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Gloy

Was ist die Wirklichkeit?


Karen Gloy

Was ist die


Wirklichkeit?

Wilhelm Fink
Umschlagabbildung:
Lu Zih (ca. 1469-1576)
Zhuangzi träumt von einem Schmetterling (Mitte des 16. Jahrhundert)

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Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn

ISBN 978-3-7705-5948-0
Ein herzlicher Dank gilt
Herrn lic. phil. Marius Mosimann
für die Beschaffung der Literatur und
die redaktionelle Betreuung.
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten auf den Wegen schweben
und schwinden wir.
Und messen unsere trägen Tritte
nach Raum und Zeit;
und sind (und wissen’s nicht) in der Mitte
der Ewigkeit.

Johann Gottfried Herder


Inhalt

Einleitung: Das Realitätsproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   11


1. Die Frage nach der Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   11
2. Geschichtlicher Abriss der Problematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   14
3. Aufgabenstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   22

I. Verhältnis von Traum und Wachen in theoretischer Hinsicht . .   25


1. Phänomenologische Analyse der Traumwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . .   25
2. Erkenntnistheoretische Beweisversuche eines Unterschiedes
von Traum- und Wachbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   40
3. Phänomenologischer und symbolischer Realismus . . . . . . . . . . . . .   54
4. Die diversen Realitäten von Kulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   68

II. Die praktischen Konsequenzen von Einbildung (Traum)


(Forschungsbericht aus Westbhutan) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .    73
1. Phänomenologische Deskription von Orakeln . . . . . . . . . . . . . . . .   75
2. Religiöser Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   95
3. Sozialer Aspekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   98
4. Psycho-somatischer Aspekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  100
5. Neurophysiologische Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  106

III. Pluralität der Weltbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  117


1. Sapir-Whorf-Hypothese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  117
2. Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  122
3. Raum- und Zeitvorstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  133
3a. Raumvorstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  133
3b. Zeitvorstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  147
4. Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  159
4a. Binäre Logik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  159
4b. Analogielogik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  165
5. Die Möglichkeit interkultureller Kommunikation . . . . . . . . . . . . .  175

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  183

Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  191

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  195
 Einleitung

Das Realitätsproblem

1.  Die Frage nach der Wirklichkeit

G ewiss hat sich jeder von uns schon einmal die Frage gestellt: Was ist wirklich?
Ist dies oder jenes wirklich? Was ist überhaupt die Wirklichkeit? Gibt es nur
eine einzige Wirklichkeit oder viele, oder ist letzteres ein Widerspruch?
Von dem chinesischen Philosophen Zhuangzi (um 369-286 v. Chr.) ist die
kleine amüsante und zugleich tiefsinnige Geschichte vom Schmetterlingstraum
überliefert, die auch im Westen bekannt ist und Jahrhunderte später zur Tang-
Zeit – im Jahre 742 n. Chr. – durch kaiserlichen Erlass mit anderen Werken Zhu-
angzis zusammengefasst und unter dem Titel Das wahre Buch vom südlichen Blüten-
land publiziert wurde.

„Einst träumte Zhuang Zhou [d.i. Zhuangzi], daß er ein Schmetterling wurde, der
beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen.
Dabei wußte er nicht, daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach; da war er
Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht, ob es Zhuang Zhou
war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetter-
ling war, der geträumt hat, er sei Zhuang geworden.“1

Wer ist hier wirklich, wer geträumt? Ist Zhuangzi der Wirkliche, der träumt, und
der Schmetterling geträumt, lediglich imaginiert, oder ist umgekehrt der Schmet-
terling der Wirkliche, Träumende und Zhuangzi bloß geträumt? Angesichts des
Fehlens eines neutralen, archimedischen Punktes, von dem aus das Verhältnis be-
urteilt und entschieden werden könnte, und angesichts des Fehlens eines unver-
rückbaren Entscheidungskriteriums bleibt die Lage unentschieden und führt zu
Irritationen.
Diese Situation ist keineswegs einmalig und einzigartig, sondern eine ganz ge-
wöhnliche Situation, der wir tagtäglich ausgesetzt sind.
Alle Einzeldinge, ob Sachen oder Personen, werden von uns aus verschiedenen
Blickwinkeln angegangen. So ist eine Person für uns beispielsweise in genetischer
Hinsicht eine Frau, aus verwandtschaftlicher unsere Mutter, aus sozialer eine
hilfsbereite Person, aus beruflicher eine Ärztin, aus sportlicher eine mittelmäßige
Schwimmerin, aus musikalischer eine Klavierspielerin usw. Sie zieht eine Vielzahl

  1 Henrik Jäger: Zhuangzi / Schmetterlingstraum. Der Schmetterlingstraum, in: http://www.henrikjae-


ger.de/chinesische-philosop
12 Einleitung: Das Realitätsproblem

von Perspektiven auf sich, die sie in sich zu einem System vereint. Da sie nicht nur
von einer einzigen außenstehenden Person betrachtet und beurteilt werden kann,
sondern von einer Vielzahl, die alle ihre eigenen Blickwinkel und Sichtweisen ha-
ben, stellt unsere Referentin für jede dieser Einzelpersonen ein je spezielles System
von Eigenschaften und Rollen dar, die sie spielt, wobei es wegen abweichender und
unterschiedlicher Beurteilungen zu Inkompatibilitäten und Widersprüchen zwi-
schen den Systemen bzw. den Systemteilen kommen kann. Die Person ist nichts an
sich und auch nicht an sich existent, sondern lediglich ein Konglomerat von
Sichtweisen. Bestimmt man sie, um dieser Schwierigkeit zu entgehen, als Mensch
aus Fleisch und Blut, so ist auch dies eine Perspektive, und zwar eine biologische.
Bestimmt sie man weiter als Organismus mit Organen, Organellen, Zellen, so
entspricht dies einer medizinischen Perspektive, und bestimmt man sie als Anhäu-
fung von Molekülen und Atomen und deren weiteren Bestandteilen: Protonen,
Neutronen, Elektronen, Quarks und anderen Elementarteilchen, die nur Bruch-
teile von Sekunden dauern, so ist dies eine Perspektive, die der Physik entspricht,
und auch diese kann wechseln je nach Forschungsstand und Ansatz. So genügt uns
heute nicht mehr, Materie aus nulldimensionalen Teilchen zu erklären, sondern aus
Schwingungen, Vibrationen, Energien.
Diese Situation des Multiperspektivismus betrifft nicht nur Einzeldinge, son-
dern die Welt im ganzen. Aus Kulturvergleichen historischer wie simultaner Art
wissen wir, dass die Welt heterogen interpretiert wird, mitnichten einheitlich.
Vielmehr haben alle Völker und Epochen ihr je eigenes Weltbild, von denen keines
dem anderen gleicht. An bestimmten thematischen Feldern, die sich herausgeschält
haben, lassen sich die Differenzen besonders prägnant studieren. Da ist zum einen
das Verhältnis von Ich und Gesellschaft. Während die westliche Konzeption durch
einen ausgeprägten Individualismus mit Betonung des Einzel-Ich, seiner Auto-
nomie, Unabhängigkeit und Selbständigkeit charakterisiert ist, gilt für den Osten und
für Naturvölker eine explizite Integration des Ich in die Gesellschaft, eine Einbet-
tung desselben in ein gemeinschaftliches Wir, die nur ein interdependentes Agieren
zulässt. Was die Auffassung von Objekten betrifft, so ist sie in dem einen Weltbild
mit Wohlunterschiedenheit und Abgehobenheit der Objekte von anderen wohlun-
terschiedenen Objekten verbunden, in anderen mit der Auflösung in eine reine
Fluktuation. Während wir in unserer Wissenschaft Termini und Definitionen be-
nutzen, um möglichst exakte und präzise Festlegungen zu erreichen, ist die phäno-
menologische Einstellung anderer Kulturen darauf bedacht, die bunte, schillernde,
ständig sich verändernde Erscheinungshaftigkeit der Dinge, die Vielzahl von Ein-
drücken, Daten, Bildfetzen einzufangen, nicht durch Systematisierung und Objek-
tivation zu bewältigen, sondern als Kaleidoskop unreflektierter Sinneseindrücke
stehenzulassen. Zu nennen sind auch die unterschiedlichen Raum- und Zeitauffas-
sungen. Während die eine Kultur lediglich eine monolithische Präsenzzeit kennt,
benutzt die andere ein duales Zeitsystem, indem sie Vergangenheit und Gegenwart
zu einer einzigen Zeitform zusammenzieht und Zukunft hinzufügt; eine dritte
Kultur hat ein ausgeprägtes, subtiles Temporalsystem wie die unsere, während
wiederum eine vierte keinerlei Tempora, sondern nur Aktionsarten und Aspekte
Die Frage nach der Wirklichkeit 13

kennt. Was den Raum betrifft, so überzieht die eine Kultur die Welt mit einer ab-
strakten Geometrie, während die andere es bei konkreten lokalen und geographi-
schen Bestimmungen wie ‚nördlich vom Dorf‘ oder ‚landeinwärts von der See‘
belässt und zur Bestimmung von Substanzen und ihren Funktionen konkrete
räumliche Gestalten heranzieht wie long thin wax für ‚Kerze‘, long banana für ‚Ba-
nane‘ und flat banana für ‚Bananenblatt‘.2
Ging es bislang nur um die inhaltliche Auslegung der Wirklichkeit, so steht die
Diskussion um die Modalität dieser inhaltlichen Auslegung noch aus, ob sie nur
möglich oder auch wirklich sei. Bezüglich des Inhalts könnte man argumentieren,
dass er lediglich vorgestellt, eventuell geträumt, phantasiert, also nur möglich sei.
Dieses Ausweichmanöver funktioniert nicht mehr, wenn es um die Existenz der
Weltbilder, um die Wirklichkeit im Sinne von Dasein geht. Um diesen Sachverhalt
zu erklären, pflegt man für ‚wirklich‘ auch synonyme Begriffe wie ‚real‘ (Realität),
‚faktisch‘ (Faktum), ‚tatsächlich‘ (Tatsache), ‚echt‘ heranzuziehen. Doch auch sie
erliegen dem Perspektivismus, da sie diversen philosophischen Ansätzen entstam-
men, deren Grundausrichtung in die Interpretation mit eingeht. So stammt das
Wort ‚wirklich‘ / ‚Wirklichkeit‘ etymologisch von dem Wort ‚wirken‘ ab und gehört
in ein Weltbild, das von der Beseeltheit und Belebtheit aller Dinge überzeugt ist,
von ihrem Agieren und Reagieren, das alles in einem Wirkungszusammenhang
sieht und auf Kräften beruht. Es handelt sich um das magisch-mythische Naturver-
ständnis.
Die erste literarisch nachweisbare Stelle dieser Naturauffassung findet sich bei
Homer in der Odyssee X, 303. Dort beschreibt Homer das Wunderkraut Moly, das
der Gott Hermes Odysseus auf seinem Weg zur Zauberin Kirke als Schutz gegen
deren Zaubermacht mitgibt und erklärt: die milchweißen Blüten und die pech-
schwarzen Wurzeln. „Und er zeigte mir seine [des Krautes] Natur“ (kai, moi fu,sin
auvtou/ e;deixe). Hier ist nicht allein der Bezug zum Pflanzlichen offenkundig, son-
dern mit ihm auch das Gewordensein des Aussehens, der Gestalt, sowie darüber
hinaus die Wirkungsweise dieses Aussehens. So sind Gestalt und Farbe nicht einfach
Gestalt und Farbe, sondern Gewirktes und selber Wirkendes. Sie stehen in einem
Wirkungsnexus, der die ganze Welt überzieht. Im heutigen Gebrauch des Wortes
‚Wirklichkeit‘ klingt diese Bedeutung nach. Ebenso sprechen wir, vor allem in der
Psychologie, aber auch im Alltag, von der positiven oder negativen Einflussnahme
einer Person oder einer Umgebung auf eine andere Person.
Das Wort ‚real‘ / ‚Realität‘ geht hingegen auf das lateinische Wort res = ‚Sache‘,
‚Ding‘ zurück. Hier entfällt der Wirkungskontext. Das Wort bezeichnet vielmehr
das Objekt, das aus seiner Umgebung herauspräpariert und von allen Wirkungen
abstrahiert ist, wie denn Objekt von dem lateinischen obicere = ‚sich gegenüber
aufstellen‘, ‚vor sich hinstellen‘ abgeleitet ist; es ist das physikalische Objekt in rein
theoretischer Perspektive.

   2 So im Maya des Yucatan. Vgl. John A. Lucy: Language Diversity and Thought. A Reformulation of
the Linguistic Relativity Hypothesis, Cambridge, Cambridge University Press 1992.
14 Einleitung: Das Realitätsproblem

In dem Wort ‚faktisch‘, das sich von facere = ‚tun‘, ‚machen‘, ‚handeln‘ ableitet,
sowie in dem Wort ‚tatsächlich‘, in dem ‚Tatsache‘, ‚tun‘ steckt, spricht sich eine
schöpferische Perspektive aus, wie sie zwischen creator und creatum (Schöpfer und
Geschaffenem) besteht, d.h. zwischen Produktion und Produkt.
Das Wort ‚Existenz‘, das sich von existere herleitet, einer Zusammensetzung aus
ex = ‚aus‘, ‚heraus‘ und istere = ‚stehen‘, und damit soviel bedeutet wie ‚heraus-
stehen‘, ‚hervorgegangen sein‘, weist auf eine Perspektive des Entstehens, Werdens,
nicht so sehr auf eine des Schaffens und Handelns.
Und das Wort ‚echt‘ schließlich gehört in den Kontext einer axiologischen,
evaluierenden Betrachtung. Von echtem Gold spricht man im Unterschied zu un-
echtem, zu dem, was eine andere Legierung aufweist und mit anderen Metallen
vermischt ist. Nur das echte ist verlässlich, konstant, wertvoll und bezeichnet in
diesem Sinne die Wirklichkeit.
Selbst bei den vorgenannten Modalbestimmungen des Wirklichen sehen wir
uns einem Perspektivismus konfrontiert, der je und je andere Aspekte am Wirkli-
chen akzentuiert.3 Zudem bezieht er die diversen Auffassungen von Wirklichkeit
auf einen Referenten, der selbst in der Vielfalt der Auffassungsweisen untergeht.
Die Modalbestimmungen ‚wirklich‘, ‚real‘, ‚existent‘ oder ‚seiend‘ sind vorgestellte
und setzen ein Vorstellendes voraus, für das dasselbe gilt und so in infinitum. Die
Konsequenz ist die Auflösung der Wirklichkeit in einen totalen Perspektivismus
oder, wie man heute zu sagen pflegt, radikalen Konstruktivismus.4 Diesem Di-
lemma, dass sich das angeblich Wirkliche oder Reale immer wieder entzieht und in
einem Perspektivismus auf- bzw. untergeht, ist nicht zu entkommen.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Geschichte dieses Problems.

2.  Geschichtlicher Abriss der Problematik

Das Realitätsproblem ist eines der ältesten zentralen Themen der Geistesgeschichte,
das nicht nur die Philosophie – insbesondere die Erkenntnistheorie und Ontolo-
gie – interessiert, sondern auch die Theologie, vor allem die Mystik, darüber hinaus
die Naturwissenschaften (Physik, Chemie), nicht weniger die Psychologie, Medizin
und heute die Neurobiologie, Ethnologie und Soziologie. Seit der Antike werden
zwei Fragerichtungen verfolgt, die Platon anhand des Sonnen-, Linien- und Höh-
lengleichnisses in der Politeia5 schematisch dargestellt hat: zum einen innerhalb der
Ontologie die Beziehung zwischen der entstehenden, vergehenden und ständig

   3 Im Folgenden werden die Begriffe ‚wirklich‘ und ‚real‘ bzw. ‚Wirklichkeit‘ und ‚Realität‘ synonym
gebraucht, es sei denn, dass auf spezifische Differenzen abgehoben werden soll.
   4 Das Wort ‚Konstruktivismus‘ leitet sich her aus der Zusammensetzung von con = ‚zusammen‘
und struere = ‚werfen‘ und bezeichnet das aus Teilen in artifizieller Weise Zusammengeworfene,
Verbundene.
  5 Platon: Politeia 508 a ff.
Geschichtlicher Abriss der Problematik 15

sich wandelnden Werde-Welt zur ewigen Seinswelt, die unentstanden, unvergäng-


lich und unwandelbar ist, und zum anderen im Rahmen der Epistemologie die
Beziehung der Vorstellung von der Welt zur realen Welt. Letzteres Verhältnis kann
weiter spezifiziert werden zu dem von Denken und Sein, empirischer Erkenntnis
und empirischer Realität, von Abbilderkenntnis und Abbildlichkeit der Gegen-
stände. Mit der ersteren Fragestellung greift Platon ein Problem auf, das seit Parme-
nides die Diskussion beherrscht, nämlich wie sich unsere fluktuierende, veränder-
liche Welt zur eigentlichen Welt des Seins verhält, die Parmenides als All-Eines
beschreibt und durch e[n, pa/n, sunece,j, o`mogene,j,6 also durch Einheit, Ganzheit,
Kontinuität und Homogenität, charakterisiert und bildlich als wohlgerundete
Kugel darstellt, die sich nach allen Seiten gleichgewichtig und gleichartig erstreckt.
Ihr gegenüber wird die fluktuierende Welt abschätzig als ‚bloße Meinung der
Sterblichen‘7 eingestuft. Mit Parmenides beginnt in der europäischen Geistes-
geschichte die Degradierung und Diffamierung der Werde-Welt. Sie hat ein Pen-
dant in der Maya-Theorie der indischen Philosophie, die unsere Welt als bloßen
Schein eines geistig wie praktisch zu suchenden eigentlichen Seins versteht. Die
zweite Fragerichtung, die sich für die europäische Geistesgeschichte als folgenrei-
cher erwies, nämlich die Frage nach der Beziehung der Vorstellung von Welt auf die
Welt selbst, ob sie nun in Form einer Beziehung des Denkens, der Wahrnehmung,
der Erkenntnis oder des Urteils auf das entsprechende Seiende gestellt wird, fällt
mit der Wahrheitsfrage zusammen, die Thomas von Aquin in ihrer klassischen De-
finition auf der Basis einer Subjekt-Objekt-Relation als adaequatio intellectus rei
bestimmt hat.8
Während philosophiegeschichtlich die Antike prinzipiell objektivistisch orien-
tiert war und das Bewusstsein in seinen vielfältigen Gestalten vom Sein / Seienden
dependieren, zum Teil mit diesem zusammenfallen ließ, vollzog die Neuzeit eine
Kehrtwendung derart, dass sie in ihren Subjektivitätstheorien prinzipiell vom Be-
wusstsein ausging und das Sein / Seiende davon abhängig machte. Die mittelalter-
lich-scholastische Formel esse est percipi („Sein ist Wahrgenommen-Sein“) drückt
dies in aller Radikalität aus, ebenso Kants berühmte kopernikanische Wende,9 die
besagt, dass so, wie Kopernikus in der Astronomie das Sternenheer nicht mehr um
den Zuschauer, sondern den Zuschauer um die Sonne und die Sterne kreisen ließ,
Kant in der Erkenntnistheorie (Metaphysik) die Erkenntnis sich nicht mehr nach
den Gegenständen, sondern umgekehrt die Gegenstände nach der Erkenntnis und
den Erkenntnisbedingungen richten ließ. Die dominante Rolle des Bewusstseins
hängt nicht zuletzt mit der Einsicht zusammen, dass eine Vorstellung von Welt
auch bei geschlossenen Augen möglich ist, sei es in der Erinnerung, in der Phanta-
sie, in Träumen, in Wahn- und Truggebilden und daher bei einem Erkenntnis- und

   6 Parmenides frag. 8, 6, 22 f.
   7 Parmenides, frag. 8, 51 f.
   8 Thomas von Aquin: Von der Wahrheit / De veritate (Quaestio I), lateinisch-deutsch, ausgewählt,
übersetzt und hrsg. von Albert Zimmermann, Hamburg 1986, S. 8 (Quaestio I, art. 1); S. 14
(Quaestio I, art. 2); vgl. auch S. 8/9, 1a (Quaestio I, art. 1).
   9 Vgl. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, B XVI ff.
16 Einleitung: Das Realitätsproblem

Wahrheitsanspruch der Weg von den Vorstellungen auf die real existierenden Ge-
genstände und Sachverhalte gefunden werden muss. Mit der Verselbständigung des
Bewusstseins und seiner grundsätzlichen Abtrennung vom Seienden, d.h. mit dem
dualistischen Ansatz einer Subjekt-Objekt-Spaltung wurde der Objektbezug der
Vorstellung prinzipiell problematisch und warf die Frage auf, ob und unter welchen
Bedingungen unsere Vorstellungen sich überhaupt auf reale Objekte beziehen
können.
Prinzipiell sind drei Möglichkeiten denkbar: Erstens die Vorstellung von Welt
stellt die Welt in ihrem Dasein und So-Sein genau so vor, wie sie sich an sich gibt
mit allen ihren Eigenschaften primärer und sekundärer Art, d.h. mit ihren Formen,
Umrissen, Bewegungen, Lagen, Relationen, Größen, aber auch mit ihren Sinnes-
qualitäten, den Farben, Tönen, Gerüchen, Geschmäcken und Tastqualitäten. Diese
Theorie des naiven Realismus nimmt an, dass die Vorstellung von Welt exakt der
real unterstellten Welt entspricht, wobei die Entsprechung entweder über eine
Abbild- oder Repräsentationstheorie oder über ein Ursache-Wirkungs- bzw. Affek-
tionsverhältnis oder über eine Schlusstheorie geleistet wird. Diese Theorien sind als
Korrespondenztheorien der Wahrheit bekannt. Zweitens aufgrund der vielfältigen,
unlösbaren Probleme der Korrespondenztheorie, die darin bestehen, dass das Sub-
jekt mit seinen Vorstellungen getrennt vom Objekt bleibt und zu demselben nicht
hinüberwandern und sich mit ihm identifizieren kann – wir können nicht das
Objekt selbst werden –, des weiteren, dass wir keinen externen gottähnlichen
Standpunkt einnehmen können, der uns einen Vergleich beider Seiten erlaubte,
bleibt nichts anderes übrig als die Reduktion der realen, objektiven Welt auf ein
Unerkennbares, ein x, und die Verlagerung der erkennenden Subjekt-Objekt-Be-
ziehung in das Subjekt, wo sie nun als Vorstellung von der Welt in Bezug auf die
vorgestellte Welt auftritt. Damit beginnen die idealistischen Positionen der Wahr-
heitstheorie. Sofern das unerkennbare x (das Kantische Ding an sich) noch einen
Rest an Realität bewahrt, der zu einem Dawider der Erkenntnis wird, so dass diese
nicht auf das Geratewohl erfolgt und das Dawider als Ursache der materiellen Af-
fektion auftritt, erschöpft sich die Funktion des Subjekts in der Erstellung von
Formalien, denen die auf die Materie bezogenen Empfindungen unterworfen und
von denen sie geformt werden (formaler Idealismus). Positionen, die eine solche
Meinung in der Gegenwart vertreten, sind in Fortsetzung des Kantischen formalen
Idealismus der Konstruktivismus, Operationalismus, gegebenenfalls auch der In-
strumentalismus. Wird auch noch die materielle Affektion ins Subjekt verlegt und
Form wie Inhalt (Materie) dem schöpferischen Ich zugemutet, so sprechen wir von
einem absoluten Idealismus. Auf je verschiedene Weise haben einen solchen die
Idealisten Fichte, Schelling und Hegel im 19. Jahrhundert vertreten.
Die dritte Position greift diesen Ansatz modifizierend auf und identifiziert das x,
jenen Rest an Dasein, der unterstellt wird, um Erkenntnis von Einbildung zu un-
terscheiden, mit dem absoluten und durchgängigen formalen System, das sich das
Subjekt von der objektiven Welt entwirft (Kohärenztheorie der Wahrheit). Durch
die totale Einholung der Erkenntnisrelation in das Subjekt und die Identifikation
des Objekts mit dem vollständigen formalen System mutiert das Erkenntnispro-
Geschichtlicher Abriss der Problematik 17

blem zu einer rein immanenten Beziehung des Subjekts zu seinem Systemkonzept.


Dies evoziert die epistemologische und wahrheitstheoretische Frage, ob dieses
Geistesprodukt nicht reine Einbildung sein könnte. Kann hier noch zwischen ab-
soluter Realität (Wahrheit) und absoluter Einbildung unterschieden werden? Legt
sich nicht die prinzipielle Möglichkeit nahe, unsere angebliche Erkenntnis als
Einbildung einzustufen, wie es Mystiker getan haben, wenn sie unsere Welt als ei-
nen einzigen Traum bezeichnen?
Wollte man behaupten, zumindest das vorstellende Subjekt qua vorstellendes sei
real und seine Wirklichkeit nicht bestreitbar, so bedarf es nur der Überlegung, dass
auch das vorstellende Subjekt vorgestellt ist von einem vorstellenden Subjekt, für
das dasselbe gilt usw., um zu sehen, dass wir dadurch in einen regressus ad infinitum
abgleiten, der die Existenz des Subjekts immer weiter herausschiebt und zu einer
Vorstellung der Vorstellung der Vorstellung von Existenz usw. werden lässt.
Bezüglich der dritten Position ist noch die Frage zu stellen, ob die Vorstellungs-
welt eine universelle, für alle Menschen gleiche sei (Universalismus) oder eine je
individuelle, was zu einem Solipsismus führen würde. Als Zwischenposition ließen
sich Weltbilder denken, die jeweils nur bestimmten Völkern eigneten, so dass man
sie als spezifische Kulturprodukte einstufen müsste.
Die Möglichkeit diverser Weltbilder entgeht nicht einem anderen grundsätzli-
chen Problem: der Frage nach der strukturellen Verfasstheit der Welt. Hierüber
wurden die heterogensten Ansichten vertreten, wie die Wissenschaftsgeschichte
zeigt, nicht nur die der Physik, sondern auch die der Chemie, der Medizin und
anderer Wissenschaften. Sie stellen eine Paradigmensubstitution dar, wie Thomas
S. Kuhn10 dies von der Physikgeschichte belegt hat, bei der ein Paradigma auf das
andere folgt, ohne dass garantiert ist, dass das frühere als Grenzfall in die neue
Theorie integriert werden kann. Während die aristotelische Physik eine phänome-
nologische war, die auf Wahrnehmung basierte, der zufolge eine Feder und ein
Eisenklumpen gleichen Gewichts mit unterschiedlicher Geschwindigkeit zu Boden
fallen, handelte es sich bei der newtonischen Physik um eine quasi widernatürliche,
die den Fall eines Apfels und die Erdanziehung unter ein einheitliches Gravitati-
onsgesetz zwang. Es folgten Feldtheorien, Quantentheorie, Theorien nach der
Quantentheorie. Die Nicht-Endgültigkeit jeder Theorie, ja die Tatsache, dass nicht
einmal von einer Approximation an die Wahrheit gesprochen werden kann, da dies
die Kenntnis der Wahrheit als Limes vorausetzte, dekuvriert jede physikalische
Erklärung nicht nur als idealistische Konstruktion, sondern auch als gleichberech-
tigt. Dies hat Alan Musgrave11 zu dem provokativen Ausspruch veranlasst, dass
„eigentlich die ganze Wissenschaft auf dem Holzwege ist. Die Astronomie ist
falsch: sie nimmt nämlich an, daß es eine Welt gab, bevor es Worte gab. Die Geo-

 10 Thomas S.  Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (Titel der Originalausgabe: The
Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962), übersetzt von Hermann Vetter, 2. revidierte
und um das Postskriptum von 1969 ergänzte Aufl. Frankfurt a. M. 1976.
 11 Alan Musgrave: Putnams modell-theoretisches Argument gegen den Realismus, in: Volker Gadenne
(Hrsg.): Kritischer Rationalismus und Pragmatismus, Amsterdam, Atlanta (GA) 1998, S. 181-201,
bes. S. 182.
18 Einleitung: Das Realitätsproblem

logie ist falsch: sie nimmt dasselbe an. Die evolutionäre Biologie ist ebenfalls
falsch.“
Gegen eine solche Auffassung sind immer wieder Einwände erhoben worden.
Hingewiesen wird zum einen auf den nicht zu leugnenden Fortschritt der Wissen-
schaften, z.B. in der Medizin, auf die unbestreitbaren technischen und technologi-
schen Entwicklungen, auf die Richtigkeit von Beschreibungen von Wirkungszu-
sammenhängen sowie auf das Eintreffen von Prognosen, was nur möglich sei, wenn
diese Strukturen ein reales Korrelat hätten, ansonsten grenzte die Adäquanz an ein
Wunder. Hier wäre an ein Wort von Moritz Schlick12 in seiner Allgemeinen Er-
kenntnislehre zu erinnern, dass ohne die implizite Unterstellung einer realen Welt
die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften „nichts als die ausdrückliche Fest-
stellung des fortwährend stattfindenden Wunders und damit die Erklärung der
Verzichtleistung und Ohnmacht der Wissenschaft“ wären.
Die Diversität der Annahmen und der historische Wandel betreffen nicht nur
die Strukturen, sondern auch die Wahrnehmungsdaten in den Strukturen. Es ist
mitnichten so, wie fälschlicherweise oft behauptet wird, dass wir alle dieselben
Wahrnehmungen hätten und diese auf anthropologischen Konstanten basierten.
Simultane Kulturvergleiche und der Rekurs auf die Geschichtsverläufe lassen zum
einen verschiedene Grade der Differenzierung und Spezifizierung der Völker und
Epochen erkennen. Eine immer subtilere Erfassung von Nuancen, ein immer grö-
ßerer Facettenreichtum, dem auch die sprachliche Differenzierung folgt, markieren
nicht nur den Unterschied von Experten und Laien, sondern auch den von Kultu-
ren aufgrund unterschiedlicher Lebensbedingungen, geologischer, klimatischer,
geographischer Umstände und dergleichen. Darüber hinaus gibt es Unterschiede,
die nicht mit Entwicklung und Fortschritt erklärt werden können, sondern nur mit
unterschiedlichen Grundpositionen und unterschiedlichen Interessen. Ein Beispiel
für die unterschiedliche Sichtweise auf Dinge liefert die Kunst. So ist die altägypti-
sche Darstellungsweise von Menschen und Tieren prinzipiell aperspektivisch, der-
art dass die Körperteile gemäß der Relevanz und Dignität, die sie für den Menschen
haben, präsentiert werden, einmal in Aufsicht, das andere Mal in Seiten- oder
Profilansicht: Kopf und Auge werden in der signifikanten Gestalt des Profils darge-
stellt, der Thorax in Frontalansicht, so wie Menschen einander begegnen, Arme
und Beine, Hände und Füße in der typischen Seitenansicht. Sicher wird man der
ägyptischen Kunst, die über drei Jahrtausende beibehalten wurde mit gewissen
Ausnahmen, nicht den Vorwurf der Unfähigkeit zur zentralperspektivischen Dar-
stellungsweise machen dürfen. Die künstlerischen und technischen Fähigkeiten der
alten Ägypter waren derart groß, dass sie teilweise bis heute nicht entschlüsselt
werden konnten trotz unserer modernen Errungenschaften und Fortschritte. Die
Renaissance entdeckte die Zentralperspektive. Die Maler feierten wahre Triumphe
in der zentralperspektivischen Raumdarstellung, indem sie den gesamten Raum
und seine Gegenstände einer einheitlichen Blickrichtung und einem einheitlichen
 12 Moritz Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre Berlin 1925, Lizenzausg. Berlin 1979, S.  259. Vgl.
auch Artikel Realismus, in: Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Realismus_(Philosophie),
S. 15 von 25.
Geschichtlicher Abriss der Problematik 19

Blinkwinkel unterwarfen, deren Folge die proportionale Verkleinerung mit zuneh-


mender Entfernung vom Betrachter, das Zusammentreffen der Parallelen im Un-
endlichen, die Verzerrung von Quadraten zu Trapezen usw. waren. Nicht mehr
interessierten wie in der altägyptischen Kunst die Einzelteile unabhängig von ihrer
Umgebung, vielmehr wurde jeder Teil in ein umfassendes Ganzes gestellt und einer
einzigen Perspektive untergeordnet. In der Moderne im Impressionismus, Expres-
sionismus, Kubismus, Futurismus, Surrealismus löst sich die Zentralperspektivität
wieder auf und geht in eine Multiperspektivität über, die einen Gegenstand gleich-
zeitig aus diversen Perspektiven präsentiert und damit transparent werden lässt. Es
ist der Versuch, die Vielheit von Aspekten, ja die Inflation von Bruchstücken ein-
zufangen und durch die Fragmentarität hindurch die Einheit sichtbar zu machen.
Auch die Zuordnung abgebildeter Gegenstände zu ‚oben‘ und ‚unten‘ ist keines-
wegs selbstverständlich, sondern muss erlernt und eingewöhnt werden. Zeigt man
einem Ureinwohner Afrikas ein Foto, so wendet er es zunächst seitlich oder hält es
auf den Kopf, bis er über lange Lernprozesse die für uns übliche Positionierung und
die Transferierung einer dreidimensionalen Räumlichkeit auf eine zweidimensio-
nale Fläche internalisiert hat. Dasselbe trifft auf Kinderzeichnungen zu. An einem
viereckigen Tisch sitzende Personen werden so dargestellt, dass nur eine Reihe –
z.B. die hintere – aufrecht sitzt, wie es uns natürlich erscheint, die vordere Reihe
auf dem Kopf steht und die seitlichen seitlich loziert sind.13 Dasselbe gilt für
Zeichnungen und Malereien Schizophrener. Ein aus Hans Prinzhorns Buch Bild-
nerei der Geisteskranken14 stammendes Bild, das einen Bauernhof mit umliegenden
Wirtschaftsgebäuden zeigt, gibt diese teils in normaler Stellung, teils auf dem Kopf
stehend, teils seitlich liegend wieder.
Die für uns anormale rein aggregative, parataktische, aufzählende Ordnung
früher Völker und Naturethnien begegnet nicht nur in der Kunst, sondern ebenso
in der Architektur, in der Logik, in der Denk- und Sprachstruktur, in der Hand-
lungsweise und unterscheidet sich grundsätzlich von unserer hypotaktisch und
zentralperspektivisch ordnenden, überblickshaften Sicht- und Denkweise. Als
Beispiel sei nur der Bau von Tempeln und die Anlage von Städten genannt: Wäh-
rend Pharaonen die Tempel beliebig durch Anbauten ergänzten, während altorien-
talische Städte einem Labyrinth gleichen, sind griechische Tempel hypotaktisch
geordnet, angelegt mit Vorhof, Eingangsbereich, Innenraum, Allerheiligstem. Dem
entspricht der logische Aufbau, der bei orientalischen Völkern, z.B. den Sumerern
die Listenmethode, das tabellarische, aneinanderreihende, kästchenartige Denken
war, bei uns seit der griechischen Klassik die hierarchische Klassifikation ist.15
Völker benutzen unterschiedliche Ordnungssysteme, durch die sie wie durch eine
Brille die Welt sehen und interpretieren.

 13 Vgl. Karen Gloy: Aperspektivität – Perspektivtät – Multiperspektivität, in: dies. (Hrsg.): Kunst und
Philosophie, Wien 2003, S. 91-143, bes. S. 107, Abb. 16.
 14 Hans Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken, Berlin 1922, Heidelberg, New York 1968, Abb.
126.
 15 Vgl. Karen Gloy: Vernunft und das Andere der Vernunft, Freiburg, München 2001, S. 44 ff.
20 Einleitung: Das Realitätsproblem

Sowohl der historische Rückblick wie der simultane Überblick lehren uns, dass wir
keinen extramundanen und extramentalen, quasi göttlichen Standpunkt einneh-
men, der uns die objektive Realität und Wahrheit hinsichtlich Inhalt und Arrange-
ment wie hinsichtlich der Modalität – ob wahr oder falsch, existent oder phantasiert
– erkennen ließe. Die Welt zeigt sich nicht an sich, sondern ihre Sichtweise ist von
kulturellen und gesellschaftlichen Prämissen geleitet, innerhalb denen wir uns be-
wegen. So wie wir in eine bestimmte Sprache hineingeboren werden, so machen
wir auch eine bestimmte Erziehung und Bildung in Familie, Schule, Beruf durch
und werden durch einen bestimmten Sozialisationsprozess auf dem Weg von der
Kindheit zum Erwachsenenalter auf die traditionellen, durch Konvention festge-
legten Vorstellungen der Erwachsenenwelt getrimmt, die uns dann als selbstver-
ständlich und naturgegebenen erscheinen. Von diesen Vormeinungen und Vorur-
teilen aus, zu denen auch die Kontroverse von Realismus und Idealismus in ihren
vielen Facetten (Wahrheit – Imagination, Wachen – Traum) gehört, suchen wir
gegebenenfalls nach Neukonzepten, anderen Sichtweisen, die über die eigenen fi-
xen Standpunkte herausgehen. Richard Rorty hat dieses weitgehend kriterienlose
Vorgehen mit dem vulgären, wenngleich treffenden Ausdruck des „Sichdurchwur-
stelns“ beschrieben.16
Allerdings kann man immer nur von seinem eigenen Standpunkt ausgehen und
versuchen, von ihm aus andere Standpunkte zu erfassen. Unser Standpunkt ist der
des modernen Menschen weltlicher Zivilisation, für den ein Teil der Vorstellungen
von Welt realitätsbezogen ist, sei es bezogen auf externe, außerhalb des Bewusst-
seins befindliche Objekte gemäß dem naiven Realismus oder auf immanente, be-
wusstseinskonstituierte Objekte gemäß dem formalen Idealismus, und für den ein
anderer Teil von Vorstellungen von Welt für irreal und phantasiert gilt. Hierzu ge-
hört die Phantasiewelt der Kinder, gehören die Träume der Träumenden, besonders
der romantischen Dichter und Märchenerzähler, das magisch-mythische, von uns
für überwunden geglaubte Weltbild von Naturethnien und archaischen Völkern
sowie die Halluzinationen, Visionen und Auditionen religiöser Menschen und
Kranker. Die Vorstellungen dieser Gruppe von Personen lassen sich zusammenfas-
sen in

1. kindliche Phantasien und Spielereien,


2. das magisch-mythische Weltbild von Naturvölkern, die oft despektierlich als
Primitive bezeichnet werden,
3. die Träume Träumender (archaischer Völker, Dichter, Künstler),
4. die religiösen Vorstellungen gläubiger Menschen,
5. die Wahnvorstellungen von Pathologen.

Diese Vorstellungen halten wir von unserem Standpunkt entweder für unterentwik-
kelt oder für dekadent, zumindest für defizitär und anormal, wohingegen jene

 16 Richard Rorty: Solidarität oder Objektivität? Drei philosophische Essays, aus dem Englischen
übersetzt von Joachim Schulte, Stuttgart 1988, S. 25.