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Aufsätze und Anmerkungen Fahl – Beihilfe zum staatlich organisierten Massenmord

Aufsätze und Anmerkungen

Beihilfe zum staatlich organisierten Massenmord


Anmerkung zu BGH, Beschl. v. 20.09.2016 – 3 StR 49/16 = HRRS 2016 Nr. 1123
Von Prof. Dr. Christian Fahl, Greifswald*

Das* Urteil des Bundesgerichtshofs in der Sache Oskar an der Vergasung Zehntausender, die Ansicht war auch
Gröning ist zu begrüßen. Der Prozess gegen den in der kaum in Einklang zu bringen mit den allgemeinen
Presse als „Buchhalter“ oder – entsprechend seiner ur- Grundsätzen der Beteiligungsdogmatik. Es bedarf keines
sprünglichen Verwendung in verschiedenen Besoldungs- konkreten Einzeltatnachweises, um eine Beihilfe zur
stellen – auch „Zahlmeister der SS“ bezeichneten Oskar Ermordung der in den Konzentrationslagern eingepferch-
Gröning, wurde möglich durch das Demjanjuk-Urteil des ten Menschen durch das Geleit zu den Gaskammern,
LG München II,1 das jedoch nicht rechtskräftig geworden Bewachung, Beaufsichtigung von Arbeitseinsätzen etc.5
ist, weil der Angeklagte vor der Entscheidung über seine anzunehmen. Der Bundesgerichtshof gibt damit nun –
Revision im Alter von 91 Jahren verstorben ist. ohne es zu zitieren – indirekt auch dem LG München II
recht, das sich als erstes Gericht von dieser jahrzehnte-
Der vorliegende Beschluss ist damit die erste Stellung- lang praktizierten falschen Rechtsauffassung gelöst hatte.
nahme des obersten deutschen Strafgerichts seit Jahr-
zehnten – aber nicht die erste zu den Geschehnissen im Wie es zu dieser für die Tausenden von Wachleuten
Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. In günstigen Entwicklung im Anschluss an das Auschwitz-
den 1960er Jahren hatte der Bundesgerichtshof2 schon Urteil kommen konnte, erscheint im Nachhinein kaum
einmal über eine Revision gegen einige Freisprüche im – noch nachvollziehbar. Mangelnden Verfolgungswillen
für die Bedeutung der Aufarbeitung des nationalsozialis- wird man dem einzelnen Staatsanwalt und der Ludwigs-
tischen Unrechts gar nicht hoch genug einzuschätzenden burger Zentralstelle kaum unterstellen können: War es
und maßgeblich durch den hessischen Generalstaats- also ein auch dort vorherrschendes Missverständnis der
anwalt Fritz Bauer beförderten – Frankfurter Auschwitz- Entscheidung des 2. Senates aus dem Jahre 1969, von der
Prozess3 zu befinden. Der Bundesgerichtshof bestätigte „diese Praxis… in keiner Weise gedeckt“ wurde, wie
damals die Freisprüche mit der Erwägung, dass nicht Roxin schreibt,6 oder fehlten schlicht die Richter und
jeder, der in das Vernichtungsprogramm des Konzentra- Staatsanwälte für die Tausende von Verfahren, die sonst
tionslagers eingegliedert war und dort irgendwie anläss- nötig gewesen wären, wie Roxin7 vermutet?
lich dieses Programms tätig wurde, für alles, was auf
Grund dieses Programms geschah, verantwortlich zu Der Bundesgerichtshof übt sich im „distinguishing“:
machen sei. Dem Angeklagten werde nicht „alles“ zugerechnet, was
in Auschwitz geschah; vielmehr gehe es um „die im
Auf der Grundlage dieser Entscheidung sind in den fol- Rahmen des fest umgrenzten Komplexes der ‚Ungarn-
genden Jahrzehnten bis zum Demjanjuk-Prozess viele Aktion‘ durchgeführten Mordtaten“. Das geht es freilich
Verfahren gegen SS-Wachmannschaften eingestellt wor- immer. Der BGH selbst erwähnt die „Aktion Reinhard“,
den, bei denen zwar die Zugehörigkeit zum SS- bei der im Anschluss an die Ermordung des (stellvertre-
Wachbataillon, aber keine konkrete Einzeltat, wie z.B. die tenden) Reichsprotektors (von Böhmen und Mähren)
Erschießung eines Häftlings – eine sog. Exzesstat – nach- und RSHA-Chefs, Reinhard Heydrich, in Prag zwischen Juli
zuweisen war. Diese Auslegung des Gesetzes war falsch.4 1942 und Oktober 1943 über zwei Millionen Juden und
Nicht nur stand die Verurteilung wegen der Mitwirkung rund 50.000 Roma aus den Distrikten des Generalgou-
an der Erschießung einer Handvoll Geflohener im merk- vernements (Warschau, Lublin, Radom, Krakau und
würdigen Widerspruch zu der ungesühnten Mitwirkung Galizien) ermordet wurden. Auch sei der Angeklagte
Oskar Gröning nicht „irgendwie anlässlich des Vernich-
*
Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Straf- tungsprogramms“ tätig geworden, sondern es seien
prozessrecht und Rechtsphilosophie an der Universität „konkrete Handlungsweisen des Angeklagten mit unmit-
Greifswald.
1
LG München II, Urt. v. 12.5.2011 – 1 KS 115 JS 12496/08 – 5
Vgl. auch schon Fahl ZJS 2011, 229, 230.
dazu bereits Fahl HRRS 2015, 210; s. auch Werle/Burghardt, 6
Roxin JR 2017, 88, 89; s. dazu auch Werle/Burghardt, Beulke-
Beulke-FS, 2015, 339; zu demselben Fall auch schon Fahl FS, 2015, 339, 348 ff.
ZJS 2011, 229, 230. 7
Roxin JR 2017, 88, 89.
2
BGH, Urt. v. 20.2.1969 – 2 StR 280/67 = NJW 1969, 2056.
3
LG Frankfurt a.M., Urt. v. 19./20.8.1965 – 4 Ks 2/63.
4
So bereits Fahl HRRS 2015, 210, 216.

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telbarem Bezug8 zu dem organisierten Tötungsgesche- den im KZ begangenen Verbrechen ausdrücken.17 Etwas
hen… festgestellt“. – Das ist freilich auch stets mehr unklar ist allerdings, ob das nur auf die ärztliche Versor-
oder weniger der Fall: Der Bundesgerichtshof stellt u.a. gung der Häftlinge gemünzt ist und die ärztliche Versor-
darauf ab, dass der Angeklagte – „uniformiert und mit gung des an der Tötungsmaschinerie beteiligten Perso-
einer Pistole bewaffnet“ – der Senat sagt: „während der nals – nach Roxin – nicht doch einen hinreichenden „de-
Ausübung seiner ‚Rampendienste‘“ – aber natürlich auch liktischen Sinnbezug“ aufwiese.18 Ich habe vorgeschla-
sonst – „Teil der Drohkulisse“ war, „die jeden Gedanken gen, die Grenze da zu ziehen, wo das fragliche Tun des
an Widerstand oder Flucht bereits im Keim ersticken Gehilfen als „Solidarisierung“ mit der Tat und den Tätern
sollte“.9 Das waren freilich alle Uniform- und Waffenträ- zu verstehen ist. Denn dann verliert es seinen „Alltags-
ger im „Dritten Reich“, von denen es weiß Gott viele gab, charakter“ und handelt es sich nicht mehr um ein „neut-
nicht nur Wehrmachtsangehörige und Polizisten etwa, rales“ Verhalten.19 Nach diesen Grundsätzen kann die
sondern auch Zivilisten. Der BGH betont: „Überdies Hilfeleistung, die unabhängig von den kriminellen Ab-
oblag es dem Angeklagten während seiner Diensttätig- sichten des Haupttäters einen eigenständigen erlaubten
keit jederzeit, die Deportierten zu überwachen und Wi- Sinn behält (z.B. ärztliche Versorgung), keine strafbare
derstand oder Fluchtversuche nötigenfalls mit Waffen- Beihilfe darstellen.20 Wer einen anderen verarztet oder
gewalt zu unterbinden“.10 Das trifft ebenfalls auf das ihm einen Zahn zieht, der solidarisiert sich nach allge-
gesamte Lagerpersonal ungeachtet seiner Funktion zu. meiner Auffassung dadurch noch nicht mit dem, was der
andere tut. Das schließt es nicht aus, dass auch ein Sani-
Der BGH nähert sich damit der – freilich damals vom 2. täter sich im Einzelfall doch strafbar gemacht hat, z.B.
Strafsenat bewusst zurückgewiesenen11 – Position von bei den sog. Selektionen oder auch als „Desinfektor“.21
Bauer, der die Ansicht vertrat, dass jeder, der in das Ver- Dafür bedarf es dann aber eben über die Zugehörigkeit
nichtungsprogramm des Konzentrationslagers Auschwitz zur Sanitätsstaffel hinaus doch eines sog. Einzeltatnach-
eingegliedert war und dort irgendwie anlässlich dieses weises.22
Programms tätig wurde, sich objektiv an den Morden
beteiligt habe und für alles Geschehene verantwortlich
sei.12 – „Im Ausgangspunkt zutreffend“ habe das LG 17
Roxin JR 2017, 88, 89; anders Werle/Burghardt, Beulke-FS,
darauf hingewiesen, dass der Angeklagte „durch seine 2015, 339, 349, wonach jede noch so unverfängliche Tätig-
allgemeine Dienstausübung bereits den Führungsperso- keit, die sich konstruieren lasse, dort Beihilfe gewesen sei,
selbst die Versorgung der Arbeitshäftlinge mit Lebensmit-
nen in Staat und SS Hilfe leistete“13 – in dem Sinne,
teln.
„dass die Verantwortlichen in Staat und SS jederzeit ein 18
Bei Oskar Gröning fehlt dieser Bezug freilich nicht, da sein
in Auschwitz zu exekutierende Vernichtungsaktion be- „Rampendienst“ zwar nicht, wie der Dienst auf den dort
schließen und anordnen konnten, weil auf die dortige aufgestellten hölzernen Wachtürmen, der Bewachung der
Umsetzung ihrer verbrecherischen Befehle Verlass Ankommenden, sondern des dort zurückzulassenden Ge-
war“.14 Das gilt freilich in ähnlicher Weise auch für den päcks diente – nicht weil Diebstähle durch SS-Angehörige
Befehl, Polen oder Russland zu überfallen. an jüdischem Eigentum nicht stillschweigend akzeptiert
worden wären, sondern weil das nicht vor den Augen der
Häftlinge geschehen sollte –, was nötig war, „um deren für
Der BGH wird in Zukunft womöglich entscheiden müs-
den weiteren Ablauf der Selektion und Vergasung für uner-
sen, wie sich ein Sanitäter strafbar gemacht hat, der – lässlich gehaltene Arglosigkeit nicht zu gefährden“, so
während seines einmonatigen Dienstes in Auschwitz- ausdr. BGH, Beschl. v. 20.9.2016 – 3 StR 49/16, Rn. 11;
Birkenau – möglicherweise nichts anderes getan hat, als wie Roxin JR 2017, 88, 89, richtig schreibt, bezog sich die
den SS-Wachmannschaften ein Pflaster zu kleben. Würde Buchung und Weiterleitung der erbeuteten Wertgegen-
man ausnahmslos alle, die im NS-Staat Uniform, Waffen stände auch deshalb auf die im KZ verübten Morde, weil es
oder auch nur Parteiabzeichen trugen, wegen Beihilfe sich um Raubmorde gehandelt hat. Überhaupt kann zwar
zum Massenmord bestrafen wollen, so würde nicht ein- die Tätigkeit von SS-Wachleuten in gewisser Weise „be-
rufstypisch“ sein (wie die von Wärtern im Justizvollzugs-
mal derjenige straffrei sein, der unter diesem Deckmantel
dienst), aber eben nicht (im wahrsten Sinne des Wortes)
ausschließlich Gutes tat. Nicht einmal Behinderungen „neutral“. Oder anders ausgedrückt: deren „Beruf“ war
des Mordapparates wären dann straffrei.15 Auch Roxin „Mord“. Das führt zur Strafbarkeit und schließt sie nicht
hält hier eine Einschränkung für nötig: Er meint, dass aus! Siehe auch Werle/Burghardt, Beulke-FS, 2015, 339, 345,
Handlungen nur dann als strafbare Beihilfe beurteilt zur Revision im erstinstanzlich vor dem LG Bonn geführten
werden dürfen, wenn sie eine „deliktischen Sinnbezug“ sog. Kulmhof (Chelmno)-Verfahren, in dem die Angeklag-
aufweisen,16 und dass die Bereitstellung einer ärztlichen ten vorbrachten, sie seien rechtsfehlerhaft als Gehilfen ver-
Behandlung auch keine „psychische Beihilfe“ ist, weil urteilt worden, weil sie lediglich eine Tätigkeit ausgeübt
hätten, „dies sich… im Rahmen der damaligen Aufgaben
solche „neutralen Handlungen“ keine Zustimmung zu
der Schutzpolizei gehalten habe, also ‚wertneutral‘ gewesen
8
sei“.
Roxin JR 2017, 88, 89, sieht darin eine ausdrückliche Bestä- 19
Fahl HRRS 2015, 210, 217 m.w.N. zum „Solidarisierungs-
tigung seines, von ihm für die Strafbarkeit geforderten „de- gedanken“ auch aus der Rspr.
liktischen Sinnbezugs“. 20
Vgl. zu diesem Gedanken Murmann, in: Satz-
9
BGH Beschl. v. 20.9.2016 – 3 StR 49/16, Rn. 11. ger/Schluckebier/Widmaier (Hrsg.), StGB, Kommentar, 3.
10
BGH Beschl. v. 20.9.2016 – 3 StR 49/16, Rn. 12. Aufl. (2016), § 27 Rn. 6.
11
BGH NJW 1969, 2056, 2056 f. 21
So nannte man die „Sanitäter“, die nach einer Zusatzaus-
12
Siehe Bauer JZ 1967, 625, 628. bildung im Umgang mit Zyklon B das Vergasungsmittel in
13
BGH Beschl. v. 20.9.2016 – 3 StR 49/16, Rn. 22. die Gaskammern geworfen haben.
14
BGH Beschl. v. 20.9.2016 – 3 StR 49/16, Rn. 25. 22
So bereits Fahl HRRS 2015, 210, 217; abw. Werle/Burghardt,
15
Vgl. zu diesem argumentum ad absurdum bereits BGH Beulke-FS, 2015, 339, 348 ff.
NJW 1969, 2056, 2057.
16
Roxin JR 2017, 88.

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Warum die Staatsanwaltschaften freilich noch immer Nachkriegsbehörden.25 Denn die Anklage all jener, die als
davor zurückschrecken, die Wachmannschaften anderer kleines Rad der Vernichtungsmaschinerie zum Gelingen
Konzentrationslager anzuklagen, die nicht zu den „Ver- der „Endlösung“ beigetragen haben, wegen Beihilfe zum
nichtungs-“ oder „Todeslagern“ im eigentlichen Sinne Mord an den während ihres Lagereinsatzes in dem be-
(Auschwitz II, Belzec, Chelmno, Sobibor, Treblinka) treffenden Lager ermordeten Opfern ist dogmatisch kon-
gehörten, ist unverständlich.23 Tatsächlich war Hubert sequent und überfällig.26 Das gilt für diejenigen, die in-
Zafke, der SS-Sanitäter, offenbar von Oktober 1943 bis nerhalb des Lagers, z.B. als Rapportführer, Schutzhaftla-
Januar 1944 im Stammlager (Auschwitz I) eingesetzt. Die gerführer oder dergleichen, Dienst taten, ebenso wie für
Anklage beschränkt sich aber auf einen einzigen Monat, die, die nur außerhalb des Lagers zur Bewachung einge-
den er in Auschwitz II (Birkenau) Dienst tat. Die Unter- setzt waren – und dabei Waffen und Uniform trugen –
scheidung geht erst auf die spätere Wissenschaft zurück. und darüber hinaus für alle, die – Vorsatz immer voraus-
Die Nationalsozialisten selbst haben nicht zwischen gesetzt27 – physische oder psychische28 Beihilfe geleistet
Todeslagern und andern Lagern unterschieden. Sie alle haben, z.B. durch das Zusammenstellen, Begleiten und
waren Teil des Vernichtungssystems (Stichwort: „Vernich- Bewachen der Deportationszüge am Ausgangsort. Letzt-
tung durch Arbeit“24). Auch in diesen Lagern (Bergen- lich gilt das sogar für die bei der mittelständischen Firma
Belsen, Dachau, Ravensbrück, Theresienstadt uvm.) ist Topf & Söhne, welche die Verbrennungsöfen für die Kon-
gelitten und gestorben worden. zentrationslager konstruierte, lieferte und wartete, in
Erfurt angestellten Nicht-Waffenträger, für den Hersteller
Hier droht erneut ein später kaum noch gut zu machen- des Rattengifts Zyklon B und für die im Demjanjuk-Urteil
des und kaum zu erklärendes Versäumnis der deutschen erwähnten Reichsbahnangehörigen, die die Deportati-
onszüge bereit gestellt oder als Lokführer nach
23
Abweichend – im Sinne der Beschränkung der neu gewon- Auschwitz gelenkt haben.
nenen Beihilfegrundsätze auf sog. Vernichtungslager – Kurz
ZIS 2013, 122, 128; s. auch Werle/Burghardt, Beulke-FS, 25
Vgl. auch Grünewald NJW 2017, 500, 501, zur beschämen-
2015, 339, 351, die lediglich die Besonderheiten der beiden den Seite des Beschlusses; s. auch Safferling JZ 2017, 258 ff.
„multifunktionalen“ Vernichtungslager Auschwitz(- 26
So bereits Fahl HRRS 2015, 210, 217.
Birkenau) und Majdanek hervorheben, aber darüber augen- 27
Wobei freilich nach allgemeinen Regeln dolus eventualis
scheinlich auch nicht hinaus gehen wollen. ausreicht.
24
Siehe dazu jetzt auch Rommel NStZ 2017, 161, 162, unter 28
Das mag die Deutschen betreffen, die beim Zusammentrei-
Verweis auf die Entscheidung des LG Detmold v. 17.6.2016 ben der jüdischen Bevölkerung die Kolonnen begleiteten
im Fall Hanning. und klatschten.

Aufsätze und Anmerkungen

Die Anforderungen an die Beschränkung des Zugangs


zu einem Verteidiger im Ermittlungsverfahren nach
der EMRK
Zugl. Anmerkung zum Urteil des EGMR vom 13. September 2016 –
50541/08 u.a., Ibrahim u.a. ./. Vereinigtes Königreich = HRRS 2017 Nr.
272
Von Ass. iur. Carolin Castorf, Berlin*

I. Einleitung* Anforderungen an den betroffenen Staat. Die zuständi-


gen Strafverfolgungsbehörden sollen Verdächtige zeitnah
festnehmen und mit den von ihnen erlangten Informati-
Terroristische Anschläge sind grundsätzlich Situationen
onen die Aufklärung zügig vorantreiben, um weitere
des Schreckens in der Bevölkerung und stellen erhebliche
Anschläge zu verhindern. Insoweit operieren aber gerade
*
die Konventionsstaaten der EMRK in einem Konfliktfeld
Die Autorin ist Promotionsstudentin bei Prof. Dr. Karsten
Gaede an der Bucerius Law School (Hamburg).
ihrer Gewährleistungspflichten: Sie sind verpflichtet, ihre
Staatsbürger praktisch und effektiv vor solchen Gefahren
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Aufsätze und Anmerkungen Castorf – Beschränkung des Zugangs zu einem Verteidiger

zu schützen. Zum anderen sind sie nach Art. 6 Abs. 1, 3


EMRK zu grundlegenden Verfahrensstandards angehal-
II. Gründe
ten, die auch für die gelten, die andere Bürger gerade
Der EGMR hat die Beschwerde zugelassen, im Fall der
durch Akte des Terrors gefährden.
Beschwerdeführer A, B und C jedoch als unbegründet
abgelehnt. In dem Verhalten der Strafverfolgungsbehör-
Die vorliegende Entscheidung des EGMR hat eine solche
den hat er nur im Fall von D eine Verletzung von Art. 6
Konstellation zum Gegenstand. Ausgangspunkt des Fal-
Abs. 1, 3 lit. c) EMRK erblicken können. In seiner Be-
les waren die Terroranschläge in London am 7. Juli 2005.
gründung geht er dabei auf die bereits in Salduz4 etablier-
An diesem Tag explodierten vier Sprengsätze in drei
ten Maßstäbe zum Recht auf Verteidigung ein und kon-
Zügen der U-Bahn und einem Bus im Londoner Nahver-
kehr und töteten 52 Menschen und verletzten viele wei- kretisiert die Anforderungen, die an eine Beschränkung
tere. Zwei Wochen darauf, am 21. Juli 2005, wurden des Rechts auf Zugang zu einem Verteidiger zu stellen
sind.
wiederum mehrere Sprengsätze in Zügen und einem Bus
in London gezündet – jedoch ohne dass diese explodier-
ten.1 Drei der Beschwerdeführer, im Folgenden: A, B und 1. Das Recht auf effektive Verteidigung gem.
C, wurden im Anschluss festgenommen und im Rahmen
sog. „safety interviews“ vernommen. Diese Sicherheitsver-
Art. 6 Abs. 3 lit. c) EMRK
nehmungen waren nach englischem Recht, dem Terrorism
In seinem Urteil wiederholt der EGMR zunächst den
Act 2000¸ so ausgestaltet, dass die Beschwerdeführer
Umfang des Rechts auf Zugang zu einem Verteidiger
vernommen werden konnten, ohne vorher Kontakt zu
gem. Art. 6 Abs. 3 lit. c) EMRK. Dabei betont er die
einem Rechtsbeistand aufgenommen zu haben oder wäh-
grundlegende Bedeutung der in Art. 6 Abs. 3 EMRK
rend der Vernehmung von einem solchen begleitet zu
normierten Mindestrechte.5 Wann diese Gewährleistun-
sein. Sie wurden mit der Standardbelehrung des 1994 Act
gen greifen, wohnt dem Begriff der „strafrechtlichen Ankla-
belehrt,2 obwohl dies in ihrem Fall nicht zulässig war.
ge“ in Art. 6 Abs. 3 EMRK inne:6 Eine „Anklage“ liegt
Die drei Beschwerdeführer verneinten während dieser
jedenfalls dann vor, wenn die Situation einer Person
Interviews, an den versuchten Anschlägen beteiligt ge-
durch Strafverfolgungsmaßnahmen der Behörden wegen
wesen zu sein. Später gaben sie im Laufe der Hauptver-
eines Verdachts gegen ihn maßgeblich beeinflusst wird.7
handlung ihre Täterschaft zwar zu, behaupteten jedoch,
Trotz dieser an sich weiten Auslegung war zeitweise
die Bomben seien als Attrappen intendiert gewesen. A
umstritten, ob die Garantien von Art. 6 Abs. 3 EMRK
und B griffen erfolglos die Einführung ihrer Vernehmun-
auch im Ermittlungsverfahren Anwendung finden.8 Be-
gen in der Hauptverhandlung als Beweismittel an.
reits in den 90er Jahren begann der EGMR die Geltung
der Garantien von Art. 6 Abs. 3 EMRK auch auf das Er-
Der vierte Beschwerdeführer,3 im Folgenden: D, war
mittlungsverfahren zu erstrecken.9 Diese Rechtspre-
ursprünglich als Zeuge von der Polizei angesprochen
chungsentwicklung stellte der EGMR in seinem Salduz-
worden und freiwillig zur Vernehmung auf die Polizeiwa-
Urteil noch einmal explizit fest:10 Die Garantien von Art.
che erschienen. Während der Vernehmung begann er,
sich selbst zu belasten und seine Beteiligung zu geste- 4
EGMR, Urteil v. 27.11.2008 – 36391/02, Salduz ./. TR,
hen. Die Polizeibeamten unterbrachen die Vernehmung HRRS 2008 Nr. 1145.
und berieten mit ihren Vorgesetzten, ob sie D nun fest- 5
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 251.
nehmen und belehren sollten. Die Vorgesetzten ordneten 6
Vgl. zu diesem zeitlichen Moment des Begriffes ebenso
an, die Vernehmung ohne Belehrung des D über seine Plekksepp, Die gleichmäßige Gewährleistung des Rechts auf
Rechte fortzuführen, obgleich ihnen bewusst war, dass Verteidigerbeistand – Eine Voraussetzung der gegenseiti-
sie dazu zu diesem Zeitpunkt nach englischem Recht gen Anerkennung strafrechtlicher Gerichtsentscheidungen
verpflichtet waren. Erst nachdem sie von D eine schriftli- in Europa (2012), S. 63; Gaede, Fairness als Teilhabe – Das
Recht auf konkrete und wirksame Teilhabe durch Verteidi-
che Stellungnahme erhalten hatten, nahm die Polizei ihn
gung gemäß Art. 6 EMRK (2007), S. 188; abl. dagegen das
fest und holte die Belehrung nach. In der Hauptverhand- zust. Votum von Richter Mahoney v. 13.09.2016 –
lung widersprach D – erfolglos – der Verwertung seiner 50541/08 u.a., Ibrahim u.a. ./. GB, Rn. 3 ff., der für eine
Stellungnahme. Er schwieg in der Hauptverhandlung. Vorwirkung der Garantien von Art. 6 Abs. 3 EMRK plädiert
Alle vier Beschwerdeführer wurden zu mehrjährigen – dies dürfte jedoch der expliziten Anklagedefinition des
Haftstrafen verurteilt. In ihrer Beschwerde an den EGMR Gerichtshofs auch schon in früherer Rechtsprechung ent-
rügten sie eine Verletzung ihrer Rechte aus Art. 6 Abs. 1, gegenstehen, die de facto auch den reinen Verdacht genügen
3 lit. c) EMRK dadurch, dass ihnen der Zugang zu einem lässt, vgl. dazu grundlegend EGMR, Urteil v. 27.02.1980 –
6903/75, Deweer ./. BE, Rn. 42 f., 46.
Verteidiger gänzlich verwehrt und die so gewonnenen 7
St. Rspr., EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 249;
Erkenntnisse als Beweismittel in der Hauptverhandlung Deweer ./. BE, a.a.O. Fn. 5, Rn. 46; insoweit entspricht
zugelassen wurde. D rügte darüber hinaus die ihm ge- dieser Anklagebegriff dem Beschuldigtenbegriff des deut-
genüber unterlassene Belehrung als Beschuldigter. schen Strafprozessrechts, vgl. so zutr. Jahn, JuS 2017, 177,
178.
8
Vgl. früher noch offen, EKMR, Entscheidung v. 11.12.1976
1
Vgl. für den nachfolgenden Sachverhalt EGMR, Urteil v. – 7641/76, X. u. Y. ./. DE, S. 5.
9
13.09.2016 – 50541/08 u.a., Ibrahim u.a. ./. GB, Rn. 14 ff. S. EGMR, Urteil v. 24.11.1993 – 13972/88, Imbrioscia ./.
2
„You do not have to say anything. But it may harm your defence if CH, Rn. 36; Urteil v. 08.02.1996 – 18731/91, John Murray
you do not mention when questioned something which you later re- ./. GB, Rn. 62; vgl. ähnlich ebenso Urteil v. 20.06.2002 –
ly on in Court. Anything you do say may be given in evidence.“ 27715/95 u. 30209/96, Berlinski ./. PL, Rn. 75 und Ent-
3
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 137 ff. scheidung v. 12.10.2004 – 16743/03, Beale ./. GB, S. 4.
10
EGMR, Salduz ./. TR, a.a.O. Fn. 3, Rn. 41 ff.

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Aufsätze und Anmerkungen Castorf – Beschränkung des Zugangs zu einem Verteidiger

6 Abs. 3 EMRK gelten ab dem Zeitpunkt der strafrechtli- „herausfordernden Zeiten“ die Konventionsstaaten ihr Ver-
chen „Anklage“ und erstrecken sich auch auf das Ermitt- pflichtungsgefühl gegenüber Rechtsstaatlichkeit und
lungsverfahren, wenn der Angeklagte sich in einer be- Menschenrechten unter Beweis stellen müssen; auch in
sonders verletzlichen Position befindet, aus der Einstel- Fällen von organisierter Kriminalität und Terrorismus
lung und dem Verhalten des Angeklagten nachteilige dürften Verteidigungsrechte nicht verwässert werden.18
Schlüsse für die Hauptverhandlung gezogen werden
können oder insgesamt seine Verteidigungsaussichten Gleichzeitig solle Art. 6 EMRK aber auch nicht so ange-
maßgeblich durch das Ermittlungsverfahren bestimmt wandt werden, dass die Strafverfolgungsbehörden im
werden.11 Kampf gegen Terrorismus oder andere Schwerstkrimina-
lität übergebührlich behindert werden.19 Drohe also eine
konkrete Gefahr für Leib, Leben oder persönliche Freiheit
2. Einschränkbarkeit dieses Rechts anderer Menschen, dann müsse den Behörden auch mög-
lich sein, ihrer nach der Konvention bestehenden
Trotz der immensen Wichtigkeit des Rechts auf Verteidi-
Schutzpflicht nachzukommen.20
gungszugangs besteht es jedoch nicht absolut. Der
EGMR erkennt an, dass aus „zwingenden Gründen“ eine
Einschränkung von Art. 6 Abs. 3 lit. c) EMRK zulässig b) Keine unangemessene Benachteiligung der Rechte des
ist, solange dadurch die Verteidigungsrechte des Ange- Angeklagten
klagten nicht unangemessen beeinträchtigt werden.12
Damit unterwirft er einen Eingriff in Art. 6 Abs. 3 lit. c) Auf einer zweiten Ebene darf die Verteidigung durch
EMRK einem zweistufigen Test. Diese Anforderungen diese Zugangsbeschränkung nicht unangemessen be-
waren zwar seit Salduz bekannt, sind im vorliegenden schränkt worden sein; in einer Gesamtbetrachtung des
Urteil in Bezug auf Umfang und Verhältnis zueinander Verfahrens muss dieses also noch fair gewesen sein. Für
präzisiert worden. die Bestimmung der Fairness hat der EGMR im vorlie-
genden Urteil nun eine elfteilige, nicht abschließende
a) Zwingende Gründe Liste an Faktoren aufgestellt:21 Dazu zählen unter ande-
rem die Verletzlichkeit des Angeklagten aufgrund seiner
geistigen Verfassung oder seines Alters, die Bedeutung
Zunächst müssen von staatlicher Stelle zwingende Grün-
des Ermittlungsverfahrens für die Hauptverhandlung, ob
de vorgetragen werden. Zwingend bedeutete in der bis-
der Angeklagte die Beweismittel in der Hauptverhand-
herigen Rechtsprechung, dass eine solche Beschränkung
lung angreifen konnte, ob das Beweismittel nach den
nur ausnahmsweise, zeitlich vorübergehend und auf
jeweiligen nationalen Vorschriften gesetzlich oder unge-
einer individuellen Einschätzung der jeweiligen Umstän-
setzlich erlangt wurde und ob das entgegen Art. 6 Abs. 3
de des Einzelfalls geschehen darf.13 Damit hat der EGMR
lit. c) EMRK erlangte Beweismittel ein entscheidendes
bisher vor allem die Sachverhaltsebene dieser Vorausset-
Beweismittel war.
zung betont. Im vorliegenden Urteil hat er diese Sach-
verhaltsebene um eine rechtliche Betrachtung ergänzt,
In Salduz war festgehalten worden, dass ein Beschwerde-
indem er darauf abstellt, ob es für die Beschränkung eine
führer in der Regel in seinen Rechten aus Art. 6 Abs. 3
einfachgesetzliche Grundlage gab und ob die Einschrän-
EMRK verletzt sei, wenn belastende Angaben aus einer
kung unter Befolgung dieser Grundlage rechtmäßig er-
Polizeivernehmung ohne Beistand eines Verteidigers in
folgte.14
einer Hauptverhandlung gegen ihn verwendet werden.22
Daraus wollten die Beschwerdeführer ableiten, dass ein
Laut dem EGMR dürfe diese Voraussetzung nicht Ein-
Verfahren immer als unfair zu gelten habe, wenn keine
fallstor für allgemeine Befürchtungen sein, sondern müs-
zwingenden Gründe vorliegen. Einer solchen bright-line-
se in Anbetracht der Wichtigkeit der Garantien von Art. 6
rule trat der EGMR jedoch entgegen.23 Dies habe er auch
Abs. 3 EMRK streng gehandhabt werden.15 Damit muss
in Salduz so nicht vertreten: Dort habe er trotz des Feh-
die Einschätzung, ob „zwingende Gründe“ vorliegen oder
lens zwingender Gründe noch die Gesamtumstände des
nicht, sich auf konkrete Vorkommnisse und Gefahren
Verfahrens analysiert und in die Urteilsfindung mit ein-
stützen. Insofern genügen weder allgemeine Befürchtun-
bezogen.24 Das Fehlen zwingender Gründe wirkt sich
gen16 noch der Verdacht von Schwerstkriminalität17 al-
jedoch erheblich auf die Fairnessprüfung der zweiten
lein. Zutreffend hebt der EGMR hervor, dass gerade in
Ebene aus. Denn die Abwägung der einzelnen Fairness-
11
Ebd., Rn. 52, 54; wiederholt in EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB,
aspekte wird durch ein Fehlen von zwingenden Gründen
a.a.O. Fn. 1, Rn. 253; dies ist jedoch abhängig von den Ei- maßgeblich zugunsten des Angeklagten beeinflusst. Die
genheiten der jeweiligen Verfahrensordnung und den Um- Beweislast, darzulegen, dass das Verfahren selbst durch
ständen des jeweiligen Einzelfalls, so grundlegend in Imb-
18
rioscia ./. CH, a.a.O. Fn. 8, Rn. 38. EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 252.
19
12
Vgl. EGMR, Salduz ./. TR, a.a.O. Fn. 3, Rn. 45. Ebd.
20
13
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 258; so bereits Ebd., Rn. 259, mit Verweis darauf, dass solche Ausnahmen
in Salduz ./. TR, a.a.O. Fn. 3, Rn. 44 f. vom Recht auf Verteidigungsbeistand auch in den USA und
14
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 258. in der Richtlinie der EU zum Recht auf Verteidigungsbei-
15
Ebd.; krit. dazu gemeinsam abw. Votum der Richter Sajò u. stand anerkannt sind.
21
Laffranque v. 13.09.2016 – 50541/08 u.a., Ibrahim u.a. ./. Ebd., Rn. 274.
22
GB, Rn. 19 a.E., die als zusätzliches Kriterium eine unmit- EGMR, Salduz ./. TR, a.a.O. Fn. 3, Rn. 45 a.E.
23
telbar bevorstehende Bedrohung verlangen. EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 260.
24
16
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 259 a.E. Ebd.
17
So jedenfalls deutlich in EGMR, Salduz ./. TR, a.a.O. Fn. 3,
Rn. 44 a.E.
171
HRRS April 2017 (4/2017)
Aufsätze und Anmerkungen Castorf – Beschränkung des Zugangs zu einem Verteidiger

die Beschränkung nicht unangemessen beeinträchtigt 3. Bewertung


war, geht auf der zweiten Prüfebene auf den Staat über.25
In diesem Urteil hat der EGMR wichtige Konkretisierun-
Insoweit präzisiert der EGMR, dass es sich nicht um
gen für die Einschränkung des Rechts auf Verteidigung
kumulative Voraussetzungen handelt. Durch die Auswir-
nachgereicht. Nichtsdestotrotz begegnet gerade die Sub-
kungen der ersten Stufe auf die Frage der Beweislast für
sumtion dieser Maßstäbe Bedenken.
die Fairness des gesamten Verfahrens auf der zweiten
Ebene sind die Voraussetzungen zwar noch alternativ,
aber als voneinander abhängig zu betrachten. a) Maßstabskonkretisierung der zwingenden Gründe und
Subsumtion im Fall von A, B und C
c) Anwendung dieser Maßstäbe auf den konkreten Fall
Die abstrakte Maßstabsbildung des EGMR an sich ver-
dient Zuspruch. Denn insoweit betont er erneut, die
Von diesen Maßstäben ausgehend hat der EGMR zu-
allgemeine Geltung der Garantien von Art. 6 Abs. 3
nächst eine Verletzung der Beschwerdeführer A, B und C
EMRK, unabhängig von der Schwere des geäußerten
abgelehnt:26 Es habe ein zwingender Grund vorgelegen,
Verdachts und positioniert sich so gegen ein Sonderstraf-
ihr Recht auf Verteidigung zeitweise zu beschränken.
verfahren für bestimmte Verdächtige.33 Bereits zuvor hat
Denn die Lage nach den Anschlägen sei unübersichtlich
der EGMR diese Betrachtung im Hinblick auf die eben-
gewesen. Die Polizei habe nicht wissen können, ob zum
falls in Art. 6 EMRK garantierte Unschuldsvermutung
damaligen Zeitpunkt noch weitere Attentäter die verhin-
des Angeklagten gerechtfertigt. Denn die Anwendung
derten Anschläge nachholen wollten. Im Zusammenhang
eines Sonderstrafverfahrens verlangt eigentlich, denjeni-
mit den nicht gezündeten Sprengsätzen seien 18 Men-
gen nicht mehr als unschuldig zu betrachten, sondern als
schen vorläufig festgenommen worden. Diese seien je-
schuldig mit der Folge solcher prozessualen Rechtsfol-
weils isoliert worden, um zu verhindern, dass andere
gen.34 Mit seiner konkreten Einzelfallbetrachtung tritt
Verdächtige informiert und die Untersuchung durch
der EGMR einer derartigen Generalverdachtsherange-
undichte Stellen gefährdet würde.27 Ein Zugang zu Ver-
hensweise grundsätzlich entgegen.
teidigern sei in dieser angespannten Lage nicht machbar
gewesen. Dadurch seien ihre Verteidigungsrechte auch
Zudem schafft er ein Einfallstor für die Berücksichtigung
nicht unangemessen beeinträchtigt worden:28 Sie hätten
der einfachgesetzlich garantierten Verteidigungsrechte
in der Hauptverhandlung die Möglichkeit gehabt, ihre als
des Angeklagten bereits auf der Ebene der „zwingenden
Beweismittel eingeführten Vernehmungen in Frage zu
Gründe“. Dadurch beachtet er auch auf Ebene der Ein-
stellen, und seien zudem durch eine Vielzahl zusätzlicher
griffsrechtfertigung die Konfliktlage zwischen der Ge-
Beweismittel überführt worden. Die zunächst falsche
währleistung von Beschuldigtenrechten und der Schutz-
Belehrung sei versehentlich erfolgt und stelle lediglich
pflicht des Staates gegenüber seinen Bürgern im Fall
einen zu vernachlässigenden Fehler in einer sonst insge-
terroristischer Angriffe. Diesen Aspekt hätte er ebenso –
samt nach englischem Recht rechtmäßig durchgeführten
und vielleicht passender – als Aspekt bei der Überprü-
Ermittlung dar.
fung der Gesamtfairness des Verfahrens auf der zweiten
Stufe einbringen können:35 Dass er es auf dieser Ebene
Anders dagegen fiel die Bewertung dieser Maßstäbe für
macht, dürfte sich vorteilhaft für die Berücksichtigung
den Beschwerdeführer D aus: Denn dessen Verteidi-
der Verteidigungsrechte an sich auswirken, weil bei ggf.
gungsrechte seien bereits ohne zwingenden Grund be-
rechtswidriger Behandlung des Angeklagten im Folgen-
schränkt worden. Durch die – nach englischem Recht
den der Staat bezüglich der Fairness des Verfahrens be-
rechtswidrig – unterlassene Belehrung habe sich D im
weisbelastet ist.
Unklaren über seine prozessualen Rechte befunden.29
Dabei käme dem Belehrungserfordernis durch die Straf-
Kritisch ist dagegen die konkrete Subsumtion des EGMR:
verfolgungsbehörden erhebliche Bedeutung zu, um den
Diese verfehlt den eigentlichen Kern des an sich streng
Angeklagten seine Rechtsausübung überhaupt zu ermög-
angelegten Maßstabs.36 Denn die Frage ist nicht lediglich,
lichen.30 Insbesondere wenn kein Verteidiger die Rechts-
ob Leib, Leben oder persönliche Freiheit anderer Men-
ausübung absichert, sei diese Aufklärungspflicht der
schen gefährdet sind – sondern ob diese Gefährdung –
Behörden besonders wichtig.31 Dem insofern auf zweiter
und damit die Auslösung der Schutzpflicht des Staates
Ebene, der Gesamtfairness, beweisbelasteten Vereinigten
durch den Zugang auf Verteidigung mitbegünstigt oder
Königreich sei der Beweis nicht gelungen, dass das Ver-
herbeigeführt wird. Dies konnte der EGMR in seinem
fahren insgesamt noch fair gewesen sei.32
33
25 Vgl. EGMR, Urteil v. 09.06.1998 – 25829/94, Teixeira de
Ebd., Rn. 264.
26 Castro ./. PT, Rn. 36 (in Fällen organisierter Drogenkrimi-
Ebd., Rn. 275 ff.
27 nalität); Urteil v. 17.12.1996 – 19187/91, Saunders ./. GB,
Ebd., Rn. 28, 43, 51, 278.
28 Rn. 74 (bei Umfangsverfahren); John Murray ./. GB, a.a.O.
Ebd., Rn. 280 ff.
29 Fn. 8, Rn. 62 ff. (bei Terrorismusvorwürfen); zust. Gaede,
Ebd., Rn. 299; krit. zum vermeintlich zu prozessualem
a.a.O. Fn. 5, S. 707 ff.; ebenso Esser, in: Esser/Günther u.a.
Ansatz unter Vernachlässigung des Gesamtbildes, vgl. ge-
(Hrsg.), FS H.-H. Kühne (2013), S. 541 bezgl. eines rechts-
meinsam abw. Votum der Richter Hajiyev u.a. v.
staatlich organisierten Strafverfahrens.
13.09.2016 – 50541/08 u.a., Ibrahim u.a. ./. GB, Rn. 11 ff., 34
S. Gaede, a.a.O. Fn. 5, S. 709.
18. 35
30 Dazu krit. das abw. Votum der Richter Hajiyev u.a., Ibra-
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 272.
31 him u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 29, Rn. 15.
Ebd., Rn. 273; ebenso in Urteil v. 18.02.2010 – 39660/02, 36
Ebenso das abw. Votum der Richter Sajò und Laffranque,
Aleksandr Zaichenko ./. RU, HRRS 2010 Nr. 228, Rn. 86.
32 Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 15, Rn. 22.
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 302 ff.
172
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Aufsätze und Anmerkungen Castorf – Beschränkung des Zugangs zu einem Verteidiger

Urteil nicht belegen.37 Allein die Unübersichtlichkeit der ren gestützte Abwägung die Gefahr nicht vorhersehbarer
Lage und, dass noch andere Verdächtige auf freiem Fuß Judikate.
sein konnten, begründen zwar eine generelle Gefährdung
der Bevölkerung. Den Zugang zu einem Verteidiger zu Im Fall des Beschwerdeführers D ist bedauerlich, dass
beschränken, erscheint insofern aber nur dann als geeig- der EGMR keine „bright-line-rule“ bei fehlenden zwingen-
netes Mittel, wenn man eine Komplizenschaft der Vertei- den Gründen etabliert hat. Die Vernehmung Ds wurde
digung unterstellt. Im eigentlich umfangreichen Sachver- gezielt unter Umgehung seiner Rechte durchgeführt.
halt fehlt es an Anhaltspunkten, die eine derartige Ge- Obwohl die zuständigen Polizeibeamten erkannt hatten,
fährdung oder Komplizenschaft belegen. Stattdessen hat dass er als Beschuldigter belehrt werden müsste, haben
der EGMR unter die allgemeine Befürchtung subsumiert, sie es vorsätzlich nicht getan, um mehr Informationen zu
durch die Beiziehung von Verteidigern könnten Informa- gewinnen. Wann soll ein Verwertungsverbot überhaupt
tionen an die Öffentlichkeit oder Mittäter gelangen, die existieren, wenn nicht bei einer derart willkürlichen
den Untersuchungszweck gefährden könnten. In seiner Umgehung der Verteidigungsrechte des Angeklagten?
Subsumtion ist der EGMR nicht ganz deutlich, ob er Grundsätzlich betont der EGMR zwar, dass die Verwert-
tatsächlich einen Generalverdacht gegenüber der Vertei- barkeit von Beweisen den nationalen Rechtsordnungen
digerschaft an sich äußert38 oder ob er lediglich unterlas- unterliege.43 Davon weicht der EGMR aber gerade ab,
sen hat, in seiner Subsumtion den Maßstab umzusetzen, wenn es sich um einen Fall erheblichen staatlichen Fehl-
den er zuvor noch aufgestellt hat. Insofern hätte auch für verhaltens handelt, wie z.B. der aktiven Beeinflussung bei
die Beschwerdeführer A, B und C das Vorliegen „zwingen- der sog. rechtsstaatswidrigen Tatprovokation.44 Zwar
der Gründe“ verneint werden müssen. unterscheiden sich die Fälle der rechtsstaatswidrigen
Tatprovokation vom vorliegenden Fall dadurch, dass das
Jedenfalls für die Beschwerdeführer A und C dürfte des- später angeklagte Verbrechen selbst von den Strafverfol-
wegen auch in der Gesamtbetrachtung das Verfahren gungsbehörden in aktiver Weise verursacht wurde. Doch
unangemessen beeinträchtigt gewesen sein. Es erscheint der Kerngedanke ist ein ähnlicher: Es geht darum, zu
fraglich, ob Großbritannien hätte belegen können, dass verhindern, dass dem Angeklagten von Beginn an, kein
die Angriffsmöglichkeiten der Beschwerdeführer in der faires Verfahren zuteilwird. Diese Gefahr besteht jedoch
Hauptverhandlung noch die Gesamtfairness des Verfah- auch dann, wenn die Strafverfolgungsbehörden verhin-
rens wiederherstellen konnten.39 Für den Beschwerde- dern, dass einem Angeklagten seine Rechte bekannt
führer B dürfte etwas Anderes gelten, weil er der Verwer- werden. Denn der Angeklagte, der sich zu Beginn des
tung des Inhalts der Sicherheitsvernehmungen in der Ermittlungsverfahrens in Unkenntnis seiner Rechte
Hauptverhandlung zugestimmt hat.40 selbst belastet, ermöglicht so die Ermittlung weiterer
Beweismittel gegen ihn und verspielt so regelmäßig seine
b) Kein zwingendes Verwertungsverbot bei fehlenden Verteidigungschancen im späteren Verfahren.
zwingenden Gründen
III. Zusammenfassung
Insgesamt entspricht die zweistufige Prüfung der Recht-
sprechungslinie des EGMR, im Rahmen von Art. 6 Die insgesamt wünschenswerte Konkretisierung zu den
EMRK auf die Gesamtfairness des Verfahrens und nicht Einschränkungsmöglichkeiten von Art. 6 Abs. 3 lit. c)
auf einzelne Verstöße abzustellen.41 Diese Form der Ge- EMRK werden leider im Konkreten nicht so streng ge-
samtbetrachtung begegnet grundsätzlich keinen Beden- handhabt, wie es in Anbetracht der Bedeutung dieses
ken: Die vielgestaltigen Fallkonstellationen des Art. 6 Rechts für den Angeklagten sein sollte. Es ist verständ-
Abs. 3 EMRK würden durch eine rein schematisch an- lich, dass der EGMR sich gerade im Fall von Terroris-
wendbare Regel nicht immer treffend abgebildet.42 musvorwürfen und Verurteilungen damit zurückhält,
Gleichwohl birgt eine solche, auf eine Vielzahl von Fakto- übermäßige Hürden für die Strafverfolgung aufzustellen.
37
Jedoch hat er dadurch im konkreten Fall von A, B und C
EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 278.
38
die Verteidigungsrechte einer abstrakten Gefährdungsbe-
Insofern krit. Seet, C.L.J. 74 (2015), 208, 209 f.
39 trachtung geopfert.45 Ein strengerer Ansatz, der die Straf-
Vgl. zu den prozessualen Möglichkeiten und der Gesamt-
abwägung, EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. verfolgungsbehörden auch in Krisensituationen zur ge-
280 ff.; dazu, dass auch bei Vorliegen zwingender Gründe, nauen Einhaltung der Verteidigungsrechte anhält, wäre
die Abwägung eine Verletzung von A, B und C hätte erge- wünschenswert gewesen.
ben müssen, vgl. Seet, C.L.J. 74 (2015), 208, 210.
40
Vgl. für B, EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, Rn. 64 43
Vgl. m.w.N. EGMR, Urteil v. 23.10.2014 – 54648/09,
f., 69 f., 282; dazu, dass das Verfahren grds. fair ist, wenn Furcht ./. DE, HRRS 2014 Nr. 1066, Rn. 47.
ein zuvor konventionswidrig erlangtes Geständnis in der 44
So z.B. bei der sog. rechtsstaatswidrigen Tatprovokation,
Hauptverhandlung freiwillig wiederholt wird: Urteil v. ebd., Rn. 65; in der dt. Rspr. umgesetzt als absolutes Ver-
30.06.2008 – 22978/05, Gäfgen ./. DE, HRRS 2008 Nr. fahrenshindernis, vgl. BGH, Urteil v. 10.06.2015 – 2 StR
627, Rn. 107 f. 97/14, HRRS 2015 Nr. 1104, Rn. 40 ff.
41
Vgl. dazu m.w.N. EGMR, Ibrahim u.a. ./. GB, a.a.O. Fn. 1, 45
Insgesamt krit. Seet, C.L.J. 74 (2015), 208, 211 („disappoin-
Rn. 250. ting“).
42
A.A. Jahn, JuS 2017, 177, 178 a.E.

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