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Dialektologie 2.

0 Diglossie in der Deutschschweiz


27.4.20
Kathrin Rösch

Diglossie in der Deutschschweiz

Basierend auf: Die Sprachsituation der Deutschen Schweiz und das Konzept der Diglossie. Haas 2004.

1) Erste Ansätze der Diglossie

Die aussergewöhnliche Kombination von Dialekt und Standard in der Schweiz zeichnet sich vor allem
dadurch aus, dass es keine «schweizerische» Hochsprache gibt, sämtliche Kommunikation im Alltag
wird im Dialekt realisiert. Die deutsche Hochsprache, die ich im Folgenden nur «Standard» nennen
werde, ist für wenige formelle und vor allem schriftliche Situationen bestimmt. Diese spezielle
Sprachsituation benötigte eine genaue Bezeichnung, Diglossie wurde in einem ersten Schritt von
Ferguson 1959 beschrieben. Er unterscheidet eine formelle Hochsprache (high variety/H) und eine
informelle Sprache (low variety/L), die verwandt sind und deren Verteilung funktional ist, sich also
auf den Kontext und nicht auf soziale Faktoren bezieht.

2) Ergänzungen zu Fergusons Definition

Die Forschung ist sich einig, dass Fergusons Beschreibung der Diglossie nicht vollständig ist und einige
heikle Begriffe verwendet, so beispielsweise würden die Schweizer Dialekte in seiner Logik als
«niedere Sprache» bezeichnet werden. Trotz diesen ungenauen Begriffen wird im Folgenden der
Einfachheit halber H und L verwendet, um von den Varietäten zu sprechen. Die Theorie wurde u.a.
von Fisherman ergänzt, der zwei Voraussetzung für das Vorhandensein einer Diglossie beschrieb:
Erstens muss eine Gesellschaft zwei verschiedene linguistische Varietäten aufweisen, zweitens
müssen die Varietäten innerhalb der Gesellschaft soziolinguistisch funktionell verteilt sein.

3) Abgrenzung des Begriffs

Um den Begriff der Diglossie, der offensichtlich auf verschiedene Arten beschrieben werden kann,
besser zu verstehen, soll er in diesem Schritt abgegrenzt werden. Das Phänomen der Diglossie steht
zusammen mit dem sogenannten Standard-mit-Dialekt-Arrangement zwischen zwei Extremen: Dem
Bilingualismus und der Registervariation.

3.1) Bilingualismus

Traditionell bezeichnet Bilingualismus eine Gesellschaft, die zwei Sprachen getrennt voneinander
verwendet. Für die Sprecher ist dabei eine Unterscheidung bzw. ein schneller Wechsel der Sprache
kein Problem und geschieht automatisch.

3.2) Registervariation

Registervariation bezeichnet Mehrsprachigkeit in der eigenen Sprache: Ihre Aufgabe ist es,
Äusserungen einer gewissen Situation anzupassen, indem die geeigneten sprachlichen Mittel gewählt
werden. Sprachen, die nur die Registervariation kennen, sind also monolinguistisch. In der Forschung
wird angenommen, dass neben dem natürlichen Sprechen auch das stilistisch angemessene
Sprechen naturgegeben ist. Somit kann die Registervariation als Modell angesehen werden und
ähnliche Phänomene als Replikate davon. Daraus kann also geschlossen werden, dass Monoglossie,
Diglossie, Standard-mit-Dialekt-Arrangement und Bilingualismus alles Replikate der Registervariation,
aber selbst keine Fälle davon sind.
Dialektologie 2.0 Diglossie in der Deutschschweiz
27.4.20
Kathrin Rösch

3.3) Standard-mit Dialekt-Arrangement

Dieses Phänomen kommt der Diglossie am nächsten. Es handelt sich ebenfalls um eine
Sprachsituation, in der eine high variety und eine low variety vorhanden sind. Jedoch findet die
Verteilung nicht nach kontextuellen Argumenten, wie in der Diglossie, sondern nach sozialen
Parametern statt. Dabei ist es typisch, dass eine grosse Menge der Sprecher nur noch H beherrscht
und verwendet. Eine solche Situation finden wir aktuell beispielsweise in Deutschland vor.

4) Verwandtschaft, Erwerb und Gemischtheit in der Diglossie

Der Grad der Verwandtschaft spielt bei der Definition der Diglossie und den anderen beschriebenen
Phänomenen eine grosse Rolle. Es ist denkbar schwierig, einen Punkt zu definieren, bei dem es sich in
der Verwandtschaft zweier Sprachen noch um Diglossie oder schon um Bilingualismus handelt.
Deshalb bietet es sich an, von Ähnlichkeit, anstatt von Verwandtschaft zu sprechen, auch weil diese
synchron sowie diachron beschrieben werden kann. Durch die Ähnlichkeit, die in der
deutschschweizerischen Diglossie klar vorhanden ist, lässt sich auch die besondere Erwerbssituation
erklären. Gehen wir von einem «typischen» Deutschschweizer aus, ist dessen L1 immer ein Dialekt,
also L. Dies ist u.a. eine wichtige Bedingung für den Erhalt der Diglossie. Das Erlernen des Standards,
also H, ist kein typischer Fremdsprachenerwerb. Nach Haas handelt es sich vielmehr um einen
erweiterten Spracherwerb, dies auch aufgrund des grossen gemeinsamen Lexikons der Dialekte und
des Standards. Ausserdem liegt in der Deutschschweizer Diglossie eine Form von Gemischtheit vor,
die es erlaubt, neue oder noch fremde Standard-Begriffe problemlos zu integrieren. Einzige
Bedingung für eine Übernahme ist die Dialektalisierung des Begriffs.

5) Wege aus der Diglossie

Seit dem 18. Jahrhundert ist es in einigen europäischen Sprachen zu einem Wechsel von der
Monoglossie zur Diglossie gekommen, dies basiert aber auf sozialen und politischen Gegebenheiten
und nicht auf einer naturgegebenen Sprachentwicklung. Wie wir wissen, ist nur die Registervarietät
naturgegeben. Britto kreierte 1991 ein Schema, dass verschiedene Formen der Weiterentwicklung
aus der Diglossie beschreibt. Unterschieden werden der archaische und ausgebaute Typ. Bei beiden
Typen handelt es sich um eine sogenannte Diglossie mit totaler Überlagerung, also eine Situation, in
der H und L beherrscht werden, H jedoch eine mächtigere Rolle einnimmt.

5.1) Archaischer Typ

Ausganspunkt ist eine Sprachsituation, in der die Mehrheit der Sprecher nur L beherrscht. Entweder
geht man dann den aristokratischen Weg, der dazu führt, dass der Dialekt immer stärker verlernt
wird, aber gleichzeitig H zuerst nur der Elite vorbehalten wird. Mit einem weiteren Schritt, dem
jakobinischen Weg, wird der Dialekt, also L, aufgegeben und es kommt zu einer Monoglossie in der
ehemaligen H. Ein solcher Weg ist nur in einer Gesellschaft möglich, die plakative soziale
Unterschiede in sich trägt und Dialekte als tiefere Register ansieht. Ein anderer Weg aus dem
archaischen Typ ist der revolutionäre Weg, der zu einer Monoglossie in der ehemaligen L.

5.2) Ausgebauter Typ

Dieser Typ beschreibt eine Gesellschaft, die Dialekt sowie Standardsprache konstant verwendet.
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Kathrin Rösch

6) Das Überleben der Diglossie in der Deutschschweiz

Wie man feststellen kann, ist die Deutschschweiz nicht einen der Wege aus dem Schema gegangen.
Der aristokratische Weg zur H-Diglossie ist deshalb nicht begangen worden, weil sich das
schweizerische Bürgertum im 18. Jahrhundert nicht mit der Politik in Reichsdeutschland identifizieren
konnte, die den Weg für den aristokratischen Weg ebnete. Für die Schweiz blieb der Standard, also
H, funktional und kulturell, er wurde nie national. Des Weiteren war mit der jungen Demokratie eine
elitäre Gesellschaft, in der ein solcher Weg möglich gewesen wäre, undenkbar. Somit entstand nie
eine Elite, deren L1 H gewesen wäre. Die Diglossie war also sozusagen gerettet, aber natürlich hat
sich die Sprache trotzdem weiterentwickelt. Haas spricht hier von einer ausgebauten Diglossie. Um
eine Diglossie so am Leben zu halten, braucht es neben dem Fehlen der H-sprechenden Elite vor
allem ein Sprachwertsystem mit klarer Bevorzugung und ein Bildungssystem, das allen ermöglicht,
den Standard nach wie vor zu erlernen.

Fazit: Trotz einer gewissen Ungenauigkeit des Begriffs Diglossie und vielen den Faktoren, die bei der
Definition eine Rolle spielen, kann man sagen, dass es sich bei der Deutschschweizer Situation um
eine typische Diglossie handelt.