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Inhalt: Worte von Friedrich Rittelmeyer. / Wilhelm Keiber: Vor Weihnachten / Dr. Rudolf Frieling: Wie selllem
wir die Wiederkunft Christi erwarten Üypie drei Weihnachts-Weihehandlungen (Lic. Emil Bock; Johannes Pertkeiz 3
.Y Ernst Moll) / Lic. Emil Bock: Von der Vielfalt des Weihnachtsmysteriums (zur Bildbeilage) / Willy Kodweiß: Wem
‘f/der blauen Farbe: Zur Entwicklung unseres Farbensinns / Dr. Gerbert Grohmann: Der Christbaum, ein Advezis-
symbol / Otto Frommel: Vom Büblein, das dem Tannenbaum seine Wurzel gesucht hat (Weihnadıtsmärchen) /
HR Meta Weber: Advent 1940 (Gedicht) / Umschau: „Von der Gewalt des Gebetes“ (Dr. Erwin Schühle); Sehnsucht nad
Ä em Sakrament; Entdeckungen aus urchristlicher Zeit; Weltstunde im Übergang; Das Weihnachtszeichen am Himmel (Lie.
| /Emil Bock) / Mitteilungen / Von den drei Weihnachtsmessen des Mittelalters (aus Wilhelm Fraenger: „Matihiss
Grünewald“) / Bildbeilage: Fünf Bilder vom „zwölfjahrigen Jesus im Tempel“ mit zwei Jesusknaben.

Der Bezugspreis für die „Christengemeinschaft” beträgt Jährlich RM 7.50 (einschl. RM —.48 für Porto); vierteljährlich RM 2.— (einschl.
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Langstr. 20/Chr
Die Christengemeinschaft
Monatsschrift zur religiösen Erneuerung. Begründet von Friedrich Rittelmeyer
Im Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben von Lic.Emil Bock
17. Jahrgang 9 = 2 Dezember 1940

Wollen wir das Weihnachtsfest christlich feiern, so muß in uns selbst ein Hirte und ein König sein.
Ein Hirte, der horchen kann auf das, was andere nicht hören. Der mit allen Kräften der Hingebung'
unmittelbar unter dem Sternenhimmel wohnt. Zu dem es Engel gelüsten kann, sich zu offenbaren.
Und ein König, der schenken kann. Der sich von nichts anderem leiten läßt als von dem Stern in
der Höhe. Der sich aufmacht, alle seine Gaben an einer Krippe darzubringen. ot
Aber außer dem Hirten und dem König muß auch ein Kind in uns sein, das jetzt geboren werden will!
e: . Friedrich Rittelmeyer

Vor Weihnachten
Wilhelm Kelber

In der Adventszeit wird in der Menschenweihehandlung eine Verkündigung des Kommens des
Menschensohnes verlesen, wie sie apokalyptischer in den Evangelien nicht enthalten ist: Die Christus-
worte von den Zeichen an den Gestirnen, vom Brausen des Äthermeeres, von den vor Schrecken
und
Bangnis ohnmächtigen Menschenseelen, von den in Bewegung kommenden Kräften des Himmels, als
von Vorzeichen und Begleitumständen der Erscheinung des Menschensohnes, zu der wir unsre Häupter
erheben söllen (Luk. 21,25—28). Der Sturmwind dieser Verse, dieses Gewitter, aus dem Botschaft und
Aufruf wie Blitze hervorbrechen, wollte schon manchem nicht recht passen zu der Sanftmut gewohnter
Adventsstimmungen. Wir haben in dieser Vorweihnachtszeit gerne das milde Bild der ergebenen
Magd Maria vor uns, die sich vor dem Verkündigungsengel neigt. Ist dies Bild aber nicht auch ver-
zärtelt worden gegenüber dem Geschmack des Evangeliums? Wir haben dabei zu sehr den Standpunkt
des Zuschauers eingenommen, der nur das rührende äußere Bild wahrnimmt. Wir wußten nicht mehr,
was alles vor den Augen und im Herzen und unter den Füßen in Bewegung kommt und brandet und
bricht, bevor einer der Oberen uns erscheinen kann. Wir kannten nicht mehr die Erschütterung des
seelischen Gleichgewichts, den Kampf mit der Furcht, die bestanden werden müssen, wenn Menschen-
seelen über die Schwelle der sinnlichen Wahrnehmüng hinaus einem Wesen der Geistwelt gegenüber-
treten. Rainer Maria Rilke konnte am Ende seiner Bahn wieder von den Engeln sagen: „Und gesetzt’
selbst, es nähme einer wich plötzlich.ans Herz: ich verginge vor seinem stärkeren Dasein. ... Ein jeder
Engel ist schrecklich“ (1. Duineser Elegie). Das wissen die Engel des Neuen Testamentes selbst. Wo sie
auch zu einem Sterblichen kommen, überbrücken sie erst den Schrecken mit dem „Fürchte Dich nichti“"
Und so beschreibt auch Lukas (2, 26—38) die Verkündigungsszene: Maria erschrickt bis ins Mark
vor
der Erscheinung und Botschäft, 'sie versagt, ihr F assungsvermögen reißt. Gabriel muß sie erst mit
jenem immer gleichen Wort aus der Furcht heben, bis sie ihr Haupt'zu ihrer Mission erheben kann.
Hätte Maria ihre inneren Zustände. und Erlebnisse währefid der Verkündigung beschrieben, so
würden wir wohl etwas unserm stürmischen Adventsevangelium sehr Ähnliches lesen, jedenfalls in der
Stimmung, vielleicht auch in den Bildern! In dem Maße, wie wir diese Verse aus dem 26. Lükas-Kapitel
hören lernen, bleiben wir nicht mehr Zuschauer der in lieblichen Bildern vorgestellten Verkündigungs-
szene, sondern sie führen uns hinein in das erschütterte Herz der Gottesmutter, 'sie machen uns ihr
verwandt, sie beteiligen uns auch, für unsern Teil, an ihrer Erwartung. Zu
‘Die Sprache der Verkündigung hat sich gewandelt. Was früher durch innere Schrecknisse an Bildern
herankam an die Seelen der Erwürdigten, das spricht heute durch die Erschütterungen der äußeren
Welt zu allen Seelen. Die Boten sind hinausgegangen „auf-die Straßen“ zu Bösen und Guten.
Es
gibt keinen Zuschauer-Standpunkt mehr. Unser Adventsevangeliuin erscheint heute wie der
innere
Kern, wie die offenbarende Deutung der Ereignisse in der äußeren Welt: Das. Weltgeschehen spricht
sich darinnen erst voll aus über seine Hintergründe. Sein Sinn ist: Advent. —

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Die Weihnachtsbotschaft vom „Frieden auf Erden“ will heuer wohl manchem als ein W iderspruch,
Ja wie ein. Hohn erscheinen gegenüber der harten Wirklichkeit des Krieges, wie eine ohnmächtige und
verträumte Hoffnung einer überholten SeelenhaltunWir g. werden an Weihnachten aller Derer ge-
denken, die draußen im Felde stehen und Derer, die ihr Leben gelassen haben. Vielleicht werden auch
in der heiligen Nacht Bomben auf Städte und Dörfer herunterhageln. "Aber der Weihnachtsfrieden
liegt auf einer andern Ebene als dieser Krieg. Er gedeiht bei den Soldaten im Felde und in den
Bombenkellern und erst recht in den Seelen der Gefallenen eher, als früher in den bürgerlichen Wohn-
zimmern bei traditionellen Bescherungen. Er ist keine Idylle, keine behagliche Ruhe. Dieser Friede ist
die Empfindung vom Sieg des Lichtes über die Finsternis, vom Aufgang im Untergang. Er ist der
Zustand des Herzens, der erreicht.wird, wenn die Geistwelt unser Gemüt erreicht, während das Irdische
bebt in seinen Grundfesten. Friede wird, wenn der Geist in uns lebendiges; tragendes Gefühl wird,
wenn der in unserm Ich sein Bethlehem suchende Christus in unsrer Seele die Madonna findet.

Wie sollen wir die Wiederkunft Christi erwarten? (Die drei Gleichnisse Matthäus 25)
Rudolf Frieling

In der Ölberg-Rede des Christus erklingt das große Advents-Evangelium von der Wiederkehr des
Menschen-Sohnes im Ätherlicht, in den Wolken des Himmels. Das Matthäus-Evangelium hat uns drei
Gleichnisse bewahrt, die den Beschluß dieser apokalyptischen Rede bilden und die zugleich eine Antwort
geben auf die Frage, wie sich denn nun der Mensch dieser Wiederkehr gegenüber verhalten solle. Es
sind das die drei Bildreden von den zehn Jungfrauen, von den anvertrauten Pfunden und vom
Jüngsten Gericht. \

1. Bild: „Die klugen und die törichten Jungfrauen“


Das Charakteristische dieses Gleichnisses verrät sich schon in seinem Namen. Auf „klug“ und „töricht‘“
kommt es hier an. Die klugen Jungfrauen haben an den Brennstoff für ihre Lampen gedacht, mit denen
sie dem Bräutigam entgegengehn sollen. Den törichten verlöschen ihre Lampen, weil sie sich nicht um
das Öl gekümmert haben. .
Es ist der Gegensatz „geistig hell“ und „geistig dumpf“, verantwortungsvoll und verantwortungslos
gegenüber dem „Licht“. — u
Der „Bräutigam“, der erst um „Mitternacht“ kommt — das sind Worte, in denen für die damaligen.
Menschen noch Mysterien-Klänge mitschwangen. Der Bräutigam ist Der, dem die volle Hingabe der
Seele gehören soll. Er ist die Sonne, die um Mitternacht leuchtet. Er ist seinem Wesen nach durch und
durch Licht, aber feineres inneres Licht, das gerade dann am hellsten strahlt, weun das äußere Licht
mit seiner Grellheit verloschen ist, und wenn die tieferen Möglichkeiten der Seele emportauchen —
„um Mitternacht“, . . oo.
Diesem Bringer göttlichen Lichtes gehn die Jungfrauen entgegen, und es ist wichtig, daß sie ikm
mit brennenden Lampen entgegengehn. Das Licht will mit Licht empfangen werden. Das äußere Licht
allerdings kann Dunkles beleuchten und dadurch hell. machen. Das innere Licht aber kann nicht nur
oberflächlich be-leuchten. Es will er-leuchten. Aber dazu muß es im Innern empfangen werden können.
Das ist nur möglich, wenn dort schon seinesgleichen vorhanden ist. In Goethes Märchen von der grünen
Schlange spricht der „Alte mit der Lampe“ dieses Gesetz, daß Gleiches.nur von Gleichem erkannt wird,
wit den Worten aus: „Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf.“ _
Wenn Der kommt, der von sich sagen darf: „Ich bin das-Licht :der Welt“, so genügt es nicht, sein
Kommen passiv zu erwarten. Der Mensch soll ihm entgegengehn, er soll sich „‚in Bewegung setzen“, er
soll dem Kommenden das Licht entgegentragen, das ihm, dem Menschen, schon gegeben ist, das ihm zur
Verfügung steht — wenn er sich pfleglich seiner annimmt und es.nicht verkommen läßt.
Etwas Jungfräuliches ist die Kraft des reinen Denkens in der Menschen-Seele. Die alten Griechen
schanten auf die jungfräuliche Göttin Pallas Athene hin, die dem: Haupt des Zeus entsprungen war.
In der christlichen „Sophia“ hat diese Kraft innerer Helligkeit und erkenuender Klarheit’ gleichsam
ihre Taufe empfangen; man denke an die Sophiengestalt im Klingsormärchen des Novalis. So ist auch
die Jungfrau im Evangelium, die mit der brennenden Lampe: dem Lichtbringer. entgegengeht, eine
„Sophiengestalt“.

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2.Bild: „Die anvertrauten Pfunde“
Eine ganz andersartige Bildlichkeit' herrscht im zweiten Gleichnis. Da sind es nicht
Jungfrauen,
sondern Männer, Diener ihres Herrn, Willensträger. Der Herr hat ihnen sein Vermögen
anvertraut.
In dem Wort „Vermögen“ liegt noch das Willenshafte, das tätig-Verbale: Man „vermag“
etwas.
Das Vermögen des Herrn ist in individuell abgestufier Weise den Dienern
überantwortet worden.
Der eine hat mehr bekommen, der ‚andere weniger, aber was die Hauptsache ist:
keiner hat nichts er-
halten, sondern jeder etwas. Jedem Menschen ist etwas von dem göttlichen Vermögen
mitgegeben. Der
eine vermag mehr, der andere weniger, aber bei keinem ist es garnichts: irgendetwa
s vermag jeder.
Nun kommt Alles darauf an, daß der, der nur wenig „kann“, in aller
Bescheidenheit mit diesem
Wenigen eben auch arbeitet. Das ist viel wichtiger, als auf Andere hinzuschiel
en, die „mehr können“,
und im Blick auf deren Plus sich „Minderwertigkeitskomplexen““ hinzugeben
, die im Grunde ge-
nommen — so paradox es klingt — meist nur einer nicht erkannten Eitelkeit
entspringen; denn es ist
ein Mangel an Selbstbescheidung, daß man sich nicht ganz sachlich mit dem Wenigen,
das man hat, hin-
nimmt, um dann aber mit diesem Wenigen um so geißiger zu arbeiten. In jedem
Fall gilt also: „tun,
was man kann“, oder auch: „was man kann, das aber auch tun!“ —
|
Geradeso, wie der Mensch dafür verantwortlich ist, daß das ihm gegebene Licht nicht verlösche, so
soll er das ihm anvertraute Vermögen durch sein tätiges Arbeiten vermehren.
Er soll dem Göttlichen
nicht nur die Erkenntniskraft seines Denkens entgegentragen, er soll ihm auch seine Arbeitsmöglichkeit,
seine Energie, zur Verfügung stellen. Das religiöse Leben muß wieder etwas von dem Ernst und der
Methode des wirklichen „Arbeitens“ erhalten. Es darf nicht ein amateurhaftes dilettantisches Sonntags-
jägertum nach gelegentlichen frommen ‘Stimmungen: sein, sondern es bedarf
des langen Willens, der
arbeitenden Energie. Wie schön und richtig ist das altmodische Wort „Religions-Übung“!
Die beiden Knechte, die das Anvertraute dufch ihre Arbeit vermehrt haben, „gehn ein in die Freude
ihres Herrn“. Der dritte aber gräbt das ihm Anvertraute in die Erde — das Bild eines Menschen, der
seine ganzen Energien im nur Irdisch-Vergänglichen investiert oder besser gesagt: „begräbt“. Dadurch
berauht er sich selbst des großen Freuden-Erlebnisses, das dem zuteil wird, der in der Richtung auf das
Göttlich-Geistige wirklich „gearbeitet“ hat. |
3. Bild: „Das Jüngste Gericht“
Die beiden ersten Gleichnisse wenden sich an den erkennenden und an den wollenden
Menschen. Sie
sagen: du schuldest dein Denken und dein Arbeiten-Können dem Göttlichen. Sorgst
du für das Licht,
das dir gegeben ist, und arbeitest du nach deiner Möglichkeit, dann bereitest du dich würdig
vor auf das
mitternächtige Kommen des Bräutigams, auf die Wiederkehr des Rechenschaft fordernden
Berrn. —
Das dritte Bild, die Rede vom Jüngsten Gericht, fügt noch etwas Wichtigstes hinzu.
Es beginnt gleich mit dem Motiv des Kommens im Offenbarungslicht: „Wenn aber
der Menschensohn
kommt in seiner Glorie und alle Engel mit ihm, dann wird er sich niedersetzen
auf den Thron seiner
Glorie...“ Als der Thronende heißt er dann: der König (25,34). Er richtet die
Menschen danach, ob
sie die Werke der Barmherzigkeit taten oder unterließen. „Was ihr getan habt dem geringsten
meiner
‘ Brüder, das habt ihr mir getan.“ >. . : on
Hier handelt es sich nicht um bestimmte’ besondere Ausprägungen des Menschlich
en („Jungfrau“,
„arbeitender Knecht“), nicht um Mann und Frau, sondern um das rein Menschlich
e als solches. Der
Akzent liegt. diesmal nicht auf der Helligkeit des Geistes (obwohl auch die Werke
der Barmherzigkeit
„mit Verstand“ getan sein wollen!),- auch nicht auf der Energie. des Arbeitswillens
(obwohl die Werke
der Barmherzigkeit auch der Trägheit abgerungen werden müssen!). Der Gegensatz
heißt diesmal nicht
„klug und töricht‘“, nicht „fleißig und träge“, sondern: „barmherzig und unbarmherz
ig“. Hier kommt
es'an auf.das wahrhaft menschliche Fühlen des Herzens, das im Mitmenschen den Bruder Christi erlebt.
So wird in der Folge der drei Bilder nacheinander Denken, Wollen und Fühlen angesproch
en. Es
zeigt sich, daß die Wiederkunft des Christus uns nur dann wirklich zum Heil geschehen
kann, wenn sie
innerlich bei uns anzuknüpfen vermag, wenn sie auftrifft auf das, was wir ihr zubereitet haben als die
Reinheit eines geistzugewandten Denkens, als arbeitenden Willen, als Liebe des Herzens.
x
Die Unterschiedlichkeit der drei Gleichnisse tritt in noch schärfereun Konturen hervor, wenn wir
noch einmal auf das jeweilige „Negativ“ hinblicken. Jedes Gleichnis enthält sein „Negativ“: wir er-
fahren das unselige Schicksal der törichten Jungfrauen, des trägen Knechtes, der Unbarmherzigen. °

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es nicht eigentlich
- Jedesmal tritt eine andere Strafe in Kraft. Aber bei näherem Zusehen sind
, wie die Be-
„Strafen“, die von außen her zudiktiert. werden. Es ist vielmehr garnicht zu verkennen
selber herbeiführen, wie die Strafe daher mit innerer Logik dem
treffenden jeweils sich ihr Schicksal
Vergehen jedesmal „ähnlich sieht“.
enen Tür, die ihnen
Was widerfährt den törichten Jungfrauen? Sie stehn vor der verschloss
ihr Klopfen: „Ich kenne euch nicht.“ _
nicht mehr aufgetan wird. Der Bräutigam antwortet auf
deutliche Sprache. Was ist eine Tür? Eine Wand, die aufhören
_ Die verschlossene Tür spricht eine
nicht wahrgenommenen Raum
kann, eine Wand zu sein, so daß sich nun der Blick in einen vorher
stößt schließlich einmal an die Wand der
eröffnet. Wer sein Erkenntnislicht verkommen läßt, der
ist; er merkt dann
Erkenntnisgrenze, die dem nur irdischen sinnlich-intellektuellen Bewußtsein gezogen
hinter dieser Wand ist erst das Eigentlich e — aber es will sich keine Tür öffnen. Die Erkenntnis-
wohl:
Wert des Daseins ist,
ohnmacht gegenüber dem, was schließlich — als das Übersinnliche — Sinn und
eigne Schuld, weil man sein Licht fahrlässig verlöschen ließ.
wird schmerzvoll empfunden als
alles Erkennen zugleich ein Erkannt-W erden. Wer sich nie bemübt, das Göttliche zu
Im Geiste ist
auf. Er erkennt nicht und wird
erkennen, der leuchtet in der oberen Welt auch nicht als Geistgestalt
euch nicht“, oder: „Ich weiß euch nicht“ (wie es 25,12 wört-
darum auch nicht erkannt: „Ich erkenne
-
lich heißt).
in die „Finsternis des äußeren Daseins, wo Heulen und
“ Der träge Knecht wird hinausgeworfen
der wird der Unseligkeit
Zähneknirschen ist“. Wer seinen Willen im Irdisch-Vergänglichen begräbt,
ist. Die Seele „heult“
eines nur äußeren Daseins anheimgegeben, das vom Geist aus gesehen Finsternis
selbst zur Last und zum Leide ist,
in unbeherrschtem Schmerz, weil sie sich in ihrem öden Egoismus
verhärtet und verkrampf t im „Tode der Materie“.
während sich das Ich „zähneknirschend“ weiter
en aber werden den Flammen überantwo rtet. Nicht in einer grausam-
_ Die Unbarmherzig
leider innerhalb einer nicht ge-
sadistischen Weise wird hier vom Höllenfeuer gesprochen, wie so oft
dürfen wir dieses ernste Gleichnis
läuterten,..recht zweifelhaften „Christlichkeit“. Hier im Evangelium
seiner Urbildlichkeit an-
vom höllischen Feuer einmal ganz unbelastet von unguten Erinnerungen in
eines rachewüti gen Richters, sondern im
schauen. Wieder ist es keine von außen zudiktierte „Strafe“
Schluß des Goethesch en Faust sieht man den Teufel und seine
Grunde selbst herbeigeführte Folge. Am
Liebesfeu er die Flucht ergreifen. Dasselbe Element, das den Guten Seligkeit
Scharen vor dem göttlichen
aus ist es nur Liebe. Die Gott-
ist, bereitet deri Bösen Schmerz. Es ist ein und dasselbe Feuer. Von Gott
im Element des Liebe-Feue rs. Wer sich selbst
heit kann nicht anders als sie selbst sein, sie hat ihr Wesen
Vorwurf, wenn er ihm begegnet.
außerhalb der Liebe stellt, der erlebt dieses Element als quälenden
Er leidet in dem Feuer, das dem w e Teufel und seinen Engeln zur Pein brennt. Dieser Pein überliefern sich
in sich erstickt haben. Den Barmherzi gen aber erschließt
die Menschen, die die Stimme des Herzens
„Königs“, vor dessen Thron der Mensch nach Wert oder Unwert endgültig beurteilt
die Wiederkehr. des
wird, das „ewige Leben“.

Die drei Weihnachts -Weihehandlungen


Die eine heilige. Nacht, die zum. Ausgangspunkt der durch das, was in der heiligen Nacht von Bethlehem ge-
alles kultischen Lebens:. einige
christlichen Zeitrechnung geworden ist, bedeutete für die schab, das Urphänomen
ersterbende Erde den Empfang eines Keimes der Wieder- wenige schlichte Menschen, Maria und Josef in der Grotte
belebung. Nach dem Durchgang durch eine große äonische bei den Tieren und die Hirten auf dem Felde bei ihren
Runde, die in den Tod mündete, streifte der Erdenplanet Herden, boten durch die Feier ihrer großen Herzenshin-
an einem offenen Tor des Himmels vorüber, aus welchem gabe die Möglichkeit dar für das Herniederstrahlen und
. Einströmen .einer' heiligsten Himmelsgabe. Hirtenmen-
ein Funke neuen Lebens auf ihn fiel.
das priesterliche Hirtenamt in diesem Ur-
Durch ihr besonderes Verhältnis zum Kosmos, in der schen vollzogen
an der Zeitenwende. ‚Alle Hierarchien des
Zeit der Wintersonnenwende, wenn die Menschen Weih- Gottesdienst
sich und rührt die Erde alljähr- Himmels waren lobsingend und offenbarend zugegen und
nachten feiern, erinnert
tigen bildeten den Lichter--Do m über dem Altar der Krippe
lich an den Quell ihrer Ursprünge. Die sterngestal
talle rieseln als Verdichtun g dieses Gedan- und der andächtigen Herzen. Und die himmlisch-reine
Schneekris
Jesusseele, die in die Erdenleiblich-
kens ünd als Sichtbarwerdung der Exrmeuerungsahnung hristdurchdrungene
auf sie hernieder. -.keit Einzug hielt, war der lichte, Erneuerung bringende
zuteil wurde.
Das Wesen eines echten Gottesdienstes ist es, die Ge- Gottesfunke, der allem Erdensein

legenheit und Möglichkeit zu schaffen, daß göttliche Kräfte -Auch bevor durch das Auferstehungs-Oster-Mysterium
aus dem Jungbrunnen des Himmels auf der Erde Einlaß die eigentlich christliche, nie zuvor mögliche Substanz in
finden und wirken können. Insofern verwirklichte sich das kultische Leben hineinkam: das Wunder der Wand-

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lung, war bereits das Weihnachtsmysterium eine Erneue- Wis war das doch, als wir noch Kinder waren und das
rung und Wiedergeburt alles gottesdienstlichen Handelns, Weihnachtsfest kam? Da war zunächst all das Vorbereiten
das in der Menschheit, als die Zeitenwende herankam, und Erwarten der Adventszeit. All das Geheimnisvolle,
kraftlos geworden war angesichts des ersterbenden Erden- was sich in den dunklen Abenden, den alten Geschichten,
daseins. Aus der Geburt des Christus erfloß eine New der fröhlichen Liedern, den ersten Kerzen, der vorberei-
geburt des Kultus. tenden Tätigkeit der‘ Erwachsenen ankündigte und im
Und weil die erneuernde Kraft der einen heiligen Nacht Herannahen des: Festes immer mehr steigerte. Es mün-
der kosmischen Erneuerungsahnung entspricht und Wirk- dete zuletzt hinein in den beseligenden Glanz der Weih-
lichkeit verleiht, die alljährlich in den heiligen Nächten nachtsstube. Enge und Dunkel des Erdenraumes hatte
der Weihnachtszeit durch die Seele der Erde hindurch- sich verwandelt in die Beseligung des Himmelsraumes, der
zieht, bedeutet die Weihnachtsnacht für das kultische -sich herabzusenken schien. — Etwas von dieser Beseli-
Leben des ganzen Jahres den Durchgang durch die Sphäre gung wird uns zuteil, wenn wir in der heiligen Nacht, in
der Neugeburt. In der heiligen Nacht erneuert sich Jahr der Mitternachtsstunde des Jahres, in den stillen Bereich
r Jahr der Strom, der durch die gottesdienstlichen des Altars treten, der die Sinnbilder des Weibnachts-
Handimugen strömt: er quillt aufs Neue aus seinem Quell geschehens trägt. Wenn das Herz die Botschaft empfängt
hervor. von dem heilenden Gnadenlicht, das in die Erdennacht, in
Das ist der Grund, weshalb das Altarsakrament, das die Sinnesfinsternis 'hineinstrahlt. Der Übergang aus der
während des Jahreskreises in allen Festzeiten sonst gleich- Erdenwelt in die Himmelsräume, den wir in den andern
mäßig mit der aufsteigenden Sonne gefeiert wird, sich in Nächten des Jahres nur im Schlafe erleben, hier wird er
der Weihnachtsnacht in eine Dreiheit auseinanderfaltet, zum hellen Geistvorgang, zur Ahnung eines Wandelns
um im Hervortreten aus der Nacht in den Tag der kos- „leibbefreit im Geisterland“.
mischen Neubeseelung teilhaftig zu werden: Die erste In besonderer Weise gehörte zu dem kindlichen Weih-
Weihnachtshandlung beginnt um Mitternacht, die zweite nachtserleben all das Klingen und Singen, das durch die
wächst aus dem Nachtdunkel in die Morgenröte hinein, ganze Weihnachtszeit ertönte. Es begann mit der ersten
(die dritte steht im vollen Licht des hellen Tages. Weihnachtsmelodie, die im späten Herbst irgendwann sich
Schon das Mittelalter kannte das Geheimnis der drei einstellte, steigerte sich von einem Adventssonntag zum
Weihnachtsmessen. Es hat sich dann aber, als das Ver- anderen und schwebte in der stillen heiligen Nacht wie
ständnis des kosmischen Zusammenhangs erlosch, die der Chor der Engel selber über der Erde. Und was so
klare Dreiheit 'abgeschlissen, und: so wird vielfach an aus verborgener Seele heraufströmte, das fand aus dem
Stelle der wichtigen Handlung in der großen Mitter- Kosmos herein sein Echo. Wie war die Welt still gewor-
nachtsstunde nur eine besondere Frühmesse gehalten. Es ‚den. Selbst der verirrte'Ton eines letzten Vogels klang
gehört zu dem Grundbestande der Christengemeinschaft -rerwunderlich: Bis eines Tages es wie Klingen und Singen
als einer. ernsthaften religiösen Erneuerungsbewegung, über: die Erde. ging. Der. erste Schnee war gefallen.. Das
die Dreifaltigkeit der Weihnachtsweihehandlung als den :Stillesein der Erde hatte des Himmels klingende Antwort
bedeutungsvollen Jahres-Urstand des kultischen Lebens ‘erhalten. Zu ihrem Urschöpferwort wär. sie zurückge-
wieder zu verstehen und mit aller Hingabe zu handhaben. kehrt. An diese Seite des kindlichen "Weihnachtserlebnis-
Zu Weihnachten ragt die höhere Ganzheit in die Folge ses werden wir’ herangeführt in der Weihehandlung des
aller einzelnen Kultushandlungen hinein. Deshalb ist auch früben Weihnachtsmorgens. Diese’ Stunde, von 'der das
das in den drei: Weihnachtshandlungen zu lesende Evan- Sprichwort sagt: Morgenstunde hat Gold’ im Munde, formt
gelium nicht eigentlich nur ein bestimmter einzelner sie sich nicht selbst zu einem Munde, um das göttliche
Text, sondern das ganze Evangelium; es wird zur Schöpfungsgeheimnis auszusprechen? Aber nun soll nicht
Mittörnacht der Anfang des ersten Evangeliums (Mat- ‚mehr nur Natur das Gold im Munde haben, sondern der
thäus) und in der dritten Handlung der Schluß des letz- Mensch selbst. Das beginnt, wenn seine „sprechende
ten Evangeliums (Johannes) verlesen. Nur die mittlere Lippe“, sein „sprachetragendes Blut“ ‚sich weihnachtlich
Handlung, zur Zeit der Morgenröte, enthält die lukanische mit diesem Geheimnis berührt. —
Weihnachtsgeschichte: von dem Kinde in der Krippe, den Und dann kam der Weihnachtstag. Aus Abend und
Hirten auf dem Felde und den -Engelschören, die das Morgen war ein Tag geworden, so wunderbar und herr-
- Gloria singen. ® Emil Bock lich, wie sonst kein Tag im Jahr. Wie der Mensch am
. . * “ ersten Schöpfungstag; so durfte das Kind sich hinein-
Unerbittlich ist der heutige Mensch von seiner Kind- begeben in seine Welt, die ihm über Nacht zuteil gewor-
heit getrennt. Nirgends aber kommt ihm dieser Verlust den war, durfte sie genießen, sich an ihr freuen, sie in
schmerzlicher zum Bewußtsein als zur Weihnachtszeit, Gebrauch nehmen. Unaussprechlich das Gefühl, mit den
wenn er erleben muß, wie die Kinder noch so selbstver- Puppen spielen, das neue Kleid anziehen, die bunten Bil-
ständlich froh sein können im Kommen dieses Festes. Es der des Buches umblättern zu dürfen. In diesen Augen-
gibt aber heute auch Menschen, die machen die Erfah- blicken war die Alltäglichkeit der Dinge abgestreift, die
rung; daß ihnen in dein neu geschenkten Weihnachten der prosaischen Gegenstände hatten eine höhere Daseinsform
Christengemeinschaft Verlorenes wiederkehrt. Die drei angenommen. — Diese dritte Seite des kindlichen Weih-
Weihehandlungen in der Mitternacht, am Weihriachts- nachtserlebens kommt uns nahe in der dritten Weihe-
wiorgen und am Weihnachtstag können ihnen eine ‘Art handlung ‘am Weihnachtstage: Die Welt, die aus ‘Abend
Wiederbegegnung sein mit dem Weihnachten ihrer Kind- und Morgen. des Weihnachtsgeschehens hervorgegangen
heit. ist, ist nun aüch-im Erdentag’ eine andere. Der Christus

133
hat den Erdenleib. erkoren. Diese Tatsache verwandelt Sinnesseins strahlt heilend die .‚Idee“, des Geistes Gnaden-
alles Erden-Leibessein. Leiblichkeit, einst „das Ende der licht (Mattbäus-Text). Die Mitternachtshandlung ist die
Wege Gottes“, sieht sich wieder in ihren Ursprung, ge- eigentliche Weihnachtsweihehandlung. Sie hat ihre jahres-
stellt. Auf. den Wegen der Leibesbildung bat sich der zeitliche Entsprechung in sich selbst. Zu ihr gehört nur
Mensch in die Erden-Sinneswelt hereingelebt, ist aber auch noch die Epiphaniaszeit.
dem „trügenden Scheinlicht“, der „würdelosen Sinnen- Nunmehr wird das Licht in der Seele zur Kraft. Das
sucht“ verfallen. In der Christgeburt empfängt der Mensch Erkenntnislicht begeistert. Aus Begeisterung und Her-
den Lichtkeim eines neuen verwandelten Erdenseins. Die- zensfülle wird das Wort erweckt. Durch Herzenskraft
sen Lichtkeim, an dem alle Engel Anteil haben, trägt er macht uns die zweite Handlung aus Wissenden zu Künst-
in sich, wenn er am Weihnachtstage den Altar verläßt. lern, zu Offenbarern des „Wortes“ auf allen Feldern
Ihn trägt er zukunftskräftig in das Leben des neuen Jah- menschlichen Schaffens (Lukastext). Osterjubelund Pfngst-
res. — So will heute das Kind in uns, das einst den Weih- freude sind hier schon vorverkündet. :
nachtskindertraum geträumt, zum erwachsenen Menschen Die dritte Handlung endlich läßt uns ganz zu Menschen
und zu seiner Weihnachtswirklichkeit erwachen. werden. Die Kraft der Idee offenbart sich als Wille. Das
* Johannes Perthel Licht der Nacht wird Schöpferkraft am Morgen. Es wird
Die drei Weihnachtsweihehandlungen bilden eine Ein- zur Tat am Tage. Der Geist ergreift den Leib (Johannes-
heit. Wie im Kinde als einem Keim harmonisch der ganze text). Es werden moralische Taten getan. Der Mensch
Mensch veranlagt ist, so sind in den drei Weihnachts- reiht sich ins Weltall ein, wird Glied im Chor der Geister.
weihehandlungen harmonisch alle Handlungen des ganzen Uriel- und. Michaelszeit, Hochsommerzeit und Herbst-
Jahres enthalten. Auf dieser Harmonie beruht ihre beginn, sind vorausgenommen:
Schönheit. In dreifacher Gestalt wird in den drei Hand- Die drei Weihnachtshandlungen sind eine Ur-Verkün-
lungen die Durchchristung des Menschen verkündet. In digung. Der Mensch wird durchchristet, vom Geiste aus
der ersten, der Mitternachtshandlung, dem Haupte, d.h. beginnend, durch die Seele bis zum Leibe. Die Weih-
dem Denken nach. Denn das Haupt ist es, das im Grunde nachtsbotschaft hören heißt: des Menschen Gotteskind-
immer „wandelt leibbefreit im Geisterland“, wie es in schaft, den Keim der Menschwerdung für das ganze Jahr
dieser Handlung heißt. In die Finsternis seines Nerven- empfangen. Ernst Moll

Von der Vielfalt des Weihnachtsmysteriums (zu der Bildbeilage)


Die kindlich-lieblichen, poetisch durchseelten Bilder, fand und findet und was heute allgemein darin gesehen
die wir zu Weihnachten gewöhnt sind vor unsere Seele wird. Nachdem Rudolf Steiner von 1908 an auf das Ge-
zu stellen, sind nur die offenbare Vorderseite eines um- heimnis „von den beiden Jesusknaben“ hingewiesen hat
fassenden, mannigfaltig zusammengesetzten Mysteriums (öffentlich zuerst 1911 in dem eben wieder nen erschie-
göttlicher Vorsehung. Deutet sich schon in der Doppelheit nenen Büchlein „Die geistige Führung des Menschen und
der Weihnachtsgeschichten von den Hirten und von den der Menschheit“, Dresden, Verlag Emil Weises Buchhand-
Königen eine tiefere Vielfalt an, so tut sich dieselbe doch lung), konnte man anfangen, -die geheimnisvollen Bilder
erst in ihrem ganzen Reichtum vor uns auf, wenn wir die zu verstehen, die um 1500 von der Geschichte des zwölf-
Bethlehemgeburt nur als den Anfang des großen Ge- jährigen Jesus im Tempel gemalt worden sind; und man
burtsprozesses betrachten, durch welchen die Christus- konnte weiterhin auf einen ganzen Reichtum von sonst
wesenheit zur irdischen Inkarnation in die Hülle des unbeachteten Bildern aufmerksam werden, in denen ‚sich
menschlichen Jesuswesens Einzug hielt. Das große Weih- alte wissende Traditionen aussprechen. In meinem Buche
nachtsgeburtsmysterium reicht von der Jesusgeburt in „Kindheit und Jugend Jesu“ mußte ich bei der Bespre-
Bethlehem bis zur Christusgeburt bei der Jordantaufe. chung der Vorgänge, die sich hinter der Tempelszene ver-
Das drückt sich seit den Tagen des Urchristentums in dem bergen, auf das berühmte Bild von Borgognone (1455 bis
Festesinhalt aus, den wir mit dem Anfang und Ende der 1523) hinweisen, das sich in einem Seitengang der Kirche
Weihnachtszeit verbinden. In der Heiligen Nacht, die den 5. Ambrogio zu Mailand befindet und das seit langem als
Reigen. der heiligen zwölf Nächte eröffnet, gedenken wir ein Dokument für das Geheimnis von den zwei Jesus--
an das Bethlehemereignis; an dem Epiphanias-Tage, der knaben erkannt worden ist. In der Bildbeilage dieses Hef-
uns aus der Weihnachtszeit herausgeleitet, gedenken wir tes. legen wir nun eine Reihe von Bildern vor, die aus
an die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. einer etwas anderen Malertradition heraus das gleiche Ge-
Zwischen der Jesusgeburt und der Christusgeburt liegt heimnis offenbaren. Diese Bilder sind ein Teil des Mate-
das Ereignis, das die Evangelien als einziges aus der gan- rials, das C. 5. Picht in langer Forscherarbeit zusam-
zen Kindheit und Jugend Jesu berichten: die Geschichte ınengetragen hat und in einer Abhandlung über „Das Ge-
vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Die theologische heimnis von den beiden Jesusknaben in der bildenden
Tradition hat längst verlernt, in diesem Ereignis eine Kunst“ zu veröffentlichen gedenkt. Die Bilder, die wir
wichtige Station des großen Weihnachtsgeburtsprozesses jetzt als kleine Weihnachtsgabe unserer Zeitschrift bei-
zu sehen. In bestimmten Malerschulen hat man aber bis geben und die zugleich als ein Vorbericht über die zu er-
zum Ausgang des. Mittelalters in dieser Szene mit dem wartende Veröffentlichung aufgefaßt werden mögen,
Auge des Künstlers noch etwas anderes erkannt und ge- wurden uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
sehen, als was die gedanklich formulierte Theologie darin Die ersten drei Bilder folgen, bis in die Einzelheiten

134
hinein, einer ganz bestimmten einheitlichen Vorlage. Wir anderen Bildseite im Hintergrunde den zweiten Jesus-
sehen den zwölfjährigen Jesus auf dem erhöhten Lehr- knaben, der im Begriffe ist, von dannen zu gehen. Das
stubl inmitten der Gelehrten des Tempels. Von der rech- Antlitz trägt genau die gleichen Züge wie das des lauschen-
ten Seite tritt.die heilige Familie herzu, und zu unserer den Knaben auf den drei ersten Bildern. Auch ist die
Überraschung erkennen wir nicht nur Joseph und Maria, schräge Haltung des Kopfes beibehalten. Durch das Weg-
sondern neben ihnen noch einmal den Jesusknaben, der lassen 'des Heiligenscheins ist der Schleier des Geheim-
durch den Heiligenschein unverkennbar charakterisiert nisses, der doch hier auf so auffallende Weise gelüftet
ist. Auf allen Bildern sehen wir den zweiten Jesusknaben wird, doch zugleich wieder über das Bild gebreitet. In
kingebungsvoll auf die Worte des lehrenden Jesus lau- dem dramatischen Element, das durch das Weggehen des
schen. Er schmiegt sein Antlitz an den linken Arm des an- zweiten Knaben angedeutet wird, berührt sich dieses Bild
deren Knaben an und blickt mit liebendem und andächti- mit dem Bilde von Borgoguone (wiedergegeben in dem
gem Augenaufschlag zu dessen sprechendem Munde empor. Buch „Kindheit und Jugend Jesu“), das auch den zweiten
Das fünfte Bild, von dem berühmteren Verwandten des Knaben darstellt, wie er im Begriffe ist, den Raum zu
Malers gestaltet, von dem das zweite Bild stammt, macht verlassen. Die zu erwartende Veröffentlichung wird noch
sich von dem Schulschema frei. Der lehrende Knabe steht andere Bilder zeigen, in denen das Thema vom Hinaus-
an erhöhtem Ort, binter ihm ist der Ausblick aus der offe- gehen des zweiten Knaben weiterausgesponnen wird. So
nen Halle frei, die hier an die Stelle des geschlossenen sehen wir z.B. auf einem Bild von Bonifazio Bembo im
Innenraumes tritt. Das Elternpaar kommt zwar noch von Palazzo Pitti zu Florenz, wie der zweite Jesusknabe im
rechts, der andere Knabe aber sitzt links lauschend zu Hintergrund eine hohe Treppe emporsteigt und sich so
Füßen des Lehrenden. Der Lauschende ist obne Heiligen- von dem lehrenden Knaben, den zuhörenden Gelehrten
schein gemalt, worin sich vielleicht eine leise Abwendung und dem hinzutretenden Elternpaare entfernt.
des Malers von dem Geheimnis kundgibt. In einer Zeit, in welcher der leise kindlich-poetische
. Das vierte Bild wagt eine viel bedeutungsvollere Varia- Hauch der Weihnachtsgeschichten vor der Übergewalt
tion des feststehenden Bildschemas, dem die ersten drei äußerer Weltinhalte und vor dem Ernst der Schicksale
Bilder folgen. Es löst die Gruppen völlig auf. Wieder sitzt zu vergehen droht und das Weihnachtsmysterium nur
der lehrende Jesus auf dem erhöhten Stuhl. Die zu- lebendig erhalten werden kann, wenn zu seinem tieferen
hörenden Gelehrten zu seinen Füßen sind so angeordnet, Schichten, zu dem großen Drama der Vorsehung, das sich
daß. die Jesusgestalt sich in schlichter Monumentalität dahinter’ verbirgt, vorgedrungen wird, müssen wir jeden
über alles andere erhebt. Maria und Joseph treten hier Hinweis dankbar begrüßen, der uns wieder von einer
von links herzu, mehr im Vordergrund als auf den ande- neuen Seite.her auf das große Weihnachtsgeheimnis hin-
ren Bildern. Getrennt von ihnen sehen wir rechts auf der blicken läßt. “Emil Bock

Von der blauen Farbe: Zur Entwicklung unseres Farbensinns

Sowobl durch sprachgeschichtliche wie durch kunst- Diese und andere Tatsachen lassen keinen Zweifel
geschichtliche Untersuchungen ist festgestellt worden, darüber, daß sich unser Farbensinn erst allmählich zu dem
daß sich unser Farbensinn allmählich entwickelt hat. Zum entwickelt hat, was er heute ist; die tieferen Gründe für
erstenmal hat H. Magnus in seiner Schrift: „Die ge- diese Entwicklung enthüllen sich aber nur dann, wenn wir
schichtliche Entwicklung des Farbensinns“ ausführlich uns auf den Standpunkt der Goetheschen Farbenlehre
nachgewiesen, daß die Menschen in früheren Zeiten nur stellen. .
Rot und Gelb als Farbe wahrgenommen haben, daß aber Schon immer haben Menschen, insbesondere die Künst-
die Wahrnehmungsfähigkeit für Grün und Blau erst spä- ler, den Gegensatz empfunden, der zwischen den roten,
ter auftrat. den sogenannten warmen Farben einerseits und den
Den Rigvedaliedern und dem Zendavesta kann man blauen, den kalten Farben, andererseits besteht; Goethe
z. B. entnehmen, daß den damaligen Indern die Farbwahr- zeigte aber, daß sich dieser Gegensatz auch dem experi-
nehmung für Grün und Blau fehlte; ebenso weiß man, mentierenden Physiker aufdrängt, wenn man folgenden
daß noch zu Homers Zeiten die grüne und besonders Versuch macht:
die blaue Farbe von den Griechen nicht in derselben ‘Man lege auf ein Blatt schwarzen Papiers längs seiner
Weise wahrgenommen wurde wie von uns. Blaue Blumen waagrechten Mittellinie einen etwa 1 cm breiten Streifen
und der blaue Himmel werden von Homer mit denselben aus weißem Papier und betrachte den weißen Streifen
Worten beschrieben wie dunkles Haupthaar, schwarze mit den angrenzenden schwarzen Flächen durch ein waag-
Trauerkleider und graue Wolken, so daß wir daraus recht gehaltenes Glasprisma. Das schwarze Papier sieht
schließen können, daß sich damals die Empfindung für dann schwarz, das weiße Papier weiß aus; die Grenzen
Blau noch nicht von der Schwarzempfindung abgesondert zwischen weiß und schwarz sind aber merkwürdigerweise
hatte. Das Wort „chloros“ (grün) verwendet zwar Homer; nicht mehr scharf, sondern verschwommen; das Auf-
scheint aber mehr auf das Gelb und Gelbgrüne hinzudeu- fallendste jedoch ist, daß die beiden Grenzen farbig ge-
ten, da er dasselbe Wort auch für die Farbe des Honigs worden sind und zwar so, daß bei der einen Grenze die
verwendet. Erst in der späteren Zeit der griechischen Kul- Farben rötlich sind, bei der andern bläulich. Wir sind
tar werden Grün und Gelb genau unterschieden und erst also bei diesem Versuch auf den Gegensatz zwischen den
hier tritt auch das Blau als bewußtes Farbenerlebnis auf. warmen und kalten Farben gestoßen.

135
Im Gegensatz zuNewton und im Gegensatz zur
da- ‚Dieselbe Dreigliederung liegt nun aber auch beim Spek-
maligen und heutigen wissenschaftlichen Anschauung
er- trum vor, wie sich ohne weiteres durch nachstehende
kannte Goethe, daß die Farben Ge-
bei diesem Grundversuch gemüberstellung ergibt:
durch den Gegensatz zwischen hell und dunkel, zwische
n
Licht und Finsternis entstehen, Alles physikalische Rot
Ge-
schehen beruht ja in letzter Linie auf dem Gegensat Lichtpol Orange Blüte
z. Den Sonne
elektrischen Erscheinungen z.B. liegt.der Gegensa Gelb
tz .zwi-
schen positiver und negativer Elektrizität zugrund Grün Blatt
e, den
magnetischen Erscheinungen derjenige zwischen Blau
magneti-
‘schem Nordpol und Südpol. Ebenso entsteht die Farben- Finsternispol ' Indigo Wurzel Erde
welt durch das Wechselspiel zwischen hell und dunkel. Violett
Wo
immer eine Farbe auftritt, ist das Licht auf seinen Gegen-
Halten. wir nun das, was wir jetzt über das Spektrum
spieler, die Finsternis, gestoßen. „Die Farben sind
Taten wissen, mit dem zusammen, was über die Entwicklung
des Lichts, Taten und Leiden“ sagt Goethe in seiner des
Far- Farbensinns gesagt worden ist, so sieht man auf den
benlehre, in der gezeigt wird, daß die roten Farben
dort ersten Blick, was sich abgespielt hat: Die Entwicklung
entstehen, wo das Licht über die Finsternis Sieger
ge- vollzog sich von oben nach unten; sie ging vom Lichtpol
worden ist, während bei den blauen Farben das Licht
im der Farben aus. und endete dort, wo die
Kampf mit der Finsternis unterlegen ist. Farbe in der
Finsternis erstirht. . .
Däs sind die beiden Urphänomene der Goetheschen
Unser Farbensinn hat sich offenbar aus einem Lichtsinn
Farbenlehre und’ mit diesen hat man es auch bei dem
entwickelt, wofür z.B. auch die Tatsache spricht, daß
soeben beschriebenen Versuch zu tun. - (nach einer Angabe von Prof. Beckh) es im älteren Sans-
Macht man nun bei diesem Versuch den weißen
Streifen krit ein Wort „aruscha“* gibt, das gleichzeitig für rot und
schmäler und schmäler, so rücken die beiden farbigen
weiß verwendet wurde; ja die Urbedeutung des Wortes
Ränder immier näher zusammen, bis sie. bei genügen
d scheint „licht“ gewesen zu sein.
dünnem Streifen schließlich in ihren helleren
Teilen, d.h. Der Mensch entstammt einer Welt des Lichts, die er
im Gelb und Hellblau übereinandergreifen und
so eine im Laufe seiner Entwicklung ‘allmählich verließ, um mehr
neue Farbe erzeugen: das Grün. Damit haben wir nun
das ‚und mehr in die. Welt der Materie einzutau
vollständige Farbenspektrum vor uns, dessen sieben chen und so
Far- schrittweise zur Wahrnehmung der Farbe zu kommen.
ben: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo
und Violett in \ Noch lange aber, bis in die vorgriec
jedem Physikbuch erwähnt werden. hische Zeit hinein,
. erlebten die Menschen mehr oder ‚weniger lebhaft den
Newton sah in diesem Farbenspektrum ein Kollekt
iv geistigen Hintergrund der Welt, der
von gleichartigen Farben, die schon im weißen Licht uns heute verschlos-
ent- sen ist; das Urlicht schimmerte noch
halten sind und nur deshalb zu einem Farbenband durch die Umwelt
aus- durch, und von den Farben, die ja eine
einandertreten, weil sie im Prisma verschieden Verdunklung die-
stark ab-. ses -Ürlichts bedeuten,
gelenkt werden. Für Goethe war dagegen das Spektr konnten zunächst nur die wahr-
um genommen werden, in denen das Licht
‚der Schauplatz eines Kampfes, dem in letzter Linie die Oberhand über
die die Materie behielt, d.h. die gelbliche
Urpolarität zwischen Sonne und Erde zugrund n und die rötlichen.
e liegt. Damals erschien die Welt den Menschen: buchstäblich in
Die innere Dynamik dieses Kampfes wird am besten ‚rosigem Licht, denn erst
durchschaubar, wenn wir die Pflanze zum Vergleich in dem Maß, in dem sich der
heran- „Mensch von seinem geistigen Ursprung entfernte, ver-
ziehen, da diese ja auch in den Gegensatz zwische
n Sonne dunkelte sich für ihn auch das Licht in der Farbe, bis
und Erde hineingestellt ist. In der Wurzel ist die er
Pflanze sich schließlich in der: griechischen Zeit nach Homer
ganz den irdischen Kräften hingegeben; hier ist sig so-
am weit mit der Welt der Materie
meisten verhärtet und der mineralischen Erde zugeord verbunden hatte, daß er
net. auch die grüne und später die blaue Farbe wahrnahm.
"Wie die Erde mit ihren Gravitationskräften alles an sich
zieht, so strebt auch die Wurzel
Manchem mag nun der Gedanke kommen: Wenn schon
in zentripetaler Tendenz eine Entwicklung des Farbensinns stattgefunden hat, wie
den Nährsalzen und dem ‚Wasser zu. Genau das Gegen-
teil liegt bei der Blüte vor. Während die Wurzel die Fin- wir sie hier beschrieben haben, wie wird dann die Ent-
'sternis der Erde aufsucht, lebt die Blüte mit ihren. Farben wicklung weitergehen? Der Physiker stellt mit der photo-
graphischen Platte fest, daß sich an das blaue Ende
im Licht der Sonne. In der Blüte verströmt die Pflanze des
ihre Farbenspektrums die unsichtbare ultraviolette Strahlu
zarte Substanzialität durch den Duft der ätheris ng
chen Öle anschließt, was liegt also näher als die Annahme, daß
und im Blütenstaub und wirkt damit zentrifugal sich
wie die nun eben unser Farbensinn über das Blau hinaus ins
Sonne, die die Wärme, das Licht und das Leben ausstrahlt. ultraviolette Gebiet hinein erweitert?
Die polare Spannung, die, von den Enden ausgehend, Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man
in der Pflanze wirksam ist, kommt in der Mitte, in der
in
dieser Richtung nach der Weiterentwicklung suchen, denn
Blattregion, zum harmonischen Ausgleich. Im Blatt ver- die ultraviolette Strahlung ist bei näherem Zusehen etwas
einigt sich das Einsaugende der Erde mit dem
Ausströmen- ganz anderes als die Lichtstrahlung. Zudem muß.man be-
den der Sonne zu rhythmischem Geschehen: die
Kohlen- denken, daß das dreigliedrige Farbenspektrum, wie
säure wird eingeatmet, der Sauerstoff ausgeat die
met. Wir Pflanze, ein in sich geschlossenes Ganzes darstellt
haben es demnach bei der Pflanze mit einem , dem
dreiglie- sich nicht einfach weitere Farben angliedern lassen.
drigen Wesen zu tun, worauf R. Steiner Gibt
als Erster hin- es demnach über die seitherige Entwicklung des
gewiesen hat. Farben-
sinns hinaus keinen weiteren Fortschritt mehr?

136
: Diese Frage kann mur beantwortet werden, weun man Pflanze, von der Schiller die schönen Worte sprach:
um das Geheimnis der Materie weiß und wenn man sich „Suchst du das ‚Höchste, das Größte, die Pflanze kann
klar darüber ist, daß die Materie, durch die uns die es dich lehren.
Geisteswelt verdunkelt wurde, nicht nur das Ende der Was sie willenlos ist, sei du es wellend — das ist’s!*
. Wege Gottes ist, um das Wort eines Mystikers zu gebrau- Wie ‘die Pflanze im Herbst sich in den Samen zurück-
:chen, sondern auch ein Anfang. „Du müßtest die Materie zieht, um durch die Frühlingssonne wieder zu neuem
nicht als Grabstätte der Menschheit, gefügt nach toten Leben zu erwachen, so sind wir durch die seitherige Ent-
Gesetzen, betrachten, sondern als Pforte der Geburt, als wicklung in einen Keim hineingestorben, der im Finstern
mater dei, in deren Spur der Schöpfer, Christus, getreten ruht und: dex scheinbar tot ist. Es gilt nun aus dieser
ist. Du müßtest selber wieder geboren werden.“ (A. Stef- Finsternis wieder den Weg zum Licht zu finden und im
fen.)' Licht der Christussonne unser höheres Geistwesen zur

ET.
Wir stoßen hier tatsächlich auf das Christusgeheimnis, Entfaltung zu bringen.
auf das „Licht der Welt“, das sich durch seinen Opfertod Hinter der blauen Farbe hat sich für-uns das Tor zur
mit der Erde vereinigt hat. Statt nach einer weiteren geistigen Welt geschlossen; mit Hilfe der Christuswesen-
Farbe zu suchen, hinter der die äußere Sonne steht, haben beit wird sich dieses Tor wieder öffnen und aus der Däm-
wir uns der inneren Sonne zuzuwenden, die seit Golgatba merung des Alls heraus werden wir dann zu dem Sonnen-
für uns scheint. Das Spektrum weist uns auf den Herab- und Farbenbogenglanz auferstehen, von dem in .der
stieg der Menschheit aus dem Reich des Lichts in die Adventszeit an den blau bekleideten Altären der Christen-
Dunkelheit der Erde. Den Weg nach oben zeigt uns die gemeinschaft gesprochen wird. Willy Kodweiß

Der Christbaum, ein Adventssymbol


‚Selten mögen die Fälle sein, daß eine Pflanze erst in Zweige während der Adventszeit ins Zimmer zu nehmen
jüngster Zeit zum Sinnbild inneren -Erlebens erhoben (Obstbaumzweige mit Knospenansatz am Barbaratage),
worden ist, denn’ die meisten Symbole sind aus älteren, und sie treiben zu lassen, so daß sie bis zur heiligen Nacht
went nicht sogar aus -Ürzeiten .auf uns gekommen. Mit blühen. Auch hierbei handelt es sich darum, ein Symbol
‚dem Weihnachtsbaum ist es anders. Noch zu Luthers Zei- zu haben, mit Augen .sehen zu dürfen, wie das scheinbar
ten wußte niemand etwas von ihm. Das bekannte Bild, erstorbene Holz doch noch erblühend zum Leben er-
welches Luther mit seiner Familie im. Scheine des Lichter- wachen kann. Als tiefer Trost kann solch ein Anblick
-baumes darstellt, beruht auf einem historischen Irrtum. empfunden werden.
‚Nicht viel länger als’ etwa 200 ‘Jahre erfüllt er'.die fest- Beim Christbaum ist der Zusammenhang noch weiter
‚lichen Räume mit seinem -Glanze, und: noch bedeütend ins Symbolische getrieben, denn wir lösen hier nicht ein-
kürzer ist es her, daß ’er sozusagen: Allgemeingut gewor- fach einen Vorgang aus der Natur heraus und lassen:ihn
den ist. - abgetrennt vom Erdenlebensrhytkmus sich . abspielen,
Muß ihm doch etwas geradezu Überwältigendes inne- sondern wir schaffen eine Zusammenfügung, welche es in
wohnen, denn -wie anders sollte. es: sich sönst erklären, der Natur gar nicht ‘gibt. Dadurch wird. das Bild noch
daß sein Bild‘so-rasch alle Herzen gewinnen konnte! stärker in ‘das menschliche Innere verlegt.
‘Viele Menschen können sich Weihnachten ohne Christ- Was ‘bedeuten die Lichter anderes, als daß sie den
baum gar nicht vörstellen, denn wir fühlen .unser Ge- Baum im hellsten Kontraste zu den dunklen Nadeln er-
müt ‚beseligend beeindruckt, weun wir auch mit äußeren strahlen lassen — wie wenn er 'blühtel: Das Blühen der
Augen sehen dürfen, was zur Tiefwinterszeit als Men- Pflanze ist ein Lichtesvorgang. In elsässischen Sagen, be-
schenhoffen in: unseren Seelen lebt. sonders denjenigen keltischer Herkunft, wird an blühen-
* Ein Nadelbaum muß es sein, am besten eine Tanne, den Bäumen das Wort „Licht“. oft für „Blüte“ verwen-
oder doch werigsteus eine Fichte. Kiefern und Wacholder- det. Durch die äußere Sonne hervorgelöckt, treten die
sträucher finden wir weniger geeignet, und die Lärche zartesten. Bildungen, edelsten Formen, lieblichsten Far-
kommt schon deshalb nicht in Betracht, weil sie im Win- ben, sowie die am meisten geläuterten und verfeinerten
ter ohne Nadeln dasteht, denn die Lichter sollen unbe- Stoffe sichtbar zutage. Ist.es nicht wirklich eine Geburt
dingt auf immergrünen Zweigen brennen. Ist nicht dieses im Lichte, was sich vollzieht, wenn Bäume erblühen;. ist
schon ein bedeutungsvolles Symbol, daß das grünende es nicht wie ein Aufleuchten, wie wir es ein zweites Mal
Leben zwar scheinbar zum Stillstand gekommen, den- nur dann erleben, wenn der im Herbste absterbende
noch aber nicht erloschen, erstorben ist! Laubwald, sich gleichsam vergeistigend, buntfarbig auf-
Aber mit Lichtern allein ist es noch nicht getan. Min- lodert, als ob er das während des Sommers gesammelte
destens Früchte sollen nöch an den Ästen hängen, vor ‚Sonnenlicht dem Kosmos zurückgeben wollte!
allen Dingen Äpfel, denn der’ Apfel ist die Frucht der „Der Baum kann nur zur blühenden Flamme, der
Früchte. Als solche wurde er schon von alters her auch im Mensch zur sprechenden, das Tier zur wandelnden Flamme
Zusammenhange mit der Paradiesesmythe verstanden. werden“, verkündet der schauende Novalis in seinen
Ferner. spielen Nüsse als Christbaumschmnck in vielen Fragmenten und fügt an anderer Stelle hinzu: „Die Blüte
Gegenden eine wichtige Rolle, Aber sie müssen vergoldet ist das Symbol des Geheimnisses unseres Geistes.“ Die-
sein! ses aber macht das Wesen der echten Symbolik aus,
Älter als der Brauch, Christbäume aufzustellen, ist es, welche den Christbaum umwebt, daß .hier das Licht in

137
seiner reinsten Form als „leuchtendes Licht“ — nicht als den Laubbäumen steht, welche sämtlich dem Formkreis
bildendes — zwischen den Zweigen zum Aufstrahlen ge- der höheren Blütenpflanzen angehören, empfindet man
bracht wird. So ist uns das Sinnbild seelisch-geistig am schon an der Stimmung der Wälder. (Wenn auch viele
leichtesten verständlich. dieser Blütenpflanzen nur grüne Blätter haben, so offen-
Die Lichter sind die Blüten des Weihnachtsbaumes. baren sie doch durch ihre besonders herrliche Herbst-
Wenn oft auch noch Rosen auf die Zweige gesteckt wer- färbung, daß das Lichtelement mächtig in ihnen wirkt.)
den — und es dürfen rubig Papierrosen sein —, so hat Hell, gelöst, ja, klingend laut mutet der Laubwald an,
dies uoch eine etwas andere Bedeutung: Die rote Rose wohingegen uns das Betreten des Nadelwaldes rubig, ja
ist das Sinnbild des geläuterten Blutes. Blut und Blüte nachdenklich stimmt. Würde, Dauer und Unvergänglich-
sind ursprünglich dieselben Worte; aber nur das Blut, keit scheinen zu uns zu sprechen, und es ist etwas
welches von allen niederen Trieben, Instinkten und Lei- Eigentümliches, daß uns die Laubwälder jugendlich, die
denschaften gereinigt ist, so daß es nichts Tierverwandtes Nadelwälder aber uralt vorkommen.
mehr an sich hat, darf der Rose verglichen werden. In Auch gestaltlich ist der Unterschied ein bedeutender:
den Adern strömt dann das Werkzeug eines menschlichen Wie die Adern und Nerven sich in den menschlichen oder
Ich, würdig, neben das lichthafte Strahlen hingestellt zu tierischen Organismus hinein verzweigen, so gliedern sich
werden; ja, es ist wohl richtiger, zu sagen, daß das Blut die Holzteile der Laubbäume in den Erdumkreis ein. Wer
des Menschen. eben nur dadurch rosenverwandt werden sich eingehender mit :Bäumen beschäftigt, der emp£fin-
kann, daß es sich vom Geisteslichte durchkraften läßt. det gerade diese organische Ganzheit der Laubbäume als
Nur als Frucht langer Entwickelung darf dieses Ideal an- etwas ungemein Wesentliches. Wie anders müssen uns
geschaut werden. Der Anblick der roten Rosen am Lichter- demgegenüber die Säulenstämme von Fichten und Tannen
baum mahnt darum und erhebt doch gleichzeitig. Trotz vorkommen! Sie streben unverzweigt aufwärts („Lang-
allen Leides, welches unser Blut in seinem gegenwärti- holz“), und die Seitenäste gehen etagenweise vom Haupt-
gen Zustande noch über die Erde heraufbeschwört, sind stamım ab. Je älter und größer diese werden, um so mehr
wir doch dazu bestimmt, dereinst dieses höchste Ziel zu zieht sie ihre eigene Last nach unten. Ist es zuviel ge-
vollenden. \ ‚sagt, diese Baumgestalten deshalb als „irdische“ zu be-
zeichnen? Gegenüber dem an organische Formen er-
Neben den Lichtern und den Rosen spielt nun aber innernden Wachstum der Laubbäume ist der Nadelbaum
auch ihr Träger, der Tannenbaum selbst, eine wichtige von Bildegesetzen beherrscht, welche sich sonst nur im
‚Rolle. Es wäre nämlich verfehlt, annehmen zu wollen, daß Mineralreich auswirken. Ein Stockwerk wird einfach auf
die Wahl des.Menschen nur deshalb auf den Tannenbaum das andere daraufgesetzt, ohne daß die Teile ineinander
gefallen ist, weil es um die Weihnachtszeit sonst fast übergeführt würden, ja, wer hätte noch nicht die jungen
keine grünen Bäume gibt. Bei genauerem Zusehen stellt Tannenbäumchen im Walde bewundert, wie sie mit ihren
sich ein viel tieferer Zusammenhang zwischen der Natur Zweigen geradezu geometrisieren. Jede Etage bildet einen
des Tannenbaumes und seiner Rolle als Weihnachtsbaum. Stern, welcher in sich selbst wiederum aus Kreuzen zu-
heraus. Haben wir diesen Zusammenhang einmal er- sammengesetzt ist.
kaunt, so können wir nur staunen, wie echt das Sym- Man muß nur die Naturerscheinungen im Zusammen-
bol in allen seinen Teilen doch ist: hange betrachten, selbst wenn sie zunächst weit ausein-
Der Botaniker räumt den Nadelbäumen, als deren Re- anderliegen: Taucht da vor dem inneren Anschauen nicht
präsentanten Tanne und Fichte hingestellt werden kön- sogleich das Bild der Schneeflocke auf, welche eben um
nen, einen besonderen Platz ein. Sie werden zu den die Zeit, wenn der Weihnachtsbaum in den Häusern der
Blütenpflanzen gerechnet, obgleich dies vielleicht nicht Menschen angezündet wird, vom Himmel zur Erde her-
‚ohne weiteres einleuchtet. Sind wir doch geneigt, als niederwirbelt! Sie ist der reinste Ausdruck kosmischer
Blüten nur farbige Kronen’ mit Duft und süßem Nektar Formkraft im Mineralisch-Toten. Ein bedeutendes Ge-
{Blumen) gelten zu lassen, denn das Lichthafte der Blüte heimnis tritt vor unseren fragenden Geist: Der Nadel-
spricht durch diese Eigenschaften am deutlichsten zu baum ist irdisch und kosmisch zugleich, und wir verstehen
unseren Sinnen. Daß der Wissenschafter unter einer ibn nur, wenn wir zu enträtseln vermögen, inwiefern die
Blüte eigentlich Staubgefäße und Fruchtknoten versteht, kosmischen Gebeimnisse in die irdische Hülle einver-
welche durch ihr Zusammenwirken den Samen entstehen woben sind. Kosmisch sind die Formkräfte, welche
lassen, hat für den betrachtenden Blick weniger Bedeu- den Nadelbaum gestalten, kosmisch sonnenbewirkt ist
‚tung. Darum wäre es vielleicht verständlicher, die Nadel. auch der Prozeß der Samenbildung. Von allen Bäumen
bäume den echten. Blütenpflanzen .als Samenpflanzen sind die Nadelbäume am meisten „Himmelreich“. Irdisch
gegenüberzustellen. verhärtet aber ist die Stofflichkeit, in welcher sich
In der Tat erreicht der Samenbildungsprozeß in den im Nadelbaum die Himmelskräfte auswirken.
Nadelbäumen eine erste bedeutsame Höhe, wovon man Das Gold und Silber, welches wir den Zweigen der
sich denn auch leicht überzeugen kann, wenn man reife Christbäume ‚anfügen, sei es nun, daß wir Nüsse ver-
Fichtenzapfen mit ins Zimmer nimmt, sie austrocknen golden, oder sei es, daß wir Planetenzeichen und ähn-
läßt und, sobald die Zapfenschuppen sich spreizen, sie liche Figuren, Quadrate, Dreiecke usw. (Weihnachtszei-
ausschüttelt. Hunderte geflügelter Samen wirbelu zu chen) aufhängen, einen goldenen Stern auf die Spitze
Boden. | setzen, soll zum Ausdruck bringen, daß die ganze Fülle
Versuchen wir aber zunächst, das Bild des Nadelbaumes und Gestaltenwelt des Sternhimmels diesem Baume inne-
noch nach anderen Seiten hin zu ergänzen. Wie er neben wohnt.

138
Aber die kosmischen Herrlichkeiten scheinen verzau- duften blütenverwandt, sind flüchtig und brennbar. Das
bert zu sein, wie überhaupt der ganze Nadelbaum etwas Harz gibt dem Koniferenholz seine leuchtende Flamme
Unerlöstes .an sich hat. Zu tief ist er in das Mineralisch- (Kienspan). Die Blume schläft also gewissermaßen in
Ersiarrende hineingeraten. Zwar verdankt er gerade die- stofflicher Hülse im Innern des Baumes. Man muß das
sem Umstande seine wunderbare Klarheit, aber er ist doch Holz oder die Nadeln anzünden, um sie hervortreten zu
andererseits auch stark hemmenden, ja verhärtenden Ten- lassen.
denzen anheimgefallen. Wie langsam er wächst! Berück- Diese Bäume sind zu Christbäumen geeignet wie
sichtigen wir noch dazu, welch überwiegenden Anteil das keine anderen, Das Lichtelement steckt noch in verzau-
Holz an. diesen Pflanzen hat. Nadelbäume sind sozusagen berter Form, gleichsam. schlummernd, in. Stämmen, Zwei-
„ganz Stamm“, und je älter die Pflanze wird, um so gen und Nadeln, Unerlöst ist es dort vorhanden, und
drastischer treten die Holzteile in den Vordergrund, ja, wenn wir die Kerzen auf die Zweige stecken, setzen wir
man geht nicht fehl, wenn man sagt, daß der Nadelbaum die Schöpfung in symbolischer Form an demjenigen
sogar seine Blüten und Früchte aus Holz bilde, denn der Punkte fort, wo die Natur sie stehen ließ.
schuppige Zapfen ist Blüte und Frucht in einer Person. Auch der Mensch ist trotz seines kosmischen Ursprungs
Die Blätter, die Nadeln nämlich, sind verdichtet und so zu tief in irdische Bindungen verstrickt, auch er bedarf
stark zusammengezogen, daß nur noch die Mittelrippen der Erlösung. Das Lichthaft-Göttliche in seiner Seele ist
übriggeblieben sind. Doch der Nadelbaum wird zum verdunkelt, aber unser Sehnen trachtet danach, es im
Christbaum: Christuslichte neu erstrahlen zu lassen.
Laßt uns die Bäume lieben,
die Bäume sind uns gut, Baum. der Liebe, du leuchtest,
in ihren grünen Trieben ich schau in dir das Licht des Erlösexs,
strömt Gottes Lebensblut. denn ich sterbe in Christo .
und werde vom heiligen Geiste wiedergeboren.
Einst wollt das Holz verhärten, (Albert Steffen)
da hing sich Christ daran,
daß wir uns neu ernährten Am Baume des Lebens, als welcher der Weihnachts-
ein ewiges Blühn begann. (Albert Steffen) baum auch zuweilen hingenommen wurde, können dann
Früchte reifen. Gerade dieses ist das Geheimnis des
Noch einen letzten Blick müssen wir auf diese wunder- Fruchtens, daß das Fruchtende nicht die Erde flieht, Bon-
baren pflanzlichen Erscheinungen werfen, um das Bild ab- dern seine Kraft aus ihr schöpft, ja sie selbst zur Frucht
zurunden: Der Nadelbaum ist eine Blütenpflanze, auch umbildet. Die Natur gewährt es dem Tannenbaume nicht,
‘wenn er keine Blumen hervorbringt. Vielleicht aber las- 'nahrhafte Früchte zu tragen; sobald wir aber das Licht
sen sich die Stoffe und Kräfte, welche sonst äußerlich hinzutreten lassen, sobald wir die Pflanze symbolhaft aus
sichtbare Blüten bilden würden, bei Nadelbäumen anders- ihrer irdischen Erstarrung erlösen, dürfen wir die Schöp-
‘wo nachweisen. Und hier muß des Harzes sowie der köst- fung auch dadurch vollenden, daß wir Früchte an die
lichen ätherischen Öle in den Nadeln gedacht werden. Sie Zweige hängen. Gerbert Grohmann

Vom Büblein, das dem Tannenbaum seine Wurzel gesucht hat


Weihbnachtsmärchen von Otto Frommel*

Es ging einmal ein Schwarzwälder Büblein, das Kind glänzendere Käfer und zartere Blumen kann’s dort auch
guter Eltern, an einem gelindeu Herbstabend das Tal nicht geben. Und weiter dachte er sich’s aus, wie er ein-
hinter seines Vaters Haus hinan. Die Sonne legte reichen mal auf der Himmelswiese spielen wollte mit den Him-
Glanz auf grüne Matten, und sie erschimmerten in Sma- melskindern. So spielte er über die Wiese hin, bis er an
ragd und Gold. Das Büblein hatte so Schönes noch nie ‚die geheimnisvolle Stelle kam, wo Wiese und Wald an-
gesehen. Es griff in die Blumen am Rande der Wiese und einander grenzten. Der Wald stand sehr hoch und schwarz
hielt bald eine blauseidene Glocke; bald ein zierliches und schaute mit ernsthaften Gesicht auf den Buben. Es
Farrenkraut, bald einen Zweig der rötlichen Heide in sei- ward ihm fast ein-wenig bang, so ernst, beinahe finster
ner Hand. Es tauchte die nackten Zehen in eines der fri- schaute der Wald drein. Es war ihm, als höre er, wie der
schen klaren Wässer, die den Berg hinunterhüpften und Wald sagte: Jetzt kehr um und mach, daß du heim-
mitten aus der Wiese emporsprangen. Fand es einen kommst; es ist bald Nacht, da gebören die Kinder heim
Käfer mit schillernden Flügeln,. eine Eidechse, ein be- und ins Bett.
hendes Fröschlein, so fing es sich’s, ließ die Sonne drauf Aber da er von dem Gang durch die Wiese und an den
scheinen, freute sich seiner Beute und ließ sie wieder vielen Bächen vorbei mutwillig und lustig aufgelegt war,
von sich, oo. faßte 'er sich ein Herz, lief mitten in den Wald hinein
Er war gar fröhlich in seinem Gemüt und dachte bei und atmete tief, als die hohen dunklen Bäume sich xings
sich: So muß es im Himmel sein, wie auf dieser Wiese um ihn wölbten und ein kühler Hauch von ihren mächti-
da. Schöner kann der Himmel auch nicht aussehen und gen Ästen herabwehte. Ganz sonderbar ward ihm zumute,
* Aus dem Weihnachtsbuch „O du fröhliche“, Heinrich Beenken Verlag, Berlin

139
nicht mehr so leicht und frei wie vorhin auf der Wiese; und schaffte — sie legte nur immer neue Wurzelarme
und doch wäre er um keinen Preis umgekehrt und aus bloß, und immer tiefer mußte das Büblein hinunter in
dem Wald wieder hinausgegangen. das Innere der Erde, um des furchtbaren Baumes Grund-
So lief er nur immer tiefer und tiefer hinein, bis er wurzeln zu suchen. Und obzwar die Schaufel fast von sel-
an eine Stelle kam, wo sich das Tannicht ein wenig lich- ber arbeitete und es nichts zu tun hatte, als sich ein wenig
tete, und mitten aus einem kreisrunden Platz eine mäch- zu bücken und sie zu senken und zu heben, ward es zu-
tige Tanne gen Himmel ragte. Der Baum war größer als letzt doch ganz müde und traurig, setzte sich auf einen
alle anderen Bäume und hatte einen Leib, den zehn Män- Wurzelknorren und fing an zu klagen: „Ach, ich werde
ner nicht hätten umspannen können. Seine Rinde war nie zu des Baumes Grundwurzeln kommen. Ja, wenn mir
rauh und rissig und fühlte sich an wie die Haut eines jemand helfen wollte, dann könnte es am Ende doch noch
Elefanten. Seine Äste breiteten sich nach allen vier Wind- gehen. Aber es ist ja niemand da, ich bin ganz allein und
richtungen aus wie die Arme eines Riesen. Lange graue obne Hilfe.“
Moosbärte hingen daran herunter. Seine Nadeln klangen, Da ertönte wieder die Stimme, droben im Wipfel des
so oft der Wind durchlief, wie die Saiten von vielen Gei- Baumes, ganz leis, ganz von fern, wie eines Vogels
gen und Harfen. Das Büblein stand lange davor und Stimme. „Schüttle den Baum“, sprach die Stimme. Und
staunte hinauf und hinab und vermochte die Größe und das Büblein rannte wider den Baum, um ihn zu schütteln
den Wunderbau des Baumes nicht zu fassen. und an ihm zu rütteln. Aber es tat sich nur sehr weh; alle
. Was muß er für Wurzeln haben, dachte es bei sich und seine Knochen krachten. Da rief die Stimme abermals:
schaute auf den Boden, ob nichts von des Baumes Wur- „Rüttle am Baum, schüttle am Baum.“ Und wieder sprang
zeln zu sehen wäre. Da standen wohl ein paar mächtige es gegen den Baum an, als gelte es ihn wie einen Festungs-
Wurzelknollen aus dem Erdreich heraus. Es waren selber turm umzurennen. Und wieder stand der Baum wie ein
wieder Bäume, so dick und so gewaltig. Es lief rings um Felsen. Da, als die Stimme sich zum drittenmal verneh-
den Baum herum und kam von diesem Gedanken gar nim- men ließ, und es noch einmal alle seine Kraft zusammen-
mer los. Sind seine Wurzeln wohl so tief als unser Haus raffte, geschah ein Wunder. Ein Zittern und Beben lief
‚hoch ist? oder wie unser Kirchturm? sagte es vor sich hin. durch den mächtigen Stamm, so daß alle seine Äste und
„Ei“, antwortete eine Stimme — sie kam von oben, aus Zweige schwankten, es geschah ein Rauschen und knack,
‚der Krone des Baumes; es war aber niemand zu sehen — knack, knack —flogen die Tannenzapfen wie große braune
„ne, such sie doch, die Wurzel, wenn du wissen willst, wie Äpfel aus der Krone des Baumes herab.
tief sie in das Erdreich hineingreift.“ Es war ein ganzer Regen von Tannenzapfen. Mit Ge
Wie soll ich denn suchen, wo ich doch kein Werkzeug polter fielen sie auf den Boden. Und — wunderbar! — sie
hab? Keine Hacke und keine Schaufel. Mit meinen Hän- blieben nicht wie gewöhnliche Tannenzapfen liegen, son-
den kann ich die Wurzel nimmer aufgraben, dazu sind dern wurden lebendig, regten und bewegten sich und
sie viel zu klein und jene ist zu groß und dick. machten eine seltsame Veränderung durch. Unter den klei-
- „Schau dich einmal. um“, rief die Stimme. Es schaute nen Schuppen kamen kleine Füße und Beine hervor, win-
sich um; und siehe, hinter ihm, im Heidekraut versteckt, zige Arme und Hände, und oben, dort wo sich vorher der
lag eine Schaufel. Es zog sie hervor und mußte staunen, Stiel befunden hatte, an dem sie am Baum gehangen hat-
wie sie blinkte, als wäre sie von Silber, und was für einen ten, da guckten Köpflein heraus mit grauen Moosbärten
schönen geschnitzten Griff sie batte. Das Büblein freute und kleinen funkelnden Augen. Jeder der kleinen Tannen-
sich dieses ansehnlichen und tüchtigen Werkzeuges, nahm zapfenmänner aber hielt eine Schaufel in der Hand, gerad
es zur Hand, schwenkte es in der Luft und fand, daß es so sauber gearbeitet und so silbrig blinkend wie die
leichter und handlicher sei, als man auf den ersten Blick Schaufel Nimmerfaul in des Bübleins eigenen Händen.
gedacht hätte. Und — Wunder — als es nun anhob, die Einer von den Tannenzäpflern aber trat hervor, ver-
Schaufel zu gebrauchen und die rötliche Erde aus dem neigte sich ein wenig und sagte: „Du hast uns aus unserem
Waldboden zu stechen, da flog sie wie von selbst, so daß Haus herausgeschüttelt, in dem wir so warın gesessen sind
es sich kaum anzustrengen brauchte. \ und so sanft geschlafen und so lieblich geträumt haben.
Da lachte das Büblein hellauf, riß sich den Rock vom Was willst du von uns?“
Leibe, spuckte in die Hände und machte sich mit einem „Ei“, sagte das Büblein frank, „daß ihr mir helfen
wahren Feuereifer ans Werk. Gewaltige Schippen voll sollt, dem Baum seine Wurzeln zu suchen, damit man
Erde hob es aus dem Grund, so daß sich bald eine hohe endlich einmal weiß, wo er anfängt und wie tief er im
Mauer, ein Wall wie von einer Festung um den Tannen- Erdboden darin steckt.“
riesen türmte und ihn von allen anderen Bäumen des „Gut“, sagte der Zapfenkönig — denn dieser war’s, der
Waldes trennte. mit ihm sprach, das konnte man schon an seiner Krone
Das dauerte viele Stunden, und als es einmal ein wenig aus grünen langen Taunennadeln und mit gelbem Harz
verschnaufte, da merkte das Büblein, daß es schon tief vergoldet erkennen — „gut, das kann geschehen.“ Er
binuntergestiegen war ins Innere der Erde, und daß der winkte mit der Hand, und alsbald flogen die vielen hun-
Ort, wo es angefangen hatte zu graben, hoch über ihm dert Schaufeln von den Schultern der kleinen Männer her-
lag wie auf einem steilen hohen Berg. Aber zu des Baumes unter und fingen an, im Takt die Erde aufzugraben und
unterster Wurzel war noch ein weiter Weg. Ja, er ward die Wurzeln des Baumes bloßzulegen. Auch das Büblein,
nun erst gewahr, daß sich des Baumes Wurzeln wie ein dem durch das herzhafte Graben und Schaufeln der
ünermeßlicher Wald nach allen Seiten hin verästelten und Zwerge der Mut wiedergekommen war, fing wieder an zu
verzweigten. Und wie auch die Schaufel Nimmerfaul flog schaffen, und es war ein fröhliches Werken und Wühlen,

14.0
wozu die silbernen Schäufelchen wie kleine Glöcklein eine tend über der Unendlichkeit, den Stamm wie die Säule
ganz feine, zierliche Musik machten. eines Domes auf- und niederstemmend, ohne Anfang und
- Abermals ging eine lange Zeit vorüber. Das Büblein ohne Ende, die Wurzeln nach Morgen und Mittag, Abend
meinte, es müßten wohl hundert, ja wohl gar tausend und Mitternacht aussendend. Von allen. Seiten aber wogte
Jahre sein, die gegraben und gegraben wurde, und nodı der Glanz des Himmels herein, der den Riesenbaum in
war man nicht bei des Baumes Wurzelenden angekom- eine Flut überirdischen Lichtes tauchte. Und rings um
men. Da sank ihm der Mut noch einmal so tief und es den Baum schwebten die Engel Gottes mit Gesang, und
klagte dem Zapfenkönig sein Leid. Der aber lachte leise das Rauschen seiner Zweige klang wie die Stimme einer
in seinen Bart hinein und sagte nichts. Er tat nur ein beiligen Orgel, die das Halleluja himmlischer Chöre be-
paar sehr tiefe Spatenstiche, so daß die Schaufel bis an gleitet.
das Ende des Stils in den Boden hineindrang, hielt als- Da, während das Büblein noch immer staunte und sich
dann inne, verschnaufte ein wenig und zupfte das Büb- nicht ersättigen konnte all der Herrlichkeit und des Glan-
lein ein bißchen am linken Ohr. „Da guct einmal in das zes, geschah noch einmal etwas ganz Erstaunliches: Auch
Loch, das ich da eben gegraben habe,“ sagte er freundlich. der Weltbaum, die Riesentanne, schrumpfte zusammen
.Das Büblein beugte sich vor und guckte und fuhr er- und ward ein kleines Waldtannenbäumchen, und die
schrocken zurück. Denn was es da sah, das war über alle Sterne wurden zu fimmernden Lichtlein am Baum. Nicht
Beschreibung herrlich. Denn durch das Loch sah man hin- mehr Engelsstimmen waren es, die sangen, sondern rauhe
unter in den weiten Weltenraum. Und je länger es stand Menschenstimmen.
und guckte, desto weiter tat das Loch sich wie ein Riesen- Und als das Büblein die Augen aufschlug, fand es, daß
fenster auf, und Tausende und Millionen von Sternen es daheim in seinem Bett in der Kammer der Eltern lag
glitzerten aus der Tiefe herauf und blendeten des Büb- und seine Mutter bog sich über ihn und küßte ibn und
leins Augen und verwirrten seine Sinne. Des Baumes sprach: „So lange bist du im Fieber gelegen von dem
Wurzeln aber lagen, von den Schaufeln der Zapfenmänner Abend im Herbst, da dein Vater und ich dich gesucht,
von allem Erdreich säuberlich gereinigt, wie ein ungehen- und wir dich endlich da oben tief im Wald beim Hölzle-
res feinmaschiges Netz vor seinem Blick. könig (größte Tanne im Schwarzwald bei Villingen) ge-
Es zeigte sich aber, daß sie kein Ende hatten, sondern funden haben. Und hast nichts von dir gewußt und hast
nach allen Seiten sich verästelten und verzweigten weit deinen Vater und deine Mutter nimmer gekannt und nur
über die Erdenwelt hinaus hinüber zu den Sternen und immer wirre Dinge gesprochen von einem großen Tannen-
weiter, immer weiter, bis tief hinein in die stille Ewig- baum, der keinen Anfang und kein Ende habe. Und nun
keit, wohin des Bübleins Augen ihnen nimmer folgen wirst du wieder gesund werden und kennst Vater und
konnten. . Mutter wieder und kannst froh sein: denn heute ist Weih-
Das Büblein sagte das dem Tannenzapfenkönig, und der machten.“ Da schaute sich das Büblein verwundert um
lachte wieder wie zuvor in sich hinein und winkte seinen und sah still und nachdenklich in den Christbaum und
Mannen ein wenig mit der Hand. In dem Augenblick seine Lichter hinein. Dann schüttelte es den Kopf, schloß
schrumpften alle Zwergleute, wie von einem Zauber ge- die Augen wieder und legte sich in sein Kissen zurück.
troffen, zusammen und wurden wieder, was sie gewesen “ Ganz leise aber sagte es: „Nein, ich bin nicht krank
waren, braune und harte Tannenzapfen; die kugelten in gewesen, ich habe es nicht geträumt. Ich habe den Christ-
den Weltenraum hinaus und waren im Nu den Blicken des baum des lieben Gottes gesehen und die Flügel der Engel
Buben entschwunden. Der aber stand in tiefem Staunen. rauschen gehört. Und ich weiß, daß der Baum des lieben
Er kletterte in dem Wurzelwald herum und schaute zu Gottes höher ist als der Himmel und tiefer als das Meer.
den Sternen hinüber, die wie kleine Leuchtkäfer oder So tief und so hoch ist er, daß keines Menschen Fuß je-
Glühwürmer zwischen den Wurzelfasern herumfrrten. mals bis auf den Grund zu seiner letzten Wurzel hinab-
Da kam zum drittenmal die Stimme zu ihm und rief: dringen, noch eines Menschen Hand an seine Spitze rüh-
„Schau auf!“ Gehorsam sah es in die Höhe und nun fand ren kann.“
sein Erstaunen kein Ende. Denn nun sah es den ganzen So sprach das Büblein und dabei ist es geblieben bis an
Baum im Weltenraum schweben. Die Krone breit schat- sein seliges Ende.

Advent 1940
Sö arm wie Hirten, denen nur bestimmt, Das ist die Haltung, das der Seeelengrund,
Der Güter ihres Herrn zu walten, - Die Stunde ist es und der Ort,
Und die, wenn er es ihnen nimmt, Auf dem erstrahlen kann des Himmels Licht,
.Von ihrem .Amte nichts behalten,
“ Auf dem ertönen kann aus Engelsmund
In Nacht und Finsternis allein gelassen, Beseligend der süßen Tröstung Wort:
Gefahren schutzlos preisgegeben, „Fürchtet Euch nicht.“
Von Erden-Freud und -Frohsinn ganz verlassen, Meta Weber .
— Tiefernster Innenschau ergeben —

141
Umschau
„Von der Gewalt des Gebetes“ Sehnsucht nach dem Sakrament
betitelt in der Zeitschrift „Junge Kirche“ ein baltischer Im Vorwort zum „Neuwerk-Kalender für 1941“ lesen
Magister der Theologie eine Betrachtung über Kampf und wir folgende Sätze: „Die Predigt findet heute oft taube
Gebet. Eine Kampfszene aus der Mosesgeschichte er- Ohren und müde Herzen, so viel Fleiß auch an sie ge-
scheint ihm von größter Bedeutung für die Beurteilung wendet wird; sie allein. vermag das heimliche Hungern
der kriegerischen Ereignisse unserer Gegenwart. Sie und Dürsten nicht zu stillen, denn diese heimliche Sehn-
scheint ihm davon zu sprechen, daß die sichtbaren histo- sucht ist Sehnsucht nach dem Sakrament. Sie bricht da
rischen Vorgänge nicht das ganze Schlachtfeld ausfüllen. und dort in den Menschen auf, und da und dort wird
Hinter der Ebene der Sichtbarkeiten liegt eine zweite, auf auch schon wieder regelmäßig, oft sonntäglich, der Tisch
der die eigentlich entscheidenden Kämpfe ausgetragen zum Abendmahl bereitet. Schon sind auch die Hände und
werden, zu der aber unsere forschenden Blicke nicht ohne Herzen am Werk, die Feier dieses Mahles wahrhaft wür-
weiteres Zugang haben. Es ist die .Szene vom Kampf dig und festlich zu gestalten, auf daß der Christenmensch
gegen die Amalekiter. „Dieser Kampf verläuft in zwei mit allen Sinnen schmecke, sehe und höre, wie freund-
Sphären. Der eine ist das militärische Schlachtfeld, lich der Hexr ist.“ Diese Sehnsucht nach dem Sakrament
auf dem die Waffen miteinander ringen. Die andere ist zu wecken und zu beleben, hat sich der Kalender in die-
der Berg, auf dem Moses, gestützt von Aaron und Hur, sem Jahr als Aufgabe gesetzt. — Es ist interessant, wie
den Stab Gottes gegen den Himmel erhebt. Wenn Moses und wo alles der Ruf nach dem Sakrament erklingt —
die Hand emporhielt, siegte Israel, wenn er aber seine jetzt sogar als Thema zu einem Kalender. KyıWw
Hand niederließ, siegte Amalek (2. Moses 17). Hier er-
weist es sich, daß der Kampf der Heere in der Ebene nur Entdeckungen aus urchristlicher Zeit
ein untergründiger Vorgang ist — die eigentliche Ent- Die Zeitungen (D.A.Z. 2. Okt. 1940) melden, daß man
scheidung fällt nicht hier, sondern in der Stille des Ber- bei Bihatch, einer Stadt im nordwestlichen Bosnien, „‚ge-
ges.“ Von dieser Zweiheit der Sphären spricht ihm auch heime Kultstätten aufgedeckt“ habe. Tief unter der Erde
das Neue Testament -und die Geschichte. „Von dieser fand man Katakomben von 5 km Länge mit der gleichen
Kampffront des Gebetes haben alle großen Gottesmänner urchristlichen Symbolik, wie wir sie aus den Katakomben
gewußt. — Es gibt für uns kein eindrucksvolleres Bild Roms kennen. Überraschenderweise stieß man in der-wn-
hiervon, als die Gestalt Luthers auf der Coburg während mittelbaren Nachbarschaft dieser christlichen Gräber- und
des Augsburger Reichstages 1530. Während in Augsburg Kapellengänge auf Grotten und unterirdische Räume, die
das Gewoge politisch-theologischer Verhandlungen hin- dem Mithraskultus gedient haben. Die Berichterstattung
und hergeht, während dort der Führer der reformatori- über den Fund nimmt an, daß die Mithras-Heiligtümer
schen Partei Melanchthon unter dem Druck der ungeheuren aus späterer Zeit stammen, da man sich 'ein positives
Verantwortung und angesichts der sich nach allen Seiten Nebeneinander der beiden Kulte nicht vorstellen kann.
eröffnenden Perspektiven zwischen Festigkeit und äußer- Vielleicht handelt: es sich aber doch gerade hier auf dem
ster Kompromißbereitschaft hin- und herschwankt — Boden des alten römischen Dalmatien um ein Gebiet, wo
hören wir aus der Umgebung Luthers, daß er auf der eine Zeitlang ein friedliches Nebeneinander des christ-
nahen Coburg bis zu drei Stunden in ununterbrochenem lichen und des heidnischen Sonnendienstes möglich war,
lauten Gebet im Burggarten weilt. Wir lernen fragen: bis in der Zeit des Staatskirchentums die innere Weite
Wo ist die eigentliche Entscheidung gefallen? Hier im des Ürchristentums verlorenging und der konfessionelle
einsamen Gebetskampf oder dort vor Kaiser und Gegensatz und Kampf einsetzte. EB
Reich?“ .
Weltstunde im Übergang
Solche Gedanken sind Versuche, sich heranzutasten an
‘ Unter dieser Überschrift erschien in der Frankfurter
die übersinnlichen Quellen des Gebetes, dessen Geistwir-
Zeitung (2. 8.40) eine Buchbesprechung. Es wurde da mit
kungen hereinstrahlen aus der geistigen Welt und den
Nachdruck auf ein Buch hingewiesen (Jahrbuch des Freien
Gang der diesseitigen Ereignisse mitbestimmen. Aber
deutschen Hochstifts Frankfurt a.M.), das eine große
mit Vollmacht und Realität ist das Gebet erst dann aus-
Anzahl vor allem literarhistorischer Beiträge enthält. Wie
gestattet, wenn man hinter der Ebene der Sichtbarkeiten
um zu entschuldigen, daß jetzt in der Kriegszeit ein so
nicht nur eine zweite Sphäre ahnt und dann doch vor
umfangreiches Buch erscheint, obne daß darin auf die
dieser Sphäre zurückzuckt, indem man glaubt und betont,
Ereignisse der Gegenwart unmittelbar Bezug genommen
daß zu ihr „unsere forschenden Blicke nicht ohne weiteres
würde, schickt der Rezensent (Fritz Kraus) folgende Sätze
Zugang haben“. Diese Seelenhaltung führt: doch in die
voran: „Es hieße den Begriff der Aktualität unangemes-
Ohnmacht des religiösen Lebens zurück, der man ent-
sen verkümmern, wollte man ihn auf die militärischen
gehen will. Die Durchdringung der diesseitigen Welt mit
und politischen Vorgänge einschränken. Was sich vor den
den Geistwirkungen des Überirdischen hängt davon ab,
Augen einer staunenden Mit- und Umwelt in den letzten
daß gerade gewußt und erstreht wird, daß. auch dem er- Monaten zu dramatischer Zuspitzung zusammendrängte,
kennenden Blicke der Zugang zu den Sphären der gött-
ist ja zuletzt nur der in die Sichtbarkeit vorbrechende
lichen Mächte offensteht.
Ausdruck einer säkularen Umwälzung. Vielleicht werden
Erwin Schühle die Geschichtsschreiber künftiger Zeiten erst in den Be-
gebnissen des 20. Jahrhunderts die äußerste Konsequenz

142
aus der Zertrümmerung des mittelalterlichen Weltbildes leistet haben, als sie nach Bethlehem zogen. Man beruft
erblicken: den Versuch, unter Verzicht auf die Bindun- sich dabei z.B. auf Johannes Kepler. Die Annahme, die
gen und Sicherungen einer.überweltlichen Ordnung das beiden Planeten hätten damals so nahe beieinanderge-
irdische Dasein einzurichten. Es:wäre vermessen, solche standen, daß sie wie ein Stern erschienen wären, trifft
künftigen Urteile vorwegnehmen zu wollen; was sich aber nicht zu. Bei der Konjunktion, die im Jahre 6/7 v. Chr.
schon jetzt deutlich gewahren läßt, ist, wie sehr die Ge- stattgefunden hat, waren die beiden Sterne nicht wesent-
genwart eine Weltstunde im Übergang ist — in einem lich näher beieinander als jetzt. Wir müssen es auch da-
Übergang, der die religiösen, moralischen, geistigen, see- hingestellt sein lassen, ob nicht mit dem „Stern von Beth-
lischen Kräfte nicht minder berührt als die gesellschaft- lehem‘ noch eine andere, vielleicht äußerlich garnicht so
lich-politischen.“ auffallende Konstellation gemeint ist. Sicher aber gehört
Es ist wichtig, daß heute bereits in der Tagespresse die große (dreifache) Konjunktion von Jupiter und Saturn
von dem großen Bewußtseinswandel und der geistigen einige Jahre. vor unserer Zeitrechnung zu den Himmels-
Umwälzung gesprochen wird, die sich hinter den dramati- zeichen, durch ‚welche sich. das Herannahen des wichtigen
schen Umgestaltungen des äußeren Daseins verbergen. In Ereignisses ankündigte.
Wirklichkeit aber wird hier nur akademisch-leise an eine Wie steht .es nun heute? Wird nicht. durch den überall
Erkenntnis gerührt, die von unendlich viel größerer Trag- auftauchenden Hinweis, es wiederhole sich am Himmel ein
weite und Ernsthaftigkeit ist. Es ist nicht so, daß die Ereignis, durch welches damals das große Weihnachts-
eigentlichen Umwälzungen unserer Tage in der Neugestal- geschehen vorverkündet worden sei, in weiten Kreisen
tung der Landkarte Europas liegen und daß außerdem auf das Gefühl erweckt, daß wir auch heute wieder einem
dem Gebiet des Geisteslebens einige Begleiterscheinungen wichtigen geistigen Geschehen entgegengehen? Uns scheint,
davon zu beobachten sind. Der primäre Umschwung ge- daß in der Tat die heutige Menschheit, obne es zu wissen
schieht vielmehr im Geistigen, und die politisch-kriege- und zu wollen, sich selber darauf hinweist, vor dem Tore
rischen Ereignisse sind nur Begleit- und Folgeerscheinun- eines neuen Weihnachtsereignisses zu stehen: vor dem .
gen. In der übersinnlichen Welt sind die Heere gegen- zweiten Kommen Christi, das sich im Gebiet des Über-
einauder aufmarschiert und die Schlachten entbrannt. sinnlichen vollzieht. Emil Bock
Was auf der Erde geschieht, ist nur der unterste, sinn-
lich-wahrnehmbare Rand des großen kosmischen Dramas,
der Schattenriß der eigentlichen Weltvorgänge. Deswegen Auskunftstelle
ist Bewußtseiuswandel, Weltanschauungsdurchbruch heute
nicht nur Schicksal, sondern auch Aufgabe. Gewiß, das Wer wissen möchte, wo die nächste Gemeinde
mittelalterlich-dogmatische, jenseits-orientierte Weltbild der Christengemeinschaft besteht, wo er in der Diaspora
geht heute endgültig in Trümmer. Errungen will ein sol- Mitglieder findet, wie er sich der Christengemeinschaft
ches Weltbild werden, das im Diesseits, auch in den irdi- als Mitglied anschließen kaun, wende sich au Wilhelm
schen Auseinandersetzungen unserer Tage, das Walten Kelber, Nürnberg 0, Danziger Straße 2IU.
des Überinnlichen und die realen geistigen Hintergründe
klar erfaßt. Emil Bock Weihnachtsveranstaltungen

Das Weihnachtszeichen am Himmel In Stuttgart findet eine Weihnachts-Freizeit vom


28.—31. Dez. 1940 im Gemeinderaum, Schubartstaffel 32,
In diesen Monaten leuchtet schon am frühen Abend- statt. Hauptvorträge von Gottfried Husemann. Pro-
himmel im Osten das herrliche Doppelgestirn der beiden gramme und Anmeldungen im Gemeindebüro, Schubart-
äußersten Planeten Jupiter und Saturn. Die „Große Kon- staffel 32. Quartierwünsche bitte anzugeben.
junktion“ begleitet uns eine ganze Strecke Weges inner- In Freiburg i.Br. Mittwinterwoche. Näheres durch
halb der ernsten Gegenwartsschicksale. Sie führt uns in den Leiter derselben, Dr. Friedrich Doldinger, Freiburg
die Weihnachtszeit hinein und auch wieder aus ihr her- i. Br., Richard-Wagner-Straße 19.
aus. Besonders sprechend ist die Doppelheit des hell- Ferner: Sechs Betrachtungen über die Offenbarung
leuchtenden Jupiter und des dunkelglühenden Saturn, Johannis (Erste Hälfte) von Lic. Emil Bock: in Mün-
wenn die beiden Sterne, was dreimal im Laufe dieses chen vom 26.—29. Dez. 1940 und in Berlin vom
Winters ‚geschieht, ihre größte Annäherung erreichen; 1.—5. Jan. 1941. Näheres durch die dortigen Gemeinden.
oder wenn der fast volle. Mond dicht unter ihnen vorüber-
zieht, so daß sie.eine Nacht lang wie ein Diadem auf Vom Verlag
seinem Haupte stehen.
Ein bemerkenswertes Zeitsymptom ist es, daß man Ein Gesamtverzeichnis des Verlages Urachhaus lag dem
wochenlang in allen Zeitungen über eine solche Sternen- Novemberheft bei. Die darin angezeigten Schriften sind
konstellation Artikel.lesen konnte. Es waren diese zwar lieferbar. Wir weisen besonders hin auf die letzten Neu-
nicht immer originell, da .es eigentlich nur ein Gedanke erscheinungen: Alfred Schütze „Vom Sinn des Schicksals“
war, der durch die ganze Presse ging. Es wurde immer (RM 1.30); ‚Lie. Robert Goebel „Begegnung mit dem
wieder die Auffassung ausgesprochen, daß es sich bei der Schicksalsengel“ (RM 1.—). Ferüer: Dr. Friedrich Rittel-
seltenen „großen Konjunktion“ von Jupiter und ‚Saturn meyer „Impulse der Gegenwart“ (RM —.60); Dr. Herbert
um das Weihnachtsgestirn handle, welchem am Beginn Hahn „Das heilige Land“ (RM 4.) und Alfred Schreiber
unserer Zeitrechnung die heiligen drei Könige Folge ge- „Das Samenkorn“ (RM 1.50).

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Von den drei Weihnachtsmessen. des Mittelalters
Wir bringen einen Abschnitt aus dem Buche von Wilhelm Fraenger: „Matthias Grünewald“
(Berlin, Rembrandt-Verlag, S. 137 bis 140). Es wird hier die dreibildrige Weihnachtstafel des
Is enheim er Altars besprochen und, zweifellos mit Recht, auf die drei Weihnachtsmessen bezogen.
‘ Um dem anschaulichen Zusammenhang des Ganzen auf Herrn gefeiert wird. Das erste Hochamt ist um Mitter-
die Spur zu kommen, teilen wir die Gegebenheiten des Ge- nacht, das zweite in der Morgentöte, das dritte wird am
mäldes zunächst in drei Orte auf: die Himmelsferne, lichten Tag begangen, so daß die Tageszeiten des Ge-
wo Gottvater thront, das goldene Gehäuse des Konzertes- mäldes und die Liturgie zusammenstimmen. Auch Ort
und die Gartenlandschaft, worin Maria ihres Kindes wartet. und Rang des Bild- und Messevorgangs sind jeweils iden-
Diese drei Orte unterscheiden wir sodann in Tages- tisch, was wir durch knappe Stichworte aus einem Pre-
zeiten: Unter dem Thronsitz Gottes lagert eine Wol- digttext Johannes Taulers, der diese Weihnachtsliturgie
kenbank — durch ihre Finsternis wird angedeutet, daß erläutert hat, erweisen wollen: „Die erste Messe singt
sich der Höchste in der Undurchdringlichkeit der Nacht man in.der finstern Nacht und sie hebt an: Dominus dixit
verbirgt. — Hinter dem ziervollen Kapellenbau, welcher ad me: filius meus es tu, ego hodie genui te (der Herr
den „Paradiesen“ spätgotischer Münster gleicht, gewahrt spricht zu mir: du bist mein Sohn, heute habe ich dich
man eine nächtlich schwarze Wand und einen Vorhang, gezeugt). Diese Messe hat die verborgene Geburt im
wie es auch innerhalb des Tempels völlig dunkel ist — Sinn, die in der finsteren, verborgenen, unerkannten Gott-
doch öffnet er sich in die Helligkeit, so daß wir sagen dür- heit vor sich ging.“ Dieses Mysterium gotthafter Selbst-
fen, daß er in einem Zwielicht zwischen Nacht und Morgen . erkennung und das Hervorgehen des Sohnes aus dem
steht. — Über dem Garten aber blaut der lichte Tag in Vater wird auf der Tafel Grünewalds dadurch vergegen-
dem taufrischen Äther einer frühen Morgenstunde. Diese wärtigt, daß von dem Thronsitz Gottes eine Strahlen-
nach Ort und Zeit gesonderten Bezirke gehören schließ- bahn, die Finsternis durchstoßend, gleich einer Jakobs-
lich drei verschiedenen Rängen an: Über dem Nacht- leiter, in die Tiefe fährt.
gewölk der Himmelsferne waltet die höchste Hierarchie, „Die zweite Messe hebt an: Lux fulgebit hodie super
Gottvater in dem Ring der Engelheere, — Im Zwielicht nos (heute wird das Licht über uns aufleuchten), und
der Kapelle herrscht das Geisterreich der Genien und diese hat den Glanz der vergotteten menschlichen Natur
Engel, die — unabhängig von dem Tageslicht — in ihren im Sinn. Die Messe geht zum Teil in Finsternis, zum Teil
selbststrablenden Aureolen schwimmen ... Vor allen bei Tage vor sich: So ist die Geburt zum Teil erkennbar,
Engeln kniet — als deren Königin — eine gekrönte zum Teil unerkennbar.... Er ward in der Ewigkeit ohne
Jungfrau auf der Tempelschwelle. Zwei Himmelsboten Mutter und in der Zeit ohne Vater geboren. St. Augusti-
schweben ihr zu Häupten, die ihr ein Lilienzepter und nus sagt: Maria war viel seliger davon, daß Gott geistig
noch eine höhere Krone überbringen. Sie ist ganz einge- in ihrer Seele geboren ward, als davon, daß er leiblich
woben von der Aura hoher Heiligkeit, steht doch ihr von ihr geboren ward... Sie war eine lautere Magd,
Haupt inmitten eines Strahlenkranzes, der zugleich ihre von allem abgeschieden, als der Engel zu ihr ging. Und so
Brust, die Arme uud die Hände in seinen feuerfarbenen soll eine geistige Mutter dieser Gottesgeburt auch sein.
Bannkreis einbezieht. Nach draußen — ostwärts — rich- Alle Zierde der Königstochter ist ganz von innen. So
tet sie auch ihr Gebet, als solle ihr von dorther die bringt sie viele Früchte und große Frucht: Gott selbst,
Erfüllung kommen. — Aus dieser geisterhaften Zwischen- Gottes Sohn, Gottes Wort, das alle Dinge ist und in sich
sphäre in den Garten tretend, umfängt uns eine dies- trägt.“ — Wir haben demnach in der Jungfrau auf der
seitige Wirklichkeit so sinnenfällig und leibhaftig, daß Tempelschwelle die Gottesmagd im Zustand ihrer geisti-
selbst der traditionelle Nimbus um das Christuskind und: gen Empfängnis zu erkennen \
die Gottesmutter fast erloschen ist und alle marianischen „Die dritte Messe singt man am klaren Tage, und die
Symbole des „beschlossenen Gartens“: der Rosenstock, bebt an: Puer natus est nobis et filius datus est nobis
der Wasserspiegel und der Feigenbaum, die Gartenpforte (ein Knabe ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben), und
und das durchscheinende Glasgefäß zu solch vollgültiger sie deutet auf die liebreiche Geburt, die alle Tage und in.
Natürlichkeit verwirklicht scheinen, als ob sich hinter allen Augenblicken in jeder guten, heiligen Seele ge-
ihrer existentiellen Greifbarkeit gar kein essentieller schehen soll und geschieht, wenn sie sich mit Aufmerk-
Sinngehalt erspüren lasse... Z samkeit und Liebe dazu kehrt... Und in dieser Geburt
Bei dieser Feststellung, daß auf der Weihnachtstafel wird Gott ikr so zu eigen und gibt sich ihr so zu eigen;
drei Schauplätze, drei Tageszeiten und drei Rangord- wie niemals jemandem etwas zu eigen ward.“ — Hieraus
nungen ineinander übergehen, haben wir die anschan- erfahren wir, warum der Maler die Geburt des Herrn
lichen Sachverhalte des Gemäldes abgelesen: den Drei- — statt in den winterlichen Stall von Bethlehem — in
klang jenes Weihnachtsjubels, in dessen Überschwang die einen sommerlichen Gartenflor verlegte. Wie er das zeit-
Hierarchien der Gottes-, Geister- und der Menschenwelt bestimmte Golgatha zum zeitentbundenen Symbol des
in einem’ grenzenlosen Woblgefallen ineinandertauchen. täglich sterbenden Erlösers ausgestaltet hatte, so über-
Nun aber bieten wir den Schlüssel der Deutung an: trug. er die Geburtsstätte- des Galiläers in eine anhei-
Die katholische Kirche begeht seit alters her die Weih- tnelude Seelenlandschaft, worin der Heiland täglich neu
nacht in drei Messen, in denen die dreifältige Geburt des geboren wird. - " Zr FR

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Stuttgart. Verlag Urachhaus, Stuttgart 13