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Zeitrechnung, Apollo u.

der Orienl 61

westwärts und hat sich in Kleinasien an einen Gott geheftet,


der sich d,er religiösen Regelung des menscl1lichen Leb·ens
besond-ers durch Reinigungen hin.gab, den Apollo. Vermöge
seines Charakters hat dieser Gott sich auch Griechenla:nds
bemächtigt, indem er an verwandte einheimische Glaubens-
sätze anknüpfte. Diese a potiori apolliniscl1 genannte Be,ve-
gung, d,eren werb-ende Kraft in der Forderung YOn slcrupulö-
ser Genauigkeit in d•em Betragen der Menschen gegen die
Götter liegt, hat zuerst die Beobachtung auf den heiligen Tag
des Gottes, den siebenten, und ferner auf .die Bedeutung an-
d,erer M·onatstage gericl1tet, und darum wurden die f,este auf
bestimmte Monatstage festg,elegt. So hat der lunis,olare J(a-
lender zuerst auf dem religiösen Gebiet gesiegt, uncl von d,ort
ist ,er in bürgerlichen Gcbraucl1 eingedrungen.

..

Der Ursprung der Tragödie*

I. DIE l·IYPO"I'IIESEN
[ 609)
Es ist in der eigensten Art der cnt,vicklungs-geschicl1tlichen
Forscl1ung begrü11det, dass sich den Ursprungsfrag,en das
lebl1afteste Interesse zuwendet. Je mäcl1tiger und befrucl1-
tend,er der Strom dahinr,ollt, desto stärlccr regt sicl1 das V er-

Grundzahl leichter durchdringt als die l'v(ultip•eln, die ihre Bedeutung


aus <ler Grundzahl herleiten.
• l-'-0lgende einschlägigen Artikel und \\'erke werden nur 1nit dem Autor-
namen zitiert: \Vilamowitz, Einleitung in die gri,echische Tragödie= Euri-
pides 'l-Ieral<les' 1 Kap. 1-IV; E. Bethc, Prolegon,ena zur Geschichl.e <les
Theaters im Altertum, 1896; W. Schmid, Zur Geschichte des griechischen
Dithyrambos, Progran1m, 1'übingen 1901; E. Reisch, Zur Vorgeschichte
der attischen Tragödi•e in der Festschril't 'fh. Gon,perz dargebracht, 1902;
K. T. Preuss, Der dämonische Ursprung des griechischen Dra1nas in den
N. Jahrb. 1906 XVII; A. Dieterich, Die Entstehung <ler Tragödie im
..\rch. f. Religions,viss. 1908 XI; W. Ridge,voy, 1'he Origin of Trngedy
,vilh Special Reference to Greek Tragedians, Can1bri<lge 1910.

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62 N. Jal1rb. f. l,:lass .. .\ltertum, XX\,..II, 1911

la11g,en, zu •de1· einsam-en Quelle v,orzudringen, der er ent-


springt. Freilicl1 rauscht sie zumeist in dem vierborgenen
Land,e, ,,,ol1i11 l(cin sicl1cre1· Pfad leitet; es bleibt nu.r übrig,
aus diesen und jenen A11zeicl1en Ricl1tungslinien zu ziehen,
••
. die sich vicllcicl1t an de111 r,ecl1ten Pu.nl<t treff.en, vielleicl1t
~-
rl.! ,veit abin·c11. Dcs,vege11 darf abe1· an der Sacl1e 'l1icl1t ve1·-
z,,,.eifelt ,verden; mag der erste V,'!rsucl1 u11d ab,er111als andere
misslinge11, so ,,,irl<en aucl1 die lrrtün1er belcl1rend und fül1-
ren auf den ricl1tigen \\ 7 cg.
7
\\ as (lcn Urspru11g cler T1·agöclie l)et1·ifft, so glaubte rn,a11
bis v·or lrurzc1n allgc1n·ein, class die Frage durcl1 die A11.gal)cn
' . d·es Aristoteles, <lass si a:-ro rC.J,.E~apxovr(1Jv rov bi&t-paµßo,· und
tx rou <1art'p1xoo cntsta11clcn sei, für i111111crentscl1ieden \\'Üre.
l~s zcihTt sicl1 ,1ber, '"··e1111rna11 die geläufigen n1odernen Dar-
stcllungc11 ,·on (ler Entstcl1u11g der Tragö-clie ·nä11cr prüft,
class das clt1rcl1 A1·istotelcs gegebe11e 1:-unda111ent.an u11d fiir
sicl1 zu scl1n1al ist, um darauf eine Ent,vicklungsg-cscltlchte
aufzttbauen, u11(l dcsl1alb clurcl1 Hj·potl1csen ausgefüllt ,ver-
<len 1nt1ss. Es ist ''·On dc111 ersten S.:1tz auszugel1en. \\ 7as ve1·-
stcl1t Aristoteles t1ntc1· Ditl1y1·amb,os? Das V.erdien.st, dies·e
Frage scl1arf u11cl l<la1· gestellt zu l1abcn, gebül1rt \ \lilamo-
,,,itz. \\;en11 clic \\·01·te des Aristoteles nt1r besagen, dass die
"frc1göclic aus clcm lyriscl1en Chorgesang d.cs VI. Jah1·l1·.
stan1111t, c11tl1altc11 sie et,vas Selbst, 1 erstäncllicl1es un,(l nicl1ts
,veitcr; es 111uss also eine Urf.or1n des Ditl1y1·a111b,osp,ostt1liert
,verd,e11, i1t1s d-c1· so,,·ol1l clcr attiscl1c 'I'ragödicncl1•01· ,vie der
Pinda1·iscl1c Ditl1y1·a111boshergeleitet ,verden l(önn-en, u11dz,var
f-olgt, da die Tragödie i111 Gegensatz zum Ditl1yra1nb,os eine
µiµ1101c; ist, dass ci11•e 111i111-ctiscl1e Urforn1 des Ditl1yran1l>os
v•orausges-ctzt \Vircl, die \Vi1· s,onst erst i1n IV. uncl V. Jal1rl1.
unter dem Einfluss des Dra111as ke11nc11.1 Als·o ist scl1,on, u111
den \\'·orte11 einc11 I11l1alt zt1 gebe11, die l1ypothetiscl1e I(on- f610]
st1·ul<tion 11ötig. Dic·s,cr l(o11st1·uklion sucl1t 111an ·ci11e tatsäcl1-
lic·l1c Gruncllagc zu v·erscl1aff e11 durcl1 das Heranziehen der
z,,:citcn Aussage des Aristoteles, dass clie "fragödie EX roß
-:"-
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oarup1xof, l1e1·,·01·gcgc1nge11sei, und der Vita des Arton bei
,..,.::1
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, ' . . 1 \\-ilan10,Yitz a_ n. 0. S. 80 f .
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Der Ursprung der Tragödie 63

Suidas. Die so ,entstandene I<.ombi:nation ist die allbekannte,


dass Arion Satyrn als C.horeuten in den Dithyramb,os einge-
führt habe, dass aus diesem Satyrdithyrambos das Satyr-
spiel und aus dies•em die Tragödie herv·orgegangcn sei. Ob
nun diese Rekonstruktion den Sinn des Aristoteles trifft,
scheint nicht ganz sicher, da sie eine Verquicl<ung von Dithy-
rambos und Satyrspiel ,einführt, um eine gen1cinsan1e Urf.or1ni
zu gewinnen; Aristoteles spricht v,on den vielen µELet13o.\a.ider
Tragödie, von welchen das oa.Lvp1x6v eine ist. Dass diese
µi::ra.ßoAa.i in dem rnodern·en Sinn eines kontinuierlichen Ent-
,vicklungsprozesses zu v•erstel1en sind, scheint 1nindcstens
z\\-·eifelhaft.
über clic Grundlage der Rekonstruktion, die Vita des Arion,
sind Zweifel lautgeworden, deren Berechtigun.g untersucl1t
,verden muss; denn ist der Boden schwankend, so ist es die
Rekonstruktion .auch. 2 Das Hauptzeugnis über .A.ri.on ist die
bekannte Sage bei Herodot I 23 v,on seiner Errettung durcl1
einen Delphin. Sonst ,vird er in alter Zeit nicht erv.,ähnt, un(l
1
keine Zeile v•on ihm ist erhalten. \Vie steht es nun tim die .A.n-
gaben der Vita? Der Vater Kvx.\i::,,c; verrät sich sch·on durch
seinen Namen als allegoriscl1e Persönlichk-cit. Crusius hat
l
bemerkt, dass die axµ11 des Arion einfach aus dem Synchronis- ·1
mus mit Periander erschlossen ist und dass stich•ornetrischc
..\ngabcn aucl1 für die Sieben \Veisen ,vie für ihren l',reund
:\rion gemacl1t wurden und die gleiche Gewähr haben ,ver-
dcn. So wird ,es aucl1 fraglich, ,ob die <larauff.olgenden i\11-
gaben der Vita authentiscl1 sind. Zun1 'feil stützen sie sil'h
auf Herodot und bc,vahren nocl1 ,vörtlicl1e Anklänge an ihn::,
denn dass die Erfindung des Nan1ens auf ihn zurüclcge11t,
,vird niemand b,ez,veifeln können. Lässt sich eine Quelle fin-
den, wol1er auch die überscl1üssigen .A.ngaben hergeleitet ,ver-
<len lcönn,cn, so ist es um die Autorität der \lita geschehen.

~ Schmid a. a. 0. S. 21 und in Christs Literatut·gesch.f> I 205; Crusius


in Pauly- \\-' issowas Realenz. s. \'. Arion.
::; l\lit den vVorten der Suidasvita xa\ np<i>ro:;xopo"ori1ocn ,-.et\ h1&upct~q3oY
tlocn xal. 0 ,. 0 µ aO a I TO 4,hoµE\'O\' \);(() TOU xopoii vergleiche die des I·Ierodot ;
Y.(lt h,O-opaµ13o\' npÜlTO\' a\'&pc/lit(1)\' TO>\' 1i~1Ei':; i'bµf.\' :t011\0Cl\'Ttt.1:E Y.Cll,., ,. 0 µ (t (J (t \.

Ta xn\ h1htt~avret ~\' Kopiv&q>.

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64 N. Jal1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

Dies-e Quelle ist aber eben die P-oetil< d-es Aristoteles. Die
Tragödie stammt aus dem Ditl1yramb-os, also m1uss der Er-
finder cl,cs Ditl1yr.amb-os zwar nicht Erfin.der -der Tragödie.,
aber des rpa:y1xoc; -rp6rroc; sein; das ist eine einfacl1e Scl1luss-
. f.olgerung. Die Tr.agödie ist ferner aus den1 oa-ruptxo,,, ]1erv,01·-
r
"'
. gegan.gen, dadurcl1 ist der ..L\nlass gegebe11, auch in die UrJ'.or-111
r des Ditl1yrambos die Satyrn ·einzuführen.
\\ 1ir l<cnnen den Betrieb, der die Lücl<cn der überliefterung
über die Grassen der alten Zeit attszufüllcn tracl1tetc, irn
l>estc11 l"all mit 1(-ombin.ationen, die v1on den Tatsacl1e11 nicl1t
streng gescl1ieden ,vurd-en, in1 schlin1msten mit Antoscl1edias-
rnen. Ül>cr das ßt1cl1 i.iber Tl1espis, das der 11icl1tun.bedeuten-d-c
P.cripatetil<er CI1.amaileon gescl1rieben l1att.e, äussert Reisel1
a. ·a. 0. S. 473: 'Er scl1eint die A11deutun.gen des Aristoteles (611]
' .
"''eiterges1)on11en zu l1abe11, indem -er die Lücl<en der überlic-
fert1 nge11 durcl1 l(on1binationen ergänzte, diese l(,01nbi11,ati,onie11.
ab,er vielfacl1 nicht als Möglicl1l<eiten, s·on-dern als f-este T·at-
sacl1cn darstellte.' Nacl1 dem Dargelegten scl1·eint dass,elbe Ur-
teil über die leider -ohn-e Ge,väl1rsmann überlieferte Vita des
..L\rio11berecl1tigt zt1 sei11.-1

4 Neuerdings ist aber eine Notiz atis eine1n l(on1mentar eines Jol1an-
nes, &ici.xoYo~ xal. Aoyo{)-~n,c; t1ic; ~1r.yci>.1\c;txx;\1,a{ac;, ztt I-Iermogen•es Iltpt
~t€0ol:lou b€tYot11toc; zwn Vorscl1ein geJ.i:0111men(11,erausgeg. ,·on Rahe, Rl1ein.
1v1us. 1908 LXIII 150 ff.), die d·er Vita die ttrkundlicl1e Bestätigung zu
scl1enl<en scl1eint. Es l1eisst d-ort: tf\c; i'.:>t:tpa· 1q>l:liac;itpwtov l:lpa~ta ' •.\piw,· o
J\.-IE&u~tYatoc;€io1\1 a 1f:\', <ÖO:tF.pLÖA<OYl:v tatc; ~:1tt 1·pa~,o~tivaic; t;.\EyEiatc; ~:l:liba;i::.
6pctXCü\' l:>P.U Aa~l~J(tXJ\\OC, l:lpu,llCL~"T10t 1tp<üTO\' 'A&l\\'l\Ot l:ltbetXÜ-1\\'Ctl
1t0tl\<1Cl\'TOC,
Dieterich urteilt S. 170, dass nien1and die .l\.ngabe <ler I-Iand-
0f:anil:loc;.
scl1rift wenigstens in ßczug auE Solon bez\veifeln wird. Demgeg-enühe1·
mttss man fragen:
... "''as J1at Solon in den ersten Jal1rzel1nten des VI. Jal11·l1.
über clie Tragödie sagen l,:önnen, da TJ1es1>is, der Begründer der Tra-
gödie nacl1 einer üb-erliel'eru11g, clie nun einmal \.vol1l url<uncllicl1 ist, erst
lange Jal1re nacl1 clen1 T-ocl Solons bei clen1 ersten Agon in der Stadt
siegle? N.acl1 1-ler-oclot ist Arion Erfi11der cles Ditl1yramb,os; also müsste
er ttnd alle vergessen 11abcn, dass Solon il1n als clen Url1-eber cle1· T1,a-
göclic bezeic11net l1atte. Es s1>ringt gleicl1 in die Augen, dass, ,vas die
N,otiz aussagt, so in d-en Elegi.en des S-olon nicl1t gest.ancl,en l1abcn kann.
Es ,väre j,a z,var nicl1t ganz unn1öglicl1, (lass SoJ.on et,-.,as über Arion und
'
seine Cl1öre gesagt l1iitte, class er aber l\rion die •erste Tragödi•e l1ab-e
inszen~ercn lassen, lässt si.cl1 111it d,en 1"atsacl1en einfacl1 nicl1t ·vereinen.

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Der Ursprung der 1'ragöclie 65

Es bleiben -also nur die lcurzen Angaben des 1.\risLot.eles; <lie


scl1einbar reicl1ere Überlieferung ist aus ihnen herausgcs1>011-
ncn,e Erweiterung (vgl. Reiscl1 S. 473). Aber auch sein,e An-
gaben sind der Kritilc unterzogen w•orden. Gegen die ..t\.bsta1n-
rnung der Tragödie v-on den V,orsängen1 des Dithyr~n1b,os hat,
lleth,e .a. ,a. 0. S. 27 ff. -eingewendet, dass der tragische Sc:hau-
SJ)ieler nicl1t siel1 selbst aus <lern Cl1or l1abe herauslösen lcön-
ne11 und dass, gesetzt, die Tragödie "väre nur eine Fort.bildu·ng
des -clit.hyrambischen Chores, sie sich zu eine1n Sings1)iel habe
ent"''iclc-cln müssen. Der Einvvan<l ist schlagend und l(a11n
niel1t .entlcräft-ct werden. Das Nebcncin.an,der von gesp1,oc:hc-
n.cn Versen in attiscl1em Dialelct und gesungenen in der dori-
[612) sicrenden Spracl1form der Chorlyrilc ist i111n1creine cr,,x in-
terprottzm gewesen, die unten n-ochn1als bes1>r-ochen v.1 erde11
muss; es z·eigt sicl1 daraus, dass -eine ausschliesslichc I·ler- ,'

leitun.g der Tragödie aus dem Chorgesang nicht möglicl1 ist. '
Der zweite Punlct, EX TOU O'a.Tup1xouf.l€Ta.13aAEiv,\.vir<l allg-1..:- '

mei11 so verstanden, dass die Tragödie aus <lern Satyrspiel


f.
t
Solon "vird sich für die Urgeschichte der Tragödie noch nicht intcr.essiert

haben. Aber auch die Möglichkeit eines nai,en 1-Iineinle.gens di,es,es Sinnes 1
in die \Vorle Solons ist v;eniger wahrscheinlich als die, dass eine dreiste
Fälschung vorliegt. Der zweite angeführte Gev;ährsn1ann, Drakon aus
'J
Lampsakos, ist sonst unb-ekannt; es kann \\'Ohl nicht <le1·bekannte Stralon
aus Lampsakos gemeint sein, der sich vorwiegend mit Physik befasste.
über die Entstehung der Komödie berichtet Johannes die auch andct'•
\Yeitig bekannte Geschichte von Susarion und seinen1 albernen Urteil
über die Ehe. Grössere Gewähr kann auch cJem Bericht über den Ur-
sprung der Tragödie nicht beigemessen werden: ~r zitiert Aristoteles und
spinnt nur den Gedanken weiter aus, den ,vir schon in der Vita des
.<\rion gefunden haben. Ist die Tragödie aus dein Dithy1'a1nbos entstanden
und ist Arion der Erfinder des Dit.hyrambos, so ist er auch der Scböp.fe1·
der Tragödie. Nun erzählen Plutarch S-01. 29 und Diog. La. I 59 die
bekannte Anekdote, die Solon einer 1\ufführung von Thcspis zuschauen
und sein verwerfendes Urteil darül.:er aussprechen lässt. An die 1\uthcn-
lizität des Geschichtchens wird wohl nien1and 1nehr n1it ßergk, Lit.-
Gesch. III 256 und Ridgeway S. 58 glaul:en; es ist, wie die Pointe zeigt,
\'On der Richtung erfunden, die den schauspielerhaften Vortrag der (;e-
richtsredner missbilligte. In dein Zusammenstellen ,·on Solon und Thespis
liegt wohl der Anlass jenen als Zeugen für die aus den Angaben des
1-lerodot und des Aristoteles herausgesp-0nnene lJrpre1nic1'e <l-es Ari-on
anzurufen.
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66 N. Jahrb. f. lclass. Altertum, XXVII, 1911

her, 1 orgegangen sei; Gomperz übersetzt zwar unter d,er Zu-


stin1mung von Reiscl1 S. 472 'aus ein,em sat)rrspielartigen Ur-
S]Jt·ung', cler Unterscl1ied ist aber pr.al<tiscl1 nicht von gl'losser
ß,cclcutu11g. Diese Frage ist l<•ompliziert w·orden durch clen
Nacl1\, 1 cis, dass v.:cnigstens in der zweiten 1-Iälfte des V. Jal1rh.
die Cl1-oreuten des Satyrspiels als Halbgäule, die Silene g-c-
nannt w•erden, k,ostü1niert \-Varen. iVIan 1nusste alsio eine
Ül)ertragung .anncl1men: bei der Aufnahme des d·orisch,en, von
.. b·ocksgestaltigen Choreute11, den Satyrn, aufgeführten Spieles
,,,u1•d.en dies·e durcl1 clie l1cin1iscl1en Pferd,edä1n·onen ersetzt,
auf di,es,e ab,er der Na1ne clcr Bocksdäm,onen üb,ertragen. 5 Aber
.'
aucl1 clieses ziemlich allgemein angen,omm.en•e Resultat htilt
der ,eingel1ende11 Prüfung, der Reiscl1 es unterz·og-en hat, nicht
stan<.l. Er l1at sch,,,.cr,,·iege11de Gründe dafür beig-ebracht, dass
im VI. '\vie im IV. Jahrh. Satyrn und Silene als w,esensver-
v.:anclt galten, und dass der pfe1·desch\.vänzige Typus der
Cho1·euten den Attiker11 ,..on altersl1er t1nter dein Namen der
s~1t) rn gcliiufig '\Var. l◄'olglicl1 sind die b,ocksgestaltigen
1 Sa-
t,y·r11aus d-er \! orgescl1ichte der Tragödie auszuschalten, ,vie
es at1ch Reisch ausgefiil1rt hat. Nacl1 ihm ist die Tragödie
eine einhein1ische attiscl1e Schöpfung, die älter ist als das
erst in nachpeisistratiscl1er Zeit bezeugte Satyrspiel (Prati-
nas). 6
So ist die Tatsäcl1lichkcit der 4!\ristotelischen Ang,aben
,·011 bedeutenclc11 f,orscl1er11 mit 11icht leicht abzufertigenden
Gründen ang-ez,,·eifelt ,,·01·den. Reiscl1 sagt S. 472: 'lnwie'\veit
freilich überhat1pt Aristoteles zur Beurteilung der ,·,oräschy-
leis<.'l1c11'l'ragöclie 11ocl1at1srcichencl,es i\lI,1terial zur \lerfügu11.g
sta11cl, ,vic,vcit seine 1-\11gaben darüber auf bl,ossen Kiornbir1,1-
tione11 bert1l1en, ,,,ird sich ,v,ohl niemals entsch-eid,e·n lassen.'
.. .. Nien1ancl ,,·i1·d ,,·ol1l aber bel1at1pten, dass ihm url<undlicl1cs
. r:•.
' .:~
..
r :

. .•.•

.....
'.'
r .. ;i\\.ilan10,vitz S. 82; \\.'ernicl~e, l·lern1es 1897 XXXII 290ff.; llartwig,
~.
• , .. , j
·~
~,
.. ~

'
~.
l{örn. \litt. 189i XII 89 ff. [; l•'. l3ro111n1-er,Satyroi, Diss. lvlüncl1en, 1937].
t.i Schn1id a. a. 0. S. 19 ...\. 2 t1. in Cl1rists Lit.-Gescl1. 0 I 247 A. 3
hebt ferner l1er,·or, class die 1-Icrleitung der Tragödie aus dem Satyrspiel
dem aus clen1 Ditl1:yran1bos ,,·iders1>ricl1t; freilich l1at man den Wicler-
, .
• .• .
sprt1ch scl1on in1 ...\ltertt1n1 auszugleichen Yersucl1t clurcl1 das Einführen
..
des Sat~·rchors in clcn l)ith~·rnn1hos des ...\rion, ,vo er nicl1ts zu tun l1at .
.'. : ....
.

.
.•.

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Der Ursprung der Tragödie 67

Material oder alte Überlieferung über den \\Terdegang der


Tragödie in der Zeit vor Thespis zur V crfügun.g stand; in
dieser Zeit musste aber der Übergang von dem Dithyrambos
d.es Ari,on zu dem, was eine Tragödie genannt ,verd•en l<onnte,
sich vollzogen hab,en. Aus alledem wird d,er Schluss unver-
meidlich, dass die beiden Angaben des Aristoteles l<eine auf
urkundlichem Material od,er alter Überlieferung bcrul1en<lcn
Tatsacl1en, sondern auf gewissen Beobachtungen aufgebaute
Hypothesen sind, die er wie jeder Forscher i1n V,orüoergc]1en
kurz anzudeuten das Rec]1t ]1at.
Aristoteles, wie sch,on Thul<ydides, v.•usste sehr ,v,ohl 1nit
d,cr Meth,od,e der stiruiv.als zu arbeiten. Er l<annte die l.>hallo-
pl1orie 1nit ihren Zoten und persönlichen Necl<ereien, ,,·ie sie
11;131
z. B. Semos von De1os schildert i, aus vielen Stii<lt,en, uucl
scl1loss, class die l(,omödie, w,orin der Pl1,allos eine gf'osse·
Rolle spielte, aus jener entstanden war. Ebens,o l<annte er <las
Satyrspiel als ein d,erberes Seitenstücl< der Tragödie, das, als
der Gcschrn,acl< verfeinert wurde, .alln1ählicl1 abhanden l<an1
und durcl1 ein,e leise burlesl< abgetönte Form der Tragödie,
wie die All<estis, ersetzt wurd,e. Ergab sicl1 nicht daraus der
Schluss, dass die Tragödie einmal durcl1 dieselbe \\ 1andlu11g
aus d-cm Satyrspiel entstanden war, <las sich, ,vie .alles Alt- ·
ül>erli,eferte, nicht mit einem ~1al \'erdri.ingen liess, sondern
nocl1 ein·e Zeitlang neben dem v,olll<-01111ncnerenSchössli11g
herging? \\t'as den Dithyrambos betrifft, s,o ist es nicht 1nüg-
lich, zu entscheiden, ,ob Aristoteles d,en neuen Dithyra,nb·os
sein-er Zeit, der mimetische Anwandlungen hatte, oder den
allen im Aug,c gel1abt l1at. Die Venvandtschaft z,vi~chcn
diesem und b·es-onders den ch,orischen Partien der 'l'ragödie
lag so auf der Hand, dass, da die Chorpartien ausserdern, je
älter die Tragödie war, eine desto grössere Roll,e spielten, die
Ansctzung d-cs Ditl1yrambos als Quelle der Tragödie \,\'•Ol1l
bcrccl1tigt erscheinen konnte und ber,ecl1tigt ist.
Die ..<\.ussag.cn des .t\ristoteles üb,er den Ursprung der rfra-
gö<lic sind also Ilypotl1esen, die auch ~vir zu prüfen bcrccl1-
tigt. sind; jedenfalls können die von ihm angezeigten Quell·cn

7 Bei Athen. XIV S. 622 B ff.

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11 N. Jal1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911


1

:

clcr 'I'1·agödic nicl1t ausschliesslicl1e Geltung bea11spruel1c11.


D.1ss die Sacl1e so stel1t, ist mit d-en Cr\-vähnten Ausnal1111en
,,·e11iger clurcl1 l<riliscl1e Bcl1andlung der fraglichen Stclle11
.1ls clurcl1 positi,·c l;--orscl1ung anerkannt "';ord,e.n, die neben il1-
11c11unc] üb-er sie '"·citerzudringen tracl1tet. Die religionsge-
S<.'l1icl1tlicl1eßctracl1tt1ng der tatsäcl1licl1e11 Anlehnung der Tr,1-
göclic a11 d<.•11Dio11ys,osl<ult l1at clcn ..\nstoss gegeben, und
1

'

s<.·l1on lii11gst 11at l(arl Otfried ~-'lüller den I(eim der Tragödie
!
1 .
i11 cle1· u11111ittell)arcn J<~inl1citder Dion,·s•os,·erehrer
., 1nit il1rcn1
'1 •
(;ott t111cl<.lcr N,1tur, clcren \\:,1ndlungen in den Leiden des
'
1
(~ottes sicl1 ,,·iclc1·spiegcle, mit beredten \ \ 7orten aufzuzeigc11
t. ,·<.•rst1cl1t. ~
I·:s l<o1111te11icl1t ,1usl)lcibc11, dass clie ,·erglcicl1ende ctl111-o-
l(>giscl1c F orscl1ung, clie über die altgriecl1ische Religion so
,·iel Licl1t ,·crbreitet l1at, aucl1 in dieser Frage n1itred·cn ,voll-
te. I·:tl1nologiscl1e J>,1rallele11 zu den dran1atiscl1cn 1\uffül1-
1·t1nge11gil)t: es in I-Iülle und I•'ülle. Vermun1mungen und i\1as-
l(cn ti111z<.'s1>iele11 gcracle in dein Kult der primiti,·en \,'ölker
i.illcr,111<.·inc l1öcl1st l>edcutcnde Rolle . ..-\bcr jene :\ leth-odc soll- 1

te i111111cr111itclc11113e,,·11sstsein il1rer 11atürlicl1en Grenzen an-


gc,,·<.'n<lct ,,·erclcn, \\.'::ls ich bei meiner l)isl1erigen ..\rbeit auf
cl~111(;clli<.·t. clcr Rcligions,\.·isscnscl1aft ,:ielleicl1t aussprechen
cl::1rf, ol1ne l'i11cr \ ·oreingcnommenl1cit gegen sie ,·erdäcl1tigt
ztt ,,·erclL'n. Sie l'usst auf der ..\nn::1l1n1c einer gleichartigen
ps~·cl1iscl1L'11\ ·era11lagung cler ganze11 1\·lcnscl1l1cit; d,1rauf be-
..
. '••··
..
rttl1t. es, cl.1ss sie nur für primili\·e \'crhältniss•e Geltung l1a-
llcn k,11111,<lie in ~lcicl1artiger Gestalt hi\ufiger und bei ,·er-
~cl1iedene11 \ ·ölkcrn ,,·icclerkel11·en. \ \ ·ie ,,·eit dieses Gebiet
attszuclel1nc11 sei, clarüber liisst sich freilicl1 oft in den Ein-

z<.·lfiillen streiten; grunclsi\tzli<.·h liegt jene Begrenzung in der
cig<.'nsl<.'tl
'
~,1tur cler i\lctl1oclc ei11gcscl1losscn. Eine über die
~

• pri111iti,·c11 \ ·l'rl1i1lt11isse gcclicl1e11c Kultut'cnt,,·icklung ist im- 1t,14}


• n1c1· clt1r<.'l1l'inc l)ifferc11zicrung eingct1·eten, die bei den i111
\ ·crgleicl1 n1it clen zt1rückgel)licl)e11e11 rc<.·l1t ,,·enigen l(ultu t·-
u11cl I·I,1ll)l<t1ltt1r\·ölkcr11 der ~:rcle, die il1re l(ultur selbstiinclig
<.·11t\,·i<.·l<L'll
l1::1l>cn,11ic in clcn gleicl1c11 IJi11ien ,·crlaufen ist. r\11

.;; ~- (). \lüller, (;esch. d. (;riech. l.iteratur1 I 4~1 ff.


1 •
1

'
'

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Der Ursprung der Tragödie 69

differenzierten Zuständen versa.gt die Methode, \.V•O es sicl1


eben nicht um überbleibs-el aus dem primitiven Zustan<l-e han-
delt - höchstens kan.n sie unverbindliche Analogien liefern
--, und wenn sie trotzdem bei solchen angewendet '\.vird, vcr-
stricl<t sie sich in Irrtümer. An diesen1 Grundfehler lcranl,t
der V-ersucl1 v•on Preuss, den däm,onisehen Ursprung des grie-
chisch-eo Dramas aus 1nexikaniscl1en Par.allelcn zu erlüuter11;
auf das einzelne einzugehen gestattet der Raun1 nicht; ich
l<ann mich nur an das scharfe Urteil Dietcrichs S. 195 durch-
aus anscl1liess,en. 9
Einen quantitativ und qualitativ bedeutenden Versuch, der
Ursprungsg-escl1ichte der Tragödie nachzugel1en bildet das
ßucl1 d,es b.erüh·mten Cambridger Archäol-0gen Ridgc,vay. ?VJit
de!Jl Abw,eisen der Ansprüche des Dithyrambos und des
Satyrdr.am.as m.acl1t •er ,es sich etwas zu leicht; überhaupt ,vcr-
<l-en zum Scl1ad·en der Sache die deutschen Beiträge zur t:r-
forschung der Frühgeschichte des Dra,mas lcaum berüclcsich-
tigt; sonst hätten sicherlich einige Pfloblemc schärfer und
lclarer gefasst und v-or allem die literarische Überlieferung
vollständiger b,erücl<sichtigt und besser beurteilt werden l<ön-
nen. Die Hauptthese Ridgeways ist nun, dass bei vielen 1-Ic-
roengräl)ern mimetische Tänze a·ufg;eführt wurden, ,vas er
durcl1 ethnologische Parallelen zu erhärlen versucht, dass
sielt d-er Dionys,oskult jener 1-IeJ'loenlculte sa.1nt ihrer 1ni1nc-
tiscl1en Tänz-e bemächtigt l1abe und dass die in der Tragödie
häufig-eo Gräber, l(lagegesänge und Gcs1>enst-el'erscheinungen
s11rc-iv.als aus d·en zu El1l'en der Hel'oen veran stal tcten Au [-
führungen wäl'en. So lebhaft ich von der Richtiglceit des lei-
tenden Gcdan•lcen•s, dass der Ursprung der Tragödie in dein
lier,oenl<ult zu suchen ist, überzeugt bin, so sehr 1nuss ich
jcclocl1 im •einzelnen zu jeder dieser Behauptungen Bedenl<:cn
äusscrn. Es wurden zwar sicherlich von Gesang begleitete
'J'ä11z(' im Heroenl<ult aufgeführt, w,ov,on unten 1nehr zu sagen
sein wird; dass diese mimetisch waren, dafür steht der Jlc-
9 Die panbabylonischen Phantasien von C. Fries über das Zug1nukfest
auf Scheria und· den Ursprung des Dramas (lVIitteil. der Vorderasiatischen
Gesellschaft 1910, H. 2-4) möchte ich nicht n1it grausarner und versläncl-
nisloser }land stören.

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70 N. Jal1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

w,cis aus; den11 dass die· rpayLxoi xopoi des Adrastos in Si-
1<.}'•0tl, ,v-clcl1e die Hauptstütze Ridge\vays bilden, mimetisch
,var,en, liegt l{ci11eswegs in den \V,orten Herod,ots, sondern
11111ss ,erst l1in-eingelcgt ,verden. 1 0 Viel v,orsichtig,er ist Sclunid;
''.
j..
i11,Jc1n et' die !•rage aufwirft, warum der Ditl1yramb,os, der
lloc11 ~1ls Dionysosl1ymn-os 11ur dionysischen Inhalt gel1abt ha-
ben l{ann, d-ocl1 l1er,oiscl1en Stoff behandelt, der mit den1 Dio-
11ysosl<ult zur1äcl1st nichts zu schaffe11 hat, s-ondern zu dc11
J,ulte11 de1· ei11zcl11en Her,oen gel1ört, gelangt er, aucl1 auf die
.

rpay1xoi xop<>i des Adrastos sicl1 stütz,end, zu dem Ergebnis,
class clic 111usiscl1en Darbietungen an den Eri11n-erungsfesten
<1cr I·lcr,oc11 clurcl1 das absichtliche Eingreifen der Tyrann,c11
i 1n V l I./V 1. J al11·l1.zugunsten d,es v,oll<stü1nlicl1en Dionysos- [Gt5J
l~ultcs 1nit clicse111 verbunde11 ,vorden seien: er scl1altet also
clen I-f-eroe11clitl1yra1nb,osals ~Iittelglied Z\-Visch-en Epos u11d
'J'ragödie ein.
Di,e für 111i111-etiscl1e Tänze i111Grabl<ult ,,on Ridge\-vay ange,-
f ül1rte11 ethnol,ogiscl1en Parallelen sind n,och ,veniger bewei- •

sen<l. D-e1·Scl1luss des Be-o\-vulf spricl1t nur v,on eine1· Toten-


l<lage t1nd ci11em feierlicl1en Umreiten d,es Grabes und wird
-.
aucl1 dafü1~ richtig von Scl1n1id zitiert. Gröss,ere Bedeutung

legt "''ol1l aucl1 Ridg·e\-vay s-elbst den pri111itiven Dram-en asia-
tiscl1-er Völk,er bei, \\ e}chen er ein besonderes Kapitel widmet,
7

ab-er ,einscl1lägig sind aucl1 diese Beispiele nicht. Das lan1ais-


tisch•·~ D1·an1a stellt deutlich die der Seele dvoh-enden Ge-
fal1ren und die Errettung daraus dar und hat mit ,dem T,oten-
l<ultus eb-ensowenig zu tun '\Vie die Auffül1rungen d,er christ-
licl1en Heilsgescl1ichte, at1ch \\'enn T-ot-engeister sich· unter
den Auftreten-den befinden s•ollten, ,vas nicl1t d-er Fall zu sein
scl1eint. Das ausfül1rlicl1 bescl1riebene \ \ 7eddal1dramia ist ein-
facl1 ei11 J~1gdtanz. 11 i\1lin1etische Darstellungen der von Ridge-

lODer tcgeatische l(ult, in dem Ske1)l1ros auftritt, ist l,ein 'l'olenlcultus,


s. r11eine Gricch. l•'cste S. 16G rr.; 1:arnell, Cults or tl1e Creek: Slntes \l
231 ..!\.. o.
• .
..

11 Es scl1einl inir n1erl,"vürclig, dass Ridge\'vay clies l1at ,,erkennen
II. können. So",·ohl Zeren1onien "vie W-orte zeigen so deutlicl1 wie sonst
Aiä. • • ,J '
selten, class das (;anze clie Sicl1ert1n,g von Jagdbettle llezweckt. Der ge-
lehrte .\ntl1ropologe l{i<lge,Yay ,,·ircl sicl1erlicl1 ,vcit mehr BeisJ>i-el-e als

...
.•..
.
.
•' 1 •
•• •

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Der Ursprung der Tragödie 71

~·ay postulierten Art komm·en als Schluss der Bestattungs-


zerem,onien wirklich auf den Torres-Straitsinseln v,or 12 , aber
ein vereinzeltes oder einige ,venige Beispiele sind hier nicht
bew·eiskräftig. \Vieviel einfacher ,värc der \Veg, wenn wirk-
lich der griechische Totenkultus ein mimetisches Elen1-ent ge-
habt hätte, aber er ist nicht gangbar. \\lir ,verden unten auf
die Tänze u. dgl. im Totenkultus zurückkon1men.
Für den zweiten Punkt, dass der Dionysoskultus den He-
rocnkultus aufgesogen habe, \-Vird als einziger Bevvcis ange-
führt, dass es im griechiscl1en Theater zwei l(ultstätten gab:
auf der Orchestra d<en Altar des Dionysos, die Thy.mclc, und
auf d,er Bülmc einen Bomos mit einem Opfertisch, 'den lc,oni-
schen Steinpfeilern äh1tlich, die vor den Türen auf der Strasse
standen und später Apollon Agyieus benannt ,vurden, aber
wahrscheinlich,er Grabsteine ,varen' (S. 47). Um von der ßüh-
nenfr.age nicl1t zu reden, ist es klar, dass Pollux an d•er hier
allein in Bctracl1t kommenden Stelle IV 123 ,•,o.n ein•em b,eson-
doers für die jüngere Bühne, deren Hintergrund eine Hausfas- ;

sade d.arstellte, typischen Sctzstück spricht, <las zu dem Thea-


ter gar keine feste Beziehung hat. Die Frage kann übrigens
nicht so äusserlich abgetan ,verden; griechische l(ulte pflegen
nicl1t zu verschmelzen, ohne dass es z,vischcn ihnen Anknüp-
fungspunlcte gibt.
Ebensow,enig ist der dritte Punl<t, so äusserlich "vie er g•c-
fasst ist, bew•eisl<räftig; Totenklage, Grab, Erscheinungen der
ftil6) Verstorbenen sind in der Tragödie s,o l1äufig, weil in ihr in1-
mer die Rede v,on N,ot und Leid und Tod ist, \.vas sch•on Aris-
toteles als ihre eigenste Natur betrachtet l1at (vgl. u. S. 624);
wol1,er l<ommt aber diese Grundstimmung, die selbstverständ-
ich für die bekannte Tatsache anführen köunen, dass der Zaube1-.e1·über-
all und ganz besonders in 1-linterindien, in dcrn indischen Archipel und
auf den Inseln Ozeaniens seine Zauberkraft dadurch erhält, dass ein
Tolengeist bei seinem Auftreten in ihn eingeht.
1 2 Die Tänzer stellten die Geister der kürzlich verstorbenen Frauen
und J\,länner dar und ahmten sie in il1ren l\tlanieren und ße\vegungen
nach; sie ,varen dabei sch,varz bemalt. Iiaddon, Reports of the Cambridge
Anthropological Expedition to Torres Straits V 252 ff.; vgl. denselben i~
..\nlhropological Essays f-0r E. ß. Tylor, Oxford 1907, S. 180; Arch. 1.
Religi·onswiss. 1907 X 141 f.

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72 N. Jal1rb. f. lclass. Altertum, XXVII, 1911

lieh aucl1 i11 )\uss•erlicl1l<eiten ihren Aus-drucl< findet? Das ist


d,er springend,e Punkt.
V,on s,olcl1,en .auf ungenügender Berücl<sicl1tigu11g d-er litc-
ra1~iscl1,enOb,crlieferung und der phll,ol,ogi.schen F,orschung be-
rul1,end,en Mängeln ist - was natürlich nicht bes,onders 11er-
v,orgeh,ob,en zu werden braucht - die Arb,eit frei, die der
gr,osse Förd,erer der religionswissen.scl1aftlich-en F,orschung,
Albr.ecl1t Dictericl1, bei sein-em allzufrühen T,od,e hinterlassen
l1at. Die Sätz•e des Aristoteles nimmt -er an, aber in \Virl<licl1-
l<,eit genüge11 sie il11n nicl1t. Das V-erständnis d-er Tierv-erl<lci-
dung sucl1t -er durch den Vergleich mit Vermummung·en und
Mask,enaufzügien b·ei primitiven Völl<•ern und in län<llicl1en
Bräuch,en zu g,cwinnen. Es heisst w,eiter: 'Die tierisch·en Tkin·•
zer aber um d,en Gott, die Bocl<stänzer v,or allem, die '\rVir
oben erwähnten, die um den Seelengeleiter Herrn-es, um die
aus d,er Unter\-v,elt emp·ork,om1nend,e K,ore oder Pan.d:ora ,ocler
P,ersepl1ass.a tanzten, sin.d die Geister s,elbst, sind die T,otc11.
Dass das F,est, an d,cm sie tanzten und un1gingen, das Fest
d,er Seelen \\ ar, ist •a1n deutlichsten am alten Di,onys 0s.f,este
1 1

in Atl1-c11, c1cn A·n·th-csterien, d,en1 Blum,e·nf.est und zug],eicl1


·• '
Allerseelc11' (S. 172). 'Di-011ys•osselbst ist d,er 1-Ierr d,cr Seelen,

an sei11em F-este gehen sie um. Sein Tl1ias,os sind eben die
Seelen' (S. 173). Dazu beruft er sicl1 auf die Epipl1anie cles
Dionysos bei dicsc1n Fest ( d. 11. den A11tl1esterien) in .d,em
c,a.rnus naL'alis, um d·c11Tl1-cspiskarren zu erl(lären. 13 Aber -c1·n
clcm allge1ncinen Totenfest dürfe clie T,ot,cnklage nicht fehlen.
Daraus, dass das SJ)iel an clc1n Heroenfest erwucl1.s, sei es

l3 So frül1er ßell1e S. 45 fl'. \V•enn ich also clas ßemül1en den 1"11es1)is-
l,arren ,,vieder Zll El1ren zu bringen nicl1t anerl,ennen 1,ann, so glaub,e icl1
<locl1 z11 \\'issen, wol1er er geko1nn1en ist. Die bekannte Gl,osse über <lie
an d·en Lenäen und Cl1oen gerissenen z~ten, tu l:x t(Öv ciµci~w,· axcoµ~tata.,
stcl1t b-ei Suid.as, Pl1otios unll Apostolios; Sui,<las s. v. t:~ aµci.~T\C.s1>richt
von agonistiscl1em Vortragen scl1erzl1after Gedicl1te, llie von cle111 \Vagen
.; herab gesungen \vurcle11; Scl1ol. zu Lul,ian, Eunucl1. 2, rla1 1>0l,r. s. v .
1

.' itO~titEicic. tmd ApJ>. 1>roverb. IV 80 scl1reiben jene S1>äss•e den Dionysien
ll·
ol1ne Unterscl1ied zu. Der rf'l1es1>iskarren ist in Wirlclicl1lceit nur cler
1 \\'agen, at1f clem bei Suillas s. \", t:~ ci~tc't~11c.die Sänger Platz haben, i11s
1 Tragische übersetzt; jen,er Gesang von cle1n \Vag-en l1erab in der diony-
siscl1en l„est1>rozession macl1te sicl1 ganz gut als Urform des Dramas.

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Der Ursprung der Tragödie 73

zu erl<lä.ren, dass der Thren,os ein feststehender ßcstan•dteil


der Tragödie ist. Ein zweiter ist die Peripetie, die 1nit der
P.crip,etie der eleusinischen Mysterien, dem Übergang YOn der
Trauer des Suchens zu der Freude des Findens, zu verbinden
sei; b.es,onders durch ,\schyl,os werde eine Einwirlcun_g der
besteh-enden Liturgie von Eleusis auf die \verelende l,iturgic
des Dionysosfestes \.Vahrscheinlicl1 stattgefunden haben; in
beiden )1andelt es sich um ein .i.\ition. 'Die Liturgie, die in1
Kulte und Ritus gebunden ist, sozusagen im pralctischen reli-
giösen Gebraucl1, bleibt im \.vescntliehen i1n1ner dieselbe; lang-
sum, in langen Zeiträumen, gehen \ 1erändcrungen, \·erlust uncl
Zuwacl1s vor sich. Die Umsetzung der Liturgie ins ,veltliche
Kunstwerk ist die erste Ent\.vieklung der attischen Tragödie.
Die --y.r,erd,ende Liturgie des Dionysosfestes \.vurcle ,vohl in
Atl1en eben damit, dass fremdes, als Dithyrambos freies
[617] Kunstwerk li.ereinkam, was sich an den Namen des TheSJ)is
knüpft, von den unmittelbaren Banden d-es Kultes befreit uncl
ist zunächst 1nit all dem l\1umm,ensehanz und Tierlcult, den
die volkstümlichen Bräuche ähnlich at1ch längst gehabt hatten,
beinahe völlig ins Burleske hinübergetrie~n. Anclere alte llc- •
i

gehungen des Festes, wie die Totenklage, n1aehtcn n,och ihr


Recl1t und ihre alte Kraft geltend: der t►p11voc; drang ein und
gestaltete sich künstleriscl1 \.Veitcr' (S. 190).
Die summ.ariseh,e \ \·'iedergabe \.vird, obgleich ich zumeist
Dietericl1s ·eigene \\ 1orte benutzt habe, dem frisch und leben-
dig geschriebenen Aufsatz nicht gerecht, er ist aber deutschen
Lesern wol1lbekannt. .i\ber ,vieder n1uss ich ,vidersprechcn
und zwar aus religionsgeschichtlichen Bedenken. Der Krater
mit d,em Aufstieg der Pherophatta 14 ist ein Yicl zu vereinzeltes
und nicht unz\veideutiges Beweisstück, un1 dadurch die Sa-
tyrn, w,elch-e, wenn irgend et\-vas bündig bezeugt ist, Nalur-
däm·on,en sind, zu Verkörperungen der \'crst-0rhenen 1nachcn
zu können; in der volkstün1lichen Religion clurite sogar l)io-
n_ysos als Herr der Seelen eine wenigstens sehr beschriinl(te
Geltung haben.15 Dafür kann auch nicht die Verbindung des

l4. Archäol. Anz. 1893 S. 166.


l:, Die Gleichstellung von den ünterir<lis('hen und den Vegetations-

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74 N. Jal1rb. f. klass. Altertun1, XXVII, 1911

dionysiscl1,en F,estes und der T,otenfeier in den Antl1estericn


angefiil1rt ,v,erden; denn an der T,otenfeier .der Chytren ,vurde
nicht d,em Dionysos, s,ond·ern nur d,em chtho.nischen 1-lermes
geopf.ert. 16 Als,o ·eine ,.-,onT,otengeister darstellenden S.atyr11 nn
cin,en1 dionysiscl1,en Fest aufgeführte 1"'.otenl<lage, die sie zu-
gleicl1 über sich selbst, da sie die Toten darstellen, ,111gc-
sti1nn1t l1ab,en müssten, ist unde11l<bar. Es l<o111mtaber n,ocl1
ei11e anclere U111nöglicl1l<eit hinzu. Dies·e T,otenl<lage sollte ar1
cl•en A11tl1,este1·ien stattgefunden hab·en, die tragisch,en AL1f-
fiil1runger1 sind ab,er an das Fest des Dionysos Eleutl1,c1·ct1s,
die gross,en Dion)rsicn, gebunden. Es müsste also .eine Übc1·-
tragu11g stattg,efund.e11 l1abe11. Aber wer die Beständigl<eit des
F,estrituals 11nd der Festsitten kennt, '\Veiss, '\vie bed•enklich
es un1 eine Hyp•othese steht, die die Verlegung ein,es Teil€s
d,cs Rituals ,,on d,c1n •einen Fest zu dem and·eren zur V101·,1us-
s·etzung l1at. Ein·e solche bedürfte v,or .allem d,es büncligc1t
Bc\v;ciscs. Es l<on11nt '\-v,ol1l v!or, ,obgleicl1 selten, dass die
Bräuche eines Festes d·enjenigen ein,es anderen angeglicl1c11
""·c1·den, eine Verlegu11g v\·id·ersp1·icl1t abe1· d.em .ganzc11 Geist
der Ritc11. Dazu l<on1mt l1ier, dass die _gross•en Dionysic11 ci-
g,ens fü1· clic dra1natiscl1e11 Auffül1rungen eingericl1tet w·orc),c11
Zlt sein sc·.11,cincn.\\ 7~ire die Tragödie i11 der Totenfcic1· clc1·
A11tl1,estc1·ie11aufgel<o1nmen, ,värc sie aucl1 i1run•er clo1·t gc-
bli,cb,en.17
Nun l1abc icl1 vor ·ci11igc11Jal11·c11 in eine111 de11 "vc11igstc11 (tilS]

geislern ist in clem U111fange, i11 clem sie besonders in der clet1tscl1,en For-
•• scl1ung beliebt ist, 11icl1t at1frecl1t zu •erhalten. Dass aucl1 clie Sat) 1r11
1 'cl1tl1oniscl1e' vVesen sincl, ist eigentlicl1 nur eine J(onsequenz dics•er .An-
f.

scl1at1t1ng, die n1an sielt jeclocl1 vor Dietericl1 zu ziel1en gescl1 eut l1at .
lG A1c,,·uo<p in de11 Scl1ol. zt1 ..\risto1)l1. Acl1. 1076 un.cl Suidus s. v.
Xtirpo1 ist ol'fenkt1ndige Inlert)ol.ation; s. 1nei11e Stt1dia de Dionysiis atticis
S. 131. [G•escl1. d. griecl1. Rel., I_. S. 561 A. 4.]
17 Mit eiern J1ier Ausgefül1rten stel1t es natürlicl1 nicl1t i11 \,\.:iJers1>rttch,
class sicl1 in späterer Zeit dra1natiscl1-e St>iele an 11icl1t-ntlischen A11-
tl1esterien finden wie in Kyzil(os CIG. 3655 Z. 20; d.a clie S1>iele an ei11
•• Dionysosfest angel(nil1>ft '"'erden mt1ssten, l1at 111an, ,vo !,ein n11clcrcs
1 ' passte, at1cl1 clie .:\.ntl1esterien aufgegriffen. In cler t'lucl1t cl•er 1~cier I(; .'\.
1 1
497 ß z. 32 Y.ctÜ-1\~lF.\'0\) Ttoy<7i,·oc; ',.\,•&f:OTl\f-)10101\'Y.Ctt 'llpax\f:t<>lO\\' Y.((l Jio10t\
sincl die S1>icle nicl1t clramatisch.

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Der Ursprung der T1·agödie 75

zugänglichen, w•eil in scl1wedischer Spr.acl1e geschriebenen.


Aufsatz, von d-em nur ,ein s-elir kurzes deutsches Resün1ce ge-
geben wurde 18 , die Ansicht v-orgetragen, dass die Tragödie
aus der Totenklage stamme. \Venn icl1 jetzt zu diesem The1na
zurücl<lcel1ne, geschieht es wahrlicl1 nicl1t, un1 auf irgendeine
Priorität Ansprüeh,e zu mach·en, denn diese gehört Crusius,
der angedeutet liat, dass die Tragödie in dem ,\l1ncnlcultus
entstanden sei, in welchem die Taten und die Leiden eines
H-eros gef,eiert wurden, und mit dem Dionys·oslcult durch den
chthoniscli,~n Charalctcr des Dionys·os verbunden sei ii,, un<l
nach ilm1 Schmid, d,esscn bedeutsan1c Arbeit, in einen1 Pro-
gra1nm v-erstcclct, den Fachgenossen, die über diese Frage ge-
handelt haben, unbelcannt geblieben zu sein scl1cint; lci<lcr
bin icl1 ,erst durch die Zitat-e in der von Scl1n1id bcs,orgtcn ·
fünften 1-\uflagc von Cl1rists Literaturgcschicl1tc clarauf au[-
merlcsan1 geworden. Es lässt sicl1 aber clem, der cin1nal eine
Spur zu finden geglaubt hat, nicl1t verdenlccn, dass er 111it
dem lebh.aftesten Interesse zusieht, ,venn auch andere sich
auf demselben Weg befinden, und dass er so,v,ol1l aus dein

Richtigen, das sie gefunden haben, \.vie aus ihren lrrli.in1crn ,,
.
lern,en mag und seine früheren .!\.ufstellungcn in dem T„i<:ht
der fortschreitenden F,orschung einer Prüfung unterziel1t.

II. TOTE:\KL.i\GE V:\D TR.-\GöDIE

Es ist vielleicht nicht ganz gleichgültig, wie icl1 auf den Gc-
da~en gebr.acl1t wurde, den Ursprung der 1'ragödie in der
Totenklage zu suchen. Um die Komm,oi der Tragödie besser
zu Y-erstchen, hatte icl1 rnich darangcmacl1t, die for1u det·
literarisch überlieferten Totenklagen zu analysieren und 111it
den Kommroi zu verglcicl1en. Es stellte sicl1 nun l1eraus, dass

18 Dödsklagan och tragedi in den Comn1enlationes philologac in ho-


norem Ioannis Paulson, Göteborg 1905. Das Resüniec: ·rragötlic und ·ro-
tenk.1-age, Arch. f. Reli:gionswiss. 1906 IX 286 f.
19 Aus Anlass der da1nals zuerst in einer Sitzung det· I·Icllenic Society
\'Orgetragenen 1-Iypothese Ridgeways hat l\·I. i\-Jaas, \,\'ochenschrirt f. klnss.
Phil. 1904 S. 779 f. die gelegentlichen, ,,erstreuten Äusserungen YOn Crusius
Obet·den Ursprung der 1'ragödie aus dem .A.hnen-kullus zusanunengestcllt.

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76 N. Jal1rb. f. lclass. Altertum, XXVII, 1911

tr,otz der Spärlicl1keit d,es Materials, das zudem in ein-e an-


d,ersartige Kunstf,orm, die des Ep,os, l1ineing·ezwängt w,orden
V\-·ar,die T,otenklage -sicl1 je nach dem Vorherrschen .d,es epi-
scl1,en -od,er d•es lyris,chen Elementes d,eutlich in zw-ei Arten
sch,eid-et.
Das typisch,e Beispiel ein-er altgriechischen T-otenklage bie-
tet (lie Ilias in d·er Klage u1n Rektor Q 720 ff. Nach,einander
preisen seine Gattin, seine i\1utter und seine Scl1wägerin s-eine
\ 7-erdienste und seine Güte, und auf das ,:on jeder v,on il1nen
,r.orget-rag-ene Lied folgen Jammerrufe, Seufzer und Träne11;,
die zusammen mit dem \\ 1ort yooc; bezcicl1net \.verden. 20 Die-
jenigen, die das P1·eis- und Klagelied vortragen, leiten damit ri,t ~,1
das \\i,ehklagen ein; sie sind l::~a.pxo1y6010.~1
Hier lie.gt also die Klage um den T,oten wie n,ocl1 im heuti-
g,en Griech,enland und bei unzähligen anderen Völkern beson-
d,ers den weiblicl1en Ver'\\:andten ob. Nun '\Verden aber die
Klag-elieder der Frauen eingefiihrt durch die \i e1·se:
TO\'
' '
~lf:\'
,,
t'.1tl TCt
720 tpt\TOt,:, f:\' Af:XEf:001&~O(t\', nc'tpa e:\oa,· aotbüt),:;
~PI\ \(7)\' l~apzouc; · o'i TE 0T0\'0€00Cl.\' cio,b~\'
1\ \ ~ \ 0.. , ) \ '' ) I A
01 ~lE\. 011 vpt\\'E:U\', t-:1tt u ~:OT€\'CtXO\'TOyt,,·atY.f.c;.
T(\O\\' b' '1\ \ bpo~lct;,:11Af:\lX(;)\e:,·oc;1\PXP.16010.

Scl1on clie sprachliche Form zeigt, class die Stelle nicht in


Ordnu11g jst. Fi.i1· uns,crcn Z\.veck ist es nicl1t nötig, die \ er- 1

schied·en1en Versuche zu bespr-echen die Stelle zu h•eil,en ,oder


zu erklären; entweder macl1t 111an ein,e Kon,j,ektur ,oder nimmt
eine Lücl(-e -oder eine un.geschickt zusamm-engel<ittetJe Ft1ge
an, die clt1rcl1 das Einfül1r.e11 cler Klag,elied-er ,der Frauen -ent-
stand. V,on clen Aöcle11, die V. 720- 721 einführt, ist in cle1n

20 Nacl1 der Klage der .A.ndromacl1e V. 746 ~:,1 b' foT.-:,·c'tx<)\'TO1t,,·aixP.~.


nacl1 der der l·Iel,al)e 760 y<'>o,·ci:\{aorov t'ip11·E\', nach cler der I-Ielene V. 76(>
t::11b' forE,·r. bit~toc; cini-:ipco,·. I·licr \.\·ird nicht die lcörJ)erlicl1e l\.'1issl1anclll1ng
er\väl1nt, die sicl1 die 1"rauernden zufügten; siel1 clagegen ~ 50 at ä.~L(t,
I
:,c'ioett or110-Ea :t€ilAt\Y<>Yro, 0i::tt~ b' ~:~i\p:<_e 1 001<>. Vgl. die wilden l;-or111en,
,vorin der Scl1n1erz Acl1ills sicl1 kt1rz vorl1er geäussert l1alte.
2l I-Io111er J1al den Al1sdruck nur in verbaler f or111 i~f\PXE 1 110,o Q
747 lI. 762; von Andromacl1e, die die Klage anl1ebt, l1eisst es 1\pxf. "f t>010 Q
723, dagegen ttp1\,·u>\'i'.:~apxo, Q 721.

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Der Ursprung der Tragödie 77

Folge.nd,e11nicht mehr die Rede; eine jünger,e Bearb,citung hat


sie also durch die Klagelieder der Frauen ersetzt. Diese ge-
mieteten Aöden. sollten wie Hesi-0d in Chalkis (vgl. S. 621 f.)
den Preis des Toten singen, und derjenige) der den Vers 722
zusammengeflickt hat, hat sicl1 gedacht, d.ass ihre Liede1·
die Einleitung zu dem \Vel1klagen der Frauen bildete.n. Dan1,it
wird ,er das Richtige getroffen haben, auch in V. 728 l1eissen
die Sän.gier ~pnvcov E;apxo1, aber auch Männer l<onntcn '\vic
in ~ an d,em \V,el1klagen teil11ehmen. Es ist möglich, vi,clleiclit
wahrscheinlich,, dass unter ~),pf1vo1nicht ungeordnete \ \ 1,eh-
ruf,e, s,ond-ern ein Refrain zu versteh.en ist, den die Fr.at1en an-
stimmen, als die Aöden ihr Lied been,d.et hab,en. Das \.väre vor
allem walirscl1einlich, wcn.n die Frauen, V. 722, \.Vie Cl1rist.
meint, gemietete Klageweib·er \.Vären.
Auffallend ist, d,ass die jüngere Bearbcitt1ng die ursprün.g- .:
lichere f,orm der T,otenl<lagc aufzeigt; denn eine ,•,on ge\.verbs- .
mässigen Aö,d·en ausgeführte T,otenl<lage ist °"'eit gelcünstelter
als die üb,erall vor!C!om1nenden l(lage,veisen der \ \ieiber. Die
künstlerischie Form wird sicl1 an den Fürstenhöfc·n un.c.J i11
den Burgen der Ritterzeit cntwiclcelt haben un<l mit dein Sin-
ken der ritterlicl1en Gesellschaft wieder zurückgc.drängt ""•Or-
den sein. Der äussere Ral1men - Lobprcisu.ng,en und Trauer-
bezeugungen v,on einem einzelnen v,orgetragen un,<l v,on <l•cn1
\V.chklagen sämtlicher An'\vescnden beglcilct - ist cl,crs·clbc
und ist i1um,er typiscl1 ge"vcscn; vgl. z. B. noch clas Gedicl1t
Bions auf den T,od des Adonis mit dem Rcrrain:
"·t
a1a„w '
to,· "A"-uco,·n·, •:11a1u..,ot101,·
' "1' ., 1:,p<•ltf..::.
L'

Die: l(lage um Patr,ol<l,os 2:. 314 ff. ,vird v·on Männern atts-
geführt; .i\.chill ist der it~apxo~, und seine \\ 7affen.gcfiihrtcn
bilden den Chor ( ~ 317):
[1i20) • •
ClllTUP

nu,·,·ux101 f'Ic'ttpox.\o,· a,·F.orE,·c't


xo,·ro yoci>,·tf:::,,
TO\Ol l:)g r1t,:\elb11c; abn·oi\ t:l;i1pxr,;1'()010, -
354 !lCX\'\'IJXlOI
µE\' f;i!f,tTCX11c'>bac;TctX\)\' a~t<j>' 'A;,:,>-i1a
• lYh.>pµ1bo\'t:c;1lc,tpOY.AO\'U\'f;OT€\'(ixo,to yociJ\'Tf..:: .

Abgesehen v,on clcn i\usdrüclccn des Scl1m,erzes l1abcn die


7
\\ orte Acl1ills natürlicl1 ,ein·en anderen Inhalt als die der
Frauen in Q; es sind Versprecl1cn der Racl1e und grossartiger

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..
78 N. Jiu1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

1'rau,erb,egel1ungen, u. a. des Opfers zwölf gefa11g-en,er Tr.oja-


n,er. Diese 1"'otenklage findet an der Leicl11enwache in der ers-
tet1 Nacht statt; nacl1l1er w,erden die Frauen die üblicl1c 'l'o-
tenl<lag1e a11sti1mn.en; dass diese g,efan.g-en,eTroj.a.n,erinnen sind;,
\\'irft ,ein ll!elles Licht auf den völlig konv,enti,on,ellen Cl1aral<-
tcr d·er 1'.otenl<lage. 22
Die besprocl1.enen Stellen nebst 2: 50 ff., W·O Tl1etis über
d-e1111ocl1leb.enden Achill, dessen baldiges Ges.cl1ick sie v:or-
ftussiel1t, w-el1klagt, sind gleic11artig. Sie entsprechen, wie be-
1·-cits l1ervorgel1oben, dem, '\-Vas sich bei anderen Völk,ern fin-
det, und die E11twicklung ist l<lar. Ursprünglich h,ab:en die
Verwa11clten, Män11.er "vie Fraue·n, die Pflicl1t d,er T,otenl<lage
erfüllt, und dab,ci taten sicl1 bes,onders die F1·auen h•er"·1or,
"'~-eil de1· V.c1·lust des Bescl1ützers sie am härtesten t1·ifft u11d
di,e 'l..,raue1· sie am lebl1aftesten ergreift. Der lnl1alt besta11d
teil~ aus Äusscru11gen der Trauer, teils aus Lobpreisunge11
d.es '1',oten, seine1· Taten und Tugen,den u11,d,falls er -einen g•e-
,valts·a111:enT,od g,estorben '\-var, aus Verspr,ecl1u11ge11 der Blut-
racl1e. Die F-orn1 w,ar '"'al1rs.ch-einlich die des i1npnovisierten
,,.,ersifizierte11 Rezitativs, vielleicht mit lnstrumentalbegl 1eitu.ng,
sicl1-cr nicl1t Gesang. Nac11dem der ,oder die E~apxoc; rezitiert
l1atte, stim1nten die Umstehenden das \:V-ehklagen an un,d
scl1lugen sicl1 an Brust und Haupt. 2 3
Da man bei steig,ender Kultur die T,otenklage U11d d,en
P1·eis des T-oten künstlerisch zu gestalten \-VÜn.scht, reicl1t
das l(önn-e11 d,cr Verwa.ndten nicht m,ehr aus. Es entstehen
b,es,ondere Trauersänger (i\öd,en) und Klage,,;eiber, ,vie es
s·olcl1e n,och i11 v,erscl1iedenen Gegend,en Euriopas gibt, ,die bei
•ein•en1„f ocl•esfall gedungen ,verden, um .d,en T,oten ,vürdig zu
b·esingen. Die Lieder d,er Aö,d1en \-vur,d,en gewiss nicl1t ganz

2'.:? ~ 839 ci~•<1''


bf: Of: ·rp<))Ctl XCtl il<tpba,ii:>Ec;. j3et&uxOA;t0\
XAetUOOYTa.i,uxtac;. TE xat ii~tctTetbc'txp\) x1::o\10nt.
:?3 Vorsänger und l(lagecl1or finden wir in dem Orient "viecler; s. z. ll.
die u. a. ,·,on J,e1-e111ias,Der alte Or~ent I H. 3 S. 11 zili,erlen nicl1t ver-

-1 öffentlicl1l,en I(eilscl1rifttaf'eln
chenbegängnisses:
111it der Scl1ilclert1111gei:nes königlicl1en Lei-
'es wel1l,lagten die Gattinnen, es ant\.vortcl,en <lie
Freunde'. Vgl. Sacl1arja 12, 11 f. und Mattl1. 11, 17 {:&p11,11oa~tF:,x«1 ot'1 x
1..'
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IA
Der Ursprung der Tragödie 79

aus dem Stegreif retiziert, '\Vie die Trauer"veiscn der ,veib-


lichen Verwandten es gewesen sein müssen, obgleich die Kla-
gen d,er Andromache, der Hekabe und der Helen-e um Rektor
bei der Aufnahm,e in das Epos selbstverständlich künstleriscl1
gestaltet wurden. Der Aöde rezitierte seine Stro1)h<en unter
Begleitung des sonst v,on ihm ver'\vend-cten Instr11111ents, d·er
Zither 24 ; ·er war i'::;apxoc;. und als er eine Strophe beendet
1,;21J
hatte, fielen die Umstehenden mit dcn1 gc,,,öhnlicl1en \\~eh-
klagen ein. Hier passt die leidcnsehaftliche Flöten1nusik bes-
ser; die Flöte "\Var auch später das bei der T,otcnklage übliche
Instrument. Diese auf die äussere Erscheinung und lcünstlc-
rische Gestaltung b-erechnete Forn1 der Totenlcl.age l1at die
unntittelbare, leid-ensch-aftliche Trauer in die Bande cler J.;:ou-
\'ention eingeschnürt; aber auch cliese 1nusste sich Luft sehn l'-
fen, und deswegen l1at die ältere I;-orn1 der Trauer,veiscn sic:h
in!n1erneben der jüngeren behauptet; die unn1ittelbaren \\'eh-
rufc und die leidenschaftlichen .:\.usbrüche des y110:; ,verden.
bei den 1',otenbegel1ungen nie gefehlt l1abcn; sie heisscn bc-
sond,ers bei den Tragikern 2:, In ihnen liegt der l(ei111
iciXi:;~101. t
. •••.
einer 'frauerlyril<, während die v-0n den1 1\öden vorgetragenen
Vcrs,c hauptsächlicl1 epischer, erzählend-er Art sind; diese .,

Art der J„obpreisung des T,oten mündet nach clcn1 !\uflc,01nmen


der l(unstprosa in die J..öyo1 l:11-ra(p101aus.
Aber aucl1 in dem y6o~ machte sich der Trieb gcltencl, die
'l'otcnlclage zu •einer lcünstlerischcn form zu gestalten; ein
beredtes Zeugnis ist das Sprich,vort ia\fµoP ,i>uxpo-rtpov (Zc-
noh. l\ 1 39), ,vclch-cs zeigt, ,,·ie das \\'chl<.lagen zu einer ,·öllig
konv,cntion,cllen und dabei abgeleierten f-0r1n erstarrt sein
n1uss. Aus ihm muss sicl1 die z,veite, rcspons-orischc :\rt de,·
'J'otcnlclag,e ent,vicl<elt haben. And~on1ache, 1-lelcabe uncl 1-Ic-
lcnc l?sen einander ab, aber ein \\ 7ecl1selgesang im eigcntli-
<:hcnSinn ist dies nicl1t. Ein solcher ist dagegen die l(lagc
11111 Achill, die in einer der allerjüngstcn Partien der O.dysscc,

21
1\uf einer 1-lydria k,orinthischen Stiles (.•\nnali clell' Inst. 1884. ·rr.
OP; Potticr, Vases du Louvre TI. 51, E. 643), die die an der ßah1·e clcs
..\chill
,) . klagenden Nereiden darstellt, hält eine \'On ihnen eine Zither.
-J z. ß. Eur. Phön. 1033 ia.\E~IO\ hr. ~ICtt~p(1)\', lc1.\€~l(I\ bF. 71etpfri:,(!)\'.

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80 N. Jal1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

(l-c1· z,vci ten Ncl<yia, er,vähnt ist, ,,ielleicl1t nacl1 der Scl1ild,e-
1·ung d,cr Ätl1iopis. Agame1n11-011 schildert <lie Leichenfeier
<lcs Acl1ill (eo 58):
ciµ<p1.bt-: a' faTt\Oa,· Y.Oupal CLA\OlO·i-ipoYTO:;
oi'xTp' <>>-09up<>~lf:,•al, itEpl. b' Ü~lj3po,a E'iµa,a
~Jouaat b' {:,·via itllOal (l.~lf.lj30~l€\·a1 1'.>;ttXetA(\
frpt\YEO\.

J)ic J\1uttcr <lcs Acl1ill ,vird in V. 55 µ1\r11p E; ciXoc; 1\bE ouv


a&a.,·ci-r1;1c;aAit;toi,· €PXETa.1-en\-·äl1n t; m,an ,vü1,de ,erwarten, dass
:-;ic E~a.pxoc; yoo10 sei. Es tr,ete11 aber z,\rei Cl1öre, N-erciden u11<l
l\1J11sc11, i1uf, "vclcl1-e die Totenl,lage als \\ 7echsclg•esang
1 (a~tE1136µc,·a.1),·,ort1·age11; der eine bestel1t aus den 11äcl1sten
l,cicl tr,1gcn<l-c11, clcr ande1'e aus de11 Musen selbst, s-o (lass
..1IJe beicle glciel1 "vicl1tig erscl1ei11en.
An ..ci11cr ,,jel t11nstritte11en Stelle rül1111t sicl1 IIesiod, an de11
J,cil·l1ens1)iclc11 des .t\.m1Jl1i<lan1as in Cl1all<is -durcl1 -einen I-I)1 111-
nos den Dr,cifuss ge""·on11en zu l1aben. 26 \\len•11 inan a11.nel1111en
<l.~1rf,cl,1ss cler I11l1alt des I-Iy111110sdas Lob desjenigen bilclete, l622J
zt1 cJcsscn El1rc die J?cicr vera11staltet war, ,vürd,e dies-e Stelle
clic Iolgc1·icl1tige E11t,vicl,lu11.g cles \·,on -d,en berufsmässigen
Aö(lcn v,01•g,et1·age11e11l(lage- uncl P~eislied,es auf den T,oten
u11s ,·ot' .l\t1gen fül1r-e11. Sicl1erlich ist es l,ein-e l<ül1n·e An-
11al1111c,t1ntc1· cle111\\'ort üµ,·oc;, das die ge"völ1nlichen Rl1aps-o-
cl-c11,,.orträgc ausscl1licsst, den ai,·oc; a,·hp6c;i \-Vie -es bei ..\scl1y-
los l1eisst, zt1 vcrstcl1en, i11 Eri11nc1·ung a11 die zu d-er Klage
t11111-lcl<tor zugez,oge11en .~öclen; denn das \\~,ort kann aucl1 ein
Liccl bczcicl111en, das zu111 Totenkultus i11 Bcziel1ung steht.~ 7
l lcs. 01>. 654 f,8·a b' l:yt'uv E1t' ci.EO·>.a bc.t~'lpOYo::.'1\~t91&aµa,ro::.
• :!li
Xct:\xi&a r' Etae;1(pt\aa· rit ~€ nporrE 1ipa&µi,a no>-.:\u
1 clOA' ?:frf.actv ;tettbr½ ~lE)'a:\t\TopE~· ~,O·et~l€ 111\~lt
ü,u,c:> \ lX1\0Ct\TCt<,1i;;ptl\'Tp1;10~' tiJT(i)E\TCt.
Die \icrse \verclen oft tincl so schon in1 1\ltertun1 für inter1>oliert gc-
l1alten; icl1 glaube 1nit \\ 1ila1110,vitz S. 66 ttn<l l(ircl1l1off, ßerliner Sitz.-
ßer. 1892 S. 865 l'f ., class sie ,virklicl1 ecl1t sincl; sie s1>iegeln die Zu-
stäncle der I~itterzeit <leutlicl1 ,vieler. l(einesfalls l(önn,en sie, ,vi-e aucl1 der
...\gon J-Ion1ers und l·lesiods, lange nacl1 1-lesiod erfunden sein; s. Rodl1e,
Kl. Scl1riftcn l 42 ff.
:!, Die l1ier sog. e1>iscl1e ..\rt der Totenklage ,var ein Preislied, das
,,·ol1l die Benennttng i,~t,o~, v..-on1il 1-Iesiod seine Leistung bezeicl1n-et, ver-
tragen kann. Bei Äschylos, Pers. 618 und 623 l1eisst clas Liecl, \.vo111it

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Der Ursprung der Tragödie 81

Man versteht ohne weiteres, wie die Grossen der Ritterzeit,


auch die Lobpreisung des Toten, um sie so feierlich und gross-
artig wie möglich zu gestalten, in den ag,onistischen Rahme,n
der Leich-enfeier einbeziehen und die ..\öden einen \\'ettbcwerb
vera'nstalten lassen konnten. 28
über die Totenklage in nachhomerischer Zeit erfahren wir
zuerst ·etwas durch die Gesetzte über die Totenbegehungen.
Die Solonischen Gesetze sind die ältesten; n-0ch dem Elndc
des V. Jahrh. gehören das Gesetz der l,aby·aclen in Delphi und
das v,on Iulis auf Keos. 29 Aus den \V,orten Plutarchs, Sol. 21
a.µuxac;öE xo:rrroµtvrov xai -ro &p11,·civ :rE::ro111µlva . . . a<;f:iAf:Y,
geht hervor, dass die Totenklage zt1 einer Yollständig künstle-
rischen F-0rm ,entwickelt war, s,o dass sie im v,oraus k,ompo-
niert ,vurde. Die unvermeidliche Folge '\Var, dass die \' cr-
\\-'andten ihrer Pflicht nicht selbst genügen konnten, sondern
jemanden, der die Kunst berufsmässig ausübte, herbeirufen
mussten, '\vie es noch oft geschieht. \ Velche ,·,on den beiden •.

Arten d·er T,otenklage zu dieser Zeit die i.iblichste \Var · es


kamen wohl, wenigstens zu,veilen, beide ,·or --, ist nicht cli-
••
rekt überliefert; aber einiges scl1eint darat1f zt1 deuten, dass 1
der responsorische Klagegesang, der ia)-E~10;. cler ,,·eitaus ge-
bräuchlichste '\Var. \\ienigstens scheint die Gcsetzgebun.g, die
in1 VI. und V. Jahrh. allgemein und in1 ganzen mit den1 beab-
sichtigten Erfolg die Trauerbräuche cinzuscl1ränl<e11 suchte
und dadurcl1 veranlasst hat, dass uns über die kun,stn1ässige
Totenklage so wenig überliefert ist, sich vorzugsweise gegen
diesen zu richten; bei seinem leidenschaftlichen Cl1aral<tcr
führte auch oeson<l,ers er Ausscl1reitungen l1erbci. Daraus
erklärt sich, dass das Gesetz der Labyaden und das clcr lulie-
ten nur verwandte Frauen und Solon, d•essen Ges-etzc fast 200
Jahre älter sind, ausserdem aucl1 Frauen, die 60 Jahre über-
schritten haben, zu den Trauerfeierlicl1lceitcn zulüsst. 30 So

Dareios heraufbesch\voren \vird, so, und Philoslralos gehrauchl das \v·ort


geradezu für die heroische Totenklage; s. S. 632 ..\. 7.
28
SIG.2 438 Z. 131-165 und 877.
29
l\-Iehr s. Schmid S. 18.
30
Gesetz bei Demosth. XLIII 62. Vgl. (:ic. De leg. II 26 Piltacus
oninino accedere quemquam in funus alioruni l'elat.
6

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.,

82 N. Jal1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

v,ersteht man, dass in Delphi und Iulis Sch\veigen während


cl,es Leicl1,enzuges auferlegt ,vird, was Platon, Leg. XII S.
960 A aufg·cnomm,en hat. Für den Leichenzug passt nur der
y6oc; und der ia.AF.µoc;,nicl1t die epische F•orm der T,ote11l<lagc;
.' c1ie Oj (>Ylonvasen l>ilden ge1·ade n1it V,orliebe den Ijeich·enzL1g
1nit langen R,eihen von l<lagenden Frauen und Männ-ern nl>;
die w-eissen Lel<ytl1en stellen dagegen imm-er die T,ote.nl<lagc [623)
an der im Trau,erl1aus-e aufgeb.ahrten Leicl1e dar; denn a.n der
Pr-otl1-esis und a1n Grab '\\'urd·e die T,otenl<lage nicl1t ga11z
verboten, nur eingescl1ränl<t. Es ist also ,•,on "·,orn-el1erein wal11·-
scl1-cinlicl1, dass die ausgebildete Totenl<lage der 11acl1h,o.m,c-
rischen Zeit in leidenscl1aftlich,e1n, vo11 Missl1and-eln des eige-
nc11 l(örpcrs begleitetcn1 \ \ 7ccl1selg•esan.g bestand. Dass <.lje
rul1igcrc, cpiscl1e l,ob1)reisung der T,oten aucl1 nicl1t Iel1l tc,
IJew,eis,t <.lie F ortsetzu11g, die diese Art in den ,\6yo1 Ertrra.q,101
gefun-d:cn l1at; a11 diese l1at sich Demetrios Pl1alereus ·a.11g,c-
lel1n·t, indem •er i11 ei11er Scl11·ift üb,er die atheniscl1e Ges,ctzge-
l>Lt11g,<lltf die Cicero De leg. II 64 zu1·ücl<gel1t, den i<.lcalc11
Zustancl t111ter l(cl<rops scl1ild-ert, als über dc11 T,otcn 11u1·ci11c
mit der \ \ 1al1rl1cit übereinsti1n111e11de Lobpreisu11g g-csp1~ocl1c11
wur<l,e.
Platon scl11·eibt vo1·, ,vic clie l'.Jutl1ynen seines ldealst,1utcs
begrab-en we1•d,en s•ollen. Es heisst Leg. XII S. 947 E: xopfuv bE
xopov '."iEVTExaibExaxai appt, cu,· ETEpo,· :-rEpttOTaµt::vouc;rij X~lYt;l
1

?:xaripouc; 010V Ü~t,·o,· :-r1-~:-ro111µEVO\' 0\' Eie; Touc; icpEac; E\ ~lE~


t':::-ra1,
1 1

pEt t:XaTEpouc; q,<'.>El\' EUbctt~lO\'l~()\'Tac;([)<:>11 bta 1CCl.0J'\c;


Ti\c; 11µtpac:;.
Platon schliesst sich dein bestel1-end·en Brat1cl1 an, d-en er nach
-1 sein,c111 Sinn t1111gcs·taliet. Lcidenscl1aftliche
Scll'm,erz·es si11d 11nwür<.lig, dagegen die Lobp1·eisung der 'f a-
Ausb1·ücl1c clcs

tc11 uncl 'l'ugende11 des 'l'oten berecl1tigt u11d nützlich. Da er


cli,cs·c IJobpreisung als einen v,on einem Cl1,or v•on Jün.glinge11
u11<.I•ein,em v-on l\1ädcl1en ausgefül1r,ten'•
\Vechselgesan.g sicl1
"•,01·s·tellt, scl1licsst ·er sicl1 derjenigen f,orm der T,ote11lclagc
a.n, di,e \.vir i11 d·c1· Z\-\'Citcn 'Ncl<yia' gefunden l1aben.

-1· .
Es gil}t l<,ei11dir,cl<tes Beispiel dafür, dass der \ \i ecl1.sclg-e-
s.a.ng V•On Einz-elsäng,er11 v,01·getragcn '\vurdc, un·d dass de1·
Cl1or d,er Trauernden 111it scine1n unis,one11 \\rel1l<lagen •o<.1-cr
1 einem R·efrain il1ren Gesang aufnahm; es ist dies ab,er ei11c

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Der Ursprung der 'fragödie 83

natürlich·e Entwicklung d,er beiden bchan,delten Arten der


Totcnlclage und wird durch eine Stelle in den1 Trauergedicht
au[ ßion vorausges-etzt.3 1
V. 46 cibo\'ibec; n«oai TE ;,:e:\1b<J\'E.:;,ü.:; :tox' ~:Ttp:ttY,
Üc; AUAt:€1\'~bibaoxf., xnO-tl;<\µF;\'Ctt:tori 11pf.µ,01:::
, { ,, \ ,, ' • .. <., ' '
Cl\'T (>\' ClAACl,\CllOl\' t;X(J)Y.\)Q\', Cll O \l:tE< >(tJ\'€\ 1 \ ..
1
ÖpY13-ec;.:\v:teio3-' ai :tt:Y&c'ibt:::,ci.:\:\u xni ciµeic;.

Mit Benndorf, d-er die Aufmerksamkeit auf die Stelle gelcnk:t


hat 32, lässt es sich mit Sicherheit schliessen, dass Nachti-
gallen und Schwalben je einen Chor bilden uncl ab,vecl1selncl
den Klagegesang v,ortragen, die übrigen Vögel bilden den
grossen Cl1,or und singen dazu den Refrain.
Die Totenklage wurde bald zu einer f,orm der l:yrischen
Poesie \Vie andere Gattungen; die zu1n Teil recht umfang-
reichen I•'ragmente v-on den Tl1ren,oi Pindars l1aben die in ,l
.•J
der chorischen Lyrik ge\vöhnliche Komp,osit~on. Die späteste -·
wichtige Stelle steht bei Lulcian, De luctu 20: µEraare1ActµE\'01
[624]t1va &p1\vwvaoqnar,·,v rro.\Xac;at,ve1;\oxora. :ra.;\a.1ac;au~Hpopac;rourql
csuvaycov1ar1,1 \ - r11c;
- xa.1 XOP11YC:J ... ,
a.vo1a.c; . a.v
xara.xpc,)vra1, o:ro1
) "' , -
exe1,·o:; - ~~

E~arx1J,rrpo~ TOµi}..oc;lrra.1ct~OVtEc;.Die Totenklage ,vircl n,och


in d-en alten F-ormen ausgeführt - es gibt den Vorsänger ttnd
den Chor der Leidtragenden -, nur ist das epische Eleme.nt
verschwunden; was der t:;a.pxoc; des Lukian vorträgt, ist i 111
Gegensatz zu dem h-omerischen Gebrauch ein µi;\oc;.
Um kurz zusammenzufassen: Es gibt Z\Vei .t\rten d-er T,oten-
klage, eine erzählende, epische, die schon in der hom1erischen
Zeit ausgebildet vorliegt, und eine lyriscl1e, leidenschaftlich
hervorbrechende, den y6o~, der, in künstlerische f,orm ge-
fasst, zum iaXeµoc; wird; b,eide kommen vereint v,or, wol)ei
auf die ·epische Lobpreisung der Aöden das lyriscl1e \ \! el1-
klagen des Chors der Leidtragenden folgt; häufiger vielleicht

31
Die äussere form, worin die beiden Trauergedichte der ßukoüker-
sammlung (<las über Adonis und das über ßion) eingekleidet worden
sind, ist für unsere Untersuchung ohne Bedeutung; sie haben den stro-
phischen Bau und den Refrain übernommen.
3
!! Denndorf, Griech. u. Sizil. Vasenbilder I 5 f. gibt die ausführlichste
Zusammenstellung der literarischen Zeugnisse über die Totenl<lage, aber
ohne il1re b e1den
· Arlen zu unterscheiden.

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..
,.

84 N. Jahrb. f. klass .• ~ltcrtt1m, XXVII,· 1911

l<ommt das \ \i eh klagen ohne· die epische Beigabe v,or; dan·n


ent\-, ickclt sich daraus teils der gewöhnliche Thren,os, teils
1

ein von Ei11zelsängern oder auch Cl1ören ab\.vechselnd abge-


s1.1ng:enes Lied, clas auch durch v-on dem Ch,or der Leidtragc11-
d,cn unis-on 0 gesu11g,enen Refrain unterbrochen
1 und beendet
"''erden l<an11.
LTm1nit de111so ge,vonnenen Ergebnis die l(om1noi der 1,1·a•
göclie zu ,,ergleicl1cn, ,venden '\vir uns Äschylos zu, der clic
grössten und grossartigsten Beispiele der T-otenl<lage bieLct.
De1· Scl1luss der 'Sieben' ist ein grosser l(lageges,ang ül>cr
die gcfallenc11 Brü·der. 3:3 Es ist nur natürlicl1, dass s-owol1L
hier \-Vie in clcn 'Persern' ein l(o1nm,os die Exod,os ausm;acl1t;
die Totcnl(lagc ist der natürliche Scl1luss der Tragödie, uncl
das tatslicl1liche \.:.orbild cler Scl1lussprozession der Tragöclic,
:33 Bcl~anntlicl1 ist clie Ecl1tl1eit cles Schlusses cler 'Sieben' starl< be-
stritten. Allgemein ist n1an zu cler ..\nsicl1t gekon11nen, dass die Schlt1s&-
szene von de111 At11'treten cles 1-Ieroldes an eine von d,er Antigon,e des
So1ll1okles abl1ängigc Zt1dicl1tung ist. S. Röhlecke, Septem adv. Th. et
Pro1n. v. esse f abulas 1>ost ..\escl1. correctas, Diss. Berlin 1885. Diese
Ansicl1t soll nacl1 einer wlitteilt1ng Yon Oberdicl, in einem Progra1nn1, De
Exitu fab. i\escl1. c1uae Se1)ten1 Yocatur, .\rnsberg
0
1877, zuerst mündlicl1
von \\' est1>l1al ausges1>rochen \,·orden sein. Dagegen k:ann unmöglicl1 das
vorhergcl1ende Klagecluett der .i\ntigon•e, cler ls1nen·e (t1ncl cl,es Cl1ors) SJ)Ü-
tercn Ursprunges sein, \Velche Ansicl1t clurcl1 ßergk, Griech. Lit.-G,escl1.
III 302 l'f. recl1t ,erbreilet \vorden ist. \Venn Oün1111ler, Pl1ilol. 1894 LIII
211 ..\. = Kl. Scl1r. II 415 :\. 1 meint, class das Strecen nacl1 Parallelis-
1nt1s cles .~usdrucl,s und clas \,.orl,on1111en \'On .t.\.ss-onanzen und Reim-en die
Ver,vcnclung ,·oll(stü1nlicl1er, sizilischer l\,JotiYe glat1bl1aft n1achen 1 so ist
die Beobachtung (1nit ..t\t1s11ah111ecles siziliscl1cn Urs1>ru-nges !) ricl1tig,
• lle\veist abe1· gerade das Gegenteil von cl,er Jlchau1)tung Oümml,ers. Denn
1 den S()Üteren Tragil,e1·11 lag es ferner als .Ä.schylos, dem Scl1öpfer de1·
'l~ragöclic, voll(stü1nlicl1e Motive zu benutzen, eine so ausfül1rlicl1e Tvben-
k:lagc \.veicl1t ,·on der ..t\.rt cler s1)äteren 'fragil,er ab; überall in Atl1en
1,-<>nnten1an die Totenklage an cler Prothesis l1ören und braucl1te sie
,,·ahrJicl1 nicht Yon_ Sizilien l1erbeizuhol-en. I·:inc scl1arfsinnige Lösung l1at
\\;ila1no,vitz g,eg-eben, Sitz.-l1er. cl•er 13-erliner .i\k. 1903 S. 436 ff. Er
nim111t a11, class clie 'l'otenl(lage urs1>rünglich ist, aber auf l-Iall>cl1öre uncl
il1re Leiter Yertcilt \.vo1·clen "'·ar; ein llenrbeiler l1abe at1s So1)l1ol(l,es Anti-
-1 go11e ttncl Is1nc11c eingeführt, ,vol~ei al)gcseh-en \'On l(lcineren Änderungen
clie AnaJlästen V. 840-852 l1inzugel'ügt ,,·orden sind. 1-'ür die vorliegencle
'
U11lersucl1t1ng ,vir<.l hiet·clurcl1 sachlich nicl1ts geändert. Um Missverstäncl-
nissen \'Ot'Zttheugen, l1ahc icl1 oben die traditionellen Namen beil)el1nlt-e.n.

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,
Der Ursprung der 'fragö<lie 85

die unter Klageliedern sicl1 1nit den1 Körper des ·roten fort-
. (625)bewegt, findet sicl-1. auf den DipylonYasen.: 11 Der l'\.-01n1n,osin
den 'Sieben' zerfällt in zwei Teile. In clcn1 ersten (\ 1 • 8ü5 --
933) trag,en Antigon,e und lsmene rcs1>ondiercnde Str·ophen
vor, nacl1 denen aucl1 untereinan-der res]}On,dicrcn,dc Str,ophcn
des Chors eingeschoben sind. Der zweite 'feil (\,._ Ha4• -H8H),
wo die Leidenscl1aft auf clas höchste gesteigert ,vird, besteht
aus kurz·en, auf die Scl1,vestern verteilten \lcrsen, in ,velchcn
das Sweben nach Parallelismus sehr ausgc1)rügt i/:it. ..\ucli
i11 dieses Klageduett fällt der Ch-or ein; z,var J)flcgt der I{c-
frain nacl1 d,en. Strophen V. 955-7 = 970-2 beiden Sc:h,ves-
tern gemeinsam zugeteilt zu \.Verden; er gehört aber vielleicht
mit noch anderem d-em Chor als Ganzein. 35
Das grosse IGagelied über ...\.game1nnon in den 'Ch,oc1)horen 1 '
ist äl1nlich komponiert. Vier Stl'ophen t1ncl vier .1.\ntistnopl1en ..
werden abwecl1selnd v-on Orestes und Elek:tra v,orgctragen;
zwiscl1en ihnen sin,d teils lyrische Strophen teils Anapästen
des Ch,ors •eingescl1,oben. Darauf folgt eine Partie, die V ersc I.

.
411--442, die wahrscl1einlicl1 lücl<en11aft un-d c.lcrcn .i.\uftei-
lung unsicher ist; jedenfalls bestel1t sie aus längeren Stro- •
phen. Der leidcnschaftlicl1e Ausbruch, als alle siel1 an die
Götter und an Agan1emn-0n '\venden und sie un1 Raehe anrufen,
bcstcl1t aus :twei Strophen, ,velche, obgleicl1 die Pers•oncnbc-
zeicl1nung f.ehlt, seit langem s·o verteilt ,vorclen sind, dass
Orestes und Elektra je einen Vers, der Ch-or die drei f.olgen-
den bel<:ommt. 36 Zuletzt folgt ein Paar dein Ch,or zul<-om-111en-
der Stroph,en. Obgleich das Ganze l<ürzer ist, '\vircl hier wie
in den 'Sieben' der Höhepunkt durcl1 l<urze Verse und häufi-
g·cn P-ersonenwecl1sel ausgezeichnet.
Der grosse K•om1n,os, der die 'Perser' abschlicsst, ist z.t1-
gleicl1 eine l(lage über den unglücl<lichen I.Cricg und eine
1'otenl<lage über die Tapferen, die darin gefallen sind; der
Ch-0r zählt lange Namenreihen auf. ln1 ersten 'feil ( \ 1• 912 •-

3-1 S. hierüber ßrückner, Athen. J\,litt. 1893 XVII 103.


3;, Zuerst dargestellt von Wilamo,vitz in seiner ;\usgabe clcr Choepho-
ren, jetzt nach dem auf S. 624 A. 1 berührten a. o. 0. 1noclifi:tiert.
36 Nicht ohne Wahrscheinlichkeit teilt Wilamo,vitz den, Chor nur dco
dritten Vers zu und lässt die beiden letzten unisono ,·org-etrag•cn ,verd-en.

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86 N. Jal1rb. f. klass. Altertt1m, XXVII, 1911

976) respondieren die St:r.opl1en des Xerxes miteit1ander, eben-


so die des Cl1iors; V. 977-1047 werden mit unbedeutenden
Ausnal1n11en Vers für Vers -auf den l(önig und den Ch,or ver-
teilt; X,erxes ist hier ein wirklicher 7 \Vie
e;apxoc; &pt\·vw,·.3
l1-ocl1Traue1' u11d V•erzweiflung gestiegen sind, zeig,en die dicht
eing,estreuten Interjektionen. Es gibt auch Ansätze zu \Vie-
dcrh,olt1ngcn un,d zum Parallelismus, ,obgleich bei weitem nicht
so durcl1gefül1rt wie in den 'Sieben'.
L 5() ff. lclagt Tl1etis; ,es heisst v,on il11': E;tlPXE 1 6010; die
Ne•r·eiden scl1lagen sich die Brust un·d jan1mern. Die l(lag,e .gilt
abetl' nicl1t d,em toten P.at:rioklos, s,on·dern dem leben,d•en Achill,
dess,en baldigen T,od die 1\1utter v1oraussiel1t. Ein ähnliches
Beispiel aus der S})ätercn Literatur bietet die Klage der El-
terr, über Erysicl1th,on in Kallimacl1os' Demeterhynmos V.
94 ff. Dies ist keine Totenklage, ,obgleicl1 die F,orm die gleiche [626]
ist. Die Tragödie l1at also keine Neuerung eingeführt, als sie
clen l(,om1n-os in jeder grossen Gefahr und Angst anstimm,e·n
liess, auch wenn es sicl1 nicht um einen Toten handelte. Das
,:,ornehmstc Beispiel ist das resp 1ons,oriscl1e Lied der Kas-
sandra und des Chors im 'Aga1nemn1on' V. 1025-1131. An-
fangs stel1t der Chor ,ohne Verständnis da und ver\-\ endet Dia- 7

log,:erse, l)ald wird er aber v,on Unglücksahnungen überwäl-


tigt. Die verscl1iedene Situation bedingt aber einen anderen
lnl1alt, so dass der Cl1-or mehr die Seherin über das künftige
Ungliick ausfragt als sie beweint un·d bel<.lagt.
Es würde zu weit führen, die Kom1n,oi der beiden and,eren
Tragiker •eingehend zu analysieren. Ich will nur bem.erken,
dass Sopl1okles dem v-on Äschyl,os im 'Aga1nemn-0n' gewiese-
nen \V.eg folgt, cle11Kom111,osmit dein Drama und der Ha·nd-
lung innig zu verschm·elzen. Seine K-omm,oi sind kein Klage-
ens,e1nble des Cl1ors und der Pers,on·en, s·ond·ern der Chor
streut beruhigende Bemerkungen ein; dal1-er verw·en,d,et er
oft Dialogv·erse, z. B. in der 'Antig,one' und im 'König ödipus',
t1nd lyrische Verse desselben Inhalts im 'ödipus in Kolonos'
und im 'Pl1iloktetes'. In der 'ElektTa' und im '.t\.ias' führt der
.-----
37 Auf Grt1nd von V. 1013 1o°C;E ~lt-:Aoc,
oµoo ti~€i.; = sin1,1l 111ecu111 canta
lässt \,\iila1nowitz, Con1m. rnetr. II, Progr. Göttinge11 1896, S. 23, die
folgende Interjel(tion 1014-1022 c'>totototot ttnison vorgetragen \-ver<l:en.

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~--------------------------------
Der Ursprung der 'fragüdle 87

Kommos die Handlung "veiter: im '.~ias' begleitet er das Fin-


den d,es toten Körpers des Helden, in der 'Elektra' die Tötung
der Klytäm-estra. Während das Streben, die Sonderstellung
des K·omm,os aufzuh,eben und ihn mit der Handlung zu ver-
schmelzen, bei Sophokles deutlich herv•ortritt, gibt Euripides
ihm seine alte Stellung zurück, ·obgleich er il1m weniger Platz
einräumt und die Auflösung der alten strcng·en Form deutlich
ist. Siehe z. B. Elektra V. 1177 ff., wo Elektra, Orestcs und
der Chor auftreten; der Chor ergeht sich aber in Klagen uncl

Rcfl-exionen über die handelnden Pers,onen. Ein \Vechselge-
sang wird vorgetra.gen v,on Antig,one un-d ödipus Phön. V.
1485 ff., v-on Adrastos und dem Ch,or Suppl. V. 798 ff. und v,on
den Kindern und dem Chor V. 1123 ff. Die Tr-0erinnen wer-
den durch einen kurzen regelrechten Konunos über das ge-
fallen.e Ilion abgeschlossen, der von Hekabe und dem Ch,or
ausgeführt wird.
\,\Tenn die Kornrnoi der 'fragödie n1it den v,orhin geschilder-
ten Formen der wirklichen Totenklage verglichen w,erde.n,
so erb.-ellt, dass die Tragödie v,on den Arten der T,otenklagc
die ausschliesslich lyrische aufgenommen l1at. Sie tritt auf
als ein von .einem Klagenden und eiern Ch,or ab\-vecl1seln,d v,or-
getragenes Liecl oder aucl1 in der verwicl<:elteren Form, dass
zwei l(lagende abwecl1selnd ein Lied vortragen, das VIOnVer- ••
sen d,es Chors oder auch v·on unisono abgesungenen \ 7 ersen
unterbroch,en und begleitet wird, wie \Vir es sch,on in der
wirl<lichen T-otcnl<lage gefunden haben.
Dagegen scl1eint es, dass wir in der Tragödie die zweite,
meht· •epische Art der Totenklage vergeblich suchen, in der
die lyriscl1-en Gefühlsausbrüche auf das Rezitieren des episch
abgefassten Lobes des T,oten folgten. \ \ienn \.Vir uns aber be-
sinnen, dass diese rezitierten Verse den Dialogv-crs,en der Tra-
gödie ,entsprechen müssen, so finden \-vir in den f,orm-ell pri-
mitivsten, ',episch.' k-ornponiertcn Tragödien, bes,on,d,ers in den
'Persern' und den 'Sieben', cin-e Analogie, die sicl1 nicht v,on
der Hand weise11 lässt. Der Prolog der 'Sieben' schildert die
Not, \V-orin die Stadt sicl1 befindet, die Pavodos ist der ly-
[627] rische l(ornmentar dazu. Dasselbe Then1a wird in clen1 dar-
nuffolgcnden Dialog zwiscl1en Etcol<les und d-ern Ch,or und

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88 N. Jal1rb. f. l<lass. Altertum, XXVII, 1911

in den1 ·ersten Stasimon '\veiter ausgeführt. Darauf fiolgt die


be1·ülunte rcsp·onsorisch k,omp,onierte Beschreibung der Heer-
fül1rer, -die in dem Zwiegespräch zwischen Eteolcles und d-em
Cl1or il1rcn l-föl1epunkt erreicht und durcl1 ein Stasimon ab-
gescl1lossien wird. Zuletzt kommt die kurze Botschaft von
d·e·m Fall ·der Brüder und d-arauf -die grosse T,otenklage üb-er
sie. Eb·ens-owenig gibt es eine dramatiscl1e Handlung in den
'P,ersern'. Die Unglücksal1nungen •
und -b,otschaften steigern
l sich, d-er Cl1or ,crgiesst sich in Klagen, und diese werden
durcl-1 ,das v·on d-em König und den1 Ch or abwechselnd vorge-
1

tragen•e l,ied abgeschlossen. Der äussere Ral1men ist als,o d-er


gleicl1:e in den einzelnen Teilen dieser alten Tragödien wie in
d,er ,episcl1cn Totenlclage: die epische Schild,erung wird be-
gleitet und zum Teil durcl1brochen v,on lyriscl1en Gefühlsaus-
b1·ücl1en, d,cr w-csentlicl1e Unterscl1ied ist die µi~tl)C>tc; bpcovrcov,
i11 d,er Aristoteles die Eigenart der Tragö-die sucl1t.
Dies•e Erörterung l1at et'\vas ausführlicher '\Verden müssen,
weil n1it Ausnahm,e d-er Darstellung Bennd·orfs, die -die Arten
der T·otenlclage nicl1t scl1eidet, keine V,orarb,eiten b-estan,den. 1

\\ 1ir sind durcl1 die form•elle Analyse zu dem Ergebnis gelangt,


dass ein genauer Parallelisn1us zwiscl1en der Tragödie und
der Art d,c1· Totcnlclage bcstel1t, in '\velcher das lyriscl1-e Ele-
ment in -eine natü1·1icl1e Verbindung mit ein-em epischen Ele-
ment getreten ist. Diese Erlcenntnis "''irft unn1ittelbar ·eit1e
z'\\;eite ab. Die Z'vviespältigkeit der l(unstform der Triagödie
ist imn1er •eine crux interpretu,n ge,ves-en, die keine wirkliche
Lösung gefunden l1at. \\ 7ie ko1nmt es, dass gespr,ochene Dia- •

logverse, die in einer ionisierenden, an das Ep,os anl,el1n,en,den


Sprache 38 , und gesun.g-ene CJ1-orlied,cr, die sicl1 in der Spr.ach-
forn1 an die doriscl1·e Chorlyrik anschliessen 39 , vereint auf-
tret·en? Der Anscl1luss der Sprache des Dialogs an d·en ioni-
scllcn Dialekt scl1eint, so überraschend es v,ork,ommt, -ein-
38 Belege und Literatur z. ß. in Cl1rists J...it.-Gescl1. 5 I 245 A. 2.
3!) Der Vcrsucl1 Ridgev,ays, S. 3 r. 11ebst <len d-ort zitierten Stellen, <lie
S1Jracl1fonn der Cl1orlieder ·als d,en alten aus r-eligiösem Konservatismus
in cler I-lymnen1>,oesie be\.val1rl-en attiscl1en Dialel,t darzustellen, l,an11
nicl1t verfangen bei der Tatsacl1e, dass ein Böoter ,vie Pin<lar uncl ein
Ionier ,, ..ic [lakch) 1licles in cle1· Cl1orlyrik: aucl1 <lorisieren. l;-reilicl1 ,,·iit'C
aucl1 cler atliscl1c Demeterhy111nos eine erst zt1 erl,lären.d.e Ausnal1me.

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Der Ursprung der 'l'ragödie 89

mal ein ,·ölliger gewesen zu sein: ,venigstens sind durch einen


Pap.}·rus aus Oxyrhynchos z,vei ionisch,e Oialog,·erse aus den
'Phoinissen' des Phrynichos auf uns gekomn1en.-10 Es ist nun
gewiss richtig, dass der l\!Iythos in den Dial,obrpartien seine
Stätte hat, und dass die Mythen Brosan1en ,·-on dem reichen
Tisch des Epos sind und demnach hier die epische Sprach-
form die natürliel1e ist, und ebenso, dass bei <lern zähen 1-'esi-
halten der einmal _geschaffenen Kunstforn1 die Chorlyrik in
Athen wie überall dorisiertc; aber ebendassclbc feste Behar-
ren bei der überlieferten Kunstform macht es un1 so auffal-
lender, dass hier z,vei Kunstforn1cn verschiedener ..\rt und
getrennten Ursprungs vereint erscheinen. 1\.n ein ,villkürlichcs
Zusammen,verfen wird niemand ernstlich denl<-cn. Nun gibt
[628]es nirgends eine Dichtart, ,vo dasselbe Nebeneinander aufge-
,viescn werden kann, ausser der Totenklage. Z,var können ,,·ir
kei11 schrütliches Beispiel aufzeigen, da keine wirkliche 'f o-
tcnklage ·aufgezeichnet worden ist und die uns erhaltenen in
die gangbare literarische Form des hexametrischen Gedic11ts i
eingezwängt sind; es gibt aber, ,vic (largelegt, genug Zeug-
nisse dafür, dass die Totenklage sow,ohl in eiern YOn kunstge-
rechten Aöden vorgetragenen Preis der Toten ,vic in den (;c~
fühlsausbrüchen d·cr ia.XEµo1 bestand, die sich in den 1~0111-
moi der Tragödie '\Viederfinden. Jener ist episch und 111usstc
episch vor.getragen werden, dieser ist lyrisch uncl ,,·urde,
zu kunstmässiger Form v,erdicl1tet, in lyrische 'fracht gc-
kleid-et. Beide Formen konnten aber in der Totenklage in eine
natürlicl1e V,erbindung treten, inden1 auf die epische l.,ob-
1>reisung der lyrische ia.AEµo~ folgte. 13ei dieser auffallenden
üb-creinstimmung kann es nur methodisch richtig sein, den
Ursprung der Tragödie dori zu suchen, \YO clas \'iorbild ihrer
f orn1 sich aufzeigen lässt.
Das V,ersmass d-er Tragödie ist aber nicht der epische
I·Iexan1·cter, sondern der Jambus, w,ozu besonders in den üllü-
ren Stücken der trochäische Tetrameter hinzutritt. Der Jambus
,,·ar das volkstürnlich·e V-ers1nass, das dem Sprechen am nü<:h-

40 In einem Bruchstück von den1 Homcrkomn1entar des Am1nonios; s.


Diels, Rhein. l\,lus. 1901 LVI 29 ff.

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9() N. Jal1rb. f. }(lass. Altertum, XXVII, 1911

sten stand.4. 1 Die fahre·nden Sä_nger traten an d-en Höfen des


.;\dels und bei den grossen Festen auf, und ihre Kunst wurde
1nit G,old aufgew·og-en, aber auch der gen1eine, schlichte Mann
n1ocl1tc wie n,och heute jeder griecl1ische Bau-er die El1re <lc1·
'l'otcnl<lagc nicht entbehren; k,onnten die Mitglied,er der Fa-
111ilicsie nicht improvisie1·en, s,o gab es u11ter dem V,oll< l(lage-
f rauen und wol1l auch Klagemänner - beide erscheinen i11
<le:· späteren Überlieferung -, wie _j.etzt überall, wo die T,o-
tenklage ,:orherrscht, die berufsmässig den T:oten Loben
l1,1<l b,e\-veinen konnten. Das Ep-os war diesen Leuten .ei11c
f1·emde Pracl1tblüte; sie gebrauchten die voll<stümlicl1en Jf1n1-
be11 ,,,ic die Jan1biker in il1ren für Verbreitu11g unter den Mit-
bürgc1·11 bestimmten Spottgcdicl1ten u11d Sol,on in seinen aul'
cl,1s g1·oss,e Publikun1 l)·erecl1neten J)olitiscl1en Fluggcdicl1tc11.
1

Nu11 l1at \\iilamo\-vitz 12 bemcrl<t, dass in dem l(,omm,os clc1·


'J'ragödie die Jan1bcn vorl1errschen, und dies mit Recl1t clar-
aus l1-e1•g,eleitet,dass der volkstü111licl1e Jambus das Vers111,ass
der ,virl<licl1cn Totcnl<lage (als,o der lyriscl1cn) ,:var. Die l(l,1-
gend-e11 brauchten eben für beide .L\.rten der Tote·nl<lagc das-
selbe scl1lichte, ihnen geläufige \ 1ers1nass, ob.gleich selbst-
"·.crstäncllicl1 verschieden abgetö11t; bei der l<unstmässig-en Aus-
bilclt1ng n1usstc11 aber die episcl1en Partien sicl1 an das I~pos,
clie lyriscl1cn sich an clie Chorlyril< anlehnen.
\\.ir gehen v-on der f,or1n zun1 Stoff über. Der Inl1alt der
1'1·f1göclic l)estcht in Leid und Schm,erz; Aristoteles selbst
lehrt~ das der Tr,agödie Eig,entü·mlicl1-c s,ei, <lass sie µ1µ11r1x11
cpoßEpwv xai EAEEt\'WVist, was ,er in de1nselb-e11 13. I(.apitcl de1·
'P,ot:til<' näh,er e.ntwickelt; er hat s,ogar diesen Punkt in die
bcriil1n1te Definiti,on d,er Tragöd.ie (K.ap. 6) aufgen,0111m,cn:b1'
€AEOUxa.i <t"6ßou
1CEpa.t\'QU(ja.
r11v !lt)\' "COlOl)t(t)V
1ta.&11~1arcov
xa&ap(jt\t.
\ \ ·,ohcr hat nun die Tragödie den Grundcl1arakte1·, der sicl1
nocl1 in der Bed-eutun.g des \\ 1,ortcs 'tra.gisch' ausprägt? l\1it [62~)]
cler Hyp,othcse von cle1· Entstel1ung d,er Tragödie aus •d!em S„1-
tyrspicl ist er scl1lccl1terclings un,·er:einbar. Beth•e 11.atS. 37 ff.
ci11leuchtend bem,crl<t, class der düstere Ernst der Tragöclic
-1
-11 •.\ristot. Oe art. poct. S. 1449 A.
-!::? Con1n1ent. n1ctricun1 II, Progr. Göttingen 1896, S. 32 f.

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Der Ursprung der Tragödie 91

nicht d,enkbar sei, wenn sie v,on Anfang an v-0n den lustig.en,
leichtfertigen Satyrn agiert wird. Er \'Vill den Ernst durcl1 die
würdevolle Pers•on des Gottes einführen, der, n1it dem pracht-
voll,en Götterge,vand an.getan, unier ihnen als d,er erste Spr:e-
cher auftritt. Es ist aber ebenso unmöglich, sich v•orzustellen,
dass ein Satyrchor herzzerreissende Klagelieder sin,gt, v,on
denen d,och jede Tragödie voll ist; d,enn .das yt:Yo; out1öavc~)v
L.a:rupcov xai a.µ11xavoepycov mit Dieterich als T,otengeist,er zu
fassen streitet docl1 zu offenkundig gegen jede überlief erung.
Der Stoff bietet aber ein an.d,eres Rätsel dar: die Tragödie
ist mit dem Dionys,oskult so eng verbunden, dass jede .,~uf-
führung, wo sie auch stattfindet, Dionysia getauft \Vird; d·er
Priester des Dionys,os hat in Ath,en den V,orsitz inne, ttn,d d•er
Gott s·elbst wird, um dem Spiel zuzus-chau,en, aus seinem
T,ernp•el geholt und in der Orchestra aufg,estellt. Der Inhalt .,'
der Tragödien ist aber mit verschwindenden Ausnahmen oubE:v ..
1rpoc; ~tovt,aov. Aber noch mehr! \\"ilam,o,vitz hat be1nerkt und
Usener die Bemerkung unterstrichen 43 , dass die Göttcrsag;e
von der Tragödie nur benutzt wird, insoweit si-e entgöttlicl1t, i
•.,

d. h. zur Heldensage her,abgesunlcen ist. Scl1,on die Alten l1a-


ben dieselbe Beobachtung p,ositiv v·erw,ertiet; 'l'heophrast de-
finiert die Tragödie als 1)pco1x~; TUX11~:repi<1ta.<11c;,w,orauf
Schmid mit Recht gr,ossen \Vert legt. 44 Dasselbe Prioblcm hat
Schmid für den Dithyramb,os gestellt; hier ist es aber in s,ei-
nen \,Virkungen ungleich wichtiger. Auch für die Tragödie ist
dieselbe Antw,ort gültig wie für den Dithyrambos: das lcon11nt
clah·er, weil der Dionys,oskult ,die alten zu Ehren d•cr I-lcrioen
gef.eierten T·ot.enbegehungen aufges,ogen hat. Ihnen verdankt
die Tragödie nicht nur die F-0rm, son.dern auch den Stoff.
Dass in der Frühzeit der Tragö,die ein paarmal geschicht-
liche Ereignisse der Gegenwart den Stoff hergegeben haben, ist
inun,cr auffallend gewc,scn: nimmt •m,an hinzu, dass schon vo1·
d·em grosscn und kühnen Neuerer Äschyl,os zw,ci s,olchc Tra-
43 Wilamowitz, 1-Ierakles 1 I 59-61; Usener, ..\rch. f. Religionswiss.
1904 VII 282.
44 S. Christs Lit.-GeschJ> I 248; vgl. Et. nl. s. ,·. rpuy(1>~iet f:orl piun r.:

und die anderen a. a. 0. A. 3 angeführten Slcl•


xal :\l,yCllv 1\pco1xwv!,li1,11101½
Jen.

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92 N. JaJ1rb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

gödien von Phry.nich,os auf die Bühn•e gebracht wurden, die


'(f>oiv1<i<ia1' lmd 'M1A11rou ÜA(o<11c;·,so wird 1es ,deutlich, dass ein
solches Thema nicht die gewaltsam•e N,eu,erung darstellen kanln,
fü1-- die es gem.einiglich gehalten wivd. Das Probl,em fin.det
sei11e J_.,ösung, wenn die Tragödie auf die T,otenklage d·es He-
r,ocnl<ults zurücl<gef-ührt ,vird; denn aucl1 d,enj,enig-en, ·die im
l(i1mpf·e, bes,on.ders für -das Vaterlan,d, d,en To,d g-efunid,en ha-
b·cn, gebührt die T•otenklag,e; es wird ihn en als Hefloen g.eop-
1

fcrt wie <len Freiwillig•et1 aus Oresthasion (Paus. VIII 41, 1),
den bei Platää Gefallen.eo und s,ogar d·en in Agylla g,esteinjg-
ten Phol<äern (1-Ieriodot I 167). So wird die Stoffw.al1l d·es ,
Ph1·ynicl1os v,erständlich; sein Missgeschicl< hat ,aber g,ez,eigt,
<lass das V,oll< an ,eigen.es Leid nicht erin•n,ert w,er,d,en vv1ollte,
Utlll die Gegenwart stand d,och in einen1 s·o scl1arf.en G.ege11- 1

satz zu clc1· 1nythischen Zeit der Heroen, •dass die historiscl1e


Tragödie als etwas i.\bnorm.es erscheinen mus.ste un.d dem- [630]
nacl1 b,escitigt wurd·e. Die l<ül1n,eN•cuerung ist clie Gött-ertra.gö-
dic, die gel1ört eben auch Äscl1yl-0s u11d ist für i1nm,er v·crein-
z.clt gcblicllcn. 45
Die durcl1 diese Er\iviigung·en gegeb,en,e Ant,\-·•ort erl1ciscl1t
abc1· eine Begründung z,veier darin e.nthalt en,en Punl<te: K.am 1

i11 <.I.emI-Icr.ocnl<ult ein.e T,otenl<lag•e \'IOr? und: \V a1--um ist clie


in cl,cn1 I·ler.oenl<ult v,orl<on1m,en,d,eTiotenl,lag.e von d,e1n Dio.ny-
1

sosl<t1lt aufgcs,ogen "v,orden? Erst \-V,enn diese l)eid,cn Fra.gen


l1i11rcicl1c11clbea11t,vortet sind, l,ann das Ergebnis, das •<lurcl1
--- ·--
. -15l\lit Crusit1s und Scl1micl den I·lcroenditl1yran1bos
1
als l\1ittelgliecl
11:
einzt1scl1ieben, inclem 111an den l'l1eorien der Alten folgend d,en tatsäcl1-
1 licl1en Zt1samm.enl1an.g z,viscl1cn il1n1 und der Tragödie zu einem geneli-

r scl1e11 1nacl1t, l1eisst das Proble111 zm·ücl,scl1ieben, ol111e es zu lösen; es


,vird dab,ei ein nicht er,veislicl1er rni1n,etiscli.er l{eim cles Ditl1yrambos
vorausgesetzt, der aber, ,vie unten dargelegt ,verden soll, nicl1t im To-
tenl,ult zu finclen ist. - vVilan10\-\ itz sagt S. 95 und 105, class Äscl1ylos
1

die Tragödie durcl1 das Einl'ül1ren der 1-Ield,ensage in die (frül1,er nu1·
dionysische) 1'ragöclie gescl1affen hab•e. An eine so willkürlicl1e Scl1ö1Jfung
kann icl1 nicl1t glat1l)cn; denn die 'fragödie l,ann als ,vesentli-cl1er Teil
des Göttcrkultus wie wegen der relati,·e:i ßeständigl,eit der Kunstform
i111 f\ltertt1n1 nicl1t ,vi.lll,ürlicl1 rev-olt1tioni-ert w,or:clen sein, sondern muss
bei aller Verschiedenl1eit zwiscl1en Anfang und Ende organiscl1 gewacl1-

5en sein.

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Der Ursprung der Tragödie 93

die Analyse von Form und Stoff der Tragödie g-e,-von11en


wurde, als gesichert g.elten.
Dass eine jährlich wiederholte T,otcnl<lagc zu den Bege-
hungen des Heroenkultes gehörte, ist 1n,ehrfacl1 bezeugt; frei-
licl1 sin(l die Zeugnisse nie in vollem U111fang-czusamm-engc-
bracht und gewürdigt \/\'Orden. In erst-er Linie steht die für
das ProlJlcm der Entstehung der Tragö<lic h-oc.:h"vichtigc und
in d-er letzten Zeit \.viederholt bespPochenc Herod-otstellc über
die zu El1ren des Adrastos in Sikyon aufgeführlen rpa.y1xoi
x6po1, die der Tyrann Kleisthcnes den1 Dionysos über,vies ..JG
Frül1er wurde hier rpa.y1xoi xopoi durcl1 'Bockschöre' über-
setzt; der innere Grund dafür war d-er \\'unsch zwischen den1
dorischen Dithyramb-os und dem Ch•or des Satyrdramas, <lic
beide nach Aristoteles als V,orstufen der Tragöd~e betrachtet

\\'urd,en, ein vermittelndes Glied zu fin-<l.en;als 1na11dann n.acl1- .◄

,,
' \\·-cisen zu können glaubte, dass die bocl<sgcstaltig:en Dä1no-
nen in dem Peloponnes zu Hause waren, in Attika aber di.e
pferdegestaltigen Silene an ihre Stelle traten, gewann jene
Auffassung noch m-ehr an Gc,-vicht. f•
. •.
Diese Übersetzung lässt sich aber nicht aufrecht -erhal-
ten 47, abgeseh-en von der Frage, -ob das \\ 7ort rpa.y1x6c; in alter
Zeit s,o viel als rpciye1oc; 'zum Bock gehörig', 'bocksartig' be-
(631) deuten kann.-18 Gesetzt, dass rpa.y1x6c; im V. Jahrh. \.Virklich
-----. -

-!6 Hdt. Ta TE ~~ ü:\:\et oi ~IY.tlOJ\'101 ETlf.lf'.O\' T«'I\. ":\öpl\OH>\", Y.Ctl.:i/1'.'!pi,~


V 67
TU nci&Eet (ll)TOÜ TP<l)'IY.0101 xopoio1 ~y~'.pet1po,·, T()\" fl~:\" ~11'1\"t,C1()\"(ni Tlfl'-OYT€C, Tl)\"
bE w Abp1\0TO\', KAEIO&f.\"11; ÖE xopoi1; flE\' Tf!) .l10\t'O(!l ci'.'T~Ö(OY.F.,
Tl]'' l),; ii.\,\1p· Ot'•
oi'l,. tCÖ l\lE:\a,·1111tro.
' '
47 Der gesunde geschichtliche Sinn Ed. i\lleyers hat zuerst ,vider-
sprochen, Gesch. des Alt. II 789; die ;\nt,vort \Vernic:kes, Iiermes 1897
XXXII 292 ..\.mn. 2, trifft den Kern der Sache ni::ht. Zuletzt hat Rei,sch
S. 452 ff. die Behauptung einer ,·ernichlenden Kritik unterzogen.
48 So,veit die Beispiele der Lexika reichen, zeigen sie, dass tpcty1x,\;
erst in später Zeit ( die beigebrachten Beispiele rühren sogar sämtlich
aus der nachchristlichen Zeit her) in der Bedeutung 'zu1n ßock gehörig'
auftritt, als die Auslegung der Tragödie als Bockgesang längst Gemein-
gut war. In guter Zeit bedeutet es im1ncr 'traqisch', so auch in dem
\Vortspiel Plat. Crat. S. 408. Vielleicht ist das \Vort nicht direkt mit
-
tpc',yo.:, zu verbinden, sondern als I(urzforn1 zu tpetyc!>b1x,\~ ,vie Y.<•>f11xv; zu
xmµcpb1x6; aufzufassen.

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IA
94 N. Ja.hrb. f. klass. Altertum, XXVII, 1911

die vorausgesetzte Bedeutung haben kann, so ist d,och die ge-


lättfige 'tragisch', und es scheint mir völlig unv,erstän,dlich,
dass m,an H·erodot, dem Freunde des S,oph,okles un.d d·em be-
geisterten Anhäng,er ~i\.tl1ens, hat imputieren können, er habe
d·em \\ 7·ort eine andere Beziehung g·egeben als auf die Chöre,
die an dem glänzendsten Fest Athens auftraten, wo die Stadt
ihre Pracl1t un•d Macht den zusammenströmen•d•en Fr·emden
und Bund·esgen,ossen zur Scl1au stellte. Auch v,om re~giös,en
Stan,dpunkt

scheint es mir ein ungeh•eurlich,er Ged.ank.e, dass
die 'nichtsnutzigen' Satyrn als Ch·or bei einer T,otenb,e~ehun.g
auftvete11 s,ollten. S.ogar in d.er Umf,or·111ung,in w-elcher Schmid
S. 19 an jener Bedeutung festhält, d.ass .der Ch,or v,on Bau,ern
der Umgegend .gebildet wurd,e, di,e in der bäuerischen Tracht
v,on ß,ocksfellen attftraten, kann sie nicht gerettet w•erden.
H.enodot m.eint ganz einfach d.as N.ächstli,egien,de, dass jen·e
Chöre, die die Leiden d,es A,clrastos b,esangen, d•en,en der Tra-
gödie irgen,d,,,ie ähnlich war.en - wir erin.nern u·ns, das Aristo-
teles das Hauptcharakteristikum d,er Tr.agödi,e in Leid und
Scl1n1,e1·zsal1 - ; das lag ihm um s,o näher, da zu sein·er Zeit
die sikyonischen Chöre '\Vie die d,er Tragödi•e zu Ehren d•es
Di,onys·os auftraten. Das ist für ihn der springend,e Punkt d•es
V·ergleiches.
Adrastos s•ollte in l\!Ieg-ara begrab,e11 lieg•e11, hatte aber in
Sikyon ein Ken,otaph.' 19 Die F·eier zu s•ein,er Ehre '\-Virclselbst-
v·erstäncllich an dem Grabmal s·tattg,efun,d,en h,ab,en wie j,ed,er
Heroenkult. Sie b,estand ursprün.glich aus Opfern u;n,d C'11ö-
!'le11,die d~e Totenklag•e üb,er den 11·erios ausfül1rten (ra. na.&Ea
tyipatpo,·): das Opf.er l1at Kleisth•en,es den1 T,odfein.d Adrasts,
M·elanippos, überg•eben; dass -er die Cl1ö!'le abgetrennt und
d,em Dio11ys,os über,vies.en h,at, muss d,ar.auf b,eru·h,en, dass
Di,onys,os sch,on die musischen F-ei,ern d,er H,ero,en an sich zu
ziehen angefangen hatte.
Da nt1n ·einmal dics·e Stelle lebhaft umstritten ist, ,obgleich
i.iber die richtige lnterpretati,on nicht d,er leiseste Zweif,el
b•estehcn kann, s·o ist es ,vichtig, nachzu,v,eis,en, dass ,ein•e
d,erartige jährlicl1 wied,erhjolte T,ot.enl<lage im Her-oenkult nicht

4!> Dieuchidas in <lern Scl1olion zu Pin<l. Ne111. IX 30; vgl. I-ldt. V 67.

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