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Die Christengemeinschaft

Diese Zeitschrift dient der religiösen Erneuerung der Gegen-


. wart aus dem Geist eines sakramentalen Christentums, das
durch die Christengemeinschaft vertreten wird. Sie erscheint am
Anfang jedes Monats in Stuttgart und wird herausgegeben von .
Dr. Friedrich Rittelmeyer
14. Jahrgang 6 September 1937

Der Kampf um die Erde*


Eine Betrachtung zur Michaeliszeit
Friedrich Rittelmeyer

Was tun? spricht Zeus. Die Welt ist weggegeben.


Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein!

Als Schiller dies schrieb, war er „der Dichter“. Aber er war der deutsche Dichter. Er war der
Deutsche selbst in der Weltgeschichte. Damals. war ja die Zeit, wo die Deutschen wirklich als „das
Volk der Dichter und Denker“ sich in die Weltgeschichte eintrugen. In derselben Zeit, in der andre
Völker sich die Erde eroberten, erstürmten die Deutschen den Himmel des Geistes — für alle Völker. —
Ist das Schillerwort noch der Ausdruck für den Deutschen von heute? Nein. Der Deutsche von
heute sucht seinen Anteil an der Erde. Und auch die Menschen, die vor allem im Geistgebiet die
Zukunftsaufgaben der Deutschen sehen, wissen recht wohl, daß der Mensch mit festen Füßen auf der
Erde stehen muß, daß eine Geistesaufgabe auch eines Erdenleibes bedarf. Sie fügen nur mit allem
Nachdruck hinzu, daß der wahre Deutsche sich niemals wohl fühlen wird auf der Erde, wenn er nicht
seine Hauptaufgabe im Geistigen findet. So ist er nun einmal. geschaffen — zum Wohl für ihn
selbst und für die andern. \
Man hat den Christen oft zugerufen: Kümmert ihr. euch um den Himmel und. laßt uns. die
Erde! Die Christen sind selbst schuld daran, daß solche Rede aufkommen konnte. Sie haben, durch
Jahrhunderte, in selbstsüchtiger Weise den Himmel für. sich in Anspruch genommen und die Erde
den Räubern überlassen. Und darum haben sie sogar den Himmel gar nicht wirklich sehen können.
Sie haben ihn, um es kurz zu sagen, viel zu sehr als Gegen-Erde ausgemalt und nicht als Über-
Erde. So kam dann im vorigen Jahrhundert das Lied auf — und die Gesinnung: „Den Himmel über-
lassen wir den Pfaffen und den Spatzen!“
Und selbst in bezug auf den Himmel ist das Wort nur allzu wahr, das man kürzlich einmal in
einer Zeitung lesen konnte. Da war ein sächsischer Oberlehrer, der seit Jahrzehuten französischen
Unterricht gegeben hatte, nach Paris gereist, und nach seiner Rückkehr sagte er: „Jetzt habe ich
vierzig Jahre lang Französisch gelehrt, und nun sehe ich, daß es gar nicht Französisch war!“ Die
Zeitung, die es berichtete, fügte trocken hinzu: So wird es vielen Theologen einmal im Himmel gehen!

* Nach einem Vortrag auf der Dresdner Sommertagung .

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Man hat oft gefragt: Was sagt Christus eigentlich über den Himmel? Und man hat wenige Worte
gefunden. Fragen wir jetzt einmal: Was sagt Christus eigentlich über die Erde? Will unsre religiöse
Erneuerungsbewegung die Menschen ein neues Verhältnis zur Erde lehren, so muß sie ihr Recht und
ihren Auftrag unmittelbar auf Christus selbst zurückführen. Was hat Christus über die Erde gesagt?
*

Aus der Fülle der Worte Christi, in denen er über die Erde spricht, heben wir drei Worte hervor.
„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht!“
Welches ungeheure Selbstgefühl spricht aus einem solchen Wort, wenn man versucht, es einmal
wirklich ernst zu nehmen! Wie muß Christus die Wahrheitswelt seiner Worte in sich getragen haben
als eine viel stärkere und dauerndere Wirklichkeit als alle irdische Wirklichkeit, ja selbst als die
himmlische Wirklichkeit von heute, die für ihn sicher nicht nur durch den äußeren Anblick der Ge-
stirne gegeben war! Hier wird Weltgeschichte gesprochen. Im größten Stil. Über die Jahrhunderte
binweg taucht Buddha auf. Alles vergeht! Alles vergeht! Buddha war nicht müde geworden, dies der
Menschheit ins Bewußtsein zu rufen. Jetzt antwortet ihm Christus in einem Geistergespräch über
die Jahrhunderte hinweg: „Jawohl, du hast recht: Alles Irdische vergeht! Ich füge noch viel mehr
binzu: Auch alles Himmlische vergeht! Aber eine Wirklichkeit gibt es, die du noch nicht kanntest
und noch nicht kennen konntest, die ist dauernder als alles, was es in allen Weiten des Weltalls gibt;
die ist wirklich unvergänglich; das ist die Wirklichkeit, die in meinen Worten zu euch gesprochen hat!
Das große Wort steht nicht allein. Wir fügen ein zweites Wort hinzu, das eher noch größer ist.
„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden! Darum gehet hin... .!“
Man ist immer wieder vor die schneidende Wahl gestellt, den Menschen, der solche Worte ge-
sprochen hat, entweder für völlig geistesverwirrt zu halten oder mit höchster Aufmerksamkeit auf
ihn zu horchen. Hier steht Christus dem Cäsar gegenüber wie vorher dem Buddha. Wieder dürfen
wir einem Geistergespräch lauschen, das über die Täler hinweg, in denen die kleinen Menschen
wohnen, von den Hochgipfeln der Menschheit aus geführt wird. „Jawohl, du hast Macht auf der Erde,
sagt Christus zu Cäsar; aber du hast nicht alle Macht, du hast nicht alle Vollmacht; und du hast
deine Macht nur auf der Erde; ich aber habe Vollmacht, schöpferische Vollmacht auch über die himm-
lischen Reiche; und in diesem Auftrag ziehen meine Krieger aus ... .‘“ — „Vollmacht“ war der Name
der göttlichen Geister, denen die Schöpfung der Erde aufgetragen war...
Wir fügen ein drittes Wort hinzu, in dem sich Christus nım unmittelbar an uns selbst wendet und
uns unsre Losung gibt. .
„Dein Wille geschehe, wie oben in den Himmeln, also auch auf Erden!“ —
Es ist ein Jammer, daß sich die Christen an dies Wort allermeist erst erinnern, wenn sie sich gar
nicht anders mehr zu helfen wissen, wenn ihnen alle ihre eignen Wünsche und Pläne zerbrochen
vor die Füße geworfen sind. Sie haben die große Bitte zu einer kleinen Ergebung gemacht. Das Wort
aber ist der Heldengesang, mit dem die größten Weltstreiter in den „Kampf um die Erde“ ziehen.
Es ist das höchstgreifende und heroischste Wort, das je gesprochen wurde. Und es wird uns auf die
Lippen gelegt für unser Alltagsgebet. Mit diesem Wort schließt Christus die Erde an den Himmel an
und macht sie zum „untersten Himmel“, zum neuen werdenden Himmel. In diesem Wort hebt er die
gesamte Erde empor wie einen heiligen Kelch, der mit dem Inhalt von oben gefüllt sein will. So lehrt
er uns über den Himmel zu denken: daß dort der Wille Gottes geschieht; und so über die Erde:
daß er hier geschehen soll.
Den großen Sturmgeist des ersten Christentums muß man in dies Wort hineindenken, hinein-
fühlen, hineinwollen. Zum Beispiel die drei Heldenworte au die Jünglinge, die Christus gern
folgen wollten.
„Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen
Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege!“ Nichts von der Erde wollen!
„E28 die Toten ihre Toten begraben, du aber gehe hin nnd verkündige das Reich Gottes!“ Alles
-äör cie Erde wollen!
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes!
Alles für die Erde tun!
Da ist wirklich die Religion, da ist das Christentum die Heldenform des Daseins!
Man darf nicht übersehen, daß dies Christuswort gesprochen ist hinein in die Zeit, wo der gigan-
tische Kampf um die Erde begann. Alexander der Große hatte den Anfang gemacht. Die voran-
gehenden Kämpfe der asiatischen Großmächte waren nur das Vorspiel gewesen. Aber dann ging der
Eroberergeist mit aller Macht auf die Römer über. Der Eisenschritt der Legionen hallte wider von
allen Wänden der damaligen Welt. Die Griechen aber gingen mehr dem Griechen Aristoteles nach
als dem Mazedonier Alexander. Und im Lauf der Jahrhunderte blieben vom Griechent
um übrig —
die Mönche auf dem Berg Athos, die den Himmel eroberten und die Erde vergaßen
— indes die
Römer den Himmel vergaßen und die Erde eroberten.
Diese beiden Menschenarten stehen sich in der ganzen kommenden Geschichte immer wieder
gegenüber, selbst bis ins Christentum hinein. Die Mönche des Mittelalters, vorbildlich etwa
die Kar-
täuser, wollten immer wieder den Himmel um den Preis der Erde. Die Mönche einer heraufziehen-
den Neuzeit, die Jesuiten, dachten anders; sie wandten sich, wenn sie-auch den Himmel keineswegs
vergaßen, mit recht irdischen Mitteln oft der Erdenherrschaft zu. Die Lutheraner lebten mehr
für
den Himmel, die Reformierten vergaßen die Erde durchaus nicht und wurden — Amerikaner. In
jedem Gottesdienst sitzen heute noch diese beiden Menschenarten, wenn auch mannigfaltig ver-
wandelt und verkleidet, nebeneinander: die Menschen, die die Erde vergessen wollen, um sich „zu
erbauen“, und die Menschen, denen nur die Frage im Herzen lebt: Was habe ich davon für meinen
Erdenkampf?
Ina allergrößten Stil hat Christus diese beiden Menschenarten verbunden: im Vaterunser. Da steht
die Bitte: „Geheiligt werde dein Name!“ Das sind die Ersten. Aber gleich darauf folgt die andre
Bitte: „Dein Reich komme zu uns!“ Das sind die Andern. Die Bitten sind nicht auf zwei Menschen-
arten verteilt, sondern vollkommen vereinigt. Die wahren Christusjünger beten und tun beides.
Und in der dritten Bitte wird die Vermählung vor unsern Augen vollzogen: „Dein Wille geschehe,
wie oben in den Himmeln, also auch auf Erden!“
*

Aber was ist „dein Wille“? Ist es das göttliche „Reich“, die „Gottesherrschaft“? Wie verwirklicht
sie sich? Ist es „daß allen Menschen geholfen werde“? Wie wird ihnen in Wirklichkeit geholfen?
Man hat es unterlassen, auf eine Stelle hinzuschauen, wo Christus ganz ausdrücklich
gesagt
hat: „Das tut zu meinem Gedächtnis.“ Man hat gemeint, hier werde nur ein neuer
Gottesdienst
eingesetzt, vielleicht sogar ein „Nebengottesdienst“ für die Auserwählten. Man ist gar nicht
auf den
Gedanken gekommen, daß ein „Gottesdienst“, den Christus einsetzt als s eimen Gottesdienst, das
ganze Leben seiner Jünger auf Erden umspannen, darstellen, erziehen muß. „Das tut zu meinem
Gedächtnis!“ Das Wort für „Gedächtnis“, das griechische Wort uva, fordert geradezu heraus
zu der
Übersetzung: Setzt mir ein Denkmal! Was kann das für ein Denkmal sein? Doch nur
die ganze
Erde selbst! Daß die Erde zum Gedanken an mich wird! Zu meinem dauernden Gedanken!
„Er blickte auf zu seinem Vater.“ „Er nahm das Brot.“ „Er dankte.“ „Er einte seine Seele damit.“
„Er gab es seinen Jüngern zur Speise.“ *

Ehe wir die einzelnen Worte in ihrer Größe und Tiefe auf uns wirken lassen, wollen wir diese
Worte einmal betrachten im Licht der ganzen vergangenen Menschheitskultur. Dann erst werden wir
erkennen, wie die Menschenweihehandlung, in der der Christusgottesdienst heute neu zu den Menschen
gekommen ist, auf der Höhe der ganzen Menschheitsentwicklung gefeiert wird.
„Br blickte auf zu seinem Vater.“ — Das war der Charakter der uralt indischen Kultur, die
nach geisteswissenschaftlicher Forschung die älteste für uns erfaßbare Menschheitskultur gewesen
ist, die erste nach der atlantischen Katastrophe. Man blickte zurück zu seinen Ursprüngen. Man
wollte noch nichts wissen von der Erde. Man wollte heraus aus aller V ergänglichkeit und Geschichte

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in die göttliche Heimat. Die Kultur des Rückblicks, die
Kultur des Aufblicks könnte man dies Zeit-
alter nennen. Es war noch nicht der Aufblick im Sinn Christi.
Aber es war doch ein tief-heiliges
Aufblicken.
Ein zweites Zeitalter zieht herauf. Die urpersische Kultur. Da „nahm“ der Mensch die Erde.
Noch nicht im Geist der Abendmahlsstunde. Aber doch in
echt religiösem Sinn. Der Mensch nahm die
Erde in Besitz und bewußte Verwaltung. Er fühlte seinen Erdenau
ftrag. Er kämpfte um die Erde für
die Lichtmächte gegen die Dunkelmächte. Er züchtete den Weizen,
säte und erntete ihn. „Er nahm
das Brot.“
Ein großer Weltenschritt vorwärts. Die babylonisch-ägyptisch
e Kultur beginnt. Da schaut sich der
Mensch seine Erde noch näher an. Die babylonischen Preisge
bete steigen empor. Die ägyptischen
Sonnenlieder. Die israelitischen Dankpsalmen. „Er dankte.

Erst der Grieche aber fängt an, seine Seele im Erdenstoff voll
zum Ausdruck zu bringen. Er gibt
seine Seele hinein in den Stein, und wunderbare Götterb
ilder steigen empor. Er bildet im Erden-
stoff nach, was seine Seele von der unsichtbaren Welt erlebt und
ersehnt, und herrliche Lichttempel
heben sich aus der Tiefe. Noch nicht im vollen Sinn Christi, aber: „Er einte seine Seele damit.“ —
Doch nun können wir nicht weiterkommen ohne das Christentum. Ohne
den Blick auf die Stunde
des Christusmahls selbst. Ehe wir sie betrachten, müssen wir noch fragen:
Was ist eigentlich das Brot?
*

Oft hat man gesagt: Im Christusmahl ist das Brot der Vertreter der
Erde, es ist die Erde selbst.
Aber man kann auch umgekehrt sagen: Die Erde ist das Brot. Im allerumf
assendsten Sinn ist dies
wahr und ergibt noch einen viel tieferen Sinn. Als der Vater aller Welten die Menschheit werden beß,
da gab er ihr zu ihrem Lebensbrot, zum täglichen Lebensbrot — die Erde.


Man denke nur einmal alle Tätigkeiten und Wirkungen des Brotes durch, und
man wird zu seinem
Erstaunen finden: Alles ist nur ein Abbild im Kleinen dessen, was die Erde im Großen an uns tut
und wirkt.
.
Nichts gleicht dem Wohlgeschmac eines gesunden Brotes. Das ist ja bekanntl
ich der Wohlgeschmack,
den der Mensch immer haben kann, und der täglich frisch bleibt. Nur unsre
gewaltsamen Düngemittel
könnten uns allmählich um diesen Wohlgeschmack bringen und sind auf dem
besten Wege dazu. —
Schon hier.offenbart sich ein Weltgesetz, dem wir überall im Erdenleb
en wieder begegnen: wie das,
was dem Menschen not ist, ihm zugleich angenehm gemacht ist. In allen
Jahrhunderten ist der Mensch
in helle Freude ausgebrochen über die Schönheit seiner Erde. Und ist nicht
die Schönheit im tiefsten
Sinn ein Wohlgeschmak? Der Wohlgeschmack? Wir wollen hier keine
ästhetischen Theorien auf-
stellen, aber wir meinen, der Satz würde sich bis in alle Einzelhei
ten hinein erweisen lassen: Schön ist,
was dem Menschen wohl tut, seinen höheren Sinnen, seiner Seele,
seinem Geist vor allem. Und würden
nicht die Menschen selbst die Erde zu einer Stätte des Hasses machen,
so würde der Wohlgeschmack
des täglichen Brotes die Menschen immer wieder erinnern an das Gnadenge
schenk ihrer Erde selbst.
Aber das Brot tut dem Menschen nicht nur wohl, es gibt ihm auch Kraft. Die Kraft, die er für
seinen Erdentag braucht. Und nun sehe man sich einmal die Erde
daraufhin an, wie alles in ihr so
eingerichtet ist, daß es die Kräfte, die im Menschen angelegt
sind, stärkt und steigert. Die
Erde hat die Kräfte des Menschen genährt und gestärkt, schon als
er den Urwald roden mußte, um
leben zu können. Die Erde hat die Kräfte des Menschen genährt und
gestärkt, als er Sonne, Mond
und Sterne berechnen mußte, um sich in den Jahreszeiten zurechtzu
finden. Die Erde hat die Kräfte
des Menschen genährt und gestärkt, als er zu immer neuen Erfindun
gen und Entdeckungen gedrängt
wurde. um sich auf der Erde so geschickt wie möglich einzurichten.
So passend ist die Erde für den
Menschen, der sich auf ihr entwickeln soll, daß man umgekehrt geradezu
hat meinen können: der
Mersch habe sich der Erde angepaßt, und der angepaßte Mensch habe eben
im Lebenskampf ge-
rt Daß dies nur eine Halb- oder Viertelswahrheit ist, davon hat man sich
längst überzeugt. Erde
== Mensc sind zusammen geworden und waren aufeinander eingerichtet —
wie das Brot auf
Z== Merschen.
-;e
Noch eine dritte Mission hat das Brot. Es verbindet uns mit dem Leben unsrer Erdense't —:
ihren Kräften und Gesetzen, mit ihrer eigentümlichen Art und ihrem verborgensten Wesen. Y:e]
mehr, als wir gewöhnlich im Bewußtsein haben. Man hat darauf hingewiesen, daß der Reis den
Menschen zu wenig mit der Erde verbindet und der Mais zu viel; daß aber der Weizen, das Brot,
gewissermaßen in der Mitte, den Menschen gerade in der rechten Weise auf die Erde stellt. Ähnliche
Entdeckungen sind noch viele zu machen. Und auch darin ist die Erde selbst im umfassendsten Sinn
das Menschenbrot, daß sie den Menschen verbindet mit dem göttlichen Willen, der in der Erde waltet,
mit dem göttlichen Leben, das durch die Erde sich kundgibt, wit dem göttlichen Wesen, aus dem die
Erde geboren ist.
Das ist die dreifache Mission der Erde: den Menschen zu erfreuen; den Menschen zu nähren und
alle seine Anlagen und Kräfte zu stärken; den Menschen im geheimen Zusammenhang zu halten
mit einem größeren Leben, das ihn trägt, das er finden, dem er sich verbinden soll. Genau diese drei-
fache Mission der Erde lebt uns das tägliche Brot im Kleinen vor. Das Brot ist die kleine Erde. Die
Erde ist das große Brot.
Nur auf eines sei noch hingedeutet. Eine feingebildete Frau des vorigen Jahrhunderts, Pauline Brater,
soll manchmal geseufzt haben: ,„O könnten wir unsern Planeten doch direkt essen!“ Es fiel ihr nicht
leicht, täglich in der Küche zu stehen. Aber wir alle stehen täglich in der Küche. Das ist die Eigen-
art des Brotes, das wir essen, daß es erst erarbeitet werden muß auf dem Acker, und daß es dann
erst noch verarbeitet werden muß im Menschen selbst.
Genau so ist es mit der Erde. Wir müssen sie uns erst erarbeiten außer uns. Und dann müssen wir
sie verarbeiten in uns. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ Das Wort ist auch in dem Sinn
wahr, daß ein Mensch, der gar nicht arbeiten wollte, sogar am Essen allmählich immer weniger
Freude fände und allmählich Krankheiten bekäme, die auf eine Ünterernährung seines mensch-
lichen Organismus, der die Arbeit zum Leben braucht, zurückgingen. Es gibt nicht nur ein „Brot-
studium“, sondern in gewissem Sinn ist alles Studium selbst Brot: Brot für die Ernährung
unsres geistigen Menschen. Wie Naturgenuß „Brot“ sein kann, wie Gemeinschaft „Brot“ sein kann.
Dies alles muß in uns erst verwandelt werden, ebe es uns in vollem Siun zugut kommen kann. Wie
das Brot einfach hindurchgehen muß durch den Menschen, um in ihm zur Kraft des Lebens zu
werden, so geschieht es im größten Stil mit der Erde selbst, die durch die Menschheit hindurchgehen
soll. Und je mehr Erde durch uns hindurchgegangen ist und von uns innerlich verarbeitet worden
ist, um so mehr sind wir Menschen. Und wenn die Erde einmal ganz ausgenützt ist für die Erkraftung
und Erziehung des Menschen, dann wird sie als Schlacke abgeworfen, nicht anders als wie wir das,
was uns keine Kraft mehr geben kann, von uns werfen.
Die Erde mit allen ihren Gaben, Gesetzen, Forderungen, Möglichkeiten ist das Brot. Und als
Christus das Brot emporhob, da hob er die ganze Erdenwelt empor. — Erst wenn solche Gedanken,
solches Bewußtsein unsre Seele erfüllt, sind wir vollbewußte Gäste des Christusmahls.

Aber der Wein?


Das Geheimnis, auf das wir hier hindeuten möchten, tritt am besten in zwei Bildern vor unsern
Geist. Unsre Vorfahren sprachen von der Weltenesche. Viel zu wenig ist gesehen, daß diese Welten-
esche wirklich ein Bild ist der Welt, wie man sie damals sah, und zugleich ein Bild des Menschen.
Der ‘Adler im Horst, der Drache an der Wurzel, die äsenden Hirsche an den Zweigen: ein tragisches
Bild weher Vergänglichkeit, ohne Hoffnung. Diesem Bild hat Christus ein andres Bild gegenüber-
gestellt. Und nur, wenn man dies Christus-Gleichnis in solchen weltgeschichtlichen Zusammenhängen
schaut, siebt man es richtig. Das ist der Weinstock. Neben vielem andern, was er uns sagen will,
ist er auch das Bild der neuen Erde, des großen kommenden Weltdaseins. Da werden wir mit
Christus zu einem Leben verbunden sein, wie die Reben mit dem Weinstock. Da werden wir aus
dieser Lebensverbundenheit heraus edle Früchte bringen können, wie die Reben in den Trauben.
Über dem Gleichnis Christi dort im 15. Kapitel des Johannesevangeliums schweben wie ein Engels-

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gesang die beiden Worte: Freude und Liebe. Freude ist die Verbundenheit mit dem Weinstock. Liebe
ist das Früchtetragen, das aus dieser Verbundenheit hervorgeht.
Nicht nur die jetzige Erde ist da im Christusmahl, sondern auch die neue Erde. Und wenn
nach alter christlicher Sitte beim Abendmahl ein Teil des Brotes in den Kelch gelegt wird, so wird —
außer anderem, was man damit sagen wollte — die alte Erde mit der neuen Erde vereinigt.
Nicht zufällig heißt das erste der sieben Ich-bin-Worte im Johannesevangelium: Ich bin das Brot!
und das letzte: Ich bin der Weinstock! Und dies Wort spricht Christus unmittelbar, ehe er in den
Abschiedsreden die letzten Weltenziele vor uns enthüllt: volle Lebensgemeinschaft zwischen dem Vater,
dem Sohn und den Menschen. Ein Gang vom Brot zum Wein: das ist der Erdengang des Menschen.
Und das Christusmahl bildet ihn vor.
*

Und nun treten wir in die große Kommunion ein.


„Er nahm das Brot.“ — Wir sind nicht Räuber, wenn wir die Erde „nehmen“. Etwas unausdenk-
lich Heiliges kann es allezeit sein, wenn wir ein Stück der Erde „nehmen“, innerlich aufblickend
zu Christus, wie er selbst zum „Vater“ aufgeblickt hat.
Der Buddhismus wollte die Erde nicht „nehmen“. Und es gibt auc ein Christentum, von dem
dasselbe zu sagen ist. Überall dort, wo man sich für die Einzelheiten der Erde gar nicht interessiert,
weil man ja doch „für den Himmel da“ ist, überall wo man kein volles Ja hat zur Erde, da ist ein
Christentum, das nicht „Christus nachfolgt“. Es gibt auch eine Wissenschaft, die die Erde nicht
„nehmen“ will, oder die sie nur nehmen will, um sie dann nur um so besser wegwerfen zu können.
So hat Eduard von Hartmann gesagt: Die ganzen Erdenwissenschaften sind eigentlich nur dazu gut,
daß die Menschheit einmal, wenn sie reif geworden ist, die ganze Erde auf einmal in die Luft
sprengen kann und sich selber mit.
In einem positiven und göttlichen Sinn steht die gesamte Erdenwissenschaft unter dem christlichen
Komrmunionwort: Nehmet! Sie ist damit eingeordnet in die heilige Handlung, die wir an der Erde
vollziehen. Schlimm ist es, daß erst Nietzsche die Menschen hat erinnern müssen: Bleibt mir der
Erde treul, wo doch Christus, als er mit dem Brot, mit der Erde sich verband, für alle Zukunft gegen-
über der Erde der Treueste der Treuen war.
„Nehmet“ — doch zwischen Nehmen und Nehmen ist ein großer Unterschied. — An derselben
Stelle, wo Christus gesprochen hatte: Nehmet!, stand wenige Jahre später der römische Cäsar und
sagte auch: Nehmet! Da brachen seine Horden plündernd ein in Jerusalem und nahmen, was sie
fanden, Schätze, Habseligkeiten, Männer, Frauen. „Dann kommen die Römer und ‚nehmen‘ uns
Land und Leute‘, hatten die Pharisäer geweissagt — als sie Christus nicht hatten „nehmen“ wollen.
Zwischen Nehmen und Nehmen ist ein großer Unterschied, schon wenn wir das Brot auf dem Tisch
in die Hand nehmen. Es mag ein Scherz sein, was der alte Pfarrer antwortete, als einige junge Leute
ihn hänselten, daß er sich das Glas Wein auch gut schmecken lasse: „Meinen Sie deun, daß Gott
den Wein nur für die bösen Menschen hat wachsen lassen?“ Aber recht hat er doch gehabt, in
einem viel tieferen Sinn, als er selbst wußte. Der Erde abringen, was sie uns irgend geben kann
für Geist, Seele, Leib: das ist die Erfüllung des Kommunionwortes: Nehmet!

*
„er dankte.“
Wenn wir an diese Worte kommen in der heiligen Handlung, dann mag es uns oft durch die Seele
ziehen, daß wir noch nicht danken können, nicht so danken können, wie Christus gedankt haben
mag. Und doch ist uns die ganze Erde vor allem auch zum Danken-Lernen gegeben, Im Dank geht
sie in unsre Seele hinein und verwandelt sich dort in Geist. Wieviel Möglichkeit zum Danken liegt
in einer einzigen Blume! Wie unerhört viel Gelegenheit zum Danken gibt ein einziger Tag!
Wir Menschen haben noch keine Ökonomie des Dankens. Dank ist ja Freude, Freude nach oben.
Und darum Kraft, Kraft von oben. Wir wissen nicht, was wir alles aus dem Danken herausholen
könnten, auf der Erde, die uns zum Danken geschenkt ist. Wir haben noch keine Ökonomie des

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Dankens — und wir haben auch noch keine Kommunion des Dankens. „In Dank rershlimstich ===
Sein.“ Ein tiefes Kommunion-Erlebnis könnte uns jeder Augenblick wahren und echten Dankens
werden. Wohl halten wir unsre Kinder an, für jedes Stück Brot, das wir ihnen reichen, „Danke!“
zu sagen, aber wir selbst dispensieren uus, zu unsrem eignen Schaden, bei dem Lebensbrot, das ums
fortwährend durch die Erde gereicht wird.
Würden wir erst wissen, was Schelling gewußt hat, daß die ganze Erde „verzaubertes Gemüt“ ist,
so würden wir durch das Danken immer unmittelbar eintreten in das göttliche Gemüt und mit ihm
Kommunion halten.
*

Aber noch immer haben wir nicht vom eigentlichen „Kampf“ um die Erde gesprochen. Sondern —
vom Danken. Doch schauen wir Christus an, wie er in jener Stunde vor uns steht. So schlicht und so
vollkommen wie möglich offenbart er uns, welches die Weihe ist für den Kampf um die Erde. Wenn
der Mensch aufblickt: dann bereitet er seinen Geist. Wenn der Mensch dankt: dann
bereitet er seine Seele. Wenn der Mensch nun nimmt: dann hat er den rechten Willen. Erst
muß der Mensch geweiht werden, ehe die Erde geweiht werden kann. Und Christus hat es uns
vorgetan in der heiligen Erden-Handlung jenes Abends.
Nun aber segnet er das Brot. Er „eint seine Seele damit“, wie es für unsre Zeit übersetzt ist. —
In einem Reiseführer für Italien findet man einen denkwürdigen Rat. Da wird den Menschen, die
sich in Italien von den Eindrücken einer großen Vergangenheit überwältigen lassen könnten, freund-
lich zugesprochen: „Man setze der großen Vergangenheit unbekümmert seine Persönlichkeit ent-
gegen!“ Wenn man an die „Persönlichkeiten“ denkt, die sich daraufhin dem Colosseum, den Madonnen
Raffaels „unbekümmert entgegensetzten“, könnte uns wohl das Lächeln kommen.
Noch viel größer aber ist die Gefahr, daß sich der Mensch von seiner reichen und starken Erde
erdrücken läßt. Was würde daraus werden? Günstigenfalls: ein neues Chinesentum! Das haben so
grundverschiedene Geister wie der russische Revolutionär Alexander Hertzen, der englische Logiker
Jobn Stuart Mill, der deutsche Denker Friedrich Nietzsche mit Grauen von der Zukunft der Mensch-
heit befürchtet. „Wir haben das Glück erfunden, sagt der letzte Mensch, und bliuzelt.“
Der Mensch ist aber dazu da, der Erde erst ihre Seele zu geben. — Es hat auch eine ganz andre
Vorschau für die Zukunft gegeben als die eben erwähnte. Große Geister haben gefühlt: die Erde
ist an einem gewissen Punkt ihrer Entwicklung gleichsam stehen geblieben. Nun wartet sie. Die ganze
Erde wartet. Mehr noch: sie sehnt sich. Mehr noch: sie hat Angst, ob ihr Sehnen Erfüllung findet.
So wurde die Erde lebendig erlebt. Und wonach sehnt sie 5ich? Sie wartet auf etwas, das kommen
soll. Auf etwas, das sich ihr offenbaren soll. Sie wartet auf den Menschen, der es ihr offenbaren
sol. Auf den göttlichen Menschen, der ihr in Freiheit erst das Höchste zu schenken hat. Dies ist
gemeint, wenn der Apostel Paulus sagt: „Das angstvolle Harren der Schöpfung wartet auf die Offen-
barung der Freiheit der Söhne Gottes.“
Der Mensch soll der Erde erst ihre Seele geben, ihre neue Seele. Haben wir keine Vorbilder
dafür? Wie sehr hat es Franziskus verstanden, dem Flecken Erde dort in Assisi seine Seele- ein-
zuhauchen! Wie stark lebt in den Werken Luthers, selbst in seiner Bibelübersetzung, wo er so ganz
der Christusoffenbarung hingegeben ist, und gerade in ihr, seine Seele. Wie herrlich offenbart sich
die Seele Raffaels in der Madonna Sixtinal
Jeder Mensch ist berufen, einem Stückchen Erde die Seele zu geben. Und dies ist der Sinn .des
Christusmahls: daß Christus dem Brot, daß Christus der Erde seine eigne Seele gegeben hat und zur
neuen Seele der Erde werden wollte, geworden ist. Wie wir selbst im heiligen Mahl mit Brot und
Wein die Christusseele empfangen, so können nun auch wir als geweibte Kämpfer eintreten in den
großen Kampf, der Erde selbst ihre Seele, die Seele der Reinheit, Geistigkeit, Güte, die Christusseele
einzuhauchen. Das ist unser Kampf um die Erde, im Großen wie im Kleinen!
Was soll aus der Erde werden? Viele Menscheri denken nie darüber nach, obwohl sie sechzig Jahre
}
auf der Erde leben. Irgend etwas wird schon geschehen, denken sie. Sie haben die Wahl zwischen

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den beiden großen Visionen, die wir geschaut haben: ein neues — viel schlimmeres — „Chinesen-
tum“ oder eine Offenbarung der Söhne Gottes. Gib dem Stück Erde, das in deine Hand gegeben wird,
eine Seele! Gib ihm die Christusseele! Verlaß den Flecken Erde nicht, auf dem du gewohnt hast,
ehe du das tust! Das ist im Christussinn seines letzten Vermächtnisses gedacht und gelebt.
*

Aber noch ein Letztes kommt hinzu. „Er gab es seinen Jüngern zur Speise.“
Nur ahnend können wir hineinschauen in die weltengroße Kommunion, die da vor unsrem Geist
emporsteigt. Geben, immer geben, sich selbst geben, in allem, was man gibt, und vor allem
in sich selbst die Christusseele geben; nehmen von Christus, „von seiner Fülle Gnade um
Gnade“, aber nichts für sich behalten, gar nichts, alles den Mitmenschen und der Erde geben, und
sich selbst ganz in alles hineingeben: ein solches unausdenklich großartiges Nehmen und Geben sollte
das Leben auf der Erde werden, wie es Christus in jener Stunde vor sich gesehen hat. Darum gab er
sich selbst, nachdem er sich mit dem Brot der Erde geeint, „den Jüngern zur Speise“. Nehmen wir
seine hohe Liebestat ernst, folgen wir ihm auf seinen Wegen, so taucht das ganze Leben der Men-
schen auf der Erde ein in eine allumspannende Kommunion. Kommunionstimmung beginnt sich überall
zu regen. Jeden Augenblick, wo ich mich selbst in meine Worte hineingebe, gebe ich mich meinen
Mitmenschen zur Speise. Jeden Augenblick, wo ich in mein Werk meine Seele hineinlege, eine
durchchristete Seele, teile ich Kommwnion aus, bilde ich auch mit an der neuen Seele der Erde.
Jeden Augenblick, wo ich, wenn auch in noch so kleinem Erdenraum oder Erdendienst, das tue, was
Christus damals getan hat, setze ich sein göttliches Werk fort, führt Christus selbst in mir sein
göttliches Werk weiter.
Wie haben die Großen der Erde die Menschen genährt! Wie haben sie mit ihren Werken die
Menschheit gespeist! Wie hat Christus selbst sein Wort erfüllt, daß er zum Essen da ist, daß er
das Brot des Lebens ist!
Im Johannesevangelium werden die Jünger auf drei Stufen emporgeführt. Zuerst sind sie „Jünger“.
Dann werden sie in den Abschiedsreden „Freunde“, weil Christus sie nicht nur lehrt; sondern teil-
nehmen läßt am göttlichen Weltenplan. Dann aber, nach der Auferstehung, werden sie „Brüder“,
"weil Christus sich mit ihnen ganz zu einem neuen Lebeusbund verbinden will. Wir sind seine Jünger,
"wenn wir von ihm nehmen. Wir sind seine Freunde, wenn wir mit ihm nehmen. Wir sind seine
Brüder, wenn wir mit ihm geben. %

Das ist nun nicht ein Christentum, das neben andrem Christentum steht und auch sein Recht
bat. Sondern es ist das Christentum, das sich auf die letzte Christusstunde gründet und sie fort-
führt auf der Erde. Es ist das Christentum, das unmittelbar herausgenommen ist aus dem letzten
Auftrag Christi: Das tut zu meinem Gedächtnis! Noch ist das Christentum gar nicht wirklich auf
der Erde angekommen, wenn ein solches Christentum nicht da ist. Selbst Luthers berühmtes Helden-
lied „Das Reich muß uns doch bleiben!“ ist noch nicht das Höchste. Die Erde soll des Herrn
werden!
Und es ist dies Christentum so recht für unsre Zeit, die die Erde liebt, die die Tat liebt und die
die Zukunft liebt.
Und jede Menschenweihehandlung ist ein Kampf um die Erde! Das ist ihr Sinn. Sie stärkt nicht
nur zum Kampf um die Erde. Sie führt diesen Kampf im Zentrum selbst. So ist sie der Gottes-
‘dienst der Menschen, die Christus in diesem Sinn dienen, die der Erde in diesem Geist helfen wollen.
Die Welt soll heute wissen, daß ein solches Christentum da ist. Nicht zum Kampf den Frieden
bringt das Christentum, sondern zum Kampf die Kraft, zum Kampf den Geist, zum Kampf den Sieg.
Nun steht der Deutsche nicht mehr vor der Erde und sagt entsagungsvoll: „Die Welt ist weg-
gegeben.“ Sondern er kommt aus dem Himmel, wo er gewesen ist, wo er immer sein kann, und
kehrt in Freiheit zur Erde zurück und will im höchsten Sinn, um hier auf das Mittelpunktswort der
Menschenweihehandlung hinzudenten, „das Göttlicie wiedergeben den Menschen“.

148
Das Deutsche Antlitz
Rudolf Fuchte

Schaut ihn an, wie er in seinen Augen hockt Schaut ihn rätseln
im Kreise von Gestirn und Mensch
Und nach draußen und drinnen schaut Und seht, wie er am Abend die Fäden greift
Dem Bauern gleich, der in der Hoftüre steht Aus dem Unsichtbaren
Der an das Wetter über den Feldern Wie seine geschickten Hände flechten
Und an das Kalb im Stalle denkt... Zum Knoten das Ding des Tages
Sekt wie er in seiner Stirne umhergeht Doch erschreckt nicht, wenn er am Morgen
Wie er trägt und bewegt Mit mutigen Händen wieder zerreißt
Hört hinter der beinernen Kuppel Was gestern sein Werk wurde
Über die die Falten wie Feldwege gehen Und wenn er in tiefem Ernst in das Land schaut
Dumpfes Grollen der Gedanken . Wo die Wolkenschatten ziehn und dir sagt
Ist er nicht wie ein Müller Daß alle Dinge dieser Welt nicht mehr sind
Der in seiner Mühle schafft Als der Schatten der jagenden Wolke
Und das Korn prüft Als ein dünnes Gewebe im Unsichtbaren
Und die schweren Steine, die rollen Und im Wollen des Menschen
Der auf das tiefe Brausen hört Und liebt ihn, wie er dasitzt
Das der schnelle Bach aus breiter Brust stößt Der Weber zwischen Himmel und Erde
Ein Müller, der im Strömen, Wachsen und Treiben Der Schaffer und der Zerstörer
Der Welle und der Sonne lebt Aus Fruchtbarkeit
Der aber über allen Stimmen die letzte
große Stimme sucht... Seht den MENSCHEN ...

Ein Besuch im Kloster Valamo


Ernst von Hippel

Im nördlichen Teil des Ladogasees, den heute die finnisch-russische Grenze in zwei fast gleichgroße
Teile zerschneidet, liegt die Klosterinsel Valamo. Rund 40 km vom Festland entfernt, zu Finnland
gehörig, zeigt sie eine Gestalt, die ein wenig an die eines Ankers erinnert, der seine Tiefe nach Ruß-
land senkt. Und wie der See, in dem das Kloster liegt, an Größe ein Meer ist, erweckt Valamo, mit
seinen Nebeninseln und Gewässern fast zwei Meilen über Kreuz, seinerseits das Gefühl des Fest-
landes. Eines Festlandes, bedeckt von einsamen Wäldern, von Wiesen und verstreuten Feldern, von
Fischerdörfchen, Einsiedeleien, von Kirchen und Kapellen, die namentlich an der granitenen Steil-
küste des Nordwestens sich erheben. Aber alles überragt die Klosterkirche von Valamo.
Auf Valamo, mag heute immerhin der Staat Militär dort halten und zunehmend die Verwaltung
an sich ziehen, herrscht geistig das Kloster, ohne welches die Insel nichts wäre als ein gleichgiltiges
Stück Land, woran Finnland nicht arm ist. Und wie zu jedem Ende der Insel und weit über das
Meer hinaus bis nach Rußland hinein der Ton der großen Glocke dringt, wird alles auf der Insel
gleichsam aufgerufen und geregelt in einem Tageslauf, den sie bestimmt. Damit lebt auf dieser Insel,
die kein Auto und kein Motorrad kennt, etwas nach vom Geist des Mittelalters in einer durchaus
echten Form. Ja selbst die Mönche in den Einsiedeleien auf der weltfernen Insel im weiten See
empfinden sich wirklich als Einsiedler und spielen es nicht nur, wenn auch die Woge des Fremden-
verkehrs heute bis zu ihnen brandet. Und wenn man erlebt, wie in einer einsamen Kirche ein Mönch
ganz allein hingegeben sein Abendoffizium singt, so spürt man etwas wie einen letzten Nachklang
von jenen frommen Klausnern, denen der Gralsritter begegnet, und von denen die Romantik
noch träumt.

149
Einem Selbstmörder
Emma Ändrae

Verschlossen ist das Tor. Wir aber stehn Oh redeten die Bämme nie zu Dir
In Qual und Trauer diesseits seiner Schwelle Von Einem, der am Kreuzesho!z zestorben
Bestürzung fesselt uns an diese Stelle: — Der für uns alle neues Sein erworben
Oh könnten wir noch helfen, eh wir gehn! Und daß Er auferstehen wollt” in Dir?

Die Bäume stehn von Licht umflossen Oh, wie hast Du an Ihm gehandelt
Wie Deine Hand sie oft auf’s Blatt gebannt, Der Du Ihn preisen solltest für das Reine,
Der Frühling, den Du liebst, geht durch das Land — Das Er in Dich gelegt. Es glich dem Edelsteine,
Und Du — Du selbst — Du hast Dich ausgeschlossen! In dumpfe Kohle hast Du es verwandelt.

Weit ist Dein Weg. Du wirst ihn gehen müssen.


Die Kohle wird einst wieder zum Kristall.
Der Menschenmühe neigt sich Gnade aus dem All —
Dann erst sind Alle wir dem Tod entrissen!

Mozarts Lebensbegegnung
Heinz Thiersch
Schiller:
Was ich ohne dich wäre, ich weiß es nicht — aber mir grauet,
seh’ ich, was ohne dich Hundert’ und Tausende sind.

Wer sich ums Jahr 1777 oder 1778 vom gegenüberliegenden Ufer dem Rheine bei Mannheim
näherte, um dem breitgelagerten Schlosse in einem Nachen zugeführt zu werden, konnte, wie Jakob
Rieger im Stiche es festgehalten, eine kleine Gesellschaft anmutig bewegter Persönlichkeiten dem
Fährkabne enisteigen sehen. Einige deuten auf den väterlich majestätischen Strom hinaus, andre
treibt schon das schöne Gespräch landeinwärts. Da waren unter ihnen zwei Menschen zu gewahren,
unscheinbar, aber mit feurigen Augen. Wer aufpaßte, kounte Mozart und Aloysia Weber in ihnen
erkennen. Diese war bescheiden im modischen Stile ihrer Zeit gekleidet, einige Straußenfederz auf
dem Scheitel, einen wallenden Schleier vom Haare auf den Rücken hinunter, mit Pelz Ärmel und
Jacke verbrämt, eine herrliche Schärpe um die Hüften — ihr mädchenhaft frisches Wesen konnte
sich famos entfalten. Und das geschah auch. Als Mozart sie gesehen und kennen gelernt, ging es
wie ein Ruck durch seine Seele. Durch Aloysias Bild kamen innere Dinge in Gang, die ihn, wenn man
so sagen will, noch kindlich reiner, wenn man anders sagen will, noch kindlich reifer, aber doch eben
unsterblicher zu machen imstande waren. „Ich bitte, alles von mir zu glauben, was Sie wollen, nur
nichts Schlechtes. Es gibt Leute, die glauben, es sei unmöglich, ein armes Mädel zu lieben, ohne
schlechte Absichten dabei zu haben. Ich bin ein Mozart, aber ein junger und gut-
denkender Mozart. Mithin werden Sie mir, hoffe ich, verzeihen, wenn ich bisweilen im Eifer
ausschweife — weil ich doch so sagen muß, obwohl ich lieber gesagt hätte, wenn ich natürlich schreibe.
Ich hätte viel über diesen Stoff zu schreiben, allein ich kann nicht. Es ist mir unmöglich. Ich habe
unter so vielen Fehlern auch diesen, daß ich immer glaube, meine Freunde, die mich kennen,
kennen mich! — mithin braucht es nicht viel Worte. Und kennen sie mich nicht, o, wo könnte ich
dann Worte genug hernehmen! Übel genug, wenn man Worte und Briefe dazu braucht. Das ist
alles nicht auf Sie geschrieben, mein lieber Papa! Nein! Sie kennen mich zu gut; und Sie sind zu
brav dazu, um den Leuten gleich die Ehre abzuschneiden! .. .“ (Mannheim, 22. Febr. 1778.)
Damals war er 22 Jahre alt. Unaussprechliches ging in ihm um. Handelt es sich doch darum, seiner
Geistgestalt die Lebenslinie vorzustecken. Schon dröhnte des Schicksals eherner Schritt herein:

153
e in Paris, wohin er
seine Mutter auf der Reis
diesem Briefe starb ihm der Tod neben ihn.
kaum ein halb Jahr nach fremden, so westlichen Stad t trat
gezo gen. In der groß en erz
von Mannheim mit ihr in der Ferne über allen Schm
e Elte rnli ebe, mit der Wolfgang den Vater herb eren
liche Verlust auf einen noch
Erschütternd ist die zart
setz
Doch ist es, als habe der uner
hinweg zu berühren trachtet. ich- treu en Eltern drängen zum Verzicht
auf Aloysia.
abe: seine fürs orgl
Schlag vorzubereiten die Aufg diesem Briefe Wolfgangs
obne Wiss en des Sohn es dem Vater in Salzburg: „Aus
Es meldet die Mutter h Gut und
nntschaft macht, er gleic
n, daß, wann der Wolfgang eine neue Beka da muß man
wirst du ersehen habe ich. Allein,
e gebe n wollt e. Es ist wahr, Aloysia singt unvergleichl W.. und
Blut für solche Leut die Gesellchaft mit dem
Inte ress e niem als auf die Seite setzen. Es ist mir und mir ist
sein eigenes e Einwendung machen
dürf en,
niem als recht gewe sen, allein ich hatte kein Aloy sias ) beka nnt ge-
dem R. .
rischen (der Familie
Sobald er aber mit den Webe ist er lieber
niemals geglaubt worden. Worte: bei andern Leuten
so. hat er gleic h sein en Sinn geändert, mit einem
worden,
Geschütz
als bei mir... .“ zu verteidigen. Das schwere
wird genö tigt , seine Geliebte gegen den Vater auf den Sohn ab-
Wolfgang nbürgerlichen Vaterstube
ner Geda nken gewi chte wird aus der klei Läßt man sich auf den
woblabge woge ihm beizupflichten.
i auf den Vater ein, so ist
geschossen. Läßt man’ sich dabe an Aloy sia bind et, so kann man dem
Vater nicht recht
Kraf t
Sohn ein, welchen eine
über sinn lich e
seines Wunderkindes?
ge, wenn . auch lieb eerf üllte Papa von der Seele
geben. Was wußte der ehrg
eizi Erleben des heran-
ernd en Tone s fügt sich nicht zu dem metaphysischen
Die Art seines gröblich polt ob du als ein gemeiner
nur auf dein e Vern unft und Lebensart an,
gewachsenen Kindes. „Es
kom mt llmeister, von dem die
e Welt verg ißt, oder als ein berühmter Cape
Tonkünstler, auf den die
ganz eingeschäfert mit einer
ern liese t — ob du von einem Weibsbild etwa n Leben
Nachwelt auch noch in Büch m christlich hingebrachte
er auf eine m Strohsack, oder nach eine aller Welt im
Stube voll notleidender
Kind versehen, bei
und Nach ruhm , mit allem für deine Familie wohl Leut en an die
mit Vergnügen, Ehre setze dich großen
wills t? . .- Fort mit dir nach Paris! und das bald, gehe n, und allda
Ansehen sterben nacı Italien
aut nihi l... .. dann kann st du, wenn du Geld hast, n, obwo hl ich
Seite — aut Caesar wird es hart gehe
bek omm en. Durc h Brie fe an die Impressarien
Opern zu schreiben Weber vorschlagen.“
Dann kannst du auch Msse bedeutete.
es immer probieren werde. was sie ihm in Wahrheit
gang seine Geli ebte schützt, läßt ersehen, auße n her ihm ent-
Die Art, wie Wolf m Bilde von
lag ja eine beso nder e Guns t des Schicksals, daß in ihre daß das just geschah,
Schon darin Innern wohnte, —
konn te, was bish er als Kräftebild in seinem eskr äfte n sich gemäß.
gegentreten eine Füll e von ihm gewohnten
Kind
s
als mit dem Beginn des
4. Lebensja hrsi ebte ihm als Verkörpe-
s von ihm löse n mußt e. Aloysias Gestalt kam
nsstücke sunerschöpflich-
dem Geistgesetze jenes Lebe tums entgegen. Kindheit
s früh en wärm ekrä ftig en sonnigen Daseinsreich sein Wesen gehaucht.
rung seine
. Ein gold ener Gott esza uber war über ihr und
noch gemalt: jenes wunder-
keit umwitterte sie und ihn e ihn Thaddäus Helbling
jähr ige Konz ertr eise beendet war, hatt malt e ibn in Paris 1778
Als seine drei 1766/67. Nun aber
Enge lsan gesi cht über den lilienfingrigen Händen von nicht ohne hinter Weisheit
äugige en Unen dlichkeit nachsinnend,
Auge einer fern
Augustin de Saint Aubin: das von Unerforschlichkeiten.
Stir ne ist die alte geblieben, eine Hochburg
versteckter Trauer . . . nur
die Weise seiner selbst. An
erin nert e sich Moza rt in höchst wunderbarer
Und in der Tat: in Aloy sia wie sie ihm so sehr reich
vom Schl eier der Jugendräfte umsponnen,
ihr und mit ihr erlebte er sich n Glanz darein, noch zu
mmer der seli gen Kindheit woben ibre
zu Gebote gestanden. Ja,
die Schi sein mußte. Gleich einem
t ande rn Mens chen bere its längst entschwunden entum
einer Zeit, als deren Lich dengaben der göttlichen
Güte auf seinem Mensch
ihm, der die Gna e Seele
Spiegel steht Aloysia vor erste Freundin. . . Mein
Mona te ihm zu Gemü te zu führen hatte. „Teu werd en an dem
durch einige wenige Friede wird mir zuteil
..... Das größ te Glück, der tiefste zu uma rmen.
ist ohne Rast und Ruhe von ganzem Herzen
de erlebe, Sie wiederzusehen und Sie
Tage, da ich die große Freu Sehnsucht, in diesem Begehren
bege hre ich ja gar nicht. Und einzig in dieser en.
Mehr hoffe, ersehne und Brief von Ihnen zu bekomm
t und Frie den. .. . Ich bin voll Begehren, einen , recht
Sinde ich ein wenig Tros ge darauf harren und
schmachten! In der Hoff
nung
Th Bitte Sie, lassen Sie mich nicht allzulan

15
bald von Ihnen Nachricht zu erhalten, küß’ ich Ihnen die Hände und umarme Sie von Herzen und An
und bleibe immerdar Ikr wahrer und aufrichtiger Freund W. A. Mozart.” (Paris, 30. Juli 1.73. Woert-
laut italienisch.) Siebzehnjährig ist Aloysia erst. Als Geist seiner Rindheit steht vor dem Entzüciten
die Sängerin. Neue Verhältnisse zur weiten Welt der schöpferischen Fähigkeit können sich er-
öffnen. Ist sie nicht wie sein Genius, der ihn aus dem exsten Jugendalter in die Reife der späteren
Jugendzeit führt? Welch Glück kann in Lebenswegen liegen, die sich kreuzen, wenn ein Geist über
die Schwellen des Werdens leitet, der seine Macht dem Bewußtsein der Menschen hinzuzesellt als
das Größere, das zwischen ihnen waltet.
Wolfgang erschaute an Aloysias Werden, was in ihm selber bis dahin geschafft. Wie sein eigenes
Sein sich zur Welt gestellt, wie er mit vollen Zügen und aus voller Brust das Kind gewesen, welches
die Seelen Europas mit weit ausgebreiteten Armen eroberte — wie er durch sein Kindsein die
Menschen als ganz und gar arglose und gewissermaßen aus vollem Halse geliebt hatte, als freundliche
gleich ihm selbst. „Ich habe auf 5 Freunde mein Vertrauen, und das sind starke und unüberwindliche
Freunde. Nämlich auf Gott, auf Ihren Kopf, Papa, und auf meinen Kopf. Unsere Köpfe sind freilich
unterschieden, doch jeder in seinem Fach sehr gut, brauchbar und nützlich. Und mit der Zeit, hoffe
ich, wird mein Kopf dem Ihrigen in dem Fach, wo er jetzt den meinigen überwieget, doch auch nach
und nach beikommen .. . Seien Sie lustig und aufgeräumt!“ (Mannheim, 28. Febr. 1778.)
x

Schiller:
Suchst du das Unermeßliche hier, du hast dich geirret.
Meine Größe ist die, größer zu machen dich selbst.

Mozart war kein zerbrechlicher Geist. Aber ein über die irdischen Schicksalsschranken aus inner-
ster Wesenkraft erhabener. Seine Leistungen au Nachgiebigkeit sind unter den Genien seines Ranges
vereinzelt groß. Die oft so klagende Musik verrät seine Fähigkeit, in gewaltiger Hingabe zu leiden.
Zugleich seine glückhafte Natur, aus wahrhaft mutgespeister Seelenstärke Herr der Pein zu werden.
Man möchte sagen: seine Erdenbahn wäre nicht zu dem ihr möglichen Grade der Intensität und der
Vervollkommnung hinauf gelangt, wenn nicht auch von der Seite des Schmerzes und Kummers her die
in Mozart ruhende Sonnensubstanz der Geisteslauterkeit durchglüht worden wäre. Da tritt im Schick-
salsgange durch die Begegnungsmonate mit Aloysia in die Erscheinung, wie von oben her an seiner
adeligen Geistesmilde durch Eisenfeuer und Härteprozesse geschmiedet wird... . dadurch, daß schließ- _
lich Aloysia sich ihm entfremdet. Ihre jugendliche Lebenslust, gleichgiltig, ob verständig oder unver-
ständig, konnte nach seiner Abreise das Warten nicht erlernen. So vollzieht sich ein nach außen
und auf deu ersten Blick hin durchschnittliches und keineswegs so überraschendes Schicksal, als
gehöre es zu den vielen Freundschaften, die am besten wieder zu Bruche kommen müssen. Und
gerade durch das Aufhören vieler Menschenbegegnungen wird erst die Frucht der Entwickelung in der
Seele reif und dann eingeheimst. Bei Mozart wars jedoch mehr als eine Kräfteprobe seines Herzens.
Biblisch gesagt: Es wurde dem Baum die Axt an die Wurzel gelegt. Der Jugendbaum wurde gefällt.
Der Wundertraum des seltsamen Kindeslebens, durch den sein verklärungsmächtiges Jugendgemüt
am Himmel noch aufgehangen gewesen, zerriß. In die verborgene Gruft der Seelengeheimnisse wurde
Erdensaat gesät. Bis dahin waren in seinem Leben die Offenbarungen überreicher vorgeburtlicher
Ströme durch ein mannigfaltiges Gewoge erklungen. Als unermeßliches Meer zog ihr aufrauschender
Fluß durch ihn in die Erdensphäre. Nun war die Wende gekommen. Mozart durfte sein Kindestum
beenden und eine neue Richtung einschlagen. Was einverwoben wurde, ist da als eine vorweg-
genommene Schöpferkraft aus nachtodlicher Geistesquelle. Die Tage mit der Geliebten gleichen einer
mysterienhaften Atempause seiner Entwickelung: die alten guten Gesundbrunnen versiegen, aber ein
neuer Jungbrunnen beginnt zu sprudeln. In der Mannheimer Zeit schrieb er nicht viel nieder und in
der Pariser Zeit quoll der überwältigende Strom schon über seine Ufer. Welch offenbarende Gunst,
daß der Tod der Mutter in dieselbe Zeitspanne fiel! Da waren die Tore nachtodlicher Segnungen
weithin aufgetan.

155
Es folgt hier in Stichworten das Drama der Auflösung des Schicksalsgeflechtes mit Aloysia Weber
in fünf Stufen:
Der Vater au den Sohn:

„Wenn ich glaube, nun ist alles in seinem Gang, so kommt wieder im Augenblick ein närrischer,
unversehener Einfall... du überzeugst mich in allen deinen Briefen, daß du bei dem ersten hitzigen
Einfall, der dir in den Kopf kommt, immer sitzen bleibst, obne die Sache recht zu überlegen .. .
Warum soll es denn nicht möglich sein, die Menschen kennen zu lernen, sein Herz vor der Welt
zu verschließen und bei jeder Sache genau Überlegung zu machen? .. . Gott bat dir eine treffliche
Vernunft gegeben. Was dich hindert, solche manchmal nicht recht anzuwenden, sind nur zwei Ursachen:
ein bißchen zuviel Hochmut und Eigenliebe und dann, daß du dich gleich zu familiär machst und
jedem dein Herz öffnest . . .“ (Salzburg, 23. Febr. 1778.)
Erfolg des Briefes: Vor Aufregung wurde Wolfgang krank. Aber an seiner Liebe zu Aloysia hielt
er fest.
Der Sohn an den Vater:

3. „ Ich habe mir nie etwas anderes vorgestellt, als daß Sie die Reise mit den Weberischen miß-
billigen werden. Denn ich habe es niemals, bei unsern Umständen versteht sich’s, im Sinn gehabt...
Ende
Die Zeiten, wo ich Ihnen, auf dem Sessel stehend, das „Oragna fiagata fa“ sang und Sie am
auf das Nasenspitzl küßte, sind freilich vorbei. Aber hat dessentwegen meine Ehrfurcht, Liebe und
Gehorsam gegen Sie abgenommen? — Mehr sage ich nicht. Was Sie wegen der Mademoiselle Weber
schreiben, ist alles wahr. Und wie ich es geschrieben habe, so wußte ich so gut wie Sie, daß sie noch
zu jung ist, und daß sie Action braucht und vorher öfter auf dem Theater rezitieren muß. Allein
mit gewissen Leuten muß man öfters nach und nach weiter schreiten .... Jetzt wissen Sie also alles.
Leben Sie wohl... . ich kann nimmer schreiben vor lauter Hunger . . .“
Die Vorkehrungen zur Trennung und Abreise nach Paris werden getroffen. Die Geliebte verehrt
dem Scheidenden zum Andenken in der fremden Stadt zwei „paar Tätzeln von Filet gestrickt“. Vater
Weber schenkt Wolfgang für die Reisekutsche Moliöres Komödien. Er begleitet ihn zur Abschieds-
stunde die Treppe herab, bleibt „unter der Haustür stehen“, bis Mozart „ums Eck herum“ ist und
ruft ihm noch nach „Adieu!“
Inzwischen wurde Aloysia, der Glückspilz, mit 1000 Gulden jährlich an der Münchener Oper an-
Das Wiedersehen der beiden schildert Staatsrat von Nissen nach den Mitteilungen der
gestellt.
Witwe Mozarts, welche Aloysias Schwester Konstanze gewesen:
„Als Mozart wegen der Trauer über seiner Mutter Tod nach französischer Sitte in einem roten
der
Rock mit schwarzen Knöpfen auf seiner Rückreise von Paris in München erschien, fand er bei
Aloysia Weber geänderte Gesinnung für ihn. Sie schien den, um welchen sie ehedem geweint hatte,
laut
nicht mehr zu kennen, als er eintrat. Deshalb setzte sich Mozart flugs ans Klavier und sang
‚Ich laß das Mädel gern, das mich nicht liebt‘.“
Da standen ihm des Vaters Zeilen vor der Seele, die doch so unbegreiflich gewesen waren: „. : . Sogar
Leute, die dich noch nicht kennen, sollten dirs an der Stirne lesen, daß du ein Mensch von Genie bist.
Schmeichlern hingegen, die dich mit Absicht auf ihren Eigennutz hinziehen, in den Himmel erheben,
kannst du mit der größten Leichtigkeit dein Herz öffnen und ihnen in allem wie dem Evangelium
glauben .... Und um dich desto gewisser zu fangen, mischen sich die Frauenzimmer darunter —
widerstehst du da nicht, so bist du unglückselig auf deine Lebenszeit. Überlege alles, was immer dir
gesunder, unein-
auf die kurze Zeit deines Lebens begegnet ist, überlege es mit kaltem Blute, mit
genommener Vernunft —“.
nirgends
Auch die äußeren Lebensumstände malten sich schwarz in schwarz. Es war für Mozart
eine Arbeitsmöglichkeit zu finden, an keinem Hofe ist für ihn eine Stelle auch nur zum Geldverdienen
Bild.
frei gewesen. Obgleich er viel, viel schrieb und komponierte, ergab der Jahresrückblick ein trübes
weinte er sich heimlich und gründlich aus.
Bei seinem Münchener Freunde, dem Flötisten Beeck&,
Zuletzt rafft er sich zu einem Silvesterbrief an den Vater in Salzburg auf: „Da ist kein Sterblicher.....
Das
der nicht manchmal träumt. Allein lustige Träume, ruhige Träume, erquickende, süße Träume!

156
ist es — Träume, die, wenn sie wirklich wären, mein mehr traurizes als Iustizes Leben leid-
lich machen würden!” — „Mein Herz ist gar sehr zum Weinen gestimmt.”
Zu den liebevollsten Bemerkungen seines Biographeu Ludwig Schiedermair gehört sein trene:,
an dieser Stelle von ihm gesprochenes Trostwort: Die schweren Erlebnisse katten Wolfeanz zu
Boden geschleudert, — sein Genius breitete über ihn die schützenden Hände.
Zum Schluß: einmal brachte der Sohn wirklich doch zum harmonisch leuchtenden Ausdruck. was
befreiend Lindes der Aloysia Wesen in ihm bewirkt; Mozarts ganze freizügige Souveränität gezen-
über den Lebensgestaltungen fand ihre Wege, sich durchzuriugen und das Kind als den Mann, der
es geworden, zu erweisen: „Mein lieber Papa! Nun kommt etwas Notwendiges ... . Mama und ich
haben uns unterredet, und sind übereingekommen, daß uns das W. . gar nicht gefällt. Der W.. ist
ein grundehrlicher und sehr guter Mann, aber leider ohne alle Religion, und so das ganze Haus.
Es ist ja genug gesagt, daß seine Tochter Mätresse war. Der R.. ist ein braver Mensch, aber ein
Libertin. Ichkenne mich. Ich weiß, das ich soviel Religion habe, -daß ich gewiß niemals etwas
tun werde, was ich nicht imstande wäre, vor der ganzen Welt zu tun. Aber nur der Gedanke, nur
allein auf: der Reise mit Leuten in Gesellschaft zu sein, deren Denkungsart sehr von der meinigen
(und aller ehrlichen Leuten ihrer) unterschiden ist, schreckt mich . . . Freunde, die keine
Religion haben, sind von keiner Dauer ... Mein Gedanke ist dieser ... Herr Weber
wird sich bemühen, sich wo auf Konzerts mit mir zu engagieren. Da wollen wir miteinander reisen.
Wenn ich mit ihm reise, ists just so viel, als wenn ich mit Ihnen reisete. Deswegen habe ich ihn
gar so lieb, weil er, das Äußerliche ausgenommen, ganz Ihnen gleicht und ganz Ihren Charakter und
Ihre Denkungsart hat. Ich habe diese gedrückte Familie so lieb, daß ich nichts mehr wünsche, als daß
ich sie glücklich machen könnte. Und vielleicht kann ich es auch. Für der Aloysia Singen stehe ich
mit meinem Leben, daß sie mir als Primadonna gewiß Ehre macht... .“ (Mannheim, 4. Febr. 1778.)
*

Ausblick auf das weitere Leben


Schiller:
Adel ist auch in der sittlichen Welt. Gemeine Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun, edle mit dem, was sie sind.
Ein unendlich liebegetragener Seelenhauch hüllt nach dem Tode seiner Mutter Mozarts Leben
ein, das sich nun aus mancherlei Gründen heraus eine neue Innenform geben mußte. In Wolfgangs
leidschimmerndem Jünglingsherzen leuchten die Dinge des Erdendaseins auf so liebesinnige Weise
auf, sobald sie sich zutragen sollen, daß man sagen muß, sein weiterer Pfad, so wenig er auch
über Uuscheinbarkeiten hinaustritt, so tief ist er doch anmutgeweiht vom Widerschein der Mutter-
liebe ihm zu Häupten, so köstlich ist er überhaucht vom schwindenden Glimmen des dahingesunkenen
Geistesatems seiner kindlich verzauberten Frühzeit.
Es kommt ja so, daß Mozart Aloysias Schwester Konstanze unter den außerordentlichsten Schwie-
rigkeiten sich schließlich und endlich zur Gattin gewinnt. Bis dahin sieht man ihn fassungslos und
ohne Trost weinen, erschüttert schlaflose Nächte haben, von Geldsorgen furchtbar zerquält, von
traulichen Sohnesschmerzen gegenüber dem unleidigen Vater arg, arg bekiimmert — — und doch
ist’s, als zelebriere er in all den erbarmungswürdigen Schicksalserlebnissen, deren Not er mühselig
durchringen muß, dem scheidenden Kindheitsgenius die Bildsubstanzen aus derjenigen göttlichen
Welt, in welcher der Tod und seine düstren Schattenkräfte beheimatet sind, als füge er seinem
Kindergeisteslande die Seelenlandschaften der dabingegangenen Mutter ein. Betrübnis nach Betrübnis
legt er ihr auf das kleine bescheidene Grab in Paris, das in der Vorstellung immer mit ihm gegen-
wärtig ist, und unter ihr liebes Erinnerungsbild, das immer in ihm ist. Als spräche er: Abschied-
nehmendes Kindestum, das meine Mutter so schön durch sich wie mit Rosen gesegnet, nimm die
Weihegaben der empfangenden Zukunftsluft aus dem Grabe, wohin sie vorangeschritten.
Die Jugendzeit steigt ihm auf in die Läuterungsgefilde der Wolkenweisbeit. Und siehe hier:
Aloysias Aufgabe konnte zu gutem Ziele gelangen, denn in der Herzgrube Mozarts lebt sie als Genien-

157
Bild. Er verklärt sie, aber als Mensch braucht sie das ja nicht zu wissen. So ließ sich die Unendlich-
keit der zarten metaphysischen Begegnung wirklich retten und freigelassen hochhalten. Seinem
Geistessterne, den das Schicksal ihm über den kinderhaften Erdenpfad gestellt, konnte er ganz und
gar treu bleiben... gleich, ob Aloysia das wußte oder nicht. Natürlich bestanden die Verbindungen
der Familien weiter in Güte und Milde fort. Aloysia hatte den Schauspieler Lang erwählt. Dieser
malte denn auch das Mozartbild, welches vielleicht als das überhaupt beste angesprochen werden
darf, das wir haben, selbst wenn es so ist, wie es unvollendet geblieben ist.
Es liegt nahe, zu denken, Mozarts Konstanze sollte wohl fast ein wenig Aloysia ihm ersetzen?
Doch ist dem nicht gauz so. Vielmehr konnte sie wahrhaft als Mahnerin gelten dafür, daß Aloysia
nicht unter den Entschlafenen weile. Mozart fand sich dadurch ständig ans Leben und an ihr Leben
erinnert. Zwischen Geburt und Tod liegt ja die weite Welt des heranreifenden Menschseins. Mit ihm
reift sie. Sie teilt seinen, Mozarts, Weg. Das ist gerade ein kleines Mysterium auf seinem Lebens-
gange: daß mit solch wundersamer Deutlichkeit zwischen vorgeburtliche und nachtodliche Welt, wie
sie in seinem Erdenwandel sich vereinigten, die gegenwärtige rein-irdische, gewissermaßen physische
Welt, dennoch nun endlich stabil und ausgerechnet durch die Schwester Aloysias kräftig alltäglich
sich ausspricht. Diesen Umstand sollte man in Mozarts Leben als eine Segensgabe vermerken, denn
auf diesem Hintergrunde steht als heiligende Rune die Tatsache der beinahe unausgesetzten Kränk-
lichkeit Konstanzens. Mozart hatte unsäglich geduldig auszuhalten unter diesen Angriffen und Er-
schütterungen eines geruhigen Familienlebens, von dem, bei Lichte besehen, natürlich keineswegs doch
die Rede sein konnte. So war er stetig umwölkt vom Hereinschauen des im Leiden sich kundtuenden
Gegenwartsgeistes, der allerdings die herrlichen Früchte seiner mittleren Werke in seiner Seele
für die Erde zum Blühen und Gedeihen erwecken konnte. Da geschah es, daß die Hingabewünsche
an Aloysia, den geliebten Menschen, zur Liebe an die Verklärung des menschlich-nahen Irdischen sich
verwandelten in ihm: als Kind der Himmel, als Mann seiner Zeit, als Freund und von Toten Ge-
liebter. Dies ist sein Ausgangspunkt zum Fortgang seines Lebenswerkes nach Richtung und Methode
und Ziel.

Von den Toten


Hanns Schmitz

Wie auf Wolken seh’ ich knien Doch wie Tröstung weht es her,
Tote, die mich liebend lenken. Plötzlich, daß ich nicht so leide,
Dankbar fass’ ich ihr Bemühn, Und ich seh’ von ungefähr
Hohe Botschaft mir zu schenken, Selber mich im Totenkleide.

Botschaft, die als Frage schwer Als vom lichterfüllten Schein


Meiner Seele Haus umtönet, Keuscher Lilien umgeben,
Ob ich ganz der ihre wär’, Spür’ ich fromm das Seelensein
Ob der Erde noch gewöhnet. Vieler Toten mich durchweben.

Schmerzvoll vor der Toten Kreis Tote gehen durch mich hin
Muß ich wich in Demut neigen: Tief als liebende Betreuer,
AN Verfehlen gibt sich preis Daß ich werde, was ich bin,
Ihrem tief beredten Schweigen. Ausgesetzt dem Erdenfeuer,

Daß ich über äußrem Tun


Zu den Zielen der Vollendung
Klarer mich bekenne nun,
Eingedenk der hohen Sendung.
Katholizismus, Protestantismus und „religiöser Idealismus“?
Bernhard Martin

Der Basler Theologe Adolf Köberle bat im Furche- schen lebt unversehens die Ahnung von etwas Über-
verlag ein interessantes Büchlein veröffentlicht mit der konfessionellem, Drittem auf. Wie sich Beethoven nach
Überschrift: „Bach, Beethoven, Bruckner als Symbol- Köberles Darstellung zu Bach und Bruckner stellt, so
gestalten des Glaubens (eine frömmigkeitsgeschichtliche stellt sich die Christengemeinschaft zu Protestantismus
Deutung)“. In diesem Buch werden die genannten Ton- und Katholizismus.
dichter im Zusammenhang und auf Grund ihrer Welt- Allerdings scheint der Versuch, Anton Bruckner zum
anschauungen’ betrachtet und behandelt. Im Gegensatz typisch katholischen Menschen zu stempeln, gewalt-
zu rein musikalischen Facharbeiten und auch im Ge- tätig und nicht sachgemäß. Köberle läßt außer acht, daß
gensatz zu solchen, die ihre Gedanken in metaphysische Bruckners Messen dem Reigen der Hauptsymphonien
Spekulationen auslaufen lassen, ist Köberles Arbeit vorangehen. Mit Bach dürfte sachgemäß nicht der
durch ihre Menschlichkeit und ihren weltanschaulichen Symphoniker Bruckner, sondern Palestrina als ent-
Gehalt wertvoll. Das Buch ist gleich weit entfernt von sprechender katholischer Kirchenkomponist zusammen
Ästhetizismus und von Dogmatismus. genannt werden. Hier zeigt sich in Köberles Buch, daß
Nach Köberles Auffassung ist Johann Sebastian Bach die Ahnung des „Dritten“ oder „Überkonfessionellen“
der „protestantische Mensch und lutherische Christ“, nur Ahnung, nicht konkrete Erkenntnis ist. Nun haben
Anton Bruckner der katholische Mensch und Künstler schon große Brucknerbiographien wie Decesey Bruckner
(die katholische Kirche „hat ihn als Mensch und Christ angesehen als „ein uferloses Meer, das alle Dämme
zu einer ganz großen edlen Gestalt zu formen ver- kirchlicher Bindung weit überflutet“, Aber was Köbeile
mocht“); und „in Beethovens überragender Gestalt be- Beethoven vorbehaltlos zubilligt, daß er nämlich trotz
gegnen wir der religiös-idealistischen Gläubigkeit des der katholischen Jugend und trotz des Empfangs der
19. Jahrhunderts, deren Geisteseinfluß bis herein in katholischen Sterbesakramente nicht eigentlich Katho-
unsere Tage entscheidend wirksam geblieben ist“. lik, sondern „Idealist“ gewesen sei, das wird Bruckner
Neben die Religiosität der großen christlichen Kirchen, vorenthalten. Bruckner wird als künstlerischer Vertreter
neben Katholizismus und Protestantismus stellt Kö- des Katholizismus dargestellt. Dann heißt es:
berle als ein Drittes und offenbar Gleichwertiges die „Neuerdings hat besonders die Anthroposophie An-
Religiosität Beethovens unter der allerdings ver- ton Bruckner für sich in Beschlag zu nehmen versucht
schwommenen Bezeichnung „religiös-idealistische Gläu- und ihn als großen Vorläufer und Seher einer er-
bigkeit des 19. Jahrhunderts“. Im Zusammenhang mit neuerten Geisteswisseuschaft gepriesen.“ Demgegen-
dem Namen Beethovens treten auch die Namen Schillers, über wird gesagt: „Bruckner ist nicht ein mystischer
Goethes und Kants auf; und vor dem „Idealismus“ (der Ekstatiker ueuplatonischer, außerchristlicher Prägung,
nicht ins 19., sondern an den Ausgang des 18. Jahr- der die Grenzen zwischen Gott und Welt einfach ver-
hunderts anzusetzen wäre) will das Buch Achtung wischt“, sondern Bruckners Musik atmet „christlichen,
wecken. „Das heute so beliebte und meist von keinerlei benediktinischen, franziskanischen Geist“.
Sachkenntnis getragene Loshauen auf die Frömmigkeit In solchen Gedanken sind Wahr und Falsch seltsam
und Wertwelt des deutschen Idealismus muß einem gemischt. Über eine Ahnung des erwähnten „Dritten“
gründlich vergehen, wenn man einmal in Ehrfurcht das kommt der Verfasser nicht hinaus, denn es fehlen ihm
ungeheure ehrliche Ringen eines Beethoven um Gott die Begriffe, wohl auch die Voraussetzungslosigkeit, um
und die Gottesgewißheit hat auf sich wirken lassen.“ den Keim der eignen Gedanken zur Entfaltung zu
Daß ein evangelischer Theologe in dieser Art und mit bringen. Luther war z.B. Augustinermönc, Hätte man
dieser Selbstverständlichkeit außer dem Katholizismus ihm Brucknersymphonien "vorspielen können? Wieso
und dem Protestantismus noch von einer dritten als ist Bruckners Musik „franziskanisch“? Obwohl Köber-
ebenbürtig dargestellten Haltung spricht, erscheint be- les Arbeit sich „eine frömmigkeitsgeschichtliche Deu-
deutungsvol. Was keinem Philosophen gelungen tung“ nennt, fehlt der Deutung doch gerade das Ge-
wäre... .: dem Künstler Beethoven ist es gelungen, schichtliche selbst ganz und gar; und die drei großen
nämlich die Ahnung davon zu erwecken, daß der „Idea- Tondichter treten nebeneinander, als wäre es ganz
lismus“, ernst und groß dargelebt, in die Religions- einerlei, in welcher Folge sie geschaffen haben. Köber-
geschichte hineingehört, der kirchlichen Religion gleich- les Arbeit weist auf Fragen hin, die sich nur mit der
wertig. Köberle spricht von „drei großen Reichen des Hilfe einer neuen Geisteswissenschaft lösen lassen.
Glaubens“, die wir „auf uns wirken lassen“ wollen. In Wohl kann man in Brucdmners Musik die Sprache
seinem Buch lebt die Bejahung des „Idealismus“ neben einer noch nicht eingewurzelten, sondern künftigen
der Bejahung des Katholizismus und Protestantismus. Menschheit vernehmen. Daß Bruckner, seinem eignen,
Man sieht: auch in dem konfessionell gebundenen Men- irdischen Bewußtsein nach, vorbehaltlos katholisch war,

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ist selbstverständlich. Daß seine Musik den Raum der es weiß, unterwegs ist nach einer „dritten“ religiösen
katholischen Kirche sprengt, könnte bei ihm ebenso Haltung über Katholizismus und Protestantismus
leicht eingesehen werden wie bei Beethoven. Denn hinaus, daß ibr aber andererseits die zureichenden Be-
Bruckner steht in einer Reihe mit Beethoven und griffe feblen, um dieses Dritte wirklich „frömmigkeits-
Wagner. Was aber von den Freunden Rudolf Steiners geschichtlich“ einzuordnen. Es läßt sich ja auch noch
im Hinblick auf Bruckner vorgebracht worden ist, das nicht einordnen; und mit einer Einordnung wäre auch
hat zum Untergrunde nichts anderes als daß in Bruck- wenig gewonnen. Wohl aber ist es unsere Sache, das,
ners reifer Kunst sich eine Menschlichkeit offenbart, was Köberle an der Gestalt Beethovens ahnt, an der Ge-
die man für verbeißend und erxstrebenswert halten stalt Bruckners verkennt, zu erstreben und darzuleben,
könne. so gut wir es vermögen, und zwar — um es in Kürze
So ist Köberles Büchlein ein Zeichen dafür, daß zu sagen — nicht um unser selber, sondern um Christi
einerseits die christliche Welt schon mehr, als sie selbst willen.

Aus der Christengemeinschaft


war nur das letzte Aufschäumen der Tagesereignisse
Eibenstock vor einem Aufstieg zu höchster Gesammeltheit und Ein-
So unbekannt den meisten Teilnehmern der dies- heit. Wenn dann Dr. Rittelmeyer sprach, wenn er im
jährigen Gemeinschaftszeit das kleine erzgebirgische Zusammenhang mit Zeitfragen die innere Wesens-
Städtchen Eibenstock bisher gewesen sein mag, es zeigte struktur der Menschenweihehandlung immer neu und
sich, daß auch hier Voraussetzungen vorlagen. Unter groß enthüllte, dann war diese Gesammeltheit etwas
allgemeiner Heiterkeit kounte Dr. Rittelmeyer am Be- so Wesenbaftes, daß in ihr alles Sprechen zu einem
ginne der Freizeit mitteilen, daß er vor dem Kriege in einfachen großen Mitteilen wurde. In einer Art inneren
Eibenstock einen Vortrag gehalten habe über „die Kunst Firmaments breitete sich die Weihehandlung aus, in dem
zu leben“. die Sterne genau so leuchteten wie draußen am Himmel.
Es schien uns das eine gute Vorbedeutung. Die Diese Linie wurde dann in der ihm eigenen Art von
kommenden Tage brachten etwas von der Vermwirk- Dr. Frieling fortgesetzt. Es zeugt von dem weiten Atem
lichung dessen, was man im besten Sinn „die Kunst des dieser Gemeinschaftszeiten, daß er in seiner Johannes-
Lebens“ nennen kann. Freilich, wenn man es nun Evangeliums-Betrachtung an die vorige Freizeit an-
greifen und tasten will, dann ist es doch schwer, wie knüpfen konnte und auf der gegenwärtigen noch nicht
alles wirkliche Lebeu, wenn man es in Worte fassen über ein ganzes Kapitel des Jobannes-Evangeliums zu
will. — sprechen brauchte. Allerdings der Tenor solcher Worte,
- Undenkbar wären jene Tage gewesen ohne das mit dem etwa über die Eingangsworte des 14. Kapitels
Stehen auf dem heiligen Berg, das an jedem Morgen in gesprochen wurde: „Euer Herz erschrecke nicht. Glau-
der heiligen Handlung sich vollzog. Betrat man am bet an Gott, an mich glaubet‘‘ — er hatte schon etwas
Morgen um 7 Uhr zur Stunde, wo die erste Weihe- an sich, daß man denken kann: es reicht hinüber bis
handlung stattfinden sollte, den Raum, dann wehte zur nächsten Freizeit.
einem die Kühle und Leere eines Saales entgegen, der Und nun, nachdem etwas errungen war, nachdem wie
über Nacht sich selber überlassen, wieder etwas von eine innere Plattform gefunden war, auf der man gei-
seiner Tanzsaal-Bestimmung angenommen hatte. Aber stig-seelisch stehen konnte, hatte man den Eindruck,
indem sich .in der Weihehandlung der innere Raum kann sich vieles, wenn nicht alles entfalten.
wölbte, schien sich auch der äußere Raum zu verwan- Da konnte in schönster Tätigkeit unter Alfred Schrei-
deln. Man fühlte sich bald wieder heimisch und kehrte bers Führung der Chor sich zusammenfinden, vor
im Laufe des Tages immer wieder gern zu ihm zurück. allem die Jugend umfassend, die sich diesmal mehr ge-
Undenkbar wären jene Tage ohne die Vormittags- meldet hatte.
beiträge Dr. Rittelmeyers und Dr. Frielings gewesen. Das Da konnte alles das zu seinem Rechte kommen, was
waren die Höhepunkte. Da sammelte sich alles. Da der moderne Mensch sich von seinen sommerlichen
begann zunächst das „Männlein-Laufen“, wie Dr. Rittel- Tagen erwartet. An jedem Nachmittag fanden sich
meyer in Erinnerung an das Nürnberger Glockenspiel Menschen zusammen, die über die grünen Matten und
es nannte: das Auftreten derer, die anzukündigen Wiesen wanderten, in (die dunklen Wälder des Exz-
hatten, was an schwerem Gepäck das Tagungsprogramm gebirges untertauchten, den Geheimnissen der Land-
alles mitzuschleppen hatte. Für Augenblicke schien es, schaft bis in die Gesteinsbildung nachgingen. Ich habe
als wenn alles in einer Vielfalt von Veranstaltungen und nie geglaubt, daß das Erzgebirge so schön sein könnte.
Tageserscheinungen auseinanderflattern wollte. Aber es Aber die Menschen haben es mir immer wieder ver-

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Verwandlung zur nenen Erde. Hier liegt der Ausgangs- wie das Brot. An ihr werden Seele und Geist erweckt.
punkt zu einem neuen Verständnis des Mysteriums von Die Erde soll hindurchgehen durch den Menschen wie
Golgatha, zu einem kosmischen Verständnis des das Brot. Der Aiensch steht als Mensch am höchsten,
Christentums. durch den am meisten Erde geht. Und die Erde wartet
Dr. Frieling stellte Golgatha unter das Wort: Es darauf, daß wir alles, was wir schauen, tun, bearbeiten,
ist vollbracht. Golgatba ist darin eine wahrhaft gött- in ein Stück Seele, in ein Stück Christusseele verwan-
liche Tat, daß diese Tat einerseits durch und durch voll- deln. So soll das Göttliche wiedergegeben werden den
bracht ist, aber andererseits doch nicht abgeschlossen, Menschen.
nicht zu Ende, so daß sie von der Menschheit fort- Mit Dank an die göttlichen Mächte, die uns diese
gesetzt, vollendet werden muß. Er stellte sodann einige Tagung erleben ließen, mit einem Aufruf, immer be-
Einwände gegen die Erlösertat Christi zurecht: daß wußter, stärker, froher unseren Auftrag in der Welt
Erlösung nicht menschenwürdig sei, nicht Gottes wür- zu ergreifen, schloß Dr. Rittelmeyer das Sommerfest der
dig, nicht zweckmäßig, weil erfolglos und zeigte, daß nur Christengemeinschaft.
der Ignorant oder der Böswillige die heilvolle Einwir- Tiefe Dankbarkeit und große Freude erfüllt ‘uns,
kung des Christentums auf die Welt leugnen kann, daß wenn wir an die Dresdener Tage zurückdenken. Es ist
aber das Christentum noch ganz in den Anfängen uns wie ein heiliges Wunder, daß so etwas da ist. Es
seiner Wirksamkeit stehe, daß wir den künftig immer ist uns eine unerhörte Gnade, daß wir daran Anteil
stärkeren und raffinierteren Angriffen in Ruhe ent- haben dürfen. Hoffnung darf die Seele erfüllen inmitten
gegensehen können, weil sie die notwendige Provo- des religiösen Chaos der Zeit, in der Hilflosigkeit der
kation Gottes sind. Wir können dem Antichrist, der kirchlichen Zustände, in der Unklarheit des Ringens
die Tat Christi vernichten will, das Wort des Novalis um die geistigen Fragen: denn die Hilfe ist da, ein
zurufen: Dein Wüten und dein Toben ist vergebens; neues, zukunftstarkes Christentum ist begründet, der
unverbrennbar steht das Kreuz, eine Siegesfahne Sinn der Erde ist klar und kann verwirklicht werden.
unseres Geschlechtes. Ernst Kalbe
Nun kam der letzte Abend, der das Ganze mit dem
Öffentlicher Seminar-Kurs
Schlußvortrag Dr. Rittelmeyers über den Kampf um die
Erde wahrhaft krönte. Immer wieder gab es in der Ge- Der nächste Seminar-Kurs, zu dem auch Gäste er-
schichte die zwei Menschenarten: die einen, die die Erde wartet werden, findet statt vom 20. September bis
erobern wollen und den Himmel darüber vergessen — 2. Oktober in Stuttgart. Während dieser Zeit werden
die andern, die den Himmel suchen und die Erde auch die Aufnahmen in das Priesterseminar vorgenom-
darüber verachten. Aber im wahren Christentum ist es men. Es wird gebeten, daß alle Persönlichkeiten, welche
wie im Vaterunser: da blickt man auf zu den heiligen den Priesterberuf erstreben, sich bei dieser Gelegenheit
Höhen des göttlichen Namens und da fleht man das mit dem Seminarleiter in Verbindung setzen. Das Pro-
Reich Gottes herab auf die Erde, und beides verbindet gramm mit näheren Nachrichten über die Kurse sowie
sich in der Bitte vom göttlichen Willen, in der Christus über Quartier und Verpflegung wird durch uns ver-
die Erde wie- einen Kelch emporhebt und ihu mit sendet. Anmeldungen sind bis zum 10. September
göttlichkem Willen füllt, so daß die Erde zum untersten erbeten. Gottfried -Husemann, Stuttgart13, Spittlerstr. 11.
Himmel wird. Seinen Willen für die Erde hat Christus
Freizeit im Schwarzwald
am deutlichsten im Abendmahl gesagt, und die rechte
Stellung des Christen zur Erde wird durch das Abend- Vom 7.—15. September findet die in der Julinummer
mahl. vorgetan: Christus nimmt das Brot — er dankt — angekündigte Freizeit unter Leitung Dr. Doldingers statt
er segnet es — er gibt es. Die Erde ist in jeder Be- in Großherrischwand (über Säckingen). Anfragen und
ziehung das Brot des Menschen, das er nehmen, sich Anmeldungen an Frau Benkart, Stuttgart-Sillenbuch,
erarbeiten und verarbeiten muß. Sie erfreut und stärkt Möhringer Weg 19. \

Allerlei Amerikanisches
Rockefeller als amerikanischer Christ Geschäftsmann und ein Wohltäter mit Überlegung“. Das
In dem jüngst verstorbenen Rockefeller ist der her- größte Trinkgeld Rockefellers betrug nach den Berichten
vorragendste Vertreter eines ‘ganz bestimmten Typus 10 Cents, aber die Summe seiner Stiftungen etwa
von „Christlichkeit“ des 19. Jahrhunderts dabingegangen, 750 Millionen Dollars. Geschäft und Religion wohnten,
der hoffentlich bald der Vergangenheit angehört. John wie einer seiner Biographen sagt, „in wasserdicht von
Davison sagt von ihm: er war „ein einfacher Mensch, einander getrennten Abteilungen seines Herzens“. Der
ein guter Christ, ein rücksichtsloser und erfolgreicher leider schon viel zu sehr vergessene Max Weber hat

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diesen Typus des amerikanischen Geschäftsmannes ge- keine Zähne mehr (höchstens noch Stummelchen), keine
schildert in seinem geschichtlichen Zusammenhang mit Zehen mehr (außer der großen Zehe). Ferner schmückt
dem reformierten Christentum puritanischer Prägung. ibn dauernd eine Brille. — So sieht ihn „die Natur-
Rockefellers Bekenntnis lautete: „Es ist eine religiöse wissenschaft“. Und vielleicht, wenn es materialistisch
Pflicht, so viel Geld wie möglich zu verdienen, so viel weitergeht, behält sie äußerlich Recht. Nur daß vom Geist
Geld wie möglich zu behalten und. so viel Geld wie und seinen Möglichkeiten mit keiner Silbe die Rede ist.
möglich wegzugeben.“ — Ob er das Letzte, trotz aller
seiner Stiftungen, wirklich erfüllt hat? Ob dies Letzte
Christuseindrücke in Amerika?
nicht immer das sein wird, was in dieser Dreiheit zu
kurz kommt? In der amerikanischen „I-am“-(Ich-bin-)Bewegung, die
wir schon mehrmals erwähnten, finden wir vieles, was
Reklamewahnsinn
uns luziferisch anmutet. Auch erkennt man deutlich die
„Der Pilot Deunis in Chicago glaubte einen neuen verhängnisvollen Wirkungen der „theosophischen‘“ Be-
Weg gefunden zu haben, um durch seine Trauung be- lebrungen der letzten Jahrzehnte, durch die auch
rühmt zu werden. Er stieg mit seiner Braut und einem echte Eindrücke von der geistig-göttlichen Welt gleich
Geistlichen in ein Flugzeug und in 1000 Meter Höhe von einem bestimmten System wie von einem Netz ein-
sprangen alle drei mit Fallschirmen ab. Die Trauung gefangen werden. Dennoch ist manches, wo man nach-
sollte ‚unterwegs‘ vollzogen werden. Ein starker Wind denklich fragt, ob hier nicht Echtes aus der göttlichen
vereitelte den Plan.“ (Sonntagszeitung) Welt sich mitteilt, oder was wenigstens durchaus im
rechten Sinn aufgenommen werden könnte. Wir teilen
Auf Umwegen zur Wahrheit einige Sätze mit, indem wir unsern Lesern selbst Urteil
Wie leicht es die Lüge im 20. Jahrhundert im Kampfe und Unterscheidungsvermögen zutrauen.
gegen die Wahrheit hat, unterstreicht folgender Tat- „Erst jetzt, nach 2000 Jahren, beginnt das Gestirn
bestand: Im Jahre 1929 hatte der Polizeipräsident Beller der Liebe durch die Geister der großen Zentralsonne
in Burlington, Wisconsin, U.S.A. einen „Lügner-Club“ seine ersten Strahlen der Erde zu entsenden. —
gegründet. Der Beitretende mußte die größtmögliche Es waren diese Strahlen (radiance) bei der Geburt
Lüge auftischen. Alles, natürlich, in der besten Tradition des Jesus gegenwärtig, wie bei seiner Wirksamkeit auf
amerikanischen Humors. Und warum nicht? Frappierend Erden, und sie zogen sich erst zurück hei seiner
wirkt vielleicht, daß die Lüge, meist in Form einer gro- Himmelfahrt.
tesken Übertreibung, so gern in Amerika mit dem Be- Diese Strahlen sind wieder. erschienen und werden
griff „Humor“ verknüpft wird, und daß dieser Club mehr als 1000 Jahre in Wirksamkeit bleiben.
heute 40 000 beitragzahlende Mitglieder besitzt (was Als der Stern vormals erschien, enthielt®er in seiner
vielleicht einen Anflug von Neid auslösen könnte). Ausstrahlung vorherrschend das Element der Liebe.
Jährlich, gerade weun der Mensch ernsteste Dinge Doch jetzt enthält sein Glanz Liebe, Weisheit und
in Erwägung ziehen sollte, am Neujahrstage, wird eine Stärke in vollkommenem Gleichgewicht.“
Radiosendung über das ganze Land mit sämtlichen an- „Diejenigen, welche erkennen, was über den Stern der
geschlossenen Hauptsendern verbreitet, in welcher die Liebe mitgeteilt worden ist, und welche über seine
erfolgreichsten Lügen zum besten gegeben werden. Der mächtige Allgegenwart meditieren, werden sich zeitweise
Club ist eingetragener Verein in allen 48 Staaten. wie von einer großen erhabenen persönlichen Wesen-
Es liegt nahe, ganz jenseits von Humor, den Appell, heit umschlungen fühlen. Dies wird ein so starkes Er-
den die Wahrheit an die Menschen richtet, ein- lebnis mit sich bringen, daß der Schüler zeitweise kaum
fach als Parallele daneben zu stellen. Von höherer Warte den Erdboden unter sich fühlt.“
aus gesehen ist der Spott aber gar keine so schlechte „Die Lichtstrahlen des Christus enthüllen alles ohne
Waffe. Vielleicht ist grade das Sterben der Abstraktion Gefahren, denn das, was sie enthüllen, dient nur dem
in die Übertreibung hinein eine ausgezeichnete Vor- Licht und der Liebe, und es enthüllt dieses Licht dem
bedingung für ihre Auferstehung als Wahrheit im Menschenwesen nur das, wofür es reif ist, denn alles
Ernst des Lebens. Die Gerade ist nicht immer der kür- andere sind Äußerlichkeiten und stammen nicht aus der
zeste Weg zwischen zwei Punkten. Powell Spring Wahrheit des ‚Mighty I am Presence‘ (der ‚Mächtigen
Ich-bin-Gegenwart‘).
Der Übermensch der Naturwissenschaft Sei dir bewußt, daß jeder persönliche Mißklang anf-
Nach der Berechnung. des englischen Physiologen gesogen wird von dem Umschlungensein durch die
Baker hat der Mensch ums Jahr 5000 keine Haare mehr, Strahlenmacht.“

Bezugspreise und Postscheckkonten nebenstehend. — Für unverlangt eingesandte Manuskripte kann (außer wenn Rück-
porto beiliegt) eine Gewähr nicht übernommen werden. Schriftleiter: Dr. Friedrich Rittelmeyer, Stuttgart 13. Für die
Anzeigen verantwortlich: Ernst Rathgeber, Stuttgart. D.A. II. Vj. 1937: 7433. Zur Zeit gilt Anzeigenpreisliste NT. 4.
Druck: Hoffmanusche Buchäruckerei Felix Krais, Stuttgart. Verlag: Verlag Urachhaus, Stuttgart B.

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