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Inhalt: Christian Morgenstern : Traum (bisher unveröffentlicht) / Dr. Friedrich Rittelmeyer: Pfingsten / Dr.

Johannes
Hemleben: Dreifaltigkeit im Weltengeschehen / Michael Bauer: Gottesoffenbarung / Wilhelm Salewski: Der We
zur Erweckung des Herzens (zum Markusevangelium) / Dr. Diether Lauenstein: Die Bhagavad-Gitayf Dr. Gerberf
:
Grohmann: Bäume / Dr. Friedrich Doldinger: Kleine Pausen / Umschau (Kurt von Wistinghausen) / Mitteilungen
„Das heilige Land“ (Lic. Emil Bock); Sommertagungen.

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Die Christengemeinschaft
Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer
Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben von Lic.Emil Bock
17. Jahrgang 3 Juni 1940

Ein bisher unveröffentlichtes Jugendgedicht (etwa 1896)

Christian Morgenstern

Ich saß an einer Orgel: Ein Füllhorn des Lichtes


Deren Tasten schwenkte sonnige Ströme
waren die Farben der Welt. über bunte Wiesen,
Die Linke hielt unablässig darüber sich Lerchen wiegten —
den purpurnen Lebensdreiklang, und stahlblaue Quellen
die Rechte aber gürteten flüsternd
sprang hin und her grünbewaldete Hügel...
zwischen dem tiefsten Schwarz Und wieder zum Manne
und dem höchsten Weiß. ward das Kind —:
Nuu griff sie Von Neuem erscholl
die gelbe Quinte: der purpurne Urton —
und tote Gestirne, und war ein Summen
erstorbene Welten, und Brausen und Jubeln,
rollten in fahlem Glanze als sänge das Blut
durch meine Seele. von Legionen und Aberlegionen
Nun fuhr sie hinunter lebendiger Wesen in ihm —
auf Schwarz: und die Felder und Hänge
und brausende Nacht bevölkerten sich
schlug mich in eisige Schatten. mit wandelnden Leibern —
Und das Thema der Finsternis und um goldene Garben
schwoll in die Breite, tanzten Burschen und Mägde —
und schwächer und schwächer und die Garben
kämpfte die Dominante. . stiegen und zogen
Da sah ich vor mir der Erde Gestein sich nach.
das Register der Vox humana — Und Flammen schlugen um mich zusammen.
und mit den Zähnen Mein eigen Lied verschlang mich...
riß ich den Knopf heraus... Da klang es wieder
Ein Kinderantlitz so rein und köstlich
wuchs mir entgegen. wie eine Morgenglocke im Frühling —
Ich selber, das Kind, und zögernd
erschien mir, dem Manne. schlug ich zur jungen Frühe
Und köstlich die Augen auf...
wie eine Morgenglocke im Frühling Im Schulhaus
begann es zu singen, über der Straße drüben
und unwillkürlich sangen Kinder
sprangen die Finger der Rechten zur Geige
auf Rosa und Himmelblau — das Lied der Freude.

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Pfingsten
Friedrich Rittelmeyer

„Die Feuerzungen wehn, Fest Pfingsten Aammt!“ Wer kann uns künden vom heiligen Geist? Viele
haben Gott geahnt. Manche haben Christus gespürt. Wenige wissen lebendig um den heiligen Geist.
Wir schauen hinein in die alte Pfingstgeschichte. Wehen vom Hiinmel,. aufleuchtende Feuerfllammen,
neue Weltsprache — was ist das? Wird uns ein einzigartiges, unverständliches Wunder erzählt? Spricht
eine Legende zu uns in Erdenbildern von innerlichen Erlebnissen?
Es ist in der Gegenwart möglich, die Pfingstgeschichte wieder zu verstehen. Nur in aller Zartheit
und Zurückhaltung darf darüber gesprochen werden. Aller klügelnde Verstand, alle anmaßende Selbst-
überschätzung muß fern sein. Und doch — was ernstes Geistesforschen im Zusammenklang mit ahnender
innerer Erfahrung zu sagen hat: darf das verschwiegen werden?
Es war ein heiliges Aufwachen der Jünger nach quälvoll dunklen Tagen, Golgatha lag hinter ihnen,
das ernsteste Erdenerlebnis, das je Menschen gehabt hatten. Konnten sie das furchtbare Geschehnis
auch nicht erfassen, zerschmettert war ihr Leben, all ihr Glauben und Hoffen zusammengebrochen. Wohl
hatten sie in den Wochen nachher ein wunderbares Einsprechen des erhöhten Herrn erfahren, sein
Dasein und Nahesein heilig versiegelt erhalten. Aber das alles geschah in einer noch betäubten, wie
träumenden Seele. Und nun wachen sie auf — und eine neue Erde liegt vor ihnen. Das war die alte
Erde nicht mehr. Wie eingetaucht in ein unerhörtes Leuchten war die Welt. Die Liebe von oben hatte
sich niedergesenkt auf die Erde, hatte sich ihr geopfert — geoffenbart. Wenn nach schweren dunklen
Stürmen die Erde auf einmal daliegt im strahlenden Lichtfrieden der Sonne: es ist nur ein armes Erden-
gleichnis für das, was damals vor der Seele der Jünger erschien. Ein neuer Geist über der Erde, eine
neue Welt im Leuchten von oben! So friedeströmend es war, so tief bewegt war es. Als ob die Erde
selbst erbrause in allen höheren Regionen; als ob gekommen sei, wovon alles Wehen, alles Sausen, aller
Sturm nur ein irdisches Nachbild ist. Der Himmel brach auf, und der Geist fuhr herab. Oft haben
Menschen auf der Erde ahnend Ähnliches erlebt, und dann konnten sie die Rede vom Pfngststurm
wohl verstehen. Nie war &s welterschütteruder als damals.
In den Jüngern aber leuchtet es auf. Allerklarstes Licht, zartgeistig, innenrein. Ihr göttliches Ich
erwacht an der Weltenliebe, in der Weltenliebe. Noch war es ungeboren. Christus selbst, der Über-
mächtige, war von ihnen mitgelebt worden während seines Erdendaseins. Er war ihr Ich gewesen. Nun
wird es aus der Tiefe lebendig,'aus der Höhe entzündet: es ist da! Was aber in ihnen aufstrahlte, das
wurde von denen, die erwachte Geistessinne hatten, wahrgenommen wie der Sturm wahrgenommen
wurde, nicht mit irdischen Organen, aber mit wahrhaftem Wirklichkeitsschauen, als ob Flammen von
oben an ihnen aufleuchteien. . \
Und das ganze Geschehen bricht auf nach außen in begeistert stammelnder Rede, in Gefühlswogen,
die vergeblich nach menschlichen Worten suchen, die sich ihre eiguen Geisteslaute schaffen. So kündet
sich die göttlich bewegte Ich-Neuwelt. Und sie wird verstanden. Die gottempfängliche Seele erkennt
die gotterregte Seele. Wie in einer Überweltheimat fühlen sie sich tief verbunden, wie im Urwesen
göttlich heiligen Geistes. Und erstaunt schauen alle das Außerordentliche, was da plötzlich mitten unter
ihnen erschienen war. — - \
Wenn in den nachkommenden Jahrhunderten der Blick der Menschen auf diesem Pfingstereignis
ruhte, da fiel es wohl manchem auf: die Pfingstgeschichte deutet selbst stumm hin auf eine alte Bibel-
geschichte wie auf ihr Gegenbild, auf das Menschheitsereignis, von dem uns in vielkündender Sage der
babylonische Turmbau berichtet: wie die Menschen einst sich schieden in Sprachen und Kulturen. Nun
wird die Menschheit wieder eins. In der Sprache jener einzigartigen Begeisterungsstunde verkündet der
heilige Geist selber: Ich schenke euch neu, was ihr euch verscherzt habt, die Einheit des großen Ver-
stehens, die Gemeinsamkeit der einen Menschheitsfamilie! Pfingsten bringt wieder, was im Turmbau zu
Babel verloren ging. — Aber noch mehr erzählt uns die Pfngstgeschichte. Es war eine alte Zeit, da
wollten sich die Menschen nicht mehr weisen lassen von Gott, ihrem Herrn. Und unter ungeheuren
Fluten ging eine alte Zeit, eine alte Himmelsnähe der Menschen zu Ende. Die Sintflutsagen aller Völker
reden von dem unauslöschlichen Eindruck, den dieser langsam gewaltige Untergang im Gedächtnis der
Menschheit hinterlassen hat. Was damals unter Stürmen in die Tiefe sank — unter Sturm von oben
kommt es wieder. Der Himmel ist wieder da. Pfingsten bringt wieder, was in der Sintflut verloren
ging. — Und noch weiter zurück weist uns die Pfingstgeschichte. In ihrer geheimnisvollen Wahrbild-
sprache erzählen uns die ersten Blätter der Bibel, wie einst im Menschen, der gut geschaffen war, ein

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unheiliges Feuer aufflackerte, Auflehnung gegen den göttlichen Willen, Selbst-sein-wollen. Trauergroß
steht die Sündenfallgeschichte am Eingang der Bibel. Nun flammt ein-neues Feuer in der sündigen
Menschheit empor. In der erhabenen Gottesopferliebe des Christus strahlt ein reinstes Licht auf von. der
Erde und entzündet ein gottdurchglühtes Ich in deri ersten Menschen, die zu ihm gehören. Pfingsten
bringt wieder, was im Sündenfall verloren ging. Sündenfall' — Feuerflammen; Sintflut — Himmels-
hrausen; Sprachverwirrung — Zungenreden: schauen wir das Pfngstereignis in diesen grandiosen: Ge-
schichtszusammenhängen, dann erleuchtet sich. uns erst von innen ‚ber seine einziggroße Menschheits-
bedeutung.
Und noch höher hinauf weitet sich unser Schauen. Was war es, was dem Menschen zogedacht war, ;
als er entstand im göttlichen Weltenwillen? Der Vater wollte ihm seinen Himmel schenken, wollte’ihn
selbst zum Himmel werden lassen, zum kleinen Himmel einer Menschenseele, in der der'große Himmel,
Gott. selbst, widerstrahlt. Der Sohn wollte sich selbst ihm schenken, sein wahres, gottdurchheiligtes
Wesen, den gottgeborenen Menschensohn. Der Geist wollte ihm schenken das geistdurchleüchtete Leben,
weltverklärend, allumspannend, menschheitsgroß in jedem Einzelnen. So standen sie gleichsam an seiner
Wiege und wollten ihm geben, der Vater sein Sein, der Sohn sein Wesen, der’ Geist ‘sein Leben. Das
alles hatte sich. der Mensch verdorben.. Das alles ist nun wieder dä: der Reichtum des Vaters in dem
aufgetanen Himmel, die Herrlichkeit des Sohnes in dem aufflammenden Ich- Innern, das Geheimnis des
Geistes in dem Einander-Erkennen. Die Welt wird. wieder gut! .
So steht Pfingsten vor uns als das erste Feuerzeichen von. dem, was kommen- soll, durch die .Jähr-
hunderte und Jahrtausende der werdenden Menschheitsgeschichte. Wenn in jeder Seele die göttliche
Flamme des freien Ich in der Liebe aufgestrahlt ist, wenn die Einzelflammen sich als ein Feuer wissen
und leben, wenn sie zu einem aufgetanen Himmel emporleuchten, dann ist — ob in vielen oder in
wenigen — das Menschheitsziel erfüllt, dann ist die Menschheit wieder aufgenommen in die erhabene
Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist. Als erster Anfang, als erste Ahnung von dem allen steht die
Pfingstgeschichte da. Wie heilige Bilder spricht sie zu den Seelen der-Menschen. Und immer, wenn gött-
liches Geschehen aufwacht in der Menschheit, ist Pfingsten wieder da, wie ein durch die Weltgeschichte
kindurchscheinendes Gesicht, entstellt manchmal, kaum kenntlich, und doch dem tieferen’ Blick wohl
zu grüßen.
Und überall, wo in der Zukunft neues, götiliches Leben aufblüht, wird Pfingsten durchleuchten.
Immer klarer wird es hindurchscheinen durch die Geschichte, bis es einmal wirklich da ist. — ,. -
Aber wie viel näher ist uns dieses Pfingsten als wir glauben! In jedem starken Christuswort ruht es
verborgen und will auferstehen in unsrer Seele. Haben wir es nie gespürt, wenn wir in ein Christüswort
hineinschauten und darin aus der Tiefe das heilig-herrliche Christuswesen uns anleuchtete; xwie es war,
als ob sich darin die Himmel auftäten, weit, frei, rein, tief, und. unermeßliche Herrlichkeit wollte: auf
uns niederströmen? Das waren keine „Gefühle“, das 'waren- Geisteswelten: und Gotteswirklichkeiten.
Und wenn wir dann auf uns selbst zurückschauten — dann waren wir andre geworden. Ein besserer
Mensch war geboren und schlug |wie ein Kind verwundert träumend die Augen auf. Da nahmen wir
uns wahr, gleichsam wie wir in Gott erklungen sind, als der Gedanke an uns in-ihm aufstieg. Da sahen
wir uns, vielleicht zum erstenmal, ahnten uns, wie wir sein könnten, wenn das aus uns geworden ist,
was Christus aus uns schafft — wenn wir ihn nicht hindern. Wir schauten mit einer Freude ohnegleichen
hin auf ein Ich in uns, das leuchtet als Geist unter Geistern selig in Gott. Und auch das Dritte: wenn ‚wir
dann auf die Menschen sahen, dann war eine große neue Liebe da. Überströmen wollte unsre Freude
hin zu ihnen. Suchen wollte sie den Bruder in ihnen, der sich mitfreut. Daß es ein großes Erkennen des
Göttlichen in den Menschen ‚gibt, ein. Grüßen des Geistes aus Gottestiefen in Gottestiefen hinein, das
war uns gewiß. -
Wenn man aber dies alles im’ "Evangelium entdecken kann — wozu dann Kultus? Ja allerdings, die
Menschenweihehandlung wäre nichts anderes als eine große Menschentäuschung, wenn sie nicht.gerade
eben dies den Menschen bringen wollte und könnte, -wovon wir sprechen. Nun möchten wir alle die
fragen, die durch die Menschenweihehandlung — nicht einmal nur und halben Willens, sondern wieder
und wieder ernst und gesammelt, hindurchgegangen sind, was haben sie erfahren? War es nicht gerade
dies, daß wir hineinschauten in einen aufgetanen Himmel? Das Sprechen und Geschehen wurde uns
mehr und mehr. zu einem Hinauf- und Herabfahren der.Engel Gottes: unsres Herzens ‚Opferströmen
strebte nach oben und erneuerndes Geistgeschehen kam herab. Und war es nicht'auch gerade dies, daß
unser tief verborgenes göttliches Ich unter diesem Elimmelwehen ein Erwachen, ein Erstarken erlebte,
wie wir es so erdenwirklich vorher kaum gekannt hatten? Wie wenn wir im heiligen Licht einmal als

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neue Menschen dagewesen sind und dies nun in allem Alltagsgetriebe nicht mehr vergessen können?
Und war es nicht gerade auch dies, daß wir eine so gesunde, tiefe, sichere, wahre, freie Vereinigung
spürten mit all den Menschen, die im gleichen Geist Gott nahen, aus dem gleichen Geist sich neu
schaffen lassen? Dank, ewigen Dank der göttlichen Lebensführungsmacht, daß wir dies empfangen
‚durften — und nun weiter geben dürfen!
Wenige wissen heute auch nur von fern, was heiliger Geist ist. Neue nahe Wirklichkeit wird er
den Menschen, kann er den Menschen nun werden. Wer hätte das je gedacht, daß wir zu einem wirk-
lichen Lebensverständnis der alten Dreieinigkeitslehre kommen werden? Ein Dogma war sie uns, starr
und unfroh, von griechischem Geist auf christlichem Boden ersonnen. Nun sehen wir, wie ein geheimes
Aufstreben sich regt zu diesem erhabenen Geheimnis, hinter allem Weltenwerden geahnt. Und wirk-
lich — seine höchste Weihe empfängt alles Menschenleben erst dann, wenn das ganze Sein durch-
klungen wird von dem dreifaltigen lichtheiligen Gotteswalten, wenn alles Leben wie durchsichtig wird:
in allen Erhaltungskräften blickt uns der. Vater an, in allen Schaffenskräften grüßt uns der Sohn, in
allen Verwandlungskräften winkt uns der Geist — und durch alles Sein, Wesen, Leben schauen wir
hinein, beten wir hinein in das hehr-herrliche Urgeheimnis des Dreifaltig-Eins-Seins und Miteinander-
wirkens, das das eine große Vorbild wird für alles menschliche Schaffen und Gemeinschaft-Haben. Es
ist, als ob sich alles Dasein auflöste in ein letztes, göttliches Wunderlied, ewig heilig, erhaben weihend.
Und wir ahnen, was es heißen will: nach dem Willen des erhöhten Christus getauft sein im Namen des
Vaters und des Sohnes und des Geistes. —

Dreifaltigkeit im Weltengeschehen
Johannes Hemleben

Alle echte Philosophie fragt nach dem Wesen der Welt. Darum ist wahre Philosophie zugleich immer
Religionsphilosopbie. Denn die Frage nach dem Wesen der Welt stellen heißt: nach Gott fragen.
Wahre philosophische Stimmung finden wir in diesem Sinne bei den Begründern der griechischen
Philosophie, den sogenannten Vor-Sokratikern. Erst in zweiter Linie fragten sie nach dem Wesen des
Menschen. In den Mittelpunkt ihrer denkerischen Bemühungen stellten sie die Frage nach dem Wesen
der Welt. Und verschieden lauteten die Antworten.
Da war die Schule der Eleaten, unter ihren Lehrern Parmenides und Zeno. In allen Werdevorgängen
der Welt erlebten sie in besonderem Maße das Vergängliche, in allem Sinnenschein das Täuschende.
Verbirgt nicht ein Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert, sein wahres Wesen, das außer dem
Falterdasein Ei, Raupe und Puppe umfaßt? Zu wahrer Wesensschau fühlten die Eleaten sich auf-
gerufen, durch die Erscheinung zum Urbild durchzudringen. Nicht im Werden, das die Sinne wahr-
nehmen und das in steter Veränderung sich vollzieht, findet nach ihrer Anschauung der Suchende die
Wahrheit. Erst wenn er in Gedanken im scheinenden Werden das Sein ergründet, gelangt er zum Ziel.
Die Erkenntnis des Seins, des in aller Bewegung ruhenden Seienden, er-
strebte der Eleat.
Ein anderes Erleben liegt der Philosophie des Heraklit zugrunde. „Alles Hießt“, es gibt keinen Still-
stand, keine Ruhe, nur ewiges Werden, Veränderung, wohin wir schauen. Man kann nicht in den
gleichen Fluß zweimal steigen. Denn indem das Wasser zu Tal rinnt, neues herbeiströmt, ist ja der Fluß
seinem Inhalte nach ein anderer geworden. Solche Erscheinungen sind es, die einen Philosophen wie
Heraklit beschäftigen. So wertet er auch den Krieg wesentlicher denn den Frieden, sieht im Kriege den
Vater alles Geschehens auf Erden. Von Heraklit sagt Rudolf Steiner:
„Man muß fühlen, wie sich Heraklit im Strome des Werdens mit der eigenen Seele drinnen empfindet,
wie die Weltenseele bei ihm in der Menschenseele pulsiert und dieser ihr eigenes Leben mitteilt, wenn
sich die Menschenseele in ihr lebend weiß.“ Heraklit ist der Philosoph, der in allem Leben den Tod und
in allem Tod das Leben erblickt. Im Werden ergreift er das Wesen der Welt.
Einen dritten philosophischen Standpunkt vertritt Anaxagoras aus Klazomenä. Er erlebt, wie der
Mensch seiner Bestimmung erst würdig wird, indem er in Überwindung des Triebhaften durch Aus-
bildung seiner Vernunft von Stufe zu Stufe weiterschreitet. Aber indem er seinen Geist ausbildet, er-
kennt er den Geist, der in aller Schöpfung waltet, den Weltgeist oder Weltverstand, den „Nus“. Die
Weltistdurchwaltetvom Geist. Sein Licht erhellt alle Dinge. Er ist das wahre
Wesen der Welt.

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Dieser Dreiklang am Begiun der Philosophiegeschichte ist nie völlig verloren gegangen. Eleaten-
stimmung durchzieht die Werke Spinozas. Die allem zugrundeliegende Substanz ist der Grund-
gedanke seiner Philosophie. Das Sein sucht er zu ergründen. — Geistbefeuerter Wille treibt Fichte
von Erlebnis zu Erlebnis, läßt ihn im schaffenden Handeln und Verwandeln durch das Ich das Ziel des
Menschen und der Welt erblicken. Werdekraft strömt aus seinem Lebenswerk. — Hegels Philosophie
ist eine Philosophie des Geistes in reinstem Sinne. Sein Bekenntnis lautet: „Der Geist des
Menschen, von Gott zu wissen, ist nur der Geist Gottes selbst“
In diesem kurz skizzierten Sinne kann man unterscheiden:
1. die Philosophie des Seins und der Substanz,
2. die Philosophie des Werdens und Schaffens,
3. die Philosophie des offenbarenden Geistes.
Daß diese drei Philosophierichtungen nicht irgendeinem Zufall entspringen, sondern im Wesen der
Welt selbst ihre Begründung haben, möchten folgende drei Beispiele aus der Chemie der Stoffe, dem
Pflanzenleben und der menschlichen Sprache verdeutlichen. Wir dürfen uns dabei an den Ausspruch
Goethes erinnern: „‚Ich glaube einen Gott!‘ Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott anerkennen,
wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden.“ Denn heute kommt es nicht
darauf an, im Sinne eines Fürwahrhaltens an die Dreifaltigkeit Gottes zu glauben, — wichtiger ist es, daß
der Mensch die Welt dreifaltig erlebt und so wie durch einen Spiegel auf das dreifaltige Wesen
Gottes schauen lernt. *
Alle chemischen Vorgänge bewegen sich zwischen Kristallisation und Verbrennung, zwischen
Gestaltung und Gestaltauflösung. Wenn aus einer Lösung Kristalle sich formen, wenn ein Salz „gefällt“
wird, wenn ein „Niederschlag“ sich bildet, so kommt ein Prozeß zur Ruhe, so endet ein Werden im Sein.
Die alten Alchemisten haben den Spruch: „Die Leiblichkeit ist das Eude der Wege Gottes“ abgelesen
von den stillen Vorgängen der Kristallbildung, in denen eine lebendige Lösung, die einen in sich be-
wegten Prozeß darstellt, zur Ruhe des festen Steines erstarrt. Da sammeln sich am Grunde des Gefäßes
kleine schimmernde feste Körper, die von nun ab tot und unbeweglich am Boden liegen, bis ein neuer
Lösungsprozeß sie in die Welt des Werdens zurückruft. Solange aber sind sie wie in Stein verzaubert,
sind an „das Ende der Wege Gottes“ gelangt. Sieruhben im Sein. Darum berühren uns auch die
Kristalle der Gebirge so tief. Denn gerade indem sie leblos erscheinen, lastend und schwer, sind sie ver-
zauberte Geheimnisse, deren Kräfte — „gespeicherte Energien“ nennt es der moderne Chemiker — im
Verborgenen, das heißt für die Sinne unwirksam, bleiben. Dafür aber überdanern sie alle Lebewesen.
Pflanzen, Tiere und Menschen müssen im Tode vergehen — Kristalle bleiben. Innerhalb der Sinnenwelt
erscheinen sie geradezu als die Repräsentanten der Ewigkeit und Dauer. Jahrtausende und Aberjahr-
tausende sind die Bergkristalle schon in ihrer festgefügten Gestalt auf Erden, unabsehbare Zeitenläufe
werden vergehen, bis sie in ferner Zukunft im Naturgeschehen ihre Auflösung finden werden. Ihr
Dasein gibt den substantiellen Grund und Boden für die lebendige Werdewelt.
Zwischen Kristallbildung und Verbrennung spielen die Vorgänge der Lösung. Salze als solche sind
mehr oder weniger zur Unwirksamkeit verdammt. Im Wasserelement aber werden ihre verborgenen
Kräfte frei, wird die feste Form wie ein lästig hemmendes Gewand abgeworfen, und es beginnt das
eigentliche Spiel der freien Kräfte. Lösung, lösen, erlösen: Gebundenes verliert seine Fesseln und
gelangt im Werdeprozeß zum Wirken, zum Schaffen, zum „Reagieren“. Im Mineralischen, wie in den
organischen Reichen ist es die Natursendung, die kosmische Mission des Wassers, den ständigen
Lösungs- und Bildungsprozessen zu dienen, zu vermitteln zwischen Erde und Kosmos. Alles
Werden auf Erden spielt sich mit Hilfe des Wassersab.
In der Verbrennung wird jegliche Gestaltung aufgehoben, jede Bildung vernichtet, das Schwer-
gewicht überwunden. Dafür wird für Augenblicke sichtbar, was soust den Sinnen verborgen bleibt: Das
Flammen-Feuerelement. Manche Salze und Metalle offenbaren in der Flamme Seiten ihres Wesens, die
sonst unsichtbar sind. Grün leuchtet das als Metall sonst rote Kupfer, blau schwelt der rotgelbliche
Schwefel, feurig sprühen die Funken des Eisens, rotgelb flammt Kalk, und das Kalium verbrennt in
violettem Schein. Lichtoffenbarungen sind es, die vom geheimen Wesen der Dinge erzählen.
Gesteine, Salze, Metalle und Kristalle bilden den Grund der Erde. Sieruhenim Sein.
Lösungen sind Erlösungen des Toten zum Kraftenden, Lebenden, Schaffenden. Im Wasser voll-
zieht sich das Werden.
Flammen erleuchten. Vom verborgenen Wesen künden sie hell. Sie offenbaren.
x

37
- Auf den ersten Blick zeigt jede Pflanze eine innere Polarität. Zwei entgegengesetzte Kräfte
bilden
an ihr. Die eine dringt in die Tiefe, zum Feuchten und Erdigen, in das Reich der
Dunkelheit. Durch
die Wurzel verbindet sich jede Pflanze der Erde, strebt mehr oder weniger ‘dem Erdmittelp
unkt ent-
gegen. Wie innig diese Verbindung mit der Erde ist,. erlebt man an Unkräutern,
die oft schwer aus
dem Boden lösbar sind. Festverklammert ist ihr Wurzelwerk in der Erdscholle, kräftig werden
die Salze
des Bodens an den Wurzelleib herangesogen. — Die andere Kraft drängt nach oben,
zur Sonne, in das
Reich von Luft und Licht. Wird in der Wurzel die Pflanze eins mit der Erde, — in der Blüte vermählt
sie sich mit der Sonne. Jede Blüte mutet an wie die sichtbar gewordene Lebensantw
ort der Pflanze
auf den Sonnenstrahl. .
Die Wurzel bleibt im Verborgenen. Wir wissen nur, daß sie da ist, daß sie dem Leben der
Pflanze
den Grund gibt, aus dem sie immer wieder neu erstehen kann: Unzählige Pflanzen können
Stamm,
Blätter und Blüten verlieren, aber aus den Wurzeln schoßt neues Leben wieder empor.
Sie ruhen in der
Tiefe und tragen dort das Leben, das im Lichte ergrünt und in den Blüten vollends sich
erschließt.
Die beiden Polprozesse der Pflanze, Wurzeln und Blüten, werden durch die lebendige Tätigkeit
der
Blätter miteinander verbunden und so das Auseinanderstrebende in Harmonie vereinigt.
Aufgesogen
wird von den Blättern Luft und Licht, zum lebendigen Pflanzenleib verwandelt und
zu den Wurzeln
kinuntergetragen. Das Wasser steigt auf aus den Wurzeln in die Blätter und weiter zu
den Blüten. Der
eigentlich neuschaffende Lebensprozeß vollzieht sich so im Blattgrün und verbindet das Leben der
Wurzeln mit dem der Blüte und umgekehrt.
Die Blüten sind die reinsten Offenbarungen der Pflanze. Als Kraft, als Potenz sind sie
unsichtbar
schon in den Wurzeln vorhanden. Zur sichtbaren Gestalt aber dringen sie erst im
Lichte als. letzte
Pflanzenbildung in den farbigen Blütenkelchen empor. Dort offenbaren sie im duftenden
Wohlgeruch
und leuchtenden Farbenspiel das sonst verborgene, geheime Wesen einer jeden Pflanze.
.
Die Wurzeln gründen und tragen. Die Blätter vermitteln. Die Blüten offenbaren.
, * - .
In der Schule lernen die Kinder: ein jeder Satz unserer Sprache besteht aus: Subjekt, Prädikat und
Objekt. Soll ein Wortgefüge siunvoll sein, so ist es den mit diesen drei Worten gemeinten Grund-
gesetzen unterworfen. Bilden wir einen 'einfachen Satz, etwa: „Der Baum trägt Früchte.“ — „Der
Baum...“ ist das Subjekt, wörtlich: das, was zugrunde liegt; denn der Baum liegt unserem. Satze,
der
num folgt, zugrunde. — Wenn zu dem Subjekt kein Prädikat kommt, bleibt uns das Wesen
des Sub-
jektes verborgen. Erst das Prädikat „sagt aus“. Es ist das „Verbum“, das Wort, das Tätigkeitsw
ort,
das die Bewegung in den Satz hineinbringt: „Der Baum trägt.....“ Doch diese Bewegung
würde im
Unbestimmten verlaufen, wenn sie nicht zum Objekt bintrüge. Erst das Objekt bestimmt den Inhalt
und die Richtung des Satzes: „Der Baum — trägt — Früchte.“ Nun exst ist der Satz ein ganzer,
indem
er dreifältig gefügt ist. Das Subjekt liegt dem Satz zugrunde. Das Prädikatals Tätiskeitswort
bewirkt die innere Bewegung: des Satzes. Das Objekt offenbart das Wesen des Subjekts.

Das Erlebnis von der Dreifaltigkeit Gottes und der Welt liegt im Menschen selbst begründet. Als
Ich bekunden wir uns, indem wir denken, fühlen und wollen, 'unaufhörlich dreifaltig, spiegeln unsere
Individualität, unsere Einzigartigkeit in dreierlei Weise. Darum muß aber auch notwendigerweise das
Wesen’ der Welt sich im Menschen dreifältig spiegeln. Anders bricht sich wie in einem Prisma der
göttliche. Sonnenstrahl im denkend-erkennenden, anders im fühlend-erlebenden, anders
im wollend-
bandelnden Menschen: Und dennoch ist damit nicht die Subjektivität des Dreieinigkeitsglaubens
er-
wiesen. Der Mensch selbst ist sowohl nach Leib, Seele und Geist, wie im Denken, Fühlen
und Wollen
deshalb dreieinig, weil er zugleich Geschöpf, Abbild und Spiegel Gottes ist: Der dreieinige Gott schuf
eine dreieinige Welt, schuf einen dreieinigen Menschen — sich zum Bilde. Alle Schöpfung ist Schatten-
wurf Gottes, alle Schöpfung tönt seinen Dreiklang wider.

Gottesoffenbarung
Die höchste Offenbarung Gottes, deren ein Mensch fähig ist, ist zugleich die höchste Ergriffenheit
seiner edelsten menschlichsten Fähigkeiten. Und wir haben ein Recht zu sagen, daß die Offenbarungen
von Güte, Hingabe, Reinheit, Erleuchtung, Kraft im Menschenwesen zugleich Offenbarungen Gottes
sind. In der Sonne vermag man die herrlichste Erscheinung des Göttlichen zu sehen, wenn — man sie
sieht und empfindet. Tausende sehen nichts. Michael Bauer
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Der Weg zur Erweckung des Herzens
Ein Beitrag zum Markusevangelium

1. Der Same wirdin das Herz gesät daß es uns Schritt für. Schritt an diesem Ringen ds
Durch das ganze Markusevangelium geht ein immer Jüngerseelen teilnehmen läßt. —
wiederkehrender, fast kosmwisch anmutender Klageton, Jede Erkenntnis, die wir gewinnen wollen, verlangt
die Klage Christi um die Verkümmerung und Erstar- ein Erkenntnisorgan. Unser Auge könnte die Sonne
rung der menschlichen Herzenskräfte. nicht schauen, wenn es nicht, wie Goethe sagt, „vom
Im: dritten Kapitel sehen. wir Pharisäer und Juden Licht für das Licht gebildet wäre“. Niemand kann die
um Christus versammelt, vor ihm: ein. Mann mit einer göttliche Welt oder den Christus erkennen und schauen,
verdorrten Hand. Er fragt die Umstehenden: „Soll man in dem nicht zuvor des Christus eigene Kraft wirksam
am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, das Leben. erret- geworden ist. — Aus der Wortkraft des Markusevange-
ten oder töten? — Sie aber schwiegen stille.:Da sah er liums strahlt uns eine weltmächtige Geistessonne ent-
sie umher an mit Zorn und war betrübt über ihre ver- gegen, die im Menschen jenes Geistesauge bildet, das
stockten Herzen.“ den Äthersonnenglanz des Christus, ja seine Geistge-
Es geschieht selten, daß uns das Evangelium so un- stalt selbst zu schauen vermag. Die Menschenseele ist
mittelbar in die .Seelenregungen Christi und in. sein einer Pflanze vergleichbar, die im Christuslicht der gei-
Seelenleid schauen läßt. stigen Welt entgegenwächst und ..-blüht. Dies ist neben
dem tragischen Unterton die andere Stimmung, die
Im siebenten Kapitel steigert sich die Klage zu. einer
durch das Markusevangelium weht, eine ‚heilige öster-
Anklage gegen das ganze Volk: „Gar fein hat’von euch.
liche Frühlingsahnung neuer. Menschwerdung, wie es im
Heuchlern Jesajas geweissagt: Dies Volk ehret mich mit
Spruchwort des Angelus Silesius anklingt: \
seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir;* und
_ „Blüh auf, gefror” ner Christ, der Mai ist vor : der Tür.
kurz darauf muß Christus ‘zu seinen eigenen Jüngern
Du bleibest ewig tot, grünst du nicht dort nnd hier.“
sagen: „Vernehmet’ihr noch nichts und habt keine Er-
kenntnis?" Habt ihr immer noch ein erstarries Herz in x
euch?“ — Ja, noch am Ende des Evangeliums, als der
Auferstandene den Elfen’ erscheint, heißt. es: „Er schalt Das eigentliche Organ - der‘ Christuserfahrung. und
ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, weil sie Christuserkenntnis ist das menschliche. Herz. Äuf. die
nicht geglaubt. ‘hatten- denen, die ihn gesehen ‚hatten Entfaltung der: Seherkraft des Herzens, auf das Auf-
auferstanden.“ - blühen der inneren Herzensrose in deh Jüngerseelen ist
Das Bild vom. verdorrten Herzen ist nichts anderes das Hauptaugenmerk -des Evangeliums. gerichtet.
als das Bild der verwelkten und erstorbenen Paradieses- Es gehört zu den "erschütternden Einsichten eines
kräfte im Menschen. Der von den schöpferischen Wort- neuen Evangelienverständnisses, daß ‘auch die Jünger
und Klangbewegungen des 'Alls gebildete Mensch des nur auf dem Wege schwerer Seelenmühen ünd Prüfun-
Urbeginns ist in seiner materiell gewordenen. Leiblich- gen zu einer: wahren- Christuserkenntnis durchdringen
keit erstarrt,: gleichsam erfroren. Christus schaut 'bei konnten. Die übliche ‘religiöse Auffassung verkennt
seinem Erdeneintritt-auf die Menschheit als auf das ge- durchaus das Schwergewicht all der geistigen und leib-
fallene Paradies, das nach dem Wasser des Lebens dür- lichen Verheerungen; ‘die der jahrtausendelange Abstieg
stet. \ der’ Menschheit in das‘ "Materielle für
- jeden einzelnen
Dieser Heilssehnsucht verkündet das Markusevange- Menschen zur Folge gehabt hat; man verkennt und
Iium: (Kap. 1,1): mit: Posaunengewalt die frohe Bot- unterschätzt auch die’ Widerstände jener Mächte, die
schaft: ' „Der Urbegiün des Engelwirkens Jesesu Christi, sich dem inenschlichen Willen auf seinem Wege zum
des Sohnes Gottes, ist da“ Geist entgegensetzen. Hier gilt.mehr als auf jedem. a an-
Das Urwort "der ‘Schöpfung, 'aus dem’ alle Dinge ge- deren Gebiet Friedrich Schillers 'Währwort:
worden sind, ist in Christus zu einem neuen Schöpfungs- „Nur’ dern Emst, den keine. Mühe bleichet,
beginn auf Erden erschienen — als Evangelium, rauscht der -"Währheit tief versteckter Boim.“
das nunmehr auf menschliche Weise zu den: Menschen ‚Es ist ein wöhlbegründetes ‘Gesetz, daß jeder Er-
der Erde spricht. „Ich spreche aus“, sagt Christus, „in kenntnisweg mit dem Erstaunen beginnt. Denn das Er-
Gleichnissen die Geheimnisse vom Ursprung der Welt“ staunen ist ein erstes. Aufwachen gegenüber den Rät-
(Matth. 13, 35). - seln der Welt; aus ihm ergibt sich alles weitere Fragen
Wohl ist das verfinsterte Frdendenken weit davon und Forschen: Die Weltsituation, in die der. moderne
entfernt, diese Geheimnisse ‘voll zu begreifen, aber das Mensch gestellt ist, 'mackt ihn grundsätzlich” zu einem
Evangeliüm läßt keinen Zweifel -darüber, daß es sie Fragenden und'.Forschenden. Er hat freilich Seinen
begreifen ‘soll und auch begreifen kann. „Euch’ ist es Forscherblick bisher nur mit den feingeschliffenen Glä-
gegeben“, wird zu”den ‚Jüngern’ gesagt, „das Geheimnis sern optischer Apparate bewaffnet, ihn aber noch nicht
des Reiches Gottes zu wissen” (Mark. 4,11). Frei- vom Feuer des: heiligen Geistes taufen lassen!
lich, auch die Jünger mußten 'sich dieses Wissen’ erst Die Jüngergestalten des Evangeliums kommen uns
auf mühevollem Erkenntnispfad erringen, und es ge- plötzlich menschlich nah, weun wir auch ihnen als Fra-
hört zu der inneren Dramatik des Markusevangeliums. gern"und Forschern nach den Geheimnissen der Welt

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begegnen, wenn wir sehen, wie sie uns stellvertretend fen über das Johanuesevangelium, die das kostbarste
auf dem Weg zur Erkenntnis, der zugleich ein Weg der Vermächtnis seines Geistes darstellen, auf das zentrale
Selbstüberwindung ist, vorangeschritten sind. — Erkenntnismotiv der Gleichnisse Jesu hingewiesen: „Ge-
Das Motiv des Erstaunens tritt uns bereits im ersten rade die Gleichnisse von Sämann und Samenkorn und
Kapitel des Markusevangeliums entgegen, als Christus Ernte hängen alle mit einer Art Urerlebnis zusammen.
einen. dämonisch Besessenen heilt. ,‚Sie entsetzten sich An das ungeheuer reiche Innenleben Christi kommen
aber alle,“ heißt es, „also daß sie sich untereinander die äußeren Dinge heran. Und aus diesem Innenleben
befragten ‚und sprachen: Was ist das? Was ist das für leuchten die entsprechenden Wahrheiten auf. Dabei
eine neue Lehre? Er gebietet mit Vollmacht den un- fließt immer die ganz reine Größe der 'Christusseele in
saubern Geistern und sie gehorchen ihm.“ die Gleichnisse mit hinein... Der Gang durch die
Auf diese Frage nach „der Lehre“, nach der Wort- äußere Welt ist für Christus der leise äußere An-
vollmacht gibt Christus keine unmittelbare Antwort, stoß, dessen die innen wartende Gottes-
sondern er legt den Keim zum selbsteigenen Verstehen welt zu ihrer Offenbarung bedarf... Das Johannes-
den Jüngern in das Herz. Im ganzen vierten Kapitel evangelium ergänzt die andern Evangelien darin, daß
sehen wir ihn als den göttlichen Sämann über den es die innersten Gleichnisse aufbewahrt, in denen Chri-
Seelenacker der Menschen schreiten. „Der Same ist das stus sich selber ausspricht.“
Wort Gottes“, sagt er zu den Jüngern, als sie ihn nach Diese Sätze führen hin auf ein christliches Welt-
dem Gleichnis vom Sämann fragen; der Same aber denken im Sinn der „Philosophie der Freiheit“ von Ru-
„wird in das Herz gesät“ (Kap. 4,15). dolf Steiner. Sie enthalten in religiöser Ausdrucksweise
Das Herz des Menschen birgt in sich ein ätherisches die Erkenntnismethodik wahrhaft geistgemäßer Philo-
Instrument. In ihm tönt wider wie auf einer Harfe das sophie. \
Wort des Lebens, das Weltenwort, der Weltenklang. Unter den Gleichnissen des vierten Kapitels ist eines,
Während der Kopf nur das äußerlich hörbare Wort ver- das uns den Schlüssel zum Verständnis der weiteren
nimmt, tönen aus dem vom Christuswort befruchteten Seelenentwicklung der Jünger gibt. Es lautet: -
und durchklungenen Herzen herauf die Geheimnisse der „Und er sprach: Es ist mit dem göttlichen Reiche so,
Welt. Sie kommen zur Offenbarung in den Werken gro- als ob ein Mensch Samen auf die Erde säte und legte
ßer Dichtung und Musik oder in den Worten wahrer sich dann zur Ruhe und erhöbe sich wieder, Nacht für
Geistverkündung und -erkenntois. So wird das Welten- Nacht, Tag für Tag: und unterdes treibt der Same Blät-
wort :wiederum zum Leben und zum Licht des Men- ter und wächst empor, ohne daß der Mensch es weiß.
schen (Joh. 1,4). Die Erde bringt selbsttätig ihre Frucht hervor, zuerst
„Denn es ist nichts Verborgenes“, heißt es im vier- die grünen Halme, dann die Ähren und schließlich die
ten Markuskapitel, „das nicht geoffenbart, und nichts Fülle des Kornes in den Ähren.“
Geheimgehaltenes, das nicht kundgetan werden soll. Christus selbst hat den Wortsamen der göttlichen
Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Welt in die Seelen der Jünger gesenkt. Wie nun der
Nachdem die Jünger längere Zeit im Licht der Chri- Same der Erde unter dem erwärmenden Schein der
stuswirksamkeit gewandelt sind, erleben sie seine Wort- äußeren Sonne aufgeht und Brot bringt, so reift der
gewalt in einer neuen Weise. Er offenbart sich ihnen Wortsame in einem höheren Bereich im Schein der
als der Herr der Elemente, indem er den Sturm und Christussonne. Das im Zeitlichen gesäte Wort wird
die Wogen des Meeres stillt. Nun richten sie aneinan- Geist und Leben im Ewigen, auch wenn es. der Mensch
der nicht mehr die Frage: „Was ist das für eine neue zunächst nicht weiß. — Den Jüngern aber ist
„Lehre“, sondern sie fragen: „Wer ist denn die- gesagt, daß sie das Geheimnis der gei-
ser, daß ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ Sie stigen - Welt wissen sollen! Und so dürfen
fragen also nach dem Wesen Christi selbst. sie in geistdurchleuchteten Traumerlebnissen, in Imagi-
Mit diesem entscheidenden Fragemotiv schließt der nationen schauen, woran sonst das Bewußtsein des
erste Hauptteil des Evangeliums, dessen Komposition Menschen keinen Anteil hat.
sich streng in vier Hauptteile mit je vier Kapiteln glie- Den Samenkörnern gleich, die in der Erde ruhen, lie-
dert. Damit ist zugleich für den nächsten Teil eine starke gen zur Nachtzeit die Leiber der Menschen in ihren
dramatische Spannung gegeben. Wann werden die Hütten, müde, krank und verbraucht. Dann aber strö-
‚Jünger die Antwort auf ihre brennende Frage finden? men aus Sternenbronnen aufbauende, erneuernde Him-
* melskräfte zu ihnen hernieder. Das große unsichtbare
Nachtmahl, die Gralsspeisung, beginnt. Alle Menschen,
2. Die Erweckung des Herzens
ob gut oder böse, essen zur Nacht vom Brot eines höhe-
Ehe die Jünger das göttliche Christus-Ich in Jesus er- heren Lebens, das der Christus ihnen reicht. Dies ist es,
kennen können, müssen sie wie jeder andere Erden- was die Jünger schauen dürfen. Sie wachen auf im
mensch lernen, den wahren Ideengehalt der Welt im Traum nach der anderen Seite der Welt und begegnen
Sichtbaren zu finden. Dies ist der seelenbildende Sinn der Geistgestalt Christi als dem Herrn des Grales, der
der Reden und Gleichnisse Jesu. Dadurch leuchtet in in seinem Sonnen-Ich alle Sternenkräfte eint. Im Bild
ihnen zunächst im Bilde diejenige Geisteswelt auf, der fünf und der sieben Brote strömt die nährende
die in Christus als volle Wirklichkeit lebt. So beginnt Weisheitssubstanz des Kosmos aus den zwölf Sphären
für sie der Weg zur Kommunion mit dem wahren’ Sein. des Tierkreises zusammen. Dieser ist das makrokos-
Friedrich Rittelmeyer hat in seinen Brie- mische Urbild, dessen Abbild und Träger auf Erden

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der Kreis der Zwölfe ist, in dessen Mitte der Christus Herzens löst, es hellt sich auf zum Sonnenspiegel gött-
wandelt und leuchtet. licher Erkenntnis. Der Augenblick ist nahe, wo sich die
Die Speisungen auf dem Berge offenbaren, daß die Klage Christi über den Menschen in göttliche Freude
Seherkraft des Herzens in den Jüngern zu erwachen be- verwandeln soll. ,
ginnt; sie schauen in Äthersphären Christus als Sonne In Cäsarea Philippi, dort wo einer der vielen Tempel
der Weisheit, als Brot des Lebens. Aber es zeigt sich das stand, die dem Kaiser Augustus als dem Messias der
Bestürzende, daß sie ihn in ihrem wachen Tagesbewußt- Völker geweiht waren, stellt Christus an die Jünger jene
sein auf Erden nicht wiedererkennen, ja daß sie das Frage, die den Blitzstrahl der wahren Messiaserkennt-
Erlebnis des großen Abendmahles überhaupt aus dem nis in das Erdendenken der Menschen herunterholt.
Bewußtsein verlieren. Dies nur kann das Evangelium „Für wen halten mich die Menschen?“ fragt er die
meinen, wenn es sowohl nach der ersten wie nach der Jünger. Sie antworteten: Die einen halten dich für Jo-
zweiten Speisung sagt: „Sie waren durch das Erlebnis hannes den Täufer, die anderen für Elias, wieder andere
der Brote nicht zur Erkenntnis gekommen, ihr Herz für einen Propheten. Dann fragte er sie selbst: Und ihr,
war noch verhärtet.‘“ Es ist in keiner Weise einzusehen, für wen haltet ihr mich? — Da antwortete Simon Pe-
worauf sich diese Herzensverhärtung beziehen soll, als trus: „Du bist der Christus!“
allein darauf, daß sie in der Menschengestalt Jesu noch Man muß, um die altgewohnten Worte dieses soge-
nicht die. wahre göttliche Wesenheit des Christus er- nannten Petrusbekenntnisses bewußter zu hören, die
kennen können. Ja, es wird nach der zweiten Speisung entsprechenden Worte aus dem Johannesevangelium
ausdrücklich erzählt: „Sie hatten vergessen, hinzunehmen. Diese lauten: „Herr, wohin sollen wir
Brote mit sich zu nehmen und hatten nicht gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir
mehr im Schiff denn ein einziges Brot... Und sie mach- haben geglaubt und erkannt, daß du bist der Christus,
ten sich untereinander Gedanken darüber, daß sie keine der Sohn des lebendigen Gottes.“
Brote bei sich hatten. Als Jesus das erkannte, sprach Damit gibt Petrus selber die Antwort auf jene beiden
er zu ihnen: Warum macht ihr euch Gedanken darüber, Fragen, die sich die Jünger früher untereinander ge-
daß ihr keine Brote habt? Ist euer Denken und euer stellt haben: „Was ist das für eine neue Lehre?“ Und:
Verständnis noch immer nicht „Wer ist denn dieser, daß ihm Wind und Meer gehorsam
erwacht? Ist euer Herz-
noch immer verhärtet? — Ihr habt Augen und sehet siad?“ — Er bekennt sich jetzt im Namen der Jünger
doch nicht und habt Ohren und höret doch nicht...“ " sowohl zum göttlichen Sohnes
- Ich, „dem Namen“
(Kap. 8, 14—18). Christi, als auch zu ihm als dem Träger des lebendigen
Was ist es, das: die Jünger sehen und erkennen. sol- Wortes, des Logos. Nun wissen die Jünger aus sich
len? — Dies; daß Christus selbst das „eine“ Brot ist, selbst heraus, daß er „das Brot ist, das ‘vom Himmel
das sie im Schiff haben. Und-nun hebt er das geschaute kommt und gibt der Welt das Leben“ (Joh. 6, 51).
kosmische Speisungswunder in ihr Bewußtsein herauf: Mit diesem Petrusbekenntnis ist unendlich mehr ge-
„Brinnert ihr euch nicht daran, wie ich geben, als die bloß gemüthafte Auffassung des Evange-
fünf Brote brach für die Fünftausend, wieviele Körbe liums auch nur zu ahnen vermag. Wir stehen in Wirk-
voll Brocken hobt ihr da auf? Sie antworteten: Zwölf. lichkeit vor einem der entscheidendsten und folgewich-
Und als ich die sieben Brote brach für die Viertausend, tigsten Erkenntnisakte, die je in der Mensch-
wieviele Körbe blieben euch übrig? Sie sprachen: Sie- heit geschehen sind. :
ben. Und er fuhr fort: „Ist euer Verständnis noch immer Friedrich Rittelmeyer sagt in seinen Briefen über das
nicht erwacht?“ Johannesevangelium: „Das menschliche Ich, das aus Gott
Es ist Christus also nicht damit Genüge getan, daß ist, kann recht wohl erkennen, wo ein Ich aus Gott aus-
die Jünger zu einem höheren Schauen erwacht sind, es gegangen ist. Man darf nicht glauben, daß man sich bier
kommt ihm vielmehr alles darauf an, daß sie auf der auf unsicheres Gebiet begibt. Man kann wissen.
Erde eine vollgültige Erkenntnis seines Wesens gewin- Wenn wir Christus sehen, wie er liebt, wie er’in leuch-
nen. Sie sollen im Menschensohn, wie er tender Reinheit sich hingibt, wie er nichts von sich sel-
sich auf der Erde offenbart, den Gott ber will, sondern im göttlichen Willen lebt, so können
erkennen. Denn nur so können sie auch wir wissen: das ist von Gott!“
in der Finsternis der Erdentiefen zur Dies alles trifft auf das Petrusbekenntnis zu. Die
Kommunion mit ihm gelangen. Sonnenseherkraft des Herzens ist im Jüngerkreis er-
wacht und durchglüht nun das erstorbene Denken. In
dem aus der Krone Luzifers gefallenen Stein zündet
* ,

Nachdem soeben zu den Jüngern gesprochen worden der Himmelsfunke der Christuserkenntnis: Petrus, der
ist: „Ihr habt Augen und sehet doch nicht“, wird wenige Felsenmann, der Mann der Steinkraft, erlebt in sich das
Verse darauf eine Blindenheilung erzählt. „Und er kam Wunder des Grales. Die Taube trägt das Brot hernie-
gen Bethsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden, der; die Entsündigung und Durchchristung des in die
daß er ihn anrührte.“ Hier wird die kristallklare Kom- Geistverleugnung gestürzten Erdendenkens hat ihren
position des Evangeliums besonders durchsichtig. In den Anfang genommen. Aus geheimnisvoller Ferne klingt
Jüngern selbst ist noch einer, ‘der blind ist; indem nun ein -Wort aus der Apokalypse Johannis an: „Wer über-
Christus die äußere Heilung vollzieht, erfahren sie eine windet, dem will ich zu essen geben von dem verborge-
innere Blindenheilung. : nen Manna und will ihm geben einen weißen Stein
Denn nun geschieht es, daß sich die Erstarrung des und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben,

4l
welchen niemand kennt, der ihn empfängt“ (Kap. 2,17). Was aber ist nun in Wahrheit „der Fels“, auf den
In solchem Licht gesehen, bekommt auch die Ant- Christus seine Kirche gebaut hat und immer von neuem
wort, die Christus dem Petrus gibt, einen neuen Klang baut? — Es ist der im freien Ich vollzo-
und ein neues Gewicht. Nachdem sich der Mensch zu dem gene Akt der Christuserkenntnis.
Gott bekannt hat, bekennt sich der Gott zum Menschen: Die Menschenweihehandlung bestätigt dieses und
„Und ich sage dir, du- bist Petrus, der Fels („der nennt diejenige Gemeinde eine christliche, „die da er-
Stein“), und auf diesen Felsen will ich bauen meine 2 Ge- kennet in Freiheit Christus als ihren helfenden Führer“.
meinde.“ Wilhelm Salewski

Die Bhagavad-Gita
Das Dokument einer Zeitenwende

Eines der bedeutendsten religiösen Zeugnisse, die uns Nach diesen Worten: sagte Ardschuna, der Bedränger
aus vorchristlicher Zeit erhalten sind, ist die Bhagavad- der Feinde, zu Krischna: ‚Ich werde: nicht kämpfen‘,
gita, der Sang des Heiligen, Krischnas, eine heilige Dich- und schwieg dann stille,
tung, die bis heute im Mittelpunkt des religiösen Le- Da sprach Krischna lächelnd zu ihm, der zwischen
bens vieler Millionen indischer Menschen steht. Und auch den beiden Heeren verzagte, folgende Worte: Du klagst
wir dürfen heute wieder eine besondere, innere Ver- um die, welche nicht zu beklagen sind... Weise klagen
wandischaft zu diesem alten Liede empfinden. weder um Tote noch um -Lebende. Niemals war ich
Wohl gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahr- uicht, noch du, noch diese Fürsten, noch werden wir alle
tausends wütete in Indien in den Zentralprovinzen, etwa in Zukunft jemals nicht sein. Ebenso wie der Geist in
dort, wo heute die Hauptstadt Delhi liegt, ein Bruder- diesem Leibe Kindheit, Jugend und Alter erfährt, so
kampf unter den damals langsam in das mittlere und begibt er sich auch nach dem Tode in andere Leiber.
untere Gangestal einrückenden arischen Stämmen. In Daran wird der Weise nicht irre... Nicht wahrnehm-
diesem Kampfe, so berichtet die Sage, wirkte auch der bar ist der Ursprung der Wesen, wahrnehmbar ist ihre
Fürst und Heilige Krischna mit. An die für beide Teile Mitte, nicht wahrnehmbar ihr Ende. Warum also über
ziemlich vernichtende Entscheidungsschlacht schließt sich sie jammern?...“
die Bhagavadgita in ihrer Komposition an. Nachdem Krischna so den ewigen, individuellen Men-
Die Reihen der Krieger stehen einander gegenüber, schengeist gegenüber den vergänglichen, äußeren Natur-
das Blasen der großen Muschelhörner auf allen Seiten zuständen geschildert hat, -zeigt er den “Weg innerer
durchdröhnt Himmel und Erde, „Als da der Held Vertiefung, der zum Erfassen dieses Geistes führt:
Ardschuna, der einen Affen im Banner führte, die Krie- „Dieses Wissen -ist dir in der Samkhya-Lehre darge-
ger in Schlachtordnung dastehen sah, erhob er seinen stellt. Höre aber das im Yoga enthaltene.“ Nun er-
Bogen, während die Geschosse zu fliegen begannen, und öffnet er dem Ardschuna bis zum VII. und VIIL Buche
redete zu Krischna folgende Worte: Zwischen den bei- hin die ausgebildete Praxis der Versenkung, zunächst
den Heeren halte mir den Wagen an, o Unerschütter- wie er seine Pflichten im Leben — als Krieger im
licher, solange ich diese kampfbegierig Dastehenden Kampf — zu erfüllen habe, wie 'er stets aber danach
mustere, mit wem ich kämpfen soll in dieser Kriegs- trachten müsse, in diese Taten nichts von Wünschen,
arbeit. ... . von Sympathie oder Antipathie einfließen zu lassen;
Da sah der Sohn der Prita (Ardschuna) Väter, und dann folgen alle die mystischen Übungen und Stu-
Großväter, Lehrer, Mutterbrüder, Brüder, Söhne, Enkel fen, die der indische Yoga unterscheidet, um schließlich
und Gefährten, Schmäher und Freunde in beiden Hee- auf diesem Pfade zum Selbsterfassen im eigenen. ewigen
ren stehen. Als der Sohn der Prita alle die Verwandten Geiste zu gelangen und damit zugleich zur Schau des
dort aufgestellt erblickte, ward er vom höchsten Mit- göttlichen Wesens Krischnas, des „Herrn des Yoga“,
leid erfüllt und redete in Bestürzung geratend, also: Wie der das menschliche höhere Wesen zur Darstellung
ich diese meine Anverwandten, o Krischna, kampfbereit bringt, ja, des Menschen und der Welt höhere Ichheit.
gegenüberstehen ‚sehe, erschlaffen meine Glieder, und Alles äußere Weltdasein kann dann für den Yogin als
mein Mund wird ganz trocken, ein Zittern überfällt mei- überwunden betrachtet werden.
nen Leib, meine Haare sträuben sich,... und es ist, als Diese Schau des göttlichen „Herrn“ wird nun dem
ob mein Denken sich verwirrt... Kein Glüdk sehe ich er- Ardschuna durch die Gnade des Krischna, der ihm „das
wachsen, wenn ich meine Anverwandten im Kampfe töte.. göttliche Auge“ verleiht, auch zuteil. Davon handeln die
Mit der Vernichtung der Sippe. gehen. die von Ewig- mittleren Gesänge, IXXL Zunächst beschreibt Krischna
keit her bestehenden heiligen Bräuche zugrunde, und sein Wesen als die Essenz und das eigentliche Wesen
dann dringt Gesetzlosigkeit in die ganze Sippe ein. Die aller Dinge, als ihr jeweils Bestes, Reinstes und letzt-
Ahnen, die der Manenopfer dann verlustig gehen, fah- lich als die allumfassende Ichheit. Dann tritt Ardschuna
ren zur Hölle nieder... Wehe, wir waren willens, eine in die Schau des übermächtigen, im gewaltigen, kaum
große Sünde zu begehen, als wir im Begriff standen, aus zu ertragenden Bilde sich offenbarenden Allwesens ein.
Begierde nach den Freuden der Herrschaft unsere An- Auch in Worten tut sich ihm der Krischna kund, bis
verwandten zu töten... Ardschuna endlich unter Zittern Nehen muß: Nimm wie-

42

Nenn
der deine alte (menschliche) Gestalt an, o Tausendarmi- In den unmittelbar folgenden Jahrhunderten wurde
ger, Allgestaltiger! dann - die Bhagavadgita aufgezeichnet. Hier finden wir
Im XI. Gesange läßt die Dichtung noch einmal wie denselben Weg, vom Verlust der alten Ordnungen, die
im VI. die Verkündigung des Yoga, der mystischen aus dem mytbischen Götterbewußtsein gebildet und an
Vertiefung in gläubiger Hingabe an den Gott-Herrn die Pflege der Stammes- und Sippenzusammenhänge,
Krischna folgen, um im XIL.—XVIIL Gesange in aus- auch an die Verehrung der Ahnen geknüpft waren, zu
gebreiteter Form auf die verschiedensten Prinzipien des dem Troste hin, den Krischna dem Ardschuna mit der
Samkhya einzugehen, — wie im’ Anfange des Gedich- Lehre des Samkhya spendet, um dann zur Verkündi-
tes, — bis Krischna seinen Sang mit den Worten endet: gung des Yoga überzugehen. Gewiß entsprang dieser
„Noch eiimal höre das Allerverborgenste, mein erha- Fortschritt innerhalb der Komposition nicht einem Stu-
benstes Wort! Du bist mir über die Maßen teuer; dium der Geschichte der Philosophie; der Dichter der
darum will ich dir verkünden, was dir zum Heile dient: Bhagavadgita folgte damit einfach einem notwendigen,
Richte deinen Sinn auf mich, liebe mich, opfere mir, inneren Gesetz.
verehre mich; so wirst du zu mir eingehen! Das verx- Diese Entwickelung vollzog sich in Indien im wesent-
spreche ich dir feierlich. Du bist mir teuer.“ lichen nur im Geistesleben der Oberschicht von Priester-
Vernichtet ist nun die Veerwirrung in Ardschunas Her- schaft und Adel; das religiöse Leben des Volkes be-
zen; die Erinnerung an sein wahres Wesen ist ihm ge- wegte sich in den alten Formen — sich jetzt freilich
wonnen. Festen Sinnes erhebt sich ‘der Held zum mannigfach wandelnder — Mythologien und Kulte fort,
Kampf. Und der Sänger schließt sein Lied: „Wo die sich dann auch mit dem Yoga verbanden und von
Krischna, der Herr des Yoga, wo der Sohn der Prita, ihm für sehr lange Zeiten befruchten und befeuern
der Bogenschütze, steht, da sind — meine ich — Glück, ließen. - :
Sieg, Gedeihen und beständig rechte Führung.“ Dasselbe Gesetz geistiger Entwickelung, das uns die
* Bhagavadgita angibt, finden. wir auch bei anderen, ganz
Wenn wir die ‘indische Geistesgeschichte seit jener verschiedenen und voneinander getrennten Völkern. In
Zeit betrachten, an deren Bruderkämpfe die Bhagavad- einer so skizzenhaften Aufzeichnung muß ein bloßer
gita anknüpft, so können wir an den erhaltenen Lie- Hinweis auf das schöne Beispiel der. griechischen Gei-
dern und Lehrschriften verfolgen, wie gegen Ende des stesgeschichte genügen. Hier entfaltet sich aus dem ur-
2. Jahrtausends vor Chr. die alte Götterwelt im Be- sprünglichen mythischen Denken heraus zunächst die
wußtsein der führenden Schichten ihre unangetastete von elementaren Mächten, von Elementen sprechende
Stellung verliert. Andere kosmische Prinzipien, Ele- Naturpbilosopbie des Thales und seiner Nachfolger.
mentargewalten wie der Wind, der Mond, die Sonne, die Dann führt die Entwicklung über Denker wie Empe-
Urgewässer, das Feuer, treten jetzt in den Vordergrund dokles, der den auch später geltenden vier irdisch-kos-
des priesterlichen Denkens, aber auch psychische Kräfte, wischen Elementen noch die beiden psychischen Mächte
die nur noch dem menschlichen Mikrokosmos angehören, Liebe und Haß hinzufügt, bis zu Sokrates, der sich nur
wie Odem, Sinneskräfte und manche andere. Und dann noch für die menschliche Seele interessiert. Bei seinen
läßt sich an den einzelnen Lehrergestalten in ihrer Auf- großen Schülern schon finden wir eine ausgebaute Psy-
einanderfolge genau beobachten, wie mehr und mehr chologie, die der des ‚indischen Samkhya-Systems außer-
allein diese psychischen Unterscheidungen sie noch be- ordentlich ähnlich ist, und dazu wie in Indien den neuen
schäftigen. Zugleich erwacht ein wirklich philosophisch Dualismus zwischen Materie und Geist.
werdendes Denken, bis diese Entwicklung im Samkhya- Man betrachte einmal die rhythmischen Zyklen, die
System, vielleicht im 6. vorchristlichen Jahrhundert, das menschliche Erkenntnisleben in den letzten drei
ihren Höhepunkt erreicht. Dieses System entfaltet eine Jahrtausenden beschrieben hat. Um 1100 vor Chr. fallen
ausgebaute Lehre von der menschlichen Seele in ihren. in Indien das alte religiöse Bewußtsein und die von ihm
verschiedenen Schichten und begreift als deren höchstes getragenen sozialen Ordnungen. Da steht Krischna auf
Prinzip nun. den ewigen, unzerstörbaren Geist, der in und führt den Ardschuna als einzelnen auf einem neuen
allen Regungen des Denkens und mittelbar in allen wei- mystischen Wege wieder zu einem Bewußtsein der gei-
teren Funktionen der Seele die psychisch-physische Fein- stigen Welt. Im 6. Jahrhundert vor Chr. hat sich das
materialität der Welt ergreift, sich in ihr spiegelnd, der indische Geistesleben dann soweit entwickelt, daß es
aber dennoch selbst ewig frei von ihr ist. — In dieser auch in seiner genau verfolgbaren, äußeren Entfaltung
Periode im weiteren Sinne taucht nun auch für die in Samkhya und Yoga einmünden, sie aus sich hervor-
äußere literarische Forschung faßbar in Indien die Lehre bringen kann. Von diesem Impulse hat Indien in der
von den wiederholten Erdenleben in klarer Form auf. Folgezeit und im Grunde bis heute unter mancherlei
An die Psychologie des Samkhya-Systems schloß sich Verwandlungen weitergezelrt.
der Yoga an, der das Selbsterfassen des Geistes und ‘ Zu der gleichen Zeit, wo der Osten schon zur Mystik
damit auch seine Freiheit von allem leiblichen Dasein übergegangen war, schritt Griechenland eben erst zur
in 'mystischer Versenkung verwirklichen will: So finden vollen, aber weit grandioseren Entfaltung des rational-
wir aus diesem 6. vorchristl. Jahrhundert die alte Er- gedanklichen Geisteslebens, zunächst voller Kraft, von
zäblung von dem Knaben Naßiketas als das älteste den feinen Nachklängen älteren Geistbewußtseins noch
Zeugnis des Yoga vor. Naliketas stieg für drei Tage geführt, bis zu den großen attischen Philosophen vor
in die Behausung des Todesgottes hinab und wurde dert und nach Plato. Dann folgt eine fast 600jährige Periode
von ihm in die Geheimnisse des Yoga eingeführt. der alles überschattenden Skepsis. Der Kreis des anti-

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ken Denkens schließt mit der neuplatonischen Mystik allgemeinen, vom Schicksal durchgeführten Tragödie.
Plotins im 3. Jahrhundert nach Chr. Doch hat das Statt des dreitägigen Abstieges in die Behausung des
Abendland weiterhin immer unter der Oberherrschaft Todesgottes durch den doch im Leben verbleibenden
des skeptischen Denkens gestanden, auch nachdem ein Naliketas hat sich inmitten des langen Geistesschlafes
Zwischenrhythmus im Mittelalter dieses wiederum zur der Menschheit in harter, äußerer Erdenwirklichkeit das
Mystik führen wollte. Es ist eine bloße Erdenvernünf- Hindurchschreiten eines Gottes durch den Tod vollzogen
tigkeit, die über den Quell ihres eigenen Denkens und und nach dreitägigem Kampf die Überwindung des Todes.
damit überhaupt über jede Realität ihr Unwissen, Das Zeitenschicksal hat die Menschheit an die Wende
die Behauptung der Erkenntnisschranken ausspricht, geführt, wo sie das Geistige in sich und der äußeren
erst recht natürlich über alles, was den Bereich der Welt neu finden muß, um aus ihm heraus ihr weiteres
äußeren Sinneswahrnehmung überschreitet. Das skep- Leben zu führen und zu gestalten. Dem Ardschuna er-
tische Denken hat seinen Gipfelpunkt, aber noch nicht öffnete sich das Wesen Krischnas in der geistigen Welt
sein Ende in der Kantischen Philosophie erreicht. Aus durch den Yoga und die Verleihung „des göttlichen
dem Verluste des alten, mythischen Götterbewußtseins Auges“ im gewaltigen Bilde und im unmittelbaren Tö-
hervorgegangen, hat es während dreier Jahrtausende nendwerden. Heute will ein Entsprechendes für die
geherrscht: Heute aber kann dieses Denken sein Ende ganze Menschheit Wahrheit werden, aber in der vollen
finden. * Wirklichkeit des Erden- und Geisterkampfes. Nicht mehr
Einst ward Ardschuna mit dem ausbrechenden Bru- unmittelbar kommt ihr der Menschengott entgegen. Ihm
derkampfe auch der Boden alles bisherigen geistigen eilen die Widersachermächte voraus; ihnen begegnet die
Lebens entzogen. Aus sich selber sollte er in der Er- Menschheit zuerst. Schreitet sie aber offenen Geistes
weckung seiner durch die Inkarnationen gehenden In- hindurch, so wird sie auch dem todüberwindenden Got-
dividualität einen neuen Grund und Halt finden. Diese teswesen begegnen können, das im rechten Sinne die
Situation gilt heute für die ganze Menschheit. Auch die geistigen Welten wieder in ihr Leben einführen will.
nach dem ersten. Geistverluste noch erhaltenen tradi- Mit dem gleichen Vertrauen, wie es einst der Sänger der
tionellen Lebensformen werden ihr entrissen. Damals Bhagavadgita für Krischna, den Herrn des Yoga, hegte,
vollzog sich der Bewußtseinsübergang zu einem neuen dürfen wir heute hoffen: „Wo der Christus, der Herr
Erleben des Geistigen für die größere Menge doch nur des Schicksals, schreitet, da sind — meine ich — Glück,
wie ein erhabenes Schauspiel, das nur von wenigen in Sieg, Gedeihen und beständig rechte Führung.“
seinem vollen Erust erlebt wurde. Heute gleicht er einer Diether Lauenstein

Bäume z

Unter den Gewächsen der Erde sind zweifellos die den. Kleine, gleichsam zu Persönlichkeiten. geprägte
Bäume die eindrucksvollsten. Wären sie nicht vorhanden, Erden wollen da entstehen.
so würde das Pfanzenleben nur eine dünne Schicht, so- Der Gegensatz der krautigen Pflanzen zu den Bäumen
zusagen einen hautartigen Überzug über den Erdenleib ist darin zu suchen, daß bei der Bildung der letzteren
bilden. In den Bäumen drängt das Pflanzliche aus der die Erde mitwirkt. Wäre es doch eine Unmöglichkeit,
ebenen Fläche heraus, wölbt sich empor und quillt, gleich- sich vorzustellen, daß die mächtigen Stämme, sowie deren
sam überströmend, nach allen Seiten. Die Fläche wird ausgebreitete, vielgestaltige Kronen allein von den glei-
zum Raume, denn ein Baum hat nicht nur ein Unten und chen Kräften hervorgerufen würden wie das grüne
ein Oben, auch außen und innen unterscheiden sich Kraut, Blätter und Blüten. Diese sind die Kinder des
wesentlich voneinander, so daß es den Anschein .erweckt, äußeren Somnenlichtes und entstehen und vergehen mit
als ob der erste Schritt getan würde, ein selbständig in seinem Einwirken. Anders ist es mit solchen Pflanzen-
sich abgeschlossenes Individuum zu werden. Wo Bäume teilen bestellt, welchen Dauer verliehen ist. Hier tritt
wachsen, kommt in das vegetabilische Leben ein ent- die Erdenkraft in ihre Rechte ein. Sie drängt zur Ver-
schieden dramatischer Zug, deun es eignet ihnen eine härtung, bewirkt die Holzbildung und erzeugt dadurch
Ausdrucksfähigkeit, welche denjenigen mit immer größe- in den Baumstämmen gleichsam ein Zwischenreich zwi-
rer Bewunderung erfüllt, der sich ihrem Studium hingibt. schen dem Mineralisch-Toten und dem Pflauzlich-Leben-
Bald weist das dicht zusammengezogene, struppige Ge- digen. Nur so lassen sich die Baumstämme verstehen,
äste wie bei Pappeln, Zypressen und Lebensbäumen daß man in ihnen Fortsetzungen, ja Ausstülpungen der
gleich ausgestreckten Fingern zum Himmel, bald vertei- Erde erblickt. Für die krautigen Gewächse ist die Erde
len sich die klareren Formen aufragender Arme wie bei selber Stamm. \
Buchen und Linden in den Umkreis, oder das knorrig Durch solche Erwägungen sieht man sich dazu ge-
verschlungene Astwerk verrät uns wie bei Eichen trotzige führt, die grünen Triebe der Bäume mit den’ Pflanzen,
Kraft. In Birken und Weiden verleiht die sanfte die zu ebener Erde sitzen, zu vergleichen. Die Entspre-
Schmiegsamkeit der Zweige dem Ganzen wieder einen chung ist ganz offenbar, denn wenn ein Baum ausschlägt,
anderen Ausdruck. Kurzum, ein jeder Baum hat seinen so ereignet sich etwas Ähnliches, wie wenn Kräuter,
besonderen Charakter, den er nirgends verleugnet. Er welche sonst einzeln im flachen Boden wurzeln, empor-
läßt sich in allen wunderbaren Feinheiten schwer mit geboben und im Luftraume verteilt ihre Entwickelung
Worten beschreiben, wohl aber anschauend nachempfin- durchmachten.

44,
So einfach dieses Bild ist, so aufschlußreich kann es Seele hat. Das erste Lied des Vogels und die erste sich
sein; lehren uns doch die Bäume, welche Folgen es hat, dem Frühlingsstrahl öffnende Blüte sind wesensver-
wenn die grünen Pflanzen in die futende Atmosphäre wandte Erlebnisse. Beide Male spricht etwas Seelenhaftes
kinausversetzt werden. zu unseren Sinnen, das eine Mal auf den Wogen des
Vergegenwärtigen wir uns aber zunächst, welche Ent- Tones aus dem Herzen eines tierischen Geschöpfes her-
wickelungsabschnitte ein Baum im. Jahreslaufe durch- vorquellend, das andere Mal in Form und Farbe Gestalt
schreitet! Als Beispiel wählen wir die uns am nächsten annehmend. Das Seelenhafte der Erde ist es, was in
stehenden Obstbäume, deren wichtigster Vertreter wohl den Blumen zu uns spricht. In den Bäumen hat sie ihre
der Apfelbaum ist. Instrumente, über welche sie ihr zartes Empfinden hin-
Er gehört zu jenen Gewächsen, welche zweimal im haucht wie ein Musiker über die Saiten.
Jahre unser lebhaftes Interesse auf sich ziehen, einmal, Was dann auf die Blütezeit als zweite Phase nachfolgt,
wenn sie blühen, und dann wieder, wenn sie Früchte legt die Frage nahe, wie es komme, daß die Bäume im
tragen. Die Ursache ist jedesmal eine andere. Während Frühling so außerordentlich schnell in den Besitz ihres
uns im Herbste mehr materielle Gründe veranlassen, ab vollen Blätterschmuckes gelangen, viel schneller als
und zu nachzusehen, ob man die Früchte schon mit dem irgendein Samenkorn in der Erde sich. entwickelt. Müßte
Finger eindrücken kann, ob das Kerngehäuse klingelt, ein Baum, wenn er ausschlägt, wie ein Sämling zunächst
werden vom blühenden Baume ganz andere Seiten in uns Keimblätter bilden, dann die Stufenleiter des Laubblat-
angesprochen. Daß er so schön ist, daß wir nach der tes bis zur Blüte durchschreiten, wir müßten wohl bis
langen Winterruhe das große Wunder erleben dürfen, tief in den Sommer hinein warten, bis das Laub der
wie sich das scheinbar tote Holz über und über mit Blu- Bäume und die dazugehörigen Blüten fertig wären. So
men bedeckt, das ist es, was uns im Frühling beglückt. ist es jedoch nicht: die Bäume kehren nur dann zur
Und in der Tat, es ist alles andere als eine Selbstver- mineralischen Erde zurück, wenn ihre Samen keimen,
ständlichkeit, daß da oben in dem Geäste so unvermit- nicht aber, wenn sie ihre alljährlichen Triebe ausschlagen
telt die weißen oder zartfarbigen Blüten aufbrechen! Der lassen. Da wird sofort mit großen, vollausgebildeten
nüchtern denkende Mensch macht es sich in dieser Hin- Laubblättern begonnen, denn der Baumstamm ist bereits
sicht recht bequem. Er erklärt einfach, daß die Blüten halb pflanzlich, und der Pflanzenbildungsprozeß braucht
doch bereits im Vorjahre veranlagt wurden und deshalb keineswegs von vorm anzufangen. Jenes Zwischenreich
mit den Strahlen der Frühlingssonne nur hervorzutreten zwischen dem Mlineralisch-Toten und dem Vegetativ-
brauchen. Doch wer so redet, hat das Wunder überhaupt Lebendigen leistet den grünen Trieben der Bäume gegen-
nicht wahrgenommen, denn wie die Natur es gleichsam über den Erdenpflanzen einen gewaltigen Vorschuh.
technisch veranstaltet, daß alles so schnell gehen kann, Beziehen wir nun erst den Fruchtbildungsprozeß mit
kommt erst in zweiter Linie in Betracht, und nichts wird in die Betrachtungen ein, so zeigt sich ein drittes Mal,
dadurch von der unbegreiflichen Tatsache weggestrichen, was dadurch bewirkt wird, daß sich der Baum gleichsam
daß ein tot aussehendes Astgerippe über Nacht von zar- aus der Erde aussondert und seine Teile der wehenden
ter Farbigkeit umflort dastebt. Zeigt sich hier nicht ganz Atmosphäre, dem „Atem Gottes” anvertraut. Jene
deutlich, wie die Erde ihr erwachendes Leben hinhaucht! Wandlungen, um welche es sich dabei handelt, spielen
Sie sendet ihr Seelenhaftes empor, läßt es von den sich nicht wieder, wie im Frühling, im Bereiche des
Sonnenwirkungen duftig entzünden, so daß, was vorher Seelenhaften ab, sie sind auf das Stoffliche hin gerichtet.
in Erdentiefen verborgen, dem äußeren Auge unsichtbar Deshalb ist auch das Schauspiel für unser Auge viel weni-
schlummerte, nunmehr den Sinnen wahrnehmbar zutage ger reizvoll. Die von der Erde aufsteigenden Säfte wer-
tritt. Blumig kristallisiert sich das Seelenhafte den Bäu- den zunächst in die Prozesse eingewoben, welche sich in
men au, wie im Winter der Rauhreif. Ein Schauspiel, den Blättern unter dem Einflusse des Sonnenlichtes ab-
welches der Mensch in vollen Zügen genießen sollte, um spielen; sie werden dann weiter verwandelt durch jenes
sich das ganze Jahr hindurch daran zu erinnern! rätselhafte Geschehen, welches wir die Reife nennen.
Wie oft, so gilt auch in diesem Falle, daß das unge- Viel zu gleichgültig wird für gewöhnlich hingenommen,
trübte menschliche Empfinden, gegründet auf lebhafte was doch in der Tat nur als alchimistischer Prozeß zu
Sinneswahrnehmung, der Lehrmeister objektiver Welt- begreifen ist.
gesetze sein kann, oft sicherer als die den Einschränkun- Wer sich vorstellen wollte, daß ein Apfel ebensogut zu
gen des Zeiturteils unterworfene Schulmeinung. So ebener Erde reifen könnte, der müßte sich eines recht
schrieb der greise Goethe in seinem Gedicht „Vermächt- unorganischen Denkens befleißigen. Haben doch die
2,
is . atmosphärischen Einflüsse, welche den Reifungsvorgarz
” Den Sinnen hast du dann zu trauen;
Kein Falsches lassen sie dich schauen, bewirken, im Baume viel mehr Zutritt als bei den PPa>-
Wenn dein Verstand dich wach erhält. zen, die unten auf der Erde gedeihen. Die Erde m =?
Mit frischem Blick bemerke freudig, eben ihre kühlen Säfte emporsenden. Schließlich fallı der
Und wandle sicher und geschmeidig reife Apfel wie ein sich lösender Tropfen ab. Wa: er
Durch Auen reich begabter Welt. geworden ist, wurde er durch die Wirkenskräfte des
Umkreises, obwohl er zunächst von der Erde herstammt.
Wann aber hätten wir größeren Anlaß, frischen Blik- Eindringlich erfühlt man, was der Fruchtbaum, der
kes und aufgeschlossenen Sinnes durch die Auen reich Apfelbaum, in Wirklichkeit ist, wenn man einen anderen
begabter Welt zu wandeln, als wenn uns die Erde an Baum, den Ölbaum, kontrastierend neben ihn hinstellt.
einem Beispiele so nahe vor Augen führt, daß sie eine Der Ölbaum, warm und trocken, saugt die kosmischen

45
Qualitäten gleichsam in seine Leiblichkeit auf, wenn er ist es z.B. eine alte Überlieferung, unter dem Frucht-
seine Wachstumskräfte zum Stillstand gebracht hat. Alles hbaume, welcher mitten im Paradiese gestanden hai, und
Quellende muß zurückweichen, damit das Entgegenge- dessen verlockende Früchte ja eine für die Menschheit
setzte, Licht. und Wärme, an seine Stelle treten kann. so verhängnisvolle Rolle spielen sollten, einen Apfelbaum
So wird das Öl.gebildet. — Im: Apfelbaum wird die kühle zu verstehen. In dem Texte der Bibel ist nur von einem
Feuchte der Erde in die Luft gesendet. Seine Frucht ent- Fruchtbaume die Rede, aber die Gewohnheit, den Apfel-
stebt nicht durch das Zurückweichen der schwellenden baum kurzerhand als den Repräsentanten der. Frucht-
Erdenkräfte, sondern durch deren Fortsetzung und. Läu- bäume, als Baum der Bäume gelten zu lassen, erweist
terung. Das Fleisch der .Apfelfrucht ist nichts anderes sich als wohlbegründet, denn der Apfel ist „Erde“, nicht
als ein aufgetriebenes, stofflich verwandeltes Stengel- nur seiner äußeren Form nach. Schon durch seinen nie-
stück,’ denn der Fruchtknoten der Apfelblüte ist in den drigen Wuchs, sowie die mehr horizontal ausgebreiteten
Blütenboden eingesenkt. Nimmt man aber den Blüten- Äste unterscheidet er sich deutlich von anderen Bäumen:
boden als das, was er ist, nämlich als Wiederholung des Wir haben die Kerne, eingeschlossen in das pergamen-
Erdbodens auf höherer Stufe, so zeigt sich die irdische tene Kerngehäuse, den „Sarg“, und darum herum das
Natur des Apfels noch von einer anderen Seite. Der saftige Fruchtfleisch. Die Kerne sind die Samen .des
Fruchtknoten des Ölbaumes, welcher zur. Ölfrucht heran- Apfelbaumes und könnten dem Getreidekorn verglichen
reift, ist nicht unterständig, sondern sitzt oberhalb ‘des werden. Wie dieses sind sie zur Auferstehung bestimmt.
Blütenbodens, so- daß wir schon im Blütenbau der beiden Sie haben: Keimkraft, und die ganze spätere Pflanze liegt
entgegengesetzten Bäume die Abbilder des zur Erde Ge- schon unsichtbar darin verborgen. Das’ Fruchtfleisch da-
hörigen und des Kosmischen vor Augen haben. ; gegen’ hat für die Weiterentwickelung der Pflanze gar
Wie nahe der Baum dem inneren Erleben .der Men- keine Bedeutung; es stehen sich — um mit Goetheschen
schen steht, geht aus der überragenden Bedeutung her- Worten zu sprechen: — Wesen und Erscheinung in der
vor, welche er gegenüber den anderen Pflanzen in My- Apfelfrucht gegenüber. .Das’ Fruchtfleisch ist ganz „Er-
tholögie, Völkerglauben und Volksgebräuchen jederzeit scheinuug“, es versest, wenn es nicht genossen wird.
und allerorien gespielt bat und noch spielt.. Det Grund So erklärt sich die symkolische Bedeutung des Apfel-
ist nicht etwa ein nur äußerlicher, etwa weil die Bäume essens in der Paradiesesmytbe, denn der „Sündenfall“
besonders groß sind, sondern das im Baume sich. in vie- bestand eben darin, daß sich die aus dem’ Geiste stam-
len Variationen abspielende dramatische Geschehen zwi- mende Menschheit mehr und mehr von ihrem Ursprunge
schen der tätig sich 'ausstülpenden -Erde und dem von loslöste und der ihr von der Erde entgegengebrachten
oben hineingestaltenden Kosmos wurde als Abbild jener Erscheinungswelt zuwandte. Sie aß vom Fruchtfleisch des
geistigen Entwickelungsereignisse erlebt, welche den Men- Apfels, welcher auf dem Baume der Erde gewachsen: war.
schen stufenweise zur Erde in Beziehung brachten: So ' Gerbert Grohmann

Kleine Pausen
Achte der Pausen, der kleinen / die unversehens das Schicksal
oft dir gewähret, es kommt ! einst auch Der Kommende so.
Friedrich Doldinger

Umschau
. In München wurde ein Schauspiel des im Vorjahr ver- Zuchthäusler geworden, spricht das: Wort aus, das Mar-
storbenen irischen Dichters William B. Yeats aufge- tin in der Entrückung gehört hat: „Vernichtung“.
führt: „Das Einhorn von den Sternen.“ Schon Das war es! Martin verbündet sich mit den Bettlern:
am ersten Abend konnte die protestierende Unruhe der Vernichtung! Staat, Kirche, Kultur, alle Zivilisation
Zuschauer nur durch den Zwischenruf: „Gebt einem to- muß vernichtet werden. Dann endlich können die Men-
ten Dichter die Ehre!“ gezügelt werden. schen zurückkehren in die „grüne Wildnis“, in den para-
Nach Irland, der „grünen Insel“, in deren ätherischer diesischen Glanz einer ursprünglichen Welt.
Natur ein Stück Paradies erhalten. ist, in eine- Atmo- Die ersten englischen Häuser stehen in Flammen, die
sphäre, wo Geisterstimmen .dem Menschen von seinem Bettler rauben und plündern. Aber Martins mystische
Ursprung raunen, führt uns das Stück. Der Sohn eines Seele taugt nicht zum Kampf. Wiederum liegt er wie
Wagenbauers hat in tiefer Verzückung ein Gesicht: im tot ia der Entrückung. Beim Erwachen glaubt er zu ver-
himmlischen Gefilde zerstampft eine Herde- Einhörner stehen, wie jene Geisterstimme das Wort „Vernichtung“
Weinberge und Weizenfelder. Da ruft eine „Stimme“ in in Wirklichkeit gemeint hatte: Vernichtung des eigenen
das Getöse hinein einen Befehl... In diesem Augen- Selbst, Vernichtung von Erde, Sonne und Mond und
blick wird Martin geweckt. Sinnend sitzt er nun in sei- allem, was sinnlich sichtbar ist, damit der Gott erscheine.
ner Werkstatt und sucht den verlorenen ‚Auftrag. — „Wo es nichts gibt, da ist Gott.“
Eine Schar verwilderter Bettler naht. Einer von ihnen, Der Dichter hat die beiden äußersten Pole der irischen
wegen Empörung gegen die englische Herrschaft zum Volksseele dargestellt: den schwärmerischen Träumer

46 .
und den verwilderten Bettler. Weil die Mitte fehlt, pro- so spielt alles wie auf Verabredung piano, stößt er die
testierten die Zuschauer. “ . Arme mächtig. nach vom, so würde keiner. anders
Martin lockt die versuchende Stimme fort aus der zu spielen wagen als. fortissimo. Und wenn dann das
gegenwärtigen irdischen Wirklichkeit, empor. in Geistes- Stück, das er spielt, noch von Beethoven ist — und nicht
höhen. Da begegnen ihm die Bettler: Zerstörung aller etwa seine eigene Kapellmeistermusik —, so kann man
Erdenkultur erscheint: ihm jetzt als der Weg zurück zu das nur herrlich finden. Es gibt keinen Widerspruch im
einem irdischen Paradies. Doch das keltische: Erbe des Orchester. Die Auffassung des Dirigenten gilt, selbst
Geistesträumers ‘ist: mächtiger als die harte Welt der der erste Geiger hat nicht das Recht, das Tempo eigen-
Bettler. Und Martin verfällt einer neuen Versuchung: er mächtig zu beschleunigen oder zu 'verschleppen. Wer es
wird der Erde untreu. Symbol ist sein Ende: Noch weilt so gut haben könnte!“
seine Seele nicht ganz wieder im Leibe, da wird. ihr Ein Kapellmeister, der den Wunsch des englischen
dieser entzogen. Ihn trifft die Kugel eines englischen Politikers gelesen hatte, schrieb allerdings dazu: „Aus-
Polizisten. — Was der Dichter im Grunde sucht: ist es gezeichnet! Er kann im nächsten Leben gern meinen
nicht eine verwandelte, verklärte Erde, der sich der Platz bekommen, wenn er mir seinen Sitz im .Unter-
Menschengeist mit seinem Ich verbinden kann? haus abtritt. Er wird sich ja wundern!“ — Zu solchen
*
Diskussionen führt es, wenn der Gedanke der wieder-
“Rom erhält jetzt nach Zeitungsberichten ein Brot- holten Erdenleben spielerisch aufgegriffen wird. Der ‚Po-
Museum. Alle Sorten von Brot, die in der ganzen litiker war äbrigens Winston Churchill: .
Welt zur Speise des Menschen gebacken werden, sind *
hier anzuschauen, vom zarten italienischen Weißbrot bis
zum deutschen Kommißbrot. Neben den Brotarten Euro- „Oftmals werden wir wiedergeboren...®
pas finden sich die der andern Erdteile und selbst der Ein ehemaliger katholischer Priester, Reinhard. Wag-
Südseeinsulaner, säuberlich mit Schildern versehen, die ner, hat „an 'seine Bekannten“ ein Schreiben gerichtet,
über Herkunft, Bestandteile und Ortspreise unterrich- in dem er Rechenschaft darüber ablegt, was ibm nach
ten. Die ausgestellten Brote sind durch Präparation für 20jährigem Ringen veranlaßt hat, sein Pfarramt .in
mehrere Jahre haltbar gemacht. Schlesien niederzulegen. „Die Gründe — heißt es darin
Bewahrt man nicht in Museen solche Gegenstände auf, u.a. —, die zur Beibehaltung der unverständlichen la-
die der Vergangenheit angehören und die- dem unmittel- teinischen Kirchensprache angeführt werden, konnte ich
baren Leben: der Gegenwart abhanden zu kommen dro- nie als stichhaltig. anerkennen.- Es ist das Urrecht jedes
hen? Fühlt- die Menschheit, daß ihr das ' Geheimnis des Volkes, seine: Gottesdienste in der Muttersprache feiern
Brotes entschwindet?- zu dürfen. Es ist meine feste Überzeugung, daß wir einer
x neuen Auferstehung der Religion in den Herzen der
Christian Morgenstern in Afrika Menschen entgegengehen. Langsam wächst: das deutsche
Wie eine Berner Zeitung berichtete, hat ein ehemaliger Volk über die wnheilvollen Gegensätze von katholisch
Missionar vor einiger Zeit auf.einer Kirchensynode der und evangelisch hinaus und gelangt zu jenem: Goites-
Bernischen -Landeskirche mitgeteilt, die Neger in Afrika glauben und jener Lebensfrömmigkeit, die seiner Art
seien „schon so hoch gebildet, daß sie die Werke des und der Gegenwart entspricht... Oftmals werden wir
feinsinnigen und tiefehristlichen Dichters Christian Mor- auf Erden wiedergeboren zu neuen Aufgaben und Er-
genstern kennen und verstehen“. Sie gebrauchen näm- kenntnissen, bis wir. alle zur Freiheit und Erleuchtung
lich das Gedicht „Die Fußwaschung“ von Morgenstern gelangen. Mit unseren jetzigen Gedanken und Taten be-
als ihr Gebet. stimmen wir unsern. Charakter und Schicksal im näch-
* sten. Erdenleben, so wie auch unser jetziges Menschen-
leben Auswirkung eines früheren ist. -Die Lehre von der
„Wenn ich wieder auf die Erde komme“
Wiederverkörperung ist uraltes ‘Wissen der arischen
Ein englischer Politiker schrieb einmal in einer Lon- Rasse (Edda, Helgilied) und gibt Antwort auf die Frage:
doner Sonntagszeitung, er möchte nach. seinem Tode Warum mußte mich das treffen? Wo bleibt die Gerech-
wobl wieder auf die Erde kommen, aber dann als Or- tigkeit?...“
chesterdirigent. Hieronymus Gobs kommentierte dazu: Interessant ist, ‚daß dieser Brief ausgerechnet i in.J. W.
„Bin. Orchesterdirigent ist ein mächtiger Mann. Wenn Hauers Zeitschrift „Deutscher Glaube“ veröffentlicht
er winkt, setzen die Holzbläser- ein, der Flötist bläst, der wurde, an-deren Leserkreis er- sich : kameradschaftlich
Paukenschläger paukt. Wedelt er sanft mit den Händen, wendet... Kurt von Wistinghausen
A
oo.
Mitteilungen
„Das heilige Land“
gewesen, in solcher Ausführlichkeit und Vertiefung in
Die Palästina-Reise, die ich im Frühjahr 1934 mit dieser „anderen heiligen Schrift“, der Landschaft des
50 Freunden der Christengemeinschaft habe durchfüh- Evangeliums, zu lesen. Und wenn es überhaupt, was
ren dürfen, hat etwas Schicksalhaftes in sich getragen. nicht wahrscheinlich ist, in absehbarer Zeit einmal wie-
Schon sehr bald darauf wäre es infolge der in Palästina der möglich sein sollte, Reisen in das Heilige Land zu
einsetzenden Unruhen und Kämpfe nicht mehr möglich unternehmen, so würde man wahrscheinlich an vielen

«{7
Stellen auf einschneidende Veränderungen stoßen, durch heutigen Menschenbewußtseins geschildert und ihre Be-
die wichtigste Stimmungsspuren der Christusereignisse ziehungen zu den außerirdischen Vorgängen des Kosmos
ausgetilgt worden sind. So melden z.B. palästinensische dargelegt werden.
und türkische Blätter, daß eben ein englisches Finanz- 16.30—17.45 Uhr mehrere Beiträge über: „Die
konsortium das ganze Terrain am Abhang und auf dem Sakramente der Christengemeinschaft.
Gipfel des Ölberges aufgekauft habe, um es abzuholzen Ihre Grundlagen im menschlichen Lebenslauf und ihre
und in kürzester Zeit ein großes modernes Stadtviertel Bedeutung für das Leben der Gemeinschaft.“
darauf zu errichten. Die Nachmittage werden am Donnerstag (18.15 Uhr),
Es gehörte für mich zu den Beglückungen jener Reise, Freitag, Sonnabend ‘(18 Uhr) abgeschlossen durch drei
daß sich unter der Teilnehmerschaft eine ganze Anzahl Predigten von Dr. Rudolf Frieling.
von Persönlichkeiten befand, die, wie z.B. Rudolf von
Am Tagungssonntag findet die Menschenweihehand-
Koschützki und Dr. Herbert Hahn, aktiv und führend
lung (mit Predigt) um 10 Uhr statt. (Wo es aus Raum-
in einer Wirksamkeit für die geistige Erneuerung
gründen nötig ist, wird die Handlung außerdem bereits
stehen. Und so begrüße ich das Erscheinen des schönen
um 8 Uhr gefeiert.) Danach 11.45—12.30 Uhr: „Die
Buches „Das Heilige Land“ von Herbert Hahn,
Erscheinung des Menschensohnes“, eine
welches die im: Laufe der Jahre in dieser Zeitschrift ab-
Betrachtung zur Offenbarung Johannis von Dr. Rudolf
gedruckten Schilderungen zusammenfaßt (mit einer
Frieling.
Reihe wertvoller Bilder geschmückt), als ein besonders
Sonntag nachmittag 16 Uhr: Gedenken an Friedrich
liebenswürdiges Dokument der gemeinsamen Reise. Das
Rittelmeyer. 16.30—18.30 Uhr: Aus dem Leben
Buc hat in warmen innigen Gemütsfarben vieles von
der Christengemeinschaft.
den Empfindungen und Andachtsstimmungen festgehal-
ten, die uns damals beseelten, und stellt so zu meinen Abendvorträge jeweils 20.15 Uhr. Donnerstag: Eduard
Reisetagebüchern, die ja ohne die Absicht einer Ver- Lenz: Von Menschenhoffnung, Menschen.
öffentlichung, in Form kurzer persönlicher Notizen ge- aufgabe und Menschenziel.— Fieitag: Gott-
schrieben worden sind, eine wichtige, eigentlich sogar un- fried Husemann: Christus und die Erde —
erläßliche Ergänzung dar. Emil Bock Sonnabend: Lie. Emil Bock: Die Christenge-
meinschaft.
Die Sommertagung der Christengemeinschaft
Am Schlußabend, Sonntag, drei Beiträge von Wilhelm
kann in diesem Jahre nicht in der üblichen Art statt- Kelber, Johannes Perthel und Gottfried Husemann:
finden. Wir sind aber bemüht, durch verstärkten Kräfte- „Glaube, Liebe, Hoffnung.“ — Anschließend
einsatz den heute möglichen Ersatz dafür zu schaffen. kultischer Abschluß der Tagung Lic. Emil Bock.
Es werden, vorausgesetzt, daß die Lage es erlaubt, von
vier geographisch möglichst weit auseinanderliegenden Ge- Die organisatorischen Angaben sind auf den Program-
meinden in vier aufeinanderfolgenden Wochen Veranstal- men nachzulesen, die von den vier veranstaltenden Ge-
tungen abgehalten werden, die ganz den Aufbau unserer meinden ausgegeben und versandt werden. Diese sind
Sommertagungen haben, also jeweils von Donnerstag zu bestellen für Breslau bei Elfriede Straub, Bres-
Nachmittag bis Sonntag Abend dauern. lau, Oblauer Stadtgraben 28; für Berlin bei der Ge-
Breslau: 11.—14. Tuli schäftsstelle der Christengemeinschaft, Berlin W9, Pots-
Berlin: 18.—21. Juli damer Straße 22; für Köln bei Hanna Heydel, Köln-
Köln: 25.—28. Juli Lindenthal, Dürener Straße 57; für Stuttgart bei
Stuttgart: 1.— 4. August der Geschäftsstelle der Stuttgarter Gemeinde, Stutt-
Die Räume sind: in Breslau „die Matthias-Kunst“ gart 13, Urachstr. 41.
gegenüber der Universität, in Berlin vormittags der Für die von Dr. Rittelmeyer ins Leben gerufene
Gemeinderaum Potsdamer Straße 22, nachmittags und Sommerfreizeit, die in diesem Jahre auch nicht
abends die Singakademie, in Köln der Gemeinderaum in der bisher üblichen Form möglich ist, wird ein Er-
Köln-Lindenthal, Dürener Str. 57, in Stuttgart vor- satz geschaffen, indem die Stuttgarter Gemeinde ihr
mittags das Gemeindehaus, Schubartstaffel 32—34, nach- neues Gemeindehaus für eine von Dr. Frieling geleitete
mittags und abends das Gustav-Siegle-Haus, Leonhards- Freizeit zur Verfügung stellt. Dieselbe dauert diesmal
platz. nur eine Woche und findet anschließend an die Stutt-
Den Beginn bildet jeweils Donnerstag 17 Uhr eine garter Tagung vom 5.—11l. August statt.
Eröffnungsfeier: mehrere kurze Vorsprüche: „Die
Vom 9.—14. Juli findet im Haus der Christengemein-
Christusbotschaft an unsere Zeit.“
schaft Bremen, Am Dobken 111, unter der Leitung
Freitag und Sonnabend 9 Uhr: Menschenweihehand- von Dr. Friedrich Doldinger eine Gemeindeveranstal-
lung, 10.30—12.30 mehrere Beiträge: „Im Zeichen tung statt unter dem Thema: „Frommsein mit dem Le-
der Apokalypse.“ Es sollen die Umwälzungen des benslauf des Menschen.“
Bezugspreis und Postscheckkonto auf der zweiten Umschlagseite. — Für unverlangt eingesandte Manuskripte kann eine
Gewähr nicht übernommen werden, Rückporto bitte beilegen, Schriftleiter: Lie. Emil Bock, Stuttgart-O. Für Anzeigen verant-
wortlich: Ernst Scheiffele, Stuttgart-O. Zur Zeit gilt Anzeigenpreisliste Nr.4. (Ermäßigte Grundpreise: Kleine Gelegenheits-
anzeigen wie Stellengesuche usw.: !/sı Seite RM 4,—, 1/ss Seite RM 3.—.) Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais,
Stuttgart. Verlag Urachhaus, Stuttgart 13

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