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19. Soziale Kompetenzen


19.1 Strukturen und Prozesse sozialer Kompetenz
19.2 Anforderungen in der Praxis
19.3 Bedeutung sozialer Kompetenzen im Berufsleben
19.4 Entwicklung und Förderung sozialer Kompetenzen
19.5 Aneignung von sozialen Kompetenzen im Studium

Soziale Kompetenzen zählen heute ohne Zweifel zu den wichtigsten


Karrierefaktoren in unzähligen Berufsfeldern. Überall dort, wo Men-
schen in ihrem Berufsleben mit Vorgesetzten, Kolleg/innen, Mitarbei-
ter/innen und Kund/innen zusammenarbeiten, ist das Ergebnis dieser
Zusammenarbeit nicht nur von fachlichen Kompetenzen, Berufserfah-
rung, Entscheidungsspielräumen u. Ä. abhängig, sondern immer auch
Spiegelbild der Art und Weise, wie zwei oder mehrere Menschen mitei-
nander umgehen.

19.1 | Strukturen und Prozesse sozialer Kompetenz


Soziale Kompetenzen bilden die individuelle Grundlage unseres Ver-
haltens gegenüber anderen Menschen; dies gilt gleichermaßen für
das Privat- wie für das Berufsleben. Dabei stellen die Kompetenzen im
Sinne eines Potentials eine Möglichkeit dar, das eigene Sozialverhalten
zu verändern. Wer beispielsweise über eine hohe Durchsetzungskom-
petenz verfügt, wird nicht zwangsläufi g in jeder Situation seine eige-
nen Interessen erfolgreich durchsetzen können. Er/sie wird dies jedoch
mit einer größeren Wahrscheinlichkeit realisieren als ein Mensch,
der nur eine geringe Durchsetzungskompetenz besitzt. Die sozialen
Kompetenzen versetzen das Individuum potentiell in die Lage, eine
bestimmte zwischenmenschliche Situation (z. B. einen Konfl ikt oder
eine Führungsaufgabe) erfolgreich zu meistern. Ob und inwieweit die
vorhandenen Potentiale in einer konkreten Situation tatsächlich ausge-
lebt werden, hängt von vielen situativen Faktoren ab. Man denke hier
etwa an die aktuelle emotionale Belastung der handelnden Person (z. B.
durch Angst oder Wut), an Zeitdruck unter dem gegebenenfalls gehan-
delt werden muss oder an ein Extremverhalten des Gegenübers. All dies
kann die Umsetzung des vorhandenen Potentials in sozial kompetentes
Verhalten erschweren.
An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass soziale Kompetenzen im
Gegensatz zum Sozialverhalten einen allgemeinen, übersituativen Cha-
rakter haben. Während sich das Sozialverhalten in einer ganz konkreten

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V. Nünning (Hrsg.), Schlüsselkompetenzen: Qualifikationen für Studium und Beruf
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2008
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Soziale Kompetenzen

Situation – also z. B. in einem Konfl ikt am Arbeitsplatz zwischen Herrn


Müller und Frau Schulze abspielt – kommen dabei Kompetenzen zum
Einsatz, die auch jenseits dieser konkreten Situation zur Persönlichkeit
der handelnden Menschen gehören.
Im Alltag wird bisweilen von »der sozialen Kompetenz« eines Men-
schen gesprochen, so als würde es sich um eine einzige Eigenschaft
handeln. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass dies nur
ein Oberbergriff sein kann, den man beispielsweise in Abgrenzung zu
anderen Kompetenzbereichen wie Fachkompetenz oder Intelligenz ver-
wendet. So besteht denn auch in der Fachliteratur große Einigkeit hin-
sichtlich der Multidimensionalität sozialer Kompetenz. Es gibt mithin
mehrere soziale Kompetenzen, die jede für sich bei einem Menschen
unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann.
Uneinigkeit besteht allerdings dahingehend, welche einzelnen Kom-
petenzen als soziale Kompetenzen zu bezeichnen sind. Insbesondere in
Praxispublikationen finden sich z.T. sehr umfangreiche Kompetenzkata-
loge (vgl. Faix/Laier 1991), die mehr oder minder plausibel sind, allesamt
jedoch eine empirische Fundierung vermissen lassen. Zudem werden oft-
mals inhaltlich identische Kompetenzen mit unterschiedlichen Begriffen
belegt, was die Verwirrung noch vergrößert. Kanning (in Vorbereitung)
hat den Versuch unternommen, die Vielzahl der immer wieder genann-
ten Kompetenzen auf die Wesentlichen zu reduzieren. In der folgenden
Abbildung werden zunächst 17 primäre soziale Kompetenzen unterschie-
den, die sich zu vier übergeordneten Konzepten gruppieren.

Struktur sozialer Soziale Orientierung (SO) Offensivität (OF)


Kompetenzen
(nach Kanning, Prosozialität (PS) Durchsetzungsfähigkeit (DU)
im Druck)
Perspektivenübernahme (PÜ) Konfliktbereitschaft (KB)

Wertepluralismus (WP) Extraversion (EX)

Kompromissbereitschaft (KO) Entscheidungsfreudigkeit (EF)

Zuhören (ZU)

Selbststeuerung (SE) Reflexibilität (RE)

Selbstkontrolle (SK) Selbstdarstellung (SD)

Emotionale Stabilität (ES) Direkte Selbstaufmerksamkeit (DS)

Handlungsflexibilität (HF) Indirekte Selbstaufmerksamkeit (IS)

Internalität (IN) Personenwahrnehmung (PW)

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