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it / Lic.

Emil Bock:
Inhalt: Alfred Schüte: Stimme der gefallenen Krieger / Dr. Erwin Schühle: Johannisze
Das, ‚verborge ne Manna“ / Dr. Friedrich Rittel-
(igfohannes der Täufer und der Jünger Johannes | Rudolf Meyer:
Dr. Gerbert Grohmann : ose und Lilie / Heinz Wendel: Sterne / Von der Innem-
meyer: Über das Gespräch
(Lie. Emil Bock); Aus Briefen vom
seite der Zeitschicksale: Die Stille (Arnold Goebel)s Gedanken über den Krieg
Welten-All... (Alfred Schüte) / Um
‚der Front; Kriegsschicksa nd Geist-Entscheidung (Lie. Robert Goebel); Wenn im
n“; Singendes Licht? Es gibt dämonisc he Gewalten ; Zum Priestertum der Frau (Kart
schau: Medizinisch erzeugtes „ Hellsehe
/ Gedicht (Friedrich Doldinger) / Mitteilung r
von Wistinghausen); Von Erlebnissen finnischer Soldaten (Emil Bock) A
Friedrich Rittelmey er: Vom Bedürfnis nach Kultas..
Vom Auftrag der Christengemeinschaft (Ein Leitwort von Dr.

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ka Auftrag der Christengemeinschaft herausgegeben. von Lic. Emil Bock
DL. jelegang 4 0 Juli 1940

Stimme der gefallenen Krieger


Alfred Schütze
Was wisset ihr, die nie die Flamme fühlten
von ihrer Flügel feuriger Monstranz? - .
‚Euch traf im matten Herzen dem gekühlten:- '
- nicht ihrer Todesliebe Hoheitsglanz. — -
Wir aber von der Flamme früh Geliebten
erglühen Meteoren gleich durchs.All,.-
wir sind wie Sternensplitter, die zerstiebten, -
versprühen nun in einera jähen Fall.

Johanniszeit
ErwinS chühle

Johanniszeit weckt in den Herzen bei aller Schönheit, die die Welt erfüllt, Empfindungen des Ernstes.
Die wogenden Getreidefelder i in ihrem Reifen und die Gewitter, die sich mit Blitz und Donner in dieser
Jahresstunde am häufigsten ‚entladen, sind der kosmisch gewaltige. Ausdruck dieses Ernstes. Von der
Stimmung der Prüfung und des’ Gerichtes fühlt sich der Mensch bei jedem Blitz und Donnerschlag um.
flammt. Was die Natur alljährlich den. wachen Sinn erleben laßt, erhebt sich durch Schicksal und .Ge-
schichte unsrer Tage ins Ungemessene.
Kommt die Sommersonnenwende im Jahreslauf heran, geht die Natur der Reifezeit entgegen. Die
grünen Saaten sind hochgewachsen. Vom ersten Schimmer, der das Reifen ahnen läßt, sind sie zart
überhaucht. Die Bäume reichen ihre Früchte der Sonne hin, die sie mit ihrer Glut der Reife zubereitet.
Was fruchtbar werden wird und was unfruchtbar bleibt, tritt in. die unverhüllte Sichtbarkeit. Das
Johanneswort vom Baume, der keine Frucht trägt und abgehauen und ins Feuer geworfen wird, ist aus
dem Geist des Sommernaturgeschehens heraus gesprochen. Es spricht zugleich der Geist des schicksal-
haften Weltgeschehens darin.
Die Epoche, in der wir leben, trägt das Signum einer Michaelszeit. Das Siegel einer 7 weligeschichtlich
großen Johanniszeit ist ihr auch aufgeprägt. Die Zeichen einer Weltenwende mehren sich. Wer Ohren
hat zu hören, der hört den Ruf: Ändert den Sinn! Weltenernst ergreift die Seele. Unter ungeheuren
Gewittern sind Tage einer Wende angebrochen. Sie haben sich schön lange vorbereitet. Von Wenigen
bemerkt sind sie schon lange da. "Feuerstürme apokalyptischen Weltgerichtes haben sich erhoben. Auf
den Seelen aller, die handelnd oder leidend, dem Leibe oder der miterlebenden Seele nach, im Brenn-
punkt des Zeitgeschehens stehen, ruht ein göttlich prüfender Blick. Die Herzen werden geprüft. Es wird
gesichtet und gerichtet. Ist nicht den Bäumen alter untergehender Lebens- und Kulturempfindungen
die Axt schon an die Wurzel gelegt? Alte Kulturgedanken tragen keine Früchte mehr. Sie müssen im
Feuer brennen. Viele wollten dies nicht sehen. Jedoch die Schicksalsmächte sind unerbittlich in. ihrem
Ernst. Die Geistgewalten, die die Weltenrichter sind, tragen, keine Binde vor den Augen. o.
Es gibt kaum einen Tag, an dem das Herz nicht mit.dem Gefühl erwachen. würde,.. das man.-bei
drohenden Gewittern hat. Elementare Gewalten kämpfen in der Menschenseele. Sie kämpfen um die
Menschenseele. ‚Selbstüberwindungen sind zu vollziehen und. innere Siege zu erringen. :Geist.will er-
kämpft, Ungeist überwunden sein. Wer die Gegenwart ‚versteht, weiß, daß, der Mens. ch in den

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Kämpfen unserer Zeit siegen muß. Ist darauf unser Streben gerichtet, so sind wir denen nahe, die die
äußeren Kämpfe zu bestehen haben. Und auch denen, die im Opfertod den Leib verlassen mußten.
Was ist im Kampf die Losung? Das Urwort des Johannes weist die Richtung: Er muß wachsen, ich
aber muß abnehmen. Vieles nimmt ab:in dieser Zeit. Vieles wird Vielen weggenommen. Vieles geht
unter. Schon künden sich die Zeichen des Neuen an: Er wird in seinem Wachsen sichtbar werden und
mit ihm eine neue Welt. Er muß wachsen. Er wird wachsen, wenn Menschen die heilige Kraft des
„ich muß abnehmen“ üben. Darinnen findet der Meusch erst wirklich sich selbst. Der weltgeschichtlich
großen Johanniszeit tut er Genüge.

Johannes der Täufer und der Jünger Johannes


Prophetie und Apokalypse
EmilBock

Wenn ein Feuer brennt, wird nicht nur ein irdischer Stoff zerstört, die lodernde Flamme ruft auch
aus dem Übersinnlichen Kräfte in den, Bereich der Sinne herein. Im breunenden Feuer spricht das
Irdische: Der Geist muß wachsen, der Stoff muß abnehmen. Das ist auch das Geheimnis der Johannis-
feuer, die zur Sommersonnenwende von den germanischen Urzeiten her auf den Höhen entzündet
werden. Die Flammen, die in die Dämmerung: der. kürzesten Nacht hineinlodern, drücken auf elementare
Art etwas aus von dem, was die Hochsommernatur überall im Erdenkreis hervorzaubert. Die Erde
selbst steht auf der Höhe des Jahres, eingehüllt in die wogende Wärme, leise in Flammen. Das Feuer
hält nur seine verzehrende Wirkung zurück, wenn es auch die sprießende Lebensfülle des Frühlings
dämpft. Voll von seelischem Glitzern und Funkeln trägt es auf den Flügein der num langsam aus den
Höhen zurückkehrenden Erdenseele Kosmisches in das Irdische herein. Wenn im Dunkel des Abends
und der Nacht die Johanniswürmchen in den Lüften aufblitzen, so entsteht ein pliysisches Abbild dessen,
was sich unsichtbar in der Hochsommefnatur immerdar vollzieht.
Ein Johannisfeuer eigener Art lodert heute über .die Erde hin durch die entfesselte Brandfackel des
Krieges. Viel gewaltiger noch als. das, was auf den irdisch-sichtbaren Schlachtfeldern an Kämpfen, Zer-
‚störungen und Siegen ‚geschieht, ist das Drama, das sich dabei im Übersinnlichen abspielt. Aufgerissen
sind die Schleusen und Tore der übersinnlichen Welt; brechen doch auch schlagartig die ungeheuren
Seelenscharen derer, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen, in die Sphäre des Übersinnlichen ein.
Je lauter aber die Sprache der unmittelbaren Gegenwartsschicksale. dröhnt, um so weniger dürfen. wir
in der Zeit des Johannnisfestes versäumen, das stille Sommersonnwendfeuer des Herzens
anzuzünden. Lassen wir in uns die Pängstlamme ganz zum Wesenselement werden, so ruft das Feuer
der Hingabe und Opferbereitschaft die Antworten und Gaben einer höheren Welt herein. Das innere
Johannisfeuer ist es eigentlich, wodurch ifn Seelenreich das Herniederrieseln der Goldkristalle anuhebt,
aus denen sich auf der Erde nach der Schilderung der letzten Blätter des Neuen Testamentes das
himmlische Jerusalem, die aus den Himmeln sich herniedersenkende Stadt, erbaut. Einzig und allein in
der Johanniszeit ändern sich die Figuren auf dem priesterlichen Gewand, in welchem an den Altären
der Christengemeinschaft die heilige Handlung zelebriert wird: an die Stelle des ruhevollen Zeichens,
das den auf- und niedersteigenden Kreislauf himmlisch-kosmischer Kräfte andeutet, tritt mit einem
Male die Vielheit der goldenen Rhomben, als sollten sie auf den geistigen Goldregen des Sommeräthers,
des inneren Hochsommers, hinweisen.
Es ist, als ob in dem Zusammenspiel von Opferfeuer und Himmelsantwort, wie es urbildlich die
Johanniszeit vor die Seele stellt, Johannes der Täufer und der Jünger Johannes, der ja auch die Apo-
kalypse niedergeschrieben hat, miteinander Zwiesprache hielten.
*

Der Tag der Sommersonnenwende gilt nicht nur als der Geburtstag Johannes des Täufers, sondern
auch als der Todestag des Jüngers Johannes, der als der hochbetagte Presbyter von Ephesus hundert
Jahre nach dem Beginn unserer Zeitrechnung starb. Bisher hat die Gestalt Johannes des Täufers die
Zeit des Johannisfestes bestimmt, vielleicht wird sich in Zukunft i immer mehr die Gestalt des Apo-
kalyptikers hinzugesellen.
“ Johannes der Täufer ist der einzige Mensch, dessen Name innerhalb der feierlichen Worte unserer
Kultushandlungen genannt wird. Das hat eine ähnliche Bedeutung, wie die Nennung des Pilatusnamens

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im Credo der Christenheit. Während aber Pilatus gewissermaßen stellvertretend für die.noch
irrende
und suchende Menschheit genannt wird, ertönt der Name des Johannes, weil in ihm die
Menschheit
über sich selbst hinausragt. Das Evangelium läßt erkennen, daß Johannes
mehr ist als ein Mensch, wenn
es das Prophetenwort auf ihn anwendet: „Siehe, ich sende meinenEn gel
vor dir her...“ Durch die
gewaltige Geisteskraft, die in seiner Seele lebendig ist, steht Johannes als die
eigentliche Gestalt des
Übermenschen vor uns. Insofern ist das Johannisfest eine wichtige weitere Stüfe
über das Pfingstfest
hinaus. Haben wir zu Pfingsten das Fest des neuen Menschen gefeiert, so
kommt zur Sommer-
sonnenwende, wenn auch die Erde ganz über sich selbst hinausgewachsen
ist, das Fest des über sich
selbst hinauswachsenden Menschen, das Fest des wahren Übermen
s chentums, an uns heran.
Es gibt aber ein zweifaches Übermenschentum: das alte und das neue;
dasjenige, das der vorchrist-
lichen Zeit angehört und dasjenige, das aus der Einwohnung Christi hervorgeht.
In den beiden Johannes-
gestalten verkörpern sich die beiden Formen des Übermenschentums. Zwei Dramen,
ein offen zutage-
liegendes exoterisches und ein geheimnisvoll verborgenes esoterisches,
lassen den Weg zur alten und
neuen Größe erahnen. Das exoterische Drama ist die biblische Urtragödie:
äußerlich unterliegt Johannes
der Täufer dem Dämon der Herodias, die schließlich sein blutiges
Haupt in Händen hält. Aber sein
Tod, als Opfertod, vollendet erst seine wahre Größe. Er entbindet
seinen Genius, der nun in der
Atmosphäre wirksam ist. Das esoterische Drama ragt in das
Evangelium hinein durch den Bericht
von der Auferweckung des Lazarus.. Lazarus, der Jünger,
„den ‚Jesus lieb. hatte“, stirbt, wird in das
Felsengrab gelegt, wird. aber dann durch Christus auferweckt, und kann zu dem Evangelisten und
Apokalyptiker Johannes werden.

Die beiden Johannes stehen einander als Träger von Prophetie und A pokaly
pse, von alter
und neuer Geisterkenntnis; gegenüber. Johannes der Täufer
in. der Wüste Juda ist bei aller Größe
ein Letzter in der Reihe der Propheten und Geistkünder des alten
Bundes; der Jünger Johannes auf
der Insel Patmos ist, wenx.es auch der äußeren Form nach bereits
vorher apokalyptische Schriften gegeben
hat, in machtvollem Durchbruch ein Neubeginn. Er ist der
Träger der Apokalypse als eines neuen Geist-
prinzips, das in der Zukunft für die Menschheit von
der “außerordentlichsten Wichtigkeit werden
muß und wird. - Sn —
Die Propheten des alten Bundes ließen durch ihre ganze
Verkündigung .einen tragischen Unterton
hindurchklingen. Alle alte Prophetie setzt den Untergang der
alten Geisteskräfte, über die die Mensch-
heit einmal verfügt hat, voraus. Sie verkündigt und fördert
sogar diesen‘ Untergang. Wenn Jesaias den
harten Gottesbefehl empfing: „Gehe hin und verstocke die
Herzen deines Volkes...“, so heißt das, daß
er. auch durch seineprophetische Botschaft erst einmal zur inneren Verarmu
ng der-Men
schen beitragen
sollte. Die unbrauchbar gewordenen Kräfte des alten übersinn
lichen ‚Exrlebens mußten aus dem Wege
geräumt werden, damit die Bahn frei wurde für den Messias,
den Bringer einer neuen Welt. Und so
mußte auch Johannes der Täufer, als der letzte Prophet, ausrufen: „Schon ist die
Axt dem Baume an
die Wurzel gelegt...“ Die Sinnesänderung, zu der er aufrief,
schloß den Verzicht und Abschied von den
alten Seelenfähigkeiten in sich. Die Menschheit bedarf des
Christus, weil die alten Kräfte an ein Ende
gekommen sind. Und die Propheten müssen streng sein gegenübe
r. den Resten der alten Kräfte, damit
sich die Menschen nicht illussionär damit begnügen und meinen,
dessen nicht zu bedürfen, was der
Christus bringt. Die Wüste Juda, der Schauplatz des
Wirkens Johannes des Täufers, ist eine Bild-
predigt des gleichen Inhalts wie die Wortverkündigung des
Täufers selbst. Sie bildet den Niederstieg, die
restlose Verhärtung und Erstorbenheit der Menschheit ab.
Dieses Zustandes müssen sich: die Menschen
bewußt werden, wenn sie den, „der da kommen soll“, in der
richtigen Weise empfangen wollen.
Im Bilde der.InselPatmos, auf welcher der greise Jünger
Johannes, von seinen Verfolgern ge-
peinigt, als Gefangener die Apokalypse niederschrieb,
sehen wir, wie sich eine neue Welt aus dem
Ozean des Werdens gebären will. Sowohl die Wüste, wie die
Insel ist eine Stätte der Einsamkeit. Aber
während derjenige, der in der. Einsamkeit der Wüste weilt, von dem Element des
Todes umgeben ist,
wird die Insel umflutet und umrauscht von den Wogen des lebendig
en Wasserelementes, das ein irdisches
Bild der ätherisch-übersinnlichen Welt ist. Als der Letzte
einer ersterbenden Welt steht der: Täufer
in der Wüste und ruft die Menschheit zur Sinneswandlung.
Als der Erste einer aufgehenden Welt:ringt
der Apokalyptiker auf der Insel um die offenen Tore. der Geistess
phäre und holt die Erstlingsgaben
einer Erkenntnis vom Himmel herab, deren die Menschhe
it in der Zukunft immer mehr bedürfen wird.
Die Insel Patmos könnte allerdings nicht die Geburtsstätte
der neuen apokalyptischen Schau sein,
wenn sie „eine.Insel der Seligen“‘ wäre. Sie war für Johanne
s als der Ort der Verbannung und der

sl
Qual die Stätte, wo er sich am unmittelbarsten von den feindlich-dämonischen Gewalten seiner Zeit be-
drängt fühlte. Shakespeare hat in seinem letzten Werk „Der Sturm“, das in meisterhafter Reife Geheim-
‚nisse des übersinnlichen Planes mitumfaßt, auch die geistige Fruchtbarkeit der Inseleinsamkeit zur
Darstellung gebracht, indem er die Gestalt des Prospero zeigt, der als Verbannter auf einer menschen-
entrückten Insel in seiner Seele magische Kräfte entwickelt. Das ist der Sinn des Patmosmotivs: Es
kann der Not, Qual und Einsamkeit ihr Segen abgerungen werden durch ein Hineinwachsen in: eine
‚„pokalyptische Gemeinschaft mit der übersinnlichen Welt.

‘Die Geistigkeit der alten Prophetie, die in Johannes dem Täufer ‘zum letzten Male mächtig auf-
flanimte, war ekstatischer Natur. Auf der Grundlage besonderer Schicksale konnten sich einzelne pro-
phetische Gestalten inmitten einer Welt, in. der die alten Geisteskräfte bereits erstarben, vom Geist
ergreifen lassen und mit -entrückter Seele eine Stimme Gottes sein. Die-neue apokalyptische Geistigkeit,
wie sie zum ersten Male gewaltig durch den Seher von Patmos auf den Plan trat, kann jedoch nur aus
völlig wacher Ichhaftigkeit geboren: werden. Sie‘ist die eigentliche Erfüllung der- Pfingstverheißüng. Der
heilige Geist kommt nicht rauschhaft über den Menschen, er wird im innersten ichhaften Wesenskern
des Menschen zur Quelle von Offenbarungen, die dennoch als- Erkenntnisse auftreten, die sich der
Mensch von Schritt zu Schritt selber erringt. In den Worten, die Petrus am Pfingstmorgen, anschließend
an alte- Prophetenworte, sprach, sagte er die Geburt der Apokalypse als eines allgemeinen Erkenntuis-
prinzips voraus: „Jetzt geht-in Erfüllung, was durch den Propheten Jo@l gesprochen worden ist: in den
letzten Tagen spricht der Herr, da gieße ich meinen Geist aus auf alles irdische Wesen, dann werden
eure Söhne und eure Töchter anfangen, Geistworte zu sprechen; eure Jünglinge werden zum Schauen
‚des: Geistes. erwachen, und euere Ältesten werden erleuchtete Träume haben.“
Die Prophetie des alten Bundes zielt,'wenn sie auch den hoffnungsvollen: Ausblick auf die messianische
"Zukunft eröffnet, zunächst auf. Erschütterung, Sinneswandiung und: Abkehr von den alten Kräften. Die
Apokalypse,'als das eigentliche Geistprinzip des neuen Bundes, setzt innerste Festigkeit und Ermutigung
‚yoraus; sie kann nur da erstehen, wo Seelen den Mut zur Eroberung der geistigen Welt-haben. Und so
muß: bereits die Tatsache, daß es. die Offenbarung Johannis gibt, innersten Geistesmut erwecken in
denen, die helfen wollen, einem zukünftigen Christentum die Wege zu bereiten. Das letzte Buch der
Bibel zeigt das Element, in das jeder auf seine Art und in seinem Maße hineinwachsen darf und muß.
Jeder muß. und wird sein eigenes Patmos finden, wo ihm aus den geöffneten Toren des Himmels das
‚Branden und Brausen des Geistes entgegentönt.. :
Der ernste tragische Unterton der Prophetie war durch den Gedanken des Todes gegeben, ‚der sich
mit höherer Notwendigkeit ringsumher der alten Welt bemächtigte.: Und so.hebt sich die'messianische
Heilsprophetie überall ab von der strengen Unheilsprophetie, die die große Götterdämmerung; den Tod
der alten Kräfte, verkündigt. Nur so kann die Prophetie auf das. erste Kommen Christi hindeuten: die
Überwindungdes Todes wird dadurch geschehen.. Die apokalyptische Erkenntnis, die den. Aus-
blick auf das zweite Kommen Christi eröffnet, ist erst recht nicht ohne ernsteste Untertöne: diese aber
werden nicht durch den tragischen Gedanken des To.des,.sondern durch die kampfbereite Schau des
Bösen ausgelöst. Die dämonischen Gewalten offenbaren sich, .die der Wiederkunft Christi entgegen-
wirken. Und keiner. kann in den Bereich der apokalyptischen Erkenntnis eintreten, ohne. aus der
: innersten Aktivität heraus Mitstreiter und Mitkämpfer gegen die widerstrebenden Mächte zu werden.
Wie der Tod, der sich der Welt bemächtigt hatte, ein unabänderliches Verhängnis war, so war das erste
Kommen Christi ein Gott-gewolltes Schicksal, zu dem von der Seite der Menschen her eigentlich: nichts
hinzugefügt werden konnte. Angesichts der.nie rastenden Mächte des Bösen jedoch ist das Mysterium
der Wiederkehr Christi auf die kämpferische Aktivität der Menschen angewiesen. Wenn die Menschen
versagen, so kann es sich nicht erfüllen. Wie sich in die Heilsprophetie die Unheilsprophetie vom
Tode der alten Kräfte .mischte, so ‚mischt sich in die Heilsapokalypse die Unheilsapokalypse
von der KulminationderGegenmächte, die dem zweiten Kommen Christi vorangeht.
Der Blick aber auf das Mysterium des Antichrist darf den Christen nicht erschrecken. Wer auch nur
die ersten Ahnungen des apokalyptischen'Prinzips erlangt hat, rechnet damit, daß die Wirksamkeit des
Antichrist der neuen Christusoffenbarung vorangehen muß und fühlt sich dadurch nur um so mehr zur
inneren Wachsamkeit und Regsamkeit aufgerufen. Es ist mit dem Kommen des Christus.wie mit einem
König, der von Scharen hassender Feinde in einer Burg gefangen gehalten und bewacht wird. Wenn
dann einmal ein Heer heranrückt, das die Burg siegreich erstürmt, um den König zu befreien, wer wird
dann wohl zuerst aus den Toren hervorireten? Bevor der befreite .König erscheint, stürzen, gleich

52
Angstdämonen; seine Feinde in wilder Flucht hervor. Sd auch wird, bevor der
Christus selbst geschaut
wird, die Welt voller Erregungen sein, die aus einer Verleugnung des Geistes
hervorgehen, die aber,
selbst wenn sie sich groß aufspielen, dennoch aus der Angst der Geister hervorgeh
en, die das Herannahen
des wahren Königs verspüren. Das Lukasevangelium berichtet, daß der Christus
einmal sorgenvoll zu
den Jüngern gesprochen habe: ‚Wenn des Menschen Sohn kommt, wird er dann
wohl Glauben finden
auf Erden?“ (Luk. 18,8). Glaube isi.die innerste kampfbereite Kraft,
der, wenn das neue Kommen
Christi herannaht, die Menschen bedürfen, um den Mächten des Antichrist
standzuhalten.
*

Auf ein wichtiges Geheimnis deutet der erste Vers der Offenbarung
hin: „Dies ist die Offenbarung
Jesu. Christi, die ihm Gott gegeben hat... und hat sie gedeutet und
gesandt durch seinen E ngel
zu seinem Knechte Johannes.“ Ganz unauffällig werden, indem
von „seinem Engel“ die Rede ist, die
gleichen Worte gebraucht, die das. Evangelium auf den Genius
Johannes des Täufers bezieht: „Siehe,
ich sende meinen Engel vor dir her.“ Wir werden also darauf
hingewiesen; daß der Genius Johannes
des Täufers als ein inspirierender Engel dem greisen Jünger Johannes
nahe war, als er auf Patmios die
Apokalypse niederschrieb. Der Übermensch des alten Bundes verzichte
t auf sein Übermenschentum und
tritt seine Rolle für den christlichen Zeitraum an den andern Johannes ab, der fortan
der Menschheit
auf dem Wege zur wahren Größe voranschreitet. on Ze De .
Johannes der Täufer steht als der Gestalt-gewordene Opferged
anke in der Geschichte, selber .als
gewaltige. Opferflamme brennend. Das Opfer Johannes .des Täufers
aber ist einer Frage gleich. Und die
Apokalypse des Jüngers Johannes ist die große: von oben her
ertönende Antwort auf diese Frage: So
ist jedes echte Opferfeuer eine Frage, die als Antwort den Goldrege
n neuer Offenbarung vom Himmel
herunterholt. Insofern ist auch jedes Opfer Prophetie, äls es den
Keim seiner Erhörung und Erfüllung
in sich enthält. Lassen wir Johannes den Täufer unsern Lehrmeis
ter sein, der uns das Opfer lehrt, so
dürfen ‚wir hoffen, Eingang zu-finden in den Bereich des: Apokalyp
tikers Johannes. Als Antwort auf
unsere Opfergesinnung werden wir den uns gemäßen Anteil
an der fortschreitenden Apokalypse er-
ringen können. " -

Das „verborgene Manna“


Rudolf Meyer nn
Es gibt einen bedeutsamen Wendepunkt in der innersten Lebensge
staltung, einen Umschwung der
gesamten seelischen Stimmung: Dieser tritt ein, wenä die Seele
gewahr wird, daß zicht nur die Tages-
zeit mit ihrem Getriebe der Pflichten, ihren mannigfachen Anregungen
und Sinneseindrücken
für sie
von Bedeutung ist; sondern ebenso wesentlich die Zeitspanne vom Einschlafen bis zum Erwachen
Morgen, die
am
sich ja zunächst dem Bewußtsein entzieht. Schlafend: betritt der Mensch
die Erdenwelt;
mit dem Einschlafen kehrt die Seele daher immer wieder an ihren
Lebensanfang zurück. Sie taucht jede
Nacht in die Welten ein, aus denen sie hervorgegangen ist.’ Da lebt
sie wieder mit jenen Mächten zu-
sammen, die sie ins Erdendasein hineingeschickt haben. Sie ist
während der Schlafenszeit ihrem Engel
nahe.. Dieses ist der Grund, weshalb man seit altersher gegenübe
r (dem Reiche der :Nacht ein Gefühl
heiliger Scheu entwickelt hat. Man empfand, daß es:nicht gleichgül
tig:sei, in welcher Stimmung man
die Seele den Mächten übergebe, die ihr des Nachts das. Bewußts
ein nehmen, aber sie gereinigt und mit
neuem Lebensmut erfüllt dem Tage zurückgeben wollen.’ Es
ist ein Maßstab der inneren Kultur eines
Menschen, ob er das Abendgebet oder doch diesem. entsprechende
Gedanken vor dem Einschlafen zu
pflegen vermag. — Die Empfindung, daß man einen wichtigen Entschlu
ß, den man am Abend gefaßt hat,
noch einmal durch die Nacht tragen muß, d.h., daß man ihn „beschlafen“ muß, ehe
man an seine Aus-
führung denkt, entspringt einem gesunden Instinkt für das weisheit
svoll Ordnende, das von der Welt
des Schlafes auf all unser Wünschen und Streben überzugehen vermag.
Darum wurden die Eingebungen,
die in Gestalt von Träumen An die Seele herankamen, in früheren
Zeiten so hoch geachtet. In dem
großen Brüdermärchen innerhalb der Grimmschen Sammlung.
wird von zwei glückhaften Zwillings-
brüdern erzählt, die jeden Morgen zwei Goldstücke unter ihrem
Kopfkissen liegen fanden. Es sind
Menschen, die sich das Gold „erschlafen“, d.h. sie bringen jedesmal
aus dem Reiche der Nacht weisheits
-
volle Eingebungen mit in den Tag hinein. Sie werden aus einer verborg
enen Sphäre heraus begnadet.
In der östlichen Weisheit wurde dieses Gedankenwesen, das sich in Gestalt
von Eingebungen auf die

53
Seele herabsenkte, ehemals als „Manäs“ bezeichnet. Im. persischen Avesta wird daraus „manah“. Als
Träger der Gedankenkraft, die ihn erst zum: Menschen macht, heißt der „Mensch“ manusha, manushya
in den uralt-arischen Sprachen. Professor Hermann. Beckh hat in seinen sprachwissenschaftlichen
Studien einmal darauf hingewiesen, wie ausdrucksvoll doch das gotische Wort für „Menschheit“ sei:
„miauaseths“, eigentlich die „Menschensaat“. Da erscheint die Menschheit als die: Aussaat des Manas oder
Manna, jenes „himmlischen Manna“, von dem auch die Bibel (hebräisch „„man“) zu berichten weiß. Diese
Gedankenkraft, die sich erst allmählich der menschlichen Seele im Laufe der: Erdenentwickluug mit-
geteilt hat und immer noch mitteilt, empfanden die alten Völker noch hoch über dem Sinnenbewußtsein
des Tages stehend. Weil sie sich aus dem Verborgenen heraus in die Seele einsenkte, wurde sie als
das noch „verborgene Manas (oder Manna)“ bezeichnet. a
So wird uns im Alten Testament von jener wundersamen Speisung berichtet; die sich während der
Wüstenwanderung jeden Morgen wie Tau vom Himmel herabsenkte. Moses befahl dem Volke, dieses
„Man“ (oder „Manna“) einzusammeln, als tägliche Wegzehrung für die Pilgernden. Was man sich auch
unter dieser eigentümlichen Speise heute vorstellen mag, die sich dem wandernden Volke in der Wüste
darbot, — das Wesentliche ist doch daran, daß sie wie ein Geistgeschenk aus dem Reiche der Nacht
empfunden wurde; daß sie ein Gleichnis. jenes himmlischen Manna war, das sich als Tau der Weisheit
den Seelen guadevoll mitteilte, während sie schliefen. Aus solchen Seelenerfahrungen entstand auch das
vielzitierte (erst in unsrer Zeit scherzhaft verwendete) Wort, daß es „der Herr den Seinen im Schlafe'
gebe...“ u on . . . :
In der christlichen Mystik hat das Bild des „himmlischen Manna“ eine bedeutsame Rolle gespielt.
Was einstmals aus der Traumsphäre gleich Eingebungen über die Menschenseele kam, das sollte von der
Zeitenwende an durch die Gnadenkraft des Christus sich der Seele mitteilen. Er selber sollte den
höheren Menschen speisen und beleben. Was bisher auf eine „verborgene“ Weise der Seele zuströmte,
sollte jetzt im Lichte des Offenbaren geschehen. Denn Christus will der Ernährer des höheren Menschen
werden. „Wer überwindet, dem will ich von .dem verborgenen Manna geben“, so spricht der Auf-
erstandene (Offenb. Joh. 2, 17).
Alles jedoch, was aus der Wunschnatur und den egoistischen Kräften der Seele aufsteigt, ist ein
Hindernis, daß dieses lichtvolle Gedankenwesen, die Gabe des Manas, in uns einziehen kann. Mit jeder
Selbstüberwindung wird in der Seele Raum frei, in den sich jene Weisheit von oben einzusenken ver-
mag. Der Sieg über die niederen Triebkräfte, die bestandenen Lebensprüfungen wandeln sich in Geistes-
kräfte um, durch die wir Manasträger, und d.h: erst wahre Menschen (=manusha) werden.
Durch reine, kraftvolle Gedanken, die wir mit einer gewissen Treue in uns pflegen lernen, kristallisiert
sich erst das wahre Ich, das höhere Selbst aus den irrlichterierenden Vorstellungen und Empfindungen
heraus. Es erscheint daher im Bilde eines klaren, Jichtdurchlässigen Kristalls,.der sich aus dem’ auf- und
abflutenden Wunschesleben erhebt. Diese keusche, ungetrübte Lichtgestalt des wahren Ich heißt in der
apokalyptischen Sprache „der. weiße Stein“ (der Lichtkristall). Dieser ist frei von allem egoistischen
Wesen und dennoch, ein jeder, ganz individuell in seiner Ausgestaltung. Er trägt jeweils die
Prägung des Einmaligen, Unverwechselbaren; denn ihm ist die Bestimmung des Menschen, sein göttliches
Ziel eingeprägt. Das‘ist der „Name“, den niemand kennt als der, für den er bestimmt ist. So heißt es in
dem dritten Sendschreiben der Apokalypse (Offenb. Joh. 2,17), nachdem das „verborgene Manna“ ver-
heißen ist: „und will ihm geben einen weißen Stein (den Lichtkristall) und’ auf den Stein einen neuen
Namen geschrieben, den niemand kennt, als der ihn empfängt.“ . :
Dies ist ein Wort des auferstandenen Christus selber. Man könnte es. eine Pfingstbotschaft nennen,
wenn man unter dem Pfingstwunder die Mitteilung des individualisierten Geistes versteht. Das Weis-
heitslicht, das sich in viele Flammenzungen zerteilt, das sich als individuelle Geistverleihung in zahl-
losen Seelen offenbaren will, ist jene Manasspendung, die sich in der Ausgestaltung des lichten Kristalls
wirksam erweist. Es sind Geheimnisse der Menschwerdungim höheren Sinne, die man innerhalb
der urchristlichen Welt auf apokalyptische Art auszusprechen gesucht hat. Auch unsere Zeit muß
wiederum in einer apokalyptischen Sprache mit dem Auferstandenen sprechen und sich beraten lernen.
Er selbst will ja unser innerer Ernährer, der Spender höchster Geisteskräfte werden. Er will uns zu
Manasträgern, d.h. zu „Menschen“ weihen und heranbilden. Von der Vertiefung in solche Lebens-
geheimnisse kann in der Gegenwart eine große Ermutigung zum Menschsein ausgehen. "

54
Über das Gespräch
Friedrich Rittelmeyer

. Welche ungeheuren Aufgaben bietet die Unterhaltung einer einzigen Stunde! Welche Weisheit, welche
Geistesgegenwart, welche Empfindüngstiefe, welche Seelenherrlichkeit läßt sich in dem alleralltäglichsten
Gespräch offenbaren, sowie uns für die Aufgaben, die hier liegen, einmal der Sinn erschlössen ist!

Ideal des Gesprächs: du hast einen Menschen vor dir in einer ganz bestimmten Situation — wozu vor
allem auch seine Empfänglichkeit für alles Höchste gehört! — und sollst nun diesem Menschen eine ganz
spezialisierte Offenbarung der göttlichen Heiligkeit und Liebe werden.
*

Erkenne an, wo du nur irgend anerkennen kannst, und es wird ein unbeschreiblicher Zauber von dir
ausstrahlen. Dies ist der schönste und sicherste Weg; der Menschen’ Liebe zu erwerben — und zugleich
ihr strengstes Gewissen zu werden. *

Sprich über das Böse, wo du mußt; und über das Gute, wo du kannst. Denk an das Böse, wo du mußt,
und an das Gute, wo du kannst! x ;
Tritt unter die Menschen, wie wenn . du aus einem Tempel 'kämest: frei von dir selbst, freudig in
Gott, fähig zu allexa Guten! x

Bemühe- dich, auf. jede Unterhaltung etwas von göttlichen Glauz zu werfen, indem du jedes be-
sprochene Thema ruhig bis in’ den Spiegel deiner in Gott gesammelten Innerlichkeit hineinstrahlen läßt.
Dann brauchst du nichts weiter zu tun, als — nichts zu sagen, was den Erlebnissen i in deinem Innersten
untreu wäre. Pr .
Man kann. anderen Menschen keine größere Wohltat erweisen, als daß man ganz.ruhig eine hohe,
läutere, edle Gesinnung auf sie ausstrahlen läßt, so daß sie in diesem Schein ihre eigne Natur erkeunen
und sich selbst offenbar werden. Aber wieviel Selbstverleugnung und Seelengröße gehört zu einem
solchen Verhalten! Bu . *
- Es kommt ir immer wie ein Unrecht vor, wenn ich einem einzelhen Meüschen sehr viel Zeit widmen
muß. Die Erlösung liegt für: mich darin, daß ich in dem’ Einzelnen die Berührung‘ mit dem Leben der
Menschheit nach den verschiedensten Beziehungen suche.
x

Die Bereicherung, die unser Innenleben durch andre Persönlichkeiten erleben kann, werden wir erst
dann so recht erfahren, wenn wir dem andern gegenübertreien :‘in neidlos reiner Anerkennung alles
dessen, was an ihm anzuerkennen ist, und zugleich mit dem edlen Mut; gerade i in seinen ihm eigentün-
lichen Vorzügen mit ihm zu wetteifern. Das gilt auch für. den Umgang. mit Büchern.

Rose und Lilie

Alljährlich führt uns der sommerliche Blumengarten Zwiebelpflanze, die Rose ein Holzgewächs. Größere
zwei wunderbare Symbole menschheitlichen Werdens Gegensätze kann es ja kaum geben; muß man sich doch
vor Augen, welche — einmal verständen — nicht 'auf- sagen, daß ein Rosenstrauch wenigstens der Anfang
hören, tiefste Wirkungen auf unser Gemüt auszuüben. eines Baumes ist. Die Erde beteiligt sich an seiner Bil-
Wie Schneeweißchen und Rosenrot im Märchen stehen dung, indem sie ihm Dauer verleiht. Seine in Harmonie
die beiden um den Preis der. Schönheit wetteifernden und Stärke aufschießenden Blättertriebe verholzen. Da-
Pflanzengestälten nebeneinander. So oft werden Rose ‚durch werden sie selbst zu Teilen, zu: „Auswüchsen“ ‘der
und Lilie von uns genannt, meist als Gegensätze, und es Erde. Die nächstjährigen Zweige nehmen dann ihren
lohnt sich, doch einmal darüber nachzusinnen, warum Ausgang nicht wieder von der mineralischen Erde. Der
sie uns so beeindrucken.- Rosenstrauch schlägt aus, so sagen wir, und meinen da-
Einen wesentlichen Einblick gewinnt man schon, wenn mit, daß sich neu belebt, was wie ersiorben aussah.
man darauf achtet, wie jedes der beiden:Gewächse mit Auch in den Wurzelteilen der Rose kommt die innige
der mütterlichen Erde verbunden ist. Die Lilie:ist eine Verbundenheit mit der Erde deutlich zum Ausdruck.

ER}
Ihr Wurzelstock, ebenfalls stark verholzt und reich ver: hutsam hinab und pflanzten sie ins
Erdenreich. Sie war-
ästelt, stellt gewissermaßen ein zweites, umgekehrtes teten der Blume vom Morgen bis zum Abend
und tru-
Bäumchen dar. Dies alles lehrt die bloße Anschauung; gen. ihr den Tau des Himmels und das
klare Wasser der
was es aber bedeutet, kann nur an der Gegenüberstel- Quelle zu, daß sie wuchs und Blüten trug. So ist die
lung mit der Lilie gezeigt werden. "Lilie auf die Erde gekommen. Sie ist noch heute ein
In der Lilie finden sich wie in allen Zwiebelgewächsen : Sinnbild engelgleicher Reinheit und. darf
vor anderen
nirgends Holzteile. Der lange. Blütenstengel hat dieselbe Blumen .die Altärö schmücken. (Aus:
Blumenlegenden,
Beschaffenheit wie die um ihn herum angeordneten, ein- neu erzählt von Jörg Erb.)
fachen Blätter; er bleibt krautig. Betrachtet man die Lilie und Rose begegnen sich in den Sommermonaten,
Zwiebel näher, so stellt sie sich als ein eng zusammen- und dennoch kann! man feststellen, ‘daß’
die: eine, die
geschobenes. .Sproßstück dar. Die. Schuppen, aus denen Lilie nämlich, aus den: Frühlingsmonaten
zu uns her-
sie zusammengesetzt ist, sind fleischig gewordene Blät- überkommt. Ihre ‚Verwandten, . Tulpe,
Narzisse, Hya-
ter; die Zwiebelscheibe, aus welcher die Wurzeln ent- „zinthe usw. blühen bereits, wenn die Sonne noch im
springen, ist ein stark verkürzter Stengel. Daß die Zwie- Anfang’ ihres jährlichen Wirkens begriffen
ist. Die Lili&
bel weiß aussieht, wie ein in die Erde gesenkter Mond- ‚selbst kann als Höhepunkt und gleichzeitig
als Abschluß
same, rührt nur davon her, daß sie nicht vom Sonnen- betrachtet werden. In der Rose dagegen
ersteht vor un-
lichte getroffen werden kann. Ihre Wurzeln sind im seren beglückten Sinnen eine pflanzliche Erscheinung,
Gegensatz zu den Rosenwurzeln unverzweigt und un-' welche in ihren Fortsetzungen bis zum Sommerende hin-
verholzt.:Das Wort Wurzeln will auf diese fadenförmi- ' reicht. Wollen wir dieses Phänomen im vollen Umfange
gen Bildungen überhaupt nicht recht passen, denn wir würdigen, so dürfen wir nicht allein an Blätter und Blü-
verstehen etwas Verhärtetes unter diesem Namen. ten denken, wir müssen die Fruchtreife auc der
So ist die Lilienzwiebel eigentlich. für. sich schon eine rosenverwandten - Obstbäume, - Apfel, Birne, Pflaume,
Pflanze, wenn man zunächst die Blüte unberücksichtigt Qnitte, Pfirsich usw. mit in Betracht ziehen, denn es ist
läßt. Aus dieser unterirdischen, zusammengeschobenen eben ein sehr bedeutender Unterschied zwischen Rose
Pflanze treibt die oberirdische, der blühende Lilien- und Lilie, daß die Lilie ihren Höhepunkt in der Blüte
stengel hervor. Niemand.-aber versteht die Lilie recht,’ erreicht, ihre Samen aber nur in trockene Kapseln ein-
der sich nicht eines seltsamen Widerspruches bewußt schließt, während bei den meisten Rosengewächsen die
wird, welcher in ihr verborgen liegt: sie steckt in der, Blüten nur die Vorbereitung der im langen und Jang-
Erde und ist doch gleichzeitig außerhalb derselben. Ver- samen Werden sich entwickelnden Früchte bilden. Das
gegenwärtigt man sich nämlich die innige' Gemeinschaft, Fruchten aber kann kur aus den Kräften der von der
welche die Rose mit der mineralischen Erde eingeht, wie- intensiven Sommersonne belebten und wieder rückwir-
die Erdenkraft, das Holz: bildend, mit in die Höhe kenden Erde verstanden werden.
steigt, wie sich der Wurzelstock gleichsam in die Erde Der Botaniker Goethe wies darauf hin, daß die Strei-
hinein auflöst, so erkennt man, daß sich die krautige fenblättler, zu denen auch die Lilie gehört, „zur Blüte
Lilie, obgleich von der mineralischen Erde umschlossen, hineilen“, während die Netzblättler, die sich gleichsam um
doch nur mit dem wäßrigen Elemente ‚verschwistert. die. Rose gruppieren, „längere Vorbereitung brauchen“.
Ihre Mondverwandtschaft kann sie nirgends verleugnen. Nach_diesen Betrachtungen können wir uns auch dem
Aber es wäre ein falscher Schluß, wollte jemand des- Studium der Blätter zuwenden. Über das grüne Blatt
halb die Rose als nur irdisch betrachten. Niemals ist die der Lilie braucht nur Weniges gesagt zu werden. Es
Erde allein imstande, ein pflanzliches Wesen zu erzen- ist ‘einfach ungeteilt und hat keinen Stiel. Seine Ner-
gen. Sie muß ihre Kraft von der Sonne empfangen. Der. vatur ist streifig, d.h., die Hauptnerven laufen parallel
Gegensatz von ‚Rose und Lilie kann darum nur so be- nebeneinander ber, ohne sich zu verästeln, ohne zu
schrieben werden, daß: -die. letztere gleichsam von Netzen und Geflechten zusammenzutreten. Die Sireifen-
außen in die Erde, dieser in Wirklichkeit fremd blei- nervigkeit der Lilienblätter zeigt uns die Natur der
bend, eingefügt ist, während die Rose eine Ausgeburt Pflanze recht anschaulich.
der von aller schöpferischen Sonnenkraft durchwirkten Man bezeichnet Blätter, welche wie das Rosenblatt
Erde selbst ist. Sie strebt von unten nach oben; ° aus mehreren Paaren von Teilblättchen zusammengesetzt
Folgende Legende spricht das Wesen der Lilie im sind, als gefiedert. Von der Mittelrippe gehen die Sei-
schlichten Bilde aus: tenrippen ab, und diese Unterordnung besagt: außer-
Als Gott der Herr die ersten Menschen aus dem himm- ordentlich viel. Gartenros en meistens nur zwei
.. bilderi
lischen Garten verstoßen mußte, wollte er sie doch nicht Paare von Fiederblättern aus, wilde Arten dagegen zei-
schutzlos ziehen lassen. Darum rief er zwei Engel herbei gen deutlicher, daß hier — im vollen Gegensatz zur
und bestellte sie zu Wächtern der Menschen. Die himm- Lilie — ein rhythmischer Prozeß in die
Blattbildung
lischen Boten fügten sich allsogleich in Gottes Willen, — eingreift. Es ist ein Rhythmus, welcher uns in der: Natur -
doch dünkte sie der Abschied vom Himmel gar schwer. so. außerordentlich vielgestaltig entgegentritt
und seine
Da sprachen sie zu Gott dem Herrn: „Deines heiligen wunderbarste Ausprägung im menschlichen. Brustsystem
Willens sind wir stets gewärtig; doch gewähre uns die gefunden hat. Die Wirbelsäule und .die beiderseits
von
Gnade und laß eine Blume aus deinem Heiligtum auch dieser abgehenden Rippen sind sozusagen das knöcherne
drunten auf der Erde blühen, auf daß wir den Himmel Vorbild: des rhythmischen Geschehens auch .der gefieder-
nicht ganz entbehren.“ Unser Herr erfüllte die Bitte der ten Pflanzenblätter
. Geht man noch einen Schritt wei-
Engel und gab ihnen die Lilie mit. Die trugen sie be- ter, so findet. sich derselbe Rhythmus im Herzschlag wie-

56
der, dort allerdings nicht gestaltlich, sondern in einer die vom Himmel herunterfallende Schneeflocke, ein
Funktion sich auswirkend. Weihnachtsstern. Die beiden Dreiecke, welche den Stern
Die Rose weist uns in vieler Hinsicht auf das mensch- zusammensetzen, überschneiden sich. Aber man kann,
liche Blut hin. Ihre rote Blüte gilt, solange christliche folgt man dem Zuge des einen, niemals in das andere
Menschen sie pflegten, als Symbol des gereinigten Blu- übergehen. Der Sechsstern ist eine kosmische Fi-
tes. Blut und Blüte’ sind dieselben Worte. gur ünd kommt sonst vorwiegend in der unorganischen
Man kann die Nervatur des Rosenblattes noch weiter Welt, z.B. im Quarzkristall, vor. Der Fünfstern, welcher
betrachten. Es ist — um in der Sprache der Botaniker in der Rosenblüte liegt, bringt uns wieder die Eigen-
zu reden —- netznervig, denn die sich zunächst baum- tümlichkeit der Blattnervatur in Erinnerung. Yon einer
artig verzweigenden Hauptadern bilden schließlich ein Spitze ausgehend kommt man, dem Linienzuge. folgend,
in sich selbst zurücklaufendes Geflecht und erinnern da- durch das Ganze und findet sich schließlich von selhst
durch :an die Blutbahnen des menschlichen Organismus, wieder am Ausgangspunkte. Der Fünfstern, das Penta-
wo sich die Hauptstämme ebenfalls in Glieder und Or- gramm, ist die Figur des Menschen.
gane hinein äuflösen, verzweigen, um schließlich in ihren Die Lilie ist ein auf die Erde versetzter Stern, wäh-
feinsten Endigungen, ‘den’ Kapillaren, zusammenzulau- rend in der Rose die Erde selbst erblüht. Schwel-
fen. Die Arterie wird: zur Vene: Diesen Unterschied lende und formende Kräfte sind in der Gestalt der Rose
können 'wir zwar bei Pflanzen nicht feststellen, aber wir zu wunderbarer Harmonie gekommen. Schon das grüne

haben trotzdem im "Blatte mit Netznervatür ‘das Bild Laubblatt ist - Ausdruck ‚vollkommenen Gleichmaßes. In
des ‘in sich selbst sich abschließendeti Organismus. So Rändern, Rippen und Stielen ist es so wohlgegliedert
rn Fo
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könnte man, um-den Gegensatz der Rose und der Lilie zu und : duxchgestaltet, daß selbst das Lilienblatt primitiv
charakterisieren, auch sagen, daß die Lilie noch nicht bis daneben anmnutet. Man betrachte auch die graziös
zu jenem’ vollkommienen Zustande dürchorganisiert ist. schmiegsamen Rosenzweige, wenn sie sich, wie bei der
Nur die Rose bildet das auf der Erde Verkörpertsein, Heckenrose,; ungehindert ausbreiten können. Bogenför-
das Organische ab, welches im menschlichen Selbstbe- wmig werden sie nach allen Seiten versendet; ja, sie schei-
wußtsein, im Ich, zur höchsten. geistigen Stufe“ empor- nen zu schweben und halten wiederum ein wunderbares
geboben ist. Mittelmaß inne zwischeu der Erdschwere und solchen
Man brauchte wirklich nichts "weiter als das bisher Kräften, deren Tendenz es ist, von der Erde zu ent-
Umrissene von den beiden hier ‘besprochenen Pflanzen fernen. So muß sich auch der Mensch hüten, von der
za wissen, um ‘zu verstehen, warum die’Lilie das Sym- Erde ganz überwältigt zu werden, oder. sich erdflüch-
bol des Vorgeburtlichen und des Nachtodlichen: ist, die tigen "Neigungen hinzugeben.‘ .
Rose dagegen. des im Erdenleibe Verkörpertseins. Christ- Keinesfalls ist bisher alles gesagt worden, was
\ 'Lilie
Eche Maler umgeben darum oftmals den Verkündigungs- und Rose als’Gegensätze kennzeichnet, vielmehr sollte
erzengel Gabriel mit Lilienstengeln. Ist das Jesuskind Aur auf die Richtung "hingedeutet werden, wo das We-
dann geboren, so finden wir die Mutter mit dem Knäb- "sentliche zu suchen ist. Daß die Rose fruchtet, wie be-
lein im Rosenhag. Bis tief in die Volksanschauung hin- "sonders ihre: Abkömmlinge, ‘unsere Obstbäume zeigen,
ein können wir die Lilie in ihrer Bedeutung verfolgen. während die’Lilie nur trockene Samenkapseln Aausbil-
„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf mein Grab“, det, muß noch hervorgehoben werden, denn fruchtbar
heißt es im Volksliede. Daß die Lilie häufig als Sinnbild kann nicht dasjenige werden, was sich von der Verbin-
der Reinheit, der Unschuld, auftritt, ist nur die andere dung mit ‘der Erde fernhält, sondern nur, was die
Seite des soeben Erwähnten. Der Mensch, welcher noch Erdenkräfte bejaht, sie aufgreift und verwandelt. Die
nicht in das durch Triebe, Begierden und Leidenschaf- Lilie erschöpft sich sozusagen schon in ihrer großen
ten an die Erde bindende Blut eingetaucht ist, gleicht Blume.
der weißen Lilie. "Will er wie eine Rose werden, so darf “ Ähnlich ‘wie die Rose’ dem menschlichen Herzen ent-
er nicht vor seinem Blute zurückschrecken, aber seine spricht, muß die Lilie dem uuteren Menschen, dem Stoff-
Liebe muß so groß und zo rein werden, daß sie alles wechselgebiete zugeordnet werden: Im. Geschlechte der
Niedere überwindet. Zur Rose gehört ‘die Liebe zur Liliengewächse haben. wir ein Bild des Abstieges der
Erde, nicht die Erdenflucht. Zeigt uns doch die Pflanze Menschheit zur Erde: Die Lilie' selbst strömt Heiligkeit
deutlich, daß sie durch die Erde hindurchgegangenist. aus. Sie veranschaulicht uns. gewissermaßen den Para-
Was uns entgegehtritt, wenn wir schließlich noch einen dieseszustand, während manche ihrer Abkömmlinge tief
Blick auf die Blüten der beiden’ Gewächse werfen, in die Erdgebundenheit eintauchen. Sie bilden den Sün-
kann unmittelbar seelisch empfunden werden, denn: die denfall ab.
Blüte ist uns Menschen von allen Teilen der Pflanze am Von der: Rose im Menschen kann erst gesprochen wer-
nächsten: Hier sprechen 'sih Tag und Nacht gegen- den, seitdem der Christusimpuls in die Erde eingezogen
einander- aus. Die Rose gehört zur Sonne. Auch ihre ist. Sie stellt keinen Abstieg, sondern den Aufstieg der
Färbung läßt ihr Lichthaftes erkennen. Lilien dagegen, Erdenmenschheit‘dar. Ihre Dornen, die an der Lilie ün-
bleich und unbeweglich, leben erst auf, wenn der Tag zu vorstellbar wären, können verwunden, denn ‘der Mensch,
Ende ist. Dann strömen sie ihren betäubenden Blumen- der sein Blut zum reinen Werkzeug höheren Menschen-
atem aus, der. Nektar fließt, und Nachtschmetterlinge tums läutern möchte, muß es auf sich nehmen, auch den
verbinden" ihr traumhaftes Dasein mit den im Dämmer- Schmerz zu bejahen; er muß — nach. dem göttlichen
schein leuchtenden Sternen. Vorbilde — die Dornenkrone’ tragen. können.-
In die Lilie. ist ein Sechsstern eingeschrieben, wie in Gerbert Grobmann.

57
Sterne
Es ist gewiß keine bloße Modeangelegenheit, daß in Flecken. Diese Gruppe lebte etliche Sonnenumdrehun-
unserer Zeit ein immer größeres Interesse für die gen hindurch bis Mitte Mai. Unter 6000 beobachteten
Sternenwelt aufkommt. Viele, die sonst nur selten den Fleckengruppen gibt es nur noch eine einzige, die sechs
Blik zu den leuchtenden Fackeln des Himmels. auf- Sonnenumdrehungen überdauerte. Darüber hinaus wurde
hoben, fühlen sich unbewußt aufgefordert, von Zeit zu nur noch eine Fleckengruppe gesehen, vor 100 Jahren
Zeit die Augen mit dem rätselhaften Glanz der Nacht (1840/41), die eine. Lebensdauer von 18 Monaten hatte.
zu erfüllen, für Augenblicke mitschwingend mit den Der Januarfieck von 1940 bewirkte auch die auffälligen
Kräften, die von Stern zu Stern gleiten. Der Anlaß hier- Nordlichterscheinungen und Störungen des Magnetfeldes
für liegt nicht nur in dem Fehlen der elektrischen Lich- der Erde in den Ostertagen. Schließlich sei der Voll-
ter, deren kalte prahlerische Existenz das stille Leuch- ständigkeit halber erwähnt, daß der Planet Venus in
ten überwältigte. Das tiefste Innere des Menschen tastet diesen Zeiten seltsame Lichterscheinungen zeigte, die
in den weiten Räumen nach seiner kosmischen Heimat, besonders an der Licht-Schattengrenze des sichelförmi-
während gleichzeitig die außergewöhnlichen Planeten- gen Planeten merkwürdige Ausbuchtungen hervorriefen,
konstellationen dafür zeugen, daß die Gestirne selbst eine Erscheinung, die noch nie beobachtet wurde.
ihre Stimme mächtiger denn je erheben. Es begegnen Der zweite Akt des himmlischen Dramas zeigte uns
sich zweierlei Ströme: Menschen suchen die Sterne, und als Erstes im September 1939 Mars, Jupiter und Saturn
verstärkte Himmelswirkungen brechen sich Bahn zu den auf dem Bogen der Ekliptik. Mars stand tief im Westen
Seelen auf Erden. . -. in dem. Bilde des Steinbo&s, Jupiter: hoch über dem Sü-
Die kosmischen Ereignisse von 1939 bis Frühjahr 1941 den in 'den Fischen, Saturn östlich davon zwischen Fischen
erscheinen uns wie ein Drama in drei Akten. Der erste und Widder. Saturn bewegte sich langsam westwärts in
Akt verlief für das. bloße Auge verhältnismäßig un- das Sternbild der. Fische. Auch Jupiter zog in diesem
scheinbar in dem Auftreten vieler Kometen, die bis auf Sternbild ein wenig nach Westen, während. Mars in
wenige nur durch Fernrohre sichtbar waren. Der zweite schnellem Laufe ostwärts durch den Wassermann eilte
Akt zeigte die glanzvollen Planetenvorübergänge im und bereits Mitte Dezember gleichfalls die Fische er-
Frühjahr 1940, der dritte wird die bedeutungsvolle drei- reichte. Im Januar ging er an Jupiter vorüber, dessen
mal sich wiederholende Konjunktion (größte Annähe- mächtigem Glanze er schnell entglitt, um sich Saturn zu
rung) zwischen Jupiter und Saturn umfassen, ein Er- nahen, dem er am 10.Frebruar am nächsten stand, um
eignis, das wir von August 1940 bis Februar 1941. be- auch an ihm ostwärts vorüberzueilen. Schon aber sah
obachten können. Zwar zeigte das Jahr 1939. keinen man, wie sich die erhabensten der Planeten, Jupiter und
augenfälligen Kometen, wie man solche wohl in ver- Saturn, allmählich nahten, kaum merklich. Saturn zog
gangenen Jahrhunderten sehen konnte; dennoch aber wieder. nach Osten, sehr langsam, als warte er auf den
wirkten die Kometen mächtiger als zu anderen. Zeiten, strahlenden Bruder, der etwas schneller, aber auch mit
wo die Sichtbarkeitsverhältisse günstiger waren. Es er- getragener Ruhe ostwärts wandelte. Noch ahnte man
schienen mehr Kometen als in irgendeinem anderen erst, was sich. dort vorbereitet unter den fernen Lich-
Jahr. Im allgemeinen werden2 bis 7 Kometen pro Jahr tern und erst im Augüst vollendet wird. Schon Ende des
durchs Fernrohr aufgefunden. Die kometenreichsten Jahres 1939 sah man den verschwenderischen Glanz der
Jabre waren bisher 1925. und 1932 mit je 11 Erschei- Venus im Westen aufsteigen. Rasch schwang sie sich
nungen, 1939 aber brachte deren 13, eine Anbäufung, empor zü den. anderen Wandelgestirnen. und. trat mit
wie sie bisher durch optische Instrumente nicht festge- hinein in den feierlichen Kreis. Am '20. Februar ging sie
stellt werdeu konnte. Für geschichtlich Interessierte an Jupiter vorbei und bildete für einige Abende mit
mögen die Kometenjahre- 1618, 1811, 1843 und 1882 an- ikm das strahlendste Doppelgestirn, das der Himmel
geführt sein, um zu verfolgen, wie solche Erscheinungen den Augen der Menschen leuchten lassen kann, Zu die-
zusammehfallen mit bedeutenden Zeitereignissen. An sen stieg nun auch noch Merkur aus seinem sonnennahen
den Komet Halley im Mai 1910 werden sich gewiß noch Reich empor. Weit konäte er sich von der Sonne nicht
viele erinnern können. Gleichzeitig mit. den Kometen entfernen, in deren Lichtmantel er immer wieder und
traten andere kosmische Vorgänge ein, die ebenfalls wieder untertaucht, doch trat er jetzt besonders weit
einen Rhythmus zu entbehren scheinen und wie diese aus. ihrer Sphäre hervor, um sich zu einem Crescendo
nicht vorherberechnet werden können, was allerdings einzufügen in den bedeutungsvollen Chor des himm-
bei. gewissen Kometen mit periodischem Umlauf doch lischen Rates. Schließlich stieg die Sonne höher und
annähernd möglich ist. So verstärkte sich 1939 die Wirk- höher, um das herrliche Bild in ihr Lichtmeer zu ver-
samkeit der Sonnenflecken weit über das normale Maß. senken, während Venus zum Saturn emporzog, den sie
Störungen. des Magnetfeldes der Erde und schließlich am 6. März erreichte, um ihre Schönheit seinem 'Eruste
auch Polschwankungen traten auf. Im Januar 1940 er- zu vermäblen, allem Geschehenen einen seltsamen
schien auf der Sonne abermals ein ungeheurer Unruhe- Schlußakkord verleihend, der viel zu spannungsreich
herd, der sogar dem bloßen Auge ‘mittels Dämpfglas war, um das Ende zu bilden und somit nur auf eine
sichtbar war. Zwischen einem vorangehenden Riesen- Pause, auf eine. trächtige Stille hinwies, nach welcher
fleck und einem ausgedehnten mehrteiligen nachfolgen- der dritte Akt dieses Schauspiels von dem Vorhang der
den Fleck verteilten sich weit über hundert kleinere Sonne enthüllt werden wird. Anfang Juni stand Venus

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allein über dem Westen wie ein einziger nachklingender sich immer ein wenig voneinander, um immer wieder
Ton, laut und vernehmlich, dann versank sie und trat zusammenzukommen. Auf diese Weise dauert die Wirk-
vom Reiche des Abends hinüber zu dem des Morgens. samkeit einer solchen Konjunktion nahezu ein halbes
Der dämmernde Abendhimmel schweigt, aber im Früh- Jabr und nicht, wie bei den sonstigen Konjunktionen,
licht ziehen die wandelnden Sterne vor dernur wenige Tage.
Sonne her, |
wieder freigegeben von ihr, um das letzte Geschehnis Die letzte große Konjunktion dieser Art geschah
zu bereiten. 1682, die. vorletzte 1425. Eine gleiche vollzog sidı im
Die Augustkonjunktion Jupiters mit Saturn wird sich Jahre 7 vor unserer Zeitrechnung und wird als Christus-
im Sternbild des Widders ereignen, in welchem diese gestirnung angesehen, die wir zu Weihnachten in die-
Planeten während ihrer späteren Vorübergänge bis Fe- sem Jahre wieder erleben werden! Damals ereignete sie
bruar 1941 verweilen werden. Konjunktionen zwischen. sich in dem „Christussonnenzeichen“ Fische, dem Orte
Jupiter und Saturn geschehen zwar alle 20 Jahre, da des Himmels, von dem die Geistigkeit des Zukünftigen
Saturn zu seinem Sonnenumlauf zirka 29 Jahre, Jupiter auf die Erde herabstrahlt, während sie jetzt in der
12 Jahre benötigt. Viel seltener aber ist es, daß sich‘ Widdergegend des Himmels geschehen wird, in welcher
solch 'eine Konjunktion arı mitternächtlichken Himmel die Kräfte wirksam sind, die das Geistige aus dem Wil-
hoch über dem Süden ereignet, weil dann die Sonne len heraus zu ergreifen fähig machen! Auch die letzten
auf der aüderen Seite der Erde, den beiden Großplane- großen Konjunktionen' geschahen ja in Zeiten größter
ten gegenüber, steht. Steht aber ein Planet in Oppo- geschichtlicher Bedeutsamkeit: Interessant ist, daB im
sition zur Sonne, so ergeben die verschiedenen Bahn- diesem Jahrhundert zwei solche großen Konjunktionen
elemente der Erde und des betreffenden Planeten die vor sich gehen. Die zweite wird im Jahre 1981, Januar,
Erscheinung der Schleifenbewegung, so daß der oppo- April und August, im Zeichen Waage sichtbar.
nierende Planet rückläufig und wieder rechtläufig wird Versäumen wir es nicht, von Zeit zu Zeit gegen Mor-
und semit eine Schleife beschreibt. Da nun August 1940 gen nach Osten zu schauen, um das enger und enger sich
Jupiter und Saturn in Opposition zur Sonne stehen, verbindende Doppelgestirn Saturn und Jupiter zu be-
selbst aber in Konjunktion begriffen sind, so führen sie obachten, dessen äußerer Anblick Schriftzeichen des gro-
ihre verschiedenen Schleifenbewegungen aus und be- Ben Geschehens ist, das auf Erden zu tragen dieses Jahr-
gegnen sich dabei dreimal. Zwischendurch trennen sie hundert begnadet ist. Heinz Wendel

Von der Innenseite der Zeitschicksale


Die Stille
Immer länger bleiben: unsere Gedanken bei den Soldaten an der Front. Unter dem donnernden
Rollen der Geschütze, unter dem Heulen und Krachen der Geschosse und Bomben stoßen sie unentwegt
vorwärts. In den wenigen Stunden und. Minuten des Ausruhens. liegen ihre Leiber in. den Furchen und
Löchern der „Mutter Erde“. Stellvertretend nehmen sie das ganze Geschehen immer wieder auf sich.
Insbesondere tasten unsere Gedanken nach der Sphäre, wo diejenigen jetzt weilen, die im dröhnenden
Lärm der Schlächten ihr Leben ließen.
In welchem Kontrast steht zu all dem Tosen die Stille, in der wir Tag für Tag die Menschenweihe-
handlung feiern! Der Friede: der. Innerlichkeit breitet sich um unsere Altäre aus. Aber es ist dieselbe
Stille, in die die Seelen eintreten, die der Tod aus dem Lärm der Schlacht herausriß.
Ob ihre Augen, die das Grauen sahen, ‘wohl langsam das Licht wahrnehmen können, das von dem
Altargeschehen denen, die verstorben sind, leuchtet? Ob ihre Ohren, die im Tosen der Kämpfe taub
wurden, das Wort der heiligen Handlung allmählich im Geiste vernehmen können? Vielleicht weisen die
Seelen unserer bereits hinübergegangenen Freunde manchem gefallenen Soldaten den Weg zum Licht
“und Wort des Christus, das sie „auf-klärt“ über all das Leid. Und wessen Seele von den Gefallenen schon
im Leben dem Geist verbunden war und ihn liebte, der kann wohl den Kameraden Helfer sein.
Einen ganz konkreten Inhalt gewinnt über den Schlachtfeldern das Wort von Wilhelm Raabe:
Das Ewige ist stille, laut die Vergänglichkeit.
Schweigend geht Gottes Wille über den Erdenstreit. Arnold Goebel

Gedanken über den Krieg


Ein mächtiger Erreger und Beweger ist der Krieg. Weun er tobt, werden Schicksalsmächte wirksam,
die alles, was erstarren wollte, gewaltig in Fluß bringen. Soviel Zerstörung er auch mit sich bringt: er
schafft dem wirksamen Geist des Werdens Raum. Solche Erkenntnisse sind es, die Heraklit, den Weisen
Altgriechenlands,. sprechen ließen: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Zu Beginn des Weltkrieges

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aber hat Rudolf Steiner einmal auf die notwendige Ergänzung dieses alten Wortes hingewiesen: es
würde neben dem Vater „die Mutter aller Dinge“ fehlen, fühlte sich die Menschheit nicht durch die Er-
schütterungen des Krieges zur Pflege eines um so kläreren und dürchseelteren Geisteslebens und einer
um so wärmeren und geistgetrageneren Frömmigkeit aufgerufen. =
*

Der apokalyptische Schrecken, den die neuen Waffen und Kriegsmethoden auslösen, rührt davon her,
daß heute zum ersten Male in äußerster Konsequenz die modernsten und weitgebendsten Errungen-
schaften nicht nur der Technik, sondern auch der technischen Denkungsarauf
t den 'Schlachtfeldern in
Anwendung. gebracht werden. Freund und Feind greift, um zu schildern, was jetzt in den Schlachten
erlebt wird, zu Bildern, die über den Sinnenbereich hinausgehen; man spricht von der Hölle, die da
entfesselt ist. , ' . : Fa .
. Aber selbst ihrer kriegerischen Anwendung gegenüber wäre es sinnlos, der Technik wegen ihres
ahrimanisch-dämonischen Charakters ihr rücksichtsloses Fortschreiten verwehren zu wollen. Es müssen
sich nur diejenigen Völker, die am meisten beitragen zur Weiterentwicklung der Technik, also auch der
Mittel und Methoden des Krieges, verpflichtet fühlen, mindestens ebensoviel Begeisterung, Kraft und
Ausdauer auf die Erschließung und Eroberung der geistigen Welt zu verwenden, aus der allein ein
wahrer Aufbau möglich ist. “Emil Bock
in - x.

Aus Briefen von der: Front

Der .Sturm wird weiterwirken, bis sein Vernichtungs- Vorfeld der. Westfront so. viele fördernde, beruhigende
werk vollendet oder alles Scheiuchristentum beseitigt und fruchtbare Gedanken brachten. Sie verhelfen mir,
ist“ Um das wahre Christentum habe ich keine Sorge. das oft unverständliche große Zeitgeschehen von einem
Zwar glaube ich, daß es dies auch noch innerhalb der höheren und :weiteren Gesichtspunkt zu betrachten und
„offiziellen“ Kirchen hier und da gibt, aber mit meinem versteben zu lernen. Sie gaben mir Zuversicht und
Herzen glaube ich, daß besonders die Christengemein- Sicherheit und wiesen mir ganz neue Richtungen. D
schaft auf dem Fels gebaut ist und unbeschädist in die .
neue Zeit hinübergehen wird, Also, wir sprechen "uns “Wir stehen wirklich in einer Zeit, da Neues durch
wieder. Es ist mir beim besten Willen nicht möglich, Menschen von oben her, aus Christi Kraft begonnen
bei diesem Lärm, Reden, Essen, Radio usw. meine Ge- “werden kann, denn heute lernt der Mensch wohl erst
danken besser zu sammeln... | recht zum erstenmal allgemeiner die Tiefen seines Wil-
Auf der andern Seite lerne ich des Lebens Tiefen in lens kennen... Einer von meinen Kameraden sagte in
der Lebensgemeinschaft mit Kameraden . aus ärmsten einem Gespräch: Die Christengemeinschaft und deine
Schichten kennen. Es ist alles andere als Heiligung für Arbeit ruhen aber sehr auf Idealismus; doch ich lehne
mich bis heute gewesen. Nur ein ganz großes Sehnen alle Idealisten ab, weil sie im praktischen Tun doch fast
danach. Und vielleicht wird num das Endergebnis dieses nie an ihrer Idee festhalten. Da sagte ich ihm, daß sein
Weges im Grauen der Schlacht die „Aufgabe des Ichs“ Urteil auf den in abstrakten Gedanken im Kopfe leben-
sein... \ . B den Idealismus zutreffe, aber es gebe noch einen andern
* ‚Idealismus, der kommt vom Willen her.
Ich bin so dankbar, daß ich den’ Weg zur Christen- Jetzt will ich es mit B.’s neuem Buch versuchen; und
gemeinschaft habe finden dürfen. Gerade in dieser „erlebe schon gleich am Anfang das befreiende und be-
erusten Zeit kommt mir immer mehr zum Bewußtsein, ‚geisternde Neue: Die Erde wird wieder heilig, sie kann.
welch große Schicksalsbilfe sie ist. Das Wissen um das ganz heilig-nüchtern als die zubereitete Empfängerin des
wahre Leben ist eine so große Befreiung. Wenn man Geisteinschlags erkannt werden. .
weiß, daß der Tod eine Geburt in die geistige Welt hin- Ich glaube, der Weltkrieg war noch gar nicht zu Ende,
ein ist, verliert er seine Schrecken. Wie sind wir doch er geht jetzt nur offener wieder weiter. Es war für uns
begnadete Menschen! Es ist mir nur schmerzlich, ‚daß ich ‚in Mitteleuropa eine Zwischenzeit äußerliher Ruhe —
meinen Kameraden so wenig weiterhelfen kann. Ab und ‚und wir wissen, daß sie ein großes Gnadengeschenk war,
zu gelingt’s ja doch ein bißchen. Einer meiner Kame- das auch benutzt werden wollte... v
raden, der mich durch sein eingebildetes, schroffes und
zurückweisendes Wesen immer abstieß, ist ganz verwan- x

delt, seit wir bei einer gemeinsamen nächtlichen Wache Der Tod scheint auf dieses Jahr ein Privilegium haben
ein Gespräch über den Sternenhimmel, Schöpfung und zu wollen; ihm zum Trotz wollen wir die Geburtstage
Natur miteinander hatten. . doppelt stark’ feiern. '- .
Manchmal scheint es mir, daß es ganz nützlich ist,
Mit diesem Schreiben m öchte ich Ihnen recht herz. ‚wenn viele Leute gar nicht merken, was los- ist; was
lich danken für die schönen Zusendungen, die mir im würde es schon ausmachen?. Sie würden ihren. kleinbür-

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gerlichen Schrecken mit allen Begleiterscheinungen be- Ich glaube, daß im Tod das einzig Wahre über das
kommen und die Sache unnötig beunruhigen,. Das beste Leben zu erfahren ist und diese Wahrheit sehr glück
ist wohl, man überläßt alles innerliche und äußerliche lich machen .kann.
Geschehen den wenigen Berufenen und läßt alles über * oo.
sich ergehen... Ich habe in Vorträgen der Christengemeinschaft oft
Ein Präludium von Bach ist nicht konstruiert, son- das Gefühl: fast alle Leute, die jetzt hier sind und zu-
dern etwas Unzerstörbares ist darin aufgezeigt, wahr- hören wollen, müßten eigentlih für einige Zeit dies
nehmbar gemacht. Es bleibt daher, einmal gehört, vor- Haus nicht betreten dürfen, oder wenigstens nur ganz
handen, auch wenn sämtliche Orgeln und Bach-Noten selten. Sie müßten anderen Platz machen, selbst hinaus
durch tausend Bomben zerstört würden. ins Leben geben und einmal sehen, wie sie, ganz allein
auf sich gestellt, mit allem fertig werden, wie sie das
Noch höher als die Shetland-Inseln waren wir im Nor-
Rüstzeug anwenden, was sie mitbekommen. Sie müßten
den. Die Engländer haben wie verrückt geschossen. Lei-'.
‘sehen, was in ihnen als festgewurzelt standhält und was
der konnte ich nicht sehen, ob meine Bomben ‚getroffen
alles als halb „verstanden“, aber unverdaut an unerbitt-
haben.
lichen Tatsachen zusammenbricht . . . Sie müßten den-
Ich: habe. seit Sonntag schon wieder ‘fünf lange Feind-
jenigen Platz machen, die man jetzt noch außerhalb
flüge gemacht. Viel Angriffsgeist ist bier; ganz im Gegen-
sieht, die es aber am dringendsten brauchten, dem Typ
satz zu „zivilen“ Ansichten spielt die Gefahr in allen
des Arbeiters, Soldaten, Technikers...
Ansichten nur mittelbar eine Rolle. Das ist: auch gut und
richtig. Es ist: wirklich erhebend, einmal in Kreisen zu. Nur in der- Menschenweihehandlung liegt für mich ein
sein, wo sich jeder über ein gewisses. Maß primitiver Ansatz zum-1 Korn, der auch im Leben standhalten kann.
Menschlichkeit hinwegsetzen kann. ‚em. a P

Kriegsschicksal und Geist-Entscheidung

Sind wir mit den Kriegsereiguissen nicht in eine ganz neue Phase mieischlichen Erlebens eingetreten?
Durchleben wir bloß das, was frühere J ahrhunderte mit dem Wort „Krieg“ verbunden haben oder ist
es nicht mehr? Wenn wir die‘ ‘Menschen sich aussprechen hören; die unmittelbar an den heutigen
Kämpfen teilgenommen haben, so suchen sie nach neuen Maßstäben, mit denen sie die Ereignisse wahr-
haft messen ‚können. Das Geschehen wächst ihnen über alles Menschlich-Persönliche hinaus. Als „apo-
kalyptische Reiter“ fühlen sie sich, so drängte es sich einem F eldgrauen auf den Mund.
Damit berühren wir. aber eine Schwelle, und damit erst die wahre Wirklichkeit. Das Neue Testament
weiß etwas von dieser Wirklichkeit, es ist ganz aktuell geworden: „Wir haben nicht mit Fleisch und Blut
zu kämpfen, sondern mit übersinnlichen Gewalten...“ Das wird zum neuen Lebensgefühl.
Dann wird. aber auch ‚deutlich: Diese ‚,‚Gewalten“ werden nicht mit äußerer Macht bekämpft und
beseitigt. Da hört der Wirkungsbereich der — Technik auf. Übersinnliche Gewalten können nur durch
wahren Geist überwunden-werden: Wohl ‚dem, der sich diesem Geist verbündet. Der hütet das wahre
Menschenbild wad läßt. ese aus ssol ch en Entscheidungen leuchtend hervorgehen.
*

Von der kämpfenden Trüppe wird vor allen Dingen eins verlangt: die Kraft des Mutes. Die Truppe
darf nicht zögern, nicht zurückweichen, sie muß vorgehen, vorstürmen. Dann zwingt sie dem Gegner das
"Gesetz des Handelns auf und wird Sieger. :
"Ist darin nicht jegliche menschenwürdige, Gestaltung des Schicksals vorgebildet? Jeder kann es selbst
erleben. Auch hier gilt es: nicht vor den Aufgaben, die das Schicksal stellt, zurückweichen, sondern die
Aufgabe aufgreifen, ja nach Möglichkeit, die Aufgabe, die das Schicksal einem stellen möchte und die
‚am Horizont sich zeigt, schon im voraus lösen. Das ist der Mut, den jeder auf dem Schicksalsfelde ent-
falten kann. Dadurch wird das Schicksal bezwungen, ja umgewandelt. Der Mensch unterliegt dann nicht,
sondern er siegt. Er wächst — auch wenn er.nicht bei der kämpfenden Truppe steht — zu der Geistes-
kraft heran, welche andere, dürch das unmittelbare Kriegsschicksal gezwungen, entwickeln müssen. An
uns liegt es, ob es für uns auch ein „Schlachtfeld“ des Schicksals gibt oder nicht. Was viele irdisch er-
leben, kann yon Anderen iim ‘Geiste aufgesucht werden. .
.Das könnte zur "stärksten, unzerreißbaren Verbundenheit werden. zwischen denen „im Felde“ "und
denen „in der Heimat“. rn tr . \ Robert Goebel -

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Wenn im Welten-All die dumpfen Stoffesmassen Von Gigantenhänden in der Erde Tiefen
von der Schwerkraft angezogen, sich verbündet, werden unter Bergdruck zum Kristall verdichtet
mit der Riesenfaust der Liebe sich erfassen, Erdenstoffe, die in dunklen Klüften schliefen:
schlägt ein Licht aus ihnen, wird ein Stern entzündet. Kohle wird zum Diamanten aufgelichtet.
Menscherherz dem
, seine Sonne längst verdämmert:
Unter einer Bergeslast von Leid und Wunden
wirst im Weltdruck du zu gutem Erz gehämmert,
unter Schmerzen wird das Licht aus dir enutbunden.
Alfred Schütze

Umschau
Medizinisch erzeugtes „Hellsehen“! Mächte, denen gegenüber alles Moralisieren so lächerlich
Die, Zeitungen berichten von der Entdeckung eines schwachatmig wirkt wie das Bellen eines Hündichens vor
Japanischen Universitätsprofessors und Augenspezialisten dem Donner der .Meeresbrandung. Däbei darf natürlich
Dr. Misao Ujemura, durch die es möglich ist, dem mensch- nicht an ‚Gespenster im Sinne primitiver Volksdämono-
lichen Auge ohne fremde Lichtquelle die Fähigkeit zu logie gedacht werden, sondern. man muß. das Dämo-
verleihen,
in der Dunkelheit wesentlich besser zu sehen. nische 'auffassen. als. zerstörerisches Hervorbrechen des
Nach langjähriger Forschung konnte der Gelehrte eine ‚schöpferischeni Lebensgrundes, man muß es_so ursprüng-
Medizin zusammenstellen, die u. a, Natrium-Phosphat lich sehen, wie Shakespeare .es gestaltete, man wuß sein
und Dorschleber-Öl enthält und die stark anregend auf Hineinwalten bis ins höchste Geistige hinauf so hell-
die innere Sekretion und die Aktivität des Zellengewe- äugig zu erspüren versuchen, wie Goethe es in seiner
bes der Netzhaut wirkt. Nimmt ‘eine: Person: mit nor- bekannten: Formulietung geschildert hat. — Es ist ver-
maler Sehkraft sechs Tabletten davon ein (an einem mutlich eine der allerwichtigsten religiösen Wirklich-
Tage dreimal je zwei), so stellt-sich für etwa eine Woche keitseinsichten uuserer Zeit, daß. wir wieder in einer an
die Befähigung- ein,:-Dinge mit-nur ‚einem. Zwanzigstel ‚urchristliche’ Erfahrungen gemahnenden Weise zu fühlen
bis Dreißigstel des sonst erforderlichen Lichtminimums | begannen, wie unentrinnbar das Dämonische uns alle be-
sehen zu können. Prof. Ujemura hat das Präparat an, droht, bis in die höchste :Schicht unseres Geistes, bis in
sich selbst und etwa 200 anderen Personen mit Erfolg den letzten Winkel unserer Existenz hinein. Wer die
ausprobiert. Er selbst konnte dunkle Wege ohne Taschen- Tatsache des Dämonischen sieht und mit ihr ‚rechnet,
lampe begehen und auf weite Strecken im Stockdunkeln faßt die Wirklichkeit wahrer, tiefer, völliger auf 'als
Bäume erkennen. Ob nun freilich "diese Hellsichtigkeit, der sogenannte Realist aufklärerischen Stils.“ “
fügt der Stuitgarter 'NS-Kurier hinzu, von allen Augen
ohne Schaden vertragen wird, ist eine noch offene Frage. ‚Zum Priestertum der Frau
— Uns erscheint diese in unsern Tagen auftretende Er- In dem Buch yon Gertrud von le.Fort „Die ewige
findung wie ein grob-körperhaftes Gegenhild zur Auf- ‚Frau“ (Verlag .Kösel und Pustet) findet sich eine Be-
gabe der Menschheit, ein neues inneres Schauen im gründung, weshalb die katholische Kirche‘ das Priester-
Dunkel der materiellen Welt zu finden. . tum der Frau ablehnt, ‘die uns der Beachtung wert
"scheint: „Das Apostolat der Frau bildet nur einen Teil
Singendes Licht des Laienapostolats, dessen Träger jeder Christ ist. Die
In der „Sonntagszeitung“ lesen wir folgende Notiz: Mutter erfüllt sich niemals in der Mutter, sondern im
„Während wir Europäer das Nordlickt nur mit den Kinde: Auch hier liegt das große Sakrament auf dem
Augen genießen können, hören es die Eskimo. ‚Das Sohn der Mutter, nicht auf der Mutter selbst; aber ge-
Nordlicht singt‘ sagen sie. Aus ihren Schneehütten, die rade dadurch berührt sich die Sendung der Frau in der
keinerlei Ausblick haben, können &ie auf die. Minute ge- Kirche auf das. Tiefste mit dem Wesen der Kirche; ge-
nau angeben, wann das Nordlicht heraufzieht.“ rade dadurch stellt sie einen Teil dieses Wesens dar: die
Sollten sich bei den Eskimo uralte Fähigkeiten der Kirche selbst ist, als Mutter betrachtet, ein mitwirkendes
Menschheit bis heute bewahrt haben, den Klangäther mit Prinzip — des in ihr wirkenden Christus. Hier liegt der
dem Lichte hörend wahrzunehmen? „Die Sonne tön tiefste Grund, weshalb die Kirche der Frau niemals das
nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang...“ Priestertum anvertrauen konnte
— es ist derselbe Grund,
welcher .den. heiligen Paulus bestimmte, die Verschleie-
Es gibt
dämonische Gewalten rung. der Frau im Gottesdienst zu fordern. Die Kirche
Im Maiheft der Zeitschrift „Wir und die Welt“ finden konnte
der Frau das Priestertum nicht anvertrauen,
sich neben andern interessanten Aufsätzen in einem Ar- denn sie hätte damit die eigentliche Bedentung der. Frau
tikel über „Glaube und Wirklichkeit“ von Dr. Friedrich in der Kirche vernichtet, sie hätte einen Teil ihres eige-
Schulze-Maizier Worte, wie sie erst unsere Zeit wieder
nen Wesens, jenen, dessen symbolhafte Darstellung der
formen kann und wie sie heute vielerorts laut werden:
Frau anvertraut wurde (S. 147). Das Apostolat der Frau
„Wir begriffen wieder, unter dem erschütternden Ein- in der Kirche ist in erster Linie das Apostolat des
druck der letzten Jahrzehnte weltgeschichtlichen Um-
Schweigens“ (148).
bruches: Es gibt dämonische Gewalten. Dämonische Hier wird die biologische Aufgabe der Frau, Kinder
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zu tragen und zu hegen, in Beziehung gesetzt zur geisti- auf- und niederwogende Fülle weißer Lichtgestalten als
gen Aufgabe der Kirche, das Wesen Christi in sich zu NMitkämpfende erschien. An einer Stelle soll eine ganze
tragen. Man wäre nicht genötigt, die Natur der Frau kämpfende Abteilung eine Art Damaskus-Erlebnis ge-
auf Kosten ihres übrigen Menschentums so stark und so habt und die ätherische Christusgestalt geschaut haben.
oft zu betonen, wenn man in der katholischen Kirche die In einem Briefe aus Schweden heißt es: „Unter uns lebt
Fähigkeit jedes Menschen anerkennen könnte, das die Überzeugung, daß sich im finnischen Volk durch die
Christuswesen in sein Inneres aufzunehmen und im Ich Leiden dieses Winters eine unerwartete religiöse Er-
zu tragen. Weil man diese Christusträgerschaft des ein- neuerung angebahnt hat, ron der man hier oft und sach-
zelnen Menschen nicht sucht, bedarf man so sehr des lich spricht, nicht so ‚kriegspsychologisierend* wie sonst
körperlichen Symbols für das Wesen der Kirche. gegenüber soldien Phänomenen.“
Rurt von Wistingbausen Wir halten es für masere Pflicht, solche Berichte zu
notieren, obwohl sie zunächst nur gerüchtweise zu uns
- Von Erlebnissen finnischer Soldaten dringen. Es ist durchaus denkbar, daß unter den Fin-
In den nordischen Ländern gehen seltsame und viel- nen, die noch vielfach Reste des alten nordischen Hell-
leicht sehr bedentungsvolle übersinnliche Erlebnisse fin- sehens bewahrt haben, unter der Einwirkung der Not
nischer Soldaten von Mund zu Munde. Mitten in den reale übersinnliche Erlebnisse auftauchen, die zugleich
heftigsten Kämpfen sollen ganze Gruppen von Finnen Ausblicke bedeuten auf die in der Menschheit neu zu
plötzlich in aller Gemeinsamkeit und Übereinstimmung erringende Fäbigkeit des ätherischen Hellsehens. Es mag
die Schau leuchtender Geistgestalten gehabt haben und sehr wohl sein, daß heute mancherorts als Wirkung der
dadurch wunderbar gestärkt und getröstet worden sein, dramatischen Seelenerschütterungen die Spätlinge einer
An einem’ besonders wütend umkämpften Wegabschnitt alten Kraft zu Erstlingen eines Neuen werden und zu
soll einmal eine kleine Schar gegen eine gewaltige Über- Ahbnungen des Mysteriums führen, das. wir die Wieder-
macht standgehalten haben, weil den Verteidigern eine kunft Christi nennen. Emil Bock

Kannst Du, so schenk den Gnaden-Tau, Im Zukunfisland am höchsten Ort,.


o. Schicksal, dieser müden Au! da schimmert ein geheimer Hort;
Was ich auch renn und schaff, Die Raben tragen schnell
wird alles roh und schlaff, dorthin was wahr und hell.
wo nicht vom höchsten Licht Darunter wächst als Dorn
ein Strahl herniederbricht der Menschen Gier und Zorn.
und Hand und Fuß und Herz und Hirn umsäumet, Doch von der Höhe fliegen oftmals Tauben,
wenn menschlich Meinen gute Taten träumet. umschwingen uns und stärken Lieb und Glauben.
"Ein Lächeln weht-auf dich herab. -:
Ein Fächeln geht durch Gruft und Grab.
_ Gereinigt im Gericht,
steh auf, schon wird es licht!
. Die Liebe Gottes gibt
-gern Flügel dem, der liebt.
Faßt sie dich nicht im Welten-Schicksals-Brausen,
-so in der kleinen Pausen sanfter Sausen. Friedrich Doldinger

Mitteilungen
Obwohl unsere Leser von unserer Zeitschrift nicht (Programm usw.) wünschen über die vier größerem
ein. direktes Eingehen .auf die stürmisch‘ sich drängen- Sommerveranstaltungen
den Einzelheiten des. aktuellen Geschehens erwarten in Breslau: 11.—14. Juli, in Berlin: 18.—21. Juli,
werden, darf einmal: darauf ‘hingewiesen werden, daß in Köln: 25.—28. Juli, in Stuttgart: 1.— 4. Aug.
die Redaktion. des jeweiligen Heftes, ‘wenn es pünkt- Breslau, Ohlauer Stadtgraben 28 (Frl. Elfriede. Straub).
lich zum ‘Beginn des ‘Monats in den Händen des Lesers Berlin W9, Potsdamer Str.22 (die Christengemeinschaft).
sein soll; bei den gegenwärtigen Herstellungsverhält- Köln-Lindenthal, Dürener Str.57 (Frl. Hanna Heydel).
nissen bereits in den ersten Tagen des vorhergehenden Stuttgart 13, Urachstraße 41 (Gemeindebüro).
Monats abgeschlossen‘ werden muß. Könnten wir bis . Bei der Stuttgarter Freizeit (5. nachm. bis 11. Aug.) wird
gegen Ende des Monats an der Gestaltung des Heftes Dr. Rudolf Frieling seine Betrachtungen über das Johan-
arbeiten, so .würde sich darin doch, wenigstens in ge- nes- Evangelium fortsetzen. Dr. Eberhard Kurras hält
wissen Farbtönen, das. Geschehen des laufenden Monats Vorträge über: Die Prüfung der Menschheit (Die Öl-
spiegelu können. -— bergrede Christi in ihrer Bedeutung für die Gegenwart).
Es seien noch einmal die Anschriften genannt, an die Auskunft erteilt die Geschäftsstelle der Stuttgarter Ge-
sich diejenigen wenden können, die nähere. Auskunft meinde, Stuttgart 13, Urachstr. 41 (Frl. H. Rasche).

63
Vom Auftrag der Christengemeinschaft
Ein Leitwort von
Friedrich Rittelmeyer:: ‚Vom Bedürfnis nach Kultus
Wer mit offenem Blick in das Leben schaut, dem kann wenn’ er nur in "Worten und Gedanken zu uns kommt,
ein Doppeltes schwerlich: entgehen. Einmal wie nüchtern dies wird von ferne gespürt. 2
und weihelos das Leben geworden ist gegen frühere Zei- Und noch ein.-Zug kann‘ beobachtet werden. Man
ten. Dann äber, wie doch das Empfinden davon sich zu möchte nicht nur reden-und hören, män möchte handeln.
regen beginnt in allerlei tastenden Versuchen zu: einem Tatreligion wünscht man sich. Darum hat man ein star-
neuen Kultus.:Sie. äußern sich. in der Kirche und sie kes Bedürfnis, auch in der religiösen Erhebungsstunde
zeigen sich außerhalb der Kirchen, :wo viele auf die Suche aus dem wnaufhörlichken Reden: herauszukommen zu
gegangen sind.nach einem zeitgemäßen Kultus. Alle diese einem -Weihehandeln, womöglich zu einem gemeinsamen
Bemühungen sehen wir -einer zweifachen Gefahr unter- Weihehandeln aus dem Geist und für den Geist. Der
liegen. Entweder-man gräbt allerlei Altes aus und zeigt, lebendige Wille unserer Zeit zur Tat offenbart sich darin
daß man sich zu schwach fühlt, schöpferisch lebendig aus und will seine Weihe haben. '
den Grundtiefen des Geistes selbst zur Zeit zu sprechen. Wie notwendig der Menschheit neuer Kultus ist, das
Oder man verfällt i in. ein geistiges Spielen, das nicht über- sieht. man'erst ganz klar, wenn man diese Notwendig-
zeugend zur: Seele zu reden’ weiß. keit aus .den:Geboten des Geistes selbst heraus empfin-
: Wenn wir fragen, woher dies Bedürfnis nach: Kultus ‚den kann..Der Geist will nicht über der Natur schweben:
in der Menschheit stammt und’ wohin es deutet; so ist Man :nimmt den Geist nicht emst, wenn .man ihm nicht
die Antwort ungemein aufschlußreich. Es ist ein Suchen abfühlt, wie er-nicht ruhen kann, bis er in allen Reichen
da nach dem Geist, an dem das Leben so leer geworden der Natur leuchtend herrscht, wie er das Göttliche: reden
ist. Es ist ein Verlangen da nach Andacht zu .diesem und wirken lassen will bis:in Gewänder und Geräte
Geist, ‘den zu ahnen man doch nicht aufgehört hat. Aber hinein, wie er in der Erdensprache sich selbst zu: ver-
man möchte leben in diesem Geist, ruhen in ihm, ‚wirklichen. strebt. Das aber führt zum Kultus.
sich reinigen in ihm, sich erneuern in ihm. Eine tiefe Und noch eines mnß ausgesprochen werden.. Wir ver-
Abneigung i ist vorhanden gegen den Redegottesdienst der stehen die Weltschöpfung nicht, wenn wir nicht den Be-
evangelischen Kirche. Gewiß, ‘einzelne Prediger wissen ruf des Menschen erfassen, 'sie frei fortzuführen. Daß
auch heute noch die Menschen anzuziehen, und es kann Gott die Welt geschaffen hat, lehrte man die Menschen.
‚ein hohes Erlebnis sein, wenn starke Persönlichkeiten aus Aber viel zu wenig lehrte mian.sie, daß Gott die Welt
‚den Reichen des Geistes heraus durch ihre Worte leuch: halb geschaffen hat, daß er deutlich genug durch die un-
tende Kunde zu den Seelen tragen. Dessen wird die vollendete Welt den Menschen. gerufen hat, daß er an
Menschheit immer bedürfen, und viel stärker wird .es ihr selbst zum Schöpfer werde. Die göttlichen Schöpfer-
werden als es heute ist. Allermeist aber sind die Per- kräfte in sich tragen, mit ihnen: weiterschaffen, die
sönlichkeiten, die da zu uns reden, zu dünn und der Welt dem Schöpfer zuführen, das heißt wahrhaft reli-
‘Geist zu schwach, als daß sich das Innerste unserer Seele 'giös sein, das heißt den göttlichen Willen verstehen und
dabei wohl fühlen könnte. So veröden die Kirchen, trotz vollbringen und selbst göttlich werden. Darum muß aber
aller bestgemeinten Bemühungen, trotz aller gelegent- auch der Gottesdienst ein Abbild des göttlichen Schöpfer-
lichen Erfolge. Die heimatlosen Andachtswünsche suchen wirkens sein und ein Vorbild des werdenden menschlichen
dann in der Matthäuspassion oder im Parsifal, was ihnen Schöpferwaltens. Und wir handeln so in einem hohen
die religiösen Gemeinschaften nicht gegeben haben. . Namen, im Namen des ges Christus, der eine neue Erde
Das Sehnen nach neuem Gottesdienst und neuer schaffen will und dies in der letzten Nacht beim Abend-
Lebensweihe. tritt zumeist in einer besonderen Färbung "mehl als seinen höchsten Willen verkündigt und getan
auf. Man sucht die Einigkeit mit der Natur. Viel zu stark hat. In diesem Christusschöpferwirken sich drin fühlen,
ist man doch ergriffen von dem Naturwissen und Natur- das ist der wahre Gottesdienst.
' denken der Gegenwart, als daß man die Natur draußen .:- ‚Gibt es eine Befriedigung der neu rege gewordenen Be-
lassen könnte, wenn man Feierhöhen des Lebens sucht. dürfnisse?. Daran zweifeln, hieße an dem Geist verzwei-
In der Natur und mit der Natur will man den Geist er- feln; der die‘ Menschheit führt. Die Erfüllung ist da, in
leben. Und weil man den Geist in der Natur und den voller Ehrfurcht gegen die großen weisheitsvollen Errun-
Geist in der Menschengeschichte nicht zusammenzuschauen genschaften der Menschheitsgeschichte und doch in. leben-
vermag, darum feiert man lieber das Sonnwendfest als digem Schaffen aus dem heiligen Geist der Zeit heraus.
das Weihnachtsfest und geht lieber zum "Johannisfeuer ‘Es erfüllt sich das’ Gegenwartsverlangen nach neuer
als zur Pfingstpredigt. ‘Darin offenbart sich der Eigen- Andacht in: Naturgemeinschaft und in Tathandeln. An -
charakter ‘der Zeit, der nicht blind’ vernachlässigt oder dacht im höchsten Sinn ist es, wenn wir den Geist wal-
blöde verurteilt ‚sein will. Und darüber hinaus offenbart ten lassen in unserer vollen Erdenwirklichkeit. Natur-
sich. ein Gründlebensbedürfnis. des Vollmenschen auf sei- gemeinschaft im höchsten Sinn ist es, wenn wir
ner Erde. Daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis "ist mit dem Christus ‚die Natur ergreifen, erlösen und ver-
oder doch werden kann und soll, daß der Geist, wenn er wandeln. Tathandlun g im höchsten Sinn ist es, wenn
im Bild aus der Natur zu uns spricht, stärker redet, als wir ins hineinstellen in das göttliche Schöpferwirken selbst.

Bezugspreis und Postscheckkonto auf der zweiten Umschlagseite. -— Für unverlangt eingesandtg Manuskripte kann. eine
&Sewähr nicht übernommen werden. Rückporto bitte beilegen, Schriftleiter: Lie. Emil Bock, Stuttgart-O. Für Anzeigen verant-
wortlich: Ernst Scheiffele, Stuttgart-O. Zur Zeit gilt Anzeigenpreisliste Nr.4. (Ermäßigte' Grundpreise: 'Kleine Gelegenheits-
anzeigen wie Stellengesuche usw.: 1lsı Seite RM d.—, 1lse Seite RM 3.—.) Druck: Hoffmannsche Buchdruckerei. Felix Krais,
Stuttgart, Verlag Urachhaus, Stuttgart 13