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Fremdkontrolle

Michael Schetsche
Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.)

Fremdkontrolle
Ängste – Mythen – Praktiken
Herausgeber
Michael Schetsche Renate-Berenike Schmidt
IGPP Freiburg, Deutschland Universität Freiburg, Deutschland

ISBN 978-3-658-02135-1 ISBN 978-3-658-02136-8 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8

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Inhaltsverzeichnis

Michael Schetsche & Renate-Berenike Schmidt


Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung ........................................... 7

Teil I Historische Diskurse und Praktiken

Johannes Dillinger
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre ...................... 31

Barbara Wolf-Braun
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik ........ 45

Andreas Anton
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit .......................................... 59

Teil II Fiktionalisierungen

Martin Engelbrecht
Ich bin verbunden, also bin ich ............................................................................. 77

Matthias Hurst
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari ......................................... 91

Christian Vähling
Fremdkontrolle im Comic ..................................................................................... 109
6 Inhaltsverzeichnis

Teil III Psycho-Logik

Thomas Fuchs
Being a Psycho-Machine ........................................................................................ 127

Nahlah Saimeh
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie ....... 145

Thomas Bock & Gwen Schulz


Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle ....................... 159

Teil IV Kulturelle Gegenhorizonte

Werner Egli
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister ............................... 179

Bettina Schmidt
Zombies und andere Vodou-Praktiken ............................................................... 195

Teil V Im Bann der Technik?

Ralf Vollbrecht
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? ............. 213

Georg Felser
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? ................................................ 229

Andreas Anton & Sascha Zorn


Fremdkontrolle durch Computerchips ............................................................... 247

Stephan Schleim
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle .................................................... 265

Autorinnen und Autoren des Bandes ............................................................ 281


Fremdkontrolle –
eine exemplarische Einführung
Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt1

Manche Bücher haben es schon vom Titel her schwer. Aus der Perspektive der
Verkaufsförderung wäre der vorliegende Band besser mit ‚Mind Control‘ über-
schrieben. Daran gestört hat uns als Projektinitiatoren und Herausgeber weniger
der Anglizismus als die spezifische Konnotation, die mit diesem englischen Be-
griff im deutschen Sprachraum einhergeht. Der Terminus ‚Mind Control‘ erzeugt
einen Assoziationsraum, der sich nach unserem Eindruck zu stark in Richtung
Verschwörungsdenken öff net – was gar nicht per se problematisch ist (vgl. Anton
et al. 2013), hier aber potenzielle Leser und Leserinnen auf eine falsche Fährte
hätte locken können. Wie bereits der Untertitel „Ängste – Mythen – Praktiken“
signalisiert, geht es im Band zwar auch, aber nur neben manch anderen Fragen, um
jene Neomythen, die heute allzu eng mit dem Begriff ‚Mind Control‘ verbunden
sind. Wir haben uns deshalb nach längerer Überlegung (und in Absprache mit
dem Verlag) für den unseres Erachtens deutlich neutraleren Titel ‚Fremdkontrolle‘
entschieden, auch wenn dies die Gefahr anderer Missverständnisse oder gar eines
vorgängigen Unverständnisses birgt, worum es in diesem Buch geht. Diese Ein-
leitung beginnt deshalb – vor diesem Hintergrund quasi notwendig – mit einer
kurzen Ein- und Abgrenzung des gemeinsamen ‚Untersuchungsgegenstandes‘
und der damit verbundenen Erklärung, was der Begriff der Fremdkontrolle, der
unserem Buch nun den Titel gegeben hat, überhaupt meint.
Das Allgemeinste vorweg: Im Zentrum des Menschenbildes moderner west-
licher Gesellschaften – so unsere Vorüberlegung zum Buchprojekt – steht die Idee
des selbstbestimmt, also nach freiem Willen2 , entscheidenden und handelnden

1 Herausgeber und Herausgeberin danken Kirsten Krebber für die zuverlässige und auf-
merksame redaktionelle Betreuung des Bandes.
2 Die aktuellen, im Anschluss an die Libet-Experimente (Libet 1985) entstandenen
Debatten (vgl. für einen Überblick Fuchs und Schwarzkopf 2010) über die menschliche

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_1, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
8 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

Individuums (unübersehbar heute etwa im Strafrecht). Entsprechend ist die


Vorstellung eines Menschen ohne freien Willen Teil eines anthropologischen,
aber auch moralischen und politischen Gegenhorizontes, der uns sagt, was das
moderne Subjekt unter keinen Umständen sein soll und sein darf, nämlich fremd-
bestimmt. Dabei ist aus gutem Grund zu vermuten, dass die Vorstellung des selbst-
bestimmten Subjekts zu seiner kulturellen Durchsetzung unter anderem auch der
mannigfaltigen Drohungen dieses gedanklichen Gegenhorizonts bedurfte.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum bis heute kaum etwas das
westliche Subjekt so sehr in seinen Bann schlägt (und zwar in einen doppelten:
den der Furcht und den der Faszination) wie die Möglichkeit, das Denken, Fühlen
und Handeln des Menschen von außen her zu kontrollieren und zu bestimmen.
Davon legen nicht nur diverse fi ktionale Darstellungen (sei es im Roman, im
Film oder im Comic), sondern auch zahlreiche wissenschaft liche, religiöse und
alltagsweltliche Debatten Zeugnis ab. Am Beginn der modernen Diskurse dieser
Art (es gibt klassische Vorläufer, die hier aber nicht in den Fokus gerückt werden
sollen) steht die furchterregende Idee der Kontrolle des menschlichen Willens
durch böse Mächte – seien es Dämonen, Geister oder auch Hexen. Mit Säkulari-
sierung und Verwissenschaft lichung der Gesellschaft wurden diese Gefahrendis-
kurse durch neue – allerdings nicht weniger furchterregende – ersetzt: Bewusst-
seinskontrolle durch Hypnose und Suggestion, durch Drogen wie LSD, durch
mediale Manipulation oder religiöse ‚Kult-Programmierung‘. Manches davon
ist eher kollektive Phantasmagorie, die sich aus den gleichen Quellen speist wie
die individuelle Angst vor Beeinflussung und Kontrollverlust, von der Psycho-
logie und Psychiatrie zu berichten wissen. Anderes hingegen entspringt einer
manchmal schwer zu erhellenden Zwischenwelt, in der sich ganz reale wissen-
schaft liche Forschungstraditionen und Experimente mit Verschwörungstheorien
und modernen Mythen mischen. Und genau in diesem Spannungsfeld zwischen
Ängsten, Mythen und sehr realen Praktiken ist unser Band angesiedelt. Wir

Willensfreiheit generell können wir hier ausklammern, weil die Idee einer gezielten
Fremdkontrolle des Subjekts durch andere menschliche Akteure oder gesellschaftliche
Institutionen deutlich älter als jener Diskurs ist, und, zumindest auf den ersten Blick,
auch unabhängig davon bleibt. Die Befunde von Libet belegen – in ihrer traditionellen
Interpretation (für eine alternative Sichtweise vgl. aktuell Jo et al. 2013) – weder die
Möglichkeit einer vorsätzlichen Fremdkontrolle von außen, noch liefern sie ein Argu-
ment gegen diese Möglichkeit. Uns ist allerdings bewusst, dass diese und ähnliche
neurowissenschaftliche Experimente und die daran anschließenden theoretischen
und philosophischen Erwägungen die Idee der menschlichen Willensfreiheit dauer-
haft destruieren könnten. Mit dem Verzicht auf diese Idee würde möglicherweise auch
die Notwendigkeit kultureller Gegenhorizonte entfallen.
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 9

können dies an dieser Stelle nicht systematisch entfalten (auch weil uns, das geben
wir gern zu, ein entwickeltes theoretisches Konzept zur Bedeutung des ‚Mind
Control-Paradigmas‘ in der Moderne noch fehlt), sondern diese drei Dimensionen
jeweils nur für ein empirisches Feld exemplarisch nachzeichnen.
Ängste: Wie weitverbreitete Hoffnungen, spiegeln3 sich auch die Ängste
einer Gesellschaft am offensichtlichsten in den fi ktionalen Kulturprodukten
der jeweiligen Zeit wieder. In der seit 2011 in den USA ausgestrahlten, mehrfach
preisgekrönten Drama-Serie „Homeland“ geht es um einen US-amerikanischen
Marine, der 2003 im Irak spurlos verschwand und nach acht Jahren als Gefangener
einer islamistischen Terrororganisation – nicht überraschend fällt in der Serie
immer wieder der Name al-Qaida – scheinbar zufällig von einer Spezialeinheit
beim Angriff auf ein ‚Terror-Camp‘ befreit wird. In seine Heimat zurückgekehrt,
wird Sergeant Nicolas Brodie öffentlich als Kriegsheld gefeiert, gleichzeitig aber
insgeheim als potenzielle Gefahr für die nationale Sicherheit von Teilen der CIA
minutiös überwacht. Die Serie lotet dabei das Spannungsfeld zwischen „Staats-
paranoia“ (Horn 2007) in den USA nach dem ‚11. September‘4 einerseits und der
durchaus begründeten Furcht vor der Möglichkeit einer politisch-ideologischen
„Gehirnwäsche“ (der Terminus wird in der synchronisierten deutschen Fassung5
mehrfach verwendet) vom ‚Feind‘ gefangener Soldaten andererseits durchaus
recht tiefschürfend aus. Die Vorstellung einer politisch-ideologischen Gehirn-
wäsche – gleichsam eine Re-Programmierung, die aus Feinden Freunde und
damit aus Sicht jener Feinde Verräter macht – ist dabei nicht die einzige, aber eine
seit Mitte des letzten Jahrhunderts doch die zentrale Ausprägung der Idee einer
realisierbaren Fremdkontrolle menschlichen Bewusstseins. Mit dem Glauben an
die Realität entsprechender Techniken wächst nicht nur die Hoff nung auf eigene
militärische und geheimdienstliche Handlungsoptionen, sondern in gleichem
Maße eben auch die Angst – bei politischen und militärischen Entscheidungs-
trägern und im Reflex dann auch in der Öffentlichkeit demokratischer Staaten –,
gegnerische Mächte könnten und würden sich dieses Mittels bedienen, um der
eigenen Gesellschaft zu schaden. Die Angst vor dem terroristischen Islamismus,
in der es in Homeland vordergründig geht, erreicht spätestens dann den Zu-

3 Medientheoretisch betrachtet ist das Verhältnis deutlich komplizierter: Medien


können kollektive Gefühlslagen bei den Rezipienten ebenso verstärken wie sie sich
ihrer bedienen und sie damit letztlich in dialektischer Weise auch re-produzieren.
Dem können wir an dieser Stelle jedoch nicht weiter nachgehen.
4 Der Zusammenhang wird in der ersten Folge der Staffel, die zehn Jahre nach jenem
politisch höchst folgenreichen Ereignis spielt, explizit hergestellt.
5 DVD: „Homeland. Die komplette Season 1“, Twentieth Century Fox Home Entertain-
ment (2013).
10 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

schauer, wenn dieser in der zweiten Folge (der ersten Staffel) Zeuge wird, wie der
‚Verdächtigte‘ in seiner Garage in aller Heimlichkeit das islamische Pflichtgebet
spricht. Die innigliche Anrufung „Allahu Akbar“ scheint den Verdacht gegen
Sergeant Brodie aus Zuschauerperspektive zur Gewissheit zu machen: Aus dem
tapferen US-Marine ist durch „Gehirnwäsche“ ein (ebenso tapferer?) islamischer
Gotteskrieger – und aus Sicht der CIA entsprechend: ein Terrorist – geworden.
Dass die Staatsparanoia sich in der Serie in der CIA-Agentin Carrie Mathison
personifiziert, die an einer bipolaren Störung leidet und auf starke Medika-
mente angewiesen ist, um überhaupt arbeitsfähig zu sein, ist einer der drama-
turgischen Kniffe der Serie, der sicherlich zu ihrer Beliebtheit beim Publikum
beigetragen hat: Die kollektive Angstpsychose wird fi lmisch sehr anschau-
lich durch eine individuelle psychische Erkrankung symbolisiert. Für die im
weiteren Verlauf (von mindestens vier Staffeln) überraschend komplexe und an
Ambivalenzen reiche Serie spricht dabei, dass im Falle von Sergeant Brodie und
Agentin Mathison letztlich fast nichts so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick
scheint. Dies ist für unseren Zusammenhang insofern von Bedeutung, als der
Idee einer systematischen politisch-ideologischen Gehirnwäsche stets Unsicher-
heit über das Ausmaß und die Dauer ihres ‚Erfolgs‘ anhaftet. Hier und in der
damit verbundenen erhöhten Reflexivität des Plots generell geht die Serie deutlich
über ihre historischen Vorläufer hinaus. Unübersehbar bleibt aber – trotz aller
Modernisierung – der unmittelbare inhaltliche Zusammenhang mit dem Anfang
der 1960er Jahre entstandenen Kinofi lm The Manchurian Candidate (1962, John
Frankenheimer; deutsch: Botschafter der Angst), der auf dem 1959 erschienenen
gleichnamigen Roman von Richard Condon basiert.6 Hier gerät der Protagonist
Sergeant Raymond Shaw (in beunruhigender Weise auch die ‚Titelfigur‘ von
Roman und Film) im Korea-Krieg in Gefangenschaft und wird von chinesischen
Mind Control-Experten einer Gehirnwäsche unterzogen und zum perfekten
Assassinen ‚programmiert‘. Zurück in den USA wird er als Held gefeiert, während
er – von kommunistischen Agenten gesteuert – insgeheim und ohne sich später
daran zu erinnern, politische Morde ausführt. Auch hier geht es, wie fünfzig Jahre
später in Homeland, um die politische Funktionalisierung eines vermeintlichen
Kriegshelden, der zum Vizepräsidenten der USA aufsteigen könnte, um dann mit

6 Ein zeitlich wie inhaltlich direkter Vorläufer ist die erstmals im Jahre 2010 aus-
gestrahlte israelische TV-Serie Hatufim – In der Hand des Feindes, in der es um zwei
nach siebzehn Jahren aus der Gefangenschaft im Libanon zurückgekehrte israelische
Soldaten geht. Im Gegensatz zu Homeland dominieren in der israelischen Serie jedoch
Fragen der Bewältigung der Traumata von Kriegsheimkehrern und ihrer Familien –
die Angst vor einer islamistischen Fremdkontrolle der Rückkehrer hingegen rückt in
der Dramatik der Serie in den Hintergrund (auch wenn sie weiterhin präsent bleibt).
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 11

der ganzen Macht seines Amtes und den entsprechenden schier unübersehbaren
Konsequenzen die Interessen seines Heimatlandes zu verraten.
Homeland wie seinerzeit The Manchurian Candidate sind Teile einer großen
Erzählung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist und in der es – und
dies ist das innovative Element verglichen mit Filmen zum Fremdkontroll-Topos
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (mehr dazu bei Matthias Hurst in diesem
Band) – um politisch motivierte Gehirnwäsche an gegnerische Soldaten geht, mit
dem Ziel, diese später beim Feind einzuschleusen, um sie zu zentralen Akteuren
einer heimlichen Kriegsführung werden zu lassen. Im 21. Jahrhundert haben
dabei lediglich die nahöstlichen Islamisten die fernöstlichen Kommunisten als
‚Agenten des Bösen‘ abgelöst – die Angst vor der Macht der Fremdkontrolle (hier
in Form politischer Gehirnwäsche), die selbst den treuesten Soldaten in einen
ruchlosen Verräter zu verwandeln in der Lage ist, bleibt jedoch auch im 21. Jahr-
hundert bestehen … und bewegt zumindest in dieser fi ktionalen Form weiterhin
das Publikum in den USA und wohl auch in Deutschland.
Mythen: Zumindest in dem Sinne, dass das Böse stets ‚aus dem Osten‘ kommt,
schließt der fi ktionale Mind Control-Diskurs an traditionelle Mythen der abend-
ländischen Gesellschaft an. Ein anderer, deutlich jüngerer Mythos, der eng mit
der Idee der Fremdkontrolle verbunden ist, dürfte jener sein, der im Zentrum
der Vorstellung vom Einfluss geheimer satanischer Netzwerke steht, die mittels
verschiedenster Methoden der Gedanken- und Verhaltenskontrolle, ihre Opfer
massenhaft in Täter wider (eigenen) Willen zu verwandeln in der Lage sind.
Die deutsche Fachöffentlichkeit erreichte der aus den USA stammende Dis-
kurs über die von satanischen Netzwerken und ihrer Fähigkeit zur Bewusstseins-
kontrolle ausgehenden Gefahren spätestens im Jahre 1994 mit der deutschen
Übersetzung des Bandes „Ritual Abuse. What It is, Why it Happens and How
to Help“ eines unter dem Pseudonym Margaret Smith veröffentlichenden selbst-
deklarierten Opfers entsprechender Fremdkontroll-Praktiken. Dieser Band war,
verglichen mit anderen Veröffentlichungen aus jener Zeit (etwa Fröhlich 1996
oder Becker und Felsner 1996), diskursstrategisch insofern von besonderer Be-
deutung, als er ein umfangreiches deutsches Vorwort aus der ‚Feder‘ einer der
damals führenden Expertinnen für sexuellen Missbrauch vorzuweisen hatte.
Ursula Enders, Autorin zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema sexuelle
Gewalt, zeichnete auf siebzehn Seiten ein überaus eindringliches und letztlich
wohl auch vorsätzlich erschreckendes Bild über die Machenschaften satanischer
Netzwerke nicht nur in den USA, sondern eben auch in Deutschland.7 Für die

7 „Ich kann es noch immer nicht glauben, auch wenn ich weiß, daß es stimmt:
Ritualisierter Kindesmißbrauch findet auch in Deutschland statt. Tieropferungen,
12 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

folgenden Jahren lässt sich für den deutschsprachigen Raum die Entfaltung eines
Gefahrendiskurses rekonstruieren, der öffentlich teilweise hohe Wellen schlug
und schließlich auch erhebliche juristische Auswirkungen zeitigte (vgl. Schetsche
2000, 191ff.; Schmied-Knittel 2008, passim).
Das Problem mit seinen überaus eindringlichen Warnungen – und des-
wegen ist hier der Terminus Neomythos unseres Erachtens angebracht – ist,
dass sie, nach allem was wir heute wissen, zu großen Teilen nicht auf Fakten,
sondern auf Fiktionen bzw. auf im öffentlichen Diskurs für bare Münze ge-
nommene iatrogen erzeugte Pseudo-Erinnerungen8 der vermeintlichen Opfer
jener satanischen Netzwerke basieren. Die systematischen Untersuchungen
der zuständigen Polizeibehörden in den USA und Großbritannien (wo der Ge-
fahrendiskurs älter ist als in Deutschland) führten zu eindeutigen Ergebnissen:
Für die Existenz der behaupteten satanischen Netzwerke und ihre Fähigkeit zur
durchgreifenden mentalen Beeinflussung ihrer Opfer gibt es, außer den wieder-
erlangten Erinnerungen der vermeintlichen Opfer, keinerlei Belege (Lanning
1992; Goodwin et al. 1994; La Fontaine 1994). Auch deutsche Ermittlungen sind
regelmäßig im Sande verlaufen (vgl. Fügmann 2004, S. 103ff.; Nowotny 2001,
passim; Huettl und König 2006, passim) – und in verschiedenen, teilweise groß-
angelegten Strafprozessen konnten hierzulande keine Hinweise auf die Existenz
geheimer satanischer Kultgruppen oder gar Netzwerke gefunden werden, in
denen die behaupteten schwerwiegenden Straftaten (Folter, Vergewaltigung,
Mord) verübt worden wären. Schließlich konnte der Bericht der Bundestags-

Masken, Kapuzen, Geister, Blut, Folter, Pornoproduktion, schwarze Messen, Kindes-


tötungen, Kannibalismus, magische Operationen“ (Enders 1994, S. 9).
8 Nach unserer Auffassung ist wesentliche Ursache der therapeutisch erzeugten Pseudo-
Erinnerungen die unkritische Anwendung der Regressionshypnose und ähnlicher
Verfahren in der Psychotherapie (vgl. ausführlich Schetsche 2003; Schmied-Knittel
und Schetsche 2011). Daniel L. Schacter (2001, S.178ff.), einer der international
renommiertesten Gedächtnisforscher, fasst die Ergebnisse der experimentellen und
klinischen Befunde zu dieser Methode so zusammen: „Trotz aller Beteuerungen der
Praktiker lassen kontrollierte Untersuchungen darauf schließen, daß die Hypnose
die Genauigkeit des Gedächtnisabrufs keineswegs fördert, sondern einen Abruf-
kontext schafft, der die Bereitschaft des Hypnotisierten steigert, jedes psychische Er-
lebnis, gleich welcher Art, als ‚Erinnerung‘ zu bezeichnen. Manchmal produzieren
hypnotisierte Menschen exakte Erinnerungen, genauso häufig aber sind sie das Opfer
von Gedächtnistäuschungen – und es gibt keine verläßliche Methode, zwischen den
beiden Kategorien zu unterscheiden.“ Vor dem Hintergrund, dass die entsprechenden
Verfahren in den USA deutlich häufiger eingesetzt werden als in Europa, wird ver-
ständlich, warum ein Großteil der entsprechenden Berichte von jenseits des Atlantiks
zu uns herüberschallt.
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 13

Enquetekommission zu sogenannten Sekten und Psychogruppen nur die Dis-


krepanz zwischen öffentlichem Gefahrendiskurs und kriminalpolizeilichen Er-
kenntnissen konstatieren: Während die psychotherapeutische Praxis drastische
Schilderungen Betroffener lieferte, meldeten Bundeskriminalamt und Landes-
kriminalämter weitgehend Fehlanzeige. Folge war die abschließende Ein-
schätzung, dass „es keine gesicherten Erkenntnisse darüber gibt, daß es weit
verbreitet und vor allem in ‚satanistischen‘ Zusammenhängen zu rituellem
Mißbrauch kommt“ – folglich „aufgrund der ungesicherten Datenlage auch kein
Grund zur Dramatisierung einer ‚satanistischen Gefahr‘ besteht“ (Deutscher
Bundestag 1998, S. 97).
Trotz dieser quasi amtlichen Entwarnung Ende der neunziger Jahre lebt der
Neomythos über den massenhaften satanisch-rituellen Missbrauch fort. Noch im
Dezember 2013 konnte im durchaus angesehenen psychologischen Fach-Verlag
Asanger die deutsche Übersetzung des Therapie-Handbuchs von Alison Miller,
einer der führenden US-amerikanischen Protagonistinnen dieses Gefahren-
diskurses, erscheinen: Jenseits des Vorstellbaren: Therapie bei Ritueller Gewalt
und Mind Control. Der Band reproduziert nicht nur nochmals vollständig das
Deutungsmuster des inzwischen weit mehr als zwanzig Jahre alten Warndiskurses,
sondern klärt auch in zwei Kapiteln ausführlich über die (vermeintliche) Rolle der
Mind Control-Techniken für die als hochgefährlich angesehenen Aktivitäten der
satanischem Sekten in der westlichen Welt auf (Miller 2013, S. 23ff. und 113ff.).
Und tatsächlich haben wir über das Problem des satanisch-rituellen Miss-
brauchs an dieser Stelle nur deshalb so ausführlich berichtet, weil in ihm die Frage
der Fremdkontrolle der Kultopfer eine zentrale Rolle spielt.9 Das unterliegende
Deutungsmuster (vgl. Schetsche 2000, S. 195f.) benötigt zur Begründung, warum
es den satanischen Kulten auf Dauer gelingt, ihr (wahrhaft teuflisches) Treiben vor
der Öffentlichkeit wie vor den Strafverfolgungsbehörden zu verbergen, notwendig
die Idee einer perfekt funktionierenden Fremdkontrolle, hier in Form der so-
genannten ‚Kult-Programmierung‘. Die Opfer werden, so die Behauptung, mittels
verschiedenster, systematisch eingesetzter Psychotechniken daran gehindert,
Außenstehenden über die an ihnen, aber auch die von ihnen begangenen Taten10
zu berichten. „Mit Hilfe von Techniken zur Bewußtseinskontrolle (Hypnose,

9 Für den englischsprachigen Raum zeigt dies auch die Monographie von Epstein et al.
(2011), die gänzlich dieser Traditionskonstruktion gewidmet ist: „Ritual Abuse and
Mind Control.“
10 Typisch für diesen Gefahrendiskurs ist das Zusammendenken von Opfer- und Täter-
status: Wer Opfer einer satanischen Sekte wird, ist als späterer Täter bzw. als Täterin
geradezu prädestiniert, weil diese Kultgruppen – so die Vorstellung – namentlich ihre
minderjährigen Opfer einer speziellen mentalen ‚Programmierung‘ unterziehen, die
14 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

Drogen und systematischer Folter) werden sie in einen Zustand tiefster Furcht
und Bewußtseinsverwirrung versetzt, so daß es für sie extrem schwierig ist, den
Mißbrauch zu offenbaren“ (Enders 1994, S. 12). Die psychischen Beeinflussungen
können dabei so stark sein, dass die Opfer später selbst am Realitätsgehalt ihrer
Erlebnisse zweifeln: „Die Wahrnehmung der Opfer wird durch die Verabreichung
bewußtseinsverändernder Drogen und Hypnose noch zusätzlich verwirrt. So
wird die Widerstandsfähigkeit der Betroffenen gebrochen und die Erinnerung an
die Details vernebelt“ (ebd., S. 15f.). Aufgrund der in den satanischen Ritualen
oft mals vorsätzlich hervorgerufenen Persönlichkeitsspaltung sollen viele Be-
troffene jahrelang im Alltag nahezu „normal funktionieren“ können, ohne dass
ihre Umgebung die ausgeübte Fremdkontrolle bemerkt. Soweit die Darstellung
bei Ursula Enders, die sich – teilweise bis in die Wortwahl hinein – gleichlautend
in weiten Teilen der einschlägigen Literatur fi ndet (vgl. für einen Überblick über
diesen Aspekt des Gefahrendiskurses Schmied-Knittel 2008, S. 70ff.).
In völliger Entsprechung zur Vorstellung eines ‚perfekten Assassinen‘ aus dem
Roman „The Manchurian Candidate“ finden wir hier die Idee, dass die Opfer
einer ‚Kult-Programmierung‘ dazu gebracht werden können, gegen ihren eigenen
Willen (und teilweise ohne spätere Erinnerung) die grausamsten Taten zu be-
gehen, wie etwa die Beseitigung von Sektenaussteigern oder gar Ritualmorde an
Neugeborenen.11 Die Parallelität der Vorstellungen über die schier unbegrenzten
Möglichkeiten des ‚Mind Control‘ ist dabei nicht zufällig – vielmehr beziehen
die entsprechenden Veröffentlichungen (wie etwa der bereits genannte aktuelle
Band von Alison Miller) sich explizit auf staatlich organisierte Fremdkontroll-
Experimente in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg – und deren Vorläufer in
Deutschland zu Beginn der 1940er Jahre. Die Grundidee ist hier, dass satanische
Gruppen sich weltweit die entsprechenden Techniken angeeignet und zu einer
Perfektion weiterentwickelt haben, die wohl selbst die CIA würde neidisch
werden lassen.
So stimmig die Argumentation in diesem Gefahrendiskurs intern auch sein
mag, krankt sie doch an der Tatsache, dass sich – außer den von auf dieses
Thema spezialisierten Psychotherapeuten und -therapeutinnen gesammelten
‚Erfahrungs‘berichten vermeintlich Betroffener – keine Belege irgendeiner Art
für die Existenz der behaupteten weltweiten satanischen Netzwerke fi nden lassen,
weder polizeiliche, noch strafprozessurale, noch wissenschaft liche. So muss

sie dazu bringt, im Auftrag der Gruppe wiederum selbst schwere Straftaten zu be-
gehen.
11 Wie man sich in diesem Diskurs die Techniken der ‚Programmierung‘ im Detail vor-
stellt, demonstrieren etwa Lacter (2008) oder auch Miller (2013, S.132ff.).
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 15

die Vorstellung von der Fortsetzung und Vervollkommnung der militärischen


Fremdkontroll-Experimente in satanischen Sekten letztlich als ein moderner
Mythos angesehen werden. Unabhängig von seinem Realitätsgehalt legt er jedoch
Zeugnis davon ab, dass die Idee von der Möglichkeit einer umfassenden Bewusst-
seinskontrolle bis heute in unserer Gesellschaft fortlebt. Dies hängt wahrscheinlich
nicht nur mit dem – wie die entsprechenden fi ktionalen Repräsentationen zeigen
– durchaus lustvoll inszenierbaren Schrecken solcher Vorstellungen zusammen,
sondern auch damit, dass in diesem Neomythos ein wahrer Kern schlummert12:
die ganz realen, politisch motivierten Versuche in den vierziger, fünfziger und
sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, genau jene Praktiken zu ent-
wickeln, von deren Realität die selbstdeklarierten Sektenopfer und ihre Ad-
vokaten Jahrzehnte später ein vor Angstlust geradezu schreckstarres Publikum
zu überzeugen versuchen.
Praktiken: Über jene Experimente in der Kriegs- und Nachkriegszeit,
die ein durchaus reales Verweissystem des Neomythos der satanischen Kult-
programmierung darstellen, berichtet Andreas Anton später in diesem Band aus-
führlich. An dieser Stelle wollen wir stattdessen kurz auf eine gänzlich andere
Praxisform eingehen, die jedoch für die Beteiligten nicht weniger schwerwiegende
Folgen zeitigen kann wie die staatlich finanzierten Menschenversuche: Die Idee
der dämonischen Besessenheit und die auf sie antwortende Praxis des Exorzismus.
Die theologische Grundidee hinter dem Exorzismus (im Katholizismus) bzw.
dem Befreiungsgebet (im Protestantismus) bildet eine dichotome Kosmologie, in
der von der Existenz Satans (und anderer Dämonen oder auch ‚unreiner Geister‘)
als Widersacher Gottes ausgegangen wird (vgl. Niemann 2005, passim). Mit
der Vorstellung auch personal existierender dämonischer Mächte und deren
Wirken in der Welt ist zumindest die Möglichkeit einer menschlichen Besessen-
heit durch jene Wesenheiten13 eingeräumt. Nach der traditionellen Auffassung
des katholischen „Rituale Romanum“ (ein ursprünglich aus dem Jahr 1614
stammendes Anleitungs- und Ritualbuch für Exorzisten) ist Besessenheit so zu

12 Ein anderer Hintergrund ist die reale Existenz satanischer Kulte, wie etwa der „First
Church of Satan“ in den USA, die aus ihrer Existenz, ihren sehr spezifischen Glaubens-
vorstellungen und Ritualen allerdings nie einen Hehl gemacht haben und die die ihnen
gern unterstellen kriminellen Ritualpraktiken ebenso vehement wie öffentlich erfolg-
los zurückweisen. (Zur Dialektik von Satanismus als Glaubenssystem und Satanis-
musfurcht in modernen Gesellschaften vgl. Schmied-Knittel und Schetsche 2008).
13 Adolf Rodewyk (1894–1989), Jesuitenpater und nach dem Zweiten Weltkrieg der wohl
bekannteste deutsche Exorzist, erklärt uns, dass diese Dämonen selbst „keinen Leib“
haben und deshalb Wirkungen in der materiellen Welt nur entfalten können, indem sie
den Körper eines Menschen übernehmen (Rodewyk 1966, S. 20f.).
16 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

verstehen „daß ein Teufel vom Körper eines Menschen Besitz ergreift und ihn so
dirigieren kann, als sei es sein eigener“ (so Rodewyk 1966, S. 20). Dies ist Fremd-
kontrolle zunächst in einem körperbezogenen Sinne. Zwar wird in diesem Konzept
nicht behauptet, dass der originäre Wille des Betroffenen unmittelbar beeinflusst
werden könnte,14 allerdings sehr wohl, dass der menschliche Wille in der Ver-
haltenssteuerung keine Rolle mehr spielt und die Körperkontrolle – einschließlich
der Herrschaft über die Sinnesorgane und den Sprechapparat – vollständig von
einem dämonischen oder anderen bösen Wesen15 übernommen wird, der Mensch
mithin von außen betrachtet vollständig unter fremder Kontrolle steht.

„Besessenheit […] zeigt an, daß ein Mensch nicht mehr Herr im eigenen Hause
ist, seinen Körper nicht mehr beherrscht, besitzt, sondern ihn mit einem fremden
Wesen teilen muß. Etwas ist in ihn gefahren. Dieser Mensch hat nicht mehr die
Macht über sich selbst, ist nicht mehr frei. Er ist einer anderen Macht ausgeliefert,
ist willenlos, charakterlos, hörig. Er vergißt sich, er verrät alles, was seine bisherige
Identität und Persönlichkeit, seine Bildung und Erziehung ausmachte. Er ist fremd-
bestimmt.“ (Goodman 1991, S. 9; Hervorh. von uns)

Der Soziologe Großhans fasst dieses bis heute vorzufindende Verständnis von Be-
sessenheit als Fremdkontrolle durch eine nichtmenschliche Macht so zusammen:

„Der Mensch ist unter die Kontrolle einer der äußeren Macht gefallen, die Funda-
mente der Persönlichkeit, Verstand und Wille sind in dieser Phase zum Einsturz
gebracht, die Verantwortlichkeit wird abgeschoben. Der Mensch ist für seine Taten
nicht mehr zur Rechenschaft zu ziehen.“ (Großhans 2010, S. 18)

Im Fokus der auf diese Situation antwortenden Praxis des Exorzismus steht die
‚Befreiung‘ des Besessenen durch eine ‚Austreibung‘ seiner Dämonen oder bösen

14 Balducci (1976, S. 93) merkt zutreffend an, es handele sich unmittelbar um die „Herr-
schaft Satans über den Körper und mittelbar über die Seele des Menschen.“ Zu dieser
Differenzierung im historischem Verständnis vgl. auch den Beitrag von Johannes
Dillinger in diesem Band.
15 Die bereits in der Bibel genannten und im protestantischen Befreiungsdienst eine be-
sondere Rolle spielenden ‚unreinen Geister‘ haben ihre Spuren auch in der modernen
Popularkultur hinterlassen. Eine der eindrucksvollsten ‚Manifestationen‘ dieser Art
stellt sicherlich der böse Geist Bob dar, der in der stilbildenden Mysterie-Serie „Twin
Peaks“ (1990–1991, entwickelt von David Lynch und Mark Frost) die Bewohner und
Bewohnerinnen einer Kleinstadt an der kanadischen Grenze heimsucht, erst den
einen, dann den anderen unter seine mentale Kontrolle bringt und sie grauenerregende
Taten begehen lässt. Die Serie zeichnet ein beeindruckend dichtes Bild davon, wie die
Popularkultur sich die Fremdkontrolle durch einen ‚bösen Geist‘ vorstellt.
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 17

Geister, womit es letztlich immer um die Aufhebung von Fremdkontrolle in einem


durchaus umfassenden Sinne geht.
Das praktische Verfahren dieser Aufhebung von Fremdkontrolle ist in der
katholischen Kirche seit vielen Jahrhunderten kirchenrechtlich, aber auch
liturgisch und rituell exakt geregelt.16 Dass sich der Kampf gegen die dämonische
Besessenheit in Deutschland17 heute eher in protestantischen Glaubensgemein-
schaften findet, hängt nicht zuletzt mit dem ‚Fall Anneliese Michel‘ zusammen,
bei der ein (offiziell genehmigter) Exorzismus im Jahre 1976 mit dem Tode der
– nach Ansicht der meisten direkt Beteiligten – von mehreren Dämonen be-
sessenen jungen Frau endete. Um die lebensweltlichen Hintergründe und volks-
religiösen Deutungsschemata (einschließlich der von ihnen provozierten Angst-
symptomatik) zu verstehen, hier eine thematisch zugerichtete Darstellung des die
Öffentlichkeit18 wie die Wissenschaft19 bis heute bewegenden Falles:

Das 1952 geborene Mädchen wächst in einer abgeschiedenen ländlichen Gegend


zwischen Spessart und Odenwald in einem streng katholischen Elternhaus auf;
seine Erziehung ist strikt religiös und durch ein geistiges Umfeld aus christlicher
Privatoffenbarung und Endzeitphantasien, Marienwundern und Dämonenglauben
bestimmt. Über die Familie heißt es, sie sei „asketischen Idealen bis zur Leibfeind-
lichkeit verpflichtet“ (Mischo und Niemann 1983, S. 150). Im Alter von 16 Jahren er-
krankt die Heranwachsende wahrscheinlich20 an einem epileptischen Krampfleiden

16 Der Exorzismus gilt im Katholizismus als Sakrament, bei dem mit Gebeten und
rituellen Handlungen von einem geweihten Priester die Macht Gottes zur Abwehr
bzw. Vertreibung böser Mächte angerufen wird.
17 In der katholischen Weltkirche sieht es hingegen anders aus. So wurde im Jahre
1999 eine Neufassung des Rituale Romanum („De exorcismis et supplicationibus
quibusdam“) vorgelegt und kirchenrechtlich verbindlich gemacht, im Jahre 2004 fand
eine vom Vatikan organisierte internationale Exorzismus-Konferenz in Mexiko statt
und seit 2005 werden an der kirchlichen Universität in Rom wieder regelmäßig Aus-
bildungsseminare im Fach „Exorzismus und Befreiungsgebet“ angeboten.
18 Wie lang anhaltend das öffentliche Interesse am Thema war und ist, zeigen zwei Kino-
filme zum Fall Anneliese Michel, die zum 30. ‚Jahrestag‘ der Ereignisse im Abstand
von wenigen Monaten in die deutschen Kinos kamen: „Der Exorzismus von Emily
Rose“ sowie „Requiem“ (vgl. die ausführliche Darstellung bei Großhans 2010, S. 71ff.).
19 Exemplarisch sei hier auf die gut 300 Seiten starke geschichtswissenschaftliche Mono-
graphie von Petra Ney-Hellmuth „Der Fall Anneliese Michel: Kirche, Justiz, Presse“
(bei Königshausen & Neumann) verwiesen, die uns bei Fertigstellung dieser Ein-
leitung leider noch nicht vorlag und deshalb inhaltlich nicht berücksichtigt werden
konnte.
20 Über die Art ihrer Erkrankung und die Ursache ihrer Anfälle ist unter den Gerichts-
gutachtern und später in der Fachliteratur vehement gestritten worden.
18 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

und wird mit entsprechenden Medikamenten behandelt. Die Zahl und Heft igkeit
der Anfälle schwankt, wohl auch weil die verordneten Medikamente nur sehr un-
regelmäßig eingenommen werden. Einige Zeit später kommen Anzeichen einer
beginnenden psychischen Erkrankung hinzu. Nun kommt es immer wieder zu ver-
schiedensten Halluzinationen, später folgen auch Sprech- und Gehstörungen. Die
unterschiedlichen körperlichen und seelischen Symptome werden vom Umfeld der
jungen Frau in einen religiösen Kontext gestellt. Spätestens nach dem Besuch eines
italienischen Wallfahrtsortes im Jahre 1973 scheint die Deutung des eigenen Zu-
stands als dämonische Anfechtung auch für die junge Frau festzustehen. Nach kurzer
Besserung nach der Aufnahme eines Pädagogik-Studiums nimmt die Zahl der An-
fälle und Halluzinationen in Kontext erhöhten Leistungsdrucks wieder zu. Ver-
schiedenste Symptome wie Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen, verbale
Attacken, körperlich und auch sexuell aggressive Episoden, die sich insbesondere
gegen das soziale Umfeld richten, werden von der streng gläubigen Familie, deren
klerikalem Umfeld und auch von der jungen Frau selbst nun übereinstimmend
als ‚Sühnebesessenheit‘21 interpretiert. Nachdem der zuständige Ortsbischof im
September 1975 die Durchführung des ‚Großen Exorzismus‘ kirchenrechtlich ge-
billigt und einen Exorzisten eingesetzt hat, werden zwischen Oktober 1975 und
Juni 1976 an der jungen Frau insgesamt 67 exorzistische Einzelrituale durchgeführt.
Anneliese Michel stirbt am 1. Juli 1976 im Alter von 23 Jahren im Kontext dieser
Exorzismen. Die zeitlichen und kausalen Zusammenhänge zwischen den Ritualen
und dem Tod der Pädagogikstudentin werden Gegenstand eines Strafverfahrens,
an dessen Ende die Eltern der jungen Frau und zwei Priester im April 1978 wegen
unterlassener Hilfeleistung zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden. Vieles an den
verschiedenen Diagnosen der Erkrankung(en) von Anneliese Michel bleibt wider-
sprüchlich, manche Fragen werden wohl für immer ungeklärt bleiben. Auch die im
Kontext des Strafverfahrens bestellten Gutachter kommen zu keinen eindeutigen
Ergebnissen. Wenn man Mischo und Niemann (1983) folgt, lag bei der jungen Frau
ein komplexes Symptomfeld mit zwei zentralen Faktoren (somatogene und sozio-
gene) vor, die zusammen ein kollektives Wahnsyndrom einer dämonischen Besessen-
heit induzierten: „Faßt man unsere gesamten Informationen zusammen, so ergibt
sich aus dem religiösen Umfeld und der Sozialisation von A. M. jener Trichtereffekt,
der zur Besessenheitsdiagnose und ihrer Analogtherapie […], dem Exorzismus, ge-
führt haben“ (ebd., S. 149).22

21 Dabei ging es wahrscheinlich um die Sühne für frühere ‚sexuelle Verfehlungen‘ der
Mutter, die ein uneheliches Kind mit in die Ehe gebracht hatte und deshalb bei der
kirchlichen Trauung mit Annelieses Vater nicht Weiß tragen durfte – ihre sexual-
moralische ‚Schande‘ war damit für alle im Dorf sichtbar und scheint das Familien-
leben selbst viele Jahre später noch negativ geprägt zu haben (vgl. Goodman 1981, S.
28f.).
22 Die Fallvignette basiert auf den – höchst disparaten – Darstellungen im Buch von
Felicitas D. Goodman (1981; hier verwendet ist die 3. Auflage der deutschen Ausgabe
von 1993), im umfangreichen Aufsatz von Mischo und Niemann aus dem Jahre 1983
sowie in der etwas neueren Arbeit von Uwe Wolff (1999).
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 19

Der ‚Fall Anneliese Michel‘ führte nicht nur in der katholischen Kirche Deutsch-
lands zum vorläufigen Verzicht auf den Großen Exorzismus, sondern löste
auch heft ige theologisch-kirchliche, wissenschaft liche und öffentliche Debatten
über die Diagnose ‚Besessenheit‘ und die darauf antwortende kirchliche Be-
kämpfungspraxis aus. Infolge dieses tragischen Ereignisses verweigern alle
deutschen Bischöfe bis heute – zumindest offiziell – die kirchenrechtlich fest-
geschriebene Genehmigung für die Durchführung eines ‚Großen Exorzismus‘ in
Ihren Diözesen. (Wobei anzumerken ist, dass nach katholischer Glaubenslehre
ein durch einen geweihten Priester vollzogener Exorzismus auch dann als wirk-
sam gilt, wenn er nicht genehmigt worden ist. Dies generiert erhebliche Hand-
lungsspielräume.)
Die Praktiken der ritualisierten ‚Aufhebung‘ einer angenommenen
dämonischen Fremdkontrolle gibt es in Deutschland bis heute – wenn schon
nicht mehr offiziell in der katholischen Kirche, so aber doch als Befreiungsdienst
bzw. Befreiungsgebet im charismatischen und evangelikalen Protestantismus
(vgl. Krenzlin 2007, S. 44f. und 79ff.). Entsprechende Praktiken finden wir in der
Gegenwart in fast allen christlichen Gesellschaften und sie sind ähnlich auch im
Judentum und im Islam bekannt. Unabhängig davon, wie diese Praktiken und die
ihnen zugrunde liegenden religiösen Annahmen medizinisch und wissenschaft-
lich zu bewerten sind, bleibt festzuhalten dass die Idee der Fremdkontrolle – hier:
durch ‚übernatürliche Mächte‘ – in der Gegenwartsgesellschaft nicht nur präsent
ist, sondern zumindest in religiös geprägten Subkulturen auch sehr spezifische
Handlungspraxen als Reaktion auf die jeweilige (von spezifischen Ängsten be-
gleiteten) Vorstellung hervorgebracht haben. Handlungspraxen die, wie der Fall
von Anneliese Michel zeigt, im Zweifelsfall durchaus tödliche Konsequenzen für
die Betroffenen haben können. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass
solche Praktiken ihre Existenz eben nicht nur abgehobenen theologischen Vor-
stellungen und kirchlicher Dogmatik verdanken, sondern zumindest auch lebens-
weltlich verankert sind. Die kollektive Angst vor dem als dämonische Fremd-
kontrolle interpretierten abweichenden Verhalten – und hier schließt sich der
Kreis – ist es, die nach spezifischen religiösen Praktiken zur ihrer Bewältigung
verlangt.
Kollektive Ängste, aktuelle Mythen und kulturelle Praktiken stellen lediglich
ein sehr abstraktes Spannungsfeld bereit, in dem sich die Idee der Fremdkontrolle
in der Moderne entfaltet hat und bis heute das Denken und Handeln unserer
Kultur bewegt. Welches die konkreten Denk- und Handlungsfelder sind, in denen
diese Idee wirksam wird, rekonstruieren fünfzehn Beiträge von Expertinnen und
Experten aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Wir haben diese Beiträge fünf
thematischen Abschnitten zugeordnet, die nach unserer Wahrnehmung jeweils
20 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

ganz eigene Fragestellungen in den Mittelpunkt rücken und sich dabei an unter-
schiedlichen Orten im skizzierten Spannungsfeld zwischen Ängsten, Mythen und
Praktiken positionieren.
Der Abschnitt Historische Diskurse und Praktiken (I) fragt nach geschicht-
lichen Wurzeln und Bezugnahmen des Fremdkontrolldiskurses, zeichnet aber
auch zentrale Debatten und Praktiken des neunzehnten und zwanzigsten Jahr-
hunderts nach, die bis heute unser Verständnis des Themas prägen. Zunächst
führt uns der Historiker Johannes Dillinger in seinem Beitrag „Wahrnehmung,
Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre“ zurück an den Beginn der Moderne
und erläutert die – heute vielleicht überraschende – Differenziertheit in den
theologischen Auffassungen jener Zeit über Möglichkeiten, aber eben auch Un-
möglichkeiten der Fremdkontrolle des menschlichen Willens durch dämonische
Wesenheiten oder – gleichsam in ihrem Fahrwasser – vermeintliche Hexen, die
sich, nach dem Glauben der damaligen Zeit, überirdischer Mächte ebenso be-
dienten, wie sie von ihnen benutzt wurden. Ein hier eigentlich vorgesehener, zeit-
lich anschließender Beitrag über die Idee und Praxis des Mediumismus im 18. und
19. Jahrhundert wurde vom Autor kurzfristig zurückgezogen. So springen wir im
Band direkt an die Grenze zwischen 19. und 20. Jahrhundert – in die Hochzeit
der therapeutischen Technik der Hypnose. In ihrem Beitrag „Die kulturelle Wahr-
nehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik“ stellt die Medizinhistorikerin
Barbara Wolf-Braun einerseits den psychiatrisch-psychologischen Kontext
vor, in dem diese Praxisform entstanden ist und zum Einsatz kam, und zeichnet
andererseits den gesamtkulturellen Hintergrund des Phänomens nach, das jahr-
zehntelang seinen Platz eben nicht nur in ärztlichen Behandlungsräumen, sondern
auch in Variété-Darbietungen und Somnambulen-Kabinetten, in Gerichts- und
Kinosälen hatte. Zum Abschluss dieses Abschnitts rekonstruiert der Soziologe
Andreas Anton exemplarisch die – zumindest in Deutschland – von der zeit-
geschichtlichen Forschung bislang entweder übersehenen oder auch vorsätzlich
gemiedene Geschichte der „Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit“.
Diese Forschungen schlossen einerseits an die wissenschaft lich-therapeutische
Hypnose-Forschung der vorangegangenen Jahrzehnte an, realisierten andererseits
aber mit dem riskanten Einsatz verschiedenster psychoaktiven Substanzen, mit
folternahen Isolationsexperimenten und anderen ethisch höchst fragwürdigen
Praktiken ein völlig neues Verständnis von ‚Staatsgewalt‘. Die Wurzeln solcher
Experimente in militärischen und geheimdienstlichen Interessen des National-
sozialismus verwundern den unvoreingenommenen Betrachter dabei weniger als
die Vehemenz und Rücksichtslosigkeit, mit der solche Versuche im Rahmen des
Kalten Krieges in den westlichen Demokratien fortgesetzt wurden.
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 21

Der Abschnitt Fiktionalisierungen (II) rekonstruiert das mediale Spiel mit


den Ängsten und Allmachtsphantasien des Publikums angesichts der – mal mehr,
mal weniger realen – Möglichkeiten der Fremdkontrolle in der Gegenwart und
jüngeren Vergangenheit. Dieser Abschnitt hilft gleichzeitig dabei, das gedank-
liche Instrumentarium zur Analyse der Dialektik zwischen Denkbarem und
Machbaren in konkreten gesellschaft lichen Situationen zu schärfen. Als erstes
führt der Soziologe und Experte für Popularkultur Martin Engelbrecht in die
Darstellung der „Fremdkontrolle in der utopischen Science Fiction Literatur“ ein.
Dabei stehen, anders als man es bei diesem Genre vielleicht erwarten würde, nicht
die wohlbekannten Dystopien einer – sei es durch einen totalitären Zukunftsstaat,
sei es durch außerirdische Invasoren – geistig versklavten Menschheit im Mittel-
punkt, sondern die in dieser literarischen Gattung ebenfalls vorzufindenden
Utopien einer kulturell positiv verstandenen Variante von Fremd‚kontrolle‘: „Ich
bin verbunden, also bin ich“ – Variationen einer Utopie, in der soziale Konfl ikte
und individuelle Normverletzungen aufgrund des direkten geistigen Zusammen-
schlusses der Gesellschaftsmitglieder der Vergangenheit angehören. Fremd-
kontrolle quasi als kollektive Form der Selbstkontrolle. Anschließend berichtet
der Literatur- und Filmwissenschaft ler Matthais Hurst unter der Überschrift
„Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari“ über „Fremdkontrolle und
Ich-Verlust im Film.“ Im Mittelpunkt stehen dabei wahre Klassiker der Film-
geschichte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in denen – nicht zufällig in
der Hochzeit der Psychoanalyse und des Expressionismus – ein ebenso düsteres
wie eindringliches Bild des Verlusts menschlicher Willensfreiheit gezeichnet wird.
Hier geben sich geniale Verbrecher und sinistere Wissenschaft ler, geheimnisvolle
Mystiker und mal mehr, mal weniger sicher weggeschlossene Wahnsinnige ein
(zunächst stummes) Stelldichein, das uns als Rezipienten auch Jahrzehnte später
noch in seinen Bann zieht. Fremdkontrollphantasien mit Gruselfaktor. Am Ende
dieses Abschnitt schließlich zeichnet Christian Vähling – nicht nur Soziologe,
sondern auch seit vielen Jahren Comic-Künstler – für uns ein dichtes Bild von
Darstellungen der „Fremdkontrolle im Comic“. Diese, in Deutschland lange Zeit
zu Unrecht marginalisierte, Kunstform bietet ein reiches Feld verschiedenster
Zeichentraditionen und Subgenres, in denen es um die geistige Manipulation
geht. Sei es die der – dann für einen Moment ungewohnt hilflosen – Superhelden
oder auch durch sie… etwa mittels jener Superkräfte, die sie erst zu Helden macht.
Sei es mit bösen Zielen oder zu (manchmal auch: vermeintlich) guten Zwecken.
Für den Comic-Unkundigen überraschend sind dabei insbesondere die inhalt-
liche Vielfalt sowie die psychologische Reflektiertheit im Umgang mit den, mal
eher technisch, mal eher magisch gedachten oder eben schlicht unerklärbaren,
22 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

Fähigkeiten und Möglichkeiten, dem Individuum einen fremden Willen aufzu-


zwingen oder gar den menschlichen Geist kollektiv zu unterjochen.
Der Abschnitt Psycho-Logik (III) führt uns gleichsam ins disziplinäre Zentrum
des ‚Kampfes‘ um die freie Willensbestimmung des Menschen. Die Psychiatrie
fragt nicht nur ganz theoretisch nach den Möglichkeiten einer Fremdkontrolle des
Menschen. Sie ist als angewandte Wissenschaft und als heilende Disziplin auch ganz
praktisch mit der Frage konfrontiert, wie, im Alltag und in Ausnahmesituationen,
mit Menschen umzugehen ist, von denen andere – sei es das soziale Umfeld, seien
es Instanzen sozialer Kontrolle – annehmen, sie hätten die Kontrolle über ihr
Denken, Fühlen und Handeln ‚verloren‘. Und sie hat sich, vielleicht als wichtigste
diesbezügliche Aufgabe, die Frage zu stellen, wie Selbstkontrolle ‚wiedergefunden‘
bzw. wiedererlangt werden kann. Der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs
berichtet unter der Überschrift „Being a Psycho-Machine. Zur Phänomeno-
logie der Beeinflussungsmaschinen“ über die Phantasmagorien technischer
Apparaturen, die, mittels oft mals magisch vorgestellter oder zumindest so an-
mutender Fernwirkungen, Menschen zu manipulieren in der Lage sind. Dabei
zeigt sich, dass es historisch betrachtet jeweils die neuesten Technologien sind,
die zum Gegenstand entsprechender Angstphantasien werden. Die hergestellten
Analogien zwischen zeitgenössischer Technologie und eigener Erfahrung der
Fremdkontrolle ermöglicht es Betroffenen, ihr Erleben zu verbalisieren und es zu-
mindest für sich selbst zu erklären. Nahlah Saimeh, ärztliche Direktorin einer
der größten forensisch-psychiatrischen Einrichtungen Deutschlands, untersucht
„Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie“ aus der
Warte der Expertin, die tagtäglich (als Ärztin und Gerichtsgutachterin) mit dem
Problem des Versagens der Selbstkontrolle und der daran anschließenden Frage
nach der Zuweisung von Verantwortlichkeit – aus Warte der Straftäter wie aus
jener des Gerichts und letztlich auch der Gesellschaft – konfrontiert ist. Der Bei-
trag macht insbesondere deutlich, vor welches Problem die Idee einer möglichen
Fremdbestimmung von Menschen unsere Rechtsordnung stellt, die im Schuld-
strafrecht grundsätzlich von der personalen Verantwortung eines Täters für seine
Taten ausgeht. Wer ohne freien Willen handelt, kann auch nicht schuldig werden.
Aber wann ist das der Fall? Genauer gesagt: Wann erkennt die Gesellschaft, in
Person des Richters oder eben auch der Gutachterin, diese Ent-Schuldigung an
und zieht die von der Rechtsordnung vorgesehenen Konsequenzen? Von der
Perspektive des Rechts(staates) zur Perspektive des Betroffenen wechseln wir mit
dem Beitrag von Thomas Bock und Gwen Schulz über „Individuelles Erleben
von Beeinflussung und Fremdkontrolle.“ Im Zusammenspiel von auf Fremd-
kontrollstörungen spezialisiertem Psychiater und einer früheren Betroffenen
und heutigen Peer-Beraterin entsteht das dichte Bild eines seelischen Zustands
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 23

(exemplarisch der Psychose), in dem das eigene Handeln nicht als selbstgesteuert,
sondern als von einer äußeren Instanz kontrolliert erscheint. Nur auf den ersten
Blick ähneln die hier auftauchenden Fragen jenen, mit denen die forensische
Psychiatrie konfrontiert ist: gesund oder krank, verantwortlich oder schuldun-
fähig? Der Perspektivwechsel eröff net den Zugang zu einem gänzlich anderen
Diskursfeld, bei dem es letztlich eher um anthropologische Grundfragen geht: „In
welcher Relation stehen die psychotische, die psychiatrische und die gesellschaft-
liche Dimension der Fremdkontrolle? Spiegelt das (psychotische) Erleben von
Fremdkontrolle reale biographische und gesellschaft liche Konflikte? Kann es ge-
lingen, das Erleben besser zu verstehen, konstruktiv zu wenden und daraus zu
lernen?“ So die von Autor und Autorin aufgeworfenen Leitfragen.
Der Abschnitt Kulturelle Gegenhorizonte (IV) erweitert das Blickfeld in
anderer Weise. Einerseits, indem der Blick auf die Ängste anderer Kulturen fällt,
andererseits, indem er sich systematisch auf den Gegenhorizont ‚gewollter Willen-
losigkeit‘ und zielgerichteten Unterwerfung unter einen (zumindest vermeintlich)
‚fremden‘ Willen richtet. Dabei wird deutlich, dass der Verlust des eigenen Willens
nicht notwendig angstbesetzt wahrgenommen werden muss, sondern auch einen
funktional wie emotional höchst erwünschten Bewusstseinszustand darstellen
kann. Zunächst berichtet der Schweizer Ethnologe Werner Egli über „Fremd-
kontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister.“ Als Beispiel dient ihm dabei
die von ihm selbst viele Jahre lang erforschte Kultur der Sunuwār in Ostnepal.
Für die Menschen dort stellen die Ahnen(geister) nicht nur das für ihre Identität
unverzichtbare Bindeglied zum mythischen Ursprung ihrer Kultur dar, sondern
sind auch ganz praktische spirituelle Lebenshelfer, mit denen sich die Schamanen
von Zeit zu Zeit geistig vereinigen – etwas um deren Hilfe bei der Heilung von
Krankheiten in Anspruch zu nehmen. Die Ahnengeister ermöglichen auch spezi-
fische Formen der Konfliktlösung, bei der „eine rituell herbeigeführte Fremd-
kontrolle durch übernatürliche Mächte erst die Selbstkontrolle ermöglicht, die
zur individuellen Aushandlung sozialer Probleme notwendig ist“ (so der Autor
in seinem Text). In dieser Hinsicht schließen die Überzeugungen der Sunuwār
– über alle Grenzen von Kulturen und Denkformen hinweg – in verblüffender
Weise an utopische Ideale westlicher Science Fiction an, die in der freiwilligen
Unterwerfung unter spezielle Formen der Fremdkontrolle die Lösungsmöglich-
keit für innergesellschaft liche Konflikte sehen. Deutlich negativer ist die Vor-
stellung der magisch-rituellen Fremdkontrolle in der traditionellen haitianischen
Kultur konnotiert. Wie die in Großbritannien lebende Anthropologin Bettina
Schmidt in ihrem Beitrag über den Glauben an „Zombies und andere Vodou-
Praktiken“ in jenem Inselstaat zeigt, stellte die Idee der „Zombifizierung“ sich
eben nicht nur für unsere Popularkultur, sondern gerade auch für weite Teile der
24 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

Bevölkerung in einem der ärmsten Länder der Erde als wahrer „Horrortopos“
dar. Die Vorstellung des Zombies (als eines von einem bösen Zauberer – dem
boko – kontrollierten Menschen) prägt und verzerrt nicht nur bis heute unser
christliches Bild der Religion des Vodou, sondern hat auch in Haiti selbst erheb-
lichen kulturellen, religiösen und insbesondere politischen Einfluss. Die Idee, ins-
besondere aber die ihr folgenden rituellen Praktiken (über die Außenstehende
bis heute kaum etwas zu erfahren vermögen), sind fester Bestandteil politischer
Herrschaft und haben bis heute erhebliche Bedeutung für das Alltagsleben der
haitianischen Bevölkerung. Dieser Abschnitt (er ist etwas kürzer geworden als
eigentlich geplant, weil ein Beitrag über die religiösen Erfahrungen mit der – er-
wünschten – Besetzung und Fremdkontrolle durch Gottheiten in Indien von der
Autorin kurzfristig zurückgezogen wurde) zeigt zum einen, dass die Idee der
geistigen Fremdkontrolle nicht nur westlichen Kulturen eigen ist, und verdeut-
licht zum anderen, wie unterschiedlich der Umgang mit den entsprechenden
krisenhaften Erfahrungen bewertet sein kann.
Der aus gutem Grund mit einem Fragezeichen versehene letzte Abschnitt Im
Bann der Technik? (V) führt uns schließlich an die Grenze zwischen Gegenwart
und prognostizierbarer Zukunft unserer eigenen Gesellschaft: Welche technischen
Möglichkeiten zur mentalen Beeinflussung des Menschen sind heute denkbar,
welche könnten tatsächlich bereits funktionieren und was könnte uns in näherer
Zukunft in dieser Hinsicht noch erwarten? Dieser Abschnitt beginnt mit einem
Beitrag des Medienpädagogen Ralf Vollbrecht, der nach Mythos und Reali-
tät der „Mentale[n] Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele“
fragt. Bereits seine einführenden generellen Überlegungen zur Wirkungsmacht
technischer Medien machen dabei klar, dass der Begriff der Fremdkontrolle
hier – wie im darauf folgenden Beitrag – in einem erweiterten Verständnis ge-
braucht (im doppelten Sinne) wird. Es geht um die Auswirkungen der Massen-
kommunikation, entsprechend weniger um die mögliche Beeinflussung des
einzelnen Subjekts als um die Folgen, welche die Nutzung der Massenmedien für
uns alle heute schon hat … und in naher Zukunft vielleicht noch haben wird.
Beim Umgang mit Computern und ihren Netzwerken kommt die Frage der
Programmierung im eigentlichen (technischen) Sinne auf die Agenda, die uns in
ihrer letztlich eher metaphorischen Variante (etwa als ‚Kult-Programmierung‘)
schon an anderer Stelle beschäftigt hatte. Werden wir letztlich also von den ur-
sprünglich von uns programmierten technischen Medien wiederum selbst
programmiert? Im Beitrag von Georg Felser – Experte für Markt- und Konsum-
psychologie – wird die Frage nach dem medialen Einfluss thematisch zugespitzt:
„Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten?“ Der Autor setzt sich dabei ins-
besondere mit der Dialektik von „Autonomie und Manipulierbarkeit der Konsu-
Fremdkontrolle – eine exemplarische Einführung 25

menten“ auseinander und kommt dabei zu alles andere als trivialen Befunden:
Technisch-mediale Verhaltenssteuerung ist durchaus möglich – aber nicht in so
einfacher und eindeutiger Weise, wie die werbungsbezogene Alltagsmythen es
uns weiszumachen versuchen. Entsprechend differenziert ist auch das Fazit des
Autors: Schutz gegen mediale Manipulation ist zwar nicht immer, aber doch in
vielen Fällen möglich … zumindest wenn ihre Wirkmechanismen bekannt sind.
In der doppelten Zwischenwelt zwischen Mythos und Realität sowie Gegenwart
und Zukunft bewegt sich das Autorengespann Andreas Anton (Soziologe) und
Sascha Zorn (Anthropologe), wenn es die aktuellen öffentlichen Debatten über
die Risiken einer „Fremdkontrolle durch Computerchips“ untersucht. Wir werden
hier mit einem Diskursfeld konfrontiert, in dem die Angst vor einer Fremd-
kontrolle des Individuums durch technische Implantate auf die Spitze getrieben
ist: Fast alles scheint machbar und viele Beeinflussungs- und Kontrollmöglich-
keiten, die gestern noch in die Welt der Alpträumen gehörten, könnten heute
durchaus schon Wirklichkeit sein. Angesichts dieses von den Autoren gleicher-
maßen empirisch wie kritisch rekonstruierten Gefahrendiskurses scheint es auf
den ersten Blick tröstlich, dass uns das Schlusskapitel des Bandes dann wieder
auf den Boden der wissenschaft lichen Tatsachen zurückholt. Der in den Nieder-
landen forschende Neurowissenschaft ler und Philosoph Stephan Schleim
lässt in seinem Beitrag alle jenen ganz realen technischen „Entwicklungen in
den Neurowissenschaften“ Revue passieren, die in den nächsten Jahren relevant
für die Frage einer technisch realisierten Fremdkontrolle des Subjekts werden
könnten – oder es vielleicht auch heute schon sind. Was der Autor unter der
Hauptüberschrift „Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle“ als Stand der
aktuellen neurowissenschaft lichen Forschung vorstellt, wirkt jedoch spätestens
beim zweiten Blick alles andere als beruhigend. Und auch wir als Herausgeber
mussten uns nach der Lektüre dieser letzten beiden Kapitel unseres Bandes
fragen, was uns mehr beunruhigt bzw. gerade auch mehr beunruhigen sollte: Die
sich ständig selbst überbietenden Alarmbotschaften selbsternannter Retter der
Willensfreiheit – oder die ganz offen formulierten Forschungs- und Entwicklungs-
ziele renommierter Neurowissenschaft ler, die einer nicht einmal mehr übermäßig
erstaunt wirkenden (Fach-)Öffentlichkeit für die nächsten zwei Jahrzehnte genau
jene Möglichkeiten der Fremdkontrolle versprechen, vor denen ihre Kritiker seit
Jahren, offenbar weitgehend erfolglos, zu warnen versuchen.
Von all den vielfältigen Befunden des Bandes haben uns als Herausgeber jene
zum aktuellen Stand der neurowissenschaft lichen Forschung zur ‚Fremd- und
Fernsteuerung‘ des Menschen letztlich wohl am meisten verblüfft. Sie haben uns
gleichzeitig aber auch, das geben wir gerne zu, am meisten erschreckt. Offenbar
gilt in diesem Bereich der Wissenschaft immer noch die Regel, dass alles, was
26 Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt

technisch möglich ist, auch gemacht werden sollte. Die Notwendigkeit ethischer
Grenzziehungen scheint in Teilen der neurowissenschaft lichen Forschung ebenso
unbekannt, wie der Mangel an entsprechendem Problembewusstsein bei vielen
Forschenden es wiederum jener Öffentlichkeit ist, die diese Forschung zwar nicht
immer, aber doch in vielen Fällen finanziert. Ob die von Stephan Schleim in
seinem Beitrag mit kritischer Attitüde zur Diskussion gestellten Experimente und
Forschungslinien lediglich die durch den Fortschrift in Neurowissenschaft und
Computertechnologie angeregte Fortsetzungen der Mind Control-Experimente
aus der Zeit des Kalten Krieges sind oder vielleicht etwas ethisch und kulturell
noch Bedenklicheres, mögen spätere wissenschaftshistorische Rekonstruktionen
beurteilen. Die gesellschaftlichen Entscheidungen darüber, welche Freiheitsgrade
wir menschlichem Handeln generell zumessen wollen, wie viel Beeinflussungs-
macht wir staatlichen Instanzen aus welchen ‚guten Gründen‘ zugestehen sollten
und welches Maß an Selbstbestimmtheit wir uns zukünft ig zugestehen mögen,
müssen zumindest ein Stück weit bereits hier und jetzt getroffen werden. Wir
hoffen, dass unser Band einen Beitrag zu den dringend notwendigen öffentlichen
und fachlichen Debatten über diese Frage zu leisten vermag: Wie viel Willensfrei-
heit braucht und wie viel Fremdkontrolle verträgt unser Menschenbild?

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Teil I

Historische Diskurse und Praktiken


Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle
in der Hexenlehre
Johannes Dillinger

1 Grundlagen: Hexerei und Dämonologie

Dieser Text befasst sich mit der Frage, inwieweit die Beeinträchtigung des freien
Willens eine Rolle in der frühneuzeitlichen Hexereidebatte spielte. Zunächst sollen
Grundzüge des Hexenglaubens und der Dämonologie skizziert werden. Dann
werden die Bedingungen dargestellt, unter denen – dämonologischen Autoren des
Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zufolge – böse Geister das Verhalten von
Menschen manipulieren konnten. Dabei wird kurz auf die der Hexerei benach-
barte Vorstellung der dämonischen Besessenheit eingegangen. Am Beispiel des
Teufelspaktes, eines zentralen Elements der Hexenlehre, wird schließlich konkret
abgewogen, inwieweit die Dämonologen eine Beeinträchtigung des freien Willens
des Menschen durch den Teufel einräumten. Angesichts beunruhigender post-
moderner Revivals des Hexen- und Teufelsglaubens soll hier festgestellt werden,
was selbstverständlich sein sollte, nämlich dass dieser Text nur der sprachlichen
Einfachheit halber von Magie und Dämonenwerk wie von Realitäten spricht.
Der Begriff „Hexerei“‚ wird hier im Sinn der spätmittelalterlichen und früh-
neuzeitlichen Dämonenlehre gebraucht. Danach handelte es sich bei Hexerei
um ein Sammeldelikt mit fünf Bestandteilen: dem Pakt mit dem Teufel, dem
Geschlechtsverkehr mit Dämonen, dem magischen Flug, der heimlichen Zu-
sammenkunft der Hexen (oft mit dem antisemitischen Begriff „Hexensabbat“ be-
legt) und dem Schadenszauber. Der Schwerpunkt der Hexenverfolgungen lag im
16. und 17. Jahrhundert. Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert wurden in
Europa und den europäischen Kolonien zusammen rund 50.000 Personen wegen
Hexerei zum Tod verurteilt und hingerichtet. Die Hexereivorstellung ist relativ
jung: Voll ausgeprägt lässt sie sich erst um 1430 nachweisen. Sie kombinierte
älteren Geisterglauben, Wissen um tatsächliche magische Praktiken, die Angst vor

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_2, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
32 Johannes Dillinger

bösen Magiern, Polemiken gegen Ketzer und die jüdisch-christliche Dämonen-


lehre (Dillinger 2007, S. 19ff.).
Dämonologie war die theologische Lehre vom Satan und den gefallenen Engeln.
Sie gehörte zum dogmatischen Traktat der Schöpfungslehre. Zur Dämonologie
äußerten sich nicht nur Theologen aller Konfessionen. Dämonologie und Hexen-
lehre waren vom 15. bis zum 18. Jahrhundert praktisch nicht voneinander zu
trennen. Daher machten in der Zeit der Hexenprozesse gerade auch Juristen die
Dämonologie zu ihrer Domäne. Bereits an dieser Stelle muss ein oft unterschätztes
Element des Dämonenglaubens angesprochen werden, ohne das insbesondere
die frühneuzeitliche Hexenverfolgung kaum zu verstehen ist: Der Glaube an
Dämonen kam aus der Lehre der Kirche. Er blieb dort aber nicht. Oder richtiger,
er wurde tatsächlich von der ganzen Kirche adaptiert und weiterentwickelt, also
vom einfachen Kirchenvolk ebenso wie von den Gelehrten. Die ältere Forschung
hatte den Dämonenglauben als Gelehrtengut sehen wollen, der den Bürgern und
Bauern Alteuropas immer fremd geblieben war. Heute ist unzweifelhaft , dass
diese Bürger und Bauern nicht nur an Dämonen glaubten, sondern theologische
Konzepte aufgriffen und umwandelten und so ihre eigene populäre Dämonologie
entwickelten (Clark 1997; Maggio 2001; Anglo 1977; Dillinger 2007, S. 43ff.).1
Zu dieser Dämonenlehre des Alltags gehörte die Angst vor der konkreten Be-
gegnung mit einem Dämon. Die Geister der Hölle fuhren nicht nur in Besessene.
Sie sollten praktisch jede Gestalt annehmen und sich so den Menschen zeigen
können. Viele gläubige Christen akzeptieren heute die Existenz des Teufels und
der Dämonen nicht mehr. Manche lehnen diese Vorstellungen sogar aktiv als
atavistische Überbleibsel aus einer früheren Entwicklungsphase der Kirche ab.
Für andere Gläubige haben die Dämonen jede praktische Relevanz verloren.
Selbst die, welche heute noch den Dämonenglauben voll akzeptieren, werden
kaum annehmen, dass sie einem leibhaft igen Dämon begegnen könnten. Genau
hier unterscheidet sich der vormoderne Dämonenglauben wohl am deutlichsten
von seinen Überresten in der Gegenwart. Die Menschen Alteuropas rechneten
durchaus mit der Möglichkeit, dem Teufel auf der Landstraße zu begegnen.

1 Angeführt sei hier auch ein Kuriosum der Wissenschaftsgeschichte: Petersdorff hat
1956 eine neue umfangreiche Dämonologie vorgelegt. Darin gibt der Autor nicht
nur in einem nützlichen Überblick die Sichtweise spätmittelalterlicher Dämonologie
wieder, er akzeptiert viel mehr im Wesentlichen alle ihre Standpunkte einschließlich
der Hexenlehre. Das Werk hat sogar zwei Auflagen erlebt: Petersdorff (1995) und dazu
kritisch Haag (1974). Am Rand sei bemerkt, dass wir über volkstümliche Dämonen-
vorstellungen bei den Juden des frühneuzeitlichen Europas noch immer viel zu wenig
wissen, vgl. Chajes (2011).
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre 33

2 Verführung: Der Teufel und der freie Wille

Theologische Aussagen über das Wirken des Teufels standen von Anfang an in
Bezug zum freien Willen des Menschen. Bereits die biblischen Grundlagen der
Dämonologie brachten die bösen Geister indirekt in den Kontext der freien
Willensentscheidung des Menschen. Das Alte Testament kannte Satan, einen Gott
dienstbaren Geist der Verführung. Seine Aufgabe bestand darin, den Glauben der
Menschen zu prüfen, indem er sie in emotionale oder soziale Notlagen hinein-
manövrierte (vgl. z. B. 2 Chr. 18, 19–22; Hiob 1,6–2,7). Der Teufel war damit in
gewisser Weise der Gegner der Menschen, nicht der Gegner Gottes. Daneben
standen die Dämonen, böse Geister, die Menschen krank machten oder sogar
töten (Tob 3,8–10) konnten. Um die Zeit des Neuen Testamentes vermischten sich
beide Konzepte: Die Dämonen erhielten ein Oberhaupt, das als Satan identifiziert
werden konnte. Ein zentrales Element der christlichen Dämonologie war die
biblische Erzählung vom Engelsturz: Engel, die sich gegen Gott erhoben, wurden
in die Hölle gestürzt (Offb. 12, 7–9). Diese bösen Engel wurden die Dämonen.
Satan, der Teufel, war ihr Anführer. Dualistische Auffassungen, die den Teufel
tatsächlich als den etwa gleichstarken Widersacher Gottes verstanden, waren
jüdischer Theologie völlig fremd und auch nie offizielle Lehre der großen Kirchen.
Gott beherrschte den Satan und seine Geister. Er benutzte sie, um den Glauben
der Menschen zu prüfen und sie eventuell zu strafen (Dillinger 2005, S. 37ff.;
Petersdorff 1995, Bd. 1, S. 172ff.).
Schon aus dieser jüdisch-christlichen Grundkonstellation des Verhältnisses
zwischen Gott, den Menschen, Satan und den Dämonen geht hervor, dass Satan
und seine ihm dienstbaren Geister eines nie tun konnten: den Menschen ihren
Willen aufzwingen. Verführer geben keine Befehle. Satan sollte den Glauben der
Menschen prüfen. Es wäre völlig widersinnig gewesen, ihm oder einem Dämon
die Macht zuzuschreiben, Menschen schlicht Befehle geben zu können, die diese
auszuführen hatten, oder zu behaupten, dass die bösen Geister den Willen des
Menschen kontrollieren konnten.
Die christliche Theologie des Mittelalters bekräftigte, dass der Teufel zwar ver-
führte, die Sünde aber aus dem freien Willen des Menschen käme. Thomas von
Aquin stellte autoritativ fest:
34 Johannes Dillinger

„Proprium autem principium actus peccati est voluntas, quia omne peccatum
est voluntarium…. Unde sequitur quod Diabolus non sit causa peccati directe et
sufficienter; sed solum per modum persuadentis, vel proponentis appetibile.“2
(Thomas von Aquin, Summa I–II, qu 80, 1)

Sehr deutlich erklärte Thomas:

„Unde manifestum est quod Diabolus nullo modo potest necessitatem inducere
homini ad peccandum.“3 (Thomas von Aquin, Summa I–II, qu 80, 3)

Diese dämonologische (und moraltheologische) Grundregel ist unbestritten ge-


blieben. Wenn das Konzil von Trient schließlich festhielt, dass alle Menschen
unter der Gewalt des Teufels stünden, wollte es damit nur sagen, dass abgesehen
von Jesus jeder Mensch sündig und niemand vor dämonischer Verführung sicher
war, nicht aber, dass Menschen dämonischer Fremdkontrolle verfallen könnten
(Petersdorff 1995, Bd. 1, S. 170ff. u. S. 186).
Eine augenscheinliche Ausnahme, die am Rand des Hexenthemas liegt, muss
hier kurz angesprochen werden. Die Bibel erwähnte immer wieder Geisterwesen,
die quasi vom Körper eines Menschen Besitz ergriffen. Sie schränkten dann
den Gebrauch der Glieder oder der Sinne ein oder führten gar den Körper des
Menschen wie eine Puppe. Der Glaube an diese dämonische Besessenheit be-
gleitet das Christentum bis in die Gegenwart. In gewisser Weise bedeutete die
dämonische Besessenheit eine extreme Form der Fremdkontrolle des Menschen.
Der Dämon kontrollierte den Körper des Besessenen, benutzte vielleicht sogar
dessen Mund, um selbst aus ihm zu sprechen. Damit reduzierte der Dämon zwar
den menschlichen Körper quasi zu einer Marionette, aber Geist und Seele des
Besessenen konnte der Dämon nicht antasten. Grundsätzlich galt Besessenheit
im christlichen Kontext als schweres Unglück, aber nicht als Sünde. Im Gegen-
satz zur Hexerei wurde die Besessenheit nicht als Verbrechen angesehen. Es war
gerade eben der Kern der „feindlichen Übernahme“ des Körpers des Besessenen,
dass ihm der Dämon eigene Willensäußerungen unmöglich machte. Der Dämon
unterwarf sich eigentlich nicht den Willen des Besessenen, er riss schlicht die

2 „Der eigentliche Beginn sündhaften Handelns ist der Wille, weil jede Sünde freiwillig
ist … Daraus folgt, dass der Teufel nicht die unmittelbare und hinreichende Ursache
der Sünde ist, sondern bloß durch das Mittel der Verführung oder durch das Mittel,
dass er etwas Wünschenswertes vorschlägt.“
3 „Daher ist klar, dass der Teufel unmöglich den Menschen dazu nötigen kann, dass er
sündigt.“
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre 35

Kontrolle über dessen Leib an sich. Der Wille des Menschen wurde bei der Be-
sessenheit einfach verdrängt, aber nicht gebrochen oder auch nur manipuliert
(De Waardt et al. 2005; Walker 1981).
Aufbauend auf der biblischen Grundlage schränkte die christliche Dämono-
logie die Macht der Dämonen explizit noch weiter ein. Die Dämonen als gefallene
Engel hatten einen Teil ihrer Fähigkeiten behalten. Gott hatte sie ihnen belassen,
weil er sie nun als Instrumente seines Zorns einsetzte: Der Teufel und die Dämonen
prüften nicht nur den Glauben der Menschen, sie straften sie auch für ihre Sünden.
Die Dämonen waren daher weiterhin wie Engel alterslose Geister, unsterblich und
unverletzbar. Sie partizipierten, soweit Gott das gestattete, an seiner Allwissen-
heit. Praktisch war ihr Wissen über die Natur und ihre Abläufe unbegrenzt, weit
jenseits aller menschlichen Kenntnisse. Die Geheimnisse der Menschen, ihre
Wünsche und Ängste konnte Gott den Dämonen offenlegen. Sehr deutlich wird
das in Aspekten der dämonologischen Konstruktion der Besessenheit. Es gehörte
zum Konzept der Besessenheit, dass der Besessene Dinge wusste, die er unmög-
lich auf natürliche Weise erfahren haben konnte. Er beherrschte z. B. Sprachen,
die er nie gelernt hatte, oder kannte (sündige) Geheimnisse anderer Menschen.
In diesen Fällen sprach der Dämon aus dem Besessenen und präsentierte seine
überlegenen, übermenschlichen Kenntnisse. Trotz ihrer scheinbar riesigen Macht
waren die Dämonen niemals auch nur im Ansatz frei. Sie mochten Gott und die
Schöpfung hassen, blieben aber dennoch Gott völlig unterworfen. Die Dämonen
– und damit in frühneuzeitlichem dämonologischen Kontext auch die Dämonen-
diener, die Hexen – waren niemals mehr als Instrumente des Zorns Gottes. Dass
Gott den Teufel und die anderen gefallenen Engel vollständig kontrollierte, be-
deutete konkret zweierlei: Einmal waren die Dämonen, wie gerade dargestellt, un-
fassbar mächtig: Als (unfreiwillige) Vollstrecker Gottes verlieh der ihnen Kräfte
am Rand der menschlichen Vorstellungskraft. Zum anderen waren die Dämonen
aber völlig ohnmächtig. Für jede ihrer Aktivitäten benötigten sie die Erlaubnis
Gottes (permissio Dei). Die permissio Dei war ein Kerngedanke der frühneuzeit-
lichen Dämonologie (Petersdorff 1995, Bd. 1, S. 172 u. S. 178f.; Dillinger 2007, S.
43f.; Dillinger 2013, S. 41ff. u. S. 53ff.).
Für bestimmte Dinge erteilte Gott den Dämonen seine Erlaubnis niemals. Zwei
dieser konkreten Grenzen waren essentiell für die Hexenlehre. Erstens konnten
der Teufel und seine Geister den Menschen nicht ihren freien Willen nehmen.
Ganz gemäß der biblischen Grundlage blieb Satan wesentlich Verführer. Ob bei
Hexerei oder irgendeiner anderen Sünde bzw. irgendeinem anderen Verbrechen:
Die Basis der Vorstellung satanischer Verführung blieb stets die alte katholische
Lehre von der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen. Pointiert gesagt ge-
hörte es zu dieser Freiheit zu Gott „ja“ oder „nein“ sagen zu können. Dabei musste
36 Johannes Dillinger

das „nein“ als Hinwendung zum Teufel – in jeder alltäglichen Sünde und darüber
hinaus bis zum Verbrechen der Hexerei – möglich sein. Dieses „nein“ zu Gott als
Äußerung der menschlichen Freiheit konnte eben gerade nicht Folge von unüber-
windlichem Zwang sein, sondern allein freie Willensentscheidung. Als Verführer
zum Bösen firmierte der Teufel in der Frühen Neuzeit übrigens auch in der Straf-
rechtspflege außerhalb von Hexenprozessen. Kindsmörderinnen erklärten häufig,
auf eine Einflüsterung Satans hin ihre Neugeborenen getötet zu haben (vgl. z. B.
Dülmen 1991, S. 11f.). Dass die Frauen erklärten, auf Verführung des Teufels hin
ihre Kinder getötet zu haben, dürfte zwei Gründe gehabt haben. Auf der einen
Seite versuchten sie so vor Gericht die eigene Verantwortung zu minimieren –
die eigentliche Schuld sollte nicht bei ihnen, sondern beim Teufel als Verführer
liegen. Freilich führte dieses Argument in eine moralische und juristische Sack-
gasse: Die Konstruktion der Verführung selbst verwies immer zurück auf das
letztlich freie und verantwortliche Handeln des Einzelnen. Auf der anderen Seite
versuchten die Frauen dadurch wohl auch, mit ihren eigenen Schuldgefühlen
fertig zu werden. In aller Regel wurden in solchen Fällen die Kindsmörderinnen
für ihre Tötungen bestraft, nicht für Hexerei. Die Einflüsterung des Teufels wurde
nur als Verführung zur Sünde, nicht als Hexenwerk gesehen.
Die zweite Beschränkung der Handlungsfähigkeit des Teufels bestand darin,
dass die Dämonen an Naturgesetze gebunden blieben. Gott behielt wahre Wunder
sich selbst vor: Er erlaubte den Dämonen nicht, gegen die Gesetzmäßigkeiten der
Natur zu verstoßen. Allerdings konnten die Dämonen, denen größte Kenntnisse
der Natur ebenso zugebilligt wurden wie die Fähigkeit, unsichtbar und schnell zu
handeln, Wirkungen hervorbringen, die an Wunder grenzten. Ihre schärfste Waffe
war ihr unbegrenzter Zugriff auf die menschlichen Sinne: Mit Halluzinationen
konnten die Dämonen Menschen praktisch unbegrenzt manipulieren. Viel
Hexenzauber wurde von den Dämonologen als schlichte Sinnestäuschung er-
klärt: Hexen und Dämonen konnten bestimmte, der Natur widersprechende
Wirkungen nicht wirklich hervorbringen, z. B. eine Tierverwandlung. Sie ver-
wirrten bloß die Sinne ihrer Opfer, sodass diese glaubten, ein teuflisches Mirakel
erlebt zu haben. Entsprechend sollten die Dämonen auch die Hexen selbst
manipulieren, damit diese an ihre eigene magische Macht glaubten. Der „Hexen-
hammer“ von 1486, ein frühes Kompendium der Dämonologie, das es schaffte,
Elemente der kirchlichen Lehre und die „Fakten“, die die ersten Hexenprozesse zu-
tage befördert hatten, mehr oder weniger zu integrieren, präsentierte ein Beispiel:
Ein Hexenmeister wollte eine Frau in ein Pferd verwandeln. Das wäre ein Ein-
griff in Naturgesetze gewesen, die Gott den bösen Geistern nicht erlaubte. Aber
die Dämonen verursachten bei der Frau Halluzinationen, sodass sie ihren eigenen
Körper so erlebte, als sei es der eines Pferdes. Die Höllengeister verwirrten auch
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre 37

die Sinne aller Personen, die die Frau sahen, sodass sie ein Pferd zu sehen meinten.
Schließlich täuschten die bösen Geister auch den Hexer selbst, damit er glauben
solle, seine dämonischen Herren könnten wirklich Menschen zu Tieren machen.
Aber damit nicht genug: Um die Täuschung perfekt zu machen, trugen die
Dämonen selbst alle Lasten, die der scheinbar zum Pferd gewordenen Person auf-
gebürdet wurden, und die zu tragen menschliche Kraft überstiegen hätte (Kramer
Orig. 1486, Komment. Neuübersetz. 2000, S. 430ff.; Petersdorff 1995, Bd. 1, S. 170ff.).
Wenn die Dämonen den freien Willen nicht überwinden konnten, dann
konnten das ihre Diener, die Hexen, erst recht nicht. Eine Ausnahme scheint der
Liebeszauber gewesen zu sein. Angeblich konnten Hexen magisch Liebe oder Hass
erzeugen. Bedeutete dies nicht, dass der freie Wille durch Magie überwunden
werden konnte? Die Antwort der Dämonologen war klar negativ. Emotion
hatte nichts mit dem Willen, sondern mit der Wahrnehmung zu tun. Letztlich
war auch der Liebeszauber nichts als eine weitere Manipulation der Sinne. Es
ging nicht darum, dass die Hexe ihrem Opfer ihren Willen aufzwang und ihn
dadurch dazu brachte, eine bestimmte Person zu lieben oder zu hassen. Vielmehr
manipulierten die Dämonen die Wahrnehmung des Hexereiopfers, sodass ihm
eine bestimmte Person attraktiv und liebenswert oder unattraktiv und hassens-
wert erschien (Kramer Orig. 1486, Komment. Neuübersetz. 2000, S. 240ff.; Hacke
2002, S. 359ff.).
Der niederländische Arzt Johann Weyer (Wier) baute die dämonologische
Doktrin von der Verwirrung der Sinne durch die Höllengeister zum Argument
gegen die Hexenverfolgungen aus. Die Hexen waren geistesschwache alte Frauen.
Sie waren kaum Herrinnen ihrer Sinne, sie waren verwirrt, ihre Wahrnehmung
war immer schon getrübt. Es fiel den Dämonen daher besonders leicht, sie mit
Halluzinationen zum Narren zu halten. All ihre vermeintliche Macht – an die
die Hexen selbst am meisten glaubten – beruhte nur auf dämonischer Spiegel-
fechterei. Der Wille der Hexen, zu schaden, den Weyer grundsätzlich nicht
bestritt, war angesichts ihrer realen Machtlosigkeit und ihrer völligen Irre-
führung durch dämonische Halluzinationen kein ausreichender Grund für ihre
Bestrafung. Weyers Festhalten am Willen der Hexen, zu schaden sowie seine
Akzeptanz der praktisch unbegrenzten Macht der Dämonen, zu täuschen, sollten
davor warnen, ihn, wie das vielfach geschehen ist, zum Vater der Psychologie
zu erklären (Dillinger 2007, S. 137ff.; Valente 2003; Hanegraaff 2012, S. 83ff.;
Midelfort 2002, S. 199ff.).
Die Fremdkontrolle, die die Dämonologie kannte, war die Fremdkontrolle der
Wahrnehmung, nicht des Willens. Man darf aber fragen, was die Willensfrei-
heit des Menschen noch wert war, wenn Menschen umfassenden dämonischen
Manipulationen ausgeliefert sein sollten. Freilich fassten die Menschen ihre
38 Johannes Dillinger

Entschlüsse selbst, aber die Perzeptionen, auf denen ihre Entschlüsse stets teil-
weise aufbauten, unterlagen teufl ischem Betrug. Die Willensfreiheit wurde in der
Dämonologie zum frei gewählten Weg durch einen unendlichen Irrgarten unzu-
verlässiger Wahrnehmungen. Der Teufel konnte dabei fast jeden manipulieren:
Der „Hexenhammer“ stellte ausdrücklich fest, dass allenfalls ein Heiliger die
Blendwerke der Dämonen intuitiv durchschauen konnte. Satan täuschte auch
und gerade seine eigenen Anhänger, die Hexen. Gerade diesen spiegelte er ja vor,
dass ihre Zauberei wirkliche Effekte hätte, obwohl die meisten ihrer Aktivitäten
nur durch Sinnestäuschungen den Anschein von Effektivität erhielten. Bei aller
Willensfreiheit bestand im Rahmen der Dämonenlehre die schreckliche Möglich-
keit, dass alle sinnlichen Perzeptionen, und damit das gesamte auf ihnen be-
ruhende Bild von der Welt, von satanischen Halluzinationen irregeführt waren.
Auf diesen Generalverdacht gegen alle Wahrnehmungen als Halluzinationen
hatten die Dämonologen letztlich keine überzeugendere Antwort mehr als das
Basisargument der permissio Dei. Gott würde eine totale Irreführung einfach
nicht gestatten. Für die praktischen Zwecke der Hexenverfolgung wurde be-
hauptet, dass Gott die Obrigkeiten davor schützen würde, auf dämonische Be-
trügereien hereinzufallen. Außerdem, so wurde spekuliert, würden die Dämonen
nichts tun, was nicht für sie sinnvoll wäre, eine totale Trübung aller menschlichen
Perzeptionen sei aber nicht sinnvoll: Das war quasi „Ockhams Rasiermesser“ für
die dämonologische Perzeptionslehre (Kramer Orig. 1486, Komment. Neuüber-
setz. 2000, S. 178f.).4
Tatsächlich mag die dämonologische Lehre von den Täuschungen der Sinne
durch böse Geister zum Hintergrund von Descartes „Cogito, ergo sum“ gehört
haben, das bezeichnenderweise während einer Hochphase der Hexenverfolgung
formuliert worden war. Descartes spekulierte über einen bösartigen Gott – ist
das nicht eine abstrakte Anspielung auf einen Dämon? – der jederzeit jede Wahr-
nehmung jedes Menschen verfälschte. Gegen ihn konnte man sich nur schützen,
indem man sich auf den systematischen Zweifel und die Sicherheit des eigenen
Subjekts zurückzog. Dieses Subjekt wiederum war laut Descartes garantiert,
wenn auch nicht durch den freien Willen, so doch durch die eigenen freien Ge-
danken in Bezug auf sich selbst (Behringer 2004, S. 184).

4 Vgl. zum Schutz der Gerichte vor dämonischem Einfluss und Hexerei Dillinger (2002,
S. 545ff., passim); Drechsler (1994, S. 185ff., passim); Behringer (1992, S. 161ff. u. S.
172ff.).
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre 39

3 Der Teufelspakt als freiwillige Vereinbarung

Die Basisannahme der Freiheit des Menschen gegenüber den Dämonen, aber
auch deren Möglichkeiten, Menschen zu täuschen, drückten sich am deutlichsten
wohl in der Vorstellung des Teufelspaktes aus. Dämonen sollten mit Menschen
Verträge abschließen: Die Höllengeister halfen einem Menschen im Diesseits,
dafür gehörte er bzw. seine Seele, nach seinem Tod den Dämonen im Jenseits. Am
besten bekannt ist vermutlich der mit Blut unterzeichnete Teufelspakt von Faust
in Goethes Drama. Die Vorstellung vom Teufelspakt war alt. Ihre Grundzüge
stellte bereits der Kirchenvater Augustinus in einer Polemik gegen heidnische
Kulte, die er als Teufelsdienst verurteilte, dar. Die Hexenlehre des Spätmittelalters
baute auf diesen Grundlagen auf. Der Pakt mit dem Teufel konstituierte per se
Ketzerei und Apostasie. Durch den Pakt wurde der Teufel bzw. ein Dämon, der
mit der Hexe immer wieder zusammenkam, zum Herrn der Hexe (Schild 2004,
S. 1ff. u. S. 31ff.; Lederer 2006, S. 867ff.; Jerouschek 1991, S. 13ff.).
Bereits die Vorstellung, dass der Kontakt zwischen Mensch und Dämon
die Form eines Paktes, also einer vertragsähnlichen Vereinbarung annehme,
impliziert, dass der Mensch hier aus freiem Willen handelte. Dämonologische
Autoren mochten den Pakt im theologischen Kontext des biblischen Bundes
Gottes mit den Menschen sehen. Daneben konnten sie, wie auch die so genannten
„einfachen Leute“ auf die aus dem Alltagsleben natürlich bekannten Verträge aus
dem Zivilrecht zurückgreifen, wenn sie sich den Teufelspakt vorstellten. Beide
Konzepte gingen von einer wesentlichen Gleichheit und Freiheit der Vertrags-
partner aus. Diese Gleichheit und Freiheit war im Fall des biblischen Bundes ein-
seitig und gnadenhalber von Gott gewährt, gleichwohl stellte sie die Basis der Ver-
bindung von Gott und Mensch dar. Auf keinen Fall war der Pakt vereinbar mit der
Annahme, dass einer der Partner zu keinem freien Willensakt fähig war. Der Pakt
machte überhaupt nur als freiwillige Absprache Sinn. Von Ungleichheiten, die die
Vertragspartner in anderen Hinsichten unterscheiden mochten, sahen beide im
Augenblick des Vertragsschlusses ab. Sie akzeptierten sich gegenseitig als wesent-
lich gleichberechtigt und frei. Selbstverständlich konnte ein Vertrag bzw. Pakt ein
Herrschaftsverhältnis herstellen. Der Teufelspakt der Dämonologie wäre dafür
sogar ein extremes Beispiel, insofern als er die Herrschaft des Dämons über die
Hexe etablieren sollte. Vor dem Abschluss des Paktes bestand das Herrschafts-
verhältnis aber eben gerade noch nicht. Die Konstruktion des Teufelspaktes be-
stätigte also die Freiheit der menschlichen Willensentscheidung.
Ins Extrem getrieben wurde diese Auffassung in der dämonologischen Lehre
vom impliziten Pakt. Für dämonologische Hardliners war eine ausdrückliche Ab-
sprache zwischen Mensch und Dämon gar nicht nötig, um einen Teufelspakt zu
40 Johannes Dillinger

schließen. Es genügte auf Seiten des Menschen der Wille oder Wunsch, Magie
auszuüben. Bereits dieser Wunsch war nicht nur Ketzerei und Abfall vom christ-
lichen Glauben, sondern quasi eine unausgesprochene Einladung zur Zusammen-
arbeit an die Dämonen. Die Grundlage des Paktes war damit ganz allein der freie
Wille des Menschen (Schild 2004, S. 33f.; Lederer 2006, S. 867).
Eine gewisse Qualifi kation bringt wiederum die dämonische Fähigkeit zu
täuschen. Sie wird weniger in der Dämonologie als in konkreten Hexenprozessen
greifbar. Wie oben bereits angedeutet: In der gelehrten wie in der populären
Dämonologie wurde es für möglich gehalten, Dämonen in menschlicher Gestalt
zu begegnen. Der Teufelspakt erschien im Kontext der Hexenprozesse in ganz
unspektakulärer Form. Eine Frau (seltener ein Mann) traf einen ihr unbekannten
Fremden, häufig an irgendeinem neutralen Ort an einer Landstraße. Die Frau war
in einer emotionalen und/oder ökonomischen Notlage. Der Fremde bot ihr Hilfe
an, wenn sie ihn dafür als ihren Herren anerkannte. Erst nach der Zusage gab
sich der Fremde als Dämon zu erkennen. Immer wieder stellten die Angeklagten
in ihren Geständnissen den ersten Kontakt mit dem Dämon als Prostitution dar:
Der Fremde verlangte für seine Hilfe – oft konkrete finanzielle Unterstützung –,
dass die Frau mit ihm schlief. Erst nach dem Geschlechtsverkehr präsentierte sich
der Fremde als Dämon. Der Geschlechtsverkehr oder die unbedacht gegebene Zu-
sage, den Fremden als Herrn zu akzeptieren oder schlicht ihm zu folgen, wurde
erst post factum vom Dämon selbst zum Teufelspakt erklärt. Die Hexe wurde also
regelrecht betrogen: Sie schloss sich dem Dämon an, gelobte ihm z. T. pauschal
Gehorsam, ohne zu wissen, wen sie vor sich hatte. Der Höllengeist verbarg seine
wahre Identität vor ihr, bis die Vereinbarung geschlossen war (Vgl. Dillinger
1999, S. 112ff.).
Der Teufelspakt erfolgte also immer aus freiem Willen, aber er beruhte oft
auf gezielter Täuschung. Der Dämon erschlich sich quasi den freiwilligen Pakt.
Er benutzte dabei nicht Sinnestäuschung, sondern schlicht Lügen, falsche Ver-
sprechungen und eine brachiale Interpretation eines arglos gegebenen Ge-
horsamsversprechens.
Nach dem Pakt konnte von freien Entscheidungen der Hexen sowohl nach
Aussage der Dämonologie als auch nach den Behauptungen konkreter Prozess-
akten keine Rede mehr sein: Die Hexen waren dem Willen ihres dämonischen
Herrn völlig unterworfen. Hexen profitierten von dem Zauber, den sie auf Be-
fehl der Dämonen verüben mussten, persönlich in aller Regel nicht. Tatsächlich
mussten sie sich sogar selbst schaden z. B. ein Unwetter heraufbeschwören, das
auch ihre eigenen Felder verwüstete, das eigene Vieh vergiften, die eigenen Kinder
töten. Nicht nur die Dämonen setzten die Hexen unter Druck, sinnlos zu zer-
stören. Auch innerhalb der Gruppe der Hexen soll es regionale Hierarchien geben
Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexenlehre 41

haben: Reiche, oft männliche Anhänger des Teufels kommandierten die anderen,
d. h. die ärmeren, älteren, in der Regel weiblichen Hexen. Die Hexen sollten die
Gesellschaft des Teufels, ihre eigenen Zusammenkünfte und ihre Magie durchaus
nicht genießen, sondern als beschämend und als brutalen Zwang erleben. Selbst-
verständlich benutzten Hexereiverdächtige, die durch Folter oder zumindest
massiven Druck zum Geständnis gebracht worden waren, diese Motive, um ihre
Schuld zu minimieren. Sie mochten auf ein milderes Urteil hoffen, wenn sie dem
Richter erklärten, nur durch einen Trick in die Gefolgschaft des Teufels gebracht
und nur unter Zwang dort gehalten worden zu sein (Dillinger 1999, S. 116ff.).
Festzuhalten ist hier jedoch, dass der Gehorsam der Hexen gegenüber anderen,
mächtigeren Hexen oder gegenüber den Dämonen selbst nicht auf Magie, sondern
auf einfachem brachialem Druck beruhte. Die Dämonen sollten ihre ungehor-
samen Dienerinnen schlicht schlagen wie herrschsüchtige Ehemänner oder
brutale Dienstherren. Der freie Wille wurde mit Gewalt unterdrückt, nicht durch
Magie manipuliert oder aufgehoben. Die Hexen folgten dem Teufel nicht wie
die willenlosen Roboter oder Hypnoseopfer moderner Fiktionen, sondern wie
potentiell widerspenstige, aber scharf überwachte und misshandelte Sklaven.
Die Kritik von Gegnern der Hexenverfolgung reduzierte den Teufel wieder auf
die Rolle des Verführers. Ein zentrales Argument der Kritiker der Dämonologen
bestritt die Fähigkeit Satans und der gefallenen Engel irgendeine Wirkung in
der materiellen Welt bewirken zu können. Der Teufel und die Dämonen waren
reine Geister. Als solche konnten sie mit der physischen Welt überhaupt nicht
interagieren: Weder sich sichtbar zeigen – um einen Pakt mit den Menschen zu
schließen – noch deren Umwelt und deren Sinne manipulieren. Was blieb, war
der Teufel als böse leise Stimme im eigenen Kopf, die dazu verführte, das zu tun,
was man im Grunde schon als falsch erkannt hatte (Pott 1995, S. 183ff.; Dillinger
2007, S. 139ff.).

4 Fazit

Die Ergebnisse dieser Untersuchung lassen sich wie folgt zusammenfassen: Der
freie Wille des Menschen sollte nie dämonischer Fremdkontrolle unterworfen
werden können. Im Kontext der Bedrohung der sinnlichen Wahrnehmung
durch von Dämonen verursachte Halluzinationen, wie die Dämonologen sie
behaupteten, verlor diese Freiheit jedoch viel von ihrer praktischen Bedeutung.
Dennoch blieb die menschliche Willensfreiheit allen teuflischen Verführungen
gegenüber grundsätzlich immer bestehen. Die freie Entscheidung geriet im
Kontext von Dämonologie und Hexenlehre wesentlich zur Bedingung der
42 Johannes Dillinger

Möglichkeit von Schuld. Wenn die Dämonologen die Willensfreiheit erbittert


verteidigten, dann verkündeten sie damit letztlich immer die uneingeschränkte
Verantwortlichkeit und Straff ähigkeit der vermeintlichen Hexen.

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Die kulturelle Wahrnehmung
der Hypnose als Beeinflussungstechnik

Deutungen der Trance um 1900

Barbara Wolf-Braun

Die letzten 20 Jahre des 19. Jahrhunderts werden in der medizinhistorischen


Forschung als „Blütezeit des Hypnotismus“ bezeichnet. Trancephänomene waren
an zahlreichen Orten öffentlich sichtbar, irritierten und faszinierten die Zu-
schauer: in der ärztlichen Praxis, auf der Bühne im Rahmen von Varieté-Dar-
bietungen, in Somnambulen-Kabinetten (den Behandlungsräumen von hell-
sehenden Medien), im Wohnzimmer, im Theater, im Roman, vor Gericht und
etwas später im Kino. Die Suggestionsmetapher eignete sich zur Beschreibung des
sozialen Lebens: Sie findet sich nicht nur in der Beziehung zwischen Hypnotiseur
und seinem Patienten, sondern auch in den Theorien der Massenpsychologie,
die zeitgleich um 1900 entstanden. Vermutlich wie nie zuvor oder danach be-
schäft igte die wissenschaft lichen Experten und die Öffentlichkeit die Frage, wie
manipulierbar der Mensch in der hypnotischen Trance sei, so nachdrücklich. Es
waren vor allem die Diskurse um die Gefahren der Hypnose, die die Entwicklung
und Rezeption der Hypnose als Therapieverfahren beeinflussten.

1 Zur Geschichte der Hypnose als Therapieverfahren


bis ca. 1880

Der Hypnotismus (bzw. sein Vorläufer, der ‚animalische Magnetismus‘ bzw.


‚Mesmerismus‘) stellt überhaupt den Ursprung der wichtigsten europäischen
psychotherapeutischen Verfahren dar. Bei dem Versuch, einen Laienmagnetiseur
der ‚Scharlatanerie‘ zu überführen, erkannte der englische Augenarzt und
Chirurg James Braid (1795–1860), dass der hervorgerufene veränderte Bewusst-
seinszustand echt war. Er führte den magnetischen Schlaf nicht auf die Einflüsse
eines magnetischen Fluidums des Magnetiseurs zurück, wie es der Mesmerismus
postulierte, sondern auf die Lenkung der inneren Aufmerksamkeit, beispiels-

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_3, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
46 Barbara Wolf-Braun

weise durch die Konzentration auf einen leuchtenden Gegenstand. Diesen Zu-
stand bezeichnete Braid 1843 erstmals als Hypnose (abgeleitet vom griechischen
Hypnos = Schlaf). Der französische Landarzt Ambroise Auguste Liébeault
(1823–1904) gehörte zu den wenigen Ärzten, die den so genannten Braidismus
praktizierten. Von ihm lernte der Professor für Innere Medizin der Universität
von Nancy, Hippolyte Bernheim (1840–1919), der die Hypnose an der Klinik ein-
führte. Von diesen beiden Ärzten ging die ‚Schule von Nancy‘ aus. Im Gegen-
satz zur Schule der ‚Salpêtrière‘ unter der Leitung des Neurologen Jean-Martin
Charcot, erklärte Bernheim, Hypnose sei kein pathologischer Zustand, der nur
bei Hysterikern vorkomme, sondern sie beruhe auf der Wirkung von Suggestion.
Bei der Suggestion würden Vorstellungen in Handlung umgesetzt, wobei die
kritische Vernunft umgangen werde. Es handle sich um einen Reflexvorgang, den
Bernheim als „Vorstellungsdynamik“ bezeichnete (Bernheim 1892). Er nahm an,
dass alle Menschen diese Eigenschaft in unterschiedlichem Maß besitzen. Die
Suggestion werde jedoch nur dann wirksam, wenn der Mensch empfänglich für
sie sei, d. h. wenn seine zerebrale Kontrolle außer Gefecht gesetzt werden kann.
Nur zu diesem Zweck sollte die Hypnose angewandt werden.
Bernheim behandelte nicht nur Erkrankungen des Nervensystems, sondern
auch Magen-Darm-Erkrankungen, Rheumatismus, Menstruationsstörungen
usf., das heißt, Krankheiten, die nach dem somatisch orientierten Paradigma
der zeitgenössischen naturwissenschaft lichen Medizin als nicht zugänglich für
eine psychische Behandlung galten. Mit der Zeit benutzte Bernheim die Hypnose
immer seltener und behauptete, dieselben therapeutischen Wirkungen durch
Suggestion im Wachzustand zu erzielen. Dieses Verfahren bezeichnete die Schule
von Nancy nun als Psychotherapie (Bernheim 1892). Es ist das erste Mal, dass
dieser Begriff in seiner heutigen Bedeutung in der Medizin erscheint.
An der Spitze der ‚Schule der Salpêtrière‘ stand einer der bekanntesten Kliniker
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Neurologe Jean-Martin Charcot
(1825–1893). Die Salpêtrière war ein Krankenhaus und Hospiz für Frauen mit an-
nähernd fünftausend Patientinnen (Ellenberger 2005, S. 143ff.). 1870 hatte er die
Leitung einer Station mit Patientinnen übernommen, die unter „Krämpfen“ litten.
Charcot setzte die Hypnose ein, um hysterische von epileptischen Krämpfen zu
unterscheiden. Bei seinen Untersuchungen zur Hysterie und zum Hypnotismus
dienten ihm seine begabtesten hysterischen Patientinnen als Versuchspersonen.
Seine Forschungsergebnisse trug er 1882 an der Pariser Wissenschaftsakademie
vor, jener Institution, die zuvor den tierischen Magnetismus mehrfach verurteilt
hatte. Die Akademie nahm seinen engagierten Vortrag positiv auf und somit
war die Hypnose als Forschungsthema für die Wissenschaft wieder offiziell re-
habilitiert. Charcot war der Ansicht, die hypnotische Trance könne nur bei
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 47

Hysterie induziert werden und maß ihr kaum therapeutischen Wert bei. Dass
so viele Menschen hypnotisiert werden konnten, bewies nur, wie viele latent
hysterisch seien. Damit bot er eine pathologische Deutung der Hypnose, die für
ihre Rezeption folgenreich wurde: Die Gegner argumentierten im Sinne Charcots,
dass durch die Hypnose latente Hysterien ausgelöst werden könnten.
In die deutschsprachigen Länder gelangte die Hypnose auf zwei Wegen: über
die Auft ritte von Laienmagnetiseuren sowie über Besuche von Ärzten an den
beiden Hypnose-Schulen von Paris und von Nancy.

2 Der Einfluss der französischen Hypnose-Schulen

Eine größere Anzahl von Nervenärzten und Psychiatern hospitierten sowohl bei
Charcot als auch bei Bernheim (u. a. auch Sigmund Freud). Ab 1885 verlagerte
sich das Interesse auf Bernheims Theorien und Methoden, da sie auf einen
therapeutischen Einsatz des Hypnotismus abzielten. Die Ärzte übernahmen das
Verfahren in ihrer eigenen Praxis und Forschung und berichteten darüber in der
Fachpresse oder in ärztlichen Vereinen. Ein besonderer Vertreter und Förderer
der Hypnose in den deutschsprachigen Ländern war der Schweizer August Forel,
Professor für Psychiatrie und Direktor der Heilanstalt Burghölzli, der einen
Ambulanzdienst für hypnotische Behandlung organisierte (Forel 1935), sich für
die Einrichtung von hypnotischen Fachkursen an den medizinischen Fakultäten
engagierte und regelmäßig mit den Gegnern des Hypnotismus auseinandersetzte
(Forel 1889, 1894, 1903). Von ca. 1887 bis 1900 dauerten die ‚goldenen Jahre‘ des
Hypnotismus in den deutschsprachigen Ländern, wo sich allmählich ein inter-
nationales wissenschaft liches Zentrum der ärztlichen Hypnose-Bewegung ent-
wickelte (Gauld 1992, S. 421ff., S. 314ff.).
Es wurde eine Flut an Literatur produziert: 1888/90 veröffentlichte Max
Dessoir eine Bibliographie des modernen Hypnotismus, die insgesamt fast 1200
neuere Titel aus der wissenschaft lichen Literatur enthielt (Dessoir 1888, 1890).
Die Anzahl der Ärzte hingegen, die die Hypnose über längere Zeit regelmäßig
therapeutisch einsetzten, blieb relativ gering. Vermutlich waren es nicht mehr
als etwa einhundert (Schröder 1995, S. 45). In der Regel waren es Nervenärzte
und Neurologen, die in den zahlreichen privaten offenen ‚Nervenkliniken‘ oder
in privater Praxis Hypnotherapie anboten, häufig in Kombination mit Natur-
heilverfahren und Elektrotherapie. Der Begriff „psychische Behandlung“ (was
so viel bedeutete wie Suggestionstherapie) kam so in Mode, dass die Ärzte einer
Privatanstalt in Berlin sogar das Unterhaltungsangebot für ihre Patienten so be-
zeichneten (Shorter 1999, S. 213).
48 Barbara Wolf-Braun

Wohl aufgrund der starken Vorbehalte gegenüber der hypnotischen Trance


ließ ab etwa 1900 die Bedeutung der Hypnotherapie nach, während die „Wach-
suggestionstherapie“ immer bedeutender wurde. Weitere Verfahren profi lierten
sich in bewusster Abgrenzung zur Hypnose – vor allem die Psychoanalyse
Sigmund Freuds (deren Ursprung allerdings in der Hypnose lag) sowie die so-
genannte „Psychagogik“ (Persuasion, Willensgymnastik), die behauptete, nicht
suggestiv zu arbeiten, sondern sich an die Vernunft und den bewussten Willen
der Patienten zu wenden. Auch die Selbsthypnose und Autosuggestion wurden
immer stärker betont; so stellte der Apotheker Emile Coué 1917 seine Methode der
Selbstbemeisterung vor (Schott und Wolf-Braun 2000), die in den 1920er Jahren
sehr populär wurde.
Die 1909 gegründete „Internationale Gesellschaft für medizinische Psycho-
logie und Psychotherapie“ stand bereits im Kontext eines erweiterten psycho-
therapeutischen Konzepts, das mit dem Rückgang der Hypnosebewegung ver-
bunden war. Der Hypnotismus traf zugleich auf breite Ablehnung innerhalb der
Ärzteschaft. Die Argumente gegen die Hypnose verwiesen dabei auf Spannungs-
felder, die zum Teil bereits für die Rezeption des Magnetismus bestimmend
waren. Dies waren insbesondere die Nähe zwischen Hypnose, Magnetismus und
Spiritismus, die Praxis der Laien und die damit verbundene Betonung der Ge-
fahren der hypnotischen Trance.

3 Die Verwandtschaft der Hypnose


mit dem Magnetismus bzw. Spiritismus

Der Hypnotismus hatte sich aus dem Magnetismus entwickelt, aber eine
Trennung zwischen beiden Bereichen fand nur allmählich statt. Die Verbannung
der mesmeristischen Theorie und Praxis aus der Wissenschaft war das Ergebnis
heft iger Auseinandersetzungen zwischen Wissenschaft lern und Laien, aber auch
innerhalb der Wissenschaft.
Laien und eine große Anzahl von Wissenschaft lern interessierten sich für die
außergewöhnlichen Phänomene, die anlässlich der Séancen bei spiritistischen
Medien oder bei hypnotisierten bzw. magnetisierten Personen auftraten: Tele-
pathie, Hellsehen, Wahrträume, automatisches Aufschreiben der Mitteilungen
vermeintlicher Geister, Materialisationen, Fernbewegungen, unmittelbare Kraft-
einwirkungen zwischen Magnetiseuren und Magnetisierten („Rapport“). Sie
wurden vor dem Hintergrund einer bis ins Übersinnliche gesteigerten Reiz-
empfindlichkeit der Hypnotisierten gesehen. Die meisten dieser Phänomene
waren bereits von den Magnetiseuren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 49

beobachtet und beschrieben worden. Da sie zumeist in Zusammenhang mit


der hypnotischen Trance bzw. dem Somnambulismus auft raten, wurden sie für
viele Forscher, die sich ab 1880 mit der Hypnose befassten, zum zentralen Unter-
suchungsgegenstand.
Mit dem Spiritismus, der sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts von Amerika
aus nach Europa ausbreitete, wurden die Phänomene der mediumistischen
Trance in zahlreichen Zirkeln und Vereinen demonstriert. Die spiritistischen
Medien traten damit die Nachfolge der hellsichtigen Somnambulen des frühen
19. Jahrhunderts an. Zudem kam es zu einer Verbindung zwischen Magnetismus
und Spiritismus in Laienkreisen.
In den 1880er Jahren entstanden zahlreiche Zirkel und Gesellschaften, die
sich mit Hypnotismus, Mediumismus, Mesmerismus, Hellsehen, Telepathie, usf.
befassten. Am bekanntesten wurde die 1882 gegründete englische „Society for
Psychical Research“, in der namhafte Wissenschaft ler Beweismaterial für oder
wider die umstrittenen Phänomene des Okkultismus sammelten. Unter anderem
befasste sich die Gesellschaft mit Gedankenübertragung, Hypnotismus und den
Formen der sogenannten mesmeristischen Trance, die angeblich mit Schmerzun-
empfindlichkeit, Hellsehen oder anderen Phänomenen verbunden sind, sowie mit
(Geister-)Erscheinungen und Spukhäusern.
Ziel der Gesellschaft war es, diese unterschiedlichen Phänomene ohne jeg-
liches Vorurteil mit wissenschaft licher Genauigkeit zu untersuchen (The Society
for Psychical Research 1882/83). Man hoffte, mit der Untersuchung der außer-
gewöhnlichen Phänomene, die im Kontext des Spiritismus und Mesmerismus
auft raten, einen empirischen Nachweis für die Existenz eines spirituellen Uni-
versums zu finden und damit den materialistischen Positivismus in die Schranken
zu weisen.
Die Verbindung zwischen Parapsychologie und Hypnose wird auch bei den
internationalen Kongressen für Psychologie deutlich, bei denen die Parapsycho-
logie in den Sektionen für Hypnotismus in den Jahren 1889 bis 1906 vertreten
war. Die Ausgrenzung der Parapsychologie aus diesen Kongressen erfolgte erst
nach Protesten von Hypnoseärzten, die nach Auft ritten von Vertretern der
spiritistischen Bewegung um den guten Ruf der Hypnose fürchteten (Parot 1994).
Angesichts dieser Verbindungen zwischen Hypnose und „Okkultismus“ ver-
wundert es nicht, dass die Gegner der Hypnose beides gleichsetzten.
50 Barbara Wolf-Braun

4 Die schöpferische Kraft des Mediumismus:


Deutungen der Kunstschaffenden und der Teilnehmer
spiritistischer Zirkel

Eine positive, das Schöpferische betonende Interpretation und Nutzung des


Mediumismus ging vor allem von Kunstschaffenden aus. Zahlreiche Schrift-
steller und Maler bezogen sich auf okkulte Ideen und Erfahrungen, um ihren
kreativen Prozess zu fördern (Rilke, Meyrink, Kandinsky) oder um daraus Stoff
für ihre Romane zu beziehen (Thomas Mann, Franziska zu Reventlow). Das Zu-
sammenfließen von Okkultismus und Kunst stellte eine besondere Quelle für
die Entwicklung der modernen Deutschen Avantgarde-Kunst dar (Loers 1995;
Loers und Fischer 1998; Kury 2000). Auch die Medien selbst wurden künstlerisch
aktiv: Es gab Musik- und Malmedien, später auch Tanzmedien, so kam es zu den
vielbeachteten Auft ritten der Traumtänzerin Magdeleine Guipet, die Albert von
Schrenck-Notzing 1904 in München engagierte (Treitel 1999, S. 200ff.).
Neben der verstärkten künstlerischen Eigenaktivität der Medien stellt Sawicki
(2002) in seiner Studie über den Spiritismus in Deutschland eine weitere größere
Veränderung um die Jahrhundertwende fest: die Kommerzialisierung. Vor allem
in den größeren Städten veranstalteten Vereine öffentliche oder halböffentliche
Vorträge und Séancen mit Medien. Je nach Veranstalter variierte das Publikum
zwischen volkstümlich und distinguiert. Auch das Ritual der Séancen veränderte
sich: Praktizierte man bisher das Tischklopfen und Psychographieren im Rahmen
einer Gruppe, so stand jetzt das einzelne Medium in Trance im Vordergrund.
Folgt man den Berichten der Zeitschriften, so galt es weder als krankhaft
noch als peinlich, in Trance zu fallen. Man findet zahlreiche Schilderungen von
Tranceerfahrungen aus der Feder honoriger Personen und häufig rekrutierten
auch Vereine, die aus Angehörigen des Bürgertums und Offi zieren bestanden, die
Medien für Séancen in den Reihen der eigenen Mitglieder. Es war also durchaus
nicht verpönt, sich in Trance in einen Zustand zu begeben, der mit einem mehr
oder weniger ausgeprägten Kontrollverlust einherging.
Das Zeugnis eines Sitzungsteilnehmers dokumentiert, dass die Medien hier als
jung, schlank und mit klarem Blick beschrieben werden; sie entsprechen in jeder
Hinsicht dem modernen Begriff von Gesundheit. Die Normalität der Medien ent-
sprach auch den Bedürfnissen der Sitzungsteilnehmer, die gesund sein und ihren
Geist und Körper in ein Gleichgewicht bringen wollten (Treitel 1999, S. 377).
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 51

5 Gefahren der Willenskontrolle durch Hypnose

Wie erwähnt, wurde die Hypnose von vielen Ärzten abgelehnt, weil man sie
grundsätzlich für gefährlich ansah. Mit dem Argument, nur Ärzte könnten
verantwortungsvoll hypnotisch behandeln, da nur sie über die notwendige
moralische Integrität verfügten und aufgrund ihrer medizinischen Kenntnisse
mögliche Schädigungen abwenden könnten, wurde immer wieder ein gesetz-
liches Verbot der Hypnose durch Nicht-Ärzte gefordert.
Obwohl die ärztliche Kritik an der Praxis der Laien, insbesondere an den
Bühnenhypnotiseuren, sicherlich berechtigt war, muss man sie auch vor dem
Hintergrund des Versuchs sehen, die Hypnose in der Schulmedizin zu etablieren,
der auf ein ärztliches Behandlungsmonopol abzielte. Bei den Debatten um die
Gefahren der Hypnose sind vor allem zwei unterschiedliche Aspekte zu sehen,
die jeweils von den Hypnose-Schulen von Nancy und der Salpêtrière ins Spiel ge-
bracht worden waren: Für Charcot war die Hypnose mit Hysterie gleichzustellen.
Es konnten ihm zufolge nur hysterische Personen hypnotisiert werden, inso-
fern konnte Hypnose eine latente Hysterie auslösen. Diese Ansicht teilten viele
zeitgenössische Psychiater und Nervenärzte (Mendel 1889; Ziemssen 1889). Der
Leiter der Schule von Nancy, Bernheim, stellte sich zwar dieser Ansicht entgegen
und betonte, dass jeder mehr oder weniger suggestibel sei und somit hypnotisiert
werden könne. Jedoch führte er einen anderen Gefahrenaspekt ein: es könne in
Hypnose zur vollkommenen Willenlosigkeit kommen, der hypnotisierte Körper
gleiche einem „Automaten“, der von einem „fremden Willen“ beherrscht werde.
Somit konnte eine hypnotisierte Person sexuell missbraucht oder zu einem Ver-
brechen angestiftet werden (Bernheim 1888, S. 57, S. 146). Zwischen 1885 und
1900 kam es zu einer regelrechten Flut an wissenschaft lichen Veröffentlichungen
zu der Frage der „criminellen Suggestion“, obwohl in dieser Zeit in Europa ledig-
lich zwei Fälle vor Gericht bekannter wurden: der Fall der Gabrielle Bompard
in Frankreich (Harris 1985) und der Fall Czynski in Deutschland (Schrenck-
Notzing 1900).
Es wurden unzählige Experimente an Hypnotisierten durchgeführt, um zu
prüfen, ob es möglich war, sie zu kriminellen Taten anzustiften. Die Experten
teilten sich grob in zwei Lager: die Anhänger der Schule der Salpêtrière verneinten
kategorisch eine solche Möglichkeit. Wenn eine hypnotisierte Person dazu ge-
drängt werde, gegen ihren Willen zu handeln, würde sie unweigerlich einen
hysterischen Anfall erleiden. Suggerierte Handlungen würden nur aus freiem
Willen ausgeführt, da die Personen wüssten, dass es sich um „Laborexperimente“
handelte. Für die Anhänger der Schule von Nancy waren Hypnotisierte zwangs-
läufig das passive Instrument der kriminellen Absichten ihres Hypnotiseurs.
52 Barbara Wolf-Braun

Manche Experten, darunter später auch Bernheim, nahmen eine mittlere Position
ein und waren der Ansicht, dass nur erblich belastete („degenerierte“) Personen
mit eingeschränktem moralischem Bewusstsein zu kriminellen Taten angestiftet
werden konnten (Plas 1989).
In dem Prozess gegen Czynski, der als Laienbehandler mittels Hypnose,
Magnetismus und Spiritismus arbeitete, hatte das Gericht zu entscheiden, ob
er die Baronin von Sedlitz unter hypnotischem Einfluss zum Beischlaf und
zu einer Scheinehe gebracht hatte. Analog zum Fall Bompard kamen die Gut-
achter zu unterschiedlichen Einschätzungen: Für Preyer war die Baronesse durch
wiederholte Hypnosen zu einem willenlosen Opfer geworden. Schrenck-Notzing
teilte diese Ansicht, allerdings sei die Klägerin durch erbliche Belastung und Be-
schäft igung mit Spiritismus für die Suggestionen besonders empfänglich. Hin-
gegen sah Hirt eine Analogie zum alltäglichen Liebesleben, man müsse dann jede
Handlung, die auf Verführung abzielt, unter Strafe stellen.
Der Vorwurf der Erotisierung bzw. die Annahme eines möglichen sexuellen
Missbrauchs zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Mesmeris-
mus und der Hypnose. Frauen galten als besonders gefährdet, von unmoralischen
Hypnotiseuren missbraucht zu werden, da ihnen eine naturgegebene verminderte
Vernunft kontrolle zugeschrieben wurde. Zugleich finden sich Aussagen in der
wissenschaft lichen Hypnoseliteratur, die von einer Gefährdung des Hypnotiseurs
durch einen erotischen oder sogar sexuellen Drang nach Überwältigung seiner
Patientinnen oder Patienten ausgeht (Schott und Wolf-Braun 2000, S. 138f.).
Zahlreiche Romane eigneten sich die zeitgenössische medizinische Debatte
über ‚Hypnose‘ und ‚Suggestion‘ an und popularisierten das „Unheimliche“ der
Hypnose: Guy de Maupassants Le Horla, Carl du Prels Das Kreuz am Ferner, Jules
Clareties Jean Mornas, Hanns Heinz Ewers Der Zauberlehrling oder die Teufels-
jäger. Sowohl in der Literatur als auch in der Medizin – besonders im Rahmen
der öffentlichen Demonstrationen von Charcot – wurden die hypnotischen
Phänomene theatralisiert und dramatisiert (Andriopoulos 1998, 2000). Nach dem
Ersten Weltkrieg nahm sich das Kino des Themas an: Am bekanntesten wurde
Robert Wienes expressionistischer Stummfi lm Das Cabinet des Dr. Caligari
(1920), der als Meilenstein der Filmgeschichte gilt.1
Die Hypnosetherapeuten beklagten, dass manche ihrer Patienten aus Angst
eine Behandlung ablehnten. Eine ablehnende Haltung fand sich auch unter der
überwiegend aus dem Wiener Großbürgertum stammenden Klientel Sigmund
Freuds. Insbesondere die Ehemänner mancher seiner Patientinnen befürchteten

1 Vgl. hierzu den Beitrag „Fremdkontrolle und Ich-Verlust im Film“ von Matthias Hurst
in diesem Band.
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 53

eine Nervenschwächung und betrachteten sowohl die Hypnose als auch die
kathartische Methode als gefährlich und kompromittierend. Eine seiner
Patientinnen, die bereits bei der ersten Sitzung erfolgreich hypnotisch behandelt
worden war, erklärte anschließend, dass sie sich geschämt habe, auf diese Weise
geheilt worden zu sein, da wo sie mit ihrer Willenskraft machtlos war (Freud
1892/93, S. 6; Kinzel 1993, S. 76).
Auch die Psychologen Wilhelm Wundt (1832–1920) und Hugo Münster-
berg (1863–1916) waren von der Willenlosigkeit des Hypnotisierten überzeugt
(Wolf-Braun 1998). Wundt lehnte vor allem die Laienpraxis und den Einsatz der
Hypnose als Forschungsmittel für die experimentelle Psychologie ab und ließ
nur deren ärztlichen Einsatz als therapeutisches Verfahren bei funktionellen Be-
schwerden gelten. Es handle sich um eine „Sclaverei auf Zeit“, ein zutiefst unsitt-
liches Verhältnis (Wundt 1892, S. 103).
Münsterberg sah in der Hypnose eine Gefahr für das soziale Leben: „die
gesunde arbeitsfreudige Nervenkraft des Volkes kann durch die künstliche
Steigerung hypnotischer Zustände aufs traurigste zerrüttet werden“. An manchen
Orten würden „die Arbeiter, die Bauern, sogar die Schuljungen sich wechsel-
seitig so häufig hypnotisiren, dass sie schliesslich durch den kleinsten Anlass
von selbst in Halbschlaf fallen“ (Münsterberg 1889, S. 12). Hier wird eine Aus-
weitung der Suggestionsmetapher auf größere Gruppen deutlich: das Beobachten
von Hypnose bei öffentlichen Schaustellungen könne „Hypnose-Epidemien“ in
Schulklassen, Pensionaten, Familien auslösen bis hin zu „kriminellen Epidemien“
(Plas 1989) oder, so Münsterberg, bis zum Verfall der Arbeitskraft.
Um 1900 erschienen die ersten Theorien zur Massenpsychologie. Besonders
populär wurde Gustave Le Bons (1841–1931) Psychologie der Massen von 1895,
das in der französischen Originalfassung bereits 1921 in der 29. Auflage erschien
und in 16 Sprachen übersetzt worden war. Le Bon hatte den Suggestionsbegriff
von Bernheim übernommen und ihn zugleich in Anlehnung an Charcot in einen
pathologischen Kontext gestellt. Er nannte als „Hauptmerkmale des einzelnen
in der Masse“ folgende Eigenschaften: „Schwinden der bewußten Persönlich-
keit, Vorherrschaft des unbewußten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle
durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur
unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen“. In der Masse war der
Mensch „Automat“ oder auch „Barbar“, der „mehrere Stufen von der Leiter der
Kultur hinab“ gestiegen sei (Le Bon 1982, S. 17). Dabei fand Le Bon es besonders
beunruhigend, dass der Grund für den mit hoher Suggestibilität verbundenen
Trancezustand der Masse ungeklärt war. Er spekulierte über „Ausströmungen,
die von ihr ausgehen, oder sonst eine noch unbekannte Ursache“. 26 Jahre später
wird Freud in seiner Schrift „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) eben-
54 Barbara Wolf-Braun

falls darauf hinweisen, dass die Massenpsychologie mit dem Theorieangebot der
Hypnose auch deren Nicht-Wissen übernommen hatte. Er führt nun als maßgeb-
liches Element der hypnotischen Beziehung – aus der Phylogenese abgeleitet –
die Beziehung des Kindes zu seinem (übermächtigen) Vater ein. Der „Zusatz von
Lähmung aus dem Verhältnis eines Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen,
Hilflosen“ (Freud 1921) repräsentiert somit die Re-Inszenierung eines früheren
Zustandes:

„Durch seine Maßnahmen weckt also der Hypnotiseur beim Subjekt ein Stück
von dessen archaischer Erbschaft, die auch den Eltern entgegenkam und im Ver-
hältnis zum Vater eine individuelle Wiederbelebung erfuhr, die Vorstellung einer
übermächtigen und gefährlichen Persönlichkeit, gegen die man sich nur passiv-
masochistisch einstellen konnte…“ (Freud 1921, S. 118)

Die Wirkung von Massenmedien wie Presse und Kino wurden in der Folge auf der
Grundlage massenpsychologischer Theorien interpretiert.2 Besonders dem Kino
wurde eine allen anderen Medien überlegene „suggestive Wirkung auf die Ein-
bildungskraft der Menge“ zugebilligt (Gamper 2009, S. 364). Auch Münsterberg
befürchtete, dass der Anblick von Verbrechen und Laster zu einem Zusammen-
bruch des Wirklichkeits-Gefühls führen könnte. Zugleich erhoffte er mögliche
positive massenpsychologische Effekte durch das Kino, „wenn es um die Formung
und den Aufbau der nationalen Seele“ gehe (Münsterberg 1916, S. 100, zitiert nach
Gamper 2009, S. 365).
Vor dem Hintergrund der Annahme einer unmittelbaren suggestiven Wirkung
auf das Kinopublikum wurden Darstellungen von Hypnosen, insbesondere in
Verbindung mit der Anstiftung zu Verbrechen oder mit paranormalen Inhalten
(z. B. Medien, die in Trance Kriminalfälle aufk lären) besonders ab den 1925er
Jahren regelmäßig zensiert (Wolf-Braun 2009; Schellinger 2009).

6 Hypnose im Kontext von Zivilisationskritik

In den Auseinandersetzungen um den Hypnotismus manifestierten sich Ängste


des Bürgertums des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Die Phänomene der Hypnose
demonstrierten den Durchbruch des Unbewussten und provozierten das bürger-
liche (männliche) Selbstideal eines autonomen Individuums, das mittels Ver-

2 Siehe hierzu auch den Beitrag „Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und
Computerspiele?“ von Ralf Vollbrecht in diesem Band.
Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 55

nunft und Willenskraft sein Leben steuert. Das Verhalten einzelner Individuen,
von Massen, aber auch das kulturelle und soziale Leben insgesamt, wurde in
einen pathologischen Kontext gestellt, man beklagte den Zerfall moralischer und
religiöser Werte. Es war das „Zeitalter der Nervosität“ (Radkau 1998), in dem
Ärzte zivilisationskritische Diagnosen stellten und eine neue Rolle als Experten
zur Lösung von Schädigungen anboten, die sie auf die Modernisierung des Lebens
zurückführten.
Vor dem Hintergrund allgemein diagnostizierter Nerven- und Willens-
schwäche verlor die bisherige hypnotische Behandlungsform ihren Stellenwert.
Wollte man früher das Symptom via hypnotischen Befehl direkt und so schnell
wie möglich beseitigen, so sollte nun die Persönlichkeitsstruktur des Patienten
erfasst, Fehlhaltungen aufgedeckt und ethisch-moralische Haltungen vermittelt
werden. Die suggestive Therapie erhielt dadurch einen psychagogischen Akzent
(Schröder 1995, S. 51ff.). Die Mehrheit der Experten war mehr denn je von der
Manipulierbarkeit des Einzelnen in Trance oder von Massen überzeugt und
forderte autoritäre Verbotslösungen im Hinblick auf die Praxis von Laien oder die
Darstellung von Hypnose im öffentlichen Raum (im Film oder auf der Bühne).
Die Diskussion um die Gefahren der Hypnose ist nach wie vor aktuell. Be-
sonders bei der Frage eines möglichen Missbrauchs kommen die Experten zu
unterschiedlichen Einschätzungen. Die einen betrachten sie als prinzipiell un-
schädlich, niemand könne in Trance dazu gebracht werden, etwas zu tun, wozu
er nicht auch im Wachzustand bereit wäre. Für die anderen kann die hypnotische
Trance durchaus unter bestimmten Bedingungen einen Missbrauch begünstigen:
z. B. bei der Etablierung einer „Folie à deux“ durch eine längere, hypnotisch be-
einflusste Beziehung, bei der Kollusion masochistischer Persönlichkeitsanteile
beim Hypnotisanden und narzisstischer Allmachtsphantasien beim Hypnotiseur.
Hier böte die Hypnose allerdings lediglich den geeigneten Rahmen, diese An-
teile auszuagieren (Revenstorf 2011, S. 17, S. 24). Zugleich sei die Trance neuro-
physiologisch mit der Hemmung bestimmter Regionen des präfontalen Cortexes
verbunden, die u. a. den Zugang zu Bewertungsprozessen reduziert und die
Aufmerksamkeit auf den Hypnotiseur und seine Suggestionen konzentriert. So
fordert der Tübinger Hypnotherapeut Dirk Revenstorf (2011, S. 1) kürzlich wegen
der gesteigerten Suggestibilität und der besonderen Qualität der hypnotischen
Beziehung vom Therapeuten „weitergehende Reflexionen über seinen Einfluss
und die Selbstorganisation im Patienten als sonst in der Psychotherapie üb-
lich“. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass Menschen unter autoritären Be-
dingungen, bei Gruppendruck und geeigneten wiederholten Suggestionen
durchaus auch im Wachzustand – ohne Hypnose – in erstaunlichem Ausmaß
manipuliert werden können (Zimbardo 2008).
56 Barbara Wolf-Braun

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Die kulturelle Wahrnehmung der Hypnose als Beeinflussungstechnik 57

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Mind-Control-Experimente
in der Nachkriegszeit1
Andreas Anton

„Niemand darf der Folter oder grausamer,


unmenschlicher oder erniedrigender
Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“
(Artikel 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)

Die geheimen und in erheblichen Teilen illegalen Experimente der CIA im


Rahmen des sog. MKULTRA-Projektes2 und dessen Vorläufer zählen zweifels-
ohne zu den düstersten Kapiteln der jüngeren US-amerikanischen Geschichte.
Obwohl ein Großteil der Akten von MKULTRA auf Weisung des ehemaligen
CIA-Direktors Richard Helms systematisch vernichtet wurde, wodurch die Auf-
klärung der Aktivitäten durch Untersuchungskommissionen des US-Kongresses
enorm erschwert wurde, ergibt sich aus den vorhandenen Aktenbeständen und
Untersuchungsberichten ein eindeutiges Bild: Von den 1940er bis in die 1970er
Jahre erforschten die CIA und militärische Einrichtungen in den USA im
Rahmen umfangreicher geheimer Forschungsprojekte mittels Menschenversuchen
eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden der Bewusstseins- bzw. Verhaltens-
manipulation. Unter den Testpersonen befanden sich auch Zivilisten, denen ohne
ihr Wissen willkürlich psychoaktive Substanzen wie LSD oder Meskalin verab-
reicht wurden, wodurch einige von ihnen schwerste körperliche und psychische
Schädigungen erlitten. Die Bewusstseins-Kontrollexperimente in den USA blieben
fast zwei Jahrzehnte lang geheim und wurden erst Mitte der 1970er Jahre durch

1 Der Autor dankt Viola Priss für ihre wertvolle Unterstützung bei den Vorarbeiten für
diesen Aufsatz.
2 Die Buchstaben „MK“ weisen das Projekt dabei als ein CIA-Projekt des Technical
Services Staff (TSS) aus. „ULTRA“ könnte nach Marks eine Anspielung auf frühere
Geheimdienstprojekte sein: „As fort the ULTRA part, it may had its etymological
roots in the most closely guarded Anglo-American World War II intelligence secret,
The ULTRA program, which handled the cracking of German military codes“ (Marks
1991, S. 61, Hervorhebungen wie im Original).

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_4, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
60 Andreas Anton

parlamentarische Untersuchungen öffentlich.3 Gänzlich aufgeklärt sind sie bis


heute nicht.

1 Der Weg zu MKULTRA

Vor Beginn des MKULTRA-Programms im Jahr 1953 hatte es bereits mehrere


Vorläuferprojekte gegeben. Im Rahmen des Projektes Chatter, das ab 1947 von
der U.S. Navy betrieben und von dem Psychiater und Pharmakologen Samuel
Thompson und dem Psychologen G. Richard Wendt geleitet wurde, ging es
darum, eine Art ‚Wahrheitsserum‘ zu entwickeln, um Zielpersonen (wie beispiels-
weise gegnerische Agenten) zur Preisgabe relevanter Informationen zu zwingen
(vgl. Streatfeild 2006, S. 52f.). Hierzu wurden sowohl Tier- als auch Menschen-
versuche mit verschiedenen chemischen Substanzen und Drogen wie z. B.
Meskalin, Anabasin, Scopolamin und Marihuana durchgeführt (vgl. Marks 1991,
S. 37ff.). Die Navy knüpfte mit dem Projekt Chatter mehr oder minder nahtlos an
die Meskalin-Experimente der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern
Dachau und Mauthausen an (vgl. Koch und Wech 2004, S. 73).4
Die CIA hatte direkt nach ihrer Gründung (im Jahr 1947 aus dem Office of
Strategic Services, OSS, heraus) damit begonnen, Informationen über Möglich-
keiten der Bewusstseinskontrolle zusammenzutragen und war dabei auch auf die
Untersuchungen im Rahmen des Projektes Chatter gestoßen. Bereits im Jahr 1949
startete der neu eingerichtete Auslandsgeheimdienst eigene Experimente zur Be-
einflussung des Bewusstseins im Rahmen des Projektes Bluebird. Das Ziel dieses
Projektes war es, „Methoden zu entdecken, wie man Personal so konditionieren
kann, daß die unautorisierte Entlockung von Informationen durch bekannte
Mittel verhindert würde“ (Keith 1998, S. 98). Darüber hinaus sollten spezielle Ver-
hörtechniken entwickelt werden,

3 Siehe beispielsweise die Dokumentation einer Untersuchung des US-Senats „Project


MKULTRA, The CIA’s Program of Research in Behavioral Modification“ (US Senate
1977).
4 Es sollte betont werden, dass es sich bei dem Band von Koch und Wech (2004), aus
dem im Folgenden häufig zitiert wird, um ein journalistisches und kein wissenschaft-
liches Werk handelt. Da es im deutschsprachigen Raum jedoch praktisch keine wissen-
schaftliche Literatur zum Thema gibt, muss an dieser Stelle notwendig auf diesen Band
zurückgegriffen werden, der die umfassendste deutschsprachige Veröffentlichung zu
den damaligen Mind-Control-Experimenten darstellt.
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 61

„um sowjetischen Spionen oder eigenen Landsleuten, die für feindliche Agenten
gehalten wurden, Geständnisse und jede Menge Informationen zu entlocken:
Lügendetektor, Elektrofolter und Hypnose – oder eine Kombination der Methoden.
Unter strengster Geheimhaltung galt es, Drei-Mann-Teams für Spezialverhöre auf-
zustellen, bestehend aus einem Arzt, möglichst Psychiater, einem Hypnotiseur und
einem Techniker. Von ihrer Basis in Washington, so der Plan, sollten Special Teams
der CIA zu ihren Einsatzorten in der ganzen Welt geflogen werden.“ (Koch und
Welch 2004, S. 75, Hervorhebungen wie im Original)

Eine weitere Zielsetzung des Projekts Bluebird bestand darin, „eine verwertbare
Veränderung der Persönlichkeit bei Agenten, Kriegsgefangenen, Flüchtlingen
und Überläufern zu schaffen“ (Keith 1998, S. 98). Schnell wurde deutlich, dass
bei derartigen Experimenten zur Persönlichkeitsbeeinflussung bzw. -kontrolle
pflanzliche Substanzen wie Meskalin, Marihuana, psychoaktive Pilze etc. eine
entscheidende Rolle spielen würden. Daher bestand von Anfang an eine enge
Kooperation des Projektes Bluebird mit der Special Operations Division (SO-
Division) des berüchtigten Bio-Waffenzentrums Camp Detrick und CIA-Agenten
wurden „rund um die ganze Welt geschickt, um seltene Pflanzen, Kräuter und
Drogen herbei zu bringen (ebd.)“. Nicht zuletzt sollten somit auch tödliche
Substanzen entwickelt werden, mit denen möglichst unauff ällig Zielpersonen
liquidiert werden konnten:

„Mit Pülverchen und Tinkturen, mit Viren und Bakterien aus den geheimen Labors
der SO-Division, so die Aufgabe, sollten sowjetische Spione und kommunistische
Rädelsführer außer Gefecht gesetzt oder sogar liquidiert werden, ohne irgend-
welche Spuren zu hinterlassen.“ (Koch und Wech 2004, S. 75, Hervorhebungen wie
im Original)

Im August 1951 führte der Militärpsychiater und Chemiker Sidney Gottlieb im


Rahmen der CIA-Abteilung Technical Services Staff (TSS) die Projekte Chatter
und Bluebird zum Projekt Artichoke zusammen. Die Abteilung TSS war für
‚schmutzige Tricks‘ zuständig und sollte spezielle Methoden und Instrumente
für verdeckte Geheimdienstoperationen entwickeln: „TSS erhielt Ende 1951 den
Auft rag, von unsichtbarer Tinte über gefälschte Papiere bis hin zur Kameras in
Zigarettenschachteln und Wanzen in Füllfederhaltern eine komplette Ausstattung
für ‚covert operations‘ zu entwickeln“ (ebd., S. 123). Sidney Gottlieb war für den
Bereich chemischer und biologischer Waffen zuständig. Hier sollten verschiedene
Gifte, Drogen, Keime etc. gesammelt bzw. erzeugt werden, mit denen feindliche
Zielpersonen nach Belieben manipuliert oder auch liquidiert werden konnten. Die
primäre Aufgabe des neuen Projekts Artichoke war es jedoch, spezielle Techniken
62 Andreas Anton

für die Anwendung „bei CIA-Verhören und in anderen verdeckten CIA-Aktivi-


täten [zu entwickeln], bei denen die Kontrolle des Individuums erwünscht wird“
(ebd., S. 125). Bei den dafür erprobten und eingesetzten Methoden war man nicht
sonderlich zimperlich: „Narko-Hypnose, Gehirnchirurgie, Elektroschock und
Drogen sowie Alkohol, Heroin, Marihuana und LSD“ (ebd.). Darüber hinaus
wurden auch Mechanismen zur Massenbeeinflussung untersucht. Somit ver-
folgte Artichocke im Wesentlichen zwei Hauptziele: „[…] eine verbesserte psycho-
logische Kriegsführung, um ganze Gesellschaften zu beeinflussen, und bessere
Verhörmethoden für ausgewählte Zielpersonen“ (McCoy 2005, S. 34).
Von Anfang an bestand im Rahmen von Artichoke ein besonderes Interesse
an LSD, von dem man glaubte, es könnte sich als vielseitig einsetzbare Spionage-
Droge erweisen. Ausschlaggebend war hierfür nicht nur die Tatsache, dass LSD
schon in geringsten Mengen hochwirksam ist, sondern auch ein Gerücht, das An-
fang der 50er Jahre in Politiker- und Geheimdienstkreisen in den USA die Runde
machte. Sidney Gottlieb, Richard Helms und

„dessen antikommunistische Brigaden mit dem politischen Mentor Senator Joseph


McCarthy im Hintergrund, waren überzeugt, dass die andere Seite längst mit den
Methoden der Verhaltenskontrolle arbeite, einschließlich Elektroschock und Ge-
hirnchirurgie, und dass sie womöglich sogar mit Sandoz einen Deal plante, um
deren gesamte LSD-Vorräte aufzukaufen. Das empfanden Helms uns Gottlieb
geradezu als Albtraum.“ (Koch und Wech 2004, S. 125, Hervorhebung wie im
Original)

Die Folge waren hunderte von Drogentests an freiwilligen, aber auch an un-
freiwilligen Versuchspersonen im Auftrag der CIA. Durch unterschiedliche
Kombinationen aus Drogen und Psychotechniken wie Hypnose versuchte man,
umfassende Kontrolle über den Geist der Versuchsperson zu erhalten. Der Auft rag
war dabei eindeutig: Es ging um einen „Feldzug gegen das Gehirn“ des Feindes
(ebd., S. 126). Anfang der 50er Jahre „sollten mindestens eintausend Soldaten in
Edgewood oder dem nahe gelegenen Ford Holabird LSD verabreicht bekommen
– wissentlich und unwissentlich“ (ebd., S. 132). In einem Drogentherapiezentrum
in Lexington, Kentucky, wurden sieben ahnungslosen Patienten 77 Tage in Folge
gefährlich hohe Dosen LSD verabreicht (vgl. McCoy 2005, S. 37 sowie Weiner
2012, S. 105). In den entsprechenden Forschungsberichten ist von der Idee einer
„humanen Kriegsführung zu lesen, bei der feindliche Truppen auf dem Schlacht-
feld erst LSD verabreicht bekommen und dann überrannt werden“ (Koch und
Wech 2004, S. 130).
Den Hintergrund für die Ausweitung bzw. Intensivierung der geheimen
Experimente zur Bewusstseins- und Gedankenkontrolle ab Anfang der 1950er
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 63

Jahre bildete dabei vor allem das Bekanntwerden verschiedener Folter- und
Gedankenkontrolltechniken, die mutmaßlich von militärischen und geheim-
dienstlichen Stellen der UdSSR, Chinas und Nordkoreas im Koreakrieg gegen
amerikanische Kriegsgefangene eingesetzt wurden. In diesem Kontext tauchte
auch zum ersten Mal der Begriff ‚Gehirnwäsche‘ auf:

„Ein neuer Begriff machte in der CIA die Runde: Gehirnwäsche. Mit psycho-
logischen und physiologischen Methoden sei es den Kommunisten möglich, das
menschliche Verhalten zu beeinflussen und zu kontrollieren. Und die Vereinigten
Staaten lägen bei ihren Erkenntnissen über die defensiven und offensiven Waffen
im Krieg gegen die menschliche Psyche um Jahre hinter dem Erzfeind.“ (ebd., S. 95)

1951 hatte der verdeckt bei der Zeitung News in Miami arbeitende CIA-Agent
Edward Hunter sein Buch Brain-Washing in Red China veröffentlicht und
damit eine öffentliche Hysterie über Bewusstseins-Kontroll-Möglichkeiten der
‚chinesischen Kommunisten‘ ausgelöst. Entsprechende Befürchtungen schienen
kurz danach durch öffentliche Geständnisse von US-Soldaten bestätigt zu
werden, die in Korea in Kriegsgefangenschaft geraten waren und über neuartige
Folter- und Verhörmethoden berichteten. Im Jahr 1952 meldete der Leiter des CIA
Medical Staff :

„Es gibt eine Fülle von Indizien, dass die Kommunisten gegen ihre Feinde Drogen,
körperlichen Zwang, Elektroschocks und möglicherweise Hypnose einsetzen. […]
Diese zunehmenden Belege zwingen uns, in der Entwicklung dieser Techniken eine
aggressivere Rolle zu übernehmen.“ (zitiert nach McCoy 2005, S. 35)

Mitte der 1950er Jahre untersuchten der aus der Schweiz in die USA emigrierte
Psychologe Edgar H. Schein, einer der Begründer der Organisationspsychologie,
sowie der Psychiater Robert J. Lifton im Auftrag der US-Regierung aus der Kriegs-
gefangenschaft heimgekehrte US-Soldaten, die mit derartigen Methoden verhört
und gefoltert worden waren. Auff ällig war vor allem, dass die Soldaten teilweise
drastische Verhaltens- und Einstellungsänderungen zeigten, über deren Ursachen
man Kenntnisse erhalten wollte. Den kommunistischen Gegnern schien es mit-
hilfe spezieller Psychotechniken und dem Einsatz von Drogen gelungen zu sein,
die Persönlichkeit bzw. das Bewusstsein der amerikanischen Soldaten zu beein-
flussen (Schein 1961; Lifton 1961).
1954 wurde Präsident Eisenhower eine geheime Studie vorgelegt, die auf die
in kommunistischen Staaten eingesetzten Methoden der Bewusstseinskontrolle
einging und eine „aggressive, geheime psychologische, politische und para-
64 Andreas Anton

militärische Organisation [forderte], die wirkungsvoller, einzigartiger und wenn


nötig auch rücksichtsloser sein sollte als die, die der Feind anwandte“ (zitiert nach
Keith 1998, S. 97). Und weiter heißt es: „Wir müssen […] lernen, unsere Feinde
zu untergraben, zu sabotieren und zu zerstören, und zwar durch schlauere,
intelligentere und wirkungsvollere Methoden als die, die jene gegen uns ver-
wenden“ (ebd., S. 98). Somit fügt sich die Intensivierung der US-amerikanischen
Gedankenkontroll-Experimente in die perfide Logik des Wettrüstens des Kalten
Krieges, bei dem man in keinem militärisch relevanten Bereich gegenüber dem
Gegner ins Hintertreffen gelangen wollte. Anders ausgedrückt: „Als sich 1948 der
Eiserne Vorhang quer durch Europa senkte, wurde der menschliche Geist bald zu
einem der wichtigsten Schlachtfelder des Kalten Krieges“ (McCoy 2005, S. 33). Die
allgemeine Stimmungslage der US-Innen- wie Außenpolitik entsprach dabei, wie
John Marks festhält, einer Art ‚Paranoia‘:

„The […] mind-control program began when Stalin was still alive, when the mem-
ory of Hitler was fresh, and the terrifying prospect of global nuclear war was just
sinking into popular consciousness. The Soviet Union has subjugated most of East-
ern Europe, and a Communist party had taken control over the world’s most pop-
ulous nation, China. War had broken out in Korea, and Senator Joseph McCarthy’s
anticommunist crusade was on the rise in the United States. In both foreign and
domestic politics, the prevailing mood was one of fear – even paranoia.“ (Marks
1991, S. 29)

2 MKULTRA – Methoden und Ziele

Im April 1953 wurden die bisherigen Untersuchungen zur Bewusstseinskontrolle


auf Befehl des CIA-Direktors Allen Dulles in einem neuen Projekt zusammen-
gefasst: MKULTRA. Die Leitung des Projektes übernahm Sidney Gottlieb,
dessen unmittelbarer Vorgesetzter bei der CIA war Richard Helms, dem es in
den folgenden Jahren recht erfolgreich gelang, MKULTRA vor unangenehmen
internen oder externen Prüfungen zu schützen (vgl. McCoy 2005, S. 37). Von An-
fang an war klar, dass das Projekt alleine schon deshalb der strengsten Geheim-
haltung unterliegen musste, da es in erheblichen Teilen gegen geltende Gesetzte
der USA verstieß und daher bei Bekanntwerden heft ige öffentliche Reaktionen
hervorrufen würde (vgl. z. B. Fosar und Bludorf 2009, S. 122). Helms gelang es
sogar, das Projekt innerhalb der CIA weitestgehend geheim zu halten, sodass
es faktisch so gut wie keiner Kontrolle unterlag (vgl. McCoy 2005, S. 38). Das
MKULTRA-Programm umfasste rund 150 Teilprojekte, die sich alle mehr oder
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 65

minder mit Bewusstseins- bzw. Gedankenkontrolle befassten. Neben der Er-


forschung von spezifischen Anwendungsmöglichkeiten von unterschiedlichen
Drogen, Giften, Gasen, Krankheitserregern sowie psychologischen Techniken
wie Hypnose, Suggestion, Schlafentzug, sensorischer Deprivation etc. wurde auch
untersucht, inwieweit sich Elektroschocks, künstliche Gehirnerschütterungen,
verschiedene Foltermethoden und das Implantieren von Elektroden zur gezielten
Verhaltens- und Bewusstseinsmanipulation einsetzen lassen (vgl. z. B. Koch und
Wech 2004, S. 211ff.; McCoy 2005, S. 40ff.). Aus den Unterlagen einer Unter-
suchung des US-Senats zum MKULTRA-Programm aus dem Jahr 1977 geht
hervor, welche konkreten Zielsetzungen hinter den Experimenten standen. U. a.
sollten folgende Methoden und Substanzen entwickelt und getestet werden:

1. „Substances which will promote illogical thinking and impulsiveness to the


point where the recipient would be discredited in public.
2. Substances which increase the efficiency of mentation and perception.
3. Materials which will prevent or counteract the intoxicating effect of alcohol.
4. Materials which will promote the intoxicating effect of alcohol.
5. Materials which will produce the signs and symptoms of recognized diseases in
a reversible way so that they may be used for malingering, etc.
6. Materials which will render the induction of hypnosis easier or otherwise
enhance its usefulness.
7. Substances which will enhance the ability of individuals to withstand privation,
torture and coercion during interrogation and so-called „brain-washing“.
8. Materials and physical methods which will produce amnesia for events
preceding and during their use.
9. Physical methods of producing shock and confusion over extended periods of
time and capable of surreptitious use.
10. Substances which produce physical disablement such as paralysis of the legs,
acute anemia, etc.
11. Substances which will produce “pure” euphoria with no subsequent let-down.
12. Substances which alter personality structure in such a way that the tendency of
the recipient to become dependent upon another person is enhanced.
13. A material which will cause mental confusion of such a type that the individual
under its influence will find it difficult to maintain a fabrication under
14. Substances which will lower the ambition and general working efficiency of men
when administered in undetectable amounts.
15. Substances which promote weakness or distortion of the eyesight or hearing
faculties, preferably without permanent effects.
66 Andreas Anton

16. A knockout pill which can surreptitiously be administered in drinks, food,


cigarettes, as an aerosol, etc., which will be safe to use, provide a maximum of
amnesia, and be suitable for use by agent types on an ad hoc basis.
17. A material which can be surreptitiously administered by the above routes and
which in very small amounts will make it impossible for a man to perform any
physical activity whatsoever.“ (US Senate 1977, S. 124f.)

Die entsprechenden Experimente fanden von Anfang an auch an Universitäten,


in Krankenhäusern, Gefängnissen und in anderen öffentlichen Einrichtungen
statt. Aufgrund der Geheimhaltungserfordernisse und der mit den Experimenten
verbundenen Risiken griff die CIA zu drastischen, illegalen und grausamen
Methoden zur Absicherung ihrer Forschungen:

„Sie testete Drogen an ahnungslosen Versuchspersonen, indem sie nord-


koreanischen Kriegsgefangenen Injektionen verabreichte, in einem New Yorker
Gasthaus Getränke mit Drogen versetzte, Prostituierte bezahlte, damit sie ihren
Kunden in einer konspirativen Wohnung in San Francisco vor CIA-Kameras heim-
lich LSD gaben und an Insassen des kalifornischen Gefängnisses Vacaville, bei
denen sie zwangsweise Verhaltensänderungen herbeizuführen versuchte.“ (McCoy
2005, S. 40f.)

Zwischen 1957 und 1963 finanzierte die CIA im Rahmen von MKULTRA am
Allan Memorial Institute in Montreal Experimente des Psychiaters Ewan Cameron
an dutzenden von Patienten, die meist aufgrund nicht sehr schwerwiegender
seelischer Probleme dort in Behandlung waren. Die Patienten wurden ohne ihr
Wissen unter Drogen gesetzt und teilweise wochenlang sensorischer Deprivation,
Schlafentzug und Elektroschocks ausgesetzt. Es ging Cameron dabei vor allem
um die Untersuchung des sog. Depatterning, einer dreistufigen Methode zur Auf-
hebung von Verhaltensmustern: In der ersten Stufe versetzte er seine Patienten
dabei „bis zu 86 Tage in ein Koma, als nächstes fügte er ihrem Gehirn dreißig Tage
lang dreimal täglich Elektroschocks zu, und schließlich wurde ihnen bis zu 21
Tage lang ein Footballhelm auf den Kopf geklemmt und ein Tonband vorgespielt“
(McCoy 2005, S. 43; vgl. auch Streatfeild 2006, S. 235f.). Die Patienten erlitten
dabei teilweise schwerste (dauerhafte) psychische und körperliche Schädigungen
(vgl. Schmid 2009). Die Patientin Linda McDonald, die 1962 aufgrund einer post-
natalen Depression zu Cameron in Behandlung kam, litt nach ihrer Entlassung
unter totalem Gedächtnisschwund und konnte nicht einmal mehr selbstständig
eine Toilette benutzen:
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 67

„To this day, Linda MacDonald is unable to remember anything from her birth to
1963. As recorded by her nurses in her chart, Linda was reduced to a vegetable state
by depatterning. She was completely disoriented. She didn’t know her name, age, or
where she was. She didn’t recognize her children. She couldn’t read, drive, cook, or
use a toilet. Not only did she not know her husband, she didn’t even know what a
husband was.“ (Wilkins 2011)

Auch vor Experimenten mit potenziell tödlichem Ausgang schreckte die CIA im
Rahmen ihrer Mind-Control-Experimente nicht zurück. Dafür suchte man sich
in der Regel dubiose Überläufer oder Doppelagenten in Europa, die als ‚entbehr-
lich‘ galten (vgl. McCoy 2005, S. 41). Doch gelegentlich kamen auch Zivilisten
durch die Experimente ums Leben. Der Tennislehrer Harold Blauer hatte sich
aufgrund einer Depression in das New York State Psychiatric Institute in Be-
handlung begeben und wurde unfreiwillig eine Versuchsperson für die geheimen
CIA-Experimente (vgl. Streatfeild 2006, S. 348). Koch und Wech (2004) geben ein
Versuchsprotokoll wieder, das den Tod Blauers nach der Injektion einer hohen
Dosis Meskalin dokumentiert:

„9:53 Uhr Injektion beginnt, ruhelose Bewegungen, Protest gegen die Injektion.
9:55 Uhr Injektion endet. 9:59 Uhr […] sehr ruhelos, muss von der Schwester fest-
gehalten werden, nicht ansprechbar […] wildes Rudern mit den Armen, heft iges
Schwitzen […] 10:01 Uhr […] Patient richtet sich im Bett auf, komplette Ver-
steifung des Körpers […] schnarchendes Atmen 32/min, Puls 120/min […] Zähne
zusammengebissen, Schaum vor dem Mund […] rollende Augenbewegungen […]
10:04 Uhr […] Verkrampfung der Rückenmuskulatur […] 10:05 Uhr […] steife
Extremitäten, Pupillen leicht erweitert, reagiert nicht auf Licht […] 10:09 Uhr […]
allgemeine Errötung des Gesichts und der Brust […] weiterhin starkes Schwitzen
[…] Tremor der unteren Extremitäten, Schaum vor dem Mund […] 10:10 Uhr […]
weiterhin schnarchende Atmung 28/min, unregelmäßig […] versteifter Kiefer […]
11:05 Uhr […] vereinzeltes Aufbäumen, heft ige Arm- und Beinbewegungen […]
redet wirr von „Murphy“, meist zusammenhangslos, vorübergehend ansprechbar
[…] 11:12 Uhr […] gesteigerte Unruhe, unterbrochene Versteifung […] 11:17 Uhr
[…] redet nicht mehr […] fällt ins Koma, immer noch unruhig […] 11:30 Uhr starke,
schnarchende Atmung […] 11:45 Uhr […] ruhiges, tiefes Koma. Eine halbe Stunde
später, um 12.15 Uhr, gab Harold Blauer keine Lebenszeichen mehr von sich.“ (S.
136f.)

Blauers Angehörige erhielten die Auskunft, die Todesursache sei eine ungewöhn-
liche Reaktion auf ein Medikament gewesen. Die Familie erhielt eine Ent-
schädigung von 18.000 US-Dollar. Die brisanten Unterlagen wurden beseitigt
(vgl. ebd., S. 137) – so wie später der größte Teil der Unterlagen von MKULTRA
68 Andreas Anton

und der vorherigen Projekte. 1972 ordnete Richard Helms, der inzwischen zum
CIA-Direktor berufen worden war, die systematische Vernichtung entsprechender
Aktenbestände an. Somit ist es nahezu unmöglich, das gesamte Ausmaß der
Experimente zu rekonstruieren. Was jedoch durch mehrere parlamentarische
Untersuchungen in den USA als gesichert gelten kann, ist, dass

„mehrere Tausend Menschen […] ohne oder mit völlig unzureichendem Wissen
LSD, Meskalin, Morphium, Seconal und Atropin erhalten [hatten]. Zusätzlich
wurden ‚eine unbekannte Zahl von Chemikalientests und Experimenten im Auf-
trag der Army in Universitäten, Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen
durchgeführt, (…) an gesunden Erwachsenen, psychisch kranken Menschen und
Gefängnisinsassen‘ […] Vor allem aber: Trotz Nürnberger Kodex und Wilson
Memorandum waren Menschenversuche ‚ohne Kenntnis und Einwilligung‘ vor-
genommen worden.“ (ebd., S. 230, Hervorhebung wie im Original)

Eine der Versuchspersonen im Rahmen von MKULTRA-Experimenten, die später


zu zweifelhaftem Ruhm gelangte, war kein geringerer als Theodore Kaczynski,
besser bekannt als ‚der Unabomber‘. Er nahm an Untersuchungen teil, die in den
späten 1950er und frühen 1960er Jahren an der Universität Harvard stattfanden.
Es kann zu Recht gefragt werden, ob und in welcher Weise der Weg Kaczynskis
von einem angesehen Wissenschaft ler an der Universität Berkeley zu einem der
meistgesuchten Terroristen der achtziger und neunziger Jahre mit seiner Teil-
nahme an den Bewusstseins-Experimenten der CIA zusammenhängt (vgl. z. B.
Begich 2007, S. 40).

3 Operation Paperclip: Die Rolle von KZ-Ärzten

Die Experimente zur Bewusstseinskontrolle in den USA haben eine Vor-


geschichte, die insbesondere aus deutscher Perspektive bemerkenswert ist und
eine ganze Reihe von Fragen zur Kontinuität verbrecherischer Menschenexperi-
mente zwischen Kriegs- und Nachkriegszeit aufwirft. Unmittelbar nach Kriegs-
ende begann das US-Militär im Rahmen der Operation Paperclip hochrangige
Nazi-Wissenschaft ler zu rekrutieren und ihnen die Einreise in die USA zu er-
möglichen. Offenkundig spielten hierbei deren NS-Belastungen eine eher unter-
geordnete Rolle, entscheidend war ihre fachliche Qualifi kation. Unter den
rekrutierten Wissenschaft lern befanden sich hauptsächlich Industrie-, Waffen-
und Raketentechniker, aber auch Ärzte, die in den Konzentrationslagern der
Nazis Menschenversuche durchgeführt hatten (vgl. Schmid 2009). Besonders zu
nennen sind in diesem Zusammenhang die Ärzte Walter Paul Schreiber und Kurt
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 69

Blome, auf deren Aktivitäten das OSS höchstwahrscheinlich schon zu Kriegs-


zeiten aufmerksam wurde:

„Blome und Schreiber sanktionierten im Reichsforschungsrat auch Drogenver-


suche in den Konzentrationslagern in Dachau und Mauthausen, bei denen Insassen,
in der Regel Juden oder Sinti und Roma, zum Beispiel Meskalin verabreicht wurde,
ein Wirkstoff aus mexikanischen Peyote-Kakteen, der Halluzinationen hervorruft.
Bei den Versuchen sollte herausgefunden werden, ob die Substanz helfen kann,
die Zunge zu lösen, ob Menschen gegen ihren Willen gezwungen werden können,
Geheimnisse zu verraten.“ (Koch und Wech 2004, S. 30)

Blome war darüber hinaus zu einer Art Spiritus rector der biologischen Kriegs-
waffenentwicklung der deutschen Wehrmacht geworden und daher für das OSS
in mehrfacher Hinsicht von Interesse. Er experimentierte u. a. mit Pesterregern,
die er gezielt KZ-Insassen injizieren ließ. Das OSS entwickelte bedrohliche
Szenarien deutscher Angriffe mit biologischen Kampfstoffen, daher wurden die
eigenen Forschungen im Bereich biologischer Kampfstoffe, vor allem in Camp
Detrick, intensiviert. Blome wurde nach Kriegsende von der US-Army, Schreiber
von der Roten Armee festgenommen. Beide wurden intensiven Verhören über die
deutschen Pläne zur biologischen Kriegsführung und den Menschenversuchen in
den Konzentrationslagern unterzogen und kamen im Oktober 1946 im Rahmen
der Nürnberger Prozesse vor Gericht. Die Verfahren gegen die NS-Mediziner
fanden allerdings unter alleiniger Regie der amerikanischen Militärs statt. Und
diese befolgten die Taktik, weder gegen Blome noch gegen Schreiber allzu be-
lastendes Material vorzulegen und sie somit vor der Todesstrafe zu schützen.
Offenkundig waren die Informationen, die sie besaßen, zu wertvoll. So stufte das
Gericht Schreiber als unglaubwürdig ein und sprach Blome frei – und das, obwohl
(oder eben: weil) sich beide eindeutiger Verbrechen gegen die Menschlichkeit
schuldig gemacht hatten (vgl. ebd., S. 89ff.). Doch nicht nur Blome und Schreiber
galt das Interesse: Mindestens zwei Dutzend ihrer Kollegen

„standen auf der Wunschliste des Chemical Corps und der militärischen Führung
von Camp Detrick. ‚Paperclip‘ (‚Büroklammer‘) lautete der Deckname einer der
streng geheimen Operationen, Nazi-Wissenschaft ler, darunter Biologen, Chemiker
und Mediziner, zu rekrutieren und mit einer Fortsetzung ihrer zum Teil menschen-
verachtenden Forschungen in den USA zu beauft ragen. Viele folgten nur zu gern
dem Ruf, weil sie sich in den USA bessere Karrierechancen versprachen als im
daniederliegenden Deutschen Reich oder weil sie sich bei ihrer Arbeit für das
Hitlerregime schwere Schuld aufgeladen hatten.“ (ebd., S. 62, Hervorhebung wie
im Original)
70 Andreas Anton

Somit standen deutsche Wissenschaft ler ab 1947 auf den Gehaltslisten von Camp
Detrick, wirkten an der Entwicklung biologischer Kampfstoffe mit und führten
teilweise die Menschenversuche fort, die sie im ‚Dritten Reich‘ begonnen hatten:

„Am besten traf es Dr. Friedrich Hoff mann, einer der führenden deutschen Gift-
gasexperten. Weil das Chemical Corps der US-Armee mehr über Tabun und
Senfgas wissen wollte, machte er Versuche mit Hunden, Katzen, Mäusen und US-
Soldaten, die sich ‚freiwillig‘ gemeldet hatten. Später reiste er im Auft rag der CIA
quer durch die Welt, um an exotischen Orten nach in der Natur vorkommenden
Halluzinogenen zu suchen.“ (Schmid 2009)

Schreiber floh im Oktober 1948 aus der Sowjetzone nach West-Berlin und wurde
anschließend als Arzt im Camp King beschäft igt, dem Europa-Hauptquartier
des Geheimdienstes der US-Army in Oberursel, in dem später mit Hilfe von
Artichoke-Techniken Gehirnwäsche-Versuche an sowjetischen Agenten durch-
geführt wurden. Im Frühjahr 1951 traf Schreiber Richard Wendt, der auf einer
Deutschlandreise war. Die beiden

„unterhielten sich über die Verhörtechniken der Sowjets […]. Schreiber konnte
nicht nur sein Wissen über die Meskalin-Studien im KZ Dachau, sondern auch
seine Erfahrungen aus dem berüchtigten Gefängnis Lubljanka beisteuern. Drogen
und Folter hatte er in den deutschen Konzentrationslagern als Beobachter, in
Moskau am eigenen Leib erlebt. Es muss ein äußerst reger Gedankenaustausch ge-
wesen sein. Denn Wendt lud Schreiber zu einem Besuch in die Vereinigten Staaten
ein.“ (Koch und Wech, S. 100)

Im September 1951 reiste Schreiber in die USA. Doch zu diesem Zeitpunkt war
schon lange nicht mehr nur ein ‚Besuch von Kollegen‘ wie Richard Wendt in
den USA geplant, sondern ein Aufenthalt für immer: Schreiber trat eine Stelle
an der School of Aviation Medicine auf der Randolph Air Force Base in Texas an.
Schreibers Nachfolger in Camp King wurde indes bis auf weiteres Kurt Blome
(vgl. ebd., S. 89ff.).
Diese Beispiele belegen, dass bei den frühen Mind-Control-Experimenten in
den USA unmittelbar an die Versuche deutscher Ärzte in Konzentrationslagern
angeknüpft wurde – in vielen Fällen schienen diese sogar Vorbild gewesen zu
sein. Angesichts des übergeordneten Ziels, dem Kampf gegen den Kommunis-
mus, waren ethische Erwägungen und völkerrechtliche Leitlinien, die etwa
bei den Nürnberger Prozessen maßgebend waren, offensichtlich nachrangig.
Und mancher frühere Feind wurde angesichts des gemeinsamen Feindes, des
Kommunismus, zum neuen Freund.
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 71

4 Von einem, der zu viel wusste: Die Olson-Affäre

Ein weiteres unrühmliches Kapitel im Zusammenhang mit den Mind-Control-


Experimenten der CIA ist der mysteriöse Tod des MKULTRA-Wissenschaft lers Dr.
Frank Olson. Olson studierte Biochemie, trat 1942 in die Army ein und arbeitete ab
1943 in Camp Detrick, wo er zunächst einige Zeit an biologischen Waffen forschte.
Später wurde er Mitglied der berüchtigten SO-Division, die er ab 1952 leitete. Olson
starb am 28. November 1953 nach einem Sturz aus einem Hotelzimmer, dessen
Hintergründe bis heute nicht vollständig aufgeklärt sind (vgl. Tanner 2009, S.
358f.). Offiziell begann Olson aufgrund einer psychischen Krise Selbstmord, doch
die Untersuchung von ehemals geheimen CIA-Dokumenten im Jahr 1975 ergab,
dass Olson zum Zeitpunkt seines Todes unter dem Einfluss von LSD stand, das
ihm offenbar ohne sein Wissen verabreicht worden war (vgl. Streatfeild 2006, S. 348
sowie Schmid 2009). Dies ließ starke Zweifel an der Suizid-These aufkommen – zu-
mal es schon vorher Hinweise darauf gab, dass Olson angesichts der Praktiken im
Rahmen von MKULTRA erschüttert war und einen Ausstieg aus dem Projekt erwog.
Olsons Familie plante daraufhin, die CIA zu verklagen. Damit ihm Rahmen einer
solchen Klage keine streng geheimen MKULTRA-Dokumente an die Öffentlich-
keit gelangen, empfahlen Richard Cheney, damals Stabschef des Weißen Hauses,
und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ihrem Präsidenten Gerald Ford, die
Familie Olson so schnell wie möglich durch eine Schadensersatzzahlung und eine
persönliche Entschuldigung zu ‚besänftigen‘:

„Die vorgeschlagene Strategie lautete: Der Präsident gibt eine kurze Erklärung des
Bedauerns ab, lädt die Familie Olson zu einem Treffen ein, entschuldigt sich und be-
fürwortet eine Schadensersatzzahlung, im Interesse des Landes. Gerald Ford hielt
sich an die Empfehlung seiner engsten Mitarbeiter.“ (Koch und Wech 2004, S. 262)

Diese ‚Besänft igungsstrategie‘ ging jedoch nicht ganz auf: 1994 ließ Eric Olson,
der Sohn Frank Olsons, den Leichnam seines Vaters exhumieren und von einem
Gerichtsmediziner untersuchen. Dieser fand Spuren eines Schlages mit einem
stumpfen Gegenstand an der Leiche, die auf einen Mord hindeuten. Auch Koch
und Wech tendieren zu der Mordthese: „Sie vermuten, dass Frank Olson den
Einsatz bakteriologischer Kampfstoffe über Nordkorea oder tödlich verlaufende,
in Deutschland durchgeführte Folterexperimente öffentlich machen wollte und
deshalb zum Schweigen gebracht wurde“ (Schmid 2009). Sicher ist, dass Olson
ein Geheimnisträger ersten Ranges war, der die CIA mit der Veröffentlichung
seines Wissens in ernsthafte Bedrängnis hätte bringen können. Darüber hinaus
schien er zunehmende moralische Bedenken an den MKULTRA-Methoden zu
72 Andreas Anton

haben und stellte somit ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Eric Olson und sein
Bruder Nils sind davon überzeugt, dass ihr Vater von der CIA ermordet wurde.
Nach dem Jahrzehnte andauernden Kampf ihrer Familie um die Wahrheit im Zu-
sammenhang mit dem Tod von Frank Olson resümieren sie:

„Wenn ein amerikanischer Bürger im Interesse der nationalen Sicherheit im Auf-


trag der Regierung oder deren Geheimdienst getötet wurde, stelle das die Prinzipien
‚unserer Demokratie, unserer Geschichte und unserer Moral‘ in Frage. Deshalb
werde auch heute noch immer alles unternommen, die Wahrheit im ‚Fall Olson‘ zu
verschleiern, sagte Eric Olson, ‚mag unser Schmerz noch so groß‘ sein.“ (Koch und
Wech 2004, S. 243)

5 Schlussbetrachtungen: Dialektik der Demokratie

Offiziell wurde MKULTRA 1963 beendet, inoffiziell jedoch mindestens bis in die
1970er Jahre weitergeführt – nun unter dem Namen MKSEARCH (vgl. Schmid
2009). Sowohl Sidney Gottlieb als auch sein Förderer bei der CIA, Richard Helms,
schieden 1973 aus der CIA aus. Angeblich wurde damit auch MKSEARCH be-
endet. Angesichts der grausamem Methoden im Rahmen der Mind-Control-
Experimente sind Gottliebs Schlussfolgerungen an Zynismus kaum zu überbieten:
„Auf der wissenschaft lichen Seite ist sehr klar geworden, dass die Wirkung dieser
Materialien und Techniken auf individuelle Menschen und unter spezifischen
Umständen zu wenig vorhersagbar ist, um operationell nützlich zu sein“ (ebd.).
Hier offenbart sich eine Form der ‚Banalität des Bösen‘, deren Vorhandensein
in demokratischen Rechtsstaaten wie den USA höchst verstörend wirkt, wider-
spricht sie doch zentralen demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen.
Im Kampf gegen den ‚kommunistischen Feind‘ wurden im Rahmen der Mind-
Control-Experimente in den USA von Anfang an jene Prinzipien missachtet, die
für westliche Demokratien konstitutiv waren und sind. Wohl aufgrund Logik des
Kalten Krieges fielen schon sehr früh sämtliche rechtstaatlichen Hemmungen.
Die Begründung war dabei immer dieselbe: Der Feind tut es auch – oder könnte
es zumindest auch tun. Der

„imaginierte Feind bekam seine schreckerzeugenden Konturen in Worst-


Case-Szenarien; der innere Wunsch, das bedrohliche Außen auszulöschen, re-
produzierte sich so in einer autistischen Wahrnehmungsstruktur, die wiederum
ein manichäisches Weltbild und den Wunsch nach sicheren Grenzen unterstützte.“
(Tanner 2009, S. 360, Hervorhebung wie im Original)
Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit 73

Die Gedankenkontroll-Experimente in den USA sind dabei nur ein Beispiel für
ein Paradoxon, das die westlichen Demokratien seit ihrem Bestehen begleitet:
Zur Verteidigung der Demokratie gegen innere und äußere Feinde wurde immer
wieder zu Mitteln gegriffen, die deren Grundsätzen in dramatischer Weise wider-
sprechen. Dies gilt bis heute5 und wird neuerdings im Rahmen des sog. SCAD-
Ansatzes6 diskutiert (siehe exemplarisch deHaven-Smith 2006). Somit könnte
man, frei nach Horkheimer und Adorno, in diesem Zusammenhang von einer
Dialektik der Demokratie sprechen: Angesichts von inneren und äußeren Feinden
tragen Demokratien immer schon den Kern des Anti-Demokratischen in sich.
Die Mind-Contol-Experimente in den USA liefern hierfür ein erschreckendes
Beispiel.

Literatur
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deHaven-Smith, L. (2006). When Political Crimes Are Inside Jobs: Detecting State Crimes
Against Democracy. Administrative Theory & Praxis 28 (3), 330–355.
Fosar, G., & Bludorf, F. (2009). Der Geist hat keine Firewall. Neues Bewusstsein trifft Mind
Control. München: Lotos.
Hunter, E. (1951). Brain-washing in Red China: the calculated destruction of men’s minds.
New York: Vanguard Press.
Keith, J. (1998). Bewusstseinskontrolle. Peiting: Edition Jonathan May.
Koch, E. R., & Wech, M. (2004). Deckname Artischocke. Die geheimen Menschenversuche
der CIA. München: Goldmann.
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ing‘ in China. New York: Norton.
Mausfeld, R. (2009). Foltern für das Vaterland. Über die Beiträge der Psychologie zur
Entwicklungen der ‚weißen Folter‘. http://www.uni-kiel.de/psychologie/psychophysik/
mausfeld/Mausfeld_Psychologie%20und%20Folter.pdf. Zugegriffen: 29. April 2014.
McCoy, A.W. (2005). Foltern und Foltern lassen. 50 Jahre Folter-Forschungen und -Praxis
von CIA und US-Militär. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
Marks, J. (1991). The Search for the ‘Manchurian Candidate‘. The CIA and Mind Control.
The Secret History of the Behavioral Sciences. New York: Norton.
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heise.de/tp/artikel/30/30803/1.html. Zugegriffen: 15. April 2014.
Streatfeild, D. (2006). Brainwash. The secret history of mind control. London: Hodder &
Stoughton.

5 Man denke etwa an die Folterungen des US-Militärs im Irak-Krieg oder an das US-Ge-
fangenenlager der Guantanamo-Bay (Zu Letzterem siehe bspw. Mausfeld 2009).
6 SCAD steht für ‘State Crimes against Democracy‘.
74 Andreas Anton

Tanner, J. (2009). ‚Doors of perception‘ versus ‚Mind Control‘. Experimente mit Drogen
zwischen kaltem Krieg und 1968. In B. Griesecke, M, Krause, N. Pethes & K. Sabisch
(Hrsg.), Kulturgeschichte des Menschenversuchs im 20. Jahrhundert (S. 340–372). Frank-
furt am Main: Suhrkamp.
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95th Congress, 1st Session, 3. August 1977. Washington: U.S. Government Printing Of-
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Weiner, T. (2012). CIA. Die ganze Geschichte. Frankfurt am Main: Fischer.
Wilkins, B. (2011). ‘On Th is Day‘ 1953: U.S. Begins Project MK-ULTRA Mind Control Ex-
periments. http://morallowground.com/2011/04/13/on-this-day-1953-u-s-begins-proj-
ect-mk-ultra-mind-control-experiments/. Zugegriffen: 08. April 2014.
Teil II

Fiktionalisierungen
Ich bin verbunden, also bin ich

Fremdkontrolle in der utopischen


Science Fiction Literatur

Martin Engelbrecht

1 Einleitung

Wer immer sich durch die wilden, fröhlichen und keusche Genregrenzen
spottenden Gebiete Science-Fiction, Fantasy, Mystery und Horror bewegt, der
kann eigentlich keine drei Schritte gehen, ohne auf jemanden zu treten, der gerade
in irgendeiner Weise seinen Willen irgendeinem anderen Wesen aufzwingt.1
Sauron tut es, Voldemort tut es, Vampire tun es und bei sinistren außerirdischen
Invasoren gehört es ohnehin zur Arbeitsplatzbeschreibung. Rachsüchtige Ver-
storbene tun es und fiese, übriggebliebene Märchenwesen in jüngster Zeit auch.
Doch die Guten stehen nicht zurück: Gandalf tut es, sexy Hexentrios tun es, gute
Vampire tun es, Yedi-Ritter tun es, telepathische Elitekrieger tun es, putzige
Mausbiber und rollstuhlfahrende Mutanten tun es – selbst die sonst so zurück-
haltenden Vulkanier kommen gelegentlich nicht drumherum.
Wer es mehr mit der E- als mit der U-Kunst hat, denkt in diesem Kontext be-
vorzugt an die Fülle literarischer Dystopien der Gehirnwäsche, wie sie die Science-
Fiction geliefert hat, allen voran wie Flaggschiffe Orwells 1984 und Huxleys Brave
New World. All dies auch nur oberflächlich zu beschreiben, erforderte eher eine
dickleibige Enzyklopädie als einen nur wenige Seiten langen Essay. Im Folgenden
soll daher nur eine interessante und hierzulande eher wenig bekannte Facette des
Jemand-anderem-seinen-Willen-Aufzwingens herausgegriffen werden: Es gibt
nicht nur Dys- sondern auch Utopien, die sich in der einen oder anderen Weise
auf die Idee der Kontrolle des Willens anderer Wesen stützen. Sie gehen unter
anderem von der ebenso einfachen wie unbeantworteten Frage aus, warum es
zwar offensichtlich gut ist, den freien Willen schlechter Menschen mittels Gittern

1 Zu den Schrecken der Fremdkontrolle im Film des 20. Jahrhunderts vgl. den Beitrag
von Matthias Hurst in diesem Band.

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_5, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
78 Martin Engelbrecht

und Handschellen oder mittels Sturmgewehren, Flugzeugen und Kernwaffen ein-


zuschränken, es aber moralisch als überaus zweifelhaft gilt, ihnen einfach mit
Telepathie oder biochemischer Manipulation ihre Gewalttätigkeit zu nehmen und
sie mitfühlend und freundlich zu machen. Einige Beispiele solcher empathisch-
telepathischer Utopien werden im Folgenden einigermaßen willkürlich heraus-
gegriffen, kurz inhaltlich skizziert und im Anschluss einige Gedanken zu ihren
Grundanliegen zusammengefasst. Verfasst ist der Text von einem Wissens-
soziologen und gleichzeitig langjährigem leidenschaft lichen Konsumenten von
SF, Fantasy (und so weiter), der – die Leser werden es merken – seine Vorein-
genommenheit für diese eigenartigen Utopien nicht ganz verhehlen kann.

2 Die Sanften schlagen zurück oder:


Ungewöhnliche Welten –
wer fühlt sich wohl ihn ihnen wohl?

Beginnen wir mit Olaf Stapledons Odd John (2012, Orig. 1935), A Story Between
Jest and Earnest (so der ursprüngliche Untertitel).2 Der junge Mutant „Odd“ John
Wainwright wächst im England der Zwischenkriegszeit auf. Nach einer langen,
krisenhaften Kindheit, deren Beschreibung Stapledon für eine ausgiebige Zeit-
kritik nutzt, beginnt John, seine Einzigartigkeit zu verstehen und macht sich auf
die Suche nach anderen seiner Art. Er findet sie mit Hilfe seiner telepathischen
Fähigkeiten und gründet mit ihnen eine Kolonie auf einer abgelegenen Südsee-
insel. Die Ziele der Gemeinschaft beschreibt der Erzähler so:

„The true purpose of the awakened spirit, they reminded me, is twofold, namely to
help in the practical task of world building, and to employ itself to the best of its
capacity in intelligent worship.“ (Stapledon 2012, S. 191)

Spirituelle Untertöne dieser Art werden uns in den Utopien noch öfter begegnen.
Die Gruppe der jungen Mutanten, die Stapledon als sexuell freizügig und alle
damaligen Rassengrenzen sprengend beschreibt, verlagert ihre Kommunikation
immer stärker in den telepathischen Bereich, die gesprochene Sprache nutzen sie
nur noch aus Neigung „… much as we prefer to walk rather than take a bus“
(S. 179). Einen wichtigen Teil ihrer Zeit widmen sie einer Art telepathischer
Gruppenmeditation, angeleitet aus der Ferne von einem Mutant, der als Mönch
in einem tibetischen Kloster lebt:

2 Vgl. hierzu die Darstellung bei Clute (1995, S. 122).


Ich bin verbunden, also bin ich 79

„All the colonists, John said, had been engaged in making themselves known to one
another as fully as possible. They had also, all of them, been disciplining themselves,
making their minds more seemly and more effective. Th is they had performed in
the presence of Langatse, their spiritual adviser, and of course under his guidance.
With him they had also meditated deeply about metaphysics.“ (ebd., S. 182)

Ähnlich wie H. G. Wells in The War of the Worlds (1898) hält auch Stapledon den
von Kolonialismus und abendländischem Überlegenheitsgefühl geprägten Lesern
seiner Zeit einen satirischen Spiegel vor: Was passiert, wenn man plötzlich einer
überlegenen Rasse begegnet, die einen zwar mit gönnerhaften Wohlwollen be-
trachtet, doch keine Sekunde zögert, Gewalt anzuwenden, wenn man ihr in die
Quere gerät? Denn allzu zimperlich sind Johns Mutanten nicht und wenn ihre
telepathischen Methoden versagen, massakrieren sie schon mal eine menschliche
Schiffsbesatzung, die ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen droht. Frei-
lich sind die Zahlenverhältnisse zu ungleich und am Schluss ist die Kolonie zum
Untergang verdammt.
In John Wyndhams The Chrysalids (2000, Orig. 1955) lebt eine kleine Gruppe
telepathischer Jugendlicher in einer puritanischen Post-Katastrophen-Gesell-
schaft. Sie müssen sich verbergen, da jede körperliche oder seelische Abweichung
von den Standards der Heiligen Schrift eine auszurottende Lästerung Gottes
darstellt. Es gelingt den Jugendlichen, telepathischen Kontakt mit einer fort-
geschritten Gesellschaft auf der anderen Seite des Globus aufzunehmen und sie
um Hilfe zu rufen. Dieses Utopia besteht ausschließlich aus Telepathen, denn
ihre Form der Kommunikation ist die entscheidende Grundlage ihrer besseren
Gesellschaft. Wyndham gibt eine schon fast programmatisch zu nennende Zu-
sammenfassung der Vision von der Tiefe und Intimität empathisch-telepathischer
Kommunikation, die in allen folgenden Romanen ebenfalls mitschwingt:

„Other people seem so dim, so half-perceived, compared with those whom one
knows through their thought-shapes; and I don’t suppose ,normals‘, who can never
share their thoughts, can understand how we are so much more a part of one an-
other. What comprehension can they have of ,thinking together‘ so that two minds
are able to do what one could not? And we don’t have to flounder among the short-
comings of words; it is difficult for us to falsify or pretend a thought even if we want
to; on the other hand, it is almost impossible for us to misunderstand one another.“
(Wyndham 2000, S. 84f.)

Die Leiterin des Mutanten-Rettungsteams bekennt denn auch offen und mit
nur wenig mehr als einem marginalen Bedauern, dass die Menschen eine unter-
gehenden Rasse sind, die von den Telepathen beerbt werden werden. („Magneto“,
80 Martin Engelbrecht

der militante Kämpfer für die Rechte der Mutanten aus X-Men würde sich in
Wyndhams Utopie zweifelsohne so richtig wohl fühlen).
Theodore Sturgeon dagegen setzt sich in Baby ist Drei (1970, Orig. More than
Human 1953) in origineller Weise mit der moralischen Dimension der Telepathie
auseinander. Um den mit enormen hypnotischen Kräften ausgestatteten ‚Dorf-
trottel‘ Lain herum wächst ein eigenartiges Gruppenwesen heran, das aus Tele-
pathen, Teleportern, Telekineten und einem superintelligenten Säugling besteht.
Da sie alle wegen ihrer Gaben und Besonderheiten von den ‚normalen‘ Menschen
abgelehnt und verfolgt werden, zieht sich das Wesen zurück und attackiert jeden,
der ihm in den Weg zu geraten droht. Doch ein Mitglied des Gruppenwesens, die
Telekinetin Janie, rebelliert und rettet den jungen Exsoldaten Hip. Sie will ihn
in das Wesen integrieren, als „den Zimperlichen, der die Regeln nicht vergessen
kann“ (S. 190). Erst als das gelingt, nehmen plötzlich andere seiner Art mit dem
Gruppenwesen Kontakt auf. Sie hatten es unter Quarantäne gestellt, bis es ge-
lernt hatte, die Menschen zu achten und seine telepathischen Fähigkeiten nicht
zu missbrauchen.
Sturgeons ideales Zukunftsbild wird eigentlich erst im letzten Kapitel an-
gedeutet, wenn er schreibt, dass es „ein glücklicher und furchtloser Gedankenaus-
tausch, ein heiteres Durcheinander“ (S. 190) war, dessen Teil das Gruppenwesen
auf einmal wird. Dennoch gehört sein telepathischer ,Bildungsroman‘ eindeutig
zu den empathisch-telepathischen Utopien.
Auch bei der unter dem männlichen Pseudonym „James Tiptree jr.“ bekannt
gewordenen Psychologin Alice Sheldon spielt die Ethik der Telepathie eine
wichtige Rolle. In Die Feuerschneise (1980, Orig. Up the Walls of the World 1978)
bringt sie nicht weniger als drei telepathische Rassen zusammen, um ihre durchs
Weltall reisende Utopie zu begründen. Zuerst lernt man das „böse Wesen“ kennen
(Tiptree 1980, S. 6), eine sonnensystemgroße Energiewolke, die sich von ihrem
Volk und dessen Bestimmung (die Galaxie von einer nicht näher definierten Ge-
fahr zu retten) abgesondert hat und nun an sich selbst leidend durch das All treibt,
dabei, ohne es anfangs auch nur zu ahnen, diversen von intelligenten Rassen be-
siedelten Planeten den Garaus machend. Sie nähert sich auch Tyree, einer Welt die
von faszinierenden Wesen bewohnt wird: fl iegenden Telepathen, die die Strato-
sphäre ihres Planeten durchsegeln wie große Mantarochen die Meere der Erde.
Die Kultur der Tyrenni wird davon bestimmt, dass ihre Gedanken und Emotionen
wie große, leicht lesbare Ideogramme auf der Oberfläche ihrer Körper erscheinen.
Wer so kommuniziert, braucht „Ahura“, die sorgfältig einzuübende Kunst des
Respekts vor den Gedanken und Emotionen anderer Wesen. Und so wundert es
nicht, dass die Tyrenni sich zu Meistern der Pädagogik und der Psychotherapie
entwickelt haben. Da ihrer idyllischen Welt durch das ‚böse Wesen‘ der Untergang
Ich bin verbunden, also bin ich 81

droht, machen sie sich daran, eine Welt zu fi nden, auf der Lebewesen existieren,
in die sie ihre „Geistfelder“ übertragen können. Sie finden die Erde, die der Leser
durch die Augen des Arztes Daniel Dann erlebt, der seine empathische Seite nur
mit Beruhigungsmitteln einigermaßen unter Kontrolle hat. Er arbeitet mit an
einem Telepathie-Experiment, das von der US-Navy finanziert wird. Ob es die
Programmiererin Margaret Omali ist, die als Kind einer Klitorissektion unter-
worfen wurde, der zwergwüchsige, misogyne Kris oder die vereinsamte Haus-
frau Winona – in der Beschreibung der telepathisch begabten Versuchskaninchen
und ihrer Schicksale zeigt Tiptree, dass man, um Dystopien zu schreiben, keine
pessimistischen Blicke in die Zukunft werfen muss, wo es auch eine sensible Be-
obachtung der Gegenwart tut.
Bei den Tyrenni bricht unterdessen ein Streit darüber aus, ob es mit „Ahura“
vereinbar ist, die menschlichen „Geistfelder“ aus ihren Körper zu verdrängen, um
sich so vor der Vernichtung zu retten. Als einige von ihnen vollendete Tatsachen
schaffen, werden die menschlichen Telepathen aus ihren Körpern heraus- und
in die geflügelten Leiber der Tyrenni katapultiert. Die Blitzsozialisation der so
entstandenen Neu-Tyrenni ist Tiptrees literarische Variation auf die von vielen
Kulturkritikern vorgetragene These, ein Leben in der westlichen Welt setze ein
gerütteltes Maß an psychischer Krankheit voraus. Daniel Danns irdisch bedingte
psychische Struktur wird durch einem Tyree-Telepathen vom „Wahnsinn der
Normalität“3 geheilt, was sich für einen Menschen offenbar ziemlich ungewohnt
anfühlen muss:

„Spannungen, deren er sich gar nicht bewußt war, lösen sich mit weichem Ruck,
Ereignisse an den Rändern des Bewußtseins schwanken und verschwinden. Es ist
intim, wie eine Operation, ist entsetzlich und ist gar nichts … Mit einer präzise
durchschüttelnden Bewegung – gleichsam einem chiropraktischen Ruck an seinem
geistigen Rückgrat – endet die ,Behandlung’, und er fi ndet sich in eine prekären
Stabilitätszustand, der sich intern wie eine komplizierte Yogastellung anfühlt. Sein
benommenes Bewußtsein zeigt ihm ein groteskes Bild von sich selbst: zu einer
Brezel verschlungen, mit den Fersen an den Ohren.“ (Tiptree 1980, S. 293)

Tiptrees ironische Distanz zu den üblichen Klischees von gesund und krank zeigt
sich auch, als der Marineoffizier Kirk, den es zufällig zusammen mit den mensch-
lichen Telepathen nach Tyree verschlagen hat, von den Tyrenni in den einzigen
Status zurückversetzt wird, der ihm wirklich entspricht – dem eines kleinen
Jungen.

3 So der Titel eines Buchs des Psychoanalytikers Arno Gruen (1993, Orig. 1987).
82 Martin Engelbrecht

Doch nicht alle Menschen haben es nach Tyree geschafft. Ausgerechnet die ge-
marterte Margaret Omali landet im Inneren des „bösen Wesens“, zusammen mit
einem kleinen, halbbewussten Computervirus, den zu löschen sie nie übers Herz
brachte. Wie diese drei so gegensätzlichen Existenzen sich ängstlich aneinander
annähern, um schließlich zu einem geheilten Ganzen zu verschmelzen, ist eine
weitere Kritik Tiptrees an unseren Definitionen von gesund und krank: Auch ver-
letztes, krankes Leben kann sich anderem Leben zuwenden und es heilen.
Das so entstandene neue Wesen wird nach dem Untergang Tyrees zum Zu-
fluchtsort der Geistfelder von Menschen und Tyrenni. Geborgen in ihm machen
sie sich auf, das Universum zu erforschen, gerüstet mit Telepathie und „Ahura“
statt mit Deflektorschilden und Phaserkanonen.
Während Tiptrees Utopie die eines ‚reinen‘ Geistes ist, setzt Octavia Butler
(1947–2006) in ihrer Trilogie Dawn, Adulthood Rites und Imago (1987–1989) auf
den Körper und eine Polyamory-orientierte Sexualität. Die Erzählung beginnt
als klassische Abduction-Story. Die Afroamerikanerin Lilith findet sich in einer
fremden, bedrohlichen Umgebung wieder, mit der obligatorischen Narbe am
Unterbauch. Sehr bald bestätigen sich die Befürchtungen des Lesers: Sie ist in die
Fänge einer dreigeschlechtlichen außerirdischen Rasse geraten, deren graue, kalt-
häutige und tentakelbehangene Vertreter natürlich nichts weiter im Sinn haben,
als sich mit Menschen zu paaren, um den irdischen Genpool ihrer Rasse einzu-
verleiben. Sie besitzen die Fähigkeit, anderen Wesen mittels ihrer Tentakel um-
fassende, sensorische und auf ihren (zumindest subjektiven) Wahrheitsgehalt
überprüfbare Informationen buchstäblich unter die Haut gehen zu lassen –
Butlers materialistische Version telepathischer Kommunikation.
Lilith, eine der wenigen Überlebenden eines Atomkriegs, in dem sich die
Menschheit zwischenzeitlich beinahe ausgelöscht hat, hat nichts mehr zu ver-
lieren. Hin und her schwankend zwischen Abneigung und Faszination lässt sie sich
mit dem jungen Nikanj ein. Nikanj gehört zu den Ooloi, dem dritten Geschlecht
der Oankali (und ihren heimlichen Herrschern). Zwei armlange Tentakel dienen
ihnen als Allzweckwerkzeuge für Heilungen und Genmanipulationen und über-
dies als über alle Grenzen der Biologie hinweg einsetzbare Geschlechtsorgane.
Nikanj schwängert Lilith und gründet mit ihr eine Familie – eine Einbahn-
straße, denn wer jemals an ein Ooloi gebunden ist, kommt von ihm nicht mehr
los, weil die Bindung bis tief in die Körperchemie reicht. Ein Teil der über-
lebenden Menschen tut es Lilith nach, doch die Mehrheit rebelliert voll Abscheu
und flüchtet sich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit in die Wüsten und
Wälder der südlichen Erdhalbkugel. Da sie ohne Oankali-Partner keine Kinder
mehr bekommen können, wird ihr Exil ein frustriertes und selbstzerstörerisches
Warten auf den Tod.
Ich bin verbunden, also bin ich 83

Zwei Bände lang schafft es Butler, ihre Erzählung als Dystopie erscheinen zu
lassen. Doch im dritten Band wird deutlich, dass ihre Zuneigung von Anfang
an, und trotz deren drängender Lust nach menschlichen Genen, immer mehr
den Oankali gehörte als den uneinsichtigen und noch im Angesicht des Todes
zwanghaft gewalttätigen Menschen. Jodahs, ein Kind von Lilith, ist das erste
menschengeborene Ooloi und die Krönung der Verschmelzung beider Rassen.
Wo seine Oankali-Eltern noch ‚sanfte‘ Gewalt anwenden mussten, kann ‚es‘, das
selbst weder Mann noch Frau ist, die beiden anderen Geschlechter nun einfach
verführen. Doch es ist auch selbst existenziell abhängig von der Bindung an die
anderen Geschlechter, sodass seine pubertäre Partnersuche in den Wäldern Süd-
amerikas zwischen abweisenden Oankali und schießwütigen Menschen zur Qual
gerät. Als es schließlich durch Zufall auf ein von Neurofibromatose entstelltes,
junges Geschwisterpaar trifft, schafft es Butler, dass der Leser sich mit Jodahs ver-
zweifelten Wünschen, das Paar zu heilen, mit ihm Sex zu haben und es als Partner
mit nach Hause zu nehmen, weitgehend identifiziert. Jodahs verführt die beiden,
was ihm nicht besonders schwer fällt, da es sein Aussehen entsprechend den
Neigungen seiner Partner modifizieren und sie mit seinem pheromongesättigten
Geruch für sich einnehmen kann. Was ihm mit den beiden gelingt, ist der Beginn
der Versöhnung von Menschen und Oankali. Den „Constructs“, der neuen Rasse,
die aus der genetischen Verschmelzung der beiden Völker entstanden ist, wird die
Zukunft gehören.
Neben Butlers und Tiptrees verwickelten Plots nimmt sich die Grundidee von
Sheri Teppers Hobbs Land (1998, engl. Orig. Raising the Stones 1990) simpel aus:
Ein pilzähnliches Lebewesen, offenbar der Gott einer ausgestorbenen Rasse4,
adoptiert die menschlichen Neusiedler auf seinem Planeten. Es besänftigt Fanatis-
mus und Aggression, vernetzt die Menschen mental und emotional und tröstet
sie, wenn sie Trost brauchen. Alsbald ist es genötigt, seine neuen Schützlinge vor
den Angriffen diverser religiöser Fanatiker zu bewahren, die in dem „Gott von
Hobbs Land“ eine Bedrohung sehen. Am Ende breitet sich das Geflecht im ganzen
System aus und alle Welt wird befriedet.
Die Geschichte liefert Tepper einen Hintergrund für zahllose kleine Satiren auf
die menschliche Natur. Die Anhänger einer Lehre, die von einer aufk lärerischen
Denkerin in bester Absicht gegründet wurde, interpretieren deren Anweisung,
sich gegen jede Manipulation ihres Kopfes zu wehren, als Verbot, sich die Haare
zu schneiden. Die Religionsexperten des Systems sind aufgrund des Wirkens des

4 Erst im Folgeband stellt sich heraus, dass der „Gott“ die Schöpfung einer fort-
geschrittenen Rasse ist, die sich mit seiner Hilfe gegen die menschliche Aggressivität
schützen will.
84 Martin Engelbrecht

Gottes von Hobbs Land gezwungen, eine Diskussion darüber anzusetzen, ob ein
Gott, der etwas bewirkt, überhaupt als Gott bezeichnet werden darf. Den größten
Schaden auf Hobbs Land aber richtet ein Ethnologe an, der panische Angst hat,
von dem Gott „verschluckt“ zu werden.
Doch das Netzwerk und seine Helfer haben auch ernstzunehmende Feinde.
Einige Bewohner von Hobbs Land werden nach „Voorstod“ entführt, wo eine
fundamentalistische Sklavenhalterreligion das Sagen hat. Das Netzwerk kommt
rechtzeitig, um ein Massaker an den Sklaven zu verhindern. Daraufh in attackiert
der Prophet der Voorstoder und seine treuen Jünger Hobbs Land. Die Fanatiker
erweisen sich als psychisch nicht mehr zu befrieden und das Netz ist gezwungen,
sie in einem letzten Showdown zu versteinern, als Denkmäler ihres eigenen
Hasses.
Parallel dazu benutzt Tepper ihre Protagonisten, um immer wieder Grund-
fragen zum Problem des freien Willens zu diskutieren: Wenn man einen
Menschen zwingt, einer unangenehmen Tatsache ins Auge zu schauen, schränkt
man dann seinen freien Willen ein? Sind Informationen nicht auch eine subtile
Form der Gedankenkontrolle? Und natürlich: Wenn ich dauernd darüber nach-
denken muss, ob ich einen freien Willen habe, habe ich dann am Ende vielleicht
sogar einen?
Joe Haldemans Forever Peace (1998) baut auf einer Erfindung auf, die heute
für viele Wunsch-, für andere aber Alptraum ist: Der „Jack“, der USB-Stecker
im Kopf, der Gehirn und Rechner unmittelbar miteinander vernetzt. Um die in
der amerikanischen Öffentlichkeit unpopulären „Casualties“ unter den eigenen
Soldaten zu verhindern, werden US-Kriege in Haldemans Zukunft von per „Jack“
ferngesteuerten Kampfrobotern geführt, deren Piloten in sicherer Entfernung in
Bunkern untergebracht sind. Da sie um der effektiven Abstimmung willen auch
miteinander vernetzt sind, entstehen allerdings unerwartete Nebenwirkungen,
deren Beschreibung zeigt, wie viel sich doch seit Wyndhams oben zitierter
Phantasie verändert hat: „… in full combat jack we are this one creature with
twenty arms and legs, with ten brains, with five vaginas and five penises“ (S. 8).
Wer durch einen „Jack“ mit einem anderen verbunden ist, erlebt dessen
Emotionen uneingeschränkt mit, egal ob es sich um Schmerz oder Lust handelt
(was dem Begriff ‚Cybersex‘ eine völlig neue Bedeutung verleiht). Diese Er-
fahrung verändert die Soldaten. Sie beginnen die Empathie, mit der sie ihre Mit-
kämpfer erleben, auch auf ihre Opfer auszudehnen. Das ist der Ausgangspunkt
für eine gewaltlose Verschwörung, um den Krieg zu beenden. Das Mittel dabei
ist, politischen und militärischen Schlüsselpersonen den „Jack“ einzupflanzen,
um sie zu Empathen und damit zu Kriegsgegnern zu machen.
Ich bin verbunden, also bin ich 85

Der jüngste der hier kurz nacherzählten Romane, Tony Vigoritos Just a
Couple of Days (2007), übertrifft in seinen satirischen Qualitäten die bislang
skizzierten Texte noch um einiges. Auch seine Grundidee ist einfach: Eine Uni-
versität kooperiert unter dem Stichwort „humane weaponry and warfare“ mit der
amerikanischen Armee, um eine biologische Waffe zu konstruieren, einen Virus,
der die Menschen nicht tötet, sondern ihnen ,nur‘ ihre Fähigkeit zu sprechen
nimmt. Wie zu erwarten, geht der Schuss nach hinten los. Die durch den „Pied
Piper Virus“ ihrer Sprachfähigkeit beraubten, menschlichen Versuchskaninchen
verfügen plötzlich über einen völlig anderen Weg, sich zu verständigen. Er ist so
effektiv, dass sie mit seiner Hilfe der Internierung entrinnen können und auch
den Isolierungskordon der Armee durchbrechen. Die Seuche breitet sich blitz-
schnell aus. Nur der Erzähler entzieht sich noch eine Weile der Ansteckung, weil
ihn sein Freund, der Hippie-Soziologe Blip gebeten hat, die letzten Momente der
alten Menschheit schrift lich festzuhalten. Er formuliert den Traum, der hinter
den hier skizzierten Utopien steckt:

„Thus, it is my theory that the Pied Piper Virus, in dissolving the human habit of
communicating through shared symbols, has only allowed a deeper and more per-
fect form of empathic communication to blossom in its place. Based on my limited
observations, the resulting consciousness is not a prelingual, but rather a supralin-
gual state of mind, a perfectly social sentience that experiences no communication
breakdown, distortion or disintegration.“ (Vigorito 2007, S. 319)

Als er die Bitte seines Freundes erfüllt hat, lässt auch der Erzähler sich anstecken
und die Tage, in denen die Menschheit in ihrer Verständigung auf das gesprochene
Wort beschränkt war, sind endlich vorüber.
Zu guter Letzt soll noch eine Variante der utopisch-telepathischen Kontrolle
intelligenter Wesen erwähnt werden, die den Begriff bis an seine Grenzen dehnt.
In Clifford Simaks Raumstation auf der Erde (1978, Orig. Way Station 1963) wird
von einer Gemeinschaft galaktischer Völker heimlich in den USA (wo sonst?) ein
gigantischer Transmitter errichtet (seit Star Trek jedem ein Begriff ), der denkende
Wesen aller Art durch das All beamt. Doch das Netzwerk und die es tragende
Völkergemeinschaft sind am Zerfallen. Ihren Zusammenhalt begründet die
„Spiritualkraft“ (S. 126f.), eine mystische Energie, die durch den „Talisman“ fließt,
ein einzigartiges, von einem großen Mystiker gebautes Instrument. Doch der
Talisman wiederum braucht einen „Custos“, einen begnadeten Mystiker, der es ver-
steht, die Kraft zu kanalisieren. Nach dem Tod des letzten Custos gelingt es jedoch
nicht, einen neuen zu finden. Durch eine Reihe von Zufällen gerät der Talisman in
die Hände eines stummen, verwahrlosten, aber mit mystischen Kräften begabten
86 Martin Engelbrecht

jungen Mädchens, das in der Nachbarschaft des irdischen Transmitters lebt. Sie
wird der neue Custos, erweckt den Talisman wieder zum Leben und erneuert den
Zusammenhalt der intelligenten Völker der Galaxis (und nun auch der Erde).
Die Vorstellung einer mystischen Kraft, die die denkenden Rassen des Uni-
versums nährt und lenkt, findet sich noch in einer ganzen Reihe von SF-Romanen
und Utopien z. B. in Doris Lessings bekanntem SF-Zyklus Canopus in Argos, zu
dem z. B. die Romane Shikasta (1979) und The Marriages Between Zones Three,
Four, and Five (1980) gehören. Die Idee, dass uns durch eine wie auch immer ge-
artete göttliche Macht Kraft und Anleitung zufließt, bildet für viele Menschen ein
entscheidendes Element ihrer Weltsicht. Für zahllose andere Menschen freilich
dürfte sie die ultimative Form der Fremdkontrolle überhaupt darstellen.5

3 Auch ein alter Menschheitstraum:


In den Schuhen des Anderen laufen

Utopien sind out. Mehr noch, während Dystopien nach wie vor als selbster-
klärende kritische Werke gelten, scheint das Phänomen der Utopie selbst heut-
zutage mehr denn je erklärungsbedürft ig. Doch auch Utopien lassen sich immer
noch als gesellschaftskritische Stellungnahmen verstehen. Nehmen wir die zuletzt
angesprochenen Idee als Ausgangspunkt, um uns den inhaltlichen Impulsen der
empathisch-telepathischen Fremdkontroll-Utopien anzunähern.
Es dürfte als bekannt vorauszusetzen sein, in welch intensiver und vielfacher
Weise unsere modernen Konzepte und Ideen sich in absetzendem Bezug zur
Gottesidee des christlich-kirchlichen Monotheismus entwickelt haben. So ist die
moderne Idee des autonomen Subjekts in einer als rein materiell aufgefassten
Welt eine notwendige philosophische Konstruktion, um die ethische und welt-
anschauliche Autorität der ultimativen Fremdkontrolle – sprich: Gott – zu ent-
reißen. Wirkliche ethische Freiheit kann es in unserer Denktradition nur geben,
wenn sich der Mensch ausschließlich aufgrund seines eigenen Urteilsvermögens
für das Gute entscheidet. Irgendwie zwangsläufig scheint deshalb Descartes‘
bekanntester Satz, der eigentlich eine anthropologische Letztbegründung der
Philosophie sein will, für viele Menschen den Charakter einer Letztbegründung
ihrer individuellen Existenz angenommen zu haben: „Ich denke, also bin ich“6.

5 Vgl. hierzu die Diskussion bei Beatrix Hauser in diesem Band.


6 Aus: René Descartes, Philosophische Schriften in einem Band, Felix Meiner Verlag
Hamburg (1996, franz. und dt. Text parallel, „Discours de la méthode“, Teil 4, Ab-
schnitt 3, S. 55).
Ich bin verbunden, also bin ich 87

Es ist die Unabhängigkeit unseres Denkens, die gegen alle äußeren Zwänge
konstituiert, was wir als moderne Menschen sind und sein wollen. Und so ver-
wundert es auch nicht, dass das traurige Schicksal von Winston Smith, dem
Protagonisten aus Orwells 1984, für uns den ultimativen Alptraum bedeutet: Es
ist nicht das Schrecklichste, dass er unterdrückt wird (obwohl schrecklich genug),
es ist nicht das Schrecklichste, dass er gefoltert wird (obwohl schrecklich genug).
Das Schrecklichste ist, dass er am Schluss den „Großen Bruder“ liebt, dass er ein
Gefühl empfindet, das ihm mit Gewalt von außen eingepflanzt wurde, das er nun
aber in Verrat an sich selbst als sein ureigenstes Gefühl erlebt.
Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die skizzierten
empathisch-telepathischen Utopien von vielen Lesern eher als Dystopien
empfunden werden dürften, scheinen sie doch nur wieder das große Fest eines,
mit Sigmund Freud gesprochen „ozeanischen“7 Kollektivismus gegen die Un-
abhängigkeit des individuellen Denkens zu feiern.
Tatsächlich setzen die Geschichten genau an dem eben skizzierten Konzept des
eigenständigen Subjekts an. „Ich bin verbunden, also bin ich“, so könnte man das
Motto formulieren, das sie der spröden Deutung des Cartesianischen Satzes ent-
gegenhalten. Die Eigenständigkeit (und Eigenverantwortlichkeit) des Menschen
konstituiert sich ihrer Meinung nach nicht im Rückzug in das Allerheiligste der
vier Wände des eigenen Oberstübchens, sie konstituiert sich jeden Augenblick
neu im permanenten, verändernden Kontakt mit anderem Leben.
So gesehen sind die empathisch-telepathischen Utopien Teil einer um-
fassenderen Strömung in der Science Fiction (und ihren diversen inzestuösen
Geschwistergenres), die man, wenn man sie ideengeschichtlich oder sozial-
wissenschaft lich abheften möchte, unter den Stichworten politisch linker8,
optimistisch-romantischer, biophiler Science Fiction einsortieren könnte. Naiv ist
das Genre jedoch nicht.9 Die Romane kennen menschliches Leid und erzählen es
aus der Perspektive der Opfer. Wenn Samasnier, der Protagonist aus Hobbs Land
seine Mutter von Fundamentalisten erhängt im Hof des Propheten von Voorstod
findet, weil sie die Verfasserin ,aufrührerischer’ Lieder war, oder wenn Jodahs,
das menschliche Ooloi aus Imago seine neue Partnerin gleich um ein Haar wieder
durch eine Gewehrkugel verliert, dann spürt man, dass man, wenn man hier

7 Der Begriff entstammt seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“, vgl. Sigmund
Freud (1974, Orig. 1930).
8 Allerdings ein angelsächsisches, kein kontinentaleuropäisches „links“.
9 Es gibt freilich auch SF-Romane, die das Kommen extraterrestrischer Erlöser schildern
– die also eschatologisch sind und nicht utopisch. Beispiele wären etwa Chaga (1995)
von Ian McDonald oder Childhood‘s End (1953) von Arthur C. Clarke.
88 Martin Engelbrecht

von Naivität spricht, die elementare Naivität meint, über die wohl jeder Mensch
verfügen muss, der nach leidvollen Erfahrungen mit einem Menschen trotzdem
immer wieder auf den nächsten zugeht.
Beispiele für dieses biophile ‚Genre‘ ließen sich zahlreich anführen, eines
soll hier für den Zweck der Illustration genügen: Naiomi Mitchisons Memoiren
einer Raumfahrerin (1983, Orig. Memoirs of a Spacewoman, 1962) ist eine Utopie
des Verstehens, die ohne jede Telepathie auskommt. Sie formuliert in para-
digmatischer Weise eine Erkenntnis über die (auch wissenschaft liche) Begegnung
mit anderen Wesen, die nur mühevoll in unser eigenes, von statischer Objektivi-
tät geprägtes wissenschaft liches Denken Eingang findet. Mitchison lässt ihre
Kommunikationsspezialistin konstatieren:

„Ich glaube, eines der Dinge, die einem am schwierigsten ankommen, ist, daß man
eine stabile Persönlichkeit entwickeln muß und daß sie trotzdem unvermeidlicher-
weise von anderen Lebensformen, mit denen man in Kommunikation tritt, ge-
ändert werden wird und daß man diese biopsychischen Änderungen akzeptieren
muß.“ (S. 20)10

Ein Satz, der schon in Familien- und Liebesbeziehungen gilt, und natürlich umso
mehr in jeder Sozial-, Fremdkultur- und (fi ktiven) Fremdrassenforschung.11
In diesem Rahmen erfüllen die fi ktiven übernatürlichen Kommunikations-
fähigkeiten als Gedankenexperiment eine mehrfache Funktion: Sie ermög-
lichen vertieftere Begegnungen und schützen sie gleichzeitig. Sie entreißen
die Protagonisten den Strukturen, die unsere Zivilisation zum Schutz vor ver-
ändernder Begegnung bereitstellt und zwingen sie so zu ihrem Glück (wie es
Utopien so an sich haben). Sie tun also, was (gute) Science Fiction immer tut:
Durch die Einführung einer neuen Größe machen sie es möglich, ein alltägliches
Phänomen (in diesem Fall die menschliche Begegnung mit anderem Leben –
menschlichem wie nichtmenschlichem) spielerisch in alle möglichen Richtungen
bis zum ,geht-nicht-mehr‘ weiterzudenken.
Doch natürlich tun sie noch ein bisschen mehr. Tony Vigorito (selbst Sozio-
loge) lässt in Just a Couple of Days seinen Helden, den Soziologen Blip Korterly,

10 Zwei Autoren, die sich mit dieser existenziell-verändernden Dimension der Begegnung
im Rahmen der Sozialwissenschaften intensiver auseinandergesetzt haben, sind Klaus
Peter Koepping (1984) und Kurt Wolff (1976).
11 Vgl. hierzu die soziologisch-anthropologischen Anmerkungen bei Schetsche et al.
(2009).
Ich bin verbunden, also bin ich 89

in offensichtlichem Bezug auf G. H. Mead (1991, Orig. 1934, S. 85f.) den Punkt
benennen, an dem sich alle empathisch-telepathischen Utopien abarbeiten:

„That’s the basis of society, imagining, not knowing, each other’s perspective. Hu-
man consciousness is a big game of make-believe. It’s nothing more than mutual
fanciful speculation, and the self, consequently, is nothing more than a ridiculous
illusion at best and a destructive delusion at worst. We can’t know each other’s per-
spective, we only pretend we can.“ (S. 165, Hervorh. im Orig.)

Dass wir immer nur annehmen, aber nie wirklich wissen können, wie ein anderer
Mensch denkt, oder wie er fühlt, ist eine Tatsache, mit der sich nicht jeder
einfach abfinden will. So gesehen sind die empathisch-telepathischen Utopien
auch Ausdruck einer Sehnsucht, die wohl nicht jeder teilt, die aber dennoch zu
den zentralen Menschheitsträumen zu rechnen sein dürfte: Der Wunsch, wirk-
lich die berühmte Meile in den Schuhen des Anderen gehen zu können. Dieser
Wunsch, der manchmal wissenschaft lich, manchmal therapeutisch, in vielen
Geschichten aber einfach emotional und (z. B. bei Butler und Mitchison) mit ein-
deutig erotischen Untertönen aufgeladen ist, ist wie der Traum vom Fliegen: Auch
bei ihm dauerte es Jahrtausende, bis die Menschheit ihn verwirklichen konnte,
und lange wurde das von jedem vernünft igen Menschen für unmöglich gehalten.
Doch ein zentraler Sinn von Utopien ist es ja gerade, das Unvernünft ige und Un-
mögliche zu träumen.
Und noch ein Gedanke verbindet die Geschichten (wobei ‚Mutants-only‘
Geschichten wie die von Stapledon und Wyndham an dieser Stelle auszu-
klammern sind): Sie sind Utopien der Solidarität. Und Solidarität beginnt, wie
Ursula LeGuin in ihrer anarchistischen Utopie Planet der Habenichtse12 (1985,
Orig. The Disposessed 1974) so treffend sagt, beim „geteilten Schmerz“ (S. 68).

12 Es gab eine Phase in der Eindeutschung amerikanischer SF, in der offenbar kein Buch-
titel ohne die Worte „Weltraum“, „Raumschiff“ oder wenigstens „Planet“ auskommen
konnte.
90 Martin Engelbrecht

Literatur

Primärquellen
Butler, O. (Orig. 1987) (1997). Dawn. New York: Warner.
Butler, O. (Orig. 1988) (1997). Adulthood Rites. New York: Warner.
Butler, O. (Orig. 1989) (1997). Imago. New York: Warner.
Haldeman, J. (Orig. 1997) (1998). Forever Peace. New York: Ace.
LeGuin, U. (Orig. The Disposessed 1974) (1985). Planet der Habenichtse. München: Heyne.
Lessing, D. (Orig. 1979) (1981). Shikasta. London: Grafton.
Lessing, D. (Orig. 1980) (1981). The Marriages between Zones Three, Four, and Five. London:
Grafton.
Mitchison, N. (Orig. Memoirs of a Spacewoman 1962) (1983): Memoiren einer Raumfahrerin.
Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe.
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mann.
Stapledon, O. (Orig. 1935) (2012). Odd John. London: Gollancz.
Sturgeon, T. (Orig. More than Human 1953) (1970). Baby ist Drei. München: Heyne.
Tepper, S. (Orig. Raising the Stones 1990) (1998). Hobbs Land. München: Heyne.
Tiptree, J. (Orig. Up the Walls of the World 1978) (1980). Die Feuerschneise. München:
Heyne.
Vigorito, T. (Orig. 2001) (2007). Just a Couple of Days. Orlando: Harcourt.
Wyndham, J. (Orig. 1955) (2000). The Chrysalids. London: Penguin Modern Classics.

Sekundärliteratur
Clute , J. (1995). Science Fiction – Die illustrierte Enzyklopädie. München: Heyne.
Descartes, R. & Specht R. (Einführung) (1996) Philosophische Schriften in einem Band
(franz. und dt. Text parallel). Hamburg: Felix Meiner Verlag.
Freud, S. (Orig. 1930) (1974). Studienausgabe, Band IX. Frankfurt am Main: Fischer.
Gruen, A. (Orig. 1987) (1993). Der Wahnsinn der Normalität. München: Kösel.
Koepping, P. (1984). Feldforschung als emanzipatorischer Akt? Kölner Zeitschrift für Sozio-
logie und Sozialpsychologie, Sonderheft 26/1984 (Ethnologie als Sozialwissenschaft),
216–239.
Mead, G. H. (Orig. 1934) (1991). Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozial-
behaviorismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Schetsche, M., Gründer, R., Mayer, G. & Schmied-Knittel, I. (2009). Der maximal Fremde.
Überlegungen zu einer transhumanen Handlungstheorie. Berliner Journal für Soziologie
19 (3), 469–491.
Wolff, K. H. (1976): Surrender and Catch. Dordrecht: Reidel.
Im kinematographischen Kabinett
des Dr. Caligari

Fremdkontrolle und Ich-Verlust im Film

Matthias Hurst

1 Kontrollverlust – Fremdkontrolle

Das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, seinen Emotionen,
Gedanken und Handlungen nicht mehr trauen zu können und nicht mehr
zwischen eigenen Bedürfnissen und Überzeugungen einerseits und An-
forderungen und Einflüssen von außen andererseits unterscheiden zu können …
die Angst vor dem Verlust des eigenen Willens und die Furcht vor Fremdkontrolle
existieren wohl schon seit der Mensch zu fühlen und zu denken begann.
Das Phänomen der Fremdkontrolle ist – imaginiert – ein Nebenprodukt
des Konflikts zwischen rationalen und irrationalen Kräften innerhalb des
Individuums oder – in Abstufungen real wirksam – ein Produkt des Konflikts
zwischen intrinsischer Motivation und extrinsischen Zwängen oder das Ergebnis
einer manipulativen Steuerung von außen. Fremdkontrolle kann unbemerkt ge-
schehen oder von der betroffenen Person erkannt werden.
Fremdkontrolle, ob als Realität oder bloße Vorstellung, ist ein Phänomen, das
Selbstbewusstsein und Willenskraft des Subjekts zu unterwandern und massiv
zu erschüttern vermag; sie wird im sozialen Kontext besonders dann relevant,
wenn die (vermeintliche) kontrollierende Instanz im gesellschaft lichen Umfeld
im weitesten Sinne verortet wird, als Einfluss anderer Menschen, als kulturelle
Erscheinung, als politische Kraft, als technische Apparatur oder gar als nicht-
menschliche, dämonische Macht.
Durch vermehrtes Wissen der Psychologie, durch Entwicklungen der Techno-
logie und durch die zunehmende Komplexität der modernen Lebenswelt und
daraus resultierender Abhängigkeiten von politischen, ökonomischen und
sozialen Strukturen wie auch von Maschinen aller Art, haben sich die Möglich-
keiten der Fremdkontrolle vermehrt sowie das subjektive Gefühl der Fremd-
kontrolle verstärkt. Entstand es einst hauptsächlich im Kontext animistischer

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_6, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
92 Matthias Hurst

oder religiöser Vorstellungen, so basiert es heute eher auf dem Wissen um die
vielfältigen Möglichkeiten, menschliches Denken und Handeln tatsächlich
manipulieren und fremdsteuern zu können.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konfrontierte Freud seine Zeitgenossen mit
der ungeheuren Behauptung, dass das „Ich […] nicht einmal Herr ist im eigenen
Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was
unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht“ (Freud 2010, S. 913). Das Unbewusste
der menschlichen Psyche und die darin angehäuften verdrängten Wissens-
bestände und triebhaften Energien bestimmen Affekte und Verhalten jenseits der
bewussten Kontrolle durch Vernunft und normatives Denken. Die Entdeckung
der Existenz und der Macht des Unbewussten als „dritte und empfi ndlichste
Kränkung“ (ebd.) der Menschheit, nach den Kränkungen durch Kopernikus und
Darwin, erweist sich bis auf den heutigen Tag als zentraler Aspekt der kultur-
geschichtlichen Entwicklung der Moderne und liefert Grund genug, sich ange-
sichts der Fremdkontrolle im eigenen Seelenleben dauerhaft verunsichert zu
fühlen.
Neben den psychischen Dispositionen sind es auch konkrete soziale und
politische Erfahrungen, die die Angst vor Kontrollverlust schüren. Ungewollte
Online-Vernetzungen, Internetmobbing, Facebook-Terror und sogenannte
Shitstorms sowie die jüngsten Enthüllungen im Jahr 2013 über die inter-
nationalen Aktivitäten der Geheimdienste und systematischen Bespitzelungen
der amerikanischen National Security Agency, die sämtliche Möglichkeiten
moderner Kommunikationstechnologie nutzt und unterwandert und dabei auch
vor Verbündeten und ‚Freunden‘ nicht haltmacht, verleihen dem Szenario der
Gefährdung individueller und politischer Souveränität nicht zwangsläufig neue
Dimensionen – die Potenzialität solcher technikbasierten Formen der Über-
wachung und Spionage sind schon lange bekannt und seit Beginn der Moderne
das Thema zahlreicher Debatten sowie fi ktionaler Projektionen in Literatur und
Film –, aber sicherlich eine neue Intensität und unübersehbare Aktualität.
Fremdkontrolle als Phänomen individueller wie auch kollektiver Erfahrungen
manifestiert sich in verschiedenen kulturellen Ausprägungen und kann unter-
schiedliche Erscheinungsformen annehmen. Gerade diese Vielfältigkeit und
thematische Streuung sowie die Kontingenz und Vagheit äußerer Faktoren,
die – ob berechtigt oder unberechtigt – als ursächlich wahrgenommen werden,
verleihen dem Phänomen an sich, d. h. der häufig nicht konkret fassbaren, der
nur gefühlten, aber nicht eindeutig bestimmbaren Bedrohung, nachdrücklich
Gewicht und Bedeutung. Wo der eigene Wille verloren geglaubt wird und eine
fremde (innere oder äußere) Macht das Denken und Handeln zu kontrollieren
scheint, greifen Verunsicherung und Entfremdung schrankenlos um sich und
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 93

können sämtliche Lebensbereiche erfassen; Fremdkontrolle erscheint dann nicht


nur als vorübergehende Erfahrung, gekoppelt an konkrete Ereignisse, sondern
manifestiert sich in Form von Ich- und Kontrollverlust als krisenhafter Aspekt
der conditio humana generell.
Als Seismograph vielfältiger kultureller Tendenzen und als populäres
Repräsentationsmedium gesellschaft licher Befindlichkeit partizipiert auch der
Film an den Diskursen zu den verwandten Themen Kontrollverlust und Fremd-
kontrolle.

2 „Du musst Caligari werden!“ –


Filme der Weimarer Republik

Die beschwörenden Worte „Du musst Caligari werden!“ aus dem ex-
pressionistischen Spielfi lm Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) von Robert Wiene
markieren einen ersten Höhepunkt der fi lmischen Präsentation des Themas
Fremdkontrolle. Scheinbar aus dem Nichts tauchen diese Worte auf, schreiben
sich selbst über Wände und mitten in die Luft und drängen sich so dem Direktor
der psychiatrischen Anstalt der Stadt Holstenwall auf, nachdem er das Tage-
buch des geheimnisvollen Mystikers Caligari aus dem frühen 18. Jahrhundert
gelesen hat.1 Die geisterhafte Schrift mit den auffordernden Worten ist äußeres
Anzeichen einer zunehmenden Besessenheit. Über Zeit und Raum hinweg reicht
der suggestive Einfluss des verbrecherischen Mystikers, der nun Besitz von dem
Direktor ergreift und ihn tatsächlich zu Caligari werden und als Caligari handeln
lässt. Wie unter Zwang büßt der Direktor seinen eigenen Willen ein und muss in
der Nachfolge des Hypnotiseurs selbst kriminelle Taten begehen. Der Wahnsinn
erweist sich als ansteckend.
Manipulationen und Fremdkontrolle des Individuums finden in Das Kabinett
des Dr. Caligari in mehreren Fällen statt und vollziehen sich auf verschiedenen
Ebenen. Nicht nur der Anstaltsdirektor wird durch Caligaris Macht über die
zeitliche Distanz hinweg zum Verbrecher; er übt seinen eigenen unheilvollen
hypnotischen Einfluss auf Cesare aus, einem somnambulen Patienten der An-
stalt, der nun seinerseits zum willenlosen Instrument des Direktors wird. Lang-
sam, aber unnachgiebig, im Zustand einer unheimlichen Trance, dringt Cesare
in die Häuser der Bürger ein, um im Auftrag seines Herrn zu morden und eine

1 Als Zitat aus dem Film wurden die Worte „Du musst Caligari werden!“ auch auf
Plakaten erfolgreich bei der Werbung für den Film im Frühjahr 1920 eingesetzt. Vgl.
Brill (2012, S. 236ff.) und Prawer (1980, S. 171).
94 Matthias Hurst

unschuldige Frau zu entführen. Seine Taten sind nicht selbstverschuldet, sondern


das Ergebnis einer Beeinflussung durch hypnotische Kräfte. Cesare wird zur
Marionette seines Gebieters, der wiederum unter dem Bann Caligaris steht.
Im expressionistisch verzerrten Szenario des Stummfi lms mit seinen ver-
winkelten Studiobauten und gemalten Kulissen überwältigen exzentrische
Subjektivität und entfesselter Wahnsinn die Realität. Die Protagonisten bewegen
sich durch eine destabilisierte Welt, die unter dem Ansturm irrationaler Kräfte
und unter dem Druck eines fremden Willens aus den Fugen geraten ist. Ein Alp-
traum, geformt aus Realitätsfragmenten und den Bruchstücken einer leidenden
Seele. Aber es lässt sich kaum mehr unterscheiden, ob hier das Individuum allein
unter dem Einfluss der eigenen Seelenqual leidet oder unter der Gewalt einer
mentalen Manipulation von außen. Wahrnehmung und Wirklichkeit werden
kurzgeschlossen, Raum und Räumlichkeit werden subjektiviert, Außen und Innen
durchdringen sich, so wie die äußere Kraft zwingend in den Verstand des wahn-
haft besessenen Direktors wie auch in den Geist des hypnotisierten Opfers Cesare
hineinwirkt. Die Sprachlosigkeit der Figuren, unvermeidbares Charakteristikum
des Stummfi lms, verstärkt deren Ohnmacht und Ausgeliefertsein in einer Welt
der fremden Einflüsse und steigert somit die unheimliche Wirkung des Sujets.
Am Ende des Films müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer erkennen,
dass auch sie manipuliert wurden: Die Geschichte von Caligari, dem Direktor
und Cesare entpuppt sich als Wahn des Erzählers und Protagonisten Francis, der
selbst Patient in der Irrenanstalt ist. Es gibt all diese Personen in der Lebenswelt
des Erzählers, aber sie verhalten sich anders als in der dargestellten Weise. Nur in
der fiebrigen Imagination des unzuverlässigen Erzählers fanden die furchtbaren
Verbrechen statt. Was bisher als innerfi ktionale objektive Realität verstanden
wurde, erweist sich nun rückblickend als subjektive Phantasie, die auch in der
diegetischen Welt des Films als irrational erscheint. Die grotesk verzerrte Welt
der Studiokulisse, in der sich die Filmhandlung abspielt, ist allerdings kein zu-
verlässiger Indikator für den ontologischen Status der dargestellten Wirklichkeit,
da sich auch in der Rahmenhandlung am Ende, also wenn der Wahnsinn des
Erzählers Francis aufgedeckt ist und die Welt wieder ‚normal‘ sein müsste, die
fi lmische Realität immer noch als expressionistisches Zerrbild präsentiert. Haben
wir möglicherweise die Gedankenwelt des Wahnsinnigen noch nicht verlassen?
Gibt es jenseits der Ausgeburt des subjektiven Wahns keine verlässliche Realität?
Die narrative Struktur und spezifische Präsentationsweise des Films
kontrolliert den Rezeptionsprozess und übt gleichsam eine Form der Fremd-
kontrolle über die Zuschauer aus, die bis zum Ende des Films glauben, dass die
Geschichte, die sie sehen, diegetisch wahr ist. Hier offenbart sich das Potenzial des
Mediums Film, Wahrnehmung und Verständnis der Rezipienten durch Strategien
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 95

der Gestaltung und Vermittlung, durch die Überzeugungskraft der Bilder und
durch die Anwendung narrativer Konventionen oder den Bruch mit solchen, zu
lenken und zu kontrollieren. Das Filmische selbst tritt uns in den manipulativen
Kräften des Films entgegen; das als Jahrmarktsattraktion vorgestellte Kabinett
des Dr. Caligari mit seinen geisterhaften Schatten und verfremdeten Abbildern
der Realität, mit seinen stummen Verführungen und Schrecken der hypnotischen
Beeinflussung, ist gleichsam das Kino selbst, ein kinematographisches Kabinett
der Verzauberung, der Suggestion und der Selbstreflexion. Die

„prinzipielle Ambiguität und Doppelbödigkeit, die den Film vor anderen aus-
zeichnet, [macht] ihn zu einem Exempel der selbstreflexiven fi lmischen Moderne
[…]. Denn indem der Film offenläßt, was Halluzination und was Wirklichkeit
ist, spiegelt er Eigenschaften eines Mediums, das beim Anschein größtmöglicher
Naturnähe essentiell auf Illusion und Sinnestäuschung beruht.“ (Kaes 1993, S. 47f.)

„CALIGARI“, so Kracauer (1995), „zeigt die Seele am Werk“ (S. 78), die deutsche
Seele als kollektives Bewusstsein, das unter den Nachwirkungen des verlorenen
Krieges und den Sturmzeichen und Risiken einer ungewissen politischen Zu-
kunft leidend, „zwischen Tyrannei und Chaos hin und her gezerrt wird“ (S.
81) und sich für eine der beiden Alternativen entscheiden muss. Das Chaos der
Freiheit fürchtend, flieht die Seele letztendlich in die Tyrannei, ergibt sich der
rigorosen Kontrolle von außen und wählt den Nationalsozialismus als politisches
System. Der wahnsinnige Direktor verkörpert in Kracauers Interpretation eine
der populären fi lmischen Tyrannenfiguren, in denen sich jene heimliche Sehn-
sucht der Deutschen nach einer starken Führung in der Zeit der Weimarer
Republik künstlerisch verdichtet, die zum Aufstieg Hitlers beigetragen haben soll
(S. 67ff.). Kracauers Deutung des Films, die – von Caligari zu Hitler – eine direkte
Linie zieht zwischen kinematographischer Fiktion und politischer Realität, aber
andere kulturelle und ökonomische Produktionsfaktoren vernachlässigt, wurde
nach vielen Jahren der Akzeptanz mittlerweile kritisch relativiert (vgl. Brill 2012,
289ff.; Elsaesser 2006; Scheunemann 2006).
In der fi lmischen Exploration des prekären Zustands des modernen Subjekts,
die Das Kabinett des Dr. Caligari auf anschauliche Weise gestaltet, spiegeln sich
nicht nur die konkreten historischen Erfahrungen und das dezidiert politische
Unbehagen der Weimarer Jahre, die für die Entstehung und Wirkung des Films
gewiss unentbehrlich waren, sondern es zeigt sich in ihr auch eine weitreichende
Tendenz der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, die in einer allgemeinen Krisen-
erfahrung der Moderne verwurzelt ist. Identitätskrise und Ich-Verlust ange-
sichts der gravierenden gesellschaft lichen Veränderungen und Umwälzungen
96 Matthias Hurst

werden zu Leitmotiven der sozialkritischen und psychologisch fundierten Kunst-


produktion eines andauernden Zeitalters, in dem die Rolle des Individuums und
seine Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten immer ungewisser werden. Die
literarische Welt Kafkas beispielsweise entfaltet auf unheimliche, aber gleicher-
maßen nüchtern-präzise Weise ein Paradigma der Identitätskrise und Fremd-
kontrolle.
Ebenso zeigt sich das Thema der Subjektkrise und des Kontrollverlusts in
frühen deutschen Filmen: In Der Andere (1913, Max Mack ) – inspiriert von
Robert Louis Stevensons Roman The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde
(1886) – erleidet ein Staatsanwalt nach einem Unfall eine Bewusstseinsspaltung
und lebt, befreit von bürgerlichen Zwängen und Normen, seine kriminellen
Instinkte aus. Und im Film Der Student von Prag (1913, Stellan Rye) verkauft ein
Student sein Spiegelbild an den Teufel, das in Folge als unabhängig handelnder
Doppelgänger auft ritt und ihn durch aggressives und sozial unerwünschtes Ver-
halten in Schwierigkeiten bringt.
Die literarische Tradition der Schauerromantik, das Motiv der Persönlich-
keitsspaltung und das symbolhafte Bild des Doppelgängers in Verbindung mit
psychologischen Befunden über bewusste und unbewusste Bereiche des Seelen-
lebens verdichten sich in diesen fi lmischen Szenarien zu Reflexionen über die
problematische Existenz des Individuums und seines freien Willens.2 Die
Grundlagen des Themas mit seinen existentiell erschütternden Konnotationen
hinsichtlich der radikal in Frage gestellten Autonomie des Menschen und der
Verantwortlichkeit für sein Handeln sind in der Literatur der Schauerromantik
und der gothic novel des 19. Jahrhunderts bereits gelegt; der expressionistische
Stummfi lm des frühen 20. Jahrhunderts variiert die Motive und gibt ihnen bild-
hafte Gestalt.
Für das Kino der Weimarer Republik sind Sujets, in denen sich Ich-Verlust
und Fremdkontrolle als zentrale Aspekte erweisen, prägend. Wienes Das Kabinett
des Dr. Caligari stellt hier keine Ausnahme dar (vgl. Brill 2012, S. 96ff.; Kaes
1993, S. 47ff.; Prawer 1980, S. 164ff.), auch wenn dieser Film seine inhaltlichen
Tendenzen in besonders effektiver und selbstreflexiver Weise zu stilisieren und
zu präsentieren vermag und so zum modellhaften Prototyp einer Tradition des
phantastisch-psychologischen Films wurde (vgl. Prawer 1980, S. 169).
Die angespannte politische Situation der Weimarer Republik, aber auch deren
allgemeine Verfasstheit zwischen Sehnsucht nach der Vergangenheit und Auf-
bruch in die Moderne erweisen sich als Kristallisationspunkt für die Introspektion

2 Vgl. zum literarischen Motiv des Doppelgängers Frenzel (1992, S. 94ff.) und Rank
(1980).
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 97

des modernen Bewusstseins – nicht als Ursache oder historischer Ausgangs-


punkt, aber als zeitlicher Brennpunkt, gleichsam als Ballungszentrum moderner
Entwicklungen in problematischer Zuspitzung. Die Freiheit des Denkens bei
gleichzeitiger Instabilität des Systems – Entfesselung der Ideen und Kontrollver-
lust – bilden den geeigneten Nährboden für kritische Selbstporträts einer ganzen
Kultur, in der die Antinomien und Ambivalenzen der Moderne nachhaltig zu
spüren sind. Sloterdijk (1983) charakterisiert die Weimarer Republik als eines
jener

„historischen Phänomene […] , an denen man am besten studieren kann, wie


die Modernisierung einer Gesellschaft bezahlt sein will. Man tauscht enorme
technische Errungenschaften gegen zunehmendes Unbehagen in der Unkultur;
zivilisatorische Erleichterungen gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit.“ (S. 702)

Angesichts solcher widersprüchlichen Erfahrungen, angesichts der Unüber-


sichtlichkeit der Zustände und Unabwägbarkeit der wirkenden Kräfte ent-
wickeln sich Gefühle des Ich-Verlusts und der Fremdkontrolle als „herausragende
Formulierungen des modernen unglücklichen Bewußtseins“ (S. 42) in ver-
stärktem Maße. „Von der Weimarer Republik sprechen heißt immer noch: sich
auf soziale Selbsterfahrung einlassen.“ (ebd.)
Der Film Das Kabinett des Dr. Caligari ist ein Beispiel für „soziale Selbst-
erfahrung“, indem er die Mechanismen und überwältigenden Auswirkungen
von Fremdkontrolle in Gestalt eines psychologischen Angstszenarios frei-
legt und dabei selbst manipulativ auf die Zuschauer einwirkt, ohne jedoch ein
harmonisierendes, jegliche Ambiguität auflösendes Ende zu bieten.
Fritz Lang verlieh in der zweiteiligen Verfi lmung des Illustrierten-Romans Dr.
Mabuse, der Spieler von Norbert Jacques (1921) – Dr. Mabuse: Der große Spieler
und Inferno (1922) – dem genialen Superverbrecher ein filmisches Gesicht (Rudolf
Klein-Rogge) und verhalf ihm zu einer langlebigen Kino-Existenz. Mabuse, der
durchtriebene Kriminelle, hält die Gesellschaft der Weimarer Republik durch arg-
listige Intrigen und präzise kalkulierte Machenschaften auf allen Ebenen in Atem.
Sein Einfluss erstreckt sich über die ganze Stadt: Berlin als urbanes Zentrum einer
modernen, dekadenten Kultur, in der soziale Gegensätze und Weltanschauungen
aufeinanderprallen. In zahllosen Verkleidungen tritt er sowohl in der Unterwelt
auf als auch in der feinen, großbürgerlichen Gesellschaft, in Spelunken und noblen
Salons; er agiert als Falschspieler, als Geldfälscher, als Börsenspekulant und als
Psychoanalytiker. Dabei setzt er neben seinen Masken und moderner Technik
vor allem seine hypnotischen Kräfte ein, die nicht nur seine Helfer und Opfer
gefügig machen, sondern auch Schutz vor dem Zugriff der Polizei gewähren.
98 Matthias Hurst

Niemand ist vor seinem starken Willen und seinen Manipulationen sicher.
Mabuse ist ein perfider Spieler, sein Spielfeld ist die Großstadt als Ausdruck zeit-
genössischer Zivilisation, und seine Spielfiguren sind die Menschen, die er nach
Belieben kontrolliert. Die allgegenwärtige Bedrohung durch seine unheimliche
Macht, die sich im Verborgenen entfaltet und beherrschen, funktionalisieren und
korrumpieren kann, wird zum perfekten Symbol existentieller Beunruhigung
und Verstörung und veranschaulicht die schleichende Angst vor gesellschaft-
lichen Kräften, die in der modernen Stadtkultur körperlos und anonym bleiben,
gleichwohl nachhaltig auf das Leben aller Menschen einwirken. Sensationskino
als Diagnose der Zeit und als Ausdruck moderner Entfremdung.
1932 lässt Lang seinen Superverbrecher in Das Testament des Dr. Mabuse ein
weiteres Mal auft reten. Mabuse ist in einer Irrenanstalt inhaftiert und schreibt
seine Pläne und Absichten wie in autistischer Isolation nieder, schweigend und
scheinbar ungefährlich, doch sein verderblicher Einfluss ist nicht zu stoppen.
Wiederum nutzt er hypnotische Kräfte, um den Anstaltsleiter Professor Baum in
seinem Sinne zu manipulieren und eine kriminelle Organisation aufzubauen. Sein
erklärtes Ziel ist es, die Gesellschaft durch gewalttätige Verbrechen und Terroran-
schläge ins Chaos zu stürzen und eine Herrschaft des Schreckens und der Angst
zu errichten. Das Motiv der Fremdkontrolle tritt in diesem Fortsetzungsfi lm noch
stärker in den Vordergrund, da Mabuse selbst überhaupt nicht mehr handelt,
sondern aus seiner Zelle heraus – wie eine Spinne in ihrem Netz – andere für
sich agieren lässt. Wie der Anstaltsdirektor in Das Kabinett des Dr. Caligari unter
den Einfluss des historischen Caligari gerät, so verfällt Baum dem wahnsinnigen
Mabuse; aus der mentalen Kontrolle und Übernahme wird Besessenheit, die das
Opfer geradezu zu einer Reinkarnation des Verbrechers macht. Die Bedrohung
befreit sich von körperlichen Schranken und entpuppt sich als geistige Macht, als
ansteckende Ideologie. Ist Caligari in einem gleichsam überzeitlichen, seelischen
Niemandsland angesiedelt, so entfaltet sich die Schreckensherrschaft Mabuses
in einem spezifischen, zeitgenössischen Umfeld. Das Testament des Dr. Mabuse,
aufgrund seiner Darstellung einer durch systematischen Terror gefährdeten Ge-
sellschaft als politische Warnung deutbar, „eine Art letztes Bollwerk gegen das
bevorstehende Unheil“ (Kracauer 1995, S. 261), wurde noch vor der Urauff ührung
von Goebbels am 29.03.1933 verboten.
Dr. Mabuse setzte seine Filmexistenz allerdings fort und kehrte zu Beginn der
1960er Jahre mehrfach auf die Leinwand zurück – Die 1000 Augen des Dr. Mabuse
(1960, Fritz Lang), Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (1961, Harald Reinl), Die unsicht-
baren Krallen des Dr. Mabuse (1962, Harald Reinl), Das Testament des Dr. Mabuse
(1962, Werner Klingler), Scotland Yard jagt Dr. Mabuse (1962, Paul May) und Die
Todesstrahlen des Dr. Mabuse (1964, Hugo Fregonese) –, wodurch er bewies, dass
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 99

seine Bedrohlichkeit nicht ausschließlich mit den politischen Gegebenheiten der


Weimarer Republik verknüpft ist, sondern darüber hinaus als Versinnbildlichung
von verstörenden Modernisierungsprozessen verschiedener Art wirksam werden
kann.
Das Kino der Weimarer Republik bietet vielfältige Beispiele für die fi lmische
Gestaltung des Phänomens der Fremdkontrolle, die als buchstäblich oder
symbolisch zu verstehende Geschichten, den Verlust von Identität und freiem
Willen sowie die unterschiedlichen Facetten individueller und sozialer Ver-
unsicherung und Entfremdung in modernen Gesellschaften – und konkret in der
krisenhaften, politisch und wirtschaft lich instabilen Nachkriegszeit – reflektieren.
Dabei lassen sich vorderhand verschiedene Formen oder Kategorien der Fremd-
kontrolle erkennen, die sich jedoch nicht immer sauber voneinander trennen
lassen: Fremdkontrolle durch psychoanalytisch erklärbare Ursachen, d. h. als
psychopathologisches Phänomen, oder durch psychologische Beeinflussung wie
beispielsweise Hypnose; Fremdkontrolle als Resultat phantastischer, unheim-
licher Geschehnisse oder als Folge von (rational nicht erklärbarer) Besessenheit;
Fremdkontrolle durch den Einsatz von Technologie und Apparaturen. Darüber
hinaus lässt sich die Erfahrung der Fremdkontrolle in einigen Filmen auch als
Ausdruck allgemeingültiger menschlicher Befi ndlichkeit, also als ursächlich
existentielles Phänomen verstehen.
Das Fortleben dieser Kategorien in der internationalen Filmproduktion seit
der Weimarer Republik, die Erbschaft des kinematographischen Kabinetts des
Dr. Caligari, soll im Folgenden skizzenhaft beleuchtet werden.

3 Caligaris Erben:
Filmische Ausprägungen der Fremdkontrolle

3.1 Fremdkontrolle als psychologisches Phänomen

Unendlich scheint die Zahl der Filme zu sein, in denen die Protagonisten als
‚Fälle‘ psychischer Störungen die Kontrolle über ihre Gefühle und Handlungen
verlieren. Erschreckend und faszinierend zugleich sind die seelischen Abgründe,
in die der Mensch stürzen oder auch nur blicken kann.
Roman Polanskis Film Repulsion (Ekel, 1965) beispielsweise handelt von
einer jungen Frau (gespielt von Catherine Deneuve), die an einer Zwangsneurose
leidet und sich von der ganzen Welt bedroht fühlt. Sie isoliert sich zunehmend
von ihren Mitmenschen, gleitet ab in Wahnvorstellungen und begeht schließ-
lich einen Mord. Angst und Begehren, Sehnsucht nach menschlicher Nähe und
100 Matthias Hurst

erfüllter Sexualität wie auch damit verknüpfte Schuld- und Ekelgefühle über-
nehmen die Kontrolle über ihr Leben und beherrschen als extrem widersprüch-
liche Affekte ihre Wahrnehmungen und Empfindungen. In der Nachfolge einer
expressionistischen Bildsprache gelingt es Polanski, die verstörenden Phantasien
seiner Protagonistin anschaulich zu gestalten; ihre extrem subjektive Gefühlswelt
entsteht als fi lmisch rezipierbare Welt, düster, verzerrt, irrational. Innenleben
bildet sich in der Außenwelt ab und kehrt so als externalisierte, sinnlich wahr-
nehmbare, wesensfremde, übermächtige Bedrohung zum Subjekt zurück.
In Le Locataire (Der Mieter, 1976) spielt Polanski selbst unter eigener Regie einen
verunsicherten Mann, der sich durch seine Umwelt in die Rolle jener suizidalen
Frau gedrängt fühlt, deren Wohnung er als Nachmieter bezogen hat. Ähnlich wie
die Neurotikerin in Repulsion verliert er die Kontrolle über sein Leben; aber hier
scheint die dissoziative Kraft weniger aus ihm selbst zu kommen als vielmehr
aus seinem sozialen Umfeld. Allen Beschwerden seiner Nachbarn gibt er nach,
passt seinen Lebensstil ihren Wünschen und Forderungen an. Unter dem Ein-
fluss der Nachbarn löst er sich von seiner bisherigen Persönlichkeit ab, verwandelt
sich in die Vormieterin, springt wie sie aus dem Fenster und sieht sich am Ende
selbst durch ihre Augen: schockierender Höhepunkt eines schleichenden Ent-
fremdungsprozesses und einer schrittweisen Identifizierung mit dem Anderen.
Filme wie Psycho (1960) von Alfred Hitchcock, Lost Highway (1997) und
Mulholland Drive (2001) von David Lynch, Shutter Island (2010) von Martin
Scorsese und The Ward (2010) von John Carpenter präsentieren Charaktere,
die sich aufgrund psychischer Störungen zwanghaft verhalten. Als Fremd-
kontrolle erscheint, was – aus psychologischer Sicht – in einer Abspaltung un-
bewusster Persönlichkeitsteile, in der wahnhaften Projektion triebhafter Im-
pulse und unausgesprochener Sehnsüchte oder in der Wiederkehr verdrängter
Wahrheiten begründet liegt. Das Spiel mit psychopathologischen Zuständen und
Wahrnehmungsstörungen zeigt sich im Film als beliebtes Sujet, bietet es doch
die Möglichkeit, die Zuschauer durch die vermeintlich objektive Darstellung
subjektiver Erfahrungen und Wahrnehmungen in die Irre zu führen und durch
die finale Aufdeckung der wahren Sachverhalte zu verblüffen. Wie bereits Das
Kabinett des Dr. Caligari, nutzen diese Filme das Potenzial des Mediums, den
Rezeptionsprozess absichtsvoll zu kontrollieren und in bestimmte Richtungen zu
lenken.
In Der freie Wille (2006) zeichnen Regisseur Matthias Glasner und Darsteller
Jürgen Vogel das intensive, abgründige Porträt eines Vergewaltigers, der ver-
sucht, Herr über seine Triebnatur zu werden und die Kontrolle über sein Leben
wiederzugewinnen. Doch erotische Bilder auf Werbeplakaten und im Fernsehen,
Medienrepräsentationen einer sexualisierten Gesellschaft – eine im und durch
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 101

den öffentlichen Raum stets präsente Bedrohung – unterminieren seine Be-


mühungen und stimulieren seinen gewalttätigen Trieb; auch die Beziehung zu
einer jungen Frau droht an dem nicht zu überwindenden Ausgeliefertsein an den
Trieb zu scheitern. Der Konflikt zwischen dem freien Willen und freien Handeln
einerseits und der zwanghaft erlebten Kontrolle durch den Sexualtrieb anderer-
seits scheint unlösbar. Doch was ist freier Wille, was ist Fremdkontrolle in diesem
Fall? Entsteht Fremdkontrolle durch mediale Diskurse und sexuelle Stimulationen
(von außen) … oder durch die eigene Triebhaft igkeit (von innen)? Als freier Wille
ist sicherlich die positive Kraft des Individuums zu verstehen, menschlich zu
handeln, d. h. frei und eigenverantwortlich zu entscheiden, sich von Trieben und
destruktiven Kräften (des Inneren und Äußeren) zu emanzipieren.

3.2 Phantastische Ursachen der Fremdkontrolle

Viele der Filme über Fremdkontrolle gehören dem phantastischen Genre an. Die
Macht, die von außen auf das Individuum oder eine ganze Gesellschaft einwirkt,
wird mit der Existenz übermenschlicher Kräfte, dämonischer Wesen oder außer-
irdischer Intelligenzen erklärt. Durch Interpretation der Filme können diese un-
heimlichen und mächtigen Akteure gleichwohl wieder auf menschliches Maß
reduziert werden; dann erscheinen sie als Personifi kationen des Unbewussten oder
als Metaphern rigider gesellschaft licher Strukturen und sozialer Entfremdungs-
erscheinungen. Das Interesse, Motive und Elemente des Phantastischen zu inter-
pretieren und mit relevanten individuellen Befindlichkeiten und sozialen Er-
fahrungen in Verbindung zu bringen, sorgt dafür, dass sich das Spektrum der
Erklärungsansätze breit und prinzipiell offen präsentiert, dass Ich-Verlust und
Fremdkontrolle als thematische Aspekte in narrativen Fiktionen vielseitig deut-
bare Phänomene bleiben.
Die Macht des Voodoo3 und die Bedrohung, durch magisch-religiöse Rituale
in einen willenlosen Zombie verwandelt zu werden, sind Motive des Films White
Zombie (1932, Victor Halperin). Hier nutzt ein schurkischer Unternehmer auf
Haiti seine Fähigkeit der Zombifi zierung, um sich billige Arbeitskräfte für seine
Mühlen und Raffinerien zu beschaffen und um sich eine junge Frau gefügig zu
machen. Untote Zombies maximieren einerseits den wirtschaft lichen Ertrag und
sollen andererseits erotische Gelüste befriedigen. Die durch Voodoo-Magie er-
zwungene Fremdkontrolle spielt also in die durchaus modernen Bereiche der
ökonomischen Ausbeutung und der emotionalen Entfremdung und Beziehungs-

3 Vgl. hierzu den Beitrag von Bettina Schmidt in diesem Band.


102 Matthias Hurst

unfähigkeit hinein. In The Serpent and the Rainbow (Die Schlange im Regen-
bogen, 1987, Wes Craven) wird der Zombie-Kult zum Instrument politischer Ein-
schüchterung und Unterdrückung, ausgeübt durch den haitianischen Diktator
Duvalier und seine berüchtigte Geheimpolizei Tonton Macoute.
Rosemary’s Baby (Rosemaries Baby, 1968, Roman Polanski) handelt von einer
jungen Frau, die – wie es scheint – in die Hände von Teufelsanbetern gerät und
missbraucht wird, um den Antichristen, den leibhaft igen Sohn Satans, auf die
Welt zu bringen. Vom Ehemann verraten, von den konspirierenden Nachbarn be-
drängt und vom Teufel während einer unheiligen Zeremonie geschwängert, fühlt
sich Rosemarie den fremden Mächten um sich herum ohnmächtig ausgeliefert.
Je weiter ihre Schwangerschaft voranschreitet, desto weniger Kontrolle hat sie
über ihr Leben. Aber ist es wahr, dass sie das Opfer von Satanisten geworden
ist und tatsächlich ein Kind des Teufels in ihrem Bauch heranwächst? Oder ist
dies alles nur Einbildung und Folge einer durch die Schwangerschaft bedingten
Paranoia? Natürlich macht gerade diese Ambiguität, das Oszillieren zwischen
phantastischer und rein psychologischer Erklärung, den Reiz des Films aus.
Der folgende Fall scheint eindeutiger zu sein: William Friedkins The Exorcist
(Der Exorzist, 1973) erzählt von einer dämonischen Besessenheit. Das Mädchen
Regan zeigt eines Tages verstörende Verhaltensänderungen: Sie stößt mit heiserer
Stimme obszöne Flüche aus, spuckt Schleim und masturbiert mit einem Kruzifi x.
Eine fremde Macht, die als archaischer Dämon Pazuzu identifi ziert wird, hat von
ihr Besitz ergriffen. Alle medizinischen und psychologischen Interventionen er-
weisen sich als nutzlos; lediglich ein Exorzismus nach katholischem Ritual scheint
Erfolg zu versprechen und die Seele des Mädchens von dem teufl ischen Einfluss
befreien zu können. In drastischen Bildern zeigt Friedkin die Verwandlung eines
Menschen in eine abstoßende, destruktive Kreatur, die das Böse verkörpert und
die Mitmenschen in tiefe Verzweiflung und Glaubenskrisen stürzt. Entsprechend
vermag nur der feste Glaube an Gott und dessen heilsversprechende Kraft das
Problem zu lösen.4
Friedkin nutzt die Möglichkeiten des Films, um den teufl ischen Spuk effekt-
voll zu inszenieren und die Rezipienten in seinem Sinne zu beeinflussen. Der Film
zeigt lange Zeit alltägliche Dinge, wirkt nahezu dokumentarisch, um dann mit
den ersten Manifestationen des Bösen die Normalität umso wirkungsvoller aus
den Angeln zu heben. Der fi lmische Ton wird kalkuliert eingesetzt, erzeugt durch
tiefe Basstöne und unbestimmbare Geräusche eine bedrohliche Atmosphäre des
Fremdartigen. Darüber hinaus schneidet Friedkin subliminale Bilder in den Film

4 Hinsichtlich einer soziologischen Interpretation des Films vgl. Hurst (2004) und
Großhans (2010).
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 103

ein, Bilder einer dämonischen Teufelsfratze, die nur für Sekundenbruchteile


zwischen den eigentlichen Szenenbildern aufblitzen und daher von den Zu-
schauern irritiert als unheimliche, aber nicht näher bestimmbare Präsenz wahr-
genommen werden. Der Exorzist handelt daher nicht nur von Fremdkontrolle,
sondern praktiziert diese auch durch seine manipulativen Vermittlungsstrategien.
In Village of the Damned (Das Dorf der Verdammten, 1960, Wolf Rilla)
tyrannisiert eine Gruppe von telepathisch begabten Kindern, die auf mysteriöse
Weise durch außerirdischen Einfluss gezeugt wurden, die Gemeinde des
idyllischen britischen Dorfs Midwich. Durch ihre außergewöhnlichen Fähig-
keiten üben sie in immer stärkerem Maße Kontrolle über das Leben der Er-
wachsenen aus und trachten danach, die Herrschaft über die Welt an sich zu
reißen. Angst vor außerirdischen Invasoren, ideologischer Subversion und der
Auflösung traditioneller gesellschaft licher Strukturen, das Bedrohliche einer un-
gewollten Schwangerschaft – die Fremdkontrolle des weiblichen Körpers beginnt
bereits im Frühstadium der Schwangerschaft – sowie das Phänomen der sozialen
Entfremdung zwischen Eltern und Kindern verbinden sich gleichermaßen in
dieser forcierten Darstellung des Generationskonflikts.
Auch in They Live (Sie leben!, 1988, John Carpenter) geht der verhängnisvolle
Fremdeinfluss von Außerirdischen aus, die unbemerkt ein autoritäres Regime er-
richtet haben. Auf globaler Ebene wirken Aliens auf die Menschheit ein, um diese
in ein Heer gefügiger Bürger und Konsumenten zu verwandeln. Omnipräsente
Botschaften auf Plakaten und in den Medien, für das bloße Auge unsichtbar,
zielen direkt und suggestiv auf das Unterbewusstsein der Menschen und fordern
zu Gehorsam und ständigem Konsum auf. Mangel an Phantasie und Initiative,
soziale Gleichgültigkeit und steigender Konsumzwang entpuppen sich so als das
Ergebnis einer manipulativen außerirdischen Kolonial- und Ausbeutungspolitik:
Kapitalismuskritik im Gewand eines Actionfi lms mit satirischem Potenzial.

3.3 Fremdkontrolle durch Technologie und Medien

Ein weites Feld; zumal die Begriffe Technologie und Medium weit gefasst werden
können. Hypnose ist eine (mentale) Technik, und Medien im weitesten Sinne
spielen in nahezu allen Spielarten der Fremdkontrolle eine wichtige Rolle.
In The Manchurian Candidate (Botschafter der Angst, 1962, John Franken-
heimer), ideologisches Produkt aus der Zeit des Kalten Krieges, wird ein
amerikanischer Soldat durch Gehirnwäsche und hypnotische Beeinflussung
104 Matthias Hurst

des Feindes zum potenziellen Attentäter, ohne es selbst zu wissen.5 Die Fremd-
kontrolle wird psychisch ausgeübt, der fremdkontrollierte Mörder selbst zu einem
Medium.
In The Sorcerers (Im Banne des Dr. Monserrat, 1967, Michael Reeves) gelingt
es dem verbitterten Wissenschaft ler Monserrat und seiner Frau Estelle mit Hilfe
einer Hypnose-Maschine eine mentale Verbindung zu einem jungen Mann her-
zustellen und dadurch dessen Handlungen zu kontrollieren. Er muss willenlos
alles tun, was Monserrat und Estelle ihm durch Gedanken befehlen; umgekehrt
teilen die beiden alle sinnlichen Empfindungen und Gefühle ihres Opfers: Freude,
Rausch, sexuelle Erregung. Von nun an partizipiert das alte Ehepaar an der sorg-
los-beschwingten Jugendkultur der späten 1960er Jahre. Die genaue Funktions-
weise der Maschine, die zu der verhängnisvollen Symbiose führt, wird nicht
erklärt – und bereits der Originaltitel des Films weist darauf hin, dass es hier
ebenso sehr um Magie wie um Wissenschaft geht –, aber in ihrer prinzipiellen
Funktionsweise mit Licht- und Farbprojektionen und suggestiven Tönen sowie
mit ihrer Wirkung der stellvertretenden Wahrnehmung und Vermittlung von
Gefühlen und des damit verbundenen Nervenkitzels erinnert sie an audiovisuelle
Medien wie Film und Fernsehen. Hinter dem vordergründigen Horrorszenario
der Fremdkontrolle und Gedankenmanipulation verbirgt sich also nicht nur ein
Kommentar zum Generationskonflikt, sondern auch ein selbstreflexives Element
der Medienkritik.
An die Thematik der Scheinrealität und der Medienreflexion knüpft The
Truman Show (Die Truman Show, 1998, Peter Weir) explizit an. The Truman
Show zeigt satirisch-kritisch die Manipulationsstrategien des Fernsehens am Bei-
spiel des unbedarften Truman (true man) Burbank, der, ohne es zu wissen, der
Protagonist einer seit Jahrzenten, d. h. seit seiner Geburt, laufenden Reality-TV-
Show ist und dessen ganzes Leben vom Regisseur des Programms gottgleich ge-
lenkt und kontrolliert wird. Truman lebt in der idyllischen Kleinstadt Seahaven,
die ein einziges großes, hermetisch von der Außenwelt abgeschirmtes TV-Studio
ist, komplett mit Hausattrappen, versteckten Kameras und Scheinwerfern, künst-
lichem Horizont und zahllosen Statisten, die das Leben Trumans bevölkern: Ein
ganzes menschliches Dasein als gefälschte Medieninszenierung, eine Existenz,
die absoluter Fremdkontrolle unterworfen ist. Die Macht der Medien wirkt aber
in beide Richtungen: In selbstreflexiver Weise stellt Truman nicht nur für die
innerfi ktionalen Fernsehzuschauer den Helden ihrer TV-Serie dar, sondern er
entwickelt sich auch für uns Filmzuschauer zu einem Helden, als er langsam die

5 Zum historischen Hintergrund des Films vgl. den Beitrag von Andreas Anton über
Mind-control-Experimente in der Nachkriegszeit in diesem Band.
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 105

Wahrheit seines fremdkontrollierten Scheinlebens begreift und versucht, aus der


künstlichen Welt seiner bisherigen Studio-Existenz zu entfl iehen.
In Filmen von Alphaville: Une etrange aventure de Lemmy Caution (Alphaville,
1965, Jean-Luc Godard) über The Forbin Project (Colossus, 1970, Joseph Sargent)
und Demon Seed (Des Teufels Saat, 1976, Donald Cammell) bis hin zu The Matrix
(Matrix, 1999, Andy u. Larry Wachowski) übernehmen Computer die Kontrolle
über den Menschen. Sie entwickeln künstliche Intelligenz und einen eigenen
Willen, der fortan mit dem Willen ihrer Konstrukteure konkurriert; sie regulieren
das soziale Leben, um durch autoritäre Kontrolle weltweit politische Stabilität,
und d. h. Unterdrückung und gesellschaft liche Stagnation, zu garantieren. Ge-
schaffen, um Leben und Arbeit der Menschen zu erleichtern, verselbstständigen
sich die Maschinen und greifen mit rationalem Kalkül nach der Macht, wobei
individuelles Leben angesichts des funktionierenden Systems als Ganzem jeg-
lichen Wert verliert. Die zunehmende Abhängigkeit der modernen Lebens-
welt von Computern und Maschinen bildet den Hintergrund dieser Dystopien,
in denen die technische Revolution im wahrsten Sinne zur Rebellion wird und
zum Umsturz führt. Es ist zum einen die Befürchtung, dass technologische Ent-
wicklungen außer Kontrolle geraten – die Furcht des Zauberlehrlings vor seiner
eigenen Kreation –, zum anderen die Angst vor einem einseitigen, gefühllosen,
nur mehr zweckrational motivierten Lebensstil und Menschsein, die diese, natür-
lich auch zum phantastischen Genre zählenden Visionen von herrschsüchtigen
Computern prägen.
Eine Steigerungsform der Fremdkontrolle durch Computer zeigt sich in Welt
am Draht (1973, Rainer Werner Fassbinder) und Matrix: Die Protagonisten dieser
Filme müssen erkennen, dass sie in Simulationen leben, dass sie Teil einer künst-
lichen Welt sind, die von Computern erzeugt und gesteuert wird – eine Truman
Show auf globaler Ebene sozusagen –, ja dass sie womöglich selbst nichts anderes
als programmierte Datensätze mit (falschem) Bewusstsein sind. Realität als
objektive und verlässliche Kategorie existiert nicht mehr; in einer sich medial
und digital reproduzierenden und vielfach spiegelnden Welt der Simulakren und
Simulationen (Baudrillard) werden Vorstellungen wie Identität und Kontrolle
obsolet, sind gleichsam ausgelagert und in die Verantwortlichkeit höherer
Instanzen auf übergeordneten Programmierebenen übergegeben.
106 Matthias Hurst

4 Schluss

Die Überschneidungen von technologischen, psychologischen und rein


phantastischen Elementen in einigen der Filme führen dazu, dass kein klar um-
rissenes kategoriales System angewandt werden kann, um eindeutige thematische
Gruppierungen innerhalb des filmischen Kabinetts der Fremdkontrolle zu bilden.
Die Vermischungen von technologisch-phantastischen, phantastisch-psycho-
logischen oder psychologisch-technologischen Elementen – und mitunter der ent-
sprechenden Interpretationsansätze – erzeugen eine Unbestimmtheit hinsicht-
lich der zugrundeliegenden Kausalitäten, die der Thematik des Kontrollverlusts
angemessen erscheint. Die Motive und Erklärungen wie auch die unklare bzw.
mehrfache Genrezugehörigkeit bei einigen der genannten Filme verweisen auf
mannigfache Gründe und Deutungsmöglichkeiten, auf vielschichtige Szenarien
und somit auf die gleichsam unbestimmbare, komplexe, überwältigende Macht
des Phänomens der Fremdkontrolle. Die Ich-Identität und der freie Wille des
Individuums sehen sich auf mehreren Ebenen und durch mehrere Einflussgrößen
im kulturellen, sozialen und politischen Gefüge der modernen Welt der Gefahr
der Überwältigung und Fremdbestimmung ausgesetzt. Es scheint unmöglich,
nur eine Quelle der Bedrohung auszumachen, nur eine Ursache für den Schwund
an Selbstbestimmung zu identifizieren. Kräfte von innen wie von außen sind
gleichermaßen am Werk, um das Subjekt seines Willens und seiner Autonomie
zu berauben.
Fremdkontrolle ist zunächst immer fremd, d. h. der unmittelbaren Er-
kenntnis und dem sofortigen Verstehen entzogen. Eine exakte Verortung der
kontrollierenden Instanz ist daher nicht immer und augenblicklich möglich; statt-
dessen greifen viele (konkrete und abstrakte) Instanzen, verschiedene Aspekte
der Lebenswelt sowie komplexe Emotionen und Erfahrungsmuster ineinander,
um das Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts zu verstärken und eine
daraus resultierende Furcht vor Fremdkontrolle zu evozieren. Gerade diese in-
einander verschränkte Mehrdimensionalität und Multikausalität machen das Be-
drückende und Bedrohliche der Fremdkontrolle als Phänomen der Moderne aus.
Im kinematographischen Kabinett des Dr. Caligari 107

Literatur
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Sloterdijk, P. (1983). Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Fremdkontrolle im Comic

Christian Vähling

1 Der Comic als Medium und Genre

Als im November 2013 eine neue Technik zur Gedächtnismanipulation bei


Mäusen vorgestellt wurde, bezeichneten einige Medien diese Technik als „straight
out of a comic book“ (etwa GRR 2013). Dies ist nur einer von unzähligen Hin-
weisen darauf, wie verbreitet die Vorstellung ist, der Comic sei das Medium für
solche Inhalte1. Dem zugrunde liegt eine unwillkürliche Vorstellung der Comics
als bunte und irgendwie ‘knallige‘ Geschichten für Kinder (oder Kindgebliebene),
die auf Spannung oder Humor ausgelegt sind, in jedem Fall aber eher auf einen
unreflektierten Affekt als auf Reflexion und Kontemplation abstellen.
Erzählerische Motive, die dieser Vorstellung entsprechen, werden als be-
sonders ‚comichaft‘, als dem Comic-Medium in besonderer Weise entsprechend,
wahrgenommen – unabhängig davon, was für Inhalte sich sonst noch in Comics
darstellen lassen oder in welchen Medien diese Elemente sonst zum Ausdruck
kommen. Wenn ich im Folgenden vom ‚Comichaften‘ spreche, meine ich deshalb
keine Eigenschaft, die sich wirklich auf die Comics bezieht, sondern eine inhalt-
liche Zuschreibung von außen, die den Comic nicht als formale Ausdrucksform
sieht, als Medium, sondern als inhaltliche Nische, als Genre, oder genauer, als
klar abgrenzbare Gruppe von Genres.2 Dabei haben die Rezeption und die Ana-

1 Fairerweise sollte erwähnt werden, dass der genannte Artikel sich im Folgenden eher
an Science-Fiction-Romanen orientiert.
2 Die Abgrenzung zwischen dem Comic als Erzählform und als kulturelle Nische spiegelt
sich in der Bezeichnung des Mediums. Der Bezug auf den Comic Strip, ursprüng-
lich wörtlich als „komischer (Bilder-)Streifen“ gemeint, erscheint vielen Betrachtern
und Comicschaffenden zu eng und zu sehr mit den soziokulturellen Traditionen
des Comics behaftet. Deshalb spricht Eisner (1985) von „sequenzieller Kunst“ und
Cohn (2005) von „visueller Sprache“. Auch die Abgrenzung der Graphic Novels von

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_7, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
110 Christian Vähling

lyse des Comics als Medium seit der Entstehung dieser Vorstellung starke Fort-
schritte gemacht. Zu erwähnen wären hier etwa Arbeiten von Scott McCloud
(1994), Neil Cohn (2005) und Will Eisner (1985), die genreunabhängig und rein
von den Möglichkeiten des Mediums aus, im Gegensatz zu den Grenzen seines
Gebrauchs, die Ausdrucksmittel des Comics herausarbeiten.
Wenn es so etwas wie einen ‚comic-typischen‘ Umgang mit dem Motiv der
Fremdkontrolle gibt, dann fi ndet er sich wahrscheinlich am ehesten in jenem Be-
reich des Comics als Genre, über den die Comic-Theorie (und auch der Comic
selbst) hinausgewachsen ist. Es gilt also zunächst, herauszuarbeiten, was denn
genau dieses Typische ist, ohne dabei die Problematik einer Verengung des Be-
griffs zu vergessen.

2 Traditionen des Comics

Von Anfang an lässt sich die Geschichte der Comics (auch) als eine der
Kommerzialisierung und Trivialisierung beschreiben – je nachdem, wo man den
Anfang setzt. Das Erzählen in Bildern lässt sich mit einigem guten Willen über
die Geschichten Rodolphe Töpffers und Wilhelm Buschs sowie die Bildtafeln des
Mittelalters bis zu den Hieroglyphen zurückverfolgen. (McCloud 1994, S. 10ff.)
Von Comics im engeren Sinne können wir aber erst ab den Zeitungsstrips des
späten 19. Jahrhunderts reden, und diese Comics sind ein direktes Produkt der
Massenmedien, ausgelegt auf Popularität und Breitenwirkung.

2.1 Die Vaudeville-Tradition

Entsprechend des Ausrufs des Zeichners Rube Goldberg, Comiczeichner seien


„Vaudevillians“ (McCloud 2005, S. 26f.), scheint der frühe Comic tatsächlich
eine Affinität zu den Attraktionen der Vaudeville-Bühnen seiner Zeit zu haben.
Hervorgegangen aus dem editorischen Cartoon Ende des 19. Jahrhunderts, aber
produziert für die Farbbeilagen der Zeitungen, bestachen die frühen Comic Strips
durch eine Direktheit und Unbekümmertheit, die man sonst eher von volkstüm-
lichen Kunstformen wie dem Jahrmarkt (einschließlich der dort vorgestellten
ersten Filme) oder vom Zirkus her kannte. Slapstick, überzeichnete Charaktere
und eine Sprache, die mehr der Straße zu entstammen schien als der Literatur,

herkömmlichen Comics durch einige Verlage, Händler und Comicschaffende lässt


sich in diesem Zusammenhang verstehen.
Fremdkontrolle im Comic 111

prägten diese Phase. Erst der Einfluss von Syndikaten für den landesweiten Ver-
trieb der Comics ab 1915 bewirkte eine Glättung der Inhalte und Ausdrucks-
mittel.
Die Logik des Slapstick ist dabei eine der Eskalation: Situationen werden auf die
Spitze ihrer komischen Möglichkeiten getrieben, jede Reaktion ist im Grunde eine
Überreaktion, und eine nachvollziehbare Motivation ist weniger wichtig als der
komische Effekt. Diese Tradition ist inzwischen einer gemäßigteren, gesetzteren
Erzählweise gewichen, hinterlässt aber Spuren bis in die heutigen Comics hinein.

2.2 Die Pulp-Tradition

Mit dem Aufkommen der Abenteuer-Strips in den frühen 1930er Jahren ent-
wickelten die Comics eine starke Affinität zu einer anderen Erzähltradition: den
Abenteuergeschichten der als ‚Pulps‘ bekannten Trivialliteratur. Tatsächlich er-
schienen schon früh Pulp-Helden wie Tarzan und Buck Rogers (beide ab 1929)
erfolgreich als Comics.
Das Erscheinen der Pulp-Abenteuer in Fortsetzungen bedingt den Gebrauch
von Elementen wie schnellen Einstiegen und den als Cliffhanger bekannten
Spannungsmomenten am Ende einer Folge – Elementen, die im Comic Strip auf-
grund des knappen Platzes von vier Bildern bis zu einer Seite pro Folge erst recht
zum Tragen kommen und den bereits vorgefundenen Hang der Comics zum
Sensationellen noch verstärken.
Auch das am stärksten ‚ikonische‘ Genre der Comic Books, die Superhelden,
entstand aus Elementen von Pulp-Genres wie Krimi und Science Fiction. Mit
den bunten, zirkusartigen Kostümen kommt auch die Vaudeville-Vergangen-
heit des Comics wieder zum Vorschein, wenngleich diese Kostüme wahrschein-
lich eher den Bedingungen des Farbdrucks entsprangen. Zu den herausragenden
Merkmalen des Superhelden-Comics gehört eine Dringlichkeit und Physikalität
der Handlungsmuster, die den übersteigerten Fähigkeiten der Helden entspricht.
Hier kommt, ähnlich wie beim Slapstick, eine Logik der Eskalation zum Ausdruck.

2.3 Die Zäsur des Comics Code

Jeder dieser Entwicklungsschritte scheint mit öffentlichen Protesten gegen die Ge-
fahren des neuen Mediums einherzugehen. Anfangs wurde der grobschlächtige
Humor kritisiert (vgl. Nyberg 1999, S. 2), später war es die Abkehr davon und
die Hinwendung zu angeblich verstörenden abenteuerlichen Inhalten (ebd., S. 4).
112 Christian Vähling

In den frühen fünfziger Jahren entbrannte in der gesamten westlichen Welt


eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen über die Comics. In den USA ging
es vor allem um die nach dem Zweiten Weltkrieg beliebten Horror- und Crime-
Comics, während in Deutschland, wo es keine nennenswerte Comic-Tradition
gab, das ganze Medium am Pranger stand (vgl. Jovanovich und Koch 1999). Der
Comic galt als verwirrend, bildungsentwöhnend, kriminalisierend und schlecht
für die Augen. Im Kern ging es aber überall um die Beobachtung, dass die Kinder
der Nachkriegsgeneration sich dem Einfluss der Erwachsenen zu entziehen und
anderen, (sub-)kulturellen Einflüssen zuzuwenden schienen (ebd., S. 94).
In den USA wurde 1954 zur Selbstkontrolle der Verlage der Comics Code ein-
gerichtet, nach dem Vorbild des Hays Code für Filme. Mit dem Comics Code
wurde die bis dahin sehr dynamische Entwicklung der Comics gewissermaßen
eingefroren. Die Festlegung auf bestimmte Inhalte, Charakterisierungen und
Haltungen begrenzte insbesondere auch die Möglichkeiten der Comics, auf ge-
sellschaft liche Entwicklungen einzugehen. Verbrechen mussten immer geahn-
det werden, Helden mussten durch und durch gut sein, Frauen mussten eine Ehe
anstreben, überhaupt durften Institutionen wie Ehe, Staat und Religion nicht
kritisiert werden.3 Viele der Elemente, die am Comic später als rückschrittlich
kritisiert wurden, gehen auf diese Regelungen zurück (vgl. Kagelmann 1975, S.
48ff.).

2.4 Was nicht ins Bild passt

Bereits vor den Anti-Comic-Kampagnen hatten sich die Märkte in verschiedenen


Ländern auseinander entwickelt, und heute gibt es deutliche Unterschiede
zwischen den Comictraditionen in Europa (besonders Frankreich und Belgien),
den USA und Ostasien, um nur die größten Märkte zu nennen, sowie innerhalb
der jeweiligen Traditionen. Underground-Comics einerseits, künstlerisch hoch-
wertige europäische Albenreihen andererseits lassen sich ebenso wie die immer
noch recht vielfältigen Comic Strips als Teil der Comictradition lesen, die stark
über die inhaltliche Nische des Comichaften hinausweisen.
Gefestigte Vorstellungen sind aber schwer zu unterwandern, und deshalb
ist der Begriff des ‚Comichaften‘ nach wie vor stark von den Pulp- und Funny-
Traditionen früherer Jahrzehnte geprägt, während neuere Entwicklungen wie die

3 Zumindest in den Fassungen von 1954 und 1971. 1989 wurden diese sehr spezifischen
Regeln durch allgemeinere Formulierungen ersetzt. Zu den verschiedenen Fassungen
des Comics Code vgl. Nyberg (1998, S. 165ff.).
Fremdkontrolle im Comic 113

seit den neunziger Jahren populären Graphic Novels mit ihrem Schwerpunkt auf
weniger sensationelle Inhalte erst langsam beginnen, Teil der kanonischen Wahr-
nehmung zu werden.
Autoren wie McCloud (1994) und Cohn (2005) haben immer wieder darauf
hingewirkt, den Begriff der Comics auf eben jene Werke zu erweitern, die nicht
den engen Gesetzen des Mainstream-Marktes folgen. Aber nicht nur ist dieser
Markt nach wie vor sehr dominant (ebd., S. 10), er hat auch Tradition. Diese
Tradition wird auch von vielen Comicschaffenden (und Lesern) aufrechterhalten,
sei es aus Nostalgie, aus kommerziellen Überlegungen oder weil sie den vertrauten
Mustern neue Seiten abgewinnen wollen.
Noch Anfang der siebziger Jahre konnte Baumgärtner (1979, S. 66) nicht-
triviale Comics ohne viel Widerspruch als „Sondererscheinung, produziert für
Intellektuelle, Ästheten und Snobs, die anderes und anders rezipieren als der
durchschnittliche, typische Comic-Konsument“ abtun. Dieses Insistieren auf den
Ausnahmecharakter anspruchsvoller Comics (und den Regelcharakter der von
Baumgärtner zuvor analysierten Abenteuer-Comics) zeigt, wie hartnäckig sich
die Vorstellung der Comics als Trivialmedium im Denken der Bildungseliten der
siebziger Jahre festgesetzt hatte.

3 Ausgewählte Elemente des Comichaften

Baumgärtners Analyse der Comic-Inhalte (1965) galt neben einer ähnlichen


Arbeit von Doetsch (1958) lange als die einzige ernstzunehmende Analyse von
Comics im deutschsprachigen Raum (Kagelmann 1975, S. 38). Wie Kagelmanns
eigene Studie oder auch Umberto Ecos (1984) Essay zur Massenkultur, gehen
diese Untersuchungen von einer verengten Auswahl an Comics aus. Baum-
gärtners Studie etwa basiert auf Abenteuercomics, die bei einzelnen ‚Schundheft‘-
Sammelaktionen in den Fünfzigern zusammengekommen waren, und kann in
keiner Weise als repräsentativ gelten, nicht mal für die Zeit ihrer Erfassung.4
Für die folgende Betrachtung einiger in Bezug auf das Thema ‚Fremdkontrolle‘
interessanten inhaltlichen Elemente bieten diese Analysen jedoch gerade auf-
grund ihrer eingeschränkten Perspektiven einen guten Ausgangspunkt, zu-
mindest für die allgemeingültigeren Motive. Denn aus ihnen spricht das Ver-
ständnis des Comics als inhaltlich bestimmter kultureller Nische, von dem die

4 In der erweiterten Neuauflage 1979 änderte Baumgärtner immerhin den Titel seiner
Studie von „Die Welt der Comics“ zu „Die Welt der Abenteuer-Comics“, um der
Weiterentwicklung der Comics Rechnung zu tragen.
114 Christian Vähling

Comic-Theorie seitdem mit gutem Grund abgerückt ist, das aber gerade für die
Betrachtung des Comichaften im Comic relevant ist.

3.1 Die Welt der Abenteuer-Comics

Ausgehend von den genannten Erzähltraditionen können wir festhalten, dass


das Comichafte durch einen Hang zum Sensationellen und zum Exzess der Reize
geprägt ist. Kommerzielle Comics sollen Staunen und Begeisterung hervor-
rufen. Die Inhalte sind leicht erfassbar und kreisen für den geübten Leser um ein
Zeichensystem wiedererkennbarer Elemente.
Die Welt der Pulp-Comics erscheint gegenüber der Realität stark vereinfacht.
Sie besteht aus allgegenwärtigen Bedrohungen, Feinden sowie einer Bevölkerung,
die vom Helden entweder verteidigt oder befreit werden muss, weil sie selber dazu
nicht in der Lage ist. (Baumgärtner 1965, S. 64ff.). Gewissermaßen präsentieren
die Pulps eine auf die Anforderungen des jeweiligen Genres komprimierte Welt,
in der alles diesem Genre entspricht und seiner Erzähllogik folgt.
Diese Welt ist weitgehend statisch: Zum Anfang der nächsten Geschichte muss
der Status Quo wiederhergestellt sein, sonst geht der Wiedererkennungseffekt,
der den Reiz einer Serie ausmacht, verloren (Eco 1984, S. 211ff.). Zudem erscheint
in der Welt der Trivial-Comics „die Prädestination verwirklicht“ (Doetsch 1958,
S. 61): Gut und Böse erscheinen als absolute Persönlichkeitsmerkmale. Auch in
diesem Sinn ist die Comic-Welt statisch.
In Bezug auf die geistige Manipulation von Charakteren bedeutet dies, dass
die hypnotische Kontrolle gewissermaßen darauf hinausläuft, einen Schalter im
Kopf des Manipulierten von ‚gut‘ auf ‚böse‘ bzw. von ‚frei‘ auf ‚unfrei‘ umzulegen.
Vielleicht erscheint deshalb die Manipulation von Individuen in vielen frühen
Comics als kein echtes Problem (vgl. Kap. 5) – die Opfer der Manipulation sind in
der Logik dieser Geschichten gar nicht als Individuen erkennbar, es sei denn, die
Manipulation richtet sich gegen die Protagonisten selbst.

3.2 Die Rolle des Helden

Die besprochenen Mainstream-Comics sind stark um ihre jeweiligen Helden


herum aufgebaut. Diese sind das „Maß aller Dinge“ (Doetsch 1958, S. 61) –
sowohl in dem Sinn, dass alle anderen Figuren ihre Bedeutung über ihre Nähe
zum Helden erhalten, als auch, weil der Held der moralische Ankerpunkt des
Comics ist. Die Helden der Abenteuercomics folgen den Normen der Rechts-
Fremdkontrolle im Comic 115

ordnung und arbeiten gegebenenfalls mit der Polizei zusammen; dabei sind sie
aber vor allem ihrer eigenen Moral verpfl ichtet und vertrauen eher auf ihre eigene
Durchsetzungskraft denn auf die der Staatsorgane (Baumgärtner 1965, S. 46). Zur
Durchsetzung ihrer Ziele nutzen sie alle Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen
– inklusive proaktiver Gewalt, zu der sie aufgrund ihrer zentralen Stellung im
sozialen (und sowieso im narrativen) Gefüge des Comics berechtigt erscheinen.
Ein solchermaßen autarkes Individuum lädt natürlich dazu ein, es wieder-
holt den Gefahren einer fremden Gedankenkontrolle auszusetzen. So wird in
Floyd Gottfredsons „Blaggard Castle“ Mickey Mouse genau aus diesem Grund
als Testobjekt für den Hypnosestrahl ausgesucht: Wenn er damit zu beeinflussen
ist, ist es jeder. Auch die Helden des Abenteuerstrips Modesty Blaise werden als
besonders willensstark geschildert, was Autor Peter O’Donnell wiederholt zum
Anlass nimmt, sie genau an diesem Punkt, nämlich ihrer Autonomie, angreifen
zu lassen.

3.3 Die Grundtechniken der Gedankenkontrolle

Fremdkontrolle im Sinne von ‚mind control‘5 wird im Comic zumeist durch


drei Mechanismen auszuüben versucht: durch Magie, durch Wissenschaft oder
durch Telepathie, wobei letztere in den Comics als Geisteskraft den Charakter
einer natürlichen Fähigkeit erhält und von der Magie unterschieden wird. In
Anlehnung an den bekannten Ausspruch Arthur C. Clarkes, jede zureichend
fortschrittliche Technologie sei nicht von Magie zu unterscheiden, verwischen
allerdings, erzählerisch gesehen, die Grenzen zwischen Wissenschaft und Magie.
Die Wirkungsmechanismen der Kontrolle werden entweder gar nicht geklärt oder
sind dermaßen aus der Luft gegriffen, dass sie im Grunde keine Erklärfunktion
haben.
Magie im engeren Sinn umfasst alles, was den Arbeitsbereich eines Zauberers
klassischen Typs betrifft, einschließlich Hypnose. Diese lässt sich zwar als Psycho-
technik auch der Wissenschaft zuordnen, scheint aber in den Comics nur in Aus-
nahmefällen von psychologisch geschulten Experten betrieben zu werden. Auch
dämonische Besessenheit lässt sich dem Bereich der Magie zuordnen.
Wissenschaft umfasst neben ‚Hypnosestrahlen‘ und ‚Gehirnwäsche‘ auch einen
Angriff mit Drogen oder Duftstoffen, die bestimmte Reaktionen auslösen, sowie

5 Zum Begriff und zum Realitätsgehalt entsprechender Bestrebungen vgl. den Beitrag
über mind control von Andreas Anton in diesem Band.
116 Christian Vähling

komplexere Prozesse, die sich jeweils aus verschiedenen Techniken zusammen-


setzen.
Telepathie bezeichnet ursprünglich die Fähigkeit, mit anderen Kontakt per
Gedanken aufzunehmen,6 wird in den Comics aber sehr oft zur Manipulation
anderer verwandt, möglicherweise weil in einer Pulp-Welt eine Fähigkeit nur
dann wirklich Bedeutung hat, wenn sie sich im Sinn der genretypischen Konflikte,
also zum Kampf, einsetzen lässt.
Darüber hinaus kommen natürlich auch ‚diesseitige‘ Formen der Fremd-
steuerung vor: Überredung, Erpressung, Verführung, gesellschaft licher oder
politischer Druck. Der Reiz dieser Darstellungen liegt, im Gegensatz zu den im
weiteren Sinn ‚magischen‘ Formen, oft gerade in der Nachvollziehbarkeit. So ist
der Effekt, wenn Lucy bei den Peanuts Charlie Brown mal wieder überredet, den
Ball zu treten, austauschbar und eigentlich uninteressant – man weiß von vorn-
herein, dass sie ihn wegziehen wird. Der Reiz liegt darin, zu sehen, wie sie ihn
diesmal dazu kriegt. Die „magischen“ Kontrollformen dagegen interessieren eher
vom Effekt her.

3.4 Weird Science

Der Einsatz ‚verrückter Technologien‘ zur Durchsetzung krimineller Interessen


bietet sich im Comic geradezu an: zum einen sind diese Technologien visuell
interessant, zum anderen ist ihnen das Versprechen der Sensation eingeschrieben
– sie sind per Definition neu und aufregend. Unter dem Begriff ‚weird science‘, ent-
lehnt einer Comic-Reihe des US-Verlags EC, lässt sich jede Art besonders extra-
vaganter fi ktiver Forschung und Technologie zusammenfassen, die über die heute
bekannten wissenschaft lichen Erkenntnisse und technologischen Möglichkeiten
hinausgeht, und deren Einsatz Spannung und Unterhaltung verspricht.
Ungeachtet der oft ans Magische grenzenden Extravaganz der weird science
haben die Autoren doch immer wieder den Anspruch, sie wie ‚wirkliche Wissen-
schaft‘ aussehen zu lassen. So erklärt Peter O’Donnell, Autor des Agentenstrips
Modesty Blaise, oft über mehrere Strips hinweg die im Comic angewandte
Technik, manchmal mit Verweis auf bestehende Theorien oder Forschungsergeb-
nisse. Wobei der eigentliche Wirkmechanismus wiederum oft nicht zufrieden-
stellend erklärt wird (wohl weil er beim heutigen wissenschaft lichen Kenntnis-
stand nicht erklärt werden kann oder einfach nicht diese Wirkung hätte).

6 Vgl. hierzu auch den Beitrag von Martin Engelbrecht zur Telepathie und Empathie in
der Science Fiction in diesem Band.
Fremdkontrolle im Comic 117

Weird science wird in den Comics von ‚science villains‘ (kriminellen Wissen-
schaft lern) oder ‚mad scientists‘ (verrückten Wissenschaft lern) betrieben.
Das Motiv des kriminellen Wissenschaft lers war in Pulps und Filmen bereits
popularisiert worden und lässt sich bis zu Romanfiguren wie Fu Manchu oder
Kapitän Nemo zurückverfolgen. Eine dritte Gruppe wären Wissenschaft ler im
Dienst der Antagonisten des Helden, die aber deren Ziele nicht unbedingt teilen
und manchmal auch gegen ihren Willen für diese arbeiten müssen.
Die weird science bietet eine Reihe von Kontrolltechnologien: Häufig wieder-
kehrende Motive sind Hypnosestrahlen aus allerlei Endgeräten von der Strahlen-
kanone bis zum herkömmlichen Radio, Gehirnwäsche, die wiederum eine ganze
Reihe von Einzeltechniken umfassen kann, sowie subliminale Botschaften7 in
Bild und Ton.

4 Erscheinungsformen der Fremdkontrolle

Unabhängig von der jeweiligen Methode können wir die Darstellungen von
Fremdkontrolle im Comic danach unterscheiden, wer wen zu welchem Zweck
kontrolliert und welche Konsequenzen dies in Bezug auf die zentralen Charaktere
des Comics hat. Eine umfassende Analyse würde die Akteure, Ziele und
Konsequenzen etwa in Kategorien wie ‚science villain‘, ‚mad scientist‘, ‚Super-
held‘, ‚Weltherrschaft‘, ‚Schutz der Geheimidentität‘ unterteilen und aufl isten,
welche Muster sich zwischen diesen Kategorien ergeben. Aus Gründen des Um-
fangs und der Lesbarkeit sollen hier aber nur einige Aspekte hervorgehoben
werden. Als grobe Unterteilung bietet sich zunächst die Frage an, wer die Fremd-
kontrolle gegen wen einsetzt.

4.1 Wenn’s die Bösen tun

Das Mickey-Mouse-Abenteuer „Blaggard Castle“ (1932, Autor: Floyd Gottfredson)


gilt als das erste Auft reten von science villains im Comic (Gerstein und Groth
2011b, S.108). Dass damit das beliebte Motiv des Hypnosestrahls aus den Pulps
erstmals ausgerechnet in einem Gag-Strip wie Mickey Mouse vorkommt, ist eine
Besonderheit, aber nicht überraschend: Autor und Zeichner Floyd Gottfredson
war in seiner Kindheit ein begeisterter Leser von Pulp-Romanen (Gerstein und

7 Vgl. hierzu den Beitrag über sublime (Werbe-)Botschaften von Georg Felser in diesem
Band.
118 Christian Vähling

Groth 2011a, S. 11). Die Stripserie um Mickey Mouse bot ihm den richtigen
Rahmen für dieses Thema, denn sie war fast von Anfang an auf eine Mischung
aus Humor und Abenteuer ausgelegt.
Die Wissenschaft ler in dieser Geschichte, drei Affen mit Labormänteln,
werden mit allen Mitteln der Pulp-Tradition charakterisiert: verrücktes, ver-
schwörerisches Lachen, wirre Mähnen, gedrungene Körperhaltungen, der
Wunsch nach Weltherrschaft. Optisch orientiert sich Gottfredson an der Ästhetik
von Horrorfi lmen, was die Absicht nahelegt, dass die geplante Massenhypnose
durchaus als bedrohliches Szenario empfunden werden soll.
Das Motiv des Hypnosestrahls taucht in vielen Comics auf, oft verstärkt oder er-
setzt durch Sendetechnologien wie das Fernsehen. Eine sehr ähnliche Anwendung
wie in „Blaggard Castle“ findet sich im Spirou-Album „Der Plan des Zyklotrop“
(1959, Story: Greg und Franquin). Hier wird der Strahl benutzt, um Menschen
zu willenlosen Helfern des kriminellen Genies zu machen, was eine weitere be-
liebte Trope der Willensbeugung im Comic ist. In ‚ernsteren‘ Comics der Pulp-
Tradition gibt es science villains wie den Green-Lantern-Gegner Puppeteer (ab
1960), der anfangs als ‚Puppet Master‘ mit Hypnosestrahlen auft ritt.8
Die Motive der Manipulation lassen sich in drei Haupttypen unterteilen:

1. Weltherrschaft (durch Massenhypnose). Dieses Motiv taucht meistens eher als


noch zu erreichendes Ziel der Gegner auf und wird oft nicht weiter spezifiziert.
2. Rekrutierung willenloser Helfershelfer. Dieses sehr häufige Motiv lässt sich
auch als Zuspitzung der von Baumgärtner kritisierten Darstellung des Volkes
als passiver, den Handlungen der Helden und seiner Gegner ausgelieferter
Masse lesen.
3. Korrumpierung des Protagonisten oder ihm nahestehender Nebenfiguren zur
Ausübung eines Verbrechens, oft mit dem weiteren Ziel, diese Person (bzw.
den Helden) psychisch zu vernichten oder zu diskreditieren.

Ein weiteres Motiv ist der Einsatz von Hypnose oder Wahrheitsdrogen mit dem
Ziel, vom Opfer Informationen zu erlangen. Hier nehmen sich die ‚Bösen‘ und
die ‚Guten‘ aber nichts, dieses Ziel kann also – in der Logik der entsprechenden
Comics – nicht für sich als ‚verbrecherische Manipulation‘ beschrieben werden.
Der entscheidende Unterschied liegt, wie auch beim Einsatz von Gewalt bis hin
zur Folter, darin, wofür die Informationen anschließend benutzt werden. Hier
scheint der Zweck die Mittel zu heiligen.

8 Nicht zu verwechseln mit dem Puppet Master bei Marvel, der Menschen mit einer Art
Voodoo-Puppe kontrolliert.
Fremdkontrolle im Comic 119

4.2 Wenn’s die Guten tun

Mandrake the Magician (ab 1934) ist einer der frühesten Abenteuerstrips. Die
Titelfigur ist ein Magier mit Frack, Zylinder und Umhang eines Bühnenzauberers,
der Verbrecher jagt. Einer seiner Standardtricks ist die „hypnotische Geste“, deren
Natur nicht weiter erläutert wird, die aber bewirkt, dass allen Umstehenden be-
stimmte Illusionen suggeriert werden. Mit seinen gesteigerten Fähigkeiten lässt
sich Mandrake als einer der ersten Superhelden beschreiben.
Die Wirkung der Illusionen wird nur so lange thematisiert, wie diese Mandrake
nutzen. Danach bewegt sich die Handlung schnell zum nächsten Hindernis, das es
zu überwinden gilt. Die Illusionen erhalten dadurch den Charakter eines ‚plot de-
vices‘, eines bequemen Mechanismus, der nach Belieben die Handlung vorantreibt.
Als Fremdkontrolle werden sie zumindest in den (wenigen) mir vorliegenden Comics
nicht thematisiert. Dies lässt sich als zumindest anekdotische Bestätigung von
Doetschs (1958, S. 61) bereits erwähnter These lesen, dass der Held das „Maß aller
Dinge“ sei. Die Perspektive überwundener Gegner interessiert die Autoren nicht.
Eine ähnliche Figur aus derselben Zeit ist der Pulp-Charakter The Shadow,
der ab 1940 als Comic adaptiert wurde. Der Shadow verfügt ebenfalls über
hypnotische Kräfte, die er bei der Verbrecherjagd einsetzt, allerdings greift er auf
herkömmlichere Hypnosetechniken zurück: einen starren Blick und suggestive
Worte. Er nutzt seine Kräfte auch tatsächlich zur Kontrolle von Figuren, vor allem
von Handlangern seiner Gegner.
Andere Anwendungen der Gedankenkontrolle durch Helden kann von der
telepathischen Koordination einer Evakuierung bis zum Wenden der ‚bösen‘
Technologie gegen den Verbrecher gehen. Ein Spezialfall der Manipulation im
Superheldencomic ist das ‚mind wipe‘, das Hervorrufen von teilweisem Ge-
dächtnisschwund bei Freund und Feind, oft um die Geheimidentität des
Protagonisten zu schützen. Diese Möglichkeit erlaubt Autoren, Geschichten zu
erzählen, die sonst den statischen Rahmen der Serien sprengen würden. Meist
wird diese Gedächtnismanipulation recht sorglos angewandt. Die darin zum Aus-
druck kommende Macht wurde allerdings schon in X-Men Nr. 2 (1963, Autor: Stan
Lee) kurz problematisiert. Und in der Justice League-Miniserie „Identity Crisis“
(2004, Text: Brad Meltzer) führt die häufige Anwendung des mind wipe in der
Vergangenheit zu einem wesentlichen Konflikt innerhalb des Superhelden-Teams
und erlangt so in der Folge eine wesentliche Bedeutung für das gesamte Super-
helden-Universum des DC-Verlags.9 Im Mittelpunkt steht dabei die moralische

9 Während ursprünglich jede Serie für sich stand, haben sich durch Gastauftritte und
die Bildung von Teams wie der Justice League nach und nach zusammenhängende
120 Christian Vähling

Frage, ob es Helden erlaubt sein soll, in dieser Weise Menschen zu manipulieren,


selbst wenn es Verbrecher sind.

4.3 Wenn’s die Gesellschaft tut

Politische oder gesellschaft liche Kontrolle ist natürlich nicht mit Fremdsteuerung
im Sinne von ‚mind control‘ gleichzusetzen und bietet sich teilweise geradezu
als Gegenmotiv zur ‚comichaften‘ Kontrolle an. So beschreibt Eco (1984, S. 227)
anhand der Peanuts, wie sich in der Charakterisierung der Figuren gesellschaft-
liche Widersprüche spiegeln lassen, ohne dass die Erwachsenenwelt, welche diese
Charaktere geformt hat, explizit gezeigt wird.
In Bezug auf die Idee der ‚mind control‘ zeigt sich aber eine Stärke des
Comichaften: Gerade der Hang zum Sensationellen erlaubt es dem Comic, ge-
sellschaft liche Prozesse übertreibend zu verdichten, oft auch unter Rückgriff auf
das technologische Repertoire der weird science. Besonders Science Fiction und
Fantasy bieten immer wieder Gelegenheit, eine Gesellschaft von außen zu be-
schreiben. Eine Pulp-übliche Erzählung ist hier etwa die, oft konfrontative, Be-
gegnung mit einer fremden Zivilisation oder Kolonie, in der ein gesellschaft licher
Charakterzug, eine Errungenschaft oder ein Widerspruch zum zentralen Motiv
übersteigert ist. In einem Luc-Orient-Comic von 1974 etwa („In den Fängen der
Ameisenmenschen“, Text: Greg) werden Menschen einer solchen Kolonie zentral
gesteuert wie Roboter, was die individualistischen Helden natürlich ebenso er-
schrocken wie empört ablehnen.
Ein anderes politisches Motiv, das in Mainstream-Comics immer wieder
eine Rolle spielt, ist das der Verschwörung (vgl. Großhans 2013). Gerade die de-
komprimierte Erzählweise jüngerer Comics über viele Ausgaben hinweg erlaubt
Geschichten von einiger Komplexität, die die Tragweite einer Verschwörung voll
entfalten. Die Verschwörer schrecken dabei auch vor Mitteln der Gedanken-
kontrolle nicht zurück. So unterhalten die Weltverschwörer in Howard Chaykins
Challengers of the Unknown (2004) hypnotisch manipulierte Schläfer-Agenten,
was der Autor als Parallele zur Manipulation der Gesellschaft durch tendenziöse
Massenmedien nutzt.
Auch Darstellungen ‚diesseitiger‘ gesellschaft licher Zwänge nutzen gerne die
Übersteigerung von und Komprimierung auf einzelne Widersprüche. So werden

Welten gebildet, in denen die Comics sich aufeinander beziehen. Für diese Welten hat
sich der Begriff der Superhelden-Universen eingeprägt, ursprünglich benannt nach
den Verlagen wie das DC- und das Marvel-Universum.
Fremdkontrolle im Comic 121

in Van Hammes Das verbotene Glück (1991) gut gemeinte soziale Einrichtungen
wie die Gesundheitsvorsorge als totalitäre Automatismen ad absurdum geführt,
die den Bürgern keinerlei Entscheidungsspielräume mehr lassen.

5 Kritik in und an Comics

Die verschiedenen Techniken der Fremdkontrolle werden in Mainstream-


Comics, besonders den älteren, oft recht leichtfertig benutzt. Fremdkontrolle
ist entweder ein Hindernis, das es zu überwinden gilt, oder sie wird selbst ein
Mittel, um Hindernisse zu überwinden. Im ersten Fall wird der Verbrecher be-
straft, die Kontrolle unterbrochen, und damit erledigt sich das Problem. Wenn die
Protagonisten das Geschehen kommentieren, geschieht dies meist genrebedingt
knapp und auf der Basis von gesellschaft lichen Werten wie der Entscheidungsfrei-
heit und der Privatsphäre. Auch die Argumente in neueren Comics wie Identity
Crisis gehen oft nur unwesentlich darüber hinaus. Nur gelegentlich werden wirk-
lich unbequeme Fragen über die Natur von Identität und freiem Willen gestellt.
So müssen sich die Protagonisten in den Akte X-Comics (ab 1994, Text: Stefan
Petrucha) wiederholt fragen, wie viel von dem, was sie erlebt haben und was sie als
Charaktere geformt hat, noch vertrauenswürdige Erinnerungen sind.
Es würde aber zu kurz greifen, darin eine Bestätigung von Doetsch’ und
Baumgärtners Thesen zum Verhältnis von Helden und ihrer Umgebung zu sehen.
Der Umgang mit der Gedankenkontrolle kann so vielfältig sein wie die Comics
selber und deckt die ganze Bandbreite zwischen unkritisch dargestellten Macht-
fantasien und subtilen Gesellschaftskritiken ab.

5.1 Fremdkontrolle als Kritik

Die Black-Widow-Miniserie „Homecoming“ (2004, Autor: Richard Morgan) etwa


thematisiert die Manipulation von Menschen auf mehreren Ebenen. Hier lernt
eine ehemalige KGB-Spionin, dass ihre Vergangenheit und damit ihre Identität
das Produkt einer gezielten Gehirnwäsche ist, die ihr und anderen Agentinnen
widerfahren war. Zudem wird sie immer noch manipuliert, etwa durch ein be-
stimmtes Parfüm, das es ihr unmöglich macht, dessen Träger zu verletzen, und
das unter anderem ihr Chef Nick Fury benutzt. Diese Manipulationen, die im
Comic ausschließlich an Frauen vorgenommen werden, thematisiert Morgan als
Ausdruck des gesellschaft lichen Machtgefälles zwischen Männern und Frauen.
122 Christian Vähling

Dieses Beispiel zeigt, wie das zuvor beschriebene Challengers of the Unknown,
dass sich das Motiv der Fremdkontrolle eignet, um gesellschaft liche Realitäten
auf einen trivial übersteigerten, aber umso deutlicheren Punkt zu bringen. Die
Autoren nutzen dabei eine beim Rezipienten unterstellte Empörung angesichts
der Kontrollmöglichkeiten, um das Problem der damit thematisierten realen
Kontrollpraxis zu verdeutlichen.

5.2 Fremdkontrolle als (männliche) Machtphantasie

Die gelegentlich geäußerte These, dass besonders weibliche Charaktere von


Manipulationen betroffen seien, lässt sich anhand der mir vorliegenden Comics
weder bestätigen noch widerlegen. Allerdings fällt es in einer Comiclandschaft,
in der vielen männlichen Autoren immer noch nicht viel mehr zu weiblichen
Figuren einzufallen scheint als sie zu viktimisieren,10 besonders ins Gewicht,
wenn das passiert, und verweist zumindest auf einen interessanten Spezialfall der
Fremdkontrolle. Wenn Frauen das Ziel von Gedankenkontrolle im Comic sind,
liegt die Parallele mit Praktiken des drogeninduzierten date rape nahe, auch wenn
sich der Eindruck nicht für jeden solcher Comics bestätigen lässt.
Eins der deutlichsten Beispiele im Superhelden-Mainstream ist die umstrittene
Avengers-Ausgabe 200 (1980, Autor: Jim Shooter). Hier nutzt ein männlicher
Charakter unter anderem Gehirnwäsche, um die ursprünglich als feministische
Ikone eingeführte Superheldin Ms. Marvel sexuell gefügig zu machen. Im Comic
wird das nicht problematisiert, vielmehr sogar romantisiert. Erst im Nachhinein
wurde dieses spezielle Beispiel von Gedankenkontrolle als sexualisierte Macht-
fantasie kritisiert (vgl. Strickland 1980).

6 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

Fremdkontrolle erscheint im Comic in den vielfältigsten Formen: Hypnotiseure


bringen Figuren zu unterhaltsamen Kapriolen. Verrückte Wissenschaft ler ver-
sklaven und manipulieren Menschen mit Hypnosestrahlen, telepathischen
Kräften, subliminalen Botschaften und anderen Methoden der Gehirnwäsche.
Lucy überredet Charlie Brown immer wieder, vergeblich nach einem Fußball zu

10 Die Comicautorin Gail Simone (1999) hat das Phänomen der Viktimisierung zum vor-
rangigen Zweck der Motivationssteigerung eines nahestehenden männlichen Helden
auf ihrer Webseite ‚Women in Refrigerators‘ dokumentiert.
Fremdkontrolle im Comic 123

treten, und Wonder Woman verfügt über ein Lasso, das jeden zwingt, die Wahr-
heit zu sagen. Es gibt Intrigen, Betrügereien, politische Einflussnahme, totalitäre
Gesellschaften, Erpressung, dämonische Besessenheit und Magie.
Dem Comic eigen – in dem Sinn, dass sie dort entstanden oder nur dort zu
finden wäre – ist keine dieser Darstellungen. Die Hypnose hat echten Bühnen-
zauber und Slapstick zum Vorbild, die Hypnosestrahlen entstammen den Pulps
und den Filmen. Als Populär-Medium bedient sich der Comic der unterschied-
lichsten kulturellen Muster und Ideen, die präsent genug sind, um plausibel ein-
gesetzt zu werden. Zudem eignet sich der Comic für alle denkbaren Genres und
damit auch für die Darstellung aller möglichen Arten der Manipulation.
Ein kursorischer Blick über bestehende Darstellungen der Manipulation
scheint immer wieder zu den Pulp-Traditionen der klassischen Comics zurückzu-
führen. Das mag daran liegen, dass die Technik der Gedankenkontrolle zur Zeit im
Grunde noch Science Fiction ist11 und deshalb jede Darstellung dieser Techniken
notwendig einen Beigeschmack des Comichaften im Sinn der Pulp-Tradition
erhält, selbst innerhalb eines ansonsten anders gewichteten Comics. Doch liegt
gerade in dieser Tradition, die sich der Comic aus verschiedenen Gründen zu-
mindest in einigen seiner kulturellen Nischen bewahrt hat, eine Chance. Die
Neigung zu Überzeichnung und Eskalation, die in diesen Traditionen angelegt
ist, eignet sich, um subtile gesellschaft liche Prozesse in einer Deutlichkeit hervor-
zuheben, die ihnen vielleicht gut tut.

Literatur
Baumgärtner, A. C. (1965). Die Welt der Comics. Probleme einer primitiven Literaturform.
Bochum: Kamp.
Baumgärtner, A. C. (1979). Die Welt der Abenteuer-Comics. Bochum: Kamp.
Beer, U. (1960). Geheime Miterzieher der Jugend. Düsseldorf: Walter Rau Verlag.
Cohn, Neil (2005). The Visual Language Manifesto. Visual Language Lab. http://www.
visuallanguagelab.com/P/vlmanifesto.pdf. Zugegriffen: 26. Dezember 2013.
Doetsch, M. (1958). Comics und ihre jugendlichen Leser. Meisenheim: Anton Hain.
Eco, U. (1984). Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur.
Frankfurt: Fischer.
Eisner, W. (1985). Comics & Sequential Art. The Understanding and Practice of the World’s
Most Popular Art Form. Expanded Edition. Tamarac: Poorhouse Press.
Gerstein, D., & Groth, G. (Hrsg.). (2011a). Walt Disney’s Mickey Mouse: „Race to Death
Valley“. Seattle: Fantagraphics.

11 Siehe hierzu aber die Beiträge von Andreas Anton über die Traditionen der mind-
control-Forschung sowie von Stephan Schleim über aktuelle Entwicklungen in Neuro-
logie und Neuropsychologie in diesem Band.
124 Christian Vähling

Gerstein, D., & Groth, G. (Hrsg.). (2011b). Walt Disney’s Mickey Mouse: „Trapped on Trea-
sure Island“. Seattle: Fantagraphics.
Großhans, S. (2013). Who watches the Watchm… – Verschwörungstheoretische Symbol-
haft igkeit im Comic. In A. Anton, M. Schetsche & M. Walter (Hrsg.), Konspiration. Sozi-
ologie des Verschwörungsdenkens (S. 221–238). Wiesbaden: Spring Fachmedien.
GRR (2013). The Frightening New Mind Control Technology that Can Hack your Brain.
Global Research Report. http://globalresearchreport.com/2013/11/09/the-frightening-
new-mind-control-technology-that-can-hack-your-brain. Zugegriffen: 28. Dezember
2013.
Jovanovich, G., & Koch, U. (1999). The Comics Debate in Germany. Against Dirt and
Rubbish, Pictorial Idiotism, and Cultural Analphabetism. In J. A. Lent (Hrsg.), Pulp
Demons. International Dimensions of the Postwar Anti-Comics Campaign (S. 93–128).
London: Associated University Presses.
Kagelmann, H. J. (1975). Comics. Aspekte zu Inhalt und Wirkung. Bad Heilbrunn: Julius
Klinkhardt.
McCloud, S. (1994). Understanding Comics. The Invisible Art. New York: Harper Perennial.
McCloud, S. (2005). Reinventing Comics. How Imagination and Technology Are Revolution-
izing an Art Form. New York: Harper Perennial.
Nyberg, A. K. (1998). Seal of Approval. The History of the Comics Code. Jackson: University
Press of Mississippi.
Simone, G. (1999). Women in Refrigerators. http://lby3.com/wir/. Zugegriffen: 26.
Dezember 2013.
Strickland, C. A. (1980). „The Rape of Ms. Marvel“. LoC 1. http://www.carolastrickland.
com/comics/msmarvel/index.html. Zugegriffen: 30. Dezember 2013.
Teil III

Psycho-Logik
Being a Psycho-Machine

Zur Phänomenologie der Beeinflussungsmaschinen1

Thomas Fuchs

Zusammenfassung

Wahnvorstellungen von technischen Apparaturen und Fernwirkungen,


von denen sich die Betroffenen manipuliert und geschädigt fühlen, sind ein
weitverbreitetes Phänomen psychotischer Erkrankungen. Die Geschichte
der Psychopathologie zeigt, dass jeweils die neuesten Technologien Eingang
in solche technomorphe Wahnideen fanden. Beginnend mit der ersten Be-
schreibung einer schizophrenen Beeinflussungsmaschine durch John Haslam
1810, untersucht der Aufsatz aus phänomenologischer Sicht die Analogien
zwischen Technik und schizophrenem Erleben. Dabei sind vier Aspekte be-
deutsam: (1) Wirkung aus dem Verborgenen, (2) magische Grenzauflösung,
(3) Virtualisierung des Realen und (4) Reifizierung des Psychischen. Aufgrund
dieser Analogien ermöglichen die jeweils zeitgenössischen Technologien
schizophrenen Patienten, ihre Erfahrungen zu verbalisieren und sie sich und
anderen erklärlich zu machen.

1 Überarbeitete und aktualisierte Fassung des Aufsatzes aus dem Jahr 2006: Being
a psycho-machine. Zur Phänomenologie der Beeinflussungsmaschinen / On the
phenomenology of the influencing machine. In T. Röske & C. Brand-Claussen (Hrsg.),
Air Loom. Der Luftwebstuhl und andere gefährliche Beeinflussungsmaschinen / The
air loom and other dangerous influencing machines (S. 24–41). Heidelberg: Wunder-
horn.

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_8, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
128 Thomas Fuchs

1 Einleitung

Ich beginne mit einer kurzen Fallvignette:


Eine 46-jährige Patientin berichtet, sie werde von elektronischen Geräten Tag
und Nacht überwacht und durch die Wand hindurch bestrahlt. Das merke
sie an den Stromstößen, die nachts durch ihren Rücken liefen. Sie habe ver-
geblich versucht, sich durch Isolierungen ihrer Wände gegen die Strahlen zu
schützen. Man habe ihr dann ohne ihr Wissen einen Mikrochip ins Gehirn
implantiert, um so ihre Gedanken zu steuern und Schmerzen zu erzeugen,
die sie am ganzen Körper spüre. Zugleich kontrolliere man damit ihre Be-
wegungen, so dass sie häufig mit den Händen über den Tisch streiche, ohne
es zu wollen. Wer dahinter stecke, wisse sie nicht sicher, vermutlich handele es
sich aber um Agenten eines ausländischen Geheimdienstes, die sie zur willen-
losen Marionette ihrer Pläne machen wollten.

Was diese Patientin schildert, ist in der Psychiatrie seit etwa 200 Jahren als
„technischer Beeinflussungswahn“ bekannt. Im Jahre 1810 nämlich veröffent-
lichte John Haslam, Psychiater am Londoner Bethlem Hospital, die „Illustrations
of Madness“, einen Fallbericht über seinen Patienten James Tilly Matthews, der
sich von 1798 bis 1813 in dem Hospital befand (vgl. Haslam 1810/1988). Der Be-
richt enthält die erste psychiatrische Beschreibung einer Beeinflussungsmaschine,
also einer fi ktiven technischen Apparatur, auf deren verborgene Einwirkung
Matthews seine Erlebnisse der Fremdsteuerung zurückführte. Seither tauchten
in psychiatrischen Krankengeschichten und Lehrbüchern mehr und mehr
solche Maschinerien auf. Wurden Beeinflussungserlebnisse von psychotischen
Patienten in vorindustrieller Zeit noch als magische, dämonische oder teufl ische
Wirkungen gedeutet,2 so nahmen technikbezogene Wahnvorstellungen seit
der Industrialisierung bis heute immer mehr zu. Dabei fanden die jeweils
avanciertesten Technologien Eingang in die schizophrene Wahnthematik: vom
Elektromagnetismus über Telegrafie, Film, Radio, Laser bis zum Computer und
Internet (vgl. Jaspers 1973, S. 614; Kranz 1955; Lenz 1964; Steinebrunner und
Scharfstetter 1976; Podoll et al. 2000). So treffen wir in der Psychopathologie auf
ein skurriles Abbild des naturwissenschaft lich-technischen Fortschritts. Wie er-
klärt sich dieser historische Wandel paranoider Wahninhalte? Und wie ist die
besondere Affinität des Schizophrenen zum technischen Wahn, zur Maschine

2 Vgl. hierzu den Beitrag über „Wahrnehmung, Wille und Fremdkontrolle in der Hexen-
lehre“ von Johannes Dillinger in diesem Band.
Being a Psycho-Machine 129

zu verstehen? Im Folgenden werde ich diesen Fragen unter historischen und


phänomenologisch-psychopathologischen Aspekten nachgehen.

2 Der „Air-loom“ und die Wissenschaften um 1800

John Haslams paradigmatische Schilderung einer Beeinflussungsmaschine ent-


stammt einer Übergangsperiode, in der ältere, magisch oder religiös geprägte

Wahnvorstellungen allmählich in den Hintergrund traten. James Tilly Matthews
phantastische Maschine, von ihm selbst „Air-loom“ oder „Luft webstuhl“ be-
nannt und akribisch gezeichnet, bestand aus einer Kombination mechanischer,
pneumatischer, hydraulischer und elektromagnetischer Elemente (Hebel-,
Röhren- und Ventilmechanismen, Batterien, Strahlen, Gaszylinder u. a.), die den
modernsten Stand der Technik und Wissenschaften um 1800 widerspiegelten, ins-
besondere der mechanisierten Textilindustrie und der mit Namen wie Priestley
oder Lavoisier verbundenen pneumatischen Chemie. Dieser Apparatur bediente

sich nach Matthews Überzeugung eine Verschwörerbande, um über feine Drähte
mittels eines magnetischen Fluidums die davon ,imprägnierten‘ Gehirne ihrer
Opfer aus der Ferne auf verschiedenste Weise zu beeinflussen. Allerdings schillern
die Begriffe, die Matthews zur Beschreibung dieser Wirkungen gebraucht, noch
vielfach zwischen naturwisseschaft lichen und magischen Bedeutungen (z. B.
„impregnation“, „sympathy“, „sympathetic communication“, „effluvia“3). Darin
spiegelt sich die Tatsache, dass die Naturwissenschaften und insbesondere die
Medizin selbst gerade erst dabei waren, sich von begriffl ichen Relikten anthropo-
morpher Anschauungen zu reinigen, um fortan jegliche magische oder teleo-
logische Wirkung mit dem Bann der ‚Unwissenschaft lichkeit‘, des ‚Aberglaubens‘
oder des ‚Okkultismus‘ zu belegen.

3 Dazu folgende Auszüge: „… brain-sayings [Hirnsprechen], which may be defined


a sympathetic communication of thought, in consequence of both parties being
impregnated with magnetic fluid“ (Haslam 1988, S. 38); „the warp [Webstuhlkette]
of the magnetic-fluid (…) which being a multiplicity of fine wires of fluid, forms the
sympathy, streams of attraction, repulsion etc.“ (S. 48); „so great is the attraction
between the human body and this [magnetic] fluid, that the party becomes certainly
impregnated, and is equally bound by the spell …“ (S. 53). – Auch die im „Air-loom“
eingesetzten Stoffe erinnern vielfach an magische oder alchemistische Konzepte:
„Seminal fluid, male and female - Effluvia of copper – ditto of sulphur – the vapours of
vitriol and aqua fortis – ditto of nightshade and hellebore – effluvia of dogs (…) – gaz
from the anus of the horse (…) – vapour and effluvia of arsenic“, etc. (S. 28).
130 Thomas Fuchs


Gerade der Magnetismus, das wichtigste Wirkprinzip von Matthews Maschine,
war vor seiner naturwissenschaft lichen Erforschung noch ein zentrales Element
der magia naturalis gewesen, die etwa Paracelsus, Agrippa von Nettesheim
oder Johann Baptist von Helmont im 16. und 17. Jahrhundert aus der Volks-
medizin in die akademische Medizin eingeführt hatten. Auf der Grundlage des
magischen Korrespondenzprinzips, der ‚Sympathie‘ und ‚Antipathie‘ wandten sie
‚magnetische Kuren‘ an, die auch Fernwirkungen von Heilmitteln oder ärztlichen
Manipulationen einschlossen, wobei man freilich um eine natürliche Erklärung
bemüht war: Van Helmont etwa sprach von einem magnetischen Fluidum und
von feinsten Ausdünstungen (effluvia) des Heilmittels, die natürlicherweise zu
ihrem Ursprung zurückkehrten und dort eine Heilung bewirkten. Auch Fern-
wirkungen seien daher im Grunde durchaus natürliche Vorgänge, frei von Aber-
glauben oder Zauberei (vgl. Rothschuh 1978, S. 134ff.).
Die Entdeckung der künstlichen Elektrizität ab der Mitte des 18. Jahrhunderts,
insbesondere ihre Einführung in die Neurophysiologie durch Luigi Galvani
(1737–1798), führte schließlich zu einer sukzessiven naturwissenschaft lichen
Umdeutung magischer Wirkprinzipien. Als ein Übergangsphänomen kann der
von dem Wiener Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) begründete ‚Mesmeris-
mus‘ betrachtet werden, ein im Grunde auf Suggestions- und Hypnosewirkungen
aufbauendes Heilsystem, das die Wiener, Pariser und Londoner Öffentlichkeit seit
1780 in Bann hielt (vgl. Mesmer 1779/1885). Er selbst schrieb seine Erfolge dem
sogenannten ‚tierischen Magnetismus‘ zu, basierend auf einem äußerst feinen,
den ganzen Kosmos durchdringenden Fluidum, das mit bestimmten Techniken
akkumuliert und vom Magnetiseur auf den Kranken übertragen werden könne.
1784 untersuchte jedoch eine Kommission der Pariser Akademie der Wissen-
schaften den ‚tierischen Magnetismus‘ und führte die ihm zugeschriebenen
Phänomene ausschließlich auf die suggestive Wirkung der Manipulationen des
Magnetiseurs und auf die Einbildungskraft der Patienten zurück. Von nun an
wurden Suggestion, Imagination oder Hypnose als rein psychische Phänomene
streng von der physischen und organischen Welt geschieden. Der Siegeszug der
naturwissenschaft lichen Medizin im 19. Jahrhundert bedeutete zugleich den
systematischen Ausschluss aller ‚okkulten‘ Kräfte und Begriffe wie Lebenskraft,
Sympathie, Magnetismus, Seele oder Geist aus der Wissenschaft.
James Tilly Matthews war im Rahmen einer politischen Mission in Paris in
den Jahren 1792/93 auch mit dem Mesmerismus in Kontakt gekommen, und
Elemente dieser Anschauungen lassen sich in seinem Wahnsystem unverkenn-
bar wiederfinden (Porter 1988, S. xvi). Freilich sind die magnetisch-elektrischen
Wirkungen auf die Psyche darin ganz physikalisch gedacht – gegen die Annahme
rein suggestiver Kräfte oder gar einer Wirkung seiner eigenen Einbildungskraft
Being a Psycho-Machine 131

hätte sich Matthews zweifellos verwahrt. Der Air-loom ist vielmehr ein höchst
elaborierter Mechanismus, der auch nur von einem technisch gebildeten Zeit-
genossen so konzipiert werden konnte. Matthews reagierte also mit seinen
technomorphen Wahnideen auf eine Entwicklung der zeitgenössischen Wissen-
schaften, die konsequent von ‚übernatürlichen‘ zu rein physikalischen Er-
klärungsprinzipien überzugehen bestrebt waren. Damit stellt sich die Frage, was
Matthews – und viele psychotische Menschen nach ihm – dazu veranlasste, sein
Beeinflussungserleben in dieser technischen Form zu beschreiben, statt auf die
magisch-mythischen Wahnformen früherer Zeiten zurückzugreifen.

3 Zur Affinität von Technik und Schizophrenie

Für eine Antwort auf diese Frage müssen wir uns einige phänomenologische
Grundmerkmale der Technik vergegenwärtigen. Es wird sich zeigen, dass sie
in besonderer Nähe zum schizophrenen Beeinflussungserleben stehen, sodass
wir geradezu von einer strukturellen Analogie von technischen Prozessen
und psychotischer Erfahrung sprechen können. Das gilt insbesondere für die
elektronischen Techniken und Medien des postindustriellen Zeitalters, die gerade
durch Entmaterialisierung, Aufhebung räumlicher Distanzen und instantane
Informationsübertragung charakterisiert sind – also durch eine quasi-magische
Wirksamkeit noch des Entferntesten.

3.1 Wirkung aus dem Verborgenen

Grundsätzlich realisieren technische Apparaturen eine dem Menschen rein


körperlich nicht mögliche Leistung, allerdings meist auf eine nicht mehr anschau-
liche Weise. Ihre Resultate stellen sich daher dem Unkundigen oft als erstaunlich,
ja als Wunder oder Zauberei dar: Es scheint hier nicht mit rechten Dingen zuzu-
gehen. Die eigentlichen Antriebskräfte und Mechanismen bleiben meist unsicht-
bar oder undurchschaubar – ein historisches Beispiel des 17. Jahrhunderts waren
etwa die vielbewunderten, von verborgenen hydraulischen Röhrenwerken an-
getriebenen Automaten in den Versailler Gärten. Dieser ebenso faszinierende wie
kryptische Charakter der Technik hat sie seit jeher in die Nähe des Geheimnisses,
der Täuschung oder gar des Betrugs gerückt: Der Techniker oder der Ingenieur
galt als einer, der um die Geheimnisse der Natur weiß und sie zu manipulieren
versteht. Techniker und Magier waren, zumal bei den virtuosi der Renaissance wie
132 Thomas Fuchs

Leonardo da Vinci oder Girolamo Cardano und ihren Nachfolgern der Barock-
zeit, nicht immer deutlich unterscheidbar (vgl. Berman 1985, Kap. 3 und 4).
Diese Zwiespältigkeit kommt bereits in der Etymologie zum Ausdruck: Das
griechische téchnē bedeutet ‚Kunstfertigkeit‘, aber auch ‚List‘. Ähnlich sind
Maschine und Mechanik abgeleitet von griech. mēchanē, lat. machina, d.i. die
‚künstliche Vorrichtung‘ – vornehmlich die Theatermaschine, daher auch der
deus ex machina –, weiter der ‚Kunstgriff ‘, der ‚Betrug‘ oder ‚Schein‘. Lateinisch
machinari heißt dementsprechend ‚künstlich ersinnen, im Schilde führen‘. James
Tilly Matthews selbst beschuldigte in einem Brief die politischen Feinde Englands
geheimer „Machinationen“, noch bevor sich aus diesen Verdächtigungen dann
der Wahn einer konspirativen „Maschinerie“ entwickelte.4 Schon in seiner
Etymologie zeigt das Technische somit ein Doppelgesicht – es schillert zwischen
faszinierender Künstlichkeit einerseits und hinterlistiger Täuschung andererseits.
Dieser hintergründige Charakter der Technik entspricht nun der Anonymität,
Verborgenheit und Undurchschaubarkeit der Einflüsse, denen sich Schizophrene
ausgesetzt wähnen. Die Beeinflussungsapparaturen werden von ihnen zwar in
vielfältigsten Gestalten geschildert, sind aber bezeichnenderweise selbst nie
zu entdecken. Die intimsten Grenzverletzungen erfolgen aus unerreichbarer
Ferne, die keine Identifizierung des Feindes, keine Gegenaktion zulässt. Die
Konstrukteure der Maschinerie agieren im Dunkeln, heimtückisch und mit über-
legenem Wissen – so auch bei Matthews:

„These assassins are so superlatively skillfull in everything which relates to pneu-


matic chemistry, physiology, nervous influence, sympathy, human mind, and the
higher metaphysic, that whenever their persons shall be discovered, and their ma-
chine exhibited, the wisest professors will be astonished at their progress … the
gang proudly boasts of their contempt for the immature science of the present aera.“
(Haslam 1810/1988, S. 57)

Technik stellt im Wahn also die Chiff re für eine überlegene, anonyme Intelligenz
dar, die sich der konkreten Beziehung entzieht und gerade aus dem Verborgenen
heraus eine umso überwältigendere Wirkung entfaltet.

4 Engl. „machinations“; vgl. den offenbar schon auf der Grundlage paranoider Ver-
dächtigungen verfassten Brief Matthews an Lord Liverpool vom 06.12.1796 (Porter
1988, S. xxiii).
Being a Psycho-Machine 133

3.2 Magische Grenzauflösung

Seit sich die Technik über die einfache Mechanik hinaus der unsichtbaren Kräfte
der Physik bedienen lernte, namentlich des Magnetismus und der Elektrizität,
trat sie selbst das Erbe der Magie an. Denn diese Kräfte und Felder erzeugten
eine Wirkung über jede Distanz hinweg, ja eine Simultaneität des räum-
lich Entferntesten, wie es für die Magie charakteristisch war. Ein Komitee des
amerikanischen Kongresses zur Untersuchung von Samuel Morses erstem Tele-
graphen kam 1838 zu dem Ergebnis, die Erfindung bedeute

„… an almost instantaneous communication of intelligence between the most dis-


tant points of the country, and simultaneously. Space will be, to all practical purpos-
es of information, completely annihilated between the States of the Union, as also
between the individual citizens thereof.“ (Neumann 2004, Kap. 18)

In der Folge realisierten Funk, Radar, Satelliten- und Telekommunikation nach


und nach eine weltumspannende Gleichzeitigkeit. Die Techniken der unsicht-
baren Kräfte lösten die Grenzen auf, die der durchmessene Raum, die ablaufende
Zeit und die Festigkeit der Körper einmal gebildet hatten, und erzeugten einen
homogenen Raum der Simultan- und Fernwirkungen. Mehr noch: Sie drangen
in Gestalt von Telefon, Fernsehen, Video- und Web-Kameras zunehmend in die
Privatwelt des Einzelnen vor.
Im gleichen Zug mit dem Ausschluss des Magischen aus der Wissenschaft
wurde die moderne Technik damit selbst immer ‚magischer‘. Denn das Ge-
meinsame von Technik und Magie liegt in der Möglichkeit zur Projektion
von Macht, Information, ja Bewusstsein über alle Grenzen hinweg. In der
elektronischen Kommunikation wird Psychisches buchstäblich in ein ‚Fluidum‘
transformiert und als solches beliebig transportiert. Bereits 1964, noch lange vor
der Entstehung des Internet, interpretierte Marshal McLuhan die Medientechno-
logien konsequent als Extensionen des menschlichen Gehirns:

„In den Jahrhunderten der Mechanisierung hatten wir unseren Körper in den
Raum hinaus ausgeweitet. Heute, nach mehr als einem Jahrhundert der Technik der
Elektrizität, haben wir sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden
Netz ausgeweitet und damit, soweit es unseren Planeten betrifft, Raum und Zeit auf-
gehoben.“ (McLuhan 1964, S. 9)

Psychisches und Stoffliches werden als digitalisierte Information frei konvertier-


bar und nahezu beliebig transportabel.
134 Thomas Fuchs

Spätestens hier ist die Konvergenz von ‚magischer Technik‘ und psychotischem
Erleben unschwer zu erkennen. Die technische Auflösung der Grenzen, die die
Intimität des Subjekts schützen, die Projektion physischer und geistiger Macht
durch Energie- und Informationsübertragung stehen in Analogie zur Beein-
flussung aus der Ferne und zur Überwältigung durch ein fremdes Bewusstsein,
die der Schizophrene erlebt.5 Wenn Matthews seine Erlebnisse der Gedanken-
beeinflussung oder des Stimmenhörens als „brain-sayings“ bezeichnet, als „a
sympathetic communication of thought, in consequence of both parties being
impregnated with the magnetic fluid … rendered more powerful by the action
of the electrical machine“ (Haslam 1810/1988, S. 38f.), dann lässt sich dies durch-
aus als Telekommunikation avant la lèttre bezeichnen. Aber auch die Funk- und
Radarwellen, Röntgen-, Laser- und anderen Strahlen, die spätere schizophrene
Patienten fühlten, die ihren Körper unter Strom setzen, Vibrationen, Hitze- oder
sexuelle Empfindungen verursachen, ja sogar ihren Willen beeinflussen, ent-
sprechen dem Prinzip der technischen Projektion von Macht. Die Technik liefert
also passende Metaphern und Erklärungen für die „Auflösung der Ich-Umwelt-
Grenzen“, die schon der Psychiater Kurt Schneider als Charakteristikum der
schizophrenen Erlebnisstörungen bezeichnete (Schneider 1970, S. 65).

3.3 Virtualisierung des Realen

Damit eng verwandt ist ein weiterer Aspekt, der die Technik in die Nähe
psychotischen Erlebens rückt, nämlich die Möglichkeit, Schein oder Virtualität
zu erzeugen. Wie die machina des antiken Theaters kann sich Technik „hinter
der Bühne“ verbergen und eine eigenständige Realität vortäuschen, wo in Wahr-
heit nur mechanische oder elektronische Apparaturen am Werk sind. Das gilt
natürlich besonders für die Medientechnologien, deren Prinzip geradezu darin
besteht, illusionäre und virtuelle Welten zu erzeugen, leibhaft ige Präsenz durch
Repräsentationen zu ersetzen, also eine fortwährende Gegenwart des Nicht-
Gegenwärtigen herzustellen. Abbildung und Fiktion, Manipulation und Wirk-
lichkeit lassen sich dabei immer weniger unterscheiden. Günter Anders sprach
bereits 1956 von einer „Phantomisierung“ der Welt, die sich immer mehr hinter
ihren medialen Abbildern verbirgt – Abbilder, die ihren Bildcharakter selbst ver-
schleiern (vgl. Anders 1956, S. 1; Fuchs 2002a, S. 191ff.).

5 Lat. machina ist verwandt mit got. mag (vermögen), ahd. mahts (Macht), dt. Macht bzw.
machen; d. h. die Maschine hat auch etymologisch Bezug zum typisch schizophrenen
Erlebnis des „Gemachten“ (vgl. Kluge 1989, S. 453).
Being a Psycho-Machine 135

Diese Virtualisierung des Realen entspricht wiederum dem Erleben des


Paranoiden, für den alles Unauff ällige im Hintergrund verdächtig und alles
Vordergründige zu Schein oder Täuschung wird. Namentlich in der beginnenden
Psychose entsteht oft der überwältigende Eindruck, die umgebende Wirklichkeit
sei nur eine von anonymen Mächten inszenierte Vorstellung, und der Kranke
stehe auf einer Art Bühne, um von anderen insgeheim beobachtet oder getestet
zu werden:

„… wo man auch hinguckt, sieht alles schon so unwirklich aus. Die ganze Um-
gebung, alles wird wie fremd, und man bekommt wahnsinnige Angst… irgendwie
ist plötzlich alles für mich da, für mich gestellt. Alles um einen bezieht sich plötzlich
auf einen selber. Man steht im Mittelpunkt einer Handlung wie unter Kulissen.“
(Klosterkötter 1988, S. 69)

„Es kam mir immer unwirklicher vor, wie ein fremdes Land … Dann kam also die
Idee, das ist doch gar nicht mehr deine alte Umgebung … es könnte ja gar nicht mehr
unser Haus sein. Irgendjemand könnte mir das als Kulisse einstellen. Eine Kulisse,
oder man könnte mir ein Fernsehspiel einspielen. … Dann hab ich die Wände ab-
getastet … Ich habe geprüft, ob das wirklich eine Fläche ist …“ (ebd., S. 64f.)

Die vertraute Realität scheint sich als abgründige Täuschung zu offenbaren,


und schließlich fällt den Kranken ‚wie Schuppen von den Augen‘, was hinter
der Inszenierung steckt – weshalb Conrad (1992, S. 21) dieses Erlebnis als „Apo-
kalyptik“ („Entschleierung“, „Offenbarung“) bezeichnete. Medientechnologien
können dann als geeignete Erklärungen dienen: Manche Patienten haben wie in
der obigen Kasuistik den Verdacht, man spiele ihnen eine Art dreidimensionalen
Film vor, und tasten die Wände ab, um ihre Echtheit zu prüfen (Fuchs 2000,
S. 129). Andere wähnen sich von verborgenen Video-Kameras beobachtet oder
glauben dem Fernsehen geheime Botschaften entnehmen zu können, die für sie
bestimmt sind. Nicht selten verweisen schizophrene Patienten, um ihre Situation
zu beschreiben, sogar auf den Film Die Truman-Show von Peter Weird (1988), in
dem ein kleinstädtischer Versicherungsangestellter ohne sein Wissen von einem
Medienkonzern als Hauptdarsteller einer Fernsehserie benutzt wird, Tag und
Nacht nur von Schauspielern umgeben und von verborgenen Kameras beobachtet.
Dass heute auch das Internet häufig zum Gegenstand des Verfolgungswahns
wird, ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass selbst manche Medien-
theoretiker diesem Medium ein „globales Bewusstsein“ zusprechen (vgl. de
Rosney 1997; Rötzer 1998). Schon für den psychisch Gesunden kann sich der
Computer bekanntlich in ein quasi-personales Gegenüber verwandeln, dem er
136 Thomas Fuchs

widrigenfalls Vorsätzlichkeit oder gar Heimtücke unterstellt. Ein schizophrener


Patient führte den Absturz seines Programms allerdings auf den direkten Ein-
fluss von Bill Gates zurück, der ihn über das Internet abhöre und Computerviren
auf ihn angesetzt habe (vgl. Podoll et al. 2000). Eine andere Patientin fühlte sich
durch eine Web-Kamera aus ihrem Bildschirm heraus beobachtet; später ent-
wickelte sie den Wahn, man habe einen Chip in ihr Gehirn implantiert, über
den alle ihre Wahrnehmungen digitalisiert und im Internet verbreitet würden
(Schmidt-Siegel et al. 2004, S. 84f.).6
Die genannten Beispiele zeigen, dass die psychotische Derealisierung sich
auf die eigene Wahrnehmung insgesamt erstrecken kann, die dann als ‚Theater-
vorstellung‘, als ‚Film‘ erlebt oder auch digitalisiert und verbreitet werden kann.
Manche schizophrene Patienten erleben sich sogar selbst als Filmkamera:

„Ich war selbst eine Kamera. Der Anblick der Leute, den ich durch meine Augen
erhielt, wurde anderswo aufgenommen, um eine Art dreidimensionalen Film her-
zustellen.“ (Sass 1996, S. 286, eig. Übers.)7

„Es war, wie wenn meine Augen Kameras wären … als wäre mein Kopf riesengroß,
so groß wie das Universum, und ich war ganz hinten und die Kameras vorne.“ (de
Haan und Fuchs 2010, S. 329f., eig. Übers.)

Der Wahn bezieht sich dann nicht länger auf einzelne täuschende Objekte in
der Welt, sondern bringt eine Störung der Wahrnehmung selbst und damit der
Konstitution von Realität um Ausdruck: Die Wahrnehmung ist nicht mehr trans-
parent für die Welt, sondern erscheint radikal subjektiviert: Man sieht sich selbst
beim Sehen zu, ja schließlich sieht man wie auf einen Film oder wie durch eine
Kamera. Die Welt wird zu einer Vorführung, zu einer Hohlwelt des isolierten
Bewusstseins. Mediale Wahnvorstellungen sind dann die Äquivalente für eine
materialisierte oder verdinglichte Subjektivität, die nicht mehr ,nach außen‘
dringt und mit der Welt verbunden ist, sondern in ein solipsistisches Erleben ein-
gekapselt bleibt.

6 Vgl. hierzu auch den Beitrag von Andreas Anton und Sascha Zorn über „Fremd-
kontrolle durch Computerchips“ in diesem Band.
7 Ein weiterer von ihm zitierter Patient berichtet: „I was myself a camera. The view of
people that I obtained through my eyes were being recorded elsewhere to make some
kind of three-dimensional film.“
Being a Psycho-Machine 137

3.4 Reifizierung des Psychischen

Dies führt uns zur letzten und wohl wichtigsten Analogie von Technik und
Schizophrenie: Der technische Wahn wird zum Ausdruck der Mechanisierung
und Verdinglichung des Psychischen selbst. In der Schizophrenie verlieren, wie
wir noch sehen werden, lebendige und seelische Prozesse ihre Einheitlichkeit und
nehmen einen synthetischen, mechanischen Charakter an, der von sich aus eine
‚Mechanisierung der Seele‘ nahelegt. Die Beeinflussungsmaschine ist insofern
Ausdruck einer Selbstverdinglichung, in der das sonst von selbst Geschehende
und Selbstverständliche zu einem Künstlichen und von außen ‚Gemachten‘ wird.
Eine analoge Tendenz zur Verdinglichung wohnt auch dem naturwissen-
schaft lich-technischen Denken inne. Die Geschichte der Automaten und Andro-
iden in der Literatur und Technik seit der Neuzeit illustriert das hartnäckige Be-
streben des Menschen, Maschinen zu ersinnen und zu erschaffen, die ihm ähnlich
sind – die zunächst seinen Leib, dann seinen Geist, zuletzt auch seine Gefühle
imitieren. Er spiegelt sich in seinen eigenen Maschinen (vgl. Meyer-Drawe 1996;
Fuchs 2002b). Um 1630 entwarf René Descartes zum ersten Mal eine konsequent
mechanistische Physiologie des Körpers und verglich ihn mit den schon er-
wähnten Automaten der Versailler Gärten:

„Und tatsächlich kann man die Nerven der Maschine, die ich beschreibe, sehr gut
mit den Röhren bei diesen Fontänen vergleichen, ihre Muskeln und Sehnen mit
den verschiedenen Vorrichtungen und Triebwerken, die dazu dienen, sie in Be-
wegung zu setzen, ihre spiritus animales mit dem Wasser, das sie bewegt, wobei
das Herz ihre Quelle ist und die Kammern des Gehirns ihre Verteilung bewirken.“
(Descartes 1632/1969, S. 56f.)

Descartes sah im Automaten noch ein Modell der Körperfunktionen, also nur des
Lebens, nicht der Seele. Doch 120 Jahre später erklärte Julien Off ray de la Mettrie
den Menschen insgesamt zu einer Maschine, die auch sein Verhalten steuert,
sodass „im Leben (…) ein jeder die Rolle spielt, die ihm von den Triebfedern einer
von ihm nicht konstruierten Maschine (mit Denkvermögen) vorgeschrieben
wird“ (La Mettrie 1748/1985, S. 12), und auch die Seele ist nur ein „empfindlicher
materieller Teil des Gehirns“ (La Mettrie 1747/1990, S. 111). – 1818 schließlich,
wenige Jahre nach John Haslams Illustrations of Madness, erscheint Mary Shelleys
Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus, in dem die Elektrizität einen
künstlichen Menschen zum Leben erweckt. In den kybernetischen Androiden
und Cyborgs des Science-Fiction-Films oder in den Robotern der KI-Forschung
finden diese Ideen ihre zeitgemäße Fortsetzung.
138 Thomas Fuchs

Die Materialisierung der Seele schreitet fort in den gegenwärtigen Versuchen,


Geist und Bewusstsein zu naturalisieren, als Produkt oder Epiphänomen neuro-
biologischer Prozesse zu begreifen. Wahrnehmungen, Denken und Gefühle
scheinen sich mit bildgebenden Techniken im Gehirn lokalisieren und so ver-
dinglichen zu lassen. Das Subjekt wird entlarvt als ein Konstrukt, eine Illusion
des Gehirns: Die in unserem Rücken operierende neuronale Maschinerie erzeugt
nur das Trugbild eines handelnden Selbst. Wir mögen wohl glauben, dass wir
selbst unsere Gedanken lenken; tatsächlich werden sie von neuronalen Generator-
systemen entworfen und uns zugespielt wie ein Film, auf den wir keinen Einfluss
haben (vgl. Fuchs 2003).
All diese Tendenzen zu einer Mechanisierung des Lebendigen und
einer Materialisierung des Seelischen konvergieren offensichtlich mit dem
schizophrenen Selbsterleben. Denn zum einen verlieren die Patienten das selbst-
verständliche ‚Zuhausesein in ihrem Leib‘, der sich ihnen entfremdet, und
dessen unwillkürliche Vollzüge sie oft durch bewusst ‚gemachte‘, synthetische
Bewegungen oder Rituale ersetzen müssen: Der eigene Körper mutiert zu einer
Maschine oder einem Roboter, die Glieder zu mechanischen Werkzeugen, die
Augen zu Scannern oder Kameras (Fuchs 2000, S. 120f.; Fuchs 2005). Viszerale
oder muskuläre Empfindungen werden zu fremdartigen, irritierenden und
objektartigen Zuständen von Spannung, Zug, Druck oder Strom, die mehr und
mehr von einer äußeren Macht manipuliert erscheinen.
Zum anderen wird die Subjektivität des Patienten selbst für ihn zu einem
quasi-materialen Objekt, verräumlicht im Gehirn und manipulierbar durch
physikalische Einwirkungen. Gedanken verwandeln sich in Dinge, die sich in
das Gehirn wie in einen Behälter transportieren oder aus ihm entfernen lassen.8
Empfindungen, Überzeugungen, Willensakte und Bewegungen des Patienten
werden durch ‚Hebel‘ oder ‚Knöpfe‘ von außen bedient.9 Gefühlsbeziehungen
nimmt er konkretistisch als physikalische Felder wahr, etwa Feindseligkeit als

8 Vgl. dazu auch den wichtigen Aufsatz von A. Kraus, „Phenomenology of the technical
delusions in schizophrenics“, in: Journal of Phenomenological Psychology 25, 1994, S.
51–69.
9 Ein Beispiel findet sich auch bei Haslam bzw. Matthews: „… the assailants have
a method by which they contrive to elongate the brain. The effect produced by this
process is a distortion of any idea in the mind, whereby that which had been considered
as most serious becomes an object of ridicule. All thoughts are made to assume a
grotesque interpretation; and the person assailed is surprised that his fixed and solemn
opinions should take a form which compels him to distrust their identity, and forces
him to laugh at the most important subjects“ (Haslam 1988, S. 33). Hier führt also eine
„Dehnung“ des Gehirns buchstäblich zu einer Verzerrung des Denkens!
Being a Psycho-Machine 139

elektrische Spannung oder Strahlung, sexuelle Anziehung als Magnetfeld. Soziale


Kontakte verwandeln sich in physikalische Wirkungen. Im schizoprenen Beein-
flussungserleben wird der Patient von außen gepeinigt, bearbeitet, gelenkt, doch
all dies geschieht in mechanischer, entfremdeter Form: Der andere ist nicht spür-
bar oder sichtbar gegenwärtig, sondern nur aus der Anonymität heraus, hinter
eine Apparatur tätig. Ein Patient des japanischen Psychiaters Kimura fasste das
Erlebnis der Fernsteuerung in dem Satz zusammen: „I am a psycho-machine“
(Kimura 2001, S. 331).
Die Selbstentfremdung und Verdinglichung als Grundlage des technischen
Wahns wird auch in einer anderen klassischen Darstellung der Beeinflussungs-
maschine deutlich. Viktor Tausk beschrieb 1919 den Fall der 31-jährigen Patientin
Natalija A., die sich seit Jahren von einem Apparat mit der Gestalt ihres eigenen
Körpers beeinflusst fühlte, dessen Inneres aus elektrischen Batterien bestehe
(vgl. Tausk 1983). Alle Manipulationen an diesem Körperduplikat vollzögen sich
gleichzeitig an ihr selbst; „wenn in den Apparat hineingestochen wird, dann fühlt
sie einen Stich an der entsprechenden Stelle des eigenen Körpers“ (ebd., S. 256).
Die Missetäter, die ihn handhaben, verursachen dadurch bei ihr ekelhafte Ge-
rüche, Träume, Gedanken, Gefühle und sexuelle Empfindungen.
Hier erscheint die Maschine als Verdoppelung des eigenen Körpers, der
technomorph verdinglicht und nach außen projiziert wird. Die entfremdeten
eigenleiblichen Empfindungen und Regungen werden nun durch eine ‚magische
Technik‘ produziert. Das eigene Leben vollzieht sich nicht mehr spontan und von
selbst, sondern hat sich in eine extern betriebene Apparatur verwandelt. Louis
Sass deutet Natalijas Beeinflussungsmaschine dementsprechend als

„[…] Spätsymptom einer Art Introversion, als Kristallisierung einer erlebten Welt,
in der sich die explizite Aufmerksamkeit auf innere Empfi ndungen und Körperbild-
Erlebnisse fi xiert, die für gewöhnlich latent bleiben, während die äußere Welt die
Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nach dieser Interpretation wäre die Beeinflussungs-
maschine eine Projektion nicht des physischen, sondern des subjektiven Körpers
– des gelebten Leibs, der gewissermaßen nach außen gestülpt, verfestigt und durch
die Intensität eines selbstbezogenen Blicks verdinglicht wird.“ (Sass 1996, S. 227,
eig. Übers.)10

10 Tausk (1983) selbst führt den Beeinflussungsapparat zunächst einleuchtend auf das
menschliche Kausalitätsbedürfnis zurück: Er sei als Endstück einer Entwicklungsreihe
zu sehen, die von Entfremdungserlebnissen in Bezug auf den eigenen Körper, die Ge-
danken oder Gefühle fortschreite zum Erlebnis des Gemachten, weiter zur Erklärung
durch Annahme einer feindlichen Macht, und schließlich zum technischen Wahn (S.
248f.). Dann aber folgt er Freuds Paranoia-Theorie und sieht in der Maschine eine
Projektion der Libido als Abwehr gegen verdrängte homosexuelle oder heterosexuelle
140 Thomas Fuchs

Der entscheidende Grund der Affinität von Schizophrenie und Technik ist damit
deutlich geworden: Die Maschine ist die geeignete Metapher für eine Subjektivi-
tät, die sich selbst äußerlich und zu einem synthetischen Objekt oder Apparat
geworden ist. Die Mechanisierung des Psychischen geht dem technischen Er-
klärungswahn voraus: Was sich in der Beeinflussungsmaschine widerspiegelt, ist
nur die Entfremdung und Verdinglichung der Subjektivität der Patienten selbst.11

4 Resümee

In unserer Untersuchung haben sich vier Aspekte gezeigt, die eine strukturelle
Analogie von Technik und schizophrenem Erleben begründen:

1. Wirkung aus dem Verborgenen,


2. magische Grenzauflösung,
3. Virtualisierung des Realen,
4. Mechanisierung des Lebendigen und Reifizierung des Psychischen.

Die Technik bietet schizophrenen Patienten damit eine Möglichkeit, ihre Er-
lebniswelten zu verbalisieren und sie sich oder anderen erklärlich zu machen.
Daher haben sich in ihren Wahnvorstellungen seit der Industrialisierung die
jeweils neuesten technischen Errungenschaften niedergeschlagen, insbesondere

Triebbedürfnisse: Der durch eine Libidostauung veränderte Körper werde vom Ich ab-
gewehrt, d. h. entfremdet und schließlich in Form von Beeinflussungserlebnissen in
die Außenwelt projiziert. Dabei deutet Tausk die Libidostauung ganz materiell, näm-
lich als Schwellungen und Entzündungen einzelner Organe, d. h. als „Erektionsäqui-
valente“ bzw. „Säfteüberfüllungen … infolge libidinöser Ladung des Organs“ (S. 275).
Der Beeinflussungsapparat sei somit „eine Projektion des eigenen Körpers, der als
ganzer Genitale ist“ (S. 278). Spätestens hier offenbart sich der groteske Konkretismus
bzw. Materialismus der psychoanalytischen Metapsychologie; auch Freud sah ja
den „psychischen Apparat“ als eine Art hydraulisch getriebene Libido-Maschinerie
an. In ihrer konkretistischen Sicht seelischer Regungen und Gefühlsbeziehungen
ähnelt diese Metapsychologie der Reifizierung des Seelischen bei den schizophrenen
Patienten, oder Matthews „Verzerrung des Denkens durch Dehnung des Gehirns.“
11 Roland Kuhn beschrieb bei einer schizophrenen Patientin einen Übergang von der
Derealisierung zur Reifizierung: Sie glaubte sich zunächst von einem Radioapparat
bestrahlt und elektrisiert, es werde auch ein Film von ihr gedreht (Virtualisierung der
Selbsterfahrung). Später gab sie an, sie könne sich nicht mehr bewegen, sondern werde
von einem grauen Kran bewegt, der hinter ihr stehe, oft auch in ihr selbst sei und dann
nur noch mit Haut überspannt erscheine. Die Mechanisierung bzw. Reifizierung der
Selbsterfahrung ist hier deutlich erkennbar (Kuhn 1952, S. 73ff.).
Being a Psycho-Machine 141

Techniken der Fernwirkung und der Virtualisierung. Letztlich lassen sich die
verschiedenen Formen von Beeinflussungsmaschinen als Projektionen einer ent-
fremdeten, verdinglichten Subjektivität in eine anonyme äußere Apparatur auf-
fassen.
Aber nicht nur das: Der technische Beeinflussungswahn liefert umgekehrt eine
aufschlussreiche Parallele zum Projekt der Moderne, dessen Grundtendenz man
mit Gernot Böhme darin sehen kann, „alles Gegebene in ein Gemachtes zu trans-
formieren“ (Böhme 2001, S. 2ff.). Der zu Beginn beschriebene Prozess der wissen-
schaft lichen Reinigung der Natur von allen subjektiven, anthropomorphen
Anteilen fördert ein Skelett der Realität zutage, das sich leichter zerlegen und
manipulieren lässt als die noch nicht ‚entzauberte‘ Wirklichkeit. Dazu gehören
die biomedizinische Mechanisierung des Lebendigen und die Technisierung
des Körpers ebenso wie heute die neurowissenschaft liche Materialisierung des
Psychischen. In der ‚Hypermoderne‘ wendet sich der wissenschaft lich-technische
Fortschritt auf den Menschen selbst zurück, zunächst auf seinen Körper, dann
auf seine Subjektivität. Sein Leib und sein Geist erscheinen mehr und mehr
als eine komplexe Maschinerie biologischer und neuronaler Prozesse, die sich
manipulieren oder auch umkonstruieren lassen. Lebensweltliche Selbstver-
ständlichkeiten lösen sich auf, und an ihre Stelle treten technisch verfügbare
Konstrukte.
Dies führt zu einer Konvergenz des Fortschrittsprozesses mit Erlebnisformen
Schizophrener und ihrem „Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit“, so
der Titel von Wolfgang Blankenburgs grundlegender phänomenologischer
Untersuchung basaler schizophrener Erlebnisformen (vgl. Blankenburg 1971).
Schizophrene sind in gewissem Sinne hypermodern, insofern sie das Psychische
verdinglicht erleben und zu einer rationalistisch-mechanistischen Sicht des
Lebens und interpersonalen Beziehungen neigen. Auch für sie verwandelt sich
alles natürlich Gegebene in ein künstlich Gemachtes – gemachte Gedanken,
gemachte Gefühle, gemachte Handlungen. Und so wie James Tilly Matthews
die drahtlose Kommunikation antizipierte, so nehmen heutige schizophrene
Patienten in ihren technischen Wahnvorstellungen eine Hypermoderne vorweg,
in der selbst noch das Bewusstsein als programmierbare Soft ware ausgegeben
wird und Gefühle sich in manipulierbare biochemische Stoffe verwandeln. Ihr
Wahn verweist damit auf die entfremdende Wirkung einer Anthropotechnik, in
der die Maschine nicht mehr der Naturbeherrschung dient, sondern sich auf den
Menschen selbst zurückwendet und so am Ende tatsächlich zur „Beeinflussungs-
maschine“ werden könnte.
142 Thomas Fuchs

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Beeinflussungserfahrungen als Thema
in der Forensischen Psychiatrie
Nahlah Saimeh

1 Der freie Wille und die Schuld

Beweggründe für die Begehung von Straftaten aller Art sind mannigfaltig
und lassen sich leicht mit der Bedürfnisstruktur von Menschen erklären. Be-
reicherung, Verschaff ung eines Vorteils, Machtsicherung, Dominanzanspruch,
Eifersucht, Besitzstreben, Eitelkeit, Freude an der Manipulation, Hedonismus,
Vermeidung von Anstrengung, Wut, Zorn, Rache, sexuelle Lust, Ehre, Erfüllung
einer subkulturellen Verhaltensnorm etc. sind nur einige Beispiele für Motive,
Straftaten z. B. gegen Eigentum oder gegen Leib und Leben zu begehen. In allen
Fällen kann man zunächst einmal annehmen, dass eine Täterperson sich aus
persönlichen Motiven, Überlegungen, Verhaltensstilen und Wertorientierungen
heraus für eine Tat entscheidet. Dabei ist die Kernfrage der Schuldfähigkeit, ob
der Täter oder die Täterin sich zur Tatzeit auch grundsätzlich anders hätte ent-
scheiden können.

„Der innere Grund des Schuldvorwurfs liegt darin, dass der Mensch auf freie, ver-
antwortliche, sittliche Selbstbestimmung angelegt und deshalb befähigt ist, sich für
das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden, sein Verhalten nach den Normen
des rechtlichen Sollens einzurichten und das Verbotene zu vermeiden, sobald er
die sittliche Reife erlangt hat und solange die Anlage zur freien sittlichen Selbst-
bestimmung nicht durch … krankhafte Vorgänge vorübergehend gelähmt oder auf
Dauer zerstört ist.“ (BGHSt 2, S. 194ff.)

Diese Feststellung des Bundesgerichtshofs (BGH) ist von grundlegender Be-


deutung für unser zweispuriges Strafrecht, das zwischen Strafe für Tatschuld
und Straflosigkeit für den schuldlos handelnden Delinquenten unterscheidet. Der
freie Wille des Menschen, also die Fähigkeit, eigene autonome Entscheidungen
für oder gegen eine Sache zu treffen, stellt das Fundament für den Schuldbegriff

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_9, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
146 Nahlah Saimeh

dar. Die moderne Neurobiologie hingegen postuliert, dass es einen freien Willen
nicht gibt, sondern vielmehr unser Bewusstsein nachher als vermeintliche ‚Ent-
scheidung‘ der Person legitimiert, was im Gehirn vorher bereits durch neuronale
Aktivitätsmuster vorbereitet wurde. Seit den so genannten Libet-Experimenten ist
bekannt, dass im Gehirn im Motorcortex bereits später ausgeführte Bewegungen
neuronal vorgebahnt werden, bevor die Versuchsperson angeben konnte, dass sie
bewusst eine Entscheidung getroffen hat (Libet 2004). Wenn aber das, was wir
Willensfreiheit bzw. Entscheidungsfreiheit nennen, das Resultat bereits zuvor im
Gehirn entstandener neuronaler Erregungsmuster ist, dann, so lautete die Schluss-
folgerung, müsse der Schuldbegriff unseres Strafrechts gänzlich überdacht, ja
abgeschafft werden. Jede menschliche Handlung sei in Wahrheit gar keine eines
eigenen freien Entschlusses, sondern werde schon weit vor der Bewusstwerdung
einer Entscheidung vom Gehirn in komplizierten Algorhythmen vorausgeplant.
Der Täter sei somit auch nicht einem Justizvollzugssystem zu überantworten,
sondern er müsse in Therapie. Mit der Abschaff ung des Schuldbegriffs würde das
Strafrecht letztlich abgeschafft und in einen Zweig des Gesundheitssystems über-
führt. Dabei wird in der Diskussion leicht übersehen, dass ein Strafrecht ein rein
normatives System ist. Schuld und Strafe beziehen sich auf – jeweils in ihrer Zeit
gültige – sittliche Normen und Verstöße gegen diese. Ausnahmen können nur vor
dem Hintergrund schwerwiegender psychischer Störungen gemacht werden.
Es gibt jene Fälle, in denen genau diese Frage, nämlich ob der Täter anders
hätte entscheiden können, zu verneinen ist, weil er einem inneren Zwang, einer
Aufhebung der eigenen Entscheidungsalternativen oder dem Erleben von Fremd-
steuerung unterlegen war. Die Forensische Psychiatrie befasst sich mit der Begut-
achtung und Behandlung von Straftätern, die ihre Taten infolge einer gravierenden
psychischen Störung begangen haben und hierdurch nicht mehr in der Lage
waren, sich voll umfänglich für oder gegen die Tatbegehung zu entscheiden.
Die Rechtsprechung fordert dafür das Vorliegen einer „krankhaften seelischen
Störung“, einer „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“, „Schwachsinn“ oder das
Vorliegen einer „schweren anderen seelischen Abartigkeit“ (vgl. § 20 StGB), auf-
grund derer die Person nicht in der Lage war, das Unrecht der Tat einzusehen oder
nach dieser Einsicht zu handeln. Einsichtsfähigkeit und Steuerungsfähigkeit sind
also die Instrumente, die der forensische Psychiater von der Justiz an die Hand
bekommt, um die Schuldfähigkeit aus psychiatrischer Sicht zu prüfen. Aus rein
psychiatrischer Sicht ist die Trennung zwischen Einsicht und Steuerungsfähigkeit
allerdings recht willkürlich und auch in der Praxis sind die beiden nicht immer
leicht voneinander zu trennen. In welcher Weise können psychische Störungen
dazu führen, dass Menschen, die womöglich zuvor niemals kriminell gewesen
sind, schwere Gewalttaten begehen?
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 147

2 Anschauliche Fälle

Einige Fallbeispiele sollen das im Folgenden zunächst exemplarisch verdeut-


lichen:

Fallskizze 1

Der 35 Jahre alte Herr B. stammte aus bürgerlichen Verhältnissen, arbeitete


mehrere Jahre als Techniker in einer Firma und lebte in einer Wohngemein-
schaft mit zwei Freunden. Im Alter von 28 Jahren erkrankte er an einer
schizophrenen Psychose, aufgrund derer er sich bereits dreimal in stationärer
psychiatrischer Behandlung befunden hatte. Er hörte befehlende und
kommentierende Stimmen und fühlte sich von vorbeifahrenden Autos auf
der Straße verfolgt. Um der eigenen Unruhe Herr zu werden, konsumierte er
vermehrt Cannabis, aber nach einer kurzen Sedierung wurden die Symptome
nachher umso drängender. In der dritten Krankheitsphase kamen Gefühle
hinzu, die Umgebung könne seine Gedanken lesen und ihm Gedanken aus dem
Kopf ziehen. Das Ordnungsamt brachte ihn beim dritten Mal zur stationären
Aufnahme, weil er einen der WG-Mitbewohner damals verdächtigte, ihm Ge-
danken zu stehlen und diesen mit einer Wasserflasche bedrohte. Stets sprach
Herr B. auf Antipsychotika gut an, die Krankheitssymptome bildeten sich
im Wesentlichen zurück, aufgrund bleibender Schwächen in der Ausdauer,
Konzentration und Belastbarkeit wurde er jedoch im Alter von 32 Jahren
frühzeitig berentet. Der primär persönlich friedliche Mann hatte nun seit
einiger Zeit die Medikamente wieder abgesetzt, weil er annahm, dass er sie
nicht mehr brauche. Auch konsumierte er wieder Cannabis. Ein paar Wochen
später wurde er unruhiger, er schlief schlechter, wurde schreckhafter, konnte
sich nicht mehr konzentrieren. Seine Freunde bemerkten eine zunehmende
Gereiztheit, die sich vor allem wieder auf einen der beiden Freunde bezog.
Ihn verdächtigte er erst der Spionage. Er beschimpfte ihn, bewarf ihn auch
einmal mit einer Schüssel, äußerte, dass er „enttarnt“ sei. Ein paar Wochen
später schrie er ihn an, er möge Herrn B. seine Gedanken wiedergeben. Herr
B. werde sich von ihm nicht bestehlen lassen, er werde nicht zulassen, dass
seine Gedanken verkauft würden. Wenige Nächte später bewaff nete sich
Herr B. in seiner Psychose mit einem Schwert, das vormals zur Dekoration in
seinem Zimmer hing und schlug auf den schlafenden Mitbewohner ein, der
mit schweren Verletzungen an Kopf und Rumpf überlebte.
148 Nahlah Saimeh

In der gutachterlichen Untersuchung konnte eindeutig heraus exploriert werden,


dass der Angriff auf den Mitbewohner einer psychotischen existentiellen Angst
vor dem Gedankenentzug und der wahnhaften Idee entsprang, der Freund raube
ihm die Ideen aus dem Kopf, in dem eine quälend ängstigende Leere zurück blieb,
und veräußere die gestohlenen Gedanken an Geheimorganisationen. Als Herr B.
wiederum nachts schlaflos war, die Leere in seinem Kopf spürte und erlebte, wie
durch die Wände hindurch von dem feindlich gesonnenen Mitbewohner seine
Gedanken „abgezogen“ wurden, entschloss er sich, diesem Treiben ein Ende
zu machen. Er griff das Schwert von der Wand in der Absicht, den Freund zu
töten. Der lebensgefährliche Angriff auf den Freund entsprang der psychotisch
motivierten Notwendigkeit einer Selbstrettung. Herr B. war durch das wahnhafte
Denken und die Störung des Meinhaftigkeitserlebens, in dem er sich seiner Ge-
danken beraubt erlebte und infolge der daraus begründeten ängstlichen Not in
seiner Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit erheblich vermindert. Er wurde gem. § 63
StGB in die Forensische Psychiatrie eingewiesen und nach einem sehr guten Be-
handlungsverlauf nach einigen Jahren entlassen.

Fallskizze 2

Der zur Tatzeit 24 Jahre alte Herr M. tötete seine allein lebende Mutter während
eines Besuches. Er hatte zu dem Zweck bereits eine Axt in seinem Reisegepäck
mitgenommen, ging hinauf in sein altes Kinderzimmer, nahm die Axt aus
der Tasche, ging hinunter und erschlug die ahnungslos vor dem Fernseher
sitzende Frau von hinten mit einem wuchtigen Schlag auf den Schädel. Nach
der Tat trug er die blutüberströmte Mutter in das Badezimmer in den ersten
Stock, legte sie in eine mit Wasser gefüllte Badewanne und wusch ihr das Blut
ab, weil er nicht wollte, dass die Polizei die Mutter „so unordentlich“ vorfi nde.
Nach der Bluttat rief er seine ältere Schwester an und berichtete ihr am Telefon,
er habe die Mutter getötet. In der Exploration und anhand der mit Einver-
ständnis des Probanden herangezogenen Klinikberichte ergab sich folgende
Krankheitsgeschichte: Auch Herr M. entstammte bürgerlichen Verhältnissen.
Die Eltern ließen sich scheiden, als er 13 Jahre alt war, und er verblieb bei der
Mutter. Den Vater sah er monatlich. Er besuchte nach der Grundschule das
Gymnasium, entwickelte aber im Alter von 17 Jahren bereits zunehmende
Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und das Gefühl, dass in seinem
Leib Organe schrumpften. Mit 18 Jahren verübt er einen ersten Suizidversuch,
indem er sich zu Hause raptusartig in der Küche die Pulsadern zu öff nen ver-
sucht, von der Mutter jedoch daran gehindert und erstmals in die Psychiatrie
eingeliefert wird. Ein halbes Jahr später entwickelte er unkorrigierbare Ver-
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 149

giftungsideen, die Mutter sei in Wahrheit eine männermordende Hexe, die


auch schon den leiblichen Vater verhext und vergiftet habe. Dieser habe sich
der Verhexung aber noch rechtzeitig entziehen können, während er selbst die
Machenschaften der Mutter zu spät erkannt habe. Sie habe ihn seit Jahren
vergiftet, die schrumpfenden Organe einschließlich der Genitalien und das
schrumpfende Gehirn, mit dem er kaum noch klar denken könne, seien Folge
des sich im Körper anhäufenden Giftes. Zu dieser wahnhaften Überzeugung
kamen Frauenstimmen, die ihn darin bestärkten und ihm zuflüsterten, die
Mutter sei eine Hexe, sie sei nicht seine Mutter, sie wolle ihn töten. Im Zuge
dieser Vergiftungsideen und akustischen Halluzinationen kam es schon in
den Folgejahren immer wieder zu tätlichen Übergriffen gegen die Mutter, die
wiederholt zu gerichtlich verfügten Einweisungen in die Psychiatrie führten.
Unter Medikation bilden sich die Wahnideen stets zurück, aber Herr A. setzte
die Medikamente immer wieder rasch nach der Entlassung aus der Klinik
ab. Auch die Einrichtung einer Betreuung und die Zuordnung eines Berufs-
betreuers änderten daran nichts.

In der Exploration schilderte Herr A. das ausgeprägte Wahnsystem, die


coenästhetischen1 Missempfindungen, die für ihn ein klarer Beweis der Wirkung
des langsam tötenden Giftes waren, berichtete von den Frauenstimmen, die
ihm die Hinweise gaben, dass die Mutter nicht seine Mutter sei und er erklärte
den so getroffenen Entschluss, der anhaltenden Vergiftung nur durch Tötung
ein Ende bereiten zu können. Auch hier war das Gewaltdelikt als psychotisch
motivierter Versuch der Rettung der eigenen Person vor dem fi nalen Untergang
zu verstehen, Die Tötung geschah unter dem Einfluss von Stimmen und auf dem
Boden einer unkorrigierbaren wahnhaften Überzeugung. Auch Herr A. kam in
die Forensische Psychiatrie.

Fallskizze 3

Der unverheiratete 47 Jahre alte Herr Q. war Finanzbeamter, als er eines Tages
auf dem Weg zu seiner Arbeit in seinem Wagen frontal mit einem ihm ent-
gegen kommenden Fahrzeug zusammenprallte. Der Fahrer des ihm entgegen-
kommenden Wagens hatte aufgrund eines Herzinfarkts die Kontrolle über
sein Fahrzeug verloren und den schweren Unfall verursacht. Herr Q. kam rein

1 Anmerkung der Herausgeber: Coenästhesie (auch Zönästhesie) bezeichnet ein schwer


lokalisierbares, unspezifisches körperliches Empfinden (das positiv oder negativ sein
kann).
150 Nahlah Saimeh

körperlich mit relativ geringfügigen Verletzungen davon, der robuste Wagen


der oberen Mittelklasse, den er fuhr, hatte einen Totalschaden. Im Rahmen
der nachfolgenden, sich über Jahre hinziehenden Rechtsstreitigkeiten um
Schmerzensgeld und um Rentenansprüche wegen der von ihm reklamierten
massiven Konzentrationsstörungen und depressiven Leeregefühle entwickelte
Herr Q. einen querulatorischen Wahn und sah sich als Opfer eines Unrechts-
staates. Das ihm zuerkannte Schmerzensgeld hielt er für zu gering, sah zu-
nehmend ein Komplott aus Versicherungsgesellschaft, Automobilindustrie
und Verkehrspolitik und begann nunmehr exzessiv ausufernde Beschwerden
zu schreiben. Er stellte Strafanzeigen gegen Sachbearbeiter der Versicherungs-
anstalten, ging über zu unflätigen Beleidigungsschreiben gegen Sozialrichter,
schrieb hohen politischen Amtsträgern in Deutschland und in Brüssel und
fokussierte seinen Hass zunehmend auf das ortsansässige Sozialgericht, gegen
das er nun Bombendrohungen verschickte und zuletzt mit selbstgebauten
Molotow-Cocktails vor dem Gerichtsgebäude stand. Nach Stunden wurde er
von einem Sondereinsatzkommando überwältigt und festgenommen. Auch
Herr Q. wurde einige Tage später in der Forensischen Psychiatrie, zunächst
vorläufig und später per Gerichtsurteil, untergebracht. Bei ihm diagnostizierte
der Sachverständige eine wahnhaft-querulatorische Entwicklung.

Fallskizze 4

Der 26 Jahre alte Herr K. wuchs unter ungünstigen Bedingungen auf. Er war das
ungewollte Kind eines gewalttätigen Mannes, von dem die 17 Jahre alte Mutter
sich bereits trennte, als sie mit Herrn K. hochschwanger war. Nach seiner Ge-
burt hatte Frau K. viele kurzzeitige Partnerschaften, alle zu gewalttätigen,
trinkenden Männern. Sie selbst ging der Gelegenheitsprostitution nach, wurde
aber von einem ihrer Lebensabschnittspartner zeitweilig auch zur Prostitution
gezwungen. Herr K. wurde als Kind Zeuge des sexuellen Gewerbes, das in der
Wohnung der Mutter stattfand. Die Großeltern mütterlicherseits waren an
dem Jungen nicht interessiert. In der sozial schwachen Gegend entwickelte sich
das ungepflegte, vernachlässigte Kind rasch zu einem Außenseiter. Bis zum 12.
Lebensjahr wurde Herr K. gehänselt und von anderen Kindern verdroschen.
Auch von der Mutter und deren diversen Partnern wurde er geschlagen. In der
Pubertät wurde Herr K. kräft iger und fand eine Zeit lang Anschluss an rechts-
radikale Kreise, in denen viel getrunken und geprügelt, er aber freudig be-
grüßt wurde. Auf Menschen zu stoßen, die sich über sein Erscheinen zu freuen
schienen, war für ihn eine neue Erfahrung. Die Schule besuchte er derweil
nur noch sporadisch, wechselte von der Hauptschule zur Sonderschule und er-
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 151

hielt nach der 9. Klasse ein Abgangszeugnis. Mit dem Beginn der Pubertät ent-
wickelte er schon sehr früh die Phantasie, Mädchen und Frauen zu verletzen.
Er erregte sich an der Vorstellung, ihnen in der Dunkelheit aufzulauern,
hinterher zu laufen und sie dann mit einem Messer von hinten anzugreifen.
Er stellte sich die angstvoll aufgerissenen Augen vor, den starren Schrecken
im Gesicht, wenn er sie von hinten attackieren würde, ihre gellenden Schreie.
In der Folgezeit trank er viel und wenn er nicht mit den rechtsradikalen
Kumpanen zusammen war, dann schaute er stundenlang Pornofi lme an und
trank weiter. Einen zwischenzeitlichen stundenweisen Job in einem Getränke-
handel verlor er wegen seiner Unzuverlässigkeit. Bis zu seiner Festnahme
lebte er von Sozialtransferleistungen. Freundinnen hatte Herr K. nicht. Seine
einzigen sexuellen Kontakte zu Mädchen und jungen Frauen bestanden als
Jugendlicher darin, ihnen auf der Straße oder im Park spontan zwischen die
Beine zu greifen und wegzulaufen. In seinem Kopf hingegen wurden andere
Szenarien vorbereitet. Ab dem 24. Lebensjahr begann er, mit einem Messer be-
waff net, nachts die Straßen entlang zu laufen oder stundenlang mit dem Fahr-
rad umherzufahren und auf günstige Gelegenheiten zu warten. Er verfolgte
junge Frauen eine Weile zu Fuß oder mit dem Rad und genoss die Vorstellung,
sie niederzustechen, empfand aber auch eine nachsichtige Genugtuung, wenn
er sie in der Nacht noch einmal laufen ließ und nichts unternahm. Nach
seinen nächtlichen Observationstouren befriedigte er sich dann in der Rück-
erinnerung an die verflossenen Gelegenheiten selbst. Auch schaute er nach er-
leuchteten Fenstern, in denen Frauen zu beobachten waren. Schon das Wissen
um die Gefahr, in der sich die Frau befand und von der sie nichts ahnte, gab
ihm ein Gefühl der Überlegenheit. Kehrte er in seine Wohnung zurück, be-
fiel ihn manchmal eine gewisse Zerknirschung, sein Leben nicht geordnet zu
bekommen. Bei der Beschäft igung mit Pornographie, die zunehmend gewalt-
tätiger wurde, konnte er die Frustration vergessen. Nachdem er zwei Jahre lang
nachts herumgeschlichen war, stach er in sexueller Absicht binnen 14 Tagen
auf drei Frauen im Alter zwischen 17 und 35 Jahren ein. In allen Fällen erfolgte
der Angriff und der erste Stich von hinten, dann entwickelte sich jeweils ein
Kampfgeschehen, in dem er die Frauen mit weiteren Messerstichen im Brust-
bereich zum Teil lebensgefährlich verletzte. Es war reiner Zufall, dass keines
der Opfer starb. Er flüchtete nach dem Angriff stets und masturbierte in Er-
innerung an die von ihm überfallenen Frauen bis zum Orgasmus.

Hier stand die Delinquenz im Zusammenhang mit einer sich seit der Pubertät
entwickelnden sexuellen Paraphilie im Sinne einer ausschließlichen Kopplung
der eigenen sexuellen Befriedigung an die Vorstellung gewalttätiger Übergriffe
152 Nahlah Saimeh

auf Frauen, die Todesangst erleben sollten. Sexuelle Alternativvorstellungen gab


es nicht. Auch hier wurde vor dem Hintergrund einer in ihrer gesamten Persön-
lichkeitsentwicklung erheblich gestörten Person die sexuelle Paraphilie mit ihrer
suchtartigen Steigerung, der zunehmenden zeitlichen Inanspruchnahme und der
Ausschließlichkeit ihres Skripts als sog. „schwere andere seelische Abartigkeit“
anerkannt und als schuldmindernd bewertet. Aufgrund der hohen Gefährlichkeit
für die Allgemeinheit wurde Herr K. in die Forensische Psychiatrie eingewiesen,
wo er sich auch 15 Jahre später noch befand.

3 Erläuterungen

Was zeigen diese Fallskizzen zur Bedeutung von Beeinflussungserleben im Zu-


sammenhang mit Straftaten?
In den Fallskizzen 1 und 2 werden die psychisch kranken Personen zu Ge-
walttätern, weil sie sich jeweils aus einem wahnhaften Erleben heraus selbst mit
unverrückbarer Gewissheit als Opfer einer ihnen feindlich, ja lebensbedrohlich
gesonnenen Umgebung erleben. Die psychotischen Symptome der Erkrankung
vermitteln ihnen leibnahe Erfahrungen des eigenen Bedrohtseins und den Ver-
lust der eigenen Integrität. Personen des unmittelbaren sozialen Nahfeldes er-
scheinen als Verursacher, die zur Selbstrettung und zur Beendigung der eigenen
Qualen ausgelöscht werden müssen. Die Fallskizze 3 unterscheidet sich von den
ersten beiden Fällen dahingehend, dass die Realitätskontrolle des betroffenen
Täters nicht umfassend beeinträchtigt ist, sondern das inhaltliche Denken nur in
Bezug auf ein spezielles Thema, nämlich die juristischen Auseinandersetzungen
um Folgeansprüche nach dem Unfall, fokussiert gewesen ist. Die Fallskizze 4
hingegen illustriert eine andere Art von Beeinflussung, die man nicht als Beein-
flussungserleben beschreiben kann. Diese Handlungsweisen resultieren vielmehr
aus einer über Jahre hinweg eingeübten intensiven gedanklichen Beschäftigung
mit lustvollen Phantasien und Vorstellungen, die allerdings für den Betroffenen
ohne Alternative sind. Dennoch entschließt sich Herr K. selbst, die Wohnung zu
verlassen, nachts umherzuziehen und Opfer zu suchen. Es ist nicht ‚ein anderer‘,
der ihn dazu auffordert, er handelt auch nicht aus einem inneren Zwang, den er
selbst als ich-fremd, als nicht zu sich gehörig, erlebt, sondern er trifft den Ent-
schluss, seine in der Phantasie gehegten Neigungen endlich in die Tat umzusetzen.
Beeinflussungserleben als zentrales Motiv für die Begehung von Straftaten
findet sich in erster Linie bei den schizophrenen Psychosen, allen voran der para-
noid-halluzinatorischen Unterform der Schizophrenie. Im Strafrecht wird diese
psychiatrische Diagnose übersetzt in den juristischen Begriff der „krankhaften
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 153

seelischen Störung“ (vgl. § 20 StGB). Mittlerweile stellen Menschen mit Psychosen


aus dem schizophrenen Formenkreis bis zu 50 Prozent der forensisch unter-
gebrachten Patienten. Im Vergleich zur psychisch gesunden Normalbevölkerung
weisen sie eine deutlich höhere Rate insbesondere für schwere Gewaltdelinquenz,
also für versuchte und vollendete Tötungsdelikte auf (Schanda 2006). Das Ge-
waltrisiko erhöht sich infolge der Krankheit bei Frauen sogar um den Faktor 23,
während bei Männern eine Risikosteigerung um den Faktor 4,6 angegeben wird
(vgl. Hodgins und Müller-Isberner 2014). Leygraf und Kutscher (2006) stellten
fest, dass jene schizophrenen Patienten, die schließlich wegen Straftaten in die
Forensik eingewiesen werden, durchschnittlich bereits sieben stationäre Vorauf-
enthalte in der Allgemeinen Psychiatrie aufwiesen und in 60 Prozent der Fälle
bereits strafrechtlich aufgefallen waren. Mittlerweile lässt sich bei 72 Prozent der
Schizophrenen im Maßregelvollzug zusätzlich noch eine Suchterkrankung bzw.
ein relevant schädlicher Konsum von Rauschmitteln und Alkohol diagnostizieren
(Leygraf und Kutscher 2006).
Die Bedeutung der schizophrenen Psychosen für die Begehung von Gewalt-
straftaten erklärt sich aus ihren typischen Krankheitssymptomen. Der Erkrankte
fühlt sich selbst „verändert, verwandelt, fremd, unwirklich (Depersonalisation)“
(Scharfetter 1986). Das Bewusstsein dafür, dass das Denken eigenes Denken,
das Fühlen eigenes Fühlen ist, ist beeinträchtigt. Der Betroffene sieht sich als
von außen gelenkt, gesteuert, in seiner Wahrnehmung der Leibgrenzen nach
außen brüchig, durchlässig. Das formale Denken wird assoziativ gelockert, ver-
schroben. Die Denkinhalte drehen sich um Bedrohung, Verfolgung, Vergiftung,
sexuelle Grenzverletzungen, Erlösertum, Fremdsteuerung etc. Hinzu kommen
häufig Halluzinationen, meist in Form von imperativen oder kommentierenden
Stimmen, aber auch Leibhalluzinationen sind möglich, in denen der Körper zu
schrumpfen, zu fließen, sich aufzulösen scheint. Dementsprechend typische
Kennzeichen der Delinquenz schizophrener Straftäter sind impulsive Taten in-
folge paranoid-halluzinatorischen Erlebens, systematisch geplante, formal gut
vorbereitete Taten infolge chronischen Wahns oder aber serielle Bagatellstraftaten
infolge der Persönlichkeitsveränderung und sozialen Verwahrlosung.
Nicht jede Tat eines schizophrenen Menschen geht allerdings automatisch
auf die Erkrankung zurück. Es gibt jene Personen, die bereits weit vor dem Auf-
treten der Krankheit schon im Kindes- und Jugendalter mit antisozialem Ver-
halten auffallen und diese Verhaltensweisen später auch mit der Erkrankung fort-
setzen. Eindeutig der Erkrankung zuzuschreiben sind vielmehr jene Straftaten
von Menschen, die vor dem Beginn der Erkrankung unauff ällig lebten und nicht
kriminell oder gar gewalttätig geworden waren, sondern erst mit dem Beginn
der Erkrankung oder sogar erst nach Jahren des Krankheitsverlaufes auff ällig
154 Nahlah Saimeh

wurden. Opfer von Gewalttaten sind dann häufig Personen des unmittelbaren
sozialen Nahfeldes oder des Helfersystems (Betreuer, behandelndes Personal in
Kliniken), gelegentlich aber auch zufällige Personen, die wahnhaft verkannt und
als Bedrohung erlebt werden. Je nach Schwere der Persönlichkeitsveränderung
und entsprechender Dauer der Erkrankung ist den Erkrankten später im Rahmen
der Behandlung selbst möglich, die Sinnlosigkeit ihrer Tat zu erkennen. Bei
Menschen mit schweren, bleibenden Persönlichkeitsveränderungen führt die
Distanziertheit und der Verlust empathischer Gefühle dazu, dass das Unrecht der
Taten und die im Einzelnen auch massive Schwere der Gewalt nicht eingesehen
und nicht bedauert werden kann.
Im Falle von wahnhaften Störungen, die sich von den Schizophrenien deut-
lich abgrenzen lassen, hat man es mit Täterschaft aus Überzeugung zu tun. Der
Übergang von Querulantentum zur wahnhaften Störung ist nicht leicht zu be-
stimmen. Typische Kennzeichen eines Wahns sind die subjektive, unverrückbare
Gewissheit einer Überzeugung, die Unbeeinflussbarkeit und nicht vorhandene
Falsifizierbarkeit der Überzeugung durch äußere Beweise und evidenter Weise
vorhandener Widersprüchlichkeiten, sowie der Umstand, dass der Wahninhalt
durch die soziokulturelle Bezugsnorm nicht geteilt wird. Bei querulatorischen
Entwicklungen findet sich meistens allerdings ein menschlich verständlicher und
einfühlbarer Ur-Grund für Empörung. Irgendein erlittenes Unrecht, irgendeine
Schmach, die womöglich rein juristisch zwar nicht anzufechten ist, aber mensch-
lich irritiert. Während bei Handlungen, die auf einem psychotischen Wahn be-
ruhen, die Schuldfähigkeit aufgrund der schon nicht mehr vorhandenen Ein-
sichtsfähigkeit in das Unrecht zu verneinen ist, wird bei wahnhaften Störungen
aufgrund einer bereits deutlich auff älligen Persönlichkeitsstruktur im Regelfall
eine verminderte Schuldfähigkeit zuerkannt, weil die innere Flexibilität zur Ab-
wägung eigenen Handelns in Bezug auf die ‚Reizthemen‘ des Wahns ganz erheb-
lich eingeschränkt ist. Spricht man mit den Betroffenen über gänzlich andere
Themen, so erscheinen sie häufig gar nicht auff ällig. Erst bei Thematisierung
des Kristallisationsgegenstandes ihres subjektiv erlittenen Unrechts wird die
psychische Störung deutlich. Wahnhafte Störungen sind therapeutisch schwer
zugänglich und im Regelfall profitiert der Betroffene auch nicht von einer anti-
psychotischen Medikation.
Politisch-ideologische Gewalttaten aus fanatischer Selbstgewissheit heraus
sind kein Gegenstand forensisch-psychiatrisch begründbarer Dekulpation.
Zwangsstörungen hingegen, also jene „wiederkehrende(n) und anhaltende(n) Ge-
danken, Impulse oder Vorstellungen, die zeitweise während der Störung als auf-
dringlich und unangemessen empfunden werden und die ausgeprägte Angst und
großes Unbehagen hervorrufen“ (vgl. DSM IV) und die vom Betroffenen selbst
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 155

als Gedanken oder Impulse wahrgenommen werden, die dem eigenen Geist ent-
sprechen und eben nicht von außen gemacht sind, führen nur selten zu strafbaren
Handlungen.
Die vierte Fallskizze hingegen verweist auf eine Fehlentwicklung der Persön-
lichkeit vor dem Hintergrund eines sozial schwachen Elternhauses mit unzu-
verlässigen, gewalttätigen Bezugspersonen, mangelnder Fürsorge und Beauf-
sichtigung und der frühen Entwicklung eines sexuell paraphilen Skripts, in
dem die sexuelle Befriedigung nur durch die Vorstellung von Gewalttätigkeit
gegen Mädchen bzw. Frauen erlangt werden kann. In diesem Falle sind nicht das
Denken, die Affektivität, der Antrieb und die Informationsverarbeitung an sich
gravierend gestört, sondern das psycho-soziale Funktionsniveau der Person, ihre
Kontakt- und Beziehungsfähigkeit, ihre Fähigkeit, eigene Ziele zu entwickeln
und Pläne zu verfolgen, Probleme und Konflikte zu bewältigen, ist nur sehr
rudimentär vorhanden. Eine altersentsprechende soziosexuelle Entwicklung ist
ebenso wenig auszumachen.
Das Vorliegen einer sexuellen Paraphilie, also einer von der sozio-
kulturellen Norm abweichenden sexuellen Neigung ist nicht per se mit einer
psychischen Krankheit gleichzusetzen und schon gar nicht automatisch
mit einer dekulpationsfähigen psychischen Störung. Die in der Öffentlich-
keit bekannteste sexuelle Paraphilie dürfte die Pädophilie sein. Menschen mit
sexuellen Paraphilien sind häufig sehr gut in der Lage, ihr sonstiges Leben an-
gemessen zu bewältigen. Nur schwere Paraphilien führen zu einer gravierenden
Störung der Beziehungsfähigkeit und Einbuße in der Bewältigung der alltäg-
lichen Lebensaufgaben. Erst wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, die auch zur
Bestimmung des Schweregrades einer Persönlichkeitsstörungen herangezogen
werden, dann wird auch hier normativ angenommen, dass die Paraphilie die
Selbststeuerungsmechanismen der Person so erheblich vermindert hat, dass die
Person sich nur noch eingeschränkt nach der grundsätzlich vorhandenen Ein-
sicht in das Unrecht seiner Taten hat richten können. Eine solche Schwere nimmt
man dann an, wenn die Sexualstruktur fast ausschließlich oder nur durch die
abweichenden Vorstellungen definiert ist, so wie hier im Fallbeispiel der Mann
schon mit dem Beginn der Pubertät die Vorstellung von Gewalt gegen Frauen ent-
wickelte, niemals andere sexuelle Phantasien als erregend oder lustvoll empfand
und die Erlangung sexueller Befriedigung strikt an die Vorstellung der Todes-
angst der Opfer gebunden war. Auch ließ sich eine Zunahme der zwanghaften
Beschäftigung mit den sexuellen Phantasien finden sowie ein zunehmendes
Drängen in der Person, die Vorstellungen auch in die Tat umzusetzen. Alter-
native Praktiken zur sexuellen Befriedigung gab es nicht. Auch gab es keinerlei
altersgemäße sexuelle Erfahrung mit anderen gleichaltrigen Personen und dem
156 Nahlah Saimeh

schrittweisen Aufbau sexueller Beziehungen über unterschiedliche, sich langsam


steigernde Intimitätsgrade. Es geht hier also im Sinne der ‚Beeinflussung‘ um die
Frage des Ausmaßes einer Obsession und die in der Persönlichkeit verankerten
vorhandenen (oder eben nicht vorhandenen) Fähigkeiten, diese obsessiven Vor-
stellungen zu beherrschen und sich zu kontrollieren.
Weitere Erkrankungen, die zu Delinquenz führen und bei denen die
Delinquenz als Symptomtat der Störung angesehen werden kann, sind Impuls-
kontrollstörungen und abnorme Gewohnheiten wie z. B. die Pyromanie oder
auch die Kleptomanie. Auch alle Suchterkrankungen bergen das Risiko, dass zur
Befriedigung der Sucht Straftaten begangen werden. Bei den stoffgebundenen
und nicht stoffgebundenen Süchten sind hier in erster Linie Eigentumsdelikte zu
nennen, bei rauschmittelinduzierten psychotischen Zuständen wiederum auch
gewalttätige Übergriffe, unter Einfluss von Kokain nicht selten auch sexuelle Ge-
walt.

4 Forensische Psychiatrie und Behandlungsauftrag

Rund 10.000 Menschen befinden sich im psychiatrischen Maßregelvollzug und


erhalten eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung, weil sie Straf-
taten aufgrund von schweren psychischen Störungen begangen haben. Der An-
teil der suchtkranken Patienten steigt dabei immer mehr an. Bei den gem. § 63
StGB untergebrachten psychisch kranken Straftäterinnen und Straftätern ist vor
allem eine Zunahme von Menschen mit schizophrenen Psychosen zu beobachten.
Das ist sicher kein Zeichen dafür, dass diese Personengruppe gefährlicher ge-
worden ist, sondern sie ist durch die massive Senkung von Verweildauern in den
psychiatrischen Krankenhäusern davon betroffen, dass nur noch anbehandelt
werden kann, die Zeit aber für eine gebotene Stabilisierung nicht ausreicht. Auch
mag sich in der Gesellschaft das Anzeigeverhalten in Bezug auf auff ällige Ver-
haltensweisen psychisch kranker Menschen verändert haben. Anders als früher
zeigen jetzt auch die psychiatrischen Kliniken selbst ihre Patienten an, wenn diese
innerhalb der stationären Behandlung Brände legen oder Personal angreifen.
Perspektivisch wird noch eine weitere Patientengruppe auf die Forensik zu-
kommen: die Senioren, die im Rahmen einer dementiellen Entwicklung Straf-
taten begehen. Andere Personengruppen unterliegen weit mehr gewissen Moden
der Rechtsprechung. Bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oder sexuellen
Paraphilien wird sehr viel kritischer beurteilt, ob diese Störungen im juristischen
Sinne rein normativ einen Schweregrad erfüllen, der zur Dekulpation berechtigt.
Forensische Gutachter haben dabei nicht selbst diese Entscheidung zu treffen,
Beeinflussungserfahrungen als Thema in der Forensischen Psychiatrie 157

sondern ihre Aufgabe besteht darin, das Gericht mit dem notwendigen, auf die
individuelle Person des Täters bezogenen Fachwissen zu versorgen, damit das
Gericht eigenständig eine Entscheidung treffen kann. Als Behandler haben die
Forensischen Psychiater die Aufgabe, die psychisch kranken Menschen zu sichern
und zu bessern, Sicherung solange der Therapiefortschritt noch nicht erzielt ist
und Besserung in dem Sinne, dass am Ende der Behandlung für die allermeisten
Patientinnen und Patienten eine Entlassung aus der Forensik möglich sein sollte.
Der Auftrag der Forensischen Psychiater ist es, Gefährlichkeit zu behandeln, wobei
der Begriff der ‚Gefährlichkeit‘ kein medizinischer ist. Es geht um die Behandlung
der der Delinquenz zugrunde liegenden Störung. In Bezug auf die Bedeutung des
Beeinflussungserlebens lässt sich zusammenfassen, dass psychische Krankheit be-
deutet, in seinem individuellen Maß der Aneignung von Welt stark reduziert zu
sein. Die eigenen prämorbiden Möglichkeiten können nicht mehr ausgeschöpft
werden. Das von tiefer Menschlichkeit getragene Anliegen des Psychiaters muss
sein, dem Menschen wieder zu seiner individuellen freiheitlichen Auseinander-
setzung mit der Welt zu verhelfen. In der gegenwärtigen öffentlichen Debatte
gerät dieser Auftrag deutlich ins Hintertreffen. Der Kernauftrag der Psychiatrie
bezieht sich auf die Freiheit des Menschen und auf die Überwindung derjenigen
beeinflussenden Kräfte, die zur Delinquenz und damit zum äußeren und inneren
Freiheitsverlust der Person führen.

Literatur
BGHSt (1952). Entscheidungen des Bundesgerichtshofs in Strafsachen 2 (S. 194ff.). Köln:
Carl Heymanns Verlag.
DSM IV (1996). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Washington D.C.:
American Psychiatric Association.
Hodgins, S., & Müller-Isberner R. (2014). Schizophrenie und Gewalt. Nervenarzt 85, 273–
278.
Leygraf N., & Kutscher S.-U. (2006). Aktuelle Situation schizophrener Patienten in
psychiatrischer Maßregelunterbringung gem. § 63 StGB in Nordrhein-Westfalen. Ab-
schlussbericht an die DFG. Essen: Institut für Forensische Psychiatrie der Uni Duisburg-
Essen.
Libet, B. (2004). Haben wir einen freien Willen? In C. Geyer (Hrsg.), Hirnforschung und
Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente (S. 268–289). Berlin: Suhrkamp.
Schanda, H. (2006). Untersuchungen zur Frage des Zusammenshangs zwischen Psychosen
und Kriminalität/Gewalttätigkeit. Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie 24, 85–
100.
Scharfetter, C. (1986). Schizophrene Menschen. München: Urban & Schwarzenberg.
Individuelles Erleben von Beeinflussung
und Fremdkontrolle
Thomas Bock, Gwen Schulz

In diesem Beitrag steht das Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle in


psychischen Ausnahmezuständen, vor allem in Psychosen, im Mittelpunkt. Wir
Autoren bringen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mit. Gemeinsam
wollen wir anhand von Beispielen Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus-
arbeiten: Ist das Erleben von Fremdkontrolle gesund oder krank? Wovon hängt
es ab, ob Kontrolle als Bedrohung oder Aufgehobensein erlebt wird? In welcher
Relation stehen die psychotische, die psychiatrische und die gesellschaft liche
Dimension der Fremdkontrolle? Spiegelt das (psychotische) Erleben von Fremd-
kontrolle reale biographische und gesellschaft liche Konflikte? Kann es gelingen,
das Erleben besser zu verstehen, konstruktiv zu wenden und daraus zu lernen?
Unsere Arbeitsweise ist dialogisch. Ziel ist dabei, „anthropologische“ Fragen zu
entwickeln, die über die Pathologie hinaus reichen. Am Ende stehen verschiedene
Schlussfolgerungen für Verständnis und Behandlung von Psychosen.

1 Beeinflussung und Fremdkontrolle


auf verschiedenen Ebenen

Ob und in welchem Ausmaß wir Beeinflussung wahrnehmen, mag individuell


verschieden sein. Auf keinen Fall ist diese Wahrnehmung eindeutig gesund
oder krank. Die Übergänge sind fließend. Pathologische und anthropologische,
individuelle und gesellschaft liche Aspekte ergänzen sich. Fremdkontrolle ist
objektive und subjektive Realität.

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_10, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
160 Thomas Bock, Gwen Schulz

1.1 Beeinflussung als Normalität

Das Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle entspricht zunächst der Wirk-
lichkeit: In vielfältiger Weise werden wir bewusst und unbewusst manipuliert
und gesteuert – durch subtile Werbung, durch Ideologien und Zeitgeist, durch
explizite und implizite fremde Erwartungen und durch mehr oder weniger ge-
wollte bzw. bewusste Lernprozesse. Ist also unsere Vorstellung von Autonomie
eine Illusion? Sollten eher Menschen, die diese Beeinflussung leugnen oder nicht-
wahr-haben-wollen als wahnhaft gelten? Und die, die sie vielleicht überspitzt
wahrnehmen, als Mahner? Die menschliche Wirklichkeit ist komplizierter: Wer
z. B. in einer Psychose Fremdkontrolle und Beeinflussung erlebt, ist gesund und
krank zugleich; seine Wahrnehmung ist dysfunktional und funktional, störend
und sinnhaft. Diese Behauptung gilt es mit Beispielen zu belegen; wenn sie
stimmt, sollte es möglich sein, daraus zu lernen – nicht nur für das Verständnis
von Psychosen, sondern auch für eine Annäherung an existentielle Fragen zur Be-
deutung unseres Ringens um Autonomie und zur Ambivalenz von Beeinflussung.

1.2 Bedrohung oder Bedeutung –


Beeinflussung in der Psychose

Viele Menschen in Psychosen erleben Beeinflussung und Fremdkontrolle in einer


konkreten Eindringlichkeit, die zunächst einmal unmittelbar als irreal erscheint.
Sie hören Stimmen, die andere nicht hören. Oder sie erleben ihre Ich-Grenzen
in einer Weise als durchlässig, die unserer Kultur nicht entspricht. Psychosen
sind gewissermaßen die ‚Lebenskrisen besonders dünnhäutiger Menschen‘. Die
Abgrenzung zwischen Innen und Außen geht verloren. Der innere Dialog wird
zum äußeren; doch die Zuordnung gelingt nicht mehr. Äußere Ereignisse dringen
fi lterlos nach innen – ohne Möglichkeit der Unterscheidung in wichtig oder un-
wichtig, nah oder fern, bedeutsam oder nicht. Die pathologische Bezeichnung
‚paranoid-halluzinatorisch‘ meint nichts anderes. Dieser Zustand kann unerträg-
lich sein. Eine Orientierung ist vorübergehend nicht mehr möglich; zugleich
spiegeln sich in der Psychose aber innere Welten, die bedeutsam sind, und tiefe
Konflikte, die sich zu entschlüsseln lohnen.
Darüber hinaus wird im psychotischen Erleben aber auch die äußere Wirk-
lichkeit spürbar – in einer Art und Weise, die uns ungewohnt sein mag, die aber
Wesentliches vermittelt: Eine ohnehin überflutende Welt ist so zugespitzt, ist so
unverständlich, dass deutlich wird, was wir uns auch jenseits von Erkrankung
dauernd zumuten.
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 161

Wie wird Beeinflussung erlebt – nur als Bedrohung oder auch als Echo? Ist der
Verlust von Kontrolle immer bedrohlich oder kann das Erleben von Bedeutungs-
zusammenhängen auch ein Gefühl von Aufgehobensein vermitteln, das zwar
überwältigend sein kann, aber auch innere Wünsche bedient? Wovon hängt es ab,
ob ein – wie Dorothea Buck (2005) sagt – „verändertes Welterleben“ als bedroh-
lich oder sinnstiftend erlebt wird? Schließt sich beides überhaupt aus, oder kann
die persönliche Entwicklung auch von dem einen Pol zum anderen führen und
eine gute therapeutische Beziehung dabei hilfreich begleiten?

2 Ringen um Autonomie

2.1 Smigol töten? –


Kampf gegen Weltraum und Parasiten (Beispiel 1)

Herr A. kommt unangemeldet. Er wird von der Polizei geschickt. Er fragt, ob

„ich an Koexistenzen im Weltall glaube, an anderes Leben außerhalb unseres


Planeten. Ich antworte etwas ausweichend aber eher zustimmend: Der Weltraum
sei so riesig, ausschließen könne das wohl niemand. Dann wird er konkreter. Er
lebe in Koexistenz mit einem anderen Wesen, das man mit Augen nicht wahr-
nehmen könne. Ich frage, wie er es den wahrnehmen könne, mit welchen Sinnen. Er
könne es hören und fühlen, es sei einfach umfassend da, umfassend und ewig, von
morgens bis abends. Mir fällt auf, dass er die Nacht ausspart, frage aber nicht nach.
Das Wesen heiße Smigol.“ (Bock 2012, S. 90)

Später ist die Rede von Parasiten, ein anderes mächtiges Bild für Fremd-
bestimmung. Herr A. fühlt sich ausgesaugt und ohnmächtig. Ich wage zu sagen,
dass Parasiten vom Wirt leben, ihn nicht töten. Das scheint ihn zu beruhigen. Er
schildert nun genauer seinen aktiven Widerstand gegen die Beeinflussung. Ich
zolle ihm Respekt. Herr A. ist hochintelligent, hat Kulturwissenschaften studiert.
Er weiß um meine Funktion und fürchtet um seine Autonomie – auch mir gegen-
über. Er besteht auf seiner Sprache, auf seinen Bildern. Das Wort Psychose will er
nicht akzeptieren, droht mit sofortigem Kontaktabbruch.
162 Thomas Bock, Gwen Schulz

2.2 Ringen um eine gemeinsame Sprache als Basis


von Kooperation

Herr A. erlebt massive Fremdbestimmung; seine Sprachbilder dafür sind mächtig:


Bestrahlung aus dem Weltraum, im Inneren wirkende Parasiten. Zugleich wehrt
er sich gegen die Begrifflichkeit der Psychiatrie, gegen die real drohende Fremd-
bestimmung in der Psychiatrie. Beide Ebenen sind kaum zu trennen. Das Beispiel
schildert die therapeutische Notwendigkeit, „eigensinnige“ Erklärungen ernst zu
nehmen und auf kreative Weise um Kooperation zu ringen (Bock 2012).
In einem mühevollen, aber zugleich sehr spannenden und letztlich be-
friedigenden Beziehungsprozess kann Vertrauen entstehen. Da ich mir Sorgen um
Herrn A., der durch seine Innenwelt auch gequält und angestrengt wirkt, mache,
frage ich ihn, ob er sich vorstellen kann, dass wir gegen die Parasiten mit Gift
vorgehen. Er zögert lange, um dann beim übernächsten Termin anzudeuten, es
handele sich um ungebetene Gäste, er habe alles Recht der Welt, sie zu beseitigen.
Wir stehen auf derselben Seite; ich darf ihn unterstützen gegen die Beeinflussung.
Zugleich behauptet er mir gegenüber seine Autonomie; ich benutze seine Sprache.
Beim nächsten Mal berichtet er denn auch von Nebenwirkungen des „Gifts“: Er
sei doch etwas müde. Doch verschmitzt lächelnd fügt er hinzu „Smigol aber auch“.
Unsere Beziehung wird noch auf manche Probe gestellt. Zu wenig Raum lässt die
Psychiatrie bei einem notwendigen stationären Aufenthalt, seiner Sprache, seiner
Autonomie und unserer mühsam erarbeiteten Beziehung; es kommt zu heft igen
Konflikten, zur Flucht aus der Psychiatrie und zur Obdachlosigkeit (vgl. Bock
2012, S. 90ff.). Doch später auch zur Rückkehr, zur Wiederaufnahme unseres
Diskurses. Und nach und nach verstehe ich die Hintergründe seines Ringens um
Autonomie – auf vielen Ebenen.

2.3 Existentielle Spannungsfelder

Das Beispiel verdeutlicht: Vordergründig vermittelt eine Psychose den Eindruck


von Fremdbestimmung, doch indirekt kommt immer auch das Ringen um Auto-
nomie zum Ausdruck. Ein rein defizitorientiertes Krankheitskonzept führt zu
Kurzschlüssen: Der Patient ist fremdgesteuert; ich befreie ihn. Er ist nicht Herr
seiner Sinne, ich muss ihn und andere schützen. Das ist nur eine Handlungsebene.
Ein anderer Aspekt ist notwendig für eine vollständige Wahrnehmung: Da ist
jemand unverständlich geworden, um sich vor dem Zugriff anderer zu schützen.
Seine Haut ist so dünn geworden, dass Innen und Außen kaum zu trennen sind.
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 163

Umso behutsamer muss ich mit ihm umgehen, darf nicht einfach bestimmen,
muss mich vorsichtig nähern, um nicht als Eindringling erlebt zu werden.
Der Konflikt dahinter, das Ringen um eine neue Balance zwischen Nähe und
Distanz, um Autonomie und Bindung, Anpassung und Widerstand Bock 2010a,
2011) ist nicht allein pathologisch zu definieren; er ist zutiefst menschlich. Umso
wichtiger sind meine Vorsicht und meine Behutsamkeit, meine Zuverlässigkeit
und Ausdauer. Und auch in meinem Handeln bedarf es der Balance zwischen
Schutz und Zutrauen, der Wahrnehmung von Beeinträchtigung und von
Ressourcen sowie der Verbindung von pathologischem und anthropologischem
Verstehen.

3 Gewalterfahrung –
in der Psychose, in der Psychiatrie, im Leben

3.1 Spiegelung realer Gewalt in der Psychose (Beispiel 2)

„Ich gehöre nicht zu den Menschen, die in psychotischen Zuständen Bewusstseins-


erweiterung erleben, die sich eins mit dem Universum fühlen, die durch ihre Offen-
heit Sinnzusammenhänge erkennen, die sich selbst in einer Weise erfahren, die sie
nicht missen möchten. Ich erlebe diese Zustände ausschließlich als existentiell be-
drohlich und quälend. Ich höre vernichtende Stimmen, die mich konkret bedrohen
und mir Befehle geben. Die Wände kommen auf mich zu, die Erde trägt nicht. Das
Innen – Außengefühl geht verloren: alles geht mich was an, ohne dass ich darauf
reagieren kann, ohne dass ich darin vorkomme. Ich löse mich körperlich auf, ich
spüre, wie die dünne Linie, die Kontur, die uns umgibt und tröstlich vom Außen
trennt, sich nicht mehr schließt. Die Welt hat ungehindert Zugang, bricht über mich
herein, ohne dass ich ihr etwas entgegensetzen kann. Ich kann sie in keiner Weise
sortieren. Es ist ein extrem schutzloser Zustand. Es gelingt mir nicht mehr, die Welt
zu verkleinern, so zu verkleinern, dass sie handhabbar ist, dass es einen inneren
Rahmen, eine Logik gibt, wo meine Handlungen einen Sinn machen, wo Ursache
und Wirkung noch irgendetwas miteinander zu tun haben. Ich verliere mich in dem
großen Ganzen, kann nichts mehr von mir weg halten. Ich mache jede Bewegung
mit. Ich bin ein Mensch mit extremen Gewalterfahrungen seit frühester Kindheit.“
(Schulz 2011, S. 116)

Die Erfahrung der Psychose spiegelt eine biographische Wirklichkeit, die von
der Psychiatrie lange auf fatale Weise ignoriert wurde. Ihre Angst wurde nicht
im Kontext begriffen, sondern nur als Symptom. Die Angst vor Verfolgung, die
Angst im Bett zu liegen, im geschlossenen Raum zu sein, wurde als Symptom
164 Thomas Bock, Gwen Schulz

einer Hebephrenie interpretiert und eben nicht als verständliche Reaktion auf
eine unzumutbare Lebenssituation. Ein schier unglaubliches unfassbares Ver-
sagen der Psychiatrie. Mancher mag hier anmerken, das sei heute undenkbar, da
wir für Traumatisierung inzwischen besser sensibilisiert sind. Das mag sein; doch
immer noch ist die Gefahr groß, dass wir mit der Diagnose eine neue Wirklich-
keit schaffen, auf die wir unser Handeln ausrichten, dass wir irgendwann diese
eigene (begriffliche) Konstruktion nicht mehr als solche erkennen und die erlebte
subjektive Wirklichkeit für uns fast unmerklich, aber für unser Gegenüber ge-
waltsam spürbar an Bedeutung verliert.

„Ich bin mit 14 Jahren das erste Mal in der Psychiatrie gewesen. Es wurde eine Hebe-
phrenie diagnostiziert. Insgesamt habe ich etwa 5 Jahre meines Lebens in unter-
schiedlichen Krankenhäusern verbracht. Ich habe stationäre Psychiatrie als wenig
heilsamen Ort erlebt, obgleich ich auch freundlichen Menschen begegnet bin, die
es sicher gut mit mir gemeint haben. Ich habe wenig hilfreiche Erfahrung mit der
Be-Handlung darin gemacht. Es ist für mich ein Ort, wo viel Grenzüberschreitung
geschieht, Autonomie abgegeben werden muss, keine wirkliche Verständigung
stattfi ndet. Ohne mich zu fragen, ohne von mir und meinem Leben eine Ahnung
zu haben, ohne meine Überlebensstrategien zu kennen bzw. zu respektieren, wissen
andere, was gut für mich ist, wer ich eigentlich bin und treffen Entscheidungen.
Ich muss kooperativ und einsichtig in meine Krankheit sein, um zu beweisen, dass
ich gesund werden will… Meine ohnehin große Angst vor Zugriff, Grenzüber-
schreitung und Ohnmacht bestätigt sich. In einer solchen Atmosphäre bleibt mir
nichts anderes, als mich immer weiter zu entfernen, Kontakt zu verweigern, um
mich zu schützen. Dabei habe ich mich in der Vergangenheit sehr nach einem Ort
gesehnt, wo ich gefahrlos einfach nur bleiben kann, wo Ruhe ist, wo ein Rahmen ist,
in dem ich einen Rest von mir aufheben kann, wenn ich es allein mit mir nicht mehr
aushalte und immer mehr das Gefühl habe, mich aufzulösen. Am meisten Angst
habe ich vor Medikamenten, weil sie mir den Rest von meinen Eigenbewegungen
nehmen, weil auch die Blumen, das Licht, die Bäume und Farben verschwinden. Ich
fühle mich wie bei lebendigem Leib in Beton gegossen. Die Menschen denken, ich
bin schon tot, dabei bekomme ich alles mit und bin dem noch wehrloser ausgeliefert.
Ich höre keine Vögel mehr, aber die Stimmen werden lauter und blecherner.“ (ebd.,
S. 117)

3.2 Die Ambivalenz von Hilfe

Auch therapeutische Hilfe ist nicht nur heilsam, sondern auch bedrohlich, nicht
nur entlastend, sondern auch Zumutung. Auch hier geht es um Autonomie und
Würde, um Selbst- und Fremdkontrolle. Ständig müssen wir hinterfragen, ob und
wie wir hilfreich sind, welche Nebenwirkungen unser Handeln hat – und eben
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 165

nicht nur unsere Medikation. Entscheidend ist, ob es gelingt, eine symmetrische


Beziehung zu knüpfen, eine die den anderen ernst nimmt in seinem Leiden und
in seinen Ressourcen, die ihn respektiert in seiner Verantwortung und in seinen
Grenzen.

„Genauso fürchte ich extrem engagierte Profis, die mir viel zu schnell viel zu nahe
kommen. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie sich für ihre eigene Besonderheit an
mir bedient haben, dass sie mein Vertrauen gesammelt haben, dass sie es wie eine
Trophäe in ihren Schrank gestellt haben. Das Interesse an mir ist schnell erlahmt,
wenn sich der von ihnen defi nierte Erfolg nicht eingestellt hat, wenn ich mich nicht
nach ihren Bedingungen und vor allem ihrem Tempo verändert habe.“ (ebd., S. 118)

Welche Bedingungen muss Hilfe erfüllen, um wirklich der Eigenkontrolle zu


dienen. Können wir es aushalten, im Sinne der Supervision von Selbsthilfe, der
Eigenkontrolle zu dienen und nicht zwingend ein neues Regime zu errichten –
einschließlich der Abspaltung von Erfahrung und Fremdkontrolle?

3.3 Spurensuche, Zutrauen, Geduld, Übersetzen, Hoffen …


Meine Erwartungen an Hilfe

„Vor 15 Jahren hatte ich meine letzte Psychose, der ich mich völlig ausgeliefert ge-
fühlt habe. Ich wollte auf keinen Fall wieder in die Psychiatrie. Die Stimmen waren
existentiell bedrohlich, ich bin nachts draußen herumgelaufen, weil ich es nur noch
aushalten konnte, wenn meine Füße auf dem Erdboden waren und keine Wände
um mich herum waren. In dieser Zeit lernte ich die Sozialpsychiatrische Ambulanz
in Eppendorf kennen. Mir wurde freundlich, vor allem nicht diagnostizierend be-
gegnet. Mir wurde nicht vermittelt, ich müsste erst mal ein grundsätzlich anderer
Mensch werden, wenn ich am Leben teilnehmen will. … Mein größter Wunsch
nach Autonomie wurde akzeptiert. Ich wurde nicht zu etwas Fremdem gezwungen,
sondern meine Möglichkeiten, mich mit meinen mir zur Verfügung stehenden
Mitteln auszuhalten, wurden akzeptiert und gestärkt. Manches, was in mir wohnt,
habe ich überhaupt erst da entdeckt. Ich wurde im besten Sinn begleitet. Ich habe
oft in der mir zur Verfügung gestellten Zeit gar nichts wirklich besprechen können,
aber ich konnte von Weitem sehen, erleben, dass die Welt weitergeht, in der ich
mich zwar nicht mehr gefühlt habe, aus der ich aber nicht ausgeschlossen wurde.
Mir wurde ein unaufdringlicher Faden angeboten, den ich nehmen konnte und der
beim nächsten Mal immer noch da war… Ich musste niemandem etwas zuliebe tun,
es gab kein (auch nicht unausgesprochenes) Konzept, wohin ich mich entwickeln
muss. Ich musste nicht Erfolg versprechen.“ (ebd., S. 119)
166 Thomas Bock, Gwen Schulz

3.4 Abspaltung oder Aneignung?

Diese Schilderungen geben wichtige Hinweise, wie eine hilfreiche Beziehung aus-
sehen kann. Welche Art von Beeinflussung ist hilfreich, welche nicht? Welches
Verstehen der Erkrankung verstärkt die Abspaltung des Erlebten, welche hilft
bei der Aneignung? Wie weit müssen wir die Pathologie in Frage stellen und
anthropologische Aspekte einbeziehen?

„Ich fi nde Psychose ist keine Krankheit, ist keine Fehlschaltung im Gehirn.
Psychose macht Sinn und hat ihre Gründe in der Geschichte eines Menschen.
Meiner Meinung nach ist sie ein Übersetzungs-versuch aus dem Inneren, Reaktion,
Antwort auf etwas, was einen Menschen überfordert, was sich erst einmal nicht
einordnen lässt. Psychose entsteht auch nicht über Nacht, sondern ist Ergebnis einer
mehr oder weniger gescheiterten Anstrengung, Erfahrungen, Erlebnisse zu sich
zu nehmen oder sich gegen sie abzugrenzen. Sie beginnt nicht da, wo ein Mensch
Wahnvorstellungen hat, Stimmen hört oder sich überbordend benimmt. Das ist
spätestens der Zeitpunkt, wo auch die Außenwelt merkt, dass etwas nicht (überein)
stimmt. […]

Vielleicht muss man fragen, übersetzen, abwarten, zuhören, sich offen interessieren.
Vielleicht muss man auch einfach akzeptieren, dass es Grenzen der Möglichkeit im
Verstehen gibt … Zeitweise will Psychose auch gerade das, abgrenzen, anderen den
Zugriff verweigern, deutlich machen, ich möchte nicht verstanden werden, ich will
in Ruhe gelassen werden, ich will mein Einzeln-sein geachtet wissen, ich möchte
nicht verwechselt werden …

Ich glaube, dass alle Menschen in einer Psychose eigentlich sehr einsam sind, egal
ob sie sich für erleuchtet halten, ob sie sich verfolgt fühlen oder sich vor der Welt
fürchten. Ich denke, dass alle Menschen eine tiefe Sehnsucht danach haben, auf die
ihnen eigene Weise irgendwohin zu gehören. In der Psychose fehlt eine tragende
Antwort auf das eigene Sein, Resonanz im Diesseits. Sich mit der Welt wieder zu
verbinden, kann langfristig nur über Beziehung laufen. Wenn Psychotherapie darin
unterstützt, Antwort und Resonanz in sich zu finden, einen Kern, egal wie klein, zu
entwickeln und von da ausgehend, in die Welt zu gehen, ist das für mich das Beste,
was passieren kann.“ (ebd., S. 122)

3.5 Wessen Lebenskonzept zählt?

Die neue Behindertenrechtskonvention verlangt, dass die individuellen Lebens-


konzepte mehr Gewicht bekommen. Wie leben wir? Wie ist die Behausung unserer
Seele? Die Perspektive einer Psychose-Erfahrenen verdeutlicht den großen Spielraum.
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 167

„Ich habe lange gedacht, ich werde mein Leben nicht meistern, weil mein Haus kein
festes, stabiles Fundament hat. Ich werde nie dazu gehören können, weil mir diese
Bauweise und Eigenschaften nicht zur Verfügung stehen, weil mein Haus immer
wieder einstürzt. Inzwischen habe ich das Bild einer Hütte, die auf Pfahlbauten
steht. Die einzelnen Pfähle zu finden ist schwer gewesen und die Suche ist nicht
abgeschlossen, die Hütte schwankt immer noch oft und heft ig. Ganz aktuell bringt
Fukushima und die allgemeine extreme Unruhe, das aus den Fugen geraten in der
Welt sie ins Wanken. Aber da ich sie mit meinen Mitteln baue, stürzt nicht alles
ein, wenn Teile vorübergehend unbewohnbar sind. Ich bin immer noch schnell
irritierbar, ich bin immer noch leicht verstörbar. Ich habe immer noch das Gefühl,
ich habe mir die Welt nur geliehen. Ich bin kein grundsätzlich anderer Mensch
geworden. Aber ich habe in den letzten Jahren viel an Kraft, eigenen Bewegungs-
möglichkeiten gewonnen, die mich erden, die mich freuen, die mich mit der Welt,
vor allem der Natur und den Menschen verbinden. Dazu haben meine Erfahrungen
in der Therapie entscheidend beigetragen. Ich fi nde, ich war nicht krank. Ich bin
auch heute nicht gesund. Ich habe mich schon lange von diesen Begriffen getrennt.
Ich versuche mit dem, was mir zur Verfügung steht, zu leben und mich zu ent-
wickeln.“ (ebd., S.122f.)

Inzwischen ist Gwen Schulz Peer-Beraterin, hält Vorträge und überzeugt


Therapeuten von der Notwendigkeit von Psychosen-Psychotherapie und bringt
ihnen nahe, dass der Austausch auf Augenhöhe für beide Seiten Gewinn bringt.

4 Kriegserfahrung und Psychose

4.1 Das Beispiel der Bettelkönigin (Beispiel 3)

Hildegard Wohlgemuth, Hamburger Künstlerin mit Schizophrenie-Diagnose, er-


lebt den Krieg als Kind hautnah. Auf der Flucht aus Ostpreußen wird sie von ihrer
Familie getrennt und landet einsam und verloren in einem Kinderheim. Dies
Heim gerät unter Beschuss; immer wieder müssen alle in die Keller fliehen. Die
achtjährige Hildegard ekelt sich vor dem stinkenden Keller. Als sie ungehorsam
oben bleibt, wird „ihr“ Keller getroffen und alle Insassen kommen ums Leben.
Das Mädchen reagiert verstört, beginnt zu halluzinieren und wird davon nicht
mehr abzubringen sein, bis sie mit 70 an einem Herzinfarkt stirbt. Mit viel Glück
überlebt sie Krieg und Nazipsychiatrie und verbringt mehrere Jahrzehnte in An-
stalten. Als sie schwanger wird, setzt sie gegen Widerstände durch, das Kind zu
bekommen und zu behalten, auch ohne den Vater. Auf Umwegen lernt sie Ver-
antwortung – auch für sich selbst.
168 Thomas Bock, Gwen Schulz

Trotz eigener Wohnung lebt sie viel auf der Straße, trampt gerne nach Paris.
Beim Betteln lernt sie eine Künstlerin kennen, die ihre Begabung entdeckt und
fördert. Die junge Frau Wohlgemuth entwickelte einen sehr eigenen Stil zu malen.
Mit Filzern auf Folie oder Papier. Alle Gegenstände haben Augen, Leben, bunte
Farben. Sie malt gegen die Erinnerung an, gestaltet das, was ihr immer noch
Angst macht.

4.2 Die Macht der Subjektivität

Sie ist eine gute Mutter, wird dreifache Großmutter. Die Halluzinationen bleiben
ihr treu. Und wenn man sie etwas näher kennen lernt, erzählt sie was bzw. wen sie
sieht und hört: Da sind vor allem die 26 Kinder aus dem Keller, die sie am Leben
hält, die sie noch alle mit Namen kennt und beschreiben kann, so wie sie damals
waren und für sie immer sein werden. In diesem Moment wird deutlich, dass sie
mit diesen Stimmen/Bildern besser lebt als ohne sie. Sie hat ihren Kompromiss mit
der schrecklichen Wirklichkeit geschlossen und die vielen Kindern in ihre Kunst
und in ihren Alltag integriert. Ja sie hat sie manchmal sogar funktionalisiert, z. B.
wenn sie sich aus überfordernder Situation verabschiedet, um – wie sie sagt –
nach den Kindern zu sehen, ihnen Apfelstückchen ans Fenster zu stellen.
So viele Kinder ständig um sich zu haben, ist anstrengend. Sie halten sie auf
Trab – und am Leben. Nichts hat diese Halluzinationen beseitigen können – keine
Insulin- oder Elektroschocks, keine alten oder neuen Neuroleptika. Ihre subjektive
Bedeutung ist stärker als jede Chemie. Doch neben den Kinderstimmen gibt es
noch andere weit schrecklichere Geräusche, von metallenen Vögeln, die Bomben
werden, sie ins Jenseits rufen und zur Begegnung mit den anderen Kindern locken.
Diese Vögel lösen Panik und Suizidalität aus. Frau Wohlgemuth flüchtet mehr
oder weniger direkt in die Klinik, lernt Medikamente zu nehmen; und diesmal
helfen sie. Eine einfache, aber herzensgute Frau schafft damit ‚spielend‘, was der
Psychiatrie immer noch nur unzureichend gelingt: Unterstützung der Sinnsuche,
Akzeptanz der subjektiven Erklärungsmodelle, Annehmen der Psychose als Aus-
druck eines existentiellen Konflikts, Suche nach Übersetzung und Gestaltung der
Erfahrung in Worte, Symbolen, Bildern und Bewegungen – je nach der Wellen-
länge des Gegenübers. Zugleich aber auch symptomatische Entlastung, da wo das
angemessen, gewünscht und möglich ist, ohne mit gravierenden Nebenwirkungen
das Gegenteil des Gewollten zu bewirken.
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 169

5 Konsequenzen für das Verständnis –


Versuche der Verallgemeinerung

5.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Erleben


von Fremdbestimmung

Bisher kamen drei Psychose-Erfahrene ‚zu Wort‘, deren Leben sehr unterschiedlich
verlief und die mit Ihrer Erfahrung jeweils ganz anders umgegangen sind: Auch
ihr Erleben von Fremdbestimmung und Kontrolle ist individuell sehr verschieden.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie in der Verarbeitung des Erlebten eigenwillige Wege
gehen, Hilfen kritisch prüfen und ihre Autonomie geachtet wissen wollen.

• Herr A. erlebte Fremdbestimmung sehr konzentriert und symbolhaft durch


Wesen im Weltraum und durch Parasiten im Inneren. Dagegen mobilisierte er
all seine Widerstandskraft; und auch in seiner Suche nach Hilfe legte er aller-
größten Wert darauf, die Sprachhoheit zu behalten und nicht fremdbestimmt
zu werden. Auf diesem Wege erlebt er zwar etliche Rückschläge, findet dann
aber zu einem weitgehend eigenständigen Lebenskonzept. Im Rückblick geht
er davon aus, dass sein ursprüngliches sehr ehrgeiziges Lebenskonzept auch
ohne die Erkrankung zum Scheitern verurteilt war.
• Frau Schulz hat als Kind im realen Leben ein Ausmaß von Fremdbestimmung
und Gewalt erfahren, das jeden Menschen an die Grenzen seines Fassungsver-
mögens bringen würde. Psychotisch zu werden, hatte eine innere Konsequenz
– allerdings mit einem hohen Preis. Fatal war, dass die Psychiatrie – fi xiert
auf die vermeintliche Pathologie – diese Zusammenhänge nicht erkannte. So
wurde Frau Schulz auf dem Weg zum Selbst-Verstehen sehr lange sehr allein
gelassen. Sie konnte sich trotzdem behaupten und passende Hilfe finden. Nun
kann sie die Voraussetzungen für die Annahme von Hilfe besser beschreiben
als andere, kann die notwendige Balance zwischen Selbst und Fremd-
bestimmung sehr präzise beschreiben. Und ist konsequenterweise inzwischen
selbst eine sehr anerkannte Peer-Beraterin geworden.
• Die „Bettelkönigin“ Hildegard Wohlgemuth drohte als Kind an äußerer Ge-
walterfahrung zu zerbrechen. Die Entwicklung von Halluzinationen setzte die
Fremdbestimmung fort und half zugleich auszuhalten, was nicht zu verarbeiten
war. Auch psychotische Symptome, die Fremdbestimmung signalisieren,
können also Störung und Bewältigungsstrategie zugleich sein. Entscheidend
ist die subjektive Bedeutung, die Art der subjektiven Verarbeitung. Erstaun-
lich und lehrreich ist die Macht der Subjektivität – bis hin zur Frage der Wirk-
samkeit von Medikamenten.
170 Thomas Bock, Gwen Schulz

5.2 Die verschiedenen Ebenen der Fremdkontrolle –


offene Fragen

Die folgenden Fragen beziehen sich auf diese Beispiele und reichen doch darüber
hinaus. Vielleicht haben sie auch eine Bedeutung für Menschen, die nicht
psychosenah leben. Man müsste sie entsprechend umformulieren.

• Wie ist das psychosetypische Erleben von Fremdbeeinflussung zu verstehen?


Kann es auch eine symbolische und konstruktive Bedeutung haben?
• Wie kann es gelingen, Ich-Grenzen wieder so zu befestigen, dass die Balance
zwischen Bindung und Autonomie wieder offen ist?
• Welche Rolle spielt das Erleben der Psychiatrie als reale oder vermeintliche
Fremdbestimmung? Wo nimmt das (psychotische) Erleben von Fremd-
kontrolle auch eine reale (psychiatrische) Fremdbestimmung vorweg?
• Welchen Bezug hat das (psychotische) Erleben von Beeinflussung und
Fremdkontrolle zum gelebten Leben? In welcher Weise spiegelt sich die bio-
graphische Erfahrung – zugleich verdeutlicht und versteckt – in der Symbolik
der Psychose?
• In welchem Verhältnis steht das (psychotische) Erleben von Fremdkontrolle
zur gesellschaft lichen Wirklichkeit? Wie verändert sich die Symbolik mit der
Zeit? Und was passiert, wenn die belegte Information, z. B. über die Geheim-
dienste, das wahnhafte Erleben überholt? Wird dann der Wahn zur Mahnung?

Das Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle hat also viele verschiedene
Ebenen und Facetten. Im normalen Leben und erst recht in der Psychose. Der er-
lebten Fremdbestimmung ging oft eine reale voraus; diese Zusammenhänge nicht
zu ahnen oder zu erarbeiten, bedeutet eine erneute Kränkung und Verletzung.
Sie zwingt zu einer Abspaltung und einem sich sogar selbst Fremdwerden. Die
Fremdbestimmung durch psychotische Symptome ist kaum zu trennen von der
Fremdbestimmung durch psychiatrische Behandlung; auch hier gilt es wach-
sam und sensibel zu sein und Unvermeidliches sorgfältig und dialogisch im Vor-
hinein zu erklären, gegenwärtig zu begleiten und im Nachhinein zu verarbeiten.
Außerdem darf die reale gesellschaft liche Fremdbestimmung nicht ganz aus
dem Blick geraten. Im Fall der „Bettelkönigin“ war sie alptraumhaft eindeutig;
im heutigen Alltag kann diese reale Fremdbestimmung oft sehr viel subtiler und
eher indirekt vermittelt geschehen. Diese Ebene wahrzunehmen und nicht aus-
zublenden, erfordert ein Menschenbild, das Krankheit und Gesundheit nicht als
absolut getrennte Zustände definiert: Menschen in Psychosen sind – aus welchen
Gründen auch immer – (meist) vorübergehend und vor allem in Lebenskrisen
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 171

durchlässiger und empfi ndlicher als andere. Das heißt sie erleben auch die reale
Fremdbestimmung und Reizüberflutung, die akute Bedrohung durch Umwelt-
zerstörung und Kriegsgefahr unmittelbarer und ungeteilter. Mit dieser Wahr-
nehmung sind sie womöglich näher an unserer gemeinsamen Wirklichkeit als
viele andere, die nichts mehr oder nur noch sich selbst wahrnehmen.

5.3 Anthropologische und pathologische Aspekte


von seelischen Ausnahmezuständen

Auch andere psychische Erkrankungen sind pathologisch und anthropologisch zu


verstehen: So ist Angst zu haben, an sich keine Erkrankung, sondern eine über-
lebenswichtige Fähigkeit des Menschen, um sich vor Gefahr zu schützen; erst das
Ausufern dieser Fähigkeit, markiert den Übergang. Auch Zwangshandlungen und
-gedanken sind nicht zwingend Ausdruck von Krankheit; kulturell gebunden
als Rituale können sie auch vor Angst und Überforderung schützen. Selbst De-
pressionen können bis zu einem gewissen Ausmaß auch als Schutzmechanismus
und als Totstell-Reflex verstanden werden – in einer Situation, in der Gefühle zu
tief verletzt oder zu widersprüchlich sind und Zeit brauchen, um (er)lebbar zu sein.

5.4 Pathologische und anthropologische Bedeutung


von (psychotischer) Fremdbestimmung

Das Gleiche gilt für Psychosen. Mit ihrem Hauptsymptom des (vorübergehenden)
Verlusts persönlicher Grenzen und des Erlebens von Beeinflussung (Halluzination
und Wahn) machen sie mehr Angst als andere Zustände und sind – gerade in
Deutschland – mehr dem Risiko der (Selbst-) Stigmatisierung ausgesetzt. Umso
wichtiger sind anthropologische Zugänge: Wer psychotisch wird, hat ähnliche
Erlebnisse wie andere im Traum – mit dem wichtigen Unterschied, dass in der
Psychose der Schutz durch den Schlaf fehlt. So wie im Traum Wünsche und
Ängste einfließen (es gibt Wunsch- und Alpträume), kommen auch in Psychosen
nicht nur Ängste (Angst-Psychosen), sondern auch Wünsche zur Geltung – oft
sogar untrennbar miteinander verbunden: So macht das Erleben von Verfolgung
zwar unmittelbar oft schreckliche Angst, zugleich ist diese Angst auf einer
zweiten Ebene aber untrennbar verbunden mit einem Gefühl der Bedeutung.
Gehen wir davon aus, dass Bedeutungslosigkeit allen Menschen Angst macht und
in Psychosen der Verlust der eigenen Person doppelt angstbesetzt ist, dann ist
auch die psychotische Beziehungssetzung Problem und Lösungsversuch zugleich.
172 Thomas Bock, Gwen Schulz

In ähnlichem Sinne hilft auch der Rückbezug auf die menschliche Entwicklung:
Wenn jemand in der Psychose alles auf sich bezieht, ist das nicht nur als Versuch
zu verstehen, in einer überfordernden, als Reizüberflutung erlebten Situation, zu-
mindest die Illusion der Orientierung zu behalten. Es ist zugleich nichts anderes
als uns von Kindern eines bestimmten Alters vertraut ist. Wenn ein Kind den
Streit der Eltern auf sich bezieht und nun besonders brav sein zu müssen glaubt,
ist das weder egozentrisch noch psychotisch, sondern kindgemäß: Gehirn oder
Seele erlauben ihm noch nicht, von sich zu abstrahieren. Wer in späteren Zeiten
psychotisch agiert, greift also auf eine Wahrnehmungsform zurück, die wir alle
kennen. Das mag unzeitgemäß sein, wird aber bei näherem Hinsehen oft durch-
aus verständlich. Entscheidend ist, dass unser Blick nicht pathologisch verzerrt
und verstellt ist, nicht nur das Trennende und Absonderliche betont, sondern
noch in der Lage ist, das zutiefst Menschliche zu erfassen.
In der Psychose die innere Abgrenzung zu verlieren, kann Ausdruck einer
Grenzverletzung von außen sein. Sich beeinflusst und verfolgt zu fühlen, kann ein
existentielles Ringen um die eigene Autonomie symbolisieren. Stimmen können
unangenehm oder belastend sein und dennoch eine innere Bedeutung haben. Sie
können funktional und dysfunktional, störend und sinnvoll sein. Dasselbe gilt
für Wahnvorstellungen: Sie verzerren die Wirklichkeit; doch zugleich dienen sie
als Erklärung für die besonderen Wahrnehmungen, für die Halluzinationen. Das
Leben wird noch umständlicher; doch keinerlei Erklärung zu haben, macht wo-
möglich noch mehr Angst.
Hier liegt eine der Hauptherausforderungen der Sozialpsychiatrie: Das Bedürf-
nis nach Bedeutung ist zutiefst menschlich. Gerade Menschen mit psychischer
Erkrankung wollen nicht nur als brave Hilfeempfänger dastehen; sie haben einen
Hunger nach Bedeutung. Dazu gehört auch der Wunsch nach Arbeit und sinn-
voller Tätigkeit.

5.5 Äußere Bestimmung und innere Konsequenz

Menschen, die psychisch erkranken, tun das aus einer inneren Konsequenz heraus.
Ihre Gestörtheit ist als Krankheit zu verstehen, allein schon weil damit An-
sprüche auf Hilfe und im Fall der Arbeitsunfähigkeit auch Lohnersatzleistungen
(Krankengeld) verbunden sind. Gleichzeitigkeit kann ihre Veränderung von
Stimmung und Antrieb (Depression) oder von Wahrnehmung und Denken
(Psychose) aber bei näherer Betrachtung aus sich heraus verständlich sein. Vor
allem aber sind alle diese besonderen Seelenzustände eines – zutiefst menschlich.
Individuelles Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle 173

Psychisch zu erkranken, bedeutet eben nicht einfach nur an einem entgleisten


Stoff wechsel oder einem Gendefekt zu leiden. Der Stoff wechsel verändert sich
nicht grundlos; und sogar die Gene werden in ihrer Wirksamkeit durch starke
psychische Konflikte erst geweckt. Meist geraten innere und äußere Bedingungen,
Erwartungen, Wünsche und Möglichkeiten vorübergehend aus dem Gleich-
gewicht. Und die Symptome erscheinen oft als vorübergehender Ausweg und
verzweifelter Lösungsversuch in einem Spannungszustand, der sich nicht grund-
sätzlich von dem anderer Menschen unterscheidet. Die verschiedenen Diagnose-
gruppen stehen für unterschiedliche Spielarten.

6 Konsequenzen

Das individuelle Erleben von Beeinflussung und Fremdkontrolle kann nur durch
einen erlebten Mangel von Selbstbestimmung und den daraus erwachsenden
Wunsch nach Autonomie entstehen. Ein Mensch, der sich in seinem Empfinden
frei und unzensiert entfalten kann, wird mit den Begriffen Fremdkontrolle aus
eigener Erfahrung nichts anfangen können. Sie ist nichts Fremdes, sondern wird
mit Sicherheit verknüpft. In der westlichen Welt werden immer mehr technische
Selbstverständlichkeiten entwickelt, die jeden Einzelnen von uns in den unter-
schiedlichsten Bereichen erfassen, überprüfen, vernetzen, ohne dass wir das
‚erlaubt‘ haben oder direkt bemerken. Der Mensch kann das als unzulässige
Einmischung/Überwachung erleben, es kann ihm Angst machen. Er kann als
Antwort auf diese von ihm nicht zu beeinflussende Entwicklung zum Beispiel
eine Psychose entwickeln. Das ist auch ein Erklärungsversuch für eine Welt, die
man nicht mehr versteht, in der man als handelnder und bewirkender Mensch
verloren geht. Vielleicht brauchen wir als Gemeinschaft auch diese Ver-Störer,
weil sie darauf aufmerksam machen, dass etwas aus dem Ruder läuft, dass etwas
zu schnell geht, dass Eigen-Sinn gefragt ist, wenn wir als Individuen in unserer
Unterschiedlichkeit wertvoll bleiben wollen.
174 Thomas Bock, Gwen Schulz

Literatur
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Teil IV

Kulturelle Gegenhorizonte
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle
durch Ahnengeister
Werner Egli

Dieser Beitrag handelt von den Ahnen und dem Personenbegriff der Sunuwār,
einer ethnischen Gruppe in Ostnepal.1 Wie in vielen Kulturen bilden Ahnen-
geister auch für die Sunuwār ein Bindeglied zum mythischen Ursprung. Die zu
Ahnen gewordenen Seelen Verstorbener verkörpern die Normen der Sunuwār-
Gesellschaft in ihrer Ursprünglichkeit, und in Tranceritualen wird mindestens
einmal im Jahr und zusätzlich in Krankheitsfällen die Vereinigung mit ihnen ge-
sucht. Dies stellt für die Sunuwār, wie auch für den außenstehenden Ethnographen,
vordergründig eine demonstrative Unterwerfung unter die sozialen Normen und
in diesem Sinne eine Fremdkontrolle des Einzelnen durch das Kollektiv dar, wie
sie in vergleichbarer Weise in komplexen westlichen Gesellschaften unbekannt
ist. Ahnenrituale dieser Art werden seit Durkheim (1912) oft als prädestinierte
Institutionen interpretiert, die Fremdkontrolle nachhaltig zu machen. Am Bei-
spiel der australischen Aborigines wollte Durkheim zeigen, wie sich in ihrer
rituellen Vereinigung mit den Totemahnen die von diesen symbolisierte soziale
Ordnung im Einzelnen verkörpert. Gesellschaften, in denen die rituell verstärkte
Fremdkontrolle über die Selbstkontrolle überwiegt, werden entsprechend gerne
als kollektivistisch betrachtet. Und dem Begriff der Person wird in solchen Gesell-
schaften meist die Individualität abgesprochen. Die Wirkungsweise des Rituals
sah Durkheim in der „effervescence collective“. Zwar spricht auch das Sunuwār-
Ritual für Durkheims Idee einer Einverleibung der in den Ahnen personifizierten
sozialen Normen durch ein kollektives Sinneserlebnis, es lässt sich aber zeigen,

1 Meine Darstellung basiert v. a. auf einer Feldforschung zwischen 1989 und 1992 und
schildert die Verhältnisse zu dieser Zeit. Eine gekürzte Version meiner Ethnographie
(1999) findet sich in Egli (2014), ergänzt durch eingehende Analysen des Personen-
begriffs, des Sinnessystems und des schamanischen Rituals. Diese Analysen beruhen
v. a. auf Feldaufenthalten zwischen 2008 und 2012.

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_11, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
180 Werner Egli

dass dadurch zugleich individuelle Aspekte der Person betont werden. Anders
als in Gesellschaften, in denen Ahnengeister spontan von einem Individuum Be-
sitz ergreifen können, beraubt diese gezielte Unterwerfung der Person unter die
Ahnen, sie nicht ihrer Individualität oder macht sie zur ‚willenlosen Marionette‘,
vielmehr wird ihr ein individuell verfügbarer Rahmen des Handelns geliefert.2
Fremdkontrolle durch die Ahnen wird so zur Selbstkontrolle und ermöglicht bei
Konflikten in einer kleinräumigen Gesellschaft Aushandlungsprozesse, deren
Ziel nicht Konformität, sondern der Ausgleich individueller Interessen im Ein-
klang mit den Normen ist.
Sowohl das kulturspezifische Konzept der Ahnen als auch jenes der Person sind
eng mit der natürlichen und sozialen Welt verbunden, in der die Sunuwār leben.
Darum gehe ich zuerst kurz auf Habitat, soziale Organisation und materielle
Kultur ein. Bevor ich mich dann dem Personenbegriff zuwende, unterziehe ich
die weitverbreitete Auffassung, dass die individualistische Person nicht in jeder
Gesellschaft zu finden sei, einer kritischen Analyse. Wenn bei der Beschreibung
des Personenbegriffs der Sunuwār auch dem kulturspezifischen Begriff der Sinne
besondere Beachtung geschenkt wird, so dient dies dem besseren Verständnis von
Ablauf und Wirkung des am Schluss analysierten Heilrituals. In diesem wird eine
Atmosphäre erzeugt, in der sich die ursprüngliche Ordnung, personifiziert in den
Ahnen, in den Ritualteilnehmern verkörpern und zugleich ein sich in körper-
lichem Unwohlsein äußerndes soziales Problem auf die Normen der Sunuwār-
Gesellschaft bezogen und von den Ritualteilnehmern im Gespräch gelöst werden
kann.
Dieses Ritual macht nicht nur die Ritualteilnehmer den Ahnen gefügig, sondern
macht auch die Ahnen zur Lösung alltäglicher Probleme verfügbar. Gleichzeitig
stellt es eine Balance zwischen dividuellen und individuellen Anteilen der Person
her und betont Individualität als Grundlage der Konsensfindung. Die Unter-
werfung unter die Ahnen in einer schrift losen Gesellschaft wie der der Sunuwār
ist vergleichbar mit der Orientierung an rechtliche Normen in unserer Gesell-
schaft. Das vordergründig der körperlichen Heilung dienende Ritual kann ent-
sprechend als Mediation im rechtlichen Sinn verstanden werden. Während diese
in westlichen Gesellschaften zunehmend populärer werdende Form der Konflikt-
lösung aber die Beteiligten über Rahmenbedingungen, Interessen und Ziele
rational aufzuklären und dadurch die Selbstkontrolle zu stärken sucht, getreu
einer allgemeinen Hervorhebung der Selbstkontrolle in unserem Recht, forciert
das Sunuwār-Ritual die Fremdkontrolle durch die kollektive Einverleibung der

2 Einen guten Überblick über die sehr unterschiedlichen kulturspezifischen


Konzeptionen von Ahnengeistern bildet immer noch Newell (1976).
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 181

Ahnen. Aufgrund welcher Konzeption der Ahnen und der Person dies im Ritual
vor sich geht und wie dadurch Selbstkontrolle nicht eingeschränkt, sondern erst
möglich wird, soll im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden.

1 Die Sunuwār Ostnepals

Die Sunuwār, die sich selbst Koĩch nennen, gehören zusammen mit den Rāi und
den Limbu zur autochthonen Bevölkerung Ostnepals, den Kirāti (Gaenszle 2002).
Sie siedeln südlich des Everest-Massivs und betreiben Subsistenzlandwirtschaft.
Sunuwār-Dörfer befinden sich im durch steile Täler durchfurchten Siedlungs-
gebiet in mittleren Hanglagen. Es sind Streusiedlungen inmitten von terrassierten
Feldern, die sich vom umgebenden Dschungel auch dadurch abheben, dass sie von
Bambusstöcken durchsetzt sind. Bambus liefert auch heute noch das Rohmaterial
für mehr als die Hälfte der materiellen Kultur. Bambus stellt für die Sunuwār
nicht nur im metaphorischen Sinn sowohl den Gegensatz als auch das Bindeglied
zwischen Natur und Kultur dar. Während sich die unberechenbaren Dämonen im
Dschungel herumtreiben, wohnen die auf rituelle Weise kontrollierbaren Ahnen
im Bambus. Bambus hat zudem Vorbildcharakter für die Konzeption der Person,
ähnlich wie die Webtechnik mit dem Gurt-Webstuhl, die bis vor Kurzem unter
den Sunuwār verbreitet war. Diese primitivste und weltweit in annähernd gleicher
Form auft retende Webtechnik zeichnet sich dadurch aus, dass die webende Person
Teil des Webstuhls ist. Mit einem Gurt um ihren Körper spannt sie auf der einen
Seite die Kettfäden, die auf der anderen Seite an einem Objekt fi xiert werden.
Theoretisch bedeutsam ist, dass diese Webtechnik zugleich eine Körpertechnik
ist, die von frühester Kindheit an einverleibt werden muss (Maynard et al. 1999).
Die für das Weben entscheidende aufrechte Körperhaltung äußert sich bei den
Sunuwār wie bei allen Kirāti im Ideal des erhobenen Hauptes. Dieses steht zu-
gleich für physische Gesundheit, Wohlstand und hohe Reputation. Die Fäden, die
den Körper im Webprozess mit seiner Umwelt verbinden, bilden zusammen mit
dem Bambusröhren das Modell der Sunuwār-Konzeption der Sinne. Analog dem
Weben werden Fäden in den meisten Ritualen gespannt, wo sie als Brücke (kyā)
zur Welt der Ahnen dienen (Abb. 1). Noch weniger als beim Bambus sollte im
Weben nur die Metaphorik gesehen werden. Zudem ist für die von den Sunuwār
praktizierte Webtechnik Ingolds These wörtlich zu nehmen, dass Weben nicht ein
Modus des konstruktiven Umgangs mit Material ist, sondern letzterer ein Modus
des Webens (2000, S. 339ff.). Ich interpretiere das Weben bei den Sunuwār wie
auch ihren konstruktiven Umgang mit Bambus als Grundlagen des Habitus im
Sinne Bourdieus, bilden sie doch Praxisbereiche, in denen die Gesellschaft dem
182 Werner Egli

Körper auf typische Weise eingeschrieben wird und durch diese Einverleibung
homologe Formen sozialen Handelns generiert.

Abbildung 1 Die rituelle Brücke kyā verbindet in Sunuwār-Ritualen die Welt der
Lebenden mit jener der Ahnen.

Der Haushalt bildet innerhalb der verwandtschaft lichen Organisation der


Sunuwār-Gesellschaft das unterste Glied. Er basiert auf der Kernfamilie, be-
stehend aus einem Ehepaar und seinen Kindern. Der Haushalt ist auch die
hauptsächliche Produktions- und Konsumptionseinheit. Nur für die Ernten und
das Umpflanzen von Reis und Hirse ist Kooperation notwendig. Kooperations-
gruppen setzen sich zusammen aus jenen Verwandten, die auch zusammen das
chẽgu-Ritual durchführen. Dieses dient einer Speisung der Ahnen. De facto ist
es eine Verköstigung ärmerer Verwandter. Zudem erzeugt es das Paradigma
eines asymmetrischen Tausches von Arbeitskraft, das der aus dem Anerbenrecht
resultierenden ungleichen Verteilung von Land entgegenwirkt. Das chẽgu trägt
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 183

so zur Lösung eines strukturellen Widerspruchs der Sunuwār-Gesellschaft bei,


wohingegen das später behandelte Heilritual chintā der Lösung unregelmäßig
auft retender Konflikte dient.
Der Haushalt bildet auch die zentrale politische Einheit. Jeder Haushalt
hat eine Stimme in der Dorfversammlung. Wie materieller Wohlstand oder
physische Krankheit nicht primär aufs Individuum, sondern auf den Haushalt
bezogen werden, so ist es auch mit politischem Einfluss, Status und Reputation.
Umgekehrt wird der Haushalt als Erweiterung der Person begriffen. Im Haushalt
überlagert sich die dörfliche Sphäre mit jener der Verwandtschaft, der Wirtschaft
und des Rituals, aber auch mit jenem Teil der materiellen Umwelt, der zwischen
Natur und Kultur liegt und durch den Bambus repräsentiert wird. Der Haushalt
als soziale Einheit ist überdeterminiert und wird als Verdichtung der Gesellschaft
wahrgenommen, was sich auch in einer komplexen Haussymbolik ausdrückt. Das
Haus ist der Ort, wo zugleich die meisten Konfl ikte aufbrechen und zu lösen ver-
sucht werden. Letzteres auch mit Hilfe der Haussymbolik, die die ursprüngliche
Ordnung evoziert. Diese kristallisiert sich im Ahnenschrein, einer Art Balkon aus
Bambus, auf den die Ahnen zu Besuch kommen können.

2 Die Sunuwār -Ahnen als Personifizierung der Kultur

Die Sunuwār verfügen über einen indigenen Kulturbegriff genannt mukdum.


Er umfasst v. a. die normativen Aspekte der Gesellschaft. Die ritualsprachliche
Kurzfassung des mukdums, das sālāk, ist eine Kompilation aller für die Sunuwār
wichtigen Dinge, Orte und übernatürlichen Wesen in Form eines Reisebeschriebs.
Dieser entspricht der Migrationsroute vom mythologischen Ursprungsort zum
Siedlungsgebiet. Die genealogische Verbindung mit dem Ursprung und Zuge-
hörigkeit zur Sunuwār-Kultur bilden die Ahnen (yābre). In ihnen ist das mukdum
personifiziert, in ihnen spricht das sālāk. Der Hüter des mukdums ist der Klan-
priester nāso. Er ist für die verbale Präsentation und Tradierung des mukdums
zuständig. Der Schamane (poĩbo) und die Schamanin (ngyāmi) sind zusätzlich
für die sinnliche Präsentation des mukdums zuständig, in ihnen können sich
die Ahnen und das mukdum inkarnieren.3 Ahnenrituale, die eigentlich nur
Wiederholungen des Totenrituals sind, werden gemeinsam von Klanpriester und
Schamanen geleitet. Heilrituale (chintā), die allen, die glauben, sie hätten etwas
mit den behandelten Problemen zu tun, offen stehen, werden vom Schamanen ab-

3 Obwohl es mehr Schamaninnen als Schamanen gibt, spreche ich der Einfachheit
halber nur von Schamanen, wie es auch die Sunuwār tun.
184 Werner Egli

gehalten. Der Ablauf dieser Rituale variiert nur minimal und beide basieren auf
einer Einverleibung der Ahnen.
Bei den Sunuwār verbinden die Ahnen die Lebenden mit dem Ursprung ent-
sprechend der Gliederung des mukdums in drei aufeinanderfolgende Teile. Der
älteste Teil ist das sāsi mukdum, das sich auf die Natur bezieht und die Normen
des Umgangs mit ihr von der Verarbeitung des Bambus über das Weben und die
Landwirtschaft bis zum Regenzauber umfasst. Diesen Teil des mukdums, für den
allein der nāso zuständig ist, verkörpern Götter und deifi zierte Ahnen. Das an-
schließende mũili mukdum bezieht sich auf Abstammung und Heirat sowie auf
Geschwisterverhältnisse, Generationenbeziehungen und Vererbung. Es schließt
auch das Haus als unterstes Glied der verwandtschaft lichen Organisation ein.
Strukturiert ist dieser Teil des mukdums durch die Regelungen der Altersunter-
schiede zwischen Generationen und Brüdern und die Struktur der Deszendenz-
gruppe. Für diesen Teil des mukdums sind Klanpriester und Schamanen ge-
meinsam zuständig. Das anschließende mẽgio mukdum bezieht sich auf den
Haushalt und seine Mitglieder. Es umfasst insbesondere die rituellen Methoden
zur Lösung von deren Problemen. Dieser Teil des mukdums, für den der Schamane
zuständig ist, regelt speziell den Umgang mit unlängst verstorbenen Ahnen sowie
mit nicht korrekt ins Ahnenreich überführten Totenseelen (hiwā), zudem mit
trügerischen und diebischen Dämonen und rachsüchtigen Speichergeistern. Die
letztgenannten teilen mit den hiwā die Unberechenbarkeit, verfügen aber über be-
stimmte Zuständigkeiten, die sie auf ähnliche Weise rituell ansprechbar machen
wie die Ahnen.
Die allgemeinen Eigenschaften der Ahnen und ihre Unterscheidung in Kate-
gorien spiegeln sich im rituellen Umgang mit ihnen. Die Ahnen unterscheiden
sich nur insofern von den Lebenden, als ihnen der Körper in seiner Materialität
fehlt. Dies hat zur Folge, dass sie sich nicht genau lokalisieren lassen und dass sie
sich nicht mehr selber ernähren können. Da sie immer noch Hunger haben, wird
dieser zu einer ihrer Haupteigenschaften im Umgang mit den Lebenden. Von
jedem Mahl werden ein paar Körner für die Ahnen abgezweigt, von jedem Bier
erhalten sie ein paar Tropfen, in jedem Ritual bringt man ihnen Speiseopfer dar.
Und bei jeder alltäglichen Unsicherheit erinnert man sich ihrer, indem man sie
anruft und ihnen Weihrauch opfert. Die Vergegenwärtigung der Ahnen geht mit
einer Erinnerung an die von ihnen repräsentierten Normen einher und im Ritual
mit einer Einverleibung der Normen. Vernachlässigt man die Ahnen, entziehen
sie einem ihre Gunst. Sie strafen jedoch nur im Falle kollektiver Vergehen eigen-
händig, ansonsten ziehen sie lediglich ihre schützende Hand zurück, wodurch sie
einen den unberechenbaren Dämonen und Rachegeistern ausliefern.
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 185

Selbst die Einverleibung der durch die Ahnen verkörperten Normen be-
deutet aber nicht eine völlige Unterwerfung unter diese Normen. Auch Ahnen
besitzen individuelle Charakterzüge. Treten diese besonders hervor, werden
Ahnen auch namentlich erinnert. So etwa die Ahnfrau, die ein Gespür für frucht-
baren Boden hatte und ein Dorf gründete. Oder ein Dorfvorsteher, der durch
besondere diplomatische Taten glänzte. Die persönliche Seite der Ahnen zeigt
sich auch an der namentlichen Erinnerung an große Schamanen. Diese zeichnen
sich keineswegs dadurch aus, dass sie ihre Séancen besonders buchstabengetreu
durchführten. Vielmehr bleiben sie in Erinnerung wegen der persönlichen Note,
die sie ihren Séancen zu geben vermochten. Die persönlichen Eigenschaften der
Ahnen zeigen, dass Ahnen auch auf Spielräume im Umgang mit Normen auf-
merksam machen können. Da sich die Ahnen bis auf besagte Mängel nicht von
lebenden Personen unterscheiden, wird die Analyse des Personenbegriffs zeigen,
wie sich Ahnen im rituellen Rahmen in Lebenden verkörpern können und dabei
die Individualität im Umgang mit Normen nicht ausgeschaltet, sondern unter-
strichen wird.

3 Die Sunuwār-Person als Verfassung der Sinne


im sozialen Kontext

In der auf Mauss (1938) zurückgehenden Beschäft igung mit Person, Individuum
und Selbst hat sich bis heute keine einheitliche Verwendung dieser Begriffe durch-
gesetzt. Ich spreche im Folgenden vornehmlich von der Person und hoffe, dass
sich die Bedeutung dieses Begriffes und die Bedeutungen verwandter Begriffe
durch meine Analyse indigener Entsprechungen erschließen. Immer noch er-
freut sich die Auffassung großer Beliebtheit, dass die individualistische Person
ein Spezifi kum der Moderne, des Westens oder des Christentums sei. V. a. die
Werke von Dumont (1976), Marriott (1976) und Shweder und Bourne (1982) zu
Indien und von Geertz (1983) zu Bali haben einer dualistischen Perspektive Vor-
schub geleistet, in der dem Individuum das Dividuum, die relationale Person, das
soziozentrische Selbst oder eine entpersönlichte Person gegenübergestellt werden.
Mittlerweile liegen aber genug ethnographische Einzeluntersuchungen vor, die
auch für ‚traditionale‘ Gesellschaften, neben relationalen, individuelle Aspekte der
Person nachweisen. So hat etwa McHugh (1989) für die Gurung in Nepal gezeigt,
dass ihr Personenbegriff zusammengesetzt ist aus einer unbewussten Lebenskraft
(plah), die sich auf die soziale Ordnung bezieht, und einem bewussten Selbst (sae),
das kognitive Kompetenzen, Gefühle und Interessen, aber auch Biographie und
Reputation umfasst. Körperliche Probleme werden als vorübergehender Verlust
186 Werner Egli

eines Teils von plah aufgefasst und entsprechen dem Grad der Isoliertheit vom
Kollektiv. Im Gegensatz zu der im Ritual kontrollierbaren plah, entspricht die sae
unserem Verständnis der individuellen Persönlichkeit (S. 81).
Viele kulturvergleichende Studien plädieren mittlerweile dafür, dass eine
soziozentrische Konzeption der Person eine Betonung der Individualität nicht
ausschließt und beide Anteile der Person dialektisch aufeinander bezogen sind
(Morris 1994, S. 193). LiPuma (1998, S. 62f.) hat zudem darauf hingewiesen,
dass wir nicht nur in jeder Gesellschaft dividuelle und individuelle Aspekte
der Person finden, sondern dass der Zugang zu einer fremden Kultur auch bei
größter Betonung der dividuellen Aspekte erst durch das Vorhandensein nicht
kulturell definierter, individueller Anteile der Person möglich ist. Wir haben es
beim Personenbegriff also nicht mit einem Dualismus zwischen Kulturen zu
tun, sondern einem Dualismus innerhalb jeder Kultur, wobei es große graduelle
Unterschiede geben kann.
Der dualistischen Perspektive wurde oft vorgeworfen, sie übergehe die alltäg-
liche Praxis sowie körperliche und spirituelle Aspekte der Person (McHugh 1989,
S. 76; Morris 1994, S. 193). Um allen Dimensionen gerecht zu werden, wurde gerne
auf Hallowells „basic orientations“ der Person (1955, S. 87ff.) zurückgegriffen und
durch Kulturvergleiche eine konstante Zahl solcher Dimensionen zu bestimmen
versucht (z. B. Heelas und Locke 1981; Morris 1994; Mageo 2002). Demgegenüber
ziehe ich eine Perspektive vor, wie sie sich bei Sow (1977) findet, der in seiner
Analyse der afrikanischen Person versuchte, fallweise deren Dimensionen zu
bestimmen. Sow geht von spezifischen Krankheitsbildern und ihrer jeweiligen
Diagnose und Behandlung aus und stellt fest, dass für jede Erkrankung eine
psychische Ursache angenommen wird, die ihrerseits durch Konflikte in einem
sozialen Kontext wie Verwandtschaft, Dorfgemeinschaft, Ritual etc. erklärt wird.
Die Dimensionen der Person variieren dann systematisch mit diesen Kontexten
und die normale oder harmonische Verfassung der Person zeugt vom Fehlen
sozialer Konflikte.
Den oft vernachlässigten körperlichen Aspekt des Personenbegriffs versuche
ich durch eine Berücksichtigung der indigenen Konzeption der Sinne Rechnung
zu tragen. Die Sunuwār unterscheiden ebenfalls fünf Sinne, kennen aber zusätz-
lich noch einen auch in vielen anderen Kulturen bekannten Sprechsinn (z. B.
Geurts 2002, S. 58ff.), der zudem der Prototyp der Sinne ist. Auch für die Sunuwār
sind Sinne Kanäle, die das Innere des Körpers mit der Außenwelt verbinden, und
zwar Kanäle nach Vorbild von Bambusröhren und Webfäden. Was die Sunuwār-
Konzeption der Sinne zusätzlich zum Sprechsinn von der westlichen Konzeption
unterscheidet, ist einerseits ihr Verständnis als zweiseitige und kommunikative
Bindeglieder zwischen dem Inneren des Körpers und seiner Umgebung. Anderer-
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 187

seits wird ein enges Zusammenspiel der Sinne analog den zu Textilien verwobenen
Fäden angenommen. In diesem Sinnesmodell meint wirkliches Sehen zugleich
sehen und zeigen und wahres Sprechen heißt richtiges Hören, v. a. die Stimme der
Ahnen hören.
Eine weitere Besonderheit der Sunuwār-Konzeption der Sinne ist die Zu-
ordnung der Einzelsinne zu spezifischen sozialen Kontexten. So spielt das Sehen
im Kontext der Verwandtschaft eine dominante Rolle, das Hören innerhalb der
Dorfgemeinschaft und das Sprechen im Kontext der Ahnenideologie. Ingold
(2000, S. 281ff.) ist zwar in seiner Kritik beizupfl ichten, dass sich nicht von der
Dominanz bestimmter Sinne in einer Kultur sprechen lässt (z. B. Howes und
Classen 1991), jedoch übersieht er, dass dies noch nicht bedeutet, dass die Sinnes-
ordnung spontan in der jeweiligen Praxis konfiguriert wird. Wie Stroecken (2008)
für die Sukuma in Tansania zeigte, schaltet sich die kulturspezifische Konzeption
der Sinne mit ihren Bedeutungen und Bewertungen sehr wohl als eine Art Filter
in die Praxis ein, nur tut sie dies in unterschiedlichen sozialen Bereichen auf
unterschiedliche Weise.
Blockierungen der Sinne und Verzerrungen ihres Zusammenspiels äußern
sich bei den Sunuwār meist zuerst in einem Unwohlsein in der Nacken- und
Halsgegend, rund um den Kehlkopf, dem Organ des prototypischen Sprech-
sinns. Sichtbar wird dies im Unvermögen, den Kopf aufrecht zu tragen bzw.
den Oberkörper aufrecht und gespannt zu halten, wie es das Weben erfordert.
Je nach involviertem sozialem Kontext kann dieses Unwohlsein zu psychischen
und körperlichen Erkrankungen unterschiedlicher Dauer und Schwere oder
zur Anfälligkeit für Unfälle führen. Ich interpretiere die Verfassung der Sinne
innerhalb der sozialen Bereiche, in denen sie die Wahrnehmung dominieren, als
Grundlage der Dimensionen des Sunuwār-Personenbegriffs. Ähnlich wie in der
chinesischen Konzeption der Person (Yang 2006), wird dieser Zusammenhang
von den Sunuwār durch sich sukzessive einschließenden Hüllen erfasst, deren
Vorbild das Haus ist. Die differenzierteste dieser Hüllen ist thũ, für deren Be-
schreibung die Sunuwār fast 50 Ausdrücke kennen.4 Diese Vielfalt verwundert
nicht, überlagern sich doch im Haus die verschiedenen sozialen Kontexte und
erzeugen so den komplexesten wie auch in seiner Harmonie am leichtesten zu
störenden Teil der Sinnesordnung. Mit Ausnahme der spirituellen Dimension
interpretiere ich anders als McHugh nicht gewisse Dimensionen der Person als
individualistisch und andere als relationistisch oder soziozentrisch. Jede Hülle
der Person (Tab. 1.) hat beide Aspekte, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.
So hängt nē, der Name und die Reputation, mehr von der individuellen Um-

4 Entspricht dem tibetischen thugs, nach Stein (1962, S. 270) das „Haus der Seele“.
188 Werner Egli

setzung sozialer Normen ab als die mit der Ahnenwelt und der Verwandtschaft
assoziierte giwāt. Dennoch zeigt sich auch in einer geschickt arrangierten Heirat
und damit in giwāt die Individualität der Person. Thũ zeichnet sich durch etwa
gleiche individualistische und relationale Anteile aus.

Tabelle 1 Dimensionen des Sunuwār-Personenbegriffs

Dimension Dominanter Kultureller Sozialer


Sunuwār Name Krankheit
der Person Sinn Kontext Kontext

Götter,
saya bulbul- Psychosen,
spirituell Sprechen deifizierte Ritual
taya bulbul Besessenheit
Ahnen

chronische
Ver- und tödliche
moralisch-
giwāt Sehen alte Ahnen wandt- Krankheiten,
psychisch
schaft schwere
Neurosen

Depressionen,
leichte
psychisch- Dämonen, Neurosen,
nē Hören Dorf
moralisch hiwā Unfälle,
akute Krank-
heiten

Erschöpfung,
psychisch- Haus- Unfälle,
Riechen, junge
physio- thũ halt, Neurosen,
Schmecken Ahnen
logisch Familie Nervosität,
Tic

Unfälle mit
physio- Speicher-
gīm Tasten Habitat chronischen
logisch geister
Folgen

Selbst unter jenen, die der Person in jeder Gesellschaft dividuelle und individuelle
Anteile zugestehen, findet sich oft die Ansicht, dass im Ritual Individualität ein-
geschränkt wird, ganz wie es Durkheim in seiner Religionssoziologie postulierte.
Zwar spricht auch das Sunuwār-Ritual für Durkheims Idee einer Einverleibung
der in den Ahnen personifizierten sozialen Normen durch ein kollektives Sinnes-
erlebnis. Gleichzeitig zeigt es aber, dass dadurch nicht nur relationale, sondern
auch individuelle Aspekte der Person betont werden. Diese Wirkung erzielt das
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 189

Ritual durch Herstellung einer alle Sinne einbeziehenden Atmosphäre, die die auf
den Sinnen beruhende Person in ihrer Totalität, d. h. mit ihren dividuellen und
individuellen Anteilen im Zustand ihrer Harmonie zum Tragen bringt.

4 Die sinnliche Person und die Lösung ihrer Probleme


in der rituellen Atmosphäre

Auch für die schamanische Séance bei den Sunuwār lässt sich sagen, dass der
Körper der wichtigste Protagonist ist (Nicoletti 2006, S. 97ff.); der Körper, der
als Raum fungieren kann, als Tempel und als Grenze oder Bindeglied zwischen
den Realitäten, ein Körper, der zu Ahnen und Gottheiten wird, ein singender und
klingender Körper, v. a. aber ein Körper, dessen Eigenschaften und Äußerungen
von allen Anwesenden wahrgenommen und selbst körperlich erlebt wird. Die
anziehende und stimulierende Multimedialität des schamanischen Körpers wird
schon durch den rituellen Kontext geschaffen. Die besondere Kleidung und die
verschiedenen Ritualinstrumente bilden zusammen mit dem dicht bevölkerten
Innenraum des Hauses ein dichtes symbolisches Universum. Diesem wird
von schamanischen Handlungen, wie Tanzen, Singen, Schlagen der Trommel,
Abbrennen von Räucherwerk, Berühren der Ritualteilnehmer usw., noch
zusätzlich Leben eingehaucht. Der Schamane ist der „Archetyp des multisensuellen
Designers“ (Kremer 2003, S. 591). Dabei scheint sein besonderes Talent zur Trance
weniger wichtig, als seine technischen Fähigkeiten, eine Atmosphäre zu erzeugen,
in der alle Ritualteilnehmer in Trance fallen können. Die Sunuwār nennen diesen
zugleich inneren und äußeren Zustand solol, was gleichzeitig Rauch, Nebel und
Atem, aber auch Wesen, Lebenskraft und schicksalhaftes Zusammensein bedeutet.
Die Trance als Zustand einer prä-kulturellen ganzheitlichen Wahrnehmung,
zu der alle Menschen gleichermaßen fähig sind, bildet nach Leistle (2006) die
Grundlage des „Rituals als sinnlicher Kommunikation“. Anders als Leistle und
andere phänomenologische Ritualtheoretiker in der Tradition Merleau-Pontys
meinen, bedeutet die leibliche Grundlage des Rituals aber nicht, dass dieses nur
eine existenzielle Erfahrung menschlicher Subjektivität oder des Menschen als
Kulturwesen ermöglicht. Vielmehr macht es die kulturelle Objektivierung des
menschlichen Subjekts, die kulturspezifisch konzipierte Person, zu einer ganz-
heitlichen und kollektiven sinnlichen Erfahrung.
Wenden wir uns abschließend einer chintā zu, dem schamanischen Heilritual
der Sunuwār. Droht das Unwohlsein einer Person chronisch zu werden und das
Zusammenleben zu stören, wird sie zum Schamanen geschickt. Meist hat ein
Haus seinen bevorzugten Schamanen, wie wir einen Hausarzt haben. Schon der-
190 Werner Egli

jenige, der den Schamanen für eine erste Diagnose aufsucht, gibt diesem wichtige
Informationen, die der Schamane mit seinem Wissen über den Haushalt ver-
bindet und gleich ein paar dämonische Übeltäter ins Auge fasst. Schon auf dem
Nachhauseweg erzählt der Patient vom anstehenden Ritual und macht damit
sein Problem publik. Dadurch erfahren andere, ob sie etwas damit zu tun haben
könnten und darum am Ritual teilnehmen sollten.
Eine chintā beginnt abends um acht und dauert bis zwölf. Um sieben erscheint
der Schamane, kleidet sich ein und baut einen Altar mit Opfergaben auf. Dabei
sind ihm die Anwesenden behilflich und erfahren so Weiteres über das anstehende
Ritual. Jede chintā läuft in neun Schritten ab. Zwischen diesen gibt es Pausen von
ca. 15 Min., in denen geredet, gegessen und getrunken wird. An einer chintā
nehmen 10 bis 20 Personen teil. Im niederen Raum von etwa 4x6 m Grundfl äche,
der bei Beginn des Rituals geschlossen wird, ist die Luft durch den Rauch der
Feuerstelle, das Abbrennen von Räucherwerk und die Ausdünstungen der Teil-
nehmer bald zum Schneiden. Der erste formelle Schritt ist die Purifizierung des
Raumes und der Ritualinstrumente. Nach einer ersten kleinen Pause, in der ge-
plaudert und oft die Kompetenz des Schamanen und die Wirkung des Rituals mit
Witzen und Anspielungen in Frage gestellt wird, folgt die Anrufung der Ahnen.
In dieser Phase beginnt der Schamane zu tanzen, zu singen, zu trommeln und
gerät zunehmend in Trance. Seine Gesänge sind Teile des sālāk. Die angerufenen
Ahnenwesen inkarnieren sich nach und nach im Körper des Schamanen, was dem
Publikum durch unterschiedlich starkes Zittern angezeigt wird. In der folgenden
Pause erzählt der Schamane, was er in Trance erlebt hat. Durch die Erzählung,
welche Ahnengeister besonders widerwillig von ihm Besitz ergriffen haben, d. h.
welche sozialen Normen besonders berücksichtigt werden sollten, kann er dem
weiteren Geschehen eine Tendenz geben, etwa ob eher auf ein Problem inner-
halb der Familie oder eher auf eines mit den Schwiegerverwandten eingegangen
werden sollte.
Im nun folgenden dritten Akt werden Zweifel an der Kompetenz des Schamanen
zerstreut. Der Schamane besingt eine Reise und veranschaulicht sie mit Ruder-,
Reit- und Flugbewegungen und der Nennung von Ortsnamen. Auf dieser Reise
bekämpft der Schamane mittels Speer oder Sicheln Dämonen, die ihn behindern.
Manchmal greift er in glühende Kohlen, um zu beweisen, welche übernatürlichen
Kräfte ihm die Ahnen verleihen. Dämonen und Ahnen sprechen in dieser Phase
auch oft aus dem Mund des Schamanen. Nach diesem sehr eindrücklichen Teil
der Séance, in dem alle Anwesenden unwillkürlich ins sinnliche Spektakel ein-
bezogen werden, sind alle Zweifel verflogen. Nicht nur sind alle überzeugt, dass
sich die Ahnen tatsächlich im Schamanen verkörpert haben, sondern die meisten
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 191

fühlen sich ebenfalls von den Ahnen besessen. Dies zeigt sich auch darin, dass die
Ahnen durch einzelne Ritualteilnehmer zu sprechen beginnen.
Die Gespräche zwischen dem Schamanen und den Teilnehmern und unter den
Teilnehmern nehmen ab jetzt die Form einer Kommunikation mit den Ahnen
an. Man spricht höflich und respektvoll miteinander und diskutiert, was der
Schamane berichtet hat, aber auch, was andere Teilnehmer sagen. Dies in Form
von Fragen, Interpretationsvorschlägen und Erwägungen, und stets mit Bezug
zum mukdum. Kleine Kinder können an dieser Diskussion ebenso teilnehmen
wie Dorfvorsteher oder Ethnographen. Der Schamane selbst übernimmt die
Rolle eines unparteiischen Moderators, passiv bleibt meist nur der Patient. Die
Gespräche machen deutlich, dass es nicht um eine Einschwörung auf die in-
volvierten Normen geht, sondern dass auf die persönlichen Ansichten aller Be-
teiligten Wert gelegt wird.
Der nächste formelle Schritt ist wiederum eine Reise, bei der der Schamane
die Dämonen aufsucht und in Erfahrung bringt, welche Opfer sie annehmen,
damit sie den Patienten loslassen. Von dieser Reise kommt der Schamane meist
mit einer Auswahl von Vorschlägen zurück. In der folgenden Pause geht die Dis-
kussion meist schon deutlicher in eine Richtung. Es werden weniger Fragen ge-
stellt, dafür Vorschläge gemacht. Im nächsten Schritt werden die Dämonen mit
Opfern zufriedengestellt und der Schamane befreit den Patienten zusätzlich von
der Verbindung mit ihnen, indem er das Übel, das sie im Körper des Patienten
zurückgelassen haben, aussaugt oder über Fäden auf eine Bananenstaude leitet
(Abb. 2). In der Pause nach Opfer und Exorzismus passiert nicht viel. Das Böse ist
gebannt und die Auswahl der irdischen Gründe für die Krankheit eingeschränkt.
Die nächste formelle Phase schließt nun einen Teil der informellen Dis-
kussionen in den Pausen ein. Der Schamane erkundigt sich bei den Dämonen und
den Ahnen, ob sie mit den Opfern und der Durchführung des Rituals zufrieden
sind. Ihr Wohlwollen bekunden die Ahnen damit, dass sie allen Teilnehmern
die Beantwortung ihrer Fragen gewähren. Meist sind die Fragen jener, die sich
in den behandelten Fall verwickelt fühlen, Vorschläge für ihr eigenes künft iges
Verhalten und werden in rhetorischer Form gestellt. Der Schamane begnügt sich
mit der Beurteilung der Vorschläge, indem er ein gutes oder schlechtes Ereignis
prophezeit. In vielen Fällen ist am Ende der Runde für jeden in etwa klar, was und
wer hinter der Krankheit des Patienten stecken, und wer mit welcher Verhaltens-
änderung zur Beseitigung der Ursachen beitragen kann.
192 Werner Egli

Abbildung 2 Bei einem Heilritual (chintā) wird das Übel, das Dämonen im Körper des
Patienten zurückgelassen haben, mittels Fäden auf eine Bananenstaude
übertragen.

Beim nächsten Schritt der Séance unternimmt der Schamane nochmals eine
Jenseitsreise zur endgültigen Bannung böser Mächte. Dies ist wiederum sehr
spektakulär und unterstreicht die Bedeutung der Prophezeiungen. Anschließend
werden Ahnen und Ritualteilnehmer dadurch voneinander getrennt, dass der
Schamane die giwāt jedes Teilnehmers, jenen Teil der Person also, die sich am
innigsten mit den Ahnen vereint, symbolisch einfängt und in ein Gefäß mit
Wasser gibt, das dann vom Besitzer der giwāt ausgetrunken wird. Nachdem die
Tore zur jenseitigen Welt symbolisch geschlossen wurden, wird die Haustür auf-
gesperrt und es strömt kalte Luft in den Raum, wodurch dieser wieder Teil der
alltäglichen Welt wird.
Vielleicht verlässt schon am nächsten Morgen die Schwägerin des Patienten
das Haus, in dem sie seit einiger Zeit gewohnt hat, um im Dorf ihrer Schwester
einen Heiratspartner zu finden. Und dieser Verzicht auf ein Recht, das ihr als An-
gehöriger der ‚Frauengeber’ zusteht, zeigt sich vielleicht schon kurz darauf in der
Besserung des Befindens ihres Schwagers.
Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch Ahnengeister 193

5 Schluss

Die rituelle Rahmung von Konfliktlösungsprozessen ist nichts Außergewöhn-


liches (Chase 2005; Donovan 2008, Kap. 14). Dass sie der symbolischen Ver-
gegenwärtigung des Kollektivs und seiner Ideale dient, klingt auch noch in den
Roben oder dem Sprachgebrauch unserer Juristen nach. Dass zu dieser Vergegen-
wärtigung übernatürliche Mächte herangezogen werden, kommt schon seltener
vor. Und noch seltener ist eine Vergegenwärtigung nicht nur symbolischer Art,
sondern durch eine wörtlich zu nehmende Einverleibung dieser Mächte in den
einzelnen Ritualteilnehmern. Dass schamanische Rituale meist nur vorder-
gründig der Krankenheilung und letztlich der Lösung sozialer Konfl ikte durch
das gemeinsame Gespräch dienen, wurde schon für sehr unterschiedliche
Kulturen gezeigt (z. B. Saunders 1983; Sagant 1996; Laderman und Roseman
1996), ebenso, dass der Schamane meist nicht nur als Medium zwischen jen-
seitiger und diesseitiger Welt dient, sondern auch als Mediator im rechtlichen
oder politischen Sinne (z. B. Butt-Colson 1965/66; Atkinson 1989). Einige Unter-
suchungen legen auch nahe, dass eine rituell herbeigeführte Fremdkontrolle durch
übernatürliche Mächte erst die Selbstkontrolle ermöglicht, die zur individuellen
Aushandlung sozialer Probleme notwendig ist. Wie sich dies konkret abspielen
kann, versuchte ich am ethnographischen Beispiel der Sunuwār unter Berück-
sichtigung ihrer kulturspezifischen Konzeptionen von Ahnengeistern und der
menschlichen Person zu zeigen.

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Zombies und andere Vodou-Praktiken

Zombifizierung als Horrortopos

Bettina E. Schmidt

Zombies bevölkern unsere Abendunterhaltung im Fernsehen und im Kino. Nach


einer Welle von Draculafi lmen werden wir derzeit regelrecht überschüttet von
gruseligen Darstellungen dieser Wesenheiten. Zombies scheinen – glauben wir
Hollywood – auf dem Weg zu sein, die Menschheit auszurotten. Dabei werden
Zombies neuerdings nicht mehr als grauenhafte Kariben präsentiert, sondern
können jeglicher ethnischen Herkunft sein. Sogar der religiöse Kontext wird
in den neuesten medialen Darstellungen in der schier endlosen Zombiesaga
zunehmend zugunsten einer Kritik an der postmodernen Gesellschaft unter-
schlagen. Ein Element allerdings ist konstant – die Darstellung der Zombies als
seelenlose Körper, die mit ihrer Unmenschlichkeit Angst und Schrecken ver-
breiten.
Was aber genau ist ein Zombie? Die Vorstellung von Zombies stammt aus Haiti
und ist eng mit der haitianischen Volksreligion Vodou1 verbunden. Zombies
werden allgemein als „von böswilligen Magiern dienstbar gemachte körper-
lose Seelen oder seelenlose Körper“ definiert (Reuter 2003, S. 127). Allerdings
ist Vodou keineswegs ein Kult um Tote wiederzubeleben, wie in Horrorfi lmen
oft mals behauptet wird. Genau das Gegenteil ist der Fall: Vodou-Priester benutzen
ihre Fähigkeit, um Menschen zu helfen, und nicht um ihnen zu schaden. Vodou
wird mitunter sogar als Kreolmedizin (Sommerfeld 1994) oder als holistisches
Medizinsystem (Beauvoir 2006) beschrieben. Das Problem ist, dass sowohl

1 Zur Unterscheidung der haitianischen Religion und dem verzerrten Erscheinungsbild


in Film und TV verwende ich zwei unterschiedliche Schreibweisen. Die kreolische
Schreibform Vodou bezeichnet die haitianische Religion und die amerikanische
Schreibweise Voodoo steht für das mediale Bild.

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_12, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
196 Bettina E. Schmidt

Magie2 als auch Religion zu Vodou gehören, wie Rénald Clérismé (2006) betont.
Wenngleich mitunter zwischen magischen und religiösen Ritualen getrennt wird,
gibt es keine strikte Klassifi kation und eine genaue Abtrennung ist empirisch
unmöglich, wie ich später noch genauer erklären werde. Das gleiche gilt für die
Trennung zwischen schwarzer und weißer Magie. Gläubige gehen davon aus, dass
die heilenden Kräfte im Vodou zum Wohl, aber auch zum Schaden eingesetzt
werden können. Dennoch identifizieren sie Vodou keineswegs mit schwarzer,
d. h. unheilstiftender Magie, sondern als heilende Kraft. Allerdings schließt
Vodou auch die Zombifizierung mit ein. Gläubige sehen Zombifizierung als die
schlimmste Form von Bestrafung im Vodou, da es das Opfer zu einem Sklaven
macht, letztlich also genau die Situation schafft, gegen die, wie Laënnec Hurbon
(1995a, S. 62) schreibt, Vodou von Beginn an kämpfte.
Durch die Nähe zur Magie ist Vodou allerdings in Verruf geraten, auch in Haiti.
Es ist daher kein Wunder, dass die haitianische Regierung seit der Unabhängig-
keitserklärung 1804 zahlreiche Kampagnen gegen Vodou-Praktiken durchgeführt
hat. Dabei wurden regelmäßig Vodou-Tempel zerstört und Vodou-Priester ver-
haftet. Die Verfassung von 1835 hatte speziell die Zombifizierung sowie andere
als Schadenszauber verurteilte Handlungen unter Gefängnisstrafe gestellt
(Hurbon 1995, S. 57). Nach der Verfassung des Landes waren allerdings alle
Vodou-Praktiken bis vor wenigen Jahrzehnten illegal, obwohl gleichzeitig Vodou
flächendeckend und in allen sozialen Schichten in Haiti praktiziert wurde.3 So
beschreibt Clérismé (2006, S. 60) das Verhältnis von Politikern zu Vodou stets als
zwiespältig: sie fürchteten sich vor Vodou und nutzten Vodou zur gleichen Zeit
zur Stärkung ihrer Macht. Sogar Staatsführer wie Toussaint Louverture (1743–
1803), Charles Rivière Hérard (1789–1850) und Guillaume Fabre-Nicolas Geff rard
(1806–1878) verfolgten Vodou-Anhänger mit allen Mitteln und scheuten sich
dennoch nicht, wie Clérismé schreibt, sich der Macht von Vodou zu bedienen.
Zombifizierung hat eine vielschichtige Bedeutung und verlangt zum einen ein
genaues Verständnis des kulturellen und religiösen Kontexts in dem sie praktiziert
wird – nur durch eine Kontextualisierung der Zombies innerhalb des Vodou wird

2 Magie wird in der Regel als Manipulation übermenschlicher Kräfte mittels spezieller
Techniken definiert. Das Ziel ist materielle oder physische Resultate zu erreichen.
Oftmals wird zwischen schwarzer und weißer Magie unterschieden, wobei schwarze
Magie unheilsträchtige Handlungen und weiße Magie heilsträchtige Handlungen
sind. Allerdings ist die Trennung zwischen schwarzer und weißer Magie und zwischen
Religion und Magie empirisch unmöglich, wie später noch genauer erläutert wird.
3 Erst die Verfassungsänderung 1987 löschte die Illegalisierung von Vodou und es
dauert weitere sechzehn Jahre, bis Vodou 2003 vom Staat als offizielle Religion Haitis
– neben dem Katholizismus – anerkannt wurde.
Zombies und andere Vodou-Praktiken 197

die Ethno-Logik der Ängste vor der Zombifizierung deutlich. Zum anderen ist
auch die Darstellung Haitis als Land der Zombies in Horrorfi lmen, Romanen
und anderen Erzeugnissen, ein wichtiger Teil des Diskurses um Zombifizierung
und darf hier nicht ignoriert werden, trotz der fundamentalen Unterschiede
zwischen der Darstellung von Zombies im Horrorgenre und der lebensweltlichen
Angst vor der Umwandlung in Zombies in Haiti. Es handelt sich hierbei nicht um
eine Bedeutungsverschiebung von der Angst vor den Zombies hin zur Angst vor
Zombifizierung. So schreibt Lizabeth Paravisini-Geberts:

„This depiction of Haitian people as Zombies negates any possibility of their tran-
scending a history of colonialism, slavery, postcolonial poverty, and political re-
pression because, as zombies, they are incapable of rebellion.“ (Paravisini-Geberts
1997, S. 49)

In diesem Sinne kann die Darstellung der Haitianer als Zombies in den ersten
Zombiefi lmen Hollywoods4 als Kontinuation des Orientalismus-Diskurses im
Sinne von Edward Said betrachtet werden. Bevor ich allerdings weiter auf die Ver-
wandlung der Zombies in der westlichen Imagination eingehe, werde ich zuerst
die Vorstellung von Zombies innerhalb von Vodou behandeln. Dabei wird sich
zeigen, wie komplex die Beziehung zwischen der Religion Vodou und Voodoo in
der Fremdvorstellung ist.

1 Zombies im haitianischen Vodou

Zombifizierung ist ein Teil von Vodou, ungefähr so wie Vorstellungen von der
Hölle ein Teil des christlichen Glaubens sind. Vodou entstand vor dem Hinter-
grund des transatlantischen Sklavenhandels, durch den Menschen von West-
afrika nach Amerika verschleppt und versklavt wurden. Bereits 1503 trafen die
ersten Sklaven auf der karibischen Insel ein, und deren Zahl stieg in den nächsten
Jahrzehnten stetig an. Ende des 17. Jahrhunderts, als der Sklavenhandel zu einem
Massenbetrieb wurde, veränderte sich die Struktur der Inselbevölkerung grund-
legend und die Zahl der versklavten Bewohner überstieg die Zahl der freien ums
mehrfache. 1697 musste die spanische Krone die Insel an Frankreich übergeben
und französisches Recht wurde implementiert. So bestimmte der Code Noire
(1685) die Behandlung versklavter Afrikaner und forderte unter anderem, dass

4 Zum Sujet ‚Fremdkontrolle‘ im nordamerikanischen und europäischen Film generell


vgl. den Beitrag von Matthias Hurst in diesem Band.
198 Bettina E. Schmidt

alle versklavten Afrikaner auf französischem Territorium getauft werden. Wie


bereits unter spanischer Herrschaft, waren alle Religionen außer dem Katholizis-
mus verboten, was die Grundlage der Synkretisierung afrikanischer Gottheiten
und katholischer Heiligen legte. Große Furcht herrschte vor allen afrikanischen
Bräuchen, da – nach der Vorstellung der Sklavenherren – die kollektive Aus-
übung afrikanischer Rituale zwangsläufig zu Sklavenaufständen führen würde.
Diese Angst bereitete somit bereits im 18. Jahrhundert die Grundlage der späteren
Dämonisierung des Vodou (Schmidt 2002, S. 111ff.).
Trotz dieser Rahmenbedingungen konnten zahlreiche westafrikanische
Traditionen bewahrt werden, die am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Bricolage
verschmolzen. Neben Elementen von westafrikanischen Religionen beinhaltet
Vodou Aspekte aus dem Christentum (vor allem aus dem Katholizismus) sowie
aus anderen Glaubenssystemen, die während der Zeit der Sklaverei auf der Insel
praktiziert wurden. So finden sich heute im Vodou Symbole des Freimaurertums
sowie Relikte der indigenen Bevölkerung, welche die Insel vor der Ankunft der
Europäer 1492 besiedelte. Das Ergebnis ist eine überaus pragmatische Religion,
die Sommerfeld als „Kreolmedizin“ beschreibt (Sommerfeld 1994).
Vodou verbindet die Vorstellung der Existenz eines zentralen Schöpfergottes
(genannt: Bondye, der gute Gott) mit der Verehrung des lwa (ausgesprochen:
loa). Unter der Bezeichnung lwa verbirgt sich ein ganzes Spektrum von Wesen,
die in der Hierarchie zwischen dem Schöpfergott und den Menschen stehen. Sie
sind bedeutender als Ahnengeister oder die Geister der Verstorbenen, 5 die im
Weltbild unter den lwa platziert werden. Sie werden in der Literatur oft mals als
‚Gottheiten‘ oder auch ‚Geister‘ bezeichnet. Bedeutsam ist, dass die lwa, nach der
Glaubensvorstellung im Vodou, Einfluss auf das Schicksal der Menschen nehmen
können. Es ist daher wichtig, sie zu ehren und eine positive Beziehung zu ihnen zu
unterhalten. Die meisten Rituale beziehen sich entsprechend auf die lwa, denn die
Aufgabe der Menschen ist es, ihnen zu dienen. Vodou-Anhänger sprechen somit
nicht von der Verehrung oder gar Anbetung der lwa, sondern von dem Dienst an
ihnen (Reuter 2003, S. 54).
Die lwa werden in Gruppen (nanchon, Nationen) eingeteilt, die – etwas vage
– mit ihrer Herkunft identifiziert werden. So wird die Rada-Nation mit dem
Königtum Arada identifiziert (in Dahomey, heutiges Benin), die Nago-Nation mit
Yoruba-Göttern (heutiges Nigeria), die Kongo-Nation von der westafrikanischen
Bakongo Region und die Petro-Nation mit dem Namen eines mythischen An-
führers der Maroons, der ehemaligen Sklaven. Entsprechend ihrer Herkunft

5 Vgl. den Beitrag von Werner Egli zur Fremdkontrolle und Selbstkontrolle durch
Ahnengeister in diesem Band.
Zombies und andere Vodou-Praktiken 199

werden die Gruppen auch charakterisiert. Rada gilt beispielsweise als gut und
harmonisierend, während Petro als aggressiv und bitter beschrieben wird.
Clérismé kennzeichnet sogar die Trennung zwischen Religion und Magie an-
hand der Gruppen und schreibt, dass die religiösen Aspekte im Vodou den Rada
und Nago und magische Aspekte den Kongo und Petro zugeschrieben werden
(2006, S. 60). Allerdings ist keine klare Trennung der lwa möglich, da sie mehr-
deutig betrachtet werden. So hat ein Rada lwa ein Kongo oder Petro Äquivalent,
welches jeweils andere Aspekte ausdrückt. Vodou-Anhänger entscheiden je nach
Problem, ob sie den Rada lwa oder den Petro lwa um Hilfe bitten. Jede Gruppe hat
außerdem spezielle Rituale und Paraphernalia wie beispielsweise Musik, Lieder,
Tänze und Opfergaben. Viele lwa werden auch mit katholischen Heiligen identi-
fiziert, da ihre Funktion als Mittler zwischen Gott und den Menschen ähnlich
ist.6
Die lwa können aber nicht nur helfen, sondern werden auch als launisch
angesehen. Wenn beispielsweise ein Vodou-Anhänger Verpfl ichtungen ver-
nachlässigt, können die lwa Rache nehmen und Krankheiten verursachen, Be-
ziehungen stören oder anderweitig ihre Missbilligung ausdrücken. Vodou-
Anhänger nehmen daher die Verpflichtungen sehr ernst und feiern zu Ehren der
lwa regelmäßig Rituale, welche die Bindung zwischen den lwa und den Gläubigen
bestärkt. Stärkster Ausdruck der Bindung ist die Initiation, bei dem der lwa, zu
dem der Novize eine spezielle Bindung hat, gewissermaßen im Kopf symbolisch
verankert wird. Diese Verankerung hält lebenslang und kann nur durch den Tod
gelöst werden. Dafür sind allerdings spezielle Rituale notwendig, welche die Seele
des Verstorbenen vom lwa lösen.
Menschen verfügen nach der Glaubensvorstellung im Vodou über zwei Seelen,
ti bon anj und gwo bon anj (wörtlich übersetzt: kleiner guter Engel und großer
guter Engel). Ti bon anj repräsentiert unsere Kreativität und Individualität,
während gwo bon anj die Lebenskraft symbolisiert (Métraux 1998, S. 229). Wenn
ein Mensch stirbt, verlässt der gwo bon anj den menschlichen Körper und geht
ins Totenreich der Ahnen (guinen) ein, das in der Regel im Wasser lokalisiert
wird. Falls allerdings die Totenrituale nicht oder inkorrekt durchgeführt werden,
kann der gwo bon anj nicht in die Unterwelt eingehen und muss auf der Erde
bleiben. Der ti bon anj hingegen verweilt einige Tage in der Nähe des Körpers,
bevor er ins Paradies übergeht und vor Bondye erscheint. Trotz unterschiedlicher

6 Dayan (2003) kritisiert die gängige Synkretismus-Theorie, die von einer oberflächigen
Adaption katholischer Ikonographie zum Schutz der afrikanischen lwa während der
Zeit der Unterdrückung durch die Sklavenherren ausgeht, und betont tiefergehende
Parallelen zwischen den Heiligen und den lwa.
200 Bettina E. Schmidt

Funktionen bedingen sich beide Seelen gegeneinander. Es ist somit nicht wirk-
lich eine dualistische Vorstellung, sondern beide Elemente sind Bestandteile eines
organischen Prozesses, welcher uns Menschen bestimmt (Desmangles 1992).
Falls jemand allerdings nicht einen ‚guten Tod‘ stirbt, sondern einen ‚un-
natürlichen Tod‘ oder falls die Totenrituale inkorrekt vollzogen wurden und
der gwo bon anj nicht in die Unterwelt eingehen kann, besteht die Gefahr der
Zombifizierung. Ein ‚unnatürlicher Tod‘ kann durch einen Unfall ausgelöst sein,
durch Gift oder auch alles andere, was einen Menschen angreifbar macht. So wird
sogar HIV als mögliche Ursache angesehen (Schmidt 2008, S. 82, 88, Fußnote 2).
Unter diesen Umständen kann die Seele gewissermaßen ‚eingefangen‘ werden.
Das Ergebnis ist ein böswilliger Geist, ein Zombie, der alles macht, was derjenige,
der die Seele eingefangen hat, bestimmt. Natürlich werden nicht alle Menschen, die
in dieser Weise sterben, zu Zombies. Ausschlaggebend ist, dass jemand die Seele
des Verstorbenen einfängt. Dafür bedarf es Personen mit besonderen Fähigkeiten
und dem Willen, diese zum Schaden von Menschen anzuwenden. Allerdings gibt
es hierzu keine empirischen Daten. So ist es Außenstehenden schlichtweg nicht
erlaubt, an solchen Ritualen teilzunehmen. Wie auch Heilungen gehören solche
Praktiken zum okkulten Wissen, welches strikt geheim gehalten wird.
Jeder Priester (houngan) und jede Priesterin (mambo) hat gelernt, mit den lwa
zu kommunizieren und diese um Rat zu fragen oder um Hilfe bei Problemen
zu bitten. Sie setzen ihre Fähigkeit in der Regel zum Wohl der Menschen ein.7
Daneben besitzen viele profunde Kenntnisse in Botanik und Pharmakologie
(Beauvoir 2006), mit denen sie ihre Klienten heilen können. Nach Beauvoir ist
das Wissen mitunter auf ein Ökosystem beschränkt, d. h. die Priester kennen
die Heilpflanzen in der Region, in der sie leben. Dennoch sollte ihr Wissen nicht
unterschätzt werden. Gerade auf dem Land steht der Bevölkerung die westliche
Medizin noch heute weitgehend nicht zur Verfügung. Aber auch in den Städten
ist die Lage nur minimal besser. Auf Hait verteilt kommen, wie Beauvoir (2006,
S. 112) schreibt, durchschnittlich 1.400 Personen auf ein Krankenhausbett und
ein Mediziner auf 10.000 Patienten.8 Auf der anderen Seite gibt es nach einer
Schätzung von Clérismé (2006, S. 61) ungefähr 40.000 Vodoupriester und
-priesterinnen allein in den ländlichen Regionen Haitis. Er geht dabei von seiner
Zählung von 96 Vodoutempeln in Beauchamp, einer Region im Nordwesten
Haitis, aus, die er 1979 durchgeführt hatte. Vodoupriester übernehmen daher zu-

7 Siehe beispielsweise Brown 2005 mit einem Beispiel, wie wanga (eine Art von Vodou-
Magie) zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen kann.
8 Diese Angaben stammen aus der Zeit vor dem Erdbeben, das 2010 die Infrastruktur
Haitis größtenteils zerstörte.
Zombies und andere Vodou-Praktiken 201

sammen mit anderen Heilkundigen aufgrund ihrer pharmakologischen Kennt-


nissen lebenswichtige, wenn auch offiziell ignorierte Aufgaben der Gesundheits-
versorgung der Bevölkerung (Beauvoir 2006, S. 114).
Allerdings gehört auch die okkulte Seite zum Vodou. Ein Priester, der seine
Fähigkeiten zum Schaden der Menschen einsetzt, gilt als jemand, der mit „beiden
Händen arbeitet“, mit seinen Fähigkeiten also sowohl Gutes als auch Böses be-
wirkt. Diese Gruppe von Priestern wird meist boko genannt, was als ‚Zauberer‘
oder ‚Magier‘ übersetzt wird. Sie verbreiten große Furcht, da sie die Fähigkeit
haben sollen, die Seelen einzufangen und aus Toten Zombies zu machen. Wie dies
genau geschieht, ist nicht zu ermitteln, da keine objektiven empirischen Daten
zur Verfügung stehen. Der kanadische Ethnobotaniker Wade Davis (1983, 1986)
vertritt die Hypothese, dass Tetrodotoxin-Vergift ung jemanden zum Zombie
verwandelt und dass regelmäßige Zugabe von Datura stramonium diese Person
als Zombie verweilen lässt. Obgleich Davis sogar auf den Haitianer Clairvius
Narcisse als lebenden Beweis verweist, ist seine These in Haiti sehr umstritten
und Davis gilt dort sogar als persona non grata.
Seitdem gibt keinen weiteren Versuch, die Zombifi zierung empirisch zu
untersuchen und ich beschränke mich deshalb auf die religiösen Erklärungen.
Zombifizierung bedeutet, dass der Körper der Verstorbenen gewissermaßen ‚be-
lebt‘ wird, aber ohne dass die Seele zurückkehrt. Es werden also keineswegs die
Verstorbenen wieder zum Leben erweckt. Ein Zombie ist ein Körper ohne Seele,
eine leere Hülle, ohne eigenen Willen, allerdings mit großer Kraft und damit in
der Lage, die schwersten körperlichen Arbeiten ohne sichtbare Anstrengung
zu vollbringen. Ein Zombie ist somit ein Wesen mit einem menschlichen Körper,
aber ohne menschliches Bewusstsein. Typisches Verhalten eines Zombies ist der
Verlust der Selbstkontrolle, einsame Lebensweise außerhalb eines Familienver-
bandes, mangelnde Sozialkontakte, aggressives Verhalten, Tendenz zu selbst-
zerstörerischen Handlungen und stumpfsinniges und gefühlloses Benehmen.
Wer jemanden zum Zombie macht, hat uneingeschränkte Kontrolle über die
Person. Das Resultat ist, dass einem boko die Macht zugesprochen wird, Zombies
wie Sklaven auszubeuten und für sich arbeiten zu lassen oder aber ihre Arbeits-
kraft an andere zu verkaufen. Genau genommen bezieht sich daher die Angst in
Haiti vor Zombifizierung auf die Angst, selbst ein Zombie zu werden oder gar zu
sehen, wie ein Angehöriger zum Opfer wird.
Dennoch muss hier zweierlei beachtet werden: Erstens ist die Grenze zwischen
sogenannter ‚weißer‘ und ‚schwarzer‘ Magie sehr schwammig. So kann ein
Vodou-Priester im Geheimen auch ein Zauberer sein, tagsüber heilen und nachts
schaden. Da Letzteres gegen das moralische Wertesystem der Gesellschaft ver-
stößt und deshalb für die Zauberer gefährlich ist, agieren die boko meist nachts im
202 Bettina E. Schmidt

Verborgenen. Allerdings ist unbekannt, wie viele Priester ihre Fähigkeiten wirk-
lich negativ einsetzen oder nur einem Gerücht, das von böswilligen Konkurrenten
verstreut wurde, zum Opfer fallen (Reuter 2003, S. 52). Es gibt, wie bereits er-
wähnt, keine zuverlässigen Angaben, wer als boko arbeitet. Aufgrund der jahr-
hundertelangen Unterdrückung und Illegalisierung von Vodou stehen noch nicht
einmal genaue Daten über die Zahl von Vodoupriestern in Haiti zur Verfügung.
Sogar die oben erwähnte Schätzung von Clérismé unterscheidet nicht zwischen
houngan, mambo und boko, sondern fasst die Gruppen explizit zusammen.
Da sich haitianische Vodou-Gläubige in der Regel gleichzeitig als Christen be-
trachten, gibt es noch nicht einmal genaue Angaben über die Verbreitung von
Vodou als Volksreligion.
Zweitens ist es nahezu unmöglich, als Außenstehender bis in den Kern des
Phänomens der Zombifizierung vorzudringen. Das große Interesse an Zombies
als fi ktionale Figur hat dazu geführt, dass Haitianer es weitgehend ablehnen,
darüber mit Fremden zu sprechen. Auch Vodou-Anhänger im Ausland verweigern
strikt jegliche Identifizierung ihrer Religion mit Zombies. Diese Ablehnung be-
deutet aber keineswegs die Nicht-Existenz der Zombifi zierung. Zombies nehmen
einen wichtigen Platz in der Oraltradition Haitis ein, nicht nur als symbolische
Figur. So bestätigt auch Hurbon (1995a, S. 61f.), dass Gerüchte um Zombifizierung
regelmäßig im Land umhergehen. Die Illustrationen in seiner Publikation ver-
weisen zwar auf die Verwendung der Bezeichnung Zombie für Personen mit
einem bestimmten Verhaltensmuster: Menschen, die sich wie Sklaven ausbeuten
lassen oder Personen, die außerhalb eines Sozialverbands auf der Straße leben. In
diesem Sinn bezieht sich Zombifizierung auf die grausame soziale Vergangenheit
Haitis und die Angst, dahin zurückzukehren. Dennoch ist diese symbolische Ver-
wendung der Zombiefigur, auf die ich im folgenden Teil genauer eingehen werde,
nur eine Seite des Diskurses. Zombies haben eine wichtige Funktion im religiösen
Weltbild und sind nicht nur Projektion von außen.

2 Haiti als das Land der Zombies

Im fi ktionalen Horrorgenre ist wenig von dieser vielschichtigen Deutungsweise


der Zombifizierung zu sehen. Ausschlaggebend für die Dämonisierung und ge-
wissermaßen Umdeutung der Religion ist William Seabrock (1884–1945), dessen
Buch Magic Island (1929) Grundlage des ersten Hollywood Zombiefi lms White
Zombie (1932) wurde. Hurbon beschreibt Seabrock und dessen Freund Faustin
Wirkus als „self-styled experts on ‚the magic rites of black races‘[sic]“, welche, wie
Zombies und andere Vodou-Praktiken 203

er weiter schreibt, „almost singlehandedly set the stage for the subsequent Holly-
wood demonization of Haiti and Vodou“ (Hurbon 1995b, S. 187).
Magic Island erzählt die fatale Geschichte von Camille, einer als „hellhäutig“
beschriebenen jungen Frau, die einen älteren und als „dunkel“ beschriebenen
reichen Mann heiratet, der sie anschließend ins Verderben führt und in einen
Zombie verwandelt. Schon eine oberflächliche Google-Suche zeigt, dass das
Buch noch heute von vielen als Reisebeschreibung angesehen wird, in dem
ein ‚realistisches‘ Bild vom Haiti der 1920er Jahren gezeichnet wird. Dieser
‚Realismus‘ ist allerdings zu bezweifeln. Seabrock war ein Journalist, der mit
sensationellen Schilderungen zum Beispiel über Kannibalismus Geld verdiente.
1927 verschlug es ihn für kurze Zeit nach Haiti. Haiti war zu dieser Zeit von den
USA besetzt (1915–1934) und US-Marines kontrollierten das Land. Seabrock
porträtierte demzufolge auch einen US-Marine als den Helden seiner Geschichte,
der Camille rettete und von ihrem Schicksal als Zombie befreite. Wenngleich
Seabrock schreibt, dass seine Informationen über die Praktiken des Voodoo von
seinem „boy“ Louis stammen, der ihn angeblich in dessen geheime Welt ein-
führte, stammt das Material für seine Geschichte größtenteils wahrscheinlich aus
dem Reisebericht Hayti or the Black Republic (1884) von Spenser Buckingham St.
John (1827–1910).
St. John war britischer Konsul in Haiti und zeichnet in seinem Buch ein
negatives Bild von der „Schwarzen Republik“, wie Haiti oft mals herablassend ge-
nannt wurde. Seine negative Behandlung Haitis steht ganz in der Tradition der
europäischen Berichterstattung nach der haitianischen Revolution. Es war für
Europäer unbegreiflich, wie die haitianische Revolution die Armee Napoleons
besiegen konnte, während zur gleichen Zeit die europäischen Staaten weiterhin
gegen Napoleon kämpften. Statt den Erfolg einer hauptsächlich versklavten Be-
völkerung gegen Unterdrücker zu feiern – so wie der Triumph der amerikanischen
Revolution gefeiert wurde – löste der Sieg der haitianischen Revolution Angst aus,
sowohl in Europa als auch in den USA. Eine Folge davon war die Verknüpfung des
militärischen Erfolgs mit schwarzer Magie. So schreibt Ulrike Sulikowski (1996,
S. 80):

„Out of the physical terror, where torture acted as part of the mode of production of
slavery, the colonial mind extracted an imagery of the slaves as other than human,
wielding a kind of monopoly on magic power as a mysterious weapon to strike at
the oppressors.“

Ein Beispiel dieser Umdeutung ist auch der Band Histoire de la Révolution de
Saint-Domingue (1814) von Antoine Dalmas. Basierend auf Informationen von
204 Bettina E. Schmidt

Häft lingen, die im Gefängnis nach dem Ausbruch der Rebellion befragt wurden,
beschrieb Dalmas, dass die Revolution mit einem magischen Ritual in Bois
Caïman begann (siehe auch Hoff mann 1996). Ohne den Begriff ‚Vodou‘ zu ver-
wenden, legte Dalmas die Grundlage für die Darstellung von Vodou als böse
Magie und der Haitianer als zombifizierte, willenlose Kreaturen.
Dieser Tradition folgte St. John und zeichnete nicht nur ein negatives Bild von
Haiti, sondern auch von Vodou. Er begründet seine Ausführungen folgender-
maßen:

„There is no subject of which it is more difficult to threat than Vaudoux-worship


and the cannibalism which too often accompanies its rites. Few living out of the
Black Republic are aware of the extent to which it is carried, and if I insist at length
upon the subject, it is in order to endeavour to fi x attention on this frightful blot,
and thus induce enlightened Haytians to take measures for its extirpation, if that be
possible“. (St. John 1971, S. 187)

In der Zweitauflage schmückte er die Beschreibung von Vodou weiter aus und
verknüpfte Vodou-Rituale – nun über zwei Kapitel verteilt – mit Menschenopfern
und Kannibalismus (Schmidt 2001, S. 87f.). Dabei berief sich St. John bei seinen
Angaben zu Vodou und dem angeblichen Menschenopfer auf einen französischen
Priester, dessen Beschreibung von Monseigneur Guilloux, dem Erzbischof von
Port-au-Prince, bei einem Abendessen in Gegenwart von St. John wiedergegeben
wurde. St. Johns und damit auch Seabrocks Quelle sind somit Gerüchte, die als
Abendunterhaltung ausgeschmückt wurden. Während es St. John vor allem
darum ging, Haiti als Ort der Barbarei zu verunglimpfen, hatte Seabrock noch
eine weitere Absicht, nämlich die Darstellung der USA als Retter Haitis vor dieser
Barbarei (Hurbon 1995b, S. 188). Vor diesem ideologisch-politischen Hinter-
grund entstand das Horrorgenre um die haitianischen Zombies: Seabrocks Buch
diente als Grundlage jenes Kinofi lms, mit dem Zombies in die westliche Populär-
kultur eingeführt wurden.
Der Film White Zombie, der 1932 in die Kinos kam, schildert das Schicksal
von Madeleine, einer jungen, weißen Frau, die von Legendre, einem ‚Zauberer‘,
der Zombies als Arbeiter auf seinen Zuckerfeldern einsetzt, zum Zombie gemacht
wird, bevor sie in letzter Minute vom Helden der Geschichte gerettet werden kann.
Während die haitianische Bevölkerung dem Untergang entgegen sieht und nicht
vor dem Schicksal der Zombifi zierung gerettet werden kann, kann Madeleine, das
unschuldige Opfer, diesem Schicksal entkommen. In den Worten von Lizabeth
Paravisini-Gebert:
Zombies und andere Vodou-Praktiken 205

„The terrorized Haitian peasant, transformed into a terrorizing zombie lost in the
depths of his own unspeakable horrors, literally comes to embody ‘a fate worse than
death’; all sympathy for his plight is transferred to the virginal white heroine lust-
fully coveted by the evil ‘Voodoo’ sorcerer, the quintessentially innocent victim who
must be rescued from her zombification before she is basely violated by racially im-
pure hands.“ (1997, S. 43)

Haitianer werden mithin als unrettbar präsentiert, für immer gefangen in den
Zwängen von Vodou und Zombifizierung. Die politische Geschichte Haitis und
der Erfolg der Revolution und des Unabhängigkeitskampfes werden ignoriert.
Die haitianische Bevölkerung wird gewissermaßen auf den Status von willen-
losen Opfern reduziert. Damit wird ihr, wie Paravisini-Gebert argumentiert, die
Fähigkeit zur politischen Souveränität aberkannt. Die Haitianer werden allesamt
zu Zombies erklärt. Paravisini-Gebert sieht Zombifizierung hier als Metapher für
Sklaverei und Kolonisation. Sie schreibt, dass

„the accursed fate conjured by the myth of the zombie is that of the Haitian
experience of slavery, of the disassociation of people from their will, their reduction
to beasts of burden subject to a master“ (Paravisini-Gebert 1997, S. 39).

Paravisini-Geberts Interpretation steht damit in der Tradition von Edward Saids,


der in seinem klassischen Werk Orientalism (1978) eine Welt gespalten in Ost und
West zeichnet. Unterschiede zwischen Kulturen werden hervorgehoben, während
interne Heterogenität verloren geht, wie Richard King (1999) in seiner Kritik an
dem Mythos der Homogenität in der Beschreibung fremder Kulturen betont. Die
Ambivalenz des dualistischen Gegenübers von Vodou und Voodoo, Zombies in
Haiti und Zombies in den Horrorfi lmen, zeigt sich auch in der Figur der Tonton
Macoutes und in dem Missbrauch von Vodou in Haiti aus politischen Motiven.

3 Zombifizierung als politischer Terror

Ein Jahr nachdem François Duvalier (1907–1971) im Jahre 1957 zum Präsidenten
Haitis gewählt wurde, gründete er, nach einem gescheiterten Attentatsversuch
aus einer Gruppe von Helfern, die „Volontaires de la Sécurite Nationale“ („Frei-
willige der nationalen Sicherheit“), bis heute vor allem unter ihrem Spitzname
Tonton Macoutes bekannt. Die Tonton Macoutes waren zwar institutionell nicht
verankert und erhielten auch kein Gehalt vom Staat; ihre ursprüngliche Aufgabe,
den Präsidenten und seine Familie zu schützen, expandierte allerdings schnell.
206 Bettina E. Schmidt

So wurde diese Schutzfunktion sehr weitreichend interpretiert und schloss den


Kampf gegen die politischen Gegner der Präsidentenfamilie mit allen Mitteln ein
(Schmidt 2007).
Neben physischer Gewalt, einschließlich Mord und Vergewaltigung, ver-
breiteten Tonton Macoutes Schrecken mittels Vodou und vor allem mit Hilfe
der Angst der Bevölkerung vor schwarzer Magie und Zombifizierung. Zum einen
war bekannt, dass François Duvalier gute Kontakte zu Vodou-Priestern hatte.
Als Medizinstudent hatte Duvalier an einer Impfkampagne im Landesinneren
teilgenommen (Johnson 2006, S. 428) und dabei auch mit Vodou-Priestern ko-
operiert, die auf dem Land für die medizinische Versorgung zuständig waren. Seit
dieser Zeit war Duvalier zunehmend an der haitianischen Folklore und an Vodou
interessiert und bezeichnete Vodou als das Herz Haitis. Nach seiner Wahl zum
Präsidenten und vor allem nachdem er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit aus-
rufen ließ, setzte Duvalier sein Interesse an Vodou theatralisch um. So soll er sogar
vor Reportern mehrmals in der Verkleidung des Barons Samdi, des Oberhaupts
der Totengeister Gédé, welche die Grenze zwischen Leben und Tod kontrollieren,
erschienen sein. Gerüchten zufolge soll Duvalier sogar selbst Vodou-Priester ge-
wesen sein, wenngleich er offi ziell als Präsident die Beziehung zum Vatikan aus-
baute und nach außen hin für den Katholizismus als einzige Religion Haitis ein-
trat. Dennoch galt Duvalier bei der Bevölkerung als jemand der Knochen (als
ausgebildeter Mediziner) und Geister (als Vodou-Priester) richten könne.
Zum anderen verbreitete sich das Gerücht, dass es unter den Tonton Macoutes
zahlreiche Vodou-Priester gäbe. Zwar konnte das Gerücht nie bestätigt werden,
dennoch spielten die Tonton Macoutes sehr gekonnt mit ihrer angeblichen Ver-
bindung zu Vodou. So entsprach die Standarduniform der Tonton Macoutes
dem Aussehen eines lwa. Außerdem wurde ganz bewusst mit der Angst vor
Zombifizierung gespielt. So wurde 1959 der Leichnam von Clement Jumelle,
dem Gegenkandidat von Duvalier bei der Präsidentschaft swahl 1957, kurz nach
seinem Ableben gestohlen. Zwar starb er wahrscheinlich eines natürlichen Todes,
dennoch verbreitete sich, als kurz nach der Beerdigung der Leichnam verschwand,
schnell das Gerücht, dass Tonton Macoutes die Leiche für „Vodouzauber“ ge-
stohlen hätten. Das Gerücht wurde weder bestätigt, noch wurde der Leichnam
jemals gefunden. Dennoch bewirkten allein die Gerüchte, dass sich die Angst
vor der übernatürlichen Macht der Tonton Macoutes – und damit Duvaliers –
im Land verfestigte. In diesem Sinne wurde Zombifizierung zu einer Metapher
für die magische Bestrafung jeglichen politischen Widerstandes gegen Duvalier,
der sich zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen ließ und später seinen Sohn
als Nachfolger bestimmte. Die Folge dieser Verknüpfung von politischem Terror
und Vodou zeigte sich dann 1986 als Jean Claude Duvalier, der von seinem Vater
Zombies und andere Vodou-Praktiken 207

François 1971 die Position des Präsidenten auf Lebenszeit ererbte, das Land ver-
ließ. So richtete sich der Zorn der unterdrückten Bevölkerung anstelle auf die
Tonton Macoutes, auf die Religion des Vodou: Tempel wurden zerstört, Vodou-
Symbole verbrannt und sogar zahlreiche Vodou-Priester gelyncht (Schmidt 2007).

4 Schlussbemerkung

Nach diesem Exkurs über den politischen Missbrauch von Vodou und der
Zombifizierung als politischen Terror möchte ich den Bogen abschließend zurück
zur emischen Stellung der Zombies im religiösen Weltbild im Vodou schlagen.
Ich werde regelmäßig gefragt, ob es Zombies denn wirklich gäbe. Meine Standard-
antwort ist, dass ich noch nie einen Zombie gesehen habe. In der Regel vergleiche
ich Zombies daraufhin mit der Vorstellung der Hölle, einem Fixpunkt des christ-
lichen Weltbildes. Wenngleich meine Antwort natürlich etwas polemisch gemeint
ist, verweist der Vergleich zwischen Zombies und der Hölle auf einen wichtigen
Punkt. Zombies gehören unleugbar zum Weltbild im Vodou. Clérismé (2006,
S. 60) schreibt zu Recht, dass das Glaubenssystem des Vodou nicht nur auf den
Vodou-Tempeln und den Vodou-Priestern beruht, sondern auch die Herbalisten,
Magier und Geheimgesellschaften mit einschließt, somit auch das Okkulte.
Vodou präsentiert sich als ein Konglomerat voller Widersprüche. Es kann Gutes
tun und Schlechtes, heilen und schaden. Der Tod öff net das Tor ins mythische
Mutterland Guinea, ins Paradies. Die Alternative ist die Verwandlung eines
Menschen in einen Zombie. Die Zombifizierung und damit die Fremdkontrolle
ist der ultimative Schrecken in Haiti, einem Land, das vor über 200 Jahren die
koloniale Kontrolle besiegt hat und seitdem unter Diktatoren, Terror, Besetzung,
Unruhen und zuletzt einem katastrophalen Erdbeben leidet. Es ist daher kein
Wunder, dass der fi ktionale Topos des Zombies in Haiti auf solche Ablehnung
stößt. Haiti kämpft gerade darum, nicht ein Land der Zombies zu werden. Denn
hier liegt der Kern der Angst vor Fremdkontrolle: die Angst vor Zombifi zierung
ist die Angst der Menschen, so wie ihre Vorfahren Freiheit und eigenen Willen
zu verlieren, gefangen und versklavt zu werden und in Abhängigkeit zu geraten.
208 Bettina E. Schmidt

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Teil V

Im Bann der Technik?


Mentale Beeinflussung durch
Massenmedien und Computerspiele?
Ralf Vollbrecht

1 Die Meinungsmacht der Massenmedien


in historischer Perspektive

Seit es Massenmedien gibt, stehen sie unter dem Verdacht, Menschen zu be-
einflussen und zu manipulieren. Die Massenpresse als erstes Massenmedium
entwickelte sich im neunzehnten Jahrhundert aus den ehemals handwerklich
produzierten Zeitungen. Mit der Massenpresse verbreiterte und veränderte sich
das Publikum der Zeitungen, denn nun kämpfte auch die erstarkende Arbeiter-
bewegung um Teilhabe an Öffentlichkeit und gesellschaft licher Macht und be-
diente sich dazu auch der Presse. Im Bürgertum sah man diesen Machtanspruch
überwiegend kritisch.
Politische Meinungsbildung stellte man sich damals anhand des sogenannten
‚Kaffeehausmodells‘ vor, wie es Habermas im Strukturwandel der Öffentlich-
keit (1962) beschreibt. Diesem Modell zugrunde liegt ein Idealbild der liberalen,
bürgerlichen Öffentlichkeit als jenem allgemein zugänglichen Bereich, in dem
rational über das im Allgemeinen, also öffentlichen Interesse, praktisch Not-
wendige befunden werden soll. Der Presse kommt dabei die Aufgabe der Ver-
mittlung von Informationen und Meinungen zu. Ihre politische Funktion
wurde darin gesehen, die politisch relevanten Themen in die Kaffeehäuser
und bürgerlichen Salons als Kristallisationskerne bürgerlicher Öffentlichkeit
zu tragen. Ein kulturräsonierendes, gebildetes Publikum sollte dort die unter-
schiedlichen politischen Standpunkte debattieren und so öffentliche Meinungen
etablieren. Im Kern vermittelt die Presse also die öffentlichen Debatten der
Bürger untereinander und in ihrem Verhältnis zu Regierung und Parlament.
In diesem von der Presse vermittelten Austausch von Argumenten sollte sich
eine öffentliche Meinung etablieren, die dann in nicht genau anzugebenden
Rückkopplungsprozessen die politischen Entscheidungsträger wieder erreichen

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_13, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
214 Ralf Vollbrecht

und im Sinne des Allgemeininteresses beeinflussen sollte (vgl. Katz 1988, S. 191).
Die Funktion und Wirkung der Medien liegt dabei in der möglichst ungefi lterten
Weitergabe von Themen der Regierung an die Bürger und der Rückkopplung der
öffentlichen Meinung an die Regierung.
Selbstverständlich ist dieses Kommunikationsmodell schon immer zu einseitig
und harmlos gewesen, weil es beispielsweise weder Machtaspekte noch unter-
schiedliche Zugangsmöglichkeiten zur Presse oder die Einflussmöglichkeiten
der Presse selbst berücksichtigt. Unter dem Aspekt der Beeinflussung durch
Massenmedien ist interessant, dass sich erst mit der Zeitung als Massenmedium
eine neue Einstellung zu ihrer Wirkungsmächtigkeit entwickelt, die nun ungleich
höher vermutet wird. Das Bürgertum hatte ja schon immer bezweifelt, dass das
einfache Volk geistig fähig und in der Lage sei, die Rolle auszufüllen, die ihm die
Demokratietheorie zubilligte. Und selbst für das bürgerliche Publikum, das sich
als nicht verführbar durch eine Tendenzpresse empfand, führte die Entstehung
der Massenmedien zu einer immer stärkeren Spaltung „in Minderheiten von
nichtöffentlich räsonierenden Spezialisten und in die große Masse von öffentlich
rezipierenden Konsumenten“ (Habermas 1962, S. 210) und büßte damit über-
haupt die spezifische Kommunikationsform eines Publikums ein.
In der noch immer ständisch organisierten Gesellschaft entsteht mit der
Massenpresse die bedrohliche Vorstellung von Gesellschaft als einer Massen-
gesellschaft. Die Presse wird dementsprechend nicht mehr im Dienste der
politischen Willensbildung der Citoyens gesehen, sondern als mächtiges Beein-
flussungsinstrument der Volksmassen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass der
Begriff ‚Masse‘ gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr bedrohliche Konnotationen
hatte. Die durch die Industrialisierung ausgelösten Veränderungen der Stände-
gesellschaft hatte mit der Industriearbeiterschaft eine völlig neue Klasse hervor-
gebracht, die die Vorrechte von Adel und Bürgertum infrage stellte, und mit
der Aufhebung ständischer Bindungen (z. B. der Bindung an die Scholle; Auf-
hebung der Leibeigenschaft) war eine immense Landflucht und Verstädterung
mit allen daraus resultierenden sozialen Problemen ausgelöst worden. Zeitungen,
die nun prinzipiell in der Lage waren, die ‚entrechteten Massen‘ zu organisieren,
schienen jetzt äußerst gefährlich für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung
zu sein und wurden mittels Pressegesetzen, Zensur und Verboten entsprechend
diszipliniert.
Während Medienwirkungen zuvor also in einer bloß dienenden, informations-
und meinungsvermittelnden Funktion der Presse gesehen wurden, verschiebt sich
nun – verbunden mit einem kulturpessimistisch aufgeladenen Massenbegriff –
das zugeschriebene Machtverhältnis von Mensch und (Massen-) Medium. Nicht
das bürgerliche Individuum als Teil eines Publikums bedient sich der Presse,
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 215

sondern die Massenpresse scheint es jetzt in der Hand zu haben, die Meinungen
der Massen zu beeinflussen oder gar gleichzuschalten.
Diese Vorstellung omnipotenter Medien bezeichnet man als Allmachtsthese der
Medienwirkung, die sich jahrzehntelang großer Popularität erfreute. Empirisch
überprüfen konnte man sie damals noch nicht, da sich die Medienforschung
im Kontext von Propaganda- und Werbewirkungsforschung erst später heraus-
bildete. Die These überzeugte allein schon durch ihre Plausibilität und auch später
aufgrund der historischen Erfahrungen mit der Hugenberg-Presse im Ersten
Weltkrieg oder der Instrumentalisierung von Film und Radio als Propaganda-
instrumente, obwohl dann in Nazi-Deutschland ja gerade den Live-Events eine
bis heute unterschätzte Bedeutung zukam.

2 Zur Wirkungsmacht von Medien

Eine theoretische Fundierung der Allmachtthese lieferte dann der Behavioris-


mus mit seinem mechanistischen Reiz-Reaktions-Modell. Die massenmedialen
Inhalte treffen als Stimuli auf eine Vielzahl von unabhängig voneinander
rezipierenden Mediennutzern und entfalten dabei direkt und linear ihre Wirkung
(Reaktion), worunter eine Veränderung des Wissens, der Einstellung oder des
Verhaltens verstanden wird. Anders als sonst im Alltagsleben sind im Fall der
Massenmedien tatsächlich völlig gleiche Stimuli vorhanden (wenn man von den
unterschiedlichen zeitgleichen Umgebungseinflüssen bei der Rezeption absieht),
aber die beobachteten Reaktionen sind dennoch sehr verschieden. Das ließ sich
nur durch Hinzunahme weiterer ‚intervenierender‘ Einflussvariablen (personale,
soziale, situationale Variablen) erklären, wodurch die Reichweite der Theorie
allerdings eingeschränkt wird, denn offensichtlich erklärt der Medienreiz dann
nur einen Teil der Wirkung. Und je komplexer ein zu erklärendes Verhalten
ist, desto schwieriger wird der empirische Nachweis des Anteils von Medien
im Wirkungszusammenhang, wie wohl am deutlichsten die Gewaltwirkungs-
forschung unfreiwillig zeigt. Mit hinreichend vielen Variablen lassen sich immer-
hin statistische Zusammenhänge auffinden, wenngleich kausale Schlüsse daraus
zu ziehen, nicht zulässig ist.
Starke Medienwirkungen nachzuweisen war bereits ein Ziel der sogenannten
Kampagnenforschung in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahr-
hunderts. Man stellte sich die Frage, wie man die Bürger möglichst effektiv bei-
spielsweise für Kriegsanleihen begeistern (Merton 1946) oder im Kontext von
Präsidentschaftswahlen beeinflussen konnte. Große Aufmerksamkeit fand eine
Studie von Cantril (1966, Orig. 1940), der die Publikumsreaktionen auf ein von
216 Ralf Vollbrecht

Orson Wells im Nachrichtenstil inszeniertes Radiohörspiel über ‚Die Invasion


vom Mars‘ untersuchte. Diese Science Fiction-Geschichte soll am 30. Oktober
1938 Tausende von US-Amerikanern in Panik versetzt haben, die die Sendung als
Realität missverstanden. Sherif/Sherif (1967, S. 522) sahen in diesem Ereignis das
prägnanteste Beispiel massenmedial erzeugter Angst- und Panikprovokation. In
einer Neubewertung der Ergebnisse von Cantril kommt Kunczik (1977, S. 117f.)
allerdings zu dem Schluss, dass die angebliche Panik sich ganz überwiegend in
den Berichten der Massenmedien abspielte. Zum gleichen Ergebnis kommen
Rosengren et al. (1974) bezogen auf die sogenannte ‚Barsebäck-Panik‘ nach einem
dokumentarisch aufgemachten Beitrag des schwedischen Rundfunks über einen
angeblichen Kernkraft werksunfall in Barsebäck. Auch hier erwies sich die Panik
der Bevölkerung im Wesentlichen als eine journalistische Fiktion. In beiden
Fällen handelt es sich medial gesehen um eine Genre-Überschreitung, da Unter-
haltung mit den formalen Mitteln von Nachrichten dargeboten wurde und damit
die Genre-Erwartungen der Zuhörer getäuscht wurden. Das kann in der Tat zu
Irritationen führen, da Mediennutzer immer Vorerwartungen an Medienbei-
träge haben. So haben jüngere Kinder beispielsweise noch Probleme, Reality-TV
und andere Formate der sogenannten Scripted Reality einzuschätzen, weil diese
Formate (pseudo-)dokumentarisch anmuten, aber eben nicht Realität zeigen.
Es lassen sich noch immer in zahlreichen Studien (zum Teil verdeckte)
behavioristische Annahmen finden, aber die weitreichenden Wirkungsver-
mutungen der Allmachtsthese werden heute nicht mehr vertreten. Das liegt auch
daran, dass bereits die Kampagnenforschung gezeigt hatte, dass viele Kampagnen
daran gescheitert waren, dass sie auf Seiten der Mediennutzer weder Selektivität
noch die interpersonalen Beziehungen berücksichtigt hatten (Katz 1988, 190ff ). So
hatte etwa der face-to-face-Kontakt mit anderen Personen in den Primärgruppen
(Familie, Freundeskreis) einen größeren Einfluss auf Wahlentscheidungen als die
Wahlpropaganda der Medien (vgl. Lazarsfeld et al. 1944). Entdeckt wurde auch
der Einfluss von Meinungsführern (opinion leaders) und gate-keepern, die den
direkten Medieneinfluss begrenzen. Selektives Verhalten von Mediennutzern
zeigte sich in der selektiven Auswahl von Medienangeboten, in der selektiven Wahr-
nehmung und selektiven Erinnerung, und steht dem direkten Wirkungsmechanis-
mus zwischen Medienbotschaft und Rezipienten entgegen. Beispielsweise kann
gezeigt werden, dass solchen Botschaften, die eine vorgefasste Meinung beein-
trächtigen könnten, mit Vermeidung, Widerstand oder gar Verkehrung in gegen-
teilige Aussagen begegnet wird (vgl. Schramm und Roberts 1972).
Das der Allmachtsthese der Medien zugrunde liegende relativ einfache Modell
medialer Kommunikationsprozesse haben Teichert und Renckstorf folgender-
maßen beschrieben:
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 217

„Massenkommunikation wurde verstanden als Überredungszusammenhang, als


Persuasionsprozess, in dessen Verlauf einige wenige Kommunikatoren sich absichts-
voll und schöpferisch betätigen, während die Masse der Rezipienten absichts- und
ziellos auf die Botschaften der Medien wartete, um darauf reagieren zu können.“
(Teichert und Renckstorf 1974, S. 139)

Dieses ältere Wirkungsmodell basiert auf den folgenden Annahmen: Massen-


mediale Kommunikationsvorgänge verlaufen asymmetrisch, wobei ein aktives
Kommunikationssubjekt Stimuli aussendet, die Wirkungen auf passive und
schutzlos ausgelieferte Rezipienten auslösen – die aktiven (Bedeutung zu-
schreibenden) und selektiven Handlungsaspekte der Mediennutzer werden
dabei übersehen. Medieninhalte werden als einzelne Stimuli betrachtet, die auf
isolierte Individuen treffen – weder die Dynamik der Mediennutzung (z. B. Ver-
änderung von Motivation und von Aufmerksamkeit im Zeitablauf während
einer Filmbetrachtung), noch semantische Zusammenhänge oder überhaupt die
symbolischen Deutungen von Mediennutzern, noch ihre interpersonalen Be-
ziehungen werden berücksichtigt.
Im erweiterten Wirkungsmodell werden mediatisierende Faktoren einbezogen,
wie etwa die Prädispositionen der Rezipienten (und davon abgeleitet selektive Zu-
wendung, selektive Wahrnehmung, selektive Erinnerung), normative Einflüsse
von Primär-, Sekundär- und Referenzgruppen, die interpersonale Verbreitung der
massenmedialen Aussagen, Meinungsführerschaft (Stichworte: Gate-Keeper, One-
Step-Flow of Communication, Two-Step-Flow of Communication, Netzwerke)
sowie die Struktur kommerzieller Massenkommunikation in einer freien Markt-
wirtschaft (vgl. Klapper 1960). Auch dieses Wirkungsmodell bleibt beschränkt
auf kurzfristige Wirkungen persuasiver Kommunikation auf die Einstellungen
und Meinungen der Rezipienten, da Medien zwar kurzzeitig Meinungen nach-
weislich beeinflussen können, aber mittel- und langfristige Effekte allein durch
Medieneinflüsse kaum nachweisbar sind. Es stellt sich dabei auch die grundsätz-
liche forschungsmethodische Frage, wie man in medialisierten Gesellschaften,
den Medieneinfluss bei Meinungsbildungsprozessen überhaupt trennscharf von
anderen Einflüssen erheben kann.
Als Ergebnis der Persuasionsforschung lassen sich die folgenden Aussagen
treffen, die etwas scherzhaft auch als „Klappers unumstößliche Erkenntnisse“ be-
zeichnet werden (vgl. Schenk 1987):

1. Persuasive Massenkommunikation verstärkt im Allgemeinen die Ein-


stellungen, Meinungen und Verhaltensdispositionen, die die Rezipienten
bereits besitzen.
218 Ralf Vollbrecht

2. Massenkommunikation führt in den seltensten Fällen zur Umkehrung von


Einstellungen.
3. Massenkommunikation verstärkt oder verringert eher noch die Intensität
(„Minor Change“) bestehender Einstellungen, als dass Einstellungen ganz auf-
gegeben würden oder eine ‚Bekehrung‘ einträte.
4. Massenkommunikation ist wirksam bei der Kreierung von Einstellungen und
Meinungen zu Themen, über die der Rezipient noch keine Meinung besitzt.

Demzufolge haben Massenmedien dann größere Beeinflussungschancen, wenn


ein Thema noch neu ist (Meinungslosigkeit der Mediennutzer) oder wenn es den
Medien gelingt, vorherrschende Stimmungslagen und Meinungen in der Be-
völkerung aufzugreifen und medial zu verstärken. In anderen Fällen sind einer
(zeitstabilen) gezielten Beeinflussung durch Medien enge Grenzen gesetzt. Zwar
lassen sich Menschen durch Medieneinflüsse in jenen Meinungen und Ein-
stellungen bestärken, denen sie sowieso schon zuneigen, aber es ist offenbar
kaum möglich, jemanden persuasiv (in der Doppelbedeutung von überreden
und überzeugen) von einer vorgefassten Meinung allein mit massenmedialer
Kommunikation abzubringen.
Subtilere Formen der Beeinflussung können darin bestehen, dass Massenmedien
bestimmte Themen vernachlässigen oder sie im Gegenteil besonders herausstellen
(‚Agenda Setting‘). Das muss auf Seiten der Medien nicht einmal mit böser Absicht
geschehen. Es reicht schon, beispielsweise das große Interesse der Bevölkerung
an einer Fußballweltmeisterschaft mit entsprechender Sport-Berichterstattung
umfassend zu bedienen, damit aktuelle unpopuläre politische Vorhaben wie eine
Steuererhöhung im Nachrichten-Windschatten der Sportereignisse gerade nicht
adäquat wahrgenommen werden. Aus gutem Grund sind im seriösen Journalis-
mus auch Nachrichten und Kommentar getrennt, damit Leser und Zuschauer
nicht durch mit Meinungen subtil gefärbte Informationen entmündigt werden.
Ein anderer Aspekt ist die Konzentration der Medienmacht wie bei der
bereits genannten Hugenberg-Presse oder im italienischen Medienimperium
von Berlusconi, in das die wesentlichen staatlichen und privaten-kommerziellen
Sender eingebunden sind. So lässt sich zwar nicht einfach die Meinung der Be-
völkerung steuern, aber der freie Zugang zu Informationen und eine Kritik
politischer Zustände werden deutlich erschwert und die Meinungsvielfalt ein-
geschränkt,1 ohne dass direkt staatliche Zensur ausgeübt werden müsste. Offen-

1 Weniger spektakulär, aber ebenfalls problematisch sind Konzentrationen im Zeitungs-


wesen, bei denen die Regionalausgaben sich nur noch im Lokalteil unterscheiden,
während der „Mantelteil“ zentral produziert wird. Selbst dort werden viele Meldungen
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 219

sichtlich ist das problematisch für eine freie Gesellschaft. Als Korrektiv können
neue virtuelle soziale Gemeinschaften und Mediendienste wie z. B. Twitter ins-
besondere in Staaten mit starker Medienzensur angesehen werden. Solche On-
line-Vernetzungen können zwar journalistisch wirksam werden, aber nur wenn
es auch politische Angriffsflächen gibt, die für viele Menschen politisch bedeut-
sam sind. Berlusconis Medienmacht hat einfach zu wenig Italiener wirklich
interessiert. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Online-Vernetzungen ihre
größte Wirkung im Zusammenspiel mit traditionellen Massenmedien entfalten,
die für die Breitenwirkung notwendig sind. Auch die Snowdon-Dokumente über
die Datenspionage-Machenschaften der USA hat ja kaum jemand selbst gelesen,
obwohl sie teilweise im Netz zugänglich gemacht wurden. Erst das Zusammen-
spiel alter Massenmedien und neuer Medien schafft neue Meinungsmacht, wenn
es den Journalisten gelingt, die Informationen aus den neuen Medienquellen so
zu verdichten und auf den Punkt zu bringen, dass sie massenmedienkompatibel
werden und über alte Distributionskanäle breite Bevölkerungsanteile erreichen,
die sich nicht in den neuen sozialen Mediennetzen bewegen. Letztlich kann auch
wer medienaffin ist, sich ja nicht zu allen Themen in allen relevanten Communities
selbst informieren. Insofern haben die Medien(macher) auch in den neuen
Medienkonfigurationen durchaus eine (begrenzte) Beeinflussungsmacht, ins-
besondere bei emotional stark besetzten Themen sowie bei Themen, in denen sich
Behauptungen nicht unmittelbar oder kurzfristig objektiv überprüfen lassen.2
Andererseits stehen die Medien wie nie zuvor in der Geschichte auch selbst unter
(auch gegenseitiger) Beobachtung und langfristig muss damit gerechnet werden,
dass Täuschungen aufgedeckt werden, weil heute keine Information mehr dauer-
haft und sicher geheim zu halten ist. Die Zeit zwischen Täuschung und Auf-
deckung kann politischen Hasardeuren freilich ausreichen, um machtpolitische
Fakten mit hinreichender Zustimmung der Bevölkerung zu schaffen.

3 Medienmacht aus ideologiekritischer Sicht

Aus gesellschaftskritischer Sicht hatte bereits die in den 1930er und 1940er
Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelte und im Ge-
folge der Studentenbewegung ‚wiederentdeckte‘ Kritische Theorie eine stark

nicht mehr von eigenen Journalisten verantwortet, sondern von (wenigen) Agenturen
einfach übernommen.
2 Man denke etwa an die Propaganda und Fehlinformationen im Ersten Irakkrieg
(Kuwaitkrise).
220 Ralf Vollbrecht

manipulative Kraft der Massenmedien behauptet und damit in Deutschland


auch stark meinungsbildend gewirkt. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer
geht es in ihrem auf Erfahrungen mit dem Faschismus und US-amerikanischem
Exil basierenden Hauptwerk Dialektik der Aufklärung (1969, Orig. 1947) um den
die Menschen von ihren wahren Bedürfnissen ‚entfremdenden‘ und ‚anti-auf-
klärerischen Warencharakter‘ von Massenkultur und Massenmedien, der durch
die ‚Kulturindustrie‘ erschaffen wird. Sie kritisieren, dass Kultur zu einer gewöhn-
lichen Ware geworden ist, die somit allein oder vorrangig dem kapitalistischen
Verwertungsinteresse unterliegt. Dazu gehört auch, dass für die Massenmedien
nicht die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen, sondern vielmehr
Waren (zum Beispiel Fernsehsendungen) produziert werden müssen, die das
Publikum weder braucht noch vermisst hat, und für die eine Nachfrage daher erst
geschaffen werden muss. So wird das Publikum manipuliert und ruhiggestellt,
und es kommt äußerst selten zu starken Gegenreaktionen wie Anfang 2014 bei der
Online-Petition gegen den TV-Moderator Markus Lanz wegen seiner abgrund-
schlechten Moderationsleistungen. In diesem Vorfall deutet sich an, dass sich das
Fernseh-Publikum heute nicht mehr und nicht in jedem Fall auf eine rein passive
Rolle verpflichten lässt.
Die auf dem „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“
(Horkheimer und Adorno 1969, S. 109) beruhende Funktionsweise der Kultur-
industrie beschrieb Adorno im Résumé über Kulturindustrie so:

„Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufk lärung; in ihr wird,
wie Horkheimer und ich es nannten, Aufk lärung, nämlich die fortschreitende
technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung
des Bewusstseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbständiger, bewusst
urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung
einer demokratischen Gesellschaft , die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten
kann.“ (Adorno 1967, S. 69f.)

Einfach gesagt, dienen Massenmedien nach diesem Verständnis dem herrschenden


Bewusstsein, indem sie die Menschen durch bloße Zerstreuung und triviale Unter-
haltung davon abhalten, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen und politisch
zu engagieren. Nicht einzelne Medieninhalte sind aus Sicht der Kritischen Theorie
das Problem, sondern die kulturindustrielle Produktionsweise von Kultur und
Medien überhaupt, die den Menschen die Erfüllung von (Konsum-) Wünschen
verspricht, die damit überhaupt erst erzeugt werden.
Die Kulturindustriethese basiert auf fünf grundlegenden Annahmen. Zunächst
einmal wird ein passiver Rezipient unterstellt, dessen Subjektivität sich allein über
seine Kaufentscheidungen definiert (Passivitätsthese). Zweitens entscheidet letzt-
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 221

lich allein die Kulturindustrie nicht nur über das Angebot am Markt, sondern auch
über die Nachfrage durch manipulative Werbemaßnahmen, die Bedürfnisse erst
rückwirkend erzeugen (Manipulationsthese). Drittens werden durch zunehmende
Monopolisierung der Produktionsmittel auch die hergestellten Kulturwaren
(z. B. Fernsehsendungen unterschiedlicher Programmanbieter) qualitativ immer
homogener, auch wenn der Anschein von Konkurrenz und Ausweichmöglichkeit
erhalten bleibt (Konformitätsthese). Viertens totalisieren die in den Erzeugnissen
der Kulturindustrie transportierten Ideologien alle Lebensbereiche nach Maß-
gabe des Kapitals (Totalisierungsthese) und fünftens ist die Kulturindustrie ihrem
Ursprung und Wesen nach zutiefst amerikanisch und kolonialisiert den Rest der
Welt durch den amerikanischen ‚way of life‘ (Kulturimperialismusthese).
Die Analysen der Kritischen Theorie sind auch heute noch sehr lesenswert im
Hinblick auf den formal-ideologischen Charakter der Massenmedien und den
Verwertungszusammenhang von Medien und Trivialkultur. Aus heutiger Sicht
vernachlässigen sie jedoch die Perspektive der auch aktiv handelnden Medien-
nutzer und ihre lebensweltliche Sinnkonstitution, halten an der Allmachtsthese
der Massenmedien fest und begeben sich mit der Kategorie der Entfremdung in
die Aporie der Unterscheidung wahrer und falscher Bedürfnisse, für die letztlich
doch nur die Subjekte selbst Entscheidungsinstanz sein können. Antiquiert ist es
aus heutiger Sicht, die Funktion von Massenmedien als bloße Strategie im Dienste
kapitalistischer Herrschaftsinteressen zu sehen und damit eine einseitige Schuld-
zuweisung vorzunehmen, denn „gerade infolge der Ausbreitung der Massenkultur
kann man nicht mehr Subjekte ausfindig machen, die schuld sind. Die Macher
sind selbst schon Getriebene der Entwicklung“ (Welsch 1991, S. 37). Die ehemals
große Attraktivität der Kritischen Theorie für medien- und gesellschaftskritische
Pädagogen und weite Teile der Lehrerschaft ist auch aus diesem Grund und mit
dem Aufkommen lebensweltbezogener Theorieansätze in den 1980er Jahren
zurückgegangen. Kultur- und konsumkritische Strömungen greifen jedoch bis
heute zu Recht auf Versatzstücke der Kritischen Theorie zurück.

4 Beeinflussung durch Werbung

Massenmedien können dazu beitragen, Meinungen und Stimmungen in der Be-


völkerung zu unterstützen, sie können Waren und Ereignisse „featuren“ und
damit einer größeren Bevölkerungsmenge bekannt machen oder mit positiven
Images versehen, und letztlich können sie auch kurzfristige Medien-Hypes er-
zeugen – und sie können all dies, wenn und soweit es ihnen gelingt, Aufmerk-
samkeit (die wichtigste Kapitalsorte der Medien neben Geld) zu bündeln. Da die
222 Ralf Vollbrecht

Aufmerksamkeit aber mit der Gewöhnung nachlässt (weshalb Zeitungen von


gestern nichts wert sind und weshalb die Reklame ein Produkt immer wieder
als ‚neuer‘ und ‚besser‘ bewirbt), sind diese Wirkungen zeitlich begrenzt und
manchmal bloße Strohfeuer. Ansonsten müssen Themen aus sich heraus mediales
Potenzial haben, beispielsweise bei einem ungelösten sozialen Problem, das die
Bevölkerung immer wieder beschäftigt.
Das Stichwort Werbung3 ist gefallen und damit ein Medienbereich an-
gesprochen, der von vielen Menschen wohl am stärksten mit Manipulation
assoziiert wird. Tatsächlich ist es ja die Absicht von Werbung, das Image von
Produkten positiv zu beeinflussen und Menschen zum Kauf von Produkten
oder auch Dienstleistungen zu veranlassen. Andererseits ist diese Absicht den
Menschen bekannt und wird von der Werbung auch gar nicht verschleiert.
Luhmann (1996) hat daher den Manipulationsverdacht gegen die Werbung nicht
in der Verschleierung der Absicht, sondern in der Verschleierung der Mittel der
Werbung verortet. „Die Werbung deklariert ihre Motive. Sie raffi niert und ver-
deckt sehr häufig ihre Mittel“ (Luhmann 1996, S. 85).
Die Werbung versucht, an die Motive und Wünsche der Menschen anzu-
knüpfen und sich ihrer zu bedienen, damit die Menschen – durch diese Ver-
stärkung – vermeintlich aus sich heraus Bedürfnisse und Kaufwünsche ent-
wickeln. Dazu erfindet und inszeniert man eine Marke, für die ein positives Image
aufgebaut und erhalten werden muss. Das Produkt steht nicht mehr im Vorder-
grund der Werbung, es lässt die Kunden aber teilhaben an einer Vorstellungs-
welt, deren Codes durch das Image des Produkts bestimmt werden. Ein schlichter
Kaufappell ist dafür zu simpel. Die Mitteilung lautet nicht: „Kauf mich, denn du
brauchst mich!“, sondern: „Willst Du einer von uns (Glücklichen) sein?“ – also
den Werbeklischees zufolge erfolgreich, jung, attraktiv, trendy oder wenigstens
reich – und im Besitz des Glück verheißenden Produkts.
So werden Produkte zu Repräsentanten von Codes und als Codes ritualisieren
sie den Alltagsmythos, zu dem sie gehören und tragen damit zur Standardisierung
von Vorstellungswelten bei. Werbung unterstützt daher eher traditionelle Vor-
stellungen und Rollenbilder, weil es eine riskantere Werbestrategie wäre, Images
gegen die Mainstream-Vorstellungen zu profi lieren. Bei bestimmten (nicht-
konformistischen) Zielgruppen kann das allerdings auch gerade erforderlich
sein. Für eine erfolgreiche Werbung sucht man jedenfalls für das Produkt einen
Code, ritualisiert einen passenden Alltagsmythos (Barthes 1976) und ermöglicht
innerhalb des Mythos die Weiterentwicklung des Produkts mit dem Ziel, rentable

3 Ausführlicher dazu der Beitrag „Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten?“ von


Georg Felser in diesem Band.
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 223

Moden zu etablieren. Deshalb informiert die meiste Werbung heute auch nicht
mehr, sondern neutralisiert geradezu Bedeutungen, mit denen sie nur noch spielt,
ohne sich zu entscheiden. Die Neutralisierung von Bedeutungen entschärft im
Übrigen auch die Wahrheitsfrage, denn lügen kann nur eine Werbung, die Be-
hauptungen oder Begründungen aufstellt. Bezweifeln lässt sich jedoch die Wahr-
haft igkeit der Werbung, die selbstverständlich mehr will als unterhalten.

5 Wirkungsaspekte von Computerspielen

Mit herkömmlichen Medientheorien und Kommunikationsmodellen lassen sich


neuere Medienformen wie beispielsweise Computerspiele nicht mehr erfassen. Es
gibt hier weder Sender noch Empfänger noch ein Publikum, sondern Spieler, die
sich alleine oder in Gruppen (miteinander und gegeneinander), offline oder on-
line mit digitalisierten Spielszenarien beschäftigen, die – abhängig vom jeweiligen
Genre – ganz unterschiedliche Spielherausforderungen an sie stellen, dement-
sprechend problematisch ist es, allgemein von der Wirkung von Computer-
spielen zu sprechen. Die Spielwelt selbst ist den Spielern in Form eines Computer-
programms vorgegeben und im Fall modifi zierbarer Spiele sogar in hohem Maß
durch Mods4 veränder- und erweiterbar – freilich immer begrenzt durch die
Möglichkeiten der Spiele-Engine. Die Freiheitsgrade im Spiel sind für die Spieler,
je nach konkretem Spiel und Spielgenre, sehr unterschiedlich. Bei Rollenspielen
sind sie typischerweise sehr hoch, weil exploratives Verhalten erwünscht ist,
während ein Actionspiel wie Tomb Raider (Lara Croft) mit atemberaubenden
Spielsequenzen glänzen will, die die Spielfigur dann auch durchlaufen soll, sodass
bei solchen Spielen Abläufe und Reihenfolge von Aufgaben mehr oder weniger
strikt vorgegeben sind.
Im privaten und Freizeitsektor ereignete sich der Markt-Durchbruch des
Computers in Deutschland in den 1980er Jahren und wurde nicht nur von
Pädagogen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit eher kritisch gesehen. Die
damit einhergehenden Befürchtungen – besonders beim ‚nutzlosen‘ Computer-
spiel – spiegelt ein Buchtitel dieser Zeit: „Programmiert zum Kriegsspielen: Welt-
bilder und Bilderwelten im Videospiel“ (Fritz, Hrsg., 1988), herausgegeben von
der Bundeszentrale für politische Bildung und inhaltlich eine zeitgemäße und

4 Als Mods (Spiele-Modifikationen) bezeichnet man die von Spielern oder Fans selbst
erstellten Spielerweiterungen, die das Originalspiel in Aussehen oder Funktionalität
verändern oder erweitern und auch für andere Spieler in Communities bereitgestellt
werden.
224 Ralf Vollbrecht

differenzierte Annäherung an ein neues Medienphänomen, auch wenn der Titel –


ohne Fragezeichen – eher plakativ auf die damaligen Ängste von Eltern, Pädagogen
und Politikern spekulierte. Angesichts der sich damals abzeichnenden neuen und
ganz realen Möglichkeiten des Einsatzes von computerspielähnlichen Techno-
logien im realen Kriegsgeschehen wurde befürchtet, dass ganze Generationen
von Kindern durch Kriegsspiele verdorben würden. Kriegsspiele rangieren bei
Computerspielern auf der Beliebtheitsskala übrigens relativ weit unten.
Unheimlich erschien auch der Aspekt der Programmierung, mit der die
Menschen noch wenig vertraut waren und die ihnen oft gerade erst in der
Arbeitswelt begegnete – mit oft negativen Aspekten (Überwachung, Stellenabbau
durch Automatisierung etc.). Wer dem Computer mit seiner kalten Rationali-
tät ausgeliefert ist, wird – so war zu befürchten – selbst zu einer Art Roboter,
der nun nach Programm funktionieren musste. Mit diesen Vorstellungswelten
über Roboter und Maschinenmenschen spielen übrigens auch viele Filme dieser
Zeit. Nun ist die Vorstellung recht naiv, dass ein Computerspieler zum passiven
Programm-Exekutor seines Spiels wird. Er ist dies nicht mehr als ein Roman-
Leser, der sklavisch von vorne bis hinten, Satz für Satz, Zeile für Zeile, den vor-
gegebenen Texten und Gedanken eines Autors folgt. Im Vergleich mit einem
Leser oder dem Zuschauer eines Films hat ein Computerspieler sogar mehr Frei-
heitsgrade, denn Lesen oder eine Filmrezeption verfolgt ja ein linear ablaufendes
‚Programm‘, wobei ihr aktiver Anteil in den Deutungen der Zuschauer liegt,
also in dem, was jemand hinzu denkt und wie er sich zu Inhalt und Ästhetik
positioniert. Anders als Leser und Zuschauer müssen Computerspieler ständig
Entscheidungen treffen, die oft trivial sein mögen, aber dennoch immer ein inter-
aktives Handeln erfordern, das über das eines Zuschauers deutlich hinausgeht.
Der narrative Anteil ist bei Computerspielen allerdings höchst unterschiedlich.
Im Grunde muss das ‚Roboterhafte‘ des Programms überwunden werden,
um ein gutes Spielgefühl zu ermöglichen. Während ein Industrieroboter dafür
programmiert ist, monoton immer wieder genau die Arbeitsschritte zu tun, die
er tun soll, um seine Aufgabe zu erfüllen, wäre dies beim Computerspiel für die
Spieler schnell langweilig (für den Rechner ist es egal). Das Programm als Gegen-
spieler darf auch nicht zu gut sein. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind heute
fast alle Schachspieler einem Schachcomputer unterlegen, sodass unterschied-
liche Schwierigkeits-Level als Niveau-Vorgaben notwendig sind. Computerspiele
müssen generell so mit den Spielern interagieren, dass diese sich in ihrem Können
immer wieder herausgefordert fühlen – deshalb steigt die Schwierigkeit in vielen
Spielen auf höheren Levels mit der zunehmenden Spielerfahrung der Spieler –, sie
aber trotzdem eine realistische und faire Chance haben zu gewinnen. Andern-
falls steigt die Frustration, weil das Spiel entweder zu leicht oder zu schwer ist.
Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 225

Es kommt für die Computerspieler jedoch darauf an, ständig im Flow zu bleiben,
dabei immer wieder in ihrem Können bestätigt zu werden, aber zwischendurch
auch immer wieder ihre Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Pädagogisch be-
trachtet befinden sich die Computerspieler dann auf besonders motivierendem
und lernförderlichem Niveau. Ein Computerspiel, das diese Voraussetzungen
bietet, ist daher eine optimale Lernmaschine – allerdings begrenzt auf die Fähig-
keiten, Kompetenzen und Inhalte, die das Spiel ausmachen und die leider nicht
unbedingt den pädagogischen Standards und Erfordernissen entsprechen (zu
positiven Lernmöglichkeiten in Computerspielen siehe Vollbrecht 2008).
Die Vorstellung, dass nicht nur die Spiele, sondern auch die Spieler
‚programmiert‘ sein könnten, erklärt sich zum einen aus dem heute im Rückblick
kaum noch nachvollziehbaren Ausmaß an (wenngleich beispielsweise beim Daten-
schutz durchaus berechtigten) Ängsten vor einem damals neuen Medium, zum
anderen aus der mangelnden Vorstellungskraft und mehr noch einer mangelnden
Empathie vieler Erwachsener, welche Faszination die neuen virtuellen Spiel- und
Fantasie-Welten insbesondere für Kinder und Jugendliche entfalten, die nicht
zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass Computerspieler dort Selbstwirksam-
keitserfahrungen machen können, Selbstbestätigung erfahren und unmittelbare
Rückmeldungen zu ihrem Leistungsstand bekommen. Das mit Programmierung
erklären zu wollen, ist etwa so sinnvoll, wie über fußballbegeisterte Sechstklässler
zu sagen, sie seien programmiert zum Fußballspielen – nur weil sie beim Fußball-
spielen den Regeln eines Fußballspiels folgen müssen.

6 Fazit

Die Frage nach Beeinflussung und Fremdkontrolle durch Massenmedien


lässt sich nicht allein mit Blick auf die Medien beantworten. Letztlich geht es
auch bei Massenmedien immer um Kommunikationsprozesse, die in jeweils
neuen Medienkonfigurationen in unterschiedliche Rahmenbedingungen ein-
gebettet sind. Diese Rahmungen sind einerseits politischer, wirtschaft licher,
sozialstruktureller, kultureller und historischer Art, andererseits den technischen
Möglichkeiten der Medien geschuldet. So geben Medien beispielsweise immer
einen Code vor, dem die Kommunikation sich anpassen muss, und der bei text-
förmigen Medien anders ist (Alphabet) als beim Fernschreiber (Morsealphabet),
Fernseher (Bild und Ton) oder dem prinzipiell (aber nicht bezogen auf einzelne
Anwendungen) alle Codes integrierenden Computer. In jeder dieser Rahmungs-
dimensionen sind Bedingungen denkbar und formulierbar, unter denen mehr
oder weniger Beeinflussung und Fremdkontrolle möglich sind.
226 Ralf Vollbrecht

Als Zielobjekte dieser Beeinflussungsversuche haben wir es mit Subjekten


zu tun, die sich in mancher Hinsicht gerne beeinflussen lassen (Bestärkung der
eigenen Meinung; Konsumbereitschaft), sich in anderer Hinsicht jedoch auch
eigensinnig und unverfügbar zeigen. Man kann sie täuschen, aber eine ent-
deckte Täuschung nehmen sie womöglich übel. Ebenso wenig wie Erziehung es
vermag, das Subjekt zum Objekt sicherer Gelingensresultate zu machen, weil
das „höckerige“ Individuum (Herbarth) sich nicht auf von außen bestimmte
Bildungsziele hin abschleifen lässt, verbleiben die Subjekte auch gegenüber den
Massenmedien in der Widerständigkeit ihrer jeweils ausgebildeten Individualität.
Diese Widerständigkeit fällt freilich unterschiedlich aus und ist selbst Produkt
von Lernprozessen. Wie leicht sich jemand durch Medien – und auch in der
face-to-face-Kommunikation, in der es ebenfalls Machtverhältnisse und Beein-
flussungsversuche gibt, wie jede Paarbeziehung lehrt – beeinflussen lässt, hängt
daher nicht zuletzt von der jeweiligen kommunikativen Kompetenz ab – und
damit verbunden von der Fähigkeit, auch Medien und mediale Kommunikation
für die eigenen (selbstbestimmten) Zwecke zu nutzen.

Literatur
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Mentale Beeinflussung durch Massenmedien und Computerspiele? 227

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Welsch, W. (1991). Unsere postmoderne Moderne. Weinheim: VCH, Acta Humaniora.
Wer kontrolliert unser
Verbraucher-Verhalten?

Autonomie und Manipulierbarkeit der Konsumenten

Georg Felser

1 Beeinflussung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten am Computer an einer Aufgabe. Während
dieser Arbeit erscheint hin und wieder für 60 Millisekunden ein Logo, z. B. von
Aldi, Netto oder Lidl. Es spricht viel dafür, dass Sie (wenn bestimmte weitere
Bedingungen erfüllt sind) diese Einblendungen nicht bemerken. Nach Ihrer
Arbeit kaufen Sie dann noch ein – vielleicht bei einem Online-Shop. Wie viel
Geld würden Sie wohl unter dieser Bedingung ausgeben? Vergleichen wir diese
Situation mit einer anderen, in der die Einblendungen aus den Logos von Louis
Vuitton, Mont Blanc und Tiffany bestanden. Wie hoch wäre Ihre Rechnung nun?
Dieses Szenario ist einem Experiment nachempfunden, das unter Labor-
bedingungen von Chartrand et al. (2008) durchgeführt wurde. Die Probanden
sollten nach der Computeraufgabe mit den Einblendungen luxuriöse wie auch
billige Marken bewerten, z. B. Nike-Socken für $ 5,25 pro Paar vs. Hanes-Socken
für $ 6,00 für zwei Paare. Die Ergebnisse zeigen: Wenn Luxus-Einkaufsstätten
aktiviert werden, geben Konsumenten mehr aus und fi nden Luxus-Marken
attraktiver als wenn Discounter (im Experiment z. B. Wal Mart) aktiviert werden.
Dieses Experiment ist ein Beispiel für eine Beeinflussung von Konsumenten,
die einem gespenstischen Szenario aus dem Jahre 1957 zur unterschwelligen
Manipulation verdächtig nahe kommt. Damals hatte der Marktforscher James
Vicary (1957) behauptet, durch die Einblendung von „Drink Coca-Cola“ und
„Eat Popcorn“ in einem Kinofi lm, den Umsatz von Popcorn und Cola erheblich
erhöht zu haben. Tatsächlich hat dieses Experiment nicht stattgefunden, es wurde
vom Autor erfunden– trotzdem hat seine Idee neben Empörung auch eine Menge
Forschungsaktivitäten ausgelöst.
Die Idee der unterschwelligen Beeinflussung ist seither zwar mehrfach zu
Grabe getragen worden (z. B. Brand 1978), aber auch immer wieder einmal auf-

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_14, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
230 Georg Felser

erstanden. Heute allerdings würde man – wenigstens in der Psychologie – nicht


mehr daran zweifeln, dass im Prinzip Einflüsse auf unser Verhalten auch unter-
halb der Wahrnehmungsschwelle wirken. Fraglich ist allerdings, inwieweit diese
Einflüsse außerhalb des Forschungslabors wirken und wie stark sie sind.

1.1 Priming als Beeinflussungstechnik

Unser Eingangsbeispiel hat hier vermutlich schon ein bisschen übertrieben, denn es
unterstellt, dass in einer normalen Alltagssituation eine Einblendung von 60 Milli-
sekunden Dauer unterschwellig wirksam ist. Das Problem fängt schon damit an, dass
dieser Zeitraum keineswegs sicher unterhalb der Wahrnehmungsschwelle liegt. Chart-
rand et al. (2008) jedenfalls haben sich darauf nicht verlassen und haben stattdessen
– wie in solchen Experimenten üblich – auf die eigentlich wichtige Einblendung der
Logos für 100 Millisekunden eine sinnlose Zeichenkette (z. B. XQFBZRMQWGBX)
folgen lassen. Dieser Reiz wirkt als sogenannte ‚Maske‘ und löscht bzw. überschreibt
sozusagen den sensorischen Speicher (bzw. das Netzhaut-Bild) für die vorherige Ein-
blendung. Dies ist erforderlich, um die Unterschwelligkeit sicherzustellen.
Die Versuchsanordnung nutzt das Prinzip des Priming. Der Begriff beruht
auf einer Metapher: ‚to prime‘ bedeutet ‚aktivieren, zünden‘. Die Psychologie
geht davon aus, dass die Verarbeitung einer bestimmten Information zu einer
Aktivierung eben dieser und verwandter Informationen führt und dass diese in
der Folge bevorzugt genutzt werden. Chartrand et al. (2008) aktivierten also nicht
nur die Handelsketten selbst, sondern auch das, wofür sie stehen, nämlich ‚billig‘
oder ‚teuer‘. Und diese Information beeinflusste das Verhalten in der Folge, indem
Probanden sich beim Kauf sparsam oder verschwenderisch entschieden.

1.2 Wie mächtig ist unterschwelliges Priming?

Vicarys Idee, ausgerechnet Coca Cola mit Hilfe einer kurzen Einblendung zu
aktivieren, ist allerdings unsinnig. Der entscheidende Effekt des Priming be-
steht darin, dass es die Wahrscheinlichkeit erhöht, mit der Informationen in den
Sinn kommen und für späteres Verhalten genutzt werden. Priming ist allerdings
überflüssig, wenn diese Wahrscheinlichkeit ohnehin sehr hoch ist. Denken Sie
für einen Moment an Werkzeuge und nennen Sie mir so schnell wie möglich
ein Beispiel! Welches Werkzeug fällt Ihnen als erstes ein? Bislang habe ich noch
niemanden getroffen, der nicht als erstes den Hammer genannt hätte. Die Wahr-
scheinlichkeit, dass Ihnen der Hammer einfällt, wenn Sie an Werkzeug denken,
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 231

ist von vornherein also so hoch, dass man sie durch Priming nicht mehr steigern
kann. Was der Hammer für Werkzeuge ist, ist Coca Cola – zumindest in be-
stimmten Bevölkerungsgruppen – für Softdrinks. Wenn man Coca Cola eigens
aktiviert, ändert man daher die Abrufwahrscheinlichkeit nicht wesentlich – das
ist wohl einer der Gründe, warum die Versuche, Vicarys angebliches Experiment
nachzubauen, gescheitert sind (z. B. Dijksterhuis et al. 2005).
Erfolgreicher waren dagegen Karremans et al. (2006): Sie aktivierten bei ihren
(durstigen) Probanden unterschwellig Lipton Eistee und konnten dadurch in der
Folge den Konsum dieser Marke signifi kant steigern. Entscheidend für diesen
Effekt war unter anderem, dass Lipton Eistee eben nicht der ‚Hammer‘ unter den
Softdrinks ist, dass also die Grundwahrscheinlichkeit, dass ein durstiger Pro-
band an genau diesen Eistee denkt, nicht ohnehin schon sehr hoch ist. Weiter-
hin entscheidend war die Tatsache, dass die Probanden durstig waren – Priming
funktioniert nur bei einem entsprechend motivierten Organismus (Strahan et
al. 2002). Und schließlich musste ein Produkt gewählt werden, das bei den Pro-
banden auch als durstlöschend gilt (was keineswegs bei allen Softdrinks gegeben
ist – auch nicht unbedingt für Coca Cola – vgl. Karremans et al. 2006).
Mit anderen Worten: Unterschwelliges Priming funktioniert nur unter sehr
spezifischen Umständen und ist vermutlich schon allein deswegen in der Werbung
nicht so bedeutend, wie es in der öffentlichen Diskussion den Anschein hat.
Einer der wichtigsten Einwände gegen unterschwellige Beeinflussung ist
allerdings der, dass die Unterschwelligkeit selbst den Effekt oft mals gar nicht er-
höht. Die Beeinflussungswirkung überschwelliger, aber nicht beachteter Reize ist
üblicherweise ebenso groß (z. B. Bargh 1996, S. 172). Dies zeigt zum Beispiel ein
Feldexperiment von North et al. (1999). Sie ließen in einem Wein-Fachgeschäft
über zwei Wochen lang unterschiedlich typische Hintergrund-Musik laufen.
Im Wechsel wurde an bestimmten Tagen typisch deutsche, an anderen typisch
französische Musik gespielt. In Übereinstimmung mit der gespielten Musik
wurde jeweils überwiegend deutscher bzw. französischer Wein gekauft. In Nach-
befragung zeigte sich kein Hinweis darauf, dass der Effekt der Musik auf die
Produktwahl von den Kunden bemerkt worden wäre.

2 Zwei Formen der Verhaltenssteuerung

Die Befunde zeigen: Selbstverständlich sind wir als Konsumenten manipulierbar.


Die Frage ist allenfalls: Auf welche Lebensbereiche und auf welche Verhaltens-
weisen erstreckt sich die Manipulierbarkeit? Und in welchem Umfang können wir
uns dagegen wehren?
232 Georg Felser

In der Psychologie sind seit vielen Jahrzehnten Verhaltensmodelle populär,


welche die Existenz von zwei unterschiedlichen Modi der Verhaltenssteuerung
unterstellen: Einen automatischen, der sehr effizient, aber auch verhältnismäßig
unflexibel funktioniert, und einen kontrollierten, der aufwendig und ressourcen-
intensiv, aber flexibel ist. Diese Grundidee findet sich in vielen psychologischen
Theorien (für einen Überblick siehe Chaiken und Trope 1999; Payne und
Gawronski 2010).
In jüngerer Vergangenheit haben etwa die Arbeiten von Kahneman (2011)
die Idee einer zweifachen Verhaltenssteuerung einem größeren Publikumskreis
bekannt gemacht. Kahneman (2011) greift eine Terminologie von Stanovich und
West (2000) auf, der zufolge unser automatisches Verhalten von einem anderen
„System“ gesteuert wird als unser kontrolliertes. Der „System“-Begriff deutet
hier nicht auf einen materiell vorhandenen Komplex von „Steuereinheiten“ –
etwa neuronale Strukturen oder ähnliches hin. Der Begriff will lediglich deut-
lich machen, dass hinter unterschiedlich stark automatisierten Verhaltensweisen
jeweils stabile Fähigkeiten oder Neigungen stehen, sich in dieser Weise zu ver-
halten. Was die Redeweise von unterschiedlichen „Systemen“ – „System 1“ für
unser automatisches und „System 2“ für unser kontrolliertes Verhalten – recht-
fertigt, sind vor allem die charakteristischen Gemeinsamkeiten innerhalb der
jeweiligen Verhaltensmodi. Wie oben erwähnt, wären das zum Beispiel die höhere
Effizienz des Systems 1 und die höhere Flexibilität von System 2.
Das System 1 funktioniert quasi wie ein Autopilot. Wenn wir uns zum Bei-
spiel Werbung und Produktnamen merken, ohne dass wir sie uns aktiv ein-
prägen wollen, wenn wir Assoziationen zwischen Produkt und prominenten
Testimonials1 aufbauen und wir ohne viel nachzudenken der Intuition folgen,
dass die Marke oder ein bekanntes Produkt vielleicht doch besser ist als ein
fremdes, dann geht dies oft auf die Arbeit des Autopiloten im System 1 zurück.
Überlegtes Verhalten zeigen wir natürlich auch, dies wäre dann eine Aufgabe
für System 2. Zum Beispiel können wir uns genauso gut aktiv an ein Produkt
erinnern, wir können uns vor Augen führen, dass George Clooney, außer einem
teuren Vertrag, nicht wirklich viel mit Nespresso zu tun hat oder wir können
uns über Produkte informieren, bevor wir sie kaufen. Das ist möglich, aber auf-
wendiger. Aber um beim Beispiel des Lernens zu bleiben: Wir können uns eben
aussuchen, welchen Prospekt und Katalog wir anschauen und welche Webseite

1 Als Testimonials werden Personen und Werbefiguren bezeichnet, die sich dem
Rezipienten gegenüber für das Produkt aussprechen. Beispiele sind etwa der „typische
Produktverwender“, Prominente wie George Clooney für Nespresso oder Kunst-
figuren wie der Wüstenrot Sparfuchs oder Meister Proper.
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 233

wir aufrufen – in diesem Sinne ist unsere Entscheidung darüber, was wir lernen,
autonom. Wir können allerdings nicht verhindern, dass wir von den vielen Reizen
unserer Umwelt etliche abspeichern, die wir uns nicht ausgesucht haben und die
wir uns lieber nicht gemerkt hätten. Das gilt selbstverständlich auch für Werbung
und Produktinformationen.
Entscheidend an den meisten dieser Zwei-Prozess-Modelle ist nicht, dass
sie einen kontrollierten Verhaltensmodus unterstellen. Die Pointe besteht viel-
mehr darin, dass diese Modelle Automatismen beschreiben, die keine bewusste
Steuerung brauchen und deren Wirkung vom handelnden Subjekt oft auch gar
nicht bemerkt wird. Was von diesem System der Verhaltenssteuerung ausgelöst
und gesteuert wird, ist meist nicht direkt beobachtbar bzw. lässt sich nicht an Ver-
suchspersonen ‚abfragen‘ – es muss vielmehr indirekt gemessen und erschlossen
werden (z. B. durch Reaktionszeitexperimente oder neurologische Messungen).
Daher kommt die weitverbreitete Redeweise von „impliziten Prozessen“,
„implizitem Erinnern“, „impliziten Einstellungen“ und so weiter.
Wir haben nicht unbedingt Einsicht in unsere automatischen (unbewussten,
impliziten) mentalen Prozesse. Unser automatisches Verhalten erleben wir
subjektiv oft als kontrolliert bzw. deuten es um. Zum Beispiel glauben wir, auto-
nom entschieden zu haben, wenn unsere Entscheidung tatsächlich von Außen-
stimuli beeinflusst wurde (z. B. Nisbett und Wilson 1977, S. 243).
Da zudem der automatische Verhaltensmodus sehr effi zient ist – er muss ja
nicht überwacht oder eigens durch einen Willensakt initiiert werden – wird
oft mals ein Vorrang gegenüber der bewussten Verhaltenssteuerung, dem zweiten
der beiden Prozesse, unterstellt. Häufig sieht es nämlich danach aus, dass auf
automatischer Ebene bereits längst die wichtigen Entscheidungen getroffen und
die verhaltenssteuernden Impulse gegeben wurden, bevor diese dann auf einer
bewussten Ebene registriert und (im Grunde eigentlich im Nachhinein) als ver-
nünft ig abgesegnet werden.
Dies trifft auf viele wichtige Bereiche zu, trotzdem ist die Idee eines Primats
des automatischen gegenüber dem kontrollierten Verhaltensmodus nicht ganz
korrekt. Oft genug wirkt auch System 2 auf System 1 – wir können unseren Auto-
piloten gleichsam auch programmieren. Unsere Routinen beim Autofahren oder
Fremdsprachenlernen sind alltägliche Beispiele dafür, dass System 2 den Vorrang
vor System 1 hatte.
Die Beispiele machen freilich den Eindruck, als sei es sehr mühsam und lang-
wierig, den Autopiloten zu programmieren. Aber das ist nicht immer so. Koranyi
und Rothermund (2012) zeigten mittels einer originellen Versuchsanordnung,
dass sich das automatische Verhalten sehr schnell und nicht erst nach längerer
Übung in den Dienst bewusst gefasster Ziele stellt. Die Autoren untersuchten
234 Georg Felser

Personen, die sich auf der Suche nach einem Lebenspartner befanden und hier-
zu eine computergestützte Partnerbörse nutzten. Üblicherweise richten Personen
auf Partnersuche ihre Aufmerksamkeit relativ leicht auf attraktive Personen des
anderen Geschlechts. In Konzentrationsaufgaben sind sie daher auch dadurch ab-
zulenken, dass störende Bilder von potentiellen Partnern eingeblendet werden.
Diese Ablenkungswirkung ist für partnersuchende Personen stärker als für
Personen, die in einer festen Beziehung leben, und sie zeigt sich bereits auf völlig
automatisierter Ebene innerhalb von wenigen Millisekunden (Maner et al. 2007).
Koranyi und Rothermund (2012) teilten ihren Probanden vor der Konzentrations-
aufgabe mit, dass ein Partner, für den sie sich interessierten, seinerseits Interesse
rückgemeldet hatte und ein Treffen wünschte. (Aus ethischen Gründen wurde
diese Rückmeldung nicht manipuliert, sie bestand also aus echten wechsel-
seitigen Interessensbekundungen.) Nachdem sie erfahren hatten, dass es einen
interessierten Partner gibt, zeigten die Probanden den üblichen Ablenkungseffekt
durch attraktive Gesichter des anderen Geschlechts nicht mehr. Koranyi und
Rothermund (2012) interpretieren dies als eine automatische Aufmerksamkeits-
regulierung im Sinne des eigenen Ziels. Sobald eine Bindung an einen Partner be-
steht, untergräbt eine hohe Aufmerksamkeit gegenüber attraktiven Alternativen
diese Bindung und das Ziel wird gefährdet. Die Abwertung dieser Alternativen ist
daher eine Maßnahme, die das Ziel, einen Partner zu finden, stützt. die Autoren
konnten zeigen, dass diese Abwertung bereits unmittelbar nach der subjektiven
Festlegung und auf automatischer Ebene einsetzt.
Für unsere Diskussion bedeutet das: In manchen Fällen folgt System 1 un-
mittelbar und ganz ohne Training einer Vorgabe aus System 2. Und noch all-
gemeiner: Einen grundsätzlichen Vorrang des einen Systems gegenüber dem
anderen gibt es nicht.

3 Drei Kategorien von Einflussfaktoren

Aus der Zwei-Prozess-Idee lässt sich eine Dreiteilung von Einflussfaktoren ab-
leiten, die unser Konsumverhalten prägen:

1. Einflüsse, gegen die wir uns nicht wehren können;


2. Einflüsse, die wir prinzipiell beherrschen könnten;
3. Einflüsse, die der eigenen Kontrolle unterliegen.

Einflüsse aus den Kategorien 1 und 2 nutzen beide den eher automatischen Ver-
haltensmodus. Einflüsse, die der eigenen Kontrolle unterliegen, gehören, wie der
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 235

Name schon sagt, zum kontrollierten Modus. Natürlich nimmt auch die Auto-
nomie des Konsumenten von der ersten bis zur dritten Kategorie immer weiter zu.
Allerdings kann es auch vorkommen, dass Kontrollstrategien der Konsumenten
sie sogar noch beeinflussbarer machen, als sie es ohne diese Strategien wären. In-
sofern sollen alle drei Kategorien im Folgenden kurz daraufhin diskutiert werden,
inwiefern in ihnen die Selbstbestimmung von uns Konsumenten gefährdet ist.

3.1 Einflüsse, gegen die wir uns nicht wehren können

In einem weiteren Experiment wurden Richter und Staatsanwälte mit einem


Kriminalfall konfrontiert (Englich et al. 2006). Ein Teil von ihnen sollte danach
die Frage beantworten: „Denken Sie, die Strafe für den Angeklagte wird höher
oder niedriger liegen als ein Jahr?“ Der andere Teil wurde gefragt, ob die Strafe
höher oder niedriger als drei Jahre liegen wird. Schließlich schätzten die Be-
fragten nach ihrer eigenen Expertise das Strafmaß ein – diese Einschätzung fiel
bei der höheren Vorgabe stets auch höher aus.
Dies ist ein Beispiel für einen der mächtigsten Einflüsse der sozialen Urteils-
bildung, den Ankereffekt. Dieser Effekt besteht darin, dass wir uns bei numerischen
Schätzungen stets von Zahlenvorgaben im Kontext unserer Entscheidung beein-
flussen lassen, und seien diese auch noch so irrelevant. In dem genannten Beispiel
ließen sich die Juristen vom Anker beeinflussen, obwohl sie darüber aufgeklärt
worden waren, dass die Quelle für den Anker irrelevant ist (z. B. juristische Laien)
oder dass der Anker ein Zufallsprodukt ist. Auch wenn sie den Anker selbst
erwürfelten, hatte er immer noch einen Effekt. Expertise schützt hier nicht: Der
Effekt ist für juristische Experten genauso hoch wie für Laien (Englich et al. 2006).
Das gilt natürlich auch für Experten auf anderen Gebieten: Zum Beispiel zeigten
Northcraft und Neale (1987) in einem Feldexperiment, dass sich Immobiliengut-
achter – trotz gegenteiliger Beteuerungen – in ihren Bewertungen durch Anker-
effekte beeinflussen lassen. Mussweiler et al. (2000) wiesen entsprechende Anker-
effekte außerhalb des Labors bei der Preisschätzung für einen Gebrauchtwagen
durch Automechaniker nach.
Der Ankereffekt lässt es auch als fraglich erscheinen, dass die Zahlungsbereit-
schaft für bestimmte Güter ein klarer Hinweis auf die Präferenz für diese Güter
ist. Ariely et al. (2003) wiesen nach, dass der subjektive Geldwert eines Gutes mehr
von initialen Ankerwerten abhängt als von der Präferenz: Die Autoren spielten
ihren Probanden unangenehme Töne auf Kopfhörern vor. Die Teilnehmer wurden
gefragt, ob sie gegen eine Bezahlung von 10 bzw. 90 Cent bereit seien, den Ton
noch einmal zu hören. Zudem sollten sie angeben, welcher Preis mindestens ge-
236 Georg Felser

zahlt werden sollte, damit sie den Ton noch einmal hören. In der 10-Cent-Gruppe
lag dieser Wert bei 33 Cent, in der 90-Cent-Gruppe bei 73. Man wird schwerlich
behaupten können, dass der Ton in der Bedingung mit hohem Anker mehr als
doppelt so aversiv war wie in der niedrigen Bedingung. Der Unterschied in den
akzeptierten Preisen ging nur auf die unterschiedlichen Ankerwerte zurück.
In weiteren Durchgängen mit denselben Probanden variierten die Autoren
nun die Anker: Zum Beispiel gaben sie gleiche Anker für beide Gruppen (die Pro-
banden wurden gefragt, ob sie für 50 Cent den unangenehmen Ton hören würden)
oder sie kehrten die Anker von 90 und 10 Cent für die beiden Gruppen um. Stets
gaben die Probanden danach ihren Mindestpreis an. Und stets lag dieser Wert in
der Gruppe, die anfangs den Anker von 10 Cent hatten, deutlich unter dem Wert
in der Gruppe mit dem Anker von 90 Cent.
Dieses Ergebnis unterstreicht zum einen die überragende Bedeutung des
ersten genannten gegenüber folgenden Ankerwerten. Zum anderen aber wirft es
ein Licht auf die vermeintliche Stabilität von Präferenzen, die sich in Nachfrage-
kurven zeigt. Stellen wir uns vor, man wollte eine gerechte Entschädigung für
die Unannehmlichkeiten durch den Ton festlegen und würde hierzu Marktdaten
erheben. Welcher Geldbetrag wäre für die Betroffenen akzeptabel? Die Werte,
die Ariely et al. (2003) in der 10 bzw. in der 90-Cent-Gruppe erhielten, schaffen
die perfekte Illusion, dass es sich hierbei um die wirklichen Präferenzen der Pro-
banden handelt: Über neun Durchgänge hinweg und mit wechselnden Rand-
informationen wollten stets die 10-Cent-Probanden eher wenig und die 90-Cent-
Probanden eher viel Geld als Entschädigung.
Ein im Grunde beliebiger initialer Ankerwert sorgt also dafür, dass in der
Folge eine stabile Zahlungsbereitschaft entsteht. Ariely et al. (2003) sprechen von
diesem Phänomen als „kohärente Beliebigkeit“ („coherent arbitraryness“): Wer
durch einen willkürlich gesetzten Anker dazu gebracht wurde, mehr oder weniger
für ein Gut zu zahlen, ist nicht nur für den Moment, sondern auch in Zukunft
dazu bereit. Diese Erkenntnis untergräbt die Annahme, dass Nachfragekurven
aus Marktdaten tatsächliche Präferenzen der Konsumenten widerspiegeln.
Anker wirken unabhängig davon, ob sie sinnvoll oder sinnlos, ob sie realistisch
oder unrealistisch sind. Es nützt auch nichts, die Probanden über den Ankereffekt
aufzuklären oder Anreize dafür zu setzen, dass man die Wirkung des Ankers
unterdrückt. Eine der wenige Strategien, die geeignet ist, den Ankereffekt zu
dämpfen (allerdings nicht ihn zu neutralisieren), ist, dass man Informationen ver-
fügbar macht, die mit dem Anker nicht verträglich sind (Mussweiler et al. 2000;
Galinsky und Mussweiler 2001).
Der Ankereffekt ist mithin extrem robust und – solange numerische Werte ge-
schätzt und nicht berechnet werden – praktisch nicht zu kontrollieren. Ein anderer
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 237

ebenso mechanistisch wirkender Einfluss sind die Effekte der Konditionierung.


Im Jahr 1997 resümierte zwar der Vorsitzende des Deutschen Werberates Volker
Nickel „Menschen sind keine Pawlowschen Hunde; sie reagieren anders beim
Ertönen eines Glöckchens“ (Nickel 1997, S. 128). Allerdings drückt sich hier
wohl eher das Bekenntnis zu einem bestimmten Menschenbild aus als eine
tiefe Einsicht in die Mechanismen menschlichen Verhaltens. Tatsächlich sind
Konditionierungsprozesse zwar sehr komplex2, aber im Prinzip kann man
resümieren: Die gemeinsame Präsentation von Stimuli führt zu einer Assoziation,
und wir sind konditionierbar, ob wir das nun wollen oder nicht. Es hilft auch nicht
viel, dass wir ggf. eine manipulative Absicht bei der Konditionierung durch-
schauen – Konditionierbar sind wir trotzdem (Janiszewski und Warlop 1993).

3.2 Einflüsse, die wir prinzipiell beherrschen könnten

Andere unserer automatischen Verhaltensweisen und Reaktionen sind hingegen


zumindest prinzipiell beherrschbar. Zum Beispiel verschwinden manche Effekte
oder schwächen sich ab, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie lenken. Dazu
gehört zum Beispiel der Effekt der bloßen Darbietung („mere exposure effect“;
vgl. Zajonc 1968): Beliebige Reize werden umso positiver bewertet, je häufiger sie
präsentiert werden. Der Effekt ist besonders stark für unbeachtete Reize (Born-
stein 1989), z. B. Werbebanner auf Webseiten (Yoo 2008). Wenn man allerdings
seine Aufmerksamkeit auf die Darbietung und ihre Wirkung richtet, dämpft dies
den Effekt (Bornstein 1989).
Die Beherrschbarkeit gilt freilich nur prinzipiell. Normalerweise kalkulieren
wir den Effekt bei uns selbst nicht ein – eher im Gegenteil (Kahneman und Snell
1992). Wenn man zum Beispiel Personen danach fragt, wie ihnen ein Musikstück
gefallen oder ein Fruchtjoghurt schmecken würde, wenn sie es jeweils für zwei
Wochen täglich einmal hören bzw. ihn essen würden, berücksichtigen sie nicht
den Effekt der bloßen Darbietung. Vielmehr gehen die meisten Menschen davon
aus, dass die Wiederholung zu Überdruss führen wird. Sie antworten daher eher:
„schlechter als heute“.
Prinzipiell beherrschbar ist auch die Anwendung von Faustregeln und Stereo-
typen. Menschen lassen sich zwar oft von Vorurteilen beeinflussen, sie können
deren Wirkung aber auch willentlich unterdrücken (z. B. Devine 1989). In der
sozialen Kognitionsforschung gilt das Bild vom ‚kognitiven Geizhals‘ (Fiske 1995):

2 De Houwer (2009) etwa überschreibt seine Überblicksarbeit mit den Worten:


„Conditioning as a source of liking. There is nothing simple about it.“
238 Georg Felser

Der Mensch versucht Urteile mit möglichst geringem gedanklichen Aufwand zu


fällen. Im Konsumalltag lassen wir uns beispielsweise von Markenimages leiten,
anstatt Produkte zu prüfen. Gelegentlich führt das zu Fehleinschätzungen, etwa
wenn wir dem Niedrig-Preis-Image des Media-Marktes folgen (Kröger 2005).
Komplexe Entscheidungen versuchen wir auf möglichst einfache Regeln zu
reduzieren. Der Handel kann die Anwendung dieser Regeln provozieren und
damit suboptimale Entscheidungen des Konsumenten herbeiführen. Ein Beispiel
hierfür wäre etwa die Gestaltung einer Preisstruktur: Konsumenten berechnen
nicht wirklich ihren Gesamtnutzen oder gar den Gesamtpreis bei einem An-
gebot, das aus mehreren Komponenten besteht. Viel wahrscheinlicher ist, dass
sie einzelne Angebotskomponenten paarweise vergleichen und dann auszählen,
wie oft das eine Angebot einem anderen überlegen ist. Daher kann ein Anbieter
von Mobilfunk-Verträgen erfolgreich Preisgünstigkeit suggerieren, wenn er nur
möglichst viele Einzelvergleiche mit dem Mitbewerber gewinnt – ganz gleich, auf
welchen Gesamtpreis das Angebot hinausläuft (vgl. Bauer 2000).
Prinzipiell wehren kann man sich auch gegen Beeinflussungen in der direkten
Interaktion, so zum Beispiel gegen die Fuß-in-der-Tür-Technik (Freedman und Fraser
1966): Es werden zunächst kleinere Entgegenkommen gefordert, die dann immer
größer werden. Dadurch wird ein kooperatives Verhalten provoziert. Dem Adressaten
fällt es schwer, die Richtung seines Verhaltens bei den folgenden Bitten noch zu ändern.
Er fühlt sich vielmehr unter dem Druck, stimmig und konsistent zu handeln. Mit ähn-
licher Macht – wenn auch durch einen anderen Mechanismus – wirkt die Regel der
Gegenseitigkeit bzw. die Reziprozitätsnorm (z. B. Cialdini et al. 1975): Dem Gegenüber
wird ein ungeschuldeter Gefallen erwiesen, z. B. ein Geschenk oder eine Gratisprobe. In
der Folge fühlt die Person sich in der Pflicht, diese Gefälligkeit zu erwidern.
Beide genannten Strategien beruhen nicht im selben Ausmaß wie z. B. das
Konditionieren oder der Effekt der bloßen Darbietung auf der Architektur
unseres kognitiven Apparates. Ihre Grundlage sind vielmehr soziale Normen –
und das allein gibt ihnen wohl schon den Anschein, als seien sie leicht beherrsch-
bar. Immerhin: Gegen Normen kann man verstoßen, man tut es tagtäglich. Wie
leicht es ist, sich gegen die Reziprozitätsnorm oder den Druck zu konsistentem
Verhalten zur Wehr zu setzen, wird uns weiter unten noch einmal beschäft igen.

3.3 Einflüsse, die der eigenen Kontrolle unterliegen

Wenn wir uns Werbung, Marketing oder dem Verhalten eines Verkäufers aus-
setzen, wissen wir eigentlich, dass wir beeinflusst werden sollen. Allein daraus
könnte sich doch schon ein gewisser Schutz gegen manipulative Strategien er-
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 239

geben. Allerdings muss man diese Erwartung differenzieren: Zum einen trifft es
zu, dass das Meta-Wissen über die Beeinflussungsabsicht und über die dabei ein-
gesetzten Strategien, Folgen für die Effekte der sozialen Beeinflussung hat. Diese
Folgen bestehen allerdings nicht immer in einer höheren Autonomie gegenüber
den Quellen der Beeinflussung.
Die Forschung zu diesem Thema wird im „Persuasion Knowledge Modell“
von Friestad und Wright (1994) zusammengefasst. Aus diesen Forschungen wird
zum Beispiel deutlich, dass wir bis zu einem gewissen Grade dulden, wenn die
Werbung oder ein Verkäufer die Vorteile des Produkts übertreibt. Wir kalkulieren
auch Strategien der Beeinflussung mit ein, die diese anwenden. Dies sind alles
reflektierte Prozesse, die unserer Kontrolle unterliegen – und aus diesem Grund
diskutiere ich sie unter der obigen Überschrift.
Eine entscheidende Rolle spielt aber auch unser Wissen über Beeinflussungs-
strategien – und ‚Wissen‘ bedeutet hier nicht unbedingt, dass es ein zutreffendes
Wissen ist. Sowohl die Agenten des Marketings als auch die Kunden haben zwar
Vorstellungen darüber, welche Strategien wie wirken, aber weder die Vielfalt der
möglichen Strategien noch deren tatsächliche Wirkungswege sind in der alltäg-
lichen Praxis wirklich bekannt (Friestad und Wright 1995).
Ein Beispiel hierzu: In einer Tageszeitung (Trierischer Volksfreund, 14./15. Jan.
1995, Nr. 12, S. 11) war unter der Überschrift „Per Mitleids-Masche zur Unter-
schrift“ von einem Verkaufs-Trick die Rede: Zwei junge Leute klingeln an der
Tür und fragen, ob man bereit sei, an einer Umfrage teilzunehmen. Die Frage
ist, ob man Vorurteile gegen ehemals Drogenabhängige habe und ob man selbst
befürworten würde, dass man diesen Leuten auf dem Weg der Resozialisierung
helfen sollte. Nachdem diese Frage beantwortet wurde, erklären die beiden,
sie seien selbst ehemalige Drogenkonsumenten und sammelten Geld für ein
therapeutisches Wohnheim. Es würde aber gegen ihre Bewährungsauflagen ver-
stoßen, wenn sie Spenden nähmen. Stattdessen könnten sie Abonnements für ver-
schiedene Zeitschriften anbieten.
Dieses Vorgehen ist ein Beispiel für die Fuß-in-der-Tür-Technik, wie aus dem
Lehrbuch. Natürlich ist es sinnvoll von der Presse, vor solchen subversiven Beein-
flussungsversuchen zu warnen. Allerdings warnen sie vor dem falschen Mechanis-
mus. Mitleid ist nicht der Motivator hinter dem Verhalten, es ist vielmehr das
Bedürfnis bzw. das Streben nach Konsistenz im eigenen Verhalten (vgl. Felser
2007, S. 272ff.), das den erwünschten Effekt auslöst. Die Warnung betont also den
falschen Mechanismus. Sein Mitleid zu unterdrücken würde hier weniger bringen
als andere Strategien. Wenn also das „Wissen über Beeinflussungsstrategien“
ein falsches Wissen ist, hilft es auch wenig, wenn man sich gegen Manipulation
schützen möchte.
240 Georg Felser

Freilich darf man bezweifeln, dass die Dynamik hinter den Verhaltens-
weisen denen, die sie zur Manipulation einsetzen, wirklich bewusst ist. Zum
Beispiel findet man in Verkaufsratgebern (etwa Ebeling 1990; Graf 1982) die be-
schriebene Fuß-in-der-Tür-Technik eher als ‚Ja-Sage-Technik‘ – der Verkäufer
solle die Kunden auf die ‚Ja-Sage-Schiene‘ bringen. Diese Darstellung übersieht
zwei wichtige Bedingungen dafür, dass die Strategie funktioniert: Zum einen
sollten sich die Forderungen bzw. Anfragen langsam steigern, wobei die aller-
erste geradezu trivial sein sollte. Zum anderen kommt es nicht darauf an, dass
der Adressat der Beeinflussung ‚ja‘ sagt, wichtiger ist vielmehr, dass er kooperiert.
Und oft genug lautet die kooperative Antwort nicht ‚ja‘, sondern ‚nein‘ (z. B. wenn
im obigen Beispiel die Zeitschriften-Drücker fragen, ob man Vorurteile gegen
ehemals Drogenabhängige hat). Tatsächlich könnte uns das Marketing wohl noch
stärker und auch deutlich subversiver manipulieren, wenn die Mechanismen
hinter unserem Verhalten bekannter wären.
Es ist leicht einzusehen, dass uns eine unzutreffende Annahme über die
Mechanismen der sozialen Beeinflussung gegenüber manipulativen Strategien
verwundbar macht. Aber interessanterweise bedeutet auch eine zutreffende Ein-
sicht in Beeinflussungstechniken keineswegs einen sicheren Schutz. Es gilt eben
nicht, dass die Gefahr gebannt ist, wenn man sie nur erkannt hat, und das hat
unter anderem damit zu tun, dass gegen manche Einflüsse „kein Kraut gewachsen
ist“. Es gibt aber noch einen anderen Grund, der verhindert, dass wir durch bloße
Einsicht in den Mechanismus bereits gegen soziale Beeinflussung immun werden.
Dieser Grund basiert auf dem sogenannten „fundamentalen Attributionsirrtum“
(z. B. Gilbert 1998). Allgemein gesprochen besteht dieser Irrtum darin, dass wir
als Beobachter die Situationseinflüsse auf ein Verhalten meist vernachlässigen und
als sehr gering veranschlagen. In unserem Urteil gehen wir vielmehr eher davon
aus, jedes von außen betrachtete Verhalten hinge nur von den Eigenschaften der
handelnden Person ab und die Situation, in der sie sich befi ndet, sei unbedeutend
oder zumindest leicht beherrschbar.
Der etwas dramatische Name des Effekts deutet schon an, wie stabil und ein-
flussreich er ist. Er führt nicht nur dazu, dass wir glauben, andere seien beein-
flussbarer als wir selbst, wir unterschätzen auch, wie sehr uns nicht nur eine
aktuelle, sondern auch zukünft ige und vorgestellte Beeinflussungs-Situation
unter Druck setzen wird. Wenn wir uns momentan nicht in einer entsprechenden
Situation befinden, können wir uns nur schwer vorstellen, dass wir der Macht
dieser Situation nachgeben und uns im Grunde genauso verhalten werden, wie die
meisten anderen Menschen auch.
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 241

4 Fazit: Kann man sich gegen Strategien


der Fremdkontrolle wehren?

Die vorherige Diskussion gibt uns sofort eine erste Antwort auf die Frage, wie
man sich gegen manipulative Strategien wehren kann – nämlich indem man
ihnen aus dem Weg geht. Weil die Macht von Situationen sehr hoch sein kann,
ist man gut beraten, sich ihr gar nicht erst auszusetzen. Daher ist es zum Beispiel
in bestimmten Rollen bzw. Lebenssituationen angeraten, Geschenke, Entgegen-
kommen und Gefälligkeiten gar nicht erst anzunehmen – denn der Druck, den
dies erzeugt, ist oft mals höher als man es im Vorhinein abschätzen kann. Frei-
lich gibt es viele andere Situationen, in denen es sozial nicht akzeptabel wäre,
Geschenke zurückzuweisen (z. B. Cialdini 2009) – dies zeigt schon, wie unvoll-
kommen die Empfehlung ist: Meide Situationen, die dich unter Druck setzen
werden.
Andererseits: Manchmal ist sie eben die mit Abstand beste Empfehlung. Dem
Versuch der Fremdkontrolle nur mit Einsicht und Willenskraft zu begegnen, kann
so schwierig sein, dass es allemal besser ist, sich der Fremdkontrolle gar nicht
erst auszusetzen. Dieser Gedanke wird auch in der psychologischen Forschung zu
den Voraussetzungen gelingender Selbstkontrolle betont: Wenn wir die Kontrolle
über unser Verhalten behalten und weiterhin autonom entscheiden wollen, sind
nicht nur Willenskraft oder Übung probate Mittel hierzu (z. B. Muraven und
Baumeister 1998). Eine weitere mindestens ebenso wichtige Methode, sich gegen
Fremdkontrolle zu wehren, ist eben, Umwelten zu meiden, in denen man ihr be-
gegnen dürfte. Um ein sehr simples Beispiel zu wählen: Es gibt immerhin einige
Situationen, in denen wir Werbung aus dem Weg gehen können – mindestens
dort können wir diese Art der Fremdkontrolle nahezu ganz ausschalten.
Die vorausgegangen Ausführungen sollten allerdings eines insbesondere
zeigen: Zur Wehr setzen können und müssen wir uns auf sehr unterschied-
liche Weise. Manchmal hilft es, die Aufmerksamkeit auf einen irrelevanten Ein-
fluss zu richten und die Irrelevanz einzusehen – das kann manipulative Effekte
neutralisieren. Manchmal muss man sich eben nur etwas mehr anstrengen und
für die Entscheidung statt einer Faustregel ein aufwendigeres Verfahren wählen.
Und – wie gesagt – manchmal hilft es am besten, wenn man einer Situation von
vornherein aus dem Weg geht. Es gibt nicht die eine wirksame Strategie – je nach-
dem, über welchen Wirkungsweg Fremdkontrolle ausgeübt wird, wirkt auch ent-
sprechend eine andere Gegenmaßnahme.
Gefährlich ist vor allem die Illusion, die bloße Einsicht in eine manipulative
Strategie mache uns bereits immun dagegen! Diese Illusion macht uns vielmehr
oft noch ‚vulnerabler‘ (Sagarin et al. 2002).
242 Georg Felser

Abschließend ist zu fragen, welches Menschenbild hinter den psychologischen


Erkenntnissen zum Verbraucherverhalten steht. Auch wenn viele der zitierten
Einflüsse eher unsere Manipulierbarkeit und nicht so sehr unsere Autonomie in
den Vordergrund stellen, vereinen wir doch beides in uns. Bis zu einem gewissen
Grade funktionieren wir ‚wie Maschinen‘. Wir können diese ‚Maschine‘ aber auch
lenken, bedienen und unseren Zielen unterwerfen – zumindest bis zu einem ge-
wissen Grad. Insofern kann man den Menschen vielleicht am besten als einen
‚Hybriden‘ verstehen – ein Mischwesen, das unterschiedliche Fähigkeiten und
Verhaltensmöglichkeiten in sich vereint.
Populäre Vorstellungen sind oft davon bedroht, dass der eine Aspekt zu stark
betont und der andere vernachlässigt wird. Beispiele hierfür wären etwa die
Menschenbilder des „mündigen Verbrauchers“ oder des „homo oeconomicus“,
die wohl beide eher den autonom entscheidenden Menschen in den Vorder-
grund rücken. In das andere Extrem deuten vereinfachte Darstellungen der
aktuellen Neuroforschung, die gern das Gehirn – als eine Art Homunculus –
zum eigentlichen Agenten hinter dem menschlichen Verhalten machen. In dieser
Perspektive ist der Mensch – zumindest der bewusst agierende – genauso einer
Fremdkontrolle ausgeliefert, wie in den frühen Verschwörungstheorien, in denen
Werbung und Marketing als „geheime Verführer“ permanent Fremdkontrolle
über unser Konsumverhalten ausübten (z. B. Packard 1973).
Beide Perspektiven haben Argumente für sich – nur exklusiv gelten sie beide
nicht. Es ist sicher wünschenswert, dass wir an die Stelle von Fremdkontrolle
Autonomie setzen – nur gelingt uns das nicht, solange wir wider besseres Wissen
von einem Menschen ausgehen, der alle seine Entscheidungen im Prinzip völlig
selbstbestimmt treffen könnte und es nur aus zufälligen Gründen nicht tut. Die
mindestens teilweise ganz automatisch funktionierenden Aspekte unseres Ver-
haltens lassen das nicht zu.
Die vorausgegangenen Ausführungen identifizieren im Grunde zwei
Faktoren, die uns anfällig gegenüber Fremdkontrolle machen: zum einen unsere
nicht kontrollierbaren Automatismen und zum anderen unzutreffende Vor-
stellungen darüber, wie Verhalten funktioniert – bzw. die daraus abgeleiteten
unzureichenden Strategien zum Schutz gegen Manipulation. Wirksam wehren
können wir uns gegen Fremdkontrolle, wenn wir das Mischungsverhältnis
zwischen automatischen und autonomen Anteilen unseres Verhaltens besser
durchschauen – und die richtigen Folgerungen daraus ziehen.
Wer kontrolliert unser Verbraucher-Verhalten? 243

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Fremdkontrolle durch Computerchips

Erkundungen zwischen technischen Möglichkeiten


und menschlichen Ängsten

Andreas Anton, Sascha Zorn

Ängste vor der Fremd-Beeinflussung des eigenen Willens existierten schon in


den frühesten menschlichen Gesellschaften und fanden immer wieder Ein-
zug in Mythologien, Sagen und anderen Zeugnissen menschlicher Kulturen. So
zeichnen sich die berühmt-berüchtigten Sirenen aus Homers Odyssee durch die
Eigenschaft aus, an ihrer Insel vorbeifahrende Seefahrer durch ihren betörenden
Gesang willenlos zu machen und sie damit in den Tod zu locken. Nur durch einen
Trick gelang es Odysseus, den Gesang der Sirenen zu hören, ohne dabei den Tod
zu finden: Er wies seine Gefährten an, ihre Ohren mit Wachs zu verschließen und
ihn fest an den Mast seines Schiffs zu binden, sodass er nicht zur Insel schwimmen
konnte. Was den Opfern der Sirenen aus Homers Dichtung blüht, kann als das
zentrale Element der Angst vor der Beeinflussung des eigenen Willens bzw.
Bewusstseins von außen gelten: Der vollständige Verlust der Kontrolle über den
eigenen Körper und den eigenen Geist – und damit letztlich der Identität.
Befürchtungen dieser Art haben eine konkrete Ursache in der im kollektiven Ge-
dächtnis gespeicherten Idee der grundsätzlichen Möglichkeit der Beeinflussung des
menschlichen Bewusstseins oder Willens durch ‚äußere‘ Kräfte. Diese Vorstellung
bestand und besteht weitgehend unabhängig von dem jeweiligen Glaubenssystem
bzw. Wissensvorrat einer spezifischen Kultur und kann somit gleichsam als eine
Art anthropologische Konstante gelten. In höchstem Maße variabel und heterogen
sind hingegen die konkreten Formen jener Ängste. Sie beinhalten Vorstellungen
über den Einfluss von Geistwesen oder Göttern, dämonische Besessenheit oder
Verhexung, über manipulative Psychotechniken wie Hypnose und Suggestion,
über die Beeinflussung des Willens durch psychoaktive Substanzen wie z. B. LSD
oder über technisch gestützte Möglichkeiten der Beeinflussung des Bewusstseins
bspw. durch elektromagnetische Strahlung oder das Implantieren von Computer-
oder Nanochips. Die letztgenannten Befürchtungen entstanden freilich erst im
Zuge der Entwicklung entsprechender technischer Möglichkeiten. Vor allem die

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_15, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
248 Andreas Anton, Sascha Zorn

rasanten technischen Fortschritte im Bereich der Computer- bzw. Nanotechno-


logie sowie der Möglichkeiten der Gehirn-Computer-Schnittstellen, also der Ver-
bindung von Gehirnstrukturen mit technischen Systemen, haben in den letzten
Jahren intensive Diskussionen über mögliche Anwendungsfelder angeregt und
damit auch Befürchtungen über Möglichkeiten der Fremdkontrolle mithilfe der-
artiger Techniken inspiriert. Um letztere soll es in diesem Aufsatz gehen.

1 Der Wille zur Optimierung des Körpers

Seit jeher haben Menschen ihre Körper nach bestimmten kulturell geprägten Vor-
stellungen geformt, manipuliert, verziert oder auch diszipliniert. Archäologische
Fundstücke belegen, dass bereits die frühesten menschlichen Kulturen Schmuck
herstellten. Die kulturelle Praxis des Tätowierens lässt sich bis mindestens seit
der Jungsteinzeit nachweisen und scheint sich in verschiedenen Kulturen selbst-
ständig und unabhängig voneinander entwickelt zu haben. Derartige Ver-
zierungen des Körpers können höchst unterschiedliche Funktionen haben, in der
Regel jedoch hängen sie in irgendeiner Weise mit der Stellung des Individuums
innerhalb seiner sozialen Gruppe zusammen. Vor diesem Hintergrund sind auch
die aus einer abendländisch geprägten Perspektive schonungslos anmutenden
Praktiken verschiedener afrikanischer und südamerikanischer Ethnien zu sehen,
ihre Unterlippen und Ohrläppchen mit Hilfe verschiedener Hilfsmittel wie Holz-
oder Tonscheiben auf ein Vielfaches der ursprünglichen Größe auszuweiten. Die
Padaung, ein Bergvolk im Südosten Myanmars, sind dafür bekannt, dass viele
ihrer Frauen von Kindheit an schweren Halsschmuck tragen, der nach und nach er-
weitert wird, wodurch die Schultern deformiert werden und der Hals unnatürlich
lang erscheint. Eine für verschiedene Epochen und für unterschiedliche Kulturen
dokumentierte Praxis der Manipulation des Körpers ist die gezielte Verformung
des Schädels durch spezielle Bandagen im Säuglings- und Kindesalter, die dazu
führen, dass der Kopf eine eigentümliche längliche Form einnimmt. In China gab
es über Jahrhunderte die Tradition der sog. Lotosfüße. Dabei wurden die Füße
junger Mädchen so lange und fest einbandagiert, dass die Zehenknochen brachen
und sich unter die große Zehe schoben. Die so entstandenen Klumpfüße galten
mit ihrer schmalen Form als Schönheitsideal und als Zeichen für Wohlstand. Die
Folgen waren eine massiv eingeschränkte Gehfähigkeit sowie teilweise lebens-
lange Schmerzen. Diese Beispiele, so verschieden sie auch sein mögen, sollen eines
verdeutlichen: Es besteht ein zeit- und kulturunabhängiger Wille zur Optimierung
des eigenen Körpers, der maßgeblich durch die jeweiligen kulturellen Kontexte be-
dingt und geprägt wird und bisweilen extreme Ausprägungen annimmt. Das Ad-
Fremdkontrolle durch Computerchips 249

jektiv ‚extrem‘ muss in einer kulturübergreifenden Perspektive, wie sie für diese
Betrachtungen gewählt wurde, freilich konkret gefasst werden – denn was ‚extrem‘
ist und was nicht, ist das Ergebnis gesellschaft licher Normalitätsbestimmungen.
Gemeint sind damit sozial determinierte Praktiken der Körpermanipulation, die
teils erhebliche gesundheitliche Risiken mit sich bringen, welche aber billigend in
Kauf genommen werden, weil der intendierte soziale Nutzen überwiegt. Weitere
Beispiele aus sog. modernen Gesellschaften finden sich zuhauf: Man denke etwa
an Body Building, Doping, weibliche Schönheitsideale, die teilweise kaum noch
Grenzen zur Magersucht erkennen lassen, oder gesundheitlich bedenkliche
Schönheitsoperationen.
Solche Praktiken schwebten Michel Foucault bei seinem Konzept der Bio-
Macht vor, also der Frage nach der Art und Weise, wie sich gesellschaft liche
Norm- bzw. Normalitätsanforderungen auf die biologische Lebensweise und Be-
schaffenheit der Menschen innerhalb einer Gesellschaft auswirken:

„[…] diese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen zu lassen
und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten. Nun ver-
schiebt oder stützt sich jedenfalls das Recht über den Tod auf die Erfordernisse einer
Macht, die das Leben verwaltet und bewirtschaftet und ordnet sich diesen Erforder-
nissen unter.“ (Foucault 1983, S. 132)

Hierbei kann darüber hinaus unterschieden werden zwischen Machtein-


wirkungen auf Bevölkerungen insgesamt (Geburtenkontrolle, Gesundheits-
politik, Ernährungs- und Wohnverhältnisse etc.) und Machteinwirkungen auf
einzelne Individuen und deren Körper zum Zwecke der optimalen Anpassung an
Systemanforderungen. Letztere beschreibt Foucault als Pol,

„der um den Körper als Maschine zentriert ist. Seine Dressur, die Steigerung seiner
Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Kräfte, das parallele Anwachsen seiner Nütz-
lichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische
Kontrollsysteme – geleistet haben all das die Machtprozeduren der Disziplinen:
politische Anatomie des menschlichen Körpers.“ (Foucault 1983, S. 134f.)

Später thematisierte Foucault (1993), ähnlich wie zuvor schon Norbert Elias
(1939), im Rahmen seiner Analysen der Technologien des Selbst die Umwandlung
gesellschaft licher Fremdzwänge in Selbstkontrolle bzw. Selbstdisziplinierung.
Diese Technologien ermöglichten es dem Einzelnen,
250 Andreas Anton, Sascha Zorn

„aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem
Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenz-
weise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, daß er einen gewissen Zu-
stand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Un-
sterblichkeit erlangt“ (S. 26).

2 Die technische Kolonialisierung des Körpers

Eine wesentliche Eigenschaft, die Menschen von Tieren unterscheidet, ist die Ver-
wendung komplexer technischer Hilfsmittel zur Erweiterung bzw. Optimierung
ihrer eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten. Die Überlegenheit der Mensch-
heit anderen Spezies auf der Erde gegenüber ergibt sich letztlich überhaupt erst
aus der Erweiterung ihrer Fertigkeiten durch den Einsatz von Technik. Menschen
entwickelten Werkzeuge, Waffen, Maschinen, Fortbewegungsmittel für Land,
Luft und Wasser etc. und konnten somit sukzessive ihre Umwelt dominieren und
nach Belieben manipulieren. Doch die technischen Hilfsmittel werden nicht nur
zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten eingesetzt, sondern vor allem auch
zur Behebung vermeintlicher oder tatsächlicher körperlicher Defizite. Angefangen
bei einfachen Hilfsmitteln wie Gehstöcken, Krücken, Brillen etc. werden die
Möglichkeiten zur Kompensation allerlei körperlicher Einschränkungen immer
komplexer und spezifischer. Dabei verschiebt sich zunehmend die Grenze
zwischen Menschen und künstlichen Systemen: Moderne Prothesen lassen sich in
Aussehen und Funktionsfähigkeit immer weniger von menschlichen Gliedmaßen
unterscheiden, durch Kontaktlinsen ist nicht mehr erkennbar, ob jemand unter
einer Sehschwäche leidet oder nicht, immer kleinere und leistungsfähigere Hör-
geräte verschwinden fast völlig im Ohr, sodass sie von außen nicht mehr sichtbar
sind. Der Einsatz derartiger Hilfsmittel beschränkt sich dabei jedoch bei Weitem
nicht auf das Äußere des Körpers. Künstliche Gelenke, Herzschrittmacher etc.
werden in unsere Körper implantiert, um dort für uns ihre Dienste zu leisten.
Seit den 1970er Jahren werden Elektroden und Chips entwickelt, um akustische
oder optische Reize in elektronische, für das Gehirn verwertbare Signale um-
zuwandeln und somit hör- oder sehgeschädigten Patienten zu helfen. Bei dem
sog. Cochlea-Implantat, das heute von schätzungsweise 100.000 Menschen ge-
tragen wird, stimulieren feine Elektroden im Innenohr den Hörnerv und leiten
so akustische Signale an das Gehirn weiter. Vor wenigen Jahren gelang es, er-
blindeten Menschen durch das Implantieren von „Sehchips“ ins Auge zumindest
das Erkennen von groben Mustern, großen Gegenständen und Lichtquellen zu
Fremdkontrolle durch Computerchips 251

ermöglichen. Der Chip übernimmt dabei die Funktion defekter Sehzellen der
Netzhaut (vgl. Krämer 2007, S. 44).
Aber nicht nur der medizinischen Behandlung von Krankheiten, sondern auch
zur Unterstützung von Diäten sollen die technischen Neuerungen dienen:

„Wissenschaft ler des Imperial College London […] haben einen intelligenten
Mikrochip entwickelt, der Appetit unterdrücken kann. […] Das Implantat soll eine
wirksamere Alternative zur Gewichtsreduktion durch operative Eingriffe sein. Der
Chip wird am Nervus vagus angebracht, der eine Rolle beim Appetit und einer
ganzen Reihe weiterer Körperfunktionen spielt.“ (Anonym 2013a)

Neuerdings werden Methoden erprobt, Elektroden oder Chips direkt in das Ge-
hirn zu implantieren, um über gezielte elektronische Stimulationen Einfluss auf
gehirnphysiologische Prozesse zu nehmen und somit bspw. neue Ansätze zur
Behandlung von Parkinson, Depressionen, Schizophrenie oder auch von Sexual-
straftätern zu erhalten. So wird bspw. die sog. Tiefenhirnstimulation zu Be-
handlung schwerer Depressionen erprobt. Hierbei werden durch einen operativen
Eingriff feine Elektroden

„tief ins Gehirn bis zur Zielregion eingeführt, wo sie exakt justierbare elektrische
Impulse an die Nervenzellen weiterleiten. Die Signale liefert ein Impulsgenerator,
der im Bereich des Schlüsselbeins unter der Haut implantiert ist, ähnlich wie ein
Herzschrittmacher.“ (Krämer 2007, S. 42)

Die Idee dahinter ist die gezielte Stimulation bestimmter Hirnregionen, um


die Beschwerden stark depressiver Patienten zu lindern. Zur Behandlung von
Parkinson ist die Tiefenhirnstimulation bereits länger etabliert und zeigt offenbar
zufriedenstellende Ergebnisse. Weltweit bekamen bereits über 35.000 Patienten
mit Bewegungsstörungen Elektroden ins Gehirn implantiert. Eine ähnliche
Methode findet bei Epilepsie-Patienten Anwendung. Hier wird per eingesetzter
Elektrode und einem Schrittmacher stimuliert. Damit konnten bei der Hälfte der
Patienten die Anfälle um 50% verringert werden (vgl. Nationaler Ethikrat 2006,
S. 2).1
Insgesamt leben bereits um die 100.000 Menschen mit Neuroimplantaten zur
Tiefenstimulation (vgl. Rötzer 2013). Die Hemmschwelle, sich Hirnimplantate
einsetzen zu lassen, scheint in den letzten Jahren deutlich gesunken zu sein und
es „kann davon ausgegangen werden, dass zukünft ig auch leichtere Formen

1 Vgl. hierzu auch den Beitrag von Stephan Schleim in diesem Band.
252 Andreas Anton, Sascha Zorn

psychischer Erkrankungen mit Implantaten behandelt werden“ (Auf dem Hövel


2009). Dies liegt wohl auch daran, dass sich die medizinischen Nebenwirkungen
dieser Behandlungen – nach heutigem Kenntnisstand – in Grenzen zu halten
scheinen. Dennoch zeigen die Implantate einen höchst brisanten Effekt: Durch
die Tiefenhirnstimulation und ähnliche Verfahren können Emotionen und
damit auch die Persönlichkeit der Patienten in entscheidender Weise beeinflusst
werden. Dieser Aspekt erzeugte überhaupt erst die Idee, das Verfahren auch bei
psychischen Erkrankungen einzusetzen. So verhielten sich einige Parkinson-
Patienten während der Behandlung auff ällig fröhlich, zeigten teilweise erhöhtes
sexuelles Interesse und empfanden starke Glücksgefühle. Eine Patientin wird mit
den Worten zitiert: „Wenn die Stimulation ausgeschaltet ist, bin ich tot. Ist sie an,
lebe ich“ (nach Krämer 2007, S. 47). Daraus ergibt sich ein enormes Potenzial der
Beeinflussung unserer Gehirnzustände:

„Fünf, höchstens zehn Volt, 130 Hertz. Das reicht um die Seele umzukrempeln.
Ein winziger Strom, und aus Tristesse wird Freude, Apathie verwandelt sich in Zu-
versicht. Der Elektronenfluss kann Ängste beseitigen oder Panik auslösen, Lust
spenden, Ekel, Euphorie oder Zorn erzeugen.“ (Bahnsen 2009, S. 1)

Dies verdeutlicht das therapeutische Potenzial solcher Methoden – und gleich-


zeitig auch die Möglichkeiten des Missbrauchs und unkalkulierbare Risiken:

„Eine kleine ‚Maschine‘ im Kopf, welche die Stimmung bessert und unsere Sicht
auf die Welt verändert – Eine solche Vorstellung bereitet so manchem tiefstes Un-
behagen. Schließlich bestimmt unser Gehirn wie kein anderer Körperteil unsere
Identität und Persönlichkeit. Hier werden unsere wichtigsten Erlebnisse ge-
speichert, hier entstehen Freude und Hass. Niemand weiß genau, wie sich die
Manipulation der Neuronen auf den Geist auswirkt. Ist man noch dieselbe Person,
wenn die Stimulation eingeschaltet wird, oder bestimmt womöglich das Implantat,
was gedacht, begehrt oder verachtet wird?“ (ebd., S. 42ff.)

Wo genau sind die Grenzen zwischen „Kurieren, Modulieren und Manipulieren“


(Auf dem Hövel 2009). Unter dem Stichwort Enhancement werden schon seit
einigen Jahren Möglichkeiten diskutiert, auch bei gesunden Menschen durch ge-
zielte Eingriffe ins Gehirn gegebene Fähigkeiten des menschlichen Körpers und
Geistes zu optimieren: „Chips zur Verbesserung der Merkfähigkeit, für die dauer-
hafte Glückseligkeit oder gar zur Steigerung der Intelligenz“ (Krämer 2007, S. 44)
Enthusiasten gehen noch weit über diese Visionen hinaus und sprechen bereits
von einer neuen evolutionären Stufe, die die Menschheit durch ihre technischen
Fähigkeiten erlangt habe:
Fremdkontrolle durch Computerchips 253

„Durch die Symbiose von Mensch und Maschine haben wir eine evolutionäre
Schwelle erreicht, an der unsere Spezies nicht nur in der Lage ist, willentlich die
eigene Evolution zu bestimmen, sondern die Regeln zu verändern, nach denen
Evolution entsteht.“ (zitiert nach ebd.)

In Zukunft könnten in das Gehirn implantierte Computerchips, die ggf. über


drahtlose Schnittstellen mit dem Internet oder leistungsstarken Rechnern ver-
bunden werden, die kognitiven Fähigkeiten ihrer Träger enorm potenzieren:

„Die Idee geht über den Zugriff auf alle Einträge von Wikipedia in Hundertstel-
sekunden hinaus, denn ganze Entscheidungsprozesse könnten so ausgelagert
werden. Es steht zu vermuten, dass solche Hirn-Computer-Einheiten von gesunden
Menschen genutzt werden, solange die Nebenwirkungen gering und die Einheit
jederzeit abschaltbar ist.“ (Auf dem Hövel 2009)

Vor diesem Hintergrund ist nicht verwunderlich, dass sich auch manche
militärische Einrichtung für derartige Technologien interessiert, könnten diese
doch zur Behandlung von Soldaten dienen, die nach Kampfeinsätzen unter
psychischen Störungen leiden. Derartige Möglichkeiten werden derzeit von der
Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), einer Forschungsabteilung
des US-Verteidigungsministeriums, untersucht:

„Das Defense Sciences Office (DSO) der Darpa investiert nun im Rahmen von
dem Anfang des Jahres von US-Präsident Obama ausgerufenen ‚Human Brain
Activity Project‘ 70 Millionen US-Dollar über 5 Jahre, um vor allem bessere Neuro-
implantate zu entwickeln. Die Erwartungen des Programms Systems-Based Neuro-
technology for Emerging Therapies (SUBNETS) sind wie so oft hoch.“ (Rötzer 2013)

Die Zielsetzung des Projektes besteht darin, eine Technologie zu entwickeln,


mit deren Hilfe man Gehirnvorgänge in Echtzeit messen und analysieren
kann. Eingesetzt werden sollen die neuen Verfahren zur Behandlung von post-
traumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, Angststörungen und der
Borderline-Persönlichkeitsstörung bei Soldaten. Im Rahmen eines weiteren
Programms der DARPA wurde versucht, durch die Koppelung von Mensch
und Computer die Leistungsfähigkeit von Piloten zu steigern. Durch Schnitt-
stellen zwischen Piloten und den Bordcomputern ihrer Kampfjets soll es möglich
werden, dass die Maschinen alleine durch die Gedanken der Piloten gesteuert
werden. Andersherum sollen aber auch die Computer einen Einfluss auf den Geist
254 Andreas Anton, Sascha Zorn

des Piloten haben und bspw. wichtige Informationen nur dann übermitteln, wenn
das Gehirn des Piloten aufnahmefähig ist (vgl. ebd.).
Derartige Technologien machen deutlich, wie fl ießend die Grenze zwischen
Mensch und Technik inzwischen geworden ist – sei es im Rahmen medizinischer
Behandlungen oder im Zusammenhang mit der Optimierung körperlicher oder
geistiger Fähigkeiten. Von der Stoßrichtung geht es bei letzterer laut Auf dem
Hövel (2009) schlussendlich um die

„[…] Selbstauflösung des Körpers, indem immer mehr Körperfunktionen an eine


technische Einheit übergeben werden. Diese Übergabe wird als umso bedrohlicher,
aber auch faszinierender diskutiert, desto mehr sie Kernelemente der personalen
Identität betreffen. Die Angst einerseits: Eine Mensch-Maschine-Identität. Die
Hoff nung andererseits: Nach dem Tod Gottes und der Entzauberung der Welt lockt
die Rückkehr der Unsterblichkeit auf technischem Wege.“

Das Fortschreiten der Technik auf diesem Gebiet löst bei den Menschen also,
so die Annahme des Autors, höchst ambivalente Gefühle aus, sie knüpft an
existenzielle Hoff nungen und Sehnsüchte, aber auch an existenzielle Ängste an.

3 Der verschwörungstheoretische Kontrolldiskurs

Ängste und Befürchtungen, die sich auf implantierte Computerchips und deren
Anwendungsmöglichkeiten beziehen, finden sich vor allem im Rahmen sog.
Verschwörungstheorien,2 die zwar in der Wissenschaft und den Leitmedien
im Allgemeinen einen schlechten Ruf haben, in der Bevölkerung bisweilen
jedoch eine enorme Popularität erlangen. Eine pauschale Abwertung derartiger
Deutungsmodelle als irrational, unsinnig oder gar pathologisch wird dem
komplexen Charakter des sozialen Phänomens Verschwörungstheorie nicht ge-
recht und ignoriert vor allem den Umstand, dass verschwörungstheoretische
Modelle oft mals an Vorstellungen anknüpfen, für die es in Teilen durchaus be-
rechtigte und nachvollziehbare Gründe gibt. Bei der wissenschaft lichen Aus-
einandersetzung mit verschwörungstheoretischen Modellen sollte eine sachliche
und differenzierende Herangehensweise eigentlich eine Selbstverständlichkeit

2 Nicht behandelt werden hier verschwörungstheoretische Deutungen, die die technische


Beeinflussung des Willens bzw. des Bewusstseins von außen zum Thema haben, wie
sie bspw. im Zusammenhang mit ELF-Wellen oder dem sog. HAARP-Projekt dis-
kutiert werden (siehe bspw. Heerd u. Vassilatos 1998; Begich 2007).
Fremdkontrolle durch Computerchips 255

sein, muss aber angesichts der immer wiederkehrenden Abwehrreflexe mancher


Wissenschaft ler gegenüber diesem aus ihrer Sicht unseriösen Forschungsthema
immer wieder angemahnt werden.3
Im Zusammenhang mit dem Einsatz von Computerchips im menschlichen
Gehirn und deren Missbrauchsmöglichkeiten zum Zwecke der Verhaltens- bzw.
Bewusstseinskontrolle gibt es eine kaum zu überblickende Zahl an Büchern,
Artikeln, Blogeinträgen, Foren etc. im Internet. Im Folgenden sollen einige
wenige Fragmente aus dem entsprechenden Diskurs4 dargestellt werden, um auf-
zuzeigen, in welche Richtung diese Ängste, Befürchtungen und Vorstellungen
weisen.
In der Diskussion über die Möglichkeit von in den Körper implantierten Chips,
die über den Gesundheitszustand von Patienten Auskunft geben, sehen manche
schon den Beginn einer Variante der ‚schönen neuen Welt‘, von der Huxley
nichts wissen konnte. Es reiche der Regierung nicht mehr, „Ihre Handys zu über-
wachen, Ihre E-Mails zu durchsuchen […]; jetzt wollen Sie auch in Ihrer Blut-
bahn herumschnüffeln und überwachen, was Sie gegessen und getrunken oder
heruntergeschluckt haben“, schreibt etwa Mike Adams (2010), ein Protagonist
entsprechender verschwörungstheoretischer Deutungen. Dies mag den meisten
von uns heute übertrieben erscheinen, doch derartige Vorstellungen weisen auf
ein ganz reales Problem im Zusammenhang mit der Überwachung von Körper-
funktionen mittels implantierter Chips hin: „Wo der Körper überwacht wird, ent-
stehen ethische Probleme, wenn die Frage gestellt wird, wo die Grenzen der Über-
wachung sind“ (Borchers 2008). Hier scheinen die Grenzen zwischen berechtigter
bzw. notwendiger medizinischer Kontrolle und übermäßiger, unsere Freiheit ein-
schränkender Überwachung besonders fließend zu sein. Borchers (2008) folgert
entsprechend völlig zu Recht:

„Wenn der Körper von bio-sensorischen Implantaten überwacht wird, bleibt die
Frage offen, ob es humane Methoden der Datenentnahme gibt, die nicht in einer
Überwachungs-Dystopie enden.“

Neben der reinen Überwachung von Menschen werden aber vor allem die mit
dieser Technologie einhergehenden Möglichkeiten der Kontrolle des Verhaltens
thematisiert und Szenarien entworfen, in denen mithilfe implantierter Chips zu-

3 Siehe hierzu ausführlich Anton (2011) sowie Anton et al. (2013).


4 An dieser Stelle solle betont werden, dass die meisten der folgenden Zitate nicht aus
wissenschaftlichen, Quellen, sondern aus lebensweltlichen Diskursen stammen, wes-
halb sie klar von den zuvor zitierten Quellen abgegrenzt werden müssen.
256 Andreas Anton, Sascha Zorn

künft ig psychoaktive Substanzen verabreicht werden könnten, die das Verhalten


der Menschen beeinflussen oder kontrollieren:

„Teil dieser E-Care-Technologie umfasst die ferngesteuerte Verabreichung von


Medikamenten direkt in Ihre Blutbahn. […] Das können alle möglichen chemischen
Wirkstoffe sein – Antidepressiva, Tranquilizer, Statine, Chemotherapie-Medika-
mente und vieles mehr. Jetzt haben wir also aus der Ferne operierende staatliche
Gesundheitswächter, die im Wesentlichen Ihre Biochemie kontrollieren können, als
wären Sie ein Roboter in einem Reality-Game von Big Government. […] Aufgrund
der ferngesteuerten Verabreichung bewusstseinsverändernder chemischer Wirk-
stoffe erhält die Regierung die Kontrolle über Ihren Geist. […] Denn jetzt betreibt
Big Government die Gesundheitsfürsorge und schreibt den Ärzten genau vor, was
sie zu tun haben. Die Regierung bestimmt also, welche chemischen Stoffe Ihnen
verabreicht werden, und das soll schon bald drahtlos möglich sein.“ (Adams 2010)

Neue Generationen von Implantaten sollen die Kommunikation mit Prothesen


ermöglichen.

„So sollen etwa Gelähmte wieder bewegungsfähig und Prothesen durch Gedanken
steuerbar werden. […] Erst letztes Jahr berichteten Forscher über eine gelähmte
Frau, die mit Hilfe eines Gehirn-Chips und eines Roboterarms Kaffee aus einem
Becher trinken kann.“ (Obermüller 2013)

Die Kommunikation funktioniert dabei keineswegs nur in die eine Richtung:

„Seit kurzem werden diese Systeme auch mit Feedback ausgestattet. D. h. es


werden nicht nur Signale aus dem Gehirn gelesen, sondern die mechanischen oder
elektronischen Apparate senden Rückmeldungen, die mittels Mikrostimulation ins
Gehirn übermittelt werden. So entsteht eine wechselseitige Verbindung zwischen
Hirn und künstlichem Körper bzw. Körperteil.“ (ebd.)

Noch arbeitet diese Technik per Kabel, aber sobald die Kommunikation drahtlos
wird, besteht die Gefahr einer Einflussnahme von außen. Ein entsprechend ver-
sierter Hacker könnte nicht nur die Prothese fernsteuern, sondern auch Daten an
das Gehirn des Trägers senden.
Seit einigen Jahren arbeiten Forscher an der direkten Koppelung menschlicher
und künstlicher neuronaler Netze. Auch in diesem Zusammenhang werden Be-
fürchtungen geäußert, nach denen diese neuen Technologien gezielt missbraucht
werden könnten:
Fremdkontrolle durch Computerchips 257

„Es […] sollen Nerven an den Chip anwachsen, um über bioverträgliche Materialien
Prothesen für Behinderte steuern zu können. Auf der militärischen Seite könnte
man mit diesen Mikrosystemtechniken manipulierbare Menschen oder wie in den
Science Fiction-Geschichten Cyborgs (Robotermenschen) erschaffen.“ (Lammer u.
Lammer 1999, S. 235)

Die bereits erwähnten Forschungsprogramme der DARPA zu neurotechno-


logischen Therapieformen werden von manchen Autoren als gezielte Schritte
zur Erzeugung eines gleichsam fernsteuerbaren Soldaten gesehen. Ihre Be-
hauptung: in Wahrheit diene die Echtzeit-Überwachung und -Manipulation
körperlicher bzw. hirnphysiologischer Zustände bei Soldaten nicht vornehmlich
therapeutischen Zwecken, sondern letztlich solle damit die Beeinflussung des
Verhaltens der Soldaten von außen ermöglicht werden:

„Ziel der neuen Technik ist aber offenbar auch der Einsatz im Gefecht. Geforscht
wird an der Entwicklung eines ‚Monitoringinstruments‘ für Soldaten im Kampf-
einsatz durch die Anwendung von ‚Tiefer Hirnstimulation‘ in Echtzeit. Im Klar-
text: Forscher versuchen in Echtzeit das Hirn zu scannen und auf Anormalitäten
zu untersuchen. Sollten nicht die gewünschten Veränderungen auft reten, will man
direkt mittels Implantat ferngesteuert Abhilfe schaffen. Das Verfahren soll auch bei
Soldaten angewendet werden, die bei Kämpfen Angstzustände erfahren oder in De-
pressionen verfallen. Diese sollen dann auf Knopfdruck beseitigt werden. Ob man
die Implantat-Hirne auch anderweitig fernsteuern kann, ist derzeit noch offen –
aber sicher nicht ausgeschlossen.“ (Anonym 2013d)

Ähnliches befürchtet auch ein anderer Protagonist dieses speziellen Diskurses:

„Genau genommen geht es hier um die so genannte Biotelemetrie, bei der bio-
logische und/oder physiologische Daten zwischen Implantat(en) in einem lebenden
Körper und einer Empfangs-/Sendestation drahtlos übertragen werden. Dies er-
möglicht sowohl Biomonitoring als auch die Steuerung von Implantaten inkl. deren
Stromversorgung durch ebenfalls drahtlose Energieübertragung. Das […] Interesse
des Militärs an dieser keineswegs so neuen Technik lässt bereits die Alarmglocken
läuten: Was wäre, wenn es hier nicht ausschließlich um die schlichte Übermittlung
von medizinischen Daten zum Wohle von Patienten geht?“ (Anonym 2012b)

Es wird behauptet, dass nicht nur Soldaten, sondern irgendwann auch die All-
gemeinbevölkerung mit Hilfe derartiger Technologien, die zuvor unter dem
Deckmantel medizinischer Anwendungen in den Körper gebracht wurden, ge-
zielt manipuliert und kontrolliert werden könnte. So könnten
258 Andreas Anton, Sascha Zorn

„Subjekte 24 Stunden lang überwacht […] und durch elektronische Eingriffe […]
ihr Verhalten gesteuert werden. Dadurch wird es möglich sein, auf Menschen und
ihr Verhalten ohne direkten Kontakt Kontrolle auszuüben. […] Wichtig zu wissen
ist außerdem, dass die Implantate im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer kleiner
geworden sind und somit eingesetzt werden könnten, ohne dass ihr Träger sie be-
merken muss. Dazu kommt noch, dass eine Verbindung zwischen Implantat und
Empfangs-/Sendestation auch über sehr große Entfernungen (praktisch weltweit)
möglich geworden ist – durch den Einsatz von Satelliten.“ (Anonym 2013b)

Auf einer großen Zahl von Websites werden entsprechende Szenarien entwickelt
und dabei gleichzeitig auf den ersten Blick verblüffende Thesen darüber auf-
gestellt, wie solche Chips ohne das Wissen und den Willen der Betroffenen in den
Körper gelangen könnten:

„Es gibt zunehmend mehr Informationen (außerhalb der Mainstream-Medien), in


denen darauf hingewiesen wird, dass im Rahmen einer Impfung ohne Aufk lärung
der Bevölkerung bzw. der Geimpften ein RFID-Chip durch die Nadel der Impf-
spritze eingebracht werden soll. Selbst wenn es zu diesem Zeitpunkt noch nicht ge-
schieht – wovon der Schreiber ausgeht –, kann dies in der Folge jederzeit z. B. im
Zusammenhang mit einer Impfung oder anderen Injektion durch eine geeignete
Spritze geschehen.“ (Anonym 2013c)

Darüber hinaus werden mögliche Anwendungen derartiger injizierter Chips auf-


gelistet:

„Sicher ist: Chips werden schon seit einigen Jahren in Tieren oder Menschen ein-
gebracht, um über die darauf magnetisch gespeicherten Informationen per Funk-
signal beispielsweise

• ihren Aufenthaltsort lokalisieren zu können (in der Schweiz sind z. B. seit


01.01.07 implantierte RFID-Hundemarken Pfl icht). Damit sind z. B. Be-
wegungsbilder möglich, d. h. man kann feststellen, wann sich wer wo be-
findet…
• automatisch die Mitgliedschaft für Vereinsmitglieder zu erkennen
• bargeldlos bezahlen zu können
• automatisch die Krankengeschichte auslesen zu können (wird bereits in über
140 US-Spitälern praktiziert)
• Daten über den aktuellen Gesundheits-/Schwächezustand abzurufen
• Informationen zur Beeinflussung der Gesundheit einsenden – z. B. durch
Frequenzmuster – und einspeichern, die der Chip dann an Blut, Drüsen,
Fremdkontrolle durch Computerchips 259

Organe etc. abgibt und sie zum Positiven oder Negativen (evtl. bis zur Tötung)
beeinflussen kann.

Im Zusammenhang mit dem VeriChip bestehen US-Pläne, damit Neugeborene,


Immigranten, von Sozialhilfe oder staatl. Unterstützung Abhängige, letztlich
möglichst jeden Bewohner zu versehen. Damit wäre die totale Kontrolle, z. B. aller
Aufenthaltsorte, Bewegungen, Tätigkeiten etc. möglich, aber auch Beeinflussung
mentaler, psychischer und körperlicher Art.“ (ebd., Hervorhebung wie im Original)

Verschwörungstheoretische Deutungen dieser Art sind in den meisten Fällen mit


einem spezifischen Hintergrundwissen verknüpft, welches die Funktion erfüllen
soll, die entsprechenden Darstellungen zu legitimieren bzw. zu plausibilisieren.
Innerhalb der Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Computerchips
im Körper bzw. Gehirn wird immer wieder das Projekt MKULTRA genannt, ein
geheimes, bis in die 1970er Jahr reichendes Forschungsprojekt der CIA, in dessen
Rahmen Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle untersucht wurden. Dabei
wurden z. T. auch ahnungslosen Zivilisten hochpotente psychoaktive Substanzen
verabreicht, um deren Wirkung zu testen. Viele dieser unfreiwilligen Versuchs-
personen trugen schwerste körperliche und seelische Schäden davon.5
Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Vertreter der vorgestellten ver-
schwörungstheoretischen Deutungen, ob heute nicht ähnliche geheime Experi-
mente durchgeführt werden:

„In den letzten Jahren ist die Zahl der Menschen stetig angestiegen, die von sich
behaupten Opfer von Bewusstseins- und Gedankenkontrolle (Mind Control)
geworden zu sein. Sie fühlen sich ferngesteuert, werden von unerklärlichen
Schmerzen oder Stimmen im Kopf gequält. Soll man diese Menschen als Wichtig-
tuer oder Kranke abstempeln oder steckt mehr dahinter? Sicher ist: Die CIA be-
schäft igte sich nachweislich Anfang der 60er Jahre im Rahmen von MKUltra mit
der ferngesteuerten, biologisch-elektronischen Manipulation des menschlichen
Verhaltens.“ (Anonym 2012a)

5 Vgl. hierzu den Beitrag „Mind-Control-Experimente in der Nachkriegszeit“ von


Andreas Anton in diesem Band.
260 Andreas Anton, Sascha Zorn

4 Schlussthesen

Dies mag als kurzer Einblick in die verschwörungstheoretischen Deutungen


im Zusammenhang mit Computerchips im Gehirn oder Körper genügen. Es
sollte deutlich geworden sein, in welche Richtung sich die entsprechenden
Argumentationen bewegen und welche Inhalte von zentraler Bedeutung sind.
Um eine Realitätsprüfung und Bewertung der von verschiedenen, vielfach
anonym bleibenden Autoren aufgestellten Behauptungen und geäußerten Be-
fürchtungen geht es uns an dieser Stelle nicht. Wir möchten vielmehr die These
aufstellen, dass die skizzierten verschwörungstheoretischen Deutungen als
anthropologisch, historisch und gesellschaftlich bedingte Reaktionen auf spezifische
technologische Entwicklungen verstanden werden können. Dies erklärt den Ent-
stehungskontext der entsprechenden Deutungen, ohne sie von vornherein zu de-
legitimieren oder gar zu pathologisieren. Die primär, aber nicht nur in Internet-
medien vorzufindenden Vorstellungen zur zukünft igen oder sogar heute schon
möglichen Fremdkontrolle durch (ohne das Wissen der Betroffenen) implantierte
Computer- oder Nanochips speisen sich unseres Erachtens primär aus sieben
(teilweise wechselwirkenden) spezifischen Wissensbeständen und kulturell-
technologischen Entwicklungen:

1. Das Wissen um die Beeinflussbarkeit des eigenen Willens: Hiermit ist das im
kollektiven Bewusstsein verankerte Wissen gemeint, dass der menschliche
Wille keine vollkommen unabhängige Instanz darstellt, sondern mit Hilfe
unterschiedlichster Methoden, Substanzen oder durch technische Hilfsmittel
grundsätzlich von außen beeinflusst werden kann.
2. Die Wille zur Optimierung des Körpers: Dies bezeichnet die in fast allen
Kulturen und zu allen Zeiten vorzufi ndende Bereitschaft von Menschen,
ihre Körper nach spezifischen Vorstellungen zu manipulieren, formieren
oder zu disziplinieren. Der soziale Nutzen derartiger Praktiken der Körper-
manipulation ist dabei in vielen Fällen wesentlich bedeutsamer als mögliche
körperliche Einschränkungen bzw. negative gesundheitliche Folgen.
3. Historisch belegte Versuche der (technisch gestützten) Beeinflussung des mensch-
lichen Willens: Schon seit jeher interessierten sich gesellschaft liche Macht-
autoritäten für Möglichkeiten der Beeinflussung des menschlichen Willens.
Im Zuge pharmakologischer und technischer Entwicklungen wurden vor
allem im 20. Jahrhundert im Rahmen militärischer und geheimdienstlicher
Forschungsprogramme zahlreiche Versuche unternommen, den mensch-
lichen Willen zu beeinflussen – in vielen Fällen ohne Einwilligung der ent-
sprechenden Versuchspersonen.
Fremdkontrolle durch Computerchips 261

4. Die allgemeine Zunahme von Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten:


Durch die Nutzung moderner Informationstechnologien wird eine unvor-
stellbare Menge Daten generiert, welche wiederum ungekannte Möglichkeiten
der Überwachung und Kontrolle von Menschen erzeugen. Diese werden, wie
jüngst die NSA-Aff äre in drastischer Weise verdeutlichte, nicht nur innerhalb
von totalitären bzw. repressiven politischen Systemen genutzt, sondern auch
in Staaten, die eigentlich den Schutz von privaten Daten und Bürgerrechten
verfassungsmäßig garantieren.
5. Die zunehmenden Anpassungsanforderungen an Systembedingungen: Das in-
zwischen weitgehend globalisierte Modell westlicher Leistungsgesellschaften
konfrontiert die Individuen mit sich ständig verändernden und als zu-
nehmend wahrgenommenen Leistungsforderungen, denen sich die Menschen
in ihrer herkömmlichen Konstitution oft mals nicht mehr gewachsen fühlen.
Somit steigt der Druck zur Anpassung durch Enhancement, durch eine wie
auch immer geartete Ausmerzung menschlicher ‚Unzulänglichkeiten‘, durch
die Optimierung der eigenen Fähigkeiten, um eine gelungene Integration in
vorgegebene Systeme zu erzielen. „Das neue Prinzip der Herrschaft ist weniger
die Unterdrückung, sondern die stetige Überforderung“ (zitiert nach Auf dem
Hövel 2009).
6. Die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Maschine: Im Zuge ver-
schiedener technischer Entwicklungen, vor allem in den letzten drei Jahr-
zehnten, wurde die Grenze zwischen Menschen und künstlichen Systemen
immer fließender. Die damit einhergehenden Möglichkeiten der Erweiterung
menschlicher Fähigkeiten knüpfen an existenzielle menschliche Sehnsüchte
und Wünsche an, schüren aber auch Ängste vor Fremdbestimmung, Kontrolle
und Zwängen. Durch technische Hilfsmittel leistungsoptimierte Körper bzw.
Gehirne könnten den Menschen in seiner herkömmlichen Verfassung schon
bald ‚systeminkompatibel‘ werden lassen und somit den Druck zur An-
wendung technischer Optimierungen unserer Fähigkeiten erhöhen oder diese
sogar zum Zwang werden lassen.
7. Die Existenz technischer Möglichkeiten der Fremdkontrolle des menschlichen
Willens: Wie gezeigt, gibt es bereits eine ganze Reihe technischer Möglich-
keiten zur Beeinflussung des menschlichen Willens. Das Implantieren von
Elektroden oder Computerchips im Gehirn ist dabei nur eine von vielen be-
kannten und denkbaren anderen Varianten. Aufgrund der Komplexität des
menschlichen Gehirns steht die Forschung hier noch am Anfang, macht
jedoch rasante Fortschritte. Entsprechende Erkenntnisse werden zwar vor-
nehmlich vor dem Hintergrund medizinischer Forschung generiert, doch be-
steht auch hier, wie in nahezu allen wissenschaft lichen Bereichen, die Gefahr,
262 Andreas Anton, Sascha Zorn

dass wissenschaft liche Erkenntnisse zu Zwecken genutzt (oder eben miss-


braucht) werden, die nichts mit der intendierten Anwendung zu tun haben
oder dieser sogar entgegenwirken.

Diese Faktorenliste sollte deutlich gemacht haben, dass die Ängste vor Fremd-
kontrolle durch Computerchips durchaus auf Vorstellungen und Überlegungen
rekurrieren, die bereits heute gesellschaft liches Konfliktpotenzial enthalten und
nicht per se als überzogen, irrational oder illegitim zurückzuweisen sind. Dies
gilt ganz unabhängig davon, ob die von verschiedenen, meist lebensweltlichen
Autoren vorgetragenen Behauptungen und Befürchtungen heutige oder erst
weit in der Zukunft liegende technische Möglichkeiten und Gefahren abbilden.
Im Gegenteil: Szenarien über mögliche problematische Aspekte technischer
Entwicklungen erfüllen oft mals eine wichtige Funktion bei der Abwägung der
Chancen und Risiken technischer Innovationen und müssen daher formuliert
werden, um unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.6 Wir
verstehen den Beitrag deshalb auch in erster Linie als Plädoyer für eine offene,
sachliche Debatte über die geschilderten technischen Möglichkeiten und deren
Chancen, aber explizit auch über damit einhergehende Risiken und Bedenken
in medizinisch-psychologischer, gesellschaft licher, moralisch-ethischer und
politischer Hinsicht.

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menteneinnahme überwachen. Kopp-Verlag. info.kopp-verlag.de/hintergruende/
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fernsteuerung-eines-menschen-video/. Zugegriffen: 13. Dezember 2013.

6 Man denke beispielsweise an den Risikodiskurs im Zusammenhang mit der Atom-


energie.
Fremdkontrolle durch Computerchips 263

Anonym (2013c). RFID-Chips Implantation in den Körper geheim durch Impfspritzen


oder offen durch Gesetz? http://www.chemtrails-info.de/schweinegrippe/rfid-in-
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Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle

Entwicklungen in den Neurowissenschaften

Stephan Schleim

„It is not possible to understand the biology of behavior without understanding the context in
which that biology occurs, as well as the society in which that individual dwells. This is true in
our understanding of aggression; there is no highly accurate means of identifying individuals
likely to commit an impulsive or planned violent act. The context in which aggression and
violence occur can be modified much more easily than identifying individuals likely to commit an
aggressive act; by manipulating context, society may reduce aggression by individuals indirectly.“

White Volume „Topics in the Neurobiology of Aggression: Implications to Deterrence“, Diane


DiEuliis (U.S. Department of Health and Human Services) & Hriar Cabayan
(U.S. Department of Defense), Februar 20131

1 Einführung

Neuro-Technologien werden eine ganze Reihe von schon heute oder in Kürze ver-
fügbaren Möglichkeiten zugesprochen. Insbesondere die Massenmedien trans-
portierten die Idee, man könne dem Gehirn dank neuer Visualisierungsmöglich-
keiten nun ‚beim Denken zuschauen‘ (zur Neuro-Kommunikation siehe Racine
et al. 2005; Racine et al. 2010; Schleim 2013). Daneben versprach vor allem das
‚Gehirn- oder gar ‚Gedanken-Lesen‘ einen wesentlichen Durchbruch – bis auf
die Ebene einzelner Bewusstseinsinhalte sollten die neuen Verfahren vordringen
können (Haynes und Rees 2006; Schleim 2008). Der tatsächliche methodische Fort-
schritt bestand dabei vor allem darin, Daten der funktionellen Magnetresonanz-
tomographie (fMRT) mit Verhaltens-, Perzeptions- oder berichteten Bewusst-
seinszuständen in Zusammenhang bringen zu können. Anstatt nur Änderungen
an einem kleinen Ort im Gehirn – typischerweise mit einem Volumen von 27mm3
– zu untersuchen, wurden nun Änderungen an jedem Ort im Gehirn mit den
Änderungen an anderen Orten in Zusammenhang gebracht. Dieses Verfahren

1 ht tp://w w w.nsitea m.com/pubs/Neurobiolog y %20of %20Aggression%20Im-


plications%20to%20Deterrence.pdf (Zugegriffen: 11. März 2014; Hervorhebung im
Original).

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8_16, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
266 Stephan Schleim

wird oft auch als ‚Mustererkennung‘ oder ‚Dekodierung‘ bezeichnet.2 Das wirft
die Frage auf, was so ein ‚Muster‘ oder ‚Kode‘ überhaupt bedeutet. Schließlich
suggeriert diese Redeweise, man sei dem Verständnis der ‚Sprache‘ der Nerven-
zellen einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Die kurze Antwort ist,
dass ein ‚Muster‘ oder ‚Kode‘ schlicht das ist, was die Algorithmen als solche er-
kennen, also Korrelationen höherer Ordnung. Das heißt, dass ‚Muster‘ und vor
allem ‚Kode‘ hier eher metaphorisch verwendet werden und folglich nicht wört-
lich verstanden werden sollten, so wie man etwa den Kode einer verschlüsselten
Geheimbotschaft knackt, um den Klartext lesen zu können. Eine längere Antwort
sei weiteren philosophischen Analysen überlassen.
Wo die Möglichkeit des Gehirns- oder Gedankenlesens im Raum steht, dort
sind auch komplementäre Ideen vom Gehirn- oder Gedankenschreiben nicht fern;
anders formuliert: Eingriffe ins Gehirn zur Beeinflussung von Bewusstsein und
Verhalten. Viele solcher Interventionen werden ethisch/rechtlich als medizinisch-
therapeutische Behandlungen zum Nutzen der Betroffenen gerechtfertigt (siehe
die Untersuchung von Merkel et al. 2007; oder den Bericht des Nuffield Council on
Bioethics 2013). Da Gesundheitsbegriffe ein normatives Element haben, können
solche Behandlungen den Verdacht von Fremdkontrolle aufkommen lassen. Vor
allem in der Psychiatrie, wo bisher noch keine zuverlässigen biologischen Essenzen,
moderner gesagt Biomarker oder Endophänotypen, gefunden wurden, steht
die normative Komponente noch deutlicher im Fokus der Analyse beziehungs-
weise der Kritik (siehe z. B. Stier 2013). Dies äußert sich auch in öffentlichen Dis-
kussionen, beispielsweise zu Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen oder zum
Burnout-Syndrom, wenn dort die Vermutung aufkommt, es handle sich eher um
gesellschaft liche Anpassungsbemühungen als um eine ‚echte‘ medizinische Be-
handlung einer ‚realen‘ Krankheit. Ganz ähnliche Vermutungen lassen sich für
das Thema ‚Gehirndoping‘ anstellen, bei dem es um die Ausdehnung der Be-
handlung auf eigentlich gesunde Menschen zur Verbesserung deren emotionaler
oder kognitiver Fähigkeiten geht (siehe z. B. Schleim 2010a, 2010b).
‚Fremdkontrolle‘ kann hier auf zweierlei Weise verstanden werden: Ent-
weder als Ausübung sozialen Anpassungsdrucks (soziale Kontrolle), um ge-
wünschte Verhaltensweisen zu erzeugen, oder als Kontrolltechnologie, die diese
Verhaltensweisen direkt erzeugt beziehungsweise wahrscheinlicher macht – im

2 Siehe etwa die vielzitierte Review-Arbeit von Haynes und Rees (2006), die schon im
Titel behauptet, mentale Zustände aus Gehirnaktivierung im Menschen dekodieren
zu können; die multivariate Analyse wird im Glossar (S. 523) als Methode zur Be-
rücksichtigung von Informationsmustern erklärt. Ich habe 49 Vorkommnisse des
Worts „Kode“ (engl. code) und 73 des Worts „Muster“ (engl. pattern) gezählt, ohne die
Referenzen.
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 267

vorliegenden Kontext vor allem in Form von Neurotechnologie. Diese Formen


von Kontrolle schließen sich nicht gegenseitig aus, ja verstärken einander wo-
möglich sogar im neuen Diskurs um die Hirnforschung, wenn etwa sozialer
Druck zum Verwenden einer Neurokontrolltechnologie ausgeübt wird. Da über
Psychopharmaka bereits viel geschrieben wurde (z. B. Abraham 2010; Bell und
Figert 2012), konzentriere ich mich im Folgenden auf die Hirnstimulation, vor
allem die sogenannte tiefe Hirnstimulation (engl. Deep Brain Stimulation, DBS).3
Die Idee der Verhaltenskontrolle muss man dabei nicht erst in die Entwicklungen
hineininterpretieren, denn manche Forscher formulieren sie bereits heute sehr
explizit, wie im folgenden Abschnitt deutlich wird. Dabei wurde die Pointe bereits
mit dem Eingangszitat aus einem Bericht unter Beteiligung der US-Gesundheits-
und Verteidigungsministerien vorweggenommen: Zumindest für den Bereich
der Aggressionen – und darunter fallen in dem offi ziellen Dokument auch Ver-
brechen und Terrorismus – sei es einfacher, den situativen beziehungsweise
sozialen Kontext zu manipulieren, als ein gefährliches Individuum zu identi-
fizieren. Dieser Einschätzung werde ich mich in der Schlussfolgerung anschließen
und dann noch mögliche zukünft ige Entwicklungen diskutieren. Den Schwer-
punkt werden dabei auf Neuroprädiktion – damit meine ich ganz allgemein die
Vorhersage von Verhalten aufgrund neurowissenschaft licher Untersuchungen –
aufbauende Präventionsprogramme bilden.

2 Fremdkontrolle und tiefe Hirnstimulation

Der Einband der Erstausgabe des Science-Fiction Romans The Terminal Man von
Michael Crichton aus dem Jahr 1972 zeigt die Vorderhälfte eines Männerkopfes
ohne Gefühlsausdruck, die auf eine Stahlplatte montiert zu sein scheint. Aus der

3 Das Attribut „tief“ (engl. deep) bezieht sich historisch vor allem auf Stimulationsorte
unterhalb der Großhirnrinde, was man häufig auch als „subkortikal“ bezeichnet. Bis-
weilen wird mit „tiefe Hirnstimulation“ allgemeiner die elektrische Stimulation durch
ins Gehirn implantierte Elektroden bezeichnet. Der Ort der Stimulation, kortikal/
subkortikal, spielt für diesen Aufsatz keine Rolle; wohl aber der Unterschied zu
transkraniellen Verfahren wie TMS (transcranial magnetic stimulation) oder TDCS
(transcranial direct current stimulation). Bei diesen wird durch außen am Kopf an-
gebrachte Magnetspulen oder Elektroden durch den Schädel (lat. cranium) hindurch
im Gehirn Strom erzeugt, während bei der tiefen Hirnstimulation die Elektroden
fest ins Gehirn implantiert werden. Letzteres erlaubt räumlich gezieltere Stimulation,
erfordert aber einen aufwändigen operativen Eingriff, während TMS- oder TDCS-
Geräte theoretisch durch jedermann frei gekauft und von außen angewendet werden
können.
268 Stephan Schleim

Platte ragen Kabel in verschiedenen Farben. Der letzte Mensch, wie man den Titel
übersetzen könnte, ist elektronisch mit der Außenwelt verbunden. Ob er sie auto-
nom steuert oder heteronom von ihr gesteuert wird, das lässt sich aus der Ab-
bildung allein nicht schließen. Im Roman erfährt man, dass es sich um vierzig in
das Gehirn eines gewalttätigen Patienten implantierte Elektroden handelt; sie sind
an einen Computer angeschlossen, der das Verhalten des Mannes steuert und vor
allem die Gewalt unterdrückt. Nur wenige Jahre vorher, 1969, hat David Rorvik
eine neurotechnologische Variante von Huxleys Schöner neuen Welt (1932, dt.
1950) formuliert, in der eine herrschende Klasse von „Elektroligarchen“ mithilfe
implantierter Elektroden den in drei hierarchischen Klassen geteilten Rest der
Bevölkerung kontrolliert: Die „Elektrons“ mit 50 Elektroden sind Wissenschaft ler
und Techniker; die „Positrons“ mit 200 Elektroden führen die Pläne der höheren
Klassen aus und besitzen eine Restpersönlichkeit; die „Neutrons“ schließlich, die
60 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben 500 implantierte Elektroden und
sind reine Arbeitsmaschinen (Rorvik 1969; siehe auch Valenstein 1973).
Es war kein Zufall, dass diese Ideen in populären Zeitschriften oder Romanen
der 1960er/1970er Jahre aufgegriffen wurden; schließlich wurden die Versuche
von Forschern wie dem kürzlich verstorbenen José Delgado (1915–2011), von
1946 bis 1974 als Neurophysiologe an der Yale University tätig,4 medienwirksam
kommuniziert: Das Bild des Forschers, der als Torero mit einer Fernsteuerung
vor einem Stier steht und diesen auf Knopfdruck stoppen kann, ist einprägsam.
Delgado hatte dafür jahrelang an verschiedenen Tieren, allen voran Katzen und
mehreren Affenarten, aber auch an Menschen, die Auswirkung elektrischer
Stimulation in unterschiedlichen Gehirnregionen untersucht (Delgado 1965,
Delgado et al. 1968, Delgado 1971). Entsprechend den Bemühungen zur ‚Be-
handlung‘ homosexueller Neigungen in jenen Jahren (Barlow 1973; Hinrichsen
und Katahn 1975), gab es damals auch vereinzelte Ansätze zum Herbeiführen
heterosexueller Kontakte mithilfe der tiefen Hirnstimulation (Moan und Heath
1972). Der Pionier Delgado bezog sich auf die Idee der Fernsteuerung wie folgt:

„The old dream of an individual overpowering the strength of a dictator by remote


control has been fulfi lled, at least in our monkey colonies, by a combination of neu-
rosurgery and electronics demonstrating the possibility of intraspecies instrumen-
tal manipulation of hierarchical organization.“ (Delgado 1971, S. 166)

4 Siehe diese Seite von Yale Scientific, die den Übergang von der alten zur neuen
Tiefenhirnstimulation beschreibt: http://www.yalescientific.org/2011/02/the-brain-
machine-connection-humans-and-computers-in-the-21st-century/ (Zugegriffen: 12.
März 2014).
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 269

Dabei stützte sich Delgado auf Beobachtungen an Affen, die in Käfigen eingesperrt
waren und unter denen sich bestimmte soziale Hierarchien gebildet hatten. Durch
das Auslösen von aggressivem Verhalten mittels elektrischer Stimulation im Ge-
hirn konnte die bestehende Hierarchie unter bestimmten Umständen durch-
brochen werden (Delgado 1971, S. 129). Die neuere, von Hirnforschern ausgelöste
Debatte zum Thema ‚Willensfreiheit‘ antizipierte Delgado wie folgt:

„In the past, the individual could face risks and pressures with preservation of
his own identity. His body could be tortured, his thoughts and desires could be
challenged by bribes, by emotions, and by public opinion, and his behavior could
be influenced by environmental circumstances, but he always had the privilege of
deciding his own fate, of dying for an ideal without changing his mind. […]

New neurological technology, however, has a refi ned efficiency. The individual
is defenseless against direct manipulation of the brain because he is deprived of
his most intimate mechanisms of biological reactivity. In experiments, electrical
stimulation of appropriate intensity always prevailed over free will; and, for example,
flexion of the hand evoked by stimulation of the motor cortex cannot be voluntarily
avoided. Destruction of the frontal lobes produced changes in affectiveness which
are beyond any personal control.

The possibility of scientific annihilation of personal identity, or even worse, its pur-
poseful control, has sometimes been considered a future threat more awful than
atomic holocaust.“ (ebd., S. 214)

Hier kann man Delgado allerdings eine Überinterpretation vorwerfen: Zwar


konnten Versuchspersonen bei geeigneter Stimulation im motorischen Kortex be-
stimmte Bewegungen nicht verhindern; allerdings waren sie sich dessen bewusst,
dass diese durch den Strom ausgelöst worden waren und nicht aus eigenem Willen
(siehe die Diskussion in Schleim 2011, Kap. 1.2, S. 6ff.). Gleiches hätte auch durch
elektrische Stimulation der peripheren Nervenbahnen, Muskeln oder durch Ein-
wirkung mechanischer Kraft ausgelöst werden können. Inwiefern nicht nur die
sozialen Umstände (siehe oben), sondern auch persönliche Aufmerksamkeit die
Auswirkungen der elektrischen Stimulation beeinflussen, ist bis heute – aus offen-
sichtlichen ethischen Gründen – nicht wissenschaft lich untersucht worden (eine
ausführlichere Zusammenfassung der Kontrollversuche bis in die 1970er Jahre
findet sich bei Valenstein 1973). Allerdings werden viele Menschen entsprechende
Selbstversuche, beispielsweise mit Alkohol oder anderen Rauschmitteln be-
ziehungsweise Psychopharmaka, am eigenen Leib durchgeführt haben.
Die tiefe Hirnstimulation hatte in den Jahren nach Delgados aktiver
Forschungsphase relativ an Bedeutung verloren, bis es 1987 zu einem Durch-
270 Stephan Schleim

bruch in der Behandlung der Parkinson-Krankheit kam. Der Neurochirurg


Marwin Hariz spricht in diesem Zusammenhang auch von der „Geburt der
modernen tiefen Hirnstimulation“ (Haritz 2012). Zuvor hatten Neurochirurgen
versucht, durch das Zerstören bestimmter Gehirnstrukturen einschränkende
Symptome wie das massive Zittern (Tremor) im fortgeschrittenen Parkinson-
Stadium zu behandeln, wenn dies medikamentös nicht mehr möglich war. Durch
die operativ gewonnenen Erfahrungen identifizierten die Ärzte vielversprechende
Orte für die elektrische Stimulation, bis man schließlich herausfand, dass tiefe
Hirnstimulation im subthalamischen Kern, einer insbesondere für die Motorik
wichtigen Struktur im Zwischenhirn, positive Auswirkungen auf nahezu alle
Symptome von Parkinson haben kann (Haritz 2012). Für viele Patienten stellten
und stellen solche Eingriffe die letzte medizinische Behandlungsmöglichkeit dar,
die Ultima Ratio, und an vielen Kliniken haben sich diese Gehirnoperationen in-
zwischen etabliert.
Die Identifi kation neuronaler Ziele für die tiefe Hirnstimulation zur Behandlung
neurologischer Erkrankungen basierte also auf früheren neurochirurgischen Ein-
griffen. In ähnlicher Weise ließen sich neuerdings chirurgische Behandlungen
psychiatrischer Erkrankungen durch Erfolge der lokalisationistischen bild-
gebenden Verfahren der Hirnforschung inspirieren. Einen ersten Erfolg erzielten
Nuttin und Kollegen 1999 bei der Behandlung von Zwangsstörungen in einer
Gruppe von vier Patienten (Nuttin et al. 1999). Der echte Durchbruch gelang aber
einige Jahre später Helen Mayberg u. a., die 2005 erste Erfolge bei der Behandlung
sogenannter therapie-refraktärer Depressionen – also Depressionen, die sich
anders nicht therapieren ließen – in einer Gruppe von sechs Patienten berichteten
(Mayberg et al. 2005).5 Inzwischen gibt es schon Versuche bei Suchterkrankungen,
Essstörungen oder dem Tourette-Syndrom (siehe z. B. Holtzheimer und Mayberg
2011; für eine Diskussion der üblichen medizinethischen Aspekte siehe Synofzik
2013). Cristina Torres und Kollegen berichteten jüngst sogar von der Behandlung
resistenter Aggressivität bei sechs Patienten (Torres et al. 2013). Im Falle minder-
jähriger oder unter Vormundschaft gestellter Menschen geschieht hier der
operative Eingriff ins Gehirn sowie die elektrische Stimulation im Zweifelsfall
ohne Einwilligung der betroffenen Person. Über weitere Einsatzmöglichkeiten
spekulierten kürzlich Fumagalli und Priori (2012, S. 2017):

5 Diese Arbeit wurde allein im ISI Web of Science bis heute schon mehr als tausendmal
zitiert (Zugegriffen: 19. März 2014).
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 271

„Last, understanding the dysfunctional brain structures underlying abnormal moral


behaviour can lead to specific treatments nowadays using deep brain stimulation
or other new non-invasive neuromodulation techniques. For instance, apart from
treating aggression, deep brain stimulation might be used in other forms of patho-
logical antisocial behaviour or violence (including sexual assaulters and paedophiles)
when education and rehabilitation programmes or other treatments fail. Among
future concerns about the hypothetical use of brain stimulation techniques in this
field, the possibility of shaping individual morality raises intriguing ethical issues
that should prompt the development of treatment guidelines.“

Pathologisches antisoziales Verhalten, Gewalt – einschließlich der von Sexual-


tätern – und schließlich eine moralische Optimierung des Einzelnen werden hier
als Behandlungsziele genannt. Tatsächlich wurde bereits 2008 unter dem Stich-
wort des ‚Moral Enhancement‘ die jüngere Diskussion zur moralischen Ver-
besserung des Menschen durch Methoden der Hirnforschung – dort vor allem
noch über psychopharmakologische Mittel, mit denen moralische Emotionen
manipuliert werden könnten – begonnen (Douglas 2008, 2013; abweichend:
Harris 2011).6 Auf die Diskussion der ethischen Aspekte sei hier verzichtet; in-
wiefern große Probleme für fundamentale rechtsstaatliche Prinzipien und Frei-
heitsrechte bestehen, wird sich von selbst in der Diskussion des neuroprädiktiven
Programms im folgenden Abschnitt ergeben. Hier sei stattdessen etwas zur Ver-
trauenswürdigkeit der Berichte über die technische Machbarkeit angemerkt.
Dass das Gehirn – oder weiter gefasst: das Nervensystem – ein zentrales Organ
für unser bewusstes Erleben und Verhalten ist, wird inzwischen als selbstverständ-
lich angenommen. Unter dieser Annahme sind wissenschaft liche Versuche zur
Beeinflussung menschlichen Erlebens und Verhaltens für den Erkenntnisgewinn
oder eine Therapie logische – wenn auch nicht immer ethisch gerechtfertigte
– Konsequenzen. Für den Pionier José Delgado und seine Vision einer psycho-
zivilisierten Gesellschaft, so der Untertitel seines Buchs (Delgado 1971), erledigte
sich die Ethik von selbst – zunächst durch die Entwicklung therapeutischer Maß-

6 In diesem Zusammenhang sei an die Zukunftsromane Transfer (1961, dt. 1974) und
Der futurologische Kongress (1971, dt. 1974) von Stanisław Lem (1921–2006) erinnert:
Im erstgenannten werden Menschen bei der Geburt so manipuliert, dass anschließend
ihr Verhalten durch Psychopharmaka, die normalen Getränken beigemischt sind, be-
einflusst wird; insbesondere geht es hier um die Unterdrückung von Aggressionen.
Im letztgenannten verwenden staatliche Stellen psychedelische Drogen, die die Wahr-
nehmung der Menschen massiv beeinflussen, sodass sie die großen Missstände ihrer
Gesellschaft und Umwelt nicht mehr sehen. Die aversive Konditionierung gegen
Aggressivität wird in Anthony Burgesses A Clockwork Orange (1962, dt. 1972) übrigens
ebenfalls durch Psychopharmaka gestützt.
272 Stephan Schleim

nahmen, bei denen der Zweck die Mittel rechtfertige, und schließlich, sobald die
Technologie erst einmal zufriedenstellend funktioniere, die Übertragung in die
breite gesellschaft liche Anwendung. Hier bleibt die Frage, welche Möglichkeiten
die Technologie wirklich bietet – denn aus der prinzipiellen Möglichkeit der Be-
einflussung menschlichen Erlebens und Verhaltens auf der neuronalen Ebene
alleine lässt sich keine Aussage über die technischen Möglichkeiten ableiten.
Redeweisen wie die vom ‚Gedankenlesen‘ oder ‚Dekodieren mentaler Inhalte‘
suggerieren, dass Forscher sich auf unvermittelte Weise, und damit für das
Subjekt unhintergehbar, sozusagen in der eigenen ‚Sprache‘ des Gehirns, des
Innersten des Menschen bemächtigen können. Dass Menschen auf vielfältige
Manier, durch Belohnung, Strafe, Propaganda oder gar Folter, beeinflusst werden
können, wissen wir zur Genüge aus der Geschichte. Bei diesen Beeinflussungen
ist es aber nicht nur denkbar, sondern auch wahrscheinlich, dass die Betroffenen
zwar nach den Regeln des sie beherrschenden Kontroll- oder Manipulations-
regimes im Interesse des schmerzfreien Überlebens mitspielen, sie sich diesem
System in ihrem Innersten aber verweigern, etwa indem sie es als unmenschlich
und rechtswidrig erkennen.7 Nicht so aber in der Neuro-Welt, wie sie Delgado
in dem Zitat oben schon für seine Gegenwart – also das Jahr 1971 – feststellt:
Durch die direkte Manipulation des Gehirns verlören die Menschen ihr Privileg,
im Zweifelsfalle für ein Ideal zu sterben, ohne sich vollständig anzupassen.
In diesem Zusammenhang ist es auff ällig, dass einige Philosophen und Neuro-
wissenschaft ler, die offensichtlich einem naturalistischen Paradigma8 das Wort
reden, sogar die technische Sachlage krass verzerrt oder gar gegenteilig wieder-
geben. So habe ich an anderer Stelle bereits aufgezeigt, dass beispielsweise Gerhard
Roth die Versuche Delgados, bei denen elektrische Stimulation Bewegungen aus-
gelöst hat, als Fälle von Willenstäuschungen dargestellt hat (Schleim 2011, Kap.
1.2, S. 6ff.); das heißt, als Fälle, in denen die Menschen lediglich gedacht hätten,

7 Man denke hierbei etwa an die psychologischen und organisationssoziologischen Be-


schreibungen Eugen Kogons der Konzentrationslager im SS-Staat (Kogon 1946) oder
die literarische Beschreibung eines sowjetischen Gulags in Alexander Solschenizyns
Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962, dt. 1963). Das Überleben in diesen
Terrorregimen, in dem sehr wenige sehr viele kontrollierten, erforderte das Verinner-
lichen der (oft perversen) Spielregeln, also letztlich die erfolgreiche Selbstkontrolle.
Dennoch zeugen zahlreiche Solidaritäts-, Sabotage- oder Widerstandsaktionen davon,
dass sich viele Menschen in letzter Instanz, in ihrem innersten Denken, Erleben und
dann manchmal sogar lebensgefährlichen Handeln, diesem Terror verweigerten.
8 Mit „Naturalismus“ ist hier der philosophische Standpunkt gemeint, dass die Natur-
wissenschaften – und nur sie! – eine vollständige Erklärung der Natur einschließlich
des Menschen liefern werden.
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 273

die Bewegung entspränge ihrem eigenen Willen, während sie tatsächlich durch
die elektrische Stimulation erzeugt wurde (siehe hingegen Desmurget et al. 2009).
Dies steht im krassen Widerspruch zu den Schilderungen Delgados, etwa wenn
einer seiner Patienten sagt: „Ich vermute, Herr Doktor, dass Ihr Strom stärker
ist als mein Wille“ (Delgado 1971, S. 114; Übersetzung d. A.). Dirk Hartmann
hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, einem von Daniel Dennett ge-
schilderten Experiment nachzugehen, bei dem ein Dia-Projektor mit dem Ge-
hirn von Patienten verbunden worden war und immer schon weitergeschaltet
habe, bevor die Personen selbst den Knopf gedrückt hätten – mit dem Ergebnis,
dass dieses Experiment wahrscheinlich nie stattgefunden hat und wohl nur ein
Gedankenexperiment eines Neurochirurgen war (Hartmann, 2000). Die be-
rühmten Libet-Experimente9 haben zwar tatsächlich stattgefunden, es wurde
in der Rezeption aber überwiegend nur ein Teil der Ergebnisse wahrgenommen,
derjenige nämlich, der der Idee der Willensfreiheit widerspricht, und nicht der
Teil, der sie stützt – trotz der Bedenken des Versuchsleiters Libet höchstpersön-
lich (Libet 1985b). Es versteht sich von selbst, dass diese falschen Darstellungen
sekundär wie tertiär aufgegriffen und, da sie der bestehenden Ordnung zu wider-
sprechen scheinen, aufgrund ihres hohen Aufmerksamkeitswerts weitverbreitet
wurden und so dem naturalistischen Paradigma eine Glaubwürdigkeit verliehen,
die es zumindest beim heutigen Wissens- und Forschungsstand nicht hat.
Dementsprechend stellen auch neue Verfahren der Lügenerkennung mithilfe
der bildgebenden Hirnforschung nicht die Lüge selbst, zum Beispiel den absicht-
lich repräsentierten unwahren Gedankeninhalt, sondern allenfalls Korrelate der-
selben fest, wie etwa der psychologische Polygraph hundert Jahre zuvor (Schleim
2011, Kap. 3.1, S. 50ff.). Deshalb lassen sie sich auch ‚austricksen‘ (Ganis et al.
2011). Gerade diese Fähigkeit, sich auf die eine oder andere Weise, zur Not auch
nur innerlich und im menschenmöglichen Maße, gegenüber dem Hirnscanner
oder der Stimulationstechnologie zu verhalten, sprechen aber Delgado und seine

9 Benjamin Libet (1916–2007) war einer der Pioniere auf dem Gebiet der Bewusstseins-
forschung. Durch die Korrelation elektroenzephalographischer Ableitungen von
Gehirnströmen mit introspektiven Wahrnehmungen und Verhaltensäußerungen
gelangen ihm in den 1970er und 1980er Jahren bahnbrechende Entdeckungen über
die zeitliche Abfolge von Bewusstseins- und Bewegungsereignissen. Insbesondere
mit Blick auf die Willensfreiheit wurden seine Funde interdisziplinär diskutiert, siehe
zum Beispiel seinen einflussreichen Target Hauptartikel in Behavioral and Brain
Sciences (Libet 1985a). So pries in einer der Reaktionen der damals schon hochbetagte
Nobelpreisträger John Eccles (1903–1997) die Bedeutung von Libets befunden und
integrierte sie in sein dualistisch-interaktionistisches Weltmodell (Eccles 1985). Die
philosophische und öffentliche Diskussion der ‚Libet-Experimente‘ setzt sich bis heute
fort (für eine kritische Analyse siehe Schleim 2011, Kap. 5.1, insb. S. 126ff., 2012).
274 Stephan Schleim

gedanklichen Nachfolger dem Menschen ab. Mit ‚echtem‘ Gedankenlesen könnte


man freilich auch die Ablenkungsmanöver durchschauen.
Bei aller Euphorie über das Verständnis des Gehirns wird schnell vergessen,
dass die tiefe Hirnstimulation nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip eingesetzt
wird, wenn auch hypothesengetrieben aufgrund des Vorwissens aus voran-
gegangenen Operationen und Versuchen. Das heißt, es reicht in der Regel nicht,
allein vor dem Eingriff das Ziel millimetergenau zu markieren, den Patienten
in Vollnarkose zu versetzen, und den Apparat nach gelungener Operation ein-
fach einzuschalten. Vielmehr müssen die Betroffenen in der Regel bei Bewusst-
sein während der Operation aktiv daran mitwirken, damit der Neurochirurg den
richtigen Ort finden kann. Dass es dabei manche Zufallstreffer gibt, wie zum Bei-
spiel die Ausbrüche von Lachen, Weinen oder Traurigkeit durch Stimulation im
subthalamischen Kern (z. B. Krack et al. 2001), suggeriert in der Darstellung, in
der nur der Zufallstreffer ausgewählt ist, oft eine große Manipulierbarkeit und
ein Verständnis des Gehirns. Dass sich dies erst post hoc ergeben hat, dazu nur
in wenigen Einzelfällen, und nicht ante rem vorhersehbar war, sieht man den
populärwissenschaft lichen wie wissenschaft lichen Darstellungen in der Regel
nicht an. Was man aber sieht, das ist ein scheinbar ferngesteuerter Mensch.

3 Ausblick und Schlussfolgerung

Es sollte deutlich geworden sein, dass es neurowissenschaft liche Versuche gibt,


die sich unter der Überschrift ‚Fremdkontrolle‘ diskutieren lassen, ja dass es
teilweise sogar das selbsterklärte Ziel mancher Neurowissenschaft ler ist, eine
solche Fremdkontrolltechnologie zu entwickeln. Dabei geht es insbesondere um
die Kontrolle beziehungsweise Unterdrückung aggressiven Verhaltens. Wie weit
diese Kontrolle in der Praxis wirklich reicht, insbesondere ob sie weiter reicht
als andere verfügbare Möglichkeiten, ist beim derzeitigen Forschungsstand
allerdings noch nicht ausgemacht. Jedoch selbst dann, wenn die Technologie nicht
das hält, was sie eigentlich verspricht, kann sie zum Erreichen bestimmter anderer
Ziele dienen. So haben beispielsweise Sozialpsychologen den Bogus Pipeline-Effekt
nachgewiesen, bei dem Versuchspersonen mehr oder ehrlichere Informationen
über sich verraten, wenn sie davon ausgehen, dass sie durch einen angeblichen
Lügendetektor überprüft werden (Jones und Sigall 1971). Dieser Effekt wurde ins-
besondere im Zusammenhang mit Sexualstraftaten erforscht (z. B. Meijer et al.
2008). Neurotechnologien könnten also auch dann der Fremdkontrolle dienen,
wenn sie gar nicht richtig funktionieren.
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 275

Wie weit solche Versuche reichen können, hat gerade Adrian Raine aus-
formuliert, einer der aktivsten Forscher auf dem Gebiet der Neuroforensik. In
seiner umfangreichen Monographie The anatomy of violence: The biological roots
of crime (Raine 2013) beschreibt er ein zukünftiges Kontroll- und Präventions-
system, das wesentlich auf neurowissenschaft lichen und genetischen Fort-
schritten beruht und von dem Kriminalroman A Philosophical Investigation
(1992, dt. Das Wittgensteinprogramm, 2010) von Philip Kerr sowie der Science
Fiction-Geschichte The Minority Report (1956, dt. 2002) von Philip K. Dick in-
spiriert ist.10 Raine lässt das LOMBROSO (für Legal Offensive on Murder: Brain
Research Operation for the Screening of Offenders) getaufte Programm im Jahr
2034 beginnen, in dem seiner Meinung nach die Forschung so weit sein könnte.
Mithilfe von Gen- und Gehirntests könne man drei Typen gefährlicher Menschen
– tatsächlich wird es laut Raine nur für volljährige Männer eingeführt, die sich
dann in einer Klinik melden müssen – identifizieren, Menschen vom Typ LP-V,
LP-S und LP-H. Das erste Merkmal, Lombroso Positive-Violence, stehe für ein
Risiko von 79%, innerhalb der nächsten fünf Jahre ein ernsthaftes Gewaltver-
brechen zu begehen; das zweite (mit S für Sex) für ein Risiko von 82% einer Ver-
gewaltigung oder pädophilen Tat; das dritte schließlich (mit H für Homicide,
Tötungsdelikt) für ein Risiko von 51%, jemanden zu töten. Wer für mindestens
eines dieser Merkmale positiv getestet werde, komme in eine präventive Ein-
richtung, die Raine als eine Art Feriendomizil schildert: mit Möglichkeiten für
Bildung und Erholung sowie – nach angemessener Sicherheitsüberprüfung –
Kontakten zur Außenwelt und gelegentlichen Besuchen. Die Tests würden jähr-
lich wiederholt und unter bestimmten Bedingungen, wenn das Ergebnis bei-
spielsweise nicht länger positiv ist oder sich Sexualstraftäter einer Kastration
unterziehen, ist eine Entlassung unter Bewährungsauflagen und anschließender
permanenter audiovisueller Überwachung möglich.
Nach fünf Jahren, also 2039, könnte sich laut Raine das Präventionsprogramm
bereits ausgezahlt haben; dann sei die Tötungsrate nämlich um 25% gefallen. Die
Insassen hätten sich an ihr Leben gewöhnt, jedoch nicht unbedingt daran, mit den
anderen potenziell gefährlichen LP-Personen zusammenzuleben. Nach einigen
brutalen, durch Teenager verübten Gewalttaten würden nun auch unter dem
National Child Screening Program alle zehnjährigen Kinder mit einbezogen. Eltern
biete man eine intensive und stationäre zweijährige Behandlung ihrer positiv ge-
testeten Kinder an. Kurz darauf, im Jahr 2042, werde die Behandlung verpflichtend
und nach zwei weiteren Jahren würden die Väter, deren Kinder aufgefallen sind,

10 Vgl. zu diesem Aspekt auch den Beitrag „Ich bin verbunden, also bin ich“ von Martin
Engelbrecht in diesem Band.
276 Stephan Schleim

noch einmal einem Test unterzogen. Das Ganze endet in Raines Vorstellung schließ-
lich damit, dass im Jahr 2050 der Parental License Act verabschiedet wird, der es
Eltern vorschreibt, vor dem Kinderkriegen eine Art Führerschein zu erwerben.
Manche Leser dürften im letzten Kapitel von Raines Buch, dem Kapitel über
die Zukunft der Neurokriminologie, aus dem hier das LOMBROSO-Programm
wiedergegeben wurde, auf einen Enthüllungsmoment warten, nämlich den
Moment, an dem das Ganze als absurd entlarvt wird. Doch diese Leser warten
vergeblich: Raine hält das Ganze nicht nur für möglich, sondern sogar für wahr-
scheinlich. Die Essenz dieses präventiven Programms sei in Ländern wie England,
den USA, China oder Singapur sogar schon vorhanden, und der Autor fi ndet
LOMBROSO selbst humaner und gerechter als den derzeitigen Umgang mit
Strafgefangenen. Davon abgesehen, ob diese Aussage stimmt, kann man aus dem
angeblich schlechten Zustand heutiger Gefängnisse, den Raine immer wieder als
Argument für sein Programm anführt, natürlich unterschiedliche Reformvor-
haben ableiten – zum Beispiel die Verbesserung von Gefängnissen.
In der Science Fiction-Welt von Dicks Minority Report werden Menschen
immerhin erst dann verhaftet, wenn Sie mit der Ausführung eines kriminellen
Plans begonnen haben; es ist die Aufgabe einer polizeilichen Spezialeinheit, die
Tat kurz vor ihrem Vollzug zu stoppen. Im Gegensatz dazu haben die LP-Personen
wahrscheinlich noch nicht einmal mit der Planung eines Verbrechens angefangen
und hätten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch ohne das LOMBROSO-
Programm nie eines begangen. Der Besitz einer genetischen oder neuronalen Eigen-
schaft, die statistisch mit einem schweren Verbrechen assoziiert ist, ist in Raines
Modell für eine potenziell lebenslängliche, die Freiheit massiv einschränkende
Sicherungsmaßnahme hinreichend. Wer sich zudem etwas mit den Fortschritten
in der klinischen Neurowissenschaft beschäftigt, der kann schnell den Eindruck
gewinnen, dass die Liste der Gene, Gehirngebiete oder -zustände, die mit diesem
oder jenem Erlebens- beziehungsweise Verhaltensmerkmal in Verbindung gebracht
wird, immer länger wird. Es ist also gut möglich, dass unter einem Programm wie
LOMBROSO früher oder später beinahe jeder auf irgendeine Weise als verdächtig
angesehen wird.11 Während Raine übrigens immer wieder beteuert, dass sein
Programm – dem Elternführerschein zum Trotz – nicht auf Eugenik hinauslaufe,
hat Julian Savulescu, Direktor eines Ethik-Instituts an der Universität Oxford, das

11 In literarischer Brillanz, die bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat,
formulierte bereits 1882 der brasilianische Schriftsteller Machado de Assis in
seiner Novella O Alienista (engl. The Alienist) den Versuch eines Psychiaters, den
psychiatrischen Krankheitsbegriff zu definieren. In Konsequenz werden immer
größere Teile der Gemeinschaft in seine Klinik eingewiesen und am Ende weist er sich
sogar selbst ein.
Vom Hirnstimulator zur Gedankenkontrolle 277

Aussortieren eines Embryos mit einem Genotyp, der ihn angeblich zu einem er-
höhten Risiko für Gewalttaten prädisponiert, als rational bezeichnet.12
Dass die Neurowissenschaften heute nicht so weit sind, die direkte,
unhintergehbare Fremdkontrolle auszuüben, wie sie nicht nur in der Zukunfts-
literatur, sondern auch von einigen Forschern selbst ausformuliert wurde, sollte
inzwischen klar geworden sein. Ebenso wenig ist bisher echtes Gedankenlesen
möglich, das heißt das Entschlüsseln der mentalen ‚Sprache‘ des Gehirns. Ob so
etwas jemals technisch möglich sein wird, ist eine offene Frage. Beantworten lässt
sich hingegen schon heute die Frage, wem so ein neuroprädiktives Programm –
unabhängig von seinen Erfolgschancen – vorgängig am meisten nutzen würde:
dem Neuroforensiker nämlich, der Forschungsgelder, Geräte und Personalmittel
zugeteilt bekäme und anschließend leichteren Zugriff auf Versuchspersonen
hätte, nämlich auf diejenigen, die unter seinem Programm in die Kategorie
der gefährlichen Personen eingeordnet wurden. Am Ende ihrer Rezension von
Büchern der Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer wirft die Technikphilo-
sophin Petra Gehring die Frage auf, woher das Interesse der Neurowissenschaft ler
für die Forensik komme; sie vermutet, es könne die Ermöglichung von Forschung
am Menschen sein, für die man Zugang zu ‚Verbrechern‘ haben wolle (Gehring
2004). Unterstützend hat der Historiker Peter Becker in seiner geschichtlichen
Analyse der Neurokriminologie aufgezeigt, dass der Bereich des Verbrechens
immer wieder wichtig war, um die breite gesellschaft liche Bedeutung der Neuro-
wissenschaften zu unterstreichen (Becker 2012).
Gemäß dem eingangs zitierten Bericht unter Beteiligung zweier US-Ministerien
über die Neurobiologie der Aggression, ist es einfacher, den situativen beziehungs-
weise sozialen Kontext zu manipulieren, in dem aggressives oder kriminelles
Verhalten entsteht, als Risiko-Individuen zu identifi zieren. Vielleicht lässt sich
das übertreibende Kommunikations-Verhalten von Pionieren wie Delgado und
jenen, die heute in ihre Fußstapfen treten, auf folgende Weise verstehen: Fremd-
kontrolle durch Manipulation der Umwelt, ganz ohne Neurotechnologie, jedoch
mit den altbekannten Mitteln der Rhetorik. Den Interessen derjenigen, die die
entsprechenden Versuche durchführen, Kontroll- und Interventionsprogramme
einführen wollen, würde dies allemal nutzen – wenn man ihren Versprechungen
denn Glauben schenkte.

12 Im Interview mit dem ZEIT-Magazin 5/2013, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/05/


interview-philosoph-julian-savulescu-oxy tocin-spray-liebe/komplettansicht
(Zugegrif fen: 19. März 2014). Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die Aussage-
kraft der Variante des Monoaminooxidase-A-Gens, auf das sich Savulescu hier be-
zieht, unter Forschern durchaus umstritten ist.
278 Stephan Schleim

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Autorinnen und Autoren des Bandes

Andreas Anton, M.A., Studium der Soziologie, Geschichtswissenschaft und


Kognitionswissenschaft an der Universität Freiburg, derzeit Promotion im
DFG-Projekt „Im Schatten des Szientismus. Zum Umgang mit heterodoxen
Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR“ am IGPP Frei-
burg. Arbeitsgebiete und Forschungsinteressen: Wissens- und Gesundheitssozio-
logie, Methoden empirischer Sozialforschung. Aktuelle Buchveröffentlichung:
Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens (Hrsg. zus. mit M. Schetsche
und M.K. Walter), 2013.

Thomas Bock, Prof. für Klin. Psychologie und Sozialpsychiatrie, Dr. phil.,
Psychologischer Psychotherapeut, Leitende Funktion am Zentrum für Psycho-
soziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Mitbegründer
der Psychoseseminare und weiterer trialogischer Projekte, (Co)Autor von ca. 200
wissenschaft lichen Beiträgen in Fachbüchern und Zeitschriften, zahlreichen Fach-
und zwei Kinder-Büchern, u. a. Basiswissen Psychosen, Eigensinn und Psychose,
Achterbahn der Gefühle, Lichtjahre – unbehandelte Psychosen, Die Bettelkönigin;
aktuell: Sinnsuche und Genesung – zum subjektiven Sinn von Psychosen.

Johannes Dillinger, Prof. Dr. phil., Historiker, unterrichtet als Universitäts-


dozent in Oxford und Mainz; Arbeitsgebiete: Geschichte der Vormoderne, ver-
gleichende Regionalgeschichte, Geschichte der Magie. Aktuelle Buchveröffent-
lichung: Kinder in Hexenprozessen. Magie und Kindheit in der frühen Neuzeit,
2013.

Werner M. Egli ist Titularprofessor für Ethnologie an der Universität Zürich


und wissenschaft licher Mitarbeiter und Lehrbeauft ragter an der Universität
Luzern. Studium der Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Musikwissenschaft und

M. Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Fremdkontrolle,


DOI 10.1007/978-3-658-02136-8, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2015
282 Autorinnen und Autoren des Bandes

Musikethnologie in Zürich und Freiburg i.Br. Thematische Interessen: Rechts-


ethnologie, Kindheitsforschung, Schamanismus und indigene Psychologien sowie
Migration und Tourismus. Regionale Interessen: Südasien, Nordwestchina und
europäischer Alpenraum. Seit über 20 Jahren ethnographische Feldforschungen
in Nepal.

Martin Engelbrecht, Dr. phil., Wissenssoziologe, Nürnberg, erforscht seit


vielen Jahren die aktuellen Entwicklungen im Bereich der religiösen, spirituellen
und weltanschaulichen Gegenwartskultur. Schwerpunkte dabei sind: Islam,
Christentum, konfessionell ungebundene Spiritualitätsformen, sowie weltan-
schauliche Diskurse in modernen Unterhaltungsgenres. Aktuelle Veröffent-
lichung: Lernen und Religion. Vom globalen spirituellen Lernen. In: Behr et al.
(Hg.)2014; Zwischen Himmel und Erde.

Georg Felser, Dr. rer. nat., Professor für Markt- und Konsumpsychologie an der
Hochschule Harz, Wernigerode; Studiengangskoordinator im Studiengang Wirt-
schaftspsychologie. Arbeitsschwerpunkte: Entscheidungsforschung, Psychologie
der interpersonellen Beeinflussung, automatische Prozesse der Informations-
verarbeitung. Aktuelle Buchveröffentlichungen: Konsumentenpsychologie, 2014;
Werbe- und Konsumentenpsychologie (vierte überarbeitete Auflage), 2014.

Thomas Fuchs, Prof. Dr. med. Dr. phil., Psychiater und Philosoph, Karl-
Jaspers-Professor für Philosophie und Psychiatrie an der Universität Heidelberg.
Forschungsschwerpunkte: Phänomenologische Psychologie, Psychopathologie
und Anthropologie, Theorie der Neurowissenschaften. Buchveröffentlichungen
u. a.: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische
Konzeption, 2008; Leib und Lebenswelt. Neue philosophisch-psychiatrische Essays,
2008.

Matthias Hurst, Prof. Dr., Dozent für Film- und Literaturwissenschaft am


Bard College Berlin (früher ECLA European College of Liberal Arts, Berlin),
Arbeitsschwerpunkte: Filmgeschichte und -interpretation, Phantastik, Genre-
fi lm, Literaturverfi lmungen.

Nahlah Saimeh, Dr. med., Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Schwer-
punkt Forensische Psychiatrie. Ärztliche Direktorin am LWL-Zentrum für
Forensische Psychiatrie Lippstadt, Forensisch-psychiatrische Sachverständige.
Aktuelle Buchveröffentlichungen: Jeder kann zum Mörder werden, 2012; Das Böse
behandeln. Eickelborner Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie (Hrsg), 2014
Autorinnen und Autoren des Bandes 283

Michael Schetsche, Dr. rer. pol., Soziologie und Politologe, apl. Professor
am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität und Forschungs-
koordinator am IGPP Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Wissens- und Mediensozio-
logie, Soziologie sozialer Probleme und Anomalien, Sexualsoziologie. Aktuelle
Buchveröffentlichungen: Empirische Analyse sozialer Probleme. Das wissenssozio-
logische Programm (2. Aufl.), 2013; Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde –
Gesellschaftliche Diskurse – Sozialethische Reflexionen (Hrsg. mit R.-B. Schmidt),
2010.

Stephan Schleim, PhD in Cognitive Science, Assistant Professor für Theorie


und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen (Niederlande)
sowie Assoziiertes Mitglied am Munich Center for Neurosciences, Ludwig-
Maximilians-Universität München. Arbeitsschwerpunkte: Wissenschafts-
kommunikation, insbesondere der Neurowissenschaften, Philosophie und Ethik
der Psychologie und Neurowissenschaften. Aktuelle Buchveröffentlichung: Die
Neurogesellschaft. Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert (2011).

Bettina E. Schmidt, Dr. habil., Ethnologin, lehrt Religionswissenschaft an


der University of Wales Trinity Saint David, seit 2013 Direktorin des Alister
Hardy Religious Experience Research Centre in Lampeter. Arbeitsschwerpunke:
Geisterbesessenheit, Identität, Diaspora, Medizinethnologie und Gender; Feld-
forschungen in Mexiko, Puerto Rico, Ecuador, Peru, New York City (karibische
Diaspora) und São Paulo, Brasilien. Aktuelle Buchveröffentlichungen: Karibische
Diaspora in New York, 2002; Einführung in die Religionsethnologie, 2008; Spirit
Possession and Trance (Hrsg. mit L. Huskinson), 2010.

Renate-Berenike Schmidt, PD Dr. phil., Erziehungswissenschaft lerin und


Sozialisationsforscherin; arbeitet in der Gymnasiallehrerausbildung an der Uni-
versität Freiburg und als Wissenschaftsautorin. Arbeitsschwerpunkte: Sexual-
pädagogik, Sozialisationsforschung, pädagogische Ethik. Aktuelle Buchver-
öffentlichungen: Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung (Hrsg. mit U.
Sielert, 2. Aufl.), 2013; Körperkontakt. Interdisziplinäre Erkundungen (Hrsg. mit
M. Schetsche), 2012.

Gwen Schulz, Erzieherin und Tischlerin, auch psychoseerfahren, EX IN Aus-


bildung, seit 2010 Genesungsbegleiterin im UKE Hamburg, Buchveröffent-
lichung: Der Sinn meiner Psychose, 2013.
284 Autorinnen und Autoren des Bandes

Christian Vähling, Diplom-Sozialwissenschaft ler und Comiczeichner, befasst


sich von innen und außen mit Aspekten der Comic-Literatur. Weitere Arbeits-
schwerpunkte: Wissenssoziologie, Mediensoziologie, Kriminologie. Aktuelle
Veröffentlichungen: Das ‚Injury to the Eye‘-Motiv. Zum 25. Todestag von Fredric
Wertham (als Jähling) in: PANEL Online 2, 2006; Alte neue Möglichkeiten. Das
immer noch offene Versprechen der Webcomics (als Max Vähling) in: Burkhard
Ihme (Hg.): Comic! Jahrbuch 2013, 2012. Mehr zu seinem künstlerischen Werk
findet sich unter http://www.dreadfulgate.de/

Ralf Vollbrecht, Prof. Dr. phil., Erziehungswissenschaft ler und Medien-


forscher; Professor für Medienpädagogik am Institut Erziehungswissenschaft
der TU Dresden. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Medienpädagogik,
Jugend- und Medienforschung, Sozialisationsforschung. Aktuelle Buchver-
öffentlichungen: Handbuch Mediensozialisation (Hrsg. mit C. Wegener),
2010; Professionalität: Wissen – Kontext. Sozialwissenschaftliche Analysen und
pädagogische Reflexionen zur Struktur bildenden und beratenden Handelns (Hrsg.
mit M. Schwarz, W. Ferchhoff ), 2014.

Barbara Wolf-Braun, Dr. phil., Psychologin, Medizinhistorikerin und


-ethikerin; wissenschaft liche Oberassistentin am Dr. Senckenbergischen Institut
für Geschichte und Ethik der Medizin der Goethe-Universität Frankfurt am
Main. Arbeitsschwerpunkte: Klinische Ethik, Ethik und Geschichte alternativer
und komplementärer Behandlungsverfahren. Aktuelle Buchveröffentlichung:
Medizin, Okkultismus und Parapsychologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert
(Hrsg.), 2009.

Sascha Zorn, M. A., Interdisziplinäre Anthropologie. Arbeitsschwerpunkte:


Historische Anthropologie, Politikgeschichte des 19. Jahrhunderts, Okkultismus
im 19. Jahrhundert in Südbaden.