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Inhalt: Friedrich Doldinger: Einst ist’s vollbracht (In Weitergestaltung eines alten Liedes) / Lic.

Emil Bock: Höllen-


fahrt und Himmelfahrt / Dr. Friedrich Rittelmeyer: Reines Herzens / Dr. Rudol£Frieling: Die Verheißungen des
Heiligen Geistes in den Abschiedsreden Christi / Alfred Schüge: Geist-Berührung (Gedicht) / Heinrich Ritielmeyer:
Wer bin ich? / August Pauli: Prädestination / Rückschau: Fahrt ins Traumland 2 (Kudolf von Koschüßki); Aus der
Anfangszeit (Kurt von Wistinghausen) / Umschau (Johannes Perthel und Lic. Emil Bock) / Wilhelm Kelber: Vom Auf-
trag der Christengemeinschaft.

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Die Christengemeinschaft
Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer
- Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben vvon n Lic. Emil Bock
17. Jahrgang 2 Mai 1940

Einst ist's vollbrächt


In, Weitergestaltung eines alten Liedes*
Friedrich Doldinger
Die Erdenfahrt. Einst ist’s vollbracht.
ist ernster Art; . Hast du gewacht, . |
magst Du sie uns erhellen, wirst du den Heiland sehen.
o Geist der Kraft, All Leid der Welt
‚der. alles schafft! .; _- wie Asch entfällt
zu Dir die Segel schwellen..- ‚und. du wirst mit Ihm gehen.
. Posaunen hebr . ‚Im Sonnensaal
wehn übers Meer _ . leucht” der Pokal
und wecken Herz und Sinnen. und alle werden trinken.
> .Wo wir auch sind, Gebet und Dank
des Urgeisis Wind als Kronen frank
trägt uns gar-bald von hinnen. auf euren Häuptern blinken.

Höllenfahrt und Himmelfahrt


E milBock . a

“Als die Jünger nach den wunderbär erfüllten vierzig österlichen Tagen ratlos dem Entschwindenden
nachsahen, und als die „zwei Männer in weißen Kleidern“ zu ihnen sprachen: „Er wird wiederkommen,
wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren“ — würden sie da auf eine ferne Zukunft vertröstet, die sie
vielleicht selbst gar nicht mehr erleben würden? -
Als der Christus noch im Erdenleibe lebte, hatte er einmal zu den Jänzern gesprochen: „Es stehen
einige hier, die den Tod nicht schmecken werden, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in
seinem Reich.“ Das war kein Vertrösten auf eine unbestimmte Zukunft. Die Szene, die im Evangelium
unmittelbar folgt, zeigt bereits den Anfäng der Erfüllung: auf dem Berge der Verklärung erleben die

* Diese Verse sind entstanden im Anschluß an das bekannte Lied: „Bei stiller Nacht, zur ersten Wacht ein Sum
begunnt zu klagen. Der nächtge Wind hat leis und lind zu mir. den Klang getragen. Vor herbem Leid und Traurigkeit
ist mir. das Herz zexflossen. Die Blümelein mit Tränen rein hab ich sie all begossen. — Der. schöne Mon will unter-
gohn, für Leid nicht mehr ‚mag scheinen. Die Sterne lahn ihr Glitzen stahn, mit mir sie wollen weinen. Kein Vogel-
sang noch Freudenklang man höret in den Lüften; die wilden Tier trauern “auch mit mir in Steinen und in Klüften.“
In der „Trutznachtigall“ des Friedrich von Spee (17. Jahrh.) hat das Lied sehr zablreiche Strophen und betrachtet
die Passion Jesu Christi. Seit Anfang des letzten Jahrkufiderts, wo Clemens Brentano und Luise Hensel sich um
das Wiederbekanntwerden Spees bemühten, ist das Lied .als rein lyrisches. Gebilde gepflegt worden. Auch Johannes
Brahms hat sich um die alte Melodie bemüht. — Singt man es, etwa in der Passionszeit, mit den Kindern im Unter-
richt, so wird deutlich: So berechtigt die Meläncholie ist angesichts der Passion und so echt und künstlerisch durch-
gestaltet sie bei Spee ist, der als Beichtvater gefolterter und verurteilter Hexen das Leid der Welt wirklich erlebte,
so dringend kann die seelische Aufgabe. empfunden. werden, in den Zeiten; welche auf.die Tat von Golgatha folgen,
das Leid wie von innen her aufzubellen und das Empfinden .der-Trauer zu durchkraften mit. einer positiven
Stimmung, die angesichts des durch Christus gewährleisteten lichten Endes ‚der Zeiten berechtigt ist. Die. Durch-
helluüng einer melancholischen Melodie durdi die Kraft des Geistes, bis sie den Charakter der Bestätigung gewinnt,
führt etwas’mit sich‘ von objektiven 'Wändlüungskräftern und echter Schicksalsstimmung, die vor dem Goetheschen
Begriff der Tüchtigkeit bestehen bleiben kann.

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drei vertrautesten Jünger das beginnende Kommen des Menschensohnes in seinem Reich. So war auch
die Himmelfahrtsverheißung, die das Geheimnis der Himmelfahrt mit dem der Wiederkunft verwob,
nicht nur ein Zukunftshinweis. Ein Keim und Anfang der Erfüllung war bereits in dem Geschehen ent-
halten, dessen Zeugen die Jünger, ohne es zu begreifen, eben waren. Und zehn Tage darauf brachte
der Pfingstmorgen die große Besiegelung dieser beginnenden Erfüllung.
Gewiß hat das Himmelfahrtserlebnis in den Jüngern zunächst die bestürzende Empfindung eines
großen Verlustes ausgelöst: dennoch muß sich eine Wahrheit dahinter verbergen, wenn uns das
Himmelfahrtsfest in jedem Frühling als ein Fest innerlichen Gewinnes und stiller Beglückung wieder-
kehrt. Für diejenigen, die mit dem sakramentalen Leben der Christengemeinschaft mitleben, lichtet sich
der verborgene Freudegehalt dieses Festes immer mehr auf. Vierzig Tage lang ist die österliche Weihe-
handlung gefeiert worden. Auf dem leuchtenden Osterrot des Altars und der Gewänder sprach das Grün
der Figuren von dem neusprießenden Leben der Natur und der Seele. Wenn Himmelfahrt kommt,
bleibt das österliche Rot bestehen, aber an die Stelle des Grün tritt das Gold. Leise werden wir von dem
Vordergrund der Sinneswelt, die ihren Frühlingsreichtum entfaltet, zu dem verborgenen schöpferischen
Hintergrunde aller Dinge geführt. Wir leruen gerade jetzt zu ahnen, daß alle Dinge verborgenerweise
auf einem Goldgrunde ruhen, aus dem sie eigentlich stammen. Im Irdischen will sich uns der goldene
Himmel offenbaren, der in allen Dingen schlummert. Die Sphäre der Keime und Ursprünge, die über-
sinnlich allem Sinnlich-Wahrnehmbaren zugrunde liegt, tut sich uns auf und gibt sich uns als den Himmel
zu erkennen, in welchen der Auferstandene bei seiner Himmelfahrt eingetreten ist.

Wie zwischen Ostern und Pfingsten das Himmelfahrtserlebuis liegt, so liegt zwischen Karfreitag und
Ostern der Vorgang, den die alte christliche Tradition die Höllenfahrt Christi genannt hat. Nach der
üblichen Vorstellung ist der Christus, sowohl bei der Himmelfahrt als auch bei der Höllenfahrt, in eine
jenseitige Welt entschwunden. Den Himmel stellt man sich vor als das obere, die Hölle, das allzu dies-
seitige Diesseits, als das untere Jenseits.
Welches sind in Wahrheit die Seelenwege, die der Christus durchschritten hat, nachdem er durch
den Golgatha-Tod gegangen war?
Indem er sich des Todesschicksals teilhaftig machte, dem alle Menschen unterwörfen sind, trat er in
die Sphäre der verstorbenen Seelen ein. Die Wesensrichtung der Verstorbenen ist diejenige, die wou der
Erde wegführt. Indem die Seelen in die außerirdischen Sphären emporsteigen, lösen sie sich vom Dies-
seits und werden zu Bürgern des Jenseits. Ist es der Seele leicht, sich zu lösen, so kann das Sterben
einem Adlerfluge gleich sein. Die Seelen, denen es schwer ist, sich zu lösen, weil sie sich zu sehr mit
unverwandeltem TIrdischen vollgesogen haben, bleiben wohl noch lange als Schatten an die Erden-
nähe gefesselt, die Freiheit des Flügelschlags. entbehrend, der sie in die Sphäre der wirklichen Unsterb-
lichkeit emportrüge.
Bevor der Christus als Mensch auf die Erde kam, waren die ‚Menschenseelen durchweg in’ Gefahr,
ihrer Flügelkraft und damit der eigentlichen Unsterblichkeit verlustig zu gehen. Die alten Geisteskräfte
versiegten, und. das sich verhärtende Irdische übte immer gewalttätiger seine Macht über die Seelen
aus. Das dunkle Mysterium des „zweiten. Todes“ zog in die Menschheit ein. Zu dem Leibes-Tod fügte
sich immer erschreckender der -Seelen- Tod hinzu, der das Menschenwesen außer Stand setzte, sich zu
den freien Höhen des wahren Jenseits emporzuschwingen. Damals wurde die Sphäre der Verstorbenen
zum Hades, dem Reich der Schatten, zur Hölle, dem dunklen Reiche der Hel, und, wie die neu-
testamentlichen Schriften sagen, zum Gefängnis. Als dann aber Christus am Kreuze starb, trat einer
in die Sphäre der verstorbenen Seelen ein, der im Besitz der wahren Unsterblichkeit war. Er zerriß die
Fesseln der Dämmerung und trug den freien Atem’ des Lichts in das Reich der Schatten hinein. So
schildert auch der 1. Petrusbrief das Geheimnis der. Höllenfahrt: „Er ist getötet worden nach dem
Fleisch, aber lebendig gemacht worden nach dem Geist. Und so ist er auch hingegangen und hat das Heil
verkündigt den Geistern im Gefängnis, die vor:Zeiten die Kraft des Glaubens nicht besaßen... . 80
wurde auch den Toten das Evangelium verkündet“ (3,19; 4, 6).
Die Toten feierten Ostern vor den Erdenmenschen; ihnen machte der Christus durch seinen Tod ihre
Schicksalswege in die höheren Sphären wieder frei; durch ihn empfingen sie die Kraft sich zu trennen
und hoch emporzuschwiugen. So kann-es in der sakramentalen Handlung, die die Christengemeinschaft
an den Gräbern verrichtet, heißen, daß Christus durch seinen Tod.der Menschen Seelentod überwunden
hat. Und wo die alten Glaubensbekenninisse sagen: „Niedergefahren zur Hölle“ — kann es heute
heißen: „Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen. Seelen, die ihr göttliches Sein verloren

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hatten.“ Durch die Höllenfahrt Christi wurde der Menschheit daas Jeenseits,.als die wahre Sphäre
der Unsterblichkeit, wiedergegeben. x:

Aber der Christus blieb nicht i in der Sphäre der Verstorbenen; er schritt. vorwärts zur‘ Auferstehung,
und Auferstehung ist mehr als Unsterblichkeit. In der Himmelfahrt Christi vollendete sich seine Auf-
erstehung. Sie bedeutete seinen "Übergang in. die irdische Allgegenwart. Enistand durch die Höllenfahrt
eine befreite Jenseitigkeit der seelischen Kräfterichtung, so wurde durch die Himmelfahrt eine wirk-
liche Kräfte-Diesseitigkeit begründet..So sehr der’ Himmelfahrtsgedanke innerhalb der früheren und
heute noch weithin üblichen Vorstellungen für einen extremen Jenseitsglauben in Anspruch genommen
worden ist, welcher Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits dualistisch auseinänderreißt, so notwendig
ist es heute, zu betonen, daß in Wirklichkeit die Eimmelfahrt Christi der Erde und dem’ Diesseits
zugute geschehen ist.
Trat der Christus-durch seinen Tod; in die: ‚Sphäre der verstorbenen Seelen ein, die von der Erde fort-
streben, so wuchs er vierzig Tage nach Ostern durch den fortschreitenden -Vorgang der Auferstehungin
eine Sphäre hinein, die verglichen werden kann mit der Sphäre der ungeborenen Seelen, deren Kräfte-
xichtung zur Erde hiuführt. Es war kein jenseitiger Himmel, in den der Christus entschwand. Es war
die Sphäre derjenigen Himmelskräfte, die sich immierfort. lebenzeugend’ und lebenweckend in alles
Irdische hineinergießen wollen. Deshalb spricht die Weihehandlung zur Himmelfahrtszeit davon, daß
der Christus erhöht ist „zum Himmelssein für das Erdensein“, und daß er nun im Erdensein leben
kann, „das Erdensein mit Himmelssein verklärend“. Und an der Stelle, wo die alten Glaubensbekennt-
nisse sagen: „Aufgefahren- gen Himmel“ — kann es heute heißen: „Er ist seitdem der Herr der
Bimmelskräfte auf Erden“.
Die Jahreszeit um Himmelfahrt kann uns ein \ Lehrmeister für den wahren Himmelfahrtsgedanken
sein. Wenn der Frühling fortschreitet, wird die Erde groß, sie wächst über sich hinaus. Ihre Seele
atmet empor und erfüllt dem atmosphärischen. Umkreis, so daß eine wunderbare Einheit von
Himmel und Erde enisteht. Blicken wir in dieser Zeit zum Himmel empor, so nehmen wir nicht ein
fernes Jenseits, sondern ein erhöhtes Diesseits wahr. Die Wolken, Luft und Winde über uns sind kein
Jenseits, sie gehören zur Erde, rufen sie doch machtvoll auf ihr das neue Leben hervor. Der Himmel,
den wir in der Frühlingszeit sehen, ist in Wahrheit unsere Welt. Durch die Himmelfahrt, die jetzt
die Erdenseele vollführt, wird sie sich selbst nicht untreu. Was. der wunderbare Kreislauf des Wassers
lehrt, wo wir die. Feuchtigkeit, von der Wärme emporgesogen, aufsteigen sehen zum Wolkensein, von
wo sich dann im. Regen das lebenspendende Naß wieder ergießt, das beobachten wir gerade in der
Himmelfahrtszeit im ganzen Bereich der Erdenatmosphäre und Erdenseele. Die wahre Kräfterichtung
des-kosmischen Lebens führt jetzt allenthalben zur Erde hin. Eine wunderbare Diesseitsrichtung wohnt
allem Kräfteweben inne. Die Erdenseele steigt nur empor, um die Gaben des Himmels herunter-
zuholen. Öffnen sich die Blüten, so geschieht dies, weil die Erde anfangen darf, Himmelsinhalte zu
spiegeln; verrieseln die Blüten und fruchtet es. im Verborgenen des Pflanzenreichs, so sind die Gaben
des Himmels bereits auf der Erde angekommen und haben angefangen, irdische Gestalt anzunehmen.
So auch ist es mit.dem Geheimnis der Himmelfahrt Christi. Aus der besonderen Offenbarungsform, in
welcher er vierzig Tage lang unter den Jüngern weilte, wuchs er in eine kosmisch-himmlische Weite
hinein. Aber es war der im Irdischen wirkende und lebende Himmel, der ihn aufnahm: die Sphäre der
Keime und Ursprünge, aus der das Irdische immerfort geboren wird. Fortan kann das Diesseits immer
mehr mit dem. Göttlichen durchdrungen werden. Die Höllenfahrt reitete dem Menschen das I enseits,
die Himmelfahrt rettete dem Göttlichen das Diesseits.
x.

"Das Himnielfahrtsgeheimnis recht zu 'empfiiden, bereitet den Menschen auf Pfingsten, das Fest der
Seelenerfüllung, vor. Mit der’ Himmelfahrt der blühenden Erdenseele kann sich eine Himmelfahrt der
strebenden Menschenseele verbinden: Wie die Erde im Frühling größer ist, als sie scheint, so ist auch
der Mensch, wenn er nach dem Geiste strebt, größer als er scheint, weil er dann über sich selbst hinaus-
wächst. Michael Bauer. hät einmal‘ gesagt: „Jeder Aufblick- bedeutet die. Regung von Willenskräften des
Aufstiegs; wer nicht mehr aufblickt, der steigt auch nicht mehr auf.“ Die Erde verliert sich nicht, indem
sie über sich selbst hinauswächst, sondern findet sich selbst in erhöhtem Sinn; so auch verliert der
Mensch sich nicht, wenn er richtig zum Geiste emporsteigt, er findet sich vielmehr erst wirklich selbst
in seinem höheren Ich. Blicken wir im Frühling zum ‚physischen Himmel empor, so schauen wir in eine
Welt hinein, die zu uns herniederkraftet. So auch stehen wir, wenn wir mit dem Himmelfahrtsgedanken

0
n ein-
einem Wesen gegenüber, das verwandelnd in unser Wese
cken,
zu der Christusgestalt emporbli Üben wir den „Aufblick zu Ihm“
, von dem
ren Ich in uns entzüniden will. gewahr, das
greift und die Flamme des höhe en wir sein ewig es Kom men
ehandlung spricht, s6 werd
in der Himmelfahrtszeit. die Weih en des höheren :Ich -ankündi
gt. Das
Innern durch die. Flammenzeich
das Geheimnis ..der Wiederkunft
unse rem
sich immer aufs neue in n in
ndere Gelegenheit. zum Einilebe
Himmelfahrtsfest ist eine beso e: „Er wird wied erkommen, wie ihr ihn gesehen
habt
zu den Jüng ers gesp roch en wurd s wied erko mmt,
‚Christi. Wenn Wolken des Him mel
es heißt; ‘daß. Christus auf den
gen Himmel fahren“ ünd wenn hinw egge niom men wurd e, $o deutet das darauf hin, daß
en des Himm els
so wie er damals von den Wolk Wiederkunft die Vollendung
elfa hrt Chris ti der Keim seiner Wiederkunft,' und daß seine re re
die Himm ER
seiner Himmelfahrt ist.
:
sowi e die Himm elfa hrt. Wer in
nft Chris ti steig ert und vollendet die Höllenfahrt nehm en
Die Wiederku ihn Mut für das Jenseits gibt.
Desh alb
Himmels-Tau hinein, der n sagt, die
Christus stirbt, stirbt in den. us in den Thessalonicherbriefe
mit Chri stus verbunden sind, wie Paul sc hhe it das
die Verstorbenen, die ibt der Men
als die Erdenmenschen. Christusg
Wiederkunft Christi eher wahr r mehr imstande, den Christus
stus sein Erdenleben führt, ist imme
neue Jenseits. Und wer in Chri andlung zu empfangen. Christ
üs
Kraft'der Begeisteruäg und Verw
aus.den Wolken des Himmels als Die sseits. Ein wahres Himm elfa hrts - und Wied erku nfts -
s chh eit das neu e
gibt.der Men nl :
:
Gebet ist deshalb der Novalis-Vers ihn so hern iederziehn.
ihn, und laß
„la schweren Wolken sammle
:
Strö men send ihn her, in Feuerflammen lodre er.
In kühlen “
durchdring er unsrer Erde Bau.
In Luft und Öl, in Klang und Tau

" Reines Herzens


"Aus einer Himmelfahrtspredigt
Friedrich Rittelmeyer
Sagt nicht: Dann müßte ich rein
sind, deun sie werden Gott schauen.
Selig sind, die reines Herzens ten Sünder oft Gott am tiefsten
das bin ich nicht. Dann hätten nicht gerade die größ Augen-
von Sünd en sein und müssen wir sein, in dem
nicht anders verstehen: rein von uns
erschaut. Wir können dies Wort wora us alle Sünde kommt: von der
uen, und dami t allerdings auch rein von.dem, höchste
blick, wo wir Gott scha bene nnen , so müßten wir sagen:
cht. Woll ten wir’s mit eine m recht alltäglichen Wort innerste Selbst-
Selb sisu nnen, so müssen wir sagen:
einem recht hohen Wort bene gariz natür-
Sachlichkeit. Wollen wir’s mit die Selb stsu cht aufh ört, geht
Wir könn en es übera ll im Lebe n erproben: dort, wo das, was sie
losigkeit. chen wüßten, wie oft auch
Gottschauen an. Wenn die Mens
lich und selbstverständlich .das ten Rein heit des Herz ens, so
einf ach in nicht s ande rem, besteht als in einer tiefs gehe imen und
Die Natur fängt an, uns ihre
Genialität nenn en,
andern Augen anschauen.
würden sie dies Wort mit ganz uns selbst störend im Kopf und
in
zu erzä hlen — in dem Maß, als wir nicht
geheimsten‘Herrlichkeiten t än, uns sein verb orge nes Wese n
ch, der uns gegenübersteht, fäng
der Seele haben. Der andere Mens erzählen — in dem Maß, als wir
nicht von
uramernden Gott in sich zu e . “
zu offenbaren, uns von dem schl Ja, unser eigues Gewissen, unsı
n, Eind rücken, Wünschen erfüllt sind.
unsern selbstischen Meinunge werden will — in dem Maß, als-w ir nicht
Gott, von dem Gott, der in uns
BE
eigne Seele sagt uns nur von daß er uns den
Sinn von Christi Himmelfahrt,
sind. ... Das ist der
selbstgefällig und selbstbefangen die ganze Himmelfahrt darin. Wer
cht hat. In dieser Seligpreisung aber ist
Himmel.zur Heimat gema seine Himmelfahrt. —
hält im Kleinsten und Größten
diese Seligpreisung erfüllt, der

Christi
Geistes in den Abschiedsreden
Die Verheißungen des Heiligen
Frieling . u
= Rudolf
in den- Kapiteln 14 bis 16 vor uns
wie sie das J ohannesevangelium
Durch die Abschiedsreden Christi, hindurch, die das Kommen des
Geistes als des „Trösters“
eine Reih e von Sprü chen "
ausbreitet, zieht sich = nn .
\ \
verkündigen.
L . ur
- Der: erste dieser Sprüche steht Joh.14,16: „Ich werde den Vater bitten, und er wird
euch einen. anderen Tröster geben, daß er mit euch sei in Ewigkeit; den
Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn.sie schaut
ihn nicht und erkennt ihn nicht, Ihr aber erkennetihn, denn er bleibt bei
euch und west in euch“. ;
Der Heilige Geist soll den Jüngern einen Zuwachs an höherem Sein bringen. Für die „Welt“ dagegen
ist er nicht vorhanden: „Welt“ ist im Sinne des Neuen Testamentes. nicht das, was wir heute „Rosmos“
oder „Universum“ nennen, sondern es. ist die Welt der äußeren Sinne, insofern sie aus dem. göttlich-
geistigen Zusammenhang herausgetreten, „eur, Welt“ ist, nur „Schein“, nicht mehr „Erscheinung“.
Für diese Welt, für das Bewußtsein, das an’ die äußeren Sinne und den gehirngebundenen Verstand .ge-
fesselt ist und zu den, göttlichen Hintergründen des Daseins nicht mehr durchdringtzist der Heilige. Geist
nicht erreichbar. Im Kontrast zu dem Bewußtsein, das der Außenwelt hörig ist, wird die rein übersinn-
lich-innerliche :Wesenheit des‘ ‚Geistes- Klargestellt. :
m.
Wenige Verse weiter . finden, wir-im. selben 14. Kapitel den zweiten Spruch: „Dieses habe ich z zu euch
gesprochen, :inderi ich. noch bei euch weile..Der Tiröster aber, der Heilige Geist, den
der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch Alles lehren und
eucheriunermam.Alles, wasich euch gesagt habe“ (14,26). :
„Lehren“ und „Erinnern“ dürfen wir. nicht in einem intellektualistischen Sinne verstehn.. Das wirk-
liche Lehren ist nicht ein mechanisches. Einfüllen von Inhalten, sonderu ein „Beibringen“, das die Er-
kenntnisse so an den Erkenrienden heranführt, daß er sie dem eignen Lebensorganismus in förderlicher
Weise einverleiben kann. Ebenso legt i im „Brinnern“ eine Wirkung des Lebens- Organismus und seiner
feinen Bildekräfte YOr. .
\ : Il. ;
In wieder eine andere Welt führt der dritte Spruch: »W enn aber der Tröste rkom m t,
den Ich euch vom Vater her senden werde, der Geist der Wahrheit, der
vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis ablegen von mir“ (15,26).
Diese Worte stehn am Ende des „Weinstock- Kapitels“ 15. Dort treten in gewaltiger Seelendramatik
zwei Welten einander gegenüber: "Liebe: und Haß. Au keiner änderen Stelle hören wir den Christus so
oft von der göttlichen Liebe, der „Agape“ sprechen, wie im Anschluß an die Bildrede vom Weinstock.
In schroffem Übergange spricht er sodann von der furchtbaren-Gegen-Macht des Hasses. Damit muß
gleichsam die Offenbarung der höchsten Liebe erkauft werden, daß zugleich in die dämonischen Ab-
gründe des Hasses hinabgeblickt wird. In das gewaltige Ringen der beiden Seelen-Mächte Liebe und
Haß wird nun das Wort’ „Martyria“, „Zeugnis“ hineingeworfen. Die Martyria ist das mit dem Blute
besiegelte seelenkräftige Zeugnis; das Wort hat etwas wie eine Flammen-Aura göttlicher Leidenschaft-
lichkeit. Dieses von der Liebe ‚durchglühte Zeugnis gegenüber den Haßgewalten wird vom Heiligen
Geist, dem „Geist der Wahrheit“ inspiriert werden. —
Überblickt man das Bisherige und sucht man sich das jeweils Eigentümliche der’ erwähnten Evangelien-
Worte zum Bewußtsein zu "bringen, 'so zeigt sich 'eine gewisse Anordnung. Zuerst wird das Wesen. des
Geistes klargestellt durch den Gegensatz zur Welt der äußeren Sinne. Er ist „das ganz Andere der.nur
physischen Welt“, die ihn nicht wahrnimmt und nicht erkennt. Sodann wird die Wirksamkeit des Geistes
dargestellt, die mit seinem Tätig- Sein im Reiche der‘ lebendigen Bildkräfte des Orgänischen zusammen-
hängt: „lehren und erinnern.“ * Schließlich erscheint er als Faktor in dem großen Ringen der Seelen-
kräfte Liebe und Haß.
Wesen und Wirken des Geistes wird verkündet, indem an den drei Reichen des physisch- Sinnlichen,
des lebendig-Bildenden, des seelisch- Leidenschaftlichen vorübergegangen wird.
IV. -
‚Der vierte Spruch klingt insofern wieder an den ersten an, als hier abermals von der „Welt“ die ‚Rede
ist. Aber diesmal in einem 'anderen Sinne. Als „vierter“ in einer Reihe hat. dieser, Spruch sozusagen
einen „Stellenwert“. Über die bisher berührten Reiche der physischen Welt, des bildenden Lebens und
der Seelen-Regung hinaus (in der Natur entsprechen dem die Stufen: Stein, Pflanze und‘ Tier) dürfen

21
wir jetzt den Gesichtspunkt der Ichheit erwarten. ‚Ich sage euch die Wahrheit, es ist für euch gut, daß
ich weggehe. Denn wenn ich’nicht weggehö, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn
ichmichaber auf den Weggemachthabe, werdeichihnzueuch senden. Und
wennerkommt, wird er der Welt zum Bewußtsein bringen, was die Sünde
ist, und die Gerechtigkeit, und das Gericht. Die Sünde:"daß sie nicht
glauben an mich. Die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe undihr mich
Hichtmehrseht. Das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist“ (16,7—1]).
Hier handelt es sich um eine--Bewußtseins-Erweckung, vollzogen an-dem in der Sinnenwelt be-
fangenen Ich. Das in der „Welt“ befangene Bewußtsein, das an den entgöttlichten. Vordergründen des
Daseins hängen bleibt, „glaubt nicht an Mich“. Mit diesem „Glauben ‘an Mich*.ist gewiß nicht ein
dogmatisches Fürwahrhalten gemeint, ‘sondern -die seinsüchtige und vertrauensvolle Hinwendung des
ganzen Wesens zu dem Christus. „Glauben an Mich“ — das heißt, sich dem höheren Ich öffnen, das in
dem Christus erschienen ist; es in sich hereinwirken lassen, es in sich hereinnehmen. Durch den Geist
soll sich etwas vollziehen wie eine Auseinandersetzung des erwachten Bewußtseins mit der'niederen
Ichheit. Dieses wird erkannt als nicht von dem Christus durchsonnt. Es wird bewußt hinübergegangen
aus dem finsteren Ich in das sonnenhelle Ich. Alles, was aus dem noch nicht durchsonnten Teil unseres
Wesens heraus getan wird, ist „Sünde“. Sünde besteht wesentlich nicht aus den einzelnen Ver-
gehungen — die sind nur Symptome. Im Kern ist Sünde: die Sonnen-Ferne des- Ich: Wie es eben im
Johannes-Evangelium ausgedrückt ist: „Nicht glauben an: Mich.“
In ähnlicher Weise wie „Sünde“ wird nun hier auch der Begriff der „Gerechtigkeit“ durch das Be-
wußtsein-erweckende Walten des Geistes verinnerlicht: dort wird',‚ge-recht“, also beständig und dauer-
haft gebaut, wo der Baugrund im -Übersinnlichen, im verborgenen Vater-Grund selber gesucht wird.
So wird nun auch die bewußte Auseinandersetzung: möglich. mit: dem „Fürsten dieser. Welt“. Das: ist
der Widersacher, der das menschliche Bewußtsein im Bezirk :des nur. materiellen "Daseins gefangen
halten möchte, der auch aus dem Menschen nur einen Bestandteil der gottentfremdeten vordergründ-
lichen „diesen Welt“ machen will. Er wird im Lichte des Geistes erkannt als in Wirklichkeit schon ge-
richtet, als im Innersten bereits durch die Erlösungstat am Kreuz überwunden, auch wenn er äußerlich
noch triumphiert. Seine Sache wird als eine verlorene erkannt, Vom Ewigen aus gesehn ist es mit ihm
schon vorbei. : :
In diesem vierten Spruch, ‘wo der Geist die Auseinander- Setzung mit dem niederen Ich und die Hin-
wendung zum höheren Ich bewirkt, wo er zur ‚Scheidung. und Ent-scheidung, zur „Brisis“ des Bewußt-
seins führt, spüren wir etwas von Blitz und Donner der Apokalypse. -Das klingt auch an-in der i im übrigen
hier nicht zureichenden Übersetzung Luthers: daß der. Geist „strafen“ wird.
. Unmittelbar darauf folgt der in solchem Zusammenhang, so bedeutungsschwere Satz: „Ich habe euch
noch Vieles zu sagen, aber ihr könnt es Jetzt nicht.tragen.““ Diese von apokalyptischen Wetterwolken über-
düsterten Worte führen hinüber zum letzten der Geist- Sprüche, zum fünften.

„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in alle
Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von sich selber reden, sondern waser
hört, wirderreden,; und was kommend ist— er wirdeseuch verkündigen.
Er wird Mich zur Offenbarung bringen; denn aus dem Meinen wird er es
nehmenunder wirdeseuch verkündigen.
Alles, wasder Vaterhat,ist mein. Deshalb sagte icheuch:aus dem Meinen
nimmteres,under wird es euch verkündigen“ (16,13—15).
Nach dem apokalyptischen Gewitter kann man hier den Eindruck haben: „Luft ist gereinigt. Ätme
der Geist.“ Nun ist der Geist ganz in seinem ureigenen Element. der ‚Erleuchtung .tätig. In diesem
fünften Spruch ist sozusagen der Geist ganz bei sich daheim. Der klare Himmel der Erkenntnis strahlt.
Die betonende Wiederholung des Wortes „Wahrheit“ bringt das zum Ausdruck: „Der Geist der Wahr-
heit wird euch in alle Wahrheit leiten.“ „Leiten“, griechisch „hodegein“, heißt wörtlich: „Wege führen“.
Die Erkenntnis der Wahrheit ist nicht mit einem einzigen Erkenntnisgriff zu ‚greifen, sie will auf
manchen Wegen und Pfaden demütig erwandert werden. Die in neuerer Zeit anerkannte erkenutnis-
theoretische Ansicht, daß der Mensch von den wahren Gründen. der: Dinge nichts zu wissen rermöge.
nicht zum „An sich“ vordringen könne — ist richtig, solange man den Menschen, wie er heute ist, als
endgültig und fertig hinnimmt. Kommt man aber zu der Einsicht, daß das menschliche Bewußtsein der

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Wandlung fähig ist, daß der Mensch durch das Beschreiten eines ihn im Wandeln -verwandelnden
„Weges“ seinen Bewußtseinshorizont erweitern und allmählich bis zu jenen zunächst gewiß „unerkenn-
baren“ Weltgründen ausdehnen kann — dann ist der Mensch wieder ein Wesen, das wahrhaft Zu-
kunft hat.
Das Geheimnis dieser höheren Erkenntnis ist ein tiefes hingegebenes ‚Hören-Können“ auf das, was
sich. offenbaren will.: Warum vernimmt der Mensch zunächst nichts. von diesen Offenbarungen einer
höheren Welt? Nicht deshalb, weil sie dem Menschen nicht gegönnt wären, sondern deshalb, weil das
eigne Innere des Menschen immer „dreinredet‘“ und dadurch, indem es mit seinen eigenen. Angelegen-
heiten egoistisch beschäftigt ist, die Stimme des Göttlichen übertönt und unhörbar macht. Je selbstloser
der Mensch bis in die Tiefen seines Wesens wird lauschend schweigen können, desto höhere Wahrheiten
wird er sich erschließen. Der Heilige Geist erscheint hier'als der Genius solcher Erkenntnis- Art. „Nicht
aus sich selber wird er reden, sondern was er hört, wird er euch verkündigen.“ So kann auch die
Schranke des Zeitlichen fallen und der Blick in: die Zukunft frei werden. „Das Kommende wird er
offenbaren.“
Von dem, was hier „das Kommende“ heißt, kann aber i im Lichte des Geistes nicht geredet werden,
ohne auf Den hinzuweisen, der überhaupt aller Zukunft Inbegriff, ist: Christus, der Kommende. Die
Offenbarung .des Heiligen -Geistes, die nach allen Seiten in das AN der. Wahrheit leitet, faßt dieses
Universum, diesen Sternenhimmel der Erkenntnis schließlich zusammen. in .der Einen Gestalt des
Christus. Das All der Wahrheit-ist keine unübersehbare Anhäufung von Einzel- Einsichten, sondern es
organisiert sich zur Gestalt des Gott-Menschen. „Mich wird er offenbaren.“
Das heißt nicht bloß, daß eine echte Erkenntnis über die Gestalt Christi „nicht wird hinweggehn
können“. Mehr noch. Die Zukunfts-Erkenntnis geht nicht bloß zu Christus als historischer Erscheinung
zurück und würdigt ihn als Mittelpunkt der Weltgeschichte — sie geht auch dem Christus als dem erst
noch Kommenden entgegen und hat in alle Ewigkeit an ihm zu erkennen; denn in ihm liegen, wie Paulus
sagt, alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Die wahre Erkenntnis wird das Wahrheits-All in Christus
und Christus.im Wahrheits-All erschauen. Christus wird nicht nur ein Erkenntnisgegenstand unter
anderen sein; sondern die organische Zusammenfassung aller echten Einsichten. Die. Weisheit des
Heiligen Geirter wird zur Christus-Erkenntnis. „Mich wird er offenbaren, : ‚aus dem ‚Meinen wird er es
nehmen.“ \ - : -
Durch den Sohn aber kommen ;
wir zum Vater. Im Letzten wird diese Verkündigung des Geistes zur
Offenbarung des tief verborgenen Vater-Grundes. „Alles was der Vater hat, das ist Mein.“
Wenn man einmal beachtet, wie dieser fünfte Spruch durch den sich wiederholenden Kehrvers „er
wird es euch verkündigen“ (16,13,14,15) gegliedert wird, so findet man drei Stufen: Weg-Leitung in
das Wahrheits-All (13), Christus-Erkenntnis (14), Vater-Offenbarung (15). Man könnte sagen: in diesem
fünften Spruch ist noch ein sechster: und siebenter keimhaft enthalten. In seinen Anfangsworten ist er
so ganz eigentlich der „fünfte“ Spruch: da, wo. vom Geist gesprochen wird, der in das All der Wahrheit
führt. Was sich dann wie in punktierten Linien als ein Sechstes. und ganz zart angedeutet
als ein
Siebentes abzeichnet, das führt zum Sohn und schließlich zum Vater. So baut. sich über dem Menschen-
Ich, dessen Krisis den Inhalt‘ des vierten Spruches bildete, die ganze Dreifaltigkeit wie eine höhere, dem
Menschen zugedachte Zukunft auf. —
Blicken wir noch einmal auf alle fünf Sprüche zurück und berücksichtigen dabei, in
i welch verschiedener
Weise jeweils das „Kommen“ des Geistes vermittelt wird, so » machen wir eine seltsame Entdeckung.
Da heißt es vom Geist:. _... .
I. Der Vater wird ihn ench geben. .
U. Der, Vater wird ihn senden in meinem ‘Namen.
IH. Ich werde ihn senden vom Vater her.
IV. Ich werde ihn euch senden. '
YV. Wenn aber Jener kommt, der Geist. der Wahrheit .: \
Es ist deutlich, wie I und II zusammengehören; II und Iv, während Y für sich allein. steht. Es ergibt
sich hier eine wunderbare 'sinnreiche Figur, eine der scheimnisvollen „Klangfiguren““ des Logos; au
denen das Johanues-Eyangelium so reich ist. \
In I und II erscheint der Geist zuerst hatptsächlich im Zusammenhange mit ‚dem Vater, der ihn
„gibt“ und „sendet“. .
In IU und IV mit dem Sohn, der ihn „sendet“. .
Zuletzt in V erscheint er gleichsam selbständig, als in eigner Vollmacht kommend.

23
Diese Unterscheidung entspricht der „Ökonomie der Offenbarung“. Die Menschheit
wird vom Vater
zum Sohn geführt, vom Sohn zum Geist, der ein Zukunfts-Prinzip ist. . nn
“ Dieser Linie wird nun in weiser Kontrapunktik eine Gegenbewegung entgegengeführt:
der fünfte
Spruch leitet, wie wir vorhin sahen, von dem eigentlichen Bereich des Geistes (Währheits
zum Sohn, und vom Sohn zum Vater.
-All ) wieder
Ist der Mensch zur dritten der drei göttlichen Personen vorgedrungen, so geht ihm erst jetzt die
Dreifaltigkeit
so recht auf. Er erkennt auch die beiden anderen’ Personen wieder in neuem Lichte.
so
Und
wird ihm der Vater-Gott; der als Ursprung und Urquell das Erste ist, zum
Schlusse das fernste und
letzte Ziel zukünftiger Erkenntnis,

Geist-Berührung
.. Alfred Schütze
Wer bist du Geist, der mich gestreift ein Weltenton, der sich verlor,
und mächtig in mein Fühlen greift, “ein Toter, den ich selbst beschwor?
bist du ein Sohn des ewgen Lichts, Ich schaue (dich im Geiste nicht,
dienst du in dunklem Trotz dem Nichts, dein Wort enthüll mir dein Gesicht, -
bist du ein Sendling der Natur, “wer du auch seist, tritt vor mich hin, -
“ein Ruf, ein Geistgedanke nur, was du auch künden magst: Ich bin!

- Wer bin ich?:


‚Heinrich Rittelmeyer
- Wer bist Du? wird oft gefragt. Nicht so häufig wird gen erleiden im Laufe der Zeit einen recht starken
gefragt: Wer bin ich? Und doch ist diese Frage sehr Wandel. Und doch haben wir das Bewußtsein, derselbe
interessant. Und sie ist gar'nicht so leicht zu beantworten. 'Mensch:zu sein-— bei’all diesem Wechsel.::
Man könnte freilich darauf antworten: Ich heiße... und... Und wenn wir selbst‘.tiefer” liegende. seelische :Eigen-
habe den Beruf als..., aber damit wäre ja nur etwas schaften nehmen, wie unser Temperament und unsern
sehr Äußerliches beantwortet. Denn wenn ich etwa einen .
andern Namen hätte und wenn ich etwa‘ meinen Beruf rungen, vielleicht großen Veränderungen.
im Laufe der
verlieren würde, wäre ich doch derselbe Mensch. Nun Zeit ausgesetzt, wenn diese auch viel langsamer vor sich
könnte man antworten: Ich weiß doch, wer.ich bin: Ich ‘gehen 'als bei unserm Denken, Fühlen und Wollen. Wir
bin der, welcher diesen bestimmten Körper hat. Aber die’ können auch an unserm Temperament und Charakter
Stoffe unseres Körpers wechseln ja fortwährend. Vor arbeiten, sie sind’ nicht ohne weiteres unser Ich. \
10 Jahren hätte er ganz andere Stoffe, und doch war ich- Näher heran’ kommen wir an dieses schon, wenn wir
derselbe Mensch: Ja,'aber meine Gestalt und’ das, was ich darauf ‚unser ‘Augenmerk richten, daß wir die Fähigkeit
für meinen Körper wesentlich fühle, wie steht es damit?:. der ‘Erinnerung haben. Ich meine nicht das Gedächtnis,
Nun das ändert sich:ja auch. Es. war nicht da, bevor ich sondern.die Erinnerung. Wir sind uns bewußt: Früher
auf: dieser. Erde erschien,.
und es: wird nicht da sein, wenn ‚habe ich dieses und jenes erlebt, und es ergibt sich ein
ich durch die Pforte des Todes gegangen bin. — Unser Zusammenhang in unserem Leben durch die Summe
Leib ist nicht unser eigentliches Wesen, unser Ich; wir. ‚unserer Erinnerungen. Daß wir uns’ als ein Ich wissen,
stehen ihm gegenüher als einem Stück Außenwelt, wenn das hängt damit zusammen, daß wir diese Erinnerung
wir auch seine Schmerzen und sein Wohlbefinden wie in uns tragen, daß wir wissen: Ich habe mein körperliches
unsere eigenen fühlen. Wir können ihn pflegen und be- und seelisches Wesen. vielleicht’ sehr stark, vielleicht
arbeiten, wir können uns bis zu einem gewissen Grad grundlegend geändert, aber ich bin doch derselbe Mensch.
von seinen Wünschen unabhängig machen, wir können Nun kaun man die interessante Feststellung mächen, daß
ihn beherrschen, wenigstens in gewissem Maße. — Aber die Fähigkeit der Erinnerung mit dem Zerfall der körper-
unsere Seele, die ist doch unser inneres Wesen, die ist lichen Kräfte, zum Beispiel mit dem :Ältwerden, nicht ab-,
doch unser Ich? Doch auch das trifft nicht zu für das, sondern .zunimrat. Nur. scheinbar im Widerspruch damit
was wir.gewöhnlich "unsere Seele zu nennen pflegen, für ‚steht, daß alte Leute ich oft an. vieles nicht mehr
unser gewöhnliches Vorstellen, Fühlen und Wollen. Denn erinnern können, was sich in letzter Zeit abgespielt hat.
das ist sehr stark einem Wechsel unterworfen. Unsere Das hängt damit zusammen, daß ihr Wesen nicht mehr
Vorstellungen nicht nur, auch unsere Gedanken und so ganz im gegenwärtigen, Sinnesleben drinnen steht.
unsere Anschauungen haben sich schon des öfteren ge- Aber sie können oft ausgezeichnet und sehr lebhaft von
ändert. Unsere Gefühle und Stimmungen können sehr früher, etwa von ihrer Jugend, erzählen. Das. deutet
schwanken. Unsere Neigungen, Wünsche und Bestrebun- darauf hin, daß mit dem Tode die Fähigkeit der Erinner-

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ung nicht aufhören, sondern eine Steigerung erfahren eigenen Bewußtsein zu verbergen suchen. Aber wenn man,
wird, wenn sich auch im: Leben nacı dem Tode die wie man sagt, zu sich selber kommt und auf sich selbst
Form, in der wir mit unseren Erlebnissen verbunden achtet, dann ist dieses innere Urteil doch i in uns da. Wir
bleiben, sicher im Laufe der Zeit sehr wesentlich ändern erkennen da ein Wesen, das nicht an unsern Körper ver:
wird. haftet ist, auch nicht von den Bedingungen unseres
Und ein anderes ist, daß wir die Fähigkeit haben, Erdendaseins und von unserem gewöhnlichen Seelenleben
Ideale zu bilden. Alle wirklichen Ideale fühlen wir mit abhängig, sondern das rein geistig ist. Und das in jedem
unserm innersten Wesen verbunden. Alle Ideale haben Augenblick, wo es sich klar zur Geltung bringen kann,
aber die Eigentümlichkeit, daß sie in der Erdenwelt nicht das Bewußtsein der Ewigkeit in sich trägt. Was wahr ist,
verwirklicht sind; werden 'sie verwirklicht, sind es keine das ist immer wahr, oder es ist überhaupt nicht wahr.
Ideale mehr; diese können daher gar nicht aus der Erden- Unser Erkennen der Wahrheit ändert sich freilich. Aber
welt stammen. Sie stammen aus einer geistigen Welt, in in dem Augenblick, wo wir ein Urteil wirklich als wahr
der sie urständen. Und in ihnen drückt‘ sich aus, wie wir erkennen, können wir nicht bezweifeln, daB dieses Urteil
diese Erdenwelt anders haben möchten als sie ist, und dauernde Gültigkeit hat. So kommt in dieser Tatsache,
wie wir sie gerne umwandeln möchten. Lebt in uns nun daß wir so einen inneren Beurteiler in uns tragen, am
wirklich ein Ideal, so bleibt es mit uns verbunden. 'Es stärksten unser inneres Wesen, unser wahres Ich, zum
kann zurücktreten als Ideal, weil es mehr oder weniger Ausdruck, das auch schon zur Geltung kommt in unseren
verwirklicht ist. Es-kann seine Form ändern, weil die Idealen und das ein Gerüst für unser Bewußtsein in uns
Vorstellungen; - die wir Yon ihm: hatten, sich ‚als nicht hineinbaut durch unsere Erinnerungen. \
durchführbar erwiesen. Aber dann’ lebt es im anderer Für dieses unser eigentliches Ich aber ist nicht nur
Form weiter. Es kann in uns’gaiiz‘ zurücktreten, weil wir unser Leib und unser Erdenleben, sondern auch unsere
ihm untreu geworden sind, weil’wir müde geworden sind, Seele im. i Grunde nur Robstoff, an dem es arbeitet. Nicht
nach ihm zu streben. Aber dann bleibt es doch auf dem das, was unsere Seele geworden ist, ist. jemals unser
Seelengrunde, ‘und es lebt in uns als’ eine heimliche An- eigentliches Ich; dieses will uns immer anders haben, will
klage: Wir scheinen uns selbst weniger wert zu sein, weil uns umgestalten. Wir erleben’ es "eigentlich nur dann,
wir es verleugüeten. ‘Es kann sein, daß wir spotten, ‘oder wenn wir uns selbst überwinden. Wenn wir uns über den
in anderer’ Weise den Stachel los zu werden versuchen, Zustand erheben, in dem wir bisher waren. Denn dieses
den das Ideal in unserer Seele zurückgelassen hat. Aber unser wahres Ich lebt als ein schöpferisches Wesen, als
gerade dadurch zeigen wir, daß‘ das Ideal mit unserm ein: auch in unserm Innenleben schaffendes Wesen, als ein
Wesen verbunden bleibt. ; Wesen, däs auch in- andern Körpern und Seelenarten leben
Am‘ deutlichsten’ kann uns. „entgegentreten, was unser und arbeiten könnte, Und es ist ein individuelles Wesen.
eigentliches Wesen, unser Ich, ist, wenn: wir an die merk- Durch die Erinnerung charakterisiert sich jeder selbst in
würdige Tatsache denken, daß wir uns selbst kritisch seiner Besonderheit. Jeder hat seine eigenartigen Schick-
gegenüberstehen können, daß auch unser Seelenleben von sale und seine eigenartigen Erlebnisse. Jeder erfaßt auch
uns beurteilt wird. Wir haben Gedanken. Aber wir be- in besonderer Weise einen Teil der möglichen Ideale, und
urteilen sie als wahr oder als falsch. Und wenn wir es ist das eine oder das andere bei ihm besonders betont.
vielleicht auch manchen Gedanken lieber als richtig an- Und der innere Beurteiler Spricht zwar das Urteil als
erkennen würden, eine klare innere Stimme sagt uns allgemein gültig. Wenn ich etwas wirklich als wahr er-
oft: Die Sache stimmt doch nicht. Wir haben vielleicht kannt habe, bin”ich auch überzeugt, daß diese Wahrheit
starke, vielleicht leidenschaftliche ' Gefühle, und wir allgemein gültig ist. Aber wiederum, was ich an Urteilen
können zeitweise meinen, sie füllten unser ganzes Innen- ergreife und welches Gewicht ich, ihnen gebe, das hängt
leben aus. Aber wir beurteilen auch sie und sagen, sie init meinem tiefsten geistigen Wesen zusammen und mit
sind schön, oder sie sind häßlich, sie sind unserer würdig der Entwickelung, die dieses Wesen nimmt. Da kann man
oder unserer 'unwürdig. Auch durch’ die stärksten Ge- durchaus die individuelle Art verspüren. Namentlich kaun
fühle läßt sich diese innere Stimme nicht dauernd über- einem das entgegentreten, wenn man ins Auge faßt, wie
winden.' Und wir haben vielleicht starke Wünsche, dieses geistige Schöpferwesen au einem Menschen arbeitet,
Neigungen, vielleicht einen ‘starken Willen, und daraus wie es tatsächlich verschiedenartige Ziele sind, denen es
gehen viele Handlungen hervor, aber auch sie‘ unterliegen bei den einzelnen Menschen zustrebt. Wenn wir in solcher
einer inneren Beurteilung; wir "sprechen davon: Sie: sind Weise etwas von unserem, wahren Wesen erfassen, wenn
gut, oder sie sind böse, 'sie "sind richtig; öder 'sie sind ver- wir wirklich zu uns selbst kommen, 'erfühlen wir den
kehrt. Gewiß mag es sein, daß wir solche’ unangeniehmen Gott in uns, erfühlen wir unser Ich als 'einen Funken
Urteile vor:: andern ‚nicht zugeben und auch vor ünserm aus dem Licht- und Feuermeer. der Gottheit.

Prädestination
August Pauli

In seinem Brief an die Römer kommt Paulus in seinen | Satz, der nicht nur den Erlösten das eigene Verdienst ab-
Bemühen, den Gedanken der Alleinwirksamkeit der!spricht, sondern auch bei den Nichterlösten die eigene
göttlichen Gnade. in Christus herayszugrbeiten, zu einem. Schuld aufzuheben scheint, indem er nämlich sagt: Gott

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erwählt, welchen er will, und verwirft, welchen er will, von diesem Punkt, und das bewirkt, daß wir in einem
Auf die Einrede, daß dann doch den Verworfenen keine Leben nicht jedwedes Ziel, sondern .nur ein. von diesem
Schuld treffe, antwortet er: Ja, lieber Mensch, wer bist du Ausgangspunkt aus mögliches erreichen können. Das be-
denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch das sagt aber für ungezählte Menschen, daß sie wenigstens
Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich in ihrem gegenwärtigen Dasein:zu einem Leben aus dem
also? — eine Antwort, die freilich den :Einwand -nur Geist nicht kommen können. :
niederschlägt, nicht wirklich überwindet. In ihrer vollen Bedeutung werden wir diese Dinge nur
n
Dieser Gedanke des Paulus ist später von "namhaften verstehen, wenn. wir uns zugleich klarmachen, daß..der
Kirchenlehrem wieder aufgenommen worden, so: von Mensch ja nicht für sich allein nur lebt, sondern als Glied
Augustin im Gegensatz zu Pelagius, teilweise auch von seines Volkes, als: Kind seiner Zeit immer zugleich im
Luther im Gegensatz -zu Erasmus, dann besonders von Zusammenhang der menschheitlichen
dem Genfer Reformator Calvin. Er wurde ausgestaltet zu Entwicklung steht. ‚Von einer menschheitlichen
der Lehre von der göttlichen Gnadenwahl, der Prä- Entwicklung kann als yon etwas Wesentlichem nur unter
destination, derzufolge Gott einen Teil der Men- der Voraussetzung der. wiederholten Exdenleben ge-
schen zur ewigen Seligkeit, den anderen Teil zur ewigen sprochen. werden. Nimmt man mit. der. Rirchenlehre an,
Verdammnis vorausbestimme, . daß jeder Mensch nur einmal auf der Erde lebt und in
Das ist in dieser Form natürlich ein grotesker Un- diesem einen Leben den Grund legt zu seinem ewigen
gedanke, der uns eine unmögliche Gottesvorstellung zu- Heil. oder Unheil, so ist.von wesentlicher Bedeutung nur;
mutet, und der nicht nur geeignet ist, die Seelen zu daß er für seine Person dieses ewige Heil .erreicht; die
ängstigen durch die Frage, ob sie nicht etwa zur Ver- geschichtlichen Umstände, unter denen er seinen Lebens-
dammnis bestimmt seien, sondern auch die Erlösten ihres weg geht, sind unwesentlich und nebensächlich,: In der
Heiles nicht froh werden läßt, das durch das ewige Un- Tat wird:man in keiner kirchlichen Dogmatik. irgend-
heil so vieler Menschenbrüder erkauft ist. Wenn so be- einer Konfession oder Richtung ‘der geschichtlichen, kul-
deutende Kirchenlehrer. sich doch. zu diesem Gedanken turellen, geistigen Entwicklung der ‚Menschheit anders
gedräugt fühlten, so geschah es einerseits, weil sie sich gedacht finden. als höchstens in dem Sinne, . wie -sie der
selbst jeden Verdienstes an ihrem Heile bar und "der Ausbreitung des Christentums förderlich ‘oder hinderlich
empfangenen Gnade unwürdig- wußten, andererseits in gewesen ist, also eigentlich nur, insofern: ‚sie Kirchen-
der Einsicht, daß sie nicht berechtigt seien, ‚von den geschichte ist: Alles andere, gilt als profane, im höheren
anderen zu sagen: sie könnten schon glauben, sie wollen Sinn bedeutungslose Geschichte. Wir danken es der
nur nicht, da ja unverkennbar unzählige Menschen, so wie Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, daß sie uns das Auge
sie einmal sind, zum Glauben, zum Ergreifen des Geistes öffnete für den inneren Gang der Menschheitsentwick-
nicht kommen können. Sagt doch auch Christus: bei lung, au deren verschiedenen Stufen wir in unsren ver-
den Menschen ists unmöglich. Der harten Tatsache einer schiedenen Verkörperungen Anteil gehabt, von der wir
bei den Menschen bestehenden Unmöglichkeit, zum Geiste getragen worden sind, und die wir an unsrem Teile mit-
zu kommen, weicht man aus, wenn man ihnen selbst die getragen haben. Greifen wir hier nur einiges heraus,
Schuld. gibt. Die Vertreter der Prädestinatiouslehre was die Geschichte der Neuzeit betrifft. Im. Unterschied
batten_ den Mut, dieser. Tatsache ins Gesicht. zu sehen, yom mittelalterlichen Menschen will der typische Mensch
und da sie keine andere Möglichkeit fanden, sie zu ver- der Neuzeit geistig nicht mehr, von. alten Traditionen
stehen, führten sie sie eben auf Gottes freie. Gnadenwahl leben, die für ihn auch ihren ursprünglichen Sinn ‚längst
zurück. - : verloren haben, sondern der Weltwirklichkeit: ohne vor-
‚.Diese Tatsache erscheint. sogleich in einem anderen gefaßte Meinungen - ‚so ‚gegenübertreten, ‘daß .sie ihr
Licht, wenn wir uns mit dem Gedanken der wied er- Wesen selbst seiner Erkenntnis: darbietet. Er. begegnet
h oltenErdenleben vertraut machen können. Was ihr. also nicht mit einem traditionellen Glauben, sondern
jene christlichen Theolögen nur als unergründlichen gött- als ein Nichtwissender, um durch Erfahrung eigene
lichen: Ratschluß zu deuten wußten, kann dann aus dem selbständige Erkenntnis zu gewinnen. Da nun die Wirk-
notwendigen inneren Zusammenhang, in dem ein Men- lichkeit,. der der Mensch. auf diese Weise begegnet,
schenleben mit dem ihm vorausgehenden Leben steht, zunächst die: Sinneswirklichkeit- ist, so konnte es auch
verstanden . oder wenigstens erahnt werden. ‚Es besteht nicht ausbleiben, daß der Mensch: der Neuzeit zunächst
in der Tat für jedes Leben etwas, was man Prädestina- den Versuch machte, das Ganze der Welt als: Sinneswelt
tion nennen kann, und:was Goethe treffend so ausspricht: zu verstehen und aus ihr selbst.zu erklären, ‚mit anderen
„So mußt du sein, dir kannst du nicht entflichen.“ Der Worten, daß er materialistisch dachte. Das materialistische
Mensch hat nicht die Freiheit, alles Beliebige aus sich zuDenken war also eine gewisse Durchgangsnotwendigkeit
machen, sondern ist, wenn er geboren wird, bereits eine in der geistigen Menschheitsentwicklung, denn gerade
„geprägte Form, die lebend sich entwickelt“. Nur in ‚indem der Mensch sich einer Sinneswelt gegenüberfand,
einem begrenzten Umfang lassen sich die besonderen Vor- deren geistige Hintergründe sich ihm verbargen, sah er
zeichen, unter denen ein Leben steht, die über : ihm: sich zu eigenem Denken aufgerufen, und mußte er sich
waltenden Sterne überwinden und das gegebene Schicksal in der Art, wie er ihr begegnete, selbst offenbaren. Der
aus den Angeln heben. Gegeben ist jedenfalls der-Aus-NMaterialismus ist freilich eine unzulängliche Welterklä-
gangspunkt; wir. können wohl von diesem Punkt aus rung, ein Irrtum, aber er mußte ‚in. allen ‚seinen
dahin oder dorthin schreiten, aber ausgehen müssen wir Konsequenzen folgerichtig ausgestaltet und Hingestellt

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werden, um als Irrtum erkannt zu. werden und zu einem schen geben, die dazu prädestiniert scheinen, das Böse
tieferen Verstehen der Welt den. Anstoß. zu geben. zu vertreten. Zu einem so tragischen Schicksal haben
Ebenso ist es mit dem Agnostizismus, der die Welt nicht sie sich selbst durch ihre Vergangenheit disponiert, aber
imaterialistisch erklären will, aber ‚auf jedes. Verstehen auch sie brauchen darum nicht für ewige Zeiten dem
verzichten zu müssen meint und nur die positiven Tat- Bösen verfallen -: zu bleiben, zumal wenn die Guten sich
sachen hinstellen will. Der Menschengeist mußte. es, auch nun als ihre Schuldner fühlen und. sich verpflichtet
mit dem Agnostizismus versuchen, um das Unbefriedigende wissen, sich ihrer hilfreich anzunehmen. Und so sind der
eines solchen Standpunktes zu erleben und.zu mutigem Irrtum wie das Böse Erscheinungen im geistigen Werden
Erkennen fortzuschreiten, Es mußten aber auch die der Menschheit, die herausgestellt werden müssen, um
Voraussetzungen für ‚eine objektiv . gültige Erkenntnis überwunden werden zu können, geradeso ‘wie im natür-
so gründlich geprüft und gegenüber voreiligen Schlüssen so lichen Werden der Arten die verschiedenen Tiergattungen
sorgfältig abgegrenzt ‚werden, daß ein Steckenbleiben vieler als einseitige uud: bis ins Extrem gesteigerte Erschei-
Geister | isn Skeptizismus dabei nicht zu vermeiden. war. nungen dessen von der Natur herausgestellt sind, was
Alle diese verschiedenen Standpunkte ° müssen ihre dann in der Gestalt und Natur des Menschen zusammen:
Träger haben, die sich ganz dafür einsetzen .und sie nach gefaßt und harmonisch vereinigt ist.
allen Seiten hin’ herausarbeiten. Und so "ergibt sich, daß - Es ‚gibt also in der ‚Tat: eine Prädestination, ein. be-
in dem langsamen Vorwärtsdringen der Menschheit auf stimimtes Gesetz, nach dem ein.Leben angetreten und ge-
dem Weg zur Wahrheit immer wieder ganze Menschen- führt wird, und das immer mur. bis zu einem gewissen
leben gelebt ‘werden 'müssen, nur um einen Irrtum in Grad überwunden werden kaun. Sobald wir aber das
allen seinen Konsequenzen 50. deutlich "herauszustellen, einzelne Leben nicht als etwas Einmaliges und Isoliertes
daß er in der Folge überwunden: werden- kann. Die Men- betrachten, sondern es im: Zusammenhang ‘der ver-
schen, die für ihr diesmaliges Lebeu dazu prädestiniert schiedenen Inkarnationen und im Zusammenhang der
erscheinen, einen Irrtum zu. vertreten; haben sich selbst ganzen Menschheitsentwicklung anschauen, verliert dieses
von:ihrem vergangenen Leben her zu solchem Schicksal Gesetz der. Prädestinätion den düsteren Charakter und
bereitet. Da aber im Zusammenhang des geistigen Meusch- die völlige Unbegreiflichkeit, die es in der oben charakteri-
heitswerdens die Irrtümer. notwendige Durchgänge zur sierten Auffassung jener Kirchenlehrer hatte, und kann
Wahrheit sind, dienen. auch die, die sie vertreten, wenig- nun nicht mehr die Kräfte lähmen, sondern wird denen,
stens indirekt der: Wahrheitserkenntnis, ‘und. auch für die es verstehen, zum allerstärksten Ansporn, ihre vor-
ihre eigene Person. werden sie nicht ewig dem. Irrtum gezeichnete Schicksalsbestimmung- in positivem Sinn zu
verfallen bleiben; sondern haben..ihn mit diesem Leben erfüllen: Und es kann uns Mut machen, trotz alles Irr-
vielleicht schon für immer überwunden. . tums urd alles Bösen an die Zukunft der Menschheit zu
..So aber- dient nicht nur der Irrtum der Wahrheit, glauben. Die göttlicke Vorsehung ist nicht willkürliche
sondern auch das B& öse dem Guten. Denn. das Gute Bevorzugung .einzelner, sondern Menschheitsführung, und
kann eigentlich gar nicht anders in die Erscheinung treten diejenigen, die etwa vor andern die Gnade empfangen
als durch ein Böses, mit dem es ringt und das..es. über- haben, daß sie die göttliche Wahrheit in Christus schauen
windet, geradeso wie das Licht nur erscheinen kann durch dürfen, und die damit ja auch noch nicht am Ziel, son-
eine Finsternis, die es erhellt, während es in einer Welt, dern erst auf dem Wege sind, haben nur die Aufgabe,
die nur Licht wäre, gar nicht ..als solches erkennbar..wäre. den :anderen die göttlichen Wege und Ziele zu deuten.
In der reinen Gotteswelt gibt es kein Böses. In der So wird gerade der recht verstandene Gedanke: der. Prä-
Menschenwelt aber muß es in .die Erscheinung treten, destination dazu dienen, daß sich nicht mehr ein kleines
damit der Mensch es als solches erkenne und bewußt Häuflein vermeintlich Auserwählter aus der dem Ver-
überwinde; denn solange es. nur als eine. unbestimmte derben geweihten Masse keraussondert, sondern daß wir
Möglichkeit im Grund seiner Seele ruht; empfindet .er uns nur berüfen wissen, um mit brennendem Herzen und
es als eine-dumpfe Beängstigung, über die er nicht Herr zu jeder Hilfe bereit im Geschehen der. Zeit und Welt
wird. Und so muß es einstweilen auch immer noch Men- zu stehen.

Rüchsch
|
. Fahrt i ins Traumland 2 ‚Ich hatte. Besuch. von zwei Lehreriunen, deren eine
Meine Mutter erlebi. Ihr Gesicht ‘ganz nahe ‘dem reichlich. viel nicht ganz verdaute Geisteswissenschaft ver-
meinen, ins Bedeutende gesteigert, sehr erust. Das Er- zapfte. Nachts darauf Traum: Ich sitze an einer langen
leben ist so stark und gegenwärtig, daß. ich beim Er- Tafel. Die Teller sind überladen, so daß es von den
wachen nicht zweifeln kann, daß: es. eine :wirkliche Geist- Rändern kleckst. Am vorderen Ende des Tisches schlafen
begegnung war. Sie sah aber viel‘jünger aus als in ihrer die Leute über dem Essen ein, erwachen wieder, können
letzten Lebenszeit, etwa wie in den vierziger Jahren. es aber nicht bewältigen. Weiter hinten erheben sich die
Nach einigen Tagen fällt mir der. Traum wieder ein, und Menschen und machen tanzartige Gymnastik, um wieder
ich überlege: Sie starb mit 72 vor. 10 Jahren. Wenn die besser essen zu können. —
Toten. ihr Leben rückwärts durchleben, etwa in einem . In einem hohen Hause mit dem Schlüsselbewahrer, der
Drittel ihrer Lebenszeit, dann. würde sie jetzt im Beginn verschiedene Räume aufschließt. Die Schlüssel sind lange
der vierziger Jahre angelangt sein. — Metallstäbe, die am Schlüsselbund herabhängend wunder-

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volle Klänge erzeugen. Je mehr Schlüssel dazu kommen, niemand beachtet ihn. Ich. selbst auch nur kurz in der
um so reicher wird das harmonische Klirigen. Darauf kaltherzigen. ‚Atmosphäre. :
kreuzen wir auf dem Marktplatz "eine ‚Gruppe von Dann auf der Straße. Ein Kind ist hingefallen und hat
solchen, die von einem geisteswissenschaftlichen Vortrag sich arg zerschlagen. Das ‚begleitende Fräulein putzt das
kommen, mit strahlenden Gesichtern, auf denen F reude, schmerzvoll weinende Kind mit einem Lappen ab, ohne
Interessiertheit und Tatbereitschaft leuchten. Ihr Führer ein Wort des Trostes, . mit, einer ‚ganz unmenschlichen
begleitet uns ein Stück Weges unter dem barmorischen Gleichgültigkeit. —
Klingen des „Schlüsselbundes“. „Wir“ sind die Christen- (Nach iintensiver geistiger Arbeit.) Sehe Ringe, aus Edel-
gemeinschaft. — steinen geschnitten, in denen man die innere Kristall-
Ich werde mit Feuerfammen .gepeitscht und wehre struktur erkennt. Führe einen freundlichen Backfisch zu
mich, indem ich ebenfalls mit Feuer auf die Flammen meiner Frau. Sie lieben sich gleich. Ich: Ihr kennt euch
losschlage. Aber hauptsächlich ist es ein Gepeitschtwerden wohl schon. Die Fran: Sei’ nur still. Sie‘ umarmen sich. —
mit den wie vom Sturm gefegten Flammen. Eine schauder- Ich mußte sehr über Christus weinen (oder Er in mir
volle Tortur. (Ob solche Erlebnisse. .das Wort. ‚nFege: über mich). Danach foh ich, von Hunden gehetzt, - und
feuer“ erzeugt haben?) —. kletterte an einer. ‚Stange in die Höhe. Die Hunde
- Wiederholter Traum: Wettläufe gesehen. Viele Läufer springen nach und schnappen nach mir. Zuletzt liege ich
treten an und rennen los. Es .sind-aber nur Probeläufe. oben’ waagerecht auf der Stangenspitze. _
Denn einer wird noch erwartet, ein ganz wichtiger Läufer, - Junge Pferde laufen auf welligen Wiesen. Ich springe
wie vom Auslande, ohne den die eigentlichen Wettläufe im Laufen auf eins und.reite. Schön, rasch. Sehe dabei
nicht beginnen können. — ein anderes Pferd mit. seinem ‚Reiter im Sumpf ver-
Gestern Abend :todmüde. Denke: laß mal heut das sinken. Es. blickt nur mit Nase und Rücken noch ‘ein
Meditieren, und schlafe momentan.ein. Reise nachts mit wenig hervor. Ob. es sich herausarbeitet? —
der Eisenbahn in.einem der letzten Wagen. Auf einer ‚3.1.30. Herrliche Kristalle gesehen, milchweiße, rubin-
Station werden die drei letzten Wagen. abgehängt und rote, übereinander gewachsen. Dies in einem baufälligen
bleiben stehen. .Der vordere Zug fährt davon. — Haus. Dann über Land gefahren auf-hoher Straße. Jen-
Bei einem Pferderennen soll auch ein Hindemistennen seits einer dämmerigen Stadt wundervolles hohes Ge-
der Alten veranstaltet:werden. Ich will'mit großer Freude birge. Der ‘Wagen. nur mit einem stark jangestrengten
daran teilnehmen und habe schon- ein sehr gutes Pferd Pferd bespannt. Das ganze in gelbbrauner Färbung. —::
dafür zur Verfügung:— In einer Gesellschaft werde ich auf’ meine ‘Mutter ah:
Schwarzbraune alte fette Stute steht vor der Haustür,
gesprochen. Ich soll ihr etwas sagen: Ich: Sie lebt nicht
bereit, sich von mir satteln zu lassen. Ich wollte doch mehr.“ Komme darauf in ein leeres Zimmer. Da steht
lieber auf dem jüngeren Grauschimmel..reiten, "dessen
sie plötzlich ganz lebendig vor mir, in all ihrer liebe-
Namen ich im Traum .wußte. Und:noch lieber auf einem
vollen Freundlichkeit. Ich begrüße sie mit großer Freude.
ganz jungen. — - .
Dann wird mir allmählich klar, daß sie ja doch schon
Im zweiten Stock eines zweistöckigen Hauses. Ich habe gestorben ist. Sie’ entfernt'sich allmählich und verblaßt. —
aber keinen Fußboden unter mir, denn das Meer flutet
‚An einer naßkalten Mauer hüpft eine Amsel herum.
in.dieser Höhe durch das Haus, und ich schreite, nur: bis
Sie kann nicht fliegen, hat einen Bindfaden am Bein. Ich
zur halben Wade einsinkend, mit Wonne in den tiefen
will sie befreien; sie flieht aber hüpfend. Ich rede ihr
durchsichtig grünen Wogen hin, die ‚durch. die offenen gut zu: Zuletzt koimmt sie vertrauend zu mir, und ich
Fenster “und Türen ‚hindurchfiuten: Draußen: die weite nehme sie auf den Arm, um nach dem Bindfaden zu
Meeresfläche. Dann hat:sich plötzlich das Wasser ver-
sehen. — \
laufen ‘und ich.-blicke auf. die wasserlose, aber:-vom
"Ein Bär und ein Ehorschweir gehen zum Kampfe sof.
Meerwasser moch: dunkelfeuchte, wie überschlickte Erde
einaxider los. Ich will sie auseinanderbringen und ihnen
und erwache. — schließlich mit der Flinte‘ eines auf den Pelz brennen.
Ich bin auf einer Luftschiffstation, 6000 m- über der
Da klappt die Verbindung zwischen Lauf und Schaft aus-
Erde. Die Station ist ganz luftig, ohne Gebäude und wie
einander, so daß die Flinte keinen Halt hat und ich nicht
durch einen langen dünnen Blumenstengel leicht ‚schießen kann. (Fange an, die Bedeutung dieses seit
schwankend mit der Erde verbunden. — a “ Jahren immer wiederkehrenden Traumbildes der aus dem
Ich'trage ein Kind auf der’Schulter die Straße entlang Leim gehenden: Flinte:zu: verstehen. Es bezieht sich auf
und bin schon sehr ‘müde’ und schwach’ auf den Füßen. meinen durch den. Eisenbahnunfall ‚aus den Fugen ge-
Das Kind sollte in ein Kinderheim. Da nimtit mir eine rückten, Organismus.) — - :
Frau das Kind ohne Federlesen aus den Händen und steigt Meine vor zehn: Jahrena verstochene jüngere Schwester,
damit in die Tiefe. Das Kind weint und sieht’ mich ‘mit der ich auf ihrem Sterbelager noch von der Geisteswissen-
einem kläglichen Gesicht an, während es in der Tiefe. ver- schaft eine erste Kunde bringen konnte, wofür ‚sie mir
schwindet. Mir ist jämmerlich zumute, daß ich es nicht kurz vor ihrem’ Tode. einen dankerfüllten Brief schrieb;
weitergetragen häbe. — teilt mir /mit begeisterter Freude mit; daß sie auf ihrem
Wir sitzen in einem Zimmer bei kalt-gleichgültigeh Gut die ersten biologisch-dynamischen Präparate her-
Gesprächen. Dabei’ sehe ich in einen langen, mit herr- gestellt habe. Sehr warm und wirklich, dieser Traum. —
lichen rosa Blumen "angefüllten ‚ Wintergarten. ..Aber Herrliches Jagen zu Pferde durch steile Weinberge auf

28 —!
und ab -— immer in Gefahr. "Gegen Morgen: Ein Agitator Europas zufuhren, da schien mir.über Deutschland ein
steht auf einem Podium im Freien und ruft: „Der un- hoher Regenhogen zu stehn. Trotz Niederbruch, Schmach
vergorene Traubensaft ist’ dreitausendmal mehr wert als und Not des Reiches trat sein Farbenlicht hier aus den
der yergorene Wein.“ Ich rufe ihm zu: „Ne, ne, ne, Wolken. Es. deutete auf keimende Kräfte der Zukunft,
neel“ — - O Land der Mitte, überwölbt. vom Farbenbogen!: Dir ist
Herrliches Gallopieren über Hindernisse. Viele Reiter. — es aufgegeben, nicht Extremen zu verfallen wie der Osten
. Schweres Hindernisreiten über _wandhohe . Erdwälle, und der Westen. Du lebst, wenn du dich selber kennst,
breite Gräben und Sumpf: — nicht nur im Kopfe oder in der Leidenschaft, sondern
In einem großen Landhause hlicke ich aus dem Fenster aus.der gesammelten Mittenkraft des Herzens. (Und: deine
in. ein herrliches Gewitter. Weiß aufblitzende Wolken- Gefahr der Bürgerlichkeit ist nichts als ein Mißverständ-
ränder und Blitze. Gußartig strömender Regen von wis, ein spassiges Gegenbild_ deines. Wesens.) Aus dem
wunderbarer Frische. Große, sich im Sturz biegende Rhythmus deiner besten Myuäik. kast du zu wirken. Und
Bäume. Junge Mädchen springen auf die Terrasse hinaus, aus der Kraft des inneren Menschen. _
lassen sich pudelnaß veguen. Köstlich erfrischendes Er- . Wir ganz Jungen gingen damals in den Nachkriegs-
lebnis. — _ jahren auf die Suche nach dem inneren Menschen. Nur
. In Oberbärenburg im
i Erzgebirge. Ich. mache die gleiche nebenbei in einem etwas gefühligen, mystischen Sinne.
In Wahrheit suchten wir die Kraft zum Wirken vom
Erfahrung. wie’ Professor Beckh, daß .mäu hier der
geistigen Welt ein Stück. näher und die ;Elementargeister Menschen aus.. Alle Erneuerung schien uns vom
besonders ‚lebendig sind. Erster Traum: Ich trug den Inneren auszugehen. Ordnende, heilende Kraft und —
Leib Christi.auf den Armen. Ein großer starker, ganz Wahrheit. Von ihr aus. erneuertes Denken und sozial
belfender Wille. -
reiner Leib. Ich war erst mit dem Kahn über das Wasser
Es war unser großes Glück, daß wir Führung fanden.
gefahren und kam auf den Bahnhof einer Seestadt wie
Nicht bloß Gedanken und leidenschaftlichen Erneuerungs-,
mit einem Fahrstuhl herunter. (Das Meer eine. Stufe
willen, sondern echte Weisheit vom inneren Menschen.
höher als das Land.) Der Fahrstuhl war zugleich: eine
ganz genaue. Waage, auf der der Leib Christi gewogen Entsiegelt schien uns die menschliche Bestimmung, wie sie
wurde. Dann trug ich ihn durch die Straßen in der vom deutschen Idealismus erahnt und gefordert war. Aus
dem Herzen Deutschlands erstand uns das Bild des neuen
Dämmerung vor. .die ‚Stadt. Dort wollten wir ihn be-
Menschen — fruchtbar und anfeuernd. für die ganze
statten. Da hob er mit großer Anstrengung den Kopf
Welt. Wir ahnten die Religion des neuen Menschen. Und
und gab mir.zu verstehen, daß er nicht hier bestattet
wie schlug dann das Wort in uns ein: religiöse Er-
sein wolle. Ich. trug ihn also wieder durch die Straßen
neuerung! Ein mächtiger Engel reichte uns Erkenntnisse
zurück. Er gab mir zu erkennen, daß ihm jeder meiner
und Lebensziele, denen wir zujubelten und die wir auf-
Schritte furchtbare Schmerzen bereite: So faßte einer der
nehmen wollten als eigenste Angelegenheit. Aber unver-
Freunde seine Füße, und wir trugen ihn eine Strecke
sehens wurde daraus Auftrag und ernsteste Lebensauf-
gemeinsam. Ich ging auf den Zehenspitzen und bat ihn
gabe. Weit über die eigene Kraft. Bald hatten wir selbst
bei jedem Schritt um Verzeihung wegen der Schmerzen,
zu künden.
die ich ihm bereiten mußte: Als wir in die Bahnhofshalle
Als im Jahre 1922 die Christengemeinschaft gegründet
kamen — ich trug ihn wieder allein auf den Armen —
wurde, waren viele von uns Gründern sehrjung; so jung,
ging ich zu der Aufzugwaage hinüber, um ihn abermals
daß es einem heute schon ganz unwahrscheinlich vor-
zu wiegen. Dabei dachte ich: so nackt können wir ihn
kommt, wie es unter solchen Umständen gelingen konnte,
nicht mit auf-die Reise nehmen und sah mich nach einer
die weitzieleade Unternehmung zu beginnen — ohne daß
Umhüllüng um. Da sah ich die Decke meiner Frau auf
sie bald versandete. Es war auch nur damals denkbar.
einer Bank liegen und war froh, daß wir ihn. darin ein-
hüllen konnten. Als ich erwachte, schien der Vollmond
Vor und während dem Weltkrieg mußte man ein Mann
ins. Zimmer; der in den’ vergangenen Nächten am Mars von gehobener Stellung sein, um etwas in der Welt zu
und Jupiter vorüber. und nun schon ein großes Stück beginnen. Heute wiederum liegt die Initiative dem: unver-
auf der Planetenbahn weitergewandert: war. hüllteren Ernste der. Zeit entsprechend bei wesentlich
Rudolf von Koschäriki . älteren Menschen. Aber in jener Zwischenzeit: griff das
Zeitgeschehen ausgerechnet nach’ uns: -
“Aus der Anfangszeit. Wir pflegten es so auszudrücken: ganz: gewiß ist unser
Wo helles Licht auf schwere Wolken trifft, wo ein’ - Ge- Können bis dort hinaus unzulänglich. Aber wir stellen.
witter im Verziehen ist — am Rande der Gefahr — und uns dennoch vor die Menschen hin — bis eben Reifere
verheißende Frische sich Bahn brechen will, da entsteht da sind, die die drängende Zeitforderung erkennen und
der Regenbogen. Sein Farbenspiel entfaltet sich auf der ergreifen. Hat doch auch ein Friedrich Rittelmeyer sich
Mitte zwischen Licht und Dunkel. .Sein Rund weist hin unter uns gereiht und steht nun bei uns.
auf einen verborgenen Mittelpunkt und. schlägt die Diese restlose Bereitschaft unter Verzicht auf alle
Brücke zu neuem Lebensgefühl aus der Kraft der äußere Berufsstellung und Sicherung muß manches von
Mitte... der Reife aufgewogen haben, die uns fehlte. „Das. Er-
Als die Sturmwolken des Jahres 1918 im europäischen Staunliche war, als nun praktisch das erste Wirken be-
Osten über uns Baltendeutsche dahingefegt waren und gann: wir wurden nicht allein gelassen. Zunächst; was
viele von uns aus der Heimat für immer der Mitte Geist und Niveau der Sache betraf, in zweiter Linie auch

29
menschlich und wirtschaftlich. Das grundlegende, immer es dem. Schreiber dieser Zeilen, wie er eines Abends mit
wieder neue Erlebnis der ersten Jahre, das uns manchmal kaum 23 Jahren auf. Einladung einem wildfremden
fast bestürzte, war, daß durch unsere Gemeinsamkeit „Verein Breslaner Altwarenhändler und Berufsgenossen“
vom Ausgangspunkt der Weihe an weit mehr hindurch- im Börsenkeller die Ansprache zur Weihnachtsfeier hielt.
wirkte, als die Summe der einzelnen Begabungen ver- Es wurde bei Kaffee, Kuchen und Billard ein glattes
mocht hätte. Äußerlich hatte uns niemand „beauftragt“, Fiasko, nach dessen Ablauf der Vorsitzende dem Redner °
die Christengemeinschaft stand auf den Entschlüssen ihrer jovial auf die Schulter klopfte: Recht schön, junger
Träger selbst, aber wir durften uns erleben. als Diener Herr, aber, nicht wahr, etwas zu hoch für die Unsrigen. —
eines echten geistigen Auftrages. Doch man hatte die Welt und’ seine Aufgabe ein ı gutes
Und auf der andern Seite: man. war "als junger Mit- Stück besser kennengelernt...
arbeiter plötzlich Verwalter einer bedeutenden Autorität. “ In unzähligen persönlichen Gesprächen andererseits
Nicht Autorität im Sinne irgendeiner kirchlichen Institu- lernten wir Menschen und Lebenslagen kennnen und ihnen
tion oder eines dogmatisch aufgenommenen Glaubens. gegenüber - Initiativen zu ergreifen — bei sorgfältiger
Auch nicht, daß man etwa von der Wissenschaft ‘oder Wahrung der Freiheit des Anderen. Es trägt ganz un-
offiziellen Kultur anerkannt ‘worden wäre. An solcher erwartet reiche Lebensfrucht, wenn es einem gelingt, in
Autorität waren wir denkbar’ arm. Aber: was wir zu Treue um einen Menschen zu kämpfen, dessen wahren
bringen hatten, fand bei Menschenseelen verschiedenster Weg man vor sich: zu sehen glaubt: Immer wieder da zu
Art unmittelbare Anerkennung und Bestätigung. Das sein, gedanklich ünd charakterlich mit. dem Andern:: zu
Wort entsprach der Frage, die bereits in manchen Herzen ringen. Wenn der gemeinsame Geistgrund gefunden wird,
brannte. Es war für uns beglückend wid oft erschütternd, entsteht: jene köstliche überpersönliche ‚Freundschaft aus
z.B. von wesentlich Älteren zu hören: was von euch aus- dem Wissen um das gleichgerichtete Lebensziel.
gesprochen und geklärt wird, das habe ich mehr oder Undenkbar die ganze Tätigkeit ohne den .sichernden,
weniger bewußt bereits ein halbes oder ganzes Leben klärenden, ordnenden. Mittelpunkt des erneuerten -Kul-
lang gesucht! Diese Bestätigung aus dem Leben selbst gab tus! Dieses. unermeßliche Geschenk höherer Führung
uns neue Sicherheit: unser Auftrag war nicht erträumt lernten wir begreifen und. handhaben. Ein himmlisch-
oder erdacht. Er ist echt und zeitgerecht. Von zwei Seiten menschlicher Maßstab war uns gegeben. ——
kam die Unterstützung: eine Welt "geistiger Wahrheit Diese Anfangszeit hatte ihren eigenen Zauber. Seit-
fühlten wir hinter uns; und uns entgegen. kamen Men- dem ist manches abgestreift, was in den apokalyp-
schen, die das gleiche wollten. tischen Rhythmus der Gegenwart nicht mehr hineinpaßte.
Solch eine Sicherheit in jungen Jahren hat zweifellos Doch wiederhölt.sich auch heute bei jeder Begegnung mit
ihre Gefahren. Aber auch hier war Hilfe spürbar; in der Christengemeinschaft (und in vertieftem Maße) das
Korrekturen durch eigenes Schicksal; Unbill und Mühe. — erwachende Bewußtsein neu-gegründeter Heimat auf der
Wie gingen wir nun an die ersten Aufgaben heran? Einer- Welt, das damals herüber und hinüber zu schwingen begann.
seits durch innere Arbeit und Studium. Gleichzeitig aber - Es beruht wohl auf dem. Geheimnis echter Gemein-
durch die Bereitschaft, uns auf Schritt und Tritt für die schaft. Und dieses’‘.besteht darin, daß-freie, nach Persön-
Sache einzusetzen. Ohne Mut und Überwindung allzu- lichkei
. strebende
t Menschen, sich voll entfaltend' im
menschlicher Hemmungen war zu Anfang weniger denn Eigenwesen, miteinander entflammt sind im Dienste eines
je etwas auszurichten. Als seinerzeit in Breslau die pfingstlichen Geistes, der.ihnen Idee und Vollmacht ver-
„Iroika“ zu wirken begann, von der Rudolf von Ko- leiht. So wie die Farben sich im Regenbogen entfalten;
schützki in der neuen Auflage seines Lebensbüches „Fahrt widerstrahlend auf ihre Weise das eine überirdische Licht.
ins Erdenland“ erzählt, da leruten wir in "köstlicher Wenn heute die Welt in Flammen lodert, so können
Kameradschaft uns gegenseitig helfend vor allem eins: wir nur .daun’ Schritt. halten und. unsere. Sicherheit.be-
wir fühlen uns jeder Aufgabe, die im Rahmen unserer halten, wenn 'es — auf innere Weise >- in uns selber
religiösen Erneuerungsarheit von außen an uns. heran- brennt, im Mittelpünkt:des Wesens.
tritt, + gewachsen. Wir lernen schwimmen, indem wir .Es ist gut, daß die regelmäßige Feier der Menschen-
mitten ins Wasser springen! Und dann: wir lernen hören, weihehandlung schon damals vor 18 Jahren begann. Sie
was der Mitmensch fragt, auch wenn er seine Frage selbst hat sich eingelebt und befestigt auf .der Erde. Dieses un-
noch nicht versteht. vergängliche, Kraft gebende Pulsen im Herzen Europas
So kam es, daß wir bald in J ugendgruppen, Lesckreise, erweist erst seine volle Bedeutung, wenn der mächtige
Familien gerufen wurden und die runde Woche durch in Engel mit den exzglühenden Füßen seine Stimme zum
ganz Breslau unsre Abende hatten. Unvergeßlich bleibt Donner erhebt. . Kurt von Wistinghausen

Umschau
Vor Jahren schrieb Ernst wi echert eine „Hir- Ist es Zufall oder. Zeichen, . daß so eines der Urbilder
tennovelle“, in der der jugendliche Held den Namen des sozialen. Lebens an die Oberfläche steigt? Die Hirten
Michael trägt, Vor kurzem ist,ein Büch von Ernst bedeuten die Menschen patriarchalischer Vorzeit, wo die.
Jünger erschienen: „Auf den Marmorklippen“, Menschheit aus. umfassenderen Kräften lebte, in denen
in dem der Untergang einer alten ‚Birtenkultur geschil- sie in paradiesischer Erinnerung noch mit Himmelskräften
dert ist. i gesegnet war. \

30
Das Ur-Erbe geht heute überall und in aller Welt „wirksam gewesen sind. Während in Nordeuropa Nord-
rücksichtslos zu Ende. Die Urbilder des Daseins er- lichter' nicht selten sind, dürfte es bereits sehr lange her
scheinen selbst wie wurzellos geworden und ‚steigen an sein, daß in Südeuropa Derartiges in solcher Intensität
die Oberfläche empor. ' : gesehen worden ist.
Freilich, Ernst Jünger bleibt nicht an die Vergangen- Die Nordlichter zeigen Umwandlungsvorgänge im
heit hingegeben, ‘deren Untergang nicht aufzuhalten ist. ätherischen Kräfteumkreis der Erde’ an. Man bringt sie
Mutig stößt ‘er in das Zukunftsland ‘vor, in dem der wobl nicht zu Unrecht mit dem verstärkten Auftreten
Mensch dem Geiste näher und zugleich von Dämonen um- von Sonnendecken in Zusammenhang, da:die Erde mit
wittert ist. Der „Oberförster“. ist nicht mehr ein ge- der Sonne durch starke ätherische Strömungen ver-
wöhnlicher Mensch. Er ist einer von den „Fürsten und Ge- bunden ist und mit ihr gemeinsam in entsprechende Ver-
walten‘, von denen der Apostel spricht. Und auch der wandlungsprozesse eintritt. Daß in den Nordlichterschei-
Mensch „Lampros“ trägt nicht umsonst seinen’ Namen. In nungen des Osterabends große Kräftegewitter und
ihm: strahlt das Licht übersinnlicher Führungskraft in magnetische Stürme im Ätherumkreis der Erde sichtbar
das Dunkel chaotischer Gewalten. Dazwischen aber erhebt geworden sind, geht daraus hervor, daß zur gleichen
sich auf den „Marmorklippen‘“ wie in einer. reinen Stunde aus Nordamerika riesige elektrische Funk- und
Daseinszelle die Klause zweier Männer, die, den Bildern, Telegraphenstörungen gemeldet wurden. Am Oster-
Gesetzen und Geheimnissen des Tier- und Pflanzenlebens sonntag war der Funkverkehr zwischen Europa und Nord-
nachstrebend, die ‘Anwartschaft neuer Geistesgegenwakt amerika unterbrochen. In den Vereinigten Staaten lag
erringen. Mag unten in der Niederung der Kampf ent- der gesamte Telegraphen- und Telephonverkehr still.
brenxien, in dem.es sich darum handelt, „ob die Menschen- Es heißt, daß über eine Million Ostertelegrammie un-
siedlung zur Wüste oder zum Urwald wird“ — in ihnen befördert liegengeblieben sei.
steigt die Ahnung auf: „Wenn wir in jenen Zellen Welchen besonderen Eindruck müssen die Feuerzeichen
lebten, die unzerstörbar sind, dann würden wir aus jeder am Himmel im Südosten auf die Frommen der östlichen
Phase der Vernichtung wie durch offene Tore aus einem christlichen Kirchen gemacht haben, bei denen das Oster-
Festgemach. in immer strahlendefe gehn.“ fest einen so ganz besonderen Stimmungshöhepunkt im
oT ohannes Perthel Jahreslauf bedeutet! "Und es ist‘ wohl auch kein Zufall
Unter der Überschrift „Die Körpertemperatur gewesen, daß der physische Himmel gerade am Oster-
steigt“ liest man in den Zeitungen gelegentlich folgende sonntag eine so deutliche Flaimmensprache redete. —
Notiz: „Die bisherigen Anschauungen über mittlere Kör-
pertemperatur des Menschen lassen sich nicht mehr’ auf- Nach italienischen Blättermeldungen steht der Ab-
rechterhalten: Die noch :vor einigen Jahrzehnten zu- bruch der Grabeskirche in Jerusalem,
treffende Ansicht, die als Mittel eine’ Temperatur von des zentralen christlichen Heiligtums über Golgatha und
36,6—36,8° bezeichnete; wird heute als überholt ange- dem heiligen Grabe, bevor. Nach dem Gutachten des
sehen. Der beschleunigte Rhythmus des Lebens, die be- Architekten Luigi Marangosi hat die Kirche in jüngster
ständige Reizung des Nervensystems und die dauernde Zeit durch verschiedene Erdbeben derartige Schäden er-
Erregung, in welcher der Mensch unserer Tage lebt, haben litten, daß ihr Zusammenbruch befürchtet werden muß.
die Körpertemperatur um 6—-7 Zehntel erhöht, 37,5° Sicherungsarbeiten, insbesondere Verankerungen, scheinen
können heute, namentlich bei dem Städter, keinesfalls nicht möglich zu sein wegen der Risse und Höhlen im
mehr als Fieber bezeichnet werden.“ Felsenuntergrund.
Heißt das nicht, daß die Kulturmenschheit im ganzen, Wir führen diese Meldung, die sich vielleicht noch. ein-
ohne sich dessen bewußt zu sein, zu fiebern anfängt? mal als übereilt erweisen kann, aus verschiedenen Grün-
Das Fieber, das da staunend festgestellt wird, ist nur den an. Erstens wird dadurch wieder einmal bestätigt,
die leibliche Begleiterscheinung und Folge des großen was ich in verschiedenen Büchern über den Urriß und die
Bewußtseinswandels, der heute die Seelen ergreift und Felsenunterhöhblungen in Jerusalem, speziell an der Stelle
der entweder zu ungeheueren Konfusionen, oder aber, des Kreuzes und Grabes Christi mit Berücksichtigung
richtig geleitet, zu einem Geist-Erwachen führt. — des im Matthäus-Evangelium geschilderten österlichen
Am Ostersonntagabend wurden von Mitteldeutschland Erdbebens ausgeführt habe. Zweitens mag es doch auch
und Belgien an süd- und südostwärts bis nach Mittel- zu den Zeichen unserer Tage gehören, daß neuerdings die
italien, Jugoslayien und Bulgarien gro ße Nordlicht- Erde gebebt hat an der Stelle des Ostergeschehens. _
erscheinungen gesehen. In Rom beobachtete man, Wenn wir in unserer Zeitschrift, indem wir die Be-
wie sich nach Eintritt, der Dämmerung der Nordhimmel kanntschaft der Leser mit den großen Schicksalen, die sich
purpurrot färbte. Um 19 Uhr erleuchtete eine tiefrote in den unmittelbaren Tagesereignissen ausdrücken,
Strahlenkrone das Firmament im Norden und Westen. voraussetzen, auf stillere Zeichen der Zeit hinweisen, so
In Belgrad eischienen. auf rotem ‚Hintergrund leuchtende koffen wir, daß dadurch indirekt auch in dem dramati-
Strahlenbündel, die vom Horizont aus lotrecht aufstiegen. Schen Vordergrundsgeschehen der positive Sinn und Wille
In Südserbien soll das Nordlicht stellenweise so gewaltig des Schicksals sichtbar wird. Derjenige steht .mif un-
gewesen sein, daß man während der Nacht auf der erschütterlichster gläubigster _ Zur versiht den” “Aufgaben u
Straße lesen konnte. unserer ge gegeriüber, der. weiß,
Zu dem Erstaunlichen dieser Naturerscheinungen ge- “burtew Een er emes n “dem Geiste n äheren” Zeitalter: u
hört, daß sie diesmal so ungewöhnlich weit südwärts Stehen. Tan En mi] Bock.
Te

1
Vom Auftrag der Christengemeinschaft
Die Frage nach dem besonderen Charakter der Christen- nügen. Eine solche enthebt der Nötigung zu jeglicher
gemeinschaft ist deshalb nicht leicht in Kürze zu beant- Dogmatik, weil sich ihre Elemente gegenseitig halten und
worten, weil sie keine „Besonderheiten“, keine neuen ab- beweisen. So kann die Christengemeinschaft nicht nur auf
weichenden Lehren oder Übungen vertritt, sondern jedes Dogma verzichten, sondern sogar auf jede Bekennt-
schlechthin christlich ist. Dieses „christlich“ ist aber nisverpflichtüng. Sie ist insofern die umfassendste Form
der mißverstandenste, der verworrenste und um- des Christentums, die seit dem Urchristentum auf den
strittenste von allen Begriffen geworden, Für die heutige Plan’ getreten ist.
Welt besagt er fast nichts mehr, und für den Christen Religion aber ist nicht nur. Weltanschauung. Und
doch etwas so Umfassendes, daß er fast mit „mensch- so ‚ist. auch diese nicht der Inhalt des Wirkens der
lich“ (im Sinne eines Ideals) übersetzt werden. kann. Christengemeinschaft, sondern Hintergrund und Unterbau
Was man auch zur Chärakterisierung des Wesens der dafür. Der eigentliche: Inhalt kann nur in der unmittel-
Christengemeinschaft beitragen känn, es wird immer auf baren Begegnung des Menschen -mit dem spürbaren
eine Verbreiterung der Basis des religiösen Lebens hinaus- Walten der Gottheit. bestehen. Hier liegt der Sinn
laufen gegenüber allen bestehenden religiösen - Gemein- der Sakraämente. Was der experimentelle Beweis
schaften. Es wird immer ein Sprengen von Fesselu alter für. die Naturwissenschaft, das ist das Sakrament für
Vorurteile, von dogmatischer Einschnürung, von Sonder- das religiöse. Leben. Die Sakramente sind in der
meinungen kirchlicher oder $ar sektiererischer Art. be- Christengemeinschaft in einer. Weise erneuert, wie sie
deuten; und darüber hinaus von den verengenden. Än- unmittelbar dem .voraussetzungs- und: vorurteilslosen
schauungen über Welt, Erde und Mensch, die i im möoderuen Seelenvermögen. des ‘gegenwärtigen ‘Menschen ent-
Geistesleben herrschen. sprechen: Sie werden erklärt durch Eingliederung in die
Die Christengemeinschäft hat dielebendi & eÄn- Gesetze der spirituellen Welt; sie erscheinen dadurch
schauung von.der realen geistigen Welt nicht mehr als Mirakel, auf die nur der Aberglaube ein-
in ihrem ganzen Umfang als Grundlage des religiösen gehen- könnte; vielmehr als Vorgänge mit unausweich-
Lebens zurückgewonnen. Diese Anschauung war nicht nur lichen‘ Voraussetzungen und Folgen. Sie wenden sich an
denjenigen verlorengegangen, die’ mit, ihr folgerichtig eine geistige nüchterne Sachlichkeit.der Seelen, wie das
auch auf ein religiöses Leben verzichteten, sondern auch naturwisseüschaftliche Experiment zur nüchternen Objek-
den christlichen Kirchen. Das „Jenseits“ war ein vager tivität” der. Beobachtung und Auswertung erzogen. hat.
Begriff geworden. Kaum mehr als die Vorstellung von Das religiöse Leben ist in der Christengemeinschaft zu
einem Ort der Seelen nach dem Tode war von der einem seelisch-geistigen Realismus gewörden.
geistigen Welt übriggeblieben, auch dort, wo man sie Die Ermneuezung der Sakramente:konnte allein erfolgen
noch mit den Heiligen bevölkerte und’v mit den abstrakten auf Grund einer Erkenntnis, die den reinen Elementen
Schemen von Engeln: der Erde „die Allfähigkeit, Leib und Blut Christi zu
. Diese alten. Anschauungsreste wurden ihrerseits ent- werden“ zuspricht und zuwirkt. Für sie ist auch die
kräftet durch die praktische Verleugnung des realen „Iranssubstantiation“ Kein Mirakel mehr, sondern das
‘Geistes im Sinne der maäterialistischen Weltanschauung, Offenbarwerden und die Erfüllung des geheimsten Cha-
der sich ein selbstvergessenes Christentum anschloß. Der rakters der Materie. Die Erde fällt nicht mehr aus dem
Kosmos war zu einem mechanistischen Planetarium ge- religiösen Bezirk heraus.. Sie ragt ‚vielmehr als Gegen-
worden, die Erde zu einem enitgötterten „Diesseits“ und stand innigster Liebe und: ‚Verantwortung hinein in das
‚der Mensch zu einem bloßen Naturwesen. Dadurch hatte Allerheiligste: -
man selbst die christliche Religion in das Gebiet des Der Mensch. aber wird. von den Sakramenten ange-
Aberglaubens und Aberhändelns gerückt. Wie konnte ein sprochen, erweckt und ernährt als Geisteswesen, das aus
Mensch, der sich als zeitlich und naturgesetzlich ent- der göttlich-geistigen Welt.ebensö herabstieg, wie er am
standenes Wesen verstand, am andern Ende des Lebens Lebensende in diese Welt zurückkehrt. Er lebt in den
den Anspruch auf persönliche Unsterblichkeit festhalten? Sakramenten gleicherweise in seiner vorgeburtlichen wie
Oder was sollte z.B. das Sakrament der Taufe an einem in seiner nachtodlichen Substanz, deren er sich auch im
Kinde, dem man kein übersinnliches Eigenwesen. zu- Leben wieder bewußt bleiben kann. _
schrieb? Was konnte aus Christus, aus einer. ‚göttlichen a
Christus aber ist uns nicht mehr ein Schatten des Ten- H}
Weltordnung hei dieser Verleugnung der Geistwelt auf seits, sondern eine den Kosmos, die ‚Erde und den Men-
i
Schritt -und Tritt-anderes werden als. ein Altweiber- ä\
schen durchwaltende Weltmacht, wie etwa auf Erden der
glaube? Das: materialistische Weltbild. war konsequenter. Sauerstoff alle Reiche des Lebens ‚durchdringt und erhält.
. Es konnte für.eine Erneuerung der christlichen Religion Ihn zu finden ist .eine Frage angestrengtester, .be-
nur ‚die eine Möglichkeit geben, dem intellektuellen Ge- geisterndster seelischer Nüchternheit, das Ziel einer
wissen der ‚Gegenwart durch eine allumfassende geist- transzendenten Selbsterkenninis. \
gemäße Weltanschauung ohne Risse ‚und Flickwerk zuge Wilhelm Kelb er

Bezugspreis. und Postscheckkonto auf der zweiten ‚Umschlagseite. — Für unverlangt eingesandteMan
uskiipte kann eine
Gewähr nicht übernommen werden. Rückporto bitte beilegen. Schriftleiter: Lie. Emil Bock,
Stuttgart-O. Für Anzeigen
verantwortlich: Ernst Scheiffele, Stuttgart-O. Zur Zeit gilt Anzeigenpreisliste Nr. 4. (Ermäßigte ‚Grundpreise:
Gelegenheltsanzeigen wie Stellengesuche usw.: 1/24 Seite RM 4 —, 1/3: Seite RM 3.—.) Druck: Hoffmannsche Kleine
Buchdruckerei
Felix Krais, Stuttgart. Verlag Vrachhaus, Stuttgart 13

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