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Inhalt: 2 -....12 Morzenstern: Der Säemann (Gedicht) / Dr.

Rudolf Frieling: Wie stellen wir


uns zu unserem(Y}
Schöxsai? ür. Friedrich Rittelmeyer: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben‘£l Dr. Eberhard
Kurras:
Der re=te Wer Kurt von Wistinghausen (kDie Kraft des Gleichgewichts (Studie zu einem Kapitel des Markns-
“runte_Em8 Dr. Bernhard Martin: Matthias Claudius zum Gedächtnis / Gerhard Klein: Von Harz und Weih-
>
rwach-s>m Umschau: onntage in der Sowjetunion; Zum Verständnis des Kreuzzeichens; Wozu ist der Pfarrer
re " X:--21:2 des Soldaten (Kurt von Wistinghausen) / Von der Sprache der Kriegsereignisse (Lic. Robert Goebel)
/
ar:ran'Morzensiern: Und um den Abend wird es Licht sein (Gedicht).

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_ Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer


Im Auftrag‘ der 'Christengemeinschaft herausgegeben von Lic.Emil Bock
17. Jahrgang5 a August 1940

Der Säemann
Christian Morgenstern*
Durch die Nächte Und aus den Schollen
der irdischen. Völker. schießen die Ähren.
schreitet,
im Antlitz goldfackelköpfig:
Weltalls-Weihe, ' : Aammende Säulen
‚langsam ein Säemann. ‘Nachtsönnenfeuer. . -

In weitem Schwunge _ ‚Fern im Dunkel . .


wirft er die Runden ‚schwindet der Genius —
goldener Körner n ‚der Völker Nächte .
über die dunklen , mit goldnen Würfen
Äcker der Menschheit. ° ° weiter durchsegnend.

Wie stellen wir uns zu unserem Schicksal?


Rudolf Frieling
Die Schicksale, die einen Menschen treffen, sind teils von solcher Art, daß sie durch. tätiges Zugreifen
noch abgeändert werden können. Andernteils sind sie von solcher Art, daß sie mit höherer Gewalt
hereinbrechen und jeder Gegenwehr spotten. Wir wollen uns im folgenden mit den Schicksalen. der
zweiten Art beschäftigen, in deren Ablauf also der Mensch nicht ändernd eingreifen kann. Wie soll
er sich zu solch einem Schicksal stellen? - -
Hat diese Frage überhaupt einen Sinn? Kann es denn noch von irgendwelcher Bedeutung sein; wie
wir uns zu einem Schicksal „stellen“, gegen das es keine Berufung gibt? Wird-da nicht alles Interesse
nur.von. der. einen Frage aufgesogen; wie sich ein. solches -Schicksal-zu uns stellt?. Wenn: wir dennoch
die Frage gelten lassen: Wie stellen: wir. uns unsererseits dazu? — dann richten wir damit schon die
Möglichkeit auf, daß der 'Mensch:sogar auch in: solchen. Fällen nicht nur zur Passivität verurteilt sein
müsse; daß seine Aktivität, seine innere Aktivität jedenfalls, die ihm bleibt, wenn ihm’ äußerlich die
Hände gebunden sind, selbst danr Hoch von Bedeutung sein könne.
I.
Die innere Auseinandersetzung mit solch einem übermächtigen Schicksal beginnt damit, daß der
Mensch die Möglichkeit hat, ihm ins Auge zu sehen. Sei es, daß das Schicksal ‚vorauszusehen ist und
wie eine schwere Gewitterwolke am Horizont heraufzieht, sei es, daß es als unerwarteter Schlag
hereinbrach und nun als solcher in das Bewußtsein aufzunehmen ist.
„Dem Schicksal ins Auge’ sehen‘ — das ist eine sehr vielsagende Wendung, wenn inan einmal bereit
ist, sie ganz wörtlich zu nehmen. Es wird einem dann erst bewußt, daß diese Möglichkeit, im vollen
Sinne des Ausdrucks verstanden, in der alten vorchristlichen‘ Welt eigentlich noch gar nicht vorhanden
*-Die beiden Gedichte dieses Heftes sind dem eben erschienenen ‚Inselbüchlein „Zeitund Ewigkeit“, Ausgewählte .
Gedichte von Christian Morgenstern, entnommen. Dieses wichtige schöne Büchlein bringt neben den schönsten Ge-
dichten aus dem früheren: Bande „Melancholie“ und einigen Liedern aus dem Kinderbuch „Klein- Irmcehen“ 25 wert-
yolle nene Gedichte aus dem scheinbar unerschöpflichen Nachlaß: des Dichters.

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war. Die Antike sahdas Schicksal von einer sehr hohen Instanz herkommen, die aber doch etwas sehr
Verborgenes und Menschen-Fernes hatte. Dem alten Griechen war es klar, daß seine olympischen Götter
in all ibrer strahlenden Gestalthaftigkeit nicht die letzte Verfügung über das Schicksal hatten. Das kam
von einer noch höheren Macht, die über den Göttern war, gegen die selbst die Götter keine Berufung
einlegen konnten. Aber diese Instanz war nur dunkel geahnt. — Auch dem alten Germanen stand es
fest, daß seine Götter, selbst Odin, von einer noch höheren Gewalt abhängig waren, die sich in den
Nornen im unfaßbaren Nebelgrau einen unheimlichen Ausdruck schuf.
Die Instanz, die über das Schicksal verfügte, war über den Göttern. Sie glich dem erhabenen Hoch-
gipfel eines Berges, der von einer Wolke bedeckt ist — unnahbare verhüllte Majestät. Eben weil dieses
Antlitz verhüllt war, konnte man nicht im wörtlichen Sinne des Ausdruckes „dem Schicksal ins Auge
sehn“, konnte ihm nicht „von Angesicht zu Angesicht‘ gegenübertreten, sondern es nur im gleichsam
instinktiven Wissen um seinen hohen Rang in würdiger Haltung als etwas Unvermeidliches entgegen-
nehmen.
Das Christentum bedeutet in seiner Konsequenz das Offenbarwerden des verhüllten Antlitzes. Der
Christus konnte das ungeheure Wort sprechen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Seine göttlich-
menschliche Erscheinung kann die Kraft verleihen, mit dem Seelenblick zu eben dieser allerletzten
. Welten-Instanz durchzudringen und sie als den „Vater“ zu erkennen.
Die Götter der alten Völker können wir ja wieder in einem gewissen Sinne gelten lassen: es gab
echte Schauungen, durch die der Mensch alter Zeiten in die verborgene Welt hineinsehen und mit ihren
Bewohnern, die mannigfacher Art und mannigfachen Ranges sind, in Beziehung treten konnte. In christ-
licher Terminologie würde man die „Götter“ der alten Völker etwa „Engel“ oder „Erz-Engel‘“ nennen.
Man erkannte diesen hierarchischen. Wesen nicht die letzte Verfügung über das Schicksal zu und war
damit vollkommen im Recht. Die Schicksale kommen aus höheren Regionen, von noch höheren
Hierarchien her als es Engel und Erz-Engel sind. Sie kommen letzten Endes aus der Region des Vater-
Gottes selber. Ihn zu erschauen bedarf das Seelenauge der Kraft, die von dem auf Erden erschienenen
Sobnes-Gotte ausgeht.
Wie durch die Erscheinung Christi wirklich etwas ganz grundlegend Neues in die Welt gekommen
ist, kann man auch daran ermessen, daß selbst so großartige Sätze alter Gottes-Erkenntnis im Grunde
überholt und prinzipiell ungültig gemacht sind wie etwa die-folgenden aus dem Jesaja-Buch: „Meine
Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege ... So hoch der Himmel
über der Erde ist, so hoch sind auch meine Gedanken über euren Gedanken and meine Wege über
euren Wegen.“ Denn zu dem auf Erden wandelnden Christus hätte der Vater-Gott sprechen können:
„Meine Gedanken sind deine Gedanken, und deine Wege, die du als Mensch anf Erden gehst, sind meine,
des Gottes Wege. Und so hoch der.-Himmel über der Erde sein mag — in dir haben Himmel und Erde
zueinander gefunden.“
Mit dem johanneischen Christus-Wort „Ich nenne euch nicht mehr Knechte. Ein Knecht weiß nicht,
was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ick von meinem Vater gehört
habe, habe ich euch zu erkennen gegeben“, ist grundsätzlich eine neue Haltung und eine neue Würde
des Menschen: gegeben, auch wenn er sich erst allmählich zu dem kinearbeiten muß, was ihm damit
zugedacht und was ihm kraft der Opfertat Christi grundsätzlich erreichbar geworden ist. Der Mensch,
in dem durch den Christus der Same höherer Vollendung keimt. hat Cie Möglichkeit-in sich, eiumal ein
Mit-Wissender der Schicksalsinstanz zu werden.
Und auch schon, ehe diese höhere Erkenntnis als konkretes Mit-Sissen im einzelnen Fall auftreten
kann, hat er die Möglichkeit, durch alle Widerwärtigkeiten hindurch die das Schicksal auf ihn eindringen
läßt, das Vater-Antlitz vertrauensvoll anzuschauen und daut dass Wesentliche im Vertrauen voraus-
zunehmen: die letzte Instanz der Welt ist gut,-und ihre zuıäcsst zubesreiflichen Verhängungen dienen
dem Guten. Die letzte Instanz ist nicht ein augenloses zerua_wessöes Ungeheuer, nicht seelenlos blinde.
Notwendizkeit. Sie trägt die Züge eines Vater-Antlitzes. Ax xxd fur sich liegt diese Anschauung nicht
olme weiteres nahe. Daß man sie trotzdem als innere Gewilieit im sich tragen kann, aller scheinbaren
Smnlosigkeit und Unbarmherzigkeit zum Trotz, ist zar zes kraft der einzigartigen Erscheinung
des Christus. Sie ist so eindringlich-gewaltig, daß sie dzs Vıter-Axtlitz der. letzten Welt-Iustanz verbürgt.
So sollte es dem Christen -möglich sein, sick der Het=er mmerlich anzunähern, die der Christus
uns vorlebte, als et bei seiner Gefängennahme m Getksename mit seinem Bewußtsein über Alles
das hinausdrang, was da im Vordergrund des äuber«z Gewiehens vor sich ging: „Soll ich den Kelch
nicht trinken, den mir der Vater gegeben hat?”

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Da wird ein erkennender Blick gewechselt zwischen dem Sohn und dem Vater, da wird im wörtlichen
Sinne des Ausdruckes „dem Schicksal ins Auge geschaut“.
: I: \
Nur wo dies vorangeht, kann es in der rechten Weise zu dem zweiten Akt dieser Auseinandersetzung
mit dem Schicksal kommen: zu dem, was man, allerdings mißverständlich, „Ergebung“ nennen kann.
Mißverständlich — wir müssen genau umschreiben, was wir darunter verstehen wollen. "
„Ergebung“ soll in dem hier gemeinten Zusammenhang nicht ein. Wort der „Kapitulation“ sein, eines
inneren „Defaitismus“, wo man resigniert die Hände sinken läßt,'in dem Sinne: „Da kaun man eben
nichts machen.“ Das wäre F atalismus, wie der Islam ibn keunt. Allah will es — der Mensch. hat es also
‚binzunehmen: : . .
Dem Fatalismus steht als anderer Pol gegenüber: der Trotz, das Aufbegehren. Da steht man nicht
unter dem Eindruck, einen unvergleichlich erhabenen allmächtig-unnahbaren Partner gegenüber zu
haben, dem wir blinde Ergebung schulden. Wo der Mensch aufbegehrt, da hat er vielmehr gerade den
anderen Eindruck, daß doch eigentlich im Menschen ein höherer Rang verkörpert sei als in irgendeinem
brutalen blindwütigen Schicksal. Wie sollte man dieser uns auslöschenden Sinnlosigkeit gegenüber so
etwas wie Ergebung fühlen? Sollte man sich nicht bis zum letzten Moment als etwas Höheres emp-
finden und das verachten, was einen da mit blinder Zufälligkeit zermalmt? : °
Beim Fatalismus läßt man nur den Rang auf seiten der Schicksals-Instanz gelten. Ihr steht kein wirk-
licher Rang auf seiten des Schicksalsempfängers gegenüber. Das ist die wichtige Konsequenz’ aus dem
mohamedanischen Dogma: „Allah hat keinen Sohn.“ -
Beim trotzigen Aufbegehren wird die dem Menschen zugedachte Sohnes-Würde- schon geahnt. Aber
hier fehlt der „Rang“ auf der anderen Seite. Hier fehlt die Erkenntnis des „Vaters“, so wie anderer-
seits der Fatalismus vom „Sohn“ nichts weiß. |
In der recht verstandenen christlichen Anschauung kommt beides zu seinem Recht: der Vater und
der Sohn. Und nur durch den Sohn wird der Vater-Gott erst wirklich zum Vater, und nur durch den
Vater wird der Sohn wirklich erst zum Sohn. | ° ” un
„Ergebung“ ist dann nichts Passives, Resigniertes, Schwächliches. Es ist eine freie Tat des Sohnes,
eine freie königliche Hingabe seiner selbst an den im Schicksal erkannten Vater. .
Wenn unsere Sprache sagt: „Ich ergebe mich!“ — so deutet sie an, daß wir uns wie in zwei verschiedne
Menschen teilen können. „Mich“ — das ist das „Objekt“. Das ist der eine Mensch in uns, der leiden
muß. Aber es erhebt sich daraus ein anderer höherer Mensch, der nicht „Objekt“ zu sein braucht. Er
steigt aus dem Leiden, aus dem kreatürlichen Gebunden-Sein an den Schmierz heraus und stellt sich frei
auf die andere Seite hinüber, auf die Seite des Schicksals: — Der.Mensch ist nicht dazu verurteilt,
nur passiv, nur „Objekt“ zu sein, nur wie'ein „Cadaver“, oder wie ein Stück Holz das Schicksal an sich
geschehen zu lassen. Muß er auch mit dem einen Teil seines Wesens „Objekt“ sein, so kann er durch
die Aktivierung des höheren, des inneren Menschen diesem Geschehn das entgegengesetzte Vorzeichen
einer freien Opfertat verleihen. So ist der vom Schicksal getroffene Mensch sozusagen nicht nur das
Opfertier auf dem Altar, sondern er kann zugleich auch der Priester sein, der vor dem Altar steht
und
den großen Hyminus anstimmt.— „Ich ergebe mich!“ — das „mich“ weist auf den einen Teil unseres
Wesens hin, der „Objekt“ ist, das „Ich“ aber auf den höheren Menschen in uns, der immer auch
„Subjekt“, aktiver Träger der Handlung sein känn. " .
Der Christus sprach: „Niemand nimmt mir mein Leben, ich gebe es von mir selber her“ (Joh. 10, 18).
Äußerlich betrachtet hat man ihm sein Leben mit Gewalt weggenommen. Äußerlich betrachtet war sein
Tod nichts anderes als der Tod der beiden Schächer, die man ebenfalls kreuzigte. In Wahrheit aber
war durch diese innere Einstellung, „niemand nimmt mir mein Leben, ich gebe es von mir selber“, das
Leiden Christi mehr eine „Actio“ als eine „Passio“, ‘wie dern auch J.S. Bach seiner Johannispassion
einen kraftvollen Dur-Charakter. gegeben hat, mit feinem Empfinden dafür, wie gerade im Johannes-
Evangelium das’ Leiden und Sterben Christi als freie Tat dargestellt ist. — Pilatus stand unter dem
Eindruck dieser souveränen Freiheit dessen, der als Gefesselter ihm übergeben wurde; denn er sprach’
die ahnungsvollen Worte: „So bist du dennoch ein König.“ | .
„Ergebung“ in. diesem Sinn verstanden, als ein königliches Behaupten der inneren Handlungsfrei-
heit, als Überwindung des passiven Nur-Objekt-Seins durch priesterliche Opfertat der Selbst-Hingabe
ist allerdings nur möglich, wenn die Auseinandersetzung zwischen dem Vater und dem Sohn, wenn das
Wechseln des erkennenden Blickes vorausgeht. Dann aber kann der Mensch vom Mit-Wisser zum Mit-
Täter des Schicksals aufsteigen.

6
= ID.. . oo. .
Dadurch wird wieder ein Weiteres möglich. — Man kann es gelegentlich
so leichthin sagen hören,
daß das Erleiden schwerer Schicksale „den Menschen läutert und besser macht“. Das klingt erbaulich
— aber ist es denn auch wahr? Stimmt-es wirklich mit der nüchternen Erfahrung überein? Doch wohl
nicht so ohne weiteres! Wie oft werden Menschen, die: Bitteres erlebt haben, davon selbst bitter und
unbarmherzig. Wenn es die Läuterung durch"das Schicksal gibt, dann jedenfalls nicht im Sinne eines
automatisch wirkenden Gesetzes. Man könnte nicht mit der Gewißheit einer chemischen Formel etwa das
Gesetz aufstellen: Mensch plus Leiden ergibt ‘Besserung. Darin, ‘daß das eben nicht so zwangsläufig
geschieht, offenbart sich gerade etwäs von der Würde des Menschen. Was bei einem schweren Schicksal
für ihn „dabei herauskommt“, ob das Schicksal ihn verbittert oder heiligt, ob es ihm mehr oder weniger
fruchtbar werden darf — das hängt davon ab, wie- er sich dazu innerlich stellt. Zwei Menschen können
das gleiche schwere Schicksal erleben — der eine’ wird-davon hart und böse, der andere wird ein Heiliger.
So wie die rechte Ergebung den erkennenden Blick in das Vater-Antlitz zur Voraussetzung hat, so ist
sie ihrerseits wieder die Voraussetzung dafür, daß das Schicksal dem Menschen fruchtbar wird, indem es
jene wunderbare Verklärung, jene Transsubstantiation bewirkt, die in keiner Weise als etwas Selbst-
verständliches erwartet werden: darf. Man sollte vom Auftreten dieser Verklärung nicht:in der lauten
und banalen Weise eines Gemeinplatzes reden („Vom Leiden werden die Menschen besser“), sondern
sollte von dieser Tatsache, die nicht häufig, aber dann um so ehrfurchtgebietender ist, mit leiser Scheu
und Zurückhaltung nur sprechen, als von einem hohen Mysterium des Menschenlebens. Goethe spricht
davon in dieser leisen und diskreten Art, in seinem Gedicht „an Mignon“: =
„Und ich fühle dieser Schmerzen ! stil i im Herzen I heimlich bildende Gewalt.“
IV.
Ein Letztes, wozu es im Laufe dieser Auseinandersetzung mit: dem Schicksal kommen kann, ist dieses,
daß das Exlebte schließlich mit seinem Ertrag ganz eingeht in das Sein, in die Substanz des Menschen.
Das Erlebte mag dann längst „vergessen“ sein, aber in dem Sinne des „Aufgegessen-seins“: Es hat sich
in seiner Eigengestalt aufgelöst und ist ganz i in den Menschen hineinverschwunden, ist ihm „u Fleisch
und Blut übergegangen“.
Das in rechter Weise verarbeitete Schicksal bewirkt für den Menschen so etwas wie einen Zuwachs an
Ewigkeits-Substanz. Er ist mehr geworden, er. trägt seitdem-.ein geheimnisvolles „Plus“ in seinem
Wesen. Das spezifische Gewicht seiner Persönlichkeit ist schwerer geworden.
Es ist göttliches: Sein, das so auf dem ‘Wege. der Schicksalsverarbeitung sich in den Menschen hinüber-
begibt. Aber nicht nur Göttliches „im Allgemeinen“ ist es, das da dem Menschen zuwächst, das „zu ihm
selber wird“, sondern es ist gewissermaßen ein konkretes Göttliches, das schon zu ihm eine besondere
intime Verwandtschaft und Hingezogenbeit hat. :
Es gibt Redewendungen der Umgangssprache, aus denen em tiefes Wissen. davon spricht, daß im
Schicksal nicht etwas „Fremdes“ von außen an uns herantritt. s=rern daß da etwas zu uns Gehöriges
uns zu-kommt. Allerdings braucht man diese Wendungen meist in einem. mehr. überheblich-kritischen
Sinn, wenn man in bezug auf einen Meuschen sagt: „Das set: #ım wieder einmal ähnlich“, oder: „Das
konnte auch nur Dem passieren!“ Aber man sollte diese A=sjracke in vollem Ernst wörtlich nehmen.
Es ist eine intime Wahrheit, die aus einem wirklich eixre5=nden Studium von Lebensläufen erhoben
werden kann, daß die Schicksale tatsächlich den von i4=== Betroffenen „ähnlich sehen“ und „nur ihnen
passieren konnten“. ul .
Es ist unser eigenes höheres Wesen, das aus der Ixzicksalen hervortritt und zu uns kommen will
als in sein Eigentum. Es ist unser wahres Ich, wz= = »:_&er „Heim-Suchung“ auf dem Wege zu uns ist.
Wir erwähnten, als wir von der Ergebung szra=ze=_ 3x: Wort des Christus: „Niemand nimmt mir mein
Leben, ich gebe es von mir selber.“ Es hat == Fzrtsetrung: „Vollmacht habe ich, es hinzugeben, und
Vollmacht habe ich, es wieder zu nehmer. Dieser Auftrag erhielt ich von meinem Vater.“ Sich geben
— sich nehmen. So wird schließlich die ra: %: Sort Hingabe zu.einem Nehmen seiner Selbst,.zu einem.
Empfangen der eigenen höheren Wirk ik: —
- So entscheidend wichtig ist es, wie x zer Meusch „zu seinemn Schicksal stellt“. > auch da, wo äußerlich

gesehn „nichts mehr zu machen ist. Tr». mehr wird däs von jenen anderen Schicksalen gelten, die
durch seinen aktiven Zugriff in rem Abu? wmmittelbar geändert werden können!

68.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“
L.
Friedrich Rittelmeyer
Friedrich Nietzsche hat das Wort gesprochen: „Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig
gefreut: Das allein, meine Brüder ist unsre Erbsünde!* Nietzsche glaubte; damit etwas: ganz Großes
und 'Entscheidendes gegen das Christentum gesagt zu haben. ' nt \ oe 2
Es ist sehr merkwürdig, dies Wort zu vergleichen mit dem Wort Christi-aus den Abschiedsreden:
„Solches habe ich zu euch geredet, daß meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.“
Auch Christus ist der Meinung, daß sich die Menschheit zu wenig: gefreut:habe. Aber er gibt ihr das,
wodurch nun ihre Freude völlig werden soll. a eg
' Und dort, wo Christus den Menschen sagt, was er als Freude betrachtet und welche Freude er den
Menschen zu bringen hat, da sagt er es in einem Gespräch über den Weinstock, in dem die Menschen
der damaligen Zeit, die Griechen, in deren Sprache das Neue Testament geschrieben ist, so gern die
Freude suchten. Sie hatten Mysterien, die sich an den Namen des Goties Dionysos anschlossen, in ihnen
wurde dem Weinstock religiöse Verehrung erwiesen, ‘die Gottvereinigung im Wein wurde hier gesucht.
In lichtester Reinheit hebt sich die Christusrede von- diesem Hintergrund ab. Es ist wie eine meik-
würdige "weltgeschichtliche Predigt: Ihr Menschen, hört; was .ich euch vom: Weinstock "zu ‘erzählen
habe. In ihm habt ihr Lebensfreude gesucht seit: Jahrhunderten; dort ist. sie. auch, aber ganz anders
als ihr denkt. Ihr selbst müßt Weinstock werden, Rebe am! wahren Weinstock, an dem, was -als Wahr-
heit dem Weinstock zugrunde liegt, dann habt ihr völlige und:ewige Freude. a .
Dreimal erscheint im Evangelium bedeutungsvoll der-Weinstock, und was wir heute besprechen, will
immer in diesem großen Zusammenhang geschaut sein. Auf der Hochzeit zu Kana verwandelt: Christus
Wasser in Wein. Beim Abendmahl wandelt er den: Wein in sein Blut. Und dazwischen hinein spricht
er: Ich bin der wahre Weinstöck. Wer diese drei Geschichten- in ihrem’ Zusammenhang versteht, der
hat das große Geheimnis der Menschheits-Erdgeschichte vor’ sich. Wasser in Wein! Wenn die Menschen
nur erst ein Empfinden hätten für das, was diese Erdenwirklichkeiten eigentlich sind und: sagen! Gewiß
‚ ist mancher unter uns schon einmal‘religiös "gestimmt worden: durch :den.Anblick des ‚reinen, klaren
Wassers. Man kann da wirklich die Empfindung haben: Das bist du gar nicht‘ wert: denn .du bist unrein!
Aber es kommt doch freundlich zu- dir, entzieht: sich dir nicht, sonderh segnet dick, nimmt deine Uhnrein-
heit auf sich und nimmt dich in die Reinheit auf! Wer das nicht empfinden kann; "wenn er-nur seine
Hand legt in ein frisches, klares, reines Wasser, der wird nie ‚verstehen, was’ alten Zeiten die Taufe
war. Die Menschen-hörten noch im: Wasser den Geist sprechen. Es war.noch eine Erinnerung an ihre
geistige Heimat, wie ja. die ganze Erde sich’ 'aus- dem Flüchtigen: heraus’ verdichtet hat.. Aber Wasser
wird zu Wein. Im Wein lebt die Erde mit ihrer.Kraft. Im Wein. wohnt eine recht irdische-Freude. Der
Erdenmensch steht da und erlebt sich selbst:in seiner Erde:und reckt die-Glieder als Erdenpersönlich-
keit. Wirklich religiös haben in alten Zeiten die Menschen auch den. Wein empfunden. Da lebt ein-Gott
darin, der mich froh macht, der. mir die Freude ar meiner. Persönlichkeit und an meinem Erdendasein
gibt. Den muß-ich ehren. Wenn. vom Gott Dionysos erzählt wird, daß er zerstückelt-wurde, so liegt: dem
das Erlebnis zugrunde, das die Menschen gerade am: Wein machten, daß sie sich nichtmehr so ein-
heitlich fühlten wie in einer großen Seele miteinander wohnend; sondern jeder :mehr in seiner
Individualität betont, aber ‘dadurch :auch: losgerissen von den andern. Das ist das Erlebnis der Mensch-
heit am Wein. Aber nun setzt eine höhere "Wandlung ein. Wenn in den einzelnen Menschen Christus
lebendig wird, Christusgeist sie durchströmt, dann werden sie: wieder. einig. In einer heilig leuchtenden
Schau ist das im: Hohepriesterlichen Gebet vor uns hingestellt.: Alle eins in mir! -Däs hohe, 'hehre
Menschheitsziel! Der Erdenwein, der im Menschen kreist, uß zu Christi.Blut werden, dann werden die
Menschen einig. Wie: Wasser in Wein verwandelt wurde, so muß Wein in' Christi Blut- verwandelt
werden.:So atıf dem-Hintergruhd dieser großen 'Weltentatsachen, die hinter: dem Johamnesevangelium
stehen, müssen 'wir einmal:das: Wort hören, das einzige große Gleichnis; das in den Abschiedsreden steht:
Ich bin .der währhaftige: Weinstock; und ihr seid die Reben. Wenn man’ ganz neu anfängt; sich in das
Christusverhältnis zu vertiefen; da überwältigt es einen immer wieder, wie wenig die Menschen noch von
Christus aufgenommen haben und wie ganz anders er unter.den Menschen leben wollte, als’ er heute lebt.
Dürre Dogmen haben sich (die ‘Menschen aus ihm gemacht und. damit einander totgeschlagen. Hier aber
‚wäre das lebendige Leben gewesen. Bleibt in: mir. und: ich in. euch!- Aber an jedem. solchen Wort der
Bibel empfindet man, wie"wenig man es heute wiedergeben kant in. seiner ganzen Frische und Fülle.

69
Wenn man ein solches griechisches
Wort anrührt, obwohl die griechische Sprache damals schon alt war,
ist es einem immer, als rühre man Jugend an. Unsre heutigen Worte sind dagegen wie ausgedörrte
Aktenmenschen. Dies: Bleibet in mir! Das hat noch einen Hauch von: Wobnet in mir drin! Werdet
dauernd aus meinem Leben heraus! Man-kann das‘ gar nicht übersetzen. Man kann es nur spüren. Und
dahinter liegen erst die eigentlichen Worte, die Christus selbst im Aramäischen gesprochen hat. Aber
bleiben wir bei dieser Übersetzung: Nehmt eure Dauerwohnung drinnen in meinem Leben! Kurz und
praktisch gesagt also: Wir sollen das Gefühl haben, in. Christus: zu. wohnen. Das soll wirklich unsre
Grund-Lebensempfindung sein. Und nun entdecken wir, daß Jies durch das ganze Neue Testament geht:
In Christus sein. Das Wort „in“ so stark und tief und lebendig genommen, wie es nur genommen
werden kann. Das ist Christentum. Und wenn wir fragen: Wie ist das gemeint, so sind wir nicht ohne
Antwort: Bleibet in meiner Liebe; gleichwie mich der Vater geliebt hat,.so liebe ich euch, Also ‚wieder
ganz schlicht und praktisch gesprochen: Wir sollen die.Liebe anschauen, die’ der Vater zu Christus. hat,
und das soll unsre neue Heimat sein, unsre. Überweltheimat, unsre Überzeitheimat. Und dazu gerade
ist uns das Johannesevangelium gegeben, daß wir dies anschauen. Ich wollte, wir wären alle fähig, in
diesem Sinn das Johannesevangelium zu lesen,. vor. allem die Abschiedsreden. Das ist die dem Menschen
zugedachte Freude. Da ist die ganze. Liebe darinnen in aller ihrer Herrlichkeit als ein wunderbarer
Schein aus höheren Welten, ein Schein voller Kleinodien, den freilich jeder für sich entdecken muß.
Allein dies Wort: Ich gehe zum Vater, gesprochen im Angesicht des fürchterlichsten Todes, in solcher
himmelüberstrahlten Freude, würde (den Menschen alles sagen, wenn sie dafür empfänglich wären.. In
dem Klang des Wortes Vater, wie er. im Johannesevangelium lebt, ist alles darin. Wenn :man in den
Abschiedsreden beobachtet, wie Christus sich immer zum. Vater. wendet, dann entdeckt. man in dem
Augenblick, man möchte sagen,:in seinen Augen, den Glanz einer verborgenen Welt, den Widerschein
(der himmlischen Liebe zwischen dem: Vater und.dem Sohn. Und er möchte gern aufwärts zum Vater
gehen. Hättet ihr mich lieb, so. würdet ikr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist
größer als ich. Aber dann sieht er immer wieder die Jünger, und er sieht sie mit einer. Güte von solcher
erhabenen. Reinheit und durchlichteten Wärme und spricht wieder ein. Wort zu ihnen. Aber er.bleibt
nicht in ihrem Schmerz mit ihnen, sondern lenkt sie. mit einer- tiefen heiligen Mühe immer wieder
aufwärts. So geht er hin und her zwischen den beiden Welten. Wie wich der Vater liebt, so liebe ich
euch. Die Liebe Christi zu’ seinen Jüngern müssen wir zuerst schauen, von der Fußwaschung an bis
zum letzten Wort am Kreuz und in dieser Liebe den Widerschein empfangen der göttlichen. Liebe
selbst. Da ist ein. Durchbruch in den Himmel hinein für. die Menschen, die sehen. Aber wer sieht heute
das. Johannesevangelium? — Er selbst, der Vater, hat euch lieb: man braucht sich das nur gesprochen
zu denken im Munde Christi. Das ist unser neues Lebensreich, die große Liebe. Darin sollen wir wöhnen.
Nicht nur das Bewußtsein haben, daß wir: Göttes liebe ‚Kinder sind, wie es im alten Christentum gesagt
"wird, sondern einfach wohnen in der. Himmelswelt.der Liebe. Und wenn. wir fragen: Wie machen wir
das? so bleiben. wir wieder nicht ohne Antwort: Wenn meine ‘Worte in euch wohnen. Wenn ihr meine
‚Gebote haltet, sagt Luther; richtiger heißt es vielleicht: Wenx ihr in Acht habt, was’ ich euch 'eingebe.
Ein Haus für die Christusworte. sollte der.Christ.sein. Und wenn wir ein Haus wären für die Christus-
worte, dann würden wir entdecken,. wie jedes Christuswort ein Haus ist, in dem Christus wohnt und er
würde vielfältig in uns wohnen. .Die. Menschen haben ja gar keine Ahnung vom. Geheimnis des
Wortes. Wie man im Wort, im geschriebenen, gedruckten Wort aus längst vergangenen Zeiten ‘die
Stimme eines Menschen wie von fern her. hören kann, wie im Christuswort Christus selbst darin wobntüund
zu uns kommt, die Wände: des. Wortes, in das er eingeschlossen ist, durchbrechend nach: allen Seiten
und sich verbreitend; .erwärmend, auflichtend wie die Sonne. Heilig, heilig ist das Wort der Bibel. Es ist
das Grab des Christus. Aber er kann.aus. diesem Grab auferstehen. In jedem einzelnen Wort kann er
auferstehen wie aus einem Grab, sowie der Vater ihn ruft drinnen in unsren Herzen. Würden'wir davon
etwas wissen, dann würden wir auch :verstehen, wie Christus sagen kann: Ihr seid jetzt rein um des
Wortes ‚willen. Das Wort eines lieben Menschen kann uns wie einhüllen in. Liebe. Das Wort eines
üblen Menschen kann uns unsre ganze: innere Welt vergiften. Das. Wort aus lichten Himmelshöhen, wenn
wir.es richtig hereinlassen, macht. uns. rein durch und durch. In jedem. Christuswort ist die ganze
Himmelswelt darin und wohl darin zu spüren, und wir nehmen .die ganze Himmelswelt in. uns 'auf,
wenn wir. ein solches Christuswort aufnehmen:— so wie heute die Naturforscher sagen, daß, in jedem
Atom eine.ganze. Sonnenwelt sei mit ihren Planeten. Nicht nur hat Christus den Menschen die.Ver-
gebüng der -Sünden verkündigt und versiegelt, sondern in jedem Christuswort steckt die Sünden-
vergebung, noch mehr: die Sündenheilung darin und: kann herausgeholt 'werden.. Und das sage nicht ich,

70
sondern Christus: Ihr seid jetzt rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Das ewige
Wort, das zur Überwindung der Sündenkrankheit gekommen ist, heilt aus jedem einzelnen Wort „
heraus. — \ "

Der rechte Weg


Eberhard Kurras
„Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals
"leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten, und bald rechts,
bald links, vom. Steine hier, vom Sturze da, die Räder abzulenken ...“
Diese Worte, mit denen Goethe seine- Selbstbiographie beschließt, und die er dort an einem Schick-
salswendepunkt „leidenschaftlich und begeistert“ ausruft, gehören nicht nur zu den schönsten unseres
Schrifttums, sondern sprechen auch eine Wahrheit aus, die für die Erkenntnis des menschlichen Lebens-
laufes und für die Gestaltung unseres Schicksals von ganz besonderer Bedeutung ist.
. Das menschliche Leben — eine eilende Fahrt, die von bestimmten Gefahren bedroht ist! Eine Fahrt,
bei der es entscheidend darauf ankommt, daß sie nicht zu weit nach rechts oder. links geht, weder zum
Steine, an dem wir. zerschellen, noch zum Sturze, durch den wir herausgeschleudert werden, sondern
daß
sie die rechte Richtung finde ... 2 a - u
. Was hier im dichterischen Bilde angedeutet wird, enthält tatsächlich: die grundlegende Wahrheit für
die Führung jedes einzelnen Lebeus. Wir müssen die rechte Richtung finden — denn
es gibt-in den menschlichen Lebensbahnen bestimmte, ‚Verhängnis-tragende Abirrungen!
Die Gesetze des Lebens sichtbar zu machen, ist die Aufgabe der Biographie. Aber deutlicher als
die
neuzeitlichen Biographien spiegeln die mittelalterlichen Legenden die Grundtatsachen unserer irdischen
Existenz. Sie beschreiben nicht nur die äußeren Abläufe, sondern lassen auch die innersten Impulse,
die eigentlichen geistigen Triebkräfte transparent werden. nn nn
Eine Legende, die im Mittelalter große Schätzung genoß, erzählt uns folgendes Menscheuschicksal.
Zu der Zeit, als in Indien das Christentum eingezogen war, lebte dort ein mächtiger König, dem ein
schöner und feiner Knabe geboren wurde, der deu Namen Josaphat erhielt. Als der König von seinen
Sternforschern erfährt, daß sein Sohn andere Wege als.er beschreiten werde, daß er nicht nur
das
ihm zustehende Reich, sondern auch die Religion der- Väter aufgeben werde, da beschließt er, das Schick-
sal zu wenden. Ex baut abseits von der Stadt einen prächtigen Palast, den er nur mit jungen und schönen
Menschen besetzt. Weder mit- Armut noch mit Krankheit, weder mit Alter noch mit Tod sollte sein Kind
in Berührung kommen. So wächst der Knabe in voller Abgeschlossenheit auf.
Eines Tages kommt Josaphat dies zum Bewußtsein. Er bittet seinen Vater, ihn doch einmal hinaus-
zulassen. Der König gibt schließlich aus Mitleid nach, befiehlt aber, daß -seinem Sohn auf der Ausfahrt
alles Häßliche ferngehalten werde. Aber es geht anders, als der König gewollt hat. Zunächst begegnet
Josaphat einem Aussätzigen — und lernt dadurch die Krankheit kennen. -Dann trifft er einen hilflosen
Greis, an. dem er zum erstenmal das Alter wahrnimmt. Schließlich führt ihn sein Weg an drei Särgen
vorbei, in denen er verwesende Leichname erblickt; da erlebt er auch die Tatsache .des Todes. Tiefbewegt
kehrt Josaphat in seinen Palast zurück und hegt jetzt nur den einen Wunsch, von einem Menschen zu
erfahren, wie er mit den- Tatsachen,
.die er erlebt hat, innerlich fertig.zu werden vermöge.
Diese Sehnsucht- des Königsohns wird einem christlichen Einsiedler offenbart, dem Weisen und
Heiligen Barlaam. Er begibt sich ‘zu Josaphat und verkündet ihm das Christentum. Da findet
der
Jüngling, daß diese Religion die Geheimnisse des Daseins wirklich aufschließt und einen Weg zur Über-
windung der Übel zeigt. Trotz der Gegenmaßnahmen. seines eigenen Vaters und mancher Leiden,. die
ihm auferlegt werden, bekennt sich Josaphat zum Christentum; er geht in die Wüste, wird ein Ein-
siedler und lebt. fortan nur der Frömmigkeit ... \ "
Ein Mensch — so erzählt diese Legende — erschrickt vor den mannigfachen Übeln der Welt, zieht
sich aus dem vollen Leben zurück und.lebt-in selbstgewählter Abgeschiedenheit nur mehr
seinem inneren
Geistesstreben. Erfahren wir hier 'eine Lebenshältung, die es nur im Mittelalter gegeben‘ hat? Gewiß
haben die.äußeren Formen des Lebens im Laufe der Zeiten sich vielfach geändert, aber.
die innere
Einstellung, die der indische Königssohn offenbart, lebt doch auch heute noch in vielen Menschen-
seelen! Solche Menschen tragen letztlich die Überzeugung in sich, daß die Welt, in der wir leben,
im
Grunde schlecht sei, empfinden Angst vor den Übeln des Daseins und suchen in ihrer Lebensführung,
soweit es das Schicksal irgend zuläßt,; allen Widerwärtigkeiten aus dem Wege zu gehen.


‚In einer derartigen inneren Haltung kommt, wenn auch nicht so augenscheinlich, eine Abirrung zum
Ausdruck. Hier wirkt in uns jene Wesenheit hinein, die seit Beginn der Menschheitsgeschichte die
eigenwillige Absicht hat, die Menschen zwar zum „Geist“ zu führen, aber unter Preisgabe ihrer irdischen
Aufgaben! Es ist die Wesenheit, die in der Bibel als der erste Verführer geschildert wird und die
der Bringer des falschen Lichtes ist. Wir haben einen luziferischen Lebenslauf
vor uns!
Im Lande Aquitanien — so erzählt eine ‚weitere, im Mittelalter sehr verbreitete Legende — lebten
zwei Geschwister aus adliger Familie, die, als die‘ Eltern gestorben waren, in Liebe zueinander ent-
brannten und sich miteinander ehelich verbanden. Als ihrem Bunde’ein Kind entsproß, beschlossen sie,
es nicht bei sich zu behalten, sondern es heimlich "auszusetzen.
Sie legten es in ein Faß und übergaben
'es dem Meer. Das Kind wird jedoch ans Land gespült, von einem Fischer gefunden’ und zu einem Abt
gebracht. Der Abt gibt dem Kinde den Namen Gregorius und vertraut es dem Fischer an, daß er es mit
“den eigenen Kindern aufziehe. Gregorius zeigt sich als weltoffenes Kind und wird ein tatenbegeisterter
Jüngling. Als er einmal den Zorn seiner Stiefmutter erweckt, macht diese ihm Andeutungen über seine
Herkunft. Gregorius fragt den Abt, der ihm das Geheimnis eröffnet. Da. fühlt ‚sich der Jüngling dort
‘nicht mehr beheimatet; er zieht in die Welt und wird ein Ritter.
Gregorius erlebt jetzt viele Abenteuer und kostet das Leben aus in vollen Zügen. So kommt er
eines Tages in ein Land, dessen Herrin sich gegen Freier verteidigen muß. Er übernimmt den Kampf
“und besiegt die Freier. Dadurch erlangt er die’ Hand’ der Fürstin. Aber bald erkennen sich die beiden
und sehen, daß sie Mutter und Sohn'sind. Gregorius ist entsetzt und weiß nicht, was er tun soll. Da
findet er einen Fischer, der ihm den Rat gibt, eine Felseninsel aufzusuchen,
die Füße in Eisen legen zu
lassen und den Schlüssel in das Meer zu werfen. Gregorius willigt' ein, und es geschieht.
'So sitzt num Gregorius jahrelang auf dem harten Stein seines Felseneilands — die Füße in Eisen
eingeschlossen, für jede Regsamkeit gefesselt, alle Bitternisse” der Erstarrung erlebend. In diesem
Zustand geht er in sich und wandelt sich in seinemi Wesen. Als in Rom ein neuer Papst gesucht wird,
weist eine Offenbarung auf ihn hin. In derselben Leit wird ein Fisch gefangen, der in seinem Munde
den Schlüssel ‚trägt. Da. wird der Greis : aus seiner: "Gefangenschaft befreit und in Rom zum Papste
eingesetzt...
Hier ist inn der Bilderform der Legende ein "kann andersartiges Schicksal erzählt, das in seiner tragi-
"schen Auswirkung "erschüttert. War in der Josaphat- Legende. der Schauplatz im Osten, so ist es 'hier
ein Reich des "Westens, das im Mittelalter zwischen Frankreich ‘und’ Spanien lag. Frevelhaftem Trieh
der Sinne entsprossen, wird Gregorius ein Mensch, in dem eine leidenschaftliche Liebe zur Welt lebt.
Die Folge seiner Taten ist die Verbannung auf ‚gen S t ein“ ‘, wö er viele harte Jabre hindurch ein
Dasein der Erstarrung fristen muß.
. Spielen sich die Schicksale der. heuzeitlichen Epoche Auch nicht in der gleichen Weise. ab, so lebt doch
in zahlreichen Menschen der Gegenwart derselbe Impuls, der Gregorius treibt und der hier nur in seiner
letzten Konsequenz beschrieben wird.
Die Anerkenntnis der physischen Welt als der‘ einzig maßgebenden Wirklichkeit, die leidenschaft-
liche Liebe zu den Sinneserscheinungen, die Führung des Lebens aus den Kräften des Leibes — das
sind die Grundimpulse, die heute in vielen Menschen leben.
Auch hier ist in Wahrheit nicht eigentlich der Mensch der Gestalter seines 'Schicksäls. Auch hier ist es
ein anderes Wesen, das in das menschliche Dasein hereinwirkt. Das Wesen, das den Menschen an ‚die
Materie zu fesseln bestrebt ist, das ihn mit deren untermenschlichen Kräften durchdringen und ver-
sklaven will, bis er der inneren Erstarrung verfällt und ein „Gregorius auf ‘dem Steine“ wird. Das
ist die ahrimanische Ablenkung des Lebens!... \
M uß der Mensch den geschilderten Abirrungen mit unumgänglicher Notwendigkeit verfallen?
‚Als die’reinste Offenbarung der:Gesetzmäßigkeiten, die im Verlaufe der Menschheitsentwicklung in
uns die Herrschaft erringen: sollen,’ können wir das Leben des Christus ausehen. Sein Leben und Wesen
erlebten die Urchristen immer wieder nach zwei Richtungen hin. In den römischen Katakomben und
andernorts: stellten sie ihn und seine Bedeutung vornehmlich: in zwei- Symbolen ‚dar: im: Bilde. .des
‚Lammes und-im Bilde des Fisches.
Auch. heute.noch können. diese beiden Wahrhilder hedeutungsvoll #zu uns sprechen. Sie meinen ja
nicht in erster Hinsicht die bezeichneten Tiere der physischen Erde, sondern ‚Gestalten des Sternen-
himmels, das erste und letzte Gestirn des Tierkreises, himmlische :Kräfte :des lenkenden - Welten-

72
wesens. Christus als das Lamm — das sollte sagen, daß er Cx: «=:
in ungetrübter Seligkeit oben in den glanzvollen Welten des Himmels bie!s==
heit zur Erde herabstieg, um dort alle Übel auf sich zu nehmen und sie durch c}s 3
zu meistern. Christus als der Fisch — das sollte zum Ausdruck bringen. CzS er lz:
Fübrerwesen ist, das die Menschen,. die im Exrdensein der Erstarrung anheimfielen. wisier = (ie
belebenden Fluten des Geistes, in die-Sphäre des höheren Lebens hinaufzuleiten vermag. Dan ezt-
sprechen auch die -Großtaten- dieses Lebens: Christus als das Lamm — das kommt zur Ersheinurz>=
‚der opfervollen Tat von Golgatha; ‚Christus als ‚der Fisch — das offenbart sich in der Leben-begrim-
denden Tat der Auferstehung.
So gewinnt unter aller Lebensläufen das Leben Christi eine unvergleichliche Bedeutung. Nicht nur
er selbst, sondern auch sein Leben ist „der Weg“... ;
Würden wir die Kräfte, die hier walten, in unser eigenes Leben‘ hereinnehmen, so "würden die beschrie-
benen Lebensirrungen raehr und mehr überwunden. Der 'Imp uls des Lammes wäre mäch-
tig, die Josaphat-Irrung zu überwinden; der Impuls des. Fisches wäre
fähig, das Gregorius- Verhängnis aufzuheben. Der Lebenslauf des, Men-
schen muß durch-christet werden!. Dann erst erreicht er die Herrlichkeit .und. Größe, für
(die er von den Schöpfermächten.bestimmt ist. : :\ . -
Suchen wir hiermit eine unmittelbare Verbindung, so können wir sie in der Feier finden, die Christus
„selber eingesetzt, und die er im Fortschrittsgange der Zeiten aus seinem Geist immer wieder erneuert.
Im heiligen Mahl wird uns Brot und Wein zuteil: Im Bröte erhalten wir die Stärke, uns mit dem Erden-
sein zu verbinden; im Weine strömt die Kraft in’ uns ein, “uns über die’ "Schwere zum Geist zu erheben.
Wir eräpfangen. zwischen den Abirrungs: Wegen die rechte Richtung des Lebens.

Die Kraft des Gleichgewichts


Studie zü ‚einem Kapitel des Märkusevangeliums

-Oft hat es sich uns


ı beim Studium. der“ Evangelien be- hetönen,. was jedem Beschauer ins Auge springt und
‚stätist; daß:'die Einteilung dieser unrermeßlich: tiefen als ein ‘wesentlicher: Eindruck bleibt:. das Erlebnis voll-
Kunstwerke in: Kapitel keine willkürliche ist,- son- ‚endeten-Gleichgewichts.
.derü von .wissender oder. mindestens’ ahnender Hand „Jesus nahm :Petrus, Jakobus und Tchanies‘ ‚beiseite
vorgenommen wurde. Manch ein Kapitel hat’ mehr oder ‚und führte sig auf einen hohen: Berg. Und seine: Gestalt
weniger- ausgespröchenermaßen. sein eigenes. Thema. Und ‚verwandelte sich vor ibren Augen und wurde’ hell leuch-
‚viele rätselhafte- Stellen in den Evangelien! beginxien ihr tend; von- einer: strahlenden Weiß... Und es zeigten
Geheimnis -zu entschleiern, weun man sie:in die Grund- sich ihrem Schauen Elias und Moses im Gespräch mit
figur ihres Kapitels eingegliedert sieht, während: sie'als Jesus.“ Es’ entsteht vor dem schauenden Blick der über-
Vers und Zitat für sich- genommen fremd öder dem-mo- ‚wältigten -Jünger das- Bild, wie es Raffael- gemalt: hat:
dernen Bewußtsein 'anstößig- bleiben... Es ist:reizvoll, die Christus als Lichtgestalt, schwebend zwischen Himmel
Evangelien so zu lesen, daß. mau- dem: betrachteten Ka- und Erde. Er in’der Mitte, zu seiner Rechten und Lin-
pitel: die leise zwischen. seinen: Zeilen :‚aufklingende eigene
ken ebenfalls schwebend die Geistgestälten des-Moses
Melodie abzulauschen sucht.: BE und ‘des Elias: Keine’der Gestalten wird von der Erde
Dazu ein" einzelnes: Beispiel.’ -Bei Markus steht im. gewaltsami angezogen ‘oder in das Licht des Himmels ge-
9. Kapitel der Bericht‘ von der Verklärung Christi. rissen. Keine der Seiten gewiant ein Übergewicht. Sie
Ein Ereignis und“ Erlebnis für die Jünger, das so. groß schweben:-in rulevollem und doch'-bewegtem- Gleichge-
ist; daß:es zwar noch nicht voll verstanden- wird, in den ‚wicht. Und diese Kraft des Gleichmaßes. und: der Sicher-
Tiefen der Seelen jedoch nachkliugt- und..seine 'Wellen heit nach allen Seiten hin geht aus von der Mitte: von
wirft. Dem 9. Kapitel des‘: Evangeliunis. gibt‘. es das Christus. Wer ihn so geschaut ‚hat, weiß”ihn :als: den
Thema. Und wenn ‘des-: weiteren: im gleichen "Kapitel Träger der Kraft, des: unabhängigen inneren Mittel-
ganz andere. Szenen berichtet werden, so kommt & doch punktes,. des Wesentlichen im Menschenwesen.:”
mehrmals wieder aus der Tiefe ‘zutage: Nicht indem ‘es Die Schau erlischt, man steht auf. der Erde und: wen-
wiederholt. würde, sondern indem sein-:Motiv. gleichsam det sich vom Gipfel des Berges wieder den ’Niederungen
in andern ‘Tonarten: wieder :aufklingt: \ zu. Raäffaels Bild umfaßt auch die‘ gänzlich andere Szene,
Das hier.:gemeinte „Grundmotiy“ der Verklärung hat die gleichzeitig und kurz daräuf- am Fuß: des Berges
Raffaels- Künstlerhand in dem’ weltbekannten. Gemälde spielt und mit ‘der ersten ‚tief zusammenhängt: :die' Hei-
„Iransfigurazione“ :mit klassischer: Klarheit "gestaltet. lung des besessenen Knaben. Die Jünger’haben ihn’nicht
Gewiß umfaßt das. Exeignis der Verklärung. und auch zu heilen vermögen. Jetzt- tritt -Christus,. koinmend von
Raffaels Bild außerdem "andere gewaltige. Inbälte- und der Höhe.der Verklärung, vor den Kranken; der in der
Aspekte.‘ Doch dürfen wir! in unserem Zusammenhang Tiefe der Besessenheit lebt: „Meister“, sagt. der "Vater

73
‚des Knaben, ‚ich habe meinen Sohn zu dir gebracht, der im Hause angelangt war, gefragt, worüber sie unterwegs
von einem stummen Geist besessen ist. Und wenn er nachgedacht und gesprochen hätten. „Sie schwiegen. Denn
ihn ergreift, so reißt er ihn hin und her“. — „Und sie hatten auf dem Wege darüber gestritten, wer der
plötzlich, als der Geist ihn sah, traten die Krämpfe wie- größte sei.“ Sie haben wahrhafte Größe erlebt. Nun
der ein, und, der Knabe fiel zu Boden und wälzte sich aber mischt sich ein ungeläutertes Seelenelement ein und
hin und her... Und Jesus fragte den Vater des Knaben; stellt die Größe in Beziehung zum eignen Selbst. Von
‘wie lange leidet er schon daran? Und er antwortete: weltenkünstlerischer Schönheit ist es nun, wie Christus
von Kindheit an: Oft stürzt er iln ins Feuer und oft diese Störung des Seelengleichgewichtes' heilt. Er stellt
ins Wasser, um ihn zu. vernichten.“ Woran leidet der ein Kind in ihre Mitte. Dieses Bild des Kindes im
Knabe? Daran, daß ihm das innere Gleichgewicht fehlt. Mittelpunkt des Kreises ist die Heilung. Denn es ver-
„Hin, und. her“ wird er gerissen, von einem Extrem in ‚weist auf die selbstlose, reine, junge. Kraft: der inneren
das andere. Außermenschliche Kräfte bemächtigen sich Mitte im, Menschen. Auch 'bier.hat das Motiv der Ver-
‚seiner Seele, weil er aus dem eigenen Geist die Beherr- klärung leise den Grundton gegeben. :
‚schung nicht auszuüben vermag. Die Gegensätze von Eine. ähnliche Jüngerszene wird, übrigens im nächsten
Feuer und Wasser kämpfen um seine Seele. — Durch Kapitel berichtet, das in verwandelter Form das Thema
Christus wird er geheilt. Durch ihn erhält er die mensch- noch einmal’ aufgreift. Wieder ist es eine Verkündigung
liche Kraft des inneren Gleichgewichts. des bevorstehenden Leidens Christi und seiner Auf-
Vielbeachtet und in Raffaels Gemälde künstlerisch er- erstehung nach drei Tagen, die diesmal bei den beiden
faßt ist die wunderbare Kontrastierung der beiden Sze- Jüngern Jakobus und Johannes die Regung auslöst, sich
nen: auf dem Berge im Himmelslicht ‚das - vollendet — 'zwar opferwillig, aber doch mit einem Gefühl der
ruhige, schwebende Gleichgewicht. Zu den: Seiten Christi eigenen Bedeutung — den Platz zur .Rechten und zur
Moses, der Beherrscher des Wassers (Durchgang durch Linken Christi bei seiner Offenbarung auszubitten. Sie
‚das Rote Meer!) und Elias, der Priester des bimmlischen haben das Geistbild der Verklärung auf dem Berge ge-
Feuers (Berg Karmel!). Unten ir Schatten des: Berges schaut, bei dem zur Rechten und zur Linken des Gott-
die Dämonie des fehlenden Gleichgewichts und die Rat- menschen seine Geisteshelfer erschienen. Nun geben sie
losigkeit der Umstehenden. ibrer Bereitschaft Ausdruck, in deren Amt zu treten.
Später fragen die Jünger Christus im vertraulichen Was an dieser Bereitschaft noch eigenes Geltungsbedürf-
Gespräch, so berichtet das Kapitel weiter, warum sie die nis ist, wird von Christus zurechtgerückt durch den er-
Heilung nicht leisten konnten. Die Antwort lautet: Diese ;neuten Hinweis auf den Keelch des Leidens. Wieder er-
Art ist nur zu überwinden durch die Kraft, die im Ge- scheint das Bild mit dem Kreuz und den zwei andern
bet errungen wird. Welche Kraft aber ist das? -Zum Kreuzen .zur Rechten und zur Linken wie von ferne.
Gebet wird man nicht von außen, weder: von rechts, noch Und die Gegenüberstellung der großen Bilder Verklä-
von links, genötigt. Ein Gebet entsteht nur aus: innerer rung und Golgatha ist‘es, die hier das Seelengleichge-
Aktivität der Seele. Aus ihr. entwickelt:sich die Kraft wicht wieder voll hexstellt. „Wer unter Euch :der Erste
zum inneren Mittelpunkt und Gleichgewicht. Die ‚Jünger sein will, der sei allen ein Knect.
konnten hier.nicht helfen, weil sie selbst noch zu -wenig ". Doch zurück zum :9. Kapitel. Es Folgen gegen seinen
Träger dieser Kraft waren, um sie heilend‘ spenden zu ‘Schluß: rätselhafte Christusworte, die erst von der ge-
können. kennzeichneten. Grundfigur des Kapitels. her ‘eine Auf-
Diesen inneren: Mittelpunkt der Menschheit" einzu- hellung erfahren. Die Mitteilung der Jünger von einem
pflanzen, das ist die große Mission des menschgeworde- fremden Heiler, : der im Namen- Christi Dämonenaus-
nen iGottes. Aber dazu muß er ganz zur. Tiefe des :treibungen betreibe, gibt Anlaß zu dem Hinweis auf das
Erdendaseins herabsteigen und.im Tode die Kraft damı untrügliche -Uuterscheidungsmerkmal ‘für menschliche
:bewähren und ‚begründen. Haltung, Wer dem Kinde im Menschen, dem zart: wie
. Unmittelbar an das vorige anschließend berichtet "das ein Kind aufkeimenden Mittelpunkt: im Menschenwesen
Markuskapitel eine Leidensverkündigung Christi. Er ‚dient, „der ist für 'uns“. Wer.das Ich im Menschen aus
sagt seinen: Jüngern, des Menschen Sohn werde getötet dem Gleichgewicht („zu Fall“) bringt, dem wäre besser,
werden, aber am dritten. Tage auferstehen. Zum ersten- ‚es würde ihm ein Mühlstein um den Hals gelegt und er
mal leuchtet im Evangelium. an dieser Stelle das Bild ins Meer geworfen. Weil er das Wesentliche stört, lädt
des bevorstehenden Ereignisses von Golgatha ‘wie von er sich ein schweres. Schicksal auf..
ferne auf. Während. das Bild ‘der drei Geistgestalten .. Die’ unendliche Streuge, mit der Christus urteilt, wenn
der Verklärung auf dem Berge noch vor dem inneren 'es.um das Wesentliche geht, kommt ebenso in den näch-
Blick steht, fügt sich leise ein:neues Bild hinzu: das der sten Zeilen.zum Ausdruck: 'Ärgert dich deine Hand; so
bevorstehenden drei Kreuze auf dem anderen Berge. haue sie ab. -Ärgert dich dein Fuß, so-haue ihn ab.
Es grüßen sich Tabor und Golgatha.' Ärgert- dich ‚dein. Auge, so reiß es aus... (Der Leser
Die Jünger haben, wie ausdrücklich: gesagt wird, noch möge die Stelle im : Zusammenhang Markus 9, 43—48
nicht voll. verstanden. Und deshalb. wohl wirken die nachlesen.) Worte, die unendliches Rätselraten ausge-
unerhört großen Erlebnisse der letzten Stunden und die löst ‚haben, von .asketischen Fanatikern früherer Zeiten
Ankündigung der weltumstürzenden Überwindung des wörtlich-körperlich befolgt wurden und den: Gegnern des
Todes zunächst so auf sie, daß sie ein ‘wenig den: Maß- Christentums Anlaß zu Hohn und Propaganda gegeben
stab verlieren und aus dem Hause. geraten. Das Markus- ‚haben. Wie können wir die. Worte in unserem Zusam-
kapitel erzählt weiter, Christus habe, -als man wieder menhang verstehen? Hand, Füß und Auge sind .Bestand-

it
teile der einen Körperhälfte. Je nachdem, ob sie der eingenommen und zur höheren Einheit geführt. Hinter
linken oder rechten Seite angehören, bilden sie gewisse dem. Bild des Priesters am Altare schimmert leise das
Einseitigkeiten aus. Die Linke neigt zur Passivität, die Bild der Verklärung auf dem Berge auf.
Rechte zur Aktivität. Die Zweiseitigkeit des Menschen Das Markuskapitel schließt dann mit dem Wort von
hat’ ein kaum bemerktes, doch fast beständiges Pendeln der Läuterung zum reinen Salzkristall: Habt Salz in
der Seelenkräfte zur Folge zwischen Rechts und Links, euch und pfleget den Frieden. So wie aus einer Lösung
zwischen Verharren und Vorschreiten, zwischen Verhär- im Feuer der Läuterung sich das Salz als ihr Wesent-
tung und Auflösung. Dieses Pendeln sucht nach der liches absetzt, so soll der Mensch als sein Wesen einen
überleiblichen Mitte, nach :dem Gleichgewicht. „Ärgert“ inneren klaren Kristall bilden. der ihm die Kraft zur
ein Glied den Menschen, so heißt das nichts anderes, als Ruhe gibt. Auch in diesem Schlußbilde klingt noch ein-
daß es ihn aus dem Gleichgewicht bringt, indem es nicht mal das gleiche Motiv an.
mehr dem Wesentlichen dient, sondern seine Eigenart In 10. Kapitel wird dann, wie die Bitte der Zebedäus-
und Besonderheit übertreibt. Es droht sich zu lösen vom söhne bereits gezeigt hat, in zarter Metamorphose das
Ganzen. Auf die‘ Seele und ihre rechte Entwicklung 'ist Thema noch einmal aufgegriffen. Es beginnt mit der
dabei abgezielt,; denn ein ‘Glied als’ solches kann nicht Frage der Geschlechtlichkeit des Menschen und der Auf-
das „Ärgernis“ erregen. Um die rechte Mitte zu finden, gabe, jenseits der geschlechtlichen Zweiheit, der Polari-
ist es besser, auf das abirrende „Glied“ (ins Seelische tät der Geschlechter, im Geiste das Wesen des Menschen
übertragen: auf die: einseitig werdende Kraft) zu ver- zu finden. „Im Urbeginn der Schöpfung wurde der
zichten,. „als mit zwei Händen dem Abgrund zu verfal- Mensch männlich-weiblich erschaffen.“ Er soll es einst
len“..Der Radikalismus der Äußerung -Christi weist hin wieder werden. Dies Thema zu behandeln, ist dem Chri-
auf den Ernst. der Aufgabe, die‘ ‚Wesenzmitte zu er stus. erst möglich auf dem Hintergrund der vorangegan-
reichen: - genen Verklärung und der daran angeschlossenen Unter-
Im kultischen Bilde kennen wir-in-1. der Chhistengemein- weisung seiner Jünger. Das Gespräch mündet wiederum
schaft auch „Rechts und Liuks“, sowie das. fortschrei- heilend und verklärend ein in die Betrachtimg des Kin-
tende Hinstreben: zur “Mitte. Die Menschenweihehand- des: „Lasset die Kindlein zu mir kommen..., denn sie
lung wird anfangs vom Priester an der linken und rech- tragen’ das göttliche Reich in ihrem Wesen.“
ten Seite des Altares zelebriert, bis sie in der Mitte Die Grundmelodie des 9: Markuskapitels klingt aus
ihren Höhepunkt findet. Die Besonderheiten der beiden in der Erkenntnis der Harmönie des reinen Kindes-
Seiten: des Menschenwesens und des irdischen Raumes wesens. Kurt von Wistinghausen
werden in das gottesdienstliche Geschehen seläutert her- .

Matthias Claudius zum Gedächtnis


„Hier ist alles.heilig, alles hekr! „Man kaun nicht bergauf kommen, ohne bergan zu
Und die kleinen. Erdonfrenden, " gehen. Und obwohl Steigen beschwerlich ist, so kommt
-Und die kleineu Erdenleiden-. ! man doch dem: Gipfel immer. näher, und mit jedem
. "Kümmern uns nicht mehr. - Schritt wird .die Aussicht umher freier und schöner.“
“ Doch wir denken hier an die da drüben, “„Wenn:das Wasser sich zu Staubregen zersplittert,
“ Denken bier an sie.und lieben.“ : ; kann es keine Mühle treiben, und wo Klang und Rumor
Diese Verse, die die Überschrift "Ein:Seliger. an die an Tür und Fenster. ist, passiert im Hause nicht viel.“
Seinen in der’ Welt“ tragen, scheinen. unmittelbar für "Schön und wahr. sind solche :Gedanken. Ferm ist ihr
unsere. Gegenwart geschrieben. "Welche reiche, weite und Verfasser der bloßen Verstandesarbeit und der trocknen
tröstende. Erfahrung liegt ihnen zugrunde, und wie man- sittlichen Ermahnung. Bilder stehen ikm vor der Seele,
cher der Kämpfer, die ihr: Leben in den Schlachten die- und indem er sie ausspricht, wird in dem Leser eben das
ses Krieges. dahirigegeben haben; .wird num von der 'gei- geweckt, -was ein anderer, der der Bildsprache nicht
stigen :Welt aus‘ an: uns und. unser: Leben in dieser Ge- mächtig ist, ‘vergebens wirkungsvoll sagen möchte, Sie
sinnung denken! Aber nicht ein :Dichter unserer Tage sind .ürsprünglich' und’ frisch, keineswegs herangesucht
hät mit ihnen ‚Erlebnisse des- nachtodlichen -Lebens be- und mit der ganzen Kraft einer edlen Persönlichkeit
schrieben, sondern Matthias Claudius; der „Wandsbecker beseelt. Altes bildhaftes Erkennen der Volksseele liegt
Bote“, dessen’ Geburtstag sich. am 15. August zum. zwei- ihnen. zugrunder...
hundertsten Male jährt. \ ‚Matthias Claudius ist vor allem durch sein einzig-
: Auch’ 'durch andere Äußerungen, hat Matthias "Claudius schönes Lied „Der Mond ist aufgegangen“ bekannt. Auch
solche Erfahrungen bekundet. Folgende Sätze ‚stammen stammen von ihm noch eine Anzahl anderer sehr schöner
von ihm: : Lieder, etwa. „Der. Tod und das Mädchen“ oder die
„Wehn von: den Göttern ünd göttlichen Lehrem ‚die kurze Anrufung des Todes: :
Rede ist, so soll dir, wie-übergroß: es auch laute, ;nichts „Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
zugroß und unglaublich dünken‘, dern wie der Himmel :. Tönt so traurig, wenn er sich bewegt-
über" die. Erde ist, sind ihre Gedanken; und ihre Fülle -Und-nun 'aufhebt seinen schweren Hammer
ist wie die Fülle des.Meeres. Tritt ans Ufer und siehe Und die Stunde schlägt.“ 2
hinauf seine Höhe. Das Wasser. wird ihrä nicht: fehlen, “Auch mannigfache Auszüge aus seinem „Wandsbecker
wenn deine Rosse trinken.“ Boten“ werden: mit Recht immer noch von vielen: Men-

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schen gelesen, denn immer spricht eine reife Persönlich- der Ahnung von dem wahren Wesen des: Menschen und
keit, voll Demut und erustem Willen, seine: Mitmen- seiner wahren Stellung in der Welt erwachsen. Der Dich-
schen zum Besten anzuregen. ter wollte einen Beitrag zu einer gesunden Entwicklung
Begreiflicherweise wird der Dichter weithin als reli- des Alenschenlebens überhaupt geben. Keineswegs fehlte
giöser Volksschriftsteller. aufgefaßt, der abseits vom ibm. das Rüstzeug, um einen ruhmvolleren Weg zu gehen,
eigentlichen Geistesleben der Zeit für die „Kleinen im aber er yerwirklichte in der Gewißheit, daß der Mensch
Geiste“ geschrieben, aber auf die Entwicklung im gan- ‚obzie Hingabe an die geistige Welt sich selbst schädigt,
zen wenig Einfluß gehabt habe. Wirklich hat er sich in das Gesetz: „In der Beschränkung zeigt sich erst der
sein Wandsbeck gewissermaßen zurückgezogen, und nur Meister.“ Sind Sätze wie die folgenden nicht groß und
zu oft findet man in seinen Schriften Äußerungen, die schön?: „Wenn dir ein Mensch vorkommt, der sich so
auf einen tiefen Gegensatz seines Wesens mit der Bil- viel dünkt und so groß und breit dasteht, wende dich
dung ‚seiner Tage schließen lassen. Das einfache und um. und habe Mitleiden mit ihm.:'Wir sind nicht groß, und
glücklicie Familienleben, das er geführt und immer wie- unser Glück ist, daß wir an etwas- Größeres und Besse-
der besungen hat, scheint ihm wichtiger zu sein als der res glauben können.“ — „Wir sind von königlichem Ge-
mächtige 'Geistesstrom, der in der zweiten Hälfte. des schlecht, und..wir können und sollen Könige werden.
18. Jahrhunderts.in Deutschland zu fließen anhob. Trotz- Nur, sie wollen uns weismachen, wir wären schon, was
dem stand er mitten in seiner Zeit, wollte durchaus auf wir sein sollen, und wären es durch Talisman und For:
ihren. Gang Einfluß- nehmen und offenbart sogar durch meln geworden. Und das ist:lächerlich und nicht wahr
seine Sonderstellung ihre Eigenart auf besondere Art. und nicht ehrlich.“ Während führende Geister der ‚Zeit
Im 18. Jahrhundert herrschte. die „Aufklärung“. -Immer ihr Genie (auch der junge Goethe hat so getan) einfach
mehr wurden überlieferte: Glaubensgüter in’ Zweifel.ge- auslebten und . vielfach. dabei. „allzumenschlich“ wurden,
zogen, der Mensch fühlte sich der göttlichen Welt gegen- hat Matthias Claudius bewußt und freimütig und :er-
über selbständig und vertraute seinem. Verstande immer staunlich unköonfessionell. ein .tiefes Christentum vertre-
mehr, ohne gebührend, wie es Goethe später einmal for- ten. Sein „Wandsbecker Bote“ wollte trotz und wegen
derte, „Das Unerforschliche zu. verehren“, ‚ohne aber seiner. V’olkstümlichkeit. ein Aufruf an alle sein. In sei-
auch schon jene Ansätze lebensvollerer Erkemntnis zu ner Art. steht_er in den letzten Jahrzehnten seines Jahr-
besitzen, die’erst durch die Klassiker: verwirklicht. wor- hunderts fast einzig da. ..
den sind. Auch das dichterische Leben. geriet. damals in Freilich wußte. er der Überschätzung .des Verstandes-
die Gefahr, den Menschen von den wahren Quellen sei- lebens und. dem. :„Genietum“ . seiner Zeit nichts anderes
nes Wesens abzufübren und dem Kosmos gegenüber zu entgegenzustellen als ‚den schlichten .Glauben .und war
verselbständigen. Dem „Rationalismus“ wirkten zwar von einem tiefen Mißtrauen gegen die Erkenntniskraft
auch fromme große Geister wie Hamann entgegen, aber ‚des Menschen nicht frei. Seine Stellung zur Erkenntnis
ohne Wege zu finden, die für alle Meuschen "gangbar "erinnert an diejenige von Luther, der bekamntlich von
waren; und wo christliche Erömmigkeit gepflegt wurde, der „Hure Vernunft“ gesprochen .und .alles. philoso-
geschah : es fast nur. in:’pietistischen . Kreisen, denen phische Streben leidenschaftlich :abgelehnt hat. Daß auch
Schwung und Weitblick fehlten. Dies alles ist ein Kenn- die Erkenntniskraft eine göttliche Gabe sei und zum
zeichen der Stufe des Werdens, das wit dem Begiun der Guten angewendet werden könne, -auf..diesen Gedanken,
„Neuzeit“ eingesetzt hat, das alte :Schauen und: den ver- der doch etwa Goethe, Schiller. und Novalis’so selbstver-
erbten Glauben mehr und mehr ausschaltete und im ständlich war, ist er nicht gekommen; :sondern .mit einer
19. Jahrhundert zum Gipfel. des’ ‚‚Materialismus“ hin- nicht immer überzeugenden Eindringlichkeit lehnte. er
führte; es ist. auch die Grundlage für das Lebensgefühl alles „Gelehrtentum“ ab; statt, wie es völlig berechtigt
und die Lebensaufgabe von Matthias Claudius gewesen. gewesen wäre, nur.seine .Irrungen und Schranken auf-
In seiner Jugend hat er selbst mitten .in dem dichte- zuzeigen. So wird man durch ihn zwar. immer in. die
rischen. Leben seiner. Zeit gestanden, das den .Grundzug Tiefe des Sittlich-Religiösen, nicht. aber in die Weite der
wit durch den Blick auf die Dichtung Frankreichs er- Welt oder gar des Kosmos: gewiesen. Einem: Alten; Über-
hielt, und selbst ein Bändchen Gedichte veröffentlicht, kommenen hing. er an; und kaum kann:man ihn einen
die‘ diesem Geiste verpflichtet sind. Überhaupt hat er Bahnbrecher des. Künftigen: nennen. .
die :Bildung seiner Zeit beherrscht und nicht nur .die Von hier aus'sind seine -Äußerungen über die Ge-
Kenntnis von sieben Fremdsprachen besessen, sondern lehrsamkeit zu verstehen. Immer wieder: grenzt er sich
auch mit bedeutenden Geistern Umgang und Austausch von ihrer Welt. ab und. deutet an, daß das Urteil der
gehabt. An Gerstenberg, Gleim und Herder sind durch „Gelehrten“ unwichtig sei.
viele Jahre hin immer wieder Briefe gerichtet, und wie Naiv 'war..er.:Sar nicht, auch nicht in. dem: Sinne, in
er in Kopenhagen persönlichen Umgang mit Klopstock dem man die: „Genies“ seiner Zeit naiv nennen dürfte,
hatte, so in. Hamburg mit Lessing, und wenn man unter aber zu dem Erwachen, wie Goethe und Novalis es
seinen Schriften Auseinandersetzungen .mit Kant oder dann’ darlebten, ist. er nicht vorgedrungen. 'So. ist‘ sein
freimütige'Kritiken an Goethe findet, so kann. man nicht lauteres und - tiefes- Glaubensleben mit :einer gewissen
zweifeln, daß er einen weit ‚größeren geistigen Raum Tragik. behaftet, als sei etwas, was doch. damals immer-
überblickt hat als mancher es vermutet, der. nur seine hin nicht‘ ganz. außerhalb. des. Bereiches ‘der Möglichkeit
volkstümlichen Aussagen und Verse kennt: \ lag, unverwirklicht geblieben. Das. evangelische ' Chri-
Diese „Volkstümlichkeit“ ist die Folge einer bewuß- stentum hat in jenen Jahrzehnten kaum einen edleren
ten Abkehr von der Welt des 18: Jahrhunderts und aus Vertreter besessen, aber seine Quellen, in. Jahrhunder-

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ten immer spärlicher fließend, waren, geistesgeschichtlich und sich wandelnd wird er in das „Land ‚des Wesens
gesehen, damals schon am Versiegen und sollten erst und der Wahrheit“ eingetaucht sein, und gewiß hat er
durch ‘die in Goethe sich ‚zeigende Erneuerung und spä- sich dort mit allen guten Zukunftsimpulsen' verbunden.
ter wieder zu. reicherem Fließen gebracht werden. So ist Schon zu seinen Lebzeiten hat er ja manche Äußerun-
Matthias Claudius am „größten“ dort; wo keine Be- gen getan, die auf ein Künftiges hindeuten. So etwa,
engung der geschilderten Art ihn behinderte, etwa in wenn er die Wirkung der morgendlichen Sonne mit der
Aussprüchen wie den oben angeführten und in Dichtun- des „Altargerätes“ gleichsetzt oder in dem friedvollen
gen :der. Art wie das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ Satz: „Die Leut’ fürchten sich so vor einem Toten, weiß
sie zeigt. Wie wunderbar sind die Verse der Anrufung: nicht, warum. Es ist ein rührender, heiliger, schöner
Anblick, einer Leiche ins Gesicht zu sehen, aber sie
„O du Land des Wesens und der Wahrheit,
muß ohne Flitterstaat sein. Die stille, blasse Tods-
Unvergänglich für und für!
gestalt ist ihr Schmuck, und die Spuren der Verwesung
Mich verlangt nach. dir: und..deiner Klarheit, ihr 'Halsgeschmeide und das erste Hahnengeschrei zur
.Mich verlangt nach .dir.“ . Auferstehung.“
Solche Worte lautersten geistigen 'Strebens, die doch :- Dieses „Hahnengeschrei der Auferstehung“ tönt als
noch heute’ jeder aus vollem Herzen sprechen kann, verborgener . Grundton durch sein ganzes Werk hin-
tönen von dem schlichten „Wandsbecker Boten“: bis’ durch, das gibt ihm die eigentliche Bedeutung und
zu uns herüber. Wie sollte man da seiner nicht mit Weihe, ‘und unter den vielen, die von der geistigen
Dank und Ehrfurcht gedenken? Welt aus an uns „denken“ und uns „lieben“, ist sicher-
Das Zeitgebundene seines Wesens muß sich ja im lich auch er, der „Wandsbecker Bote“, zu denken.
nachtodlichen Leben rasch verloren haben. Tief atmend : Bernhard Martin

Von Harz und Weihrauchkorn


Der Kuabe, der durch den Wald streift, Holz zu. suchen entzündet, -wenn die Luft zu zittern beginnt, und alles im
fürs Feuer, kennt bald das mancherlei Wesen, das der Dufte wie entschweben möchte in die Weiten. Oft stand
Wald birgt.. Die Spitzen der dürren Fichten- und Tannen- der Knabe. am Baum, sah auf. die Tropfen, die durch die
äste bricht er im Dickicht, dort sind. sie schön trocken. schützende Rinde quollen — meist wo eine Wunde war —,
Ganz leicht ist selbst ein großer. Arm voll, und im Tragen und er fühlte sich der lebenden Seele des Baumes nahe.
prickelt die Haut; die sind gut zum Anzünden, flammen. Zu Tränen erschütterte ihn eines Tages ein Wald, in dem
leicht auf, geben rasch Hitze, die aber bald verfliegt: Er viele Stämme eine keilförmige Wunde trugen, in die ein
muß schon die glatten biegsamen Kiefernzweige nehmen, gebogenes Blechschälchen eingetrieben war, die fließenden
die vorn oft noch Büschel roter Nadeln tragen, oder split- Harztränen zu sammeln und zu erbeuten. Was sonst sich
ternde kleine Fichtenstämmchen, wenn die Steine des dem innigen Leben entrang, sah er hier mit roher Gewalt
Herdes recht heiß werden sollen. Dorthin legt er die entpreßt. Er.ahnte Finsternisse in der Welt. —
mulmigen Äste, die er aus dem feuchten Laub heraus- Der Jüngling war aus dem schützenden Elternhaus und
gezogen hat, zum Trocknen; zu früh aufgelegt, qualmt dem Walde seiner Kindheit gezogen. Er hauste in eimer
es und beizt die Augen. Auch bei grünen frischgehauenen Dachstube einer fremden Stadt. Dort saß er meist zwi-
Ästen ist er vorsichtig; nur wenn frischer Wind weht und schen vielen Büchern. Die Hände hatten uichts zu tun als
gute Glut drunter ist, fammen sie auf, und der Rauch in ihnen zu blättern, oder aufzuschreiben, was in seinem
fliegt fort. Doch alles, was der letäte Sturm von den Sinn im Zusammenleben mit den Büchern entstand. Er
Buchen und Eichen heruntergeweht hat, was so gediegen sann viel über das nach, was er las. Er mußte die großen
und rund knackt beim Brechen, das hat er liebevoll neben Taten vergangener Zeiten bewundern. Oft überwältigten
dem Herd aufgeschichtet; ‘damit speist er bedächtig die ikn die Zusammenhänge des Naturgeschehens, die ihm auf-
Flammen; dies Holz gibt dem Feuer Dauer und Kraft. gingen. Aber suchte er in all dem, was er kennen und be-
Doch auch Dorngestrüpp und Akazienzweige verachtet greifen lernte, Richtung und Inhalt seines eigenen Lebens,
er nicht, wenn sie ihn auch ritzen; die geben dem Ge- so fand er nur lähmende Leere. Vergangenheit lastete auf
richte letzte Reife, wenn sie prasselnd verbrennen. ihm. Alles Gegenwärtige war so grau und klein. Sein
Am Ende hat er den ganzen Wald an seinen Händen. Denken erschien ihm schal, sein Fühlen matt; für seinen
Mit Sand spült er sie rein am Bach. Nur einige klebrige Willen fand er kein rechtes Ziel. Er wurde müde. In
Stellen. widerstehen dem Wasser; da müssen Zähne und seiner Seele webte Dunkel. °
Zunge helfen: Und das Harz schmeckt gut. Suchte der Einmal rief ihn ein Stern, in früher Winterdämmerung
Knabe doch vor allem die Zweige mit den runden er- über weißen Dächern aufschimmernd, nach draußen. Wie
starrten Tropfen; auch hatte er bald die Stelle gefunden, entfliehend sprang er die Treppen hinunter auf den
wo jüngst die Männer den Baum gefällt hatten; dort Markt. Angezogen vom geschäftigen Treiben blickte er
lagen noch die aus der Wunde gehauenen Späne, über- um sich. Eine alte Frau, die ein knarrendes Wägelchen,
zogen mit dem weißen Blute des- Baumes. Im Feuer hochbeladen mit Tannenzweigen mühsam zog, hielt seinen
zerfloß das Harz und schon war es im feinen Rauch ver- Blick fest. Rasch packte er an und half ihr über den
duftet. Das xoch so würzig, wie der ganze Wald riecht, Berg. Den verschlossenen, mürrischen Dank — wie es
wenn die Sommersonne mit ihrem Liebesglühen die Erde so manchmal bei alten Leuten ist — begleitete ein sorg-

7T
san als schönster ausgesuchter Zweig. Wie träumend hielt jubelnd seine schwere Gestalt und erhebt sich duftend in.
er ihn und trüg ihn dann langsam die Straße wieder die Himmelsweiten.
emporsteigend, nach Hause. ‘Für uns wird es ein Sinnbild des opfernden Dankes. Er-
Aus den Tiefen der Seele leitet gute Erinnerung seine innerndes, sinnendes Gedenken wird zum Dank. In allem,
Hand, als er ein Licht auf den Zweig steckt und: ent- was in uns zurückgeblieben ist von unseren 'Erlebuissen
zündet; ein kleiner Zweig auf den Ofen gelegt erfüllt auf dem Lebenswege, ist so ein verborgenes Wesen. Das
bald die Stube mit blauem würzigen Duft. ° möchte ‘sich vereinigen mit den Geisteszielen des Men-
‚Indem er ins Licht schaut, tauchen Bilder vor der schen. Das möchte nicht für sich bleiben. Das möchte auf-
Seele des jungen Menschen auf. Wieder ist er im Wald. genommen werden von dem Lebensstrom, der in die Zu-
Aber sein Gemüt ist durch das Leid des Wahrheit-Suchens kunft führt. Wir tragen sie herzu, unsere Erinnerungen,
verändert. Er gibt sich nicht seliger Kindheitserinnerung unsere so gewordene. Seelenart; wir geben sie hin, entzün-
träumend hin; er tritt vor die Bilder und fragt: Wäs ist den sie an der Flamme des Herzens. Da ist Liebe Hoff-
es, das in diesem Dufte webt und die Seele mit fort- nung, ist Ahnung, ist Sehnsucht nach neuem Werden, nach
nimmt? dem Lichte, das aus Finsternissen scheint; nach der Wie-
"Und ‘wie ein Keim die Blätter entfaltet, eröffnet sich dergeburt aus der Exstarrung im. Tode.
das 'Rihdöserlebnis in ‘der sinnenden Seele: Im Garten Der Weg des jungen Menschen war ein wenig freier ge-
stehen die Blumen und Bäume. In wogenden Rhythmen worden, als das Licht herabgebrannt war und er aus dem
steigen und kreisen die Säfte. Was aus Licht und Luft er- Sinnen erwachte.
atmet wird, verbindet sich mit den vom Wasser belebten Der Priester steht am Altare. Er opfert den Weih-
Erdenstöffen, die aus der Tiefe erhoben werden. Immer rauch. Er erlebt, wie innere und äußere Wirklichkeit eines
edler wird es geläutert; immer reicher wird es an Gehalt; werden. Was in der Natur zur Wandlung strebt, was sich
immer feiner und zarter als Stoff! Bis es in der farbigen hingebend opfern möchte, wird vom Menschen ergriffen
Blüte als ätherisches Öl hinüberduftet vom Physischen ins und gelöst, wird zum Träger seiner Opfergesinnung. Er
Geistige und in der Frucht wieder verdichtet als Gabe des - fühlt, wie jene Liebe, die er am Korne des Kreuzbaumes
Bimmels Nahrung wird oder Keim künftigen Lebens. in sich erlebte, schon das Wesen des Christus selber war,
Dies aber bewirkt die gegenwärtige Liebe der strahlenden der in ihn sich hineingeopfert hat. Er kann mit innigem
Sonne. Eigenstes Leben entschweht jeder Blüte. Jede Ernst das „Christus in uns“ in den aufsteigenden Weih-
duftet anders. So stehen Rosen und Lilien im Garten, so rauch sprechen. Und er liebt das Weihrauchkorn mit der
leuchten Pfirsich und Apfelblüte, so strömt die Linde aus geistdurchleuchteten Liebe tiefen Verstehens: _
tausend Kelchen ihr seliges Leben zum Himmel. — Alles Unter den Liedern eines vorangegangenen Priesters,
geht auf in der Erfüllung des Augenblickes. Die Liebe ist des Sämischen Dichters Guido Gezelle findet sich das fol-
gegenwärtiges Leben. gende, überschrieben „Das Weihrauchkorn“:
Dort ragt ein Stamm, durch und durch in Kreuzesform
gestaltet. Alles an ihm ist Verzicht. Karge harte Nadeln O Weihrauchkorn
Versteinter Born
die Blätter. Nach unten hängende Zapfen die Blüten,
Du Trän aus Lärch- und Zedernstamme-
Dunkles, fast schwarzes Grün die Farbe. Aber das Leben,
Gebetes Bild -
das er verbirgt, kann er durch den Winter tragen. Er ent-
Drin Feuer spielt -
schwebt nicht im Dufte in den Himmel; aber er muß auch
und Funkeln von des Herzens Flamme.
nicht die welken Blätter zurücksinken lassen zur Erde.
Er verbindet Sommer und Winter, Licht und Finsternis. Kein Gabe Gold -
Er hat Erdenschwere in sich und xeckt sich stark nach Kein Myrrhen-Sold \
oben. Er ist der Erde treu. Hat er nichts in sich von Kann meine Hand dem Herrn erbeuten
jenem Drängen nach immerwährender Verwandlung, Er- Doch Weihrauch mag
höhung, Bereicherung, nach jenem Öle, das geistig wird? Ihm alle Tag
Sein eigenstes Leben vertraut er dem Harze an. Es Und aller Orten Dank bedeuten. \
durchdringt ihn nach innen, die Nadeln, das Holz; wie ein O Weihrauchgrau
totes Steinchen hängt es am Stamm, wird fest und bleibt. Im Feu’r vertau:
Bleibt auch; wenn die glänzende Sonne in den Weiten Und Rauch aus matten Herzens Nöten
verdämmert und alle Farben verblaßt sind. Bleibt als er- Ein irdisch Grau-
starrte Tränen an den Wunden, sie liebend schließend. Wird himmlisch: Blau - .
Verborgen trägt das unscheinbare Harz sein zartes, "edles Geh, Weihrauchkorn, den Herim änbeten.
Wesen. Aber wenn ein Feuer entzündet wird auf der _ (Übertragen von Rudolf Alexander Schröder; Inselverlag)
dunklen Erde, dann wird es offenbar, dann ı opfert es Gerhard Klein

' Umschau
Sonntage in der Sowjetunion In den letzten Jahren waren sie durch den sogenannten
Wie die Fraukfurter Zeitung meldete, ‚werden seit
Ausgehtag (Wychodnoi) ersetzt, der regelmäßig auf den
diesem- Sommer in der Sowjetunion wieder die Sonn- 6., 12., 18., 24. und 30. des Monats 'angesetzt war.
tage gefeiert, die über 10 Jahre lang abgeschafft waren. Da nicht etwa Rückkehr zum Christentum der Grund’

18
für diese Maßnahme sein kann, bleibt für uns die Frage rat Seeberg zur Aufgabe dieses Berufs ausführt. Einige
zunächst offen, welcher politisch-kulturelle Gesichtspunkt Ergänzungen zu Studium, zu Einzelaufgaben des evan-
die Sowjetregierung zu diesem Schritt bewogen hat. Es gelischen Pfarrers und zur Frage seiner Besoldung wer-
mag mitspielen, daß auf diese Weise der freie Tag in den hinzugefügt. Welchen jungen Mann von heute, der
Stadt und Land wieder. zusammenfällt, da es seit 1929 womöglich von der Front kommt, kann das überzeugen
nicht gelungen sein soll, die bäuerliche Bevölkerung und begeistern, diesen Beruf zu ergreifen? Und woran
vom alten Sonntag abzubringen. liegt eine solche exschütternde Armut an Gesichtspunk-
ten und an Kraft? Nach unserer Überzeugung wesent-
Zum Verständnis des. Kreuzzeichens lich ‘daran, daß Seeberg Pfarrertum und Priestertum
Der „Reichswart“ des. Grafen Reventlow führt in sorgsamst voneinander trennt und mit letzterem nichts
einem Artikel vom Juni d.J. aus, das Kreuz sei nicht zu tun haben will. So aber nimmt er dem Beruf den
unbedingt an die christliche Lehre gebunden, es sei viel- Hintergrund und damit Saft und Kraft. :
mehr lange vor dem Gekreuzigten dagewesen. „Die Er-
mordung Jesu geschah nicht am Kreuz, sondern am Religion des Soldaten
Pfahl (Stauros) mit dem kurzen oberen Querbalken, In einem Artikel „Soldat und Metaphysisches“ von
Daß daräus später das Kreuz geworden ist, führt sich, Generalleutnant Dr. von Rabenau (in der Kölnischen
ob’ bewußt oder unbewußt, auf den alten 'magisch-mysti- Zeitung) lesen wir: „Wenn der Soldat um die Lebens-
schen Inhalt der Kreuzfigur. zurück. An dieses Symbol rechte seines Volkes kämpft, wird er, vom Grenadier
der sichtbaren Welt ist:der für den Menschen leidende bis zum General, um die seinem Verständnis angepaßte,
Gottmensch angenagelt und vollzieht‘ so, qualvoll lei- innerlich ‘ganz gleiche metaphysische Projektion nicht
dend und überwindend, die Erlösung: In seinem Körper herumkommen. Er braucht die Sicherung seines Rechts
treffen sich die beiden aus dem Unendlichen kommen- und seines richtigen Handelns durch Gründe, die über
den Linien und von ihm 'aus gehen sie in die Welt. und sein Leben und überhaupt über das Jetzt hinausrei-
durch sie ins Unendliche.“ Der „Reichswart“ fügt noch chen... Ein willenloses Naturgesetz reicht ganz gewiß
hinzu, daß das Kreuz und der Gekreuzigte eine .sym- im Kriege nicht aus, nicht einmal für den Verstand, erst
bolische Einheit geworden seien und daß dieses ergrei- recht nicht für ein Gemüt... Der Soldat, dessen eigenes
fende Symbol auch auf Menschen wirke, die nicht zum Handeln den Willen voraussetzt, kann einen über-
Christentum gebören. geordneten Willen zur Sinngebung nicht entbehren...
Der Schritt zu einer dem Christentum voll gerecht Es ist reichlich viel, ein Jenseits zu leugnen, wenn das
werdenden Erkenntnis’ der Zusammenhänge bestünde Diesseits in wenigen Minuten zu Ende sein kann. Was
darin, daß nicht nur der ewige Gehalt des Kreuzzeichens ist dann? Nichts? Nichts ist etwas Uuvoxstellbares...
und seine Verwendung zur Darstellung des Todes Christi Opferbereitschaft bis zum Sterben angesichts des Nichts
anerkannt, sondern daß darüber hinaus erkannt würde, ist etwas, was ich so recht keinem normalen gesunden
wie faktisch im Tode Christi ein ewig gültiges Mensch- Menschen glaube. Bei einem Zwanzigjährigen wäre es
heitssymbol irdisch-geschichtliche Tatsache geworden ist.vollends Widersiun... Leben muß für den echten Sol-
daten ewig sein... Selbstverständliche Anforderung an
Wozu ist der Pfarrer nötig? den Soldaten ist Einsatz bis zur Selbstaufopferung. Sol-
Auf diese Frage sucht Prof. Erich Seeberg in einer cher Einsatz ist nichts anderes als die schlichte Anwen-
bei Kohlhammer erschienenen Broschüre „Der Pfarrer; dung der Güte gegenüber dem anderen, dem eigenen
Blick auf Geschichte und Aufgabe eines Berufs“ eine Volk... Es ist auffallend, daß fast alle großen, bis zum
Antwort. zu geben.. „Gibt es Kirche ohne Pfarrer?“
Ende erfolgreichen Soldaten tief religiös und glaubens-
fragt er nach einem interessanten geschichtlichen Rück-- fest gewesen sind. Bei den wenigen, die es nicht waren,
gibt es auch sonst Anzeichen, die an ihrer wahren Größe
blick. „Wer. diese Frage verneinen würde, - würde auf
zweifeln lassen.“ .
dem Standpunkt der Donatisten, d..h. der Sekte, stehen.
Hinzuzufügen wäre aber doch wohl, daß dem im
Der Pfarrer ‚macht‘ nicht die Kirche, sondern das: Wort
Kriege stehenden Soldaten, zumal heute, eine Religion,
‚macht‘ die Kirche. Und wenn man dagegen einwendet:
die nur in abstrakter, allgemeiner Art von Gott und
Ja, aber das Wort muß einer sagen, sonst bleibt es
stumm, so wird man darauf. antworten müssen: Gewiß, Jenseits spricht, nur allzuleicht verdunstet und verweht.
aber dieser eine braucht nicht der Pfarrer zu sein.“ Die bis in die letzten, unbewußten Tiefen beanspruchten
„Der Pfarrer ist nötig um der Ordnung. willen...“ „So- Seelen, die das durchaus „Metaphysische“, ins Übersiun-
dann ... . das Lebensgebiet der Religion bedarf. einer liche Gehende der heutigen Kampfesart zu tragen und
Pflege ex officio, und zwar durch Persönlichkeiten, die
zu verkraften haben, bedürfen einer religiösen Anschau-
verantwortlich auf diesem Gebiet ausgebildet und ge- ung, die in aller Konkketheit die Wesenheiten einer
schult sind.“ „Der Pfarrer muß selbst Religion haben...; übersinnlichen Welt und deren. Taten mitumfaßt.
ja er soll sogar fähig sein, die Religion fortzubilden und Kurt von Wistinghausen
Religion aus Religion zu schaffen. Es ist eines der gro-
ßen Mankos der Gegenwart, daß so wenig wirkliche, - Mitteilung. Der nächste öffentliche Seminarkurs fin-
lebendige und gefährliche Religion vorhanden ist.. Bei det statt vom 22. September abends bis einschließlich
uns allen fehlt der Mut zur Religion.. - 29. September. Näheres im Septemberheft und durch die
Diese Sätze sind im wesentlichen alles, was Geheim- Seminarleitung, Stuttgart 13, Spittlerstr. 11.

79
Von der Sprache der Kriegsereignisse
Wer hat den Krieg erklärt? Wer -führt den
Krieg in auch auf diejenigen ausdehnen, die in den krieger
Wahrheit ‘durch? Sprechen die Tatsachen nicht ischen
noch eine Entscheidungen über die Schwelle des Todes
andere Sprache als die, welche wir zunächst
geschritten
mit den sind. Die Seelen der „Gefallenen“ — das
natürlichen Ohren vernehmen? Ist es sind unsere
doch der das besten „Kameraden“, die nun
jetzige Zeitalter führende Zeitgeist, von drüben und mit an-
der im Geiste auf- deren Mitteln weiter an den Entscheidungen
gebrochen ist und die Geister in einem auf Erden
unsichtbaren mitwirken: nun mehr ‚geistig helfend, schütze
Bereich zur höchsten Tätigkeit aufruft! Er,-Mi nd, inspi-
chael, rierend. Das Lied vom „guten Kameraden“ schildert
sammelt in diesem. anderen Reich die Geister
um sich, zur die eine Hälfte des Geschehens, die andere Hälfte
die er braucht, um die geistigen Entscheidung
en des muß die Menschheit der Gegenwart noch hinzufügen.
Jahrhunderts zu fällen. Er‘ wirbeltdie Schicksale durch-
einander, um an allen Orten des Kampfes seine
Boten x
zu haben. Er ruft als Sieger zu einer neuen europä
ischen Vieles an Kriegsschicksalen. hat sich in dem
Menschheit ‘auf, (die aus dem Geist heraus gebaut diesjähri-
sein gen. Feldzug um..die Tatsache der „Brücken“
will. Im selben Maße wie das Bewußtsein der abgespielt.
Erden- Brücken wurden: gesprengt, Brücken wurden
menschen dafür bis:in den Willen hinein empfänglich wieder ge-
ist; schlagen. Mancher.:aus. den Reihen der Krieger
wird auch auf Erden Michael zum Sieger werden. hat das
Symbolhafte empfunden, das.mit der „Brück
* e“ yerbun-
den ist. Steht: doch das Wesen des Mensch
Wie entscheidend ist für. alle, en in engem
die im unmittelbaren Zusammenhang mit .dieser Tatsache! Ist -der Mensch
Kriegsdienst stehen, das Erlebnis der Kameradschaft! doch
selber. in seiner tieferen Veranlagung Brückenbauer
Das ist ein Gemeinschaftsbewußtsein, das in
, der
den „nor- die Brücke schlägt zwischen Natur und Geist!
malen“ Zeiten gar nicht so aufkommt, in abgesc
hwäch- - „Die Brücken hinter sich abbrechen“: ist
tem Sinne vielleicht als: „Klassenkamerad“ in der das nicht
Schule das Symbol für das, was im Sinne der fortsch
oder als „Arbeitskamerad“ im Beruf. Die „klassi reitenden
sche“ Kultur im 20. Jahrhundert zu geschehen hat?
Form der Kameradschaft ergibt sich doch Die Ver-
erst beim bindungsmöglichkeiten mit der alten Kultur, mit
Kriegshandwerk. Da wird deutlich, daß es der
sich um ein „alten Welt“ tragen nicht mehr in genügendem Maße.
im Keim vorhandenes „Schicksalsbewußtsein“ handelt. Ganze Kulturen versinken jetzt unter
Die Menschen empfinden sich im gleichen oder der Wucht der
in ähn- Kriegsschicksale. Zu irgendeiner Zeit muß manchm
lichem Schicksal darinnen: daraus stammt dann al
das Ge- ganz radikal die Beziehung zum Alten abgebrochen,
fühl einer Schicksalsgenossenschaft. „ge-
sprengt“ werden, auf daß-Raum geschaffen werde
Wir aber müssen das Bewußtsein der für
„Kamerad- das ganz: Neue. Jeder, der sich diesem Neuen
schaft“ noch erweitern. Diese Schicksalsgeno kingibt,
ssenschaft wird zum „Pionier“, zu dem Pionier, der Brücke
bekommt erst dann ihren vollen Inhalt, n
wenn wir sie dann.zu einem neuen Lande baut. Robert Goebel

Und um den Abend wird es Licht sein


Sacharja 14, 7
Christian Morgenstern

zur Liebe sich und Weisheit durchgerungen,


Noch blendet euch der Tagessonnenschein,
wann dieses großen Ringens Eude naht,
noch steht ihr allzu hell im Daseinskampfe!
der Abend unsrer Leidenschaften dämmert —
Am Abend aber, wenn die Sonne weicht
dann wird es licht und schön auf Erden werden
Und Millionen Sonnen eurem Auge
und Glück und Freude, jene trauten Engel,
aus. der Unendlichkeit entgegenglühn,
die Hüter unsrer reinen Träume sein.
da wird in eure Seele auch, die stille,
das Licht der ewigen Geistersonne strahlen.’ Doch wie zum Gleichnis jener fernen Zukunft,
steckt an das Licht im dunkelnden Gemach,
Und wie der einzelne, so wird auch einst
und laßt bei seinem lieben, trauten Schein
der ganzen. Menschheit irrendes Geschlecht
uns plaudern von dem Einst und Jetzt und Später.
von: diesem höheren Licht erleuchtet wandeln.
Und wenn Empfindung unser Aug verklärt,
Wann einst die Völkerstürme sind verbraust,
so spiegele in seinem feuchten Glanz
wann, tausendmal verblutend, tausendmal
das Traumbild sich der neuen, schönen Zeit.
aufs neu geboren, endlich Volk um Volk
Bezugspreis und Postscheckkonto auf der zweiten
Gewähr nicht übernommen werden. Rückpor Umschlagseite. — Für ünverlangt eingesandte Manuskr
to bitte beilegen, Schrittleiter; Lie. Emil-Bock, ipte kann eine
wortlich: Ernst Scheiffele, Stuttgart-O. Zur Stuttgart-O. Für Anzeigen verant-
Zeit gilt Anzeigenpreisliste Nr.d. (Ermäßi
anzeigen wie Stellengesuche usw.: !/sı Seite RM 4.—, ilss Seite RM3.—.)
gte Grundpreise: Kleine Gelegenheits-
Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais,
Stuttgart. Verlag Urachhaus, Stuttgart 13 . °
80: