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Opinion Paper

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Grenzen und Möglichkeiten des Einsatzes von Standardsoftware in der Versicherungsbranche

2011 / 01

Opinion Paper Maßgeschneidert oder von der Stange? Grenzen und Möglichkeiten des Einsatzes von Standardsoftware in der
Opinion Paper Maßgeschneidert oder von der Stange? Grenzen und Möglichkeiten des Einsatzes von Standardsoftware in der

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Executive Summary

3 .............................................................................................

  • 2 Von Schrauben und Muttern 4 ................................................................................

  • 3 Standardisierung und Versicherungs-IT 6 ..............................................................

    • 3.1 Treiber Industrialisierung

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6

  • 3.2 Der Status Quo

6 ............................................................................................

  • 3.2.1 Modernisierung dringend geboten 6 ...............................................................

  • 3.2.2 Wo Standard-Software genutzt wird 7 ............................................................

  • 3.2.3 Gründe fürs Zögern

.....................................................................................

8

  • 4 Standard-Software bei Versicherungsunternehmen 9 ............................................

    • 4.1 Vorteile von Standard-Software 9 ...................................................................

  • 4.2 Legacy-Erneuerung

10

  • 4.3 Architektur und Datenstrukturen 11 ................................................................

  • 4.4 Business driven IT

.....................................................................................

12

  • 5 Erfolgsfaktoren für Standard-Software in der Versicherungsbranche

13

  • 5.1 Der Markt für Versicherungsstandard-Software

13

  • 5.2 Die Rolle von SAP

14

  • 5.3 Ist die Zeit reif?

14

  • 5.3.1 Marktbedarf für Standardisierung

..............................................................

15

  • 5.3.2 Technische Qualität der Standard-Kandidaten 15 ..........................................

  • 5.3.3 Aktives Marketing und die richtigen Sponsoren für Standard-Kandidaten 15

  • 5.3.4 Verbreitungsgeschwindigkeit 15 .....................................................................

6

7

Quo vadis?

........................................................................................................

16

Literatur

.............................................................................................................

17

  • 8 Die Autoren 18 ........................................................................................................

  • 9 Das Unternehmen

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  • 1 Executive Summary

Maßgeschneidert oder von der Stange?

IT-Anwendungslandschaften bei deutschen Versicherern sind auf deren Anforderungen hin maßgeschneidert – und was die Kernanwendungen angeht, vielfach in die Jahre gekommen. Forderungen nach Modernisierung und Standardisierung der Applikationslandschaften sind seit den 90er Jahren zu hören. Software „von der Stange“ wird bis heute aber nur in wenigen Bereichen eingesetzt.

Versicherer wenden inzwischen bis zu 70% ihrer IT-Budgets für Betrieb und Wartung von Legacy-Anwendungen auf. Regulatorische Vorgaben erzeugen einen permanenten Anpassungsdruck auf gewachsene Anwendungslandschaften mit einem hohen Anteil an Individual-Software: die Folge sind weiter steigende Wartungskosten. Gerade der Wartungsaufwand spielt bei der Entscheidung zur Legacy-Ablösung durch Standard- Software eine herausragende Rolle. Zusätzliches Einsparpotenzial ist durch die Option zum Outsourcing gegeben, das bei Standard-Anwendungen jederzeit möglich ist.

Ansätze zur Standardisierung der Versicherungs-IT gab es bereits vor ca. 20 Jahren mit der VAA-Initiative. Diese „Versicherungsanwendungsarchitektur“ hat sich aber nicht durchgesetzt. In der typischen Anwendungslandschaft eines Versicherers ist heute in den branchenunspezifischen Bereichen wie HR und Accounting der Einsatz von Standard- Software weit verbreitet ist. Bei den versicherungsfachlichen Kernfunktionen finden sich Standardisierungsansätze vor allem im brancheninternen Informationsaustausch: vom bekannten GDV-Datensatz bis zur Brancheninitiative BiPRO.

Warum kommt die Standardisierung bei den Kernanwendungen nicht voran? Das Marktangebot hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Insbesondere mittelständische Versicherer haben davon profitiert. Für große Versicherer aber ist das Angebot an Lösungen nach wie vor begrenzt, selbst wenn beispielsweise SAP von Jahr zu Jahr an Boden gewinnt. Versicherer befürchten bei Einführung von Standard-Software in den Kernversicherungsbereichen Einschränkungen im Hinblick auf Flexibilität und Service- Qualität. Die Vielfalt und Komplexität von Versicherungsprodukten sowie die Abbildung zugehöriger Prozesse sind schließlich eine Herausforderung für jede Standardlösung. Und bei der Standardisierung und Automatisierung ihrer Geschäftsprozesse stehen viele Versicherer noch am Anfang.

Wendet man die Erfolgskriterien für marktbasierte Standards auf Versicherungssoftware an, zeigt sich, dass selbst die Branchenschwergewichte unter den Anbietern derzeit nicht über die nötige Marktdurchdringung verfügen, um eine Lösung als Standard zu etablieren. Der Nachfragermarkt speziell bei großen Versicherungen ist sehr klein und das Interesse an Kooperationen im Vergleich zum Mittelstand gering. Für die Zukunft könnte die Harmonisierung des EU-Versicherungsmarktes eine interessante Perspektive für Versicherungsstandard-Lösungen schaffen.

Mittelfristig wird kommerzielle Software weiter an Bedeutung gewinnen. Bis dahin muss die IT ihre Applikationslandschaft auf den Einsatz von Standardlösungen vorbereiten. Das bedeutet, die komplexen Anwendungsarchitekturen durch Service-orientierte Paradigmen schrittweise zu modernisieren.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 2 Von Schrauben und Muttern

1864 begann die Erfolgsgeschichte eines Standards 1 . William Sellers, neuer Präsident des Franklin Instituts in Philadelphia, hielt an einem Aprilabend vor den örtlichen Ingenieuren und Mechanikern einen Vortrag über ein einheitliches System für Schraubengewinde und stellte auch gleich sein eigenes Konzept vor. Das war der Startpunkt für den Sellers-Standard für Schraubengewinde, der innerhalb weniger Jahre in ganz Nordamerika Verbreitung fand.

Bis zu Sellers’ Initiative wurden Schrauben und Muttern durch örtliche Werkzeugmacher individuell angefertigt. Die Produkte von zwei verschiedenen Betrieben einer Stadt waren in der Regel nicht kompatibel. Die Werkzeugmacher sahen sich als Handwerker, die für die Anforderungen ihrer Kunden speziell gefertigte Werkzeuge und Teile herstellten. Sie profitierten damit von der technischen Abhängigkeit ihrer Kunden. Die Standardisierung von Schraubengewinden bedeutete für die Werkzeugmacher einen großen Ansehensverlust: die Bedeutung ihrer Arbeit sank und reduzierte sich auf einfache Mechanikertätigkeiten. Ihre Kunden dagegen wurden unabhängiger und preisbewusster.

Als Sellers’ die Initiative für einen amerikanischen Gewindestandard startete, hatte sich in England bereits die sogenannte Whitworth-Schraube verbreitet. Doch Sellers bestand auf einem eigenen amerikanischen Standard und entwarf ein Gewinde, das im Vergleich zur Entwicklung Whitworths einfacher, preiswerter und schneller produziert werden konnte. Als Direktor des Franklin-Instituts und Leiter einer renommierten Werkzeugmaschinenfabrik besaß er das richtige Netzwerk, um die größten Maschinen- und Werkzeughersteller der Region von seiner Idee zu überzeugen.

Nur vier Jahre später, als die amerikanische Marine eine Kommission zur Standardisierung von Schraubengewinden einsetzte, stellte diese fest, dass der Sellers-Standard bereits weit verbreitet war. Selbst diejenigen Produzenten, die ihn noch nicht einsetzten, sprachen sich für ihn aus. Der große Durchbruch kam, als die Eisenbahngesellschaft „Pennsylvania Railroad“ den Standard übernahm. Über die Eisenbahnen wurde das Sellersgewinde als Standard landesweit verbreitet. 1901 übernahm Europa ihn auf dem „International Congress for Standards and Gauges“.

Die rasche Verbreitung des Sellers-Standards ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es Sellers gelang, die wichtigsten Marktakteure für sich zu gewinnen. Seine eigene Reputation und seine Beziehungen zu einflussreichen Werkzeugherstellern und -abnehmern bildeten die Basis für den Erfolg seines technisch hervorragenden Konzepts. Entscheidend für den Erfolg war schließlich die schnelle Akzeptanz und Verbreitung. Standards werden auf zwei verschiedenen Wegen aus der Taufe gehoben. Staatliche Institutionen setzen Standards und machen verbindliche Vorgaben zu deren Nutzung. Die EU-Banane gemäß der europäischen Bananenverordnung ist wortwörtlich in aller Munde.

1 Surowiecki,

James;

The

Turn

of

the

Century;

Wired

http://www.wired.com/wired/archive/10.01/standards_pr.html

10.01.;

January

2002;

online

im

Internet:

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Viel häufiger sind aber aus dem Markt heraus etablierte Standards. So werden die Normen des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) von „interessierten Kreisen“ (Herstellern, Händlern, Verbrauchern etc.) im Konsensverfahren erarbeitet. Für Standards, die aus dem Markt heraus entstehen, lassen sich anhand des Sellers-Beispiels einige Erfolgsfaktoren identifizieren:

  • 1. Bedarf am Markt für Standardisierung Sellers legte sein Konzept vor, als die Industrialisierung der Vereinigten Staaten gerade Fahrt aufnahm.

  • 2. Technische Qualität der Standard-Kandidaten Sellers’ Konzept war einfach, schnell und preiswert umsetzbar.

  • 3. Aktives Marketing und die richtigen Sponsoren für Standard-Kandidaten Sellers besaß das richtige Netzwerk und mit der amerikanischen Marine sowie den Eisenbahngesellschaften mächtige Unterstützer.

  • 4. Verbreitungsgeschwindigkeit Innerhalb von vier Jahren war der Sellers-Standard bekannt.

Die Anwendung dieser Erfolgsfaktoren auf den Markt von Versicherungsstandard-Software kann eine Einschätzung zu den Möglichkeiten von Standard-Software in der Versicherungsbranche liefern.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 3 Standardisierung und Versicherungs-IT

    • 3.1 Treiber Industrialisierung

Standardisierung taucht in der Versicherungswirtschaft in den letzten Jahren häufig in Verbindung mit dem Schlagwort „Industrialisierung“ auf. Darunter wird primär die Vereinheitlichung und Automatisierung von Geschäftsprozessen und Arbeitsabläufen verstanden. Die Konzentration auf Kernprozesse und die Verkürzung der Fertigungstiefe, wie sie z.B. von der Automobilindustrie vorgelebt werden, spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Outsourcing wird in der Versicherungsbranche eher zurückhaltend betrieben. Als Kandidaten werden hier vor allem die nicht versicherungsspezifischen Supportprozesse sowie der IT-Bereich gesehen.

Der deutsche und europäische Versicherungsmarkt ist in Bewegung. Vor dem Hintergrund steigenden Wettbewerbsdrucks und veränderter Kundenanforderungen schließen sich Versicherer zusammen, um ihre Marktposition auszubauen. Gleichzeitig stehen die Versicherungsunternehmen unter einem enormen Kostendruck. Um die Kostenquote zu senken, werden vor allem Möglichkeiten zur Prozessautomatisierung ausgelotet.

Was in der Automobilindustrie die Fertigungsstraßen sind, ist bei den Versicherungen die IT. Diese „Produktionsplattformen“ sind, was die Kernversicherungsanwendungen angeht, fast überall in die Jahre gekommen. Der Ruf nach Standard-Software für die Kernaufgaben hallt bereits seit Jahren durch die Lande. Strukturelle Änderungen gibt es aber kaum.

IT ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für ein Versicherungsunternehmen. Der herrschende Kostendruck gilt jedoch auch für die IT, was sich in den letzten Jahren nicht zuletzt im Sinken der IT-Kostenquote bei den Versicherern zeigt. Trotz sinkender Budgets muss die IT leistungsfähig sein und neue Produkte und Geschäftsfelder schnell und effizient unterstützen. Standard-Software könnte hier ein Ansatzpunkt sein, um die IT optimal aufzustellen.

  • 3.2 Der Status Quo

Der Einsatz von Standard-Software ist seit Jahren ein Thema in der Versicherungswirtschaft. Bei vielen Versicherern ist Standardisierung Bestandteil der IT-Strategie. Gleichzeitig liegt der Anteil an Standard-Software bei den Versicherungskernaufgaben im Vergleich zu anderen Branchen signifikant niedriger.

  • 3.2.1 Modernisierung dringend geboten

Betrachtet man die typische Applikationslandschaft eines Versicherers, so fällt auf, dass in den nicht versicherungsspezifischen Unternehmensbereichen ganz überwiegend Standard- Software zum Einsatz kommt, z.B. bei Human Resources und Accounting. Bei den Kernversicherungsanwendungen dominiert dagegen Individual-Software. Hier finden sich vor allem Legacy-Anwendungen mit einem hohen Anteil an Eigenentwicklung. Die Spartenstruktur des Versicherers spiegelt sich in der Silostruktur der Versicherungs- anwendungen. Oft sind diese Legacy-Systeme seit über 20 Jahren im Einsatz.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Eine Modernisierung der Legacy-Welt tut Not – insbesondere vor dem Hintergrund des Kostendrucks im IT-Bereich. Führt man sich vor Augen, dass bis zu 70% des IT-Budgets eines Versicherers für Wartung und Betrieb aufgewendet werden, liegt das Einsparpotenzial auf der Hand.

Fusionen und Übernahmen haben die Konsolidierung der IT-Landschaften auf der Infrastrukturebene deutlich vorangetrieben. Durch die Zusammenlegung von Rechenzentren oder einen Plattform-Wechsel konnten attraktive Kosteneffekte erzielt werden. Die Anwendungsebene wurde dadurch nur wenig tangiert. Die Einführung neuer Applikationen ist meist mit neuen Versicherungsprodukten verbunden. Nur selten wird das Bestandsgeschäft in die neue Anwendung migriert.

Doch gerade im Bestandsgeschäft steht die Versicherungs-IT laufend vor Heraus- forderungen. Regulatorische Auflagen wie z.B. die VVG-Reform oder die elektronische Versicherungsbestätigung bei der KFZ-Versicherung greifen immer wieder tief in Prozess- abläufe und deren IT-technische Abbildung ein. Gesetzliche Änderungen erzeugen einen permanenten Anpassungsdruck, der oft nur unter Aufbietung aller verfügbaren Kräfte bewältigt werden kann. Zudem haben die Anpassungen nicht selten Auswirkungen auf die Wartbarkeit der Anwendungen und steigern die Wartungskosten. Gerade hier liegt ein Vorteil von Branchen-Standardanwendungen. Die regulatorischen Anforderungen werden durch den Software-Hersteller aufgenommen und in sein Produkt integriert.

  • 3.2.2 Wo Standard-Software genutzt wird

Analysiert man den Einsatz von Standard-Software in der Versicherungswirtschaft genauer, so kristallisieren sich drei Bereiche heraus, in denen Standardanwendungen bevorzugt zum Einsatz kommen:

Branchenunabhängige Sekundärprozesse

Versicherungsfachliche Peripheriebereiche

Brancheninterner Informationsaustausch

Wie oben bereits erwähnt, sind ERP-Standardanwendungen in den kaufmännischen und personalwirtschaftlichen Unterstützungsprozessen weit verbreitet. Aufgrund neuer Anforderungen und eines attraktiven Produktangebots konnten sich in den letzten Jahren in den Randbereichen der versicherungsfachlichen Kernprozesse Software-Lösungen von Drittanbietern etablieren. Dazu gehören z.B. CRM-Anwendungen und Business Intelligence- Pakete. Aber auch bei der Posteingangsverarbeitung und beim Dokumentenmanagement kommen in der Regel Lösungen von Drittanbietern zum Einsatz. Einen aus der Not geborenen hohen Grad an Standardisierung weist auch der brancheninterne Informationsaustausch auf. Aktuelle Beispiele sind die Ergebnisse zur Standardisierung der Kommunikation zwischen Maklern und Versicherern durch die Branchenintiative BiPRO e.V. oder im Rechtsschutz die Software-Plattform drebis, über die der Datenaustausch mit Anwälten erfolgt. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) arbeitet als Dienstleister für seine Mitglieder seit Jahren am standardisierten Datenaustausch in der Branche. Mit dem bekannten GDV-Datensatz werden Kunden- und Vertragsdaten ausgetauscht. Für die elektronische Versicherungsbestätigung bei der KFZ-Versicherung (eVB) betreibt der GDV die Plattform.

  • 3.2.3 Gründe fürs Zögern

Maßgeschneidert oder von der Stange?

An Kandidaten für Versicherungsstandard-Lösungen mangelt es nicht. Die meisten haben ihre Praxistauglichkeit schon unter Beweis gestellt. Trotzdem zögert die deutsche Versicherungswirtschaft immer noch, ihre IT-Applikationslandschaften mit Hilfe von Standard-Software zu erneuern und umzugestalten. Ein Grund liegt sicherlich in dem erheblichen Aufwand, den die Einführung einer neuen Kernanwendung mit sich bringen würde. Der mit der Software-Einführung verbundene Migrationsaufwand beschränkt sich nicht auf eine Eins-zu-eins-Übertragung des Bestandsgeschäfts. Bei der Migration muss u. a. entschieden werden, welche Produktportfolios erhalten bleiben und wie damit verbundene Prozessabläufe künftig abgebildet werden sollen. Die bisherigen Erfahrungen mit Software- Großprojekten schrecken viele Versicherer ab, eine Operation am offenen Herzen der Versicherungskernprozesse durchzuführen. Dabei kommt den meist sehr komplexen und heterogenen IT-Infrastrukturen als Risikotreiber ebenfalls eine tragende Rolle zu. Doch auch die fehlende Standardisierung der Geschäftsprozesse – die Versicherungswirtschaft befindet sich noch am Anfang der Industrialisierung – hat Auswirkungen auf die Einführung von Standard-Software. Wenn die fachlichen Anforderungen so heterogen sind, dass ein hoher Customizing-Anteil bei der Implementierung anfällt, sind die Kostenvorteile einer Standardlösung nicht nur während der Realisierung, sondern auch im sich anschließenden Betrieb kaum erreichbar.

Warum ist aber nun gerade die Versicherungsbranche so zögerlich beim Einsatz von Standard-Anwendungen? Häufig werden Flexibilitätseinschränkungen und Einbußen bei der Servicequalität befürchtet. Daneben wird das mangelnde Angebot an Standard-Software als Argument angeführt. Letzteres kann heute so nicht mehr pauschalisiert behauptet werden, da sich das Marktangebot in den letzten Jahren weiter entwickelt hat, auch wenn es für die Anforderungen großer Versicherer nach wie vor beschränkt ist. Möglichen Flexibilitätseinschränkungen stehen erhebliche Vorteile gegenüber: bei routinemäßigen Wartungen ebenso wie bei Anpassungen an gesetzliche Vorgaben.

Die Angst vor Flexibilitäts- und Serviceeinbußen durch die Einführung von Standard- Software verstellt Versicherern den Blick für das eigentliche Problem: die Vielfalt und Komplexität der Versicherungsprodukte selbst. Die Überführung des gewachsenen Produktportfolios in eine Standard-Lösung ist eine Herausforderung, die nur wenige annehmen wollen. Sind mit der Einführung einer Standard-Lösung Einbußen im Service verbunden, hat man bei der Lösung daneben gegriffen. Zielsetzung einer Applikationserneuerung muss immer die Unterstützung der Geschäftsziele sein. Das bedeutet konkret eine verstärkte Prozessautomatisierung bei gleichzeitiger Verbesserung des Kundenservice.

Ein Aspekt wird in der Debatte über Versicherungsstandard-Lösungen oft übersehen. Die Nachfrage nach solchen Lösungen verteilt sich im deutschen Markt auf wenige große Gesellschaften und viele mittelständische. Die mittelständischen Gesellschaften bilden für Anbieter von Versicherungslösungen, darunter auch IT-Töchter von Versicherungs- gesellschaften, einen durchaus attraktiven Markt, im dem u.a. durch Kooperationsmodelle die Standardisierung vorangetrieben wird. Die Anforderungen der großen deutschen Versicherer an Standard-Lösungen können selbst von den führenden Anbietern, zu denen SAP, IBM und msg zählen, nicht befriedigend erfüllt werden. Starke Konkurrenz untereinander und mit internationalen Gesellschaften behindert zudem die Bereitschaft zur Zusammenarbeit in diesem sensiblen Bereich.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 4 Standard-Software bei Versicherungsunternehmen

    • 4.1 Vorteile von Standard-Software

Noch vor 15 Jahren war der Begriff Standard-Software nicht eindeutig belegt. Das Gabler Wirtschaftslexikon formulierte dazu 1994:

„Kein exakt definierter Begriff; unscharfe Verwendung. Das Attribut ‚Standard’ ist meist irreführend, da es sich selten um ein Produkt handelt, das unverändert in einem beliebigen Unternehmen eingesetzt werden kann, i.d.R. sind umfangreiche Anpassungen erforderlich“. 2

Inzwischen liegt eine deskriptive Begriffsdefinition vor:

„Software, die zu einem Anwendungsgebiet für den anonymen Markt erstellt wird. Standardsoftware muss an die speziellen Anforderungen der Benutzer angepasst oder sogar auf die gesamte betriebliche Ablauforganisation ausgerichtet werden (Customizing)“. 3

Hätte Standard-Software keine Vorteile, gäbe es sie nicht. Versicherer sparen mit der Entscheidung für Standard-Softwarelösungen eigenen Programmierungsaufwand ein, die Herstellungskosten der Software werden auf ihre Käufer verteilt. Zudem reduziert sich mit dem Einsatz von Standard-Software der Aufwand für Wartung und Pflege der Systeme durch eigene Mitarbeiter deutlich. Je nach Vereinbarung mit dem Hersteller muß aber mit Wartungskosten in Höhe von bis zu 30% der Investitionskosten gerechnet werden – ein nicht zu vernachlässigender Posten. Durch den Bezug von Standard-Software wird das Unternehmen auch hinsichtlich der Bereitstellung qualifizierten Personals für die Software- Entwicklung entlastet.

Gegenüber einer Eigenentwicklung kann Standard-Software damit punkten, dass sie von Anfang an eine höhere Qualität bietet. Je breiter die Anwenderbasis ist, umso schneller reift die Software hinsichtlich ihrer fachlichen Funktionalität und Bedienbarkeit. Die technische Optimierung erfolgt laufend, Innovationen finden schneller Eingang in die Software. Der Hersteller ist im eigenen Interesse bestrebt, sein Produkt am Markt konkurrenzfähig zu halten. Davon profitieren die Kunden. Im Gegensatz zu Eigen- oder Individualentwicklungen steht Standard-Software schneller für die Nutzung zur Verfügung. Damit ist in der Regel ein Zeitvorteil von mindestens ein bis zwei Jahren verbunden. Selbst die Projektlaufzeiten für die Software-Einführung sind in der Regel kürzer, da auf Best-Practice-Modelle für den Software-Rollout zurückgegriffen werden kann.

Dass sich Standard-Software weniger an individuelle Anforderungen anpassen lässt, muss kein Nachteil sein. Denn dies erzwingt eine genauere Bewertung und Abwägung von individuellen Abläufen, Sonderfällen und Ausnahmen.

  • 2 Gabler Wirtschaftslexikon; Gabler Verlag, Wiesbaden; 1994, 3096

  • 3 Gabler Wirtschaftslexikon; Stichwort: Standardsoftware; Gabler Verlag (Herausgeber); online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/56391/standardsoftware-v5.html

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Oft genug zeigt sich, dass eine zunächst als unverzichtbar erachtete Funktionalität sich im Nachhinein als doch nicht so wichtig erweist. Bei Individualentwicklungen werden solche Bewertungen in den seltensten Fällen vorgenommen. Erfahrungen im ERP-Bereich haben auch gezeigt, dass die Einführung von Standard-Lösungen genutzt werden kann, die eigenen Prozesse zu optimieren.

So verbindet die Talanx mit der Einführung des Policy Managements von SAP die Zielsetzung, die Prozesse der Bestandführung zu standardisieren und durch verstärkte Automatisierung die Bearbeitungszeiten im Sachgeschäft zu verkürzen.

4.2

Legacy-Erneuerung

Bei vielen Versicherern wurden die versicherungsfachlichen Kernanwendungen als Individualentwicklungen auf dem Host erstellt. Betrieb und Wartung für diese Anwendungen machen den Großteil der IT-Budgets aus. So bleibt nur wenig Gestaltungsspielraum für Innovationen und Neuinvestitionen. Der Druck zur Erneuerung wächst stetig, weil die Anpassung der „Legacy-Boliden“ an neue Geschäftsanforderungen immer schwieriger wird. IT-Landschaften werden immer komplexer und teuerer im Unterhalt. Es zeichnet sich ein massiver Konflikt ab, denn die IT-Kostenquote zeigt tendenziell nach unten.

Grundsätzlich bestehen verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen:

Konsolidierung mit anschließendem Outsourcing

Ersetzen durch neue Individual-Lösung und Option zum Outsourcing

Ersetzen durch Standard-Lösung und Option zum Outsourcing

Outsourcing ist eine präferierte Maßnahme zur Reduzierung der IT-Kosten. Da das Outsourcing von gewachsenen Legacy-Strukturen aber mit enormen Kosten verbunden ist, die die Einsparpotenziale im Betrieb durchaus übersteigen können, empfiehlt sich hier als vorgelagerte Maßnahme die Konsolidierung der für das Outsourcing vorgesehenen Anwendungen und Plattformen. Beispiele für umfangreiche Outsourcing-Maßnahmen gibt es nur wenige. Nach dem Zurich Financial Services bereits 2004 das Application Management ausgegliedert hatte, wurden inzwischen auch die Rechenzentren an einen externen Dienstleister übergeben.

Die Implementierung neuer funktionaler Anforderungen, die in der Legacy-Anwendung nicht kostengünstig möglich wäre, steht bei der Ersetzung durch neue Individual-Software im Vordergrund. Damit geht die Überführung in eine moderne modulare Multi-Tier-Architektur einher. In der Praxis bedeutet dies ein schrittweises Vorgehen, bei dem in mehreren Stufen jeweils Teile der Legacy-Anwendung abgelöst werden. Sofern Einsparpotenziale durch Outsourcing erzielbar sind, besteht die Möglichkeit, diese sukzessive oder nach Abschluss der Ablösung zu realisieren. Wichtigstes Kriterium für die Entscheidung zur Ablösung durch eine Standardlösung ist der Wartungsdruck, z.B. durch gesetzliche Auflagen. Danach ist der Aufwand für die Anpassung der Legacy-Applikation zu bewerten und mit den Kosten für die Einführung einer Standard-Software ins Verhältnis zu setzen. Das Outsourcing von Betrieb und Wartung von Standard-Software ist jederzeit möglich. Anders als beim Outsourcing von Legacy-Applikationen oder Individual-Software gibt es auf dem Outsourcing-Markt für Standard-Software genügend Anbieter. Einzelne Software-Anbieter offerieren Outsourcing auch als Zusatzoption zu ihrer Anwendung – wie zum Beispiel FJA für seine Bestandsführung.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 4.3 Architektur und Datenstrukturen

Ansätze zur Standardisierung von Prozessen und IT hat es in der Versicherungsbranche schon viele gegeben. Die Initiative VAA war mit dem Anspruch angetreten, eine offene Branchenstandard-Architektur zu erarbeiten. Ziel war es, die Basis für einen auf dem Standard aufsetzenden Komponentenmarkt zu schaffen. Dieses Ziel wurde von den Verbandsmitgliedern der GDV seit 1993 verfolgt und 2001 abgeschlossen. Bereits Anfang der 90er Jahre war den Beteiligten klar, dass eine Modernisierung der Versicherungsanwendungssysteme erforderlich würde. Gerade was die Einbindung von Dritt-Software betrifft, sollten die Systeme anpassungsfähiger und offener werden,. Individualentwicklungen wurden als nicht zielführend betrachtet:

„Die erheblichen Risiken und Kosten der Eigenentwicklung einer solchen flexiblen Software sind durch Standards, eine offene, branchenweite Anwendungsarchitektur und die Förderung der Entwicklung eines Marktes für „stecker-kompatible“, übertragbare Softwarebausteine wesentlich zu reduzieren“. 4

Unter Beteiligung namhafter Unternehmen wurde zunächst eine prozedurale und später auch eine objektorientierte Architektur erarbeitet. Die Versicherungsanwendungs-Architektur (VAA) lieferte damit eine einheitliche Prozess- und Datensicht für die Kernfunktionen versicherungsfachlicher Anwendungen. In einer GDV-Umfrage von 1997 unterstützten die Mitgliedsunternehmen zwar die Ziele der Initiative, waren aber sehr zurückhaltend, was eine aktive Mitarbeit anging. Die HUK-Coburg ist eines der wenigen Versicherungsunternehmen, das die VAA umgesetzt hat. Wirklich durchgesetzt hat sich die VAA nicht, obwohl der Anlass zur Gründung der Initiative nach wie vor gegeben ist.

Auch international haben sich Versicherer schwer mit Software-Standards getan. IBMs Insurance Application Architecture (IAA) ist in der Branche bekannt und wird von vielen genutzt. Aufgrund der Lizenzpflichtigkeit konnte es aber nicht die Bedeutung eines wirklichen Standards erreichen. Die IAA stellt für über 100 Fachprozesse Geschäftsprozessmodelle, Begriffsdefinitionen und Software-Code zur Verfügung. Das ganze ist nach den Prinzipien einer Service-orientierten Architektur gestaltet. Mit der Übergabe der IAA an ACORD, der Organisation für Versicherungsdatenstandards, ist die IAA inzwischen für die ACORD- Mitgliedsunternehmen verfügbar. ACORD wird die IAA in seine eigenen Standards integrieren. Nach Einschätzung von Experten wird es trotzdem noch Jahre dauern, bis ein vollständiger Standard zur Verfügung steht.

Der SOA-Hype der letzten Jahre ist auch an der Versicherungs-IT nicht spurlos vorbeigezogen. Ganz im Gegenteil – die Möglichkeiten von SOA wurden intensiv ausgelotet. Bei Umbau und Erneuerung der Versicherungs-IT könnte SOA sogar eine herausragende Rolle spielen.

4 VAA Management summary; Arbeitskreis VAA, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.; 2001, 5; online im Internet: www.gdv-online.de/vaa

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Mit diesem Architekturansatz kann die historisch gewachsene Applikationslandschaft in Application Services zerlegt werden, die in einem Service-Katalog definiert werden. Service- Spezifikation und -Implementierung werden entkoppelt: so kann eine Anwendungslandschaft sukzessive umgebaut werden, in dem z.B. im ersten Schrittt Legacy-Systeme hinter Service- orientierten Schnittstellen verborgen werden.

  • 4.4 Business driven IT

IT-Technologie kann zu Innovationen im Versicherungsgeschäft führen. Pay-as-you-drive wäre ohne moderne IT- und Telematikkomponenten nicht denkbar. Im Schadenmanagement sorgen Mobilanwendungen für kürzere Bearbeitungszeiten. Vom Business wird die IT aber im Wesentlichen als (teuerer) Kostenblock wahrgenommen, der sich mehr und mehr zum Hemmschuh bei der schnellen Umsetzung von Geschäftsanforderungen entwickelt. Mit nur mäßigem Erfolg durchgeführte bzw. zu deutlich höheren Kosten abgeschlossene Großprojekte waren wenig hilfreich, das Ansehen der IT zu steigern. Die dringend notwendigen Investitionen für Umbau und Erneuerung der IT-Landschaft wurden nicht getätigt. Der Investitionsstau hat sich aufgrund der Finanzkrise weiter verschärft. In anderen, hochindustrialisierte Branchen wäre es nicht denkbar, die zentralen Produktionsplattformen systematisch veralten zu lassen. Die mit ehrgeizigen Einsparzielen konfrontierte IT hat in vielen Unternehmen eher reaktiv agiert. Die Reduktion der Kosten wurde vor allem durch die Optimierung des Betriebs, mit Infrastrukturprojekten und selektivem Outsourcing erreicht. So hat die Generali z.B. ihre Rechenzentren zusammengelegt und die ERGO Telekommunikationsdienstleistungen ausgelagert. Jenseits der IT-Infrastruktur enden die Gestaltungsfreiräume der Versicherungs-IT. Größere IT-Projekte mit versicherungs- fachlichem Gegenstand werden in der Regel von der Fachseite initiiert.

Einer der Haupttreiber für die IT wird in Zukunft vor allem die Standardisierung und Automatisierung der Geschäftsprozesse sein. Dabei sollte klar sein, dass fachseitig noch viel Arbeit zu leisten ist. Die Versicherungsbranche hat mit 46% bereits eine respektable durchschnittliche Prozessautomatisierungsquote erreicht. Im Vergleich zu anderen Branchen variiert diese von Versicherung zu Versicherung aber stark. Gerade die großen Versicherer hinken hier noch deutlich hinterher. Nach Einschätzung von Branchenvertretern kann die Prozessautomatisierung bis auf ca. 68% gesteigert werden.

Bei vielen Versicherungen hat die Vereinheitlichung, Optimierung und Automatisierung erst begonnen. Input- und Output-Management sowie Dokumenten-Management und Archivierung haben in den letzten Jahren gezeigt, welche Potenziale in der systematischen, IT-gestützten Automatisierung von Prozessabläufen liegen. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass die Komplexität von Prozessen und Abläufen direkt auf die Kosten für die Automatisierung durchschlägt. Die IT muss deshalb in einen engen Dialog mit den Fachabteilungen treten. Eine intensive, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Business-Seite ist vielerorts erst im Entstehen. Für den Aufbau moderner, leistungsfähiger Architekturen ist genau diese Zusammenarbeit erforderlich. Beim Business Process Management greifen versicherungsfachliche und IT-technische Aspekte ineinander. Für die effiziente und gleichzeitig flexible Unterstützung der Geschäftsprozesse spielen SOA- Paradigmen eine bedeutende Rolle.

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 5 Erfolgsfaktoren für Standard-Software in der Versicherungsbranche

    • 5.1 Der Markt für Versicherungsstandard-Software

Die Analyse des Software-Marktes für Versicherungen liefert ein heterogenes Bild. Ein Angebot an praxisbewährten Standardanwendungen für Versicherungskernaufgaben ist durchaus vorhanden. So konnte ICIS in der Bestandsführung eine gewisse Verbreitung vorweisen. Auch ALICE verfügt über eine respektable Installationsbasis in Europa. Nicht selten ist zu beobachten, dass branchenspezifische Standard-Software von der IT-Tochter eines Versicherungsunternehmens angeboten wird. Als Beispiele seien hier oscare® der AOK Systems GmbH und die von der WGV Informatik und Media GmbH weitergeführte ICIS-Plattform genannt.

Gerade bei den mittelständischen Versicherungen ist die Verbreitung von Standard- Applikationen in den versicherungswirtschaftlichen Kernbereichen inzwischen weit fortgeschritten. Die im Angebot befindlichen Software-Lösungen sind dabei häufig aus einem konkreten Entwicklungsauftrag hervorgegangen. Die Weiterentwicklung und Qualitätssteigerung der Anwendung wird durch den Zusammenschluss der die Software- Lösung nutzenden Unternehmen unterstützt.

Der Nachfragemarkt für Versicherungssoftware ist im Vergleich zu anderen Märkten überschaubar. In Deutschland gab es nach Angaben der GDV 5 2009 etwa 600 Versicherungsunternehmen. Dabei erreichten die größten 15 Versicherungen in den verschiedenen Sparten zwischen 50% und 80% Marktanteil, wobei Schaden- und Unfallversicherungen die geringste Marktkonzentration aufweisen.

Zwar

haben

sich

die

großen

Versicherer

in

der Vergangenheit zu

Standardisierungsbestrebungen bekannt und an Vorhaben wie der VAA mitgearbeitet, doch ihr Engagement ist insgesamt rückläufig. Es wird vor allem um Marktanteile gekämpft. Diese werden über Zusammenschlüsse und Fusionen erzielt.

Entschließt sich ein großer Versicherer zur Modernisierung seiner Applikationslandschaft, bedeutet dies noch nicht den Siegeszug der Standard-Software. So hat die Allianz die spartenbezogene Silostruktur aufgelöst, Prozesse und Abläufe vereinheitlicht und ein spartenübergreifendes System eingeführt – dieses stammt von ihrer österreichischen Tochter und ist eine Eigenentwicklung von Ende der 90er.

  • 5 Statistisches Taschenbuch der Versicherungswirtschaft; Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.; 2010; Verlag Versicherungswirtschaft GmbH

  • 5.2 Die Rolle von SAP

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Spricht man über Versicherungsstandard-Software fällt früher oder später auch der Name SAP. Über die Jahre wurden immer wieder Pilotprojekte gestartet, an die sich die Hoffnung nach einer in absehbarer Zeit verfügbaren Standard-Lösung knüpfte. Doch der große Durchbruch, der die SAP-Erfolgsgeschichte im ERP-Segment ausmacht, blieb bisher aus.

Aus SAP-Sicht wird alles getan, um die eigenen Erfolge auch bei den Versicherern zu wiederholen. Die SAP-Erfolgstory gründet sich ganz überwiegend auf dem erfolgreichen Partnering mit den eigenen Kunden.

Von Anfang an kam die fachliche Expertise von den Kunden und das IT-technische Know- how von SAP 6 . Bis Anfang der 80er Jahre war SAP ein Anbieter unter mehreren in Deutschland. Die Internationalisierung wurde durch Nachfragen von Kunden ausgelöst, die über ihre deutschen Töchter auf SAP aufmerksam wurden. Über die Zusammenarbeit mit den IT-Consulting-Bereichen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wurde ein stabiles Netzwerk geschaffen, das für stetige Nachfrage sorgte. Ohne die enge Kooperation mit IBM als Hardware-Anbieter wäre das Wachstum von SAP in den ersten 20 Jahren vermutlich nicht möglich gewesen. Und Hardware war es auch, die SAP den endgültigen Durchbruch mit R/3 brachte. Da die Software auf der AS400 nicht lief, wurde sie kurzerhand auf eine Unix-basierte Client-Server-Lösung portiert und auf der Cebit 1991 präsentiert. Das war der Durchbruch.

Es gab und gibt erfolgreiche Projekte zu SAP-Insurance-Lösungen. So hat sich FS-RI im Rückversicherungsbereich inzwischen als Standard etabliert. Auch das Policen- Management FS-PM, das auf dem msg-Produktmanager aufsetzt, gewinnt an Bedeutung. SAP arbeitet auf dem Versicherungsmarkt intensiv mit Partnern wie z.B. msg systems zusammen. Analysten bescheinigen den SAP-Insurance-Lösungen von Jahr zu Jahr mehr Bedeutung. Es scheint aber, dass für SAP, trotz Einsatz bewährter Strategien zur Gewinnung von Marktanteilen, der Weg langsam und steinig bleibt.

  • 5.3 Ist die Zeit reif?

Die Entwicklung von Versicherungsstandard-Software wird durch den Markt getrieben. Ob sich ein Standard etablieren kann, entscheiden die Marktteilnehmer, d.h. Versicherer und Software-Hersteller. Hinweise zu den Erfolgsaussichten liefert eine Überprüfung der in Kapitel 2 identifizierten Erfolgsfaktoren.

6 Leimbach,

Timo;

Vom

Programmierbüro

zum

globalen

Softwareproduzenten;

Zeitschrift

für

Unternehmensgeschichte; Verlag C.H. Beck; Vol. 52 Nr. 1, 33-56

Maßgeschneidert oder von der Stange?

  • 5.3.1 Marktbedarf für Standardisierung

Der Ruf nach Versicherungsstandard-Software erschallt bereits seit Jahren. Mindestens seit den 90er Jahren ist den IT-Verantwortlichen in den Versicherungen klar, dass die Komplexität der Versicherungs-IT nur über standardisierte Komponenten beherrschbar bleibt. Die Thematisierung der Industrialisierung in der Branche unterstützt diesen Bedarf massiv. Die Entwicklung von IT-Systemen gehört sicherlich nicht zu den Kernkompetenzen eines Versicherers, obwohl einige IT-Tochterunternehmen von Versicherern zur mittelständischen IT-Branche zählen. Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung wird der Bedarf nach Standard-Anwendungen noch deutlich zunehmen.

  • 5.3.2 Technische Qualität der Standard-Kandidaten

Die verfügbare Standard-Software hat mit Sicherheit eine höhere technische Qualität als die meisten im Betrieb befindlichen Individualentwicklungen. Die Software-Entwicklung hat sich in den vergangen 20 Jahren von der fast künstlerisch angehauchten Software-Manufaktur zur Software-Fabrik weiterentwickelt. Modellierungs- und Entwicklungsumgebungen gehen nahtlos ineinander über und unterstützen effizient die Herstellung qualitativ hochwertiger Software. Moderne Software ist gut skalierbar und auf unterschiedlichen Hardware- Plattformen lauffähig. Für Betriebs- und Wartungsaufgaben stehen Dienstleister zur Verfügung. Klarer Indikator für die Qualität von Standard-Software ist auch die Tatsache, dass Versicherer bei neuen Produktlinien gern auf die Software-Angebote von Drittanbietern zurückgreifen.

  • 5.3.3 Aktives Marketing und die richtigen Sponsoren für Standard-Kandidaten

Unter den potenziellen Anbietern von Standard-Software finden sich mit SAP und IBM zwei Branchenschwergewichte der Software-Industrie. Beide zusammen haben im deutschen Versicherungsmarkt aber weniger als 25% Marktanteil. Sowohl SAP wie IBM sind bei deutschen Versicherern aktiv und haben Einfluss auf die Entwicklung von Branchentrends. Im Gegensatz zu IBM, das eher im Consulting- und Lösungsgeschäft tätig ist, bietet SAP ein Produkt-Portfolio für Versicherungen. Durch die enge Kooperation mit msg systems verbessert SAP seine Branchenpositionierung indirekt, denn msg steht mittlerweile (2009) auf Rang 2 der IT-Dienstleister-Liste für Versicherer in Deutschland. Insgesamt ist der Software-Anbietermarkt für versicherungsfachliche Software vergleichsweise breit. Auch Kooperationsmodelle der Anbieter und Beteiligungen von Versicherungsgesellschaften an Software-Herstellern tragen zu einem zergliederten Markt bei. Damit sind Voraussetzungen für die Marktdurchdringung eines Anbieter derzeit nicht gegeben.

  • 5.3.4 Verbreitungsgeschwindigkeit

Ein entscheidender Faktor für die Entwicklung eines Standards ist dessen schnelle Verbreitung. Dies gilt für Schraubengewinde genauso wie für Software. Die Einführung versicherungsfachlicher Standard-Software dauert in der Regel mindestens ein Jahr und länger. Parallel zum Einführungsprojekt müssen Prozessstandardisierungs- und Automatisierungsaufgaben bewältigt werden. Das Erreichen einer marktbeherrschenden Position innerhalb weniger Jahre wird dadurch, anders als bei Desktop-Software, merklich verzögert.

  • 6 Quo vadis?

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Der Trend zur Standardisierung in der Versicherungsbranche ist nicht von der Hand zu weisen. Die Ablösung der eigenen Legacy-Systeme durch kommerzielle Software-Lösungen wird bei den großen Versicherern jedoch bis auf weiteres eher die Ausnahme bleiben. Vorerst werden diese den Weg der Individualsoftware weiterverfolgen. Mittelfristig wird Standard-Software weiter an Bedeutung gewinnen und sich von der versicherungsfachlichen Peripherie her kommend den Kernbereichen nähern.

Für Versicherungskernaufgaben sind bei den im Angebot befindlichen Produkten im Hinblick auf ihre technische Qualität keine eindeutigen Favoriten auszumachen. Eine schnelle Marktbeherrschung durch einen Anbieter ist hier nicht zu erwarten, es sei denn der Anbietermarkt durchläuft eine Bereinigungsphase, wie sie z.B. vor einiger Zeit im Dokumentenmanagement-Bereich zu verfolgen war.

Für die weitere Entwicklung könnte Europa von Bedeutung sein. Die Harmonisierung des EU-Marktes für Versicherungen wird die Reichweite vieler Versicherer verändern und das Interesse an Standard-Software stärken. Gleichzeitig bietet der gesamteuropäische Markt den Software-Anbietern eine breitere Kundenbasis. Die Unterschiede beim Einsatz von kommerzieller Software zwischen großen und mittelständischen Versicherern zeigen auch, dass der mittelständische Markt nicht zu unterschätzen ist. Interessensverbände können massiven Einfluss auf die Etablierung von Standards nehmen.

Prozessoptimierung und -automatisierung werden weiterhin die wichtigsten Treiber für die Standardisierung bei den Versicherern sein. Nur durch eine partnerschaftliche Kooperation zwischen Business und IT können die abzusehenden Umbau- und Modernisierungsauf- gaben bewältigt werden. Kennzeichen erfolgreicher Konsolidierungs- und Modernisierungs- projekte ist das klare Commitment des Managements. Alle Unternehmensbereiche müssen dabei mit einer Stimme sprechen. Das bedeutet die Abkehr von spartengesteuerten Pro- jekten.

Die widersprüchliche Haltung vieler Versicherer zur IT muss aufgearbeitet werden: Bei Befragungen gehört die IT zu den Unternehmensbereichen, die als Outsourcing-Kandidaten genannt werden. Gleichzeitig legt man Wert auf den Erhalt der eigenen Kernkompetenzen. Diese Kernkompetenzen können aber nur mit Hilfe einer leistungsfähigen, flexiblen IT an den Markt gebracht werden. Für geschäftliche Innovationen wird die IT in Zukunft an Bedeutung noch zunehmen. Damit ist die Rolle der IT im Versicherungsunternehmen neu zu bestimmen. Die Versicherungs-IT ist aufgefordert, daran aktiv mitzuarbeiten.

Parallel muss die IT ihre Applikationslandschaft auf den Einsatz von Standardlösungen vorbereiten. Das bedeutet, die komplexe Anwendungsarchitektur durch Modularisierung, Schichtenarchitekturen und Schnittstellenkapselung zu strukturieren. Service-orientierte Paradigmen könnten hierbei eine ähnliche Bedeutung gewinnen wie es einheitliche Schraubengewinde für die Industrialisierung Nordamerikas hatten.

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Literatur

Maßgeschneidert oder von der Stange?

Gabler Wirtschaftslexikon; Gabler Verlag, Wiesbaden; 1994, 3096

Gabler Wirtschaftslexikon; Stichwort: Standardsoftware; Gabler Verlag (Herausgeber); online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/56391/standardsoftware-v5.html

Leimbach, Timo; Vom Programmierbüro zum globalen Softwareproduzenten; Zeitschrift für Unternehmensgeschichte; Verlag C.H. Beck; Vol. 52 Nr. 1, 33-56

Statistisches Taschenbuch der Versicherungswirtschaft; Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.; 2010; Verlag Versicherungswirtschaft GmbH

Surowiecki, James; The Turn of the Century; Wired 10.01.; January 2002; online im Internet:

http://www.wired.com/wired/archive/10.01/standards_pr.html

VAA Managementsummary; Arbeitskreis VAA, Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V.; 2001, 5; online im Internet: www.gdv-online.de/vaa

  • 8 Die Autoren

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Birgit Lemken ist bei Detecon International GmbH als Managing Consultant tätig. Mit mehr als 12 Jahren Beratungserfahrung in der Versicherungs- und IT-Branche berät sie vor allem zu IT-Strategie und Prozessoptimierung. Sie ist Expertin für Fragen der Applikationsstrategie und des Application Portfolio Managements.

Dr. Norbert Hövelmanns ist in der Practice Information Technology verantwortlich für das Thema Application Management. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Applikationsstrategien, Application Portfolio Management und Application Lifecycle Management.

  • 9 Das Unternehmen

We make ICT strategies work

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Detecon ist ein Beratungsunternehmen, das klassische Managementberatung mit einem hohen Technologieverständnis vereint.

Unsere Unternehmensgeschichte beweist dies: Detecon International ging aus der Fusion der 1954 gegründeten Management- und IT-Beratung Diebold und der 1977 gegründeten Telekommunikationsberatung Detecon hervor. Unser Leistungsschwerpunkt besteht dem- nach in Beratungs- und Umsetzungslösungen, die sich aus dem Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, engl. Information and Communications Technology (ICT), ergeben. Weltweit profitieren Kunden aus nahezu allen Branchen von unserem ganzheitlichen Know-how in Fragen der Strategie und Organisationsgestaltung sowie beim Einsatz modernster Technologien.

Das Know-how der Detecon bündelt das Wissen aus erfolgreich abgeschlossenen Management- und ICT-Beratungsprojekten in über 160 Ländern. Wir sind global durch Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie Projektbüros vertreten. Detecon ist ein Tochterunternehmen der T-Systems International, der Geschäftskundenmarke der Deutschen Telekom. Als Berater profitieren wir daher von der weltumspannenden Infrastruktur eines Global Players.

Know-how und Do-how

Die rasante Entwicklung von Informations- und Telekommunikationstechnologien beeinflusst in immer stärkerem Maße sowohl die Strategien von Unternehmen als auch die Abläufe innerhalb einer Organisation. Die daraus folgenden komplexen Anpassungen betreffen dementsprechend nicht nur technologische Anwendungen, sondern auch Geschäftsmodelle und Unternehmensstrukturen.

Unsere Dienstleistungen für das ICT-Management umfassen sowohl die klassische Strategie- und Organisationsberatung als auch die Planung und Umsetzung von hochkomplexen, technologischen ICT-Architekturen und -Anwendungen. Dabei agieren wir herstellerunabhängig und sind allein dem Erfolg des Kunden verpflichtet.

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