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Novalis (Fragmente) 9

- Goethe und dasPfingstmysterium


Rudolf Meyer j 97.
Mannigfaches Christus-Erleben
Kurt von Wistinghausen R: 101
Das Schauen im Neuen Testament
Eberhard Kurras . R-- 104
Der Kultus als Erweiterung des menschlichen
Bewußtseinsfeldes
‚Wilhelm Kelber z 309.5
Vom christlichen Gebet
Dr. Rudolf Frieling 114
Damaskus und Paliben
Der apokalyptische Charakter des "Christentums
Lie. Emil Bock

Paulus und die neue Schöpfung


Karl _Garms

‚Die Apokälypse des Paulus Fr


Rudolf Baarmann

Menschwerdung®
Eine apokalyptische ei,
Wilhelm Salewski

Raimundus Lullus
M. J. Krück von Poturzyn 129
Blicke in die Zeit
Die Wiederkehr des natürlichen Hellsehens und die
Wiederkunft Christi (Wilhelm Kelber) 131
Schatten und Gespenster (Lie. Emil Bock). 136
Vorahnungen (Kurt von Wistinghausen) - 140
Auch ein Messianismus (WK) 5 141,
Ernst Jünger und der Friede (Dr. Erwin Sehe) 141
Ernst Fiechter 7
KW) 143
Auferweckte des Schicksals
Lie Robert Goebel 144
ae
_ Die Christengemeinschaft
Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründetvon Friedrich Rittelmeyer
Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben von Lic. Emil Bock

20. Jahrgang Heft 5/6 Mai/Juni 1948

Es liegt nur an der Schwäche unserer Organe und der Selbstberührung, daß wir uns nicht
° in einer Feenwelt erblicken. Alle Märchen sind nur Träume von jener heimatlichen Welt,
die überall und nirgends ist.
Wenn uns ein Geist erschiene, so würden wir uns sogleich unserer eignen Geistigkeit be-
mächtigen: wir würden inspiriert sein‘durch uns und durch den Geist zugleich. Ohne Inspira-
tion keine Geistererscheinung. Inspiration ist Erscheinung und Gegenerscheinung, Zueignung
und Mitteilung zugleich. .
Die Geisterwelt ist uns in der Tat schon aufgeschlossen, sie ist immer offenbar. Wären wir
plötzlich so elastisch, als es nötig wäre, so sähen wir uns mitten unter ihr. Novalis

Goethe und das Pfingstmysterium


Rudolf Meyer

Die Verschüttung der Lebensquellen, aus denen der deutsche Volksgeist jahrhunderte-
lang gespeist worden ist, vollzog sich nicht erst 1933. Wer das Krisenjahr 1932 miterlebte,
das sich mit seinen ungelösten sozialen Nöten alpdruckartig auf die Gemüter legte,
konnte die Goethefeiern zum Gedächtnis des 100. Todestages des Dichters wie eine letzte
Mahnung empfinden, sich mit aller Kraft des Herzens auf jenen großen Namen zu be-
sinnen, der wie ein Symbol weltbürgerlichen Denkens und Empfindens gelten durfte und
mit dem die edelsten Träger des Deutschtums das Ideal der Überwindung aller kon-
fessionellen Gegensätze und nationalen Schranken verbanden. Doch der Name Goethe war
schon allzusehr eine Angelegenheit der Literaturgeschichte geworden. Als ob sich eine
dichte, Wolkenwand- vor die Geistessonne gezogen habe, die durch Jahrhunderte in die
Seele des deutschen Menschen leuchtende Ideen hineingesandt hatte, so konnte man in
den letzten Jahrzehnten die Verfinsterung des Volksgemüts in banger Sorge miterleben.
Wenn man dann etwa in Goethes Briefen blätterte, um zu sehen, wie er selber vor hundert
Jahren die geistige Situation seines Volkes oder auch der europäischen Kultur beurteilte,
dann fand man jenen vermächtnishaften Brief, den er fünf Tage vor seinem Erden-
abschied noch an Wilhelm von ‘Humboldt schrieb, um ihm zu erklären, weshalb er den
zweiten Teil seines Faust versiegelt habe und nicht mehr bei Lebzeiten herausgeben
wolle: „Der Tag ist wirklich so absurd und konfus, daß ich mich überzeuge, meine red-
lichen, lange verfolgten Bemühungen um dieses seltsame Gebäu würden schlecht belohnt
und an den Strand getrieben, wie ein Wrack in Trümmern daliegen und von dem Dünen-
schutt der Stunden zunächst überschüttet werden, Verwirrende Lehre zu verwirrtem
Handel waltet über die Welt...‘ Resignation spricht aus diesen Zeilen. Der Dichter weiß,
der tiefste Impuls, der sein ganzes Leben und Schaffen durchglühte und in der Faust-
dichtung stufenweise seinen Ausdruck fand, muß noch warten, bis die Atmosphäre einst-
mals von dem Dämonengetriebe, das immer mächtiger sein Haupt erhebt, wieder ge-
reinigt sein wird. ®

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Denn was wollte er mit seinem Faust vor die Welt hinstellen? — Zunächst den Men-
schen mit jenem titanischen Funken in der Brust, wie er in ihm von frühester Jugend an
mächtig loderte. Den Menschen, der von der Wissenschaft sich in seinem Erkenntnis-
streben tief enttäuscht und von den Glaubenstraditionen sich nicht mehr in seinem Lebens-
empfinden getragen fühlt; der aber ein Dasein ohne Sinn und ohne Zielsetzung nicht er-
trägt, sondern ungestüm an den Pforten der Geisteswelt rüttelt. Das Leitmotiv der
faustischen Sehnsucht durchzieht seit je das deutsche Geistesstreben: Die Geisterwelt ist
nicht verschlossen; / Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot! / Auf! bade, Schüler, unverdrossen /
Die ird’sche Brust im Morgenrot!
„Morgenröte im Aufgang“ oder .‚Aurora“ hatte Jakob Böhme die hereinbrechende
übersinnliche Weisheitsoffenbarung genannt. In diesem ,„Morgenrot“ suchte auch der
junge Goethe seinen Erkenntnisdrang zu befriedigen, der sich nicht mehr durch das kirch-
liche Dogma oder die intellektualistische Wissenschaft abspeisen lassen wollte. Aber die
Faustgestalt ist eine tragische. Unreif in ihrem Geistesstreben wird sie an der Schwelle
der übersinnlichen Welten unerbittlich zurückgeschleudert. Sie hat den Mut, der an die
Schwelle heranträgt, aber ihr fehlt die Demut, die zu warten versteht, bis die Seele
‚der Geistesoffenbarung entgegengereift ist. Nicht-erfüllte 'Geistessehnsucht jedoch ver-
wandelt sich immer in seelischen Sprengstoff. (Friedrich Nietzsche, dessen titanisches Er-
kenntnisstreben vor lauter verrammelten Toren stand, ist hierfür ein erschütterndes Bei-
spiel. „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit“, bekennt er von sich selbst, kurz bevor er
den Zusammenbruch seines Geistes erleben mußte.) — Faust verbindet sich gerade aus
enttäuschtem Erkenntnisdrange mit den Mächten des Chaos. Dämonenverschwistert
wandelt er nun sein ferneres Leben dahin. Sein Schaffensdrang eröffnet zwar Lebensräume
für Millionen von Menschen. Mit den Gewalten der Technik im Bunde, die Goethe als die
Gesellen des Mephistopheles darstellt, ringt er der Meeresflut Neuland ab. Aber um den
Preis, daß das stille Kirchlein auf dem Lindenhügel in Flammen aufgehen muß. Der erd-
haft gerichtete Mensch erträgt das „verdammte Läuten“, die Glocke, die zur Andacht ruft,
nicht mehr. Er anerkennt nur noch eine Kultur der Diesseitigkeit: „Nach drüben ist die
Aussicht uns verrannt.“ Darin aber besteht das Einzigartige dieser Goetheschen Dichtung,
daß die Handlung nicht durch den Tod ihre Grenze findet. Der Tod stößt die Pforten auf,
hinter denen das gnadevolle Leben des Geistes beginnt. Faust selber darf nun, wie ein
Falter die Puppenhülle abstreifend, die Seele zu den Ätherhöhen der Geistesschau erheben.
Er darf jubelnd bekennen: „Hier ist die Aussicht frei, der Blick erhoben —.“
Aber gerade diese Ideen und dichterischen Imaginationen, mit denen Goethe die Ent-
wicklung der menschlichen Individualität über den Tod hinaus nachgezeichnet hat, sind
von dem Zeitbewußtsein kaum aufgenommen worden. Die Menschheit bedarf im Anblick
der Untergänge und Verirrungen unserer Zeit solcher „freien Aussicht“, die den Durch-
blick in überirdische Lebensräume eröffnet, in welchen der Geist, aller Stoffesfesseln ledig,
seine Verjüngung feiern und „zu neuen Sphären reiner Tätigkeit‘ empordringen kann.
Goethes dichterische Imaginationen nehmen gleichsam voraus, was die Geistesforschung
Beute für das wache Erkennen darstellen will. „Goetheanismus“ hat Rudolf Steiner des-
halb diese Wissenschaft genannt, welche den Menschengeist in seinen Verwandlungen durch
Tode und Wiedergeburten hindurch verfolgen kann. Denn in Goethes Geistesart lag der '
Keim zu solcher Erkenntnis. Was dem Goetheschen Zeitalter jenen Morgenröte-Glanz
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verlieh, der im Spiegel der Dichtung die Strahlen einer Erkenntnis-Sonne vorausahnen
be&, die damals noch nicht den Horizont erreicht hatte, das nimmt in einer Reihe seiner
ssen geradezu weissagenden Charakter an. Novalis sprach von einer neuen „Welt-
ion“, die über die Menschheit kommen werde. Er hielt es für „das willkürlichste
dem Menschen das Vermögen, außer sich zu sein, mit Bewußtsein jenseits
Vorurteil, daß
ches
der Sinne zu sein, versagt sei. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnli
r, er wäre ein Tier.“ — Weltbürg ertum
Wesen zu sein. Ohne dies wäre er nicht Weltbürge
nicht an
ist nach dieser Anschauung also die Ausdrucksform des Heiligen Geistes, des
Es ist die Stufe des vom Pfingstwunder ergriffenen
Sinnesschranken gefesselten Geistes.
und erhöhten Menschentums.
graphie
Diese Religion des Heiligen Geistes leuchtet, wie wir aus Goethes Selbstbio
wissen, ‚bereits in die Seele des Knaben hinein. Sie schließt ihm
„Dichtung und Wahrheit“
das auf Entzauber ung wartet. So schildert er, wie er als
ein geheimes Innenreich, auf,
zu ihrem Ergötzen Märchen erzählen mußte und diese
Knabe seinen Gespielen oftmals
en
gern in die Form. selbsterlebter Abenteuer einkleidete. Ein Beispiel dieser jugendlich
Märchen vom „neuen Paris‘. Dieses beruht offenkund ig auf echten
Fabulierkunst ist das
ch des wachenden
Erlebnissen, die von einem Aufwachtraum ausgehend ihn in ein Zauberrei
entrücken , in welchem ihm die eigenen Seelenkräf te als ein Chor von teils lieb-
Träumens
Gestalten vor die innere Wahrnehmung treten. Der Morgentraum,
lichen, teils ernsten
der eigenen Seelenkräfte anschauen läßt, endet damit, daß
der ihn zunächst das Weben
Urbild seines
der Knabe in heftiger Leidenschaft die anmutigste der Gestalten — das
getroffen zurück-
höheren Selbst — an sich zu reißen sucht, aber wie von einem Schlage
an einem Pfingst-
geschleudert wird: so erwacht er ins Tagesbewußtsein hinein. Es ist
des Pfingstgoties-
"sonntagmorgen. Er muß sich zum Kirchgang rüsten; doch während
weiterent wickeln. Auf seinem
dienstes fühlt er, wie jene Traumbilder sich in seiner Seele
einer alten Gartenma uer ent-
einsamen Nachmittag-Spaziergang führt ihn sein Weg an
Zustand, den man nur
lang, man nennt sie im Volk „die schlimme Mauer“, und in einem
Pforte, die nach innen
als wachendes Träumen beschreiben kann, findet der Knabe eine
er von neuem den lieb-
zu aufgeht und in einen verwunschenen Garten führt, in welchem
ob seiner un-
lichen Traumgestalten begegnet. Wiederum die gleiche Erfahrung: er wird
seligen Bezirk herausge worfen.
gemeisterten Leidenschaft mit explosiver Gewalt aus dem
Goethe: er bewahrt selbst noch vor dem
Aber charakteristisch für die Knabenseele eines
ehrwürdigen Hüter, der ihn an der Pforte des Heiligtums bedroht, sein Selbstbewußtsein.
noch jenes ver-
Ist.er doch ein „Liebling der Götter“, der sich berufen weiß, einstmals
ann zu erlösen! Das Märchen stellt
borgen webende Gestaltenreich aus seinem ‚Zauberb
daß „die Geister-
ein Faust-Erlebnis dar, auf kindlicher Stufe gespiegelt. Eine Ahnung,
Inn’re der Natur“ führt und jede Erkennt-
welt nicht verschlossen ist“, daß ein Weg „ins
und würdig
nisschranke fallen muß, sobald der Mensch von den höheren Mächten für reif
befunden wird.
immer
Dieser Zug: seiner Seele zu den Mysterien der Geist-Erleuchtung drängte Goethe
dem Pfingstwu nder. Wir sehen den Vierundz wanzigjä hrigen
wieder zur Beschäftigung mit
eines schwäbischen
sich mit dem Rätsel des Zungenredens auseinandersetzen. Im Gewande
einem Amtsbrud er gern über „wichtige bisher unerörterte
Landgeistlichen, der sich mit
ausspricht, beantwortet er die Frage: „Was heißt mit Zungen
biblische Fragen“ gründlich
reden?“ — Das ist „jene einfache allgemeine Sprache, die aufzufinden' mancher große
Kopf vergebens gerungen“, die aus dem Herzen unter der Einwirkung des Heiligen
vermochte. „Es fHoß vom
Geistes als „das Aushauchen seiner Fülle“ hervorzubrechen
ist, und nur, wenn die
Geiste selbst über, der, so einfach wie das Licht, auch so allgemein
zur Erweckung
Wogen verbraust hatten, floß aus diesem Meere der sanfte Lehrstrom
... Die Fülle der heiligsten tiefsten Empfindu ng drängte für
und Änderung der Menschen
einen Augenblick den Menschen zum überirdischen Wesen; er redete die Sprache der
Licht.“ Der
Geister, und aus den Tiefen der Gottheit flammte seine Zunge Leben und

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junge Goethe schien in jenen Jahren oftmals selbst von solcher feurigen Inspiration durch-
drungen. Lavater und andere Jugendfreunde haben es bewundernd geschildert. Unter
dem Eindruek seines Genius stärkte sich in ihnen der Glaube an die Inspirationsfähigkeit
des Menschenwesens. Die Sehnsucht nach dem Zeitalter des Heiligen Geistes, die von den
besten Zeitgenossen (wie z.B. Lessing und Schelling) genährt wurde, schien in Goethe
den Anfang einer Erfüllung zu finden. So läßt der junge Goethe seinen schwäbischen
Landgeistlichen selbst zum Herold dieser hereinbrechenden Gnadenzeit werden: „Wirft
aber der ewige Geist einen Blick seiner Weisheit, einen Funken seiner Liebe einem Er-
wählten zu, er trete auf und lalle sein Gefühl. — Er trete auf! und wir wollen ihn ehren!
Gesegnet seist du, woher du auch kommst! Der du die Heiden erleuchtest! Der du die
Völker .erwärmst!“ — Aus solcher Erwartungsstimmung heraus konnte es nicht aus-
bleiben, daß sich das religiöse Suchen des Genius in den Kirchen mit ihrem dogmatisch
-umgrenzten Lehrgehalt völlig unbefriedigt fühlte. Wenn er Gottfried Arnolds „Kirchen-
und Ketzergeschichte“ studierte, so schlug sich sein Geist und sein Herz stets auf die Seite
der „Ketzer“. In seinen „Zahmen Xenien“ hat er diese seine ‘Stellungnahme kräftig be-
kundet. Wenn er die kirchliche Lehre wpn der göttlichen Dreifaltigkeit charakterisiert, so
muß er von dem Wirken des Heiligen Geistes gestehen: „Sie geben ihm nur eine kurze
Frist, / Da er doch Erst- und Letzter ist.“ Und grimmig faßt er dann seinen Eindruck von
allem, was die Kirchen aus dem Gnadengeschenk des Christentums gemacht haben, in den
vernichtenden Spruch zusammen: „Glaubt nicht, daß ich fasele, daß ich dichte; / Seht hin
und findet mir andre Gestalt! / Es ist die ganze Kirchengeschichte / Mischmasch von Irrtum
und von Gewalt.“ \
Gewalt, d.h. gewöhnlich die Machtmittel des Staates, müssen die Kirchen immer
dann zu Hilfe rufen, wenn sie nicht mehr auf das Walten des Heiligen Geistes bauen. Wenn-
in ihnen das Licht erloschen ist, das von Golgatha ausstrahlt. — In dem Fragment vom
„Ewigen Juden“, einer. Jugenddichtung Goethes, wird Gericht über die ungetreuen Ver:
walter des christlichen Vermächtnisses gehalten. Der Dichter läßt den Erlöser selber‘nach
dreitausend Jahren aus seinem Himmelssaal herniedersteigen, um sich von den Aus-
wirkungen seiner Geistessaat zu überzeugen. Welche Enttäuschung muß er an den
Kirchen erleben, deren Bekenner ihn alle nicht wiedererkennen:

Wo! rief der Heiland, ist das Licht,


Das hell von meinem Wort entbronnen?
Weh! und ich seh’ den Faden nicht,
Den ich so rein vom Himmel ’rab gesponnen.
Wo haben sich die Zeugen hingewandt, .
Die weis’ aus meinem Blut entsprungen,
Und, ach, wohin der Geist, den ich gesandt —
Sein Wehn, ich fühl’s, ist all verklungen...
i
Goethe suchte auf allen Stufen seiner Entwicklung nach jener Urreligion, deren Licht in
allen Kirchen und Konfessionen wohl seine reinen Strahlen widerspiegelt, doch immer
irgendwie gedämpft und getrübt. Im reifen Alter glaubt er sich zu einer großen Zu-
sammenschau aller Religionen und Glaubensweisen erheben zu können in der Lehre von
den „drei Ehrfurchten“, welche auch im christlichen Credo, in den drei Glaubensartikeln,
ihren harmonischen Zusammenklang gefunden haben. Er selber kann sich letztlich zu allen
drei Artikeln bekennen; so auch zum dritten, der „eine begeisterte Gemeinschaft der
Heiligen lehrt, welches heißt: der im höchsten Grad Guten und Weisen“. In ihnen, so
glaubt er, pflanzt sich durch die Gnade einer fortdauernden Inspiration das

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Göttliche auf Erden fort. Gott wollte sich, wie Goethe in seinem letzten Gespräch zu
Eckermann bekennt, „auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für. eine Welt
von Geistern gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die
geringeren heranzuziehen“. Die Kultur unseres Planeten stellt für ihn nur eine Stufe
innerhalb des großen Weltenwerdens dar. Diese „höheren Naturen“ aber wirken nicht nur
im Erdenleibe verkörpert, sie wollen als inspirierende Mächte den strebenden Menschen
allzeit nahe sein, wenn diese im Bunde mit den unsichtbaren Welten leben und handeln
wollen. Goethe schaut zu ihnen als zu den Meistern der Menschheit auf, in deren Pläne
er sein eigenes Wirken hineingestellt weiß. Zu ihnen bekennt er sich. Von ihnen empfängt
er die immerwährende Ermutigung für sein Erdenschaffen, wie es in seinem „Symbolum“
heißt: „Doch rufen von drüben / Die Stimmen der Geister, / Die Stimmen der Meister: /
Versäumt nicht zu üben / Die Kräfte des Guten. / Hier flechten sich Kronen / In ewiger
Stille, / Die sollen mit Fülle / Die Tätigen lohnen! / Wir heißen euch hoffen.“

Mannigfaches Christus-Erleben
Kurtvon Wistinghausen

Die Frühliugsfeste des Christentums Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten können als
Stufen eines einzigen großen Vorganges betrachtet werden — des beginnenden Geistes-
frühlings der Erde. Bis zum Kreuzestod auf Golgatha war das übersinnliche Wesen von
Mensch und Natur immer tiefer in die materielle Welt eingegangen und unter der Decke
. des sinnlich Wahrnehmbaren verschwunden — so wie im Herbst und Winter das Leben
der Pflanzenwelt sich unter die Erde zurückzieht. Im Osterereignis.wurde zum ersten Mal
— urbildlich, urkräftig — die erstorbene Hülle des Geistes durchbrochen und der über-
sinnliche Mensch offenbar — so wie ein frischer Pflanzenkeim im Frühjahr die Erdscholle
durchdringt und begrünt. Zu Himmelfahrt hob sich der auferstandene, übersinnliche
Mensch von der Erde empor zu umfassenderem Dasein und Wirken — so wie eine der
Sonne entgegenwachsende Pflanze sich erhebt, um sich in Licht und Luft zu entfalten. Am
Pfingstfest entwickelte der neue Geistesfrühling feurige Blüten, die in Menschenseelen als
neue Fähigkeiten und Begeisterungen zutage traten — so wie eine Blume die leuchtende
Blüte und Frucht ansetzt. „Ein ewiges Blüh’n begann.“ Ostern ein Aufkeimen, Himmel-
fahrt ein Entfalten,- Pfingsten ein Erblühen, das christliche Gemeinschaftsleben ein
Fruchten des neuen, den Todestiefen entrungenen Geistes.
Die Evangelien berichten von der wechselnden und wachsenden Gestalt, in der der
Auferstandene den für weltenfrühlingshafte Eindrücke vorbereiteten Menschen erschien.
Zuerst ist sein übersinnlicher Leib noch keimhaft nah der Erde und ähnlich dem physi-
schen Menschenleibe. Er kann mit einer irdischen Gestalt verwechselt werden; so hält
Maria Magdalena den Auferstandenen für den Gärtner; so sprechen und wandern die
Emmaus-Jünger mit ihm, ohne zunächst den übersinnlichen Charakter seiner Gestalt zu
bemerken. Allerdings: daß er nicht erkannt wird, zeigt, daß der Eindruck von ihm doch
ein anderer ist als zu seinen irdischen Lebzeiten. Thomas, der an der Identität des Auf-
erstandenen mit Jesus zweifelt, darf den Leib an den Wundmalen berühren: er hat einen
geradezu physischen Eindruck. Und doch ist dieser dem Erdenleibe so zum Verwechseln
ähnliche Geistleib nicht physisch: durch verschlossene Türen ist der Herr bei den Jüngern
eingetreten. Zwar teilt er mit ihnen Speise. Aber sein Essen mit den Jüngern. ist zugleich
ein kultisches Ereignis, ist für jeden Beteiligten höchste Kommunion und gibt ihnen
heiligen Geist und Frieden. Zart ist das Geheimnis des der Erdengestalt noch ganz nahen

UN
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Menschengottes: Rühre mich nicht an, spricht er am Ostermorgen zu Maria Magdalena,
denn ich bin noch nicht emporgehoben zum Vater.
Dann aber geht mit dem Verwandelten eine neue Wandlung vor. Der den sterblichen
Erdenleib überwand, überwindet nun die ungreifbar-greifbare Leibesgestalt. Schon daß
er mit den Jüngern von Emmaus über Land wandert, läßt eine Ausweitung seines Geist-
leibes und das allmähliche Eintauchen in ein neues Element erkennen. Im Strom ihres
Blutes spürten diese Jünger am unmittelbarsten seine Gegenwart: „Brannte nicht unser
Herz in uns, da er mit uns redete...“ Als leibähnliche Gestalt aber entschwindet der Er-
kannte ihren Blicken. Später, wie Johannes berichtet, können die Seinen ihn noch einmal
wahrnehmen, „am See“. Flutend, strömend, ganz lebendig ist der Eindruck von ihm ge-
worden. Petrus muß (Joh. 21,7) ins Wasser steigen, um an ihn heranzukommen. Aus der
fließend-lebendigen ätherischen Welt klingt sein Wort zu ihnen herüber: Kinder, habt ihr
nichts zu essen? Mit der Frage nach dem Mahl kommt er ihnen und der festen Welt
nahe, und sie ihrerseits erleben sich — ergriffen von der ihn umwebenden frischen Lebens-
welt — als Kinder.
Eine weitere Stufe auf dem Wege des Auferstandenen wird mit der Himmelfahrt er-
reicht. Die Umrisse seines Lebensleibes waren fließende geworden. Er entkleidet sich der
engen Konturen und kleidet sich in die „Wolke“: „Und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren
Augen.“ Das flutende Element wandelt sich in das des Lichtes und der Luft — so wie das
Wasser wolkig verdunstend sich ins Licht erhebt. Mitten in den an die Jünger gerichteten
Worten verwandelt er sich in ein unsichtbares Himmelswesen. Ehe er Abschied nimmt
und sein Wort verstummt, erleben sie noch einmal sein klingendes Reden und Raunen.
Er hinterläßt ihnen das lebendig gewordene Wort, das Evangelium. An 'seiner Stelle
stehen da zwei Engel in: weißen Kleidern und sprechen die Zukunftsverheißung und den
innersten Kern des Evangeliums aus: „Er wird kommen, so wie ihr ihn gesehen habt zum
Himmel fahren“ (Apg. 1,11). Im Wolkenelement wird er einmal aus dem Unsichtbaren
wieder in die Erscheinung treten, die Erde wie ein erquickender Regen segnend. Aus der-
Welt des Lichtes wird er kommen.
Dann folgt Pfingsten. Der Christusgeist durchpulst ein weiteres Element der Erde. Er
wird zum Geistesfeuer, die Welt der Gedanken mit Herzenswärme und Willenskraft
durchdringend. Jetzt sehen die Jünger keine leibliche oder leibähnliche Erscheinung, jetzt
hören sie auch kein von außen an sie herankommendes Geisteswort mehr: rein von innen
her, im Geist-Gedanken, in der Idee, dem Ideal, der Begeisterung, fühlen sie die tröstende,
belebende Nähe des Herrn. u
So hat die Gestalt des Auferstandenen verschiedene Offenbarungsformen: Sein „Leib“
ist kein physischer Erdenleib mehr, sondern ein ätherischer Lebensleib. Aber einmal in
„fester“, einmal in „fließender“, einmal in „luftförmig-lichthafter“, einmal in „feuriger“
Form. Er durchschreitet von Ostern bis Pfingsten alle Daseinsbereiche des in und hinter
dem Irdischen kraftenden Lebens. Wie Novalis es ausdrückt: er „durchdringt unsrer Erde
Bau“. Was die Erde „baut“, das sind die „vier Elemente“ der Alten: Erde, Wasser, Luft‘
und Feuer, die Kraftbereiche der „Ätherwelt“.
x

Wenn die österlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen und seinem Geiste von
den vier Evangelien als sehr verschiedene Erlebnisse geschildert werden, so darf gelten,
daß auch die Schau seiner bei der Himmelfahrt verkündeten Wiederkunft mannig-
facher Art sein kann. Wenn sich in unserer Gegenwart nach und nach — wie Rudolf
Steiner das geschildert und begründet hat — bei manchen Menschen Organe zur Wahr-
nehmung der feineren ätherischen Lebenskräfte bilden, so ist damit zu rechnen, daß
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mehr oder weniger deutlich voneinander abgestufte Erlebnisse sich zeigen können.
Manchem mag es eine Hilfe sein, sich vorzustellen, daß auch eine neue Christusbegegnung,
wie unsere Zeit sie von innen her ersehnt, auf verschiedene Weise möglich ist, je nach-
dem wofür der betreffende Mensch sich hat erschließen können und wie Schicksal und
geistige Offenbarung ihn führen. Aus den Regionen des Feuers, des Lichtes, der Feuchte
und der Erde —- einzeln oder gleichzeitig — kann der ,„Herr‘ der Himmelskräfte auf
Erden“ dem Menschen entgegentreten oder können seine Fußspuren wahrnehmbar wer-
den. Geisteswissenschaftlich ausgedrückt: aus den Gestaltkräften einer der vier Äther-
arten heraus, des Wärme-, des Lichtäthers, des Klang- oder des Lebensäthers.
Es kann sein, daß der im Geistleibe Wandelnde zum Verwechseln ähnlich wie ein
Mensch unter uns Menschen tritt, als stiller Helfer in innerer, vielleicht sogar "äußerer
Not, als Führer, der uns eine Strecke begleitet, als Mitwirkender bei einem geistig be-
rechtigten Erdenwerke. Wie ein Mensch und doch übermenschlich: „Ich bin bei euch alle
Tage.“
Es kann aber auch sein, daß er so erscheint, wie seine Wiederkunft in den Evangelien
besonders markant verheißen ist: „in der Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit“,
vielleicht auch als Stimme oder als Blitz aus der Wolke, Ost und West überleuchtend.
Weniger deutlich als Gestalt umrissen, dafür aber den Menschen durchströmend und mit
seiner Gegenwart segnend.
Oder er wird wie dem Paulus vor Damaskus (der sich mit seinem Erlebnis als eine
„unzeitige Geburt“, einen Vorläufer späterer Menschheitserfahrungen betrachtete) sicht-
"bar als die alles überleuchtende kosmische Lichtgestalt, vor deren gewaltigem Eindruck
der Mensch zu .Boden fällt.
Nicht zuletzt aber kann uns der Christus im Geiste begegnen, indem er die mensch-
liche Erkenntnisfähigkeit reinigt und durch sein Herabkommen bis in das ehrfürchtige
aber klare Bewußtsein Glaube- und Erkenntnis wahr macht. „Ich werde euch den Geist
der Wahrheit senden, den Heiligen Geist.‘ Christliche Welterkenntnis kann ein Schritt
sein zur Wahrnehmung der Wiederkunft Christi.
Es mag unter den sich andeutenden Abstufungen im übersinnlichen und inneren
Christuserleben zahlreiche Zwischenstufen und unendliche „Spielarten“ geben. Sie mögen
sich aber in einer großen zusammenfassenden Schau auch alle majestätisch vereinigen.
Dann ergibt sich das gewaltige Bild der Offenbarung Johannis. Der. Seher schaut zunächst
den Thron im Himmel, ein der Erde nahes Gebilde. Der Thronende aber ist mit irdischen
Vorstellungen kaum mehr zu beschreiben: er ist „anzusehen wie der Stein Jaspis und
Sarder“, und. ein smaragdblitzender Regenbogen umglänzt den Stuhl — eine Reihe von
Lichterlebnissen. Von dem Throne gehen aus Blitze, Donner und Stimmen — Klang-
erlebnisse. Und die Augen des „Lammes“ sind die „Geister Gottes, gesandt in alle
Lande“ (4,5). An anderer Stelle sind diese Augen des Auferstandenen mit der aktiven
Sehkraft beschrieben als Feuerflammen.
Was der Apokalyptiker wie ein ewiges Bild erschaut, das hinter allem Irdischen ver-
borgen west, das hat Novalis für die Gegenwart und Zukunft in neuer Weise zur Be-
gründung eines wahren Geistesfrühlings auf die Erde herabgebetet:

a Geuß, Vater, ihn gewaltig aus...


In kühlen Strömen send ihn her,
In Feuerflammen lodre er,
In Luft und Öl, in Klang und Tau
Durchdring’ er. unsrer Erde Bau.

103
Das Schauen im Neuen Testament
Eberhard Kurras
Das Geistesleben des 20. Jahrhunderts, das im Gegensatz zu den vorangegangenen
Zeiten einen fast bestürzend neuartigen Charakter angenommen hat, weist heute zwei
merkwürdige Tatsachen auf, die einander in eigenartiger Weise widersprechen.
Es gehört zu den auffallendsten Erscheinungen der Gegenwart, daß die Menschen durch
die Schicksale, wie sie heute walten, immer häufiger an die Schwelle der höheren Welt
geführt werden und mannigfaltige übersinnliche Erlebnisse durchmachen, über deren
geistigen Sion und seelische Behandlung sie allerdings nicht die nötige Orientierung be-
sitzen.
Andererseits betont das Christentum, wie es heute vertreten wird, in ausgesprochenem
Gegensatz dazu, daß übersinnliche Erlebnisse und geistige Schauungen mit wahrer
Frömmigkeit nichts zu tun hätten, daß sie dann, wenn sie aufträten, eine nebensächliche
Rolle spielten und für das religiöse Leben eigentlich abwegig seien.
Durch diese Stellungnahme heutiger religiöser Instanzen wird nicht nur das Verständ-
nis der Grundereignisse des Christentums und der tieferen Erlebnisse aller großen Christen
unmöglich gemacht. Es wird dadurch auch den Gegenwartsmenschen, die durch ihre Schick-
sale oder Seelenentwicklungen von solchen Erlebnissen betroffen werden und in ihrer
Orientierungslosigkeit sich mit Recht an die Religion wenden, der Zugang zur erforder-
lichen Klärung und zur rechtmäßigen Einordnung ihrer Erfahrungen in das fortschreitende
Leben der Menschheit versperrt.
Gegenüber solcher widerspruchsvollen und verwirrenden Situation erhebt sich somit die
grundsätzliche Frage, wie das wirkliche Christentum zum übersinnlichen Er-
leben und zum echten geistigen Schauen steht, wenn man es nicht, wie es zumeist ge-
schieht, von bestimmtem konfessionell-dogmatischen Standpunkt aus, sondern ohne Vor-
urteile betrachtet. Wie steht die Grundurkunde des Christentums, das Neue Testament ”

selber zu diesen Phänomenen?


*

Es ist eine wenig beachtete, aber doch bemerkenswerte Tatsache, daß sogleich im An-
fange des Neuen Testaments, im 1. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, ein übersinnliches
Geschehen und Schauen berichtet wird. j
Als Joseph — nach der Erkenntnis, daß Maria schwanger ist — in sich erwägt, was er
in dieser Lage tun solle, erscheint ihm ein „Engel des Herrn“ und eröffnet ihm, daß der-
jenige, den Maria empfangen habe, der langersehnte Heiler der Menschheit sei, und gibt
ihm die Weisung, Maria zu sich zu nehmen. Dies führt dazy, daß Joseph Maria bei sich
behält, und daß die Geburt so vor sich gehen "kann, wie sie nach dem Plan der göttlichen
Welt geschehen sollte. Als die „Weisen aus dem Morgenland“, die ja auch mit dem
„Sterne“ einer. übersinnlichen Führung gefolgt waren,. hinweggezogen sind und dem
Geborenen der Kindermord des Herodes droht, erscheint dem Joseph wiederum der
Engel und gibt ihm den Auftrag, nach Ägypten zu fliehen, — wodurch das Kind gerettet
wird. Als schließlich Herodes gestorben ist, tritt der Engel zum dritten Male vor Josephs
Geistesauge und fordert ihn auf, wieder nach Israel zurückzuziehen, so daß sich nun dort
das nirgends so mögliche Aufwachsen und Reifen dieser einzigartigen Persönlichkeit voll-
ziehen kann.
So beginnt das Neue Testament in seinem allerersten Anfang
mit drei übersinnlichen Geschehnissen, die nur dadurch zu Erlebnissen
werden, daß die menschliche Seele nicht, wie gewöhnlich, im irdisch-physischen Bewußt-
!
104
sein verbleibt, sondern daß sie sich für die höhere Wirklichkeit aufschließt und deren un-
entbehrliche Offenbarung entgegennimmt. Diese Ereignisse erweisen sich nicht als neben-
sächlich, sondern greifen in die Schicksalsgestaltung des Jesuskindes und damit der ganzen
Menschheit richtunggebend ein.
Im Anfang des anderen Evangeliums, das Kindheits- und Vorgenlbihten. berichtet, im
Lukas-Evangelium, erlebt sogleich im 1. Kapitel der Priester Zacharias in einer Schauung
die Erscheinung des Engels Gabriel, der ihm die Geburt Johannes’ des Täufers verheißt.
Bald darauf erscheint der Engel der Jungfrau Maria, der er die wunderbare Verkündi-
gung überbringt, durch welche sie den Sinn des Geschehens erfährt und zu verstehen be-
ginnt. In der lukanischen Geburtsgeschichte, der Weihnachtserzählung von der Nacht zu
Bethlehem, wird die sich offenbarende „Menge der himmlischen Heerscharen“: nicht von
hochentwickelten Persönlichkeiten geschaut, sondern von den einfachsten Menschen, die
es damals dort gab, den Hirten von Bethlehem.
Esbeginntalso auch dasLukas-Evangelium mit drei Schauungen,
ohne die das Verständnis von dem, was geschah, und die notwendige schicksalsgemäße
Haltung bei den damaligen Menschen nicht eingetreten, und ohne welche die Urgeschichte
des Christentums anders verlaufen: wäre.
Als dann nach der Vorbereitungs- und Reifezeit Jesu. das eigentliche Christuswirken an-
hebt, steht wiederum am Anfang ein epochemachendes übersinn-
lichesGeschehen: Die Taufe Jesu im Jordan durch Johannes, die Herabkunft des
„Gottesgeistes“ in den Menschen Jesus, wodurch dieser zum „Sohne Gottes“ wird. Dies
Geschehen erlebt nach dem Evangelium nicht nur Jesus selbst, sondern auch: der
Mensch, dessen Mission es ist, auf das Wirken des Christus vorbereitend hinzuweisen.
Dazu wird Johannes aber nur dadurch fähig, daß er in diesem weltgeschichtlichen Augen-
blicke eines übersinnlichen Erlebnisses, einer Schauung erwürdigt wird, durch welche er
erfährt, wer es ist, den er tauft. So heißt es zunächst im Johannes-Evangelium, bevor der
Täufer die Offenbarung empfängt: „Und ich kannte ihn nicht“ (Joh. 1,31). Aber dann
wird die Quelle der Erkenntnis eröffnet: „Und Johannes zeugte und sprach: Ich habe
geschaut, wie der Geist Gottes herabkam..... und ich habe es gesehen und habe
bezeugt, daß dieser ist der Sohn Gottes‘ (Joh. 1,32, 33).
*

Im Verlaufe der drei Jahre des Wirkens Christi werden nach den Evangelien die
Jünger von ihm dazu erzogen, nicht nur seine Worte und Gedanken in sich aufzunehmen
oder seine Weisungen zu befolgen, sondern auch höhere Erlebnisse zu gewinnen, um das,
was sich damals als Einzigartiges abspielte, mit wirklichem Verständnis durchleben zu
können. Da schauen sie bei derstürmischen Seefahrt auf dem See Genezareth zum
ersten Male die Geistgestalt Christi, wie sie übersinnlich auf den Wogen wandelt, wie sie
sich zu ihnen in das Schiff begibt und ihnen die Kraft des Geistes verstärkt (Matth. 14,
Mark. 6, Joh. 6). Durch dieses Erleben schreiten die Jünger in der notwendigen Erkennt-
nis ihres Meisters um einen wesentlichen Schritt voran.
Als Christus im geheimnisvollen Ereignis der „Verklärung“ (Matth. 17, Mark. 9,
Luk. 9) in eine neue Stufe seines Werdens übergeht, läßt er seine drei intimsten Jünger
an diesem Geschehen geistig teilnehmen. Da erblicken sie nicht nur die durch den Tod
gegangenen größten Geister der Vergangenheit, die übersinnlichen Gestalten von Moses
und Elias, sondern schauen auch die sich immer großartiger offeibarende sonnenhafte
Geistgestalt des Christus selber. Hierdurch werden sie dazu vorbereitet, den schwer faB-
baren Sinn der kommenden Passion und der daraus hervorgehenden Auferstehung später-
‚hin zu verstehen. '

105
In der Passionsgeschichte treten die übersinnlichen Erscheinungen aus einem
begreiflichen Grunde zurück. In dieser Phase des Christuslebens handelt es sich in erster
Linie darum, daß das immer tiefer herabstrebende Gotteswesen hier eigentlich erst den
Boden der äußeren Welt erreicht. Hier geht Christus in sie ein und verbindet sich mit
ihr, so daß der Akzent des Geschehens im Physischen liegt. Aber jetzt wird im Verhör vor
Kaiphas von Christus das Wort von seiner „Parusie“ gesprochen, von der „Wiederkunft des
Menschensohnes in den Wolken des Himmels“, von seinem zweiten, übersinnlichen Kommen
in der das Erdensein durchdringenden Geistessphäre und von seinem Geschautwerden durch
die Menschen (Matth. 26, Mark. 14). Also gerade in der dunkelsten Epoche, in welcher das
Übersinnliche zu erlöschen scheint, verkündet Christus mit allem Nach-
druck, daß nach Durchschreitung des Tales der Passion ein neues a und
Schauen erstehen werde.
*

Eine unübersehbare Wende in der Entwicklung .dieser Phänomene erfolgt zu Ostern.


Hier werden die übersinnlichen Vorgänge, die bisher Grundlagen und Begleiterschei-
nungen der physischen Begebenheiten waren, zu fundamentalen Tatsachen
anderer Art. Der Christus geht in ein höheres Dasein über und offenbart sich in
dieser neu erreichten Sphäre als Auferstandener seinen Gläubigen. So schauen ihn zu
Ostern sowohl die Frauen, wie die Jünger des Zwölferkreises, einzeln und in ihrer Ge-
samtheit, wie auch, nach .dem Berichte des Paulus, die „500 Brüder auf einmal“
(1:Kor. 15). Sie schauen ihn im Garten, im Haus, am See, sie schauen.ihn auf dem Berge
und nehmen zuletzt mit dem inneren Blick seine „Himmelfahrt“ wahr. 40 Tage lang
werden sie in reichem Erleben — wenn auch noch nicht in voll erwachtem, sondern noch
in traumähnlichem Seelenzustand — mit geistigen Erfahrungen begnadet, ohne welche sie
in der späteren Zeit ihres Wirkens der wahren religiösen Substanz ermangelt hätten.
Als die Jünger sodann am Pfingstsonntage die „Ausgießung des Heiligen Geistes“ er-
fahren, da finden sie in ihren Seelen nicht nur ein neues Erkennen, aus dem sie mit Be-
geisterung und Kraft verkündigen, sondern sie schauen auch mit nun erwachtem und ver-
stehendem Bewußtsein ein großartiges, aus den Weltenhöhen sich herabsenkendes und
sich ihnen mitteilendes Geist-Ereignis. Die Übersetzung der Luther-Bibel (Apg. 2,3):
„Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer“ bringt doch nicht mit aller Klarheit
zum Ausdruck, daß die objektiven flammenden Geisterscheinungen in konkretem Schauen
auch wahrgenommen werden, wie es der griechische Text genauer ausspricht: „Und es
wurden von ihnen Zungen wie von Feuer geschaut.“
In der Rede, die Petrus nach dieser Begebenheit hält, weist er in Anknüpfung an das
Prophetenwort des Joel eindringlich darauf hin, daß von nun an die Erfüllung mit denı
weltdurchdringenden Geiste und mit bildgesättigten Gesichten der Inhalt der Menschheits- .
geschichte sein wird: „Eure Söhne und Töchter werden weissagen und eure Jünglinge
werden Schauungen haben...‘ (Apg. 2,17).
So erzeigt sich gerade das Pfingst-Ereignis als das Fest des erwachten Geistes-
schauens und als dieeigentlichelnspirationsquelle für alles, was in dieser
Richtung sich im Christentum entwickeln soll.
*
Wie steht es nun mit dem mittleren Teile des Neuen Testaments, mit der Apostel-
geschichte und den Briefen? Treten hier nach den beispiellosen Ereignissen des
Christuslebens die übersinnlichen Erlebnisse zurück?
Hier schaut der Diakon Stephanus, der erste Märtyrer, nach seiner Rede und vor seiner
Hinrichtung den geöffneten Himmel im Glanze des Geisteslichts und darin die Gestalt des

}
106
erhöhten Christus (Apg. 7). Hier erscheint dem Diakon Philippus der „Engel des Herrn“,
der ihn zu der Begegnung mit dem Kämmerer aus Äthiopien führt, durch welche der Um-
kreis der ersten Mission erweitert wird (Apg. 8). Hier erlebt Petrus im Gefängnis seine
wunderbare Befreiung durch die Erscheinung und das Eingreifen eines Engels (Apg. 12)
und erfährt durch die eindrucksvolle Schauung von Joppe (Apg. 10) die überraschende
Wende seines bisherigen Verhaltens, seiner Stellung zum jüdischen Reinheitsgesetz und
zum Umgang mit Nichtjuden.
Wir sehen, daß solche Ereignisse nicht nur nicht abreißen, sondern in der christlichen
Entwicklung auch weiterhin eine nicht wegzudenkende Rolle spielen.
Die am stärksten eingreifenden Erlebnisse dieser Art werden aber dem wirkungs-
reichsten Apostel des Urchristentums, Paulus, zuteil.
In Troas wird er durch eine Schauung dazu veranlaßt, den schicksaltragenden Schritt
nach Europa zu tun (Apg. 16): In Korinth wird er durch ein „Gesicht“ dazu ermutigt,
auch in dieser Stadt furchtlos sein Wirken auszuüben (Apg. 18). In Jerusalem, in seiner
Gefangenschaft, wird er durch eine Schauung .,des Herrn“ getröstet (Apg. 23). Auf der
schreckensvollen Seefahrt von Palästina nach Rom wird ihm durch den „Engel Gottes“
geoffenbart, daß trotz der eintretenden Katastrophe er selber und alle mit ihm Fahrenden
. gerettet würden, so daß alle den Mut des Bestehens gewinnen (Apg. 27).
Das bestimmende Geschehnis dieses neutestamentlichen Teiles und der ‚entsprechenden
Phase des Urchristentums stellt aber ohne Zweifel das Ereignis von Damaskus
dar, das in der Apostelgeschichte dreimal berichtet wird (Apg. Kp. 9, Kp. 22, Kp. 26). Dies-
Ereignis steht nicht nur als die umwälzende Schicksalswende im Lebensgang des Apostels
Paulus, sondern auch als das epochemachende Fundament in der Geschichte des fort-
schreitenden Christentums. Es ist nicht bloß eine religiös-moralische „Bekehrung“. Auch
handelt es sich hier nicht darum, daß Paulus eine Begegnung mit den Uraposteln und
dadurch mit der historischen Tradition erfährt. Obschon er die Anfänge des Christen-
tums nicht miterlebt hat und in dieser Hinsicht den Uraposteln nicht gleichgeordnet ist,
wird er von der geistigen Welt eines Erlebnisses gewürdigt, durch das ihm eine unver-
gleichliche weltgeschichtliche Mission, die Weiterbildung des Christentums zur Universali-
tät, zuteil wird. Er erlebt vor Damaskus die Identität des übersinnlichen Christuswese
ns,
das er auf seinem Geisteswege schon’ kennengelernt hatte, mit dem historischen
‚Jesus
von Nazareth, dem Gekreuzigten. Aber er schaut Christus nicht in derselben Art wie die
ersten Jünger in der Österzeit, sondern schon als den durch die „Himmelfahrt“ Ge-
schrittenen und den erhöhten Weltenherrn, der mit dem Pfingstsonntage begonnen hat,
in die Menschheit in neuer Weise einzuziehen,‘und der sich ihm nun als Wiederkommen-
der offenbart.
Ohne das Damaskus-Ereignis wäre es zu der neuen Stufe des weiterent-
wiekelten Christentums nicht gekommen. Sie beruht auf einem Erleben „meta-
historischer Art“, das von einem Menschen mit geöffneten Geistessinnen im Zustand —
Schauens empfangen worden ist.
*

Gelangen wir nun zum letzten Buch des Neuen Testaments und damit zur dritten
Schriftgattung des Kanons, so gewahren wir schon durch die Stellung der Apo-
kalypse, welche die gesamte Bibel abschließt und krönt, daß wir hier.den Gipfel des
christlichen Erlebens vor uns haben. Hier haben wir es nicht mit historischen Berichten
und nicht mit Briefen für die Regelung des Gemeindelebens, sondern mit einer reichen,
vielfältigen Fülle von planmäßig geordneten Schauungen zu tun.

107
Dieses Buch der Schauungen sagt am Eingang von sich, was von keiner
anderen Schrift des Neuen Testaments sonst gesagt wird, daß es von Christus selber
stamme, da es die „Offenbarung Jesu Christi“ sei; daß seine Aufgabe darin bestehe, den
Christen zu zeigen, „was geschehen soll“, also deutlich und bildkräftig vor die innere,
Anschauung zu stellen, was seit dem Erdenwirken Christi im Verlauf der Weltentwicklung
an unabwendbaren Prüfungen, aber auch an mächtigen Offenbarungen sich ereignen
werde; und daß diejenigen, die es in rechter Weise in sich aufnähmen, geradezu des
„Seligwerdens“ teilhaftig würden, d.h. also: die tiefste, beglückende Erfüllung mit dem
göttlichen Geiste erleben könnten. .
Wer die Selbstaussagen der Apokalypse und ihre Inhalte wahrhaft
ernst nimmt — nicht, wie es bisher zumeist geschah, in einer materialistisch-sektenhaften
Weise, sondern als reine spirituelle Phänomene —, der wird damit vor ein Christentum
gestellt, das in tiefgreifenden Erlebnissen von der höheren Welt in der Form von
konkretesten Schauungen besteht. x

Die Schauerlebnisse der Jünger währenddes Erdenwandels Christi bringen


in erster Linie zum Ausdruck, wer die erhabene Wesenheit ist, die sich damals im Leibe
verkörpert hat; sie weisen auf die Geistgestalt Den hin, der in Wirklichkeit der
„Logos“, der „Sohn Gottes“, der „Schöpfer der Welt“ is
Das die Weiterentwicklung des Christentums bestimmende Damaskus-Ereignis
offenbart Christus als den erhöhten Auferstandenen und Wiederkehrenden, der sich mit
dem gegenwärtigen Erdendasein verbunden hat und nun der zwar noch verborgene, aber '
doch entscheidende Führer der planetarischen Entwicklung ist.
Die Gesichte der Apokalypse enthüllen die Geschehnisse, durch welche der
„Erste und der Letzte und der Lebendige“, der Herr der Weltentwicklung und aller Zeit-
alter — durch Prüfungen, Krisen und Katastrophen hindurch — von Epoche zu Epoche
immer gewaltiger offenbar werdend, die Welt der Vollendung entgegenführt.
*

Ist es nach dem Dargestellten nun noch möglich, die These aufrecht zu erhalten: das
Schauen besäße in der christlichen Religion nur eine untergeordnete, ja sogar sefahr-
bringende Bedeutung und gehöre in die echte Frömmigkeit nicht hinein?
Wer den Tatbestand, der in Kürze entwickelt wurde, überblickt, kann wohl nur den
lebendigsten Eindruck gewinnen, daß die echten Schauungen, die in ge-
sunder Weise erlebt werden, zum Wesentlichsten und Ent-
scheidendsten des Christentums gehören.
Gewiß tritt in unserer geistig-verworrenen Zeit zunächst auch viel illusionäres Schauen
auf, das die Wahrheit der höheren Wirklichkeit nicht zu spiegeln vermag und der Ge-
sundheit der Seele nicht förderlich ist. Aber ist nicht gerade deshalb eine Orientierung
unumgänglich? Und sollte diese nicht zunächst dem Neuen Testamente, der klassischen Welt
ewiger religiöser Erlebnisse, wenn man sie geistgemäß versteht, entnommen werden?
Eine Religion, welche die Erlebnisse des echten Schauens nicht anerkennt, gräbt sich
selber die Wurzeln ihrer besten Kräfte ab, sie nimmt aber auch der Menschheit die Mög-
lichkeit, die Weiterentwicklung, die heute schon im Gange ist, geistig zu verstehen und
lebensgemäß vorwärts zu führen.
Hier ist ein neues Christentum erforderlich, das in dieser balsdosen; tragischen Zeit-
‚situation aus eigenem Fortschreiten und Geist-Erkennen heraus der Menschheit die
dringend notwendige Klärung und Hilfe bringt.

108
Der Kultus als Erweiterung des menschlichen Bewußtseinsfeldes
Wilhelm Kelber
Vor unseren leiblichen Sinnen liegt ein bestimmter scharf umrissener Ausschnitt der
Welt ausgebreitet. Er wird gebildet von den vier Reichen der Natur. Die Dinge und Wesen
dieser Reiche haben die gemeinsame Eigenschaft, sich aus den mineralischen Stoffen der
Erde eine Leiblichkeit auszubilden, durch die sie für unsere Sinne in Erscheinung treten. .
Aber schon die bildenden Kräfte der Kristalle und’ Pflanzen, erst recht die triebhaften
Gewalten des Tierreiches und die Energien des menschlichen Seelen- und Gedankenlebens
treten selbst nicht mit in die äußere Erscheinung. Sie finden in der Leibesgestalt lediglich
einen Ausdruck. Die Bildekräfte, die tierische Empfindung, der menschliche Gedanke sind
durchaus über-sinnlicher Art. Und über dem obersten Naturreich, dem Menschen, beginnt
die Hierarchie von Wesen, die nicht mehr durch eine physische Leiblichkeit in das Sinnen-
feld hereinragen.
Unsere Sinneswahrnehmung ist auf das Reich der mineralischen Stofflichkeit be-
schränkt. Unsere Wissenschaft, die sich allein auf die Ergebnisse der Sinneswahrnehmung
stützt, kann nur die Gesetze dieser mineralischen Welt finden. Tatsächlich hat sie heute
auch über Pflanze, Tier und Mensch nichts weiter auszusagen als die Summe der ge-
fundenen Naturgesetze, die allein für das Reich der stofflichen Leiblichkeit gelten. Die
Einseitigkeit dieses materialistischen Denkens bat dazu geführt, daß auch alle höheren
Prinzipien, wie die des Lebens, der Empfindung, des Bewußtseins, als feinere Weiter-
wirkungen, als Funktionen der physischen Daseinsgrundlage betrachtet werden. So ver-
leugnet heute der Mensch seine selbständige ungeborene und unsterbliche geistige
Existenz und verwechselt sich mit seinem Leibe. Und auch was er außerhalb seiner selbst
in den gestalteten Wesen der Naturreiche als Ausdruck übersinnlicher Kräfte und Wesen
vor Augen hat, ist nicht mehr ohne weiteres geeignet, ihm ein Bewußtsein der geistigen
Welten zu vermitteln. Es führt heute in der Regel nur zu einer billigen Naturschwärmerei.
Unter allen Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung darf das echte Symbol, wie es
im christlichen Kultus lebt, einen besonderen Rang in Anspruch nehmen. Durch die
kultische Symbolik finden Wahrheiten, Wesen und Wirkungen einen leib-haften Aus-
druck, die sich nicht unter Zuhilfenahme der Naturgesetze eine leibliche Erscheinung auf-
bauen, wie es in den Naturreichen der Fall ist. Hier kann das Weltgesetz nicht auf den
Kopf gestellt werden, wie es den Naturerscheinungen gegenüber heute geschieht. Denn
hier wäre es völlig sinnlos, zu behaupten, daß z.B. die Gestalt eines Altares aus den
Naturgesetzen hervorgehe, die in den dazu verwendeten physischen Stoffen walten.
Gegenüber der Welt der Symbole kann nicht mehr bestritten werden, daß die Urbilder,
die Ideen zu den Erscheinungen auf geistigem Felde liegen. In gewissem Sinne gilt dies
auch für die Werke der Technik und der Kunst. Denn ihnen liegen Gedanken oder Ur-
bilder zugrunde, die vorher im menschlichen Geiste dagewesen sein müssen. Mag nun
die Technik als Weiterwirken der Naturgesetze im menschlichen Denken bis zu ihrer
praktischen Nutzanwendung erscheinen, mag das Kunstwerk als Spiel eines besonders
gearteten menschlichen Nervensystems im Stoffe betrachtet werden — auch diese Miß-
verständnisse entfallen gegenüber dem Symbol. Denn es hat seinen Ursprung weder in
der technischen noch in der künstlerischen individuellen Erfindungskraft des Menschen.
Es ist der Willkür entzogen. Symbole kann man wählen, verwerfen, verstehen oder miß-
verstehen, wirksam machen oder zur leeren Form erstarren lassen, aber man kann sie
nicht erfinden oder erdenken. Symbole sind objektive Offenbarung geistiger
Tatsachen. Die Welt der Symbole gliedert sich den vier Naturreichen als fünfte Region

109
der Erscheinungswelt an. Nur wird sie nicht wie die Leiblichkeit von Kristall, Pflanze, Tier
und Mensch von den natürlichen Bildekräften hervorgebracht. Ihre Gestalten werden
dem geöffneten Geistesauge des Menschen offenbar und dann durch menschliche Ver-
anstaltung sichtbar dargestellt. x
Nicht alle Menschen haben das Bedürfnis, sich in dieser Weise denkerisch über das
Wesen der kultischer ‘Symbolik Rechenschaft zu geben. Die Kraft des Symbols ist von
seiner gedanklichen Rechtfertigung nicht abhängig. Sie wendet sich an höhere Seelen-
fähigkeiten als die im heutigen Denken gegebenen. Unterhalb der Schwelle des gewöhn-
lichen Bewußtseins ruht in den Tiefen der menschlichen Seele die Begabung, im
Zeichen zu erleben, was weder das Auge sehen noch der Gedanke finden kann.
Diese Fähigkeit wird vom Kultus angesprochen und in Tätigkeit gesetzt. Sie eröffnet die
Möglichkeit, sich mit der geistigen Welt in eine völlig selbständige und selbstgewisse,

il
wenn auch zunächst mittelbare Beziehung zu setzen. Ein Vergleich mit einem alltäglichen

mann
Erlebnis auf der gewöhnlichen Ebene des Daseins kann dies verdeutlichen: Wir emp-
fangen vielsagende Eindrücke von dem unsichtbaren Wesen der anderen Menschen durch
die Zeichen, die sie dafür in Gestalt und Antlitz, in Gebärde und Miene an sich tragen.
Die geübte Empfänglichkeit für solche Eindrücke kann zu einer sicheren intuitiven
Menschenkenntnis führen, auch wenn die intellektuellen Fähigkeiten z.B. nicht ausreichen
würden, alles zu beurteilen,.
was dieselben Menschen an Gedanken äußern. Genau ebenso
haben wir es im Kultus mit einer Physiognomik der geistigen Welt zu tun, für die eine
geheime Eindrucksfähigkeit auf dem Grunde der menschlichen Seele lebt. Die kultische
Symbolik auch mit dem Bewußtsein zu ergreifen, ist ein voll berechtigtes Anliegen des
modernen Menschen, dem nach aller Möglichkeit Genüge getan werden muß. Anderer-
seits hat diese Symbolik eine Tiefe, die gedanklich niemals auszuschöpfen sein wird. Sie
führt das Bewußtsein über sein gewöhnliches tägliches Betätigungsfeld hinaus, indem sie
nächst den Sinnen auch die Gedanken mit Gegenständen befaßt, die der geistigen Welt
angehören.
An einem Beispiel sei das Wesen der christlichen Symbolik erläutert: Der Altar be-
zeichnet einen bestimmten „Ort“ im: Mittelpunkt des Weltganzen. Für eine spirituelle
Weltbetrachtung ist unsere Erde unbeschadet des kopernikanischen Systems der Mittel-
punkt der Gesamtwelt geblieben, auf den hin die Aufmerksamkeit, die Tätigkeit, die
Pläne und Hoffnungen auch aller übermenschlichen Wesen gerichtet sind; der Ort, an
dem die Entwicklung des Weltganzen entscheidend vorwärts gebracht werden soll. Der
Mensch ist das Glied der Geisterwelt, auf dessen Entwicklung nun der Hauptakzent des
Weltenfortganges ruht. Insoferne die Erde geistentfremdete Stofflichkeit geworden
ist,
insoferne die Leiblichkeit, die aus diesem Stoffe gebildet ist, den Verlust des Geistbewußt-
seins bedeutet, ist die Erde „Grab“ des Geistes. Der sarkophag-förmige Altar ist das
Symbol für die Erde als den Mittelpunkt der Welt. Dieses Erdengrab ist der Einweihungs-
ort des Menschen zu seiner geistigen Berufung. Der Mensch wird auf der Erde durch den
Tod zur Auferstehung in seine höhere Bestimmung geführt. Dafür ist Christus ‘Mensch
geworden, gestorben und auferstanden. So ist die Erde auch der Ort, wo der Mensch,
dem ihm zugekehrten Willen Gottes in seinem Repräsentanten, dem Christus, begegnet.
Dies findet seinen Ausdruck, indem der vor dem Altar stehende und auf ihm handelnde
Mensch den Christus über dem Altar erblickt. So bezeichnet der Altar auch den Mittel-
punkt des menschlichen Lebens, der den Sinn dieses Lebens enthüllt, neben dem alle
anderen Tätigkeiten und Bestrebungen nebensächlicher oder abwegiger Art sind. Auf dem
„Hoffnungsgrab“ der Erde tritt der Mensch aus freiem Willen seinem Gotte gegenüber.

110
Verhaltens, Strebens und
Die Altarhandlung enthält nun die Urbilder alles menschlichen
Handelns, das zu dieser Begegnung führen kann.
es nun geschehen ist,
Beschreibt man in Gedankenform den Sinn eines Symboles, wie
ungenes angesehen.
so wird dieses Symbol selbst allzuleicht als etwas Gedankenentspr
die Tatsache bewahren, daß der Altar z.B. unmittelbar als über-
Vor diesem Irrtum kann
auf den entsprechenden
sinnliches Bild vor dem Auge des Sehers erscheint, wenn es sich
uns das Altar-Sy mbol unter den Ge-
„Ort“ in der geistigen Welt richtet. So begegnet
ten Orts-ang aben neben dem Thron,
sichtern des ‚Apokalyptikers als eine der wichtigs
der künstler ischen Offenbarungen in .
dem „Stuhl“. — So tritt aych z.B. auf dem Felde
Symbolik in Erschein ung.
Raffaels „Disputa“ das Zeichen des Altars mit exakter
im strengen ’Sinne zur Erlösung
Das sinnende Betrachten der kultischen Zeichen kann
Sinneswahrnehmung führen. Die Sündenkrankheit des
und Heilung der menschlichen
hmung der stoff-
Auges besteht darin, daß es als pures Leibesorgan nur noch zur Wahrne
es die Enträtse lung seiner unmittel baren Wahr-
lichen Gegenstände als solcher führt; daß
n Apparat en sucht, die zu immer minutiö seren
nehmungen in immer verfeinerten optische
dem Trugbild einer aus sich selbst be-
Sinneswahrnehmungen führen; daß es uns mit
erfüllt. Vor dem Symbol wird das Auge
stehenden und zu erklärenden materiellen Welt
ung als Mittel, als
zu einem Organ des Menschengeistes, der die Sinneswahrnehm
Buche der Geisteszeichen in
etwas über sich selbst Hinausweisendes, als Lesen in dem
Geistesw elt zum Geistes menschen durch die Sinne.
Bewegung setzt. Im Kultus spricht die
Welt und zum
Im Kultus führt die Sinneswahrnehmung zum Bewußtsein der geistigen
geheilte Auge
Selbstbewußtsein des Menschengeistes. Dann aber vermag das am Symbol
en“ Sinne zu lesen
auch in den Naturreichen wieder in einem wahrhaft „morphologisch
der physisch en Erschei nungen auf ihre übersinn-
und auf den Spuren Goethes die Welt
lichen Urbilder zurückzuführen. x

darbieten.
Nun besteht aber der Kultus nicht nur aus Symbolen, die sich dem Auge
rankheit der
Eine wichtige und hohe Aufgabe erfüllt in ihm auch das Wort. Die Sündenk
Sprache gilt heute
menschlichen Sprache wirkt sich aus in ihrer völligen Ohnmacht. Die
Verständigungsmittel.
und wird gebraucht als rein praktisches für sich selbst wesenloses
hen Sprachen
Man sinnt folgerichtig auf noch praktischere Methoden als die in den natürlic
o. Man zieht ganze
_ gegebenen, nämlich auf internationale Kunstsprachen wie das Esperant
Wortgespenster zu-
"Wortfolgen durch Aneinanderreihung ihrer Anfangsbuchstaben in
wesentlichen Teil unseres Sprachgebrauches ausmachen. Das
sammen, die schon einen
Urbeginne war das
Wort ist tot. Das ist eine furchtbare und weittragende Tatsache. „Im
das Wort so hoch unmöglich schätzen“, antwortet Faust. Wenn dem
Wort.“ — „Ich kann
rger Zauber-
modernen Menschen als die ältesten deutschen Sprachdenkmäler die Mersebu
uben sind wir gottlob
sprüche begegnen, so lächelt er überlegen: Über diesen Abergla
Tauler predigte,
hinaus. Wie sollen dem Worte Wirkungen beigemessen werden? Wenn
die Mensche n an
gerieten die Menschen außer Leibes. Der heutige Sprachgebrauch fesselt
das Evangel ium lesen oder
ihr physisches Gehirn. Wer kann heute noch segnen, beten,
_ hören, in dessen Mund und Ohr das Wort erstorbe n ist?
Wie die
Im Kultus wird auch das Wort erlöst und wieder in seine Kraft gesetzt.
n kann, die auch der
geistige Welt durch die „Imagination“ sich in Bildern bekunde
tion“ im Worte
Symbolik zugrunde liegen, so kann sie sich ebenso durch die „Inspira
en. Sie
mitteilen. Die inspirierten Schriften des Christentums sind vor allem die Evangeli
Welt selbst über
enthalten nicht, was die äußere Geschichte, sondern was die geistige
Evangel ium im kultisch en
Christus zu sagen hat. Die menschliche Sprache, in der das

111
Sinne gelesen wird, wird zum Träger und Offenbarer des Gottes-Wortes. Hier wird das
Wort nicht mehr als klangliche Scheidemünze
nur zur Verständigung zwischen den Men-
schen über die Erde hin sozusagen horizontal gebraucht, sondern: vertikal. Wie dem
Symbol eine erweckende Kraft innewohnt, so tritt hier das Wort in eine unmittelbare
Beziehung zur Wirksamkeit Gottes unter den Menschen. Der Lesung des Evangeliums
wohnt dieselbe
erschütternde, offenbarende, reinigende, verwandelnde Gewalt inne, die
ein unmittelbarer „Ein-Spruch“ aus der geistigen Welt auf:den Inspirierten ausübt.
Im Reiche der Musik fragen wir die Töne nicht nach einem abstrakten Inhalt, wie wir
es dem Worte gegenüber tun. Dort führt die Welt der Töne noch zu unmittelbaren
seelischen Wirkungen und Erlebnissen. Heute geht man sogar dazu über, Töne mit so
hohen „Schwingungszahlen“, daß sie dem Ohre nicht mehr wahrnehmbar sind, in der
medizinischen Therapie gegen Gewebeerkrankungen zu verwenden. Dem Tone erkennt
man also auch unmittelbare physische Wirkungen zu. — Die Kraft des Wortes ist bis auf
spärliche Reste verfallen. In einem Dorfe meiner Kindheit lebte der alte Jude Ruhl. Der
konnte u.a. Warzen entfernen. Er gebrauchte dazu keine Mittel, er berührte sie nicht
einmal; er .„.besprach“ sie mit einem unverständlichen Gemurmel. Aber nach wenigen
Tagen fielen sie ab. — Wollte ein deutscher Ostfrontkämpfer in Abrede stellen, daß das
„Urräh“ der angreifenden Russen ein realer Faktor im Kampfe war? Im gewöhnlichen
Sprachgebrauch kann in einer letzten Abschwächung der Befehl eine Vorstellung davon
vermitteln, daß dem Worte über die abstrakte Mitteilung seines Inhaltes hinaus aus-
lösende Wirkungen innewohnen können. Im Kultus wird das Wort neben den Symbolen
und Substanzen in den Rang eines realen „Faktors“ zurückerhoben. Im sakramentalen
Wortgebrauch würde man das Wesentliche übersehen, wenn man die Worte nur auf
vorangegangene geschichtliche oder nachfolgende erfüllende Ereignisse beziehen wollte.
Das auf das Wort bezogene Ereignis fällt mit seinem Aussprechen zusammen. Das Ereig-
nis wird mit dem Worte nicht mehr gemeint, berichtet oder erfleht, sondern durchgeführt.
Die heilenden, segnenden, verwandelnden, auferweckenden Kräfte des Christus sind seit
dem Mysterium von Golgatha in der Erdenwelt geistig-real allgegenwärtig. Sie sind es,
die sich gnadevoll in das geistergebene Menschenwort ergießen und die Ereignisse der
Sakramente bewirken. Das Weltenwort, die Logosmacht des Christus wirkt im Menschen-
worte. Das Wort selbst dringt geisterweckt aus Menschenmunde und erlebt im Kultus
seine Auferstehung aus seiner tödlichen Ohnmacht. Geistesansch auung erweckt das
Symbol, Geistberührung schafft das Wort im Sakrament. Geistbewußtsein ist
die Wirkung des Symbols, Geistermächtigung die Wirkung des sakramentalen
Wortes auf den im Leibe lebenden Menschen.
*

Zum Sakrament wird der Kultus erst dadurch, daß mit dem Wirken des Symbols und
des Wortes die heilige Handlung verwoben ist. Sie stellt eine dritte „Dimension“ des
Kultus dar, die durchaus nicht mehr nur symbolisch aufgefaßt werden darf. Sie hat das
reale Geisteswirken bis in die Erdenstofflichkeit zum Inhalt.
Dazu findet der heutige Mensch aus den Vorstellungen, die er mit seiner Tätigkeit ver-
binden kann, am schwersten den Zugang. Denn auch als handelnder, arbeitender Meusch
versteht er sich als reines Naturwesen, als in die lückenlose Kette von Ursachen und
“ Wirkungen der Naturgesetze eingespannt und eingesperrt. Er feiert heute seine höchsten
Triumphe, wenn es’ ihm gelingt immer neue Naturkräfte in immer vollkommenerer Weise
in seinen Dienst zu zwingen. Die gesamte Technik hat die Tendenz, den Menschen zum
Nutznießer und Zuschauer von Prozessen zu machen, die unter möglichst geringem

112
EIl

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n, erst, in Bildung be-
ergebenen Handelns macht; der sich damit selbst zur unterste
en Gottesge ister erhebt, ist das vornehmste Ziel des
griffenen Hierarchie der dienend
Heilsplanes.
zur Geistberührung führt,
Wie das Symbol zur Geistesanschauung, das Wort im Kultus
in die Geistesziele: den Geistes-
so bedeutet das sakramentale Handeln das Eintauchen
Inspiration, Intuition im Sinne
Dienst: Der Kultus hat nicht die Aufgabe, Imagination,
den. Aber er wirkt belebend,
eines strengen übersinnlichen Erkenntnisweges auszubil
Erkenntnisfähigkeiten zugrunde
ordnend, regulierend auf die Seelenkräfte, die diesen
ohne daß sie im Sinne einer
liegen. Er macht sie fruchtbar und dienstbar, bevor und auch
okkulten Schulung ausgebildet werden.

Vom christlichen Gebet


Rudolf Frieling
Verhältnis zum Gebet zu finden.
‘ Dem heutigen Menschen fällt es zumeist nicht leicht, ein
Es ist eine Welt des krassen
Die Welt, die ihn umgibt, ist so gebetsfern wie nur möglich.
unverhüllter hervortritt.
Egoismus, wie er im Daseinskampf notleidender Menschen immer
seiner Haut wehren. In dieser Luft kann das Gebet
Der Einzelne muß sich nach allen Seiten

nur schwer gedeihen.
ner Blick auf die Wirk-
sagt wohl manchmal: „Not lehrt beten.“ Aber ein nüchter
Mag
ist. Und wie manches not-geborene
lichkeit zeigt, daß dies nicht ohne weiteres richtig
wahres Beten! Hat das nicht oft gerade
„Gebet“ ist doch wiederum kein rechtes und
vollends verleidet, wenn etwa
feiner empfindende Seelen abgestoßen und ihnen das Beten
versucht, um den er sich’ sonst
jemand es schließlich, wenn alles versagt, mit einem Gott
wirklich glaubt; den er aber jetzt, „für den Fall, daß
nicht kümmert und an den er nicht
Nothelfer in Anspruch nimmt?
es ihn doch gäbe“, für seine persönliche Bedrängnis als
Die Christengemeinschaft weiß, daß es mit der bloßen Aufforderung „so betet doch!“
den Mensche n, die sich ihren Dienst gefallen lassen
heute nicht getan ist. Sie erweist
wieder einen Tempelraum der Weihe
wollen, die Wohltat, daß sie in ihrem Kultus immer
die dem Kampf ums Dasein, wo jeder im anderen nur
und Anbetung schafft, eine Stätte,
In diesem Tempelraum eines der
den Konkurrenten und Gegner sieht, entnommen ist.
freigelassen und in seiner Selb-
modernen Zeit angemessenen Kultus, wo sich ein jeder
Machtaspiration der Einzelne als
ständigkeit geachtet fühlen darf, wo ohne irgendwelche
t aufatmen. In Bild und Wort
Ewigkeitswesen ernstgenommen wird, kann die Seele wahrhaf
heran. Im Vollzug der heiligen
des Kultus tritt die höhere Welt an das Bewußtsein weckend
am bis zur Spürbarkeit ver-
Handlung kann die Gottheit als wirkend-gegenwärtig, gleichs
kann der nachhaltige Eindruck
dichtet, empfunden werden. Im wiederholten Mit-Feiern
. entstehen: ja, es gibt wirklich eine höhere Welt!
en-Sein eines unsichtbar uns
Ohne einen solchen Eindruck von dem tatsächlichen Vorhand
ehrlich beten. Er mag nicht einfach
umgebenden göttlichen 'Reiches kann der Mensch nicht
zu einem Unbekannten hin, den es vielleicht
ins Leere hinein sprechen, „versuchsweise“,
daß er ein wirkliches Gegenüber im
nicht einmal gibt. Er muß erst wieder dazu gelangen,
Unsichtbaren anerkennen kann. —
ium. Im Rahmen des feierlichen,
Der erste Hauptteil der Weihehandlung ist das Evangel
t erleben. Als Engelsbotschaft von
Altargeschehens lernen wir es wieder als Engelsbotschaf Un-
und Erden-Tat die Gottheit aus ihrer
dem Christus Jesus, in dessen Erden-Erscheinung
Verkündigung des Evangeliums folgt
bekanntheit entscheidend herausgetreten ist. — Der

114
das Credo, das Bekenntnisgebet, das die Grundwahrheiten einer christlichen Welt-
Anschauung vor dem denkenden Bewußtsein ausbreitet. Eine Welt-Anschauung, die man
— beten kann! Von niemandem wird eine dogmatisch-gebundene Zustimmung verlangt. Der’
Priester würde dieses Weltanschauungsgebet nicht sprechen, wenn er von seiner Wahrheit
nicht durchdrungen wäre; die anderen Mitfeiernden können ‘in voller Freiheit und Be-
sonnenheit allmählich in diese Überzeugung hineinwachsen. °
Die Christengemeinschaft gibt ihren Gemeindegliedern das Credo zur privaten Beschäfti-
gung in die Hand, im Unterschied zu den übrigen kultischen Texten, die nur als ge-
sprochenes Wort am Altar leben sollen. An diesem mit nach Hause genommenen Credo
üben wir das betrachtende Gebet. Das ist nötig, um für das bittende und wirken-wollende
Gebet erst die erforderliche Selbstlosigkeit heranzuerziehen. Ehe wir von uns aus zu Gott
sprechen, wollen wir erst hören lernen, was Er uns zu sagen hat. Wir stellen in
solchem
EN

betrachtenden Gebet die eigenen persönlichen Interessen und Anliegen zurück und bemühen
uns, nun einmal die „Interessen Gottes“ zu unseren eigenen zu machen, indem wir die welt-
umspannenden Heilswahrheiten anbetend denken, andächtig beten. —
Die Weihehandlung schreitet durch die Opferung zur Wandlung vor. Was im Evangelium
Verkündigung war, das ist nun im Wandlungsgeschehen zur gegenwärtigen Gottes-Tat
herangereift. Der letzte Teil, die Kommunion, will uns dann mit dem Ertrag dieser gött-
lichen Tat wesenhaft durchdringen. — In dem Zwischenraum zwischen Wandlung und
Kommunion hat das Vaterunser seine Stelle. Es ist, als ob die Worte dieses Gebetes
in dem hochfeierlichen Rahmen, in den sie dadurch gestellt sind, erst ihren vollen Sonnen-
glanz offenbaren würden. Einen besonderen Klang hat es, wenn nach der vollzogenen °
Wandlung
um die Heiligung des Namens, um das Kommen des Reiches, um das Geschehen
des Vaterwillens „wie im Himmel also auch auf Erden“ gebetet wird. Und im Vorgefühl
der Kommunion gewinnt die Bitte um das tägliche Brot und was sich daran anschließt,
eine neue Tiefe,,
Wie das Credo, so nehmen wir auch das Vaterunser mit nach Hause, um es dort in
unserem privaten Lebenszusammenhang zu beten. Es kann diesem daheim gebeteten
Vaterunser zugute kommen, wenn es im Nachleuchten und Nachklingen des zwischen
Wandlung und Kommunion am Altar gebeteten Vaterunsers gesprochen wird. Und wem‘
die Lebensumstände das „stille Kämmerlein“ nicht vergönnen, dem kann die nach-
wirkende lebendige Erinnerung an die mitgefeierte Weihehandlung helfen, im Innern den
Tempelraum zu bauen und ihn gegen alle Störung abzuschließen, so gut es eben mög-
lich ist. :
Das Vaterunser schließt nicht wie das betrachtende Credo mit dem „ja so ist es“,
sondern mit dem „ja so sei es“. Gleichwohl ist es nicht ohne weiteres nur „Bittgebet“.
Die Anrede zu Beginn, recht empfunden, ist anbetende Versenkung, in der sich der Beter
selbst vergißt mit all seinen eigenen Wünschen und Strebungen. Aus dieser selbstver-
gessenen Versenkung heraus erheben sich ‘zunächst noch nicht eigentliche „Bitten“,
sondern erst einmal drei Wünsche, die der Betende sozusagen im Interesse des anbetend
angeschauten Göttlichen wünscht, als wahrhaft „fromme Wünsche“, In dem dreimaligen
„Dein“ — „Dein Name, Dein Reich, Dein Wille“ — spricht noch dieses selbstvergessene
Erfüllt-Sein von dem angeredeten Göttlichen. Dann erst erreicht der Beter, von dem „also
auch auf Erden“ des dritten Wunsches zur Erde herniedergetragen, wieder die Sphäre
seiner irdischen, notvoll-bedürftigen Existenz. Erst jetzt kommen die „Bitten“ zu Wort.
„Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Aber bis zum Schluß heißt es nirgends „mein“,
sondern nur „uns“ und „unser“. Das darf man nicht übersehen. —
Die Weihehandlung bereitet immer von neuem einen Mutterboden, aus dem ein

115
Beten des Vaterunsers hervorgeben
würdiges, von ehrlichem religiösen Fühlen getragenes
he Tischge bet seinen Hintergrund durch
kann. In ähnlicher Weise bekommt das häuslic den Zu-
mit Brot und Wein. Das Kindergebet steht im tragen
den sakramentalen Umgang
mit der Sonntagshandlung für Kinder.
sammenhang mit der vollzogenen Taufe und später
elle in Bestattungsritual und Toten-
Die Fürbitte für Verstorbene hat ihre Inspirationsqu
weihehandlung.
en einzig und allein als Gebet
Wie aber steht es mit dem Gebet, das viele Mensch
den „Bittgebet“, wo im besonderen
kennen— mit dem im engeren Sinne so zu nennen
Dieses Bittgebet ist, recht verstanden, eine
Fall um besondere Erhörung gebetet wird? und
meist nur ein egoistisch getrübtes
‚hochentwickelte letzte Form des Gebetes, von der .
verzerrtes Spiegelbild gekannt wird. “ Er-
das Gebet „in Seinem Namen
Im Evangelium gibt Christus die Verheißung, daß
diese gewich tigen Worte „im Namen Christi“ darf man nicht
füllung finden soll. Über
des Geheimnisses. Was sie besagen wollen,
rasch hinweggehen. Sie enthalten den Schlüssel
in den johanneischen Abschiedsreden)
geht aus einer anderen Formulierung (ebenfalls
Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten,
hervor: „Wenn ihr in Mir bleibet und Meine
(Joh. 15, 7). Der Vor-Satz enthält die not-
was ihr wollt, und es wird euch geschehen“
Worte im eignen Innern wohnen
wendige Voraus-Setzung. „In Ihm bleiben, Seine
vertieften Innen-Lebens. Aus einer intimen
lassen“ — das meint eine ganze Welt mystisch
s-Kommunion mit Ihm heraus kann ganz
Vereinigung ‘mit’dem Christus, aus einer Leben
konkreten Verhältnisse heilvoll mächtig ein-
allein jenes Beten hervorgehen, das in die
s Gebet darf als ein Gebet „im Namen
greifen darf. Erst ein wirklich durchchristete
Verheißungen der Abschiedsreden gelten. Ist
Christi“ bezeichnet werden, dem die hohen ef für Freibri
dann ist das „was ihr wollt“ kein
das „im Namen Christi“ verwirklicht,
mit Christus geeinten Menschen wird sich
irgendwelche Willkür; denn der Wille eines
Die Wunder Christi waren zumeist Gebets-
nicht auf selbstsüchtige Ziele richten. — n
in der Christenheit hier und da an wunderbare
Erhörungen in diesem Sinne. Was danach r einer
es sind einzelne vorausgeworfene Lichte
Erhörungen vorgekommen sein mag — en
ft. Aufs Große gesehen gilt: die Christ
erst noch bevorstehenden christlichen Zukun reif
Wandlungen hindurchgehen, bis sie dazu
müssen erst durch manche Läuterungen und
ftige n Gebetes auszuüben. Die Christengemein-
werden, die volle Macht des wirkenskrä
die Voraussetzungen dieser apokalyptischen
schaft will an ihrem Teil dazu mithelfen, daß .
Möglichkeiten geschaffen. werden.
tig denke nde Beten. Im Vater unser wachsen wir hinein
Am Credo üben wir das andäch Aus
in dem schon der geheiligte Wille keimt.
- in ein wahrhaft religiös fühlendes Beten, n führt, kann
wieder den Weg zur Kommunio
dem Ganzen der Weihehandlung, die immer der
am wolle nde Gebet, das einmal in Fortsetzung
in Zukunft hervorgehen das wirks “ entsc heide nd in
die christliche „weiße Magie
Wundertaten Christi. (vgl. Joh. 14, 12) als
den Weltverlauf wird eingreifen dürfen.

Damaskus und Patmos


Charakter des Christentums
Der apokalyptische
Emil Bock
chen“
eten, und daß sogar die Zeitungen von „apokalyptis
Die Menschheit ist in Entwicklungen eingetr ohne sich
fehlen. Man Schicksalen sprechen. Man bedient sich,
für die ihr selber noch die Begriffe , weil man
Ausdrü cken. So kommt es, daß allzuviel dabei zu denken, dieses Wortes
tastet nach neuen etwas von der
r hört meint, daß sein intensiverer Klang
man das Wort „apokalyptisch“ immer häufige

116
überdimensionalen Rätselhaftigkeit widergibt, vor Evangelien heraus und über diese hinaus seine fort-
die man sich heute gestellt fühlt. Nicht viele denken schreitende Metamorphose gefunden. Hätte es sie
daran, daß es sich um einen biblischen Begriff han- gefunden, wir ständen nicht so rat- und ideenlos
delt, ja um die Bezeichnung des am Schlusse des den heutigen Schicksalen gegenüber. Wäre das Chri-
Neuen Testamentes stehenden Buches:. der „Offen- stentum schon bei der Apokalypse angelangt, so
barung des Johannes“. Man macht sich nicht klar, könnte unser Zeitalter getrost immer noch apo-
daß Apokalypse „Enthüllung“ bedeutet, das Zer- kalyptischer werden. Man hätte dann die Möglich-
reißen des Vorhangs vor einer Welt, die man für keit, in die Räder des abwägtsrollenden Wagens
gewöhnlich nicht kennt und in Rücksicht zieht, die moderner Zivilisation wirksam mit christlicher Er-
sich aber heute immer zwangsläufiger aufdrängt, so kenntnis und Kraft einzugreifen.
daß man sich ihr nicht mehr entziehen kann. Was * >
heute in der Welt vor sich geht, ist nicht mehr zu
verstehen aus den Begriffen, die man sich vor Durch die Reihen der religiös heimatlos ge-
dem Vorhang bildet. Es wirken die Sphären herein, wordenen modernen Menschen geht eine große,
die bislang verborgen waren. Das macht das Un- wenn auch noch unbestimmte Sehnsucht. Dem reli-
heimliche, aber auch die Größe des Zeitalters aus. giös Suchenden kann es nicht viel helfen, wenn
Die Apokalypse des Johannes steht in einem selt- man ihn bloß auf das zurückverweist, was sich vor
samen Ruf. Viele Menschen glauben, wenn von ihr 2000 Jahren zugetragen hat. Er muß einen un-
die ‘Rede ist, sogleich einen gewissen Sektengeruch mittelbar gegenwärtigen Erlebnisanschluß haben
wahrzunehmen. Sie vermuten darin nichts als Phan- und sich mit geistigen Kräften berühren, die
tastik und -Aberglauben. In der Tat hat der reli- heute wirksam sind. Goethe läßt seinen Faust,
giöse Materialismus mancher Sekten die Offen- als er vom Österspaziergang heimkehrt und sich
barung Johannis dazu benützt, um allerlei kleine in seiner Studierstube niedersetzt, um das Johannes-
und große religiöse Egoismen damit zu verbrämen. evangelium zu übersetzen, diese Sehnsucht aus-
Andererseits ist die Problematik, vor die wir durch sprechen: „Wir lernen das Überirdische schätzen,
die heutigen „apokalyptischen“ Schicksale gestellt wir sehnen uns nach Offenbarung.“ Heute könnte
sind, das Ergebris der allermodernsten Entwicklun- man die Worte, die bei Goethe immer noch etwas
gen. Die allermodernste Weiterentwicklung des Idyllisches haben, unter den Blitzen eines Gewitter-
menschlichen Denkens, der Wissenschaften und der himmels wahrhaft apokalyptischer Schicksale ab-
Technik, die schwindelerregenden Entdeckungen des wandeln: „Wir lernen das Überirdische am eigenen
Menschengeistes, die z. B. das Arbeiten mit der Leibe erfahren, wir sind angewiesen auf Offen-
Atomenergie gezeitigt hat, sie haben uns vor die barung. Wir kommen nicht einen einzigen Schritt
schier unlösbaren Fragen und Aufgaben gebracht, vorwärts, ohne einen neuen Offenbarungsquell zu
mit denen die gegenwärtige Menschheit fertig wer- finden!“
den muß. Wie soll Licht für die moderne Pro- Machen wir uns einmal klar, daß ja das Chri-
blematik aus einem so altmodischen Buch gewonnen stentum, als es in die Welt trat, gar nicht den bloß
werden können? — Und trotzdem, die Offenbarung konservativen pfarrermäßigen Charakter gehabt
Johannis steht nicht umsonst am Ende der Bibel. hat, den es im Laufe der Kirchengeschichte an-
Sie greift nicht umsonst am allerweitesten über die genommen hat. Die Seelendramatik jener heißen,
Ebene der Evangelien hinaus. Man muß, um bis zu ungeduldigen Messias-Sehnsucht, mit der die
ihr vorzudringen, durch alles andere, die Evange- Menschheit dem Kommen Christi entgegengesehen
“ lien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe bereits hatte, setzte sich als prophetisch-eschatologische
hindurch sein. Auf dem Gipfel, dem höchsten Hochspannung‘ in das Urchristentum hinein fort.
Niveau des Neuen Testamentes, da erst steht dieses Nicht einmal die drei Jahre der höchsten Er-
Buch. Recht verstanden ist es die heilige füllung, als der ersehnte göttliche Heilbringer
Schrift eines fortgeschrittenen Chri- wirklich unter den Menschen auf der Erde wan-
stentums. Es kann und wird das Richtbuch eines delte, stillten den Sturm der großen Hoffnung.
modernen, wirklich zeitgemäßen, dann aber wieder Sogar in das Zusammensein Jesu mit seinen
apokalyptisch werdenden Christentums sein. Daß Jüngern flammte sogleich eine neue Zukunfts-
die Apokalypse noch nicht aktiviert ist gegenüber erwartung hinein. Der Christus selbst weist die
den heutigen Problemen, ist eine Folge davon, daß Seinen auf etwas Weiteres hin. Er stiftet sie an,
das Christentum in seiner kirchlichen Verwirk- Ausschau zu halten nach einem Eigentlichen, das
lichung weit hinter der Zeit zurückgeblieben ist, nun erst bevorsteht: „Es sind einige unter euch,
wie überhaupt der Mensch nicht mitgekommen ist die werden den Tod nicht schmecken, bis sie ge-
mit dem stürmisch vorwärtsrollenden Rad seiner schaut haben des Menschen Sohn, der da kommt
eigenen Entdeckungen und Erfindungen. Die Technik auf den Wolken des Himmels.“ Was mögen die
hat sich entwickelt und die modernen Probleme her- Jünger sich .vorgestellt haben, als in der Unter-
vorgebracht. Der Mensch blieb unentwickelt und das weisung Jesu immer wieder das Bild vom Kommen‘
Christentum auch. Es hat nicht aus der Sphäre der des Menschensohnes auf den Wolken des Himmels
ı

117
auftauchte,. verbunden mit der Voraussage, daß Menschheit, ist das Ereignis von Damaskus, das
zugleich die Menschheit in die größten Bedräng- bereits etwa zwei Jahre nach dem Golgatha-Ge-
nisse, Seelenqualen und Ratlosigkeiten geraten schehen stattgefunden hat.
würde? Bedenken wir nur, was unmittelbar vor Das erste Christusereignis hatte vor dem Vor-
dem Karfreitag, gewissermaßen zum Abschied, der hang stattgefunden. Da war die Gottheit dem Zu-
Christus den Jüngern auf dem Ölberg enthüllt hat stande der Menschheit entgegengekommen, die den
als die Apokalypse der Menschheitszukunft: wo von Sinn für die übersinnlichen Welten ‚verloren hatte
dem Tempel kein Stein mehr auf dem andern ge- und auf die irdische Sinnesanschauung angewiesen
blieben sein wird, wo ungeheure Stürme durch die war. Es geschah das Unerhörte, daß ein höchstes
Lüfte brausen, wo das Meer über die Ufer tritt, göttliches Wesen sich mit einer irdisch-menschlichen
Kriege und Kriegsgeschrei den Seelenumkreis der Leiblichkeit bekleidete, um dem geist-blind ge-
Menschheit erfüllen, wo dann aber dieses eintritt: wordenen Menschenwesen dennoch sichtbar zu sein.
des Menschen Sohn kommt auf den Wolken des Das zweite Christusereignis, durch welches das
Himmels. Christentum weiterschreitet und sich in den Bereich
Es wird also sogleich die eschatologische Stim- der geistigen Kräfte des Kosmos ausweitei, spielt
mung und: Zukunftserwartung in die Seelen der sih’hinter dem Vorhang ab. Von nun an ist
Menschheit gepflanzt, und das ganze urchristliche sein Wesen bestimmt durch das, was in der Kar-
Zeitalter ist davon erfüllt geblieben. Man hat in freitagsfinsternis, im Zusammenhang mit dem Erd-
der. Folgezeit selbstverständlich auch zurückgedacht beben, sich ereignete: daß der Tempelvorhang von
an das, was die Jünger in Palästina, als sie mit oben bis unten zerriß. Nun muß die Menschheit
dem Jesus von Nazareth durch die Lande zogen, einen Zugang finden zu der Welt jenseits der
erlebt haben. Vor allem fühlte man die Ostertat- Sinne. Menschen müssen durch den zerrissenen
sache als den einzig tragenden Boden -unter den Vorhang hindurch im Geistgebiete Zeuge dessen
Füßen. Aber fast noch wichtiger als das Zurück- werden können, was’vor sich geht. Paulus wurde
denken an das Leben des Jesus von Nazareth war vor Damaskus zum Erstling: dieser Zeugenschaft.
die Erwartung dessen, was kommen würde. Man Und das Damaskusereignis wurde zum Ausgangs-
war atemlos in dieser gespannten Erwartung. Man punkt des geschichtlichen Christentums im eigent-
hat ein-Buch wie die Offenbarung des Johannes lichen Sinne. Nicht nur, daß Paulus dadurch zum
ernst genommen und damit gelebt, bis in die Zeit, Völkerapostel wurde und seine Reisen antrat,
als das Christentum zur Staatsreligion erklärt durch die das Christentum in die Welt hinaus-
wurde. Erst dann hat man angefangen, das Chri- getragen wurde. Erst nach der Christus-Begegnung
stentum sozusagen als eine fertige Angelegenheit des Paulus vor Damaskus konnten auch die anderen
zu betrachten, und hat, statt den atemlosen Blick Apostel ihrem Sendungsimpulse in die Welt hinaus
in die Zukunft zu lenken, bloß noch zurückge- folgen. Sie wären, ohne daß Paulus sie mitge-
schaut auf das erste Christusereignis, auf die drei rissen hätte, noch lange gehemmt geblieben. Erst
Jahre des Lebens Jesu zwischen Johannestaufe und mußte der Damaskusfunke zünden. Daß die von
Golgathaereignis. Man hat die christliche Tradition Golgatha ausgehende Kraft die Menschheit im
gewahrt, die Schätze der Kirche treu beisammen- Großen ergriff, war erst nach dem übersinn-
gehalten und sie so gut. es ging zu verstehen und lichen Erlebnis eines zunächst fremden, ja
zu erleben getrachtet. Aber die apokalyptische gegnerischen Menschen möglich. Das muß. heute
Fackel erlosch. unterstrichen werden, weil die Begriffe, an die man
Die christliche Geschichte selber ist in Wirklich- bis in die kirchlichen Kreise hinein gewöhnt ist,
keit bald über das, was wir das erste Christus- nicht geeignet sind, ein übersinnliches Erleben
ereignis nennen können, hinausgeschritten. Von überhaupt zu berücksichtigen. Man hat nicht
den heutigen stoffgebundenen Denkgewohnheiten die Möglichkeit, sich eine reale übersinnliche Welt
her neigt man dazu, zu meinen, die eschatologische vorzusiellen, weswegen auch die klügsten Theo-
Wiederkunftserwartung des apostolischen Zeitalters logen das Damaskuserlebnis des Paulus. psycho-
sei nicht in Erfüllung gegangen und habe sich also logisch und dadurch für objektiv belanglos erklärt
als eine tragische Illusion erwiesen. Tatsächlich haben. Liest man die theologische Literatur, die
aber ist der Strom des zweiten Christus-Ereig- um 1900 oder 1910 herum erschienen ist, nach:
nisses bereits früh mit wahrhaft apokalyptischer man sieht durchweg nur ein subjektiv-psycho-
Macht hervorgetreten, allerdings nicht auf der logisches Rätsel in der Damaskus-Bekehrung. Daß
Ebene der physisch-sinnlichen‘ Wahrnehmung, son- Paulus da etwas Reales erlebt habe, daß ihm da
dern auf der des übersinnlichen Geschehens und einer begegnet sei, den es wirklich gibt, daß er
Erleben. Das Damaskus-Erlebnis des also nicht nur eine Halluzination gehabt habe,
Paulus stellt den Beginn des Neuen Kommens kommt fast nirgends in Frage. Man ist so weit
Christi dar. Viel wichtiger, als man gewöhnlich wie nur irgend möglich davon entfernt, das objek-
denkt, für den Eintritt des Christentums in die tive übersinnliche Ereignis zu sehen und zu wür-
Welt, für seine Ausbreitung unter die ganze digen, das in der Tat den Ausgangspunkt der die

118
Weiten der Menschheit ergreifenden christlichen Mensch war, sondern weil er von dem erwarteten
Geschichte gebildet hat. Messias, von dem Christus, der kommen sollte,®
* einen zu großen Begriff hatte, als daß er ihn in dem
Menschen Jesus hätte wiedererkennen und an-
. Die Jünger, die zunächst um Jesus von Nazareth erkennen können. Er hatte sehr wohl eine Vor-
versammelt waren, voran Petrus, erlebten die stellung von dem hohen Gotteswesen, das in die
unerhörte Schicksalsbevorzugung, mit dabei zu sein Menschheitsgeschichte eingreifen sollte; aber er
bei jenem einmaligen Ereignis, zu dem es keinerlei kam aus der extremen Strömung des Alten Testa-
Parallele weder in der vorchristlichen noch in der mentes, die den Menschen in der Folge des Sünden-
christlichen Geschichte gegeben hat, moch geben falles für eine erbärmliche Kreatur hielt. Von
kann: daß ein höchstes göttliches Wesen in Men- Christus dachte er ungeheuer groß, aber vom Men-
schengestalt drei Jahre lang über die Erde ging. schen dachte er gering. Noch dazu von einem
Sie waren dabei, haben mit ihm gelebt, gesprochen, solchen Menschen, der als Verbrecher an das Kreuz
gegessen, aber ihr Bewußtsein war nicht auf der geschlagen wurde. Dieser Machtlose, der nichts
Höhe dessen, was sie tatsächlich erlebten. Petrus anderes als die Schande des Marterpfahls als Ziel
war zwar dabei, aber er verstand nicht, was ge- seines Lebens erreichte, konnte nicht der Messias
schah. Auch die tief geheimnisvollen Geschehnisse sein. Und deshalb wandte sich der Haß und die
der 40 Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt Feindseligkeit des Paulus gegen den Kreis, in
- blieben für ihn noch traumumfangen. Zwar waren welchem der Christusimpuls zunächst keimte. und
es bereits Erlebnisse, die ins Übersinnliche hin- "lebte. Bis der Vorhang zerriß und vor Damaskus
überspielten. Aber daß die Jünger 40 Tage lang das ungeheure übersinnlicke Lichtereignis auf seine
Umgang pflegen durften mit dem Auferstandenen, Seele einstürmte. Da steht er der Christuswesen-
daß sie seine Belehrung entgegennehmen konnten heit gegenüber und muß erkennen: es ist doch der-
und mit ihm zu Tische saßen, war doch in erster ‚jenige, der in dem Jesus von Nazareth gelebt hat. |
Linie eine Folge davon, daß diese einfachen Männer Er sieht den Christus in einer menschlichen Gestalt.
vom See ‚Genezareth Menschen waren, die noch Diese kann er nur haben dadurch, daß er Mensch
etwas von den alten übersinnlichen Gaben der gewesen ist. So unvereinbar für ihn bisher das
Seele in sich trugen. Ihre kindliche Natur nahm Göttliche und das Menschliche auch war: er muß
das Wunder der Auferstehungsleiblichkeit Christi anfangen zu verstehen, daß Gott und Mensch eins
wahr, ohne sich dadurch genötigt zu fühlen, um geworden sind. So findet Paulus durch das Damas-
.neue Begriffe zu ringen. Für Petrus. war es dann kuserlebnis, durch den Einblick, den er da in die
allerdings ein Ereignis, das mit dem Damaskus- übersinnliche Welt tut, den Weg von Christus
erlebnis des Paulus gleichen Ranges war, als am zu Jesus, so wie Petrus den Weg von Jesus zu
Pfingstmorgen das große Erwachen durch seine Christus gefunden hatte.
Seele ging, die plötzliche große Helligkeit des Er- Man darf nicht denken, Paulus habe vor Damas-
fülltseins mit dem heiligen Geist. Aber das Pfingst- kus nur eine Bekehrung durchgemacht. „Be-
ereignis bewirkte doch nur, daß ‘er wenigstens kehrung“ kann hier leicht zu einem irreführenden
nachträglich anfangen konnte zu verstehen, was Begriff werden. Man denkt, Paulus sei erst durch
er erlebt hatte. Nun konnte er auf die Inhalte der die Damaskus-Sfünde ein frommer Mensch gewor-
drei Jahre zurückschauen und anfangen, die ihm den. In Wirklichkeit war es so, daß, was er vorher
zuteil gewordene unerhörte Schicksalsgnade zu be- an geistigem Leben in seiner Seele pflegte, so an
greifen. Daraus sind die Evangelien entstanden. ihm gearbeitet hatte, daß ihm nur noch die
Die Jünger blieben an dem ersten Christusereignis Schuppen von den inneren Augen zu fallen brauch-
-haften, auf das sie nun in einem so neuen Lichte ten. Nicht seine Gesinnung, sondern sein Bewußt-
zurückschauen konnten. Sie hatten den Weg von sein wurde in der Damaskus-Stunde verwandelt.
Jesus zu Christus gefunden. Sie fingen an, Nicht eine Bekehrung, sondern eine sein ganzes
in dem Jesus den Christus nachträglich immer Wesen ergreifende und fortan speisende Erleuch-
voller zu verstehen. Die ganze Strömung, die von tung war es, was er erfuhr. Er war nachher im
Petrus und den andern Jüngern ausging, blieb auf Dienste des Christusimpulses von derselben feuri-
das erste Christusereignis, ‘das Ereignis von gen Natur wie vorher in der Verfolgung der
Golgatha, gegründet. Christen. Er war auch derselbe Denker, der er vor-
Ganz anders war es bei Paulus, der in den her war. Und so stellt das Damaskuserlebnis des
Schulen von Tarsus und Jerusalem die höchste Bil- Paulus den Beginn davon dar, daß das menschliche
dung sowohl des Judentums als des Griechentums Denkvermögen von dem Christusimpuls ergriffen
in sich aufgenommen hatte, der ungefähr gleich- wird. Paulus ist derjenige, der durch sein Wesen
altrig mit Jesus von Nazareth war. Er hätte Ge- und Schicksal jede Theorie, die Glauben und Wissen
legenheit genug gehabt, zu beobachten, was sich im trennen will, widerlegt. Bei ihm sind Glauben und
Kreise der Jünger zutrug. Er fühlte sich aber von Wissen, Pistis und Gnosis eins. Er erkennt mit dem- .
allem abgestoßen. Warum? Nicht weil er ein böser ‘Herzen und kann deshalb ein Zukunfts-Denken,

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für das die Menschheit im ganzen noch gar nicht und das ganze Buch der Apokalypse wird daraus:
ereif sein kann, auf seiner Stirne leuchten lassen. die 7 Sendschreiben, die 7 Siegel, die 7 Posaunen,
Die Paulusbriefe hat man viel studiert, aber noch die 7 Zornesschalen, als ob aus dem Urbilde des
nicht aus ihrer eigenen Quelle heraus verstanden. Menschen Kreise hervorgingen in feierlich empor-
Man hat versucht, sie mit kirchlichen Begriffen zu steigender kreisender Bewegung. Zuletzt wird das
‘verstehen. Man kann sie nur mit Damaskusbegriffen Bild des Menschen zu einem Bilde des ganzen Welt-
verstehen, denn durch jedes ihrer Worte strömt zusammenhangs, bis hin zu der Doppelheit der
‚das Feuer aus der Quelle von Damaskus. Es sind beiden Städte, in denen die große Scheidung der
inspirierte Begriffe, Gedanken, die unmittelbar aus Geister offenbar wird, des sich herniedersenkenden
einem übersinnlichen Erkennen fließen. Das wird himmlischen Jerusalem und des dem Abgrund ver-
man erst in der Zukunft richtig zu schätzen ver- fallenden Babylon.
mögen. Das wichtigste ist dies: das urchristliche Petrus, durch das Pfingstereignis erwacht, ist
Zeitalter hält gespannten Atems Ausschau nach der der Mann des Glaubens. Paulus, durch das
Wiederkunft Christi, nach dem zweiten Christus- Damaskusereignis eingeweiht, ist der christlich-
ereignis. Paulus ist derjenige, der als Erster die Wissende, der Mann der Gnosis, bei dem das
Wiederkunft: Christi erlebt hat. Es ist nicht ver- Erkenntnisleben von den Lichtquellen der Christus-
gebens auf.die Wiederkunft Christi gewartet wor- wesenheit ergriffen ist. Johannes, der aus dem

den. Und in der Art, wie Paulus sein Damaskus- Patmos-Ereignis schöpft, auf einer höheren Stufe
erlebnis gehabt hat, werden in der Zukunft immer das Lazarus-Ereignis wiederholend, ist der Seher.
mehr Menschen ihr Damaskus finden müssen. °“ Mag für das historische Christentum bis jetzt
Neben Petrus und Paulus steht noch ein anderer. Petrus maßgebend gewesen sein, er wird es auch
Einer war dabei, der lebte das Christusleben fernerhin sein, weil ohne seine schlichte Gläubig-
nicht nur mit: er verstand es auch. Das war der keit auch der erkennende Mensch seinen Weg nicht
Jünger, den Jesus lieb hatte. Auc er findet. Die Menschheit der Zukunft wird jedoch
mußte ein Ereignis durchschreiten, durch das er erst auf Paulus und Johannes angewiesen sein. Es muß
wirklich auf die Höhe kam, von wo aus er die ein paulinisches, ein johanneisches Christentum
Menschheit muß innerlich den
tiefsten Geheimnisse von Karfreitag und Ostern er- kommen, d.h. die
kannte. Wir wissen durch Rudolf Steiner, daß der- Anschluß an Damaskus und Patmos und damit an
jenige, der nachher der Evangelist und Apo- das zweite Christusereignis finden.
kalyptiker Johannes geworden ist, derselbe ist, der *
im Johannesevangelium Lazarus heißt. Lazarus
aber den Punkt, an welchem
muß selbst erst durch Tod und Auferstehung gehen, Wollen wir nun
bevor er zum wissenden Zeugen von Tod und Auf- wir heute mit der christlichen Entwicklung ange-
umreißen, so sind wir ver-
erstehung Christi-werden kann. In Bethanien ragt kommen sind, richtig
pflichtet, von einem europäischen Damaskus-
das Mysterium der Einweihung aus den alten Tem-
peln der Vorzeit in das Evangelium herein. Dennoch geschehen zu sprechen, das sich vor 50 Jahren um
mußte Johannes im höchsten Alter, mitten in seiner die Jahrhundertwende zugetragen hat und durch
güte- und weisheits-reifen Wirksamkeit in Ephesus, welches das Christentum geistig in eine völlig neue
noch sein Damaskus finden und®so des zweiten Situation eingetreten ist, wenn das auch noch nicht
Christusereignisses teilhaftig werden. Das geschah, von weiteren Kreisen eingesehen wird.
nachdem ihn in den cäsarischen Christenverfolgun- Die moderne Entwicklung ist ja so gegangen, daß
gen seiner Tage ein qualvolles Martyrium getroffen von der Höhe des Mittelalters an insbesondere die
hatte. Als nahezu 100jährigen Greis schleppte man Wissenschaft erarbeitet worden ist, das Wissen
ihn nach Rom. Vor den Toren der Stadt wurde er von der Welt, woraus dann auch die Technik her-
einer brutalen Folterung unterzogen, indem man vorging. Das religiöse Leben blieb zurück. Die
ihn in siedendes Öl tauchte. Aber keine Quälerei Theologen erfanden die Formel von der Trennung
konnte dem verklärten Greise etwas anhaben. So zwischen Glauben und Wissen. Man ließ das Wissen
verbannte man ihn auf die der kleinasiatischen seine eigenen Wege gehen. Der Glaube blieb abseits
Küste vorgelagerte Felseninsel Patmos. Hier reift und verlor schließlich jeden Einfluß darauf, daß die
ihm die Frucht des Schicksals, das ihn aufs neue in Wissenschaftsströomung in immer atemloserem
den Feuerofen der Einweihung hineingestoßen Tempo von allem Göttlichen weg und zuletzt in
hatte: er erfährt die ihn überwältigende Geist- unseren Tagen an die Abgründe dämonischer Unter-
Begegnung, die er im 1.Kapitel der Apokalypse welten heranführte. Tatsächlich ist die religiöse
beschreibt. Zuerst hört er einen gewaltigen Ton wie Strömung in den traditionell-kirchlichen Formen
von einer Posaune. Er wendet sich um, und da geistig um Jahrhunderte zurückgeblieben, weil sie
steht Er in neunfacher Erhabenheit vor ihm. In der die eigentlich moderne Entwicklung, die auf dem
urbildlichen Menschengestalt, als der „Menschen- Felde der Wissenschaft und Technik vor sich ging,
sohn“ erscheint ihm der Christus. Diese Gestalt ent- nicht mitmachen konnte.
Nun lebte da einmal ein junger Mensch, der als
faltet sich nun. Sie legt sich sozusagen auseinander,

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18jähriger im Jahr 1879 an der Technischen Hoch- Beschreiten des von ihm selbst erschlossenen Weges
schule zu Wien Naturwissenschaften, Mathematik den Vorhang und die Wand der Sinneswelt durch-
und Philosophie zu studieren begann. Er war ein dringen, und er drang, durch. Er läßt uns er-
konsequent moderner Mensch, ein freier Geist wie kennen, wie er um die Jahrhundertwende nach prü-
nur ‘irgendeiner. Ihn berührte die religiöse Tradi- fungsreihem Erkenntnisringen an einen Punkt
tion nicht. Er lernte in seiner Jugend nicht einmal kam, den man als ein europäisches Damaskus be-
die Evangelien kennen. Er mußte in aller Konse- zeichnen kann. Er war dahin gelangt, wo er mit der
quenz die Wege des Denkens gehen. Aber ihm wird erzogenen, erhöhten Gedankenfähigkeit hellseherisch
bald klar — weil zugleich Ahnungen vom Über- hineinzuschauen fähig wurde in den ganzen Um-
sinnlichen durch seine Seele ziehen und die Welt kreis der übersinnlichen Sphären. Er konnte an-
der Verstorbenen ihm gegenwärtig ist —: das fangen, das übersinnliche Weltbild, das er dann
Denken, so wie es geworden ist, ist in einer großen Anthroposophie genannt hat, zu entwickeln. Und
Gefahr. Es droht in die bloße Kopfmäßigkeit abzu- was irat nun ein zu seiner eigenen Überraschung
rutschen, in der es abstrakt wird und nur noch die und Erschütterung? Als sich ihm die Welt hinter
materielle Außenseite des Daseins begreift. Und so dem Vorhang auftut, sieht er sie, ähnlich wie die
versucht er mit aller Kraft, dem Gedanken die ur- Astronomen meinen, daß es die äußere Welt tue,
sprüngliche Würde und Vollmacht zurückzugeben. um eine Sonne kreisen. Eine geistige Sonne bildet
Rudolf Steiner hat tatsächlich als junger Mensch den leuchtenden Mittelpunkt des ganzen übersinn-
unermüdlich gerungen um eine richtige Erfassung lichen Kosmos: die Christuswesenheit. Es kommt
des Erkenntnisvorgangs als solchen. Er. kommt also ein Mensch auf rein erkennendem Wege, un-
darauf, daß sich die menschliche Erkenntnis aus abhängig von aller religiösen Tradition, zu einer
zwei: Elementen zusammensetzt. Auf der einen Begegnung mit der ‚Christuswesenheit, mit reli-
Seite bietet sich uns durch die Welt der Sinne die giösen Erschütterungen, die auch durchgemacht
Sinneswahrnehmung dar. Wir müssen aber, was wir worden sind, aber nicht im Stile einer pietistischen
wahrnehmen, gedanklich verarbeiten. Wir fügen zu Bekehrung, sondern als Erkenntnisdurchbruch und
der Wahrnehmung den Begriff hinzu. Durch den Erkenntnisbegnadung. So ist es auch bei Paulus ge-
Intellektualismus der neuen Zeit glauben die Men- wesen, der zu einer Christusbegegnung kam, als er
schen: das, was uns die Sinne zeigen, was mit Hän- gar nicht darauf gefaßt war. Das Damaskus-Erleb-
den zu greifen ist, ist die Wirklichkeit. Was wir nis des Paulus hat im Leben Rudolf Steiners eine
“durch unsere Gedanken hinzufügen, ist nur mensch- durchaus moderne Analogie gefunden.
liche Zutat. Rudolf Steiner hat demgegenüber in Von da an ist der forschende Ausblick in die.
seinen frühen erkenntnistheoretischen Büchern übersinnlichen Welten eröffnet. Rudolf Steiner
herausgearbeitet, daß das, was uns die Sinne zeigen, wurde zum Geistesforscher, und er konnte es nur in
nur die eine Hälfte der Wirklichkeit ist und daß einem zentral-christlichen Sinne werden, weil die
die andere Hälfte der Wirklichkeit, die nicht den Lichtquelle, die ihm dazu leuchtete, die Christus-
Sinnen offensteht, durch das Denken wahrgenom- wesenheit selber war. So war er nun in der Lage,
men wird, so daß das Denken ein Organ ist für die alle Wissenschaftsgebiete von innen heraus zu. er-
zweite Hälfte der Wirklichkeit. Und er fügt die neuern. Seitdem gibt es eine christliche Natur-
beiden Hälften im Gleichgewicht zusammen: Wahr- wissenschaft. Nicht als ob fortwährend von Christus
nehmung und Begriff. Damit ist der Hebelpunkt die Rede wäre. Aber es wird mit dem gleichen Blick
zur Überwindung des Materialismus, zur Ge- die Natur erforscht, mit dem auch durch den Vor-
winning einer geist- und wirklichkeitsgemäßen hang des heutigen Damaskus hindurchgeschaut wird.
Weltanschauung erreicht. Der Weg ist gefunden, Es werden mit dem gleichen erkennenden Menschen-
das Denken als Keim einer übersinnlichen Wahr- geist die Gesetzmäßigkeiten aller Naturreiche er-
nehmung, als das Auge des Geistes zu erkennen. forscht, dem sich auch die Christusbegegnung er-
Auf diese Ehrenrettung des Denkens mußte die schließt. Nicht mehr fallen Glaube und Wissen aus-
tatsächliche Rettung desselben folgen: Es mußte aus einander, es ist ein solches Erkennen da, in
dem Abgleiten in den Intellektualismus befreit und welchem Kopf und Herz miteinander wirken. Über-
wieder zu sich selbst emporgehoben werden. Wege wunden ist die schnöde Überheblichkeit des In-
mußten erschlossen werden, um das Denken und tellektualismus, aber auch die ewig erbauliche Ge-
mit ihm die anderen Kräfte der Seele zu schulen müthaftigkeit des bloßen Gefühls: das Denken wird
und zu verstärken, so daß im freien Gedanken der fromm und das Gefühl erleuchtet. Seit jenem Zeit-
Mensch die Knospe eines übersinnlichken Wahr- punkt, da Rudolf Steiner, wie er es selber schildert,
nehmens zum Erblühen bringen kann. Vor, „in ernster Erkenntnisfeier vor dem Mysterium von
50 Jahren ist es gewesen, daß Rudolf Steiner von Golgatha“ stand, ist das Christentum selbst in eine
Weimar nach Berlin übersiedelte, 1897. Da hatte er neue Phase eingetreten. Seitdem ist die Möglichkeit
bereits die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes vorhanden, in der Apokalypse des Weltganzen,
herausgegeben und seine philosophischen Haupt- auch in der Apokalypse unserer Gegenwarts-
werke geschrieben. Jetzt mußte er im tatkräftigen schicksale zu lesen. Das Christentum wird apo-
«

121
kalyptisch, und die Offenbarung Johannis taucht aus gebrauchten Begriffe, die aber, wenn man sie richtig
ihrem Dunkel hervor. Denn lesen kann man diese nimmt, Schlüssel für die tiefsten Geheimnisse sind.
mit 7 Siegeln verschlossene Schrift nur, wenn man Gewöhnlich meint man, es werde damit im Evange-
etwas von: der geistigen Welt weiß, die darin be- lium einfach der Christus bezeichnet. Das stimmt
schrieben ist. Sonst kommt man immer nur zu nicht. Wenn der.Christus beschrieben wird, wie er
jenen egoistischen, allzu direkt auf die Einzelheiten in dem Menschen Jesus von Nazareth verkörpert
der äußeren Welt bezogenen Deutungen, wie sie in war, so nennen ihn die heiligen Schriften den
den materialistisch-denkenden Sekten üblich sind. Gottessohn. Denn er sieht wie ein Mensch aus, aber
Die Apokalypse bezieht sich auf die übersinnlichen er ist nicht wie die andern Menschen, sondern an
Welten, vor allem aber auf die Dynamik, mit der Stelle eines menschlichen Ich hat sich ein höchstes
die geistigen Welten fortwährend unsere irdische göttliches Ich in ihm verkörpert. Wird aber von
Welt durchpulsen und an unseren Schicksalen mit- dem zweiten Christusereignis ‘gesprochen, das sich
stalten.
gestalten * im Übersinnlichen abspielt, von der sogenannten
„Wiederkunft Christi“, so wird der Christus stets
Die christliche Schau, die sich uns in der Apo- der „Menschensohn“ genannt: „Des Menschen Sohn
kalypse eröffnet, läßt uns als moderne Menschen wird kommen auf den Wolken des Himmels.“ So
erkennen, daß die Christuswesenheit, die vor beschreibt auch Johannes die Gestalt, der er auf
2000 Jahren in menschlicher Gestalt über die Erde Patmos. gegenübersteht, als den „Menschensohn“.
gegangen ist, nicht still steht, sondern herankommt Das ist sehr aufschlußreich. Es findet eine zwei-
und an die Tore der irdischen Welt anklopft. Einer malige Menschwerdung Christi statt: einmal vor
begehrt Einlaß und will vom Bewußtsein der Men- 2000 Jahren in dem physischen Menschenleib des
schen aufgenommen werden. Das aber verlangt, Jesus von Nazareth; dann aber folgt eine geistige
daß die Menschen ihr Begriffsvermögen über die Menschwerdung: die Christuswesenheit, die ein
materialistischen Begriffe hinaus erweitern. Es muß höchstes göttliches Wesen ist, bekleidet sich mit
größer gedacht werden. Indem ein Blick für das er- einem reinen, ätherischen Leibe, der das Urbild. des
rungen wird, was nicht mit Händen zu greifen und ‘Menschen in’sich enthält. Es handelt sich wirklich
auf einer photographischen Platte festzuhalten ist, um den „Menschensohn“ vor Damaskus und auf
wird das Weltganze wieder in seiner Wahrheit er- Patmos, weil da über den Häuptern der irdischen
kannt. Man wird so auch rechtzeitig auf die Knoten- Menschheit das Menschenideal, das geistige Urbild
punkte der Entwicklung aufmerksam, an denen des Menschen, erscheint. So allein ist die Offen-
etwas Neues akut herankommt. Rudolf Steiner ist barung des Johannes, so sind auch die Paulusbriefe
z. B. seit Anfang 1910 nicht müde geworden, darauf zu verstehen.
‚hinzuweisen, daß das zweite Christusereignis, von >
dem wir in dem Erlebnis des Paulus vor Damaskus Von daher verstehen wir, daß Paulus, nachdem
und in dem Patmoserlebnis des Johannes mensch- er das Damaskuserlebnis durchgemacht hat, imstande
heitlich-prophetische Erstlingsgaben haben, vom ist, eine ganz wunderbar ausgebreitete Menschen-
ersten Drittel unseres Jahrhunderts, also von 1933 kunde zu entwickeln. In den Paulusbriefen finden
an in ein akutes Stadium eintreten würde. Das wir immer wieder solche Begriffspaare wie: der
hätte verlangt, daß die Menschheit in diesem Zeit- irdische Mensh — der himmlische
punkt eine Steigerung des Bewußtseins durchge- Mensch, ziehet den alten Menschen aus und den
macht, einen Ruck des seelischen Erwachens getan neuen Menschen an, der erste Mensch Adam
hätte. Weite Kreise haben zwar dumpf gefühlt, daß und der zweite Mensch, der neue Adam, der mit
in jenem Zeitpunkt etwas radikal Neues fällig war. Christus identisch ist. Paulus beschreibt auch die
Aber man suchte dieses Neue auf der Ebene des Dreigliedrigkeit des Menschenwesens: der leib-
äußeren Lebens, und so bekam die Menschheit nur liche Mensch, der psychische, seelische
die harlekinhaften und schließlich dämonischen Mensh und der pneumatische, geistige
Karikaturen und Gegenbilder zu sehen von dem, Mensch. Da wird eine Menschenkunde sichtbar, von
was gemeint war. Große Trugbilder zeigten sich der die Christen noch keinen Gebrauch gemacht

auf dem physischen Plan, die doch nichts anderes haben. Warum nicht? Weil sich in das historische
waren als Schatten von Vorgängen, die auf einem Christentum hinein aus dem Alten Testament die
höheren Niveau ihre Wahrheit hatten. “ Verunglimpfung des Menschen fortgesetzt hat. Der
Was zeigt uns die auslösende Begegnung auf Mensch gilt immer nur als das armseligste Wesen.
Patmos? Als der Posaunenton die Seele des Das ist bei Paulus nicht so, weil er durch das
Johannes ergriffen hat und er sich umwendet, um Damaskus-Licht in das Menschenbild, in die Göttes-
den zu sehen, der zu ihm spricht, da beschreibt er ebenbildlichkeit des Menschen eingeweiht wurde.
die erhabene Gestalt als den Menschensohn. Wir Menschen haben unsere Gottesebenbildlichkeit
Es erscheint ihm der, der ihm begegnet, ausdrück- verloren, aber über unseren Häuptern gibt es
lich in der Gestalt eines Menschen. Der Begriff des dennoch unser wahres Menschenwesen, und wir
\

Menschensohnes ist einer der oft so gedankenlos können wieder mit ihm verbunden werden. Das ge-

122
schieht dadurch, daß der Mensch alle höheren Reiche auf bis zu den Cherubim und
sich mit dem
Christuswesen verbindet. Was Paulus Seraphim. Das muß klargestellt werden, sonst ist
nennt „nicht
ich, sondern der Christus in mir“, führt dazu, daß alles Reden vom Suchen nadı dem Menschenbild
der Mensch trotz seines Anteils am Sündenfall, unwahrhaftig. Gleichzeitig damit, daß man in den
trotz seiner Schwächen, trotz aller Unvollkommen-. Zeitungen schreibt, man müsse das Menschenideal
heiten wieder einen Anschluß findet an das Men- wiederherstellen, gibt es das, daß gewisse Konver-
schenbild, wie es einmal von Gott gedacht war. titen Goethes „Faust“ meinen niedriger hängen zu
Paulus beschreibt im Galaterbrief das Damaskus- müssen und schließlich zur Hitlerliteratur rechnen.
ereignis folgendermaßen: „Als es Gott gefiel, seinen Bücher wie Goethes Faust und Nietzsches Zara-
Sohn in mir zu offenbaren.“ Es war ein Ereignis, thustra, die noch die Kriegsfreiwilligen von 1914 in
das seine eigene geistige Menschengestalt sozusagen ihre Tornister packten, weil sie idealistisch\ nach
durchleuchtet hat. Warum? Weil die Gestalt, die dern Menschenbild Ausschau hielten, werden jetzt
ihm in den Weg trat, der Menschensohn, d.h. der schlecht gemacht. Man kann nicht gleichzeitig sagen,
Menschengott selber ist. In welch wunderbarer Art das Menschenbild müsse wiederhergestellt werden
beschreibt das 1. Kapitel der Offenbarung des und auf der anderen Seite den Menschen gefügig
Johannes die Größe des Menschensohnes mit dem machen gegenüber irgendeiner Autorität, sei es ein
weißen Gewand, dem goldenen Gürtel, dem weißen Staat oder eine Kirche. Außerhalb der konventio-
Haar: die Geisteswürde; Augen wie. Feuer- nell-christlichen Kreise sind viele Menschen auf der
flammen, die Stimme wie Wasserrauschen, Füße wie Suche nach dem neuen Menschenbild. Unter Um-
glühendes Erz, Feuer, Wasser, Metall: die ganzen ständen sind - diese näher an der Christussphäre,
Elementargewalten im Seelenbe- ohne davon zu reden, als diejenigen, die berufs-
reich, nicht das temperamentlose, langweilige oder konfessionsmäßig von Christus sprechen und
Wesen, das man zu Unrecht als Mensch bezeichnet. dann doch im Traditionalismus bleiben und nicht
Und dann die Vollmacht im Willen: das den Mut zu neuen Durchbrüchen haben. Wenn der
Antlitz wie die Sonne, aus dem Munde dringend das Christus sich zum zweitenmal offenbart, wenn die
Schwert des zweischneidigen Wortes, mit dem in die Menschheit im ganzen an ihr Damaskus heran-
Weltverhältnisse hineingewirkt wird, in der Hand kommt, dann ist zugleich ein neues Finden des
die Sterne. Da steht der Christus vor Johannes, Menschenbildes fällig. Es wird das Menschenwesen
aber es ist zugleich das Bild des wahren Menschen. von einer neuen Lichtquelle her erleuchtet. Die
Deswegen tritt Paulus gegen das Gesetz auf, das Anfänge des neuen Christusschauens werden gar
den Menschen schlecht macht. Er sagt: „Wir sind nicht immer so auftreten, daß man gleich den
zur Freiheit berufen“, und er zeigt, daß durch den Christus deutlich als solchen vor sich sieht. Aber
Anschluß an das Christusereignis der Mensch sich man hat bestimmte Seelenerlebnisse, in denen die
aus dem Banne des Gesetzes erheben kann. Das eigene Wesenheit oder die eines anderen Menschen
paulinisch-johanneische Christentum stellt den plötzlich wie von Lichtstrahlen durchdrungen ist.
Glauben an den Menschen an den Anfang, nicht an Man erinnert sich an Dinge, die man in diesem
den Menschen, wie er von Natur ist, sondern wie er Leben gar nicht erlebt haben kann. Man kommt auf
sein und werden kann im Christuslicht. Deshalb Bilder aus früheren Leben und auf solche, die aus
wird auch in der Offenbarung des Johannes gesagt: künftigen Leben hereinscheinen. Auf verschiedene
„Er hat uns zu Priestern und Königen gemacht.“ Weise macht sich die Lichtquelle eines menschheit-
Jeder ist ein König, das ist das Geheimnis der Frei- lichen Damaskus bemerkbar.
heit. Jeder ist Priester, das ist das Geheimnis der
Liebe. Es wird ganz anders vom Menschen gedacht, *

wo Damaskus und Patmos den Ton angeben.


Damit ist ein überaus aktuelles Problem berührt. Aber zweischneidig, das läßt uns die Apokalypse
Geradezu schlagwortartig geht durch die Veröffent- erkennen, sind die neuen Erlebnisse. Das Motiv des
lichungen unserer Zeit die Suche nach dem Men- Kommens beherrscht alles: „der da war, der da ist
schenbild hindurch. Man erkennt reichlich spät, daß und der da kommt“, „siehe, ich komme bald“, „der
man den Menschen vergessen und nur Maschinen da kommt auf den Wolken“. Und am Schlusse: „Ja,
gebaut hat. Jetzt möchte man den Menschen wieder komm Herr Jesus.“ Das Motiv des Kommenden
zu seinem Rechte kommen lassen. Das ist so lange wird aber für die Nicht-Wachenden mit einer nega-
phrasenhaft, als man es nur dem guten Willen über- tiven Klangfarbe ausgesprochen: „Ich komme wie
läßt. Das falsche Denken hat das Menschenbild ver- ein Dieb“, oder: „Wenn ich komme, werde ich
nichtet. Also muß das Denken über den Menschen deinen Leuchter umstoßen“, oder: „Wenn ich komme
ein anderes werden. Zuerst muß erkannt werden, und finde dich nicht wach, so ‘werde ich die Krone
daß der Mensch ein übersinnliches Wesen ist. Er ist von deinem Haupte reißen.“ Das darf man sich
nicht bloß das oberste Glied der irdischen Naiur- nicht so vorstellen, daß eine Gestalt herantritt und
reiche, sondern zugleich die unterste Stufe der den Menschen grausam quält. Solche Worte wollen
geistigen Hierarchien. Über dem Menschen tun sich geistig gelesen werden: entweder die Menschen

123
machen den inneren Aufschwung, durch den sie sich Gottesdienste besuchen, die aber nicht damit
für die Sphäre aufschließen, in der sich das zweite rechnen, daß das Christentum heute neue Anforde-
Christusereignis abspielt, dann gewinnen sie reichen rungen stellt, daß es ein neues Bewußtsein erfor-
Anschluß an tragende, helfende Kräfte; oder aber dert. Und die Leuchter auf den Altären stürzen um,
sie tun es nicht und dann können sie trotzdem nicht ohne daß‘ die Menschen es bemerken. Es tritt ein
bleiben wie sie vorher waren. Das Evangelienwort Leerlauf ein. Warum? Weil der Christus da ist und
wird wahr: „Wer da hat, dem wird gegeben. Wer man ihn dennoch nicht erlebt. Menschen, die vor
aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was kurzem noch strahlende, sonnenhafte Naturen
er hat.“ Es kann dem Menschen geschehen, daß er waren, seelisch noch eine goldene Krone auf dem
über Nacht seelisch ganz arm wird. Dieses Myste- Haupte trugen, auf einmal sind sie erloschen wie
rium geht heute in größtem Maßstabe durch die alle andern und haben nichts Strahlendes mehr an
Welt. Die. Menschen verlieren, was sie an seelischer sich. Warum? Weil der Christus da ist und ihnen
Erbschaft besaßen. Was ist geschehen? Ist ein Dieb den Kranz von der Stirne nimmt. Man kann. nicht
dagewesen? Ja, es ist ein Dieb dagewesen. Es ist bleiben, der man ist.
nichts anderes, als daß der Christus auf neue Weise So lernen wir zu verstehen, was fortwährend um
da ist, und er kommt „als ein. Dieb“. Entweder uns herum vor sich geht. Wir gewinnen den Aus-
macht er den Menschen reich oder er macht ihn blick auf die apokalyptischen Zeitereignisse. Man
arm. Man bleibt nicht einfach der gleiche, wenn ist heute nur dann Christ, wenn man die Lebendig-
man sein neues Kommen verschläft. Wenn diese keit des dynamischen Entwicklungsganges in die
Entwicklungen anfangen, so gibt es nur ein Ent- Seele hereinläßt, der draußen im Schicksal vor sich
weder-Oder. Man kann davon nicht unberührt geht und nichts anderes ist als die Außenseite der-
bleiben. Es kann religiöse Gemeinschaften geben, jenigen geistigen Ereignisse, die sich in dem all-
die ihr religiöses Leben pflegen und treu ihre gegenwärtigen Damaskus abspielen.

Paulus und die neue Schöpfung


Die schweren Erschütterungen, unter. denen die Welt unsichere Gefühlsimpulse zu schöpfen. Zu
ganze Menschheit immer stärker ins Wanken gerät, "einem vollen Wissen um die Welt- und Menschheits-
zerbrechen alle Stützen, die bisher dem Einzelnen zusammenhänge soll sie allmählich fortschreiten
wie der Gemeinschaft einen Halt gegeben haben. dürfen. Da wird sich dann auch das Tragende eines
Es ist nun kein Geheimnis mehr: die zunehmende neuen Bewußtseins offenbaren, durch das der
Erforschung der materiellen Weltinhalte wird von Mensch in .den schwersten Krisen unerschrocken
einem völligen kulturellen Niedergange begleitet. aufrecht stehen und seine Sendung erfüllen kann.
Alle Fragen nach dem Woher und Wohin, nach .Der Mensch ist nicht nur das in einen Erdenleib
dem Ursprung, dem Wesen und den Zielen der hineingepreßte Wesen, das von inneren Kämpfen
Erdenmenschheit müssen mehr und mehr verstum- zerrissen und von äußerer Drangsal gequält wird.
men, oder, wenn sie noch gestellt werden, im tosen- Die Erde und die Welt sind nicht nur das erweiterte
den Mahlstrom der Mechanisierung verhallen. Gefängnis seiner selbst, aus dem es kein Entrinnen
Und doch ist noch nicht alles verloren. Denn es gibt als durch den Tod. Denn alles mit Augen Sicht-
konnte nicht der Zugang zu den Quellen verschüttet bare, alles durch die Mittel der äußeren Wissen-
werden, die dem Menschen selbst und damit auch schaft Erforschbare ist nur die äußere Seite, ist nur
der Menschengemeinschaft Hilfe und Heilung die eine Hälfte der Wirklichkeit.
bringen, und zwar auch innerhalb einer äußerlich Alle Menschheit ist herausgefallen aus einem
zerfallenden Erdenwelt. Diese Quellen können lebensvollen Unsichtbaren in eine Welt der Sicht-
immer nur diejenigen sein, aus denen das wahre barkeit, die gewissermaßen das gefrorene Endergeb-
Menschenwesen selber herstammt. Nur sie ver- nis des ursprünglichen höheren Lebens darstellt.
mögen die Binde zu lösen, die den Menschen blind Diesem Abstieg aus den geistigen Höhen in die
gemacht und in die Umnachtung seiner selbst ge- Erdentiefen, dem „Sündenfall‘“ mit seinen Folgen,
führt hat. Lebensvoll strömende Erkenntnis aus und dem Wiedererringen der Ursprungskräfte hat
den Ursprungsreichen ist das Mittel, welches sicher Paulus sein Erkenntnisstreben und seine Lehre
den Weg zum Aufstieg weisen kann, wenn diese gewidmet. ‘
Erkenntnis von Religiosität durchdrungen ist und . Paulus konnte durch Begnadung vor Damaskus
in einen Willen einfließt, der bereit ist, im Sinne den Christus als den Weltengeist in der anderen
erkannter Weltenziele zu wirken. Hälfte der Wirklichkeit erleben. Dadurch wurde er
Es geht hier jedoch nicht um ein gewöhnliches, angefeuert, nun in eigener Schulung die Stufen und
sondern um ein höheres Erkennen. Die Menschheit das Wesen der übersinnlichen Welt zu ergründen.
ist herangereift, nicht mehr in verödendem In- und seinen Weg anderen mitzuteilen. Als ein im
tellektualismus stecken zu bleiben, auch nicht mehr Sinne des Christuswesens verwandelter Mensch ver-
aus dem bloßen Für-wahr-halten einer unsichtbaren wirklichte er die Inhalte der. Ursprungswelt im
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materiellen Erdendasein und spricht von den jenigen Kräfte, die Paulus durch den sich vor
Quellen des wahren Lebens, die sich auch uns Damaskus und später immer wieder offenbarenden
öffnen wollen. Rudolf Steiner hat das Verdienst, Christus erfahren hat. Während aber vor. dem
den Weg gezeigt zu haben, auf dem, statt einer Mysterium von Golgatha. die Kräfte der göttlichen
durch Intellektualismus und Dogmatik verfälschten Welten als gewaltige Offenbarung von außen in die
Gestalt, der wahre Paulus ‘gefunden werden kann. Erdenwelt eindrangen, geht. es nunmehr um die
Er hat darauf hingewiesen, welche Bedeutung Entfachung einer inneren Flamme, die, zunächst un-
diesem großen Apostel für die Erkenntnis der vor- scheinbar, vom Menschen selber ausstrahlt.. Der
christlichen und der Christus-Mysterien und damit Mensch hat im Durchgang durch die Erdennöte ge-
der ganzen Menschheitsentwicklung zukommt. lernt, in freier Selbständigkeit eine Eigenkraft zu
In’ der ersten Hälfte seines Lebens war Paulus, entfalten, durch die er sich der Umklammerung
obwohl eingeweiht in die Geheimnisse chaldäischer durch die materielle Welt entreißt, um die von oben
Mysterien, ein typischer Vertreter der alternden strömenden Gnadenkräfte zu erringen. Durch diese
Menschheit, von Dunkel und Tod in der Seele um- allein kann das Erbauen einer neuen Leiblichkeit
fangen. Er konnte in demjenigen, der am Kreuze für den Menschen und zugleich für die Erde in An-
gehangen hatte, nicht den Gottesgeist erkennen, der griff genommen werden.
von seinem ganzen Volke und von ihm selber sehn- Das Sterben des materiell Gefügten und die Ver-
süchtig erwartet worden war. Aber gerade wegen wandlung des Irdischen ins Geistige setzt voraus,
seines ganzen Vorlebens konnte er dann nach dem daß das Seelenwesen und die Bildekräfte des Men-
Erlebnis von Damaskus der Menschheit aus Finster- schen von dem Bann, den der Sündenabstieg über
nis, Härte und Vernichtungswillen den Weg weisen in sie verhängt hat, gelöst werden. Diese Loslösung
das dem Erdenauge unsichtbare Reich, wo Christus oder Erlösung des Menschenwesens von den Trug-
der Menschheit den künftigen Wohnplatz bereitet. gewalten des irdischen Daseins ist der durch viele
Als das Wesen des „Sündenfalles“ hatte Paulus in Jahrtausende dauernden Vergeistigung der Leib-
sich erfahren, daß der Abstieg in eine von Materie lichkeit einverwoben. Dabei müssen aber auch die
erfüllte Welt der äußeren Erscheinung eine völlige im Erdendurchgange erworbenen Formkräfte der
Entfremdung gegenüber den Götterreichen zur neuen Behausung einverleibt werden. Nicht um-.
Folge haben mußte. Widersachermächte hatten sich sonst spricht Paulus im Epheserbrief von der Not-
an den Menschen herangemacht, um ihn als ihr wendigkeit, das Geheimnis „der Breite, der Länge,
eigenes Werkzeug zu gebrauchen. So stellen uns die der Tiefe und der Höhe“ (Kap. 3) wirklich zu er-
Paulusbriefe zunächst alle Folgen des Menschheits- kennen. Auch die Offenbarung des Johannes zeigt
abstiegs ‘vor Augen. Für diesen Sündenfall ver- in der Darstellung des „Neuen Jerusalem“, daß
wendet Paulus oftmals, besonders im Römerbrief, Formkräfte zum Erbauen der neuen „Stadt“ ge-
das Wort „hamartänein“ — „sündigen“ und „ham- rettet werden müssen.
artia“ — „Sünde“. Beide Worte weisen hin auf ein So folgt dem „Sünden-Fall“ als dem triebhaften
Sichanpassen an eine außerhalb des Geistigen ge- Abgleiten in die Erdenwelt die bewußte Aufrich-
fügte und von Materie erfüllte Welt. Sie hängen tung eines völlig Neuen. Überall, wo Paulus von
mit dem Griechischen „artyoo“ — „ich füge“ — zu- „Bau“ und „Erbauen“ (griechisch: „oikodome“
sammen. Die Lautfolge dieser Worte bedeutet, daß und „oikodomein“) spricht, meint er nicht nur
eine äußere Erscheinungswelt des Gefügten er- „Besserung“ und „sich bessern“, wie es Luther und
schaffen wurde, die dann in eine Erstarrung ein- seine Nachfolger übersetzten, sondern, das Inangriff-
gemündet ist. So hat schließlich auch die ehedem nehmen der neuen geistigen Leiblichkeit für Mensch
auf rein geistige Weise dem Menschen zuteil und Erde. Hierfür gibt es nur ein einziges Funda-
werdende Ernährung den Abstieg in mineralische ment! Paulus sagt im Römerbrief, er wolle auf
Verhärtung als „artos“ — „das Brot“ — erlitten. keinen anderen Grundstein bauen als auf den
In dem erdenschweren, von Materie erfüllten Christus selbst (Kap.15). Das ganze Werk kann
Leibe muß die Menschenseele hausen, um durch ein auch nur dann durchgeführt werden, wenn die
von allen anderen Wesen räumlich getrenntes Da-
Menschheit auf alle Willkür, wie sie dem Abfall
sein zu einem Eigenseim heranzureifen. Aber dieser
vom Geiste als falsche „Freiheit“ zugrunde lag, ver-
Erdenleib soll durch eine neue lichte Behausung ab-
zichtet und die wahre, durch den Christus gegebene
gelöst werden, so daß das Menschenwesen, ohne
Freiheit entwickelt. Das ist eine Freiheit, die aus
seine Individualisierung aufzugeben, wieder mit
den göttlichen ‘Welten vereinigt werden wird. der Erkenntnis der Weltentwicklung und der.
Paulus ist der Verkünder dieser neuen himmlischen Weltenziele geboren wird. Durch sie lernt der
Behausung, deren erster Erschaffer der Christus Mensch, seinen eigenen Willen dem Willen der
selber in dem Leibe des Jesus von Nazareth ge- göttlichen Welt einzuordnen. Wie diese Freiheit zu
wesen war. erringen ist und wie überhaupt der Mensch sich in
So ist auch der Aufstieg aus dem materiellen den Dienst am Neuen einfügen kann, davon spricht
Erdendasein nur möglich durch die Aufnahme der- Paulus zu uns in allen seinen Briefen. Die Ereig-
r
nisse aber, durch welche die Menschheit in der »Wer sich selbst im Christus findet, ist neue
Gegenwart sb tief betroffen wird, sind das Signal Schöpfung. Siehe, das Alte ist vorüber. Ein neues
zum Aufbruch ins” Neue, das in den Christus sich Werden ist im Gange“ (2. Kor. 5).
gründet. Es ist unmöglich, sich noch in ein Altes
hineinretten zu wollen: Karl Garms

Die Apokalypse des Paulus


Kann man von einer „Apokalypse“ des Paulus Erfahrung des Geschehens hinter dem Vorhang
sprechen? Oder ist dieses Wort nicht dem Johannes der Sinneswelt für seine Zeit empfindet, ja für
vorbehalten, wenn er in gewaltiger Geistesschau unerläßlich und entscheidend hält im Hinblick’ auf
die spirituellen Hintergründe des Weltgeschehens das Seelepheil seiner Mitmenschen und darum in
und der Menschheitsentwicklung aufdeckt und seinem Gewissen sich gedrängt fühlt, es für sie «
kündet? Bei Paulus spricht man wohl auch von fruchtbar zu machen.
einer von ihm verkündeten „Lehre von den letzten Ein immer wiederkehrendes Wort bei Paulus ist
Dingen“, von seiner Eschatologie, und man hat das Wort „Mysterium“. Er weiß um die Geheim-
dann immer gern an ihr nachgewiesen, wie sehr er nisse der übersinnlichen Welt, „was kein Auge ge-
ein Kind seiner Zeit gewesen sei, wie sehr er ab- sehen und kein Ohr gehört hat und in keines
“ hängig geblieben von den Nachklängen seiner Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet
Pharisäer-Schulung, vom griechischen Neuplatonis- hat denen, die ihn lieben“ (1.Kor. 2, 9). Vor
mus, oder wie seine Anschauungen zum verketzer- seinem Blick liegt die Welt der Hierarchien offen,
ten Gnostizismus führten, und damit glaubte man er nennt ihre Reiche: Engel und Erzengel, Fürsten-
alles, was bei ihm ins Spirituelle hinaufragt, als tümer und Gewalten (z.B. Römer 8, 38 u.v.a.),
für unsere aufgeklärte Zeit nicht mehr so recht aber ebenso weiß er um „die bösen Geister unter
gültig ansprechen zu dürfen. Durch die Geistes- dem Himmel“ (Eph. 6,12) und ihren Herrn, den
wissenschaft Rudolf Steiners aber erscheinen uns Satan, den „Fürsten dieser Welt“ (1. Kor. 5, 4).
seine Anschauungen in einem neuen Licht. Sie er- Die verschiedenen Stufen der Offenbarungsmög-
weisen sich als sachlich einwandfreie Enthüllungen lichkeiten sind ihm vertraut (2. Kor. 12); er kennt
einer wahren Geistesschau und finden in einer die Gefahren, die solche Offenbarungen für ein un-
solchen ihre volle Bestätigung. Damit erhalten sie diszipliniertes Verhalten des Menschen mit sich
eine über ihre Zeit weit hinausgehende Bedeutung; bringen (1.Kor.14). Was nun aber allen diesen
sie sind für uns heute genau so zeitgemäß, wie sie zunächst rein mystischen Schauungen den ‚Stempel
einst für die Korinther oder Thessalonicher ge- ‘des Apokalyptischen gibt, ist das Erlebnis der
- wesen sind. Denn nicht nur die schicksalhaften Er- Christuswesenheit in der übersinnlichen
lebnisse der Menschen von heute, auch die Wege Welt und die Erkenntnis ihrer Bedeutung für
wissenschaftlicher Forschung und immer intimerer Erde und Mensch.
Naturerkenntnis weisen den Gegenwartsmenschen Damaskus ist und bleibt das grundlegende Er-
mit elementarer Gewalt in die Gebiete des Über- lebnis. Über alles Persönliche hinaus, das diese
sinnlichen. Die „Grenzen der Erkenntnis“ sind ins Stunde für ihn bedeutet, erfährt er hier das
Wanken geraten, und es ist heute zur reinen Mut- makrokosmische Ereignis: Gott ward Mensch, und
frage geworden, ob wir das Neuland spiritueller damit ist eine neue Weltenzeit angebrochen. Die
Erkenntnisse zu betreten wagen oder nicht. Lange Zeit der Knechtschaft, in der wir Menschen in der
vor der Zeit, als eine „geistige Frühgeburt“ Gewalt der finsteren Tiefenmächte standen, ist zu
(1.Kor.15,8) ist Paulus durch den Vorhang, der Ende. Zur Freiheit der Kinder Gottes sind wir be-
jene Welt bisher vor unseren Sinnen verborgen rufen. Und nicht eindringlich genug kann er auf
hat, geschritten. „Der Geist erforschet alle Dinge, die Wichtigkeit und ‚das Entscheidende solcher Er-
auch die Tiefen der Gottheit“ (1. Kor. 2,10). So kenntnis für den einzelnen Menschen hinweisen.
enthüllt.er die Mysterien der übersinnlichen Welt Es geht.um dessen ewiges Sein oder Nichtsein, ob
und offenbart ihre Vorgänge. Er verschließt das er zu solcher Botschaft ein positives Verhältnis
Geschaute nicht in das eigene Seeleninnere, er finden kann oder nicht. Die persönliche Beziehung
macht es zum wesentlichen Inhalt seiner Ver- zu Christus entscheidet für Zeit und Ewigkeit. Wir
kündigung. Um solche Enthüllung verborgener kennen ja alle diese Töne in der Predigt des Welt-
Vorgänge, um „Apokalypse“ ist es ihm zu tun in apostels. Und wie er die Hintergründe des zu
seinen Briefen. Der Mystiker findet Genüge und seiner Zeit gegenwärtigen Weltgeschehens enthüllt,
Beseligung in der Versenkung seiner Seele in die so weist er auf zukünftiges Geschehen hin, wenn
Tiefen der Gottheit. Der Mystiker wird aber zum er von der Wiederkunft des Herrn spricht und
Apokalyptiker, wenn er, selbst bis in die Tiefen von der Weltendramatik,
die dieses Kommen des
seines Wesens erschüttert und erfüllt von dem ‚Christus begleiten wird (2. Thess. 2).
Geschauten, die Dringlichkeit der Erkenntnis und Wie der Völkerapostel das tiefste Geheimnis des

126
Tr

Weltgeschehens im Ereignis von Golgatha und tragen“ (1. Kor. 15, 49). Und wie zuletzt diese „Auf-
seinen Folgen, der durch Christus geschehenen und erstehung“ bis zu einer solchen des physischen
immer mehr noch geschehenden Erlösungstat, er- Leibes werden soll und kann — das enischleiert
kennt und in seiner weltumfassenden Bedeutung der Apostel in dem grandiosen 15.Kapitel des
offenbar macht, so leuchtet er andererseits hinein 1. Korintherbriefes, wo er dieses Mysterium vor
in die verborgenen Tiefen der Menschenseele, dem höheren Begreifen der Menschenseele aus-
indem er ‘dort auf ein anderes rein persönliches breitet. x
„Mysterium“ hinweist: das des „Sterbens und Weun Paulus auch keinem seiner Briefe den Titel
Auferstehens“, Hier betreten wir vollends den ge- einer „Apokalypse“ gegeben hat, so sind eben
weihten Boden alter Mysterienweisheit. Aber was diese Briefe in ihrer Gesamtheit eine solche. In
einst nur in der Verborgenheit der Tempel sich ihnen legt er dar, was hinter dem Schleier der |
als Einweihungsritus vollzog, jetzt ist es offenbar Sinneswelt sich im Weltgeschehen durch das Ereig-
und kund geworden durch das Sterben und Auf- nis von Golgatha abgespielt hat, und ebenso, was
erstehen des Gottessohnes. Jeder kann es nun in den verborgenen Tiefen der Menschenseele als
schauen, anschauend miterleben, und es ist seine deren Wandlung und Erfüllung mit dem Christus-
persönliche Angelegenheit, ob und wieweit er sich wesen sich abspielt. Indem aber‘ dieses beides dar-
mit dieser Tatsache verbinden will und kann. „Mit gestellt wird, ganz und. gar.mit dem Blick auf die
ihm sterben und auferstehen“ — das heißt eine Individualität des Einzelmenschen, auf sein ewiges
Einweihung durchmachen, die zu einem völlig Seelenheil oder seine Verdammnis, je nach, seinem '
neuen Leben, zu einem anderen höheren Sein Verhalten, bietet diese Apokalypse des Paulus eine
führt, in: eine Sphäre des Lebens hinein, wo. auch unmittelbare Ergänzung zu der des Johannes, wo
der Tod, „der letzte Feind“ (1. Kor. 15,26) über- es um die großen überpersönlichen Zusammenhänge
wunden ist. Christus selbst ist der Ahnherr dieses der Welt- und Menschheitsentwicklung geht. Und
neuen Menschengeschlechtes geworden, der „zweite so tritt Paulus, der Völkerapostel, aus den ge-
Adam“, wie Paulus sagt (1. Kor.15,45ff.). Und schichtlichen Zusammenhängen. der Urgemeinde
„wie wir getragen haben das Bild des irdischen heraus und steht vor uns als ein Seelenführer, wie
Menschen (des ersten Adam), also werden wir auch ihn gerade unsere in solchem Geistesdunkel lebende
das Bild des himmlischen (des zweiten Adam) Zeit nötig hat. Rudolf Baarmann

Menschwerdung
Eine apokalyptische Betrachtung
„Vor jedem steht ein Bild deß, das er werden niemand herum, der ein Christ und damit ein
soll; solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede Mensch werden will. Wie maneher aber schrickt vor
voll.“ dieser Schwelle zurück, obwohl er vielleicht durch-
Mit diesem Wort hat Friedrich Rückert über aus dem Wort aus Nietzsches Zarathustra zustimmt:
Jahrtausende hin dem Apostel Paulus die Hand ge- „Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden
reicht, der auch von einem Bilde spricht, in das wir soll. "
hinein verwandelt werden sollen: Was habt Ihr getan, ihn zu überwinden?...
„Wie wir getragen haben das Bild des irdi- Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch.
schen Adam, also werden wir auch tragen das Man muß schon ein Meer sein, um einen schmutzi-
Bild des himmlischen, des neuen Adam.“ gen Strom aufnehmen zu können, ohne unrein
(1. Kor. 15) zu werden.“
Damit deutet Paulus hin auf das erneuerte Ur- Die Offenbarung Johannis führt uns an das Meer,
bild des Menschen: die Lichtgestalt des auf- das diesen Strom, den Sündenstrom der Menschheit,
. . a .
erstandenen Christus. Dieses Bild steht in maje- in sich aufzunehmen und zu läutern vermag. —
stätischer Herrlichkeit vor uns am Anfang der Apo-
kalypse. ‘ Im siebenten Kapitel der Apokalypse wird von.
„Als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen nieder einer Menschenschar in weißen Kleidern gesprochen,
wie ein Toter.“ — Auch in Johannes lebt noch der „die ihre Kleider gewaschen und hell gemacht
Mensch des Todes, der vor dem Sonnenbild des haben im Blute des Lammes“. Es ist die Schar der
triumphierend Lebendigen in den Staub sinkt. Dies 144 Tausend, die den Weg der Nachfolge Chrisii
ist das gesteigerte Maß dessen, was einst Petrus er- gehen und sich zu seinem Bilde wandeln.
lebte, als er ausrief: „Herr gehe hinaus von mir, Auf einer ersten Stufe ihrer höheren Mensch-
denn ich bin ein sündiger Mensch.“ werdung empfangen diese Menschen ein Zeichen des
Im Angesicht des Christus wird die Sünde und Geistes an ihrer Stirn, das sie als Träger göttlicher
der. Tod in uns offenbar. Um dieses Erlebnis kommt Erkenntnis, als Seher kosmischer Geistesschau kenn-

127
„zeichnet. Sie sind vom Glauben zum Schauen hin- Durch diesen Namen, den nur derjenige kennt, der
durchgedrungen. Ihrem Bewußtsein haben sich jene ihn empfängt, ist der Mensch dem Weltall als
Geheimnisse erschlossen, nach denen sich Faust aus Individualität eingeschrieben. Er kann nicht
tiefster Seele sehnt: mehr, wie die Buddhisten glauben, im Licht des
Nirvana verschwinden und verwehen. Sein Ich ist
„Daß ich erkenne, was die Welt
ein Licht im Urlicht.
im Innersten zusammenhält,
Als das Erdenleben Schillers in heiligem
schau alle Wirkenskraft und Samen
Enthusiasmus für die Ideale der Menschheit ver-
und tu nicht mehr in Worten kramen.“ glüht war, richtete Goethe seinen Blick dem
Sternenflug des Freundes nach und schrieb jene
Jene Menschen werden die 144 Tausend genannt,
weil ihr ganzes Wesen zu einem Abbild der Sternen- Worte nieder, die das apokalyptische Geheimnis des.
Ich in sich bergen:
Zwölfheit geworden ist; der Mensch als Mikrokos-
mos hat sich zum Makrokosmos geweitet: das be- „Er glänzt uns vor — wie ein Komet ent-
deutet die Zahl Zwölf mal Zwölf. 144 ist also eine schwindend,
Bild- oder Wesenszahl, es handelt sich nicht um unendlich Licht mit seinem Licht
eine zählbare Zahl. Die Apokalypse sagt ausdrück- verbindend.“
lich an der betreffenden Stelle: Sagte nicht Christus, der das Licht der Welt ist,
auch ‘zu den Jüngern: „Ihr seid ‚das Licht der
„Siehe eine große Schar, ’ die niemand zählen
© Welt“? s
konnte...“ *

Diese ‘Schar bildet die ins Menschheitlich-Große Auf einer zweiten Stufe der Entwicklung be-
erweiterte Zwölfzahl der Jünger, die zu einem gegnet uns die Schar der Versiegelten wieder im
Kelchgefäß, zu einem lebendigen Tempelbau . für 14. und 15. Kapitel:
den Christus wurden. Wenn dieses nicht so wäre,
„Und ich sah das Lamm stehen auf dem Berge
wie sollte sich das Wort Christi erfüllen: „Die
Zion und mit ihm 144 Tausend, die hatten seimen
Reiche der Himmel wohnen inwendig in Euch!“
Namen und den Namen seines Vaters geschrieben
Es gewährt eine tiefe Befriedigung und Be-
an ihrer Stirn.“
glückung, wenn gerade in diesem Zusammenhang
viele Worte von Theologen, von Dichtern und Hinter dem Geisteszeichen der Versiegelten
Denkern aufleuchten, die alle das gleiche Welt- leuchtet der Name des Vaters und der Name des
geheimnis widerstrahlen. So sagt Friedrich Schleier-. Gotteslammes auf. Ihr eigenes Ich erklingt nun im
macher: „Es lebt das ganze Universum, das Gött- Gottes-Ich.
liche, in jeder Individualität, als jede Individuali- „An dem Tage“, so lautete die Verheißung
tät.“ Und Goethe bekennt: „Im Innern ist ein Uni- Christi in den Abschiedsreden, „werdet ihr er-
versum auch.“ In den Fragmenten des Novalis, die kennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in
geradezu als ein Kommentar der Apokalypse be- mir und ich in euch.“
trachtet werden können, steht dieses Motiv im Das Bild des Berges ersckeint in den heiligen
Mittelpunkt. Dort heißt es zum Beispiel: „Zur Welt Schriften immer als die Sphäre der Inspiration, wo
suchen wir den Entwurf — dieser Entwurf sind wir das Weltenurwort und der- Weltenurklang, die
selbst.‘ Sphärenharmonie ihren Ursprung hat. Von dort-
Die ganze Apokalypse schildert nichts her ertönen die Posaunen, die das Irdische in seinen
anderes als die ägnenlange Ausfüh- Grundfesten erschüttern, dort oben rauschen aber
rung dieses göttlichen Entwurfes. auch die goldenen Harfenklänge als die Symphonie
Im 7. Kapitel. schauen wir auf den ersten Akt der in Liebe geeinten Herzen.
dieser Weltwerdung des Menschen: Sein Denken ist „Ich hörte eine Stimme wie eines großen Wassers,
zum Organ der göttlichen Weltgedanken geworden; und die Stimme, die ich hörte, war wie von
er hat die geistige Verblendung und Verfinsterung, Harfenspielern, die auf ihren Harfen spielen.“
die durch den Sündenfall eingetreten ist, überwun- Inmitten des großen Weltorchesters, zwischen
den und sein Denken zur Gralsschale für das reine dem cherubinischen Urklang der Donner, die vom
göttliche Denken gemacht. Von da aus strahlt das Throne Gottes tönen, und dem Gerichtsklang der
Licht des göttlichen Seins in das ganze menschliche, posaunenden Engel erklingen die goldenen Harfen.
Sein ein. Darum tragen die 144 Tausend das weiße Bis dahin spielten diese Harfen nur die vierund-
Kleid, das Lichtgewand der Sophia, der himm- zwanzig Ältesten — „der flutenden Empfindung
lischen Weisheit.
——-

Maß und Meister“ — die großen Menschheitsbild-


„Wer überwindet“, so heißt es im Sendschreiben ner und Orpheusgestalten jener Geistersphäre, aus
an die Gemeinde zu Sardes, „der soll mit weißen deren Mitte einst Orpheus, der Sänger aller Sänger,
Kleidern angetan werden, und ich werde seinen zur Erde herniederstieg, um durch Musik und Ge-
Namen nicht austilgen aus dem Buche des Lebens.“ sang die griechische Kultur zu begründen.

128
Jetzt sind auch die Versiegelten zu himmlischen sind Kinder einer gemeinsamen Mutter, aus derem
Sängern und Musikern geworden, sie spielen gleich- Schoß wir unsere Leiblichkeit empfangen haben—
‚falls die Harfen und singen ein neues Lied. Auf der wir bilden mit ihr einen Leib. In ihr sind wir
ersten Stufe schauten wir sie als die Gebieter der ein Mensch und zugleich viele Millionen. -
Gedankenkräfte, als Menschen der Freiheit, die sich So sind wir in Christus ein Geist, ein Ich und:
ihre moralischen Ziele selbst zu setzen vermögen. sind doch auch wiederum viele Seelen, viele
Jetzt erscheinen sie als priesterliche Hirten- selbständige Individualitäten. Davon zeugt das
menschen, die alle Stürme, Leidenschaften und Dis- Wort Christi: „Ich bin der Weinstock, Ihr seid die
harmonien der Seele überwunden und sich in har- Reben.“
monischen Einklang mit den Herzenskräften des Dies ist ein Wesensgleichnis für die Icheinheit im
Weltalls gebracht haben. Ja, sie werden zu Mit- der Vielheit. So wird der Christus der verewigten
sprechern und Mitschöpfern des schaffenden Menschheit innewohnend sein, und die Himmels-
Weltenwortes berufen, sie singen ein neues Lied, architektur der goldenen Stadt wird zugleich den
das.bis dahin noch. nicht im All erklungen ist, ein verklärten Weltenleib der Menschheit wie den
Lied, das ‚niemand sonst, auch kein Engel, zu Leib Christi bilden. In diesem Bilde schauen wir
dichten und zu singen vermag. die vollkommene Einswerdung und Durchdringung
x*
von Geist und Natur, von Geist und Leib. Darin
erfüllt sich, was Novalis aus einer tiefsten Einsicht
Als dritte Stufe vollkommener Menschwerdung heraus in seiner „Hymne“ anklingen läßt:
erscheint das Bild des himmlischen Jerusalem selbst.
Dies ist der Geistesbau der neuen Erde. Hier wird „.. wer hat des irdischen Leibes hohen Sinn .
zwar nicht mehr unmittelbar von den 144 Tausend erraten?
gesprochen, aber es wird gesagt: „Ein Engel maß Wer kann sagen, daß er das Blut versteht?
die Mauer der Stadt, hundertvierundvierzig Ellen. Einst ist alles Leib,
Das ist das Maß des Menschen und zugleich des Ein Leib.“
Engels.“ Dies aber heißt: Der Mensch selbst ist
Welt geworden, ein Glied der himmlischen Hier- Im Golde der himmlischen Stadt, die dieser Leib
archien. Es erfüllt sich in der Bibel das Weisheits- sein wird, leuchtet die Lichtkraft geheiligten
wort alter Philosophie: „Der Mensch ist das Maß Denkens; in ihrem Perlenglanz schimmert der
aller Dinge.“ Zauber geheiligten Fühlens; im Funkeln der Edel-
Das sind für den Menspghen der Gegenwart steine glüht die Tatkraft geheiligten Wollens.,
schwer zu fassende Bilder und Gedanken, aber das Was aber ist der innerste Sinn dieser Gottnatur,
Gleichnis der vergänglichen Natur bietet uns viel- dieser neuen Lichterde? — Sie ‚wird sein das.
leicht eine Hilfe für das Vertändnis der ewigen Weltenhaus des großen Abendimahles und in sich
Natur: ö bergen das Ziel unserer Menschwerdung, die
In der Leiblichkeit des Erdenmenschen vollendet Kommunion der allumfassenden Liebe.
sich das höchste Bildungsmaß der Natur, wir alle Wilhelm Salewski

Raimundus Lullus
Auf Türmen und Bastionen liegt Mondlicht, in in der Hand. Da hebt er die Augen. Rechts von
den Gärten, die ans Meer reichen, blüht der Jas- ihm, in der dämmrigen Ecke ist ein Licht, die
min. Wie weißes Spitzenwerk sind die maurischen Gestalt eines Menschen mit ausgespannten
Fenster, wenn sie den Nachthimmel umsäumen, Armen... Christus am Kreuz.
bläulich flimmernd sieht ein Stern ins Gemach. Raimond Lullus sitzt erstarrt, seine Ohren
Der Kämmerer Raimond Lullus wirft den hören nicht, nur seine Augen sehen. Leise legt er
Griffel von sich. Ein Gedicht hat es werden sollen die Wachstafel zur Seite, ehe er sich angezogen
für die Frau, deren Blick sich heute Abend ver- auf das Lager wirft.
wirrt vor ihm gesenkt hat. Aber die Worte wollen Der Dienst am aragonischen Königshof von
nicht kommen. " Mallorca ist nicht schwer. Der Kämmerer Lullus
Flüsternd fragt ein Diener nach. Raimonds Be- ist ein Liebling seines Herrn, er muß heute die
fehl; er heißt ihn schlafen gehen. Ihn selbst lockt Gesandten aus Frankreich empfangen und bei der
der Schlaf noch nicht, auch wenn morgen früh der Tafel nahe der Königin sitzen. Abends tanzt er
Dienst des Königs wartet. Die Nachtigallen singen, in grüngoldenem Seidengewand mit den Damen
er liebt und er muß dichten. Welches ist das Wort, des Hofes, mit der Frau, die vor ihm den Blick
das die Liebe umfaßt? Was ist es: Das Wort? senkt und hebt.
Wieder hat er die Wachstafel vor sich, den Griffel Er zögert, als er gegen Mitternacht sein Gelaß

129
betritt. Wieder versilbert das Mondlicht Zinnen „Nein, hochwürdiger Herr, ich habe Weib und
und Gärten, die Nachtigallen singen, heute ist er Kind.“ ö
müde. Scheu heben seine Augen sich, ehe er zum „Ich verstehe nicht ganz... Glaubt Ihr nicht,
Lager geht. Da ist sie wieder, die Lichtgestalt am daß Euer Schwert wichtiger sein kann als Eure
Kreuz, in strömende Liebe taucht er ein. Feder? Noch stehen die Mauren in Spanien!“
Sieben Tage-lang tut er Dienst, sieben Nächte „Aber die Kraft ihres Schwertes ist erschöpft.
lang sieht er, was niemand weiß. Verstaubt liegt Es ist die Lehre der Mauren, die Gefahr bedeutet
die Wachstafel, verblaßt ist das Bild der Frau. für das. Christentum.“
„Herr, was willst du von mir?“ flüstert er in der Der Ordensgeneral bleibt würdig und höflich,
siebenten Nacht. kaum sichtbar ist das Lächeln in den Winkeln
Im Dom, wo das Sonnenlicht sich in farbigem seiner Augen. „Dennoch, Herr Ritter, ich glaube,
Glase bricht, vor still brennenden Kerzen kniet er daß Ihr in Mallorca nötiger seid als in Paris.“
stumm, sein Herz nur schreit: „Was soll ich, Raimond verneigt sich und geht nach Mallorca
“ . Herr?“ — Der Sommer zieht über Mallorca hin,- zurück, aber nicht_an den Hof in Palma. -Ein
längst sind die Vögel verstummt, an den Hängen winziges Haus nimmt ihn auf, der Sklave ist bald
werden die Trauben geerntet. Es ist der 4. Oktober, gekauft, der arabisch lehrt; jahrelang studiert
Palma feiert den Tag des Heiligen von Assisi. Raimond. Manchmal steigt ihm das wilde Blut
Auch Raimond Lullus hört die Predigt, die der noch zu Kopf wie einst. Der Mohammedaner hat
Bischof der Insel hält, über den Mann in Italien, gewagt, gegen Raimonds Gott zu lästern, und
der mit fröhlichen Brüdern dahingelebt hat, bis Raimond läßt ihn dafür peitschen. Wenige Tage
er eines Tages alles hergab, um im Dienst eines später fährt ihm das spitze blanke Messer des
Höheren arm zu sein, Bruder von Fischen, Vögeln Arabers zwischen. die Rippen: „Du bist tot, Rai-
und Bäumen. \ mond!“ Die Wunde ist tief und böse, aber sie
Am Abend steht Raimond vor dem Könjg. heilt doch, und der Sklave erhängt sich im Ge-
Auch er will alles hergeben, was er besitzt, nur wahrsam. Raimond geht in sein 42. Jahr.
seine Frau und seine Kinder sollen weiterleben Über Mallorca erhebt sich ein Berg, steil fallen
wie bisher. Er selbst bittet um Abschied. die Wände nordwärts ins Meer. Es ist ein trüber
„Was ist mit dir? Wohin willst du gehen?“ Herbsttag, als Raimond ihn besteigt. Im Nebel
fragt der König. versinken Häuser und Bäume, die ganze Insel zu
„Nach Santiago und dann nach Paris. Mehr weiß seinen Füßen. Durch ziehende Schleier blickt blaß
ich noch nicht.“ die Morgensonne.
Der König verstummt vor Raimonds ent- In einem Felsspalt sitzt Raimond, ihm ist, als
schlossenem Blick. Das Mittelalter glaubt an un- erwache er aus tiefem Traum, aus dem Traum der
sichtbare Berufung. 42 Jahre seines Lebens. Versunken in: Betrachtung
Ein Schiff fährt ans spanische Ufer, ein Reiter hat er nicht gesehen, daß außer ihm noch ein
trabt von Santiago, wo des Apostels Jacobus Ge- Mensch auf dem Berge ist, ein Schäferknabe, der
beine liegen, nach Paris. Es ist das Jahr 1266, in aussieht wie er selbst, Raimond, in früher Kind-
der Hauptstadt von Frankreich lehren .erleuchtete heit. Der Knabe beginnt zu sprechen und redet,
Geister, Thomas von Aquino und alle jene anderen, solange die Sonne am Himmel: steht. In der
die den Griechen "Aristoteles kennen und die Dämmerung taucht er zurück, und Raimond
Schriften der Araber so gut wie das Evangelium. weiß, daß er in einer Stunde mehr über das Ge-
Vor- dem Dominikanerkloster steigt Raimond heimnis des Wortes und des Menschen erfahren
vom Pferd, der Oberste des Ordens, Raymundus de hat, als sich in zwei vollen Tagen aussprechen
Pennaforte, empfängt den vornehmen Gast. läßt. Er geht zu Tal, in seine Klause zurück, und
„Was ist Euer Begehr, Herr Ritter?“ beginnt zu schreiben. Er schreibt 4 Monate lang.
„Ich möchte lateinisch und arabisch lernen und Dann war das erste Buch seiner „Ars magna“,
gegen die Mauren Beweise führen, daß sie sich
der großen Kunst der Wahrheit, vollendet, von
geschlagen geben müssen.“ der er sagte, Christus selbst habe sie ihm mit-
geteilt. Das Geheimnis des Logos begann sich ihm
Pennafortes ganzes Leben gilt dem Kampf gegen
zu erschließen, er trug es lehrend durch halb
den Unglauben der Mauren. Auf sein Geheiß hat
Europa und bis vor die Akademien der Araber in
der große Thomas die „Summa“ zu schreiben be-
Nordafrika, von der Kirche teils geduldet, teils be-
gonnen. Pennaforte muß lächeln. Was soll- ein kämpft. In seinem 80. Jahr noch forderte er
Ritter im Kampf mit den Waffen des Geistes? Ein Könige und Universitäten auf zum „dritten Kreuz-
Ritter, der nicht einmal lateinisch kann? Das zug“, zum geistigen Kampf gegen ‘die Lehre des
Kolleg der Dominikaner, die erste Universität des Averroes. Aber als er selbst, geschwächt und er-
Abendlandes, ist keine Knabenschule! krankt, noch einmal nach Afrika übersetzen
„Habt Ihr gedacht, in unseren Orden einzu- wollte, ergriff ihn die Furcht vor dem, was er
treten?“ kommen sah. Ein Schiff ließ er vorübergehen.

130
Dann raffte er sich auf. Noch krank wurde er an durstigen Kehlen durch die heißen Wüstennächte.
Bord gebracht. In Tunis rief er die Gelehrtesten Und Raimond Lullus starb tags darauf im Hagel
des Mohammedanismus zusammen und sprach zu der Steine, die sie nach ihm warfen.
ihnen über das Christentum. M. J. Krück v. Poturzyn
„Die Religion ist in Gefahr!“ rief es aus rache-

Blicke in die Zeit


‘ Die Wiederkehr des natürlichen Hellsehens oder doch von einem bestimmten Punkte ihres
und die Wiederkunft Christi Lebens an zusammenhängend als natürliche Gabe
Die Zeit ist nicht mehr ferne, wo unsre sogenannte zu eigen war. Ihre Zahl ist schwer zu schätzen, be-
Neuzeit mit ihrem wissenschaftlichen Denken, ihrer stimmt aber größer, als das offizielle Bild des.
populären Bildung und mit ihrem ganzen offiziellen Geisteslebens ahnen läßt. Und es haben zu allen
Geistesleben als die eigentliche finstere Epoche in Zeiten Menschen gelebt, die in Zuständen der Ab-
der Menschheitsgeschichte erscheinen wird. Finster, wesenheit des Tagesbewußtseins spezielle übersinn-
wie es das „Mittelalter“ bei weitem nicht gewesen liche Erlebnisreihen, teils in regelmäßiger Wieder-
ist. Daß der menschliche Geist sich einmal ganz der holung hatten, die sich z.B. unter Stigmatisations-
Erforschung der materiellen Welt zugewandt hat, erscheinungen auf das Leiden Christi bezogen,
wird immer seine Bedeutung in der Entwicklung völlig unabhängig von den biblischen Urkunden und
des Bewußtseins behalten. Daß aber auf den Er- ebenso völlig abseits des bewußt gepflegien
gebnissen dieser physischen Forschung eine totali- Mediumismus. ,
täre und dogmatische Weltanschauung aufgebaut Das alles hat es je und je gegeben und gibt es
wurde, in der für die übersinnlichen Reiche des heute noch. Aber diese Unterströmung des Geistes-
Lebens, der Seele und des Geistes schlechterdings lebens kam je später je mehr in eine verzweifelte
kein Raum mehr war, das wird bald als’ absurder Lage. Die auf diesem Gebiete unerfahrenen Men-
mäterialistischer Aberglaube betrachtet werden. schen werden häufig durch ihre eigenen Erlebnisse
Vielleicht wird man dann noch zu begreifen suchen, in schwerste Zweifel und innere Nöte versetzt. Die
wie die- Naturforschung hinter ihren physischen Suggestion des materialistischen Denkens ist oft so
Objekten die übersinnliche Welt verlieren konnte.’ stark, daß solche Menschen eher fürchten, den Ver-
Daß es aber auch eine Theologie, eine Gotteslehre stand verloren zu haben, als daß sie sich den Zu-
gibt, die bei einer radikalen Leugnung der geistigen sammenbruch ihres bisherigen Weltbildes durch die
Welten angekommen ist, das erscheint schon heute eigene Erfahrung eingestehen.. Wenden sie sich in
einer wachsenden Zahl von Menschen als die äußerste solchen Angelegenheiten an Psychoanalytiker, an
Grenzmarke des intellektuellen Sündenfalles. Ärzte, an Seelsorger, so bekonımen sie in der Regel
Dabei konnte sich der naturwissenschaftliche und Auskünfte, die jedenfalls nicht dazu angetan sind,
theologische Materialismus niemals darauf berufen, ein neues gesundes Selbstbewußtsein auf der Basis
daß die übersinnliche Welt und ihre Wesenheiten ihrer übersinnlichen Eindrücke zu begründen. Man
je aufgehört hätten, doch noch die Wege in das will ja schließlich nicht der „Halluzination“, der
verdunkelte Bewußtsein der Menschen zu finden. „Autosuggestion“ oder gar dem „Blendwerk des
Es hat mit aller Gewißheit noch nie einen Tag ge- Bösen“ zum Opfer fallen. Der Umstand, daß man
geben, an dem nicht Hunderte von Menschen auch sich auch in der allgemeinen "menschlichen Gesell-
in Europa Gesichte, Wahrnehmungen, Impresio- schaft nur dem Spott, dem Verdacht, der Disquali-
nen, Ahnungen hatten, die nicht mehr „natürlich“ fizierung aussetzt, läßt die Mehrzahl derartiger Er-
zu erklären sind; und noch nie eine Nacht, aus der lebnisse niemals bekannt werden.
nicht wieder Hunderte mit den Ergebnissen von Menschen, die auf diesem Gebiete einige Selbst-
Hellträumen oder von jenen vollbewußten Momen- gewißheit erreicht haben, pflegen instinktiv oder
ten innerhalb des Schlafzustandes aufgewacht aus Erfahrung zu schweigen oder sich höchstens
wären. Die Sterbenden haben nie ganz aufgehört, einem engsten Vertrautenkreise zu eröffnen. Es.
von den ersten Erlebnissen beim Eintritt in das sind meist nicht die edelsten Vertreter dieser
nachtodliche Leben noch zu sprechen, die .„Toten“, Gattung, die heute als „Hellseher“ gelegentlich
insbesondere die jüngst Verstorbenen haben nie Sensation machen. — Wieder andere Menschen sind
ganz aufgehört, oft über weite Entfernungen hin durch die Art ihrer Erlebnisse nicht in der Lage,
sich ihren nächst-verbundenen Seelen zu bekunden. sie zu verbergen. Dann entstehen Sensationen wie
Selbst in dem Reiche der äußeren Sinnenwelt hat diejenige um die Therese Neumann von Konners-
es immer wieder Erscheinungen und Vorgänge ge- reuth. Mit welcher teils blasierten, teils verlegenen
geben, zu denen kein Naturgesetz mehr den Hilflosigkeit steht die „Wissenschaft“ diesem
Schlüssel bietet. Es hat auch immer Menschen ge- Phänomen gegenüber! Während sich noch vor
geben, denen „das zweite Gesicht“ lebenslänglich hundert Jahren in Clemens Brentano und Justinus

131
Kerner hervorragende Träger des deutschen Geistes- doch eine sehr bedeutsame Rolle für die Gegenwart
lebens fanden, die den verwandten Erscheinungen und Zukunft zuerkannt. Während es bisher ständig
der Katharina Emmerich und der „Seherin von an Häufigkeit und Bedeutung verloren hat, wird es
Prevorst“ mit allem Ernst und aller Bereitwillig- sich im Laufe der nächsten zwei- bis dreitausend
keit gerecht zu werden suchten und auch weithin Jahre wieder zu einer verbreiteten menschlichen
ein positives Interesse der gebildeten Welt an Fähigkeit entwickeln. Die Anfänge dieser Ent-
diesen Erscheinungen erreichten, fand sich für wickelung sind jetzt schon deutlich wahrzunehmen.
Therese Neumann kein kompetentes Urteil mehr. Die vornehmste Aufgabe dieses natürlichen Hell-
Nun sei aber ‘auch eingeräumt, daß auf dem sehens wird es sein, ein Organ zur Wahrnehmung
ganzen Gebiete übersinnlicher Wahrnehmungen und der ätherischen Wiederkunft Christi darzustellen.
Erscheinungen in der Gegenwart eine Verwirrung Seit dem Jahre 1910 hat Rudolf Steiner in zahl-
sondergleichen eingetreten war. Tatsächlich krank- reichen Vorträgen immer wieder davon gesprochen,
hafte, hysterische,eeingehildete und schwindelhafte daß Christus zwar nie mehr in einem physischen
Phänomene überfluteten und diskreditierten die Leibe, aber vom Ende des ersten Drittels dieses
echten und wahrhaftigen. Dilettantische Theorien, Jahrhunderts an im ätherischen Leibe wiederkehrt
aus allen Himmelsrichtungen und Zeiten abgeleitet, und-auch dem natürlichen Hellsehen sichtbar wird.
vergrößerten nur das Chaos, und auch die moderne Als Beginn dieser Ereignisse wurde das Jahr 1933
Halbwissenschaft der „Parapsychologie“, die mit genannt, und viele Menschen, die von dieser Voraus-
völlig unzureichenden Mitteln zu Werke ging, ver- sage wußten, haben mit einer gewissen Unsicherheit
mochte weder Regeln noch Kriterien für diese auf ihre Bewahrheitung gewartet; denn zunächst
Ebene des Daseins zu bieten. Weder dem Erleben- war wenig davon zu beobachten, während der ganze '
den selbst noch dem Beurteiler standen gesicherte Horizont des menschlichen Seelenlebens von den
Grundlagen des Verständnisses und des Urteils zu turbulenten politischen Ereignissen verfinstert
Gebote. Aus diesem Grunde war die Zurückhaltung wurde, die genau mit diesem Jahre einsetzten. Von
vieler nüchterner Menschen gegenüber allen über- diesem Gesichtspunkt aus hat man einen neuen
sinnlichen Phänomenen zu verstehen. Nun aber sind Grund, die im Jahre 1933 zum Ausbruch kommen-
seit bald einem halben Jahrhundert auch in diese den geschichtlichen Ereignisse als einen zielbewußten
chaotische Welt Ordnungen und Maßstäbe gebracht Gegenschlag finsterer Mächte zu. betrachten. Denn
durch die umfassenden übersinnlichen Erkenntnisse die entstehende geistige Atmosphäre war von nun
Rudolf Steiners, die, in die Formen des exaktesten an ganz dazu geschaffen, das Keimen intimer zarter
Denkens gebracht, öffentlich zur Verfügung stehen. Seelenfähigkeiten zu unterbinden .oder doch ihre
Daß davon gerade von seiten der Wissenschaft nicht Wirksamkeit. in der menschlichen Gesellschaft zu
mehr Gebrauch gemacht worden ist, kann mit der kri- verhindern. Bezeichnenderweise häufen sich die
tischen Nüchternheit nicht mehr begründet werden. Dokumente, die wir heute vorzulegen haben von
Im wesentlichen können drei Wege unterschieden dem Zeitpunkt an, wo die mitteleuropäische
werden, auf denen heute Wahrnehmungen der Tyrannis in ihre katastrophalen Endphasen ein-
übersinnlichen Welt möglich sind. Erstens der Weg trat. Während der Rückzüge im Osten, unter dem
der okkulten Schulung, der zu vollbewußten Ima- Bombenhagel auf die deutschen Großstädte, in
ginationen, Inspirationen, Intuitionen führt. In Gestapokellern und Gefangenenlagern setzen sie
diesem Weg der schulungsmäßigen Steigerung des nun in dichter Reihe ein. Bevor wir auf sie zu
Bewußtseins hat Rudolf Steiner die maßgebende sprechen kommen, sei eine der Vortragsstellen aus
Methode für die Zukunft erblickt, entwickelt und Rudolf Steiners Voraussagen wörtlich angeführt,
gesichert. — Zweitens die „medialen“ Erlebnisse in die sich nun ihrer Bewahrheitung nähert:
halb- oder unterbewußten Trancezuständen. Sie „Irgendein Mensch kommt da oder dort hin,
können zwar von dem Erlebenden durch Sprache, dieses oder jenes erlebt er; wenn er nun wirklich
Schrift oder Zeichen bekundet werden, entziehen das Auge durch Beschäftigung mit der Anthro-
sich aber der Kontrolle durch das Bewußtsein und posophie geschärft hätte, könnte er schon bemerken,
auch der Erinnerung. Rudolf Steiner hat den daß plötzlich um ihn irgend jemand ist, kommt, um
Mediumismus als nicht mehr gegenwartsgemäß be- zu helfen, ihn auf dieses oder jenes aufmerksam zu
trachtet und aus dem anthroposophischen Leben machen, — daß ihm der Christus gegenübertritt —,
vollständig ausgeschaltet. — Drittens das ätherische er aber glaubt, irgendein physischer Mensch sei da,
oder natürliche Hellsehen. Es tritt ohne Schulung Gar mancher wird erleben, wenn er gedrückten
und Absicht bei vollem Bewußtsein ein und hat Herzens, leidbelastet, still in seinem Zimmer sitzt
meist den Charakter nüchterner Wahrnehmungen, und nicht aus noch ein weiß, daß die Türe geöffnet
die sich von den gewöhnlichen Sinneseindrücken wird, der ätherische Christus wird erscheinen und
zunächst kaum unterscheiden. Wenn sich dieses wird Trostesworte zu ihm sprechen. Ein lebendiger
natürliche Hellsehen auch grundsätzlich von dem Trostbringer wird der Christus für die Menschen
planmäßigen exakten anthroposophischen Erkennt- werden! Mag es auch heute noch grotesk er-
nisweg unterscheidet, so hat ihm Rudolf Steiner scheinen, aber wahr ist es doch, daß manchmal,

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wenn die Menschen beisammensitzen, nicht aus noch 12. Lebensjahre ab hat sie erst sporadisch, dann
ein wissen, und auch wenn größere Menschen- — nach einer längeren Unterbrechung voll Ver-
mengen zusammensitzen und warten:.daß sie dann zweiflung und Lebensüberdruß — zusammen-
den ätherischen Christus sehen werden! Da wird er hängend die Gabe des natürlichen Hellsehens und
sein, wird beratschlagen, wird sein Wort auch in Hellhörens. Durch übersinnlihe Erscheinungen
Versammlungen hineinwerfen. Diesen Zeiten gehen wird sie mehrmals auf den Tod nahestehender
wir durchaus entgegen. Das ist das Positive, das- Menschen vorbereitet, später kann sie durch ent-
jenige, was als positives, aufbauendes Element in sprechende Eindrücke den Tod oder die Genesung
die Menschheitsentwicklung eingreifen wird. Kein ihrer Patienten mit Sicherheit voraussagen. Nach
Wort soll gegen die großen Kulturfortschritte dem Tode sieht sie regelmäßig die sich aus dem
unserer Zeit gesagt werden; sie sind notwendig zum Leibe lösenden übersinnlichen Wesensglieder des
Heil und zur Befreiung der Menschen. Aber nehmt Verstorbenen sich über dem Leichnam formieren
alles, was Ihr nehmen könnt an äußeren Fort- und in die geistige Welt aufsteigen usw. Das Buch
schritten in der Beherrschung der Naturkräfte, es ist schlicht, sachlich, vernünftig und absolut glaub-
ist nicht einmal als etwas Kleines und Unbedeuten- würdig geschrieben. Die mitgeteilten Wahrnehmun-
des zu vergleichen mit dem, was dem Menschen ge- gen können ohne Schwierigkeiten durch die
geben wird, der in seiner Seele das Erwachen durch Anthroposophie bestätigt, verstanden und exakter
den Christus erleben wird, der jetzt in die Mensch- bezeichnet werden, als es durch die Verfasserin
heitskultur und in ihre Angelegenheiten eingreifen geschieht. Sie berichtet auch von einer Reihe von
wird“ (Basel, 1. Oktober 1911). Christuserscheinungen, von denen die eindrucks-
Wieviel von diesen Voraussagen doch schon wäh- vollste hier in deutscher Übersetzung wiederge-
rend des „Dritten Reiches“ in Erfüllung ging, wird geben sei:
sich schwer ermitteln lassen. Öffentlich konnte „Es war drei Monate her, seit ich die Kranken-
kaum davon berichtet werden. Nur auf dem Um- pflege übernommen hatte, als ich zum ersten Male
wege über Briefe aus Skandinavien konnten wir in Berührung kam mit der häßlichen Seite der
damals von den ersten Erscheinungen Kunde be- Arbeit einer Krankenschwester. Beim Anblick der
kommen, ‘die im Juliheft 1940 dieser Zeitschrift scheußlichen Verheerungen, welche eine Krankheit
notiert werden konnten. In den schweren Kämpfen erzeugte, die Verderbtheit und Laster hervorge-
des Winters 1939/40 hatten ganze Abteilungen der rufen hatte, überkam mich Ekel und das Gefühl
finnischen Armee Wahrnehmungen übersinnlicher des Erbrechens. Mit Widerwillen wandte ich mich
Scharen von Mitkämpfern, aber auch der ätheri- von dem Patienten ab. ‚Ich will und kann mich
schen Christusgestalt durch das natürliche Hell- nicht besudeln durch die Berührung dieses Mannes‘,
sehen. Emil Bock hat damals wohl mit Recht diese sagte ich zu mir selbst. Darauf ergoß sich eine Flut
„Spätlinge alten nordischen Hellsehens als Erstlinge- von Licht über mich, und indem ich aufschaute, er-
eines Neuen“ angesprochen, „die zu Ahnungen des blickte ich die Gestalt des Heilandes, die sich über
Mysteriums führen, das wir die Wiederkunft Christi den Kranken’ neigte. Er wandte sein Haupt zu mir,
nennen“, \ . blickte zu mir nieder, und indem er seine Hände
Heute sind die Erwähnungen solcher Erlebnisse über den von der Krankheit entstellten Sünder
in Zeitungen und Traktaten, in Büchern und Bro- breitete, sagte er: ‚Alles, was ihr getan habt einem
schüren keine Seltenheit mehr. Dabei dürfte klar unter diesen, das habt ihr mir getan. In jedem Ge-
sein, daß nur ein Bruchteil der wirklich einge- ‚schöpf, das eurer Obhut anvertraut ist, erblicket
tretenen Phänomene den Weg zur Druckerpresse mich, und eure Arbeit wird leicht sein.‘ Die
sucht. Nach dem Kriege hat als erster Otto Palmer Vision — wenn man es überhaupt so nennen
im Februarheft 1947 dieser Zeitschrift über eine konnte — verschwand wieder. Ich wandte mich
wunderbare Errettung aus einem Bombenkeller be- wieder dem Kranken zu. Verschwunden war
richtet, die im September 1946 in den „Berliner aller Ekel und Widerwille, den ich vor wenigen
Heften für geistiges Leben“ veröffentlicht worden Augenblicken noch empfunden hatte.“
war. Sie hatte im Januar 1943 in Berlin stattge- Joy Snell ist nach einer Stelle ihres Buches zu
funden. Weiterhin gab Palmer damals den münd-' schließen wohl Irin und würde somit einem Volke
lichen Bericht eines Soldaten wieder, der ein ver- angehören, in dem wie bei den Finnen die Gabe
wandtes Erlebnis einer versprengten deutschen des „zweiten Gesichtes“ noch: nicht lange und nicht
Kampfgruppe in Rußland wiedergab. Inzwischen so weitgehend erloschen war wie bei den meisten
sind uns zahlreiche öffentlich erwähnte Wahr- Völkern Europas. Das würde erklären, warum
nehmungen des ätherischen Christus durch das ihre Erlebnisse mindestens zum Teil vor dem von
natürliche Hellsehen bekannt geworden. Rudolf Steiner angegebenen Zeitpunkt liegen. Ihre
In England ist jetzt das Erlebnisbuch der Kranken- Eindrücke sind auch offensichtlich dem Boden einer
schwester Joy Snell: „Vom Dienste der Engel im starken gemüthaften Frömmigkeit entwachsen, der
Diesseits und Jenseits“ in vielen Auflagen ver- niemals ganz aufgehört hat, auch Früchte des über-
breitet (Verlag Bell and Sons, London). Vom sinnlichen Wahrnehmens zu tragen. Anders liegt

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es mit den folgenden Zeugnissen, die den letzten schwester wie dieses Dänen fällt auf, daß offenbar
Jahren entstammen. Der dänische Schriftsteller starke Lockerungen und Erschütterungen der ge-
Hans Heltoft schrieb in der Chronik der Kopen- wöhnlichen Seelenverfassung die hellsichtige Wahr-
hagener Zeitung „Morgenbladet“ über sein Erleb-. nehmung ermöglichten. Dort der Ekel beim An-
nis in einem deutschen Gestapogefängnis. Wir blick scheußlicher selbstverursachter Zerfressenheit
folgen der Wiedergabe dieses Berichtes in der reli- eines Leibes, hier das Außersichgeraten beim mit-
giösen Flugblattreihe „Gib Acht“ Nr. 5 vom fühlenden Miterleben unmenschlicher Rohheits-
15. August 1946. " exzesse. Bei dem folgenden Beispiel ist es das
In einem modrigen Keller sind 500 Gefangene Fieber, das zu der sowieso durch Hungern und
aller Nationalitäten mit Mattenflechten beschäftigt. lange. Gefangenschaft gegebenen Durchlässigkeit
Ein Aufseher tritt ein und prügelt einen Russen hinzutritt. C. Fr. Moerk berichtet in seinem Büch-
aus einem nichtigen Anlaß zu Tode, schlägt immer lein: „Brevier eines Heimkehrers aus russischer Ge-
weiter auf den leblosen, blutigen Klumpen ein. fangenschaft“(OehlschlägerscheBuchdruckerei,Calw):
„Jeden Schlag spürten wir Gefangenen an unserem „Während einer solchen Stunde der Nacht, da
eigenen Körper... ‚Es ist genug‘, rief ein polni- ich mit todnahen Blicken zusehen mußte, wie rohe
scher Gefangener außer sich. ‚Es ist genug‘, wieder- Hände mit hartem Griff einige der Stubenkamera-
holten wir alle mit dumpfer Stimme... In dem- den in die Grube schleppten, und mich fragte,
selben Augenblick trat Jesus in den Keller. Ich wann wohl die Reihe an mich kommen würde, trat
gehöre der Kirche nicht an und hatte Jesus nie Einer an mein Bett. Eine grenzenlose Güte ging
zuvor gesehen. Und doch kannte ich ihn und von ihm aus. Seine Größe und Reinheit spendeten
merkte auch, daß auch die anderen ihn er- wunderbares Leuchten. Meine Sinne wurden klarer,
kannten... Sein ganzer Eindruck ging einfach und plötzlich sah ich mitten durch alles Leben eine
über unsere gewohnte Begriffswelt hinaus. Das helle Spur gehen — das Leiden! Der Fremde sprach
einzige, was mir heute klar ist, ist das, daß dieser- kein Wort. Ich aber hatte das Gefühl, als ob er
Jesus ein Etwas war, das ich nicht beschreiben seine milden, gütigen Hände um meine schwachen,
kann, und doch zugleich ein gewöhnlicher Mensch. zitternden legen würde und die Worte mir zu-
Und, trotzdem ich außerhalb der Kirche stehe, spreche: es wird alles gut. Doch er hatte sein
muß ich sagen: ‚Es war das Allergrößte, was wir Schweigen nicht gebrochen. Aber seine Gegenwart
je erlebt hatten und je erleben können.‘ Und nun gab mir die Gewißheit, daß Christus noch unend-
geschah gleichzeitig mit dem Eintreten Jesu folgen- lich mehr sein konnte und wollte. An mir war es,
des: Der modrige Kellerraum wurde ganz ver- ihm zu vertrauen, ganz und gar und für immer!
wandelt... über den Keller legte sich ein Farben- Noch schwere Tage folgten. Aber der bekannte Un-
ton von Hellrot und Blau, und dazu breitete sich bekannte stand wieder da. Gewisser als die Ärzte
eine Sphäre aus, die einem das Gefühl des Frie- in den weißen Mänteln war mir seine Gegenwart.
dens gab... Der Raum bis zur Decke schien mir Auch sein Gewand war weiß‘ — völlige Reinheit.
so groß zu sein, daß man eine ganze Scheune hätte Keine Stunde, ja keinen Augenblick in diesen
hineinbauen können... Jesus sah uns nicht an... fiebervollen Nächten wich er von meiner Seite. Die
Er betrachtete nur den zerschlagenen Menschen zu Ärzte spritzten... Er aber schenkte mir Frieden
seinen Füßen. Sein Gesicht strahlte eine Liebe aus, und Kraft!... Noch manche Nacht schüttelte mich
die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann... das Fieber. Aber immer stand der Gütige und
Er beugte sich über den Russen und küßte ihm Reine bei mir. Nur einmal wich er während dieser
sanft die blutige, angeschwollene Wange. " Zeit von meiner Seite — als er den Kameraden
Der Mann, den wir für tot gehalten hatten, rechts von mir ‚heimwärts‘ trug... Als das Bett
öffnete das eine Auge. Das andere war vom Blute neben mir leer war, wollte ich von dem Gütigen
zugeklebt. Als er Jesus erblickte, leuchtete sein wissen, was er nun mit mir vorhabe. Er gab keine
mißhandeltes Gesicht in kindlicher Freude auf. Mit Antwort. Nur fester noch spürte ich den Druck
großer Mühe streckte er die eine Hand Jesus ent- seiner Hände, und weiter und größer wurde das
gegen. Jesus nahm sie in seine beiden Hände, Leuchten um ihn. Und ganz herznahe kam er mir.
indem er sich ein wenig vorbeugte. Es war so un- Da regte sich in mir unter seiner segnenden Gegen-
beschreiblich schön, daß wir anderen unwillkürlich wart das Leben wieder.“
mit einem stillen Lächeln dastanden — auch der Man kann ohne weiteres wissen, was die
Aufseher. modernen Psychologen und Psychiater sagen wer-
Da sank der Russe zusammen, und der unsagbar den, wenn sie dies Büchlein lesen. Indessen sind
schöne Ausdruck, der über der ganzen schimpfier- Fieberzustände ebensowenig wie die schweren seeli-
ten Gestalt gelegen hatte, verschwand. Jesus legte schen Erschütterungen der‘ vorangehenden Bei-
sanft, die Hand des Russen an den Körper zurück spiele ein zureichender Anlaß zur Bezweiflung ‚der
und ging aus dem Keller. — Sofort war alles Realität solcher Erlebnisse. Für eine intimere
wieder wie zuvor.“ \ Kenntnis des heutigen Seelenwesens sind sie im
Bei den Erlebnissen der englischen Kranken- Gegenteil Wahrscheinlichkeitsmomente. Denn daß

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unser „normales“ Tagesbewußtsein nicht ohne lebende‘ aus der Ecke und ich folgten. Der Mensch,
weiteres in das Hellsehen übergeht, dürfte sowieso der die Schuld auf sich genommen hatte, war
bekannt sein. Indessen sind die genannten be- unseren Blicken plötzlich entrückt. Ich mußte den
sonderen Begleitumstände doch der Grund, warum Weggenossen ‘anreden und sagte zu ihm nur:
wir die bisher angeführten Dokumente nur mit ‚Haben Sie ihn auch erkannt?‘ Er antwortete: ‚Ja,
einer gewissen Einschränkung auf die Ereignisse er ist der einzige Unschuldige.‘“
beziehen können, die Rudolf Steiner ankündigte. An dieser Erscheinung stimmt nun vieles auf das
Sie sind wohl erst als Vorläufer zu bezeichnen. Genaueste überein mit der Voraussage, die oben in
Denn das eigentliche natürliche Hellsehen wird dem Zitat aus einem Vortrag Rudolf Steiners
wohl auch ohne solche besonderen auslösenden wiedergegeben ist: Die gedrückte Stimmung der
Momente eintreten können. Das folgende Zeugnis Beteiligten, die scheinbar gewöhnliche physische
aus der jüngsten Vergangenheit weist in diese Gestalt des „Unbekannten“ ohne aurische Licht-
Richtung. Heinrich Vogel schreibt in der Berliner erscheinungen, sg daß er erst zuletzt von einigen
Tageszeitung „Neue Zeit“ vom 19.11.1947. Im Anwesenden erkannt wird. Das in das Gespräch
Leitartikel einer modernen Zeitung erzählt er seine der Menschen eingeworfene Wort. Und auch diese
Christusbegegnung! Er tut es im Bewußtsein der Art des Entschwindens ist von Rudolf Steiner in
Ungeheuerlichkeit seines Unternehmens: „Ich anderen Vorträgen genau so angegeben. Damit be-
wollte... nur eine kurze Geschichte erzählen, deren wahrheitet sich die erstaunlichste und ungewöhn-
Wirklichkeit der Leser am Schluß so leicht be- lichste der Voraussagen, die Rudolf Steiner für
zweifeln kann, daß ich sie vorsichtshalber nur eine eine Zeit gemacht hat, die wir selbst noch erleben.
Legende nenne.“ Wenn wir dies mit Ehrfurcht und Dankbarkeit
In einem Berliner Stadtbahnzug sitzen drei feststellen, so wollen wir doch bei dieser Befriedi-
Männer und eine Frau beisammen. Vogel sitzt als gung nicht Halt machen. Rudolf Steiners An-
Fünfter etwas abseits in einer Ecke. Die Rede ist schauung ist gewesen, daß die Anthroposophie
von der deutschen Schuld. Der erste Herr ver- Aufgaben haben werde gegenüber den Erschei-
sichert, er habe sich immer nur um sein Geschäft nungen des wiederkommenden ätherischen Chri-
gekümmert; er ‘habe von nichts gewußt; er sei stus. Sie wird allein die volle Möglichkeit haben,
immer völlig unpolitisch gewesen. Die Frau ergeht diese Ereignisse zu verstehen, zu erklären, zu
sich in einer Sturzflut unflätiger Schimpfworte: ob unterscheiden und die Menschheit in ein richtiges
es denn jetzt viel anders sei?... Wenn es einen Verhältnis dazu zu setzen. Dieser Aufgabe will
Gott im Himmel gäbe, könnte er sowas nicht zu- auch diese Mitteilung und Betrachtung dienen.
lassen... Man solle sich an die Anstifter halten... Wenn sie sich in nüchterner Sachlichkeit mit den
Der zweite Herr meint: Unsere einzige Schuld ist, ungewöhnlichsten und würdigsten Gegenständen
daß wir nicht Selbstmord gemacht haben, daß wir befaßt, so möge man darin keinen Mangel an Ehr-
zu den Überlebenden gehören. Nun überschreien furcht erblicken. Die mitgeteilten Erscheinungen
sich auch die beiden ersten Sprecher zustimmend: würden ihren Sinn nicht erfüllen, wenn sie sich in
„Ja, ja, das ist die Wahrheit, so ist es!“ der Zone des gefühlsmäßig oder auch religiös
„Und da geschak,mitten in die Stille hinein, die Sensationellen erschöpfen und nicht zu einer revo-
diesem einmütigen Ausbruch. folgte, etwas überaus lutionierenden Neuerkenntnis der Christuswirklich-
Seltsames, so ungeheuerlich und unbegreiflich, daß keit führen würden. In ihrer sachlichen An-
ich es fast nicht zu erzählen wage, weil es mir doch erkennung als nicht nur mögliche, sondern längst
niemand glauben wird. Wenn ich berichte, was ich erwartete Tatsachen liegt ihre tiefere Würdigung.
nun hörte, ja, und sehen mußte, dann wird man Hans Heltoft, C. Fr. Moerk und Heinrich Vogel
sofort sagen: ‚Du dichtest und phantasierst, und sind Schriftsteller, Journalisten, Männer der Feder.
obendrein so, daß man die Absicht merkt und ver- Ganz gewiß sind nicht nur dieser Menschengattung
stimmt wird!‘ Das darf mich aber nicht hindern, derartige Erlebnisse zuteil geworden. Sie. habem
getreulich zu berichten, daß der Vierte, eine un- nur als erste den Mut zum öffentlichen Bekennt-
scheinbare ärmliche Erscheinung, um die meine nis. Wieviele stille und dem Schreiben abholde Men-
stille Frage die ganze Zeit über wie um ein Ge- schen mag es schon geben, die zur vollen sicheren.
heimnis kreiste, den Mund öffnete und auf eine Anerkennung ihrer eigenen. Eindrücke erst er-
unbeschreibliche, unwidersprechbare Weise nur mutigt und vor Verdächtigungen geschützt werden
fragte: ‚Ist denn keiner schuld? — So muß ja Gott müssen. Darin werden wir künftig eine unserer
schuld sein‘ — und dann, nach einem Schweigen, Aufgaben zu erblicken haben.
fügte er hinzu: ‚Ich bin schuld!‘ *

In demselben Augenblick sah ich seine Hände In der Tasche eines kanadischen Unteroffiziers,
und erkannte mit unbeschreiblicher Bestürzung, der im September 1944 bei Nijmwegen fiel, fand'
daß sie durchbohrt waren und die im Bahnhofslicht sich ein Zettel mit folgendem Gedicht (in eng-
sichtbar werdenden dunklen Nägelmale blutrot lischer Sprache): „Wie Feuer sah ich dich / Lächelnd,.
leuchteten. Er stieg aus. Jener hagere ‚Über- laufend, hüpfend / Strahlend und verzehrend / Wie

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Feuer deinen brennenden Leib lodern / Die vom Ahnung vom nachtodlichen Leben ist, mit der
‘Geist verlassenen Stätten / In Brand setzend und Frage auseinandersetzen muß, die durch die un-
vernichtend ‚/ Gleich einem Feuermeer, bis alles zählbaren Scharen der in unseren Tagen durch den
ausgebrannt. / Jetzt halte ich dein Buch in meiner Tod Gegangenen aufgeworfen ist. Hier seien zwei
Hand / Deine Asche ist es / Und ich sehe dich besonders repräsentative Kulturdokumente dieser
‚doch noch vor mir als Feuer, das irgendwo ver- Art herausgegriffen: der Roman von Hermann
klärend brennt. / Der du so mutig warst, mehr Kasack „Die StadthinterdemStrom*
‚als mutig / Der du so rein warst, mehr als rein / und der Film von Jean-Paul Sartre „Les
Du bist größer als mein Schauen / Irgendwo vor jeuxsontfaits“ (Die Spiele sind gespielt).
Gottes Antlitz flammt dein ewiges Wesen.“ Das Der Kasacksche Roman stellt eine überaus be-
‚schauende Erleben, das sich in diesen Versen merkenswerte bildhafte Durchdringung und Ver-
niedergeschlagen hat, mag dem Verfasser nur als arbeitung der mythisch-apokalyptischen Schicksale
Eindruck von der Seele eines gefallenen Kamera- dar, die überall da über die Menschheit gekommen
den zum Bewußtsein gekommen sein. Dennoch ist sind, wo der gewaltige Vernichtungsrückschlag der
das geschaute Bild transparent für eine größere sich übersteigernden Technik und Organisation be-
Geistbegegnung. So ist es wohl erlaubt, dies er- reits eingetreten ist. Man kann diesem Buche eine
greifende Dokument als Anhang in den hier be- gewisse überragende Bedeutsamkeit nicht ab-
‚sprochenen Zusammenhang hineinzustellen. “ sprechen, obwohl es zugleich ein Kronbeispiel dafür
WilbelmKelber ist, wie einseitig der moderne Intellektualismus das
aufdämmernde Geist-Erleben ins Gespensterhafte
Schatten und Gespenster und damit zuletzt doch ins Unfruchtbare und Tote
In dem Herandringen übersinnlicher Wirklich- abtreibt.
'keiten an die Seelen der, heute lebenden Menschen Ein Kunsthistoriker, Dr. Lindner, begibt sich
gibt es nicht nur die Lichter, die durch Wolken über den breiten, schlammig dahinfließenden Strom
‚dringen, sondern auch gespensterhafte Schatten. in die rätselhafte Riesenstadt, die ihn auf den
"Während kindlichere Gemüter und Menschen, die
m.

Posten ihres Archivars berufen hat. Er kommt in


‚auf den Flügeln eines mächtigen Erlebnisses über das verzauberte Ruinenfeld einer zerstörten Stadt,
die Ebene der bloßen Verstandesbegriffe hinausge- die leblos daliegt, in deren unermeßlichen Keller-
‘hoben werden, unter Umständen zu lichtvoll deut- gängen und unterirdischen Hallen sich jedoch ein
lichen Begegnungen mit einem helfenden Genius unendliches Leben abspielt. Gespensterhaft ist aber
gelangen, versteht es sich von selbst, daß die un- nicht nur das ungeheuerliche termitenhafte Ge-
‚mittelbaren geistigen Wirklichkeiten an eine vom wimmel, sondern vor allem die geradezu maschi-
Intellektualismus voll beherrschte Seele nur in nenmäßige Gesetzmäßigkeit, nach der das Leben
filtrierter, abgeschatteter und vielleicht sogar ent- der Bewohner dieser Stadt abläuft. Die über-
stellter Form herankommen. Der abstrakte In-: dimensionale Farblosigkeit und Öde der Welt, in
tellektualismus erreicht von der Welt nur die die Dr. Linduer versetzt ist, ist mit einer solchen
‚materielle Außenseite. Beginnt er sich Vorstellun- Meisterschaft geschildert, daß sich der Leser dem
:gen vom Übersinnlichen zu machen, so wird zu- lähmenden Bann, der davon ausgeht, kaum zu ent-
‚nächst nur ein Materie-getränktes Bild vom Geisti- ziehen vermag. Das macht die erste Hälfte des
‚gen entstehen, d.h. das Reich ‚des Geistes erscheint Buches aus. Diese kulminiert in der Schilderung
‚als ein Gespensterland. Man kann dies aber auch zweier riesenhafter Gegenfabriken. In der ersten
so ausdrücken und trifft dadurch den Tatbestand werden Kunststeine hergestellt. Die Produktions-
mit größerer Genauigkeit: der materialistisch ge- steigerung geschieht nach übermodernen Methoden,
bundene Verstand erreicht von den Ebenen und die das bolschewistische Stachanow-System weit
‘Sphären des übersinnlichen Daseins nur „diejenige hinter sich lassen. In der Gegenfabrik werden um-
‚der Gespenster, das Zwischenreich, in welchem die
*

gekehrt Steine zu Staub zermahlen. Lindner wird


Seelen der Verstorbenen weilen, wenn und solange hier Zeuge
eines technischen Riesenprozesses, in
sie nicht imstande sind, den sie abdämpfenden
welchem die kalte Leidenschaft der Zerstörung
‚Erdenrest aufzulösen und sich zu den freieren
und des Vernichtens immer größere Rekorde er-
Höhen der Geisteswelt emporzuschwingen. zielt und immer höhere Triumphe feiert. Es muß
In kurzer Zeit hat sich die Zahl der Erzählun- ihn aber
wie ein tödlicher Schreck durchfahren, als
‚gen, Dramen und Filme, in denen Verstorbene
in er inne wird, daß das Rohmaterial für diese tech-
gespensterhafter Art auftreten, d.h. die Erden- nischen.
Vernichtungstriumphe eben jene Kunst-
gestalt, die sie vor dem Tode an sich trugen, un- steine sind,
die in der ersten Fabrik hergestellt
verwandelt festhaltend, ins Unermeßliche vermehrt.
werden. Ist er nur vor ein gigantisches Gleichnis
‚Es scheint, als ob ein unsichtbarer Zwang in der dafür
gestellt, daß sich die Technik in ihrer äußer-
Luft läge, demzufolge sich auch die. materialistisch sten Vollendung
selber ad absurdum führt und ‘in
‚denkende Menschheit, die von einer übersinnlichen eine
große Selbstvernichtung einmündet? Nein, das
‘Welt nichts wissen will und daher ohne eine Rätsel
ist noch viel bestürzender. Er hört nicht

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nur, wie die leitenden Leute der Gegenfabrik sich pulsierenden Lebens getreten war, bestand nicht
des Vorsprungs rühmen, den die Vernichtung einfach nur in einem Erlöschen und Verschwinden;
längst gegenüber der Herstellung erzielt hat, er er beschwor eine neue, ganz andersartige Wirklich-
kört auch aus dem Munde dessen, der ihn führt, ‘keit, der wir nun Antlitz in Antlitz zu begegnen
die Worte, die ihm in ‚besonderer Eindringlichkeit hatten. Durch die sich um uns her ausbreitende Welt
ahnen lassen, daß er sich nicht im Reich der Leben- des Todes fing die Welt der Toten an, sich den
den, sondern in der gespenstischen Zwischenwelt dafür aüfgeschlossenen Gemütern kundzutun. Das
der Toten befindet: „Die Technik verfolgt uns.“ Kasacksche Buch ist ein Dokument der neu zutage
Hermann Kasack hat in einer Selbstanzeige tretenden objektiven Wirklichkeiten und hat die-
seines Buches („Die Welt“, 29. November 1947) ge- selben in seiner ersten Hälfte bereits aufgefangen, _
schildert, wie er den Antrieb zur Niederschrift als sie noch nicht voll auf der Ebene der Sichtbar-
durch ein übersinnliches Erlebnis empfangen habe: keit angelangt waren. Es ist aber zugleich \ ein
„Im Beginn des Jahres 1942 hatte ich eine Vision, klassisches Zeugnis dafür, wie dem Zeitalter des
die mich auf sonderliche Art erregte. Ich sah die Intellektualismus und der Technik die Welt der
Flächen einer gespenstischen Ruinenstadt, die sich Toten zunächst nur als ein Gespensterreich er-
in das Unendliche verlor und in der sich die Men- scheinen kann. Die Menschheit symbolisiert, ohne es
schen wie Scharen von gefangenen Puppen be- zu wissen, in größtem Stile, indem sie die irdische
wegten. Die Vision mag durch den Krieg und den Natur mit dem grauen, abstrakten Systemnetz der
Nazismus ausgelöst worden sein. Das tut hier nichts technischen Zivilisation und Organisation überzieht.
zur Sache... Damals war Berlin noch unzerstört, Die sonst verborgene Welt des Todes, von der man
auch hatte ich noch keine der vom Krieg heim- aber nur die Gespensterschicht erreicht, wird in die
gesuchten Orte gesehen. Aber ich sah, wie sich das irdischen Verhältnisse real hereingespiegelt. Die
Leben in unterirdischen Gängen und Kellern ab- unterirdische Termitenstadt hinter dem Strom, die
spielte, wenn sich die Menschen im Augenblick Kasack beschreibt, faßt ja zweierlei zusammen: Auf
auch noch auf der Oberfläche und in der ihnen ver- der einen Seite das totalitäre System (gleichviel ob
trauten Umwelt aufhielten. Jede Vision ist vor- man dabei an dessen östliche noch bestehende oder
weggenommene Wirklichkeit... Die Bilder der an die mitteleuropäische zusammengebrochene Aus-
Realität zeichneten sich mir nicht mehr in ihrem gestaltung denkt), durch welches auch das Zu-
augenblicklichen Zustande ab, sondern in dem ihrer sammenleben der Menschen nach den Gesetzen der
künftigen unausweichlichen Bestimmung.“ Er be- Technik geordnet werden soll: wir sind wie in ein
schreibt, wie er sich an die Abfassung des Buches von Gespenstern bewohntes Konzentrationslager
gemacht habe und „wie die immer unheimlicher größten Stiles versetzt. Auf der anderen Seite die
werdende Unwirklichkeit der Zeit immer neue Bilder Öde der Zerstörung, in welche die sich über-
hervorrief“, bis die Wirklichkeit seine. Vision ein- steigernde und ad absurdum führende Technik
holte. Die Erschütterung darüber, unter einem ge- hineinführt: nur Trümmer und schäbige Reste
wissen inneren Zwang eine reale Prophetie nieder- stehen den huschenden Schatten zur Verfügung. Im
geschrieben zu haben, veranlaßte ihn, das Buch technischen Zeitalter sind Aufbau und Abbau nahe
halbgeschrieben noch ein weiteres Jahr liegen zu beieinander. In beidem wird mit Todeskräften ge-
lassen, bis er dann im Jahre 1946, als die Zeit- arbeitet. Das unheimliche. Zwischenreich der .Ge-
katastrophen den Höhepunkt überschritten hatten, spenster wird irdisch abgespiegelt und verwirklicht.
die zweite, viel dramatischere Hälfte des Buches Unbeabsichtigt entsteht eine gemeinsame Daseins-
schrieb, wobei er wiederum an eine übersinnliche schicht für Lebende und Tote. Indem das Menschen-
Impression, diesmal an einen Traum aus dem Jahre leben gespenstischen Charakter annimmt, saugt es
1941, anknüpfen mußte. sich mit dem unerlösten Teil des Totenreiches, mit
Die erste Hälfte des Buches zieht in der Tat ein der Welt der realen Gespenster, voll.
Fazit aus der plötzlichen apokalyptischen Schau- *
platzveränderung, die sich in den letzten Kriegs- Es gibt in der Weltliteratur klassische Schilde-
jahren um uns herum vollzog, als wir lernen rungen von dem Verweilen großer Geister, die selbst
mußten, inmitten der schauerlichen Trümmerfelder noch nicht gestorben sind, im Reiche der Schatten.
unserer zerstörten Städte zu leben. Welche Welt be- Solche „Höllenfahrten“, die uns Herakles oder
saß einen größeren Grad von Wirklichkeit,. die Orpheus in der Unterwelt oder Dantes Inferno
untergegangene Welt der Städte, wie sie vorher zeigen, sind mythische Erinnerungen jener Vorzeit,
waren, oder aber die der Ruinenfelder um uns her? in der es Eingeweihte gab, die kraft ihres Hindurch-
Von außen gesehen war es möglich, von einer ganges durch das Stirb und Werde der Einweihung
„immer unheimlicher werdenden Unwirklichkeit“ die Fähigkeit besaßen, sich auch schon mitten im
zu sprechen, von innen gesehen trat jedoch eine Leben aus den Leibesfesseln zu lösen und die Toten-
andere Wirklichkeit durch alle Mauerrisse und welt zu durchwandern. Einem modernen Schrift-
Bombentrichter wie aus dem Unoffenbaren in die steller wie Hermann Kasack wird beim Schreiben
Erscheinung. Der Tod, der an die Stelle des vorher vielleicht nicht einmal voll bewußt, daß er sich durch

137
x
sein Buch in die Nachbarschaft großer mythischer tischen Störungen .erfaßt worden sein. Es strömen
Dichtungen begibt. Auch uns liegt es fern, solche unübersehbare Massen von Toten herein. Die „nor-
Schriftsteller durch die Erinnerung an die klassi- malen Zugänge“ werden täglich weiter überschritten.
schen großen Parallelen etwa neben Dante stellen Die Beamten der Totenstadt kommen mit ihren
zu wollen. Das Verdienst Kasacks ist es, etwas davon Registrierungs- und Verwaltungspflichten nicht
aufzufangen, wie unsere Zeit sich selber einen mehr nach. Um der großen Unruhe im Reich der
Höllenfahrtsmythos dichtet.- Durch die Ereignisse Toten Herr zu werden, sind sie genötigt, über alles
der letzten zwei Jahrzehnte ist das reale Verhält- Gespensterhafte hinaus eine noch gespensterhaftere
nis zwischen den Lebenden und den Toten von Überorganisation einzurichten nach dem Gesetz der
Grund auf verändert. Die Toten geistern in unser Spiegelung zwischen der gespensterhaft gewordenen
Leben hinein, und wir schaffen unsere Welt zu einer Erdenwelt und der Welt der Gespenster selbst. Das -
Spiegelung des Totenreiches um. Aber die reziproke läßt uns neben der Lektüre die Frage aufwerfen,
Durchdringung beider Welten bleibt infolge der ob nicht die Überorganisation in allen Ländern
materialistischen Ablähmung .der menschlichen Be- unserer Zeit in der Tat eine Folge ist von dem
wußtseine in der immer noch stoffgebundenen realen Anwachsen der Todesmächt im Weltganzen.
Schicht des Gespensterhaften stecken. Erst wenn ein Robert wird in die Riesenaufmärsche und Massen-
“volles neues Geistbewußtsein in die Menschheit Ein- abtransporte hineingezogen, die in der Stadt ver-
zug hält, kann die Fesselung durch die Erdenschwere anstaltet werden müssen, um für die ungezählten
sowohl für das Zusammenleben der Erdenmenschen Scharen der Neuherandrängenden Platz zu schaffen.
mit den Verstorbenen als auch für die Verstorbenen Wohin wandern die vielen Schatten ab, die bei der
selbst gesprengt werden, und die höheren freien großen Musterung nicht zum Bleiben bestimmt
Sphären des Geistes tun sich auf. werden? Es lohnt nicht sehr, den ziemlich hilflosen
In der zweiten Hälfte des Kasackschen Buches, Phantasiebildern zu folgen, die Kasack von dem
die nach so schicksalserfüllter Unterbrechung nieder- Pfad der Dämonen’ oder dem sibyllinischen Reich
geschrieben worden ist, löst sich der lastende still- entwirft, durch welche die weiteren Wege der
stehende Bann der trostlosen unendlichen Wieder- Toten führen. Wichtig ist die Grundvorstellung, die
holungen in der Stadt hinter dem Strom. Die Wen- den Verfasser leitet. In der erwähnten Selbstanzeige
“dung, die nunmehr eine Danteske Entwicklung aus- seines Buches gibt er an, daß ihn der Traum, den er
löst, tritt dadurch ein, daß die beiden Liebenden ein Jahr vor der großen Vision hatte, in das Reich
Dr. Lindner und die schon vor Jahren durch Selbst- der „völlig Toten“ versetzt habe. Er stellt sich vor,
mord aus dem Leben geschiedene Frau Anna, die daß es Stufen des Sterbens gibt, bis die Toten alle
sich in der verzauberten Stadt wieder getroffen Erdenreste vollständig abgestreift haben und in das
nr

haben, in plötzlichem Erschrecken ihres wahren Zu- Nirwana der völligen Auflösung eintreten. Seine
standes inne werden. Robert Lindner erkennt, daß theoretischen Vorstellungen sind am Buddhismus
er einen Todesschatten in den Armen hält. Anna orientiert, und durch das Netzwerk seiner intellek-
wird sich jetzt .erst voll bewußt, in welcher Welt tualistischen Vorstellungen dringt die geistige Wirk-
sie sich befindet und daß infolge einer bestürzenden lichkeit, von der er doch berührt ist, nicht unent-
_—

unverständlichen Ausnahme der Geliebte als Leben- stellt hindurch.


der Eintritt in das Totenreich gefunden hat. So wie Gerade hier treffen wir, obwohl die meisten Leser
der erste Teil des Buches in die Schilderung der es kaum bemerken werden, in logischer Hinsicht an
beiden gespenstischen Gegenfabriken einmündet, die Achillesferse, in metaphysischer Hinsicht aber
so“ beginnt die Entwicklung des zweiten Teils in an die offenste und fruchtbarste Stelle des Buches.
einem grotesken Walhalla: Soldaten aller Völker Es geistert in abstraktester Abschattung der Wieder-
und Zeiten im karnevalistischen Farbenmeer phan- verkörperungsgedanke durch die Darstellung Bin-
tastischer Uniformen häufen sich zusammen und durch. Eine konkrete Vorstellung von der durch
sinnen auf Flucht aus ihrer Gefangenschaft, weil wiederholte Erdenleben schreitenden ewigen Ente-
sie noch nicht. ihres Gestorbenseins. haben inne- lechie des Menschenwesens kann der Verfasser nicht
=

werden können. Lindner überträgt die elektri- bilden. Ihm steht die buddhistische Nirwana-Idee, die
sierende Wirkung seines eigenen Erwachens auf jene durch den Intellektualismus zu einer vollen Nega-
grotesken Heerscharen, indem er ihnen zum Be- tion verabstrahiert wird, im Wege. Aber irgendwie
wußtsein ihres wahren Zustandes verhilft. Hier wie versucht er dennoch, sich zu dem Gedanken der
an manchen anderen Stellen rührt die Phantasie des Wiederkehr aufzuschwingen, obwohl eine solche aus
Buches an das Geheimnis von der erlösenden Kraft dem puren Nichts heraus unvorstellbar bleibt.
des Bewußtseins. Jedenfalls kommt nunmehr überall Sogleich aber fährt ein tendenziöser Lieblings-
Bewegung in das Reich der Schatten. gedanke in das von der dichterischen Phantasie -
Diese Veränderung wird, wie Robert mit steigen- hervorgebrachte Bildergewoge herein: der Verfasser
dem Erschrecken wahrnimmt, auch noch aus einer hält nicht viel von Europa. Er ist europa-müde und
objektiven Quelle in größtem Maßstabe gespeist. Die ein Anhänger des Dogmas vom „Untergang des
Welt der Lebenden muß von katastrophalen gigan- Abendlandes“. Seine Sympathie gilt der Urmutter

138
Asien. Von der asiatischen Geistigkeit kann er sich Ansätze genug, von denen aus es auf die Seite des
eine Menschheitszukunft erhoffen, und so Lichtes herübertreten könnte.
allein *
„stellt er sich var: die ungeheure Ernte des Todes
unter der europäischen ' Menschheit schafft Raum Den Film von Jean-Paul Sartre „Das Spiel ist
dafür, daß asiatische Seelen sich da hineinverkör- aus“ hat in Deutschland nur eine kleine geladene
pern, die alte Geistigkeit mitbringend, wohingegen Zahl von Gästen in Berlin sehen können. Die
die Opfer der europäischen Katastrophen in ihrer deutsche Öffentlichkeit wird ihn erst frühestens in
Wiederkehr nach Asien streben, um sich da in der einem Jahr zu sehen bekommen. Der Hauptgrund
wohl, daß in ihm die Welt des national-
Substanz der alten Geistigkeit von den Abstrak- dafür ist
sozialistis chen Größenwahns und Terrors in pointier-
tionen und der Enfartung des Abendlandes zu be-
sich um eine Überzeugun g, ter Weise auf die Leinwand gebracht ist. Ich konnte
freien. Hier handelt es
den Film in Amsterda m sehen. Wie auch in einigen
die der Tagesmensch Kasack in die Niederschriften
Visionärs hineinschmu ggelt. Eine seiner vielbespr ochenen Bühnenstücke läßt Sartre,
des Dichters und
örpe- der Modephilo soph unserer Tage, in diesem Film
konkretere Fassung findet der Wiederverk
Lebenden und die der Verstorbenen
rungsgedanke nur gelegentlich am Rande, wenn es die Welt der
durchdringen. Aus zwei sehr verschiedenen
z.B. heißt, daß auch ein Lebender eigentlich nur einander
zu- Milieus werden zwei Menschen gewaltsam aus dem
ein „Toter auf Urlaub“ sei ($. 554). Was man
Buches sagen muß, ist, daß der Ver- Leben gerissen. Eine schöne junge Frau wird durch
gunsten des
einen faschistischen Funktionär, der
fasser als Dichter und Visionär immer noch mehr ihren Gatten,
wichtigere Berührunge n mit der Wahrheit es nur auf ihre Reichtümer abgesehen hatte, ver-
und
findet als der Tagesmensch mit seinen abstrakten giftet. Auf der anderen Seite wird ein führender
der Widerstandsbewegung durch einen
Überzeugungen, die viel mehr dem von ihm ver- Mann
als er sich selber ein- faschistisc hen Spitzel erschossen. Beide treten in die
pönten Abendland angehören,
gesteht. . € Welt der Verstorbenen ein. Das geschieht zwar
Schließlich kommen gegen Schluß dieser modernen durch eine Registratur hindurch, die die einzige
Divina Comedia Stellenvor, an welchen sich der humorvolle Partie des Films ausmacht. Eine alte
Dame führt das Buch, unzertrennlich assistiert von
Verfasser geradezu zum’ Atheismus und Nihilismus
dem großen schnurrenden Kater, der sich auf ihrem
bekennt. Als ein: soeben Verstorbener an Lindner
die Bitte richtet, für ihn zu beten, sagt dieser, „daß
Tische breitmacht. Die Welt der Toten ist keine
andere als die der Lebenden, nur sehen die Leben-
er sich von dem christlichen Dogma der weißen die Toten einander
die Toten nicht, während
Rasse immer klarer absetzte“ ($.485). Es ist von den
vermögen.
die Rede, in welchem er und auch die Lebenden wahrzunehmen
dem „gnadenlosen Gesetz“
beiden so extrem ‚verschiedenen Getöteten
das Prinzip des Daseins sicht. Allerdings fehlt auch Die diesseitige n Jen-
treffen sich in dem gespenster haft
die Stelle nicht, wo Robert in seinem Überdruß an
Wissen dadurch bestärkt seits und verlieben sich ineinander. Die Alte mit
allem intellektualistischen nach
Katze entdeckt einen Paragraphen,
wird, daß ihm aus dem gesamten Kosmos das meta- der
ter entgegenscha llt. welchem Menschen, die für einander bestimmt sind,
physische Hohngeläch
aber wegen verfrühten Sterbens nicht im Leben
Man kann sich leicht ausrechnen, wie sich die sich
des . konfessionellen Christentums zu gefunden haben, noch einmal in die Welt der
Anhänger
Lebenden zurückkehren dürfen. Die schöne Frau
diesem Buche stellen werden. Sie werden gegen den
und der Sozialist können also ihren abgerissenen
Atheismus und die Verneinung der christlichen en noch einmal weiterspinnen, um der
Buche Lebensfad
Wahrheit Stellung nehmen, die sich in dem die sie verbindet, leben zu können. Es dauert
Liebe,
aussprechen. Wichtiger aber scheint es uns zu sein, aber nicht lange, bis die Inhalte des vergangenen
darauf hinzuweisen, daß dieses Buch zwar zunächst Lebens sie wieder in ihren Bann ziehen. Die schöne
aus einem. solchen Intellektualismus hervorfließt, Frau kann der Leidenschaft nicht widerstehen,
der zwangsläufig in einen grundsätzlichen Nihilis- ihrem ehemaligen Gatten und Giftmischer seine
mus einmünden muß, daß es aber zugleich ein weiteren verbrecherischen Wege zu stören. Der
Dokument dafür ist, wie die heute an die Mensch- Mann kommt bald in die Lage, seinen verschwöreri-
heit herankommende übersinnliche Welt sich sogar schen Kameraden aufs neue bis in den Tod die
durch die engen Maschen des intellektualistischen Treue zu halten, und so sind die beiden Liebenden
Bewußtseins hindurch geltend macht. Vom Blick- denn nach dem kurzen Erdenurlaub wieder in die
punkt eines Erkenntnischristentums, das die Tren- Welt der Toten versetzt, wo sie sich in wehmütiger
nung von Glauben und Wissen nicht mehr mit- Resignation voneinander trennen.
macht, sondern im Namen der Religion nach einem Es wird heute viel Aufhebens von derExistential-
spirituellen Weltbilde strebt, ist das Kasacksche philosophie gemacht, deren Hauptvertreter, jeden-
Sartre ist. Einer
Buch dennoch positiv und als ein Krondokument falls in Frankreich, Jean-Paul
der heutigen Geistessituation zu werten. Es bleibt Auseinandersetzung mit dieser Philosophie soll hier
zwar auf der Seite des Schattens, es enthält jedoch nicht vorgegriffen werden, aber der Film zeigt

139
5

vielleicht schlüssiger und deutlicher als jede philo- dem Motorrad sei es passiert. Aber es sei kein Zu-
sophische Abhandlung, worum es sich handelt. Der sammenstoß gewesen und auch kaum eine Schuld
abstrakte: Intellektualismus ist vor dem Problem dabei, ein eigenartiger Zufall. Ein Lastzug kommt.
der menschlichen Individualität und Freiheit an- in schneller Fahrt entgegen, der auf dem An-
gelangt und .stößt die letzten Reste traditionell- hänger Bretter geladen hat. Auf zwanzig Meter
dogmatischer Bindungen mit ausdrücklicher Heftig- Entfernung sehe ich, daß da sich etwas verschiebt
keit von sich. Eigentlich bleibt eine Trivialität und herausragt. Im nächsten Augenblick, in der
übrig, nämlich daß der Mensch sich selber nicht ent- Kurve, wird das Brett herausgeschleudert und
rinnen kann, weder im Diesseits noch im Jenseits.
zerschlägt mir den Arm. Wär es etwas höher ge-
Der Film ist überaus eindrucksvoll, zumal ihm die standen, so. hätte ich es im Gesicht gehabt und
kultivierte Art zugute kommt, die in der französi- wäre nicht mehr am Leben. Glücklicherweise ist
schen Filmkunst seit langem erreicht ist. Trotzdem meinem Motorrad nichts passiert, und ich bin


ist die künstlerische Illusion, die er erzeugt, nicht auch ganz geschickt gestürzt. — Wir sprechen
groß genug, um die vielfältigen logischen Brüche, weiter von der Sache. Mit unerwarteter Wendung
um nicht zu sagen Denkschwächen, die er enthält, nimmt der Hüne wieder das Wort: Ja, wissen Sie,
zuzudecken. Eben dieses Löchrigwerden des ab-
ich habe viel zu fahren und kenne kaum Be-
strakten Intellektualismus bewirkt, daß sich in der
denken, fahre auch oft ein hohes Tempo. Aber
Gestalt der gespensterhaften Welt der Verstorbenen
vor Antritt dieser Fahrt hatte ich eine ausge-
das Übersinnliche hereinschleicht. Ebensogut wie die sprochene Hemmung und ein ganz unangenehmes
nihilistischen Konsequenzen könnte man auch ganz Vorgefühl. Meiner Frau habe ich es lieber gar-
andere Folgerungen aus dem Existentialismus, d.h. nicht gesagt. — Waren Sie denn müde, abge-
aus dem Aufstoßen auf die Gegebenheiten der spannt oder gesundheitlich nicht auf der Höhe? —
menschlichen Individualität, ziehen. So könnte man O nein, keine Spur. Aber, ich muß offen gestehen,
sagen, der Film illustriere, daß die inneren Über- rein von innen her hatte ich sogar etwas Angst.
zeugungen des Menschen stärker sind als der Tod.
Und denken Sie, was dann alles kam: kurz nach
Und so ist im Grunde auch von diesem Film wie
der Abfahrt, am Ausgang des nächsten Dorfes
von dem Kasackschen Roman zu sagen, daß er mehr
springt mir ein Kind ins Rad, das ich nur durch
erkennen läßt, als er zu sagen beabsichtigt. Der einen eigenen gelinden Sturz retten kann. Im
abstrakte Intellektualismus wird löchrig und läßt,
Schwarzwald fährt mir dann ein großer Nagel in
wenn auch zunächst nur auf gespensterhafte Weise, den Reifen, den ich an sechs Stellen flicken mußte.
Bilder einer übersinnlichen Welt herein. Wird das
Als ich dabei bin, wird mir von den Verwandten,
im großen Zusammenhang als ein wichtiges geistiges
bei denen ich eingekehrt war, ein Schnäpschen zur
Zeitsymptom erkannt, so ergibt sich daraus die Stärkung angeboten, das ich nicht ausschlage. Die
klare Forderung, daß das intellektualistische Denken gute Frau aber langt nach der falschen Flasche und
selber durch eine neue Beteiligung der menschlichen gießt mir Erdöl ein, das ich denn auch mit dem
-Innerlichkeit und Herzenskraft am Erkenntnisakt
üblichen Schwung kippe — brrr. Nur durch viel
erlöst und zum Organ der geistigen Wahrnehmung
Milchtrinken bin ich der Sache Herr geworden.
erhöht werden muß. Es geht nicht länger an, daß Die weitere Strecke, die ich besonders vorsichtig
nur die kindlichen naiven Seelen offen sind für die und langsam fahre, verläuft glatt, aber im Vorbei-
herandrängende geistige Welt und daß der huschen, als mir Leute mit einem leeren Hand-
denkende Teil der Menschheit statt mit den guten wagen begegnen, kommt mir der völlig abwegige,
Geistern nur mit Gespenstern und Dämonen in Be- mir auch ganz unbegreifliche Gedanke: sieh zu,
rührung kommt. Eine wirkliche Durchgeistigung daß man dich nicht bald auf solch einem Wägele
des Denkens wird zugleich eine Durchchristung des abtransportieren muß. Und kurz darauf geschieht
Erkennens sein, auch wenn von einer christlichen dann das mit dem Brett vom Anhänger des
“ Terminologie keinerlei Gebrauch gemacht wird. Der fremden Lastzuges. Jetzt ist es also passiert, und
denkende Mensch wird dadurch aus dem Ge- ich kann sehen, wie ich nach Hause komm.
spenster-Korridor seinen Weg nach Damaskus Das alles wird so ruhig und so ehrlich ver-
finden. Emil Bock wundert vorgetragen, daß kein Gedanke an eine
Konstruktion oder an abergläubische Haltung auf-
Vorahnungen kommen kann. Es ist voll erlebt, wie es im Kriege
Wir sitzen in einem ländlichen Gasthof bei Tisch, Tausende ähnlich erfahren haben. Unsere Zeit
als ein Gast hereintriti, der an diesem Ort fremd kennt in besonderem Ausmaß‘ diese Art Ein-
ist. Der große, urgesund aussehende Mann mit drücke. Wie mir ein blutjunger Soldat einmal nach
kräftigen Händen, denen man die Landarbeit an- dem Kriege erzählte: nach seiner Beobachtung
sieht, trägt den linken Arm frisch geschient und fielen diejenigen Kameraden bald, die sich einer
dick verbunden. Nachdem er bei uns Platz ge- bestimmten Art von drängenden Heimatvorstellun-
nommen hat, kommen wir ins Gespräch über den gen hingaben. Was liegt vor? Es ist ein leises,
offensichtlich von ihm erlittenen Unfall. Ja, mit noch fast unbewußtes und hilfloses Vorerleben

140
dessen, was im hellen Lichte des Bewußtseins als Unterstreichung der negativen und brutalen Mo-
ein übersinnliches Schauen auftreten würde. Jeder mente. Block war weder Marxist noch Sozialist noch
Mensch trägt in sich einen zweiten, den Träger der überhaupt „politisch“ geneigt oder tätig. Aber er
strömenden Lebenskräfte, der nicht im selben lebte in krassestem Abscheu gegenüber der ver-
Sinne wie der physische Mensch an Raum und logenen Bürgerlichkeit des zaristischen Rußlands,
Zeit gebunden ist. Löst er sich ein wenig von seiner wie so viele russische Intellektuelle. Die Welt
Verbindung, dann werden in ihm dieser morschen Bürgerlichkeit tritt in der Dichtung
physischen
ruhende zeitliche Ereishisse wie räumlich und auf unter dem Symbol eines räudigen Hundes. Im
dadurch sichtbar. Das Schicksal, das der Mensch Finale der Dichtung taucht plötzlich, zum eigenen
als Möglichkeit und tieferen Rhythmus in sich später eingestandenen Staunen des Dichters, die
trägt, kommt leise zum Bewußtsein. Man sollte visionäre Gestalt Christi auf: Die Zwölf
vor solchen Eindrücken nicht erschrecken; sie ge- „schreiten so “in hehrem Wahne,
hören zu unserer erschütterten Zeit und sind eine Hungrig folgt der Hund von fern,
Erweiterung des Bewußtseins zu ihren Zukunfts- Und voran — mit blut’ger Fahne,
aufgaben. Durch ruhiges Anschauen zarter Vor- Kugelfest, verratgefeit,
eindrücke und freies Handeln nach der Vernunft Schaeeverhüllt und perlumschneit,
und äußeren Pflicht wird man in den meisten Sanften Schritts durch Sturmes Tosen
Fällen die richtige Haltung und Entscheidung Geht im Kranz von weißen Rosen,
finden können. Lichtumhaucht gleich einem Stern —
Kurt von Wistinghausen Jesus Christ, der Sohn des Herrn.“

. Auch ein Messianismus Das bürgerliche Rußland zeterte über diese


Kürzlich wurde eine „atemraubende Stelle“ aus Blasphemie, die Revolutionäre über diesen Verrat
den Schriften von Karl Marx von einem französi- der Revolution an veraltete bürgerliche Vorstellun-
schen Philosophen ausgegraben und nun in der gen. Uns interessiert dabei diese über den Kopf
größten deutschen Zeitung Millionen von Lesern des Dichters und über die brutale Außenseite der
bekannt. Sie lautet: Revolution hinweg eingetretene Vision als Tatsache.
„So wie der gekreuzigte Gottmensch für die Stehen sich nicht in den Auseinandersetzungen zwi-
Christen der Erlöser der Menschen ist, das heißt
schen dem revolutionären Marxismus und dem ver-
der Versöhner von Gottheit und Menschheit, zwi- bürgerlichten Christentum zwei Hälften em und
schen denen er gleichsam zerrissen ist, so kann desselben Menschheitsimpulses gegenüber? Eine
allein das wahrhaft von der modernen Welt ans Hälfte, die das historische Christentum, dogmatisch
Kreuz geschlagene Proletariat die gegenwärtig be- vertrocknet und zur Meisterung der menschlichen
stehenden Widersprüche lösen, weil es zwischen Gesellschaftsprobleme unfähig, seinem abstrakten
ihnen hin- und hergerissen wird, weil es am meisten Inhalt nach noch vertritt, und eine andere Hälfte,
unter ihnen zu leiden hat.“ ‘ die im Wahne einer intellektualistischen politischen
Es wäre müßig, darüber zu streiten, ob dieser Theorie den tiefen christlichen Zukunftsimpuls der
Vergleich richtig oder erlaubt ist. Er ist wichtig als Menschenbrüderlichkeit, eines im sozialen Leben
Tatsache. Ist damit nicht der Marxismus als eine angewandten und dargestellten Chri-
ersatzweise Erlösungsreligion charakterisiert? Zog stentums, gewaltsam vorwegnehmen will? Ist etwa
diese Weltbewegung ihren revolutionären Schwung die soziale Struktur des zaristischen Rußlands ein
nicht aus denselben Seelenkräften, die auch die Beweis für das Christentum gewesen? Ist das rich-
messianischen Hoffnungen, die Bereitschaft zur tige christliche Dogma, das sich im praktischen
Aufopferung für einen erlösten Zustand der Leben nicht mehr erweist, zukunftswichtiger als ein
Menschheit speisten? Wäre der Marxismus denkbar aus den Tiefen der Menschenseele hervorbrechender
gewesen, wenn das Christentum nicht aufgehört richtiger und guter Impuls der Brüderlichkeit und
hätte, sich selbst auf dem Felde der sozialen Ge- Gerechtigkeit, der unter falschen Theorien sich
rechtigkeit, der Brüderlichkeit zu. beweisen; wenn selbst mißversteht und nur hie und da einmal — so
es nicht durch eine mißverstandene „Jenseits“- in dem Vergleich von Karl Marx, so in der Vision
richtung, durch einen Mangel an realen Zukunfts- von Alexander Block seinen eigentlichen Namen
zielen darauf verzichtet hätte, auch das mensch- bekennt? . WK
liche Willensleben zu durchdringen und für sich
in Anspruch zu nehmen? Ernst Jünger und der Friede
Der russische Dichter Alexander Block schrieb Vor.deni Ende des vergangenen Krieges wanderte
unter dem Eindruck der russischen Revolution eine Schrift von Ernst Jünger im Geheimen von
vom Oktober 1917 sein Epos „Die Zwölf“. Durch Hand zu Hand, in der dieser in einem an die
eine Abteilung von zwölf Rotgardisten symbolisiert Jugend Europas und die Jugend der Welt ge-
er die elementare Kraft der revolutionären Ereig- richteten Wort die geistige Grundfigur .eines zu-
nisse; ohne Idealisierung, sogar mit realistischer künftigen Friedens umriß. In ihr spricht eine

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radikale Natur, die so oft als leidenschaftlicher Gesetze, für- ihre Bildung, ihre Kunst und Reli-
Verfechter des Satzes vom Krieg als dem Vater gion. Hier können nicht zu viel Farben auf der
aller Dinge auftrat, über den Frieden. Zukunfts- Palette sein.“ Das menschenqnälende Gespenst der
bilder neuer Weltverhältnisse werden entworfen. Unfreiheit hat in Jünger den Blick für Geistes-
Man spürt ihnen ab, daß sie einem Geist ent- freiheit wachgerufen. Daß sich Gleichheit und
stammen, dessen Wege zu Zeiten von dem Herein- Brüderlichkeit im sozialen Organismus gleichfalls
wirken übersinnlicher Tatsachen umwittert waren. differenzieren wollen im Rechtsleben und im Wirt-
Das als Motto vorangestellte Wort aus Spinozas schaftsleben, kann er noch nicht erkennen.
Ethik läßt aufhorchen: „Der Haß, welcher durch Der Geist des Zwanges und der Zerstörung jeder
die Liebe gänzlich besiegt wird, geht in Liebe sozialen Ordnung im Völkerleben hat im Inneren
über; und die Liebe
'
ist dann stärker, als wenn ihr des Menschen seinen Ansatzpunkt. Jede Art von
der Haß nicht vorausgegangen, wäre.“ Sollte sich Friede und Neubildung von Lebensformen, die
hier aus der Asche der Untergänge ein Phönix nicht von geistiger Erneuerung getragen sind,
neuer Ideale aufschwingen wollen? Jünger fühlt, helfen nicht und führen zu weiteren Katastrophen.
daß das Mitteleuropa in Schrecken und Kata- „Der Mensch darf nie vergessen, daß die Bilder,
strophen stürzende Kriegsende nicht gin bloßes die ihn jetzt schrecken, das Abbild seines Inneren
Finale, sondern das Flammenzeichen “einer die sind. Die Feuerwelt, die ausgebrannten Häuser
ganze Welt ergreifenden Wende sein würde. Der. und die Ruinenstädte, die Spuren der Zerstörung
nationale Stoff, so sieht er es an, der das düstere gleichen dem Aussatz, dessen Keime lange im
Feuer des Krieges angezündet und geschürt hatte, Inneren sich vermehrten, ehe er an die Oberfläche
ist ausgebrannt. Die aus dem Nationalbewußtsein schlug. So hat es seit langem in den Köpfen und
herausgeborenen Staatsgebilde gehen unter. „Die in den Herzen ausgesehen. Es ist der rote Stoff des
Menschengeschichte drängt planetarischer Ordnung Menschen, der sich im Weltbild widerspiegelt, so
zu... Der Erdball, in Stunden ‘überflogen und in wie die innere Ordnung im äußeren Frieden sicht-
Sekunden zu überspannen mit Bildern, mit Sig- bar sein wird. Daher muß die Heilung zunächst
m

nalen, mit Befehlen, liegt wie ein Apfel in der


im Geiste erfolgen, und nur der Friede kann
Menschen Hand... Nicht minder ist der Verkehr Segen bringen, dem die Bezähmung der Leiden-
auf größeren Kreislauf angelegt. In seinen Mitteln schaften vorausgegangen ist.“ Hier muß man sich
und Wegen vor allem ist weiträumiges Denken und doch fragen, ob Ernst Jünger, wenn er solche Sätze
Wille zum Grenzenlosen ausgeprägt... Dem freien schreibt, des Umstandes eingedenk ist, daß seinem
Zug der Mittel widersprechen: die Grenzen, wider- eigenen Denken die furchtbare Begriffswelt der
spricht der Wechsel von Staats- und Wirtschafts- totalen Mobilisierung, der Aufopferung alles
formen, der den Austausch von „Menschen und Menschlichen für die Zwecke des Krieges und der
Gütern hemmt.“ » Zerstörung entsprungen ist? (Siehe Oktoberheft
Jünger sieht, daß der Geist der Zeit -ein neues,
nn

1946 dieser Zeitschrift.) Ob der Mann, der zu den


menschheitumspannendes Denken fordert. Schon in
bedeutendsten intellektuellen Urhebern des Nihilis-
den drei Idealen der französischen Revolution des
inus gehört, eine wirkliche Wandlung erlebt hat?
Jahres 1789, in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,
Oder ob hier ein entwurzelter Intellekt seiner
waren die Knospen europäischer und menschheit-
Wesenlosigkeit gemäß nun das Gegenteil ‚dessen in
licher Impulse aufgebrochen. Sie erstickten unter
Begriffe bringt, was er vorher 20 Jahre lang ver-
den Wirkungen rückschrittlicher Gesinnungen. Im
treten hat?
Feuerschein des letzten Krieges traten sie wiederum
Die eigentliche Wurzel der inneren und äußeren '
hervor. Jünger tastet sich an ein Werdendes heran.
Friedlosigkeit sieht Jünger jetzt im Nihilismus als
Er vermag nicht die reine Urgestalt der Formen
der Weltanschauung, die alles nur von der Erde’
zu erkennen,. die kommen und in der Derei-
her erkennen will. Ihr Bekenntnis zur bloßen
gegliedertheit des sozialen‘ Organismus ihren
wesensmäßigen Ausdruck finden wollen.'Doch be- Stoffeswelt ist allein durch den Einsatz höherer
merkt er, daß das Leben selber zu einer Gliede- Kräfte übermenschlicher Natur zu bannen. Die
rung drängt. „Das Leben kann weder völlig Schicksalswege haben Jünger an die Bezirke des
diszipliniert noch völlig dem freien Willen anheim- Übersinnlichen herangeführt. Et kennt die Blitze,
gegeben sein. Es gilt vielmehr die Schichten zu die aus der Welt jenseits: des Sinnlichen herüber-
trennen, die beiden angemessen sind... Einheitlich zucken. Doch sind sie für ihn dem vollen Wissen
zu organisieren ist alles, was die Technik, die nicht zugänglich. Als seltenes unerklärliches Er-
Wirtschaft, den Verkehr, die ‘Industrie, den Han- griffenwerden von einer jenseitigen Kräftewelt
del, das Maß und die Verteidigung anbetrifft... wollen sie ihm nur erscheinen. Wenn er Ausschau
Freiheit hat dagegen zu walten im Mannig- hält nach einem kundigen Wissen von dieser Welt,
faltigen — dort, wo die Völker und Menschen ver- so findet er allein in den Erkenntnissen der Theo-
schieden sind. Das gilt für ihre Geschichte, ihre logie das, was mit dieser Sphäre Verwandtschaft
Sprache und Rasse, für ihre Sitten, Gebräuche und zeigt. Darum hat für ihn die Theologie das ent-

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scheidende ‘ Wort zu den Schicksalsrätseln der ist das nur möglich im zeitlosen Gewande, und
Gegenwart zu sagen. Wird sie es sprechen können? dabei sind es neue Formen, in denen der Theologe
„Wenn die Bekämpfung des Nihilismus gelingen auf die Menschen zu wirken hat... Das ist der
soll, so muß sie sich in der Brust des Einzelnen Menschenweg, die Nachfolge des großen Menschen-
vollziehen... Hierzu ist es nötig, daß auch im vorbildes; doch wird er vergeblich bleiben, wenn
Leben des Einzelnen die Technik in ihr Gebiet nicht zugleich hoch über jeder bloßen Sitte der
' verwiesen wird, genau wie es in der Staatsver- Zugang zum göttlichen Bilde gefunden wird. Ihn
fassung geschehen muß. Die Mittel und Methoden aber können nur kleine Eliten voranschreiten.“ Die
des technischen Denkens dürfen nicht dorthin über- Quellen, zu denen das Leben zurückgreifen muß,
greifen, wo dem Menschen Glück, Liebe und Heil sprudeln aus dem mit wachen geistigen Sinnen in
erwachsen sollen. Es müssen die geistig-titanischen Freiheit zu ergreifenden göttlich-geistigen Walten
Kräfte von den menschlichen und göttlichen ge- selber, nicht aber in den alten Traditionen, wo die
trennt und ihnen unterstellt werden. Das ist nur Wasser def Geistes zum Stehen gekommen sind
möglich, wenn die Menschen sich metaphysisch und die Kraft verloren haben, 'neues Leben zu er-
stärken im gleichen Maße, in dem die Technik zeugen. :
wächst. Und hier beginnt das weite, unangebaute Jünger erblickt das Universelle eines echten
Feld der neuen Theologie als erster Wissenschaft, Friedens darin, daß auch die beiden christlichen
als Kenntnis der tiefsten Gründe und der höchsten Kirchen des Abendlandes sich wieder vereinigen.
Ordnung, nach der-die Welt geschaffen ist... Wer Denn die Kirche bedürfe der Reformation, die
philosophiert, wer als Künstler, wer in den Einzel- Reformation der Kirche. Ist damit ein geistig
wissenschaften zu den Eliten zählt, ist auch am wesenhafter und nicht ein äußerer Akt gemeint,
nächsten am Unerklärlichsten — dort wo die. Er- dann ist auf ein wichtiges Ziel gedeutet. Ein christ-
kenninis der Offenbarung weichen muß.“ lich sakramentales Leben ist wie ein Baum, der nur
Sich metaphysisch stärken — das weite unan- im Sonnenlichte völliger geistiger Freiheit gedeihen
gebaute Feld der neuen Theologie: vollgewichtige kann. Und ein auf Freiheit gegründetes gottes-
Worte! Finden sie aber keinen wirklichen Inhalt, dienstliches Wirken hat erst im Kultus und Sakra-
den sie nur aus realer Geisteskenntnis schöpfen ment sein volles Leben. Erwin Schühle
können, dann kehrt man zu den längst abgeernteten
'Eeldern einer vergangenen Theologie zurück und
findet sich auf dem nicht mehr tragenden Boden Ernst Fiechter 7
mittelalterlichen Offenbarungsglaubens wieder. Man Als Professor Dr.-ing. Ernst Fiechter vor’ elf
fühlt die Wolke der Offenbarung zu seinen Jahren seinen Lehrstuhl für Baugeschichte an der
Häupten, in Höhen, die der Erkenntnis nicht er- Technischen Hochschule Stuttgart: verließ, um den
reichbar sind. Rest seines Lebens ganz der Christengemeinschaft
In Wahrheit stehen wir an diesem Punkt an der zu widmen, da blickte er schon auf ein volles, be-
Nahtstelle zweier Zeiten. Hier muß sich jeder deutendes Leben. und Lebenswerk zurück. Als
Einzelne entscheiden, ob er vorwärtsschreitend an Architekt hatte er begonnen: inmitten der Zer-
der Fortentwicklung des menschlichen Bewußtseins, störungen Berlins ist z.B. das von ihm erbaute
wo die Friedenskeime einer neuen Ordnung sind, Christliche Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße er-
teilhaben will, oder ob er in Schwäche zurücksinkt halten gebliebeif und zeugt noch heute von ihm.
in ein überholtes, dem Geiste der Vergangenheit Dann wurde er Privatdozent in München und schon :
verfallenes Bewußtsein. An dieser Stelle sind Wach- 1911 Professor in Stuttgart, von wo aus er wieder
heit, Mut und Liebe zu den fortschreitenden holt Forschungsreisen nach Griechenland und Italien
Menschheitszielen nötig. Dann wird der Nihilismus unternahm. Seine von der Wissenschaft hochge-
als die Wurzel der Katastrophen der Gegenwart schätzten Hauptwerke (1914 und 1930-37 er-
seine Überwinder finden. Doch niemals dort, wo schienen) befassen sich mit seinem speziellen Inter-
die Erkenntnis der Offenbarung weicht. Dort aber, essengebiet: dem Wesen, der Entwicklung und dem
wo die Erkenntnis zum Organ der Offenbarung heutigen Ruinenbestand der antiken Theaterbauten.
wird. Das Denken kann sich metaphysisch stärken, Neben seinen baugeschichtlichen Vorlesungen war er
wandelt sich dann um und wird der Offenbarung vom Landesamt für Denkmalpflege aus in Würt-
des Übersinnlichen teilhaftig. Das ist mit die Auf- temberg als Erhalter und Erneuerer tätig, wovon
gabe eines zeitgemäßen religiösen Lebens in z. B. die schönen romanischen Kirchen in Ober-
Sakrament und Kultus. lenningen und Sindelfingen und die reizende
Und so können sich die Hoffnungen erfüllen, die Brückenkapelle in Calw lebendig Zeugnisse ab-
Jünger hat, wenn er von der „Erneuerung der legen. — Als einer der frühesten Förderer der
‘ Kirchen spricht, und zwar in jenem Sinne, der Stuttgarter Gemeinde der Christengemeinschaft gab
zugleich die Rückkehr zu den Fundamenten in sich er aber dann den geliebten Beruf und alle Lebens-
schließt; denn ‚jede echte Gesinnung, jedes neue erfolge hin, um sich dem noch tiefer geliebten Prie-
Leben muß auf die Quellen zurückgreifen. Freilich stertum zuzuwenden. Er ging nach Zürich in die

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(a

Schweizer Heimat, wo er seitdem unermüdlich als ein vertieftes Studium dieses Evangeliums auf den
Pfarrer gewirkt hat, bis ein.schweres Leiden es ihm Hingang vor. Am 19. April ist der Hochverehrte
im 73. Lebensjahr mehr und: mehr verbot. . Doch nun in St. Gallen über die Schwelle des Todes ge-
blieb sein Geistesstreben auch in den letzten gangen, das Streben der Christengemeinschaft mit
schweren Monaten unverändert lebendig. Er seinem Lebensopfer segnend. Seiner unvergänglich-
schenkte uns schöne Übersetzungen des Lukas- und unvergeßlichen Persönlichkeit strömen Dank und
‚des Johannes-Evangeliums und bereitete sich durch Liebe zu. KW
vr

Auferweckte des Schicksals


Das Zeichen für den religiösen Dienst der Menschheit auf Erden ist die Opferflamme
auf dem Altar. Die Vestalin, deren Dienst es ist zu sorgen, daß die Opferflamme nie er-
lischt, ist wie ein Urbild religiösen Wirkens überhaupt. Was in vorchristlichen Zeiten in
aller geistleiblichen Wirklichkeit in der Natur dieser offenen Flamme vor den Augen der
werehrenden Menschheit stand, ist durch das Christus-Ereignis abgelöst worden. Die Fat
von Golgatha — von der Taufe an bis zum Pfingstfeuer reichend — ist selber die Flamme,
die auf dem Opferaltaz der Erdenmenschheit brennt, sichtbar für jeden, dem die Wahr-
nehmungskraft für Opferwirklichkeit aufgeht. Sie brennt als ewige Flantme bis zum Ende
der Erdenentwicklung und unterhält das Wesen der Welt.
Die Stärke, mit der wir uns in die Anschauung dieser aufsteigenden Opferflamme in
aller Stille immer neu versenken, macht den Grad unserer menschlichen Andachtsfähig-
keit aus und schürt das eigene Herzensfeuer.
*

Die Auseinandersetzung mit’ dem Materialismus ist nicht bloß eine „weltanschauliche“
Debatte. Sie ist mehr, viel mehr. Der Materie liegt das Bild des Kreuzes zugrunde — so
hat es ein Weiser des Altertums geschildert. An dieses Kreuz hat die moderne Mensch-
heit den Menschen geheftet. So wie eben im Mittelalter bei den Kreuzzügen das Grab
des Erlösers vor den Ungläubigen geschützt werden sollte, so muß heute ein richtiger
„Kreuz-Zug“ unternommen werden, damit das gekreuzigte Menschenwesen nicht — end-
er

gültig in den Händen der „Heiden“ verbleibe. .


So muß der ‘moderne Mensch, der in den Dienst des Geistes tritt, zum „Kreuz-Ritter“
werden. Und so wie damals die Sehnsucht der Gläubigen letztlich nicht auf den begrabenen
Christus, sondern auf den Auferstandenen gerichtet war, so möchte der Kreuz-Ritter der
Gegenwart Den suchen, der unserer Zeit im Geiste vorangeht. Und mit Ihm: wird
auch der Mensch gerettet, den der moderne Materialismus ans Kreuz geschlagen hat.
a *

Die in den Trümmern Mitteleuropas leben, auch leben wollen — es gibt ja sogar die
beglückende Erfahrung, daß Glieder außerdeutscher Länder die Schicksalsstätte Mittel-
europas aufsuchen, um hier Taten der Menschlichkeit zu vollbringen — haben eine be-
stimmte Mission. Sie sind vom Schicksal schwer geschlagen und als solche Halbgeweihte des
Schicksals. Wir sagen: Halb-Geweihte. Denn das Erleiden des Schicksals macht erst eine
Hälfte aus. Zur Ganzheit wird die Weihe dann, wenn der Sinn des erlittenen Schicksals
bewußt und willentlich hinzugefügt wird. '
Dann werden solche Menschen aus den Trümmern Auferweckte, ‚Auferstehende des
Schicksals. Sie tragen die Zeichen des Grabes an sich, aber auch zugleich die Zeichen der
Auferstehung.
Gezeichnete des Schicksals — so sagt die gewöhnliche Welt.
Ja, Gezeichnete des Auferstandenen — so antwortet die göttliche Welt.
Robert Goebel

Für den Inhalt verantwortlich: Lic. Emil Bock, Verlag Urachhaus, Stuttgart O, Kernerstr. 34. Postscheck-
konten Stuttgart 40097, Berlin 2446. Städt. Girokasse Stuttgart 27222. Veröffentlicht auf Grund der Zu-
lassung Nr. US-W-1033 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung. Sonderauflage 4000. Druck: Hoff-
mannsche Buchdruckerei Felix Krais Stuttgart.
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