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März 2011

Expertisen und Dokumentationen


zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Diskurs
Gleichstellungspolitik
kontrovers
Eine Argumentationshilfe

Arbeitsbereich
Frauen- und Geschlechterforschung

I
II
Expertise im Auftrag der Abteilung Wirtschafts- und
Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung

Gleichstellungspolitik
kontrovers
Eine Argumentationshilfe

herausgegeben von:
Melanie Ebenfeld
Manfred Köhnen
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung 3
Barbara Stiegler

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis 4

1. Einleitung 5
Melanie Ebenfeld und Manfred Köhnen

2. Argumente zum Thema Gleichstellungspolitik und Feminismus 8


Julia Roßhart

3. Argumente zum Thema Männerbenachteiligung 18


Thomas Gesterkamp

4. Argumente zum Thema Familie 23


Manfred Köhnen

5. Argumente zum Thema Bildung 30


Melanie Ebenfeld

6. Argumente zum Thema Wirtschaft und Arbeitsmarkt 37


Deborah Ruggieri und Ute Wanzek

7. Argumente zum Thema „Was ist Geschlecht?“


Natur, Biologie, Gender Studies und Gleichstellungspolitik 48
Sebastian Scheele

8. Themenübergreifende Denkmuster des aktuellen Antifeminismus 54


Sebastian Scheele

9. Glossar 59

10. Autor_innenprofile 63

Diese Expertise wird von der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-
Ebert-Stiftung veröffentlicht. Die Ausführungen und Schlussfolgerungen sind von den
Autor_innen in eigener Verantwortung vorgenommen worden.

Impressum: © Friedrich-Ebert-Stiftung | Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der


Friedrich-Ebert-Stiftung | Godesberger Allee 149 | 53175 Bonn | Fax 0228 883 9205 | www.fes.de/wiso |
Gestaltung: pellens.de | Illustration: Matthias Pflügner | Druck: bub Bonner Universitäts-Buchdruckerei |
ISBN: 978-3-86872 - 643-5 |
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Vorbemerkung

Für die einen ist die Frauenfrage längst gelöst, für gement muss keineswegs automatisch zu feind-
die anderen sind nun endlich mal die Männer an licher Abgrenzung gegenüber Fraueninteressen
der Reihe, wieder andere halten Gleichstellungs- oder dem Feminismus führen. Oft ist es getragen
politik insgesamt für einen alten Zopf. Während von einer Würdigung und Weiterentwicklung
die Leitmedien die Unterschiede der Geschlech- von Positionen.
ter beschwören und biologistische Begründun- Allerdings ist der gegenwärtige Diskurs über
gen in allen Spielarten vortragen, glauben die die Geschlechter zugleich von ärgerlichen und
Alphamädchen, dass alles möglich ist und struk- hartnäckigen Mythen durchsetzt. Meist finden
turelle Grenzen für die eigene Entfaltung nir- sich diese in populistischen „Ratgebern“ oder im
gends mehr zu finden sind. Eine Geschlechter- Internet, sie werden aber auch gern in Printme-
politik ist nach beiden Positionen heute nicht dien wie Focus, Spiegel oder FAZ verbreitet und
mehr erforderlich. sie stiften Verwirrung bei Frauen und Männern,
Die Geschlechterverhältnisse sind jedoch die sich in Politik, Verwaltungen, an den Hoch-
alles andere als in Ordnung: Arbeit (bezahlte und schulen und in Organisation für konsequente
unbezahlte), Geld und Macht sind mitnichten Gleichstellungspolitik einsetzen wollen.
zwischen Männern und Frauen gleich verteilt, Damit das anders wird, haben sich Gender
und das nicht nur in Deutschland, sondern welt- Expertinnen und Experten im Rahmen eines
weit. Analysen der Lebenslagen zeigen, wie stark Projektes des Arbeitsbereiches Frauen- und Ge-
die Geschlechtszugehörigkeit das Leben von schlechterforschung der Friedrich-Ebert-Stiftung
Menschen immer noch prägt: Das Geschlecht zusammengefunden. Sie haben die ihnen gän-
beeinflusst, in welchen Berufen jemand arbeitet, gigsten und wichtigsten Argumente gegen eine
wie viel Sorgearbeit jemand verrichtet, über wie emanzipatorische Gleichstellungspolitik zusam-
viel finanzielle Ressourcen verfügt werden kann mengetragen und dann mit ihrem Fachwissen
und wie viel Einfluss und Handlungsspielraum und ihren geschlechterpolitischen Überzeugun-
vorhanden sind. In den meisten Fällen sind die gen widerlegt.
Frauen die Benachteiligten. Inzwischen wird aber Mit der Verbreitung der Argumentationshilfe1
auch immer mehr Männern deutlich, dass auch verbinden wir die Hoffnung, dass sie allen hilft,
sie durch ihre Geschlechterrolle eingeengt sind die im Tagesgeschäft, im fachlichen und persön-
und an einer freien, besseren und gesunden per- lichen Gespräch auf solche Mythen treffen, diese
sönlichen Entwicklung gehindert werden. im Sinne einer emanzipatorischen Geschlechter-
Geschlechterpolitik ist in der Vergangenheit politik zu widerlegen.
vor allem von Frauen initiiert und getragen wor-
den, und Frauen haben schon eine Reihe von
Verbesserungen für sich erstritten. Zunehmend Dr. Barbara Stiegler
artikulieren sich heute auch Männer, Väter für Leiterin des Arbeitbereiches
ihre Interessen, und es gibt viele gemeinsame Frauen- und Geschlechterforschung
Ziele. Männliches geschlechterpolitisches Enga- Abt. Wirtschafts- und Sozialpolitik

1 Die Beiträge der Argumentationshilfe sind in geschlechtergerechter Sprache verfasst. Um zu zeigen, dass es dabei vielfältige Möglichkeiten
gibt, variieren wir in den einzelnen Kapiteln die Sprachformen.

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Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung des Kinderwunsches über die Zeit 24

Abbildung 2: Keine Gleichberechtigung beim Geld 39

Abbildung 3: Anteil von Frauen und Männern an den jeweiligen Leistungsgruppen


im Jahr 2006 43

Tabelle 1: Wunsch nach Kinderlosigkeit 25

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
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Diskurs

1. Einleitung

Was ist Geschlecht? Mit dieser Argumentationshilfe wollen wir


Was bedeutet Feminismus? die zuletzt genannten Menschen unterstützen,
Und was bringt Gleichstellungspolitik? also diejenigen, die sich für Feminismus, Gleich-
stellungspolitik und Gender Mainstreaming in-
Es ist das Ziel der Argumentationshilfe, Antwor- teressieren. Zudem wollen wir informieren und
ten auf diese und weitere Fragen zu bieten. Ge- Sachverhalte deutlich machen, die in den Me-
schlecht beeinflusst das Leben von Menschen: Sie diendebatten oft unsachlich, emotional und zu-
werden oft in rosa und blaue Kartons gesteckt. sammenhangslos dargestellt werden. Dabei geht
Eine geschlechtergerechte Gesellschaft wäre eine es uns nicht darum, dass alle Menschen einer
vielfältige Gesellschaft, in der alle Menschen den Meinung sind, sondern dass konstruktive Dis-
gleichen Zugang zu gemeinsamen Ressourcen wie kussionen möglich gemacht werden.
Geld, Zeit und Raum haben; eine Gesellschaft, in Die Gleichstellung der Geschlechter wird
der Menschen Berufe und Lebensformen frei schon lange kontrovers diskutiert. Anfang des
wählen können – unabhängig von ihrem Ge- letzten Jahrhunderts war das Frauenwahlrecht
schlecht. In einer solchen Gesellschaft zu leben Gegenstand der Debatten. Bis 1976 durften Frau-
ist ein feministisches Ziel. Feminismus ist ein en in Westdeutschland nur mit Zustimmung
Sammelbegriff für verschiedene Theorien und ihres Ehemannes einer Erwerbstätigkeit nachge-
verschiedene politische Bewegungen, die alle Ge- hen. In den 1980er und 1990er Jahren setzte sich
schlechtergerechtigkeit fordern. in vielen gesellschaftlichen Bereichen die Über-
Gleichstellungspolitik ist das Feld, in dem zeugung durch, dass die Gleichstellung der Ge-
verhandelt wird, wie Geschlechtergerechtigkeit schlechter nicht grundsätzlich in Frage zu stellen
erreicht werden kann. Es gibt verschiedene gleich- sei. Umstritten blieb lediglich, wie dieses Ziel
stellungspolitische Strategien, wie z. B. Frauenför- erreicht werden kann. Spätestens seit Anfang
derung, Männerförderung, Antidiskriminierungs- des neuen Jahrtausends hat sich das Diskussions-
politik und Gender Mainstreaming. Die EU-Mit- klima verändert. In zahlreichen Medien wie
gliedsstaaten haben sich darauf geeinigt, gemein- Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel und Focus,
sam eine gleichstellungspolitische Strategie zu aber auch im Fernsehen und in Internetforen
entwickeln und umzusetzen, damit alle Men- werden bis heute die verschiedensten Formen
schen in der Gesellschaft unabhängig von ihrem von Gleichstellungspolitik massiv angegriffen. So
Geschlecht die gleichen Chancen erhalten: Gen- wird behauptet, Gleichstellungspolitik sei nicht
der Mainstreaming. Ein Grundprinzip dieser Stra- mehr notwendig, da Gleichberechtigung bereits
tegie lautet, bei allen politischen Entscheidungen erreicht sei. Und das, obwohl die Fakten dagegen
die Interessen und Lebenslagen von Frauen und sprechen: Zum Beispiel verdienen Frauen in
Männern in ihrer Vielfalt wahrzunehmen. Deutschland im Durchschnitt 23 Prozent weni-
Die Ziele von Gender Mainstreaming werden ger als Männer und sie sind in Führungspositio-
nicht von allen Menschen geteilt. Manche Men- nen stark unterrepräsentiert; Gewalt gegen Frau-
schen beunruhigt es, Strukturen zu verändern en und Männer geht ganz überwiegend von Män-
und Geschlechterrollen nicht als natürlich zu nern aus und Alleinerziehende sind ganz über-
sehen. Andere Menschen sehen darin Chancen wiegend Frauen, die zu einem hohen Anteil in
zu positiver Veränderung und Wahlfreiheit. Armut leben.

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Es gibt antifeministische Stimmen, die die Eine moderne Gleichstellungspolitik zielt auf
Gleichstellung der Geschlechter als Bedrohung eine neue Arbeitsteilung ab, in der sich Männer
ansehen und regelrecht dagegen hetzen. Anti- und Frauen diese Arbeiten gerechter teilen. Und
feministen und Antifeministinnen greifen Pro- davon können alle profitieren. Zudem ist Gleich-
blemlagen auf, die von vielen Menschen als echte stellungspolitik kein Nullsummenspiel, bei dem
gesellschaftliche Probleme schmerzhaft erfahren nur dann jemand gewinnen kann, wenn einem
werden – und ziehen dann als Ursache für die anderen etwas weggenommen wird. Im Gegenteil
Probleme „den Feminismus“ heran. Feminismus, gewinnen alle an Entscheidungsfreiheit, wenn
Frauenbewegung, Gender Mainstreaming und die strukturellen Zwänge überwunden werden,
Geschlechterforschung werden in einen Topf ge- die Menschen in Geschlechterrollen drängen.
worfen und verantwortlich gemacht für verschie- Sich von dem Druck zu befreien, Rollen erfüllen
dene Dinge wie die gefühlte Benachteiligung von zu müssen und die Strukturen zu kritisieren, die
Männern, für eine angeblich drohende demogra- diesen Druck erzeugen – das bedeutet für uns
phische Katastrophe und vieles mehr. Emanzipation und das ist ein Ziel von Feminis-
Dabei wird der Einfluss der Gleichstellungs- mus. Und dazu soll diese Argumentationshilfe
politik auf die Entwicklung Deutschlands maßlos einen Beitrag leisten.
übertrieben. Zumeist sind die Ursachen für sozia- Die Autorinnen und Autoren dieser Argu-
le Probleme in gesamtgesellschaftlichen Entwick- mentationshilfe arbeiten alle in der Beratung, Bil-
lungen zu finden. Seit den 1980er Jahren bestim- dung und Forschung zu Geschlechterfragen und
men neoliberale Ideen die Politik: Der Staat baut diskutieren in ihrem Arbeitsalltag mit verschie-
soziale Sicherheit ab und öffentliche Aufgaben denen Menschen über Diskriminierung, Gleich-
werden an private Unternehmen abgegeben. Die stellungspolitik und Feminismus. In ihrer Arbeit
seit dieser Zeit durchgeführten Reformen der leisten sie Hilfestellung bei der Umsetzung von
Weltwirtschaft und des Bankensystems haben zur Gleichstellungspolitik – was auch das Ziel dieser
aktuellen Krise geführt, in deren Folge noch we- Publikation ist.
niger Mittel für öffentliche Leistungen zur Verfü- Die Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stif-
gung stehen werden. Die Arbeitslosigkeit steigt tung hat es möglich gemacht, dass wir in einem
seit Mitte der 1970er Jahre, prekäre Arbeitsver- Team von Expertinnen und Experten aus Wissen-
hältnisse nehmen zu und werden auch für die schaft und Praxis diese Argumentationshilfe ent-
Mittelschichten zur Normalität. Immer mehr Fa- wickeln konnten. Wir haben uns in Redaktions-
milien benötigen zwei Einkommen, und gleich- Workshops, die von Heike Gumpert moderiert
zeitig wollen immer mehr Frauen ihre gute Aus- wurden, darüber ausgetauscht, welche antifemi-
bildung auch nutzen und damit wirtschaftlich nistischen Behauptungen uns in unserer Arbeit
selbstständig sein. Das ist individuell sinnvoll, es begegnen und wie wir damit umgehen. Gemein-
entlastet Partnerinnen und Partner von der allei- sam haben wir die Zusammenhänge diskutiert,
nigen Verantwortung für die materielle Versor- die wir für die Widerlegungen und Erklärungen
gung der Familie und schließlich ist es volkswirt- wichtig fanden.
schaftlich sinnvoll, dass die Bildungsinvestitio- Julia Roßhart beginnt mit einer Erklärung
nen von gut ausgebildeten Frauen nicht brachlie- gleichstellungspolitischer Strategien und Begriffe.
gen, während diese jahrelange berufliche Auszeiten Unter dem Stichwort „Männerbenachteiligung“
in der Familienphase haben. Aber dadurch stellt hat Thomas Gesterkamp verschiedene Behaup-
sich zunehmend das Problem, wer in Zukunft die tungen analysiert, mit denen Männer als Opfer
Arbeiten erbringt, die bisher unsichtbar und un- und Verlierer von Feminismus dargestellt werden.
bezahlt von (Ehe-)Frauen geleistet wurden, wie Manfred Köhnen zeigt auf, wie Familie und Part-
Kindererziehung, Altenpflege oder Hausarbeit. nerschaft von der Politik beeinflusst werden und

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
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welche Möglichkeiten zur Veränderung es gibt. Die einzelnen Artikel können wie in einem Nach-
Um das Themengebiet Wirtschaft und Arbeits- schlagewerk unabhängig voneinander gelesen
markt geht es in dem Artikel von Deborah werden. Im Glossar am Ende des Heftes werden
Ruggieri und Ute Wanzek. Sie erläutern die Zu- einige grundlegende Begriffe erläutert.
sammenhänge zwischen Veränderungen auf dem Wir wollen interessierten Bürgerinnen und
Arbeitsmarkt und Geschlechterrollen. Melanie Bürgern Argumente an die Hand geben, damit
Ebenfeld beschäftigt sich mit dem Thema Bildung produktive Diskussionen stattfinden können, in
und Erziehung und der Frage, wie geschlechter- denen weitere Ideen für eine geschlechtergerechte
sensible Pädagogik Entwicklung ermöglichen und vielfältige Gesellschaft entwickelt werden.
kann. Sebastian Scheele bringt Klarheit in den
Gender-Begriff und erläutert das Forschungsfeld Die Herausgebenden2
der Gender Studies. Abschließend analysiert Melanie Ebenfeld und Manfred Köhnen
Sebastian Scheele antifeministische Denkmuster. Berlin, im Februar 2011

2 Wir danken Melanie Arts und Talke Flörcken für die Unterstützung beim Lektorat und Matthias Pflügner für die Titel-Illustration.

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2. Argumente zum Thema Gleichstellungspolitik und Feminismus

Julia Roßhart

Feminismus, Frauenbewegung, Gleichstellungs- – Ausgeblendet wird die anhaltende ungleiche


politik und gleichstellungspolitische Strategien Verteilung von Lohn und Vermögen und das
(Gender Mainstreaming, Quoten, geschlechterge- erhöhte Armutsrisiko von Frauen.
rechte Sprache) werden in (medien-)öffentlichen – Die Behauptung ist falsch: Frauen sind in
Diskussionen häufig zusammengeworfen und als Entscheidungspositionen nach wie vor stark
Gesamtpaket diffamiert. Im Folgenden werden unterrepräsentiert.
diese antifeministischen Behauptungen vorge- – Feministische Ziele gehen weit über die Frage
stellt und mögliche Gegenargumentationen vor- nach Frauenanteilen in Entscheidungspositio-
geschlagen. nen hinaus.

2.1.2 Erläuterung
2.1 Antifeministische Behauptung
Die Behauptung, feministische und gleichstel-
„Feminismus, Quoten und Gender Mainstreaming lungspolitische Ziele seien angesichts der Exis-
sind überflüssig – heute haben Frauen die Macht!“ tenz erfolgreicher Frauen heute bereits erreicht
bzw. übererfüllt, ist falsch. Zunächst lässt sich
Feminismus3 und gleichstellungspolitische Maß- festhalten, dass die Darstellung am Anspruch
nahmen (z. B. Gender Mainstreaming4, Quoten, feministischer Politik vorbeigeht: Die Sichtbar-
geschlechtergerechte Sprache oder Gleichstel- keit erfolgreicher Frauen ist kein hinreichender
lungsbeauftragte) werden als „gestrig“ dargestellt: Indikator für den Erfolg von Feminismus und
Unter Verweis auf beruflich erfolgreiche und in Gleichstellungspolitik (hooks 2000 a: 101 - 110;
der Öffentlichkeit präsente Frauen aus Politik, McRobbie 2010). Die Fokussierung auf weibliche
Medien und Wirtschaft wird eine weibliche Über- Erfolgsgeschichten täuscht vielmehr darüber hin-
macht behauptet. Die Notwendigkeit gleichstel- weg, dass Löhne, Besitz und gute Arbeit zu Lasten
lungspolitischer Maßnahmen zu Gunsten von von Frauen massiv ungleich verteilt sind; so ver-
Frauen bestehe daher nicht mehr. dienen Frauen in Deutschland durchschnittlich
23 Prozent weniger als Männer (Statistisches Bun-
2.1.1 Widerlegung desamt Deutschland 2010; GenderKompetenz-
Zentrum 2010). Frauen sind sowohl auf nationa-
– Die Sichtbarkeit beruflich erfolgreicher Frauen ler Ebene als auch weltweit überdurchschnittlich
ist kein hinreichender Indikator für den Erfolg stark von Armut betroffen (Gender Datenreport
von Feminismus und Gleichstellungspolitik. 2005; United Nations Statistic Division 2010).

3 Feminismus bezeichnet eine Vielzahl emanzipatorischer Bewegungen des Denkens und des Handelns, die politisch auf den Abbau von
Geschlechter-Hierarchien und Geschlechter-Zwängen abzielen (-> Glossar).
4 Gender Mainstreaming stellt eine spezifische, auf EU-Ebene rechtlich verankerte und von Deutschland ratifizierte Strategie zur Herstel-
lung von tatsächlicher Gleichstellung von Frauen und Männern dar. Eine konsequente Umsetzung von Gender Mainstreaming bedeu-
tet, alle politischen Entscheidungen und Maßnahmen daraufhin zu überprüfen, welche Auswirkungen sie auf die im Grundgesetz ver-
ankerte Gleichstellung von Frauen und Männern haben – und politisches Handeln entsprechend auszurichten (-> Glossar).

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Darüber hinaus hält prekarisierte – d.h. nicht- Anteil von Lehrstuhlinhabern an Universitäten
existenzsichernde, gering entlohnte, befristete, in Deutschland beträgt rund 83 Prozent (BMFSJ
nicht sozialversicherungspflichtige – Teilzeitbe- 2010b); in der Privatwirtschaft waren im Jahr
schäftigung Frauen in finanziellen Abhängig- 2007 73 Prozent der höchsten Führungspositio-
keitsverhältnissen zu beispielsweise Partner_in- nen mit Männern besetzt; bei den Vorstandspos-
nen (BMFSFJ 2005; Kurz-Scherf et al. 2006). ten der 200 umsatzstärksten Unternehmen (ohne
Feminismus ist vielfältig, und feministische Finanzsektor) liegt der Männeranteil bei über
und gleichstellungspolitische Ziele gehen weit 98 Prozent (BMFSFJ 2009, 2010a). Die Reprä-
über eine Erhöhung von Frauenanteilen hinaus: sentation von Männern in den Medien – als Be-
Es geht um die Ermöglichung geschlechtlicher richterstatter/Journalisten oder als Gegenstand
und sexueller Selbstbestimmung, losgelöst von der Nachricht – beträgt gegenwärtig 77 Prozent
einem Denken, das nur zwei – hierarchisch auf- (Deutscher Journalistinnenbund 2010).
einander bezogene und heterosexuelle – Ge- Im Vergleich zu den vergangenen Jahren
schlechter kennt. Mit diesem Ziel verbunden ist nimmt die Existenz und Sichtbarkeit von Frauen
der Abbau gesellschaftlicher (inklusive rechtli- in Entscheidungspositionen – teilweise deutlich,
cher) Zwänge und Normierungen hinsichtlich teilweise kaum merklich – zu. Der berufliche Er-
der Frage, welche geschlechtlichen Selbstver- folg einzelner Frauen ist unter gegenwärtigen Be-
ständnisse, Identitäten und Ausdrucksweisen als dingungen allerdings stark mit einer Umvertei-
„richtige“ anerkannt und „erlaubt“ werden. Fe- lung von Geld, Ansehen und Arbeit zwischen
ministische Politiken und Perspektiven zielen auf Frauen verbunden. Die Delegierung unbezahlter/
den Abbau von Geschlechterhierarchien und schlecht bezahlter und abgewerteter Tätigkeiten
Geschlechterdiskriminierungen auf allen gesell- wie beispielsweise Putzen, Kochen oder die Be-
schaftlichen Ebenen und auf die Beendigung von treuung von Kindern an andere Frauen ist häufig
Sexismus (-> Glossar), Rassismus, Klassenhierar- eine notwendige Voraussetzung für den berufli-
chien und -ausbeutung und Heteronormativität5 chen Erfolg privilegierter Frauen – und Männer
ab (hooks 2000b; Gržinić/Reitsamer 2008; Kurz- (Gather et al. 2008). Auch deshalb lässt sich der
Scherf et al. 2009). Erfolg feministischer Politik nicht ablesen an
Aber auch hinsichtlich der behaupteten weiblichen Erfolgsgeschichten, die in den Me-
Gleichstellung, was Entscheidungspositionen in dien präsentiert werden.
Politik, Medien, Wissenschaft und Wirtschaft
anbelangt, zeigt sich: Frauen sind nach wie vor
unterrepräsentiert (BMFSFJ 2005, 2009, 2010a; 2.2 Antifeministische Behauptung
GenderKompetenzZentrum 2010). Wenn einzel-
ne Frauen, die Entscheidungspositionen inneha- „Geschlechtergerechte Sprache macht viel Arbeit, ist
ben und/oder finanziell sehr erfolgreich sind, als unästhetisch und bringt nichts – Frauen sind doch so-
Beleg für die erreichte Gleichstellung hervorge- wieso immer mitgemeint!“
hoben werden, werden die bestehenden sexisti-
schen Geschlechterverhältnisse unsichtbar ge- RichterInnen, Bürger und Bürgerinnen, Lehren-
macht. So beträgt der Männeranteil in den Län- de, Politiker_innen, Expert*innen – es gibt vielfäl-
derparlamenten, im Bundestag und bei den deut- tige Vorschläge für eine andere, eine geschlech-
schen Abgeordneten des Europäischen Parlaments tergerechte Sprache. Über solche Vorschläge und
jeweils etwas über 70 Prozent (BMFSFJ 2005); der Beschlüsse werden häufig Witze gemacht, sie wer-

5 Heteronormativität bedeutet, dass Heterosexualität (als Identität, als Lebensweise, als Begehren) und die damit verbundene exklusive
Existenz von genau zwei aufeinander bezogenen Geschlechtern als Norm hergestellt und abgesichert wird – durch rechtliche Maßnah-
men, durch Politik, durch Sprache, durch Filme, durch Bücher, durch Bildungsinstitutionen u.v.m.

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den als Beleg für die angeblich absurden Aus- die sich nicht als Mann oder als Frau definieren
wüchse gleichstellungspolitischer Maßnahmen (Hausbichler 2008; Uni Graz 2009).
herangezogen. Die Sprache werde verschandelt, Ob geschlechtergerechte Sprache als unleser-
die Lesbarkeit leide. Gleichzeitig werden Nutzen lich, mühsam und unästhetisch wahrgenommen
und Notwendigkeit geschlechtergerechter Sprach- wird, hat viel mit Gewöhnung zu tun. Noch mehr
und Schreibweisen bezweifelt. jedoch ist es eine Frage des politischen Willens,
sich für Gleichstellung einzusetzen. Sprache be-
2.2.1 Widerlegung fand und befindet sich in einem ständigen Ver-
änderungsprozess und ist deshalb immer auch
– Frauen sind nicht immer „mitgemeint“, wenn politisch gestaltet und gestaltbar.6
von „Politikern“ die Rede ist.
– Sprachpolitik ist keine Kleinigkeit: Sie be-
stimmt unser Denken über Geschlecht und 2.3 Antifeministische Behauptung
unser Handeln.
– Ziel ist nicht allein die Sichtbarkeit von Frau- „Frauenquoten sind ungerecht – Uninteressierte und
en: Geschlechtergerechte Sprache ermöglicht unfähige Frauen werden gefördert und Männer be-
ein Denken jenseits einer Gesellschaft, in der nachteiligt!“
es nur zwei Geschlechter gibt.
Verbindliche Quotenregelungen werden immer
2.2.2 Erläuterung wieder mit der Behauptung verhindert, dass da-
mit der scheinbar gerechte Wettbewerb um Stel-
Zunächst ist festzustellen: Frauen sind durchaus len und Positionen verzerrt würde. Die Schuld für
nicht immer „mitgemeint“, wenn die verallge- die geringe Anzahl von Frauen in Teilen der Poli-
meinernde männliche Form verwendet wird. tik, Wirtschaft und Wissenschaft wird stattdessen
Frauen waren und sind in vielen gesellschaftli- den Frauen selbst zugesprochen: Sie hätten ein-
chen Bereichen unterrepräsentiert – nicht zuletzt fach kein Interesse, sich auf entsprechende Stel-
deshalb ist keineswegs klar, ob Frauen mitzuden- len zu bewerben und seien daher selbst schuld.
ken sind, wenn die Rede ist von „Politikern“,
„Gewerkschaftern“ oder „Finanzexperten“. Dabei 2.3.1 Widerlegung
ist die sprachliche Sichtbarkeit und Unsichtbar-
keit von Frauen keine Kleinigkeit, denn Sprache – Hinter der Ablehnung von Quoten verbirgt
bestimmt unser Denken: Wenn wir „Bürger“, sich nicht selten eine Ablehnung von Gleich-
„Geophysiker“ oder „Krankenpfleger“ lesen, stel- stellungspolitik im Allgemeinen.
len wir uns diese automatisch männlich vor – – Quoten diskriminieren nicht, sondern glei-
und das hat Auswirkungen darauf, wie wir über chen bestehende Diskriminierungen aus.
Geschlecht denken und uns die Strukturierung – Geringe Frauenanteile lassen sich nicht auf
von Gesellschaft, Arbeit, Politik, Staat u. a. vor- individuelle Wahlentscheidungen von Frauen
stellen (Stahlberg/Sczesni 2001) – und davon zurückführen.
hängt letztlich unser Handeln ab. Bei geschlech-
tergerechter Sprache geht es nicht allein um die 2.3.2 Erläuterung
Sichtbarkeit von Frauen: Mit Schreibweisen wie
Bürger_innen oder Bürger*innen wird ein Den- Frauenquoten (-> Glossar) sind ein einfaches und
ken befördert, das die Unterteilung der Gesell- unmittelbares Instrument zur Erhöhung von
schaft in zwei Geschlechter in Frage stellt; Per- Frauenanteilen; wenn verbindliche Quotenre-
sonen werden sichtbar gemacht und anerkannt, gelungen existieren, ist der statistische Erfolg in

6 Übersicht über unterschiedliche Varianten geschlechtergerechter Sprache: Uni Graz 2009: Geschlechtergerechtes Formulieren: HERRliche
deutsche Sprache, Graz, http://www.uni-graz.at/uedo1www_files_geschlechtergerechtes_formulieren-4.pdf (3.12.2010).

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
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Bezug auf Geschlecht garantiert. Gerade deshalb 1990; OECD 2008; Wetterer 2002). Quoten stel-
verbirgt sich hinter der Ablehnung von Quoten len einen Hebel dar, um bestehende Diskriminie-
häufig eine generelle Ablehnung von Feminismus rungen (-> Glossar) auszugleichen, das Recht auf
und Gleichstellungspolitik, die allerdings nicht Gleichheit umzusetzen (Grundgesetz, Menschen-
ausgesprochen wird. Mit dem Argument, dass rechte) und langfristige Transformationen der
sich schlicht zu wenig qualifizierte Frauen bewer- Geschlechterverhältnisse zu unterstützen.
ben würden, wird über diskriminierende Aus-
wahlverfahren hinweggetäuscht.
Die Behauptung, Frauenquoten würden 2.4 Antifeministische Behauptung
Männer diskriminieren, blendet die bestehenden
diskriminierenden Strukturen hinsichtlich Ge- „Gleichstellungspolitik basiert auf ideologischen Voran-
schlecht aus. Denn die geringe Anzahl von Frau- nahmen über Geschlecht – wahre wissenschaftliche
en in Entscheidungspositionen in Politik, Wirt- Erkenntnisse werden ignoriert.“
schaft und Wissenschaft (-> Kapitel 6.5) ist Er-
gebnis historisch gewachsener und verfestigter Feministische Theorien, die Gleichstellungspoli-
Diskriminierungen und Privilegierungen. Persön- tiken mehr oder weniger stark prägen, werden als
liche Wahlentscheidungen von Frauen und Män- ideologisch dargestellt. Feministische Forschung
nern greifen daher als Erklärung zu kurz. Stattdes- sei nicht wertfrei und objektiv und deshalb keine
sen müssen die Normierungen und Hierarchi- richtige Wissenschaft. Auf dieser Grundlage wer-
sierungen in den Blick genommen und politisch den Gleichstellungspolitiken abgewertet.
bearbeitet werden, die den geschlechtsspezifi-
schen Wahlentscheidungen zugrunde liegen: Da- 2.4.1 Widerlegung
mit meine ich etwa die historisch gewachsenen
geschlechtsspezifischen Erwartungen an Männer – Der wahre Streitpunkt ist nicht die Qualität
und Frauen, die von diesen eingeschrieben – in- von Wissenschaften, sondern sind Geschlecht
korporiert – werden, und die ihre Interessen, Fä- und Feminismus.
higkeiten und Lebensentwürfe mitbestimmen. – Wissenschaft ist nie neutral.
Gleichzeitig sind unterschiedliche Berufs- und – Mainstream-Wissenschaften stützen Geschlech-
Politikfelder geschlechtsspezifisch aufgeladen, terhierarchien und Geschlechternormierungen.
und mit dem Arbeitsplatz und den zugehörigen – Feministische Wissenschaften helfen beim
Tätigkeiten sind (implizite) Anforderungen ver- Abbau von Geschlechterhierarchien und Ge-
bunden, bestimmten Bildern von Weiblichkeit schlechternormierungen.
und Männlichkeit zu entsprechen. Hinzu kommt – Hinter dem Argument verbergen sich Vorbe-
die ungleiche Verteilung von Reproduktionsar- halte gegenüber Wissenschaftlerinnen.
beiten, wie Hausarbeit und die Erziehung und
Pflege von Angehörigen, die es vor allem Män- 2.4.2 Erläuterung
nern erlaubt, Zeit und Energie mehr oder minder
ausschließlich in bezahlte und der Karriere för- Die Ablehnung von Feminismus und Gleichstel-
derliche Tätigkeiten zu investieren; reproduktive lungspolitik aufgrund des vorgeblich ideologi-
Tätigkeiten werden von Frauen unbezahlt sowie schen Gehaltes feministischer Wissenschaften ist
zunehmend in Form gering bezahlter und prekär meistens ein Scheinargument. Tatsächlich geht es
beschäftigter privater Dienstleistungsverhältnisse in erster Linie um Dominanzverhältnisse rund
geleistet, womit eine zunehmende Umverteilung um Geschlecht.
von Reproduktionsarbeiten zwischen Frauen ver- Frauen wurde einst der Zugang zu Univer-
bunden ist. Schließlich sorgen Männernetzwerke sitäten und die Anerkennung als Wissenschaft-
dafür, dass Stellen häufig nicht nur aufgrund von lerinnen verwehrt. Dass heute vorrangig die Wis-
Qualifikationen, sondern über persönliche Kon- sensproduktionen der Gender Studies/Geschlech-
takte – an Männer – vergeben werden (Acker terforschung, wo Männer nicht die Mehrheit der

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Forschenden und Lehrenden stellen, in der Me- 2.5 Antifeministische Behauptung


dienöffentlichkeit als „ideologisch“ bezeichnet
und abgelehnt werden, lässt vermuten: Nach wie „Gleichstellungspolitik ist lesbische Interessenpolitik!“
vor wird Wissenschaft von Frauen, Lesben und
Transpersonen7 weniger ernst genommen. Dabei Feminismus und Gleichstellungspolitik seien vor
lässt sich der Ideologie-Vorwurf an feministische allem von lesbischen Akteurinnen geprägt. Des-
Wissenschaften ebenso gut umdrehen: Scheinbar halb, so wird argumentiert, dienten sie allein
neutrale „Erkenntnisse“ über Geschlecht dienten lesbischen „Minderheiteninteressen“.
historisch und dienen bis heute dazu, Geschlech-
terhierarchien ideologisch zu legitimieren und 2.5.1 Widerlegung
festzuschreiben. So wurde Frauen einst die Befä-
higung abgesprochen, wählen zu gehen, politi- – Die Behauptung ist lesbenfeindlich.
sche Ämter zu bekleiden und Universitäten zu – Die Aufspaltung in Lesben und heterosexuelle
besuchen; begründet wurden diese Ausschlüsse Frauen zielt hier auf die Schwächung von
von Frauen nicht zuletzt über vorgeblich objekti- Feminismus und Gleichstellungspolitik.
ve naturwissenschaftliche Erkenntnisse (Dölling – Lesbische Partizipation ist eine Stärke feminis-
1991; Hausen 2007; Palm 2008). Dieses – nur vor- tischer Politik.
geblich neutrale – Wissen über Geschlecht ist – Die Behauptung, Gleichstellungspolitik sei an
nicht allein an der Festschreibung von Hierar- lesbischen Interessen ausgerichtet, ist falsch.
chien zwischen Männern und Frauen beteiligt,
sondern auch an der normierenden Unterschei- 2.5.2 Erläuterung
dung und Definition von Geschlecht selbst: Per-
sonen, die nicht den dominanten naturwissen- Zunächst lässt sich diese antifeministische Argu-
schaftlichen Definitionen von „Mann“ oder mentationsstrategie als klar lesbenfeindlich ent-
„Frau“ entsprechen, werden gegenwärtig als schlüsseln und allein deshalb zurückweisen: Les-
„nicht normal“, „krankhaft“ oder irgendwie ben werden als „Abweichung“ dargestellt und
„falsch“ ausgeschlossen, abgewertet und diskri- nicht als politische Akteurinnen anerkannt; poli-
miniert. Dabei zeigt sich: Welche Geschlechter- tische Partizipation, Definitionsmacht und Ge-
Unterscheidungen anhand welcher Parameter staltungsmacht werden ihnen verweigert.
vorgenommen werden, hat sich historisch ge- Darüber hinaus zeigt sich, dass es sich bei
wandelt und ist höchst umstritten (polymorph diesem lesbenfeindlichen Argument um eine an-
2002; Fausto-Sterling 2000). tifeministische Strategie handelt, die ein ganz
Wissen über Geschlecht und Geschlechter- spezifisches Ziel verfolgt: Die Behauptung, dass
verhältnisse ist nie neutral; Alltagsannahmen ha- Lesben und heterosexuelle Frauen grundsätzlich
ben ebenso wie wissenschaftliches Wissen immer unterschiedliche Interessen hätten, zielt hier auf
auch mit eigenen Erfahrungen, mit der eigenen die Spaltung und Schwächung feministischer
gesellschaftlichen Position und mit politischen Politiken und Gleichstellungspolitiken im Allge-
Interessen zu tun (Harding 1994; Hill Collins meinen. Dahinter steht eine generelle Abwehr
1990). Das gilt auch für jenes Wissen über Ge- und Abwertung von Frauen, Lesben und Trans-
schlecht, das nicht feministisch oder antifemi- personen, die sich Sexismus und männlicher
nistisch ist. Feministische Wissenschaften stellen Dominanz widersetzen. Daher lohnt es, die Be-
dabei Wissen über Geschlecht bereit, das beim hauptung, Lesben und heterosexuelle Frauen ver-
Abbau von Hierarchien und Normierungen und folgten grundsätzlich unterschiedliche Interes-
bei einer gerechteren Gestaltung von Gesellschaft sen, daraufhin zu befragen, mit welchen Voran-
helfen soll – dieses Wissen gilt es zu nutzen. nahmen und Zielen sie verbunden ist. Zunächst

7 Als Transperson bezeichne ich Personen, die sich selbst als Trans bezeichnen und die Einordnung als „Mann“ oder „Frau“ für sich zu-
rückweisen, übertreten oder herausfordern (-> Glossar).

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

basiert sie auf der Kategorisierung von Personen stellt eine Stärke und keine Schwäche feministi-
und ihrer Einordnung in Schubladen. Im Kontext scher Politiken dar. Zunächst möchte ich festhal-
antifeministischer Debatten handelt es sich da- ten, dass es durchaus kein Zufall ist, dass Lesben
rüber hinaus um eine Einteilung, die ein be- in der (autonomen) Frauenbewegung (-> Glossar)
stimmtes Ziel verfolgt, nämlich die Abwertung sehr aktiv waren und sind, und dass sie feminis-
feministischer Politik, und vornehmlich von tische und Gleichstellungspolitiken mitgeprägt
antifeministisch eingestellten heterosexuellen haben und dies bis heute tun (Dennert et al. 2007).
Männern vorgenommen wird. Dabei wird ein an- Denn Heteronormativität, Lesbenfeindlichkeit und
geblich klares und objektives Kriterium als Unter- Geschlechternormen und Geschlechterhierarchien
scheidungsmerkmal konstruiert, um eine wesen- hängen zusammen (Butler 1991; Engel 2001):
hafte, allgemeine und grundsätzliche Differenz Lesben übertreten (einige der) Zuschreibungen
zwischen „Lesben“ und „heterosexuellen Frauen“ und Platzzuweisungen an Frauen und sind mit
zu behaupten – und ohne zu definieren, anhand entsprechenden gesellschaftlichen Sanktionen
von was diese Einteilung tatsächlich vorgenom- konfrontiert, wenn sie sich nicht an Männern
men wird: Wird sie davon abhängig gemacht, wer und heterosexuellen Partnerschaften orientieren
mit wem Sex hat, hatte oder haben möchte? Oder bzw. sich nicht über diese definieren. Von (eini-
davon, wer mit wem wie lange Konto, Bett und gen) Geschlechterhierarchien sind Lesben beson-
Frühstückstisch teilte, gerade teilt oder zukünftig ders stark betroffen: Die niedrigen Frauenlöhne
zu teilen plant? Wird nach Äußerlichkeiten ein- beispielsweise wirken sich bei Frauen, die nicht in
geteilt, nach Kleidungsstil und Frisur? Die viel- heterosexuellen Partnerschaften (mit gemeinsa-
fältigen Selbstdefinitionen und politischen Posi- men Konto) leben, massiver und unmittelbarer
tionierungen jedenfalls – etwa als „Lesbe“, als auf ihren Lebensunterhalt aus – das trifft nicht
„queer“, als „Trans“, als „lesbische Frau“, als „bi- nur, aber auch, auf Lesben zu. Das heißt also:
sexuelle Frau“ – werden dabei meist weder wahr- Sexismus (-> Glossar) stellt sich für Lesben teils
genommen noch ernst genommen. Ganz gene- anders, teils drängender dar als für Frauen, die
rell gilt: Feminist_innen verfolgen unterschied- sich als heterosexuell definieren, heterosexuell
liche und vielfältige Interessen, setzen unter- auftreten, leben und/oder als heterosexuell kate-
schiedliche Schwerpunkte und arbeiten mit gorisiert werden. Aufgabe und Ziel feministischer
unterschiedlichen Strategien. Welche das sind, Politik ist es nun nicht, allein die Lebensbedin-
durch welche Dominanzverhältnisse sie beein- gungen vergleichsweise privilegierter – das heißt
flusst werden, wie mit dieser Vielfältigkeit und etwa weißer 8, gebildeter, reicher und eben auch
gegebenenfalls Widersprüchlichkeit umgegangen heterosexueller – Frauen zu verbessern (hooks
werden kann, wie unterschiedliche Positionen 2000 b). Vielmehr muss feministische Politik ne-
sichtbar gemacht und miteinander in gleich- ben Sexismus immer auch andere Dominanzver-
berechtigten Dialog gebracht werden können – hältnisse wie beispielsweise Rassismus, Hetero-
all das ist Bestandteil feministischer Diskussionen normativität, Klassenhierarchie und -ausbeutung
und Aushandlungen. Unterscheidungen und De- im Blick haben, da sie sexistische Dominanz-
finitionen hingegen, die dem antifeministischen verhältnisse und damit das Leben von Frauen,
Ziel dienen, sexistische Strukturen aufrechtzuer- Lesben und Transpersonen beeinflussen. Deshalb
halten, haben diesbezüglich gewiss nichts beizu- ist es eine Stärke und keine Schwäche feministi-
steuern. scher Politik, wenn Personen, die durch mehrere
Wenn es um die Bewertung feministischer Dominanzverhältnisse diskriminiert werden –
Politik geht, läuft das lesbenfeindliche Argument wie beispielsweise Lesben –, an der Ausrichtung
ins Leere. Denn die Partizipation von Lesben und Umsetzung feministischer Politik beteiligt

8 Mit der Kursivschreibweise von weiß möchte ich deutlich machen, dass ich WeißSein als Produkt von Rassismus verstehe, durch den
WeißSein hergestellt und privilegiert wird (Hornscheidt/Nduka-Agwu 2010).

13
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

sind, statt ausgeschlossen zu werden. Dabei gilt 2.6.2 Erläuterung


es meines Erachtens anzuerkennen, dass auch
heterosexuelle Frauen von einigen Interventio- Die Behauptung zielt darauf ab, ein Bedrohungs-
nen von Lesben in der und in die Frauenbewe- szenario entstehen zu lassen, mit dem feminis-
gung und von lesbischen Strategien der Bekämp- tische und Gleichstellungspolitiken abgewehrt
fung sexistischer Strukturen, Denk- und Hand- werden können (Roßhart 2008). Dabei ist Femi-
lungsweisen profitiert haben und profitieren kön- nismus denkbar weit davon entfernt, „Staats-
nen. doktrin“ zu sein: Die Einteilung der Menschen in
Last, but not least, muss der Behauptung zwei Geschlechter, Männlichkeit und Hierarchien
einer lesbischen Ausrichtung von Gleichstel- zwischen Männern und Frauen sind verwoben
lungspolitik widersprochen werden: Lesbische mit der Entstehung moderner Staatlichkeit und
und queere (-> Glossar) Perspektiven sind gegen- definieren auch heutige staatliche Strukturen und
wärtig keineswegs richtungsweisend für Gleich- Politiken maßgeblich mit (Kreisky 1995; Ludwig
stellungspolitiken als solche. Staat und Recht et al. 2009). Das zeigt sich beispielsweise an einer
sind durch heteronormative Denkweisen geprägt, politischen Organisation von Erwerbsarbeit und
die sich in den dominierenden Strategien zur Reproduktionsarbeit, die zu finanzieller Abhän-
Gleichstellung niederschlagen (quaestio 2000; gigkeit und Armut von mehrheitlich Frauen
femina politica 2005). führt. Es schlägt sich aber auch nieder in der
ungleichen Anzahl von Männern und Frauen in
politischen Entscheidungspositionen (-> Kapitel
2.6 Antifeministische Behauptung 6.5) oder in der Rechtssprechung: Nur vier von
sechzehn Verfassungsrichter_innen sind heute
„Feminismus verletzt die Freiheit geschlechtlicher Frauen.
Selbstbestimmung: Gleichstellungspolitik ist staatli- Die Behauptung einer illegitimen feminis-
che Umerziehung!“ tischen Einflussnahme auf die ansonsten „freie“
Geschlechtsentwicklung blendet aus, dass die
Feminismus sei heute Staatsdoktrin geworden; Geschlechtsentwicklung von Menschen immer
durch gleichstellungspolitische Strategien und Produkt „äußerer“ – auch staatlicher – Einflüsse ist:
Maßnahmen wie Gender Mainstreaming, ge- Filme und Werbung prägen unsere Geschlechts-
schlechtersensible Pädagogik (-> Kapitel 5.2), identitäten ebenso wie Wissenschaften, Familien-
Gender Trainings u. a. griffe der „Staatsfeminis- und Arbeitspolitik oder Schulbücher. Das heißt:
mus“ in die freie Geschlechtsentwicklung des Geschlechtsidentitäten werden gesellschaftlich
Menschen, insbesondere von Jungen und Män- hervorgebracht, und das gilt auch für jene Ge-
nern, ein. schlechtsidentitäten, die als „natürlich“, „nor-
mal“ und „frei“ gelten. Sie sind also veränderbar,
2.6.1 Widerlegung und daher macht es Sinn, diese Geschlechterord-
nung genauer unter die Lupe zu nehmen. Zu-
– Feminismus ist meilenweit davon entfernt, nächst lässt sich festhalten, dass dominante
„Staatsdoktrin“ zu sein. Vorstellungen von „Männlichkeit“ und „Weiblich-
– Die „natürliche“ Geschlechtsentwicklung ist keit“ die Hierarchien zwischen Männern und
weder natürlich noch frei von gesellschaftli- Frauen eher herstellen und absichern. „Typische“
chen Einflüssen. männliche und weibliche Geschlechtsidentitäten
– Die Entwicklung „natürlicher“ männlicher spiegeln Geschlechterhierarchien wider und las-
und weiblicher Geschlechtsidentitäten führt sen sie zugleich als „natürlich“ und unveränder-
zu Hierarchien und Ausschlüssen. lich erscheinen (Butler 1991). Dabei spiegeln sich
in den Normen und Bewertungen von Männlich-

14
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

keit und Weiblichkeit weitere gesellschaftliche sie sich anders identifizieren, fühlen, kleiden,
Hierarchien wider: Was in der Dominanzkultur bewegen, verlieben; weil sie anders aussehen,
(Rommelspacher 1995) als „natürliche“ und sprechen oder arbeiten u.v.m. Aus Geschlech-
„gute“ Weiblichkeit und Männlichkeit konstru- ternormen können dann Diskriminierungen
iert wird, wird implizit zugleich mit WeißSein9, (-> Glossar), Abwertungen, Unsichtbarkeit und
Heterosexualität und Mittelklasse assoziiert. Do- Gewalterfahrungen resultieren.
minante Geschlechternormen tragen deshalb Es gilt also, diese nur scheinbar „freien“ und
auch zur Aufrechterhaltung rassistischer, klas- „natürlichen“ Geschlechtsidentitäten zu hinter-
senhierarchischer und heteronormativer Hierar- fragen und herauszufordern. Mit feministischen
chien bei (Butler 1991; Dietze et al. 2006; hooks Bildungsprogrammen, mit feministischer Kunst
2000a; Hill Collins 1990). Und schließlich führen und Politik, die Herstellung von Geschlecht hin-
sie zu sozialen Ausschlüssen von und Zwängen terfragen, werden solche Geschlechternormierun-
für Personen, die diesen Anforderungen an gen und Geschlechterzwänge sichtbar gemacht
„Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ nicht ent- und kritisiert. Das bedeutet nicht weniger, son-
sprechen (polymorph 2002; Butler 1991) – weil dern mehr geschlechtliche Freiheit für alle!

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9 Siehe Fußnote 8.

15
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

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17
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

3. Argumente zum Thema Männerbenachteiligung

Thomas Gesterkamp

Antifeministen stilisieren Männer zu benachtei- ökonomie aus (Gesterkamp 2007). Tätigkeiten in


ligten Opfern in nahezu jeder Lebenslage. Ob in Bereichen wie Erziehung, Pflege oder Service, die
der Arbeitswelt, im Bildungswesen, in der Ge- mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind
sundheitspolitik, beim Thema Gewalt oder im nicht so direkt abhängig von Weltwirtschaft und
Scheidungsrecht: Überall verwenden Männer- Schwankungen in der Konjunktur. Der Stellen-
rechtler ein plattes Gewinner-Verlierer-Schema, abbau in diesen Bereichen erfolgt eher in einer
das an Selbstviktimisierung grenzt. Frauenförde- „zweiten Runde“ als Folge von öffentlichen Haus-
rung und Gender Mainstreaming10 verschärfen haltskürzungen (-> Kapitel 6.7).
nach dieser Lesart die Diskriminierung von Män- Die isolierte Betrachtung der Arbeitslosen-
nern. Die Klage, „Männerbenachteiligung“ sei in quote liefert ohnehin ein verzerrtes Bild, weil sie
den Medien kein Thema, wird dabei selbst zum das Arbeitsvolumen und die Länge der Arbeits-
Bestandteil des Opferdiskurses. zeiten nicht berücksichtigt. Teilzeitarbeitende
Frauen und geringfügig tätige 400 Euro-Kräfte
gelten als „beschäftigt“ und verschwinden so aus
3.1 Antifeministische Behauptung der Statistik. Zudem ist die „stille Reserve“ jener,
die sich gar nicht (mehr) erwerbslos melden, ein
„Männer sind häufiger arbeitslos als Frauen.“ überwiegend weibliches Phänomen.
Schlecht qualifizierte Männer haben mehr
3.1.1 Widerlegung und Erläuterung Schwierigkeiten als früher, einen Job zu finden;
insgesamt aber ist das männliche Geschlecht auf
Vor allem in den neuen Bundesländern waren dem Arbeitsmarkt weiterhin privilegiert. Männer
nach der deutschen Vereinigung deutlich mehr profitieren von einer staatlich geförderten ge-
Frauen als Männer ohne Job. Im Laufe der 1990er schlechtsspezifischen Bereichsteilung, die ihnen
Jahre kehrte sich die Entwicklung um: Die Ar- die Funktion des (Haupt-)Ernährers und Frauen
beitslosenquote der Männer stieg in West- wie die (Haupt-)Verantwortung für Fürsorge zu-
Ostdeutschland überproportional, nach der Jahr- schreibt. Diese traditionellen Geschlechterrollen
tausendwende übertraf sie erstmals die der Frau- drücken sich in unterschiedlichen Bewertungen
en. In dieser Entwicklung drückt sich die Krise von Tätigkeiten und deutlichen Einkommens-
der traditionellen, von Männern geleisteten In- unterschieden (etwa zwischen handwerklichen
dustriearbeit und der Wandel zur Dienstleistungs- und erzieherischen Berufen) aus.

10 Gender Mainstreaming ist eine gleichstellungspolitische EU-Strategie, die zum Ziel hat, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unter-
schiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen und auf
die Gleichstellung der Geschlechter hinzuwirken (-> Glossar).

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

3.2 Antifeministische Behauptung es geschlechtersensible pädagogische Konzepte –


etwa für aufgrund von Diskriminierung benach-
„Jungen sind die Bildungsverlierer.“ teiligte männliche Migrantenjugendliche. Das
macht Frauen- und Mädchenförderung an Schu-
3.2.1 Widerlegung und Erläuterung len und Hochschulen aber keineswegs überflüssig.

Männliche Schüler bilden in Hauptschulen die


Mehrheit, in Gymnasien sind sie dagegen unter- 3.3 Antifeministische Behauptung
repräsentiert. Sie werden später eingeschult, ma-
chen seltener Abitur und bleiben häufiger ohne „Die Männergesundheit wird vernachlässigt.“
Abschluss. Auffällig ist den PISA-Studien zufolge
vor allem der große Leistungsvorsprung der Mäd- 3.3.1 Widerlegung und Erläuterung
chen beim Lesen. Im Vergleich dazu fällt der
Kompetenzvorsprung der Jungen in Mathematik Die Lebenserwartung von Männern liegt in
nur gering aus (Baumert et al. 2001; Prenzel et al. Deutschland derzeit 5,3 Jahre unter der von
2007). Frauen. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich
Die Bildungsforschung hält es für falsch, der Abstand zwischen den Geschlechtern leicht
männliche Schüler pauschal als Verlierer zu be- verringert, was die Forschung mit der Anglei-
trachten. Sehr differenziert setzt sich mit dieser chung weiblicher Rollen an herkömmliche männ-
Behauptung die Expertise Schlaue Mädchen – liche Lebensentwürfe erklärt. Die so genannte
Dumme Jungen auseinander, die unter Federfüh- „Klosterstudie“ des Wiener Bevölkerungsforschers
rung des Deutschen Jugendinstitutes entstand Marc Luy kommt zu dem Ergebnis, dass Mönche
(Bundesjugendkuratorium 2009). Kriterien wie fast so alt werden wie Nonnen, weil sie nach ähn-
die soziale Schicht oder eine Zuwanderungsge- lich festgelegten Ritualen und Rhythmen, also
schichte haben danach eine größere Bedeutung unter vergleichbar stressfreien Umständen ihren
als die Geschlechtszugehörigkeit. Alltag gestalten (Luy 2009).
Die beteiligten Wissenschaftler/innen wen- Dass Frauen Männer um einige Jahre über-
den sich gegen Verkürzungen im aktuellen Ge- leben, ist schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts
schlechterdiskurs: Es gebe nicht „die Jungen“, die bekannt, als erstmals geschlechtsspezifische Sta-
automatisch benachteiligt seien. Männliche tistiken über Sterblichkeit erstellt wurden. Der
Schüler aus bürgerlichen Familien haben in Ma- frühere Tod von Männern ist aber kein biologi-
thematik und in den Naturwissenschaften über- sches Naturgesetz, sondern auf krank machende
durchschnittliche Noten; in den Leistungskursen gesellschaftliche Bedingungen, historische Ge-
für Physik oder Chemie überwiegen weiterhin schlechternormen und das ihnen zugeschriebene
eindeutig die Jungen (OECD 2008). Rollenkorsett zurückzuführen (Scheele 2010).
Es wird behauptet, dass Jungen deshalb Viele Männer sorgen nicht gut für sich selbst,
schlecht in der Schule seien, weil sie mehrheit- betrachten ihren Körper als eine Art Maschine,
lich von Frauen unterrichtet würden. Mitte der die nur gewartet werden muss, wenn sie über-
1980er Jahre waren zwei Drittel des Lehrperso- haupt nicht mehr funktioniert. Viele Männer ver-
nals an Grundschulen weiblich, inzwischen sind es nachlässigen ihre Gesundheit, ernähren sich
fast 90 Prozent (Aktionsrat Bildung 2009). Ob falsch, missachten selbst massive Warnsignale.
Frauen oder Männer unterrichten, ist nach Aus- Sie riskieren zu viel und nutzen seltener medizi-
wertungen der Internationalen Grundschul-Lese- nische Vorsorgeangebote (Volz/Zulehner 2009).
Untersuchung IGLU zwar nicht entscheidend für Allerdings liegen die Zugangsschwellen zum Teil
den Lernerfolg (Bos et al. 2003; Helbig 2010): auch höher: So wird Brustkrebsvorsorge Frauen in
Allein die Einstellung von männlichem Personal einem früheren Lebensalter angeboten (und von
verändert also nicht die Qualität von Bildung den Krankenkassen finanziert) als Männern die
und Erziehung (-> Kapitel 5.1). Vorrangig braucht Vorsorge von Prostatakrebs.

19
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Initiativen von Frauen haben in den letzten ziehungskonflikten überwiegend weibliche Opfer
Jahrzehnten erst dafür gesorgt, dass der ge- – auch wenn der Männeranteil höher liegt als
schlechtsspezifische Blick auf die Medizin ge- häufig vermutet (Banzhaf et al. 2006; Döge 2011).
schärft wurde. Die Frauengesundheitsforschung Schwer geschlagene, misshandelte und vergewal-
hat zum Beispiel skandalisiert, dass Testreihen tigte Frauen suchen Zuflucht in Frauenhäusern.
zu neuen Medikamenten einst nur mit männ- Amendt propagiert deren Abschaffung und be-
lichen Probanden durchgeführt wurden. Sie hat zeichnet die dort tätigen Mitarbeiterinnen als
darauf hingewiesen, dass die Symptome von „Ideologinnen“, die sich einer männerfeindli-
Herz- und Kreislauferkrankungen beim weibli- chen „Kampfrhetorik“ bedienen.
chen Geschlecht andere sind: Männer spüren Gewalt im öffentlichen Raum geht meist
typische Lehrbuch-Symptome wie Engegefühl nicht nur von Männern aus, sondern richtet sich
und Stechen in der Brust, Frauen klagen eher über auch häufig gegen sie. Der Geschlechterforscher
Schlafstörungen und Übelkeit – mit der Gefahr, Hans-Joachim Lenz, der sich seit langem mit
dass ein möglicher Infarkt bei ihnen zu spät er- „Jungen und Männer als Opfer von Gewalt“ (Lenz
kannt wird. 1996) beschäftigt, warnt davor, diese Tatsache
Um spezielle Faktoren, die Männer krank „als falsches und unredliches Argument im popu-
machen, hat sich die staatliche Gesundheitspoli- listisch gewendeten Geschlechterkampf zu miss-
tik bisher wenig gekümmert. Das lag auch daran, brauchen“ (Lenz 2009: 303). Er hält es für richtig,
dass keine nennenswerte „Männergesundheits- dass sein Anliegen mehr Aufmerksamkeit erhält,
bewegung“ existierte. Seit einigen Jahren aber aber für falsch, wenn „männliche Täterschaft ge-
fordern Wissenschaftler/innen und Praktiker/in- leugnet und entschuldigt“ oder „gar die Schlie-
nen einen geschlechterreflektierten Zugang auch ßung von Frauenhäusern verlangt wird“ (Lenz
aus männlicher Perspektive. Ergebnis ist der jetzt 2009: 304).
vorliegende Erste deutsche Männergesundheits-
bericht (Stiehler et al. 2010). Dass dieser umfas-
sende, über Teilbereiche hinausgehende Über- 3.5 Antifeministische Behauptung
blick nicht von der Bundesregierung, sondern
von der Stiftung Männergesundheit in Koopera- „Vätern werden die Kinder entzogen.“
tion mit einer privaten Krankenversicherung
ermöglicht wurde, illustriert nachdrücklich die 3.5.1 Widerlegung und Erläuterung
Versäumnisse der Vergangenheit.
Trennung und Scheidung sind ein geschlechter-
politisches Minenfeld. Väterrechtsorganisationen
3.4 Antifeministische Behauptung zufolge urteilen die Familiengerichte tendenziös
zu Gunsten der Mütter, sprechen ihnen ohne
„Frauen sind ebenso gewalttätig wie Männer.“ sorgfältige Prüfung das alleinige Sorgerecht für
den Nachwuchs zu.
3.4.1 Widerlegung und Erläuterung Frauen haben manchmal gute Gründe, dar-
auf zu bestehen, dass sie allein entscheiden. Ein
Diese These vertritt der Wiener Geschlechterfor- Teil der Erzeuger zeigt wenig Interesse an seinem
scher Gerhard Amendt im Bezug auf häusliche Nachwuchs. 90 Prozent der 1,6 Millionen Allein-
Gewalt. Er beruft sich dabei auf Daten aus seiner erziehenden in Deutschland sind Mütter. 40 Pro-
Studie über Scheidungsväter (Amendt 2006). Der zent der getrennt lebenden Väter zahlen keinen,
Soziologe verwendet allerdings einen fragwürdi- zu wenig oder nicht regelmäßig Unterhalt. Für
gen Gewaltbegriff. Er unterscheidet „Handgreif- knapp 500.000 Kinder muss der Staat mit Vor-
lichkeiten“ zwischen Paaren nicht von schweren schüssen einspringen.
körperlichen Verletzungen. Gravierende Angriffe Trotzdem gibt es auch Männer, die sich küm-
auf die körperliche Unversehrtheit erleiden in Be- mern wollen, dies aber nicht können. Nicht ver-

20
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

heiratete Väter hatten in der Vergangenheit kei- 3.6 Antifeministische Behauptung


nen Anspruch auf ein gemeinsames Sorgerecht,
wenn Mütter diesem Wunsch nicht zustimmten. „Die Medien ignorieren unsere Anliegen.“
Gesetze und Gerichtsurteile beruhten für Jahr-
zehnte auf dem Bild eines Vaters, der nicht bereit 3.6.1 Widerlegung und Erläuterung
ist, Verantwortung zu tragen; eines „unzuver-
lässigen Filous“, der „gefallene Mädchen“ im Männerrechtler prangern die öffentliche Nicht-
Stich lässt und die Folgen einer kurzen Affäre be- beachtung ihrer Anliegen an. Angeblich unter-
quem an die Mutter delegiert. werfen sich die Medien einer feministischen Deu-
Von den jährlich rund 200.000 Scheidungen tungshoheit und berichten zu wenig über die Be-
in Deutschland sind gut 150.000 Kinder betrof- nachteiligung von Männern. Eine „Kaste der Fe-
fen. Die meisten getrennt lebenden Eltern finden minismus- und Genderfunktionäre“ (Paulwitz
ein halbwegs zufrieden stellendes Arrangement. 2008: 1) habe die kulturelle Vorherrschaft erobert,
Die Familienrechtsreform von 1998 hat erheblich Frauen seien allgegenwärtig, und bestimmen die
zur Entschärfung der Konflikte um das Sorgerecht Themen. So würde jede männliche Opposition
beigetragen. Im August 2010 erklärte das Bundes- unterdrückt.
verfassungsgericht die fortbestehende Benachteili- Faktisch wird das Thema alles andere als ig-
gung lediger Väter für gesetzeswidrig. Das Bundes- noriert: Angesichts von diversen Aufmachern in
justizministerium soll das Urteil jetzt umsetzen. Die Zeit, Focus und Der Spiegel kann von Medien-
Künftig wird beiden Elternteilen Verantwor- boykott überhaupt keine Rede sein. Vor allem die
tung für das „Kindeswohl“ zugeschrieben – ob sie Frankfurter Allgemeine Zeitung thematisiert immer
verheiratet sind oder nicht. Väterrechtsorganisa- wieder den angeblichen Bedeutungsverlust des
tionen fordern, die gemeinsame Sorge auch ohne Mannes. Schon 2003 behauptete Mitherausgeber
Ehe zum Regelfall zu erklären. In der parlamen- Frank Schirrmacher, Frauen hätten die „Bewußt-
tarischen Beratung zeichnet sich indes ab, dass seinsindustrie“ (Schirrmacher 2003: 33) über-
Union und SPD das Sorgerecht weiterhin zu- nommen. Als wichtigsten Beleg führte er an, dass
nächst der Mutter zusprechen wollen; ledige Vä- weibliche Talkshow-Moderatorinnen den politi-
ter können es beantragen und vor Gericht ein- schen Männerrunden die Stichworte liefern dür-
fordern. Die FDP spricht diplomatisch von einer fen. Müttern hielt Schirrmacher unter Verweis
„differenzierten Widerspruchslösung“: Zumin- auf neue Erkenntnisse der Verhaltensbiologie vor,
dest müsste Vätern die Möglichkeit eingeräumt ihre natürliche Aufgabe in den Familien zu ver-
werden, schnell und mit guten Chancen einen nachlässigen.
Entscheid zu ihren Gunsten herbeizuführen. Neokonservative Sichtweisen auf die Ge-
schlechterfrage und antifeministische Argumente
werden in den Medien seit Jahren ständig aufge-
griffen und unterstützt (Roßhart 2008; Gester-
kamp 2010). Im Internet betreiben Männerrecht-
ler regelrechte Kampagnen. Sie versuchen durch
anonymes Posten und Vielschreiberei quantitativ
zu dominieren und unverfängliche Foren (Piraten-
partei, Aktion Mensch, Zeit online) zu „entern“.

21
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

3.7 Literaturverzeichnis

Amendt, Gerhard 2006: Scheidungsväter. Wie Männer die Trennung von ihren Kindern erleben,
Frankfurt.
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Bundesjugendkuratorium 2009: Schlaue Mädchen – Dumme Jungen. Gegen Verkürzungen im aktuellen
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Gesterkamp, Thomas 2010: Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfunda-
mentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, WISO Diskurs der Friedrich-Ebert-
Stiftung, Bonn.
Helbig, Marcel 2010: Sind Lehrerinnen für den geringeren Schulerfolg von Jungen verantwortlich?
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Nonnen und Mönchen, in: Geppert, Jochen; Kühl, Jutta (Hrsg.): Gender und Lebenserwartung,
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Potsdam), Potsdam.
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schlechterwissen in der Männergesundheitsförderung, Königstein.
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Jahresgutachten des Aktionsrates Bildung, Wiesbaden.
Volz, Rainer; Zulehner, Paul 2009: Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutsch-
land, Baden-Baden.

22
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

4. Argumente zum Thema Familie

Manfred Köhnen

Es gab in den letzten Jahren viele Diagnosen über – Familienpolitik und Gesellschaft sind auf ein
die „Demographische Katastrophe“, also die ge- Familienmodell konzentriert, das den Lebens-
ringe Zahl der Geburten mit 1,34 Kindern pro lagen vieler Menschen nicht entspricht.
Frau und die „Überalterung der Gesellschaft“. In
diesem Zusammenhang wird ebenfalls der Zerfall 4.1.2 Erläuterung
„der Familie“ beklagt, der auch an einer Schei-
dungsquote von 34 Prozent der Ehen festgemacht Seit über hundert Jahren wird vorausgesagt, dass
werden kann.11 Die Diagnosen klingen beunru- „die Deutschen“ aussterben. Aber nicht nur die.
higend und werden oft in den Medien präsen- Auch die Bevölkerung der anderen westlich ge-
tiert. Das Bild vom „Aussterben der Deutschen“, prägten Länder sei „bedroht“. Auch dort gehen
vom „Raum ohne Volk“ schürt existenzielle seit den jeweiligen Phasen von Industrialisierung
Ängste. Ebenso ist der Begriff der Familie mit dem und Verstädterung die Geburtenziffern zurück. In
grundlegenden Bedürfnis nach emotionaler Nähe Deutschland ist das etwa seit 1900 der Fall. Trotz
und Sicherheit verknüpft. Es stimmt viele Men- der beiden Weltkriege und dem kontinuierlichen
schen besorgt und ängstlich, dass immer mehr Rückgang der Geburtenrate sind „die Deutschen“
Ehen geschieden werden und dass die Vorstellung nicht ausgestorben. Dennoch ist dem Thema in
von Familie als lebenslanger Verbindung aus Va- Medien und Wissenschaft immer wieder große
ter, Mutter, Kind immer seltener funktioniert. Beachtung geschenkt worden (Regenhard 2007;
Die Lösung von einigen Problemen ist in Ferdinand 2003). Von Oswald Sprengler (1918)
einer modernen Gleichstellungspolitik (-> Glos- bis zu den Zeitgenoss/innen Eva Herman, Frank
sar) zu finden. Schirrmacher (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und
Thilo Sarrazin (2010) wurde immer wieder eine
Ursache benannt: die Emanzipation der Frauen.
4.1 Antifeministische Behauptung Diesen Theorien scheint die Annahme zugrunde
zu liegen, es gäbe eine einheitliche Gruppe, näm-
„Die Deutschen sterben aus, weil Frauen keine Kinder lich „die Frauen“, die aus egoistischen Motiven
kriegen.“ willentlich in den Gebärstreik getreten seien.
Eine genauere Sicht macht die blinden Fle-
4.1.1 Widerlegungen cken der Debatte deutlich: Migration, Geschlech-
terrollen und soziale Ungleichheit werden nicht
– Es wird seit über hundert Jahren prognostiziert, berücksichtigt und daraus folgt eine Politik, die es
dass die Deutschen aussterben – ohne, dass es nicht schafft, so auf die Bedürfnisse und Lebens-
eingetreten wäre. lagen der Menschen einzugehen, dass sie sich für
– Frauen sind nicht alleine verantwortlich für ein Leben mit Kindern entscheiden.
Geburt und Erziehung von Kindern. Doch zunächst zu den blinden Flecken der
– Elternschaft braucht (wirtschaftliche) Sicher- Debatte über den Bevölkerungswandel. Zumeist
heit – und die fehlt zunehmend. wird nur die Bevölkerung mit deutscher Staats-

11 So waren 34 Prozent der im Jahr 1982 geschlossenen Ehen nach 25 Jahren geschieden (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2009).

23
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

bürgerschaft analysiert. Die Geburtenziffern von Frauen in den Blick der öffentlichen Diskussion
Migrantinnen und Migranten und deren Zuzug (Stiegler 2006; Regenhard 2007). Schon die Statis-
werden in diesem Kontext eher als Bedrohung tik misst die Geburtenrate als „Kinder pro Frau“
thematisiert. Ein Beispiel hierfür war zuletzt und ignoriert damit den Umstand, dass die Ge-
Thilo Sarrazins Buch (2010). Diese Perspektive ist burt eines Kindes am Ende eines sehr komplexen
kurzsichtig und zudem rassistisch. In der Ge- Prozesses der Lebensplanung mindestens zweier
schichte haben viele Migrantinnen und Migran- Menschen steht (Stiegler 2006: 11). Diese Prozes-
ten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen se werden von hergebrachten Vorstellungen be-
und (mit oder ohne deutsche Staatsbürgerschaft) einflusst. So gibt es die Erkenntnis, dass Männer
zum Wohl und Nachwuchs des Landes beigetra- bei der Geburt des ersten Kindes mehr Zeit auf
gen. Anstatt Migrantinnen und Migranten als Erwerbsarbeit verwenden (Stiegler 2006; Vinken
Bedrohung zu begreifen, sollte das Bewusstsein 2001). Frauen müssen dagegen eher berufliche
dafür geschärft werden, dass Integration immer Einschnitte hinnehmen. Diese unterschiedlichen
schwierig war und doch erfolgreich stattgefunden Anforderungen werden von vielen Menschen
hat. Davon hat Deutschland kulturell und wirt- nicht mehr akzeptiert (s. u. 4.2).
schaftlich profitiert. Die Kinderwünsche deutscher Männer und
Ein weiterer blinder Fleck der Debatte über Frauen waren mit durchschnittlich 1,59 (Män-
den Bevölkerungswandel sind die Geschlechter- ner) und 1,75 (Frauen) sehr viel niedriger als in
verhältnisse und die Geschlechterrollen. Obwohl anderen europäischen Ländern. Zum Vergleich:
klar ist, dass die Zahl der Geburten etwas mit In Finnland wünschten sich Männer durch-
Menschen männlichen und weiblichen Ge- schnittlich 2,14 Kinder und Frauen 2,18 (Höhn
schlechts zu tun hat, kommen ausschließlich et al. 2006: 17).

Abbildung1:

Entwicklung des Kinderwunsches über die Zeit

1992 2003

10 %
16 % 15 % 15 %

Frauen 27 % 17 %

47 % 53 %
keine Kinder
ein Kind
zwei Kinder
drei und mehr Kinder
13 % 13 %
18 %
26 %
Männer 27 %
41 % 15 %
47 %

Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

24
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Die Gruppe derer, die kinderlos bleiben wol- stimmten über 50 Prozent der Befragten, die kei-
len, hat sich bei den Frauen von 10 auf 15 Pro- ne (weiteren) Kinder haben wollten, den folgen-
zent erhöht und bei den Männern von 13 Prozent den Aussagen zu:
auf 26 Prozent. Der Anteil derer, die kinderlos – „Um Kinder zu haben, benötige ich einen
bleiben wollen, ist bei den Männern deutlich sicheren Arbeitsplatz.“
höher als bei den Frauen. Die mehr oder weniger – „Um Kinder zu haben, benötigt mein(e) (Ehe-)
indirekt ausgesprochenen Schuldzuweisungen Partner/in einen sicheren Arbeitsplatz.“
an „die Frauen“ in Deutschland greifen damit – „Ich mache mir zuviel Sorgen darüber, welche
zu kurz. Allerdings würde auch eine Schuldzuwei- Zukunft meine Kinder erwartet.“
sung an „die Männer“ zu kurz greifen, da die Rah- (Höhn et al. 2006: 30-32; vgl. auch BMFSFJ 2006)
menbedingungen und die Geschlechterverhält- Trotz eines Kinderwunsches bleiben viele
nisse berücksichtigt werden müssen (s.u. 4.2). kinderlos: So gaben die Befragten in einer ande-
Einen ersten Hinweis auf die Ursachen gibt ren Umfrage an, Kinder haben zu wollen und
eine repräsentative Umfrage von 2003, die den zwar 2,04 (Männer) bzw. 2,11 (Frauen) (Sütterlin
Wunsch nach Kinderlosigkeit zwischen Ost und 2009: 1). Allerdings habe der oder die richtige
West differenziert. Partner/in gefehlt (50 Prozent), es habe aus beruf-
lichen Gründen (25 Prozent) oder finanziellen
Gründen nicht geklappt (25 Prozent). Auch bei
Tabelle 1: Eltern mit Kindern scheiterte der Wunsch nach
einem weiteren Kind an finanziellen (35 Prozent)
Wunsch nach Kinderlosigkeit in %
oder beruflichen (18 Prozent) Gründen (Sütterlin
2009: 2).
Gesamt West Ost Die Rahmenbedingungen für ein solches
Männer 23 27 21 „Lebensprojekt Familie“ (Beck-Gernsheim 2000:
58ff.) werden seit Mitte der 1970er Jahre in West-
Frauen 15 17 6
deutschland ungünstiger. Seither steigt die Ar-
beitslosigkeit, die Reallöhne sinken, die Dauer
Quelle: Höhn et al. 2006: 20.
von Arbeitsverträgen wird zunehmend begrenzt,
die Sozialleistungen werden gekürzt, die Anfor-
derungen an räumliche Mobilität (z. B. Umzug
In Ostdeutschland ist der Wunsch nach Kinder- wegen einer neuen Arbeitsstelle) nehmen zu
losigkeit geringer ausgeprägt. Das liegt vermut- (BMFSFJ 2006: 80ff.). In Ostdeutschland ist mit
lich daran, dass die DDR Elternschaft und die der Wende und der damit verbundenen Unsi-
Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf geför- cherheit die Geburtenrate deutlich zurückgegan-
dert hat. gen und später leicht angestiegen. Die Menschen
Elternschaft braucht (wirtschaftliche) Sicher- orientieren sich mit ihrer Familienplanung sehr
heit – und die fehlt zunehmend. Elternschaft war stark an den gesellschaftlichen Bedingungen.
lange Zeit eine Frage des Schicksals. Mit den ver- Neben der wirtschaftlichen Sicherheit ist ein
besserten Verhütungsmöglichkeiten durch die gutes Angebot für die Kinderbetreuung sehr wich-
Pille wurde Elternschaft zu einer bewussten Ent- tig für die Entscheidung, Nachwuchs zu bekom-
scheidung. Die Verantwortung für ein Kind zu men. Ergänzend oder als Ersatz können Familien-
übernehmen, bedeutet ein Projekt zu beginnen, angehörige und soziale Netzwerke zu der Entschei-
das einen für ungefähr zwanzig Jahre bindet dung für ein Kind beitragen (Ette/Ruckdeschel
(Beck-Gernsheim 2000: 58 ff.). Und dafür wün- 2007). Allerdings ist der Druck auf Frauen, beson-
schen sich die meisten Menschen stabile wirt- ders in Westdeutschland, sehr groß, die Kinder
schaftliche und soziale Rahmenbedingungen. So selbst zu erziehen (Sütterlin 2009: 3; Vinken 2007).

25
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Wie der Siebte Familienbericht belegt, sind betreuung ausgebaut und eine geschlechter-
Kinder und Eltern überproportional von Armut gerechte Verteilung der unbezahlten Arbeit
betroffen – mit zunehmender Tendenz (BMFSFJ gefördert haben.
2006: 166 ff.). Eine häufige Ursache für die Armut
von Familien und Alleinerziehenden mit Kindern 4.2.2 Erläuterung
ist die mangelnde Kinderbetreuung – da sie die
Aufnahme von Erwerbstätigkeiten verhindert Die Klage verbindet zwei ernst zu nehmende Ent-
(BMFSFJ 2006). Eine Ursache für die niedrige Ge- wicklungen, die gleichzeitig stattfinden, aber nicht
burtenrate in Deutschland liegt also darin, dass zwingend zusammenhängen: Die eine Entwick-
die Verbindung von Beruf und Familie in Deutsch- lung besteht darin, dass ein immer größerer Anteil
land für Frauen schwerer ist als in anderen Län- der geschlossenen Ehen geschieden wird und die
dern (Kröhnert/Klingholz 2008; BMFSFJ 2006). Zahl der Eheschließungen zurückgeht. Die andere
Dies ist in einer konservativen Familienpolitik Entwicklung ist die, dass immer mehr Frauen über
und in den verbreiteten Vorstellungen von Fami- eine gute Berufsausbildung verfügen und dass die
lie begründet, auf die im Folgenden näher ein- Erwerbstätigkeit immer wichtiger wird.
gegangen wird. Zunächst ist es nicht einleuchtend, dass
Familien kaputt gehen, weil Frauen erwerbstätig
sind. Wenn sich Eltern Betreuungsaufgaben teil-
4.2 Antifeministische Behauptung ten, wenn staatliche Kinderbetreuung Eltern ent-
lastete, dann könnten Familie und Beruf für
„Immer mehr Familien gehen kaputt, weil Frauen ar- Frauen und Männer vereinbar sein, ohne eine
beiten und sich selbst verwirklichen wollen.“ Belastung für das Familienleben darzustellen.
Dies ist auch das Ergebnis einer statistischen Un-
4.2.1 Widerlegung tersuchung: Frauenerwerbstätigkeit hat insgesamt
keinen Einfluss auf die Stabilität von Ehen (Bött-
– Wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen cher 2006). Werden gleichberechtigte Ehen ge-
führt nicht zur Trennung, wenn die Beziehung trennt untersucht, dann trägt die Erwerbstätigkeit
intakt ist. von Frauen zur Stabilität der Ehe bei.
– Es ist nicht der individuelle Emanzipationswil- Der antifeministischen Behauptung liegt ein
le von Frauen, sondern ein Ergebnis sozialer sehr spezielles Bild von Ehe und Familie zugrunde,
und wirtschaftlicher Entwicklungen, dass die das vor allem in Westdeutschland sehr verbreitet
wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen ist: Die stabile Kleinfamilie, bestehend aus dem
und Männern gleichermaßen notwendig ist. verdienenden Vater und Ernährer, der Hausfrau
– Die Vorstellung von der Kleinfamilie mit Haupt- und Mutter und den beiden Kindern. Trotz eines
ernährer, Hausfrau und Kind setzt Frauen und neuen Ansatzes zur Familienpolitik ist dieses Fa-
Männer unter Druck, unzeitgemäßen Rollen- milienmodell tief eingeschrieben in die Gesetze,
bildern zu entsprechen – das ist ein häufiger Regelungen und öffentlichen Angebote der Bun-
Grund für Kinderlosigkeit und Trennungen. desrepublik (Bothfeld 2008). Vom Ehegattensplit-
– Trennungen sind für die Betroffenen proble- ting12 über mangelnde Kinderbetreuungsange-
matische Erfahrungen, die ernst genommen bote bis zur Halbtagsschule drängt die Struktur
werden müssen – aber historisch gesehen han- staatlicher Angebote und Förderleistungen in
delt es sich um einen Wandel der Institution Richtung einer Nicht- oder Teilzeiterwerbstätig-
Familie, der schon lange stattfindet. keit der Mütter.
– Andere Länder haben sich dem sozialen Wan- Antifeministische Texte wie „Das Eva Prin-
del angepasst, indem sie die staatliche Kinder- zip“ (Herman 2006) sehen Emanzipation und da-

12 Das Ehegattensplitting ist eine steuerliche Vergünstigung für verheiratete Paare, die sehr ungleiche Einkommen beziehen. Je mehr sich
die Einkommen angleichen, desto weniger Vergünstigungen werden erstattet. Der Staat verzichtet mit dem Ehegattensplitting auf ca. 27
Milliarden Euro Steuereinnahmen (Färber et al. 2008).

26
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

raus folgende Berufstätigkeit von Frauen als Ursa- zugenommen. Im Zuge der Bildungsexpansion
che für die Instabilität von Ehen und Familien haben auch immer mehr Frauen hohe Qualifi-
und von Kinderlosigkeit an und empfehlen die kationen erworben, die Unterschiede zwischen
Rückkehr zu dem alten Modell. Dagegen spricht Frauen und Männern in der Bildung sind gerin-
aber zum Beispiel die Arbeitsmarktsituation von ger geworden (BMFSFJ 2006: 83ff.). Das Zusam-
Frauen im Vergleich zu der der Männer (-> Kapi- menspiel traditioneller Partner/innenwahl mit
tel 6). Wahrscheinlicher ist die umgekehrte Inter- der Bildung von Frauen führt dazu, dass Frauen
pretation, dass es nicht die Emanzipation ist, die mit hohen und Männer mit geringen berufli-
die Ehen unter Druck setzen, sondern die allge- chen Qualifikationen sehr viel häufiger ohne
meinen gesellschaftlichen Entwicklungen wie die Partner/in und kinderlos bleiben (Stiegler 2006;
zunehmende Individualisierung und die wirt- Gesterkamp 2005).
schaftliche Unsicherheit. Und schließlich ent- Das Argument, dass „die Familie kaputt
standen durch den Wandel zur Dienstleistungs- geht“, basiert also auf der Vorstellung der Ernäh-
gesellschaft zahlreiche Arbeitsplätze, die von rerfamilie. Manche Menschen haben die Vorstel-
Frauen besetzt wurden. Die in der antifeministi- lung, dass dieses Modell „natürlich“ sei und ein
schen Behauptung enthaltene Vorstellung, dass Wandel wird deshalb als bedrohlich wahrgenom-
die Emanzipation der Frauen zur Entstehung die- men. Hier vermengt sich das persönliche Bedürfnis
ser Arbeitsplätze geführt hat, ist absurd. Gleich- nach Sicherheit mit dem Weltbild. Dabei wird
zeitig sind immer mehr Familien wegen der un- regelmäßig vergessen, dass die moderne Zivilehe
sicheren Arbeitsmarktlage und Niedriglöhnen und das allgemeine Heiratsrecht überhaupt erst
auf zwei Einkommen angewiesen. Die Ehen wohl- mit dem Reichspersonenstandsgesetz seit 1875
habender Paare werden seltener geschieden. Ein eingeführt wurden. Bis dahin durften nur be-
anderer Befund ist der, dass die Scheidung in stimmte, sehr kleine Personenkreise wie Adlige
Westdeutschland zu 60 Prozent von Ehefrauen oder Besitzbürger heiraten und zwar erst, wenn
eingereicht werden. In Ostdeutschland, wo die sie das Erbe des Hofs oder des Betriebs antraten
Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen und (Beck-Gernsheim 2001: 24ff.). Bis dahin, aber
Männern ähnlicher sind, sind auch die Anträge auch danach gab es viele verschiedene Formen
zur Scheidung ausgeglichener (Emmerling 2007). des Zusammenlebens. Die meisten beinhalteten
Zudem gibt es Hinweise darauf, dass das konser- die Erwerbstätigkeit aller Personen wie zum Bei-
vative Modell der Kleinfamilie selbst zur Kinder- spiel auf dem Bauernhof, im Familienbetrieb,
losigkeit beiträgt. So schätzte die Mehrheit der aber auch bei Arbeiter/innenfamilien, weil es
befragten Frauen und Männer, dass Kinder die sonst zum Leben nicht reichte. Insofern war das
Erwerbstätigkeit von Frauen einschränken wür- Ideal des Ernährermodells immer schon eine
den – und zwar sowohl den zeitlichen Umfang als Ausnahme für privilegierte Männer, von denen
auch die inhaltlichen Ansprüche (Höhn et al. Frauen abhängig waren (Beck-Gernsheim 2001).
2006; bpb 2008). Frauen, die in einer stabilen Ehe Die kontinuierlich steigenden Scheidungsra-
leben, verzichten lieber auf Kinder, wenn ihre ten sind kein Grund zu kulturpessimistischen
Männer sich eine nicht berufstätige Hausfrau Vorhersagen (Emmerling 2007). Auch wenn Tren-
wünschen als dass sie diesem Wunsch ihrer Män- nungen immer belastende Erfahrungen sind – ge-
ner nachkommen (Stiegler 2006: 14; Rupp 2005). rade für Kinder – gibt es neue Möglichkeiten des
Die verbreiteten traditionellen Vorstellungen Umgangs. Die Bedeutung der Familie ist der ge-
von Familie haben ebenfalls Einfluss auf Wahl genseitige Beistand und das Gefühl der Gebor-
der Partner/innen. Entsprechend dem hierarchi- genheit. Diese werden von immer mehr Men-
schen Geschlechtermodell heiraten zumeist älte- schen zunehmend in neuen Formen wie zum
re Männer mit besseren Qualifikationen jüngere Beispiel der Patchwork-Familie gefunden (Beck-
Frauen mit geringeren Qualifikationen (Stiegler Gernsheim 2001). Zudem werden die Scheidungs-
2006; Emmerling 2007). Seit 1960 hat der Anteil raten dadurch aufgefangen, dass Viele auch mehr-
der Menschen mit hohen Bildungsabschlüssen mals heiraten.

27
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Für eine erfolgreiche Familien- und Gleich- baren. Im internationalen Vergleich lässt sich
stellungspolitik ist es notwendig, den sozialen feststellen, dass die Industrieländer, die das ge-
Wandel zu akzeptieren und sich mit der Familien- schafft haben, relativ höhere Geburtenraten auf-
politik darauf einzustellen. Immer mehr Frauen weisen als zum Beispiel Deutschland und Öster-
werden erwerbstätig und wirtschaftlich selbst- reich. Als Vorbilder sind insbesondere die skan-
ständig sein. Wenn die Geburtenrate wieder stei- dinavischen Länder und Frankreich zu nennen
gen soll, dann muss es Eltern in Deutschland er- (Kröhner/Klingholz 2008).
möglicht werden, Familie und Beruf zu verein-

4.3 Weiterführende Links

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: http://www.bib-demografie.de

GenderKompetenzZentrum an der Humboldt Universität: www.genderkompetenz.info


– Sachgebiet Demographischer Wandel:
http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/sachgebiete/demographischerwandel
– Sachgebiet Familie:
http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/sachgebiete/familie

Informationsportal des Rostocker Zentrums für demographischen Wandel: http://www.zdwa.de

4.4 Literaturverzeichnis

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http://www.bib-demografie.de/cln_099/nn_750736/DE/DatenundBefunde/05/eheloesungen__
node.html?__nnn=true (13.12.2010).
Emmerling, Dieter 2007: Ehescheidungen 2005. Statistisches Bundesamt. Wirtschaft und Statistik
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Ette, Andreas; Ruckdeschel, Kerstin 2007: Die Oma macht den Unterschied! Der Einfluss institutioneller
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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

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Höhn, Charlotte; Ette, Andreas; Ruckdeschel, Kerstin 2006: Kinderwünsche in Deutschland – Konse-
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Broschueren/kinderwunschstudie__2006.html (13.12.2010).
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Spengler, Oswald 1918: Der Untergang des Abendlandes, Wien.
Stiegler, Barbara 2006: Mutter-Vater-Kinder-Los. Eine Analyse des Geburtenrückgangs aus der Geschlech-
terperspektive, Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Arbeit und Sozialpolitik, Expertisen zur Frauen-
forschung, Bonn. http://library.fes.de/pdf-files/asfo/03850.pdf (13.12.2010).
Sütterlin, Sabine 2009: Kinderwunsch in Deutschland. Große Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit,
(Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung), Berlin, http://www.berlin-institut.org/fileadmin/
user_upload/handbuch_texte/pdf_Suetterlin_Kinderwuensche_02.pdf (13.12.2010).
Vinken, Barbara 2007: Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos, erweiterte und aktuali-
sierte Auflage, Frankfurt am Main.
ZDWA (Informationsportal des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels) 2010:
http://www.zdwa.de/zdwa/artikel/diagramme/20060215_51483557_diagW3DnavidW2667.php
(17.1.2010).

29
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

5. Argumente zum Thema Bildung

Melanie Ebenfeld

Das Bildungssystem ist in der Kritik. Es laufen tet werden. Jungen sind keine homogene Grup-
Debatten über Art und Qualität der Bildung. Dis- pe. Sie werden nicht ausschließlich von Frauen
kutiert wird, wer wie und warum gewinnt oder unterrichtet. Und die Schulprobleme mancher
verliert und wer wen bilden und erziehen darf Jungen lösen sich auch nicht, indem man Män-
oder soll. Zentrale Fragen sind, welche Rolle das ner zu Erziehern umschult.
Geschlecht der Lernenden und Lehrenden bei Zunächst ist es wichtig, genau zu analysie-
Bildungs(miss)erfolgen spielt, was geschlechter- ren, welche Faktoren dazu führen, dass ein Kind
sensible Pädagogik bringt und wie frühkindliche bzw. ein_e Jugendliche_r schlechte Schulleistun-
Bildung aussehen soll. gen erbringt. In einer aktuellen Stellungnahme
des Bundesjugendkuratoriums (2010) wird deut-
lich gemacht, dass Kategorien wie soziale Her-
5.1 Antifeministische Behauptung kunft und Migrationshintergrund einen größe-
ren Einfluss auf Schulleistungen haben als das
„Die feminisierte Schule benachteiligt Jungen.“ Geschlecht. Wobei man hier nicht verschiedene
Faktoren, die Bildungskarrieren beeinflussen – wie
5.1.1 Widerlegung Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft –
gegeneinander ausspielen darf. Die Realität ist
– „Die Jungen“ gibt es nicht. komplex. Durch eine Vereinheitlichung von „den
– Problematisch sind Bilder von Männlichkeit, Jungen“ und „den Mädchen“ werden jedenfalls
die im Gegensatz zu den Anforderungen von Gemeinsamkeiten zwischen Mädchen und Jun-
Schule stehen. gen und Unterschiede zwischen einzelnen Jun-
– Die Qualifikation von Pädagog_innen ist wich- gen ignoriert und eine Hierarchisierung verstärkt
tiger als deren Geschlecht. (Forster 2010).
– Ein Bildungssystem, das Verlierer_innen her- Nun gibt es aber Forschungsergebnisse, die
vorbringt, ist dringend reformbedürftig. zeigen, dass Jungen in bestimmten Fächern in
einem bestimmten Alter deutlich schlechter ab-
5.1.2 Erläuterung schneiden als ihre Mitschülerinnen, beispielswei-
se was Lesekompetenzen angeht (OECD 2010).
Die These, dass Jungen die Verlierer des Bildungs- Zudem sind Jungen auf Sonderschulen mit
systems seien und weibliche Erzieherinnen und 63,4 Prozent überrepräsentiert, die – in jedem Fall
Lehrerinnen daran die Schuld tragen, ist eine ver- kritikwürdige – Diagnose „emotional/sozial be-
kürzte Zusammenführung verschiedener Aspekte, hindert“14 erhalten sogar zu 86 Prozent Jungen
die Probleme eher verstärkt als sie löst.13 Es sind (BMFSFJ 2005: 551). Es lohnt sich, hier genauer
nicht alle Kinder mit einem Y-Chromosom auto- hinzuschauen und das Bild einer_s erfolgreichen
matisch schlecht in der Schule, weil sie nur von Lernenden mit dem Bild eines „typischen Jun-
Menschen mit zwei X-Chromosomen unterrich- gen“ zu vergleichen. Welche Erwartungen müs-

13 Einen guten Überblick über den aktuellen Forschungs- und Diskussionsstand bietet Rieske 2011.
14 Hier muss als allererstes kritisiert werden, dass solch eine menschenunwürdige Diagnose überhaupt formuliert wird.

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Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

sen Schüler_innen erfüllen, damit sie in dem Sys- liche Eigenschaften wie Härte, Leistungsbereit-
tem Schule erfolgreich sind? Sie müssen fleißig schaft und eine „Ellenbogenmentalität“ gefragt
sein, sich anpassen, still sitzen und ruhig arbei- und reproduziert. Wer ein „richtiger“ Mann ist,
ten. Und welche stereotypisierten Erwartungen passt zwar nicht in die Schule, ist aber auf dem
werden an einen Jungen gestellt? Ein „richtiger“ Arbeitsmarkt immer noch erfolgreicher: Männer
Junge ist klug, von Natur aus begabt und stark. Er sind in Führungspositionen überrepräsentiert
muss nicht fleißig sein und lernen, da er alles und verdienen mehr (-> Kapitel 6). So haben
kann und er ist nicht auf Hilfe angewiesen. Das Männer ohne Schulabschluss oder maximal
vorherrschende Männlichkeitsbild, an dem Jun- Hauptschulabschluss noch bessere Chancen auf
gen sich orientieren und die Erwartungen, die eine Berufsausbildung als junge Frauen ohne
Schule an sie stellt, laufen konträr zueinander Schulabschluss oder mit maximal Hauptschul-
(Budde 2008: 50). Auch Lehrkräfte orientieren abschluss (Pimminger 2010: 6). Schlechte Schul-
sich häufig an solchen Bildern. So werden bei leistungen von Jungen kann man als kurzzeitige
Mädchen gute Leistungen eher als Ausdruck von Belastungen sehen, wobei langfristige Privilegien
Fleiß gesehen; bei Jungen zeige sich hingegen dennoch aufrecht erhalten werden15. Entweder,
das Talent (Budde 2008: 31). Schulprobleme von wir brauchen also eine Schule, die Jungen dis-
Jungen entstehen also unter anderem durch be- zipliniert und sie dazu zwingt, sich anzupassen,
stimmte vorherrschende Männlichkeitsbilder. still und fleißig zu sein. Oder wir gehen der Frage
Jungen sind in Sonderschulen überrepräsen- nach, ob ein Bildungssystem, das Anpassung und
tiert. Aber das bedeutet nicht, dass sie mehr För- Stille fordert, für viele Kinder – egal welchen
derung als Mädchen brauchen. Ein Junge, der Geschlechts – so ideal ist. Stattdessen brauchen
sich stark an einem bestimmten Männerbild ori- Kinder Anregungen, die ihnen ermöglichen, sich
entiert und lautes, aggressives Verhalten zeigt, zu bewegen, auszuprobieren, kreativ zu sein und
fällt auf, weil dieses Verhalten nicht in das System sich auf vielfältige Weise zu entwickeln.
passt – im Gegensatz zu einem Mädchen, das sich In jedem Fall müssen vorherrschende Männ-
an einem bestimmten Frauenbild orientiert und lichkeits- und Weiblichkeitsbilder, die Jungen in
still, zurückgezogen und ggf. autoaggressiv ist eine bestimmte Rolle zwingen, verändert werden.
und damit den Unterricht nicht stört. In beiden Das ist auf der einen Seite eine Kritik an gesamt-
Fällen brauchen Kinder Hilfe. Aber ein Kind mit gesellschaftlichen Strukturen, an einem patriar-
aggressivem nach außen gerichteten Verhalten chalen System und fordert politische Verände-
bekommt möglicherweise mehr Aufmerksamkeit rungen. Auf der anderen Seite lassen sich durch
und eher eine Diagnose wie „erziehungsschwie- bestimmte pädagogische Herangehensweisen
rig“ oder „lernbehindert“. Gerecht wäre es aller- Männer- und Frauenbilder verändern. Es gibt er-
dings nicht, mehr Mädchen in Sonderschulen zu probte Ansätze von Jungenarbeit, in denen mit
schicken. Notwendig ist es vielmehr, die Aussor- (pro)feministischen, antisexistischen, patriar-
tierung und Stigmatisierung von Kindern in Son- chatskritischen Methoden Jungen vielfältige Ent-
derschulen zu kritisieren – was von internatio- wicklungsmöglichkeiten eröffnet werden.16
naler Seite auch mehrfach geschehen ist, da diese Und Jungen brauchen auch Männer, die ih-
Selektion gegen die UN-Behindertenrechtskon- nen das vorleben. Denn die vorherrschenden Bil-
vention verstößt (Powell/Pfahl 2008). der von Männlichkeit eignen sich nicht. Genauso
Bemerkenswert ist, dass das schlechtere Bil- wie Mädchen Frauen mit unterschiedlichen Le-
dungsniveau von Jungen immer noch zu besse- benskonzepten als Vorbilder und Identifikations-
ren Berufs-, Karriere- und Verdienstchancen führt. figuren brauchen. Kinder brauchen vielfältige
Auf dem Arbeitsmarkt werden stereotyp männ- Männer- und Frauenbilder, Identifikationsperso-

15 Connell stellt fest: „The gender difference in reading scores is not a measure of boys’ ,disadvantage’, but an index of the short-term cost
of maintaining a long-term privilege“ (2000: 167).
16 Ein gutes Beispiel ist der Dissens e.V., ein Bildungs- und Forschungsinstitut u.a. zur geschlechterreflektierten pädagogischen Arbeit mit
Jungen (siehe: www.dissens.de).

31
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

nen und Bezugspersonen aller Geschlechter, also Praxis sowie Ausbildungskonzepte und Fortbil-
Pädagog_innen verschiedener Geschlechter mit dungskonzepte für Fachkräfte frühkindlicher Bil-
verschiedenen Eigenschaften, in verschiedenen dung. Diese müssen diskutiert, weiterentwickelt
Positionen, mit verschiedenen Aufgaben und und vor allem umgesetzt werden.
Fähigkeiten. Allein die Einstellung von männli-
chem Personal ändert nicht die Qualität der Bil-
dung. Dass Pädagog_innen Gender-Kompetenzen 5.2 Antifeministische Behauptung
brauchen, ist in Fachkreisen bekannt. Dazu gibt
es theoretische und praktische Forschung: In „Geschlechtersensible Pädagogik zerstört Identitäten
den Publikationen der Koordinationsstelle Män- und will geschlechtslose Menschen erschaffen.“
ner in Kitas des BMFSFJ (2010) oder des europä-
ischen Forschungsprojektes Gender Loops (Krabel/ 5.2.1 Widerlegung
Cremers 2008) wird die Wichtigkeit von gender-
kompetentem Fachpersonal und geschlechter- – Im Gegenteil, Ziel geschlechtersensibler Päda-
sensiblen Konzepten betont. Erzieher_innen und gogik ist es, Entwicklungsmöglichkeiten und
Lehrer_innen mit Gender-Kompetenzen sind sen- Handlungsspielräume zu erschaffen.
sibel für Geschlechterstereotype, reflektieren ihre – Geschlechtersensible Pädagogik ist ein inter-
eigenen Rollenbilder, wissen um gesellschaftliche national anerkannter Forschungszweig mit
Geschlechterverhältnisse und sind in der Lage, ge- vielfältigen praktischen Ansätzen.
schlechtersensibel zu arbeiten. Geschlechtersen-
sible Pädagogik und Didaktik hat zum Ziel, Kin- 5.2.2 Erläuterung
der und Jugendliche unabhängig ihres Geschlech-
tes zu fördern und zu fordern und gleichzeitig mit Das Ziel von geschlechtersensiblen Ansätzen in
ihnen Stereotype und Rollenbilder zu reflektieren. der Pädagogik ist es, Kindern, Jugendlichen und
Niemand hat etwas davon, wenn nur über- Erwachsenen vielfältige Entwicklungsmöglich-
legt wird, wer am stärksten benachteiligt ist. Viel- keiten zu geben. Bereits in den 80er Jahren haben
mehr ist eine grundlegende Kritik des Bildungs- sich Pädagog_innen theoretisch und praktisch
systems notwendig, von dem scheinbar niemand mit verschiedenen Ansätzen von Jugendarbeit
richtig profitiert und in dem es nur um Gewin- auseinander gesetzt und dabei festgestellt, dass
ner_innen und Verlierer_innen geht – das ist ein diese hauptsächlich an den Bedürfnissen von
neoliberales Modell, in dem der ökonomische Jungen orientiert waren (Hagemann-White 1984).
Nutzen im Vordergrund steht. Was kritisiert wer- Aus dieser Erkenntnis haben sich zunächst Ansät-
den muss, ist das katastrophale Bildungssystem – ze von feministischer Mädchenarbeit entwickelt
bestehend aus 16 verschiedenen Bildungs-Katas- sowie Ansätze reflektierender Jungenarbeit, in de-
trophen in 16 verschiedenen Bundesländern –, das nen es darum ging und geht, auf die Bedürfnisse
aus verschiedenen Gründen reformbedürftig ist. von Mädchen bzw. Jungen einzugehen und sexis-
Wir brauchen also keine pauschalisierenden tische17 Rollenbilder zu verändern. Grundgedan-
Debatten über „schlaue“ und „dumme“ Kinder, ke von Mädchen- und Jungenarbeit war und ist,
sondern darüber, wie ein inklusives Bildungssys- dass sexistische Vorstellungen davon, wie ein
tem aussehen kann, in dem alle Lernenden glei- „richtiger“ Junge und ein „richtiges“ Mädchen zu
che Chancen erhalten – unabhängig von Diffe- sein hat, allen Kindern schadet. In aktuellen
renzierungskategorien wie Geschlecht, sexuelle Ansätzen geschlechtersensibler Pädagogik (Glaser
Identität, ethnische Zugehörigkeit, Behinderung, et al 2004; SFBB 2010) geht es vor allem darum,
Religion oder soziale Schicht. Es gibt immer mehr Mädchen und Jungen in ihren spezifischen Le-
Studien, Expertisen, Handreichungen für die benslagen und in all ihrer Vielfalt wahrzuneh-

17 Sexismus ist die Einteilung von Menschen in zwei (heterosexuelle) Geschlechter, die mit der Abwertung eines Geschlechts verbunden
wird.

32
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

men. Dabei soll die Entwicklung von Kindern schaftlich-kulturelle Bilder, die vor allem in der
und Jugendlichen nicht durch Geschlechter- Werbung existieren. Kinder brauchen lebendige
stereotype verengt, sondern erweitert werden. Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.
Ein Kind soll alle Potenziale ausschöpfen können, Männer, Frauen, Menschen aller Geschlechter
ohne dabei von Rollenerwartungen und Ge- mit verschiedenen Eigenschaften, die unabhän-
schlechterstereotypen eingeschränkt zu werden. gig ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Reli-
Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen gion usw. stark und schwach, emotional, rational,
besser in einer Umgebung, in der sie nicht dis- kreativ, verspielt und ernst und vieles andere
kriminiert werden: weder aufgrund ihres Ge- sein können – vor allem müssen sie verlässliche
schlechtes noch aufgrund ihrer Sexualität oder Bezugspersonen sein.
der Lebensweise ihrer Eltern. Es gibt auf der gan- Pädagog_innen sollten Kinder und Jugend-
zen Welt Pädagog_innen, die gegen Homopho- liche in ihrer Vielfalt wahrnehmen und sich an
bie18 in Schulen kämpfen und dabei deutlich den Bedürfnissen, Wünschen, Fähigkeiten und
machen, dass davon alle Schüler_innen profitie- Interessen von Menschen orientieren, ohne diese
ren (Dijk/Driel 2008; Ebenfeld 2010). Häufig wer- in geschlechts-, kultur- oder sexualspezifische
den geschlechtsuntypische Verhaltensweisen als Gruppen zu unterteilen (Tuider 2004). Kinder
„schwul“ oder „lesbisch“ bezeichnet und abge- und Jugendliche sollen ihre Potenziale und
wertet. Genau darum geht es bei geschlechter- Fähigkeiten entwickeln können, um als erwach-
sensiblen Ansätzen: zu zeigen, dass verschiedene sene Menschen selber entscheiden zu können,
Eigenschaften und Lebensweisen allen offen ste- wie sie leben wollen. Es geht darum, nichts „sein“
hen und diese dabei nicht hierarchisiert werden. zu müssen, sondern verschiedene Lebensformen
Denn Kategorien engen ein und gehen immer wählen zu können. Ziel ist eine Pädagogik vielfäl-
mit einer Bewertung einher. tiger Lebensweisen, bei der die zentrale Frage
Es gibt Menschen, die behaupten, geschlech- nicht lautet „Wer oder was bin ich?“, sondern
tersensible Pädagogik würde eine „freie“ Ge- „Wie will ich leben?“ (Hartmann 2004: 66).
schlechtsentwicklung einschränken. Dabei will
geschlechtersensible Pädagogik genau das Gegen-
teil: Eine freie Entwicklung ermöglichen, in der 5.3 Antifeministische Behauptung
Kindern mehr als eine festgelegte Rolle offen
steht. Es geht darum, Entwicklungsmöglichkei- „Kinder müssen in der Familie betreut werden, da
ten zu erweitern und Handlungsspielräume zu Fremdbetreuung vor allem Kleinkindern schadet.“
öffnen, anstatt sie zu beschränken. Niemand will
irgendjemandem sein_ihr Geschlecht „rauben“, 5.3.1 Widerlegung
sondern aufzeigen, dass nicht alles durch die Bio-
logie vorbestimmt ist. Niemand will zerstören, – Was Kinder brauchen, ist eine qualitativ hoch-
sondern befreien, stärken und ermuntern. Im ers- wertige frühkindliche Bildung, damit sie geför-
ten Augenblick mag die Vorstellung von unend- dert und gefordert werden.
lichen Möglichkeiten beängstigen. Kinder brau- – Kinder lernen durch Interaktion mit anderen
chen klare Grenzen und Regeln – ja, aber nur Kindern. So werden soziale Kompetenzen ge-
soweit, wie sie Entwicklung unterstützen und fördert und Kinder lernen vielfältige Lebens-
nicht, wenn sie einengen. Und stereotype Rollen- weisen kennen.
bilder sind keine brauchbaren Regeln, da kein – Diese Behauptung dient dazu, Frauen auf eine
Mensch tatsächlich so lebt. Oder wer kennt schon Mutterrolle festzulegen, vielfältige Angebote
einen 100 Prozent-typischen Mann oder eine ermöglichen hingegen echte Wahlfreiheit für
100 Prozent-typische Frau? Eben! Das sind gesell- Eltern.

18 Homophobie bedeutet eine Ablehnung von und Angst vor Homosexualität. Dabei ist Homophobie nicht nur eine persönliche Einstel-
lung, sondern auch von einer gesellschaftlich-strukturell verankerten Abwertung und Ablehnung von Homosexualität gekennzeichnet.

33
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

5.3.2 Erläuterung nicht-stillenden Müttern ein schlechtes Gewissen


eingeredet wird (2010: 80ff.). In Deutschland
Ziel von Kinderkrippen, Kindergärten und Kin- wird das Bild einer „Rabenmutter“ hochgehalten,
dertagesstätten ist die frühkindliche Bildung. Es die ihr Kind vernachlässigt und ihm schadet,
geht nicht darum, Kinder zu „verwahren“. Aus- wenn sie es nicht selber betreut. Wenn das tat-
gebildete Erzieher_innen fördern und fordern sächlich der Fall wäre, würde allerdings in Frank-
Kinder, um ihnen zu einer bestmöglichen Ent- reich, Dänemark, Belgien und vielen anderen
wicklung zu verhelfen. Staaten die Mehrheit der Menschen einen Scha-
Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse darü- den haben.
ber, dass Kinder am besten in Interaktion mit an- Interessant ist, dass in Staaten, in denen
deren Kindern und in einer anregenden Umge- Kinderbetreuung besser ausgebaut ist als in
bung lernen (König 2010). Kinder profitieren da- Deutschland und wo es üblich ist, dass Frauen
von, wenn sie eine Vielfalt von Lebensentwürfen erwerbstätig sind und Kinder haben, der Gender
kennenlernen. Grundsätzlich geht es darum, Kin- Pay Gap19 geringer und die Geburtenrate höher
der in Interaktion mit Anderen, in einer anregen- ist (Vinken 2007). Die Wissenschaftlerin Barbara
den, speziell ausgestatteten Umgebung und mit Vinken, die das Bild der deutschen Mutter einer
durchdachten Konzepten zu bilden und zu erzie- aufschlussreichen Analyse unterzogen und Ver-
hen (Fthenakis 2008). gleiche mit anderen europäischen Staaten gezo-
Der Staat will Eltern ihre Kinder nicht „weg- gen hat, stellt fest: „Der deutsche Sonderweg
nehmen“. Eltern können entscheiden, wie und schadet Kindern und Müttern gleichermaßen.
wo sie ihre Kinder erziehen, da es keine KiTa- Die fehlende Kinderbetreuung hat Deutschland
Pflicht gibt. Aber Menschen können nur dann im europäischen Vergleich in Sachen Karriere
frei entscheiden, wenn ihnen vielfältige Möglich- von Frauen, Verdienstmöglichkeiten und Gebur-
keiten zur Verfügung stehen. Eine Vielfalt von tenrate ganz nach hinten katapultiert“ (Vinken
bezahlbaren Betreuungsangeboten ermöglicht 2007: 36).
Eltern zu entscheiden, welche Rolle sie einneh- Eine qualitativ hochwertige und flexible Kin-
men wollen: die der berufstätigen Mutter, des derbetreuung ist notwendig, damit Eltern die
berufstätigen Vaters, des Karrieremanns, der Kar- Chance haben, Beruf und Familie zu vereinbaren
rierefrau, des Hausmanns, der Hausfrau oder eine und die Zeit mit ihren Kindern nutzen zu kön-
ganz andere, selbst gestaltete. nen. Es kommt nicht nur darauf an, wie viel Zeit
Wenn Frauen eine Mutterrolle zugeschrieben Eltern mit ihren Kindern verbringen, sondern wie
wird, in der ihr einziger Lebensinhalt die Betreu- diese Zeit genutzt wird. Im Idealfall können sich
ung und Pflege von Familienangehörigen sein Eltern die Erwerbs- und Betreuungsarbeit nach
soll, dann beschränkt das Frauen in ihrer persön- ihren Bedürfnissen und Wünschen teilen und so
lichen Freiheit – und auch Männer, denen erzie- Zeit als Familie verbringen. Der Ausbau von Kin-
herische Aufgaben somit gar nicht zustehen. derbetreuungsangeboten, die Aus- und Weiter-
Nicht jede Frau ist eine Mutter und nicht jede bildung von pädagogischen Fachkräften und die
Frau, die ein Kind hat, ist immer nur Mutter. Die Weiterentwicklung von pädagogischen Konzep-
Gleichsetzung von Frau = Mutter dient dazu, ten ist eine notwendige Investition in frühkind-
Frauen in eine bestimmte Rolle zu drängen. liche Bildung. Solche Maßnahmen führen dazu,
Badinter spricht von einem regelrechten Still- dass Eltern mehr Freiheit in der Gestaltung ihrer
zwang, der Müttern auferlegt wird und durch den Elternrollen haben.

19 Der Gender Pay Gap bezeichnet den durchschnittlichen Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, der in Deutschland zur Zeit bei
23 Prozent liegt (-> Glossar).

34
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

5.4 Weiterführende Links

www.dissens.de (Forschungsinstitut mit den Schwerpunkten Männlichkeiten und Arbeit, Gender und
Bildung, Gender und Gewalt sowie Intersektionalitätsforschung)
www.fun-and-care.at (Geschlechtersensible KiTa – Modellprojekt der Stadt Wien)
www.genderloops.eu (Handreichung für geschlechtersensible Pädagogik in KiTas)
www.hej-berlin.de (Handreichungen für emanzipatorische Jungenarbeit des GLADT e.V. 2009, Berlin)
www.jungenarbeit-und-schule.de (Fortbildungsangebot und Materialsammlung)
www.neue-wege-fuer-jungs.de (Bundesweites Netzwerk von Initiativen zur Berufswahl und Lebenspla-
nung von Jungen)

5.5 Literaturverzeichnis

Badinter, Elisabeth 2010: Der Konflikt. Die Frau und die Mutter, München.
BMFSFJ 2010 (Hrsg.): Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten. Eine Studie zur Situation von
Männern in Kindertagesstätten und in der Ausbildung zum Erzieher, Berlin.
BMFSFJ 2005: Gender-Datenreport, 1. Datenreport zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der
Bundesrepublik Deutschland, (Hrsg. Waltraud Cornelißen), 2. Fassung, München.
Budde, Jürgen 2008: Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männ-
lichen Jugendlichen, (Hrsg. vom BMBF), Bonn; Berlin,
http://www.bmbf.de/pub/Bildungsmisserfolg.pdf (3.2.11).
Bundesjugendkuratorium 2009: Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen
Geschlechterdiskurs, München.
Connell, Robert William 2000: The Men and the Boys, Berkeley and Los Angeles, California.
Dijk, Lutz van; Driel, Barry van 2008 (Hrsg.): Sexuelle Vielfalt lernen. Schulen ohne Homophobie, Berlin.
Ebenfeld, Melanie 2010: Kritik an der heterosexuellen Norm. Die Arbeit von teach out als gutes
Beispiel für geschlechtersensible Bildungsarbeit mit Schwerpunkt lesbische, schwule, bisexuelle
und transgender Lebensweisen, in: ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit,
Jg. 41 (Heft) S. 84 - 91.
Forster, Edgar 2009: „Boy turn“, Geschlechterpolitik und neue Ungleichheitsstrukturen. Vortrag auf der
Konferenz: Junge, welche Rolle spielst Du? Männlichkeitsbilder im Wandel, Friedrich-Ebert-
Stiftung (16.06.09), Berlin.
Fthenakis, Wassilios 2008: Der Bildungsauftrag in Kindertagesstätten: ein umstrittenes Terrain? in:
Fthenakis, Wassilios; Textor, Martin (Hrsg.): Das Online-Familienhandbuch des Staatsinstituts für
Frühpädagogik, München.
http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_aktuelles/a_kindertagesbetreuung/s_739.html
(18.12.2010).
Glaser, Edith; Klika, Dorle; Prengel, Annedore 2004 (Hrsg.): Handbuch Gender und Erziehungswissen-
schaft, Bad Heilbrunn/Obb.
Hagemann-White, Carol 1984: Sozialisation: Weiblich – männlich?, Opladen.
Hartmann, Jutta 2004: Dynamisierungen in der Triade Geschlecht-Sexualität-Lebensform – dekonstruktive
Herrschaftskritik und alltägliches Veränderungshandeln in der Pädagogik, in: Tuider, Elisabeth;
Sielert, Uwe; Timmermanns, Stefan (Hrsg.): Sexualpädagogik weiter denken – Postmoderne Ent-
grenzungen und pädagogische Orientierungsversuche, Weinheim, S. 59 - 77.
König, Anke 2010: Interaktion als didaktisches Prinzip. Bildungsprozesse bewusst begleiten und gestalten,
Troisdorf.

35
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Krabel, Jens; Cremers, Michael 2008 (Hrsg.): Gender Loops. Praxisbuch für eine geschlechterbewusste und
-gerechte Kindertageseinrichtung, Berlin.
OECD 2010: PISA 2009 Ergebnisse: Zusammenfassung,
http://www.oecd.org/dataoecd/35/35/46615935.pdf (18.12.2010).
Pimminger, Irene 2010: Junge Frauen und Männer im Übergang von der Schule in den Beruf (Hrsg. von
der Agentur für Gleichstellung im ESF), Berlin, http://www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/
Downloads/Aktuelles/expertise_uebergang_schule_beruf.pdf (3.2.11).
Powell, Justin; Pfahl, Lisa 2008: Sonderschule behindert Chancengleichheit, WZBrief Bildung 4/2008,
http://bibliothek.wzb.eu/wzbrief-bildung/WZBriefBildung200804_PowellPfahl.pdf (18.12.2010).
Rieske, Thomas 2010: Bildung von Geschlecht: Geschlechterunterschiede und -hierarchien in Kinder-
tagesstätten, Schulen und im Übergang in Ausbildung, Studium und Beruf (eine Studie im Auftrag der
Max-Träger-Stiftung), Berlin, http://www.gew.de/Vergeschlechtlichte_Diskriminierung.html (3.2.11).
SFBB 2010 (Hrsg.): Starke Mädchen, starke Jungen. Geschlechterbewusste Pädagogik als Schlüssel für
Bildungsprozesse in der Kita, Berlin.
Tuider, Elisabeth 2004: Im Kreuzungsbereich von Geschlecht – Sexualität – Kultur: Herausforderungen
an eine queere (Sexual-)Pädagogik, in: Tietz, Lüder (Hrsg.): Homosexualität verstehen. Kritische
Konzepte für die psychologische Theorie und Praxis, Hamburg, S. 115 - 141.
Vinken, Barbara 2007: Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos, erweiterte und aktuali-
sierte Auflage, Frankfurt am Main.

36
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

6. Argumente zum Thema Wirtschaft und Arbeitsmarkt

Deborah Ruggieri und Ute Wanzek

Gesellschaften verändern sich und damit auch 6.1 Antifeministische Behauptung


Vorstellungen über Wirtschaft und Prioritäten
auf den Arbeitsmärkten. Die immer weiter stei- „Wenn Frauen weniger als Männer verdienen oder
gende weltweite Vernetzung von Wirtschaftspro- weniger hoch aufsteigen, ist dies größtenteils eine Fol-
zessen geht an Arbeitsmärkten, Leitbildern von ge eigenständiger Entscheidungen der betroffenen
Erwerbstätigkeit und daraus folgernd auch an der Frauen selbst und keine Folge von Diskriminierung.“
Organisation von Sorge- und Pflegearbeit nicht
spurlos vorbei. Im Gegenteil, diese Prozesse ver- 6.1.1 Widerlegung
ändern Arbeitsmärkte. Gesellschaftliche Entwick-
lungen, wie beispielsweise demografische Ent- – Der Verdienstabstand zwischen Männern und
wicklungen, die zu Verschiebungen in der Alters- Frauen (Gender Pay Gap) liegt derzeit bei
pyramide zu Gunsten Älterer und deren anhal- 23 Prozent.
tender Erwerbsfähigkeit, aber auch zur Erhöhung – Zwei Drittel der Lohnunterschiede lassen sich
von Pflegebedürftigkeit führen oder der zuneh- auf strukturelle Gründe zurückführen wie z.B.
mende Wunsch, dass beide Elternteile sich gleich- die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in
berechtigt an der Kindererziehung beteiligen und Branchen und die ungleichen Aufstiegschan-
ihre Erwerbsarbeit damit verbinden können, las- cen.
sen neue Wünsche an Arbeitsmarktstrukturen – Durch die Individualisierung von Problemen
entstehen. werden strukturelle wirtschaftliche Gründe ig-
Das Leitbild des männlichen Ernährers, einer noriert.
Arbeitnehmerschaft, die ungebunden und flexi- – Erwerbsmuster sind durch gesellschaftliche
bel immer verfügbar ist, mindestens 40 Stunden Frauen- und Männerbilder geprägt.
und noch viel mehr arbeitet, wäre bei einer
gleichberechtigten Arbeitswelt ein Auslaufmo- 6.1.2 Erläuterung
dell. Dies alles erzeugt zunehmend Unsicherheit.
Progressive Männerrechtlerinnen und Männer- Der unterschiedliche Verdienst von Frauen und
rechtler kritisieren genau dieses Leitbild nicht Männern wird in regelmäßigen Abständen in den
nur als frauenfeindlich, sondern auch als män- Medien thematisiert. Dabei bekommt Deutsch-
nerfeindlich – eben als menschenunwürdig. land an dieser Stelle oftmals ganz besonders
Bei antifeministischen Strömungen führt schlechte Noten, da hier im Vergleich zu den an-
dieser Umstand nicht dazu, bestehende Struktu- deren europäischen Ländern der Verdienstab-
ren verändern zu wollen oder gleichberechtigte stand von Männern und Frauen (Gender Pay
Perspektiven zu entwerfen, sondern sie weisen Gap) besonders hoch ist und sogar steigt. Tatsa-
die Verantwortlichkeit und Schuld für Verände- che ist, dass der Einkommensunterschied zwi-
rungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt Frauen zu. schen den Geschlechtern in Deutschland bei ca.

37
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

23 Prozent liegt. Der Grund hierfür liegt beispiels- kriminierungen zu benennen, diese gibt es un-
weise in den unterschiedlichen Erwerbsbiogra- mittelbar und mittelbar20 (Tondorf/Jochmann-
phien (aufgrund von Mutterschutz und Eltern- Döll 2010).
zeit), der Wertigkeit von typischerweise von Frau- Astrid Ziegler hebt die mittelbare Entgeltdis-
en und Männern ausgeführten Berufen und der kriminierung hervor: Dabei wirken versteckte Ur-
damit einhergehenden Einordnung in Tarifver- sachen lohnsenkend, z. B. die vorab genannte „ge-
träge und deren Bezahlung. Auch die geringeren schlechtsspezifische Benachteiligung bei Arbeits-
Aufstiegschancen von Frauen können hier ge- platzbewertungsmethoden“ oder „geschlechts-
nannt werden. Dabei sind zwei Drittel des Gen- spezifische Benachteiligung bei Systemen der
der Pay Gap auf strukturell unterschiedliche Stelleneinstufung“ (Ziegler 2009: 122). Letzteres
arbeitsplatzrelevante Merkmale zurückzuführen, Beispiel meint, dass Fähigkeiten unterschiedlich
wie z. B. Minderbewertung von ehemals so ge- bewertet werden (soziale Kompetenz ist weniger
nannten familienbezogenen oder hauswirtschaft- wert als Körperkraft) und daraus auch eine ent-
lichen Dienstleistungen im Vergleich zu wert- sprechende Entlohnung folgt. In der Arbeits-
intensiven Industriearbeitsplätzen. Bei gleicher platzbeschreibung von vielen Arbeitsplätzen in
Qualifikation und Tätigkeit bleibt immer noch frauendominierten Branchen werden weniger
ein Drittel des Gender Pay Gap: Der Verdienstab- Fähigkeiten genannt, und diese damit niedriger
stand beträgt nach statistischer Bereinigung rund eingestuft. Es gibt Wirtschaftszweige, in denen
acht Prozent (Statistisches Bundesamt 2010). der Verdienstabstand zwischen Frauen und Män-
In den Medien werden häufig nur einige die- nern besonders hoch ist. Als Beispiele sind hier
ser Faktoren herausgegriffen und in den Kontext das Verarbeitende Gewerbe (29 Prozent, Tendenz
individueller Entscheidungen gestellt, sodass in steigend), das Kredit- und Versicherungsgewerbe
der öffentlichen Debatte strukturelle Ursachen zu nennen (29 Prozent, Tendenz unverändert)
und Wirkungen nicht mehr hinterfragt werden. und die in Abbildung 2 dargestellten Berufe
Damit wird dann, ob bewusst oder nicht, den (Deutscher Juristinnenbund 2009).
Frauen eine eigene „Schuld“ für niedrigere Ein- Als weitere strukturelle Gründe lassen sich
künfte zugewiesen oder die Diskussion aufge- unterschiedliche Arbeitsvolumen (87 Prozent der
macht, dass Frauen den Männern Schuld für ihre in Teilzeit Beschäftigten sind Frauen), unterschied-
geringere Einkommen zuweisen würden. liche Erwerbsbiografien (Mutterschutz und Eltern-
Dabei gibt es deutliche strukturelle Gründe, zeit) und unterschiedliche Karrierestufen ausma-
die eine ungleiche Bezahlung von Männern und chen (s. u. Berufstätigkeit von Frauen).
Frauen erklären. Mit strukturellen Gründen ist Einen niedrigen Lohn als Möglichkeit für
gemeint, dass sich Gründe für die geringere Be- den Berufswiedereinstieg nach Familienphasen
zahlung von Frauen in der Arbeitsmarktstruktur zu akzeptieren, ist ebenfalls frauenspezifisch.
finden lassen. Dazu gehören die vertikale und die Ein weiterer Faktor ist die zunehmende Ver-
horizontale geschlechtsspezifische Arbeitsmarkt- änderung auf den Arbeitsmärkten. Vollzeitstellen
segregation. Die vertikale Arbeitsmarktsegregation und unbefristete Verträge nehmen ab, Mindest-
beschreibt die unterschiedliche Besetzung von lohn sowie unsichere und zeitlich befristete Ar-
besser bezahlten Führungs- und Leitungspositio- beitsstellen nehmen zu. Das trifft besonders auf
nen. Mit der horizontalen Segregation ist die die Erwerbstätigkeit von Frauen zu. Beispielswei-
Position in den Branchen und Berufen gemeint. se sind die Erwerbsquoten von Frauen gestiegen,
Hier arbeiten Frauen öfter in schlechter bezahlten dabei nimmt jedoch der Anteil von vollzeitbe-
Branchen, es besteht zwischen frauen- und män- schäftigten Frauen ab. 2010 arbeiten 640.000
nerdominierten Branchen eine starke Lohnun- Frauen weniger in Vollzeitbeschäftigung als vor
gleichheit. Darüber hinaus sind auch Entgeltdis- zehn Jahren, während die Zahl der Teilzeit- und

20 Zu den Begriffen mittelbare und unmittelbare Diskriminierung siehe Glossar.

38
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 2:

Keine Gleichberechtigung beim Geld

Berufe mit großer Ungleichheit – der Abstand zum Entgelt ihrer männlichen
Kollegen beträgt für Frauen …

-28,9 % als Grafikdesignerin

-26,3 % als Gebäudereinigerin

-23,3 % als Verkäuferin

-21,0 % als Bankkauffrau

Bei der Entgeltgleichheit für Männer und Frauen


steht Deutschland in der EU schlecht da

Frauen verdienen im Vergleich


zu Männern weniger als * …

mindestens 20 %
15 % bis 19 %
10 % bis 14 %
bis 9 %

* durchschnittliche Brutto-Stundenlöhne; jeweils aktuellste


verfügbare Angaben 2005 oder 2006

Quellen: WSI-Frauenlohnspiegel, Eurostat 2008, Hans-Böckler-Stiftung 2008.

39
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Minijobs zunimmt (Der Spiegel 2010). Seit 1998 gleich Versorger, Verdiener, Erzeuger). Dem folgt
ist ein kontinuierlicher Anstieg des Niedriglohn- die Unterstellung, dass eine Frau, die, aus wel-
sektors zu beobachten. Hier ist der Anteil von chen Gründen auch immer, kinderlos bleibt,
Frauen besonders hoch. Wenn Teilzeitbeschäfti- ihrer „Bestimmung als Frau“ und damit „Mutter“
gung und Minijobs mit einbezogen werden, liegt nicht gerecht wird. Solche Aussagen gehen an
der Anteil von Frauen in diesem Bereich bei fast den heutigen Lebensrealitäten von Männern und
70 Prozent. Frauen vorbei. Es werden damit Menschen ange-
Aus all diesen Fakten entstehen weitere Wir- sprochen, die sich von der Transformation in
kungen zu Lasten von Fraueneinkommen ins- der Gesellschaft bedroht fühlen und Sehnsucht
gesamt – geringere Rentenansprüche, erhöhtes nach klaren Regeln, Normen und Werten und da-
Armutsrisiko und wirtschaftliche Abhängigkeit mit auch klar abgegrenzten Geschlechterrollen-
von Partner oder Staat. bildern haben. Eine Folge davon ist, dass die Be-
rufstätigkeit von Frauen dann mit der Vernach-
lässigung von Kindern gleichgesetzt wird (-> Ka-
6.2 Antifeministische Behauptung pitel 4.2, 5.3) und höchstens für Schichten
„zulässig“ ist, in denen es Zuverdienste zum
„Die Menschen werden dem Diktat der Ökonomie Überleben braucht. Die Rolle von Männern als
unterworfen, dadurch sollen Frauen schuften und aktive Väter kommt hier nicht vor. Damit wird
vernachlässigen ihre Kinder.“ gleichzeitig eine natürliche Verantwortung von
Frauen für Kinder unterstellt. Die Kritik an der
6.2.1 Widerlegung Ökonomisierung aller Lebensbereiche wird mit
einem rückwärtsgewandten Familien- und Ge-
– Frau sein ist nicht an Mutterschaft gebunden, schlechterbild gekoppelt.
genauso wenig wie Mann sein nicht gleichbe-
deutend mit Vaterschaft ist.
– Elternschaft und Berufstätigkeit sind keine sich 6.3 Antifeministische Behauptung
ausschließenden Kategorien.
– Aktuelle Kritik am Wirtschaftsmodell wird hier „Männer müssen die Drecksarbeit machen, Frauen
genutzt, um sie mit rückwärtsgewandten Fa- wollen gar nicht in diesen Jobs arbeiten.“
milienbildern zu verknüpfen.
6.3.1 Widerlegung
6.2.2 Erläuterung
– Mit Drecksarbeit sind hier ausschließlich män-
Dieses Argument soll glaubhaft machen, dass die nerdominierte Berufszweige gemeint. Genauso
Berufstätigkeit von Frauen dazu führt, Familien oder ähnlich belastende Berufe wie beispiels-
zu zerstören. Dahinter steckt der Wunsch nach weise im Pflegebereich werden aus dieser Argu-
traditionellen Familienmustern und nach Rollen- mentation ausgeklammert.
verteilungen, die sich klar nach Geschlecht ver- – Es existieren immer noch Ausschlussstruk-
orten. Damit wird versucht, sich auf ein ideal- turen in männerdominierten Branchen, die
typisches Bild von Familie zu beziehen, frühere Frauen einen Zugang erschweren.
Zeiten heraufzubeschwören, die noch „Werte“
wie „Mutterschaft“ und „Familienoberhaupt“ 6.3.2 Erläuterung
(also Ernährer) verkörperten und für gesamtge-
sellschaftliche Veränderungen die Berufstätigkeit Dieses Argument bezieht sich auf Branchen und
von Frauen verantwortlich zu machen. Hier zeigt Berufe, in denen primär Männer beschäftigt wer-
sich ein mit feststehenden Stereotypen verbun- den. Der geringe Frauenanteil wird damit begrün-
denes Verständnis vom Geschlecht (Frau gleich det, dass Frauen diese Arbeit gar nicht machen
Mutter, Großmutter, Pflegende, Sorgende; Mann wollten und sich mit einer Quotierung beispiels-

40
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

weise nur die „Rosinen“ in besonderen Positio- 6.4.1 Widerlegung


nen herauspicken wollen.
Faktisch gibt es einen größeren Männeran- – Mehr als die Hälfte aller Teilzeitbeschäftigten
teil in bestimmten Berufszweigen, genauso wie es arbeitet aus familiären Gründen im reduzier-
einen größeren Frauenanteil in anderen Bran- ten Umfang.
chen gibt. Diese Geschlechtsspezifik ist historisch – Frauen arbeiten häufig unfreiwillig Teilzeit
begründet und hat ihre entscheidende Ausprä- wegen z. B. mangelnder Ganztagsbetreuungs-
gung in der Industriegesellschaft erfahren: Hier oder Beschäftigungsangebote.
wurde schwere körperliche Arbeit von Männern – Staatliche Rahmenbedingungen, wie beispiels-
geleistet, während die häusliche Arbeit, ein- weise das durch Steuern abgesicherte Ernährer-
schließlich der Betreuungs- und Pflegearbeit, un- modell, fördern die Berufstätigkeit von Frauen
entgeltlich im privaten Familienkontext durch als „Zuverdienst“.
Frauen geleistet wurde. Mit der zunehmenden
Herauslösung dieser unbezahlten Familienarbeit 6.4.2 Erläuterung
in die bezahlte Dienstleistung wurden diese Be-
rufe dann auch weiter von Frauen ausgeübt. Mit Auch hier werden individuelle Entscheidungen
dem Wandel hin zur Wissensgesellschaft überho- als allgemeingültig hingestellt, ohne die Gründe
len sich diese strikten Geschlechterrollen immer für die hohe Teilzeitbeschäftigung von Frauen zu
mehr oder werden gar bei Festhalten an ihnen hinterfragen, die in vielfältigen Untersuchungen
zum Hemmnis neuer gesellschaftlicher und wirt- offen gelegt sind. Eine Studie der Hans-Böckler-
schaftlicher Entwicklungen, da insbesondere Bil- Stiftung z. B. sagt aus, dass der Niedriglohnsektor
dung als entscheidende Voraussetzung in allen seit 1995 um ca. 43 Prozent angestiegen ist und
Berufsbranchen gelten muss. in diesem sind 68,8 Prozent weiblich (Böckler
Dieses o.g. Argument führt sich daher im 2009). Eine weitere Untersuchung der Hans-
Zuge der Entwicklung der Informations- und Wis- Böckler-Stiftung weist darauf hin, dass Teilzeit-
sensgesellschaft zunehmend selbst ad absurdem. beschäftigungen im Westen wie im Osten zuneh-
„Drecks- und körperlich schwere“ Industriearbeit men. „In Westdeutschland ist die zunehmende
ist auch für Männer unwürdig, ist/war aber noch Erwerbsbeteiligung von Frauen auf mehr Teil-
immer gesellschaftlich hoch anerkannt (Bezah- zeitarbeit zurückzuführen. Im Osten wechseln
lung). „Drecks- und körperlich schwere“ Pflege- Frauen von einer Vollzeit- auf eine Teilzeitstelle –
arbeit, eine Domäne des ursprünglich nicht be- dies jedoch oft unfreiwillig“ (Böckler 2010: o.A.).
zahlten häuslichen Bereichs und noch immer Dass dies nicht freiwillig geschieht, wird von
„typische“ Frauenarbeit, erfährt durch dieses o.g. einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung
Argument neben seiner gesellschaftlichen Gerin- belegt: „36 Prozent der Mütter, so die Studie der
gerschätzung (Bezahlung) eine weitere Diskrimi- Bertelsmann Stiftung, würden ihre Erwerbstätig-
nierung. keit gerne ausdehnen, wenn ihnen eine ent-
sprechende Kinderbetreuung zugänglich wäre“
(Stachelhaus 2010: o.A.).
6.4 Antifeministische Behauptung An dieser Stelle werden genauso wie bei eini-
gen vorherigen Beispielen strukturelle/gesell-
„Frauen wollen nur Teilzeit arbeiten, was auch die ge- schaftliche Rahmenbedingungen und Gründe
ringere Bezahlung nach sich zieht. Die Frauen werden individualisiert und damit notwendige Verän-
nicht dazu gezwungen, das basiert auf Freiwilligkeit.“ derungsprozesse negiert.

41
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

6.5 Antifeministische Behauptung in den Unternehmen belegen (Holst/Busch 2010).


(Geschlechts-)Homogene Teams neigen zum
„Durch Quoten werden schlecht qualifizierte Frauen „Herdentrieb“ und „Tunnelblick“.
gefördert und gut qualifizierte Männer ausgeschlos- In Norwegen wurde eine 40 Prozent Frauen-
sen.“ Quote für Aufsichtsräte eingeführt – die Ergeb-
nisse zeugen vom Erfolg. Bevor das Gesetz verab-
6.5.1 Widerlegung schiedet wurde, hieß es seitens der Konzerne, dass
es keine kompetenten Frauen gäbe. Da sie aber
– Die Quote ist nichts anderes als eine Ziel- suchen mussten, weil ansonsten Sanktionen ge-
vorgabe in der Personalentwicklung, die die griffen hätten, haben sie überaus kompetente
gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Frauen gefunden. Aktuell gilt Norwegen in dieser
Männern sicherstellt. Hinsicht als Vorzeigemodell und beweist ausrei-
– Frauen waren noch nie so gut ausgebildet wie chend, dass es genug kompetente Frauen gibt
jetzt, das widerspricht der Unterstellung einer und andere Ausschlussgründe statt mangelnder
schlechten Qualifizierung. Kompetenz existieren, wenn zu wenige Frauen
in Führungspositionen vertreten sind (Storvik/
6.5.2 Erläuterung Teigen 2010).
Quotierungen damit gleichzusetzen, dass da-
Diese Behauptung ist so alt wie die Quotendis- durch weniger qualifizierte Frauen gefördert wer-
kussion selbst. Leider funktioniert die Argumen- den, bedeutet in der letztendlichen Konsequenz
tation auch bei Frauen, die „Quotenfrau“ als eine eine strukturelle Diskriminierung von Frauen im
Abwertung empfinden, weil der Begriff durch die- Berufsleben. „Frau sein“ wird in dieser Argumen-
se Argumentationslinie oft mit mangelnder Kom- tation implizit mit Inkompetenz verbunden und
petenz gleichgesetzt wird. Dabei ermöglicht eine parallel dazu suggeriert, dass Männer in Füh-
solche Zielvorgabe Frauen den angemessenen rungspositionen kompetenter sind. Dahinter lie-
Einsatz ihrer Kompetenzen. Organisationen und gen Stereotypisierungen von Geschlechterrollen,
Unternehmen fördern mit einer Quotierung die in denen bestimmte Eigenschaften mit Kompe-
systematische Nutzung aller Potenziale und eine tenz und gleichzeitig mit „männlichen“ und „weib-
Veränderung/Verbesserung von Organisations- lichen“ Verhaltensweisen verbunden werden. Die-
kultur. Nach Studien der Unternehmensberatung se Zuschreibungen sind längst überholt, kommen
McKinsey fördern gemischtgeschlechtliche Teams aber gerade in der Diskussion um die Besetzung
nicht nur die Profitabilität, sondern darüber von Führungspositionen oft zum Vorschein.
hinaus auch die Problemlösungskompetenz und Eine destruktive Perspektive auf den Quoten-
Innovationsfähigkeit (McKinsey 2007). Elke Holst begriff verstellt den Blick darauf, worum es wirk-
und Anne Busch machen im aktuell erschiene- lich geht: Es geht darum, unter Qualitätsaspekten
nen Führungskräftemonitor des Deutschen Insti- der Organisationsführung und Organisations-
tuts für Wirtschaftsforschung auch auf die Nach- kultur Ziele zu setzen und Rahmenbedingungen
teile von bestehenden Monostrukturen aufmerk- zu gestalten, die eine gleichberechtigte Teilhabe
sam und verweisen darauf, dass Vergleichsstudien von Frauen und Männern an Führung und Macht
den größeren Erfolg gemischter Führungsteams ermöglichen und sicherstellen.

42
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Abbildung 3:

Anteil von Frauen und Männern an den jeweiligen Leistungsgruppen im Jahr 2006

Alle Arbeitnehmer / -innen

Leitende Arbeitnehmer / -innen

Arbeitnehmer / -innen mit schwierigen bis komplexen Tätigkeiten,


mit speziellen Fachkenntnissen und mehrjähriger Berufserfahrung

Arbeitnehmer / -innen mit schwierigen Fachtätigkeiten,


mit abgeschlossener Berufsausbildung
Männer

Angelernte Arbeitnehmer / -innen mit überwiegend einfachen Frauen


Tätigkeiten, ohne Berufsausbildung

Arbeitnehmer / -innen mit überwiegend einfachen


Tätigkeiten, ohne Berufsausbildung

0 10 20 30 40 50 60 70 80
in %
Quelle: IG Metall 2010.

6.6 Antifeministische Behauptung – Nichteinstellungen von Frauen werden mit


ihrem individuellen Leistungsversagen begrün-
„In einer Wettbewerbsgesellschaft gewinnen die det. Strukturelle Gründe werden dabei ausge-
Besten – wenn Frauen nicht dabei sind, sind sie nicht klammert.
gut genug.“
6.6.2 Erläuterung
6.6.1 Widerlegung
Im Umkehrschluss bedeutet dieses Argument,
– Frauen waren noch nie so gut ausgebildet wie dass Männer besser sind, kompetenter, wissender
heute, gleichzeitig sind Frauen in entsprechen- – eben fähiger. Es ist dabei durchaus leider auch
den Positionen, die ihrer Qualifikation ent- so, dass auch Frauen diesem Argument zustim-
sprechen, wenig vertreten. men. Die Vorstellung, dass sich Leistung immer
– Gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmen- durchsetzt, entspricht dem Zeitgeist: Wer oben
bedingungen bestimmen die Möglichkeiten ist, hat das durch die eigene Leistung geschafft.
der Teilhabe von Frauen und Männern, nicht Fakt ist jedoch: Frauen waren noch nie so gut
mangelnde Fähigkeiten. ausgebildet wie jetzt. Trotzdem sind die höchst

43
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

dotierten Positionen, ob in der Wissenschaft oder von Frauen und Männern werden häufig negiert,
Wirtschaft, männlich besetzt (geschlechtsspezifi- was auch den Blick auf die Lösung gesamtgesell-
sche vertikale Segregation). Der Anteil der Frauen schaftlicher Probleme verstellt (z.B. Entwicklung
in den höchst dotierten Professorenstellen be- von Bevölkerung, Fachkräftebedarf, Globalisie-
läuft sich gegenwärtig auf 13,3 Prozent und der rung und ihre Folgen).
Frauenanteil in den Vorständen bei den 200 größ-
ten Unternehmen in Deutschland beträgt 2,5 Pro-
zent. In den Vorständen der 100 größten Unter- 6.7 Antifeministische Behauptung
nehmen unterschreitet der Frauenanteil ein Pro-
zent (gesis/Leipniz-Institut für Sozialwissenschaf- „Männer sind die Verlierer der Wirtschafts- und
ten 2008; DIW 2010). Ausschlüsse aufgrund des Finanzkrise.“
Geschlechtes haben hier unterschiedliche Grün-
de, sie reichen von Rekrutierungsmechanismen 6.7.1 Widerlegung
über Unternehmenskulturen bis zu Benachteili-
gungen durch Erwerbsunterbrechungen wegen – Auf den ersten Blick sind in den Industrielän-
Erziehungszeiten. Darüber hinaus werden be- dern, besonders in den Exportnationen (z. B.
stimmte Verhaltensweisen, wie beispielsweise Deutschland, Japan) Arbeitsplätze in männer-
„Ellenbogenmentalität“ oder stetige Verfügbar- dominierten Bereichen von der Krise betroffen
keit, mit Leistung gleichgesetzt, ohne zu sehen, gewesen (Erstrundeneffekt). Von den anschlie-
dass diese mit Geschlechterstereotypen verbun- ßenden Sparmaßnahmen, wie den Kürzungen
den sind. öffentlicher Versorgungsangebote und der so-
Des Weiteren ist die geschlechtsspezifische, zialen Infrastruktur, sind jedoch vor allem
horizontale Segregation (Geschlechterverteilung Frauen betroffen (Zweitrundeneffekt).
in Branchen) noch immer nicht überwunden. – Rettungsmaßnahmen haben gleichzeitig zu
Oftmals werden hier die Berufsfindungsprozesse 72 Prozent Arbeitsplätze in männerdominier-
von hauptsächlich Mädchen herausgehoben, da- ten Branchen unterstützt.
bei lohnt auch hier eine Differenzierung. So ent-
scheiden sich Jungen eher für so genannte Män- 6.7.2 Erläuterung
nerberufe als Mädchen für so genannte Frauen-
berufe, das liegt unter anderem auch daran, dass Zunächst muss bei einer ersten „Momentauf-
die Auswahl hier größer ist. (Als Männer- oder nahme“ festgestellt werden, dass sich die Krise in
Frauenberuf werden Berufe gekennzeichnet, in den westlichen Ländern stärker auf Männer aus-
denen der jeweilige geschlechterspezifische An- wirkte als auf Frauen, da sie in den besonders
teil höher als 80 Prozent liegt.) Gar nicht gesehen konjunkturanfälligen Branchen (Automobilin-
wird häufig, dass individuelles Verhalten, also dustrie, Bauwirtschaft, Kommunikations- und
hier das Berufswahlverhalten, letztlich Folge ei- Informationstechnologie) dominieren. Dennoch
nes gesellschaftlichen Gesamtsystems von Ver- ist diese Aussage nicht ausreichend, um die Ge-
hältnissen, Normen und Werten, Möglichkeiten, schlechterverhältnisse in diesen Krisenzeiten ge-
Ressourcen u.a. ist. Gesellschaftliche Geschlechts- nauer zu beschreiben. Bei einer differenzierten
rollenstereotype, in oben genannten Argumen- Betrachtung wird mit dieser Aussage nur ein Teil
tationen vielfach bereits beschrieben, sind nicht der Krisenfolgen abgebildet, die sich zum einen
überwunden und prägen politisches, unterneh- auf die westliche Welt beziehen und zum ande-
merisches und individuelles Handeln. ren nur die Erstrundeneffekte abzeichnen. Genau
Gesellschaftliche und wirtschaftliche Rah- diesen ersten Auswirkungen der Krise wurde auch
menbedingungen, ihre Wirkungen auf Geschlech- mit umfangreichen Rettungspaketen von staat-
terverhältnisse und realen Lebenswirklichkeiten licher Seite begegnet. Es ist mittlerweile auch

44
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

durch Studien belegt, welche Branchen in den sein dürfte, dass die Krise auch andere Branchen
Fokus der Rettungspakete der bundesdeutschen erfasst hat, in denen ein ausgewogeneres Ver-
Regierung gestellt wurden. 72 Prozent aller Maß- hältnis zwischen weiblichen und männlichen Ar-
nahmen der Konjunkturpakete der EU und der beitnehmer/innen herrscht, als in den zunächst
Bundesregierung kamen männerdominierten betroffenen Branchen.
Branchen zugute (Schambach 2010). Diese Kon- In Zeiten des nun bereits wieder begonnenen
junkturpakete sind staatliche Maßnahmen, um Aufschwungs nach der Krise profitieren jetzt eben
den Arbeitsmarkt vor einem krisenbedingten Ein- gerade die Branchen wieder, die männlich domi-
bruch zu stützen. Beispielsweise wurde die Auto- niert sind. So sind die Wirkungen für Männer
mobilindustrie mit einer Abwrackprämie und nicht nachhaltig negativ, während Frauen und
subventionierter Kurzarbeit gestützt. frauendominierte Branchen nicht gleichermaßen
Gleichzeitig hat die Frauenerwerbstätigkeit einen Aufschwung erfahren. Eher das Gegenteil
in frauendominierten Wirtschaftszweigen ein ist der Fall: Die Steuergelder, die für die Banken-
wenig zugenommen, wie zum Beispiel in den rettung und Konjunkturpakte von den Staaten
haushaltsnahen Dienstleistungen, wobei aber da- zur Krisenrettung investiert wurden, sollen eu-
von auszugehen ist, dass es sich hier nicht um ropaweit durch Sparpakete wieder eingespart
vergleichbare Jobs zu Arbeitsplätzen wie in der werden. Das ist mit den Zweitrundeneffekten der
Automobilindustrie handelt. Die Verdienstmög- Krise gemeint und betrifft größtenteils die soziale
lichkeiten und Arbeitsplatzgestaltungen (Teilzeit/ Infrastruktur, die zur öffentlichen Daseinsfürsor-
Vollzeit) in den männerdominierten Berufszwei- ge gehört (Kuhl 2010). In fast allen europäischen
gen sind mit einem Großteil der frauendominier- Haushalten werden Sparpakete aufgelegt und die
ten nicht zu vergleichen (siehe auch Gender Pay Gelder für staatliche Leistungen, den öffentlichen
Gap; Berufstätigkeit von Frauen). Ein Anstieg von Dienst, für öffentliche Einrichtungen gekürzt.
Arbeitsplätzen in den frauendominierten Berei- Das heißt, Unterstützungen im Bildungsbereich
chen kann hier einen Zuwachs an Teilzeit- oder sowie öffentliche Angebote und staatliche Unter-
Niedriglohnbeschäftigung bedeuten. Die immer stützungen für zivilgesellschaftliche Organisatio-
noch wachsende Zunahme von Teilzeitbeschäf- nen werden zurückgefahren oder ganz zusam-
tigung sowie geringfügiger Beschäftigung von mengestrichen. Staatliches Eigentum geht in pri-
Frauen erfordern eine zwingend komplexere Sicht- vates Eigentum über, was oftmals mit steigenden
weise auf Krisensituationen und ihre Überwin- Preisen für Verbraucher und Verbraucherinnen
dung. und Arbeitsplatzverlusten einhergeht. In Deutsch-
Europaweit wirkte sich die Wirtschaftskrise land machen die Kürzungen im sozialen Bereich
stark auf den Arbeitsmarkt und die Beschäfti- den Großteil des Sparpakets aus. Dabei trifft es
gungszahlen aus. Von Mai 2008 bis September Alleinerziehende, die ALG II (Arbeitslosengeld II)
2009 war die Arbeitslosenquote auf EU-Ebene bei bekommen, besonders hart, hier wurde das El-
den Männern stärker angestiegen (von 6,4 Pro- terngeld ersatzlos gestrichen. 43 Prozent der Müt-
zent auf 9,3 Prozent) als bei den Frauen (von ter, die ihre Kinder allein erziehen, sind auf ALG
7,4 Prozent auf 9 Prozent). Die Krise hat die In- II angewiesen. Diese Maßnahmen treffen Frauen
dustrie und das Baugewerbe, wo viele Männer im besonderen Maße, da sie nach wie vor den
beschäftigt sind, schwer getroffen. Doch schon Großteil der Familien- und Sorgearbeit erledigen
Ende 2009 war sichtbar, dass die Arbeitslosen- und auf eine funktionierende soziale Infrastruk-
quoten von Frauen und Männern im gleichen tur besonders angewiesen sind.
Tempo anstiegen, was darauf zurückzuführen

45
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

6.8 Literaturverzeichnis

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Bundesrepublik Deutschland, 2. Fassung, München.
Der Spiegel, 8.3.2010: „Frauen können von ihrem Job kaum leben“,
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,682239,00.html (10.11.2010).
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vom 21. Januar 2009 zur öffentlichen Anhörung im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend des Deutschen Bundestages am Mittwoch, den 28. Januar 2009), Berlin,
http://www.djb.de/Kom/K1/st09-01/ (10.11.2010).
DIW 2010: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 4/2010: Frauen in Spitzengremien großer Unternehmen
weiterhin massiv unterrepräsentiert, Berlin, S. 2,
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von Frauen und Männern, Brüssel.
gesis; Leipniz-Institut für Sozialwissenschaften 2008: Frauenanteile an Habilitationen, Neu-Berufungen,
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Hans-Böckler-Stiftung 2008: Keine Gleichberechtigung beim Geld, in: Böckler Impuls 3 / 2008,
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Impuls 4 / 2010 : 2. http://www.boeckler.de/32015_103007.html (10.11.2010).
Hans-Böckler-Stiftung 2009: Starke Ausweitung der Niedriglohnzone, in: Böckler Impuls 13 / 2009,
http://www.boeckler.de/32015_96752.html (19.01.2011).
Holst, Elke; Busch, Anne 2010: Führungskräfte Monitor 2010, Berlin.
IG Metall 2010: Präsentation der IG Metall zum internationalen Frauentag 2010,http://www.igmetall-
neustadt.de/content/dokumente/docs_ig_metall_xcms_157153__2.ppt (5.12.2010).
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http://www.europeanpwn.net/files/mckinsey_2007_gender_matters.pdf (3.12.2010).
Kuhl, Mara 2010: Wem werden die Konjunkturprogramme gerecht? Eine budgetorientierte Gender-
Analyse der Konjunkturpakete I und II, (WISO Diskurs der Friedrich-Ebert-Stiftung), Bonn.
Schambach, Gabriele 2010: Gender in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Beschäftigungsrelevante Aspekte
in den Konjunkturpaketen der Bundesregierung für Frauen und Männer (Abschlussbericht; Exper-
tise für die Hans-Böckler-Stiftung), Berlin.
Stachelhaus, Regine 2010: Her mit den Frauen!, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.9.2010,
http://www.faz.net/s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E054DB25CD59446278
A9DDBC9FD8822B8~ATpl~Ecommon~Scontent.html (10.10.2010).
Statistisches Bundesamt 2003: Wertschöpfung für unbezahlte Leistungen im Haushalt bei mindestens
40 % des Bruttoinlandsprodukts, Pressemitteilung Nr. 488 vom 2.12.2003,
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/frueher/
PD03__488__p001,templateId=renderPrint.psml (10.10.2010).

46
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Statistisches Bundesamt 2010, Pressemitteilung Nr. 384 vom 25.10.2010: Gender Pay Gap: Zwei Drittel
lassen sich strukturell erklären, http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/
DE/Presse/pm/2010/10/PD10__384__621,templateId=renderPrint.psml (19.01.2011).
Storvik, Aagoth; Teigen Mari 2010: Das norwegische Experiment – eine Frauenquote für Aufsichtsräte,
Internationale Politikanalyse, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.
Tondorf, Karin; Jochmann-Döll, Andrea 2010: Newsletter zur Entgeltgleichheit – Nr. 4 / 2010: 10 Irrtümer
zur Entgeltgleichheit,
http://www.karin-tondorf.de/downloads/4.newsletterentgeltgleich.pdf (19.01.2011).
Ziegler, Astrid 2009: Beantwortung des Fragenkatalogs zu der öffentlichen Anhörung des Ausschusses
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Thema „Entgeltgleichheit zwischen Frauen und
Männern“, in Streit 3 / 2009: 121 - 132,
http://www.streit-fem.de/media/documents/1256476887.pdf (30.01.2011).

47
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

7. Argumente zum Thema „Was ist Geschlecht?“


Natur, Biologie, Gender Studies und Gleichstellungspolitik

Sebastian Scheele

Hinter den verschiedenen Positionen in ge- nachzudenken, wie alle Menschen ihre Vielfalt
schlechterpolitischen Diskussionen stehen unter- leben können, statt die Welt in zwei Schubladen
schiedliche Vorstellungen darüber, was Geschlecht zu stecken.
eigentlich ist, und was „gender“ bedeutet: Eine
Norm? Eine unsere Gesellschaft strukturierende 7.1.2 Erläuterung
Kategorie? Eine natürliche Tatsache? Die Antwort
auf diese Fragen hat Auswirkungen darauf, was Die Gehirnforschung, die Gene, die Evolutions-
Gleichstellungspolitik ist und (nicht) sein soll. biologie – in den Medien ist derartige „Geschlech-
Aus diesem Grund lohnt es sich, verschiedene terforschung“ beliebt, die Einparken, Schuhe
antifeministische Positionen und Argumente kaufen etc. zu natürlichen geschlechtsspezifi-
etwas genauer zu betrachten. schen Fähigkeiten erklärt. Das ist biologistisch –
das heißt, menschliche Verhaltensweisen und
gesellschaftliche Zusammenhänge werden durch
7.1 Antifeministische Behauptung biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären ver-
sucht. Offenbar wird den Naturwissenschaften
„Frauen (Männer/Jungen/Mädchen…) sind von Natur am meisten „objektive“ Erklärungskraft zuge-
aus so!“ traut, und die Forschung mit Laborexperiment
oder Mikroskop scheint besonders anschaulich.
7.1.1 Widerlegung Verloren geht dabei nicht nur, dass die tatsächli-
che naturwissenschaftliche Forschung wesentlich
Frauen (Männer/Mädchen/Jungen...) sind so komplexer ist als das, was in populären Medien
einiges – vor allem enorm vielfältig. Wer behaup- daraus zuspitzend gemacht wird, sondern auch
tet, über „Frauen an sich“ („die Männer“...) ganz grundsätzlichere Einsichten. So gibt es eine lange
genau Bescheid zu wissen, vereinheitlicht eine Tradition der (auch) feministischen Naturwissen-
große Anzahl von Menschen mit sehr unter- schaftskritik, die sich mit der Frage der Objek-
schiedlichen Lebensweisen, Vorstellungen und tivität von Forschung auseinandersetzt (Forum
Bedürfnissen. Wissenschaft 2004). Ist es nicht verwunderlich,
Durch solche Vereinheitlichungen werden dass in der Geschichte immer wieder diejenigen
all diejenigen abgewertet, die nicht in diese gro- wissenschaftlichen Erkenntnisse für besonders
ben Klischees passen, sie gelten dann als „Aus- objektiv gehalten wurden, die die jeweilige Ge-
nahme“, „anormal“, gar „unnatürlich“ oder wer- sellschaftsordnung legitimieren? In der Vergan-
den einfach überhaupt nicht wahrgenommen. genheit wurden beispielsweise unterschiedlichste
Auf jeden und jede Einzelne passen diese Formen von Rassismus wissenschaftlich begrün-
Stereotypen irgendwo nicht. Menschenfreund- det (vgl. AG gegen Rassismus in den Lebenswis-
lich ist es, diesen Druck aufzuheben und darüber senschaften 2009) und Frauen wurden mit wis-

48
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

senschaftlicher Begründung Rechte vorenthalten, Die (Geschlechter-)Geschichte der Mensch-


vom Wahlrecht bis zum Studium. In der Gegen- heit ist doch etwas komplizierter, als es die belieb-
wart sind es eher Vorstellungen einer bestimmten ten Herleitungen von der Steinzeit bis in die Ge-
Geschlechterdifferenz, die naturwissenschaftlich genwart behaupten: Männer und Frauen seien
„untermauert“ werden – sie passen verblüffend angeblich aus evolutionären Gründen so und so
gut zur hierarchischen Arbeitsteilung zwischen – festgestellt im objektiven Laborexperiment im
Männern und Frauen in der bürgerlichen Gesell- Jahr 2011. Die Aussagekraft mancher Studien ist
schaft. Gerät die gesellschaftliche Arbeitsteilung bei genauerem Hinsehen wesentlich bescheide-
aufgrund gesellschaftlicher Transformationen ner als es die Schlagzeile über „die Frauen“ und
oder emanzipatorischer Erfolge ins Wanken, wer- „die Männer“ behauptet; Methodenkritik und
den solche Sicherheit versprechenden wissen- -reflexion wird in den Medien jedoch nur selten
schaftlichen Begründungen anscheinend beson- aufgegriffen (siehe Kasten).
ders nachgefragt. Komplexere Erkenntnisse, die Auch vermeintlich „objektive“ Wissen-
den Denkhorizont über das aktuell Bestehende schaftsdisziplinen sind nicht unbeeinflusst von
hinaus öffnen könnten, werden als eher verun- gesellschaftlichen Vorstellungen. Gleichzeitig be-
sichernd erlebt. Was dem Erleben des Gegenwär- einflussen wissenschaftliche Erkenntnisse immer
tigen als „natürlich“ widersprechen könnte, wird auch die Gesellschaft, indem sie beispielsweise
weniger aufgegriffen. So werden beispielsweise der Legitimation von Herrschaft dienen. Welche
geschichtliche Erkenntnisse über die unterschied- Rolle soll biologische „Grundlagenforschung“ in
lichen Geschlechterverhältnisse in unterschied- der politischen Debatte haben? Können aus der
lichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten Biologie etwa politische Ziele abgeleitet werden?
oder über die verschiedensten Vorstellungen von Das entspricht kaum dem Verständnis von Men-
Geschlechterdifferenz, die auch in Biologie und schenrechten und Demokratie, wie es modernen
Medizin herrschen (Voß 2010), häufig ignoriert. Staaten zugrunde liegt. Biologie ist aus guten

Methoden genauer anschauen – am Beispiel einer Studie zum Einparken

Auch wenn nicht die Evolution herangezogen wird, lohnt sich ein genauer Blick auf die Argumen-
tationsschritte, beispielsweise wenn eine aktuelle Studie Geschlechterunterschiede beim Einpar-
ken auf „biologische“ und „soziale Faktoren“ zurückführt (Wolf et al. 2010). Sie belegt, dass in der
Gruppe der erfahrenen FahrerInnen die ermittelten Geschlechterunterschiede mit dem unter-
schiedlichen Vertrauen in die eigenen Einparkfähigkeiten zusammenhängen und dies wird mit
psychologischen Mechanismen einer selbsterfüllenden Prophezeiung erklärt. Für die Gruppe der
FahranfängerInnen hingegen – mit durchschnittlich gut 18 Jahren nur vier Jahre jünger als die
erfahrene Gruppe in der Stichprobe – werden die Unterschiede aber überraschenderweise anders
interpretiert: Dort seien sie biologisch bedingt. Als ob diese Gruppe einen Naturzustand repräsen-
tierte – dabei haben sie bereits 18 Jahre in einer Gesellschaft gelebt, in der bereits 10-Jährige über-
zeugt sind, dass „Medchen zu blöt zum Autovaren siend“ (Valtin 2010), und haben sich womög-
lich 18 Jahre lang mit unterschiedlichen Tätigkeiten befasst.

Die Studie belegt also genau genommen einmal mehr nicht die prinzipielle Unterschiedlichkeit
von Frauen und Männern, sondern den Prozess, wie sie unterschiedlich werden: durch die des-
truktiven Auswirkungen von Geschlechternormen auf Selbstwahrnehmung und Fähigkeiten.
Jedoch geht dieser Punkt spätestens in der medialen Berichterstattung verloren: Dort wurde sie
unter vermeintlich knalligen Überschriften wie „Jetzt erwiesen: Männer können besser einparken
als Frauen“ breit aufgegriffen. Das geht jedoch nicht nur am Clou der Ergebnisse vorbei; es werden
zudem genau die Normen reproduziert, deren Schädlichkeit die Studie belegt.

49
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Gründen keine Kategorie des Zusammenlebens 7.2 Antifeministische Behauptung


und des demokratischen Gemeinwesens, sie spielt
keine Rolle bei der Frage von Menschenrechten „Gleichstellungspolitik ist Gleichmacherei.“
oder im Grundgesetz – oder genauer: Die Grund-
rechte wurden gerade gegen biologistische Ideo- 7.2.1 Widerlegung
logien formuliert, sei es in Bezug auf Rassismus,
sei es in Bezug auf Befähigung/Behinderung, sei – Das ist schlicht falsch. Gleichstellungspolitik
es in Bezug auf Geschlecht. Diese Grundlage mo- will Menschen aller Geschlechter ein diskrimi-
derner demokratischer Staaten wird immer wie- nierungsfreies Leben nach eigenen Vorstellun-
der angezweifelt, und immer noch scheinen bio- gen ermöglichen.
logistische Argumente besonders in Bezug auf – Gleichmacherei ist es vielmehr, wenn Frauen
Geschlechterdifferenz salonfähig zu sein. Ent- und Männer in zwei Gruppen mit angeblich
sprechend muss immer wieder darauf hingewie- bestimmten Eigenschaften vereinheitlicht wer-
sen werden, dass die Biologie nicht als Richt- den, und auf dieser Grundlage Politik gestaltet
schnur taugt für Fragen des Zusammenlebens, der wird. Die Geschlechterforschung nennt das
individuellen Rechte, kurz: für politische Fragen. Geschlechternormen, die sich dann auch in
Weder Ehegattensplitting noch Lohnfortzahlung beispielsweise gesetzlichen Regelungen wieder-
im Krankheitsfall ist „natürlich“ oder von der finden lassen.
Evolution vorgesehen, genauso wenig wie redu- – Gleichstellungspolitik ist also genau genom-
zierte Mehrwertsteuersätze, Abgassonderuntersu- men das Gegenteil von „Gleichmacherei“: Ihr
chungen oder Lottospielen – diese Feststellung Ziel ist es, derartige Normierungen abzubauen.
hilft uns kein Stück weiter bei der Lösung aktuel-
ler politischer Fragen. Warum wird in der Ge- 7.2.2 Erläuterung
schlechterpolitik so oft auf vermeintliche biologi-
sche Wahrheiten zurückgegriffen? Niemand muss Staatliche Regelungen nehmen Einfluss auf Ge-
nach den „natürlichen“ Bedürfnissen und Wün- schlechterverhältnisse und damit auch auf das
schen von Frauen und Männern suchen. Statt da- private Leben. Das ist keineswegs eine Innova-
rüber zu spekulieren, dass Männer aus evolu- tion der Gleichstellungspolitik (-> Glossar). Viel-
tionären Gründen lieber in Vollzeit den Säbel- mehr hat die feministische Debatte eben auf die-
zahntiger jagen, während Frauen lieber mit dem sen Zusammenhang hingewiesen und eine Dis-
schwulen besten Freund die Höhle dekorieren kussion der in Politik gegossenen Geschlechter-
(oder so ähnlich), können wir die Menschen, die normen als politische Fragen erst ermöglicht.
hier und jetzt die Welt bevölkern, nach ihren Denn es ist nicht so, dass sich „vor“ der Gleich-
Wünschen und Einstellungen fragen21. Denn stellungspolitik der Staat aus den Familien und
wenn wir uns darüber verständigen, wie wir le- Beziehungen herausgehalten hätte – vielmehr
ben wollen, reicht es vollkommen, die tatsächli- war Politik historisch stark androzentrisch und
chen Wünsche und Bedürfnisse der vielfältigen heterosexistisch verfasst. Androzentrisch heißt,
Frauen und Männer ernst zu nehmen. Es geht da- dass „der Bürger“ (und „der Arbeitnehmer“ etc.)
rum, diese Wünsche im Sinne von echter Wahl- nur männlich gedacht wurde, beispielsweise in-
freiheit und sozialer Gerechtigkeit zu ermögli- dem Frauen das Wahlrecht vorenthalten wurde
chen. Damit haben wir schon genug zu tun, da oder Tarifverhandlungen sich am Modell des
brauchen wir uns nicht noch parallel als Ama- männlichen Familienernährers orientierten, wäh-
teur-PrähistorikerInnen betätigen. rend Frauen die Verantwortung für unbezahlte

21 Aus der Vielzahl solcher empirischer Studien zu unmittelbar politischen Fragen seien nur als Beispiele Holst 2007 und BMFSFJ 2009
genannt.

50
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Pflege- und Erziehungsarbeit zugeschoben wurde. Konzepte aus anderen wissenschaftlichen Dis-
Heterosexistisch heißt, dass ein binäres Modell ziplinen auch.
von Frauen und Männern die Gesellschaft struk- – Das Konzept „gender“ hat wenig zu tun mit
turierte und Sexualität nur zwischen einem Mann den Zerrbildern und Vereinfachungen, mit de-
und einer Frau als akzeptabel galt, beispielsweise nen es in den Medien dargestellt wird.
indem Homosexualität strafbar war oder Trans- – Meist scheint es bei der Kritik daran jedoch oh-
Identitäten22 für krank erklärt wurden. nehin nicht um das Konzept selbst zu gehen,
Diese androzentrischen und heterosexis- sondern um eine „Pappkameradin“, die aufge-
tischen Geschlechternormen stellen die wahre baut wird, um politisch Missliebiges herabzu-
Gleichmacherei dar, die jede Abweichung abwer- würdigen.
tet, benachteiligt oder gar bekämpft. Das ist nicht
mit einem modernen Verständnis von Menschen- 7.3.2 Erläuterung
rechten, Freiheit und Gleichheit vereinbar – und
genau das versucht Gleichstellungspolitik zu än- „Gender“ ist ein Konzept aus der Geschlechter-
dern. Sie will nicht die Unterschiede zwischen forschung/den Gender Studies (-> Glossar), das
Menschen abschaffen, sondern alle Menschen dabei hilft, analytisch über Geschlechterverhält-
ihre Unterschiedlichkeit leben lassen. Sie will nisse nachzudenken. „Gender“ wird verstanden
nicht vorschreiben, nach welchem Modell Män- als eine „soziale Institution“, die das Leben in al-
ner und Frauen leben sollen, sondern die von len gesellschaftlichen Bereichen strukturiert. Sie
Strukturen wie beispielsweise finanziellen Rege- prägt und bestimmt Arbeitsteilungen, Lebens-
lungen erzwungene Orientierung auf bestimmte läufe, Identitäten (Lorber 1999). Das hat viele Er-
Modelle aufbrechen. kenntnismöglichkeiten eröffnet und vieles sicht-
Worüber sich manche an der Gleichstellungs- bar gemacht, aber ist zugegebenermaßen kompli-
politik beschweren, ist also weniger „Gleichma- ziert. Zumal die Gender Studies nicht mit einer
cherei“ als der Versuch, historische Gleichma- Stimme sprechen – dort gibt es auch unterschied-
chereien zu korrigieren. Wer daran Kritik übt, liche Verständnisse des Konzepts, und breite
verhindert nicht staatliche Eingriffe in das Privat- Diskussionen über die Grenzen des Konzepts
leben, sondern verteidigt vielmehr die beste- (Becker/Kortendiek 2010).
henden Eingriffe, inklusive der in sie eingeschrie- Dass komplexe Analysekonzepte für die
benen Geschlechternormen. praktische Anwendung weitergedacht und „über-
setzt“ werden müssen, stimmt für die Gender
Studies wie für jede andere Disziplin. Das heißt
7.3 Antifeministische Behauptung aber auch, dass eine Kritik differenziert sein soll-
te: Wenn „gender“ abgelehnt wird, geht es dann
„Gender – das ist wissenschaftlich abgehoben, und um Kritik an einer bestimmten Gleichstellungs-
wir wissen doch alle aus unserem Alltag, dass diese politik oder um Kritik an einer wissenschaftlichen
konstruktivistischen Vorstellungen von Geschlecht Disziplin und bestimmten Erkenntnissen? Das
nicht stimmen.“ zusammenzuziehen, als ob alles eins wäre, und
als ob es sowohl in Gleichstellungspolitik als auch
7.3.1 Widerlegung in Gender Studies nicht eine Vielfalt von unter-
schiedlichen Stimmen und Debatten gäbe (Frey
– „Gender“ ist ein wissenschaftliches Konzept, et al. 2006), ist nicht überzeugend.
das bei der Beschreibung der Realität hilft. Es Fest steht, dass das, was uns oft z. B. in pole-
ist zugegebenermaßen komplex – wie andere mischen Zeitungsartikeln als Kritik an „gender“

22 Mit Trans-Identitäten sind Menschen gemeint, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, welches ihnen bei der Geburt zugeord-
net wurde (-> Glossar).

51
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

präsentiert wird, wenig mit dem tatsächlichen 7.4 Antifeministische Behauptung


Inhalt des Konzepts zu tun hat (Roßhart 2007).
Dort wird es meist verflacht auf die Vorstellung „Gleichstellungspolitik ist Umerziehung und Propa-
einer freien Wahl von Geschlecht, das wie ein ganda für Randgruppen – Lasst die Menschen leben
Kleidungsstück morgens aus dem Schrank ge- wie sie wollen!“
zogen werden kann (theoretisch könnte man das
vulgärkonstruktivistischen Voluntarismus nen- 7.4.1 Widerlegung
nen). Dabei geht die strukturelle Dimension
von „gender“ verloren. Manchmal scheint dies – Nichts lieber als das. Gleichstellungspolitik will
ein Missverständnis zu sein, manchmal spricht niemanden von einer bestimmten Lebensweise
daraus der Wille zur Polemik gegen politisch überzeugen.
Unerwünschtes. – Vielmehr sollen alle dieselbe Freiheit haben, so
Oft wird den Gender Studies zum Vorwurf zu leben wie sie leben wollen.
gemacht, ihre Erkenntnisse entsprächen nicht – Das kann auch den Abbau von Privilegien be-
den Beobachtungen aus dem eigenen alltäglichen inhalten – aber das ist gerade keine Umerzie-
Leben. Dass wissenschaftliche Analysen sich hung, sondern einfach die Herstellung von
manchmal mit alltäglichen Wahrnehmungsmus- gerechten Verhältnissen für alle.
tern der Welt reiben, ist nicht auf die Gender
Studies beschränkt: Wer ist schon mal im Alltag 7.4.2 Erläuterung
einem Atom oder einem Gen begegnet? Wer hat
die „unsichtbare Hand“ des Marktes gesehen? Wer für eine umfassende Gleichstellungspolitik
Und ist es nicht immer noch ein wenig unin- (-> Glossar) eintritt, wird oft von denjenigen an-
tuitiv, dass die Erde eine Kugel ist, die noch dazu gegriffen, die lieber an einer „traditionellen“ Ge-
um die Sonne kreist? Dass wissenschaftliche Dis- schlechterordnung festhalten möchten. Sie kön-
ziplinen mit abstrakten Konzepten und kompli- nen ganz beruhigt sein: Niemand möchte ihnen
zierten Modellen hantieren, akzeptieren wir meist absprechen, beispielsweise eine klassische Ernäh-
ohne Murren. Wer beispielsweise aufgrund der rermodell-Ehe zu wählen. Es geht nur darum,
eigenen Erfahrungen mit der Schwerkraft der dass dieses Recht der Wahlfreiheit allen zuteil
theoretischen Physik die Wissenschaftlichkeit wird – dass also zum einen allen dieses Modell
abspricht, outet sich als IgnorantIn. offen steht (z. B. Nicht-Heterosexuellen), zum an-
Beim Thema Geschlecht werden die alltägli- deren niemand in dieses Modell gedrängt wird
chen persönlichen Erfahrungen allerdings schnell (z.B. durch staatlich subventionierte „Sachzwän-
umstandslos zur Welterklärung verallgemeinert ge“ wie die Netto-Vorteile einer bestimmten Ar-
und zum Maßstab für wissenschaftliche Erkennt- beitsteilung durch das Ehegattensplitting oder
nis erklärt. Das zeigt zwei Dinge: Zum einen, dass durch mangelnde Kinderbetreuungs-Infrastruk-
Geschlecht offenbar immer noch von Vielen als tur). Ausschlüsse festzustellen ist keine Propa-
weiches, nicht ganz ernstzunehmendes Wissens- ganda. Sie werden von konservativen Verteidi-
gebiet (und Politikfeld) angesehen wird. Und zum gerInnen der heterosexuellen Eheprivilegien auch
anderen, dass das Thema starke Emotionen mobi- gar nicht geleugnet, im Gegenteil: Die Ausschlüsse
lisiert. Vielleicht weil es nah an Fragen von Iden- werden ausdrücklich verteidigt, gern unter Beru-
tität und politischem Konflikt liegt, und deshalb fung auf Natur oder staatliche Interessen. Genau
als bedrohlich wahrgenommen wird? Sinnvoller das ist eine Normierung, genau das sind staat-
wäre es, solche politischen Debatten offen zu liche Eingriffe in das Privatleben, und genau das
führen. Sie werden klarer verlaufen, wenn dabei ist der Versuch von Umerziehung im Sinne einer
auf passende Konzepte aus den Gender Studies bestimmten Lebensführung. Wer sich vom Kampf
zurückgegriffen wird. Wenn man ernsthaft ver- um gleiche Rechte für alle schon in seinem eige-
sucht sie zu verstehen, wirken sie womöglich nen Lebensentwurf bedroht fühlt, sollte sich fra-
direkt weniger bedrohlich. gen, inwiefern die eigene Identität auf der Ab-

52
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

grenzung gegenüber Anderen gründet – bei- tet, unterstreicht eigentlich nur die eigene Bor-
spielsweise wenn der „Schutz“ von Ehe und Fa- niertheit und zeigt, vom Wesen gleicher Rechte
milie darin bestehen soll, andere Lebensentwürfe und gleicher Teilhabe in einer Demokratie nicht
zu diskriminieren, oder wenn in einer unvor- allzu viel verstanden zu haben. Denn Freiheits-
eingenommenen Sexualaufklärung homosexuel- rechte gelten immer für alle Menschen gleicher-
le Propaganda gewittert wird. Weniger Abgren- maßen: „Ohne den Gleichheitsanspruch wären
zungszwang macht das Leben für alle lebens- Freiheitsrechte lediglich Privilegien einer be-
werter! vorzugten Gruppe, aber eben keine allgemeinen
Darüber hinaus ist der Kampf gegen Diskri- Menschenrechte; und ohne die freiheitliche Aus-
minierung (-> Glossar) selbstverständlich im Sin- richtung könne von Gleichberechtigung von
ne derjenigen, die bislang unter Diskriminierung vornherein gar keine Rede sein“ (Bielefeldt/Foll-
leiden. Wer sie jedoch als „Randgruppen“ abwer- mar-Otto 2005: 5).

7.5 Literaturverzeichnis

AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften (Hrsg.) 2009: Gemachte Differenz – Kontinuitäten


biologischer „Rasse“– Konzepte, Münster.
Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.) 2010: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung – Theorie,
Methoden, Empirie, 3. erweiterte und durchgesehene Auflage, Wiesbaden.
Bielefeldt, Heiner; Follmar-Otto, Petra 2005: Diskriminierungsschutz in der politischen Diskussion
(Policy Paper No 5, Deutsches Institut für Menschenrechte, Februar 2005), Berlin,
http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/uploads/tx_commerce/policy_paper_5_diskriminie-
rungsschutz_in_der_politischen_diskussion.pdf (4.12.2010).
BMFSFJ (Hrsg.) 2009: Rollenleitbilder und -realitäten in Europa: Rechtliche, ökonomische und kulturelle
Dimensionen (Dokumentation des Workshops 20. - 22.10.2008), Forschungsreihe Band 8, Baden-Baden.
Forum Wissenschaft 2004: Feministische Interventionen – Technik, Natur- und Ingenieurwissenschaf-
ten, Jg. 21 (Heft 4), http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/fowi_4_04.html (4.10.2010).
Frey, Regina; Hartmann, Jutta; Heilmann, Andreas; Kugler, Thomas; Nordt, Stephanie; Smykalla, Sandra
2006: Gender-Manifest – Plädoyer für eine kritisch reflektierende Praxis in der genderorientierten
Bildung und Beratung, Berlin,
http://www.gender.de/mainstreaming/GenderManifest01_2006.pdf (4.12.2010).
Hark, Sabine; Dietze, Gabriele (Hrsg.) 2006: Gender kontrovers. Genealogien und Grenzen einer
Kategorie, Königstein; Taunus.
Holst, Elke 2007: Arbeitszeitwünsche von Frauen und Männern liegen näher beieinander als tatsäch-
liche Arbeitszeiten, Wochenbericht Nr. 14 - 15/2007, DIW Berlin.
Lorber, Judith 1999: Gender-Paradoxien, Opladen.
Roßhart, Julia 2007: Bedrohungsszenario Gender – Gesellschaftliches Geschlechterwissen und Antifemi-
nismus in der Medienberichterstattung zum Gender Mainstreaming (Magisterarbeit, Universität
Potsdam), Potsdam, http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2008/1837 (4.12.2010).
Valtin, Renate 2010: „...weil ich im Stehen pinkeln kann“ – Schulaufsätze: Warum ich gern ein Junge
bin, warum ich gern ein Mädchen bin – wie Geschlechterstereotypen Kinder prägen, in: Tages-
spiegel 2.11.2010,
http://www.tagesspiegel.de/wissen/-weil-ich-im-stehen-pinkeln-kann/1971882.html (2.2.2011).
Villa, Paula-Irene 2006: Sexy Bodies – eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper, Wiesbaden.
Voß, Heinz-Jürgen 2010: Making Sex Revisited – Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-
medizinischer Perspektive, Bielefeld.
Wolf, Claudia C. et al. 2010: Sex differences in parking are affected by biological and social factors, in:
Psychological Research, Jg. 74, S. 429 - 435, http://www.bio.psy.ruhr-uni-bochum.de/papers/Wolf%20
Ocklenburg%20Oren%20Becker%202010.pdf (2.2.2011).

53
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

8. Themenübergreifende Denkmuster des aktuellen Antifeminismus

Sebastian Scheele

Die antifeministischen Stellungnahmen der letz- Damit soll nicht gesagt werden, dass Müll-
ten Jahre unterscheiden sich in einigem: Manche trennung oder Beziehungsgestaltung unwichtig
gehen eher von einem religiösen Standpunkt aus, wären, oder auch nur dass sie von strukturellen
manche von einer Betroffenenperspektive bei- Phänomenen unbeeinflusst wären – im Gegen-
spielsweise von Männern, manche von nationa- teil. Vielmehr geht es darum, mit analytischem
listischen Erwägungen o. ä. In vielem ähneln sie Blick individuelle, institutionelle und strukturelle
sich jedoch: Es gibt einige Grundstrukturen, die Ebenen erkennen zu können, um danach auch
den unterschiedlichen Argumentationen gemein- ihre Wechselbeziehungen zu sehen. Um im Bei-
sam sind. Um zu zeigen, auf welche Art der Antife- spiel zu bleiben: Biomüll zu trennen ist sinnvoll,
minismus rückwärts gewandte Antworten auf ge- wenn er auch abgeholt und angemessen verwer-
genwärtige politische Fragen formuliert, werden tet wird; Beziehungen sind egalitärer, wenn sie
hier zwei grundlegende Denkmuster vorgestellt. nicht auf wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhält-
nissen aufbauen etc. Die Zeiten, in denen Um-
weltpolitik als Privatmarotte von „Ökospinnern“
8.1 Strukturelle Fragen liegen außerhalb verunglimpft wurde, liegen glücklicherweise eine
des Horizonts: Privatismus Weile zurück. Es wäre doch erfreulich, wenn auch
der geschlechterpolitische Diskurs die privatisti-
Angenommen in ihren Sitzungen sprächen bei- sche Phase hinter sich lassen würde.
spielsweise UmweltpolitikerInnen ausschließlich
darüber, wer zu Hause wie den Müll trenne, Ener- 8.1.1 Geschlecht ist mehr als eine
giespargeräte verwende und beim Zähneputzen Identitätsfrage – und Geschlechterpolitik
das Wasser an- oder abdrehe. Dass dabei Fragen ist mehr als Persönlichkeitswachstum
wie die Infrastruktur der Abfallentsorgung, die und Partnerschaftsberatung
Restlaufzeit von Atomkraftwerken oder Schad-
stoffgrenzwerte im Trinkwasser hintenüberfallen Geschlecht strukturiert Gesellschaft: Es ist eine
würden, würde uns misstrauisch machen und Strukturkategorie, die insbesondere die Arbeits-
kritische Stimmen in Medien und Verbänden auf teilung reguliert (Lorber 1999). Die Zuweisungen
den Plan rufen. In der Geschlechterpolitik scheint zu bestimmten Tätigkeiten sowie die Verhaltens-
es aber gerade so, dass Teile dieser Stimmen einen erwartungen, die sich an das Geschlecht knüp-
solchen „Privatismus“ politischer Fragen selbst fen, können als Geschlechternormen bezeichnet
betreiben: eine Verkürzung von Geschlechter- werden. Auf dieser Ebene setzt Geschlechterpoli-
politik auf Aspekte des Privatlebens, individuel- tik an, nicht auf der Ebene der Identitäten, die
len Verhaltens und persönlicher Beziehungen. Menschen in Anlehnung an und in Abgrenzung
Geschlecht kommt dann weder als Strukturka- (auch) zu Geschlechternormen aufbauen. Den-
tegorie in den Blick, noch als Norm, sondern aus- noch verstehen antifeministische Positionen Ge-
schließlich als Eigenschaft und Identität von In- schlechterpolitik häufig ausschließlich auf einer
dividuen. solchen individualisierten Ebene – sie wird ent-

54
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

sprechend als Verbesserung der Beziehung von gation des Arbeitsmarkts einfach auf freie Wahl
Individuen verstanden, oder aber als unzulässiger zurückzuführen und es gibt das Missverständnis,
und angsterregender Eingriff („Umerziehung“) in dass Diskriminierung (-> Glossar) auf persönliche
Identitäten. Da werden aus den strukturellsten böswillige Intentionen zurückzuführen sei. Eine
Aspekten von Geschlechterverhältnissen plötz- glaubhafte Versicherung des guten Willens gilt
lich (heterosexuelle) Beziehungsdramen, und gewissermaßen als Beweis, dass keine Diskrimi-
politische Gestaltung bekommt den Horizont nierung vorliegen könne, und plötzlich befinden
von Paartherapie: Es solle Partnerschaftlichkeit wir uns nur noch auf der Ebene von Anschuldi-
zwischen „Mann“ und „Frau“ angestrebt werden, gung und Verteidigung. Die Feststellung von Ge-
als seien Geschlechterverhältnisse dasselbe wie die schlechterungleichheiten, die Benennung von
Beziehung zwischen einem einzelnen Mann und Benachteiligungen und Privilegiertheiten sind
einer einzelnen Frau, die im Streitfall nur ein wenig aber keine Urteile über individuelle Schuld. In
mehr Kommunikation und Verständnis benötige. den Gender Studies findet eine analytische, his-
Ein solches Verständnis von Geschlechter- torische, empirische, selbstreflexive Arbeit statt
politik steht in der Tradition der Abwertung von (Becker/Kortendiek 2010), die nichts zu tun hat
Geschlechterthemen als „weichem“ Politikfeld. mit dem personalisierenden Schuld-Diskurs, den
Denn mit derartigen Personalisierungen hat Ge- AntifeministInnen unterstellen.
schlechterpolitik seit jeher zu kämpfen: Statt sich Dies gilt auch für Aussagen über Männ-
mit den aufgeworfenen politischen Fragen zu lichkeit(en) und Weiblichkeit(en). Eine Aussage
beschäftigen, wurden die AkteurInnen aufgrund beispielsweise über eine problematische Männ-
ihrer angeblichen Motive und Identitäten als lichkeitsnorm ist nicht dasselbe wie eine Aussage
„frigide Blaustrümpfe“, „männerhassende Eman- über Männer, und erst recht nicht dasselbe wie
zen“, „frauenhörige Softies“ usw. abgewertet. ein moralisches Urteil über Männer oder eine Per-
Statt strukturelle Fragen zu diskutieren, wurde sonengruppe (Gärtner 2009). Feminismus ist
Feminismus (-> Glossar) als Geschlechterkampf nicht gleichbedeutend mit „Männer sind an al-
diffamiert, der sich beispielsweise in Scheidungen lem schuld“. Das heißt nicht, dass beispielsweise
äußere. Diejenigen, denen an Veränderungen Männer nichts mit Männlichkeitsnormen zu tun
von Geschlechterverhältnissen gelegen ist, soll- hätten, es heißt schlicht, dass dies zwei unter-
ten die vorliegenden Analysen zu den unter- schiedliche Themenbereiche sind, deren Verhält-
schiedlichen Ebenen von individuell, institutio- nis zueinander kompliziert ist (Sedgwick 1997).
nell, strukturell zu Rate ziehen. Und die stammen Auch Positionen wie „Frauen sind die besseren
nicht wie in der Umweltpolitik aus z. B. Physik, Menschen“ ist entgegen eines beliebten antife-
Biologie oder Medizin, sondern aus der Ge- ministischen Missverständnisses nicht gleichbe-
schlechterforschung. deutend mit „Feminismus“. Vielmehr steht der
Spruch in der Tradition der Idealisierung „der
8.1.2 Geschlechterforschung ist kein Frau“ im Rahmen der bürgerlichen Sphärentren-
Schuld-Diskurs – Menschen und nung von privat und öffentlich – eine vermeint-
Normen sind nicht dasselbe lich schmeichelnde Begründung für den Aus-
schluss aus öffentlichen Angelegenheiten, die
Auf der Grundlage ihres privatistischen Verständ- von FeministInnen als „positiver Sexismus“ kri-
nisses von Geschlechterverhältnissen kritisieren tisiert wurde.
AntifeministInnen Geschlechterforschung, Ge- Das Missverständnis scheint darin zu beste-
schlechterpolitik und Feminismus. Sie verstehen hen, dass Aussagen über Menschen nicht von
Aussagen über Ungleichheit als moralisches Ur- Aussagen über Normen auseinander gehalten
teil über die beteiligten Personen oder irgendje- werden. Das ist nicht individueller Begriffsstut-
mandes Intentionen. Beispielsweise sei die Segre- zigkeit geschuldet, sondern vielmehr der starken

55
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Tradition des Privatismus. Gerade deshalb muss men solle, und wer besser nicht, auf dass sich die
sich der Horizont der Debatte in Richtung struk- Nation nicht „abschaffe“ etc. Statt ausgehend von
turellerer Phänomene und der Analyse von Nor- den Bedürfnissen und Rechten der vielfältigen
men öffnen. Wer sich auf diese Ebene einlässt, Menschen das Ziel von Politik zu bestimmen, wer-
könnte nicht nur aufhören, Energie in die Ab- den sie zu Funktionen bevölkerungspolitischer
wehr nie erhobener Vorwürfe zu stecken. Sondern Kennziffern.
es würde auch verdeutlichen, dass manches Be- Solche Positionen sind alles andere als neu –
klagte seinen Ursprung weniger im Feminismus im Gegenteil, ihr Rückgriff auf derartige Ordnun-
hat, als vielmehr im Fortbestehen ganz klassisch- gen ist per se „traditionell“, konservierend. Eine
bürgerlicher Geschlechternormen, in deutschem solche Identifikation mit der Ordnung ist übri-
Familienkonservatismus (wenn staatliche Rege- gens ein klassisches Definitionsmerkmal rechter
lungen z. B. im Sorgerecht von der traditionellen politischer Positionen. Antifeminismus erfüllt
Familienernährer-Ehe verheirateter biologischer diese Kriterien, wenn er sich mit nationalistisch-
Eltern ausgehen) oder im Neoliberalismus (wenn bevölkerungspolitischen Logiken identifiziert
z. B. beklagt wird, dass das Doppel-Ernährer- (à la „Die Deutschen sterben aus“), Wandel und
Modell die heimelige Familienwelt bedrohe) (Hal- Interessenskonflikte (als „destruktiver Geschlech-
ler/Nowak 2010). terkampf“) abwertet gegenüber Ordnung und
Da gäbe es vielleicht sogar die Möglichkeit zu Harmonie, oder die eigenen („unideologischen“)
Bündnissen… Aber neben „der Sache“ scheint es Partialinteressen mit dem Gemeinwohl gleich-
in der antifeministischen Debatte noch um etwas setzt. Die Benennung solcher Positionen als
anderes zu gehen. „rechts“ ist also mitnichten ein „Denkverbot“
oder eine simple Diffamierung, wie manchmal
gemäkelt wird, sondern eine durchaus präzise
8.2 Die Verteidigung der Ordnung im inhaltliche Beschreibung, zu der auch als solche
Gestus der Rebellion Stellung genommen werden sollte.

8.2.1 Identifikation mit der Ordnung 8.2.2 Tabubruch zugunsten des Status quo?!

Antifeministische Argumentationen greifen oft In bemerkenswertem Spannungsverhältnis zum


auf mächtige „Ordnungen“ zurück, also auf Be- Bezug auf die Autorität uralter Ordnungen neh-
deutungssysteme, die mit gesellschaftlichen men sich AntifeministInnen häufig als Tabu-
Hierarchien verknüpft sind: Das kann die (ver- brecherInnen wahr: Endlich traue sich jemand,
meintliche) „natürliche Ordnung“ sein, die „gött- gegen die feministische Vorherrschaft aufzube-
liche Ordnung“, oder die staatliche Ordnung. gehren und die unterdrückte Wahrheit auszu-
Wer diese „Ordnungen“ heranzieht, identifiziert sprechen.
sich mit den Werten, für die sie stehen, und ver- Oft nimmt das die Form des Anti-Etatismus
sucht, ihre Autorität gegen (beispielsweise femi- ein (Gesterkamp 2010), eines Aufbegehrens ge-
nistische) Veränderungsbestrebungen in Anschlag gen staatliche Eingriffe. Diese Geste ist jedoch
zu bringen. In unterschiedlich ausgeprägten For- nicht allzu glaubwürdig, denn es handelt sich um
men zieht sich beispielsweise die Identifikation einen äußerst selektiven Anti-Etatismus: Nur
mit staatlichen bevölkerungspolitischen Zielen staatliche Maßnahmen zur Herstellung von
durch die Debatten zum demographischen Wan- Gleichstellung werden kritisiert, während andere
del. Wer behauptet, dass wegen des Feminismus staatliche Ziele wie selbstverständlich akzeptiert
„zu wenige“ Kinder geboren würden, macht sich werden. Oder es wird gar in Identifikation mit
eine bevölkerungspolitische Logik zu eigen – die dem Staat argumentiert, wie schädlich Gleichstel-
Sorge darüber, wie viele „Kinder je Frau“ der Staat lung zum Erreichen anderer staatlicher Ziele sei
benötige, oder wer gefälligst mehr Kinder bekom- (s.o.). Von einem Tabubruch kann somit nicht

56
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

die Rede sein. Schließlich berufen sich die Argu- 8.3 Fazit: Halbwahre Beobachtungen,
mente keineswegs auf bislang Unerhörtes, son- rückwärts gerichtete Antworten
dern auf mächtige Ordnungen und altherge-
brachte Wertsysteme. Dass die entsprechenden Im antifeministischen Diskurs scheint teils eher
„enthüllenden“ Medienartikel jedes Mal aufs der Wille zur heroischen Pose im Vordergrund zu
Neue einen sensationellen Neuigkeitswert be- stehen als die Auseinandersetzung um die Sache.
haupten, liegt auch eher in der Logik des Me- Dazu passt eine ausschließlich empört-subjektive
dienmarkts als in den Argumenten begründet. Perspektive natürlich besser als ein struktureller
Zwischen dem Tabubrechergestus und der Blick, weshalb kaum der privatistische Horizont
faktischen Verteidigung mächtiger Ordnungen überschritten wird oder analytische Konzepte
besteht ein Widerspruch. Damit die Argumenta- zum Verständnis von Geschlechterverhältnissen
tion dennoch nicht auseinander fällt, muss per- herangezogen werden.
manent die eigene Ausgeschlossenheit beschwo- Jedoch lassen sich auch aus dieser privatisti-
ren werden: Niemand hört auf uns, die gesamte schen Perspektive manche Veränderungen nicht
Gesellschaft ist feministisch unterwandert und übersehen. Insofern sind einige antifeministische
gehirngewaschen, man boykottiert uns, Medien- Argumente sozusagen ‚halbwahr’: Sie sprechen
kartelle geben nur „politisch Korrektem“ Raum Teilaspekte von tatsächlichen Phänomenen an,
etc. ziehen daraus aber verzerrende, falsche Schlüsse.
Diese Behauptungen haben zwar keine empi- Sie verweisen darauf, dass vormals unhinter-
rische Grundlage23 – und selbst wenn sie dies hät- fragte Gewissheiten z.B. über Arbeitsteilungen
ten, würde sich eine inhaltliche Argumentation oder Lebensverläufe brüchig werden. Da wird auf
nicht erübrigen, denn Ausgeschlossenheit ist nur Konzepte und Theorien zurückgegriffen, die ver-
für VerschwörungstheoretikerInnen ein Krite- sprechen, wieder Gewissheiten zu bieten, oder
rium für Wahrheit. Aber die Behauptungen erfül- die alten Gewissheiten aufrechtzuerhalten – je
len wohl einen emotionalen Zweck: Je apokalyp- überzeitlicher (‚Evolution’), desto krisenfester.
tischer das Bedrohungsszenario (-> Kapitel 2.6) ist Die antifeministischen Argumente sind eine Re-
und je umfassender die Angstfantasie von der aktion auf gesellschaftliche Transformationen,
feministischen Hegemonie ausgemalt wird, desto die damit einhergehenden Verunsicherungen
heroischer wird die Pose der/s einsamen Kämp- und die Notwendigkeit, überlieferte Regelungen
ferin/s für unterdrückte grundlegende Wahrhei- neu auszuhandeln, kurz: auf offene politische
ten. In dieser Pose zu verharren, scheint emotio- Fragen der Gegenwart. Das Zurück zu ungerech-
nal befriedigender zu sein als sich auf die längst ten überkommenen Ordnungen liefert darauf
stattfindenden ausdifferenzierten wissenschaft- keine angemessenen Antworten.
lichen Debatten und die komplexen Interessen-
lagen in der Politik einzulassen.

23 Zur angeblichen Unterwanderung durch Gender Mainstreaming und der tatsächlichen Geschichte des Aufs und Abs des letzten Jahr-
zehnts vgl. beispielsweise Lewalter et al. 2009.

57
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

8.4 Literaturverzeichnis

Becker, Ruth; Kortendiek, Beate (Hrsg.) 2010: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung – Theorie,
Methoden, Empirie, 3. erweiterte und durchgesehene Auflage, Wiesbaden.
Gärtner, Marc 2009: Geschlechterkampf von oben – Die „Männerrechtebewegung“ lebt von einer
Mischung aus interessiertem Vorurteil, politischer Fehlinterpretation und narzisstischer Kränkung,
in: Switchboard, Herbst/Winter 2009 (Heft 190), S. 18 - 20.
Gesterkamp, Thomas 2010: Geschlechterkampf von rechts – Wie Männerrechtler und Familienfunda-
mentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren (WISO Diskurs der Friedrich-Ebert-
Stiftung), Bonn.
Haller, Lisa; Nowak, Jörg 2010: Die Erosion des männlichen Familienernährermodells, Feministisches
Institut Hamburg, http://www.feministisches-institut.de/ernaehrermodells/ (17.01.2011).
Krämer, Christiane; Smykalla, Sandra 2007: Diskursformationen der Abwertung von Gleichstellungs-
politik und Gender in den Medien – Paradoxe Effekte des Erfolges?, in: Zeitschrift für Frauen-
forschung und Geschlechterstudien, Jg. 25 (Heft 2), S. 17 - 26.
Lewalter, Sandra; Geppert, Jochen; Baer, Susanne 2009: Leitprinzip Gleichstellung? – 10 Jahre Gender
Mainstreaming in der deutschen Bundesverwaltung, in: GENDER, Jg. 1 (Heft 1), S. 124 - 140.
Lorber, Judith 1999: Gender-Paradoxien, Opladen.
Roßhart, Julia 2007: Bedrohungsszenario Gender – Gesellschaftliches Geschlechterwissen und Anti-
feminismus in der Medienberichterstattung zum Gender Mainstreaming (Magisterarbeit, Universität
Potsdam), Potsdam, http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2008/1837 (4.12.2010).
Sedgwick, Eve Kosofsky 1997: „Mensch, Boy George, du bist dir deiner Männlichkeit ja unglaublich
sicher!“, in: Erhart, Walter; Herrmann, Britta (Hrsg.): Wann ist der Mann ein Mann? Zur Geschichte
der Männlichkeit, Stuttgart/Weimar, S. 353 - 361.

58
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

9. Glossar24

Androzentrismus zeichnet. Der Begriff wurde 1902 von Hedwig


Eine Sicht- und Denkweise, die den Mann/das Dohm geprägt. Sie wendete sich mit dem Buch
männliche Geschlecht ins Zentrum der Aufmerk- „Die Antifeministen“ gegen Gruppen, die u. a.
samkeit stellt. Der Mann bzw. eine als „männ- gegen das Wahlrecht der Frauen kämpften und
lich“ verstandene Lebensweise wird als Maßstab dabei teilweise auch Gewalt einsetzten. Antife-
und Norm verstanden und die Frau bzw. eine als ministische Denkmuster beinhalten häufig ein
„weiblich“ verstandene Lebensweise als Abwei- konservatives Familienbild, Ablehnung von Ho-
chung von der Norm. mosexuellen und Transsexuellen, Frauenfeind-
lichkeit, die Abwertung von Feminist_innen und
Antidiskriminierung die Betonung von Geschlechterunterschieden.
Antidiskriminierung ist eine gleichstellungspoli-
tische Strategie, die darauf konzentriert ist, Diskri- Diskriminierung
minierung abzubauen und zu verhindern. Instru- Diskriminierung ist die Benachteiligung, Nicht-
mente der Antidiskriminierung sind Aufklärung beachtung, Ausgrenzung oder Ungleichbehand-
(Was ist Diskriminierung und wie kann sie ver- lung einzelner Menschen oder Gruppen auf
hindert werden?), Gesetzgebung (Verbot von Dis- Grund ihnen angedichteter oder in einem be-
kriminierung) und die Rechtsdurchsetzung (Er- stimmten Zusammenhang nicht relevanter Merk-
mittlung, Klage und Bestrafung von Verstößen male. Im deutschen Rechtssystem werden Dis-
sowie die Unterstützung der Betroffenen). kriminierungen aufgrund folgender Merkmale
Gesetzliche Verankerung findet Antidiskri- erfasst: Geschlecht, Religion bzw. Weltanschau-
minierung in Deutschland mit dem Allgemei- ung, ethnische Herkunft, Behinderung, Alter und
nen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Es gibt sexuelle Orientierung. Diskriminierung wird in
eine Antidiskriminierungsstelle des Bundes (www. unmittelbare und mittelbare Benachteiligung
antidiskriminierungsstelle.de) sowie Antidiskrimi- unterschieden. Das „Allgemeine Gleichbehand-
nierungsstellen in den einzelnen Bundesländern, lungsgesetz“ (AGG) liefert für beide Diskrimi-
die als Anlaufstellen für Antidiskriminierungs- nierungsformen eine Definition:
fragen dienen und Beratung anbieten. – Danach liegt eine unmittelbare Benachteili-
gung vor, wenn eine Person wegen den oben
Antifeminismus genannten Kategorien eine weniger günstigere
Antifeminismus bezeichnet verschiedene Gegen- Behandlung erfährt als eine andere Person in
bewegungen zum Feminismus und zielt auf die einer vergleichbaren Situation.
meist pauschale Verhinderung feministischer – Von einer mittelbaren Benachteiligung wird
Theorie und Politik, inklusive Gleichstellungs- gesprochen, wenn dem Anschein nach neu-
politik und Frauenbewegungen. Damit verbun- trale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren
den ist in der Regel der konservative Wunsch Personen auf Grund der oben genannten Kri-
nach einer Aufrechterhaltung oder Wiederher- terien gegenüber anderen Personen in beson-
stellung eines Zustands, der sich durch eine hier- derer Weise benachteiligen können (siehe
archische Unterscheidung der Geschlechter aus- GenderKompetenzZentrum).

24 Dieses Glossar bietet keine allgemeingültigen Definitionen, da Begriffe je nach Kontext unterschiedlich verwendet werden.

59
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Feminismus legitimierten Organisationen daraufhin zu über-


Feminismus bezeichnet eine Vielzahl emanzi- prüfen, welche Auswirkungen sie auf die Gleich-
patorischer Bewegungen des Denkens und des stellung von Frauen und Männer haben – und
Handelns, die politisch auf den Abbau von Ge- politisches Handeln danach auszurichten. (Kon-
schlechter-Hierarchien und Geschlechter-Zwän- krete Beispiele für Ergebnisse und Wirkungen von
gen abzielen. Feminismus umfasst heute vielfälti- Gender Mainstreaming finden sich z.B. unter
ge Theorien und Erklärungsmuster, welche mehr http://www.gender-netzwerk.de/positionen/er-
oder weniger stark mit Frauenbewegungen (s. Kas- gebnisse_gm.htm.)
ten) und anderen emanzipatorischen und Bürger- siehe www.gender-mainstreaming.net,
rechtsbewegungen sowie mit wissenschaftlicher www.genderkompetenz.info
Forschung und Theoriebildung verbunden sind.
Gender Pay Gap
Frauenquote Der Gender Pay Gap (Geschlechterunterschied in
Die Frauenquote ist ein gleichstellungspolitisches der Bezahlung) bezeichnet den durchschnittli-
Instrument mit dem Ziel, der Unterrepräsenta- chen Unterschied der Bruttostundenlöhne zwi-
tion von Frauen in bestimmten Bereichen entge- schen den Geschlechtern. In Deutschland liegt er
genzuwirken. Im Kern besteht es aus der Rege- bei 23 Prozent. Die durchschnittlichen Brutto-
lung, dass ein bestimmter Anteil von Positionen stundenlöhne der Männer werden als 100 Pro-
mit Frauen besetzt wird. Es gibt zum Beispiel zent definiert. Frauen verdienen 77 Prozent des-
Frauenquoten in politischen Gremien oder in sen, was Männer verdienen – also im Durch-
Aufsichtsräten von Unternehmen. Eine Quote schnitt 23 Prozent weniger als Männer.
kann generell eingesetzt werden, um Diskriminie-
rung oder Unterrepräsentation von Geschlecht Gleichstellungspolitik
oder anderen Merkmalen entgegenzuwirken. In der Gleichstellungspolitik geht es um die Ver-
ankerung der Gleichstellung zwischen den Ge-
gender schlechtern auf politischer, wirtschaftlicher und
Mit gender ist das kulturelle/soziale Geschlecht gesellschaftlicher Ebene. Beispiele für gleich-
und die geschlechtliche Rollenzuschreibung ge- stellungspolitische Strategien sind: Gender Main-
meint. streaming, Frauenförderung, Männerförderung,
Antidiskriminierungspolitik.
Gender Mainstreaming
1999 im Amsterdamer Vertrag der EU-Staaten ver- Gender-Kompetenz
ankert worden, nachdem es 1995 auf der 4. Welt- Gender-Kompetenz ist die Fähigkeit von Personen,
frauenkonferenz in Peking geprägt wurde. Gender bei ihren Aufgaben Gender-Aspekte zu erken-
Mainstreaming bedeutet, die Kategorie Ge- nen und gleichstellungsorientiert zu bearbeiten.
schlecht (Gender) auf allen Ebenen (Main- Gender-Kompetenz setzt sich aus den Elementen
streaming) zu berücksichtigen, d. h., bei allen Wollen, Wissen und Können zusammen:
gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedli- WISSEN: Kenntnisse über Geschlechterverhält-
chen Lebenssituationen und Interessen von nisse in der Gesellschaft und im eige-
Frauen und Männern von vornherein und regel- nen Fachbereich / Berufsfeld
mäßig zu berücksichtigen und auf die Gleich- WOLLEN: Sensibilität für Geschlechterstereotype
stellung der Geschlechter hinzuwirken. Die An- und Motivation, Geschlechterverhält-
wendung dieses Prinzips dient der Herstellung nisse zu verändern
der Gleichstellung der Geschlechter durch die KÖNNEN: Fähigkeiten, geschlechtersensibel zu
Analyse aller Arbeitsbereiche. Eine konsequente arbeiten und Instrumente zur Gleich-
Anwendung von Gender Mainstreaming bedeu- stellung anzuwenden
tet, alle Entscheidungsprozesse in demokratisch

60
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

Geschlechterforschung / Gender Studies sex


In der Geschlechterforschung ist eine zentrale Mit sex ist das anatomische/biologische Ge-
Frage, welchen Einfluss Geschlecht auf alle Be- schlecht und die legale Zuschreibung des biolo-
reiche der Gesellschaft hat. Wissenschaftliche gischen Geschlechts bei der Geburt gemeint.
Analysen beschäftigen sich mit der Herstellung,
der Entstehung und der Relevanz von Geschlecht. Sexismus
Die Geschlechterforschung an Universitäten ist Sexismus ist die Einteilung von Menschen in zwei
dabei unterschiedlich stark mit geschlechterpoli- (heterosexuelle) Geschlechter, die mit der Abwer-
tischen Institutionen und Bewegungen verknüpft; tung eines Geschlechts verbunden wird.
historisch ist sie aus der Frauenbewegung hervor-
gegangen. Dabei ist Geschlechterforschung nicht Trans*
an ein Fach gebunden, sondern immer interdis- Kurz für: transgender, transsexuelle, transge-
ziplinär, d.h. es werden Ansätze und Methoden schlechtliche, transidente Menschen, die nicht in
verschiedener Fachrichtungen miteinander ver- das zweigeschlechtliche System „passen“; Men-
bunden. schen, die sich – zumindest zeitweise – keinem
gender oder sex zuordnen können oder wollen
queer sowie Menschen, deren Geschlechtsidentität
Lässt sich nicht definieren, sondern dekonstru- nicht mit den Rollenzuschreibungen ihres lega-
iert auf theoretischer, praktischer und politischer len biologischen Geschlechts übereinstimmt;
Ebene Begriffe wie Homo-/Heterosexualität, Menschen, die ihr (biologisches) Geschlecht än-
männlich/weiblich, schwarz/weiß, ... und zielt dern wollen oder geändert haben
darauf ab, kausale Zusammenhänge zwischen
gender, sex und Begehren aufzulösen; übt Kritik zweigeschlechtliches System
an bestehenden Herrschafts- und Machtverhält- Das zweigeschlechtliche System bezeichnet das
nissen in Bezug auf Kategorien wie Geschlecht, Geschlechter-System unserer Gesellschaft, in dem
Klasse, ethnische Zugehörigkeit... es ausschließlich zwei Geschlechter gibt (männ-
lich und weiblich).

61
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Einblick in die Geschichte der deutschen Frauenbewegung

Die deutsche Frauenbewegung hat eine lange Geschichte. Zurückverfolgen lässt sie sich bis zur März-
revolution 1848, als Frauen auf sehr verschiedene Weise um wirtschaftliche, politische und kultu-
relle Rechte zu kämpfen begannen. Die Frauenbewegung differenzierte sich schon damals ständig
aus. Es gab z.B. die bürgerliche Frauenbewegung und die sozialistische Frauenbewegung, die mit der
Erstarkung der Arbeiterbewegung einherging. Frauen agierten autonom in eigenen Vereinen, sie
engagierten sich in Verbänden, in sozialen Projekten oder in Gewerkschaften und Parteien. Ge-
meinsames Anliegen war die Befreiung der Frauen aus ihrer nahezu vollständigen Abhängigkeit
vom Mann – persönlich (Vater, Ehemann) wie gesellschaftlich (Gesetze, Institutionen, gesell-
schaftliche Normen). Gleichberechtigung durch Gesetze war ein zentrales Ziel. Ein für Deutsch-
land entscheidendes Ergebnis der so genannten 1. Frauenbewegung war z. B. die Erkämpfung des
Wahlrechts für Frauen im Zuge der Novemberrevolution 1918. Die 2. Frauenbewegung entwickelte
sich in Ost- und West-Deutschland sehr unterschiedlich. In der Deutschen Demokratischen Re-
publik (DDR) wurde die berufliche Gleichstellung der Frauen Teil staatlicher Politik. Allerdings
blieb die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Aufgabe der Frauen. Zu Beginn der 1980er Jahre
entwickelte sich in der DDR eine vielfältige und gut vernetzte nichtstaatliche Frauenbewegung,
die aus vielen verschiedenen Gruppen bestand. Diese organisierten sich im Rahmen der evange-
lischen Kirche und der Friedensbewegung, sie waren informell und zahlenmäßig kleiner als die
Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). In der BRD entstand die 2. Frauen-
bewegung in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie war politisch verbunden mit
der Jugend- und Studentenbewegung. Auch sie war sehr facettenreich. Sie ging in ihren Program-
matiken und politischen Praxis weit über die Forderung nach juristischer Gleichberechtigung
hinaus. In der autonomen Frauenbewegung dieser Zeit wurden radikale Kritiken an Herrschafts-
und Machtstrukturen, an der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen sowie an normieren-
den Geschlechterrollen formuliert. Frauen forderten Selbstbestimmung über den eigenen Körper,
das Recht auf Abtreibung, einen wirksamen Schutz der Frauen vor männlicher, häuslicher Gewalt.
Als Akteurinnen der autonomen Frauenbewegung wurden erstmalig auch lesbische Frauen kollek-
tiv öffentlich sichtbar und politisch aktiv. In dieser Zeit entstanden in vielen Städten Frauenzen-
tren, Frauenbuchläden, Frauenhäuser, Müttergruppen, wissenschaftliche Frauenprojekte und die
Anfänge einer kritischen Frauen- und Geschlechterforschung. Lesben, Women of Color und
Schwarze Feministinnen sowie Frauen mit Arbeiterklasse-Hintergrund gründeten teilweise eigene
feministische Gruppen und forderten ihren Platz in der Frauenbewegung ein. Ein Teil dieser
Frauenbewegung ging in den 80er Jahren verstärkt den Weg in die Institutionen: Parteien, Ge-
werkschaften, Verwaltungen und Universitäten. Ab dem Jahr 1989 wurden in allen Bundesländern
und auf der Bundesebene Gleichstellungsgesetze verabschiedet. Mit Beginn der Bundesrepublik
Deutschland existiert § 3 des Grundgesetzes, der die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum
Grundrecht erklärt. Dieser Paragraph wurde 1994 um die Verpflichtung des Staates zur aktiven
Umsetzung dieses Grundrechtes erweitert, ein Tatbestand, der sich aus den politischen Aktivitäten
der 2. Frauenbewegung erklärt. Ein politischer Erfolg der Frauenbewegung war außerdem die
Verabschiedung eines Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002.

Heute existieren vielfältige feministische autonome bzw. bewegungspolitische Aktivitäten: politi-


sche Gruppen, Diskussionsveranstaltungen, Demos, Veröffentlichungen, Ladyfeste u.a.m. Mit den
1990er Jahren rückten hier insbesondere die einschränkenden und ausschließenden Normen zu
Geschlecht und Sexualität in den Fokus der Kritik, und es entstanden vielfältige queer-feministi-
sche Aktivitäten, Räume und Netzwerke.

62
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

10. Autor_innenprofile

Ebenfeld, Melanie
Diplom-Pädagogin, selbstständig als Gender Trainerin, Beraterin und Dozentin mit ihrem Unter-
nehmen Gender and Education
Arbeitsschwerpunkte: geschlechtersensible Pädagogik und Didaktik, die Implementierung von
Gender Mainstreaming in Organisationen und Unternehmen, Antidiskriminierungsarbeit mit dem
Schwerpunkt lesbische/schwule/trans* Lebensweisen, queere Pädagogik und feministische Theorien
www.gender-education.de

Gesterkamp, Thomas
Dr. päd., Journalist, Buchautor, Referent und Moderator
Arbeitsschwerpunkte: Väter, Familienpolitik, Arbeitsmarkt, Geschlechterverhältnisse
www.thomasgesterkamp.de

Köhnen, Manfred
Diplom-Soziologe, gleichstellungspolitischer Berater mit seinem Unternehmen Gleichstellung
Bewegen
Arbeitsschwerpunkte: Gleichstellungspolitische Beratung von Verwaltungen und öffentlichen
Einrichtungen; geschlechtergerechter Haushalt (Gender Budgeting); Verwaltungsmodernisierung;
Arbeitsmarktforschung unter Berücksichtigung von Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht,
sozialer und ethnischer Herkunft (Intersektionalität)
www.gleichstellung-bewegen.de

Roßhart, Julia
Magistra-Soziologin, forscht als Doktorandin beim Zentrum für transdisziplinäre Geschlechter-
forschung der Humboldt-Universität Berlin zur Verwobenheit von Klassismus und Sexismus
Arbeitsschwerpunkte: Workshopmoderationen und -konzeptionen zu (Hetero-)Sexismus und
Klassismus, Medien und Gender, Feminismus; Mitarbeit bei der Gender-AG von attac

Ruggieri, Deborah
Kultur- und Politikwissenschaftlerin M.A., selbstständige Dozentin, Kommunikationstrainerin und
Coach mit ihrem Unternehmen Deborah Ruggieri…communication rules!
Arbeitsschwerpunkte: internationale Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik, Gender Budgeting,
erneuerbare Energien, Ökonomie mit Geschlechterperspektive; Vertretung der bundesweiten
Gender AG im Rat von Attac Deutschland
www.deborah-ruggieri.de

63
WISO
Diskurs Friedrich-Ebert-Stiftung

Scheele, Sebastian
Diplom-Soziologe, freier Wissenschaftler in Vorbereitung einer Promotion zu Strategien von
Privilegierten in politischen Kämpfen, 2003 - 2009 in der Politikberatung zu Gleichstellungspolitik
tätig im GenderKompetenzZentrum an der Humboldt-Universität Berlin
Arbeitsschwerpunkte: Geschlechter- und Männerpolitik, Gender-Kompetenz in verschiedenen
Themenfeldern (Gesundheit, Bildung), Queerfeminismus, Gouvernementalitätsstudien, Theorien
zur Verschränkung von Machtverhältnissen, zu Privilegierung und zu Verbündeten

Wanzek, Ute
Diplom-Ingenieurin, Partnerin und Geschäftsführerin der G/I/S/A, Gender-Institut Sachsen-Anhalt
PartnG, Generalsekretärin des Europäischen Vereins WiTEC e.V., Women in Science, Engineering
and Technology
Arbeitsschwerpunkte: Beratung und Bildung zur strukturellen Implementation von Gender
Mainstreaming in Organisationen und Institutionen sowie Unternehmen und Projekten, mit den
inhaltlichen Schwerpunkten Beschäftigung/Arbeitsmarkt und EU-Strukturfonds
www.g-i-s-a.de

Moderation der Redaktions-Workshops:

Gumpert, Heike
Diplom-Pädagogin mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung
Arbeitsschwerpunkte: Gender-Trainings, Dialog-Prozessbegleitung und Moderationen

64
Wirtschafts- und Sozialpolitik
WISO
Diskurs

33
ISBN: 978-3-86872-643-5

Neuere Veröffentlichungen der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik

Wirtschaftspolitik Arbeitskreis Stadtentwicklung, Bau und Wohnen


Deutschlands Exportüberschüsse gegen zu Lasten Das Programm Soziale Stadt –
der Beschäftigten Kluge Städtebauförderung für die Zukunft
WISO Diskurs der Städte
WISO Diskurs
Wirtschaftspolitik
Soziales Wachstum gegen die Schuldenkrise Gesprächskreis Sozialpolitik
WISO Diskurs Rückkehr zur lebensstandardsichernden und
armutsfesten Rente
Wirtschaftspolitik WISO Diskurs
Globales Wachstum zwischen Klima, Gleichheit
und Demographie Gesprächskreis Sozialpolitik
WISO direkt Ausweitung des Pflichtversicherungskreises
in der GKV
Nachhaltige Strukturpolitik WISO Diskurs
Exporte um jeden Preis? Zur Diskussion
um das deutsche Wachstumsmodell Gesprächskreis Sozialpolitik
WISO direkt Sozialpolitische Probleme bei der Eingliederung
von Selbstständigen in die gesetzliche Renten-
Europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik versicherung
Staatsgläubigerpanik ist keine Eurokrise! WISO Diskurs
WISO direkt
Gesprächskreis Arbeit und Qualifizierung
Steuerpolitik In Qualifizierung investieren –
Welche Steuerpolitik gehört zum ein Weiterbildungsfonds für Deutschland
„sozialdemokratischen Modell“? WISO Diskurs
WISO direkt
Arbeitskreis Arbeit-Betrieb-Politik
Arbeitskreis Mittelstand Die Mitbestimmung im Kontext europäischer
Mitarbeiterkapitalbeteiligungsgesetz – Herausforderungen
Förderungsgesetz für KMU? WISO direkt
WISO direkt
Arbeitskreis Dienstleistungen
Gesprächskreis Verbraucherpolitik Arbeitsplatz Hochschule
Was die Verbraucherpolitik von der Zum Wandel von Arbeit und Beschäftigung
Verhaltensökonomie lernen kann in der „unternehmerischen Universität“
WISO direkt WISO Diskurs
Gesprächskreis Verbraucherpolitik Gesprächskreis Migration und Integration
Nanotechnik im Lebensmittelsektor – Ethnische Unterscheidungen in der
Entwicklungen nicht dem Zufall überlassen! Einwanderungsgesellschaft – Eine kritische Analyse
WISO direkt WISO Diskurs
Arbeitskreis Innovative Verkehrspolitik Frauen- und Geschlechterforschung
Zukunft der deutschen Automobilindustrie – Wem werden Konjunkturprogramme gerecht?
Herausforderungen und Perspektiven für den Eine budgetorientierte Gender-Analyse der
Strukturwandel im Automobilsektor Konjunkturpakete I und II
WISO Diskurs WISO Diskurs

Volltexte dieser Veröffentlichungen finden Sie bei uns im Internet unter

66 www.fes.de/wiso