Verzögerungsparameter ist für den Fall, dass die sekundär plastische Zone
sich innerhalb der primär plastischen Zone befindet, wie folgt definiert:
WW
§ Zmax ·
CP ¨
¨ Z
¸
¸ , (2.118)
© P ¹
wobei ZP der Abstand der Rissspitze zur Grenze der primär plastischen Zone ist
(Abb. 2.47). Der Exponent WW ist ein materialabhängiger Parameter, der empi-
risch zu ermitteln ist. Befindet sich die sekundär plastische Zone außerhalb der
primär plastischen Zone, wird der Parameter CP eins gesetzt.
In einer Erweiterung dieses Modells durch Willenborg wird davon ausgegan-
gen, dass aufgrund von Überlasten Eigenspannungen vor der Rissspitze auftreten,
die von der aktuellen Belastung und dem Risswachstum innerhalb der plastischen
Zone der Überlast abhängen. Die Eigenspannungen gehen in einen Eigenspan-
nungsintensitätsfaktor KR ein:
KR K max,req  K max,i , (2.119)

wobei Kmax,i als maximaler Spannungsintensitätsfaktor des folgenden Lastwech-


sels i definiert ist. Der virtuelle Spannungsintensitätsfaktor

'a
K max,req K ol 1  (2.120)
Zol

ist der Wert, der notwendig ist, um eine plastische Zone der Größe ZP zu erzeu-
gen, die die Grenze der primär plastischen Zone Zol erreicht.
Die Verzögerung durch eine Überlast wird dadurch berücksichtigt, dass die
Spannungsintensitätsfaktoren Kmax,i und Kmin,i des nachfolgenden Lastwechsels um
den Eigenspannungsintensitätsfaktor auf eine effektive Schwingbreite 'Keff,i ver-
mindert werden:
K max,eff K max,i  K R und K min,eff K min,i  K R . (2.121)

Für den Lastwechsel i wird die Rissgeschwindigkeit durch Einsetzen der effek-
tiven Schwingbreite 'Keff,i in eine Rissfortschrittsgleichung und entsprechender
Integration errechnet, wobei nur der positive Teil von 'Keff,i eingeht. Solange die
minimale Spannungsintensität Kmin,i positiv ist, bleibt damit die Schwingbreite un-
verändert, lediglich das R-Verhältnis wird verschoben. Die so ermittelten Risszu-
wächse werden dann summiert. Zur Berücksichtigung des Rissstillstandes nach
einer Überlast erweiterte Gallagher [154] das Willenborg-Modell durch die Be-
rücksichtigung eines sogenannten Shut-off-Verhältnisses RSO sowie des Thres-
holdwertes. Im verallgemeinerten Konzept ist der Eigenspannungsintensitätsfaktor
KR wie folgt definiert:

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74 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

'K th
1
'K ˜ ( K
KR max,req  K max,i ) . (2.122)
RSO  1

Wird das Shut-off-Verhältnis überschritten, gilt Kmax,i = 'Kth/(1-R) und es tritt


somit auch rechnerisch Rissstillstand ein.
a0 Ȧol
primär plastisch Zone
umkehrplastisch Zone
sekundär plastisch Zone

Ȧp
K ol

K max,req
KR
K max
'K K max,eff
K min 'K eff
KR
K min,eff

Zeit
Abb. 2.47: Verzögerungsmodell nach Willenborg mit unterschiedlichen plastischen Zonen

Die Fließzonenmodelle sind in zahlreichen Ansätzen weiterentwickelt und mo-


difiziert worden. An dieser Stelle sei dabei auf weiterführende Literatur verwiesen
[215, 233].
Die Gruppe der Rissschließmodelle versuchen die Wirkung von Reihenfolgeef-
fekten durch plastizitätsinduziertes Rissschließen (vgl. Kapitel 2.5.2) zu bestim-
men. Zu den bekanntesten Rissschließmodellen zählen das PREFFAS-Modell
(PREvision de la Fissuration en Fatigue, AéroSpatiale) [4], das ONERA-Modell
(Office National d’Etudes et de Recheres Aérospatiales) [21] und das CORPUS-
Modell [42]. Sie bauen auf der analytischen Beschreibung des Rissschließverhal-
tens in Abhängigkeit des R-Verhältnisses auf, indem ein effektiver zyklischer
Spannungsintensitätsfaktor 'Keff Lastwechsel für Lastwechsel über die Ermittlung
der Rissöffnungsspannungsintensität Kop bestimmt wird. Aufgrund ihrer begrenz-
ten Anwendung auf Fluglastspektren haben sich die Rissschließmodelle nicht
durchgesetzt.
Die Fließstreifenmodelle basieren auf der Grundlage, dass das Verzögerungs-
verhalten sowohl durch plastisch verformtes Material entlang der Rissflanken ei-
nes wachsenden Risses als auch durch die plastische Zone vor der Rissspitze ent-
steht. Die bekanntesten Fließstreifenmodelle wurden von Newman [159] und de

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 75

Koning [43] entwickelt. Darüber hinaus existiert eine Vielzahl an Varianten dieser
Modelle (siehe z.B. [25, 104, 234, 263, 264]).
Als Grundlage der Fließstreifenmodelle dient ein modifiziertes Dugdale-
Modell [58]. Im Gegensatz zum Dugdale-Modell, das unter ESZ-Bedinungen da-
von ausgeht, dass die primär plastische Zone auf einen schmalen Streifen vor dem
Riss beschränkt werden kann, werden in der modifizierten Form des Dugdale-
Modells auch die Plastifizierungen entlang der Rissflanken durch einen infinitisi-
mal dünnen Streifen (Strip) abgebildet. Um das Problem auf eine elastische Lö-
sung zurückführen zu können, wird in einer linear elastischen Umgebung (Gebiet
c) der Riss der Länge a fiktiv um die Länge der plastischen Zone Z (Gebiet d)
verlängert.
Die bleibend plastisch verformten Gebiete entlang der Rissflanken (Gebiet e)
und die plastische Zone bestehen aus ideal-plastischen Stabelementen, wobei die
Elemente im Gebiet d intakt und im Gebiet e gebrochen sind. Somit können in
der plastischen Zone sowohl Zug- als auch Druckspannungen übertragen werden,
während entlang der Rissflanken lediglich Druckspannungen wirken. Da im Ge-
biet e die Kompatibilitätsbedingung Lj d Vj gelten muss, da die Stabelementlänge
Lj nicht länger sein können als die Rissöffnungsverschiebung, werden im Falle des
Kontakts (Lj = Vj) Kontaktspannungen Vj auf die gebrochenen Stabelemente auf-
gebracht.

a fikt
a Ȧ
xi
j fikitve Riß-
Stab- i e oberfläche
elemente Lj
Vj
2w j
d
x

geschlos- c
sener
geöffneter Riss Riss plastische Zone
Lj d Vj L j = Vj

ı
Abb. 2.48: Fleißstreifenmodell auf der Basis des Dugdale-Modells

Die Bestimmung der Kontaktspannung erfolgt mittels iterativer Lösungsverfah-


ren, die zwei Randbedingungen unterliegen. Eine Randbedingung ist durch die

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76 2 Konzepte zur festigkeitsgerechten und bruchsicheren Gestaltung

Fließgrenze der Stabelemente im Zug- sowie im Druckbereich und die andere


durch die Elementtrennung entlang der Rissflanken gegeben. Für die Kontakt-
spannungen gilt im Ansatz nach Newman für die Elemente entlang der Rissflan-
ken:
Vj 0 für V j ! 0 , (2.123)

Vj V F für V j  V F . (2.124)

sowie innerhalb der plastischen Zone:


V j D CF ˜ V F für V j ! D CF ˜ V F , (2.125)

Vj V F für V j  V F (2.126)

(Abb. 2.49a und b). Zur Berücksichtigung eines möglichen Verfestigungsverhal-


tens des Werkstoffs ist die Fließspannung VF als Mittelwert aus der Streckgrenze
und der Zugfestigkeit definiert. Der Faktor DCF (Constraint Faktor) berücksichtigt
den Spannungszustand und variiert zwischen 1 für den ebenen Spannungszustand
und 3 für den ebenen Verzerrungszustand.
Der wesentliche Unterschied zwischen den verschiedenartigen Fließstreifen-
modellen liegt in der Definition und Verwendung des Constraint Faktors. Im Pro-
gramm NASGRO der NASA (National Aeronautics and Space Administration,
USA) wird der Faktor DCF in Abhängigkeit eines Übergangsspannungsintensitäts-
faktors

('K eff )T P ˜V F ˜ B (2.127)

und der entsprechenden Rissgeschwindigkeit bestimmt, da Newman davon aus-


geht, dass bei niedrigen Rissgeschwindigkeiten eher EVZ-Bedingungen und bei
hohen Risswachstumsraten eher ESZ-Bedingungen vorliegen. P ist ein Proportio-
nalitätsfaktor und B die Dicke der Probe [154]. Da zwischen reinem EVZ und ESZ
ein Übergangsbereich vorzufinden ist, wird ebenso um die Übergangsrissge-
schwindigkeit ein Bereich von etwa 1,5 Zehnerpotenzen der Rissgeschwindigkeit
abgeschätzt. Liegt die aktuelle Rissgeschwindigkeit oberhalb dieses Übergangsbe-
reichs, wird DCF gleich dem Wert für den ebenen Spannungszustand gesetzt, im
anderen Fall wird der Wert des ebenen Verzerrungszustandes für den nächsten Be-
rechnungsschritt verwendet. Innerhalb des Übergangsbereichs variiert der Faktor
DCF linear vom ebenen Spannungszustand zum ebenen Verzerrungszustand.
De Koning et al. [43] sowie Beretta et al. [25] gehen hingegen davon aus, dass
drei D-Faktoren zur Beschreibung des Spannungszustandes notwendig sind. Sie
definieren D-Faktoren für die monotone plastische Zone (DCF), die umkehrplasti-
sche Zone (DC) und die Plastifizierungen entlang der Rissflanken (DW) (Abb.
2.49c). De Koning [43] geht sogar davon aus, dass der Constraint Faktor DCF unter
Zugbeanspruchungen eine parabolische Funktion entlang der Elemente der plasti-

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2.5 Konzepte der klassischen Bruchmechanik 77

schen Zone besitzt, wobei am Ende der plastischen Zone ein Wert von 1,15 (ESZ)
erreicht wird. Der Wert an der Rissspitze wird aus dem Verhältnis der Größe der
plastischen Zone zur Probendicke berechnet. Im Bereich der Rissflanken und im
Druckbereich der plastischen Zone ist der Constraint Faktor örtlich konstant.

a) y ımax b) y ımin

a Ȧ x a Ȧ x

V ı
Į˜ı Į˜ı
CF F
CF F

x x
monotone plastische Zone ı F

c) V
Į˜ı
CF F

x
Įw˜ı F
Įc˜ıF
umkehrplastische
Plastzifizierung an Zone
der Rissflanke
Abb. 2.49: Unterschiedliche Definitionen der D-Faktoren
a) bei maximaler Belastung
b) bei minimaler Belastung nach Newman (nach [161])
c) bei minimaler Belastung nach Beretta et al. (nach [25])

Aufbauend auf dem Fließstreifenmodell wird eine Rissöffnungsspannung Vop


bestimmt, ab der der Riss komplett geöffnet ist, d.h. es existieren keine Oberflä-
chenkontakte und die Spannung an der Rissspitze wechselt von Druck- in Zug-
spannungen. Unter Verwendung des effektiven zyklischen Spannungsintensitäts-
faktors und einer Rissfortschrittsgleichung kann dann durch Integration die
Lebensdauer ermittelt werden.
Neben den analytischen Methoden zur Bestimmung des Risswachstumsverhal-
tens bei Belastungen mit variabler Amplitude kommen immer mehr auch numeri-
sche Methoden, wie z.B. die Finite-Elemente-Methode, zum Einsatz. Insbesondere
zur Erklärung der Reihenfolgeeffekte, aber auch zur Berechnung der Lebensdauer
oder der Risswachstumsrate sind elastisch-plastische Risswachstumssimulationen
sehr gut geeignet [214, 216, 217].

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Kapitel 3
Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit
und Bruchmechanik bei der
Lebensdauervorhersage

Wie in Abb. 1-1 dargestellt, setzt sich die Lebensdauer eines Bauteils aus der Ris-
sinitiierungs- und der Rissfortschrittsphase zusammen. Für eine genaue Lebens-
dauervorhersage ist deshalb neben der Modellierung des Langrisswachstums (s.
Kap. 2.5) auch der Prozess der Rissinitiierung und des Kurzrisswachstums von
entscheidender Bedeutung. Darüber hinaus ist ebenfalls wichtig, die Beziehung
von kurzen und langen sowie von nicht-wachsenden Rissen grundlegend zu ver-
stehen. So ist es möglich, dass in Bauteilen und Strukturen Risse entstehen, ob-
wohl die Beanspruchung grundsätzlich unterhalb der Dauerfestigkeit oder sogar
unterhalb des Schwellenwertes der Ermüdungsrissausbreitung ist.
Um eine exakte Lebensdauervorhersage durchführen zu können, sind somit die
Konzepte der Betriebsfestigkeit und der Bruchmechanik zusammenzuführen und
um die Gesetzmäßigkeiten des Kurzrisswachstums zu erweitern.

3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen

Der Ort der Rissinitiierung hängt entscheidend von der Höhe der Belastung ab.
Nach Bathias können drei grundlegende Arten der Rissinitiierungen bei polierten
Rundproben unterschieden werden [18]. Unter der Voraussetzung des low-cycle
fatigue, d.h. hohe Spannungen führen zu einem schnellen Versagen (Nf = 104 Lw),
tritt eine Rissinitiierung an mehreren Stellen der Oberfläche auf (Abb. 3.1a). Im
Gegensatz dazu initiiert im Falle des high-cylce fatigue (Nf = 106 Lw) und des ult-
ra-high-cycle fatigue (Nf = 108 Lw) der Riss im Allgemeinen lediglich an einer
Stelle. Während beim high-cycle fatigue die Rissinitiierung sehr häufig an der O-
berfläche (Abb. 3.1b) erfolgt, entstehen im sehr hohen Ermüdungslebensdauerbe-
reich (ultra-high-cycle fatigue) ausgehend von sogenannten fish-eyes sehr häufig
Risse im Inneren des Bauteils (Abb. 3.1c).

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80 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

a) b) c)

4 6 8
N f = 10 Lw N f = 10 Lw N f = 10 Lw
LCF HCF UHCF
Abb. 3.1: Rissinitiierungsorte bei a) low-cycle fatigue (LCF), b) high-cycle fatigue (HCF) und
c) ultra-high-cycle fatigue (UHCF) [18]

Die Initiierung eines Risses ist zunächst durch mikrostrukturelle Gegebenheiten


(Korngröße, Gleitbänder und Gleitebenen) gekennzeichnet. Im Werkstoff bilden
sich an optimal orientierten Körnern bevorzugt in den Ebenen maximaler Gleitung
Gleitbänder aus. In den Gleitebenen, die im Allgemeinen parallel zur maximalen
Schubspannung wirken, entstehen Mikrorisse. Nachdem der Riss durch einige
Körner hindurch gewachsen ist (Rissstadium I), wechselt er unabhängig von der
Gefügestruktur in die Ebene senkrecht zur maximalen Hauptnormalspannung.
Diese Phase wird als Rissstadium II bezeichnet. Tokaji und Ogawa ermittelten ei-
ne Übergangsrisslänge von ca. 200 Pm – 250 Pm, ab der der Riss im Stadium II
wächst [252]. Jedoch ist der Übergang vom Stadium I zum Stadium II durch die
Mikrostruktur, die Belastung oder die Umgebungsbedingungen bestimmt [235].
Rodopoulos und de los Rios [198] definieren den Übergang vom Rissstadium I
zum Rissstadium II über das Verhältnis von Dauerfestigkeit zur zyklischen Fließ-
spannung. Liegt das Verhältnis zwischen 0,1 und 0,3 weist das Risswachstum weit
über mikrostrukturelle Größen hinweg die Charakteristik eines kurzen Risses auf.
Werkstoffe mit einem sehr hohen Verhältnis zwischen 0,7 und 1 zeigen dagegen
nur ein minimales oder gar kein Kurzrissverhalten. Bei Werten zwischen 0,3 und
0,7 ist Kurzrisswachstum über eine begrenzte Risslänge und Belastung vorhanden.
Entsprechend der Einteilung der Stadien I und II können kurze Risse in drei
Kategorien eingeteilt werden [196, 252]:
x mikrostrukturell kurze Risse,
x mechanisch kurze Risse und
x physikalisch kurze Risse.
Mikrostrukturell kurze Risse haben die Größenordnung der charakteristischen
Abmessung der Mikrostruktur, so dass die Grenzen der Kontinuumsmechanik er-
reicht sind [252]. Die Risswachstumsrate und der Pfad eines mikrostrukturell kur-
zen Risses wird durch die Mikrostruktur beeinflusst. Exemplarisch sind in Abb.
3.2 die Risswachstumsraten in Abhängigkeit der Korngrößen eines Stahls darge-
stellt. Die Risswachstumsraten sinken bei Annäherung der Rissspitze an Inhomo-
genitäten des Werkstoffs, wie z.B. die Korngrenzen oder aber auch die Phasen-

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 81

grenzen, Einschlüssen oder Mikroporen, deutlich ab und steigen nach dem Über-
winden des mikrostrukturellen Hindernisses wieder stark an (z.B. [41, 252]). Der
starke Abfall der Rissgeschwindigkeit ist in einem fein gekörnten Werkstoff (Abb.
3.2a) wesentlich deutlicher ausgeprägt als in einem grob gekörnten Werkstoff
(Abb. 3.2b). Weiterhin ist festzustellen, dass die durchschnittliche Risswachstums-
rate beim fein gekörnten Werkstoff um eine Größenordnung niedriger ist als bei
einem grob gekörnten Werkstoff [252]. Jedoch wird dieser Effekt durch die
kristallographische Orientierung benachbarter Körner beeinflusst. Bei Großwin-
kelkorngrenzen, die Körner mit einem großen Unterschied in der kristallographi-
schen Orientierung trennen, wird die Ausbreitung der plastischen Deformationen
an der Korngrenze verhindert. Kleinwinkelkorngrenzen hingegen haben nur einen
geringen oder keinen Einfluss auf die Risswachstumsrate [57].
a) b)
E D’
D
E’ D’ B’ A C Perlit C’
B’ B CD
F’ C’ A’ B A’ A F GH
E

Ferrit da/dN [mm/Lw]


D’ C’ B’ A’
-5 A B CD E FG H
da/dN [mm/Lw] 10

F’ E’ D’ C’ A’ A B CD E -6
10-6 10

B’
Korngrenze

Korngrenze

-7 -7
10 10

-8 -8
10 10
0,1 0,05 0 0,05 0,1 0,2 0,1 0 0,1 0,2
Risslänge a [mm] Risslänge a [mm]
Abb. 3.2: Risswachstumsraten für einen Stahl mit a) feinen und b) groben Körnern (nach [252])

Kujawski und Ellyin [113] stellten jedoch auch fest, dass die Verzögerung an
mikrostrukturellen Hindernissen mit der Höhe der Belastung abnimmt (Abb. 3.3a).
Bei einer Belastung nahe der Fließgrenze des Werkstoffs sind die Verzögerungen
deutlich geringer ausgeprägt als beispielsweise im Bereich der Dauerfestigkeits-
grenze. Für die Beschreibung des Risswachstums ist eine Einbeziehung mikro-
struktureller Einflussparameter notwendig, die allerdings im Allgemeinen schwer
identifizierbar sind [7]. Dessen ungeachtet ist die Rissinitiierung und das Riss-
wachstum ein dreidimensionaler Prozess, bei dem der Riss in der Tiefe und in der
Breite mit mikrostrukturellen Hindernissen zu unterschiedlichen Zeiten interagiert

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82 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

[160]. Während ein Riss in Längenrichtung beispielsweise durch eine Korngrenze


verzögert wird, kann der Riss in der Tiefe dennoch wachsen, was zu einer Erhö-
hung der Beanspruchung des Risses in Längsrichtung führen kann, so dass die
Barriere schneller überwunden wird [160, 188].

a) b)
ı > ıF
ı = ıF
ı = ıD
ı < ıD
Rissgeschwindigkeit da/dN (log)

Rissgeschwindigkeit da/dN (log)


kurze Risse
mikrostrukt. aus Kerben
Hindernis

kurze Risse
lange Risse

Kurzriss Langriss

'Kth

Risslänge a (log) Spannungsintensität 'K (log)


Abb. 3.3: Rissgeschwindigkeit kurzer und langer Risse
a) in Abhängigkeit der Risslänge (nach [113] und [187])
b) in Abhängigkeit der zyklischen Spannungsintensität (nach [235])

Der mechanisch kurze Riss beginnt mit dem Stage II Risswachstum. Die Länge
entspricht ungefähr der Größe der plastischen Zone an der Rissspitze, so dass die
Gültigkeit der linear-elastischen Bruchmechanik und des Kleinbereichsfließens
nicht unbedingt gewährleistet ist. Die Wahl des Spannungsintensitätsfaktors als
Beanspruchungsparameters ist deshalb teilweise umstritten (z.B. [88, 186, 196]).
Die Länge physikalisch kurzer Risse entspricht in etwa der Fehlergröße, die
durch zerstörungsfreie Prüfverfahren detektierbar ist. Obwohl die Risslänge sehr
klein ist, können dennoch die Gesetzmäßigkeiten der linear-elastischen Bruchme-
chanik angewendet werden.
Im Allgemeinen wachsen kurze Risse bei gleicher zyklischer Belastung 'K
schneller als lange Risse. Dies gilt insbesondere im thresholdnahen Bereich. Ob-
wohl die Beanspruchung 'K unterhalb des Thresholdwertes der Ermüdungsriss-
ausbreitung für lange Risse liegt, sind kurze Risse im Allgemeinen wachstumsfä-
hig. Dieses anomale Kurzrissverhalten ist in Abb. 3.3b dargestellt.
Forth et al. [70] konnten zeigen, dass das anomale Verhalten kurzer Risse le-
diglich auf das Verfahren der Thresholdermittlung zurückzuführen ist. Bei einer
Ermittlung mit konstanter Spannungsamplitude im Zugbereich nach einer Anriss-
erzeugung im Druckbereich ist diese Anomalität nicht mehr nachzuweisen [70].

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 83

Rissinitiierungskonzepte

Ermüdungsriss-
Schwellenwert- Konzepte des widerstandskurven- —area - Konzept
kurvenkonzepte kritischen Abstands konzepte

Abb. 3.4: Einteilung der Rissinitiierungskonzepte

Zur Beschreibung der Rissinitiierung existieren zahlreiche Modelle und Kon-


zepte, die in vier Gruppen eingeteilt werden können (Abb. 3.4):
x Schwellenwertkurven-Konzepte,
x Konzepte des kritischen Abstands,
x Ermüdungsrisswiderstandskurvenkonzepte und
x —area-Konzepte.
Zu den jeweiligen Gruppen werden in den folgenden Kapiteln ausgewählte Kon-
zepte dargestellt.

3.1.1 Schwellenwertkurven-Konzepte

Kurze Risse führen nicht unbedingt zum Versagen des Bauteils. Sind z.B. große
mikrostrukturelle Barrieren vorhanden oder existieren scharfe Kerben und ist die
Nennspannung im Bauteil sehr gering, wachsen Risse nicht durch das gesamte
Bauteil, sondern kommen nach einem gewissen Risswachstum zum Stillstand.

ǻıD
ǻı

Įk
Spannung

'K th
Y · — S˜a)

nicht-wachsende Risse
stumpfe scharfe
Kerben Kerben

Į *k Kerbfaktor Į k

Abb. 3.5: Frost-Diagramm zur Bewertung der Dauerfestigkeit gekerbter Bauteile in Form der
Grenzschwingbreite in Abhängigkeit des Kerbfaktors Dk bei konstanter Kerbtiefe
(z.B. nach [14])

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84 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Das Phänomen der nicht-wachsenden Risse wurde als erstes von Frost erkannt
und im sogenannten Frost-Diagramm (Abb. 3.5) zusammengefasst (siehe z.B.
[14]). Für Kerben mit konstanter Kerbtiefe ist im Frost-Diagramm in Abhängig-
keit des Kerbradius U bzw. des Kerbfaktors Dk das Verhalten stumpfer und schar-
fer Kerben dargestellt. Bei stumpfen Kerben mit einem Kerbfaktor Dk kleiner als
D*k ist die Rissentstehung durch die Dauerfestigkeit dividiert durch den Kerbfaktor
gekennzeichnet, d.h. es handelt sich um ein Festigkeitsproblem, das durch die e-
lastische Kerbspannung kontrolliert wird. Bei schärferen Kerben verhält sich die
Kerbe ähnlich einem Riss gleicher Länge, so dass der Thresholdwert 'Kth der Er-
müdungsrissausbreitung für die Rissentstehung entscheidend ist.
Im Bereich Dk > D*k divergieren der Spannungsansatz und der bruchmechani-
sche Ansatz. Im Bereich zwischen diesen beiden Ansätzen (schraffierter Bereich)
sind Kombinationen aus Spannung und Kerbfaktor möglich, die zwar zu einer
Rissinitiierung führen, jedoch nicht zu einem Risswachstum.
Kitagawa und Takahashi [105] konnten weiterhin zeigen, dass die Grenzspan-
nung, ab der ein Riss initiiert, von der Risslänge abhängig ist. Für Risslängen un-
terhalb einer Grenzrisslänge a0 nähert sich die Schwellspannung asymptotisch ei-
nem konstanten Spannungsniveau an, welches näherungsweise der Dauerfestigkeit
ungekerbter Proben entspricht. Ab dieser Grenzrisslänge ist der Thresholdwert der
Ermüdungsrissausbreitung anzuwenden. Dieses Verhalten kann im sogenannten
Kitagawa-Takahashi-Diagramm (Abb. 3.6) abgelesen werden. Die in Abb. 3.6
dargestellte Funktion stellt eine Grenzkurve dar, unterhalb derer Rissstillstand ein-
tritt, während oberhalb Rissinitiierung und Risswachstum entsteht.

ǻıD
ǻK
ǻı

th
=
ko
ns
t.

a0 Risslänge a

Abb. 3.6: Kitagawa-Takahashi-Diagramm [105]

Aufbauend auf den Erkenntnissen von Frost sowie Kitagawa und Takahashi
definieren El Haddad, Topper und Smith [61] einen dehnungsbasierten zyklischen
Spannungsintensitätsfaktor

'KH E ˜ 'H N ˜ S ˜ (a  a0 ) , (3.1)

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 85

wobei 'HN die aufgebrachte Schwingbreite der Dehnung ist. Im Fall elastischer
Spannungen ist 'K unter Vernachlässigung des Geometriefaktors Y auch wie folgt
definiert:

'K 'V ˜ S ˜ (a  a0 ) , (3.2)

wobei a0 eine Materialkonstante darstellt, die über das Verhältnis von Schwellen-
wert der Ermüdungsrissausbreitung und der Dauerfestigkeit definiert ist:
2
1 § 'K th ·
a0 ˜¨ ¸ . (3.3)
S ¨© 'V D ¸
¹
Durch die Einführung der Materialkonstante a0 wird der Effekt der Risslängenab-
hängigkeit des Thresholdwertes aufgehoben und die Rissgeschwindigkeitskurven
von langen und kurzen Rissen fallen zusammen. El Haddad et al. [61] interpretie-
ren die empirische Konstante als behinderte Fließbedingung der Ober-
flächenkörner, während Radaj [186] a0 als werkstofftypische fiktive Eigenriss-
länge (intrinsic crack length), die nicht vergrößerungsfähig ist, unterstellt. Atzori
et al. [16] konnten zeigen, dass für Stahl eine gewisse Abhängigkeit der intrinsi-
schen Risslänge von Rm und VD besteht.

a) Spannungsarmes Kugelstrahlen
1000 Schleifen Laser Shock
max[MPa]

ohne
Oberflächen-
ı

behandlung
Ti-6246
100 R = 0,1 Elektroerosion
a/c = 1,0
0,001 0,01 0,1 1 10
Risslänge a [mm]

b) Spannungsarmes Kugelstrahlen
Schleifen
1000 Laser Shock
[MPa]

ohne
Oberflächen-
ımax

behandlung
Ti-6246
100 R = 0,8 Elektroerosion
a/c = 1,0
0,001 0,01 0,1 1 10
Risslänge a [mm]
Abb. 3.7: Einfluss von Oberflächeneigenspannungen auf die Schwellspannung (nach [116]) für
die R-Verhältnisse a) R = 0,1 und b) R = 0,8

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86 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Die Grenzkurve des Kitagawa-Takahashi-Diagramms lässt sich somit gemäß


El Haddad et al. [61] wie folgt beschreiben:
'K th
'V th . (3.4)
S ˜ (a  a0 )

Unterhalb der Schwellspannungskurve ist rein theoretisch eine unendliche Le-


bensdauer eines Bauteils gewährleistet.
Aufgrund von Oberflächeneigenspannungen, die durch unterschiedliche Ober-
flächenbehandlungsmethoden, wie z.B. Kugelstrahlen oder Elektroerosion, einge-
bracht werden, können sich die Schwellspannungen deutlich ändern. Abbildung
3.7 zeigt diesen Einfluss beispielhaft an einer Titanlegierung [116].
Das Elektroerosionsverfahren erzeugt Zugeigenspannungen, während die ande-
ren Verfahren Druckeigenspannungen einbringen, die zudem unterschiedliche Tie-
fenwirkung besitzen [116]. Deutlich zu erkennen ist auch, dass die Schwellspan-
nung vom Spannungsverhältnis R abhängt.
1000
Risse (El Haddad)
ǻıD
R = 0,02 mm
0,05 mm
ǻK th
1,12Y K
ǻı [MPa]

100 ı
R 10 mm

ı
10
0,001 0,01 0,1 1 10 100
a [mm]
Abb. 3.8: Unterscheidung Schwellenwerte für Risse und Kreiskerben [105]

Wächst ein Riss aus einer Kerbe, ist in Gl. (3.1) die Nenndehnung durch die
örtliche Dehnung 'H zu ersetzen, die mittels der Finite-Elemente-Methode oder
den analytischen Methoden aus Kap. 2.4.3.1 zu bestimmen ist:

'KH E ˜ 'H ˜ S ˜ (a  a0 ) E ˜ D İ ˜ 'H N ˜ S ˜ (a  a0 ) . (3.5)

Alternativ kann die örtliche Dehnung auch unter Verwendung von Gleichung 2.47
ausgedrückt werden.
Unter der Voraussetzung des elastischen Materialverhaltens im Bereich der
Kerbe gilt [61]:

'K Yk ˜ 'V N ˜ S ˜ (a  a0 ) (3.6)

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 87

und damit kann die Grenzkurve des Kitagawa-Takahashi-Diagramms wie folgt


beschrieben werden [61]:
'K th
'V th , (3.7)
Yk ˜ S ˜ (a  a0 )

wobei Yk der Geometriefaktor eines Risses im Kerbgrund ist. In Abb. 3.8 ist dieser
Zusammenhang exemplarisch für einen Riss, der aus einer Kreiskerbe mit unter-
schiedlichen Radien wächst, im Vergleich zur klassischen Grenzlösung nach El
Haddad et al. (Gl. (3.4)) dargestellt.

a) b)
1200 8
480 MPa R = 6 mm
[N/mm3/2 ]

900 6 R = 3 mm
ǻK/ǻı· ʌ·a R = 1,5 mm
290 MPa
600 ǻKth 4
ı
ǻK(a+a*)

R
ǻı = 290 MPa
300 2 R = 0,5 mm a
nicht-wachsende
Risslösung
R = 0,2 Risse
ı
0 0
0,001 0,01 0,1 1 10 0 5 10
a [mm] a [mm]

Abb. 3.9: Zyklische Spannungsintensität eines Risses ausgehend von einer Kreiskerbe (in An-
lehnung an [61])
a) in Abhängigkeit der Schwingbreite der Spannung
b) in Abhängigkeit der Kerbgröße

Abbildung 3.9a zeigt den Verlauf der zyklischen Spannungsintensität eines


Risses ausgehend von einer Kreislochkerbe. Es wird deutlich, dass die Spannungs-
intensität zunächst auf ein Minimum sinkt, bevor sie dann wieder ansteigt. Ist das
Spannungsniveau so gewählt, dass zu Beginn des Risswachstums 'K oberhalb,
aber das absolute Minimum der Spannungsintensität unterhalb des Thresholdwer-
tes liegt, beginnt der Riss zunächst zu wachsen, stoppt dann aber, sobald 'Kth er-
reicht ist. Erst eine Anhebung des Lastniveaus führt zu erneutem Risswachstum.
Das anfängliche Absinken der Spannungsintensität kann jedoch nur bis zu einer
gewissen Kerbgröße festgestellt werden, die zudem von der Kerbgeometrie ab-
hängt (Abb. 3.9b) [61].
Atzori et al. [11, 13, 14] haben das Kitagawa-Takahashi-Diagramm unter Ver-
wendung der Erkenntnisse des Frost-Diagramms dahingehend erweitert, dass sie
zusätzlich die Wirkung einer Kerbe berücksichtigen. Ab einer gewissen Risslänge
bzw. Kerbtiefe

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88 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

a* D k 2 ˜ a0 (3.8)

wird die Schwellspannung durch den Quotienten aus der Schwingbreite der Dau-
erfestigkeit 'VD und dem Kerbfaktor Dk bestimmt (Abb. 3.11). Dieser Ansatz ist
jedoch nur für U-Kerben gültig. Bei scharfen Kerben, wie z.B. V-Kerben oder
Kehlnähten, greifen Atzori et al. [14, 15] auf den Ansatz des zyklischen Kerb-
spannungsintensitätsfaktors zurück. Für eine V-Kerbe ergibt sich folgender inge-
nieurmäßige Ansatz:

'K IV Į Ȗ ˜ S ˜ a Ȗ ˜ 'V , (3.9)

wobei a einer Bauteilreferenzabmessung, wie z.B. der Kerbtiefe, und DJ einem


dimensionslosen Koeffizienten, der von der Geometrie, der Belastung und dem
Kerböffnungswinkel I abhängt, entspricht. Der Exponent J gibt den Grad der
Spannungssingularität wieder und ist über den ersten Eigenwert O1 des mathema-
tisch definierten elastischen Eckspannungsproblems bestimmt [14]. Der Eigenwert
hängt allein vom Kerböffnungswinkel ab und liegt im Intervall von 0,5 d O1 d 1.
Der Eigenwert ist 0,5 im Falle eines Rissproblems (2D = 0) und 1 im Falle einer
geraden Kante (2D = S), da keine Singularität vorliegt [187]. Daraus kann dann in
Analogie zum El Haddad-Ansatz die Schwellspannung

'K I,Vth
'V th (3.10)
ʌ ˜ (Į1/Ȗ V
Ȗ ˜ a  a0 )

unter Berücksichtigung kleiner und großer V-Kerben ermittelt werden, wobei der
Kennwert a0 in Anlehnung an Gl. (3.3) definiert ist:
1/ Ȗ
§ 'K V ·
¨ I,th ¸
a 0V ¨¨ ¸¸ . (3.11)
S ˜ 'ı D
© ¹
Der Thresholdwert 'KI,thV des Kerbspannungsintensitätsfaktors kann einerseits
durch entsprechende Versuche unter Verwendung von Proben mit dem gleichen
Kerböffnungswinkel bestimmt werden. Andererseits kann 'KI,thV aus der Dauer-
festigkeit 'VD und dem Thresholdwert 'Kth der Spannungsintensität ermittelt
werden [14, 15]:

'K I,Vth ȕ LEFM ˜ 'ı 1D2Ȗ ˜ 'K th



, (3.12)

wobei der Faktor ELEFM nur allein vom Kerböffnungswinkel abhängt [15].
Abbildung 3.10 zeigt eine schematische Darstellung des in Gl. (3.10) darge-
stellten Zusammenhangs in Form des nach Atzori et al. verallgemeinerten Kitaga-
wa-Takahashi-Diagramms. Mit zunehmendem Kerböffnungswinkel I nimmt auch
die Schwellspannung 'Vth deutlich zu.

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 89

ǻıD 'KIV = 'K thV

ǻı th ijn

'K = 'K th
ij = 0°
(Risslösung)
1/Ȗ
a0V effektive Risslänge Į Ȗ ˜a
Abb. 3.10: Schematische Darstellung des verallgemeinerten Kitagawa-Takahashi-Diagramms
[14, 15]

Da die Originalschwellspannungskurven gemäß El Haddad et al. theoretisch


für einen Riss in einer unendlich ausgedehnten Scheibe gelten (Y = 1), erweitern
Atzori et al. [14] weiterhin die Funktion unter Berücksichtung der Geometriefunk-
tion Y des Risses (vgl. Kap. 2.5.2), so dass sich für die zyklische Spannungsinten-
sität folgende Gleichung ergibt:

'K Y ˜ 'V ˜ S ˜ (a  a0 ) . (3.13)

Dadurch wird die Grenzspannung im mittleren Bereich, der durch die linear-
elastische Bruchmechanik beschrieben wird, proportional gesenkt (Abb. 3.11).
Beinhaltet ein Bauteil oder eine Struktur einen Fehler der Länge
a0
aD (3.14)
Y2
sollte das Ermüdungsverhalten mit folgender Funktion beschrieben werden:

'K th Y ˜ 'V th ˜ S ˜ (a  aD ) 'V th ˜ S ˜ (Y 2 ˜ a  a0 ) (3.15)

Der Ausdruck Y 2˜a + a0 entspricht der Länge aäq eines äquivalenten Risses in
einer unendlich ausgedehnten Scheibe, der durch die gleiche Nennspannung be-
lastet ist. Die übrigen Bereiche der Grenzkurve werden nicht durch die Geometrie-
funktion Y beeinflusst.
Unter der Voraussetzung eines konstanten Verhältnisses von Kerbtiefe a und
Kerbradius U, d.h. der Konstanz des Kerbfaktors Dk, ändert sich die relevante
Kerbtiefe a* einer Kerbe gemäß Gl. (3.8) in

a* D k 2 ˜ a0
aN . (3.16)
Y2 Y2

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90 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

ǻı D
'K
th =
ǻı (log) ko
Y ns
t. durch Kerbwirkung
'K th
beeinflusstes
Y Y2 Ermüdungsverhalten
ǻıD
Įk

aD a0 aN a* Risslänge a (log)

Abb. 3.11: Ermüdungsverhalten unter Berücksichtigung der Geometriefunktion Y (nach [13])

Durch die Ergebnisse von Atzori et al. [14] ist es möglich, den Grenzkerbfaktor
D*k des Frost-Diagramms wie folgt zu berechnen:

Y 2 ˜ a  a0 D k* aäq
D k* bzw. . (3.17)
a0 Dk a*

Durch die Auswertung zahlreicher experimenteller Daten konnten Atzori et al.


[14] einen Zusammenhang zwischen dem Kerbfaktor und der Kerbwirkungszahl
herstellen:
2 2
Dk § D k ˜ a0 · §a ·
4 1 ¨ ¸ 4 1  ¨ äq ¸ . (3.18)
Ek ¨Y2 ˜a  a ¸ ¨ * ¸
© 0¹ © a ¹

Übergangslinie stumpfe Kerbe

log ǻı scharfe Kerbe


ǻıD

Y 2˜a + a0
log
a0
log Įk

Abb. 3.12: Dreidimensionale Darstellung der Veränderung der Ermüdungsfestigkeit in Abhän-


gigkeit des Kerbfaktors Dk und der Geometrie (Y2˜a + a0)/a0 (nach [12])

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 91

a) b) Schnitt A-A (Į k = konst.)

Rissinitiierung stumpfe Kerbe


log ǻı
ǻıD log ǻı
ǻıD

Schnitt C-C

Y 2˜a + a0
log Y˜a *+ a0
Schnitt A-A a0 2 a0
log Įk Schnitt B-B log Įk Y ˜a + a 0
log a0

Y 2˜a + a0 ǻı = konst.)
c) Schnitt B-B ( = konst.) d) Schnitt C-C (
a0 ǻıD
stumpfe Kerbe stumpfe Kerbe
scharfe Kerbe Rissinitiierung scharfe Kerbe
log ǻı log ǻı
ǻıD ǻıD
nicht-wachsende
Risse

Į*k Y 2˜a + a0
log a0 Y 2˜a + a0
log Įk log Įk log a0
Rissinitiierung
Abb. 3.13: Veränderung der Ermüdungsfestigkeit
a) Schnittflächen (nach [12])
b) Schnitt in einer Ebene mit Dk = konst. (mod. Kitagawa-Takahashi-Diagramm)
c) Schnitt in einer Ebene mit (Y2˜a + a0)/a0 (Frost-Diagramm)
d) Schnitt in einer Ebene mit 'V/'VD = konst.

Das Frost-Diagramm (Abb. 3.5) und das Kitagawa-Takahashi-Diagramm


(Abb. 3.6) fassen Atzori et al. [12, 14] in einem dreidimensionalen Diagramm
(Abb. 3.12) zusammen, in dem die Schwellspannung eines gekerbten Bauteils in
Abhängigkeit des Kerbfaktors Dk sowie des Risslängen- und Geometriefaktors
(Y2˜a + a0)/a0 dargestellt ist. Die dunkelgrau dargestellte Fläche in Abb. 3.12 ent-
spricht dabei der Grenzfläche des Schwellenwertes.
Der Übergangspunkt D*k des Frost-Diagramms zeigt sich im Atzori/Lazzarin-
Diagramm in Form einer Übergangslinie, die sich bei logarithmischer Skalierung
als Gerade darstellt. Durch Schnittebenen parallel zu den Achsen mit Dk = konst.
(Abb. 3.13a, Schnitt A-A) und (Y2˜a + a0)/a0 = konst. (Abb. 3.13a, Schnitt B-B)
ergeben sich einerseits das Frost-Diagramm (Abb. 3.13b) und andererseits das Ki-
tagawa-Takahashi-Diagramm (Abb. 3.13c). Ferner verwenden Atzori und Lazza-
rin eine Schnittebene mit 'V/'VD = konst., mit der Aussagen über die Ermü-

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92 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

dungsfestigkeit in Abhängigkeit des Kerbfaktors und der Kerbgröße gemacht wer-


den können.
Lukas et al. [127] beschreiben die Schwellspannung eines gekerbten Bauteils
unter einigen Vereinfachungen in Abhängigkeit der Kerbgeometrie, charakterisiert
durch den Kerbfaktor Dk und den Kerbradius U, wie folgt:
VD
V th ˜ 1  4,5 ˜ (l0 / U ) , (3.19)
Dk
wobei l0 die Risstiefe bei der Dauerfestigkeitsgrenze darstellt, die aus der Bedin-
gung einer nicht-schädigenden Kerbe für metallische Werkstoffe bestimmt werden
kann:

(D k 2  1) ˜ U d 4,5l0 1,14 ˜ ('K eff, th / V D ) 2 . (3.20)

3.1.2 Konzepte des kritischen Abstands

Zur einheitlichen Beschreibung der Schwellspannung von kurzen und langen Ris-
sen sowie Kerben verwenden Taylor et al. [248-251] das Konzept des kritischen
Abstands bzw. Fujimoto et al. [73] das Konzept der inhärenten Schädigungszone
in Anlehnung an die Ersatzstrukturlänge nach Neuber [157] bzw. die Punkt-
Methode nach Peterson. In diesen Konzepten wird davon ausgegangen, dass in ei-
nem gewissen Abstand r vor dem Kerbgrund oder vor dem Riss bei einer Belas-
tung von 'K = 'Kth die elastische Spannung gleich der Dauerfestigkeit 'VD ist.
Unter Verwendung des elastischen Spannungsansatzes bei Rissen bzw. Kerben
kann somit eine Schwellspannung in Abhängigkeit der Risslänge bestimmt wer-
den.

a0 /2

a0
2a0

r
a Linien-Methode

Punkt-Methode Abb. 3.14:


Flächen-Methode Konzept des kritischen Abstands (nach [248])

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 93

Dabei unterscheidet Taylor die Punkt-, Linien-, Ebenen- und Volumen-


Methode. Bei der Punkt-Methode wird exakt für den Punkt r = a0/2, wobei a0
gleich dem El Haddad-Parameter (Gl. (3.3)) ist, die Spannung gleich der Dauer-
festigkeit gesetzt. Im Gegensatz dazu wird bei den anderen Methoden eine mittlere
Spannung 'Vav durch Integration entlang einer Linie (r = 0 - 2a0) vor der Kerbe
bzw. dem Riss oder über ein Volumen (r = a0) ermittelt, die dann der Dauerfestig-
keit gleich gesetzt wird. Bei der Punkt- und Linien-Methode ist die Übereinstim-
mung mit der Dauerfestigkeit exakt. Die Flächenmethode liefert jedoch eine
10%ige Abweichung, d.h. die Vorhersage ist etwas konservativ [248]. Aus diesem
Grund wird bei Anwendung der Flächen- oder Volumenmethode die Dauerfestig-
keit mit einem Faktor von 1,1 multipliziert.
Aus den Überlegungen zur inhärenten Schädigungszone leiten Fujimoto et al.
[73] folgende Beziehung des Thresholdwertes ab:

a0 § a ·
ʌ˜a˜ ˜ ¨ 2a  0 ¸
2 © 2 ¹
'K th ˜ ıD . (3.21)
a  r0

Im Falle des Langrisswachstums kann der Thresholdwert nach Fujimoto et al.


wie folgt abgeschätzt werden:

'K th,long ʌ ˜ a0 ˜ ı D . (3.22)

Zur Erklärung des Phänomens nicht-wachsender Risse haben Fujimoto et al.


aufgezeigt, dass die Schwellspannung einer Probe mit Riss bis zu einem kritischen
Kerbradius geringer ist als die einer gekerbten Probe. D.h. der Riss initiiert zwar
zunächst, stoppt dann aber aufgrund des Abfalls der Spannung am initiierten Riss.
Außerdem konnten sie durch Anwendung des Konzepts der inhärenten Schädi-
gungszone die Untersuchungen in Abb. 3.9b in Anlehnung an El Haddad et al.
[61] sowohl für kreis- als auch ellipsenförmigen Kerben sowie das Frost-
Diagramm bestätigen.
Da die Konzepte der kritischen Distanz keine Informationen bezüglich der
Kerbgeometrie benötigen, können sie bei der Berechnung komplexer Strukturen
aufbauend auf einer elastischen Finite-Elemente-Analyse angewendet werden, um
Aussagen bezüglich der Dauerfestigkeit zu machen [250]. Neben der Finite-
Elemente-Methode können auch analytische Lösungen bezüglich der Spannungs-
verteilung für bestimmte Sonderfälle angewendet werden. So bestimmen Livieri
und Tovo [123] durch Integration des Spannungsverlaufs vor einer Kerbe, einem
Riss oder einem anderen Defekt beschrieben durch erweiterte analytische Lösun-
gen, wie z.B. nach Creager-Paris, Irwin oder Timoshenko, die mittlere Spannung.
Neben der Berechnung der Dauerfestigkeit eines Bauteils können mit Hilfe der
Konzepte des kritischen Abstands auch Aussagen über die Lebensdauer im Be-
reich mittlerer Lastwechselzahlen gemacht werden [237]. Aufbauend auf der An-

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94 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

nahme, dass sich der El Haddad-Parameter a0 mit abnehmender Lebensdauer än-


dert, schlagen Susmel und Taylor folgende Beziehung vor:

a0 ( N f ) A ˜ N fB , (3.23)

wobei die Parameter A und B aus der Kenntnis der Wöhlerlinie ungekerbter Pro-
ben sowie des Thresholdwertes in Abhängigkeit des Werkstoffs und des R-
Verhältnisses bestimmt werden können. Für ein gekerbtes Bauteil mit einer vor-
gegebenen Nennspannung Va,N wird für eine geschätzte Lebensdauer Nf,i-1 auf der
Grundlage von Gl. (3.23) der El Haddad-Parameter a0,i-1(Nf,i-1) berechnet. Mittels
des numerisch oder analytisch bestimmten linear elastischen Spannungsfeldes in
der Nähe der Kerbe kann die Spannungsamplitude Va,i-1 im Abstand a0,i-1/2 be-
stimmt werden. Der ermittelte Wert der Spannungsamplitude Va,i-1 wird dann zur
Berechnung der Lebensdauer Nf,i mit
k
§ ı ·
N f,i ND ˜ ¨ D ¸ (3.24)
¨ ı a,i-1 ¸
© ¹
verwendet. Dieser Vorgang wird solange wiederholt bis Nf,i-1 und Nf,i konvergie-
ren, wobei als Startwert für jede Iterationsschleife Nf,i-1 = Nf,i gesetzt wird [237].

3.1.3 Ermüdungsrisswiderstandskurven (R-Kurven-Konzept)

Tanaka et al. [240, 242, 244], Pippan et al. [180, 181, 238, 239] und andere gehen
davon aus, dass der Thresholdwert des Ermüdungsrisswachstums mit zunehmen-
der Risslänge steigt, bis der konstante Wert 'Kth des Langrisswachstums erreicht
ist (vgl. Kap. 2.5.3.2). Dieses Verhalten wird in einer sogenannten Ermüdungs-
risswiderstandskurve oder auch R-Kurve (resistance curve) dargestellt. Mit der R-
Kurve ist der Widerstand des Werkstoffs gegen das Ermüdungsrisswachstum
(charakterisiert durch den Schwellenwert 'Kth) in Abhängigkeit der Risserweitung
definiert. In Abb. 3.15 sind schematisch R-Kurven in Abhängigkeit des R-
Verhältnisses dargestellt. Es wird deutlich, dass für niedrige R-Verhältnisse der
Unterschied zwischen den Thresholdwerten für kurze und lange Risse ausgepräg-
ter ist [180]. R-Kurven sind unabhängig von der Kerbgeometrie [1], aus der der
Riss initiiert, und auch der Einfluss der Kerbtiefe auf das R-Kurvenverhalten ist
sehr gering [240]. Hingegen ändern sich die Lastkurven aufgrund der Geometrie-
funktionen unterschiedlicher Kerbgeometrien [241]. Die Ermittlung der R-Kurve
erfolgt z.B. mit dem von Pippan (z.B. [180, 238]) vorgeschlagenen Verfahren zur
Ermittlung der Rissgeschwindigkeitskurve und des Thresholdwertes (vgl. Kap.
2.5.3.2). Alternativ schlägt Chapetti [37] die Berechnung der R-Kurve unter Be-
rücksichtigung eines mikrostrukturellen Thresholdwertes, der sich aus der Dauer-

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 95

festigkeit und dem Abstand der größten mikrostrukturellen Barriere ergibt, des
Langrissthresholdwertes sowie des Rissschließeffektes vor.

R1
ǻK th ǻK th, 1

R2
ǻK th, 2
R3
ǻK th, 3

ǻK eff, th
R1 < R 2 < R 3

0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0


Rissverlängerung ǻa
Abb. 3.15: Ermüdungsrisswiderstandskurve in Abhängigkeit des R-Verhältnisses (nach [180])

Mit dem R-Kurven-Konzept kann unter Verwendung der Ermüdungsrisswider-


standskurve und der zyklischen Spannungsintensität des Risses in einem Bauteil in
Abhängigkeit der Risslänge und der Schwingbreite der Spannung der notwendige
Schwellenwert der Ermüdungsrissausbreitung eines mechanisch kurzen Initialris-
ses ai ermittelt werden (Abb. 3.16). Unter der Annahme, dass ein Oberflächenfeh-
ler vorliegt und die Defektgröße in den Abmessungen wesentlich kleiner als die
Bauteilabmessung ist, kann für die Berechnung der zyklischen Spannungsintensi-
tät der Geometriefaktor Y mit 1,12 angenommen werden.

ǻı1
ǻı2
ǻK bzw. ǻK th

ǻı3

ǻı1 > ǻı2 > ǻı3

0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0


ai Fehlergröße a [mm]

Abb. 3.16: R-Kurven-Konzept (nach [239])

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96 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Tanaka und Akiniwa [241] wenden das R-Kurven-Konzept für kurze Risse aus
dem Kerbgrund an, so dass sie die entsprechenden Geometriefaktorlösungen, z.B.
von Lukás und Klesnil [125], nutzen.
Die Spannungsintensitätskurve, die die R-Kurve tangential in einem Punkt
schneidet, ergibt den Schwellenwert des Ermüdungsrisswachstums für die vorge-
gebene Anfangsrisslänge ai. In Abb. 3.16 entspricht dies einer Spannungs-
schwingbreite von 'V2. Für kleinere Spannungen, wie z.B. 'V3, bei denen die
Spannungsintensitätskurve die R-Kurve in zwei Punkten schneidet, wird der Riss
zunächst wachsen, dann jedoch zum Stillstand kommen. 'V1 hingegen würde zu
einem kontinuierlichen Risswachstum bis zum Versagen des Bauteils führen.
Unter der Annahme, dass die Form der R-Kurve von der Anfangsgröße unab-
hängig ist, können somit durch Verschieben der Widerstandskurve zu unterschied-
lichen Initialrisslängen ai die unterschiedlichen Grenzspannungen in Abhängigkeit
der Größe des Anfangsdefekts bestimmt werden. Die so ermittelten Spannungen
werden in einem Kitagawa-Takahashi-Diagramm zusammengefasst. Abbildung
3.17 zeigt einen Vergleich der durch das R-Kurven-Konzept ermittelten Schwell-
spannungen mit den Schwellspannungen des Kitagawa-Takahashi-Diagramms ba-
sierend auf dem Thresholdwert 'Kth des Langrisswachstums und dem effektiven
Thresholdwert 'Keff,th. Es zeigt sich, dass bis zu einer gewissen Risslänge zu-
nächst der effektive Thresholdwert für das Kurzrisswachstum entscheidend ist.
Nach einer Übergangsphase ergibt sich dann der Thresholdwert des Langriss-
wachstums.
Die gleiche Vorgehensweise verwenden auch Yates und Brown [268], um ei-
nerseits die Schwellspannung und andererseits die Größe nicht-wachsender Risse
zu bestimmen. Sie verwenden jedoch anstelle der Ermüdungswiderstandskurve die
Kurve des Kitagawa-Takahashi-Diagramms, in dem sie die Schwingbreite des
Spannungsintensitätsfaktors über der Risslänge auftragen.

'ı D
R-Kurven-Konzept

'K th = konst.
'ı th

'Keff, th= konst.

Risslänge a
Abb. 3.17: Darstellung der Schwellspannung berechnet mit dem R-Kurven-Konzept und dem
Kitagawa-Takahashi-Diagramm für 'Kth und 'Keff,th (nach [239])

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 97

'ı 1
'ı 2
'K th = konst.

'ı3
log 'K

'ı1 > 'ı2 > 'ı3


Risslänge a, log
Abb. 3.18: Konzept nach Yates und Brown (nach [268])

Abbildung 3.18 zeigt einerseits die aus dem Kitagawa-Takahashi-Diagramm


berechnete Kurve sowie die Spannungsintensitätskurven (gestrichelte Linien) für
kurze Risse aus Kerben in Abhängigkeit des Lastniveaus. Die Spannungsintensi-
tätskurven wurden mittels Näherungslösungen bestimmt, die eine stückweise Be-
schreibung des Verlaufs ermöglichen [267].
So sind die Spannungsintensitätsfaktoren für Risse in der Nähe der Kerbe ge-
geben durch:

K 1,12D k ˜ V ˜ S ˜ a . (3.25)

a i = 0,05 mm
Spannungsamplitude ıa

0,1 mm 0 mm

R = -2

0,5 mm
R=0
1,0 mm

Mittelspannung ım

Abb. 3.19: Haigh-Diagramm für Proben mit Anriss in Abhängigkeit der Anfangsrisslänge ai im
Vergleich zu Schwellspannungen ermittelt an einer glatten Probe (nach [242])

Außerhalb des Einflussgebiets der Kerbe verwenden Yates und Brown folgende
Lösung für den Spannungsintensitätsfaktor nach Smith und Miller:

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98 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

K V ˜ S ˜ ( a  ak ) , (3.26)

wobei ak die Kerbtiefe ist.


Aus den vorgenannten Überlegungen des Ermüdungsrisswiderstandskonzepts
lässt sich ein Haigh-Diagramm ableiten (Abb. 3.19), in dem die Schwellspannun-
gen einerseits für glatte Proben und andererseits für Proben mit Riss in Abhängig-
keit der initialen Risslänge dargestellt sind [242].

3.1.4 —area - Konzept

Murakami [144] stellte fest, dass bei kleinen Defekten nicht der Kerbfaktor Dk,
sondern der Spannungsintensitätsfaktor zur Beurteilung des Schwellenwertes
nicht-wachsender Risse entscheidend ist. Dazu verwendet er den Parame-
ter area , der als charakteristische Dimension für die Bewertung des Einflusses
von Defekten unterschiedlicher Größe und Form auf die Ermüdungsfestigkeit gilt,
da einerseits die Ermüdungsgrenze von Bauteilen mit Defekten als ein Rissprob-
lem angesehen werden kann und andererseits ein Zusammenhang zwischen
area und der Spannungsintensität gegeben ist.
Der Parameter area stellt dabei die auf die Ebene senkrecht zur maximalen
Hauptspannung projizierte Rissfläche dar. Bei unregelmäßig geformten Rissen,
wird eine effektive Fläche bestimmt, die die unregelmäßige Kontur durch eine
gleichmäßige Form umhüllt (Abb. 3.20).
a) area b) area

Abb. 3.20: Unregelmäßig geformte Risse approximiert durch regelmäßige Konturen [144]

Bei sehr flachen Oberflächenrissen mit c > 10a oder sehr tiefen Rissen mit
a > 5c wird ein konstanter Wert von area 10c verwendet [146]. Ein Sonder-
fall tritt auch bei zwei benachbarten Rissen auf. Die effektive Fläche zweier be-
nachbarter Risse wird durch den Abstand zueinander definiert. Ist der Abstand
zwischen den beiden Rissen mindestens genau so groß wie die Abmessung des
kleinsten Risses, dann wird für die Spannungsintensitätsberechnung lediglich die
Fläche des größten Risses verwendet. Bei einem geringeren Abstand hingegen, ist
die effektive Fläche aus den Flächen der beiden Risse sowie der Zwischenfläche
zu bestimmen [144].
Unter Verwendung des area -Ausdrucks kann die maximale Spannungsin-
tensität für Innenrisse mit

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3.1 Entstehung von Ermüdungsrissen 99

K I, max 0,5V ˜ S area (3.27)

und für Oberflächenrisse mit

K I,max 0,65V ˜ S area (3.28)

berechnet werden [144].


Der Thresholdwert 'Kth für kurze Risse mit area < 1000 µm ist in Abhän-
gigkeit der Vickers Härte HV wie folgt definiert:

'K th 3,3 ˜ 10 3 ˜ (HV  120) ˜ ( area )1 / 3 , (3.29)

wenn area in µm eingesetzt wird, um 'Kth in MPam1/2 zu erhalten. Durch die


Kombination von Gl. (3.29) mit Gl. (3.28) ergibt sich die Schwellspannung
Į
1,43 ˜ (HV  120) § 1  R ·
V th ˜¨ ¸ (3.30)
( area )1 / 6 © 2 ¹

eines Bauteils mit einem kleinen Oberflächendefekt in MPa, wobei

D 0,226  HV ˜ 10 4 (3.31)
ist [150]. Durch diese Abschätzung ist eine maximale Abweichung von 10% ge-
genüber entsprechenden Experimenten festzustellen [144].

Fehler HV
1,0
Riss 170
Kerbe 170
Sackloch 170
Kerbe 180
'K th /(HV + 120)

0,1 d 2a
D d

'Kth = 3,3 (HV + 120)˜( area )1/3


0,01

0,01 0,1 1,0 10


Kerbtiefe t, mm
10 100 1000
area , µ m

Abb. 3.21: Abhängigkeit des Thresholdwertes 'Kth bezogen auf (HV + 120) vom Geometriefak-
tor —area unterschiedlicher Defektformen [144]

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100 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Die Grenzen der Anwendbarkeit des area -Konzepts liegt in der Größe des
Fehlers. Der Fehler darf maximal einen Flächeninhalt von 1000 µm, muss aber ei-
ne minimale Länge a* eines nicht-wachsenden Risses besitzen. Aus Gl. (3.30) und
der Dauerfestigkeit VD0 fehlerfreier Bauteile kann die minimale Fläche area be-
stimmt werden. Ist VD0 nicht bekannt, schlägt Murakami folgende Abschätzung
vor:
V D0 # 0,5 Rm # 1,6HV . (3.32)

Weiterhin ist das area -Konzept lediglich im Dauerfestigkeitsbereich für Proben


mit kleinen Fehlern anwendbar. Die Geometrie des Fehlers ist dabei unerheblich.
Abbildung 3.21 zeigt beispielhaft die Abhängigkeit des Thresholdwertes bzw.
Abb. 3.22 die Abhängigkeit der Schwellspannung vom Geometriefaktor area
für unterschiedliche Defektformen in einem Stahl. Dabei wird sehr deutlich, dass
sowohl eine Kerbe, eine Bohrung oder ein Riss zu gleichen Schwellenwerten
führt. Die Begründung liegt nach Murakami darin, dass nach dem Ermüdungsver-
such nicht-wachsende Risse z.B. an der Ecke einer Bohrung oder an den Enden
eines anfänglichen Risses entstanden sind, so dass die Endsituation mechanisch
gesehen ein Riss ist.
5,0
Fehler HV
Riss 170
Sackloch 170
Kerbe 180
ı th /(HV + 120)

1,0

ı th /(HV + 120) = 1,43 / ( area ) 1/6


0,5

0,1
10 100 1000

area , µm

Abb. 3.22: Zusammenhang zwischen der Schwellspannung Vth bezogen auf (HV + 120) und dem
Geometriefaktor —area für unterschiedliche Defektformen [144]

Im Gegensatz dazu ist im Bereich der Zeitfestigkeit ein deutlicher Einfluss der
Defektform zu erkennen (Abb. 3.23). Bei gleichen Werten von area ist die
Restlebensdauer eines Bauteils mit Riss im Allgemeinen niedriger als bei Bautei-
len mit Kerben, da die Rissinitiierungslebensdauer ausgehend von einem Riss we-
sentlich kürzer ist [144]. Um Einflüsse von Eigenspannungen zu vermeiden, wur-
de in den dargestellten Untersuchungen von Murakami und Endo (z.B. [144])

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 101

nach Einbringung des Defekts die verwendeten Proben spannungsarmgeglüht und


nochmals die Härte nach Vickers gemessen.

700

600
Spanung ı [MPa]

500

400

300

200
HV = 510
100

0
10 5 10 6 10 7 10 8
Lastwechselzahl N

d
d x 100 µm (Sackloch)
area x 63 µm
l l x 100 µm (2 Sacklöcher mit
einem Riss verbunden)
area x 63 µm

l
l x 100 µm (Riss)
area x 63 µm

Abb. 3.23: Wöhlerkurve für Proben mit unterschiedlichen Fehlern der gleichen Größe —area
[144]

3.2 Kurzrisswachstumskonzepte

In der Vergangenheit sind zahlreiche Kurzrisswachstumskonzepte entwickelt


worden, die in drei Gruppen eingeteilt werden können:
x Mikrostrukturmodelle,
x Rissschließmodelle und
x bruchmechanische Kurzrisswachstumsmodelle.

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102 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

3.2.1 Mikrostrukturmodelle

Aufbauend auf der Erkenntnis, dass das Kurzrisswachstum an mikrostrukturellen


Barrieren behindert wird und es somit zu wiederholten Verzögerungen und Be-
schleunigungen des Risswachstums kommt (Abb. 3.2), versuchen die Mikrostruk-
turmodelle das Risswachstum in Abhängigkeit des Mikrostruktureinflusses, wie
z.B. der Größe von Körnern, zu beschreiben. Zahlreiche Zwei-Phasen-Modelle,
wie z.B. in [87, 178], sind entwickelt worden. Dabei werden für die Beschreibung
des Kurzrisswachstums Gleichungen der Form
da
A ˜ 'V ˜ ( d  a ) , (3.33)
dN
wobei d dem Korndurchmesser entspricht und für die Beschreibung des Riss-
wachstums langer Risse:
da
B ˜ 'H pl m ˜ a  C (3.34)
dN
verwendet. Die Parameter A, B, C und m sind durch entsprechende Experimente
anzupassen. Hobson et al. [87] geben beispielsweise für einen Oberflächenriss in
einem Stahl für a < d:
da
1,64 ˜ 10  34 ˜ 'V 11,14 ˜ (d  a ) (3.35)
dN
bzw. für a > d:
da
4,1 ˜ 'H 2,06 ˜ a  4,24 ˜ 10 3 (3.36)
dN
an, wobei die mikrostrukturelle Größe d in diesem Fall der Schnittpunkt einer
Ausgleichsgeraden durch die experimentell bestimmten Risswachstumsraten über
der Risslänge ist.
Durch derartige Konzepte ist die Beeinflussung des Risswachstums lediglich
durch eine Barriere möglich, so dass eine Gruppe von Modellen entwickelt wor-
den ist, die die Blockade der Gleitebenen an mikrostrukturellen Hindernissen be-
schreibt [156, 242, 247, 255, 256]. De los Rios und Navarro [44, 155, 156, 255]
beispielsweise entwickelten ein Modell, das von der Annahme ausgeht, dass ein
Riss an persistenten Gleitbändern in der Mitte eines Korns oder einer mikrostruk-
turellen Phase initiiert und von plastischen Verschiebungen gesteuert ist. Dabei
gehen sie davon aus, dass die Risswachstumsrate proportional der plastischen
Rissspitzenverformung ist:
daS
f ˜I , (3.37)
dN

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 103

wobei I die Rissspitzenverschiebung und f kennzeichnend für den Anteil der Ver-
setzungen im plastischen Gleitband vor der Rissspitze ist, der aktiv an der Risser-
weiterung beteiligt ist. Die plastische Rissspitzenverschiebung ist wie folgt defi-
niert [156]:

2N 1  n 2
I ˜ ˜ V ˜ aS , (3.38)
G n
wobei G der Schubmodul, V die Belastung und aS die Oberflächenrisslänge ist.
Während bei einer Schraubenversetzung N = 1 ist, gilt bei einer Stufenversetzung
N = 1 - Q. Der dimensionslose Parameter n = a / (a + Z) beschreibt die Position
der Rissspitze in Bezug zur Korngrenze, bei der die Hauptversetzung blockiert
wird. Bei einer konstanten äußeren Belastung hängt die Spannungsverteilung vor
dem Riss somit allein vom Parameter n ab. Das persistente Gleitband ist solange
an der mikrostrukturellen Grenze blockiert bis die Spannung vor der plastischen
Zone groß genug ist, um ein neues Gleitband im nächsten Korn zu initiieren. Bei
einem wachsenden Riss, dessen plastische Zone an einer mikrostrukturellen Bar-
riere blockiert ist, ist dies der Fall, wenn n den kritischen Wert
§ S V  V Li ·
nC cos¨¨ ˜ ¸ (3.39)
©2 V V ¸¹

bzw. für lange Risse


ª S ˜ V § K th ·º
nC cos « ˜ ¨1  ¸» (3.40)
¬ 2V V © K ¹¼

mit

d
K th VD ˜ S ˜ (3.41)
2
und

K V ˜ S ˜ (a  Z ) (3.42)

annimmt, wobei d dem Korndurchmesser entspricht [156, 255]. VV entspricht dem


Widerstand gegen plastische Deformation des Rissspitzengleitbandes in der Grö-
ßenordnung der Zugfestigkeit und VLi der minimalen Spannung, die notwendig ist,
um einen Riss mit der Ausbreitung über i-halbe Körner zu erweitern. Der Wert
von VLi ist durch die Orientierung der Körner vor dem Riss und der erforderlichen
Spannung zum Lösen von Versetzungen bestimmt und kann als Funktion der
Dauerfestigkeit VD ausgedrückt werden [255]:

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104 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

V D § mi ·
V Li ˜¨ ¸ (3.43)
i ¨© m1 ¸¹

mit i = 1, 3, 5, ... und


1,86
mi ­2 ½
1  2,07 ˜ ® ˜ arctan>0,522 ˜ i  1 @¾ (3.44)
m1 ¯S ¿
als Indikator der Kornorientierung. Sobald n den kritischen Wert nC erreicht, sind
die Spannungen groß genug, um neue Gleitbänder zu erzeugen und die plastische
Zone in das Nachbarkorn zu erweitern, so dass die Spannungskonzentration vor
der neu gebildeten plastischen Zone abnimmt. Dies spiegelt sich in einem vermin-
derten Wert für n wider:
i nC
n nS ˜ nC bzw. nS
2
. (3.45)
i2 § V · § K th · 2
1  2¨¨ ¸¸ ˜ ¨ ¸
© V th ¹ © K ¹
Dieser abwechselnde Vorgang von beschleunigtem und verzögertem Riss-
wachstum wird solange wiederholt bis der Übergang von mikrostrukturell kurzem
zu physikalisch kurzem Risswachstum erreicht ist. Der Übergangspunkt, ab dem
eine kontinuierliche Beschreibung der Risswachstumsrate angenommen werden
kann, definieren Navarro und de los Rios wie folgt:
KT 4 VV
˜ 1 (3.46)
K th S V th
mit der Spannungsintensität KT des Übergangspunktes:

'V D
KT V ˜ S ˜i ˜ (3.47)
2 2
Die Lastwechselzahl, die zum Wachstum des Risses durch ein Korn benötigt
wird, ergibt sich durch Integration von Gl. (3.37) von nS bis nC. Die Anrisslebens-
dauer entspricht der Summe der Lastwechselzahlen zum Durchqueren von z Kör-
nern. Die Anzahl z der durchquerten Körner ergibt sich wiederum aus der Division
der gesamten Risslänge und der durchschnittlichen Körngröße [255].
Im Gegensatz zur Modellierung einer Kornstruktur mit konstanter Korngröße
im Ansatz nach Navarro und de los Rios berücksichtigt Andersson [6] in einem
erweiterten Ansatz mögliche Korngrößenvariationen. Eine Simulation des Kurz-
risswachstums ist mit dem Modell nach Andersson bis zu einer Länge der zehnfa-
chen mittleren Korngröße möglich.
Die Originalform des Ansatzes nach Navarro und de los Rios berücksichtigt
den Effekt der mikrostrukturellen Beeinflussung des Risswachstums bis zum Ver-
sagen des Bauteils. Jedoch konnten beispielsweise Hussain et al. [92] durch expe-

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 105

rimentelle Ergebnisse zeigen, dass ab einer bestimmten Risslänge das Risswachs-


tum unabhängig von der Mikrostruktur wächst, so dass sie ein Zwei-Phasen-
Modell vorschlagen. In der ersten Phase wird die Rissspitzenverschiebung I durch

N 1  n2
I* ˜ ˜ 'V ˜ aS (3.48)
G n
ersetzt. In der zweiten Phase, in der die Mikrostruktur unberücksichtigt bleibt,
wird
§S V ·
n nC nS cos¨¨ ˜ ¸
¸ (3.49)
© 2 VV ¹
gesetzt. Durch separate Integration der Lebensdauer in den beiden Phasen ergibt
sich die Gesamtlebensdauer des Bauteils.
Aufbauend auf der Rissspitzenöffnungsverschiebung als Größe der Verset-
zungsdichte und des plastischen Felds um die Rissspitze entwickelten Shyam et al.
[232] ebenfalls ein Zwei-Phasen-Modell. Für eine Stufenversetzung ergibt sich
folgende Beziehung für eine monotone Rissspitzenverschiebung:

8V F ˜ (1 Q 2 ) ˜ a ª § S ˜ V max ·º
Imax ˜ ln «sec¨¨ ¸»
¸ (3.50)
S ˜E «¬ © 2V F ¹»¼

bzw. für eine zyklische Rissspitzenöffnungsverschiebung

16V F ˜ (1  Q 2 ) ˜ a ª § S ˜ V max ˜ (1  R ) ·º
Ic ˜ ln «sec¨¨ ¸» . (3.51)
S ˜E 4V F ¸
¬« © ¹¼»

Shyam et al. gehen davon aus, dass Wachstum an der Rissspitze eintritt, wenn
die akkumulierte Rissspitzenverschiebung einen kritischen Wert Icr erreicht. Die
dazugehörige Lastwechselzahl ergibt sich zu: 'N = Icr/(f˜Ic), wobei f den Anteil
der Belastung wiedergibt, der bei jedem Lastwechsel irreversibel verbleibt. Zudem
gilt die Annahme, dass gelten muss Imax = Icr und die Risserweiterung 'a = E˜Im
ist, wobei E einem Geometriefaktor entspricht. Daraus lässt sich eine mittlere
Risswachstumsrate
da
N ˜ Ic ˜ Im (3.52)
dN
ableiten, wobei N = f˜E/Icr ist. Unter Vernachlässigung der Initiierungslastwech-
selzahl (Ni = 0) kann sehr einfach durch Integration der Gl. (3.52) die Lebensdauer
ermittelt werden:

1 §1 1 ·
Nf ˜ ¨¨  ¸¸ (3.53)
O © ai af ¹

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106 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

mit
2
ª128V
F ˜ (1 Q 2 ) 2 º ª § S ˜ V max · § S ˜ V max ˜ (1  R) ·º
O N« » ˜ «ln¨¨ sec ¸ ˜ ln¨ sec ¸» . (3.54)
2 2 2V F ¸ ¨ 4V F ¸
¬« S ˜E ¼» ¬« © ¹ © ¹¼»

Darüber hinaus existieren Ansätze, die die Versetzungsbewegungen beispiels-


weise mit der Boundary-Element-Methode simulieren (z.B. [28, 140, 195]). An
dieser Stelle sei auf die einschlägige Literatur verwiesen.

3.2.2 Rissschließmodelle

Die Rissschließmodelle zur Beschreibung des Kurzrissverhaltens basieren auf der


Tatsache, dass ein Riss, der z.B. an einem Einschluss oder einem Korn initiiert,
zunächst keine Plastifizierung durch die Belastungsvorgeschichte besitzt. Über ei-
ne gewisse Lastwechselzahl bleibt der kurze Riss somit komplett geöffnet, so dass
sich im Gegensatz zu einer stationären Rissgeschwindigkeit eines langen Risses,
der durch Rissschließen beeinflusst ist, bei einem kurzen Riss eine höhere Rissge-
schwindigkeit einstellt.
Ein Ansatz stellt dabei die Anwendung der Fließstreifenmodelle (s. Kap.
2.5.4.2) auf das Kurzrisswachstum dar. Die Beschreibung des Risswachstumsver-
haltens ergibt sich durch die Daten des Langrisswachstums, indem eine da/dN-
'Keff-Kurve unter Vernachlässigung des Schwellenwertes des Langrisswachstums
und unter Verwendung der Risswachstumsraten kurzer Risse im Bereich niedriger
Rissgeschwindigkeiten eingesetzt wird [26, 160, 163, 165, 174]. Im Gegensatz
zum Langrisswachstumskonzept führt Newman einen elastisch-plastischen effek-
tiven zyklischen Spannungsintensitätsfaktor ('Kp)eff ein, der sich durch Einsetzen
einer korrigierten Risslänge in 'Keff ergibt. Die korrigierte Risslänge entsteht
durch die Addition der Risslänge und einem Viertel der plastischen Zonengröße
[163]. Zur Abschätzung des Thresholdwertes 'Keff,th schlagen Beretta et al. [26]
beispielsweise die Verwendung des —area-Konzepts nach Murakami (Gl. 3.28) in
Verbindung mit der Beziehung nach El-Haddad (Gl. (3.4)) vor. Die Größe des
Anfangsdefekts wird entsprechend mikrostruktureller Gegebenheiten gewählt, so
dass es möglich ist, die Lebensdauer vom kurzen Riss bis zum Bruch zu bestim-
men.
Eine Kombination aus dem Fließstreifenmodell nach Newman und einem Mik-
rostrukturmodell, bei dem die Blockade des Risswachstums an mikrostrukturellen
Barrieren berücksichtigt wird, entwickelten Akiniwa und Tanaka [3, 245]. In die-
sem Ansatz initiiert ein Riss in der Mitte eines Korn und wächst entlang der ent-
sprechenden Gleitlinien, die in der gleichen Ebene wie der Riss liegen (Abb.
3.24). Sobald der Riss in die benachbarten Körner wächst, wechselt er in das Riss-
stadium II mit einem Risswachstum senkrecht zur Lastachse.

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 107

a) 'ı

Mikrostruktur

b) 'ı
2a

Ȧ mechanisches Modell


c)
'K th,micro
'ıF Spannungsverlauf

Abb. 3.24: Dauerfestigkeitsmodell nach Tanaka (nach [246, 260])


a) idealisierte Mikrostruktur
b) mechanisches Modell
c) Spannungsverlauf

Aufgrund einer mikrostrukturellen Barriere wird der plastische Bereich blo-


ckiert und das Spannungsfeld hat eine Singularität mit folgender Intensität:

ª 2V 1F § a ·º
K micro V ˜ S ˜ (a  Z ) ˜ «1  arccos¨ ¸» , (3.55)
¬« S ˜V © a  Z ¹¼»

wobei V 1F der Reibspannung der Versetzungsbewegung im ersten Korn entspricht


[3] und den Wert der Fließspannung des jeweiligen Korns annimmt. Die Größe
der plastischen Zone ergibt sich aus der Bedingung, dass sich bei einer fiktiven
Risslänge von a + Z die Spannungsintensitätsfaktoren aus der äußeren Belastung
und den wirksamen Rissuferbelastungen aufheben. Zusätzlich kann ein Riss im
Rissstadium II durch Rissschließen blockiert werden, das durch das analytische
Modell nach Newman, welches um den Effekt unterschiedlicher Fließspannungen
und mikrostruktureller Blockaden zur Berechnung der Rissöffnungsverschiebung
erweiterte wurde, berücksichtigt wird [3, 245]. Im Rissstadium I weist der Riss
keine bleibenden plastischen Verformungen auf.
Überschreitet der mikroskopische Spannungsintensitätsfaktor Kmicro einen kriti-
schen Wert der Korngrenze, wächst der Riss in das benachbarte Korn. Der
Schwellenwert der Rissausbreitung ist über den Zusammenhang der Rissöff-
nungsverschiebung CTOD und der effektiven zyklischen Spannungsintensität be-
stimmt:

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108 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

'CTOD § 'K eff ·


0,73 ˜ ¨¨ ¸
¸ (3.56)
CTODmax © K max ¹
mit
2
§ K max ·
CTODmax ¨ ¸. (3.57)
¨ E ˜V F ¸
© ¹
Nach Akiniwa und Tanaka liegt der effektive Thresholdwert 'Keff,th zwischen 1
und 3 MPam1/2. Abbildung 3.25 zeigt exemplarisch die Veränderung der Rissöff-
nungsspannung bzw. der Rissöffnungsverschiebung mit zunehmender Risslänge in
Abhängigkeit des Verhältnisses der Fließspannungen der beiden Körner.
a) 0,8
R = -1, ı F1= 400 MPa, a i = 0,05 mm
C
ımax = 180 MPa, K micro = 2,0 MPam
0,6
ıF2/ ıF1
0,8
0,4 1,0
ıop /ımax

1,2
2,0
0,2

Korngrenze
0,0
Korn 1 Korn 2
-0,2
0,04 0,06 0,08 0,10 0,12 0,14
a [mm]

x10 -6
b) 160
R = -1, ı F1= 400 MPa, a i = 0,05 mm
140 C
ımax = 180 MPa, K micro = 2,0 MPam
120 ıF2/ ıF1
'CTOD [mm]

100 0,8 'K eff,th


1,0 -1/2
1,2 3 MPam
80
2,0
60
40
2 MPam-1/2 Korngrenze
20 1 MPam-1/2
Korn 1 Korn 2
0
0,04 0,06 0,08 0,10 0,12 0,14
a [mm]
Abb. 3.25: Veränderung a) der Rissöffnungsspannung und b) der Rissöffnungsverschiebung mit
zunehmender Risslänge in einer inhomogenen Struktur in Abhängigkeit des Verhält-
nisses der Fließspannungen von Korn 1 und Korn 2 [245]

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 109

Mit zunehmender Risslänge nimmt die Rissöffnungsspannung aufgrund der


Entwicklung plastischer Verformungen an den Rissflanken deutlich zu. Bei
a = 0,076 mm grenzt die plastische Zone an die Korngrenze, was zu einem steilen
Anstieg der Rissöffnungsspannung aufgrund der Blockade an der Korngrenze
führt (Abb. 3.25a). Mit zunehmender Risslänge nimmt ebenfalls die mikroskopi-
sche Spannungsintensität zu, bis bei einer Risslänge von a = 0,097 mm die kriti-
C
sche Spannungsintensität K micro erreicht ist, und das Gleitband in Korn 2 wächst.
Nachdem die plastische Zone in Korn 2 gewachsen ist, nimmt die Rissöffnungs-
spannung sprunghaft ab. Die Rissöffnungsverschiebung sinkt zunächst mit zu-
nehmender Risslänge. Eine Blockade an der Korngrenze und eine hohe Fließspan-
nung des benachbarten Korns wirken als mikrostrukturelle Barriere des
Risswachstums. Falls der effektive Thresholdwert 2 MPam1/2 beträgt, entsteht bei
einer Risslänge von 0,095 mm ein nicht-wachsender Riss unabhängig vom Ver-
hältnis der Fließspannungen (Abb. 3.25b). Ist dagegen die kritische Spannungsin-
tensität der Korngrenze gering, ist hauptsächlich das Rissschließen für den Still-
stand eines Stadium II Risses, der gerade die Korngrenze überschritten hat,
verantwortlich.
Ebenfalls auf dem Rissschließgedanken basierend, jedoch aufbauend auf dem
Zusammenhang zwischen der Spannungsintensität und dem Kerbfaktor unter der
Annahme eines endlichen Kerbradius U z 0 wurde von McEvily et al. [95, 96, 138]
ein Risswachstumsgesetz entwickelt, welches sowohl für lange als auch für kurze
Risse angewendet werden kann:
da
A ˜ ('K eff  'K eff, th ) 2 A ˜ L2 (3.58)
dN
mit

ª § S V · º
« S ˜ re ˜ ¨ sec ˜ max  1¸ »
« ¨ 2 VF ¸ »
© ¹
L « » ˜ (V max  V min )
« »
« Y S ˜ a ˜ §¨ sec S ˜ V max  1·¸ »
« 2 ¨ 2 VF ¸»
¬ © ¹¼

 (1  e  k ˜a ) ˜ ( K op, max  K min )  'K eff, th , (3.59)

wobei A und k Materialparameter sind. Y ist der Geometriefaktor, der bei kleinen
halbkreisförmigen Oberflächenrissen mit 0,65 angenommen werden kann. Kop,max
entspricht dem Rissschließniveau eines langen Risses und 'Keff,th dem um das
Rissschließen korrigierten Thresholdwert. Die Materialkonstante re gibt eine
Grenzrisslänge an, ab der die Mikrostruktur einen deutlicheren Einfluss auf die
Ermüdungsfestigkeit hat als ein kurzer Riss. Bestimmt wird re durch:

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110 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

2
§ 'K eff, th · 1
re ¨
¨ 'V
¸
¸ , (3.60)
© D §
¹ S ˜ ¨ sec
¨
S ˜ V
2V F ¸
max  1·¸ ˜ 1  2Y  0,5Y 2
© ¹
indem 'K = 'Keff,th und 'V = 'VD gesetzt werden. Gleichung (3.58) weist im
Vergleich zu Risswachstumsgesetzen der klassischen linear-elastischen Bruchme-
chanik drei wesentliche Änderungen auf. Erstens wurde neben dem effektiven
Thresholdwert zusätzlich der Materialkennwert re eingeführt, der im Zusammen-
hang zur Dauerfestigkeit steht. Zweitens wird in ähnlicher Weise wie beim Fließ-
streifenmodell elastisch-plastisches Materialverhalten dadurch berücksichtigt, dass
zur Risslänge a die Hälfte der plastischen Zonengröße unter Verwendung der
Dugdale-Gleichung addiert wird:

a § S V ·
amod ˜ ¨¨ sec ˜ max  1¸¸ . (3.61)
2 © 2 VF ¹
Drittens berücksichtigen McEvily et al. das Rissschließverhalten eines kurzen
Risses in Abhängigkeit der Risslänge, welches sich durch den Faktor k widerspie-
gelt:

'K op K op  K min (1  e  k ˜a ) ˜ ( K op, max  K min ) . (3.62)

Der Faktor k ist einerseits von der Belastungshöhe und andererseits von der Riss-
länge abhängig, so dass McEvily et al. eine Funktion k = f(a) verwenden [95].
Wird Gl. (3.58) gleich null gesetzt, ergibt sich ein Kitagawa-Takahashi-
Diagramm, welches das Rissschließen berücksichtigt.

3.2.3 Bruchmechanikbasierte Modelle

Die bruchmechanikbasierten Modelle stellen Ansätze dar, die das Kurzrisswachs-


tumsverhalten unter Nutzung der Gesetzmäßigkeiten der Bruchmechanik, wie z.B.
die Verwendung der Spannungsintensitätsfaktoren oder des J-Integrals, beschrei-
ben. In diesem Bereich existiert ebenfalls eine Vielzahl unterschiedlichster Ansät-
ze. An dieser Stelle soll nur auf einige wesentliche Modelle eingegangen werden.
Weitere Ansätze sind z.B. in [186] zu finden.

3.2.3.1 Kurzrissmodelle in Abhängigkeit der Risslänge

Abweichend von den Modellen der klassischen Bruchmechanik, bei denen die
Wurzel der Risslänge in das Risswachstumsgesetz einfließt, sind in der Literatur
unterschiedliche Modelle für kurze Risse der Form

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 111

n
da §V ·
B ˜ ¨¨ a ¸¸ ˜ a (3.63)
dN ©VF ¹
beschrieben (z.B. [35, 168]). Nisitani und Goto [168] empfehlen die Anwendung
dieses Risswachstumsgesetzes bei hohen Nennspannungen (Va t 0,6VF). Im Falle
niedriger Nennspannungen, d.h. Va d 0,5VF, findet das Paris-Gesetz unter Ver-
wendung des zyklischen Spannungsintensitätsfaktors Anwendung. Physikalisch
begründet werden diese Ansätze dadurch, dass Kleinbereichsfließen bei sehr ho-
hen Belastungen nicht mehr gewährleistet ist. Einen ähnlichen Ansatz für einen
Aluminiumguss verfolgen Caton et al. [35, 36]:
m
ª§ n º
da V ·
D ˜ «¨¨ H max ˜ a ¸¸ ˜ a » . (3.64)
dN «© VF ¹ »
¬ ¼
Unter Vernachlässigung der Rissinitiierung kann mittels der Integration von Gl.
(3.64) beginnend bei einer Anfangsrisslänge ai bis zu einer Endrisslänge af von 2
bis 3 mm eine Lebensdaueraussage gemacht werden. Dies ist insbesondere zur
Bestimmung von Wöhlerlinien einsetzbar.

3.2.3.2 Der vereinheitlichte Ansatz (Unified Approach) nach Vasudevan


und Sadananda

Sadananda und Vasudevan [203, 204] gehen davon aus, dass der Unified Appro-
ach (vgl. Kapitel 2.5.3.2 und 2.5.4.1) unter Beachtung von 'K und Kmax uneinge-
schränkt auch auf die Vorhersage des Risswachstums kurzer Risse angewendet
werden kann und die Anomalien des Kurzrisswachstums lediglich durch Missach-
tung des zweiten Schwellenwertes K*max,th begründet sind. Weiterhin setzen sie
voraus, dass die Schwellenwerte und die Risswachstumsdaten des Langrisswachs-
tums auch auf das Kurzrisswachstum anwendbar sind. Jedoch sind zur Beschrei-
bung des Kurzrisswachstums Eigenspannungen in Form eines Eigenspannungsin-
tensitätsfaktors 'KR zusätzlich zur aufgebrachten zyklischen Spannungsintensität
'Kapp zu berücksichtigen. Eigenspannungen können entweder von vornherein e-
xistieren, wie z.B. durch Kerben, Einschlüsse oder Poren, oder in-situ erzeugt
werden, wie z.B. durch Extrusionen und Intrusionen.
Durch die Betrachtung der Risswachstumsraten (Abb. 3.26) kann der Eigen-
spannungsintensitätsfaktor 'KR als Differenz der zyklischen Spannungsintensitä-
ten kurzer und langer Risse eines Rissgeschwindigkeitsniveaus bestimmt werden.
In der Regel wirken sich Eigenspannungen lediglich auf Kmax und nicht auf die
zyklische Spannungsintensität 'K aus. Da sie zudem im Allgemeinen mit einem
großen Gradienten versehen sind, nimmt der Effekt mit zunehmender Risslänge
sehr stark ab.

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112 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Rissgeschwindigkeit da/dN (log)


kurze Risse

'K app 'K R


lange Risse

'K th

Spannungsintensität 'K (log)


Abb. 3.26: Schematische Darstellung des Kurzrisswachstumsverhaltens und der wirkenden zyk-
lischen Spannungsintensitäten (nach [203])

Wenn nun die aufgebrachte Spannungsintensität nicht schnell genug ansteigt,


unterschreitet damit Kmax,tot = Kmax,app + Kmax,R den Schwellenwert K*max,th des
Langrisswachstums. Obwohl die zyklische Spannungsintensität den Schwellen-
wert 'K*th überschreitet, ist der Riss damit nicht weiter ausbreitungsfähig und es
entsteht ein nicht-wachsender Riss. Zur Bestimmung der Restlebensdauer ist eines
der in Kap. 2.5.4.1 dargestellten Risswachstumsgesetze des Zwei-Parameter-
Ansatzes anzuwenden.

3.2.3.3 Schädigungsparameter nach Vormwald

Unter der Annahme der einheitlichen integralen Beschreibung des Rissfort-


schrittsgesetzes langer und kurzer Risse durch ein Potenzgesetz der Form
da
CJ ˜ 'J eff m J (3.65)
dN
in Anlehnung an das sogenannte Paris-Gesetz formuliert Vormwald [259, 260] ei-
nen Schädigungsparameter PJ auf bruchmechanischer Basis:

'J eff 'V eff 2 1,02 ª 'V eff º


PJ 1,24  ˜ 'V eff ˜ «'H eff  (3.66)
a E nc ¬ E »¼

mit 'Veff = Vmax - Vcl und 'Heff = Hmax - Hcl. 'Jeff wird aufbauend auf der Näherungs-
lösung des 'J-Integrals für einen halbkreisförmigen Oberflächenriss nach Dow-
ling [55]

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 113

ª 'V 2 1,02 º
'J 'J el  'J pl «1,24  ˜ 'V ˜ 'H pl » ˜ a (3.67)
«¬ E nc »¼

aus dem absteigenden Hystereseast bis zum Rissschließpunkt bestimmt. Durch die
Verwendung des absteigenden Hystereseastes bis zum Rissschließpunkt sind die
an die Wegunabhängigkeit geknüpften Bedingungen erfüllt und das Werkstoffver-
halten kann gemäß der Ramberg-Osgood-Gleichung beschrieben werden [259].
Zur Berechnung der Rissöffnungsspannung verwendet Vormwald die Rissöff-
nungsfunktion J nach Newman [159] (s. Kap. 2.5.3.2, Gl (2.97)). Unter der An-
nahme der Konstanz der Form der Rissfläche und der daraus folgenden Konstanz
der Rissgeschwindigkeiten reduziert Vormwald Gl. (2.98), indem DCF = 1 verwen-
det wird [259].

'ıeff
İ
ıop

ıcl 'İeff
İop
 İcl
Abb. 3.27: Definition des Rissöffnungs- und Rissschließverhaltens nach Vormwald (nach [259])

Vormwald konnte weiterhin zeigen, dass sich der Riss nicht bei der gleichen
Spannung schließt, bei der er sich öffnet, jedoch bei der gleichen Dehnung (Abb.
3.27).
Zur vorgeschichteabhängigen Bestimmung der Rissöffnungs- bzw. Rissschlie-
ßungsdehnung wird zunächst schwingspielweise, d.h. für eine geschlossene Hyste-
reseschleife, eine Rissöffnungsdehnung Hop,CA bestimmt, die das Schwingspiel un-
ter einstufiger Belastung als fiktive Vorgeschichte erzeugt hätte:
1 / nc
V op  V min § V op  V min ·
H op, CA H cl,CA H min   2 ˜ ¨¨ ¸
¸ , (3.68)
E © 2K c ¹
wobei das Masingverhalten, d.h. der Hystereseschleifenast entspricht der verdop-
pelten zyklische Spannungs-Dehnungs-Kurve, angenommen wird. Daran schließt
sich die Berechnung der wirkenden Rissöffnungsdehnung Hop des aktuellen
Schwingspiels in Abhängigkeit der Rissöffnungsdehnung Hop,n-1 des vorangegan-

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114 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

gen Schwingspiels, die sich mit der tatsächlichen Belastungsvorgeschichte einge-


stellt hat, an. Dabei werden drei Fälle unterschieden:
x Fall 1: H op, CA t H op, n -1 : H op,CA H op, n -1
x Fall 2: H op,CA  H op, n -1 :
– für V a t 0,4V F : H op H op, CA
– für V a  0,4V F : H op H op, n -1

x Fall 3: für H min d H op, n -1 : H op H op, n -1


für H max ! H max,n -1 oder H min  H min, n -1 : H op H op,CA

Die Rissschließspannung ergibt sich durch iteratives Lösen der Gleichung


1 / nc
V max  V cl §V  V cl ·
H min  H op  2 ˜ ¨ max ¸ . (3.69)
E © 2 K c ¹
Gilt Hop d Hmin wird die Rissschließspannung der minimalen Spannung gleich ge-
setzt.
Mittels des mit Gl. (3.66) berechneten Schadensparameters PJ kann unter Be-
achtung der Schädigungsparameterwöhlerlinie

PJ m J ˜ N Q konst. für PJ t PJ, D,0 (3.70)

die Teilschädigung

1 ­° P m J / Q für PJ t PJ, D
'D ® J (3.71)
N °̄ 0 für PJ  PJ, D

und die Gesamtschädigung


D Dalt  'D (3.72)

bestimmt werden. Die Parameter Q und mJ sowie der Dauerfestigkeitskennwert


PJ,D,0 werden durch eine statistische Auswertung der experimentell ermittelten
Wertepaare PJ und N bestimmt. Sind die Parameter C und m aus Rissfortschritts-
experimenten (da/dN in mm/Lastwechsel) bekannt, so kann die Konstante CJ wie
folgt bestimmt werden:

CJ C m J /m ˜ (105 )(1 m J )/m , (3.73)

wobei der Wert für mJ aus der PJ-Wöhlerlinie zu übernehmen ist. Weiterhin kön-
nen mittels des Elastizitätsmoduls folgende Abschätzungen vorgenommen wer-
den:

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 115

§ da mm · E
'J eff ¨ 105 ¸ ˜ [mm] , (3.74)
© dN Lw ¹ 5 ˜106

mJ
§ 5 ˜105 ·
CJ 10 5 ˜ ¨ ¸ ˜ E mJ . (3.75)
¨ [mm] ¸
© ¹
Um das Absinken der Dauerfestigkeit PJ,D in Gl. (3.71) mit wachsender Riss-
länge bzw. Schadenssumme zu beschreiben (vgl. Kap. 3.1), verwendet Vormwald
das Schwellenwertmodell von Tanaka et al. [245, 246]. Daraus lassen sich unter
der Annahme eines Anfangsrisses der Länge a0 folgende Gleichungen ableiten:

'V D ai  l *
( a ! ai ) (3.76)
'V D,0 a  l*

bzw.
'K th, KR a
( a ! ai ) (3.77)
'K th, LR a  l*

mit der Hilfsgröße a* = ai + Z und l* = a* - ai = Z. Die Indizierungen KR und LR


unterscheiden die Kennwerte einerseits für kurze Risse und andererseits für lange
Risse. In Analogie dazu definiert Vormwald [259] einen Zusammenhang zwischen
der Dauerfestigkeit in Form des Schädigungsparameters PJ und der Risstiefe a von
Oberflächenrissen. Da im Bereich der linear-elastischen Bruchmechanik der Schä-
digungsparameter PJ proportional zum Quadrat der Spannungen ist, ergibt sich

PJ, D ai  l *
für a ! ai (3.78)
PJ, D,0 a  l*

bzw. für die Schwellenwerte ausgedrückt in Form des J-Integrals


'J eff, th, KR a
für a ! ai . (3.79)
'J eff, th, LR a  l*

Die fiktive Anfangsrisslänge

ai >a e
1 m J
 (1  m) ˜ C ˜ PJ m J ˜ N @1 /(1 m J )
(3.80)

lässt sich durch Integration von Gl. (3.65) mit ae als Risslänge des technischen
Anrisses berechnen. Unter Beachtung der Schädigungsparameterwöhlerlinie (Gl.
(3.70)) zeigt sich, dass die fiktive Anfangsrisslänge ai eine von der Belastungshö-
he unabhängige Konstante ist:

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116 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

ai >a e
1 m J
 (1  m) ˜ C ˜ Q @1 /(1 m J )
. (3.81)

Der Parameter l* ist definiert als


'J eff, th, KR
l*  ai (3.82)
PJ, D,0

Mittels der Integration des Rissfortschrittsgesetzes (Gl. (3.65)) lässt sich folgender
Zusammenhang zwischen der Risslänge

a >(a e
1 m J
 ai1 m J ) ˜ D  ai1 m J @
1/(1 m J )
(3.83)

und der bis zu diesem Zeitpunkt akkumulierten Schadenssumme herstellen. Die


Absenkung der Dauerfestigkeit während der Lebensdauerberechnung ergibt sich
durch Einsetzen von Gl. (3.83) in Gl. (3.78) in Abhängigkeit der Schadenssumme:

ai  l *
PJ, D PJ, D,0 ˜ . (3.84)
>(ae
1 m J
 ai1 m J ) ˜ D  ai1 m J @
1/(1 m J )
 l*

Im weiteren Verlauf der Lebensdauerberechnung wird dann die neue Rissöff-


nungsdehnung

H op,i H op,CA  (H op,CA  H op,i -1 ) ˜ e 15˜'D (3.85)

bestimmt, die sich für die folgenden Schwingspiele einstellt.


Die Anrisslebensdauerberechnung bei Belastungs-Zeit-Funktionen mit variab-
ler Amplitude endet, wenn die Schadenssumme D = 1 erreicht worden ist. Alter-
nativ ist die Bestimmung der Lebensdauer bis zum technischen Anriss beendet,
wenn die Lastfolge zweimal durchgerechnet worden ist. Bei der Methode der ver-
kürzten Lebensdauerberechnung werden im zweiten Durchlauf durch die Be-
lastungs-Zeit-Funktion alle PJ-Werte klassiert. Dazu wird eine logarithmische
Klassierung des Wertebereichs vom maximalen PJ-Wert bis zur Dauerfestigkeit

ai  l *
PJ, D,e PJ, D,0 ˜ a ! ai (3.86)
ae  l *

nach Gl. (3.78) in 200 Klassen vorgenommen. Im nächsten Schritt wird die An-
zahl der Schwingspiele n = z ˜ H0 bestimmt, die notwendig ist, um die Dauerfes-
tigkeit von der Höhe der Kollektivstufe PJ,i auf die Höhe der nächst niedrigeren
Stufe PJ,i+1 abzusenken. Der Betrag 'Dj, um den die Schadenssumme erhöht wer-
den muss, um die Dauerfestigkeit von der Stufe PJ,i auf PJ,i+1 zu senken, ergibt sich
zu:

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 117

j nj j 'D j
z ˜ hi ( PJ,i ) hi ( PJ,i )
'D j ¦ N i ( PJ,i ) H0
˜¦
N i ( PJ,i )
Ÿ nj H0 ˜
j
hi ( PJ,i )
(3.87)
i 1 i 1
¦ Ni ( PJ,i )
i 1

bzw. zu
§ PJ, j1 · 1§ PJ, j ·
'D j D j1  D j f 1¨ ¸f ¨ ¸ (3.88)
¨ PJ, D,0 ¸ ¨ PJ, D,0 ¸
© ¹ © ¹
mit
1 m J
ªP ­° § P ·½°º
ai1 m J  « J, D,0 ˜ ®ai  l * ˜ ¨1  J, D ¸¾»
« PJ, D °̄ ¨ PJ, D,0 ¸°» § PJ, D ·
¬ © ¹ ¿¼
D 1 m J 1 m J
f 1¨ ¸ (3.89)
ai  ae ¨ PJ, D,0 ¸
© ¹
aus Gl. (3.84). Um die nach dem zweiten Durchlauf noch aufbringbaren Schwing-
spiele N-2 zu bestimmen, sind alle nj Lastwechsel, die zur Absenkung der Dauer-
festigkeit von PJ,D,-2 auf PJ,D,e notwendig sind, aufzusummieren:
§ PJ, j1 · 1§ PJ, j ·
f 1¨ ¸f ¨ ¸
z z ¨ PJ, D,0 ¸ ¨ PJ, D,0 ¸
© ¹ © ¹.
N2 ¦ nj H0 ˜ ¦ j
h ( P )
(3.90)
j q j q i J,i
¦ Ni ( PJ,i )
i 1

Die Addition beginnt bei der Kollektivstufe j = q, für die gilt: PJ,q t PJ,D,-2, und
endet bei der Kollektivstufe j = z, für die gilt: PJ,z > PJ,D,e. Die Anrisslebensdauer
aus der verkürzten Lebensdauerberechnung ergibt sich zu:
N 2H 0  N2 . (3.91)

Um im Rahmen einer Schädigungsbewertung mehraxiale Beanspruchungen


und die daraus resultierenden Änderungen des Rissöffnungsverhaltens berücksich-
tigen zu können, führen Vormwald et al. [261] einen modifizierten Constraint Fak-
tor DCF in Gleichung 2.98 ein:
1 V2
D CF ˜ 1 . (3.92)
0,15 V1

Savaidis [218] definiert beispielsweise den Schädigungsparameter für eine


mehraxiale proportionale Beanspruchung unter Verwendung eines Mehrachsig-
keitsverhältnisses / = V1/V2 und der effektiven Schwingbreite der ersten Haupt-
spannung 'V1,eff für Mode I-Risse:

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118 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

'V 1, eff 2
PJmulti 1,24
E
(3.93)
1
1/ nc ( 1)
2
§ 1 ·
˜ ª«'V 1, eff ˜ 1  /  /2 º» n
c
 1,023 ˜ ˜¨ ¸
nc © 2 K c ¹ ¬ ¼

bzw. für Mode II-Risse


ª 1/ nc º
'V 1, eff « 'V 1, eff 2 §¨ 3 ˜ 'V 1, eff ·
» .(3.94)
PJSchub 6, 677 ˜  9,512 ˜ ¸
(2  X ) 2 « E nc ¨© 2K c ¸
¹
»
«¬ »¼

Für eine nichtproportionale mehraxiale Beanspruchung entwickelte Hoffmeyer


[88] ein Vergleichs-J-Integral:
1
'J eff >('J I, eff  'J III,eff ) t  ('J II,eff ) t @ t mit t m J(1 Ș) . (3.95)

Die den drei Rissmoden zugehörigen Einzelkomponenten des J-Integrals ergeben


sich aus der Berechnung der Verzerrungsenergiedichte W.

3.2.3.4 Das Modell FATICA nach Anthes

Der Ansatz nach Vormwald beruht auf einigen vereinfachenden Annahmen [7]. So
wird die Rissinitiierungsphase integral von einer Anfangsrisslänge ai bis zum
technischen Anriss ae erfasst. Eine zweite vereinfachende Annahme besteht in der
Vernachlässigung der transienten Rissöffnungsentwicklung, d.h. das mit der Riss-
länge veränderliche Verhalten wird nicht berücksichtigt. Jedoch sind sehr kurze
Risse auch im Druckbereich geöffnet und entwickeln erst mit zunehmender Riss-
länge ein stabiles Rissöffnungsverhalten [7, 29]. Außerdem vereinfacht Vormwald
die Beschreibung der Rissgeschwindigkeiten kurzer Risse. So verwendet er einer-
seits die Paris-Gleichung für Rissgeschwindigkeiten da/dN > 0 und andererseits
für Rissgeschwindigkeiten da/dN = 0 das Schwellenwertkurvenkonzept in Anleh-
nung an Tanaka et al. bzw. El Haddad et al. Dadurch ergibt sich ein unstetiger
Übergang von dauerfesten Beanspruchungshöhen zu Beanspruchungshöhen mit
geringen Rissgeschwindigkeiten [7]. Anthes hat deshalb das Kurzrissfortschritts-
modell FATICA zur Anrisslebensdauervorhersage entwickelt, welches aufbauend
auf risslängenabhängigen Dehnungen den Rissfortschritt je Schwingspiel be-
stimmt. Als Rissfortschrittsgesetze verwendet Anthes im Mikrorisswachstumsbe-
reich ( a d l * )
da
dN
0
N ˜ 'H eff 0
 'H eff, D Ȥ
mit F = 1 (3.96)

und im Makrorisswachstumsbereich ( a ! l * )

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 119

da
dN
>
C ˜ (Y ˜ E ˜ 'H eff ˜ S ˜ a ) m  ('K İ,eff, th ) m , @ (3.97)

wobei 'KH dem Dehnungsintensitätsfaktor (Gl. (3.1)) nach El Haddad et al. [60]
entspricht. N, C und m sind werkstoffabhängige Parameter, die aus der Anpassung
an die Dehnungswöhlerlinie bzw. die Rissfortschrittskurve bestimmt werden kön-
nen. Für die Grenzrisslänge l* gilt, dass die Rissgeschwindigkeiten im Mikro- und
Makrorisswachstumsbereich gleich sind, d.h. es gilt:
2
§ª 1/ m ·
¨ ('H 0  'H 0 ) ˜ N  ('K ) mº ¸
eff eff, D eff, th
1 ¨ «¬ C »
¼ ¸
l* ˜¨ 0 ¸ . (3.98)
S ¨ Y ˜ E ˜ 'H eff ¸
¨ ¸
© ¹
Im FATICA-Algorithmus wird zunächst aus den Spannungen und Dehnungen
des aktuellen unteren Umkehrpunkts i der Hystereseschleife und des unmittelbar
vorangegangenen oberen Umkehrpunkts i-1 aufbauend auf der fiktiven einstufig
stabilisierten Rissöffnungsspannung Vop,CA,i-1 die entsprechende fiktive einstufig
stabilisierte Rissöffnungsdehnung Hop,CA,i-1 mit Gl. (3.68) ermittelt. Die zugehörige
risslängenabhängige Rissöffnungsdehnung für die aktuelle Risslänge ai zur Be-
rücksichtigung des transienten Verhaltens der Rissöffnung vom Kurzrisswachstum
zum Langrisswachstum ergibt sich zu:
a a 0  d ˜a i
H op, CA,i -1 H cl, CA,i -1 H op, CA,i -1  (H op, CA,i 1  H op, CA,i -1 ) ˜ e (3.99)

mit
0
H op, CA H min,i für R t 1 , (3.100)

0
H op, CA H max,i -1 für R  1 . (3.101)

Das hochgestellte Symbol a weist daraufhin, dass es sich um eine risslängenab-


hängige Größe handelt, während die 0 für einen Wert bei einer Risslänge a | 0
steht. Der Werkstoffparameter d stellt einen Abklingfaktor dar. Ist die risslängen-
abhängige effektive Dehnungsschwingbreite
a a
'H eff H max  H op (3.102)

kleiner als die dauerfest ertragbare, risslängenabhängige effektive Dehnungs-


schwingbreite

a 0 l D*
'H eff, D 'H eff, D˜ (3.103)
a  l D*

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120 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

mit

1 §¨ 'K eff, th ·¸
lD* ˜ (3.104)
0
S ¨ Y ˜ E ˜ 'H eff, ¸
© D¹

0
und 'H eff, D als dauerfest ertragbare effektive Dehnungsschwingbreite für eine
0
Risslänge a | 0, wird iterativ die effektive Dehnungsschwingbreite 'H eff mit fol-
gender Gleichung bestimmt:
a
'H eff l*
. (3.105)
0
'H eff a  l*

Daraus läst sich der Risslängenzuwachs pro Schwingspiel mittels Gl. (3.96) ermit-
teln. Diese iterative Berechnung des Risslängenzuwachses wird solange wieder-
holt, bis die Gesamtrisslänge ai = ai-1 + dai eine definierte Anrisslänge und damit
die Anrissschwingspielzahl erreicht. In jedem Schleifendurchlauf wird in Abhän-
gigkeit der Höhe des aktuellen Schwingspiels im Vergleich zur Dauerfestigkeit
entschieden, ob die aktuelle Rissöffnungsdehnung gemäß Gl. (3.99) oder die vor-
herige Rissöffnungsdehnung verwendet wird.
Um die Lastsequenz und die sich daraus ergebenden verzögernden und be-
schleunigenden Wirkungen von Lastwechseln unterschiedlicher Amplitude zu be-
rücksichtigen, entwickelte Anthes [7] zudem einen modifizierten Rainflow-
Algorithmus. Mit diesem Algorithmus werden aufsteigende Hystereseschleifen-
halbäste als Schädigungsereignisse bewertet, so dass im Gegensatz zur klassischen
Rainflow-Zählung die Lastsequenz unverändert in die Schädigungsbewertung ein-
geht. Sollte sich nicht unmittelbar eine geschlossene Hysterese bilden, verwendet
Anthes sogenannte Scheinhysteresen, deren Schädigungsbeitrag unmittelbar re-
gistriert wird. Wenn sich die Hysterese zu einem späteren Zeitpunkt schließt, wird
der Schädigungsbeitrag entweder bestätigt oder aber entsprechend korrigiert.
Durch dieses Vorgehen wird im Gegensatz zum klassischen Rainflow-Verfahren,
bei dem lediglich geschlossene Hysteresen gezählt werden, außerdem gewährleis-
tet, dass Residuen zur Schädigung beitragen.

3.2.3.5 Additionsmodell nach Laue et al.

Der Schädigungsprozess lässt sich nach Laue et al. [117-119] in zwei Teilprozesse
einteilen. In der Frühphase erfolgt die Schädigung durch In- und Extrusionen an
der Oberfläche. Nach einer starken Zunahme zu Beginn nähert sich die plastizi-
tätsinduzierte Oberflächenaufrauung einem Grenzwert. Die sich anschließende
Phase ist durch das Wachstum eines Risses ausgehend von der Oberflächenschä-
digung gekennzeichnet, so dass die weitere Entwicklung der Oberflächenschädi-
gung eine untergeordnete Rolle spielt. Da jedoch beide Prozesse während der An-
risslebensdauer mehr oder weniger parallel ablaufen, schlagen Laue et al. vor, die

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 121

Rissgeschwindigkeit durch Addition zweier Potenzgesetze (Abb. 3.28) in Form


des Paris-Gesetzes zu beschreiben [117-119]:
da da da

dN dN Initiierung dN Wachstum

C1 ˜ ('K J, eff ) m1  C2 ˜ ('K J, eff ) m 2 . (3.106)

Der zyklische Spannungsintensitätsfaktor 'KJ,eff dient dabei zur Beschreibung der


treibenden Kraft sowohl in der Initiierungs- als auch in der Risswachstumsphase.
Zur Berechnung des Effektivwerts des zyklischen J-Integrals modifizieren Laue
und Bomas im Gegensatz zum PJ-Ansatz nach Vormwald lediglich den elastischen
Anteil in Gl. (3.67):

ª 'V eff 2 1,02 º


'J eff «1,24  ˜ 'V ˜ 'H pl » ˜ a (3.107)
«¬ E nc »¼

mit der effektiven Spannungsschwingbreite


'V eff U ˜ 'V . (3.108)

Für einen Oberflächenriss nehmen Laue et al. an, dass bis zu einer Oberflä-
chenrisslänge 2c = 1 mm das Rissöffnungsverhältnis U = 0,8 = konst. ist. Das ef-
fektive zyklische J-Integral kann unter der Annahme des ebenen Spannungszu-
standes mit folgender Beziehung in einen effektiven zyklischen Spannungsintens-
itätsfaktor umgerechnet werden:

'K J,eff 'J eff ˜ E . (3.109)

Als Anfangsrisslänge dient ein Riss, dessen Länge als eine der Oberflächen-
schädigung äquivalente Größe aufgefasst wird und die ablaufenden Schädigungs-
prozesse kumulativ beschreibt. Während die Parameter C2 und m2 in Gl. (3.106)
aus Langrisswachstumsexperimenten bekannt sind, ergeben sich C1 und m1 aus
der Anpassung an die entsprechende Dehnungswöhlerlinie. Da die Schädigung in
der Rissinitiierungsphase degressiv verläuft, ist ein negativer Exponent m1 anzu-
setzen, der in Abhängigkeit des Werkstoffes auch lastabhängig sein kann.
Im Bereich mikrostrukturell kurzer Risse, der durch den ersten Term in Gl.
(3.106) bestimmt ist, werden durch das Modell höhere Risswachstumsraten vor-
hergesagt als für physikalisch kurze oder lange Risse (Abb. 3.28). Sobald die
Risswachstumsrate ein Minimum aufgrund des Annäherns an eine mikrostruktu-
relle Barriere erreicht hat (Abb. 3.28), wird die Risswachstumsrate durch den 2.
Term in Gl. (3.106) bestimmt und nimmt monoton mit der Risslänge zu. Das Mi-
nimum der Rissgeschwindigkeiten sehen Laue und Bomas als Übergang von der
Rissinitiierungs- zur Risswachstumsphase an [118].

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122 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

10 -4
İ a1
10 -5 da
+ da
da/dN [mm/Lw]

-6 dN Initiierung dN Wachstum
10 İ a2
da
10 -7 dN Initiierung

10 -8 da
dN Wachstum
10 -9 İa1 > İa2

0,01 0,1 1
Risslänge a [mm]
Abb. 3.28: Nach dem Additionsmodell von Bomas und Laue bestimmte Rissgeschwindigkeiten
in Abhängigkeit der Belastung (nach [118])

Durch die Anwendung des Additionsmodells nach Laue und Bomas auf eine
zweistufige Beanspruchung ergeben sich Kurven, die denen der Schädigungskur-
ven auf der Basis des Damage-Curve-Ansatzes (DCA) nach Manson und Halford
(vgl. Abb. 2.9) gleichen. Abbildung 3.29 zeigt exemplarisch die Anwendung des
Modells nach Laue und Bomas auf unterschiedliche zweistufige Beanspruchungen
für einen feinkörnigen Stahl.
1,0 n1 n2
İ2
0,8 İ1
Konzept nach Bomas und Laue
İ1 < H2 mit den Dehnungen İ1 und İ2 :

0,6 0,16% l 0,18%


n2 /NA2

0,16% l 0,24%
0,4 0,16% l 0,40%
n1 n2
İ1 Palmgren-Miner-Regel
0,2
İ2
İ1 > İ2
0
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
n1 /NA1

Abb. 3.29: Anwendung des Konzepts nach Laue und Bomas auf zweistufige Belastungen für ei-
nen feinkörnigen Stahl (nach [118])

Im Gegensatz zum Damage-Curve-Ansatz, bei dem die Schädigung als Funkti-


on der Schwingspielzahl definiert ist, wird im Modell nach Laue und Bomas die
Schädigung als Funktion einer an der Probe tatsächlich auftretenden Strukturver-
änderung definiert [117]. Zudem stellt der Damage-Curve-Ansatz nach Manson

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3.2 Kurzrisswachstumskonzepte 123

und Halford lediglich eine Anpassung der Kurven an Messwerte dar, während sich
die in Abb. 3.29 dargestellten Kurven aus der Modellierung ergeben [117].
Das Konzept ist auch auf Betriebsbelastungen anwendbar. Dazu ist mit ent-
sprechenden Verfahren zunächst die Dehnungsamplitude an der kritischen Stelle,
der Effektivwert des zyklischen J-Integrals und der Rissfortschritt da/dN im aktu-
ellen Schwingspiel zu ermitteln. Dieser Vorgang ist solange zu wiederholen, bis
eine kritische Risslänge von z.B. 0,5 mm erreicht ist [118].

3.2.4 Ansatz der kritischen Schnittebene

Die Ansätze der kritischen Ebene dienen der Beurteilung der Rissinitiierung unter
mehraxialen Beanspruchungen. Dabei werden Spannungs- und Dehnungswerte ei-
ner kritischen Ebene, die je nach Ansatz unterschiedlich definiert ist, zur Ermitt-
lung der Schädigung verwendet. Eine Vielzahl derartiger Konzepte ist entwickelt
worden. Eine zusammenfassende und bewertende Darstellung ist beispielsweise
[103, 235] zu entnehmen.
Auf der Theorie der kritischen Schnittebenen baut Jiang [98, 99] ein Lebens-
dauerkonzept unter Verwendung der makroskopischen Beschreibung des Materi-
alverhaltens auf, das die Initiierungs- und Wachstumsphase einschließt, ohne eine
explizite Trennung der Phasen vorzunehmen. Im Gegensatz zu den klassischen
Methoden der kritischen Schnittebenen ist eine vorherige Rainflow-Zählung nicht
erforderlich. Die entsprechenden Spannungen und Dehnungen nahe der Rissspitze
werden mittels einer elastisch-plastischen Finite-Elemente-Analyse an einem sta-
tionären Riss nach 10 Lastwechseln ermittelt. Als Ermüdungskriterium setzt Jiang
folgenden Ansatz [97]
m
V mr V
dD 1 ˜ 1 dU pl (3.110)
VD Rm

unter Verwendung der MacCauley-Klammer x : ( x  x ) / 2 an, wobei

1 b
dU pl b ˜ V ˜ dH pl  ˜ W ˜ dJ pl
2
gilt. V entspricht der Normalspannung und W der Schubspannung in einer Schnitt-
ebene mit den plastischen Anteilen der Dehnung Hpl und der Schubverformung Jpl.
Vmr ist ein Kennwert, der das Werkstoffgedächtnis repräsentiert und besitzt als An-
fangswert die Dauerfestigkeit. Bei einer konstanten Amplitudenbelastung ergibt
sich Vmr aus dem Maximum der von Mises-Vergleichsspannung. m und b sind
werkstoffabhängige Parameter. Die Konstante b spiegelt das Rissverhalten des
Materials wieder und ist zwischen 0 und 1 definiert. Als kritische Schnittebene de-
finiert Jiang diejenige Ebene, bei der die Schädigungsakkumulation einen kriti-

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124 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

schen Wert D0 erreicht. Ist der kritische Wert erreicht, versagt der Materialpunkt
in der kritischen Ebene. Im Falle des Versagens eines Punktes im Kerbgrund er-
gibt sich die Initiierungslebensdauer zu:
D0
Ni , (3.112)
'Dir

wobei 'Dir die Schädigung des Materials im Kerbgrund pro Lastwechsel ist. Diese
Initiierungslebensdauer ist damit nicht mit der klassischen Definition der Initiie-
rungslebensdauer vergleichbar. Für eine gegebene Risslänge kann mit Gl. (3.110)
die Verteilung der Schädigung 'D(r) pro Lastwechsel in Abhängigkeit der Polar-
koordinate r ermittelt werden. Die Rissgeschwindigkeit ist definiert als:
da A
(3.114)
dN D0  Ni ˜ 'Di

mit A als „Flächeninhalt“ unter der D(r)-r-Kurve:


Z
A ³ 'D(r )dr . (3.115)
0

Ni˜'Di definiert Jiang als Schädigung in der Kerbeinflusszone, wobei 'Di die
Teilschädigung je Lastwechsel ist. Aus der so ermittelten Abhängigkeit der Riss-
wachstumsrate da/dN von der Risslänge a kann mittels numerischer Integration
der Zusammenhang zwischen der Risslänge und der Lebensdauer hergestellt wer-
den.

3.3 Gesamtlebensdauerkonzepte

Die in den Kap. 2.4, 2.5, 3.1 und 3.2 beschriebenen Konzepte stellen zumeist ein-
zelne Teilabschnitte der Gesamtlebensdauer dar. In den nachfolgenden Kapiteln
sind ausgewählte Konzepte dargestellt, die unter Verwendung der Ansätze zur Be-
triebsfestigkeit, der Bruchmechanik sowie der Rissentstehung und des Kurzriss-
wachstums die gesamte Lebensdauer vorhersagen bzw. bewerten.

3.3.1 Die Ermüdungslebensdauerkarte

In der Ermüdungslebensdauerkarte (Abb. 3.30) nach Larsen et al. [116] ist zusätz-
lich zur Schwellwertkurve der Rissentstehung nach Kitagawa und Takahashi eine
weitere Grenzkurve zur Beurteilung des instabilen Risswachstums eingetragen.
Diese Grenzkurve ist definiert einerseits durch die Zugfestigkeit Rm und anderer-

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3.3 Gesamtlebensdauerkonzepte 125

seits durch die Risszähigkeit KC. Somit kann die Ermüdungslebensdauerkarte in


drei Bereiche eingeteilt werden. Der erste Bereich, der sogenannte „sichere Be-
reich“ (N > 107 Lw), ist unter der klassischen Schwellwertkurve der Rissentste-
hung nach Kitagawa und Takahashi definiert. Oberhalb der Rm-KC-Grenzkurve
tritt unmittelbares Versagen des Bauteils durch Bruch ein. Im mittleren Bereich
sind Kombinationen aus zyklischer Spannung und Fehlergröße definiert, die zu
einer endlichen Lebensdauer führen. Isolinien gleicher Lebensdauer sind in diesen
Bereich eingetragen, die sich durch numerische Integration einer Rissfortschritts-
kurve ergeben. Dies setzt voraus, dass die Rissfortschrittskurve das Kurzriss-
wachstum adäquat beschreibt. Larsen et al. konnten nachweisen, dass dies ab einer
Risstiefe von ungefähr 0,025 mm für eine Titanlegierung gegeben ist.

Rm -Grenze

1000
KC -Grenze
10 3
N=1
ǻıD
10 4
ǻı[MPa]

'K th = konst.
10 5
N > 107

Nachweis-
grenze ZfP
10 6
100
Auftretenswahr-
scheinlichkeit 10 7

0,001 0,01 0,1 1 10


Risslänge a [mm]
Abb. 3.30: Ermüdungslebensdauerkarte (nach [116])

In Abb. 3.30 ist ferner die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Risses mit einer
bestimmten Risslänge sowie die Nachweisgrenze eines zerstörungsfreien Prüfver-
fahrens eingetragen, die deutlich oberhalb von 0,025 mm liegen. Damit ist die
Ermüdungslebensdauerkarte ein nützliches Medium zur Bewertung von Bauteilen
und Strukturen.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Ciavarella und Mono [38] sowie Pugno et
al. [185], in dem die endliche Lebensdauer durch eine Kombination aus Wöhler-
kurve und Rissgeschwindigkeitskurve beschrieben wird. Als verallgemeinertes Ki-
tagawa-Takahashi-Kriterium folgt [38]
­ 1 1 / m
ª m º 1 1½
°§ N D · k «§m2· 2 » m
 °
2
'V th ( N , a) min ®¨ ¸ ˜ 'V D , ¨ ¸ ˜ C PGA ˜ S ˜ N ˜a ¾
°© N ¹ «© 2 ¹ » °
¯ ¬ ¼ ¿
(3.115)

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126 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

aus der Wöhlerkurve und der Integration des Paris-Gesetzes. Weiterhin kann dar-
aus eine verallgemeinerte El Haddad-Beziehung abgeleitet werden [38]:
1 / m
ª m º 1 1
'V th ( N , a) «§¨ m  2 ·¸ ˜ CPGA ˜ S 2 ˜ N » ˜ a  a t ( N ) m  2 (3.116)
«© 2 ¹ »
¬ ¼
mit der Risslänge
2
ª m m m
§m · k  º 2m
at «a1 (m/2)  C 2 m
˜ ¨  1¸ ˜ N D ˜ 'V D ˜ N k »
k , (3.117)
PGA ˜ S
« f, t ©2 ¹ »
¬ ¼
die den Übergang vom Wöhlerbereich zum Paris-Bereich angibt, und der Risslän-
ge

1 ª K C ˜ (1  R ) º
af, t ˜« », (3.118)
S «¬ N D / N 1 / k ˜ 'V D »¼

die den Übergang zum Bruchkriterium beschreibt.


Aufbauend auf dem Ansatz nach Navarro und de los Rios (vgl. Kap. 3.2.1)
entwickelten Rodopoulos et al. [198-200] ein Modell zur Beschreibung der gesam-
ten Lebensdauer in Form einer Ermüdungslebensdauerkarte unter der Einschrän-
kung des transkristallinen Risswachstums. Die Schwellwertkurve in Abhängigkeit
des Spannungsverhältnisses ist nach diesem Modell wie folgt definiert:
Į
mi (1  R ) ˜ 'V D(R 0)  V cl
'V th ˜  V cl für Rt0, (3.119)
m1 2a / d

mi (1  R ) ˜ 'V D(R 0)  V cl
'V th ˜  V cl für Rd0, (3.120)
m1 2a / d
wobei Vcl eine Rissschließspannung, d die mittlere Querkörngröße und mi der
Kornorientierungsfaktor ist. Der Exponent D ist ein werkstoffabhängiger Parame-
ter, der die R-Abhängigkeit der Dauerfestigkeit wiedergibt und zwischen 0 und 1
liegt. Als Thresholdwerte der Ermüdungsrissausbreitung ausgedrückt, ergeben Gl.
(3.119) und Gl. (3.120):

m d
'K th Y ˜ i ˜ (1  R ) Į ˜ 'V D(R 0) ˜ S ˜ für Rt0 (3.121)
m1 2

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3.3 Gesamtlebensdauerkonzepte 127

m d
'K th Y ˜ i ˜ (1  R) ˜ 'V D(R 0) ˜ S ˜ für Rd0 (3.122)
m1 2

Ferner teilen Rodopoulos et al. die Ermüdungslebensdauerkarte oberhalb der


Schwellwertkurve in drei Risswachstumsbereiche ein. Im ersten Bereich ist der
Übergang vom Rissstadium I zum Rissstadium II definiert, das durch ein mikro-
strukturabhängiges Risswachstum charakterisiert ist. Der zweite Bereich stellt das
Langrisswachstum (Rissstadium II) dar, das z.B. durch die Gesetzmäßigkeiten von
Paris beschrieben werden kann. Der dritte Bereich definiert schließlich das Ver-
sagen des Bauteils. Dazwischen definieren Rodopoulos et al. zusätzlich ein Riss-
stadium III, dessen Risswachstum nicht durch die Schwingbreite der Spannung,
sondern durch die maximale Spannung erklärt ist.
a)
1000
plastischer Kollaps
ǻı [MPa]

100

kein Risswachstum
Rissstadium I
Rissstadium II
instabile Rissausbreitung
10
0,01 0,1 1,0 10
a [mm]

b)
1000

plastischer Kollaps
ǻı [MPa]

100

kein Risswachstum
Rissstadium II
instabile Rissausbreitung
10
0,1 1,0 10
a [mm]
Abb. 3.31: Ermüdungslebensdauerkarte nach Rodopoulos et al. für die Aluminiumlegierung EN
AW-2024-T351 (KC = 38 MPam1/2, 'VD(R = 0) = 200 MPa, mi = 0,35ln(2a/d),
d = 52 µm, D = 0,5, V1 = 0) (nach [199])
a) für R = 0,1 und b) R = 0,5

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128 3 Zusammenwirken von Betriebsfestigkeit und Bruchmechanik

Die Grenzkurve zwischen Stadium I und Stadium II ist wie folgt definiert:

1 §2 4d ·
'V I o II ˜ ¨ ˜ (V Fc  V 1 ) ˜  V1 ¸ (3.123)
Y ¨S a  2d ¸
© ¹
bzw. unter der Annahme eines komplett geöffneten Risses, jedoch unter Berück-
sichtigung des Spannungsverhältnisses

1 § 1  R · §¨ 2 4d ·
¸,
'V I o II ˜¨ ¸ ˜ ¨ ˜ V Fc (3.124)
Y © 1 R ¹ © S a  2d ¸
¹
wobei VF’ die zyklische Fließspannung ist. Das Rissstadium I gilt solange, bis
durch das Rissspitzenspannungsfeld eine plastische Zone erzeugt wird, die über
zwei benachbarte Körner ohne weiteres Risswachstum reicht.
Das Versagen eines Bauteils kann entweder durch plastisches oder aber durch
bruchmechanisches Versagen erfolgen. Dementsprechend unterscheiden Rodopou-
los et al. zwei Kriterien:
'V D  V 1
V plastisch mi ˜  V 1  V Fc (3.125)
2a / d
bzw.
(1  R ) ˜ K C
'V Bruch . (3.126)
Y ˜ Sa
Abbildung 3.31 zeigt die mit dem Konzept nach Rodopoulos et al. erstellten
Ermüdungslebensdauerkarten in Abhängigkeit des R-Verhältnisses für die Alumi-
niumlegierung EN AW-2024-T351.

3.3.2 Rissfortschrittswöhlerlinien

Aufbauend auf den Nennspannungskonzepten entwickelten Liu und Zenner [271]


einen Ansatz, der sowohl bruchmechanische als auch Betriebsfestigkeitsaspekte
berücksichtigt. Das Konzept soll der Tatsache Rechnung tragen, dass sich das
Schädigungsverhalten bis zum Anriss grundsätzlich vom Rissfortschrittsverhalten
unterscheidet. Liu und Zenner definieren deshalb eine Bezugswöhlerlinie für eine
lineare Schadensakkumulation, deren Neigung aus der Neigung k der Bauteilwöh-
lerlinie und der Neigung m der Rissfortschrittswöhlerlinie wie folgt bestimmt
wird:

k* 0,5 ˜ k  m , (3.127)

wobei m auch dem Paris-Exponenten entspricht (Gleichung 2.88).

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3.3 Gesamtlebensdauerkonzepte 129

ı Rissfortschritts-
a (log) wöhlerlinie Bauteilwöhlerlinie
Neigung: m Neigung: k

ıa

ıD
Bezugswöhlerlinie
Neigung: k * = 0,5(k+m)
0,5ı
D= ı *D

H0 ND N, H (log)

Abb. 3.32: Nennspannungskonzept nach Liu/Zenner

Für Stähle schlagen Liu und Zenner einen Wert von 3,6 für die Neigung der
Rissfortschrittswöhlerlinie vor. Als Referenzpunkt für die Drehung der Zeitfestig-
keitsgeraden wird der Punkt auf der Bauteilwöhlerlinie in Höhe des Kollektiv-
höchstwerts in Anlehnung an das Konzept nach Corten und Dolan (vgl. Kap.
2.4.2.2) verwendet. Weiterhin wird wie beim Konzept nach Serensen und Koslow
*
(vgl. Kap. 2.4.2.2) eine fiktive Dauerfestigkeitsgrenze V D 0,5 ˜ V D festgelegt.

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Kapitel 4
Ultra high cycle fatigue

In vielen Anwendungsbereichen werden Bauteile und Strukturen mit mehr als 107
Lastwechseln belastet. Beispielsweise sind Radsatzwellen und Eisenbahnräder in-
nerhalb von wenigen Jahren nicht selten 109 Lastwechseln ausgesetzt. Auch Heli-
koptergetriebe haben nach einer Lebensdauer von 5000 h 109 und mehr Lastwech-
sel [228]. Bei diesen hohen Lastwechseln ist die seit den Untersuchungen von
Wöhler definierte Dauerfestigkeitsgrenze nicht immer gegeben, wie zahlreiche
Untersuchungen in der Literatur zeigen [z.B. 18, 19, 133, 142, 144, 167]. Trotz
Spannungen unterhalb der Dauerfestigkeit VD treten bei N = 108 - 109 Lastwech-
seln Ermüdungsbrüche auf (Abb. 4.1). Bathias et al. [17, 19] untersuchten zahlrei-
che Werkstoffe und stellten eine Absenkung der Dauerfestigkeit im Lebensdauer-
bereich zwischen 106 und 109 um 50 MPa bis 200 MPa je nach Werkstoff fest.

Versagen durch Versagen durch


Oberflächenfehler nicht-metallische
Einschlüsse und
interne Defekte
Spannung ı

konventionelle
Dauerfestigkeits-
grenze
interne
Dauerfestigkeit

10 4 10 5 10 6 107 10 8 109
Lastwechselzahl N
Abb. 4.1: Typische zweistufige Wöhlerkurve für hochfeste Stähle bis zum ultra high cycle fati-
gue-Bereich (nach [142, 151, 167, 207])

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132 4 Ultra high cycle fatigue

Es wird davon ausgegangen, dass der Abfall der Dauerfestigkeit dadurch be-
dingt ist, dass die Rissinitiierung nicht an der Oberfläche, sondern im Inneren des
Bauteils erfolgt [142, 153]. Daraus ergibt sich eine zweistufige Wöhlerlinie (Abb.
4.1), die aus zwei einzelnen Wöhlerkurven für einen oberflächeninduzierten und
einen einschlussinduzierten Riss entsteht [207], wobei der Übergang kontinuier-
lich verläuft [167].

4.1 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen

Im sehr hohen Lastwechselzahlbereich ist der Ausgang des Risses in der Regel ein
nicht-metallischer Einschluss, wie z.B. Al2O3, (Abb. 4.2a und b). Aber auch durch
die Mikrostruktur (Abb. 4.2c bis f) selbst, wie z.B. die Korngrößen oder Phasen-
grenzen, sowie durch Defekte, wie z.B. Gussfehler in Form von Porositäten oder
Oxidschichten, im Inneren bzw. an der Oberfläche des Bauteils können Risse initi-
ieren [18, 149].

a) c) e)

700 µm 200 µm 200 µm

b) d) f)

70 µm 50 µm 50 µm

Abb. 4.2: Bruchfläche mit fish-eye-Initiierung


(a) und (b) ausgehend von einem nichtmetallischen Einschluss (42CrMo4)
(c) und (d) ausgehend von einer inhomogenen Mikrostruktur eines perlitischen Stahls
(e) und (f) ausgehend von einer Zelle fein lamellaren Perlits [18, 22]

Die Geometrie sowie die Art und Höhe der Belastung führen beispielsweise
aufgrund der Spannungskonzentrationen an Kerben oder Oberflächenrauhigkeiten
zu einer Rissinitiierung an der Oberfläche [18].
Die Initiierung im Inneren wird nach [18, 19, 22, 207] durch zahlreiche Para-
meter beeinflusst, wie beispielsweise:
x Größe des Einschlusses bzw. Defekts,

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4.1 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 133

x Anzahl der Einschlüsse bzw. Defekte,


x Größenverhältnis bzw. Form des Einschlusses,
x Spannungsgradient um den Einschluss bzw. Defekt,
x Mikrostruktur des Werkstoffs, wie z.B. die Korngröße oder Phasengrenzen,
x Härte und Position des Einschlusses bzw. Defekts im Bauteil.
Ohne die Existenz eines Defekts, z.B. bei einphasigen Werkstoffen, erfolgt die
Rissinitiierung an der Oberfläche. Aufgrund von kleinen irreversiblen Komponen-
ten plastischer Dehnungen kommt es zu einer Erhöhung der Rauheit der Oberflä-
che und damit zur Erzeugung persistenter Gleitbänder [18, 126, 141-143].
Murakami [151] konnte zeigen, dass um einen Einschluss im Inneren eines
Bauteils ein dunkles Gebiet entsteht, das mittels optischen Mikroskops sichtbar
wird (Abb. 4.3). Dieses Gebiet wird als optisch dunkles Gebiet oder ODA (Optical
Dark Area) bezeichnet. Sakai et al. [207, 209] nennen die Bruchfläche um einen
Einschluss als feinkörniges Gebiet oder FGA (Fine Granular Area) und Shiozawa
et al. [231] als körnig glänzende Facette oder GBF (Granular-Bright-Facet).

a) b) c)

50 µm
ıa = 701 MPa ıa = 649 MPa ıa = 530 MPa
N f = 9,78 x 105 Lw N f = 5,71 x 107 Lw N f = 5,33 x 10 8 Lw
area = 40 µm area = 22 µm area = 27 µm
area ODA = 47 µm area ODA = 76 µm

Abb. 4.3: Mikroskopaufnahmen optisch dunkler Gebiete im Bereich der Rissinitiierung ausge-
hend von einem nicht-metallischen Einschluss in Abhängigkeit der Spannungsampli-
tude [148]

Die Eigenschaften des ODA fasst Murakami wie folgt zusammen [149, 152]:
x Die Größe des ODA steigt mit zunehmender Lebensdauer. Insbesondere das
Verhältnis der Flächen des Einschlusses zum ODA nimmt mit zunehmender
Lebensdauer zu. ODA sind nicht nachweisbar, wenn das Bauteil bei gerin-
gen Lastwechselzahlen versagt.
x Nicht-metallische Einschlüsse binden sehr stark Wasserstoff in ihrer Umge-
bung. Auch bei geringem Wasserstoffgehalt in den Proben wird aufgrund
der Wärmebehandlung der Wasserstoff im Bereich des nicht-metallischen
Einschlusses gebunden. Erst wenn eine Sättigung eingetreten ist, wird der
restliche Wasserstoff durch Korngrenzen und Versetzungen gebunden. Die
Größe des ODA hängt bei gleicher Lebensdauer vom Wasserstoffgehalt in

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134 4 Ultra high cycle fatigue

der Nähe des Einschlusses ab. Bei einem niedrigem Wasserstoffgehalt ist
das Gebiet kleiner als bei höheren Wasserstoffgehalt.
x Das ODA hat eine sehr raue Oberfläche, die sich von der Oberfläche des
umgebenden Gebiets (fish-eye) unterscheidet.
Shiozawa et al. [231] konnten zeigen, dass innerhalb des GBF zahlreiche Mik-
rorisse entstehen, die mit steigender Lastwechselzahl in Größe und Anzahl zu-
nehmen und sich dann zum GBF vereinigen. Da die Mikrorisse zunächst entlang
der Korngrenzen zwischen sphärischen Karbiden und der Matrix wachsen, ist die
Rauheit durch die Größe der Karbidpartikel bestimmt, die entweder in der Matrix
verbleiben oder aber Löcher durch das Abschälen aus der Matrix hinterlassen. Die
Rauheit der Oberfläche in dem Gebiet um den Einschluss entspricht im Gegensatz
zur außerhalb liegenden Oberfläche dem 2,5-fachen Wert [231]. Dieser Effekt
wird durch eine starke Kohlenstoffansammlung in der Nähe des Einschlusses ver-
stärkt [231].
Murakami [144] schlägt vor, nicht-metallische Einschlüsse, ebenfalls als kurze
Risse mit dem area -Konzept zu behandeln. In der Regel werden zur Berück-
sichtigung von Einschlüssen auf die Ermüdungsfestigkeit die Form und Größe des
Einschlusses, die Adhäsion des Einschlusses in der Matrix sowie die elastischen
Konstanten der Einschlüsse und der Matrizen aufgeführt. Da diese Parameter mit
dem Kerbfaktor und der Spannungsverteilung in der Umgebung des Einschlusses
in Beziehung stehen, wird sehr häufig versucht, Kerbfaktoren für die Einschlüsse
unter der Annahme zu ermitteln, dass die Einschlüsse als sphärische oder ellip-
senförmige Fehler angenommen werden können. Dieses Vorgehen führt nach Mu-
rakami [144, 147] jedoch zu großen Unsicherheiten, weil geringe Formabwei-
chungen zu großen Änderungen im Kerbfaktor führen. Selbst bei korrekter
Abbildung des Kerbfaktors ist im Falle kleiner Defekte die Ermüdungsfestigkeit
merkbar von der Größe beispielsweise eines Loches abhängig. Außerdem sei die
Annahme, dass der Kerbfaktor kleiner als eins wird, wenn der E-Modul des Ein-
schlusses bei idealer Adhäsion in der Matrix größer als der der Matrix ist, nicht
korrekt.
Bei der Anwendung des area -Konzepts auf die Problematik der nicht-
metallischen Einschlüsse unterscheidet Murakami zwischen Oberflächenein-
schlüssen und Einschlüssen im Inneren des Bauteils. Die Schwellspannung eines
Oberflächeneinschlusses kann mit Gl. (3.30) bestimmt werden, wobei area der
projizierten Fläche des Einschlusses auf die Ebene senkrecht zur maximalen
Hauptspannung entspricht. Besitzt der Einschluss jedoch nur partiellen Kontakt
zur Oberfläche, wird eine effektive Fläche aus der projizierten Fläche inklusive
der Restfläche zur Oberfläche verwendet, indem area mit einem Faktor von 1,137
multipliziert wird. Bei Einschlüssen im Inneren des Bauteils ergibt sich die
Schwellspannung für R z -1 zu

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4.1 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 135

Į
1,56 ˜ (HV  120) § 1  R ·
V th ˜¨ ¸ (4.1)
( area )1 / 6 © 2 ¹

mit D = 0,226 + HV˜10-4 (Gl. (3.31)), da der Geometriefaktor area bei einem
Einschluss im Inneren dem 1,69fachen des Oberflächeneinschlusses entspricht
[150].
Auftretende Streuungen während Ermüdungsversuchen von hochfesten Stählen
erklärt Murakami damit, dass Einschlüsse vorhanden sind, die größer als der
Grenzwert nicht-wachsender Risse sind. Da diese Einschlüsse sowohl unterschied-
lich im Bauteil positioniert sein als auch in der Größe variieren können, streut
auch die Schwellspannung. Ist hingegen ein Bauteil fehlerfrei, besitzt der Werk-
stoff eine intrinsische Ermüdungsfestigkeit, die von der Vickers-Härte abhängt
(vgl. Gl. (3.32)). Bei niedrig legierten Stählen sind die Einschlüsse im Allgemei-
nen kleiner als der Schwellenwert, so dass der Riss nicht von dem Einschluss aus-
geht und die Streubreite vernachlässigbar wird [z.B. 144]. Um im Falle hochfester
Stähle trotzdem eine quantitative Aussage machen zu können, schlägt Murakami
[144] vor, zusätzlich zu der intrinsischen Ermüdungsfestigkeit als oberen Grenz-
wert über eine statistische Auswertung der maximal auftretenden Größe des Ein-
schlusses den unteren Grenzwert zu ermitteln.
10

Thresholdwert eines Oberflächenrisses


bzw. ǻKODA [MPam1/2]

5
4

2
ǻK ODA
ǻK inc

ǻK inc
1
10 4 10 5 10 6 10 7 10 8 10 9
Lebensdauer bis zum Bruch N f

Abb. 4.4: Zusammenhang zwischen der Spannungsintensität 'Kinc des Einschlusses, der Span-
nungsintensität 'KODA des ODA und den entsprechenden Lebensdauern für den Stahl
34CrMo4 [231]

Aus experimentellen Untersuchungen, die in guter Übereinstimmung mit Gl.


(3.29) stehen, kann der Thresholdwert für das ODA wie folgt dargestellt werden
[149]:

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136 4 Ultra high cycle fatigue

'K ODA 0,5'V ˜ S ˜ area ODA , (4.2)

wobei der Geometriefaktor area ODA sich aus der Summe der Flächen des Ein-
schlusses und des ODA zusammensetzt. Die Spannungsintensität, die sich entlang
des ODA ergibt, entspricht unabhängig von der Lebensdauer genau dem Thres-
holdwert des Oberflächenrisses (Abb. 4.4) [207, 209, 231].
Hingegen nimmt der Thresholdwert 'Kinc des Einschlusses mit der Lebensdau-
er ab. Dies bedeutet, das ODA ergibt sich nur, wenn der Spannungsintensitätsfak-
tor für den Einschluss kleiner als der Thresholdwert ist [207, 209]. Im höheren
Spannungsbereich ist aufgrund von Spannungskonzentrationen ein kreisförmiges
Risswachstum unmittelbar vom Einschluss ausgehend erkennbar [231]. Sakai et
al. folgern daraus, dass innerhalb des ODA ein anderer Risswachstumsmechanis-
mus vorherrschen muss, da das Risswachstum auch unterhalb des Thresholdwertes
stattfindet.

Raue Oberfläche:
Wasserstoffbeeinflusstes
Einschluss Risswachstum

Wasserstoff

Wasserstoff gewöhnlicher
Ermüdungsriss

Gebiet des
“fish-eye”

Einschluss ODA (Fläche: A1 )


(Fläche: A 0)

Abb. 4.5: Gebiete um einen nicht-metallischen Einschluss im ultra high cycle fatigue-Bereich
(nach [149, 207])

Eine Begründung für das Risswachstum unterhalb des Langrissthresholdwertes


sehen Pippan et al. [182] in der Tatsache, dass ein Innenriss im Gegensatz zu ei-
nem Oberflächenriss im Ultrahochvakuum wächst. Untersuchungen haben ge-
zeigt, dass die Risswachstumsraten im Vakuum um bis zu drei Größenordnungen

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4.1 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 137

geringer sind als an der Luft, wobei der Thresholdwert nur geringfügig beeinflusst
wird [182, 197]. D.h. auch, der Riss wächst im thresholdnahen Bereich mit we-
sentlich geringeren Risswachstumsraten (< 10-9 mm/Lw) [182].
Murakami et al. [149, 152] zeigen, dass das Risswachstum im ODA aufgrund
eines Synergieeffektes der zyklischen Spannung und des Wasserstoffs entsteht,
der durch den Einschluss in der Umgebung gebunden wird. In Abb. 4.5 sind
schematisch die unterschiedlichen Gebiete die einen nicht-metallischen Einschluss
bei Belastungen mit sehr hohen Zyklenzahlen umgeben, dargestellt.
Mittels des Thresholdwerts für kurze Risse kann eine kritische Größe des ODA
berechnet werden, ab der das ODA allein aufgrund der zyklischen Spannung
wächst [144, 145]. Als Schwellspannung insbesondere für hochfeste Stähle gibt
Murakami folgende Gleichung für ein R-Verhältnis von –1 in Anlehnung an Gl.
(3.30) bzw. Gl. (4.1) an:
1,56 ˜ ( HV  120)
V 'th . (4.3)
( area ODA )1 / 6

Abbildung 4.6 zeigt eine nach Murakami modifizierte Wöhlerkurve, in der das
Verhältnis der aufgebrachten Spannung V zur Schwellspannung V’th über der
Bruchschwingspielzahl aufgetragen ist. Es zeigt sich, dass alle Datenpunkte ober-
halb von eins liegen. Somit wird die Hypothese bestätigt, dass nach einem sehr
langsamen Risswachstum innerhalb des ODA, das den größten Lebensdaueranteil
einnimmt, die kritische Risslänge für den mechanischen Thresholdwert überschrit-
ten ist [149, 152].

3*
1,5 Abgeschreckt und angelassen
1* 2*
(QT) (HV = 560)
5***
Vakuumgeglüht bei 300°C
5**
4*
für 1h nach QT (HV = 500)
1 5* 4 Vakuumgeglüht bei 300°C
3 für 2h nach QT (HV = 500)
ı / ıth’

2 5
1
Vakuumwärmebehandelt und
QT (HV = 560)
0,5
Die Symbole *, **, *** markieren
34CrMo4 Durchläufer, die auf einem
R = -1 höheren Niveau erneut getest
wurden.
0
10 5 10 6 10 7 10 8 5x10 8
Bruchschwingspielzahl N f

Abb. 4.6: Verhältnis der aufgebrachten Spannung V zur Schwellspannung V’th über der Bruch-
schwingspielzahl Nf in Form der nach Murakami modifizierten Wöhlerkurve (nach
[144, 149])

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138 4 Ultra high cycle fatigue

4.2 Wöhlerkurve im Bereich hoher Lastwechselzahlen

Abbildung 4.7 zeigt exemplarisch die Wöhlerkurven, die einerseits im Rotations-


biegeversuch und andererseits im Zug-Druck-Versuch für den Stahl 100Cr6 auf-
genommen wurden [149]. Bei Umlaufbiegung wird die Zweistufigkeit der Wöh-
lerlinie mit der Aufteilung der Wöhlerkurven nach den Rissinitiierungsorten sehr
deutlich. Bei einer axialen Belastung ist die zweistufige Aufteilung wesentlich ge-
ringer ausgeprägt [167, 207].
2000
Umlaufbiegung
Rissinitiierung an der Oberfläche
Spannungsamplitude ıa [MPa]

Rissinitiierung im Inneren
1500

3
ıw = 1278MPa
V2 = 2,57 mm3

1000
Zug-Druck (R = -1)
abgeschreckt und angelassen
vakuumwärmebehandelt,
500 abgeschreckt und angelassen

100Cr6 (SAE52100) 7
0 V1 = 770 mm3
102 103 104 105 106 107 108 109 1010
Lebensdauer bis zum Bruch N f

Abb. 4.7: Wöhlerkurve für Umlaufbiege- und Zug-Druck-Proben aus 100Cr6 (nach [149, 152,
210])

Murakami begründet dies mit der Größe der Proben. Die größeren Zug-Druck-
Proben führen zu geringeren Lastwechselzahlen bis zum Bruch bzw. zu deutlich
geringeren Spannungsamplituden. Daraus schließt Murakami [152], dass aufgrund
der geringeren Abmessungen der Rotationsbiegeproben auch das Volumen V2
(2,57 mm3) niedriger ist, bei dem die Spannungen um x % (90 %) höher als die
Nennspannungen sind. Dies bedeutet, eine große Probe mit einem Volumen V1
(770 mm3) stellt die untere Grenze der Versuchsstreuung im Gegensatz zu
n = V1/V2 (| 300) kleinen Proben dar, da die große Probe einen Einschluss bein-
halten kann, der zu dem größten Einschluss in n kleinen Proben zählt.
Marines et al. konnten hingegen keinen signifikanten Einfluss des Proben-
durchmessers zwischen 3 mm und 10 mm feststellen [133]. Den Unterschied zwi-
schen den Wöhlerlinien bei Umlaufbiegung und Zug-Druck begründen Marines et
al. [133] sowie Tanaka und Akiniwa [243] aufgrund der Belastungsart und der
daraus resultierenden Spannungsverteilung am Einschluss in der Probe. Durch ei-
ne Korrektur der maximalen Spannung am Rand der Probe bei Umlaufbiegung auf

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4.2 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 139

die Stelle des Einschlusses, ergibt sich eine gleichmäßig abfallende Wöhlerkurve
[133].
Während Bayraktar et al. [22] insgesamt von einer gleichmäßig abfallenden
Wöhlerkurve bis in den Gigacylce-Bereich ausgehen, zeigen Sakai et al. [208],
dass das Phänomen der zweistufigen Wöhlerlinie vom Werkstoff abhängt. Hoch-
feste Stähle weisen beispielsweise eher ein zweistufiges Verhalten auf als Stähle
mit niedriger Festigkeit. Auch die Walzrichtung bzw. die Vorzugsrichtung hat ei-
nen Einfluss auf den Dauerfestigkeitswert bei 109 Lastwechseln. Proben, die paral-
lel zur Walzrichtung entnommen wurden, weisen eine höhere Dauerfestigkeit auf
als Proben, die senkrecht zur Walzrichtung entnommen wurden [129]. Außerdem
nimmt mit zunehmender Dicke einer Platte, d.h. mit abnehmendem Verformungs-
grad, die Dauerfestigkeit im sehr hohen Lastwechselzahlbereich ab [129].
Weiterhin wird die Wöhlerkurve im Bereich sehr hoher Lastwechselzahlen von
der Verteilung der Einschlüsse und Inhomogenitäten sowie von auftretenden Ei-
genspannungen beeinflusst [152].
Es hat sich jedoch gezeigt, dass die im Bereich hoher Lastwechselzahlen sehr
häufig angewendeten Oberflächenbehandlungen, wie z.B. Kugelstrahlen, zur Ein-
bringung von Eigenspannungen nur einen Einfluss haben, wenn die Initiierung des
Risses an der Oberfläche erfolgt.

a) b)
Oberfläche Oberfläche
Eigenspannungen

Abb. 4.8: Schematische Darstellung der Ausbildung eines Risses um einen Einschluss [230]
a) bei eigenspannungsfreier Oberfläche und
b) bei oberflächennahen Eigenspannungen

Die Eigenspannungen, die in oberflächennahen Bereich eingebracht werden,


haben bei hochfesten Stählen im Bereich sehr hoher Lastwechselzahlen mit einer
Initiierung im Inneren des Bauteils, z.B. an einem Einschluss, keine lebensdauer-
verlängernde Wirkung [230]. Lediglich die Form des fish-eye wird im oberflä-
chennahen Bereich gestört (Abb. 4.8).
Einen weiteren Einfluss auf die Wöhlerkurve besitzen Kerben, die die ertragba-
re Spannung herabsetzen. Für die Berücksichtigung dieses Effekts bei der Lebens-
dauerbetrachtung wird die Kerbwirkungszahl verwendet, die üblicherweise das
Verhältnis der Dauerfestigkeitskennwerte bei 107 einer ungekerbten und einer ge-
kerbten Probe widerspiegelt. Jedoch ist die Kerbwirkungszahl von der Spannungs-
amplitude abhängig. Mit zunehmender Lebensdauer nimmt der anfängliche Unter-

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140 4 Ultra high cycle fatigue

schied zwischen den Dauerfestigkeitskennwerten gekerbter und ungekerbter Pro-


ben ab (Abb. 4.9) [2]. Begründet wird dies durch die Mikrostrukturlänge bzw. den
kritischen Abstand der Punkt-Methode, der wesentlich größer als das ODA ist.
Weiterhin stimmt der Rissinitiierungsort nicht unbedingt mit dem Punkt der
höchsten Spannung überein [2].
Spannungsamplitude ıa

ungekerbte Proben

stumpfe Kerbe

scharfe Kerbe

Lebensdauer bis zum Bruch Nf

Abb. 4.9: Reduktion der Dauerfestigkeit gekerbter Proben in Abhängigkeit der Lebensdauer [2]

Dagegen konnten Lukás und Kunz [126] zeigen, dass der höchste Wert der
Kerbwirkungszahl im Bereich extrem hoher Lastwechselzahlen zu finden ist, da
der Thresholdwert im Bereich des ultra high cycle fatigue-Bereichs geringer sei.

4.3 Auslegungskonzept (Lebensdauerkonzept) nach Murakami

Zur Vorhersage der Lebensdauer bei sehr hohen Zyklenzahlen schlägt Murakami
folgendes Auslegungskonzept vor [145, 149]: Im ersten Schritt ist die Lebensdau-
er NfD des Bauteils bzw. der Struktur zu definieren. Aufbauend auf der definierten
Lebensdauer kann mittels der sogenannten „Master Curve of ODA“ das Verhältnis
J der Geometriefaktoren

area ODA A0  A1
J (4.4)
area max A0 max

ermittelt werden. Abbildung 4.10 zeigt schematisch eine „Master Curve of ODA“.
Die „Master Curve of ODA“ ist abhängig vom Wasserstoffgehalt des Stahls, je-
doch ist sie unabhängig von gewöhnlichen Wärmebehandlungen unterschiedlicher
Stahlsorten, so dass Lebensdauerabschätzungen auf der Basis der untersuchten
Stähle von Murakami et al. erfolgen können [149].

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4.4 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 141

Eine Abschätzung der Größe des maximalen Einschlusses area max ist über
eine statistische Auswertung (Methode der Extremwertstatistik) möglich. Details
bezüglich der statistischen Auswertung sind z.B. in [144, 149] erläutert.

Wasserstoffgehalt 1 > Wasserstoffgehalt 2

4
Wasserstoffgehalt 1
Ȗ
area

3
area ODA /

2
Wasserstoff-
gehalt 2

1
10 5 10 6 10 7 10 8 10 9
Lastwechselzahl Nf

Abb. 4.10: Schematische Darstellung einer “Master Curve of ODA“ in Abhängigkeit des Was-
serstoffgehalts (nach [145, 149])

Aus der Verhältniszahl J und area max ergibt sich die kritische Größe des
ODA durch area ODA = J˜ area max, die durch Einsetzen in Gl. (4.3) die zuläs-
sige Spannung ergibt. Die Verwendung eines Sicherheitsfaktors empfiehlt Mura-
kami [149] nicht, da die Lebensdauer und Ermüdungsfestigkeit mit zunehmender
Größe des Bauteils und Anzahl der Produkte sinkt.

4.4 Lebensdauerberechnung im fish-eye

Mit dem Ansatz nach Murakami ist es nicht möglich, das Wachstum innerhalb des
ODA vorherzusagen. Deshalb bestimmen Marines-Garcia et al. [134, 135] und
Paris et al. [176] unter Verwendung des Paris-Hertzberg-McClintock-Riss-
wachstumsgesetzes [83, 177]
3
da § 'K eff ·
b ˜ ¨¨ ¸¸ (4.5)
dN © E˜ b ¹
die Lebensdauer Nfish-eye, die für die Erzeugung des fish-eye notwendig ist:
N fish  eye Nint  N a 0 oa i  N a i oa (4.6)

Nint spiegelt das Risswachstum von einer initialen Risslänge aint bis zur Defekt-
größe a0 unterhalb des Eckpunkts des Thresholdwertes

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142 4 Ultra high cycle fatigue

da 'K eff
b und 1 (4.7)
dN E˜ b
wider, wobei b dem Burgers-Vektor entspricht (Abb. 4.11). Die Lebensdauer
N a 0 oa i entspricht dem Risswachstum für kurze und N a i oa dem Risswachstum
für lange Risse.
Durch Integration von Gl. (4.5) mit den Integrationsgrenzen a0 und ai unter
Verwendung der Spannungsintensitätsfaktorlösung
2
'K 'V ˜ S ˜ a (4.8)
S
für kreisförmige Risse ergibt sich

S ˜ E2 ª a0 º
N a 0 oa i 2 «1  » (4.9)
2 'V ¬« ai ¼»

als Lebensdauer für kurze Risse ausgehend vom Eckpunkt des Thresholdwertes
bis zum Übergangspunkt des Langrisswachstums.

log da/dN

ai x3
a0
b
a

ai
b
x3

a int
x
'K eff
log
E˜ b
Abb. 4.11: Schematische Darstellung des Risswachstumsverhaltens für kurze Risse (a0 o ai)
und lange Risse (ai o a) unter Berücksichtigung des Paris-Hertzberg-McClintock-
Risswachstumsgesetzes [135]

Da das Risswachstumsverhalten kurzer und langer Risse unterschiedlich ist, ist


für die Bestimmung der Risswachstumsrate für lange Risse von ai bis a das Paris-
Hertzberg-McClintock-Risswachstumsgesetz anzupassen, indem da/dN um den
Faktor 1/x3 reduziert wird (Abb. 4.11):

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4.4 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 143

3 32 32
da b § 'K 0 · § a · b § a ·
˜ ¨¨ ¸¸ ¨ ¸
¨a ¸ ˜ ¨¨ ¸¸ (4.10)
dN x3 © E ˜ b ¹ © 0¹ x3 © a0 ¹

mit 'K0 als Spannungsintensitätsfaktor für einen kreisförmigen Riss mit dem Ra-
dius a0. Der Faktor x entspricht dem Übergangspunkt vom Kurz- zum Langriss-
wachstum ausgehend vom Eckpunkt des Thresholdwertes für kurze Risse (Gl.
(4.7)). Für geringe R-Verhältnisse (R | 0) ergibt sich ein Wert von ca. 3, während
bei großen R-Verhältnissen (R > 0,8) x einen Wert von 1 annimmt. Durch Integra-
tion mit den Grenzen des Langrisswachstums ergibt sich für einen kreisförmigen
Riss die Restlebensdauer

S ˜ E2 ª 3 a0 a º
N a i oa 2 «x ˜  x3 ˜ 0 » (4.11)
2 'V «¬ ai a »¼

vom Übergangspunkt bis zum endgültigen Versagen. Untersuchungen von Mari-


nes-Garcia et al. [135] haben gezeigt, dass die Wahl der Übergangsrisslänge ai
vom Kurz- zum Langrisswachstum keinen entscheidenden Einfluss auf die Riss-
wachstumslebensdauer hat.
Zur Berechnung der Lebensdauer unterhalb des Thresholdeckwertes ist zu be-
rücksichtigen, dass die Risswachstumskurve zwar ebenfalls durch den Eckpunkt
geht, jedoch mit einer größeren Steigung D von etwa 100 behaftet ist, so dass sich
folgende Gesetzmäßigkeit ergibt:
Į Į2 Į2
da § 'K 0 · § a · § a ·
b ˜ ¨¨ ¸¸ ¨ ¸
¨a ¸ b ˜ ¨¨ ¸¸ . (4.12)
dN © E˜ b ¹ © 0¹ © a0 ¹
Die Integration von Gl. (4.12) von der Anfangsrisslänge aint bis zur Defektgrö-
ße a0 ergibt
ª §D ·º
¨ 1¸
S ˜ E2 1 «§ a ·© 2 ¹»
N int ˜ ˜ «¨¨ 0 ¸
¸ ». (4.13)
2 'V 2 §D · a
2¨  1¸ «© int ¹ »
© 2 ¹ «
¬ ¼»

Die Berechnungen von Marines-Garcia et al. [135] zeigen, dass die Risswachs-
tumslebensdauer für Innenrisse unabhängig von der gewählten Übergangsrisslän-
ge vom Kurz- zum Langrisswachstum um einige Größenordnungen geringer ist als
die Gesamtlebensdauer. Bathias [18] geht davon aus, dass im Bereich des „fish-
eye“ die Lastwechselzahlen in etwa 104 Lastwechsel geringer als die Gesamtle-
bensdauer sind, d.h. die Initiierung des „fish-eye“ um einen Einschluss benötigt
den größten Lebensdaueranteil.

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144 4 Ultra high cycle fatigue

4.5 Bruchmechanische Lebensdaueransätze

Im Gegensatz dazu stehen die Ansätze, die davon ausgehen, dass im UHCF-
Bereich die Lebensdauer durch bruchmechanische Konzepte vorhergesagt werden
kann, da die Rissinitiierung vernachlässigbar ist. Der Einschluss kann als äquiva-
lenter Riss angenommen werden (siehe z.B. [82, 173, 243]).
Unter der Annahme, dass die Lebensdauer ungekerbter Proben allein durch das
Risswachstum geprägt ist, bestimmen Tanaka und Akiniwa [2, 243] die Lebens-
dauer unter Verwendung des in Abb. 4.12 dargestellten Zusammenhangs zwischen
der Rissgeschwindigkeit und der Spannungsintensität für Oberflächenrisse und
Risse im Inneren eines Bauteils.
Bei der vereinfachenden Darstellung der Rissgeschwindigkeitskurve für Ober-
flächenrisse wird davon ausgegangen, dass der Riss nicht ausbreitungsfähig ist,
wenn die Beanspruchung unterhalb des Thresholdwertes 'KthS liegt, und dass in-
stabile Rissausbreitung eintritt, wenn Kmax = KC. Dazwischen liegt das Paris-
Gesetz der Form
da
CS ˜ 'K mS (4.14)
dN
zugrunde.

K C = K max

Oberflächenriss
Rissgeschwindigkeit da/dN

(m , C )
S S

Innenriss
(m i, C i )
ǻKthS
Innenriss
(m0 , C0 )
ǻKthi

Spannungsintensitätsfaktor ǻK
Abb. 4.12: Schematische Darstellung des Zusammenhangs der Rissgeschwindigkeit und der
Spannungsintensität für Oberflächen- und Innenrisse (nach [243])

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4.5 Rissinitiierung bei sehr hohen Lastwechselzahlen 145

Bei Rissen im Inneren des Bauteils ergibt sich ein Thresholdwert von 'Kthi,
wobei die Risszähigkeit unverändert ist. Somit ergibt sich das Paris-Gesetz für In-
nenrisse wie folgt:
da
Ci ˜ 'K m i . (4.15)
dN
Der Thresholdwert 'Kthi entspricht dabei genau der Spannungsintensität, die
sich am Rand des ODA ergibt. Da jedoch ein Risswachstum unterhalb von 'Kthi
erkennbar ist, wird unterhalb dieses Thresholdwerts folgende Gesetzmäßigkeit an-
genommen:
da
C0 ˜ 'K m 0 . (4.16)
dN
Die werkstoffabhängigen Konstanten mi, mS, m0, Ci, CS, C0 bestimmen Tanaka
und Akiniwa aus der Wöhlerkurve.

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Kapitel 5
Bewertung, Vergleich und Anwendung der
Konzepte

Vor allem vor dem Hintergrund der schadenstoleranten Bemessung von Maschi-
nen, Anlagen, Verkehrsmitteln oder Bauteilen ist eine die Rissinitiierung und das
Risswachstum einschließende Lebensdauervorhersage schon in der Produktent-
wicklungsphase von entscheidender Bedeutung, um Sicherheit gegen Versagen
durch konstruktive Maßnahmen oder regelmäßige Inspektionen gewährleisten zu
können. Unabhängig vom Lastspektrum oder vom Material sollten die Vorhersa-
gen aus sicherheitstechnischen Aspekten immer konservativ sein. Aus ökonomi-
schen Gründen hingegen ist eine optimale Ausnutzung des Materials zu ermögli-
chen. Die Treffsicherheit der Lebensdauerprognose hängt jedoch sehr stark vom
verwendeten Modell ab. Um die Zuverlässigkeit ausgewählter Modelle zu bewer-
ten, werden in den folgenden Kapiteln die Ergebnisse der Konzepte untereinander
sowie mit experimentellen und numerischen Ergebnissen verglichen.

5.1 Experimentelle Untersuchungen

Für die Bewertung der verschiedenen Konzepte werden unterschiedliche Versuche


durchgeführt. Dazu zählen Rissinitiierungs-, Wöhler- und Ermüdungsrissausbrei-
tungsversuche. In den folgenden Kapiteln werden Versuchsaufbau und Versuchs-
durchführung, Probentypen und Werkstoffe, die im Rahmen dieser Untersuchun-
gen Verwendung finden, beschrieben. Die Darstellung der Ergebnisse und der
Vergleich mit den Konzepten schließt sich daran an.

5.1.1 Versuchsaufbau und -durchführung

Zur Durchführung der Ermüdungsversuche werden im Rahmen dieser Ausführun-


gen unterschiedliche Probentypen eingesetzt. Die Untersuchung des Ermüdungs-

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148 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

risswachstums erfolgt mit den in der ASTM-Norm E 647 standardisierten CT-


Proben (Abb. 5.1a). Zur Untersuchung der Rissinitiierung und des Risswachstums
werden sogenannte CTN- (Compact Tension Notch) Proben (Abb. 5.1b) einge-
setzt. Hierbei handelt es sich um modifizierte CT-Proben, die anstelle eines Anris-
ses U-Kerben mit unterschiedlichen Kerbradien U und einer Kerbtiefe ak von
17 mm ausgehend von der Lasteinleitungsstelle haben. Weiterhin werden gekerbte
Rundproben (Abb. 5.2) verwendet.
Als Probenwerkstoffe kommen einerseits die hochfeste Aluminiumknetlegie-
rung EN AW-7075-T651 (EN AW-AlZn5,5MgCu) und andererseits die beiden
Stähle 42CrMo4 und 34CrNiMo6 zum Einsatz. Die CT- und CTN-Proben der
Aluminiumknetlegierung und des Stahls 42CrMo4 wurden aus gewalzten Blechen
mit einer Dicke von 10 mm gefertigt, wobei eine einheitliche Entnahmerichtung
T-L bezüglich der Walzrichtung gewählt worden ist (siehe [10]). Die Lasteinlei-
tung in die Proben erfolgt somit senkrecht zur Walzrichtung.
a) 30,5 b) 35
18 45 18 ak = 17

M4

0,9

ȡ
86,4

86,4
39,6

39,6
18

17 17

a M4 10 a
w = 72 w = 72

Abb. 5.1: Geometrie und Abmessungen a) der CT-Probe und b) der CTN-Probe

Die gekerbten Rundproben sowie einige CT-Proben wurden einer ICE-


Radsatzwelle aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 entnommen. Die chemischen Zu-
sammensetzungen der verwendeten Werkstoffe als Massenanteil in Prozent gemäß
DIN EN 573-3 bzw. DIN EN 10250-3 sind in Tabelle 5.1 angegeben.

115 Detail X
30°
0,5 36
X
45°
‡15

‡10

‡9

2
0,

0,5
ȡ=
R36

Abb. 5.2: Geometrie und Abmessungen der gekerbten Rundprobe

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5.1 Experimentelle Untersuchungen 149

Tabelle 5.1: Chemische Zusammensetzung in % der untersuchten Werkstoffe gemäß DIN EN


573-3 bzw. DIN EN 10250-3

EN AW-7075-T651 34CrNiMo6 42CrMo4

C - 0,3-0,38 0,38-0,45
Si 0,4 d 0,4 d 0,4
Mn 0,3 0,5-0,8 0,6-0,9
P - 0,035 0,035
S - 0,035 0,035
Cr 0,18-0,28 1,3-1,7 0,9-1,2
Mo - 0,15-0,3 0,15-0,3
Ni - 1,3-1,7 -
Fe 0,5 - -
Cu 1,2-2,0 - -
Mg 2,1-2,9 - -
Zn 5,1-6,1 - -
Ti 0,2 - -

Die mechanischen Werkstoffkennwerte der untersuchten Werkstoffe sind Ta-


belle 5.2 zu entnehmen.
Zur Untersuchung der Rissinitiierung und des Risswachstums sind die Geomet-
riefunktionen Y(a) der Proben erforderlich (s. Kap. 2.5.1). Während es sich bei der
CT-Probe um eine Standardprobe mit bekannter Funktion Y(a) handelt, mussten
für die CTN-Proben die entsprechenden Geometriefunktionen in Abhängigkeit des
Kerbradius mittels des FE-Programms FRANC/FAM [192, 221] bestimmt wer-
den. Ein Vergleich der Geometriefunktionen ist in Abb. 5.3 dargestellt.
Durchgeführt werden die Ermüdungsversuche mit servohydraulischen Univer-
salprüfmaschinen und entsprechender Elektronik. Die Kommunikation zwischen
der Elektronik und einem Personalcomputer wird mittels eines General Purpose
Interface Bus (GPIB) hergestellt. Zur Steuerung und Messwerterfassung der Er-
müdungsrissausbreitungsversuche dient das interaktive Programm FAMControl
[211]. Dagegen wird bei den Versuchen zur Ermittlung von Wöhler- und Lebens-
dauerlinien das Programmsystem FAMWöhler eingesetzt. Beide Programme ermög-
lichen eine vollkommen automatische Versuchsdurchführung.

Tabelle 5.2: Mechanische Werkstoffkennwerte der untersuchten Werkstoffe

Werkstoff Rp0,2 bzw. Re [MPa] Rm [MPa]

1 1
EN AW-7075-T651 517 579
2 2
34CrNiMo6 825 942
3 3
42CrMo4 900 1100
1 2 3
Wingenbach [267] BMBF-Vorhaben [254] FKM-Richtlinie [67]

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150 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Geometriefaktor Y 4

3 ȡ = 0 mm
ȡ = 0,4 mm
2 ȡ = 2 mm
1 ȡ = 4 mm
ȡ = 6 mm
0
17 17,5 18 18,5 19 19,5 20
Risslänge a [mm]
Abb. 5.3: Vergleich der Geometriefunktionen für die CT- und die CTN-Proben in Abhängigkeit
des Kerbradius

Zur Risslängenmessung wird die Gleichstrompotentialmethode verwendet.


Deshalb sind zusätzlich während der Ermüdungsrissausbreitungsversuche eine
Konstantstromquelle, ein Umschalter, ein Vorverstärker und ein Modulares Inter-
face System (MIS), das aus einem A/D- und einem D/A-Wandler besteht, erfor-
derlich. Bei der Gleichstrompotentialmethode wird in die Probe ein konstanter
Gleichstrom ober- und unterhalb der Kerbe eingeleitet und an bestimmten Punkten
die Potentialdifferenz abgegriffen. Um Fehlströme zu vermeiden, sind die Lastein-
leitungsstellen der Probe und die Innenseiten der Einspannbacken isoliert. Ausge-
nutzt wird bei der Messung der Effekt, dass sich durch das Risswachstum der
Ohmsche Widerstand infolge der Querschnittsminderung erhöht. Da es durch lan-
ge Versuchszeiten zu einem Potentialdrift kommen kann, wird nach jeder Potenti-
aldifferenzmessung mittels eines Umschalters die Stromrichtung gewechselt. Aus
dem Verhältnis des aktuellen Potentials zum Anfangspotential ergibt sich die zu-
gehörige Risslänge mit Hilfe einer experimentell bestimmten Kalibrierkurve
[213].

5.1.2 Risswachstum

Für die Risswachstumsexperimente werden CT- und CTN-Proben der Aluminium-


legierung EN AW-7075-T651 verwendet. Die CT-Proben dienen der Untersu-
chung des Langrisswachstums ausgehend von einem initialen Riss der Länge
17 mm. Die CTN-Proben besitzen eine Starterkerbe von 17 mm, von der zunächst
ein Riss initiiert werden muss. Somit umfasst die Gesamtlebensdauer einer CTN-
Probe die Rissinitiierung sowie das Kurz- und das Langrisswachstum. Abbildung
5.4 zeigt den Vergleich der Risswachstumsraten eines kurzen Risses ausgehend
von einer Kerbe und eines langen Risses bei gleicher äußerer Belastung.

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5.1 Experimentelle Untersuchungen 151

a) 1 b) 1
langer Riss (CT) langer Riss (CT)
kurzer Riss (CTN) kurzer Riss (CTN)
10 -1 10 -1
F max = 10 kN, R = 0,1
CT-Probe/
10 -2 10 -2
da/dN [mm/Lw]

da/dN [mm/Lw]
CTN-Probe ( ȡ = 2 mm)
EN AW-7075-T651
10 -3 10 -3

10 -4 10 -4 Fmax = 15 kN,
R = 0,1
10 -5 10 -5 CT-Probe/
CTN-Probe ( ȡ = 2 mm)
EN AW-7075-T651
10 -6 10 -6
17 17,5 18 18,5 19 19,5 17 17,5 18 18,5 19 19,5
a [mm] a [mm]
Abb. 5.4: Vergleich der Rissgeschwindigkeiten kurzer und langer Risse für
a) Fmax = 10 kN, R = 0,1 und b) Fmax = 15 kN, R = 0,1

Dabei wird deutlich, dass die Rissgeschwindigkeit des kurzen Risses zunächst
abnimmt, nach Erreichen eines Minimums steigt und dann sich kontinuierlich der
Rissgeschwindigkeit des langen Risses annähert. Jedoch bedarf es bei einer höhe-
ren Belastung eines größeren Rissinkrements bis die Rissgeschwindigkeit der ei-
nes langen Risses entspricht. Beeinflusst wird die Anpassung der Rissgeschwin-
digkeit an einen langen Riss zudem durch die Kerbform, d.h. in diesem Fall durch
den Kerbradius.
60
55 Np Ni
50
45 Fmax = 10 kN, R = 0,1
a [mm]

40 EN AW-7075-T651
35
langer Riss (CT)
30
kurzer Riss (CTN)
25
20
15
0 10000 20000 30000 40000
N [Lw]
Abb. 5.5: Vergleich des Risswachstums eines kurzen und eines langen Risses

Eine charakteristische Kenngröße, die den Einfluss aus Kerbgeometrie und Be-
lastung widerspiegelt, ist die Anrisslebensdauer. Mittels der durchgeführten Riss-
wachstumsversuche an CT- und CTN-Proben ist es möglich, die Anrisslebensdau-

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152 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

er Ni durch die Differenz der Lebensdauern zu bestimmen (Abb. 5.5). Bereits in


dem in Abb. 5.5 dargestellten Fall zeigt sich, dass die Anrisslebensdauer einen
deutlichen Lebensdaueranteil ausmachen kann.

5.1.3 Wöhler- und Lebensdauerlinien

Abbildung 5.6 zeigt einen Vergleich der Wöhlerlinie für ein R-Verhältnis von 0,1
mit den Lebensdauerlinien der Standardlastspektren FELIX/28 (Belastung von
Helikopterrotoren mit fixierten Rotoren) und CARLOS/v (Vertikalbelastung im
Radaustandspunkt eines PKW) für gekerbte Rundproben aus dem Stahl
34CrNiMo6. Die Standardlastspektren sind aufgrund ihrer Lastfolge sehr unter-
schiedlich. Im Unterschied zu einer eher stochastischen Verteilung des Lastspekt-
rums CARLOS/v, sind bei FELIX/28 deutliche Blockstrukturen erkennbar [215].
1000
CA (R = 0,1)
FELIX/28
CARLOS/v
bzw. ıa [MPa]
ıa

gekerbte Rundprobe
34CrNiMo6
100
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Bruchschwingspielzahl
Abb. 5.6: Wöhlerlinie (CA) bzw. Lebensdauerlinien der Standardlastspektren FELIX/28 und
CARLOS/v für gekerbte Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6

Zur Ermittlung der Lebensdauerlinien sind die Minimal- und Maximalwerte der
Lastspektren mit unterschiedlichen Faktoren skaliert und aus versuchstechnischen
Gründen die negativen Kräfte durch 0,1 kN ersetzt worden. Während des Ver-
suchs werden die entsprechenden Lastfolgen solange wiederholt, bis entweder die
Probe versagt oder ein Durchläufer (N t 2˜106 Lw) entsteht.
Der Vergleich zeigt, dass durch die Anwendung der Lastspektren die Lebens-
dauern deutlich zu höheren Werten verschoben werden. Außerdem ist zu erken-
nen, dass das Standardlastspektrum CARLOS/v offensichtlich eine geringere
schädigende Wirkung aufgrund der geringeren Völligkeit des Kollektivs hat als
das Lastspektrum FELIX/28, welches bei gleichen Kollektivhöchstwerten V a zu
geringeren Lebensdauern führt.

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5.1 Experimentelle Untersuchungen 153

Eine Auswertung der Kennwerte bezüglich der Zeitfestigkeitsgeraden ist Ta-


belle 5.3 zu entnehmen. Die Neigung ergibt sich aus einer Ausgleichsfunktion
durch die arithmetischen Mittelwerte der logarithmierten Lebensdauern, welches
einer 50%-Ausfallwahrscheinlichkeit entspricht. Der Dauerfestigkeitswert gibt die
höchste Spannung an, bei der ein Durchläufer auftritt. Eine Absicherung der Ver-
suche beispielsweise durch das Treppenstufenverfahren ist nicht durchgeführt
worden. Die Eckschwingspielzahl ergibt sich durch die Berechnung mittels der
Ausgleichsfunktion des entsprechenden Spannungsniveaus.

Tabelle 5.3: Kennwerte der Zeitfestigkeitsgeraden der Wöhlerlinie sowie der unterschiedlichen
Lebensdauerlinien für gekerbte Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6

Lastspektrum k VD [MPa] ND [Lw]

Konstante Amplitude R = 0,1 4,9 151,5 380.000


FELIX/28 5,8 215,4 150.000
CARLOS/v 5,7 293,9 1.800.000

Ein Vergleich der Neigungen veranschaulicht, dass sich für die Lastspektren
höhere Werte für k ergeben als bei einer zyklischen Belastung mit konstanter
Amplitude. Der Unterschied zwischen den beiden Spektren ist eher gering. Dafür
ist der Einfluss auf die Dauerfestigkeitswerte und die Eckschwingspielzahlen
deutlich größer. Abbildung 5.7 zeigt exemplarisch eine Auswahl einiger Bruchflä-
chen für konstante Amplitudenbelastung und für die Belastung mit dem Standard-
lastspektrum CARLOS/v bei unterschiedlichen Kollektivhöchstwerten.

a)

Abb. 5.7: Bruchflächen der gekerbten Rundprobe


a) konstante Amplitudenbelastung (Fmax = 57,5 kN, R = 0,1)
b) CARLOS/v ( V a 293,95 MPa )
c) CARLOS/v ( V a 400,05 MPa )
d) CARLOS/v ( V a 400,05 MPa )

Auch für den Werkstoff EN AW-7075-T651 sind Wöhlerlinien aufgenommen


worden. Dabei kommen CTN-Proben mit unterschiedlichen Kerbradien U zum
Einsatz, für die die Nennspannung wie folgt definiert ist:
( Fmax  Fmin ) ˜ (2 w  ak )
V a, N . (5.1)
( w  ak ) 2 ˜ B

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154 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Abbildung 5.8 zeigt die Wöhlerlinien im Vergleich zur Rissfortschrittswöhler-


linie, die unter Verwendung von CT-Proben experimentell und mittels des Pro-
gramms NASGRO ermittelt wurde. Die Bruchschwingspielzahl der CTN-Probe
schließt sowohl die Rissinitiierung als auch das Risswachstum ein.
120
CA (R = 0,1) ȡ = 2 mm
100 CT-Probe/CTN-Probe ȡ = 4 mm
EN AW-7075-T651 ȡ = 6 mm
80 ȡ = 0 mm
ıa,N [MPa]

NASGRO
60

40

20

0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Bruchschwingspielzahl

Abb. 5.8: Wöhlerlinien für CTN-Proben mit unterschiedlichen Kerbradien U im Vergleich zu


einer experimentell und analytisch (NASGRO) ermittelten Rissfortschrittswöhlerlinie
(U = 0 mm)

Bei der CT-Probe ist die Restlebensdauer ab einer Risslänge von 17 mm defi-
niert, welches exakt der Kerbtiefe der CTN-Probe entspricht. Es wird deutlich,
dass mit zunehmendem Kerbradius größere Lebensdauern erzielt werden können.
Dies liegt daran, dass die Rissinitiierungslebensdauer, die sich als Differenz aus
der Wöhlerlinie der entsprechenden CTN-Probe und der Rissfortschrittswöhlerli-
nie ergibt, deutlich zunimmt.
In Abb. 5.8 sind zusätzlich die Simulationsergebnisse der Rissfortschrittslinie,
die mit Hilfe des von der NASA entwickelten Programms NASGRO [154] be-
stimmt worden sind (s. auch Kap. 5.3), eingetragen. Hierbei zeigt sich eine gute
Übereinstimmung zu den experimentellen Daten der Rissfortschrittsuntersuchung.
Ein Vergleich der Lebensdauerlinien des Lastspektrums FELIX/28 für unter-
schiedliche Kerbradien sowie für einen Riss ist in Abb. 5.9 dargestellt. Auch hier
ist der Einfluss der Kerbradien auf die Bruchschwingspielzahlen deutlich zu er-
kennen. Der Unterschied zwischen einem Kerbradius von 4 mm und 6 mm ist je-
doch nur marginal.
Eine Auswertung der Kennwerte bezüglich der Zeitfestigkeitsgeraden für eine
50%-Ausfallwahrscheinlichkeit ist Tabelle 5.4 zu entnehmen, die in gleicher Wei-
se wie bei den gekerbten Rundproben ermittelt worden sind. Auch hier ist darauf
hinzuweisen, dass die Dauerfestigkeitswerte der höchsten Spannung entsprechen,
bei der ein Durchläufer aufgetreten ist.

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.1 Experimentelle Untersuchungen 155

120
ȡ = 2 mm
100
ȡ = 4 mm
ȡ = 6 mm
ȡ = 0 mm
80
[MPa]

NASGRO
60
ıa,N

40
FELIX/28
20 CT-Probe/CTN-Probe
EN AW-7075-T651
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Bruchschwingspielzahl

Abb. 5.9: Lebensdauerlinien für CTN-Proben mit unterschiedlichen Kerbradien U im Vergleich


zu einer experimentell und analytisch ermittelten Rissfortschrittslebensdauerlinie
(U = 0 mm) für das Standardlastspektrum FELIX/28

Bei einer Belastung mit konstanter Amplitude sowie mit dem Standardlast-
spektrum FELIX/28 nimmt bis auf den Kerbradius von 6 mm die Neigung und die
Dauerfestigkeit zu. Deutlich zu erkennen ist ferner der Unterschied zwischen den
Neigungen der Wöhler- und Lebensdauerlinien. Die Neigung der Rissfortschritts-
wöhlerlinie ist bei konstanter Amplitudenbelastung gegenüber der Belastung mit
FELIX/28 ebenfalls verändert.

Tabelle 5.4: Kennwerte der Zeitfestigkeitsgeraden der unterschiedlichen Belastungen für die
CT- bzw. CTN-Probe aus der Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651

Kerbradius Konstante Amplitude (R = 0,1) FELIX/28


U [mm] k V D [MPa] ND [Lw] k V D [MPa] ND [Lw]

Riss 3,7 22,8 182.000 4,6 - -


2 3,5 27,33 423.000 3,6 39,4 1.557.000
4 9,0 35,9 16.911.000 6,7 59,3 8.185.000
6 3,6 28,7 3.464.000 5,7 52,7 9.498.000

Durch die Ermittlung der Wöhler- und Lebensdauerlinien mit CT- und CTN-
Proben bei gleichen Abmessungen ist es möglich, die Initiierungslebensdauer
durch die Differenz der Lebensdauer der CTN-Probe und der 50%-Lebensdauer
der Rissfortschrittswöhlerlinie in Abhängigkeit der Belastung und des Kerbradius
zu bestimmen.

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
156 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

5.2 Numerische Untersuchungen

Für die Finite-Elemente-Analyse mittels ABAQUS/Standard werden die in Kap.


5.1.1 dargestellten Proben verwendet, um einerseits die elastischen Spannungsver-
teilungen und andererseits das Rissschließverhalten kurzer und langer Risse unter-
suchen zu können. Abbildung 5.10 zeigt exemplarisch für die CTN-Probe mit ei-
nem Kerbradius U = 4 mm das zweidimensionale Finite-Elemente-Netz und die
Randbedingungen. Unmittelbar im Kerbgrund ist ein rechteckiger Bereich mit
quadratischen Elementen mit einer Kantenlänge von 0,025 mm gewählt worden.
Ein derartig feines Netz ist notwendig, um die Spannungskonzentration und die
daraus entstehende plastische Zone an der Rissspitze einer Risswachstumssimula-
tion abbilden zu können. Weiterhin wird über die Elementkantenlänge das Riss-
wachstumsinkrement definiert. In der Literatur [120, 137, 162, 179] sind zahlrei-
che Untersuchungen hinsichtlich der Elementkantenlänge beschrieben, die zu sehr
unterschiedlichen Ergebnissen führen. Analysen haben jedoch gezeigt, dass für die
Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651 nur ein unwesentlicher Unterschied
zwischen den Ergebnissen unter Verwendung unterschiedlich feiner Elemente
festgestellt werden kann. Aus Gründen der Rechenzeitverkürzung bei der Riss-
wachstumssimulation wird daher eine Elementkantenlänge von 0,025 mm gewählt
[216].

F
Abb. 5.10: Finite-Elemente-Netz und Randbedingungen am Beispiel der CTN-Probe mit einem
Kerbradius U = 4 mm und entsprechender Ausschnittsvergrößerung der Netzverfei-
nerung im Kerbgrund

Das Risswachstum wird mittels der „DEBOND“-Option von ABAQUS simu-


liert. Dazu sind zu Beginn der Simulation die Knoten entlang des Risspfades mit-
einander verknüpft und werden während der Simulation sukzessive bei maximaler
Belastung getrennt [216]. Zwischen den Risserweiterungsschritten werden jeweils

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.2 Numerische Untersuchungen 157

4 Lastwechsel berechnet. Die neu entstanden Rissflächen sind als Kontaktflächen


unter Verwendung des Master-Slave Algorithmus definiert, um das Rissschließen
und die entsprechende Kraftübertragung über die Rissflanken abzubilden.
Die Simulationen werden sowohl mit elastischem als auch elastisch-
plastischem Materialverhalten durchgeführt. Bei den elastisch-plastischen FE-
Simulationen wird dem Bereich d (Abb. 5.10) ein entsprechendes Materialverhal-
ten unter Verwendung des Chaboche-Modells mit folgenden Parametern für die
Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651 zugewiesen: E = 70656 MPa
VF0 = 450 MPa, C = 9393 MPa and J = 34,96. Untersuchungen unterschiedlicher
Werkstoffe haben gezeigt, dass die initiale Fließspannung VF0 einen entscheiden-
den Einfluss auf die Ergebnisse der Finite-Elemente-Analyse hat, während Art
und Umfang der Verfestigung eine untergeordnete Rolle spielt [217]. Um große
Verschiebungen berücksichtigen zu können, wird eine geometrisch nicht-lineare
Analyse durchgeführt.

a) c)
Symmetrieebene Symmetrieebene

b) d)

Symmetrie- Symmetrie-
ebene ebenen

ak
a
a

Abb. 5.11: Dreidimensionale Finite-Elemente-Modellierung einer gekerbten Rundprobe


a) Darstellung eines Viertels der Rundprobe mit einem halbkreisförmigen Oberflä-
chenriss
b) Ansicht in der y-z-Ebene im Kerbgrund mit Ausschnittsvergrößerung der Netz-
verfeinerung des halbkreisförmigen Oberflächenrisses
c) Darstellung eines Achtels der Rundprobe mit einem umlaufenden Riss
d) Ansicht in der y-z-Ebene im Kerbgrund mit Ausschnittsvergrößerung der Netz-
verfeinerung des umlaufenden Risses

Zur Simulation des Kurzrisswachstums in der gekerbten Rundprobe kommt ein


dreidimensionales Finite-Elemente-Modell (Abb. 5.11) zum Einsatz. Unter Be-

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158 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

rücksichtigung der entsprechenden Randbedingungen genügt es, aus Symmetrie-


gründen ein Viertel im Falle eines halbkreisförmigen Oberflächenrisses ausgehend
aus der Kerbe (Abb. 5.11a und b) bzw. ein Achtel der Probe im Falle eines umlau-
fenden Risses ausgehend vom Kerbgrund (Abb. 5.11c und d) zu modellieren.
Das Kurzrisswachstum im dreidimensionalen FE-Modell wird dadurch reali-
siert, dass die zu simulierende Rissfläche in einzelne Teilflächen eingeteilt wird.
Während der Simulation werden die Symmetrierandbedingungen der einzelnen
Flächen sukzessive entfernt, so dass ein Riss entsteht. Bei der Einteilung der Flä-
chen ist darauf zu achten, dass das Rissinkrement dem El Haddad-Parameter a0
von 0,03 mm des Werkstoffs 34CrNiMo6 entspricht. Für die verwendeten Tetra-
ederelemente mit quadratischem Verschiebungsansatz wird deshalb im Bereich
der Rissflächen eine Elementkantenlänge von 0,03 mm gewählt, während im übri-
gen Teil des FE-Modells größere Elemente Verwendung finden. Die Kurzriss-
wachstumssimulationen in der gekerbten Rundprobe werden mit elastischem Ma-
terialverhalten für den Werkstoff 34CrNiMo6 durchgeführt.
Auf eine explizite Darstellung der Berechnungsergebnisse wird an dieser Stelle
verzichtet, da sie in den folgenden Abschnitten in den Vergleichen verwendet
werden.

5.3 Analytische Ermittlung von Rissfortschrittswöhlerlinien

Zur Simulation des Ermüdungsrisswachstums in Bauteilen und Strukturen stehen


zahlreiche Programme zur Verfügung. Das Programm NASGRO [154], das von
der NASA entwickelt worden ist, besitzt insbesondere in der Luft- und Raumfahrt
einen hohen Stellenwert, wird aber auch in anderen Bereichen, wie beispielsweise
der Eisenbahntechnik, eingesetzt. Die Basis zur Durchführung einer Simulation
mit NASGRO bildet eine Bibliothek von Geometrien und Risskonfigurationen mit
den entsprechenden analytischen Lösungen für die Spannungsintensitätsfaktoren
der Risse.

‡10

60°
a

Abb. 5.12:
NASGRO-Modell zur Bestimmung
der Rissfortschrittswöhlerlinie

Mit Hilfe des Programms NASGRO werden Simulationen zur Ermittlung von
Rissfortschrittswöhlerlinien durchgeführt. Als Modelle dienen die CT-Probe (Abb.
5.1a) sowie eine gekerbte Rundprobe (Abb. 5.2). Da die in den Experimenten ein-

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5.3 Analytische Ermittlung von Rissfortschrittswöhlerlinien 159

gesetzte Geometrie der gekerbten Rundprobe nicht in der NASGRO-Bibliothek


vorhanden ist, wird das Modell in Abb. 5.12 für die Simulation genutzt.

Tabelle 5.5: Parameter der NASGRO Gleichung

Werkstoff C n p q 'K0 KC D Vmax/V0 C+th


3/2 3/2
[N/mm ] [N/mm ]

-11
34CrNiMo6 4,0˜10 2,25 0,4 0,3 270,0 4600 1,9 0,3 2,5
-11
42CrMo4 4,5˜10 2,20 0,8 0,5 346,0 3900 1,9 0,3 4,0
-11
EN AW-7075-T651 2,1˜10 2,885 0,8 0,4 104,2 800 1,9 0,3 2,0

Für die Simulationen auf der Basis der NASGRO Gleichung (Gleichung 2.108)
muss eine Anpassung der entsprechenden Parameter an die Rissgeschwindigkeits-
kurve der Werkstoffe 34CrNiMo6, 42CrMo4 und EN AW-7075-T651 erfolgen.
Die ermittelten Parameter sind Tabelle 5.5 zu entnehmen.
Abbildung 5.13 zeigt exemplarisch die Rissfortschrittswöhlerlinien für den
Stahl 42CrMo4 und die Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651 in Abhängigkeit
des R-Verhältnisses. Durch die Verwendung von CT-Proben mit einer Anfangs-
risslänge a0 von 17 mm wird nur die Rissfortschrittsphase erfasst. Die Riss-
fortschrittswöhlerlinien für den Stahl 34CrNiMo6 sind sowohl unter Verwendung
des in Abb. 5.12 dargestellten Modells als auch der CT-Probe ermittelt worden.
1000
CT-Probe
a 0 = 17 mm
m = 3,1
100
ıa,N [MPa]

m = 2,9

10 7075 (R = 0,1)
7075 (R = 0,5) m = 3,7 m = 4,1
42CrMo4 (R = 0,1)
42CrMo4 (R = 0,5)
1
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
N p [Lw]

Abb. 5.13: Rissfortschrittswöhlerlinien für den Stahl 42CrMo4 und die Aluminiumlegierung
EN AW-7075-T651 in Abhängigkeit des Spannungsverhältnisses R

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160 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Die Gegenüberstellung zeigt, dass die Rissfortschrittswöhlerlinien deutlich


durch den Werkstoff bestimmt sind und zudem durch das R-Verhältnis beeinflusst
werden. Die ermittelten Neigungen sind in Tabelle 5.6 zusammengefasst.

Tabelle 5.6: Neigungen der Rissfortschritsswöhlerlinien unter Verwendung von CT-Proben

Werkstoff R = 0,1 R = 0,5

34CrNiMo6 2,7 2,7


42CrMo4 3,1 2,9
EN AW-7075-T651 4,1 3,7

Nach Liu und Zenner ist die Rissfortschrittswöhlerlinie als Differenz der
Bruch- und der Anrissschwingspielzahl definiert. Da die Anrisslänge jedoch nicht
dokumentiert ist, sind Simulationen mit unterschiedlichen Anrisslängen in der ge-
kerbten Rundprobe durchgeführt worden. Das Ergebnis ist in Abb. 5.14 darge-
stellt. Es wird deutlich, dass durch eine Verminderung der Anrisslänge, wie erwar-
tet, nicht nur die Rissfortschrittslebensdauer zunimmt, sondern auch die Neigung
der Rissfortschrittswöhlerlinie sich verändert.
1000
a0 = 1 mm gekerbte Rundprobe
34CrNiMo6
a0 = 0,5 mm
ıa,N [MPa]

100
1.000 10.000 100.000
N p [Lw]

Abb. 5.14: Rissfortschrittswöhlerlinien für den Stahl 34CrNiMo6 in Abhängigkeit der An-
fangsrisslänge

5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte

In diesem Kapitel werden die mit dem Programm LMS FALANCS [124] ermittel-
ten Ergebnisse sowohl der klassischen Betriebfestigkeitskonzepte als auch der
kombinierten Bruchmechanik- und Betriebsfestigkeitskonzepte durch den Ver-

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 161

gleich mit experimentellen Ergebnissen bewertet. Dabei kommen maßgeblich


Proben zum Einsatz, damit die Effekte mit Bauteileinflüssen nicht vermischt wer-
den. Des weiteren werden für die Bewertung der Konzepte vollständige Lebens-
dauerlinien herangezogen, um den Einfluss durch unterschiedliche Lastniveaus
berücksichtigen zu können.

5.4.1 Nennspannungsbasierte Konzepte

Bevor die Simulationsergebnisse der Konzepte mit den experimentellen Daten


hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit verglichen werden, ist zunächst der Einfluss der
Klassenanzahl des Zählverfahrens, der Neigung der Wöhlerlinie, der Dauerfestig-
keit und der Last-Zeit-Funktion auf die Lebensdauervorhersage zu untersuchen.
Durch den Vergleich der Simulationen mit unterschiedlichen Klassen zeigt
sich, dass bis auf eine Klassenanzahl von 16 nahezu die gleichen Lebensdauerwer-
te bestimmt werden (Abb. 5.15). Der Unterschied bei 16 Klassen wird insbesonde-
re bei den Ergebnissen mit dem Konzept nach Liu und Zenner deutlich. Deshalb
ist die Verwendung einer Klassenanzahl von mindestens 32 Klassen bei der Zäh-
lung zu empfehlen.
Eine Sensitivitätsanalyse bezüglich der Eckschwingspielzahl ND sowie der
Neigung k und damit der Definition der Wöhlerlinie ist in Abb. 5.16 und Abb.
5.17 dargestellt. Bis auf die Lebensdauersimulation mit dem Konzept nach Liu
und Zenner (Abb. 5.16c und Abb. 5.17c) ist ein großer Einfluss durch die Ände-
rung der Neigung unabhängig vom Lastspektrum festzustellen. Bei der Original-
form des Konzepts nach Palmgren und Miner (Abb. 5.16a und Abb. 5.17a) ist der
Unterschied zwischen den Lebensdauerwerten insbesondere bei großen Kollektiv-
höchstwerten erkennbar. Bei kleineren Spannungswerten laufen die Lebensdauer-
linien für konstante Eckschwingspielzahlen nahezu zusammen. Die Lebensdauer-
linien, die mit der modifizierten Palmgren-Miner-Regel nach Haibach (Abb.
5.16b und Abb. 5.17b) ermittelt worden sind, kreuzen sich und laufen im unteren
Spannungswertebereich auseinander, da durch die Neigung (2k-1) der Wöhlerlinie
im Bereich unterhalb der Dauerfestigkeit der Effekt der Neigungsänderung ver-
stärkt wird. Relativ unempfindlich reagiert das Konzept nach Liu und Zenner auf
Neigungsänderungen, weil durch die Mittelung der Neigungen der Wöhlerlinie
und der Rissfortschrittswöhlerlinie die Neigung der Bezugswöhlerlinie nicht so
stark beeinflusst wird, wie z.B. bei der Originalform der Palmgren-Miner-Regel.
Eine Änderung der Eckschwingspielzahl unter Beibehaltung des Dauerfestig-
keitswertes führt bei allen Konzepten, wie erwartet, zu einer Verschiebung zu
größeren Lebensdauerwerten. Die Differenz zwischen den beiden Lebensdauerli-
nien ist jedoch nicht konstant.

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162 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

a) 400
FELIX/28
k = 3, ıa = 150 MPa, N D = 2*106 Lw
350
Palmgren-Miner Original
300 16 Klassen

ıa,N [MPa]
32 Klassen
250 64 Klassen
128 Klassen
200

150

100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]
b) 400
FELIX/28
k = 3, ıa = 150 MPa, N D = 2*106 Lw
350
Palmgren-Miner modifiziert (Haibach)
300
ıa,N [MPa]

250

200 16 Klassen
32 Klassen
150 64 Klassen
128 Klassen
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]
c) 400
FELIX/28
k = 3, ıa = 150 MPa, N D = 2*106 Lw
350
Liu/Zenner
300
ıa,N [MPa]

250

200 16 Klassen
32 Klassen
150 64 Klassen
128 Klassen
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]
Abb. 5.15: Auswirkungen der Klassenzahl bei der Lebensdauerprognose mit den Konzepten
nach Palmgren-Miner (Original), Haibach und Liu/Zenner beim Standardlastspekt-
rum FELIX/28

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 163

a) 400 k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7


k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7

300
ıa,N [MPa]
250

200

150 FELIX/28
Palmgren-Miner Original
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]

b) k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7
400
k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7
300
ıa,N [MPa]

250

200

150 FELIX/28
Palmgren-Miner modifiziert (Haibach)
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]

c) 400 k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7


k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7
300
ıa,N [MPa]

250

200

150 FELIX/28
Liu/Zenner
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]
Abb. 5.16: Einfluss der Eckschwingspielzahl und der Neigung der Wöhlerlinie auf die Lebens-
dauervorhersage bei der Anwendung unterschiedlicher Nennspannungskonzepte
und dem Standardlastspektrum FELIX/28
a) Palmgren-Miner Original,
b) Palmgren-Miner modifiziert (Haibach) und
c) Liu/Zenner

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164 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

a) 400 k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7


k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7
300

ıa,N [MPa] 250

200

150 CARLOS/v
Palmgren-Miner Original
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]

b) 400 k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7


k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7
300
ıa,N [MPa]

250

200

150 CARLOS/v
Palmgren-Miner modifiziert (Haibach )
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]

c) 400 k = 3; N D = 2*10 6 k = 3; N D = 2*10 7


k = 5; N D = 2*10 6 k = 5; N D = 2*10 7
350 k = 9; N D = 2*10 6 k = 9; N D = 2*10 7
300
ıa,N [MPa]

250

200

150 CARLOS/v
Liu/Zenner
100
10 6 10 8 10 10 10 12
N [Lw]
Abb. 5.17: Einfluss der Eckschwingspielzahl und der Neigung der Wöhlerlinie auf die Lebens-
dauervorhersage bei der Anwendung unterschiedlicher Nennspannungskonzepte
und dem Standardlastspektrum CARLOS/v
a) Palmgren-Miner Original,
b) Palmgren-Miner modifiziert (Haibach) und
c) Liu/Zenner

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 165

Aus den Abbildungen 5.16 und 5.17 geht ferner hervor, dass die Konzepte zu
deutlich unterschiedlichen Lebensdauervorhersagen bei gleicher Belastungs-Zeit-
Funktion kommen. Da bereits bekannt ist, dass die Originalform der Palmgren-
Miner-Regel die Lebensdauer bei Lastspektren unzuverlässig prognostiziert, wird
im Folgenden auf einen Vergleich dieses Konzepts mit experimentellen Daten
verzichtet.
Die Nennspannungskonzepte sind prädestiniert zur Vorhersage der Lebensdau-
er von Bauteilen, bei denen ein eindeutiger Nennquerschnitt definierbar ist. Aus
diesem Grund wird zur Untersuchung der Zuverlässigkeit der Nennspannungskon-
zepte zunächst die gekerbte Rundprobe eingesetzt.
550
Experimente
500
Liu/Zenner
450
Haibach
400
ıa,N [MPa]

350

300

250 FELIX/28
200 gekerbte Rundprobe
34CrNiMo6
150
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Bruchschwingspielzahl
Abb. 5.18: Vergleich der Ergebnisse der nennspannungsbasierten Konzepte mit den experimen-
tellen Ergebnissen gekerbter Rundproben des Werkstoffs 34CrNiMo6 für das Stan-
dardlastspektrum FELIX/28

Für die Untersuchungen sind die Kennwerte der Zeitfestigkeitsgeraden aus Ta-
belle 5.3 für die Vorhersage der Lebensdauerlinien verwendet worden. Die Abbil-
dungen 5.18 und 5.19 zeigen einen Vergleich der experimentell und analytisch be-
stimmten Lebensdauerlinien. Hierbei wird deutlich, dass das Konzept nach Liu
und Zenner sowohl für FELIX/28 (Abb. 5.18) als auch CARLOS/v (Abb. 5.19)
sehr gute Ergebnisse liefert, die mit den Mittelwerten der Versuche übereinstim-
men. Das modifzierte Palmgren-Miner-Konzept nach Haibach liefert dagegen
eher unsichere Ergebnisse.
Da die Dauerfestigkeit im Rahmen dieser Arbeit nur grob abgeschätzt werden
konnte, ist der Einfluss der Höhe der Dauerfestigkeit auf die Lebensdauervorher-
sage untersucht worden. Es zeigt sich, dass bei der Anwendung des Konzepts nach
Liu und Zenner selbst bei einer 40%igen Absenkung des Dauerfestigkeitswerts
und entsprechender Anpassung der Eckschwingspielzahl sowohl beim Lastspekt-
rum FELIX/28 als auch beim Lastspektrum CARLOS/v lediglich ein marginaler
Unterschied auftritt.

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166 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

550
Experimente
500
Liu/Zenner
450
Haibach
400
ıa,N [MPa]

350

300

250 CARLOS/v
gekerbte Rundprobe
200
34CrNiMo6
150
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Bruchschwingspielzahl
Abb. 5.19: Vergleich der Ergebnisse der nennspannungsbasierten Konzepte mit den experimen-
tellen Ergebnissen gekerbter Rundproben des Werkstoffs 34CrNiMo6 für das Stan-
dardlastspektrum CARLOS/v

Hingegen werden mit abnehmender Dauerfestigkeit beim modifizierten


Palmgren-Miner-Konzept nach Haibach die berechneten Lebensdauern geringer.
Dies tritt insbesondere im Bereich kleiner Amplituden auf und ist zudem vom Be-
lastungsspektrum abhängig.
120
Experimente
100 Miner modifiziert
Liu/Zenner
80
Miner elementar
ıa,N [MPa]

60

40
FELIX/28
20 CTN-Probe ( ȡ = 2 mm)
EN AW-7075-T651
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Bruchschwingspielzahl
Abb. 5.20: Vergleich der Ergebnisse der nennspannungsbasierten Konzepte mit den experimen-
tellen Ergebnissen für CTN-Proben (U = 2 mm) der Aluminiumlegierung EN AW-
7075-T651 für das Standardlastspektrum FELIX/28

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 167

Bei CARLOS/v ist der Einfluss wesentlich geringer ausgeprägt als bei
FELIX/28, bei dem die Lebensdauer bei einer Absenkung der Dauerfestigkeit um
40% maximal um 40% kleiner ist. Die Halbierung des Dauerfestigkeitswerts im
Konzept nach Liu und Zenner (vgl. Kap. 3.3.2) macht die Vorhersagen somit un-
empfindlicher gegen Schwankungen in der Dauerfestigkeit.
Im Gegensatz zum Dauerfestigkeitswert hat die Festlegung der Eckschwing-
spielzahl einen entscheidenden Einfluss auf die Ergebnisse sämtlicher Konzepte
(s. Abb. 5.16 und Abb. 5.17).

a) 10 -1
42CrMo4
-2
10
da/dN [mm/Lastwechsel]

10 -3

10 -4

10 -5

10 -6 R = 0,1
R = 0,5
10 -7 Paris-Gesetz (R = 0,1)
Paris-Gesetz (R = 0,5)
10 -8
1 10 100 1000
ǻK [MPam1/2 ]
b) 10 -1
EN AW-7075-T651
10 -2
da/dN [mm/Lastwechsel]

10 -3

10 -4

10 -5
R = 0,1
10 -6
R = 0,5
Paris-Gesetz (R = 0,1)
10 -7
Paris-Gesetz (R = 0,5)
10 -8
1 10 100
ǻK [MPam1/2 ]
Abb. 5.21: Vergleich der Neigung der Rissfortschrittswöhlerlinie mittels des Paris-Gesetzes
mit experimentell ermittelten Rissfortschrittskurven in Abhängigkeit des R-Verhält-
nisses für a) den Stahl 42CrMo4 und b) die Aluminiumlegierung EN AW-7075-
T651

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168 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Für die Lebensdauervorhersagen der CTN-Proben, bei denen die Nennspan-


nung nicht unbedingt eindeutig definiert ist, werden die Kennwerte aus den Ver-
suchen mit konstanter Amplitude verwendet (Tabelle 5.4). In Abb. 5.20 sind ver-
gleichend die experimentellen und die analytischen Ergebnisse bei einer Belastung
mit FELIX/28 gegenübergestellt. Es wird deutlich, dass in diesem Fall die Le-
bensdauerprognosen insbesondere bei höheren Amplitudenspannungen deutlich zu
konservativ ausfallen. Auffällig ist, dass unabhängig vom gewählten Modell unter
Verwendung der ermittelten Zeitfestigkeitsgeraden alle Konzepte fast identische
Werte liefern. Dies bedeutet, dass kaum Spannungswerte unterhalb der ermittelten
Dauerfestigkeit liegen, die eine unterschiedliche Lebensdauerprognose ausma-
chen. Im Fall des Konzepts nach Liu und Zenner ergeben sich ebenfalls gleiche
Lebensdauerwerte im Vergleich zu den anderen Konzepten, da der Unterschied
der Neigung der Rissfortschrittswöhlerlinie, die durch Liu und Zenner mit ca. 3,6
angenommen wird, und der Neigung der Wöhlerlinie bei konstanter Amplituden-
belastung (k = 3,5; Tabelle 5.4) sehr gering ist.
Wie in Kap. 3.3.2 dargestellt, nehmen Liu und Zenner an, dass die Neigung der
Rissfortschrittswöhlerlinie dem Paris-Exponenten m entspricht. Unter Verwen-
dung der Neigungen aus den analytischen Rissfortschrittsanalysen aus Kap. 5.3
sind in Abb. 5.21 die so bestimmten Paris-Kurven den Rissfortschrittskurven für
die Werkstoffe 42CrMo4 und EN AW-7075-T651 in Abhängigkeit des R-
Verhältnisses gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass die Neigungen der Riss-
fortschrittswöhlerlinie sehr gut mit dem Paris-Exponenten der Rissfortschrittskur-
ven übereinstimmen. Selbst bei der Aluminiumlegierung, die einen doppel-S-
förmigen Verlauf besitzt, hat die Paris-Gerade im Mittel eine sehr gute Überein-
stimmung mit der Steigung der Rissfortschrittskurve.
Die Annahme der Konstanz dieses Parameters mit m = 3,6 für Stahllegierungen
kann durch die Untersuchungen jedoch nicht bestätigt werden. Wie aus Tabelle
5.6 ersichtlich, sind selbst bei den verwendeten Stahlsorten geringere Neigungen
aufgetreten, die zudem vom R-Verhältnis abhängen. Die dennoch guten Resultate
des Konzepts nach Liu und Zenner ergeben sich aus der Mittelung der Neigung
der Bruch- und der Rissfortschrittswöhlerlinie.
Analysen zur Zuverlässigkeit der Nennspannungskonzepte wurden ebenfalls
von Eulitz [63] durchgeführt. Eulitz untersuchte dazu unterschiedliche Stahlsorten,
Eisengusswerkstoffe und Aluminiumlegierungen sowohl unter Zug/Druck- als
auch einachsiger Biegebelastung hinsichtlich der unterschiedlichen Konzepte und
des Zählverfahrens. Die Bewertung der Ergebnisse erfolgte mittels einer relativen
Schädigungssumme
N exp
Drel , (5.2)
N pred

bei der die experimentell ermittelte Lastwechselzahl Nexp auf die vorhergesagte
Lebensdauer Npred bezogen wird. Weiterhin definiert Eulitz eine Streuspanne

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 169

D10%
TD (5.3)
D90%

als Verhältnis der Schädigungssumme bei einer Überlebenswahrscheinlichkeit


von 10% und 90%.

Zug/Druck - Stahl
Zug/Druck - Al-Leg.
einachsige Biegung - Stahl
einachsige Biegung - Eisenguss
einachsige Biegung - Al.-Leg.

Zug/Druck - Stahl
Zug/Druck - Al-Leg.
einachsige Biegung - Stahl
einachsige Biegung - Eisenguss
einachsige Biegung - Al.-Leg.

Zug/Druck - Stahl
Zug/Druck - Al-Leg.
einachsige Biegung - Stahl
einachsige Biegung - Eisenguss
einachsige Biegung - Al.-Leg.

Zug/Druck - Stahl
Zug/Druck - Al-Leg.
einachsige Biegung - Stahl
einachsige Biegung - Eisenguss
einachsige Biegung - Al.-Leg.

Abb. 5.22: Untersuchungen von Eulitz unterschiedlicher Berechnungs- und Werkstoffgruppen


auf der Basis verschiedener nennspannungsbasierter Konzepte [63]

Eulitz stellte fest, dass im Vergleich der unterschiedlichen Zählverfahren


(Rainflow-Zählung, Bereichspaar-Zählung, Klassengrenzenüberschreitungszäh-
lung) die Rainflow-Zählung im Gegensatz zur Klassengrenzenüberschreitungszäh-
lung die geringsten Streuspannen liefert. Dies folgt aus der Tatsache, dass die
Klassengrenzenüberschreitungszählung nicht geeignet ist, Mittelspannungen zu
erfassen. Des weiteren ergaben die Untersuchungen nach Eulitz, dass eine Mitte-
lung der Kollektive aus der Klassengrenzenüberschreitungszählung und der Be-
reichspaarzählung, wie sie unter bestimmten Bedingungen vorgeschlagen wird,

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170 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

zwar eine im Durchschnitt auf der sicheren Seite liegende Schädigungssumme lie-
fert, aber die Streuspanne extrem hoch ist.
Da je nach Anwendungsgruppe signifikant unterschiedliche Mittelwerte der re-
lativen Schädigungssumme zu verzeichnen sind, hat Eulitz Berechnungsgruppen
abgeleitet. In Abb. 5.22 ist eine Übersicht der Untersuchungen der Berechnungs-
gruppen von Eulitz dargestellt. Auffallend ist, dass die mittlere relative Schädi-
gungssumme Drel bei fast allen Konzepten auf der unsicheren Seite liegt. Das
Konzept nach Liu und Zenner liefert im Gegensatz zu sowohl der elementaren, der
modifizierten als auch der konsequenten Form des Palmgren-Miner-Ansatzes die
geringsten Streuspannen. Drel ist ebenfalls beim Konzept nach Liu und Zenner am
besten, wenngleich auch unsichere Lebensdauerwerte prognostiziert werden.
Beim konsequenten Ansatz des Palmgren-Miner-Konzepts nach Haibach treten
bei Stahlwerkstoffen im Vergleich zu Aluminiumlegierungen und Eisengusswerk-
stoffen geringere Streuspannen auf, aber insgesamt zeigt sich eine deutliche Unsi-
cherheit bei der Lebensdauerprognose. Außerdem bietet die konsequente Form der
Palmgren-Miner-Regel trotz der aufwändigeren Modellierung des Dauerfestig-
keitsabfalls bei den von Eulitz durchgeführten Untersuchungen keinen Vorteil ge-
genüber der modifzierten Form. Jedoch macht sich der Unterschied auch nur dann
bemerkbar, wenn im angewendeten Lastspektrum eine große Anzahl an Amplitu-
den sind, die kleiner als die Dauerfestigkeit sind.
Nach Ansicht von Gudehus und Zenner [78] tendieren die Lebensdauerabschät-
zungen eher zur sicheren Seite, wenn Druckeigenspannungen bei der Ermittlung
der Bemessungswöhlerlinie nicht berücksichtigt werden oder wenn Beanspru-
chungs-Zeit-Funktionen mit positiver Mittelspannung vorliegen. Dagegen ist eine
Tendenz zu unsicheren Lebensdauerabschätzungen zu erwarten bei Biegebean-
spruchungen und bei Beanspruchungs-Zeit-Funktionen mit großen Mittelspan-
nungsänderungen oder mit vielen Amplituden unterhalb der Dauerfestigkeit.
Ein wesentlicher Aspekt der Berechnung nach den Nennspannungskonzepten
ist, dass Amplitudenkollektive mit einer Mittelspannung, die der Bauteilwöhlerli-
nie entspricht, vorliegen müssen. Bei einem nicht symmetrisch aufgebauten Kol-
lektiv ist bereits die Ableitung eines Amplitudenkollektivs problematisch. Hinzu
kommt, dass dieses Kollektiv zu einem der Bauteilwöhlerlinie entsprechenden
Spannungsverhältnis transformiert werden muss. Dazu existiert jedoch keine ein-
heitliche Methode.
Die ursprüngliche Form des Palmgren-Miner-Konzepts ist für die Auslegung
bis zum technischen Anriss unter Verwendung einer Anrisswöhlerlinie konzipiert.
In der Praxis werden jedoch heute sehr häufig Bruchwöhlerlinien eingesetzt, die
die Phänomene der Anriss- und Risswachstumslebensdauer vermischen. Insbe-
sondere beim Risswachstum treten aufgrund von Betriebsbelastungen sogenannte
Reihenfolgeeffekte auf, die sich sowohl lebensdauerverlängernd als auch lebens-
dauerverkürzend auswirken können. Im Rahmen der Bruchmechanik existieren
dazu entsprechende Ansätze (vgl. Kap. 2.5.4.2), um diese Verzögerungs- und Be-
schleunigungseffekte zu berücksichtigen. Die Lebensdauerabschätzung auf der

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 171

Basis einer Bruchwöhlerlinie kann nur dann zu sicheren Ergebnissen führen, wenn
sich die Reihenfolgeeffekte entsprechend ausgleichen [215].

5.4.2 Konzepte auf Basis der örtlichen Spannungen

Für die klassischen und kombinierten Konzepte auf der Basis der örtlichen Span-
nung ist ebenfalls zunächst eine Sensitivitätsanalyse ohne den Vergleich mit expe-
rimentellen Daten durchgeführt worden. Die Simulationsparameter sind Tabelle
5.7 zu entnehmen.

Tabelle 5.7: Kennwerte der zyklischen Spannungs-Dehnungskurven und Dehnungswöhlerli-


nien der untersuchten Werkstoffe (R = -1)

Werkstoff E-Modul V ’f H ’f b c K’ n’ ND Ha,D


[MPa] [MPa] [MPa] [Lw] [%]

EN AW-7075- 6
1 70000 1231 0,263 -0,122 -0,806 852 0,074 5˜10 0,2462
T651
1 5
34CrNiMo6 206000 1217 0,269 -0,056 -0,598 1330 0,088 4˜10 0,2839
2 5
42CrMo4 211400 1454 1,508 -0,075 -0,716 1367 0,104 4˜10 0,2571

1 2
[32] Datenbank LMS FALANCS [124]

In Abb. 5.23 sind exemplarisch unterschiedliche Schädigungsparameter in Ab-


hängigkeit der analytischen Methode zur Ermittlung der elastisch-plastischen
Spannungen und Dehnungen für das Standardlastspektrum FELIX/28 mit einem
Kollektivhöchstwert V a von 1050 MPa für den Werkstoff 34CrNiMo6 gegen-
übergestellt.
Es zeigt sich, dass sowohl bei Belastungen mit konstanter Amplitude als auch
bei Belastungsspektren Abschätzungen mit dem Verfahren nach Neuber konse-
quent niedrigere Lebensdauerwerte liefern. Das Verfahren nach Seeger und Beste
sowie das ESED-Verfahren ermitteln nahezu gleiche Lastwechselzahlen.
Weiterhin ist zu erkennen, dass die Schädigungsparameter einen deutlichen
Einfluss auf die Lebensdauer besitzen. Auch hier ist ein eindeutiger Trend festzu-
stellen. Während mit den Schädigungsparametern nach Morrow sowie Smith,
Watson und Topper in Originalform die größten Lebensdauern bestimmt werden,
führt der Schädigungsparameter nach Vormwald konstant zu den geringsten Last-
wechselzahlen unabhängig vom Lastspektrum und der Belastungshöhe.
Bei einer konstanten Amplitudenbelastung ist hingegen kein wesentlicher Un-
terschied zwischen den Konzepten festzustellen. Da die Kombination aus dem
Neuber- und dem ESED-Verfahren sowie den Schädigungsparametern PSWT und
PJ die Extremwerte darstellen, wird im Folgenden die Kombination dieser Para-
meter für den Vergleich mit experimentellen Ergebnissen herangezogen.

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172 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

1010
FELIX/28 ( ıa = 1050 MPa) Neuber Seeger/Beste ESED
10 8 34CrNiMo6

10 6
N [Lw]

3,68E+07
3,88E+07

3,68E+07
3,88E+07

4,12E+07
4,36E+07
2,72E+07

2,72E+07

3,07E+07
1,03E+07
1,10E+07
8,89E+06
10 4

399139
419464
324612
10 2

1
PSWT (Original) PSWT (linear) P Bergmann PJ P Morrow

Abb. 5.23: Einfluss der Schädigungsparameter und der analytischen Methode zur Ermittlung
der elastisch-plastischen Spannungen und Dehnungen auf die Lebensdauervorher-
sage

Abbildung 5.24 zeigt den Vergleich der analytischen und experimentellen Er-
gebnisse für Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 bei einer Belastung mit
konstanter Amplitude und einem R-Verhältnis von 0,1. Durch den Vergleich wird
einerseits deutlich, dass die Lebensdauervorhersagen lediglich im unteren Bereich
der Nennspannungsamplitude etwas voneinander abweichen, wobei der Schädi-
gungsparameter PJ eine geringere Lebensdauer vorhersagt. Andererseits ist auch
zu erkennen, dass im Vergleich zur Bruchwöhlerlinie, die die Risswachstums-
lebensdauer einschließt, beide Vorhersagemodelle konservativ sind.
550
CA (R = 0,1) Experimente
500 gekerbte Rundprobe
ESED/PSWT (linear)
450 34CrNiMo6
ESED/P
400 J
[MPa]

350
300
ıa,N

250
200
150
100
50
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Schwingspielzahl
Abb. 5.24: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Wöhlerlinien (R = 0,1) für
gekerbte Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 173

Da mittels der örtlichen Konzepte jedoch eine Anrissschwingspielzahl prognos-


tiziert wird, ist die Bruchwöhlerlinie entsprechend um die Rissfortschrittsphase zu
reduzieren. Die experimentelle Ermittlung einer Anrissschwingspielzahl bei einer
Rundprobe ist sehr komplex, so dass die Ergebnisse der analytischen Simulationen
des Risswachstums aus Kapitel 5.3 eingesetzt werden. Als Modell ist die in Abb.
5.12 dargestellte Rundprobe mit einer V-Kerbe und einem Kerböffnungswinkel
von 60° verwendet worden. Für die Simulation des umlaufenden Risses werden
Anfangsrisslängen von 0,5 mm und 1,0 mm verwendet, die die Kerbtiefe mit ein-
beziehen. Auf die im Experiment eingesetzte Rundprobe bezogen, bedeutet dies
eine theoretische Anfangsrisslänge ai von 0 mm bzw. 0,5 mm. Die Differenz der
50%-Bruchschwingspielzahl und der analytisch ermittelten Restlebensdauer ergibt
die in Abb. 5.25 dargestellte Anrisswöhlerlinie für eine konstante Amplitudenbe-
lastung mit R = 0,1. Je nach Lasthorizont entspricht die Rissfortschrittslebensdau-
er etwa 8 – 60 % der Gesamtlebensdauer bei einer theoretischen Anfangsrisslänge
ai von 0 mm, so dass auch die Verschiebung der Anrisswöhlerlinie entsprechend
unterschiedlich ausfällt. Begründet werden kann dies damit, dass in der Riss-
wachstumssimulation frühzeitig plastisches und nicht bruchmechanisches Versa-
gen aufgrund des hohen Risszähigkeitswertes eingetreten ist.
550
CA (R = 0,1) Experimente/Simulation a0 = 1,0 mm
500
gekerbte Rundprobe
450 Experimente/Simulation a0 = 0,5 mm
34CrNiMo6
400 ESED/PSWT (linear)
ESED/PJ
[MPa]

350
300
ıa,N

250
200
150
100
50
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.25: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien
(R = 0,1) für gekerbte Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6

Insgesamt bleibt jedoch festzustellen, dass bei einer konstanten Amplitudenbe-


lastung der gekerbten Rundprobe beide Konzepte konservativ sind. Der Einfluss
der Anrisslänge ist in diesem Fall nicht so bedeutend.
Um den Einfluss einer Betriebsbelastung zu überprüfen, werden die Standard-
lastspektren FELIX/28 und CARLOS/v verwendet. Abbildung 5.26 zeigt zunächst
den Vergleich der Ergebnisse der unterschiedlichen Konzepte für das Standard-
lastspektrum FELIX/28 mit der entsprechenden Bruchwöhlerlinie.

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174 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

550
FELIX/28 Experimente
500 gekerbte Rundprobe Neuber/PJ
450 34CrNiMo6 Neuber/PSWT
ESED/PJ
400
ıa,N [MPa]

ESED/PSWT
350

300

250

200

150
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Schwingspielzahl
Abb. 5.26: Vergleich der Ergebnisse der Konzepte auf der Basis örtlicher Spannungen mit den
experimentellen Ergebnissen gekerbter Rundproben des Werkstoffs 34CrNiMo6 für
das Standardlastspektrum FELIX/28

Dabei fällt auf, dass der Schädigungsparameter PSWT die experimentellen Er-
gebnisse der Gesamtlebensdauer gut wiedergibt, während der Schädigungspara-
meter nach Vormwald extrem konservativ ist.
550
FELIX/28 Experimente/Simulation a 0 = 0,5mm
500 gekerbte Rundprobe Neuber/PJ
34CrNiMo6 Neuber/PSWT
450
ESED/PJ
400
[MPa]

ESED/PSWT
350
ıa,N
,

300

250

200

150
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.27: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien für ge-
kerbte Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 bei einer Betriebsbelastung mit
FELIX/28

Zur Bewertung des Einflusses des Rissfortschritts kommt die gleiche Vorge-
hensweise wie bei der konstanten Amplitudenbelastung zum Einsatz, d.h. die Dif-
ferenz der experimentell bestimmten 50%-Bruchlastwechselzahlen und der mit

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 175

Hilfe des Programms NASGRO ermittelten Rissfortschrittslebensdauern wird ge-


bildet. Den entsprechenden Vergleich der so erhaltenen Anrisslebensdauer ist
Abb. 5.27 zu entnehmen. Es zeigt sich, dass die Rissfortschrittsphase einen gerin-
gen Teil der Gesamtlebensdauer ausmacht, so dass die Anrisswöhlerlinie nur un-
wesentlich gegenüber der Bruchwöhlerlinie verschoben ist. Die mit dem Schädi-
gungsparameter nach Smith, Watson und Topper ermittelte Anrisswöhlerlinie
stimmt im Mittel mit der experimentell bestimmten Anrisslebensdauer überein.
Die Aussage des Schädigungsparameters PJ bleibt trotz der Beschränkung auf die
Anrisslebensdauer weiterhin extrem konservativ.

Tabelle 5.8: Neigungen der experimentell ermittelten Zeitfestigkeitsgeraden im Vergleich zu


den analytisch bestimmten Neigungen der gekerbten Rundprobe aus dem Werk-
stoff 34CrNiMo6

Lastspektrum Experiment PJ PSWT


Anriss Bruch Neuber ESED Neuber ESED

Konstante Amplitude
(R = 0,1) 5,8 4,9 - 4,6 - 6,5

FELIX/28 8,4 5,8 5,7 6,0 11,9 12,0

Die Neigung der Wöherlinie nach PSWT weicht allerdings stark von der Nei-
gung sowohl der Bruch- als auch der Anrisswöherlinie ab (Tabelle 5.8). Im Ge-
gensatz dazu gibt PJ diese besser wieder, wobei die gesamte Kurve jedoch zu
niedrigeren Lebensdauern verschoben ist.
550
Experimente
500 Neuber/PJ
450 Neuber/PSWT
ESED/PJ
400
[MPa]

ESED/PSWT
350
ıa,N

300

250 CARLOS/v
gekerbte Rundprobe
200
34CrNiMo6
150
10.000 100.000 1.000.000 10.000.000
Bruchschwingspielzahl
Abb. 5.28: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Wöhlerlinien für gekerbte
Rundproben aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 bei einer Betriebsbelastung mit
CARLOS/v

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176 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Die Simulation der Anrisslebensdauern für das Standardlastspektrum


CARLOS/v sind nur bis zum Lastniveau von 345 MPa bei der Verwendung des
ESED-Konzepts möglich. Oberhalb ergibt sich statisches Versagen. Mit dem
Neuber-Verfahren sind sogar Simulationen lediglich bis zu einer Nennspannungs-
amplitude von ca. 300 MPa durchführbar, welches sich gleichzeitig als Dauerfes-
tigkeit in den Experimenten ergab.
120
CA (R = 0,1) Experimente
CTN-Probe ( ȡ = 2 mm) Neuber/PJ
100
EN AW-7075-T651 Neuber/PSWT Original
ESED/PJ
80
[MPa]

ESED/PSWT Original
60
ıa,N,

40

20

0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.29: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien
(R = 0,1) für CTN-Proben (U = 2 mm) der Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651

In Abb. 5.28 sind die experimentellen und analytischen Ergebnisse gegenüber-


gestellt. Aufgrund der mangelnden Berechnungsergebnisse lässt sich keine sinn-
volle Bewertung vornehmen. Tendenziell zeigt sich aber, dass der Schädigungspa-
rameter PJ deutlich konservativere Ergebnisse liefert als PSWT.
Neben der Tatsache der unterschiedlichen Grenzen des statischen Versagens
sind ferner deutliche Unterschiede auf den unterschiedlichen Lasthorizonten zwi-
schen dem ESED- und dem Neuber-Konzept im Gegensatz zur konstanten Ampli-
tudenbelastung und FELIX/28 festzustellen.
Die Abbildungen 5.29 bis 5.31 zeigen die Anrisswöhlerlinien in Abhängigkeit
des Kerbradius der CTN-Proben aus der Aluminiumlegierung EN AW-7075-
T651, die sich aus der Differenz der Bruchwöhlerlinie der CTN-Probe und der
Rissfortschrittswöhlerlinie der CT-Probe ergeben, im Vergleich zu den Ergebnis-
sen der Lebensdauerabschätzungen mit den Schädigungsparametern PJ und PSWT
auf der Grundlage des Neuber- und ESED-Konzepts für eine Belastung mit kon-
stanter Amplitude und einem R-Verhältnis von 0,1.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Lebensdauerberechnung mit PJ bis
auf ein Lastniveau von ca. 33,5 MPa bei CTN-Proben mit einem Kerbradius von
2 mm zu konservativen Ergebnissen führt, während das Resultat des Schädi-
gungsparameters PSWT nach Smith, Watson und Topper sowohl zu konservativen

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 177

als auch zu unsicheren Ergebnissen führen kann. Im Bereich großer Spannungs-


amplituden trifft die Vorhersage mit PSWT relativ gut die experimentell ermittelte
Anrisswöhlerlinie.
120
Experimente
Neuber/PJ
100
Neuber/PSWT Original
ESED/PJ
80
[MPa]

ESED/PSWT Original
60
ıa,N,

40
CA ( R = 0,1)
20 CTN-Probe ( ȡ = 4 mm)
EN AW-7075-T651
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.30: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien
(R = 0,1) für CTN-Proben (U = 4 mm) der Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651

Doch durch den großen Neigungsunterschied (s. auch Tabelle 5.9) bei den
Wöhlerlinien der Kerbradien 2 und 6 mm kreuzen sich die beiden Zeitfestigkeits-
geraden, so dass im unteren Spannungsbereich die Ergebnisse sehr unsicher wer-
den.
120
Experimente
Neuber/PJ
100
Neuber/PSWT Original
80 ESED/PJ
[MPa]

ESED/PSWT Original
60
ıa,N

40
CA (R = 0,1)
20 CTN-Probe ( ȡ = 6 mm)
EN AW-7075-T651
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.31: Vergleich der analytisch und experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien
(R = 0,1) für CTN-Proben (U = 6 mm) der Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651

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178 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Außerdem ist das Niveau der Dauerfestigkeit stark durch das verwendete Kon-
zept beeinflusst. Mit dem Schädigungsparameter PSWT wird grundsätzlich eine hö-
here Dauerfestigkeit vorhergesagt als mit dem Schädigungsparameter nach Vorm-
wald.
Im Gegensatz zu den Erkenntnissen von Knop et al. [110] beeinflusst die Wahl
des Konzepts zur Berechnung der elastisch-plastischen Kerbspannungen das Er-
gebnis der Lebensdauervorhersage bei den an dieser Stelle verwendeten Geomet-
rien nur marginal. Lediglich im Bereich hoher Spannungsamplitude ist ein gering-
fügiger Einfluss festzustellen. Knop et al. konnten nachweisen, dass bei Zug-
belastungen die Vorhersage mit der Neuber-Regel besser ist als für Biegebe-
lastungen, während bei der ESED-Methode das entgegengesetzte Verhalten
beobachtet werden kann. Darüber hinaus ist die ESED-Methode bei Torsionsbe-
lastung und Belastungszuständen des ebenen Verzerrungszustands dem Neuber-
Verfahren vorzuziehen [110].
120
FELIX/28
100 CTN-Probe ( ȡ = 2 mm)
EN AW-7075-T651
80
ıa,N [MPa]

60
Experimente
40 Neuber/PJ
Neuber/PSWT Original
20 ESED/PJ
ESED/PSWT Original
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.32: Vergleich der Ergebnisse der Konzepte auf der Basis örtlicher Spannungen mit den
experimentellen Ergebnissen für CTN-Proben (U = 2 mm) der Aluminiumlegierung
EN AW-7075-T651 für das Standardlastspektrum FELIX/28

In den Abbildungen 5.32 bis 5.34 ist der Vergleich der experimentell und ana-
lytisch ermittelten Anrisswöhlerlinien in Abhängigkeit des Kerbradius für eine
Belastung mit dem Standardlastspektrum FELIX/28 für CTN-Proben der Alumi-
niumlegierung EN AW-7075-T651 dargestellt. Während die Lebensdauervorher-
sagen mit dem Schädigungsparameter PJ auch in diesem Fall konservative Ergeb-
nisse liefern, ist die Abschätzung mit PSWT hinsichtlich der Zuverlässigkeit der
Aussage sehr unsicher.
Bei einem Kerbradius von 2 mm ist der Unterschied zwischen den Experimen-
ten und der Lebensdauervorhersage mit PSWT am größten. Ähnlich wie bei der

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 179

konstanten Amplitudenbelastung sind die Neigungen der Wöhlerlinie sehr un-


gleich.
120
FELIX/28
100 CTN-Probe ( ȡ = 4 mm)
EN AW-7075-T651
80
[MPa]

60
ıa,N

Experimente
40 Neuber/PJ
Neuber/PSWT Original
20 ESED/PJ
ESED/PSWT Original
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.33: Vergleich der Ergebnisse der Konzepte auf der Basis örtlicher Spannungen mit den
experimentellen Ergebnissen für CTN-Proben (U = 4 mm) der Aluminiumlegierung
EN AW-7075-T651 für das Standardlastspektrum FELIX/28

Dies führt dazu, dass bei hohen Kollektivhöchstwerten extrem konservative


Ergebnisse und im Bereich niedriger Kollektivhöchstwerte extrem nicht-
konservative Ergebnisse erzielt werden. Die Anrisswöhlerlinie nach Vormwald
dagegen ist konstant auf der konservativen Seite.
Bei einem Kerbradius von 4 mm sind die Neigungen der mit PSWT ermittelten
und der experimentell bestimmten Anrisswöhlerlinien zwar ebenfalls sehr unter-
schiedlich. Jedoch führt dies nicht zu einer Überschätzung der Lebensdauer im un-
teren Bereich der Kollektivhöchstwerte. PJ ist in diesem Fall extrem konservativ
und liefert Lebensdauern, die um das 20fache geringer sind als die der experimen-
tellen Ergebnisse.
Bei der Simulation der Lebensdauer für den Kerbradius von 6 mm zeigt sich,
dass die Anrisswöhlerlinien mit PJ erneut konservative Ergebnisse liefern, wäh-
rend PSWT insgesamt nicht konservative Lebensdauern vorhersagt. Da im Bereich
hoher Spannungsamplituden keine Experimente möglich sind, kann nicht beurteilt
werden, ob es ähnlich wie bei einem Kerbradius von 2 mm zu konservativen Er-
gebnissen durch den Neigungsunterschied der Anrisswöhlerlinien kommt. Weiter
ist festzustellen, dass das analytische Verfahren zur Bestimmung der elastisch-
plastischen Spannungen auch bei einer Betriebsbelastung unabhängig vom ge-
wählten Kerbradius nahezu identische Werte liefert.

gabriele.laub@bwf-esslingen.de
180 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

120

100

80
[MPa]

60
ıa,N

Experimente
40 Neuber/PJ
Neuber/PSWT Original FELIX/28
20 ESED/PJ CTN-Probe ( ȡ = 6 mm)
ESED/PSWT Original EN AW-7075-T651
0
1.000 10.000 100.000 1.000.000 10.000.000 100.000.000
Anrissschwingspielzahl
Abb. 5.34: Vergleich der Ergebnisse der örtlichen Konzepte auf der Basis örtlicher Spannungen
mit den experimentellen Ergebnissen für CTN-Proben (U = 6 mm) der Aluminium-
legierung EN AW-7075-T651 für das Standardlastspektrum FELIX/28

In Tabelle 5.9 sind die Neigungen der experimentell ermittelten und die der a-
nalytisch bestimmten Anrisswöhlerlinie zusammengefasst. Dabei fällt auf, dass
die Neigungen der Anrisswöhlerlinien mit den Schädigungsparametern PJ und
PSWT nicht so stark vom Kerbradius beeinflusst werden wie die experimentellen
Ergebnisse, obwohl die Kerbfaktoren der numerischen Berechnungen in die Simu-
lation der Lebensdauervorhersage mit eingegangen sind.

Tabelle 5.9: Neigungen der experimentell und analytisch ermittelten Anrisswöhlerlinien unter
Verwendung des ESED-Konzeptes

Kerbradius Konstante Amplitude (R = 0,1) FELIX/28


U [mm] Experiment PJ PSWT Experiment PJ PSWT

2 6,6 7,1 7,7 3,6 7,5 15,7


4 10,5 6,5 7,5 6,8 8,3 15,9
6 3,7 6,2 7,5 3,9 9,2 13,9

Da der Schädigungsparameter nach Vormwald auf der analytischen Rissöff-


nungsfunktion nach Newman aufbaut, ist in Abb. 5.35 ein Vergleich dieser Funk-
tion mit numerisch bestimmten Rissöffnungsspannungen in Abhängigkeit des
Kerbradius einer CTN-Probe aus der Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651
dargestellt. Bei der elastisch-plastischen Finite-Elemente-Analyse gilt ein Riss als
geöffnet, wenn die Spannungen unmittelbar vor der Rissspitze von Druck in Zug
wechseln.

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5.4 Betriebsfestigkeits- und kombinierte Konzepte 181

0,7
0,6
0,5
ıop /ımax

0,4
ȡ = 2 mm
0,3 ȡ = 4 mm
ȡ = 6 mm
0,2 EN AW-7075-T651
Newman (ȡ = 2 mm)
CTN-Probe Newman (ȡ = 4 mm)
0,1 R = 0,1 Newman (ȡ = 6 mm)
0
17 17,05 17,1 17,15 17,2 17,25 17,3
a [mm]
Abb. 5.35: Vergleich der numerisch und analytisch ermittelten Rissöffnungsspannung in Ab-
hängigkeit des Kerbradius einer CTN-Probe aus der Aluminiumlegierung EN AW-
7075-T651

Für die analytische Bestimmung der Rissöffnungsspannung mittels der Funkti-


on nach Newman werden die minimalen und maximalen Spannungen vor der Riss-
spitze aus der elastisch-plastischen FE-Simulation in Abhängigkeit der Risslänge
bestimmt und in die analytische Funktion eingesetzt. Es zeigt sich, dass die Riss-
öffnung vom Kerbradius abhängt. Dieser Effekt ist deutlicher bei den numerisch
bestimmten Rissöffnungsspannungen zu erkennen. Mit Ausnahme des Kerbradius
U = 2 mm nimmt die Rissöffnung ausgehend von einem komplett geöffneten Riss
kontinuierlich zu bis sich ein stationärer Zustand einstellt. Das Risslängeninkre-
ment, das bis zum Erreichen dieses stationären Zustands benötigt wird, steigt mit
zunehmendem Kerbradius. Bei U = 2 mm tritt bereits zu Beginn aufgrund plasti-
scher Deformationen entlang der Kerbe Rissschließen auf.
Im Gegensatz zu den FE-Ergebnissen wird mittels der analytischen Funktion
von Anfang an ein relativ hoher Wert für die Rissöffnungsfunktion bestimmt, der
ebenfalls mit zunehmender Risslänge steigt, bis ein stationärer Zustand in Abhän-
gigkeit der Kerbgeometrie erreicht ist. Der Anstieg ist jedoch wesentlich geringer
ausgeprägt. Obwohl sowohl für die analytische Lösung als auch die Finite-
Element-Analyse ein ebener Spannungszustand angenommen worden ist, sind die
Rissöffnungsspannungen bei der Rissöffnungsfunktion wesentlich höher. Trotz
der mangelnden Abbildung der Rissöffnungsspannung durch die analytische Lö-
sung sind die Ergebnisse der Lebensdauervorhersage jedoch extrem konservativ.
Untersuchungen von Vormwald [259] und Anthes [7] bestätigen ebenfalls die
Konservativität der Lebensdauerprognose mittels des Schädigungsparameters PJ.
Abbildung 5.36 zeigt eine Bewertung der Lebensdauerprognose für einen Kerb-
stab mit einem Kerbfaktor von 2,5 aus dem Stahl StE460 anhand experimenteller
Daten. In dieser Abbildung ist ferner die Auswertung für das Modell FATICA
eingetragen. Es bestätigt sich, dass die Genauigkeit der Lebensdauervorhersage
mittels PJ vom Lastniveau abhängt. Mit abnehmendem Lastniveau wird die Prog-

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182 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

nose deutlich konservativer, was durch die zuvor dargestellten Untersuchungen


nicht bestätigt werden kann.
MiniTwist

ım = 140 MPa Vormwald


ım = 173 MPa FATICA
ım = 226 MPa
ıa,N = 250 MPa
H 0 = 5×105 Lw H 0 = 5,9×10 5 Lw
geradlinig

ıa,N = 300 MPa


ıa,N = 365 MPa
ıa,N = 450 MPa
ıa,N = 240 MPa
ıa,N = 280 MPa
Gauß

ıa,N = 300 MPa


ıa,N = 365 MPa
ıa,N = 200 MPa
H 0 = 10 4 Lw

ıa,N = 240 MPa


Gauß

ıa,N = 300 MPa


ıa,N = 365 MPa StE460
ıa,N = 450 MPa Į k = 2,5

0 1 2 3 4 5
Nexp /N pred

Abb. 5.36: Vergleich der Genauigkeit der Lebensdauerprognosen der Konzepte nach Vormwald
und Anthes (FATICA) für einen Kerbstab (Dk = 2,5) aus dem Stahl StE460 (Ergeb-
nisse aus [7, 259])

Das Modell FATICA liefert bis auf wenige Ausnahmen stets ein geringeres
Verhältnis Nexp/Npred als mittels des Schädigungsparameters PJ, d.h. es werden im
Vergleich zum Schädigungsparameter PJ höhere Lebensdauerwerte prognostiziert.
Dies führt dazu, dass der überwiegende Teil der Vorhersagen mit dem Modell
FATICA nicht-konservativ ist.
Dies gilt in gleicher Weise für einen Kerbstab mit einem Kerbfaktor von 2,5
aus der Aluminiumlegierung AlMg4,5Mn. Das Modell nach Vormwald erzeugt in
diesem Fall bessere Vorhersagen, bei denen die Verhältnisse Nexp/Npred nahe eins
liegen.

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5.5 Konzepte der Rissinitiierung 183

MiniTwist ım = 60 MPa Vormwald


FATICA
ım = 70 MPa
ım = 80 MPa
H 0 = 10 4 Lw H 0 = 5×10 5 Lw

ıa,N = 108 MPa


Gauß

ıa,N = 120 MPa

ıa,N = 150 MPa

ıa,N = 190 MPa


AlMg4,5Mn
Gauß

ıa,N = 218 MPa Į k = 2,5

0 1 2 3 4 5
Nexp /N pred

Abb. 5.37: Vergleich der Genauigkeit der Lebensdauerprognosen der Konzepte nach Vorm-
wald und Anthes (FATICA) für einen Kerbstab (Dk = 2,5) aus der Aluminiumle-
gierung AlMg4,5Mn (Ergebnisse aus [7, 259])

5.5 Konzepte der Rissinitiierung

Zur Bewertung der Spannung, ab der ein Riss initiiert, stehen unterschiedliche
Konzepte zur Verfügung (s. Kap. 3.1). In den Abbildungen 5.38 und 5.39 sind die
Ergebnisse der Schwellenwertkurvenkonzepte nach Kitagawa und Takahashi so-
wie nach El Haddad und des —area-Konzepts nach Murakami für einen halbkreis-
förmigen Oberflächenriss im Werkstoff 34CrNiMo6 in Abhängigkeit des R-
Verhältnisses gegenübergestellt. Zur besseren Vergleichbarkeit wird von der sonst
üblichen doppellogarithmischen Darstellungsform abgewichen.
Bei einem R-Verhältnis von –1 zeigt sich, dass das —area-Konzept bei sehr kur-
zen Risslängen zunächst Schwellspannungen annimmt, die oberhalb der Dauerfes-
tigkeitsgrenze liegen. Danach nimmt die berechnete Spannung deutlich ab und
liegt bis zu einer Risslänge von 0,1 mm unterhalb der Grenzwerte der Schwellen-
wertkurvenkonzepte.
Während das Konzept nach El Haddad gegen den Thresholdwert der Ermü-
dungsrissausbreitung konvergiert, nimmt das —area-Konzept deutlich höhere
Schwellspannungen an. Im Grenzbereich des Gültigkeitskriteriums des —area-
Konzepts liegt die Abweichung bei ca. 60%. Ferner ist zu erkennen, dass das El
Haddad-Kriterium zwar gegen die Dauerfestigkeit konvergiert, aber im Bereich
kurzer Risse deutlich niedrigere Spannungswerte ermittelt, als die Originalform
des Kitagawa-Takahashi-Diagramms.

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184 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

1200
34CrNiMo6
1000 R = -1
a
ı W = 540 MPa
ǻıth [MPa] 800 HV = 350
ǻK th = 11,7 MPam1/2
600

400
Kitagawa/Takahashi
200 ElHaddad
Murakami
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
a [mm]
Abb. 5.38: Vergleich der Rissinitiierungskonzepte für einen halbkreisförmigen Oberflächenriss
bei einem R-Verhältnis von –1 für den Werkstoff 34CrNiMo6

Abbildung 5.39 zeigt den Vergleich eines Oberflächenrisses im Stahl


34CrNiMo6 für ein R-Verhältnis von 0,1 und einer modifizierten Form des —area-
Konzepts. Murakami entwickelte ursprünglich die Schwellwertermittlung für eine
wechselnde Belastung und bestimmte daraus eine Wechselfestigkeit. Später erwei-
terte er das Konzept um den Mittelspannungseinfluss (s. Gl. (3.30)).
1200
Kitagawa/Takahashi 34CrNiMo6
1000 ElHaddad R = 0,1
Murakami mod. ı D = 301,4 MPa
800 HV = 350
ǻıth [MPa]

ǻK th = 7,2 MPam1/2
600
a
400

200

0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
a [mm]
Abb. 5.39: Vergleich der Rissinitiierungskonzepte für einen halbkreisförmigen Oberflächenriss
bei einem R-Verhältnis von 0,1 für den Werkstoff 34CrNiMo6

Das Ergebnis bleibt laut Aussage von Murakami eine Spannungsamplitude. Da


dieser Ansatz jedoch die Dauerfestigkeit des Werkstoffs deutlich überschätzt, ist
in Abb. 5.39 der mit dem —area-Konzept berechnete Wert als Schwingbreite der
Spannung angenommen worden. Dabei zeigt sich nun, dass einerseits die Schwell-
spannung bei langen Rissen gegen den Thresholdwert der Ermüdungsrissausbrei-

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5.5 Konzepte der Rissinitiierung 185

tung konvergiert und andererseits die Dauerfestigkeit angemessen wiedergegeben


wird. Über den gesamten Kurzrisswachstumsbereich wird dadurch allerdings eine
Spannung ermittelt, die im Vergleich zu den Schwellwertkurvenkonzepten deut-
lich niedriger ist.
Um diesen Sachverhalt hinsichtlich des Werkstoffeinflusses zu überprüfen,
sind in Abb. 5.40 die Konzepte für die Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651
ebenfalls für ein R-Verhältnis von 0,1 gegenübergestellt. Obwohl die Dauerfestig-
keit sehr gut wiedergegeben wird, ergibt sich durch die modifizierte Form des
—area-Konzepts bei langen Rissen eine höhere Spannung, als es der Threshold-
wert vorgibt.
400
Kitagawa/Takahashi EN AW-7075-T651
350
R = 0,1
ElHaddad
300 ı D = 110 MPa
Murakami mod. HV = 185
250
ǻıth [MPa]

ǻK th = 3,1 MPam1/2
200
150
100
a
50
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
a [mm]
Abb. 5.40: Vergleich der Rissinitiierungskonzepte für einen halbkreisförmigen Oberflächenriss
bei einem R-Verhältnis von 0,1 für die Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651

Ein alternatives Verfahren zur Beurteilung der Rissinitiierung stellt das Kon-
zept des kritischen Abstands dar. Zur Ermittlung der Schwellwerte werden nume-
rische Simulationen eines umlaufenden Risses in einer gekerbten Rundprobe ver-
wendet (vgl. Kap. 5.2). Mittels der Punkt-Methode ergeben sich im Abstand a0/2
vor der Kerbe bzw. der tiefsten Stelle des Risses die Schwellspannungen. Für die
Bestimmung der mittleren Spannung unter Verwendung der Linienmethode ist
nach jedem Risserweiterungsschritt eine polynomische Ausgleichsfunktion 4.
Grades für die elastischen Spannungswerte in radialer Richtung ermittelt worden,
die dann über einen Bereich von 0 bis 2a0 integriert wird. Beispielhaft ist in Abb.
5.41 die Spannungsverteilung für eine Risstiefe a von 0,09 mm dargestellt.
Im Fall des Stahls 34CrNiMo6 ergibt sich für den El Haddad-Parameter a0 ein
Wert von 0,03 mm. Die Ergebnisse der Punkt- bzw. Linienmethode des Konzepts
des kritischen Abstands sind Abb. 5.42 zu entnehmen.

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186 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

2000
34CrNiMo6
1500 gekerbte Rundprobe
a = 0,09 mm
ı11 [MPa]
1000

500
Rissspitze

0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
Abstand r [mm]
Abb. 5.41: Elastische Spannungsverteilung in radialer Richtung vor der Rissspitze eines Ober-
flächenrisses der Tiefe 0,09 mm

Diese Untersuchungen zeigen, dass nicht nur zwischen der Auswertung der
Schwellspannung mittels der Linien- und der Flächenmethode 10 % Differenz
sind (s. Kap. 3.1.2), sondern auch zwischen der Punkt- und Linienmethode. Die
Linienmethode liefert ca. 10% höhere Spannungswerte als die Punkt-Methode.
300

250
ǻıth [MPa]

200

150

100 Punkt-Methode
Linien-Methode
50
Linien-Methode (90%)
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
Risslänge a [mm]
Abb. 5.42: Vergleich der Punkt- und Linienmethode zur Ermittlung der Schwellenwerte nach
dem Konzept des kritischen Abstands für einen umlaufenden Riss

Das Konzept des kritischen Abstands kann zwar direkt bei der Berechnung
komplexer Strukturen aufbauend auf einer elastischen Finite-Elemente-Analyse
angewendet werden, nachteilig ist jedoch, dass die Vernetzung im kritischen Be-
reich extrem fein sein muss, um im Bereich des El Haddad-Parameters mittels der
Punkt-Methode auswerten zu können. Um den relativ hohen Rechenaufwand bei
einer derart feinen Vernetzung zu verkürzen, ist die Submodelltechnik einzuset-
zen. Die Submodelltechnik ist dadurch gekennzeichnet, dass aufbauend auf einer
Simulation mit einem gröberen Finite-Elemente-Netz eine Anschlussrechnung für

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5.5 Konzepte der Rissinitiierung 187

einen kleinen Bereich des Bauteils mit feinerer Vernetzung durchgeführt werden
kann, indem die Ergebnisse der ersten Simulation auf das Submodell übertragen
werden. Eine Anwendung der Linien-Methode stellt dazu eine Alternative dar.
Anstelle eines umlaufenden Risses werden außerdem numerische Simulationen
eines halbkreisförmigen Oberflächenanrisses durchgeführt, um die Zuverlässigkeit
des Konzepts zu prüfen. Dazu wird an unterschiedlichen Stellen vor der Rissfront
und an der Kerbe mittels des Konzepts der kritischen Distanz ausgewertet (Abb.
5.43). Zudem wird der Einfluss des Auswerteabstands untersucht. Die Ergebnisse
in Abhängigkeit der Risstiefe a sind in Abb. 5.43 dargestellt. Bei einer Auswer-
tung im konzeptkonformen Abstand a0/2 vor der tiefsten Stelle des Risses steigt
die Schwellspannung nach 0,03 mm Risswachstum leicht an, stagniert dann aber.
Mit zunehmendem Abstand vor dem Riss ist einerseits eine Zunahme der Schwell-
spannung zu erkennen und andererseits ein deutlicher Anstieg der Schwellspan-
nung über ein Risswachstum von 0,2 mm zu verzeichnen. Die Grenzspannungen
an der oberflächennahen Seite des Risses weisen hingegen wesentlich geringere
Werte auf, die zudem mit zunehmender Risslänge sinken.

Riss a (a0 /2) Riss a (a0 ) Riss a (2a0 )


Riss c (a0 /2) Kerbe
500
450 Riss a
400 2a0
350 a0
ǻıth [MPa]

300 a0 /2
250

a
200
150 c
Kerbe Riss c
100 a0 /2
50
0
0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5
a [mm]
Abb. 5.43: Schwellenwerte nach dem Konzept des kritischen Abstands für einen halbkreisför-
migen Oberflächenriss in Abhängigkeit des Auswerteabstands und -orts

Als Referenzlinie ist die Auswertung im radialen Abstand a0/2 von der Um-
laufkerbe in Abb. 5.43 eingetragen. Daraus wird ersichtlich, dass der Riss das
halbkreisförmige Wachstum, so wie es in der numerischen Simulation angenom-
men worden ist, nicht weiter fortsetzt. Entsprechend der Auswertung der Schwell-
spannung wird der Riss eher in Umfangsrichtung weiterwachsen, da dort die
Schwellspannungen am niedrigsten sind. Dies deckt sich in der Form auch mit
bruchmechanischen Auswertungen.

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188 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

5.6 Bruchmechanische Konzepte

Die Lebensdauervorhersage auf bruchmechanischer Basis ist sehr stark von der
Rissfortschrittskurve und insbesondere vom Thresholdwert abhängig. Deshalb
werden im folgenden Abschnitt zunächst einige Einflussgrößen bei der Thres-
holdwertbestimmung untersucht, bevor die Zuverlässigkeit unterschiedlicher Riss-
fortschrittskonzepte bei Betriebsbelastung dargestellt wird. Die Untersuchung der
Rissfortschrittskonzepte ist nur auf wenige Belastungs-Zeit-Funktionen und Kon-
zepte beschränkt. Eine ausführliche Beschreibung des Einflusses unterschiedlicher
Parameter ist beispielsweise in [215, 216, 233] zu finden.

5.6.1 Problematik der Thresholdwertbestimmung

Wie in Kap. 2.5.3.2 dargestellt, werden in der Literatur zahlreiche Methoden und
Konzepte zur Bestimmung des Thresholdwertes der Ermüdungsrissausbreitung
vorgeschlagen. Die ASTM empfiehlt eine exponentielle Absenkung der Span-
nungsintensität ausgehend von einem initialen Wert Kmax,0 mit einer Absenkrate
CASTM. Da in der ASTM E 647 keine Angaben bezüglich der Wahl des initalen
Spannungintensitätsfaktors vorhanden sind, soll im Folgenden der Einfluss dieses
Werts auf den Schwellenwert untersucht werden. Ferner soll auch die Wirkung ei-
ner linearen oder exponentiellen Absenkung sowie der entsprechenden Absenkra-
ten auf den Thresholdwert bei unterschiedlichen Spannungsverhältnissen über-
prüft werden. Zum Einsatz kommen einerseits der Stahl 42CrMo4 und die
Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651.
a) 12 b) 12
11 R = 0,1 11
R = 0,5
10 10
9 9
ǻKth [MPam1/2]

ǻKth [MPam1/2]

8 8
7 7
6 6
5 5
4 4
3 3
2 42CrMo4 2 R = 0,1
1 K max,0 = 37,95 MPam1/2 1 R = 0,5 42CrMo4
0 0
-0,2 -0,15 -0,1 -0,05 0 -40 -30 -20
-1 5/2
CASTM [mm ] C FAM [N/mm ]

Abb. 5.44: Thresholdwerte für den Stahl 42CrMo4 in Abhängigkeit


a) der Absenkrate CASTM (exponentielle Absenkung)
b) der Absenkrate CFAM (lineare Absenkung)

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5.6 Bruchmechanische Konzepte 189

Abbildung 5.44 zeigt die Abhängigkeit der ermittelten Thresholdwerte von der
Wahl der Absenkmethode für den Stahl 42CrMo4. Bei einer exponentiellen Ab-
senkung der Spannungsintensität (Abb. 5.44a) fällt auf, dass mit zunehmender
Absenkrate bei einem R-Verhältnis von 0,1 tendenziell die Thresholdwerte stei-
gen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund bedeutend, da die Thresholdwerte
lediglich bei Absenkraten größer als -0,08 mm-1 Gültigkeit besitzen, d.h. es wer-
den höhere und damit nicht-konservative Thresholdwerte für die Auslegung ver-
wendet. Im Unterschied zur ASTM-Norm zeigen Untersuchungen von Sheldon et
al. [229] oder Clark et al. [39], dass sehr viel kleinere Absenkraten von beispiels-
weise CASTM = -0,8 mm-1 bei einer exponentiellen Absenkung zu gültigen Thres-
holdwerten führen.

Tabelle 5.10: Mittlere Thresholdwerte und Standardabweichungen in Abhängigkeit des Absenk-


verfahrens und der Absenkrate für den Stahl 42CrMo4 und ein R-Verhältnis von
0,1

Exponentielle Absenkung Lineare Absenkung


CASTM 'Kth (Mittel) Standard- CFAM 'Kth (Mittel) Standard-
abweichung abweichung
-1 1/2 1/2 5/2 1/2 1/2
[mm ] [MPam ] [MPam ] [N/mm ] [MPam ] [MPam ]

-0,04 9,93 0,72 -16,8 8,93 0,30


-0,08 9,95 0,97 -24 9,62 0,24
-0,1 9,25 0,91 -28,8 9,63 0,28
-0,15 8,77 0,47 -36 9,22 0,39

Gleichzeitig ist im Vergleich zu einer linearen Absenkung (Abb. 5.44b) festzu-


stellen, dass die Streuung insbesondere bei einem R-Verhältnis von 0,1 deutlich
erhöht ist. Bei einer exponentiellen Lastabsenkung kommt es hier zu Standardab-
weichungen von bis zu 0,97 MPam1/2, während bei einer linearen Absenkung eine
maximale Standardabweichung von 0,39 MPam1/2 auftritt (Tabelle 5.10). Diese
großen Streuungen bei kleinen Spannungsverhältnissen bestätigen beispielsweise
auch Pippan et al. [181] für die Aluminiumlegierung 7020-T5 und Sheldon et al.
[229] für die Titanlegierung Ti-6Al-4V.
Der Einfluss der Absenkrate ist bei höheren R-Verhältnissen nicht so deutlich
ausgeprägt. Untersuchungen bezüglich des Absenkverfahrens an der hochfesten
Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651 zeigen eine ähnliche Abhängigkeit der
Thresholdwerte von der Absenkrate CASTM der exponentiellen Lastabsenkung
(Abb. 5.45).
Untersuchungen des Einflusses der initialen maximalen Spannungsintenstität
Kmax,0 bei einer linearen Absenkung zeigen keinen eindeutigen funktionellen Zu-
sammenhang zwischen 'Kth des Stahls 42CrMo4 und Kmax,0 (Abb. 5.46a).

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190 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

a) 12 b) 12
11 R = 0,1 11 R = 0,1
10 10 R = 0,5
EN AW-7075-T651
9 9
Kmax,0 = 22,14 MPam1/2 EN AW-7075-T651
ǻKth [MPam1/2]

ǻKth [MPam1/2]
8 8 Kmax,0 = 22,14 MPam1/2
7 7
6 6
5 5
4 4
3 3
2 2
1 1
0 0
-0,2 -0,15 -0,1 -0,05 0 -30 -20 -10 0
CASTM [mm ] -1 C FAM [N/mm5/2 ]

Abb. 5.45 Thresholdwerte für die hochfeste Aluminiumlegierung EN AW-7075-T651 in Ab-


hängigkeit
a) der Absenkrate CASTM (exponentielle Absenkung)
b) der Absenkrate CFAM (lineare Absenkung)

Bei einer exponentiellen Absenkung der Last konnten Sheldon et al. [229] hin-
gegen bei der Titanlegierung Ti-6Al-4V einen Zusammenhang zwischen dem
Thresholdwert und der initialen Spannungsinentsität insbesondere bei sehr hohen
Kmax,0-Werten nachweisen.

a) 12 b) 12
11 11 C = -0,39 mm -1
10 10 C = -0,79 mm -1
9 9 C = -1,18 mm -1
ǻKth [MPam1/2]

ǻKth [MPam1/2]

8 8
7 7
6 6
5 5
4 4
3 3
2 R = 0,1 2 Ti-6Al-4V
1 R = 0,5 42CrMo4 1 Daten aus [229]
0 0
0 10 20 30 40 50 0 10 20 30 40 50
K max,0 [MPam1/2] Kmax,0 [MPam1/2]

Abb. 5.46: Einfluss des initialen maximalen Spannungsintensitätsfaktors Kmax,0


a) bei einer linearen Lastabsenkung auf den Thresholdwert von 42CrMo4 für
R = 0,1 und 0,5
b) bei einer exponentiellen Lastabsenkung auf den Thresholdwert von Ti-6Al-4V
für R = 0,1 (Daten aus [229])

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5.6 Bruchmechanische Konzepte 191

Aus Abb. 5.46b wird außerdem deutlich, dass die Wahl der maximalen Span-
nungsintensität und der Absenkrate nicht unabhängig voneinander sind. Hohe
Lastabsenkraten führen bei gleichzeitig hohen initialen maximalen Spannungsin-
tensitätsfaktoren zu höheren Thresholdwerten als bei niedrigen Kmax,0-Werten.
Dies kann mit der anfänglich großen Plastifizierung, durch die der Riss zunächst
sehr stark beeinflusst wird, begründet werden [136, 161, 229]. Bei einer geringe-
ren Absenkrate wird der Thresholdwert außerhalb der primär plastischen Zone der
hohen Anfangsspannungsintensität bestimmt.

5.6.2 Rissfortschrittskonzepte

Zur Beschreibung der Rissfortschrittskurve wird sehr häufig die NASGRO-


Gleichung (vgl. Kap. 2.5.4.1) verwendet, die Rissschließen über die Rissöffnungs-
funktion nach Newman berücksichtigt. Zur Untersuchung und Überprüfung dieser
analytischen Funktion werden in ähnlicher Weise wie bei der Untersuchung des
Rissschließverhaltens kurzer Risse (vgl. Abb. 5.35) elastisch-plastische Finite-
Elemente-Untersuchungen an CTS-Proben aus der Aluminiumlegierung EN AW-
7075-T651 durchgeführt [216]. Abbildung 5.47 zeigt den Vergleich der analytisch
und numerisch bestimmten Rissöffnung anhand des Verhältnisses der Rissöff-
nungsspannungsintensität Kop und der maximalen Spannungsintensität Kmax.

1
Newman (Į =1,9)
0,8 Newman (ESZ)
Newman (EVZ)
Kop /Kmax

0,6 FE-Analyse (ESZ)

0,4

0,2

0
-1 -0,5 0 0,5 1
R
Abb. 5.47: Vergleich analytischer und numerischer Rissöffnungsberechnungen in Abhängigkeit
des Spannungsverhältnisses anhand der Beziehung von Kop zu Kmax bei einer Belas-
tung mit konstanter Amplitude [216]

Es wird deutlich, dass die Rissöffnungsspannungen bzw. die Rissöffnungs-


spannungsintensitätsfaktoren durch die analytische Lösung im Vergleich zu den
numerischen Ergebnissen deutlich überschätzt werden. Obwohl die Finite-
Elemente-Analyse unter den Bedingungen des ebenen Spannungszustandes (ESZ)

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192 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

durchgeführt worden ist, bildet die analytische Lösung für den ebenen Verzer-
rungszustand (EVZ) die Rissöffnungsspannungen am besten ab.
Dennoch ist die Vorhersage der Restlebensdauer von Bauteilen und Strukturen
bei einer Belastung mit konstanter Amplitude mit den Methoden aus Kap. 2.5.4.1
sehr zuverlässig und zumeist auf der sicheren Seite. Hingegen beinhalten die Le-
bensdauerprognosen von Bauteilen unter Betriebsbelastungen ein hohes Potential
an Unsicherheiten. Exemplarisch ist in den Abb. 5.48 und 5.49 die Zuverlässigkeit
unterschiedlicher Methoden für verschiedene Lastspektren zusammengefasst. Bei
den extremen Belastungsbedingungen einer Überlast bzw. einer Blocklast, die üb-
licherweise extrem konservative Ergebnisse ergeben, führen nahezu alle Konzepte
bis auf das Fließstreifenmodell (Strip Yield) zu nicht-konservativen Ergebnissen
(Abb. 5.48).
Dies liegt daran, dass die Anpassung des Rissfortschrittsgesetzes an die doppel-
S-förmige Kurve der Aluminiumlegierung nur schlecht möglich ist. Zumeist wird
ein Mittelwert verwendet, der jedoch die Risswachstumsrate in Teilen unter- und
in anderen Teilen überschätzt. In dieser Simulation ist genau eine Belastung ge-
wählt worden, bei der die Rissgeschwindigkeit in großen Teilen unterschätzt wird,
so dass insgesamt eine nicht-konservative Vorhersage erzielt wird.
Dies bedeutet aber auch, dass die Zuverlässigkeit nicht nur vom Rissfort-
schrittskonzept, sondern auch von der Anpassung der Rissfortschrittskurve durch
geeignete Gesetze abhängt. Die Vorhersage mittels des Fließstreifenmodells er-
folgt mittels einer da/dN-'Keff-Kurve, die die Funktion der Aluminiumlegierung
besser abbildet. Jedoch führt das Fließstreifenmodell bei fast allen verwendeten
Lastspektren zu konservativen Ergebnissen.

1,6 lineare Schadensakkumulation verallg. Willenborg


of
Strip Yield (NASA) konst. Rissschließmodell
1,4

1,2
N pred /N exp

0,8

0,6
Fmin = konst. Fmin = konst. 'F = konst. 'F = konst.
0,4

0,2

0
Überlast Blocklast
( Rol = 2,2) ( R block= 1,5) ( R block= 1,5) ( R block= 2,0) ( R block= 2,0)

Abb. 5.48: Zuverlässigkeit unterschiedlicher Rissfortschrittskonzepte bei Über- und Blocklasten

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5.6 Bruchmechanische Konzepte 193

1,6
lineare Schadensakkumulation
1,4 verallg. Willenborg
Strip Yield (NASA)
1,2 konst. Rissschließmodell

N pred /N exp
1

0,8

0,6

0,4

0,2

0
CARLOS/v FELIX/28 WISPER
Abb. 5.49: Zuverlässigkeit unterschiedlicher Rissfortschrittskonzepte bei Betriebsbelastungen

Weiterhin hängt die Qualität der Aussage auch vom Lastspektrum ab. Während
sich gute Ergebnisse beim Standardlastspektrum FELIX/28 insbesondere unter
Verwendung des Fließstreifenmodells und des verallgemeinerten Willenborg-
Modells einstellen, ist die Vorhersage bei CARLOS/v extrem konservativ.
Es zeigt sich auch, dass die lineare Schadensakkumulation sowie das Modell
mit einem konstanten Rissschließfaktor für die Lebensdauerprognose von Be-
triebsbelastungen weniger geeignet sind.

5.6.3 Festlegung von Inspektionsintervallen

Die Festlegung von Inspektionsintervallen kann nur durch bruchmechanische Me-


thoden erfolgen, die ausgehend von einem detektierbaren Fehler die Restlebens-
dauer des Bauteils, der Maschine oder der Verkehrsmittels bestimmen. Allerdings
hängt die zu detektierende Fehlergröße entscheidend vom verwendeten Verfahren
der zerstörungsfreien Prüfung, wie z.B. Sichtprüfung, Magnetpulverprüfung, Ult-
raschallprüfung und Wirbelstromprüfung, ab.
Die Verfahren der zerstörungsfreien Prüfung weisen unterschiedliche Grund-
empfindlichkeit auf, die neben physikalischen Grundlagen des Prüfverfahrens von
der Bauteilgeometrie, dem Oberflächenzustand, der Zugänglichkeit der Prüffläche
und der gewählten Prüftechnologie abhängt [86]. Die Wahrscheinlichkeit des
Nachweises eines Fehlers in Abhängigkeit der Fehlergröße wird in einem soge-
nannten POD (probability of detection)-Diagramm dargestellt (Abb. 5.50). Die
Wahrscheinlichkeit des Auffindens eines Risses steigt unabhängig vom angewen-
deten Verfahren von Inspektion zu Inspektion, wenn der Riss zwischenzeitlich
wächst.

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194 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

Entdeckungswahrscheinlichkeit POD

1,0

0,8

0,6 Zerstörungsfreies Prüfverfahren:


Magnetpulverprüfung
0,4
Wirbelstromprüfung
Ultraschallprüfung
0,2 (großer Schallwinkel)
Ultraschallprüfung
(Endschall)
0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20
Risstiefe [mm]
Abb. 5.50: Entdeckungswahrscheinlichkeit in Abhängigkeit der Risstiefe unterschiedlicher
Verfahren der zerstörungsfreien Prüfung – POD-Diagramm [24]

Vasudevan et al. [257] gehen davon aus, dass die kleinste anzunehmende Riss-
länge nicht die kleinste Fehlergröße ist, die durch zerstörungsfreie Prüfverfahren
detektiert werden kann, sondern der größte Fehler, der während einer Inspektion
übersehen wird.
60
adet == 2,0
adet mm
2,0mm
50
adet == 1,5
adet mm
1,5mm
Risstiefe a [mm]

40

30
Inspektionsintervalle
20

10

0
0 1 2 3 4 5
normierte Strecke
Abb. 5.51: Einfluss der detektierbaren Fehlergröße auf die Festlegung von Inspektionsinterval-
len

Abbildung 5.51 zeigt den Einfluss der detektierbaren Fehlergröße adet auf die
Lebensdauervorhersage und damit die Festlegung der Inspektionsintervalle durch
Risswachstumssimulationen einer Eisenbahnradsatzwelle mit einer gemessenen

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5.6 Bruchmechanische Konzepte 195

Beanspruchungs-Zeit-Funktion. Durch die Reduzierung der detektierbaren Fehler-


größe von 2,0 mm auf 1,5 mm, kann die vorhergesagte Restlebensdauer auf mehr
als das Vierfache erhöht werden. Die Festlegung der Inspektionsintervalle erfolgt
so, dass die letzte Inspektion mit einem Sicherheitsabstand zur Instabilität des Ris-
ses erfolgt. Aus sicherheitstechnischen Gründen sind davor jedoch zwei weitere
Inspektionen vorzusehen, da während dieser Inspektionen Fehler übersehen wer-
den können. Wird eine Anfangsfehlergröße adet = 2 mm angenommen, ergeben
sich auf der Grundlage dieses Konzepts die in Abb. 5.51 dargestellten Inspektions-
intervalle. Durch die Reduzierung der Anfangsrisslänge ist eine deutliche Verlän-
gerung der kostenintensiven Inspektionsintervalle bei gleicher Sicherheit möglich.
a)
a

adet Nachweisgrenze
Sicherheits-
ai faktor

Inspektions- N
intervall

b) a 1%
a krit
99%
p th
a det

N0 Inspektions- N end N
intervall
Abb. 5.52: Bestimmung des Inspektionsintervalls
a) nach dem Konzept der äquivalenten Größe des Anfangsdefekts (Equivalent Inital
Flaw Size)
b) nach dem stochastischen Lebensdauer-Ansatz (Stochastic Life Approach) nach
Grooteman (nach [77])

Dieses Verfahren stellt eine konservative Festlegung der Inspektionsintervalle


dar. In der Luftfahrt wird aus ökonomischen Überlegungen der optimalen Ausnut-

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196 5 Bewertung, Vergleich und Anwendung der Konzepte

zung des Werkstoffs das Konzept der äquivalenten Größe des Anfangsdefekts (E-
quivalent Inital Flaw Size) angewendet. Es geht ebenfalls davon aus, dass auf der
Grundlage entweder von experimentellen Daten oder aber von Daten aus der In-
spektionspraxis die Risslängenveränderung über der Lebensdauer bekannt ist.
Dieser Verlauf ist jedoch erst ab der entsprechenden Nachweisgrenze der Risstiefe
adet und der zugehörigen Lebensdauer bekannt. Mit dem „Equivalent Inital Flaw
Size“-Konzept wird nun mittels bruchmechanischer Konzepte die Risswachs-
tumskurve auf den Beginn des Einsatzes extrapoliert (Abb. 5.52a).
Daraus ergibt sich die Anfangsdefektgröße ai. Unter Berücksichtigung eines
gewissen Sicherheitsfaktors können dann die Inspektionsintervalle definiert wer-
den, wobei die Intervalle äquidistant oder aber variabel gewählt werden können.
Darüber hinaus existieren Konzepte der stochastischen Lebensdauer (Stochastic
Life Approach) [77]. Sie bauen auf der Streuung der Ergebnisse aufgrund z.B. der
Streuung der Werkstoff- oder der Belastungsdaten, auf. Dabei wird nun nicht ein
definierter Sicherheitsfaktor, sondern eine statistische Verteilung, angesetzt (Abb.
5.52b). Die statistische Verteilung des Versagensfalls ist die Basis dieses Verfah-
rens, die auf der Grundlage von Erfahrungswerten erstellt wird. Im Entwicklungs-
stadium eines neuen Produkts ist diese Verteilung unbekannt, so dass zunächst
durch eine limitierte Anzahl von Experimenten und den Erfahrungen mit ähnli-
chen Konstruktionen eine konservative statistische Verteilung des Versagensfalls
abgeschätzt werden muss. Diese kann dann im Laufe des Betriebs entsprechend
der aktuellen Ergebnisse angepasst werden. Aufbauend auf der statistischen Ver-
teilung des Versagens eines Bauteils wird das Risswachstum extrapoliert bis zur
Nachweisgrenze adet der Verfahren der zerstörungsfreien Prüfung, welches erneut
zu einer statistischen Verteilung führt. Diese Verteilung beschreibt die Lebens-
dauer, die benötigt wird, damit ein Riss der Länge adet mit einer gewissen Wahr-
scheinlichkeit wächst. Der Anfangszeitpunkt N0 einer Inspektion ist definiert
durch die Wahrscheinlichkeit pth, ab der ein gewisser Prozentsatz der Risse
wächst. Bis zu diesem Anfangszeitpunkt wird das Risswachstumsverhalten extra-
poliert. Im letzten Schritt wird eine Simulation des Risswachstums beginnend
beim Anfangszeitpunkt durchgeführt, wobei entsprechende Inspektionsintervalle
vorgegeben werden. Auf der Basis dieser Simulationen kann dann ein Wahr-
scheinlichkeitswert ermittelt werden, der mit einem festgelegten Grenzwert zu
vergleichen ist. Wird der Grenzwert überschritten sind die Simulationen mit ver-
änderten Inspektionsintervallen erneut durchzuführen.
Unabhängig vom verwendeten Modell sind bei der Festlegung der Inspektions-
intervalle sowohl Sicherheits- als auch Kostenaspekte zu berücksichtigen. Aus Si-
cherheitsgründen sollten die Vorhersagen, die für die Bestimmung der Intervalle
verwendet werden, konservativ sein. Aus ökonomischen Überlegungen sollten die
Intervalle so gewählt werden, dass der Werkstoff optimal ausgenutzt wird.

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Sachwortverzeichnis

A - qualitative Analyse 8
- quantitative Analyse 8
Abgrenzungsverfahren 19 - Simulation 9
Additionsmodell 120 - Standardlastspektrum 11, 152
äquivalente Verzerrungsenergiedichte 42 Bereichspaar-Mittelwert-Zählung 12
Äquivalentspannungsamplitude 37 Beschleunigungseffekt 71
Äquivalentspannungsansatz 37 Betriebsfestigkeit 3, 79
Amplitudentransformation 28 Betriebslastmessung 9
Anisotropiefaktor 15 bezogenes Spannungsgefälle 24
Anrisslänge 160 bilineare Schädigungsregel 35
Anrisslebensdauer 45, 117, 151 - Schnittpunkt 36
Anrissschwingspielzahl 16, 173, 176 Blockbelastung 71
Anrisswöhlerlinie 173, 176 Bruchmechanik 3, 5, 47, 79, 144
- , elastisch-plastische 49
—area-Konzept 98, 134, 183
- , linear-elastische 49
- Grenzen 100
bruchmechanische Stützwirkung 24
Atzori-Lazzarin-Diagramm 91
Bruchschwingspielzahl 16
Ausfallwahrscheinlichkeit 18, 27
Bruchwöhlerlinie 173

B
C
Bauteil-Fließkurve 41
Chaboche-Modell 157
Beanspruchung 8, 10
Coffin-Manson-Ansatz 26
- , mehrachsige 15, 117
Constraint Faktor 63, 76, 117
Beanspruchungs-Zeit-Funktion 8
Corten-Dolan-Modell 31
Belastung
C-Parameter-Konzept 30
- , konstante 7
CTN-Probe 148
- , ruhende 7
CTOD s. Rissöffnungsverschiebung
- , schwellende 7
CT-Probe 148
- , stoßartige 7
Cycle-by-cycle-Analyse 71
- , wechselnde 7
- , zyklische 7
Belastungs-Zeit-Funktion 7 D
- Abschätzung 9
- Ermittlung 8 Damage Curve s. Schadenskurve
- Extrapolation 9 Damage-tolerant-Konzept 1

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212 Sachwortverzeichnis

Damage-Curve-Ansatz s. Schadens- einparametrische Zählverfahren 10


kurvenkonzept Einsatzprofil 8
Dauerfestigkeit 16 El Haddad-Parameter 85, 158
Dauerfestigkeitskennwert 15, 21 elastische Dehnungsamplitude 26
- Abschätzung 100 elastisch-plastische Beanspruchung
- Ermittlung 19 - Ermittlung 39
- Mittelspannung 21 - ESED-Konzept 42
Dauerfestigkeitsnachweis 15, 23 - Neuber-Regel 39
- Eigenspannungsfaktor 24 - Seeger/Beste-Formel 41
- Größenbeiwert 23 elastisch-plastische Bruchmechanik 49
- Größeneinfluss 24 elastisch-plastische örtliche
- Oberflächenbeiwert 23 Beanspruchung 39
- Randschichtfaktor 24 EPBM s. elastisch-plastische
- Rauheitsfaktor 24 Bruchmechanik
- Schutzschichtfaktor 24 Equivalent Inital Flaw Size-Konzept 196
- Sicherheitsfaktor 23 Erdogan/Ratwani-Gesetz 67
- zulässige Spannungsamplitude 23 Ermüdung 15
Dauerfestigkeitsschaubild 21 Ermüdungslebensdauerkarte 124
Dehnung Ermüdungsrissausbreitungsversuch 149
- , effektive zyklische 112 - Kurzrisswachstum 150
- Rissöffnungsdehnung 112 - Langrisswachstum 150
- Rissschließungsdehnung 113 Ermüdungsrissentstehung s.
Dehnungsamplitude Rissinitiierung
- , elastische 26 Ermüdungsrisswachstum 3, 50
- , plastische 26 Ermüdungsrisswiderstandskurve 94
- , totale 26 Ersatzstrukturlänge 92
Dehnungsintensitätsfaktor 84, 119 erweiterte Neuber-Regel 41
Dehnungskerbfaktor 40 ESED-Konzept 42
Dehnungswöhlerlinie 26 Experimente
- Ausfallwahrscheinlichkeit 27 - Lebensdauerlinie 152, 165
- statistische Auswertung 27 - Rissfortschrittswöhlerlinie 154
detektierbarer Fehler 193 - Wöhlerlinie 152
deterministische Belastung 7 Extrapolation 9
Double-Damage-Curve-Ansatz 34 Extremwertzählung 11
Druckfestigkeitsfaktor 15
Druckschwellbelastung 7 F
Dugdale-Modell 75
- modifiziertes 75
Durchläufer 152 Fail-Safe-Kriterium 2
FAM
Control 149
FAM
Wöhler 149
E FATICA 118
Fehlstellenmodell 24
effektiver zyklischer Spannungsintensitäts- feinkörniges Gebiet 133
faktor 54, 73, 74, 77, 121 fertigungsbedingter Größeneinfluss 24
- , elastisch-plastischer 106 Festigkeitsnachweis
effektives zyklisches J-Integral 112, 121 - Dauerfestigkeitsnachweis 15, 23
Eigengewicht 7 - , statischer 14
Eigenrisslänge 85 fish-eye-Initiierung 79, 132
Eigenspannung 56 Fließstreifenmodelle 74, 106, 192
Eigenspannungsfaktor 24 Fließzonenmodelle 72
Eigenspannungsintensitätsfaktor 56, 69, Forman/Mettu-Gleichung 67
73, 111 Formzahl s. Kerbfaktor

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Sachwortverzeichnis 213

FRANC/FAM 149 Inspektionslastspielzahl 70


Freudenthal-Heller-Ansatz 31 Inspektionsrisslänge 70
Frost-Diagramm 84 instabile Rissausbreitung 49, 57
- Grenzkerbfaktor 84, 90
fundamentale Thresholdkurve 69 J
G J-Integral 49, 112
- , effektives zyklisches 112, 121
GBF s. optisch dunkles Gebiet
Geometriefaktor 48 K
Geometriefunktion 149
Gesamtlebensdauer 2, 124
Gesamtlebensdauerkonzepte 124 Kalibrierkurve 150
- Ermüdungslebensdauerkarte 124 Kerbe 84, 139
- Rissfortschrittswöhlerlinie 128 Kerbfaktor 15, 39, 84, 90
geschlossene Hysterese 13 - Dehnungskerbfaktor 40
Gestaltänderungsenergiehypothese 15 - Grenzkerbfaktor 90
Gleichstrompotentialmethode 150 - Spannungskerbfaktor 15, 39, 84, 90
globale Analyse 71 Kerbfaktordiagramm 15
Goodmann-Gerade 23 Kerbgrundbeanspruchungskonzepte s.
Grenzkerbfaktor 84, 90 örtliche Konzepte
Grenzkurven-Theorie 32 Kerbgrund-Konzept s. örtliche Konzepte
Größenbeiwert 15, 23 Kerbspannung 39
Größeneinfluss Kerbspannungsintensitätsfaktor 88
- , fertigungsbedingter 24 Kerbwirkungszahl 24, 41, 90, 139
- , oberflächentechnischer 24 Kitagawa-Takahashi-Diagramm 84, 96
- , spannungsbedingter 24 - verallgemeinertes 88, 125
- , spannungsmechanischer 24 Klassengrenzenüberschreitungszählung 11
- , statistischer 24 Klassierverfahren 10
- , technologischer 24 Kollektiv 11
- , werkstoffbedingter 24 Kollektivumfang 11
Kombinationsverfahren 19
konstante Belastung 7
H kritische Schnittebene 123
kritischer Abstand 92, 185
Haigh-Diagramm 21, 97 - Ebenenmethode 93
Halbmatrix 13 - Linienmethode 93, 185
Häufigkeitsverteilung 11 - Punktmethode 93, 185
High-cylce fatigue 79 - Volumenmethode 93
Horizontprüfung 19 kurzer Riss
Hysterese - anomales Verhalten 82
- geschlossene 13 - , mechanisch 80, 82
- , mikrostrukturell 80
I - , physikalisch 80, 82
- Risswachstumsrate 80, 102, 142, 150
- Übergangsrisslänge 143
inhärente Schädigungszone 92 - Verzögerung 81
Initiierungslebensdauer 124 Kurzrissverhalten 82
Inspektionsintervall 6, 193 Kurzrisswachstum
- Equivalent Inital Flaw Size-Konzept - numerische Simulation 157
196 Kurzrisswachstumskonzepte 101
- Festlegung 194 - , bruchmechanische 101, 110
- Stochastic Life Approach 196 - Mikrostrukturmodelle 101, 102

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214 Sachwortverzeichnis

- Rissschließmodelle 101, 106 - modifizierte 41


Kurzzeitfestigkeit 16 nicht-lineare Schadensakkumulations-
hypothese 32
L nicht-metallischer Einschluss 132
nicht-periodische Belastung 7
- deterministisch 7
Lastannahme 9 - stochastisch 7
Lastfall 8 nicht-wachsender Riss 84, 93
Lebensdauer 2, 94 Normalspannungshypothese 15
- Ultra high cycle fatigue 140
Lebensdauerphasen 2
LEBM s. linear-elastische Bruchmechanik O
Level Crossing Counting s.
Klassengrenzenüberschreitungszählung Oberflächenbeiwert 15, 23
lineare Schadensakkumulation 28, 72, 193 Oberflächeneigenspannungen 86, 139
linear-elastische Bruchmechanik 49 oberflächentechnischer Größeneinfluss 23
Low-cycle fatigue 79 ODA s. optisch dunkles Gebiet
optisch dunkles Gebiet 133
M örtliche Konzepte 5, 25, 39, 171

Makrorisswachstum 3, 47 P
Masing-Hypothese 44
Master Curve of ODA 140 Palmgren-Miner-Regel 28
mechanisch kurzer Riss 80, 82 - Äquivalentspannungsansatz 38
mehrachsige Beanspruchung 15, 24, 117 - Corten-Dolan 31
- Schädigungsparameter 117 - C-Parameter-Konzept 30
Mikrorisswachstum 3 - elementare Form 29
mikrostrukturell kurzer Riss 80 - Freudenthal-Heller 31
mikrostrukturelle Barriere 102 - in Originalform 29
Mikrostrukturmodelle 101, 102 - konsequente Form 30
- Zwei-Phasen-Modelle 102 - modifizierte Form nach Haibach 30
Miner-Regel s. Palmgren-Miner-Regel - Serensen-Koslow 31
Mittelspannungseinfluss 45 Paris-Exponent 128, 168
Mittelspannungsempfindlichkeit 22 Paris-Gesetz 53, 67, 145
- Amplitudentransformation 28 Paris-Hertzberg-McClintock-Riss-
Mixed Mode-Beanspruchung 48 wachstumsgesetz 141
Mode s. Rissbeanspruchungsart Peak-Counting s. Extremwertzählung
modifizierte Neuber-Regel 41 periodische Belastung 7
modifiziertes Dugdale-Modell 75 physikalisch kurzer Riss 80, 82
PJ-Wöhlerlinie 114
N plastische Dehnungsamplitude 26
plastische Stützzahl 41
plastische Zone 55, 72
Nachweisgrenze 125, 193 - , monoton 55
NASGRO 154 - , primär 55, 72
NASGRO-Gleichung 67, 159, 191 - , sekundär 72
Neigung Zeitfestigkeitslinie 17 - umkehrplastisch 55
Nenndehnung 86 - , zyklische 55
Nennspannungskonzepte 5, 25, 28, 128, plastisches Versagen 14
161 plastizitätsinduziertes Rissschließen 74
Neuber-Hyperbel 40 POD-Diagramm 193
Neuber-Regel 39 Potentialdrift 150
- , erweiterte 41 primär plastische Zone 55, 72

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Sachwortverzeichnis 215

PROBIT-Verfahren 19 - Neigung 128, 168


Punkt-Methode 92 Rissgeschwindigkeit s. Risswachstumsrate
Rissinitiierung 3, 79, 132, 183
Q - Gleitbänder 80
- Mikrostruktur 80
Rissinitiierungskonzepte 83
qualitative Analyse 8 Rissinitiierungslebensdauer 154
quantitative Analyse 8 Risslängenmessung 150
Rissöffnen 54
R Rissöffnungsdehnung 112, 119
Rissöffnungsfunktion 63, 68, 113, 180,
Rainflow-Zählung 13 191
- , modifizierte 120 Rissöffnungsspannung 77, 109, 113, 119
Ramberg-Osgood-Gesetz 25 Rissöffnungsspannungsintensitätsfaktor
Randschichtfaktor 24 54, 74, 191
Range Pair Counting s. Bereichs- Rissöffnungsverschiebung 107
paarzählung Rissschließen 54, 68
Range Pair Mean Counting s. Bereichs- - , oxidinduziertes 55
paar-Mittelwert-Zählung - , plastizitätsinduziertes 55, 74
Rauheitsfaktor 24 - , rauhigkeitsinduziertes 55
Reihenfolgeeffekte 28, 71 Rissschließmodelle 74, 101, 106
relative Schadenssumme 168 - Akiniwa/Tanaka 106
Residuum 11 - McEvily 109
Restlebensdauer 2, 47, 70, 193 Rissschließspannung 112, 126
- numerische Integration 71 Rissschließungsdehnung 113
Ricesches Linienintegral 49 Rissschließverhalten 113
Riss Rissspitzenverformung 102
- Spannungsfeld 47 Rissspitzenverschiebung 103
- Spannungsverteilung 50 Rissstadium 80, 128
Rissausbreitung - Grenzkurve 128
- instabile 49, 53, 57 - Übergang 80
- stabile 53 Rissverzögerung 72
Rissbeanspruchungsart 48 Risswachstumskurve s.
Rissbildungsphase 3 Rissfortschrittskurve
Rissentstehung s. Rissinitiierung Risswachstumsrate 52, 150
Rissfortschrittsgleichung Risswachstumssimulation
- Erdogan/Ratwani 67 - analytisch 158
- Forman/Mettu 67 - Kurzrisswachstum 157
- Kujawski 69 - numerisch 156
- kurze Risse 102, 109, 110, 141 Risszähigkeit 49, 57
- Noroozi/Glinka 70 - Ermittlung 57
- Paris-Gesetz 67, 145 R-Kurve s. Ermüdungsrisswiderstands-
- Walker 69 kurve
- Zwei-Parameter-Ansatz 69 R-Kurven-Konzept 95
- Paris/Hertzberg/McClintock 141 ruhende Belastung 7
Rissfortschrittskonzepte 67, 191 R-Verhältnis 7
- Cycle-by-cycle-Analyse 71
- globale Analyse 71 S
Rissfortschrittskurve 52
- Funktion 67 Safe-life-Kriterium 1
Rissfortschrittswöhlerlinie 128 Safety by inspection 2
- analytische Simulation 158 Schadenskurve 122
- Experiment 154

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216 Sachwortverzeichnis

Schadenskurvenkonzept 32, 122 Spannungsintensitätsfaktor 48, 51


Schadenssumme 28, 32, 114 - , effektiver zyklischer 54, 73, 74, 77,
- relative 168 121
Schadenstoleranzkonzept s. Damage- - , mikroskopischer 107
tolerant-Konzept - , virtueller 73
schädigungsäquivalente Ersatz- - , zyklischer 51
Schwingspielzahl 39 Spannungskerbfaktor 40
schädigungsgleiche Spannungsamplitude spannungsmechanischer Größeneinfluss
38 23
Schädigungsparameter 45, 112 Spannungssingularität 48
- Bergmann 45 Standardlastspektrum 11, 152
- Hanschmann 45 statischer Festigkeitsnachweis 14
- Smith/Watson/Topper 45 statistische Stützwirkung 24
- Vormwald 112 statistischer Größeneinfluss 23
Schädigungsparameterwöhlerlinie 45, 114 Stochastic Life Approach 196
Schnittebene 123 stochastische Belastung 7
- kritische 123 stoßartige Belastung 7
Schubfestigkeitsfaktor 15 Stoßbelastung 8
Schutzschichtfaktor 24 Strain-life Konzepte s. örtliche Konzepte
schwellende Belastung 7 Streuspanne 168
Schwellenwert der Ermüdungsriss- Strip Yield Modell s. Fleißstreifenmodelle
ausbreitung s. Thresholdwert Strukturspannung 46
Schwellenwertkurvenkonzepte 83, 183 Strukturspannungskonzepte 25
Schwellenwertverhalten 62, 64 Stützwirkung 24
Schwellspannung 86, 92, 96, 99, 134 - , bruchmechanische 24
Schwellspannungskurve 86 - Siebel-Verfahren 24
Schwellwertkurve 126 - , statistische 24
Seeger/Beste-Formel 41 - verformungsmechanische 24
sekundär plastische Zone 72
Sensitivitätsanalyse T
- Dauerfestigkeitswert 161
- Eckschwingspielzahl 161
- Ermittlung elastisch-plastischer technischer Anriss 2
Beanspruchung 171 technologischer Größenfaktor 15, 23
- Klassenanzahl 161 Teilschädigung 28, 114, 124
- Schädigungsparameter 171 Temperaturfaktor 15
- Wöhlerlinienneigung 161 Thresholdkurve
- Zählverfahren 161, 169 - , fundamentale 69
Serensen-Koslow-Ansatz 31 - L-förmig 69
Shut-off-Verhältnis 73 Thresholdwert 53, 57
Sicherheitsfaktor 15 - Dauerfestigkeit 126
- gegen Dauerbruch 15, 23 - , effektiver zyklischer 61, 96, 106,
- gegen Fließen 14 108, 109
- gegen Trennbruch 14 - Ermittlung 57, 188
Siebel-Verfahren 24 - Funktion 62
Simulation 9 - J-Integral 115
Smith-Diagramm 21 - kurze Risse 99
Spannung - ODA 135
- , effektive zyklische 112 - Vickers Härte 99
- , zulässige 23 totale Dehnungsamplitude 26
spannungsbedingter Größeneinfluss 24 Trennbruch 14
Spannungsgefälle 24 Treppenstufenverfahren 19
- , bezogenes 24

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Sachwortverzeichnis 217

U Werkstoffgedächtnis 44
Wheeler-Modell 72
Übergangsmatrix 12 Willenborg-Modell 73, 193
Übergangsrissgeschwindigkeit 76 Wöhlerkurve 16
Überlast 71 - Ausfallwahrscheinlichkeit 18
Überlebenswahrscheinlichkeit 18 - Einflussgrößen 17
Ultra high cycle fatigue 79, 131 - statistische Auswertung 18
- Auslegungskonzept 140 - Typ I 17
- feinkörniges Gebiet 133 - Typ II 17
- Master Curve of ODA 140 - Überlebenswahrscheinlichkeit 18
- nicht-metallischer Einschluss 132 - Ultra high cycle fatigue 131, 138
- optisch dunkles Gebiet 133
- Thresholdwert ODA 135 Z
- Wöhlerkurve 131, 138
umkehrplastische Zone 55 Zählnullpunkt 10
Unified Approach 69, 111 Zählverfahren 10, 169
Uniform Material Law 27 - Bereichspaar-Mittelwert-Zählung 12
- , einparametrische 10
V - Extremwertzählung 11
- Häufigkeitsverteilung 11
verallgemeinertes Kitagawa-Takahashi- - Informationsverlust 10
Diagramm 88 - Klassengrenzenüberschreitungs-
verallgemeinertes Kitagawa-Takahashi- zählung 11
Kriterium 125 - Kollektiv 11
verformungsmechanische Stützwirkung - Kollektivumfang 11
24 - Rainflow-Zählung 13
Vergleichs-J-Integral 118 - Residuum 11
Vergleichsspannung 15 - Von-Bis-Zählung 12
Vergleichsspannungsamplitude 24 - , zweiparametrische 10
Verzerrungsenergiedichte Zeitfestigkeit 16
- , äquivalente 42 Zeitfestigkeitslinie 17
- , elastische 42 - Neigung 17
- ESZ 42 - statistische Auswertung 18
- EVZ 42 zerstörungsfreie Prüfung 193
Verzögerungseffekt 71 Zugschwellbelastung 7
virtueller Spannungsintensitätsfaktor 73 zulässige Spannung 23
Völligkeit 152 zweiparametrische Zählverfahren 10
Vollmatrix 13 Zwei-Phasen-Modelle 102
Von-Bis-Zählung 12 Zwei-Phasen-Schädigungsansatz 35
von-Mises-Spannung 15 zyklische Belastung 7
- , nicht-periodische 7
- , periodische 7
W zyklische plastische Zone 55
zyklische Spannungs-Dehnungskurve 25
Wechselbelastung 7 zyklischer Spannungsintensitätsfaktor 51
wechselnde Belastung 7 zyklischer Verfestigungsexponent 25
werkstoffbedingter Größeneinfluss 24 zyklischer Verfestigungskoeffizient 25

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